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Full text of "Der Internationale Frauen-Kongress in Berlin 1904. [Microform]"

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Der Tittemationak 

frduen-Kon9re$$ 

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BeriOf Mit «igewIMfe» Refer «eM, 

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Uerijid VON €«rl R«l»el 

BerltM $aiv OlilDdiiitrait« 3i. 



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L 



K^QSl'X^ 



HARVARD 

lUNIVERSITYl 

LIBRARY 

FEB 10 1959 



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Vorwort. 



Die Herausgabe des vorliegenden Kongreßbuches war ur- 
spränglich vom Vorstand des Bundes deutscher Frauenvereine 
nicht beabsichtigt. Eingedenk des geringen Interesses, welches 
derartigen Werken gewöhnlich entgegengebracht wird und 
welches mit der für ihre Herstellung aufgewandten Arbeit 
und Mühe in keinem Verhältnis steht, hatten wir beschlossen 
von einer Drucklegung der Verhandlungen des Berliner inter- 
nationalen Frauenkongresses überhaupt abzusehen. Als aber 
nach seinem überraschend großen äußern Erfolge das allgemeine 
Interesse dafür wach geworden war und von vielen Seiten der 
Wunsch an uns herantrat, die authentische und erschöpfende 
Darstellung, die er von den verschiedenen Gebieten der modernen 
Frauenbewegung gegeben hatte, nicht mit dem Kongreß ver- 
klingen zu lassen, sondern sie festzuhalten, den Teilnehmern 
zu bleibender Erinnerung, weiteren Kreisen zu wertvoller, frucht- 
bringender Anregung, beschlossen wir, aus der Fülle des Ge- 
botenen eine Auswahl von einzelnen Referaten, gleichsam als 
einen Extrakt der Kongreßverhandlungen, in einem Bande zu- 
sammengefaßt zu veröffentlichen. Der leitende Gedanke dabei 
war, daß in diesem Falle weniger bieten insofern mehr bieten 
hieße, als gerade der beträchtliche Umfang früherer Kongreß- 
berichte ihrer Verbreitung am meisten im Wege gestanden 
and das Interesse dafür auch bei einem Publikum, für welches 
der Preis nicht in Betracht kam, entschieden abschwächen 
mußte. 

Bei der Auswahl des Materials, mit der die Leiterinnen 
4er vfer Kongreß-Se^tioi^eii beauftragt wurden, war im allge« 



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VI — 

meinen der Wunsch maßgebend, möglichst solche Referate zum 
Abdmck zu bringen, die irgendwie interessantes und lehrreiches 
Material zu Einzelfragen, Darstellungen charakteristischer Er- 
scheinungen, Bestrebungen und Erfahrungen für die in der 
Frauenbewegung Arbeitenden selbst bieten konnten, dagegen 
die auf die Gewinnung Außenstehender, des großen Publikums, 
berechneten Ansprachen und Propagandavorträge, die sich vor 
allem durch eine glänzende Ehetorik auszeichneten, für die 
Frauenrechtlerinnen selbst aber nichts wesentlich neues ent- 
hielten, erst in zweiter Linie zu berücksichtigen. Unter diesem 
Gesichtspunkt mußte naturgemäß den Sektionsverhandlungen 
ein sehr viel breiterer Raum gegeben werden als den allge- 
meinen Versammlungen, aus denen denn auch nur einige wenige 
besonders charakteristische und für die allgemeine Frauen- 
bewegung bedeutsame Referate aufgenommen wurden. 

Der Beschluß, sämtliche Referate in der Sprache, in der 
sie gehalten wurden, abzudrucken, entsprang der Einwägung, 
daß dadurch die Verbreitung des Buches im Auslande gefördert, 
in Deutschland aber jedenfalls nicht beeinträchtigt werden 
würde, da man bei dem gebildeten deutschen Lesepublikum 
die Beherrschung der drei Eongreßsprachen wohl voraussetzen 
kann. 

Mit der Sammlung, Zusammenstellung und Redaktion des 
Manuskriptmaterials wurde die Bundesvorsitzende beauftragt. 
Die Einsammlung der Referate bot besonders bei den Red- 
nerinnen aus entfernten Ländern mancherlei Schwierigkeiten und 
verursachte manchen unvorhergesehenen Aufenthalt, wodurch 
die Fertigstellung des Buches nicht unerheblich verzögert wurde. 
Sowohl um zum besseren Verständnis für Außenstehende den 
richtigen Zusammenhang herzustellen, wie um überhaupt ein 
übersichtliches Bild zu gewinnen und ein abgeschlossenes 
Ganzes geben zu können, erwies es sich bei der Inangriffiiahme 
der Arbeit als unumgänglich notwendig, den ursprünglichen 
Plan etwas zu erweitern und mit den einzelnen im Wortlaut 
wiedergegebenen Referaten auch einen zusammenfassenden Be- 
richt über die vollständigen Kongreßverhandlungen in das Buch 
aufzunehmen. Als Grundlage dienten dabei die von der Eon- 
greßleitung herausgegebenen täglichen Berichte für die Presse, 



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— vn — 

die allerdings vielfach ungenügend, sorgfältig redigiert und 
durch die Herausgeberin und die Sektionsvorsitzenden, z. T. — 
wo es sich ermöglichen ließ — auch durch die Referentinnen 
selbst berichtigt und ergänzt werden mußten. 

Die redaktionellen Änderungen in den eingesandten Befe- 
itkten hatten sich selbstverständlich auf unbedeutende Eür^ 
Zungen in den Einleitungen oder auf Streichung überflüssigen 
rhetorischen Beiwerks zu beschränken. Doch wurde dabei — 
ebenso wie bei den notwendig erscheinenden, auf besonderen 
Wunsch der Betreffenden vorgenommenen sprachlichen und 
stilistischen Korrekturen in den Manuskripten der deutsch 
sprechenden Ausländerinnen — sorgfaltig Bedacht genommen, 
die individuelle oder nationale Eigenart der Referentin, wo 
eine solche zum Ausdruck gelangte, nicht zu verwischen oder 
zu beeinträchtigen. 

Für diejenigen Leser und Leserinnen, die ein oder das 
andere besonders interessante, wirksame oder gedankenreiche 
Referat, die beispielsweise die eindrucksvollen Ausführungen der 
amerikanischen Rednerinnen gleich uns schmerzlich vermissen 
sollten, — und wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir das bei 
der großen Mehrheit voraussetzen! — sei darauf hingewiesen, 
daß es der Herausgeberin nicht gelungen ist, trotzdem sie sich 
die erdenklichste Mühe gegeben und sich mit wiederholten 
Zuschriften an die Damen gewandt hat, die Manuskripte zu 
erlangen. Z. T. wird wohl Überlastung mit Arbeit daran 
schuld sein — wie in dem Fall von Mrs. Wright Sewall, deren 
Referat leider erst zugleich mit dem letzten Revisionsbogen 
aus der Druckerei in die Hände der Herausgeberin gelangte — , 
z. T. Abwesenheit von Hause; vor allem dürfte es aber darauf 
zurückzuführen sein, daß die Betreffenden überhaupt nicht 
nach einem Manuskript sondern — wie Miß Anthony, Mrs. 
Gilman, Rev. Shaw, Mrs. Catt — ganz frei gesprochen 
haben. 

Daß im allgemeinen nur Arbeiten, die auf dem Kongreß 
von den betreffenden Referentinnen selbst erstattet, und nur 
in dem Umfang, in dem sie erstattet wurden, Aufiiahme fanden, 
braucht nicht besonders betont zu werden. Nur zwei Aus- 
nahmen glaubten wir uns gestatten zu dürfen: in Betreff der 



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— TTIT — 

Referate von Mrs. Hnsted Harper in der vierten Sektion am 
18. Juni: „Why Women cannot vote in the United States", und 
von Mrs. G. Sheppard in der Allgemeinen Versammlung am 
17. Juni: „Effects of Women's Suffrage in New Zealand", die 
beide der beschränkten Redezeit wegen nur auszugsweise zu 
Gehör gebracht werden konnten — das letztere zudem nicht 
einmal durch die Referentin selbst, die in letzter Stunde er- 
krankt war, sondern durch eine Stellvertreterin — , die aber 
beide die weiteste Verbreitung in extenso wünschenswert er- 
scheinen lassen. Zudem dürften die Ausfuhrungen der bekannten 
amerikanischen Journalistin die Leser des Kongreßberichtes 
auch einigermaßen für den WegfaU der Referate ihrer Lands- 
männinnen über das gleiche Thema entschädigen, während die 
lebendige Darstellung der Verhältnisse in Neuseeland durch 
die verdiente Führerin der so erfolgreichen Stimmrechtsbewegung 
in diesem Lande jedenfalls den Anspruch erheben darf, das 
authentischeste, ja das einzig zuverlässige Material über die 
Wirkungen des Frauenstimmrechts zu enthalten. 

Was etwa noch für Uneingeweihte zur Einführung in den 
Inhalt des vorliegenden Buches und zur Orientierung über den 
Kongreß, sein Zustandekommen, seine Organisation, sein Ver- 
hältnis zum Frauenweltbunde usw., zu wissen nötig oder er- 
wünscht sein sollte, ist in der kurzen Eröffnungsansprache der 
Bundesvorsitzenden enthalten, die im Hinblick darauf und 
als Ergänzung des Vorwortes mit aufgenommen wurde. 

Dresden, Anfang Januar 1906. 

Marie Stritt 



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Inhalt. 



Sette 

Vorwort m 

lirOfnungfSMispTache 1 

I. Sektion. Fraiioiibild«air« 

1. DieBildnng der Franf&r ihren Mntterbernf. HftQsliche 

Erziehung. Kindergarten . . . ' 7 

Die Fran als soziale Erzieherin 11 

Die Bildung der Frau für den Mutterberuf im Lichte der FrObelschen 

Erziehung 90 

Die sozialen Au^ben des Volkskindergartens 26 

2. Die Bildung der Mädchen durch die Volksschule. Ge- 

meinsame Erziehung der Geschlechter. Einheits- 
schule 38 

Les l^coles ^Umentaires et la condition des institutrices en Italic . 36 
Wie rüstet die deutsche Volksschule die Mädchen fttr das 

Leben aus? 43 

Die erziehliche und soziale Bedeutung der Einheitsschule .... 63 

3. Die Aufgaben der Mädchenfortbildungsschule. Die 

Volksbildungsbestrebungen für Frauen 69 

Die Angaben und die Organisation der Mädchenfortbildungsschule . 60 

Die hauswirtschaftliche Bildung der Mädchen in Dänemark ... 68 

Die hauswirtschaftliche Unterweisung in deutschen Schulen ... 76 

Die Angaben der Frau bei den Volksbildungsbestrebungen ... 81, 

4. HöhereMädchenbildung. HöhereMädchenschule. Gym- 

nasium 86 

Die höhere Mädchenbildung in Finnland, mit besonderer Berücksich- 
tigung der gemeinsamen höheren Schulen 88 

Die gymnasiale Mädchenbildung in Österreich 97 



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— X — 

Seite 

5. Das UniYersitätsstndiniii der Frauen 105 

Die Beteiligang der Frau an der Wissenschaft 105 

tJniyersity Edncation of Women in Britain 116 

The Uniyersitiy Edncation of Women in ihe United States of America, 

with special reference to Ck>Macation 124 

Das Franenstudinm in Deutschland 131 

6. Die Beteiligung der Frauen am Unterrichtswesen . . 139 

Die Aushildung der Volksschullehrerinnen 140 

Die Aushildung und Stellung der Lehrerinnen an den höheren 

Schulen (Norwegen) 149 



II. Sektton. Frauen-Erwerb lud -Bemfe« 

1. Landwirtschaft und häusliche Dienste 159 

Die Dienstbotenfrage in Deutschland 165 

2. Die Lage der gewerblichen Arbeiterinnen 176 

Die Lage der Arbeiterinnen in Holland 178 

Die Fabrikarbeiterin in Deutschland 188 

Sanitary Inspection of Workshops and the Hpmes of Outworkers . 198 

3. Die Frau in Handel und Verkehr 206 

Die Lage der weiblichen Handlungsgehilfen in Deutschland . . . 207 
Secretarial and clerical work as a Profession for Women in 

England 218 

Die Lage der Beamtinnen in Österreich 221 

4. Krankenpflege 228 

Trained Nursing as a Profession for Women, from an Educational, 

Lidustrial, and Social Aspect 229 

Die zukünftige Ausbildung der deutschen Krankenpflegerinnen . . 237 

5. Kunst, Kunstgewerbe und Literatur 245 

Die Lage der Bühnenkünstlerin in Deutschland 253 

6. Wissenschaftliche Berufe 268 

Die Lage der VolksschuUehrerinnen in Deutschland 271 

Die Frau als Äntin 277 

III« SeküOB. Soziale Einriehtangen und Bestrebungen. 

1. Armenpflege, Kranken- und Rekonvalescenten-Für- 

sorge 285 

Grundsätze der modernen Armenpflege 285 

Die Organisation des Badischen Frauenvereins 291 

Hauspflege 298 

2. Fürsorge für Kinder und Jugendliche 306 

Der Internationale Verein der Freundinnen junger Mädchen . . . 307 

Heime für uneheliche Mütter 313 



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— XI — 

Seite 

3. Bestrebungen znr Hebnng der SittliQhkeit 318 

Die Beglementiening nnd sanitftre Aufsicht der Prostitntion in 

HoUand • . 324 

Der AbolitioniBmns in Frankreich 329 

4. Gefangenenfttrsorge nnd Alkoholbekämpfnng .... 337 

The Association of Lady Visitors to Prisons 337 

Der Einfluß des Alkohols auf das VerhUtnis der beiden Ge- 
schlechter 349 

5. Berufsorganisationen und Genossenschaftsbewegung 357 

L'orgamsation des femmes ouvridres en Italie 364 

The Gonsumer's Ligue 372 

6. Verschiedene Wohlfahrtseinrichtungen: Bechts- 

schutzstellen für Frauen, Klubs, Heime usw 381 

RechtsschutKStellen 384 



IT. Sektion. Die reehtliche Stellmig der Frau. 

1. Die ziYilrechtliche Stellung der Frau 394 

Die historische Entwicklung des Eherechts 394 

Das eheliche Güterrecht in Frankreich 405 

Das eheliche Güterrecht in Holland 413 

Married Women^s Property Laws 418 

2. Die ziyilrechtl.iche Stellung der Frau. 

Das neue schweizerische Zivilrecht und die Stellung der Frau in 

demselben, insbesondere ihre „elterliche Gewalt** 423 

Das Vormundschaftsrecht der Frau in Ungarn 433 

Die rechtliche Stellung des unehelichen Kindes und seiner Mutter 434 

3. Die Frau im Vereinsrecht und in der sozialen Gesetz- 

gebung 444 

Arbeiterinnenschutz 445 

Die deutsche Sozialversicherung (mit besonderer Berücksichtigung 

der Frauen) 457 

4. Frauen in kommunalen Ämtern 465 

Women as Poor Law Guardians in Finnland 471 

Die Frauen Danzigs in der öffentlichen Armen- und Waisenpflege 473 

Die Frau in den Schuldeputationen in Schweden 479 

La Prud^hommie en France 484 

5. Das kommunale und kirchliche Wahlrecht der Frau . 492 

Das kommunale Wahlrecht in Dänemark 497 

The Munidpal and other Franchises for Women in Great Britain 

and Ireland 499 

Das kommunale Wahlrecht der Frau in Norwegen 507 

Das kirchliche Stimmrecht der Frauen in Deutschland 513 



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— xn — 

Seite 

(>. Das politische W^'l^lrecht der Frau 620 

Das Franenstimmrecht in Holland 521 

Why Women cannot yote in the United States 52ö 

Der praktische Nutzen des FrAuenstimmrechts 536 

Die Franenstimmreehtsbewegung in Schweden 538 

Women's Suffrage (England) 543 



Yortr&ge ans den Allgemeinen YerMmmlongen ... 553 

Der Stand der Frauenbewegung in Deutschland 553 

Die Fortschritte der farbigen Frauen 567 

Das Verhältnis der Frauenbewegung zu den politisohen und kon* 

fessionellen Parteien 574 

££Eiects of Women's Snffrage in New Zealand 589 

Das Endziel der Frauenbewegung 601 



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Ertfffianiigsaiispraehe 

von Frau Marie Stritt. 

Hochverehrte Versammlung! 
Meine Herren und Damen! 

Indem ich den Internationalen Frauenkongreß des Bundes 
deutscher Frauenvereine eröffne, heiße ich Sie alle, die unserem 
Bufe gefolgt sind, auf das Herzlichste im Namen des Bundes 
willkommen — unsere lieben Ehrengäste, die offiziellen Ver- 
treterinnen des Internationalen Frauenbundes, die eingeladenen 
Eednerinnen, die Vertreter und Vertreterinnen der Presse, alle 
Teilnehmer und Teilnehmerinnen von nah und fem! 

Nach langer mühevoller Vorbereitung ist der Augenblick 
gekommen, wo wir für eine kurze Woche in diese schönen 
Eäume Einzug halten, in denen Ihnen das ganze weite Gebiet der 
modernen Frauenbewegung und Frauenarbeit vorgeführt werden 
soll. Grestatten Sie mir, ehe wir in die Arbeit eintreten, die, so 
hoffen wir, für uns alle und für unsere große Sache eine frucht- 
bringende sein soll, noch einmal kurz zusammenfassend die 
Motive, die uns bei diesem großen nationalen Unternehmen 
leiteten, und den Plan, der ihm zugrunde liegt, darzulegen. 

Als der Vorstand des Bundes deutscher Frauenvereine vor 
nun bald 7 Jahren der in London tagenden Vorstands- 
konferenz des Internationalen Frauenbundes, dem wir uns kurz 
vorher angeschlossen hatten, die Einladung übersandte, seine 
nächste Generalversammlung verbunden mit einem Internatio- 
nalen Frauenkongreß in Deutschland abzuhalten - da ahnte^ 

Frauenkongreß. l 



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— 2 — 

er noch nicht, daß ihm selbst die Veranstaltung des letzteren 
obliegen würde. Er hätte es sonst damals — das dürfen 
wir heute bekennen — wohl nicht gewagt, die große Verant- 
wortung auf sich zu nehmen. Als dann aber, während der 
Londoner Tagung im Sommer 1899, der Beschluß gefaßt wurde, 
die Veranstaltung von Kongressen im Anschluß an die 5 jährigen 
Generalversammlungen des International Council in Zukunft 
fallen zu lassen und es dem Nationalverband des betreffenden 
Landes zu überlassen, ob er einen solchen Kongreß seinerseits 
einberufen wolle oder nicht — da hielt es der Vorstand des 
Bundes für eine Ehrenpflicht, seine Einladung auch unter den 
veränderten Verhältnissen aufrecht zu erhalten und dem Inter- 
nationalen Frauenbunde die Veranstaltung eines Allgemeinen 
Internationalen Frauenkongresses zuzusichern. Das war unter 
dem unmittelbaren Eindruck des nach jeder Richtung so glänzend 
verlaufenen Londoner Kongresses kein kleines Wagnis. Aber 
einerseits hatte uns ja gerade der Londoner Kongreß wieder 
den Beweis von den rapiden Fortschritten der Frauenbewegung 
in verhältnismäßig kurzer Zeit erbracht und uns daran die 
Hoffnung knüpfen lassen, daß wir in 5 Jahren wohl auch in 
Deutschland soweit sein würden, um dies Wagnis zu unter- 
nehmen — und andererseits durften wir auch darauf rechnen, 
daß dieselben tüchtigen, tapferen, verdienten Frauen, denen 
die großen Erfolge der beiden Kongresse des Internationalen 
Bundes in Chicago 1893 und in London 1899 zu danken waren, 
unsere lieben Mitarbeiterinnen im International, durch ihre 
Mitwirkung auch zum Gelingen des Berliner Kongresses bei- 
tragen würden. 

Diese Hoffnungen haben sich nach beiden Richtungen 
erfüllt. Die Frauenbewegung hat sich in den letzten 5 Jahren, 
wie überall, so auch bei uns, in ungeahnter Weise entwickelt. 
Sie ist — getragen von den mächtigen wirtschaftlichen und 
geistigen Strömungen der Zeit — ein Faktor von höchster Be- 
deutung für unser gesamtes Kulturleben geworden. Dement- 
sprechend hat sich auch unsere Arbeit immer mehr entwickelt, 
organisiert, spezialisiert. Wir selbst, die wir im Dienst dieser 
Bewegung stehen, sind reifer, sicherer, klarer geworden in dem, 
was wir erreichen wollen und wie wir's erreichen wollen. 



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- 3 — 

Und wenn sich auch noch weite Kreise der größten Knltnr- 
bewegung gegenüber verständnislos verhalten, wenn das Ver- 
ständnis anderer nnr erst bis zn den äußeren Symptomen ge- 
drungen ist, so hat sich doch die öffentliche Meinung unmerklich, 
aber stetig zu unseren Gunsten gewandelt. Vorurteile, veraltete 
Einrichtungen, die noch vor wenigen Jahren unüberwindliche 
Bollwerke schienen, sind gefallen, und was als unmöglich erklärt, 
was gar nicht ernsthaft diskutiert wurde, ist heute vollendete 
und — selbstverständliche Tatsache. Bleibt auch noch unendlich 
viel für uns zu wünschen und zu tun übrig, so ist doch auch 
schon manches erreicht, worauf wir vor einem Jahrzehnt kaum 
zu hoffen wagten, und worauf sich nun viel leichter weiter 
bauen läßt. Was von unseren bisherigen positiven Errungen- 
schaften auf dem Gebiet des Frauenstudiums und der wissen- 
schaftlichen Berufe, der allgemeinen gesteigerten Erwerbstätig- 
keit der Frauen, ihrer Beteiligung an der kommunalen Armen- 
und Waisenpflege, in der Gewerbeinspektion usw., und was von 
unseren prinzipiellen und ideellen Errungenschaften in der 
öffentlichen Meinung direkt, was indirekt auf unsere Bewegung 
zurückzuführen ist — wie weit eine Wechselwirkung zwischen 
ihr und anderen inneren und äußeren Faktoren wirtschaftlicher, 
sozialer, politischer Natur besteht — wie weit wir schoben, 
oder geschoben wurden, das dürfte sich schwer nachweisen 
lassen. Es kommt aber im Grunde auch gar nicht darauf an. 
Genug, daß wir heute so weit sind, um mit einiger Zuver«- 
sicht an die Einlösung unseres Versprechens herantreten zu 
können. 

Und auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitkämpferinnen 
aus aller Herren Ländern haben Wort gehalten — sie sind 
zur Stelle, und ihre Gegenwart gibt uns das Vertrauen, ja die 
Bürgschaft, daß auch dieser dritte offizielle Kongreß des Welt- 
frauenbundes — wenn auch nicht^ von ihm selbst, sondern nur 
zu seinen Ehren einberufen — doch wie seine Vorgänger seinen 
Zweck erfüllen, unsere Sache ein Stück vorwärts bringen und 
in der Entwickelung der internationalen Frauenbewegung einen 
Merkstein bezeichnen wird. 

Unsere lieben Helferinnen aus den 20 Schwesterverbänden 
des Internationalen Bundes haben uns ermöglicht, das reich- 

1* 



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haltige Programm aufzustellen, das wir im Laufe dieser Woche 
den Kongreßteilnehmern bieten werden, nicht in wechselnden, 
bunten Bildern, sondern in systematischer und logischer Auf- 
einanderfolge, indem eine Forderung sich aus der anderen, eine 
Arbeit sich aus der anderen ergibt Die vier gleichzeitig 
tagenden Arbeitssektionen des Kongresses sollen den mannig- 
fach gearteten Bestrebungen, der mannigfachen Bedeutung der 
modernen Frauenbewegung Rechnung tragen. Auf der Grund- 
lage der Erziehung und Bildung beruht, in ihr vollendet 
sich alle menschliche Kultur. Wie die Bildung der Frau sich 
bis jetzt den neuen Kulturidealen angepaßt hat, wie sie sich 
weiter entwickeln muß, damit auch sie eine vollwertige Trägerin 
und die rechte Vermittlerin dieser Kultur an die kommende 
Generation werde, ein freier, aufrechter Mensch und eine Heran- 
bildnerin freier, aufrechter Menschen, das wird die erste Sek- 
tion darzulegen haben. Der brennendsten Frauenfrage, der 
Brotfrage, wird die Sektion für Frauenerwerb und -Berufe 
Rechnung tragen und dabei auch die hohe prinzipielle und 
ethische Bedeutung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit der 
Frau in und außer der Ehe mit allem Nachdruck betonen. 
Die IIL Sektion wird in den mannigfaltig zur Behandlung 
kommenden sozialen Einrichtungen und Bestrebungen 
das erweiterte und vertiefte Pflichtgefühl und Verantwortlich- 
keitsbewußtsein der neuen Frau, das ihrem erweiterten Ge- 
sichtskreis gemäß über die eigene Familie hinaus sich auf die 
Allgemeinheit, auf ihr Volk, auf Gemeinde und Staat erstreckt, 
zum Ausdruck bringen; in der IV* Sektion endlich werden 
die erweiterten Rechte, die diesen erweiterten Pflichten ent- 
sprechen, die allein ihre Erfüllung ermöglichen, erörtert werden — 
von den Forderungen für eine würdigere gesetzliche Stellung 
der Frau in ihren einfachsten, nächsten Beziehungen als Gattin 
und Mutter, bis zu ihrer Anerkennung als vollberechtigte und 
vollverpflichtete Staatsbürgerin, 

So werden die vier Kongreßsektionen alle bereits gelösten 
und noch der Lösung harrenden Frauenfragen, alle Fortschritte 
und Erfolge, alle Wünsche und Bestrebungen der modernen 
Frau umfassen und von den verschiedensten Standpunkten 
beleuchten. Durch die Erörterung besonders wichtiger prin- 



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zipieller oder aktueller Themata werden die allgemeinen Ver- 
sammlungen noch eine willkommene Ergänzung unseres Pro- 
gramms bilden, das in seiner Zusammensetzung die Universalität 
der Frauenbewegung unwiderleglich beweist, wie sie heute 
schon in alle Lebensgebiete eingi*eift, wie sie sozusagen unser 
ganzes Kulturleben umspannt und durchdringt. 

Und noch manches andere wird, so hoflfen wir, der Kongreß 
auch für solche, die unserer Bewegung noch ferne stehen, die 
als Zweifler oder als Gegner gekommen sind, mit voller Klarheit 
zum Ausdruck bringen: den inneren und äußeren Zusammen- 
hang aller Frauenfragen und Frauenbesti-ebungen , gleichviel 
ob ihre Tragweite klein oder groß, ob ihre Ziele enger oder 
weiter gesteckt sind — diesen unlöslichen Zusammenhang, den 
Unkenntnis und Verständnislosigkeit so gerne übersehen, wenn 
sie von einer berechtigten und einer unberechtigten Frauen- 
bewegung sprechen; das gleiche Prinzip, das allen diesen 
Fragen und Bestrebungen zugrunde liegt — einerlei, ob es 
sich dabei um eine aUerbescheidenste Erweiterung der Erwerbs- 
und Existenzmöglichkeit der Frau oder um ihr Recht an der 
Volksvertretung handelt — das Prinzip, daß die Frau nicht 
um des Mannes willen, sondern wie er um ihrer selbst 
willen da ist. Vor allem aber wird dieser Kongreß eine 
nachdrückliche Berichtigung des alten, tausendfach wider- 
legten, aber immer noch tausendfältig wiederkehrenden Irrtums 
erbringen, daß die Frauenbewegung, indem sie erweiterte Rechte 
und erweiterte Pflichten für die Frauen anstrebt, die weibliche 
Eigenart beeinträchtigen, ja zerstören würde. Er wird viel- 
mehr aUe, die hören und verstehen und sich überzeugen lassen 
wollen, davon überzeugen können, daß gerade durch die 
Emanzipation der Frau — und nur durch sie — ihre weibliche 
Eigenart veredelt, erhöht, in der Familie wie im weiteren 
Gemeinschaftsleben, in Gemeinde und Staat, erst zur richtigen 
Geltung gebracht werden wird. Nicht um dem Manne gleich 
zu werden, sondern um mehr und ganz sie selbst sein zu 
können, fordert die Frau das Recht der freien Selbstbestimmung 
auch für sich — und nicht nur, weil wir, dem Manne 
gleichwertig, für unsere individuelle Eigenart dieselbe Ent- 
wickelungsmöglichkeit beanspruchen dürfen, sondern weil wir 



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— 6 — 

andersartig, der menschlichen Ealtnr, der Welt da draußen, 
als Frauen ganz andere, neue, höchste Werte zu geben 
haben, Güter, die ihr bis heute gefehlt haben und die ihr der 
Mann aus seiner Eigenart niemals geben kann. 

So lassen Sie uns denn, verehrte Mitarbeiterinnen und 
Kongreßteilnehmerinnen, mit dieser hohen Zukunftsaufgabe der 
Frau vor der Seele an die Arbeit gehen und sie im Sinne 
dieser hohen Aufgabe vollbringen — eingedenk des schönen 
Wahlspruchs, der mir wie kein anderer auf das neue Frauen- 
ideal, dem wir zustreben, auf die freie, starke, echt weiblich- 
mütterliche Frau der Zukunft zu passen scheint — und der 
wohl auch in einer internationalen Sprache dem internatio- 
nalen Charakter unseres Kongresses am besten entspricht — 
eingedenk des Wahlspruchs: „Fortiter in re, suaviter in modo!" 

Hiermit erkläre ich den Internationalen Frauenkongreß des 
Bundes deutscher Frauenvereine für eröffnet. 



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L Sektion. 

Frauenbildung. 

Montag, den 13. Juni., 

Die Bildung der Frau fDr iliren Mutterberuf. Häusitclie 
Erzieliung. Kindergarten. 

Als Vorsitzende der Sektion eröffnete Frl. Helene Längen- 
Berlin die Verhandlungen mit folgendem einfülirenden Referate : 

„Die Sektion „Frauenbildung" ist von den Veranstalten! 
des Kongresses als erste Sektion bezeichnet worden. Darin 
soll gewiß nicht eine Wertschätzung liegen, die sie über die 
anderen, über die Sektionen für soziale, berufliche oder recht- 
liche Fragen stellte. Und doch hat diese Anordnung eine 
Bedeutung, und wie mir scheint eine zwiefache. Es liegt ihr 
einmal die Erkenntnis zugrunde, daß alles, was wir auf 
sozialem oder beruflichem oder rechtlichem Gebiet, alles, was 
wir überhaupt für die Frauen erreichen, seinen eigentlichen 
Wert nur im Zusammenhang mit einer vertieften und erweiterten 
Frauenbildung gewinnt. Für die Lösung aller mit der 
Frauenbewegung zusammenhängenden Fragen ist die Gestaltung 
und Umgestaltung der Frauenbildung ein wesentlicher, in vieler 
Beziehung der ausschlaggebende Faktor. Wenn man wohl 
Wissen als Macht bezeichnet, so ist das eine einseitige Formu- 
lierung der Erkenntnis, daß das eigentlich Triebkräftige in 
dei- menschlichen Entwicklungsgeschichte in der immer tiefer 
greifenden geistigen und sittlichen Kultur liegt. Diese Trieb- 



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— 8 — 

kräfte zu heben, darauf zielt alle Erziehung ab, oder sie sollte 
es wenigstens tun. Die Triebkräfte zu heben, durch welche 
die Frau ihre beruflichen und sozialen Pflichten, den Raum^ 
den ihr ihre rechtliche Stellung gewährt, mit dem Gehalt einer 
starken, in sich ruhenden Persönlichkeit erfUlt, das ist die 
Aufgabe, die der Frauenbildung, der Mädchenerziehung inner- 
halb unserer Frauenbewegung zufällt 

Mit dieser einen Bedeutung der Frauenbildung für alle 
anderen Gebiete der Frauenfrage hängt ein zweites Moment 
zusammen, durch das unsere Sektion zu den anderen ihre be- 
sondere Stellung einnimmt. Wenn sich auf dem Gebiet der 
sozialen oder bemflichen Tätigkeit der Frau eine endlose Fülle 
von Einzelfragen und Einzelinteressen geltend machen, von 
denen aus der Blick auf das Ganze oft nicht so leicht und 
selbstverständlich gefunden werden kann, so läßt sich auf dem 
Gebiet der Frauenbildung der Gedanke der Frauenbewegung 
in einfachen, umfassenden Formeln ausdrücken: die Frau soll 
zu einer Macht werden, die das geistige und sittliche Leben 
der Gesamtheit, das bisher einseitig der Ausdruck männlichen 
Wesens war, auch in ihre Bahnen zu ziehen vermag. 

Und wenn wir nun wiederum in der Anordnung der ein- 
zelnen Arbeitstage unserer Sektion der Bildung der Mutter, 
der Kleinkindererziehung den ersten Tag einräumten, so geschah 
das nicht nur einem chronologischen Prinzip zuliebe, sondern 
aus der Einsicht heraus, daß für alles geistige und sittliche 
Werden das Fundament in der Kinderstube gelegt — oder 
zerstört wird. Auch die Frauenbewegung hält daran fest, daß 
das Wesen alles weiblichen Einflusses die Mütterlichkeit ist, 
auch sie erwartet aDes von der Mutter. Ja, in dem neuen 
Geist, den sie in das Frauenleben hineinträgt, weitet sich der 
Sinn und die Bedeutung des mütterlichen Einflusses. Sie sieht 
die Fäden, die sich von der Kinderstube hinüber zu den Weiten 
des sozialen Lebens spinnen. Sie möchte in den Frauen das 
Verständnis dafür wecken, daß sie die Keime zu neuen Idealen, 
zu neuen, aufwärts führenden Taten pflanzen, daß das, was die 
Mutter im kleinsten und engsten Kreise zum Leben ruft und 
zum Erstarken bringt, einst die Geschicke der Gesamtheit zum 
Guten oder Schlimmen zu wenden vermag. Die verehrte 



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— 9 - 

Präsidentin des Internationalen Frauenbundes wird uns die 
Frau im Lichte dieser Verantwortlichkeit für das soziale Leben, 
die Frau als soziale Erzieherin zeigen. 

Es ist zu einem Schlagwort geworden, daß die Kulturwelt 
einem „Jahrhundert des Kindes" entgegengeht. Für unsere 
deutsche Erziehung ist dieses Jahrhundert des Kindes schon 
seit Jahrzehnten angebrochen, mit dem Mann, der zum ersten- 
mal in der Geschichte der Pädagogik sich in das Eigenleben 
des Kindes versenkte und darauf seine Methode zu gründen 
versuchte, mit Friedrich Fröbel. Wenn wir darum bei uns 
von der Erziehung der Kinderstube sprechen, so stehen seine 
Gedanken und die Institution, die seine Pädagogik verkörperte, 
der Kindergarten, unserer Beachtung -besonders nahe. Und 
dem Programm eines Frauentages liegt die Gedankenwelt 
dieses Mannes nicht fem; hat er doch auch seinen Anteil an 
dem Emporstreben der Frauen gehabt. Er hat die Bedeutung 
der Mutter für die Menschheit in neuem Lichte gezeigt und 
die Frauen durch die Vergeistigung ihrer nächsten Aufgaben 
zu bewußterer Mitarbeit an der Kultur der Gesamtheit erziehen 
wollen. 

Der zweite Tag unserer Verhandlungen ist der Volks- 
schule gewidmet. Er wird uns die Frage der Frauenbildung 
auf dem Hintergrund der großen sozialen Fragen zeigen, die 
das Denken der Gegenwart am intensivsten beschäftigen, in 
denen die stärksten Tendenzen der Zeit in ihrem Widerstreit 
und ihrer fruchtbaren und schöpferischen Vereinigung lebendig 
werden. Je mehr uns das soziale Leben unserer Zeit darüber 
aufklärt, daß das Schwergewicht für die Zukunft unseres 
Volkes immer mehr auf die großen Massen übergeht, um so höher 
und verantwortungsvoller wird die Aufgabe der Volksschule. 
Die großen allgemeinen Fragen, die sich aus der sozialen 
Entwicklung der Gegenwart für die Volksschule ergeben, gelten 
für die Mädchen so wie für die Knaben. Sie faDen damit auch 
in den Rahmen dieses Kongresses. Daß wir an ihnen nicht 
vorübergehen, zeigt das Thema: die soziale und pädagogische 
Bedeutung der Einheitsschule. Wir hoffen gerade für diese 
Seite unserer Verhandlungen von den Erfahrungen des Aus- 



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- 10 — 

landes, insbesondere der Länder mit demokratisch organisiertem 
Schulwesen, Anregung und Aufldärung. 

Aber wenn wir auch die Aufgabe der Volksschule als eine 
gemeinsame für Knaben und Mädchen betrachten und gerade 
im Zusammenhang unserer Verhandlungen über die Volksschule 
prinzipiell über die geraeinsame Erziehung der Geschlechter 
sprechen wollen, so dürfen wir doch nicht verkennen, daß die 
Definition dieser Aufgabe mit Bezug auf die Mädchen des 
Volkes ihre ganz besonderen Schwierigkeiten bietet. Denn 
einerseits zieht das äußere Leben in Beruf und Gesellschaft 
die Frau des vierten Standes immer stärker in seine Kreise 
und die Schule empfängt durch diese Tatsache ihre Ziele, 
andererseits hat doch .auch gerade die Schule dieser Aus- 
lieferung der Frau an die Erwerbsarbeit das Gegengewicht zu 
schaffen, indem sie nun die häusliche Tüchtigkeit und damit 
die Liebe zum Heim in den Mädchen zu erziehen versucht. 
Diese beiden Fragen berühren in besonderem Grade das Fort- 
bildungsschulwesen, das sich am dritten Tag unserer 
Verhandlungen folgerichtig an die Volksschule anschließt. 

In einem gewissen Zusammenhang stehen dann wieder der 
vierte und fünfte Tag. Der höheren Mädchenbildung hat die Ent- 
wicklung der Frauenfrage gleichfalls höhere und neue Aufgaben 
gestellt. Soll sie die Frau als die künftige Mutter und Er- 
zieherin intellektuell und sittlich kräftiger ausrüsten, so hat 
sie darüber hinaus in ihren Zöglingen auch die künftige 
Bürgerin zu sehen, und schließlich stellt der Fortschritt des 
Frauenstudiums sie vor die Aufgabe, wie die höhere Knaben- 
schule die Grundlage für das Universitätsstudium zu schaffen. 
Wie diese dreifache Aufgabe sich gleichzeitig erfüllen läßt, 
darüber wird der Austausch mit Vei-treterinnen der Länder, 
in denen das höhere Mädchenschulwesen weiter entwickelt ist 
als bei uns, in jeder Hinsicht fruchtbar sein. — Den gleichen 
Wert haben für uns die Verhandlungen über das Frauenstudium. 
Auch hier werden wir Gelegenheit haben, an der Hand viel- 
facher Erfahrung die immer noch mehr oder weniger unent- 
schiedene Lebensfrage des Frauenstudiums: ob gemeinsame 
oder getiennte Hochschulen für die Geschlecliter, zu erwägen. 
Der letzte Tag gehört schließlich der Beteiligung der Frauen 



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- 11 — 

am Unterrichtswesen, nicht als Lernende, sondern als 
Lehrende und Leitende, in der Schule und der Schulverwaltung. 
Wir haben keinen Zweifel darüber f^ehabt, daß diese aktive 
Beteiligung der Frau am Unterrichtswesen in unsere Frauen- 
bildungssektion ebensosehr gehört, wie in die Berufssektion. 
Denn wir sind der Überzeugung, daß es eine der wesentlichsten 
Bedingungen für die Gestaltung des Unterrichtswesens nach 
dem Bedürfnis der Frau ist, wenn Frauen selbst von allen 
dafür maßgebenden Stellen aus die Richtung der Entwicklung 
bestimmen. 

Und so schließt sich der Kreis der Fragen, die in diesem 
kui-zen Zeitraum berührt werden soUen. Es liegt in der Natur 
der Sache, daß wir sie hier nicht erschöpfen werden. Was 
uns diese Tage aber geben können, das ist der Ausblick auf 
neue Ziele, die Richtlinien für neue Arbeit, Anknüpfungen, 
durch die in Zukunft unser Horizont erweitert, unsere Er- 
fahrung bereichert werden kann, und durch alles das neuer 
Mut für die praktische tägliche Arbeit, in die wir aus diesen 
festlich geschmückten Räumen, aus diesen Tagen reicher und 
erhebender Eindrücke wieder einziehen müssen." 

Als erste Rednerin behandelte Lady Aberdeen« England 
das Thema: 

Die Frau als soziale Erzieherin. 

If woman is to be the trainer for social life, and the 
moulder of those who are to mould it, she must herseif unter- 
stand what social life means in its broadest, not its narro- 
west, sense- 

She must recognise that it is not simply an affair of the 
family, the neighbourhood, the group of friends, the visiting 
circle, the rank or class to which she may herseif belong; 
but that it means the intertwined life of the whole Commu- 
nity, from the highest to the lowest, civil and military, official 
and unofficial, men and women, with all its customs, institutions, 
prejudices and ideals. 

In Order to fit herseif for her task, she must therefore 
widen and enrich her own mind, must inform herseif on social 
facts, must study human history and human life under varying 



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— 12 — 

conditions; she must cease to shut herseif within narrow cli- 
qnes, and must cultivate, wherever she finds opportunity, a 
sympathetic contact with human nature in its most diverse 
manifestations. She must learn all she can of social life as it 
is, all up and down the scale, if she is to succeed in moul- 
ding it to what it should be. 

And when she has realised how great the task is, and 
how far it seems beyond her power to achieve, she must not 
tum aside from a mere sense of inadequacy but brace herseif 
to do her part in the most fruitful and effective way. 

We are each of us but one little bee in a great hive; 
but if we can all work patiently together in friendly Co- 
operation and understanding one anothers aims, time will 
help US, and we shall slowly achieve great things. It is this 
friendly understanding that we should gain through such Con- 
gresses as that which convenes us this moming. 

Above aU, we must take care that our work is truly con- 
structive, and not destructive. We want the new order of 
things to grow up, by a healthy and real development, out of 
the heart of the old order. To destroy the old Ideals before 
the new ones are firmly rooted and ready to take their places 
would be only to fill society with jarring and restless Clements, 
seeds of discord which would choke the healthier growths. 

We all agree that the true place of woman is not to be 
a slave, a household drudge, a toy, a prettily dressed doli, or 
the like; nor even merely the mother of children and manager 
of a house. We agree that she both can bring, and is bound 
to bring, to the service of the Community, a real contribution 
of moral and intellectual force; and that she ought to take 
her share along side of the man in the Solution of the social 
Problems of the day. 

But we must keep in mind these two things: First, that 
the old role of mother, house-mother, home-maker, is not to be 
abandoned or despised, but only to be lifted up to a higher 
and wider platform. Mothering is still the very core and 
centre of the whole influence of woman in social life. And, 
secondly, that we women are, after all, only one half of 
humanity. In setting about to shape society, we cannot ignore 



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- 13 — 

the other half — our co-partner the man. Either he and we 
must work side by side, seeking on the whole the same objects, 
and modifying and adjusting our methods in the light of each 
other's experience and each other's Claims, or — since men as 
yet are slow to recognise the need of onr co-operation in the 
intellectual sphere — it is too likely that we may be thrown 
into bitter mutnal antagonism, the effect of which can only be 
to retard the realisation of our aims, and — worse still — to 
destroy the very character that we wish to impress uponall 
our action — the character of wise, patient, far-reaching recon- 
cilement and unification. 

For true and right-hearted women do not come burning 
to avenge old tyrannies or neglects. We come believing that 
the cause of the welfare of humanity requires our service and 
that it is our duty to give it If we are to enlist men to 
stand by us in our demand for the opportunity to do our duty 
— and we cannot make much progress without them — if we 
are to lift them above the selfish instincts and prejudices of 
sex, class, profession — it must be by appealing to the senti- 
ment of justice that exists in them; and this, again, we 
cannot do unless we show a perfect justice in our own relation 
to them. All bittemess, all spirit of mere antagonism is 
simply so much detriment to our own cause. 

Now let US see how this works out in detail in relation 
to the diflferent persons and groups on whom and through 
whom the moulding influence of the woman is to work. We 
may roughly divide them thus : 1. Sons and daugthers ; 2. the 
husband; 3. Men and women in society, and in official Posi- 
tion; 4. the social influence ofwomen's Organization s. Ithink 
we shall see that these spheres of influence are indissolubly 
linked together, that the same principles must apply to our 
action in all of them; and that defect or failure in any one 
of these departments must act unfavourably upon all the rest. 

As regards the training of children at home, it is often 
Said that the mother's influence during those earliest years is 
supreme and indelible; that she can do what she wüi with 
the child if she is only quick enough in seizing the oppor- 
tunity. Later, when the boy ihas passed on to school and 



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- 14 - 

College, the army -or some civil profession, she cannot any 
longer expect to exert much influence over him; while, on the 
other band, the girls remain completely under her influence 
tili they marry. There seems to be a good deal that is false 
in this view of things. The mother's early influence with her 
sons may be indelible in the sense in which the under-writing 
of a palimpsest is indelible; some chemical contact may even 
some day restore it to legibility; but if meanwhile the mas- 
culine influences of school and coUege, the camp and the office, 
are deciding the opinions and actions of the boy and the man 
throughout the whole period of bis active life, the mother can 
hardly congratulate herseif much on the social influence she 
exerts through the medium of her sons. Moreover, the attempt 
to make her influence indelible by exaggeration or over- 
emphasis, or by anticipating stages in bis mental development 
and interests which cannot reaDy be anticipated, is only too 
likely to produce reaction. 

What, then, can the mother safely attempt, without fear 
of defeating her own object, in the way of training her children 
for social life? 

1. First, I should say, habits of self-denial and self- 
forgetfulness , consideration for others as a matter of mere 
justice, active kindness and helpfulness wherever possible, 
cheerfulness as a duty to othei^s, the habit of regarding no 
one with contempt, how ever poor or mean, or even bad; sweet 
and polite manners, and respect for each other's rights and 
preferences, especially between brothers and sisters: — all 
these are a good foundation to lay, and one that can be laid 
early; and I would add modesty and unboastfulness, and the 
ambition to do excellently for its own sake, and not for the 
sake of eclipsing others. These are not little things; they lie 
at the root of that power of putting oneself in the place of 
others which is the secret of social justice, and — in many 
forms of social work — they are the secret of success. 

2. The bringing up of boys and girls together may be 
made a great school both of justice and sympathy. Each 
should be made to respect and appreciate the special virtues of 
the other; each should learn to render wiDingly the special 



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— 15 — 

duties of brotherhood and sisterhood respectively, and „by love 
serve one another". A real comradeship between a brother 
and a sister prepares both to understand other men and 
woraen as nothing eise can and the sister's share in moulding 
her brother's ideal of womanhood is a responsibility which 
cannot be too strongly emphasized. 

3. Another important point is to teach consideration for 
older women, and for age and infirmity generally. And they 
should be encouraged to share, as far as possible, their parents 
friends, both men and women, as well as having young friends 
of their own, and thus have their outlook on life early widened 
and deepened. The difference that this habit of frank asso- 
ciation with older people makes to the general intelligence 
and perceptiveness of the young folks, to their understanding 
of the social world they have to live in and their power of 
adapting themselves to it, is almost incalculable. 

4. They should be brought also into early and friendly 
contact with those who eam their own living and with the 
workers in various industries, the watöhmaker, the shoemaker, 
the blacksmith, the agricultural labourer, to visit factories and 
Workshops, to see the places where the work of life goes on 
and the people who are doing it, and to know soraething of 
what the struggle of life means for those workers — all this 
helps to widen unconsciously the sense of social life, to give 
it depth and reality; it gives the child some sense of the 
vast variety of human beings, human needs and human aggre- 
gation amidst which he is to live, and affords opportunity for 
instilling the idea of a widely diffused social duty. 

5. A great deal, too, can be done if it is the custom to 
discuss current events in the family circle. Things actually 
in progress from day to day can almost always be made to in- 
terest a child. Right Ideals regarding the value of character, 
and the Standard of honour we should require from men and 
women in public life can be thus implanted in the safest and 
most natural manner, together with a sense of what is right 
and fair between different classes, between the employef and 
the employed etc. 

6. Again, there should be brought, from time to time. 



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— 16 - 

before both boys and girls, in quite a dispassionate way, the 
question of the relations between men and women, the failure 
to realise the fall happiness of mutual help and support, the 
mutual give and take; and, as they grow older, very gravely, 
and earlier than most parents speak of these things with theii- 
sons the responsibility of men for the existence of those social 
Problems which present such serious difficulties and temptations 
to the young men and women of every age. Much depends, 
I think, on the manner, in which these questions are toached. 
It should be always very gently, with a constant appeal to 
the sense of justice in the boy's own mind. The dignity of 
purity, for the man as well as the woman, should be early 
suggested; and happy the mother who can say „I am only 
asking you to be what your father has been — I should like 
your wife to be as happy as I." She must indeed admit — 
what her son will soon find out for himself — that this is not 
the ordinär}^ Standard among men; but she can remind him 
that some of the greatest men have set this ideal before them 
and have attained it, and that every generation of civilised 
men may, and probably does, approach it more nearly. 

Does this seem but a tame way of putting it? Does it 
seem as if the fiery denunciation of wrong, the enthusiastic 
vindication of the highest right, would be more impressive? 
It may be so in some cases; but generally it is well to 
remember that a little said and a good deal left to the working 
of the pupil's own mind is the most fruitful and educative 
method in moral teaching; and that the great object is not 
to evoke an evanescent enthusiasm before real life with its 
temptations is entered upon, but to instil a habit of just, 
honest, and courageous judgment, which can be applied to the 
various problems of life as they arise. 

7. A great point is to make the children as far as 
possible our own intellectual companions ■— to take them step 
by Step into confidence on the subjects which fiU your own 
mind, to make the parental relation one of great simplicity 
and openness, and, as they grow older, rather to suggest 
questions and help to argue them out than offer readymade 
views on all subjects. It is by gradually accepting more and 



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— 17 — 

more a relation of intellectual equality and good feDowship 
with the young people as they grow up — by taking in from 
them as well as giving out to them — by trying to get at 
their Standpoints and see things as they see them — that the 
parents may hope to retain a real influence with their children 
after they have passed out into the world of life. Blessed is 
the mother whose dearest friend is her own daugther and 
who knows that her sons at aD periods of their lives will 
come to her if there is a difSculty ahead. 

I have not left myself time to speak of the influence of 
the woman in society. It is one which has been direly 
misused, but in regard to which every young girl as she grows 
up should be made to realise her queenhood. Society must 
always be whatever its women make it — a consideration 
which is too often a grave reproach. On the other band it 
is a beautiful thing to be able to create such an atmosphere 
in our own social circle as to make every one who breathes 
it the better for it, and which induces in every young man 
and young woman who is brought into the intimacy of the 
home circle the hope that some day they may have another 
such home of their own. 

Then there is the influence that women can exert with 
those with whom they come in contact as local authorities or 
officials whose help they have to seek in connection with this 
or that piece of Philanthropie work. But here again the 
woman who is resolved to get influence and wield influence, 
is sure to fail, while the gentle and thoughtful woman, whose 
convictions do not compel her to find herseif always right and 
everybody eise always wrong, may meanwhile be exercising a 
•quiet leadership of heart and conscience among the men of 
her circle, of which neither she nor they may have any ade- 
quate idea. To be a progressive woman — to think and speak 
of things in a farseeing and progressive spirit — and at the 
jsame time to have no aggressive airs, but only the perfect 
charm and tact and sympathy and ease of a genial and 
gracious woman — this is, so far as ordinary society is con- 
cemed, the true art of pioneering, and by far the best way 
4)t winning over the women, who are often quite as hard ta 

Frauenkoiigreß. 2 



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— 18 — 

conveii; as the men. It sets before them an example which 
they can see to be winning and beantifdl, and makes them 
willing to be convinced that the views so adomed are in 
themselves just and right. 

The contact into which, in the pursuance of various works 
of mercy, we are brought with officials of various grades is^ 
again, a great opportunity for spreading our principles and 
vindicating our sanity in holding them ; but here also it needs 
infinite tact; a readiness to recognise and respect official 
limitations, while seeking sympathy, respect, and such help and 
co-operation as they may be free to give, for our own efforts 
for the public good. We can make them feel that while we 
are, and are proud to be, enthusiasts and optimists, with a 
boundless belief in the possibilities of human nature, we are 
no ignorant fanatics; we can show that we understand our 
own limitations as well as theirs, that we are prepared ta 
labour patiently for improvements which we know can come 
only very gradually, and that we do not eipect to build our 
Etemal City in a day. 

The worst of it is, that the Idealist woman — and we 
need Idealist women — is apt to want the millennium at once,. 
and if she cannot have it, she will have no peace or truce with 
things as they are. Now the Idealist we need is of another 
kind. Her head must indeed be among the stars, but her 
feet must be on solid ground; she will not puU her old house 
down tili she has built her new one; she will not miss doing 
the little that can be done to-day by trying to do the great 
things that cannot be done until to-morrow. She knows that 
she must win by wisdom and by love; and that wisdom is 
better than weapons of war, and that love remains the greatest 
thing in the world." 

Frau Adele Ger har d^^Berlin sprach sodann ober 
„Frauenbildung und Mutterschaft". Sie führte etwa 
folgendes aus: 

Es gab eine Zeit in der Entwicklung der Frauenbewegung^ 
da es notwendig war, darauf hinzuweisen, daß die Frau 
nicht nur und nicht in erster Linie Berufsarbeiterin und 
Bürgerin, daß sie vor allem Mutter ist. Aber diese Erörte- 



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— 19 — 

nmgen fiber die Mutterschaft sind uns über den Kopf ge- 
wachsen, sie sind in ein Fahrwasser geraten, in dem der 
ursprüngliche Sinn dieses Hinweises auf die Geschlechtsge- 
bundenheit des Weibes entstellt und verzerrt ist. Man hat 
sich nicht gescheut, die unverheiratete Frau eine Frau „zweiter 
Klasse^ zu nennen, ein Ausdruck, der das Lebenswerk einer 
Anzahl unserer tüchtigsten Frauen in unverantwortlicher 
Weise herabsetzt. Man hat den heiligen Begriff der Mutter- 
schaft dadurch seiner Würde entkleidet, daß man ihn in markt- 
schreierischer Weise zum Ausgangspunkt gewagter Theorien 
machte. „Der Schrei nach dem Kinde", ist sprichwörtlich ge- 
worden. Fast kann man Mißverständnisse erwarten, wenn 
man zu der Frage der Mutterschaft spricht. Aber trotz dieses 
Mißbrauchs werden wir bei allen Veränderungen, die wir für 
die Frau wünschen und erstreben, immer wieder darauf zurück- 
geführt, daß die Mütterlichkeit das charakteristische Wesens- 
element des Weibes ist. Frauen wie George Sand, George 
Eliot, Mme. de Staäl und viele andere, offenbaren alle eine 
oft zur Weltliebe erweiterte Mütterlichkeit. Als Mutter hat 
die Frau die Verbindungsbrücke zwischen den sich oft fremd 
gegenüberstehenden Generationen zu bilden. Dazu bedarf sie 
eines weiten Verständnisses für die Lebenserscheinungen der 
Zeit, eines Verständnisses, das auch die Zukunft schon in der 
Gegenwart werden sieht. Sie bedarf einer vertieften Bildung, 
denn die Macht des. „glücklichen Instinktes" versagt angesichts 
dieser Aufgabe. So wird die Gegenwart, die diesem Bedürfnis 
bei ihr Bechnung trägt, sie für ihre Aufgabe als Erzieherin 
tüchtiger machen. Aber die neuen Lebensmöglichkeiten, die 
sich der Frau durch ihre entwickeltere Persönlichkeit ergeben, 
werden sie sicher auch in neue, schwere Konflikte hinein- 
führen. Die Selbstbeschäftigung wird mit der Selbstentäuße- 
rung dem Kinde gegenüber zu kämpfen haben, — aber der 
daraus hervorgegangene Sieg wird dem Kinde zugute kommen, 
für dessen Kämpfe und Konflikte die Frau Verständnis, „eine 
milde Weisheit" gelernt haben wird. 

Mrs. E. L. Fr an kl in 'England berichtete über die Prin- 
zipien, die Aufgaben und Arbeiten eines Erziehungsver- 
eins der Eltern (The Parents National Educational Union), 

2* 



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- 20 - 

der in England vor 8 Jahren gegründet, sich rasch vergrößert 
hat und gegenwärtig über 2000 Mitglieder, darunter viele be- 
deutende Denker, berühmte Ärzte, Geistliche, Schulleiter usw., 
in 35 Zweigvereinen in Großbritannien und den Kolonien um- 
faßt und in einem Hand in Hand^gehen von Eltern und Lehrern 
vor allem eine bessere, auf gründlicherem Verständnis der 
Kindesseele aufgebaute Charakterbildung anstrebt. In den 
Zweigvereinen werden monatliche Vorlesungen und Diskussionen 
über die körperliche, geistige, moralische und religiöse Er- 
ziehung der Kinder veranstaltet; die Union besitzt eine nütz- 
liche Monatsschrift „The Parents' Review", eine Leihbibliothek 
von pädagogischen Werken; es werden Ausflüge veranstaltet, 
um den Kleinen Liebe und Verständnis für die Natur einzu- 
flößen. Femer werden einfache Vorlesungen für Kinderfrauen 
gehalten, so daß diese einen Begrifi" von der Heiligkeit und 
Verantwortlichkeit ihres Berufs bekommen können. Auch eine 
Erziehungsanstalt für Lehrerinnen ist gegründet worden. Der 
Verein kann natürlich nicht fertige Rezepte verteilen, wie man 
Menschen bildet; er kann und will seinen Mitgliedern nur 
Grundsätze und Richtlinien darbieten. 

Mrs. AI d er »Ver. Staaten sprach über das gleiche Thema. 
Auch sie hob hervor, daß die Mutter vor aDem für ihre er- 
wachsenen Kinder eine neue Bedeutung gewinnen müsse, wenn 
sie ihnen als eine im geistigen und sozialen Kampf der Zeit 
stehende Persönlichkeit gegenüberstünde. 

Frau Henriette Goldschmidt^Leipzig sprach dann 
über das Thema: 

Die Bildung der Frau fDr den Mutterberuf im Licht der 
Fröbelschen Erziehung. 

„Das Wort der genialen Schriftstellerin Ellen Key: unser 
Zeitalter sei das Zeitalter des Kindes, ist so populär geworden, 
daß man fast Bedenken tragen könnte, es zu wiederholen. Es 
hat aber einen berechtigten Kern, der wie viele zu Gemein- 
plätzen gewordenen Aussprüche seinen Wert nicht verliert. 
Unleugbar hat zu keiner Zeit ein gegenwärtiges Geschlecht 
die gro&e Verantwortlichkeit für das Geschlecht der Zukunft 
in dem Grade gefühlt, als es jetzt der Fall ist. Ja, wir können 



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— 21 — 

annehmen, daß, wenn ein Moses unserer Zeit erstände, er auf 
die ehernen Tafeln des Gesetzes dem Gebote der Eltemver- 
ehrung das Gebot hinzufügen würde: Ihr Eltern, ehret eure 
Kinder, habt Achtung vor der sich in ihnen offenbarenden 
Natur- und Geisteskraft — „damit es euch und ihnen wohl- 
ergehe im Leben". 

Müssen wir es bewundem, daß ein Gesetzgeber vor mehr 
als 5000 Jahren bei dem Gebote der Elternverehrung aus- 
drücklich sagt: „Ehre Vater und Mutter," ohne den Zusatz: 
„Der Vater allein übt die elterliche Gewalt aus," — so dürfen 
wir annehmen, daß ein Moses unserer Zeit sich ganz besonders 
an die Mütter wenden und ihnen zurufen würde : „Ihr Mütter, 
ehret eure Kinder, schützet nicht nur ihr physisches Leben, 
helft ihnen die Keime des Guten und Edlen entwickeln, und 
wie sie euch das große Geheimnis des Seins und Werdens 
offenbaren, so werdet ihr ihnen Offenbarer ihrer oft so schwer 
sich emporringenden Persönlichkeit." 

Gewiß ! Wir müssen einen unverkennbaren Zusammenhang, 
eine unbestreitbare Logik in der Tatsache erblicken, daß man 
mit dem nämlichen Rechte unser Zeitalter das der Frau, wie 
das des Kindes nennen kann. Aber lange vor unserer Frauen- 
frage, lange vor den, seit den letzten Dezennien auftauchenden 
unzähligen Streiterinnen für das Eecht der Mutter und des 
Kindes hat eine deutsche Frau es ausgesprochen: „Mit der 
Erhebung der kindlichen Erziehung aus der Sphäre des Un- 
bewußten, Instinktiven, Willkürlichen ist die Erhebung der 
Frau zur selbstbewußten Persönlichkeit aufs innigste ver- 
bunden." Und noch viel früher hat der Dichter Jean Paul 
die für uns Fröbelianer denkwürdigen Worte gesprochen: „Der 
kurze Kinderarm werde der Hebe arm für eine bessere Zu- 
kunft unseres Geschlechtes." Wie viele Aussprüche, nament- 
lich von Dichtem, könnte ich zitieren, die der Frau als Mutter 
gewidmet sind. Man gab uns und man gibt uns namentlich 
jetzt eine Fülle von Rat und guten Lehren — aber es ist 
eine bekannte Tatsache, daß nur derjenige Eat und Lehre zu 
befolgen vermag, der genügendes Verständnis für die Ange- 
legenheit gewonnen hat. Und um dies Verständnis, um diese 
Einsicht ist es zu tun. 



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- 22 - 

Wie bildet man die Frau für die mütterlich-erziehliche 
Aufgabe? — In der Entwicklnngsgeschichte des Kulturlebens 
ist es gar häufig der Fall gewesen, daß lange bevor eine 
Frage aufgeworfen wurde, die Antwort bereits gegeben war, 
Ja, sehr lange mußte die Antwort um das Verständnis ringen, 
bis die Frager reif für die Antwort wurden. „Ein Genie," 
sagt Schopenhauer, „kann von seiner Zeit nicht verstanden 
werden, da es erst die Zeit für sein Verständnis reif machen 
muß." So wird es uns auch verständlich sein, daß Fröbel 
von sich sagte: „Ich gleiche einem Baume auf einem Felsen- 
gipfel, der allen Stürmen und Toben der Höhen ausgesetzt 
ist, der leider auf Blüten und reife Früchte verzichten und 
nur sorgen muß, daß seine Wurzeln immer tiefer in die 
Felsenspalten dringen, um nicht vom Sturm in die Nacht und 
das Dunkel der Schlucht geschleudert zu werden." 

Aber nicht in Felsen, in Menschen-, in Frauenherzen hat 
er die Wurzeln gesenkt, und ein in Blüten und Früchten 
prangender Baum ist emporgewachsen. An den Früchten und 
durch die Werke kann man zur Erkenntnis der Antwort „Wie 
erzieht man die Frau zu ihrem mütterlichen Berufe", heran- 
reifen. 

Diese Früchte und diese Werke, so mangelhaft sie noch 
im großen und ganzen sein mögen, zeigen uns Fröbel als den 
ersten Pädagogen, der die Erziehungswissenschaft und -Kunst 
für den mütterlichen Beruf gebracht. Ich meine : jetzt, wo die 
abstraktesten Denkerinnen, die radikalsten Kämpferinnen die 
Worte: Mutterschaft, Mutterberuf, Recht und Pflicht 
der Mutter und des Kindes, ertönen lassen, sollte man dem 
Manne sich zuwenden, der ausgesprochen : „Ich bin ja nur der 
Vertreter der unschuldigen, unmündigen Kinder," — der aber 
auch hinzugefügt: „die Frau müsse um ihres erzieh- 
lichen Berufes willen zu ganz gleicher geistiger 
Höhe wie der Mann erhoben werden." 

Daß Fröbel hauptsächlich als Kinderfreund und viel weniger 
als Bildner der weiblichen Jugend bekannt ist, das liegt daran, 
daß sein Erziehungswerk eine so eminent praktische Bedeutung 
für die brennend gewordene Erwerbsfrage der Mädchen gewonnen 
hat. Im Bettlergewande, als Brotfrage, ist sie zunächst realisiert 



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- 23 - 

worden, und nirgends bewährt sich das Wort besser als hier: 
^Niemals lernt der eine Sache recht, der sie nicht um ihrer 
selbst willen, sondern nm eines Nebenzweckes willen lemt/^ 
Fragen wir uns: wem ist es zu verdanken, daß der Pädagoge 
Fröbel einigermaßen als solcher anerkannt wird? Etwa den 
Tausenden von Eindergärtnerinnen, die notdürftig die Methode 
sich angeeignet haben? nein! — Männern, wie Diesterweg, 
Prof. Pappenheim, wissenschaftlich gebildeten Frauen, wie 
Bertha von Marenholtz-Bülow, Henriette Schrader, — sie haben, 
von der Idee erfällt, ohne jeden Nebenzweck die Antwort, 
die Fröbel auf die Frage, die uns jetzt beschäftigt, gegeben 
hat, verbreitet. 

Will man die Frau für ihren mütterlichen Beruf bilden, 
so benutze man, so baue man die Anstalten aus, deren Zweck 
es ist, Vorbereitungsstätten für die mütterlich-erziehliche Auf- 
gabe zu sein. Man bilde nicht die Frau — sondern die 
Jungfrau, die gesamte weibliche Jugend, namentlich aus 
den Ständen, deren Verhältnisse nicht zum Broterwerb drängen. 
In unserer Kulturwelt übernimmt niemand einen Beruf ohne 
Vorbereitung. „Vorurteile bekämpfen, heißt Urteile 
bilden" — ich muß hier auf ein viel verbreitetes Vorurteil 
hinweisen : Man nimmt an, daß die Fröbelsche Erziehungslehre 
sich nur auf die kleinen Kinder bezöge; das gilt allerdings 
für die Methode — aber so gewiß der Arzt sein Studium 
auf die Kenntnis des Menschen richten muß, um Kinder- 
arzt zu werden, so gewiß werden unsere Mütter zu besseren 
Beraterinnen auch ihrer erwachsenen Kinder, zu deren Freun- 
dinnen heranreifen, wenn sie den Menschen im Kinde be- 
obachten gelernt haben. 

Unsere jetzigen Mütter haben, wenn sie in die Ehe treten, 
die menschliche Natur nicht nur in bereits kultivierten, sondern 
in hyperkultivierten Erscheinungen kennen gelernt — und 
nicht an Treibhauspflanzen, sondern an Feld- und Wiesen- 
blumen lernt man Pflanzenkunde. Solch ursprüngliches Sein 
und Wesen, solche Menschenblüten findet unsere weibliche 
Jugend in unseren Volkskindergärten; so fangen sie an, das 
„Entwicklungsgesetz", dem Fröbel sein ganzes Leben lang 
nachgegangen, und das er auf die Erziehung angewendet, zu 



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— 24 — 

verstehen, und so werden sie befähigt, ihre eigenen Kinder zu 
beobachten, mit ihnen in gemeinschaftlichem Erkennen in 
wurzelechter Weise heranzuwachsen und ihnen Freunde und 
Ratgeber zu werden. 

Der amerikanische Kinderpsychologe SuUy sagt: „Wer ein 
Kind von drei Jahren verständnisvoll erziehen will, muß mit 
den Gesetzen des Natur- und Geisteslebens vertraut sein"; 
seine Landsmännin, die Kinderpsychologin Miss Shinn, ergänzt 
seine Worte, wenn sie sagt: „Der Kindergarten verdankt sein 
Entstehen einem genialen Denker, er muß in Fühlung mit dem 
wissenschaftlichen Geiste bleiben." „Es ist nötig", fahrt sie 
fort „daß studierende Frauen sich an der Kindergartenarbeit 
in dem Sinne beteiligen, daß sie als Dissertation zur Erlangung 
der akademischen Doktorwürde dienen könnte." Miß Shinn 
ist überzeugt, daß die Universität eine Dissertation über Fröbel- 
sche Pädagogik annehmen würde. Aus eigener Erfahrung 
kann ich bestätigen, daß in zwei Fällen diese Dissertationen 
zur Doktorwürde geführt haben u. z. von Lehrern — von stu- 
dierenden Frauen ist meines Wissens Fröbel diese Ehre 
noch nicht zu teil geworden. Allerdings verlangt Miß Shinn 
von der Doktorandin auch eine gründliche Kenntnis der Kinder- 
gartenpraxis. Ja, meine Damen! steigen Sie hinunter in den 
Kindergarten, studieren Sie dort die menschliche, die leben- 
dige Natur; es ist ebenso interessant und belehrend, und 
dabei gesünder und — was auch nicht zu unterschätzen — 
vergnüglicher als das Arbeiten in Bibliotheken, das ich aber 
durchaus nicht etwa unterschätze oder beseitigen möchte. 

Es ist das zweite Mal, daß ich auf einem internationalen 
Kongreß Zeugnis geben darf von dem Gebiete, das ich inner- 
halb der Frauen frage als mein Arbeitsfeld erkannte. Mit 
den ersten Führerinnen, mit Luise Otto, Auguste Schmidt^ 
Marie Calm in vorderster Reihe als Kämpferin für die An- 
erkennung der Frau als Rechtspersönlichkeit, für das 
Studium der Frau, für ihre Pflichten und Rechte in Ge- 
meinde- und Staatsleben, weiß ich wohl, daß wir Frauen 
noch andere Sorgen, noch andere Aufgaben haben, als die Be- 
schäftigung mit der Fröbelschen Pädagogik. Wer sich aber 
mit der Fortbildung der weiblichen Jugend, sei es in der 



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— 25 — 

Volksschule oder in der höheren Töchterschule, beschäftigt, wer 
die Lehrerinnenbildung auf einer gesunden Grundlage aufbauen 
will, wer für soziale Hilfsarbeit vorbereiten und namentlich 
wer die Frau für ihren erziehlich-mütterlichen 
Beruf bilden will, der kümmere sich um den BDdner, den 
Erzieher Friedrich Fröbel, der mit des Denkei-s vorausschauen- 
dem Blicke die Schatten gesehen, die unsere Kultur verdunkeln, 
und der Licht gebracht in das Dunkel. 

Vor 30 Jahren hat der Verein für Familien- und Volks- 
erziehung in Leipzig eine höhere Lehranstalt, das Lyceura, er- 
richtet mit der ausgesprochenen Tendenz „der Vorbildung 
der Frau für ihren mütterlich-erziehlichenBeruf" — 
und niemals habe ich im Laufe der drei Jahrzehnte eine Rede 
anders beschlossen als heute: Erst vom Volkskindergarten zum 
Gymnasium, zum Lehrerinnenseminar und zur Universität — 
ich möchte diesmal aber mit dem Ausblicke schließen: Von 
der Universität zu dem Kindergarten. Von unseren 
studierenden Frauen hoffe ich, daß sie Fühlung mit dem wissen- 
schaftlichen Geiste der Fröbelschen Pädagogik gewinnen werden, 
daß sie d i e Hochschule schaffen werden, die unserer weiblichen 
Jugend die Weihe der Wissenschaft zu dem idealsten und ver- 
antwortlichsten Berufe, dem mütterlichen Erziehungsberufe 
geben werden, die wahrhafte Alma mater — die nährende 
Mutter auch für unsere internationalen Bestrebungen. Friedrich 
Fröbel ist wie kein anderer ein internationaler Pädagoge, er 
hat die Kindergärten als Friedensboten in alle Länder, zu 
allen Völkern gesandt, „daß der kurze Kinderarm ein Hebe- 
arm werde" für die verheißene Gemeinschaft aller in einem Geiste. 

Die Mission, diese Zeit heraufzuführen, hat er uns Frauen 
übergeben und in diesem Sinne rufe ich ihnen allen, liebe 
Schwestern, zu: „Ihr Frauen erzieht — ihr könnt es allein, 
die glücklichere Nachwelt."" 

Nach Frau Henriette Goldschmidt sprach Fräulein Lili 
Dröscher»Berlin über 

Die sozialen Aufgaben des Vollcskindergartens. 

„Die Bedenken, die man 'dieser Schöpfung Fröbels, gerecht- 
fertigt oder ungerechtfertigt, entgegenstellt, werden zum 



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Schweigen gebracht, wenn die Form des Eindergartens, die 
der sozialen Not entsprossen ist, in Frage kommt: der Volks- 
kindergarten. Ihm erkennt man willig die Existenzberechtigung 
zu. Freilich wäre es das Ideal, daß das junge Kind in der 
eigenen Familie durch die verständnisvolle Mutter geleitet und 
gepflegt werden könnte! Allein wir haben nicht mit Träumen, 
sondern mit dem Leben zu rechnen, und das Leben fordert, 
daß es Zufluchtsstätten geben muß für die vielen Geschöpfchen, 
denen ein eigentliches Familienleben fehlt; für diese muß es 
eine Erziehungsstätte geben, — nicht nur eine Bewahranstalt, 
oder gar eine Kleinkinderschule, — in der diese jungen, zarten, 
nach allen Richtungen hin so empfänglichen Wesen ein schönes 
Heim und die ihnen fehlende Pflege und Entwicklung ihrer 
Anlagen finden können. Das ist eine pädagogische Aufgabe 
des Volkskindergartens, und daraus wächst die soziale hervor: 
wie helfe ich dem jungen Menschenkinde und damit zugleich 
der sozialen Schicht, der es angehört? Welchen Einfluß kann 
ich auf die Familien der Armen, Gedrückten, Schwachen ge- 
winnen? Wie trage ich Sorge, die große Kluft zwischen den 
Ständen überbrücken zu helfen? 

Das sind die Fragen, die die Volkserzieherin im Kinder- 
garten täglich und praktisch zu lösen hat. Bedeuten doch 
diese Kinder den Anfang, den ursprünglichen Boden, auf dessen 
Kraft und Gesundheit es ankommt, damit sich höhere Existenz- 
formen bilden können; sie bedeuten auch die große Masse, deren 
Verständnis oder Unverständnis dereinst zu einer Macht wird 
den treibenden Ideen einer Zeit gegenüber. 

Die erste Sorge, die der öffentlichen Kleinkindererziehung 
zufäUt, ist die Erhöhung der Gesundheit und Lebenskraft durch 
geeignete Bedingungen. Die Kinder des Volkskindergartens 
entstammen häufig den traurigsten Wohnungsverhältnissen. 
Ihnen fehlt es vor allem an Licht, Luft und freier Bewegung 
in der überfüllten, schwer zu reinigenden elterlichen Wohnung, 
in der Krankheitskeime gedeihen und bei mangelhafter Er- 
nährung häufig den Grund zu späterem Siechtum legen. Der 
Kindermund plaudert so manches aus, was uns einen tiefen 
Einblick in die Häuslichkeit tun läßt! Freundliche Bilder 
zeigen sich uns — aber auch wie viele dunkle Schatten. 



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iMiei^S^ü 



— 27 — 

Welches Erstaunen erfüllt z. B. die Kinder, wenn ein glfick- 
licher Kamerad erzählt, daß er für sich ein Bett allein 
hat! — 

Mit der Erfüllung wichtiger Lebensbedingungen muß die 
sorgende Liebe einsetzen. Im Kindergarten muß den Kindern 
in lichten, luftigen Räumen, auf dem Spielplatz und im Garten 
Gelegenheit gegeben werden, sich auszuleben und ihrem Alter 
gemäß zu betätigen. Der Beschäftigungsplan muß aufs sorg- 
fältigste durchgedacht sein, damit jede körperliche und geistige 
Überanstrengung vermieden wird. Denjenigen, welchen daheim 
kein Mittagbrot gegeben werden kann, muß im Kindergarten 
mit ihrer Hilfe der Tisch gedeckt werden; vom sozialen Ge- 
sichtspunkte ist eine solche Kinderspeisung notwendig. Ab- 
gesehen davon, daß sich wichtige Erziehungsmittel für die 
Kinder durch ihre Mithilfe bei der Bereitung der nahrhaften 
und gesunden Mahlzeit ergeben^ muß es darauf ankommen, den 
schwer arbeitenden Müttern eine wirklich durchgreifende Hilfe 
zu gewähren. Da, wo ein Seminar oder soziale HUfsarbeit 
junger Mädchen mit dem Kindergarten verbunden ist, bietet 
das Kochen der Kinderspeisen eine vorzügliche Übung in haus- 
wirtschaftlicher und praktischer Tätigkeit, die immer mit 
größter Freudigkeit ausgeführt wird. Vor oder nach der Mahl- 
zeit sollten die Kinder Lagerstätten und ausreichende Zeit zur 
Ruhe finden. Der Schlaf tut ihnen um so mehr not, als sie häufig 
die Mutter schon auf frühen Gängen begleiten müssen. Eine 
weitere Forderung ist es, daß die Kinder, deren Körperpfiege 
im Hause vernachlässigt ist, gewaschen und gebadet werden 
können. Alle diese Arbeiten, die zur Pfiege der Kinder ge- 
hören, die man leider so häufig als untergeordnet bezeichnet, 
müssen von gebildeten Frauen ausgeführt werden. Der 
unheilvolle Dualismus von körperlicher und geistiger Erziehung 
darf sich nicht in der ersten Erziehung äußern, weil gerade 
da die zarten Keime eines höheren sittlichen Empfindens aus 
der physischen Pflege und Gewöhnung hervorgehen. 

In dieser Frage für das Wohl der Kinder liegt eine reelle 
Hilfe; zugleich ist sie auch eine ideelle, denn sie schafPt Be- 
hagen und frohe Stimmung und läßt Vertrauen, Glauben und 
Dankbarkeit erwachen. Jede reine Freude, jede gesunde 



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— 28 — 

Steigerung des Lebensgefühls, jede gute Gesinnung in dieser 
Zeit ist ein Kapital für die Zukunft 

Es war jetzt immer von den Ärmsten die Eede, für die 
der Volkskindergarten in erster Linie bestimmt ist — jedoch im 
Interesse einer sozialen Erziehung nicht für sie allein. Ich 
fasse das Wort „Volk" im ursprünglich weiten Sinne und sage: 
aUe Kinder, denen ein Ersatz der häuslichen Erziehung durch 
die öffentliche not tut, soUten Aufnahme finden. Gerade in 
der Vereinigung der Kinder aus den verschiedensten Lebens- 
verhältnissen liegt ein wichtiges Stück der Volkserziehung, — 
die geträumte Einheitsscjiule für eine frühe Altersstufe, auf 
der die äußeren Unterschiede der Lebensstellung ganz bedeu- 
tungslos sind. Der gesunde arbeitsfreudige Geist einer gut 
eingerichteten und geleiteten Anstalt, in der alle individuell 
und doch gleich behandelt werden, umfangt sie alle, und ohne 
Reflektion und Worte erhält ein jedes Kind in froher Spiel- 
und Arbeitsgemeinschaft die wichtige Lehre, daß nicht die 
Zufälligkeiten des Lebens, sondern Fähigkeit, Tüchtigkeit und 
Pflichttreue ausschlaggebend sind, daß Begabung und Lebens- 
freude nicht nach Hang und Geld verteilt sind. In gegen- 
seitiger freudiger Hilfe erhalten die Kinder schon früh in nicht 
bedrückender Weise einen Einblick in das Leben anderer und 
damit die Teilnahme daran; sie nehmen im Keime auf, was 
einst der große Mensch bewußt in Taten aussprechen soll, — 
woraus schließlich die sittliche Weltanschauung hervorwächst. 

„Niemand glaube die ersten Eindrücke der Jugend ver- 
mindern zu können" — dieses Goethe'sche Wort gilt auch für 
jene ersten sozialen Eindrücke und Empfindungen, die das Kind 
durch seine Gemeinschaft mit anders gestellten Gefährten er- 
hält. — Diese Erfahrungen werden erweitert durch Spazier- 
gänge und Besuche bei den Handwerkern, wobei sie auf 
natürlichste, nicht lehrhafte Weise sehen, wie die Lebensmittel 
und Dinge des täglichen Gebrauchs unter vielen Mühen ent- 
stehen. Die Kinder erkennen die Bedeutung auch des be- 
scheidenen Tuns, — sie sehen im kleinen etwas von dem groß- 
artigen Zusammenhang aller Arbeit und Lebensgebiete — und 
sie lernen von früh an jene Herzenshöflichkeit üben, die das 
Vorrecht wahrer Bildung ist. Besonders segensvoll können 



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— 29 — 

diese Besuche auf die jungen Helferinnen wirken, die in ihrem 
behüteten Leben kaum je Fühlung mit den Interessen und 
Verhältnissen der Handarbeiter bekamen. Sie lernen Arbeit 
im allgemeinen würdigen und sie verlieren den Standpunkt, 
daß jede Mühe mit Geld allein zu entlohnen ist; vor allem 
verlernen sie jenes grausame Zusammenraffen der Kleider, 
wenn sie in Berührung mit dem Arbeiter kommen, und ähnliche 
Gedanken- und Herzlosigkeiten, die vielleicht mehr Unzu- 
friedenheit gegen den Besitzenden erwecken als der Besitz 
selbst. So pflegt der Volkskindergarten bei groß und klein 
liebevolle Gesinnungen. In einem Kindergarten, in dem eine 
familienhafte Atmosphäre herrscht, fühlt jeder sich verstanden, 
lernt jeder auch willig dienen und sich einfügen. 

Das geschieht um so mehr, als das einzelne Glied durch 
eigene Arbeit beteiligt ist. Die große Kinderfamilie hat ihren 
Haushalt mit Pflichten aller Art, die von Kinderhänden ver- 
richtet werden können. Der wirtschaftliche Sinn, die Freude 
an Traulichkeit der Umgebung muß in den Kindern geweckt 
werden. Ein so kleines Menschenkind wiU gar nicht immer 
spielen, es will auch in die Welt der Großen hineinwachsen, 
seine Kraft gebrauchen. Und wieder steht die gebildete 
Frau, die Kindergärtnerin unter der Schar als Anleitende. 
Dazu muß sie nicht nur pädagogisch erfahren sein, sondern 
auch in aUem, was zur Wirtschaftsführung gehört; weiß sie 
doch, daß es an ihr liegt, den Kindern die gesunden Lebens- 
und Erziehungsbediugungen zu gewähren, fühlt sie doch, daß 
sie durch ihre eigene Auffassung und ihr Beispiel nicht nur 
auf ihre Zöglinge, sondern auch auf deren Mutter einwirkt. 
Es sind so viele Augen auf sie gerichtet; ihre Arbeit verbindet 
sie mit zahlreichen Familien. Sie kann den Sinn für Ordnung 
und ökonomische Wirtschaftsführung steigern, Geduld mit den 
Kindern lehren und Interesse an deren Fragen. Bisweilen 
können sich die Mütter gar nicht beruhigen, daß ihr Wildfang, 
den sie mit der Mahnung brachten, ihn recht tüchtig zu 
„hauen", ohne Schlag und Schelte gut tut, ja sogar mit dem 
größten Eifer sich einer Arbeit unterzieht. 

Wie manchmal bitten die Kinder, deren Eltern ein Stückchen 
Land besitzen, um ein kleines Beet, und wenn sie es bekommen. 



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— 30 - 

wird durch die Pflege desselben die Liebe zum Grund und Boden 
geweckt Wie stolz erzählen die Kinder: heut hab' ich der Mutter 
abwaschen helfen, weil ich's im Kindergarten schon kann! — 
Wie viele Interessen und Erinnerungen rufen die Beschäfti- 
gungen des Kindergartens zu Hause wach. Welche Bewunde- 
rung erfüllte alle Kinder einmal, als eine kleine Kameradin 
bei der Verarbeitung des selbstgewonnenen Flachses erklärte: 
„Meine Mutter hat gesagt, sie kann spinnen." Man bedenke- 
eine Mutter in der Großstadt, die spinnen kann, deren Jugend- 
erinnerungen wach wurden beim Anblick des kleinen Flachs- 
landes und durch die Erzählung der Kinder! — Vater und 
Mutter nehmen an den Kindergartenerlebnissen teil, und es ist 
manchmal ganz rührend, wenn eine Mutter ganz bescheiden 
fragt: „kann ich wohl einmal mit an der Kleinen Beet gehen?" 
oder wenn ein Vater am Geburtstag seines Kindes ein ge- 
spartes Zweimarkstück schickt : das sollte für ein noch ärmeres 
Kind verwendet werden. Und das Kind erzieht die Eltern 
mit. „Mutter, so darf ich nicht in den Kindergarten kommen, 
wasch mich doch," usw. — und manche gute Gewohnheit geht 
auf diese Weise in das Elternhaus hinüber — nicht in jedes, 
aber überall dahin, wo die Eltern etwas auf ihre Kinder 
halten. Welche Seligkeit ist das Wiedersehen alltäglich mit 
der Mutter! Schon daran kann man erkennen, daß der Kinder- 
garten die Kinder nicht ihrem Daheim entfremdet. 

Wenn die Kindergärtnerin versuchte, sich das völlige Ver- 
trauen der Mutter zu gewinnen, so kann sie in unzähligen 
Fällen den oft so ratlosen Müttern in schwierigen Lebenslagen 
beistehen. Durch wahre Teilnahme bekommt sie die rechte 
Fühlung zu den Frauen, denen oft ein gutes Wort, eine An- 
erkennung ihrer Bemühungen so nötig ist. Das hängt aller- 
dings sehr von ihrem Ton ab. Da darf es kein Besserwissen, 
keine frostige Wohltätigkeit von oben nach unten geben, da 
heißt es Mensch zum Menschen, Frau zur Frau sprechen zu 
lassen, den Dingen auf den Grund zu gehen, sich vor keinen 
Untiefen zu fürchten und verständnisvoll mitzuleben. 

Ein Volkskindergarten sollte ein Kristallisationspunkt für 
die verschiedensten gemeinnützigen Bestrebungen sein — eine 
Art Settlement, wo die Mütter auch außer der Erziehung Hilfe 



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— 31 — 

und einen Anhalt finden. Sie müssen wissen: dort kann man 
vertrauensvoll in häuslichen Angelegenheiten und Krankheiten 
Rat und Teilnahme finden — dorthin wendet man sich, wenn 
ein schwieriger Brief oder eine Eingabe, z. B. an Ferien- 
kolonie oder Armendirektion, zu verfassen ist; dort kann man 
Arbeitsnachweis erhalten, usw. Die Kindergärtnerin kann zwar 
nicht immer raten und helfen, aber sie ist imstande, Quellen 
zu finden, Polikliniken und ßechtsschutzstellen nachzuweisen; 
sie setzt sich mit Arzt, Seelsorger, Armenpfieger in Verbindung. 
Vermöge ihrer höheren Bildung überblickt sie die Verhältnisse, 
und ihrem tatkräftigen Willen, ihrer Zuversicht gelingt es, 
einen Schimmer von Mut und Hoflnung in das Leben mancher 
vielgeplagten Frau zu werfen. Um das Band zwischen Er- 
ziehungsstätte und Haus fester zu knüpfen, werden Eltern- 
abende eingerichtet, an denen eine zwanglose Verständigung 
über die Kinder stattfindet. Hier ist die Gelegenheit, einfache, 
sachgemäße Belehrungen in hygienischer und pädagogischer Be- 
ziehung zu geben. Durch die Betrachtung der kindlichen 
kleinen Arbeiten und selbstgefertigten Spielsachen wird das 
Interesse für die Erziehungsweise des Volkskindergartens er- 
weckt, das Verständnis für die Bedürfnisse der Kindematur 
erweitert. 

Wenn solche Abende einmal nur gemeinsamen Freuden 
gewidmet sind — z. B. gute Musik dargeboten wird, so ist 
dies auch eine soziale Arbeit: die Genußfähigkeit zu erhöhen 
und edle Freuden an Stelle niedriger Genüsse zu setzen! — 
In dieser Richtung könnte noch unendlich viel getan werden 
— wenn nur nicht die Menschen fehlten! Die tüchtigen 
Frauen, die in der Kleinarbeit die Biesenarbeit erkennen und 
erfüllen! Wie leicht ließe sich z. B. mit dem Volkskinder- 
garten eine Bibliothek für Eltern und Kinder verbinden, gemein- 
same Flickabende für die Mütter, die abends allein sitzen 
müssen; wie naturgemäß ließen sich Hort oder Kinderheim und 
Krippe angliedern. Ich verweise in allen diesen Hinsichten 
auf das Pestalozzi-Fröbel-Haus in Berlin, als das älteste Volks- 
erziehungshaus, das die soziale Arbeit im obigen Sinne zentra- 
lisiert und damit bahnbrechend gewirkt hat. Unter den jün- 
geren Bestrebungen auf diesem Gebiete ist der Versuch be- 



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— 32 — 

sonders interessant, der dnrch den Volkskindergarten III in 
Frankfurt a. M. (inzwischen auch noch Volkskindergarten IVj 
erfolgreich gemacht worden ist. Dort ist das Wohlfahrts- 
zwecken gewidmete Kindergartenhaus in einen großen Block 
von Arbeiterwohnungen aufgenommen worden. Es enthält — 
außer dem Volkskindergarten und der Krippe — einen Mädchen- 
hort, Haushaltungsschule für Arbeitertöchter, Erziehungs- 
heim für Waisenmädchen, die im Haushalt und in der Kinder- 
pflege geübt werden, ferner eine Bibliothek für den Block, 
kurzum ein Ineinandergreifen der verschiedenen Faktoren zur 
Hebung der Volkswohlfahrt, wie es allerwärts zu wünschen 
wäre. Solche Zentralstellen fehlen uns — nur Anfänge sind 
vorhanden. Teils sind sie entstanden durch Vereinstätigkeit, 
teils durch sozialgesinnte Großindustrielle, teils durch das 
Zusammenwirken gemeinnütziger Gesellschaften — hie und da 
mit städtischen oder kirchlichen Zuschüssen. 

Die Erweiterung der sozialen Aufgaben des Volkskinder- 
gartens kann erst geschehen, wenn reiche Mittel dafür gewährt 
werden. Der Besuch ist zum Teil ganz frei, von dem Gesichts- 
punkte aus, daß jeder ein Recht auf notwendige Bildungsmittel 
hat; oder die Eltern zahlen ein geringes, ihren Verhältnissen 
entsprechendes Entgelt dafür, damit sie sich der Verantwortung 
für ihre Kinder bewußt bleiben und die Erziehung derselben 
nicht ohne weiteres auf andere abschieben, schließlich damit 
sie der Anstalt gegenüber kein drückendes Gefühl zu haben 
brauchen. Die Beiträge sind aber geringfügig den Ausgaben 
gegenüber. Die Geldmittel fehlen leider meist, und was noch 
schwieriger zu finden ist: die Menschen fehlen. Zur Leitung 
von Kindergärten, die im obigen Sinne ihre Aufgaben nach 
allen Richtungen hin erfassen, gehören Frauen, die geistig und 
praktisch durchgebildet sind, große Menschenkenntnis, ein 
feines soziales Gewissen besitzen und mit Hingabe, Idea- 
lität und Begeisterung arbeiten. Es ist eine unangebrachte 
Sparsamkeit, wenn die ganz junge, halbfertige Kindergärtnerin 
an einen solchen Platz gestellt wird. Wir brauchen für diese 
Arbeit die begabtesten, leistungsfähigsten Frauen, damit aus 
den Volkskindergärten Volkserziehungshäuser werden. Wir 
brauchen auch dazu viele freiwillige Liebesarbeit junger Mäd- 



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~ 33 — 

eben, die sich dazu eignen, dieser guten Sache zu dienen; aber 
als geschulte Kräfte — nicht dilettantisch und zum Sport. 
Je mehr sich finden, die zum Helfen berufen sind, desto mehr 
wird der Traum Wirklichkeit werden, daß die Massenerziehung 
kleiner Kinder verschwindet, indem die Erziehungshäuser so 
angelegt werden, daß die großen nüchternen Schulsäle mit 
ihrer freudlosen Einrichtung gemütlichen Kinderstuben Platz 
machen. 

Ich habe nur einige, nicht alle sozialen Aufgaben des 
Volkskindergartens nennen können — ich habe nichts gesagt 
von dem ästhetischen Einfluß, der vom Kindergarten auf den 
Arbeiterhaushalt ausgeübt werden kann — nichts von dem 
versittlichenden Einfluß der Tier- und Pflanzenpflege — nichts 
von der sozialen Bedeutung hauswirtschaftlicher Tätigkeit. 
Ich konnte nur ein paar Kichtlinien geben für die Gestaltung 
einer Einrichtung, die die Grundlage unserer öfl'entlichen Volks- 
erziehung büdet — Hichtlinien im Sinne Henriette Schraders, 
die ihre Lebensarbeit daran gesetzt hat, „daß ein Stück 
Familienleben die öffentliche Erziehung durchdringe."" 

Die Diskussion drehte sich namentlich um den Punkt, 
ob die .Kleinkinderschule verstaatlicht werden sollte oder nicht. 
Für Verstaatlichung sprach besonders Frau Goldschmidt* 
Leipzig, dagegen Frau Eicht er ^Berlin. Frau Rutgers- 
Hoitsema*HoUand trat im Sinne des Neo-Malthusianismus 
für eine Rassenpolitik ein, die der Vermehrung der Bevölke- 
rung um erblich belastete, kranke und lebensunfähige Individuen 
vorbeugt. Dr. Hamburger unterstützte sie, mit besonderer 
Berücksichtigung der Tuberkulose. 



Dienstag, den 14. Juni. 

Die Bildung der Mädchen durch die Vollceechule. 
Gemeinsame Erziehung der Geschlechter. Einheitsschule. 

Die Sitzung wurde eröffnet durch Fräulein Elisabeth 
Sehn ei der 'Berlin, die Vorsitzende des Landesvereins preu- 

Frauenkongreß. 3 



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— 34 — 

flischer Volksschullehrerinnen. Sie begrüßte alle Anwesenden 
als Freunde der Volksschule, deren gedeihliche Entwicklung 
bei der Verschiedenheit der Wege und Ziele in den ver- 
schiedenen Kulturstaaten doch allen gleichmäßig am Herzen 
liegt Sie bedauerte, daß die Organisation des Kongresses es 
nicht gestattet habe, den Lehrerinnen eine größere Teil- 
nahme an den Verhandlungen zu ermöglichen. Gerade für sie 
würde es von größtem Wert sein, die Fragen, die bei uns die 
Pädagogik der Volksschule beschäftigen, vom internationalen 
Standpunkt aus besprechen zu hören. Besonders über Einheits- 
schule und gemeinsame Erziehung der Geschlechter würden 
die Berichte der Ausländerinnen interessant sein, da ihre 
Länder schon praktische Resultate aufweisen, wo in Deutsch- 
land erst theoretische Erörterungen gepflogen werden. 

Danach ergriff das Wort die Herausgeberin der „Lehrerin** 
Frau Loeper-Housselle, die über „die soziale Arbeit 
der deutschen Volksschullehrerin" sprach. Seit fünf 
Jahrzehnten, so fährte sie aus, geht das Streben der Frauen 
dahin, die soziale Not nicht nur durch Wohltätigkeit zu lindem, 
sondern durch die Schaffung besserer Lebensmöglichkeiten an 
der Wurzel zu erfassen. Einen wesentlichen Anteil an diesem 
Streben hat die VolksschuUehrerin. Seit der Volksschul- 
lehrerinnenstand zum Selbstbewußtsein erwacht ist, mehrt sich 
dauernd die Summe der sozialen Arbeit, die im Anschluß an 
die Schule und in einer freien, weiten und gewissenhaften 
Auffassung ihrer Aufgabe von den Lehrerinnen geleistet wird. 
Die soziale Arbeit der Volksschullehrerin erstreckt sich nach 
vier Richtungen: auf die schulpflichtigen Kinder, die schul- 
entlassenen Mädchen, die Mutter, dann aber auch auf die 
eigene Bildung. Den schulpflichtigen Kindern dienen besonders 
Schulbibliotheken, Spielschulen, namentlich aber die über- 
wachenden Hausbesuche. In der Provinz Brandenburg hat 
sich ein Verein für solche Hausbesuche gebildet. Durch Mit- 
hilfe bei der Veranstaltung von Kinderkonzerten und Theater- 
vorstellungen, vor allem durch die Mitarbeit an der Reform 
der Jugendliteratur, versuchen die Lehrerinnen für die ethische 
und die ästhetische Bildung dieser Kinder zu sorgen. Für die 
schulentlassenen Mädchen sind mit Hilfe der Volksschul- 



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— 36 - 

lehrerinnen Handels-, Gewerbe-, Koch- und Haashaltschulen 
eingerichtet worden. In zahlreichen Vereinigungen von Schul- 
entlassenen suchen die Lehrerinnen ihren Zöglingen auch über 
die Schule hinaus zur Seite zu stehen. Die obligatorische 
Fortbildungsschule ist hier die letzte notwendige Forderung. 
Die Mütterabende dienen der Verständigung und Aussprache 
mit den Müttern, sowie ihrer Belehrung durch Vorträge über 
Gresundheitspflege usw. An der eigenen sozialen Bildung 
arbeiten die Lehrerinnen durch Beteiligung an Armen- und 
Waisenpflege, an dem Kampf gegen die UnsittUchkeit, gegen 
den Alkoholismus usw. Auf ihre Initiative sind staatlicherseits 
Veranstaltungen getroffen worden, um die Lehrerinnen für 
Handels- und Fortbildungsschulen, sowie für hauswirtschaft- 
lichen und landwirtschaftlichen Unterricht weiterzubilden. 
Signorina Bice Cammeo« Italien referierte über 

Las ^coles älementaires et la condition des institutrices en Italie. 

„n est bien difflcile de parier des 6coles 616mentaire8 et 
des conditions des institutrices en Italie en un rapport, ce sujet 
si important 6tant reli6 a une infinit6 de questions d'ordre 
p6dagogique, didactique et 6conomique. Les lois, les röglements, 
les circulaires qui se suivent et se superposent dans les 
6volutions caracterisant le Minist^re de Tlnstruction Publique 
en Italie, compliquent notre etude et nous empechent de 
pr6senter une parfaite analyse. Car, si le mouvement, qui 
porte ä am61iorer les conditions economiques et juridiques de 
la femme en Italie, est de date fort r^cente, et commence ä 
pr6sent son Evolution, — au contraire le mouvement se 
rapportant ä son education et ä son Instruction s'avance avec 
rapidit6 — peut-6tre meme ä cause de raisons d'6thique et 
d'histoire — vise ä se plier aux exigences modernes, soulfeve 
certainement des questions vitales. II est vrai qu'en pratique 
une partie de ces questions n'ä pas et6 r6solue, surtout ä cause 
de difflcult6s materielles, qui, au devant des meiUeures 
aspirations, se dressent, — ainsi qu'une barriöre infranchissable. 

Je ne m'attarderais point sur le cöt6 historique de mon 
argument — je serais n6anmoins tent6e de d^montrer qu'en 
Italic, avant que partout ailleurs, — et dans les si6cles passte, 

3* 



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— 36 — 

il y a eu des femmes profond^ment instnütes, savantes memes, 
dont quelques unes ont ete d61egu6es k Tenseignement universi- 
taire. Mais ce ph^nom^ne, qui se reproduisait ä. de longues 
intervalles, restait le privilöge de quelques unes, et meme se 
prßtait souvent k la raiUerie. — Le droit k Tinstruction pour 
toutes les femmes fat reconnu seulement en 1859 par la loi 
Casati qui en imposa l'obligation. Toutefois un abime se 
dressa depuis la Promulgation de cette lois, jusqu'ä sa pleine 
observance — abime qui n'a pas encore 6t6 totalement franchi, 
soit par Tinconscience des masses, — surtout dans les provinces 
m^ridionales et insulaires, — soit par Tinsuffisance des ecoles, 
meme dans les grands centres — lä, oü d'anciennes traditions 
de culture feraient supposer un niveau inteUectuel plus 61eve. 

Malgr6 tont, pourtant, il faut reconnaitre que les longues 
discussions sur Tinsufflsance et Timperfection des systfemes 
scolaires, soutenues par les intferess6s et les amis de Tfecole, 
nous ont conduit ä des progrös fort sensibles, surtout dans 
l'instruction de la femme, et nous conduisent aujourd'hui k une 
nouvelle phase d'evolution, qui — nous Tesperons, — nous frayera 
la voie propre k rejoindre la plus grande perfectibilit6 possible. 
L'ünion Feminine de Milan que j*ai Thonneur de repr6senter 
est flfere d'avoir contribu6 k ce mouvement, d'avoir jete son 
petit germe, en soutenant toujours, dans son p^riodique, la 
cause de l'fecole populaire; en appuyant les droits des institu- 
trices, en presentant des Memoranda au Ministöre. 

L'instruction obligatoire commence ä Tage de 6 ans jusqu'ä 
neuf ans : periode vraiment insuffisante pour laisser des traces 
durables pour tonte une vie! Le Ministre actuel de Tinstruction 
publique, M. Orlando, täche de remplir cette lacune, en proposant 
dans son projet de r6forme sur T^cole primaire, que Ton discute 
pr6sentement k la Chambre des D6put6s, un prolongement de 
cette Obligation jusqu'ä douze ans. Cette disposition se reliant 
k la loi sur le travail, qui le limite au meme äge, la complöte 
et rend son application possible. 

La direction sup6rieure de Tenseignement primaire est 
remise au Ministöre de Tinstruction publique, qui doit en 
soigner les progrös et surveiller meme Tenseignement primaire 
priv6. Dans chaque Province c'est le Pr6f6t qui dirige, aide 



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— 37 — 

par le Procureur aux 6tudes, Tadministration de Töcole 61emen- 
taire; mais les frais de Tecole, son Organisation locale, reposent 
surlaMunicipalit6. En eons6quence lesMnnicipalitespauvres sont 
impuissantes k accomplir tontes les obligations impos6es par la loi. 

L'instmction 61ementaire a deux degres : införieur (trois ans 
de dur6e), sup6rieur (deux ans de duree). Le conrs inferieur 
est le seul obligatoire, et Tinstruction y doit rester forcement 
ä Tetat rudimentaire vu sa briövetfe et Tage prematur6 des 
enfants. Le Programme, qui vient du Ministere, comprend 
lecture, öcriture, Clements de la langue Italienne, arithmötique, 
Systeme metrique, resumö de Thistoire d'Italie, notions de 
Geographie, principaux produits naturels et industriels, — 
devoir 'de Thomme et du citoyen. Avec la loi du 1899 on y a 
introduit Tenseignement de notions agricoles, Thygifene et 
r^conomie domestique, le travail manuel. La seule difference, 
entre les ecoles de fillettes et Celles de gargons consiste dans 
Tenseignement des ouvrages i Taiguille par les petites Alles, 
et dans un d6veloppement plus ample de travaux manuels pour 
les garijons. Mais dans les diverses regions d'Italie, si 
diiferentes de climat, de produits, d'industries et de moeurs, le 
but d'une ecole primaire pratique suggere dans les programmes 
une modification, qui comprenne un enseignement plus d6taille 
sur les notions agricoles dans les campagnes, sur Tfeconomie 
domestique et sur les Industries, caracterisant chaque r6gion: 
les Clements enfln de Tenseignement professionel. Cette 
reforme, ainsi que la particularisation de Tenseignement dans 
les deux derniferes classes est appuyee dans le projet de 
M. Orlando, mais n'est pas impos6e comme un devoir aux; 
Municipalites. 

Dans les 6coles 61ementaires, excepte les premieres classes 
des villages comptant moins de 800 habitants, les deux sexes 
sont s6par6s. II est inutile de dire combien, pour raison d'ordre 
p6dagogique et economique, nous sommes partisans de la forme 
moderne d'education, qui r6unit ä Tecole, ainsi que dans la 
famille, gargons et fillettes. Le projet de M. Orlando ä favoris6 
cette disposition dans les classes inf6rieures, mais nous la 
voudrions etendue k tous les cours 61ementaires, pour 61iminer 
ainsi Tinconvenient qui peut s'ensuivre dans cette Solution de 



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— 38 — 

continuitö ponr la phalange toujours croissante de jennes fiUes, 
se retrouvant ayec les gar^ons dans les 6coles säcondaires. 

L'oeuvre d'6ducation scolaire est soutenue, dans bien de 
Municipalites, par l'assistance aux enfants panvres. La premiöre 
et principale Institution sous ce rapport, est la rfefection, 
distribnee dans 40 yilles, soit par l'initiatiye de la Mnnicipalit6. 
soit par Tinitiative de soci6tes priv6es. Et encore ces soci6t6s 
viennent en aide k l'enfant du peuple sous antres formes: avec 
les patronats ponr la distribution de robes, souliers etc.; les 
classes de garde le matin, les 6dacatoires ponr la surveillance 
des enfants apr^s l'^cole, les saUes de r^cr^ation etc. 

Milan est la ville d'Italie qui offi*e, sous cet aspect^ une 
assistance plus compl^te et multiple. Mais, comme une loi 
n'oblige pas les Municipalit6s ä cr6er ces oeuvres d'int6gration 
. de r^cole, et pas meme le projet de M. Orlando n'a youlu l'imposer 
comme Obligation, il arrive souvent que ces institutions, ä. la 
merci de Finitiative priy^e, manquent d'unit6, sont insuffisantes 
läi, oü la necessit6 en serait plus urgente. Toutefois, Timportance 
de cette assistance, ayant 6t6 g6n6ralement reconue, il faut 
6sperer qu'on trourera la voie pratique pour son application, 
plus etendue et plus rationelle. 

Yoilä, en termes principaux, les dispositions dirigeant notre 
öcole 616mentaire et celles qui la dirigeront bientöt par la loi 
nouvelle. Mais il est impossible de traiter cet argument, en le 
s6parant d'un autre, auquel il se trouye 116 strictement et 
directement: celui des conditions des institutrices. II n'y a 
aucune disposition de loi, il est yrai, qui öte k l'öcole l'empreinte 
personelle donn6e par chaque institutrice, selon ses aptitudes 
et son temp6rament; mais il faut reconnaitre qu'une influence 
indiscutible est exercee par la position morale et la Situation 
6conomique que la soci6t6 lui assigne. 

Les institutrices forment une phalange compacte et nom- 
breuse. Ce sont des femmes qui enseignent dans les 6coles de 
jeunes Alles et dans les 6coles mixtes — et bien souyent aussi 
dans les classes inf6rieures des gar^ons. On compte en total 
40000 institutrices: mais leur täche n'est pas facile et leurs 
conditions sont loin d'etre satisfaisantes. Dans les petites 
Municipalit^s rurales elles deyiennent souyent Tobjet de mille 



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— 39 — 

vexations, de pers6cutions immorales, de douleurs in6narrables ; 
«t elles sont forc6es d'accomplir leur täche fati^ante, malgrö 
tout, malgT6 des diMcnlt^s materielles, ainsi qne locaux in- 
sufflsants, d^faut d'objet didactiques, classes tr^s nombreuses, 
«nfants pauvres, malsains, en haillons. 

M6me leurs appointements ne sont pas snffisamment 61ey6s. 
Le minimum en est fix6 par la loi 1886 en six categories 
d'6coles, classififees urbaines et rurales, et il est tonjours in- 
föneur anx appointements des instituteurs ainsi qne nons 
pouvons voir dans le prospectus snivant: 

Ecoles urbaines 1*" classe 2*™« classe 3®"*® classe 

^ . / instituteurs 1320 1110 1000 

öuperieures j jnstitutrices 1056 800 800 

-, . . . / instituteurs 1000 950 900 

inieneures ^ i^g^it^trices 800 760 720 

Ecoles rurales 1^^^ classe 2*™« classe 3*«*« classe 

o, . . i instituteurs 900 850 800 

Sup6neures ^ j^g^itutrices 720 680 640 

-r ., . / instituteurs 800 750 700 

inieneures \ i^stitutrices 640 600 560 

II est vrai que les Municipalitös ont la facult6 iks le 
commencement d'augmenter ce minimum; mais cette faculte 
n'est pas souvent exerc6e dans les petits villages : toutefois les 
municipalit^ ont l'obligation d'une augmentation au terme de 
chaque six ans, pour quatre fois de suite. Je ne parlerais 
point des institutrices des ecoles non classifi^es obligatoires 
dans les municipalit^s ayant moins de 500 habitants; leur 
minimum d'appointement est contenu dans une somme qui ne 
surpasse 240 francs par ans (180 marks); tandis que les in- 
stitutrices des 6coles non classifi6es facultatives ont leurs 
appointements soumis au gr6 de Tautorite comunale, sans 
aucune r6gle pour d6terminer la limite au minimum. 

Quand meme ces martyres ignorees s'appliquent k leur 
haute mission avec un incroyable esprit d'abn^gation, ayec une 
sainte 86r6nit6 d'apotre. Et dans la force d'amour humble et 
devou6e pour Tenfant, qui tient son origine du sentiment 
matemel — trop souvent forcement comprime — elles trouvent 



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— 40 — 

la source de joies delicates et intimes pour les germes du bien 
qu'elles savent inspirer ä renfant, pour les fruits inesp6r6s 
qu'elles savent y recueiUir. 

Bien souvent il arrive que les institntrices sont oblig^es 
de pourvoir ä leur subsistance en excer^ant d'antres professions 
outre Tecole, ainsi doivent elles se plier ä etre couturieres, 
repasseuses . . . parfois meme domestiques . . . 

Sans sortir de notre argument nous avons le droit, il me 
semble, de parier de la condition d'une autre categorie d'in- 
stitntrices: Celles des Instituts d'education pour Tenfance, qui 
soignent les enfants depuis Tage de trois ans jusqu'ä six ans. 
Ces Instituts sont pour la plupart consideres comme oeuvres 
de bienfaisance — ils dependent ainsi du Ministere de Tint^rieur. 
Les maitresses d'Asile sont en Italie 6670 — on exige d'elles 
une preparation egale ä celle des institntrices d'ecole 616men- 
taire — plus profonde meme, si elles ont le diplome de 
maitresses jardini^res. Et avec cela, aucune loi n'existe pour 
fixer un minimum d'appointement, aucune garantie n*est Offerte 
pour assurer leur carriöre, aucune regle ^tablit leur pension, 
leur conge. Sous pretexte d'un but de charit6 — tel est le 
charactöre de Tinstitution — on profite d'elles, on exploite leur 
oeuvre humanitaire. Dans les Asile de Florence les institntrices 
obtiennentleurplacespar concours moyennantdixfrancsmensuels 
(8 marks) pour trois ans . . . 

Les institntrices d'ecoles el6mentaires comprenant Tutilite 
de Torganisation, ont fratemis6 avec leurs confröres pour la 
revendication de leurs di'oits, et elles se sont r6unies en 1900 
en Societe „L'Unione Magistrale Nazionale" dirigee par 
M. Credare, d^pute au Parlament. L'Union compte pr6sentement 
480 sections rependues dans tonte Tltalie, avec un total de 
32000 membres dont les % sont des femmes. L'association se 
pi-opose comme but la r^forme de Tecole et des conditions des 
instituteurs, Tegalite de traitement entre instituteurs et in- 
stitntrices en hommage au principe social: „meme travail, 
meme retribution," — et une repartition plus juste dans les 
regles qui dirigent le „Monte-pensione". 

La premiere victoire de TUnion Magistrale a ete remport^e 
par la loi du dix levrier 1903 qui a 6tabli de donner aux in- 



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- 41 ~ 

stitutrices des 6coles de gargons ou mixtes les memes appointe- 
ments qu'aux instituteurs ; cette disposition existait depuis 
1886, mais n'6tait presque jamais observ6e, sous prfetexte que 
les Municipalites payaient d6jä des appointements superieurs 
au minimum 16gal. Par cette loi on a obtenu d'autres avantages: 
le m§ine droit ä la pension pour les orphelins des instituteurs 
et des institutrices, tandis qu'une disposition 1895 niait aux 
orphelins des institutrices, si le pere etait vivant, meme inhabile, 
la Pension qui 6tait aecordee aux orphelins des instituteurs, et 
on a obtenu un minimum de pension fix6 ä 300 francs ä Tage 
de 60 ans, apris 30 ann6es de Service, ou aprös 25 ann6es 
si rinhabilit6 a 6te contractee au Service de T^cole — 
240 francs apres 28 ans, 200 francs apres 25 ans, sans distinc- 
tion de sexe. 

Or par le projet de M. Orlando on vise ä augraenter les 
appointements des instituteurs, mais la proposition faite par 
TAssociation Magistrale de niveler les conditions des deux 
sexes, n'ä, pas 6t6 accept6e par le Gouvernement. Voilä le 
nouveau prospectus: 





Ecoles urbaines. 




Ecoles de gargons 


Ecoles de 


et mixte 


jeunes fiUes 




municipalites ayant 




1*~ cat^gorie 


plus que 80 000 habitants 1500 
ayant moins que 


1300 




. 80000 habitants 1350 


1150 


2*°»« „ 1200 


1000 


3*«^e „ 


1140 


940 



Ecoles rurales. 

Ecoles de gar^ons et mixte Ecoles de jeunes filles 
l*'-« categorie 1000 850 

2*«^« „ 950 800 

3^^^ ., 900 750 



*) La loi proposee par le Minist^re de rinstmction Publique, M. Orlando, 
a §t6 approuvee an Parlament sauf de petites modifications — et sera bientöt 
appliquee dans toutes les Municipalites du royaume. 



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— 42 - 

Et Ton 6tablit aussi que dans le terme de 5 ans on portera 
le minimum des appointements ä 1000 francs poor les institntenrs 
et proportionellement — c'est a dire i 850 francs — ponr les 
institntrices. 

Voilä, les resultats report^s jnsqu'ä pr6sent par Torganisa- 
tion des maitres d'6coles 61ementaires. M^me les institutrices 
d'Asile, ponss6es par Tactivit^ infatigable de Madame Cleofe 
Pellegrini, professeur ä Milan, se sont röunies et ont fonn6 
„L'Association des 6ducatrices de l'enfance," eUes 
ont constitu^ partout des sections agreg6es aox Associations 
magistrales et au mois de septembre elles se r^uniront en 
congrfes pour obtenir leur Constitution en un seul corps födöral 
formant section de TUnion Magistrale Nationale. — CTest une 
puissante Energie qui s'affirme et se d^veloppe sous Tempire 
des memes intferets et des mßmes voeux. 

Et me voilä arriv6e ä. la conclusion du rapport; laissez-moi 
avouer encore une fois que, si par amour ä un id6al, trop-elev6 
peut-6tre, j'ai expos6 loyalment les plus petites täches de notre 
6cole 616mentaire feminine et exprim6 nos voeux, il faut 
pourtant reconnaitre qu'au centre d'un mouvement ffebrile tel 
que le notre, si rempli d'aspirations, de d6sirs et de besoins, 
l'on a beaucoup travaill6 pour Tinstruction de la femme, depuis 
la fondation du Eoyaume d'Italie jusqu'ä. pr6sent; mßme en 
nous comparant aux autres nations civilis6es, qui ont une vie 
plus longue que la nötre. H est vrai que c'6tait notre stricte 
devoir, car Tinstruction est la premifere, la grande n6cessit6 
pour tous — " c'est la lumifere de Täme . . . c'est le phare dont 
les rayons nous feront 6viter les ecueils de Tignorance, de la 
superstition et des pr6jug6s — et en dfelaissant Tinstruction 
de la femme on d61aisserait Tinstruction et le d^veloppement 
moral de la famiUe, dont la femme est la base/' 

Lady Marjorie Gordon* England besprach die vor- 
zügliche Organisation der Volksschulen in Schottland, die den 
Zöglingen eine tüchtige Grundlage zur weiteren Bildung ge- 
währen. Sie schilderte in Kürze den im Sinne der Einheits- 
schule aufgebauten Stufengang der weiblichen Bildung in 
Schottland, die sie als Mitglied einer ländlichen Schuldeputa- 
tion besonders gut kennt. Aus ihrer Erfahrung heraus machte 



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— 43 - 

sie interessante Mitteilungen über den Einfluß der Frauen in 
den Schulverwaltungen. Sie sprach ihre Verwunderung darüber 
aus, daß das deutsche Schulwesen sich so gut entwickle, ohne 
daß Frauen in der Schulyerwaltung wären und schloß mit dem 
Wunsche, daß es auch in Deutschland den Frauen bald gelingen 
möge, an diesen Behörden beteiligt zu sein. 

Frl. Anna Blum« Spandau sprach über das Thema: 

Wie rüstet die deutsche Vollcsschule die INädchen fQr das 
Leben aus? 

„Alle Kenntnisse, die wir mitteilen, alle Fertigkeiten, die 
wir üben können, sind nur ein wirklich Gewordenes, wenn sie 
im gemeinsamen Leben ein Wirksames bleiben." Dieses 
Wort Schleiermachers soll mir die Richtung weisen, in der 
ich Ihnen eine Übersicht darüber zu geben versuche, wie die 
deutsche Volksschule ihre Schülerinnen für das Leben und 
ihren Kampf mit demselben ausrüstet. 

Erziehung und Unterricht soll der größte Teil der weib- 
lichen Jugend des deutschen Volkes in der Volksschule emp- 
fangen, deren Erziehungsarbeit um so intensiver sein muß, je 
weniger die Eltern gewillt oder in der Lage sind, den ihnen 
zukommenden Hauptanteil der Erziehungsarbeit zu leisten. 
Ist die deutsche Volksschule nun so organisiert, daß sie ihre 
Aufgabe recht erfüllen kann? 

Mit Ausnahme von Bayern, wo der Unterbau der Volks- 
schule tatsächlich die Schule für das ganze Volk ist — in 
einigen Gregenden Süd- und Westdeutschlands sind, wohl von 
Bayern und der Schweiz beeinflußt, auch Anfänge der Ein- 
heitsschule vorhanden — , ist die deutsche Volksschule Standes- 
schule, bestimmt, die Kinder der lohnarbeitenden Stände für 
das Leben vorzubereiten. 

Diese Aufgabe ist den Mädchen gegenüber komplizierter; 
denn neben dem allgemein Menschlichen soll in den Mädchen 
das spezifisch Weibliche in der gesamten Persönlichkeit zur 
Entwicklung kommen. Es soll in ihnen schon in der Schule der 
sichere Grund gelegt werden, auf dem das Leben weiterbauen 
kann, damit sie brauchbare Glieder des Gemeinschafts- 
lebens in Kirche, Gemeinde und Staat, des öffentlichen 



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— 44 — 

Lebens als Berufsarbeiterin, des Familienlebens als Haus- 
frau und Mutter werden können. Dieses einheitliche Entwick- 
lungsziel, dem die Mädchen des Volkes entgegengeführt werden 
sollen, setzt eine Einheitlichkeit in der durch die Schule zu 
empfangenden Lebensausrüstung voraus. Diese Einheitlichkeit 
fehlt, weniger in den durch die Schulgesetzgebung theoretisch 
aufgestellten Zielen, als in der praktischen Ausgestaltung der- 
selben. Nicht alle Volkskreise, welche die Volksschule be- 
suchen, empfangen eine gleichartige oder gleichwertige materiale 
wie formale Bildung. Anders arbeitet die vollausgestaltete 
städtische, anders die beschränkte ländliche Volksschule. 
Die einsichtigen Schulverwaltungen der Großstädte, die reichere 
Mittel aufzuwenden haben, stecken sich weitere Ziele als die 
der kleinen Provinz- oder Landstädte. Industriezentren haben 
andere Schuleinrichtungen als Gegenden, in denen Ackerbau 
und Viehzucht den Haupterwerb bilden. 

Man stelle den 7- oder 8-stufigen Volksschulen in Berlin, 
Charlottenburg, Hamburg, Kiel, Wiesbaden, Leipzig, Dresden, 
Mannheim, Frankfurt a. M., München u. a. 0., denen an Lehr- 
kräften wie an Lehrmitteln, an gut ausgestatteten Schüler- 
bibliotheken, an schulhygienischen Einrichtungen — Turnhallen, 
Schulbäder und Schwimmanstalten, Spiel- und Eislaufplätze — 
das beste zur Verfügung steht, und deren Klassenfrequenz 
immer mehr herabgesetzt wird, die ein- oder mehrklassigen 
Halbtagsschulen in den östlichen Provinzen, die Hüte- und 
Dienstbotenschulen in Mecklenburg und die sehr überfüllten 
oft am Nötigsten Mangel leidenden gemischtsprachlichen Schulen 
in Posen, Preußen und Oberschlesien gegenüber. Und selbst 
wenn wir nicht so krasse Gegensätze heranziehen: die staat- 
lich und lokal verschiedenen Verhältnisse, auch die größere 
oder geringere Gunst und Beachtung, die der Volksschule zu- 
gewendet werden, bewirken, daß sie so verschieden ausgestaltet 
ist und demnach ihre Zöglinge in verschiedener Weise fürs 
Leben ausrüstet. 

Der Entwicklungsgang der Volksschule, welche anfangs 
fast nur für die Knaben bestimmt war, und in welche bei 
Einfuhrung des Schulzwanges die Mädchen einfach eingeschoben 
wurden, macht es erklärlich, daß auch heute noch in den 



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— 45 — 

meisten Fällen beide Geschlechter nach demselben Lehrplan 
unterrichtet werden, was schon durch den sehr häufig vor- 
kommenden gemeinsamen Unterricht bedingt wird. Wo ein 
Unterschied stattfindet, bedeutet er — mit Ausnahme des 
Handarbeitsunterrichts — eine Benachteiligung der Mädchen. 
So hat man ihnen mit verschwindenden Ausnahmen — z. B. 
Leipzig, Dresden, Mannheim und Hamburg*) — den Geometrie- 
unterricht ganz entzogen. Der Turnunterricht, von dem Diester- 
weg sagt, daß „er den Mädchen nötiger sei als den Knaben", 
wurde für erstere viel später eingeführt, und zwar nur in 
größeren Städten, so daß die meisten Volksschülerinnen ihn 
heute noch entbehren. Und wo er eingeführt ist, beginnt er 
meist für die Mädchen erst auf der Mittel-, für die Knaben 
schon auf der Unterstufe. Der Handarbeitsunterricht wurde 
zu Anfang der 70 er Jahre für die Mädchen in der Volksschule 
gesetzlich eingeführt (von vielen Schulleitern wurde er nur 
mit Widerwillen zugelassen und demnach gewertet). Erst 
zwei Jahrzehnte später vermochte er sich in der Hauptsache 
zu organisieren, und noch jetzt kann man nicht behaupten, 
daß aUe Mädchen in Stadt und Land ausreichend darin unter- 
wiesen werden. Auf die Ursachen kann ich leider nicht ein- 
gehen. 

So gibt die deutsche Volksschule also außer dem Hand- 
arbeitsunterricht und dem in einigen städtischen Schulen — 
aber meist nur fakultativ — eingeführten Kochunterricht in 
Lehrstoff und Lehrgang den Mädchen nur das auch den Knaben 
Gebotene. Auch eine ihrer Eigenart entsprechende, besondere 
erziehliche Einwirkung läßt man ihnen meist nicht angedeihen, 
da der größere Teil der weiblichen deutschen Jugend ohne 
weiblichen Einfluß in der Schule aufwächst. Die Zahl der an 
den Volksschulen angestellten Lehrerinnen ist in Preußen nur 
in wenigen Großstädten ganz — wie in Berlin — oder z. T. 
ausreichend; sie ist bedeutender in großen Städten und im 
Westen als in kleinen Städten, auf dem Lande und im Osten, 

*) Die stÄtistischen Nachweise sind größtenteils der Artikelreihe von 
J. Te WS -Berlin: „Die Umgestaltung der Bildungsziele der Volksschule nach 
den Forderungen der Gegenwart" — Pädagogische Zeitung 1896 — ent- 
nommen. 



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— 46 — 

beträgt im ganzen aber nur etwa ^/^ der Zahl der Lehrer, 
trotzdem die Mädchen in der Volksschule überwiegen. Dieses 
Fehlen des weiblich erziehlichen Einflusses — besonders auf 
der Oberstufe, wo die Lehrerin am nötigsten ist — muß um 
so mehr als ein Manko in der Erziehung der Mädchen be- 
trachtet werden, da bei dem durch die Erwerbsverhältnisse 
gänzlich umgestalteten Familienleben den Kindern vielfach 
auch die mütterliche Erziehung fehlt. 

Lassen Sie uns nun auf die Arbeit der heutigen Volks- 
schule, soweit dies bei der Kürze der Zeit möglich ist, im 
einzelnen eingehen. — Welches ist das gesetzlich aufgestellte 
Ziel der deutschen Volksschule? Durch welche Fächer soll 
es im erziehlichen Unterricht erreicht werden? 

Preußen, Bayern und Mecklenburg haben kein Schulgesetz, 
Verwaltungsverordnungen treten an seine Stelle; aber, ob so 
oder so, das Ziel der Volksschule ist in den meisten deutschen 
Staaten dahin aufgestellt: daß sie ihren Zöglingen neben der 
religiös-sittlichen Erziehung „die für das bürgerliche Leben 
nötigen allgemeinen Kenntnisse" übermitteln soll. Baden geht 
darüber hinaus; es berücksichtigt die dereinstige Stellung im 
Gemeinschaftsleben: „die Kinder sollen zu dereinst tüchtigen 
Mitgliedern des ,Gemeindewesens^ herangebildet werden." 

Wie in den Zielen herrscht im allgemeinen auch in den 
Lehrfächern, durch welche jene zu erreichen sind, Überein- 
stimmung. Religion, deutsche Sprache — Schreiben, Lesen, 
Fertigkeit im mündlichen und schriftlichen Ausdruck — , 
Rechnen, für die Knaben Geometrie, Geschichte, Geographie, 
Naturgeschichte, Naturlehre, Gesang, Zeichnen, Turnen, für die 
Mädchen Handarbeit, sind die überall gesetzlich eingeführten 
Unterrichtsgegenstände. Vereinzelt treten Besonderheiten auf, 
die aber meist den Knabenunterricht betreffen. 

Bei Verteilung der Stunden auf die einzelnen Fächer ist 
hier und da eine verschiedene Bewertung derselben ersichtlich. 
Nach den Falkschen Allgem. Bestimmungen (IB. Okt. 1872) 
sind in Preußen dem Religionsunterricht für die Stadtschulen 
(von unten nach oben) 4 und 5 Wochenstunden zugebilligt; 
auf dem Lande 6. Mecklenburg und Württemberg gehen noch 
weiter, hier werden durchgehend 6 und 7 wöchentliche Re- 



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— 47 — 

ligionsstnnden zur sittlich-reli^ösen Erziehung der Volksschul- 
jugend für nötig erachtet. Die meisten anderen Staaten lassen 
es bei 2, 3 und 4 (je iiach den ünterrichtsstufen) bewenden. 
Bayern, Baden und Hamburg halten 3 auf der Unter-, 2 auf 
der Oberstufe, wo ja der Konfirmandenunterricht hinzutritt, 
für ausreichend. — Wo dem Religionsunterricht ein so breiter 
Baum gewährt wird, hat er eine solche Fülle von Memorier- und 
dogmatischem Stoff zu bewältigen, daß die Zeit doch nicht 
ausreicht, — und dabei entspricht seine religiös-sittliche Ein- 
wirkung meist nicht den Erwartungen. Die ihm zu reichlich 
überwiesene Zeit muß an anderen Fächern gespart werden, 
leider oft am deutschen Unterricht. 

Dem Deutschen gilt — mit ganz verschwindenden Aus- 
nahmen — der einzige Sprachunterricht in unseren Volks- 
schulen. Ihm wird aber durch den ßeligionsunterricht, sowie 
durch das zu frühe Auftreten der Realien oft die nötige Zeit 
gekürzt, die auf allen Unterrichtsstufen erforderlich ist, um 
die Muttersprache in Wort und Schrift einzuprägen, und die 
der deutsche Unterricht nach seiner Bedeutung für die Ge- 
müts- und Verstandesbildung, wie für das künftige Erwerbs- 
und soziale Leben der Volksschüler beanspruchen kann. Den 
Realien werden durchschnittlich 4— & Wochenstunden zuge- 
wiesen. Die Erkenntnis ihres hohen Bildungswertes — be- 
sonders der des Geschichts- und Naturgeschichtsunterrichtes — 
hat in einigen Staaten dazu verführt, sie verfrüht — sogar 
schon im 2. und 3. Schuljahr — in den Lektionsplan aufzu- 
nehmen. Für zu junge Kinder ist ihr Bildungswert doch 
zweifelhaft, gewiß aber ist, daß das zu frühe Auftreten so 
vieler Wissensstoffe, das Nebeneinander am selben Tage die 
Kinder verwirrt; das Vielerlei verwirrt und ennüdet sie auf 
allen Stufen und läßt, wo weise Beschränkung der Stoffinenge 
zu vermissen ist, zu wenig Zeit für die geist- und gemüt- 
bildende Vertiefung. — Dem Rechenunterricht, der als Ver- 
standesbUdner und weil er direkt fürs Leben brauchbare Kennt- 
nisse übermittelt, einen hohen unterrichtlichen Wert hat, sind 
in Preußen und den Nordstaaten durchgehend 4, in Bayern 
und seinen Nachbarstaaten 5 — 6 Wochenstunden bestimmt. — 



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— 48 — 

Also : weniger Religions- und später beginnender Realienunter- 
richt, dafür aber mehr Zeit für Deutsch und Rechnen, 

Auch die technischen Fächer, die — jedes für sich — 
einen bildenden und praktischen Wert haben, werden, nach 
der Stundenzahl zu urteilen, verschieden eingeschätzt. Die 
Norddeutschen müssen wohl sangesfroher sein! Im Norden 
Deutschlands werden durchweg dem Gesangunterricht auf der 
Unterstufe 1, auf den anderen Stufen 2 Wochenstunden ge- 
weiht, während Süddeutschland allen Stufen nur 1 Stunde be- 
willigt. (In den Mädchenklassen findet er nach meiner Er- 
fahrung mehr Empfänglichkeit, daher wohl auch mehr Pflege.) 
Der Zeichenunterricht beginnt im 2. oder 3. Schuljahr und 
wird mit 2 Wochenstunden fast allgemein durchgeführt. (Seine 
neue methodische Umgestaltung soU ihre ethisch-ästhetische 
Bildungskraft erst erweisen.) — In Mecklenburg und Württem- 
berg wird der Zeichenunterricht den Mädchen entzogen. 

Bedeutung und Einführung des Turnunterrichts wurde 
schon berührt. Wo er erteilt wird, bewilligt man ihm zwei 
Wochenstunden. Er gehört zu den Maßnahmen, welche — wie 
Schulbäder usw. — die Mädchen gesundheitlich fürs Leben 
ausrüsten, natürlich nur da, wo er ausreichend erteilt wird. — 
Die Aufnahme der Jugendspiele in den Turnunterricht erhöht 
seinen ethischen W^ert auch fürs Leben. Unsere weibliche 
Jugend muß, weil der Ernst des Lebens meist viel zu früh 
an ihre Tür klopft, auch zu harmlosem Frohsinn, zur Freude 
an Spiel und Gesang erzogen werden. Mädchen, die beides 
lieben, suchen weniger den Tanzboden auf. — Auch die er- 
ziehlich unterrichtliche Bedeutung des Handarbeitsunterrichtes 
wurde schon hervorgehoben. Er bereitet direkt für das 
häusliche Leben vor, indirekt auch für das Erwerbsleben, 
weil er die Grundfertigkeiten aller gewerblichen Handarbeiten 
lehrt. So schlägt er eine Brücke aus der Schule ins Leben 
hinüber. In Preußen sind ihm nach den Falkschen Bestim- 
mungen 2 Wochenstunden zugewiesen; hier und da wird ihm 
mehr Raum gewährt, dann zum Schaden des Deutschen oder 
der Realien. 

Soweit es noch nicht andeutungsweise geschehen ist, will 
ich versuchen darzutun, wie die hier skizzierten Lehrgegen- 



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- 49 — 

stände für die religiös -sittliche wie intellektuelle Erziehung^ 
der Mädchen verwertet werden, ob der Unterrichtsbetrieb ge-' 
eignet ist, sein Ziel in der Erziehung der weiblichen Jugend 
des deutschen Volkes zu erreichen, ob zu erhoffen ist, daß sie 
durch ihn zu religiös -sittlichen Persönlichkeiten, zvt 
pflichttreuen Arbeiterinnen im Berufsleben, zu pflichttreuen 
Hausfrauen und Müttern erzogen und tiir diese verschie- 
denen Aufgaben mit der ausreichenden Grundlage an Kennt- 
nissen und Fertigkeiten ausgerastet werden können. 

Die Volksschule ist Erziehungsschule; das muß immer 
wieder betont werden denen gegenüber, die sie aus Nützlich- 
keitsgründen zur Fachschule machen wollen. Sie strebt ihre 
Ziele durch Übermittlung von Kenntnissen, durch ernst-liebe- 
volle Zucht und, last not least, durch die Persönlichkeit der 
Lehrenden an. Ein Hemmnis — wohl das schlimmste — des 
Erfolges des erziehenden Unterrichts ist die meist vorhandene 
Überfüllung der Klassen. Wie kann bei 100 und mehr Kindern,, 
wie dies auf dem Lande nicht selten ist^ oder bei einer für 
normal gehaltenen Schülerzahl von 60—80 auf der Unter> 
vielfach auch auf der Mittelstufe, von 40—60 auf der Ober- 
stufe, von einer direkt erziehlichen Einwirkung die Rede 
sein? Selbst die indirekte, die jeder gute Unterricht bei guter 
Disziplin ausübt, geht verloren, wenn es dem Lehrenden oft 
nur durch Anwendung des Stockes gelingt, Ruhe und Auf- 
merksamkeit zu erzwingen. Direkte Erziehung setzt Indivi- 
dualisieren voraus; wie ist das bei so starken Klassen möglich? 
Daß unsere Kenntnis der Kindespsyche so tief steht, ist zum 
Teil auf die Überfüllung 'der Klassen zurückzuführen. 

Auch die ungeeignete Stoffauswahl, besonders auf der 
Oberstufe, stellt die Erziehungsarbeit und die unterrichtlichen 
Erfolge vielfach in Frage, wenn auch die Wahl der Unter- 
richtsfacher das nötige Verständnis beweist für die im Leben 
erforderlichen Kenntnisse. Der Religionsunterricht, der mit 
Recht in der Erziehungsschule in den Mittelpunkt gestellt 
wird, krankt an StoffifüUe und ungeeigneter Stoflwahl. Er 
muJB in ganz anderer Weise als bisher der Erziehung zum freien 
Menschentum dienstbar gemacht werden. Weniger Stoff, mehr 
Vertiefung ist zu fordern. Weniger Dogma, noch besser keins, 

Franenkongreß. ^ 



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— 50 — 

dafür EindringeE in die Persönlichkeit Christi , die, Vorbild 
des wahren Menschentums , den Kindern als nnverUerbares 
Rigentom mit ins Leben gegeben werden mnß. Das kann 
der Beligionsunterricht bei weniger Stnnden leisten, wenn 
nichts ihn hemmt und — wenn er wahrhaftiger wird. Dog- 
matische Religionslehre macht junge Elnder vielleicht kirchlich 
fromm, aber nicht sittlich standhaft, weil sie der Unwahrhaftig- 
keit insofern Vorschub leistet, als sie die Kinder Seelehvorgänge 
aussprechen lehrt, die erst der Erwachsene emplSnden kann. 

Der Deutschunterricht muß auch anders als bisher den 
mancherlei Lebensinteressen nutzbar gemacht werden, den 
ethisch-sozialen wie den bemflich-wirtschafUichen. An Stelle 
der trocken berichtenden oder erlogen gefühlvollen, meist nur 
nachgeschriebenen Aufsätze sollen Erscheinungen des täglichen 
Lebens aus Natur und Umwelt, aus dem GeseUschafts- und 
Wirtschaftsleben usw. den Stoff bilden. Das Lesebuch kann 
und mu£ anders verwertet werden. Anfönge dieser Umwand-- 
lung sind in den neuen Normallehrplänen der großen Städte 
erkennbar. 

Dasselbe ist in bezug auf den Geschichtsunterricht der 
Fall. Die Forderung, daß Kultur^ und Menschheitsge- 
schichte, ohne Beeinträchtigung der vaterländischen, in den 
Vordergrund treten und die bisherige anekdotenhafte Heroen- 
und Kriegsgeschichte ablösen, findet immer mehr Vertreter. 
Auch Einitihrung in das Verständnis der Gesetze und ihrer 
Entstehung ist notwendig, damit die Mädchen lernen, sich als 
rechtsfähige Person zu erkennen, damit sie lernen „Ich^ 
sagen, wie Hippel scl^ vor einem Jahrhundert forderte. 

Der Naturgeschichtsunterricht muß, wenn er wirklich in 
das Leben der Natur einführen soll, an den Schulgarten an- 
geschlossen werden, was hier und da schon geschieht. Er muß 
auch die Kenntnis des menschlichen Körpers, seiner Lebens- 
und Entwicklungsbedingungen vermitteln; hier fagt sich, weise 
beschränkt, die Gesundheitslehre und die Belehrung über den 
gesundheitlichen Schaden — der sittliche wird im Beligions* 
und Deutschunterricht beleuchtet — des Alkoholgenusses ein. 

Es fehlt die Zeit, weiter nachzuweisen, wie der Unter- 
richt in den jetzigen Unterrichtsfächern der Volksschule wirklich 



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— 51 — 

zar Ausrüstung für das Leben verwertet werden kann, wenn 
eine richtige Stoff wahl denFordenmgen der Gegenwart Bechntmg 
trägt Aber selbst wenn dies geschähe , wenn, was vielfach 
angebahnt wird, der Unterricht dem Leben mehr angepaßt 
würde, wenn alle Schulen Deutschlands gleich günstig in allen 
Schuleinrichtungen gestellt wären, würde dann die deutsche 
Volksschule ihre Schülerinnen fiirs Leben voll ausrüsten 
Jc^nnen? — Ich sage: Nein. Es würde um diese Ausrüstung 
besser und gleidimäßiger bestellt sein, aber wirklich fürs Leben 
vorbereiten könnte auch die beste Volksschule nicht, weil sie 
•ohne die sich anschließende obligatorische Fortbildungs- 
schule ein Haus ohne Dach ist und bleibt. AUe erziehlich- 
xinterrichtlichen Erfolge der Volksschule werden durch die zu 
:frühe Entlassung der Schülerinnen in Frage gestellt. 

Mit Ausnahme von Bayern und Mecklenburg dauert in 
•den deutschen Ländern der Schulzwang bis zum vollendeten 
14« Lebensjahre, also 8, in den vorbenannten Ländern nur 
7 Jahre. In dem Alter, wo klares Erfassen, sittliche Einsicht 
•erst beginnen, wo die übermittelten Wissensstoffe erst zu 
-geistigem Eigentum gemacht werden können, hört also für 
die weibliche deutsche Volksschuljugend gesetzlich der Unter- 
richt auf. Da werden diese Mädchen ohne Führer, ohne Welt- 
und Menschenkenntnis, ohne eigenen festen sittlichen Halt — 
sinnlich frühreif — , ohne ausreichende Kenntnisse und Fertig- 
ieiten in's Leben mit seinen vielen sittlichen Gefahren ent- 
lassen, vielfach hinausgestoßen. Nirgends sind sie recht zu 
brauchen, ob als Dienstmädchen, als Ladnerin oder in einem 
anderen Berufe; ihre zu große Jugend und Untüchtigkeit Ter- 
sperren ihnen den geordneten Weg zum Erwerb, führen sie auf 
Abwege, die leider oft im Abgrunde enden. — Und heiraten 
sie früh, was in bezug auf ihre sittliche Bewahrung als Bettung 
erscheint, dann treten diese jungen, unerfahrenen Mädchen 
ebenso ungerüstet in den heiligsten Frauenberuf wie vorher 
in den Erwerb. 

Man behauptet^ daß bei %o ^^^ Männer, die durch Trunk 
veiicommen, die unwirtschaftlichen Frauen die Schuld tragen. 
Ihnen wird sie aufgebürdet, wem aber fallt sie wirklich 
ao? Den St^Uen, welche die Pflicht haben und doch nicht 

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- 52 — 

dafür sorgen, daß die Vorbildung der weiblichen Jagend sie* 
wirklich für ihre doppelte Aufgabe im Leben tüchtig mache^ 

Nur die obligatorische Fortbildungsschule kann Abhilfe 
schaffen, nur sie kann das befestigen und fortführen, was die; 
Volksschule ihren Schülerinnen an Kenntnissen und Fertig- 
keiten mitgibt, sie kann die sittlichen Fühlungen, die der Er-^ 
Ziehungsunterricht geweckt, zu bewußtem sittlichen Wollen 
entwickeln. Nur die Fortbildungsschule kann dafür eintreten^ 
daß das den Mädchen in der Schule „Gewordene^ im Leben 
ein „Wirksames" bleibe. 

Es scheint vielleicht, als werde ich der deutschen Volks-^ 
schule nicht gerecht, weil ich ihre Mängel bekenne und als. 
Ergebnis meiner Untersuchung, wie sie die Mädchen fürs Leben 
vorbereitet, zu dem Schlüsse komme, daß sie selbst unter- 
günstigen Verhältnissen die notwendige Vorbereitung allein 
nicht zu geben vermag. Bei aller Wertschätzung ihrer Be- 
strebungen und Erfolge hat aber meine Erfahrung mich be- 
lehrt, daß die Volksschule ohne die obligatorische Fortbil- 
dungsschule ein Unfertiges bleiben und Unfertiges bieten muß^ 

Schäden erkennen, heißt den Weg zu ihrer Beseitigung 
betreten, und die deutschen Frauen dienen nur ihrer eigenen 
Sache, wenn sie mit den deutschen Lehrerinnen ihr Streben, 
dafür einsetzen, daß der deutschen Mädchen Volksschule das. 
ihr fehlende Dach möglichst bald aufgesetzt werde." 

Es folgte das Eeferat von Frl. Dr. Maikki Friberg*- 
Finnland über „Die gemeinsame Erziehung der Ge- 
schlechter". Die Rednerin erwähnte zuerst, daß in den acht- 
ziger Jahren im Norden neue Gedanken, eine neue Strömung die 
Gemüter bewegte, namentlich aber die Seele der Frau, Aber auch 
große Männer deckten in kräftigen Worten die wunden Punkte 
der Gesellschaft auf und beanspruchten das Recht der Frau,, 
ihr eigenes Leben zu leben. Die Worte fanden Widerhall im 
Herzen der Frau, aber um zu wirken, mußte sie anders aus- 
gerüstet sein, sie mußte fähig sein, selbst aus der Quelle der 
Wahrheit zu schöpfen. Es wurde nun die Frage aufgestellt: 
Wo erlangen die Mädchen die Vorbildung, die ihnen den neuen 
Einfluß auf das Kulturleben ermöglicht? So kam man in. 



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— 53 — 

Finnland zur Forderung der gemeinsamen Erziehung der Ge- 
«chlechter, die in diesem Lande rasch ihren Siegeslauf voll- 
^endet hat. Bewunderungswürdig sei es gewesen, wie still und 
ruhig sich die Gegner dieses Prinzips in die neue Form der 
Erziehung gefunden haben. Die gemeinsame Schule will nur 
Eepräsent antin eines guten Heims sein, will die Ähnlichkeit 
mit der Familie erreichen. Das Lehrpersonal, aus Männern 
und Frauen mit denselben Rechten bestehend, bringe das 
mütterliche und väterliche Element bis in die obersten Klassen 
zur Geltung. Die Vorteile der gemeinsamen Erziehung seien 
lA Finnland bereits so anerkannt, daß Beweise überflüssig seien. 
Das Verhältnis von Schülern und Schülerinnen sei nach den 
Urteilen der Lehrkräfte das Verhältnis von Geschwistern in 
einem gesunden Familienleben. Die Rednerin schloß unter 
großem Beifall des Publikums mit der Hoffiiung, daß die Idee 
der gemeinsamen Erziehung in Zentral-Europa eindringen möge, 
l)esonders in Deutschland, dem der Norden so viel verdanke. 
Frl. Christine de Fauquemont-Hamburg sprach über 

Die erziehliche und soziale Bedeutung der Einheitsschule. 

„ Als nach der großen französischen Revolution die 

Staatsmänner mit übergroßer Vorsicht und Ängstlichkeit die Be- 
wegung der Geister einengten, da fiel in Österreich das Wort 
des Grafen Rottenhaan: „über die kluge Ausspendung der Reich- 
tümer des Geistes muß wie über jeden anderen Genuß des 
gesellschaftlichen Lebens eine Art von Staatspolizei walten". 
-Die Anwendung dieses Grundsatzes ergab dann bald eine Ver- 
ringerung der Schulen, eine Herabsetzung des Lehrzieles. Mit 
eisernem Besen fegten die 48iger Jahre manchen vom Staate 
isorgsam gehüteten Zaun hinweg; aber die Reichtümer des 
Geistes werden noch heute vielfach von der großen Masse ver- 
schlossen. Ein goldenes Gitter schließt die Harrenden von den 
Xrenießenden aus; das Geld ist der Schlüssel, der die Pforte 
öflhet. Eine Volksschule haben wir zwar; doch nur das Volk 
geht hinein, das nicht viel zu eigen hat; die übrigen sitzen in 
^hulen mit höheren Zielen. So werden schon die Kinder in 
hoch und niedrig, in arm und reich geschieden. Diese Tren- 
nung zu beseitigen oder wenigstens zu beschränken, ist die 



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— 54 - 

Aufgabe der Einheitsschule, aber deren erziehliche und soziale 
Bedeutung ich zu Ihnen reden solL 

Was verstehen wir unter der Einheitsschule? Das Wesent- 
liche derselben ist, daß sie alle Schichten des Volkea 
umfaßt in einem gemeinsamen vier- oder fünfjährigen 
Unterbau, der Elementarschule^ an welche sich dann die 
einfachen drei- oder vierstufigen Ergänzungsschulen, die Seal- 
schulen, Realgymnasien und Gymnasien anschließen; daß femer 
Schulgeldfreiheit, resp. eine Abstufung des Schul- 
geldes nach dem Vermögen der Eltern eingeführt wird; 
daß endlich aUe Lernmittel vom Staate unentgeltlich 
geliefert werden. Damit wäre der goldene Zaun gefallen; 
auch dem Kinde des unbemittelten stände der Weg zu den 
höchsten Stufen des Wissens offen, falls ausreichende Begabung- 
vorhanden ist, und die Scheidung der Kinder nach Besitz und 
Stellung der Eltern wäre beseitigt. 

Vergegenwärtigen wir uns die Folgen dieser Einrichtung 
in erziehlicher Hinsicht: 

Wer einmal beobachtet hat, wie sich die Kinder der Volks- 
schulen und der höheren Schulen verhalten, wenn sie sich auf 
ihrem Schulwege begegnen, der wird mit Bedauern sehen, wie 
sie sich gegenseitig mit den Blicken messen: Überlegenheit^ 
Hochmut, Mißachtung einerseits. Scheu, aber auch Spott und 
Unverschämtheit andererseits sehen wir auf den Gesichtern 
sich spiegeln. Wie unkindlich sind diese Empfindungen l 
„Fräulein, die Kinder der Töchterschule sind so stolz, sie sehen 
uns kaum an,^ klagte mir ein bescheidenes Kind meiner Klasse. 
Während das echte Kind keinen Unterschied zwischen Mensch 
und Mensch kennt, wird durch die heutigen Standesschulen 
geradezu der ideale Standpunkt des Kindes vernichtet und es 
wird hinabgezogen in das niedere Getriebe menschlicher Leiden« 
Schäften. Vieles wird freilich schon im Hause versehen. Ängst- 
lich wird oft das Kind des Bessergestellten vor der Berührung 
mit ärmeren Kindern gehütet, unvorsichtige Äußerungen er- 
regen in der lebhaften kindlichen Einbildungskraft manchmal 
die wunderlichsten Vorstellungen. So fragte ein kleines Mädchen : 
„Mutter, schlafen die Straßenjungen auch?^ Diese waren 
nach seiner Meinung ganz andere Wesen als sie selber. 



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- 55 — 

Diese Verwiming^ der kindlicheii Phantasie würde durdi 
die Einheitsschale aufhören; die Kinder würden sich gegen^ 
seitig kennen lernen. Fröhlich sitzt die kleine Schar auf der- 
selben Bank, da gibt es nnter den Reichen wie anter den 
Armen kleine Schelme mit handert dämmen Streichen im Kopfe, 
die sie g^neinsam ausfuhren werden, ernste Philosophen, 
lachende Taugenichtse und selbstgerechte Pharisäer, Träge 
und Fleißige, Kluge and Dumme. Und alle diese Unterschiede 
haben absolut nichts mit dem Erleide zu tun. Das merken 
auch schon die Kinder; sie lernen die Wesensgleichheit zwischen 
Mensch und Mensch erkennen. Und wundenroU wirkt eins auf 
das andere: Gfewandtheit und feinere Sitte auf Scheu und 
ungelenkes Wesen, Natürlichkeit auf Zimperlichkeit. Die 
Kleinen sind ganz gute Erzieher. Bäcksicht oder gar indivi- 
dualistische Behandlung stehen nicht in ihrer Pädagogik; aber 
Scharfblick besitzen sie und eine verblüffende Offenheit Stolz 
and Einbildung, Verzärtelung und Feigheit werden rücksichts- 
los gegeißelt; da gilt kein Sang, kein Stand; es herrscht eine 
demokratische Gesinnung voll Einfalt und Gerechtigkeitsgefühl 
Yerflattem werden da dem Kinde des Wohlhabenden die Trug- 
gebilde, die es schieden von dem Kinde des niederen Standes; 
aber auch das Kind des Reichen wird anders gewertet werden 
von dem armen Kameraden, als es jetzt geschieht, wo das Gift 
der Klassenverhetzung schon auf das kindliche (remüt wirkt 

Freilich wird in dem Wettbewerb das besser genährte und 
besser vorgebildete Kind inuner etwas im Vorteil sein; aber 
dennoch wird oft genug das blasse Kind des Arbeiters oder 
der Wäscherin die Palme erringen. Denn Gott teilt zum Glück 
die Gaben des Geistes nicht nach den staatspolitischen Idealen 
mancher Leute aus. Diese Erkenntnis zu vertiefen und zu 
verbreiten, wird die Einheitsschale helfen. Sie wird Selbst- 
bescheidung einerseits, Selbstvertrauen und froheren Mut anderer- 
seits in die Herzen pflanzen. So wird das künstlich gezüchtete 
Klassenbewußtsein, der Standesdünkel schwinden, und ein neues 
Klassenbewußtsein, fußend auf gemeinsamer Arbeit, gemeinsam 
errungener Anerkennung, gemeinsam erlebter Freude wird sich 
unter ihnen bilden. Und vor ihren Augen wird sich allmählich 
die große Symphonie der Arbeit auftun, der Arbeit der Denker 



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— 56 — 

und Dichter, der elementebesiegendeii, erdebezwingenden Arbeit 
4es Geistes nnd der Hände der Menschen. Und sie werden 
wissen, daß sie alle, ohne Unterschied des Standes, wie sie da 
beisammensitzen in symbolischer Vorbedeutung, berufen sind, 
diese Arbeit des Menschengeschlechts tortzusetzen als Glieder 
einer gewaltigen Kette. Sie werden wissen, daß nicht das 
Was, sondern das Wie der Arbeit entscheidet, erhöht oder 
erniedrigt, wo immer sie später auch stehen. 

Das sind große ethische Wirkungen. Aber viele furchten, 
daß der Einfluß der ärmeren Schüler auf die sorgsam gehüteten 
Kinder der höheren Stände ein schlechter sein könnte. Gewiß, 
die Ausdrucksweise ist derber, die Kleidung oft nicht ein- 
wandfrei; aber auf Grund vieljähriger Erfahrungen kann ich 
die Befürchtungen in dieser Hinsicht nicht teilen. Die meisten 
Kinder werden gut gehalten, namentlich wenn die Arbeits- 
bedingungen für die Eltern einigermaßen günstig sind; die 
meisten zeigen ein bescheidenes, zutrauliches Wesen, sie lernen 
«ehr bald dem feineren Ton der Schule sich anpassen. Natür- 
lich gibt es unter ihnen auch schlechte Elemente; doch die 
gibt's allenthalben; Hilfsschulen und die Bestimmungen des 
neuen Fürsorgegesetzes geben Mittel an die Hand, sich solcher 
störenden Elemente zu entledigen. Daß aber Reichtum und 
Armut sich berühren werden, das ist wahrlich kein Nachteil 
der Einheitsschule. Überfluß und Mangel sollen sich suchen. 
Das ist eine goldene Regel des Christentums. Viel mehr als 
die jetzige Art der Scheidung der Kinder nach dem Besitz 
der Eltern entspricht überhaupt die Einheitsschule dem christ- 
lichen Ideal, 

Die Krönung der Erziehungsarbeit an den Kindern ist 
-die Wahl eines geeigneten Berufs. Die Entscheidung darüber 
wird durch den gemeinsamen Unterbau der Einheitsschule in 
eine etwas spätere Zeit verlegt und dadurch erleichtert. Wie 
viele, viele werden heute den höheren Schulen zugeführt, die 
niemals die Ziele derselben erreichen, Sie müssen sich quälen 
mit einem Stoff, der ihnen nun einmal nicht liegt, während 
Gaben praktischer Art, die sie vielleicht besitzen, darüber 
verkümmern. Sie werden unfähige Ärzte, schlechte Juristen, 
unglückliche Menschen; während manches unbemittelte, aber 



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— 57 — 

begabte Kind mit leichter Mühe das Ziel erreichen würde, 
wenn die Schale ihm die helfende Hand dazn böte. 

So würde der Einfluß der Einheitsschule in erziehlicher 
Hinsicht nicht zu unterschätzen sein. Wie verhält es sich 
nun mit ihrer sozialen Bedeutung? Hat sie überhaupt eine 
solche? 

Es hieße wohl nicht nur die ganze Schularbeit herab- 
setzen, sondern auch die Faktoren, aus denen sich das öffent- 
liche Leben aufbaut, verkennen, wollten wir diese Frage ver- 
neinen. Der Staat ist ein reichgliedriger, gewaltiger Orga- 
nismus. Mit tausend Armen greift er in alle Verhältnisse des 
Volkes hinein, regelt durch Gesetze und Verordnungen das 
Leben der einzelnen von der Geburt bis zum Tode. Aber ein 
Organismus ist ein Lebendiges und als solches auch ein Wer- 
dendes. Wohl ist der Staat dem Volke die Bedingung rfes 
Seins; aber seine Lebenskräfte strömen ihm nur durch seine 
tausend und abertausend Glieder zu. Von den Wandlungen 
der Lebensanschauungen der Staatsbürger hängt auch die Ver- 
änderung der sozialen Normen ab. Diese schafft immer wieder 
das werdende Geschlecht. „Und," so sagt Roosevelt, „die Ent- 
wicklung eines lebenden Organismus ist weiser als die Weisheit 
der Weisesten." Deshalb ist es meines Erachtens verkehrt 
zu sagen: erst müsse man die sozialen Unterschiede ausgleichen, 
ohne dies würde niemals eine allgemeine Volksschule Wert 
baben. Ideen meistern uns alle. „Kein Mann, keine Partei, 
keine Klugheit, keine Popularität kann gegen den Zeitgeist 
ankämpfen" (Staatssekretär Hay). Daß heute von Pädagogen 
und Laien über die Einheitsschule überall so lebhaft debattiert 
wird, beweist, wie die Idee derselben schon Wurzel gefaßt hat 
und bald hier, bald da zu keimen beginnt. 

Unser Volkstum bietet ein trauriges Bild sozialer Zer- 
rissenheit, krasser Selbstsucht und Interessenpolitik. Immer 
größer wird die Kluft zwischen reich und arm, Gebildeten und 
Ungebildeten, Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Zwei getrennte 
'Welten befehden und schwächen sich, anstatt sich zu stützen 
«nd zu stärken. Die Einheitsschule könnte ein Mittel werden, 
•die soziale Versöhnung anbahnen zu helfen. Nicht freilich 
dadurch, daß die Kinder der verschiedenen Stände auf der- 



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— 58 — 

selben Bank sitzen — das Beisanunensitzen allein tnt's nickt 
— sondern dadurch, daß nicht erst Vorurteile in sie hinein- 
gepflanzt werden, dafi sie gemeinsam erzogen und befähigt 
werden, die Aufgaben ihrer Zeit zu verstehen, um sie lösen zu 
helfen, die Aufgaben, die trotz ihrer Verschiedenheit im letzten 
Grunde doch immer dieselben bleiben. 

Die Einfahrung der Einheitsschule würde eine Tat sozialer 
Gerechtigkeit sein. Schwer ist das Leben derer, die besitzlos, 
hart um ihre Existenz ringen. Wir dürfen nicht außer acht 
lassen, daß die Bildung auch einen selbständigen, ich möchte 
sagen, materiellen Wert hat Sie entwickelt die Intelligenz, 
vergrößert die Erwerbsmöglichkeit, schafft einen Ausgleich der 
sozialen Unterschiede. Die feste Grundlage alles späteren 
Fortkommens aber ist die Schulbildung. Deshalb sollte der 
Staat, der das durchführen soU, was dem einzelnen unmöglich 
ist, die von ihm ins Leben gerufenen und von ihm unterhaltenen 
Schulen auch allen seinen Gliedern zugänglich machen. Die 
Schonung der schwachen Schultern ist ein Grundsatz modemer 
Staatsauffassung. Dieser Gioindsatz darf nicht an der Schul- 
tür Halt machen. Die Parole muß lauten: freie Bahn für alle 
bis zum Gipfel empor! Dem Kinde, dem Gott die Gaben des 
Geistes reichlich zugeteilt hat, würde dadurch die Möglichkeit 
ungehinderten Fortschreitens geboten, ohne daß es erst auf die 
Fürsprache und gute Meinung Dritter angewiesen wäre, und 
die theoretisch längst anerkannte Gleichachtung aller Menschen 
würde in die Praxis übertragen. 

Und diese Tat sozialer Gerechtigkeit würde gleichzeitig 
einen Schritt politischer Klugheit, sozialer Voraussicht bedeuten. 
Das Volk, dessen Gesamtheit die größte Intelligenz aufweist, 
wird einst Sieger sein im Wettkampf der Völker. Wie viel 
Geist geht heute der Menschheit verloren, wie viele geistige 
Gaben verkümmern, werden durch die Verhältnisse lahmgelegt. 
Nicht darauf darf es ankommen, daß der Sohn dieses oder jenes 
Mannes eine Stellung erhalte, sondern darauf, daß die rechten 
Leute an der rechten Stelle stehen, ob arm, ob reich, ob Mann, 
ob Frau, In der Schweiz, in Amerika, auch bei uns in München 
haben wir die Einheitsschule oder wenigstens Ansätze dazu. 
Immer aUgemeiner eingeführt, wird sie höhere Erziehungswerte 



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— 59 — 

schaffen, versöhnend und friedenbnngend wirken und den 
geistigen Gehalt der Völker erhöhen." 

In der Diskussion begründete Frl. M a r g a r e t e T e 1 s c h w • 
Berlin eingehend die Forderung, auch die Mädchen als Bür- 
gerinnen zu bilden. Sie zeigte besonders, wie im Anschluß an 
den Berliner Lehrplan der Anschauungsunterricht, der deutsche^ 
Geschichts- und Eechenunterricht volkswirtschaftliche und ge- 
setzliche Belehrungen geben solle. Frau Dr. Schwarz wald* 
Wien bestätigte als Leiterin einer gemeinsamen Volksschule 
den großen Vorzug der Coöducation. Durch die Verständigung, 
die sie zwischen den Geschlechtem anbahne, würde so manche 
andere Frage der Frauenbewegung leicht zu lösen sein. Frl. 
Schmidt»« Zürich , gleichfalls Leiterin einer gemeinsamen 
Schule, betonte besonders die vielseitige Anregung, die der 
Unterricht in der gemeinsamen Schule durch das Zusammen- 
arbeiten der Knaben und Mädchen gewinnt. Durch die ver- 
schiedene Anschauungsweise der Geschlechter tritt jeder Gegen- 
stand in mannichfache Beleuchtung und wird dadurch leben- 
diger. An Beispielen aus ihrer eigenen Erfahrung zeigte sie 
diese seelische Bereicherung, die der Unterricht in der gemein- 
samen Schule erfährt. Frl. Dr. Stock er* Berlin berichtet^ 
von Bestrebungen in Deutschland für die Errichtung der ge- 
meinsamen Schule. Ihre sozialen und pekuniären Vorteile 
machen sie zur Schule der Zukunft. Zum Schluß sprachen 
Frau Charlotte Eilersgaard»Dänemark von den Volks- 
hochschulen in Dänemark, Mrs. S o 1 o m o n * Ver. Staaten über die 
gemeinsame Schule in den Vereinigten Staaten und Herr Eechts- 
anwalt Wollf» Karlsruhe über die große Bedeutung der gemein- 
samen Erziehung für die Frauenbewegung. 



Mittwoch, den 15. Juni. 



Die Aufgaben der Mädchenfortbildungschule. 
Die Volksbildungsbestrebungen für Frauen. 

Frau Hedwig Heyl» Berlin führte den Vorsitz und er- 
öflnete die Sitzung mit einem Überblick über die Tages- 



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Ordnung, die ein Thema von schwerwiegender Bedeutung: 
Fortbildung der Mädch^ zur Sprache brächte. Wenn der 
Fortbildungsschulzwang für die männliche Jugend schon weit 
entwickelt ist, so ist doch nur in verschwindendem Maße für 
die Fortbildung der Mädchen gesorgt. Die meisten Fort- 
bildungsschulen für die weibliche Jugend sind aus privaten 
Bestrebungen entstanden, Frauen und Mütter haben sich 
zusammengetan, um die Mädchen in Fortbildungs-, Haus- 
haltungs- und Gewerbeschulen zu tüchtigen, nicht nur kon- 
sumierenden, sondern auch produktiven Frauen zu erziehen, 
ihnen einerseits einen durchgearbeiteten hauswirtschaftlichen 
Lehrstoff als ein kostbares Gut in das Leben mitzugeben, 
andererseits ihre berufliche Vorbildung vorzubereiten. 
Über 

die Aufgaben und die Organisation der Mädchenfortbildungsechule 

sprach zunächst Frl. Margarete Henschke^ Berlin. 

„Wert und Würde unserer bescheidenen Arbeit beruht zu- 
nächst auf der Auffassung, die wir mit ihr verbinden, auf dem 
Geiste, in dem sie geschieht. Alles, was in der Fortbildungs- 
schule gelehrt und getrieben wird, ist einfachster, um nicht 
zu sagen untergeordneter Art. Da gilt es, auch diese ein- 
fachen Dinge in ihrer spezifischen Wichtigkeit zu erkennen, 
praktische Dinge praktisch aufzufassen und ihnen doch einen 
höheren Wert zu geben, auch die technischen Fächer als Unter- 
richtsfächer auszubauen, zu dem Range von Lehrfächern zu 
erheben, pädagogischen Geist auch in die Arbeitszimmer hinein- 
zutragen, die Fortbildungsschulpädagogik würdig einzureihen 
in den Zusammenhang unserer Gesamtpädagogik, vor allem 
unserer sozialen Pädagogik. 

Zum anderen ist die Wichtigkeit unserer Arbeit durch 
den Kreis derer bedingt, denen sie zugute kommt, also der 
ganzen weiblichen Jugend unseres Volkes zwischen 14 und 
18 Jahren, sofern ihr nicht die Möglichkeit einer anderen, 
höheren Ausbildung zu teil wird. Das aber sind verschwin- 
dend wenige im Verhältnis zu der Gesamtzahl. Es sind die 
Tielen, denen wir dienen wollen, die uns wahrlich nicht die 
Tiel-zu-vielen sind; nicht die Hochgestellten und Hochbegabten, 



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sondern die breite Masse^ sie alle, die jungen Töchter nnsere» 
Volkes, auf deren tüchtiger Arbeitskraft und sittlicher Tüchtig- 
keit die Hoffnung der Nation beruht. 

Dadurch aber, daß es sich um die breite Masse handelt,, 
die breiten unteren und mittleren Schichten des sozialen Kör- 
pers (in Preußen allein gehörten eigentlich 661000 erwerbs- 
tätige junge Mädchen dieser Altersstufe in die Fortbildungs- 
schule hinein), dadurch bekommt unsere Arbeit trotz der Be- 
scheidenheit der Mittel und der Ziele eine besondere, in gewissem. 
Sinne eine überragende Bedeutung vor anderen Bildungsanstalten 
für die nachschulpflichtige Jugend, dadurch wächst auch unsere 
Verantwortlichkeit, damit steigert sich auch unsere Sorge, den. 
vielen, die sich uns anvertrauen, die rechten Ziele und Wege 
zu weisen. Eine Klarheit über Ziele und Wege aber ist nur 
zu erlangen, wenn wir uns über die besonderen Aufgaben der 
Fortbildungsschule nach ihrem Inhalt und ihrer Begrenzung^ 
klar sind. 

Diese Aufgaben sind dreifacher Natur : es ist die. ethische,, 
die soziale und die wirtschaftliche Aufgabe der Fort- 
bildungsschule zu unterscheiden, und alsdann zu untersuchen^ 
wie ihre Organisation beschaffen sein muß, um diesen Aufgaben, 
gerecht zu werden. 

Junge, unreife, zum großen Teil auch unbehütete Menschen- 
wesen strömen -;ir,?. ziv T|'> V^.^'Tf.rr.- "?? :^it ihrer ethischen. 
Einwirkung schließt sich hinter diesen jungen Menscneuwü^r^"., 
mit 14 Jahren; kann aber ihre sittliche Erziehung mit 14 
Jahren abgeschlossen sein? Jetzt erst beginnt die Zeit der 
gefährdeten Sittlichkeit, jetzt beginnen die vielfachen Ver- 
lockungen und Versuchungen von außen, die an das heran- 
wachsende Mädchen aus dem Volke herantreten, beginnt für 
die weibliche Jugend die bedeutungsvollste, oft auch die ver- 
hängnisvollste Zeit ihres Lebens. Wer soll diesen jungen, 
noch ungefestigten Charakteren ein Halt, eine sittliche Stütze 
sein? Gewiß sind Haus und Kirche in erster Reihe dazu be-. 
rufen, und gewiß gehen von Haus und Kirche auch heute noch 
Ströme des Segens und höchste sittliche Lebenskräfte aus. 
Aber — wir können die Gründe dafür hier nicht untersuchen 
-r- in unzähligen Fällen versagen sie, und das Arbeitsver- 



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hältnis, in das die erwerbstätige Jugend eintritt, wird heute 
meist als ein rein geschäftliches, nicht als ein sittliches, ein 
erzieherisches Lebensverhältnis betrachtet; ja, ein tiefgewur- 
2eltes Mißtrauen und ein schrankenloser Egoismus von beiden 
Seiten vergiften es oft geradezu. So versagen die früheren, 
traditionellen erzieherischen Mächte: Haus, Kirche, Arbeits- 
leben — immer mehr; es ist eine Forderung der Notwendigkeit^ 
daß neue erziehende Faktoren an ihre Stelle treten, und es 
ist War, daß nur höchste erzieherische Einsicht, höchstes sitt- 
liches Pathos und ein volles Einsetzen des ganzen Menschen 
eine auch nur einigermaßen nennenswerte Wirkung ausüben 
können. Damm auch sind die besten, edelsten Frauenkräfte 
nicht zu schade für die scheinbar so untergeordnete Arbeit der 
Fortbildungsschule. 

Im engsten Zusammenhange mit der ethischen steht die 
«oziale Aufgabe der Fortbildungsschule. Auch in dieser 
Beziehung hat sie eine Mission zu erfüllen. Hier heißt es 
eine schwere Versäumnis gut zu machen, die sich unsere be- 
sitzenden und gebildeten Kreise nicht minder wie unsere 
Staatsregierungen und Kommunalverwaltungen durch Gedanken- 
losigkeit, Mangel an Tatkraft, Mangel an Opferfreudigkeit 
gegenüber der weiblichen Jugend nur allzulange haben zu 
schulden kommen lassen. Denn seit jenen Tagen der großen 
französischen Revolution und den ersten Ansprüchen und For- 
derungen des tiers 6tat bis tief in das 19. Jahrhundert mit 
seinem mächtigen Aufstreben des vierten Standes hat man in 
maßgebenden Kreisen meist nur an den männlichen Teil der 
Bevölkerung gedacht, wenn man der sozialen Gliederung der 
Gesellschaft einiges Nachdenken widmete, wenn man soziale Re- 
volutionen befürchtete oder soziale Reformen anstrebte. Als 
ob in Frauenherzen nicht ebensogut der Groll über die Besser- 
gestellten gähren könnte, als ob Frauen ihre hilflose Lage 
nicht ebenso bitter, ja vielleicht noch bitterer empfänden wie 
der Mann! Hier einzugreifen, theoretisch und praktisch, die 
unklaren Gedanken der Jugend durch ruhige, objektive Beleh- 
rungen zu berichtigen, zu lenken, zu veredeln, und zugleich 
dem jungen Geschlecht zu einem den Kräften und Gaben der 
«einzelnen angemessenen Vorwäiiskommen im Leben zu helfen, 



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das ist die soziale Aufgabe der Fortbildungsschule. Schon die 
Tatsache allein, daß die Frauen der gebildeten Kreise den 
jungen Töchtern des Volkes zu Hilfe kommen, daß sie sie 
geistig heben, daß sie den Begabten das Au&teigen in höhere 
Lebensstellungen erleichtem wollen, daß sie ihrer sozialen 
Pflichten ihnen gegenüber eingedenk sind, besänftigt in tau- 
send Fällen die erregten und verbitterten Gemüter und bringt 
einen Schimmer sozialer Versöhnung in den Kampf sozialer 
Leidenschaften. 

Wiederum in engster Verbindung hiermit steht die 
praktisch-wirtschaftliche Aufgabe der Fortbildungs- 
schule, die so riele als ihre einzige Aufgabe gelten lassen 
wollen. Es ist längst zum Gemeinplatz geworden, daß in 
unserem Zeitalter, wo Wissenschaft und Technik eine schier 
unübersehbare Reihe ungeahnter Entdeckungen und Erfindungen 
beraufgeführt haben, alle wirtschaftlichen, alle Erwerbsverhält- 
nisse eine totale Umwandlung durchgemacht haben, daß in 
diesen Umschwung aller Verhältnisse auch das Frauenleben 
mit hineingerissen ist Während sich aber alles rings um uns 
her verändert hat, ist die Mädchenbildung in der Volks- 
schule im wesentlichen dieselbe geblieben und mußte dieselbe 
bleiben; denn die Volksschule gibt Grundlagen allgemein 
menschlicher Bildung, keine Fach-, keine Berufsbildung. So 
wird das junge Mädchen aus dem Volke mit 14 Jahren hinaus- 
gestoßen in den Kampf des Erwerbslebens, ohne von allem, 
was in unserem modernen Wirtschaftsleben not tut, auch nur 
das geringste zu verstehen. Und die traurigen Folgen dieser 
wirtschaftlichen Untüchtigkeit bleiben nicht aus. Sie werden 
herumgestoßen und gedrückt — die einen als „ungelernte 
Arbeiterinnen" in den Fabriken, die anderen in schlecht- 
besoldeten geschäftlichen Stellungen untergeordnetster Art, 
noch andere bei Schleuderarbeit mit Hungerlöhnen — sie werden 
physisch, und wie oft auch moralisch zugrunde gerichtet. 

Hier nun setzt die praktische Aufgabe der Fortbildungs- 
jschule ein, indem sie, mit Berücksichtigung der heutigen 
Erwerbsverhältnisse, die jungen Mädchen aus dem Volke be- 
fthigt^ wenn auch in einfachster Lebensstellung, ihr Brot in 
Ehren zu verdienen. Ein bescheidenes Ziel, aber eines, 



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das jeder Anstrengang wert ist. Die Fortbildungsschule mu£ die 
grundlegende berufliche Ausbildung geben für alle ein« 
fachen Beruf ssteUungen, die für die große Masse unserer 
weiblichen Jugend geeignet erscheinen. Zugleich ist es not- 
wendig, auf etwa neu sich eröffnende Berufsarten stetig das 
Augenmerk zu richten und die Vorbereitung dafür zu gegebener 
Zeit in den Plan der Schule aufzunehmen. Die Vorbereitung für 
höhere Arbeitsleistungen und höhere Stellungen müssen wir frei- 
lich der Fachschule, der Handels- und Gewerbeschule, überlassen. 

Aber die praktische Aufgabe der Fortbildungsschule ist 
hiermit noch nicht vollständig charakterisiert. Denn dadurch 
unterscheidet sich ja naturgemäß das Leben des Mädchens 
von dem des jungen Mannes, daß hier für die Mehrzahl nach 
einer kürzeren oder längeren beruflichen Tätigkeit mit der 
Verheiratung die Übernahme ganz neuer und andersgearteter 
Pflichten folgt, ja, daß auch das unverheiratete Mädchen nicht 
so losgelöst von allen häuslichen Pflichten und Obliegenheiten 
ist als dej Mann. Auch für ihre häuslichen Pflichten, auch 
für das Amt der künftigen Hausfrau und Mutter haben wir 
also unsere jungen Fortbildungsschülerinnen auszurüsten. Denn 
daß die frühere traditionelle Unterweisung in der Familie 
für die Familie heutigentags nicht mehr ausreicht, da» 
wissen alle Kenner unseres Volkslebens. Da sind die un- 
zähligen Familien, in denen die Mutter gleich dem Vater von 
früh bis spät außerhalb des Hauses beschäftigt ist; da sind 
die anderen Familien, in denen sie auch durch ihre eigene 
wirtschaftliche Untüchtigkeit außerstande ist, ein Vorbild 
hausfraulichen Waltens, ein Vorbild der Sorgsamkeit, der Spar- 
samkeit, der rationellen Wirtschaftsführung zu sein. Ein überaus 
wichtiges Stück unserer Arbeit ist also gerade hier zu leisten, 
und hier berührt sich unsere Aufgabe ganz nahe mit der der 
eigentlichen Haushaltungsschulen. 

Die praktische Aufgabe der Fortbildungsschule gliedert 
sich demnach in zwei Teilaufgaben: Ausbildung fdrdasHaus. 
und Ausbildung für das Erwerbsleben, und allen unseren 
Schülerinnen ohne Ausnahme sollte diese doppelte Ausbildung 
zuteil werden- Diesen mannigfachen Aufgaben hat nun die 
Fortbildungsschule durch ihre Organisation Rechnung zu 



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tragen und dabei ihren Doppelcharakter als Erziehnngs- 
und Berufsschule bestimmt zu wahren. Sie hat also: 

1. diejenigen Fächer zu pflegen, die der Allgemein« 
Ml düng der weiblichen Jugend dienen; 

2. diejenigen, die eine elementare hauswirtschaft-^ 
liehe Bildung geben; 

3. diejenigen, die ftir den besonderen Beruf der einzelnen 
Schälerin notwendig sind. 

Der geistig-sittlichen Bildung der weiblichen Jngend dient 
in unseren Schulen vor allem der Unterricht im Deutschen. 
E^ bildet als unser wichtigstes ethisches Fach den Mittelpunkt 
unserer gesamten Fortbildungsschularbeit In Verbindung mit 
Besprechungen aus dem Gebiete der Gesundheitsie hre^ 
der Erziehungslehre, der Volks wir tschaft sichre und 
Bürgerkunde gewinnt er an realem, für das Frauenleben,, 
wie für unser ganzes modernes Leben überaus wichtigem Ge* 
halte, ohne doch an idealem Werte einzubüßen. Zeichnen 
und Gesang bringen in den meisten Fortbildungsschulen daa 
Moment des Schönen auch in unsere volkstümliche Jugend- 
erziehung hinein, und gymnastische Übungen dienen 
sowohl der Kräftigung des jugendlichen Körpers, wie der Er- 
höhung des jugendlichen Frohsinns. 

Als elementare hauswirtschaftliche Fächer gehören 
in die Fortbildungsschulen: einfaches Hand- und Maschine- 
nähen, Ausbessem und Stopfen, einfaches Schneidern und 
Plätten, Kochen und hauswirtschaftliche Rechnungsfahiimg 
ergänzt durch Erziehungs- und G^sundheitslehre, von denen 
bereits gesprochen worden ist. 

Was die berufliche Ausbildung betrifft, so gliedert sie 
sich in einer voll ausgebauten Fortbildungsschule im wesent- 
lichen nach drei Bichtungen: den einen ist eine kauf- 
männische Ausbildung zu geben, die sie zur Übernahme 
einfacherer kaufmännischer und Bureaustellungen befähigt^ 
mit: Bechnen, Buchführung, Korrespondenz, kaufinännischem 
Schreiben, Stenographie, Maschineschreiben usw., fakultativ 
auch den fremden Sprachen; den anderen eine feinere haus* 
wirtschaftliche Ausbildung, die sie zum Dienst in fremden 
Familien tüchtig macht; den dritte die erste gewerbliche 

Franenkongrefi. & 



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Vorbereitimg für den Bemf der Schneiderin, Putzmacherin, 
Wäschenäherin nsw. In den Plan der ländlichen Fort- 
bildungsschulen gehören noch die Grundlagen der Meierei, 
Geflügelzucht, des Obst- und Gemüsebaues, während die Fort- 
bildungsschulen für Fabrikarbeiterinnen sich nur den allge- 
meinen Normen anzuschließen haben. So wird für die beruf- 
liche Ausbildung eine Gliederung nach Berufsklassen 
erforderlich, wie dies auch in der männlichen Fortbildungs- 
schule der Fall ist 

Von diesen Grundprinzipien ausgehend, sind nun die yer- 
schiedenartigsten Formen der Fortbildungsschule denkbar, und 
auch tatsächlich vorhanden: ganz kleine ländliche, allgemeine 
einfache, hauswirtschaftliche, höhere gewerbliche und kauf- 
männische Fortbildungsschulen, bis zu den großen Organisa- 
tionen, die fast den Rahmen der Fortbildungsschule sprengen, 
ihren Schülerinnen aber auch reichliche Gelegenheit zu tüch- 
tigem und fröhlichem Lernen bieten. (So hat sich z. B. die 
älteste deutsche Mädchenfortbildungsschule, die zu Leipzig, 
allmählich zu einer „Schule für Frauenberufe^ ausgewachsen. 
Die Viktoria-Fortbildungsschule in Berlin, deren pädagogische 
Leitung mir anvertraut ist, hat in ihren Abendklassen den 
Charakter einer allgemeinen einfachen Fortbildungsschule und 
entwickelt sich in ihren Tagesklassen immer mehr zu einer 
höheren gewerblichen und kaufmännischen Fortbildungsschule.) 

Die Organisation der Fortbildungsschule hat sich also 
ebenso den ihr zufallenden Aufgaben wie den realen Lebens- 
verhältnissen anzupassen, in denen unsere Schülerinnen stehen. 
Und da liegt es auf der Hand, daß für die unbemittelten 
Mädchen aus dem Volke, die bald nach dem Austritt aus der 
Schule in die praktische Erwerbsarbeit eintreten müssen, immer 
nur einzelne wenige Standen in der Woche zu ihrer Weiter- 
bildung frei sein werden. Das ist es, was unsere Arbeit so 
unendlich viel schwerer macht, als die in den Fachschulen, den 
Tagesvollschulen, mit ihrer reichen Stundenzahl. Auch die 
obligatorische Fortbildungsschule, die wir in Preußen wie in 
den meisten deutscheu Staaten erst von der Zukunft erhoffen, 
wird daran nichts ändern können. Denn was wir als ein 
wirklich Erreichbares von der Fortbildungsschule der Zukunft 



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ibrdem dürfen, ist doch nur dies: eine 3jährige Fortbildnngs* 
:schnlpflicht und 8 obligatorische Stunden in der Woche, von 
«denen etwa 2 für die Allgemeinbildnng, 2 i^r die hauswirt- 
«chafüiche nnd 4 für die Berufsbildung der jungen Mädchen 
izu bestimmen wären. Daneben eine Anzahl fakultativer Stunden 
(für besonders strebsame Schülerinnen. 

Nur höchste pädagogische Kunst, nur das durchdachteste 
Methodische Verfahren kann uns bei der Bewältigung der 
Fülle dieser Aufgaben helfen. Nur Lehrkräfte ersten Ranges, 
«die fachlich und methodisch speziell ausgebildet sind, sind hier 
:am Platze. Daß aber die Lehrkräfte der Mädchenfortbildungs- 
:schule in erster Linie Lehrerinnen, Frauen, sein müssen, 
daß die Erziehung der weiblichen Jugend vor allem Frauen- 
;sache ist, das brauche ich in diesem Kreise nur anzudeuten. 
Es ist ein weites Feld segensreichster Frauenarbeit, das sich 
:uns hier erOfhet., ein Feld, auf dem in Deutschland seit etwa 
30 Jahren von selten der Frauenvereine treulich gearbeitet 
neird, auf dem aber noch unendlich viel zu tun ist Was 
unsere deutsche Gesetzgebung in bezug aof die Mädchenfort- 
bildungsschule bestimmt, was Staat und Gemeinde für sie 
•opfern, das ist bitter wenig im Vergleich zu den Aufwendungen 
iür die männliche Jugend, bitter wenig angesichts der Not in 
weiten Kreisen der lohnarbeitenden Frauen. Und doch ist 
niemand über den ursächlichen Zusammenhang von Volks- 
wohlfahrt und Jugendbildung im Zweifel Was wir fördern 
müssen, ist eine Änderung der Gesetzgebung; um was wir 
bitten müssen, das ist die tatkräftige Unterstützung aller 
Freunde des Volkes und der Jugend. Aber — wieviel es auch 
au wünschen gibt — die Grundlinien unserer Arbeit sind ge- 
zogen, die Grundprinzipien sind geklärt, die Führerinnen sind 
yorangeschritten; jetzt gilt es, ihnen zu folgen und bei der 
täglichen Kleinarbeit, bei Schneidern und Ausbessem, bei 
Buchführung und Maschineschreiben nicht zu vergessen, daß 
^uch dies ein Stück Kulturarbeit ist, daß die ökonomische 
Unabhängigkeit, zu der wir unsere Schülerinnen führen wollen, 
zugleich von höchster moralischer Bedeutung ist, daß eine 
Ifation um so höher steht, je höher die Töchter und Frauen 
AUS dem Volke stehen." 

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•^ 68 — 

Es folgte hierauf das Eeferat yon Fröken ElineHansea:* 
Dänemark fiber: 

Die hauswirtschaftliche Bildung der Mädchen bi Dänemark. 

„Der hauswirtschaftliche Unterricht in den dänischem 
Mädchenschulen ist nicht viele Jahre alt — mein Referat ist 
die Schöpfangsgesdiichte unserer Schulküchen — aber es hat 
in gewissen Kreisen nicht an Interesse dafür gefehlt, und ick 
möchte gleich betonen, daß es in Dänemark die Vorkämpferinnen. 
der Frauenbewegung waren, die auch auf diesem Gebiete tätig 
gewesen sind. Seit Ende des vorigen Jahrhunderts ist ist 
Dänemark wie in anderen Ländern ein Rückschritt in der 
häuslichen Tüchtigkeit der Frauen augenscheinlich. Die ver- 
schiedenen Gründe gehören nicht hierher; sie werden gewiß- 
anderswo auf diesem Kongresse behandelt werden* Es dient 
aber den Vertreterinnen unserer Frauenbewegung zur Ehre^ 
daß sie diese gute alte Sache nicht von sich gewiesen oder* 
vergessen haben im Kampfe um die neuen großen Ziele. Wir* 
kennen ja alle die Beschuldigung, daß die Frauenbewegung* 
die Frauen vom Heim losreißen will; aber wir wissen auch,, 
daß sie nicht wahr ist. Wir woUen die Frauen gerade für 
den häuslichen Beruf als erste Aufgabe ^ziehen und haben 
uns das Ziel gesetzt, sie häuslich auszubilden, ehe sie sich, 
auf anderen Feldern je nach Bedarf zum Selbsterwerb aus- 
bilden können. Wir Wünschen gerade diese Arbeit zu erhöhen 
sowohl in den Augen der Männer als in denen der Frauen 
selbst. Darum fordern wir, daß dieser Unterricht auf die. 
Kenntnis des menschlichen Körpers, Ernährung der Kinder 
und Erwachsenen, Gesundheitspflege usw. ausgedehnt werde.. 
Wir wünschen durch systematischen Unterricht der Jugeni 
größere Tüchtigkeit beizubringen und ihr die Zukunft dadurch, 
zu erleichteru. 

Eine Partei der Frauenbewegung hat dem allgemeinen 
hauswirtschaftlichen Unterricht junger Mädchen Widerstand 
geleistet. Sie wenden ein, daß es eine Reaktion sei, die den 
Frauen die Konkurrenz mit den Männern schwierig machen 
würde. Die Freunde der Sache, die zugleich den Frauen alle 
mögliche Freiheit gönnen, meinen dag^^n, daß dieser Unter-- 



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— 69 - 

rieht fftr die jungen M&dcben im a%emeinen gesnnd, ab- 
härtend tind entwickelnd sei^ and wünschen ihn als dne Art 
Wehrpflidit der Franen. 

Es ist der älteste Franenverein Dänemarks „Dansk Kvinde- 
samfand^, welche die Arbeit für diese Sache begonnai hat. 
Schon 1885 wnrde ein Gesuch an die Kommnnalyerwaltnng: 
in Kopenhagen eingereicht, einen Versuch mit Eochnnterricht 
machen zu dürfen. Wir hatten schon damals Schülerspeisang 
in den Volksschulen während der Wintermonate. Eine Lehrerin 
liatte sich erboten, mit Hilfe der Mädchen der ältesten Klasse 
dieses Essen zu bereiten. Das Gesuch wurde nicht bewilligt, 
nnd es ist ja auch nicht die rechte Weise^ die Sache durch- 
izuführen. Dagegen hat die Erfahrung bestätigt, daß man 
«chon in der Schule anfangen muß. Man gab also nicht die 
Sache selbst auf, sondern kam mit anderen Plänen, mit Zeich- 
nungen von Schulküchen usw. Lange dauerte es, bis man 
sich Gehör verschaffen konnte. Schließlich rückten die Tat- 
sachen immer näher. Die Vorkämpfer brauchten nicht länger 
ihre Beispiele von fernen Ländern wie Deutschland, Schweiz 
und England zu holen; bei unseren nächsten Nachbarn, Nor- 
wegen und Schweden, blühten die Schulküchen bereits. Es 
ist bezeichnend, daß wir solange gekämpft haben, um die 
Männer auf diesem Gebiete zu überzeugen, da sie es doch 
•flonst lieben, uns an den Kochtopf zu weisen. Es war eben 
unsere Fähigkeit, selbst über' die Frage zu entscheiden, die 
sie solange nicht anerkennen wollten. Endlich aber haben 
wir Bundesgenossen unter den Männern gewonnen, die diesen 
Unterricht im Auslande entdeckten und, wie sie meinten, 
mit dieser ganz neuen Errungenschaft nach Hause kamen. 

Es war die höhere Töchterschule, die die erste Küche 
aufweisen könnt«. 1897 fing es endlich an zu keimen, die drei 
ersten Schulküehenlehrerinnen wurden ausgebildet, zwei bei dem 
norwegischen Staatskursus in Kristiania, die dritte bei Fräulein 
Förster in Kassel Die eine in Kristiania ausgebildete Lehrerin 
war von Fräulein Winteler in Odense hingeschickt worden, 
und diese in der dänischen Schulwelt sehr bekannte Dame 
ließ auf eigene Kosten eine Musterküehe einrichten. In Kopen- 
hagen wurde im selben Jahr eine private Schulküche von 



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— 70 — 

Fräulein Buch eingerichtet, wo die in Kassel ansgebildet» 
Lehrerin ihren Unterricht anfing. Diese Dame hatte schoifc 
1892 eine Fortbildungsschule für junge Mädchen, gegründete 
Eine beschränkte Anzahl Mädchen von der Volksschule be- 
kommeo hier unentgeltlich einen zweijährigen Unterricht 1897 
fügte sie den hauswirtschaftlichen Unterricht hinzu. In dieser 
mit großen persönlichen Opfern eingerichteten Küche wurde 
von der Schuldirektion 1898 Saum gemietet für einen Versuch: 
mit drei freiwilligen Klassen der Volksschule. Diese drei 
Klassen wurden von der zweiten in Kristiania ausgebildeten! 
Dame, einer examinierten Volksschullehrerin, unterrichtet. 
1897 hatte die Kommunalverwaltung Kopenhagens eine Abend* 
fortbildungsschule begonnen. Hier worden junge Männer und. 
Mädchen von 14 bis 20 Jahren unterrichtet, 1898 wurde auck 
schon hauswirtschaftlicher Unterricht als Tagesunterricht für 
Frauen hinzugefügt. Auch diese Schülerinnen mußten in der 
Küche von Fräulein Buch untergebracht werden, weil immer 
noch keine anderen Räume vorhanden waren. Der Versuch 
fiel sehr glücklich aus, sowohl für die Erwachsenen als für die 
Kinder; Behörden, Eltern und Schüler, alle waren zufrieden. 
1897 hatte auch die Nachbarkommune Frederichsberg eine 
Schulküche gebaut. 

1899 wurde endlich die erste Schulküche von der Stadt 
Kopenhagen in einer der neuesten Schulen eingerichtet u. z» 
im obersten Stock, ganz unter dem Dache. Wir ziehen die» 
vor wegen der besseren Beleuchtung, wenn die Küche nicht 
in einem selbständigen Gebäude untergebracht werden kann. 
Unter dem Dache haben wir Oberlicht und keinen Speisegeruck 
im Hause. Freiwillig meldeten sich von dieser und benach- 
barten Schulen 160 Schüler, die in acht Abteilungen außer 
der Schulzeit unterrichtet wurden. Schon das nächste Jahr,. 
1900, wurde der Unterricht obligatorisch für zwei Schulen und 
in der sechsten Klasse. 

Unsere Volksschule ist in 6 Klassen geteilt, doch mit 
Schulpflicht für 7 Jahre, vom 7. — 14. Außer den secha 
Klassen haben wir ooch eine siebente, die „Abgangsklasse^ 
genannt; diese ist aber nicht obligatorisch, nicht alle Schulen 
haben eine solche, und nur die tüchtigsten Schüler kommen 



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- 71 — 

hinein. Damm haben wir die sechste Klasse fBr diesen Unter- 
richt gewählt^ weil wir wünschten, daß so viele wie möglich 
daran teilnehmen möchten. Leider kommen anf diese Weise 
aber die Schüler oft zn jnng znm Unterricht Unser Schnlplan 
wird indessen znrzeit in einer Kommission yerhandelt, und wir 
hoffen auf eine siebente Klasse, dann wii'd der hauswirtschaft- 
liehe Unterricht in diese verlegt werden. 

Unsere Volksschulen werden viel benutzt Eine Abteilung 
von Kindern kommt von 8 bis 1, eine andere von 1 bis 6 in 
dieselben R&ume. In der sechsten Klasse haben die £[inder 
30 Schulstunden die Woche, 4 werden für den hauswirt- 
schaftlichen Unterricht verwendet; 1 Stunde wird für die 
„Demonstration^ gebraucht, die 3 anderen für die praktische 
Arbeit Die Demonstrationsstunde hat man am liebsten nicht 
an demselben Tag wie die praktische Arbeit Die Küchen 
werden zweimal des Tages für praktische Arbeit gebraucht 

Ich möchte hier noch ein paar Worte von der Methode 
sprechen. Wir haben uns meist nach norwegischem Muster 
eingerichtet^ das eine Verbindung von dem deutschen und dem 
englischen System darstellt Von dem deutschen haben wir 
die Einteilung in Familien oder Gruppen, von dem englischen 
die Demonstration. Hierbei bespricht und bereitet die Lehrerin 
das Gericht, welches die Kinder in der folgenden praktischen 
Lektion bereiten sollen. Die ersten 6 Wochen werden für 
die Einübung aller Küchenarbeiten verwendet und nur sehr 
wenig Essen bereitet Später werden immer zwei Gerichte zu- 
bereitet^ jeden Tag wird gebacken und gewaschen. Die E^inder 
waschen selbst alle Wäsche, die in der Küche gebraucht wird. 
Das zubereitete Essen wird unentgeltlich verabreicht, die 
Kommune trägt alle Kosten; nur das Gebäck bezahlen die 
Kinder, um es mit nach Hause zu bringen. Natürlich reinigen 
sie auch alles Geschirr und die Küche. Die normierte Zahl 
für unsere Schulklassen ist 36 Kinder; so viele befinden sich 
aber selten in der sechsten Klasse, doch haben wir sehr oft 
30, und auch diese Zahl ist noch ziemlich hoch. Wir hoffen, sie 
wird niedriger werden, wenn wir das „Siebenklassensystem^ ein- 
führen. Man hält auch diesen Unterricht für beschwerlicher als den 
in den anderen Schulfächem; 2 Stunden werden wie 3 berechnet 



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Seit dem Jahre 1899 sind nun noch viele Schulkfichen 
hinzugekommen, jedes Jahr wurden neue in Kopenhagen ein- 
gerichtet, dies Jahr sogar 3; wir haben jetzt deren 10 — 
mit Frederichsberg 12 — und durchschnittlich werden jährlich 
200 Kinder in jeder unterrichtet; viele gehen 2 Jahre in 
die sechste Klasse und kommen alsdann auch 2 Jahre in 
die Schulküche. In den Volksschulen Kopenhagens wird in 
den Küchen nur von examinierten Lehrerinnen unterrichtet, 
die sich nachher für dieses Fach ausgebildet haben. Wie Sie 
sehen, meine Damen, da wir erst einmal angefangen hatten, 
ist es auch sehr schnell vorwärts gegangen. Dafür müssen 
wir ganz besonders unserem jetzigen Schuldirektor, Professor 
Bauditz danken. 

Die Kommunalverwaltung hat, um sich geeignete Kräfte 
für diesen Unterricht zu sichern, Lehrerinnen sowohl im Aus- 
lande als im Inlande ausbilden lassen. Der obengenannte 
Fortbildungsunterricht des „Dansk Kvindesamfnnd^ ist auch 
immer erweitert worden, hat seine eigene Küche bekommen 
und hat seine eigene Vorsteherin. In dieser Küche werden 
wöchentlich 12 Abteilungen von jungen Mädchen unterrichtet, 
jeden Tag 2 Abteilungen, jede Lektion dauert 5 Stunden. 
Der Unterricht fängt Oktober an und dauert bis Juni, in allem 
.40 Lektionen. Die Schüler bezahlen 3 Kronen für die ganze 
Zeit. Da wir auch einen Abendkursus errichteten, war der 
Andrang so groß, daß wir auch die Kinderküchen mit in Ge- 
l>rauch nehmen mußten. Die Anzahl der Schüler beträgt dieses 
Jahr 660. 300 haben sich für Abendunterricht gemeldet, diese 
bekommen jede Woche 2 Lektionen, jedesmal 3 Stunden. Es 
gibt Fortbildungsunterricht für die Mädchen, die von den 
Volksschulen kommen und schon dort in dieäem Unterricht 
teil genommen haben. Gleichzeitig betone ich, daß die höhere 
Töchterschule sogar die Volksschule übertroffen hat. Neben 
Fräulein Winteler in Odense hatte auch die Schulvorsteherin 
Fräulein Karen Kjaer in Kopenhagen eine Schulkücbe errichtet, 
und gegenwärtig haben 7 höhere Töchterschulen solche, mit 
obligatorischem Kochunterricht. In 3 dieser Schulen ist der 
Unterricht zweijährig und ist auf das 8., 9. oder 10. Schuljahr 
gelegt. Die Methode ist ungefähr dieselbe wie in den Volka- 



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— 73 — 

schalen, die SchUer müssen dieselben Arbeiten ausf&hren nnd 
essen auch selbst, was si^ zubereitet haben; sie zahlen aber 
selbstverständlich einen monatlichen Beitrag dafür. 

Alle unseren höheren Töchterschulen sind privat, und diese 
Efichen sind mit großen Kosten verbunden. Dieser Gegenstand 
hat aber in den Augen der Volksschulkinder grofies Ansehen 
erreicht, seit auch die Mädchen der höheren Schulen dieselben 
Arbeiten ausfähren müssen. In vielen anderen dänischen 
Städten wird der Unterricht gewiß bald eingeführt werden, 
mehrere Privatsidiulen haben ihn schon. Einige Volksschulen 
haben Küchen ohne Lehrerinnen, andere haben Lehrerinnen 
x)hne Küchen. 

Endlich hat auch der Staat sich der Sache angenommen. 
1899 wurden 6000 Kronen jährlich för die Lehrerinnenausbildung 
bewilligt. Der betreflFende Antrag wurde vom Lehrerinnen- 
verein der höheren Töchterschule und von dem der Volksschule 
unterstützt. Die Ausbildung fing als eine 4 monatliche an, 
nach 2 Jahren wurde sie auf ein ganzes Jahr ausgedehnt. 
Die Ausbildung ist damit eine weit gründlichere geworden. 
Unterricht in Chemie bekommen die Schülerinnen auf der 
polytechnischen Hochschule, die pädagogische Erziehung in 
einer der Volksschulküchen; der praktische Unterricht hat 
leider bisher eine unruhige Existenz geführt, der hat nämlich 
über keine eigene Küche verfügt, sondern zur Miete gewohnt. 
Dieses Jahr hat indessen die „Lehrerhochschule des Staats" 
ihr eigenes Gebäude bekommen, und dort wird auch für den 
Kochunterricht eine Küche eingerichtet. Bei diesem Kursus 
werden Lehrerinnen sowohl für Volksschulen und höhere 
Töchterschulen, als auch für Haushaltungsschulen ausgebildet. 
Auch Fräulein Lang in Silkeborg hat eine Ausbildung für 
Schulküchenlehrerinnen an ihrem Seminar. Sowohl Staat wie 
Kommunalverwaltung haben Stipendien an Koch- und Haus- 
haltungsschullehrerinnen gegeben, die die Sache in Deutschland, 
England, Schottland und Belgien studiert haben. 

Auch viele Haushaltungsschulen sind nach dem Vorbilde 
der Schulküchen eingerichtet worden. Man findet sie sowohl 
•in den Städten als auf dem Lande, in Kopenhagen selbst eine 
vorzüglich geleitete Haushaltungsschule von Fräulein Ingeborg 



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— 74 — 

Suhr, die letztes Jahr vou mehr als 200 Scbfilem besucht 
wurde. Eine dieser Schulen, die in Sorö, wird von Bauern- 
töchtem frequentiert, sie hat Platz ffir 55 Schüler und ist 
immer besetzt. Von dieser Schule werden Wanderlehrerinnen 
ausgebildet und ausgeschickt Der Unterricht der Wander- 
lehrerinnen ist ein Demonstrationsunterricht und wird von den 
landwirtschaftlichen Vereinen gefördert. Ein Kursus besteht 
aus 18 Lektionen; im Winter 1903 wurden 25 Lehrerinnen 
ausgeschickt, zwischen 14 — 15000 Bauernfrauen nahmen an 
diesem Unterricht teil. 

Die Ausbildung von Wanderlehrerinnen wird ebenfalls vom 
Staat unterstützt. Die Vorsteherinnen dieser Schule haben 
sich die Aufgabe gesetzt, die Kenntnisse für Gemüse- und 
Gartenbau auszubreiten und den Schülern die Anwendung der- 
selben beizubringen. Ein Unterricht in Bereitung von Speisen 
für Kranke und von vegetarischen Speisen, im Einkochen und 
in Trocknung von Obst und Gemüse ist damit verbunden. 

Unsere staatliche Schule für Ackerbau ist Frauen immer 
zugänglich gewesen. Sie erhalten hier Unterricht in Chemie, 
Botanik usw., ehe sie sich als Haushaltungslehrerinnen aus- 
bilden. Es ist unsere Hofhung, daß der Staat eine besondere 
Schule für Haushaltungslehrerinnen bei dieser Hochschule er- 
richten wird. Das letzte Jahr hat auch der „Dansk Kvinde- 
samfund^ einen Wanderunterricht begonnen, nicht bloß als 
Demonstrationsunterricht, sondern auch mit praktischer Arbeit. 
Er wird erteilt an Arbeiterfrauen in Kopenhagen und an 
Frauen in Städten und auf dem Lande in verschiedenen 
Gegenden von Dänemark. Die Lehrerinnen sind bei dem 
Staatskursus ausgebildet worden. 

Doch die Haushaltungsschulen sind eigentlich nicht das 
Objekt meines Beferates; ich wünschte nur zu betonen, daß 
man der Haushaltungskunde viel Interesse in unserem Lande 
entgegenbringt, und daß wir auch auf diesem Gebiete inter- 
national arbeiten, indem wir der Bewegung in anderen Ländern 
folgen. Die Vorsteherin der staatlichen Lehrerinnenausbildung 
ist eben von einem Winteraufenthalt in New York und Boston 
nach Hause gekommen« Wir haben auch zu erfahren gewünscht, 
wie die praktischen Amerikaner diese Sache handhaben, über- 



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— 75 — 

zeagt, daß wir auch auf diesem Gebiete von ihnen lemeit 
könnten. Jede Nation kann ja von der anderen lernen, es 
kommt nur darauf an, das neue so in sich aufzunehmen, daft 
es von der eigenen Nationalität sein Gepräge erhält/ 

In der anschließenden Diskussion betonte Frau Pauline 
Bohn« Königsberg besonders die ethische Bedeutung der Fort- 
bildungsschule. FrL Wönck haus* Berlin erörterte eingehend 
die Notwendigkeit der fachmännischen Ausbildung der kauf- 
männischen Angestellten. FrL Nouvel-Breslau sprach über 
die Fortbildungsschule in Breslau, Frau Zurlin den« Bern 
über die der Schweiz, deren obligatorische Einrichtung freilich 
auch noch ein in weite Feme gerücktes Ziel ist. Frau Baronin 
Stelden^^München sprach von der schon vorgeschrittenen 
Fortbildungsschule in München, wo als achte Schulklasse eine 
Fortbildungsklasse bereits obligatorisch eingerichtet ist. FrL 
Herz »Dresden berichtete von Versuchen, durch freiwillige 
Arbeit an der Fortbildungsschule ihrer obligatorischen Ein- 
fuhrung vorzuarbeiten. 

FrL Auguste Förster«Cassel erhielt sodann das Wort 
zu ihrem Referat über 

Die hau8wirt8chafHiche Unterweisung in deutschen Schulen. 

Das 19. Jahrhundert, das so oft das Jahrhundert der Schulen 
und der Naturwissenschaften genannt wird, hat in seinen 
beiden letzten Jahrzehnten auf dem Gebiete der praktisch ange- 
wandten Naturwissenschaft Bildungsgelegenheiten für Mädchen 
erschlossen, in denen LehrgegenstlUide schulgemäß bearbeitet 
werden, die man bis dahin ohne weiteres dem Hause, der 
Küche und der Mutter überließ — die man durchaus nicht 
für würdig hielte Lehrstoffe für Schulen zu werden. Es kann 
uns daher nicht wundern, daß, als die Arbeiten der Hausfrau 
zuerst eine systematische Unterrichtsbehan'dlung erfuhren, sich 
neben freudiger Anerkennung Einzelner lauter Widerspruch und 
Spott von Seiten vieler Lehrer und Hausfrauen erhob. Diese 
aus Mangel an Verständnis und Anschauung entstandene 
Gegnerschaft beruhigte sich jedoch verhältnismäßig schnell, 
als erst Gelegenheit zum Kennenlernen des neuen Unterrichts- 



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— 76 — 

faches gegeben war. Aber die wachsende Anerkennung gründete 
«ich anf dreierlei verschiedene Auffassung. Aus Nützlichkeits- 
gründen freuten sich die Eltern der Volksschulschülerinnen, 
daß ihre Kinder etwas Praktisches, fürs Hans Anwendbares 
lernten, und aus ähnlichen Gründen hofften die Hausfrauen, 
mit der Zeit besser geschulte Dienstmädchen erhalten zu können. 
Volksfreunde erhofften sozialwirtschaffcliche Erfolge von der 
"besseren hauswirtschaftlichen Unterweisung, sie versprachen 
sich davon eine Hebung des Volkswohls. Als beste Freunde 
und Förderer aber müssen wir diejenigen ansehen, die neben 
der nützlichen und sozialen die große erziehliche Bedeutung 
«rkannt haben, die einsehen, welch reicher Bildungsstoff bei 
richtiger Verarbeitung und Darbietung der hauswirtschaftlichen 
Tätigkeit geboten werden kann. Diese Tätigkeit erscheint 
nicht mehr als eine rein mechanische, wenn der Kopf die 
arbeitende Hand leitet, d. h. wenn die Vorgänge dem Ver- 
ständnis näher gebracht sind, wenn die Arbeitenden nach 
Ursache und Wirkung, nach Zusammenhang der Erscheinungen 
fragen und so eine Denkarbeit, eine sinnvolle Beschäftigung 
an den praktischen Vorkommnissen des häuslichen Lebens 
finden. 

Mit dem schulgemäß angeeigneten Können erwächst den 
Mädchen Verständnis för die wichtige, vielseitige Aufgabe der 
Hausfrau und die Freudigkeit, sich dieser Aufgabe mit allen 
Kräften zu widmen. Das innere Leben gewinnt einen wert- 
•vollen Inhalt, und wer Hand und Auge geschickt gemacht hat, 
dem stehen größere Möglichkeiten zu Gebote, dies innere rege 
Leben im Dienste der Familie und größerer Gemeinsamkeiten 
zum Ausdruck zu bringen -- nicht nur nützlich, auch be- 
glückend und beglückt zu wirken. 

Dieser Einsicht folgend, halten wir Freunde hauswirt- 
schaftlicher Unterweisung dieselbe nicht nur für notwendig 
für die Mädchen der arbeitenden Klassen; wir wünschen, daß 
sie allen heranwachsenden Mädchen zuteil werden möchte in 
Stadt und Land. Dazu ist in der kurzen Zeit, in der bei uns 
die Frage der hauswirtschaftlichen Unterweisung der Mädchen 
in Schulen erörtert worden ist (es sind kaum 20 Jahre), ein 
sehr erfreulicher Anfang gemacht. Sehr verschiedenartig er- 



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— 77 — 

scheinen uns die jetzt schon errichteten zahlreidien Schnlen, 
die doch alle dem gleichen. Zweck dienen, demselben Ziele zu- 
streben. 

Die Verschiedenartigkeit wird bedingt: 
I. durch Alter und Art der Schülerinnen. Diese gehören 
der Volks-, der Fortbildungsschule an, oder sind er- 
wachsene Mädchen aus Stadt und Land; 
n. durch die Vorbildung der Schülerinnen; 
IIL durch die Veranstalter und Kostenträger: a) städtische 
Verwaltungen; b) der Staat selbst; c) Vereine: Volks- 
oder vateiiändische, gemeinnützige; d) Fabrikbesitzer 
für ihre Arbeiterinnen, für Töchter ihrer Arbeiter;: 
e) Privatunternehmer. 
Je nach den erwähnten Unterschieden und Unterlagen 
eriiaJitai die Schulen ein bestimmtes Gepräge und gestaltet 
sich der Betrieb. Die Schülerinnen müssen für die Bedür&isse 
und Ansprüche der Bildungsklasse erzogen werden, der sie 
angehören. Der Lehrstoff ist überall gleich, erfährt nur 
Beschränkung oder Erweiterung je nach dem niedrigeren oder 
höheren Bildungskreise. 

Lassen Sie uns aus der großen Zahl der Anstalten, zu- 
nächst nur drei Arten berücksichtigen: 

L Volks- und Fortbildungsschulen. In diesen ist 
hauswirtschaftliche Unterweisung ein Fach neben vielen anderen^ 
dem einige Stunden der Woche gewidmet werden. 

2. Kochschulen für Erwachsene, in denen nur ein 
Hauptzweig der Hausfrauentätigkeit gelehrt wird, und Haus- 
halt ungs schulen für alle hauswirtschaftlichen Gebiete, wie 
sie in Städten und auf dem Lande als wirtschaftliche Frauen- 
schulen für einfache wie für gebildete Mädchen existieren. 

3. Ausbildungsanstalten für Lehrerinnen der 
Hauswirtschaftskunde. 

Bei Betrachtung der geschichtlichen Entwicklung unserer 
Frage kommen die anerkennenswerten, vor 30 — 40 Jahren an- 
gestellten Versuche, erwachsenen Mädchen Gelegenheit zum 
Eochenlemen zu geben, nicht in Betracht. Wir können als 
den Anfang erst den ersten Versuch bezeichnen, der die Unter- 
weisung in ein System brachte, sie planmäßig gestaltete. Dieser 



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— 78 — 

erste Yersnch konnte naturgemäß nur von pädagogisch bean- 
lagten, gebildeten Frauen ausgehen. Der Versuch wurde hier 
in Berlin, im Pestalozzihause vor 20 Jahren erfolgreich 
unternommen von Frau Henriette Schrader und Frau Hedwig 
Heyl, auf Anregung der damaligen Kronprinzessin Viktoria. 
Nachdem durch die Kurse für je 10 Schülerinnen die Methode 
gefunden war, bot es keine großen Schwierigkeiten mehr, die 
Unterweisung auch für eine größere Zahl 13 — 14 jähriger Volks- 
schülerinnen methodisch zu bearbeiten. Daß die Unterweisung 
l&r die Kinder des Volkes in die obligatorische Schulzeit gelegt 
werden müsse, wenn sie dem Volke — der Allgemeinheit — 
zugänglich gemacht werden solle, wurde zuerst im September 
1888 in Karlsruhe in der Generalversammlung des Vereins für 
Armenpflege und Wohltätigkeit öffentlich ausgesprochen und 
lebhaft bestritten. Zu Ostern 1889 wurde in Kassel der erste 
Versuch gemacht, und als er allseitig als gelungen angesehen 
werden konnte, wurde der Unterricht als obligatorisches Fach 
für alle I. Klassen der Mädchenbürgerschulen in Kassel ein- 
geführt Jedes neue Schulhaus für Mädchen erhielt eine oder 
2wei Schulküchen und einen kleinen Küchenschulgaften. Schon 
nach einem Jahre (1890) wurde der Unterricht von Lehrerinnen, 
<lie in Kassel gelernt hatten, in anderen Städten, besonders in 
Industriestädten, eingeführt und von da an ist in jedem Jahre 
die Zahl der Städte gewachsen, in deren Volkschulen haus- 
wirtschaftlicher Unterricht erteilt wird. Die viel umstrittene 
Frage, ob die Unterweisung in Volks- oder Fortbildungsschule 
gehöre, wird sich wohl dann erst auf einfache Art klären, 
wenn wir überhaupt obligatorische Fortbildungsschulen haben 
werden. Wo die Unterweisung schon jetzt in Fortbildungs- 
schulen erteilt wird, kommt sie leider nur einem geringen 
Prozentsatz der Bevölkerung zugute und niemals den ärmsten 
Mädchen, die gleich nach der Schulentlassung für Erwerb 
arbeiten müssen. 

Als sich Kochschulen für gebildete wie für ärmere Mädchen 
erfolgreich gezeigt hatten und die Frage der hauswirtschaft- 
lichen Erziehung der Mädchen auf der einen Seite immer 
salonfähiger wurde, auf der anderen sich richtig vorbereitete 
Lehrerinnen fanden, ging man in Stadt und Land an Errichtung 



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— 79 — 

von Hanshaltsschulen mit aUen Zweigen der Hauswirtschaft. 
Es entstanden Hanshaltsschnlen auf dem Lande, f&r ßauem- 
mädchen von Landwirtschaftskammem errichtet, nnd es bildete 
sich ein Verein zur Errichtung wirtschaftlicher Fortbildungs- 
schulen auf dem Lande, der seine erste Schule zu Ostern 1897 
eröffnete, jetzt 2 außerordentlich gut besuchte Schulen für 
erwachsene Töchter der gebildeten Stände in Preußen besitzt 
und durch den bayrischen Zweig«yerein eine in der Nähe von 
München. Andere ähnliche Schulen sind in Vorbereitung. Diese 
beiden Arten von Schulen auf dem Lande nehmen in ihren 
Lehrplan neben den eigentlichen hauswirtschaftlichen Fächern 
noch Greflügelzucht, Gartenbau und Molkerei auf. Die Schulen 
leiden bei der FüUe des Lehrstoffs oft an einem Zuviel. 

Der Betrieb der neueren Haushaltungsschulen für gebildete 
Mädchen in den größeren Städten gestaltet sich vorteilhafter, 
da der Lernstoff für ländliche Beschäftigung wegfällt. Überall 
ist der Besuch der Schulen ein guter, die Freudigkeit der 
Schülerinnen beim Arbeiten eine große. Und alle Stände und 
Gesellschaftskreise sehen wir jetzt bemuht, für ihre Töchter 
irgend eine Gelegenheit zu hauswirtschaftlicher Ausbildung zu 
finden, sei es zu vorübergehender oder zu dauernder Beschäfti- 
gung. Also: Schulen aller Art sind vorhanden und es ent- 
stehen immer neue, der Wunsch, solche Schulen zu besuchen, 
zeigt sich in allen Kreisen — fragen wir nun, wie sich unsere 
staatliche Verwaltung zu diesen Schulen verhält, und was 
darin bis jetzt getan ist 

Drei unserer Ministerien beschäftigen sich mit der Frage 
der hauswirtschaftlichen Unterweisung und Heranbildung von 
Lehrerinnen. Das preußische Handelsministerium hat Schulen 
eingerichtet als staatliche Haushaltungsschulen, in denen die 
Mädchen für das Haus, für Gewerbe und als Lehrerinnen aus- 
gebildet werden soUen. Reichlich viel für eine Vorsteherin! 
Die Schulen sind nicht ganz neu eingerichtet. Schon bestehende, 
durch Frauen gegründete Anstalten werden für viel Geld über- 
nommen, alle der Anstalt bis dahin fehlenden Fächer werden 
ohne weiteres angefügt. Der Betrieb kostet Unsummen. Ob 
diesem Aufwand entsprechend Mustergültiges geleistet wird, 
Termag ich nicht zu sagen, es ist aber auch kaum nach so 



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- 80 — 

kurzer S^eit möglich. Bemerken3W^ ist^ daß diese staatlichen 
Schulen ursprünglich von einzelnen Frauen oder Frauenvereinen 
eingerichtet und mit Erfolg geleitet wurden. Wir besitzen 
solche Schulen, ohne hauswirtsehaftliche Unterweisung, schon 
seit 35 Jahren^ dank dem vorbildlichen Vorgehen des Lette- 
vereins, des Badischen Frauenyereins und der Anregung des 
Allgemeinen deutschen Frauenvereins Leipzig; die jetzt vei^ 
staatlichten Haushaltsschulen Jiaben zwar Vorsteherinnen, aber 
die Oberleitung liegt in Männerhänden. 

Neben dieser eingreifenden Tätigkeit des Handelsministe- 
riums zeigt sich die des Kultusministeriums als eine vornehme 
Überwachung aus der Feme. Nach 13 jähriger Probezeit hat 
man den hauswirtschafüichen Unterricht in der Volksschule 
sanktioniert durch Erlaß einer Prüfungsordnung für Haushalts- 
lehrerinnen, die allen Ansprüchen an jede Art von Haushalts* 
lehrerin genügen sollte. Aber sie scheint weder den Wünschen 
der bestehenden Seminare, noch den Wünschen der beiden 
anderen Behörden zu entsprechen. Denn die staatlichen sowohl 
wie die ländlichen Haushaltsschulen stellen je nach ihren 
Zielen andere Anforderungen an die Ausbildung ihrer Lehre- 
rinnen. Das landwirtschaftliche Ministerium stellt zwar nicht 
selbst Lehrerinnen an, aber Schulen auf dem Lande erhalten 
sehr gute finanzielle Beihilfen. Wir stehen in der Entwicklung 
unserer Schulen an einem sehr interessante Punkte, an einer 
Konkurrenz der in dieser Richtung tätigen Frauenvereine mit 
drei verschiedenen Behörden. Wenn von allen Seiten Gutes 
geschieht, ist solche Konkurrenz nur zu segnen. Und Frauen- 
vereine werden sich glücklich schätzen, wenn ihre jahrzehnte- 
lange Pionierarbeit durch die Hilfe der Behörden eine breite, 
gesicherte Basis gewinnt. Aber wir fragen uns, wird dann 
auch erfahrenen Frauen die verantwortliche Oberleitung und. 
Bestimmung anvertraut werden? oder werden Männer vom 
Bureauschreibtisch aus die Bestimmungen über dies spezielle 
Lemgebiet des weiblichen Geschlechts treffen? Dann würde 
unfehlbar ein dunkles Grau aus dem frischen Grün unseres 
goldnen Lebensbaumes werden. Deshalb hoffen wir, daß mit 
der fortschreitenden Zeit und der steigenden Bildung der 
Frauen Mittel und Wege gefunden werden, Ausgestaltung und 



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— 81 - 

IRegieriing des Unterrichts, der die Hausfrauentätigkeit nach 
formaler und materialer Bichtung beeinflussen und heben soll, 
in die Hände gebildeter und erfahrener Frauen zu legen.^' 

In der Diskussion sprach Frau Preußner»Winterthur 
Ton der staatlichen Unterstützung der hauswirtschaftlichen 
.'Schulen in der Schweiz, die auch den Wanderkursen zuteil 
wird. Die Schweizer Behörden überlassen die Leitung dieser 
JSchulen ganz den Frauen, deren sorgfaltige ökonomische 
Arbeit sie zu schätzen wissen. Auch in den Schulen ist in 
'der achten Klasse eine obligatorische Schulküche eingerichtet. 
Frau Heyl» Berlin betonte die großen Anforderungen, die der 
hauswirtschaftliche Unterricht an die Lehrerinnen stellt. Die 
rganzen methodischen Hilfsmittel des Unterrichts müssen ja 
erst noch geschaffen werden, Lehrmittel sowie Lehrbücher. 
-Mrs. Olgivie Gordon»Aberdeen erläuterte an gedruckten 
Plänen das Ausbildungssystem der Mädchen in England und 
»Schottland, besonders mit Bücksicht auf die Fortbildungsschule, 
•die allerdings dort noch ziemlich in den Anfängen steckt. 
Anstalten wie die des Lettevereins seien in England noch nir- 
.gends erreicht. 

Zum letzten Punkt der Tagesordnung sprach Frau Helene 
^on Forst er* Nürnberg in ihrem Beferat über 

Die Aufgaben der Frau bei den Vollcsbildungsbestrebungen. 

„Langjährige Arbeiter in der Volksbildungsbewegung haben 
•<es längst als ein dringendes Erfordernis erkannt, die Frau zur 
Mitarbeit auf diesem Gebiet heranzuziehen. Sie ersehen ein 
enges Eingrenzen ihres Wirkens aus dem Entbehren dieser 
Mitarbeit entstehen und sprechen ihren Bestrebungen die Zu- 
kunft ab, wenn die Frau sie nicht unterstützt und fördert. 
Und doch fehlt trotz der hohen Entwicklung unserer Bewegung 
in Deutschland die Frau noch nahezu völlig in den Volks- 
bildungsbestrebungen. Überbürdung mit der Arbeit, die ihr 
•aus den verschiedenen Gebieten der Frauenbewegung erwächst, 
mag daran die Schuld tragen. Wir hören,, daß in einzelnen 
«anderen Kulturländern die Frau an der Volksbildungsbewegung 
-regen Anteil nimmt; so erfahren wir dies von Österreich, von 

Frauen kongi-eO. 6 



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— 82 — 

Finnland und Amerika, und ich hoffe, daß wir darüber heutet 
noch mehr zu hören bekommen. 

Nürnberg ist eine der wenigen Städte Deutschlands, wo- 
in der Volksbildungsbewegung Frauen leitende Stellen ein-^ 
nehmen. Der Vorstand des Vereins für öffentliche Lesehallen 
und Volksbibliotheken, der im vergangenen Winter auch Volks-^ 
hochschulkurse ins Leben gerufen hat, besteht seit der Grün- 
dung jenes Vereins aus einer gleichen Zahl von Frauen und 
Männern, und hat unter dieser paritätischen Verwaltung eine^ 
befriedigende Entwicklung genommen. Fragen wir uns nun^. 
warum die Förderung der Volksbildung für die Frau so wichtig- 
erscheinen muß, so lautet die Antwort: weil ihre möglichst 
gute Ausgestaltung und ihre Verbreitung bis in die Kreise 
der Frauen des Volkes zur Förderung der Gesundheit in der- 
Familie des Volkes, damit zur Hebung der Volksgesundheit 
und des Volkswohlstandes überhaupt, und in folgerichtiger 
Wechselwirkung auch zur wirtschaftlichen Hebung der Frau 
beitragen wird. 

Es unterliegt keinem Zweifel, daß auch die Frau des Volkes- 
in ihrer geistigen Ausbildung tiefer steht als der Mann des. 
Volkes. Sie steht dem öffentlichen Leben femer als er; die Ge- 
winne der Schulbildung verlieren sich bei ihr rascher, weil sie 
von ihren häuslichen Pflichten oft so in Anspruch genommen 
wird, daß sie für ihre Weiterbildung nicht Zeit erübrigen kann; 
außerdem liegen die Mädchenfortbildungsschulen in den meisten 
Staaten noch sehr im Argen. Bis in dieser Beziehung bessere 
Verhältnisse geschaffen sind, bis sie als etwas Gegebenes an- 
gesehen werden können und bis sie schon eine längere Wir- 
kung entfaltet haben, müssen der Frau die aus der Volks- 
bildungsbewegung sich lösenden Werte in doppelt reichem 
Maße zugeführt werden. 

Die Teilnahme an den großen Errungenschaften der Kultur^, 
an der Wissenschaft, an Dicht- und Tonkunst wird geeignet, 
sein, nicht nur durch das Erwecken ästhetischer Empfindungen 
ihre Gemütsbildung zu verfeinem, sondern auch ihre geistige 
Bildung zu heben. Welchen Einfluß aber ihre Besserbildung 
auf die Hebung der Volksgesundheit haben müßte, können wir- 
uns klar machen, wenn wir in Betracht ziehen, wie von Aber- 



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— 83 — 

glauben durchsetzt, wie unberührt von allen hygienischen Er- 
rungenschaften der neueren- Zeit die Ansichten der Frau des 
Volkes über Qesundheit und Lebensweise sind, und wenn wir 
uns mit den Statistiken über die furchtbaren Volksseuchen be- 
schäftigen , die einen solch großen Bruchteil der gesamten 
Krankheiten ausmachen. Selbst wenn wir von den Hekatomben 
von Menschenleben absehen, die bei den großen Epidemien, 
die sich auf Jahrzehnte dem Gedächtnis der Menschen ein- 
prägen, geopfert werden, bedeuten die Opfer, die diese Volks- 
seuchen von der Menschheit fordern, noch immer einen er- 
schreckend hohen Prozentsatz. Nach den Statistiken geht 
heute noch das zwanzigste Kind an einer Infektionskrankheit 
zu Grunde. In Preußen allein sind im Jahre 1900 über 70000 
Menschen an Tuberkulose gestorben. Die Zahl der Geschlechts- 
kranken wird in Preußen auf täglich 100000 berechnet. Der 
Alkohol zerstört die Gesundheit von Hunderttausenden. Welche 
nach Millionen zählende Summen verschlingt die Behandlung 
dieser Volksseuchen, welche Summen bedeutet der durch sie 
bedingte Ausfall an Erwerb und Verdienst für den einzelnen I 
Und daneben verzeichnen wir diese hohe Ausbildung der 
wissenschaftlichen Erkenntnis in den Naturwissenschaften, in 
Medizin und Hygiene. Da muß etwas faul sein im Staate 
Dänemark. Wir kranken an der Unbildung der breiten Volks- 
schichten, an ihrer Unkenntnis wissenschaftlicher Tatsachen. 
Was ntitzen uns die enormen Errungenschaften, wenn sie in 
akademischen Erörterungen nur von einer kleinen, bevorzugten 
Klasse der Menschen gepredigt werden. Es werden die hy- 
gienischen Gesetze und Vorschriften in bezug auf Wohnung^ 
Gewerbe, Nahrungsmittel, auch die modernen Errungenschaften 
auf dem Gebiet der Schulhygiene, erst dann lebendige Kraft, 
wenn sie vom Volk erkannt und bewußt aufgenommen werden.. 
Und die große Zahl der Frauen, die jene Volksschichten um- 
fassen, kommt hier besonders in Betracht. Sie wären nicht 
nur die Geeignetsten, um in Haus und Familie zuerst den be- 
wußten Kampf gegen jene Volksseuchen aufzunehmen; durch 
sie und durch die Einwirkung, die sie als die Haupterziehenden 
im Hause auf die Jugend des Volkes auszuüben vermögen, 
würde auch das Ausstrahlen einer besseren Volksbildung in alle 

6* 



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— 84 — 

Yolkskreise angebahnt werden können. Es ist nun aber eine 
statistisch festgestellte Tatsache, daß Frauen und Mädchen 
aus dem Volk den Yolksbildungsbestrebungen noch sehr indolent, 
ja sogar abwehrend gegenüberstehen- Nur ein kleiner Prozent- 
satz besucht die Lesehallen und die Yolkshochschulkurse. 

Die Gesamtzahl der Besucher der im vergangenen Winter 
Yom Verein für öffentliche Lesehallen und Volksbibliotheken 
in Nürnberg veranstalteten 6 Volkshochschulkurse betrug 1816, 
darunter waren zirka 184 Frauen, Die männlichen Besucher 
gehörten zu 70^0 dem Arbeiterstand, die weiblichen zum 
großen Teü den besseren Ständen an. Es ist möglich, daß die 
Lidolenz der Frauen und Mädchen aus dem Volk gegenüber 
den Volksbildungsbestrebungen an einer zu geringen Agitation 
liegt; es ist aber auch möglich, daß der Bildungstrieb fehlt. 
Diese Agitation zu betreiben, diesen Trieb bei ihren Geschlechts- 
genossinnen zu wecken, ist die Aufgabe der gebildeten Frau 
in der Volksbildungsbewegung. Es wird ihr leichter werden, 
als dem Manne, weil sie in einem näheren Kontakt mit der 
Frau des Volkes steht, und die Sprache des Volkes besser ver- 
stehen kann. Um aber dieser Aufgabe ganz gerecht zu werden, 
muß sie in den Körperschaften, wie sie die Volksbildungs- 
gesellschaften und Volksbildungsvereine bedeuten, Sitz und 
Stimme und leitende Stellung zu erhalten suchen. Selbständig 
muß sie für die Gründung von Bibliotheken und LesehaUen 
eintreten, und sich bei Volkshochschulvereinen beteiligen. Sie 
wird in diese Körperschaften dann ihre Gedanken und An- 
regungen tragen und die Forderungen stellen, die sie für die 
Frau des Volkes als notwendig erachtet. Sie wird dann nicht 
nur den Volksbüdungsbestrebungen eine Bichtung geben, die 
auch die Frau mit einzuschlagen geneigt und befähigt ist, 
sondern sie wird auch einen Einfluß gewinnen auf das ganze 
Volksbildungswesen überhaupt Um diesen Einfluß zu gewinnen, 
ist sie durch ihre Eigenart, durch ihre Lebensführung, durch 
die Befreiungskämpfe, die sie in den letzten Jahrzehnten ge- 
führt hat, ganz besonders geeignet. Ihr auf den Grundton der 
Liebe gestimmtes Empfinden gibt ihr jene reine und volle 
Menschenliebe, die dem Glauben an das Gute und Edle in 
der Menschheit entwächst und zugleich auf ihn belebend ein- 



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- 85 — 

wirkt. Im Eleindienst in Haus und Familie erwarb sie sich 
ein Können f&r praktische Umgestaltungen. Ihre langge- 
übte Beschäftigung mit Kindern gibt ihr die Geduld. Ihre 
Mütterlichkeit, ihr Hinneigen zum Persönlichen erleichtert ihr 
das Aufspüren feiner Regungen in der Menschenseele, selbst 
wenn diese in ihr nur noch als Reste früherer, größerer Seelen- 
bewegungen schlummern. Aus ihren Befreiungskämpfen hat 
sie gelernt, auf spätere Erfolge zu vertrauen. Sie hat sich 
einen weiten Ausblick auf ferne Zeiten angeeignet und weiß 
im Meer des Werdens die Unterströmungen zu beobachten und 
einzuschätzen. Das Sehnen nach Höherbildung ist in ihr selbst 
noch frisch und lebendig, sie weiß, was es heißt, andere aus 
den Quellen schöpfen sehen und selbst dürstend ferne stehen 
müssen. Sie sage sich, daß Fortschritte in Bildung und Ge- 
sittung der breiten Volksmasse die Mächte sind, die geeignet 
erscheinen, das Volksleben in seinen Grundlagen umzuformen, 
sie werde Mehrerin dieser Mächte und trage in die Volks- 
bildungsbewegung den Wahlspruch, auf den die ganze Frauen- 
bewegung sich aufbaut, den Wahlspruch „die Frau helfe der 
Frau". 

In der Diskussion sprachen noch: Frau Hecht^Tilsit von 
ihren Erfahrungen bei der Einrichtung von Volksunterhaltungs- 
abenden, und Frau Gutbier» Berlin über die allgemeine 
kulturelle Bedeutung einer solchen Erziehungsarbeit an den 
Massen. 



Donnerstag, den 16. Junk 



Höhere Mädchenbildung. Höhere Mädchenschule. Gymnasium. 

Die Sitzung, wurde von Frl. P o ehlm an n«» Tilsit geleitet. 
In dem einführenden Beferate sprach Frl. Helene Lange 
über die Verbindung der Frauenfrage mit der Frage der 
höheren Mädchenbildung. Der Tiefstand der Mädchenbildung 
hatte seinen Grund darin, daß man die Frau nicht als selb- 
ständige Persönlichkeit wertete, sondern für ihr ganzes Dasein 



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mit all seinen Pflichten und Aufgaben im Mann den Mittel- 
punkt suchte. Diese Auffassung diktierte der Mädehenbildung 
Ihre Gesetze, bis die Frauenbewegung selbst ein anderes 
Prinzip zur Geltung brachte. Die Frage, die nun erhoben 
wird, ist die, ob die Frau, als weibliche Persönlichkeit mit 
ihren besonderen weiblichen Aufgaben eine andere Bildung 
haben muß als der Mann. Ein Plus an pädagogischen und 
hauswirtschaftlichen Kenntnissen ist selbstverständlich für die 
Mädchen, sowie für den Mann, der hauptsächlich technische 
Berufe ergreift, ein Mehr an Naturwissenschaften und Mathe»- 
matik. Aber ist darüber hinaus eine Verschiedenheit der 
Bildung notwendig? Bisher hat man gemeint — und die 
Methoden und Lehrpläne unserer Mädchenschulen bringen das 
deutlich zum Ausdruck — der Eigenart der Mädchen sowohl 
durch die Auswahl des Stoffs als auch durch die Art der Be- 
handlung Rechnung tragen zu müssen. Auf die Pflege des 
Gemüts meinte man besondere Sorgfalt verwenden zu sollen. 
Aber sowie sich entsprechend der inneren Anlage die Körper 
verschieden aufbauen aus denselben Nahrungsstoffen, so wird 
auch dieselbe geistige Nahrung nicht die Differenzierung der 
Geschlechter verwischen. Unsere Zeit stellt der Mädchen- 
erziehung vielmehr die entgegengesetzte Aufgabe: den großen 
Interessengegensatz der Geschlechter auszugleichen, sie ein- 
ander wieder näher zu bringen. Freilich liegt in der Forde- 
rung des männlichen Bildungszieles für die Mädchen nicht 
das Zugeständnis, daß der höhere Unterricht der Knaben nicht 
reformbedürftig sei. Aber auch wenn wir seine Fehler mit 
übernehmen müssen, brauchen wir ihn als Durchgangsstufe; 
erst von der praktisch anerkannten Gleichheit der Ansprüche 
aus kann man zu einer Differenzierung kommen, die nicht für 
die Mädchen die Gefahr der Benachteiligung und Verkürzung 
in sich schlösse. 

Als erste Rednerin des Tages sprach Mrs. MayWright 
SewalbVer. Staaten über „die körperliche Erziehung 
der Mädchen in den höheren Schulen der Ver^ 
Staaten". 

Sie schilderte zuerst die Entwicklung des Turnunterrichts 
in ihrer Heimat. Na<5hdem anfangs nur in „Turnvereinen" das 



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— 87 — 

Turnen gepflegt wurde, führte Miß Catherine Beecher 
€ine neue Methode des. Turnunterrichts in den Schulen ohne 
Apparate ein. Dr. D. 0. Lewes schritt in denselben Bahnen 
weiter und schuf eine Gymnastik mit leichten Stäben und 
Musikbegleitung. Zur Ausbildung der Lehrer wurde eine 
J^^ormalschule gegründet Aus diesen und noch zwei anderen 
iSystemen setzt sich der heutige Turnunterricht zusammen. 
In 270 Städten ist irgend eine Form des gymnastischen Unter- 
richts eingeführt worden. Der körperliche Unterricht ist aber 
immer noch kein bedeutender Faktor. Der Fortschritt der 
körperlichen Übungen für Mädchen wurde stark gehemmt durch 
die Ärzte, gefördert hauptsächlich durch die Privatschulen. Dem 
neuen Frauenideal, einem Ideal der Kraft und Gesundheit, 
Bechnung tragend, beginnt man aber immer mehr zu verstehen, 
wie der Geist, den Körper beeinflußt, ja wie er durch diesen 
4)edingt ist. 

Frau Hierta Eetzi us*Schweden sprach über „die 
.Arbeitshygiene in der Schule". Die wachsende Ner- 
Tosität unserer Zeit hat ein gründliches Studium ihrer 
Ursachen zur Folge gehabt und zu einer sorgfältigeren 
Beachtung physiologischer Gesetze durch die Methoden des 
Schulunterrichts geführt. Während das Gehirn im Wachs- 
tum bjBgriffen, ist eine Überanstrengung verhängnisvoll. Be- 
wegung und Handarbeiten sind im frühen Alter mehr geeignet, 
die Intelligenz zu entwickeln, als geistiges Studium. Schädlich 
-wirkt die Schule auf das Nervensystem durch den Zwang zum 
^Stillsitzen, durch den Mangel an Lufb, aber auch durch die 
beständige Furcht, in der gerade die gewissenhaften Kinder 
leben. Die Erziehung der Zukunft hat nach dem Principe zu 
verfahren: mens sana in ijorpore sano. 

Frl. Luise Win teler»Odense berichtete über „die höhßre 
Mädchenschule in Dänemark"- Die Entwicklung der 
Mädchenschule knüpft sich an den Namen von NatalieZahle, 
-Sie 1851 ein Lehrerinnenseminär gründete. Unabhängig von 
staatlicher und kommunaler Kontrolle arbeitete sie weiter. Sie 
erwirkte für Mädchen ein Realschulexamen. Iir&er Mädchen- 
•realschule mit elf Jahreskursen werden Naturwissenschaften 
und Mathematik stärker berücksichtigt als etwa in der deutschen 



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— 88 — 

höheren Mädchenschule. Das Realexamen eröflhet verschiedene 
Berufe im Postwesen, Pharmazie usw. Vor zwei Jahren hat 
ein neues demokratisches Schulgesetz die Einheitsschule 
eingeführt. Auf die gemeinsame Volksschule baut sich die 
Mittelschule, das Gymnasium, die Universität Die Gymnasieni 
sind den Mädchen geöffnet Doch hat vorläufig diese Er* 
Schließung noch das Bedenken, daß es die Mädchen ganz den^ 
Einfluß der Lehrerinnen entzieht 

In Italien, so fahrte Signorina Bice Cammeo^Florenz; 
ans, macht die Entwicklung der höheren Mädchenbildung^ 
rasche Fortschritte. Das schwerste Hindernis war und ist der 
Einfluß der Klöster auf die Mädchenschule. In den größeren 
Städten wurden bisher die Mädchen zu den Enabengymnasiei^ 
zugelassen. Trotz der besten Erfahrungen will die Unter- 
richtsverwaltung diese Freiheit neuerdings beschränken durch 
Gründung selbständiger Mädchengymnasien. In den Universi- 
täten haben die Frauen alle Rechte. Die Zahl der in aka- 
demischen Berufen tätigen Frauen ist im Wachsen begriffen. 

Frau II mi Halls t6n*Helsingfors, Lehrerin an einer zur 
Universität führenden coäducativen Schule, sprach über 

Die höhere Mädchenbiidung in Finnland, mit beeonderer 
BerOckeichtigung der gesamten höheren Schulen^ 

„Die zweite Hälfte des eben verflossenen Jahrhunderts war 
bei uns in Finnland eine Zeit des Frühlings, der Neugestaltungen, 
des sprudelnden Lebens. Einer tiefgehenden nationalen Er- 
weckung folgte auf allen Gebieten menschlicher Kultur eine 
früher ungeahnte Blüte. Unsere aus einer uralten Volks- 
freiheit hervorgegangene konstitutionelle Staatsverfassung, die 
während einiger Jahrzehnte gleichsam in winterlicher Be- 
täubung gelegen, wurde neubelebt und sproßte in frischen,, 
kräftigen Schößlingen empor. In dieser Zeit lichter Hoffnungen,, 
rastloser Tätigkeit wurde auch bei uns ein Same gesät, der 
im Schutze der Freiheit zu einem dichtbelaubten Baume auf- 
gewachsen ist, in dessen Schatten Tausende von Frauen sich 
entwickelt haben und jetzt ein reicheres Leben führen, als es 
sich ihre Mütter vor einigen Jahrzehnten hätten träumen 
lassen. Einer der stärksten Äste an diesem jungen Baume 



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— 89 — 

der Frauenemanzipation ist die Arbeit zum Besten der Er- 
ziehung der heranwachsenden weiblichen Generation.. Das 
Volk Finnlands, so gering an Zahl, im eisigen Norden der 
äußerste Vorposten europäischer Civilisation, kann und darf 
nicht die reichen Möglichkeiten zu neuem, frischpulfierenden 
Leben vergeuden, welches ihm zugeführt wird durch eine ge- 
diegene zielbewußte Ausbildung seiner jungen Mädchen, seiner 
künftigen Mütter und Erzieherinnen. 

Noch am Anfang der vierziger Jahre des letzten Jahr- 
hunderts war das junge Mädchen der gebildeten Klasse in den 
meisten Fällen auf den dürftigen Unterricht angewiesen, den 
sie im Eltemhause erhalten konnte. Im Jahre 1841 trat jedoch 
ein neues Schulgesetz für Finnland in Kraft, und dieses ver- 
ordnete die Gründung zweier Mädchenschulen. Der Anfang 
war damit gemacht, und in diesem Augenblick gibt es zwölf 
Staatsmädchenschulen, deren jährlicher Unterhalt sich auf mehr 
als eine halbe Million beläuft. Außer diesen gibt es sechzehn 
private Mädchenschulen, die vom Staat mit etwas über 
215000 Mark unterstützt werden. Schon mehrere Jahrzehnte 
lang hat es f^r die zahlreichen jungen Mädchen, die ihre 
Kenntnisse zu vervollständigen oder sich für den Lehrerinnen- 
beruf vorzubereiten wünschen, Gelegenheit dazu gegeben in 
den beiden mit der schwedischen und finnischen Töchterschule 
in Helsingfors vereinigten staatlichen Fortbildungsanstalten. 
Der theoretische Kursus derselben ist zweijährig; ein dritter 
Jahreskurs mit praktischen Übungen ist dagegen ausschließlich 
für künftige Lehrerinnen bestimmt. 

Im Zusammenhang mit der in den achtziger Jahren eifrig 
umstrittenen Frage einer gründlicheren Bildung für Frauen 
und unmittelbar zur Universität fahrenden Mädchenschulen 
wurde von scharfsichtigen Männern und Frauen die schon in 
Amerika verwirklichte Idee eines gemeinsamen Unter- 
richts für Knaben und Mädchen auf allen Stufen 
aufgeworfen. Die Freunde der coöducativen oder Mischschule 
betrachteten die Sache nicht in erster Linie vom Standpunkte 
einer gediegenen Frauenbildung, obgleich sie die ersten waren^ 
die außerordentliche Wichtigkeit einer solchen einzusehen. Sie 
sahen sich in der bürgerlichen Gesellschaft um und fanden. 



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— 90 — 

4aß die Wurzel mancher beklagenswerten Mißstände darin 
liegt, daß das Leben den Mann und die Frau von einander 
entfremdete, so daß sie oft nicht imstande sind, ihre beider- 
seitigen Arbeiten nnd Interessen zu verstehen und zu schätzen. 
Auch im sozialen Leben, so räsonnierten sie, muß aber die 
Arbeit zum Wohle der Menschheit von ihren beiden Hälften, 
die zur Gleichheit an Rechten und Pflichten und mit freiem 
SelbstbestimmuDgsrecht des Individuums geboren sind, gemein- 
fichaftlich ausgefiihrt werden. Die Verschiedenheit der Ge- 
schlechter in körperlicher und geistiger Hinsicht macht, weit 
davon entfernt, ein Hindernis zu sein, im Gegenteil eine Vor- 
aussetzung für den Erfolg der Arbeit aus. Die Coeducation 
muß, richtig durchgeführt, kenntnisreiche, charakterfeste Männer 
und Frauen hervorbringen, mit Lust und Kraft zu gemein- 
samer Arbeit, mit gemeinsamen sozialen und sittlichen 
Idealen. Die Sphäre des Heims muß weit über ihre jetzigen 
Grenzen erweitert werden, und die Idee des Heims, in der 
Schule verwirklicht, führt zur Mischschule, dem wahrsten Ab- 
bild der Familie. Es liegt somit in der Natur der Sache, daß 
dem weiblichen Element in der Mischschule ein weit hervor- 
ragenderer Platz zugesichert werden muß, als es bis jetzt in 
unseren höheren Schulen der Fall gewesen ist, damit die 
Schüler unter den Einfluß sowohl männlicher wie weiblicher 
.Erziehung kommen. Wenn Knaben und Mädchen von Männern 
und Frauen, die mit gleich großer Autorität ausgerüstet sind, 
in derselben Klasse wie in einer Familie unterrichtet werden, 
mit ebenso strengen Forderungen hinsichtlich des Betragens 
und der Kenntnisse, werden sie es lernen, sich gegenseitig als 
ihresgleichen in Rechten und Pflichten anzusehen, werden ein- 
ander in unbewußtem Wetteifer beeinflussen und sich beein- 
flussen lassen. Die Eoheit und Selbstsucht der Knaben wird 
-abgeschliffen, die Sentimentalität und Kleinlichkeit, das er- 
künstelte Wesen und die Eitelkeit der Mädchen werden ver- 
schwinden, und außerdem wird das Verantwortlichkeitsgeffihl 
der Frau, während Jahrhunderten der Abhängigkeit entkräftet, 
auf diesem Wege stärker und reger werden. In dieser Bichtung 
haben die Freunde der Mischschule ihre Hoffnungen ausge- 
sprochen. 



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— 91 -^ 

Es muß anerkannt werden, daß die Idee der Coöducatian 
bei uns von Anfang an eine überraschende Lebenskraft und 
Expansionsfähigkeit gehabt hat. In einer überaus kurzen Zeit 
hat sie sich trotz Widerstand und Vorurteilen durchgearbeitet. 
Mit bedeutenden pekuniären Opfern wurden die coöducativen 
Schulen eingerichtet, im Jahre 1883 die erste schwedische, 
1886 die erste finnische — da wir ja in Finnland zwei Landes- 
sprachen haben. Zurzeit haben wir in Helsingfors zwei 
schwedische und drei finnische Mischschulen und im ganzen 
Lande zwanzig vollständige zur Universität führende Schulen mit 
Zusammenerziehung und eine noch größere Anzahl neube- 
gründeter oder fünfklassiger Schulen mit Coöducation, diese in 
kleineren Städten, wo eine genügende Anzahl Schüler für zwei 
Separatschulen nicht zu erwarten steht. Praktische Rück- 
sichten haben also auch zu dem Erfolg der Idee der Coeduca- 
tion beigetragen. 

Der Unterricht in den privaten Mischschulen wurde nach 
der letzten offiziellen Statistik von 1901 — 02 von 203 Lehi*em 
-und 211 Lehrerinnen gehandhabt Die Mischschule stellt auch 
in den höchsten Klassen Lehrerinnen an, obgleich die über- 
wiegende Mehrzahl derselben in den unteren und mittlereii 
Klassen unterrichten. Indessen, je mehr Frauen wir bekommen, 
die sich an der Universität dieselbe Kompetenz erworben 
haben wie männliche Lehrer, um so mehr können weibliche 
Kräfte für die Arbeit auch in den höchsten Klassen gewonnen 
werden. Die Befürchtungen, die man hat aussprechen hören, 
•daß die Disziplin darunter leiden würde, haben sich als unbe- 
gründet erwiesen. Im Gegenteil zeigt meine vierzehnjährige 
Erfahrung aus der Arbeit auf verschiedenen Stufen an drei 
Mischschulen, daß die disziplinarischen Schwierigkeiten in den 
höchten Klassen so gut wie verschwinden, und die Leitung 
der zielbewußten Arbeit erwachsener Jünglinge und junger 
Mädchen für die Lehrerin zur Quelle erfreulicher Erfahrungen 
wird. 

Ehe ich meinen Bericht über die Mischschulen weiterführe, 
bitte ich eine kleine Übersicht der Schülerzahl in den ver- 
schiedenen von Mädchen besuchten Schulen geben zu dürfen, 
'Die ganze Bevölkerung unseres Landes befaiig zu Beginn des 



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— 92 — 

Jahres 1902 — auf welches Jahr sich die im folgenden an- 
gewandte Statistik bezieht — ungefähr 2*1^ Millionen, Die 
Unterrichtsanstalten für höhere Bildung wurden in demselben 
Jahre von 0,57 7o der ganzen Volksmenge oder 3,5 % aUßr im 
Alter von 10—19 Jahren stehenden Personen besucht Von 
diesen Zöglingen der höheren Schulen waren 51,5 % Knaben, 
48,5 7o Mädchen. Dieser geringe Unterschied zwischen der 
Anzahl der Knaben und Mädchen muß als eine sehr erfreuliche 
Erscheinung angesehen werden. Außerdem steht zu erwarten, 
daß sich diese Zahlen künftig noch mehr nähern werden, nachdem 
das Jahrgeld in den Staatsmädchenschulen von 80 zu 100 Fmk. 
bis auf dieselbe Summe wie in den Knabenlyceen, nämlich 40 
bis 50 Fmk. heruntergesetzt worden ist. — Von der ganzen 
Anzahl Mädchen, die höhere Unterrichtsanstalten besuchen, 
waren 31% Schulerinnen in staatlichen Mädchenschulen und 
Fortbildungsanstalten, 30 % Schülerinnen der privaten Mädchen- 
schulen und 39% Mädchen in den Mischschulen. 

Die Eegierung unseres Landes hat bis jetzt eine abwartende 
Stellung eingenommen in bezug auf Schulen für das Abiturienten- 
examen der Mädchen. In dieser Hinsicht scheint aber eine 
Veränderung vor sich gegangen zu sein, denn in Helsingfors, 
wo die finnische Töchterschule überfüUt ist — sie ist dieses 
Jahr von 472 Schülerinnen besucht worden — wird eine neue 
finnische, vom Staat unterhaltene, zur Universität führende 
Mädchenschule geplant 

Wie man vermutete, konnte eine so radikale, auf bei uns 
noch unerprobte Ideen gegründete Neuerung, wie die Ein- 
führung der Coöducation auf allen Stufen der höheren Schule, 
anfangs nicht auf eine sehr bedeutende Unterstützung vom 
Staate zählen. In der Tat billigt die Regierung die Coeduca- 
tion nicht auf dem höheren, wohl aber auf dem niedrigem 
Stadium, was daraus hervorgeht, daß wir einige 3- bis 5-klassige 
Staatsschulen für beide Geschlechter haben. Die jährliche 
Staatsunterstützung, welche die privaten Mischschulen genießen, 
ist auch nur für die fünf unteren Klassen berechnet, und wurde 
zuerst in kleineren Summen ausgezahlt, beträgt aber nunmehr 
für die meisten vollständigen Mischschulen 20000 Fmk., also 
je 4000 Fmk. für die fünf unteren Klassen. Die ganze Summe 



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— 93 - 

der Staatsunterstützimgen belief sich im Jahre 1902 auf die 
bedeutende Summe von 524550 Fmk., eine Summe, die dem 
Budget für die eigenen Mädchenschulen des Staates nicht viel 
nachsteht. 

Daß einerseits die Unterstützungen in den späteren Jahren 
so reichlich ausgefallen sind, und daß andrerseits beinahe 40% 
von allen Mädchen, welche höhere Schulen besuchen, Schülerin- 
nen in den Mischschulen sind, zeigt, wie rasch diese in unserem 
Lande Verbreitung gefunden haben. Und die Erfahrungen von 
ihrer Wirksamkeit haben bewiesen, daß die Hoflfhungen der 
Freunde nicht fehlgeschlagen, sondern im Gegenteil die Einwen- 
dungen, die die Gegner gegen das System geltend machten, völlig 
haltlos geworden sind. Dazu sind die Beobachtungen, welche 
Lehrer und Lehrerinnen schon seit mehr als einem Jahrzehnt 
gemacht haben, daß Knaben und Mädchen sich in bezug auf 
Kenntnisse und Eeife im allgemeinen gleich erwiesen haben, 
in diesem Jahre von einer Autorität bekräftigt worden, die 
ihre Wahrnehmungen außerhalb der Schule gemacht hat. Der 
Vorsitzende im Ausschuß für das Abiturientenexamen an der 
Universität in Helsingfors hob auf dem Nürnberger Kongreß 
für Schulhygiene hervor, daß beim Abiturientenexamen keiner- 
lei Unterschied betreffs der Kenntnisse zwischen Knaben und 
Mädchen aus den Mischschulen hat bemerkt werden können. 
Die Kenntnisse beider Geschlechter haben sich als überraschend 
gleichmäßig erwiesen. Daß die Kenntnisse der Mischschul- 
knaben dabei nicht beeinträchtigt worden sind, daß dieselben 
mit weiblichen Kameraden mehr gelernt haben, geht mit voller 
Evidenz aus den guten, oft sogar ausgezeichneten von den 
Mischschulen im Abiturientenexamen erreichten Resultaten 
hervor. Auch scheint die Gesundheit der Mädchen nicht durch 
das Studium in Wetteifer mit männlichen Kameraden gelitten 
zu haben. Im Gegenteil ist von kompetenter Seite, von Ärzten, 
die Gelegenheit hatten, sowohl in Misch- als in Töchterschulen 
Wahrnehmungen zu machen, hervorgehoben worden, daß die 
Mischschulmädchen keineswegs, nicht einmal in den höchsten 
Klassen, angestrengter seien, als ihre Altersgenossinnen in den 
Separatschulen. Und viele von diesen jungen Mädchen der 
Mischschule haben die Erfahrung gemacht, daß die Arbeit für 



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— 94 — 

ein erstrebenswertes Ziel, indem sie das Gefühl der Be- 
friedigung mit sich bringt, anch anf die physischen Kräfte 
steigernd wirkt. 

Und zieht man den noch wichtigeren erziehenden Einfluß 
der coeducativen Schulen in Betracht, so findet man, daß die 
Mädchen in ihrem Benehmen eine erfreuliche Hurtigkeit, Frei- 
mütigkeit und einfache Natürlichkeit zeigen, während die 
Knaben, ohne ihre Keckheit und Unternehmungslust einzubüßen^ 
diesen Eigenschaften eine . größere Gesittung der Manieren 
Anständigkeit in der Redeweise und Sorgfalt in der Arbeit 
beigefügt haben. Dazu hat sich die Interessensphäre beider 
Teile durch den täglichen Umgang miteinander bedeutend er- 
weitert. Durch die verschiedenartigen Anlagen und Interessen 
der Knaben und Mädchen wird sogar einigen Unterrichts- 
fächern ein reicherer Inhalt zugeführt, was natürlich in noch 
größerem Maße der Fall ist mit dem monatlich oder öfter 
stattfindenden Schülerkonventen, in denen Diskussionen ge- 
halten werden. 

Bei uns wie anderswo hatte man sittliche Gefahren, infolge 
der Zusammenerziehung über das IQndesalter hinaus, befürchtet. 
Die Erfahrung hat jedoch diese Befürchtungen als völlig un-^ 
begründet erscheinen lassen, wenn nämlich die Coeducation, 
wie bei uns, schon mit den ersten Schuljahren beginnt. Und 
wer sich auch aur ein wenig mit einer Mischschule beschäftigt, 
wird finden, daß der kameradschaftliche, ungezwungene Ton 
zwischen Knaben und Mädchen keineswegs von einer Über- 
reizung in geschlechtlicher Hinsicht zeugt. Im Gegenteil 
scheint das tägliche Beisammensein, wie die Freunde der 
Goöducation gehofft, den Geschlechtstrieb zu dämpfen. Aller 
Eeiz des Unbekannten ist verschwunden, die Schüler beurteilen 
einander nicht in erster Linie als Mädchen und Knaben, son- 
dern als Kameraden in ernster, verantwortungsvoller Arbeit. 

Doch eine unerläßliche Bedingung gibt es, wenn die Zu- 
sammenerziehung zu einem guten Resultate führen soll. Die 
Lehrer und Lehrerinnen müssen sittlich hochstehende, ernste 
Charaktere sein, damit der Einfiuß ihrer Persönlichkeit und 
ihres Beispiels den Schülern segensreich werden könne. Wieviel 
Früchte für das Leben wir in der Zukunft von diesen Schulen 



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zu. ernten hoffen, wo die anfwachsende Generation in den 
empfiüiglichsten Jugendjahren sich in das Gefühl völliger Gleich- 
heit zwischen Knaben und Mädchen, Mann und Frau einlebt, 
das erhellt aus den Worten des Rektors einer Mischschule^ 
eines der Pioniere dieser Idee: „Wir Lehrer und Lehrerinnen 
der coäducativen Schule, wir gehören nicht bloß mit zur Ge-^ 
schichte, wir machen Geschichte." Aus eigener Erfahrung 
kann ich bezeugen, daß das Bewußtsein,, an der Schule der 
Zukunft zu arbeiten, neben dem Gefühl der Verantwortung' 
zugleich in reichstem Maße Freude an der Arbeit schenkt. 

Die Mischschulen fähren aus natürlichen Gründen zur 
Universität; ohne dieses Endziel könnten sie nämlich nicht 
auf Knaben als Schüler zählen. Private Mädchenschulen sind 
dem Beispiel der ersteren gefolgt. Hierdurch ist der jährliche 
Prozentsatz junger Mädchen, die an der Universität Eintritt 
erlangt haben, wozu sie bei uns dasselbe Recht haben wie die 
Männer, von Jahr zu Jahr gestiegen, so daß z. B. in diesem 
Frühjahr 172 weibliche Abiturienten gegen 350 männliche 
die schriftlichen Proben bestanden haben, d, h. beinahe ein 
Drittel waren Frauen. Paß die Mehrzahl der Studentinnen, die 
jährlich in so großen Massen in die Universität eintreten, eine 
gelehrte Laufbahn einschlagen sollte, ist undenkbar und nicht 
einmal wünschenswert. Da das Abiturientenexamen ein leicht 
definierbares Maß der allgemeinen Bildung ausmacht, die unsere 
Zeit als erstrebenswert hinstellt, sehen die meisten, mehr ala 
die Hälfte der ganzen Anzahl, das Abiturientenexamen als 
einen natürlichen Abschluß ihrer Studien an, wohl wissend^ 
daß dieses Examen ihnen auf verschiedenen praktischen Ge- 
bieten und bei der Besetzung gewisser geringerer Posten daa 
Vorrecht vor Nicht-Studenten gibt. Manche treten für längere 
oder kürzere Zeit in die Fortbildungsanstalten oder Volks- 
schullehrerinnen-Seminarien des Staates ein und schaffen sich 
auf die Weise die Vorteile, die mit dem Abgangszeugnis be- 
sagter Anstalten verbunden sind. 

Betreffs der an der Universität studierenden Frauen erlaube 
ich mir aus einer vom Rektor der Universität zu Helsingfors 
am Anfang des Jahres 1902 gehaltenen, im Druck erschienenen,, 
beleuchtenden Eröffnungsrede einige Daten und Zshlen anzu- 



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— 96 — 

führen. Er hebt hervor, daß von den Frauen, die üniversitäts- 
studien angefangen haben, ein großer Teil dieselben nicht be- 
endigt^ eine bedeutende Anzahl deshalb, weil sie sich vorher 
verheiratet haben. Doch wird natürlich die allgemeine Stufe 
der Frauenbildung durch die akademischen Studien derselben 
nur gehoben, wenn diese auch zu keinem Examen f&hren. 
Aus einer besonderen Berechnung in bezug auf die Mädchen, 
die in den Jahren 1895 und 1896 das Abiturientenexamen 
ablegten, ging hervor, daß 12% von ihnen in der Folge ihr 
Examen an der Universität gemacht haben, und diese Zahl 
durfte ungefähr auch für die späteren Jahre gelten. Von den 
studierenden Frauen, die bis zum Anfang 1902 ihr Abiturienten- 
examen bestanden und ihre Studien zu einem gewissen Abschluß 
gebracht haben, gibt der Rektor einige statistische Notizen, 
die ich, laut mir von den Universitätsbehörden gefälligst ge- 
gebenen Mitteilungen, bis zur gegenwärtigen Zeit ergänzt habe. 
In der historisch -philologischen Sektion der philosophischen 
Fakultät haben also 4 Studentinnen das Lizentiat-, 46 das 
Kandidat- und 2 das Lehrerkandidatexamen gemacht. In der 
physisch-mathematischen Sektion hat eine das Lizentiat- und 
27 das Eandidatexamen absolviert und 23 die vorbereitenden 
Verhöre, um Eintritt in die medizinische Fakultät zu gewinnen. 
Von diesen letzteren haben 7 das Lizentiatexamen und 6 zahn- 
ärztliche Examina gemacht, während 10 vorläufig nur das 
Examen fär den Kandidaten der Medizin bestanden. In der 
juristischen Fakultät haben alles in allem 17 Frauen ihr Examen 
abgelegt. 

Weiter wird in der Rede hervorgehoben, daß es unter den 
weiblichen Studenten viele gegeben hat und noch gibt, die 
hinsichtlich des Grades und der Beschaffenheit ihrer geistigen 
Begabung und des Vermögens, sie auszunutzen, in keiner Hin- 
sicht hinter ihren hervorragenden männlichen Kameraden 
zurückstehen, und daß der Wetteifer mit den männlichen Stu- 
denten auch diesen heilsam gewesen ist. Als ein sehr erfreu- 
licher Umstand wird betont, daß das Universitätsleben keinen 
besonderen Typus weiblicher Studenten hervorgebracht hat, 
indem bei unseren Studentinnen keinerlei Bestrebung, anders 



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- 9"? ~ 

211 sein und zn erscheinen, als alle gebildeten Frauen in 
unserem Lande, hat bemerkt werden können. 

^Da die Erfahrung also gezeigt hat, daß es bei uns Frauen 
.^ibt, die Interesse und Anlagen, ja sogar bedeutende Anlagen 
für gelehrte Studien haben, muß es ja," so fährt der Rektor 
fort, „als ein Gewinn für unsere Kultur und unsere soziale Ent- 
wicklung angesehen werden, daß ihnen die Möglichkeit ge- 
.'geben ist, diese Anlagen auszubilden und auszunutzen, sei es 
im Dienste der freien Forschung, in dem wichtigen Berufe des 
Arztes oder des Erziehers, oder auf aÄderen Gebieten öffent- 
licher oder privater Tätigkeit." 

Die jetzigen Verhältnisse in Finnland haben unser Volk 
bewogen, mit doppeltem Eifer an der Ausbildung der Gene- 
ration zu arbeiten, die nach uns die verantwortungsvolle Pflicht 
übernehmen soll, unsere nationale Existenz zu schirmen. Hieran 
mitzuwirken, danach zu streben, ein kräftiges, sittliches und 
-erleuchtetes Volk zu bilden, stark genug, um kommende Schick- 
;sale zu tragen, das ist eine Aufgabe, die zunächst der Familie 
:zukommt, eine Aufgabe für die finnische Frau, wohl wert, um 
dafür zu leben. Darum arbeiten wir weiter mit Zuversicht, 
»denn eines wissen wir: das, was wir im Dienste lichter 
Mächte wirken, das wird, trotz allem, früher oder später für 
unser Volk und Vaterland Fruchte tragen." 

Ober die gymnasiale Mädchenbildung in Österreich 

berichtete Frau Dr. phil. Eugenie Schwarzwald^ Wien, 
die Leiterin eines Mädchengymnasiums. 

„Im Verhältnis zur Jugend der Frauenbeweg- 
ungin Österreich ist die Sache des Frauenstudiums 
relativ erfreulich vorgeschritten. Die Überzeu- 
gung, daß die Tochter auf eine Bildung Anspruch 
hat, die der des Sohnes gleichwertig sein soll, ge- 
winnt immer weitere Kreise, und es ist nichts als ein 
Ausdruck dieses Fortschrittes, wenn die österreichische Unter- 
richtsverwaltung den Besuch der wichtigsten Universitäts- 
fakultäten seit einigen Jahren dem weiblichen Geschlecht ge- 
öffnet hat. Obgleich sie sonst in Sachen der höheren weiblichen 
Bildung sich völlig zurückhält, vielleicht nicht so sehr aus 

Fraaenkongreß. 7 



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— 98 — 

prinzipiellen als ans materiellen Gründen, sah sie sich doch 
angesichts der stetig wachsenden Zahl qualifizierter Bewer- 
berinnen und des sich darin ausdrückenden gesellschaftlichen. 
Geistes dazu gedrängt, den Frauen den Besuch der Hochschuleui 
zu gestatten. Derzeit sind die medizinische und die philo- 
sophische Fakultät zugänglich, unter der Voraussetzung der 
Beibringung des österreichischen Gymnasialmaturitätszeug- 
nisses; die Eröffiiung der juristischen Fakultäten dürfte kaunk 
mehr lange auf sich warten lassen. Die Sache steht also im 
Österreich derzeit so: das Hochschulstudium steht der Fraa 
in den wichtigsten Richtungen frei, sie ist auch zu den strengen^ 
Prüfungen und der Promotion zugelassen; aber die geistigen: 
Vorbedeutungen zu beschaflPen, dies ist ganz der Privattätig- 
keit und Privatinitiative überlassen. 

Was nun diese betriflPt, so ist der gewöhnliche Weg bei 
uns der der privaten Vorbereitung, der natürlich nur den wohl- 
habenden Kreisen zugänglich ist, es sei denn, daß ganz be- 
sondere Begabung und Energie vorliegen. Dabei sind zwei 
Modalitäten möglich: entweder das junge Mädchen stellt sich 
auf Grund ihrer Vorbildung unmittelbar zur Reifeprüfung aoi 
einem öffentlichen Gymnasium, oder sie hat sich an einem, 
solchen als Privatistin eingetragen und legt jedes Semester 
eine Prüfung ab, um am Ende der Vm. Klasse mit der Maturi- 
tätsprüfung abzuschließen. 

Seit ungefähr 16 Jahren machen sich nun Be- 
strebungen geltend, dem Bildungsbedürfnisse sol- 
cher Maturitätsaspirantinnen durch Begründung: 
eigentlicher Schulanstalten, sei es auf Initia- 
tive hierfür gebildeter Vereine oder auf solche, 
von Privaten, entgegenzukommen. Gegenwärtig lasseui 
sich 2 Gruppen derartiger Anstalten unterscheiden: es sind ent- 
weder solche, welche einfach das Knabengymnasium mit Bei- 
behaltung von Lehrplan, Studienzeit usw. herübemehmen, also 
in allem dem Knabengymnasium nachgebildete Mädchengym- 
nasien sind, oder sie suchen den Lehrstoff in kürzerer Zeit, 
zu bewältigen. 

Zur ersteren Gruppe gehören das achtklassige Mädchengym- 
nasium des Vereins „Minerva" in Prag (1890 gegründet. Unter- 



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— 99 — 

richtssprache tschechisch) und das achtklassige Mädcbengym* 
nasium in Wien, welches dem trefilichen, tatkräftigen Vereine für 
erweiterte Frauenbildnng (1892) seine Gründung verdankt 
Auch diese beiden ausgezeichneten Anstalten haben mit sechs- 
klassigem Lehrgang angefangen; aber da der Staat streng auf 
dem Standpunkte beharrte, die Schülerinnen solcher Anstalten 
als Privatistinnen zu behandeln, die also an einem staatlichen 
Gymnasium die Maturitätsprüfung abzulegen hätten, so ent* 
schlössen sich endlich die betreffenden Schulleitungen, um das 
so wichtige Recht zu erhalten, die Schlußprüftmg an den 
eigenen Anstalten abhalten zu dürfen, zur Umgestaltung nach 
den staatlichen Lehrplänen. Infolgedessen erhielten sie dann 
auch in den letzten Jahren für ihre einzelnen Klassen suc- 
cessive das Öffentlichkeitsrecht, so daß z. B. das Gymnasium 
des Vereins für erweiterte Frauenbildung im Sommertermine 
1906 das erste Maturitätsexamen wird selbst abhalten dürfen. 
Offenbar ist es eine empfindliche Benachteiligung der studie- 
renden Mädchen gegenüber ihren männlichen Kollegen, welche 
die Reifeprüfung an der von ihnen jahrelang besuchten Anstalt,, 
vor den mit ihnen und ihrer Vorbildung wohlvertrauten Lehrern 
ablegen dürfen, daß sie zum Examen an eine fremde Anstalt^ 
vor eine Kommission abgehen müssen, deren Mitglieder ihnen 
ganz fremd gegenüberstehen und sich ihr Urteil ausschließlich 
auf Grund der einmaligen, doch auch von allerlei Zufalligem 
abhängigen Prüfung bilden müssen. Es ist daher sehr be- 
greiflich, daß die Mädchengymnasien sich um die Erlangung 
des Rechts, die Examina selbst abhalten zu dürfen, bemühen 
und um desselben willen sich schließlich zur Anlehnung an die 
Einrichtungen der Knabengymnasien bequemen. Auch die An- 
stalten der 2. Gruppe, die bisher in weniger als 8 Jahren den 
Gymnasiallehrstoff zu bewältigen unternehmen, zeigen aus 
diesem Grunde die Tendenz, sich allmählich zu regulären acht- 
klassigen Gymnasien umzugestalten. Es sind dies 3 private 
Lehranstalten in Lemberg und eine Mädchenmittelschule in 
Krakau (alle mit polnischer Unterrichtssprache), die bisher mit 
ö oder 6 Jahren auszukommen suchten. 

Es wirft sich nun die Frage auf, ob wir uns mit dieser 
Entwicklung vollkommen befriedigt erklären können. Auf den 

7» 



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— 100 — 

ersten Blick scheint damit genug erreicht zu sein, daß der 
Staat die — vorläufig allerdings nur private — Organisation 
von Mädchengymnasien gestattet und ihnen, falls sie in Lehr- 
plan und Lemzeit seinen für Enabengymnasien gegebenen 
Vorschriften genfigen, das Öffentlichkeitsrecht verleiht, so daß 
ihre Abiturientinnen ohne weiteres die Hochschule beziehen 
können. Doch sind die schwerwiegenden Bedenken nicht aus 
dem Auge zu lassen, die sich gegen die einfache Übertragung 
des gymnasialen Unterrichtswesens in das Gebiet der weib- 
lichen JugendbUdung erheben lassen. 

Vor allem ist der Unterschied zwischen den allgemeinen 
Zielen, die den Mittelschulen für Knaben und jenen für Mädchen 
vorzustecken sind, ein sehr wesentlicher. Das Gymnasium, die 
Realschule usw. haben vor allem andern die Vorbereitung der 
Knaben für ein Berufsstudium zum Zweck. Speziell das Gym- 
nasium ist, aller Bemühungen um die Vermittlung einer allge- 
meinen Bildung ungeachtet, doch vor allem die Vorbereitungs- 
schule zur Universität. Als solche hat es sich historisch ent- 
wickelt, und diesen Charakter hat es beibehalten; es soll 
wesentlich junge Leute liefern, die an den Fakultäten die ge- 
lehrte Ausbildung zu Beamten, Anwälten, Ärzten und Lehrern 
erhalten können. Anders liegt die Sache aber bei der höheren 
Mädchenmittelschule. Das erste Ziel dieser ist gerade die 
Vermittlung einer allseitigen und modernen Geistesbildung. 
Unser Hauptziel ist nicht, tunlichst viele Mädchen auf die ge- 
lehrten Berufe zu drängen und die Universitäten mit weib- 
lichen Studierenden zu überfüllen; die Mittelschule soll unseren 
Mädchen eine höhere Bildung bieten, aber unter prinzipieller 
Festhaltung des natürlichen Berufes der Frau. Zugleich soll 
sie aber allen jenen, die Fähigkeit und Neigung in sich finden, 
die Möglichkeit bieten, sich für die Universität vorzubereiten. 
Hätte ich hier über die Universitätsfrage selbst zu reden, so 
püßte ich auch über das Problem sprechen, inwiefern die Fest- 
haltung des Erfordernisses der Gymnasialmaturität noch heute 
unbedingt geboten sei, und ob es nicht dem modernen Geiste 
entsprechen würde, den Zugang zur Universität mehr von all- 
gemeinen Bildungserfordemissen, als von der speziell huma- 
nistischen Schulung abhängig zu machen, eine Frage, die be- 



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— 101 — 

kanntlich gerade in Deutschland auch an hohen amtlichen 
Stellen ernstlich erwogen wird. Doch haben wir mit den tat- 
sächlichen Verhältnissen zu rechnen ; der Staat fordert, speziell 
auch in Österreich, die gymnasiale Bildung, und so wäre zuzu- 
sehen, wie diese zu vermitteln wäre, ohne den Hauptcharakter, 
den die moderne Mädchenmittelschule haben soll, zu alte- 
rieren. 

Ich bin weit davon entfernt, zu behaupten, daß in Öster- 
reich diese ideale Mädchenschule, die das 16— 18 jährige Mädchen 
mit einer harmonischen, allseitigen, modernen Bildung entlassen 
soll, bereits besteht. Die durch eine Ministerialverordnung 
vom Dezember 1900 in Österreich geschaffenen, d. h. der Schaffung 
durch Private und Gemeinden überlassenen Mädchenlyceen sind 
noch weit davon entfernt, solchen Anforderungen zu genügen. 
Beispielsweise ist das Maß gerade der modernsten Bildungs- 
bestandteile: Mathematik und Naturwissenschaften, unbegrnn- 
deterweise arg herabgedrückt. Das hindert aber nicht, von 
ihrem Ausbau und ihrer VervoDkommnung viel zu hoffen. Die 
zweite Frage ist, in welcher Art eine der heutigen Sachlage 
Rechnung tragende, streng gymnasiale Bildung sich fakultativ 
angliedern ließe. 

Noch eine zweite Erwägung spricht dagegen, das Knaben- 
gymnasium pur et simple in das weibliche Bildungswesen zu 
übernehmen und gar zum Grund- und Eckstein desselben zu 
machen. Ich habe schon angedeutet, daß gerade das heutige 
humanistische Gymnasium sich in einem kritischen Zustande 
befindet. Die kolossale Entwicklung der Technik im 19. Jahr- 
hundert und die unvergleichlichen Leistungen der modernen 
realistischen , mathematisch - naturwissenschaftlichen Wissen- 
schaften stehen in einem so schneidenden Kontrast zu dem 
Maße, in dem die klassisch-altsprachlichen Bildungsmittel am 
Gymnasium überwiegen, daß wohl eine bezügliche Reform un- 
ausbleiblich und nur eine Frage der Zeit, ja vielfach schon 
teilweise im Gange ist. Ich habe hierauf an dieser Stelle 
nicht näher einzugeben; aber die Frage muß ich doch auf- 
werfen, ob wir Frauen bei dieser Sachlage gut daran täten, 
in diesem Übergangszustande das Gymnasium einfach für un» 
zu rezipieren? Ist es nicht geratener, bei der Einrichtung 



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— 102 — 

unserer, der weiblichen Mittelschule unsere eigenen, 
wohlerwogenen nnd unseren Bedfirfnissen angepaßten Wege 
zu gehen und der Zugänglichmachung der Fakultäten eben 
nur das Notwendigste an Tribut zu zahlen? Ja vielleicht 
können wir uns sogar mit der Hoffnung schmeicheln, durch die 
Erfahrungen, die wir mit einer hochmodernen Mädchenschule 
machen, den Männern Material zur Seform ihrer Schulen zu 
liefern. 

Nicht zu übersehen ist femer der mit den Eigentümlich- 
keiten der weiblichen Natur selbst gegebene Unterschied. Das 
Mädchen erlangt die natüliche Beife früher als der Jüngling. 
Diese Naturtatsache sollte es eigentlich mit sich bringen, daß 
das Mädchen auch früher ihre Lernzeit abschließen, beziehungs- 
weise früher an ein gelehrtes Studium gehen könne, als der 
Knabe. Während nun aber bei uns der Knabe mit Vollendung 
des 10. Lebensjahres ins Gymnasium tritt, um es mit 18 Jahren 
zu absolvieren, haben unsere Mädchengymnasien gar ein Mindest- 
alter von 12 Jahren vorgeschrieben, so daß die an ihnen ge- 
bildeten Mädchen bestenfalls erst mit 20 Jahren die Universität 
beziehen können. Dies ist nun offenbar eine sehr schlimme 
Benachteiligung, ja Schädigung der studierenden Mädchen, ab- 
gesehen von dem entwürdigenden Zweifel an ihrer geistigen 
Leistungsfähigkeit, der sich in solcher Heraufsetzung des 
Altersminimums ausdrückt. Das Ziel müßte von Natur und 
Eechts wegen das gerade umgekehrte sein: das Mädchen früher 
zu entlassen, als den erst später reif werdenden Knaben. 

Von allen diesen Erwägungen ausgehend, habe ich den 
Versuch unternommen, im Anschluß an mein Mädchenlyceum 
in Wien eine gymnasiale Mädchenschule einzurichten, die in 
vier Jahreskursen die Vorbereitung zur Maturität vermitteln 
aolL Die Grundgedanken sind dabei: die Mädchen sollen erst 
Äuf Grund der in mehreren Lycealklassen erreichten Bildung 
{speziell in fremden Sprachen, französisch und englisch), und 
Äwar regelmäßig im Alter von 14 Jahren zugelassen werden. 
Da die Wiederholung gewisser Fächer im Unter- und Ober- 
gymnasium wegfällt (Mathematik, Physik, Geschichte, Natur- 
geschichte, die alle den Knaben im achtklassigen Gymnasium 
zweimal tradiert werden) und da die Kenntnis der modernen 



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— 103 — 

Sprache das philologische Studium sehr erleichtert , ist es 
möglich, den Lehrstoff auf vier Lemjahre bequem und ohne 
«Ue Überlastung zu verteilen, so daß die Mädchen mit 18 Jahren 
zur Maturitätsprflfiing gestellt werden können. Bei der Ein- 
richtung haben die Erfahrungen und Lehrmittel mit Erfolg 
herangezogen werden können, welche das sogenannte Frank- 
furter Beformgymnasium besitzt. Die erste Prüfung kann, da 
diese meine Kurse erst drei Jahre bestehen, erst 1906 statt- 
&iden; aber die bisherigen Fortschritte lassen das Beste hoffen. 
Mit Äbsolvierung des dritten Jahrganges stehen die Schüle- 
rinnen da, wo an den staatlichen Gymnasien die Knaben am 
Schluß der YIL Klasse sind, so daß also der letzte Jahrgang 
ganz so geführt werden kann, wie die VIÜ, d. i. die letzte 
Klasse des öffentlichen Gymnasiums. 

Eine solche Einrichtung hat auch den großen Vorzug, daß 
die Eltern des Kindes nicht genötigt sind, bereits über das 
10- bis 12jährige Mädchen eine seiner ganzen Zukunft prä- 
judizierende Entscheidung zu treffen. Bis zum 14. Lebensjahr 
teilt das Kind den allgemeinen Bildungsgang seiner Mitschüle- 
rinnen; im Alter von 14 Jahren haben sich seine Anlagen und 
Fähigkeiten bereits deutlich genug ausgesprochen, damit ein 
begründetes Urteil darüber gefallt werden könne, ob es in's 
Gymnasium soll oder nicht; auch kann des Mädchens eigener 
Wunsch und Neigung mit Fug eine entscheidende Bolle spielen. 

Auf Grund des Ausgeführten möchte ich meine Ideen über 
die gymnasiale und sonstige höhere Mittelschulbildung für 
Mädchen dahin zusammenfassen, daß das Ziel eine einheitliche, 
das Alter von 10 bis 18 Jahren umfassende moderne Mittel- 
schule zu bilden hat, wobei neben französischer und englischer 
Sprachbildung sowie Geschichte und Muttersprache, ganz be- 
sonders Mathematik und Naturwissenschaften, zu betonen sind. 
Hauptprinzip hat zu sein, daß in keiner Hinsicht die Anforde- 
rungen niedriger zu stellen sind, als im Knabengymnasium. 
Das Mädchen hat durchaus auf die gleiche Bildungshöhe An- 
spruch wie der Mann. Andrerseits ist in der Unterrichts- 
erteilung das spezifisch -weibliche dem Geschlechtscharakter 
angemessen zu betonen, indem insbesondere im literarisch« 
historischen Gebiet die ästhetischen und Gegenwartselemente 



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-— 104 -- 

mit Ansscheidong allen Ballastes hervorzutreten haben. Über*, 
bordung ist zu vermeiden, der Unterricht in der Muttersprache 
besonders zu vertiefen, Kunstverständnis zu pflegen und im 
allgemeinen über dem Unterricht nicht die Erziehung und 
Herzensbildung zu vergessen. Inwiefern die von einer solchen 
Schule vermittelte Bildung schon an sich zum Universitäts- 
besuch berechtigen könnte — diese Frage wäre wohl erst zu- 
gleich mit der bezüglichen, für Knaben gegebenen zu beant- 
worten; inzwischen, d. h. solange nur klassische Gymnasial- 
bildung die Pforten der Fakultäten öffnet, könnte nach der 
IV. Klasse dieser 8 Klassen-Einheitsschule, also für das Alter 
von 14 Jahren, eine Zweiteilung eintreten, indem die sich für 
das Hochschulstudium Entscheidenden an die Stelle der modernen 
Sprachen in den 4 Oberklassen das Studium von Latein und 
öriechisch setzen. 

Eine solche Einheitsschule würde allen Anforderungen 
entsprechen, die die moderne Frauenbewegung stellen kann; 
sie würde allen, die Fähigkeit und Neigung besitzen, den Zu- 
gang zu den gelehrten Berufen verbürgen und zugleich eina 
allgemeine, harmonische, moderne Mädchenbildung auch allen 
vennitteln, welche die altgewohnten Kreise des Frauenlebens 
und der weiblichen Betätigung nicht verlassen, sondern durch 
Ruckwirkungen höheren Wissens veredeln wollen.^' 

In der Diskussion berichtete Frl. v. Bredow» Berlin über 
einen von der Sektion für höhere Schulen des Allgemeinen 
deutschen Lehrervereins ausgearbeiteten Lehrplan einerMädchen- 
reförmschule. Wesentlich daran ist der 13jährige Kursus, der 
vom 7. Schutjahr an in einem Zweige durch die Einführung 
der theoretischen und praktischen Psychologie, der Hygiene,, 
der Gesetzeskunde das Pensum der höheren Mädchenschule 
erweitert und zugleich in allen anderen Fächern, vor allem in 
Mathematik und Naturwissenschaften, eine gründliche Vertiefung 
anstrebt. Den anderen, auf dem 7. Schuljahr aufgebauten Zweig 
der ßeformschule bildet ein 6jähriger Realgymnasialkursus. 
Die Forderung gleichen Unterrichts für Mann und Frau be- 
tonte Frau Marianne Hainisch^Wien, die zugleich von 
ihren Bemühungen, in ihrer Heimat diese Forderung durchzn* 
setzen, berichtete. FrauKouscalska-Beinschmidt^Krakau 



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— 105 — 

sprach aber die erfolgreichen Beinühimgen der galizischeir 
Frauen für Mädchengymnasien, Frau ZdenkaWiedermann 
über die der tschechischen Frauen in Prag und Brunn. Mrs. 
Franklin sprach im Anschluß an das Seferat Ton Frau 
Hierta-Retzius über die körperliche Ausbildung der Kinder^ 
ebenso Herr von Oppeln^ Kapstadt Graf Hoensbroech 
betonte die Notwendigkeit der Trennung von konfessionellen, 
und wissenschaftlich -pädagogischen Prinzipien in der Schule^ 
femer die Notwendigkeit gemeinsamer Erziehung, und sprach 
insbesondere seine Zustimmung zu den Ausführungen des ein- 
leitenden Referates aus; auch er hält es für eine nationale 
Aufgabe von höchster Bedeutung, daß die Mutter und Erzieherin 
eine intellektuell selbständige Persönlichkeit werde. 



Freitag den 17. Juni. 



Das Universitätsstudium der Frauen. 

Den Vorsitz führte Frau Adelheid Steinmann*Frei- 
bürg i. Br., die Vorsitzende des Vereins „Frauenbildung-Frauen- 
studium". In ihrem einleitenden Referat bezeichnete Frl. 
Dr. Gertrud Bäum er kurz die Probleme, um die es sich 
bei einer Erörteining des Frauenstudiums im Augenblick handelt^ 
nämlich: 1. um die Fragen der Organisation der Hochschulen 
für das Frauenstudium, vor allem also um die Frage, ob dem 
gemeinsamen Studium oder getrennten Frauenuniversitäten der 
Vorzug zu geben sei, und 2. mn^die Zwecke und tlie Leistungen 
der studierenden Frauen, sowohl mit Rücksicht auf ihre Berufe^ 
als auf ihre Leistungen für die Förderung der Wissenschaften^ 
eine Frage, die vorläufig noch mit größter Zurückhaltung be- 
handelt werden müsse. 

Als erste Rednerin sprach Frau Marianne Weber» 
Heidelberg über 

Die Beteiligung der Frau an der WissenscIiafL 

„Seit sich die Universitäten den Frauen erschlossen haben,, 
mehren alljährlich glänzend absolvierte Examina und Promo- 



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— 106 - 

tionen die Beweise, daß Frauen befähiget sind, wissenschaftliche 
Studien mit Erfolg zu betreiben und die diejenige Stufe intellek« 
tueller Schulung und stofflicher Beherrschung eines bestimmten 
Wissensgebietes zu erreichen, die zur Ausübung der sogenannten 
liberalen Berufsarten erforderlich ist. Es mehren sich aber 
auch die Zeichen, daß Frauen sich in diesen Berufen bewähren, 
und als Ärztinnen, Beamtinnen, Juristinnen, Theologinnen, 
akademisch gebildete Lehrerinnen u. dgL eigenartige Aufgaben 
erfüllen, durch die speziell Ton unserem Geschlecht schmerzlich 
empfundene Lücken unseres Kulturlebens ausgefüllt werden. 
Aber noch mehr: die zunehmende Angliederung von Frauen 
an die akademischen Lehrkörper als Assistentinnen an medi- 
zinischen, physikalischen, zoologischen, chemischen Listituten 
und ihre Zulassung zur akademischen Lehrtätigkeit in einigen 
Ländern zeigt, daß Frauen auch diejenige höhere Stufe intellek- 
tueller Schulung erreichen können, von der aus das Wissen 
sich durch Wort und Schrift lehrend an andere übermitteln läßt 

Diese Tatsachen beantworten uns aber noch nicht die 
Frage, ob die Frau fähig ist, auch zur Vermehrung der wissen- 
schaftlichen Kultur, und des Erkenntnisschatzes in irgend einer 
Weise Eigenartiges und Unersetzliches beizutragen. Dürfen wir 
hoffen, daß ihr auch im Beiche der intellektuell schaffenden 
Oeister besondere Aufgaben zufallen, deren Erfüllung die Kultur 
eigenartig bereichert? In diesem Punkte ist, wie mir scheint, 
unsere Zuversicht noch nicht so fest an unzweideutigen Tat- 
sachen verankeiii, wie in bezug auf den Wert der Frauenarbeit 
in vielen anderen Gebieten menschlicher Kulturtätigkeit 

Befragen wir zunächst die Vergangenheit Sie lehrt uns, 
daß der Versuch der Frauen zu selbständiger wissenschaft- 
licher Arbeit keineswegs erst ein Produkt unserer Zeit ist 
In allen Epochen hoher geistiger Kultur fühlen sich auch 
Frauen trotz aller Schranken, die ihrer systematischen Geistes- 
bildung entgegenstanden, zur Wissenschaft getrieben, und be- 
sonders Begabte wußten sich auch in jeder Epoche ein gewisses 
Maß zeitgenössischer Bildung anzueignen. Wurde doch auch 
der Schatz der Erkenntnis von jeher nicht nur in den Ge- 
lehrtenschulen, deren Benutzung den Männern reserviert war, 
ausgeteilt, sondern daneben auch — leichter zugänglich — in 



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— 107 — 

den Schriften jeder Zeit Und was bei dem heutigen Stande 
der Wissenschaft nnd ihrer Hilfsmittel unmöglich erscheint: 
die frachtbare Förderung der denkenden Erkenntnis ohne syste- 
matische Einftlhrung in irgend eine Fachdisziplin« war es früher 
nicht in gleichem Maße. 

Zur Zeit des klassischen Altertums und der Benaissance 
waren auch manche schöpferische männliche Geister „Autodi- 
dakten^. 

Wenn wir diese größere äußere Gleichheit der Chancen 
begabter Männer und Frauen zunächst bei der Bewertung der 
wissenschaftlichen Tätigkeit antiker Frauen in Betracht ziehen, 
so fällt notwendig auf, daß ihre produktiven Leistungen un- 
ermeßlich weit hinter denen der genialen männlichen Geister 
zurückbleiben. Dabei war die Zahl der gelehrten Frauen, die 
in Griechenland als „Philosophinnen" bezeichnet wurden, nicht 
klein. Ein modernes, ihnen gewidmetes Werk*) nennt mehr 
als hundei*t; davon haben sogar mehrere als Lehrerinnen der 
Dialektik, Rhetorik und Logik an den offiziellen Akademien 
die Anerkennung und Bewunderung ihrer Zeitgenossen ge* 
fänden, aber leider hat uns keine von ihnen Schriften mit 
selbständigen wissenschaftlichen Gedanken hinterlassen; selbst 
von Hypatia, die im 5. Jahrhundert n. Chr. in Alexandria einen 
Lehrstuhl bekleidete, wissen wir nicht, ob sie eine selbständige 
Denkerin war, denn von ihren mathematisch -astronomischen 
Schriften sind nichts als die Titel erhalten. 

Und doch hat man den Eindruck, daß der Beteiligung der 
Frauen an der Wissenschaft selbst in damaliger Zeit eine 
eigenartige Kulturbedeutung beigelegt worden ist. Worin sie 
bestanden hat, suchen wir auch aus der Geschichte zu deuten. 
Fast alle gelehrten Griechinnen werden als Anhängerinnen 
solcher philosophischer Schulen bezeichnet, die danach trachteten, 
aus der denkenden Erkenntnis des Zusammenhangs der Er- 
scheinungen zugleich die Normen und Zwecke des menschlichen 
Handelns abzuleiten, die sich den Verstand zum Führer auf 
dem Wege zur Tugend und zur Gottheit wählten. Namentlich 
die pythagoreische Schule, der die meisten Philosophinnen an- 



*) Poestion, Oriechische Philosophinnen. 



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— 108 — 

gehörten, trag das Gepräge einer ethisch-religiösen Sekte, ihre 
Philosophie war Ethik, ihre Mathematik nnd Astronomie reli- 
giöse Mystik, ihre Anhänger lebten in enger seelischer Ge- 
meinschaft und unterwarfen sich einer bis ins kleinste ge- 
regelten Lebensordnung. 

Hier waren die Frauen eben Prophetinnen und Jüngerinnen 
des Meisters, die für dessen praktische sittlich-reformatorische 
Ideale nicht nur lehrend, sondern vor allem auch durch die 
vorbildliche Entwicklung der eigenen Persönlichkeit warben. 

Auch in den späteren Epochen der Antike finden wir die 
wissenschaftlichen Frauen fast ausnahmslos als Anhängerinnen 
solcher Schulen und Lehren, die aus ihrer Einsicht in das 
Weltgeschehen unmittelbar den Sinn des menschlichen Daseins 
etfassen zu können glaubten, und was Hypatia den Epigonen 
der antiken Kultur verkündete — die neuplatonische Lehre — 
war keine auf Grund der Erfahrung gewonnene Welterkenntnis, 
sondern ein tiefsinniger Versuch , den Sinn des Lebens und 
sein Verhältnis zum Ewigen zu deuten und darin Richtlinien 
für das menschliche Handeln zu finden. 

Die griechischen Philosophinnen haben offenbar den Schatz 
der Erkenntnis nicht selbstschöpferisch erweitert, aber sie 
lebten das als wahr Erkannte und verliehen der Wissen- 
schaft ihrer Zeit dadurch die Blutwärme lebendigen Fühlens. 

Eine ähnliche, wenn auch weniger umfassende Bedeutung 
gewann das Verhältnis der Frau zur Wissenschaft im auf- 
steigenden christlichen Mittelalter, als die christlichen und 
kirchlichen Ideale zur Voraussetzung aller wissenschaftlichen 
Forschung geworden waren. Auch ihre Produktionen sind zum 
größten Teü verdienter Vergessenheit anheim gefallen, dagegen 
müssen sie ihrer Zeit wertvolle praktische Dienste geleistet 
haben. Denn es steht nicht vereinzelt da, dafi aus der Stille 
des Klosters Päpste und Könige sich Rat holten, oder daß ein 
Weib, wie Katharina von Siena, in die Politik des Papsttums 
Richtung gebend eingriff. 

Als dann der Humanismus die Wissenschaft aus dem 
Dämmerlicht der Kirche in die Helle der weltlichen Kultur 
zurückführte, nahmen auch weltliche Frauen an dem wachsen- 
den Erkenntnisstreben teil In Italien und vereinzelt auch in 



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— 109 — 

Spanien lassen fürstliche xmd reiche Familien ihre Töchter 
zusammen mit den Knaben humanistische Stadien treiben; die 
Zahl der Frauen, die sich gelehrten Berufen widmeten, war 
nicht klein, und nicht wenige bestiegen medizinische, juristische 
und mathematische Lehrstühle: Die Frauen der Benaissance- 
zeit haben nun yereinzelt auch gelehrte Arbeiten hinterlassen, 
allein ihre Gfedanken bewegen sich in den überkommenen 
Gleisen, und unter denjenigen Geistern, die gerade damals 
ganz neue Forschungsmethoden fanden und durch eine ganz 
neue Art der Weltbetrachtung die moderne Wissenschaft 
schufen, findet sich kein weiblicher. Aber der jene Frauen 
umstrahlende Ruhm kann nicht grundlos gewesen sein. Und 
wiederum scheint es, daß sie nicht als schöpferische Gelehrte, 
wohl aber als intellektuell durchgebildete Persönlichkeiten 
für die Gesamtkultur ihrer Zeit bedeutsam waren. Sie schufen 
zum ersten Male Beziehungen zwischen den Geschlechtem, aus 
denen sich die feinste Blüte geistiger Freundschaft und die- 
jenige Fülle des seelischen Daseins entwickelte, die jedes Ge- 
biet schöpferischer Kulturtätigkeit befruchtete. 

Als dann die beginnende Arbeitsteilung in der Wissenschaft 
die wissenschaftliche Tätigkeit des einzelnen auf immer kleinere 
Ausschnitte des Gesamtwissens beschränkte, treten auch ver- 
einzelte weibliche Gelehrte mit guten fachwissenschaftlichen 
Werken an die Öffentlichkeit. Zeigten sich dabei nun spezifische 
Veranlagungen der Frauen für bestimmte Fachgebiete? — Bei 
dieser Frage begegnet uns zunächst das so häufig bestaunte 
Phänomen, daß gerade in den mathematisch - physikalischen 
Wissenschaften, die anscheinend der größten Abstraktionsfähig- 
keit und der strengsten logischen Schulung bedürfen, eine 
Anzahl von Frauen mit Erfolg arbeiten. Aber freilich auch 
hier, soweit schöpferische Arbeit in Betracht kommt, mit be- 
grenztem Erfolg. Unter den ziemlich zahlreichen, zum Teil 
mit akademischen Preisen ausgezeichneten mathematischen 
Frauenarbeiten sind die -Leistungen von Sonja Kowalewska 
wohl die einzigen, die auch heute noch Bedeutung haben. Aber 
als Stern erster Größe erscheint auch sie nicht unter den 
mathematischen Geistern. 

Nächst den mathematischen haben dann am frühesten 



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— 110 — 

philologische Frauen Tüchtiges geleistet. Wir finden da anch 
einige wertvolle selbständige Arbeiten, so etwa die von Therese 
Robinson (genannt Talvjli und Caroline Michaelis de Vascon- 
Cellos; aber die wichtigsten Dienste leisteten Frauen der Sprach- 
wissenschaft dadurch, daß sie übersetzend und erklärend lite^ 
rarische Denkmäler der Vergangenheit oder fremder Nationen 
ihrem eigenen Volke zugänglich machten. So wurde, nach 
manchen anderen Frauen, im vorigen Jahre zwei schottischen 
Schwestern für ihre Entdeckung und scharfsinnige Übersetzung 
und Erklärung alter biblischer Texte von der theologischen 
Fakultät in Heidelberg der Ehrendoktorgrad erteüt. 

Eine nur den Frauen eigene, spezifische wissenschaftliche 
Betrachtungsweise kann auf den bisher genannten Gebieten 
jedenfalls nicht in Anspruch genommen werden. Was Frauen 
und Männer hier leisten, ist das Resultat gleichartiger, aber 
nicht spezifisch verschiedener geistiger Fähigkeiten. 

Anders vielleicht auf dem Gebiete historischer Kultur- 
wissenschaften. Hier könnte die Frau zunächst kraft eigen- 
artiger seelischer Fähigkeiten: ihrer besonderen Gabe, sich in 
die Gefühlswelt anderer zu versetzen und deshalb die Motive 
ihres Handelns nacherlebend zu verstehen, der Wissenschaft 
eigenartige Dienste leisten. In einzelnen bedeutenden Leistungen 
auf biographischem, literar- und kunstgeschichtlichem Gebiet 
tritt das schon jetzt hervor. 

Aber weit wichtiger kann und wird die Mitwirkung der 
Frauen dann werden, wenn sie gelernt haben, auf Grund einer 
eigenartigen Stoffauswahl nach besonderen „weiblichen" Ge- 
sichtspunkten in das Gewebe der geschichtlichen Erkenntnis 
einen neuen Einschlag einzufügen. Denn die Eigenart der 
Kulturwissenschaften im Gegensatz zu den Naturwissenschaften 
besteht ja darin, daß ihre Analyse der Wirklichkeit an Wert- 
gesichtspunkten und an Kulturidealen verankert ist, welche aus 
der Tiefe des unmittelbaren Erlebens in stetem Wandel und 
in stets neuer Färbung aufsteigen. „Objektivität" der Ge- 
schichte und aller Kulturbetrachtung im Sinne des Absehens 
von solchen letzten Wertideen ist ein Phantom. Ist dem aber 
so, dann mufi gerade derjenige, der von der grundsätzlichen 
Verschiedenheit der Geschlechter durchdrungen ist, es als eine 



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— 111 - 

Lücke empfinden, daß die wissenschaftliche Betrachtung der 
menschlichen Knltnrentwicklnng sich ausschließlich durch die 
Brille der einen Hälfte der Eulturmenschheit vollzieht. 

Daß sich bisher so wenige Frauen in den politischen und 
Kulturwissenschaften betätigt haben, ist zweifellos weniger 
Folge mangelnder Begabung als mangelnden Interesses. Die 
Gestaltung der lebendigen Staats- und Eechtsordnung war von 
jeher das Monopol des Mannes; kein Wunder, daß überall da, 
wo die Frauen vom Mithandeln ausgeschlossen waren, sie auch 
keinerlei Antrieb zum wissenschaftlichen Mitdenken fehlten. 
Vielleicht wird aber die Zukunft hier Wandel schaffen. Schon 
mehren sich die Zeichen, daß diejenigen Probleme unserer Zeit^ 
welche die Frauen aus ihrem Dämmerzustande im Schatten 
des Hauses zur gesteigerten praktischen Teilnahme an der 
allgemeinen Kulturarbeit treiben, auch ihr geistiges Auge für 
einen umfassenderen Kreis wissenschaftlicher Probleme er- 
schließen, als in der Vergangenheit. Geht doch überall das. 
Handeln in der WirkUchkeit ihrer Ordnung durch den denkenden 
Verstand voran! 

So verdanken wir dem Emportauchen der „Frauenfrage^ 
in unserem Bewußtsein schon unmittelbar auch eine Vermehrung 
unseres Erkenntnisschatzes, so namentlich eine Reihe fein* 
sinniger wissenschaftlicher Untersuchungen über die Lage 
unseres Geschlechts in Vergangenheit und Gegenwart und ihre 
Bedingtheit durch religiöse, sittliche, soziale und ökonomische 
Faktoren. Gerade solche Arbeiten aber dürfen den Anspruch 
auf spezifische Bedeutung machen, weil es mit der bloßen Tat* 
Sachenfeststellung in den Kulturwissenschaften nicht getan ist,, 
sondern weil hier die geistige Arbeit in der Auffindung eigen* 
artiger Gesichtspunkte liegt, unter denen die Tatsachen zu* 
sammengefaßt und gegliedert werden, und weil es außer allem 
Zweifel steht, daß hier die Frauen je länger je mehr ihre 
Arbeit an neuen Kulturwerten orientieren werden. Der neue 
Standpunkt der Betrachtungsweise ist es, der Bekanntes im 
neuen Lichte zeigt, und bisher Unbeachtetes als kulturbedeutsam 
erkennen läßt. 

Diese Momente bestimmen auch speziell die beginnende 
Bedeutung der Frauenarbeiten für die Sozialwissenschaffcen im 



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— 112 — 

'engeren Sinne. Eigenartige und wertvolle Arbeiten wie die 
über Grenossenschaftswesen und Gewerkvereine von Mrs. Webb 
besitzen wir schon heute. Aber die Bedeutung der Frauen- 
arbeiten muß bei der Jugend dieser Probleme notwendig in der 
Zukunft noch steigen. Grerade hier wird die Mitarbeit der 
Frau . soziale und wirtschaftliche Erscheinungen und Einrich- 
tungen in ihrer Beziehung zum weiblichen Geschlecht erkennen 
und dadurch Einsichten vermitteln können, die männlichen 
Forschern verborgen bleiben. 

Jene Eigenart der Wissenschaft von der menschlichen 
Kultur:. ihre Verankerung an dem Fühlen und Wollen lebendiger 
Menschen, gibt uns die Hofl&iung, daß gerade auf diesem Gebiet 
Frauen in Zukunft Wertvolleres für die Wissenschaft leisten 
können als in der Vergangenheit, selbst wenn ihre schöpferische 
Denkkraft auch dann nicht die der früheren männlichen Geister 
-erreicht. Jeder Schritt, der die Frauen aus der Enge ihres 
bisherigen Wirkungskreises hinaus und in die praktische Kultur- 
Arbeit hineinfuhrt, wird auch ihren Trieb zur denkenden Be- 
meisterung der Erscheinungen steigern. Die praktische und 
theoretische Tätigkeit stammt ja schließlich aus denselben 
Wurzeln: aus dem Streben des Menschen, der Wirklichkeit 
Herr zu werden, sie zu formen und zu gestalten nach den 
Gesetzen des Geistes. 

Aber der Schwerpunkt der Kulturbedeutung geistiger 
Frauenarbeit liegt wahrscheinlich, ebenso wie in der Ver- 
gangenheit, so auch in Zukunft, nicht in der Förderung des 
objektiven Kosmos unseres Wissens. Eine seelische Eigenart 
der Frau scheint ja darin zu bestehen, daß sich ihr Interesse 
und Verständnis allem Persönlich - Menschlichen unmittelbarer 
Als den Objekten zuwendet. Wie die Mehrzahl ihrer wissen- 
schaftlichen Arbeiten aus unserer Epoche zeigen, wird ihr im 
Allgemeinen erst das an ihr und anderen Erlebte Ereignis, 
4essen Zusammenhang mit anderen Ereignissen sie scharfsinnig 
zu erforschen weiß. 

Ihre intensive Teilnahme an dem W^oUen lebendiger 
Jtfenschen läßt sie nun vielleicht stärker als den Mann das 
Bedürfnis empfinden, die aus Erkenntnissen gewonnenen Über- 
zeugungen wieder in die Wirklichkeit hineinzutragen, dem 



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— 113 — 

Wissen durch Handeln lebendige Wirksamkeit zn verleihen. 
Dieses Strebens bedarf aber gerade die moderne Knltnr in 
ihöherem Maße als die irgend einer anderen Zeit. Wir 'ver- 
danken die nngehenere Vermehrang unseres Erkenntnisschatzes 
•der gesteigerten wissenschaftlichen Arbeitsteilnng. Diese ver- 
schuldet es aber andererseits, daß das Wachstum der geistigen 
Kultur der Individuen weit hinter dem Wachstum des objek- 
tiven Wissensquantums zurückgeblieben ist, wie man ja mit 
£echt die Eigenart unserer Kulturentwicklung in dem Zurück- 
•treten der Kultur der Menschen hinter deijenigen der Sachen 
erblickt hat. Nur wenige profitieren heute für ihre geistige 
Existenz von der ungeheueren Aufspeicherung menschlicher 
•Geistesarbeit nur ein verschwindend kleiner Kreis kann sein 
Tun und Sein durch die wachsende Erkenntnis erleuchten 
Jassen. Und vor allem: „die Wissenschaft^ ist heute ein unge- 
heurer Kosmos über Millionen Bücherschränke und menschliche 
Köpfe verstreut Jeder einzelne Arbeiter ist hier nur ein 
kleines Had in der gewaltigen Maschine, jeder einzelne hebt 
nur einen kleinen Zipfel des Schleiers, der die Wahrheit ver- 
hüllt Nicht mehr die Wissenschaft steht im Dienste des Er- 
kenntnisstrebens des einzelnen Menschen, sondern die Erkennt- 
nisse des einzelnen sind zur Schaffung eines Wissens da, 
"welches in keinem einzelnen menschlichen Geiste mehr Unter- 
Jninft findet 

Sind wir sicher, daß diese Wissenschaft, die niemand mehr 
!zu umspannen vermag, dauernd den Menschen als Kulturwert 
gelten wird? Wird sie in ihrer Lebensfremdheit und Ungreif- 
barkeit dauernd die Macht haben, den einzelnen in ihren 
Dienst zu zwingen? — 

Vielleicht wird es einmal die besondere Aufgabe derjenigen 
Frauen sein, welche das Wesen wissenschaftlicher Arbeit kennen 
gelernt haben, das von dem schöpferischen Genius entzündete 
Feuer von einsamer Höhe hinab in das verschleierte Tal des 
Lebens zu tragen, um den im Halbdämmer handelnden Menschen 
Erleuchtung und Einsicht zu bringen, so daß sie das Wertvolle 
vom Wertlosen unterscheiden und die Zwecke, für die es sich 
iohnt, zu kämpfen und zu leben, erkennen lernen. Trüge sie 
dadurch zur Verminderung der Kluft zwischen sachlicher und 

Frftuenkongreß. 8 



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- 114 — 

persSnlicher Kultur bei, so könnte das, was ihrer intellektnelleft 
Tätigkeit an Bedeutung f&r die objektive Kultur etwa auch 
in Zukuiift abgeht, au^ewogeu werden durch ihre Bedeutung: 
für die Kultur der Persönlichkeiten. 

Und wie alle Kulturgüter, so erhalten doch auch di6 
Schätze der Wissenschaft ihre letzte Bedeutung erst dadurch^, 
dafi sie zum Material der yollkommeneren menschlichen Ent* 
Wicklung werden. . Je besser es deshalb der wissenschaftlichen^ 
Frau gelingt, ihr intellektuelles Leben zunächst und vor allem 
in den Dienst ihrer eigenen Gesamtpersönlichkeit zu stellen, 
um so unabhängiger wird die Kulturbedeutung ihrer Arbeit 
von der Zahl und Beschaffenheit ihrer theoretischen Werke 
sein. Die seelische Eigenart der Frau : ihre größere Unteilbarkeit 
und innere Einheit, die sie treibt, ihr sachliches Schaffen immer 
in irgend einer Weise mit ihrem Gesamtsein in Einklang zu 
bringen, läßt uns hoffen, daß ihr die Verwertung ihrer Er- 
kenntnis zum Aufbau ihres geistigen und sittlichen Selbst 
leichter gelingen wird als dem Manne, der es versteht, sein 
persönliches Leben ganz von der Sache, die er schafft, zu. 
sonderUi Auf dieser größeren Leichtigkeit, Berufsarbeit und 
persönliches Sein zu trennen, beruht ja zum Teil seine Kraft^ 
objektive Kulturwerte von sich loszulösen, daraus erklärt sich 
aber auch vielleicht die Tatsache, daß so viele führende 
männliche Geister, die für die objektive Kultur Höchstes leisten^ 
als Persönlichkeiten so klein und wertlos bleiben. Vielleicht 
gelingt es nun der Frau besser, sowoM in der sie umgebenden: 
Wirklichkeit wie auch vor allem an sich selbst, die Dissonanzen 
zwischen Erkennen und Handeln, zwischen hoher intellektueller 
und geringer sittlicher Kultur zur Einheit zu bringen. 

Und jedenfalls soll es die wissenschaftliche Frau als ihre 
besondere eigenartige Aufgabe begreifen, den Strom der Er- 
kenntnis derart durch ihr ganzes Sein zu leiten, daß er alla 
kleinlichen und unedlen Bestandteile mit sich fortreißt und 
nicht nur durch ihre Werke, sondern vor allem auch durch ihr 
Sein unmittelbar befruchtend wieder in die Umwelt zurück- 
strömt. Indem sie so an ihrer eigenen Persönlichkeit und an 
denen, die ihrem Einfluß zugänglich sind, arbeitet, schafft sie 
Kulturgüter, die zwar irdisch vergänglicher sind, als die ob«* 



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— 115 — 

jektiven Kulturwerke, aber doch zum Höchsten und Besten 
gehören« was das Individuum «Is solches, überhaupt scbaffeu 
kann, und welche geschaffen werden mfissea, soll nicht die 
Geisteskultur der Menschheit durch den ungeheueren Mecha*^ 
nismus des von keinem einzelnen mehr zu beherrschendeit 
Wissens schliefilich in Erstarrung und in bloßem Fachmenschen- 
^um enden." 

Frl. Ida Falbe-Hansen? Kopenhagen mag. art. gab eine 
Darstellung des Fraüenstudiums in Dänemark ^ wo die volle 
Freiheit des Studiums schon seit längerer Zeit gewährt ist, 
und sich unter diesen so gunstigen Verhältnissen sowohl die 
Leistungen der Mädchen als auch ihre Beziehungen zu den 
Studenten und die Stellung der Dozenten zum Frauenstudium 
in jeder Weise erfreulich gestaltet hat 

Miß Franc es H. M e 1 v i 1 1 e » Schottland sprach so- 
dann über 

University Education of Women in Britain. 

„The flrst peculiarity of University Education of Women 
in Britain is the bewildering variety of Systems actually in 
working order at the present moment. At first sight they 
appear to be a haphazard growth intensely empirical in their 
origin and lacking the cohasion of a great central idea. But 
on examination it is possible to trace a consistent principle 
underlying all the confusing variety. And this principle 
becomes of general interest when the women of any other 
country have come to the parting of the ways, and are asking 
each other: „What shall be the ideal form we set before our- 
selves for the University Education of our women?" Briefly 
stated, the main idea is this — wherever the University Edu- 
cation of Women has been started in Britain it has simply 
associated itself, or is attempting to associate itself, with the 
nearest Institution already existing for the University Edu- 
cation of men. All effort has been concentrated, and is being 
concentrated, on making possible for women each of the ways 
in which University Education is possible for men. The process 
is by no means complete as yet, but it expresses a general 
tendency to say that the Organisation of women's University 

8* 



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— 116 — 

Edncation in Britain is in accordance with existing Unirersity 
System and cnstom. There has been in sbort a natural 
instead of an arbltrary development of tbe movement In 
«xplanation it may be as well to giye a sbort sketcb of tbe 
afferent forms nnder wbicb üniversity Edncation of women 
is worked in tbe United Eingdom. We may make a fonrfold 
distinction of tbe snbject into Englisb, Scottisb, Irisb and 
Welsb üniversity Edncation respectively. 

England. In treating of England we instinctively tarn 
flrst of all to Oxford and Cambridge tbe ancient Universities 
witb tbeir wealtb of bistorical association and tradition. At 
Oxford, corresponding to tbe residential College life of men, 
and in mucb tbe same relation to tbe Üniversity for all prac- 
tical pnrposes, we find one Women's College — Somerville — and 
tbree Halls for women: Lady Margaret, Saint Hngb's and Saint 
Hilda's. Tbere is also, analogons to tbe body of non-collegiate 
men stndents, a Society of Home Stndents nnder tbe juris* 
diction of a Principal and a Committee of tbe Council of tbe 
Oxford Association for tbe Edncation of Women. Tben again 
at Cambridge corresponding to tbe men's collegiate residence 
are tbe two great Women's Colleges of Girton and Newnbanu 
In tbese two seats of leaming, Oxford and Cambridge, it is 
perbaps not unnatural to find tbe last strongbold in Britain 
of conservative ideas on tbe snbject of Women's Edncation. 
Tbis conservatism at tbe present day really amounts to tbe 
„one great refusal^ to admit women to degrees and tbeir 
consequent Privileges — i. e. to fuU and actual citizensbip 
of tbe Universities. It bas ceased to deny women admittance 
along witb men to Üniversity and College lectures and to tbe 
most of tbe Üniversity Examinations. To tbese women bave 
been gradually admitted, by courtesy no doubt, but still — 
admitted. 

Tbe complete courses of Instruction for women arranged 
at Oxford tbrougb tbe medium of tbe Oxford Association for tbe 
Edncation of Women — are largely identical witb tbe courses of 
Instruction enjoyed by tbe men, supplemented by special lectures 
for women only. Wbile Oxford women stndents may in tbis 
way take a strict degree course (pass or bonours) sitting 



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— 117 — 

the corresponding University degree examinations, they also 
have the choice of an alternative Hononrs Course and a shorter 
Honours Gonrse for women only. For the last the Association 
grants its own Honours Certificate; for the degree or Altematire 
Gonrse it grants its Diploma. 

At Cambridge matters are less complicated than at Oxford. 
Stndents of Girton and Newnham Colleges all read for the ftdl 
Hononrs or Tripos Conrses of the University. Their instruction 
is provided by the lectnres and demonstrations of University 
Professors and Readers and of University and College lecturers. 
This means in many cases attendance at lectnres along with men. 
The University finally presents the women stndents with a 
certificate stating the class each has obtained in the Tripos 
Examination. This Certificate Stands for eveiything that a 
man's B. A. Hononrs Degree represents — bnt is not the Degree! 
Since 1884 when the first Hononr School of Oxford University 
was opened to women 682 stndents have obtained Oxford 
Diplomas and Hons. Certificätes, and since 1881 when Cam- 
bridge University opened its Tripos and Previons Examinations 
to stndents of Girton and Newnham Colleges over 1400 have 
been granted Cambridge Degree Certificätes. 

At Cambridge women have stndied Mathematics principally 
Classics Standing second in order of preference, foUowed by 
Histöry, the natural Sciences and Modem Languages, and it is 
at Cambridge that by far the most remarkable successes have 
been gained by women stndents. At Oxford History is the 
course by far the most frequently selected by women, foUowed 
in Order by English, Classics, Natural Science, Modem Langu- 
ages and Mathematics. 

At the present moment over 500 women at Oxford and 
Cambridge are taking a fall, or nearly füll, University Course 
with Honours. 

London University. The next great Institution that 
has an immense interest in the University Education of Women 
in Britain is the University of London. This University was 
in past times merely an examining body „for collegiate and 
noncollegiate stndents in all parts of the Empire". While 



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— 118 — 

^stiU in this form in 1878 it opened its examinations, hononrs, 
degrees and prizes to women on eqnal terms with men. 

In the last decade of the 19*** Century however the Uni- 
versity of London entered on a new phase of existence. In 
1900 it became a teaching body. While still keeping its 
degrees open to all, irrespectiye of sex and place of stndy, it 
also proceeded to afUiate to itseli as its constitüaüt Schools 
certain existing Colleges in or near London. Of its constitnent 
Schools 5 are strictly Colleges for Women — Bedford College, 
Westfield College, the Women's Department of King's College, 
the Royal HoUoway College in Surrey and the London Schoöl 
of Medicine for Women. At University College, London, courses 
in Arts, Law, Science, Economics and Political Science are 
open to women and men alike. Bedford, Westfield, King's, 
flolloway and University College between them account at the 
present moment for about 1300 stndents, of whom fully half 
are preparing for degrees in Arts and Science. The method 
of instruction at the Colleges for Women of the University 
of London within the Metropolis is something as follows. 
Peparation for Pass Courses is given to women at their own 
Colleges by their own lecturers (who may be men or women). 
Honoui's or Postgraduate courses in many subjects are provided 
by the University or by Inter-Collegiate lectures open both 
to men and women. These may be held at any College of the 
University (including the Women's Colleges) or in the Uni- 
versity building. At University CoDege women and men 
attend courses together in all faculties except Engineering, 
while for the purely professional classes in Medicine women 
attend the London School of Medicine for Women- Indeed 
very few of the 155 registered women medical students of 
London University are associated with any School of the Uni- 
versity except the London (Royal Free Hospital) School of 
Medicine for Women. 

In the past, from these teaching centres of the University 
of London, about 870 women have actually taken degrees in 
Arts, Science and Medicine and even Law. This total does 
not include the many women who have taken College courses 
instead of working for a University degree, — courses of a 



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— 119 — 

«tandard that compares favöitrably with the University, as fbr 
example, the Bedford College Gonrse. (In London we have also 
the nniqae exception in Britain of a women's College not 
itrorking in association with any Uniyersity at all bnt aceor- 
ding to Ideals of proficiency set up on its own initiative to 
test the qnalifications of women« This is Qneen's College^ 
London^ which was granted a charter of its own in 1848, and 
was the earliest College for wom^ in the Kingdom. It is 
instmctive to observe that the Isolation of Qneen's College 
has not been imitated in the later development of Women's 
üniversity Edncation in Britain.) 

The fignres already quoted by no means exhanst the scope 
of the University of London ont of London. In all parts of 
England preparation is made for the Examinations-of London 
University, either at the Provincial Universities of England, 
the University of Wales, at varions University Colleges such 
as Sheffield, Nottingham, Bristol, at institntions for Higher 
Edncation of Women such as the Ladies College, Cheltenham, 
or by private study. These must be answerable for the rest of the 
enormous total of degrees conferred on women by the London 
University (that is, for another 500 Arts degrees, and 150 Science). 

Provincial Universities. But the preparation of 
women for London degrees is a small part of the work of the 
•Northern and Midland Universities of England, which exercise 
fonctions of their own and confer their own degrees on men 
and women alike. Durham university in the North opened 
its degrees in 1895 to women studying at Durham or its 
affiliated College at Newcastle. It has up to dato conferred 
on women over a hundred Durham degrees in Letters, Science 
and Husic, and has an attendance to-day of over 200 women 
students. — The great Cluster of University Colleges in the 
North and Midlands has been a centre of attention since the 
beginning of the Century. It has recently become a group of 
new Universities, each with a vigorous young lifo of its own. 
Everyone of these youthfnl Universities, Birmingham, Victoria, 
Leeds, and Liverpool, has admitted women to equal privi» 
leges of citizenship with men. This has doubtless been easy 
to do on account of their very youthAüness. Had thjey 



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— 120 - 

häd Centimes bf tradilion behind them like Oxford and 
Cambridge the phenomen of such broad-mindedness towarda 
^i^omen would call forth special surprise and admiration. But 
these yonng Midland Universities have had practically no 
precedents to overtum. 

Scotland: It is otherwise when we come to glance at 
University Education of women in Scotland. There we find 
four old Universities streng in tradition and sentiment nniting^ 
with one accord in 1892 to do a great act of justice to women 
by admitting them to classes and degrees and the Privileges, 
of academic citizenship. This radical revolution involving the 
whole Scottish nation was inaugurated on one and the same 
day at the Universities of St. Andrews, Glasgow, Aberdeeu 
and Edinburgh. Since that day, eleven and a half years ago,, 
775 women have received degrees at the four Scottish Univer- 
sities. And at the present moment over 1000 women are 
taking füll degree courses in Scotland. The Scottish women 
students are thoroughly identified with the undefgraduate life 
and interests. Within the Universities they have the same rights 
as men. They use the University Libraries, they vote for the 
Eector, they share impartially in the benefits of the Carnegie 
Trust, and they become on graduation members of the General 
Council of their particular University. Only at this point there 
is a diflference, but the fault does not lie with the Universities» 
The members of General Councü are by Statute thereby qualified 
to vote for a Parliamentary representative, — but according 
to the present reading of the law of the land a woman, though a 
member of General Council, and hence possessing the necessary 
qualifications, may not exercise the right. In the eyes of the 
Scottish University authorities however, a student, whether 
man or woman, is simply an academic Citizen, and as such 
it is a matter of equal rights. Equal rights naturally impljr 
equal duties, and women stand in the same relation to College 
rules as their fellows of the opposite sex — even to the 
wearing of the scarlet gown and the breeches at St Andrewa 
and Aberdeen. 

It is true that degrees in Law are apparently not yet 
open to women in Scotland, and there exists a certain dubiety 



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— 121 — 

in some quarters as to the degrees in Divinity (Theology). 
Two of the üniversities howewer would nndoubtedly admit 
women to Theological degrees. But the power to admit 
women to the Church does not rest with the üniversities, It 
is also tme that a considerable proportion of the Scholarships, and 
many of the bursariens, in Scotland are not open to unrestricted 
competition, bat then snrely a reasonable faith has to be kept 
with testators who are dead and gone. Otherwise the ten- 
dency in the modern politics of the Scottish üniversities is 
to deal as generously with women as with men. As yet women 
do not have a share in the teaching of the üniversities 
bnt the signs of the times are not awanting. Once or twice 
of late women gradnates have had to condnct tutorial or 
hononrs classes, within the üniversity in iiccordance with 
the conditions on which they hold some Scholarships. In ad- 
dition one woman graduate of Edinburgh üniversity lately 
held the Examinership in History at St. Andrews, and only 
this year another graduate of Edinburgh after delivering 
public lectures in the üniversity, has been appointed by her 
„Alma mater'' additional Examiner in German. These case^ 
are not without precedent in Scotland. Previously . Miss 
Eleanor Ormerod, a gifted Englishwoman, had been Examiner 
in Entomology at Edinburgh in the Departement of Agri- 
culture. She afterwards received the Honorary Degree of Doctor 
of Laws being among the örst of the ten distinguished women 
of Britain whom the Scottish üniversities have „delighted 
to honour" with the title. 

Ireland: When we cross the Channel to the Sister Isle, 
— to Ireland, we find the üniversity Education of women at a 
stage foU of interest. The women of Ii^eland have now entered 
into a great inheritance. Trinity College (the üniversity of 
Dublin) a citadel of conservatism , which is to Ireland what 
Oxford and Cambridge are to England, has finally yielded and- 
thrown open its doors to women. They may now attend all 
the lectures with men and work under the Trinity tutors. 

üntil this date the needs of women's üniversity Educa- 
tion in Ireland have been supplied by the examining body 
called the Royal üniversity of Ireland which was founded iß 



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— 122 — 

1882 and admitted women to its examinations aüd degre^. 
The courses of study for these degrees have been and are 
taken at the 3 Queen's Colleges of Cork, Belfast, Galway, and 
Magee College, Londonderry, and at the Alexandra College for 
dornen, Dnblin. At the fonr first named Colleges men and 
women attend classes together and at Magee at least all 
ßcholarships and prizes are open irrespective of sex. 

But Alexandra College Stands in a different position. It 
exists in Dnblin, hard by Trinity College, (Dnblin üniversity). 
Hitherto the work of Alexandra College has been either inde- 
pendent or for the degrees of the Boyal üniversity of Ireland. 
Now the time has come for deyelopment, natural or artificial, 
according to the general principle of üniversity Education of 
women in Britain — and we await thät development with interest. 

Wales. Wales settled the form of its üniversity Edu- 
cation for women in 1893 when the üniversity of Wales received 
its charter. That form is equal liberty for men and women. 
All courses and all appointments of the üniversity of Wales at 
its 3 Constituent Colleges of Aberystwyth, Bangor and CardiflF 
are open to both sexes. Women join all the College Clubs 
and Societies (except those for men's games such as football). 
Life for women at the Welsh Colleges is largely residen- 
tial, most of them living in Hall, and the rest either with 
parents or guardians or in specially licensed lodgings. By this 
arrangement all the advantages of co-education are secured, with 
the additional educational benefits derived from life in a Com- 
munity. — Over 80 % of the Welsh students proceed to the de- 
gree. The reason of this high average is probably that most of 
these women students wish to enter some remunerative profession 
for which their degree will be stock-in-trade. The same applies 
to the Scottish women students, and those of the English Pro- 
vincial Universities. It applies rather less to the Irish students, 
and the students of the Women's Colleges affiliated to London 
üniversity, and least to the women students of Oxford and 
Cambridge. 

From this brief outline of the üniversity Education of 
nearly 5000 women at the present moment in the four divi- 
sions of the united Kingdom we are alxle to see more plainly 



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- 123 — 

tbe general tendency meütioned ät the ontset, namely, that 
in Britain, wherever an interest in Women's University Edu- 
isation Springs üp, its policy is to motüd itself on the nearest 
ezisting form of university Edacatiön for men. In by far the 
most instances it becomes identical with that existing form. 

This accordingly means that inore or less complete, co- 
edacatiön in üniversities preyaüs in Britain. In order to 
discover whether this State of things is considered to be on 
the right lines — or whether some other form of Women's Uni- 
versity Edncatios is to be preferred, as for example separate 
Women's Üniversities, I have lately ventured to consnlt autho- 
rities on the subject in England, Scotland, Ireland and Wales. 
Each and all prononnce in favour of the co-educational form, 
restricted or nnrestricted, or rather against the 
idea of separate women's üniversities. Their argu- 
ments apply lai^ely of course to the conditions in an old country 
where old-established üniversities also exist. There is a great 
variety of opinion as to the amoont of co-education desirable. 
Amidst all the diversity the prime reason given for a 
preference of co-education in some form is the greater 
educational advantages secured by it to women, the 
greater educational opportunities put by it within their reach. 
This is considered highly important, especially, some add, in 
the more advanced subjects. On this question ot the greater 
educational advantage gained by some form of co-education all 
are agreed. The admission of women to Instruction along 
with men clears away many difBculties. Naturally it is open 
to certain practical modifications. There is, for example, a 
strong feeling against complete co-education in the study of 
medicine. Another reason adduced against separate üniver- 
sities is — the lower prestige of the examinations and 
degrees, diplomas and titles of separate Women's üniversities. 
This, one eminent authority points out^ need not hold good as 
an argument if the separate women's üniversities are on a 
sufflciently large Scale. She mentions as an object lesson 
the independent women's Colleges of university standing in 
America. Still, one feels the force of the general objection 
if a new independent women's university has to be contrasted^ 



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~ 124 - 

without the assistance of a common Standard of measorement, 
with men's Universities strong in the reputation of centuries. 
On the other hand, snpposing the contrast is not made, or con- 
sidered of no acconnt, and a separate Standard created by women 
for women's University Edncation — then an objection urged by 
several anthorities against the Separation of women's edncation 
from men's comes into force. This objection isthenarrowness 
of ontlopk certain to be fostered by a one-sided System, — 
the half-development of women edncated apart from the in- 
flnence of mascnline thonght. At the present moment where 
the tendency to half-development is fon^d in Britain at all, it 
is among Women Students edncated at Women's Colleges that 
are co-edncational only to the extent of attending some lectores 
in the same class rooms as men and sitting the same exami- 
nations. — To understand „edncational advantages" in the 
widest sense it is almost necessary to include also — as 
some anthorities do — some degree of mixed social intercourse 
in College life. It is in this mixed College life that mind 
plays on mind, that man's thonght modifies woman's and 
woman's thonght modifies man's. . Others are not prepared 
to grant this point. It has its difficnlties nndonbtedly, and the 
snccess of a mixed College life, i n classrooms and ont of them, 
is fonnd to vary in the whole with the social Status and 
training of students in particular Universities. Still, if a 
reasonable deference to the noblest social Conventions is encou- 
raged, a pleasant comradeship in work and recreation between 
men and women is surely part of edncation. Besides in creasing 
the respect of men for women and of women for men 
by mntnal benefit^ it prepares both in the most natural way for 
the citizenship, not merely of a University, but of the World.** 

Miss M. CareyThomas, Ph. D.*Br3ai Mawr, Präsidentin 
einer der größten Frauenuniversitäten der Vereinigten Staaten 
Bryn Mawr College, sprach über 

The University Education of Women in the United States of 
America, with special reference to CoSducation. 

„I cannot address a Oerman audience on the subject assigned 
me without expressing my thanks for the University education 



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— 125 — 

received in Germany, Twenty years ago I studied for three 
happy years at the University of Leipzig, and like so many 
American professors I owe to Germany a debt of gratitnde 
that I can never pay. 

I have been asked by the Committee of Arrangements to 
speak on the nniversity training of women in the United States, 
and to discnss the qnestion of whether co-education or separate 
nniversity instniction is the best method of edncating women. 

Since 1870 women have been edncated in the United 
States in great nnmbers by both methods ; for this reason onr 
experience shonld be of valne to other nations. There are in 
the United States 464 Colleges or nniversities for men. In 
1870 one-third of these nniversities admitted women ; in 1880, 
so snccessfnl had co-edncation proved itself that one-half had 
already admitted them; and in 1900 two-thirds of all nniver- 
sities for men had become co-edncationaL At the present time^ 
if we omit Catholic nniversities, which in America are mainly 
training schools for priests, 80 per cent, or fonr-fifths, of aU 
nniversities for men teach women exactly the same snbjects 
as men, in the same lecture rooms, and all their degrees, 
prizes, and feUowships are open to women. Only two of the 
larger nniversity fonndations, Princeton and Virginia, exclnde 
women from any share whatsoever in their instmction. There 
are in the United States also 13 separate Colleges, or nniver- 
sities, for women. In the year 1902 there were nearly 23000 
women stndying in nniversities for men, and over 5000 women 
stndying in separate women's nniversities, or in all, abont 
28000 women nniversity stndents. Although there were in 
the United States two miUion less women than men, women 
formed abont one-third of all nniversity stndents. In addition 
to the 28000 women stndents in the departments of philosophy 
of nniversities there were, in 1902, 9364 women stndying 
engineering, mechanics, agricnltnre and other technical snbjects 
in nniversities and technical schools; 1177 stndying medicine; 
218 stndying pharmacy; 162 stndying dentistry; 165 stndying 
law; and 108 stndying theology; or over 11000 women pnrsning 
professional conrses. If we combine these two classes of 
stndents we get a total of over 39000 women stndying in the 



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■r^ 126 -- 

philosoplücal departanents of «miversities, aji4 in the professio&id 
and technical sehoole of the United SUtes. Each year about 
4000 women are gradoated from American coUegpes and uni- 
yersities. It is because the higher edueation of women i» 
working itself out in the United States on so vast a scale that 
we can best study there its: results on the ordinary life of 
women. In other countries, even in England, it is still the 
exceptional women that attend the universities. In Ameri» 
it is becoming almost as nsual for women to take np university 
study as for men. To be sure, only a few (scarcely more than 
50, of our 477 American Colleges and universities) can faiiiy 
be compared with European universities; but when all is saidv 
these 28000 American women are sharing with American mea 
whatever culture and training our universities can give, and 
are devoting themselves to liberal studies during the four 
years from nineteen to twenty-three years of age. I have 
used the word „university" instead of the word „College** 
throughout this address, because the American, or English, 
College corresponds more nearly to the German and Frencli 
university than to the gymnasium or lyc6e. The age of the 
students in the American College, and the Qerman or French 
university is the same. Then too, enough time has elapsed 
since 1870, when the university education of American women 
may be said to have begun, for us to be able to get a per- 
spective view of the whole movement. The daughters, and in 
some cases the granddaughters, of the first women graduates 
are now entering the universities in their tum* Every a priori 
objection to women's university education has been removed by 
experience. Study does not affect women's health unfavorably. 
Every one who has come into contact with some of the many 
thousands of healthy, happy, normal university women knows 
from personal experience that they are on the whole in better 
physical condition than other women of the same age and 
social class. Nor does a university degree affect women's 
desire to mariy. Just as many university women graduates 
have married in the United States as sisters and cousins of 
university women graduates who have not themselves attende^ 
the university. The preposterous and wicked li« tihat study 



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— 127 — 

affects ii^jnriQUsly women's power tö bear and bring up childreR 
has be^n disproved thoosands of times. Althongh speaking^ 
generally no modern f^milies are large, the families of nni- 
versity women are a trifle larger than other women's — the 
fraction of a baby (I beUeve it is one-eighth) — , and the 
Proportion of their children that survive the perils of infancy ia 
siightly greater. These Statements to not depend on mere 
Observation. Three careful studies. of uni versity womem 
gradnates have been made dealing with abont 5000 women^ 
one in the United States in 1882; one in England in 1890; 
afid another in the United States in 1898. The resnlts of 
these three investigations agree, not only with eaqh other, but 
with the overwhelming mass of practical experience that we 
have accomulated in the United States during these 34 years. 
This practical experience seems to me to show that the 
best method of educating women is to edncate them in men'a 
nniversities, where tbey study the same subjects, nnder the 
same professors> in the same university lecture rooms and 
laboratories. AU objections have been met and answered by 
experience. It was feared that the admission of women wonld 
lower the Standard of scholarship becanse of the snpposed in- 
feriority of women's minds. On the contrary, the Standard haa 
been raised. Unanimous testimony proves that the academie 
Standing of women is siightly higher than that of men. It 
was feared women's health wonld be affected by competition 
with men; bat thousands of women have been working side 
by side with men for the past 34 years without any bad 
results. Indeed; more men than women break down during 
the university course. It was supposed that wqmen's minda 
were diiferent from men's and that they wonld prefer different 
studies. Foolish women's courses were planned in some of the 
earlier co-educational universities. Women would none of them. 
On the contrary, they betook themselves with rapture to the 
study of Greek and mathematics. We know now by experience 
that just as men and women need the same food to nourish 
their physical bodies, so they require the same inteUectuaV 
fbod to keep alive the priceless life of the spirit. None of 
the diMculties have arisen that were feared from the associa- 



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— 128 — 

tion of men and women of a marriageable age. Immoralitjr 
ön the part of women stndents is practically nnknown. Very 
few hasty marriages have been made. The manners of men 
in co-edncational nniversities have steadily improved. Their 
moral Standards have been raised by association with edncated 
women of their own age and class. 

As I happen to be the President of one of the four largest 
^dbestendowed separate Colleges for women in the United 
States, yon will not think me nnduly biased, if I say that, as 
women, we shonld throw all our inflnence in favor of unrestricted 
co-edncation of the sexes from the Kindergarten trongh the 
aniversity. First: co-edncation is the only economical method 
of educating aU women. It is impossible, even if it were not 
criminally wasteful, to dnplicate in every part of the world 
schools and nniversities for women; and not aU the wealth of 
all the world can dnplicate the few great scientific teachers 
that are bom in any Single generation. Experience proves 
that unless schools, and still more nniversities, are conveniently 
near, even boys go without a higher education. Unless in the 
fatnre all existing secondary schools and nniversities become 
€0-educational, nnnnmbered generations of girls mnst go withont 
any education beyond that of the elementary school. Secondly: 
we mnst urge co-edncation becanse it is the best education 
for all women. So long as men do most of the serious work 
of the world, and control educational fiinds, and direct the 
educational policy of schools and nniversities, so long they 
Biust of necessity regard the education of boys to do the world's 
work as more important than the education of girls not to do 
it. No men, and I have talked to hundreds interested in 
women's education, realise fully that women, as well as men, 
are first of all intellectual and moral beings, and only secon- 
darily wives and mothers. All edncated women know this for 
themselves and for other women; but, becanse men do not, 
unrestricted co-education is the only way in which women can 
secure so good an education as men. For this reason, until 
managed entirely by highly edncated women themselves, girls' 
elementary and secondary schools, and women's nniversities, 
will always tend in the course of time to become less good 



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— 129 — 

than boys' schools and men's universities. Here and there, 
where a woman can control conditions, a rigid academic 
Standard may be maintained as I believe is the case at Bryn 
Mawr College — but such a Standard has only a life tenure at 
the best. 

Finally, co-education is best, because men's and women's. 
World is the same world (though one would hardly think so)- 
and, because we are to live in it together, it is best to be 
educated together. Women who must be self-supporting must 
compete with men in this world for a livelihood, and should 
not be made less efficient wage eamers by a separate educa- 
tion. AU professional education, such as medicine, law, dentistry,. 
and architecture must in common justice be co-educational- 
and this also is best for all education. 

In the United States we can see clearly the beneficent 
effect of co-education on the position of women. Throughout 
the length and breadth of the United States not only all 
elementary schools, but all secondary schools maintained by 
the State, with the exception of a very few schools in the 
Atlantic seaboard eitles, are co-educational^ and have been so 
since 1830. In 1902, 58 ^4 per cent of all pupils in the State 
secondary schools were girls, and girls were also in the 
majority in private secondary schools. 13 per cent of girls as 
against 10 V« per cent of boys complete the entire secondary 
course of these schools. In 1870, 61 per cent, and, in 1902, 
72 per cent of all teachers in the State supported elementary 
and secondary schools of the United States were women; and 
in the State supported secondary schools considered apart from 
the elementary schools, one-half of the teachers were women. 
As we have already seen, about one-third of all university- 
bred people in the United States will soon be women. Is is 
not difficult to understand why women are respected in the 
United States, nor why American women are the freest of all 
civilised women. All men, apart from men of the most leisured 
class, have recited their lessons with girls from their earliest 
infancy; they have been taught Latin and Greek and Mathe- 
matics in the secondary schools by teachers more than half of 
whom were women and the best half too. Two-thirds of all 

Franenkongreß. 9 



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— 130 — 

university-bred men haye stndied side by side with women in 
the nniversities, and bare fonnd it no easy matter to withstand 
tbeir academic ccHnpetition. I believe that the position of 
American women to-day is dne ehiefly to the edncation they 
bave obtained in the co-educational schools and universities 
of the United States. 

Let me beg of yon, ladies, who bave come to this (üongress 
from Gfermany, Angtria and France, eonntries in which yonr 
secondary schools are so magnificently organised for boys, be 
satisfled with nothing less than co-edncation in yonr secondary 
schools. For a govemment to admit women to its nniversities 
withont admitting them also to the schools that prepare for 
the universities is to imitate the ancient Egyptians and reqnire 
women to make bricks withont straw. Let me beg of you 
also to oppose the fonnding of separate nniversities for women. 
Such separate fonndations will tend to close to women yonr 
World renowned nniversities for men. Be content with nothing 
less than unrestricted co-education. It will profonndly inflnence 
for good not only yonr girls but your boys." 

Über das Frauen st nd in m in Frankreich be- 
berichtete Frl. Dr. Schirmacher« Paris. In Frankreich ist das 
Studium der Frau seit lange nicht mehr Gegenstand des Kampfs. 
In liberalster Weise läßt die Universität dort die Frauen, 
deren Mehrzahl Ausländerinnen sind, zu sämtlichen Fakultäten 
zu. Das Abiturium ist nicht der Abschluß der Gymnasial- 
bildung, sondern die Au&ahmeprüfung für die Universität, und 
wird für Knaben und Mädchen von einer gemeinsamen Kom- 
mission abgenommen. Obwohl die Gründung eines Mädchen- 
gymnasiums bei dem freundlichen Entgegenkommen der Unter- 
richtsbehörde durchaus keine Schwierigkeiten machen würde, 
hat Frankreich es bis jetzt noch nicht dazu gebracht, nicht 
einmal zu der Gründung von Gymnasialklassen an den staat- 
lichen höheren Mädchenschulen. — Die Rednerin gab sodann 
eine statistische Übersicht über die Berufe der studierenden 
Frauen. Im Jahre 1868 studierte die erste Frau Medizin, 
heute sind eine große Anzahl von Ärztinnen vorhanden; die 
Hälfte der Studierenden geh<M freilich der philosophischen 



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— 131 — 

Fakultät an. Auch die juristischen Studien haben ein prak- 
tisches Ziel erhalten, seit in Frankreich die Frauen zur Anwalts- 
praxis zugelassen sind. 

Es folgte das Referat von Frl. Dr. Käthe Windscheid* 
Leipzig über 

Daa Frauenaiudium in DeutscMand. 

,,Die Entwicklung des Frauenstudiums in Deutschland ist 
bis zu einem gewissen Zeitpunkte identisch mit der Ent- 
wicklung der Frauenbewegung selbst, sie ist eine Geschichte 
langer und mühseliger Kämpfe. Denn erst nach schwerem 
Ringen sind die Erfolge erreicht worden, die wir bis jetzt zu 
verzeichnen haben, und ganz ist der Schutt^ der den Frauen 
den Zutritt versperrte, auch jetzt noch nicht fortgeräumt. 
Immerhin ist bereits ein so fester Boden für weiteren Fort- 
schritt gewonnen, daß wir mit Dankbarkeit auf die vergangenen 
•Jahrzehnte zurückblicken können. Mit Dankbarkeit aber nicht 
nur für das siegreiche Durchdringen unserer Bestrebungen, 
auch den Frauen einen Platz an der Sonne der Wissenschaft 
zu erobern, sondern auch mit Dank gegen jene, die den 
Boden urbar gemacht haben, die wir als unsere Yorkämpfe- 
rinnen verehren. Gtehörte doch seinerzeit ein hoher Mut 
dazu, für das Frauenstudium einzutreten, nicht nur der Mut 
•des Angriffs, sondern auch der Mut des Ausharrens. 
^Schritt für Schritt sind diese Frauen vorgedrungen, jeden Zoll 
breit Boden haben sie müssen erkämpft^ und wenn in Deutsch- 
land die maßgebenden Kreise sich zunächst sehr ablehnend 
verhielten und auch jetzt noch keine einheitliche Regelung 
•des Frauenstudiums für ganz Deutschland erreicht ist, so liegt 
dies teils an der Eigenart unseres Nationalcharakters, der sich 
Neuerungen gegenüber meistens sehr ablehnend verhält, ander- 
seits an der Besonderheit unserer staatlichen Verhältnisse, die 
einheitliche Maßregeln ungemein erschweren. 

Die Zulassung der Frauen zu den Universitätsvorlesungen, 
hervorgegangen zunächst aus dem Wunsche nach höherer und 
•erweiterter Bildung für das weibliche Geschlecht, war, wie 
4Schon erwähnt, die erste Forderung, welche die junge Frauen- 
Jbewegung, die sich 1866 durch Gründung des AUg. Deutsch. 

9* 



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— 132 — 

Frauenvereins organisiert hatte, auf ihre Fahne schrieb. Bald 
jedoch erkannten die Frauen, daß der sicherste Weg zum Er- 
folge Selbsthilfe sei, daß es gälte, statt auf Hilfe vonk 
Staate, von den Behörden zu warten, zu handeln und durch, 
tüchtige Leistungen die Berechtigung der Forderungen zu er- 
weisen. Die Bewegung für das Frauenstudium kam in leb-^ 
hafteren Fluß, seit im Jahre 1879 der Allg. Deutsch. Frauen- 
verein durch Gründung seines Stipendienfonds in die Lage 
versetzt war, studierende Frauen pekuniär zu unterstützen^ 
Es folgten dann Petitionen in den Jahren 1890, 1891 und 
1893, die letztere eine Massenpetition mit mehr als 60000- 
Unterschriften. Sie hatten wenigstens den indirekten Erfolg, 
daß einzelne deutsche Universitäten begannen, Frauen als. 
Hospitantinnen zu den Vorlesungen zuzulassen. Von ganz be- 
sonderer Wichtigkeit für die Entwicklung des Frauenstudiums, 
war es jedoch, daß um dieselbe Zeit die ersten Vorbereitungs- 
anstalten für das Universitätsstudium geschaffen wurden. Vom. 
Herbst 1893 an, wo FrL Lange die von ihr 1889 gegründeten 
Realkurse in humanistische umwandelte, entstanden nach und 
nach die deutschen Mädchengymnasien, deren Zahl jetzt auf 
20 gestiegen ist und die bereits eine stattliche Zahl von 
Abiturientinnen auf die Universität entlassen haben. Die 
Leistungen derselben haben sich, wie ich aus eigener Er- 
fahrung sagen kann, die volle Achtung der vorgesetzten 
Behörden erworben. So kam es denn, daß durch die Kraft 
der fortschrittlichen Ideen gedrängt, immer mehr Universitäteuj 
den Frauen ihre Tore öffneten, bis endlich im Jahre 1902 durch/ 
den Beschluß der Universität Jena, Frauen als Hörerinnen 
aufzunehmen, der Kreis geschlossen wurde. Aber die Erlaubnis, 
zum bloßen Besuch der Vorlesungen genügte den Frauen 
nicht, ihr Streben galt der Zulassung zum Doktorexamen und 
zu den staatlichen Prüfungen, die erstens einen Ausweis geben, 
über die erlangte wissenschaftliche Bildung, an die anderer- 
seits die Berechtigung geknüpft ist, die erworbenen Kenntnisse 
im BeiTifsleben zu verwerten. Wie die Verhältnisse sich ge- 
staltet haben, waren es zuerst — und das soll dankbar aner- 
kannt werden — die Vertreter der Wissenschaft, die deui 
Wünschen der Frauen wohlwollend gegenüberstanden, und so» 



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— 133 — 

kam es, daß wir in Deutschland weit eher die Zulassung zum 
Doktorexamen erhalten haben, die Angelegenheit der betreffen- 
den Fakultät ist, als die Zulassung zu den Staatsprüfungen, 
welche vom Ministerium erteilt wird. Es war im Jahre 1894 
als die Universität Heidelberg die erste deutsche Frau zur 
Ablegung der Doktorprüfung zuließ,*) wie sich denn das Groß- 
herzogtum Baden stets durch eine höchst liberale Gesinnung 
ausgezeichnet hat. Damit war ein bedeutsamer Schritt vor- 
wärts getan, dem Frauenstudium in Deutschland eigentlich erst 
die Bahn eröffnet. 

Was die Zulassung zu den Staatsprüfungen betrifft, so 
kamen hierbei zunächst in Betracht: das medizinische Staats- 
examen, das die ärztliche Approbation bedeutet, und das 
philologische — Oberlehrerexamen oder Examen pro facul- 
tate docendi — , das die Berechtigung zum Unterricht an 
Gymnasien gewährt. Hinsichtlich dieses Examens tat Sachsen 
den ersten Schritt, indem es 1898 den ersten Abiturientinnen 
der Leipziger Gymnasialkurse die Erlaubnis zur Ablegung der 
Staatsprüfung erteilte. 1899 erfolgte dann durch Bundesrats- 
beschluß die Zulassung der Frauen zur medizinischen, phar- 
mazeutischen und zahnärztlichen Staatsprüfung, ein außer- 
ordentlich bedeutsamer Schritt, der die deutschen Mediziner- 
innen aus Kurpfuscherinnen, wie sie dem Gesetz nach bis 
dahin hießen, zu gleichberechtigten Ärztinnen machte. 

Als letzte Errungenschaft ist zu nennen die Immatrikula- 
tion der Studentinnen im Großherzogtum Baden, die seit 1901 
besteht. In den letzten Jahren sind nun noch weitere Erfolge 
zu verzeichnen, und der jetzige Stand des Frauenstudiums ist 
folgender: 

Von den 20 Universitäten lassen jetzt alle die Frauen als 
Hospitantinnen (Gasthörerinnen) zu. Geknüpft ist diese Er- 
laubnis fast überall an den Vorweis eines Abiturienten- oder eines 
Lehrerinnenzeugnisses. Die Immatrikulation und damit das 
volle akademische Bürgerrecht erlangen die Frauen in Baden, 
Bayern, Württemberg auf Grund des Reifezeugnisses eines 
humanistischen oder Realgymnasiums. So haben drei große 



*) Dr. Käthe Windscheid. D. H. 



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— 134 — 

Bundesstaaten bereits diese berechtigte Forderung bewilligt^ 
während sich Preußen und Sachsen noch ablehnend verhalten. 

Am wenigsten zugänglich hat sich bis jetzt der Staat deu 
juristischen Staatsprüfungen gegenüber gezeigt, zu welchen iu 
Deutschland noch keine Frau zugelassen worden ist, während 
das juristische Doktorexamen 1895 in Freiburg von einer Dame 
abgelegt wurde. Es hängt diese ablehnende Haltung wohl mit 
dem Umstände zusammen, daß mit der Zulassung zu den beiden, 
juristischen Staatsprüfungen die Freigabe des Richteramte» 
und der Advokatur verbunden ist, und dazu kann man sich 
an maßgebender Stelle noch nicht entschließen. Hingegen ist 
kürzUch in Heidelberg eine Frau als Studentin der Theologie 
inskribiert worden, und so wird wohl, wenn man die logische 
Konsequenz aus diesem Schritte zieht, auch das Lizentiaten- 
examen den Frauen erschlossen werden. 

Wenn ich nun nach dieser Darlegung der Berechtigungs- 
verhältnisse zu den Wünschen übergehe, welche die Frauen 
hinsichtlich der weiteren Ausgestaltung des üniversitätsstudiums 
hegen, so wären dies die folgenden: 

Zunächst wäre dringend zu wünschen eine einheitliche 
Regelung der Zulassungsbedingungen für aUe Frauen, die im 
Besitze eines gymnasialen Reifezeugnisses sind. Es ist dies 
nicht nur eine Forderung der Gerechtigkeit, sondern auch der 
logischen Konsequenz; denn da von den Regierungen die Frauen 
zur Ablegung der Maturitätsprüfung zugelassen worden sind, 
müssen auch alle Bundesstaaten die weiteren Schritte tun und 
ihnen ein regelrechtes Studium ermöglichen. Der Zustand, wie 
er an einer Anzahl von Universitäten heute noch besteht, daß 
nämlich die Zulassung zu den Vorlesungen von der Erlaubnis 
des Dozenten abhängt und verweigert werden kann, wenn der 
Betreffende eine ablehnende Haltung dem Frauenstudium gegen- 
über einnimmt, ist auf die Dauer unhaltbar. Es hängt mit 
den akademischen Rechten aber noch ein weiteres, sehr wich- 
tiges Moment zusammen — die Au&ahme in die Seminarien 
und die Erlaubnis, Arbeiten für sie zu liefern. Jeder, der ein 
wissenschaftliches Studium durchgemacht hat, weiß, welch 
außerordentlich wichtiger Teil der akademischen Bildung die 
Seminarübungen sind, welch unentbehrliche Ergänzung sie zu 



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— 135 — 

den Vorlesungen bilden. Hier lernt der Studierende die 
Methoden der Forschung kennen, hier lernt er arbeiten in dem 
echt wissenschaftlichen Gleiste. Es nehmen zwar eine Anzahl 
von Professoren in liebenswürdigster Weise Frauen als aktive 
Mitglieder der Seminarien auf und räumen ihnen so die gleichen 
Rechte wie den männlichen Studierenden ein; allein eine durch 
ihre Vorbildung erworbene Berechtigung ist doch im In- 
teresse der studierenden Frauen dringend zu wünschen. 
Weitere Forderungen wären dann : die Zulassung zur Doktor- 
prüfung an allen Universitäten, die Freigabe des philologischen 
Staatsexamens für alle Bundesstaaten, die Zulassung zum 
Lizentiatenexamen und die Erlaubnis zur Ablegung der beiden 
juristischen Staatsprüfungen. Gerade auf diesem letzteren 
Gebiete wäre eine weitere Entwicklung des wissenschaftlichen 
Frauenstudiums dringend zu wünschen; sind doch unsere 
Juristinnen bis jetzt noch ganz auf private Arbeit angewiesen. 
Es ist nicht einzusehen, warum Frauen nicht auch bei uns 
vor Gericht plaidieren sollten, wie dies in anderen Kultur- 
ländern (Frankreich, Holland, Amerika) bereits geschieht. Das 
alte Märchen, daß ihr weiches, mitleidiges Herz und ihr Mangel 
an Objektivität die Frauen ungeeignet zu solchen Stellungen 
mache, ist durch ihre tüchtigen Leistungen auf anderen Ge- 
bieten längst widerlegt. Hoffen wir, daß die Zukunft uns 
auch hier die Einreihung der Frauen in die Zahl der Berufs- 
arbeiter bringen wird, daß wir bald in Deutschland Richter- 
innen und Advokatinnen haben werden wie Oberlehrerinnen 
und Ärztinnen. 

Eine andere Frage drängt sich uns noch unabweisbar auf^ 
eine Frage, von deren augenblicklicher und zukünftiger Be- 
antwortung das Schicksal des Frauenstudiums überhaupt ab- 
hängt — die Frage: inwieweit die Frauen die ihnen ge- 
botene wissenschaftliche Ausbildung bis jetzt verwertet haben, 
d. h. welche praktischen Ergebnisse ihr Studium gezeitigt hat. 
Es dürfte Ihnen bekannt sein, daß gerade hinsichtlich dieses 
Punktes von Seiten der Gegner schwere Bedenken erhoben 
worden sind und daß man uns ein trauriges Prognostiken 
stellen zu müssen glaubte. Man meinte, daß sich die Frauen 
mit Feuereifer auf die wissenschaftlichen Studien stürzen 



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— 136 — 

bürden, daß aber die Verwertung derselben im späteren Leben 
AUS Gründen geistiger und körperlicher Natur oft auf Schwierig- 
keiten stoßen würde, so daß eine eigentliche Förderung der 
Wissenschaft von ihnen nicht zu erwarten sei. Diese Be- 
fürchtungen haben sich für Deutschland bis jetzt durchaus 
nicht erfüllt, die deutschen Studentinnen haben rite ihre 
Prüfungen abgelegt und sind dann in das Berufsleben über- 
getreten. Folgende Zahlen geben die Zahl der Prüfungen bis 
Äum Jahre 1903 an: 

Staatsexamen: 29 medizinische — 1 Oberlehrerinnen- 
prüfung — 1 zahnärztliche Prüfung. 

Doktorexamen an deutschen Universitäten: im 
ganzen 75 — 54 in der philosophischen Fakultät (davon 4 
in der naturwissenschaftlich-mathematischen Abteilung), 20 in 
der medizinischen, 1 in der juristischen. 

Wenn den Ausländerinnen aus den Staaten, wo das Frauen- 
studium bereits weit größere Dimensionen angenommen hat, 
diese Zahlen als gering erscheinen sollten, so bitte ich Sie, 
nicht zu vergessen, seit wie kurzer Zeit die Frauen bei uns 
zu den wissenschaftlichen Prüfungen zugelassen werden. Sie 
sehen aber auch aus dieser Übersicht, daß die medizinischen 
Prüfungen die höchste Ziffer aufweisen. Über die Hälfte der 
Abiturientinnen wendet sich dem medizinischen Studium zu. 
Es zeigt dies, daß die Frauen eine starke und natürliche 
Neigung für den ärztlichen Beruf haben, daß ihr warmes, 
mütterliches Gefühl sie drängt, dem eigenen Geschlechte helfend 
beizustehen. Ich möchte hier auch meiner Freude darüber Aus- 
druck geben, daß unsere deutschen Ärztinnen es so gut ver- 
standen haben, sich eine geachtete Stellung zu schaffen, auch 
ihren männlichen Berufsgenossen gegenüber, daß sie ihre Existenz 
wirtschaftlich zu einer unabhängigen zu gestalten wußten. 

Von den anderen Berufsarten ist es die Tätigkeit im 
Lehrberufe, als Oberlehrer und Dr. phil. an den höheren 
Mädchenschulen und Mädchengymnasien, welche sich am 
stärksten entwickelt hat, und der gewiß noch eine große Zu- 
kunft beschieden ist, nun, da durch die Freigabe des philolo- 
gischen Staatsexamens den Frauen der Weg zu Ämtern offen 
steht, die bisher der vorgeschriebenen Ordnung nach aus- 



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— 137 — 

schließlich durch Männer besetzt werden mußten. Schon 
wirken eine ganze Anzahl von Frauen in solchen Stellungen 
und üben, da ihnen auch die oberen Klassen mit Vorliebe an- 
vertraut werden, gerade in den schwierigen Jahren des jungen 
Mädchendaseins einen segensreichen Einfluß auf die heran- 
wachsende weibliche Jugend aus. 

Eine letzte Art der Betätigung und ein reiches, gesegnetes 
Arbeitsfeld, ist den Frauen erschlossen worden durch das 
Studium der Nationalökonomie. Seine praktische Verwertung 
besteht in der Anstellung als Fabrik- und Gewerbeinspektorin, 
und es haben sich die Frauen, obwohl auch diese Entwicklung 
noch in den Anfangen begriffen ist, durch ihre tüchtige Arbeit 
auf diesem Gebiete bereits volle Anerkennung erworben. Ist 
ihnen hier doch in reichem Maße Gelegenheit gegeben, durch 
die Vorzüge ihrer weiblichen Eigenart und durch ihre milde, 
verständnisvolle Auffassung sozialer Verhältnisse die Gegen- 
sätze zu mildern und den Frauen der Arbeiterkreise zu 
helfen. 

Hiermit ist der Kreis der Berufsarten und Berufsmöglich- 
keiten geschlossen, die das akademische Studium den Frauen bis 
jetzt in Deutschland geschaffen hat. Wir sind uns wohl be- 
wußt, daß wir erst am Anfang der Entwicklung stehen, daß 
noch vieles zu erstreben sein wird. Immerhin dürfen wir es 
doch mit Stolz sagen: unser deutsches Frauenstudium beruht 
auf einer so gesunden Grundlage, daß wir mit Vertrauen in 
die Zukunft blicken können. Eins aber müssen wir uns klar 
machen: Kein Staat, keine noch so liberal denkende Behörde 
kann das Frauenstudium nachhaltig fördern, wenn nicht in den 
Studierenden selbst die Bürgschaft für den Erfolg liegt. Und 
so darf ich wohl unsere Wünsche für die Zukunft in folgende 
Worte zusammenfassen: Wünschen wir den studierenden Frauen 
die volle Gleichberechtigung zu friedlichem Wettbewerb mit 
dem Manne, wünschen wir ihnen den wahrhaft wissenschaft- 
lichen Geist, der sie zu geistigen Kämpferinnen macht, wünschen 
wir ihnen aber auch jene echte Humanitas, die alles Mensch- 
liche und so auch die Wissenschaft von einer höheren Warte 
als der des Tagesbedarfs erblickt, die von der Erkenntnis 
durchdrungen ist, daß alle Wissenschaft, jede persönliche 



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— 138 — 

Leistung scliließlich eingeht in das große Ziel der Förderung 
der Menschheit." 

In der Diskussion sprach zuerst Frl. Dr. jur. van Dorp« 
Holland. Sie berichtete kurz über die Entwicklung des Frauen- 
studiums in Holland, wo man den Frauen von vornherein wenig 
Schwierigkeiten in den Weg legte und wo jetzt die bedeutend- 
sten Vertreter der Wissenschaft dafür eintreten. Eine Gefahr 
liegt ihrer Ansicht nach aber immer noch darin, daß die 
Frauen, die noch nicht gewohnt sind ihre Arbeit als etwas 
Selbstverständliches anzusehen, einen falschen Maßstab an ihre 
Leistungen legen. Auch die Presse trägt dazu bei, daß „zuviel 
aus ihnen gemacht" wird. Es wird erst eine Frucht langer 
Entwicklung sein, daß die Frauen die eigene Arbeit im Zu- 
sammenhang des Ganzen richtig einschätzen. 

Frl. Helene Lange wünschte den Frauen den Zugang 
zur wissenschaftlichen Arbeit auch aus einem inneren Grunde 
erschlossen zu sehen. Man muß auch den Frauen das Recht 
geben, sich eine Weltanschauung zn erkämpfen. Sie müssen 
die Möglichkeit haben, ihrer geistigen Existenz eine Grundlage 
zu geben, durch die sie vor den Gefahren der Halbbildung 
geschützt sind, vor allem vor jenem seichten Rationalismus, 
dem sich die Welträtsel in ein paar billigen Schlagworten 
lösen. Die Frau, der die Erziehung der heranwachsenden 
Jugend obliegt, muß sich selbständig zu der Idealität der 
Weltanschauung durchringen können, die sicher ist, daß „der 
innere Grund der Welt dem nicht fremd sein kann, was sich 
in den menschlichen Idealen hervorarbeitet". Sie muß zu der 
inneren Ruhe kommen können, die sich damit begnügt, das 
„Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche 
ruhig zu verehren." 

Herr Professor AdolfHarnack »Berlin sprach über seine 
Erfahrungen hinsichtlich der wissenschaftlich arbeitenden 
Frauen. Sie stehen, wie das bei der für sie noch geltenden Auslese 
selbstverständlich ist, als Lernende über dem Durchschnitts- 
niveau der Männer. Er ist überzeugt, daß die Frauen für die 
in der Einzelarbeit sich vollziehende Weiterführung der 
Wissenschaft in gleicher Weise befähigt sind, wie die Männer. 



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— 139 — 

„Genies" braucht die Wissenschaft zu großen neuen Anstößen^ 
aber sie bedarf ebensosehr der Scharen von Arbeitern, die 
dem Bestände der Forschung Stein um Stein hinzufügen. Selbst 
wenn die Frauen zu jenen ganz vereinzelten genialen Leistungen 
nicht imstande wären, müßte die Wissenschaft sie begrüßen. 
Als Forderungen im einzelnen stellt der Redner folgendes auf: 
1. Gemeinsame Erziehung von Knaben und Mädchen in Gym- 
nasien; 2. Bewilligung der Immatrikulation der Frauen, die 
die wissenschaftliche Reife erlangt haben; 3. Gemeinsame Uni- 
versitäten ; 4. Gemeinsames Wirken von Oberlehrern und Ober- ' 
lehrerinnen an den Gymnasien. Im übrigen schließe er sich 
dem an, was Frl. Lange gesagt habe: auch die Frau habe ein 
Recht auf die Mittel zu jener beständigen intellektuellen Neu- 
schaffung der Welt, die unser Dasein immer wieder frisch und 
lebenswert macht. 

An der Diskussion beteiligten sich noch : Frl. Dr. v. L e n ge - 
f e 1 d * Weimar, die auf die Verdienste von Zürich um das Frauen- 
studium hinwies; Frau Dr. Bleuler- Was er »Zürich, die von 
der Ergänzung des männlichen durch den weiblichen Geist in 
der Wissenschaf t sprach. Frau Dr. phil. Rabinowitsch be- 
richtete über den „Verein zur Gewährung zinsfreier Darlehen 
an studierende Frauen" und seine segensreiche Arbeit. FrL 
Dr. phil. Schottmüller bedauerte, daß den Frauen durch 
den Ausschluß von wissenschaftlichen Stipendien so oft die 
Fortsetzung ihrer Studien erschwert werde. Der Mann, der 
wissenschaftlich etwas leiste, werde instand gesetzt, nur seinen 
Arbeiten zu leben. Die mittellose Frau sei dazu nicht im- 
stande. Wir würden mehr wissenschaftliche Frauenleistungen 
haben, wenn das anders würde. 



Sonnabend, den 18. Juni. 



Die Beteiligung am Unterrichteweeen. 

a) Als Lehrerinnen. 

b) An der Schulverwaltung. 

Die letzte Tagung der Sektion Frauenbildung wurde er- 
öffnet und geleitet von Frl. Dr. Bäum er» Berlin. Das ein- 



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— 140 — 

leitende Referat gab Frl. vonBredow* Berlin. Sie entwickelte 
in großen Zügen das Programm des Tages, das die Beteiligung 
der Frau am Unterrichtswesen behandelt und sich nach drei 
Gesichtspunkten gliedert. Zunächst handelte es sich um die 
Ausbildung der Volksschullehrerin; vom historischen, aber 
auch vom rein theoretischen Standpunkt aus soU die Frage 
nach der Allgemeinbildung der Volksschullehrerin, nach dem 
Verhältnis der methodischen zur wissenschaftlichen Schulung 
, erörtert werden. Als 2. Punkt interessiere die Erörterung der 
Oberlehrerinnenfrage, die Diskussion über die verschie- 
denen Bildungsgänge für diesen Beruf. Als 3. Frage komme 
diejenige der Beteiligung der Frau an der Schulverwal- 
tung und örtlichen Schulaufsicht als wesentlich in Betracht. 
Eine Übersicht über den Stand der Sache in den einzelnen 
Ländern würde die Berechtigung dieser Forderung auch in den 
noch zurückgebliebenen — Ungarn, Spanien, Portugal, Rußland 
und Deutschland — erweisen. Die internationale Betrachtung 
würde der gemeinsamen Arbeit den großen Zug verleihen, den 
Mut stärken, den Blick weiten. 

Zur ersten Frage nahm in ihrem Referat: 

Die Ausbildung der Vollcsechullehrerinnen 

Frl. Marie Martin*Berlin das Wort. 

„Der Plan des Träumers Pestalozzi: „Ich wiU die Er- 
ziehung des Volkes in die Hand der Mutter legen", ist bei 
uns Deutschen noch mehr schöner Traum als Wirklichkeit. 
Noch erzieht niemand das deutsche Mädchen zu bewußter 
Mutterkraft; noch hat keine Mutter, keine Lehrerin entschei- 
denden Einfluß auf die öffentliche Erziehung. Auch die Heran- 
bildung der Lehrerin, der Erzieherin der Zukunft, steht fast 
ganz unter männlichem Einfluß. Nun kenne ich viele ehrliche, 
begeisterte Führer und Lehrer, die das ihnen anvertraute 
Mädchen den höchsten Idealen zuführen woUen. Sie sind uns 
Lehrerinnen ein hohes, reines Vorbild. Aber eins können sie 
nicht schaffen: die Erziehung zur Mütterlichkeit. Nach 
einem tiefen Naturgesetz stoßen sie da an die Schranken des 
geschlechtlichen Gegensatzes; weder starker Wille noch hohe 
Intelligenz helfen darüber hinweg. Sie können Freude am 



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— 141 — 

Wissen wecken — aber sie können dies Wissen der Mädchen- 
natur nicht leicht so assimilieren, daß ganz ruhige Kraft heraus- 
wächst. Auch der beste Männerunterricht läuft Gefahr, in der 
Seele des heranreifenden Mädchens die weiblichen Schwächen 
anzuregen: das unruhige Vorwärtsstreben, das nervöse Über- 
hasten, das Vordrängen der Persönlichkeit, kurz, alle die Miß- 
stände, die man an der Mädchenbildung beklagt und oft zu 
sehr falschen Beweisen mißbraucht. 

Wir wollen nicht in die Einseitigkeit der deutschen Knaben- 
und Männererziehung verfallen, der zum Schaden der männ- 
lichen Entwicklung und der Sittlichkeit des Volkes weiblicher 
öffentlicher Einfluß ganz fem gehalten und mütterlicher Einfluß» 
allzufrüh entwertet wird. Der Mann soll intensiv mitarbeiten 
an der Mädchenerziehung und Lehrerinnenausbildung. Aber 
der Haupteinfluß gehört in den Erziehungsfragen des eigenen 
Geschlechts der Frau. Stellt man die Mädchen unter den 
Willen der vollwertig gebildeten, in sich beruhigten Lehrerin,, 
so werden die vorhin berührten Gefahren zum großen Teil 
verschwinden. Nicht wie mit einem Zauberschlag, aber leise 
wird die drängende Unruhe mehr zurückebben in ruhige Freude 
an der geistigen Arbeit; das nervöse Vordrängen wird um- 
biegen in mehr Selbstvergessen, in ein tiefes herzliches Ein- 
leben in einfache Weiblichkeit und ahnend knospende Mütter- 
lichkeit. Dann werden wir auch die mütterliche Kraft in der 
jungen Lehrerin erziehend wecken. Denn was wir jetzt an 
schöner Mütterlichkeit an den meisten Lehrerinnen erleben,, 
das ist als unwiderstehlicher Naturtrieb im Kontakt mit dem 
Kinde im Beruf erwacht; das Seminar hat ihnen herzlich wenig 
davon mitgegeben durch seine Vorbereitung auf den Beruf- 
Die Lehrerinnenausbildung steht bei uns heute im Stadium 
tastender Versuche; die alte Art ist verlassen, die neue noch 
nicht klar herausgefunden. Das erklärt sich aus ihrer histo- 
rischen Entwicklung und den sozial-wirtschaftlichen Umwäl- 
zungen der letzten Jahre. Diese neue Art kann auch von 
rein männlichen Gedankenreihen und Gefühls werten 
aus nimmermehr vollwertig gefunden werden. Darum läuft sie: 
Gefahr, in das Prokrustesbett einer mechanischen Angleichung 
an die männliche Lehrerbildung gezwängt zu werden; dazu. 



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— 142 — 

helfen äußere Konkurrenzfragen und finanzielle Schwierigkeiten, 
die im Wesen der Mädchenbildung liegende Idee zu yerkümmem. 
Xümmerlich im höchsten Grade ist schon der ganz falsche 
Wertvergleich zwischen Volksschullehrer und Volksschullehrerin, 
Mittelschullehrer und „Lehrerin für höhere Schulen". Können 
wir denn aus der Einseitigkeit und geistigen Armut nicht 
heraus, immer nur ein Normalmaß zu haben und dann natür- 
lich das ewig männliche? Schema F gehört auf den Drillplatz, 
Aber nicht in die Fragen tiefster Lebensdilferenzierung, wie 
männliche und weibliche Bildungswerte. 

Die Kürze der mir gestellten Zeit gebietet, daß ich meinen 
Darstellungen die Form präziser Forderungen gebe. 

I. Der Unterschied zwischen Volksschullehrerin und 
^höherer" Lehrerin muß fallen. Denn er beruht auf einer 
höchst minderwertigen Analogie zu den verschiedenen Lehrer- 
kategorien. Es ist ein Rückstand aus der Zeit, wo wir Deutschen 
im Ausland unsere Götter suchten, wenn die Ausbildung in 
den fremden Sprachen im wesentlichen die „höhere Lehrerin** 
macht. Soweit die Sprachen zur Allgemeinbildung gehören, 
zur notwendigen Schulung des Geistes, wo sie nicht hoch genug 
zu schätzen sind, so weit hat auch die Volksschullehrerin sie 
nötig, die doch zunächst selbst eine gebildete Persönlichkeit 
werden soll und nicht im Seminar nur das Wissen einzieht, 
was sie direkt auf die Kinder wieder ausspritzen will. Alle 
^sprachliche Fachausbildung ist dem Fachstudium zuzu- 
weisen, womöglich dem Oberlehrerinnenstudium; es beengt 
während der Seminarzeit die anderen Fächer viel zu sehr. 

Es kann und soll keinen, dem Volksschullehrerstand ent- 
^rechenden Stand der Volksschullehrerin geben. Der Volks- 
schullehrerstand ist ein gesunder Übergangsstand, durch den 
hier fortwährend frische Kräfte aus den einfachen Schichten 
^es Volkes aufsteigen zu höherer Bildung und sozialer Weiter- 
entwicklung. Die Volksschullehrerin muß von Haus aus den 
gebildeten Schichten angehören, wenn sie die ihr eigentümliche 
Aufgabe, den vollen erziehlichen Einfluß der gebildeten Frau, 
erfallen soll. Es ist um dieser Frauenaufgabe willen nicht 
wünschenswert, aus wirtschaftlichen Interessen und falschem 
JJfitleid die Mädchen ans dem Volke in den Lehrerinnenstand 



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— 143 - 

za locken. Die verhängnisvolle Meinung, jede begabte Schülerin 
der Volks- und Mittelschule müsse Lehrerin werden und so 
über die Bildungs- und Lebensverhältnisse ihrer Familie hinaus- 
steigen, verkennt die Verschiedenheit der Geschlechtseigen- 
tttmlichkeiten und bringt uns geistiges und gesellschaftliches 
Proletariat in den Lehrerinnenberuf. Ausnahmen bestätigen 
natürlich auch hier die Regel. Der Lehrerinnenberuf ist nicht 
Versorgung, son dem Aufgabe, angesichts der wachsenden 
Volksnöte, des Alkoholismus und der Unsittlichkeit, die an der 
Volksseele fressen, furchtbar ernste Aufgabe, für die nur die 
voUgebildete Frau, die Dame in des Wortes bester Bedeutung, 
geeignet ist. Bildung und sittliche Kraft sind nicht identisch ; 
aber harmonische sorgfältigste Bildung ist das sicherste Mittel, 
durch das wir die junge Lehrerin zur Vollpersönlichkeit mit 
klarem Kopf und warmem Herzen erziehen können. 

Verlange ich so einen einheitlichen Lehrerinnenstand, 
so erhoffe ich 

n. eine scharfe Trennung zwischen der Schule, die All- 
gemeinbildung zu vermitteln hat, und dem Seminar, das 
Berufsausbildung geben soll. Heute hängt noch, der 
naiven Entwicklung der Mädchenbildung entsprechend, das 
Seminar wie ein Auswuchs an der Mädchenschule. Sie hindern 
sich gegenseitig. Denn in die Oberklassen solcher Schulen 
drängen Elemente, die nicht dahin gehören, sondern sich für 
das Seminar noch schnell zureiten lassen wollen ; in das Seminar 
gehen mit den Schulfreundinnen viele junge Mädchen über, die 
die nette Gelegenheit benutzen, sich für alle Fälle eine „Be- 
fähigung" zu verschaffen. Im Eltemhause einen bequemen 
Zuschuß zum Taschengeld; wenn der Freier ausbleibt, eine 
anständige Versorgung, mehr wollen solche Lehrerinnen zu- 
nächst nicht vom Beruf, den ihre Seele doch zagend, wie ein 
heiliges Land, betreten sollte. Wo wäre ein so unklares In- 
einanderfließen von Allgemeinbildung und Berufsbildung im 
Männerleben möglich? Haben unsere Kollegen nicht recht, 
wenn sie uns nicht als gleichwertig anerkennen und dulden 
wollen? 

Allerdings — das ist bei dieser Forderung des Pudels 
Kern — die Finanzfrage darf nicht ausschlaggebend sein, denn 



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— 144 — 

der Zusammenhang von Schale and Seminar ist berückend 
billig. So wenig der Lehrerinnenberaf eine anständige 
Versorgung sein soll, so wenig soll die Berufsausbil- 
dung eine Spargelegenheit sein. Ob das Seminar Internat 
oder Extemat sein soll? Dort ist die Ausbildung geschlossener, 
energischer; hier ist sie freier, und die Seminaristin bleibt 
mehr dem Leben und der Familie verbunden. Beide neben- 
einander und gleichberechtigt; Internate an kleineren, Exter- 
nate an größeren Orten, das scheint mir gesunde Mannigfaltig- 
keit zu sein. Bis jetzt existieren nur einige staatliche Semi- 
nare, die nicht mit Schulen verbunden, sondern Internate wie 
die Lehrerseminare sind. Die meisten Lehrerinnenbildimgs- 
anstalten sind städtische oder private Extemate. Für den 
Wert der Anstalten, die alle unter staatlicher Aufsicht stehen, 
ist nicht der Besitzer entscheidend, sondern das Maß von 
Energie, mit der das finanzielle Interesse zurücktritt hinter 
dem einzigen Ziel, mit besten Kräften beste Ausbildung zu 
geben. Eine Einheitlichkeit aber wäre um so erwünschter, 
nämlich, daß alle Seminaristinnen am Schluß durch ihre Lehrer 
und Lehrerinnen und nicht durch fremde Kommissare geprüft 
würden. 

IIL Man hat der Anderswertigkeit unseres Geschlechtes 
Rechnung tragen und uns mit freundlicher Schonung ein zweites 
Examen bei der Lehrerinnenvorbereitung ersparen wollen. 
Aber Milde am falschen Platz ist die größte Grausamkeit. 
Denn da irgendwann doch ein sicheres Maß von Wissen nach- 
gewiesen werden muß, schleppt nun die Seminaristin alle 
Haupt- und Nebenfächer und dazu Theorie und Praxis der 
Erziehung als immer mehr anschwellenden BaUast bis zum 
Schlußexamen. Eine Illustration zu Pestalozzis Forderung: 
„der Mensch soll zu innerer Euhe gebildet werden" ! 

Es gibt in der gesamten Männerberufsbildung kein Examen, 
zu dem der Kandidat so mannigfaltig beladen kommen müßte. 
An dieser verwirrenden Mannigfaltigkeit muß die Seminaristin 
nervös oder oberflächlich werden, oft genug beides zugleich. 
Das ist nicht gesunde Berufsvorbildung. Einzelne Erleich- 
terungsversuche in Seminarien, die selbst die Prüfungsberech- 
tigung haben, vermehren nur die Ungerechtigkeit der Einrich- 



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— 145 ~ 

tnng. Es muß ein Weg gefunden werden, Last und Kraft 
besser zu verteilen ; das kann oft Wunder wirken. Und zwar 
muß meiner Erfahrung und Überzeugung nach ein erleichternder 
Abschluß nicht beim Übei-giang aus der Schule in das Seminar^ 
auch nicht in der letzten HfiJfte der Seminarzeit liegen, wie 
etwa bei der ganz anders verlaufenden Lehrervorbildung, sondern 
in der ersten Hälfte der Seminarzeit. Ich wurde folgende» 
Vorschlag fiir Seminararbeit machen: Jede Lehrerin soll im 
wesentlichen ihre Allgemeinbildung abschließen vor dem Ein- 
tritt in die Berufsbildung. Dafür ist mindestens lOjähriger 
Besuch einer höheren Mädchenschule nötig. Sie bringt zum^ 
Eintritt in das Seminar das Abgangszeugnis der Schule mit; 
das genügt, da ihre Lehrer und Lehrerinnen ihre Reife besser 
beurteilen können als ein Examinator nach kurzem Aufnahme- 
examen. Für die Eichtigkeit des Urteils ist die Schule ver- 
antwortlich. Dann aber liegt — das möchte ich aus der Lehrer- 
vorbildung in unveränderter Form herübemehmen — vor dem 
eigentlichen Seminar ein Präparandenjahr. Jeder, der in der 
Lehrerinnenausbildung arbeitet, weiß, wie sehr uns eine solche 
Präparandeneinrichtung als Überleitung zur Seminararbeit fehlt, 
und wie diese durch das Fehlen überlastet wird. Denn die 
Schule soll zwar die Allgemeinbildung des Mädchens abschließen, 
es liegt aber nicht in der Art ihrer Aufgabe, die Bildungs- 
stoffe noch einmal zusammenzufassen. Diese energische zu- 
sammenfassende Wiederholung der hauptsächlichen Wissens^ 
Stoffe ist die Hauptaufgabe des Präparandenjahres, in dem sie 
in Euhe gelöst werden kann. Als glückliche Ergänzung dieser 
öedächtnisai'beit, der geschickte Lehrer das Mechanische zu 
nehmen wissen, tritt die Einführung in die Kindergartenpraxis 
und in einfachste Kinderpädagogik hinzu. Das erhält die 
Seminaristin beweglich, wendet ihr Literesse dem Kinde zu 
und bereitet vor auf das Hauptgebiet des Seminars, die Psycho- 
logie und Pädagogik. Am Schluß dieses Jahres liegt das gründ- 
liche, ausschlaggebende Examen über die allgemeine Bildung 
der Seminaristin ; nur wer dies Examen gut besteht^ kann zur 
eigentlichen Seminararbeit zugelassen werden. Nun sieht die 
Seminaristin dieser Arbeit viel getroste, sicherer und ent- 
lasteter entgegen. Denn mit dem Examen ist zugleich eine 

Frauenkongreß. 10 



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- 146 - 

Beihe Fächer abgeschlossen und wird nnr noch methodisch be- 
handelt: Eechnen, Geographie, Naturbeschreibung, alte GTe- 
schichte und die technischen Fächer. Die fremden Sprachen, 
vielleicht auch Latein, und Zeichnen würden fakultativ bleiben 
können für besonders begabte Schülerinnen. Nur Eeligion, 
Deutsch, Geschichte, Mathematik und Naturkunde werden noch 
als wissenschaftliche Fächer getrieben; als neues Hauptfach 
tritt hinzu die auf gründlicher Körper- und Gtesundheitslehre 
sich aufbauende Psychologie; nicht als Vorbereitung auf die 
ünterrichtsmethodik, wie sie zuweilen getrieben wird, sondern 
als Wissen vom Leben und seinen Gesetzen, vom gesunden 
und kranken Kinde, vom eigenen Werden, von den geistigen 
Prozessen. Es könnte sich natürlich anschließen eine Ein- 
führung in die Philosophie, aber sehr geschickt und vorsichtig, 
damit sie nicht Scheinwissen und hohle Worte erzeugt Die 
Arbeit in. den wissenschaftlichen Fächern würde, von Stoff- 
angst entlastet, eine freiere, beweglichere sein; in Eeligion, 
Deutsch, Geschichte würde sich die Arbeit auf einzelne Haupt- 
perioden und Abschnitte beschränken bei energischer Vertie- 
fung; in Literatur und G^chichte könnte man sogar der 
Seminaristin gestatten, sich selbst ein Lieblingsgebiet zur 
gründlichen Bearbeitung zu wählen; welch ein freudiges und 
selbständiges geistiges Arbeiten würde das werden I Dazu reich- 
liche, vom Seminar aus kontrollierte Privatlektüre, unterstützt 
durch eine gute Bibliothek. 

Die 2. Aufgabe des Seminars besteht in gründlicher metho- 
discher Einführung in alle Schulfächer, Sichtung und Gruppie- 
rung der Stoffe, Betrachtung ihrer Werte für die geistige und 
sittliche Entwicklung, nicht nur als Unterrichtsmethodik. 
Diese Methodik muß alles Wissen, ohne es zum Lemballast 
herabzudrücken, noch einmal durcheinander schütteln und für 
die Lehrerin beweglich machen. Eine Musikstunde wöchentlich 
hat die Seminaristin im Singen und Geigen- oder Klavierspiel 
für die Schule vorzubereiten. 

Die 3. Aufgabe ist die Einfuhrung in die Lehrpraxis in 
der Übungsschule, die als mehrklassige Volks- oder als Mittel- 
schule unter eigener tüchtiger Leitung dem Seminar ange- 
gliedert ist Gründliche Instruktionsstunden machen den Übungs- 



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— 147 — 

Unterricht durch Vorbereitung nnd Kritik f fir die Seminaristin 
fmchtbar. Die Seminaristinnen durchlaufen die verschiedenen 
Fächer und Klassen der Übungsschule in Gruppen, sich so 
gegenseitig stützend und kontrollierend , alle 4 — 6 Wochen 
wechselnd. 

Die Verteilung dieser 3 Aufgaben auf die 3 Seminaijahre 
wird eine langsame Verschiebung erfahren. Im 1. Jahr liegt 
der Schwerpunkt auf der Einfuhrung in die neue Art der 
wissenschaftlichen Arbeit, auf der Privatlektüre, auf der Psycho- 
logie oder — wie ich sie lieber nenne — der Lebenslehre und 
4er Einführung in die pädagogische Literatur. 

Im 2. oder 3. Semester beginnt der Methodikunterricht in 
den verschiedenen Fächern durch die Fachlehrer, allwöchent- 
liche Muster- und Übungslektionen im Seminar ergänzen ihn. 
Die Stundenzahl des wissenschaftlichen Unterrichts muß ent- 
fipi-echend eingeschränkt werden, damit — außer in den fakul- 
tativen Fächern — nicht mehr als höchstens 24 Stunden auf 
den Plan kommen und der Seminaristin immer ruhige Zeit zur 
jstillen Arbeit bleibt. Ein Tag der Woche soUte ganz frei- 
gegeben werden für selbständige Arbeit, mindestens 2 Tage 
im Monat. 

Im 4. Semester beginnt der regelmäßige Übungsunterricht 
mit 4 bis 6 Unterrichts- und ebensoviel Hospitierstunden in 
der Woche. Im letzten, also 6. Semester werden Übungsunter- 
richt und Hospitieren wieder eingeschränkt auf etwa je 1 bis 
2 Stunden wöchentlich. Es bleibt mehr Zeit zur selbständigen, 
dem individuellen Bedürfnis angepaßten Arbeit. Das fügt sich 
sehr gut in den Übungsschulbetrieb, weil die 2. Seminarklasse 
neu einspringt. Gemeinsame Ausflüge-, Lese-, Deklamations- 
^d Mnsikabende der Seminaristinnen, Ausflüge und Spiel* 
jiachmittage mit der Übungsschule unterbrechen das Einerlei 
4er Seminararbeit Das Schlußexamen hat die beiden Ziele: 
1. die geistige Jßeife der Seminaristin an einer größeren schrift- 
lichen Arbeit und in einem anschließenden Kolloquium festzu- 
stellen nnd in Mathematik und in Psychologie, event Philo- 
sophie und Pädagogik eingehend zu prüfen, und 2. die Vor- 
bereitung für den Beruf praktisch nachweisen zu lassen. Aber 
jsie wird die arme Seminaristin nicht mehr in mindesten» 

lOf» 



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— 148 — 

9 Fächern hemmwirbeln and elend machen wie ein viviseziertes 
Kaninchen. 

Es kann hier weder meine Aufgabe sein, die Ziele der 
einzelnen Fächer näher zn bestimmen, noch einen eingehenden 
Lehr- und Stundenplan aufzustellen, was beides an sich an- 
regend und nicht allzu schwer sein dürfte. 

Einzelnes aus diesen Vorschlägen beginnt man hier und 
da versuchsweise einzurichten. Hauptsache ist mir die For- 
derung: 1. von der Einheitiichkeit der Le^erinnenbildung; 
2. von der Trennung von Schule und Seminar; 3. von dem 
Präparandenjahr; 4. von der wissenschaftlichen Zwischen*^ 
Prüfung. 

Ich bin der festen Überzeugung, daß durch diese und ähn- 
liche Einrichtungen in wirksamer Weise eine Befreiung unserer 
Seminaristinnen von Überbürdung, dadurch eine gesündere Be* 
rufsfreudigkeit, eine Steigerung soliden Könnens und klaren 
Denkens eintreten würde. Es würde dies eben eine der Frauen- 
natar selbständig angepaßte Lehrerinnenbildung sein, der trotz- 
dem niemand die Gleichartigkeit mit der männlichen Fach- 
bildung absprechen könnte. Man würde gar nicht mehr ver- 
gleichen, weil die Art der Ausbildung zu andersartig gegen- 
über dem Bildungsgang des Lehrers wäre. 

Und ich würde auch ganz entschieden gegen eine weib- 
liche Nachahmung der MittelschuUehrerpiüfung sein, die sich 
hur durch die Eigenart der seminarischen Lehrervorbildung 
rechtfertigt. Dagegen sollte die Vorsteherinnenprüfung nach 
einigen Jahren allgemeiner verlangt werden als glückliche Er- 
gänzung des Seminarexamens. 

Möchte eine derartige oder ähnliche Lehrerinnenausbildung 
nicht immer Traum bleiben, sondern bald möglich werde».. 
Und möchten dann aus ihr immer mehr starke, harmonische 
•Frauenpersönlichkeiten hervorgehen, die mit klarem Bewußtsein 
die Aufgabe erfassen, an dem Glück und der Zukunft unseres 
lieben deutschen Volkes in seinem heranwachsenden Ge- 
schlecht zu arbeiten. Heil unserem Vaterland und Heil seinen 
Frauen l" 

FrL Falbe-Hansen, mag. art.«Dänemark gab eine Dar^^ 
frtellung der Lehrerinnenverhältnisse ihres Landes. In Däne-^ 



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-^ 149 — 

mark ist gleiche Ausbildung f&r mäiinliche und weibliche 
Lehrer in staatlichen und privaten Seminaren in drejyährigen 
Kursen mit praktischer Schulung in Übungsschulen eingeführt. 
Für die höheren Lehrerinnen fehlt es an besonderen Anstalten 
und auch Verordnungen über dai Weg ihrer methodisch-päda- 
gogischen Ausbildung; nur eine Lehrerhochschule sucht 
in Monats- und Jahreskursen den allerdings schon staatlich 
angestellten Lehrern und Lehrerinnen nach Art der Volks- 
hochschule Weiterbildung zu verschaffen. Die Rednerin gab 
wohl der allgemeinen Stimmung Ausdruck^ indem sie einen 
^internationalenLehrerinnenkangre£^,zum mindesten 
eine Zusammenkunft der Lehrerinnen der nordeuropäischen, 
germanischen Länder für die nächste Zeit in Vorschlag 
brachte. 

Interessante Berichte über die „Stellung der Lehrerin 
in Ungarn" gab FrL Auguste Rosenberg»Budapest. Sie 
betonte besonders die prin2dpielle Gleichstellung mit dem Manne 
und erklärte das Fehlen der Frau in gewissen Stellungen, nament- 
lich in der Schulverwaltung, aus der geringen Bemühung der 
Frau um derartige Posten. In Ungarn sind Frauen als Kinder- 
gärtnerinnen, als Volks- oder Elementarschullehrerinnen, als 
Bürger- und höhere Töchterschullehrerinnen sowohl als auch 
am Mädchengymnasium angestellt. Die Gehaltsverhältnisse sind 
günstig. Leistung und Besoldung beider Geschlechter sind im 
Lehrberufe gleiche. Die Verheiratung der Lehrerin hebt die 
staatliche oder kommunale Anstellung derselben nicht auf. 
Urlaub wird der verheirateten Frau bei Geburt des Kindes 
in nötiger Ausdehnung bereitwillig erteilt. Ein Mißbrauch 
dieser Liberalität findet nicht statt 

Frl. FrederikkaMörc k^Christiania sprach über 

Die Ausbildung und Stellung der Leiu-erinnen an den höheren 

Scinilen. 

„Die Tätigkeit der Schule ist die des Lehrerstandes; mit 
diesem steht und fallt die Schule. Großes Gewicht muß darauf 
.gelegt werden, daß die Ausbildung und Zusammensetzung des 
L^rerstandes so wird, daß der Schule und dem Haus damit 
gedient sein kann« Von diesem Gesichtspunkte aus werden 



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— 150 — 

wir unsere norwegischen Schulen und deren Wirksamkeit be- 
trachten. 

Die Kinderschule Norwegens — die Mittelschule — ist 
von dreierlei Art: wir haben die vom Staate unterstfitzten 
Knabenschulen; die kommunalen gemeinsamen Schulen ffir 
Knaben und Mädchen; die privaten Knaben- oder Mädchen-- 
schulen. 

Die ersten Mädchenschulen wurden in der Eeformations* 
zeit gegründet, da Luther ihre Errichtung empfahl, „damit 
Männer Land und Leute wohl regieren, und die Frauen Haus^ 
Kinder und Gesinde erziehen und wohl erhalten können," in- 
dem er hoffte, „daß ein kleines Mädchen wohl so viel Zeit 
haben werde, daß sie täglich eine Stunde in die Schule gehen 
kann und doch ihre Arbeit im Hause gehörig wahrnehmen. ** 
Diese, des großen Reformators Grundanschauung der weib- 
lichen Erziehung mit dem Gedanken an das Haus als ihren 
eigentlichen Wirkungskreis hat sich bis auf unsere Tage 
erhalten. Mit Haus ist natürlich Mann und Kinder gemeint, 
und die Mädchen, die nicht heirateten, erhielten keine weitere 
Ausbildung, um den Kampf ums Dasein aufzunehmen, wenn es 
ihnen nicht gelang, privatim „sich einige Talente anzu- 
schaffen", wie es hieß. Aller Unterricht wurde durch Männer 
ausgeführt. Die erste Anstellung von Lehrerinnen an einer, 
wenigstens teilweise öffentlichen Schule, geschah 
1801, da eine „Lehrmutter", wie sie genannt wurde, an der 
Realschule in Trondhjem angestellt wurde. Hier war nämlich 
neben der sogenannten „Söhneschule" auch eine Töchterschule 
errichtet. Der Lehrerin lag es ob, Unterricht im Nähen, Sticken 
und mehreren weiblichen Handarbeiten mitzuteilen. Sie wohnte 
im Schulgebäude und hatte einen Gehalt von 500 Mark und 
ungefähr 100 Mark für Aufwartung. 

Während der folgenden 50 Jahre gab es auch an dieser 
Schule nie mehr als eine Lehrerin; der Gehalt blieb sozu- 
sagen unverändert, und der Unterricht galt nur weiblichen 
Fächern : Handarbeit usw. Welche Ausbildung die Lehrerinnen 
hatten, die an dieser Schule arbeiteten, kann man sich denken. 

Vom Jahre 1852 an waren an derselben Schule 3 Lehre- 
rinnen angestellt: „Eine Jungfrau, ein Fräulein und eine 



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— 161 — 

Madame". Von da an werden auch drei verschiedene Mädchen- 
klassen erwähnt, nnd die Schüler empfangen Unterricht in 
Französisch — wahrscheinlich die Arbeit des Fräuleins! — 
Ähnliche Schulen wurden nach und nach durch private Ini- 
tiative in den meisten Städten unseres Landes errichtet. In 
vielen, ja in den meisten dieser Schulen hat man jedoch den 
gemeinsamen Unterricht der Knaben und Mädchen gewählt. 
Da aber dieses später dem Unterricht nicht dienlich schien, 
wurden die Mädchen bald verwiesen und besondere Mädchen- 
schulen wurden errichtet. Es ist mir eine Freude, bei dieser 
Gelegenheit aussprechen zu können, daß die damaligen jungen 
Mädchen den deutschen Lehrerinnen zu großem Dank ver- 
pflichtet waren, die zu uns kamen und „höhere Töchterschulen" 
errichteten. Meist waren diese Internate. Sie bestanden aus 
bis 5 Klassen, und nicht nur Handarbeit, auch die übrigen Schul- 
fächer spielen von nun an eine bedeutende Rolle, und die Zahl 
der Lehrerinnen steigt stetig, aber erst nach Einführung der 
Mittelschulordnung um 1870 so, daß sie wirklich eine Bedeutung 
für die Schule erlangten. Nun erhielten die Frauen Anstellung 
auch in den unteren Klassen der £[nabenschulen, und dadurch 
kam man endlich auch darauf, daß die Lehrerinnen für ihre 
Stellung ausgebildet werden müßten. Im Jahre 1861 war 
in Christiania „Nissens Schule für erwachsene Mädchen^ er- 
richtet worden. Diese war zuerst einjährig und als eine weitere 
AusbUdungsschule für junge Mädchen gedacht. Sie wurde aber 
bald in eine zwe^ährige pädagogische Lehranstalt für Frauen, 
die Erzieherinnen oder Lehrerinnen werden wollten, umge- 
wandelt. Für die letzteren wurde eine Abgangsprüfung ein- 
geführt und ein Zeugnis erteilt. 1897 wurde diese Ausbildungs- 
anstalt für Lehrerinnen aufgehoben, nachdem sie während der 
36 Jahre ihres Bestehens im ganzen ISOO Schülerinnen zur 
Prüfung vorbereitet hatte. Ein paar ähnliche private Unter- 
nehmungen waren auch geschaffen worden, um Lehrerinnen für 
die höhere Schule auszubilden, haben aber nach längerer oder 
kürzerer Zeit eingehen müssen. Wegen der kurzen Dauer 
dieser Kurse, im Verhältnis zu der großen Menge von Fächern, 
mußten die theoretischen Kenntnisse und die praktische Tüch- 
tigkeit, die man mit ihnen erreichte, notwendigerweise unzu- 



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— 162 — 

länglich bleiben. Immerhin ist ans diesen Kursen der höhere 
Lebrerinnenstand unseres Landes ausgeg:angen. 

1882 wurde den Frauen das Universitätsstudium freige- 
lassen, und zwischen 400 und 500 Frauen haben seit der Zeit 
das Abiturientenexamen gemacht, aber nur ein kleiner Bruch- 
teil derselben hat das philologische oder realistische akade- 
mische Studium vollendet. Nur drei dieser Frauen sind an 
Schulen angestellt worden, eine davon an einer öffentlichen 
Schule. Einen großen Zuwachs von wissenschaftlich ausge- 
bildeten Lehrerinnen haben die höheren Schulen also dadurch 
nicht gehabt. Zurzeit haben wir aber keine andere Bil- 
dungsanstalt für Lehrerinnen der höheren Schule als die Uni- 
versität. Und doch haben wir sie jetzt nötiger als je, warauf 
ich später zurückkommen werde. 

1896 trat das neue Schulgesetz in Kraft. Diesem gemäß 
sind die fünf untersten Klassen der vom Staate unterstützten 
Knabenschulen und der kommunalen gemeinsamen Schulen auf- 
gegeben worden. Die vier obersten machen die Mittelschule 
aus, und die Kinder, die keine private Knaben- oder Mächen- 
flchule frequentieren, sind für die fünf ersten Jahre ihrer Schul- 
zeit auf die Volksschule angewiesen. 

Die neue Mittelschule ist auf die Idee der gemeinsamen 
Schule gegründet, und in ihrer Motivierung werden viele schöne 
Worte gesprochen, wie man sich die Schule als „einen Abglanz 
der Heimat" denkt, wo Bruder und Schwester gleiche Rechte 
haben — wie „die völlig entwickelte gemeinsame Schule sowohl 
Ldirer als Lehrerinnen fordert, die, was Vorbildung und Bil- 
dung betrifft, auf derselben Stufe stehen müssen" usw. Von 
der Zusammensetzung des Lehrerpersonals aber, von der An- 
zahl der Lehrerinnen mit der Befiigniß, sich besonders der 
Mädchen anzunehmen, wird so gut wie nicht gesprochen. 

Wir Lehrerinnen glaubten, daß dieses Schweigen bedeuten 
sollte, daß sich die Gleichstellung von selbst ergäbe, wenn 
man von der Schule als von einer Heimat redete. Denn an 
der Schaffung einer Heimat muß wohl das weibliche Element 
teilnehmen. Wir wollen nun ein wenig betrachten, wie die 
Theorie in die Praxis umgesetzt wurde. An den meisten der 
vom Staate unterstützten Knabenschulen können in den obersten 



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— 153 - 

Klassea Mädchen aufgenommen werden and erhalten hier ihren 
Unterricht ansschliefllicb von Lehrern. Als Priyatschüler können 
sie hier ihre Mittelschulprüfung bestehen. An den 14 Schulen 
4ieser Art sind im ganzen 21 Lehrerinnen angestellt, die alle, 
wohl gemerkt, nur in den untersten Klassen unterrichten und 
— 193 Lehi-er, also ungefähr 9 7o gegen 91%. Li den 47 
kommunalen Schulen, die sämtlich als gemeinsame Schulen ein- 
gerichtet wurden, und wo di« Anzahl von Knaben und Mädchen 
wohl einigermaßen gleich ist, wirken 76 weibliche und 207 
männliche Lehrer, mit anderen Worten : das Verhältnis zwischen 
den Lehrkräften ist wie 1 zu 3. Sowohl die Mädchen wie die 
Lehrerinnen sind in der gemeinsamen „Heimat" Stiefkinder 
geworden. Was die privaten Schulen betrifft, so hat man sich 
natürlich so eingerichtet, daß an den Mädchenschulen meist 
Lehrerinnen, an den Knabenschulen meist Lehrer ange- 
stellt sind. 

Die Enttäuschung, die der höhere Lehrerinnenstand bei 
der Durchführung des Gesetzes fühlte, druckten wir in einer 
Petition aus, die von dem Verein, dessen Vorsitzende zu sein 
ich die Ehre habe, an das Kirchen- und Schuldepartement 
eingereicht wurde. Li dieser Petition ersuchten wir, daß an 
•allen gemeinsamen Schulen aus Eücksicht sowohl auf die 
£naben als besonders auf die Mädchen, eine Lispektrice an- 
gestellt werde, die nach einer bestimmten Listruktion das 
•Literesse der Mädchen wahrzunehmen hätte, und daß bei 
künftigen Besetzungen der Lehrerstellen an den erwähnten 
.Schulen das jetzige Mißverhältnis in der Anzahl der männ- 
lichen und weiblichen Lehrkräfte so weit wie möglich behoben 
werde, d. h. daß diese Schulen nach und nach eine gleiche 
Anzahl Lehrer und Lehrerinnen erhalte. Auf diese wohl- 
•motivierte Eingabe hat das Departement geantwortet: daß es 
mit dem Verein einverstanden ist, „daß es für das rechte Ge- 
deihen unserer gemeinsamen Schulen von Wichtigkeit ist, daß 
.weibliche Lehrkräfte in passender Anzahl an die Schulen ge- 
knüpft werden." Das Departement weist auch auf einen Para- 
graphen im Gesetz hin, worin es heißt^ „daß kein Hindernis 
bestehe, daß den Frauen dieselbe Gelegenheit wie den Männern 
^gegeben werde^ als Direktoren und Lehrer ernannt zu werden." 



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— 154 — 

Das Departement ist aber an gewisse Bedingungen in bezug 
auf yorausgehende Ausbildung und Prüfungen gebunden. „Es 
liegt also in der Hand der Frauen, in welchem Umfange 
sie die Ausbildung suchen wollen, die sie zu diesen Stellungen 
konkurrenzfähig macht.^ Nun werden die höchsten Stellungen 
in der Mittelschule von Lehrern bekleidet, die ihre Ausbildung 
an der Universität erhalten haben, die vom Könige ernannt 
werden und Beamte sind. Amtsprüfungen der Univer- 
sität sind also die nötige Bedingung, um diese Stellungen zu 
erreichen. 

Es ist nun die Frage, ob man die wissenschaftliche Aus- 
bildung für Lehrer an einer Einderschule wie die Mittelschule 
nötig und nützlich findet? Ob nicht diese Ausbildung über 
ihr Ziel hinausgeht? Es sind viele angesehene Schulleute in 
unserem Lande, die dieser Meinung sind. „Der Unterricht soll 
der Empfänglichkeit des Eindesalters entsprechen,^ lautet es 
im Gesetze. Es sind ja nicht bloß die gelehrten, theoretischen 
Eenntnisse, die man haben will, sondern eine spezielle, prak- 
tische, pädagogische Ausbildung für die Arbeit. Und eine 
solche gibt die Ausbildung an der Universität nicht. 

Wegen der schwierigen Verhältnisse und der früher er- 
wähnten Antwort des Departements sandte der „Landes-Leh- 
rerinnenverein der höheren Schulen" das Gesuch ein, daß vom 
Staate eine von demselben kontrollierte Lehranstalt für Lehrer 
und Lehrerinnen der Mittelschule errichtet werde. Diese An- 
stalt dachten wir uns auf das Abiturientenexamen gegründet 
und durch einen teils theoretischen, teils praktisch-methodischen 
Eursus fortgesetzt. Auf diese Eingabe haben wir noch keine 
Antwort erhalten. 

Wenn wir norwegische Lehrerinnen meinen, daß wir, unserer 
mangelnden Universitätsausbildung zum Trotz, dennoch An- 
spruch darauf haben, unseren Platz in der gemeinsamen Schule 
zu erhalten und unsere Tätigkeit da auszuüben, so geschieht 
dieses, weil wir wissen, daß wir selbst verstanden haben, teils 
zu Hause, teils im Auslande, uns die nötigen Eenntnisse zu 
verschaffen, um unsere Stellung im Dienste der Schule zu be- 
haupten; weil wir wissen, daß wir hier eine gute, ehrenwerte 
und segensreiche Arbeit ausgeführt haben, und weil wir uns 



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— 155 — 

davon überzeugt fahlen, daß die Schule uns nicht entbehi^en 
kann, ohne Schaden zu leiden, daß die gemeinsame Schule 
uns nicht entbehren darf — sonst wird sie ein Zerrbild von 
dem, was sie sein sollte — von einer Heimat 

Durch unsere Arbeit im Dienste der Schule haben wir 
Lehrerinnen die norwegischen Mädchenschulen auf dieselbe 
Höhe gehoben, wie die öffentlichen Mittelschulen mit ihrem an 
der Universität ausgebildeten Lehrerpersonal. Dieses kann ich 
beweisen, indem ich Ihnen erzähle, meine Damen, daß die 
meisten größeren privaten Mädchenschulen in unserem Lande 
das Eecht erhalten haben, Abgangsprüfungen der Mittelschule zu 
geben „mit dei"selben Wirkung wie die öffentlichen Schulen/ 
Die Schüler, die ihr Examen an einer privaten Schule machen^ 
haben genau dieselben Chancen wie die, welche an einer öffent- 
lichen Schule Examen gemacht haben. 

Was den Gehalt der Lehrerinnen betrifft, nehme ich an, 
daß dieser ungefähr wie in anderen Ländern ist. An den 
öffentlichen Schulen von 1200--1700 Kronen das Jahr, zuweilen 
etwas geringer, zuweilen etwas höher; an den privaten Schulen 
von 700—1800 Kronen, nach Stundenzahl und Tüchtigkeit. 
Pensionierung findet an öffentlichen und kommunalen Schulen 
statt, wohl auch an einzelnen privaten. Auch auf diesem Ge- 
biete ist unser Verein tätig. Keine Frau hat Sitz in dem von 
der Eegierung ernannten Ausschuß für das Unterrichtswesen^ 
obgleich dieser z. B. auch für die Mädchen die Aufgaben in 
Handarbeit und Hauswesen zu bestimmen hat, worin ein Examen 
abgelegt werden muß. Statt dessen ruft man „Sachverständige'' 
herbei, so daß die Tätigkeit der Frau auch hier nur „im 
Stillen" vor sieht geht. In der kommunalen Schulbehörde 
soll aber dem Gesetze gemäß bedingungsweise der Lehrerinnen- 
stand vertreten sein, daher haben die Frauen hier wenigstens 
Gelegenheit, ihren Einfluß geltend zu machen. 

Noch einen Vorteil haben die norwegischen Lehrerinnen, 
den nämlich, daß sie sämtlich, auch wenn sie nur privat an- 
gestellt sind, Gelegenheit haben, an der jährlichen Erteilung 
der öffentlichen Beisestipendien des Staates teilzu- 
nehmen, und oft haben schon die privaten Lehrerinnen Stipen- 
dien erhalten. Viele Lehrerinnen fungieren auch als Censoren 



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— 156 — 

sowohl für Knaben als für Mädchen, bei der Abgangs- 
prufong der Mittelschule. 

Wir haben gute Hoffiiong, daß bessere Zeiten für nns er- 
scheinen werden: daß die Stellnng der norwegischen Lehrer- 
innen nach nnd nach der des norwegischen Lehrers gleich-' 
kommen wird. Dieses Jahr setzen 20 Studentinnen ihre philolo- 
gischen und realistischen Studien an der Universität fort, und 
trotzdem der Staat seit vielen Jahren hartnäckig alle Gesuche 
aJblehnte, etwas fär die Ausbildung der Lehrerinnen in der 
Mittelschule zu tun, damit diese nicht ausschließlich auf die 
private Initiative verwiesen seien, so geben wir norwegischen 
Frauen die Sache doch nicht auf, ehe wir unser Ziel erreicht 
haben: Volle Gleichstellung im Dienste der Schule. 
Erst wenn es dem Staate klar wird, daß er Pflichten wahrzu- 
nehmen hat sowohl gegen die Töchter wie gegen die Söhne 
des Landes, erst wenn Mann und Frau völlig gleichgestellt 
nebeneinander arbeiten auch im Dienste der Schule, kann man 
die Hoffiiung haben, daß die jungen Männer und Frauen der 
Zukunft harmonisch entwickelte Menschen werden, die unter 
gleichen Bedingungen die künftigen Heime für „frohe 
Menschen'' bauen können.'' 

Über „die Stellung der Frauen unter dem neuen 
englischen Unterrichtsgesetz" sprach Mrs. Henry 
Fawcett*London^ die Führerin der Stimmrechtsbewegung in 
England. Sie brachte ihre Erfahrungen im Kampf um die Mitwir- 
kung der Frau in den neuen Schulbehörden zum Ausdruck. In 
England haben die Frauen von 1871 an eine Stimme im Elementary 
School Board gehabt, und ihre Mitarbeit ist überall als wertvoll 
anerkannt worden. Ein neues Unterrichtsgesetz hat aber die 
-Funktionen der School Boards den Grafschaftsräten über- 
tragen, und für diese sind Frauen nicht wählbar, sie haben es 
nur durch energische Kämpfe erreicht, wenigstens als obliga- 
torisch zu kooptierende Mitglieder darin zu arbeiten. 

Fräulein Anna Marie Bistow^Dortmund behandelte 
die Mitarbeit der Frauen an der kommunalen Schul- 
Terwaltung in Deutschland. Diese kann insoweit gefordert 
-werden,, als beispielsweise in den preußischen Bestimmungen für 
diesen Yerwaltungszweig selbrt die Beteiligung der Sachver- 



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— 157 — 

ständigfen verlangt wird. Die Frauen müssen in der kommn* 
nalen Scholyerwaltnng vertreten sein, einmal als Bürgerinnen^ 
andererseits als Lehrerinnen. Die Agitation dafür hat damit 
zu rechnen, daß die Wählbarkeit für die Schul Verwaltung in 
einzelnen Staaten vom Gemeindewahlrecht abhängig ist Zu- 
nächst könnten die Frauen Zulassung zu den Kuratorien und 
Kommissionen anstreben, die in ihrer Zusammensetzung nicht 
auf dem Gemeindewahlrecht beruhen. In Baden ist das schon 
zum Teil verwirklicht dadurch, daß Frauen nach einer mini* 
steriellen Verordnung zu den Kommissionen für die Mädchen* 
schulen hinzugezogen werden können, und einige Lehrerinnen 
in die Volksschulkommission einer Stadt gewählt sind. In 
Preußen ist anzuknüpfen an eine Ministerialinstruktion vom 
Jahre 1811, die bestimmt, daß bei der Schulaufsicht Frauen zu 
Rate zu ziehen sind. Für Erreichung des zu erstrebenden 
Zieles arbeiten der Bund deutscher Frauenvereine, der Allge- 
meine Deutsche Lehrerinnenverein sowie der AUgemeine 
Deutsche Frauenverein durch Petitionen an die Unterrichts* 
Ministerien , durch Diskussionen auf ihren Generalversamm* 
lungen und durch Flugblätter. 

Frau L. Zurlinden^Bem plaidierte für Teilnahme der 
Frau an der Schulverwaltung, namentlich vom Standpunkt der 
Mutter aus, die die beste Beraterin der Mädchen ist, und 
deren Stimme in der Schulverwaltung gehört werden muß, wenn 
nicht schwere Verstöße durch die Eigenart der seelischen und 
namentlich auch körperlichen Entwicklung der Mädchen 
geschehen sollen. Den Frauen selbst erwächst die Aufgabe,, 
die Schulen und deren spezifische Einrichtungen zu studieren,, 
die physiologischen und hygienischen Gesetze kennen zu lernen,, 
die notwendigen Schritte bei den Behörden vorzubereiten. 

An Stelle der verhinderten Beferentin FrauKoutschalska-^ 
Beinschmidt*Warschau teilte Fräulein Dr. Bäumer mit,, 
daß in Lemberg und Krakau Lehrerinnen im Ereisschulrat 
vertreten sind. Mrs. Richards« Vereinigte Staaten berichtete 
über den Einfluß, den die Frauen ihres Staates bei voller Teil* 
nähme an der Regierung auf die Schule ausüben können. 

In der Diskussion sprach zur Bildung der höheren 
Lehrerin besonders Fräulein Pöhlmann* Tilsit. Sie führte 



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— 158 — 

aus, daß das SchlußprotokoU des Allgemeinen Deutschen Leh- 
rerinnenvereins eine Zulassung zum Oberlehrerinnenexamen 
nicht von seminaristischer Bildung und 5 jähriger Tätigkeit 
abhängig machen will, sondern auf Grund des Abituriums die 
Zulassung freizugeben wünscht. Fräulein Pöhlmann schlug 
eine Änderung dahin yor, praktische Übungen, ähnlich den 
pädagogischen Seminaren, wie sie zuerst 1815 in Göttingen, 
dann auch unter Herbart in Königsberg und besonders gut in 
Jena zu finden sind, einzurichten. In diesen werden die Lehr- 
amtskandidaten in 2 bis 3 wöchentlichen Stunden in pädago- 
gische Fragen eingeführt, zum Lesen pädagogischer Schrift- 
steller und zu praktischen Übungen herangezogen. Fräulein 
A 1 1 m a n n I» Soest trat für Regelung des Handarbeitsunterrichts 
und namentlich für staatliche Ausbildungsanstalten der tech- 
nischen Lehrerinnen ein; eine solche Musteranstalt besteht be- 
reits in Posen. Herr Seminardirektor Kannegießer sprach als 
Direktor eines mit Internat verbundenen Lehrerinnenseminars in 
Augustenburg, in dessen Anstalt bereits der größte Teil von 
Fräulein Martins Forderungen erfüllt ist. Er hob besonders 
die Bedeutung der Oberlehrerin für das Seminar hervor. 
Herr Direktor Wych gram:* Berlin wies auf die Schwierigkeit 
hin, geeignete männliche Kräfte für die höhere Mädchenschule 
zu gewinnen, und auf die sich daraus ergebende Notwendig- 
keit, weibliche Oberlehrer anzustellen. Mit lebhafter Aner- 
kennung für die bisherige Vorbildung der Oberlehrerinnen 
verbindet Herr Direktor Wychgram die Ansicht, daß durchaus 
keine Schwierigkeit darin besteht, wenn die rite vorgebildeten 
Studentinnen denselben Bildungsgang machen wie die Männer. 
Die Versammlung wurde geschlossen mit einem Dank, den 
Fräulein Dr. Windscheid den beiden Leiterinnen der 
I. Sektion, Fräulein HeleneLange und Fräulein Dr. Bäum er 
aussprach, und mit dem Schlußwort der Leiterin, die dem Kon- 
^eß, insbesondere auch mit Bücksicht auf die Mädchenschule 
und die Lehrerinnenangelegenheiten, eine lebhafte Wirkung 
wünschte. 



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IL Sektion. 

Frauen-Erwerb und -Berufe. 



MoDtagy den 13. JunL 
Landwirtschaft und häusliche Dienste. 

Fränlein Else Lüders^Berlin, die stellvertretende Vor- 
sitzende der Sektion und Vorsitzende des Tages , wies 
in ihrem einleitenden Referat darauf hin, daß sich die 
Frau in Deutschland im wesentlichen, was die wissenschaft- 
lichen und kaufmännischen Berufe betrifft, schon einer ge- 
sicherteren Stellung erfreut, obwohl gerade die jüngsten Vor- 
gänge im Reichstag bewiesen, daß z. B. die Rechtsstellung der 
Frauen in den kaufmännischen Berufen noch immer bedroht 
ist; daß aber die Frauenbewegung es sich zur Aufgabe machen 
mußte, sich die rechtliche Ausgestaltung und Organisation der- 
jenigen Berufe angelegen sein zu lassen, deren Vertreterinnen 
bisher sozusagen rechtlos gewesen sind. Zu diesen Berufen 
gehören: der der Fabrik- und Heimarbeiterin, der Kranken- 
pflegerin, der Landarbeiterin und der Dienstboten. Der Mangel 
an tüchtigen Arbeitskräften, welcher zum Teil in diesen Be- 
rufen beklagt wird, hat seinen Grund vor allem in den trau- 
rigen Zuständen, die in denselben herrschen; es gilt daher 
zunächst, auch die Vertreterinnen dieser Berufe, die noch nicht 
organisiert sind, zu Organisationen zu vereinigen und ihnen 
dadurch ein menschenwürdiges Dasein zu verschaffen. 

Über „die Frau als Landwirtin'' sprach als erste 
Rednerin Miß Teresa F. Wilson«England. Sie betonte 
zunächst, daß es sich heute nicht mehr darum handle, ob 



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— 160 — 

eine Frau diesen Beruf ergreifen könne, sondern nur, ob sie 
sich dafür eigne. Als die natürlichen Eigenschaften, die da- 
für gefordert werden müssen, sind: FleiB, Sorglalt für das 
Kleinste, kräftiger Körper und Liebe zur Natur zu betrachten. 
Aber zu der natürlichen Anlage muß eine systematische Aus- 
bildung hinzutreten, u. z. müssen landwirtschaftliche Schulen 
nicht nur unterrichtend, sondern auch erziehend wirken. 
Als Unterrichtsgegenstände kommen außer den praktischen 
Fächern: der Geflügelzucht, der Milchwirtschaft, des Garten- 
baues usw.', wissenschaftliche Fächert Botanik, Chemie usw. in 
Betracht. Aber auch die kaufmännische Ausbildung muß 
gründlich gepflegt werden, wenn die Elevin im praktischen 
Leben vorwärts kommen läoll. Miß Wilson wies auf die aus- 
gezeichnete Schule in Beddy hin nnd hob besonders hervor, 
daß an dieser Schule männliche und weibliche Zöglinge zu- 
sammen arbeiten und daß dadurch die Frauen im Wett- 
bewerb mit den Männern erkennen lernen, wie weit sie der 
Konkurrenz gewachsen sind. Die Erwerbsaussichten in Eng- 
land sind günstig für die Bewirtschafterinnen kleiner Land- 
güter; die Lage wird noch gebessert durch die sich allmählich 
einführende Kooperation kleinerer Besitzer zu gemeinschaft- 
lichem Einkauf und Verkauf. Dagegen werden Gärtnerinnen 
verhältnismäßig selten beschäftigt, nur wenige sind im Blumen- 
handel tätig. Die Rednerin schloß mit warmen Worten über 
die befriedigende, Menschen bildende Arbeit in der Natur, die 
so sehr dem Wesen, der Mütterlichkeit der Frau entspricht. 
Frl. Dr. El vir a C astner- Marienfelde führte in ihrem 
Referat „6artenba4i als Beruf für Frauen" etwa fol- 
gendes aus: Gartenbau als Beruf ist in Deutschland erst vor 
etwa zehn Jahren durch Errichtung einer Gartenbauschule 
für Frauen ermöglicht worden. Das Vorurteil, Gartenbau sei 
für die Frau zu schwer, trifft nicht zu. Man darf nur nicht 
Gärtnerin und Landarbeiterin verwechseln. Gartenbaukurse 
werden jetzt bereits von Ärzten zur Kur empfohlen. Prof. 
Binswanger z. B. empfiehlt Anstellung von Gärtnerinnen 
in Nervenheilanstalten zur Anleitung der Zöglinge. Von 114 
Vollschülerinnen, die in den 10 letzten Jahren nach zweijährigem 
Kursus in Marienfelde resp. Friedenau absolvierten, sind 77 in 



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s^tme»n0mm^^m^t9msmm 



— 161 - 

feste Stellung gekommen : in Villengäxten, als Gartenbaulehre- 
rinnen u. dgl. Der Beruf ist also nicht nur gesundheitlich son- 
dern auch praktisch nützlich. Die Entlohnung angestellter Gärtne- 
rinnen schwankt von 400—800 Mark, bei freier Station und Fa- 
milienanschluß. Der Verein für Pflege des Gartenbaues hat 
für die Hebung des Standes, trotz seiner noch kleinen Mitglieder- 
zahl, das Meiste geleistet. Die Schulgartenfrage ist leider 
noch recht wenig befriedigend gelöst. Deutschland steht darin 
weit hinter anderen Ländern zurück. Gartenbaukurse werden 
jetzt vielfach auch anderwärts in Deutschland geplant, so in 
Holtenau bei Kiel und Godesberg a. Rh. Die Leite- 
rinnen dürften aber wohl alle aus der Marienfelder Schule her- 
vorgegangen sein. 

Signora Altobelli-Beretti:« Bologna berichtete in 
französischer Sprache über die traurige Lage der landwirt- 
schaftlichen Arbeiterinnen in Italien, die fast der 
Sklaverei gleiche. 12 Stunden im sumpfigen Eeisfelde stehend, 
von Malariaanfallen geschüttelt (15000 Opfer im Jahre 1), nur 
mit Schwarzbrot genährt, so arbeiten Tausende fast das 
ganze Jahr! 

In der Diskussion sprach Frl. v. Kortzfleisch* Hannover 
über die wirtschaftlichen Frauenschulen auf dem Lande, die 
ihre Zöglinge nach dreierlei Richtungen auszubilden streben: 
zur hauswirtschaftlichen, erziehenden und fürsorgenden Haus- 
und Landfrau. Frau Böhm*Lamgarben berichtete von den 
Hausfrauenvereinen, Produktivgenossenschaften von Frauen in 
Stadt und Land. 

Frau Marie Wegner* Breslau führte folgendes aus: 

„In den deutschen Parlamenten nehmen die Verhand- 
lungen über die Gesetze zum Wohle der Landwirtschaft den 
breitesten Raum ein. Die Handelsverträge, das Börsengesetz, 
die Zölle, mehr oder weniger alle unsere Einrichtungen werden 
im Hinblick auf die ackerbautreibende Bevölkerung beein- 
flußt Die Klagen über die Not der Landwirte und über den 
großen Arbeitermangel auf dem Lande finden überall Ver- 
ständnis, nur der Arbeit der Land fr au, ihrer Not und der 
Maßnahmen zu ihrem Wohle wird nirgends Erwähnung getan. 
In unseren Frauenversammlungen findet im Gegensatz zu den 

FranenkoDgrefl. 11 



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— 162 — 

Parlamenten der Männer, die Landwirtschaft fast gar keine 
Beachtung. Trotzdem fast die Hälfte aller gewerblich tätigen 
Frauen Deutschlands nach der letzten Berufsstatistik in der 
Landwirtschaft tätig sind, hat sich die Frauenbewegung noch 
wenig um diese größte Gruppe aUer arbeitenden Frauen ge- 
kümmert. Mit Freuden begrufie ich es daher, daß uns heute, 
eigentlich zum ersten Mal in Deutschland, Gelegenheit zu 
einer Aussprache gegeben wird. Wie wenig man in unseren 
Kreisen von diesen Verhältnissen weiß, bewies mir u. a., daß 
mir einige der fortgeschrittensten Frauenrechtlerinnen auf 
dem Frauentag in Wiesbaden erklärten: sie sähen in der 
Landflucht der Arbeiterin einen Kulturfortschritt, den 
sie nicht hemmen möchten ! Ja es wurde sogar mit Bezug aui 
meinen Antrag, die landwirtschaftlichen Frauenschulen be- 
treffend, ausgesprochen: daß der Staat Mittel fQr landwirtschaft- 
liche Schulen hergibt, solange er für die gewerbliche Fort- 
bildung der Mädchen noch fast nichts tut, kann eigentlich 
nur ein waschechter Agrarier fordern. 

In keinem Beruf ist aber die Frau so fest in alter Hörig- 
keit verblieben, wie in der Landwirtschaft; daher die all- 
gemeine Landflucht der Frauen, von der einfachen Arbeiterin 
bis hinauf zur Gutsbesitzerstochter. Und die ungeschulten 
Frauen, welche jetzt in der Landwirtschaft tätig sind, werden 
sich nur schwer aus eigener Kraft aus ihrer unterdrückten 
Lage emporrüigen. Ihre Arbeitsstätten sind nicht nur ge- 
trennt, wie bei der Heimarbeiterin, hier kommt auch noch, 
ganz abgesehen vom Koalitions verbot der Landarbeiter, die 
weite Entfernung der einzelnen Wohnorte hinzu. Ein Zu- 
sammenschluß scheint hier zunächst unmöglich, eine bessere 
Ausbildung ist ebenfalls durch die weiten Entfernungen sehr 
erschwert, und doch können zurzeit nur durch eine bessere 
Vorbildung die Lohnverhältnisse der Arbeiterin und die Stellung 
der Wirtschaftsbeamtin gehoben werden. 

Meine verehrten Vorrednerinnen haben zuerst für die Aus- 
bildung der gebildeten Frauen gearbeitet ; ihnen folgten zwar ein- 
zelne Privatschulen für die eigentlichen Landarbeiterinnen, wir 
besitzen deren aber noch viel zu wenig, und in den meisten dieser 
Schulen ist die Ausbildung auch mehr hauswirtschaftlicher als 



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— 163 — 

landwirtschaftlicher Natur. Für die Ausbildung der Land- 
urbeiterin geschah bis auf einige unbedeutende Versuche in 
Sachsen und Süddeutschland noch gar nichts. 

Alle schwere, schlecht bezahlte Arbeit wird auf dem 
Lande von Frauen besorgt. Dünger laden und karren, tage- 
lang im Wasser stehen und Weiden schneiden — das sind 
nur einige von den Arbeiten, die ausschließlich von Frauen 
besorgt werden, zu einem Lohn, der häufig kaum die Hälfte 
der Männerlöhne erreicht. Ob diese schwer arbeitenden 
Frauen ein Kind erwarten oder eben das Wochenbett über- 
standen haben, wer fragt danach! Bis 1900 mußte die ver- 
heiratete Frau in Deutschland ihren Verdienst dem Manne 
ausliefern, der Tagelohn wurde auf dem Lande dem Haus- 
vater für Frau und Tochter meist gleich mitbezahlt, was 
heute noch vielfach vorkommt, jedenfalls überall dort, wo teil- 
weise Naturalienentlohnung üblich ist. Also auch hier voll- 
ständige wirtschaftliche Abhängigkeit vom Manne innerhalb 
der Familie! Was Wunder, daß der Drang nach Selbständig- 
keit, nach freiem Verfügungsrecht tfber den eigenen Verdienst, 
die Frauen in die Städte treibt, in denen auch eine meist 
besser organisierte Armenpflege sich ihrer im Alter oder bei 
Krankheit viel wirksamer annimmt, als auf dem Lande. Daß 
der Andrang von so zahlreichen ungelernten Kräften in der 
Stadt die Frauenlöhne ganz zu Hungerlöhnen herabdrückt, 
mit denen kein Auskommen möglich ist, dazu fehlt der land- 
flüchtigen Frau das Verständnis, das sie erst allmählich auf 
den Weg bringen wird, den die Frauenbewegung ihr ebnen 
helfen muß, den Weg einer guten Vorbildung für die ein- 
träglicheren Zweige der Garten- und Landarbeit. Die 
nachströmenden Arbeiterinnen aus Galizien und Rußland, 
welche die Löhne noch mehr herabdrücken, sind so zu sagen 
ganz dem Wohlwollen des Gutsherrn, des Inspektors und ihrer 
männlichen Landsleute überliefert. Es ist schon ein Vorzug, 
wenn diese Männer und Frauen getrennte Schlafstätten haben, 
häufig hausen bis zu 30 Leute beiderlei Geschlechts, ver- 
heiratete und unverheiratete, in einem einzigen Raum. 
Und die deutsche Gutsbesitzersfrau steht abseits, sie darf 
sich oft gar nicht einmal einmischen! Diese sogenannten 

11* 



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— 164 — 

Sachsengänger kehren dann, losgelöst von allen moralischen 
Einflüssen, wahrscheinlich noch zügelloser als sie sie verließen^ 
in ihre Heimat zurück. 

In dem bevölkerten Belgien, in Frankreich, in der Schweiz, 
in Steiermark, ist von der Regierung, von den landwirtschaft- 
lichen Vereinen und den Gartenbauvereinen für die Ausbil- 
dung der Landarbeiter, auch der Frauen, viel mehr geschehen, 
hauptsächlich durch Einrichtung von Schulgärten und Fort- 
bildungsschulen. Bei uns ist vorläufig von den Behörden und 
den Vereinen so gut wie nichts getan worden, und auf privatem 
Wege ist eine Ausbildung der Arbeiterin nur in so beschränktem 
Umfang möglich, daß ihr Nutzen für die Gesamtheit wenig 
ins Gewicht fällt. Für die gebildete Frau kann mit der Zeit 
vielleicht etwas Ausreichendes geschaffen werden, auch für 
die Ausbildung der Wirtschaftsbeamtin; für die Arbeiterin 
ist nur durch unermüdliche Agitation, durch den immer er- 
neuten Hinweis auf den Schulgarten der Volksschule und die 
sich angliedernde Fortbildungsschule Durchgreifendes zu er- 
reichen. Der Mangel an leistungsfähigen Arbeitskräften dürfte 
der Arbeiterin, welche dann durch ihre geschulte Arbeits- 
leistung für den Betrieb von Obst und Gartenbau unentbehr- 
lich wird, eine bessere Entlohnung sichern. Trotz des Arbeiter- 
mangek wird allerdings, wie überall, die krankhafte Kon- 
kurrenzfurcht der Männer ein Hindernis sein. Man hängt 
durchschnittlich in ländlichen Kreisen zäh am Althergebrachten 
fest, hat allenfalls Verständnis für die hauswirtschaftliche 
Ausbildung der Ehefrau, übersieht aber geflissentlich die Not- 
wendigkeit einer ausreichenden Berufsausbildung. Die selb- 
ständige Schulung der Arbeiterin wurde immerhin schon auf 
dem Pomologenkongreß in Stettin erörtert. Zurzeit ist auch 
die Art des landwirtschaftlichen Betriebes der Frauenarbeit 
wenig günstig. Der Kleinbetrieb, Geflügelzucht, Obst- und 
Gemüsebau findet viel zu wenig Beachtung. Diese ertrag- 
reichen Zweige der Landwirtschaft müssen aber den deutschen 
Frauen erschlossen werden. Soll die Agitation Erfolg haben, 
so bedarf es der ganzen Kraft der organisierten Frauen- 
bewegung, nicht bloß einzelner zerstreuter Kämpferinnen. Ich 
weise auf die der beschränkten Zeit wegen heute nicht 



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— 165 — 

mögliche Begründung dieser Agitation in einer hier ausgelegten 
Broschüre hin. — Ich bitte Sie, tragen Sie die Agitation ins 
Land, wir dürfen die deutschen Frauen auf dem Lande nicht 
länger sich selbst überlassen, auch ihnen gegenüber hat unsere 
Bewegung ihre Pflicht zu erfüllen." 

Die Ausführungen von Frau Wegner fanden eine kräftige 
Ergänzung durch Frau Lily Braun«* Berlin, die ein überaus 
trübes Bild von der Lage der Dinge entwar£ Es lebten auch 
in Deutschland 2 Millionen rechtloser Landarbeiterinnen in 
Versklavung! Das Land verödete nicht aus Vergnttgungslust 
der Landarbeiter, sondern wegen der Hungerlöhne! Prof. Max 
Weber habe, ebenso wie Wagner, die Zustände in den Land- 
arbeiterwohnungen trefflich geschildert. Die Gewährung 
des Koalitionsrechtes sei das allererste Erfordeinis zur 
Besserung; dann würden selbst diese Landsklaven ohne Hilfe 
der bürgerlichen Frauenbewegung sich selbst helfen können! 
Die der bürgerlichen Frauenbewegung am nächsten stehenden 
liberalen Parteien zum Eintreten für diese Forderung zu ge- 
winnen, das wäre die beste Hilfe, die von dieser Seite für die 
Arbeiterin geleistet werden könne. 

Zum zweiten Punkt der Tagesordnung sprach zunächst 
Frau Regine Deutsch^Berlin über 

Die Dienstbotenfrage in Deutschland. 

„Die innere Einigung Deutschlands in der Gesetzgebung 
hat für einen Stand keine Folgen gehabt, einen Stand, der 
als solcher unter einem Ausnahmegesetz steht, für den andere 
Gesetze gelten als für andere Deutsche, Wir haben zwar seit 
dem Jahre 1879 ein Strafgesetzbuch für ganz Deutschland, wir 
haben seit dem Jahre 1900 das Bürgerliche Gesetzbuch für das 
ganze ReicL Vor dem Gesetz sind alle Bürger gleich, mit 
Ausnahme der gekrönten Häupter, der Bundesfürsten und — 
der Dienstboten. Sonst ist aber wirklich gar keine Ähnlichkeit 
zwischen diesen beiden Kategorien von Deutschen, jenen mit 
der Herrscherkrone und diesen, die oft die Domenkrone tragen. 
Die Dienstboten stehen in Deutschland unter einem Ausnahme- 
gesetz; aber nicht etwa unter einem einheitlichen für ganz 
Deutschland, wie es das Sozialistengesetz war, sondern unt r 



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— 166 — 

ein^ ganzen Anzahl von Ansnahmegesetzen ^Gesindeordnangen^ 
genannt. Das Merkwürdige ist, daß selbst berühmte Eechts- 
lehrer nicht genau feststellen können, wieviel solcher Gesinde- 
ordnungen es gibt; man sollte meinen, soviel wie Bundesstaaten, 
aber das ist ein &*rtum. Das kommt daher, daß die einzelnen 
Bundesstaaten nicht von jeher oder auch nur seit langer Zeit 
einheitliche Gebilde sind. So z. B. gab es in dem früheren 
Königreich Hannover vier Gesindeordnungen und das König- 
reich Preußen, das sonst alle Erinnerungen an die frühere 
Selbständigkeit zu löschen bestrebt war, ließ der Provinz doch 
großmütig ihre eigenen Gesindeordnungen. Was für praktische 
Folgen die Verschiedenheit der deutschen Gesindeordnungen 
haben kann, werden wir nachher sehen. 

Es gibt Damen — ich sage mit Absicht Damen und nicht 
Frauen — die sich mit der Dienstbotenfrage beschäftigen und 
sie dadurch zu lösen suchen, daß sie nicht die Lage der 
Dienstboten, sondern diese selbst bessern wollen, d. h. sie 
auf ein Niveau herabdrücken, dem sie entwachsen sind. Diese 
Damen bemühen sich, zu erklären, daß das Wort „Gesinde" eine 
sehr schöne Bedeutung habe, und daß es unberechtigter Hoch- 
mut sei, dasselbe abschaffen zu wollen; „Gesinde" — Gasindi 
im altdeutschen — heißt nach der Auslegung einiger Sprach- 
kundigen „Weggenossen"! Unsere Weggenossen — kann es 
etwas Schöneres geben I Nun kommt es aber nicht darauf an, 
welche Bedeutung ein Wort ursprünglich hatte, sondern welche 
Bedeutung wir ihm heute geben, und das Wort „Gesinde" 
hat durch die fatale Ähnlichkeit mit dem Worte „Gesindel" 
etwas Kränkendes, Herabwürdigendes. Das Bürgerliche Gesetz- 
buch spricht von Dienstverpflichteten. Das ist gesetz- 
lich gewiß ein guter Ausdruck, für das tägliche Leben jedoch 
nicht Die Berliner Organisation, die sich mit dieser Frage 
beschäftigt und von der Sie nachher wohl hören werden, hat 
das Wort „Hausangestellte" als das geeignetste befunden, da 
auch die Bezeichnung „Dienstbote" noch an Hörigkeit mahnt. 
Jedenfalls muß das Wort „Gesinde" fallen, und „mit dem Mantel 
fällt der Herzog", d. h. mit dem Wort, dem Begriff des Ge- 
sindes als eines niederen, verächtlichen Standes, fallen auch 
die Gesindeordnungen. 



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— 167 — 

Was sind nun Gesindeordnungen ? — Ausnahmegesetze 
für die ländlichen und häuslichen Arbeiter männlichen und 
weiblichen Geschlechts, vielfach gegeben in Zeiten, in denen 
das Hörigkeitsverhältnis noch nicht überwunden war, in welchen 
Arbeiterrechte, Arbeiterpflichten unbekannte Dinge waren. So 
stammt unsere preußische Gesindeordnung aus dem Jahre 1810. 
Vergegenwärtigen Sie sich einen Augenblick die Zustände der 
damaligen Zeit, um sich klar zu werden, daß Bestimmungen, 
die man damals getroffen, heute z. B. in unserer Millionenstadt 
Berlin nicht mehr möglich sein sollten! Ich wies schon dar- 
auf hin, daß nicht fest steht, wieviel Gesindeordnungen wir in 
Deutschland haben. Ungleich an Zahl, sind sie auch ungleich 
an Art. In Bayern, Württemberg, Baden, Hessen, wie in den 
thüringischen Staaten hat man Gesindeordnungen neueren 
Datums, die zwar den alten Namen beibehalten haben, aber 
vielfach — nicht durchweg — modernen Geist atmen. Auch im 
Königreich Sachsen besteht eine neue, erst im Jahre 1898 
revidierte Gesindeordnung, von der man allerdings nicht be- 
haupten kann, daß sie irgendwie an ihren Ursprung am 
Ende des 19. Jahrhunderts erinnert. Sie ist wohl in mancher 
Beziehung humaner als die preußische, übertrifft sie aber noch 
in anderer Hinsicht an Rückständigkeit. Sämtliche Gesinde- 
ordnungen berauben jedoch die ihnen Unterstellten des Koali- 
tionsrechtes, das alle gewerblichen Arbeiter genießen, d. h. die 
erwachsenen männlichen und weiblichen Landarbeiter, wie die im 
Hausbetrieb Beschäftigten dürfen keine Vereinbarungen unter- 
einander treffen, oder sich irgendwie zusammentun, um z. B. bessere 
Arbeitsbedingungen zu erreichen. Täten sie dies doch und organi- 
sierten sie etwa einen Streik, so hätten sie nicht nur die viel- 
fach üblen Folgen zu tragen, die der Streik ohnehin so oft für 
die Beteiligten h$,t, sie hätten noch zu gewärtigen, wegen ihrer 
ungesetzlichen Handlungsweise mit Gefängnis bis zur Höhe 
eines Jahres bestraft zu werden. Wie das Koalitionsrecht in 
ganz Deutschland den ländlichen und hauswirtschaftlichen 
Arbeitern verweigert wird, so ist im Hauptgebiet Deutschlands 
mit Ausnahme des Großherzogtums Baden, das vielfach eine rühm- 
liche Ausnahme bildet, auch der Vertragsbruch strafbar. 

Vertragsbruch findet statt: 1. bei Dienstverweigerung, 



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— 168 - 

2. wenn das Gesinde sich mehrfach vermietet hat, 3. wenn 
das Gesinde ohne gesetzliche Ursache den Dienst verläßt. 

Im ersten und dritten Falle kann das Gesinde — ich will 
einmal den Ausdruck beibehalten — nicht nur zwangsweise 
durch die Polizei zur Dienstherrschaft gebracht, resp. zurück- 
geführt werden, sondern die Herrschaft kann noch die gericht- 
liche Strafe beantragen. Eine schmähliche Erweiterung dieses 
Ausnahmezustandes wird in Preußen erstrebt durch einen Ge- 
setzentwurf, der dem Abgeordnetenhaus vor kurzem vorlag. 
Hierin wird beantragt, die Verleitung zum Vertragsbruch 
zu bestrafen; bisher wurde nur der Vertragsbruch selbst be- 
straft, sowie die Annahme Vertragsbrüchiger ländlicher Arbeiter 
und Dienstboten. Das ist eine Einführung schwarzer Listen, 
die in anderen Betrieben als gesetzwidrig geahndet wird. Das 
Königreich Sachsen hat das Verdienst, hier als Vorbild für 
Preußen gedient zu haben, denn in seiner neuen Gesinde- 
ordnung befinden sich diese außerordentlich unmodernen Be- 
stimmungen. 

In einer Beziehung und freilich der schlimmsten ist Preußen 
Sachsen über. Denn im Bereich der preußischen Gesinde- 
ordnung ist das Züchtigungsrecht noch nicht ganz beseitigt. 
An der Richtigkeit dieses Satzes wurde freilich eine Zeitlang 
gezweifelt; denn im büi'gerlichen Gesetzbuch steht klipp 
und klar „Ein Züchtigungsrecht steht den Dienstberechtigten 
nicht zu" und ßeichsgesetz geht über Landesgesetz. Der 
höchste preußische Gerichtshof, das Kammergericht, hat aber 
folgendes festgestellt: Ein eigentliches Züchtigungsrecht ist 
auch in der preußischen Gesindeordnung nicht vorgesehen, 
etwas nicht Vorhandenes kann also auch das Bürgerliche 
Gesetzbuch nicht nehmen. Dagegen gibt der § 77 der 
Herrschaft das ausdrückliche Recht auf geringe Tätlich- 
keiten und Beleidigungen, die der Dienstbote sich gefallen 
lassen muß, ohne dafür richterliche Entscheidung anrufen zu 
dürfen und ohne berechtigt zu sein, aus diesem Grunde den 
Dienst ohne Kündigung zu verlassen. Das ist der dunkelste 
Punkt der Preußischen Gesindeordnung. Beleidigungen, 
Schmähreden gegen einen Dienstboten bedeuten 
etwas anderes, wie solche gegen andere Personen. 



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— 169 — 

Ein gesetzlicher Grand zum Verlassen des Dienstes ohne 
vorherige Kündigung und ohne Kontraktbruch zu begehen, liegt 
vor, wenn Gesundheit und Leben bedroht sind. Ob das nun 
der Fall ist, das hat natürlich das Gericht zu entscheiden. Es 
ist erst kürzlich vorgekommen, daß ein Mädchen, welches durch 
Tätlichkeiten, die man sonst Ohrfeigen nennt, wochenlang an 
Kopfschmerzen litt, mit ihrer Klage gegen die Herrschaft ab- 
gewiesen wurde, weil keine Gefahr für Leben und Gesundheit 
vorliegend erachtet wurde. Verläßt ein solch gepeinigtes Ge- 
schöpf heimlich den Dienst, so kann es 1. zwangsweise zu- 
rückgetfihrt werden, 2. wegen Vertragsbruch bestraft werden. 
Nun werden sie sagen, „Ja, aber wer tut das?" Ich will zu- 
geben, daß in den Städten selten Gebrauch von diesen Be- 
stimmungen gemacht wird, aber das man sie in Anwendung 
bringen kann, das ist schlimm genug. Für gesittete Menschen 
existieren alle diese Bestimmungen nicht, darum sind sie un- 
nötig; sie sind schädlich, weU sie in den Händen ungesitteter 
Menschen, welch Standes oder Ranges sie sein mögen, gefähr- 
liche Waffen sind. Und auf dem Lande, wo durch diese Ge- 
setzgebung mitverschuldete wirkliche „Leutenot" besteht, 
machen unsere Agrarier oft ohne Bedenken Gebrauch von 
dieser für sie so segensreichen Bestimmung. 

Das gilt allerdings nur für Preußen. In den meisten 
Deutischen Staaten ist es glücklicherweise anders. In der aus 
dem Jahre 1899 stammenden Gesindeordnung des Großherzog- 
tums Sachsen- Weimar sind ausdrücklich wörtliche und tätliche 
Beleidigungen als Gründe angeführt, die das sofortige Ver- 
lassen des Dienstes rechtfertigen, bei Aufrechterhaltung aller 
Ansprüche auf Kosten und Lohn seitens der Herrschaft. Und 
nun denken Sie, wenn ein Thüringer Mädchen nach Berlin in 
den Dienst geht und sich nach allgemeiner Meinung, und auch 
tatsächlich, vielfach verbessert, daß es hier unter Gesetze ge- 
stellt ist, von denen es nichts ahnt, und die es nur in schlimmen 
Fällen zu erfahren bekommt. Und gerade hier in Berlin haben 
wir es doch vielfach mit Dienenden zu tun, von denen Berufs- 
tüchtigkeit und ein oft nicht geringes Maß von Intelligenz 
verlangt wird. Diese intelligenten Mädchen können von Gte- 
fletzes wegen einer Behandlung unterworfen werden, wie wir 



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— 170 — 

sie dem letzten polnischen Landarbeiter nicht wünschen, trotz- 
dem er sie nicht so tief als Schmach empfinden würde. 

Hiermit ist schon angedeutet, welche verschiedenen Kate- 
gorien in die Gesindeordnung eingezwängt sind. Von Gesetzes 
wegen wird das nicht beachtet; gegenüber den Stimmen jedoch, 
die eine reichsgesetzliche Regelung des Dienstbotenverhältnisses 
verlangen, heißt es: die Verhältnisse im Reich sind zu ver- 
schieden, die Regelung dieser Verhältnisse muß der Landes- 
gesetzgebung vorbehalten werden. Als ob die Verhältnisse 
im Reich verschiedener sein könnten, als sie es innerhalb 
Preußens sind! 

Die erste Grundlage jeder Hebung des Dienstbotenstandes, 
jeder Besserung seiner rechtlichen Lage ist also die Aufhebung 
der sämtlichen Gesindeordnungen durch Reichsgesetz und 
einheitliche Regelung der einschlägigen Verhältnisse für das 
Reich. Ob das am besten durch ein Reichsdienstbotengesetz 
geschähe, ob durch Unterstellung der Dienstboten unter das 
Bürgerliche Gesetzbuch oder durch Zugehörigkeit zur Gewerbe- 
ordnung, darüber gehen die Meinungen auch derjenigen, die 
warm für die ilufhebung der Gesindeordnung eintreten, aus- 
einander. 

Aber ich denke, es kommt weniger auf die Form als auf 
den Inhalt, auf die Bestimmungen an, die an Stelle der abzu- 
schaffenden zu treffen sind. Wenn wir noch in verschiedenen 
älteren Gesindeordnungen des Königreichs Württemberg lesen 
(eine ganz moderne ist zugleich mit dem Bürgerlichen Gesetz- 
buch und in Anlehnung an dieses in Württemberg eingeführt 
worden): „Das Gesinde ist schuldig, seinen Dienst redlich, 
fleißig und aufmerksam und mit Geschick bei Tag und Nacht 
unverdrossen nach dem Willen der Dienstherrschaft und soviel 
wie möglich zu deren Nutzen zu besorgen" — so muß man 
doch sagen: das müssen Übermenschen gewesen sein, die 
einem solchen Gesetzesparagraphen entsprochen haben. Nun 
weiß ich wohl, daß es nie wörtlich ausgelegt worden ist, daß 
auch in Württemberg von den Dienenden vor dem Jahre 1900 
nicht mehr Nachtarbeit geleistet worden ist, als in anderen 
Teilen Deutschlands; aber die Anschauung, daß man ohne 
weiteres von den Dienstboten auch Dienste in der Nacht am 



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— 171 — 

verlangen berechtigt ist, zeigt sich hier in krassester Deut- 
lichkeit. Leider muß ich sagen, daß man dieser Auffassung 
nicht nur in der Gesetzgebung, sondern auch im täglichen 
Leben vielfach begegnet, daß sogar in anderen Punkten modern 
und human handelnde Personen vielfach achtlos und gedanken- 
los die Nachtruhe ihrer häuslichen DienstangesteUten in An- 
spruch nehmen, oft nur um einer Lappalie willen; zum Auf- 
schließen des Hauses, zum Anzünden einer Lampe — aber die 
Nachtruhe derer, die sie so nötig brauchen, ist dahin. Unsere 
Arbeiterschutzgesetze unterscheiden streng zwischen Nacht- 
und Tagesarbeit. Bei einer reichsgesetzlichen Lösung der 
Dienstbotenfrage muß, wenn nicht eine geregelte Arbeitszeit, 
so doch ein Mindestmaß einer täglichen Ruhezeit verlangt 
werden, und zwar für jugendliche unter 18 Jahren eine längere 
Ruhezeit als für Erwachsene. 

Im engen Zusammenhang mit der Gesindeordnung und 
durch diese bedingt, ist das Dienstbuch, das im größten 
Teil von Deutschland eingeführt, einen sehr lästigen Zwang 
für die Dienstboten bedeutet und dabei durchaus nicht einmal 
die Garantie bietet, die den meisten Hausfrauen seine Bei- 
behaltung so dringend wünschenswert erscheinen läßt. Die 
Ungerechtigkeit der Dienstbücher besteht vor aUen Dingen 
darin, daß die eine Partei zugleich Richter ist^ daß sie 
mit dem Zeugnis, das sie vielleicht im Mißmut gibt, auf das 
künftige Ergehen des Dienstboten einen bedeutungsvollen Ein- 
fluß ausübt Abschaffung der Gesindebttcher, wie sie heute 
bestehen, heißt nun aber nicht: Abschaffung eines Arbeits- 
ausweises oder eines Zeugnisses — es heißt nur AbschaiFang 
des Zwanges, mit jedem Zeugnis zufrieden sein zu müssen, 
oder nur durch schwierige Anfechtung eine Änderung desselben 
erzielen zu können. Ein Zeugnis ist, nach dem Büi^erlichen 
Gesetzbuch, jeder Dienstverpflichtete zu verlangen berechtigt, 
man gibt es Erzieherinnen, Angestellten in kaufinännischen 
Betrieben — man wird es in Zukunft auch den Hausangestellten 
geben. 

Eine fernere Forderung ist: Schlichtung aller aus dem 
Dienstverhältnis sich ergebenden Rechtsstreitigkeiten durch 
die schnell und billig arbeitenden Gewerbegerichte. Ein Teil 



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— 172 — 

der Dienstboten : die in Gastwirtsbetrieben tätigen, haben dies 
Recht heute schon; wir wünschen es aber unterschiedslos auf 
alle Dienstboten ausgedehnt. 

Zwei weitere Forderungen, in manchen Teilen Deutsch- 
lands bereits erfüllt, in Preußen und anderen nördlichen Ge- 
genden Deutschlands noch fromme Wünsche, sind: 1. die Ein- 
führung der Reichskranken- und Unfallversicherung auch für 
die ländlichen und häuslichen Arbeiter; 2. Die obligatorische 
Fortbildungsschule für die jugendlichen Dienenden unter 
18 Jahren. 

Hinsichtlich der Krankenversicherungsfrage möchte ich 
den Ausländerinnen sagen, daß unsere deutschen Dienstboten 
allerdings hierin viel besser gestellt sind als ihre Kolleginnen 
in Frankreich, England und in anderen Staaten. Die Dienst- 
herrschaft ist durch das Bürgerliche Gesetzbuch, das hierbei 
Anwendung findet, verpflichtet, für den erkrankten Dienst- 
angestellten für die Dauer der Dienstzeit zu sorgen. Aber 
wohl gemerkt: für die Dauer der Dienstzeit, nicht der Krank- 
heit. Da nun in verschiedenen Städten, besonders in Berlin, 
14tägige Kündigungsfrist ziemlich gebräuchlich ist, so kann 
unter Umständen die Dauer der Verpflichtung nur eine sehr 
geringe sein. Die Reichskranken- und Unfallversicherung fragt 
nicht nach der Dauer der Dienstzeit; bis zur Dauer von 
26 Wochen, also V« Jahr gewährt sie Krankenpflege und Unter- 
stützung. In einigen deutschen Bundesstaaten ist durch Landes- 
gesetzgebung, in einigen deutschen Städten durch Ortsstatut 
eine Krankenversicherung, die sich der reichsgesetzlichen an- 
schließt, eingeführt; wir wünschen auch diese Frage einheit- 
lich geregelt. 

Auch die obligatorische Fortbildungsschule mit Haushal- 
tungsunterricht für die Dienenden unter 18 Jahren ist auf 
dieselbe Art in einigen Bundesstaaten und Städten eingeführt. 
In Preußen haben wir mit großem Widerstand gegen ihre Ein- 
führung zu kämpfen. Als Beispiel möchte ich folgendes er- 
zählen: Am Beginn des Winters setzte hier in Berlin eine 
lebhafte Agitation für die Einführung der obligatorischen Fort- 
bildungsschule für Mädchen ein. Einer der Träger dieser 
Forderung war aber nun sehr erstaunt, als nach einem glän- 



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— 173 — 

zenden Vortrag, den er über dieses Thema gehalten, bemerkt 
wurde, daß unter „allen schulentlassenen Mädchen^ auch die 
im häuslichen Dienste befindlichen einbegriflfen wären. Nein, 
so hatte er es nicht gemeint. Und so kam am Schluß jener 
Versammlung eine Resolution zustande, welcher der Referent 
nicht zustimmte, weil die Versammlung unter dem Begriffe 
„alle Mädchen unter 18 Jahren" auch die Dienenden dieser 
Altersklasse verstand. 

Die Notwendigkeit der obligatorischen Fortbildungsschule 
gerade für die Dienenden leuchtet ein. Denn es ist eine der 
berechtigten Klagen der weniger vermögenden Hausfrauen, 
daß sie die jungen schulentlassenen Wesen ohne jede Kenntnis 
der häuslichen Verrichtungen, ohne jede Vorbildung dazu er- 
halten. Die Mutter der Kreise, aus denen die Dienstboten 
kommen, ist heute nicht mehr imstande, ihren Kindern die 
nötige Unterweisung zu geben, da sie meist durch den Erwerb 
mit beschäftigt ist. Der hauswirtschaftliche Unterricht in der 
Fortbildungsschule hätte aber noch den Vorteil vor den häus- 
lichen Unterweisungen, daß er das junge Mädchen lehren 
würde, daß die häusliche Arbeit auch ein Beruf ist und zwar 
ein nützlicher und wertvoller. Dieser Unterricht würde ihnen 
Standesbewußtsein geben und mit dazu beitragen helfen, der 
in weiten Kreisen herrschenden Geringschätzung der häus- 
lichen Arbeit ein Ende zu bereiten. Die zu dem Unterricht 
nötige Zeit muß alsdann die Hausfrau dem jugendlichen Dienst- 
mädchen gewähren: es wird ihr dadurch stets zum Bewußt- 
sein geführt, daß sie es mit einem werdenden Menschen, 
nicht mit einem fertigen zu tun, und daß sie ihn gebührend 
danach zu behandeln hat 

Mit meinen Forderungen an die Gesetzgebung bin ich zu 
Ende. Nun könnten Sie mich fragen, ob ich denn glaube, daß, 
wenn all dies erreicht wäre, wir befriedigende Dienstbotenver- 
hältnisse hätten. 

Wenn die Erfüllung dieser Forderungen uns als fertiges 
Geschenk vom Himmel herab beschert würde, dann nicht. 
Denn dann hätten wir vielleicht „den Stein der Weisen", jedoch 
„der Weise mangelte dem Stein". Daher brauchen wir zu- 
nächst Menschen, um mit uns diese Forderungen zu verfechten, 



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— 174 - 

Menschen mit Kopf und Herz, mit fein entwickeltem Gerechtig- 
keitsgefühl. Und wir müssen alle Frauen dafür gewinnen, 
nicht nur die Frauenrechtlerinnen. 

Man spricht wohl von der guten alten Zeit, von den 
jfrüheren patriarchalischen Verhältnissen zwischen Dienstboten 
und Herrschaft. Ich halte es mit Goethe, der im Tasso die 
Prinzessin sagen läßt: 

„Die goldne Zeit, womit der Dichter uns 
Zu schmeicheln pflegt, die schöne Zeit, sie war. 
So scheint es mir, so wenig als sie ist; 
Und war sie je, so war sie nur gewiß, 
Wie sie uns immer wieder werden kann." 
Was Wahres ist an den schönen früheren Verhältnissen, 
das gibt es auch heute noch, allerdings als Ausnahmen, wie 
es auch früher nur Ausnahmen waren. Aber vieles, sehr vieles 
nicht Schöne von dem Patriarchalischen ist uns leider noch 
geblieben. Die völlige Unterordnung des einen Teils unter 
den anderen bis zur Aufgabe der eigenen Persönlichkeit, des 
eigenen Wunsches und Willens in Dingen, die außerhalb der 
zu leistenden Arbeit liegen, das zeitlebens als unmündig be- 
trachtet werden — das alles können wir heute keinem Er- 
wachsenen mehr zumuten. „Wertung des Dienstbotenstandes 
wie jedes anderen erwerbenden Standes im Gesetz, wie im 
privaten Leben." Diese Forderung müssen wir aufstellen. 
Aber daneben möchte ich persönlich noch betonen, daß ich ein 
solches Verhältnis, wie es in anderen Betrieben zwischen 
Arbeitgeber und Arbeitnehmer herrscht, für den häuslichen 
Betrieb nicht für wünschenswert halte. Etwas Persönlich- 
Menschliches muß besonders für uns Deutsche immer dabei 
sein. Freilich kann es nicht von Gesetzes wegen verlangt 
werden und auch nicht einseitig von einer Seite. So verlangen 
einige ältere deutsche Gesindeordnungen vom Dienstboten 
„Treue"; ethische Eigenschaften lassen sich aber nicht von 
Gesetzes wegen befehlen und Treue für 20 Mark den Monat 
gibt es nicht. Und es ist gut, daß es so ist, daß es noch 
Werte gibt> die nicht für Geld zu haben sind, Treue gibt es 
nur um Treue, und gerade wir Deutschen, wirsoUten unsere 
köstlichsten Eigenschaften, die des Gemütes und des Herzens, 



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- 175 — 

nicbt leichthin Preis geben wollen. Ich kenne deutsche Mädchen 
in glänzenden Dienststellen in England und den Vereinigten 
Staaten; sie hören dort niemals ein unfreundliches Wort, wie 
das in deutschen Dienststellen häufig der Fall ist, aber auch 
niemals ein freundlich-teilnehmendes» und dieser Mangel läßt 
sie ihrer sonst guten Stellen nicht froh werden. 

Nun weiß ich wohl, daß sehr viele deutsche Hausfrauen 
sagen werden: „Die Mädchen wollen ja gar nicht, daß man sich 
um sie bekümmert," Freilich, sie wollen es nicht, wenn es im 
Tone der Bevormundung geschieht, oder wenn sie zu bemerken 
glauben, daß es vorgeblich in ihrem Interesse, in Wirklichkeit 
aber im Interesse der Herrschaft geschieht. Die Dienstboten 
sind, wie es unter den heutigen Verhältnissen nur zu erklär- 
lich ist, mißtrauisch und empfindlich, aber viel feinfühliger, als 
man oft glaubt Diese berechtigten Vorurteile der Dienstboten 
heißt es ebenso zu überwinden, wie die unberechtigten Vor- 
urteile der Hausfrauen. Wie das zu machen ist, das kann ich 
Urnen wirklich nicht sagen, das muß jeder mit sich allein aus- 
machen. Aber große Aufgaben auf allen Gebieten sind es, die 
hier die Frau zu lösen hat, die Frau als Hausfrau, die Frau 
als Frauenrechtlerin. 

Das Dienstbotenverhältnis ist das einzige Verhältnis, in 
welchem wir in unserer Eigenschaft als Frau zugleich Ar- 
beitgeber sind. Sorgen wir, daß wir hier auf unserem 
eigensten Gebiet nicht das ausüben, was wir so oft den Männern 
vorwerfen: Egoismus, Interessenpolitik." 

An SteUe der verhinderten österreichischen Referentin 
sprach Frau Lise L e n el ^^ Mannheim und gab eine eingehende 
Darlegung des für Deutschland vorbildlichen, auch von der 
ersten Referentin erwähnten badischenGesetzes betreffend 
die Dienstpflichtigen. 

Mrs. Mary Church Terrell* Washington, die Ehren- 
präsidentin des Nationalvereins der farbigen Frauen der Ver- 
einigten Staaten, referierte über „die Lage der farbigen 
Frauen als Dienstboten." Ihre Ausführungen ließen sich 
dahin zusammenfassen, daß im allgemeinen sowohl die Tugenden 
wie die Fehler der farbigen Dienstboten die gleichen seien wie 
die der weißen. Auch von den ersteren gelte das Wort, daß 



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— 176 — 

es „leichter ist, eine Biene zu fangen, als das Herz eines 
amerikanischen Dienstboten zu gewinnen." Hier komme auch 
noch das Vorurteil gegen die Farbigen hinzu. Solange aber 
die Herrschaften nicht selbst vollkommener werden, darf man 
sich über die Fehler der Diensboten auch nicht beklagen. 

Als letzte Referentin sprach Fräulein AnnieFjuruhelm^^ 
Helsingfors über die Organisation undLage derDienst- 
boten in Finnland. 

In der Diskussion betonte zunächst auch Freifrau von 
Stelden-Buchenbach«' München die viel freiere Gestaltung 
des Gesinderechts in Süddeutschland. Der Münchener Verein 
zur Heranbildung tüchtiger Dienstboten trete auch für die 
Hauserziehung junger Mädchen ein. Lehrverträge würden nur 
unter seiner Aufsicht geschlossen. Auch nach Beendigung der 
zweijährigen Lehrzeit bleibe der Verein mit den Zöglingen in 
steter Verbindung. In Magdeburg, Dessau, Mannheim u. a. 0. 
habe man dieses Beispiel Münchens nachgeahmt. 

Fräulein AmalieArndt» Berlin (Dienstangestellte) sprach 
über die Entwicklung des Berliner „Vereins für die Interessen 
der Hausangestellten", der aus dem früheren „Verein für weib- 
liches Hauspersonal" und dem „Verein Berliner Dienstherr- 
schaften und Dienstangestellte" hervorgegangen ist. Er biete 
den Mitgliedern kostenlosen Rechtsschutz, Arzt, Pflege edler 
Geselligkeit, Bibliothek, Unterstützungskasse, Stellenvermitte- 
lung. Die Dienstbotenbewegung verfolge nicht nur materielle, 
sondern vor allem ideale Ziele. Die Hausangestellten erstreben 
in erster Linie nicht einen höheren Lohn, sondern eine ge- 
setzlich gewährleistete Freizeit und humane Behandlung. 
Sehr richtig habe schon die Vorrednerin darauf hingewiesen, 
daß es hier gälte „Treue um Treue", daß man aber diese für 
20 Mark monatlich nicht kaufen könne. 



Dienstag, den 14. Juni. 



Die Lage der gewerblichen Arbeiterinnen. 

L Fabrikarbeiterinnen. 
U. Heimarbeiterinnen. 



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— 177 — 

Fräjüein Alic^Salomon:^ Berlin leitete die Yersamnüimg 
und fährte in ihrem einleitenden Referat folgendes aus: 

„Der Arbeiterinnenfrage, mit der unsere Sektion sich heute 
beschäftigen soll, gebührt *die lebhafteste Anteilnahme aller 
Frauenkreise und ein breiter Baum innerhalb der Frauenbe- 
wegung. Wir messen ihr diese Bedeutung nicht nur bei, weil 
die größte Zahl aller berufstätigen Frauen von Arbeiterinnen 
gebildet wird, sondern auch weil gerade die Frauen der bttiger- 
lichen Kreise, die an den Früchten jener Arbeit teihiehmen, 
sich verantwortlich xür die Zustände fühlen müssen, unter 
denen die Arbeiterinnen leben — eingedenk der Lehre, die die 
großen Sozialphilosophen des letzten Jahrhunderts verbreitet 
hab^: da£ die zunehmende Arbeitsteilung die besitzenden 
Klassen nicht von grober Arbeit befreit, um ihnen ein Leben 
des Müßigganges, des verfeinerten Lebensgenusses zu er- 
möglichen, sondern um sie zu Trägem einer höheren Kultur 
für die Gesamtheit zu verpflichten. Dieser Bewertung der 
Arbeiterinnenfrage entspricht der Eaum, der ihr auf dem Kon- 
greß zugewiesen ist. Abgesehen von der Erörterung der Land- 
arbeiterinnenfrage und der Dienatbotenfrage, werden die Be- 
dürfnisse der Industriearbeiterinnen an 3 Vormittagen ver- 
handelt werden. Heute soll uns in der 11. Sektion die Lage 
der Arbeiterinnen in den Fabriken und in der Hausindustrie 
beschäftigen. Die IV. Sektion wird sich mit der Frage des 
Arbeiterinnenschutzes beschäftigen, und die III. Sektion wird 
einen Vormittag der Frage der Berufsorganisationen widmen. 

Das Organisationskomitee des Kongresses hat diese ver- 
schiedenen die Arbeiterinnenfrage betreffenden Verhandlungen 
nicht in eine Sektion verlegt, weü wir der Ansicht sind, daß 
auch die meisten Verhandlungen der Rechtssektion, viele Ver- 
handlungen der Bildungssektion genau so sehr den Bedürf- 
nissen der Arbeiterinnen Rechnung tragen, als denen der 
Frauen bürgerlicher Volkskreise. Daher fanden wir es wünschens- 
wert, daß die Arbeiterinnen überall da, wo ihre Interessen zur 
Verhandlung stehen, auch an diesen teilnehmen und sich nicht 
auf eine bestimmte Sektion beschränken. 

Leider ist es nicht möglich gewesen, eine so rege Teil- 
nahme der Arbeiterinnen selbst zu ermöglichen, wie sie von 

FrauenkongreS. 12 



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— 178 — 

unserer Seite gewünscht wurde. Vom Ausland haben nur ver- 
einzelt Arbeiterinnen kommen können, da es vielfach an 
Mitteln fehlte, um eine Delegation bei der weiten Reise zu 
bezahlen; die deutschen Arbeiterinnen aber, bei denen solche 
Motive keine Rolle spielen konnten, sind zum Teil aus partei- 
politischen Ursachen fem geblieben. Wir werden daher über 
die Arbeiterinnenfrage verhandeln müssen, ohne daß in erster 
Linie Arbeiterinnen selbst das Wort ergreifen. Trotzdem 
hoffen wir, daß die Verhandlungen nicht zwecklos und nicht 
erfolglos sein werden. Wir wollen in erster Linie durch sie 
dazu beitragen, die öffentliche Meinung über die Lage der 
Arbeiterinnen aufzuklären und das Verantwortlichkeitsgefühl 
unter den bürgerlichen Frauen mehr und mehr zu wecken, 
Sie sollen femer dazu dienen, daß wir alle, die wir in ver- 
schiedenen Ländem für die Arbeiterinnen eintreten und Re- 
formen für sie anstreben, einander kennen lemen und zu einem 
regelmäßigen Meinungsaustausch angeregt werden, der unserer 
Arbeit zugute kommen muß. 

Wenn dieser Zweck, der unseren Verhandlungen gesteckt 
ist, erreicht wird, wenn unsere Arbeit vertieft wird, wenn ihr 
neue Impulse gegeben werden, wenn unsere Einsicht in die 
Probleme wächst und das Gefühl der Verpflichtung sich ver- 
schärft, dann wird unsere Arbeit auch denen willkommen sein, 
die nicht mit uns sein können oder woUen, die uns um äußerer 
oder innerer Gründe willen fern geblieben sind. Denn dann 
werden unsere Verhandlungen dem Ziele dienen, dem wir aUe 
zustreben: der Befreiung der arbeitenden Frauen aus wirt- 
schaftlicher Sklaverei, ihrer Erhebung zu einem menschen- 
würdigen Dasein, zur Anteilnahme am Kulturleben unserer Zeit!" 

Fräulein Salomon erteilte sodann zum ersten Punkt der 
Tagesordnung das Wort an Fräulein Henriette van der 
Mey^ Amsterdam zu ihrem Referat über 

Die Lage der Arbeiterinnen in Holland. 

„Holland ist ein kleines Land, und so sind die Verhältnisse, 
in welchen wir leben, ebenfalls klein. Ich bitte Sie sehr, dies 
wohl zu berücksichtigen bei meinem Bericht über die Lage der 
holländischen Arbeiterinnen. Bei uns ist die allgemeine Ar« 



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— 179 — 

beiterbewegung noch relativ jung und schwach infolge innerer 
Spaltung, aber besonders infolge der späten wirtschaftlichen 
und politischen Entwicklung Hollands im neunzehnten Jahr- 
hundert. Wo andere Länder schon längst nach Maßnahmen 
zur SchaflFong einer sozialpolitischen Gesetzgebung zur Hebung 
der arbeitenden Klassen griffen, hielt Holland starr aus beim 
alten Gesetz der individuellen Freiheit. Wir Holländer sind 
bekannt wegen unserer Gelassenheit. „Eile mit Weile" ist 
unser Wahlspruch. Langsam sind wir auch in Sozialreformen. 
Unser jetziges Arbeiterschutzgesetz datiert aus dem Jahre 
1889, nachdem die parlamentarische Enquete fiber die Lage 
der arbeitenden Klassen in den Jahren 1887 und 1888 zutage 
gefördert hatte, wie entsetzlich groß ihr Elend war. Dem 
Arbeiterschutzgesetz folgte im Jahre 1898 das Gesetz zur Er- 
richtung von Arbeitskammem, wovon man viel Gutes erwartete; 
doch schon jetzt läßt sich erkennen, daß die Hoffnung auf die 
Arbeitskammem als Vermittlungsstellen bei Streitigkeiten 
zwischen Unternehmern und Arbeitern sich in keiner Weise 
erfüllt haben. Ein neuer erfreulicher Fortschritt im Interesse 
der Arbeiter war das im Januar 1901 in Krafk getretene Un- 
fallversicherungsgesetz, obgleich auch dieses sehr abgeschwächt 
ist im Vergleich zu dem ursprünglichen Entwurf. Noch immer 
warten unsere Arbeiter vergeblich auf eine Kranken- und 
Altersversicherung. Kann es da Wunder nehmen, daß, wo 
Kegierung und Bürgerschaft die arbeitenden Klassen solange 
sich selbst überlassen haben, ihre wirtschaftliche Lage auch 
gegenwärtig noch eine recht traurige ist, ihre gewerkschaft- 
liche und genossenschaftliche Organisation eine verhältnis- 
mäßig rückständige? Wo aber die ökonomische Abhängigkeit 
der männlichen Arbeiter eine so große ist, versteht es sich 
von selbst, daß die gewerblich beschäftigten Frauen als die 
Widerstandsunfähigeren einer noch schlimmeren Ausbeutung 
ihrer Arbeitskräfte ausgesetzt sind. Ich darf die Ursachen 
dieser allgemeinen Tatsache bei Ihnen als bekannt voraus- 
setzen und brauche sie hier nicht weiter zu erwähnen. 

In fast allen Betrieben sind jetzt Frauen beschäftigt. Be- 
sonders wo keine Fachkenntnisse gefordert werden, benutzt man 
gerne die billige und fügsame weibliche Arbeitskraft. Da das 

12* 



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— 180 — 

tSchützgesetz für die im Handelsgewerbe beschäftigten Personen 
nicht gilt nnd ein Ladenschlnßgesetz fehlte ist überlange 
-Arbeitszeit in Läden nnd anderen Geschäftslokalen mehr Regel 
Als Ausnahme. Es kommen in Konditoreien Arbeitszeiten von 
16 Stimden vor, ja in einer gab es regdmäßig 17 Stunden 
Arbeit und nur jede zweite Woche haben die Gehilfinnen einen 
freien Tag. Die Gewerbeinspektion vermag nichts gegen solche 
unmenschlichen Betriebseigentümer. Auch die meistens jungen 
Gehilfinnen in Läden, Putzwarengeschäften u. dgl. sind manch- 
mal 15 Stunden täglich beschäftigt, den Sonnabend 16 Stunden ; 
viele haben auch noch den Sonntag bis 12, sogar bis 5 Uhr 
nachmittags im Geschäft zu arbeiten, häufig ohne sich hin- 
setzen zu dürfen, denn in den meisten Geschäften fehlen Sitz- 
gelegenheiten. Nur ein einheitliches Gesetz zum Schutz der 
in offenen Verkaufsstellen Angestellten kann hier hinreichende 
Abhilfe schaffen. 

In den letzteren Jahren angestellte Erhebungen haben 
ergeben, w^elche bedauernswerten Zustände bestehen unter den 
Arbeitern in den Ziegeleien, wo sie durch das System der Vor- 
schüsse, Wohnungsvermietung und Zwangsarbeit den Fabri- 
kanten gegenüber in einen Zustand der Abhängigkeit geraten, 
der dem der mittelalterlichen Leibeigenen gleichkommt. Be- 
sonders in den Ziegeleien in der Provinz Utrecht und Süd- 
holland wird die Arbeitskraft der verheirateten Frau auf die 
schändlichste Weise mißbraucht. Ich weiß nicht, ob Sie hier 
in Deutschland die Zwangsarbeit, wie sie in den holländischen 
Ziegeleien vorkommt, kennen? In manchen Gegenden fordern 
die Fabriksherren , wenn sie einen Arbeiter engagieren, daß 
seine Frau und seine Töchter in den Ziegeleien mitarbeiten 
sollen. Man liest in Provinzialblättem zuweilen Annoncen, in 
welchen Arbeiter mit großen Familien aufgefordert werden, 
sich zu melden. Da müssen Frau und Kinder tüchtig mit- 
schaffen. Weigert sich der Vater, Frau und Töchter in die 
Fabrik zu schicken, so heißt dies für ihn selbst: keine Arbeit. 
Und da er häufig die Wohnung von dem Arbeitgeber in Miete 
hat, wird er zugleidt auch daraus vertrieben. Einmal war ein 
14 jähriges Mädchen krank und blieb zu Hause; da mußte die 
Mutter an ihrer Stelle mit und das kranke Kind allein lassen. 



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- 181 — 

Fabrikanten zwingen arme Eltern, ihre Töchter, die in der 
Stadt dienen und gutes Geld verdienen, zurtickznmfen, um sie 
in den Ziegeleien arbeiten zu lassen. Widerstand gegen den 
Willen des Herrn bedeutet Hunger und Elend für die ganze 
Familie. Es gibt Fabrikanten, die nur verheiratete Arbeiter 
in Dienst nehmen, damit deren Frauen mitarbeiten können, 
und wenn man den Unternehmern glauben will, so benutzen sie 
die gezwungene schlecht bezahlte Frauenarbeit nur aus reinster 
Menschenliebe, damit die Arbeiterfamilie besser leben könne I 

Schwer genug ist häufig die Arbeit in den Ziegeleien, 
Vierzehnjährige Mädchen schieben mit Steinen schwer beladene 
Karren, mit welcher Arbeit sie morgens früh zwischen 3 und 
4 Uhr anfangen. Frauen werden benutzt beim Transportieren 
der Steine, beim sogenannten „Aufgeben" der Steine, beim 
Entleeren der Öfen, welche zuweilen so heiß sind, daß die 
Arbeiterinnen ohnmächtig werden. Schwangere Frauen trans- 
portieren Steine in schwer beladenen Schubkarren oder arbeiten 
auf den Torfschiffen bis zur letzten Stunde vor ihrer Ent- 
bindung. Eine wurde ins Haus getragen, als die herbeigerufene 
Geburtshelferin ankam; die Wöchnerin trug ihr Kind, das auf 
der Schiffsplanke geboren wurde, tot in ihren Röcken mit sich., 
Schwere körperliche Schäden werden dadurch hervorgerufen 
— und welche moralischen Nachteile damit verknüpft sind^ 
wenn hochschwangere Frauen, leicht bekleidet wie dies im 
Sommer der Fall ist, die in Reihen aufgestellten Steine, acht 
zu gleicher Zeit, einem Höherstehenden hinaufreichen, läßt sich 
denken. Widerlich — so nannte es einer der Gewerbe- 
inspektoren — wenn man dies Schauspiel mit menschlichem 
Gefühl betrachtet. 

Wie steht es nun mit dem Verdienst dieser Arbeiterinnen? 
Bei nur einigen Stunden Arbeit täglich verdienen sie 3Mk. 70 Pf, 
bis 4 Mk. 50 Pf. wöchentlich, nach der Angabe eines Fabri- 
kanten 5 Mk. bis 8 Mk. 70 Pf. Bei regelmäßiger Tagesarbeit 
verdienen sie höchstens 1 Mk. 70 Pf. pro Tag, ihr durch- 
schnittlicher Tageslohn ist l Mk., während der 
Mann bald das Doppelte verdient. Man berücksichtige 
dabei, daß fast nur im Sommer gearbeitet wird. Arbeiterinnen 
von 75, 80 Jahren findet man bei der Arbeit in Ziegeleien, 



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- 182 — I 



Man traf eine arme Greisin, 80 Jahre alt, von ihrem 10. Jahre 
an arbeitete sie dort; jetzt war sie krank und elend nnd sehnte 
sich nach Buhe, und immer setzte sie Steine und wieder Steine 
auf- und nebeneinander, und kaum wagte sie es, laut zu sagen, 
daß ihr die Arbeit schwer fieL 

Aus Enqueten über die Arbeit verheirateter Landarbeite- 
rinnen trat mit entsetzlicher Klarheit zutage, daß auch in 
diesen Kreisen das Los der Frauen und ihrer Kinder geradezu 
himmelschreiend ist. Da das Schutzgesetz nicht für sie gilt, 
ist ihre Arbeitszeit eine übermäßig lange. Ihr Verdienst ist 
gering, der durchschnittliche Tageslohn ist 1 Mk., Löhne von 
70 Pf. pro Tag kommen vor, 1 Mk. 70 Pf. bis 2 Mk. sind 
Seltene Ausnahmen. Was wird unter diesen Verhältnissen aus 
dem Familienleben? Auf dem Lande findet man keine Krippen, 
nicht immer hat die Frau Verwandte, welche die Kinder ver- 
sorgen können. Es bleibt ihr da nichts übrig, als die kleinen 
Kinder in einem Schubkarren mitzuschleppen nach dem Feld, 
wo sie der Sonne oder dem Regen ausgesetzt sind. Die älteren 
Kinder treiben sich frei umher, schmutzig und in zeiTissenen 
Kleidern, auch der Mann trägt an seiner Kleidung die Spuren 
der Vernachlässigung. Wie in den Ziegeleien arbeiten schwangere 
Frauen, bis sie nicht mehr über das Feld gehen, sondern 
kriechen, wie sich ein Augenzeuge ausdrückt. Ebenso findet 
man noch 60- bis 70jährige Arbeiterinnen auf dem Acker be- 
schäftigt. Die Ärmsten nehmen die Landarbeit auf, nur „der 
Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe". Wie sollen die 
Leute leben, bei einem Lohn des Mannes von höchstens 480 
bis 500 Mk. jährlich? Sogar bei den bescheidensten An- 
sprüchen reicht das durchschnittliche Einkommen des Land- 
arbeiters nicht zur Erhaltung einer Familie mit wenig Kindern. 
Die Frau ist gezwungen, mitzuverdienen. 

Kaum weniger bejammernswert, als die Lage der Arbeite- 
rinnen auf dem Lande, ist der Zustand der gewerblichen Ar- 
beiterinnen in den Städten. Sehr schwer ist es, genauer unter- 
richtet zu werden über die Lohnverhältnisse, da statistische 
Erhebungen nur in einzelnen Berufen erschienen sind und die 
Arbeiter sich Fremden gegenüber in ihren Äußerungen sehr 
zurückhalten. Aus den Kreisen der Arbeiterinnen wurde kürz- 



I 



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- 183 — 

lieh einiges bekannt über die Arbeitsbedingungen der Ziga- 
rettenarbeiterinnen in Amsterdam. Pa im Akkord gearbeitet 
wird, ist es eine fortwährende Hetze; der durchschnittliche 
Wochenlohn ist nicht höher als 5 Mk. Da in demselben Raum 
Tabak ausgepackt und geschnitten wird, steht es schlecht mit 
den sanitären Verhältnissen. Überhaupt ist es ein ungesundes 
Gewerbe, denn viele Zigarrettenarbeiterinnen leiden an Husten, 
Kopfweh, Schwindelanfällen usw. Um die schlechten Löhne 
etwas au&ubessem, kleben die Mädchen, nachdem sie den 
ganzen Tag über in der Fabrik gearbeitet haben, des abends 
zu Hause Hülsen, 20 Pf. pro 1000 Stück, denn wie jede Heim- 
arbeit wird auch diese sehr billig bezahlt. Welche hygieni- 
schen Gefahren mit der Zigaretten-Heimarbeit verbunden sind, 
hat auf dem hiesigen Heimarbeiter -Schutzkongreß ein Ziga- 
rettenarbeiter aus Dresden erzählt. Zigarettenraucherinnen 
unter den anwesenden Damen empfehle ich das Protokoll des 
Kongresses (S. 52 und 93) zu lesen« 

Niedrige Löhne für Frauenarbeit — immer das gleiche, 
welche Industrie ich Ihnen nenne. In der Buchbinderei zu 
Amsterdam zwingt die Akkordarbeit die jungen Arbeiterinnen 
zur höchsten Anstrengung ihrer Kräfte; aber wenn sie gar zu 
fleißig sind, wird ihr Verdienst bald herabgesetzt. 12 Mk. 
Wochenlohn ist Ausnahme, Liniererinnen verdienen im 
Durchschnitt 3 Mk. 70 Pf. bis 4 Mk. pro Woche. Wer in 
Tageslohn arbeitet, verdient noch weniger; 17, 13, 12, ja sogar 
8 Pf. pro Stunde wird in schlechten Zeiten bezahlt, pro Woche 
bei 56 % stündiger Arbeitszeit. 

In der holländischen weltberühmten Chokoladeindustrie 
beunruhigen sich die Männer über die zunehmende Aus- 
beutung von Frauen und Kindern. Kaum haben letztere die 
Schule verlassen, so gehen sie in die Fabrik, wo die Aussichten 
für die Knaben immerhin besser sind als für die Mädchen, die 
sich mit wahren Hungerlöhnen abfinden müssen. Jüngere 
Mädchen verdienen 2 Mk. 10 Pf. und erst nach mehreren Jahren 
steigt dieser Lohn bis 3 Mk. Bei schwerer Arbeit an den 
Kakaomühlen z. B., verdienen die Arbeiterinnen 6 Mk. 70 Pf. 
bis 8 Mk., während Männer für die gleiche Arbeit 17 Mk. bis 
18 Mk. erhalten. Beim Verpacken ist der Lohn der Mädchen 



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— 184 — 

3, 5 bis 7 Mk. bei grofier Anstrengtmg, durchschnittlich ver«- 
dlenen sie nicht mehr als 4 Mk. 20 Pf. Bei der Dekorier- 
abteilung erhalten dieMänner 26 Mk., die Arbeite- 
rinnen nur 5 Mk.; in einer Fabrik — nicht in Amsterdam 
— leisten die Mädchen Männerarbeit und verdienen 7 bis 8 Mk^ 
die Männer 17 bis 18 Mk. In den Ihnen wohlbekannten 
van Houten's Fabriken herrschen bessere Zustände. Auch in 
dieser Industrie kommt Heimarbeit vor, da die 
Mädchen Arbeit mit nach Hause bringen, wo sie dann müde 
vom Schaffen in der Fabrik aufis neue anfangen, um noch eine 
halbe Mark mehr Lohn zu bekommen. 

Ich komme jetzt zu der Eleidungsindustrie. Ein glück- 
licheres Los als die ausländische Eonfektionärin hat auch die 
holländische nicht. Im Grunde bestehen dieselben Zustände 
und dieselben Betriebsverhältnisse wie in der deutschen 
Eleidungsindustrie. Die Schneiderin in der Damenkostüm^ 
brauche, die Mädchen- und. Enabenkonfektionärin, die Wäsche- 
näherin — und wie sie alle heißen, die Arbeiterinnen in 
diesem vielgestaltigen Betrieb — tausende leben in den 
kümmerlichsten Verhältnissen, bei regelmäßiger Arbeit das 
ganze Jahr durch, mit wenigen Mußestunden und geringem 
Verdienst; bei wechselnder Saisonarbeit Wochen fieberhafter 
Hast mit gesteigertem Lohn, abgelöst von Zeiten, wo Arbeit 
und Lohn kaum zum nötigsten Lebensunterhalt ausreichen. 

In den großen Modegeschäften ist die Decentralisierung 
des Betriebes bis ins Äußerste durchgeführt, was die Pro- 
duktivität nur steigert. Im allgemeinen werden hier ungelernte 
Arbeitskräfte verwendet; Wochenlöhne von 5 bis 7 Mk. sind 
Reg^l, d. h. 8 Pf . pro Stunde.' Übertretungen der Arbeiter- 
schutzbestimmungen finden in diesen Geschäften fortwährend 
statt. In der Hochsaison gehört es nicht zu den Seltenheiten, 
daß 13- bis 14 jährige Mädchen bis 11 und 12 Uhr nachts 
arbeiten, auch geschieht dies an Sonntagen, und in Listen und 
Praktiken zur Täuschung der Auf sichtsbeamten suchen manche 
Unternehmer ihren Meister; alle Mittel werden benutzt, so- 
bald der Beamte erscheint: das Licht wird ausgelöscht, die 
Mädchen werden in ein Nebenzimmer versteckt, und. wenn sie 
bei der Arbeit überrascht werden, so heißt es, daß sie zu 



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- 185 — 

ihrem eigenen Vergnügen noch da sitzen. Wie sollen die 
selbständigen Arbeiterinnen in einer Stadt wie Amsterdam, 
wo sie nicht unter 6 bis 7 Mk. wöchentlich ein bescheidenes 
Unterkommen finden, sich von ihrem dürftigen Einkommen 
eine Existenz sichern? Wo ehrliche Arbeit dazu nicht ans^ 
reicht, erscheint nur zu oft die Prostitution als Eetter in 
der Not. 

Was ich mitteilte, gilt för Amsterdam, in der Provinz ist 
die Lage der Konfektionärin nicht besser. Arbeiterinnen über 
20 Jahre alt verdienen 5 bis 7 Mk. Wochenlohn in Werk- 
stätten, wo in der Hochsaison bis 2, 3, ja 4 Uhr nachts ge- 
arbeit wird. Schlimmer noch sieht es in der Heimarbeit aus. 
Gefürchtete Konkurrentinnen sind besonders beim Verfertigen 
feinerer Handarbeiten, Stickereien usw., die Damen, d. h. die 
Frauen und Töchter der kleinen Beamten, welche die Not 
ebenfalls zur Lohnarbeit zwingt, die aber aus Standesbewußt- 
sein Fabrik und Werkstätte scheuen und gegen noch ärm- 
licheren Verdienst ihre Arbeitskraft verkaufen. Eine solche 
begnügte sich mit 17 Mk. Lohn für eine dreimonatliche 
Arbeit an einer Altardecke; den letzten Monat stickte sie 
bis 1 und 2 Uhr in der Nacht 

In der Hausindustrie ist die Arbeitszeit selbstverständlich 
eine übermäßig lange; Mann, Frau und Kinder schaffen un- 
ermüdlich zusammen. In Amsterdam arbeiten die Schneider 
während der Saison 16 Stunden bei einem Jahresverdienst von 
höchstens 1060 Mk. Arbeitszeiten von 18 und 20 Stunden 
pro Tag, d. h. also bis zu 120 Stunden in der Woche 
sind nichts Ungewöhnliches. Ein Arbeiter in der Herren- 
konfektion bringt es mit seiner Frau zusammen bei höchster 
Anstrengung nur zu 32 Mk. Wochenverdienst. Sie haben 
zehn Kinder und wohnen in einer Mansarde im dritten Stock. 

Das Zwischenmeistersystem führt zu den bedauerns- 
wertesten Zuständen. In einer dunkeln Gasse der Judenstadt 
befand sich — vielleicht besteht sie noch — eine Dachwohnung, 
unten war ein Speicher; eine schmutzige Stube war in zwei 
Räume geteilt. In dem großen Raum arbeiten 3 Männer 
von 30 bis 33 Jahren mit 3 Mädchen von 16 bis 18 Jahren, 
in dem kleineren Raum wohnt die Familie, Mann, Frau und 



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— 186 — 

4 Kinder, es wird dort gekocht, gegessen und geschlafen. Die 
Leute machen Röcke, Hosen und Westen, und erhalten für 
ein ganzes Herrenkostüm 2 Mk., für Hosen 50 Pf. Die Männer 
arbeiten 16 bis 18 Stunden pro Tag. Auf der Ausstellung 
von Frauenarbeit im Haag 1898 lagen in einem der kleineren 
Eäume auf einem Tisch mehrere Kleidungsstücke, die für 
Hungerlöhne genäht waren. Das Publikum nannte bald diesen 
Tisch den Martertisch, und vieles von dem dort Ausgestellten 
kam wirklich unter Folterqualen zustande. Das ganze furcht- 
bare Elend der Heimarbeiterin, der stumme beständige Kampf 
mit der Not, der nagende Kummer sprach aus den dort aus- 
gestellten Hosen, Hemden, Kleidchen, Schürzen und anderen 
Artikeln, darunter solchen, für die die Arbeiterin 40 bis 50 Pf. 
Tageslohn erhält. Kennen Sie Steinlens Bild ,.Die Freuden 
des Sommers"? Am frühen Sommermorgen sitzt die magere 
abgehärmte Näherin an ihrer Maschine, zu ihren Füßen das 
Kind in der Wiege. Sie löscht die Lampe aus und begrüßt 
freudig die ersten Sonnenstrahlen, die ihr erlauben 3 Stunden 
Öl täglich zu sparen. Das ist ihre Hochsaison! 

Und glauben Sie ja nicht, daß die Heimarbeit bei uns 
eine seltene Erscheinung ist! In manchen Gegenden führt die 
Heimarbeit in der Tabakindustrie, die in den letzten Jahren 
immer mehr zugenommen hat, zu den jämmerlichsten 
Zuständen. Das Auslösen der Rippen geschieht hauptsächlich 
von Frauen und Kindern, Männer helfen nur mit, wenn sie 
keine andere Arbeit haben. Der Arbeitsraum ist meistens 
auch Wohnstube und Küche. Die Mutter sitzt und arbeitet, 
und die Kinder arbeiten mit, sobald sie aus der Schule kommen, 
und morgens früh. An Spiel für die Kleinen wird nicht ge- 
dacht, 3- bis 4jährige Kinder sind mit beschäftigt; da ist 
die Zeit kurz gemessen, wie eine unserer Gewerbeassisten- 
tinnen sagte, zwischen dem ersten Butterbrot, das sie essen 
und dem ersten Butterbrot, das sie sich verdienen! Durch- 
schnittlich ist der Wochenlohn der Frauen 4 Mk. bis 5 Mk. 
bei angestrengter Beschäftigung und langer Arbeitszeit. Der 
Gesundheitszustand unter den Kindern von Zigarrenarbeitern 
ist ein trauriger. 13-, 14 jährige Knaben sind zu schwach für 



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- 187 — 

irgend eine x^rbeit, welche körperliche Anstrengung fordert; 
im allgemeinen sehen die Zigarrenarbeiter älter ans als sie sind. 

Heimarbeit findet man auch in der Tuchknopfindustrie. 
Meistens sind es verheiratete Frauen, deren Männer in der 
Fabrik arbeiten. Der durchschnittliche Wochenrerdienst 
wechselt zwischen 55 Pf. und 4 Mk. 20 Pf. Das Mattenflechten 
für Stühle, welche in der Fabrik gemacht werden, geschieht 
in Heimarbeit, hauptsächlich von Frauen. Bevor sie 10 
Jahre alt sind, schaffen Kinder nicht mit. Häufig wird in der 
Wohnstube gearbeitet. Wenn das Material schlecht ist, können 
es die Frauen nicht bis 5 7« Mk. Wochenlohn bringen. Die 
Fabrikanten sind häufig Kolonialwarenhändler, bei dem die 
Arbeiter noch einkaufen müssen. Heimarbeiterinnen in der 
Trikotageindustrie, bei der Fabrikation von Regenschirmen ver- 
dienen im Durchschnitt 5 bis 8 Mk. wöchentlich. Die Wohnungs- 
zustande und die sanitären Verhältnisse sind oft schlecht bei 
diesen Hausindustriellen. Soll ich Ihnen weiter erzählen, wie 
die Lage der Kaflfeesichterinnen, der Lumpensortiererinnen, 
der Arbeiterinnen in den Stearinfabriken, in der Kartonnage- 
industrie ist, — von den Bleivergiftungen der Arbeiterinnen 
in den Porzellan- und Steingutfabriken? Ich brauche darauf 
nicht weiter einzugehen, immer wieder heißt es: niedrigste 
Löhne und lange Arbeitszeiten; denn auch für die gesetzlich 
geschützten Arbeiterinnen ist die tägliche Arbeitszeit, 11 Stun- 
den, zu lange, besonders für die jüngeren Mädchen, die wider- 
standsunfähigeren Arbeitskräfte, welche die Großindustrie sich 
überall zu rekrutieren versucht und vermag. 

Wie überall, so sind in Holland die Wohnungszustände 
für die Arbeiterschaft im allgemeinen recht elende. In den 
großen Städten ist die Miete teuer und die Wohnungen sind 
manchmal erbärmlich schlecht. In Amsterdam kostet eine an- 
ständige Arbeiterwohnung von einem Zimmer 2 Mk. pro Woche, 
eine mit zwei Zimmern von 3 V« his 5 V« Mk., Wohnungen 
unter 2 Mk. dürfen nicht zu den anständigen gerechnet werden. 
Für eine feuchte Kellerwohnung wird SV« Mk. bezahlt. Es 
erschienen in letzterer Zeit Flugschriften mit Beschreibungen 
wie Arm- Amsterdam, Arm-Rotterdam, Arm-Middelburg wohnt. 
Viele dieser Wohnungen sind schlimmer als ViehstäUe. Manche 



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- 188 — 

kinderreiche Familie hockt in einer einzigen engen Stube 
zusammen, wo niemals die Sonne hineinscheint. Von den bau^ 
fälligsten Häusern weiß der Besitzer noch großen Gewinn zu 
ziehen. Mehrere Vereine sind jetzt gegründet, um diesen 
Übelständen entgegenzutreten und der Arbeiterklasse gesunde 
Wohnungen zu sichern. Man hoift, daß auch das neue Woh* 
nungsgesetz Verbesserung bringt. Wo der Verdienst gering^ 
und die Wohnungsmiete teuer ist, muß bei den geltenden 
Lebensmittelpreisen immer an der Ernährung gespart werden. 
„Kartoffeln in Ewigkeit", heißt es auch für den holländischen 
Arbeiter. Und leider ist nur zu oft Trunksucht die unzer- 
trennliche Gesellin der Armut, während die Tuberkulose, die ent- 
setzliche Proletarierkrankheit, Tausende hinsiechen und sterben 
läßt. So wächst eine schwache Generation nach der an- 
deren auf. 

Ich habe versucht, in objektiver Darstellung Ihnen einiger- 
maßen die Lage der holländischen Arbeiterinnen deutlich zu 
machen. Von dieser Stelle ist es mir nicht erlaubt, einzu- 
gehen auf die Ursachen ihres Leidens, keine Antwort zu 
suchen auf die Frage: wer die Schuld trägt an dem entsetz- 
lichen sozialen Elend, das aus der Ausbeutung der mensch- 
lichen Arbeitskraft hervorwächst, keine Kritik zu üben an 
der heutigen Produktionsweise. Ich durfte nur Tatsachen 
geben, und diese, nicht wahr, bestätigen die Notwendigkeit, 
von vielen energischen sozialen Reformen. Was die hollän- 
dischen Arbeiterinnen, wie ihre ausländischen Schwestern, an 
erster Stelle zur Hebung ihrer Lage bedürfen, ist ein aus- 
giebiger gesetzlicher Schutz und eine feste gewerkschaftliche 
Organisation. Ich halte es für eine soziale Pflicht und für 
eine herrliche Aufgabe, sie in ihrem Kampf für Befreiung aus 
ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit nach besten Kräften zu 
unterstützen, damit endlich auch für die proletarischen Frauen 
ein Hoflhungsstrahl auf ein höheres Lebensglfick leuchtet." 

An diese Ausfuhrungen schloß sich das Eeferat von FrL 
Dr. Marie Baum ^Karlsruhe, badische Fabrikinspektorin, über 

Die Fabrikarbeiterin in Deutschland. 

„Die Frauenarbeit in Fabriken und diesen gleichgestellten 



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- 189 — 

Aiüagen erstreckt sich im Deutschen Reiche vorwiegend auf drei 
Gebiete : 

1. Industrie der Nahrungs- und Genußmittel, im speziellen 
Herstellung von Zigarren; 

2. Textilindustrie; 

3. Bekleidungs- und ßeinigungsgewerbe, mit Einschluß der 
Werkstättenkonfektion. 

Im Großher:^(^um Baden, das ich aus eigener Anschauung 
kenne und dessen Verhältnisse ich daher vielfach zugrunde legen 
werde, kommt noch die Pforzheimer Bijouterieindustrie hinzu. 

Diese 4 Gewerbe beanspruchen in Baden — im gesamten 
Deutschland ist die Sachlage im wesentlichen gleich — etwa 
85 % der Fabrik- und Werkstättenarbeiterinnen, deren Gesamt- 
zahl etwa 30 7o der überhaupt beschäftigten Arbeiter beträgt. 
Der Rest von etwa 15% zerstreut sich in kleineren oder größeren 
Trupps auf zahlreiche sonstige Industrien. In Töpfereien und 
Ziegeleien, in der Uhrenindustrie, beim Ausstanzen und der 
weiteren Verarbeitung von MetaUartikeln aller Art, in Gummi-, 
Papier- und Kartonnagefabriken, bei der Herstellung von Zünd- 
hölzchen, Seifen, Parfümerien, Chemikalien, in Bürsten- und 
Pinselmachereien, in Druckereien usw. usw., überall sind Frauen- 
hände tätig und können täglich weniger entbehrt werden. 
Ausgeschlossen ist die Frau von einer Reihe wichtiger 
Arbeitszweige, die besondere Körperkraft erfordern. Hierher 
zählen in erster Linie die Betriebe zur Gewinnung der Kohle 
und Erze und zur ersten Aufarbeitung der Metalle, sowie zahl- 
reiche Maschinenfabriken, Bauten und Werften aller Art. 

Friedrich Naumann erachtet diesen naturgemäßen Aus- 
schluß der Frau von gewissen Gebieten als sehr bedenklich 
und folgenschwer für die Zukunft der gewerblichen Arbeiterin^ 
da, wie er sagt, „die Zukunft nicht schließlich ihren Charakter 
in der Art von Textilarbeitern bekommt, sondern daß sie in 
der Masse des Volkes ihren Charakter doch schließlich einmal 
von den Metallarbeitern her bekommen wird." Ich kann diese 
Bedenken nicht teilen, denn sie laufen doch im Grunde auf 
eine unserer Kultur nicht mehr entsprechende Überschätzung 
der rohen Körperkraft hinaus. An sich ist der Textilarbeiter 
nicht geringer, als der Bergmann, der Gießer, der Hochofen- 



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— 190 — 

oder Metallarbeiter. Ein Kulturvolk bedarf der Gewebe und 
Kleider nicht weniger, als es der Schiflfe und Maschinen be- 
darf. Und ich könnte mir ganz gut vorstellen, daß sich die 
Trennung nach Industrien einmal vollständig zwischen Mann 
und Frau durchführte, ohne daß eine soziale Minderschätzung 
der einzelnen Arbeitszweige damit verbunden zu sein brauchte, 
wenn nur das Gewerbe selbst sich auf einer hohen Stufe erhält. 

Kehren wir zu den tatsächlichen Verhältnissen zurück. 
Wir fanden also Arbeiterinnen in zahlreichen Industrien als 
ein der Zahl nach stattliches Heer auf dem Kampfplatz der 
Arbeit. Die Frage, die ich heute aufwerfen möchte, ist die: 
wie sich die weibliche gewerbliche Leistung in den Produk- 
tionsprozeß eingefügt, und welche Stellung sich die Frau durch 
eben diese Leistung in der Industrie erworben hat. Mit anderen 
Worten: Bilden die Frauen eine gewerbliche Kern- 
truppe, eine der Qualität nach hochwertige Macht, 
einen unentbehrlichen Bestandteil dieses gewal- 
tigen Massenkörpers, der unser wirtschaftliches 
Leben baut und trägt? 

Nach meiner Anschauung liegen die Verhältnisse so: Die 
völlig ungelernte Frauenarbeit — das heißt also im wesentlichen 
die Leistung jener oben erwähnten 15% der gesamten Arbeite- 
rinnenzahl, — wird von den Betriebsleitungen häufig als minder- 
wertig, als ein notwendiges Übel empfunden, das man lediglich 
im Interesse der Billigkeit der Produktion auf sich nimmt 
Vom Standpunkt der Arbeiterin aus betrachtet, haftet diesen 
Leistungen etwas Zufälliges, Nebensächliches, Gleichgültiges an. 
Die Arbeiterin ist heute hier, morgen da beschäftigt, und es 
fehlt jede leiseste Beziehung zwischen Mensch und Arbeit in 
einem Grade, wie das bei dem Manne, auch bei einförmigster 
Teilarbeit, kaum je der Fall ist. 

Auf den höheren Stufen, die zwar nicht hochqualifizierte 
Arbeit, aber doch Übung, Geschicklichkeit, Festigkeit bean- 
spiiichen, — es kommen hier im wesentlichen die Zigarren- 
und Textilindustrie, welche zusammen weitaus die Mehrzahl 
der Arbeiterinnen beschäftigen, in Betracht — stellen die 
Frauen der Zahl und Leistung nach einen wichtigen Bestand- 
teil der Produktionskraft dar. Ihre Arbeit ist vollwertig, wie 



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— 191 — 

sich schon in den für Männer und Frauen gleichen Akkord- 
zahlen ausdrückt. Ja, für gewisse feinere Arbeiten sind sie 
sogar besonders geeignet, — ich erinnere nur an die verhältnis- 
mäßig hoch bezahlten Teilarbeiten des Zetteins in der Weberei, 
des Sortierens in der Zigarrenindustrie, die fast ausschließlich 
in Frauenhänden liegen. 

In der Konfektion und in der Schmuckwarenindustrie — 
von einigen anderen weniger bedeutenden Gewerbszweigen soll 
hier Abstand genommen werden — finden wir ebenfalls, zum 
Teil sogar, besonders in der Konfektion, hochqualifizierte Frauen- 
arbeit, die aus der Produktion durchaus nicht weggedacht 
werden kann. Nur in diesen beiden letztgenannten Industrien 
gilt es als Regel, daß Frauen auch in höhere Stellungen als 
Leiterinnen der Arbeit aufrücken. In sämtlichen übrigen, also 
der überwiegenden Mehrzahl aller Arbeitsgebiete, stellen sie 
ein Heer ohne Offiziere dar und sind in bezug auf die Leitung 
den Männern unterstellt. 

Die Antwort auf die oben aufgeworfene Frage lautet dem- 
nach: Die ungelernte Frauenarbeit entbehrt viel- 
fach der Stetigkeit und Sicherheit, ohne die eine 
volle Einschätzung nichtbeansprucht werden kann. 
A uf ihre nHauptgebi et en ist dieweibliche Arbeits- 
leistung aber tüchtig, vollwertig, unentbehr- 
lich; in einigen Zweigen ist sie hochqualifiziert 
und unersetzlich. Dieses nicht ungünstige Ge- 
samtbild wird dadurch auf ein niedrigeres Niveau 
heruntergedrückt, daß die Frauen leitende Stellen 
im allgemeinen nicht besitzen und auch nicht er- 
streben. 

Dieser letzte Punkt erscheint mir sehr wesentlich. Die 
Arbeiterin ist dem heutigen Zustande nach auf die Unterstufe 
gebannt, während dem männlichen Arbeiter mancherlei Wege 
zum Aufrücken innerhalb der Industrie geebnet sind. Wenn 
irgend möglich, gewähren die besser gestellten Arbeiter ihren 
Söhnen eine Lehrzeit, welche die Schicht des gelernten aus 
der Masse der ungelernten Arbeiter heraushebt. Fach- und 
Gewerbeschulen sorgen für die Ausbildung zu Werkmeistern, 
Technikern usw. Aus allen diesen Klassen können sich unter 



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— 192 — 

günstigen Bedingungen selbständige kleine Unternehmer ab- 
lösen. Die Oberleitung endlich wird von Fachleuten höherer 
Bildungsstufen gestellt. Mit einem Wort : die männlichen Ar- 
beitskräfte bilden ein wohlgegliedertes Heer, dessen einzelne 
Schichten, von unten nach oben ansteigend, durch mannigfache 
Übergänge miteinander verknüpft sind. Eine solche Gliederung, 
ein solcher Aufstieg fehlt gemeinhin für die Arbeiterin, und 
damit ein Antrieb, der nicht hoch genug angeschlagen werden 
kann. Hieraus erklärt sich wohl mancher Rückstand und vor 
allem die Gleichgültigkeit, der Mangel an Freude und Frische, 
mit der die xAjbeiterin bei aller Pflichttreue ihrer Arbeit nach- 
zukommen pflegt. Diese Freudlosigkeit ist nicht ursprünglich 
gegeben. Erfahrene Teztilfabrikanten haben mir erzählt, daß 
Mädchen beim Lernen weit ehrgeiziger seien als die jungen 
Burschen, dafi ein neues schwieriges Muster ihren Eifer an- 
stachelte, während jene die Mühe scheuten. Aus eigener An- 
schauung kenne ich den wahrhaft rührenden Eifer, mit dem 
junge Landmädchen eine unter die bisher ausschließlich land- 
wirtschaftliche Bevölkerung verpflanzte Industrie ausreifen. 
Diese Beweglichkeit des weiblichen Intellektes, die übrigens 
auch ganz allgemein beim Schulunterricht der Mädchen be- 
obachtet wird, sollte gepflegt, bearbeitet, angefeuert werden! 
Was geschieht dagegen? Sie wird systematisch lahm- 
gelegt! 

Wir alle kennen die Ursache. Sie ist in der schwierigen 
DoppelsteUung begründet, die die Frau auf der einen Seite 
der Ehe, auf der anderen der Berufsarbeit gegenüber einnimmt. 
Familie und Schule, Kirche und Gesetzgebung vertreten die 
Anschauung und prägen sie den Mädchen aller Bevölkerungs- 
schichten ein, daß das Ansanuneln von Kenntnissen und Fertig- 
keiten nicht so besonders wichtig für sie sei, da sie in Aussicht 
auf die Ehe einen Beruf entweder überhaupt nicht oder — 
unter dem Zwange der Not — doch immer nur als Übergangs- 
stadium zu suchen brauchten. Wir hätten ja die ganze Frauen- 
bewegung nicht nötig, wenn nicht diese Auffassung die herr- 
schende wäre. Ihre Grundgefahr liegt darin, daß der heran- 
wachsende weibliche Mensch verhindert wird, seiner Berufs- 
arbeit mit Ernst und Verantwortlichkeitsgefühl gegenüberzu- 



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— 193 — 

treten, der Arbeit, mit der die Lohnarbeiterin sicherlich für 
eine erhebliche Reihe von Lehren, oft genug für das ganze 
Leben, verwachsen soll. Und doch ist bei einiger Überlegung 
leicht einzusehen, daß ein Schaden nicht daraus entsteht, wenn 
auch eine Anzahl von Frauen gewisse vor der Ehe erworbene 
Fertigkeiten nach der Heirat unbenutzt lassen muß, da doch 
jede mit Ernst und Gründlichkeit durchgeführte Beschäftigung 
einen gesunden Niederschlag im Menschen zurückläßt, welcher 
ihm selbst und der Eindererziehung nur zustatten kommen 
kann. Dagegen bedeutet es einen schweren Schaden für die 
einzelne Frau, mangelhaft ausgerüstet in den Erwerbskampf 
zu ziehen, und einen erheblichen Verlust für die Gesamtheit, 
wenn die latente Energie der weiblichen Arbeitskraft nicht 
voll umgesetzt wird. 

Neben diesen materiellen Gesichtspunkten ist noch der 
schwerwiegende ideelle heranzuziehen, daß der Persönlichkeits- 
wert der Frau unendlich unter diesem Mangel an Arbeits- 
freudigkeit, an Beziehung zu ihrer Arbeit leiden muß. Alle 
diese Betrachtungen gewinnen aber noch an Bedeutung, wenn 
man berücksichtigt, daß die weibliche Berufsarbeit keineswegs 
immer mit der Ehe erlischt. Wir mögen diesen Umstand vielleicht 
bedauern, doch müssen wir, da wir in einem wachsenden In- 
dustriestaat leben, mit ihm rechnen. 

Ich folgere nun aus dem Gesagten, daß alles Menschen- 
mögliche geschehen muß, um den Mädchen des Arbeiterstandes 
zu einem den Verhältnissen nach erreichbaren Maximum der 
Ausbildung ihrer Fähigkeiten zu verhelfen. Die Hilfskräfte, 
die man herbeirufen kann, seien im folgenden genannt : Da ist 
zunächst die Volksschule, in der durch allgemeine Vertiefung 
sowie durch Fortfallenlassen aller noch in deutschen Bundes- 
staaten bestehenden einschränkenden Ausnahmebestimmungen 
für Mädchen viel geschehen kann. Da ist vor allem die Mit- 
arbeit der fortgeschritteneren Arbeiterkreise selbt, dahin zu 
wirken, daß die Eltern die Arbeitskraft der Tochter nach 
Möglichkeit stählen und ausbilden, anstatt sie unmittelbar nach 
der Schulentlassung zum Gelderwerbe auszubeuten. Sodann 
muß durch geeignete Fach- und Gewerbeschulen für die Heran- 
bildung tüchtiger weiblicher Werkmeister gesorgt werden, da- 

Fr&aenkongreß. 13 



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— 194 — 

mit durch den Anblick höherer weiblicher Leiter der Arbeiterin 
täglich vor Augen gestellt wird, daß auch ihre Arbeit zu 
Gipfelpunkten fuhrt. 

Man wird hier vielleicht einwenden, das seien Utopien, 
die an der Indifferenz der weiblichen Natur zerschellen müßten. 
Dagegen will ich Beobachtungen aus der Praxis halten. In 
der Pforzheimer Schmuckwarenindustrie ist ein Teil der obigen 
Forderungen erfüllt. Die Frauenarbeit hat sich hier eigenartig 
entwickelt, sie ist von der der Männer der Art nach ver- 
schieden und bildet zu ihr eine notwendige Ergänzung. Es 
ist hier notwendig und auch ganz üblich, daß die Mädchen 
ebenso wie die Knaben eine langfristige, 2— 4 jährige, Lehrzeit 
durchmachen, in der sie zu speziellen Beschäftigungsarten 
herangebildet werden. Die Aufsicht und Leitung der weib- 
lichen Abteilungen liegt meist in den Händen von Frauen. 
Ganz auffallend ist nun der Unterschied in dem Auftreten 
dieser Arbeiterinnen im Vergleich mit denen anderer Industrien. 
Es zeigt sich deutlich erhöhtes Selbstvertrauen, erhöhte Frische. 
Und die Arbeiterinnen sprechen es auch selbst aus, daß das 
Gefühl, besondere Arbeit zu leisten, ihnen Sicherheit verleihe 
und wertvoll sei. Auch die guten Erfahrungen, die man in 
vereinzelten sonstigen Betrieben mit weiblichen Werkmeistern 
gemacht hat, sprechen durchaus dafür, daß der gewerblichen 
Frauenarbeit eine günstige technische Fortentwicklung wohl 
zuzutrauen sei, so daß jener Einwurf hinfälUg wird. 

Ein anderer Einwand ist weit ernster zu nehmen. Er 
richtet sich dahin, daß bei so ausschließlicher Erziehung zur 
Berufsarbeit die für die spätere Frau und Mutter notwendigen 
wirtschaftlichen Kenntnisse leiden könnten. Und er ist schwer- 
wiegend genug ! Kann man doch schon heute beobachten, daß 
der städtischen Arbeiterin häufig Zeit, Geduld und die haus- 
wirtschaftlichen Kenntnisse selbst abgehen, um der Tochter 
die Tradition zu überliefern. Diesem Übelstand wird auch 
durch die hier und da bestehenden Haushaltungsschulen oder 
Wanderkochkurse, so lobenswert diese Bestrebungen privater 
Vereine auch sind, längst nicht in ausreichender Weise abge- 
holfen. Dagegen scheint es mir gerade im Hinblick auf das Schwer- 
gewicht und das öffentliche Interesse dieser Frage geboten und 



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- 195 — 

auch nur noch eine Frage der Zeit zu sein, daß Staat und 
Gemeinde sich dieses wichtigen Zweiges der Mädchenerziehung, 
der Heranbildung zur Hausfrau, annehmen und die Angliederung 
eines obligatorischen Fortbildungsjahres an die übliche Volks- 
schulzeit zur Erlernung der hauswirtschaftlichen Fertigkeiten 
bewirken. Hierdurch würde zugleich in durchaus wünschens- 
werter Weise das Schutzalter der Mädchen für die Fabrik- 
und Werkstättenarbeit um ein Jahr hinausgeschoben. Nach 
Ablauf dieses Jahres griffe alsdann die eigentliche Berufsaus- 
bildung, soweit sie noch gewährt werden kann, ein. 

Es ist möglich, daß bei einer solchen Einteilung die Freude 
an der hauswirtschaftlichen Betätigung und die Lust, sie zum 
Beruf zu wählen, wieder mehr geweckt würde. Jedenfalls 
würde aber eine größere Stetigkeit der Ausbildung 
erreicht und dem Mädchen das Gefühl gesichert, daß sie den 
Anforderungen des Lebens, mögen diese nun mehr nach der 
Berufs- oder mehr nach der Hausfrauenpflicht prävalieren, 
stets in ausreichendem Maße gewachsen sein werde. Mit dieser 
Sicherheit und dem steigenden Interesse an der eigenen Arbeit, 
am Ausbau des eigenen Lebens, ist wohl eine erhebliche För- 
derung in der objektiven Leistungsfähigkeit wie in dem sub- 
jektiven Wohlbefinden der Arbeiterin, also ein doppelter 
Kulturfortschritt, zu gewinnen. Es steht zu hoffen, daß Hand 
in Hand hiermit zugleich eine steigende Anteihiahme, wachsen- 
des Verständnis für die, die allgemeine Lage der Arbeiterianen 
berührenden Fragen gehen wird, so daß an Stelle der heutigen 
beklagenswerten Indifferenz ein freudiges Vorwärtsschreiten 
für- und miteinander treten könnte. Denn schließlich muß 
sich doch alles, was einsichtige Beobachter anzuregen, die Ge- 
setzgebung zu schaffen vermag, immer nur auf ein Forträumen 
von Hemmnissen beschränken, während das Wachsen, die Ent- 
wicklung selbst einzig und allein bei den Arbeiterinnen steht 
Ich denke, daß wir alle an diese Entwicklung von innen heraus 
glauben. Und weil ich daran glaube, erachte ich die Schaffang 
freier Bahn durch unsere Mithilfe für unser aller Pflicht." 

Miß Margaret G. Bondfield* England beschränkte sich 
auf die Schilderung der Verhältnisse der Fabrikarbeiterinnen 

13* 



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— 196 — 

ihres Landes, die unter dem Einflüsse derArbeiterschntz- 
gesetze stehen, nnd betonte ausdrücklich, vom Standpunkt der 
Arbeiterin, nicht von dem des sozialen Beobachters zu sprechen. 
Die Beschränkung der täglichen Arbeitszeit und der jährlich ge- 
statteten Überstunden (30 im Jahre, aber nur 3 im Monat) 
habe zweifellos dazu beigetragen, die Arbeit gleichmäßiger zu 
verteilen, die Arbeitskraft ohne Überanstrengung gleichmäßiger 
und weniger schädigend auszunützen. Lohntaxen sind erst in 
einigen Branchen durchgeführt. In der Textilindustrie ist der 
Grundsatz erreicht: Gleicher Lohn für gleiche Leistung. Trotz- 
dem bringen es die Männer zu höheren Lohnbezügen, weil sie 
kräftiger und besser geschult und vorbereitet sind. Auch in 
England ist die erste und Hauptfrage, Industrieschulen far 
Mädchen zu schaffen; denn ohne Ausbildung in der Arbeit ist 
kein Fortschritt für die Arbeitenden zu erhoffen. 

Fräulein ß s i k a S c h w i m m e r * Budapest legte die Gründe 
dar, warum man in Ungarn eine Arbeiterinnenbewe- 
gung noch nicht habe. Ein Landesverein der Arbeiterinnen 
sollte gegründet werden; die Statuten seien aber heute, IV« 
Jahre nach Einreichung beim Ministerium, noch nicht bestätigt!*) 
Dagegen seien die Statuten des Bundes ungarischer Frauen- 
vereine binnen 8 Tagen genehmigt worden. Also nicht die 
Frau, sondern der Stand werde in Ungarn unterdrückt. Von 
3 Millionen Arbeiterinnen seien jetzt erst ca. 1770 organisiert! 
Die Lohnverhältnisse seien die denkbar kläglichsten, jede 
Arbeiterschutzgesetzgebung fehle. Die bürgerlichen Frauen 
müßten also auch hier für die Arbeiterinnen eintreten, um 
ihnen zu gesetzlichem Schutz und zur Organisation zu ver- 
helfen. 

Mrs.LydiaEingsmill Com man der 'Vereinigte Staaten 
sprach über „Frauenarbeit und Mutterschaft" und führte aus, 
daß in der modernen Welt die Gefahr entstehe, daß die Prau 
unter Bedingungen arbeite, die mit ihrer Mutterschaft in Kon- 
flikt stehen. Eine Untersuchung in Massachusetts habe gezeigt, 
daß in dem Zeitraum von 1850 bis jetzt der Prozentsatz ar- 



*) Die Genehmigung der Statuten ist inzwischen erfolgt und am 
18. Sept. 1904 hat sich der ungarische Arbeiterinnenverein konstituiert. D. E. 



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— 197 — 

bettender Frauen von 13 auf 23 gestiegen ist, und daß in der- 
selben Zeit die Geburtsquote von 28 auf 25 pro Mille der Be- 
völkerung gefallen ist. Der Preis sei zu hoch für die Nation 
und die Frauen mußten daher anstreben, daß die Bedin- 
gungen der Arbeit far ihre Bedürfiiisse richtig geschaffen 
werden. Verkürzte Arbeitszeit sei die erste Forderung, und 
die ganze Weisheit der Nation sollte der Lösung des Problems 
gewidmet sein, die Erfüllung der Mutterpflichten mit der ge- 
werblichen Frauenarbeit zu vereinen. 

In der Diskussion ergänzte Miß Janes^London die Be- 
richte aus England durch eine Schilderung von Wohlfahrtsbe- 
strebungen für Arbeiterinnen und einen Bericht über die Fabrik- 
ordnung des Großindustriellen George Cadbury, nach der die 
Arbeiterin bei der Verheiratung die Arbeit verliert. Dadurch 
heirateten die Mädchen erst mit etwa 25 Jahren und die 
Männer verdienten bei der verminderten Frauenkonkurrenz 
genug, um die FamiUe allein zu ernähren. Frau Lily Braun 
wies darauf hin, daß die Not der deutschen Arbeiterfamilie 
genau so groß sei wie die der holländischen, und forderte zum 
gemeinsamen Vorgehen aller bürgerlichen Frauen im Interesse 
des 8-Stunden-Tages auf. Fräulein Lüders machte den Aus- 
führungen von Miß Janes gegenüber auf die Bestrebungen 
aufinerksam, die Fürsorge für die Kinder der arbeitenden Frau 
dieser während der Arbeitsstunden abzunehmen, damit Mutter- 
schaft und Arbeit besser vereinigt werden kann. Frau S c h o u k - 
Haver» Amsterdam forderte das allgemeine Wahlrecht für die 
Frauen, weil allein durch eine Gesetzgebung, bei welcher 
Frauen beteiligt sind, die Frauenarbeit in richtiger Weise ge- 
regelt werden kann. 

Zum zweiten Verhandlungsgegenstand erhielt zunächst 
Fräulein Marg. Friedenthal-Berlin das Wort zu ihrem 
Referat über die Lage der Heimarbeiterinnen in 
Deutschland. Sie führte u. a. aus, daß der unglaubliche 
Tiefstand der Lohnverhaltnisse, der nur ein Leben bei Brot und 
Kartoffeln gestattet, die Lage der Arbeiterinnen zu einer oft 
unerträglichen gestalte. Das schöne Wort „Heim" darf nicht 
darüber täuschen', daß hier das Heim zur Werkstatt wird 
und aUe* hygienischen Nachteile der Fabrik in das Haus ge- 



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— 198 — 

tragen werden. Heimarbeit heißt einfach: Zerstörung des 
Heims durch die Arbeit. Der Arbeitgeber spart dabei be- 
deutend, der Arbeitnehmer aber erhält sehr viel weniger als 
der Fabrikarbeiter. Für ein Dutzend Damenhemden erhält 
z. B. eine Arbeiterin 1,20 Mk. ; ein Wochenverdienst von 9 bis 
11 Mk. ist hoch. Die Abrechnung der Zutaten, Miete der Näh- 
maschine, und die lange Wartezeit bei der Ablieferung schmälern 
noch die Löhne. Die bekannten Aschinger-Papierservietten 
und Keklamebogen werden zu Berlin gefalzt, das Tausend zu 
35 Pfg. Unter solchen Verhältnissen ist der Nebenerwerb 
durch Prostitution fast unvermeidlich. Aber nicht nur in der 
Großstadt, auch auf dem Lande begegnen wir demselben Elend. 
Eine 5 köpfige Familie im Erzgebirge verdient 14 Mk. wöchent- 
lich in der Spielwarenindustrie, wovon 4 Mk. auf Material 
abgehen. Damit ist die Zerrüttung des Familienlebens besie- 
gelt, elende Wohnung und Lebenshaltung und Kinderverskla- 
vung selbstverständlich. Für das Sortieren von 100 Partien 
Nadeln werden Kindern 5 Pf. bezahlt, und 11 ^lo dieser 
Armen seien unter 12 Jahre alt. Eine Besserung der Zustände 
könne nur durch gesetzlichen Schutz erreicht werden, 
durch die Überwachung der Heimarbeit und der Lohnskala, 
durch Wohnungs- und Gewerbeinspektion durch Frauen. 

Es folgte darauf das Referat von Miß M. L. O'Kell«' 
England über 

Sanitary Inspection of Workshops and the Homes of Outworkers. 

„It is by reason of the intense human interest with 
which the work abounds, the great opportunities of leaming 
and of teaching, of sympathising, helping and encouraging 
those with whom we come into contact, that this work ap- 
peals so strongly to us as women, and I believe that the more 
keenly we appreciate its higher possibilities the more tho- 
roughly shall we be enabled to fulfil the somewhat complex 
obligations which are laid upon us. 

The practical administration of Sanitary Laws as they 
aifect Workshops does not alone consist of the duty of detec- 
ting and punishing oflFence. A large amount of time is spent 
(and usefuUy spent) in actually propounding the law, in 



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— 199 — 

endeavouring to smooth away difficulties and objectioES, and 
in Short the exercise of persuasion before compulsion. In 
England onr Workshops are under the Joint supervision of 
the Home Office (one of the administrative Departments of 
the Imperial Goyemment) and of the Local Sanitary Authority, 
the latter body being responsible fore the carrying out of all 
regulations affecting the sanitary conditions in Workshops while 
the Home Office is responsible for the sanitary condition of fac- 
tories. (It may be advisable to explain that the distinction between 
a factory and a Workshop lies in the employment or non-em- 
ployment of motive power or machinery, no such power being 
used in a Workshop.) Under a System of Local Government 
the whole of England and Wales is divided into admini- 
strative Districts each governed by its own Local Anthority 
the whole or part of which constitntes the Sanitary Autho- 
rity for the District. In London there are 29 separate Sani- 
tary Authorities of which 20 have already appointed one or 
more Women Sanitary Inspectors, and other Authorities are 
about to foUow the example. It may be of interest to mention 
in passing that no one can be appointed as a Sanitary In- 
spector unless he or she has passed a special qualifying 
examination involving a particular course of study in addition 
to a useful practical training. 

Coming to the practical work in connection wich the 
Inspection of Workshops, the chief matters to which the law 
directs attention may be classified under 4 headings: The 
Cleanliness and generally sanitary condition of the premises, 
freedom from effluvia etc.; Ventilation; Air space and pre- 
vention of overcrowding and the Provision of proper and sufficient 
Sanitary Accommodation. 

The enforcement of cleanliness involves much attention 
to detail: no regulär periods are fixed for the cleansing of 
walls and ceilings as in the factory: but the place must not 
be allowed to get into a condition which would be dangerous 
or injurious to health. The floors, Windows, filtings and fami- 
ture of a workroom must be kept clean : floors become extre- 
mely soiled, a considerable amount of dirt being carried in 
from the street which if not removed eventually finds its way 



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— 200 — 

into the air ot the room seriously polluting it. In view of 
modern pronooncements with regard to the dissemination of 
the genns of consnmption and other infectious diseases by 
means of dust, neglect to enforce a high Standard of cleanli- 
ness is reprehensible, then perhaps no one but an Inspector 
will realise the difficnlties of the task of persnading a natu- 
rally dirty person to perfonn frequent and regnlar domestic 
cleansing. 

Cleanliness of air or as we more nsually call it: Ventila- 
tion is also difficult to obtain. In her endeavonrs in this 
direction the Inspector unfortunately frequently finds herseif 
in an isolated position, both employed and work-people being 
opposed to her snggestions and adyice. It is so hard to make 
people realise that deliberately shntting ont all fresh air resnlts 
in actual poisoning of the atmosphere. In the work rooms, 
women and girls, in their avoidance of draaght, close doors, 
Windows, Ventilators and even chimney flues. Under such con- 
ditions the horrible State of the atmosphere may be imagined. 
To the poisonons products given oflf by every human occupant 
are frequently added the germs ot specific diseases which are 
thus scattered broadcast In addition one often finds further 
yitiation resulting from the excessiye consnmption of gas which 
is bumt during day time both as a means of warming the 
rooms, and also to heat irons for use in the course of certain 
work. Power to deal with these objectionable conditions is 
definitely given — Section 6 of the F. and W. Act 1901 requi- 
ring that „In every factory and Workshop adequate mea- 
sures must be taken for securing and maintaining a reasonable 
temperature, but the measures so taken must not interfere 
with the purity of the room in which any person is employed". 
So also in Section 7 of the same act we find that „Sufficient 
Ventilation shall be provided and sufficient Ventilation shall 
be maintained", while the Public Health (London) Act 1891 
requires with regard to Workshops that any gas, vapours, dust 
and other impurities generated in the course of the work shall 
be removed from the workroom. These three sections then 
enable us to deal effectively with cases of vitiated air from 
whatever cause. Before the passing of the first Act much 



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— 201 — 

difflcultly has been experienced in preventing the very common 
practice of warming workrooms by lighting up the various 
illuminant jets. This method is still practised too freely as 
it resnlts in a more equal distribntion of heat for which reason 
it is strongly persisted in by workers as well as employers: 
bnt of conrse it is too dangerous to health to be allowed. 
With regard to the specially constructed warming stoves (gas- 
stoves) it is necessary that to these, canopies and shafts com- 
mnnicating with the chimney flne or directly with the onter 
air shonld be flxed, so that the injnrions fames given off by 
the bnrning of gas in air shonld be directly condncted ont of 
the workroom. Like the enforcement of the law relating to 
cleanlinesSy these regnlations regarding proper warming and 
Ventilation demand constant perseverance on the part of In- 
spectors. It is stiU very common to find rooms in wich extreme 
cold or excessive heat prevails, or in which the air is so foul 
and vitiated that one wonders to find that work is possible 
there; and so too do we find the inevitable consequences among 
the workers who snffer from exhaustion, headache, anaemia, 
these troubles often leading to serions breakdown in health 
which the snfferers are ready to ascribe to any cause but 
the correct one. If only we could ensure victory every- 
where on the Ventilation question a tremendous advance in 
the improvement of the national health would undoubtedly be 
accomplished. But this can only come about very gradually 
and we as health-officers can but do our smaU share in the edu- 
cation of public opinion. It is satisfactory to note indications 
of Cooperation in other directions noteably on the part of Edu- 
cational Authorities with whom lies the greatest responsibility 
with regard to the reaching of simple health laws to the 
people. 

Another danger to be guarded against in our workplaces 
is that of ver cro wdin g. The F. and W. Act of 1901 requires 
a minimum space for each worker of 250 cubic feet. During 
overtime 400 cubic feet is required while the same amouut of 
Space must be aUowed in rooms which are used as Workshops 
during the day and as sleeping apartments by night. The 
Home Secretary is empowered to require an increased allowance 



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— 202 — 

of Space where artificial light other than electric light is 
employed. Eegular and systematic inspection of Workshops has 
done much to check the tendency to overcrowding of rooms, 
and frequent are the expressions of thankfulness on the part 
of workers for this improvement. In a prominent part of each 
room is fixed a card showing clearly the maximum number of 
persons permitted to occupy it. This card has been found of 
greatest use in checking overcrowding. Still — overcrowding 
is often found in certain districts (noteably where rents are 
high) and in cei-tain trades — more especially the seasonal 
ones. Unfortunately it usually occurs during extreme pressure 
of work when overtime is being made. At these times it is a 
difficult condition to deal with, and as it is almost invariably 
deliberate and inten tional on the part of employers, they 
naturally take infinite pains to deceive Inspectors — compelling 
the Cooperation of their workers who, if they value their 
situations, dare not refuse their aid. But this hoodwinking ot 
Inspectors is a dangerous game as many have found to their 
cost, for should sufftcient evidence be found upon which to 
prosecute, a case of this kind is severely dealth with. Our 
work in this direction is occasionally highly exciting, and 
humerous in the extreme are the situations to which it some- 
times leads. 

We come now to the supervision of the Sanitary Accom- 
modation provided in Workshops which, I need scarcely say con- 
stitutes a supremely important brauch of our work. Here again 
the law endows us with ample powers, clearly recognizing as it 
ought. that morality and decency as well as health claim due con- 
sideration. It is common knowledge that the aggregation of large 
numbers of workers — particularly when of both sexes — is but too 
apt to tendto the degradation and demoralisation of theindividual 
and consequently of the Community. It is impossible to speak 
in detail of the abominable arrangements existing in some 
places, and the grave consequences which are entailed. Long 
continued endurance of evils of this kind on the part of women 
workers has naturally resulted in a certain amount of indifFe- 
rence which is sad to see; but Women Inspectors have already 
been able to use their influence to some purpose in awakening 



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— 203 - 

both in employers and workere a sense of what is right and 
nec6ssary in this direction. I am inclined to think that this 
branch of our work above all others justifies the appointment 
of Women Inspectors, affording as it does opportunities of 
usefulness which materially strengthen our position. 

Having traced very broadly the main lines upon which the 
sanitary inspection of Workshops is conducted, I will now with 
your kind permission devote the little remaining time to a 
brief account of what we find in our Inspection of the Homes 
of Outworkers. 

Legal recognition of the Homeworker in England dates 
only from 1891, and though more recent Legislation has extended 
and more clearly defined the method of regulation of this class 
of worker, much still remains to be done in order to raise the 
general level of such industry, not less for the sake of the 
workers themselves than for the good and safety of the 
Community. At the present date, homes where certain trades 
are carried on are subject to sanitaiy inspection; the Industries 
which are thus specially selected include: all work incidental 
to the making and repairing of clothing, electro plate making, 
cabinet making and upholstery, file cutting, für pulling, iron 
and Steel chain making, anchor and grapnel making, the making 
of cart gear, and the making of locks, latches and keys. 

The Prohibition of Home work in places where there is 
infectious disease is insisted upon in all work incidental to the 
making or repairing of clothing, of lace curtains and nets, and 
für pulling. Occupiers of these factories, Workshops or places 
from which such work is given out are required to keep, and 
submit to the Local Authority twice yearly lists containing 
the names and addresses of the persons to whom the work 
is given. 

Speaking then from an official and legal Standpoint the 
Word Homeworker or Outworker is used in a somewhat limited 
sense and falls to include vast numbers of persons working in 
their own homes for some outside employer. The small number 
of scheduled trades is to be accounted for by the prevailing 
reluctance to encroach upon the privacy of the home. The 
homeworker therefore in many instances retains his privacy 



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— 204 — 

at the expense ot a certain amount of protection by which 
the factory worker has derived benefits which are not to be 
gainsaid. Further — though the reason for the indusion of each 
of the trades I have enumerated is qnite apparent — it is 
very difficnlt to determine why certain other classes of work 
are not included. To instance only one of many — the making 
of dolls and toys (which is largely a home industry) might 
very fairly be added to the list by way of safeguarding 
against infections disease the children to whom these goods 
find theii- way. 

With regard to the practica! work of inspecting those 
places the addresses of which are forwarded to the Sanitary 
Authority — I need scarcely say that the work which requires 
kindly and sympathetic handling, at the same time affording even 
greater opportnnities of personal influence than does the in- 
spection of factories and Workshops. And — after 5 years 
acqnaintance with the work and the people I am glad to have 
this opportunity of recording my impressions, althongh they 
differ somewhat from the generally accepted idea that owing 
to sweating the work is done in terribly insanitary and over- 
crowded dens. This is we know lamentably true of the con- 
dition of affairs in certain parts of London and other great 
cities: nevertheless we must also remember that Local Antho- 
rities possess the power to deal with such conditions: the 
point however npon which I prefer to insist is this — that 
there is a brighter side of the question which it is only fair 
to also represent and which I venture to think receives too little 
attention. It must be allowed that homework is of aU sorts 
and degrees, from what we caD slop work to highly paid hand 
work which can only be done by skilled workers. And as the 
work varies so do the homes and I and my colleagues find a 
large proportion of these much maligned outworkers to be 
hard working respectable people living under very fair con- 
ditions. The rate of pay is a question into which I could 
not enter on the present occasion. 

The Chief argument in favour of homework is the fact that 
it keeps wives and mothers in the midst of their families which 
is an inestimable boon. Mrs. Sidney Webb speaks of „the under- 



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— 206 - 

mining of the family life by the degradation of the home into 
a Workshop^ : bnt far greater degradation and too often dissolntion 
of the home results under the factoiy System. My Visits to 
the poorer homes are not limited to those of the wage earners. 
I am also weU acquainted with many women who make no 
attempt at work of any kind either domestic or indnstrial, so 
that I have had an opportunity of comparing the one class of 
home with the other. The comparison has not been to the 
detriment of the wage earner, but has proved what is not 
difficnlt to believe, viz. that the industrious woman will 
be clean and neat while the lazy gossiping will be 
dirty and disorderly whether she be awage earner 
or not Happily there is a large proportion of good mothers 
among our working classes — women who wiUingly sacrifice 
themselves in their eflforts for their husbands and children: 
many of these wonld stare in amazement if it were suggested 
that they should go out to work, and wonld teil yon that if 
they could eam a threefold wage it wonld not pay them to 
tum their back upon their homes. Who shaU say that they 
are not looking at the matter from the right standpoint? 
Surely extended regulation rather than abolition of homework 
should be uiged: the Standard of the homeworker will thus 
be better served than it honest eflfort should be checked. 
My time has been occupied more in vindicating the character 
of the homeworker than by describing the details of the 
work — I can but say that this supervision of the homes has 
a salutary effect and that on the whole it is not resented 
by the people especially if the reason for it is explained." 

In der Diskussion wies Frau Braun auf die Gefahren 
hin, die die Herstellung von Gebrauchswaren in unkontrollierten 
Bäumen für die Konsumenten mit sich bringt. Frau Krüger 
gab als Heimarbeiterin dem Wunsch Ausdruck, daß die Heim- 
arbeit nie ganz aufhören möge, da die Kinder doch in innigerem 
Zusammenhange mit der Mutter bleiben. Fräulein Behm, 
die Vertreterin der im Gewerkverein der Heimarbeiterinnen 
organisierten Arbeiterinnen, trat ebenfalls für Sanierung der 
Verhältnisse ein, aber nicht für eine radikale Ausmerzung der 



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— 206 — 

Heimarbeit. Mrs. MaudNathan, die Vorsitzende einer Kon- 
sTimentenliga in den Ver. Staaten, wies den lohndrückenden 
Einfluß der Frauen- und Kinder-Heimarbeit auf den Verdienst 
des Mannes nach. Frau Adam*Bem betonte, daß die bürger- 
lichen Frauen in der Schweiz sehr wohl mit den sozialistischen 
Frauen zusammenarbeiten. In Bern kenne man in dieser Be- 
ziehung keine konservative, keine aristokratische Frau, nur 
Schwestern, die einander helfen und aufeinander angewiesen 
sind, die Arbeiterin auf die bürgerliche Frau und die bürger- 
liche Frau auf die Arbeiterin. In ihrem Schlußwort faßte 
Fräulein Salomon den Tenor der Verhandlungen dahin zu- 
sammen, daß die Frauen wohl zu eigener Arbeit an der 
Besserung ihrer Lage durch Organisation geführt werden 
müssen, daß aber die bürgerlichen Frauen verpflichtet sind, 
dazu mit allen ihren Kräften zu helfen. 



Mittwoch, den 15. Juni. 



Die Frau in Handel und Verl(ehr. 

Frau Friederike Brö 11* Frankfurt a. M. führte den 
Vorsitz und erteilte zunächst das Wort an Frl. Eva von 
ßoy*' Königsberg zu ihrem einleitenden Referat. Die Rednerin 
wies auf die RoUe von Handel und Verkehr im Kulturleben 
und auf die Tatsache hin, daß der erstere fast ausschließlich 
in Privathänden liege, der Verkehr aber zum großen Teil be- 
reits Staatsmonopol geworden sei. Erst seit der zweiten 
Hälfte des vergangenen Jahrhunderts kommen auch die Frauen 
in diesen Erwerbsgebieten in Betracht. Weibliche Handels- 
angestellte, Geschäftsführerinnen, Verkehrsbeamtinnen u. dgl. 
sind heute nicht mehr wegzudenken. Die Selbstlosigkeit und 
Bedürfnislosigkeit der Frau mit ihrem Anpassungsgeschick 
hat sie zunächst auf diese Berufe gewiesen. Im Jahre 1895 
hat man in Deutschland bereits 95000 öandelsgehilfinnen ge- 
zählt. Trotzdem noch immer mit Ehrlosen, Verbrechern und 
Unmündigen rechtlich gleichgestellt, haben die Frauen sich 



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— 207 — 

jeden Fußbreit Baum erobern müssen; so haben sie auch 
gegenwärtig um das aktive und passive Wahlrecht zu den 
Kaufinannsgerichten zu kämpfen. 

An diese Ausführungen schloß sich das Referat von Frl. 
Agnes Hermann^Berlin über 

Die Lage der weiblichen Handlungsgehilfen in Deutschland. 

„Es kann nicht Aufgabe eines kurzen Referats sein, den 
vorliegenden Gegenstand in seiner ganzen Kompliziertheit zu 
erschöpfen; ich würde mir den Vorwurf der Oberflächlichkeit 
zuziehen, wollte ich das auch nur versuchen. Ich habe daher 
gemeint, mich auf eine einzige Seite der Sache konzentrieren 
zu sollen, die aber die sichersten Schlüsse auf das Ganze zuläßt : 
die Organisation, welche der Stand der weiblichen Hand- 
lungsgehilfen gefunden hat, und die Mitarbeit, welche diese 
Organisation bei der Ausgestaltung der Sozialgesetzge- 
bung geleistet hat. 

Der Kaufmannsstand Deutschlands hat kein einheitliches 
Gepräge mehr, ebensowenig wie der Kaufmannsstand anderer In- 
dustrieländer. Es strömen ihm Rekruten aus allen Bevölkerungs- 
klassen zu: Söhne und Töchter von Ministern, höheren Beamten, 
Großkaufleuten ebenso wie die Kinder der Bauern und Arbeiter, 
und der Gewürzkrämer, der für 5 Pf. Pfeffer abwiegt, fühlt 
sich als Kaufmann ebenso wie der Geheime Kommerzienrat 
an der Spitze eines überseeischen Exporthauses. In welchem 
Verhältnis die verschiedenen Gesellschaftsschichten bei den 
weiblichen Angestellten sich beteiligen, zeigt eine Statistik 
des Generalsekretärs Dr. Silbermann vom Kaufmännischen 
Verband für weibliche Angestellte zu Berlin; danach waren: 

unter den Verkäuferinnen: Buchhalterinnen: 
Töchter von höheren Beamten, 

Fabrikanten, Kaufleuten . . . 22,6% 41% 

Subalternbeamten, kaufm. Angest., 

Handwerkern, Landwirten . . 29,6% 34,8% 

Werkführern, Inspektoren, ünter- 

beamten, Gesellen, Arbeitern . 44% 20% 

Es gehören also ein weit größerer Prozentsatz Töchter 
des gebildeten Mittelstandes dem Berufe an, namentlich als 



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— 208 — 

Bnchhalteiinnen, Eorrespondentinnen etc^ als dies zumeist in 
die Erscheinung tritt , weil viele Mädchen aus besseren 
Familien ihren Beruf noch immer verleugnen, aus Rücksicht 
auf das Vorurteil des großen Publikums, welches meint, auf 
die im Handel erwerbstätige Frau mit einem gewisßen Hoch- 
mut herabsehen zu dürfen, obgleich in diesem Stande eine 
Tüchtigkeit steckt, die vorurteilsfreien Beobachtern geradezu 
Bewunderung abnötigt. 

Ein so bunt zusammengesetzter Stand, so verschieden in 
Herkommen, Bildung und Lebenshaltung, ist natürlich schwerer 
zu organisieren als ein Berufsstand von mehr einheitlicher 
Gliederung, wie z. B. Lehrer', Ärzte, Arbeiter usw. Wenn 
man sich dies vergegenwärtigt und berücksichtigt, daß die 
Organisation der männlichen kaufinännischen Angestellten, 
welche ungefähr 50 Jahre alt ist, von 500000 Berufsangehörigen 
heute ca. 200000 umfaßt, wird man zugestehen, daß die weib- 
liche Organisation sich überraschend schnell entwickelt hat. 
Sie setzte ein mit dem Jahre 1889, als Julius Meyer, selbst 
Handlungsgehilfe, zusammen mit Frau Cauer und anderen 
Vertreterinnen der Frauenbewegung, und vor allem unter 
lebhafter Beteiligung der Handlungsgehilfinnen selbst, den 
kaufmännischen Verein, jetzt kaufmännischen Ver- 
band für weibliche Angestellte zu Berlin gründete. Mit 
500 Mitgliedern trat der Verein ins Leben, heute gehören ihm 
etwa 17000 Handlungsgehilfinnen an. Die Verwaltung liegt 
in den Händen von ca. 20 weiblichen Beamten, die sämtlich 
aus dem Stande der Handlungsgehilfinnen hervorgegangen sind, 
unter Leitung eines volkswirtschaftlich gebildeten General- 
sekretärs; auch im Vorstande überwiegen weit die weiblichen 
Angestellten. Der Verband hat eine eigene Krankenkasse, 
welche dem Ortsstatut entspricht und 105 Ärzte, sowie 5 Ärz- 
tinnen beschäftigt, einen Stellennachweis, der Mitgliedern 
und Chefs kostenlos zur Verfügung steht und 4 144 Besetzungen 
im letzten Jahre aufweist, eine Bibliothek von 6700 Bänden, 
und der 1. Juli wird uns gewisseimaßen die Krönung des 
Ganzen bringen, die Arbeitslosenversicherung, welche 
jedem Mitgliede das Recht gibt, im Falle von Stellenlosigkeit 
täglich 1 Mk. Arbeitslosengeld zu verlangen. Der Verband 



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— 209 — 

besitzt eine eigene Vereinszeitung mit einer Auflage von 
25000 Exemplaren. Dieselbe ist zugleich Publikationsorgan 
aller anderen weiblichen kaufmännischen Vereine Deutsch- 
lands, wird in ganz Deutschland von den Angestellten gelesen 
und findet überall, auch in den einschlägigen Ministerien, 
die ernsteste Beachtung. Die vom Verbände gegründeten 
Handels- und Fortbildungsschulen, welche von 800 
bis 900 Schülerinnen besucht werden, sind vor 4 Jahren von 
den Ältesten der Berliner Kaufmannschaft übernommen worden; 
doch ist der Verband auch weiter durch 2 Vorstandsmitglieder 
an ihrer Verwaltung beteiligt. Er briugt zugleich noch er- 
hebliche Opfer für die weibliche Handlungsgehilfinnenbewegung 
des übrigen Deutschland, indem er Ortsgruppen unterhält in 
Hannover, Magdeburg, Stettin, Frankfurt a. 0. und Erfurt 
Die Jahresausgaben für diesen großen Apparat mit 260000 Mk. 
pro Jahr bringen die weiblichen Angestellten aufi bis auf eine 
verhältnismäßig geringe Summe, welche Geschäftsinhaber zur 
Krankenkasse beisteuern. 

Nach dem Muster des Berliner Verbandes, mit gleichen 
Zielen und Bestrebungen, entstanden bald weitere Organi- 
sationen im übrigen Deutschland. Die größten befinden sich 
in Breslau, Frankfurt a. M., Königsberg, Danzig, Leipzig, 
Mannheim, Hamburg usw. Im ganzen existieren gegenwärtig 
43 Vereine mit ca. 30000 Mitgliedern, d. h. von den 120000 
weiblichen Handlungsgehilfinnen Deutschlands sind im Ver- 
lauf von 14 Va Jahren V* organisiert. 

Diese Organisationen sind in einzelnen Städten, z. B. in 
Berlin, Frankfurt a. M., Königsberg usw. gegenüber der 
genannten männlichen Handlungsgehilfenbewegung, deren 
einzelne Organisationen sich scharf bekämpfen und selbst bei 
wichtigen Standesfragen kaum die Einmütigkeit zu wahren 
vermögen, stark genug, um bei aUen wichtigen Fragen, die 
lokal gelöst werden müssen, wie z. B. Herbeiführung des 
8 Uhr-Ladenschlusses, Beschränkung der Sonntagsarbeit usw. 
von den männlichen Organisationen hinzugezogen zu werden. 
Wir sitzen in den Lokalausschüssen mit ihnen zusammen, selbst 
mit unseren erbittersten Gegnern! 

Die 11 größten dieser weiblichen kauftnännischen Vereine 

Frauenkongreß. 14 



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— 210 — 

haben sich dem Deutschen Verband Kanfmännischer Vereine 
angeschlossen, der männliche und weibliche Organisationen 
korporativ umfaßt, um hier auch im großen mit männlichen 
Vereinen gemeinsame Standesfragen gemeinsam zu beraten. 
Da dieser Verband aber der wachsenden gegnerischen Strömung, 
welche sich auf Seiten der männlichen Gehilfen gegen die 
weiblichen Kollegen immer stärker bemerkbar macht, sich 
möglicherweise nicht dauernd wird entziehen können oder 
wollen, haben die weiblichen Handlungsgehilfenvereine noch 
einen besonderen Zusammenschluß unter sich herbeigeführt, 
und zwar im Jahre 1902 unter dem Namen „Verbündete kauf- 
männische Vereine für weibliche Angestellte" mit dem Sitz 
in Frankfurt a. M. Dieser Bund ist vorläufig nur dazu be- 
stimmt, den auswärtigen Stellennaehweis zu pflegen und die 
speziell weiblichen Interessen wahrzunehmen, soweit dieselben 
eine Vertretung im Deutschen Verband Kaufmännischer Ver- 
eine nicht finden. Von der Haltung dieses Verbandes wird 
es abhängen, welche Gestalt der Bund der weiblichen Vereine 
künftig annehmen, welche Arbeitsgebiete er sonst noch in 
seinen Bereich ziehen wird. 

Der Handlungsgehilfenstand, als dessen einen Teil sich 
die weiblichen Angestellten durchaus fühlen und fühlen müssen, 
hat in den letzten Jahrzehnten eine eigenartige Entwicklung 
durchgemacht. Er ist von einem Übergangsberuf zu einem 
Beamtenstand geworden. Der kaufmännische Angestellte von 
früher war Angestellter nur so lange, bis er Erfahrungen 
genug besaß, um sich selbständig zu machen; der vorherrschende 
Kleinhandel bot hierzu genug Gelegenheit. Und wenn man 
vom französischen Soldaten unter Napoleon sagte : jeder führe den 
Marschallsstab im Tornister, so kann man von den Mheren 
Kommis behaupten, daß jeder das künftige Arbeitgeber- 
bewußtsein von vornherein besaß, so daß ein Interessengegen- 
satz zwischen Chef und Kommis eigentlich nicht existierte. 
Der wachsende Großhandel hat diese Grundlagen vollständig 
geändert. Eine Selbständigkeit ist nur noch wenigen, besonders 
begünstigten Handlungsgehilfen beschieden; das Gros muß sich 
damit abfinden, Handlungsgehilfe zu bleiben sein Leben lang. 
Da mußte dann allmählich das Bewußtsein eines gewissen 



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- 211 — 

Interessengegensatzes zwischen Chef und Angestellten auch 
im Handel erwachen und das Bedürftüs eines gesetzlichen 
Schutzes als Arbeitnehmer, wie ihn die soziale Gesetzgebung 
auf anderen Erwerbsgebieten dem wirtschaftlich Schwächeren 
zuerkennt. Wie neu diese Erkenntnis ist, beweist die Tat- 
sache, daß es noch viele männliche Organisationen gibt, die 
Schutzgesetze für ihren Stand nicht wünschen und sich nur 
entschließen, solche zu unterstützen, wenn ihre jüngeren Mit- 
glieder besonders dazu drängen. Die weiblichen Organisationen, 
in moderner Zeit entstanden, haben sich von vornherein auf 
den Arbeitnehmerstandpunkt gestellt, wenn sie denselben auch 
stets in maßvoller Weise geltend machten. 

Als erster sichtbarer Erfolg der deutschen Handlungsge- 
hilfenbewegung sind die Verbesserungen anzusehen, welche das 
neue Handelsgesetzbuch von 1898 bis 1900 dem Stande ge- 
bracht hat; an der Vorbereitung zu demselben haben aber 
auch die weiblichen Organisationen schon lebhaft mitgearbeitet. 
Dasselbe greift ganz energisch in den kaufinännischen Arbeits- 
vertrag ein, der bis dahin vollkommen der Willkür preisge- 
geben war. Z. B. enthält es die wichtige Bestimmung, daß 
die Kündigungsfrist nicht weniger als einen Monat betragen 
darf, so daß kein Angestellter mehr täglich auf die Straße gesetzt 
werden kann; es gibt femer ein Recht auf Krankengeld, das 
nun nicht mehr vom Gehalt abgezogen werden darf, ein Recht 
auf Fortzahlung des Gehalts in KrankheitsföUen bis zu 6 Wochen, 
und zahlreiche andere Verbesserungen mehr. 

Ganz im unklaren waren vor Inkrafttreten dieses Gesetzes 
Arbeitgeber und Publikum über die rechtliche Stellung der 
weiblichen Gehilfen. Man wußte nicht: sind sie industrielle 
Arbeiterinnen, gehören sie gar unter das Gesindegesetz oder 
sind sie den männlichen Kollegen gleichzustellen. Hier haben 
nun die weiblichen Organisationen vom ersten Augenblick an 
guten Auf klärungsdienst geleistet, indem sie in allen streitigen 
Fällen durch richterliche Erkenntnis die Gleichberechtigung 
der Frau im Handel festlegten, bis dann das neue Handelsgesetz- 
buch diese Gleichberechtigung anerkannte und allen Zweifel 
aus der Welt schaffte. Es spricht nur von Handlungsgehilfen 
schlechtweg und kennt keinen Unterschied der Geschlechter. 

14* 



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— 212 - 

Aber auch alle anderen Bestrebungen zur Hebung des 
Standes haben die Organisationen der weiblichen Angestellten 
auf dem Platze gefunden. Als nächstes gesetzgeberisches Werk, 
an welchem die Organisationen der weiblichen Angestellten 
mitgearbeitet haben, nenne ich die Novelle zur Gewerbeordnung 
vom 24 September 1900, welche für ganz Deutschland den 
9 Uhr-Ladenschluß zum Gresetz machte und damit den schlimm- 
sten Auswüchsen übermäßiger Arbeitszeit in Ladengeschäften 
ein Ende bereitete. Das Ziel aber ist der Ladenschluß um 
8 Uhr, der durch Ortsstatut eingeführt werden kann; auch 
diesen sowie eine weitere Verkürzung der Sonntagsarbeit zu 
erreichen, bringen unsere Organisationen große Opfer. Weiter 
brachte diese Novelle — und das ist lediglich unserer Anregung 
zu danken — den Gemeinden das Recht, den Fortbildungs- 
schulzwang auch für weibliche Handlungsgehilfen und Lehr- 
linge auszusprechen, was bis dahin nur für männliche zu- 
lässig war. 

Die Frau gelangt in den kaufmännischen Beruf nicht auf 
dem Wege der ordnungsmäßigen 3jährigen Lehre wie der 
Mann, sondern sie lernt entweder als Verkäuferin in einem 
Detailgeschäft Va bis 1 Jahr, oder sie wird Buchhalterin und 
bereitet sich vor Eintritt ins G^eschäft in einer Handelsschule 
oder Akademie theoretisch vor. Wenn nun auch der kauf- 
männischen Lehre ihre frühere Bedeutung nicht mehr zukommt, 
weil bei der Entwicklung, welche unser Handel genommen 
hat, eine planmäßige Unterweisung des Lehrlings nur selten 
noch stattfindet, der Lehrling vielmehr zumeist für rein mecha- 
nische Arbeiten ausgenutzt wird, diese Lehre daher für die 
Frau nicht unbedingt anzustreben ist, so muß doch irgend ein 
vollgültiger Ersatz dafür irgendwie gefunden werden. Nun 
pflegen die Ladenangestellten, wenn irgend möglich, längere 
Zeit nach der Lehre beim Lehrchef zu bleiben; dieselben können 
also als junge Verkäuferinnen nachholen, was die allzukurze 
Lehrzeit ihnen vorenthalten hat, so daß es sich schließlich bloß 
um den Namen handelt. Die Tätigkeit der Lehrmädchen und 
Verkäuferinnen beschränkt sich aber zu einseitig auf das Ver- 
kaufen von Waren; von schriftlichen Arbeiten bekommen sie 
nichts zu sehen, wissen kaum, was eine Bechnung oder ein 



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— 213 — 

Wechsel bedeutet, haben keine Ahnung von Briefstil, Bucl^- 
führung usw^ und doch kann sich niemand Kaufmann nennen^ 
der diese Dinge nicht versteht. Fast noch schlimmer aber als 
mit der Ausbildung des Detailpersonals, steht es mit der des 
Engrospersonals, den Buchhalterinnen, Stenographinnen, Korre- 
spondentinnen usw. Besuchen doch nicht weniger als 15% 
des Kontorpersonals statt einer ordentlichen Handelsschule 
mit 1 bis 2 jährigem Kursus sogenannte Akademien, d. h. 
Schnellpressen, die in 3 Wochen bis 3 Monaten aus unwissen- 
den Schulmädchen perfekte Buchhalterinnen machen soUen! 
Diesen Akademien das Handwerk zu legen, ist nicht möglich, 
weil das Gesetz keine Handhabe bietet, und es auch sehr 
schwierig sein würde, bei der Buntscheckigkeit unseres freien 
Fortbildungswesens eine solche zu schaffen, ohne zugleich auch 
berechtigte Bestrebungen auf diesem Gebiete zu schädigen. 
Die Einfahrung des Fortbildungsschulzwanges bietet die einzige 
Möglichkeit, diesem Unwesen zu steuern; denn wenn dann auch 
die Absolventinnen jener Schnellpresse der Pflichtschule unter- 
worfen werden, ganz ebenso wie diejenigen Mädchen, die nicht 
so teures Geld an ihre Ausbildung gewandt haben, dann wird 
das Publikum den Unwert der Pressen von selbst einsehen. 
Den AngesteDten, Detail- wie Engrospersonal, aber wäre Ge- 
legenheit gegeben, sich in vernünftig aufgebautem Studiengang 
die nötigen kauJBmännischen Kenntnisse anzueignen und ihre 
praktische Ausbildung theoretisch zu vertiefen. Von dem Recht, 
den Fortbildungsschulzwang auch für die weiblichen Handlungs- 
gehilfen und Lehrlinge auszusprechen, haben bisher die Städte 
Frankfurt a. M., Wiesbaden, Mannheim, Freiburg i. B. Ge- 
brauch gemacht. In Danzig, Graudenz, Sorau, Bruchsal, Offen- 
burg, Essen, Höchst, ölsnitz ist man im Begriff, das zu tun. 
Die Keichshauptstadt Berlin will sich leider von anderen, 
weniger leistungsfähigen Gemeinden darin überflügeln lassen; 
man wird in Kürze den allgemeinen Fortbüdungsschulzwang 
für Knaben einführen, an den weiblichen Handlungsgehilfen 
aber will man vorübergehen, obgleich die Vertretung der weib- 
lichen Handlungsgehilfen sowie sämtliche Berliner Vereine der 
bürgerlichen Frauenbewegung einmütig darum gebeten haben. 
Weiter arbeiten die weiblichen Handlungsgehilfen mit an 



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— 214 — 

der Herbeiführung einer staatlichen Alters- und Hinter- 
bliebenenversicherung der Privatbeamten, zu denen 
auch die männlichen und weiblichen Handlungsgehilfen gehören, 
sowie an einer Eegelung der Arbeitszeit in Engrosgeschäften. 
Ich erwähne femer die Bundesratsverordnung vom 1. April 
1901, welche die Ladenbesitzer verpflichtet, fiir ihre weiblichen 
Angestellten Sitze bereitzustellen und deren Benutzung zu ge- 
statten. Ist es schon schwer für den Mann, sein Tagewerk 
Jahr aus Jahr ein stehend zu verrichten, wieviel schwerer für 
den zarten Organismus der Frau. Zerrung der Sehnen und 
Gelenkbänder, Plattfüße, Krampfadern, Unterleibserkrankungen 
sind die Folge davon; die Berichte der Krankenkassen reden 
eine erschütternde Sprache, und besonders traurig ist es, daß 
man ja nicht nur die Handlungsgehilfinnen in ihrer Gesundheit 
schädigt, sondern in ihnen zugleich die Mütter künftiger Ge- 
schlechter! Zehn Jahre haben die weiblichen Handlungsge- 
hilfenvereine um Besserung dieser Verhältnisse, um einen ge- 
setzlichen Schutz gekämpft, immer wieder bei den gesetzgeben- 
den Körperschaften interpelliert, immer wieder Tages- und 
Fachpresse und Öffentlichkeit bearbeitet — endlich kam die 
Verordnung, welche jeden Ladenbesitzer verpflichtet, für sein 
Personal ausreichende Sitzgelegenheit bereitzustellen und deren 
Benutzung zu gestatten. Aber ist das nun wirklich ein Erfolg? 
Darauf müssen wir leider mit „nein" antworten. Der Erfolg 
ist uns in den Händen zerronnen, denn wenn die Sitze auch 
meistens vorhanden sind oder etwas, was die Polizei dafür 
gelten läßt, so dürfen dieselben nicht benutzt werden, weil das 
kaufende Publikum daran Anstoß nimmt. I>as kantende 
Publikum aber besteht zumeist aus Frauen, Mitschwestern 
jener armen Mädchen, die ihre Gesundheit aus Rücksicht auf 
sie opfern müssen. Pflicht der kaufenden Frauen wäre es also, 
zu erklären, daß sie eine solche Rücksichtnahme auf sich nicht 
wünschen, und durch einen Druck auf die Ladenbesitzer die 
Benutzung der Sitze durchzusetzen. 

Der Berliner Frauenverein zusammen mit anderen Bundes- 
vereinen hat vor 1 Va Jahren ein solches gemeinsames Vorgehen 
der weiblichen Konsumenten Berlins in dankenswerter Weise 
angebahnt und die Frauen aufgefordert, bei jedem Einkauf 



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— 215 — 

sich darum zu kümmern, ob in den betreuenden Läden das 
Sitzen gestattet wird, und gebeten, Geschäfte zu bevorzugen, 
in denen dies der Fall ist — leider mit wenig Erfolg. Die 
deutsche Frau geht an ihren Konsumentenpflichten noch immer 
gleichgültig vorüber und hat auch hier die Handlungsgehilfinnen 
im Stich gelassen. 

Als neuestes der Schutz- resp. Fürsorgegesetze für den 
Handlungsgehilfenstand erwähne ich die Kaufmannsge- 
richte, über welche heute, und vielleicht in diesem Augen- 
blick im Reichstag die Entscheidung fallt. Für diejenigen, die 
der Protestversammlung der Handlungsgehilfinnen am Montag 
nicht beigewohnt haben, will ich hier noch einmal klarstellen, 
um was es sich handelt. Man will dem Eaufmannsstande eine 
Gerichtsbarkeit schaffen, in welcher der Stand selbst über alle 
aus dem Anstellungsverhältnis hervorgehenden Streitigkeiten 
Recht sprechen soU. In diesem Gericht sollen kaufmännische 
Arbeitgeber und Arbeitnehmer in gleicher Zahl vertreten sein, 
jeder männliche Handlungsgehilfe von 25, resp. 21 Jahren darf 
sich an der Wahl beteiligen, jeder Gehilfe von 25, resp. 30 
Jahren gewählt werden. Die Frauen nur, die weiblichen 
Handlungsgehüfen, sollen von jeglichem Wahhrecht ausgeschlossen 
sein, so wül es die Regierung! Sie will das nicht, weil sie 
den weiblichen Handlungsgehilfen etwa die nötige Einsicht 
abspricht, von einem so wichtigen Recht Gebrauch zu machen; 
Graf von Posadowsky hat ausdrücklich das Gegenteil er- 
klärt. Sie will es darum nicht, weil den Frauen grundsätz- 
lich jegliches politische Recht vorenthalten bleiben solL Nun 
handelt es sich aber nicht um ein politisches, sondern um ein 
soziales Recht, das an die Ausübung eines bürgerlichen Berufs 
geknüpft ist, und die Frau hier, von der Betätigung an ihrem 
eigenen Standesgericht auszuschließen, bedeutet eine uner- 
hörte Ungerechtigkeit! Die Sache hat aber noch eine 
andere Seite. Bei der wachsenden Feindschaft der männlichen 
Kollegen, die sich nicht scheut, die schändlichsten Schmäh- 
artikel gegen die weiblichen Angestellten tagtäglich in die 
Welt zu setzen, müssen die Frauen damit rechnen, in ihrem 
Standesgericht sich Männern gegenüber zu finden, die gewohnt 
sind, ihr ganzes Arbeitsverhältnis durch die Parteibrille anzu- 



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— 216 — 

sehen, Eichtern überliefert zu sein, die im bürgerlichen Leben 
ihre erbittertsten Feinde sind; sie sind also künftig 
rechtlos! Aber auch das ist noch nicht alles. Es sollen 
Arbeitskammem geschaffen werden znr gemeinsamen Vertretung 
der Interessen aller Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Die künf- 
tige Sozialgesetzgebung, soweit sie das Arbeitsverhältnis be- 
trifft, wird von diesen Arbeitskammem ihren Ausgang nehmen. 
Diese Arbeitskammem werden sich aufbauen auf die Gewerbe- 
und die Kaufmannsgerichte, und die Hauptsache ist nun die, 
daß die Handlungsgehilfinnen auch in dieser Arbeitskammer 
nicht vertreten sein soUen. Man will uns also von jeder 
Standesvertretung ausschließen, uns hindern, unsere eigene 
Sache in die eigene Hand zu nehmen, zur Verbesserung unseres 
Loses selbst beizutragen. Wir sollen das nicht, das Weib 
schweige! Die Gleichberechtigung, die uns das neue Handels- 
gesetzbuch gebracht hat, die wir uns erworben haben durch 
treue Erfüllung unserer Berufspflichten, durch Mitarbeit unserer 
Organisationen an allen Standesfragen, welche die soziale Ent- 
wicklung in den letzten 14 Jahren vor uns aufgerollt hat, will 
man jetzt auslöschen, wir werden herabgedrückt zu Handlungs- 
gehilfen n. Grades! Der Tragweite dieses Schrittes ist man 
sich nicht bewußt^ so scheint's; denn hätte man klare Erkennt- 
nisse dessen, was man zu tun im Begriff ist, die männlichen 
Kollegen ebensowohl wie unsere Volksvertreter müßten aufstehen 
wie ein Mann und mit uns rufen: „Lieber fort mit diesem 
Gesetz, lieber mag der Kaufinannsstand Deutschlands noch 
einige Jahre länger warten auf eine eigene Gerichtsbarkeit, 
ehe man dieselbe um diesen Preis erkauft! Denn was ist der 
Preis? Man drängt große Teile des Handlungsgehilfenstandes, 
nämlich uns Frauen, die wir Vs ^üid aller kaufmännischen 
Angestellten Deutschlands, in ihrer Entwicklung zurück, zwingt 
sie nieder auf das Niveau des Lohndrückers, das zu überwinden 
wir eben angefangen hatten, zwingt sie weiter zu arbeiten für 
Löhne, die tief unter der Lebenshaltung des Mannes liegen; 
denn daß Lohnhöhe und rechtliche, resp. soziale Stellung von- 
einander abhängen, ist klar lür jeden, der sich mit volkswirt- 
schaftlichen Fragen beschäftigt hat. Statt also die ünter- 
bietung der Frauenarbeit im Handelsgewerbe auf dem einzig 



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— 217 — 

möglichen Wege, nämlich dadurch zu überwinden, daß man 
diese Lohndrückerin ungehindert zur gleichen Mitarbeiterin 
sich erheben läßt, schmiedet man sie fest auf den Standpunkt 
der Minderwertigkeit, einem Prinzip zu Liebe, das Geltung nur 
für diejenigen hat, deren Uhr um 50 Jahre stehen geblieben 
ist. Verkürzt man aber uns, drängt man uns zurück, versagt 
man uns die Teilnahme an jeder offiziellen, legalen Vertretung 
unserer Berufsinteressen, so tut man dasselbe zugleich den 
arbeitenden Frauen aller Stände, hindert man alle, zur Ver- 
besserung ihrer Lage mitzuwirken; denn man kann der Ar- 
beiterin, der Lehrerin nicht geben, was man der Handlungs- 
gehilfin versagt! Man schreibt und spricht so viel darüber, 
daß die Sittlichkeitsfrage im letzten Grunde eine volkswirt- 
schaftliche Frage ist, daß Sittlichkeit zusammenhängt mit der 
wirtschaftlichen Lage der arbeitenden Frau. Können wir an 
den Ernst jener Bestrebungen zur Hebung der Sittlichkeit 
glauben, wenn man den Frauen das einzige Mittel, sich empor- 
zuheben, aus der Hand schlägt? Es scheint, daß unser Volk 
sich wohl fühlt in dem Sumpf, in den es durch die Auswüchse 
seiner steigenden Wohlhabenheit geraten ist^ sonst müßte die 
Erkenntnis des Schadens, den man ihm, dem deutschen Volk 
als ganzem, den man uns Frauen im besonderen anzutun im 
Begriff ist^ doch wohl etwas tiefer gehen. 

Uns weiblichen Handlungsgehilfen aber, die wir den Kampf 
der arbeitenden Frauen in erster Reihe auszukämpfen haben, 
erwächst daraus die Pflicht, trotz aller Enttäuschungen die 
Waffen nicht zu strecken. Wer an der Lösung großer Kultur- 
fragen mitzuarbeiten berufen ist, muß zufrieden sein, wenn er 
den Samen der Zukunft ausstreuen darf; solche Saat aufgehen 
zu sehen, ist wenigen beschieden, es wäre vielleicht auch der 
Herrlichkeit zu viel für ein Menschengeschlecht! Darum 
mutig voran durch Mißerfolg und Unverstand, die Frau als 
gleichberechtigte Arbeitsgenossin wird und muß sich Bahn 
brechen, darin ruht unser Glaube an den sittlichen Fortschritt 
der Menschen!" 

Die Verhältnisse in England beleuchtete Miß Margaret 
G. Bondfield*London. Die Zahl der Arbeitsstunden der 



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— 218 - 

Handelsangestellten beträgt in guten Geschäften 60—68 pro 
Woche, in schlechten aber bis zu 100 einschließlich Sonntags- 
arbeit. Die Rednerin betonte, daß private Versuche, einen 
bessernden Einfluß auszuüben, nicht von genügendem Erfolg 
begleitet waren, und daß sowohl Angestellte wie die besseren 
Arbeitgeber einig sind in dem Wunsche nach gesetzlicher 
Regelung der x4.rbeitszeit. Sie beklagte, daß das System, freie 
Station als einen Teil des Gehaltes, zu geben, lohndrückend 
wirkt, und wies auf den schweren Schaden hin, den die Handels- 
angestellte durch die Bestimmung erleidet, daß der Arbeitgeber 
eiDe Referenz geben darf, die vor der Angestellten geheim ge- 
halten wird. 

Nach Notizen von Mi-s. Constance Hoster gab sodann 
Miß Emily Janes*London den folgenden, auch auf die ein- 
schlägigen deutschen Verhältnisse zutreffenden Bericht über 

Secretarial and clerlcai work as a Profession for women 

in England. 

„Duly considering the various points in connection with the 
subject which I wish to present briefly to your notice to-day, 
viz: secretarial and clerical work for women — it has 
seemed to me desirable to make special mention of two wide- 
spread fallacies which should be combated by all who are in- 
terested in this profession. 

The populär delusion that ability to write shorthand out- 
lines at a fair rate of speed and to manipulate a typewriter 
are the only essentials to success in clerical work, has induced 
a large number of half educated girls to reject the house- 
hold duties which they could learn to perform satisfactorily, 
in the vain endeavour to become lady Clerks and private secre- 
taries, positioDS which they are, except in their own judgment, 
manifestly unfitted to All. This senseless rush oi the illiterate 
into the ranks of legitimate candidates has been furthered by 
the cheap schools where shorthand and typewriting are taught 
(or not, as the case may be) for fees so small aa to be within 
the means of the poorer classes, but where, to my knowledge, 
the making of a silken purse out of a sow's ear has not yet 
been effected. 



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— 219 — 

As an inevitable result, hundreds — nay thousands of 
self-styled „Clerks" are in search of employment, or are in 
receipt of only a few Shillings a week. New from this error 
has been evolved another: that the market is over-stocked with 
so-called secretaries and Clerks (as indeed it apparently is) 
and yet (even in these times of great and universal commer- 
cial depression) if a capable cnltured and thoroughly well 
trained gentlewoman is required to All a position it is almost 
as hopeless a task to find her as it is to find an employer for 
the product of the cheap schools. For, and this is to be greatly 
deplored, the well educated are also too frequently imbued 
with the idea that shorthand and typewriting, more especially 
the latter, are subjects easily to be acquired, and that it is 
possible first to obtain employment, and then to „pick up" the 
technical details of the work. 

It is not until she seriously adopts the role of applicant 
that this type of woman discovers to her cost that the irre- 
sponsible amateur is not wanted, and that employers do not 
care to entertain the idea of training in addition to paying 
their employees. When, in these circumstances, she is without 
what is commonly known as „backbone", the aspirant drops 
out of the ranks. Given sufficient grit and ability the amateur 
promptly sets about fitting herseif for secretarial or clerical 
work by obtaining a sound technical training. The subjects 
included are numerous, beginning with shorthand. Not only 
must the Student leam to write at a high rate of speed but 
she should be so accurate that her ouüines can be read by 
herseif and also by others. This is by no means universal 
amongst shorthand writers, as there are many whose outlines 
are slovenly and indecipherable even by themselves after the 
lapse of a week or so when memory fails to aid theii* efforts 
to write a transcript. 

Then the art of typewriting, does not only mean a know- 
ledge of the keyboard and an ability to strike aU the keys in 
their right order when copying MSS. A Student should be 
instructed in the various methods of what is technically known 
as „setting out": that is, every species of matter must be 
copied in a particular form and have special margins. It can 



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— 220 — 

easüy be nnderstood that a play cannot be typed on the same 
plan as a speciflcation of works, or of an Agreement to let a 
house. Moreover lawyers' work presents special difficulties 
in as mnch as the paper in use for the copying of legal docu- 
ments varies in size, and it is reqnisite to know which size 
shonld be nsed. Then aU this knowledge having been ac- 
quired, a pupil must go a step farther and leam to duplicate 
either by means of inserting carbon sheets between the 
paper or by stenciUing, i. e. typing on wax sheets and taking 
off a nnmber of copies from an inked rotary cylinder. 

So much for the two chief essentials, into the details of 
which there is no need to enter farther, bnt there shonld cer- 
tainly be added a good knowledge of commercial French and 
German, French and German shorthand (adapted from the 
English System), bookkeeping and a thorongh training in bu- 
siness habits. To have a practical knowledge of two foreign 
langnages is invaluable, and in this respect German and French 
girls have a great advantage over English girls, who alas! 
rarely possess more than a useless smattering of any tongue 
save their own. 

Now it can readily be nnderstood that so much infoima- 
tion cannot be acquired in a very short space of time, nor by 
the payment of a very small fee, and one yeapat least should 
be devoted to technical training. The very best training is 
to be obtained in a good copying office, where the work is 
necessarily more varied than elsewhere, and where the Student, 
after her novitiate is successfally over, may have the Stimulus 
and experience of working for Clients, whilst she has the advan- 
tage of the teacher's supervision to correct her error. This 
gives confidence and when obtaining paid employment a Student 
is far better equipped than if her Instruction had only been 
theoretical and not practical. She can ask, as her right a 
higher salary, which her employer will be only too willing to 
give if he finds she can deal with his work in a capable sen- 
sible manner, and without continuous reference to himself with 
little details. 

From 30/ — to ^ 3 a week and upwards are the sala- 
ries usuaDy paid to competent women, the amount varying 



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according to their abilities 
they possess and responsibü 

I have already alluded 
has necessitated the dismiss 
but again it must be said 
the advantage over inefficie 
will be retained. 

All women employed or 
clerical profession should al 
and in no circumstances un 
cutting of salaries or rates 
a woman has her parents' h 
other means of subsistence 
those less blessed by fortun 
women whose profession thü 
fairly and support and upho 
other possible respect" 

Aus Frau Astrid P 
die Lage der weiblichen B 
ging hervor, daß erst seit ki 
hagen gegründet wurde und 
weibliche Handlungsgehilfen 
günstiger gestaltet haben. 
Berufen sind vorläufig imme 
auch hier eifrig daran gearb 
Handlungsgehilflnnenverein 
emsige Tätigkeit in diesem 

Den zweiten Punkt de 
der Bahn-, Post- und 
den verschiedenen Ländern. 
Gronemann^Wien über 

Die Lage der Bea 

„Um die Lage der Beai 
zu machen, ist es notwendig 
zirka 30 Jahren erfolgte Ans 
in Bureaus und Ämtern nie! 
Kampfes um Zulassung der 



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— 222 — 

lediglich darauf zurückzuführen ist, daß man für minder- 
wertigere Arbeitsverrichtungen und Manipulationen billige 
Arbeitskräfte verwenden wollte. So fanden die Töchter und 
kinderlosen Frauen, später auch Witwen und Waisen von Be- 
amten und Angestellten des Staates, denen man damit schein- 
bar auch die Sorge um ihre Familien erleichterte, bei der 
Telegraphen- und Postdirektion Anstellung. Der gleiche Vor- 
gang vollzog sich bei einigen Bahnen und bei verschiedenen 
anderen Instituten. Alle diese Frauen hatten nur die Volks- 
schulbildung, die älteren hatten noch nicht die Neuschule be- 
sucht, keine war beruflich vorgebildet. 

Als im Laufe der Jahre, durch den wirtschaftlichen Druck 
hervorgerufen, ein immer größerer Zuzug von weiblichen Ar- 
beitskräften stattfand, unter den Nachkommenden intelligente 
Kräfte sich anboten — es waren einstweilen auch die gewerb- 
lichen Fortbildungsschulen und Privathandelsschulen entstanden 
— und sich die Agenten in den einzelnen Bureaus durch die 
in den 90 er Jahren immer mehr zunehmende Ausbreitung des 
Handels und Verkehrs ungeheuer vermehrten, und vielleicht 
auch nicht ganz unbeeinflußt durch die Zeitströmung, versuchte 
man die billige weibliche Arbeitskraft auch zu verantwortungs- 
volleren Dienstleistungen zu verwenden. Das Experiment ge- 
lang durch besondere Spannkraft und Ausdauer, trotz oft un- 
genügender Vorbildung, bei einzelnen ausgezeichnet^ bei vielen 
befriedigend, und für die übrigen blieb eben die Durchschnitts- 
arbeit. 

So kam es, daß eine große Anzahl der Beamtinnen in 
Österreich in den letzten 10 bis 15 Jahren in ihrer Verwend- 
barkeit und in ihren Leistungsmöglichkeiten einen bedeutenden 
Weg nach vorwärts machte, während durch das Festhalten an 
dem ursprünglichen AnsteUungsmodus aber ihre Entlohnung 
und die Bewertung ihrer Arbeitsleistung sich nur schrittweise 
verbesserte. Dieses charakteristische Moment finden wir bei 
allen 3 Beamtinnengruppen in Österreich: bei den beim Staate 
bediensteten Frauen, bei den weiblichen, nach bestimmten 
Statuts bei Privatanstalten und GeseUschaffcen Angestellten — 
wie Bahnen, Banken, Versicherungsanstalten usw. — und bei 
den in den verschiedenen Privatbureaus und Kontors ver- 



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— 223 — 

wendeten Frauen, wenngleich bei der letzten Gruppe noch am 
ehesten infolge der freien Konkurrenz eine individuelle 
Bewertung stattfindet. 

Einige ganz kurze, oberflächliche Daten werden meine 
Ausfuhrungen illustrieren, wenn ich auch in der kurz be- 
messenen Zeit auf eine vielleicht notwendige Kritik verzichten 
muß und nur die Tatsachen vorbringen kann. Die vom öster- 
reichischen Staate angestellten Frauen rekrutieren sich aus 
den seit dem Jahre 1871 aufgenommenen Telegraphistinnen, 
den Postmanipulantinnen, den Telephonistinnen, den Posthilfs- 
beamtinnen, den Manipulantinnen bei den k. k. österr. Staats- 
bahnen und den seit 1892 auch bei der Polizeidirektion ver- 
wendeten Manipulantinnen. ;Von den 3 erstgenannten, die jetzt 
die Post- und Telegraphenprfifang abzulegen haben, sind der- 
zeit in Wien zirka 3000 angestellt. Ursprünglich hatten die 
Telegraphistinnen 20 fl. monatliches Gehalt, die Postmanipu- 
lantinnen 1 fl. Taggeld. 1881 erhielten beide 30 fl. Monats- 
gehalt und seit 1900 beziehen sie sowie die Telephonistinnen, 
nachdem in verschiedenen Intervallen Gehaltsaufbesserungen 
erfolgten, von der 3. nach 5 Jahren erreichbaren Gehaltsstufe 
von 70 K an in Quadriennien monatlich 10 K mehr, so daß 
der Höchstgehalt von 150 K monatlich in 37 Dienstjahren 
erreicht werden kann. Die Posthilfsbeamtinnen haben etwas 
höhere Bezüge und zwar seit 1902 je nach dem Dienstorte 
800 bis 950 K Anfangs- und als Höchstgehalt 1600 bis 1900 K 
jährlich. 

Seit dem Jahre 1903 hat der Staat die Altersversorgung 
der Manipulantinnen und Hilfsbeamtinnen übernommen. Ihre 
Beitragsleistung beträgt 2 % der jeweiligen Pensionsgrundlage. 
Nach 35 Dienstjahren bei erreichtem 60. Lebensjahre haben 
sie Anspruch auf das höchste Ausmaß, d. i. auf die volle je- 
weilige Pensionsgrundlage. Die höchste beträgt 1550 K. 

Alle genannten weiblichen Angestellten des Staates haben 
bei Eingehen der Ehe den Dienst zu kündigen. Das Heirats- 
verbot haben mit den Staatsbeamtinnen die meisten bei Privat- 
instituten angestellten Beamtinnen gemein. Uneheliche 
Mutterschaft zieht häufig das Verlieren der Stellung 
nach sich. 



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— 224 — 

Bei den Privatangestellten haben wir, was Entiohnüng, 
Arbeitsleistung, Alters- und Krankenversorgung anbelangt, 
ungleich kompliziertere Verhältnisse. So sind bei den 6 in 
Wien ihren Sitz habenden Eisenbahnen (5 Privatbahnen und 
die k. k. österr. Staatsbahnen), die zusammen zirka 1000 weib- 
liche Bureauangestellte zählen, gänzlich verschiedene Normen. 
Die meisten stellten ursprünglich, 1870, ihr weibliches Bureau- 
personal mit 1 fl. Taggeld an, die Staatseisenbahngesellschaft, 
1888, mit 80 Kreuzer. Heute beziehen die Manipulantinnen der 
k. k. österr. Staatsbahnen als Anfangsgehalt 70 K monat- 
lich, der in 4 Stufen nach 10 Jahren auf 110 K steigt. 
Kassabeamtinnen und gut qualifizierte erhalten eine Zulage 
von 10 K monatlich. Seit 1894 sind diese Angestellten in 
das Provisionsinstitut aufgenommen. Sie zahlen 4^^ ihres 
Gehaltes ein, nach 35 Dienstjahren erwerben sie Anspruch auf 
ihren vollen Gehalt als Pension. 

Von den weiblichen Bediensteten der Privatbahnen stehen 
materiell am günstigsten die Angestellten der Kaiser-Ferdinands- 
Nordbahn. Sie werden als Diumistinnen mit einem Diumum 
von 3 K angestellt^ und seit 1899 können sie nach 6 Monaten 
bei befriedigender Dienstleistung als Kanzlistinnen in den 
Status der Unterbeamten eingereiht werden. Als solche ist 
ein Höchstgehalt von 2000 K Quartiergeld 720 K. in 27 Dienst- 
jahren erreichbar. Allerdings ist diese Einrichtung nur für die 
jungen Beamtinnen von Bedeutung, den älteren ist die Er- 
reichung der höheren Gehaltsstufen durch die vorgeschriebene 
Wartezeit versagt. 

Seit 1902 wurde die Provisionsberechtigung auch diesen 
weiblichen Bediensteten zuerkannt, die 25 7o ihr^s Gehaltes in 
25 Monatsraten und dann fortlaufend 7 7o zu leisten haben. 
Anspruchsberechtigung auf den vollen Gehalt als Pension wird 
nach 35 Dienstjahren erreicht. 

Die Nordbahn ist eines der wenigen Privatinstitute und 
die einzige Bahnanstalt überhaupt, die ihren weiblichen An- 
gestellten das Verbleiben im Dienste bei Eheschließung ge- 
stattet. In diesem Falle verlieren die Kanzlistinnen aber den 
Anspruch auf die Pension als Beamtin. 

Ungünstiger sind die Bezüge der Beamtinnen bei den 



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— 225 — 

übrigen Bahnanstalten. Bei der Südbahngesellschaft ist seit 
1883 der Vorrückungsturnus von 60 K Anfangsgehalt in 
3 Stufen bis zn 960 K Gehalt und 240 K Quartiergeld pro 
Jahr festgesetzt. Diese Bezüge werden jetzt nach lOjähriger 
Dienstzeit erreicht. Seit 1900 ist eine weitere Gehaltsstufe 
mit 1080 K errichtet, für deren Erreichung in der Regel einö 
20jährige Dienstzeit erforderlich ist. Die Kassenbeamtinnen 
beziehen Zulagen von 10, 15 und 20 K monatlich. Pensions- 
berechtigt sind diese Angestellten nicht, sie haben in den ge- 
sellschaftlichen Sparfonds 5 7o ihres Grehaltes einzuzahlen. Sie 
werden gleichwie die weiblichen Angestellten der Nordwest- 
bahn und der übrigen Anstalten, die für ihre Beamtinnen keine 
Altersversorgung vorgesehen haben, auf die obligatorische 
Pensionsversicherung der Privatbeamten verwiesen, deren Ge- 
setzentwurf in Vorbereitung ist und auch auf die weiblichen 
Angestellten Anwendung finden wird. Die Staatseisenbahn- 
gesellschaft hat für ihre Beamtinnen eine nicht obligatorische 
Invaliditätsversorgung vorgesehen. 

Im Rahmen der zuletzt besprochenen 2 Gehaltsnormen 
bewegen sich auch die Bezüge der bei den übrigen Bahnen 
angestellten weiblichen Bureaubediensteten. Bei den anderen 
Privatinstituten treffen wir ähnliche Gehaltsverhältnisse, wenn 
auch bei manchen der Anfangsgehalt oft noch niedriger — 
mit 50, 40 und 30 K — bemessen ist und der Höchstgehalt 140 K 
monatlich fast nie übersteigt. 

Bei einigen Bahnen muß eine Aufnahmeprüfung abgelegt 
werden, Handelsschulen oder eine sonstige Vorbildung werden 
verlangt. Die Bahnbeamtinnen finden Verwendung in den ver- 
schiedenen Zweigen des Verrechnungsdienstes, im Kassendienst^ 
beim Konzept u. a. m. Im Jahre 1901 gestattete das Eisen- 
bahnministerium die Verwendung von weiblichen Angestellten 
im Betriebsdienste, und es hat bald darauf die Bozen-Meraner 
Bahn und 1903 die Mendelbahn eine Stationsleiterin angestellt 
Stellen wir die Gehaltsverhältnisse der zwei besprochenen Be- 
amtinnengruppen denen der 3. Gruppe, den in Privatbureaus 
und Kontor angestellten, gegenüber, so sehen wir die Tat- 
sache, daß diese Frauen im Verhältnisse viel eher — bei 
Tüchtigkeit, Intelligenz und besserer Vorbildung, und kon- 

Frauenkongreß. 15 



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— 226 — 

kurrenzfähige Firmen vorausgesetzt — eine entsprechendere 
Bewertung ihrer Arbeitsleistung durch bessere, an keine 
Wartezeit gebundene Entlohnung finden. 

Es erscheint mir wichtig, auf dieses Moment hinzuweisen, 
da es zeigt, daß die freie Konkurrenz günstigere Bedin- 
gungen für die individuelle Bewertung der Beamtin schafft 
Wir finden hier Löhne von 20 K bis 200 K monatlich und 
noch höher, wenn wir auch andererseits allerdings hier den 
erhöhten Konkurrenzkampf nicht übersehen dürfen. 
Überall aber, wenige vereinzelte Fälle ausgenommen, beziehen 
die Frauen weniger Gehalt als die Männer, ob es sich nun um 
qualifizierte oder unqualifizierte Arbeitsleistungen gleicher 
Kategorie handelt. 

Die Arbeitszeit der Beamtinnen und Angestellten würde 
ein eigenes Kapitel beanspruchen, ebenso die Lebenshaltung 
derselben. Wir finden 6V2 bis 12 und 14 tägliche Arbeits- 
stunden, mit 20 Heller bis zu 1 K bezahlte und unbezahlte 
Überstunden, bezahlte und unbezahlte Hausarbeit. In den 
meisten Fällen — 70% der Beamtinnen im Alter unter 30 
Jahren erreichen das Existenzminimum von 1200 K gewiß 
nicht, sondern müssen mit viel niedrigeren Einkünften das Aus- 
langen finden — ist die Lebenshaltung eine ganz ungenügende, 
besonders dort^ wo die Beamtin auf sich allein angewiesen ist, 
oder wo diese noch für Angehörige zu sorgen hat. Wir haben 
in Österreich bereits organisierte Beamtinnengruppen und ich 
bemerke hier mit Genugtuung, daß diese Organisationsbestre- 
bungen von den betreffenden Angestellten selbst mitgeleitet 
werden. Als besondere Schwierigkeit für die Organisations- 
arbeit ist anzusehen, daß die jungen Mädchen ihre Anstellung 
nur als vorübergehend betrachten. Trotzdem sind seit 1900 die 
im Staatsdienste angestellten Frauen organisiert, bei den Bahnbe- 
amtinnen und einigen anderen Privatangestellten sind ebenfalls 
Ansätze von Fachorganisationen vorhanden. Alle Organisations- 
bestrebungen der Beamtinnen arbeiten im wesentlichen darauf 
hin, daß auch die weiblichen Angestellten für entsprechende 
Leistung entsprechende Entlohnung finden und ihnen die not- 
wendigen Fachbildungsmöglichkeiten gegeben werden. Dann 
werden die Beamtinnen in Österreich für ihre Berufspfiichten, 



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— 227 — 

ihren Stand und nicht znletzt für das Gemeinwesen tüch- 
tiges leisten können, und in diesem Sinne ist dieser Kampf 
um wirtschaftliche Güter ein Kampf um Ideale." 

Fräulein Dr. Schirmacher-Paris machte über die fran- 
zösischen Beamtinnen Angaben, die deren Lage auch grau in 
grau erscheinen lassen. Seit 30 Jahren existieren Frauen als 
Beamtinnen. Sie haben durchschnittlich 3 Frcs. Tagelohn und 
keine Aussicht auf Avancement. 15000 Post- und Telegraphen- 
gehilfinnen stehen 16000 Männern gegenüber; jene haben 1000 
bis 3000 Frcs. und Amtswohnung; die besserbezahlten Stellen 
werden nur mit Männern besetzt. Die Männer erhalten 1500 
bis 4500 Frcs. Kaution müssen beide stellen. Nach 30 Dienst- 
jahren erhalten die Beamtinnen Pension mit % ihres Gehaltes. 
Das Heiratsverbot für Beamtinnen existiert in Frankreich nicht. 
Verheiratete Lehrerinnen und Postbeamtinnen sind sogar be- 
liebt. Die AutoritätssteUen werden meist mit Männern besetzt, 
weü — die Frauen einer Frau weniger leicht gehorchten! 
Das ist ein beherzigenswerter Fingerzeig. Schwatzhaftigkeit 
und Nachlässigkeit im Dienste herrschen erwiesenermaßen 
nicht weniger bei französischen Beamten als bei Beamtinnen. 

Fräulein Rosika Schwimm er «»Budapest berichtete von 
den ungarischen Post- und Telegraphenbeamtinnen, deren es 
jetzt 4500 gibt. Als Postmeister (Leiter von Postämtern) 
figurieren 2180 Frauen und nur 1080 Männer. Nur in die 
erstklassigen Ämter werden Frauen nicht zugelassen; ent- 
wickelt sich aber ihr Amt zu einem solchen, so können sie 
bleiben. Sogenannte Manipulantinnen gibt es 490 mit 
Gehalt bis 1200 K und entsprechender Quartierzulage. Das 
Cölibat wird nicht gefordert; ja es gab erst sogar Zulage für 
größere Kinderzahl, die später in eine allgemeine Teuerungs- 
zulage umgewandelt wurde. Nach 40 Dienstjahren wird voUe 
Pension erreicht. 1436 „Expedientinnen" existieren mit 
einem Gehalt bis 1800 K. Die Diurnistinnen erhalten 
2 K täglich, sie haben weder Pensions- noch Kündigungs- 
rechte. Die gesellschaftliche Bewertung der erwerbenden 
Frauen ist sehr gering, besonders die der Post- und Tele- 
graphenbeamtinnen. Daran sind diese aber z. T. selber schuld, 
weil sie noch zu wenig zur Hebung ihres Standes tun, vor 

15* 



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- 228 - 

allem, weil sie aus Scheu vor den Behörden so schwer zu einer 
Organisation zu bewegen sind. 

In der Diskussion bestätigte Fräulein Gronemann, daß 
leider die Frau als Beamtin der Frau als Vorgesetzten nicht 
immer den nötigen Respekt entgegenbringt, daß aber auch die 
Frau nicht weniger als der Mann als Autoritätsperson zu Über- 
griffen neige. Fräulein Adele Gerb er »Wien berichtete über 
eine Petition der Sektion der Post- und Telegraphenbeamtinnen 
des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins an die öster- 
reichische Regierung betreffend Gehaltsteigerung, gleiche Avan- 
cementsmöglichkeit, Dienstpragmatik u. a. Die Schließung der 
Postämter am Sonntag ist ein Erfolg der Sektion, ebenso wie 
andere kleinere Vorteile. Frau Wynaendts-Francken- 
Dyßerinck^Haag teilte als Kuriosum mit, daß in HoUand 
die verheirateten Frauen vom Postdienst ausgeschlossen 
seien aus Gründen der — Sittlichkeit. Zu erklären sei diese 
eigentümliche männliche Logik nicht. 



Donnerstag, den 16. Juni. 



Krankenpflege. 

Frau Elsbeth Krukenberg'Kreuznach leitete die Ver- 
handlungen mit einem geschichtlichen Rückblick ein. Bis 1870 
hätten die Krankenpflegerinnen in Deutschland entweder einer 
kirchlichen Organisation angehört, oder sie seien einfache 
Wärterinnen ohne Vorbildung gewesen. Krankenpflege als 
Beruf war wenig geachtet Durch die Gründung der Roten 
Kreuz-Verbände habe man zuerst mit dem Prinzip der bloßen 
Liebestätigkeit gebrochen und eine bescheidene Entlohnung 
gefordert; immerhin aber wirken die kirchlichen Grundsätze 
des vollkommenen Verzichts auf eigenen Willen und auf jede 
individuelle Lebensgestaltung auch jetzt noch nach. Dadurch 
sei eine bedauerliche Abneigung gegen den Pflegeberuf hervor- 
gerufen worden. Die ältere Richtung hat nun in den neuen 



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— 229 — 

Pfiegerinnenverbänden ein Gegengewicht gefunden. Vor lö 
Jahren gründete Professor Zimmer den evangelischen Diakonie- 
verein, ferner traten städtische Schwesternschaften ins Leben ; 
zahlreiche Schwestern hielten sich aus durchaus zu recht- 
fertigenden Gründen auch von diesen Verbänden fem und 
bildeten genossenschaftliche Vereinigungen, unter denen die 
Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutschlands mit 
dem Sitz in Berlin die bestorganisierte ist. 

Mrs. Bedford-Fenwick^England sprach sodann über 
das Thema: 

Trained Nursing as a Profession for Women, from an Educa- 
tional, industriai, and Social Aspect. 

„It is scarcely necessary to remind the present audience 
that it was in the year 1836 Frederica Fliedner, wife 
of the Pastor of Kaiserswerth, animated by the love of her 
kind, and the faith which removes mountains, bought a house 
with borrowed capital, and, in spite of Opposition from the 
mayor and people of the place, converted it into a hospital for 
the reception of the sick, in which women could be trained in 
the work of nursing without being subjected to the horrors 
abounding in the hospitals of the time. The great work 
accomplished by this woman of genius in her short span of 
life has extended its beneficence to our own day, and no 
trained nurse can stand upon German soil without recalling 
that is was in this country that the foundations of the modern 
System of nursing were laid. It was at Kaiserswerth that our 
own great Elizabeth Fry, and later Miss Florence Nightingale, 
studied the principles underlying the work which had proved 
a Signal success, and adapted them to the needs of our own 
country, which in its tum handed them on to the great American 
Republic. Thus, wherever nursing exists, as a skilled profes- 
sion for women, the name of Frederica Fliedner must be held 
in honour and veneration. 

In what good stead the knowledge gained at Kaiserswerth 
served Miss Nightingale in her subsequent work in the Crimea 
all the World knows, and in 1857 she founded, in connection 
with St. Thomas's Hospital, the Nightingale Training-school 



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— 230 — 

for Nurses, with money raised by public subscription as a 
testimonial to her work there. Since that date nearly every 
hospital in Great Britain has claimed to be a training-school 
for nurses, for it speedily became apparent, not only that the 
nursing of the sick could be more efficiently performed by this 
method, but also that the System was a most economical one. 

While progress has been made in many hospitals on in- 
dividual lines, we have as yet no co-ordinate system of training 
or Standard of Instruction, and we are now confronted by the 
fact that the very success of the training-school method has 
occasioned a new danger, for nearly every hospital, whether 
general or special, whether possessing the means of affording 
a thorough nursing education or not, and even many nursing 
homes, advertise for, and obtain, probationers, and subsequently 
confer certificates upon them, while the public has no means 
of distinguishing between a valuable and a valueless certificate. 

What is therefore needed is the establishment of a minimum 
Standard of education, to which all pupils must attain before 
being allowed to describe themselves as trained nurses, or to 
undertake professional work as such, and, further, that training- 
schools must show to a recognised authority that they are able 
to provide the necessary experience and Instruction before 
being allowed to rank in this capacity. But while the hos- 
pitals have for long claimed to be something more than mere 
hospices for the reception of the sick, there is a very strong 
disinclination on the part of many hospital managers to rate 
nurses as anything but domestic workers, to provide facilities 
for their professional education, and to evolve an efficient 
curriculum. 

The cause of this disinclination is, no doubt, ignorance on 
the part of the majority of hospital managers of the require- 
ments of this special brauch of their work. They are, as a 
rule, men of business, and philanthropists ; competent flnanciers, 
but unversed in educational methods and requirements. Further, 
the exclusion of women, with few exceptions, from hospital 
boards eliminates the domestic element which is so great a 
factor in the efficient nursing 

Those who advocate the 



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— 231 — 

profession for cultured women see in the trained nurse the 
most important instrament in the hands of the medical prac- 
titioner, and hold that, to produce the best, the woman who 
enters the training-school shonld possess high mental, moral, 
and physical qualifications; that, on the other hand, it is the 
duty of the training-school to provide its pupils with a thorough 
education in nursing, which, to be efflcient, must comprise a 
knowledge of the scientific principles on which such education 
is founded; that the better educated the pupil, the more likely 
she is to do credit to the profession which she enters, and, 
therefore, they claim that to attract a high type of woman 
the term „trained nurse" should have a definite value, and 
that the names of those who are entitled to use it should be 
placed on a Register authorised by the State. 

Many misconceptions have, in the past, obscured the real 
issues which are involved in the demand of trained nurses for 
legal registration. It is well, therefore, at the outset to make 
it piain that the movement is primarily an educational one, 
although it undoubtedJy has other aspects. 

The Educational Aspect. 

Nursing, in the modern acceptation of the term, has been 
evolved by the immense advances made by medicine and 
surgery during the last half-century, and it has grown in 
importance and usefalness coincidently with the development 
of those Sciences. It has, therefore, become necessary that the 
modern nurse must be educated on lines which are capable of 
developing her powers of scientific accuracy in Observation and 
report, as well as her technical skill and her personal respon- 
sibility and conscientiousness in the fulfllment of her duties. 

The necessity for skiUed assistance in the execution of 
modern medical and surgical methods of treatment has caused 
the great and ever-growing demand for women specially edu- 
cated to undertake and carry out efficiently such responsible 
work. But here we are at once confronted with the fact that 
the term „Trained Nurse" has at present no definite meaning, 
seeing that there is no minimum Standard to which such nurses 
are required to attain, and no uniformity whatever either in 
the length or the methods or the subjects of nursing education. 



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— 232 ~ 

So that, as a matter of fact, any woman can to-day describe 
herseif, and can pretend to act, as a trained nurse. 

Those who desire that a more uniform and complete sj^stem 
of education for nurses should be adopted are often accused of 
advocating Instruction which is merely theoretical; but the 
advocates of nursing reform realise keenly not only that 
effliciency demands the production of the best practical workei-s, 
but also that these cannot be obtained unless they possess a 
sound f oundation of theoretical knowledge ; and, moreover, wide 
experience has proved iiot only that practical ability must be 
based on such theoretical knowledge, but also that the latter 
should be acquired before the nursing pupil begins her prac- 
tical or clinical training. It is believed by those who have 
carefnlly considered the question that nursing education in the 
future can only be properly systematised by obtaining an Act 
of Parliament which would provide for the formation of a Cen- 
tral Nursing CJouncil, representative of all the interests involved, 
which would define and enforce a minimum and uniform curri- 
culum of nursing education, which would appoint examinere 
and confer a recognised qualification in nursiug upon those who 
attain to the required Standard of knowledge and efficiency, 
which would maintain a public Register of the nurses so quaÜ- 
fled, and would possess the power to remove from that Register 
the name of any nurse who proved herseif unworthy of profes- 
sional tinist, thus maintaining the professional discipline which 
is every year becoming more essential. 

When nursing education is controUed by a Central Nui^sing 
Council, it appears probable that its course would fall into 
three main divisions. For example, there would be preliminary 
training-schools where the theoretical principles underlying the 
practice of nursing would be taught; such, for instance, as 
elementary anatomy, physiology and bacteriology, personal and 
domestic hygiene, domestic science, dietetics, invalid cookery, 
the preparation of practical appliances required for the treat- 
ment of the sick, the practice of bandaging, and the best 
aseptic methods of preparing instruments and dressings. 

Having passed her examinations and obtained a certificate 
from a preliminary school, a nursing Student would then be 



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— 233 — 

eligible to offer herseif for clinical training in the wards of 
the various hospitals. 

The next, and the most important, step in the education 
of a nurse would be practica! instruction in hospital wards in 
the actual care of the sick. The term of practical clinical 
work should extend over a period of three years, during which 
time the pupil shonld have the advantage of carefol training 
under skilled teachers, who, in addition to being registered 
nurses, are qnalified for the special work of imparting know- 
ledge to others. The course should consist of instruction in 
medical, surgical, and obstetric nursing in all their branches, 
and must include the management of the ward, and of the opera- 
ting theatre and its ännexes. 

Finally, in order to qualify women to All administrative 
posts in the nursing world, post-graduate courses are undoub- 
tedly required in which special instruction both in the art of 
teaching and in the details of hospital superintendence would 
be given by qualified instructors. It is also essential that 
trained nurses engaged in private and in district nursing, and 
in other branches of the work, should be enabled to obtain 
post-graduate instruction, and so keep in touch with modern 
improvements and methods. 

In Short, therefore, preliminary, clinical, and post-graduate 
training is required in order to organise modern nursing edu- 
cation in the best and most complete manner. 

The costliness of such a curriculum cannot be overlooked^ 
and the financial aspect, therefore, demands attention. But 
education, to be efficient, must always be costly, a fact which 
has been recognised in every civilised country by making it 
a matter of State concem and Subvention, and by the endow- 
ment of Colleges and universities by public benevolence. It is 
a fair argument, therefore, that the recipients of a nursing 
education should always be prepared to pay a substantial Pro- 
portion of the cost, seeing that it qualifies them for the exer- 
cise of a remunerative profession. Yet this brauch of educa- 
tion, being of national importance and usefulness, might legi- 
timately expect assistance from the State and from the public. 
In Support of this contention, it is claimed that both medical 



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— 234 — 

and nnrsing edncation shonld be made as perfect as possible, 
both for the sake of the public at large and of special sections 
of the Community under the care of State departments. It 
may also be urged that preventive medicine and nursing are 
of the greatest economic value to the nation, and that, as a 
matter of business, State aid and private benevolence, by 
securing greater efficiency in the prevention of disease, and in 
the care of the children, would be amply repaid by the con- 
sequent conservation of the national health and wealth. 

So far, much of the cost of the education of nurses has 
fallen upon the charitable public who subscribe to our hospi- 
tals, and there is increasing evidence to show that this source 
of income is more likely to diminish than to increase in the 
fature; while, on the other band, there is a more general feeling 
that parents must be prepared to discharge their financial 
responsibility for the education of their daughters as well as 
of their sons. In the days when nurses were merely domestic 
drudges, when they leamed but little and were taught less, 
when they were housed in discomfort, fared hardly, and attended 
on themselves, it was only reasonable that they should receive 
a salary in retum for the work which they performed. Now 
they are, for the most part, comfortably, even luxuriously 
housed, in well-appointed Nursing Homes; a reasonable amount 
of domestic service is provided for them; they receive an 
increasing amount of expert Instruction in their work to qualify 
them for the practice of their profession; they are relieved of 
much of the heavy ward work which formerly devolved upon 
them, and they are provided with uniform and washing. Is 
it not reasonable, therefore, that while their Services are un- 
skilled they should themselves pay part of the heavy cost of 
their education and their maintenance? while State aid and 
private benevolence might provide the remaining necessary 
endowment of the nursing Colleges — ^for such Nursing Homes 
undoubtedly should be. We must also look to the same sour- 
ces for the endowment of preliminary and post-graduate courses. 

It must not be overlooked that the educational aspect of 
the nursing question is keenly appreciated both in our Colonies 
and in the United States of America. In the latter, indeed. 



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— 235 — 

preliminary and post-graduate courses are already in Operation 
in connection with many educational institutions. And in three 
of OUT Colonies and in flve of the American States Registra- 
tion has been enacted by law. In New Zealand, a minimum 
cnrricnlum has been deöned and uniform nnrsing examinations 
are conducted, the subsequent registration of successfol can- 
didates being nndertaken by the State. In Anstralasia, nurses 
are well organised, and it is proposed at an early date to in- 
vite Parliament to consider similar legislation. In Cape Colony 
and Natal, Acts of Parliament have been passed providing for 
the education and registration of trained nurses. In Great 
Britain, the Society for the State Registration of Trained 
Nurses, founded solely for the purpose of obtaining an Act of 
Parliament with this end, has done good work in this direc- 
tion. During the two years of its existence it has secured 
the adhesion of over 1,200 nurses as members, and a BiU has 
been introduced into the House of Commons. 
The Industrial Aspect. 

Time wiU not permit of any exhaustive consideration of 
the industrial aspect of this question, but it must be pointed 
out that the present lack of Organisation is cruelly unjust to 
well-trained nurses. Not only have they to compete industri- 
aUy on equal terms with the half-trained or entirely unskilled 
women who are able to assume the same title as themselves, 
but they have also to bear the public distrust occasioned by 
the ignorance of such women. 

The Social Aspect. 

It is significant of the importance of the trained nurse 
as a factor of modern civilisation that her Services are caUed 
for in many branches of work. She is to be found in Great 
Britain in hospitals and Poor Law infirmaries. and asylums 
for the insane; working in connection with the Queen Victoria's 
Jubilee Institute and other agencies in the homes of the 
poor; under Queen Alexandra's Imperial Naval and Müitary 
Nursing Services in hospitals at home, abroad, and in India; 
and under the Colonial Nursing Association in the Colonies 
of the Empire. It is noteworthy, that all the above-named 
Services and Societies are governed by Central Boards. This 



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— 236 — 

System of government has been found productive of discipline, 
Order, and, consequently, of prestige, and does for sections of 
nnrses what wonld be accomplished for the whole profession 
by a Central Governing Body. 

Events now passing before us show that the nations are 
awaking to the need of greater ef&ciency in labour of all 
kinds, and that the brain povrer of a nation is a priceless 
asset and demands all the help and encouragement which the 
national wealth can give it. The eloquent words of Sir Nor- 
man Lockyer in his presidential address to the British Asso- 
ciation seem to be particularly apposite tor our subject: — 

"Statesmen and politicians will have in the futnre to pay 
more regard to education and science as Empire builders and 
Empire guardians than they have paid in the past. . . . We 
have not leamed that it is the dnty of a State to organise 
its forces as carefolly for peace as for war; that universities 
and other teaching centres are as important as battleships 
or big battalions— are, in fact, essential parts of a modern 
State's machinery, and, as such, to be equally aided and as 
efficiently organised to secure its futnre wellbeing. . . . What 
is wanted is a complete Organisation of the resources of the 
nation, so as to enable it best to face all the new problems 
which the progress of science, combined with the ebb and 
flow of Population and other factors in international com- 
petition, are ever bringing before us. Every Minister, everj^ 
public department is involved; and, this being so, it is the 
duty of the whole nation — King, Lords, and Commons— to do 
what is necessary to place our scientific institutions on a 
proper footing in order to enable us to face the musitf wha- 
tever the future may be." 

Über die Verhältnisse in den Vereinigten Staaten teilte 
Miß L. L. Dock mit, daß dank der vollkommenen Freiheit 
der Krankenpflegerinnen ihre Organisation groß geworden sei; 
Lokalverbände von oft nicht mehr als 10—20 Mitgliedern 
seien in einem Nationalverband von 6000 Mitgliedern vereinigt. 
Auch in den Ver. Staaten sei das Hauptgewicht und die 
Hauptanstrengung auf die Einführung staatlicher Prüfungs- 
ordnungen gerichtet, die bereits in 5 Städten erreicht ist. 



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mSJUJk:^'**^ 



— 237 — 

Die Schwesterverbände streben jetzt nach internationaler Ver- 
einigung, Amerika habe dazu die Anregung gegeben und die 
deutschen Schwestern seien ebenfalls zum Anschluß bereit 

Madame Alphen Salvador* Frankreich sprach über die 
„Lycfees et Colleges des jeunes Alles," die vor einigen Jahren in 
Paris organisiert wurden. Diese Lyc6es befassen sich damit, 
junge Mädchen besserer Kreise in der Krankenpflege auszu- 
bilden. Sie sind international und interkonfessionell. Die 
Schülerinnen erhalten durch die ersten Professoren sowohl 
theoretische als praktische Ausbildung in den Spitälern. Um 
auch auf die Charakterentwicklung der Schülerinnen einen 
Einfluß auszuüben, sind allwöchentliche Besprechungen wich- 
tiger Fachfragen eingerichtet. Auch für Kranken- und Inva- 
lidenversicherung ist in den Organisationen gesorgt, ebenso 
wird Armenpflege ausgeübt. Die Lyc6en gelten als Muster- 
anstalten, und in Zukunft soU die Ausbildung der Pflegerinnen 
aller Spitäler in Frankreich in ähnlicher Weise durchgeführt 
werden. 

Schwester Agnes Kar 11* Berlin sprach über 

Die zukQnftige Ausbildung der deutschen Kranlcenpflegerinnen. 

„Kaum in einem Beruf ist die Persönlichkeit, der Charakter, 
die Veranlagung von so großer Bedeutung wie im Pflegeberuf, 
da in keinem anderen so unmittelbar und dauernd aui das 
lebendige Menschenmaterial eingewirkt wird, wie in diesem. 
Nicht nur für einige Stunden — wie etwa im Lehrberuf der 
Schüler unter dem Lehi*er — steht der Kranke unter dem Ein- 
fluß des Pflegenden, sondern Tag und Nacht ist er von dem- 
selben abhängig, mit allen leiblichen und seelischen Nöten, 
Leiden und Gebrechen. Es kann also bei der Wahl dieses 
Berufes nicht ernstlich genug geprüft werden, ob die nötigen 
Eigenschaften des Geistes und Charakters, Entsagungs- und 
Anpassungsfähigkeit vorhanden sind, um die Verantwortung 
für Menschenleben auf sich zu nehmen, in den schwersten 
Stunden körperlichen und geistigen Leidens ruhig und mutig 
auszuhalten und die Kranken und ihre Angehörigen aufzu- 
richten, bei plötzlichen Schwierigkeiten nicht die Geistes- 
gegenwart zu verlieren, nicht nur nach allen Richtungen für 



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— 238 — 

die Kranken zu sorgen, sondern auch auf die Erhaltung der 
eigenen Leistungsfähigkeit — ein viel zu wenig beachteter 
Punkt — richtig Bedacht zu nehmen. Es kann auch nicht 
oft genug betont werden, daß die Pflegeschiilerin nicht zu 
jung sein darf. 18— 20jährige Mädchen können unmöglich 
die erforderliche körperliche und seelische Widerstandsfähig- 
keit haben, und das frühe Versagen und Zusammenbrechen 
ist entschieden am häufigsten auf einen zu frühen Eintritt in 
den Pflegeberuf zurückzuführen. 22—23 Jahre soUte das 
früheste Alter für Zulassung zur Pflegeausbüdung sein. Einige 
Jahre häuslicher Tätigkeit, am besten in einem fremden Haus- 
halt, können nur als empfehlenswerte Vorbereitung angesehen 
werden, da die Tüchtigkeit unserer jetzigen Pflegegeneration 
nach dieser Richtung recht viel zu wünschen übrig läßt, in 
unserem Beruf aber;gewissermaßen als Vorbedingung gefordert 
werden sollte. 

Da in Deutschland die frühesten Anfänge der Kranken- 
pflege auf kirchlichem Gebiet lagen, hat man lange die Religion 
als Hauptgrundlage für diesen Beruf angesehen. Der Glaube 
als Quelle der unerläßlichen Geduld und Hingebung wird auch 
sicherlich immer ein fester Pfeiler in einem so hohe Anfor- 
derungen stellenden Beruf sein. Durch die rapide Entwick- 
lung der Naturwissenschaften, die das ganze Kulturleben in 
den letzten Jahrzehnten beeinflußte und umgestaltete und 
auch die ärztliche Wissenschaft in kurzem Zeitraum zu un- 
geahnter Blüte brachte, wuchsen auch die Anforderungen an 
die Schulung der Pflegerinnen, als Helferinnen der Ärzte. 
Die Kriege des letzten Jahrhunderts und ihr zeitliches 
Zusammentreffen mit den bedeutendsten Fortschritten der 
Chirurgie veränderten die Auffassung der Krankenpflege 
ganz wesentlich. Man begann schnell die Notwendigkeit der 
besseren Schulung für die Hilfskräfte einzusehen, und mancher 
berühmte Arzt sah es als Ehre an, der Ausbildung von Pflege- 
kräften seine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Einige 
unserer besten Lehrbücher stammen aus dieser Zeit. Leider 
scheint seitdem das Interesse der Ärztewelt an der Pflege- 
ausbildung in bedenklicher Abnahme begriffen. In den ersten 
Jahrzehnten nach den Kriegen erwuchsen uns allerdings in 



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— 239 — 

den Mutterhäusern des Roten Kreuzes vorzügliche Ausbil- 
dungsstätten. Das Bedürfnis nach geschulten Pflegerinnen 
stieg aber so ungeheuer schnell, daß leider, um dringender 
Not abzuhelfen, bald die Ausbildung gefährdet wurde. Da 
Persönlichkeit und Beanlagung so wichtige Faktoren in der 
Pflegetätigkeit sind, hatte man zunächst den Mut, im Notfall 
besonders geeignet erscheinende Persönlichkeiten mit geringer 
oder gar keiner technischen Schulung in die — oft ganz selbst- 
ständige — Arbeit einzustellen; bald aber wurde man ge- 
zwungen, wahUos auf diesem Wege fortzuschreiten. Nach 
außenhin erschien das Wagnis meist unbedenklich, da in keinem 
Beruf bei der nötigen Veranlagung und Aufmerksamkeit und 
einigem Entgegenkommen der Ärzte in verhältnismäßig kurzer 
Zeit soviel wertvolle Kenntnisse und Erfahrungen in der 
Praxis gesammelt werden können. Und doch wird jede dieser 
um eine sachgemäße Ausbildung betrogenen Pflegerinnen oft 
im Inneren empfunden haben, wie sehr ihr die theoretischen 
Kenntnisse fehlten. 

In Deutschland sind gegenwärtig sowohl Ausbildungsdauer 
wie Lehrplan der verschiedenen Pflegeanstalten noch ganz 
ungleich, von 3 bis 12 Monate umfassend. Eine staatliche 
Regelung der Ausbildung ist in Aussicht genommen; es ist 
also gerade jetzt von besonderem Interesse, darüber ins klare 
zu kommen, wie man eine mustergültige Ausbildung am 
besten erreichen könnte. 

In erster Linie dürfen die Schülerinnen nicht als voll 
auszunutzende Arbeitskräfte des Krankenhauses gelten, da sie 
als solche viel zu sehr ermüdet sind, um den ganz neuen 
Lehrstoff innerlich zu verarbeiten. Das Einleben im Kranken- 
haus ist ohnedies für ein junges Mädchen, das sehr oft direkt 
aus dem Schutz des Elternhauses in die ganz außerhalb des 
Gewöhnlichen liegenden Verhältnisse kommt, recht schwer. 
Die Schülerinnen werden, weniger angespannt als bisher üblich, 
immer noch so wesentliche Dienste leisten können, daß die 
geringe Bezahlung, welche einige Krankenhäuser jetzt von 
Anfang an einfähren, auch dann noch durchaus gerechtfertigt 
ist. Sie würde manchem sehr geeigneten Mädchen erst den 
Eintritt in den Beruf ermöglichen, da zu viele nicht in der 



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— 240 — 

Lage sind, V, bis 1 Jahr den nötigen Zuschuß von ihrer 
Familie zu beanspruchen. 

Die Zeit für die allgemeine Ausbildung sollte keinenfalls 
kürzer als 1 Jahr, wenn möglich auf IV« Jahre bemessen 
sein. Die ersten 6 Wochen etwa nach dem Eintritt ins 
Krankenhaus sollten unbedingt als Probezeit gelten, um die 
Schülerinnen darnach entscheiden zu lassen, ob sie sich den 
ganz veränderten schwierigen Verhältnissen gewachsen fühlen, 
und den leitenden Persönlichkeiten die Möglichkeit zu geben, 
völlig ungeeignetes Material auszuscheiden. Der erste Ab- 
schnitt von mindestens V* Jahr (einschließlich der Probezeit) 
sollte nur der häuslichen Anleitung der Schülerinnen ge- 
widmet sein, d. h. dieselben sollten in dieser Zeit lernen, wie 
Krankenzimmer und Krankenbett beschaffen sein müssen, und 
wie sie mustergültig sauber zu halten sind. Die ganzen 
Hilfsapparate der modernen Krankenpflege sollten ihnen vor- 
geführt und ihre Anwendung geübt werden. Ist dies nicht 
am Kranken möglich und weder Gliederpuppe noch Phantom 
vorhanden, so könnte ein Kind oder eine der Schülerinnen 
zum Experimentieren dienen. Jedenfalls muß alles, was 
von Apparaten und Hilfsmitteln zur Verwendung kommen 
kann, systematisch erklärt und die Anwendung geübt werden, 
da später oft Zeit und Gelegenheit dazu fehlt. 

Diese Periode sollte vor allem unter Leitung herzens- 
warmer, lebenserfahrener Oberpflegerinnen auch zu einem er- 
ziehlichen Einfluß auf die Schülerinnen, besonders die sehr 
jungen dienen, und für alle Zeit die Grundlage zu der rich- 
tigen Art des Umgangs mit den Kranken legen. Nach dem 
ersten Vierteljahr, das in dieser Weise verwertet, den Schüle- 
rinnen das Einleben in die neuen Verhältnisse wesentlich er- 
leichtern wird, müßten dann theoretische Kurse in allen er- 
forderlichen Fächern folgen: Vor allen Dingen ein ausreichen- 
des Pensum in Anatomie, Hygiene, Chemie, Arzneimittellehre, 
Verbandlehre, dazu praktische Hilfeleistungen im Operations- 
saal. Diese Kurse müßten auch die richtige Anleitung zur 
schriftlichen Ausarbeitung des Gelernten geben, die aber in 
dazu bestimmten Ruhestunden, nicht etwa nachts stattfinden 
dürfte, wie das jetzt öfter geschieht. Ein regelmäßiger 



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- 241 — 

Wechsel von einer Station zur anderen ist notwendig, um die 
Beobachtung der verschiedenen Krankheiten und deren Be- 
handlung zu üben. Jetzt erst dürfte die allmähliche Ein- 
führung in den Nachtdienst erfolgen. Nach Vollendung dieses 
Lehrganges in 12 bis 18 Monaten soUte dann eine allgemeine 
Prüfung stattfinden. 

Im 2. und 3. Pflegejahre soUte sich, neben der Erweite- 
rung und Wiederholung des Gelernten, die Spezialausbildung 
in der Pflege psychisch Kranker, in Wochenpflege, Kinder- 
pflege, Infektionspflege und Massage mit den entsprechenden 
Prüfungen anschließen. Es müßten Vorträge über die ver- 
schiedenartigen Aufgaben der Pflegerinnen, in der Privatpflege, 
im Krankenhaus-, Klinik- und Gemeindedienst und auf den 
vielen Gebieten der sozialen Arbeit gehalten werden. Bei den 
wirtschaftlich Unerfahrenen müßte eine Ergänzung nach dieser 
Richtung mit besonderer Berücksichtigung der Krankenküche 
vorgesehen sein. Pflegerinnen, die für die Leitung kleinerer 
Krankenhäuser oder Privatanstalten in Frage konunen, müßten 
die nötige Vorbereitung far den dort häufig notwendigen Ver- 
waltungsdienst in Buchführung, Kenntnis der gesetzlichen 
Krankenkassen- und Invaliditätsversicherungseinrichtungen, in 
der Führung der einschlägigen, sehr wertvollen Statistiken 
erhalten. Nach in dieser Weise vollendeter Ausbildung sollte 
nach Ablauf des 3. Dienstjahres eine Diplomierung erfolgen. 
Unsere Krankenhäuser würden durch eine derartige Gestaltung 
der Ausbildung ihre Pflegerinnen mindestens bis zur Diplo- 
mierung viele darüber hinaus behalten, was bei dem heutigen 
Zwangssystem der Kautionen und Verpflichtungen keineswegs 
der Fall ist. 

Als völlig abgeschlossen kann die Ausbildung einer 
Krankenpflegerin niemals angesehen werden. Jeder Tag bringt 
Neuerungen auf den Gebieten der Chirurgie, der Arzneimittel- 
lehre, der Desinfektionsmethoden, der Hygiene. Mag manche 
derselben bald als wertlos verschwinden, im Augenblick er- 
scheint ihre Kenntnis oft von größter Bedeutung, unter Um- 
ständen hängt sogar ein Menschenleben davon ab, wie z. B. 
bei der Handhabung des Sauerstoffapparates oder dergL Es 
sollten an den größten und besteingerichteten Krankenhäusern 

Frauenkongreß. 16 



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— 242 — 

Wiederholungskurse eingerichtet werden, um die Pflegerinnen 
in Stand zu setzen, allen Neuerungen zu folgen und ihre 
Kenntnisse aufzufrischen. Man brauchte in Deutschland nur 
dem Vorbild unserer militärischen Sanitätseinrichtungen zu 
folgen, welche nicht nur flir die Ärzte, sondern auch für die 
Sanitätssoldaten, solange sie dem Sanitätsdienst angehören, 
auch nach der gründlichen Ausbildung regelmäßige Fort- 
bildungskurse vorsehen. 

Lassen sich diese Wünsche für eine mustergültige Aus- 
bildung natürlich auch nicht auf einmal und in kurzer Zeit 
zur Ausführung bringen, so müssen sie für uns doch jedenfalls 
ein Ziel unseres Strebens sein. Schon in der nächsten Zu- 
kunft werden Pflegerinnen nicht mehr als vollwertig angesehen 
werden, die nicht mindestens eine 1jährige Ausbildung in 
einem Krankenhaus erhielten, das groß und vielseitig genug 
ist, um das Kennenlernen der am häufigsten vorkommenden 
Krankheiten zu ermöglichen und die Sicherheit für ausreichende 
theoretische Belehrung neben der praktischen Ausbildung zu 
bieten. In eine selbständige Tätigkeit sollte keine Pflegerin 
zugelassen werden, die nicht mindestens 3 Jahre praktischer 
Pflegeerfahrung hinter sich hat. 

Für so viele andere Berufe hat der Staat fest umrissene 
Lehrgänge und Ausbildungszeiten vorgeschrieben. Auch für 
die Ausbildung in der Krankenpflege werden diese Vorschriften 
kommen, wenn auch erst in längerer Zeit, da eine einheitliche 
Regelung durch Reichsgesetz geplant wird. Indessen aber 
müssen wir Pflegerinnen selbst unser möglichstes tun, damit 
in Zukunft das Wohl und Wehe tausender von Kranken nicht 
in ungeeigneten Händen liegt. Und die Krankenhäuser müssen 
zu der Einsicht kommen, daß sie sich nicht nur Arbeitskräfte 
schaffen müssen, sondern auch die Verpflichtung haben, den 
Schwestern für ihre aufopfernde Arbeit die nötigen beruflichen 
Kenntnisse zu verschaffen. 

Die Berufsorganisation der Krankenpflegerinnen Deutsch- 
lands, muß, da sie die Interessen ihrer Schwestern „nach jeder 
Richtung und in jeder Beziehung" fördern will, natürlich auf 
die Ausbildung als Grundlage der Berufistüchtigkeit das größte 
Gewicht legen, und stellt für alle Frauen, welche sich in Zu- 



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Qoo^^ 



— 243 — 

kunft der Krankenpflege widmen wollen, die Beziehungen zu den- 
jenigen Krankenhäusern her, welche die Auffassung anerkennen, 
daß die Pflegerin ein Kecht auf gute Ausbildung, auf Schutz 
vor Überanstrengung und auf die nötige Fürsorge in allen 
Lebenslagen hat. Der am 11. Januar 1903 gegründeten Organi- 
sation gehören bereits über 300 ausgebildete Schwestern an, 
welche in allen Teilen Deutschlands in sämtlichen Zweigen 
des Berufes tätig sind. In dem Bureau, Bayreutherstraße 37, 
Berlin, laufen alle Fäden zusammen, welche die große Schwestem- 
zahl verbinden, von dort werden alle Schritte getan, um ihnen 
jeden Rat und jede Hilfe zu schaifen, die erforderlich sind, ohne 
ihnen das Selbstbestimmungsrecht zu kürzen, im Gegenteil, auf 
möglichste persönliche Selbständigkeit der einzelnen hinwirkend. 
Aber vieles muß noch geschehen. Wir müssen vor allem für 
die rechtzeitige Erholung der Schwestern sorgen. Für die 
Zukunft, für Krankheit und Invalidität soll die einzelne durch 
Benutzung der staatlichen und privaten Versicherung selbst 
sorgen — aber wir müssen für alle Notstände eine Hilfskasse 
schaffen, denn viele von uns sind zu alt oder zu verbraucht 
für die Versicherungen. Dazu bedarf es vieler helfenden Hände 
und warmen Herzen, und wir hoffen, daß auch unser passiver 
Mitgliederkreis, jetzt über 100 Gönner umfassend, sich bald ver- 
zehnfacht, damit wir allen Anforderungen gerecht werden können. 
Der Mangel an Krankenpflegerinnen wird täglich dringen- 
der. Es gibt viel herrliche Arbeit für alle in unserem Berufe, 
die ihm geistig und körperlich gewachsen sind. Wir müssen 
darum eilen, die Lebensbedingungen so zu gestalten, daß dieser 
Beruf sein altes Ansehen bei den gebildeten Frauen aller Stände 
im weitesten Umfang zurückgewinnt, ihnen nicht nur für eine 
Weile anziehend erscheint, nicht nur Durchgangsposten für 
wenige Jahre bleibt, sondern ihnen zum gesegnetenLebens- 
beruf werde, zum Heil der leidenden Menschheit." 

Mrs. Goodrich und Miß Maud B an fiel d »Vereinigte 
Staaten ergänzten die Berichte aus Amerika in wirksamer 
Weise, Seit 1896 ist der Beruf von jungen Mädchen eifrig 
ergriften worden; jetzt haben über 600 Schulen einen 3jährigen 
Kursus, technische (Fortbildungs-)Schulen haben Vorbereitungs- 

16* 



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- 244 — 

kurse eingeführt, Columbia-College hat einen 6 monatlichen 
wissenschaftlichen Aosbildungskursus. Die Genossenschaft^ die 
jetzt 5000 Mitglieder umfaßt, hat es neuerdings erreicht, daß 
das Entschädigungsgeld, das Lehrschwestem gezahlt wurde 
(40 Mk. im Monat, eine Ausgabe von 40000 Mk. jährlich), jetzt 
der Genossenschaft gezahlt wird, die nun selbst ihre Mitglieder 
in der sorgfaltigsten Weise, ohne Überbttrdung, ausbilden läßt. 
Als ein Beweis der Anerkennung sei hervorgehoben, daß 35 
Mitglieder der Association als Inspektorinnen im Gesundheits- 
amt angestellt worden sind. 

Dr. Ellen Sandelin^Schweden konnte von der gut ge- 
regelten Ausbildung in ihrem Lande berichten: Theoretischer 
Kursus von 6 Monaten, praktische Ausbildung durch ein Lehr- 
jahr im Krankenhause, dem sich ein zweites Jahr als Diako- 
nisse, die noch unter Aufsicht steht, anschließt. Seit 1884 hat 
die Organisation der Pflegerinnen ein Heim im Sophia-Kranken- 
haus eingerichtet. 

Signorina Bice Cammeo-Florenz sprach über die 
Krankenpflege in Italien. Dieselbe ist fast ganz in den Händen 
der katholischen Orden, die natürlich jeder Neuerung feindlich 
gegenüberstehen. Die freie Pflege beginnt erst seit kurzem, 
sich unter großen Schwierigkeiten zu entwickeln. Doch haben 
sich die Pflegerinnen seit 1901 organisiert, und sind gegen- 
wärtig 4260 an der Zahl. In Kom hat ein Arzt seit kurzem 
einen einjährigen Krankenkursus für weltliche Pflegerinnen 
eingerichtet Auch haben viele Ausländerinnen in Italien 
Kliniken eröflftiet. Die italienische Krankenpflege steht weit 
zurück hinter der anderer Länder, weil sie bisher durch keinerlei 
Gesetze geregelt ist. 

Frau Emmy v. Gor don«* Würzburg wies daraufhin, daß 
auch die katholischen Pflegeorden in ihren Bestrebungen dahin 
zielen, den modernen Ansichten gerecht zu werden, und daß 
sie die Notwendigkeit der Ausbildung weltlicher Schwestern 
anerkennen. 

Frau Oberin Beck er* Zehlendorf, sprach über die Ein- 
richtung eines einjährigen Dienstjahres für Mädchen. Der Ver- 
ein „Frauendienst", den sie leitet, hat seit Jahren in diesem 
Sinne gewirkt und bereits 1600 junge Mädchen ausgebildet. 



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— 245 — 

Frau Fiitsch^^Tüsit befürwortete die Notwendigkeit größerer 
persönlicher Freiheit für die Schwestern, Professor Zimmer 
und Doktor Israel'^Berlin schlössen sich den Forderungen auf 
das wärmste an und befürworteten auch eine gesetzliche Rege- 
lung der Pflegerinnenausbildung. 



Freitag, den 17. Juni. 



Kunst, Kunstgewerbe und Literatur. 

Fräulein Sophia Goudstikker^München fahrte den 
Vorsitz und erteilte zunächst das Wort an Fräulein Natalie 
von Milde« Weimar zu folgendem einleitenden Referat: 

„Schiller sagt in seinem Hymnus auf Künste und Künstler: 
„Nur durch das Morgentor des Schönen drangst du in der Er- 
kenntnis Land". Das Wort ist nicht leicht verständlich. Denn 
hat nicht Erkenntnis soviel Tore, soviel es menschliche Emp- 
findungen gibt? Werden nicht neben Freuden des Genusses 
gerade die Schmerzensempfindungen : Entbehren, Enttäuschung, 
Reue, Verzweiflung zu Toren der Erkenntnis ? — In Anwendung 
auf die Frauen geht uns aber aus dem Wort ein neuer Sinn, 
ein Doppelsinn au£ Denn die Kunst, o Frau, hattest du allein, 
als Tor zu einer bestimmten Erkenntnis des allgemein Mensch- 
lichen. Während dem Manne die Tore der Wissenschaft, der 
Wirklichkeit offen standen, gestattete man dem Geschlecht, das 
man als das schöne bezeichnete, den Genuß des Schönen mit 
einem allerdings sehr beschränkten Arbeitsanteil daran. Der 
Ernst der Arbeit wurde, wie auf wissenschaftlichem, so auch 
auf dem Kunstgebiete, der Frau verargt. Die Schriftstellerin 
galt als unnatürlich; ja dem Popanz „Blaustrumpf^ haftete die 
Lächerlichkeit an. Das Weib sollte auch mit dem geschriebe- 
nen Wort in der Gemeinde schweigen. Es gab immer Talente, 
kräftig genug, auch ohne Wohlwollen und Zustimmung sich 
durchzusetzen. Wir haben sehr frühe Dichterinnen, noch frühere 
Malerinnen. Wenn diesen letzteren erst in ganz neuer Zeit 



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— 246 — 

hier und da von einer Akademie dieselben Vorteile zugestanden 
werden wie ihren männlichen Kollegen, so ist das um so er- 
staunlicher, als die Frauen schon auf den niedrigsten Stufen 
der Kultur einen unwiderstehlichen Drang zu dieser Kunst 
an den Tag gelegt haben. In Ermangelung anderen Materials 
bemalten sie damals — ihre Männer. Nichts kennzeichnet aber 
wohl den Ausschluß der Frau von der Kunstarbeit so scharf 
wie die Tatsache, daß man selbst in der Schauspielkunst die 
Frau durch den Mann vertreten ließ. Wie empfindlich das 
Abhandensein der weiblichen Eigenart die Kunst geschädigt 
haben muß, springt hier ganz besonders in die Augen. Trotz 
aller Schwierigkeiten drang aber die Frau in die künstlerischen 
Gebiete ein und mittelst der ernsten Arbeit, die sie leistete, 
auch — in der Erkenntnis Land. Die ersten Künstler- 
innen mögen es gewesen sein, welche die grausamen Unter- 
schiede, die man für zwei Geschlechter in allen Bildungs- 
möglichkeiten machte, zuerst an ihrer Haut erfuhren. Trotzdem 
ist manche frühe Kunstjüngerin bahnbrechend auf ihrem Ge- 
biete geworden. 

Aus der FäUe greife ich nur eine Gestalt heraus, eine 
Frau, der unser Geschlecht glühenden Dank schuldet, auf deren 
16 Jahre nach ihrem Tode errichtetem Grabdenkmal die Worte 
standen: „Dem verdienten Andenken einer Frau voll männ- 
lichen Geistes, der berühmtesten Schauspielerin ihrer Zeit, der 
Urheberin des guten Geschmacks aufderdeutschen 
Bühne, Caroline Friederike Neuberin." Welcher Be- 
geisterung für die hohe Kunst es damals bedurfte, um ihr mit 
Hingebung zu dienen, gegen Vorurteil, Verständnislosigkeit 
und Hochmut, dafür genügt zu wissen, daß ihr Sarg nicht durch 
die Kirchhofstür sondern über die Mauer geführt und dicht an 
ihr eingesenkt wurde. Und als sie, kurz vor ihrem Tode, vom 
Bombardement von Dresden vertrieben, schon krank, in Laube- 
gast Unterkunft gefunden hatte, dort noch schwerer erkrankte, 
wollte der Hausbesitzer nicht dulden, daß eine Schauspielerin 
in seinem Hause sterbe! — so daß ein freundlich Gesinnter 
ihr eine andere Wohnung mieten mußte. 

Caroline Neuberin erscheint mir aber auch in anderer Be- 
ziehung als frühe Repräsentantin unserer heutigen Bewegung 



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— 247 — 

eminent. Sie war nicht nur die hingebende, bahnbrechende 
Künstlerin, sie war auch unschätzbar als soziale Ar- 
beiterin. „Die Verbesserung der Kunst", sagt der EÜstorio- 
graph des deutschen Theaters, „begann die Neuber ganz ein- 
fach mit dem Nächstliegenden. Sie führte Ordnung und ehr- 
bares Verhalten bei ihrer Gesellschaft ein. Die unverheirateten 
Schauspielerinnen nahm sie in ihr Haus, sie waren ihre Pflege- 
töchter, die unverheirateten Männer ihre Kostgänger, um dem 
unseligen Hang der Schauspieler zum Wirtshausleben zu steuern 
und moralische Zucht über dieselben auszuüben, in der sie 
keineswegs gelind verfuhr. Liebschaften der weiblichen Mit- 
glieder bei ihrer Gesellschaft überwachte sie mit Argusaugen 
und trieb die jungen Leute unnachsichtlich auseinander oder in 
die Ehe. Dies erzeugte ein förmliches Familienleben; Frauen 
und Männer mußten sich auch bei den technischen Arbeiten 
nützlich machen, und dieses Zusammenwirken impfte der ganzen 
Gesellschaft die Begeisterung der Prinzipalin für die neue 
Wendung der Kunst ein. So wurde ihr wanderndes Haus die 
Pflanzschule für die künstlerische wie für die sittliche Ver- 
besserung des Standes." 

Caroline Neuberin hat den Doppelzweck des Tors zwischen 
dem Schönen und der Erkenntnis genützt. Nachdem sie selbst 
zum Schönen hingeschritten und davon erfüllt worden, gelangte 
sie zu der Erkenntnis, wie sehr die Schönheit im Leben fehlt, 
und sie war beflissen, die eigenen Errungenschaften hineinzu- 
tragen. Was sie als Schönheit empfunden, woUte sie zur 
Wahrheit machen. Künstlerinnen dieser Ali; wurden so zu 
Pionieren für unsere heutige Mission. Die eigene Arbeit, der 
sie Erkenntnis, die härteste Erkenntnis verdankten, wies an- 
deren den Weg zur Arbeit und wies zugleich auf ein höchstes 
Lebensziel hin. Wohl uns, wenn viele künstlerisch Empfin- 
dende die Erkenntnis erlangen, daß viel Häßliches, viel Dis- 
harmonie, viel Finsternis auf der Welt zu bekämpfen sind, 
daß die Liebe zum Schönen, zur Harmonie, zum Licht, die sie 
im Herzen tragen, auch anderen den Weg zurück zum Schönen zu 
weisen haben. Wir versuchen ja heute, die Gesunkensten zu 
heben, indem wir ihnen wenigstens durch einen Spalt die Licht- 
welt zeigen. Und wenn es zuerst auch nur ein schwacher 



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— 248 — 

Lichtstrahl ist, der an das blöde Ange^ nur ein schwacher 
Ton, der an das stumpfe Ohr dringt, — das erwachende Be- 
wußtsein dringt vielleicht weiter, lernt unterscheiden und sich 
nach Höherem sehnen. Was wir dem Geringsten, dem Ver- 
kommensten an höherem bieten, vermag ihm zum Erlösungs- 
werk zu werden. Wer das Aufleuchten in einem zur Erde 
gebeugten Angesicht gesehen und die Freudenträne darin, 
der hat gelernt, daß die Kunst neben der Mission, eine Geistes- 
aristokratie zu erziehen, auch die andere hat, Wohltäterin des 
Volkes zu werden. Aber die Ärmsten zu bereichem, Ver- 
lechzte zu erquicken ist nicht das Schwerste. Unmöglich 
scheint es, den satten Materialisten beizukommen, die geflissent- 
lich das Schöne meiden, die unschönsten Gewohnheiten haben. 
Sie sind es, die der Willkür, der Selbstsucht, der Grausamkeit 
die Gewalt einräumen, sie sind es, die Elende machen. Wie 
ist da Hilfe zu schaffen? 

Die Wahrheit will zum Reformator werden. Sie reißt 
den Schleier von Versteckten, sie weist mit Fingern auf 
Schäden und Gefahren, sie stellt an den Pranger, was bisher 
sein Wesen im Dunkeln trieb. Sie scheut kein Mittel, sie 
schont keine Stätte, um gehört zu werden, um zu ihrem Zweck 
zu gelangen. Sie hat sich auch die Kunst zum Gerichtshof 
gemacht, wo alle Anklagen vorgebracht, wo oft die häßlichste 
Wirklichkeit gezeigt wird. Das ist sehr zu bedauern. Die 
Wahrheit allein, und sei sie noch so nützlich, vermag niemals, 
Kunstwerke zu schaffen. Das vermag sie nur in Gemeinschaft 
mit dem Guten und Schönen. Nur die Dreieinigkeit: wahr, 
schön und gut, gibt der Kunst ihre Göttlichkeit. Wenn nun 
heute der Spiegel, der uns das Leben wiedergibt, vielfach ge- 
trübt ist, so beweist uns das, wie reformationsbedürftig das 
Leben ist. Es gilt auch um der Kunst willen, das Leben zu 
reinigen, zu erhöhen, mit Schönheit zu durchdringen. Denn die 
Grundbedingungen zu einem vollkommenen Leben sind die- 
selben wie die der Kunst. Die Dreieinigkeit: wahr, schön und 
gut gibt auch dem Leben die Göttlichkeit. Das müssen die 
Frauen sich bewußt sein, die so dicht zusammenstehen, um 
die Kultur zu fördern. Wir sind alle berufen, an der höchsten, 
schwersten Kunst, an der Kunst des Lebens mitzuarbeiten. 



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— 249 ^ 

Und wieviel man unserem Geschlecht auch vei-sagte, die Auf- 
gabe, das Schöne zu pflegen, hat man uns von jeher zuerkannt. 
Es gilt heute nur, begreiflich zu machen, was diese Aufgabe 
für tiefgehende Ansprüche an uns stellt. Wir können mittel- 
bar alle helfen, neue, kräftige Blüten in der Schönheitswelt 
zur Entwicklung zu befördern, wenn wir den Lebensboden gut 
bestellen, aus dem alles hervorgeht — wir können Schönheit 
zur Wahrheit machen, auf daß der Tag einer höheren Er- 
kenntnis für alle anbreche, die durch das Morgentor des Schönen 
geschritten sind. 

„Je weiter sich Gedanken und Gefühle 

Dem reichen Strom der Schönheit aufgetan, 

Je schönre Glieder aus dem Weltenplan, 

Die jetzt verstümmelt seine Schöpfung schänden, 

Sieht er die hohen Formen dann vollenden. 

Je schönre Rätsel treten aus der Nacht, 

Je reicher wird die Welt, die er umschließet. 

Je breiter strömt das Meer, mit dem er fließet. 

Je schwächer wird des Schicksals blinde Macht, 

Je höher streben seine Triebe, 

Je kleiner wird er selbst, je größer seine Liebe." 

Frl. Marie von Keudell^Berlin sprach über „die 
Ausbildungsmöglichkeiten für Malerinnen in 
Deutschland". Nachdem sie zunächst verschiedenes Quellen- 
material erwähnt hatte, das sie zu ihren Aufstellungen be- 
nutzt habe, führte die Rednerin etwa folgendes aus: 

„Es sind kaum auf einem Gebiete der Frauentätigkeit 
so viele neue Möglichkeiten und Erleichterungen für die Aus- 
bildung zu verzeichnen, wie auf dem der bildenden Kunst. 
Allerdings haben sich die Akademien noch nicht in gleichem 
Maße wie die Universitäten den Frauen geöffnet, und 
nur ganz vereinzelt erst können sich Frauen in gleicher Weise 
bilden wie Männer. Doch ist schon mit diesem Anfang viel 
gewonnen. Nicht nur, daß er selbstverständlich die Kraft- 
probe für die Frau bildet, sich mit den Männern zu ver- 
gleichen — unwillkürlich heben sich dadurch auch die Kunst- 
schulen, die allein für Frauen eingerichtet sind, indem sie 
durch den Vergleich zu größeren Anstrengungen genötigt 



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Qoo^'^ 



— 250 — 

werden; und die Not der Zeit, welche die Tätigkeit der 
Frauen in erwerbsberufliche Bahnen diängt, steigert selbst- 
verständlich ebenfalls die Anforderungen. 

Wenn ich Jahrzehnte zurück schaue, so sehe ich nur wenig 
Möglichkeiten einer ernsteren Ausbildung für die Frau. Der 
große Mangel daran veranlaßte in den 60 er Jahren des 
vorigen Jahrhunderts einige Künstlerinnen Berlins, zusammen- 
zutreten und durch die Gründung des Vereins der Künstle- 
rinnen und Kunstfreundinnen, dessen Hauptzweck die Bildung 
einer Zeichenschule war, den jüngeren Künstlerinnen und 
und werdenden Kunstjüngerinnen Gelegenheit zum Studium 
zu schaffen. Aus den bescheidenen Anfängen hat sich eine 
blühende Schule entwickelt. Außerdem existierten nui' noch 
einige wenige Privatateliers. Als erste staatliche An- 
stalten, die Frauen zuließen, seien die Kunstschule in der 
Klosterstraße, damals gewissermaßen mit der Akademie ver- 
bunden (von 1871 an), und das jetzige Königliche Kunst- 
gewerbemuseum (von 1869 an) genannt. So wurde in dankens- 
werter Weise vom Staate damals schon der Anfang für eine 
künstlerische Ausbildung der Frauen gemacht, allerdings im 
Laufe der Jahre mehr und mehr nach der kunstgewerblichen 
Seite hin. Das liegt aber nun weit zurück; und wenn wir 
die weitere Entwicklung überschauen — und es ist in jeder 
größeren Stadt ungefähr die gleiche gewesen — so sehen 
wir, wie von Jahr zu Jahr sich die Schulen, Institute und 
Privatateliers zur Ausbildung für die Malerin gemehrt haben 
und sich gegenseitig in die Hände arbeiten. Mit der fehlen- 
den Möglichkeit zur Ausbildung können sich mangelhafte 
Leistungen heute nicht mehr entschuldigen, und man möchte 
noch einmal jung sein, um so mit vollen Zügen aufoehmen zu 
können. Indessen ist nicht zu leugnen, daß in diesen guten 
Einrichtungen auch eine Gefahr liegt; früher hieß es „stürz 
dich hinein, kannst du nicht schwimmen, so gehst du unter 1" — 
jetzt ist es fast unmöglich, nicht bis zu einem gewissen 
Grad des Könnens zu gelangen, wenn Fleiß und Liebe zur 
Kunst vorhanden sind. Es wird daher eine Menge Mittel- 
gut gezeitigt, Existenzen, die herbe Enttäuschungen zu tragen 
haben, wenn sie selbständig arbeiten soUen. Eltern, Vor- 



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— 251 - 

mündern und allen, die sonst Einfluß auf die werdende Malerin 
haben, möchte ich dringend raten, nicht nach den Erstlings- 
proben zu urteilen, sondern nach 2- bis Sjährigem Studium 
immer wieder zu prüfen, ob sich genügende Anlagen für den 
ernsten Beruf der Künstlerin zeigen. Die Begabung ist frei- 
lich unendlich schwer zu beurteilen. Ich habe selbst über 
30 Jahre unterrichtet und bekam zuweilen junge Mädchen 
mit einem so unentwickelten Sinn für alles Malerische und 
Zeichnerische, daß ich die schwersten Befürchtungen hegte; 
i wurde dann gewünscht, daß ich es wenigstens einige Monate 

I versuchen solle, so habe ich oft überraschend Günstiges er- 

j lebt. Ebenso erinnere ich mich an umgekehrte Fälle. Ein 

Aufwachsen zwischen künstlerisch gebildeten Menschen zeitigt 
oft eine kleine Begabung zu etwas Harmonischem, Wohltuendem ; 
I die Fähigkeit zu Sehen wächst gewissermaßen aus der fein- 

' sinnigen Seele heraus und kann die Familie und zunächst 

! auch den Lehrer täuschen. 

I Eine hervorragende Begabung wird sich ja immer durch- 

' arbeiten, es müßten denn besondere Charakterschwierigkeiten 

oder mangelnde Körperkraft hinderlich sein — aber bei jeder 
Unentschiedenheit der Leistungsfähigkeit und doch un- 
widerstehlicher Neigung zur Kunst würde ich immer raten, sich 
zunächst nur für das Zeichenlehrerinnenexamen vorzubereiten 
oder sich kunstgewerblich auszubilden. Beides verlangt 
eine gute zeichnerische Vorbildung, die auch immer die Grund- 
lage für den Beruf der Malerin sein müßte, und die auch da, 
wo ein Erwerb notwendig ist, sicherer zum Ziele bringt." 
Die Rednerin wies dann darauf hin, daß für eine richtige 
künstlerische Ausbildung auch die nötigen pekuniären Mittel 
vorhanden sein müßten, die nach Ichenhaeuser „Erwerbs- 
möglichkeiten" mit 18000 Mk. (2—3000 Mk. jährlich) nicht zu 
hoch gegriiFen seien. Sie gab zum Schluß eine Aufstellung der 
Staatlichen Akademien, an denen Frauen zugelassen 
werden — bis jetzt Kassel, Königsberg, Weimar und Stuttgart — 
femer der staatlichen und städtischen Anstalten, die eine 
elementare Ausbildung geben und der privaten, in denen 
alle Fächer der bildenden Kunst gelehrt werden. (Berlin: 
Königliche Kunstschule, Breslau: Königliche Kunst- und Ge- 



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^ 252 - 

werbeschule, Dresden: Frauenerwerbs-Verein, Hanau: König- 
liche Zeichenakademie, Karlsrahe: Malerinnenschule und 
Großherzogliche Kunstgewerbeschule, Lübeck: Kunstschule, 
München: Königliche Kunstgewerbeschule und Damen-Aka- 
demie des Künstlerinnenvereins usw.) „Aus dieser Aufstellung 
geht hervor, daß der Anfang des künstlerischen Studiums 
den Frauen in Deutschland leicht gemacht ist, durch Zeichen- 
lehrerinnenseminare, Kunst- und Kunstgewerbeschulen in den 
verschiedensten Teilen des Reichs, während für höhere Aus- 
bildung vom Staate noch sehr wenig gesorgt ist Außerdem 
muß auch noch darauf hingewiesen werden, daß alle Staats- 
stipendien, die den Männern vorwärts helfen, den Frauen 
zurzeit noch verschlossen sind." — Die Eednerin schloß mit 
dem Wunsche, daß das Vorangehen der Städte Weimar, Königs- 
berg, Kassel, Stuttgart recht bald zahlreiche Nachahmung auch 
anderwärts finden möge. 

Mrs. Dign am* Toronto, die Vorsitzende und Begründerin 
der Women's Art Association of Canada, einer großen und 
weitverzweigten Organisation, berichtete in ihrem Referat über 
„Künstlerinnen und ihre Organisationen", wieinihrem 
Heimatlande die Frauen, die den Ausdruck ihrer Individualität in 
der Kunst suchen, zugleich von einem starken Gemeinsamkeits- 
bewußtsein und von einem Bedürfnis nach Zusammenschluß 
durchdrungen seien. Ihre Organisation habe es sich u. a. zur 
Aufgabe gestellt, die primitiven Kunstfertigkeiten der Frauen 
aus dem Volke, die abzusterben drohten, wieder neu zu be- 
leben und auf jede Weise, vor allem durch Schaffung ge- 
nügender Absatzgebiete, zu unterstützen, und den Kunsttrieb 
und die Freude am Schönen durch Vorträge und Ausstellungen, 
die zugleich die Künstlerinnen wirtschaftlich fördern, zu er- 
wecken. 

In demselben Geiste arbeiten die künstlerisch begabten 
Frauen im Westen der Vereinigten Staaten, wie Mrs. Alice 
Smith Merrill Horne*Salt Lake City berichtete. Mrs. 
Home, die selbst während einer Legislaturperiode Abgeordnete 
im Repräsentantenhause von Utah war, hatte sich hauptsäch- 
lich als Kandidatin aufstellen lassen, um die künstlerische Er- 
ziehung ihres Volkes auch auf dem Wege der Gesetzgebung 



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— 253 — 

zu fördern. Mit Unterstützung ihrer Parteifreunde gelang es 
ihr, einen Gesetzentwurf zur Annahme zu bringen, dahingehend, 
daß staatliche Kunstausstellungen wechselnd in den verschiede- 
nen, auch kleinen und kleinsten Städten, veranstaltet werden. 
Der Erfolg ist überraschend; besonders die Jugend wird den 
Ausstellungen zugeführt, ganze Schulklassen der Umgegend 
kommen in die Städte, und — wer die Jugend hat, hat die 
Zukunft! Preise regen die schöpferische Tätigkeit an und 
sichern den Künstlern und Künstlerinnen auch materiellen 
Erfolg. 

Frau Marie von Bülow*Berlin sprach über 

Die Lage der BOhnenkunstlerin in Deutschland. 

„Die Frau zu einer selbständigen Persönlichkeit zu machen, 
sie wirtschaftlich auf eigene Füße zu stellen und die Be- 
schränktheit ihrer Ausbildungs- und Erwerbsmöglichkeiten zu 
beseitigen, gehört zu den Grundforderungen der Frauenbewegung ; 
schon dadurch kann sie mittelbar zur größten Wohltäterin der 
Bühnenkünstlerin werden. Denn alle Mißstände, unter denen 
sie heute so schwer zu leiden hat, lassen sich mehr oder weniger 
zurückführen auf den enormen Zudrang zum Bühnenberuf, durch 
welchen ein Überangebot entsteht, welches das Bedürfnis 
um das Zehnfache übersteigt und ein Proletariat geschaiFen 
hat, größer als in irgend einem anderen Stande. Was das 
i heißen will, deutet Dr. Burkhardt, der frühere Burgtheater- 

i direktorin seinem „Theaterrecht" an. Er sagt: „Sozialpolitisch 

= ist der Schauspielerproletarier schlechter daran als der Arbeiter- 

f Proletarier, denn wir haben Gewerbeordnungen, Fabrikord- 

j nungen, Arbeiterschutzgesetze usw., aber wir haben keine staat- 

liche Theatergesetzgebung." Und da alles, was sich auf den 
Stand bezieht, die Frau in verschärftem Maße trifft, so muß man 
die Quelle des Übelstandes abgraben, den Zuzug hemmen, damit 
die begabte, anständige, arbeitende Künstlerin keinen Ver- 
zweiflungskampf zu kämpfen braucht, sondern ihrem Berufe, 
der der Menschheit Bedürfnis und Freude ist, unter normalen 
Bedingungen leben könne. Einzelne Versuche zur Verbesserung 
ihrer Lage sind gemacht. Ernstlich hat der Berliner Verein 
„Frauenwohl" im Jahre 1897 darüber diskutiert. Erreicht 



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— 254 — 

wurde allerdings nicht viel. Bei der betreflfendeji Sitzung 
äußerte eine hervorragende Künstlerin : „Wenn eine Reinigung 
stattfinden sollte, müßte die Hälfte der Theatermitglieder 
fortgeschickt werden." 

Vor 20 Jahren stand ein junges Mädchen der höheren 
Klassen, dessen Eltern es nicht versorgen konnten, nur vor der 
Wahl: Schule oder Theater. Je mehr Berufe wir den 
Töchtern gebildeter Stände eröffnen, desto mehr tragen wir bei, 
die verbitterte Lehrerin, die für ihre Tätigkeit nicht paßt, und 
die Schauspielerin, die sich im Grunde ihres Herzens nach einer 
gut bürgerlichen Versorgung sehnt, verschwinden zu machen. 
Viele unter ihnen betrachten das Theater als Durchgangs- 
stadium, haben den Wahn, daß man dafür nichts zu lernen 
brauche. Speziell die Schauspielerin macht es sich viel zu 
leicht. Ihr ist kein bestimmter Bildungsgang vorgeschrieben, 
während die Sängerin doch gewissen Anforderungen an musika- 
lischer und stimmlicher Ausbildung zu genügen hat. Nach dem 
Zeugnis des Leiters des Chorsängerverbandes, einer seit zwei 
Jahren bestehenden Vereinigung, der bereits % aller deutschen 
Chorsänger angehören, braucht auch ein solcher „um die 
Repertoiropem auswendig zu lernen und sich die nötigsten 
musikalischen Kenntnisse zu erwerben, immerhin ein 2^ bis 
Sjähriges Stundennehmen". 

In jedem Berufe wird es als selbstverständlich vorausge- 
setzt, daß der Lehrling eine gehörige Vorbildung mitbringe. 
Wo der Staat nicht dafür sorgt, da tun es die Berufsgenossen 
selbst. Eine Hauptforderung aller Gewerkschaften ist die, 
keinen für den betreffenden Beruf ungenügend vorgebildeten 
anzustellen. Nur bei der Bühne kümmert man sich nicht darum. 
Das bißchen Schulbildung ist bald vergessen. Die Novize 
meint, mit dem Auswendiglernen der Rolle sei es abgetan. 
Und dieser ihrer Ahnungslosigkeit über die Anforderungen 
ihres Berufs kommt eine Legion von schiffbrüchigen Schau- 
spielern, die vom Unterricht leben, folglich niemanden ab- 
weisen, auf das Bequemste entgegen. Wie viele unter ihnen 
haben auch nur eine Spur Verantwortlichkeitsgefuhl? 

In früheren Zeiten, als die Schauspieler noch Vagabunden 
waren („das goldene Zeitalter der Bühnenkunst" wie manche 



DinitiTfidhvVjQ O^^Ig _ , 



— 255 — 

meinen) — eine im Gegensatz zur bürgerlichen Gesellschaft 
stehende feste Gemeinschaft, die zusammenhalten mußte, der 
nur ausnahmsweise Elemente von außen zuflössen — da war 
der dramatische Unterricht keine Frage von so eminenter 
Wichtigkeit. Anfanger dienten meist von der Pike auf; die 
kleine Aufgabe war die Vorbereitung für die große. Diesen 
praktischen Werdegang sehe ich — nebenbei gesagt — als 
den vorteilhafteren an. Da in den bürgerlichen Kreisen die 
Wahl der Bühnenlaufbahn immerhin als ein Schritt vom Wege 
empfunden wird, den nur ein möglichst schneller und schlagen- 
der Erfolg nachträglich zu entsühnen vermag, ist die Unge- 
duld, sich zur Geltung zu bringen, begreiflich. Sie ist Grund, 
daß heute jede Anfängerin gleich erstes Fach spielen möchte. 
Und oft sind es die Lehrer selbst, die anstatt die Elevin von 
der Notwendigkeit gründlicher Vorbildung und Erlangung 
eines gewissen Maßes von Bühnensicherheit in kleineren Auf- 
gaben zu überzeugen, ihr nach kurzem, aber hochbezahltem 
Studiengang die glänzendste Karriere prophezeien. Über die 
vorhandenen Theaterschulen, die jeder staatlichen Aufsicht ent- 
behren, lautet das Urteil bewährter Fachmänner einstimmig 
absprechend. Paul Schienther in seiner trefflichen Broschüre 
über unseren Gegenstand sagt: „Ebenso wie die Theater und 
Theateragenturen, so sind auch die Theaterschulen geschäftliche 
Unternehmungen, die von der Frequenz ihre Existenz ab- 
hängig zu machen genötigt sind. Sie fragen nach dem Quan- 
tum, nicht nach der in der Kunst allein entscheidenden Qualität. 
Oft stehen an ihrer Spitze gescheiterte Schauspieler, die selber 
nie gewußt haben, worauf es in ihrer Kunst ankommt, und die 
höchstens dem Schüler ihr eigenes bißchen Eoutine übermitteln 
können. Der junge Nachwuchs wird nicht gebildet sondern 
abgerichtet, und nicht ganz mit Unrecht hörte ich den 
artistischen Leiter einer der ersten deutschen Hotbühnen sagen; 
„Nur über die Leichen sämtlicher dramatischer Lehrer führt 
der Weg zum Heile der Schauspielkunst." 

Aber gesetzt, daß diese Schilderung allzu schwarz; gesetzt, 
daß wirklich einzelne gute Künstler sich dem Lehrfach widmen 
und gewissenhaft unternehmen, die Spreu vom Weizen zu 
sondern — ist damit gesagt, daß jeder, der selbst etwas kann, 



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— 256 — 

auch die Kunst besitzt, es anderen beizubringen? Ist die 
Fähigkeit des Pädagogen nicht eine spezielle, angeborene, 
hängt sie nicht mit dem Charakter zusammen? Und wie 
kämen wir dazu, anzunehmen, sie sei unter den Schauspielern 
allgemein verbreitet? „Wer Schauspieler bilden will, muß 
unendliche Geduld haben" ist ein Wort von Groethe. 

Ohne nun der Frau als solcher ein Privilegium auf Ge- 
duld, auf größere Gewissenhaftigkeit und bessere pädagogische 
Anlagen zuzuerkennen, scheinen mir doch zwei Punkte für 
die Lehrerin der Kunstnovize günstig in die Wagschale zu 
fallen: ihre Vertrautheit mit den Ausdrucksmitteln des weib- 
lichen Empfindens und der Behandlung der weiblichen Stimme, 
deren Register mit ihren Übergängen sie an sich selbst be- 
obachten und die damit verbundenen Schwierigkeiten und Ge- 
fahren überwinden und beherrschen gelernt hat; femer gehört 
es leider nicht zu den Ausnahmen, daß der große Einfluß des 
männlichen Lehrers im Verkehr während des Privatunterrichts 
die erste Klippe auf der Lebensreise darstellt, die zu um- 
schiffen der jugendlichen, unerfahrenen Novize nicht immer 
gelingt. Vielleicht gehe ich zu weit mit der Annahme, daß 
eine Frau schon bei der allerersten Prüfung einer Aspirantin 
unbefangener, zuverlässiger sich ein Urteil bilden könne. Es 
ist dies überhaupt eine Frage von großer Schwierigkeit: wie 
erkennt man ein Talent? Wir wissen, daß übermächtiger 
Drang zum Theater, ja wenn man aus bürgerlicher oder gar 
bureaukratischer Sphäre stammt, sogar die Überwindung von 
Familienschwierigkeiten, keine zuverlässigen Bürgen für Talent 
sind. Denn die Liebe zur Kunst ist in dem jungen und be- 
sonders dem weiblichen Herzen stark ausgeprägt. Man hört 
oft, es sei unmöglich, ein sicheres Prognostikon für die Theater- 
laufbahn zu stellen, das zeige sich erst in der Praxis des 
Engagements. Ich sollte meinen: nur der Grad des Talentes sei 
nicht, absolute Talentlosigkeit aber sei wohl erkennbar. 

Daß die schwere Verantwortlichkeit eines Urteils sich auf 
mehrere Richter besser verteilt, daß eine gute Schule mit 
Übungsbühne sicherere Schlüsse zuläßt, beweist uns das Bei- 
spiel von Paris und Wien. Beide Städte haben im Anschluß 
an ihre Musikkonservatorien eine Art von geregelter, kontroUier- 



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— 257 — 

barer Vorbereitung für den Beruf geschaffen. Man bringt den 
Umstand, daß die ersten Fächer in Deutschland so oft von 
Österreicherinnen besetzt sind, mit deren besserer Schulung in 
Verbindung. Wenn ich höre, daß bei einer Aufiiahmeprüfung 
in Wien von 33 Angemeldeten 7 zugelassen wurden, so nehme 
ich wohl nicht mit Unrecht an, daß, wenn Privatlehrer? 
die vom Unterrichte leben, jeder einzelne für sich die Prüfung 
vorgenommen haben würde, von den 33 niemand abgewiesen 
worden wäre, der Markt sich durch den Mehrzufluß für die 
Tüchtigen also um so viel verschlechtert hätte. Deshalb scheint, 
trotz aller Schwierigkeit der Durchführung, staatliche Auf- 
sicht über den Werdegang des schauspielerischen 
Nachwuchses Notwendigkeit. Auch far dessen all- 
gemeine Bildung sei wenigstens etwas getan. Es besteht 
am Theater ein Vonirteil gegen den sogenannten „denkenden" 
Schauspieler; ich erinnere mich, daß ein Theateragent beim 
Anpreisen einer jugendlichen Liebhaberin ihren „stupend 
dummen Ausdruck" als einen besonderen Vorzug rühmte. Ein 
Theaterliterat, im Gespräch mit einer gebildeten Schauspielerin, 
die er nie auf der Bühne gesehen, äußerte seine Zweifel, ob 
sie wirklich gut spiele, da sie so gut über ihre Kunst zu 
sprechen wisse. 

Das alles beruht natürlich auf einem Mißverständnis. Wie 
in jeder anderen Kunst wird der Instinkt, der göttliche 
Funke auch auf der Bühne durch nichts ersetzt werden 
können, aber das vorhandene Talent wird durch Arbeit, 
durch Schulung des Verstandes sicher nie erstickt, sondern flüssig 
gemacht; der erweiterte Horizont hebt die ganze Persönlich- 
keit, die, als Ausgangspunkt, als Material für die schauspiele- 
rische Kunst, nicht trefflich, biegsam, nicht reich und edel 
genug sein kann. 

Und selbst die bescheidene Begabung — wird sie nicht 
in ein ganz anderes Licht gesetzt durch „des Genius Bruder, 
den erhabenen Fleiß ?" Erhebt er nicht die Mittel m ä ß i g k e i t 
zum Mittelgut? Und bedarf das Theater dieses Mittelguts 
: nicht etwa dringend? Ist es nicht auf einen leistungsfähigen — 
Mittelstand möchte ich sagen — angewiesen? Für uns, die 
wir hier zusammenkamen, nicht um uns mit dem Werdegang 

Franenkongreß. 17 



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— 258 — 

der Außerordentlichen zu beschäftigen — der ja niemals einen 
Maßstab gibt — sondern um der Frau im allgemeinen auf 
ihrem Wege nach Erringung wirtschaftlicher Selbständigkeit 
zu folgen, ihr womöglich zu helfen, steht gerade dieser Mittel- 
stand im Brennpunkt des Interesses. Wie ist nun die Welt 
beschaffen, in welcher die Durchschnittsbtthnenkünstlerin ihren 
Existenzkampf durchzufechten hat? Sie findet einen Boden, 
angeblich der Kunstpflege gewidmet, welcher unter dem Ein- 
fluß der seit dreißig Jahren eingeführten Theatergewerbe- 
freiheit sich verwandelt hat in einen Tummelplatz für Kon- 
kurrenz und Gelderwerb. Vor 1871 wurde das Privileg, ein 
Theater zu flthren, nur unter schwerwiegenden Bedingungen 
an bestimmte Personen verliehen, wenn ein Bedürfnis vor- 
lag und Garantien geboten wurden. Gleich im ersten Jahre 
der Theaterfreiheit entstanden zu den 270 vorhandenen 
deutschen Bühnen (Ausland mitgerechnet) 90 neue. Heute 
zählen wir in Deutschland ca. 600 Sommer- und Winterunter- 
nehmungen, ohne die Varietes, Tingel-Tangel und Rauch- 
theater. 

Die angesehensten der Direktoren dieser 600 Theater 
bilden den „Deutschen Bühnen verein", ein Kartell zum 
Schutze ihrer Interessen. Eine Vereinigung der Darsteller „zur 
Hebung ihrer künstlerischen, rechtlichen und sozialen Stellung" 
bildet seit 30 Jahren die Genossenschaft Deutscher 
Bühnenangehöriger, die 5400 aktive Mitglieder zählt, 
von denen 70 7o männliche und 30 % weibliche. Da ein großer 
Teil der aktiven Bühnenkünstler — ungefähr 18000 im Deutschen 
Reich — ihr fehlt, von den Frauen die meisten, greifen wir 
wohl nicht zu hoch mit der Annahme, daß in Deutschland 
ca. 12000 Menschen als Solodarsteller ihr Brot verdienen. 
Der weibliche Teil dieser Legion unter notorisch schlechteren 
Bedingungen als der männliche. Nicht nur, weil die Kleider, 
welche den Männern teilweise geliefert werden, eine nie auf- 
hörende Sorge und Ausgabe bilden, sondern weil die Gagen 
tatsächlich niedriger sind. Ein von Schienther zitierter Ge- 
währsmann sagt, besonders im Hinblick auf Wien und Berlin: 
„Um die moralische Verurteilung heraufzurufen, bedürfte es 
nur der genauen Bekanntgebung der Gagen aller Mit- 



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— 259 — 

glieder.^ In schreiendem Mißverhältnis zu ihnen stehen die 
Anforderungen an die Garderobe. Der neue Beschluß des 
Bühnen Vereins : ab 1907 den Frauen die historischen Kostüme 
zu stellen, fußt auf einer Skala von durchschnittlich 80 bis 
300 Mk. monatlich, je nach Fach und Bedeutung. Der Luxus 
ist aber derart gestiegen, daß eine Darstellerin erster Rollen 
ihr halbes Jahreseinkommen von einem modernen Salonstücke 
verschlungen sieht, und doch, trotz Talent, sich nicht halten 
kann neben der Rivalin, die nicht nur auf die Gage verzichtet, 
sondern das Recht, ihre Rolle zu spielen, womöglich in irgend 
einer Form auch noch bezahlt. Letztere Kategorie nimmt 
einen breiten Raum ein im modernen Theater; es gibt Direk- 
toren, die der Tendenz dieser Damen: die Bühne zum Aus- 
stellungsplatz ihrer Person und zur Reklame für ihre 
berühmten Schneider zu machen, nur zu gern entgegen- 
kommen. 

Aber nicht nur die diamantenübersäete Theaterprin- 
zessin — neuerdings bedroht auch anständige wohlhabende 
Talentlosigkeit das begabte aber arme Mädchen, das von der 
Gage leben muß. Letztere ist sofort entbehrlich, wenn die 
Trägerin eleganter Garderobe ihr den Platz "streitig macht. 
Ein junges, anmutiges Mädchen wurde kürzlich von einem 
Provinzdirektor abgewiesen mit dem Worten: „Ich bekomme 
ein Dutzend talentvollerer zur Auswahl umsonst." Auch 
gute Künstlerinnen für älteres Fach finden jetzt oft kein Unter- 
kommen. 

Wenn der berühmte Nationalökonom Professor Schmoller 
die Moral im Arbeiterstande als eine „Wohnungsfrage" be- 
zeichnete, so dürfen wir die Sittlichkeit am Theater in engsten 
Zusammenhang bringen mit dem zum Paroxysmus gesteigerten, 
der Absicht des Stückes oft zuwiderlaufenden Luxus. Der 
Schneider scheint heute auf der „Schaubühne," die unser 
Schiller als eine „moralische Anstalt" betrachtet wissen will, 
als Großmacht zu thronen. Und ich furchte, daß der weib- 
lichen Hälfte des Publikums die Hauptverantwortlichkeit 
dafür zufällt.. Sie ahnt offenbar nicht, wie viel Tränen, wie viel 
Kämpfe, wie viel Menschenwürde an diesen Fetzen hängt. 

So unhaltbar sind diese Zustände geworden, daß einige 

17* 



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— 260 — 

sozial empfindende Künstlerinnen mit Frauen ans der Gesell- 
schaft 1899 in Berlin eine „Zentralstelle" gegründet haben, 
nm bedürftigen Künstlerinnen mit dnrch Kanf erworbener oder 
geschenkter Garderobe zn Hilfe zn kommen. Der in höheren 
Bühnenkreisen erhobene Einwand: getragene Kleider zn be- 
nutzen, hätte etwas den Stand Demütigendes, widerlegt sich 
von selbst. Es wird daranf gehalten, daß nur Bedürftige 
die Zentralstelle in Anspruch nehmen, die allerdings als Wohl- 
tätigkeit gedacht ist, um äußerste Not zu lindem, bis Reformen 
durch Gesetz geschaffen sind. Die Bewilligung der historischen 
Kostüme ab 1907, die die Genossenschaft durchgesetzt hat, 
wird übrigens in der Praxis genau auf dasselbe hinauslaufen; 
und doch arbeitet die Genossenschaft weiter, um ab 1910 die 
Lieferung der sämtlichen Garderobe an die weiblichen 
Angestellten zu erringen. Allerdings dürfte die Wohltat dieser 
Neuerung nur dann wirklich fühlbar werden, wenn das Recht 
aller auf gelieferte Kleider zugleich die Pflicht aller ein- 
schließt, sie zu tragen. Sollte strenge Handhabung dieser Ver- 
pflichtung undurchführbar sein, so ist eine gründliche Bessening 
der Verhältnisse auf diesem Wege illusorisch. 

Einen der schärfsten Anstoßsteine des Bühnenlebens bildet 
in den Kontrakten der berüchtigte Kündigungsparagraph, 
demzufolge das Mitglied auf eine Saison gebunden, der Direktor 
hingegen berechtigt ist, im Antrittsmonat zu kündigen „wegen 
künstlerischer Unfähigkeit, worüber ihm allein das Entschei- 
dungsrecht zusteht." E r darf verschiedene Mitglieder für eine 
Vakanz engagieren, die Gage herabsetzen, die billigsten be- 
halten, und die Gekündigten können zusehen, wo sie unter- 
kommen. Es ist der nie genug zu rühmenden Energie der 
Genossenschaft zu danken, daß hier bereits mit Erfolg der 
Hebel angesetzt ist. Statt des Direktors allein soll jetzt ein 
Kollegium von Mitgliedern über die Zulässigkeit einer Kündi- 
gung entscheiden. Der Bühnenverein nahm günstige Stellung 
zu der Reform; 14 Sommertheater und 2 große haben die neuen 
Kontraktformulare eingeführt, unter ihnen das deutsche Schau- 
spielhaus in Hamburg unter Freiherrn v. Berger. Die Genug- 
tuung über diese Errungenschaft wird allerdings geschmälert 
durch die Besorgnis, daß es sehr schwer sein wird, die theo- 



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— 261 — 

retisch so einleuchtende Maßregel auch praktisch befriedigend 
durchzuführen Dasselbe gilt auch von den Reformen des 
Schiedsgerichts. Diese Institution vertritt für alle Bühnen- 
mitglieder in Streitfällen die Stelle ordentlicher Gerichte; der 
Mangel eines örtlichen Schiedsgerichts, eines mündlichen 
Verfahrens war bis jetzt stehende Kalamität; monate- ja jahi'e- 
lange Verschleppung der richterlichen Entscheidung konnte 
für das beklagte Mitglied — das oft nicht auftreten durfte in 
der Zwischenzeit — der Anfang wirtschaftlichen und sittlichen 
Ruins werden. Die jetzt angestrebten Verbesserungen wie: 
paritätische Zusammenstellung des Richterkollegiums, An- 
erkennung der Gegenseitigkeit der Konventionalstrafe, weisen 
auf die dunkelsten Punkte der bisherigen Handhabung hin. 

Es ist aber nicht zu leugnen, daß es Praktiker gibt, welche 
das ganze Schiedsgericht als einen dunklen Punkt an- 
sehen. In der Tat muß man sich fragen, warum der Bühnen- 
angehörige nicht wie jeder andere Bürger den ordentlichen 
Gerichten unterstehen soll, welche hier, wie für alle sonstigen 
SpezialVerhältnisse , Sachverständige zuziehen könnten. 
Die Antwort auf die Frage ist wohl zunächst, daß der 
Bühnenverein nicht geneigt sein dürfte, ein Machtmittel wie 
das Schiedsgericht aus der Hand zu geben. 

Wir sehen bei diesem Überblick; was überhaupt erreicht 
worden ist zugunsten des Theaterstandes, ist vor allem der 
Genossenschaft zu danken. Sie hat sich aus kleinsten 
und schwersten Anfangen heraufgearbeitet, Dank der Energie 
und Begeisterung ihrer Gründer und Ausbauer, Männer, die 
auch als Künstler Zierden ihres Standes sind. Sie hat noch 
schwere Arbeit — denn leider muß es ausgesprochen werden: 
Solidarität, Gemeinsinn gehören einmal nicht zu den Tugenden 
des Bühnenangehörigen. Vortreffliche Institutionen wie z. B. 
die Witwen- und Waisenpensionskasse werden von verheirateten 
gutgestellten Künstlern nicht genügend benutzt. 

In erhöhtem Maße trifft aber der Vorwurf der Gleich- 
gültigkeit die Frau am Theater. Der wirtschaftliche Druck, 
unter welchem sie lebt, ist kein ausreichender Grund, wie uns 
das Beispiel der Fabrikarbeiterin lehrt. Es ist die den Frauen 
überhaupt seit Jahrhunderten als „echt weiblich" gelehrte 



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— 262 — 

Passivität, die nur bei persönlichen Fragen aufliört. 
Daß es gar keine genossenschaftlichen Fragen gibt für die 
Schauspielerin, die nicht zugleich persönlich wären oder es 
werden könnten — das fühlt sie nicht. Gerade wie wir 
anderen, die keine Idee haben von Gesetzen und erst durch 
Konflikte auf deren Vorhandensein stofien, meist zu spät. 
Da aber die Künstlerin fortwährend Gefahr läuft, durch die 
Unkenntnis der Gesetze und ihrer eigenen Rechte zu Schaden 1 

zu kommen, so hätte sie zehnfache Veranlassung, sich zu i 

orientieren. Deshalb wären Rechtsschutzstellen für sie 
an die schon vorhandenen und von Frauen aller Stände be- | 

nutzten anzugliedern. So mancher drohende Konflikt könnte | 

dann durch rechtzeitigen Rat beseitigt werden ; vor allem aber , 

würde der unglaubliche Leichtsinn im Unterzeichnen von Kon- , 

trakten, die kaum oder gar nicht durchgelesen werden, auf- 
hören. 

Auch für den Verkehr der Frauen mit den Agenten 
könnte die Rechtsschutzstelle sich als nützlich erweisen. Leider 
kann ich mir nicht vorstellen, wie das Agententum je aus 
dem Theatergeschäft ganz verschwinden könnte; die Theater- 
leiter hängen zu häufig von ihm ab, auch pekuniär. Bis vor 
wenigen Jahren gehörte dieses Blatt zu den allerschwär- 
zesten im Buche des Bühnenlebens ; erfreulicherweise ist festzu- 
stellen, daß die Aufmerksamkeit der Gesetzgeber sich den 
früher geradezu schauerlichen Zuständen zuwendet und daß 
der Bühnenverein in der Sache eine den Künstlern günstige 
Haltung beobachtet. Auch unter den Agenten selbst finden 
sich einzelne, die die Bestrebungen der Genossenschaft und 
des Bühnenvereins unterstützen, indem sie den Prozentsatz 
für die Stellenvermittlung in gewissen Grenzen zu belassen 
angenommen haben. 

Das gesamte Gebiet jedoch stand bis vor kurzem wie 
ein Stiefkind der Teilnahme unserer gesetzgebenden Körper- 
schaften am fernsten. Jetzt erst beginnt sie sich kräftiger 
zu regen. Auch die Kommunen könnten durch allgemeine 
Einführung des jetzt nur vereinzelt gehandhabten Modus 
segensreich reformieren: die Stadttheater in Regie zu geben, 
statt sie zu verpachten, d. h. den bisherigen, Gewinn suchenden 



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— 263 — 

Direktor umwandeln in einen sicher gestellten Beamten. In 
Freiburg soll sich der Versuch bewährt haben; das Schiller- 
theater in Berlin ist auf dieser Basis gegründet und gedeiht. 
Vor einigen Jahren tauchte die Anregung auf, in den Äuf- 
sichtsrat eines so konstituierten Theaters den männlichen Auf- 
sichtsräten einen oder mehrere weibliche zuzugesellen* 
Man betonte: es wäre unnatürlich, daß den weiblichen Mit- 
gliedern keine Vertreterin, keine höhere weibliche Instanz zu- 
geteilt sei, an die sie sich vertrauensvoll wenden könnten. 
Vielleicht wäre solche Instanz auch recht heilsam als Gegen- 
gewicht für etwaige Parteilichkeiten männlicher Aufsichtsräte 
für ihnen befreundete Künstlerinnen. Der Anregung wurde 
keine Folge gegeben. 

Man schlägt auch vor, mehrere benachbarte Städte durch 
ein Theater zu versorgen. Das sind Detailfragen, an deren 
Lösung Bühnenverein und Genossenschaft gleich beteiligt sind. 
Auch suchen sie neuerdings in erfreulicher Weise Berührungs- 
punkte, um gemeinschaftlich vorzugehen. Sie haben z. B. er- 
reicht, daß in Preußen vor dem Erteilen der Konzession an 
einen Theaterdirektor bei beiden Körperschaften nach dessen 
Qualifikation angefragt werden muß. Für den Darsteller aber 
ruhen vorläufig in der Genossenschaft doch die sichersten 
Anker seiner Hoflhungen. Und da die Frau an der Bühne 
unter der Rechtlosigkeit ihres Standes doppelt zu leiden hat, 
hat sie allen Grund, sich diesem Verbündeten anzuschließen. 
Ohne Ausnahme wende sie sich ihm zu, lege Hand an — und 
Kopf — wo es sich um das Wohl aller handelt. 

Damit sie aber nicht erlahme, bedart es moralischer Hilfs- 
truppen von außen, der Sympathie und des Verständnisses der 
Frau aus dem Publikum. Schon durch ihre Überzahl im Zu- 
schauerraum müßte sich ihr günstiger Einfluß fühlbar machen. 
Die moderne Frau, wie wir sie uns denken, muß sich end- 
lich ihrer Pflicht bewußt werden, im Theater zu unterscheiden 
zwischen einer künstlerischen -Leistung und dem Flitterkram 
der Mode. Was Schiller vor länger als einem Jahrhundert 
aussprach, müssen wir heute mehr als je beherzigen: „Bevor 
nicht das Publikum für seine Bühne gebildet ist, dürfte wohl 
schwerlich die Bühne ihr Publikum bilden." 



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— 264 — 

In der Diskussion führte Frau Sabine Lepsius« 
Berlin in bezng auf die bildenden Künstlerinnen u. a. folgendes 
aus: „Ich möchte an dieser Stelle auf eine Gefahr auftnerk- 
sam machen, die den Künstlerinnen droht, und die ihnen aus 
den Reihen ihrer eigenen Mitschwestem entsteht. Diese Ge- 
fahr heißt — der Dilettantismus! Ein ganzes Heer von 
Dilettantinnen drängt sich gewaltsam in die Reihe der Künstler 
und Künstlerinnen, treibt dort sein Wesen und schädigt auf 
das Bedenklichste das Ansehen der Künstlerinnen. Ich spreche 
jetzt ganz ausdrücklich nur von der Schädigung ihres Ansehens, 
nicht von der materiellen Schädigung. Ich mache es diesen 
Dilettantinnen zum Vorwurf, einen solchen Mangel an Ehr- 
furcht vor der Kunst, eine solche Unkenntnis des Ernstes und 
der Entsagung der Arbeit zu haben, daß sie dadurch die 
Achtung vor einem ganzen Stande erschüttern helfen. Sie 
soUten, sie müßten so viel Korpsgeist haben, sich als Dilettan- 
tinnen zu verhalten, zu fühlen und für ihre dilettantischen 
Leistungen den entsprechenden engen Kreis zu suchen, in dem 
sie ja sehr viel Freude bereiten können. Den weiten Kreis 
der Öffentlichkeit sollten sie jedoch den Künstlerinnen über- 
lassen. 

Sie werden mir. einwenden, daß es auch eine Anzahl sehr 
minderwertiger Künstler gibt, und daß, wenn Frauen gleiche 
Rechte mit den Männern erstreben, es ihnen auch nicht ver- 
wehrt werden darf — eben so schlecht zu malen wie diese. 
Da möchte ich nun erwidern: 1. daß ein prinzipieller Unter- 
schied selbst zwischen einer schlechten Künstlerin und einer 
guten Dilettantin besteht, dessen Darlegung hier zu weit 
führen würde; 2. daß es m. E. nur der Gerechtigkeit ent- 
sprechen würde, und daß die Frauen ihre Ehre darein setzen 
sollten, die untere Grenzlinie ihrer Leistungen höher zu 
ziehen, als es die Künstler tun, weil es ihnen bisher versagt 
war, die obere Grenzlinie zu erreichen. 

Der praktische Vorschlag zur Bekämpfung des Dilettan- 
tismus, den ich zu machen habe, ist dieser: die Frauen sollten 
sich mehr und mehr von Frauenausstellungen und Frauenver- 
einigungen zurückziehen, und statt dessen Aufnahme in 
Künstlervereinigungen und -ausstellungen erstreben, die sich 



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— 265 — 

ja gar nicht ablehnend gegen Frauen verhalten. In anderen 
Berufen wird von Frauen die Gemeinsamkeit der Einrichtungen 
mit Männern erstrebt, und gerade in diesem Berufe, wo sie 
tatsächlich existiert, arbeiten die Frauen selbst dagegen. Die 
Verteidigerinnen des Sonderungssystems behaupten, daß Künst- 
lerinnen ungerecht behandelt werden. Natürlich, gewiß werden 
Künstlerinnen gelegentlich ungerecht behandelt! Geht es denn 
aber den Künstlern anders oder besser? M. E. ist es ein 
großer Fehler der Künstlerinnen, für alles Fatale, Ungerechte, 
Beleidigende, was ihnen oft widerfährt, den Grund ausschließ- 
lich in ihrer Weiblichkeit zu suchen. Meine Damen! Wer 
alle Ungerechtigkeiten, Widerwärtigkeiten — allen Ärger und 
alles Elend, dem Künstler ausgesetzt sind, kennt, der kann 
Ihnen die feste Versicherung geben, daß unter allem Mißge- 
schick, das einen Künstler treffen kann, es das bei weitem 
Geringste ist — eine Frau zu sein. 

Eine weitere Einschränkung des Dilettantismus bereitet 
sich durch die Erleichterung der Studien für Frauen in an- 
deren Berufen vor. Bisher nämlich wurde es den Frauen 
selbst mit der denkbar geringsten Begabung immer noch viel 
leichter gemacht, Künstlerin zu werden, als selbst mit einer 
hervorragenden wissenschaftlichen Begabung den Zutritt 
zur Universität zu finden, so daß sie — erstaunlich oft — die 
Laufbahn einer minderwertigen Künstlerin vorzog. Diese 
traurigen Erscheinungen werden sicher verschwinden, wenn es 
erst ein Selbstverständliches geworden ist, daß Frauen, 
die eine ausgesprochene Begabung in sich fühlen, gleichviel 
nach welcher Sichtung, sich in ihr ausbilden, entwickeln und 
betätigen dürfen. Denn nicht aller Frauen Sache ist es, zu 
kämpfen. Viele unter ihnen könnten nur dann zu harmonischem 
Wirken kommen, wenn sie einen bereiteten Boden vorfinden, 
den sie so selbstverständlich betreten, wie der Mann es tut. 
Wie dankbar müssen die Frauen also denen sein, die nicht 
müde werden, alle Unbill des Kämpfens und Erkämpfens auf 
sich zu nehmen und so für ein künftiges Geschlecht zu 
schaffen, was wir selbst noch entbehren mußten." 

Frl. Olga Stieglitz* Berlin berichtet über die Musik- 
sektion des allgemeinen deutschen Lehrerinnenvereins, die eine 



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— 266 - 

gründlichere Ausbildung aller musikalischen Lehrkräfte an- 
strebt. Frl. Ströv er* München verlangte die Zulassung der 
Frauen zu den Akademien und erhoiFt die beste Wirkung von 
dem Zusammenarbeiten der studierenden Männer und Frauen 
auch auf diesem, wie auf allen anderen Gebieten. Frl. Adele 
Schreibe r^Berlin entwarf traurige Bilder aus dem Leben 
der Schauspielerinnen und forderte zum Eintreten für diese 
unter so schwierigen Bedingungen wirkende Berufsklasse auf. 

Zum zweiten Punkt der Tagesordnung „Kunstgewerbe" 
sprach Frau Charlotte Klein =» Kopenhagen in ihrem Re- 
ferat über „die kunstgewerbliche Tätigkeit der 
Frau". Sie schilderte die Arbeit der dänischen Frauen auf 
den verschiedenen Gebieten und stellte als erfreuliche Tat- 
sache fest, daß in ihrem Lande Mann und Frau bereits in allen 
Fächern des Kunstgewerbes gleichberechtigt seien und Gleich- 
wertiges leisteten. 

Frl. von Bis tram^* Wiesbaden sprach über „die Frauen 
in der deutschen Literatur". Sie stellte dem alten 
Frauenideal des „unbeschriebenen Blattes" aus früheren Lite- 
raturepochen die „neue Frau" entgegen, wie sie vor allem in 
den Werken der modernen Schriftstellerinnen lebt, die Frau, 
die zur Teilnahme am sozialen Leben erwacht ist, die sich als 
selbständige und selbstverantwortliche Persönlichkeit fühlt. 

Lady Marjorie Gordon^^ England hob in ihrem Refemt 
„Die Frauen in der englischen Literatur" heiTor, 
daß der Anteil der Frauen auf diesem Gebiet gegenwärtig, 
nach einer rapiden Entwicklung, ebenso groß sei, als der des 
Mannes, und daß ihr Einfluß sich besonders im Roman geltend 
mache. Die Subjektivität der Frau, die sie früher dazu trieb, 
ihre Anschauungen und Empfindungen in Tagebüchern nieder- 
zulegen, findet hier ihren modernen Ausdruck. Jede Tages- 
frage wird von den Frauen mit Ernst, Gründlichkeit und einer 
starken persönlichen Anteilnahme aufgegriifen und im modernen 
sozialen Roman diskutiert. 

In ihrem Referat über die „Journalistinnen in 
Deutschland" legte Frau Elizalchenhaeuser^^Berlindie 
Bedeutung der Presse für die Frauen, die Wechselwirkung 
zwischen der Frauenbewegung und der Fraueiyoumalistik dar. 



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— 267 — 

In ihrer jetzigen Gestalt erst durch die Frauenbewegung ge- 
schaffen, ist die Frauenjournalistik ihre tatkräftigste in alle 
Kreise dringende Pionierin geworden. Bis vor einem Jahrzehnt 
noch überwiegend auf dem Grebiete der Mode und Haushaltungs- 
angelegenheiten tätig, und sich nur allmählich, schüchtern und 
möglichst hinter dem schützenden Wall der Pseudonymität — 
weil die Abneigung oder Skepsis gegen Schriftstellerinnen und 
„frauenzimmerlichen" Stil allgemein waren — an Reiseschilde- 
rungen, kleine Novellen, Erzählungen, Romane usw. heran- 
wagend, beherrschen sie heute geradezu den literarisch-belle- 
tristischen Teil der Presse, sind sie auf fast allen anderen 
Gebieten ebenfalls tätig. Nach einer Enquete der Referentin 
waren von den enquetierten Journalistinnen IVa^/o *^ kunst- 
gewerblichem Gebiete, 3^2 7o ^^^ politischem, 4 % auf reise- 
schriftstellerischem, 4 Y2 % auf hauswirtschaftlichem, 5 % ^^^ 
literarhistorischem, 7^/2% auf dem der Mode, 8V2% auf wissen- 
schaftlichem, 10 % auf dem der Kunst und Kunstkritik, eben- 
soviel auf pädagogischem, 18 Vi % auf sozialpolitischem und 
27^/0 auf rein literarischem Gebiete tätig. Die Leiter der 
Tagesblätter haben die weiblichen Mitarbeiterinnen ebenfalls 
so schätzen gelernt, daß 60 7o der angefragten Zeitungen weib- 
liche Mitarbeiter angeben konnten. Nur die Bezahlung bildet, 
wie auf allen anderen Gebieten, den wunden Punkt. Auf einer 
angemessenen Bewertung ihrer Leistung zu bestehen, ist daher 
Pflicht der Journalistin. Nicht minder müßte sie stets der be- 
sonderen Mission der Frau auch auf diesem Gebiete eingedenk 
sein: Das Gute und Edle zu fördern und für die Bedrängten 
und Schwachen einzutreten. 

In der Diskussion wies Frau Deut seh* Berlin auf 
die Bestrebungen hin, die Kunst im Leben des Kindes einzu- 
führen. Das Bilderbuch, der Wandschmuck und das Spielzeug 
bieten reichliche Gelegenheit zur Betätigung der künstlerischen 
Anlagen der Mütter. Miß Imandt==London bestätigte im 
Namen des Verbandes der englischen Journalistinnen den 
starken Anteil der Frauen an diesem Beruf. Frau Michelet^ 
Norwegen sprach im Namen der Konsumenten des Journalismus 
und rief die Frauen auf, gegen die schlechte Literatur Front 
zu machen. Frau Kr außn eck* Berlin, gab dem Wunsche 



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— 268 — 

Ausdruck, daß auch der letzte Rest des alten Vorurteils der 
bürgerlichen Gesellschaft gegen die Bühnenkünstlerin beseitigt 
werde, damit der kulturelle Einfluß des Bürgertums auf die 
Schauspielerwelt ein größerer werde. 



Sonnabend, den 18. Juni. 



Wissenschaftliche Berufe. 

L Der Lehrerinnenberuf. 
II. Akademische Berufe. 

Fräulein Dr. med. Agnes Bluhm* Berlin hatte den Vor- 
sitz und führte in ihrem einleitenden Referat folgendes aus: 

„Wissenschaftlich gebildete und wissenschaftlich tätige 
Frauen hat es zu allen Zeiten gegeben, in denen die Kultur 
einen gewissen Höhepunkt erreichte, in jenen Zeiten, wo die 
geistige Nahrung den Kulturvölkern in so reichem Maße zu- 
strömte, daß nicht nur spärliche Brosamen, sondern wirklich 
nahrhafte Bissen von dem Tische der hervorragenden Männer 
für die Frauenwelt abfielen. Immerhin sind solche gelehrten 
Frauen — vielleicht mit Ausnahme der italienischen Renaissance 
— vereinzelte Erscheinungen geblieben und die Wissenschaft 
als Frauenberuf ist — mit Ausnahme des Lehrberufes — erst 
ein soziales Phänomen der letzten Dezennien. 

Im praktischen Leben hängt der Begriff des Berufes aufs 
engste zusammen mit dem des Erwerbes, und so war der Ruf 
nach Freigabe der Wissenschaft an die Frauen, der um die 
Mitte des vorigen Jahrhunderts allerorten erschalle, zunächst 
der Ausdruck des Verlangens nach Erweiterung der Erwerbs- 
möglichkeit für das weibliche Geschlecht. In Deutschland 
gewann die Frage des Frauenstudiums erst das Interesse 
weiterer Kreise, nachdem einige mutige Frauen ins Ausland 
gegangen waren, um mit akademischer Bildung und akade- 
mischem Grade ausgerüstet, in die Heimat zurückzukehren, 
und hier eine von bestem Erfolge gekrönte Berufstätigkeit zu 
entfalten. Diese Frauen bildeten die lebendige, höchst wirk- 



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— 269 — 

same Illustration zu den theoretisierenden Streitschriften der 
Frauenrechtlerinnen, und so sehen wir unter der fördernden 
Wechselwirkung von Theorie und Praxis allmählich die Hinder- 
nisse schwinden, die sich den Frauen auf dem Wege zur Hoch- 
schule entgegenstellten, bis schließlich um die Jahrhundert- 
wende die letzten Schranken fielen. 

Die Freigabe des akademischen Studiums bedeutet indes 
bei uns in Deutschland, wie Sie wohl schon gehört haben, 
keineswegs die Freigabe sämtlicher wissenschaftlicher Berufe. 
Es kann eine Frau bei uns wohl Theologie studieren, aber sie 
darf die Kanzel nicht besteigen; sie kann juristische Studien 
betreiben, aber nicht Advokat oder höherer Beamter werden. 
Und — so paradox es klingen mag: der Frauenbewegung ist 
diese Beschränkung in gewissem Sinne zugute gekommen. 
Denn die Rechtsgelehrte, welche, wenn es ihr gestattet wäre, 
ihre Kenntnisse gewiß gern dem Staats- oder Gemeindedienste 
widmen wurde, stellt dieselben jetzt unserer Bewegung zur 
Verfügung. — Andererseits hat eine Reihe von Frauenrecht- 
lerinnen in der Erkenntnis, daß Wissen Macht ist, sich einem, 
ihrem besonderen Agitationsfelde entsprechenden SpezialStudium 
zugewendet, und wenn sie auch zum Teil kein Doktorhut schmückt, 
so stehen sie doch den mit akademischem Titel ausgerüsteten 
und in wissenschaftlichem Berufe tätigen vollwertig zur Seite. 
Es ist mir unmöglich, hier aller jener zu gedenken, die sich 
bei uns um die Eroberung der Wissenschaft als Frauenberuf 
verdient gemacht haben. Es ist aber mehr als persönliche 
Dankespflicht, wenn ich hier einer Frau ein paar Worte 
widme, deren Auftreten in Berlin Ende der 60 er Jahre m. E. 
von viel weittragenderer Bedeutung für die Studienfrage ge- 
wesen ist, als es heute manchem erscheinen mag. Ich meine 
Frau Henriette Tiburtius^Hirschfeld, die sich hier 
vor etlichen 30 Jahren als Dr. of Dental Surgery niederließ 
und gleichzeitig einen wertvollen praktischen Beitrag zu der 
erst heute aktuell gewordenen Frage „Frauenberuf und Mutter- 
schaft" geliefert hat. Das Besitzergreifen eines gänzlich neuen, 
halb wissenschaftlichen, halb technischen Gebietes durch eine 
Frau, der starke äußere Erfolg, der. ihren Mut belohnte, ist 
sicherlich nicht ohne Einfluß auf die gebildete deutsche Fitiuen- 



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— 270 — 

weit geblieben. Dazu kam die persönliche Anregung, die von 
der lebhaften, noch heute begeisterungsfähigen Frau^ in deren 
gastlichem Hause sich die bedeutendsten Frauenrechtlerinnen 
versammelten, ausging, und es ist gewiß mehr als reiner Zufall, 
da£ unsere ersten beiden akademisch gebildeten Frauen mit 
jener eng befreundet, resp. verwandt waren. Diese, meine 
hochverehrten Kolleginnen L e h m u s und Tiburtius, widmeten 
sich dem medizinischen Studium, nicht um hors de concours 
einen Erwerb zu finden; sie verließen angenehme und sichere 
Positionen, um aus rein ideellen Motiven sich der Wissen- 
schaft zuzuwenden. Sie beduiften, wie alle Pioniere, eines 
nicht unbedeutenden Aufwandes an moralischer Kraft, um zum 
Ziel zu gelangen; als Ansporn mag ihnen dabei die Verant- 
wortung für die kommenden strebenden Frauengeschlechter 
gedient haben. Für die heutige Generation bedarf es eines 
solchen Kraftaufwandes nicht mehr: die Kraft ist frei ge- 
worden und kann der Berufsleistung zugute kommen. Die 
Verantwortung aber bleibt. Die früher von den Gegnern des 
Frauenstudiums so hochangeschlagene Gefahr, es möchten aus 
den „Femmes savantes" „Pr6cieuses ridicules" werden, wird 
heute kaum mehr irgendwo ernst genommen. Eine andere Ge- 
fahr läßt sich aber nicht ganz von der Hand weisen: 

Ohne zu verkennen, daß die Frauenfrage im weitesten 
Sinne eine ökonomische ist, und ohne diese ihre wirtschaftliche 
Seite etwa gar zu mißachten, möchte ich doch gern die wissen- 
schaftlichen Frauenberufe davor bewahrt wissen, daß sie zu 
dem herabsinken, was man bei uns „Brotstudium" nennt. Jetzt, 
wo kein Hindernis mehr vor der Hochschule zu nehmen, wo 
akademische Bildung ein leicht erreichbarer Besitz ist, könnte 
es sich ereignen, daß eine Reihe erwerbsbedürftiger Frauen 
sich mit dem Mindestmaß von Wissen begnügte, das zur Ab- 
solvierung eines guten Examens notwendig ist. Darum ge- 
statten Sie, meine jungen Kommilitoninnen, mir eine Bitte: 
Vergessen Sie nie, daß der Kern jeder Wissenschaft das Streben 
nach Wahrheit ist, daß die akademischen Bürgerinnen somit 
Pflegerinnen eines der höchsten menschlichen Güter sind, das 
zu fördern ihre heilige Pflicht ist, sei es, daß sie die unter 
Anspannung aller Kräfte gewonnene Erkenntnis in irgend- 



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— 271 — 

welcher Form für die Mitwelt nutzbar machen, sei es, daß sie 
durch eigene Forschung die Erkenntnis der Wahrheit positiv 
mehren, damit dereinst auch in der Wissenschaft die Frau die 
Kulturmission erfülle, zu der sie befähigt und berufen ist." 

Als erste Rednerin sprach Frl. Maria Lischnewska^ 
Spandau über 

Die Lage der Volksschullehrerinnen in Deutschland. 

„Die deutsche Volksschule ist die Grundlage der deutschen 
Volksbildung, auf welcher alle Leistungen der Nation in letzter 
Linie ruhen. Sie wird von mehr als 96% aller Kinder des 
Volkes besucht. Der Staat hat somit die Frauen zu einem 
bedeutungsvollen Amte zugelassen. Die deutschen Volksschul- 
lehrerinnen sind mittelbare Staatsbeamte: sie werden von der 
Gemeinde gewählt, vom Staate ins Amt berufen. Sie haben 
die Bechte der Staatsbeamten, d. h. sie sind unabsetzbar ohne 
Disziplinarverfahren. 

Ihre materielle Lage ist verschieden, je nach dem 
Orte ihrer Wirksamkeit. In den Dörfern und kleinen Städten 
steigt das Gehalt von 700, 800 bis 1500 und 2000 Mk., in den 
größeren Städten von 1000, 1200 bis 2500 und 3000 Mk, Zu dem 
Gehalt tritt eine Mietsentschädigung, welche der Lehrerin die 
Führung eines eigenen Haushaltes gestattet. Diese Verhält- 
nisse sind dauernd im Fluß, denn der Volksschullehrerstand 
ist ein aufstrebender Stand. Überall wird ein wohlorganisierter 
Kampf um Besserstellung geführt. Das Ziel ist die Gleichstellung 
mit den höheren Subalternbeamten. Die Frauen erhalten etwa 
70 bis 75% von den Bezügen des Mannes, sie erteilen aber 
wöchentlich 2 bis 4 Stunden weniger als der Mann. Die 
wöchentliche Stundenzahl der Lehrerin schwankt zwischen 22 
bis 32. Die höchste Stundenzahl findet sich auf dem Lande, 
verbunden mit den niedrigsten Gehältern. 

Dringend zu wünschen ist, daß. diese verschiedene Be- 
lastung von Mann und Frau aufhört und damit die Grundlage 
für gleiche Be^soldung geschaffen wird. Diesem Ziele kommen 
die deutschen Volksschullehrerinnen aber mit Sicherheit näher, 
und zwar durch die Entwicklung der Schule selbst. Immer 
mehr wird eine wissenschaftliche Grundlage für den Unterricht 



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— 272 - 

und feinste methodische Durcharbeitung des Lehrstoffes ge- 
fordert. Diesen Forderungen gegenüber ist auch der Mann zu 
stark belastet. Es wird also eine mittlere Linie für beide 
Geschlechter festgelegt werden müssen. — Ln Königreich 
Sachsen sind Lehrer und Lehrerinnen bereits gleich belastet 
und gleich besoldet. 

Die Pensionierung der Volksschullehrerin kann auf 
ihren Antrag wegen Dienstunfähigkeit jederzeit geschehen. 
Nach 10 Dienstjahren erhält sie alsdann V4 bis Vs ^^^ ^^' 
haltes. Diese Summe steigt aber mit jedem Dienstjahr, so daß 
nach 40 Dienstjahren 75 bis 80 7,1 vom Gehalte als Ruhegehalt 
gezahlt werden. Da das vorhin genannte Höchstgehalt von 
2000 bis 3000 Mk. aber erst nach 25 bis 31 Dienstjahren er- 
reicht wird, und nur wenige Lehrerinnen 30 und mehr Jahre 
dienen, so bieten die Ruhegehälter ein sehr beschränktes Ein- 
kommen. Die großen Standesorganisationen haben daher freie 
Hilfskassen zur Aufbesserung des Ruhegehaltes geschaffen. 

Die Gesundh ei ts Verhältnisse der deutschen Volksschul- 
lehrerinnen sind im allgemeinen nicht günstige. Krankheiten 
und Beurlaubungen sind durchgängig häufiger als bei den 
Männern. Aus dieser Tatsache wird oft der Schluß gezogen, 
daß der Körper der Frau den Anstrengungen des öffentlichen 
Dienstes nicht gewachsen sei. Ich halte diesen Schluß für 
falsch. Die körperliche Erziehung der Frau ist mit der des 
Mannes nicht zu vergleichen. Vielfach fehlt dem jungen Mäd- 
chen jede Schulung durch Turnen oder Sport Beides bildet 
den Körper des Mannes, vor allem aber die große Schule des 
MiÜtäijahres. Verschärfend wirkt zu Ungunsten der Frau die 
unsinnige Sitte des Schnürleibes, das für die arbeitende Frau 
einen dauernden Angriff auf Kraft und Gesundheit darstellt. 
Dazu kommt die Niedrigkeit der Anfangsgehälter. Die Lehre- 
rin muß sich in den ersten Dienstjahren wesentlich schlechter 
ernähren als der Lehrer. Solange also die Lebensbedingungen 
der Greschlechter so große Verschiedenheiten aufweisen, muß 
jener Schluß als ein voreiliger bezeichnet werden. Die Standes- 
organisationen kämpfen daher in erster Linie für gleiches An- 
fangsgebalt für Mann und Frau. 

Die Ausbildung der Volksschullehrerinnen geschieht 



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— 273 — 

^uf Volksschullehreriimensemiiiareii und auf allgemeinen Lehre- 
jrinnenseminareny welche zugleich Lehrerinnen für höhere Mäd- 
chenschulen ausbilden. Die Ausbildungszeit dauert 3, auch 
4 Jahre. Die Mehrzahl aller Lehrerinnenseminare sind Privat- 
.anstalten; andere sind von den Städten, die wenigsten vom 
Staate gegründet und unterhalten. Die Lehrerseminare sind 
;stets Staatsanstalten, musterhaft organisiert und ausgestattet. 
Während also der Staat zur Ausbildung des Lehrers große 
JZIuschüsse leistet, leiten Privatleute zahlreiche Lehrerinnen- 
bildungsanstalten als ein gewinnbringendes Unternehmen. Die 
Folge davon ist, daß die Fachbildung der Lehrerin bedeutend 
iiinter der des Lehrers zurücksteht. Die Anforderungen im 
Lehrplan des Seminars sowie bei der Entlassungsprüfung werden 
4en Frauen gegenüber herabgeschraubt. Eine Ausnahme machen 
Sachsen und Bayern, wo die Forderungen bei der Entlassungs- 
prüfung für Lehrer und Lehrerinnen die gleichen sind. In 
den letzten Jahren aber ist in allen deutschen Bundesstaaten 
ein Umschwung zum besseren eingetreten, natürlich nicht um 
-der Lehrerinnen willen, sondern aus Furcht, die Volksbildung 
könne Schaden nehmen. Die Anstellung der VolksschuUehre- 
rinnen hat stark zugenommen, und sie machen schon heute in 
.größeren Städten 40, ja 49 ^/o der gesamten Lehrerschaft aus. 
Einen so starken Teil der Lehrerschaft mangelhaft ausgerüstet 
ins Amt schicken, heißt aber die deutsche Volksbildung herab- 
'drücken. Dieser Erkenntnis haben wir die Neugründung 
imehrerer staatlicher Lehrerinnenseminare und wesentliche Re- 
formen auch in den Privatanstalten (die staatlicher Aufeicht 
.unterstellt sind) zu danken. 

Unser Ziel aber kann nur eines sein: sämtliche Präpa- 
randenanstalten und Lehrerseminare müssen den Frauen ge- 
öffnet werden. Erst wenn Lehrer und Lehrerinuen in den- 
.selben Anstalten gemeinsam gebildet werden, wird 
das Werk der Volksbildung in einheitlichem Geiste getan 
werden. 

Die rechtliche Stellung der deutschen Volksschul- 
lehrerin ist, soweit das innere Leben der Schule in Frage 
kommty von der des Mannes nicht verschieden. Die Lehrerin 
Jiat das Becht, in allen Klassen zu unterrichten, -sie leitet ge« 

FrattenkoDgi*eß. 18 



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— 274 — 

mischte Klassen and reine Knabenklassen. Die Oberklassenl 
waren noch vor einem Jahrzehnt fast durchgängig in dei» 
H&nden der Männer; diese Sitte schwindet immer mehr, nach- 
dem ältere tüchtige Volksschullehrerinnen sich nach jeder 
Sichtung bewährt haben. Heute entscheidet nicht mehr da»* 
Geschlecht, sondern Dienstalter und Tüchtigkeit. Die Ober- 
klassen der Knabenschulen leitet der Mann. 

Das allmähliche Aufsteigen der Yolksschullehrerinnen in« 
die Oberklassen, sowie auch die immer wachsende Zunahme^ 
der Frauen in Stadt- und Landschulen hat an den Staatsbe- 
hörden entschiedene Förderer gefunden. Der weibliche Ein- 
fluß auf die Erziehung wird von den deutschen Staatsbehörden 
nicht unterschätzt. Der preußische Kultusminister Bosse sprach 
es aus, „daß die 2. Lehrerstellen auf dem Lande passend mit 
einer Lehrerin zu besetzen seien", und förderte dadurch die 
Frauenanstellung auch auf dem Dorfe, wo sie nur in schwachen- 
Prozentsätzen zunimmt. 

Sehr charakteristisch scheiden sich in bezug auf die Frauen- 
arbeit in der Volksschule evangelische und katholische Landes- 
teile. Die katholische Kirche tritt warm für die Anstellung 
der Frauen in Stadt und Land ein. Die allgemeine Erklärung 
für diese Erscheinung ist die Annahme, daß die Frau ein 
gefügigeres Werkzeug in der Hand des Priesters ist als der 
Mann. 

Die leitenden Stellen an den deutschen Volksschulen sind 
ausschließlich in der Hand des Mannes. Die Frauen werden 
zu den Prüfungen, welche zur Leitung öffentlicher Schulen 
befähigen, nicht zugelassen. Petitionen zu dieser Frage sind 
von großen Berufsgenossenschaften abgesandt worden, haben 
aber bisher keinen Erfolg gehabt. 

In einem zweiten Punkte ist die rechtliche Lage der Frau 
von der des Mannes wesentlich verschieden: dem Lehrer ist 
die Ehe gestattet, die Lehrerin ist zum Cölibat verurteilt.. 
Sowie sie sich verheiratet, erlischt die Berufungsurkunde und 
alle aus ihr fließenden Rechte. Wie schwer der Verzicht auf 
Ehe und Mutterschaft die Frauen trifit, wie er bei vielen 
körperliche Leiden und seelische Verkümmerung hervorruft, 
kann hier nicht näher ausgeführt werden. Ebenso schwer- 



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— 275 — 

leidet durch diese seltsame Bestimmung die Schule. Sie kann 
anf die Daner diese immer wachsende Zahl von „Staatscöli- 
batärra"^ (Preußen allein hat 14000 YolksschnllehreriBnen !) 
nicht ertragen. Daher wird es in den nächsten Jahrzehnten 
eiitö der vornehmsten Aufgaben des Standes sein, das Eecht 
auf Ehe und Mutterschaft und damit das Recht auf ein volles 
Menschendasein für das junge Geschlecht der Volksschullehre- 
rinnen zu erkämpfen. 

Dieses Ziel sowie andere Ziele zur Hebung des Standes 
können nur durch die Macht der Organisation errungen 
werden. Das haben die deutschen Yolksschullehrerinnen klar 
erkannt. Sie sind zu großen Berufsorganisationen zusammen- 
geschlossen, welche, da die Schulsachen Angelegenheiten der 
einzelnen Bundesstaaten sind, sich gemäß der letzteren be« 
grenzen. Die preußischen Yolksschullehrerinnen nehmen in 
allen großen Fragen des Berufslebens eine fuhrende Stellung 
ein, einmal weil sie an Kopfzahl die Kolleginnen der anderen 
Bundesstaaten bedeutend überragen, und dann wegen der 
stärkeren Initiative, welche dem Norden innewohnt. 

Diese Landesverbände berufen alle 2 Jahre große Yer^ 
Sammlungen, in denen Berufsfragen erörtert werden. Charak- 
teristisch für die Yerbände der Yolksschullehrerinnen ist der 
starke soziale Sinn, der sich in besonderen Ausschüssen 
für soziale Arbeit betätigt. Die deutsche Yolksschullehrerin 
sieht es als eine Standespflicht an, das soziale Elend, das- 
ihr in der Schule und in den Häusern ihrer Zöglinge entgegen- 
tritt, durch unermttdete und planvolle Arbeit, durch Fürsorge- 
Einrichtungen und Anbahnung gesetzlicher Reformen zu 
mildem. 

Die Stellung der Yolksschullehrerinnenverbände zu den 
großen Yerbänden der Yolksschullehrer ist eine durchaus freund- 
liche. Beide kämpfen in pädagogischen und Berufsfragen 
Schulter an Schulter, Trotzdem gehen die Frauen in Sachen 
der Frauenforderungen und ebenso auf sozialem Gebiete voll- 
kommen selbständig vor. Das soziale Denken ist in ihnen 
stärker entwickelt, und darum sind die Yolksschullehrerinnen- 
verbände stets mit der öffentlichen Vertretung großer sozialer 
Reformen beschäftigt. Als letztes Ziel sehen auch diese Frauen** 

18* 



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— 276 — 

verbände die gemeinsame Organisation von Männern and Franen 
an. Dieses Ziel aber kann erst erreicht werden, wenn die be- 
sonderen Frauenfordenmgen erfüllt sind, die Franen gleich- 
berechtigt neben dem Manne stehen, und die Kräfte der Franen- 
verbände so entwickelt sind, daß von einer wahren Eamerad- 
ßchaft die Bede sein kann." 

Mme. Alphen Salvador^Paris referierte hieran an- 
schließend über „die Lage der Lehrerinnen in Frank- 
reich". Ausgehend von den wirtschaftlichen Verhältnissen 
teilte sie mit, daß das Grehalt an den Volksschulen 800 bis 
1600 Frcs., an den 6coles secondaires 1200 bis 2200 Frcs^ an 
den höheren Schulen 2200 bis 3000 Frcs. betrage. Der Unter- 
schied von den Lehrergehältem sei im Durchschnitt etwa 
400 Frcs., obwohl dieselbe Vorbildung und dasselbe Diplom 
von den Lehrerinnen gefordert werden. Die Überlastung der 
Lehrerinnen mit Arbeit sei enorm. Zur Beseitigung dieser und 
anderer Übelstände haben sie sich mit den Lehrern zur gemein- 
samen Förderung ihrer Interessen und zu gegenseitiger Unter- 
stützung in einer größeren Organisation zusammengeschlossen. 

Über „die Frau als Dozentin" sprach Frl. Dr. Ella 
Mensch ^Berlin* In ein Zukunftsland weise ihr Thema; aber 
alle Neubildung habe die Wurzel in der Vergangenheit. Die 
Dozentin stelle nicht nur eine höhere Stufe von Lehrerin dar, 
sondern eine Wissensträgerin, die den Reichtum des Wissens 
vermehrt und das alte Wissen in neuem Lichte zeigt. Bei 
der wissenschaftlichen Arbeit komme es nicht nur auf Gelehr- 
samkeit der Studierstube an, sondern auf selbständige For- 
schung. Auf dem Hintergrunde der großen sozialen Bewegung 
habe auch die Frau neue ethische Ideen zu entwickeln. Auch 
sie müsse zur Philosophin werden, der vor allem die wichtige 
Aufgabe zufällt, das Leben mit der Theorie in Einklang zu 
bringen. 

Reverend Anna Howard Shaw» Vereinigte Staaten 
sprach über „die Frau als Predigerin". Nach einem 
historischen Rückblick über die Ausübung des Priesteramts 
durch Frauen wies die Rednerin darauf hin, daß es in der 
neuen Zeit zuerst die Methodisten waren ^ die Frauen als 



Diöiljzed by VjOOQIS 



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— 278 — 

Jahre absolvierte nämlich Fräulein Earoline Widerströin das 
Examen, das bei uns zur Ausübung des Berufes eines Arztes be- 
xechtigt. Jetzt besitzt Schweden 20 legitimierte weibliche Arzte. 
Bis Ende des Jahres 1903 waren dieselben auf private Praxis au- 
fwiesen, aber von diesem Zeitpunkt an traten andere Yerhält- 
jusse ein. Im Jahre 1901 wurde von den weiblichen Ärzten sowie 
den weiblichen Studenten der Medizin eine Petition an die ßegie- 
Tung eingesandt mit der Bitte, daß den weiblichen Ärzten erlaubt 
werde, alle die Stellen eines Arztes bekleiden zu dürfen, gegen 
deren Bekleidung durch Frauen unsere Gesetze sich nicht 
iindemd in den Weg stellten. Im Jahre 1903 wurde infolge 
•dieser Petition eine königliche Verordnung erlassen, folgenden 
Inhaltes: „Der unverheiratete weibliche Arzt soll in der Ord- 
nung, die beim männlichen Arzte vorgeschrieben ist, zur Be- 
kleidung folgender Stellen ernannt werden, nämlich: 1. als 
Physikus; 2. als Unterarzt am Distriktslazarett und am all- 
gemeinen Kinderhospital in Stockholm; 3. als Arzt an solchen 
kommunalen Krankenhäusern, wo die Besetzung der Stellen 
dem Vorstände der Kommune oder der Direktion der Anstalt 
•obliegt; 4. an Anstalten für unheilbare Kranke, sowie 5. an 
den Krankenhäusern. privater Stiftungen; 6. als Unterarzt und 
Amanuens an den städtischen Anstalten für Geisteskranke; 
7. als Gefängnisarzt; 8. als Arzt an Brunnen und Bädern 
und anderen Kurorten; 9. als Amanuens am Medizinal- 
ministerium; 10. als Assistent der gerichtlichen Chemiker; 
11. als Sanitätsinspektor; 12. als Prosektor, Laborator und 
Assistent an der medizinischen Fakultät der Universitäten 
-sowie am Karolinischen medizinisch-chirurgischen Institut zu 
^Stockholm; 13. als Arzt am Gymnastischen Zentral-Institut" 
Unsere Petition wurde also sehr günstig aufgenommen, 
denn es waren nur die Stellungen eines Kreisphysikus, eines 
Eisenbahnarztes und eines Vice-Hospitalarztes, die nicht frei- 
:gegeben wurden- Es herrscht jedoch kein Zweifel, daß auch 
-diese Stellen uns nach und nach eröffnet werden, falls wir 
uns dem neuen Wirkungsfelde, das der königliche Erlaß uns 
geöffnet hat, gewachsen zeigen. Mit gleicher Ausbildung 
müssen gleiche Rechte verbunden sein, und darum wollen wir 



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^ 279 — 

^weiter arbeiten, um zum Ziele svl gelangen, nämlich zur völligen 
'Oleichstellnng mit unseren männlichen Kameraden. 

Daß die weiblichen Ärzte bei uns eine Arbeit liefern, die 
.achtungswert ist, davon zeugt der Umstand, daß wir diese 
sausgedehnten Kechte erhalten haben, was sicher nicht ge- 
schehen wäre, wenn die Sache sich anders verhalten hätte. 
Im ganzen hat auch das Publikum uns gut auj^enommen und 
^heint sich mehr und mehr dem weiblichen Arzte zuzuneigen, 
denn trotzdem unsere Anzahl in den letzten Jahren bedeutend 
zugenommen hat, haben die weiblichen Ärzte ohne Ausnahme 
^ine sehr gute Praxis. 

In vielen Fällen muß es ja auch viel leichter für eine 
Frau sein, einen Arzt ihres eigenen Geschlechtes fragen zu 
können, wie sie es auch weniger schwer finden wird, uns die 
Sorgen, die ihren Sinn bedrücken, anzuvertrauen. Ebenso 
liegt es in der Natur der Sache, daß wir besser als ein Mann 
•das Seelenleben einer Frau verstehen, ihr Denken und Fühlen. 
Für den Arzt ist es nämlich höchst wichtig, das Seelenleben 
des Patienten und dessen Charakter zu verstehen; denn zwischen 
Körper und Geist besteht, wie wir wissen, ein unlöslicher Zu- 
sammenhang« Lebhaft und warm von der Richtigkeit des 
Obengesagten überzeugt, glaube ich, daß wir eine Mission 

■ unseren Mitschwestem gegenüber zu erfüllen haben, und daß 
wir deshalb die Zukunft für uns haben. Unser Herz wird 
von tiefem Mitgefühl erfüllt, wenn wir daran denken, wie 
viele Frauen ihr Lebelang Invaliden haben bleiben müssen, 
wie viele vielleicht eines frühzeitigen Todes gestorben sind, 
weil sie nicht ihre natürliche Scham haben überwinden können, 
um sich an einen männlichen Arzt zu wenden, um Heilung zu 
suchen. Ist eine Forderung seitens der Frau natürlich, be- 
rechtigt und gerecht, so ist es wohl die, wenn sie es will 

■ und wünscht, von Ärzten, die ihrem eigenen Geschlechte an- 
gehören, behandelt zu werden. 

Der weibliche Arzt hat aber außer seiner rein medizi- 
nischen Wirksamkeit, ebenso wie jeder andere Arzt, noch eine 
Aufgabe zu erfüllen, die ich als eine solche sozial^ethischer 
.Natur bezeichnen möchte. Die Frau ist durch Jahrhunderte 
hindurch mit Absicht in Unwissenheit über einige fü;: sie 



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— 280 — 

selbst und fnr das Gemeinwesen wichtige Verhältnisse gelasseit 
worden. Systematisch hat man das jnnge, heranwachsende 
Mädchen in Unkenntnis über einen Teil der Organe des mensch* 
liehen Körpers, nämlich die Geschlechtsorgane, und über ihre^ 
Pflege gehalten, obgleich man andrerseits die Bedeutung dieser 
Organe nicht nur für sie selbst, sondern auch für die kommen- 
den Geschlechter nicht zu verleugnen gewagt hat. Man hat 
sich nicht gescheut, das junge Weib in die Ehe eintreten zu 
lassen, vollständig in Unkenntnis über die Verpflichtungen 
einer solchen, in Unkenntnis über die Gefahr, die ihr selbst 
oder ihren Kindern in der Ehe durch die venerischen Krank* 
heiten bereitet werden kann. Femer hat man die Mütter in 
Unkenntnis der sozialen Mißstände gelassen, oder sie doch nur 
unverständlich und unrichtig darüber aufgeklärt, welche die 
Unsittlichkeit seit Jahrhunderten hervorgebracht hat und noch, 
heute im Gemeinwesen hervorbringt. Diese Unkenntnis ist 
zu einem unübersehbaren Schaden nicht bloß für die Frau, son- 
dern auch für das ganze Gemeinwesen geworden. Daher mu& 
eine Aufklärungsarbeit über diese angedeuteten Verhält* 
nisse unter den Frauen angefangen werden, und diese Auf- 
gabe kommt dem weiblichen Arzte zu, da dazu sowohl 
medizinische Fachkenntnis als auch weiblicher Instinkt nötig- 
ist. Wir müssen daher auch den Unterricht in der Natur- 
geschichte an den Mädchenschulen ändern, so daß die jungen 
Mädchen eine vollständige Kenntnis des menschlichen Körpers, 
und Kenntnis seiner Hygiene erhalten. 

Bei uns hat schon unser erster weiblicher Arzt^ Karoline 
Widerström, warm für eine solche Reform gestrebt, und sie 
ist auf ihre Anregung an verschiedenen Schulen in Stockholm 
eingeführt worden. Außerdem hat Dr. Widerström Kurse für 
Lehrerinnen an Volksschulen gehalten, und es ist nur eine Frage 
der Zeit, daß diese Reform auch in den Volksschulen ein- 
geführt werden wird. Durch die vollständige Kenntnis de» 
menschlichen Körpers will man den heranwachsenden jungen 
Mädchen eine klarere und zugleich reinere Auffassung von 
solchen Fragen geben, die in das sexuelle Gebiet fallen, sie 
die Bedeutung der Aufgabe, die ihrer als Mütter wartet, lehren, 
sowie die Verantwortlichkeit der Mutterschaft. Da ich seit 



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— 281 — 

3 Jahren an 2 Schnlen in diesem Fache unterrichte, kann ich 
bezeugen, daß die jungen Mädchen diese Aufklärungen auf 
eine würdige und verständige Art entgegengenommen haben. 
Es sind aber nicht nur die jungen Mädchen, die unterwiesen 
werden sollen, sondern auch die Mütter. Durch öflFentliche 
Vorlesungen könnte dies überall erreicht werden. Wie be- 
gierig die Frauen sind, diese Aufschlüsse zu erhalten, davon 
erhielt ich diesen Winter einen guten Beweis, indem die Serie 
Vorlesungen, die ich über das Thema „die Organe des mensch- 
lichen Körpers", hielt, jedesmal, trotz des recht abseits ge- 
legenen Lokales, in dem sie stattfanden, hunderte von Frauen 
versammelte. 

Die Frauen und insbesondere die Mütter müssen femer 
über die Gefahren, welche die venerischen Krankheiten für die 
einzelne Persönlichkeit und für das Gemeinwesen mit sich 
führen, unterrichtet werden; sie müssen über die Gesetze des 
Greschechtslebens, sowie über die sozialen Mißverhältnisse auf- 
geklärt werden, welche die ünsittlichkeit hervorruft. Ist es 
doch gewiß, daß diese Unkenntnis vielen Frauen ihre Gesund- 
heit, ihr Lebensglück und ihr Leben gekostet hat, sie nicht 
geschützt, sondern nur dem Verbrechen, diese Krankheit 
auf sie zu übertragen, Vorschub geleistet hat. Unser Herz 
wird von tiefer Verbitterung und gleichzeitig von tiefem Mit- 
leid ergriffen bei dem Gedanken an das unverschuldete Un- 
glück, das unser eigenes Geschlecht betroffen hat. Um unsere 
Mitschwestem zu schützen, dürfen wir Ärzte nicht zaudern, 
die blanke Waffe der Aufklärung zu ergreifen. Populär ge- 
haltene Vorlesungen über die venerischen Krankheiten müßten 
ebenfalls für Mütter angeordnet werden, eingehende Aufklärung, 
wie diese Krankheiten erworben werden, wie sie sich äußern, 
sowie über ihre soziale Gefahr, müßten ihnen gegeben werden. 
Wie bekannt, ist die Unwissenheit die nie versiegende Quelle 
dieser Krankheiten. Die weiblichen Ärzte müssen, um sie be- 
kämpfen zu können, vor allem an der Sittlichkeitsarbeit teil- 
nehmen. Sie müssen die Mütter über die Wahrheit aufklären, 
die ihnen mit Absicht vorenthalten ist, daß die natür- 
lichen Gesetze Sittlichkeit sowohl vom Manne 
wie von der Frau fordern, und daß die Verletzung 



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-^ 282 - 

derselben sieh niehtsnr an den Individuen selbst, 
'sondern an ihren Nachkommen bis ins dritte und 
vierte Glied straft. Sind die Mütter von dem, was das 
Ideal der Sittlichkeit von uns fordert , durchdrungen, dann 
können sie auch ihre Söhne und Töchter zu wirklich sittlichen 
Menschen erziehen. Auf diese Weise wird nach und nach die 
Unsittlichkeit abnehmen, mit der auch die venerischen Krank- 
heiten abnehmen werden, und dann wird auch die Zahl der 
verführten und gefallenen Frauen immer geringer werden. 

Die Frage der Bekämpfung der venerischen Krankheiten 
steht in Europa auf der Tagesordnung, und man versucht be- 
sonders die Jugend vor ihnen zu schützen. Bei uns nahm der 
„Verein schwedischer Ärzte" die Frage vor 3 Jahren auf und 
in einem bei dieser Gelegenheit gehaltenen Vortrag ermahnte 
unser erster Arzt auf dem Gebiete der Syphilis, Professor 
Eduard Welander, die weiblichen Ärzte, die Aufklärungsarbeit 
unter den Frauen in Angriff zu nehmen. Nachdem ich er- 
sucht worden war, mich über diese Sache im „Verein Schwe- 
discher Ärzte" zu äußern, hielt ich einige Wochen später einen 
Vortrag im Frederika-Bremer-Bund über die venerischen Krank- 
heiten und deren soziale Gefahren. Seitdem habe ich verschie- 
dene Male in Stockholm, teils öffentlich, teils in Vereinen 
für Arbeiterinnen oder in anderen Frauenvereinen Vorträge 
gehalten, sowie auch in Helsingibrs hierüber gesprochen. Zwei 
meiner Kolleginnen haben später ähnliche Vorträge gehalten. 

Der weibliche Arzt hat also, wie ich versucht habe, 
hervorzuheben, viele und schwere Verpflichtungen. Doch ist 
es auch ein hohes Ziel, nach dem wir streben, da es ja 
gilt, die Frau nicht nur körperlich zu stärken, sondern sie 
auch geistig weitsehender, weitherziger und ihrer Pflicht in 
. bezog auf die kommenden Geschlechter besser eingedenk zu 
machen. Lasset uns darum frohen Mutes unsere Aufgabe an- 
greifen, nicht ermüden und kein Opfer für zu groß ansehen, 
• wenn es uns hilft, diese Aufgabe zu erfüllen." 

Fräulein Dr. Franziska Tiburtius^Berlin gab in ge- 
drängten Zügen einen Überblick über die Stellung des weib- 
lichen Arztes in Deutschland. 1870 wurde die erste deutsche 



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— 283 - 

Stadentin in Zürich immatrikttllert. Fräulein Dr. Lehmns 
und Fräulein Dr. Tiburtius versuchten nach abgelegtem 
medizinischen Examen zur Praxis in Berlin zugelassen zu 
werden, doch war es nur unter großen Schwierigkeiten, unter 
dem Schutze des Gewerbegesetzes, das sie als Heilgehilfen zu- 
ließ, möglich. Da ihre Stellung also nicht gesetzlich gesichert 
war, wagten erst 15 Jahre später auch andere weibliche Ärzte, 
sich niederzulassen. Allmählich wurden die Universitäten in 
Deutschland den Frauen eröfl&iet, aber erst 1899 wurde durch 
Bundesratsbeschluß die Ablegung des medizinischen Staats- 
examens gestattet. Schon im Laufe der nächsten 2 Jahre stieg 
die Zahl der deutschen Ärztinnen auf 50. Seit 10 Jahren, in 
denen die Praxis von Frauen ausgeübt wird, haben sie sich 
nicht nur das Vertrauen des Publikums, sondern auch das der 
Behörden erworben, die Ärztinnen als Sachverständige zu- 
ziehen ; auch der weibliche Schularzt wird hoffentlich nicht 
mehr lange auf sich warten lassen. 

An Stelle von Mrs. Carr^* Vereinigte Staaten, die am Er- 
scheinen verhindert war, sprach Fräulein Dr. jur. van Dorp* 
Haag über „die Frau als Advokatin". Von einer Schil- 
derung der Verhältnisse in Holland ausgehend, wo seit kurzem 
zwei Frauen (darunter die Keferentin selbst) zur Anwaltspraxis 
zugelassen sind, wies sie auf Grund ihrer eigenen Erfahrungen 
auf die besondere, ebenso bedeutsame wie lohnende Aufgabe 
hin, welche die Frau gerade in diesem Beruf, in erster Linie 
an ihren eigenen Geschlechtsgenossinnen, zu erfüllen habe, auf 
den segensreichen Einfluß, den sie durch das mitfühlende Ver- 
ständnis der Frau für die Frau ganz besonders als Verteidigerin 
ausüben könne. 

In der Diskussion sprach Frau Bieber-Böh m^Berlin gegen 
einen, den schlimmsten Frauenberuf die Prostitution, den sie 
der Frau verwehrt wissen wollte. Professor Hottinger« 
Berlin sprach über den Beruf des Bibliothekars, für den die 
Frau sich ganz besonders eignet. Fräulein Peis er* Berlin 
hielt dem entgegen, daß nicht ganz ohne Absicht der Beruf 
der Bibliothekarinnen nicht genannt worden sei; es fänden 
dort doch nur so wenig Personen Platz, daß man vor dem Ein- 
schlagen dieses Berufs nur warnen müsse. Professor Las sar« 



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— 284 - 

Berlin sprach über die Beziehungen der akademischen Lehrer 
zu den akademischen Hörerinnen aus Erfahrung. Niemals sei 
der leiseste Mißton im medizinischen Unterricht vorge- 
kommen, selbst nicht bei den Demonstrationen am lebenden 
Körper. Gerade die moderne subtile Technik sei auf die 
weibliche Hand förmlich angewiesen. Frau Dr. med, Helene 
Stelzner »Berlin dankte allen Vorgängerinnen im ärztlichen 
Beruf als Bahnbrecherinnen. Ganz ohne Kampf ginge es frei- 
lich auch heute noch nicht. So sei die Stellung der Frau als 
Arzt in der Psychiatrie noch zu erringen. Die Irre dürfte 
nur von weiblichen Ärzten behandelt werden ! In Frankfurt a. M. 
sei eine Irrenärztin angestellt, wenn auch nicht in leitender 
Stellung, in Pommern ebenfalls; in Berlin sollten Assistenz- 
ärztinnen angestellt werden, aber es unterblieb, weil man 
glaubte, Männer würden sich weder von Frauen untersuchen 
lassen, noch ihnen Folge leisten. Fräulein Lischnewska«* 
Spandau protestierte gegen die sexuelle Belehnmg der Schul- 
kinder durch den Arzt, sie gehöre in die Hand des Lehrers, 
des geschulten Pädagogen. Ihr schloß sich Fräulein Duensing« 
Hannover an, während Fräulein Dr. von Lenge fei d* Weimar 
sich überhaupt gegen einen solchen Unterricht in der Schule 
aussprach und die Aufklärung der Mädchen über die Fort- 
pflanzung aUein durch die Mutter wünschte. 



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HL SeküoiL 

Soziale Einrichtungen und Bestrebungen. 



Montag, den 13. Juni. 
Armenpflege, Kranken- und RekonvaleszentenfDrsorge. 

Frau Anna Edinger*Frankfart a. M. fahrte als Vor- 
sitzende der Sektion und des ersten Verhandlnngstages in 
ihrem einleitenden Beferat aus, daß Mangel an Arbeiterinnen, 
nicht Mangel an Arbeit auf sozialem Gebiete sei. Bei der 
Kompliziertheit unserer Einrichtungen ist auch das Wohltun 
ohne Kenntnis aller Organisationen nur ein Hemmnis, kein 
Fortschritt. Daher sind werbende, ausbildende Einrichtungen, 
wie beispielsweise die Berliner „Frauen- und Mädchengruppen 
für soziale Hilfsarbeit", außerordentlich begrüßenswert. Wir 
müssen uns hingeben, von Mensch zu Mensch, wenn 
wir heute erfolgreich wirken, wirklich Segensreiches erreichen 
wollen. 

Frau Agda Mo ntelius« Stockholm sprach sodann über 

Grundsätze der modernen Armenpflege. 

„In der Lebensbeschreibung über Ansgarius, den Apostel 
Schwedens, erzählt sein Schüler Bimbertus, daß eine reiche, 
christliche Frau ihr ganzes Vermögen den Armen des Landes 
vermacht hatte, daß aber ihre Tochter diesen letzten Willen 
ihrer Mutter nicht ausfuhren konnte, weil keine Armen da 
waren. Dieses Verhältnis änderte sich jedoch bald. Schon 
im 13. Jahrhundert wurde es notwendig, den Armen einen Teil 
des Zehnten, der der Kirche zufiel, gesetzlich zuzusichern, wie 



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— 286 — 

unsere alten Gesetze es bezeugen. Die neue Religion, welche 
Almosengeben ausdrücklich als notwendig zum Seelenheil gebot, 
rief viel private Freigebigkeit hervor. Die Kirche selbst, so- 
wie die vielen Klöster wurden durch reiche Gaben in Stand 
gesetzt, arme Wegfahrende zu verpflegen, sowie Hospitäler für 
Alte und Kranke zu errichten. Die Folge hiervon war, daß 
die Zahl der Bettelnden immer mehr zunahm. Wohl gab es 
sehr viel wirkliche Not zu lindem, aber Faullenzer, die es be- 
quemer fanden, zu betteln als zu arbeiten, schlössen sich in 
großer Menge den eigentlich Armen an. 

Als dann bei der Reformation die kirchlichen Verhältnisse 
sich ganz und gar änderten, waren diese Massen von Bettlern, 
die von Almosen gelebt hatten, ohne jeglichen Unterhalt, und 
nun fing ein Kampf an, der jahrhundertelang gewährt hat 
und noch nicht zu Ende ist, um ein System in diese Scharen 
zu bringen. Verordnungen gegen Bettelei wurden erlassen, sie 
wurde bei strengster Strafe verboten; aber um dabei nicht 
allzu grausam gegen diejenigen zu verfahren, die sich nicht 
anders versorgen konnten, gab man diesen sogenannte Bettler* 
passe, die sie zum Allmosenheischen innerhalb eines gewissen 
Gebietes berechtigten. Für alte und kranke Leute, sowie für 
Kinder wurden mit der Zeit auch besondere Zufluchtsorte ein- 
gerichtet. Das noch jetzt bestehende große Waisenhaus zu 
Stockholm z. B. stammt noch aus der Zeit Gustav Adolfs. 

Während der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts 
erhielt unser Armengesetz seine jetzige Fassung, nach welcher 
jeder, der sich nicht selbst versorgen kann und „dem es an 
Pflege und Unterhalt von anderen fehlt", von der Gemeinde, 
der er angehört, notdürftigen Unterhalt erhalten muß; wer 
aber gesund und arbeitsfähig ist, muß sich und die Seinigen 
versorgen, ohne den Armenwesen zur Last zu fallen. Auf 
diesem Grunde muß wohl auch jede gesunde Armenpflege ruhen. 
In einem zivilisierten Lande soll niemand zugrunde gehen, weil 
er unfähig ist, sich den nötigen Lebensunterhalt zu verschaffen. 
Für solche Unglückliche hat das Gemeinwesen zu sorgen, und 
es sind die Unkosten der öffentlichen Armenpflege auf alle 
steuerpflichtigen Mitbürger zu verteilen. Einzelne brauch«! 
sich also jetzt nicht mit dem zu befassen, was früher der 



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— 287 - 

eigentliche Zweck der Almosen war. Ein weites Wirksam- 
keitsfeld f&r die private Barmherzigkeit blei})t trotzdem noch 
übrig, wenn nnr alle dieses einsehen könnten nnd wollten. Es. 
ist aber sehr schwer, eingewurzelte Vorstellungen auszurotten, 
und so gibt es noch viele auch in unserem Lande, die es für 
richtig halten, Guben an Arme zu verteilen, und dabei gar 
nicht in Betracht ziehen, wie die Gabe auf den Empfänger 
wirken kann. Sie geben ganz unbekümmert, auch wenn es 
auf der Hand liegt^ daß die Gabe ihn zugrunde richten kann^ 
Sie halten es einfach für ihre Pflicht, allen Almosen zu geben, 
die darum bitten. 

Im allgemeinen hat das Geben bisher keinen anderen 
Zweck gehabt, als die Not für den Augenblick zu lindem, ohne 
sich darum zu kümmern, wie die Verhältnisse des Unterstützten 
sich später gestalten werden. Während der letzten Zeit ist 
jedoch eine starke Bewegung in Schweden entstanden, die da» 
Ideal der Barmherzigkeit höher stellt. Man versucht auf allen 
Gebieten, die das Leben der Armen berühren, eine Verbesse- 
rung herbeizufuhren. Durch Beförderung einer besseren Pflege 
und Entwicklung der Kinder, durch Schafiung der Möglich- 
keit einer erhöhten Bildung und Aufklärung, durch Anleitung 
zu Sparsamkeit, durch Einführung besserer Wohnungsverhält- 
nisse will man den Grund legen, auf dem die ökonomisch 
Schwachen bauen können, um ihre Stellung durch eigene 
Arbeit dauernd zu bessern. Unsere Arbeiter haben hierbei 
die Sichtung angegeben durch die Krankenkassen, die sie 
selbst ins Leben riefen, durch ihre Versuche mit kooperativen 
Unternehmungen, usw. Alles ist auf das Ziel gerichtet, sich 
von jeder Art Almosen unabhängig zu machen. An allen 
diesen vorbeugenden Bestrebungen haben die Frauen in 
Schweden teügenommen oder haben sogar an der Spitze der-^ 
selben gestanden. Als ein Beispiel erwähnen wir nur die Ein- 
richtung der Arbeitsschulen für Kinder', der Schulküchen und 
Haushaltungsschulen, der Ferienkolonien, der Heime für Arbeiter- 
familien und für unverheiratete Arbeiterinnen, und der wan- 
dernden Sparkassen. 

Diesen Bestrebungen wirken, ohne es zu wollen, diejenigen 
direkt entgegen, die fortfahren, Almosen an den Türen zu. 



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- 288 - 

geben. Man sah daher ein, daß eine Änderung zum Besseren 
nur dadui*ch hervorgebracht werden könne, wenn alle die Not- 
wendigkeit einer Untersuchung der Verhältnisse des 
Bettelnden erkannten, und wenn eine Möglichkeit geschaffen 
würde, diese Untersuchungen ohne besondere Mühe auszuführen. 

In Stockholm schlössen sich dainun im Jahre 1889 einige 
hervorragende Personen zu einem Verein zusammen, dessen 
Bureau eine Sammelstelle für diejenigen sein sollte, die den 
Bedürftigen helfen wollten. Zu gleicher Zeit sollte man auch 
von diesem Bureau Auskünfte und Anweisungen erhalten 
können über die beste Art und Weise, in jedem FaUe Hilfe zu 
leisten, zur Beförderung einer gesunden und rationellen Armen- 
pflege. 

Als dieser nach dem Muster der englischen „Charity Or- 
ganisation Society" gebildete Verein zur Regelung der Wohl- 
tätigkeit (Föreningen för Välgörenhetens Ordnande) gebildet 
wurde, war das kommunale Armenwesen in Stockholm noch sehr 
unentwickelt und es wurde das individualisierende Prinzip, 
welches die Grundlage aller Arbeit in der Armenpflege sein 
soUte, nur wenig angewandt. Seither aber haben sich die 
Verhältnisse in dieser Hinsicht ganz und gar verändert. Die 
Untersuchung der Fälle wird von besonderen Aufsehern und 
von Diakonissinnen besorgt Die nötigen Maßregeln werden 
von dem lokalen Komitee vorgeschlagen, und was dann die 
Äentralverwaltung in jedem Fall anordnet, wird auch vom 
Komitee ausgeführt. 

Hand in Hand mit der öffentlichen Armenpflege geht die 
freiwillige, die hauptsächlich von dem obengenannten Verein 
Ausgeübt wird. Das gemeinsame Bestreben geht darauf hin- 
aus, eine Verteilung der Hilfesuchenden allmählich herbeizu- 
führen, so daß für diese von den Behörden, für jene von der 
Privatwohltätigkeit gesorgt werden kann. Zu den ersten ge- 
hören alle, die ein gesetzmäßiges Recht auf Hilfe haben, zu 
den letzteren diejenigen, die voraussichtlich durch kürzere oder 
längere, mehr oder weniger kräftige Hilfe noch in Stand gesetzt 
werden können, sich künftig ohne weitere Unterstützung selbst 
2U helfen. 

Der Verein zur Ordnung der Wohltätigkeit sucht mit allen 



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— 289 — 

möglichen Vereinen, welche Wohltätigkeit jeglicher Art auf 
ihrem Programm haben, in Verbindung zu treten. Soweit es 
möglich ist, wird auch ein Verzeichnis der von den verschie- 
denen Vereinen Unterstützten geführt, so daß bei Anfragen 
Auskunft erteilt werden kann. Obgleich in dieser Hinsicht 
einige Schwierigkeiten entstanden sind dadurch, daß nicht alle 
die Notwendigkeit solcher Maßregeln einsehen, so wurde schließ- 
lich doch ein gemeinsames Arbeiten ermöglicht. Die Wichtig- 
keit eines solchen Verzeichnisses liegt auf der Hand; ist es 
doch das einzige Mittel, um eine gleichzeitige Unterstützung 
von verschiedenen Seiten zu verhüten. Auf dem Zentral- 
bureau gibt es auch ein Verzeichnis über alle Kassen und 
Stiftungen, so daß Auskunft über alle Bedingungen, die zur 
Unterstützung aus denselben berechtigen, gegeben werden 
können. 

Die Prinzipien einer gesunden Armenpflege darzulegen 
und die Anwendung derselben zu lehren, ist jedoch die vor- 
nehmste Aufgabe des Vereins. Daß eine solche Arbeit weder 
leicht noch schnell ausgeführt ist, das wissen alle, die auf 
diesem Grebiet tätig gewesen sind. Man muß zufrieden sein, 
den Boden Zoll für Zoll zu gewinnen, daher ist es nur durch 
Zurückblicken auf einen längeren Zeitraum möglich, Erfolge 
zu konstatieren. Jahre können nicht gut machen, was Jahr- 
hunderte verdorben haben. Es ist nur ein kleines Stück des 
Grundes, auf dem wir bauen, aber es kann von großer Bedeu- 
tung für die Zukunft werden. • 

Das Ziel aller Wohlfahrtsarbeit — im einzelnen Falle wie 
im großen — muß das Überwinden der Armut sein. Die 
Wege, die zu diesem Ziele führen, sind verschieden, je nach 
der Art der Aufgabe. Jeder Weg muß indessen zwischen 
Zäunen laufen, sonst würde der Wanderer riskieren, sich zu 
verirren. Diese Zäune heißen: genaue Kenntnis aller Ver- 
hältnisse; gemeinsame Arbeit aller Helfer; genügende 
Hilfe, um die Notstände, die unser Mitgefühl erregten, wirk- 
lich zu überwinden ; Mitwirkung der Hilfsbedürftigen 
und deren Verwandten; Geduld zu warten, bis die ange- 
wandten Mittel haben wirken können, und schließlich Selbst- 
beherrschung und Zurückhaltung auch in bezug aufHilfe- 

Fraaenkongreß. ^^ 



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— 290 — 

leistong, wenn diese dem Charakter des Hilfesuchenden oder 
anderen schaden kann. 

Auch mufi man bei dieser Arbeit immer eingedenk sein, 
daß es für jedermann besser ist', ohne Almosen zu leben und, 
wenn auch mit knapper Not, sich selbst zu versorgen. Dies 
ist auch für das Gemeinwesen yon größter Bedeutung, man 
darf darum die Stellung der Unterstützten nicht besser ge- 
stalten als die Stellung derer, die sich selbst helfen — das 
hieße den „Nervus rerum" im Volke schädigen. 

Die Armenpflege im besten Sinne, nach modemer Auf- 
fassung, kann nicht von jedermann geübt werden. Erbarmen 
und Mitgefühl genügen nicht, man muß daneben Kenntnis von 
vielerlei Dingen haben; ein wirkliches Studium ist dazu nötig, 
das aber durch die überall entstehenden Einrichtungen zur 
Organisation der Armenpflege dem einzelnen sehr erleich- 
tert wird." 

In ihren Ausführungen über die Armenpflege in 
Österreich betonte Frau Hertha von Sprung^Wien, 
daß die Art und Weise, wie die Annenversorgung zu geschehen 
hat, der Bestimmung durch die einzelnen Landesordnungen 
überlassen bleibt Die Formen der Armenpflege sind daher 
sehr verschieden. Die allzu bureaukratische Form der Armen- 
verwaltung, die dem einzelnen Pfleger zu wenig Selbständig- 
keit gewährt und zu viel Arbeit aufbürdet — in Wien die 
Aufsicht über 30—40 Familien — y ferner die in jeder Be- 
ziehung unzureichenden Geldmittel sind bedauerliche Er- 
scheinungen der österreichischen Armenpflege. Die Stadt 
Wien tut außerordentlich viel für ihre Schulkinder; auch das 
humanitäre Yereinsleben ist, namentlich in den Städten, modern 
entwickelt Die Anteilnahme der Frauen an der privaten 
Armenpflege ist in Österreich sehr groß, wo es der einfachen 
Hilfsarbeit gilt, sehr klein, wo es sich um Organisation und 
Leitung handelt. 

Über eine besondere Organisation der Krankenpflege be- 
richtete Mrs. Louisa Thomson«Canada. Sie geht von Dia- 
konissenanstalten aus, die neben der Spitalpflege und der 
Pflege in Privathäusem die Einrichtung des sogenannten 
„District visiting^ der Pflege von Haus zu Haus nach 



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— 291 — 

«inzelnen Distrikten ins Leben gerufen haben« Es wurde zu- 
nächst ein Zentralbureau eingerichtet, dessen Leiterin selbst 
Inspektionsbesuche machte und neue Zentralen gründete. In 
j) jährigen Kursen werden die Pflegerinnen ausgebildet^ die 
«inen Segen für das ganze Land bedeuten« 

Es folgte das Referat von Frau Alice Bensheimer« 
Jdannheim ttber 

Die Organisation des Badischen Frauenvereins. 

„ Zur Zeit der Wirmisse des italienischen Eoieges, im 

Juni 1859, fibergab die jugendliche Großherzogin Luise von 
Baden dem damaligen Präsidenten des Ministeriums des 
Innern eine Denkschrift, in der sie den Wunsch aussprach, 
Vereine von Frauen möchten sich durch das ganze Land bilden, 
«die sich die Unterstützung der infolge eines Krieges in Not 
igeratenen, und die Fürsorge für verwundete und erkrankte 
Militärpersonen zur Aufgabe zu machen hätten. Der hiemach 
«erlassene Äufraf hatte die Gründung einer gi'oßen Zahl von 
Vereinen zur Folge. Ältere, schon bestehende Frauenvereine 
— es mögen damals etwa 22 in Baden gewesen sein, von 
4enen der älteste seine Wurzeln schon zu Ende des 18. Jahr- 
hunderts geschlagen hatte — schlössen sich an und als die 
Eriegsbefiirchtungen für diesmal schwanden, beschloß man, den 
Verein in seiner Organisation fortbestehen zu lassen, seine 
Zwecke aber auszudehnen auf die Bekämpfung aller Not- 
stände, auf die Unterstützung einzelner in Not geratener 
F'amilien und Personen, auf die körperliche und sittliche Er- 
.Ziehung der Kinder, auf Weckung des Sinnes ffir Ordnung 
4ind Reinlichkeit in den Haushaltungen und auf Einffihrung 
einer sachgemäßen Krankenpflege. Damit war die Grundlage 
:gelegt, auf welcher sich der ganze, jetzt so reich gegliederte 
Bau entwickelte. 

Im Jahre 1860 wurden in Karlsruhe die ersten 11 Kranken- 
pflegerinnen ausgebildet und zur Ausübung ihres Berufes in 
ihre Heimatsorte entlassen. Eine Pflegestation in Karlsruhe 
wurde errichtet, und als im Jahre 1866 der Krieg entbrannte, 
war es die erste Sorge der Großherzogin, den Verband der 

19* 



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— 292 — 

badischeü Franenvereine zur Durchfahrung der Grundsätze 
der Genfer Konvention anzubieten. 

Die sogenannte Genfer Konvention war im Oktober 1863^ 
auf Anregung des Genfer Bürgers Henry Dunant zustande 
gekommen. Es gelang ihm, die Bevölkerung für die Bildung 
von Vereinen zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter 
Krieger anzuregen. Der Konvention sind fast alle Kultur- 
staaten beigetreten und haben ihre praktische Durchführung^ 
durch Ländesvereine vom Eoten Kreuz — dem Zeichen 
der Neutralitat ihrer Sanitätspersonen — sicherzustellen ge- 
sucht. Da eine andere Organisation nicht bestand, übernahm 
der badische Frauenverein die Funktionen eines Landesvereins 
vom Roten Kreuz und brachte dieselben nach allen Richtungen 
in glänzender Weise zur Durchführung. In gleicher Eigen- 
schaft übernahm er beim Ausbruch des deutsch-französischen 
Krieges im Jahre 1870 die Aufgaben eines Landes Vereins^ 
Während dieses Krieges bildeten sich zur Unterstützung der 
Tätigkeit des Frauenvereins zahlreiche Männerhilfsvereine^ 
Unter ihrer Mitwirkung wurden tausende von Verwundeten 
durch den Verein versorgt, der 40 Reservelazarette mit un- 
gefilhr 3800 Betten aufgebracht hatte. Nach Beendigung des. 
Krieges wurde mit dem inzwischen organisierten Männerhilfs- 
verein eine Vereinbarung für die Zwecke des Roten Kreuzes^ 
mit völliger Gleichstellung beider Vereine abgeschlossen. 

Vieles, was die deutsche Frauenbewegung heute erstrebt^ 
wurde im Badischen Frauenverein seit seinem Bestehen ge-: 
übt. Sie haben gehört, daß in Kriegszeiten der Männer- und 
Frauen verein gleichberechtigt arbeiten; im deutschen Zentral- 
komitee sind sie gemeinsam vertreten. Im Jahre 1870 beim 
ersten vom Badischen Frauenverein eingerichteten Unterrichts- 
kurs für Arbeitslehrerinnen wurde bestimmt, daß die Prüfung 
durch einen Kommissar unter Zuziehung einiger sachver- 
ständiger Frauen zu erfolgen habe. Also auch hier: ein 
klares Erkennen und Erfüllen berechtigter Forderungen. 

In den Friedensjahren wuchsen die Aufgaben, die sich der 
Verein stellte, und der Ausbau nahm von Jahr zu Jahr größere 
Formen an. Der G^samtverein, der seine Spitze im Zentral- 
komitee in Karlsruhe unter der Oberleitung der Großherzogin. 



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— 293 — 

hat, teilt sich in den Ortsverein Karlsruhe uhd die Zweig- 
yereine im Lande. Die Haapttätigkeit entfaltet sich in der 
Besidenz nnd strahlt von hier nach dem ganzen Lande aus; 
sie weckt allerwärts eifrige Nachbildung, je nach den örtlichen 
Bedürfhissen, und an vielen Orten die Schaffung sehr aner- 
kennenswei-ter eigener Einrichtungen. Jährlich einmal findet eine 
Landesversammlnng statt, meist an kleineren Orten, deren Be- 
wohner durch diese Versammlungen von dem regen Vereinsleben 
unterrichtet werden. Tausende von Frauen strömen bei dieser Ge- 
legenheit zusammen : hier die Großstädterin, dort die Bauersfrau 
und da gar die Trägerin unveränderlich schöner Volkstrachten. 

Die Arbeitsgebiete des Vereins teilen sich in 4 Gruppen; 
die erste zur Förderung der Bildungs- und Erwerbs- 
tätigkeit des weiblichen Geschlechts; die zweite zur Für- 
sorge f&r Gesundheit und Erziehung von Kindern; die 
dritte für die Krankenpflege; die vierte für Wohltätig- 
keit und Armenpflege. 

Die erste Gruppe war hauptsächlich auf Befriedigung prak- 
tischer Bedürfnisse bedacht. Es wurden eine Eeihe von 
Einrichtungen getroffen, die, teils die staatlichen Schöpfungen 
unterstützend und ausbauend, teils den Anforderungen des 
praktischen Lebens entsprechend, zu einem Kranze blühender 
Bildungsanstalten sich entwickelten. Wieder war es die Groß- 
herzogin, die im Jahre 1868 eine Denkschrift ausarbeitete, in 
der sie dem Minister die Bereitwilligkeit des Vereins kund- 
gab, zur Beseitigung der Mißstände im Handarbeitsunterricht 
beizutragen. In eigens hierfür eingerichteten Kursen wurden 
seither 2483 Handarbeitslehrerinnen fiir Elementarschulen und 
447 Handarbeitslehrerinnen für höhere Mädchenschulen aus- 
gebildet. Vielfach schicken Gemeinden junge Mädchen in 
diese Kurse; sie werden auf Gemeindekosten ausgebildet und 
dann in der Heimat angestellt. Bereits seit 1874 bestimmte 
€in Gesetz obligatorischen Fortbildungsunterricht für Mädchen. 
Durch eine Verordnung wurde im Jahre 1894 den Gemeinden 
gestattet, den Fortbildungsunterricht durch Haushaltungsunter- 
richt mit Übung im Kochen zu ersetzen. Gleich war wieder 
der Badische Frauenverein zur Stelle, um dem Bedürfiiis nach 
Haushaltüngslehrerinnen zu genügen. Es wurde ein eigenes 



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— 294 — 

Seminar zur ihrer Ansbildung gegründet und viele Gemeinden 
lassen nun ihre Ärbeitslehrerinnen auch als Haushaltungs« 
lehrerinnen sich vervoUkommnen, damit sie in beiden Fächern 
Gelerntes weiter lehren können. Hat eine der kleinen Ge* 
meinden — oft geschieht es von mehreren Dörfern gemein- 
sam — beschlossen, den Haushaltungsunterricht einzuführen^ 
was fast immer auf Antrag eines ländlichen Frauenvereina 
geschieht, so kommen in erster Linie die Wanderkoch- 
lehrerinnen in Betracht, die oft über die badische Grenze ge- 
rufen werden. Der Hauptverein leiht den Kochherd und alles 
erforderliche Material Dieser Unterricht, der auch Waschen^ 
einfaches Plätten, häusliche Buchführung und Bereitung von 
Krankenkost in sich schließt, wird auf dem Lande in das 
Winterhalbjahr konzentriert und die zubereitete Krankenkost 
wird far Ortsarme verwendet. Das Ineinandergreifen aller 
Organe ist vielleicht bei keiner Vereinigung so groß wie im 
badischen Frauenverein; ein Eiesenuhrwerk , bei dem das 
kleinste Rädchen einen wertvoUen Teil bildet. 

Bedenken Sie, wie klein unser Baden ist! Und doch haben 
allein im Jahre 1902 23 seiner Zweigvereine derartige Wander- 
kochkurse eingerichtet Von allen Karlsruher Anstalten ab- 
gesehen, wurden 36 eigene Handarbeitsschulen errichtet; der 
Verein hat 88 FUckkurse, resp. Flickabende zustande ge- 
bracht, und an 217 Orten sind seine Mitglieder bei der Über- 
wachung von Handarbeitsunterricht beteiligt. So wird prak- 
tisches Wissen in die kleinsten Dörfer des Schwarzwaldes 
getragen, und in eben diesen Dörfern wird auf Veranlassung 
der Großherzogin und ausgehend von den jeweiligen Zweig- 
vereinen seit einigen Jahren die Kunst des Handspinnens 
wieder geübt. Spinnabende und Spinnfeste erstehen und 
bringen dem Volk eine gute alte Sitte zurück. 

Neben der Errichtung von Krippen und der Ausbildung 
von Kinderpflegerinnen war die zweite Gruppe vorbildlich in 
betreff der Mitaufsicht, die ihre Mitglieder über die Ver- 
pflegung armer, auf Gemeidekosten in Pflege gegebener Kinder 
führten. Bereits im Jahre 1874 wurde dieser Zweig auf- 
genommen; ihm schloß sich im Jahre 1897 die Ausdehnung 
der Aufsicht über die von Privatpersonen in Pflege gegebenen 



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— 295 — 

Kinder an. Eine Besonderheit ist die, da£ aus Mitteln des 
Vereins an solche Pflegefamilien, welche ihrer Obliegenheit in 
besonders beMedigender Weise nachkommen, Prämien, Anf- 
mnnterangsgaben verliehen werden. 93 Zweigvereine unter- 
ziehen sich der Aufsicht über derartige Kinder. 

Die dritte Abteilung, für Krankenpflege, leistet wohl 
das Größte. Seit Jahren werden in ununterbrochener Reihen- 
folge ünterrichtskurse zur theoretischen und praktischen Unter- 
weisung von Krankenschwestern abgehalten. Am 31. Dezember 
1902 waren an 69 Krankenanstalten 430 Oberinnen, Schwestern 
und geprüfte Schülerinnen tätig. Der Verein lä£t außerdem 
Hebammen- und Wirtschaftsschwestem ausbilden; letztere 
haben den Zweck, die eigentlichen Krankenschwestern von 
den wirtschaftlichen Arbeiten zu entlasten. Er hat 2 eigene 
Anstalten zur praktischen Ausübung der Krankenpflege: das 
Ludwig- Wilhelm-Krankenheim in Karlsruhe und die Kinder- 
solbadstation in Dürrheim. Daneben werden die großen 
E^rankenhäuser des Landes als Lehranstalten verwandt. 

Auch die Landkrankenpflege verdankt ihre Entstehung 
einer Anregung der Großherzogin aus dem Jahre 1884; sie hat, 
wie das Aufsichtswesen über die Armenkinderpflege, anderwärts 
Anerkennung und Eingang gefunden. Sie bezweckt eine ge- 
ordnete Krankenpflege in solchen Orten, die nicht imstande 
sind, sich die Hilfe von Berufspflegerinnen zu sichern. Etwa 
160 Landkrankenpflegerinnen wurden theoretisch und praktisch 
ausgebildet; in ihren kleinen Heimatsorten üben sie dann die 
Krankenpflege aus. Die Art der Ausbildung ist nach einheit- 
lichen Grundsätzen geregelt, aber bezüglich der Art der An- 
stellung, der Entlohnung und der Beihilfe aus öffentlichen 
Mitteln herrscht keine volle Übereinstimmung, was bei der 
Verschiedenartigkeit der Verhältnisse auch untunlich wäre. 
Die Landkrankenpflegerin lebt ähnlich wie die Hebamme auf 
dem Lande ihrem bürgerlichen Berufe; sie leistet Pflegedienste, 
wenn sie gerufen wird, und erhält dafür teils ein Wartegeld, 
teils Vergütung für die einzelne Leistung. Verehrte Anwesende, 
bedenken Sie: 160 Landkrankenpflegerinnen, von denen jede 
ungefähr 560 Besuche im Jahre macht, welche unendliche 
Hilfskraft das bedeutet! Gerade in den ganz kleinen, weit 



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— 296 — 

Toneinander liegenden Orten, die meist ohne Arzt nnd Apo- 
theke sind, — welcher Segen hygienischer Aufklärung wird 
hierdurch verbreitet, welche Unsumme veralteter irriger Vorur- 
teile wird hierdurch ausgerottet! In richtiger Würdigung diesei 
Sachlage wurde denn auch ein eigener Fonds geschaffen zur 
Erleichterung der Einführung der Landkrankenpflege in kleineren 
Gemeinden, der etwa 40000 Mk. beträgt. 

Die vierte Gruppe der Schöpftingen des Vereins bilden die 
Aufgaben der Wohltätigkeit und Armenpflege. Die Summe dieser 
Arbeiten läßt sich nicht in Zahlen angeben. Sie alle, die sie 
auf diesen Gebieten tätig sind, wissen das. Was hier alles ge- 
schaffen wurde, entspricht der übrigen Ausdehnung des Vereins. 
So bestehen allein in Karlsruhe 14 Unterabteilungen, von denen 
die eine für solche Arme ist, deren Unterstützungsbedürftig- 
keit aus anderen Gründen als infolge von Krankheit herbei- 
geführt ist, eine zweite für die Fürsorge für arme Kranke, 
eine dritte für Mädchenfürsorge, die sich bereits 1550 Mädchen 
angenommen und 2 eigene Fürsorgeheime für gefährdete 
Mädchen geschaffen hat; eine weitere Unterabteilung hat ein 
eigenes Asyl für solche junge Mädchen errichtet, die zufolge 
Urteils in eine Besserungsanstalt gebracht werden sollen oder 
bei denen Unterbringung zur Zwangserziehung durch gericht- 
liches Erkenntnis für erforderlich erklärt worden ist Weitere 
Unterabteilungen haben, — ich spreche immer nur von Karls- 
ruhe — ein Geschäftsgehilfinnen- und ein Arbeiterinnenheim 
geschaffen. Näh- und Flickstuben sind eingerichtet, Volks- 
küchen werden betrieben — es reiht sich Anstalt an Anstalt^ 
Allein in dieser Gruppe IV wurden nur von den Zweigvereinen 
im Jahre 1902 etwa 10000 Arme unterstützt mit einem Aufi- 
wand von etwa 55000 Mk. Immer und überall wurde ein Zu- 
sammenarbeiten mit der staatlichen Armenbehörde erstrebt und 
erreicht. 

Eine ganze Reihe von Einrichtungen ließ sich in die Vier- 
gliederung nicht unterbringen; so hat der Verein eine eigene 
Volksbibliothek von etwa 10000 Bänden, die er seinen Zweig- 
vereinen und Landgemeinden zur Verfügung stellt; er hat der 
Verbreitung der Kochkiste weitestgehendes Interesse zugewandt, 
und er hat an etwa 38 Orten besondere Ausschüsse zur Be- 



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— 297 — 

Mmpfimg der Tuberkulose eingerichtet. Diese Änsdchüsse wollen 
nicht durch Heilstättenbehandlung der Erkrankten — diese 
kann ja nur bei dem kleinsten Teil eingeleitet werden — , 
Bondem durch hygienische und praktische Maßregeln wirken; 
sie tragen Belehrung in die Familien, wenden der Wohnungs- 
frage ihr Interesse zu, sorgen dafür, da£ dem Erkrankten eine 
eigene Lagerstätte zuteil wird; sie wirken für bessere Ver- 
pflegung und geeignete Erwerbsgelegenheiten. Einzelne Aus- 
schüsse haben jetzt die Besorgung der Wäsche der Tuberkulosen 
fibemommen^ um damit x^nsteckungsgefahren zu beseitigen. 

Der Badische Frauenverein hat 360 Zweigvereine mit 
etwa 56000 Mitgliedern (das bedeutet, daß etwa der 
8. Teil aller weiblichen über 25 Jahre alten Be- 
wohner Badens Mitglieder des Badischen Frauen- 
vereins sind). Der Gesamtwert seiner Gebäude beträgt 
1000000 Mk., das Reinvermögen der Zweigvereine 1800 000 Mk., 
das Gesamtvermögen des Vereins 3125000 Mk. Verehrte An- 
wesende, das sind hohe Zahlen. Aber wie viel höher zu be- 
werten ist die Summe der Arbeit, die geleistet wird! 

Staatliche und sozialpolitische Einrichtungen greifen ein, 
um die Schwachen zu stützen, um den Armen bessere Lebens- 
möglichkeiten zu gewähren; eine Einrichtung wie die des 
Badischen Frauenvereins ergänzt diese Organisation durch 
helfende Nächstenliebe, sie damit krönend!" 

Frl. Luise Rolo ff:» Berlin besprach „die Organisa- 
tion der privaten Armenpflege in Berlin". Sie ging 
näher auf 3 organisatorische Einrichtungen ein, die ihre Ent- 
stehung der Initiative von Frauen verdanken. Das Kartell 
der Vereine, welche teils ausschließlich, teils nebenbei der 
Fürsorge für Kranke und Wöchnerinnen obliegen, hat dadurch, 
daß ein Verein die Becherchen des anderen akzeptiert und auf 
dessen Aufforderung eingreift, eine erleichterte und vertiefte 
Hilfe ermöglicht. Die Auskunftsstelle der deutschen 
Gesellschaft für ethische Kultur sollte zuerst nur Rat 
erteilen, die sozial besser Gestellten zu wirklichen Helfern er- 
ziehen, den Bedürftigen durch Hinweis auf geeignete Wohl- 
fahrtseinrichtungen die bestmögliche Hilfe bringen. Jetzt über- 



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— 298 — 

nimmt die Anskimftsstelle, wo dies nötig erscheint, selbst 
pflegerische Behandlung, und durch — mitunter jahrelange — 
beratende und ermutigende Ffirsorge wird viel erreicht. Be- 
zahlte und unbezahlte Kräfte, Männer und Frauen, arbeiten 
nebeneinander und von der manchmal gerügten kritiklosen 
Weichherzigkeit der Frauen ist nichts zu bemerken. Die Ver- 
einigung der Wohlfahrtsbestrebungen ist die jfingste 
dieser zusammenfassenden Organisationen; sie vereinigt die in 
den einzelnen Stadtteilen armenpflegerisch tätigen Personen zu 
Besprechungen und zu gemeinsamem Vorgehen. Bedauerlich 
ist, da£ die Frauen sich oft nicht entschließen kOnnen, kleine 
Eitelkeitsrücksichten aufzugeben ; es werden aus solchen Motiven 
oft neue Vereine gebildet, deren Tätigkeit sich ebensogut an 
bereits bestehende anschließen kOnnte. 

An diese Ausführungen schloß sich das Referat von Frau 
Hella Flesch'^Frankfurt a. M. über 

Hauspflege. 

„Die Grundlagen, die für die Erhaltung des Familienlebens 
der Unbemittelten maßgebend sind, faßt ein bekannter Sozial- 
politiker in 4 Faktoren zusammen: 1. der Arbeitslohn, der 
Erwerb; 2. die räumliche Unterlage, die Wohnung; 3. das 
nötige Mobiliar, Betten, Wäsche, Kleidung; 4. die wirtschaft- 
liche Tätigkeit der Frau. Fehlt eine dieser 4 Grundlagen, so 
wird die Existenz, das Familienleben aufs schwerste bedroht 

Die Arbeitslosigkeit mit ihren Schrecken brauche ich nicht 
zu schildern; eine mangelhafte ungesunde Wohnung, unge- 
nügendes Mobiliar, Mangel an Betten und Kleidung hat schwere 
gesundheitliche und sittliche Schäden im Gefolge; die größte 
Gefahr aber glaube ich da zu sehen, wo die Hausfrau und 
Mutter fehlt und damit die wirtschaftliche Erhaltung des Haus- 
standes vernichtet wird. Von ihrer Leistung hängt es ja ab, 
wie der Verdienst zweckmäßig verwendet wird, wie die Kinder 
ernährt, erzogen, für das Leben vorbereitet werden. Eine 
Familie kann eher bestehen, wenn der Mann, der Ernährer 
fehlt, als wenn die Mutter durch Krankheit oder Untüchtigkeit 
nicht imstande ist, ihre Pflichten zu erftUlen. Tägliche Ge- 
fahren drohen der Lebenshaltung des Unbemittelten I Das un* 



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— 299 — 

sägliche Elend , in das wir Einblick haben: Krankheit, Not^ 
körperliche und sittliche Verwahrlosung der Jugend — könnte 
vielleicht gemildert werden, wenn es gelänge, fQr die Grund- 
lagen des Familienlebens besser zu sorgen. Wir sind ja auf 
dem Wege dazu; Arbeiterschutzgesetze und Krankenkassen^ 
Invaliditäts- und Altersrenten sorgen für Ersatz des Ver* 
dienstes; auch der Wohnungsfrage, der Erhaltung des nötigen 
Mobiliars nimmt sich der Staat durch Wohnungsgesetze und 
Pfändungseinschränkungen an. Leider ist aber für Erhaltung 
der wirtschaftlichen Tätigkeit der Frau noch nichts geschehen. 
Und gerade sie ist so leicht gefährdet; schon ein Wochenbett 
unterbricht die häusliche Arbeit oder zwingt die Wöchnerin^ 
zu frfih das Bett zu verlassen; ein daraus entstehendes Leiden^ 
eine Krankheit wird geradezu zum Verhängnis. Wohl ist durch 
gut organisierte Ki*ankenpflege, durch Spitäler und Asyle für 
die körperliche Pflege der Kranken gesorgt, all diese Einrich- 
tungen sind aber nicht imstande, die Leistungen der Hausfrau 
zu ersetzen. Wo sie fehlt, bleibt alles liegen; da wird die 
Wohnung nicht gereinigt, die Wäsche nicht besorgt, der so 
schwer erworbene Besitz leidet Not; da findet der Mann kein 
Essen, kein gemütliches Heim, wenn er ermüdet von der Arbeit 
kommt, da werden die kleinen Kinder nicht gepflegt, die 
größeren nicht beaufsichtigt; gar leicht erliegt in solchen 
Zeiten der Mann den Versuchungen des Wirtshauslebens und 
dann ist der Ruin der Familie besiegelt. Wohl helfen Nach- 
barinnen und Verwandte von Zeit zu Zeit aus, meist müssen 
sie selbst aber schwer mit dem Leben ringen und können ohne 
Entgelt ihre eigene Arbeit nicht liegen lassen. 

Die Erkenntnis, daß hier eine klaffende Lücke besteht, 
die einstweilen die Gesellschaft auszufüllen hat, veranlaßte 
uns vor 11 Jahren in Frankfurt a. M., einen Verein zu gründen, 
der den Namen „Hauspflegeverein" führen soUte. Er 
machte es sich zur Aufgabe, überall da, wo die Hausfrau durch 
ein Wochenbett oder eine Krankheit verhindert ist, ihre Arbeit 
zu tun, durch geeignete Kräfte Ersatz zu steUen, und somit 
eine Unterbrechung der wirtschaftlichen Tätigkeit zu ver- 
hindern. Es mußte ein neuer Verein, eine neue Organisation 
geschaffen werden, denn die zu erfüllende Aufgabe konnte von 



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— 300 — 

keinem der bestehenden Vereine oder Schwesterschaften über- 
nommen werden. Auch mnßten neue Ansichten mäßgebend sein^; 
■es galt ja nicht Mitleid oder Wohltaten hilfesuchender Armut 
zu gewähren, sondern einen sozialen Schaden auszugleichen, 
^ine Pflicht der Gesellschaft zu erfüllen. Wie nötig, wie un- 
abweisbar die Übernahme dieser Aufgabe ist, das können die 
Städte bezeugen, die in der Folge ebenfalls Hauspflege einge- 
führt haben — mir sind in Deutschland deren 20 bekannt; außer- 
dem hat London einen kleinen Verein , Maule in Frankreich 
und eine Stadt in Holland einen solchen gegründet. Einige Zahlen 
mögen ein Bild vom Umfang der Tätigkeit in einigen größeren 
Städten geben. Ich greife die Städte Berlin, Hamburg, Frank- 
furt a. M., Charlottenburg heraus; die Vereine dieser Städte 
verpflegten im Jahre 1903 zusammen 7735 Familien mit einem 
Kostenaufwand von ca. 80400 Mk. 

Die praktische Tätigkeit der Hauspflegevereine gestaltet 
sich in folgender Weise : Es wird ein Komitee von freiwilligen 
Hilfskräften gebildet; diese nehmen die Anmeldungen der Be- 
dürftigen entgegen, prüfen die Fälle auf ihre Notwendigkeit, 
entsenden geeignete Pflegerinnen in die betreffenden Familien 
und beaufsichtigen deren Arbeit. Die sogenannte Pflegerin 
hat alle Arbeiten der Hausfrau zu übernehmen; sie hat früh 
morgens ihre Tätigkeit zu beginnen, die Kinder rechtzeitig 
zur Schule zu schicken, die Mahlzeiten zu bereiten, zu waschen 
und zu putzen, kurz den Hausstand zu erhalten, so daß der 
Von der Arbeit heimkehrende Mann seine Ordnung, die Kinder 
die nötige Pflege finden und die Frau mit Kühe ihrer Wieder- 
herstellung entgegensehen kann. Um diese Aufgabe erfüllen 
zu können, müssen die Pflegerinnen die Ansprüche des Ar- 
beiterhaushaltes und seine Lebensweise kennen, mit den ge- 
forderten Arbeiten durchaus vertraut sein; sie müssen daher 
aus den gleichen Kreisen wie die Verpflegten gewählt werden 
und bedürfen keiner besonderen Schulung in W^ochen- und 
Krankenpflege. Diese bleibt nach wie vor den Schwestern 
oder Hebammen überlassen, denen die Hauspflegerin allerdings 
helfend an die Hand gehen muß. Ein kurzer Kursus, der die 
Pflegerinnen mit den widhtigsten Vorschriften über Reinlich- 
keit und Kinderernährung bekannt macht, ihnen zeigt, wie 



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— 301 — 

billig, nahrhaft und schmackhaft gekocht werden kann, ist nach 
Charlottenburger Vorbild sehr zu befürworten. Der Lohn der 
Hauspflegerinnen in Frankfurt ist etwas niederer als der übliche 
Tageslohn der Wasch- und Putzfrauen, da sie andauernd be- 
schäftigt sind. Kann die Pflegerin in der Familie nicht aus- 
reichend verköstigt werden, so wird ein Kostgeld gewährt. 
Bei dem von uns eingeführten Lohnsatz von 1 Mk. 80 Pf. und 
70 Pf. Kostgeld stellen sich die Kosten für ein Wochenbett, 
welches wir 4 ganze und 4 halbe Tage gewähren, auf 15 bis 
16 Mk.; eine Krankheitspflege, die nicht selten auf 4 Wochen 
ausgedehnt wird, stellt sich auf 50 bis 60 Mk. Trotz der 
Höhe der Kosten soUte die Entlohnung nicht erheblich geringer 
ausfallen, denn abgesehen davon, daß niedere Löhne auch ge- 
ringere Leistungen zur Folge haben, ist es nicht richtig, auf 
diese Weise gleichsam ein Loch mit dem anderen zuzumachen. 
Ich möchte den Städten, in denen die Gelder nicht so reichlich 
fließen, eher raten, dann eine strengere Auswahl unter den zu 
Unterstützenden zu treffen. Es ist ein besonderer Vorteil der 
Hauspflege, daß sie nach zwei Seiten wirkt, d. h. neben ihrer 
eigentlichen Aufgabe noch einer beträchtlichen Zahl von Frauen,, 
meistens Witwen, einen nährenden Erwerb zusichert und somi^ 
ihre Mittel unter allen Umständen nutzbringend verwendet. 

Um bei einem oft wechselnden,, unorganisierten Pfleger- 
personal die Leistungen einigermaßen befriedigend zu gestalten^ 
ist strengste Überwachung des einzelnen Falles nötig, die vou 
freiwilligen Hilfskräften ausgeführt wird. Die Versuchung, 
die Pflege zu spät anzutreten, zu wenig zu arbeiten, zu früh 
den Dienst zu verlassen, liegt natürlich überall nahe, wo der 
eigentliche Arbeitgeber nicht an Ort und Stelle ist und di^ 
kranke Frau nicht die Möglichkeit hat, sich zu ihrem Recht 
zu verhelfen. Da ist es denn Sache der beaufsichtigenden 
Dame, dafür zu sorgen, daß die Pflegerin ihre Schuldigkeit tut, 
aber auch darauf zu achten, daß ihre Kräfte nicht zu sehr 
ausgenutzt werden. Vor allem soll sie das lebendige Binde- 
glied zwischen der Verwaltung und den Verpflegten bilden, 
um die Gefahren einer schematischen Behandlung zu vermeiden» 
Oft wird sie auch den Armen mit Bat und Tat in ihren mannig- 
fachen Sorgen beistehen müssen. Eine Kenntnis anderer Wohl- 



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— 302 — 

fahrtsorganisationen and möglichst enge Fühlung mit ihnen 
ist f&r vollkommene Leistungen der Hauspflege unentbehrlich» 
Da gilt es der geschwächten Wöchnerin Milch und stärkendes 
Essen zu verschaffen, für Einderkleidung und das nötigste 
Bettzeug zu sorgen; da gilt es Lücken des Haushalts, der 
während der Zeit der Schwangerschaft gelitten hat, auszu- 
füllen und dafür zu sorgen, da£ die eben genesene Frau nicht 
«ofort einem Übermaß von Arbeit verfällt. Organisatorisch 
vorbildlich in diesem Sinne wirkt der Berliner Hauspflege- 
verein, der mit 10 anderen Vereinen die vereinigte Fürsorge 
für Kranke und Wöchnerinnen geschaffen hat Alle diese 
Vereine arbeiten Hand in Hand, sie benutzen den gleichen 
Fragebogen und können durch dies gemeinsame Wirken ihre 
Leistungsfähigkeit wesentlich erhöhen. 

Li der fürsorglichen Tätigkeit der Hauspflegevereine und 
ihrer helfenden Kräfte liegt ihre wichtige soziale Bedeutung, 
da durch die enge Berührung der Gesellschaftsschichten in 
weiten Kreisen ein besseres Verständnis für die Lebensweise 
und die Bedürfnisse der Unbemittelten geweckt wird. Die 
Arbeit in der Hauspflege ist daher auch die beste Schulung 
und Vorbereitung für die kommunale Tätigkeit der Frau, vor 
allem für die der Armen- und Waisenpflegerin. Der Haus- 
pflegeverein darf daher auch den Vorzug in Anspruch nehmen, 
viele Frauen für eine ernste Pflichterfüllung gegen die All- 
gemeinheit und für Übernahme wichtiger Kulturaufgaben zu 
•erziehen. 

Es ist ein für die Hauspflege wichtiger, maßgebender Ge- 
danke, dafl nicht den schon gänzlich verarmten, sondern den 
noch in geordneten Verhältnissen lebenden Familien geholfen 
werden soU; wir gewähren die Pflege daher da, wo der Ver- 
dienst des Mannes dem ortsüblichen Tageslohn entspricht. Der 
Einwand, daß solche Familien aus eigenen Mitteln die Hilfe 
bestreiten können, wird hinfällig, sobald man das Budget eines 
Arbeiterhaushaltes studiert, dessen Einkommen gerade aus- 
reicht, um in normalen Zeiten di^ notwendigen Bedürfhisse zu 
■decken. Der etwas besser gesteUte gelernte Arbeiter oder 
Handwerker, der kleine Beamte, der aber auch nicht allein 



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— 303 — 

eine teure Hilfe bezahlen kann, muß dem Verein kleinere oder 
größere Beiträge zur Pflege leisten. 

Außer in Wochenbett und Krankheitsfällen soll die Haus- 
pflege da eintreten, wo die Frau zu einer Operation, zu einer 
Eur aus dem Hause muß; oft wird der Entschluß dazu erst 
durch die Aussicht auf häusliche Hilfe gefaßt; die Angst, daß 
die Kinder voneinander gerissen, der Haushalt aufgelöst, der 
Mann aufs Wirtshaus angewiesen ist, hat schon manches Mal 
den Verzicht der Frau auf eigene Heilung zur Folge gehabt. 
Leider versagt noch die Kraft fast aller Hauspflegevereine bei 
chronischen Krankheiten, besonders bei der Schwindsucht; die 
oft monatelang nötige Pflege würde zu teuer werden. Wir 
helfen in solchen Fällen wenigstens einigermaßen, um die 
Armen nicht ganz ihrem traurigen Schicksal zu ttberlassen, 
indem wir von Zeit zu Zeit waschen und putzen lassen oder 
für einige Stunden täglich eine Monatsfrau steUen. Besonders 
beklagenswert ist es, daß wir unsere Hilfe nicht über den 
Tod der Frau ausdehnen können. VieUeicht gelingt es, in 
dieser Richtung in Frankfurt a. M. eine Institution anschließend 
an den Hauspflege verein zu schaffen, die das Elend eines 
mutterlosen Haushaltes wenigstens mildert. Die Aktienbau- 
gesellschaft für kleine Wohnungen will für solche halbver- 
waiste Familien ein Haus errichten, ein Witwerheim, das der 
Hauspflege verein bewirtschaften soll, und das den Männern 
ein geordnetes Hauswesen, den Kindern Schutz und Fürsorge 
gewähren wird. 

Bei den großen Anforderungen, die an die Hauspflege ge- 
stellt werden, ist es nötig, neben der Erweiterung des Arbeits- 
gebietes auch auf Erweiterung der Mittel zu wirken, nicht nur 
im Sinne freiwilliger Geschenke, die dem Zufall unterworfen 
sind, sondern im Sinne fest organisierter öffentlicher Einrich- 
tungen. Hier hat der Berliner Verein eine dankenswerte An- 
regung gegeben. Er ist mit größeren Fabriken und Betrieben 
in Verbindung getreten — im Jahre 1903 belief sich ihre Zahl 
auf 34 — , die entweder dem Verein einen bestimmten größeren 
Beitrag leisten und dafür dessen Hilfe bei den Frauen ihrer 
Angestellten in Anspruch nehmen können, oder sich verpflichten, 
dem Verein die bei der Pflege erwachsenden Kosten zu er- 



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- 304 — 

setzen. In Frankfart ist es gelonj^en, auf Anregung der Armen^ 
ärzte einen Vertrag mit der städtischen Armenverwaltung zu 
schließen« . Jeder Armenarzt kann auf städtische Kosten f&r in 
Armenpflege befindliche Kranke eine Pflegerin bestellen; in 
diesen Fällen unterläßt der Verein eine Vorprüfung und sorgt 
nur für die nötige Aufsicht. Es sollte wohl überall angestrebt 
werden, die Kommune zu einer größeren Beitragsleistung heran- 
zuziehen, entweder in der eben geschilderten Weise, die dem 
Verein die Lasten für in Armenpflege stehende Familien voll- 
ständig abnimmt, wie sie auch jetzt in Breslau eingeführt ist^ 
oder in Form einer städtischen Subvention. Die Stadt hat ja 
selbst das größte Interesse an unserer, das Familienleben und 
die Volksgesundheit erhaltenden Tätigkeit, die ihr manche 
Spital- und Verpflegungskosten erspart 

Die hier gewiesenen Wege zur Vergrößerung der Mittel 
und des Wirkungskreises erreichen aber noch nicht das voUe 
Ziel, die Hauspflege aus dem Rahmen einer privaten Vereins- 
tätigkeit herauszuheben. Freiwillig gegebene Beiträge, frei- 
willige Kräfte verbinden sich und die Leistungen müssen sich 
nach diesen richten, können daher nur eine Auslese berück^ 
sichtigen; auch dürfen wir uns nicht verhehlen, daß viele Be- 
dürftige sich nicht an einen Verein wenden, weil es sie drückt^ 
zu bitten und ein Geschenk anzunehmen. Und doch müßte 
bei der hohen Bedeutung, die die Hauspflege für die Gesund- 
heit, für das Gedeihen der Familie und damit des Volkes ein- 
nimmt, diese HUfe jeder armen Wöchnerin, jedem Kranken 
als ein Becht zugänglich sein. Schon lange war es unser 
Bestreben, in Frankfurt auf dem Wege der Versicherung ein 
Eecht auf häusliche Pflege zu bewirken. Vor einigen Jahren 
versuchten wir mit der Ortskrankenkasse eine entsprechende 
Organisation zu schaffen, leider scheiterten damals die Ver- 
handlungen. Im kleinen ist es uns jetzt aber gelungen, mit 
der AktienbaugeseUschaft für kleine Wohnungen ein Abkommen 
zu treffen, das den ersten Schritt zur Versicherung bedeutet. 
Die Bewohner dieser Häuser zahlen einen monatlichen Beitrag 
von 30 Pf. und geben, um Mißbräuchen vorzubeugen, für jeden 
Pflegetag 50 Pf., oder das Essen und 10 Pf.; der Rest der 
Kosten wird aus Mitteln des Vereins und einem Fonds gedeckt, 



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— 305 — 

den die Aktienbaugesellschaft zur Verfftgung stellt* Durch 
diesen festen Beitrag erhalten die Zahler ein Recht auf Pflege 
in Wochenbetten bis zum 10., in ErankheitsfäUen bis zum 
14. Tage. Dies ist natürlich nur ein Versuch", der aber mit 
56 Fällen im letzten Jahr sich zu bewähren scheint. 

Einer hoflfentlich nicht zu fernen Zukunft wird die Aus- 
gestaltung dieses Gedankens tiberlassen bleiben. Die Frauen, 
die jetzt für Mutterschaftskassen, für kommunale Tätigkeit der 
Frauen kämpfen, bahnen uns die Wege. Erst die Einführung 
der obligatorischen Familienversicherung wird die Forderung 
der Mutterschaftskassen erfüllen und mit einem ausgedehnteren 
Wöchnerinnenschutz auch die Hauspflege in ihre Leistungen 
au&ehmen. Dann wird sie aber eine solche Ausdehnung ge- 
winnen, daß die Kommune selbst sich mit ihrer Organisation 
befassen muß. Dafür brauchen wir aber Frauen in der städti- 
schen Verwaltung, Frauen, die Einfluß und Rechte haben, die 
auch obligatorisch ehrenamtlich tätig sind. Ihre Mithilfe ist 
erforderlich, um unser Ziel zu erreichen, denn nur eine 
Frau versteht die Leiden und Nöte der Frauen 
und weiß, wie ihnen zu helfen ist." 

Fräulein Dr. EllenSandelin »Stockholm besprach hierauf 
die Eoten Kreuzbestrebungen in Schweden. Der Genfer Kon- 
vention trat die schwedisch-norwegische Regierung im Jahre 
1864 bei. Die Einrichtung von Samariterkursen, die Ausbil- 
dung von Krankenpflegerinnen für den Dienst des Roten Kreuzes 
gehören zu den Aufgaben des Vereins. Frau Bohmann*» 
Schweden sprach über die Heimatspflege unter den 
Armen. 

In der Diskussion besprach zunächst Miß Olga Hertz> 
Manchester die District Nurses ihrer Heimat. Täglich 
wächst die Nachfrage nach den ausgebildeten Pflegerinnen, die 
in die Häuser der Armen gehen, um dort Pflegedienste zu 
leisten. Frau Basch^^ Berlin besprach die in den Berliner 
Krankenhäusern gemachten Besuche bei Kranken, insbesondere 
bei Tuberkulösen, sowie die Fürsorge für Spitalentlassene und 
innerhalb ihrer Familie lebende Leidende. Signorina Elisa 
Bosch etti «Italien berichtete über die Verhältnisse der italie- 
nischen Armenpflege. AUe Initiative gehe dort von Mailand 

Fraaenkongreß. 20 



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- 306 ~ 

aus wo 9,uch ein Zusammenschluß der weiblichen Hilfskräfte 
geschaffen wurde. Miß L. L. Dock* New- York teilte mit, daß 
die Charity Organisation Society in New-York Kurse 
zur Ausbildung für soziale Arbeit abhält; sie werden vor- 
wiegend von Berufsarbeitern besucht. Fräulein Dr. Agnes 
Bluhm^Berlin besprach die Frage der Bekämpfung der 
Tuberkulose im Eindesalter. Die bestehenden Einder- 
heilstätten seien leider nur für lungentuberkulose Einder, 
während für die chirurgisch-tuberkulösen sehr wenig geschieht. 
Dies sei wohl meist eine Folge davon, daß die praktischen 
Ärzte keine Chirurgen seien. Hier Abhilfe zu schaffen, sei 
dringende Pflicht der Frauen. 



Dienstag, den 14. Juni. 



FOrsorge fUr Kinder und Jugendliche. 

Von Frau Hedwig Win kler*^ Hamburg geleitet, wurde 
die Versammlung mit einem einfährenden Referat von Frau 
Marie Hecht»=Tilsit eröffnet. „Helft unserer Jugend, daß 
nicht eine der Seelen, die zur Selbstverantwortung bestimmt 
sind, verloren gehe!" Dieser Appell bildete den Grundton ihrer 
Ausführungen. Die Fürsorge für die Unmündigen bezeichnete 
Frau Hecht als die eigenste Aufgabe der mütterlichen Frau. 
Sie sei so dringend, daß auf diesem Gebiete vor allem die 
Frau den staatlichen und kommunalen Organen als Mithelferin 
wünschenswert erscheinen mußte. Durch die neue preußische 
Gesetzgebung sind die Frauen zur Übernahme eines bedeuten- 
den Teils der staatlichen und kommunalen Fürsorge gekommen. 
Warmes Gefühl und Hingabe sind für diese Arbeit allerdings 
nicht allein ausreichend, und neben der praktischen Betätigung 
müssen sie auch durch eine vertiefte theoretische Schulung die 
nötige Einsicht zu gewinnen suchen. 

Als erste Rednerin sprach Frau Berta Turin^'Rom, 
Vorsitzende des italienischen Zweigvereins derFreundinnen 



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— 307 - 

junger Mädchen über die Tätigkeit dieser großen Organi- 
sation. 

„Der internationale Verein der Freundinnen Junger Mädchen," 

so führte die Bednerin aus, ^^ist ein alter Bekannter von Ihnen; 
besteht er doch schon seit 28 Jahren. Der deutsche Zweig- 
verein wirkt segensvoll in Ihrem Lande, und die Hälfte der 
gesamten „Freundinnenzahl'^, zehntausend, fällt auf Deutsch- 
land. Von dem internationalen Mechanismus und der inneren 
Organisation brauche ich Ihnen wohl nicht zu sprechen, da sie 
Ihnen bekannt sind. Der Zweck des Vereins ist^ schutzlosen, 
alleinstehenden Mädchen, welcher Nation und Eonfession sie 
immer angehören mögen, mit Schutz und Bat beizustehen. Sie 
wissen femer, daß, wenn z. B. ein junges Mädchen sich von 
Berlin nach Bom in Stelle begeben muß, dasselbe auf der Beise 
an allen größeren Haltestationen eine Bahnhofagentin oder 
auch in deren Ermanglung eine „Freundin" findet, der es 
durch eine Freundin oder Heimvorsteherin gemeldet wurde, 
mit Angaben über Züge, Zeit, usw. Die große silberne Brosche 
oder farbige Achselklappe läßt die Agentin erkennen — das 
junge Mädchen und die abholende Freundin halten als Er- 
kennungszeichen das rote Büchlein — Eatgeber und Adreßbuch 
unseres Vereins — in der Hand. Das Bahnhofswerk, die Heime 
und Asyle, sowie die Stellen vermittlungsbureaux, direkt oder 
indirekt von den Freundinnen gegründet und kontrolliert, sind 
die Hilfsorgane unserer Schutzarbeit. Die Freundinnen an Ort 
und Stelle übernehmen die weitere Verantwortung für den 
Schützling; dafür bürgt ihr Titel, den sie mit Stolz und Ge- 
wissenhaftigkeit tragen. Eine große Liste, mit den genauen 
Adressen der Freundinnen aller Länder, vermittelt den brief- 
lichen Verkehr zwischen ihnen. 

Den vielen jungen Beisenden aber, die keine Ahnung vom 
Bestehen des Freundinnenvereins haben, wird das Büchlein 
auf dem Bahnhof noch eingehändigt, und es ist ihnen oft ein 
wahrer Freund in der Not im fremden Lande geworden. 

Hiermit wäre in großen, flüchtigen Zügen der Mechanismus 
und der Geist des Vereins gekennzeichnet. Was aber vielen 
unter Ihnen nicht bekannt sein dürfte, ist das Motiv seiner 

20» 



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— 308 — 

Entstehung, und darüber möchte ich in erster Linie sprechen. 
Im Jahr 1877 wurde in Genf ein Kongreß zur Bekämpfung der 
ünsittlichkeit gehalten, und hier hatte man zum erstenmal den 
Mut, öffentlich über ein schändliches Gewerbe — den Mädchen- 
handel — zu sprechen, der stets frischen Vorrat an Menschen- 
ware in die „öffentlichen Häuser" liefert. Heute ist diese 
Schande der Menschheit eine brennende Frage geworden, deren 
Lösung alle GeseUschaftsschichten beschäftigt. — Wie aber 
war man diesem Handel auf die Spur gekommen? Die Er- 
zieherinnen, Gouvernanten und Kindermädchen der französischen 
Schweiz waren ihrer Sprache halber schon vor 40 und 50 Jahren 
von den in Rußland, Ungarn, Böhmen lebenden Gutsbesitzers- 
familien sehr gesucht, die der großen Entfernungen und der 
Landesverhältnisse wegen ihre Kinder nicht zur Schule schicken 
konnten. Die Engagements geschahen durch Zeitungsannoncen 
oder StellenvermitÜungsbureaux. Oft waren schon die Ange- 
bote falsch. Das engagierte Mädchen reiste nach dem fernen 
Bestimmungsorte ab; das lange Ausbleiben von Nachrichten 
beunruhigte die zurückgebliebene Familie nicht, die Postver- 
hältnisse waren ja damals noch einfacher als heuzutage. 
Schießlich wurde die Situation der Familie peinlich; allein um 
dem guten Ruf ihrer Tochter nicht zu schaden, und kein un- 
günstiges Urteil selbst der nächsten Freunde zu provozieren, 
verschwieg man das als ein absichtliches vermutete Schweigen 
der Tochter, und trug so unwissentlich nicht wenig zur Ver- 
heimlichung und Begünstigung des Mädchenhandels bei. In 
Wirklichkeit war das arme Mädchen nämlich auf dem Bahnhof 
in Wien oder Berlin usw., je nach Bestimmungsort, von einem 
Agenten — zu unserer Schande sei es gesagt, meist von weib- 
lichen Agenten — abgeholt worden, denen das ahnungslose 
Opfer vertrauensvoll folgte, um für immer hinter den Mauern 
eines öffentlichen Hauses zu verschwinden. Welches Drama, 
welcher Kampf und welche Verzweiflung sich da abspielten, 
bis solch ein ärmstes Geschöpf endlich zum willenlosen, abge- 
stumpften Werkzeug, zur „Sklavin" wurde, brauche ich Ihnen 
wohl nicht auszumalen. Ein dem Elend entronnenes Mädchen 
deckte die Greuel auf, und so kam man dem unglaublichen 
Handel auf die Spur, der einen Schrei der Entrüstung hervor- 



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— 309 — 

rief, eben auf jenem Kongreß in Grenf. Wo immer es sich aber 
um schnelle Hilfe in der Not, um festes Eingreifen bei himmel- 
schreiendem Unrecht gehandelt hat, da traten die Frauen stets 
hilfsbereit und mutig vor; so auch damals. Die Frau für die 
Frau! Dieses Losungswort rief zwanzig Frauen aus sieben 
verschiedenen Ländern zusammen, um einen Verein zu gründen, 
der minder begünstigten Schwestern Schutz und Rat gewähren 
sollte, überall, auf der ganzen Welt. Das Schutznetz wurde 
Masche um Masche gestrickt, und heute, nach 28 Jahren, dehnt 
es sich über die ganze Erde aus. Der Zentralsitz ist in seinem 
Entstehungslande, der Schweiz — in Neuchatel — verblieben. 

Und nun fragen Sie wohl: wie verhalten sich die Schütz- 
linge zum Verein — - was sind die Erfahrungen der Freundin- 
nen? Hier kann ich Ihnen nur von denjenigen der italienischen 
Freundinnen sprechen, und die sind- leider wenig erfreulich. 
Aber ich kann mir trotzdem keinen geeigneteren Ort denken 
für solche Mitteilungen, als eben diesen Kongreß. Gerade hier 
muß über diesen wunden Punkt ein offenes Wort gesprochen 
werden. 

Ich sprach Ihnen vom Mädchenhandel, von den Feinden, 
die auf die jungen, schutzlosen Mädchen in der Fremde lauem 
— aber glauben Sie mir, den ersten und größten Feind bringen 
die Mädchen schon aus der Heimat selbst mit sich, und das 
ist ihr Leichtsinn, begleitet von Unerfahrenheit und unge- 
nügender Vorbereitung für ihre Stellung und ihr Leben in der 
Fremde. Fragen Sie das Mädchen, wie es denn nach Italien 
kam, so antwortet es: „aufs Geratewohl, ich woUte eben auch 
einmal das schöne Italien sehen!" — Es ist der Hang, etwas 
zu erleben und was dieses „Erleben" bedeutet, wir wissen es 
aus manch trauriger Erfahrung! Die Geschichte der Verführung 
ist überall dieselbe, — sie dauert kurz und besteht aus wenigen 
Kapiteln. Süß und betörend ist der Anfang, Elend, Verzweif- 
lung meist das Ende. 

Das fremde, blühende, blonde Mädchen sitzt stundenlang 
in den öffentlichen Villengärten, um die anvertrauten Kinder 
der Herrschaft zu beaufsichtigen. Der niefehlende Verführer 
naht, sein Sieg ist leicht, und nach kürzerer oder längerer Zeit 
hat er es so weit gebracht, daß das Mädchen die Stelle verläßt 



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— 310 — 

und in irgend einem verborgenen, oft zweideutigen Winkel 
unterschlüpft, um dann nach Enttäuschung, Jammer des Ver- 
lassenseins und Not an der Türe der Matemitä anzuklopfen. 
In Rom z. B. herrscht noch der Brauch, daß die werdende 
Mutter ihren wahren Namen nur in verschlossenem Couvert 
beim Eintritt in die Matemit^ abzugeben hat, damit bei Todes- 
fall die Behörde den nötigen Aufschluß hat. Im günstigen Fall 
aber wird das Couvert uneröffhet zurückerstattet. Natürlich 
sucht die Unglückliche so viel als möglich ihr Inkognito zu 
bewahren, „aber" — so sagte mir ein Arzt der Maternit6, — 
„in der schwersten Leidensstunde verrät jede ihr Heimatland, 
dann schreit, betet — oder flucht sie in der Muttersprache, 
und es ist auffaUend, daß es meist deutsch ist. Am traurig- 
sten ist aber die Tatsache — daß bei der Frage nach der Be- 
stimmung für das kommende Kind — ob Findelhaus oder 
Selbstbehalten? — die stereotype Antwort ist: „Nicht einmal 
sehen will ich es!" Und die nun meint, in der Matemitä 
alles abgeschüttelt, und jede Spur verwischt zu haben, die nun 
meint, in ein neues, frisch zu beginnendes Leben zu treten, sie 
tritt in das neue Elend, das Elend des Verlassenseins, der 
Schutz- und Ratlosigkeit, — und da vielleicht erinnert sie sich 
des Freundinnenvereins und sucht nach einer Adresse im roten 
Büchlein, das unbeachtet im Koffer lag bis jetzt. Wie manches 
blasse, verkümmerte Mädchen klopft an unsere Tür, und wir 
erraten, welche andere sich hinter ihr geschlossen hat; aber 
wir wagen oft kaum zu fragen, damit das neue Lebenskapitel 
nicht gleich mit einer großen Lüge beginne. 

Die Unglücklichen aber, die sich nicht an uns Freundinnen 
wenden, sondern in Geldnot und in Trotz die erste beste Stelle 
annehmen, die irgend ein Stellenvermittlungsbureau anbietet, 
treten oft in arge Mißverhältnisse, in Stellen, die gar nicht 
ihren Leistungsfähigkeiten entsprechen, so daß oft eine geprüfte 
Lehrerin Zimmerdienste annimmt und das einfache deutsch- 
redende Kindermädchen mit dem Nimbus des fremden Fräu- 
leins von der sprachunkundigen Familie zur Gouvernante — 
ja zur Elementarlehrerin erhoben wird. Und jene, die von 
Bureau zu Bureau schleichen, stellesuchend, und vielleicht mit 
einigen elend bezahlten Stunden ihr Leben fristen, wie oft 



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— 311 — 

geben sie einem neuen Verführer Gehör, um den Preis einer 
langentbehrten, ordentlichen Mahlzeit. — Hier fehlen dann 
nur noch wenige Schritte zur breiten Straße der Prostitution, 

Und diejenige endlich, die das Glück hat, nach all dem 
„Erlebten" in die Heimat zurückzukehren, die vieUeicht Mutter 
legitimer Kinder wird — glauben Sie, daß das verlassene 
Findelkind im schönen Italien nicht wie ein schleichendes Gift 
an ihrem späteren „Glücke" zehrt? 

Natürlich helfen die Freundinnen vielen braven Mädchen, 
die auch in der Fremde in Zucht und Ehren ihr Brot ver- 
dienen — aber nicht diese sind es, welche die Freundinnen am 
nötigsten brauchen. Von unseren traurigen Erfahrungen 
wollte ich Ihnen sprechen! Nicht nur wir Freundinnen — wir 
Frauen alle müssen diese Mißstände bekämpfen — aber wie? Ich 
glaube, daß vor allem die Mütter aufgeklärt werden müssen über 
das, was ihrer Töchter in der Fremde wartet — Konferenzen, 
passende Artikel in Lokal- und Volksblättern sollten diese Ver- 
hältnisse beleuchten, unseren Verein bekannter machen und an 
ihn weisen! Unmöglich, daß dann noch eine dergestalt auf- 
geklärte Mutter ihr Kind aufs Geratewohl hinaus ziehen läßt! 

Aber wir müssen auch mit dem alten Vorurteil brechen, 
das die sogenannte Unschuld der Jugend in Unwissenheit ge- 
wiegt wissen will! Auch das Mädchen selbst muß es wissen, 
was vom Weibe gefordert wird, und was die Folgen davon sind. 
Eine ernste, mütterliche Frau wird die richtigen Worte dafür 
finden, ohne die wahre Unschuld zu vernichten. Die jungen 
Mädchen zumal, die so früh, und schutzlos in den Kampf ums 
Dasein hinaustreten müssen, die sollten besser vorbereitet und 
praktischer dafür erzogen werden: in der Fortbildungsschule 
unter Leitung tüchtiger Lehrerinnen, im Konfirmationsunter- 
richt, und nicht zuletzt von den Freundinnen selbst im eigenen 
Lande!" 

Frau Anna PI ot ho w* Berlin berichtete mit genauen 
statistischen Angaben über die Beschäftigung und Beaufsich- 
tigung schulpflichtiger Kinder außerhalb der Schulstunden in so- 
genannten Kinderhorten. Diese Einrichtungen, die über ganz 
Deutschland verbreitet sind, ermöglichen es den Müttern, ihrem 
Erwerb nachzugehen, ohne daß die Kinder deshalb aufsichts- 



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— 312 — 

los bleiben. Mit diesen Bestrebungen, von deren historischer 
Entwicklung die Rednerin eine übersichtliche Darstellung gab, 
geht die Gesundheitspflege [in Gartenarbeit, Ferienkolonien, 
Milchpflege Hand in Hand. Es ist nicht leicht, diese Erziehung 
außerhalb der Schule auszuüben, ohne das Familienleben noch 
mehr zu zerstören; doch wird ernste Bemühung auch hier 
auf die Erziehung zur häuslichen Arbeit und auf die Charakter- 
bildung verwendet. 

Frau Mal vi Fuchs^» Budapest berichtete, daß Ungarn 
sich später als die anderen, westUchen Nationen dem Kinder- 
schütz zugewandt habe, weil dort die patriarchalischen Ver- 
hältnisse überhaupt länger andauerten. Erst seit 1901 besteht 
eine gesetzliche Fürsorge für alle Kinder, deren Angehörige 
nicht für sie sorgen können. Staat und Private, Männer und 
Frauen arbeiten Hand in Hand, um eine gesunde, erwerbs- 
fähige Generation heranzubilden. 

Fräulein Katharina Stelter*Danzig schilderte die in 
Deutschland bestehenden staatlichen, kommunalen und privaten 
Einrichtungen für Jugendfürsorge. Neben den schon länger 
bestehenden konfessionellen Vereinen sind besonders der 
„deutsche Zentralverein für Jugendfürsorge", der „Verein zum 
Schutze der Kinder vor Mißhandlungen" und der „Ausschuß für 
soziale Hilfsarbeit des Landesvereins preußischer Volksschul- 
lehrerinnen" zu nennen; letzterer hat viele Lehrerinnen dazu 
geführt^ auch außerhalb der Schule und in Verbindung mit 
den Eltern an der Erziehung der Jugend zu arbeiten. 

Frau Mily Bültmann»Dresden sprach über die Be- 
ratung von Volksschülerinnen bei der Berufswahl 
Durch Besprechung mit den Eltern während des letzten Schul- 
jahres — sogenannte Elternabende — läßt sich am besten 
ein Einfluß ausüben, der dahin gehen muß, auch den Mädchen 
eine bessere Vorbildung zu sichern und das Interesse für 
hauswirtschaftliche Tätigkeit in ihnen zu wecken. 

Frau Bieber-Böhm^Berlin legte dar, daß das Für- 
sorge-Erziehungsgesetz zum Teil die HoflBttungen und 
Bitten des von ihr gegründeten und geleiteten Jugendschutz- 
vereins erfülle. Leider würde aber der Segen des Gesetzes 
dadurch verzögert^ daß nun eine Behörde die Zahlung der 



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— 313 — 

Beiträge auf eine andere schiebt, und auch durch die Ent- 
scheidungen des Eammergerichts, welches nur noch Fälle 
völliger Verwahrlosung berücksichtige. Die Referentin konnte 
aus Erfahrung erklären, daß die Fürsorge auch für Prosti- 
tuierte von über 16 Jahren wesentliche Hilfe bringen kann. 
Es sei immer andauernde Arbeit vonnöten, jede Unterbrechung 
stelle oft alles wieder in Frage; man habe aber nicht das 
Recht, an irgendjemand zu verzweifeln. Wo der Erfolg schlecht 
ist, waren die Mittel verkehrt. Die Gesunkenen gehen auf 
die Erziehung ein, sobald sie einsehen, daß das Gesetz unsitt- 
lichen Lebenswandel nicht gestattet, und daß ihnen nur die 
Wahl zwischen Zwangs- und freier Erziehung bleibt. 

Mrs. Willoughby Cummings »Toronto berichtete über 
Fürsorgeeinrichtungen für schwachsinnige 
erwachsene Frauen in Kanada. Die Anzahl derselben 
wurde statistisch festgestellt, und der Bund kanadischer 
Frauenvereine wurde von der Regierung ersucht, genauere 
Erhebungen in dieser Sache anzustellen. Die Rednerin be- 
richtete von einer Anstalt im Staate New -Brunswick, wo 
Schwachsinnige vom 14. Jahre an Aufnahme finden. Ein ent- 
setzliches Elend wird durch zeitigen Schutz solcher Unglück- 
lichen verhütet, der nur in Anstalten geschehen kann, da die 
einzelne Familie oft solchen Angehörigen gegenüber ihre Pflicht 
nicht erfüllen kann oder will. 

Frau Katti Anker Moll er »»Kristiania sprach über 

Heime fOr uneheliche Mutter. 

In Norway — as is the case in other countries — there 
are many illegitimate children. The greater part ot them is 
the result of conjugations within the working class, but fre- 
quently however the fathers belong to the upper classes, 
whereas this very seldom is the case with the mothers. 
The reason why women display a more elevated culture in 
this respect, is the heavy moral and legal Claims they have 
been subjected to for centuries. The law has imposed great 
penalties upon the unmarried mother, while it has left the 
man free; even to-day the greater part of the trouble and 
responsibility is pressed on her. The law states, that the 



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— 314 — 

child shall stay with its mother, take her name, inherit her 
and her kinsmen, whereby the child's position towards the 
authorities and those around it will be settled entirely 
by her. The father may withdraw his shame comple- 
telyfrom public attention. 

The fact that unniarried mothers are mostly recruited 
from the working class is to be explained by the social Stan- 
ding of that class: bad economical circumstances ; narrow lo- 
calities, where from childhood harshftdlness only can form a 
fragile bulwark; where the respect for womanhood is small, 
and the behaviour accordingly; where the wages for women's 
work are to small, that she has to hunt for men's favour to 
get married, this being after all the best way af support; 
where there can be no chance for capacities of intellectual 
enjoyment; and where youth only has the night for leisure 
time. Under such conditions for social life, love will easily 
take primitive forms, and the erotical roll wiU be short. 

In Order to counteract this State of things, our endeavours 
must be to raise the economical condition of the whole 
class, and to introduce moral and elevating elements. Econo- 
mical independence creates power of resistance, self-control 
and the higher sense of honour. 

But the young girl also requires more knowledge — not 
only of her own sexual life, but also of that of the man. If 
she had the proper understanding of what kind of impulses 
she is raising in him and with which she is playing, it would 
make her behaviour more reserved. Both he and she must 
have the füll understanding of the seriousness and the respon- 
sibility of motherhood, and know how necessary it is — even 
from a social point of view — that the habe should be bom 
a streng and healthy one. By this knowledge the man would 
feel more respectfully for the great creating act he is deman- 
ding of her, and pay more consideration also later in marriage. 
I think it is wanted. 

The young poor girl having to provide for herseif will 
generally run the risk of loosing her work, when her pregnant 
State can be hidden no more. Her working capicities being 
diminished, she won't do for her employer any longer, and 



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- 315 — 

her mistress will only reluctantly keep her in Service. 
Just at a period where the girFs condition most strongly 
demands relief and assistance she is forced to take up struggle 
for existence, bodily and mentally unqualified, as she is. 

Besides her own support, she will even have to meet new 
expenses, which her delivery necessitates. Many of these girla 
are left alone, and even withont knowing where to stay for 
their delivery. No wonder therefore, that the painful atten- 
tion which the girl's condition invariably will cause, and the 
prospect of always in future being burdened with a child, 
will torment her to plan destruction of the fetus or killing 
of the child at the moment of delivery. But where is she 
to go? 

The poor girl who has no money, and nobody to support 
her, avoids her usual associates in order to hide her shame, 
and yet she only reluctantly goes to the hospital, and we 
know the reason why. She prefers to be delivered under the 
most miserable conditions and alone, rather than being 
made an object of demonstration for young students. In this 
way, she often injures her health, or she is tempted to be 
delivered under concealment of pregnancy, resulting in her after- 
wards being summoned before the court. 

In Order to come to her rescue during this trying time, 
as fateful for the child's existence as for her own future, to 
prevent the many child-murders, to give her a shelter where 
to stay tiU she has recovered, to secure the child the natural 
nourishment, to make the child so dear to the mother that 
she will never leave it out of her own care — a Home for un- 
married mpthers and their children has been created. Every 
girl, who is in distress may come, her previous life left out 
of question, because the Home is based on the Christian prin- 
ciple: „Judge not, that ye be not judged." 

But we are obliged to let the girls be examined by a 
female physician to prevent infectious diseases at the Home. 
It is a pity to notice, how bodily exhausted, how mentally 
distressed the girls are, when they come and ask for ad- 
mittance. We have got many confessions of the dark plans 
formed for the future, and one might be shocked at the many 



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— 316 — 

accidents, which would have taken place, if the Home had 
not been there to take refuge to. 

In Norway as in other conntries the statistics say, tbat 
the rate of mortality is much greater among the illegitimate, 
than among the legitimate children, For which reason? It 
is the mother's miserable Situation and the children's lack of 
natural nourishment and the privation of the care, that only 
a mother can give them. At the Home, the mother is obliged 
to stay as long as the mistress will find it necessary, and to 
suckle the child. The child will thus get that foundation for 
its health and growth, which no conscientious mother, under 
the present growing demands on motherhood, should deny her 
child. What a distance there is, between the feelings which 
flrst greeted the certainty of the child's Coming to existence, 
and that overwhelming love with which the mother takes the 
child in her arms, when she leaves the Home! To be sure, 
one should think, it was in the interest of society to let this 
transformation take place and fulfll its mission! 

Having recovered, the mother wiU share the sewing or 
washing at the Home, or do all sorts of household duties in 
the neighbourhood. ßy this, she will eam sufftciently to pay 
most of her support at the Home, and she will have it 
without a degrading feeling of alms being given her. At her 
departure, the Home will assist her in finding a proper em- 
ployment. 

In Norway, we have a law conceming the father's rela- 
tion to bis illegitimate child; it may be better than that of 
many other countries, but yet it is unsufficient üntil the 
moral as well as the legal Claims to both parents have been 
brought to the same level, we have not even reached the base 
for starting a eure of one of the greatest evils of society. 
I d'ont know whether I shall say, it is more humiliating to 
women than degrading to men, that in civilized society many 
women stiU have to miss the most necessary support dui'ing 
the fttlfilment of natui'e's chief demand. Anyhow, the present 
bad State of things is a fact, which it is our duty to amend, 
by creating Homes for unmarried mothers and their children, 
and to eure by demanding flrst of all a more just law." 



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- 317 — 

Frau Vi b ecke Salicath «»Kopenhagen berichtete, daß 
versuchsweise eine Abteilung im Frauenheim in Kopen- 
hagen eingerichtet worden ist, wo entbundene Frauen sich 
8 Wochen lang für 75 Pf. täglich aufhalten können. Häufig 
gelingt es, die Mütter mit Kindern auf Bauernhöfen in Dienst 
zu bringen; die Leute sichern sich dadurch bleibende Dienstleute. 
An Stelle von Frau Harbou-Hoff berichtet Frau Salicath 
femer über die Pflege schwächlicher Kinder in Küstensana- 
torien, wodurch in vielen Fällen der Entwicklung von Tuber- 
kulose vorgebeugt wird. 

In der Diskussion teilte Frl. Alice Meyer*Berlin 
mit, daß in Deutschland bereits eine ganze Anzahl von Heimen 
für uneheliche Mütter bestehen, deren Tendenz besonders da- 
hin geht, die Mutterliebe und das Gefühl der Verantwortlich- 
keit in den Mädchen zu stärken. Auch Anfänge von genossen- 
schaftlichen Bildungen zeigen sich unter diesen Verlassenen. 
In Schöneberg haben fanf junge Mütter zusammen eine Woh- 
nung genommen; eine besorgt die fünf Kinder und die Haus- 
haltung, die anderen sind frei für Erwerbstätigkeit. Frl. 
Adele Schreib er* Berlin appellierte an die wohlbehütet 
in der Familie lebenden Frauen: sie möchten auch in der un- 
ehelichen Mutter die Mutter ehren, ihrer in warmer Anteil- 
nahme gedenken und sie nicht durch Mißachtung in immer 
tieferes Elend hineindrängen. 

Miß Kate Haiford» London erzählte von den mannig- 
fachen Einrichtungen Englands zur geistigen und körperlichen 
Förderung von Kindern und Jugendlichen, bei denen die frei- 
willige Tätigkeit von Frauen eine große KoUe spielt. Sie be- 
reiten den Kindern der Armen sogenannte „happy evenings" in 
den Räumen der Settlements; sie holen wöchentliche Spar- 
pfennige ab, die dann zur Anschaffung von Schuhwerk, als Bei- 
trag zu einem Landaufenthalt usw. für die Kinder dienen; frei- 
willige Pflegerinnen stellen sich den schulentlassenen Mädchen 
zur Seite, um ihnen bei der Wahl eines Berufes und in allen 
Schwierigkeiten dieses gefährdeten Alters zu helfen. Für 
kränkliche und krüppelhafte Kinder — ebenso wie für geistig 
Schwache — gibt es besondere Schulen in London; die Elen- 
desten werden von* einer Pflegerin in gepolstertem Omnibus hin 



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— 318 — 

und zurück gebracht. Es bestehen „recreation-schools" (eine Art 
Kinderhorte) und „holiday-schools", in denen die Kinder während 
der Ferien tunlichst im Freien beschäftigt werden. Besonders 
bewährt hat sich in England das sogenannte cottage-system 
für Erziehung verwaister oder vei'wahrloster Kinder; Gruppen 
von 15 bis 20 Kinder bilden dabei eine Familie unter Leitung 
einer tüchtigen Hausmutter. 

Miß Sa die American*' New York berichtete über die 
Einrichtung öffentlicher Spielplätze in Amerika. Es waren 
Frauen, die sich der Qroßstadtkinder, die auf der Straße um- 
herlungerten und das Spielen fast verlernt hatten, zunächst 
erbarmten. Sie stellten Kindergärtnerinnen an, welche bald 
Scharen von Kleinen zu fröhlichem Spiel vereinigten. Zum Teil 
ist diese Arbeit jetzt von den Gemeinden übernommen worden. 

Frau Camp^Dresden und Frau Wendt^Hamburg sprachen 
gegen jede körperliche Züchtigung des Kindes, sowohl in der 
Schule wie im Hause. Frau Camp betonte, daß eine Züchti- 
gung, im berechtigten Ärger erteilt, wohl begreiflich, vom 
erzieherischen Standpunkt aber unbedingt zu verwerfen sei, 
und Frau Wendt führte aus, wie auch in der Kinderstube 
durch Verleihen und Entziehen äußerer Ehrungen ein bessern- 
der Einfluß ausgeübt werden könne. 

An der Diskussion beteiligten sich noch Frl. Scholl* 
Mailand, Frau Wegner* Breslau, Frl. Buchner^Genf, Frau 
Bieber-Böhm^Berlin, Frau Kath. Scheven^Dresden und 
Frau Eggers-Smidt*Bremen. 



Mittwoch, den 15. Juni. 



Bestrebungen zur Hebung der Sittlichkeit. 

Die Verhandlungen wurden mit dem folgenden einleiten- 
den Referat der Vorsitzenden Frau Katharina Scheven»' 
Dresden eröflEhet: 

„Wir begeben uns heute auf eines der schwierigsten, wenn 
nicht auf das schwierigste Gebiet sozialer Arbeit, auf das Ge- 



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— 319 — 

biet der Bestrebungen zur Hebung der sexuellen Sittlichkeit. 
Die Übelstände, mit denen wir hier zu kämpfen haben, sind 
uralte Gebrechen der Menschheit. Ihre Wurzeln reichen tief 
hinab bis in die Anfänge aller Kultur. Sie sind verwoben 
und verflöchten mit der kulturellen und sozialen Entwicklung 
der Menschheit, und es hat sich ein circulus yitiosus heraus- 
gebildet, bei dem die Wirkung immer von neuem zur Ursache 
wird. Während auf allen Gebieten sozialen Lebens die Kultur 
die Menschheit aufsteigend vorwärts geführt hat, ist dies auf 
dem Gebiete der geschlechtlichen Sittlichkeit nicht, oder doch 
in viel geringerem Maße, der Fall gewesen. Hier leben wir 
noch in Zuständen tiefster Barbarei, und der scheinbare Fort- 
schritt, der in einer größeren zur Schau getragenen Decenz sich 
zeigt, ist nur auf das Konto unserer im Vergleich zu früheren 
Kulturepochen größeren Heuchelei und geringeren Naivetät zu 
setzen. An die Stelle der Roheit ist das Eaffinement getreten, 
das Niveau der sexuellen Moral selbst hat sich nur wenig gehoben. 

Diese bittere Wahrheit ist fftr viele Sozialreformer von 
niederschmetternder Wirkung. Sie ist die Ursache dafür, daß 
bei uns in Deutschland so wenig sozial-fortschrittlich gesinnte 
Männer sich in den Dienst der Sittlichkeitsbewegung stellen. 
Es fehlt der Glaube und darum die Begeisterung. Man hält 
die physiologischen Bedingungen, an die das Menschengeschlecht 
gebunden ist, und die sozialen Verhältnisse, wie sie sich nun 
einmal herausgebildet haben, für so übermächtige elementare 
Gewalten, daß man alle Bestrebungen zur Bekämpfung der in 
ihrem Gefolge auftretenden Prostitution mit skeptischem Achsel- 
zucken in das Reich der Utopien verweisen zu dürfen glaubt. 
Man hält uns entgegen, Mann und Weib seien auf dem sexuellen 
Gebiete nicht mit gleichem Maße zu messen ; hieraus folge, daß 
man sich mit der Prostitution als mit einem notwendigen 
Übel der Kulturmenschheit abfinden müsse. Jahrhundertelang 
ist diese Anschauung die herrschende gewesen und hat mit 
lähmendem Druck die Gemüter befangen gehalten. 

Am schwersten hat dieser Druck auf der Frau und Mutter 
gelastet, die unter der Herrschaft einer doppelten Moral ihr 
Los als Gebärerin der Nachkommenschaft und Erhalterin der 
Rasse durch ungezählte Generationen in der Stille getragen 



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— 320 — 

hat. Wenn auch die Frauen der dahingegangenen Geschlechter 
dieses Schicksal vielleicht weniger schmerzlich und beschämend 
empfanden haben, als wir mit unserem modernen individua- 
listischen Empfinden und unserem entwickelten ßechtsgefühl 
anzunehmen geneigt sind, so scheint doch eins zweifellos fest- 
zustehen: nämlich, daß die seelischen Leiden und Qualen, die 
seit Jahrhunderten aus diesem Mißverhältnis geflossen und mit 
Frauentränen aufgewogen worden sind, so große, ungeheure ge- 
wesen sein müssen, daß die physischen Lasten und Schmerzen, 
mit denen das Geschlechtsleben der Frauen verknüpft ist, da- 
neben in ein Nichts zusammensinken. Die moderne Frau mit 
ihrem stark emporkeimenden Persönlichkeitsbewußtsein, dem 
triumphierenden Gefühl ihrer individuellen Daseinsberechtigung 
hat es endlich gewagt, die Fesseln ihrer geschlechtlichen 
Hörigkeit zu sprengen und energisch Protest gegen die Welt- 
herrschaft des Dogmas von der doppelten Moral zu erheben. 
In allen Kulturländern, wo die Frauen den Kampf um ihre 
geistige, rechtliche und wirtschaftliche Befreiung auskämpfen, 
sehen wir sie ganz spontan und unabhängig voneinander zu 
der Erkenntnis gelangen, daß in dieser verhängnisvollen An- 
schauung der wahre Grund der sozialen Minderbewertung des 
weiblichen Geschlechtes zu finden ist, und daß die Frau nicht 
eher zu voller Menschenwürde und geistig-sittlicher Freiheit 
gelangen könne, bis es ihr gelungen ist, die Geschlechtsbe- 
ziehungen auf ein höheres Niveau zu erheben. Mit Über- 
windung tief eingewurzelter Vorurteile haben die Frauen den 
Mut gefunden, das konventionelle Stillschweigen zu brechen 
und diese schmerzlichste aller sozialen Fragen zum Gegenstand 
ernsten Studiums und allgemeiner Erörterungen zu machen. 
Bei dieser Arbeit lernten sie ihren eigenen Maßstab an die 
öffentlichen Zustände zu legen und dem Ursprung jener Übel 
auf den Grund zu gehen. Sie gewannen dabei auch die Er- 
kenntnis, daß es hauptsächlich zwei allgemeine Ursachen gibt, 
die man für die sittlichen Mißstände verantwortlich machen 
muß, — einerseits die wirtschaftliche Notlage und 
Abhängigkeit des weiblichen Geschlechts, durch 
die es dem männlichen auf dem sexuellen Gebiete tribut- 
pflichtig geworden ist, wie Charlotte Perkins Gilman so 



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— 321 — 

treffend sagt, und andererseits das mangelnde sitt- 
liche Yerantwortlichkeitsgefühl des Mannes, der in 
seinem alten Oeschlechtsegoismns stecken geblieben ist, und 
es f&r ein ihm zukommendes Privileg hält» die sittliche oder 
materielle Notlage der unteren weiblichen Schichten f&r sein 
egoistisches Gelüste auszubeuten, in welcher Anschauung er sich 
noch durch unsere staatlichen Einrichtungen bestärkt fühlen muß. 

Durch diese Erkenntnis gelangten die Frauen zu der Über- 
zeugung, daß die Prostitution keine soziale Notwendigkeit, 
sondern daß sie in eminentem Sinne eine Eulturkrankheit ist» 
zu deren Heilung sowohl eine Umwandlung der sozialen und 
wirtschaftlichen Grundlagen der Gesellschaft, wie eine sittliche 
Begeneration angebahnt werden muß. 

Wenn auch die Sittlichkeitsbewegung es anderen Be- 
strebungen überlassen muß, diesen Umschwung vorzubereiten, 
und speziell die Frauenbewegung die Aufgabe hat, durch 
Hebung des sittlichen und materiellen Niveaus des weiblichen 
Geschlechtes der Prostitution den Nährboden abzugraben, so 
darf sie doch diese Zusammenhänge nie aus dem Auge ver- 
lieren, und muß alle auf die bürgerliche Befreiung der Frau 
abzielenden Bestrebungen aufs wärmste begrüßen und unter- 
stützen. Ihr bleibt es überlassen, für eine Reform der sexual- 
ethischen Grundlagen der Gesellschaft zu sorgen, und die alten 
Geschlechtsprivilegien des Mannes durch das siegreiche Yor- 
wärtsdringen einer neuen Weltanschauung zu bekämpfen, die, 
den doppelten Maßstab bei der Beurteilung sexueller Vorgänge 
verwerfend, an Mann und Weib die gleichen sittlichen An- 
forderungen stellt. Um dieser Weltanschauung zum Siege zu 
verhelfen, muß vor allen Dingen gegen eine feste Zwingburg 
der doppelten Moral, das System der staatlichen Begle- 
mentierung der Prostitution, vorgegangen werden, durch 
welche das Weib einseitig mit den Folgen eines zu zweien 
begangenen Aktes belastet und außerhalb des Gesetzes gestellt 
wird, während ihr Mitschuldiger, der Mann, jeglicher sittlichen 
Verantwortung überhoben wird. 

Bei dieser Forderung dürfen aber die Frauen nicht stehen 
bleiben. Wenn auch das Schwinden dieses demoralisierenden 
Prinzipes zweifellos eine Hebung der allgemeinen sittlichen 

Franenkongrefi. 21 



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— 322 — 

Anschauungen nnd eine Schärfüng des öffentlichen Gewissens 
znr Folge haben wird, so kann dies doch nur als der erste 
Schritt auf dem Wege zu weitergehenden Reformen betrachtet 
werden. Auch diejenigen Länder, in denen die Reglementierung 
nicht besteht und nie bestanden hat, leiden unter dem Krebs- 
schaden der Prostitution; noch lebt das Weib in den alten 
Kulturstaaten überall unter einem schlechteren Recht und 
unter schlechteren sozialen Bedingungen, noch sanktioniert die 
Gesellschaft liberall die doppelte Gteschlechtsmoral. Ehe nicht 
der weibliche Einfluß im öffentlichen Leben so stark geworden 
ist, da£ er diese verhängnisvolle Lehre zu überwinden und den 
Geist der Gesetzgebung und Rechtsprechung mit seiner feineren 
Sexualethik zu durchdringen vermag, ist auch auf keine radi- 
kale Besserung zu hoffen. Diesfe hohe Kulturmission, die die 
Frau der Zukunft einst im öffentlichen Leben zu erfüllen haben 
wird, kann und muß von der gegenwärtigen Generation vor- 
bereitet werden durch eine zielbewußte Tätigkeit auch im 
Privatleben. 

Auch ohne direkt auf die Gesetzgebung einwirken zu 
können, stellt die Frau jetzt schon eine Macht dar, wenn sie 
es versteht, ihren Einfluß als maßgebender Faktor in der Ge- 
sellschaft, als Führerin des Mannes auf dem sexuellen Ge- 
biete und als Erzieherin der heranwachsenden Jugend zur 
Geltung zu bringen. In dieser dreifachen Eigenschaft kann sie 
die Sitten ihres Volkes beeinflussen, die im Leben der Kultur- 
menschheit eine ebenso bedeutende Rolle spielen wie Gesetze 
und Verwaltungsmaßregeln, da sich aus ihnen heraus diesa 
festen Normen zu entwickeln pflegen. 

In dieser Vorarbeit ist leider bisher von den Frauen aus 
Unwissenheit und Prüderie viel zu wenig geleistet worden. 
Noch immer verstehen nur wenige Mütter ihre Kinder in ein 
richtiges Verhältnis zu ihrer sexuellen Aufgabe zu setzen, sie 
zu einer idealen Auffassung ihrer geschlechtlichen Bestimmung 
zu erziehen. Die Jugend will sich begeistern, und sie begeistert 
sich leicht, wenn man es versteht, ihr Ideale zu zeigen. Warum 
nähren wir ihren Idealismus auf allen Gebieten, nur auf dem 
sexuellen nicht? Warum lehren wir sie die Vaterlandsliebe^ 
die Bruderliebe, die Kindesliebe, die Feindesliebe als ein hohes 



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und heiliges Gebot betrachten and die geschlechtliche Liebe, 
die doch die nährende Quelle aller Liebe auf Erden ist, schalten 
wir ans und verweisen sie in ein dnnkles UnterbewnStsein, wo 
ihre Schönheit elend verkfimmert. „Nur der erotische Idealis- 
mus kann Begeisterung fttr die Keuschheit wecken," sagt Ellen 
Key. Es ist herzzerreißend zu sehen, wie aus Mangel an 
Idealismus, aus Mangel an Führung auf diesem Gtebiete, aus 
Mangel an Verständnis für die hohe physiologische, sittliche 
und soziale Bedeutung des Geschlechtslebens jährlich Tausende 
und Abertausende ihre geschlechtliche Beinheit wie einen wert^ 
losen Besitz von sich werfen, und sich im Sumpfe der Prostitu- 
tion mit physischen und moralischen Giftkeimen infizieren, die 
sie dann in die höheren Gesellschaftsschichten tragen, wo die- 
selben unendlich oft an Schuldigen und Unschuldigen ein furcht- 
bares Zerstörungswerk voDbringen. Unwissenheit und mangeln- 
des Verständnis aber kann nur durch Aufklärung aus der Welt 
geschafft werden. Deshalb sollten alle, die an der Hebung der 
Sittlichkeit arbeiten, eine sexualpädagogische Aufklärung der 
Jugend in Schule und Haus fordern und die öffentliche Meinung 
nach dieser Bichtung hin zu beeinflussen suchen. 

„Aber so wichtig das physiologische Verständnis auf dem 
sexuellen Gebiete ist, bleibt es doch ein ungenügendes Mittel 
zur Hebung der Sittlichkeit, wenn sich nicht Gefühl und Phan- 
tasie in derselben Bichtung bewegen" (Ellen Key), Deshalb 
i^t die verantwortungsvollste Aufgabe den Frauen und Müttern 
zu, die Aufgabe, schon in zartester Jugend bei den Kindern 
den Grund zu sittlicher Charakterbildung zu legen und die 
jungen Generationen zur Selbstbeherrschung, zum Bewußtsein 
der schweren Verantwortung, die der Kulturmensch bei dem 
Eingehen geschlechtlicher Beziehungen auf sich nimmt, zu er- 
ziehen. Möchten unsere heutigen Verhandlungen dazu beitragen, 
bei allen Beteiligten das Gefühl für den hohen Ernst und die 
gewaltige kulturelle Bedeutung unserer Bestrebungen zu er- 
wecken ! Möchten sie uns neue Ausblicke eröffnen, neuen Mut, 
neue Kraft zu unserer Arbeit verleihen und uns in unserer 
alten Überzeugung von der Heiligkeit unserer Sache und der 
Gewißheit ihres siegreichen Fortschrittes bestärken!^ 

Frau Marie Michel et» Norwegen sprach über die Sitt- 

21^ 



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— 324 — 

lichkeitsbewegimg in ihrem Yaterlande. Sie sieht ein Charak- 
teristikum des sittlichen Niveaus in dem statistischen Ver- 
hältnis der ehelichen zu den unehelichen Müttern, das auf dem 
Lande 100 : 100 und in der Stadt etwa 100 : 36 beträgt. Eine 
starke Jugendbewegung auf christlichem und patriotischem 
Boden hat eingesetzt und schon gute Fruchte 'gezeitigt. Seit 
1888 hat in Norwegen zwar die staatliche Reglementierung 
der Prostitution aufgehört , doch nicht die Prostitution selbst. 
Seit 1890 arbeitet ihr eine Sittlichkeitsbewegung entgegen, die 
sich namentlich gegen die Yari^t^s und die schlüpMge Lite- 
ratur richtet. 

Frau Wynaendts Francken-DyBerinck*Haaggab 
einen Bericht über 

Die Reglementierung und sanitäre Aufsicht der Prostitution in 

Holland. 

„Obgleich mir die Einladung, auf diesem Kongreß zur 
Sittlichkeitsfrage zu sprechen, bereits im November v. J. zu- 
gegangen war, so erfuhr ich doch erst kurz vor meiner Abreise 
nach Deutschland, da£ ein Referat über den Fortschritt 
des Abolitionismus in meinem Vaterlande von mir erwartet 
werde. Frau Scheven fiigt in ihrem Schreiben hinzu: „Da 
dieser Fortschritt ein gewaltiger ist und das Ausland sehr 
interessieren wird." — Ob ersteres wirklich Tatsache, lasse 
ich augenblicklich dahingestellt. Wir sind hier auf einem 
Frauenkongreß beisammen und unsere Sektion handelt von 
den „sozialen Bestrebungen der Frauen". Aber, meine Damen, 
was in Holland geleistet worden ist, verdanken wir doch an 
erster Stelle den Männern: unserem großen Pfarrer Pierson, 
den alle Abolitionisten wenigtens den Namen nach kennen, 
unseren sogenannten „Mitternachtsmissionären", die schon so 
viele Jahre sich unermüdet ihrer oft gefährlichen, freiwillig 
übernommenen Arbeit widmen. Ich möchte darum aber das, 
was die Frauen für die abolitionistische Idee geleistet haben, 
nicht unterschätzen. Es ist höchst erfreulich, daß „der Frauen- 
bund zur Hebung des sittlichen Bewußtseins" derjenige Frauen- 
verein bei uns ist, der die meisten Mitglieder, nämlich 5000, 
zählt. Daß man aber noch weiter fortgeschritten sein würde. 



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— 325 — 

wenn diese 5000 Franen nicht allein far dieses Ziel gekämpft 
hätten, sondern anch f&r die Gleichberechtignng der Frau anf 
anderen Gebieten, davon bin ich fest überzeugt. Denn so- 
wohl das Bordellwesen wie die Beglementierung 
können nur dort bestehen, wo die Frau als ein dem 
Manne untergeordnetes, minderwertiges Wesen 
betrachtet wird. Hat der Frauenbund also meines Er- 
achtens die Axt nicht ganz richtig an die Wurzel gelegt, so 
hat er doch einen schönen Wirkungskreis gehabt, und auch 
ihm verdanken wir vieles. 

Die drei großen Vereine : der Verein gegen die Prostitution 
unter Führung des Pfarrers Pierson, der Verein für Mitter- 
nachtsmission und der Frauenbund, haben im Winter 1902/03 
über ganz Holland eine Agitation ins Leben gerufen zur Er- 
langung eines Beichsgesetzes, nach welchem das Halten von 
Bordellen unter Strafe gestellt und die Beglementierung auf- 
gehoben wird. Wahrscheinlich ist es diese Tatsache gewesen, 
auf welche Frau Scheven ihre Meinung gründet, daß „der 
Fortschritt des Abolitionismus in Holland ein gewaltiger ist''. 

Gestatten Sie mir nun zunächst einen Blick in die Ver- 
gangenheit: Im Jahre 1880 wurde unser holländisches Straf- 
gesetzbuch revidiert. Leider wurde das Prinzip, das im Artikel 
180 des deutschen Strafgesetzbuches so klar und scharf abge- 
grenzt ward, umgangen. Nur die Altersgrenze, von der ab die 
Kuppelei strafbar ist, wurde bis zum 23. Jahre vorgerückt. 
Jedes Jahr wurde nun daraufhin von christlich -konservativer 
Seite in unserem Parlament interpelliert, jedes Jahr wurde der 
Interpellant vom Minister mit irgend einer leeren Ausrede 
abgespeist Noch im Jahre 1888 hatte der damalige Minister 
den traurigen Mut zu antworten „die Prostitution ist eine 
Sache, die immer fortdauern wird, und die Begierung kann 
in dieser Hinsicht keine Gesetze geben oder Ver- 
ordnungen treffen". 

Wenn man so an höchster Stelle urteilt, kann es niemand 
befremden, daß die Petitionen, vom Frauenbunde einge- 
reicht und im Jahre 1885 von 15000, im Jahre 1890 von 
40000 Männern und Frauen unterschrieben, nichts gefruchtet 
haben und achselzuckend beiseite gelegt wurden. Unser da- 



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maliges und jetziges Gesetz läßt den Gemeinderäten rolle 
Freiheit bezüglich ihrer Verordnungen über die Prostitution, 
Glücklicherweise hat nun unter dem 14. November 1898 unser 
Reichsgericht bestimmt, daß diese Freiheit den Gemeinderäten 
auch das Recht verleiht, das Halten von Bordellen unter Strafe 
zu stellen und dieselben zu schließen. 

Allmählich nur hat sich in den letzten 25 Jahren das abo- 
litionistische Prinzip Geltung verschafft; in den letzten 5 
Jahren haben die Arbeiten unseres Nationalkommitees zur Be- 
kämpfung des Mädchenhandels, die Untersuchungen des — 
auch im Auslande viel zitierten — Herrn van Balkensteyn 
und die feministischen Bestrebungen viel dazu beigetragen. Vor 
zwei Jahren hat unser nationaler Frauenbund seine Jahres- 
versammlung in Rotterdam ausschließlich diesem Thema ge- 
widmet; als Rednerin traten u. a. auf die Ihnen bekannten: 
Gräfin van Hogendorp und Frau Rutgers-Hoitsema. Den eifrigen 
Bemühungen der letzteren und ihres Gatten, eines Arztes, ist 
es zum großen Teil zu danken, daß in Rotterdam nach heißem 
Kampf der Sieg errungen wurde — nach heißem und merk- 
würdigem Kampfe! Denken Sie sich: als der Gemeinderat 
forderte, daß der Reglementierung ein Ende gemacht werde, 
und dem Honorar des mit der sanitären Aufsicht beauftragten 
Arztes die Bewilligung versagte, beschloß der Bürgermeister 
Jacob das Honorar unter die Ausgaben für die Polizei aufzu- 
nehmen, wozu er als Chef derselben formell das Recht hatte. 
Seine Absicht, die alle Frauen entehrende Reglementierung so 
auf andere Weise fortbestehen zu lassen, hat er aber schließlich 
doch aufgeben müssen und die bewilligten Gelder werden jetzt 
zu einer Poliklinik für Geschlechtskranke verwendet 
In Rotterdam ist also die sanitäre Aufsicht aufgehoben, die 
Häuser sind aber darum nicht geschlossen worden. 

Die Arbeit, die in früheren Jahren nur von konservativ- 
christlichen Männern und Frauen ausging, ist in letzterer Zeit 
auch vom „linken Flügel", von den radikalen Feministen mit 
Hilfe einiger Mitglieder der beiden demokratischen Parteien, 
aus Überzeugung und als logische Folge ihrer Prinzipien, auf- 
genommen worden. Ein Versuch, auch die große Mittelpartei, 
die Freisinnigen, die Liberalen in die Bewegung zu ziehen, 



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— 327 - 

schlug gänzlich fehl. Der Versuch wurde auf Anregung des 
Pariser Zweigvereins der internationalen abolitionistischen 
Fdderation von einer Anzahl in der feministischen und Sittlich- 
k^tsbewegung bekannter Frauen gemacht Daß er fehl ge- 
schlagen ist, daran sind nicht wir schuld. Der große Kreuz- 
zug im vorigen Winter hat klar bewiesen , daß der liberale 
Teil unseres Volkes sich der Befireiung der Frau im allge- 
meinen wie dem Kampf gegen die Reglementierung im beson- 
deren gegenüber sehr kfihl verhält. Gwade dieser Teil aber ist 
in unserer Presse der führende. 

Kein einziges unserer bekannten großen Tageblätter: 
Nieuwe Botterdammer Gourant^ (Algeme^ Handelsblad, Tele- 
graafy Nieuwe Gourant, hat von den vielen Versammlungen 
einen ordentlichen Bericht erstattet, kein einziges hat unserer 
Bewegung auch nur einen kurzen Leitartikel gewidmet Das 
Gesetz, das wir sehnend erhoffen, wird noch lange zu doi pia 
Vota gehören. Denn obwohl das jetzige Ministerium es in 
Aussicht gestellt hat, darf man auch ohne politische Vorein- 
genommenheit behaupten, daß dasselbe innerhalb seines letzten, 
noch übrigen Begierungsjahres nicht damit herausrücken wird. 
Ein demokratisches Ministerium gehört, vorläufig wenigstens, 
zu den Unwahrscheinlichkeiten, und wenn, wie zu erwarten, 
die Mittelpartei das Steuer wieder ergreift^ steht es um unsere 
Sache sehr schlecht 

Dies, soweit das Gesetz als solches in Frage kommt Tat- 
sächlich sind aber von den 37 Städten, wo seit 1862 die 
Beglementierung eingeführt war, nur noch 7 übrig, in denen 
sie praktisch besteht. 

Zum Schluß noch ein paar Worte über das große Ereignis 
in abolitionistischen Kreisen: den schon erwähnten Kreuzzug 
des vorigen Winters. In fast allen großen und sehr vielen 
kleineren Städten und Dörfern haben wir Versammlungen ab- 
gehalten. Nur im Süden, in den beiden römisch-katholischen 
Provinzen Brabant und Limburg, ließen sich keine derartigen 
Veranstaltungen treffen, trotzdem sich in Amsterdam und Nym« 
wegen katholische Priester an der Organisation beteiligten 
und ein katholischer Arzt und der Chefredakteur eines katho- 
lischen Tageblattes in den Versammlungen Beden hielten. 



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— 328 — 

Einen fast erhabenen Eindruck machte es, als an einem 
Abend Leute, die sonst scharfe Gegner sind, über dasselbe 
Thema das Wort ergriffen, dasselbe von der Eegierung ver- 
langten: denn mögen auch anscheinend ihre Motive verschie- 
dener Art gewesen sein, die Gmndtöne waren unbewußt f&r 
alle dieselben: das Streben nach Freiheit und Recht. 

44 Männer und 4 Frauen haben sich an unserer Bewegung 
beteiligt; nicht weniger als 1100 Petitionen wurden unserer 
Eegierung eingereicht; mehrere Ärzte haben mit uns gearbeitet 
und medizinische Gesellschaften haben sich für unsere Be- 
strebungen erklärt. 

Haben wir etwas erreicht? Haben wir einen Umschwung 
in der öffentlichen Meinung bewirkt? In Holland würde man 
in abolitionistischen Kreisen wahrscheinlich bejahend ant- 
worten- Persönlich kann ich nur sagen: wir haben gesäet — 
wie die Ernte sein wird, kann ich nicht beurteilen, obgleich 
ich fast in der Hälfte der Versammlungen aufgetreten bin. 
Ich habe großen Enthusiasmus gefunden, ich habe zahllose 
Briefe der Zustimmung erhalten, und so wird es den anderen 
auch wohl ergangen sein. Die größte Versammlung fand in 
Amsterdam statt Von 37 verschiedenen Vereinen einberufen, 
waren 6000 Personen beisammen. Im großen Saale hingen 
alle an den Lippen der Redner, und auf die Frage: Sind Sie 
alle mit unseren Forderungen einverstanden, antwortete eine 
einzige Stimme „nein". Während der Reden, die oft von 
donnerndem Beifall unterbrochen wurden und man sich von der 
Sympathie der Menge getragen f&hlte, fühlten wir alle uns 
auch des Sieges gewiß. Aber wie oft habe ich nach ähnlichen 
Versammlungen gehört: man kann sich vor so einer Menge 
nicht als Gegner bekennen, aber was sie wollen, ist doch nur 
möglich in Wolkenkuckucksheim! Gerade die sogenannten 
Intellektuellen, die bürgerlichen Kreise, die Regierungskreise, 
sind unserer Arbeit fem geblieben. Das Volk hat gezeigt, 
daß es ein Herz dafür hat. Kein Wunder! sind doch auch 
seine Töchter in erster Linie die Opfer. Aber vergessen 
dürfen wir nicht, daß eine große Volksmenge sich 
sehr leicht von einem enthusiastischen Redner 
hinreißen läßt, und daß esganz außerhalb unserer 



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— 329 — 

Benrteilung liegt, was — nachdem die hochgehen- 
den Wogen der Begeisterung sich gelegt haben 
— als bleibende Errungenschaft äbrig geblieben 
ist Dem Verein gegen die Prostitution und Herrn Pfarrer 
Pierson, dem Frauenbunde und dem Mittemachtsmissionär 
Herrn van Munster, der die Schraube war, um welche die 
ganze Bewegung im vorigen Jahre sich drehte, möchte ich 
aber hier einen Ehrensalut bringen f&r die bewundernswerte 
Arbeit, die sie getan haben. 

Ich habe, was die Bestrebungen der Frauen anbelangt, 
meine Aufgabe nicht buchstäblich erfüllt. Ich habe das auch 
nicht gekonnt, und — ich freue mich darüber. Denn in der 
Bekämpfung der Prostitution sind Männer und Frauen in 
Holland zusammen gegangen, wie es auch auf anderen Gebieten 
das Ziel der Frauenbewegung ist, daß Männer und Frauen 
zusammen arbeiten, soweit nicht individuelle Begabung ihre 
natürlichen Schranken setzt.'' 

Über den 

Aboliiionismus in Frankreich 
sprach Mad. Avril de St. Croix-Paris. 

„Les organisatrices du congr^s m'ayant demand6 de prendre 
la parole au sujet de la question si d^licate et si grave de 
Tunitä dans la morale et dans le droit, je n'ai pas voulu me 
d6rober k l'honneur qui m'^tait fait de d6fendre ici les id6es 
abolitionnistes et vous präsenter en mSme temps la Situation 
en France k ce point de vue. 

Si j'avais 6t6 appel6e k traiter ce sujet ici, il y a dix 
ans k peine, j'aurais dfi m'excuser d'aborder devant vous une 
question qui semblait k beaucoup devoir rester en dehors des 
pr^occupations feminines. La Prostitution de la femme, sa r^gle- 
mentation par l'Etat, 6tait une chose dont sous peine de nous 
rendre ridicules ou odieuses, nous ne devions pas parier. 
Aujourd'hui il n'en est plus de mßme. Toutes les femmes — 
je parle de Celles qui pensent et de Celles qui peinent — ont com- 
pris que s'il est une question sur laquelle Topinion de toutes 
les femmes doit §tre unanime, s'il est une offense que toutes 
ögalement elles doivent ressentir, c'est cette conception sur- 
faite d'une morale double et dif%rente pour les deux sexes, 



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— 330 — 

conception aggrav^e par la reconnaissance officielle de la pi*osti- 
tution et sa r^glementation. 

Avec Jos6phineButler, la grande apötre de Tabolition- 
nisme, avec Emilie de Morsier, avec Maria Deraismes, 
ces chöres disparaes, boos protestons et nous röclamons pour 
la malheiireiise femme, que la mis^re neuf fois sur dix k jet6 
k la Prostitution, le mSme droit common comme poor Thomme. 
Nous ne voulons plus qu*il existe des femmes, caste de parias, 
mises hors la loi, hors la soci6t6, sur lesquelles la police a k 
toute heure et sans mandat, le droit d'abattre sa main, des 
femmes qu'on encarte, que Ton enferme, que Ton condamne k 
rester jusqu'ä la fln de leur vie la miserable päture jet^e aux 
appätits sexuels du male. 

Inique dans son principe, le regime de la police des moeurs 
est d^plorable dans ses consöquences, puisque, ayant supprim6 
la libert^ chez la femme, ü supprime du meme coup la respon- 
sabilit6 chez Thomme. En r^glementant la Prostitution, TEtat 
est triplement coupable. En encartant la Alle, il porte une 
atteinte grave k la libertö; en la punissant pour ce qu'il envi- 
sage comme un d61it excusable chez son complice, il detruit 
le principe de l'^galitä, en l'autorisant, gräce k Tinscription 
k faire commerce de son corps, il blesse la morale et cröe le 
prox6n6tisme. 

Voilä pourquoi nous ne voulons plus de ce systöme, voi- 
\k pourquoi nous nous sommes adress^s aux hommes de bonne 
foi de tous les pays, aux sociologues, aux moralistes, aux sayants 
et nous leur avons dit: Aidez-nous k faire disparaitre cette 
Institution honteuse. Notre voix ne s'est pas perdue dans le 
vide. Dans tous les pays des hommes de cceur ont r^pondu 
k notre appeL Chez nous, en France, nous avons trouv6 panni 
nos savants, nos Mgislateurs, nos sociologues un appui döcisif. 
M. Yves Guyot, ancien ministre, est aujourd'hui pr6sident de 
la brauche fran({|,ise de la F6d6ration. 

Etablie en France par Napolöon I, la röglementation de 
la Prostitution avait depuis un si^cle surv^cu k tous les re- 
gimes et Ton pouvait douter de la voir jamais disparaitre, 
lorsque vers 1876 — & la suite d'un voyage en France de 
M°^« Jos6phine Butler — cette douloureuse question fut 



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— 331 — 

souley^e. Des hommes influents comme Jules Simon, de Pres- 
sensö, Yves Gayot, Schoelcher, Falot, prirent part ä cette 
eampagne et avec M°^« E. de Morsier, fondörent la brauche 
fran^aise de la Föderation Abolitionniste. Malhenrensement 
les apports röonis de tant de bonnes volontös, n'abontirent 
qn'an döplacement d'un prüfet de police sans rien changer 
au Systeme. 

Vers 1896, ä la suite du cougrfes föministe du Droit des 
Femmes, ce difficile problöme fut k nouveau discut& Mais 
cette fois le terrain de la lutte s'6tait 61argi. Aux premiers 
combattants s'ötaient joints de nouveaux alli6s. Nous avions 
h partir de ce moment avec nous tous ceux qui rerendiquaient 
au nom de la justice et tous ceux qui comprenaient que la 
röpublique frauf aise se devait ä elle-meme de faire disparaitre 
une Institution qui est la nögation m§me de la Charte des 
droits de Thomme, base de sa Constitution. Pays dömocratique, 
nous ne pouvions plus conseryer ce vestige des temps pass6s. 

En dehors des soci6t6s föministes qui toutes avaient 
inscrit k leur Programme la suppression de la r^glementation, 
de grandes associations masculines, comme „la Ligue des droits 
de Thomme'', „la Föderation socialiste'S „la Ligue de la Mora- 
litö publique", se dödarörent abolitionnistes et joignirent leurs 
efforts aux nötres, et aux demiöres elections le parti socialiste 
inscrivit dans son Programme ölectoral l'abolition de la rögle- 
mentation de la Prostitution. 

L'annöe demiöre, k la suite d'arrestations arbitraires, elles 
fbrent, celles-lä, qualifiöes d'arbitraires parce qu'il s'agissait 
de deux jeunes femmes du monde, Topinion publique s'6mut 
tellement que M. Combes notre Ministre de Tlntörieur et 
President du Conseil, nomma une commission extra-parlemen- 
taire dite Commission des MoBurs, afin d'ötudier les 
röformes ä apporter au regime actueL U est k constater, et 
ceux qui pensent comme nous le constateront avec joie, que 
le Ministre de Tlntörieur, bien que ne se döclarant pas aboli- 
tionniste, apporta dans la formation de cette commission 
Tesprit d'öquitö le plus large. n fit appel, afin que la question 
soit discutöe dans tonte son ampleur, k des sayauts renommös, 
ä des magistrats cölöbres, k des hommes politiques informös, k 



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— 332 - 

des sociologues et des 6crivains, qn'ils fassent poor oa contre 
le Systeme. Qnatre des membres da Comit6 de la Föderation 
fdrent nommös et, ponr lapremiöre fois, on vit ane femme 
appelöe k prendre part k nne commission extra- 
parlementaire nommöe ponr d6battre nn siget semblable. 
M. Combes avait sans donte pens6 qne pnisqn'il s'agissait 
d'nne qnestion interessant pIns particnliörement les femmes, il 
etait jnste qn'an moins nne d'entre elles fnt appelöe k donner 
son avis. 

Depnis six mois qne cette commission fonctionne, pas nn 
senl ar^nment sörieux n'a 6t6 apportö en favenr du Systeme 
de la röglementation, et ponr ma part, je dois dire ici tonte 
mon admiration ponr la plnpart de mes coll^es de la Com- 
mission — pnisqne c'est k moi qn'est 6chn Thonnenr de döfendre 
nos principes k la commission extra-parlementaire — ponr le 
conrage et la hantenr de vne ils ont d6fendn le principe abo- 
litionniste. 

Le Conseil Mnnicipal de la ville de Paris a bien, demiöre- 
ment, essay6 contre son propre rapportenr, d'öriger nn nonvean 
Systeme. Mais cela ne dnrera pas. La Chambre des döpntös 
et le 86nat s'inspireront des travanx de la Commission lorsqne 
la qnestion viendra k Tordre dn jonr an parlement et nons 
espörons fortement qn'ä ce moment Ikj les parlementaires 
seront de notre cöt6. Dn reste nons venons d6jä de rem- 
porter nne premiöre victoire, et ce matin mfime je recevais de 
M. Yves Gnyot, ancien ministre et pr6sident actnel de la 
Föderation, nne lettre m'annon^änt qne la Commission a 
dans sa söance dn 10 Jnin votö la snppression de 
la röglementation par 19 voix contre 10! Nons 
espörons qne les chambres ratifieront les döcisions de la Com- 
mission. Mais en attendant qne l'henre de la jnstice arrive, 
chez Yons comme chez nons, Mesdames, Messienrs, il fant qne 
les femmes redonblent d'efforts. 

Hs fant qn'elles songent, lorsqn'an milien des lenrs elles 
jonissent dn comfort, dn Inxe, de Tambiance paisible qne cr6e 
antonr d'elles, plns encore qne la famille, la söcnritö materielle 
dn lendemain, il fant qn'elles songent k la malhenrense, qni, 
dehors, sons la plnie et le yent, insnltöe par le male, traqnöe 



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— 333 — 

par Tagent, est obligöe ponr ne pas monrir de faim de demander 
son pain ä la Prostitution« 

Qa'elles se rappellent parfois sortout, celles pour lesquelles 
la vertu fut souriante et facUe, qn'il existe tout k cot6 d'elles, 
honteux vestige d'un pass6 barbare, des march6s offlciels, 
ouyerts ä tons, de femmes attendant de Taube au couchant et 
du couchant ä Taube Thomme en mal de luxure, pauvres cr6a- 
tures dont les plus 6hont6s des industriels peuvent, avec la 
protection de TEtat, tirer le maximum de gain. 

Nous ne voulons plus pour la femme, quelle qu'elle soit, 
des lois d'exception, et nous protestons contre tonte esp6ce de 
röglementation qui, sous pr6texte de sauvegarder Thomme, yoire 
mßme la famille^ sanctionne, consolide le principe d'une morale 
double pour les deux sexes." 

Mrs. Grannis-New York sprach ttber „The Promotion 
of social Purity". Sie wünschte eine Förderung der Sitt- 
lichkeit hauptsächlich vom christlichen Standpunkt und von 
Staatswegen und verlangte deshalb die Freigebung aller höheren 
Kirchen- und parlamentarischen Ämter für die Frau, 

Darauf folgte das Beferat von Fräulein Anna Papp- 
ritz-Berlin über „die positiven Aufgaben der Föde- 
ration": Die Basis aller sozialen Entwicklung ist die Ge- 
rechtigkeit. Diese Basis zu legen erstrebt auch die aboli- 
tionistische Bewegung. Durch einen Umschwung unserer 
Ansichten über Sittlichkeit wird auch ein Umschwung der 
Gesetze und der ganzen Lebensauffassung eintreten. Die 
Föderation hat nicht nur, wie man ihr häufig nachsagt, nega- 
tive, sondern auch bestimmte positive Ziele. Es sind in erster 
Linie: Jugendfürsorge, obligatorische Kindergärten 
und Fortbildungsschulen, deren Aufgabe es auch sein 
sollte, Lebensfreude in die Jugend hineinzutragen. Die Red- 
nerin wies außerdem auf Asyle für geistig schwache Kinder 
hin, die den Charakter wirklicher Heime tragen sollten. Die 
Föderation tritt femer ein für erweiterte Arbeiterinnenschutz- 
gesetze, namentlich für Abschaffung der Nachtarbeit, vor allem 
aber für eine Hebung der Frauenlöhne und eine Woh- 
nung s reform, die eine Trennung der Geschlechter in den 
Schlafstätten erstrebt. Die Aufsicht über die Wohnungen soU 



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— 334 — 

in die Hände gebildeter Franen gelegt werden. Der Eampi 
gegen die Prostitntion ist zugleich ein solcher gegen die vene- 
rische Senche. Das Odium soll von den Geschlechtskrankheiten 
genommen werden; mittellose Geschlechtskranke sollen unent- 
geltlich behandelt werden. Die Krankenhäuser sollen nicht 
den Charakter von Gefängnissen^ sondern von Erziehungsan- 
stalten tragen. Frauen sollen hier wirken, die zu individuali- 
sieren verstehen. Die geheilten Kraulten müßten dann in Gre- 
nesungsheimen untergebracht werden, in denen ihre sittliche 
Erziehung fortgesetzt wird. Auf alle Mitglieder des Volks, 
die weniger als 3000 Mk. jährliches Einkommen haben, sollte 
femer die Krankenversicherung ausgedehnt werden. Die Eed- 
nerin wendete sich zum Schluß ebenfalls gegen die Reglemen- 
tierung, deren AbschaflFung sie energisch verlangte, und forderte 
gleiche Bestrafung von Mann und Frau bei unanständigen 
Belästigungen auf der Straße. 

In ihrem Bericht über die Internationale Bekäm- 
pfung des Mädchenhandels führte Gräfin A. von 
Hogendorp'Haag ungefähr folgendes aus: 

Die internationale Bekämpfung des Mädchenhandels datiert 
aus dem Jahre 1899, wo die National Yigilauce Asso- 
ciation einen Kongreß nach London einberief und sich im 
Anschluß daran ein internationaler Verein mit Nationalkomitees 
in 12 europäischen Ländern bildete. Die erste Aufgabe dieser 
Komitees war die Aufbringung von Tatsachenmaterial, die 
Holland durch die Balkesteyn'sche Enquete glänzend 
löste. Es stellte sich heraus, daß ohne die Hilfe der Regie- 
rungen nichts zu machen sei. Frankreich ergriff die Initia- 
tive und lud im Juli 1902 die Regierungen aller Kulturländer 
zu einer Konferenz nach Paris ein, die von 16 Ländern be- 
schickt wurde. Das Resultat war die Pariser Konvention, 
die auf dem nachfolgenden Kongreß in Frankfurt a. M. den 
Nationalkomitees vorgelegt und von diesen zur Unterbreitung 
an die Regierungen angenommen wurde. Sie enthielt als 
Hauptpunkte die Forderungen: 

1. Die Ausfuhr minderjähriger Mädchen ist unter 
allen Umständen strafbar. Großjährige sollen gegen die An- 
wendung von List, Gewalt und Betrug geschützt sein. 



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- 335 - 

2. Die diesbezüglichen Gesetze sollen in allen kontrar 
bierenden Ländern in Einklang gebracht werden. 

3. Die Gesuche um Auslieferung der Mädchenhändler 
sollen nicht auf diplomatischem Wege, sondern möglichst rasch 
durch die Gerichte oder Konsulate bewirkt werden. 

4. In jedem Lande soll ein Reichskommissar angestellt 
werden, der sich mit den anderen in Verbindung setzt und 
durch dessen Vermittlung verhandelte Mädchen auf Regierungs* 
kosten in die Heimat zurückbefördert werden können. 

5. Die Regierungen verpflichten sich, schärfere Auf- 
sicht auf Stellenvermittler, Agenten usw., sowie auf den Ver- 
kehr auf Bahnhöfen, Dampfschifiklandeplätzen usw. zu üben. 
In diesem Sinne ist bereits in einigen Ländern, besonders in 
England, Deutschland, Holland und Frankreich, gearbeitet und 
manches erreicht worden. 

Madame Isabelle Bogelot«Paris, Ritter der Ehren- 
legion usw., Begründerin und Vorsitzende des bekannten „Oeuvre 
des liber^es de St. Lazare^ erhielt dann das Wort zu 
einer kurzen Darlegung der Organisation und Wirksamkeit 
dieser großen Anstalt. Dieselbe sucht, wenn sie auch in erster 
Linie auf die entlassenen weiblichen Strafgefangenen berechnet 
ist, schon vielfach Fühlung mit den Unglücklichen zu gewinnen, 
solange sie im Gefängnis sind. Die Anstalt hat in jeder Be- 
ziehung einen durchaus familiären Charakter. Sie leitet die 
Frau zu der Arbeit an, die sie wieder rehabilitieren soU, ver- 
schafft ihr Gelegenheit dazu und versorgt sie auch nötigenfalls 
mit Geldmitteln. Die Kinder der „Iib6r6es" werden in der 
Anstalt zu nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft 
erzogen. 

Die Diskussion wurde durch Mrs.Clarence St. Allen» 
Salt Lake City eröflfhet. Sie war der Ansicht, daß durch Ver- 
nachlässigung des Bibelstudiums die Auffassung von der Ehe 
und von der Heiligkeit des Familienlebens leiden müsse. Frau 
Egg er s-Smi dt «Bremen sprach sich ebenfalls für die Ab- 
schaffung der Reglementierung der Prostitution aus, riet aber 
dringend, die Klein- und Vorarbeit nicht zu verschmähen, die 
hauptsächlich im Jugendschutz besteht Jede gebildete Frau 
sollte sich eines vernachlässigten Kindes aus dem Volke an* 



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- 336 - 

nehmen und seine Erziehung beaufsichtigen. Sie trat auch nach- 
drücklich für die yermehrte Heranziehung der Frau als Vormün- 
derin und für Gefangenenfürsorge ein. Sodann nahm Herr stud. 
Schulze, 2. Vorsitzender des studentischen Vereins „Ethos", 
das Wort. . Dieser Verein bezweckt die Förderung einer ver- 
tieften und veredelten Auffassung des Geschlechtslebens und 
hält sich frei von politischen und konfessionellen Bücksichten. 
Er trachtet danach, die altgermanische Sittenreinheit unter 
der studierenden Jugend neu zu beleben, und stellt die gleichen 
moralischen Anforderungen an Mann und Frau. — Frau Milka 
F r i t s c h^Tilsit vertrat einen anderen Standpunkt in der Sittlich- 
keitsfrage. Sie empfahl den Anschluß an die „Deutsche Gesell- 
schaft zur Bekämpfang der Geschlechtskrankheiten" und warnte 
vor einer nach ihrer Ansicht einseitigen Beurteilung der Pro- 
stitution, welche die Schuld des Mannes mit demselben Maße 
mißt wie die der Dirne. — Die Vorsitzende Frau Scheven 
erklärte hierauf, daß eine Gegnerschaft der Frauenvereine gegen 
die „Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechts- 
krankheiten" nicht bestehe. Frau Bieber^Böhm wies auf 
die reiche Arbeit hin, die bereits in dieser Frage auf erzieh- 
lichem und hygienischem Gebiete geschehen ist. Sie und ihre 
Gesinnungsgenossinnen wollen, im Gegensatz zur Föderation, 
das Gewerbe der Schande auch den mündigen Mädchen durch 
Bestrafung der Prostituierten unmöglich machen. Sie sieht in 
der Abschaffung der Reglementierung allein noch keine durch- 
greifende Beform. Herr Dr. K a r 1 W o 1 1 f * Karlsruhe gab seiner 
Freude über die Fortschritte der abolitionistischen Bewegung 
Ausdruck und legte den innigen Zusammenhang der Prostitu- 
tion mit unseren gesammten wirtschaftlich-kapitalistischen Zu- 
ständen dar. Im Hinblick darauf vertrat er die Ansicht, daß 
die Prostitution wohl eingeschränkt, aber nicht ganz ausge- 
rottet werden könne. Als Ziele stellte der Redner eine soziale 
Reform hin, die es bei einer besseren Entlohnung der Frauen- 
arbeit auch dem Manne ermöglicht, nicht zu lange Zeit nach 
erlangter Geschlechtsreife zu heiraten, und die Weiterentwick- 
lung der abolitionistischen Bewegung. Frau Marianne 
Web er» Heidelberg betonte die Notwendigkeit der Bestrafung 
von Verletzungen des öffentlichen Anstands, die unbedingt ge- 



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— 337 — 

fordert werden mußte. Herr Wagner* Charlottenburg erblickte 
in der Prostituierten lediglich ein Opfer unserer heutigen Gte- 
sellschaftsordnung und empfahl deshalb Erschließung von mög- 
lichst vielen Berufen für das weibliche Geschlecht. Der Redner 
sprach als Vertreter des Vereins für naturgemäße Lebens- und 
Heilweise. An der Diskussion beteiligten sich noch in gleichem 
Sinne Herr Professor Ho ttinger* Berlin, Frau Marianne 
Hainisch^Wien, Frau Dr. Bleuler-Waser*Zürich. 



Donnerstag, den 16. Juni. 

Gefangenenffirsorge und Alkoholbekämpfung. 

I. öefangenenfürsorge. 
n. Alkoholbekämpfung. 

Fräulein Ottilie Hoffm an n* Bremen führte den Vor- 
sitz und erteilte das Wort an Frau Dr. phil. Wegscheider- 
Ziegler«Berlin zu einem kurzen einleitenden Referat, in 
welchem diese darauf hinwies, daß es die englischen Frauen 
waren, welche diese wichtigen Gebiete sozialer Hilfsarbeit 
zuerst in Angriff nahmen und in ihrem Wirken für die Frauen 
anderer Länder vorbildlich geworden sind. 

Daran schloß sich das Referat von Lady Constance 
Battersea*London über 

The Association of Lady Visitors to Prisons. 

„It may interest you to hear some short account of the 
work that is being carried on in England by "The Association 
of Lady Visitors to Prisons". Some 8 years ago I was asked 
by the then Home Secretary whether I would agree to visit, 
at regulär intervals, the female convict prisoÄ for all England 
and Wales which had just been moved to a town within a 
drive from my country home. I readily consented and was 
told that I should have a colleagne in the work. This was 
the first time that female convicts, those whose sentences 

FrauenkoDgreß. ^ 



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— 338 — 

comprised a term of 3 years and upwards, were to be regolarly 
visited by ladies. In some cases there had been lady yisitors 
to the local or short sentence prisons, bat whether there were 
or not depended npon the views or wishes of the local 
Justices. 

My colleagne, Adeline, Duchess of Bedford and I entered 
upon our work in the year 1896; we were both novices in 
regard to what lay before ns, but ready to take hints and 
snggestions from the prison anthorities, who I shonld like to 
State here once for all, haye proved thronghout kind and ya- 
lued friends. Besides ourselves there were two gentlemen, one 
of whom was the Eight Honorable Sir Algemon West, who acted 
as official yisitors for the Home Office, and who had to jndge 
whether the complaints and demands of the prisoners war- 
ranted being brought to head-qnarters. They were not per- 
mitted to see the prisoners alone, and had but slender and 
some- what unsatisfactary means of flnding out the truth of their 
Statements. Of course they were unable to be instrumental 
to their reclamation, nor had they anything to do with their 
after care, which depended upon the good Offices of the Chap- 
lain and the Prisoners Aid Societies. 

My colleagne and I were not long in finding out that we 
had entered upon an important and far-reaching work. From 
the first we were giyen free ingress into the cells, where the 
prisoner was allowed to speak to us in the strictest priyacy. 
We also gained the ear of the Anthorities in London, and 
can only acknowledge our grateful recognition of the friendly 
footing upon which we stand with those members of His 
Majesty's Goyemment. 

After working for two or three years in this way, we, 
yisitors became members ofa Board of Prison Managers, 
consisting of seyen or nine gentlemen and ourselyes, our first 
Chairman being Sir Algemon West, who had long proyed him- 
self to be a judicious and good friend to chose in captiyity. 
We were all placed on the same footing, meeting once a month 
in the prison and yisiting the women between whiles, As 
before, ours was the special priyilege of seeing the women 
alone. But a greater responsibility was to be placed in our 



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— 339 — 

hands, for a role was drawn np by which prisoners were 
henceforth to be tried for acts of insubordination or gross mis- 
conduct whilst in captivity — the Qovemor being only permit- 
ted to award a pimishment of 24 hours dnration. My coUeagne 
and I feel how mnch it is to be desired that one of ns should, 
when possible, be present at these trials, so that the woman, 
(however low she may have sank, or however mentally irres- 
ponsible she may be) should have the support ofoneofher 
own sex. 

From the first we had given constant and anxious thought 
to the amelioration of the women's condition: 1. Döring their 
imprisonment; 2. When they are out on license, that is to 
say, completing their sentences out of prison, but ander police 
sapervision; 3. At the expiration of the sentence when they 
have regained complete freedom. We were thas brought into 
commanication with other prisons, for many of oar women 
came from Coanty gaols, or when ander Police sapervision 
they went to towns or villages in different parts of England. 
We then feit how valaable an Organisation woald be that 
woald extend like a net-work over the whole of England and 
that woald bring all prison Visitation into its meshes. Thas 
we hailed with satisfaction a movement set on foot by the 
Chainnan of His Majesty's Prison Commissioners, Sir Evelyn 
Raggles Brise, and warmly snpported by the Rev. G. P. Mer- 
rick, Inspector of Prison Chaplains. 

In Janaary 1901 the Association of Lady Visitors to 
Prisons was formed. The Association acts as a body ander 
recognised Direction, the members being reqnired to fornish 
an acconnt of their work and to mention the frequency of 
their Visits and other particnlars when reqaested to do so. 
The first Conference was held in Jane 1901 at my house. This 
gathering was a marked success; visitors came from north, 
sonth, east and west, and when they were again bidden in 
1903, they met one another as old friends and comrades in 
the same work. 

In the words of my colleagae: „one advantage to be deri- 
ved from the formation of this Association is the recognised 
Position imparted to the visitor." The mere fact that we have 

22* 



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— 340 — 

been called into existence by xlnthority with the Chairman of 
the Prison Commission as our President, brings os into a 
definite relation to the whole of the prison Organization of this 
country, and it is therefore our part to aid in intelligent and 
faithfal Cooperation with the body of authority which is char- 
ged with this responsible side of public work. We may regard 
our Association as representative of the principle which cer- 
tainly should pervade and does largely pervade the whole 
System — viz : that punishment should be remedial and refor- 
matory as well as deterrent in its aim and character. 

By the means of these Conferences it is natural that a 
yery cordial relationship should be established amongst all 
prison visitors, who feel encouraged in their work and inspired 
to fdrther zeal and deyotion. The Duchess is President of the 
Ladies' Committee. As such she does not lay down hard and 
fast rules for their guidance, .knowing how precious the gifts 
of individuality can be, and how important it is that each 
yisitor should feel untrammelled in her efforts. But her hints 
and suggestions and advice faU on no unheeding ears, and 
much is gained flrom this friendly intercourse. The Duchess 
of Bedfbrd moreover Visits all prisons from time to time, in 
their diiferent localities, and is thus constanüy in personal 
touch with the workers. Nor is she unmindfd of the prison 
officials, whose monotonous and depressing lives want inspiri- 
ting and refreshing, and whose patient devotion should be more 
gratefiilly recognised. We both feel that kindly words, or a 
courteous and gracious act, where the warders matrons or 
attendants are concemed, can have but a salutary eifect upon 
the prisoners in their Charge. 

The Gk)vernment fully recognises the value of this Asso- 
ciation. 

In the convict prison at Aylesbury, my colleague and I 
have been the means of introducing some happy innovations 
and reforms. I may be allowed to touch upon these. The 
Duchess, anxious to arouse feelings of reverence and devotion 
among the officials and the prisoners, made it her work of 
love to adom and beautify their barrack-like chapel. The 
true appreciation of this act was vividly brought into evidence 



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— 341 — 

after the chapel had been completely destroyed by fire, during 
the spring of this year; many letters of sincere condolence 
were received by the Duchess, jfrom ex-prisoners, and many 
expressions of soirow and regret from present convicts at 
being thus deprived of their peacefiil, beautiful house of 
prayer. 

Further, it had been bome in npon onr minds, from one 
or two little facts that had come nnder our notice, that the 
denizens of the Prison Infirmary were condemned to long 
hoors of tedium, owing to their being left without any sort 
of occnpation. We therefore provided them with the ordinary 
Contents of a workbox, such as needles, knitting pins, wool, 
canyas and thread, and the result proved indeed successful. 
A number of fancy-and other articles were fabricated, the 
women grew more cheerful and contented, they had less time 
to quarrel, their condition of health improved. One woman, 
notorious for her violent outbursts of temper, works her ill- 
humour away by devoting herseif vigorously to some very 
fine thread work, always pleading for a fresh supply — to 
save the Situation. 

It soon dawned upon my colleague that this scheme of 
work might take a wider scope and be introduced with ad- 
vantage into other than the Hospital wards. She therefore 
started with the sanction of the Home Office what she calls 
recreative employment. That is to say, when the working 
hours of the day, some 8 hours, come to an end, the women 
are given, upon their asking, materials and working imple- 
ments with which they fasbion into shape, whatever their 
inventive brains and busy hands can devise and accomplish. 
The ingenuity, taste and industry of the women are thus 
brought into play and a fresh interest supplied to their mono- 
tonous lives. When finished, the articles belong to the Duchess, 
who sells them during the year, repaying herseif for the cost 
of material. Prisoners in England are not allowed to eam 
money by their work — they can only earn it by marks for 
good conduct, and the highest sum they can attain is that of 
£ 6, which is theirs upon release. But although their recrea- 
tive employment is not lucrative, it gives them the highest 



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QjOo^^z i 



— 342 - 

satisfaction, and when they know that one of the lady visitors 
has bought some of their handiwork for her own use, their 
pleasure is greatly increased. The steady work going on in 
the prison does not suffer from the additional employment. 

Althongh both my colleague and myself are folly alive to 
the advantages of having raen upon the Board of Visitors, we 
cannot but feel that we women have often been instrumental 
in improving the condition of the prisoners, by introducing 
some small amenities into the prison, the absence of which 
easily escape the notice of our male coUeagues, whilst regard 
for the same amenities brings a sense of decency and refine- 
ment amongst the women. 

The Problem of reclamation presses heavily upon those 
who give their hearts to the work. We can only speak in 
terms of grateful respect of the ready assistance we receive 
from those connected with the religious observances of the 
prisoners — the devoted prison Chaplain, a clergyman of the 
established Church, the Eoman Catholic priest, and the visiting 
Jewish Eabbi. The after care of the prisoners is very tho- 
roughly and efficiently undertaken by the Duchess of Bedford 
who is in direct touch with the several certified Homes or 
places of refage. When the prisoner is under 40 years of age, 
and anxious to retrieve her character, an opening is thus 
given her, and a very real possibility of reclamation offered. 
When the woman is older, accustomed to a long spell of prison 
life, more reckless, an easy victim to intemperance which is 
at the bottom of nearly all crime, it is then that the 
difficulties increase alarmingly, and that the stock of patience, 
hope and faith, that her visitor may possess, become heavily 
taied. 

It is part of my duties to see and interrogate the women 
during the ürst weeks of their imprisonment, which they spend 
in solitary conflnement. It is then that their hearts are more 
easily touched, and that they are anxious and willing to speak 
without concealment of the crime that has brought them into 
their present condition, and I am then sometimes able to help 
them by writing to members of their families and by giving 
them in reply consoling words or messages. Seeing them at 



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_ -T^ 



— 343 — 

once, before they take their places in the regulär prison world, 
gives me an independent and individual interest in each case 
which I seldom lose. 

Every prisoner is allowed to ask for an interview with 
the yisitors, the interview being of conrse in the case of my 
coUeagne and myself, a private one. Their demands or com- 
plaints are carefolly considered, their confidences respected. 
We do not oversympathise with, or grow sentimental over 
them, nor do we buoy them up with illusory hopes, or pro- 
mises, bnt we try to make them realize the necessity of true 
penitence, also that the freedom they are pining for will not 
be freedom, unless they have cast oif the bondage of their sin. 

I cannot but feel that this work of reclamation is speci- 
ally adapted to women — mnch has been done, but far more 
remains to be done, and above all to be leamt The eamest 
preparation for this work, must react upon those who devote 
themselves to it. Being brought face to face with evil in its 
worst form, its most terrible consequences, seems to accentuate 
the beauty of a pure and holy life." 

In ihrem Referat über „Die Reform der deutschen 
Frauengefängnisse" betonte Frl. TheklaFriedländer« 
Berlin, daß die Unterbringung von weiblichen Gefangenen in 
Arbeit und geordnete Lebensverhältnisse ungleich größeren 
Schwierigkeiten und vielfach anderen Voraussetzungen unterliege 
als die der Männer. Wenn der männliche Strafentlassene nicht 
arbeitet, so steht er der Gefahr gegenüber, wieder die Freiheit 
zu verlieren. Die jüngere weibliche Gefangene braucht nicht zu 
arbeiten für den Lebensunterhalt, sie hat noch einen anderen 
Ausweg. Die Not des Lebens, die den Mann auf den 
guten Weg führt, wird für die Frau zur größten 
Versucherin. Das zweite ist, daß der Mann zumeist ein 
Handwerk erlernt hat, während die Frau für den Erwerb oft 
ganz unvorbereitet ist. Die weibliche Gefangene bedarf daher 
doppelter Hilfe. Ihre Rückführung ist abhängig von den Ein- 
richtungen der Gefangnisse, von der sittlichen Beeinflussung 
und dem handwerklichen Unterricht. Unter den Gtefangenen 
sind solche, die mehr Unglückliche als Schuldige, solche, die in 



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— 344 — 

ihrer Ehe durch schwerstes Leid und Trübsal gegangen sind 
und dann in der Verzweiflung eine Straftat verübt haben. Bei 
ihrem Freiwerden haben diese Frauen aber Eänder zu erziehen 
und zu ernähren. Solche Unglückliche dürfen im Gefängnisse 
nicht zusammengeführt werden mit Frauen von verbrecherischen 
Neigungen. Die Anstalten mit gemeinsamer Haft haben die 
schädigendste Einwirkung. Die schlechtesten Anstalten sind 
die, wo 6 bis 8 in einer Zelle sind; aber auch diejenigen Ge- 
fangnisse, wo die Gefangenen am Tage gemeinsam unter Auf- 
sicht arbeiten und nur nachts in Schlafsälen zusammen sind, 
sind schädigend, ebenso diejenigen mit ungenügendem Wärter- 
personal. — Die Reform der Gefilngnisse beruht auf dem System 
des erzieherischen Strafvollzuges: Bei strenger Zucht 
und Disziplin sollen alle Einrichtungen auf Rückführung ge- 
richtet sein. Jede Gefangene hat eine Einzelzelle. Mit Aus- 
nahme des Direktors sind sämtliche Beamtenstellen mit Frauen 
besetzt. An der Spitze der Frauenabteilung steht eine Oberin, 
der die Gesamtleitung übertragen ist. Der maßgebende Unter- 
schied ist, daß an Stelle des Inspektors — zumeist frühere 
militärische Subaltembeamte — erzieherisch begabte, wissen- 
schaftlich und fach wissenschaftlich vorbereitete, gebildete Frauen 
treten. Lehrerin und Buchhalterin sind die Assistentinnen der 
Oberin, das Wärterinnenpersonal ist ein gut vorgebildetes. 
Das beste Gefängnis wäre das, wo auch die Unterbeamten- 
stellen mit gebildeten Frauen besetzt würden. Der hauswirt- 
schaftliche und handwerkliche Unterricht muß ein eingehender 
und möglichst individueller sein. Die Gefangenen müssen in 
einem Erwerbszweige so weit vorbereitet werden, daß sie bei 
ihrer Entlassung ihren Unterhalt verdienen können. Gefängnis- 
besucherinnen und Frauen, welche sich der Fürsorge für Ent- 
lassene widmen, sollten sich die notwendige Vorbildung an- 
eignen, durch Kenntnis der Gefängniskunde und der Haupt- 
gesichtspunkte der Gefangenenfürsorge. 

Frau Randi Bl ehr* Kristiania sprach über Polizei- 
matronen in Norwegen. Sie betonte, wie dringend not- 
wendig die Tätigkeit der Frauen auch im Polizeidienst sei, 
notwendiger vielleicht als auf irgend einem anderen Ge- 
biete, und schilderte dann die darauf gerichteten Bestre- 



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— 345 — 

bungen in Norwegen und die günstigen Erfahrungen, die 
man bisher mit der Einführung von Polizeimatronen ge- 
macht hat, 

Inder Diskussion ergriif zunächst Frl. AnnaSchmidt* 
Berlin das Wort und berichtete über eine vorbeugende Tätig- 
keit unter den Fabrikarbeiterinnen. Im Rheinland haben sich 
einige Fabrikbesitzer vereinigt, Frauen als Fabrikpflege- 
rinnen anzustellen, mit einem Gehalt von 740 bis 2000 Mk. 
Als Vorbereitung dient ein Jahr praktische Betätigung, außer- 
dem wird als Bedingung für die Anstellung gefordert, daß die 
Betreffende eine kleine Hausschule leiten könne. Kurse für 
eine derartige Ausbildung veranstaltet das katholische Josefs- 
stift in Trier. 

Frau Hanna Bieber-Böhm^Berlin erwähnte, daß die 
Einrichtung der Polizeimatronen sich nach ihrer vor 11 Jahren 
in Chicago gemachten Erfahrung, wo damals schon von der Stadt 
30 Frauen angestellt waren, durchaus bewährt habe. Selbst 
ganz verkommene Gefangene wurden durch Einfluß einer ge- 
bildeten, mütterlich mit ihnen verkehrenden Frau gehoben und 
gebessert. In wiederholten Petitionen sei von ihr um diese 
segensreiche Einrichtung in deutschen Ländern gebeten worden. 
In Stuttgart und Berlin habe man auch schon solche Versuche 
mit gebildeten Frauen gemacht Frl. Dr. jur. van Dorp* 
Holland gab ihrer in einer 9 monatlichen Praxis als Eechts- 
anwalt gewonnenen Überzeugung Ausdruck, daß nicht die 
bessere Einrichtung der Gefängnisse das Ziel sei, sondern daß 
wir alle dahin streben sollten, daß es überhaupt keine 
Gefängnisse mehr gebe, denn die Gefängnisstrafe 
ist eine Grausamkeit. Man schützt durch Gefängnisstrafe 
die Gesellschaft auch nicht vor den Verbrechern. Man müßte 
verbrecherische Menschen, die nur als abnorme betrachtet 
werden können, von der Gesellschaft absondern, ohne sie ein- 
zusperren. Die Hauptsache müßte sein, diese Leute, die ge- 
zeigt haben, daß sie ihrer Leidenschaften nicht Herr sind, zu 
bessern und zu erziehen. Es müßten Mittel und Wege ge- 
funden werden, um die Gefängnisse durch geeignetere Anstalten 
zu ersetzen. — Dagegen machte Herr B i s c h of f * Berlin geltend, 
daß viele vom rechten Wege Abgekommene gerade im Gefängnis 



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— 346 — 

zum ersten Male wieder für freundliche Teilnahme und erzieh- 
lichen Einfluß erreichbar werden. 

Frau L an g er h ans «»Berlin berichtete kurz über den 
Verein zur Besserung der Strafgefangenen, und Frau Mal vi 
Fuchs ^Budapest richtete an die anwesenden Hausfrauen einen 
Appell, Dienstmädchen, die sich eines Diebstahls schuldig ge- 
macht haben, nicht gleich der Polizei zu überantworten, sondern 
erst zu versuchen, sie durch liebevollen erziehlichen Einfluß 
zu bessern. 

Frau Dr. phil, Wegscheider-Ziegler führte in ihrem 
einleitenden Referat zum zweiten Punkt der Tagesordnung 
aus, daß die deutschen Frauen den Kampf gegen den 
Alkoholismus noch nicht in genügendem Maße aufgenommen 
haben. Und leider ist in den letzten Jahrzehnten mit der 
Beteiligung am öifentlichen Leben auch die Trinksitte 
in Frauenkreise gedrungen. Dadurch hat unser Volk seine 
alkoholJfreien Mütter verloren; die Gefahr wird dringend. Denn 
da 80% der Kinder von Gewohnheitstrinkern minderwertig 
sind, da 3Va Milliarden unseres Nationalvermögens jährlich 
für Alkoholika ausgegeben werden, muß jeder, der eine ge- 
sunde Entwicklung in unserem Volke erstrebt, die gefährlichen 
Trinksitten überwinden, muß abstinent werden. Und abstinent 
muß vor allem jeder sozial arbeitende Mensch werden, der die 
Schädigung des Alkohols in den arbeitenden Klassen kennt 
Die Ausgaben für Bier oder Branntwein beschränken die für 
die Ernährung der Familie verfügbaren, oft ohnedies unzu- 
reichenden Mittel, Alkohol und Unterernährung bereiten 
mancherlei Krankheiten, insbesondere der Tuberkulose den 
Weg. Die nordamerikanischen Frauen haben ihre Pflicht 
längst erkannt. Frau Dr. Wegscheider gab dann eine kurze 
Geschichte der großen World's Women's Christian Temperance 
Union und wies darauf hin, daß durch Frl. Ottilie Hoff- 
mann, die überhaupt in Deutschland für die ganze Bewegung 
bahnbrechend gewirkt habe, wir nun auch einen Bund ab- 
stinenter Frauen besitzen, und daß sich auch ein Jugendbund 
abstinenter Mädchen gegründet habe. Die Zeit verlangt von 
uns Frauen die Erlösung unseres Volkes und unserer Kultur 
aus der Alkoholnot! 



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— 347 — 

Als erste Rednerin berichtete Frau AUi Trygg-Hele- 
nins^Helsingfors, daß die Frauen Finnlands aus allen StäJiden 
an der Bekämpfung dieses Feindes arbeiten. Lehrerinnen 
haben dort die ersten Abstinenzyereine gegründet und unter 
mancherlei Schwierigkeiten den Temperenzunterricht in den 
Schulen eingeführt. Sie haben 75000 finnische Mk., davon 
56000 ML Staatsanleihe, für den Bau eines Yolksheims auf- 
gebracht, das an die Stelle der Branntweinschenken treten 
soUte, die zufolge Eingaben der Frauen behördlich geschlossen 
worden waren. Der Staat gibt 8000 Mk. jährlich zur Erhal- 
tung dieses Heims, insbesondere der damit verbundenen Bib- 
liothek. Die Frauen des kleinen Landes halten Hunderte von 
Propagandavorträgen im Jahre ; sie haben es erreicht, dafi die 
bedeutendsten politischen Zeitungen keine Inserate für 
alkoholische Getränke mehr aufnehmen. Als sich 
niemand fand, der das Büffet des Nationaltheaters in Helsing- 
fors ohne alkoholhaltige Getränke bewirtschaften wollte, über- 
nahmen die Frauenvereine das Restaurant, und die angesehen- 
sten Frauen der Stadt bedienten selbst das Publikum. Frau 
Helenius ermahnte die deutschen Frauen, ebenso eifrig zu 
wirken, um das deutsche Volk vom Alkoholismus zu befreien. 

Mrs. Belle Kearney* Vereinigte Staaten hob in ihrem 
Referat „Die Bekämpfung des Alkoholismus eine 
Pflicht der Frauen" hervor, daß, während man in früheren 
Zeiten glaubte, Alkohol sei ein Nahrungsmittel, man jetzt er- 
kannt habe, daß er ein Gift sei. Und wie man jetzt die 
Sklaverei verdammt, so wird man einst den Alkohol verdammen, 
wie es jetzt schon die große World's Women's Temperance Union 
tut. Sie schilderte dann die weltumfassenden Arbeiten dieser 
riesigen Organisation, vor allem aber das wundervolle Wirken 
ihrer einstigen Präsidentin Frances Willard, dieser größten 
Kämpferin gegen den Alkohol. 

Mlle. Marie Parent» Belgien gab der Ansicht Ausdruck, 
daß jede Frau in diesen Kampf eintreten könne. Wenn es 
auch richtig sei, daß der Alkohol eigentlich nur im Übermaß 
schädlich wirke, so sei es doch gefahrlich, den breiten Massen 
gegenüber diese Konzession zu machen, da die Grenze sich so 
sehr schwer feststellen lasse. Doch aber müssen die Frauen 



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— 348 — 

ihre Hauptaufgabe darin erblicken, gegen den übermäßigen 
Alkoholgennfi, gegen die Trunksucht zu kämpfen. 

Fräulein Ina Kogberg* Stockholm erzählte, daß es wie 
Frühlingswehen durch die Temperenzarbeit der schwedischen 
Frauen gehe. Im Anfang dieses Jahres veranstaltete der 
Zentralbund für wissenschaftlichen Alkoholunterricht einen 
Vorlesungskursus in Stockholm, der 1200 Männer und Frauen 
versammelte, und bei dem weibliche Dozenten in gleicher 
Weise wie die männlichen ihre Zuhörer begeisterten. Trotz- 
dem Schweden mit Norwegen und Finnland einen weit ge- 
ringeren Alkoholverbrauch pro Kopf der Bevölkerung hat als 
alle anderen europäischen Länder, erscheinen dem Land die 
100 Millionen Kronen, die alljährlich für Alkohol ausgegeben 
werden, während der Aufwand für Unterrichts wesen z. B. 
40 Millionen Kronen beträgt, als eine Unehre^ aus ihnen erwächst 
eine Summe von Elend. Die Abstinenzvereine, besonders der 
Verein abstinenter Ärzte und der Frauenverein vom weißen 
Bande, bemühen sich um Einführung von Antialkoholbelehrung 
in der Schale nach amerikanischem Vorbild. Dem Guttempler« 
Orden gehören in Schweden etwa 50000 Frauen an — bei 
einer Gesammtbevölkerung von 5 Millionen. 

Zwei Sondervereine abstinenter Frauen haben 500 resp. 
1200 Mitglieder; der eine, ein Zweig der World's Women's 
Christian Temperance Union, hat auch Kindervereine gebildet, 
„die Hoffnung Schwedens" genannt — ihnen gehören 600 Schul- 
mädchen an. Die Frauen nehmen sich der durch Trunksucht und 
Unsittlichkeit Gesunkenen an; sie haben in diesem Jahre ein 
Verbot des Alkoholausschankes auf Exerzierplätzen erwirkt. 
Ein wahrer Enthusiasmus für die Abstinenzbewegung hat die 
Studenten und die Lehrer des Nordens ergriffen. Der Ab- 
stinenzbund der studierenden Jugend Schwedens vereinigt 
4000 Jünglinge und junge Mädchen; an dem lappländischen 
Seminar für Volksschullehrer und -lehrerinnen haben alle 
diesjährigen Seminaristen das Enthaltsamkeitsgelübde abgelegt, 
um durch dieses wirksamste Propagandamittel die Trunksucht 
unter den Lappen zu bekämpfen. 

Es folgte dann das Eeferat von Dr. Hedwig Bleuler- 
Waser 'Zürich über den 



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— 349 — 

EInfluss des Alkohols auf das Verhältnis der beiden 
Geschlechter. 

„Wir besitzen in Zürich eine Reihe ausgezeichneter alkohol- 
freier Wirtschaften. Probeweise fragte ich einmal meine 16- 
bis 18 jährigen Schülerinnen, wie sie eigentlich in dem benach- 
barten alkoholfreien Restaurant so ungeniert verkehren könnten. 
Darauf antwortete nach einigem Stillschweigen eine: „Ich kann 
ja nicht nach Hause über Mittag und bekäme sonst nirgends 
so gutes und billiges Essen. Für 40 Centimes: Suppe, ein 
Stück Fleisch mit Zuspeise, etwas grünes Gemüse oder Obst, 
alles nett und freundlich serviert, ohne Trinkgeld — fast ge- 
schenkt kommt's einem vor!" „Nein, nicht geschenkt", wehrte 
ihre Gefährtin, „eine der Damen des „Frauenvereins für Mäßig- 
keit und Volkswohl" hat mir erzählt, eben von den 2 bis 3 
Rappen Gewinn an jedem Besucher könnten sie ihre immer 
schöneren Lokale einrichten. Billig und gut alles, geschenkt 
nichts, sonst war's nicht so gemütlich!" „Ja, gemütlich ist's!" 
hieß es nun von allen Seiten, „darum trinken wir so gerne 
unseren Kaffee dort, nicht nur billigkeitshalber!" „Aber es 
verkehren doch nicht nur Jüngferlein und gute Bekannte dort?" 
„Bewahre, die allerverschiedensten Leute, Männer und Frauen, 
sogar oft Kinder, Studierende und Bureauangestellte und Ar- 
beiter; aber alles geht immer so anständig zu. Kein Lärmen 
und Streiten, oder Angaffen und Nachrufen!" „Aber wie er- 
klärt Ihr Euch denn das?" Wieder Stillschweigen. Endlich 
sagte eine, deren Augen von traurigen Erfahrungen sprachen, 
ganz leise: „Nun, im alkoholfreien Restaurant bekommt man 
eben nichts zu trinken, was laut macht und bös und frech, 
daher wird's kommen." Daß es daherkam, hatten die wenig- 
sten der Mädchen gewußt, aber ganz instinktiv als behaglich 
und besuchbar dasjenige Lokal herausgefunden, dessen Gäste 
nicht unter dem Einflüsse des Alkohols stehen; denn je größer 
das alkoholische Behagen trinkender Männer, desto stärker 
wird das Unbehagen feinfühliger Frauen, und mit gutem 
Grund. 

Das Gefühl stimmt hier, wie so oft, mit den Ergebnissen 
wissenschaftlich genauer Beobachtung zusammen. Diese aber 



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— 360 - 

zeigt bekanntlich, daß der Alkohol eine starke künstliche 
Reizung auf die Sexualität ausübt, einmal indem er diesen 
Trieb direkt erregt, und dann besonders dadurch, daß er die 
psychischen Hemmungen lähmt, womit derselbe sonst in 
Schranken gehalten wird : moralische und Schamgefühle, Rück- 
sichten, Gedanken an die Folgen usw. Es ist ja nun gar nicht 
anders möglich, als daß ein derartig wirkendes 6enußmittel von 
der ungeheuren Verbreitung und dem stets noch steigenden 
Verbrauch des Alkohols das Verhältnis der Geschlechter zu- 
einander stark beeinflussen muß, und zwar viel intensiver, als 
man gewöhnlich annimmt, selbst in Kreisen, wo man sich um 
dergleichen kümmern sollte. Kann es einem doch sogar be- 
gegnen, daß man stundenlang über Hebung der Sittlichkeit 
beraten hört, ohne daß der Alkoholbekämpfung als des ein- 
fachsten, wirksamsten Mittels auch nur gedacht wird. 

Nicht die göttlich lächelnde Aphrodite ist es, die im Ge- 
folge des Bacchus und Gambrinus und Silenus daherzieht, son- 
dern jene Venus vulvivaga, von der sich — venerische Exzesse 
und venerische Krankheiten ableiten. Vereinigend wirkt der 
Alkohol auf die Geschlechter nur im schlimmen Sinne zufalliger 
geschlechtlicher Reizungen. Er spielt eben den ganz gemeinen 
Kuppler, der Männlein und Weiblein zusammenwürfelt, ohne 
Rücksicht auf individuelle Auslese, auf jene psychische und 
physische Wahlverwandtschaft, die einzig eine dauernde Ver- 
bindung begründen kann. Eine im tiefsten Sinn naturwidrige 
Reizung also, die den Trieb künstlich eihöht, um das ihm ent- 
sprechende Vermögen herabzusetzen, ja schließlich zu zerstören. 
Naturwidrig ist diese Wirkung auch darum, weil die Früchte 
solcher Verbindungen, die Kinder von Gewohnheitstrinkern oder 
auch die im Rausch erzeugten, empfindlich an Leib und Seele 
geschädigt werden. 

Im eigentlichen tiefen Sinne vereinigt der Alkohol nicht, 
er trennt vielmehr die Geschlechter, entfremdet sie 
einander in der schädlichsten, folgenschwersten Weise, und 
zwar schon von Jugend an, wie wir im folgenden andeuten: 
Nicht früh genug glaubt der Jüngling im Wirtshaus seine 
trinkfeste Männlichkeit an den Tag legen zu müssen. 
Gelten doch beschämenderweise die Trinksitten gar zu oft 



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— 351 — 

als Hauptcharakteristikuin der Mäonlichkeit, einer Psendo- 
männlichkeit, wie solche im Wirtshaus gproßgezogen wird. Die- 
jenigen Franen, die sich mit Eecht dagegen wehren, daß die 
wirklichen Geschlechtsunterschiede künstlich weiter gezüchtet 
werden, mögen sich ganz besonders anch gegen das heutige 
Wirtshans wenden, eine wahre Brutstätte künstlicher Geschlechts- 
unterschiede. So ist z. B. das rücksichtslos Laute, rechthabe- 
risch Prahlende, das breittreterisch Ordinäre, viel weniger 
dem männlichen Charakter eigentümlich, als eben ein Produkt 
der Wirtshaussitte, Wirtshaussprache. — Zu dem Männer- 
ideal des Wirtshauses gehört neben dem Ruf eines Becher- 
helden auch der eines Weiberhelden; eine Vorstufe dazu bildet 
die edle Kunst des feineren und gröberen Zotenreißens, wie 
sie am Zechtisch geübt wird. Dann braucht es nur noch einen 
extra lustigen Abend mit leichter Bezechtheit, einen erfahrenen, 
höhnisch aufstachelnden Freund, und Kuppler Alkohol hat die 
jungen Leute an einen Ort geführt, vor dem in nüchternem 
Zustande so manchen sein ästhetisches und moralisches Rein- 
lichkeitsgefuhl zurückhielte. Fiele der Alkohol weg, wäre es 
den Männern viel eher möglich, in sexueller Beziehung sich 
so zu halten, wie die Mehrzahl der Mädchen, würde also auch 
dieser Geschlechtsunterschied merklich geringer. 

Wenn die Frauen so oft ganz entsetzt vor dem ihnen un- 
begreiflichen Rätsel stehen, wie der oder jener sonst keines- 
wegs ehr- und schamlose Mann imstande sei, das Geschlecht 
seiner Mutter zu entweihen, sich selbst, indem er Leib und 
Seele in häßlichem Zwiespalt voneinander trennt — dann 
mögen sie sich daran erinnern, daß der erste, in dieser Be- 
ziehung gewöhnlich entscheidende Schritt der Prostituierung in 
der großen Mehrzahl aller Fälle nicht bei vollem Bewußtsein, 
sondern eben unter Alkoholwirkung getan wurde. Von nahezu 
200 — meist jungen — venerisch infizierten Personen, die 
Forel untersuchte und untersuchen ließ, hatten sich 76 ^o ihre 
Ansteckung unter dem Einflüsse des Alkohols geholt. 

Und was die Mädchen anbelangt, so besteht eine bekannte, 
nahezu „offizielle Methode" der Verführung darin, sie durch 
Tanzen, scharfe Speisen usw. erst durstig und dann angetrunken 
zu machen, in welchem Zustande „auch die Besten zu kriegen" 



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— 352 — 

seien, wie man sich triumphierend mitteilt. — Es wäre inter- 
essant, zu wissen, wie viele Tausende der unehelichen Kinder, 
über deren Los wir hier auch debattiert haben, ihr unglück- 
liches Dasein alkoholischen Erregungen verdanken. 

Aber auch die anständigen, sagen wir die behüteten 
Mädchen haben in ihrem Verkehr mit dem anderen Geschlecht 
unter dem Einflüsse des Alkohols zu leiden, meist ohne daß 
sie sich dessen bewußt werden. Immerhin hat mir einmal ein 
feines, kluges Mädchen geklagt : es sei merkwürdig und schade, 
daß man mit den Herren so selten bis zum Schluß eines Festes 
rechte Gespräche fähren könne ; es gebe dann so einen Augen- 
blick, wo die meisten unausstehlich lach- und schwatzhaft oder 
klebrig zärtlich würden. Ob das wohl im Charakter der Männer 
läge? Nein — in dem des Alkohols, ohne dessen aufreizende 
Wirkungen es soviel leichter wäre, jene kameradschaft- 
liche Geselligkeit unter den jungen Leuten beiderlei Ge- 
schlechts walten zu lassen, die jetzt bei uns noch so schmerz- 
lich fehlt. Es ist gewiß kein Zufall, daß unsere akade- 
mischen Abstinenten der erste Studentenverein 
sind, der es gewagt hat, Kolleginnen als gleich- 
berechtigte Mitglieder aufzunehmen. Wer es zu- 
stande bringt (Wie ich selbst gesehen habe), Nächte lang, wenn's 
darauf ankommt, eifrig zu diskutieren oder fröhlich zu feiern, 
immer gleich sauber, frisch und anständig, der kann sich dabei 
die Gesellschaft geistig und sittlich hochstehender Frauen 
leisten, braucht sich nicht mit Schänkmädchen zu begnügen. 
So sollten Jünglinge und Jungfrauen einander kennen lernen, 
in der Arbeit, bei Gedankenaustausch und sozialen Bestrebungen, 
bei gesundem Jugendspiel und Sport, statt bei Bällen und der- 
gleichen offiziell wohlanständigen Entfesselungen der Lüstern- 
heit. Geist und Gemüt sollten in Umsatz gebracht werden, 
statt der Tanzfüße allein. Damit fielen auch jene frivolen 
Verlobungen weg, die eine Verbindung fürs ganze Leben ein- 
leiten auf nichts weiteres hin, als ein paar Gläser feurigen 
Weines zu viel und ein paar Centimeter Stoflf am Kleidaus- 
schnitt zu wenig. Sieht doch der Mann mit seinem Trank im 
Leibe „bald Helenen in jedem Weibe," oder vielmehr in jedem 
Weibe nur das Weib. Gewiß hat der Alkohol schon manchen 



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— «3 — 

Hmn in ^M tmglAcklielie filie kiiiei&^efaiirt. Im rosigen 
N«bel smer Beze^htlieit hat er 4ie €I«m foor dsieft Schwan 
phidtM ttftd «r»(Aa?ickt 2a sfpit, le^mi sie ihm dann aus seinem 
"t^eneii G^heg^e eatgregenschi^attert; ]>an]i steht ja auch ge- 
^wOhRüch der Alkohel, der das Ungltck rerschtüdete, wieder 
imn Tröste bereit 

Aus j«iier Unkenntnis des anderen Geschlechtes^ 
Deiner Gefor&nche und Gebrechen^ erklart es sich aber auch, 
da< so manches H&dchen bUnd in die Ehe mit einem 
T'rinker hineinrennt Wird doch bei uns alltägliches Ge- 
wohnheitstrinicen^ anch gelegentliche B^echtheit eines Mannes, 
noch als ganz liebenswürdiges, von einer netten Fran leicht 
reparierbares Lasterchen, n&^t wie in den höheren Freisein 
Amerikas als schweres Ehehindernis abgesehen. Zn spät 
erSlAirt dann die jonge Fran, daß Yerq>rechungen eines Alko- 
holikers in den Wind geredet sind, da ja Schwächung des 
Willens zum ersten Stadium der Alkoholkrankheit gehört. 
Diese in all ihren unerbittiichen physiologisdien Stadien an 
einem g<^ebten Menschen sich vollziehen zu sehen, von der 
aUmähiichen Abstumpfung der feinsten Geistes- und Gemftts- 
regungen bis hinab zu tierischer Dumpfheit^ das ist eine Qual^ 
4ie sich in's Unerträgliche steigert, wenn man noch Kinder 
durch erbliche Belastung und das Zusammenleben mit dem 
kranken Vater gefährdet sehen mufi. Wie mag es z. B. jener 
Frau zumute sein^ deren Mann nach außen noch in Amt und 
Würden sich behauptet, daheim aber zueeiten in Gegenwart 
der ohnehin nervös-reizbaren Kinder vollständig nackt, schamlos 
schimpfend herumläuft?, oder der Mutter jenes kleinen schflch- 
temen Bübchens, das jüngst einer von den Weihnachtsfreuden 
berichtenden Eindergärtnerin wehmütig einwarf: „Ja, aber 
unser Vater hat am Heiligen Abend im Rausch das Christ- 
bäumchen die Stiege hinabgeworfen/' 

Ja, sich die Mißhandlungen und noch ärgeren Liebkosungen 
eines Trunksüchtigen gefallen lassen zru müssen, das ist nicht 
viel anderes als Prostitution und Sklaverei, in den meisten 
Staaten, auch bei uns in der Schweiz, noch recht- und schutz- 
lose Sklaverei I 

Ein Feind der echten Liebe und der glücklichen Ehe ist 

Frauenkongreß. 23 



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— 354 — 

der Alkohol, aber auch ein Hindernis des guten freund- 
schaftlichen Einvernehmens zwischen den Ge- 
schlechtern überhaupt Da er bestfindig sexuell reizt^ 
stört er ein ruhiges Zusammenarbeiten, die unbefangen objek- 
tive Achtung und Betrachtung weiblicher Eigenart Unter 
dem Einfluß des Obertürken Alkohol wägt der Trinker nur 
Weiberfleisch — nicht Weiberseelen, deren individuellen Aus- 
prägungen und Betätigungen er verständnislos und verächtlich 
gegenfibersteht Wie charakteristisch, daß in den Trinkliedern 
immer „Weib und Wein" zusammen genannt werden; ein Qe- 
nußmittel also auch das Weib, wie der Alkohol die feineren 
geistigen Regungen hemmend, die rohen Triebe entfesselnd? 
Die Wirkung gewisser Frauen auf gewisse Männer allerdings 
— wir bedanken uns aber fOr diese Gesamtcharakteristik! 

Überall im geselligen Leben begegnen wir der durch 
Alkohol mitverschuldeten Trennung der Geschlechter. In's 
Wirtshaus tragen so viele Männer ihre Interessen, statt sie 
mit der Gattin, der Mutter, Schwester, Freundin zu teilen. 
Frauen freilich, die keinen geistigen Anteil nehmen können 
oder wollen, spielen die schmähliche Rolle von Bundes- 
genossinnen des Alkohols. Wenn wir dem Manne diesen ver- 
leiden wollen, müssen wir ihm natürlich auch etwas dafür 
bieten. Nicht eine bloße Stätte zum Essen und Schlafen, son- 
dern eine Heimat seiner Gedanken und Gefühle, — eine Heimat 
auch für alle die Menschen, die seinem Greiste und Herzen 
nahestehen. Er soll sie bei sich sehen können in zwangloser, 
anregender Geselligkeit — ja nicht etwa bei jenen plumpen 
Allerweltsess- und -trinkereien, die einzig durch den Alkohol 
zusammengehalten werden. Den Weingeist unserer Geselligkeit 
durch wirklichen Geist zu ersetzen, das ist auch eine Frauen- 
aufgabe, die den Alkohol bekämpfen hülfe. 

Denjenigen Bedürfnissen des gesellschaftlichen Lebens, 
welchen die Gasthäuser genügen, könnten alkoholfreie Wirt- 
schaften dienen, zu verschiedenen Vereins- und Volksbildungs- 
zwecken alkoholfreie Volkshäuser errichtet werden. Wie er- 
freuliche Beispiele zeigen, können solche sich großen Zuspruchs 
und segensreicher Wirkungen erfreuen, wenn sie mit Verständnis 
und Pflichttreue geführt werden. 



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— 366 — 

Das Znrftckgehen der Trinksitten, des Alkoholkonsoms, 
der leider heute überall noch im Wachstum begriffen ist, wird 
ganz sicher eine Steigerung des Familienglttcks, des öffent- 
lichen Wohlstandes und der Sittlichkeit, ein würdigeres Ver- 
hältnis zwischen Mann und Weib zur Folge haben, wenn es 
uns auch natürlich nicht einfällt, zu behaupten, daß durch die 
Alkoholabstinenz diese menschliche, allzumenschliche sich dann 
in eine Gesellschaft von Engeln yerwandeln werde. Wir wollen 
aber doch lieber den Sperling in der Hand, als den Storch 
auf dem Dache, das heifit in diesem Falle lieber einmal den 
wenigstens von seinem alkoholischen, durchaus nicht not- 
wendigen Gebrechen befreiten Mann, als das untadlige Ideal 
der Backflschträume und Gartenlaubenromane — lieber als 
den Übermenschen Nietzsches oder den Zukunftsgenossen des 
Sozialstaates. Statt bei jeder Gelegenheit zu seufzen: „So 
sind die Männer", wollen wir lieber beobachten lernen, warum 
unter gewissen Verhältnissen die Männer so sind — und dann 
den so oft als Ursache des Übels erkannten Alkohol durch 
Beispiel und Aufklärung zu vertreiben suchen. Denn wir 
Frauen sind keineswegs so unschuldig an Trinksitte und 
Alkoholismus, wie viele glauben. Jedes Geschlecht ist mit 
verantwortlich für die Schwächen des anderen; wenn es 
solche konsequent verfolgte und vermiede, müßten sie not- 
wendigerweise abnehmen. So auch die Alkoholseuche, wenn 
das weibliche Geschlecht, das am meisten darunter zu leiden 
hat, einmal seine Einwirkung auf tägliche Sitte und Gewohn- 
heit, vor allem aber den mächtigen Einfluß auf die Erziehung 
der zukünftigen Generation dazu verwenden wollte, 
die Menschheit aus dem Banne dieses Giftes zu lösen, dem 
mehr Opfer fallen als dem Kriege und den gefährlichsten 
Krankheiten. — Weit entfernt, steckt aber unsere Frauenwelt 
selber in den Fesseln, wenn nicht der AlkohoUeidenschaft selbst, 
so doch des von ihr geschaffenen Trinkzwanges. Wie viele 
trinken mit, nicht aus Unfähigkeit, dem Alkohol zu widerstehen, 
aber aus Unfähigkeit, in irgend einer Sache, und wäre es auch 
die für sie selber folgenschwerste, von den Sittengeboten der 
Herren der Schöpfung abzuweichen. Angstvoll sprechen sie 
von der Freiheit, die sie sich wahren woUen, der Freiheit, un- 

23* 



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— 356 ^ 

gesiUttt nnd niemaiitl störend sieb dem TrinkzWange zu beugen. 
Statt ihrer Umgebung' durch eigene konsequente Enthaltsam- 
keit zu beweisen, Me güt^ billig, gesund und froh sich g'anz 
ohne Alkohol lebeii läBt, verteidigen sie wie ein Heiligtum 
ihr GlÄschen, eben dieses verhängnisrolle, mäßige Gläschen, 
das immer und immer den verderblichen Glauben an die An- 
nehmlichkeit und TJnentbehrlichkeit des Alkohols nährt Und 
irtlltzt. 

Wann werden unsere Frauen endlich erwachen aus dieser 
herz- und gedankenlosen Blindheit? Sie kommen mir vor wie 
Kaiserin Katharina IL, als sie sich von ihrem Günstling 
Potemkin durch die verwüstete Krim fahren ließ, überall 
ahnungslos die Dekorationen bewundernd, hinter denen der 
schlaue Betrftger das barbarische Elend des Krieges verbarg, 
gerade so wie der Alkohol mit festlichem Lärm und Trink- 
geprfinge das leise Wimmern armer Weiber und Ender über- 
tönt. Aufrütteln möchte man sie und mitweinen machen, da- 
mit sie, um mit einer unserer Dichterinnen zu reden, „auch 
einmal feuchte, sehende Augen" bekämen!" 

In der Diskussion erzählte zunächst LadyBattersea von 
der Arbeit der englischen Frauen gegen die Trunksucht; dann 
berichteten FrL Gaedke-Friedenau und Fräulein Streich- 
han« Pankow von der Gründung eines Vereins abstinenter 
VolksschuUehrerinnen und baten die anwesenden Lehrerinnen, 
sich dieser Organisation anzuschließen. Fräulein Duen sing« 
Hannover sprach ebenfalls f9üc die Abstinenz und für gemein- 
schaftliches Vorgehen von Männern und Frauen. In Hannover 
hat man die Behörden amr Mitarbeit gewonnen. Durch Dar- 
bietung von alkoholfreien Getränken auf dem Bauplatz des 
Bathauses usw. sind erfreuliche Resultate erzielt worden. 
Frau Wendt^Hamburg wies nach, wie jede Hausfrau 
ihren Einfluß gegen den Alkohol geltend machen kann — gegen- 
über ihren Kindern, den Dienstboten und allen, die im Hause 
als Arbeiter oder als Gäste ein- und ausgehen, und wie die 
Abstinenz ihr die Aufgabe einer gesundheitsgemäßen Ernäh- 
rung der Familie erleichtere. 

Frau Oberin von Baltz« Dresden forderte ein stärkeres 



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— 867 ~ 

fU^igreiien der Gesetasgebang gegen die AUtoholprodaktion und 
$err Hoch auf ^Berlin betonte, düA im Guttemplerorden die 
Früruen von jeher den Männern gleiobgestellt gewesen seien 
und gemeinsam mit diesen gearbeitet haben. 



Freitag, den 17. Juni, 



Berufsorganisatfonen und fienosaenachaftsbewegung. 

Frl. Clara Eiben «Hamburg, Assistentin der Gewerbe* 
lnspektion, führte den Vorsitz. Das einleitende Referat hielt 
Frl. Gertrud Dyhrenfurth^Berlin, die folgendes aus- 
f&hrte: 

„Wenn wir heute die Stellung d^ Frau in der Sphäre 
der Öffentlichen Produktion besprechen und sie dabei getrennt 
als Gätererzeugerin und Güterverbraucherin betrachten, so 
weist das schon auf den großen Wandel hin, der sich 
in der geschichtlichen Lage des weiblichen G^chlechtes 
vollzogen hat. Denn diese Trennung ist erst ein Ergebnis 
der modernen Wirtschaftsentwicklung. Als die Frau noch 
m geschlossenen Kreise der Hauswirtschaft wirkte, war sie 
Produzentin und Konsumentin in einer Person. Der In* 
teressengegensatz zwischen Gfltererzeugung und Warenkauf 
war damals nicht vorhanden. Was die Frau schuf, kam 
unmittelbar in der Familie zum Verbrauch; nur ein kleiner 
Teil der Bedarfsgüter wurde außerhalb, in benachbarter 
Arbeitsstätte und in leicht übersehbarem Produktionspro- 
zesse hergestellt, oder hier und da ein seltenes Stück durch 
den interlokalen Handel dem Hauswesen zugeführt Durch 
die Konzentration des Großbetriebes wurde und wird eine 
weibliche Beschäftigung nach der anderen vom Hause abge^ 
löst und eine unvermeidliche Zweiteilung in das lieben der 
Frauen gebracht Zwei Berufskreise scheiden sich in ihrem 
Dasein aus, denen sie durch Fertigkeiten und Kenntnisse^ 
durch technische und geistige Bildung, durch Gemüts- und 



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— 358 — 

Charakterdisziplin gewachsen sein soll Ans diesem Dnalismns 
erwachsen die ganzen Probleme der £rziehnng der Fran nnd 
die Schwierigkeit, ihr die richtige Stellung im Ganzen der 
Volkswirtschaft zn geben. 

Die Form der Organisationen, die wir hier vorfinden, sind 
wie alle Knltnrformen von Männern vorgebildet^ für ihr Leben 
zugeschnitten. Vielleicht haben wir das anfänglich zn wenig 
erkannt nnd nns zn . sehr auf bloße Nachahmung männlicher 
Strukturen beschränkt. Doch wir lernen durch die Praxis 
immer mehr verstehen, daß Organisationen, um wirksam für 
uns zu sein, dem weiblichen Sinn und den weiblichen 
Lebensaufgaben angepaßt werden müssen. So werden wir 
auch heute, wenn wir die beruflichen Vereine der Frau be- 
sprechen, zu prüfen haben, wie weit die Frau bei der geteilten 
Energie, dem geteilten Interesse, mit dem sie infolge ihres 
Doppelberufes in das gewerbliche Leben tritt, erfolgreich den 
Weg der Selbsthilfe zu beschreiten vermag, und wie weit be- 
sondere Stützen auf diesem Wege für sie zu suchen sind. 
Wir werden nachzuforschen haben, welche Berufszweige, 
welches gesellschaftliche MUieu ihr die wirksamste Organisation 
ermöglichen, und in welchen diese sich nicht durchzusetzen 
vermag; wo sich infolgedessen die Forderung erheben muß, 
daß der Staat die Form der beruflichen Interessenvertretung 
schaffen soll, um denjenigen zu helfen, die nicht Zeit und 
Kräfte haben, um diese Form selbst zu bilden und durchzu- 
setzen. Wir werden femer nach den Erfahrungen, die sich 
bisher ergeben haben, feststellen, wo die Frauen mit ihren 
männlichen Berufsgenossen zusammengehen sollten; wo sie am 
besten ganz in den Vereinen der Männer aufgehen oder, in 
Extragruppen zusammengeschlossen, doch unmittelbaren An- 
schluß an die männlichen Gewerkschaften suchen sollten. Wir 
werden zu erörtern haben, ob stellenweise Interessengegensätze 
zwischen den Geschlechtern obwalten, die eine besondere 
Organisation der Frauen nötig machen. Denken wir an den 
Kampf, der sich jetzt zwischen den männlichen und weiblichen 
HandlungsgehUfen abspielt — an die Verschiedenheit der Auf- 
fassung, die zwischen der heimarbeitenden Mutter und dem or- 
ganisierten Fabrikarbeiter besteht. Und wir werden endlich zu 



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— 369 — 

der Frage kommen, in welcher Weise die Mitarbeit der Frauen 
ans anderen Kreisen in der Grewerkschaftsbewegnng einsetzen 
sollte. Dieser letzte Punkt insbesondere wird f&r unseren 
Kreis von Bedeutung sein, denn er bestimmt unsere eigene 
Tätigkeit unter der Arbeiterschaft und rechtfertigt den Anteil, 
den wir dort suchen, auch vom Standpunkte derjenigen Klasse, 
die sich aus eigener Straft emporentwickeln möchte. 

Von diesem Punkte werden wir hinfibergeffthrt werden zu 
der Besprechung jener anderen Vereinigungen, durch welche die 
Frauen als Kundinnen den Frauen als Arbeiterinnen helfen 
wollen. Wenn wir heute die fertigen Waren in glänzenden 
Kaufhäusern ausgebreitet sehen, so wissen wir doch nichts 
von der Welt der Arbeit, aus der sie stammen. Ein dichter 
Vorhang trennt diese von der Welt des Konsumenten, der das 
Arbeitserzeugnis wählt, gleichviel, ob es unter ungesunden 
Verhältnissen, bei übermäßiger Anstrengung gegen unge- 
rechten Lohn erzeugt wurd^. Die Kenntnis dieser Tatsachen 
soll dem Verbraucher vermittelt und dadurch die Wahl des 
Händlers und der Ware zu einer Gewissensentscheidung ge- 
macht werden. Denn hier kommt nicht nur das Interesse des 
einzelnen, sondern ein soziales Interesse in Betracht. Sieht 
die heutige Verwalterin des Hauswesens die Arbeit nicht mehr 
unter ihren eigenen Augen geschehen, so muß sie verstehen 
lernen, wie sie hinter den Mauern der Fabriken verrichtet 
wird. Und wie es ihr zur Pflicht gemacht ist von dem Ge- 
sinde, von den Arbeitsgenossen im Hause keine unbillige 
Leistung zu verlangen, so soll sie auch außer dem Hause nur 
diejenige Produktion anregen und unterstützen, bei der ihren 
arbeitenden Schwestern eine gesunde und anständige Existenz 
ermöglicht wird. 

Hat die Gewerkschaftsbewegung, durch die jeder einzelne 
seine Arbeitsverhältnisse zu verbessern wünscht, die Genossen- 
schaftsbewegung, in der jeder einzelne zu gewinnen vermag, 
indem er den Profit, sei es des Unternehmens oder des Händlers, 
auszuschalten sucht, neben großen idealen Gesichtspunkten ihre 
starken egoistischen Beweggründe, so will die Konsumenten- 
liga mit Unterdrückung aller Eigensucht des einzelnen und 
der Klassen nur an das soziale Empfinden appellieren. Hierin 



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sdMmfc itore ri^lkkß OrSft», W4)U $b&r Meli ikr» Ortnwi 

Nato Bicbt rm QiwbA ms Teriindeni kOiiieii. JadenJUb. 
aber teiatet de aüae große aitf blirende n^d wackeida MiaaiM^ 
ilmt ißxm BedMjlmg ima im YorbiUI rem Avianka Tiel wk 
sagan lial>ea wird. Sa mA dar Frw, am aia aueh al» 
Kftnferiii mid Verbraieliarwi ftr «ttijeh^aoodaJe Gaaioht»^ 
IHMikte 9a g^fwmnm, dier Zwamm^liaiw: awisehoi HMawirt- 
schaft and Vi^kawirtodialt Taf8tSiidli0har werdaau 

So wird WS jeder «iseiar Bfetrachtaagala^iaa m iwiJBx- 
gebAtaae ffthrm: die Frage Aar Orgaiiia«tioi^ aei ea ki BanüSsh 
Teveiiien» Oenoasenscbalten oder KonsiimaiitMyereiiim, i^t etee 
Frage der ErzjelMuig; Dqrcki Erajehmig gilt ea d^ Auai^iek 
ZE fl]i4eii zwiadien der persSiüich^flinijlieiUiaftei) ExiatenK der 
Frau fmd ihrer bemflieb-aoäal^t Sie aoU emeraeila dieir 
Mittalpnakt der individiieUen HaaaUchkdt arin^ in dier aUea 
in Persönlichen lebt and webt^ und gleichsmtig ein Glied dw 
velkswirtochaftliclien Oüganiaation, die auf nnpeissönUcbe Zwecki^ 
gmchiet iat und von don einzelnen die Unterdrückong daa 
beaonderen, die Einordnnng in Beib nnd Glied, daa An^^iMi 
im allgemeinen fordert. Wie schwer ein Anagleich beider 
Elemente zn flnden ist, daa werden alle di^enigw hervorheben» 
die den weiblichen Gharalct^ in der beruflichen Sphäre wk 
bilden suchen und die Fran zur Trägerin di^ Oi^anisationan 
machen wollen, die wir heute zu besprechen habm. Sie setzen 
dacTum auf die Frauwbewegung die Boftiung, dafi sie dAe^ 
moralischen und intellektuellen Kräfte wecken wird » um der 
Franennatur aua Wid^vtreit^idem zu einer höheren Ein^ 
hett zu verhelfen» In diesem Sinne gruben wir, da& die 
Entwicklung der Berufsorganisationen und der Konsumen«^ 
tenveceinen von der Zukunft der Frauenbewegung ab- 
htogig ist'< 

FrL Else Lfiders-Berlin führte in ihrem Referat übav 
„Die Organisation der deutschen Arbeiterinnen'' 
etwa folgendes ans: Die Organisation der weiblichen Arbeiter* 
Schaft in Deutschland wird sehr durch die leider herrschende 
Zersplitterung innerhalb der Arbeiterbew^rung erschwert Ea 



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— 361 — 

enstieren drei Hauptvnippen von ArbeiteveiiwuMtioneE: djle 
Hirsek-I>iuickerscW Gewerkv^rein«, dl« sofenanatea fmeu 
QeweüLscha&m imd die christlk^ea GewerksobAftra. AJÜle 
diese bebanpteB Toa sich, priasipi^ s^tral m sein; ta^taieb« 
lieb yertretm sie j^edoch bertiipmte poUtisohe BiehtimgeB. Anck 
die Stellim? zur Organisation der Frauen ist bei den dr^ 
Gmppen verschieden. Die ft^ien Gewerkschalten soeben Mämier 
und Frauen gemeinsam zn organisieren ^ und ^war nach Be- 
rufen; die Hirsch-Dnnkerschen Gewericvereine haben vor kurzem 
eine „Nur^Frauen-Organisation^ gegrOji^e^ in d^r Fräsen aller 
Berufe Aufnahme finden; von den christUcben Gewerkschaften 
muA der ehristiiehe Gewerkverein der Heimarbeiterinnen er^ 
wahnt werden, der zwar keine Eampforganisation darsteUt — 
wie die freien Gew^kschaiten es sind — sondern mehr eine 
Art Wohlfahrt»^ und Unterstfitzungsverein, Das Ideal, dem 
wir für die Arbeiterinnenorganisation zostreben, wäre eine 
einheitliche neutrale Gewerkschaftsbewegung, wo nur eine 
Gliederung nach Berufen stattfindet, aber keine Zersplitterung 
durch die Politik hineingetragen werden dar! Das Zu- 
sammenarbeiten mit den Arbeiterinnen, die in den freien Ge« 
werkschaften organisiert sind, wird erschwert durch das Miß- 
trauen der sozialdemokratische Frauen; doch sind auch auf 
selten der bürgerlichen Frauen viele Unterlassungssünden be- 
gangen worden. Durch ehrliche treue Mitarbeit muß dies 
Mißtrauen überwunden werden, und es ist Pflicht der bürger- 
lichen Frauen, trotz aller Erschwerungen ron rechts und links 
mitzuarbeiten an der Orgaousation der Arbeiterinnen. 

Über „The Women's Trade-Ünion League" be- 
richtete Miß Mac Arthur^Iiondon wie folgt: . 

The Women's Trade Union League was founded in 1874 
by Mrs. Emma Paterson, the daughter of a scboolmaster and 
the wife of a cabinetmaker, who had deroted berself from the 
age of 18 to movements for the ameUoration of the political 
and industrial condition of women. Although her busband: was 
a Trade Unionist, and she had been all her life in close touch 
with working men's organizations, and although various articles 
sbow that she was conseious of the deplor^le conditions of 
the women wage eamers of the day, tbe idea of applying the 



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— 362 — 

remedy of combination only seems to have taken active form 
in her mind after a Visit to America in 1873. Whilst there, 
she was greatly impressed by the organizations managed by 
women, i. e. "The Parasol and Umbrella Makers Union", "The 
Women's Typographical Union" and "The Working Women's 
Protective Union". Of these, the two first seem to have been 
trade organizations of which the provident side was more 
developed, and the Chief work of the latter the legal protec- 
tion of its members in their relations with their employers. 
On her retum to England Mrs. Paterson called on her friends 
to snpport her scheme for helping working women to help 
themselves; and the "Women's Protective and Provident Leagne" 
was then formed. This title was chosen becanse at that time 
Trade Unionism was extremely unpopnlar; bnt, later, courage 
was gathered to boldly adopt the present name of "The 
Women's Trade Union Leagne". The Constitution has also 
undergone considerable change. The Leagne is now a Fede- 
ration of affiliated Unions of those trades in which women are 
employed and has a membership of over 60000 women workers. 
All secretaries of afftliated Trade Unions are ex-offtcio membera 
of the Leagne Committee, of which Lady Dilke is President; 
and on which are also a certain nnmber of members elected at 
the Annnal Meeting. The Committee of Connsel, consisting of 
leading Trade Unionists, advises the Leagne, and its members 
are present at the Annnal Meeting. The Leagne is partly 
snpported by contributions from a body of snbscribers in sym- 
pathy with the objects of Trade Unionism, and partly by the 
contributions of Trade Societies and afftliated Trade Unions. 
The afflliation fee for Trade Unions is 2/6 per 250 women 
members. The fee has been purposely fixed as low as possible 
in Order not to exclnde small and poor societies from the 
advantages of belonging to the Leagne. The only qnaliflcation 
needed is that the society applying for affiliation shall be a 
genuine Trade Union and send out annnal balance sheet pro- 
perly audited. 

Many Trade Unions, representing trades in which women 
are not employed, which are desirous of assisting in propaga- 
tion of the principles of Trade Unionism amongst women also 



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— 363 — 

gnbscribe to the Funds. Private subscribers are admitted to 
membership of the Leagne and receive inyitations to the 
annual meeting, at which the officials for the ensuing year 
are elected. The primary object of the League is the trade 
Organization of Women^ and Organizers are sent all over the 
United Kingdom to form new or strenghten existing Trade 
Unions. The policy adopted is to organize women in the same 
Union with men in the same trade. Where this is impracti- 
cable, it is thought desirable that any Women's Union shonld 
be as closely as possible connected with that of the men^ if 
one exists in the trade. The roles of a new Union are framed 
with a view to the special conditions which may prevail in a 
particnlar trade or district^ and in accordance with the desires 
of the persons affected. Any tendency to tum a Trade Union 
into a Benefit Society by laying too much stress on the provi- 
dent aspect of the Union is strongly depreciated, as this should 
be a snbsidary to its trade objects. 

It is estimated that there are over 130000 women Trade 
Unionists in the United Kingdom and of these 90000 are 
members of the Lancashire Cotton Unions. The remaining 
40000 Women Trade Unionists are in scattered Unions all 
over the coontry, and, not being massed in one district or in 
one trade, are of conrse much less powerfhl than the Lanca- 
shire Cotton Operatives. The fact that the Lancashire Cotton 
Trade is the only industiy in which all the women are paid 
at the same rate as the men for the same work is a valuable 
tribute to the value of their Organization; and the Stan- 
dard of living among the workers in Lancashire is exceptio- 
nally high. 

The furtherance of Labour Legislation forms also an im- 
portant brauch of the League's work, and it acts as the agent 
of Women Trade Unionists in making representations to 
Government Authorities or Parliamentary Committees, with 
regard to their legislative requirements, or in bringing forward 
specific grievances in individual trades or factories, by means 
of questions and representations by Members of Parliament in 
the House of Commons. 

Complaints as to grievances and breaches of the Factory 



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ai^ Workshop Acts, wben sent to the Leagne are i&vestigate4 
carefally, and referred to the proper quarters. LegBl advie# 
is given free to working women by the Legal adyice departr 
ment of the League, an4 a nmnber of Gases imder the Workt 
men's Compensation and other Industiial Acta, have been woa 
in Court. — 

Es folgte das !Referat von Signora Argentina Alto- 
belli^Beretti ^Bologna über 

L'organisation de$ f^mmea ouvriörea w Italia, 

„ . . . . Cfaez no^s, le monvement des ouvriers, naissanit 
bientöt apr^s l'anification de la patrie, n'entrainait les femm^ 
que bien plns tard et, en 1870, Tinstitution des soci^t6s da 
secours mntuel des femmes yint mettre fin & la tradltion, seloa 
laqnelle les femmes restaient des reclnses, ne sortant que pow 
aller k Töglise. En 1885, les socialistes tentörent k faire nne 
propagande ponr l'organisation des femmes, et moi-meme, je 
commen^ais ä parier de römancipation et de l'organisation des 
femmes — höläs, sans succ^s! Ma premlöre Conference faite ä 
Parme n'ent qn'iin auditoire de qnatre femmes et d'une 
yingtaine d'hommes, mais cela ne me döconragea pas, et, 15 ans 
plns tard, j'ai eu, k Parme mgme, la satisfaction de yoir le 
thSätre, oü j'allais parier sur la m6me qnestion, insufflsant k 
contenir le public, parmi leqnel U y avait presque deiq^ 
mille femmes. 

Nous trouYons les premiers essais y^ritablement seriem^ 
d'nne Organisation des syndicats senlement en 1892, aprte 
rinstitution de nos Chambres dn Travail, qui furent cr66es sur 
le modele des Bonrses de la France, et ce fnt la Chambre d0 
Milan, en 1892, qui, la premi^re, organisa les ouvriers in- 
dustriels et les recueillit, en eräant des sections de femmes. 

L'exemple fut bientdt imit6 par d'autres Chambres. Mais 
il faut bien dire qu'alors nos femmes se montrörent iuaccessiblas 
ä une innoyation qu'elles ne comprenaient pas, car elles n'ayaieut 
eucore ni la connaissance des ayantages qu'offrait l'organisation, 
ni la foree de yolonte de s'a&anchir des babitudes entre les* 
quelles elles yiyaient ^loignees de la yie publique. De 189$ 
k 1898, l'organisation des ouyriöres italiennes n'eut ni d^yeloppe- 



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— 865 -. 

ment, ni vitalitö, et eile se vit senlement en favenr peüdant 
les gr^ves henreuses, qüi denn&rent anx onvri^res Tavantage 
d^e augmentation de salaire. En 1898^ la rtoetion politiqne 
liat frapper tontes les orgaBisations d'oüyriers, se tronvant 
tiors daiifl nne premiöre pöriode de prospörit^i Mais bientöt 
elles se feconstitnörekit plus nombrenses et plus fortes. 

Pour rendre mon exposi plas clair, il me faüt partager 
les ligaes en denx espöces: 

Les ligues des ourri^res industrielles et les lignes 
des oQvri^res des champs qui ont le m6me but d'am6Iiora- 
tion öconomiqne et morale, mais dont l'esprit est dif%rent. 

Les önyriöres indHstrielles organisöes en Italie s'^livent, 
Selon la statistiqne faite par la F6d6ration de Milan, an chiffi*e 
de 20600, dont 3000 sont an service de l'Etat, travaillant an 
tabac et ä la pondre ä canon. Le nombre est petit compar6 
an total de plns d'nn million de femmes, travaillant dans les 
indnstries italiennes; il fant cependant consid^rer qne l'organi- 
sation ne comprend pas tonte Tltalie, mais senlement l'Italie 
septentrionale. Le nombre des örganis6es est incertain, vari- 
able Selon les temps et les circonstances. Dans les organisa- 
tions, les ouvriires industrielles se rallient surtont pour, en 
montrant de la solidarit6 aVec leur classe, am61iorer lenr con- 
dition personnelle. Elles s'agitent pendant les jonrs de grfeve, 
ponr obtenir quelques avantages de leur patron. La gr^ve 
flnie, elles rentrent dans leur indiffference et se contentent de 
payer — et meme pas toutes — les cotisations sociales. Cepen- 
dant, grace ä la force qu'a en elle-mfime Torganisation, les 
ouvri^res ont obtenns de remarquables am61iorations : Quant 
am salaires, une moyenne de 50 Centimes d'angmentation par 
jour; puis denx heures de diminntion sur Thoraire; une joum6e 
ou une demie joum6e de repos chaque semaine et enfin quel- 
ques avantages hygi6niques aux ateliers. 

Gräce ä cette force d'orgaüisation qui a fait du bien m^me 
aux ouvriferes non organisfees, les femmes ont pu obtenir la loi 
concemant le travail des femmes qui rfegle le travail et gouveme 
6galement le patron quant äThoraire, le repos, et d'autres dis- 
positions prot6geant Touvriöre. Les femmes peuvent aussi se 
fAliciter de denx succ^s favorisant les hommes: de la loi sur 



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— 366 — 

les accidents, et de l'institntioix des probi-viri, tribimal 
s'occnpant des qnerelles entre patrons et ouvriers, et pc^nr lequel 
les femmes ont, comme les hommes, le droit de yoter pour les 
juges ä. nommer. Ce droit si jnste et si simple que les ligis- 
lateurs d'Allemagne ont refiisä aux femmes, devrait Stre r6clamö 
par Yous antres femmes allemandes. Les associations ou lignes 
de rösistance se composent de femmes seules on d'hommes et 
femmes; elles sont r6imies toutes ensemble däns les diff6rentes 
f6d6rations nationales. Chaque f6d6ration a son comit6 qui 
trayaille ä. rendre homogenes les salaires et les horaires, agit 
sor les lignes par la propagande ponr en d6v61opper le senti- 
ment de solidarit6, qni est la force dans la r6sistance et dans 
les grfeves. 

Les organisations les plns importantes sont : Torganisation 
des onvriferes en chapeanx, des onvriferes d'imprimerie, et l'orga- 
nisation des onyri^res de l'Etat. Celle-ci est tr6s interessante. 
Les femmes ont en non seulement le courage de s'unir en 
lignes et de se f6d6rer; mais elles ont arrang^ des comices 
ponr protester contre les dispositions des ministres on dn 
gonvemement, elles sont entr6es en grfeve, elles ont envoyfe 
des commissions k Bome anx ministres, pour lenr commnni- 
qner lenrs d6sirs, lenrs protestations. Je les connais bleu moi- 
mSme, car j'ai 6t6 plusienrs fois conförencifere de lenrs comices; 
j'ai YU le conrage, la fiert^ de ces femmes qni ont sn obliger 
des ministres ä reconnaitre lenr droit de s'organiser et qni ont 
sn d6fendre lenr travaiL 

Nons antres socialistes nons tächons de former la con- 
science et la Yolont6 des femmes ouYri^res ponr les obliger k 
marcher toutes seules snr le chemin du progrfes moral et 
economique; mais nous aYons lä. une OBUYre tr6s difficüe k 
accomplir, car le pretre Yeut toujours l'esclaYage des femmes 
et la concurrence de la Democratie Chr6tienne tente k nous 
barrer le chemin. Si notre propagande est encore bien loin 
d'accomplir la r6g6n6ration des femmes organis6es, nons pouYons 
cependant etre satisfaites de notre trayail car beaucoup de 
r^sultats heureux nous montrent que nous sommes dans le bon 
chemin. H se produit aujourd'hui un heureux röYeil et dans 
Torganisation des ouYriöres industrielles et dans toutes les 



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— 367 - 

femmes non organis^es, mais pas non plus ennemies de Torga- 
nisation, car elles acconrent k nos conförences. 

Sans doute Texemple de rorganisation des ouyriers des 
champs a pnissamment contribu6 k äveiller les femmes; c'est 
un merveilleux phtoom^ne social sans pr6c6dents dans l'histoire 
du Proletariat de TEurope; les femmes y fignrent antant que 
les hommes et mSme quelqnefois avec plus d'ayantages que les 
hommes. Nos onvri^res rurales enrent toiyonrs une condition 
de vie bien plus miserable qne celle des ouvri^res de Tiiidustrie, 
par snite d'un travail inhamain d^s l'anbe k la noit^ de salaires 
yariant entre 30, 40, 50 Centimes par jonr, d'un fröquent 
chömage, surtout en hiver, et enfin parce qu'elles 6taient tout 
k fait sigettes k Thomme. Nous allons yoir comment leur 
Situation a 6t6 amälior^e par l'organisation. 

L'organisation des ouyriers des champs fit ses essais en 
1885 dans les proyinces de Mentone et de Beggio-Emilia, et, 
en peu d'annäes, eile prit la forme de la ligue (lega) qui subit 
plusieurs transformations jusqu'en 1900, öpoque oü l'organisa- 
tion se d6yeloppa et acquit sa forme actueUe. Les socialistes 
d'Italie, et moi ayec eux, nous ayons consacrä toute notre 
actiyite de propagande k ce mouyement des ouyriers des 
champs; et, d^s les premiers jours, j'ai yu beaucoup de 
membres f6minins des lignes y apporter de Tenthousiasme et de 
la conflance. Dans Tltalie septentrionale et dans quelques 
pays de l'Italie centrale oü je yais souyent, appel6e par les 
socialistes, j'ai pu former des ligues de femmes de la cam- 
pagne, et ma propagande a toujours eu beaucoup de succ^s au- 
prfes des femmes, se laissant yolontiers encourager par une 
femme. 

En 1901, pas moins de 20 mille ouyri^res rurales 
etaient organisöes en ligues d'hommes et femmes et en ligues 
de femmes seules. Toutes ces ligues assistferent au premier 
Congr6s des ouyriers des champs qui eut lieu en Bologne la 
m^me ann^e, 1901, et qui r^unit 200 mille organis^s. Les 
femmes aussi proclam6rent dans ce Congr^s la fin du socialisme 
en r^amant la socialisation de la terre. 

Le nombre des femmes organis^s augmenta en 1902 
k 30 mille et il se maintient k peu prös inyariable aujour- 



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_ 968 — 

d'imi car, bien ^n'il y ait des provittces ot des lignes ae seilt 
dissoutes, il y eia a d'a;«tres oü rorg^aaisation a fait de remar- 
qtiables pirogi^. Lltaüe septentrionale, sartont dans rEmilie 
est mainteRant tonte couverte d'un gra&d röseau de lignes 
dans lesqaeües sont inscrites 21 tiille (mvritees. Par ma 
propagande dans f Emilie et snrtout daiis la proTÜice de Bo- 
logne o& j'habite, j'ai ptt former ime fMteatioii des oiganisto, 
qui est la plus forte de Fltdie et qni compte bien pins de 
20 mille ouvriers, parmi lesqaels 6000 femmes, qni ne sont 
pas senlement organis^es, mais qui ont une oonscience 6veiU6e 
pour le droit, pour la morale, pour le bien. Permettez que je 
Tous dise, que je suis fifere de la F^döration que j'ai formte, 
et de mes organis^s. Bs m'^coutent^ ils m'aiment et le m6rite 
est tont k eux si j'ai pu prSparer une oeuvre de röginiration 
du prol6tariat k Faide de Torganisation et de ses premiers 
avantages, car tous les salaires sont presque doublös^ Thoraire 
du trayail a partout diminuö, et les ouvi'iers d'aiigourd'hui 
sont moralement fort mieux que ceux du pass6. J'ai Thoimeur 
de foire partie du Gomitö de la Föderation avec d'autres socia- 
listes; et mes collögues me rendent hommage en me laissant 
diriger tout ce taste mouyement; ils sont libres du pröjugö 
qu'ont beaucoup d'hommes qui ne veulent pas Stre diriges par 
des femmes, simplement parce qu'eUes sont des femmes. 

Le clerg^ italien, alarmö de ce röveil des hommes et en 
particulier des femmes de la campagne, lutte de toutes ses 
forces contre notre propagande; et, pour anöantir notre Organi- 
sation, a tent6 d'organiser des Unions professionnelles, esp*ce 
des ligues catholiques qui conservent tous les pr6jug6s du pass6 
et qui rendent service aux patrons. Pendant les grfeves ils 
envoient les membres des Unions trayailler pour faire dommage 
aux gröyistes; k leurs yeux ce sont des traitres appelte 
Erumirs, n6ologisme meprisant. 

Nos ligues, incomparablement supMeures aux Unions pro- 
fessionelles par le nombre et par Tinfluence, ont un caractöre 
Tisiblement soöialiste dans toutes leurs actions, parce qu'^es 
prirent naissance par suite de notre propagande; elles sont 
gouvemees par des socialistes. Elles se proposent le bat im- 
mödiat de ramölioration öconomique par la resistance et la 



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— 369 — 

solidarit^, et ram^Uoration morale k l'aide de Tinstiiiction et 
de la participation ä tontes les manifestations ciyiles et poli- 
tiqueSy et enfin ram^lioration juridiqae en obtenant des lois 
protectrices du travail. 

Les liguistes payent k la caisse de la ligue 15 k 20 
Centimes par mois pour les frais d'administration et de propa- 
gande, et le fonctionnement de chaque ligue est r^l6 par une 
Commission d'ouvriers. La Commission administre le capital 
social, fixe avec les propri^taires les contrats de travail, place 
les ouvriers pour emp^cher le chömage et la concurrence, et 
prövoit, pour des jours oü le travail manque, un juste partage 
du travail et du pain. Les propri6taires refasent souvent de 
reconnaitre les Commissions des ligues, et de traiter avec elles ; 
ce qui est la cause de la plus grande partie des gr^ves 
agraires et des boycots, car les ligues voient dans leurs 
Commissions la force pour obtenir des victoires et pour les 
maintenir lorsqu'ils les ont obtenues. 

La m6tliode suivie pour obtenir l'unitö et la rapidit6 d'action 
est la plus rigoureuse centralisation. Chaque province a sa 
föd^ration des ouvriers des champs qui r6unit toutes les ligues, 
surveille leur administration, les assiste dans leurs lüttes et 
dans les grfeves, juge en appel les querelies entre les associös, 
pourvoit k la distribution des travaux publics entre les ligues; 
ses d^liberations sont suivies par chaque ligue avec une dis- 
cipline admirable. Les fed^rations provinciales fönt une con- 
tinuelle propagande pour Torganisation et la solidaritö, k l'aide 
de comices et de Conferences. EUes sont unies entre elles par 
la F6d6ration Nationale des ouvriers des champs, qui re- 
pr^sente et d6fend les int^rgts g6n6raux du Proletariat rural 
aupr^s du Parlement, du Secr6tariat central des F6d6rations 
Nationales et du conseil Sup6rieur du Travail. Elle fait des 
propositions de caract6re national et utiles pour am^liorer 
le sort des ouvriera des ligues; eile maintient et augmente 
dans tonte la Nation Tesprit de solidarit6 entre tous les 
ouvriers dans leurs lüttes. La Föderation Nationale et les 
F6d6rations provinciales agirent dans le but d'obtenir une 
16gislation capable k apporter des remödes contre la pellagra 
et la malaria, qui frappent les travaiUeurs des champs, les 

Franenkonsreß. 24 



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- 370 — 

femmes sortout, parce que celles-ci sont plus faibles et par 
cela meme plus expos6es ä. ces denx maladies, la honte 
(Von pays qni poorrait bien les faire disparaitre« Par suite 
de ladite agitation on a, depnis deux ans, obtena denx lois 
sanitaires concemant, Time la pellagra et Taatre la ma* 
laria; cette demi^re accorde la distribntion gratnite de la 
quinine. 

Par la Föderation Nationale et par les Födörations pro- 
vinciales ces lois furent r6y616es k tont le monde dans les 
campagnes, moyennant de circulaires imprimöes, et elles furent 
expliqu6es aux paysans dans des Conferences publiques, anx- 
quelles les ouvriers acconmrent en grand nombre, d6montrant 
qu'ils ne s'interessent pas senlement aux salaires et anx 
horaires, mais encore anx lois sanitaires et aux connaissances 
scientifiques. 

Dös l'an 1866, nous avons en Italie une loi sur les 
trayaux de la riziöre; mais eUe fiit toi]gours obstinöment 
nögligee de la part des propriötaires et eile fut malheureuse« 
ment ignoröe par les trayailleurs. Aprös ayoir et6 oubliöe 
pendant 37 ans, les F6d6rations Tont r6y616e aux trayailleurs 
des riziöres; et les ouyriäres des champs ont fait une mer- 
yeilleuse campagne pour Timposer aux proprietaires qui ne la 
youlaient pas obseryer, et aux autoritös qui nögligealent de la 
faire obseryer. Le projet d'une nouyelle loi sur les trayaux 
de la riziöre est aux Offices de la Chambre des d^putös 
dltalie qui s'en occupera bientöt, pressöe par les ouyriers or- 
ganis6s. 

L'organisation socialiste a su faire des prodiges ayec ce 
merveiUeux r6yeil de la conscience des ouyriers et des ouyriferes 
de la campagne. Bref : oü Torganisation est forte et actiye, 
les salaires des femmes ont ete doublös, Thoraire, autrefois de 
12 heures, se trouye röduite ä. 9 heures, et ä. 8 heures dans 
la riziöre. Ce qui est plus important encore, le milieu social 
a yu son niyeau moral s'^l^yer considerablement. L'6goisme 
indiyiduel a ete restreint par le sentiment de la solidarite et 
de la fratemite. En effet, dans les organisations on diyise le 
traA'ail et le gain, on yient en aide aux malades et aux yeuyes 
par quelque travail 8uppl6mentaire, fait au b6n6flce de l'in- 



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— 371 — 

fortimöe; les crimes out sensiblement dimiimäs, les jennes 
femmes ont horreur de la Prostitution et les jeiines fiUes s^dnites 
et abandonnöes sont encoorag^es dans leur matemitö, et 
elles sont secouraes dans leur accouchement. Dans la provinee 
de Bologne il n'y a pas eu, aprös Torganisation, un seul cas 
d'ayortement artificiel ou d'infanticide, phönomöne qui surprend 
tous les medicins. 

La tendance ä Tivresse diminue par suite de la guerre 
que lui fönt les lignes; les femmes ne sont plus battues parce 
que cela est consid6r6 un crime amenant l'expulsion de la 
ligue, et les femmes aiigourd'hui ne sont plus, comme autrefois, 
regardöes comme ignorantes et införieures. Elles sont estimöes 
comme les ögales des hommes. EUes gouyement par elles- 
m^mes leurs ligues, vont aux congr^s, accourent^ souvent de 
trös loin, aux comices, aux conf6rences de propagande, fiöres 
de leurs banni^res dans les röunions de leurs associations; 
eUes prennent part aux discussions et parlent ayec hardiesse 
et avec beaucoup de bon sens. 

Cest une 616yation de l'äme des femmes, hier encore 
ösdayes des pr6jug6s: c'est du f6minisme se r6alisant par 
des faits!" 

Frau Marie Lang^Wien berichtete über die Arbeite- 
rinnenorganisationen in Österreich. Nur in Deutsch- 
Österreich kann dayon die Bede sein; 4 Millionen Frauen 
arbeiten als Tagelöhnerinnen, nur 1 Million ist in der Industrie 
tätig und steht unter sozialistischem Einfluß. In wenigen 
Jahren ist es gelungen, fast alle Arbeiterinnen (3400 Soz., 
dayon 200 christlich-soziale) in den k. k. Tabakfabriken zu 
organisieren. Eine zweite bedeutsame Berufsorganisation ist 
der unermüdlichen Adelheid Popp zu yerdanken, die der 
Heimarbeiterinnen der Kleider- und Wäschekonfektion, Krayat- 
tenbranche usw. Die Arbeitsvermittlung dort zeigt, daß die 
Nachfrage stets größer ist, als das Angebot. Im ganzen sind 
etwa 15000 Arbeiterinen organisiert, meist in den Fachyer- 
einen der Männer. Der Verein sozialdemokratischer Mädchen 
und Frauen, obwohl nur ein sogenannter Bildungsyerein, arbeitet 
in zahlreichen Gruppen an der Verbesserung des Arbeiterinnen- 
loses, auch besonders durch Förderung desKonsumyereinswesens. 

24* 



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— 372 — 
Über die nordamerikanische Käuferinnenvereinigung 

The Consumer's Ligue 

berichtete Mrs. Mand Nathan 'New York. 

„Hobson, der bekannte Verfasser der Schrift über „Evolu- 
tion im Kapitalismus" hat sehr entschieden und nachdrQcklich 
darauf hingewiesen , daß Jeder einzelne Käufer durch einen 
vollzogenen Kauf einen unmittelbaren aufbauenden öder zer- 
störenden Einfluß auf eine gewisse Klasse von Produzenten 
ausübt". Diese Behauptung läßt sich leichter verstehen, wenn 
wir bedenken, daß die in jeder Industrie herrschenden Ver- 
hältnisse entweder gesund, erhebend und aufbauend sind, oder 
ungesund, erniedrigend und zerstörend wirken. Wenn wir also 
Gegenstände erwerben, die unter den letzteren Bedingungen 
verfertigt werden, so tragen wir zur Verbreitung von ünge- 
sundheit, Erniedrigung und Zerstörung bei; denn es ist eine 
wohl erwiesene wirtschaftliche Tatsache, daß das Angebot 
durch die Nachfrage des Käufers geregelt wird, daß in dessen 
Händen der Hebel ruht, welcher in der ganzen Welt den der 
Erzeugung dienenden Mechanismus leitet und lenkt. Ja, ein 
Angebot kann Überhaupt nur durch Nfachfrage entstehen, hängt 
vollständig von dieser ab. Führe z. B. niemand Zweirad, so 
würden auch keine Zweiräder verfertigt werden; wenn niemand 
Klavier spielte, würden keine Klaviere gebaut, und wenn man 
keine Nähmaschinen gebrauchte, so würden keine angefertigt 
werden, usw. 

Daß wir, indem wir diese Nachfrage nach Gegenständen 
schaffen, also in Wirklichkeit einen Anteil an der Herstellung 
haben, liegt klar auf der Hand, und so sollten wir es als 
unsere heilige Pflicht und Schuldigkeit betrachten, bei jedem Kauf 
in erster Linie in Betracht zu ziehen, was für Lebensbedin- 
gungen wir in den Produzenten der von uns erworbenen Gegen- 
stände hervorrufen. Das Gefühl spielt eine größere Rolle in 
den Dingen der Welt, als wir auf den ersten Blick annehmen 
würden. Der Wunsch eines jungen Mädchens, ihrem Liebhaber 
zu gefallen, mag sie dazu veranlassen, ein helles Band um den 
Hals zu tragen, und dieses Gefühl setzt das Getriebe einer 
Werkstatt in Bewegung. Das Gefühl der Religion veranlaßt 



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— . 373 — 

den Bau yon Kirchen, das Herstellen von Meßgewändern und 
Altarstücken, das Keltern des Weins f&r den Abendmahlstisch, 
das Drucken von Bibeln. Das Geffibl der Humanität führt 
zur Errichtung von Krankenhäusern, zur Herstellung von 
Arzneiwaren, zur Fabrikation von wundärztlichen Instru- 
menten. Die Liebe zum Schönen führt zum Malen von Bildern, 
zum Meißeln von Marmor, zum Modellieren in Ton. Was wir 
kaufen und verbrauchen, hängt von unseren Vorstellungen ab. 
Die drei wesentlichen Bedürfnisse des Menschen bestehen aus 
der Nahrung, die den Körper zu erhalten — einem Dach über 
dem Haupte, das den Körper vor den Elementen zu schirmen 
— und der Kleidung, die den Körper zu beschützen hat. Sind 
wir Menschenfresser, so verzehren wir unseren Mitmenschen; 
sind wir Fleischesser, so schlachten wir Tiere; sind wirVege- 
tarianer, so leben wir von Kräutern, Gemüsen, Obst und Nüssen ; 
setzen wir unser Vertrauen auf Geschäftsanpreisungen, so essen 
wir „Force"! Der Eskimo war mit einem in die Erde ge- 
grabenen Loche zufrieden, Diogenes mit einem Faß. Von 
diesen ursprünglichen Wohnungen wenden wir uns mit Staunen 
zum Palast eines Cäsar, zum Berg -„Camp" eines amerikani- 
schen Millionärs. Wilde, die sich überhaupt kleiden, verwenden 
öfters Tierfelle. Völker, die weniger ungesittet sind, verwenden 
diese eher dazu, sich zu schmücken, als sich zu bekleiden. 
Sind wir noch gründlicher von der Kultur beleckt, so ver- 
wenden wir nicht nur Tierfelle zu Handschuhen, Schuhen, 
Mänteln und Hüten, sondern wir benutzen auch Singvögel und 
Aigretten, und Aigretten können nur dadurch gewonnen werden, 
daß man, die Vogelmutter in dem Augenblicke fängt, da sie 
durch ihre Weigerung, das Nest mit den Jungen im Stiche zu 
lassen, Gefangenschaft der Flucht vorzieht. Sind wir fort- 
schrittlich gesinnt, so verzichten wir möglicherweise daraui^ 
Aigretten zu tragen, aber nichtsdestoweniger tragen wir, ohne 
Gewissensbisse zu spüren, von kleinen Kindern hergestellte 
künstliche Blumen, baumwollene Waren, die von hilflosen 
Kleinen verfertigt sind, welche die ganze Nacht hindurch in 
der Fabrik arbeiten, oder sonstige Kleidungsstücke, die in 
dunklen, schmutzigen, armseligen Wohnungen — sogenannten 
Schwitzbuden — um Hungerlöhne hergestellt sind. 



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— 374 — 

Unter allen Anwesenden gibt es wahrscheinlich keine 
einzige Person, wenigstens keine Amerikanerin, die von dem 
Vorwarf frei wäre, irgend ein Eleidnngsstttck anznhaben, an 
dessen Herstellung nicht irgendwie oder -wo Kinder beteiligt 
gewesen sind. Ich bin mit den Arbeitsverhältnissen dieses 
Landes nicht so vertraut, wie mit denjenigen der Vereinigten 
Staaten, aber auf alle Fälle arbeiten Kinder in Amerika an 
Unterzeug und an Strumpfwaren; in den sfidUchen Staaten 
spinnen sie in vielen Fabriken die in unserem Unterzeug ver- 
wendete Baumwolle, arbeiten in Schuhfabriken, sticken in den 
Fabriken, in denen gesticktes Unterzeug hergestellt wird; sie 
holen und bringen die Pakete, wenn Oberkleider in Miets- 
kasernen genäht werden; sie flechten das Stroh ifir unsere Hüte, 
machen die künstlichen Blumen, mit denen wir unsere Hüte 
putzen, und arbeiten in den Seiden- und Sammetfabriken, mit 
denen wir mittelbar durch die Verkaufsläden verkehren. Femer 
helfen sie bei der Herstellung der Pappschachteln, in denen 
uns die Kleider in die Wohnung geschickt werden, und zwar 
oft erst um 7 oder 8 Uhr abends oder noch später. Wenn die 
wohlhabenden Konsumenten nicht für diese jungen Arbeiter 
eintreten, dann bleiben sie ohne Schutz. Sie gehören zu der- 
jenigen Arbeiterklasse, die sich am schnellsten vermehrt, und 
wegen ihrer Jugend und Hilflosigkeit können sie weder stimmen 
noch sich organisieren. Weder der Arbeitgeber noch der Arbeit- 
nehmer kann die ersten Schritte zur Besserung der industriellen 
Verhältnisse tun, denn jenem sind durch Konkurrenz der 
bittersten Art, diesem durch Armut die Hände gebunden. Der 
Konsument jedoch , der durch keines von beiden gehemmt ist, 
und indirekt den Arbeiter ansteUt, sollte die Konkurrenz auf 
ein höheres Niveau bringen, dadurch, daß er „den Strom des 
Konsums in Bahnen lenkt, die dem Konsumenten neue 
Kraft geben und die besten Eigenschaften derjenigen erzielen, 
die für den Konsum sorgen." (Prof. Marshall.) 

In alten Zeiten besorgte man das für den persönlichen 
Bedarf notwendige Spinnen, Weben und Stricken selbst; später 
wurden Näherinnen gehalten, die in den Wohnungen der Herr- 
schaften für die Familie nähten und schneiderten. Hätten 
unsere Großmütter diese Näherinnen schlecht bezahlt, hätten 



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— 375 — 

sie von ihnen nngewöhnlich lange Arbeitsstunden verlangt^ 
h&tten sie sie halb verhungern lassen oder sie gezwungen, 
ihre eigenen Nähmaschinen, Nadeln, Bflgeleisen usw. zu liefern, 
so hätten sie öffentliches Ärgernis erregt. Wir Frauen sind 
imstande, bei Gelegenheit dieses Kongresses zur gegenseitigen 
Belehrung zusammen zu kommen, weil viele von diesen Arbeiten 
und Lasten des Haushaltes aus dem Hause in die Fabrik ver* 
legt worden sind. Ist es recht, daß wir alle Verantwortung 
von uns wälzen, daß wir alle unsere erhabenen Ziele fahren 
lassen und in eine Herabsetzung unserer ethischen Grundsätze 
willigen, nur weil die Näherin heute unter der Leitung unseres 
Agenten, des Zwischenhändlers, unter einem anderen Dache 
für uns arbeitet? 

Die Konkurrenz ist heutzutage so stark, daß die Fabri- 
kanten bereit sind, um genug Aufträge zu bekommen, jede billige 
Forderung der Verkäufer zu erfüllen, und falls sie einen Absatz 
finden wollen, werden sie ihrerseits vom Fabrikanten fordern, 
was ihre Kunden^ die Käufer, von ihnen fordern. Sogar was 
Moden anbelangt, schlägt der Fabrikant und der Verkäufer wohl 
Muster und Formen vor, aber der Käufer schafft oder verwirft 
die Mode dadurch, daß er die Vorschläge annimmt oder ab- 
lehnt, mit anderen Worten: der Käufer besitzt die Macht, eine 
Mode beliebt oder unbeliebt zu machen. 

Die vereinzelte Käuferin kann, auch wenn sie ihre Macht 
und ihre Pflicht, diese Macht richtig zu gebrauchen, erkannt 
hat^ für sich allein wenig erreichen. Um das Bewußtsein ihres 
Einflusses auf das Wohl der Gesellschaft zu stärken, müssen 
wir ihr durch Tausende von anderen Käuferinnen die rechte 
Kraft geben, so daß alle die vereinzelt geringen Kräfte vereint 
wirken können. Sobald die einzelne Käuferin aufhört, allein für 
sich dazustehen, ist es verhältnismäßig leichtes Spiel, sie zur An- 
nahme eines Ideals zu bewegen, eines Ideals zum Beispiel, wie 
es durch die „Consumer's League" dargeboten wird, deren 
Mitglieder sich verpflichten, bei ihren Einkäufen stets darauf 
zu sehen, nur nach solchen Gegenständen eine Nachfrage zu 
schaffen, die unter den aUergünstigsten Bedingungen herge- 
stellt worden sind, und wo nm* immer möglich, nur solche 



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— 376 — 

L&den zu besuchen, wo die AngesteUten auch ordentlich be« 
handelt werden. 

Die Consumer's League ist eine Organisation von gewissen- 
haften Käufern, die bei ihren Einkäufen das Wohl der Ver- 
fertiger, Verkäufer und Verbraucher der gekauften Gegenstände 
immer im Auge halten. Die Gesellschaft wurde vor ungefähr 
13 Jahren in Newyork gegründet^ und die Bewegung hat so 
schnell um sich gegriffen, daß es heute 59 Verbände in 21 
Staaten der amerikanischen Union gibt, sowie einen nationalen 
Bund, der diese Staatsverbände vereinigt. Ähnliche Organisa- 
tionen sind femer in Holland, Frankreich und der Schweiz ins 
Leben gerufen worden. Wie zu erwarten ist, treffen wir an 
verschiedenen Orten verschiedene Verhältnisse an, und jeder 
einzelne Verband richtet sich also in erster Linie nach diesen 
Ortsverhältnissen. Vor 13 Jahren ließen die Zustände in 
unseren großen Detailgeschäften vieles zu wünschen übrig. 
Die Angestellten wurden schlecht bezahlt, die Arbeitsstunden 
waren lang, es gab wenig Sitze für die Verkäuferinnen, und 
da, wo es wirklich welche gab, durften die Mädchen sie nicht 
benutzen. Die Eßzimmer befanden sich unmittelbar neben dem 
Abort; Strafen waren übermäßig hoch und wurden willkürlich 
auferlegt, selten gab es Ferien ohne Ausfall des Lohnes, Die 
Consumer's League der Stadt Newyork gab eine Beschreibung 
eines idealen Geschäftshauses heraus und veröffentlichte die 
Namen derjenigen Firmen, die diesem Ideal am besten ent- 
sprachen. Die erste so veröffentlichte weiße Liste enthielt die 
Namen von 8 unserer ersten Geschäftshäuser, alten Firmen, die 
ihren Erfolg auf ihre guten Grundsätze und gerechten Methoden 
zurückführen konnten. Die Consumer's League hielt es für 
recht und billig, die Durchführung ähnlicher Grundsätze und 
Methoden auch von den neueren Firmen zu verlangen, und so 
zählte die letzte weiße Liste die Namen von 46 Firmen auf, 
woraus klar ersichtlich ist, was der Einffuß der öffentlichen 
Meinung vermag. 

Die Newyork Consumer's League lenkt die Aufinerksam- 
keit der Käufer auch auf die Notwendigkeit, ihre Weihnachts- 
einkäufe am Anfang der Saison zu besorgen, um nicht an die 
zu dieser Jahreszeit ohnehin überbürdeten Ladenverkäufer 



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— 377 — 

und Fabrikarbeiter noch größere Anforderungen zu stellen; 
denn es ist selbstverständlich, daß diese viel schwerer nnd 
viel länger zu arbeiten gezwungen sind, wenn die Aufträge 
erst im letzten Augenblick gegeben werden. Die Grausam- 
keiten, die manchmal unbewußt während dieser Tage der 
Freude yeriibt werden, gehören zu der bittersten Ironie des 
Lebens. Menschenfreundliche Käufer vermeiden es, Einkäuie 
am Sonnabend nachmittag zu machen, um die Einführung 
eines allgemein beobachteten halben Feiertages zu befördern. 
Diese Sitte hat in Großbritannien festen Fuß gefaßt und greift 
wenigstens während der Sommermonate in den Vereinigten 
Staaten mehr und mehr um sich. 

In Boston, wo die Zustände in den Läden wenig zu 
wünschen übrig ließen, nahm es die League als erste Aufgabe 
auf, die Schwitzbuden aufzuheben, und wendete ihren ganzen 
Einfluß dazu an, eine Nachfrage nach den in Musterfabriken 
hergestellten Artikeln zu schaffen. Um dieses zu erreichen, 
bewilligte der Nationalbund den Grebrauch einer Marke, wenn 
der Fabrikant verspricht, keine seiner Waren außerhalb der 
Fabrik herstellen zu lassen, keine Kinder unter 16 Jahren zu 
beschäftigen, keine Nachtarbeit zu gestatten und die Vor- 
schriften des Staates in bezug auf Fabriken zu befolgen. Der 
Sekretär des nationalen Bundes besucht die Fabrik und liefert 
einen Bericht über die vorgefundenen Zustände an den Vor- 
stand, ehe die Marke bewilligt wird. Gegenwärtig wird die 
Marke von 60 Fabriken in den Vereinigten Staaten geführt 
und vom Atlantischen bis zum Stillen Ozean, von Maine bis 
Georgia, werden mit der Marke versehene Waren verkauft 

In den Fabriken können Kleider ebenso billig wie in den 
Schwitzbuden hergestellt werden, denn die Fabriken befinden 
sich meistenteils auf dem Lande, wo die Miete billiger ist 
als in der Stadt, und femer machen die Fabriken Gebrauch 
von den neuesten, arbeitsparenden Maschinen. In diesem 
Falle wird also die Billigkeit durch vernünftige Sparsamkeit 
anstatt durch unnötiges Schinden der Armen erreicht. Die 
Arbeiter in der Fabrik erhalten höhere Löhne, arbeiten weniger 
Stunden, sind eine längere Zeit im Jahre beschäftigt und 
arbeiten in hellen, gut gelüfteten, der Gesundheit förderlichen 



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— 378 — 

Räumen. Außerdem brauchen Käufer der Waren solcher 
Fabriken keine Angst davor zu haben, Erankheitskeime in 
ihren Kleidern vorzufinden, wie das ja bei den Erzeugnissen 
der Schwitzbuden so oft der Fall ist. 

In Frankreich war das nächstliegende Übel die erzwungene 
Überzeit oder sonstige Arbeit in der Damenschneiderei und 
Pntzmacherei, und man machte sich zuerst an die Bekämpfong 
dieser Übelstände, die sich am leichtesten von den Käufern 
überwachen ließen. Es wurde bald festgestellt, daß die' Ur- 
sache dieses Hochdrucks in Eilbestellungen zu finden war. 
La Ligue Sociale d'Acheteurs veröffentlicht eine weiße 
Liste von Damenschneiderinnen, Putzmacherinnen und Korsett- 
macherinnen, welche sich verpflichtet haben, ihre Angestellten 
f&r gewöhnlich nicht nach 7 Uhr abends zu beschäftigen, und 
unter keinen Umständen später als 9 Uhr, auch nicht in ge- 
schäftigen Zeiten, ihnen keine Arbeit nach Hause mitzugeben 
und keine Sonntagsarbeit zu verlangen. Die Ligue ersucht 
ihre Mitglieder, daß sie keine Bestellungen machen, ohne sich 
zu erkundigen, ob die Angestellten dadurch gezwungen werden, 
über die regelmäßige Zeit hinaus oder am Sonntag zu arbeiten; 
daß sie während der Hauptgeschäftszeit keine Aufträge im 
letzten Augenblicke geben, daß sie keine Pakete nach 7 Uhr 
abends annehmen, damit der Arbeitstag nicht für die Boten 
verlängert werde, und daß sie ihre Rechnungen regelmäßig 
und schnell bezahlen. Diese letztere Vorschrift ist von größter 
Wichtigkeit, denn die Arbeitgeber sind auf umgehende Be- 
gleichung der Rechnungen angewiesen, um ihre Angestellten 
zu bezahlen, und viel Leiden und Ungemach könnte erspart 
werden, wenn Käufer in dieser Hinsicht mehr Rücksicht übten. 

Ich möchte der Hofftiung Ausdruck geben, daß wir bald 
in jedem Lande der Erde eine Consumer's League haben 
mögen. Professor Gide, der bekannte französische National- 
ökonom, hat prophezeit, daß wir uns an der Schwelle einer 
neuen Zeit befinden, der Zeit der moralischen Erziehung des 
Konsumenten. Um diese Erziehung jedoch zu bewerkstelligen, 
müssen die Konsumenten sich vereinigen; sie müssen Unter- 
suchungen anstellen, Tatsachen feststeUen und durch die Ver- 
öffentlichung dieser Tatsachen allgemeine Kenntnis der Ver- 



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— 379 - 

hältnisse befördern. Herbert Spencer hat einmal gesagt, daß 
„der Hauptzweck der Erziehung der sei, daß wir zu leben 
lernen." Wir können nicht leben, sogar nicht in der ursprüng- 
lichsten, rohesten Weise, ohne gewisse Bedürftiisse zu befrie- 
digen. Wollen wir im weitesten Sinne des Wortes leben, 
wollen wir am Schluß unserer Tage auf ein volles, reiches 
Leben zurückschauen, müssen wir unsere zahlreichen Bedürf- 
nisse in solcher Weise befriedigen, daß wir nicht nur in unser 
eigenes Dasein, sondern auch in das Dasein derjenigen, die für 
unsere Bedürfnisse sorgen, einen Strahl der Freude, der Würde, 
der Anmut, der Schönheit und des Glückes — daß wir unsere 
persönlichen Bedürftiisse mit dem Wohl der ganzen Menschheit 
in Einklang bringen!" 

Madame Avril de St. Croix-Paris berichtete über die 
Syndicats ouvriferes de Paris, die sich in sehr erfreu- 
licher Weise entwickeln. Die Konkurrenzfrage zwischen Mann 
und Weib ist auch in Frankreich, besonders im Handelsgewerbe, 
eine brennende; die Syndikate streben nach Gleichberechti- 
gung der männlichen und weiblichen Berufsarbeiter. 

In der Diskussion sprach Frl. de la Croix«Berlin 
über die Organisation der Heimarbeiterinnen Deutschlands. 
Sie umfaßt zurzeit 2400 Mitglieder, davon ein kleiner Bruch- 
teil bürgerliche Frauen, die ihre Zeit, Kräfte und Mittel dem 
Verein zur Verfugung stellen, jedoch weder in dem Haupt- 
vorstand, noch in den lokalen Gruppenvorständen die Majorität 
haben dürfen. Der Verein hat das Berufs- und Standesinter- 
esse der Mitglieder geweckt und eine lebhafte Agitation für 
die soziale Gesetzgebung auf dem Gebiete der Heimarbeit 
entfaltet. Frau Lilli Braun* Berlin sprach über die Er- 
folge der sozialdemokratischen Frauenbestrebungen, und machte 
den bürgerlichen Frauen den Vorwurf, daß sie in dem Gewerk- 
verein die Heimarbeiterinnen zu bevormunden trachten. Sie 
machte femer auf die in Berlin entstehenden Hausgenossen- 
schaften aufinerksam, die durch eine Centralküche und ge- 
meinsame Hausbeamtin bei besonderer Familienwohnung die 
berufstätigen Familienmütter zu entlasten bestimmt sind. 

Contessa di Brazza«Bom wies auf die Notwendigkeit 



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— 380 — . 

einer yeränderten Erziehung des weiblichen Geschlechts hin, 
welche Gebarts- und Klassenunterschiede überbrücken müsse. 
Frau Elise Ho ffm an n« Berlin bat die Hausfrauen, der 
Organisation der Dienstboten mehr Interesse zu widmen. Mrs. 
Montefiores'London berichtete von einer Bewegung unter 
den Lancashire- Weberinnen , einen eigenen Kandidaten der 
weiblichen Arbeiterschaft ins Parlament zu bringen. Miß 
Bondfield^London trat für ein gemeinsames Vorgehen von 
Mann und Frau in der Berufsorganisation wie in der politischen 
Agitation ein. Sie teilte mit, daß die gemeinsame OrganisatioUr 
der männlichen und weiblichen Handelsgehilfen Englands ihren 
Mitgliedern eine Arbeitslosenunterstützung bezahlt^ wenn sie mit 
Einwilligung des Vorstandes wegen schlechter Arbeitsbeding- 
ungen kündigen. Fräulein vanderMe y* Amsterdam sprach über 
die Arbeiterinnenorganisation in Holland; fast alle Diamant- 
schleiferinnen sind gemeinsam mit den Männern organisiert. 
Fräulein Behm^Berlin erklärte im Gegensatz zu Frau Braun, 
daß der Gewerkverein der Heimarbeiterinnen als eine reine 
Arbeiterinnenorganisation zu betrachten sei, wenn auch die 
Mitarbeit der Frauen aus anderen Ständen zurzeit noch un- 
entbehrlich sei, um die zerstreut lebenden Heimarbeiterinnen 
zusammen zu bringen und die technischen Fragen der Organi- 
sation zu lösen. Auch wies sie auf den ethischen Wert dieser 
Zusammenarbeit hin, die zur Erziehung beider Teile beiträgt. 
Fräulein L ü d e r s==Berlin bat die Sozialdemokratinnen, den bürger- 
lichen Frauen die Mitarbeiterschaft nicht so zu erschweren. 
Fräulein Dyrenfurth faßte in ihrem Schlußwort die 
Ansichten über die Berufsvereine dahin zusammen, daß die 
Frage nicht generalisiert werden dürfe, daß die Form der 
Organisation vielmehr durch die abweichenden Verhältnisse 
bestimmt werden müsse, welche eines eingehenden Studiums 
bedürfen. Soviel aber auch durch Selbsthilfe zu erreichen sei, 
so zeige doch die Erfahrung, daß in manchen Frauenindustrien 
das Prinzip der Freiwilligkeit versagt, und daß, wie es in den 
australischen Lohnämtern geschehen ist, der Staat die Form der 
Organisation für diejenigen schaffen müßte, die zu schwach 
sind, sich selbst zu helfen. 



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— 381 — 
Sonnabend, den 18. Jnni. 



Verechiedene Wohlfahrtseinrichtungen : Rechteechutzeteiien fDr 
Frauen, Kiubs, Heime uew. 

Fräulein Anna Pappritz* Berlin führte den Vorsitz und 
Fräulein Therese Rösing=»Lübeck hielt das einleitende 
Referat. Sie bezeichnete als Ziel der modernen Persönlichkeit 
klares Wollen und selbstloses Handeln. Solche Persönlichkeiten 
tun uns not, nicht die bloße Massenwirkung. Mit dieser Selbst- 
losigkeit soll sich die gebildete Frau der Arbeiterin annehmen: 
in den Rechtsschutzstellen, um ihre unklaren Rechtsbegriffe zu 
klären und ihr zu ihrem Recht zu helfen ; in den Arbeiterinnen- 
heimen, Volksunterhaltungen, um ihi* den schweren Lebensweg 
zu erleichtem und zu erhellen. England ist uns mit der Grün- 
dung von „Settlements" vorangegangen, deren Charakteristikum 
das Wohnen der Helferinnen unter den Hilfsbedürftigen und 
eine völlige Unterordnung ihrer eigenen Persönlichkeit ist. 
Auch äußerlich bringt sich die selbständige Persönlichkeit der 
Frau zur Geltung, indem sie sich von Modezwang und Mode- 
torheit befreit. 

Zum ersten Punkt der Tagesordnung: „Reform der 
Frauenkleidung" sprach Frau Margarethe Poch- 
hamm er ^^ Berlin, die u. a. folgendes ausführte: Im September 
1896 hielt Dr. med. Kurt Spener auf dem Internationalen' 
Frauenkongreß in Berlin einen Vortrag über das Thema: „Noch 
ein bedeutsames Hindernis für die Bewegung der Frau in der 
Frauenbewegung." Schon durch die Wahl dieses Titels deutete 
er an, daß die körperliche Befreiung der Frau zu ihrer 
geistigen Befreiung in allerengster Beziehung stehe und 
dieser eigentlich vorangehen müsse. Denn ein in seiner Aus- 
bildung und in seinen Funktionen gehemmter Körper kann 
keine vollwertige Arbeit leisten. Dr. Spener war aber nicht 
der erste, der warnend seine Stimme erhob gegen die Miß- 
handlung des Frauenkörpers durch einschnürende Kleidungs- 
stücke. Zahlreiche Ermahnungen und auch mancher Versuch 
zur Besserung waren vorhergegangen ; letztere nur im Ausland, 



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— 382 — 

namentlich in Amerika, England nnd Norwegen. Alle diese 
Vei-suche aber hatten den Fehler, daß sie die vielgestaltige 
Mode durch eine ganz bestimmte Form ersetzen und alle 
Frauen unter ein strenges Kleidergesetz beugen wollten. Diesen 
Fehler hat die deutsche Bewegung, die im Herbst 1896 ein- 
setzte und längst über Deutschlands Grenzen hinausgewachsen 
ist^ vermieden; sie läßt bei genauer FeststeDung hygienischer 
Grundsätze volle Freiheit in ihrer Anwendung. Sie ist weniger 
bemäht, Gesetze zu geben, als Aufklärung zu verbreiten, nicht 
gegen Mode und Industrie zu kämpfen, sondern beide zu be- 
einflussen. Und sie hat von vornherein als letztes Ziel ange- 
strebt: die Wiedergewinnung der Schönheit für die 
weibliche Erscheinung. Die bekleidete Gestalt kann 
aber nur dann schön sein, wenn die unbekleidete ihre 
natürlichen Formen wiedergewonnen hat. Deshalb ist alles, 
was bei der neuen Frauentracht dem gesundheitlichen 
Interesse dient, zugleich das unentbehrlichste Mittel zur Wieder- 
gewinnung der Schönheit. Die Frauen, die in dieser Be- 
wegung Vorkämpferinnen waren, haben es der heranwachsen- 
den Generation erleichtert, ihren Körper leistungsfähig und 
schön zu erhalten; sie haben in Verbindung mit Fachleuten 
allgemein brauchbare Formen für jede Art der Ober- und Unter- 
kleidung geschaffen und dieselben durch Beschreibungen und 
Zeichnungen dem Publikum nahe gebracht Ihnen kamen in 
den letzten Jahren Künstler entgegen, die eigenartig schöne 
und zugleich hygienisch vollkommene Frauengewänder schufen. 

Als Grundlage für eine verbesserte Frauenkleidung stellte 
dieEednerin folgendes Schema auf : Unterste Schicht: Die 
Vereinigung von Hemd und Beinkleid, am besten aus durch- 
lässigem Trikot. Zweite Schicht: Ein dem Körper ange- 
paßtes Leibchen oder ein Büstenhalter mit daran geknöpftem 
Stoffbeinkleid. Oberste Schicht: Das Kleid, das nicht sack- 
artig von den Schultern hängen soll, sondern durch Anschmiegen 
an die Körperlinien von den Hüften mit getragen wird. Das 
Straßenkleid soll fußfrei sein! 

Dem Vortrage des Dr. Spener folgte unmittelbar die Grün- 
dung des „Vereins für Verbesserung der Frauenkleidung" in 
Berlin, dem sich sehr bald Zweigvereine in vielen deutschen 



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— 383 — 

Städten anschlössen. Die Organisation des Allgemeinen Ver- 
eins ist im April 1902 aufgelöst worden, weil die Bewegung zu 
schnelle und weite Ejreise zog, um noch von einer Stelle aus 
übersehen und geleitet zu werden. Die einzelnen Vereine haben 
sich teils dem „Deutschen Verein ffir Volkshygiene^ ange- 
schlossen, teils sind sie zu einer „Freien Vereinigung^ zu- 
sammen getreten. Es bestehen u. a. Vereine in Dresden, 
Frankfurt a. M., Breslau, Hannover, Mainz, München, Karlsruhe, 
Cöln, Chemnitz, Wien. — Holland, Belgien und England haben 
gleichartige Vereine. In Bußland werden die Bestrebungen 
durch den „Verein lür Frauengesundheit" vertreten, in Frankreich 
durch die Zeitschrift „Lettres Parisiennes". Die Anhängerinnen 
der neuen Frauentracht zählen schon nach Hunderttausenden, 
die Unbekehrten aber immer noch nach Millionen. Und doch ist 
es den Frauen jetzt so sehr erleichtert, sich zweckmäßig, gesund 
und schön zu kleiden. Es gibt: vortreffliche Bücher und Zeit- 
schriften; Abbildungen in allen Modeblättem; Unterkleidung 
in allen einschlägigen Geschäften ; Oberkleidung wenigstens in 
größeren Kaufhäusern; Schneiderinnen, die sich den individu- 
ellen Forderungen der Kundinnen anpassen. Freilich werden 
wir einen großen Schritt weiter sein, wenn die erste Generation 
in der neuen Kleidung aufgewachsen sein wird. Aber wir 
dürfen doch nicht ruhig abwarten, ob und wann er kommt. 
Viele Frauen können in ihrem Beruf dafür wirken: die Ärztin, 
die Krankenpflegerin, die Lehrerin, die Künstlerin. Aber die 
Aufklärung muß durch das Beispiel unterstützt werden. 
Alle reformiert Gekleideten haben dabei eine große Verant- 
wortung; denn nach jeder wird die neue Kleidung beurteilt. 
Deshalb soll sie bei jeder so schön wie möglich sein, — nicht 
durch erhöhte Ausgaben, sondern durch gebildeten Geschmack, 
durch künstlerische Erkenntnis neben der hygienischen. Trotz 
mancher mißglückten Beformkleiderversuche kann an der Tat- 
sache nichts mehr geändert werden, daß die Frauenkleidung 
von einer privaten und persönlichen Angelegenheit zur Kul- 
tnrfrage erhoben ist, und wenn irgend eine Frauenbestrebung, 
so ist diese als eine internationale zu betrachten. 

In der Diskussion betonte Frau Cäcilie Seler^ Berlin, 
daß die Männer diese Bestrebung für die Gesundung der Frau 



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— 384 - 

unterstützen sollten, statt — wie es leider noch oft geschieht 
— ihr durch Spott und Bevorzugen der „Korsettfigur" den 
Übergang zu vemunftgemäßer Kleidung zu erschweren. 

Es folgte sodann, zum zweiten Punkt der Tagesordnung, 
das Referat von Frau Marg. Bennewiz* Halle über 

Recht88chutz8tellen. 

„Es ist meine Aufgabe, zu Ihnen von einer sozialen Ein- 
richtung zu sprechen, die wir wohl ziemlich als einzige nicht 
von einem internationalen Standpunkt aus beleuchten können; 
denn die Bechtsschutztätigkeit in Deutschland, die Gründungen 
von Rechtsschutzstellen und -vereinen sind das eigenste Arbeits- 
gebiet der deutschen Frauen, sind wenigstens noch von keinem 
anderen Kulturstaat in dem Umfang aufgenommen worden, 
wie bei uns. Ich weiß wohl, daß ich meinen verehrten Kol- 
leginnen und Mitarbeiterinnen in meinem heutigen Referat 
wenig Neues sagen kann, insbesondere jenen nicht, denen es 
vergönnt war, der Dresdener Rechtsschutzkonferenz im Anfang 
dieses Jahres beizuwohnen, die uns ein so klares Bild von der 
sozialen Notwendigkeit und Bedeutung der Rechtschutzarbeit 
von Frauen für Frauen gab. Ich muß mich deshalb darauf 
beschränken, unseren verehrten ausländischen Gästen einen 
kurzen Überblick über dieses fruchtbare Gebiet der deutschen 
Frauenbewegung zu geben, das sich allmählich die Sympathie 
aller, sogar unserer anfanglichen Gegner und Widersacher, 
erobert und zu einem der kräftigsten Zweige unserer Be- 
wegung entwickelt hat. 

Der Grund für die deutsche Rechtsschutzbewegung wurde 
im Jahre 1894 in Dresden gelegt. Veranlaßt wurde dieselbe 
durch juristische Vorträge der ersten deutschen (schweizerischen) 
Juristin, Frau Dr. Emilie Kempin, und in die Praxis über- 
geführt durch unsere Bundespräsidentin Frau Marie Stritt 
und deren tüchtige, weitblickende Mitarbeiterinnen. Diese 
Aussaat hochbegabter Frauen, die vor genau 10 Jahren in 
Dresden ausgestreut wurde, ist zu ganz ungeahnter Entfaltung 
gelangt, und hat ein Wachstum in Deutschland gezeitigt, wie 
es kräftiger und verheißungsvoller auf wenigen Gebieten der 
deutschen Frauenbewegung zu verzeichnen sein dürfte. Wir 



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— 385 — 

haben jetzt bereits 46 BechtsschntzsteUen, unter denen sieb 
8 selbständige Vereine befinden nnd 38 Bechtsschutzstellen, 
die den verschiedensten Vereinen als Arbeitssektionen an* 
gegliedert sind. Zu unserer grofien Freude ist auch vor 
zwei Jahren bereits die dritte Bechtsschutzstelle in Wien und 
eine ebensolche in Brunn gegründet worden; auch die Schweiz 
besitzt eine Bechtsschutzstelle in Zftrich. Sie alle bezwecken, 
dem weiblichen Geschlecht, in erster Linie den unbemittelten 
Frauen und M&dchen, unentgeltliche Auskunft in Bechtsfallen 
zu geben und in der Verfolgung ihrer Interessen behilflich zu 
sein. Die Leiterinnen und Mitarbeiterinnen sind bemüht, den 
ratsuchenden Frauen auch persönlich näher zu treten und den 
vom Geschick minder begünstigten Schwestern klar zu machen, 
daß sie in ihrer Bat- und Hilflosigkeit auf ihre gebildeteren 
und für sie mitempfindenden Geschlechtsgenossinnen zählen 
können. Sie haben aber die ihnen vorgetragene Angelegen* 
heit ebenso vom juristischen wie vom menschlichen Stand- 
punkte zu erfassen, und dürfen daher unmöglich, wie z. B. in 
einem Aufsatze „Bechtsschutz für Frauen^ in Hilger's „Frauen- 
jahrbuch" gesagt wurde, jeglicher Bechtskenntnis entbehren, 
obgleich ihre Arbeit allerdings in erster Linie eine soziale 
Hilfsarbeit ist und sein soll. 

Der Einrichtung der meisten Bechtsschutzstellen sind 
juristische Kurse vorangegangen, welche die beteiligten Frauen 
zunächst in die Arbeitsgebiete eingeführt haben, mit denen 
sie ihre Praxis am häufigsten in Berührung bringen mußte. 
Selbstverständlich war dabei noch ein Privatstudium des 
bürgerlichen Gesetzbuches unentbehrlich, welches sich in erster 
Linie mit den gesetzlichen Bestimmungen des Famüienrechtes, 
des ehelichen Güterrechtes, des Mietrechtes, außerdem mit der 
Gesindeordnung und dem Handels- und Gewerbegesetze zu 
befassen hatte. Li den 10 Jahren unserer Tätigkeit sind uns 
überdies in Gestalt von populär geschriebenen juristischen 
Batgebem, Broschüren, Vorträgen und Flngblättem bequeme 
Hilfsmittel erwachsen, die uns bei unseren Auskünften vor- 
zügliche Dienste leisten können. Besonders schätzenswert ist 
die Unterstützung, die uns durch die in letzter Zeit erschienenen 
Werke von Professor Demburg und Dr. Wiemczowski zuteil 

Franenkongreß 26 



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— S86 — 

warda, die uns in ihrer Behaadlnng des Funilien- «nd speadcAi 
d«8 Eherechtes gerade fOr das Randgebiet unserer Tätigkeit 
die wertToUsten Fingerzeige geben. Hfinfig treten anch Fragen 
ans dem Mietrecht an uns heran, die aber bei der Klarheit der 
darüber besteh»den gesetzlichen Bestimmnngen meist leicht sn 
beantworten sind. Schwieriger gestaltet sich die Sache bei 
Fragen aus dem Gebiete der freiwilligen Gtmchtsbarkeit. Aber 
auch hier, wo doch znletzt in den meisten Fällen Notar nnd 
Gericht znr Aufiiahnie berufen sind, haben wir mit der Zeit 
gelernt, unseren Klientinnen zu dra Vorverhandlungen wirk« 
Samen Rat zu erteilen. In der Abfassung von Testamenten, 
sofern dieselben ohne Mitwirinmg des Gerichts und Notars auf- 
gesetzt werden sollen, hat uns die Häufigkeit der Inanspruch- 
nahme genügende Übung yerschafiPt. Die misten der uns vorge- 
tragenen Fälle kehren übrigens so oft wieder, daß wir sdton 
nach ein- oder zweijähriger Praxis kaum mehr der Hilfe der 
uns unterstützenden Rechtsanwälte bedürfen, und dieselben nur 
in schwierigen und seltener vorkommenden Fällen h^anzu- 
ziehen genötigt sind. 

Wenn auch oft gesagt wird, daß unsere Hauptaufgabe 
darin besteht, Frieden zwisdien den streitenden Parteien zu 
stiften, außergerichtliche Vergleiche anzubahnen, Prozesse zu 
vermeiden, statt dazu zu raten, so muß ich aus meiner 
allerdings erst 4jährigen Praxis heraus doch betonen, daß 
d^artige Fälle nicht zu den häufigsten gehören. Weit mehr 
wird unsere Hilfe zu Eingaben und Anträgen an Behörden, 
zur Abfassung von Testamenten und Kontrakten und zu einst- 
weiligen Verfügungen verlangt. Wir sehen uns natürlich auch 
oft veranlaßt, in augenblicklichen Notlagen durch Verschaffung 
oder Gewährung von Darlehen Hilfe zu leisten, und sind sehr 
staik in Ansprudi genommen durch Einziehung von For- 
derung^, die für unsere ungewandten und zaghi^ten Mandan- 
tinnen sonst ohne Erfolg geblieben wären. 

Von den Rechtsschutzstellen wurde seinerzeit die energisdie 
Propaganda des Bundes deutscher Frauenvereine für eine all- 
gemeine Abschließung von Eheverträgen angeregt, und 
durch sie wird auch naturgemäß diese Propaganda mündlich und 
durch die Flugblätter des Bundes ausgeführt; es wird unauf- 



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- 3W - 

kSrlicb dftr^nf liiiigewi^eii, wie Botweii4ig es iat» Gütern 
IrenmiiLg zu vereiabarw, daioit die Frw m der Ehe a|clrt 
der wirtschaftlichen Abhängigkeit^ dieser Quelle un^igückeii 
Fraiienleides, anheinKfäUt. Die wirtschaftUche Selbständigkeit 
d^r Ehefrau ist eine der hauptsächlichsten Forderungen der 
iVauenbewegung aller Länder, uud zwar nicht nur op der 
dadurch zu erlangenden Rechte, sondern auch um der daf&r 
m ftbemehmenden Pftichten willen. 

Unsere Bechtssohutzstellen wollen aber nicht nur den 
einzelnen in Bedrängnis geratenen Frauen helfen, sonderu den 
Horizont der Batsuehenden wie di^ Batgebeuden erweitem 
und ihnen Einblick in die sozialen und wirtschaftlichen Zu-^ 
aanmenhänge des modernen Lebens geben. Auf diese Weise 
sollen die Bechtsschutzeinrichtungen zugleich Er^iehungsan- 
rtalten sein zur Selbsthilfe der weiblichen Hälfte des Volks- 
ganten, und Vorschulen zu deren Mitarbeit an den Aufgaben 
des öffentlichen Lebens. 

Wie die soziale Notwendigkeit der Bechtsschutzstellen 
bei uns immer mehr anerkannt wird, erhellt daraus, daß die 
Zahl der Bechtsuchenden an allen Bechtsschutzstellen jährlich 
aufierordentlich zunimmt. In dem Hallenser Bechtsschutz- 
verein z. B. wächst die Zahl d^ Besucherinnen regelmäßig 
um 100 Yon Jahr zu Jahr. Viele unserer Mandantinnen haben 
es offen ausgesprochen, daß sie ohne unsere Hilfe niemals ihr 
Becht verfolgt und erlangt hätten — teils aus Furcht vor den 
arwachsenden Gerichts- und Anwaltskosten, teils aus Scheu, 
Anwalt und Gericht einen Einblick in die Misere ihres Familien- 
lebens zu gewähren. Ist es doch ein Hauptmoment unserer 
Tätigkeit, daß wir unseren Geschlechtsgenossinen Gelegenheit 
geben, sich mit ihren intimsten, oft unendlich traurigen Familien- 
sorgen und Eheangelegenheiten an mitempfindende, hil&bereite 
Frauen wenden zu können, denen gegenüber ihnen eine Aus- 
sprache naturgemäß um vieles leichter wird, als es Männern 
gegenüber sein kann. Wenn wir auch für manche recht 
schwere Arbeit, für manchen erfolglosen und unangenehmen 
Weg; für manche Abweisung seitens der zuständigen Behörden 
oft nur geringen Dank und keine Anerkennung ernten, so 
wird uns doch andererseits durch manchen Händedruck und 

26* 



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— 888 — 

durch manche Träne einer Fran, der wir zu ihrem Bechte 
yerholfen haben, der schönste Lohn für unsere Mfihe und 
Arbeit zu teil. 

Da die ungeahnte Entwicklung der Bechtsschutztätigkeit 
der deutschen Frauen den yollg&ltigen Beweis erbracht hat 
Ton dem Bedfir&is dieser sozialen Arbeit der Frau f&r die 
Frau, so hat sie uns auch andererseits die Pflicht auferl^ 
dieses Yon uns mit so großem Erfolge in Angriff genommene 
Arbeitsgebiet immer mehr auszubauen und zu erweitern. Da- 
mit die deutschen Bechtsschutzstellen untereinander sich bei 
Auskünften und Bechtsverfolgungen gegenseitig besser unter- 
stützen können, und um das Solidaritätsgefühl aller auf diesem 
Gebiete Arbeitenden zu befestigen und zu stärken, wurde schon 
Yor einigen Jahren ein Zusammenschluß versucht. Die Yer- 
einscentrale für Bechtsschutz, gegründet im Oktober 1900 von 
Frau Dr. Baschke^Berlin ist als ein dankenswerter Anfang 
nach dieser Bichtung anzusehen. Die Centrale hat sich aber, 
da ihre Leiterin naturgemäß mehr Gewicht auf die juristische 
als auf die soziale Seite der Arbeit legte, nicht in gewünschter 
Weise entwickeln können. Frau Dr. Baschke wird daher 
fortan die „Berliner Centralstelle für Bechtsschutz^ leiten 
und hat ihre wertvollen Dienste eines weiblichen Bechtsge- 
lehrten dem jungen Bechtsschutzverband für Frauen 
als juristischer Beirat zur Verf&gung gestellt. Dieser Verband 
wurde am 19. Januar d. J. bei Gelegenheit der erwähnten Bechts- 
schutzkonferenz in Dresden gegründet, zum Zweck eines Zu- 
sammenschlusses sämtlicher deutscher und österreichischer 
Bechtsschutzstellen und einer wirksamen Vertretung gemein- 
samer Interessen nach innen und nach außen. Auch soll er 
eine umfassendere Gelegenheit zu Erfahrungsaustausch und 
Anregung zur Gründung neuer Bechtsschutzstellen geben. 
Selbstverständlich wird der Verband sein Augenmerk auch auf 
eine immer weitere Verbreitung von Bechtskenntnis unter den 
deutschen Frauen richten, da diese für alle Frauen, mögen sie 
den höchsten oder den niedrigsten Ständen angehören, die beste 
Grundlage jedes Bechtsschutzes ist Der Verband wird es sich 
besonders angelegen sein lassen, unter den Frauen aller G^ell- 
Schafts- und Berufsklassen das Verständnis für das G^etz zu 



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— 389 — 

fördern; er wird ferner eine umfassende Propaganda f&r die Er- 
weitenmg der Franenrechte bei der nächsten Revision des Bfirgei^ 
Uchen Gesetzbuches in die Wege leiten nnd, gemeinsam mit 
dam Bnnde deutscher Frauenyereine^ darauf hinarbeiten , daS 
die veralteten einzelstaatlichen Gesindeordnungen durch ein 
Beichsdienstbotengesetz ersetzt und daß die Frauen immer 
mehr als VormBnderinnen herangezogen werden. Er betrachtet 
es außerdem als eine seiner vornehmsten Aufgaben, f&r Einfüh- 
rung der Bechtskunde als obligatorischem Lehrgegenstand in 
den Töchter- und Fortbildungsschulen einzutreten. Ich kann 
mit Freude konstatieren, daß in meiner Heimatstadt Halle 
bereits seit Jahren in der städtischen Fortbildungsschule Bechts- 
kunde gelehrt wird und unsere besuchteste Privatm&dchen- 
schule dieselbe vom April n. J. ab als Lehrgegenstand für die 
oberste Klasse einzuftthren beabsichtigt In der vorgestrigen 
Versammlung des Verbandes ist die Grttndung einer „Bechts- 
schutzbeilage^ zum ,,Centralbatt des Bundes deutscher Frauen- 
vereine'^ beschlossen worden, die einen immer engeren Gonnex 
zwischen den zahlreichen Vereinen herstellen wird. Es sollen 
darin auch interessante und besonders lehrreiche Fälle zur 
Mitteilung kommen, sowie erfolgreiche Eingaben u. dgL zur 
Kenntnis gebracht werden. 

So ist zu hoffen, daß der Bechtsschutzverband f&r Frauen 
mit der Zeit den hohen praktischen und ethischen Zielen näher 
kommen wird, die er sich gesteckt hat Wir müssen vor allem 
danach trachten, daß in absehbarer Zeit keine größere und 
keine kleinere Stadt unseres Vaterlandes ohne eine Bechts- 
schutzstelle fOr Frauen ist, und daß diese unsere Arbeit durch 
den Ernst, durch die Grflndlichkeit und durch die Hingabe, 
mit der sie betrieben wird, Eingang findet in die Herzen der 
deutschen Frauen und Anklang bei den Behörden, die uns 
behilflich und forderlich sein kOnnen. Und wenn wir auf dieser 
Bahn weiter vorangeschritten sein werden, so werden, das bin 
ich fest überzeugt, auch andere Kulturstaaten unserem Beispid 
folgen. Anfange dazu sind ja erfreulicherweise in Österreich, 
in Frankreich, Finnland und den Niederlanden schon gemacht 
worden I 

Die Bechtsschutzstellen sollten immer mehr die Centren 



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— 390 -- 

üierA^j von cleB^ii Hb E^keimttti« der rechtUdhen atellngr i«f 
Vhm, tAi 4ie Eärkeiiiitais der ])}otw^idigk€dt %iMt Yetbum- 
raftg iersellton aiügehen moS« tFnd treiUL sie sicli dies^ bcduflk 
Aitfgabe iaifli^r b^wsAt (bleiben, dann werdM si^ in ilow 
imlttlseben sosdatoi HUfetfttigkeit Mefa ddn höberen OeiStfcliri»- 
pönkiten immer mehr gp^recbt werden, die Mf eben diese Ver- 
bessernng der Seebtolafe der dettttcben Frra weisen. 

£s Würde mir dne groBe Frdate sein, wenn meine kum 
DarsteOnng unseren answsrügen Mttkftmpferinnen a«f dm 
Gebiete der intematimialen Franenbewegung den Anstoß daM 
gäbe, anch in ibrer Heimat iiacb dieser Richtftng hin mit aDen 
Sr&ften eintreten za wollen« An meine dentseheoi KoUeginMiL 
und lOtarbeitmnnm aber richte ich die herzliche itnd drin- 
gende Bitte, noch Mehr wie bisher ihr Eöimen in den Diemft 
des Franenrecbtsschntzes m stellen nnd daftr m soiigen, dal 
es anch in Znknnft an tüchtigen Krftften nicht fohle! 

H(^en wir, daS der jonge RechtsschntzTerband fttr Franen 
eine neue Ära in der Bechtsscbnt^bewegnng einleiten und be- 
deuten und auch der lokalen Arbeit aller ihm angeschlossenen 
Tet^eane eine gedeihliche FOrderu&g bringen mOge. Mit Freude 
tind ^nngtirang mnl es nns aber heute sehe» erfUlen, 6iA 
wir deutschen Frauen, die wir vom Auslände so riel griertft 
baben und noch m l^nen haben, die wir in andrer Beziehung 
oft noch so sehr zurück gegen andere Kulturstaaten sind, dodi 
«in Gebiet besitzen, auf dem wir bahnbrechend und T«^ 
heiBungsroll für die Zukunft gearbeitet haben: Die BechtB^ 
isdiutzarbeit der deutschen Frauen!^ 

In der Diskussion wurde ebenfalls betont, daß die 
Ausbildung der Frauen, die an den Bechtsschutestellen tätig 
fitod, gleichzeitig theoretisdi und praktisch sein müsse« Aldi 
wra^e darauf hingewiesen, da< die Bechtsschutzstelle in 
Frankfurt a. M. hektographierte Anw^nng^n für Emrichtong 
von Rechtsscfautzst^en für Fmuen yersMdet. 

Über „Settlements" sprach Mrs. Alfred Booth*Liver- 
po<d. 1884 wurde in London das erste „Settlements eingerichtet 
Die grundlegende Idee dieser Einrichtung ist das Zusanmiei* 
leben ton Gebildeten und Wohlhabenden mit Ungebildeten und 



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— 391 — 

Armen. Viele M&mifiF und Fnnen EngtaaiB, die ikr Stodimh 
absolviert haben, leben einige Monate in di^n Setti^nent«, um 
die Lage der Armen am eigeiier Anclianuig keiknen zu lernen. 
Auch weibliebe Äraste haben sich vietfaeh dort angesiedelt und 
das Vertrauen der armra Bevölkenug gewoB^aen« 

Fräulein Else Federn^Wien berichtete, dai sich ein 
Verein ,,SettlemeQt^ auch in Wien gebildet habe; er wiiU 
auf das Leben einer groien Anzahl von Familien in der Weise 
ein, daü in sein^ Säumen (in Ottakring, der ärmsten Vor^ 
Stadt von Wien gelegen) gebildete Frauen morgens mit den 
kleineren, nachmittags mit den Si^ulpflichtigm Kindern, abends 
a& einem Wochentage mit den jungen Männern, an einem 
anderen mit den Mädchen, dann mit den Müttern usw. zu*- 
sammen sind. Zwei andere Vereine arbeiten in älmlicher 
Weise, d. h. sie veranstalten auch Volksunterhaltungen und 
Vorlesungen, gründen Bibliotheken usw. Weder die SoziaJt* 
demokratie noch die „Christlich-sozialen^ beteiligen sich daran. 
I» wesentlichen werden sie von Frauen und Jugendlichen 
frequentiert und der Andrang ist ein aufierordentlich starker. 

Miß Emily Janes* London hielt ein Referat fiber die 
Arbeit an den „3irrs Glubs^ (einer Art Mädchenheime), 
die in den letzten 20 Jahren sehr viel dazu beigetragen haben^ 
die Lebensbedingungen der jungen in Fabrik^, Wäschereien 
md im Handel^ewerbe beschäftigten Mädchen zu heben. Der 
Klub bietet Unterricht und Unterhaltung, sorgt ftir geeignete 
Ferienaufenthalte und ermutigt die Mädchen zu Sparsamkeit 
und zu einer ordentlichen Lebensführung. Die heilsame Wir* 
kung dieser planmäßigen Erziehung, die als eine allgemeine 
Ersdieinung in den Girl's Clubs konstatiert werden kann, ist 
vor allen Dingen die Weckung und Pflege eines gewissen 
Korpsgeistes und Sinnes fOr Disziplin. Miß Janes wies aitf 
den monotonen Charakter der meisten Beschäftigungen dieser 
jungen Mädchen hin und auf die große Bedeutung, die darum 
die Anwendung ihrer Mußezeit auf die Entwicklung ihrer 
Fähigkeiten, auf ihr Verständnis fOr eine höhere Kultur und 
deren Ideale haben müsse« Ein anderer erfreulicher Ekfolg 
dieser Arbeit zeigt sich in der herzUchen Kameradschaft 
zwischen den Mädchen der versehiedensteU Klassen, mit der 



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— 392 — 

die Aneigmuig feinerer Sitten nnd ein Streben nach Höherem 
Hand in Hand geht. 

In der Diskussion wies Frau Bieber-B5hm«Berlin 
auf die Arbeit des Berliner Vereins „Jngendschntz'' hin, der 
sich bestrebt, schulentlassene Mädchen auf ihren Hausfrauen* 
oder Dienstmftdchenberuf vorzubereiten. Auch ist der Verein 
mit einer Bechtsschutzstelle verbunden. Die Bednerin er- 
mahnte, die heranwachsende männliche Jugend zu beeinflussen, 
so daß sie es als ihre Pflicht erkennen lerne, diese Mädchen 
der arbeitenden Klassen zu schützen. 

Frau Elsa S tr au S «Berlin berichtete Über die Gründung 
von Arbeiterinnenheimen, die vielfach von Arbeitgebern oder 
auch von konfessionellen Vereinen ins Leben gerufen worden 
sind. Sie erwähnte das 1869 in MUnchen-Gladbach gegründete 
katholische Heim als erstes und sprach dann ausführlicher 
über die in den letzten 10 Jahren entstandenen interkonfessio- 
nellen Heime. Diese sollen den nur auf Schlafstelle wohnenden 
Arbeiterinnen einen behaglichen Aufenthalt in der arbeitsfreien 
Zeit, billige Gelegenheit zu kräftiger Verpflegung und ange- 
nehme Unterhaltung bieten. Die Arbeiterinnen fiUüen sich 
besonders wohltuend davon berührt, daß sie niemals nach 
ihren konfessionellen und politischen Ansichten, noch nach 
ihren Familienverhältnissen gefragt werden. Es werden Feste 
mit Auff&hrungen und gemeinsame Museumsbesuche veran- 
staltet. Die Heime vermitteln den Arbeiterinnen gute und 
gesunde SchlafisteUen und unter Umständen einen Erholungs- 
aufenthalt auf dem Lande. 

Fräulein Alice Salomon^Berlin sprach zu dem Thema 
„Settlements^, stellte zunächst diesen Begriff fest und empfahl, 
das Wort nur da anzuwenden, wo der Begriff auch vollkommen 
verwirklicht ist. Sie wies femer darauf hin, daß unsere deutsche 
arbeitende Bevölkerung durch die deutschen Schuleinrichtungen 
auf einer weit höheren Stufe stehe als in England. Wir besitzen 
in unseren Großstädten auch keine Stadtteile, die nur von 
arbeitenden Elassen bewohnt werden. Aus diesen und anderen 
Grfinden haben bei uns die sozialen Bestrebungen eine andere 
Ausgestaltung gefunden. — In der weiteren Diskussion wurde 
die Zweckmäßigkeit der Wohnungsinspektion durch 



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- 398 - 

Frauen und das Hambu^gfer „Settlements, dessen Einrichtmig 
in der Grundidee mit den englischen „Settlements^ überein- 
stimmt, und an dessen Leitung sich vielfach auch Männer be- 
teiligen, erOrtert. 

Fräulein y. Bennigsen^Hannover sprach als letzte 
Beferentin Aber „die Erziehung der Jugend zu sozialen 
Pflichten^. Zur Wahrhaftigkeit, zum Pflichtbewußtsein und 
zur Nächstenliebe müssen unsere Mädchen erzogen werden. 
Sie müssen zu der Erkenntnis gelangen, daß die höchste Form 
der Arbeit die ist, welche sich in den Dienst der Menschheit 
stellt Sie sollen unter Leitung der Eltern einen Einblick in 
das soziale Elend gewinnen und sich durch Freundlichkeit 
gegen Dienstboten und Hilfeleistung an Armen auf ihre spätere 
soziale Arbeit vorbereiten. 

In der Diskussion wies Frau PlothowBerlin auf den 
Kinderhort als Arbeitsfeld für junge Mädchen hin. Fräulein 
Anna Pappritz als Vorsitzende ergriff zum Schlüsse das 
Wort und betonte, daß nicht soziale Hilfsarbeit allein, sondern 
vor allen Dingen die in den anderen Sektionen angestrebten 
Veränderungen in der Stellung der Frau eine Besse- 
rung unserer wirtschaftlichen und sozialen Zustände bringen 
würden. Aber soziale Hilfstätigkeit ist Gegenwartsarbeit, 
die über dem Streben nach weiteren Zielen nicht vergessen 
werden dar4 



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IV. Sektton. 

Die rechtliche Stellimg der Frau. 



Montag, den 13. Juni. 

Die zWilrecMNcbe Stellung der Frau. 

I. Wirkungen der Ehe im allgemeinen, 
n. Eheliches Güterrecht. 

Nachdem Frau Marie Stritt« Dresden als Vorsitzende 
die Versammlung erö^et und in ihren einleitenden Worten 
darauf hingewiesen hatte, dai die heutigen Gesetzgebungeu 
der selbständigen Persönlichkeit der Frau, vor allem der Ehe^ 
frau, noch nirgends voll Rechnung tragen und selbst in dea 
fortgeschrittensten Ländern ihre Herkunft von einem ursprüng- 
lichen Gewaltrecht nicht verleugnen können, erteilte sie das 
Wort an Frau Marianne Web er »»Heidelberg zu ihrem 
Vortrag über 

Die hietorieche Entwicklung dee Eherechte. 

„Als unsere Vorfahren in Europa den Lichtkreis der Ge- 
schichte betraten, war ihre Familie durchweg rein patriarcha- 
lisch organisiert. Ganz vereinzelte Nachrichten lassen sich 
bei gutem Willen wohl als Spuren einer vorgeschichtlichen 
andersartigen Verwandtschaftsgliederung ausdeuten , stich- 
haltige Beweise dafür sind bisher nicht gefunden. Schon 
die ältesten Nachrichten zeigen die Frau in der unbe- 
schränkten Gewalt ihres Gatten. Er erwirbt sie von ihrem 



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-- 395 - 

Vat^r oder Bitidier Awch EAuf als Eigetttüm, m&d wie dem 
Eftirfer eines Ackers anch dessei^ Frftchte ^ehdren, so „gehöi^fi^ 
ihtti ancb die Kinder der Fraü^ gane gleich ob er sie erseagt 
bat, oder ein anderer. Er kann sie rerkaüfen, yerscbenken^ 
let^twiUig yennachen, wie es ihm beliebt — Der Reicbe kann 
sich auch mehrere Frauen halten. Die grote Masse des Volkes 
lebte zwar faktisch in Einehe, aber die Polygamie ws;t bis 
ins Mittelalter hinein nicht elf entlieh verboten. Der Mann 
konnte jederzeit unehdiche oder ii^end welche beliebige Kinder 
in die Hansgemeinschaft aufnehmen und mit einem Erbrecht 
neben den ehelichen ausstatten. Die Verfeinerung des sitt- 
lichen Bewußtseins» und vor allem die aufsteigende Macht des 
Christentums mit seiner Betonung des Sakraments^Charakters 
der Ehe bewirkte den allmählichen Sieg der Monogamie, da^ 
mit frdlich zugleich die Entrechtung d^ Unehelicäiett. 
Unter seinem Einfluß schwindet auch das Recht des Vaters^ 
seine Tochter zur Ehe zu vergeben. Die Einwilligung der 
Braut zur Eäieschließung wird auch rechtlich notwendig, und 
ihre beginnende Anerkennung als Person spricht sich dann 
weiter in der Umbildung der Eheschließung aus. 

Was der Bräutigam firüher als Kaufpreis an ihre Ver- 
wandten gab, verschreibt er jetzt der Braut selbst als Heirats- 
gut. Allerdings erhält die Frau weder während bestehender 
Ehe, noch nach dem Tode des Mannes Verfügung darttber. 
Ihre Dotierung hat demnach zunächst eine symbolische Bedeu- 
tung. Sie kennzeichnet die Frau als rechtmäßige Hausherrin 
gegenüber der Konkubine. 

Wird so der Patriarchalismus im Laitfe des Mittelalter!; 
immer mehr seiner! primitiven Roheiten entkleidet, so wird 
damit doch die Herrschaft des Mannes aber Frau und 
Sinder nicht angetastet. Seine BechtssteUung ihr gegenüber 
formuliert eine mittelalterliche Rechtsquelle plastisch in dem 
gtiirtze: „Der Mann ist des Weibes Vogt und ihr Meister*^ 
Dies besagt, daß die Frau sowohl im Hause wie im Verkehr 
mit Dritten völlig unter seiner Autorität steht Sie kann 
weder selbständig Rechtsgeschäfte abschließen, noch selbstän- 
dig vor Gericht erscheinen, und persönlich schließt seine Ehe- 
vogtei noch ein weitgehendes Zttchtig«ngsrecht ein. Unmittel- 



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— 396 ^ 

barer Ausfluß der Ehevogtei ist auch ihre vermögensreeht- 
liche Unterordnung. Weil der Bodenbesitz in Zeiten immer- 
währender Elriege nur durch die Gewalt des Speers zu behaup- 
ten war, und weil er seinerseits dazu diente, den Eriegerstand 
zu unterhalten, so waren noch im frühen Mittelalter die Haus- 
tOchter vom Erbe am Grundbesitz ausgeschlossen. Sie 
brachten deshalb ihrem Gatten nui* eine Fahmisaussteuer — 
Hausrat — zu, diese aber wurde sein frei verfttgbares Eigen- 
tum. So war die Frau in der Ehe eigentumslos, und dies, ob- 
wohl sie die hauptsächlicste Arbeitskraft des Mannes war« 

Von einem „ehelichen Güterrecht^ kann erst die Bede sein, 
als auch die Töchter erbberechtigt am Grund und Boden werden 
und ausgestattet mit materiellem Eigengewicht in die Ehe 
treten. In Ermanglung einer einheitlichen Gesetzgebung ent- 
steht nun im europäischen Mittelalter eine unübersehbare Viel- 
heit verschiedener Güterrechtssysteme. Jedoch wirken sich in 
dieser Mannigfaltigkeit immer zwei Grundgedanken aus, die 
dann kaleidoskopartig die verschiedensten Verbindungen mit- 
einander eingehen. 

Es boten sich nämlich zwei Wege, um der zur Eigen- 
tümerin gewordenen Frau ein Eigengewicht in der Ehe zu 
wahren, ohne doch der Vorherrschaft des Mannes im geringsten 
Abbruch zu tun: Entweder die Gatten verschmolzen ihr beider- 
seitiges Vermögen zu einer Masse, zu einem einheitlichen Ge- 
samtgut, als dessen gemeinsame Eigentümer sie gelten. Wo 
sich diese Elemente finden, sprechen wir von „Gütergemein- 
schaft''. Oder: die durch die Ehe vereinigten Grundstücke 
bleiben Sondereigentum dessen, der sie eingebracht hat, sie 
werden aber während der Ehe durch die einheitliche Ver- 
waltung und Nutznießung des Mannes verbunden — hier 
sprechen wir von „Güterverbindung'', oder höchst miß- 
verständlich in neuerer Zeit von „Verwaltungsgemeinschaft". 

Welche Kombinationen diese Prinzipien aber auch immer 
in den mittelalterlichen Güterrechtsformen eingehen — die 
Ehevogtei des Mannes wirkt sich in allen ganz ungeschwächt 
aus. Gütergemeinschaft bedeutet Verantwortungslosigkeit des 
Mannes für das gesamte Frauengut. Er kann es ebenso 
leicht durchbringen wie sein eigenes, ohne daß die zwar zur 



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— S97 — 

Miteigentümerin, nicht aber zur Mitrerwalterin er- 
hobene Fran ihren Einflnfi geltend machen kann. Bei Güter- 
yerbindnng haftet nnr das bewegliche Franengut^ ihr Geld 
nnd ihre Ausstener, fOr die Schulden des Mannes, nicht aber 
ihr liegendes Gnt; dafar gewinnt sie aber keinerlei gesetzlichen 
Anteil an dem in der Ehe mit dem Manne dnrch gemeinsame 
Arbeit Errungenen. Und bei keinem einzigen der aus der Kombi- 
nation dieser Grundformen entstehenden Systeme bleibt der 
Frau auch nur ein Schatten von selbständiger VerfBgungsfrei* 
heit über irgend einen Teil ihres eigenen Vermögens. 

Die wachsende Persönlichkeitsgeltung der Frau kommt also 
zunächst nicht positiv als ein Recht auf Selbständigkeit und 
Mitbestimmung zum Ausdruck, sondern äußert sich wesentlich 
negativ, indem die ursprünglich unbeschränkte Verfügungs- 
gewalt des Mannes zunächst für liegendes Gut, später auch 
für gewisse andere Vermögensteile, an ihre Zustimmung ge- 
knüpft wird. 

Seltsamerweise hat sich nun die mittelalterliche Ehevogtei 
am allerlängsten in den Gesetzen eines Landes behauptet, das 
im übrigen früher als alle anderen die persönliche Freiheit des 
Individuums anerkannte: Im englischen Common Law, 
wie es im wesentlichen bis 1870 in Geltung war. Der Kon- 
trast zwischen rechtlicher und sozialer Stellung der Frau war 
deshalb nirgends so schneidend wie in England. Rechtlich 
stand die englische Ehefrau bis vor 34 Jahren dem Kinde 
gleich. Sie wurde vom Common Law als ein und dieselbe 
Person mit dem Gatten, das hieß aber überhaupt nicht als ein 
Ich betrachtet Die Ehe beschränkte deshalb nicht bloß ihre 
Handlungsfähigkeit, sondern nahm sie ihr so voUständig, daß 
sie nicht einmal — es sei denn als Handelsfrau — mit Zu- 
stimmung ihres Gatten gültige Rechtsgeschäfte schließen 
konnte. Auch konnte sie weder klagen, noch verklagt werden, 
sondern statt ihrer nur der Mann. 

Das bis 1870 geltende einzige englische Güterrecht ent- 
sprach dem. Es stammte noch aus der Normannenzeit und wai 
lediglich auf die Interessen des grundbesitzenden Feudaladels 
zugeschnitten. Der ererbte Grundbesitz blieb Eigentum der 
Frau, um bei kinderloser Ehe an ihre Familie zurückzufallen. 



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-- 998 - 

Smn^ E^ikfioftd aber un4 all ihr bewegUctie» VermOg^, OeM 
und Außsteu^r, worden freies Eigentum des Maniies, über das 
er sogar testameuitarisch yerfagen konnte. 

Am ungünstigsten war die englische Frau aber bis sw 
neuesten Zeit als Mutter gestellt. Der Vater hat noch immer 
ajlein die „Obhut^ (eustody) der Kinder. Er bestimmt aUeJA 
ihre Erziehung und ihren Aufenthalt; bis vor kurzem konnte 
^ aber auch über seinen Tod hinaus die Mutter ihrer Befug* 
xusse berauben, denn der von ihm ernannte Vormund übemdluu 
nicht nur die Vermögensverwaltung, sondern bestimmte aueb 
die Erziehung, ja selbst den Aufenthalt der Kinder^ 

Das Common Law blieb in diesem Zustande der Bück* 
st&ndigkeit, weil es ein ungeschriebenes, von Laien ungekanntes 
Gewohnheitsrecht war. Auf dem Kontinent, wo das Recht 
statutarisch fixiert wurde, konnte sich die Kulturentwieklung 
in ihm früher Geltung verschaffen. Die Epoche der 
modernen systematischen Gesetzgebungen brachte 
hier weitere Fortschritte. Sie fanden zum Teil in der Natur- 
rechtslehre der Auf klärungszeit ihre Grundlage. Im Mittel- 
punkte dieser Lehre steht der Satz: Von „ Natur ^ sind alle 
Menschen frei und eigentumsberechtigt, und die positiven Ge- 
setze haben lediglich den Zweck, jedem einzelnen diese seine 
„Menschenrechte^ zu schützen und zu verwirklichen. Sie 
dürfen ihm deshalb ihren Gebrauch nur soweit einschränken, 
daß aUen anderen daneben auch eine Freiheits- und Eigen* 
tumssphäre bleibt, keineswegs aber im Interesse irgend einer 
privilegierten Kaste. Gemessen an diesen Maßstäben konnte 
nun die allgemeine Unterordnung der Frau fk*eiUch nicht mehr 
als ganz selbstverständlich erscheinen. Man mußte sich wenig- 
stens Mühe geben, sie vor dem Forum der Vernunft zu be- 
gründen« Beim Suchen nach den „naturgemäßen'' Rechtsregeln 
stellte sich da nun recht bequem der Satz ein, daß das den 
Gesetzen aller Zeiten und Länder Gemeinsame auch das 
Natur- und Vernunftgemäße sein müsse, und weil sie überall 
die Frau der Hausherrschaft des Mannes untergeordnet finden, 
erscheint den Dolmetschern des „Natürlichen'' die patriarchale 
Familienform im Prinzip auch vernunftgemäß. Sie betonen 
;zwar ausdrücklich die „Gleichheit" und meinen damit den 



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— sw — 

„Oleichwert^ der Geschlechter ^ finden aber die Ldenng: des 
IMlemmas zwischen Gleidiwert nnd UntenHrdnung ganz einfach 
ftuin, dafi ^ die Ehe als einen Y^rag zwischen ursprüng- 
lich Gleichen definieren, durch den sich die Frau frei- 
willig unter die Herrschaft ihres Gatten begibt 

Ein immerhin bedeutender F(»t3Chritt lag trotz alledem 
darin, daS die Naturrechtslehrer ^:*stens die unbedingte Ter* 
pflicfatung auch des Mannes zur ehelichen Treue, zweitens 
Vertragsfreiheit im ^lelichen Güterrecht und drittens vor 
allem die Umwandlung der väterlichen in eine elterliche 
Gewalt, also die Ausstattung der Frau mit Mutterrechten 
fordern. 

Im übrigen aber wurde selbst im Lichte der erhabensten 
Ideen jener Zeit: der Lehre von der sittlichen Freiheit als 
dem Recht und der Pflicht jedes einzelnen, nach dem eigenen 
Gewissen zu handeln, — die rechtliche Untwx)rdnung der Frau 
noch nicht als Widerspruch empfunden. 

Von allen auf Grund jener naturrechtlichen Anschauungen 
entstandenen großen Gesetzgebungen bewahrt nun das fran- 
zösische Eherecht die Züge des Patriarchalismus am 
reinsten, und es erscheint gegenüber anderen Teilen des Code 
civil mehr als Kind der militärisch-despotischen Reaktion 
Napoleons, wie als Kind der Revolution und ihrer naturrecht- 
lichen Ideale. Beim Vergleich mit dem englischen Common 
Law zeigt sich jedoch trotzdem, dafi auch sie einen Nieder- 
schlag hinterlassen haben. Die Frau bleibt wenigstens über- 
haupt rechtlich handlungsfähig und für ihre Handlungen ver* 
antworüich. Die Erhaltung des Hausregiments wird aber dem 
Manne nicht nur durch den Gehorsamsparagraphen, sondern 
auch dadurch gesichert, daß sie zu jedem Rechtsgeschäft und 
zu jedem Prozeß seiner Ermächtigung bedarf. Auch im gesetz- 
lichen Güterrecht Frankreichs, einer teilweisen Gütergemein- 
schaft, wirkt sich die Ehevogtei noch kräftig aus, denn alles 
bewegliche Frauengut, einschließlich ihres Arbeitsverdienstes, 
stehen ebenso wie im Common Law dem Manne zur unbe- 
schränkten Verfügung. Nur die ererbten Grundstücke bleiben 
ihr Eigentum. Aber im Gegensatz zum Common Law stellt 
das Erbrecht die Gatten gleich. Auch die Gestaltung der 



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— 400 — 

väterlichen Gewalt bringt einen wesentlichen Fortschritt Der 
Vater übt zwar^ solange er handlungsfähig ist, die Rechte der 
väterlichen Gewalt allein, aber nach seinem Tode nnd bei seiner 
Verhindenmg gilt» im Gegensatz znm Common Law, die Frau 
als natürliche Vormündeiin ihrer Kinder. 

Der erste große in Deutschland geschaffene Kodex, das 
preußische Landrecht, von 1794, trägt, obwohl etwas 
älter als der Code civil, doch in seinem Eherecht ein moderneres 
Gepräge. Die väterliche G e w a 1 1 ist zwar hier noch souveräner 
als dort^ dagegen bekundet das Landrecht gegen die ledige 
Mutter mehr Humanität und Weitsichtigkeit als irgend ein 
anderes modernes Gesetz. — Das gesetzliche Güterrecht ist 
eine Fortbildung mittelalterlicher Güterverbindungssysteme, das 
auch im modernisierten Gewände der Frau keine größere Be- 
wegungsfreiheit, wohl aber für ihr Vermögen mehr Sicherheit 
als die französische Fahmisgemeinschaft bietet. Und endlich 
wurde der preußischen Frau ungefähr 100 Jahre firüher als 
der englischen und französischen ein rechtlicher Anspruch auf 
Treue des Gatten zugestanden. 

Einen grundsätzlichen Bruch mit der rechtlichen Un- 
selbständigkeit der Frau brachten aber erst die schon 1783 
entstandenen österreichischen und dann namentlich die 
etwa 45 Jahre jüngeren russischen Ehegesetze. 

Gehorsamsparagraphen, die wie eine Ehestandspredigt 
wirken, besitzen sie allerdings auch beide, in besonders pathe- 
tischer Form das rassische Eherecht. Der österreichische Kodex 
anerkennt überdies weder bei Lebzeiten des Vaters noch nach 
seinem Tode irgendwelche Mutterrechte. Aber di^ Frau kann 
sich selbst vor Gericht vertreten und alle Rechtsgeschäfte 
selbständig abschließen. Auch von ihrem Vermögen hat sich 
die Ehevogtei zurückgezogen. In Österreich behält sie den- 
jenigen Teil ihres Gutes zu selbständiger Verfügung, den sie 
nicht freiwillig als Beitrag zur Deckung der Haushaltungs- 
kosten in die Hand ihres Mannes legt. In Rußland aber 
existiert als überhaupt einziges Güterrecht die völlige 
Gütertrennung. Die Frau verfügt also frei über ihr ganzes 
Vermögen und ist in Handel und Wandel so selbständig wie 
die Unverheiratete. Auch als Mutter ist sie dem Manne völlig 



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— 401 — 

gleichgestellt^ das rassische Recht kennt nur Elternrechte und 
Eltempflichten, aber — mit Ausnahme der dem Vater über- 
tragenen Verwaltung des Eindesvermögens — keine väterlichen 
Sonderrechte. 

Man sieht: die politische „Freiheit^ Westeuropas 
war Freiheit des Mannes, sie ist der Frau zunächst nur in 
der Form allgemeiner Verfeinerung der Sitte zugute ge- 
kommen, nicht aber ihrer privatrechtlichen Stellung. Diese 
wurde am frühesten in den politisch unfreieren Staaten des 
Ostens gehoben. 

Erst der moderne Liberalismus der Mitte des 19. Jahr- 
hunderts brachte im Westen zunächst bei den angelsächsischen 
Völkern der Frau eine größere Selbständigkeit Zwar war in 
England das Common Law schon durch die Eingriffe der so- 
genannten Billigkeitsgerichtshöfe allmählich durchlöchert. Bis 
1870 konnten aber nur begüterte Frauen von der Möglichkeit, 
vor ihnen Eheverträge zu errichten, Gebrauch machen. In 
diesem Jahre wurden dann bestimmte Tieile des Frauenguts, 
namentlich ihr selbständiger Arbeitsverdienst, als ihr Sonder- 
gut erklärt, und 1882 bedurfte es nur nocB eines Anstoßes, um 
nach dem Muster einiger amerikanischer Staaten (New York 
1860) der Frau volle Verfügungsfreiheit für ihr ganzes Ver- 
mögen zu erringen. Dadurch rückte dann das am längsten 
mittelalterlich gebliebene englische Eherecht mit einem Schlage 
in die Reihe derjenigen Gesetze, die der Persönlichkeitsgeltung 
der Frau den weitesten Spielraum gewähren« Die neuen Ge- 
setze beziehen sich allerdings nur auf das Eigentum der 
Frau, nicht aber auf ihr persönliches Verhältnis zum Manne: 
Weil und so weit sie Eigentum hat, ist sie selbständig und 
selbstverantwortlich. Und als besterhaltenes Denkmal der 
Vergangenheit besteht in England und in fünf Sechsteln der 
Vereinigten Staaten auch die Einseitigkeit der väterlichen Ge* 
walt noch fort Zufolge der sozialen Stellung der englischen 
und amerikanischen Ehefrau haben aber diese Beste des 
Common Law praktisch nicht viel mehr Bedeutung als die 
Romantik alter Ruinen, in die ein mit allem modernen Komfort 
ausgestattetes Wohnhaus hineingebaut ist. 

Betrachten wir nun endlich die jüngste große Gesetzes- 

Franenkongreß. ^ 26 



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— 402 -- 

schöpftmg: unser deutsches Bürgerliches Gesetzbncli^ 
80 sehen wir, daß es zwar kräftigere Sfpnren modemer reohtlicheF 
nnd sittlicher Anschauungen als manche andere noch gelten-* 
den Rechte trägt, daß es aber trotzdem der Selbständigkeit 
der Frau einen geringeren Spielraum gewährt, als die russi- 
schen, amerikanischen und englischen Gesetze. Ihre persone- 
ll che Unterordnung besiegelt, geschmackvoller als die Gehot'^ 
samsparagraphen, aber doch annähernd so sicher, das Entschei-^ 
dungsrecht des Mannes, das ihm in allen das gemeinschaftliche 
Leben betreflfenden Angelegenheiten zusteht. Die väterliche 
Gewalt ist nunmehr in eine elterliche verwandelt, aber ihre 
Funktionen gehen nur, wie in England und Frankreich, bei 
Verhinderung des Vaters und nach seinem Tode voll auf die 
Mutter über. Die der Frau zuerkannte Handlungsfähigkeit 
aber wird durch das gesetzliche Güterrecht wieder faktisch 
beschränkt. Denn dies ist bekanntlich ein Güterverbindungs^ 
System, das sich von seinen mittelalterlichen Vorfahren durch 
die weitaus bessere Sicherung des Frauenguts, und dann grund-* 
sätzlich dadurch unterscheidet, daß es den Arbeitsver- 
dienst der Frau zu ihrer Verfügung läßt. Dadurch gewinnt 
endlich wenigstens die erwerbstätige Frau Selbständigkeit und 
l^cherheit gegenüber einem arbeitsscheuen Taugenichts; aber 
die keinem Gelderwerb nachgehende, also gerade die ver- 
mögende, ist zur Bestreitung ihrer persönlichen Bedürf- 
nisse noch immer auf die Freigebigkeit ihres Gatten angewiesen. 

Jede zum Persönlichkeitsbewußtsein erwachte Frau muß 
diese noch in aUen Ländern konstatierten Reste des Patriar- 
chalismus als unethisch empfinden. Die Frau, die sich 
ihrem Gatten kritiklos unterordnet, macht sich und ihm zwar 
die Ehe bequem, aber sie verzichtet damit nicht nur auf die 
eigene geistige Entwicklung, sondern sie bedeutet auch nichts 
für die sittliche Entwicklung ihres Mannes. Und einen Mann, 
der nur zufolge der rechtlichen Unselbständigkeit seiner Gattin, 
die Stellung die er im Hause beansprucht, einzunehmen ver-* 
mag, wird kein vollentwickeltes Weib achten können. 

Der Wert des Patriarchalismus far die Kulturentwicklung 
bestand erstens darin, daß er das Band, was unter primitiveren 
Formen des Zusammenlebens nur Mutter und Kind verknüpfte, 



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^ 408 ^ 

auch um den Vater schlang und ihn lehrte, zosanuaen mit der 
Matter für die Kinder za sorgen. Er bedeutete zweitens die 
Lodösung der Einzelfamilie, des dnzd^en Mannes, von der 
berdenartigen Gebundenheit an die Sippe, welche die indivi- 
duelle Entwicklung des einzelnen mit tausend Klammern ge- 
fesselt hielt. Erst infolge dieser Verldeinerung und Yereinze^ 
lung der Menschengruppen, wie sie die patriarchale Familie 
herbeiführte, konnte sich der Mensch aber als Individuum 
empfinden lernen. Sie war das Mittel, um zur Entwicklung 
individualistischer Ideale zu gelangen. Das Ideal der sittlich 
autonomen menschlichen Persönlichkeit galt nun aber bisher 
nur für den Mann. Die Freiheit war — das sahen wir deut- 
lich — gerade da, wo sie am meisten bestand, in Frankreich 
und England, zunächst nur Freiheit des Mannes. Aber die 
Zeit ist gekommen, wo auch die Frau die Pflicht und das 
Recht erkannt hat, nach ihrem eigenen Gewissen zu handeln 
und es nicht nur um ihrer selbst willen, sondern auch im 
Namen der Kultur einfordert. Die Geschichte aber lehrt uns, 
daß Fortschritte der ökonomischen und politischen Kultur 
keineswegs, wie heute so vielfach geglaubt wird, von selbst 
den Frauen die Teilnahme an den individualistischen Kultur- 
gütern in den Schoß werfen, sondern daß wir darum heute und 
künftig immer von neuem kämpfen müssen.^ 

Mlle. Dr. jur. Marie Popelin^Brüssel sprach über die 
Stellung der Ehefrau in Belgien, wo trotz der im 
Februar und Mai 1900 vorgenommenen Modifikationen (die auf 
die Propaganda der Brüsseler Frauen zurückzufahren sind) die 
Eherechtsverhältnisse noch äußerst ungünstige für die Frau 
sind. Sie wird nach dem auch in Belgien noch rechtskräftigen 
Code Napoleon durch die Eheschließung im Prinzip völlig ent- 
mündigt, wenn auch die neuen Bestimmungen, daß sie selb- 
ständig ein Sparkassenbuch anlegen und einen Arbeitskpntrakt 
bis zu jährlich 3000 Frcs. abschließen darf, eine Konzession an 
die neue Zeit und die veränderten Verhältnisse bedeutet Auch 
die belgischen Frauen suchen die Gesetzgebung zu beeinfiussen, 
damit sie nach und nach die alten Bechte des Mannes mit den 
neuen Bechten der Frau in Einklang bringen möge. 

26* 



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— 404 — 

Ein Gegenstfick zu diesem Bericht boten die Ausführungen 
von Mrs. Na pi er 'Neuseeland, wo die Frau dem Mann auch 
ciyilrechtlich nahezu gleichgestellt ist. In ihrem Referat über 
„Laws concerning Domestic Relations" sprach Mrs. 
Napier in erster Linie von den gesetzlichen Beformen in der 
Stellung der Frau, die durch den Bund der neuseeländischen 
Frauenvereine angestrebt und erreicht wurden. Unter anderem 
hofft der Bund auch die Forderung, daß das uneheliche Kind 
den Namen des Vaters erhalte, durchzusetzen« 

Mrs. Blankenbur g^Philadelphia berichtete über die E n t - 
Wicklung der die Stellung der Frau betreffenden 
Gesetze in den Vereinigten Staaten, wo das anfänglich 
adoptierte Common Law des englischen Mutterlandes seit un- 
gefähr 60 Jahren tiefgreifende und bedeutsame Modifikationen 
zugunsten der Frau in den einzelstaatlichen Gesetzgebungen 
erfahren hat, wo aber trotzdem die verheiratete Frau dem 
Mann gegenüber auch noch in verschiedenen wichtigen Punkten 
benachteiligt und in ihrer Selbständigkeit beschränkt ist. 

In wirkungsvoller Weise ergänzte Miß Susan B. An- 
thony«* Rochester die Ausfuhrungen von Mrs. Blankenburg, 
indem sie auf die Zustände vor 50 Jahren hinwies und auf 
die weittragenden, segensreichen Reformen, die seitdem die 
familienrechtlichen Bestimmungen erfahren haben, Reformen, 
die allerdings erst durch das Frauenstimmrecht vollendet 
und gesichert sein werden. 

In der Diskussion sprach Frau Alma Eriesche« 
Dresden über die allgemeinen Bestimmungen im Eherecht des 
neuen Bürgerlichen Gesetzbuches, das mancherlei Verbesse- 
rungen für die Frau gebracht hat und im Prinzip Mann und 
Frau gleiche Rechte gewährt. Dieser Fortschritt ist aber 
praktisch auf die unverheirateten Frauen beschränkt, 
für die verheirateten ist er nur in der Theorie vor- 
handen. Das Bürgerliche Gesetzbuch nimmt der verheirateten 
Frau sogar einen Teil ihrer früheren Rechte und überträgt 
sie auf den Mann. Frau Sera Pro eis »Berlin forderte unter 
eingehender Begründung, daß die Arbeit der Frau im 
Hause, die ebenso wie die Erwerbsarbeit des Mannes zur 
Erhaltung der Familie beiträgt, richtig bewertet und daß der 



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— 406 — 

Frau dafür ein gewisser Anteil am Lohn oder Gehalt oder den 
sonstigen Einkünften des Mannes gesetzlich gesichert werde. 

Den idealen Standpunkt in der Ehe vertrat Mrs. Perkins 
Gilman^New York, deren von stürmischem Beifall begleitete 
Aasfährnngen dem Gedanken Aosdruck gaben: Erst wenn 
anch die Frau in der Ehe wirtschaftlich selbständig ist und 
nicht mehr darauf angewiesen, dem Manne durch Gesetze Geld 
abzuringen, erst dann werden wir eine Liebe und Ehe haben, 
die nicht mit Geld zusammenhängt, und Mann und 
Frau werden als freie Menschen nebeneinander stehen! 

Zum zweiten Punkt der Tagesordnung sprach als erste 
Bednerin Madame Od do-Deflou «Paris über 

Das eheliche Gitterrecht in Franicreich. 

„Am 21. März d. J. konnte unser bürgerliches Gesetzbuch, 
der „Code Napol6on", sein hundertjähriges Jubiläum feiern. 
Dieses Werk der Rechtsgelehrten, das seinerzeit für ein 
Meisterwerk gehalten und in fast allen Staaten Europas an- 
genommen oder nachgeahmt worden ist, würde nie zustande 
gekommen sein, wäre der mächtige und geniale Wille Napoleons 
nicht gewesen. Heutzutage, nach nicht weniger einstimmiger 
Ansicht, hat es eine gänzliche Umarbeitung nötig. Besonders 
in bezug auf das weibliche Geschlecht erscheint es veraltet 
und über die Maßen hart. Als Mann, Eroberer und Südländer, 
stempelte Napoleon die Frau mit dem Zeichen der Verachtung, 
die er in dieser seiner dreifachen Eigenschaft gegen sie hegte, 
und zwar ist es besonders die verheiratete Frau, welche seine 
Strenge am meisten zu fühlen bekam, denn es ist von unter- 
geordneter Bedeutung, daß die unverheiratete Frau frei bleibe, 
wenn nur die verheiratete recht gefesselt ist. 

Die Gewalt des Ehemannes über die Güter der Frau ist 
fast ebenso unumschränkt wie seine Gewalt über ihre Person. 
Das gesetzliche Güterrecht unseres Landes ist die Güterge- 
meinschaft der Mobilien und des während der Ehe erworbenen 
Gutes, wobei der Ehemann als Herr und Meister über alles 
verfügt, die Immobilien der Frau ausgenommen. Es tritt in 
£raft, wenn die Eheleute keinen anderen Vertrag gemacht 
haben, und diese Fälle sind die Majorität, denn auf 1000 Ehen 



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— 406 — 

^ählt man nur 47, die unter anderen Bedingungf^n geschlossen 
werden. 

Übrigens haben: wir vier eheliche Grfiterrechtsverhältnisse: 
1. Gütergemeinschaft mit verschiedenen Varianten; 2. Aus- 
schluß der Gütergemeinschaft; 3. Dotalrecht; 4. Gütertrennung. 
Keines gestattet der Fran, über das zn verfügen, was sie be- 
sitzt, obgleich das vierte, dem Artikel 1449 gemäß, ihr diese 
Gunst zu gewähren scheint. Die Geschäftsleute, die erst nicht 
daran glauben wollten, sind sich nun darüber einig, daß dieser 
Artikel in der Praxis nichts gilt. Die Wechselmakler, 
die das Monopol des Kaufes und Verkaufes der Börsen- 
papiere besitzen, nehmen die Aufträge einer verheirateten Frau 
nicht an, und die Notare schließen keinen Vertrag mit ihr ab, 
ohne die Unterschrift des Ehemannes. Ihr ganzes Recht ist 
also darauf begrenzt, ihre Einkünfte zu verwalten, d. h. sie zu 
erheben, ihre Immobilien zu vermieten, sie ausbessern zu 
lassen; sie nimmt unter dieser sogenannten Gütertrennung 
etwa die gleiche Stellung ein wie ein mündig gesprochener 
Minderjähriger. Doch verleiht ihr auch dies eine verhältnis- 
mäßige Freiheit; denn unter den drei anderen güterrechtlichen 
Systemen, besonders dem der Gütergemeinschaft, ist ihre Ab- 
hängigkeit so groß, daß im Jahre 1881, während der Diskussion 
des Sparkassengesetzes, einer unserer Senatoren sagen konnte: 
da eine mit Gütergemeinschaft verheiratete Frau nichts be- 
sitze, müsse, was sie etwa vorenthielte oder besäße, das Pro- 
dukt einer . . . Unterschlagung — d. h. — eines Diebstahls 
sein! — Das Dotalrecht enthält eine eigentümliche Bestim- 
mung: es entzieht die Mitgift, d. h. das Kapital, sowohl der 
Verwaltung des Mannes wie der der Frau. Diese Anordnung, 
welche von unwissenden oder von durch Männer beeinflußten 
Feministen sehr bekrittelt wird, hat unvergleichliche Vorteile: 
ich komme noch darauf zurück. 

Die Ehrfurcht einflößende und uneinnehmbare Veste der 
dem Ehemann zukommenden Vorrichte ist noch in allen ihren 
hauptsächlichen Teilen erhalten; man hat aber einige kleine 
Breschen gelegt, welche die Unmöglichkeit beweisen, das 
Prinzip in seiner ganzen Strenge anzuwenden. Z. B.: das 
Gesetz vom 6. Februar 1893 gibt der von Tisch und Bett ge- 



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^ 407 ^ 

toenatea Frau die voUst&adige rechtliche Selbständigkeit wiedor 
zurück^ was sie in eine ganz merkwürdige Lage versetzt , da 
sie damit doch nicht aufhört^ verheiratet am sein. Das Gesetz 
¥<»! 9. April 1881 bevollmächtigt die verheiratete Frau, ihr 
Geld in der Sparkasse zu hinterlegen; doch kann der Ehe- 
mann sich der Rückzahlung widersetzen, was aber sehr selten 
vorkommt Das Gesetz vom 20. Juli 1886 erlaubt ihr, eiuAr 
Altersversic^erungskasse beizutreten, doch kommt die Hälfte 
der hinterlegten Summe dem Manne zugute, falls sie in Güter- 
gemeinschaft lebt. Das Gesetz vom 1. Aprü 1898 bestimmt^ daß 
^Frauen Mitglieder von Hilüskassen sein und selbst Vereinskassen 
gründen können", und daß „veiiieiratete Frauen dieses Recht 
ohne Bevollmächtigung ihres Gatten ausüben können". . . . 
Allerdings liest man ein wenig weiter: „Die Administration 
und die Direktion der HU&kassen dürfen nur volQährigen 
Männern und Frauen französischer Nationalität anvertraut 
werden . . . unter dem Vorbehalt der Bevollmächtigung des 
allgemeinen Rechtes für die verheirateten Frauen!" Endlich 
befähigt die Bevollmächtigung des Ehemannes, der seiner Frau 
gestattet, ein Geschäft zu betreiben, sie zu allen folgenden 
und darauf bezüglichen Handlungen. Man hat eingesehen, daß 
die Notwendigkeit, sich jedesmal bevollmächtigen lassen zu 
müssen, so gut wie eine Entmündigung wäre. Ebenso war es 
unmöglich, daß die Hausfrau jedesmal, wenn sie eine Hammel- 
keule, ein Huhn oder ein Dutzend Servietten kaufen wollte, 
.erst die Einwilligung des Gatten einholte, und da ihm selbst 
gar nichts daran liegt, diese Art von Pflichten zu erfüllen, so 
hat man die famose Theorie „du mandat tacite" der „still- 
schweigenden Billigung" erfunden, infolge welcher die Frau als 
die Bevollmächtigte ihres Ga.tt^a anzusehen ist, was die mit 
ihrer Stellung und ihrem Vermögen im Einklang stehenden 
täglichen Einkäufe anbelangt. Aber wie weit dürfen diese 
gehen? Wo beginnt und wo endigt ihr Recht? In Streitfällen 
spricht das Gericht das Urteil aus, und zuweilen beschneidet 
es auch die Rechnungen der Lieferanten. Diesen geschieht 
Recht, wenn sie zu vertrauensvoll gewesen sind. Beklagen 
wir sie nicht zu sehr, denn sie verlieren selten etwas, und 
sollten sie etwas befürchten, so denke ich, wissen sie sich 



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— 408 — 

durch erhöhte Preise gegen derartige Möglichkeiten za 
schützen. 

Die einzigen Opfer nnserer ehelichen Gesetzgebung 
sind — dieFrauen, die wir so oft des Notwendigen beranbt 
sehen, entweder durch den Geiz ihres Gatten (oft sogar dann, 
wenn er seinen Reichtum seiner Heirat verdankt) oder in- 
dem er die Subsistenzmittel der Familie in Ausschweiftmgen, 
Spiel und unklugen Spekulationen verschwendet« Es ist in 
Frankreich eine alltägliche Geschichte, daß ein junges, reiches 
Mädchen, welches um seines Beichtums willen geheiratet wird 
— wie es 19 von 20 mal passiert — mit dem gleichen Feder- 
strich seinen Ehekontrakt und seinen Huin unterschreibt. Da 
sind alte Schulden des jungen Ehemanns, die mit ihrer Mit- 
gift bezahlt werden sollen; ihr Geld ist schon im voraus dazu 
bestimmt. Mit der von den Eltern oft mühsam ersparten 
Mitgift werden die extravaganten Toiletten und die feinen 
Soupers von Dirnen, der gewöhnlichen Gesellschaft des Bräu- 
tigams, bezahlt, und die junge Frau wird in den meisten 
Fällen niemals wieder in den {Besitz ihres Vermögens 
kommen. 

Die Verfasser des Gesetzes haben die unheilvollen Folgen 
desselben nicht geahnt; zu ihrer Zeit waren sie unmöglich 
oder doch selten. Sie haben die ungeheure Entwicklung der 
beweglichen Güter nicht vorausgesehen. Wir haben gesehen, 
daß unsere gesetzliche Gütergemeinschaft sich nur auf die 
Mobilien und die während der Heirat erworbenen Güter be- 
zieht, und die Immobilien ausschließt, die vor den Übergriffen 
des Gatten gesichert sind. Nun, im Jahr 1804 war das aus 
Immobilien bestehende Vermögen die Regel; heutzutage im 
Jahr 1904, ist es die Ausnahme. 

Was für ein Mittel gibt es nun gegen diese Zustände? 
Es ist mir eine Freude, bei dieser Gelegenheit die Einstimmig- 
keit der Feministen, nicht nur meines Landes, sondern der 
ganzen Welt, zu konstatieren. Die nationalen und internatio- 
nalen Kongresse, die seit 10 Jahren hier und da, besonders 
in Paris, London, Berlin, Brüssel stattgefunden haben, be- 
stätigen uns, daß es nur eine Stimme gibt, die statt dieser 
absoluten Abhängigkeit, unter der wir solange gelitten haben. 



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— 409 — 

die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau gebieterisch ver- 
langt. Wfirde es aber praktisch sein, unsere gegenwärtige 
Gütergemeinschaft mit der gegenwärtigen Gütertrennung, wie 
sie bei uns gehandhabt wird, zu vertauschen? Die Antwort 
ist zweifelhaft. Denn einerseits werden durch die letztere 
die Hände der Frau nur für die Verwaltung ihrer Guter 
frei, nicht aber ffir die Verwendung derselben. Und was 
ist ein Besitzer, der weder selbständig verkaufen noch kaufen, 
weder geben noch empfangen noch borgen kann? Andererseits 
läßt der Ehevertrag auf dieser Grundlage dem Manne nicht 
nur allen Gewinn seiner eigenen Arbeit, sondern auch den 
Ertrag der Arbeit seiner Frau, wenn diese die Unvorsichtig- 
keit begeht, einen Handel oder ein Gewerbe auszuüben, ohne 
zuerst festgestellt zu haben, daß sie dabei in ihrem eigenen, 
persönlichen Namen handelt. In der Auvergne in Frankreich 
kommt dieser Mißbrauch häufig vor. Die Familienväter haben 
sich bis jetzt sehr wenig darum bekümmert, die Interessen 
ihrer Töchter wahrzunehmen, und eine nach der anderen büßt 
ihre Unwissenheit und die väterliche Gleichgültigkeit teuer. 

M. SaleiUes, Professor an der Fakultät der Hechtswissen- 
schaften in Paris, sprach in einem Bericht auf dem Kongreß 
der Sozialökonomie im Jahre 1901 seine Verwunderung aus 
über die Beharrlichkeit der Feministen, die Gütertrennung 
trotz aller ihrer Nachteile zu verlangen. Er vergaß zu er- 
wähnen, daß die Feministen vor allem auf ihrem Verlangen 
nach Abschaffung der gesetzlichen Handlungsunfähigkeit der 
verheirateten Frau bestehen, das schon 1895 von dem Depu- 
tierten M. Michelin der Kammer vorgelegt wurde. Unter 
dieser Bedingung allein würde die Gütertrennung uns 
von Nutzen sein. 

Ehe man sich zugunsten einer Veränderung ausspricht, 
muß man sehr genau abwägen, ob man dabei mehr gewinnt 
als man verliert. So stelle ich mir z. B. die Frage, ob wir 
durch das eheliche Güterrecht des neuen deutschen Civil- 
gesetzes etwas gewinnen würden, und ob diese Gütertrennung 
und die Erlaubnis, den Lohn unserer Arbeit selbst erheben zu 
können, die Vorteile der Gütergemeinschaft völlig aufwiegen 
würde? 



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— 410 — 

M. Coalon, einer unserer angesehensten Advokaten, der 
sich einer reidien Kundschaft erfreut, ist der Verfasser einer 
Schrift, in welcher er den Wunsch ausspricht, nur zwei eheliche 
Gftterverhältnisse besteben zu lassen: eine wirkliche voll- 
ständige Gemeinschaft unter Administration der beiden 
Gatten — und eine vollständige Gütertrennung. Die erste 
Form würde der antiken religiösen Auffassung der Ehe ent- 
sprechen; die zweite der modernen, die in der Ehe nur eine 
rein menschliche Einrichtung sieht, mit der die Gottheit nichts 
zu tun hat. Auf den ersten Blick sehr verführerisch, bedarf 
doch dieser Entwurf einer Erweiterung. Nach reiflicher Über- 
legung glaube ich, daß es nötig ist, wenigstens während einer 
gewissen Übergangsperiode, neben dem legalen pekuniären 
Unabhängigkeitsverhältnis eine andere Einrichtung, und 
zwar die des Do talrecht es, bestehen zu lassen, allen 
Angriffen, denen sie ausgesetzt ist, zum Trotz. Die Gregner 
dieser Einrichtung haben den wichtigsten und einzigen Vor- 
teil derselben nämlich nicht eingesehen: sie beschützt die 
Frau gegen sich selbst! 

Ich stehe hier vor einem sehr ernsten physiologischen und 
psychologischen Gesichtspunkte — zu ernst, um stillschweigend 
übergangen zu werden. Niemand von Ihnen, meine Damen, 
ignoriert das ungeheure moralische Mißverhältnis, das zwischen 
zwei jungen Gatten besteht Nicht nur ist der Altersunter- 
schied gewöhnlich groß — auch ihre Lebensweise und Er- 
ziehung haben sie geflissentlich voneinander getrennt. Das 
junge Mädchen ist unter strenger, oft engherziger Aufsicht auf- 
gewachsen; dem jungen Mann hat man schon früh alle mög- 
lichen Freiheiten gelassen, so daß die ehelichen Freuden, von 
denen er oft schon vor der Ehe übersättigt ist, för sie von fast 
betäubender Neuheit sind. Unter diesen so verschiedenen Um- 
ständen behält er seine vollständige kaltblütige Urteilskraft, 
sie dagegen verliert für den Augenblick das klare Bewußtsein 
ihrer eigenen Persönlichkeit. Auf diese Weise erklärt sich 
der außerordentliche Einfluß des Ehemannes während der ersten 
Jahre auf die Frau, die dann in der Tat, nach dem kräftigen 
Ausdruck der Römer, mit Körper und Seele „in manu mariti^ 
ist. Aus diesem Grunde behauptet auch „m^re Marie du Sacre 



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— 411 — 

CcBur", die zwar durch ihr EeuBChheitsgeiubde keiae EMieihning 
in dieser Frage hatte, die aber mit der Scharfsichtigkeit einer 
genialen Natur die Situation durchschaute, daß wenigstens 
W&hrend der 5 ersten Jahre der Ehe man einer jungen Frau 
ilicht gestatten dürfe, über ihre Güter zu verfügen, da sie 
während dieser Periode sich selbst nicht ganz angehöre. 
Später gewinnt sie mehr oder weniger sich selbst, d. h. die 
Fähigkeit des Widerstandes und des eigenen Handelns zurück. 
Der römische Senatsbeschluß (Senatus consultus) unter Claudius 
kn Jahre 46, welcher ebenfalls den Frauen verbot, für andere, 
den Ehemann inbegriffen, Bürgschaft zu leisten, war ohne 
Zweifel mehr ein Ausdruck des Wunsches, sie zu beschützen, 
als sie in ihrer sozialen Wirksamkeit zu lähmen. Und es ent- 
sprach dieser Senatus consultus so vollständig den mensch- 
lichen Leidenschaften und Bedürfnissen, daß er das ganze 
Mittelalter hindurch, wenn auch mit einigen Veränderungen 
und Verschlechterungen, Geltung behielt. 

Es gibt noch eine andere Klippe, gegen die wir unsere 
Maßregeln nehmen müssen: nämlich die Parteilichkeit der Ge- 
schäftsleute für ihr eigenes Geschlecht. Ja, die Männer sind 
in solchem Grade von Eigenliebe beherrscht, daß sie dieselbe 
auf das ganze männliche Geschlecht ausdehnen; und diese 
Neigung, die ich Geschlechtsgeist — esprit de sexe — 
nenne, trägt manchmal den Sieg davon, selbst über die engsten 
Verwandtschaftsbande. Ich habe Männer Partei nehmen sehen 
gegen ihre Töchter und Schwestern, zugunsten Fremder, und 
nur aus Vorliebe für ihr eigenes Geschlecht. Hier eine Anek- 
dote, die das Verdienst hat, authentisch zu sein. 

Eine sehr hübsche junge Frau kam eines Tages, von ihrer 
Mutter begleitet, in unsere Group e d'Etudes Feministes 
(Verein für feministische Studien). Sie teilte uns mit, daß ihr 
Gatte ihre Mitgift mit schlechten Frauen verschwendet hätte 
und daß sie jetzt genötigt sei, ihre Zuflucht zu ihren Eltern 
zu nehmen, und vor Gericht auf Scheidung zu klagen. Ihre 
Unschuld, ihre Enttäuschung, ihr Schmerz taten uns weh. Ich 
fragte sie: Worin bestand Ihre Mitgift? — In Wertpapieren 
zahlbar an den Inhaber. — Und welchen Ehevertrag haben Sie 
gemacht? — Gütertrennung. — Wie hat denn Ihr Gatte Ihr 



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— 412 — 

Gteld vergeuden können ? Hat er Ihre Wertpapiere genommen ? — 
Nein, ich habe sie ihm selbst gegeben. — Ist das möglich! 
Und Sie haben niemanden nm Bat gefragt, bevor Sie diese 
Handlung vollzogen? — Ich habe meinen Notar zu Bäte ge- 
zogen. — Und was hat der gesagt? — Den häuslichen 
Frieden könne man nicht teuer genug bezahlenll 

Ich könnte unzählige ähnliche Oeschichten erzählen. Der 
Mann ist in dem Grade daran gewöhnt, die Frau zu betrügen, 
daß er es tut, ohne es zu wissen: seiner Anschauung nach ist 
es kein Unrecht. Und mit einer sonderbaren Verblendung 
fährt die Frau fort, ihr Vertrauen in ihn zu setzen, anderen 
Frauen, ihren Unglücksgenossen, mißtrauend, deren Interessen 
doch dieselben sind wie die ihrigen« 

Wir wünschen, daß die verheiratete Frau, deren Handlungs- 
fähigkeit sich bei uns bis heute darauf beschränkt, ihr Testa- 
ment zu machen und ihr Begräbnis anzuordnen, die Ausübung 
aller ihrer bürgerlichen Hechte erwerbe; wir wünschen die 
Feststellung einer gesetzlichen pekuniären Unabhängigkeit in 
der Ehe. Damit aber die Beform wirksam und die damit ver- 
bundenen Gefahren so viel als möglich abgeschwächt werden, 
verlangt die Vorsicht, daß allerlei Beschränkungen, je nach 
den Umständen und dem Charakter der Verlobten, kontrakt- 
mäßig in das gesetzliche Verhältnis eingetragen werden. Und 
was noch wichtiger ist — die jungen Mädchen müssen künftig 
in die Physiologie des Ehestandes eingeweiht werden, damit 
sie gegen die unheilbaren Folgen ihrer Schwäche auf der Hut 
sein mögen. Sie müssen auch lernen, ihre materiellen Inter- 
essen wahrzunehmen — bis wir Geschäftsfrauen, weibliche 
Notare und Advokaten besitzen, die, wenn auch nicht vom 
„esprit de sexe" beseelt, doch die Interessen der Frauen zu 
verteidigen wissen." 

Frau Dr. jur. MarieBaschke* Berlin gab eine überaicht- 
liche Darstellung des gesetzlichen ehelichen Güterrechts 
in Deutschland und seiner erheblichen Nachteile für die Ehe- 
frau, die bei aller Anerkennung der sonstigen Fortschritte und 
Vorzüge des neuen Bürgerlichen Gesetzbuchs eine Beform des 
FamUienrechtes dringend wünschenswert erscheinen lassen. Da 



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— 413 — 

Yorlänflg eine Revision ^ des neuen Gesetzes nicht in Aussicht 
steht, so ist diese Beform wenigstens anzubahnen durch 
eine allgemeinere Einftthrung der voUst&ndigen Gfitertrennung 
durch Ehevertr&ge,die wohl hauptsächlich aus;Unkenntnis 
des Gesetzes, bisher noch verhältnismäßig selten abgeschlossen 
werden. Die Häufigkeit solcher Verträge wird erst den G^esetz- 
geber von der Notwendigkeit der Änderung des gesetzlichen 
Güterrechts fiberzeugen. Außerdem trat die Beferentin ffir eine 
aUgemeinere Verbreitung von Rechtskunde unter den Frauen ein. 
Fräulein Dr. jur. van Dorp*Haag sprach über 

Das eheliche Güterrecht in Holland. 

Die Rednerin gab eine gedrängte Darstellung der ge- 
schichtlichen Entwicklung des Eherechtes in den Niederlanden, 
wo während der von ihr als der „französischen^ bezeichneten 
Periode, von 1809 ab, ein auf der Grundlage des C!ode Napoleon 
basierendes Gesetzbuch eingeführt wurde. Das 1838 vollendete, 
heute noch zu Recht bestehende niederländische Gesetzbuch 
stützt sich im ganzen auf den Code, nur das Kapitel über das 
gesetzliche Güterrecht ist ganz umgearbeitet worden und be- 
ruht auf der vollständigen Gütergemeinschaft der Ehegatten. 
Nachdem die Rednerin eine Darlegung desselben, seiner Un- 
zulänglichkeiten und der dadurch geschaffenen, heute ganz 
unhaltbaren Zustände gegeben hatte, führte sie zum Schluß 
folgendes aus: 

„Schon seit Jahren hat man sich dagegen erhoben im 
Interesse der Frau. Es ist manche Familie finanziell zugrunde 
gegangen, wo die Frau bei weitem die Tüchtigere oder wohl 
allein tüchtig war, der Mann entweder nicht für die Verwal- 
tung oder überhaupt nichts taugte; und die Frau mußte dabei- 
stehen und konnte nichts tun. Schließlich im Jahre 1880 
wurde vom König eine Kommission ernannt, um eine Änderung 
des B.G.B. zu entwerfen. Im Jahre 1886 veröffentlichte diese 
Kommission einen Entwurf, der an der Gemeinschaft 
als gesetzliches Ehegüterrecht festhielt, der Frau 
aber einige Garantien und Fähigkeiten zuerkannte. Im Jahre 
1882 behandelte der Niederländische Juristenverein diese und 
verwandte Fragen. Im Jahre 1895 wurde der Gegenstand in 



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— 414 ^ 

ein^ akademischen Dissertation beh^andett; im Jahre 1898 
zum zweiten Male. Im Jahre 1900 nahm der allgemein 
notarielle Verein in Holland (eine sehr hoch angeschriebene 
Fachgesellschaft) die Frage direkt auf: „Mufi die Gütergemein- 
schaft als gesetzliches System erhalten bleiben, ja oder nein?^ 
Sie bejahte diese Frage, und zwar mit 50 gegen 4 Stimmen. „IS» 
ist gut tür die Frauen, daß das Abgeordnetenhaus nicht nur 
aus Notaren besteht,^ sagte eine Zeitung. Im selben Jahre 
jedoch hielt ein Notar im Notarverein zu Amsterdam eine 
feurige Rede gegen die Gemeinschaft 

Im Jahre 1902 beschäftigte der Verein sich zum zweiten 
Male mit verwandten Fragen. Im Sommer des Jahres 1903 
erschien die Dissertation unserer ersten holländischen Advokatin 
Fräulein Kok. Es wird die Versammlung vieUeicht inter- 
essieren, daß ihr Gegenstand war „Das Ehegüterrecht des 
Deutschen Gesetzbuches^, worin auch sie sich auf das Wärmste 
gegen die gesetzliche Gemeinschaft aussprach. Und jetzt ist 
wieder für die Tagesordnung der Jahressitzung des Nieder- 
ländischen Juristenvereins am 1. Juli die Frage gestellt: „Muß 
die Gütergemeinschaft als gesetzliches System erhalten bleiben?^ 
Zwei Präadvise sind eingebracht worden, eins bejaht die Frage, 
eins (und diesmal das eines Notars) verneint die Frage. An* 
läßlich dieser Sitzung erschienen noch zwei andere Artikel, 
einer von einem Leidener Professor des Civilrechts, einer von 
einem anderen Notar. Beide sprachen sich für die Bei- 
behaltung der gesetzlichen Gemeinschaft aus. Augrascheinlich 
ist der Gegenstand zu einer brennenden Frage geworden.*) 

Da die große Menge nicht daran denkt, Eheverträge zu 
schließen, so muß das gesetzliche Eherecht dasjenige seiin, 
was für die große Menge am wünschenswertesten ist. Man 
darf also nicht einwenden, daß es dagegen Eheverträge gibt; es 
ist eine bekannte Tatsache, daß es damit immer große Schwierig- 
keit macht: Die Brautzeit ist nicht die Zeit zum Mißtrau» 
gegen den Bräutigam, und dieBraut ist dazu jung und unerfahren. 



*) Unterdessen hat, nach dem Berliner Franenkong^refi, im Jnli 1904 der 
Jnristenverein sich gegen die Beibehaltung der gesetzlichen Gemeinschaft 
ausgesprochen. 



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- 415 — 

Ist ihr Vater wadisamer, dann nehmen ihm das meistens 
der Bräutigam und seine Familie, und oft auch die Tochter 
gelber, als einen unerlaubten Arg'wofan ttbel. Dazu kommt 
noch, daß (bei uns wenigstens) die Notare ihre Männerwärde 
so hoch halten, da£ sie, wenn auch nicht gerade yerweigem, 
den Vertrag zu machen — das dürfen sie nicht! — einem 
jedenfalls die Sache recht sauer machen. In meiner kurzen 
Praxis kam es mir schon mehr als einmal vor, daß eine junge 
Braut zu mir kam und mich bat, ihr den Vertrag aufzusetzen, 
da der Notar so unwillig sei, daß sie unmöglich mit ihm fertig 
werden könnte. 

Nun ziehen die Freimde der gesetzlichen Gemeinschaft 
eben die geringe Anzahl der Eheverträge als Beweis heran, 
wie zufrieden man sei mit dem gesetzlichen Ehegüterrecht; 
z. B. kommen in Holland auf 40071 Ehen 1483 Eheyerträge 
= 2^2 %. Zwei Tatsachen beweisen, daß diese Auffassung 
falsch ist, daß es die obengenannten Gründe sind, die von den 
Eheyerträgen abhalten. 

1. (Ich entnehme diese sehr gescheite Bemerkung meiner 
Kollegin Frl. Kok.) „Als yon 1813—1838 der Code NapoKon, 
der unsere allgemeine Gemeinschaft beiseite setzte, bei uns 
galt, da wurden gar nicht mehr Eheyerträge gemacht als yorher. 
Wenn es den Leuten also wirklich um die unbeschränkte Ge- 
meinschaft zu tun gewesen wäre, dann hätte man in der Zeit 
lauter Eheyerträge gehabt" Ebenso in Deutschland: mit dem 
neuen Gesetzbuch wurde das ganze Eherecht umgeändert, es 
werden aber ebensowenig Verträge geschlossen wie yorher. 
Also kann man sagen: im allgemeinen kommen die 
Leute nicht dazu, Eheyerträge zu machen. 

2. Obwohl bei uns die große Menge keinen Vertrag macht, 
und also in yollständiger Gemeinschaft lebt, ist 
ihnen das augenscheinlich doch nie deutlich. Ob man mit 
Damen zu tun hat oder mit kleinen Bürgerfrauen oder mit 
Bäuerinnen, alle sagen: „das sind meine Sachen'', „der Stuhl 
gehört mir noch", „mein Geld" usw. Sie unterscheiden immer, 
was ihnen selber und was dem Mann gehört^ und wenn es je 
zur Auflösung der Gemeinschaft kommt durch den Tod, be- 
trachten sie es wie einen grausamen Betrug, wenn man ihnen 



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— 416 — 

sagt, daß nur die Hälfte ihnen gehört, nnd daß sie nicht frei 
verfiigen dürfen über ihr Vermögen. 

Also: da die Menschen nun einmal unverbesserlich faul 
sind im Eheverträge machen, muß das gesetzliche Ehegüter- 
recht das für die große Masse passende sein. Sehen wir nun, 
womit die vollständige Gemeinschaft verteidigt wird. 

Man sagt: „sie stimme überein mit der Natur der Ehe, 
welche zwei Menschen zu einem macht.^ Eine Dithyrambe, 
die wohl nur da packend wirken kann, wo es sich erweist, 
daß sie sonst hebend wirkt auf die Natur der Ehe. Dazu 
scheint dieses System sehr einfach zu sein, ist es aber nur, 
solange die Gemeinschaft dauert; sobald es an das Auflösen 
geht, schreit mancher Notar Mord und Brand. Besonders da, 
wo es eine zweite Ehe gibt, herrscht bei der Verteilung 
meistens eine heillose Verwirrung, so groß, daß dieselben anti- 
feministischen Notare, die damals so für die Gemeinschaft ein- 
traten, den sehr originellen Wunsch aussprechen: bei erster 
Ehe sei die Gemeinschaft das gesetzliche Recht, bei zweiter 
Ehe aber nicht Sehr konsequent! 

'Schließlich sagt man: die Gütergemeinschaft sei urg er- 
manisch, sie gehöre zum Volk, sie sei historisch, sie allein 
passe unserm Volkl Da denkt man wirklich an Goethe: 
„Es erben sich Gesetz und Rechte 
Wie eine ew'ge Krankheit fort",*) 
denn es scheint gerade vielen unter uns, daß sie eben nicht 
mehr passend sei für uns. Daß etwas so gewesen ist, ist 
doch wohl kein Grund dazu, daß es ewig so bleiben müßte! 

Das ist nun eigentlich alles, was für die Gemeinschaft 
spricht Man führt noch dieses an: die Frau wird unmittel- 
barer Miteigner des Verdienstes und Lohnes des Mannes, 
während bei Gütertrennung alles das, was der Mann verdient, 
sein Eigentum ist, während die Frau ihm das Verdienen durch 
ihre häusliche Arbeit ermöglicht, ihm vielleicht sogar beim 
Verdienen geholfen hat. Diesem Übel ist nun durch eine all- 
gemeine Maßregel, die überhaupt sehr wünschenswert ist, ab- 
zuhelfen: daß man nämlich der Frau ein Recht zuerkennt auf 



*) Zitiert in einem Präadvis des Jaristenyereins. 



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— 417 — 

e&Aen bestimmten Teil des Lohnes ihres Mannes, als Lohn 
für ihre Arbeit. 

Und wieviel spricht nicht gegen die Gemeinschaft! znn&chst 
wie nnnatfirlich : alles, was einem zugehört hat, wird einem auf 
«bmal zur Hälfte abgenommen. Bei einem TodesfaU kann es 
zu den größten Ungerechtigkeiten führen, da die Familie des 
einen Gatten erbt, was dem anderen zugehörte, während anderer- 
seits, wenn der überlebende Gatte vom anderen erbt, er für 
das, was ihm ursprünglich zugehörte, eine hohe Erbsteuer be- 
zahlen muß! 

Zum Schluß aber das, alles andere an Kraft überwiegende 
Argument: wenn eine Gemeinschaft ist, muß einer 
verwalten, es ist nicht anders möglich. Daß beide, 
Mann und Frau, bei jeder geringsten Handlung mitwirken müßten, 
ist nicht durchzuführen. Also einer muß verwalten und der 
eine ist natürlich — der Mann. In der Gemeinschaft ist die 
Frau an Händen und Füßen gebunden, das ist der Grund, 
warum wir die Gemeinschaft verwerfen müssen, und wir 
können sie verwerfen: die Frau ist reif für eine andere 
Ordnung. Im allgemeinen kann man sagen: die Frau kann 
jetzt das Ihre verwalten, muß es jedenfalls können. In den 
kleinen Bürgerkreisen hat die Frau es schon längst getan, be- 
vor die gebildete Frau es verstand. Also wenn die letztere 
es nicht kann, ist es einfach Faulheit, Indolenz. Bei Güter- 
gemeinschaft kann jede Frau ihre Familie finanzieU zugrunde 
gehen sehen, bei Gütertrennung kann es nur der faulen, indo- 
lenten oder sehr dummen Frau passieren. 

Man macht so oft die Gegenüberstellung : die Frau muß in der 
Haushaltung tätig sein, und der Mann muß das Vermögen ver- 
walten. Daß diese GegenübersteUung nicht richtig ist, ist klar; 
denn alle alleinstehenden Frauen und Witwen müssen ihr 
Yermögen selber verwalten, und man kann nicht behaupten, 
daß sie dadurch ihr Haus schlechter halten als die anderen. 

Überhaupt, wer etwas in das Lebenselend eindringt, der 
sieht einen solchen Jammer als Folge der Gütergemeinschaft, 
daß es wirklich an der Zeit wäre, einmal ein anderes System 
zu versuchen. Denen aber, die sich so sehr fürchten vor 
Gütertrennung, möchte ich sagen: Schlimmer als es jetzt 

FrauenkoDg:i*eß. 27 



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— 418 - 

ist, kann es gar nicht werden, und daran maß immer 
wieder erinnert werden: die Gesetze sind für die Fälle^ 
wo es schlecht geht. 

Was für sonstige Bestimmungen noch zu wünschen wären 
bei eventueller Einführung einer Gütertrennung, z. B. daß die 
Möbel immer dem überlebenden Gatten anheimfielen, daß der 
überlebende Gatte ein gesetzliches Erbrecht hätte — das zu 
erörtern würde uns zu weit führen. Was unsere Aussichten 
in Holland angeht, so hat unser voriger Justizminister einen 
Entwurf bearbeiten lassen, der, wie ich habe verlauten hören, 
sehr liberal war. Im Augenblick aber haben wir ein klerikales 
Ministerium und obwohl ein sehr kluger, gescheiter, wohl- 
wollender Justizminister dazu gehört, haben wir doch vorläufig 
die HojBTnung für die nächste Zukunft aufgegeben. Der allge- 
meine Zustand in Holland läßt uns jedoch, wenigstens mich 
persönlich, das Beste hoffen für eine weitere Zukunft, denn die 
Elite der Männer ist für die Verbesserung unseres 
Bechtszustandes. 

Wenn ich Ihnen sage, daß dem Vorstand des „Vereines 
zur Verbesserung des sozialen und des Bechtszustandes der 
Frau", der aus 4 Damen und 4 Herren besteht, der Präsident 
unseres höchsten administrativen Gerichtshofes, zwei hervor- 
ragende Universitätsprofessoren und ein bekannter Bechtsanwalt 
angehören — dann werden sie mir beistimmen, daß man in 
Holland in dieser Beziehung doch voller Hoffinung sein darf!'' 

Es folgte das Beferat von Mrs. Alfred Booth* Liver- 
pool über 

Married Women'8 Property Law8. 

„From the earliest times it has been laid down as a fun- 
damental principle of law, a principle upon which the whole 
law relating to husband and wife has hitherto depended, that 
by virtue of the marriage a husband and wife become one 
person in law. This theory has been greatly modified within 
recent times, more particularly by the Married Women's Pro- 
perty Act of 1882. The present law as to the rights and 
disabilities of married women is largely based on that Act. 

Every woman married after the Ist of January 1883 i& 



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— 419 — 

capable of acqniring, holding, and disposing by will or other- 
wise of any real or personal property in the same manner as 
if she were nnmarried, without the interyention of any trostee. 
She is entitled to hold and dispose of, as her separate property, 
all real and personal property which belongs to her at the 
time of her marriage or is acquired by or devolves upon her 
afker marriage. The general elBfect of these provisions is to 
invest married women with a special capacity of acqninng 
and exercising legal rights of ovmership apart from their 
husbands in respect of any property and to depriye a hnsband 
of all his former marital rights in respect of any personal 
property of his wife. 

There is an exception, perhaps more corious than impoi'tant, 
to the foregoing powers of the wife to dispose of property, 
which may be mentioned here: that is with regard to the 
wife's paraphemalia. Her paraphemalia seem not to be alBfected 
by the Act of 1882 and to not become her separate property. 
They consist, in general, of her apparel and omaments, sui- 
table to her Station in life, given to her by her hnsband to be 
nsed or wom as omaments of her person and for his gratifica- 
tion before or after marriage. As before the Act of 1882, the 
wife has no right of property in them tili she becomes a widow, 
and therefore is nnable to dispose of them by deed or will 
dnring marriage, and her hnsband is able to give them away, 
or to seil or pledge them, thongh he may not bequeath them, 
and they are liable to his debts. The question whether gifts 
to the wife are in the nature of paraphemalia is one of Inten- 
tion. If the Intention is made manifest that the gifts are to 
the wife not absolutely, bnt for her nse as a wife, this pecnliar 
kind of property may be created. 

It is convenient here to mention also two important 
matters. One is: that all rights of a married woman with 
regard to property whether acquired by or devolving on her 
either before or after marriage may be modified to any extent 
by an ante-nuptial or post-nuptial settlement — a fact which 
must never be lost sight ot 

The other matter presents more difficulty. It is that a 
condition may be attached to a gift of property to a married 

27* 



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— 420 - 

woman's separate nse depriving her of the power of dispositüm. 
Snch a condition Is called a ^restraint on anticipatW'. It 
may be attacbed to a gift of income or of corpus of property. 
In such cases the corpus or eapital is gen^rally rested ih 
trostees who are directed to pay her the income only, power 
to anticipate the payment of either eapital or income being 
expressly withheld from her. The restraint only lasts dnring 
marriage, thongh it may. revive if a second maniage is entered 
into. Bnt it protects any property the snbject of it against 
aaiy debts or obligations contracted or incurred dnring maniage 
not only while the corertore lasts, bnt it continnes to proteot 
it from the same liabilities i. e. incurred dnring marriage aftor 
the termination of the marriage. Power, however, is reserved 
to the Court to remove the restraint temporarily in certain 
cases imnecessary to mention here. 

A married woman is capable of entering into and rendering 
. herseif liable in respect of and to the eztent of her separate 
property on any contract, and of suing and being sued, either 
in contract or in tort, or otherwise, in all respects as if she 
were unmarried, A married woman has the same ciyil and 
criminal remedies against all persons, including her hnsband, 
for the protection and security of her own separate property, 
as if she were unmarried. With this exception no husband or 
wife can sue the other for tort. But no criminal proceeding 
can be taken by a wife against her husband, while they are 
liring together, as to property claimed by her, nor, while they 
are living apart, as to any act done by her husband, while 
they were living together, conceming property claimed by the 
wife, unless such property was wrongfnlly taken by the hus- 
band when leaving or deserting or about to leave or desert 
bis wife. 

A married woman is liable to an order for maintenance 
of her husband out of her separate property if he becomes 
chargeable to any union or parish, and she is liable equally 
with her husband for the maintenance of her children and 
grandchildren. 

Any money or other property of the wife lent or entrusted 
by her to her husband for the purpose of any trade or business 



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— 421 — 

cArried an by him, or otherwise is treated as assets of her 
bosband's estate in case of bis bankraptcy, and all Claims of 
(^her creditors for valnable consideration most be satisfied 
before she is entitled to a dividend as her hnsband's creditorr 

Every married woman carrying on trade separately from 
her husband is in respect of her separate property snbject to 
tbe bankmptcy laws in the same way as if she were unmarried. 
This liability properly follows from her right to incur legal 
obligations. 

The hnsband, like any other principa!, is liable in respect 
of all contracts which he may have anthorised bis wife to 
make on bis behalf: but he is not liable in respect of con- 
tracts which bis wife may have made withont bis authority. 
As a general mle the onus of proving that the contract was 
made by the wife as agent for and with the anthority of the. 
husband lies on the party bringing an action on the contract 
But there is this important exception: namely, that a presump- 
tion arises that the wife has the husband's authority to pledge 
bis credit for the purchase of necessary articles of household 
or family use in a manner and to an extent which is usual 
among people of the same Station in Ufe. The onus is on the 
husband to rebut this presumption. When the husband and 
wife are living apart, there is no presumption of the husband's 
assent to the wife's contracts, so that the onus lies on the 
person who seeks to Charge the husband to prove the authority. 
In any case, if the husband cannot be made liable on the 
contract, the wife and her property, as we have seen, may 
remain liable for the price or damage, and costs. 

So far we have dealt with the position of a married woman 
with regard to property during the legal subsistence of the 
marriage tie. It remains now to State the alteration in her 
Position ejBfected by dissolution of the marriage. The marriage 
may be dissolved by a decree of divorce. In that case all 
rights which the husband and wife enjoyed in respect of each 
other's property, independent of settlement, cease. But neither 
party is deprived of any interest in any property by settle- 
ment which is limited to bim or her by name. 

On a decree for dissolution of the marriage the Court may 



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— 422 - 

Order the husband to pay such an allowance to or settle such 
ä snm of money on bis wife as having regard to circumstances 
may seem reasonable. Similarly, wbere the misconduct of the 
wife has led to divorce, a settlement may be ordered of her 
property for the benefit of the innocent party and the children 
of the marriage or either of any of them. And after a decree 
of nullity or dissolntion of marriage, the C!onrt has discretion 
to inqnire into and divert from its original pnrposes any pro- 
perty settled by the marriage settlement. 

We have next to consider the effect on the wife's property, the 
marriage being terminated by death of either of the parties. On 
the death of the husband intestate the wife takes a share in his 
personal property as one of his next of kin: and with regard 
to her own property she has all the rights and liabilities of 
an nnmarried woman except so far as they are limited by 
settlement. If she predeceases her husband without having 
disposed of her property by will, her real estate devolves on 
her legal heir, subject to this, that if there has been i^sue of 
the marriage bom alive and capable of inheriting the property, 
the husband has a life intrust in it, called tenancy by the 
curtesy; and her personalty passes to her husband, though as 
to choses in action, that is things to recover or realise which, 
if wrongfully withheld, an action must have been brought, e. 
g., debts, only on his taking out letters of administration to 
her estate* 

Such in barest outline is the position of women married 
after 1883. What a change it represents from the old theoiy 
of the legal unity of husband and wife, can be readily per- 
ceived. By itself the change is certainly remarkable; but 
when considered in connection with the change that has taken 
place in the social position of women, it would appear to be 
merely a legal recognition of the general development of what 
is called the emancipation of women.^ 

An der Diskussion beteiligten sich: Frau Eriesche und 
Frau Julie Salinger« Dresden, die beide aus ihrer Tätigkeit 
im Rechtsschutz die Überzeugung gewonnen haben, daß nur 
die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau vom Manne, also 



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— 423 — 

vollständige Gütertrennang als gesetzliches Gfiterrecht, eine 
Besserung der Verhältnisse in allen Ständen herbeifahren kann 
— femer Frau Marianne Hainisch^Wien, die darauf hin- 
wies, daß Österreich bereits seit nahezu einem Jahrhundert 
ein für die Frau — und die Ehe günstiges, fortschrittliches 
Güterrecht besitzt. 



Dienstag, den 14. Juni. 



Die ziviirechtiiche Stellung der Frau. 

L Elterliche Gewalt. 
IL Vormundschaft. 

UL Stellung der unehelichen Mutter und 
ihres Kindes. 
Frau von Forster*Nürnberg führte den Vorsitz und 
wies in ihrem einleitenden Referat auf den Kampf hin, der 
seinerzeit von den deutschen Frauen gegen das| Familienrecht 
des neuen Bürgerlichen Gesetzbuches geführt wurde, der aber 
außer der GleichsteUung von Frau und Mann im Vormundschafts- 
recht und der Aufhebung einiger unbedeutender Beschrän- 
kungen der Bechte der Frau nichts erreichte und die volle 
elterliche Gewalt für die Mutter nicht errungen hat. Diese 
ihr zu verschaffen, erfordert aber sowohl das Jnteresse des 
Kindes wie die Menschenwürde der Frau. 

Daran schloß sich das Referat von Frau Boos-Jegher* 
Zürich über 

Das neue schweizerische Zivilrecht und die Stellung der Frau 
in demselben, insbesondere ihre „eiterliche Gewaif'. 

„Als die Vorarbeiten zum einheitlichen schweizerischen 
Zivil- (und Straf-) Recht im Gange waren, reichten die Frauen 
der Schweiz aus den verschiedensten gesellschaftlichen, reli- 
giösen und politischen Kreisen ihre Wünsche und Anregungen 
zur Gestaltung desselben ein; wir machten* dabei idie Erfah- 
rung, daß diese Wünsche fast in aUen wichtigen Punkten überein- 
stimmten, trotzdem sie von Vereinen ausgingen, die ohne 



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— 424 — 

irgendwelche Fiihloog untereinander wa^n; ein schlage&der 
Beweis dalfir^ da£ sie nicht kleinlichen Sonderinteressen son- 
dern tiefen, sittlichen Motiven entsprangen. Dieses über- 
raschende Einverständnis gab den mächtigsten Antrieb 
zur Konstietuimng unseres Bundes Schweizerischer 
Frauenvereine, und die Petitionen zur Gestaltung des zu- 
künftigen eidgenössischen Rechtes waren die erste Arbeit, die 
sich ihm aufdrängte. 

Die Schaffung eines schweizerischen Rechtes, das irgendwie 
Aussicht hatte, vom Volke angenommen zu werden (dem es ja 
bei uns zur Abstimmung unterbreitet werden muß, sobald 
30000 Schweizerbürger es verlangen), war keine leichte Arbeit, 
und es liegt auf der Hand, daß es in vielen Punkten gewisse 
Kompromisse schließen mußte, um den großen Abweichungen, die 
bisher in den Gesetzen unserer 25 autonomen Kantone (mit 
ca. 30 verschiedenen Gesetzgebungen) zu finden waren, einiger- 
maßen gerecht zu werden. Desto freudiger anerkennen wir, daß 
der vorliegende Entwurf von entschieden fort- 
schrittlichem Geiste beseelt und speziell die Stellung 
der Frau in demselben in vielen Punkten besser ist, als die- 
jenige, die ihr bisher in den meisten kantonalen Gesetzen zu- 
gewiesen wurde. So ist z. B. die Handlungsfähigkeit der Frau 
anerkannt, die eheliche Vormundschaft aufgehoben; die Frau 
ist befähigt, Vormundschaften zu übernehmen, der eigene Ar- 
beitsmarkt ist ihr gesichert: freUich alles Dinge, die uns selbst- 
verständlich und nur den Ansprüchen der Billigkeit und des 
gesunden Menschenverstandes zu entsprechen scheinen, die aber 
für viele unserer Kantone schon einen großen Fort- 
schritt bedeuten. In anderen Punkten hingegen, so namentlich 
bei der Regelung des Güterstandes, wo das einheitlich ausge- 
sprochene Begehren der Frauen dahin ging, es sei die Güter- 
trennung als gesetzlicher Güterstand anzuerkennen — wurde 
den Wünschen nicht entsprochen, und es sind auch nicht viel 
Aussichten vorhanden, daß in der bevorstehenden Diskussion 
der eidgenössischen Räte dem Verlangen Rechnung getragen 
werde, obgleich es klar ist, daß durch die Aufstellung der 
Gütergemeinschaft als ordentlicher Güterstand auch die 
Handlungsfähigkeit der Frau praktisch aufgehoben ist 



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— 425 — 

Immerbin ist aber ein Fortschritt darin zu erkennen, daß die 
Möglichkeit eines Ebevertrages geschaffen wnrde, durch welchen 
die Gütertrennung als ehelicher Guterstand bestimmt werden 
kann; aber von diesem Rechte wird wohl kein ausreichender 
Gebranch gemacht werden: in der deutschen Schweiz ist der 
Eheyertrag eine fremde Einrichtung, und Neuerungen finden 
nur schwer Eingang und Anklang, wenn sie auf freiwilliger 
Annahme beruhen. Die Wünsche des B. Seh. Frauenvereine 
gehen nun dahin: es möchte die Wahl des Güterstandes beim 
Eingehen der Ehe obligatorisch gemacht werden, d. h. die Ehe- 
gatten seien anzuhalten, vor dem Standesamt ausdrücklich zu 
erklären, unter welchen Güterstand sie sich zu stellen wünschen. 
Der große Vorteil dieser Bestimmung wäre auch darin zu suchen, 
daß die Leute dadurch veranlaßt würden, sich ein einigermaßen 
klares Urteil über die Verhältnisse zu bilden, die oft so großen 
Einfluß auf die Gestaltung ihrer Lebensweise auszuüben be- 
stimmt sind. 

Das Kapitel unseres neuen Zivilrechtes, über welches mir 
speziell obliegt, einige Mitteilungen zu machen, ist dasjenige 
der „elterlichen Gewalt." Der Entwurf regelt die dies- 
bezüglichen Bestimmungen in 18 Paragraphen (299—317), und 
zwar anerkennt er durchgehend die „elterliche" an Stelle 
der bisher in den meisten Kantonen bestehenden „väterlichen" 
Gewalt — ein nicht zu unterschätzender Fortschritt, wenn man 
in Betracht zieht, wie unwürdig bisher oft die gesetzliche 
Stellung der Mutter zu ihren Kindern war. Kam doch ihre 
Ansicht, ihr Wunsch vielfach gar nicht zur Geltung — d. h. 
nicht in den Gesetzesparagraphen — ja, es war ihrer nicht 
einmal Erwähnung getan! Wie sehr solche Verhältnisse auch 
auf andere Rechtsgebiete übergehen, zeigt z. B. der Umstand 
daß bis vor kurzem im Kanton Zürich der Mutter nicht 
einmal das Recht zustand, den Wüstling, der sich an ihrem 
Kinde vergriffen hatte, zur Bestrafung zu ziehen: nur der Vater 
oder der Vormund durfte es tun, und wenn dieser selbst bei 
der Geschichte beteiligt war, oder sich durch eine kleine oder 
größere Summe abfinden ließ, bestand keine Möglichkeit, das 
Verbrechen zu sühnen : Mutter und Kind waren wehrlos ! Erst 
dadurch, daß seit dem Jahre 1897 infolge der sogenannten 



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yySittlichkeits-Initiative^ die SittUchkeitsrerbrechen nicht mehr 
als Antragsrergehen betrachtet werden, wurde diesem unwür- 
digen Zustande ein Ende gemacht. Heutigen Tages noch kann 
im Kanton Zürich eine Mutter nicht rechtsgültig das Schul* 
Zeugnis ihrer Kinder unterzeichnen!! Gewiß eine nebensäch- 
liche und an sich unwichtige Frage , die aber erkennen läßt, 
wie rückständig unsere gesetzlichen Bestimmungen in diesem 
Punkte noch sind: so groß der Einfluß der Frau in der Familie 
sein möge, so wichtig im praktischen Leben ihre Stellung 
als Mutter — das bestehende Gesetz kommt den tatsächlichen 
Verhältnissen nicht einmal mühsam nachgehumpelt, es weiß 
nichts von einer „mütterlichen Gtewalt"! In Poesie und Prosa 
wird die „Mutter^ besungen: die größten Eigenschaften, die 
höchste Vollkommenheit, was erzieherisches Wirken und Selbst- 
losigkeit betrifft, werden ihr zuerkannt — geradezu als selbst- 
verständlich von ihr gefordert; im täglichen Leben füllt sie ihren 
Platz aus, so gut es ihr möglich ist, ja oft bis zur Erschöpfung 
ihrer Lebenskraft — und das Gesetz weiß nur von einer „väter- 
lichen Gewalt'M Es ist also als eine große Errungenschaft zu 
betrachten, wenn der Verfasser des Vorentwurfes zum neuen 
Schweiz. Recht ruhig und selbstverständlich den Begriff der 
„elterlichen Gewalt" an die Stelle setzte. — Der große ethische 
Wert dieser Neuerung liegt in der Anerkennung des Rechtes 
der Mutter, bei allen Fragen, die ihre Kinder betreffen, zu 
Rate gezogen und angehört zu werden: so sollen diese Fragen 
zum Gegenstand der gemeinsamen Besprechung gemacht und 
nicht einseitig und nicht eigenmächtig durch den Vater ent- 
schieden werden. Dadurch wird einfach der Zustand, der in 
allen — wenn man so sagen darf — „normalen" Familen selbst- 
verständlich ist, auch gesetzlich als der richtige sanktioniert 
— das ist alles, was vom Gresetz als solchem verlangt werden 
kann, und was ihm zu tun möglich ist; zweifellos wird die 
staatliche Anerkennung dieses normalen Zustandes seine Wir- 
kung nicht verfehlen und Einfluß auf die öffentliche Anschau- 
ungsweise ausüben I Leider ist sie aber durch einen Zusatz 
ihres praktischen Wertes fftr den Notfall entkleidet: der §300 
lautet nämlich im 2. Absatz: „sind die Eltern nicht einig, so 
entscheidet der Wille des Vaters". Diese ausdrückliche 



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— 427 — 

gesetzliche Festlegimg der Präponderanz des väterlichen 
Willens bei Meinungsverschiedenheit nimmt der Mutter unter 
umständen in einem Griffe alles, was ihr zugestanden wurde, 
und scheint uns viel mehr das kurze Durchhauen eines gordi- 
schen Knotens als die Lösung einer subtilen und komplizierten 
Frage zu sein! Ich glaube, daß die kategorische Regelung 
dieser Kompetenzen sich überhaupt dem Rahmen eines Ge- 
setzes, das unseren modernen Rechtsbegriffen entspricht, ent- 
zieht, ebenso wie die Regelung so mancher anderen gesell- 
schaftlichen Verhältnisse, die je von Fall zu Fall, von Mensch 
zu Mensch andere sind und sich nicht in starre Formeln 
bringen lassen. Nehmen wir z. B. den Fall (um nur eine 
von den zahllosen Möglichkeiten zu erwähnen), daß in der 
Familie der Vater ausgesprochen kirchenfeindlich, die Mutter 
überzeugte Anhängerin irgend einer Konfession ist: laut § 303 
„entscheiden die Eltern über die religiöse Erziehung der 
Kinder", — laut § 300 „entscheidet bei Meinungsverschieden- 
heiten der Wille des Vaters"* Ist wirklich irgend jemand so 
naiv zu glauben, daß diese gesetzliche Bestimmung die Mutter 
abhalten wird, ihrer Überzeugung getreu am „Seelenheil ihrer 
Kinder" zu arbeiten, wie sie es eben versteht? Gewiß sind 
die armen Kinder nicht in beneidenswerter Lage, und das 
Familienleben und die Erziehung werden (je nach dem indi- 
viduellen Charakter der Gatten, der sich auch nicht gesetz- 
lichen Bestimmungen zuliebe ummodeln wird) keine ersprieß- 
lichen sein; aber ebenso sicher wird ein Paragraph an der 
Sache nichts ändern, und nichts ist dem Ansehen des Gesetzes 
so schädlich als die Aufiiahme von Bestimmungen, die nur auf 
dem Papiere stehen und denen keine Befolgung verschafft 
werden kann* — Besonders bedenklich kann der § 300 aber 
dort sein, wo es sich um die Berufswahl des Kindes handelt. 
Es ist wohl denkbar, daß in vielen Fällen die Mutter dem 
Kinde näher steht, ihm mehr Verständnis entgegenbringt und 
seine Neigungen und Fähigkeiten sowie seine Schwächen 
richtiger beurteilt, als der Vater, der sich weniger intensiv 
mit ihm beschäftigte; in der Berufswahl, wobei nach § 302 
,^viel als möglich auf die körperlichen und geistigen Fähig- 
keiten und die Neigung der Kinder Rücksicht zu nehmen ist". 



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— 428 - 

maßte in solchem Falle die Ansicht der Mutter die maß* 
gebende sein. Sie erkennt vielleicht in einem, dem Kinde dureh 
den väterlichen Willen, wenn auch in bester Absicht^ anfge-; 
zwnngenen Berufe körperliche oder geistige Gefahren, deneai, 
es nicht gewachsen sein dürfte, oder sie beurteilt richtig, daß 
es sich in dem Berafe nicht befriedigt fühlen und seine Gaben < 
nicht zor vollen Entwicklung bringen kann; die Entscheidujig 
könnte hier nur dann einem bestimmten Eltemteile überlassen 
werden, wenn das Gesetz zugleich festsetzen (nnd durch r. 
führen) könnte, daß dieser ausnahmslos das richtigere Ur<> 
teil habe! 

Es wird allerdings am Ende des § 300 auf § 311 hin-, 
gewiesen, der vorsieht, daß „bei pflichtwidrigem Verhalten der 
Eltern die Vormundschaftsbehörde die geeigneten Vorkehrungen 
zu treffen hat", und es scheint somit ein ßekursweg geöffnet 
zu sein; aber es handelt sich hier unter Umständen nicht um 
pflichtwidriges Verhalten, und wir finden, daß doch auch hier 
— z. B. eben bei der Berufswahl — die Möglichkeit geboten 
sein sollte, diese Frage, die von so tief eingreifender Bedeutung 
für das ganze Leben des Beteiligten ist, nach allen Seiten hin. 
unparteiisch und gründlich zu prüfen und zu erörtern: sei es 
nun unter Zuziehung der Vormundschafts- oder Waisenbehörde 
oder eines von beiden Eltern zu wählenden Familienrates, vor 
dem die beiderseitigen Gründe dargelegt würden und zur 
Geltung kämen, und wo auch die Meinung des Kindes gehört 
werden müßte. Zweifellos würde diese Institution — um deren 
Einführung der B. Schw. F. V. petitionieren wird — in d€ai 
allerseltensten Fällen in Anspruch genommen werden, aber sie 
hätte nichtsdestoweniger einen großen Vorteil: es würde durch, 
dieselbe dem Prinzip der Gleichstellung der Eltern gegenüber 
dem Kinde auch praktische Durchführbarkeit gesichert, und 
sehr oft würde schon der Umstand, daß diese Einrichtung be- 
stünde, energisch dahin wirken, daß ein sonst im Bewußtsein 
seiner Macht rechthaberischer und eigensinniger Mensch sich, 
den ihm entgegengehaltenen Vemunftgründen zugänglicher, 
zeigte und dadurch die Anrufung der letzten Instanz über- 
haupt überflüssig würde. Denn darüber sind wir wohl nicht 
im Zweifel, daß, ebenso wie Gelegenheit Diebe macht, bei. 



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— 429 — 

/individuell, die dazu beanlagt sind, das Machtbewnßtsein die 
Tyrannen erzengt! Es sind ja — zum Glück und zur Ehre 
unserer Ziyilisati(m — alle solchen Bestimmungen für die 
normalen Verhältnisse ohne Belang: aber diese können über- 
liaupt des Gesetzes entraten! für den Fall der Not jedoch 
muB es Schutz bieten vor Unterdrückung des Rechts. Eine 
Bestimmung, wie die von uns gewünschte, würden auch wir 
nur als eine Art Sicherheitsventil betrachten, gleichsam eine 
Nottüre. Wird sie auch in Jahren nicht einmal benützt — 
sie darf nicht zugemauert werden; far den Fall der Gefahr 
muß sie offen stehen, und schon das Bewußtsein, daß sie da 
ist, dient zur Beruhigung! 

In einem anderen Punkte des Kapitels über „elterliche 
Gewalt" wurde dem Wunsch der Frauen entsprochen: im ersten 
Entwürfe lautete der § 315: „verheiratet sich eine Mutter, die 
die elterliche Gewalt über die Kinder hat, wieder, so ist den 
Kindern ein Vormund zu bestellen" — im jetzt vorliegenden 
Entwürfe heißt es: „verheiratet sich der Vater oder die 
Mutter, denen die elterliche Gewalt über die Kinder zusteht, 
wieder, so ist den Kindern, wenn die Verhältnisse es 
erfordern, ein Vormund zu setzen". Diese Regelung der 
Frage entspricht durchaus dem Gerechtigkeitsgefühl: ist es 
doch eher denkbar, daß beim Eingehen einer zweiten Ehe der 
Mann sich von anderen Beweggründen leiten lassen wird, 
während bei der Mutter meist die Interessen der Kinder in 
erster Linie in Betracht kommen werden. Es ist überhaupt 
Sehr anzuerkennen, daß — auch an anderen Stellen des Ge- 
setzes — stets an Stelle der väterlichen die elterliche 
Gewalt gesetzt wurde: es ist ein deutlicher Beweis, daß ernst- 
lich und ehrlich nach einer Form gesucht wurde, die dem 
höher entwickelten Rechtssinn entspricht. Wir dürfen auch ja 
nicht übersehen, daß — - auch unter uns Frauen — diejenigen 
noch sehr zahlreich sind, denen die unbedingte Autorität des 
Ehemannes und Vaters eine ehrwürdige, fast heilige Institution 
ist . . • besonders in der Theorie! — und der von unserem 
züricherischen Vereine aufgestellte Wunsch, es möchte im 
neuen Gesetze die Stelle gestrichen werden: „der Mann ist 



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— 430 — 

das Haupt der Ehe'' — hätte ^sr keine Aassicht gehabt^ von 
unserem Band Schw. Franeny ereine nntersttttzt zn werden! 

Auch betreffs der Entziehung der elterlichen 
Gewalt enthält der neue Entwurf gute Bestimmungen. Unsere 
jetzigen Gesetze weisen fast alle hier einen schwer empfundenen 
Mangel auf, da es beinahe unmöglich ist, Kinder, die in 
schlechter Umgebung aufwachsen und deren Eltern in keiner 
Hinsicht befähigt scheinen^ ihre erzieherischen Pflichten zu 
erfiUlen, einer verderblichen Atmosphäre zu entziehen und so 
ihrer Verwahrlosung vorzubeugen. Und doch sind solche Schutz- 
maßregeln unbedingt nötig, da ja von denen, die Eltempflichten 
übernehmen, unmöglich ein Ausweis verlangt werden kann, 
daß sie auch fähig sind, sie auszuüben. — Es ist dies eine 
heikle Sache, bei der es sich stets um ein Eingreifen in's 
Familienleben handelt. Die Mitwirkung von Frauen als Mit- 
gliedern der Vormundschaftsbehörde oder einer beaufsichtigenden 
Spezialkommission ist jedoch als unerläßliche Bedingung zu be- 
trachten, daß der Zweck richtig und ausgiebig erreicht werde! 

Es scheint ganz unmöglich, von dem Verhältnis zwischen 
Eltern und Kindern zu sprechen, ohne mit einigen Worten der 
Stellung der unehelichen Kinder zu gedenken. Auch was 
diese betrifft, weist der Entwurf zum N. ScL C. G. einen 
wesentlichen Fortschritt au£ In keinem Punkte wohl weichen 
unsere kantonalen Gesetzesbestimmungen so sehr voneinander 
ab, wie in diesem: von den französischen Kantonen, die dem 
Grundsatze des Code Napolöon entsprechend, die Vaterschafts- 
klage überhaupt nicht zulassen, bis zu den Urkantonen, wo 
die Mutter, die außerehelich gebiert, bestraft wird, oder wo 
die Vorschrift besteht, daß, wenn sie sich weigert, den Namen 
des Vaters zu nennen, der Gerichtsweibel oder Gemeinde- 
vorsteher zu rufen sei, wenn die Wehen beginnen, um der 
Frau, während sie in den Schmerzen liegt, das verweigerte 
Geständnis zu erpressen (ein hochnotpeinliches Verfahren, das 
an längst vergangene Zeiten mahnt!) — finden wir alle Ab- 
stuftingen vertreten. Der Entwurf anerkennt nun das Klage- 
recht des Kindes und stellt die Verpflichtungen des Vaters 
ziemlich ausführlich und weitgehend fest; dem Wunsche der 
Frauen, es möchte der Klagetermin auf Alimentationsforderung 



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— 431 — 

bis aut ein Jahr nach der Gebart verlängert werden, 
konnte nicht entsprochen werden, eben weil ffir eine Reihe 
nnserer Kantone die ganze Sache nen war; es wurde ein 
Termin von drei Monaten angesetzt Es ist nnn bekanntlich 
dem Vater des Kindes meist sehr leicht, die Mntter durch 
Versprechungen und schöne Worte so lange hinzuhalten, bis 
der Termin (auch wenn er länger angesetzt wäre) verpaßt ist, 
und sehr begreiflich wird die Verführte, solange sie noch die 
Hoffiiung hegt, daß „er es gut meint", sich scheuen, sich durch 
eine Klage den Vater ihres Kindes endgültig zu verfeinden. 
Deshalb möchten wir nun den Vorschlag machen — und hoffen, 
daß er angenommen wird -> : es sei die Gemeinde der Mutter, 
an welche die Geburt stets gemeldet werden muß, anzuhalten, 
jeweilen unverzüglich die Alimentationen sicherzustellen oder 
Klage einzuleiten; da dies in ihrem eigenen Interesse liegt 
und ihr auch viel wirksamere Mittel zu Gebote stehen als der 
unerfahrenen und oft unwissenden Mutter, sie sich auch durch 
keinerlei subtile Erwägungen zurückgehalten fühlt, würden wir 
uns von dieser Bestimmung sehr gute Erfolge versprechen. 
Es handelt sich hier in allererster Linie um den Schutz des 
Kindes und — man möge nun die Eltern als leichtsinnig 
oder sündig verurteilen oder mit modemer Toleranz von ihrem 
Recht der Selbstbestimmung sprechen — darüber, daß das 
arme kleine Geschöpf in möglichst ausgiebiger Weise geschützt 
werden muß, sind wir alle einig. 

Mit freudiger Anerkennung können wir sagen, daß es uns 
in unserem kleinen Lande nicht an weitherzigen und einsichts- 
vollen Männern fehlt, die unseren Anregungen ein williges 
Ohr leihen: wenn nur wir Frauen selber uns inniger 
zusammenschließen und zu einheitlichem Vorgehen aufraffen 
wollten, wir könnten gewiß bald Großes erreichen. Unser 
B. Schw. F. V. ist der erste Ansatz dazu und hat das große 
Verdienst, daß er alle ihm angehörenden Vereine dazu ver- 
anlaßt hat, ihre Interessen — außer ihrer speziellen Tätigkeit 
— noch den großen, allgemeinen Fragen zuzuwenden; wo 
immer dies aber geschieht, ist der Fortschritt ein rascher und 
die Erkenntnis kommt bald, daß, was immer wir auch an- 
streben und erreichen, nur Stückwerk und Gnadengeschenk 



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- 432 — 

bleiben wird, solange wir nicht das Eine erreicht haben: 
die vollkommene Gleichstellung derFran mit dem Manne, 
die Ausdehnung des allgemeinen Stimmrechtes auf alle 
Schweizerbnrger ohne Unterschied des Geschlechts.^ 

Fröken Cedernskiöld^Stockholm legte kurz die zivil- 
rechtliche Stellung derFran in Schweden dar, die ebenfalls 
darin gipfelt, daß die Frau durch die Heirat unter die ehe- 
männlicheGewalt gestellt wird, während die Unverheiratete 
sich im Besitz ausgedehnterer bürgerlicher Rechte befindet, mit 
Einschluß des kommunalen Stimmrechts. Doch ist in letzter 
Zeit ein Anfang gemacht, das Prinzip der unbeschränkten 
väterlichen Gewalt zugunsten der Mutter zu durchbrechen. 

Fru Ragna-Schou'Dänemark, schilderte die fast völlige 
Rechtlosigkeit des Kindes der elterlichen Gewalt gegenüber, 
die seine Arbeitskraft zum Handelsartikel der Eltern macht und 
es vermögensrechtlich für unmündig erklärt bis zum 25. Jahre. 

In der Diskussion wies Mrs. Perkins Gilman in 
längerer Ausführung daraufhin, daß die Mutterschaft an sich 
keine Würde bedeute, sondern eine allgemeine soziale Funktion 
darstelle. Ihren Wert erhalte sie erst, wenn die Mutter im- 
stande sei, ihr Kind zu erziehen, ihm Bildung, Zivilisation, 
soziales Empfinden zu geben. Dies haben, da die Mütter nach 
allen Richtungen gebunden waren, ihm aber bis jetzt die 
Männer gegeben, und Fröbel und Pestalozzi haben mehr für 
das Kind getan, als irgend eine Mutter. Daher ist Erziehung 
der Frau und höchste Ausbildung ihrer geistigen und körper- 
lichen Fähigkeiten die Grundforderung auch in bezug auf die 
elterliche Gewalt der Mutter. 

Zum zweiten Gegenstand der Tagesordnung machte Fräu- 
lein Herzfelder^^Brünn Mitteilungen über die jüngsten Be- 
strebungen des Bundes österreichischer Frauenvereine, um die 
prinzipielle Zulassung der Frau zur Vormundschaft zu er- 
langen, die aus der im letzten Winter angeregten und be- 
gonnenen Reform des Österreichischen Bürgerlichen Gesetz- 
buches Bofihung auf Erfüllung ziehen dürfen. Frau Julie 
Eich holz »Hamburg berichtete, daß die Hamburger Frauen 
bereits 140 Yormünderinnen für fremde Kinder gestellt haben. 



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Die geringe Anzahl derselben in anderen Städten wfinschte die 
Bedneiin dnrch Hinweise in den Franenyereinen auf dies 
wichtige Amt gehoben zn sehen. 

Fränlein Rosika Schwimmer^Bndapest sprach über 

Das Vormundschaftsrecht der Frau in Ungarn. 

„Im Vormundschaftsrecht ist die ungarische Fran heute 
dem Manne noch nicht gleichgestellt, da sie weder als Vormund 
noch als Kurator fremder Kinder verwendet werden kann. 
Hingegen ist sie im Falle der Entmündung ihres Mannes oder 
nach seinem Ableben der „natürliche gesetzliche^ Vormund und 
Kurator ihrer Kinder; die Vormundschaft ihrer Kinder muß 
sie übernehmen — d. h. soweit die geistige und leibliche Er- 
ziehung in Betracht kommt — , einen Kurator zur Verwaltung 
des Vermögens kann sie aber fordern, wenn sie das nicht selbst 
besorgen kann oder wiU. Nach Entmündigung ihres Mannes fällt 
ihr dieses Recht unbedingt zu, doch kann sie von der Aus- 
übung ihres „natürlichen gesetzlichen^ Amtes durch ein Testa- 
ment, in dem der Mann nach Wunsch und Belieben einen 
Vormund bestellt, ausgeschlossen werden. In diesem 
Falle hat die Witwe aber das Recht, zu fordern, daß der Vor- 
mund sie wenigstens in allen Stücken zu Rate ziehe. Auch 
adoptierten Kindern gegenüber besteht dieses Vormundschafts- 
recht der Frau. Die uneheliche Mutter kann, so lange sie 
minorenn ist, nicht Vormund ihres Kindes sein, mit der Groß- 
jährigkeit aber, die mit dem vollendeten 24. Jahre eintritt, 
wird auch sie „natürliche gesetzliche" Vor- 
münderin ihres Kindes, welches Recht ihr niemand 
nehmen kann. 

Einen bedeutsamen Schritt vorwärts macht der Entwurf 
des Neuen Bürgerlichen Gesetzbuches, indem er in Anerkennung 
ihrer Tüchtigkeit auf diesem Gebiete die Frau in dieselben 
Rechte einsetzt, die dem Manne heute schon zustehen. In 
einem späteren Paragraphen wird diese Anerkennung allerdings 
sehr in Frage gestellt, indem die Annahme der Vormundschaft 
für verheiratete Frauen von der Erlaubnis des Mannes ab- 
hängig gemacht wird. SoUte dieser Teil des Entwurfes Gesetz 
werden, so kann es sich ergeben, daß bestellte Vormünderinnen, 

Franenkongreß. 28 



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wenn sie heiraten nnd das Amt ihrem Manne nicht zusagt, ab- 
danken müssen« Auch die Testamentsklause], mit der ein Ehe- 
mann seine Frau von der Vormundschaft über ihre Kinder ver- 
drängen kann, ist im Entwurf zum neuen Gesetzbuch noch 
beibehalten. 

Der Bund ungarischer Frauenvereine wird es hoffentlich 
nicht versäumen, seinen Einfluß sowohl zur Beseitigung dieser 
wie auch vieler anderer Mängel, die zu Ungunsten der Frauea 
im Entwurf des neuen Bürgerlichen Gesetzbuches noch stehen 
geblieben sind, einzusetzen." 

In der Diskussion machte Fräulein Bö sing -Lübeck prak- 
tische Vorschläge zur Einführung der Frauen in das Amt der 
Vormundschaft. Frau Hübner^Bromberg beklagte die ge- 
ringe Beteiligung verheirateter Frauen an diesem Amt, zu dem 
sich die unverheiratete und berufsmäßig tätige Frau dagegen 
gern meldet. Herr Oberst Galli^ Charlottenburg hob als 
großen Übelstand die leider noch so vielfach herrschende Un- 
wissenheit der Frauen hervor, die ihm in seiner langjährigen 
Tätigkeit als Waisenpfleger als ein Haupthemmnis entgegen- 
getreten sei. 

Als erste ßednerin zum zweiten Punkt der Tagesordnung 
ging Madame Oddo-Deflou* Paris des näheren auf die be- 
kannten harten und grausamen Bestimmungen des Code civile 
gegen Mutter und Kind, sowie auf die dagegen von den fran- 
zösischen Frauen ins Werk gesetzte Agitation ein, die bereits 
einige Ansätze zu einer Gesetzesreform gezeitigt habe. 

Es folgte sodann das Referat von Frl. Dr. jur. Frieda 
Duensing* München über 

Die rechtliche Stellung des unehelichen Kindes und seiner 

Mutter. 

„Die unehelichen Mütter gehören bei uns zum weitaus 
überwiegenden Teile den niederen, besitzlosen Klassen an, 
das Gros derselben bilden Arbeiterinnen, Dienstmädchen, An- 
gehörige der Bekleidungs- und Reinigungsbranche. Ihre 
Schwangerschaft und Entbindung macht sie, je nach ihrem 
Berufe, für längere oder kürzere Zeit erwerbslos; sie sind 
dann meistens bitteren materiellen Nöten und psychischen 



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Bedrängnissen preisgegeben , besonders wenn sie aus Stolz 
oder Scham mit einem brutalen Geliebten oder einer zeternden 
Familie brechen. Dies gilt vor allem von den Dienstmädchen 
und den unehelichen Müttern der höheren Stände. 

Daneben steht dann allerdings die Tatsache, daß bei den 
Anschauungen, die besonders in den städtischen Arbeiterkreisen 
über den außerehelichen Geschlechtsverkehr herrschen, die un- 
eheliche Mutterschaft keine tiefere Entfremdung zwischen der 
Mutter und ihrer .Familie oder ihrem sonstigen bisherigen 
Milieu bewirkt. Das Kind wird so außerordentlich häufig in 
Privatwohnungen geboren, privatim verpflegt, nämlich bei 
Verwandten, und wächst also in ähnlichen Verhältnissen auf 
wie das eheliche Kind dieser Kreise. 

Die unehelichen Väter gehören, wie dies die hervor- 
ragendsten Kenner der praktischen Verhältnisse: Neumann 
und Taube, nachweisen, in den bei weitem meisten Fällen 
dem gleichen sozialen Stande an wie die Mutter. Die große 
Masse der Unehelichen geht aus einem Geschlechtsverkehr 
hervor, der mehr oder weniger in Absicht auf Eheschließung, 
jedenfalls aber entsprechend der in den untersten Volksschichten 
herrschenden Sitte unterhalten wird. Die weit verbreitete 
Auffassung, daß der außereheliche Geschlechtsverkehr wesent- 
lich ein Übergriff der Wohlhabenden in das Geschlechtsleben 
der besitzlosen Klassen sei, ist demnach als eine schiefe zu 
bezeichnen. Im weiteren gilt, die unehelichen Väter betreffend, 
der allgemeine Satz, daß sie viel häufiger die Alimentation 
f&r das uneheliche Kind zu zahlen vermögen als nicht, und in 
sehr zahlreichen Fällen hängt der Wegfall der Alimentation 
mit dem langsamen Gang der Vormundschaftsbestellung oder 
der laxen Durchführung des Anspruchs zusammen. 

Die größere Zahl der Unehelichen wird wohl privatim 
verpflegt, nämlich bei den Verwandten der Mutter oder bei 
der in eigener Wohnung oder Schlafstelle für sich lebenden 
Mutter selbst. Die kleinere Zahl kommt in Haltepflege. In 
beiden Fällen ist das Los des unehelichen Kindes meistens 
schlecht, stets dann, wenn die Kosten des Unterhalts von der 
Mutter oder den mütterlichen Verwandten allein bestritten 
werden, wenn die väterliche Alimentation nicht erfolgt. Dann 

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ist ungenügende, lieblose Pflege der Grand za der abnorm 
hohen Sterblichkeit, zu der Verwahrlosung, zu der häufigen 
Kriminalität der Unehelichen. 

Für diese Lebensverhältnisse, in welchen jedes Jahr etwa 
180000 deutsche Kinder geboren werden, in denen sich also 
Millionen unseres Volkes befinden, hat nun das Recht die 
folgenden Bestimmungen aufgestellt: 

Die uneheliche Mutter kann von dem unehelichen Vater 
verlangen: Ersatz der Kosten der Entbindung, des Unterhalts 
ffir die ersten 6 Wochen nach der Entbindung, sowie Ersatz 
der dadurch entstehenden Kosten, daß infolge der Schwanger- 
schaft oder der Entbindung weitere Aufwendungen nötig 
werden (§ 1715 B.GJ3.). Sie kann bereits vor der Geburt 
Hinterlegung des Betrages der gewöhnlichen Kosten vom Manne 
beanspruchen (§ 1716 B.G3.) 

Das uneheliche Kind tritt in die Familie der Mutter ein, 
hat im Verhältnis zur Mutter und zu den Verwandten der 
Mutter die rechtliche Stellung eines ehelichen Kindes (§ 1705) ; 
das bedeutet: gegenseitiges Recht und gegenseitige Pflicht 
zwischen den Betreffenden, sich Unterhalt zu gewähren, gegen- 
seitiges volles Erbrecht und gleichen Familiennamen. Nicht 
aber: volle elterliche Gewalt der Mutter. Sie hat Recht und 
Pflicht, für die Person des Kindes zu sorgen, also volle Er- 
ziehungsgewalt ; es fehlen ihr aber an der elterlichen Gewalt 
die Nutznießung am Vermögen des Kindes, die Verwaltung 
desselben und die gesetzliche Vertretung. Es muß dazu ein 
Vormund ernannt werden. Die Mutter selbst kann Vormünderin 
werden (§ 1707, 1708 Abs. 3). 

Das uneheliche Kind gilt als nicht verwandt mit seinem 
Vater (§ 1589, Abs. 2). Es kann aber von ihm die Gewährung 
des Unterhalts bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres bean- 
spruchen. — Der Unterhalt, welcher den gesamten Lebens- 
bedarf, sowie die Kosten für die Erziehung und die Vorbildung 
zu einem Beruf umfaßt, soll der Lebensstellung der Mutter 
entsprechen (§ 1708, Abs. 1). Unter normalen Verhältnissen 
hört die Unterhaltspflicht des Vaters auf, wenn das Kind das 
16. Lebensjahr vollendet hat. Ist das Kind jedoch zu dieser 
Zeit infolge körperlicher oder geistiger Gebrechen außerstande 



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sich selbst zn erhalten, so hat ihm der Vater auch fernerhin 
den Unterhalt zn gewähren — unter Umständen also solange 
es lebt. Doch soll in diesem FaUe auf die Yermögensverhält- 
nisse des Vaters Mcksicht genommen werden (§ 1708, Abs. 2). 
Wenn der nneheliche Vater stirbt, so geht der Anspruch des 
Kindes gegen seinen Nachlaß (§ 1712); unter Umständen kann 
es dabei yorkommen, daß ihm mehr zu gewähren sein würde 
als ehelichen Kindern. Um diesem Mißverhältnisse vorzubeugen, 
gibt das Gesetz den Erben das Rechte das uneheliche Kind 
mit dem Betrage abzufinden, der ihm als Pflichtteil gebühren 
würde, wenn es eheUch wäre (§ 1712, Abs. 2). Der Unterhalt 
ist in einer Geldrente zu leisten (§ 1710, Abs. 1). Bereits 
vor der Geburt kann die Mutter Hinterlegung des für die 
ersten 3 Monate dem Kinde zu gewährenden Unterhalts vom 
Manne verlangen (§ 1716). Durch eine Vereinbarung zwischen 
Vater und Kind — letzteres vertreten durch seinen Vormund 
— kann eine einmalige Abfindung an Stelle der Rente fest- 
gesetzt werden mit Genehmigung des Vormundschaftsgerichts 
(§ 1714). Gegen die Eltern und Voreltern des Vaters erstreckt 
sich der Anspruch des Kindes nicht. 

Soweit die rechtlichen Bestimmungen! Die unehelich Ge- 
borenen sind demnach den ehelich Geborenen in bezug auf 
die rechtlichen Ansprüche gegen ihren Erzeuger nachgestellt. 
Sie folgen nicht dem Vater, erhalten nicht seinen Namen, 
haben kein Erbrecht gegen ihn, ihr Alimentenanspruch ist 
ganz anders geartet und viel geringer als der der ehelichen 
Nachkommen. Dies alles zieht sich zu der Vorstellung zu- 
sammen: sie haben nicht den Hintergrund einer ordentlichen 
Familienzugehörigkeit, die Zurechnung zu der Familie der 
Mutter ist ein künstlicher Notbehelf, dessen Künstlichkeit die 
Tatsache der Illegitimität ja noch hervorhebt. Der volle, 
schöne Lebensdreiklang: Vater, Mutter, Kind, besteht hier 
nicht Ihn herzustellen vermag auch das Recht kraft seiner 
Befehlsgewalt nicht, weil die Erzeuger keine Lebensgemein- 
schaft wollten — nicht übereinstimmend wollten. Es steht vor 
dem Dilemma: das Kind entweder dem Vater oder der Mutter 
zuzurechnen. Die Rechtsordnung hat das letztere gewählt. 
Sie läßt — mit einer Modifikation — die Verhältnisse den 



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Lauf ursprünglicher Natur nehmen, den die Worte kennzeichnen: 
der Mann geht davon, die Frau bleibt sitzen, an das em- 
pfangene Kind gebunden. Die Rechtsordnung tut dies aller- 
dings nicht aus Liebe zur Natürlichkeit, sondern deswegen^ 
weil diese Form der Geschlechtsgemeinschaft und Fortpflanzung 
sozial inferior ist deijenigen Form, welche die Kultur ent'^ 
wickelt hat, der Ehe. Sie läßt den außerehelichen Geschlechts- 
verkehr und die außereheliche Fortpflanzung gleichsam zurück 
auf der sozialen Stufenleiter, weil sie sie perhorresziert. Der 
Staat will nämlich als Form der menschlichen Greschlechts«^ 
gemeinschaft, der Erzeugung von Kindern, der Lebensgemein- 
schaft zwischen Mann und Weib, als Grundlage der Familie 
— die Ehe und nur die Ehe. Warum? Unleugbar, daß die 
Institute der Ehe und der ehelich begründeten Familie in 
ihren wesentlichen und reinen Grundgedanken der mensch- 
lichen Natur mit ihrer egoistischen Schwerkraft und ihren 
altruistischen Imperativen, dann aber auch ihrem immanenten 
Entwicklungsgesetz: der Entwicklung zu immer größerer Fi-ei- 
heit des Geistes, wohl entsprechen. Unleugbar, daß sie das 
einfachste, unmittelbare Bedürfnis des Menschen nach innigstem 
Zusammenleben mit anderen befriedigen; daß sie seine Wünsche 
nach Haus und Herd, nach konkreten