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ZWEITE VERMEHRTE AUFLAGE 
DEN UMSCHLAG ZEICHNETE ALFRED ROTHER BERLIN 
COPYRIGHT 1919 BY OESTERHELD 4 CO. VERLAG BERLIN 
GEDRUCKT BEI IMBERG At LEFSON G. M. B. H. IN BERLIN 



KONSTANTIN BRUNNER 

DERJUDENHASS 
UND DIE JUDEN 



CUM IRA ET STUDIO 




19 19 



OESTERHELD&CO.VERLAG/BERLINW15 



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INHALTSANDEUTUNG. 

Seite 

UnterdemKrieg 9 

Deutschenhaß — Judenhaß. Der Krieg und die Juden und 
die Zionisten. 

Unter dem Frieden 41 

Der Haß- und Rachefrieden — Egoismus und Moral — 
Die Revolution, der Kommunismus und die Juden • — 
Der Völkerbund und der nächste Krieg, der zweite 
deutsche Krieg. 

I. DieAntisemitenfrage 77 

Das Unglück der Antisemiten — auf deutsch Judenhasser 
— über die Juden und übereinander. Der Judenhaß eine 
Form des Menschenhasses. 

II. RassentheorieundRassen 98 

Außer den beiden Rassen von innerlicher Verschiedenheit 
des Bewußtseins gibt es in der Menschheit keine unver- 
änderlichen Rassen, also keine Rassen im Sinne der 
Rassentheorie. Dennoch sind relativ Rassenunterschiede 
anzuerkennen. Bestimmung der jüdischen Rasse, die am 
meisten Rasse ist unter unseren Rassen. Rassentheorie 
widerspricht den Begriffen Staat und Nation und verstärkt 
den Menschenhaß, insbesondere den Judenhaß. Rassen- 
haß will an die Stelle des Religionshasses treten. 



III. Dieangesteckten Juden i6i 

Die Gedanken der Juden über sich selbst sind verwirrt 
worden durch die Judenhaßtheorie, sogar schon durch die 
literarische Kritik der Judenhasser. Heinrich Heine. Die 
für die Juden verh&ngnisvoUste Wirkung des Rassen- 
hasses: der Zionismus. 

IV. Der Staat und die politischen Parteien 198 

Entwicklung der politischen Begriffe Staat, Recht, Frei- 
heit, Zwang usw.. Zurückweisung der wild Denkenden 
ohne Weg und Steg, denen alle Begriffe entfallen, Auf- 
deckung der anarchistischen Ur.begriffe in der modernen 
,, Philosophie". Vaterland — Vorwurf der Vaterlands- 
losigkeit. Konservative und Antisemiten. Der Judenhaß 
wird um so urgef&hrlicher, je mehr der Staat Staat ist 
und je staatlicher und nationaler die Juden sind. 

V. Die geschichtliche Überlieferung . . 249 

Kosmopolitismus und Patriotismus. Verhältnis zur ge- 
schichtlichen Überlieferung und zur Kultur bei Nicht- 
juden und bei Juden. 

VI. DasVorurteilundderHaß 283 

Das ganze Bewußtsein des Mei.schen von dieser Welt der 
dinglichen Bewegung, all das Relative seines Fühlens, 
Wissens, Wollens hat lediglich praktische Bedeutung für 
sein Leben, ist seine Lebensfursorge oder sein Egois- 
mus — : daher mit Notwendigkeit die Enge und Misera- 
bilität des Urteilens über die andern, daher die moralische 
Kritik, die den Andern schwarz und sich selber weiß 
macht (der gewöhnlichen Egoisten ganze Weisheit über 
den Menschen besteht in dieser Schwarzweißhcit), daher 
das verkehrte Vorurteil und der Haß. Deutschenhaß und 
Judenhaß. Menschenhaß. Es ist mit dem Allen schlechter 
oder besser, je nachdem die Verhältnisse schlechter oder 
besser sind. Die Menschen, denen ihre Welt und ihr Aber- 



glaube lügt, sie seien Wahrheit, — diese Menschen zu 
bessern ist unmöglich, die Verhältnisse zu bessern ist mög- 
lich. Verpflichtung des Staates und der Nation zur Besse- 
rung der Verhältnisse auch in Hinsicht auf die Juden. 

VII. Wassollendiejudentun? 368 

Mittun vor allem an ihrem Teil an Besserung der Ver- 
hältnisse für den Staat und die Nation, danach auch für 
sich selbst. Und darüber hinaus noch ihre besondere, über 

die Maßen bedeutende Verpflichtung von letztem Ernste. 

VIII. Rede der Juden: Wir wollen ihn zurück 428 
Abrechnung mit den NichtJuden und Einkehr in die Tiefe 
ihres Gemütes und Gedankens. Rückkehr zu ihrer ge- 
schichtlichen Bestimmung und Bedeutung und Fort- 
führung ihres Werkes in der Welt; Rückkehr mit ihrem 
Leben zu ihrem eigentümlichen Gedanken, damit im er- 
neuten Weltzustande ihr Leben wirklich und beweglich 

die Fülle seines Gedankens gewinne. 



UNTER DEM KRIEG. 

(Vorwort zur ersten Auflage.) 

Aus einem Aufsatz, Ende 1916: 

Ein größeres Werk von mir ,,Der Judenhaß und die Juden" 
war fertig abgesetzt in der Druckerei, als hereinbrach, — was 
vielleicht auch den Lebenspunkt der darin ausgesprochenen Ge- 
danken erst recht dem Verständnis und Gemüt nahe bringt. Das 
Buch mußte liegen bleiben. Europas Männerblüte der Zerstörung 
preisgegeben; ein Morden auf, über, unter der Erde und auf, über, 
unter dem Wasser; Krieg gegen die Staaten, gegen die Völker, 
gegen die Volkswirtschaften; Krieg gegen Kämpfer und gegen 
Nichtkämpfer;und wie schmeckt die Luft nach Leid! Auf eine un- 
geheure Art dichtet die Zeit Schicksal und Geschichte: was soll 
ein neues Buch ?! Die da draußen, Sommer und Winter, Tag und 
Nacht auf den Feldern, in welchen Kämpfen, Nöten, Folter- 
qualen! und wir Heimgebliebenen — im Rosengarten sitzen wir 
nicht, und, was wir erfahren, fällt auf keinen Stein. Die Welt ist 
verwünscht, verwandelt und zerrüttet auch in unsrem tiefen Selbst; 
kein Trieb will frei sich rühren und regen, nichts brennt in den 
Herzen als Vaterland und Krieg, — dieser Krieg, für den ein 
andrer Name als Krieg, ein gänzlich neues, fürchterliches Wort 
nötig wäre, seine zyklopische Art und Gräßlichkeit zu bezeichnen; 
aller Krieg war Friede gegen diesen. Wir können ihn nicht an- 
sehen, weder wie der Teufel, noch wie der Gott: nur wie Menschen, 
die ihn miterleben. Ob er auch in den Sternen stand, ob auch 
Staaten und Völker, die wohlgeopferte Generationen fordern 
können, dieses Krieges bedurften — nein, dieser Krieg ist noch 
andres als nur ein politischer Krieg, und was für Großes wir dabei 
übrigens erleben: wir erleben auch das Scheußlichste der ganzen 
Menschengeschichte; wie scheintot im Sarge liegt in uns der Geist, 
vernimmt alles und kann sich nicht bewegen und nicht die Zunge 



gebrauchen. Wieder und wieder, jeden Augenblick müssen wir 
uns verwaluheiten, müssen wir uns vordramatisieren 
das grauenvolle Geschehen in dem Blutsumpfe. Wann kommt das 
Ende und wie? Durch die Waffen? oder, wenn der Walmwitx 
nicht weiter kann, wird man sagen: durch die Vernunft! Aber 
einmal kommt das Ende und der Frieden. 

So zwar schwerlich, wie die vielen untauglichen Reden derer, 
die zum Professor taugen, wie alle die kleinen Fichtes verkündigt 
hatten, die in Herz und Hirn genau so klein und weise waren wie 
ihre Zuhörer und also gärulich unnötig; man fühlte die Nälie 
von großem Unsinn, wie etwa auch bei den Reimen aus dem 
Füllhorn des Überflüssigen (um drei Millionen gedruckter Kriegs- 
gedichtc ist zwischen den Schlachten der Unsinn des Reiches ver- 
mehrt worden — zum Glück ist unser Schwert besser ab unsere 
Leier!), und man rechnet beide, die Körners wie die Fichtes, mit 
unter die Kriegsgreuel. — So kommt es schwerlich, wie die 
Führer verkündigen, die da sprechen: ,,Wir sind eure Führer, 
also folgen wir euch!" Am allerwenigsten so, wie sie damals zu 
Beginn des Krieges gemeint hatten, als sie, Branntweintrinkern 
gleich, täglich Siege tranken und sich daran zu Propheten- 
kaspars und untrüglichen Ferngläsern in die Zukunft. Es kommt 
besser. Noch wollen nicht die gewaltigen Dinge alle und ganz 
sich uns erschliefJen, noch stehen wir mitten in dem riesenentsetz- 
lichsten Naturereignis, welches jemals auskam in der Mensch- 
heit, und kann unmöglich, entsprechend der Fülle des Zerstörten, 
auch die Größe des geschehenden Aufbaus mit Augen gemessen 
werden. Aber eines ist für uns Deutsche gewiß: unser Reich 
geht nicht unter, sondern zur Herrlichkeit voran; das Glück ist 
von uns nicht weggegangen. Vom Anfang an des neuen Deutsch- 
land blieb es uns zur Seite, von des großen Friedrich großem An- 
fang her. Sein Krieg, die Befreiungskriege, der Krieg von Siebzig 
und dieser Große Krieg, dieser Deutsche Krieg, sind gradan 
Staffeln des Aufstiegs. Deutschland ist stark geworden und stark 
gebheben, stark und schön. Auch seiner Schönheit halben hat's 
keine Not. Läßt der Wundervogel sich wieder herunter in die 
Ruhe, so wird auf dem zusammengelegten Gefieder auch all seine 
Pracht der Farben wieder hervorkommen. Zuversicht und Glück 

10 



über unser deutsches Vaterland erhebt uns das Herz auch in 
diesem Kampf und allerrasendsten Wirbelsturm, bei aller Schwere 
der Gedanken um die Menschheit, bei allem für das ganze Leben 
uns allen gebliebenen Leid und Weh .... 

(Das ist lange her, daß ich diese Sätze schrieb, unsäglich 
lange; denn wir sind seitdem unglücklich geworden und in die 
große Schande geraten. Aber natürlich lasse ich diese Sätze stehen. 
Ich will mich nicht nachträglich klüger machen, als ich war; nicht 
klüger, als Deutschland war. Ich bin damals berechtigt gewesen 
diese Sätze zu schreiben: sie wurden geschrieben nach dem Durch- 
bruch bei Gorlice; an die Möglichkeit, daß wir solche Politik 
treiben würden, die uns zu Fall bringen mußte, konnte ich so 
wenig denken wie an Selbstmord. Man lese das weiterhin ,, Unter 
dem Frieden" Gesagte. Daß ich mit dem Aufstieg Deutschlands 
auch durch diesen Krieg nicht etwa Eroberungen meinte, wird 
mir jeder glauben, der auch nur das nachstehende Werk liest: was 
ich darunter verstand, ließ mir, es deutlicher zu sagen, die Zensur 
nicht zu. Und das bleibt gewiß: unser Reich geht nicht unter, 
sondern kommt zur hohen und höheren Herrlichkeit wieder auf. 
Aber die Meisten von uns, vielleicht wir Alle, die wir den Krieg ge- 
litten haben, werden ihn leiden bis an unser Ende und werden den 
Haß und die Rache dieses Friedens leiden bis an unser Ende, und 
die gestorbene Freiheit wird uns jeden Tag von neuem sterben, bis 
an unser Ende.) 

Was ist das für ein ungeheurer, wahrlich nicht allein politi- 
scher Krieg ? Was ist das für ein Krieg gegen ? Gegen 

den Haß! 

Gegen ein vielköpfiges Ungetüm des Hasses haben wir uns 
zu wehren; deswegen ist es, daß wir von diesem Kriege sagen 
müssen: er ist nicht allein ein politischer Krieg. Von aller Welt 
Deutschland gehaßt; wie sehr, das kam nun an den Tag. Die 
Grenzen Deutschlands und die Umgebung jedes Deutschen im 
Auslande sind der Haß. ,,Haß nicht zu einem nur, zu zehn 
Kriegen gegen Deutschland haben wir," sagten die Russen und 
fühlten gleicherart alle die übrigen; der Verpflichtung, mitzu- 
machen an unsrer Demütigung, Bestrafung, Vernichtung, bis kein 

II 



deutsches Etwas mehr in der Welt zu finden sein würde, der iiit- 
lichen Verpflichtung dazu waren sich im Grunde, ganz wie die 
Feinde, so auch gute Freunde und Verbündete, hoffnungsinnig 
bewuOt. Sie sagen, Deutschland, Deutschland will über alles, 
aber in Wirklichkeit will alles, alles über Deutschland; und wenn 
uns das Schicksal zerschmetterte, vor Freuden würden alle auf 
den Köpfen laufen. Sie sagen, es gelte nicht Krieg gegen urxs, 
sondern einen gemeinsamen Kulturkampf: ,,Der EuropÄerkrieg ist 
das größte Geisterduell; zwei Auffassungen von Leben und Sitt- 
lichkeit stehen gegeneinander." Darum ist rücht nur dieser Krieg 
gegen uns, sondern die Überzeugung der Welt, daß wir bös und 
gefAlirlich seien. — eine Überzeugimg, die auch nach dem miß- 
lungenen Versuch dieses Krieges, uns unter den Fuß zu bekommen, 
keineswegs so bald sich ändern wird. ,,Wenn zwanzig Jalire nach 
dem Friedensschluß ein Sohn dieser Deutschen uns, den Eng- 
ländern, Italienern, Russen die Hand hinstreckte, schreibt der 
Franzose Bergerat, mußte unsere Haltung ihm sagen: Weg! 
Weiche auf ewig von uns! Wa» eureVitertaten.itt 
unaustilgbar... Weder Versöhnung auf dem Streitplatz, 
wie nach redlichem Zweikampf, noch Milderung des Hasses im 
Laufe der Zeit. Um die Menschheit wäre mir bang, wenn der 
Friede, der diesem Vernichtungskriege folgt, nicht auch Ver- 
richtung br&chte')." Sic hassen und sehen steif nur Häßliches; 



>) An ähnlichem Sprechen fehlt es auch unter uns kcinacwtcs. In 
der , .Deutschen Rerue", Norember 1916, liest man ron Freiherm v. Woi- 
novich: , .Keine Versöhnung, »ondcm für alle Zeiten: Au( um Auge, Zahn 
um Zahn! Die Zentralmächte dürfen die Verbrccboi, deren itch die 
Gegner ihnen gegenüber schuldig machten, niemab vcfgcacn, denn sie 
wOrden hierdurch die wichtigste Erfahrung in den Wind schlagen, die sie 
durch diesen Krieg gewonnen haben: daß sie es mit ethisch minderwertigen 
Völkern zu tun haben, denen gegenüber n u r die Gewalt am Platze s«- ' ' 
- Und der Senat der Universität Jena hat auf VorschUf der philosophi- 
schen Fakultät die folgende Preisaufgabe gestellt: „Der Vorwurf der 
Heuchelei und des .cant' sowie der Typus des Heuchlers sind in der eng- 
Uschen Literatur t>esonders seit der Eltsabethanischen Zeit nachzuweisen 
und in ihren geschichtlichen und psychologischen Grundlagen zu ur- 
suchen." Der Senat der Unirersität Jena hat diese Pi..a- 
aufgnbe gestellt! und auf Vorschlag der philosophischen Fakultät!! 
Ja, die philosophische Fakultit und die Professoren! Auch Gustav Röthe 



nichts so Tollböses von Deutschen, daß es nicht geglaubt wurde. 
Satanische Scheußlichkeiten verüben sie, ,, denen die Bosheit tier- 
ähnlicher Wesen eignet", vergiften Brunnen, schlachten Kinder, 
üben Verrat, Treubruch, Hintertücke jeder Art bis zu den fürch- 
terlichsten Graden — ein italienischer Professor, Aristide Sar- 
torio, hat geschrieben, da sei nichts verwundersam für einen wie 
er, der jahrelang in Deutschland gelebt habe und das deutsche 
Gesetz kenne: dieses Gesetz erlaube den Deutschen z. B. Dieb- 
stahl im Auslande auch in Friedenszeiten ^). Eine andre Er- 
klärung gab ein anderer Professor, der Russe Menschikow, in- 
dem er wissenschaftlich dartat, daß die Deutschen zu den minder- 
wertigsten Rassen gehören und ihr Schädeltyp dem des Neander- 
talmenschen nahekomme. Und überall heißt es, die Deutschen 
wollen die Weltherrschaft an sich reißen (,,ihre finsteren Pläne 



nennt England den großen kalten Heuchler, Harnack nennt es den Ver- 
räcer an der Zivilisation, Häckel: den größten Verbrecher der Weltge- 
schichte, Eucken schilt die Engländer widerwärtig frivol und gemeine 
Pharisäer und sagt dazu, das sei eigenlich eine Beleidigung für die Phari- 
säer — Eucken, den man hier einen Philosophieprofessor nennt, und «s 
ist keine Beleidigung für die Philosophieprofessoren, ihn so zu nennen. Für 
Werner Sombart sind die Engländer Händler, die Deutschen aber Helden. 
Ja, der Hochmut und die Professoren, und gar die der Philosophie! Hermann 
Cohen behauptet: „nur der Deutsche kann Philosophie treiben" — was 
weiß denn Hermann Cohen "on Philosophie? Die Philosophie getrieben 
hat er allerdings. 

*) Das und derlei wurde bei Ausbruch des Krieges gesagt, noch bevor 
man daran ging, Italien von den ,, dreckigen Deutschen" zu säubern, es 
„deutschenrein" zu machen und der ,,Popolo Italiano" geraten hatte, 
„alle noch in Italien befindlichen Deutschen an den nächsten Laternen 
aufzuknüpfen"; also als unser italienischer Freund und Verbündeter noch 
neutral war und noch nicht in den Blutrausch gegen uns gefallen, worin 
er anstatt des casus foederis den casus belli entdeckte — der wahrhafte 
Politiker Spinoza schreibt: kein Staat dürfe sich über Betrug und Treu- 
losigkeit eines verbündeten Staates beklagen, müßte vielmehr die eigne 
Torheit verurteilen, wenn er nämlich sein Heil einem andern anvertraut 
hätte, der sein eignes Recht besitzt und dem die eigne Wohlfahrt höchstes 
Gesetz ist. (Pol. Traktat III, 14.) — Auch Amerikas muß besonders ge- 
dacht werden, des ebenfalls neutralen Amerikas. Von den Deutsch- 
amerikanern, die Roosevelt vaterlandslose Amphibien nennt, schreibt Hugo 
Münsterberg in seinem Buche „The peace and America": „Ihre täglichen 

13 



einer Weltherrschaft," sagt Balfour, ,,die gefährlichsten Ver- 
schwörer gegen die Menschheit," sagt Lloyd George) und seien 
schamlos schlecht durch und durch; was beides, das Wehherr- 
schaftsstreben wie das Schlechtsein durch und durch, aus der 



Genossen haben sich in ihre Verfolger verwandelt. Der Boden, auf dem 
sie ihr Heim errichtet und für den sie ihr Vaterland aufgegeben hatten, ist 
für sie fremdes Land geworden, da sie fühlen, daß sie ihren Nachbarn nicht 
Unger willkommen sind. Sie müssen kämpfen gegen grausame Angriffe 
auf das geliebte Land ihrer Väter und Brüder, aber Tapferkeit gegenüber 
dem Feind ist leichter als Tapferkeit gegenülnrr den Neutralen. In der 
Schlachthnie, wo jeder Volksgenoasc auf derselt>en Seite ist, trAgt die Eine 
große Begeisterung Jedermann mit sich fort und der suggestive EinfluO 
bildet leicht Heroen. Aber mit Worten zu fechten und mutig für seine 
überzetigung eiiirustehen, wenn das bedeutet, von seinen Werkgenossen 
verschmäht xu werden, Intrigen gegen sich ru erfahren und die gesell- 
schaftliche Stellung für Frau und Kmdcr zu verlieren, welche langsam 
durch die Arbeit eines Lebens gewonnen war, und all des kleinen Erfolges 
beraubt zu werden, der durch treue Dienstleistung gewonnen wurde — das 
verlangt mehr Mut als die Schlachtltnie." Mit diesen Schilderungen 
MCknsterbergs kommen unzählige andere überein. Aus dem Briefe eines 
DeMtechamcfikaaers Icsm wir in der Kolnischen Zeitung: ,.Es ist ein so 
giimmi gcr Haß gegen aUea deutsche Wesen, diiO man staunen muß, dafl^ 
er nicht schon längst hervorgebrochen ist ... Es ist daher kein Wunder, 
daß Deutsche hier aus Verzweiflung Selbstmord begangen haben. Wahr- 
lich, wir haben keinen leichten Stand. Wir kämpfen nicht mit Waffen, 
und man bekämpft uns nicht mit Säbeln, aber nut etwas viel Schlimmerem, 
mit Verleumdung und Haß." Viele der besten Deutschamerikaner sollen 
entschlossen sein, nach dem Kriege ihr neues Vaterland zu verlassen, 
welches eine Agitation duldet, um sie gesellschaftlich und wirt -h 

ru boykottieren, und wo ohnehin in politischer Hinsicht ,,der i>cui.%Lh- 
amerikaner fast so rechtlos ist wie der Neger". Während des Kriegs- 
deliriums stehen begreiflicherweise Frankreich, Rußland und England 
obenan mit Ausbrüchen des fassungslosen Hasses und einer förmlichen 
Tollwut. Em Mann wie Sir William Ramsay tröstet mit dem ,, Entsetzen 
der ganzen zivilisierten Welt über den moralischen Verfall der Deutschen" 
und hält es auf Generationen hinaus für unmöglich, daß man wieder 
wissenschaftliche Verbindungen ,,mit Individuen dieses Stammes" ein- 
gehe. Rudyard Kipling verlangt klipp und klar: ,,Die ganze deutsche 
Rasse muß völlig ausgetilgt werden." ,, Daily Mail" schrieb: ,,Wir müssen 
mit Zähnen und Nägeln über Deutschland herfallen, müssen es mit seinen 
eignen Waffen bekämpfen und müssen all uiure Hilfsmittel anwenden, 
um diese Vipembrut zu vernichten." ,, Daily Graphic" wünscht (gleich ru 
Beginn des Krieges, am 20. August i9>4)t daß kein Deutscher verschont 

»4 



deutschen Literatur und aus der deutschen Seele bewiesen wird 
— die Deutschen sind die „gierigsten, von Gewissensbedenken 
freiesten Räuber, die je ein Auge sah"; und bei Betrachtung 
der Gefangenen findet man sich immer von neuem unsäglich ab- 
gestoßen von der ,, Häßlichkeit und Widerwärtigkeit der Rasse". 
,,Wir kämpfen gegen den Feind, der uns ekelt", ,,die Welt trägt 
Abscheu, sich von einem Volke beherrschen zu lassen, das sie 
durch seinen Hochmut und seine blöde Verachtung beleidigt", 
,,wir kämpfen, um die Welt von der Schmach und Feigheit der 
deutschen Barbaren zu befreien", ,, gegen den Urfeind des Men- 
schengeschlechts", ,,für die Rettung der Zivilisation, des Rechtes 
und der Freiheit des Geistes gegen die Macht der Finsternis und 
des Todes". Ist das Deutschland, und ist das Deutschtum, 
oder sind die da, mit Luther zu reden, wahre Säue, welche der 
Rosen und Veilchen im Garten nicht achten, sondern ihren Rüssel 
nur in Mist stecken ?! — ,y^ie Deutschen ermangeln der Originali- 
tät und sind — auch wissenschaftlich — nur Nachahmer und 
Ausbeuter der Gedanken und Erfindungen anderer"; von den 
deutschen Geistern spricht man nach Kräften verkleiner lieh, 
lästerlich und kindisch, sie müssen herhalten zur Illustration für 
,,die deutsche Moral" und die deutsche Gemütlosigkeit^) — die 



bleibe: „schneidet ihnen die Zungen aus, stecht ihnen die Augen aus! 
Nieder mit ihnen allen!" Das Stechen auf Deutsche sei noch schöner als 
Polo, schreibt ein englischer Offizier in den ,, Times". Wobei wir nun zu 
allernächst an nichts andres zu denken haben als daran: wie schwer 
unter uns mit Gegenhaß, besonders gegen England, gefehlt worden und 
wie töricht; hat man doch sogar einen einzelnen englischen Mann für das 
ganze Weltunglück verantwortlich machen wollen. Das ist Politik wie 
Theologie, die Adam die Schuld aufbürdet für alle Sünden und für das 
Sterben der Menschen! Und mich will fast bedünken, daß man da beide 
Male gerade den unschuldigsten Mann herausgefunden hat. 

^) z. B. Ermete Zacconi, ein bedeutender italienischer Schauspieler: 
„Daß die deutsche Seele voller Barbarei ist, weiß heute jedes Kind. Ich 
fühlte das, wenn ich die Werke der größten Denker dieses Volkes auslegte. 
Die teutonische Seele blieb auf ihrem Grunde grausam, gierig und un- 
moralisch. Das Äußere kann täuschen, aber der Grund dieser Rasse ist, 
selbst unter Landsleuten, von endloser Selbstsucht. Ich möchte mein 
Urteil in wenigen Worten zusammenfassen und sagen: Die Deutschen 
lieben nicht. Sie glauben zu lieben und Liebe zu empfinden, aber sie sind 

IS 



in der Welt zerstreut lebenden Deutschen mit ihrer Moral w&ren 
Schuld an jeglichem Unglück und wären das Universalunglürk 
der Welt (,, überall muß der Deutsche alles ausbaden", schrieb 
einmal früher Karl Spitteler; in der Hetzpresse draußen war schon 
seit lange ,,der Bösewicht und die l&cherliche Figur allemal ein 
Deutscher") . Die Versuche, zu erklären und uns zu rechtfertigen, 
gaben nur neues Wasser auf die Verleumdungsmühle, wurden mit 
Hohn beantwortet und machten, daß man nur um so unflätiger 
uns beschimpfte — und wie und was beschimpfte: in Amerika 
wurden Nachahmungen unseres Eisernen Kreuzes verfertigt und 
Hunden um den Hals gehängt! — auf alles von uns Vorgebrachte 
lautet die Antwort: ,,Tut nichts, der Deutsche wird verbrannti" — 
kurz und treffend hat man das Wort Odium generis humani 
übersetzt mit: die Deutschen. Wir sind eingekreist vom Haß, 
die gaiue Welt haßt uns und setzt sich auf den Richtstuhl; alle 
sind moralischer als wir — und wir setzen uns auf den Richtstuhl 
und sind moralischer als alle. 

Je, was ist das ? und was klingt da mit in die Ohren P Haben 
wir recht gehört: über die Deutschen wird das alles gesagt, über 
die Deutschen ? Uns will aber doch bedunken, als hätten just 
d as gleiche die Deutschen gesagt, als hätten just die Deutschen, 



nur Nachrmpf Inder." Auch in der bildenden Kunst der Deutschen findet 

man ihre ..moraluche Häßlichkeit", ihren , .moralischen Defekt" und ihr 

y^.k._,»,^,., ,.," yf^f, j B. in dem Geleitworte (des Professors Jean 

D< < Werke ..Belgian Art in Exile a Representative Gallery 

of Modern Belgian Art (London 191 6) nachzulesen: „Der Seclen2Ustand 
der teutonischen Rasse mit seinen dunklen immer noch leben- 
digen Vererbungen aus den Zeiten des barbari- 
sehen Hordenlebens verbietet es den deutschen Kurutlem zu- 
meist, jenes höhere Feingefühl, jene wunderbare Mitempfindung zu er- 
wert>cn usw." Man geht denn auch erruthaft daran, die Welt ,,zu envan- 
zipieren vom deutschen Geiste", indem man diesen mehr und mehr ent- 
hüllt. In Italien z. B. gibt man zur Verdrängung der auch dort bisher 
eingeführten Teubnerschen Texte, ein neues Corpus Scriptorum latinorum 
heraus, davon u. a. bereits Tacitus Germania erschienen mit (von Prof. 
Pascal) eingefügten Parallelstellen aus Cäsar, Flonis, Pomponius Mela, 
Seneca, Vellejus Paterculus u. a., woraus klar ersichtlich, daD die Deut- 
schen von jeher ein Volk von Räubern, Dieben, Lügnern und Wuterichen 
gewesen seien. 

x6 



wie keine andern, das gleiche gesagt über Wurden die 

Deutschen in Juden verdreht ? Gehen die Juden aus ? Sind ihre 
Seelen in die Leiber der Deutschen gefahren ? Wer die deutsche 
Judenhaßliteratur kennt, greift sich an den Kopf vor dieser 
Deutschenhaßliteratur: da ist ja kein Unterschied; kein über- 
hängendes Wort weder dort noch hier. Und so wird über die 
Deutschen gesprochen gerade jetzt, wo sie weniger den Judenhaß 
liebevoll pflegen und nicht an der Ausbildung der Theorie ar- 
beiten, damit auch die übrigen Völker zu versorgen. Gerade 
jetzt, wo es bei uns keine Parteienundkeine Kon- 
fessionen mehr gibt, die es auch nach dem Kriege 
nicht mehr geben wird ? 

Die das meinen, sind heute so dumm wie gestern, ob sie auch 
während des Krieges einmal Fichtes gewesen sind; sie verstehen 
nicht, welch einen Unterschied das macht: Während des Krieges 
und Nach dem Kriege, und halten ihre Denkereien und Erwar- 
tungen für Epochen der Geschichte; sie lieben das Werdende, weil 
sie nicht wissen, was wird, noch, was werden kann, und weil sie 
ihren Traum lieben; sie glauben an Besserung der Verhältnisse 
kurzer Hand, an Umkehrung des Gewöhnlichen, und daß die 
menschliche Natur aus ihren Schranken und aus ihrer Natur zu 
springen vermöge in das Widerspiel zu sich selbst. Am ersten 
August 1914, um halb sechs Uhr nachmittags, soll die menschliche 
Natur in dieser Weltgegend hier, in unseren deutschen Land- 
strecken, das gemacht haben. Sie hat es aber keineswegs gemacht; 
es reimt sich nicht auf Mensch und Welt, es ist gegen die Wirk- 
lichkeit, gegen die Möglichkeit, gegen die Denklichkeit. Die Ur- 
ursache des Menschenhaders, der Spaltungen und Ärgernisse, die 
in dem oben erwähnten Werke betrachtet wird, dauert mit den 
Menschen weiter, denen sie in den Adern rieselt bis an den un- 
geschaffenen Tag; niemals ist der Haß dienstlos in der Mensch- 
heit, und geht es mit ihr aus dereinstmals, wie sie, der Sage zu- 
folge, angehoben hat, so wird in der letzten Menschenfamilie 
abermals Kain seinen Bruder Abel erschlagen, und dann ist's 
wieder rund. Es will bis ans Ende gezankt, gestritten, die Seele 
gekränkt und Blut vergossen sein. Und unter uns, sobald nur die 
Zuchtrute weggetan, kommt wieder die Verhärtung im Üblen; es 



17 



beginnt von neuem die Raufzeit der Parteien und Rotten wie vor 
dem Kriege') und entdeckt sich, daß der Haß im Lande schwieg 
nur, weil er auf andres draußen gescheucht und abgelenkt und 
weil ,, Kriegszustand" war, d. h. die Bestie im Käfig. Comment 
suspendu; danach (es muß nicht gleich nach dem Friedensschluß 
sein, aber gleich nach dem Schluß mit dem Kriegszustande!) 
kommt der einheimische Ferienhaß, der ausgeruhte, wieder an 
die Reihe — das Maß, das Riesenmaß Haß, vom Anfang her den 
Menschen zugeteilt, weicht nicht aus seinem Orte und vermindert 
sich nicht; da wird nichts versehen, und da hilft nichts geprn; 
wir leben noch auf der alten Welt der Bewegung in sich seü-ut, 
die sich nichts nehnvn und nichts geben liLßt, der Welt der Ver- 
Anderungen ohne Ver&nderung. 

Denken wir denn nicht wie Neulinge, sondern als Denker 
dieser wirklichen Welt und sehen's an, wenn uns nicht die Augen 
zugekleistert sind, wie es uns ansieht (auch alle die Zeit unvcr- 
wandt durch die Löcher des Burgfriedens um so gefr&ßiger uns 
anschielt, ab es ein bißchen hungern muß), so kommt für die 
inneren Zustande im Lande alles wieder rundrichtig uxkI sind — 
hoffentlich baldl — die wirtschaftlichen, beruflichen und gesell- 
schaftlichen CegensAtze wieder da und wieder die Leutchen, deren 
Vorteil ist, sie zu schüren, und die dabei, wie die faulen Fische, 
immer obenauf schwimmen und stinken müssen. Gewiß, der 
Geist Deutschlands kommt wieder aus seiner Erstarrung, Deutsch- 
land wird wieder schön in guten Tagen, alle seine köstlichen 
Krifte des Friedens springen von frischem, und neue Lebenstriebe 
werden Welkes herunterstoßen. Aber auch das stärkste Faule 
kommt wieder obenauf; und nicht lange mehr, so duftet es auch 
restaurativ garu wie vordem nach antisemitischem Bisam, und 
niemand anders als die verwegenen Juden tragen wieder die 
Schuld an den Wanzen, an der Sintflut, am Babylonischen Turm, 
an der Cholera und an dem Katzenkonzert der modernen Lyrik 
und an den übrigen ästhetischen Bescherungen. So hassen also 
Deutsche ganz, wie sie gehaßt werden, welch ein Schauspiel in 



>) Vgl. Constantin Brunner, Die politischen Parteien und der Patriotis- 
mus, Zukunft vom 23. BAai 1914- 

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welch einem Schauspiele — in einem erbärmlichen ein noch er- 
bärmlicheres, ein ekelhaftes Schauspiel! — und weswegen alle 
Welt mit dem Finger auf die Deutschen weist, deswegen weisen 
Deutsche mit dem Finger auf die Juden und klagen die Juden an: 
daß sie Kinder schlachten, Brunnen vergiften, jüdischen Gesetzen 
folgen, die ihnen alle Niedertacht geböten, die gierigsten, vom 
Gewissen freiesten Räuber und hochmütige Verächter aller übrigen 
Menschen sind, welche die Weltherrschaft an sich reißen wollen 
(was beides, das Weltherrschaftansichreißenwollen wie ,,die jüdi- 
sche Moral" mit Zitaten aus ihrer Literatur belegt wird) und daß 
sie ohne Originalität, nur Nachahmer und Ausbeuter fremden 
Geistes und eine inferiore Rasse sind. Zweifelt keinen Augen- 
blick: auch unser Untier Rassentheorie stellt sich lebendig wieder 
auf seine Füße, rast umher und rennt Vernunft nieder. Gründ- 
lichst täuschen sich, die da glauben, es sei Leiche geworden auf 
dem Schlachtfelde und nun längst für immer eingescharrt. Frei- 
lich behielt Gewalt und Leben nur der Staatsgedanke; 
und wie denn auch eine nicht in Rassen sich besondernde Mensch- 
heit gar wohl möglich erscheint, der Mensch ohne den Staat aber 
überhaupt undenkbar ist, und wie noch immer in der Geschichte 
nur der Staat, noch niemals die Rasse als Gesamtwille auftrat, 
so bewährten auch jetzt überall Staat und Nation ihre elementare, 
das ganze relative Dasein der Einzelnen tragende Kraft; die 
Völker, Mengen nur in sich selbst, sind gegeneinander Individuen 
und die Rassen sind — in politischer Bedeutung — nichts; mit 
Gelben, Braunen, Schwarzen stehen Weiße gegen Weiße, mit 
Slawen und Romanen Germanen gegen Slawen und gegen ihre 
germanischen Vettern^ ) . So sei denn nun erwiesen, mit der Rassen- 

^) Gut schrieb das serbische Blatt Budutschnost über die Hilfsarmee 
der Entente: „Wir haben das seltene Glück erlebt, Zeugen einer majestäti- 
schen Bekundung slawischer Brüderlichkeit zu sein. Es kommen als Gäste 
unsre teuren Stammverwandten, slawische Brüder aus Algier, Kongo, 
Indien und Transvaal, ferner unsre Vettern, die Marokkaner, die Senegal- 
neger und die Zulukaffern. Sie sollen die serbischen Reihen ausfüllen und 
mit uns unter der Fahne unsrer gemeinsamen slawischen Mutter Ruß- 
land gegen die Germanen in Bulgarien und der Türkei in den heiligen 
Kampf ziehen. Wenn wir dann, «mgeführt von asiatischen und afrikani- 
schen Helden, den Feind besiegen, so wird dies den Triumph des Christen- 



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theorie lasse sich keine Realpolitik machen ? Gewiß nicht, wohl 
aber unsinnige Verwirrung in der Realpolitik, und — wie sollten 
die Menschen so schnell fahren lassen, was ihnen auf die be- 
quemste Weise, ohne Geschichtskenntnis, noch irgend andre 
Kenntnis, noch allergeringste Anstrengung des Denkens zu einer 
Theorie! verhilft, richtig gesag;t: was der allgemeinen Niedrig- 
keit zu einem anstiiKligen Deckel und Namen verhilft. Denn 
nichts hegt ihnen ob bei der^jeubackenen Erkenntnis, ab an ihrer 
alten Denkknechtschafl und Finsternis zu halten, ihrem Vor- 
urteil und Haß zu folgen, für Affischen Geist und Bosheit sich die 
Ohren mit Lobwurz reiben zu lassen und wegen ihres putzig 
wahnwitzhaften Dünkels beschrieen und gekrönt zu werden, — 
die Wissenden wissen, daB Rassentheorie zu Hochmut und Haß 
das neue Synonym bedeutet, hauptsAchlich aber die neue Lied- 
weise, den Judenliaß zu singen. Die Rassentheorie ist noch nicht 
hin, und UOt sich noch lange mit ihr haushalten; daß sie die irgste 
Niederlage erfuhr, was bedeutet das der Gedankenlosigkeit, derUn- 
f&higkeit zu denken und denen, die sich nicht blamieren könrien: 
vor deren so unedlem, so kurzsinnigem, so wirrgeborenem Ge- 
wissen die Vernunft und das Gute bestJLrMÜg blamiert sind, und 
die nicht über Narrheit, sondern über Wahrheit lachen ? Unter- 
einander aber können sie sich nicht blamieren; denn sie sagen 
den Unsinn Unsinnigen, und jeden erkannten vefgtiicn sie über 
neuem, der ihnen wiederum für Weisheit gilt. 

O du hebes, liebes, du mein heiliges Land, zu dem die Liebe 
mir nicht erst neu durch den Krieg gekommen ist, nicht durch 
den Haß gegen welche draufkn, noch durch den Haß gegen 
welche drinnen, nein, wahrlich nicht durch Rassentheorie — es 
gibt ja noch andren als Rassenhasser- und Judenknacker-Patrio- 
tismus (Hep, hep, hurrah!), der darum noch nicht auf der Stufe 
des Männerquartett- Patriotismus zu stehen braucht — : wenn 
irgendwann, dann, du Vaterland, ist heute der Tag, dich zu be- 



ttims übtr den Islam t>edcuten, den Triumph der weichen slawischen 
Seelen über den groben barbarischen Germaniimus. Im Namen dieses 
Triumphes l>egrulien wir unsre teuren Brüder, die Marokkaner, Senegal- 
neger, Zulukaffern, Papuas und Inder, diese unermüdlichen Verteidiger 
des unterdrückten Slawentums und Christentums," 

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sinnen über den Judenhaß und zu lernen, daß der Haß nicht nur 
und nicht immer schlimm ist für den Gehaßten, sondern auch 
und immer für den Hassenden; denn ein Leiden ist der Haß, 
welches auch andere will leiden machen. I s t heute der Tag? 
Soll der Speer, der verletzt, auch die Heilung bringen? Heute 
ist ein Tag zu Besinnung und Reinigung, wo das Bekannt- 
gewordene dir das Unbekannte erschließt, wo du selber mensch- 
lich hineingeschmeckt hast in die Art Haß, den die Gehaßten 
nicht verstehen, zu dem sie in ihrer Selbstbeurteilung keinen An- 
laß entdecken; sie sehen einer den andern an, wissen sich s nicht 
zu deuten, und in den Schwachen, sonst gar nicht Melancholischen, 
findet sich eine kleine Stelle, die weh tut; ob sie auch Andern 
sagen- „Uns fehlt nichts", aber in ihrer völligen Blindheit über 
den Sachverhalt fragen sie wohl gar ihren inneren Menschen: 
Ist es wahr, sind wir die Ausnahmen, wirklich schlechter als 
die andern, und können wir uns selber ertragen?" - ^'^""^^f^ 
ein schöner Tag - wenn nicht heute, wann denn, du Heutemcht ? 
Worauf wartest du noch und hältst dir die Seele auf? Willst du 
mit Recht noch weiterhassen, so magst du wohl auch gegen dich 
selber einen Stein aufheben. Du Vaterland du, du gehaßtes und 
hassendes: nach dem Maße der Erfahrung an dir selber in diesen 
großen Tagen des Geschehens, der Geschichte, steht von nun an 
auch der Judenhaß grundloser da als bisher und um ebenso viel 
schlechter zu verteidigen und will aufgegeben sein. Oder scheust 
du noch diese Gemeinschaft und Zusammenstellung Deutschen- 
haß und Judenhaß, so hör frisch auf, sie zu scheuen, und kein 
Mucks! fortan und beiß dir auf die Zunge, mit anderem Worte 
als mit dem häßlichen Worte Hassen deine häßliche Krankheit 
zu benennen oder von der S c h u 1 d der Juden zu sprechen; da- 
mit ist's quitt für immer, seitdem mit den gleichen Worten von 
der Schuld der Deutschen gesprochen wird. Eine Wage her zum 
Gericht - die Schuld der Juden in die eine, die Schuld der Deut- 
schen in die andere Schale - sie weiß keinen Unterschied! 

Alle andern Völker könnten denn immerhin noch weiter die 
Juden anklagen: die Deutschen dürfen es nicht, wenn anders sie 
nicht leugnen, daß sie erfahren, was sie erfahren; wenn sie mcht 
den gegen sie gebrauchten Worten andern Sinn geben können. 



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als welcher von ihnen selber diesen Worten gegeben wird; wenn 
sie nicht sich selber aller Beschuldigungen schuldig erkennen 
wollen; keine Beschuldigung gegen die Juden blieb deutschen 
Beschuldigern, keine einzige, die nicht auch gegen sie selber ist 
erhoben worden. Kam auf Beschuldigen an, so müßten sämtUche 
Deutsche ohne Ausnahme eingebildete Juden werden. 
Und wären der Deutschen so wenige wie der Juden — fliehe auf 
die Berge, wer im deutschen Lande ist! — sie gerieten in den Zu- 
stand und gefährliche Weltstellung wie die Juden unter den Men- 
schen und die Nachteulen unter den Vögeln; und was auch die 
Menschheit von ihnen empfangen hätte, alles ohne Dank, mit 
Stank; war 's ein Christus, er würde herumgewendet gegen sie 
zum Mittel der Verfolgung; kein Heldenkampf könnte ihnen 
nützen'), Deutschland müßte aufhören, das Land der Deutschen 



') Am Heldenkampf hat es auch im jüdischen Kriege, in der jüdi- 
schen Tollkühnheit gegen Roms Btacht nicht gefehlt. Schlosser in seiner 
Weltgeschichte für das deutsche Volk schreibt: ,,Die Bewohner einzelner 
fester Plätze verteidigten ihre Stadt mit dem nimlichen Heldenmute, wie 
die Saguntiner im zweiten punischen Kriege oder wie»<lje Bürger von 
Saragossa in der neueren Zeit. Bei der Belagerung und Eroberung von 
Jotapat 2. B., welches von Josephus verteidigt ward, verloren nicht 
weniger als vierzigtausend Juden ihr Leben und nur zwölfhundert gerieten 
in römische Gefangenschaft . . . Dessen ungeachtet verteidigten die Juden 
ihre Hauptstadt mit einem Hcldenmute, wie ihn wenige andre Völker bei 
ihrem Untergange gezeigt haben. Sogar die Romer, bei denen doch nicht 
wie bei uns die Rücksicht auf das Christentum und seine Schicksale einen 
Einfluß auf die Beurteilung dieses Kampfes ausübte, haben die Verteidi- 
gung von Jerusalem dem Kampfe der Karthager und Numantiner gleich- 
gestellt. Der Fanatismus der Belagerten und ihre durch die Lage der 
Stadt begünstigte Hartnäckigkeit überstieg allen Glauben: alle Anerbie- 
tungen des römischen Fcldherrn, welcher das Leben der Einwohner 
schonen wollte, wurden zurückgewiesen; er mußte einen befestigten Berg 
nach dem andern, eine Mauer nach der andern erstürmen und endlich 
sogar die verschiedenen Räume des Tempels einzeln erobern . . . Selbst 
nach der Eroberung und Verbrennung des Tempels unterwarfen sich die 
Juden noch nicht. Die Mehrzahl derselben zog sich in die sogenannte 
untere Stadt zurück, und als endlich auch diese erobert und durch Feuer 
verwüstet war, verteidigte der Rest des Volkes noch die obere Stadt mit 
ihren einzelnen Burgen." Hegel, in seinem Leben Jesu, Äußert sich ihn- 
lich: „Damais, als sich ihnen ein Messias anbot, der ihre pobtischen Hoff- 

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zu sein — es liegt zwischen England und Rußland, wie damals 
Palästina zwischen den Großmächten von damals — : man zer- 
streute die Deutschen unter die Völker — sie leben schon zum 
Teil in der Welt verstreut, ganz wie es damals, noch vor dem Zer- 
fall ihrer politischen Macht, mit deij Juden gewesen (daher 
auch, wegen der Juden überall, die sonst völlig unerklärlich ge- 
schwinde Ausbreitung des jüdischen Kultur gedankens, den wir 
nun Christentum nennen) — man pferchte sie in Ghetti, in Deut- 
Bchengassen, und würde sie hassen, verfolgen, unterdrücken zu- 
erst wegen dessen, ,,was ihre Väter taten", zuletzt bloß so wegen 
ihrer Abstammung und Physiognomie, und würde immer ihnen 
allen anrechnen das Mißfällige und Unangenehme des einen und 
andern Deutschen, was ganz gleich gegen gleich beim einen und 
andern Nichtdeutschen sich findet^). Und würde dereinst sehr 



nungen nicht erfüllte, hielt es das Volk der Mühe wert, daß ihr Staat noch 
ein Staat wäre; welchem Volke dies gleichgültig ist, ein solches wird bald 
aufhören, ein Volk zu sein; und kurze Zeit nachher warf es seine trägen 
Messiashoffnungen weg, griff zu den Waffen und, nachdem es alles getan, 
was höchstbegeisterter Mut leisten kann, nachdem es das grauenvollste 
menschliche Elend ertragen hatte, begrub es sich und seinen Staat unter 
den Ruinen seiner Stadt und würde in der Geschichte, in der Meinung 
der Nationen neben Karthaginiensem und Saguntinern, größer als die 
Griechen und Römer, deren Städte ihren Staat überlebten, dastehen, wenn 
das Gefühl dessen, was ein Volk für seine Unabhängigkeit tun kann, nicht 
zu fremde, und wenn wir nicht den Mut hätten, einem Volke vorschreiben 
zu wollen, daß es nicht seine Sache, sondern unsre Meinungen zu seiner 
Sache hätte machen und für diese leben und sterben sollen, für deren Be- 
hauptung wir keinen Finger rühren." 

^) Wegen der Schuld der Väter vgl. oben S. 12. Und auch die Physio- 
gnomik setzt bereits ein. Lord Headly schrieb im „Daily Graphic": 
„Schon seit einiger Zeit bemerkte ich den eigenartigen sardonischen — 
oder vielleicht richtiger, satanischen — Ausdruck auf den Photographien 
von fast allen deutschen Führern, vom Kaiser bis zum letzten General. 
Niemand, der das Bild des Grafen Bernstorff (deutscher Botschafter in 
Washington) betrachtet, wird finden, daß sein Gesicht nicht klug sei, 
aber jeder wird es als teuflisch grausam und hart und geeignet, als Modell 
für seine satanische Majestät zu dienen, bezeichnen. Hindenburgs Äußeres 
spricht von Kraft und Unbarmherzigkeit des Charakters: es ist tierisch und 
hat etwas vom wilden Schwein. Vom künstlerischen Standpunkt könnte 
er sehr gut Beelzebub vorstellen. Der Kaiser und Falkenhayn sind beide 

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schwer halten, sie wieder zu ,, emanzipieren" und selbst die an- 
ständigeren Nichtdeutschen zurückzubringen, daß sie nicht mehr 
eine Weite machten zwischen ihren Gedanken von allen übrigen 
Menschen und von den Deutschen, und daß sie nicht länger sich 
beruhigten: über die Deutschen verächtlich reden, gegen die 
Deutschen hochher und unverschämt sich auffuhren und die 
Deutschen um die Rechte betrügen, welche unsre Verfassung 
ihnen garantiert, das ist bei uns erlaubt wie in Sparta das Stehlen, 
und davon wird uns die Heiterkeit des Gemütes nicht verdunkelt; 
uns bleibt immer noch ein schön Sagen zum häßlichen Tun, wir 
können auf Versprechungen salva ratificatione wie auf Eiern gehn 
und noch gar beweisen, daß bei uns den Deutschen ein Leben be- 
reitet ist durch alle sieben Farben der Herrlichkeit! — Nun sind 
aber der Deutschen in Deutschland nicht so wenige, wie damals 
der Juden in Judäa gewesen, und dieser Deutsche Krieg wird 
nicht enden wie jener Jüdische Krieg. Dieser Deutsche Krieg 
macht unser deutsches Vaterland stärker, als es gewesen ist. Wir 



gut aussehende Minner mit (einen und strengen Zügen, aus denen un- 
beugsame Willenskraft, Grausamkeit und Unbarmherzigkeit spredjen. Sie 
können angesehen werden als „gute Typen des Fürsten der Finsternis". 
Dagegen hat Gallwitz ein machiavelhstisches AuCkres, er wurde ein Mit- 
glied der früheren heiligen Inquisition in Spanien darstellen. Der katzen- 
artige Typus wird durch Bülow und Mackeiuen vergegenwirtigt. Grau- 
samkeit und Verräterei lassen beide erkennen, und der salAnLschc Ausdruck 
fehlt nicht. Bei Bethmanr>-Hollweg und Lichnowsky beobachte* man in 
hohem Maße Unaufrichtigkeit und Falschheit . . . Man muß die englischen 
Generale und Admirale, sowie die Heerführer des Vierrerbandes anschau«a 
— es ist, als ob man aus den unterirdischen Höhlen in den Himmel kommt 
Nicht ein Gesicht befindet sich darunter mit dem unauslöschlichen Stempel 
des Bösen, den die Deutschen tragen. Unsere Leute sehen nicht aus wi« 
Vieh und Teufel. Der größte Gegensatz findet sich zwischen dem guten 
König Georg und seinem Sohne, dem Prince of Wales, und dem deutschen 
Kaiser und dem Kronprinzen. Die ersteren so vollkommen offen und 
ehrlich im Ausdruck, woraus ihr liebenswürdiger Charakter spricht, die 
andern so peinlich das gerade Gegenteil. Für das Äußere kann der Meruch 
nichts, aber die Augen und der Mund pflegen den innerlichen Geist, der 
fortwährend auf Mord und Schrecken bedacht ist, widerzuspiegeln, wie das 
bei Hindcnburg, Gallwitz und Mackensen der Fall ist. Menschen, die an- 
dauernd teuflische Pläne mit sich herumtragen, mti&sen allmlhhch selber 
wie Teufel aussehen." 



kämpfen den weltgeschichtlich unendlich bedeutungsvollen Kampf 
zur Befestigung unserer Macht; nach seiner politischen Bedeutung 
geht es mit diesem Kriege um die Befestigung von Deutschlands 
Großmacht unter den Großmächten und um die Anerkennung 
Deutschlands nach seiner Eigentümlichkeit — der Dreißigjährige 
Krieg der konfessionelle, dieser der politische Toleranzkrieg. Wir 
werden stärker sein, als wir gewesen sind, schon allein durch die 
gewonnene Klarheit über unsre politische Stellung unter den Natio- 
nen; wir werden danach innerlich uns einrichten und uns, mili- 
tärisch und wirtschaftlich, besser sichern gegen die Wirkungen 
des Hasses. — Schäm dich nicht, weil du gehaßt wirst, Vater- 
land, da nichts ist und also sei auch nichts, dich zu schämen, du 
werdest nun gehaßt von der halben oder von der ganzen Welt; 
aber schäm dich oder schäm dich nicht, halb oder ganz die 
Juden zu hassen, so bleibt wahr und immer der Mühe wert, dir 
oder den Fischen vorzupredigen: der Judenhaß sieht dem Deut- 
schenhaß ähnlich wie ein Wasser dem andern — : dieselbe er- 
bärmliche moralische Kritik und Klatscherei, dieselbe Entstellung 
des Bildes von den Gehaßten, dieselbe Verleumdung ihres Geistes 
und Gemüts bis in den letzten tiefen Grund, dieselbe Mytho- 
logie der Verleumdung; Haß wie Haß, ein vollkommenes Duett 
aus der gleichen Bewegung der Gemüter. 

Woher denn nur, woher ? 

Wer da meint, jetzt gelte natürlich, die Fehler und Verschul- 
dungen der Gehaßten aufzuzählen, der geht verkehrt, sucht elend 
und vergeblich: Fehler wird er gewiß finden (deren die Gehaßten 
haben, so gut wie die Hassenden), aber damit nicht Grund und 
Wahrheit der Sache. Nein, bei so ernsten Dingen nicht nach den 
Kindervorstellungen; und laßt uns sagen: aus dem her stammt 
dieser Haß, was die Menschen mit so viel Stolz ihr Urteil, ihre 
Kritik, und was sie mit noch mehr Stolz ihre Moral heißen — und 
was ausgemacht sie hindert, zu urteilen, zu denken und zu lieben 
(die moralische Kritik ist der Tod der Menschenliebe), und was 
die Quelle bildet aller der geheuren und ungeheuren Gefahren, 
welche den Menschen vom Menschen her überkommen, und was 
den Menschen für den Menschen zum Teufel macht. Die überall 
und jederzeit rege moralische Kritik aller gegen alle — nicht zu 



verwechseln mit der Empörung über das wirklich gefährlich 
Schlimme, Verbrecherische und Niederträchtige und die Verwah- 
rung dagegen — : die moralische Kritik der Gleichen gegen die 
Gleichen und gegen die Besseren, gegen die Besten, in denen die 
Herrlichkeit sich gezeigt hat; die moralische Kritik, die Sokrates, 
Christus, Spinoza auf den Sünderstuhl gesetzt und vergiftet, ge- 
kreuziget, verflucht hat. Die moralische Kritik aller gegen alle 
wegen dessen, was im einen vorhanden ist wie im andern — Ego- 
ismus nlmlich. den sie bei sich selber gar nicht sehen, bei den 
Andern aber mit hundert Augen — und wegen des überhaupt 
nicht vorhandenen: wegen ihrer Gedichte und Gespenster der 
Moral, der Religion und der Metaphysik (Metaphysik als Gegen- 
satz und Antichrist der Philosophie, worin die Nichtdenker den- 
noch denken, nAmlich mit ihren scholastischen Konstruktionen 
und Klaubereien, auf Grund der Voraussetzungen des Nicht- 
denkens und des Aberglaubens). Wehe dem einen, der die Ge- 
spenster nicht sieht, da doch alle sie sehenl Wie in Calderons 
Wundertheater — : Die vorgestellten Wunder, sagt der Direktor, 
können von jedem gesehen werden, auOer von solchen, die Juden- 
blut in den Adern haben oder nicht in legitimer Ehe erzeugt sind. 
Und nun sehen Alle Alles, was der Gaunerdirektor schildert, als 
sei es da. Den riesenstarken Simson, wie er die SAulen gewaltig 
umfaßt, den Tempel niederzureißen, und sie furchten, zu Brei 
zerquetscht zu werden. Sie sehen den rasenden Stier und werfen 
sich, hu, hui zu Boden; die Herde M&use fühlen sie sich an den 
Beinen herauf laufen; und da es heißt, Herodias trete auf, will 
einer mit ihr tanzen. Jetzt aber kommt der Quartiermeister her- 
ein, dem Burgermeister des Städtchens eine Einquartierung an- 
zusagen; der Quartiermeister weiß von nichts, sieht nichts, hält 
die Sehenden für toll. Was, er sieht nichts? — Aha, Basta. ex 
illis est! Weh' ihm, dem Unglücklichen! Er ist ex illis, er gehört 
zu denjenigen; weil er nichts sieht. — Woher, woher der Haß? 
In jenem Buche ,.Der Judenhaß und die Juden" steht zu lesen, 
woher; und soviel kann ich hier sagen, daß einzig und allein dieses 
uns zeigt (gegen alles was scheint, das was ist mitsamt der Ur- 
sache des Scheinens), erklärt wahrhaft und zieht uns aus dem 
Labyrinth: wenn wir kräftig uns besinnen auf die Niedrigkeit 

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unsrer berühmten höheren Natur, wenn wir in uns gehen mit 
Denken und solcherart drinnen finden, was draußen kein Auge, 
keine Brille, kein Fernglas entdeckt, mit andern Worten, daß wir den 
Grund dieses Hasses als einen subjektiven in den Hassenden 
zu erkennen haben. Nicht die Gehaßten, die Hassenden sind 
schuld an dem Gehaßtsein. Und nicht etwa nur diese Hassenden, 
sondern auch diese Gehaßten, wo sie selber hassend sind: alle 
Hassenden; der unzulängliche Bewußtseinszustand der Mensch- 
heit; das den Menschen so unendlich Erschwerte, ihre Wirklich- 
keit zu erkennen! Auch hier läuft die Wahrheit dem Sinnen- 
scheine zuwider, wie in dem großen Beispiel von Bewegung der 
Erde und Stillstand der Sonne, und auch hier gilt, daß wir aus 
Ptolemäern Koppernikaner werden. Aber hier fällt es noch unweit 

schwerer. — 

Niemand betrachte, so wenig wie den Deutschenhaß, ebenso 
wenig den Judenhaß als ein a^^r^Tov, als etwas, worüber man 
nicht reden soll, sondern nur damit in den Winkel kriechen 
und dort stolzen Herzens sein oder feig und bange. Erst recht soll 
geredet werden, ohne Furcht, auch über dieses beides. Und über 
beides zusammen, und daß man nun, um, als Objekt des Hassens, 
um von innen, als Gehaßter, den Haß kennen zu lernen, von 
welchem die Juden in Vereinsamung umspannt sich finden, nicht 
jüdischer Abstammung zu sein braucht: solchen Haß kann jeder 
Deutsche erfahren, besonders im Auslande, in der Diaspora, 
welcher der vielen Rassen immer er angehören mag, denen 
Deutsche entstammen; und die Deutschen jüdischer Abstammung 
sind von heute an doppelt Juden geworden — auch als Deutsche — 
gab es denn der Welt noch zu wenige Juden, und waren die Juden 
ihr noch nicht Juden genug?! — Im deutschen Vaterlande denn 
sollen die Deutschen jüdischer Abstammung mit der Rede von 
diesen beiden zusammen, Deutschenhaß und Judenhaß, mit der 
neuen Sprache auf Grund der neuen Erfahrung sollen die 
Deutschen jüdischer Abstammung in Zukunft ihrem Vaterlande 
ordentlich dienen, wenn es nötig sein sollte und am Ende gar 
nötiger als zuletzt und wieder alle Winde aus dem Sack gelassen 
werden. Denn mit der Sache der Juden will sich's schwerlich 
bald in den Stand der Unschuld zurückschicken so, daß Jude ein 

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bloßer Titel wird, der keinerlei Verpflichtung mehr verleiht, sich 
unterdrücken und beleidigen zu lassen; wohl aber könnten bald 
wieder welche glauben, ihrer Kritik, Moral und Ehre ginge was ab, 
wenn sie nicht gegen die Judeneinsehen, wovonsiegegensich selber 
nichts einsahen, und an ihnen tun. was sie, an ihrer eignen Person 
getan, so schlimm wie etwas hielten. Dann könnte diese neue, 
ernste, starke Rede gegen den Judenhaß gut tun. Für die Leiden- 
den bietet sie Trost und Arznei des Vergleichens und Seelen- 
erhebung in das Allgemeine, und auch von den Nichtleidenden 
— dieser und der dürfte einen Stoß in das Entgegengesetzte 
empfangen und gewaltsam wenigstens bis an die Türe gebracht 
werden, hinter der nichts anderes eingesehen wird als das Richtige, 
und gewollt nur Gutes, und vom Rechte verlangt, daß es mit dem 
Recht übereinstimme, alles übrige gilt dagegen nichts. 



Die vorstehenden SÄtze sind aus meinem ,, Deutschenhaß, 
Judenhaß und die Ursache des Krieges", abgedruckt im Januar- 
heft 1917 der Zeitschrift ,,Nord und Süd". Inzwischen sind für 
den Buchdruck Verhaltnisse eingetreten, wodurch es dem Ver- 
lag unmöglich wird, das Werk ,,Der Judenhaß und die Juden" 
noch linger im Satz stehen zu lassen; und so muß ich einwilligen, 
daß es herausgehe mitten in diesem noch immer dauernden bar- 
barischen Kampfe (und die NichtkAmpfer leben ja auch bald nicht 
mehr in der Zivilisation!) , mitten unter diesem Wüten des Krieges, 
wo es den Anschein hat, als woMten auch noch die andern apoka- 
lyptischen Reiter über die Menschheit kommen 

Was heute nicht nützt, dem mag für morgen eine Wirkung 
beschieden sein: passen wird es für morgen wie für gestern. Ich 
weiß nur noch ein Postskriptum nochmaliger Warnung hinzuzu- 
fügen, daß man weder der Verzweiflung sich überlasse noch allzu 
holden Erwartungen für die Zukunft. Wir wollen nicht verzagen, 
obgleich es noch nicht besser geworden ist, eher schlimmer. Zu 
unsren Feinden hinzu kam Amerika, ,,um die Einstimmigkeit des 
menschlichen Gewissens gegen die Deutschen vollzumachen", und 
der Haß gegen uns ist nur heißer und wilder geworden; die Ge- 
rechtigkeit, welche diesen Krieg gegen uns fuhrt, ist kanniba- 

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lischer geworden. Der Krieg soll im Frieden fortgesetzt werden; 
die Deutschen in demjenigen Stück Deutschland, welches die Ge- 
rechtigkeit nicht fressen wird, will man zu ,, Sklaven der Mensch- 
heit" machen und die Welt zuschließen vor der sceleratissinla 
gens. Von Bonar Law fielen am 8. Februar 19 17 in London die 
Worte: ,,Es gibt zwei verschiedene Dinge, nämlich die Natur der 
Menschen und die Natur der Deutschen". ,,Kein Reich in der 
Geschichte ist von seinen Zeitgenossen so gehaßt und verachtet 
worden" — doch: das jüdische Reich noch; die Sprache gegen 
die Deutschen erinnert immer wieder an die gegen die Juden. 
Aber die Haßabsichten unsrer Feinde, die uns ein für allemal 
genug geben wollen, lassen sich nicht verwirklichen. Nur eine 
einzige Möglichkeit zu ihrer Verwirklichung: wenn es mit den 
Deutschen gemacht werden könnte, wie die Römer es mit den 
Juden gemacht haben; wenn die Deutschen aus Deutschland ent- 
wurzelt und unter die Völker zerstreut würden. Dazu sind ihrer 
zu viele. Deswegen auch kann nicht gelingen, uns niederzu- 
kriegen. Gelänge es — die Welt hätte keine Ruhe; unsre Ohn- 
macht würde zur Macht, und deutsche Vaterlandsliebe, deutsche 
Vaterlandsleidenschaft vollbrächte Wunder. 

Doch auch vor dem leeren Hoffen muß gewarnt werden. Es 
ist besser, über die menschlichen Angelegenheiten zu d e n k e n 
als zu verzweifeln oder von Träumen und Schäumen den Mund 
groß zu machen. Die aber Unmöglichkeiten leichter begreifen 
als Wirklichkeit und träumen wollen — nun, die müssen wir 
schlafen lassen. Darüber, daß wir Menschen schlafen können 
und eine andre Wirklichkeit träumen können, darüber dürfen 
wir nicht als Wachende den Stand unsrer wahren Wirklichkeit 
aus der Acht lassen und müssen unterscheiden das, was sich 
ändern kann, von dem, was sich nicht ändern kann. In den 
Hauptverhältnissen der Menschen, soweit sie auf der Be- 
schaffenheit der menschlichen Natur beruhen, die in den übrigen 
Menschen keine andre ist als in den Deutschen — in den Haupt- 
verhältnissen des Lebens, worin die Menschen sich nur zu 
sich selbst verhalten und ihrem Egoismus 
keine Grenze kennen als nur an der Macht 
des fremden Egoismus, darin ändert sich nichts. 

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Glaube niem&nd an solche Änderung, auch wenn es nach dem 
Kriege eine Zeitlang aussehen sollte, als w&re es so ge&ndert, 
und nach dieser großen Zeit die schönere Zeit kommt, wo die 
Menschen wieder Freuden haben können. Rasse, NationalitAt, 
Verfassung, Wirtschaft, gesellschaftliche Gliederung, um das alles 
bleibt Kampf und Verwirrung, mit dem Kampfe verbunden blei- 
ben Haßerscheinungen und Vorurteile, welche die Menschheit 
niemals überwinden wird, und dieser Krieg wird nicht der letzte 
Krieg sein; nimmer kann den Kriegen durch ein Völkergericht 
der Gerechtigkeit Einhalt geboten werden, so hübsch auch gleich 
diejenigen, welche diesen Gerichtshof einfuliren wollen, mit Ge- 
rechtigkeit gegen uns anzufangen gedenken, mit Gerechtigkeit, 
Bestrafung und Belehrung. Es wird nach diesem Kriege nicht 
so bald wieder Krieg sein, auch ohne Völkergericht: aber Krieg 
wird wieder sein, trotz Völkergericht. Eher kann man sich 
einigen, nur die Greise gegeneinander kimpfen zu lassen — licher- 
lich ? aber wie weise gegen unsre rasende Unvernunft! — , ehe es 
zum Ewigen Frieden unter den Volkern kommt. Wjll man nicht 
auch gleich den Frieden in den Gemeinschaften der Menschen, in 
den HAusern der Menschen und in den Seelen der Menschen ein- 
führen ? will man nicht gleich mit die Krankheiten, die Leiden- 
schaften, die Verbrechen und alles das abschaffen, was wir das 
Zerstörende in der Natur nennen, und Sorme, Mond und Sterne 
siebenmal leuchtender machen und alle Sonntag die Sphlren- 
musik hörbar ?! Wer an Volkerfrieden denkt, dadurch auch den 
kleinen Volkern ihr Recht solle gesichert werden, der begeht viele 
Denksünden. Er mißkennt die Natur der Menschen und das 
Wesen dieser Welt der Dinge, dieser Bewegungswelt (die für unsre 
Menschengesellschaft die Spannung zwischen Ordnung und Un- 
ordnung, Freiheit und Unfreiheit bedeutet — der Menschheit die 
Kriege nehmen, das heißt nichts geringeres ab einen Teil der 
Weltbewegung zur Ruhe bringen!), und er weiß rächt von dem 
für das Recht de facto entscheidenden Verh&ltnis zur Macht 
— nach Hobbes hat sogar Gott sein Allrecht nur infolge seiner 
Allmacht — , und er verwechselt die Stellung der Staaten zuein- 
ander mit der Stellung der Individuen innerhalb eines Staates. 
Die Individuen eines Staates werden im interindividuellcn Rechts- 

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zustande erhalten: die Staaten gegeneinander stehen wie In- 
dividuen im Naturzustande. Der Staat ist das Recht, weil 
im Staate das Recht Macht ist: Staaten gegeneinander sind, wie 
sie heißen, Mächte und nicht Rechte; und zwischen den Staaten 
ist die Macht Recht^). Jeder Staat, bemerkt Adam Müller, trägt 
zwei Staaten in sich: einen Friedensstaat und einen Kriegsstaat. 
Internationale Völkergerichte, die den streitenden Völkern Recht 
sprechen und ihnen zuwägen sollen? — Sobald es mit den 
Völkergerichten versucht ist, wird keiner mehr an sie glauben. 
Auch fehlt es den Völkern in den meisten Fällen schon an dem 
ersten Erfordernis zum Richter: an Unabhängigkeit, Unbeteiligt- 
heit, Unbefangenheit. Mit Völkern, die politische Richter ab- 
geben sollen, ist es denn doch anders als mit Zivil- und Kriminal- 
richtern. Die stehen zu solchen, über welche sie urteilen sollen, 
eben nur in diesem Verhältnis des Urteilensollens, einem vorüber- 
gehend äußerlichen Verhältnis der Zufälligkeit, sie gehen dazu als 
nicht zum ihrigen und davon zum ihrigen hin, während Völker 
an Völkern immerwährend Lebensinteressen haben, denn die 
Völker leben miteinander; und bei wichtigen Streitigkeiten zwi- 
schen zwei Völkern sind die meisten oder sind alle Völker Partei 
und also mit ihrem Gefühl, mit ihrer Einsicht, mit ihrem Willen 
außerstande, ,, Recht zu stärken und Unrecht zu kränken". Politik 
wird Verderb der Gerechtigkeit schon in den Gerichtssälen eines 
Landes: wie erst mag es bestellt sein, wenn über die Länder 
schiedsrichterliche Erkenntnisse abgegeben werden von Richtern, 
die unmöglich ohne politische Rücksichten auf ihr Vaterland 
denken können und gar nicht mit mehr Tugend der Gerechtigkeit 
ausgestattet sein dürfen, als es ,,die Interessen der äußeren Politik" 
zulassen. Man wird den Völkergerichten nicht trauen und dem 
Frieden nicht trauen — die Redensart ,,dem Frieden nicht trauen" 
hat ihren Ursprung von einem schon einmal dagewesenen Ewigen 
Frieden, dem Gesetzlichen Ewigen Landfrieden von 1495, dem 
man nicht trauen konnte, trotzdem seine Ewigkeit zwanzig, 
dreißig mal war aufrepariert worden. Man wird dem Ewigen 
Frieden nicht trauen und beim Krieg an ihn nicht denken. Man 

^) Vgl. S. 128 ff. Das Zeichen (Z.) in den Anmerkungen des Werkes 
bedeutet: Zusatz während des Krieges. 

31 



hat auch bei diesem Kriege an den Haager Friedenspalast nicht 
gedacht. Der weiße Haager Friedenspalast ist noch zu sehen. 
Ich sehe ihn rings umflossen von dem Blutstrom der Millionen Ge- 
mordeter Das von den Völkergerichten und vom Ewigen 

Frieden gehört bei diesem Kriege mit zu den gangbaren Reden, 
welche die Völker in den Krieg treiben: ,,Ihr müßt unglückhch 
sein — für die spätere Beglückung der Menschen!" Krieg kann 
man machen mit diesen Reden, keinen Frieden. — Selbstverständ- 
lich nicht, daß nun jeder politische Redner, welcher von dem Re- 
quisit der bezeichneten Phrase Gebrauch macht, ein klar bewußter, 
kniffig gleisnerischer vir duplex animo sein muß: es gibt auch in 
der Politik halb der Wahrheit Bewußte, die in lebenslängliche 
Leidenschaft geraten sind für Phantastik, an die sie im Grunde 
selber nicht glauben; der gewöhnhche Fall aber liegt in poUtischen 
ganz wie in anderen Dingen: gleichwie das Genie seiner selbst 
vergißt über dem Leben in der Idee, so verkennt der ungeniale 
Mensch seine eigene eigentliche Natur und den wirkl chen Cha- 
rakter der Allgemeinheit über dem ideal klingenden Wortschall 
und hält Narreteien für Gedanken — ,,Was für kuriose Kinder 
es doch gibt", sagte der Bauer in der Stadt, als er einen Affen zum 
Fenster herausschauen sah. Es sind auch selbst unter den prak- 
tischen Politikern Dilettanten, gänzlich unpolitische, wirkliche 
enthusiastische Träumer solcher Träume, — gute Menschen, mit 
denen der Mond immer mitgeht: um so eher verbreitet sich das 
Träumen über viele. In den Ungluckszeiten der Menschheit sind 
die Träume ansteckend; das ist ein Erfahrungssatz für jeden, der 
die Vorzeit kennt. Immer, wenn der Satan los ist, wird auch die 
Hoffnung losgelassen, die schwärmerische Hoffnung auf das Para- 
dies, auf das tausendjährige Reich, auf Wiedergeburt einer herr- 
licheren Welt. Bei der Seltenheit des wirklichen Denkens; bei 
der gewöhnlichen Tatsächlichkeit, daß der Verstand einigermal^n 
zuverlässig nur einseitig tätig ist, nämlich mit Gedanken in Hin- 
sicht auf den unmittelbar treffenden eigenen Nutzen oder Schaden, 
was aber darüber hinaus geurtcilt wird, das pflegt von Übel zu 
sein und Sache der Suggestion; bei der besonderen MiserabilitAt 
des Verstandesdenkens da, wo Herzenswünsche mitsprechen, ist 
dies psychologisch begreiflich: gerade, wenn die Allgemeinheit im 

3» 



Elend liegt, unter den Entbehrungen, Drangsalen und allerherb- 
sten Nöten blüht in den Träumen des Aberglaubens der Weizen. 
Nun muß es doch kommen, nun m u ß es besser werden, nun 
wird es so gutwie noch nie! Der Ewige Frieden ist ein 
abergläubischer Traum, darum kein Traum für Denker, und ganz 
gewiß nicht wird ein Denker solchen Traum unter die Gestalten 
des Tages ziehen: er ist ohne Verhältnis zur Wirklichkeit, bringt 
keinen praktischen Nutzen und entfernt die Bemühung von dem 
Notwendigen. 

Und was im Besonderen die Juden anbelangt und ihre be- 
sonderen Träume: auch das wäre Traum, daß in dem Mörser 
dieses Krieges mit seinen Erfahrungen von Deutschenhaß — 
wenigstens für die Deutschen nun der Judenhaß zerstampft werde. 
Davon bleibt genug ganz; was auch übrigens politisch komme. 
Doch für den Kampf der Juden gegen den Judenhaß wird ihnen 
dies hilfsam sein: hinzuweisen auf den Deutschenhaß. Es ist 
dieselbe Sprache wie die des Judenhasses, nicht weniger wert und 
nicht mehr wert. So bleibt denn in Zukunft den Juden die Mühe 
erspart, gegen die Vorwürfe, die man ihnen macht, Wider- 
legungen zusammenzustellen: sie brauchen nur die Anklagen 
gegen die Deutschen zusammenzustellen. Die Widerlegungen 
werden von allen Deutschen besorgt, auch von den Judenhassern. 
Aber der Kampf geht weiter. Die Juden brauchen deswegen, 
wenn sie denken und danach handeln wollen, nicht zu ver- 
zweifeln und nicht Zionisten zu werden und nicht so zu hoffen, 
— wie auch Zionisten nicht hoffen sollten! 

Ja, die Hoffnungen schwimmen immer oben auf, weil sie 
spezifisch leichter sind, doch geben sie dem trüben Wirklichkeits- 
element nichts ab. Du rettest dich einzig und allein durch Denken: 
Gedanken, die können fliegen und nehmen dich mit ins Hohe, wo 
du über der Wirklichkeit bist und sie überschaust. Wir müssen 
denken, trotz dem Kriege; auch über den Krieg. Darum schrieb 
ich von der Ursache des Krieges — nicht von den 
näher liegenden politischen Ursachen und äußerlichen Geschichts- 
tatsachen, welche zu Anlässen des Krieges wurden (darüber 
mögen andere schreiben), auch nicht über besondere Schlechtig- 
keit der Engländer, worin ich so wenig die Kriegsursache zu er- 



33 



blicken vermag wie in besonderer Schlechtigkeit von uns Deut- 
schen: sondern über die letzte Ursache und den Keim, über die 
wirklich einzige letzte, allen Menschen in die Seele eingesenkte 
Urursache, wie sie, zu fruchtbarem Nachdenken und Verhalter. 
in Krieg und Frieden allen Menschen nahegehen sollte, und damit 
suchte ich Beziehung zum Publikum. Trotz Schillers Ausspruch 
daß es nur auf eine einzige Beziehung zum Pubhkum keine Reue 

gibe: auf den Krieg gegen das Pubhkum 

Auch das folgende Werk sucht — für das, was in ihm das 
HauptsAchhche ist, denkende LesM", das Pubhkum durfte darin 
manches finden, was von ihm nicht gesucht wird, — gaiu ab- 
gesehen noch vom Kampf gegen das Pubhkum, der auch mich 
noch niemals gereut hat. Ich betrachte die Juden vom geschichts- 
philosophischen, den Judenhaß oder die Antisemitenfrage vom 
nationalen Standpunkte, als Deutscher zunächst vom deutsch- 
nationalen Standpunkte, und hege die Hoffnung, daß, in das ver- 
einigte Licht der besonderen Definition von der 
jüdischen Rasse und des allgemeinen Be- 
griffs von der Menscbennatur gestellt, alles ver- 
stAndlich werde. — In einem stirksten Gegensatz findet sich 
dieses Buch zur Literatur, welche von Juden herrührt. Es ist 
zum Staunen, wie Juden so viel schreiben über Judentum und 
Juden, ohne den Hauptjuden und das Hauptjudentum hiru\:- 
zurechnen: Jesus Christus nlmlich und das Christentum. Chri- 
stentum nicht in dem engeren Sinne von christUcher P-V •'>n 
(meine Einbildungskraft reicht nicht aus, in christlicher l\>...f,.^n 
mehr Gleichbild des wahrhaften Christe«^?i^ni<. d. i. des wahr- 
haften Judentums zu entdecken als in ,^ er RcUgion, und 
ich rate den Juden wahrlich nicht, sich taufen zu lassen!), son- 
dern nach seiner tats&chUchen Bedeutung in ihrem ganzen Um- 
fange, wovon das Ende des Werkes zu reden hat und hoffentlich 
einigen ein Ohr macht, einigen NichtJuden und einigen Jude: 
Möchten Juden zum Erschrecken gebracht werden und zur Em- 
pörung ob der Unrichtigkeit, Enge und Ahnungslos! gkeit, womit 
unsre jüdischen Schreiber über den jüdischen Gedanken und über 
Juden schreiben. Und zwar sind da .,die freien" so ziemhch wie 
„die religiösen"; als wären ihnen die Fuße noch immer gebunden, 

54 



und sie sind es auch. Man kennt die selbstmörderische Starrheit 
der religiösen Juden, die von der Größe Christi und Spinozas 
nichts gewahren, dafür unzähliges Kleines und Kleinstes mit dem 
Übereifer und der Leckerhaftigkeit armseliger Geister mikro- 
skopieren und sich ihr Judentum redigiert haben: statt der orga- 
nischen Einheit mit Spannkraft des Lebens für Glück und Un- 
glück, einen schwachmatischen Körper ohne das rechte Herz und 
ohne den rechten Kopf. In Bezug nun auf dieses Herz und diesen 
Kopf sehen ,,die freien" jüdischen Schreiber über Judentum und 
Juden so ziemlich ,,den religiösen" gleich. Vx/'enn sie auch nicht, 
wie die orthodoxen Juden, Furcht und grausendes Gefühl kennen 
und keine Verwünschungsformeln gegen sie sprechen, so stehen 
sie ihnen .doch gegenüber ohne Regung und Bewegung, — gerade 
als handelte es sich um eine ganz neue Pracht in unsren Tagen 
erst hervortretender, noch lebender, noch unberühmter und wir- 
kungsloser geistiger Heroen. Was ist das nur ? Bleibt denn allein 
den Juden gänzlich unsichtbar und unhörbar, was nachgerade 
alle Menschen irgendwie sehen und hören ? Es gibt Krankheiten 
der Wortblindheit und Worttaubheit, ohne daß übrigens Gesicht 
und Gehör gelitten haben — : sind die Juden krank an der 
Christusblindheit und Christustaubheit, daß für sie allein Christus 
ein sprachloser Mann bleibt ? Ist gerade bei den Juden der 
Nachahmung etwas passiert ? Bilden die Juden eine Aus- 
nahme vor dem Naturgesetz, vor dem allmächtigen, allwaltenden 
Menschheitsgesetz: unterstehen sie nicht der Nachahmung, 
wodurch sonst in jedem Falle nach Verlauf von mehr oder weniger 
langer Zeit die Massen gezwungen sind, freilich nur auf ihre 
eigne Weise, und sei es auf schlechteste Weise, die Gedanken 
nach den Großen zu stimmen ? Oder macht das einen Unter- 
schied für die Juden, wenn diese Großen aus ihrer eignen Rasse 
sind ? Was wollen die Juden zu solchem Sachverhalt sagen ? 
Gewisse NichtJuden könnten sagen: Also nicht allein, daß sie 
Juden sind, — sie sind nicht einmal Juden! und würden damit 
den tiefsten Punkt des Unglücks der Juden treffen: ihren 
Widerspruch in sichselbst. — Das sind mir Schrei- 
ber über die Juden, die fertig bekommen, über die Juden zu 
schreiben und Jesus Christus und Benedikt Spinoza entweder 

35 ^* 



ganz auszulassen, als wären sie nie dagewesen, oder von ihnen, 
von Jesus Christus und von Benedikt Spinoza, zu reden als von 
den Schreckenskindern des Judentums! Nichts beweisen sie mit 
solchem Reden oder Auslassen als erbärmliche Unfäliigkeit, 
den höchsten Geistern ihrer eigenen Rasse zu folgen oder, was 
dasselbe bedeutet: daß sie allzu seicht sind, den sinnschweren 
Kern des jüdischen Gedankens innerlich zu wiederholen und 
nachzuerleben. Ja, nicht einmal seine unvergleichlichen schöpfe- 
rischen Wirkungen erkennen sie für seine Wirkungen; und statt 
ihren Anspruch zu erheben, grundernstlich sich zu besinnen und, 
mit vollen Kräften tätig, ihrem Werke in der Welt neu sich zu 
verbinden, fortwirkende Ursache ihrer Wirkungen zu sein, — 
statt dessen stellen sie sich abseits und treten von sich selbst weg. 
Was ist das ? Das ist, wie gesagt, ihr Widerspruch in sich selbst, 
das ist in ihnen der Dämon der Hartnäckigkeit und Verstockt- 
heit — gegen den Geist und die Kraft in ihnen und gegen ihre 
geschichtliche Bestimmung. So sind sie, wie sie waren, und wie 
schon Moses sie genannt hat: k'scheh oreph, — dem darüber 
Nachdenkenden zeigt sich, welches Weges das schwerste Un- 
glück ihnen kommt. Das tiefe Unglück wie das tiefe Gluck liegt 
immer in den Gluckhchen und Unglücklichen selber. 

Was ist so bedeutend in der Geschichte und Kultur, was 
gleichermaßen befruchtend für die Menschheit, grenzenlos wirk- 
sam mit seinem Leben und mit dem Widerschein seines Lebens 
heute noch und ganz gewiß auch noch morgen, als das Juden- 
tum ? — wenn nur die Welt Judentum nennen 
will, was in ihr Judentum istl Daß die Wel* dies 
fortan tue, verlangt das Werk in seinem letzten Teil, nachdem 
von allem minderen zu Sagenden geredet worden. Hier rede ich 
von der Juden nicht zuzudeckender Bloße: von ihrem Wider- 
spruch in sich selbst, von ihrer Halsstarrigkeit gegen den Geist 
bei ihrer Berufung für den Geist, von ihrer Gcistlosigkeit zu ihrem 
Geist und ihrem Sich-selber-Fehlen, von ihrer Verkennung der 
Taten des Judentums und von der tiefen Verkehrtheit ihres Ver- 
langens nach Taten von ihm. Stockblind zeigen sich auch edle 
Juden gegen die lebendige Weltbedeutung des Judentums, die 
doch auch von ihnen selber gelebt und also auf Umwegen an- 

36 



erkannt wird. Aber sie schicken pomphafte Klagen in die Luft, 
die Juden seien allezeit nur Woller des Unmöglichen, und ihre 
größten Worte seien zu klein, da sie niemals Taten würden: die 
Tat aber sei das jüdische Volk in Palästina oder sonst wo. Nein, 
— es gibt kein jüdisches Volk. Nein, — es gibt eine jüdische 
Rasse, kein jüdisches Volk. Nein, — es ist mit dem Judentum 
und seinen Taten und seinen zukünftigen Taten eine über jeg- 
liches Maß und über alles Preisen viel größere Sache, als ein 
jüdisches Volk in einem jüdischen Staat sein könnte; es ist nicht 
mehr darum, es ist gänzlich anderes darum. Das hat da- 
mals bereits, als noch ein jüdischer Staat vorhanden war, der 
jüdischste aller Juden, Jesus Christus, gewaltig gesagt — was 
war diesem jüdischsten aller Juden sein jüdischer Staat ?! — und 
nun sind die Juden zweitausend Jahre älter, hatten Zeit und Leid 
im Überfluß und haben immer noch keinen Begriff vom Juden- 
tum; und was wollen sie nun, was wollen sie ? Sie, auf alle Weise 
mit ihren Ohren immer noch stündliche Mörder Christi, wollen 
nun wieder, — ich vermute, ohnedaß Christusihnen 
darin lebe, wollen sie wieder einen jüdischen Staat! Sie 
hoffen das, was sie fürchten sollten. Die Juden in einem jüdi- 
schen Staate: wenn sie nicht das Außen wären zum Inwendigen 
des jüdischen Geistes; wenn nicht dieser Staat das Ungeheure 
und das Wunder wäre der Folge des auf elementare Weise 
Leben und Macht gewordenen jüdischen Geistes, dessen Inner- 
lichkeit in diesem Staate seinen Körper sich schaffen würde wie 
der Gedanke das Wort — wenn nicht dieses, was könnte der neue 
jüdische Staat sein?! Aber das war der alte jüdische Staat 
dadurch, daß er nicht sowohl ein Staat gewesen als vielmehr das 
Hervorbringende des nun Hervorgebrachten und in der Welt 
Vorhandenen — : seine Wiederherstellung hat keinen Sinn; nicht 
noch einmal Gebärer des Geistes wäre der neue jüdische Staat, 
sondern das ihm Absterbende, und der Juden Lied würde nicht 
verbessert sein. Wenn wirklich ihrer genug viel hingehen und 
tauschen, statt hier unter Antisemitismus, dort unter Zionismus 
zu leiden, und sollte, etwa durch diesen Krieg, das Kaleido- 
skop so geschüttelt werden, daß dabei tatsächlich ein neuer jüdi- 
scher Staat in Palästina herauskommt: so werden denn fortan in 

37 



der Welt Juden und Juden sein, die Juden in Palästina aber 
weniger Juden als die außerhalb Palästinas, — weil sie ihrem 
Kampf in der Welt sich entziehen und, da die Tiefe ihrer Bestim- 
mung ihnen nicht zum Herzen gelangen konnte, sich selber be- 
stimmen wollen. Das Schicksal kommt nicht, das man ruft. 
Und nein, — viel Schhmmes eher als ,,ein jüdisches Volk" wer- 
den die neuen Schutzjuden in Palästina sein! 

Potsdam, September 1917. 

Consta ntin Brunner. 



Infolge der Papiernot wurde die Drucklegung des Werkes ver- 
zögert; und immer noch dieser Krieg! Inzwischen hat sich der 
Zerfall des russischen Reiches in mehrere Rechtsstaaten voll- 
zogen (vgl. S. 151) — vielleicht das bedeutendste Ergebnis des 
ganzen Krieges. Das Rußland Peters des Großen und Katha- 
rinas II. ist hin; die Nichtigkeit gewaltsam gemachter Völkerge- 
schicke hat sich wiederum enthüllt. Nun endlich wird auch mit 
Osteuropa, was mit Westeuropa vorlängst geworden. Eine größere 
politische Freude könnte Europa nicht erleben, wenn es jetzt sich 
freuen könnte. 

Aber die Welt zittert unter den Schrecken, und übrigens scheint 
sie nur fähig des unerhörtesten politischen Dilettantismus. Auch 
in Deutschland wird je länger je mehr geträumt von der neuen 
Zeit durch diesen Krieg. Die alte Zeit, die neue Zeit — ? Es 
gibt schwere Zeiten für die Menschheit und leich terel 
Wir leben in einer der schwersten Zeiten, in einer gefährlichen 
Lebenskrisis der Menschheit; in der Zeit des ungeheuersten 
Kampfes der Menschen gegen die Menschen und gegen den 
Hunger. Was sich nun, neben dem Fürchten, auch hoffen läßt: 
zu einer würdigeren Lebensstufe der Gesellschaft mit ganz neu 
begründeten Zuständen werden wir schwerlich erhoben; epochal 
für eine neue Menschheit mit einer neuen Politik wird dieser Krieg 
nicht werden. Eine Erneuerung der Menschheit kann nicht aus- 
gehen von der noch so rasenden Kriegsfurie, sondern nur von der 
Idee; und welche Idee wäre mächtig genug, die Natur der Mensch- 
heit zu ändern und umzudrehen ? Dieser Krieg, ohne Idee und 
Geistesrausch, wird umso weniger die alte Natur der Menschheit 
auslöschen und keine neue, moralische Politik bringen. Politik 
beruht auf der unveränderlichen Menschennatur. 

Moralische Politik! — die wir, ebenso wie den , .Ewigen Frie- 
den", schon einmal gehabt haben: an der Heiligen Allianz; und 

39 



die drei Monarchen, die sie schlössen, nannten sich die Heiligen 
Drei Könige. Eine richtige Heiligung der Politik, eine wirkliche 
moralische Politik war es freilich nicht, sondern im Grunde doch 
auch unmoralische Politik; wie alle Politik bisher. Aber nun ganz 
gewiß wird eine richtige moralische Politik; denn kein Zweifel: 
die Politik muß moralisch sein, — früher glaubten sie, 2 X 2 sei 3. 
aber jetzt wissen sie natürlich, daß es fünf macht! — 

Die Politik soll nicht unmoralisch sein, aber wehe uns. wenn 
sie moralisch wurde! Möchte sich die Aufklärung über die Moral 
und die Aufklärung über die politischen Prinzipien, wie sie in 
diesem, vor dem Kriege abgeschlossenen Werke versucht wird, 
von einigem Nutzen erweiser. Ich finde daran auch während des 
Krieges nichts zu ändern. Es ist die Aufklärung über die Moral 
und über die Politik, welche beruhen auf der unveränderlichen 
Menschennatur. 

Die Politik muß sein, was sie ist; und Kriege, die irmaer zur 
Politik gehören werden, müssen sein, was sie sind. Die Menschen 
sollten nie vergessen, was Kriege sind. — auch nicht nach dem 
Friedensschluß; auch nicht als Sieger. Ein altes Buch schildert 
ein Reich, in dessen Geschichte es an Kriegen nicht fehlt, abei : die 
vaterländischen Jahrbucher erwähnen von diesen Kriegen nicht 
allzuviel; sie beschränken sich hauptsächlich auf Erzählung von 
friedlichen Begebenheiten, Gesetzen, Einrichtungen und Erfin- 
dunger. Ur.d die aus dem Kriepe heimkehrenden Sieger werden 
nicht wie bei uns mit Illuminationen, Siegesgepränge. Freuden- 
geschrei und Te Deums empfanden. Vielmehr verleben sie einige 
Zeit i.i tielerZurückgezogenheit und Stille, gleichsam als schämten 
sie sich ihres mit dem Blut ihrer Mitmenschen erkauften Sieges. 
Danach wird vom ganzen Lande ein Fest begangen mit ernsten 
Gedanken über das. was die Menschen zur Uneinigkeit und zum 
Streit bewegt und sie zu Ursachen des fremden und eignen Un- 
glücks macht ; und alle Parteien und alle Vertreter der ver- 
schiedenartigen Vaterlandsgenossen bekunden feierlich und nach- 
drücklich den entschiedensten Willen zum Frieden und zur Duld- 
samkeit untereinander. 

Potsdam, Juni 19T8. 

Constantin Brunner. 



UNTER DEM FRIEDEN. 

(Vorwort zur zweiten Auflage.) 

Kein Wort des Schmerzes. 

Auch kein Wort des Trostes. Ich weiß keines für unser 
Unglück und für unsre Schande, die unser größtes Unglück ist; 
obwohl ich gewiß bin, Deutschland ersteht wieder aus diesem 
Niederdruck, aus diesem Unglück und dieser Schande — o, 
w i r mögen das Wort aus dem König Johann sprechen: 

Ich könnte England diesen Ruhm wohl gönnen, 
Wüßt' ich für unsre Schmach ein Vorbild nur! 

Oder weiß ich und wußte ich ein Vorbild für unsre Schmach ? 
Ich hatte auf das Vorbild hingedeutet, noch ehe die Schmach 
da war. Im Mai 1915 entstand mein Aufsatz ,, Deutschenhaß 
und Judenhaß" — von der Zensur war der Abdruck bis zum 
I. Januar 1917 verhindert worden. (Auch im Werk selber, lang 
vor dem Kriege vollendet, findet sich die Parallele gebührend be- 
rücksichtigt.) Ich hatte diesen Krieg nach seiner Bedeutung 
erkannt und ihn den Deutschen Krieg geheißen, nach der Parallele 
mit dem Jüdischen Krieg. Wenn wir unterlägen, würde uns 
geschehen — so weit der Unterschied zwischen dem kleinen 
Judäa und dem großen Deutschland dies zuließe — , wie den 
Juden geschah. Es gab keine andre Parallele in der Weltge- 
schichte; es gibt kein andres Vorbild. Karthago? Das wurde 
gehaßt nur von Rom: wir sind gehaßt von der ganzen Welt. 
Ein Haßkrieg war es, wir unterlagen, nun haben wir einen Haß- 
frieden, — ja wir haben Frieden! Süß ist der Friede in 
unsrem Lande und in unsren Herzen!! ,, Einmal kommt das 
Ende und der Frieden ?" Noch kam's nicht; wir sind noch immer 

41 



und noch auf lange mittendrin. ~ Das Schicksal Jud&as ist das 
Vorbild für unser Unglück und für unsre Schmach. Aber Jud4* 
war klein, Deutschland ist groß. Und so gibt es kein Vorbild für 
unsre Schmach. Nun gibt es, was es in der Welt noch nicht gab: 
ein großes Volk ohne Macht, ein großes Volk der Verstoßenen, 
das noch in seinem Lande sitzt. Die Austilgung Deutschlands 
sollte es werden, so weit ein Volk und Land sich austilgen läßt. 
Die Souveränität unsres Staates ist hin selbst für unsre inneren 
Angelegenheiten, unsre ,, Souveränität" untersteht der fremden 
,,Souzeränität", und ohne Souveränität kann der Staat gar nicht 
als wirklicher Staat, als organisch einheitliche Lebensgemeinschaft 
bestehen; wir sollen als Macht- und Kulturstaat vernichtet und 
ein Knechtshaufe sein. Wehrlos und ehrlos macht uns dieser 
Friede, will die Freiheit unsrer Eigenart uns nehmen, die wahrlich 
unsren Hassern unverständlich bleibt, und uns eine Ausnahme- 
stellung geben unter den Völkern, wie sie früher der Jude hatte; 
ein Pariavolk sollen wir sein wegen unsrer Schlechtigkeit bei der 
Moral aller übrigen Völker. Ich aber sage der ganzen verblendeten 
Welt ins Gesicht, die uns diesen Frieden, dieses Unglück und 
diese Schmach gönnt: nicht für unsre Schuld erfahren wir das, 
sondern durch euren Haß; und wer von den Gönnern glaubt: 
für unsre Schuld, — der mag ein Meister der Moral und ein 
Brunnen der Gerechtigkeit heißen, aber ein Menschenhatser ist 
er, ein Deutschenhasser, ganz, ganz, ganz in der Weise, wie es 
Judenhasser gibtl 

Verdammt und verlacht mich draußen und erkUrt mich für 
unmoralisch - geht es mir viel besser bei uns hier drinnen ? Es 
macht nicht behebt, wenn man auch nur ein klein wenig politi- 
siert und denkt. Wenn man über Politik schreibt nach den wirk- 
lichen poHtischen Prinzipien, d. h. also nicht im Militaristen-, 
nicht im Pazifistenjargon (und betrifft es die Juden, nicht in der 
antisemitischen Maulart und nicht zionistisch, als gelte es den 
Jordan auszusaufen), auch nicht sich hat mit der rohen Ver- 
kehrtheit in den moralischen Niederungen: weder mit des eigenen 
Volkes Lammesunschuld, Geduld und blendender Gerechtigkeit 
gegenüber den schurkischen andern Völkern, welche vom Himmel 
das Blaue herunterlügen und. ganz schamlos offen, des Teufels 



ausgesuchte Gemeinheiten herauf sich liefern lassen, noch auch 
mit der Moral seiner politischen Partei und sonnenklarem Erweis, 
daß die übrigen Banditenparteien die Schuld trügen an all dem 
Unglück und all der Schmach, — man hat wohl einen schweren 
Stand, wenn man politisiert und denkt und also nicht einmal zu- 
geben kann, daß der Mensch überhaupt irgend moralisch sei in 
dem Sinne, wie das Wort gewöhnlich verstanden wird. Denn 
wenn man politisiert und denkt (nicht nur so, wie die meisten 
Menschen, denken will, aber der Wille bleibt dann sofort 
stecken in den Allgemeinheiten, die für ein Denken genommen 
werden) , — wenn man wirklich politisiert und denkt, weiß man 
nichts zu sagen, als daß der Mensch egoistisch, seine Moral aber, 
seine moralische Kritik, weit entfernt davon, Gutes zu sein, 
vielmehr Böses sei und Gefährliches, zuerst für die Andern, zu- 
letzt für ihn selbst; daß die Moral des Menschen nichts sei als 
die Unbändigkeit seines Egoismus und sein Hochmut, sich selbst 
für richtiger und wichtiger zu halten als die Andern. Der Mensch 
ist nicht moralisch, außer in der eben angegebenen Bedeutung. 
Er ist nicht moralisch, weil er egoistisch ist; der Charakter des 
Egoismus schließt den Charakter der Moral aus. Das ist so wahr, 
mein lieber böser und entrüsteter Leser, wie ich dieses schreibe 
und wie du dieses liest. Vielleicht bist du böse und empört nur, 
weil dir nicht ganz klar ward, wie ich die Wörter Egoismus und 
Moral und moralische Kritik gebrauche ? So kann ich dich auf 
die Erklärungen im Werk verweisen. Dieses Vorwort ist nach 
dem Werk geschrieben und also eigentlich ein Nachwort. — Der 
Mensch muß egoistisch sein. Ich habe im System des Denkens, in 
der ,, Lehre von den Geistigen und vom Volk" diese Wahrheit 
vom Egoismus, die allen Menschen über die Maßen wichtig sein 
sollte und auch sein würde, wenn die Menschen wirklich auf die 
klügste Weise zu leben verstünden, anstatt nun ihr Leben zu 
stören, indem sie mit allen Mitteln in die Phantasien und in den 
Aberglauben sich einlernen und einsingen, — ich habe die Wahr- 
heit vom Egoismus vielleicht tiefer begründet und auf schlichtere 
Art einleuchtend gemacht, als dies jemals vorher geschehen, und 
wahrlich gezeigt, daß der Mensch so wenig moralisch sein kann 
wie der Stein. 



43 



Und darum glaube ich nicht an die Moral der andern Völker 
sondern weiß, daß sie die Moral benutzen, wie die Moral immer 
benützt worden ist und wie sie ewighin benutzt werden wird, — 
auch wir werden der Welt keine neue Melodie beibringen. Die 
andern Volker bedienen sich der Moral zum Nutzen ihres Egois- 
mus, ob ihnen das bewußt sein mag oder nicht — : ,,Der Egoismus 
für uns, die Moral (ur euch, damit unser Egoismus zunimmt und 
bei unbändigen Kräften bleibt; die ganze Moral für euch: die 
Reue, die Buße, die Zerschlagung — die Zerschlagung besorgen 
wir zur Sicherheit selber, damit auch ja am Wichtigsten nichts 
fehle von der Moral und Gerechtigkeit." Wie mag man jetz* 
sprechen von Gerechtigkeit und Volkerfrieden ?l Niemals 
war weniger Anlaß dazu. Aber das ist ganz die Weise der Welt 
(bei ihrem ewigen Selbstbetrug, daß ihr Egoismus ihre Moral sei, 
bei der bestandigen Selbstumlugung des Egoismus in Moral: da 
die Menschen tun, was sie tun, aber nicht wissen, was sie tun), 
gerade dann vom Triumph der Moral, der Gerechtigkeit und Liebe 
zu sprechen, wenn Haß und Rache sieghaft am Werke sind und 
solche Saat zu neuen Kriegen frisch ausgestreut wird. Brauchten 
wir ein allerungeheuerlichstes Beispiel zur Illustration des wahren 
Verhältnisses zwischen Egoismus und Moral: hier ist eines, wie 
es noch nicht dagewesen. Die Römer hatten nicht so getan, als 
w&r's Moral; die Romer sagten: Wehe den Besiegten! (Vae victis) 
und nicht: Gerechtigkeit! Die Romer hatten einen Kriegsgott 
den RAcher (Mars ultor), und ihr mußtet eure Friedensgöttin die 
RAcherin nennen! Dieses Instrument eines Friedensvertrages, 
welches den Zynismus enthüllen würde, auch wenn es gar nicht 
zur Verwirklichung gekommen w&re. Gerechtigkeit zu nennen; 
dieses Gericht über die Besiegten, von den Siegern Verbrecher 
genannt, wie Feinde nicht zum erstenmal einander nennen, — 
aber dieses Gericht haß- und rachegluhender Sieger über die Be- 
siegten Gerechtigkeit zu nennen und an die Tür des Volkerbundes 
und Ewigen Friedens zu stellen: das hat genau der Moral def 
Egoismus noch gefehlt; nun fehlt nichts mehr, nun ist sie ganz 
heraus vorhanden in der Welt. Mit solchem Moralschreien und 
Pornpen hat sich noch kein andrer Friede gebArdet; es ist auch 
noch keiner so verbrecherisch moralisch gewesen. War dieser 

44 



Krieg ein Verbrechen, in welches die Völker unbewußt hinein- 
taumelten, ein naives Verbrechen, so ist dieser Friede der Ge- 
rechtigkeit ein nach kühler, langer Überlegung bei kaltem Blut 
ausgeübtes Verbrechen. Sie nennen das gerecht, wenn sie gerächt 
werden. Sie tun damit nur, was wir auch getan hätten, wir Unge- 
rechten? Aber sie sind ja doch die Gerechten! — die Gerechten 
von morgen an; denn gestern und vorgestern und die ganze Welt- 
geschichte hinauf hatten auch sie bei ihren Siegen allemal getan, 
wie wir dieses Mal getan hätten, wie sie aber dieses Mal doch 
auch noch getan haben, sie, die Gerechten — wo ist denn nun 
ihre Gerechtigkeit? Dieses Mal, heute, ist sie noch nicht bei 
ihnen. Ist die Gerechtigkeit nicht bei ihnen, so wenig wie bei uns 
— nun, dann bin ich logisch zufrieden. Und sagt man weiter, 
das ist richtige Politik, solcher Raubmord an einem wehrlosen 
und tiefverwundeten Volke, so bin ich zwar damit auch logisch 
und begrifflich keineswegs zufrieden, aber ich kann doch dann er- 
warten, daß man, in der Konsequenz jenes Zugeständnisses, die 
Gerechtigkeit aus dem Spiel lasse und den Glauben an die Fähig- 
keit der Menschheit zum ewigen Frieden aufgebe. An den Ewigen 
Frieden und an die Moral mögen Kant und Wilson und die kleinen 
Mädchen glauben — wir politisieren, und das heißt: wir reden 
über den Egoismus, gar nicht über Ewigen Frieden, Moral und 
Gerechtigkeit. Ich bin auch nicht moralisch empört über die 
Handlungsweise der Feinde, sondern nur unglücklich, weil wir 
der Gegenstand ihrer Gerechtigkeit sind; und wäre nicht glücklich 
gewesen, wenn wir, als Sieger, den Feinden getan hätten, wie 
diese uns tun, und das hätten wir wohl getan. Ich sage ja nicht, 
daß die Gerechtigkeit bei uns sei, sondern daß sie überhaupt nicht 
sei, und daß solche Worte wie ,, Gerechtigkeit" die Politik wirklich 
nicht in den Mund nehmen dürfte (da so außerordentlich viel, auch 
in der Politik, auf die Ausdrücke ankommt: die Worte sind für 
uns redende Tiere oft so wichtig wie die Tatsachen der Wirklich- 
keit — in solchen Fällen, wo wir nicht unmittelbar, nur durch 
Vermittlung der Worte, an die Tatsachen herankommen und wo 
dann also die Sachen auf die verkehrten Worte heruntergebracht 
werden — , daher so wichtig, die Dinge beim rechten Namen zu 
nennen; die nicht rechten Worte, gar die Worte für fiktive Be- 

45 

\ 



griffe, für Nichts«, zcrschwatxcn uns die Etwasse, verderben 
unsrc Praxis in der Wirklichkeit, unsre Lebensfürsorge; sie hin- 
dern uns am richtigen Denken, und was man nicht richtig denkt, 
das muß man verkehrt leben.) Ich sage, daß die Politik immer 
egoistisch sei, daß es keine andre als Machtpohtik gebe und daß 
die Kriege niemals aufhören werden. 

Niemals. So wenig wie die Menschen aufhören werden zu 
sein, wie sie sind: egoistisch. Daher bleibt die Uneinigkeit unter 
ihnen. Alle Uneinigkeit, alle Verstimmung. Zank, Streit, SchU- 
gcfei entsteht aus Egoismus: wegen der Verschiedenheit der 
Menschen und wegen des Besitzes, d. h., weil die Andern nicht 
wir sind, und weil die Andern haben, was wir haben wollen. Der 
Zank der Völker bleibt und ist kein Zank wie unter Verliebten 
und endet nicht wie dieser; fuhrt rur SchUgerei, furchtbar ge- 
macht durch Wissenschaft und Technik. Darum ist nicht genug, 
daß die Menschen jammern über die Kriege, sondern sie müssen 
auch wissen, daß sie die Kriege machen, daß die Kriege zu ihrer 
Natur gehören; die Menschen müssen wissen, daß die Kriege 
elementarisches Menschheitsbedurlni«^ »sind. Es hAlt so unmöglich, 
die Menschen vor ihren Kriegen zu s â–  n, wie die Kriege auch 

nur ,, menschlicher" zu machen. Die Kriege sind ganz mensch- 
lich — was denn sonst ? Haben etwa die andern Tiere derartige 
Kriege ? Wir sollten genauer sprechen, die Ausdrucke sorgfältiger 
wAh!en; und wünschen wir gegen die Kriege, so dürfen wir nicht 
sagen, die Menschen mußten menschlicher, sondern: sie mußten 
tierischer, bestialischer werden — so auch wollen wir's deuten, 
daB unsre Sprache einen besonders scheußlichen Menschen ein 
Untier nennt, und so wollen wir's hören, daß die Tiere in ihren 
Sprachen ein Untier einen Menschen nennen. 

Die Kriege sind, je menschlicher, desto scheußlicher geworden. 
Freilich — wie ich auch im Werk sage: die Menschen sind nicht 
zu ändern und zu bessern, weil sie Egoisten sind, sein müssen, also 
auch bleiben werden: Egoistendes Fühlens. Egoisten des Wollens 
und Egoisten des Wissens — ihr Wissen mag sich noch so sehr 
klären ui.d vermehren: es dient zuletzt nur ihrem Egoismus, und 
das Urteil der Menschen übereinander bleibt egoistisch, be- 
stimmt durrh «egoistisches Intrr#»<;<;«> und Leidenschaft. Die 

<6 



Menschen also sind nicht zu ändern und zu bessern, aber die Ver- 
hältnisse sind zu ändern und zu bessern, und mit der Besserung 
der Verhältnisse bessert's sich dann auch für die Menschen — 
Besserung der Verhältnisse, das heißt: solche Gestaltung der Ver- 
hältnisse, in denen die Interessen und Leidenschaften gar nicht 
oder doch nur in geringerem Maße rege werden und nicht so hart 
gegeneinander auf können. Damit bessert sich 's dann auch für die 
an sich selbst nicht gebesserten und unverbesserbaren Menschen 
eine Zeitlang, bis die Verhältnisse sich wieder verschlechtert 
haben. Denn die Verhältnisse bessern sich keineswegs unauf- 
hörlich, breiten nicht sich fort zum immer Schöneren, wie so die 
Träumer sagen, die nie aufwachen. Fortschritt der Menschheit ~ 
so wenig wie immer schöneres Wetter wird; vielmehr folgen in 
der Geschichte Gut und Schlimm aufeinander wie Sommer und 
Winter, und die Lebensverhältnisse der Menschen sind abwech- 
selnd besser bald und bald schlimmer. Etwas kann der Mensch 
jederzeit zur Verbesserung der Verhältnisse tun, aber nichts auf 
die Dauer. Und so könnte ja auch mit einem Völkerbund etwas 
getan sein — obgleich schwer fallen dürfte, ihn zustande zu 
bringen und auch nur einige Zeit zusammenzuhalten — , und 
vielleicht sogar könnte einmal ein Völkerbund — wenn er lang 
genug am Leben bleibt — den Ausbruch eines Krieges eine Zeit- 
lang hinhalten. Doch glaube ich nicht, daß er imstande sein 
würde, zwischen großen Völkern auch nur einen einzigen Krieg 
aus rechtem Anlaß zu verhindern, geschweige denn gar alle 
Kriege. Der Völkerbund kommt zustande aus Vernunft und 
gutem Willen und kann erhalten werden nur durch Vernunft 
und guten Willen. Manches vermag Vernunft und guter Wille 
zwischen einigen Menschen auch bei Interessengegensätzen und 
Leidenschaften; für die weitaus meisten Menschen kann da von 
Vernunft und gutem Willen überhaupt nicht die Rede sein. Gar 
aber für die Völker ? Wo wird für die Völker, für die Völker des 
Völkerbundes, Vernunft und guter Wille sein, wenn sie mit ihren 
Interessen und folglich auch mit ihren Leidenschaften gegen- 
einanderstoßen, und wo wird bei den Konflikten zwischen den 
großen Weltwirtschaftsvölkern der Völkerbund sein ? Der Streit 
der Egoismen schert sich den Teufel um den Völkerbund; der 

47 



Streit der Egoismen, das ist die Bewegung der Welt in der Mensch- 
heit. Diese Bewegung der Welt lÄßt sich aus der lebenden Mensch- 
heit so wenig wegbringen wie aus der übrigen Welt; die Bewegung 
ist das Wesen dieser Welt der Dinge, darin es keine Undinge gibt, 
kein einziges Unding. Auch der Mensch ist kein Unding, sondern 
ein Ding; und die Welt treibt im Menschdinge nichts andres, als 
was sie in ihren übrigen T>ingen treibt: Bewegung. — Wie weit 
aber noch ist von unsren Augen sokrh ein Volkerbund, der zur 
Verbesserung der Verh&ltrisse auch nur das Allergeringste zu 
leisten wirklich geeignet sein könnte! Dieser „Völkerbund", — 
der Deutsche wenigstens wird keine FreudentrÄne im Auge zu 
zerdrücken und noch nicht an seine bekannten komischen Verse 
zu denken brauchen: ,,Wie schon, o Mensch, mit deinem Palmen- 
zweige!" Dieser Volkerbund, in den wir wegen unsrer Unmoral 
nicht oder doch erst nach unsrer Besserung aufgenommen 
werden — wozu braucht denn eigentlich ihr Menschen mit dem 
Palmenzweige, wozu braucht ihr ubngen, ihr morahschen Volker, 
einen Volkerbund ? ZunAchst wohl gegen uns. Dieser Volker- 
bund ist zun&chst nur gegen uns die FriedemhaOentente. Mit 
ihrem Palmenzweig wollen sie uns vollends den Rest geben; das 
ist für sie die rechte Friedenspolitik: Fortsetzung des Krieges 
mit andern Mitteln, mit wirksanvren. Gerechtigkeit ist ein ver- 
nichtenderes Mittel als Giftgas. Unterseekrieg und Aushungerung. 
Dieser Volkerbund bedeutet zunichst nur, daß unsre Feinde 
pauernd zusammenhalten wollen zu unsrer Niederhahung und 
daO sie das Himmelreich auf Erden und in Deutschland die Holle 
einrichten möchten. Dieser Volkerbund sorgt noch nicht für 
den Frieden, aber für den Krieg; er verbessert nicht die Verhtlt- 
nisse, er verschlechtert sie, er konfundiert Europa durch und 
durch und schafft eine Weltlage, weit gespannter noch als die 
vor dem Ersten Deutschen Kriege. Niemals war ein Krieg ge- 
wisser als der nächste Krieg, der Zweite Deutsche Krieg; und 
so unmöglich er uns Zerschlagenen und Gebundenen gemacht 
scheint, so heilig und gewiß wird er kommen. 

Denn Deutschland kann in diesem Frieden keinen Frieden 
haben und nicht stille bleiben, wenn für alle Völker gerecht heißt, 
was allein für Deutschland ungerecht sein soll — mit rück- 



wirkender Kraft; wenn der Zustand geschichtlicher Gewordenheit 
in aller Welt bestehen bleibt, nur ganz allein für Deutschland ge- 
waltsam aufgehoben wird; wenn die andern Völker bekommen, 
was wir verlieren; und a^le Staaten sind Mächte, wir aber Ohn- 
macht. Was ist ein großes Volk ohne die Macht, die zu einem 
großen Volk gehört und die ihm niemals auf die 
Dauer genommen werden kann? Die haben sich 
nicht einmal die unter alle Völker verstreuten Juden nehmen 
lassen. Sie sind, aus völliger Rechtlosigkeit, aufgestanden m.it 
andern Rechtlosen in der Sozialdemokratie, die 
hauptsächlich ihr Werk ist, wie der Gedanke der Sozialdemo- 
kratie ihr Gedanke ist (vgl. die Rede am Ende dieses Buches und 
Christuswerk). Und Deutschland konnte in diesen Zustand der 
Rechtlosigkeit geraten, in diesen Zustand einer jämmerlichen 
Abhängigkeit gleich dem der Türkei, — aber nicht gleich der 
Türkei aus innerer Schwäche! Das große, starke deutsche Volk 
kann nimmer untergehen, und also wird es groß und stark sein 
und nicht lang ohne Macht und ohne Recht bleiben — denn Macht 
ist Recht, das zeigt auch wieder dieser Völkerbund: sein ist die 
.Macht und das Recht, unser die Ohnmacht und das Unrecht. 
Deutschland wird Macht und Recht wiedererlangen, aber nicht 
durch Völkerbund und Gerechtigkeit: durch Krieg, durch den 
Zweiten Deutschen Krieg. 

Notwendig sind die Kriege, so fürchterlich sie auch sind, so 
unsagbar die Völker sie zu fürchten hätten, und selbst das Wort 
Krieg müßte ihnen verhaßt und fürchterlich werden. Sie müßten 
dieses Wort Krieg, wie Herder sagt, nur ,,mit dem gleichen 
Schauder als den Veitstanz, Pest, Hungersnot, Erdbeben, den 
schwarzen Tod zu nennen oder zu schreiben kaum wagen'*. Und 
doch muß man den Menschen sagen: so fürchterlich die Kriege 
sind, so unabvv^'endbar sind sie und so notwendig und unentbehrlich. 
Ebenso notwendig und unabwendbar wie die Revolutionen, die 
nicht weniger fürchterlich und zu fürchten sind als die Kriege. 
Man sollte wirklich den Geschichtsunterricht gründlich abändern 
und dem Volk anschaulich einprägen, wie fürchterlich die Kriege 
— und die Revolutionen sind. Etwas mehr Erfolg gegen die 

49 



Kriege als von einem Völkerbund ließe sich von solchem unab- 
lässig fortgesetzten Unterricht immerhin erhoffen; gegen die 
Revolutionen, die ja im Grunde doch auch fürchterliche Kriege 
sind, will man's ja nicht einmal versuchen mit Völkerbund! Und 
ganz gewiß war ersprießhcher für das Leben der Wirklichkeit, die 
Gesetze der Wirkhchkeit zu lehren, und daß die Gerechtigkeit 
nicht da sei, als von ihr die Träume tnd Schäume und Paradies- 
versprechungen. Die Glücklichmacher der Gerechtigkeit sollten 
um allen Kredit gebracht werden. Sic sind gefährhche Leute, 
die Glücklichmacher, und machen unRlücklich; man kann mehr 
nicht haben gegen die Anstifter von Kriegen als gegen die Gluck- 
lichmacher, welche Revolutionen anstiften. Die e<llen unter ihnen 
fassen die Menschheit in der Illusion der Moral, statt nach der 
Wirklichkeit des Egoismus; sie sind schlechte Denker und darum 
so gefährliche Praktiker und die allergefährlichsten. Lebt denn 
die Welt von Andrem als vom rechten Denken ? und nie war der 
Welt eine Lehre gefährlicher als die von der verkehrten und miß- 
verstandenen Gleichheit und von der Gerechtigkeit. Die ver- 
standene Lehre von der U: heit und Ungerechtigkeit, die 
täte ihnen not. Und je weiter es heruntergeht: je schlechter das 
Denken der sozialen Revolutionäre; je weniger ihnen gegeben ist, 
sich zu beruhigen bei der Grunderfahrung vom Wesen der Welt 
und der Lebensrealität und die für diese erforderlichen Begriffe 
zu bilden, festzuhalten, gegeneinander abzugrenzen und anzu- 
wenden; je schwärmerischer und kindischer sie, von der Wahrheit 
der egoistischen Menschennatur abge'enkt, den Unbestimmt- 
heiten, den ideal und moralisch klingenden Unmöglichkeiten 
nachtaumeln und die um so geschwindere Verwirklichung der 
Gerechtigkeit für möglich halten — dies der letzte Krieg, der 
Krieg gegen die Kriege, gegen den Militarismus, der bringt den 
Ewigen Frieden und die Gerechtigkeit! dies die Eine Revolution, 
nun kommt die Gerechtigkeit für immer! — je schlechter die 
Revolutionäre denken, desto vollkommener stellen sie in sich dar 
den Unsinn des Volkes und die fanatische Wut dieses Unsinns; 
was sie beides von überallher aus dem Volke empfingen, in sich 
sammelten, nun wieder verteilen überallhin und die allgemeine 
Lüsternheit, Gier, Zügellosigkeit, Wildheit, Ausschweifung ent- 

50 



fesseln. Der Mechanismus der Ordnung und der staatliche Zwang, 
von dem ich im Abschnitt über den Staat zeigte, daß er allein die 
mögliche Freiheit des Menschen bewirkt, sind schnell aufgelöst; 
Ordentlichkeitund Anhaltsamkeitgehen verloren — sie wollen nicht 
mehr arbeiten, sie wollen glücklich sein; Taumel der Abschaffung, 
der Ausrottung alles Alten überkommt die Revolutionäre; die 
Gauner, Verbrecher und Halbwahnsinnigen mengen sich in das 
Werk der Zerstörung; und die Glücklichmacher selber, sobald sie 
nicht mehr Sklaven sind, zeigen sie sich als Tyrannen und werden 
allesamt Mörder. (Das werden auch die Idealisten, auch die echten 
Idealisten — das Scheußlichste wird aus dem Heiligen: ein Teufel 
aus dem Engel und aus Robespierre welch ein andrer Robespierre!) 
Sollen für nichts gerechnet werden diejenigen, welche die Revo- 
lution unglücklich und im Namen der Freiheit unfrei macht, gegen 
die andern, für welche sie Vorteile erringt ? und wollen wir die 
Augen schließen davor, daß, wenn der Tumult wieder abgelöst 
ward vom neuen Mechanismus und Ordnung, nichts zu erblicken 
ist als ein Wechsel der Lose: indem nun die Einen haben, was 
früher die Andern hatten; gegen ein Steigen hier, ein Sinken dort, 
wie beim Weltmeer; für alles neue Gute neue Übel, die auch in das 
Gute sich mischen; wir sehen wieder nur, was wir sahen, und die 
Menschheit hat nichts als Wind in den Händen ? Ein völliger Aus- 
gleich, und keine Gerechtigkeit. Der Krieg schafft keine Gerech- 
tigkeit, und die Revolution schafft keine Gerechtigkeit. Was 
schafft denn die Revolution ? Unten nach oben, wie wir gesehen 
haben; weiter nichts. Haben und Behaltenwollen und auf der 
andern Seite Nichthaben und Bekommenwollen, darum dreht sich 
alles: Was ? ihr habt ? — jetzt wollen w i r haben; und was wir 
nicht kriegen können, sollt wenigstens auch ihr nicht haben! Das 
ist die ganze Revolution, die Umwälzung; und ist von 
unten nach oben gewälzt und Oben Unten geworden, so treibt es 
fort bis zur nächsten Zuckung der Gesellschaft und abermaligen 
Umwälzung, wo wieder nach oben drängt, was dann unten liegt, 
die Nachkommen des früheren Oben sind mit dabei. Unten will 
oben sein und das nötige Umwälzungschaos, Haß- und Rache- 
greuel und Fluten menschlichen Blutes und neue Verbrechen und 
neue Kabalen, die den alten nichts nachgeben, das wird jedesmal 

51 



aus ücr Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die 
Revolution ist der Egoismus des Volkes, Gerechtigkeit und Gleich- 
heit seine dazu gebrulite Moral; und da Unten genau ist wie Oben, 
sobald nur der Sitz gewechselt ward, so gleicht die Umkehrung 
der Gesellschaft der Umkehrung des Feldes mit der Pflugschar: es 
wächst wieder dasselbe wie zuvor. (Wer oder was pflügt so die 
Menschheit um ? Die in der Art frägeln müssen, denen mag Ant- 
wort klingen: der liebe Gott oder: ein Naturereignis). Wir 
gönnen's dem Unten, daß es Oben wird, — und das Unten gönnt 
es auch von Herzen dem Oben,daß es unten hinkommt. Bleibt aber 
dabei, daß im ganzen doch immer nur wird, was war. und wuchst 
alles wieder, nur keine Gerechtigkeit. 

Die Revolutionen haben nicht die Bedeutung, welche ihnen 

▼»>n den Revolutionären zugeschrieben wird — in Hinsicht auf 

die Gerechtigkeit haben sie diese Bedeutung nicht: die Bedeutung 

spreche ich den Revolutionen nicht ab, der die Revolutionen und 

die Kriege für notwendige geschichtliche Wege erkennt, — für 

ihre kurzen Wege, so wie sie auch ihre langen hat, oder vielmehr: 

die Geschichte geht, und zuweilen Hüft sie. Aber weder Uuft 

noch geht sie zur Gerechtigkeit, weder laufen noch gehen die 

Menschen zur Gerec? r. Ob sie liegen, sitzen, gehen, laufen: 

Alles aus Egoismus, ücr Egoismus des Unten will oben sein, 

dahin gelangt er meistens nur auf gewaltsame und schonungslose 

Art, indem er bricht, sobald ihm die Macht und Gelegenheit wird, 

nut der bestehenden Verfassung, Recht und der ganzen alten 

Ordnung; um oben sein zu kdnnen, der Egoismus des Unten, muß 

er das Oben stürzen, dessen Egoismus ihm nichts einräumt, nichts 

nachgibt, nichts mit ihm teilt, weder aus gutem Willen noch aus 

Vernunft. Von keiner noch so abscheulich wüsten oder noch so 

lammfrommen Revolution ist Gerechtigkeit, Freiheit und Friede 

für die Menschen zu erhoffen — das ist Hoffnung wie auf die 

messianischen Wunder. Helfen kann nur die Revolution in 

unserem Bewußtsein und das Wunder der innerlichen ^rrTWM«. 

Umkehr zur geistigen Wahrheit und Freiheit für diejenigen, 

welche die Fähigkeit besitzen, ihr Leben auf den gänzlich andern 

Boden zu stellen, als auf welchem das Leben der Menschheit nun 

steht und nut allen diesen politischen, wirtschaftlichen, sozialen 



Revolutionen stehen bleibt; die herauskönnen aus diesem da, in 
welchem die Menschheit immer nur herauf und herunter, herunter 
und herauf kommt; heraus aus dem Ineinander von Relativis- 
mus und Fiktivismus, von Welt und Aberglaube, von Vernunft, 
hilf uns! und Unsinn, hilf uns! — heraus da und hinein in das 
Bewußtsein des Absoluten. Das aber müssen wir hier abbrechen; 
davon wollen wir weiter reden im Christuswerk. Hier sollte nur 
gezeigt werden, daß es rein nichts ist mit unsrer Gerechtigkeit, 
weder der in Kriegen übereinander siegreichen Völker noch der 
übereinander siegreichen Volksschichten in Revolutionen. Die 
Revolutionen sind auch Kriege, welche die Gerechtigkeit bringen 
sollen, und dieser Krieg soll die Revolution sein, welche die Ge- 
rechtigkeit bringt. Wie kann gebracht werden, was nicht 
existiert ? Die Gerechtigkeit existiert nur in den Fiktionen der 
Gedankenlosigkeit, eine Luftspiegelung in der Wüste. Die Ge- 
rechtigkeit der anarchistischen Revolutionäre flößt Entsetzen ein, 
und die siegenden Völker sind gegen die Besiegten gleichfalls 
Anarchisten, deren Gerechtigkeit, deren Haß- und Rachefrieden 
Empörung erregt und Kriege; so könnte die wahre Gerechtigkeit 
nimmer. Sie ist nicht und sie wird nicht; die internationale Demo- 
kratie bedeutet für den Kenner der Menschheit nichts weniger 
als den selbstverständlichen Ewigen Frieden und Gerechtigkeit, 
sondern die uralte Täuschung und ruinöse Phrase, womit sich die 
Menschheit über die Ergreifung der Wahrheit hinwegbringt. 

Es läßt sich darüber nicht reden zu den Völkern, am wenigsten, 
wenn sie so im Taumel sind und es alle wissen, oder die meisten 
oder doch sehr viele wissen, daß allerdings die Gerechtigkeit sich 
holen ließe, weil sie existiere — • ich weiß nicht, wie viele Menschen 
dazu nötig sind mit ihrem Glauben und Wissen, damit ein Unsinn 
eine Wahrheit werde. Vielleicht reichen alle Menschen zusammen- 
genommen nicht aus dazu. Sie haben ja auch schon einmal alle- 
samt geglaubt und gewußt, daß Gott existiert. Einige glauben 
und wissen es noch und sagen unentwegt bei jegUchem Wetter: 

Lieber Gott; Andere sagen: Gerechtigkeit â–  aber seht doch 

nur: das sind dieselben Leute, die früher Lieber Gott sagten. 
Sollen wir ihnen jetzt mehr glauben, weil sie jetzt Gerechtigkeit 
sagen ? Die Gerechtigkeit ist ja nur eine neue Ausgabe des alten 

53 



lieben Gottes, der Glaubensartikel Gerechtigkeit ist nicht mehr 
wert als der Glaubensartikel Gott; ein Wort betrügt sie von 
neuem. Sie warten auf die GlückUchmacherei durch die Ge- 
rechtigkeit, wie früher auf die durch den lieben Gott, und beden- 
kennicht, daß, wenn es eine Gerechtigkeit gibe, sienicht unglück- 
lich wären, und daB es in der Menschengeschichte nicht an Gele- 
genheit gefehlt bitte für die Gerechtigkeit, hervorzuschreiten. 
Haben wir mit unsrem Unglück denn mehr Anspruch als die 
lange, lange ReihederUnglücklichenausdenvergangenenZeiten ? 
Gab es nicht und gibt es nicht im Augenblick namenlos Unglück- 
liche durch die Ungerechtigkeit früherer Menschen und durch un- 
sre Ungerechtigkeit, an deren Leid gedenkend wir uns schAmen 
müßten, zur Gerechtigkeit zu schreien wegen unsres Unglücks ? 
Sindwir alle so gerecht, und sind dennwirklichalleso garunglück- 
lich an wirklichen Lebenswunden, die da so schreien? Ich höre 
die närrisch Unbändigen mehr schreien als die wahrhaft Unglück- 
lichen; denn ihrer sind mehr, und sie schreien fast Arger. Sie 
verstehen gar nicht, glucklich zu sein (und das hat seinen tiefen 
Grund!) — darum sind sie unglücklich; die Gier ist immer großer 
als das Glück. Sie glauben lieber an das ganz große Glück, 
welches sie auf Händen tragen wurde, statt daß sie auf ihren 
Fußen sich selber ein Stuck voranbringen; sie glauben an das 
große Gluck mit Preisgabe aller Vernunft und des kleineren 
Glückes, über welches sie immerhin verfugen könnten, und 
welches sich vermehren ließe, wenn sie auf Vernunft und Wahr- 
heit hören und ihre Gedanken den unwiderruflichen und unerbitt- 
lich sich selber vollziehenden Gesetzen und Bedingungen der 
Wirklichkeit ergeben würden. Aber davon lassen sie nichts zu 
sich herein; gegenüber den Notwendigkeiten der Natur ist i h n e n 
notwendig, den Unsinn zu hören; und ahnen nicht, daß die Wirk- 
lichkeit immer noch unvergleichlich besser ist als ihre verwirk- 
lichte Illusion je sein konnte. Sie unterscheiden nicht und meinen, 
der Irrsinn sei so viel wert wie die Klarheit, der Aberglaube so 
viel wie die Wahrheit, die Besessenheit so viel wie die Freiheit. 
Zu allen Zeiten schrie die Menschheit zu dem Gott und rang und 
opferte: Lieber Gott, Gerechtigkeit! Und jeden Tag sprach der 
Gott: Gerechtigkeit — ja; komm morgen wieder! Nun schreit 

S4 



die Menschheit nicht mehr zu dem Gott, sondern zur Gerechtigkeit 
selber und ringt und kämpft und opfert Gut und Blut, und 
nun spricht die Gerechtigkeit Tag für Tag: Ja, komm morgen 
wieder! Sie sagten vom Gott: wenn er nicht da war, müßt er er- 
funden werden — jedoch konnten sie den Gott im Himmel nicht 
ernstlich erfinden wollen. Aber die göttliche Gerechtigkeit auf 
Erden zu erfinden, haben sie jetzt tatsächlich sich darange- 
macht; der Glaubensartikel Gerechtigkeit ist Erfindungsartikel 
geworden. Die Geschichte hält heute da, daß die göttliche Ge- 
rechtigkeit erfunden werden soll. Ja, komm morgen wieder! 

Ich wollte, das war alles verkehrt gesagt und ließe sich ernst- 
lich zu einem, der von Gerechtigkeit und Liebe in der Menschheit 
spricht, von Andrem wider sprechen als von Ungerechtigkeit und 
von Menschenhaß! Ich wollte, die Menschheit würde tatsächlich 
mehr sein als Tierheit und tierischste Tierheit und würde die 
Spitze sein, die hinausragt aus der Welt in die Ewigkeit! Denn 
ich bin kein Solcher, der nur Welt kennt und nichts als tierische 
Menschen: ich weiß von Menschen, die, aus höheren Gründen 
als Klugheit und Dummheit, über den Egoismus hinweg mit ihrem 
Weltsein hineinragen in das Ewige, und von ihrer wunderholden 
und wundertätigen Menschenliebe und Gerechtigkeit^) — aber 
ich weiß nicht von Gerechtigkeit und Liebe in der Menschheit, 
nur von den toten Worten Gerechtigkeit und Liebe unter den 
Menschen und von ihrer ewig lebendigen Ungerechtigkeit und 
ihrem ewig lebendigen Menschenhaß, und daß nur Krankheiten 
ansteckend sind, Gesundheiten nicht, und kenne die Wahrheit, 
die absolute Wahrheit, aber auch ihren blauen relativen Rücken. 
Ich wollt, ich hätte unrecht, und die alten Juden hätten recht. 
Denn nicht wahr ? Alles das von Völkerbund und Gerechtigkeit 
kommt doch hinaus auf die Rede der alten Juden, auf die Herr- 
schaft Jahwehs und das zur Pflugschar gemachte Schwert ? 



1) wem nun dies ein Widerspruch erscheint gegen meine einheitliche 
Welt der bewegten Dinge, darin es nichts als Dinge und keine Undinge 
und in keinem Ding Undingliches gibt : der ist geeignet zuzusehen in der 
„Lehre von den Geistigen und vom Volk" und zu erkennen, daß dies kein 
Widerspruch sei, und den Schlüssel zu empfangen, wodurch ihm die Wider- 
sprüche in der Menschengeschichte aufgeschlossen werden. 

SS 



Nein, nicht wahr; das bei jenen alten Juden hat ursprünglich 
gänzlich andren Sinn*) aJ> bei unsren Idealisten, ganz gewiß 
andren als bei unsren Feinden mit der Gerechtigkeit ihres Haß-, 
Rache- und Raubmordfriedens und bei unsren Kommunisten 
und Anarchisten; und was als das Jahwehreich im Munde be- 
geisterter Mystiker und Propheten erhebend klingt, das wirkt 
in der nüchternen Erörterung derer, die nüchtern die Wirklichkeit 
erörtern mußten, wie Philosophen und Staatsmänner, als die 
Blamage Betrunkener, die nicht in sich haben, schön trunken zu 
sein. O Kant, o Wilson, o Mensch, wie siehst du aus mit deinem 
Palmenzweige! 

Die Men&cl;he>t ):>i mein c&iir.i.i\, daß man über Gerechtigkeit 
in ihr reden könnte. Nicht einmal ja von ihrem ungerechten 
Egoismus oder auch nur von ihrem guten und gerechten Egois- 
mus darf man den Menschen reden, diesen redenden Tieren, die 
es nicht so weit bringen, den Grund ihres ganzen Lebens richtig 
zu erkennen und zu benennen. Sie sind ja nicht egoistisch; 
keiner ist egoistisch, jeder moralisch, — freilich, die Andern sind 
egoistisch. Da aber Keiner der Atv'.tre ist, so Läßt sich also zu 
Keinem über den Egoismus reden; und wer nun über nichts bei 
den Menschen zu reden weiß als über Egoismus, und wer gar keine 
Moral mit irgend welcher moralischen Partei gemein hat, der 
findet kein verehrungswurdiges Publikum, das ihn wieder rtr- 
ehrungswurdig findet. In Deutschland wohl zurzeit noch weniger 
a*s in den übrigen Ländern; denn Deutschland ist zurzeit und 
schon seit lange noch morahscher als die übrigen Länder! Ich 
hatte auf diesen faulen Fleck schon vor dem Krieg in dem nach- 
stehenden Werk mit Entschiedenheit des öfteren hingedeutet — 
das Werk gelangt nun von neuem zum Abdruck ohne Verände- 
rung in diesem Punkte; einige Zusätze zu Gegenständen von 
andrer Art abgerechnet, überhaupt ohne jegliche Veränderung, 
gaiu so wie es 1918 unter der Zensur war abgedruckt worden. 
(Auf Änderungen, die mir damals von der Zensur angemutet 



) worüber ich in diesem meinem Judenbuch noch nicht sprechen 
konnte, aber im Christuswerk sprechen werde. 

5« 



wurden, war ich nicht eingegangen.) Die ganze Bedeutung aber 
der unheilvollen Tatsache, daß die Deutschen zurzeit unbestreitbar 
noch moralischer sind als die übrigen Völker, ist mir erst durch 
den Krieg aufgegangen; und ich muß sagen: wollen wir denn den 
Anteil der Schuld Deutschlands am Krieg erforschen, so können 
wir ihn nur finden in Deutschlands größerer Moral, also seinem 
geringeren, minderwertigen Egoismus oder seiner schlechteren 
Politik. 

Die alleinige Schuld an diesem Krieg lade ich damit nicht auf 
Deutschland (die Schuld ruht tiefer, in der Menschheit und in der 
Welt); denn Deutschland hat diesen Krieg nicht gewollt. Und 
ebenso wenig darf man Deutschland fluchen wegen der Art seiner 
Kriegführung: Deutschland hat weder den Krieg noch den Sieg 
erfunden und nicht allein und zum erstenmal in der Welt ange- 
wendet; ich meine, ich hätte Beides, Krieg und Sieg, auch schon 
von andern Völkern gehört, und immer waren Krieger wie Sieger 
so arg, als sie nur sein konnten, und welcher Friede war gut als 
der zwischen gleichen Feinden ? Jedes andre Volk in seiner Lage 
hätte diesen Krieg geführt, wie Deutschland ihn geführt hat. 
Jedes andre Volk aber hätte diesen Krieg zu einem glücklicheren 
Ende gebracht: weil jedes andre Volk eine bessere Politik hat. 
Auch dafür gibt es kein Vorbild in der Weltgeschichte, daß ein 
Volk solche wahnwitzige Politik getrieben hätte, so zu siegen 
und so zu unterliegen. Unsre Heere siegten, und unsre Politik 
verlor uns alle Hauptschlachten — ein Andrer mag sie im 
Einzelnen aufzählen. Deutschland hat gesiegt und ist zusammen- 
gebrochen. Es hat den Krieg nicht gewollt, es hat keine Er- 
oberungen gewollt: als aber der Krieg gekommen und Deutsch- 
land im Siegen war, da konnte es nicht genug kriegen (vgl. S. 214) , 
schwollen in seiner Phantasie und Gelüst die Grenzen des Landes 
immer mehr an; da Heß es sich lenken von der Partei mit der 
schlechtesten Politik und dem falschen Patriotismus und gab 
damit seinen Feinden den gefährlichsten Bundesgenossen: die 
Zeit. Schon nach dem Durchbruch bei Gorlice, im Mai 1915, 
sagte ich und schrieb ich in allen Briefen (durfte es aber natürlich 
nicht drucken lassen) : nun ist der Krieg zu Ende, wir brauchen 
nur noch Frieden zu machen, aber wir müssen Frieden machen. 

57 



Und die Feinde hätten damals mit uns Frieden gemacht; damals 
und noch einige andere Male. Die Lage war mehrere Male so, 
daß sie zum Frieden geneigt gewesen wären: zweitens wegen der 
Moral, und erstens wegen des Egoismus. Sie versuchten von sich 
aus zweimal, den Friedenherbeizufuhren: Ende 1916 durch Wilson 
und im August 1917 durch den Vatikan (was sie natürlich jetzt 
abzustreiten sehr beflissen sein werden). Man fühlt sich wie zum 
Wahnsinn getrieben, wenn man dem nachdenkt, dnO e« nicht 
nötii; j^eweiven wiirel waswirnicht hütten träumen mögen, 
und was nun Wirklichkeit istll Solch einen Frieden naturlich 
hätten unsre Feinde nichtzu machen brauchen, alszu welchem wir 
endlich genötigt wurden durch die Zeit und die bestindige Ver* 
mehrung der feindlichen Kräfte und — wir sind ins Unglück 
und in die Schmach geraten, was sollen wir aufrechnen, wie! Das 
alles geht uns nichts mehr an. Nur unser Unglück und unsre 
Schmach geht uns an und nur die Frage: Wie kommen wir wieder 
auf? Und lediglich um unsrer Hoffnung willen auf die Zukunft 
und um unsrer Arbeit willen für die Zukunft geht uns unsre ver- 
kehrte Politik und unser falscher Patriotismus sehr an, müssen 
wir unser Gewissen erforschen und wollen wir versuchen, um- 
zulenken in den rechten, guten Egoismus und abzulassen von 
dem gar zu argen Hochmut unsrer Moral, von unsrer Bruskierung 
und unsrer Verleumdung der Andern, — von dem Hochmut, der 
so schwer sich täuscht über Wert und Kraft der von uns Brüs- 
kierten und Verleumdeten. Das scheint mir nun alles noch nicht 
kräftig und nicht hell genug gesagt, wie es im Werk über den 
Hochmut unsrer Moral zu lesen steht. Das müssen Andre besser 
und lauter sagen, das muO über ganz Deutschland erschallen, 
eine dröhnende Wahrheit: daQ er nun am Tage ist als der Hoch- 
mut, der vor dem Fall kam, als der Hochmut, der vorangeht, und 
Schaden und Schande folgen nach; als unsre Hybris, wovor auch 
den Besseren unter uns immer noch nicht genug gegraust hatte. 
Das war der Hochmut, der die Andern klug und uns dumm machte, 
daß uns auch nicht so viel Licht blieb, den Abgrund vor unsren 
Fußen zu erkennen; das war unsre arge, herausfordernde Moral, 
womit wir den ohnehin gegen uns schon vorhandenen Haß so 
sehr noch steigerten und vergifteten und die arge Moral der übrigen 



Völker erregten und im Nu bis auf den höchsten Gipfel dieses 
Gerechtigkeitsfriedens emporbrachten. 

Deutschland war das Land des Hochmuts und ist noch 
das Land des Hochmuts. Der Hochmut gegen die draußen ist 
uns wohl ausgetrieben, aber der Hochmut im Lande des einen 
wider den andern ist immer noch da. So tief steckt zurzeit das 
Übel in uns, und so geht uns der böse Geist der Moralkritik durch 
unser ganzes Wesen. Wir hatten wahnwitzigen Hochmut der 
Regierung gegen das Volk, der auch im Tierbändigerton der 
Beamten, besonders der preußischen Beamten, so widerwärtig 
vollendet zum Ausdruck kam, und wir hatten wahnwitzigen 
Hochmut der Parteien gegeneinander. Wir hatten einen Herrscher 
von Gottes Gnaden — mir wird niemand nachsagen, daß ich die 
frühere Monarcholatrie des Pöbels mitgemacht hätte, aber ich 
bin auch fern von der jetzigen Monarchomachie des Pöbels und 
finde zu sagen: der unglückliche Mann, der Herrscher von Gottes 
Gnaden, ist keineswegs der Mann gewesen, von dem uns nichts 
als Unglück und all unser Unglück kam. Er war nicht unser 
einziger und nicht unser schlimmster Herrscher. Weit schlimmer 
waren bei uns die Militärs, Junker, Oberlehrer und gewisse 
studentische Verbindungen (allesamt kenntlich am ,, feudalen" 
Ton, am Offizierston und karrikierten Offizierston, am Mili- 
tarismuston), die nicht etwa nur den Epheu machten um den 
Thron des Herrschers von Gottes Gnaden. Die Militärs, Junker, 
Oberlehrer und gewisse studentische Verbindungen waren unsre 
schlimmsten Herrscher, die das ganze Land mit dem Epheu ihres 
Hochmuts gratis überstrickten. Sie waren unsre Herrscher 
gleichfalls von Gottes Gnaden, ihnen, in ihrer wahrhaftigen 
religiösen und Militär- Frömmigkeit, gehörte Deutschland 
von Gottes Gnaden; sie nennen sich heute die Deutschnationalen, 
damit anzuzeigen, daß sie die eigentliche deutsche Nation, die 
eigentlichen Deutschen seien. Die übrige deutsche Nation kennen 
sie nicht, anerkennen sie nicht als deutsch, die rechnet nicht mit, 
ist Frechheit von ihr, auch nur zu mucksen, oder an irgendeiner 
Bezeigung des Deutschtums teilnehmen zu wollen; einzig und 
allein auch nur diese Begnadigten durften und konnten das echte 
deutsche Hurra schreien. 

59 



Unvergeßlich bleiben wird mir die Analyse des deutschen 
Hurra, wie sie mir einnoal ein edler Patriot. V/alter Rathenau'), 
gegeben hat, tief schmerzlich bewegt bis zum grimmigen Humor, 
geistreich anschaulich, eine erschöpfende, klassische Analyse — 
vielleicht gibt er sie auch andern, öffentlich; es wir eine nützliche 
Gabe! Wie unschuldig ist das englische Hurra, wekhen Schmutx 
aber hatte der dnitsche Hurraschreier mit seinem Geschrei 
zu bekräftigen, wieviel Gehässigkeit, Bruskierung, Verleumdung; 
und dem Auswurf der Menschen wurde für seine feigste Bosheit 
freier Raum gegeben, wenn er nur dieses scheuQliche Hurra 
mitbrullte und die unentbehrliche Hilfe leisten wollte, dem 
Hochmut der von Gott begnad gten Herrscher über Deutschland 
den Besitz der Gnaden und die Herrschaft zu sichern. Dafür 
durfte er an dem Hochmut auch teilnehmen. Noch inuner wird 
dieses Hurra in Deutschland gebrüllt, nun muß aber auch die 
Scham darüber vernehmlich genug hörbar werden, damit sich 
Hoffnung fassen läßt, daß unsren Leiden ein Ende wird. Deutsch- 
land hat gelitten am falschen Patriotismus; die Krankheit er- 
streckte sich ja nicht allein auf die Kranken: wenn die ihren 
Patriotismus bekamen, mußte ganz Deutschland mitleiden — das 
ist das Wesen dieser Kranken, vnil ihrer Krankheit auf die Ge- 
sunden loszugehen. Mochte getan werden, was sich tun läßt. 
Gegen den Abschaum der Bevölkerung läßt sich nichts tun; gegen 
die Übergriffe der Militärs und Junker hat die Zeit bereits genug 
getan (und beklagenswert würde sein, wenn dabei von des Junkers 
besserem Kern mit verloren ginge): aber gegen Jenes seltsame 
Erzeugnis Preußen-Deutschlands, gegen den Oberlehrer, von 
dem wir wissen müssen, daß er unsren gefährlichsten Herrscher 
ausmachte, bleibt zu tun. Diese seltsame Mischgeburt mit ihrer 
, nationalen Pädadogik'* darf nicht und braucht nicht Uinger der 
Herr, der Verderber und Vergifter unsrer Jugend zu sein. 
Mischgeburt aus Junkermilitär und Geistlichem oder Ersatz des 



») warum las man von ihm. dem Viel^eiesenen, nscht auc". «9«3 
den , .Festgesang zur Jahrhundertfeier" ? Damit man ihn heute lesen 
kann. Er b deut t für die Tage u n s r e t Unglücks und unsrer Schmach 
und soll beitragen zur Erweckung des VaterUndct. 

60 



Geistlichen, vertrat in sich und erhielt in der aufkommenden 
Jugend der deutsche Oberlehrer den mittelalterlichen Begriff, 
der von der Nation nichts kennt als Geistlichkeit und Adel — 
die Treuschar der Feudalen hieß unter den Merowingern homines, 
wovon eine verkehrte Übersetzung die Auffassung bestätigt, daß 
sie allein die Menschen seien; außer Adel und Geistlichkeit gab 
es noch so Volk und Juden, was aber natürlich nicht mitrechnete, 
Juden schon gar nicht. Das rechnet aber von nun an sehr mit, 
und muß aufhören, daß eine Partei nur sich allein rechnet als 
Nation und nur sich als die eigentlichen Menschen unsrer Nation, 
als die Deutschen, und daß Junker, Oberlehrer und Abschaum so 
tun, als gehörte ihnen das Vaterland und als sorgten sie allein für 
dasdeutsche Vaterland. Das hat aufzuhören in Deutschland, das 
hat aufgehört in Deutschland. Die Sozialdemokraten sind nun 
auch Deutsche, die Liberalen sind nun auch Deutsche, und die 
Deutschen von Abstammung jeglicher Art, eingeschlossen die von 
jüdischer Abstammung, sind nun auch Deutsche — auch der 
Dichter der Loreley, des deutschesten Gedichtes, wird nun wieder 
ein Deutscher sein und immer mehr als einer der großen und 
klaren Deutschen erkannt werden (es ist auch an der Zeit für 
Deutschland zur Besinnung, daß es das Land der Einfachheit und 
der Liederdichtung sei, nachdem es nun schon überlang das Land 
des Schwulstes und der Liederlichkeitsdichtung gewesen). Das 
macht keinen Unterschied, von welcher ursprünglichen Ab- 
stammung ein Deutscher ist. Die Deutschen sind, wie ich im 
Werk gezeigt habe, von überaus verschiedener Abstammung, und 
die Verschiedenheit der Abstammung macht keinen Unterschied 
hinsichtlich des Deutschseins, deswegen nicht: weil es Deutsche 
von Abstammung jeglicher Art gibt, nur keine von deutscher Art 
in dem Sinne, wie unsre Antisemiten ihn festsetzen möchten, 
keine von deutschen Uiphänomenen. Die gab es nicht; was von 
den antisemitischen Rassentheoretikern dafür ausgegeben wird, 
war überhaupt nicht oder gänzlich andres, steht außer jeglichem 
traditionellen Zusammenhang mit unsrer Zeit und hat nichts zu 
schaffen mit dem lediglich politisch-nationalen Begriff ,, Deutsch" 
und unsrem deutschen Nationalcharakter. Das ist eine Wahrheit, 
die wird von Juden und Antisemiten mit verschiedenen Gefühlen 

6i 



aiigeaorr werden; und wenn sie auch nicht mit einem Schlage 
überall durchdringt, so mögen doch Antisemiten und Juden sich 
gesagt sein lassen, daO die Tatsache der deutschen Republik den 
ganz gewissen Anfang vom Ende der antisemitischen Rassenhaß- 
gelahrtheit bedeutet, und daß sich der Judenhaß in Zukunft nach 
andren Gründen unruuselien hat — denn der Judenhaß bleibt in 
der Welt; die Moral der Antisemiten h&lt so larige in der Welt 
wieder Egoismus der Juden. — Die deutsche Republik wird samt- 
liehe Deutschen wieder zu Deutschen machen, und sie muß mit 
Umsicht und mit Eifer alles tun, der Frechheit des Allein- Deutsch- 
sein-WoUens und dem So-Deutschsein-Wollen die Macht zu 
nehmen, so daß es nur bei der Frechheit bleibt. Frechheil ohne 
Macht wird auch von Mehreren als Frechheit erkannt; und muß 
es wirklich bei der Frechheit (ohne Macht) bleiben, so bleibt end- 
lich nicht einmal die Frechheit, oder zeigt sich doch weniger. 
Solche Moral, Hochmut und Übermut, Trotzen, Strotzen und 
Protzen und Verleumdung der übrigen Parteien und Gruppen im 
eignen Lande und der Volker draußen darf nicht Unger zum Re- 
gieren die ekelhafte Zutat sein und Politik bestimmen. Unsre Po- 
litik der !etzten Jahrzehnte mit ihrer klobigen, überallhin ver- 
letzenden Tappsigkeit und mit ihrem Klassenhaß- und Rassenhaf^ 
Patriotismus gleicht einem Dilettantenstuck mit übel angebrachten 
Schönheiten, mit gestohlenen und selbst fabrizierten seinsollenden 
Schönheiten; die wirken nur lächerlich, abstoßend, Abscheu er- 
regend, herausfordernd. Auch was nicht an sich selbst ärgerlich 
und ekelhaft war, wurde es im Gebrauch durch diesen Patriotismus. 
Das Wort Patriotismus selbst, dAS Wort Deutsch sogar! Der 
deutsche Patriotismus, das deutsche Nationalgefühl, <Us 
deutsche Wesen, das hieß: die verdammten Liberalen, Sozial- 
demokraten und Juden, denen allen das Deutschtum abzuer- 
kennen ist; nur wir Militärs, Junker, Oberlehrer, deutsche Stu- 
denten und Abschaum, nur wir Konservative und Antisemiten 
sind Deutsche mit dem deutschen Wesen und so viel besser ab 
die ganze übrige Welt, wie die Gesundheit besser ist als die Krank- 
heit — na, wir werden sehen und schon noch machen, daß die Welt 
am deutschen Wesen genesen soll. Das deutsche Wesen, an 
welchem die Welt genesen soll, das war eine schreckliche Prophe- 

62 



zeiung — : nun sucht tatsächlich die ganze Welt am deutschen 
Wesen zu genesen, daß Deutschland davon todeskrank ist! — Wo 
sie das Wort Deutsch aussprachen, da brütete ein Unheil über 
Deutschland; es gab auch in der Welt kein Wort, auf so ekelhafte 
Art ausgesprochen, wie von ihnen das Wort Deutsch. 

Dabei mißverstehe man mich nur ja nicht, als spräche ich 
parteipolitisch, sozialdemokratisch oder liberaldemokratisch. Ich 
bin weder Sozialdemokrat noch Liberaldemokrat, ganz gewiß 
auch kein Spartazist oder Anarchist, und man sehe, was in dem 
Kapitel ,,Der Staat und die politischen Parteien" über Berech- 
tigung und Notwendigkeit der Konservativen gesagt, aber auch 
was — im Interesse der konservativen Partei — von dieser Partei 
gefordert wird. Nämlich, daß sie aufhöre, sich als die Herrin und 
Besitzerin Deutschlands zu gebärden und als die allein ,, maß- 
gebende" Partei: wer nicht das Maß des Konservativen habe, der 
sei kein Deutscher, sie kennen als Deutsche nur die Konser- 
vativen; was doch im Grunde heißt: sie kennen nur sich. Es gibt 
aber keine Deutschen, die keine Deutschen wären; und kein Deut- 
scher auch hat das Recht, seines Deutschtums sich zu begeben 
etwa darum, weil er von gewissen Volksgenossen erfährt und be- 
handelt wird, wie es ihm nicht gefällt. Kein Deutscher jüdischer 
Abstammung z. B. hat das Recht zum Zionismus, vielmehr hat 
jeder dienationale Pflicht zum Kampf gegen den national- 
feindlichen und staatsfeindlichen Judenhaß (gegen welchen auch 
der Staat alle Mittel aufzubieten hat: der Staat kennt keine 
,, Judenfrage", aber er hat die Pflicht, um die Antisemitenfrage 
und seine, des Staates, Antwort darauf, sich mächtig zu kümmern) . 
Und darum verletzt der Deutsche jüdischer Abstammung als 
Zionist seine Staatsbürgerpflicht und schädigt andere Staatsbürger. 
Verletzt seine Pflicht, da er dem Kampf sich entzieht, in welchen 
die Deutschen jüdischer Abstammung hineingestellt sich finden, 
und schädigt andre Staatsbürger, indem er den Deutschen jüdi- 
scher Abstammung ihren Kampf noch erschwert und, als offenbar 
abtrünniger Deutscher, den Beschuldigungen der Antisemiten den 
größten Anschein der Wahrheit leiht: ,,Kein Jude kann ein Deut- 
scher sein; die Zionisten sagen's wenigstens heraus, daß sie es 
nicht sind!" — 

63 



Von der konservativen Partei muß gefordert werden, dcß sie 
sich trenne von den Antisemiten. Das haben die Konservativen 
wahrlich noch nicht getan, vielmehr (weswegen man denn 
schärfer gegen sie reden muß) enger als je mit den Antisemiten 
sich zusammengeschlossen gerade jetzt, wo der Judenhaß wieder 
so in die Höhe flammt, begreiflicherweise: weil wieder, so wie 
kaum früher, gehetzt wird zurMenschenhatz, wozu die Menschen 
immer zu haben sind, gehetzt aber zur Menschenhatz auf die 
Juden wird dieses Mal, weil j* die Juden schuld seien am Kom- 
munismus. Warum aber sollen denn die Juden nicht schuld sein 
am Kommunismus ? Warum allein am Kommunismus nicht ? 
Da ja die Juden schuld sind an allem, wozu der Kommunismus 
gehört. Die Juden sind ja auch schuld an der Sozialdemokratie, 
die Juden sind ja auch schuld am Liberalismus, die Juden sind 
ja auch schuld an der konservativen Partei! Die steht immer 
noch auf dem Programm des Juden Stahl. Warum sollten Juden 
nicht den Kommunismus einzufuhren suchen und fuhrende 
Kommunisten werden, da sie doch auch fuhrende Sozialdemo- 
kraten, fuhrende Liberale, führende Konservative und die Be- 
gründer dieser Parteien werden konnten. Juden können offenbar 
alles werden: Antisemiten können nichts werden, nur Anti- 
semiten sein. Sie können nichts werden, auch nichts gegen die 
Juden, ob sie es auch zu Pogromen bringen, — vielleicht darum 
nicht, weil die Juden alles werden können, nur keine Antisemiten. 
Könnten Juden Antisemiten werden, so könnten vielleicht auch 
die Antisemiten noch etwas werden; so ließe sich vielleicht ein 
Jude finden, der den Antisemiten den Antisemitismus besorgte 
und eine richtige antisemitische Partei machte (die Antisemiten 
sind noch keine Partei, wie ich gezeigt habe; die besseren unter 
ihnen gehören nicht zur , .antisemitischen Partei", sondern den 
andern Parteien an), ganz so wie Juden auch die übrigen poli- 
tischen Parteien gemacht haben, und überhaupt — was haben die 
Juden nicht alles gemacht! Nicht allein das Judentum, sondern 
auch das Christentum. Die Juden können eben alles machen, 
die Antisemiten können nichts machen, bastal — Wie lächerlich 
das alles! Juden sind eben gar nicht so einseitig eindeutig ,,die 
Juden", wie die Antisemiten die Antisemiten sind, solch ein 



6a 



Spezialismus in der Welt sind Juden keineswegs, sondern Juden 
sind Menschen und können, wie andre Menschen auch, alles Mög- 
liche sein, werden und machen. Juden sind nun und bleiben 
Menschen in unsrer Welt; daran ändert kein Antisemitismus. Wie 
lächerlich darum im allgemeinen, Antisemit zu sein, der die 
Juden zu Nichtmenschen macht, und wie lächerlich im be- 
sonderen, nun Antisemit zu sein wegen des Kommunismus der 
Juden, nachdem man alle die Zeit so ernsthaft Antisemit gewesen 
wegen des Kapitalismus der Juden! Kommunismus der Juden, 
das müßte ja den Judenhaß vermindern, statt ihn zu vermehren ? 
Ich weiß nichts, außer dem im Werk Gesagten, auch nicht zu 
dem jetzt wieder etwas vermehrten Antisemitismus, durch den 
sich kein Deutscher jüdischer Abstammung darf irre machen 
lassen weder an Deutschland noch in seiner PfHcht als Deutscher. 
Etwas mehr oder etwas weniger Antisemitismus: Neues ist auch 
zu dem jetzigen Mehr nicht zu sagen (das Besser oder Schlimmer 
der Verhältnisse, der Sommer oder Winter): man kennt die alten 
Lieder — es sind die alten Vögel, die sie singen. Aber die Kon- 
servativen sollten nicht mitsingen, sondern ganz stille bleiben; 
nicht das Lied auf die Juden mitsingen, welches nun, gleichen 
Text und gleiche Melodie, von aller Welt ganz besonders auf die 
Konservativen Deutschlands gesungen wird. Du deutscher 
Konservativer, sollte dich einmal einer besuchen aus einem Lande, 
wo keine Juden sind; der würde fragen, wenn du anfingest von 
Juden, was sind das: Juden ? so brauchtest du nur dein Lied auf 
die Juden zu singen, und dir könnte begegnen, daß er sagt: 
eure Juden hab ich in dem Lied schon angetroffen, nur noch 
nicht in eurer Wirklichkeit, und wußte nicht, daß ihr hier Juden 
nennt, was wir bei uns die deutschen Konservativen nennen! 
In keinem Lande wäre Antisemitismus so lächerlich wie in 
Deutschland und so selbstmörderisch: wenn Deutschland nichts 
Weiter zur Verdammung der Juden vorzubringen weiß, als was 
es gegen sie bis jetzt vorgebracht hat, so muß es aufhören zu 
verdammen, oder es verdammt immer sich selber mit. Was soll 
man in Zukunft noch andres zu Deutschland sprechen als dieses 
Eine? was läßt sich ihm antworten, wenn es fortfährt, ,,die 
Judenfrage" zu lösen mit Verleumdung Judenfrage, 

65 6 



blödsinniges Wort! Daß es Juden gibt, ist so wenig eme Frage, 
wie daß es Antisemiten gibt; und übrigens gibt es Judenfragc 
nur für Solche, für die es Antisemitenantwort gibt. Und je mehr 
Judenfrage und Anlisemitenantwort in Deutschland, desto eher 
mag man alle andern Worte und Waffen schweigen heißen und 
endlich nur dieses Einzige sagen: Schafft ihr erst einmal den 
Deutschenhaß aus der Welt, damit wir euren Juderihaß, euer 
Hassen, unterscheiden können von eurem Gehaßtwerden, und 
habt ihr Deutsche untereinander, unter euren Parteien, nur erst 
weniger Haß, Verleumdung und Hochmut — dann soll euer Haß, 
Verleumdung und Hochmut gegen die Juden etwas Besonderes 
an euch sein! 

Euren Haß untereinander, unter euren Parteien allesamt. 
Denn ich sprach nun keineswegs so aus besonderer Feindschaft 
gegen die Konservativen, die auch niemand aus dem Werk heraus- 
hören kann. Hat mich doch sogar ein Kritiker so ziemlich zu 
einem Konservativen, Alldeutschen und Kriegsverberrlicher ge- 
macht. Dieser Kritiker meint es gut mit mir; denn er bedauert 
mich, auch meine Begeisterung für Friedrich den Großen, und daß 
ich nicht bete statt, dein Reich komme, deine Republik komme! 
Ich bete aber überhaupt nicht und kann nicht einmal danken der 
anonym so edel gesinnten Seele; was wurde ihr auch mein Dank 
bedeuten, da ich mich nicht geändert und nichts gelernt habe im 
Wechsel der Zeiten. Glaube ich denn aber an wirkUche Änderung 
bei den Andern und bei den Schreibern der Andern? Ich habe 
auch niemals daran geglaubt, daß der Jagdhund sich die Beine 
abgelaufen hat und ein Dachs geworden ist; habe immer gemeint, 
der Jagdhund und der Dachs seien von Anfang an zwei ver- 
schiedene Hunde gewesen. Ein Hund sieht nur manchmal so 
aus wie ein andrer Hund, und Schreiber schreiben wohl heute 
Nein und Wasser, wo sie gestern Ja und Feuer geschrieben hatten. 
Sie haben sich darum nicht geändert und sind nicht charakterlos, 
ob auch manche Schreiber, wunderbarer als der Wunderhund, 
ganz aprilische Leute scheinen: nur die Zeit hat sich geändert — 
denn die Zeit ist charakterlos — , und die Zeit braucht nur wieder 
zu werden, wie sie gewesen ist, dann sieht man jene Schreiber 

66 



treulich wieder Ja statt Nein schreiben. Ich liebe aber derlei zwar 
anmutigen, aber unbequemen Wechsel nicht, der ja doch gewöhn- 
lich zurückführt zum Alten, und bleibe daher ein für alle Mal 
bei Einer Überzeugung, schreibe weiter Ja zu allem, wozu ich 
früher Ja schrieb, und Nein zu allem, wozu ich früher Nein 
schrieb, und lasse stehen, was stand. Wie schon gesagt, es ist 
nichts geändert und nichts gebogen im Werk, paßt noch alles, 
auch das über die Parteien, sogar das über die Bildung der Par- 
teien — nach den angegebenen Gesichtspunkten werden sich die 
Parteien immer wieder bilden. Alles Prinzipielle paßt, und was 
etwa an Schilderungen nicht mehr paßt auf die Zeit, das paßt gut 
zum Spiegel für künftige Zeiten und zur ewigen Warnung für 
Deutschland, daß es sich nicht wieder so tief herunterbekommen 
lasse. Was aber die Schilderung der Parteizerrissenheit und 
unsres moralischen Zustandes angeht, so paßt sie leider noch gar 
zu sehr — wir erleben's mit tausend Leiden; Verleumdung ist 
unsre Luft und unsre Erde ein Kot, daraus ein jeder beworfen 
wird und dahinein unser Köstliches versinkt und verschwindet. 
Das also geht nicht allein gegen die Konservativen. Ich weiß 
nichts gegen die Konservativen — außer diesem, daß sie in der 
Moral (im Verleumden, Brüskieren und als hochmütige Deutschen- 
Taxatoren und Deutschtum-Aberkenner, welche Deutschland 
fast ganz entleeren von Deutschen, und in der Besorgung des 
Dünkels gegenüber dem Ausland) noch voran seien in Deutschland, 
welches in der Welt voran ist — sonst weiß ich nichts gegen unsre 
übrigens herrliche politische Partei der Konservativen, die ich 
um alles nicht entbehren möchte, was nicht ebenso Geltung hätte 
auch gegen unsre andern Parteien. Daß wir zurzeit noch mora- 
lischer sind als die übrigen Völker, das macht bei uns den Partei- 
hader noch so viel unheilvoller. Nein, nein, nein; nirgendwo wie 
in Deutschland, daß die Menschen so aneinander vorbei und so 
gegeneinander leben mit so kurzsichtigem Egoismus und so arg- 
sinniger, boshafter Moral. In hundert Parteien und in den hundert 
Parteien tausend Meinungen und Wollungen — dabei soll Deutsch- 
land einen gesunden Allgemeinegoismus, die Kraft und Zähigkeit 
der Selbsterhaltung im besten Dasein, den Staatskörper mit der 
Staatsseele, den Geist und Instinkt eines Volkes und die aus dem 



67 



5* 



allen und nur aus dem allen sich entwickelnde gradgewachsene 
Politik von festem Charakter haben, welche seine natürliche Be- 
sonderheit inmitten der naturlichen Besonderheiten aller der übri- 
gen Staaten vertritt und schirmt? Deutschland ist unfähig zur 
Politik ; wie sich nun auch in seiner Revolutiongezeigt hat (die wahr- 
lich auch nichts Schönes hatte, wie wohl, mitten unter dem 
Schrecklichsten, andre Revolutionen hatten: leidenschaftliche, 
todesmutige Hingabe an das Vaterland. Enthusiasmus für die 
Menschheit und daß wenigstens eine Zeitlang die Begeisterung 
Feinde verbruderte, kein r-- — -nes Verbrechen aufkommen ließ, 
keinen Diebstahl, keinen B* u ..j, . Unfähigkeit und Talentlosigkeit 
auch zur Revolution. Mangel an politischen Fuhrern. weil, die 
führen wollen, meistens selber nur Parteipolitiker sind, die nicht 
einmal ihre Partei geschlossen hinter sich haben, und weil es sich 
nicht führen lassen will und so auch den g a n x e n Mann zum 
Stümper machen muß; daher auch einerlei, welch eine Regierung 
und wer der Minister der Konfusion Deutschlands ist, solang 
Deutschland die Freiheit seiner Konfasion hat. Deutschland nimmt 
keine Führung an, es sei denn durch Zwang von oben. Deutsch- 
land hatte auch dem Fuhrer Bismarck niemals Folger sein wollen. 
Der ward ihm aufgenötigt durch Zwang von oben herab; und der 
dort oben die Macht des Zwingens besafl — hat zuletzt selber re- 
belliert gegen den Fuhrer. der gut gefuhrt, ihm die noch größere 
Macht und die Kaiserkrone errungen hatte. L4nger wollte er sich 
nun nicht führen lassen: er war auch ein Deutscher. Man muß 
denken an die alten Sachsen, die sich führen ließen nur in Kriegen: 
im Frieden machte jeder, was er wollte, galt keiner über dem 
andern, war Zank und Streit. Willkur und ZufAlligkeit. 

Der Deutsche ist zurzeit immer noch der Unbändigste — und 
der Gehorsamste. In allem Unband lebt ihm Sehnsucht und Sucht 
nach Gehorsam und Zwangsjacke, und er kann, sehr unerwartet 
schnell! umschlagen aus Unbändigkeit in knechtischen Gehorsam 
und Kriecherei vor dem Herrn, der die Macht hat. Ohne solchen 
Herrn aber ist er der unbändigste Mensch, dem der allerengste und 
verderblich närrischste Sonderegoismus besser zusagt als die Ver- 
nunft und der gute Wille zum Gemeinsamen, zur Politik, zum 
Staat, zum Nationalgefühl, zum Patriotismus. Die Parteipolitik 

68 



läßt bei uns die Politik und den Patriotismus nicht aufkommen. 
Sie läßt wohl den falschen Patriotismus aufkommen, den partei- 
politischen, das Nationalgefühl der Partei, welche sich als die 
herrschende über die Nation fühlt: aber echtes Nationalgefühl 
kommt nicht auf. Daher auch keine wahrhafte nationale Er- 
hebung von Dauer so lang, wie sie dauern müßte. Keine so ganz 
wahrhafte und lautere nationale Erhebung war diese letzte, wo 
in ihrer Not aus Not die gottbegnadeten Herrscher und herrschen- 
den Militärs, Junker, Oberlehrer, deutschen Studenten und Ab- 
schaum so schnell riefen, sie, die sonst so Langsamen: Wir kennen 
keine Parteien mehr! Das war Betrug. Das hieß: Wir, die 
Deutschen, die natürlich keine Partei sind (denn wir sind die 
Herrschenden), wir verzeihen euch Parteien der Liberalen und 
Sozialdemokraten (sogar die Juden darunter dürfen meinen, 
sie seien mit einbegriffen), daß ihr nicht immer so willig euch 
beherrschen ließet, und in Zukunft dürft ihr sogar, das ist ein 
heiliges Versprechen — aber jetzt erhebt euch nur erst einmal 
ausnahmslos in Kampf und Tod; ihr seht selber, daß ihr alle nötig 
seid! Und die gemeinten Parteien erhoben sich, aber nicht aus 
dem Herzen allein für ihr Vaterland, sondern auch , weil sie von dem 
Ruf und Versprechen aus Galgenangst sich betrügen ließen. 
Liberale, Sozialdemokraten, unter ihnen natürlich auch solche 
von jüdischer Abstammung, glaubten wirklich, daß von Stund 
an sie das echte deutsche Hurra vollberechtigt mit den herrschen- 
den Deutschen würden mitschreien dürfen; das schien Vielen ge- 
waltig begehrenswert. Man ließ sie in dem Wahn, bis man sie 
hatte und ihrer sicher war, daß sie nicht wieder davon konnten und 
helfen mußten, länger hielt man sich keinen Augenblick; und 
als endlich doch alles nichts half und man, mit den Helfern, mit 
den Parteien, an den Galgen mußte, da kannte man doch wenig- 
stens am gemeinsamen Galgen wieder die Parteien, die 
völlig undeutsch da sq hingen, und allein die gottbegnadeten 
Junker, Oberlehrer und Abschaum hingen echt deutsch am 
Galgen, daß die Welt doch vielleicht noch die Lust überkommen 
konnte, an ihnen zu genesen. Da war es vorbei mit allem echten 
Nationalgefühl der Parteien und gab nur noch das ärger als 
zuvor ins Kleine und Gemeine gehende falsche Nationalgefühl 

69 



der gottbegnadeten Partei, der ..ueuischnationalen" Partei, der 
Partei: die verdammten Liberalen, Sozialdemokraten und Juden! 
Kein Land hat so wenig Nationalgefuhl als unser Deutschland — 
und angesichts dieser Tatsache mag Deutschland auch seinen 
Zionisten verzeihen: sie haben gelitten und waren nicht stark ge- 
nug; und mag diesen Abtrünnigen des Deutschtums verzeihen um 
jener Deutschen judischer Abstammung willen, welche ru den 
guten Deutschen gehören, d« sie, trotz dem gegen s i e wahr- 
lich nicht schweigenden falschen Nationalgefuhl, erfüllt sich 
zeigen von echtem. Aber im Ganzen fehlt uns dieses nur allzu 
sehr, fehlt um Nationalgefuhl und Einigkeit; die Deutschen 
trauen einander am wenigsten, weil sie einander als so moralisch 
und unbändig egoistisch kennen. In den Tagen unsres Unglücks 
und unsrer Schande, da wir durch nichts andres hätten gerettet 
werden können als durch Nationalgefühl, da verklagten wir ein- 
ander und nalimen einander an den Haaren statt einander ru 
helfen, und Deutschland, mit seiner erbärmlichen Ungerechtig- 
keit, mit seinem Menschenhaß und seiner Menschenhetze in sich 
selbst, glaubte lieber an die Gerechtigkeit seiner Feinde. Glaubte 
lieber, mit den kindischen ..Pazifisten" — aber mit wem, bald so, 
bald so, glauben die Deutschen nicht und nach welcher Seite hin 
delirieren sie nicht ? — Deutschland glaubte lieber an die Ge- 
rechtigkeit seiner Feinde als an sich selbst und ließ sich ent- 
machten, beruhigt hinter dem Wort WaffenstillsUnd und Ge- 
rechtigkeit, dumm wie ein Pazifist ein Volk, das die 

Waffen wegwirft, macht den maßvollsten Feind zu seinem er- 
barmungslosen Betrampier und Würger. Kein Gemeinschafts- 
egoismus, kein Nationalgefuhl, keine Politik. Die Politik der 
Revolutionsregierung mußte noch elender sein als die der Kriegs- 
regierung, weil ihr diese vorangegangen war. Keine Politik, 
kein Nationalgefuhl; es dachte nur jeder: Rette sich, wer kann! 
so daß bei uns der Anarchismus einbrechen mußte; und liegt 
wahrlich rucht an unsrem minderwertigen Egoismus, an unsrer 
Unvernunft und schlechtem Willen, wenn Deutschland nicht 
wieder zerreißt in seine sämtlichen Verschiedenheiten. 0. unser 
Unglück und unsre Schande, die unser größtes Unglück ist! 
Nun kennen wir sie; dies ist unsre Schande, die Wurzel 

70 



unsres Unglücks und Überunglücks: daß wir ohne National- 
gefühl sind! 

Schmerz ohne Trost, nicht glauben zu können an unser 
Nationalgefühl; woran auch Bismarck nicht glaubte. Für unser 
Unglück und für unsre Schande gibt es keinen Trost; denn durch 
uns ist die deutsche Freiheit zugrunde gegangen auf lang hinaus 
— die kann uns keine Freiheit der Demokratie ersetzen; die 
wird uns nicht vergütet durch den Zank der Parteien: ,,Du bist 
schuld — nein, du bist schuld!" noch durch die angesteckten 
Deutschen — denn gleichwie es vom Antisemitismus angesteckte 
Juden gibt, so gibt es angesteckte Deutsche, die bereits viel zu 
sagen wissen von dem, was unsre Feinde sagen: daß es in der 
Geschichte noch nicht fluchwürdige Verbrecher unsresglelchen 
gegeben hat. Davon ist nichts wahr, als daß dies unsre Hasser 
sagen; was aber ich gesagt habe, war nur, daß wir zurzeit noch 
moralischer gewesen seien als unsre Hasser, bis wir nun auch 
diese ganz moralisch gegen uns gemacht haben. Ich sagte aber 
nur: Zurzeit (vgl. S. 155), und ich will hoffen, daß Deutschland 
lernen wird. Deutschland ist klüger und besser als die jetzigen 
Deutschen. Deutschland wird lernen aus dem Unglück, und der 
Hochmut mit seinen ungesunden Dünsten wird aus unsrem Lande 
weichen. Möchten wir das Memoriale und seine Lehre beherzigen: 
,, Hochmut war herrschend, Wankelmut sein Ratgeber, Übermut 
sein Meister, Demut und Wehmut waren die Hofschranzen. 
Freimut war aus dem Lande verbannt, Sanftmut und Edelmut 
mußten ihm ins Exil folgen. Endlich ging des Volkes Langmut 
zu Ende, und sein Unmut brach aus. Es schüttelte die trübe 
Schwermut und den unmännlichen Gleichmut ab und eroberte 
sich, von dem zurückgekehrten Freimut angeführt, sein Recht 
und seine Freiheit. Kleinmut erfüllte die sonst so Hochmütigen, 
und sie fürchteten sich, — aber das Volk übte Großmut!" 

Deutschland wird lernen aus seinem Unglück und wieder auf- 
kommen auch zu seiner Freiheit unter den Völkern — nicht in 
dem und durch den Völkerbund. Sonst ließesich wohl auch hoffen, 
daß es mit Judenhaß vorbei sein werde, wenn einmal Jude und 
Antisemit mitsammen auf einem Schiff fahren und an einer Tafel 

71 



essen. Gerechtigkeit durch Volkerbund — ja, komm morgen 
wieder! Deutschland muß das Geschwätz von der Gerechtigkeit 
und das übrige Moralgeschwätz fahren lassen und die Moral- 
praxis seines Parteihaders aufgeben, welche ihm das National- 
gefuhl, den Egoismus, die Pohtik zerstört, ihm die Wirklichkeit 
unerkennbar macht und es den Riesen bleiben läßt, der noch ein 
Auge weniger hat als Polyphem. Wenn wir den Hochmut und 
das Geschwätz der Moral lassen, dann kommt Deutschland wieder 
auf aus der Zerschlagenheit — im Zweiten Deutschen Kriege. 
Ja, wir, die wir wahrlich nicht durch einen Krieg reaktionäre 
Wunsche zu erfüllen gedenken, nicht uns rächen wollen, keinen 
Haß kennen (auch nicht aus Leidenschaft für unser Vaterland) 
gegen die andern Nationen, die von uns vielmehr bewundert 
werden in jeglichem, worin sie uns überlegen sind; wir, die wir 
den Krieg und alles, was mit ihm zusammenhängt, so grundtief 
verabscheuen — wir erbärmlich Friedfertigen müssen nun er- 
sehnen mit inbrunstiger Liebesglut und segnen diesen verfluch- 
baren Zweiten Deutschen Krieg, der kommt, uns unser Recht, 
das ist unsre Macht und unsre Freiheit wieder zu geben. Der 
kommt, der kommt. S i e halten nicht für wahrscheinlich, daß 
er kommt, weil wir so hart niedergehalten nun sind und wegen des 
Volkerbundes? Darum ist es, daß man nichts errät von der 
kommenden Geschichte, weil man immer nur an das Wahrschein- 
liche denkt: die Geschichte aber ist zumeist das Unwahrschein- 
liche und Verborgene; das Hauptsächliche der Geschichte war 
und wird sein das uns AUerunwahrscheinlichste. Unser Zweiter 
Deutscher Krieg, der uns unsre Macht und Freiheit zurückgibt, 
ist noch lange nicht so unwahrscheinlich wie das Hauptsächliche 
der Menschengeschichte: das Christentum durch den armen, ver- 
lachten, gehenkten Juden. Ihr durftet nur nicht die Weisen und 
Mächtigen über ihn fragen: nicht die Schriftgelehrten und Hohen- 
priester, nicht den römischen Statthalter Pontius Pilatus; ihr 
durftet Christus selber nicht fragen; ihr dürft nicht einmal hinter- 
her euch fragen, denn heute immer noch erscheint euch, daß und 
wie dieses Christentum in der Welt wirklich zu werden vermochte, 
das denkbar Unwahrscheinlichste und der geheimste Vorgang. 
So unwahrscheinlich ist Deutschlands Wiedererhebung nicht; 

72 



und so unwahrscheinlich wie der Völkerbund erst recht nicht. 
Und ist nicht unwahrscheinlich nur, auch wahrscheinlich. Die 
Zeit war wider uns: die Zeit wird mit uns sein; und der Völkerbund 
ist unwahrscheinlich, unsre Kraft aber nicht allein wahrscheinlich, 
sondern wirklich und gewiß. Den Lebenskeim unsrer Kraft 
haben sie nicht besiegt, die Kraft können sie niemals besiegen, 
so wenig wie dieser Kugel die Bewegung verbieten und hindern, 
auf der wir alle durch den Raum dahinziehen. Du Deutschland 
der Kraft, deine Kraft ist noch nicht zunichte geworden, die Kraft 
muß wirken; du wirst größer noch stehen, als du standest, in 
Felsendauer. Ich sage dir nicht: weil du besser bist! Du bist 
so schlimm wie deine Feinde; ja, deine Feinde sind so gut wie du! 
Aber mein Deutschland bist du (mir auch Beides, gut und schlimm, 
was ich Beides lieb haben muß von Herzensgrund), und deine 
Kraft kommt auf wieder nur in diesem Zweiten Deutschen Krieg, 
von dem wir nicht so heimlich nur flüstern, von dem wir laut 
reden wollen Tag und Nacht, und dazu sage Ja, wer ein Deutscher 
ist. Und wer Nein dazu sagt, der ist doch ein Deutscher und hilft 
dazu mit seinem Leben in den Zukunftstagen unsrer wahrhaften 
nationalen Erhebung, unsres wahrhaften Egoismus, der gelernt 
hat, Maß zu halten (nur nicht für unsre Freiheit), und nicht ver- 
traut und opfert solcher Welt und ihren Göttern und ihrer Ge- 
rechtigkeit, Völkerrecht, Völkerbund, sondern allein der eignen 
Kraft und Einigkeit — die Völker reden alle schwachsinnig, aber 
sie haben in der Wirklichkeit keinen Bund außer zu selbstnützigen 
Zwecken oder durch Eroberung und Zwang zusammengehalten 
(Weltmonarchien) , und haben kein Recht und keine Freiheit als 
die ihrer eigenen Kraft und haben in der Wirklichkeit, d. h. in 
unsrer unveränderlichen Welt des Egoismus, niemals andren 
Bund noch andres Recht und andre Freiheit zu erwarten. Das 
muß Deutschland lernen und nicht den Göttern und der Gerechtig- 
keit opfern, sondern d i e Götter und d i e Gerechtigkeit und sich 
selber retten. Möchte Deutschland das erste Volk sein, welches 
aufhört, schwachsinnig zu reden — es bedarf nun schon eines Be- 
sonderen in der Welt, um wieder aufzukommen, unser Deutsch- 
land. Dann wird — nach langem Elend und Not — dann wird 
Kraft zu Kraft sich sammeln aus allen seinen Verschiedenheiten 

73 



und wird jede Kraft die andre Kraft noch höher kräftigen, und 
wird ein Sturm und ein Feuer wird sein im deutschen Lande, damit 
eine Hitze zu bringen auch in die kalten Herzen; dann sage Nein 
zur deutschen Freiheit, wer kann — ein jeder will nur Feuer, 
keiner Wasser; dann werden alle Hölzer und alle Steine brennen, 
und das Schicksal spricht Ja zu Deutschlands Freiheit! Dann 
wird wahrhaftes Bewußtsein und Gewißheit unsrer Selbst, dann 
wird Deutschlandsliebe und Deutschlandsleidenschaft unsre Herr- 
lichkeit wieder aufrichten aus der Störung in das schönere Leben: 
die Herrlichkeit des einigen, des vieleinigen deutschen Reiches 
mit dem in allen seinen Verschiedenheiten einträchtigen deut- 
schen Volksgeist, edel verharrend in sich selber, wurdip hervor- 
tretend nach aul^n. 

Meine Augen werden den Glanz des Feuers nicht mehr sehen, 
und ich kann nicht vqn den Funken sein, die den Brand entfachen. 
Ich muß dich lieben in deiner Schmach und Trauer, mein Deutsch- 
land. Du wirst sehr traurig sein, mein Deutschland. Du wirst 
nicht klagen, du wirst dir aber auch kein Lachen bereiten. Viele 
in dir werden auch lachen und fröhlich sein; denn viele sind 
fröhhch, wenn sie zu essen und zu trinken und zu lieben haben 
— ,, heute leben wir!" — und denken nicht an dich. Du zürnst 
auch diesen nicht; denn du denkst an sie alle und an den Tag 
des Heilfeuers, wo sie alle an dich denken. Laß sie vergessen und 
lachen, bis sie denken werden. Du vergißt nicht, du denkst, du 
bleibst nun das Deutschland in der Welt, hart, so steinern und 
weiß dein edles Angesicht und schaurig unbewegbar, entschlossen 
zu deiner Freiheit; du wirst Blut sammeln fortan, um es alles 
wieder zu vergießen für deine Freiheit. Wie liebe ich mein 
Deutschland in seiner düstern Schmach und in seiner lichtbe- 
seelten Wundergroße! Ich liebe Deutschland. Deutschland über 
alles, über alles in der Welt. 

Was ich noch mehr liebe, das ist nicht Welt. 

Potsdam, Juli 1919 

Constantin Brunner. 



74 



DER JUDENHASS 
UND DIEJUDEN 



DIE ANTISEMITENFRAGE. 

Die Antisemitenfrage für Deutschland — in Rußland gibt es 
auch eine Judenfrage; denn in Rußland gibt es Juden, keine 
Russen jüdischer Abstammung, wie in Deutschland Deutsche jü- 
discher Abstammung — die Antisemitenfrage für Deutschland 
läßt sich vom Standpunkte der Antisemiten aus etwa folgender- 
maßen formulieren: 

,,Wie können wir, die Minderheit der Deutschen, der wahrhaft 
deutschen Deutschen, wie können wir Befreiung finden aus dem 
Ghetto ? Denn wir leben im Ghetto. Früher lebten die Juden im 
Judenghetto, abgesperrt durch die Deutschen: sie wurden heraus- 
gelassen, und seitdem hat sich's immer unglücklicher gewendet, 
bis nun tatsächlich wir Deutsche im Deutschenghetto leben, ab- 
gesperrt durch die Juden. Deutschland ist Judenland geworden. 
Die bei weitem größte Mehrheit derDeutschen, in denen nicht, wie 
in uns, das Bewußtsein der Deutschheit so echt und treu lebendig 
geblieben, sind in die Hände der Juden überantwortet und selber 
verjudet bereits. Die Juden — vaterlandslose Betrüger, Verführer, 
Verderber — übervorteilen die Deutschen auf alle schlimmste Art, 
bringen sie um ihren Besitz, um ihr Glück, um ihren Frieden, 
reden ihnen eine Philosophie, eine Kunst und Literatur auf, die 
ihrem, der Deutschen Empfinden nicht entsprechen und es ver- 
fälschen, treiben ihre ganze Denkweise in ein der deutschen Seele 
fremdes und schadhaftes Wesen. Die Juden wollen mit der Hölle 
den Himmel verbrennen. Sie sind geschworene Feinde der 
ganzen Menschheit und wollen die Weltherrschaft an sich reißen; 
doch haben sie es besonders auf uns Deutsche abgesehen, die von 
ihnen am grimmigsten gehaßt werden. All unser soziales und auch 
alles politische Unglück, das heutige wie das frühere, haben allein 

77 



die Juden über uns gebracht. Sie wollen uns alles, alles umreißen, 
uns zu Sklaven machen, uns vernichten, unsern Staat zerstören; 
wir kämpfen gegen sie den letzten Verzweiflungskampf." 

Da nun aber dieses offenbar gegen die Wirklichkeit ist und ein 

unglaubliches Gerede von den fünfundsechzig Millionen 

Deutschen reden so über die unter ihnen befindlichen Sechs- 
hundertfunfzigtausend von jüdischer Abstammung nur die An- 
tisemiten; und sehr, sehr viele Deutsche auch nichtjüdischer Ab- 
stammung meinen den wahren Sachverhalt auf gaiu andre Weise 
verstehen zu können: daß zwar nicht das eine Prozent der Be- 
völkerung Deutschlands (die Juden) die andern neunundneunzig 
Prozent beherrscht, daß aber allerdings die Antisemiten, mit ihrem 
schweren Haupt&rgernis an den Juden, von diesen beherrscht sich 
zeigen, von ihnen besessen sind. Schwerlich stellen die Deutschen 
die Neunundneunzig vor, die durch den Einen vergewaltigt und 
besllndig im Zittern erhalten werden — solche Gimpel, Memmen, 
Krinklinge sind die Deutschen keineswegs und so groß ist ihre 
,, Furcht der Juden" nicht. Es hat andern Anschein, als meinten 
die nichtantisemitischen NichtJuden Deutschlands, an Stelle des 
Wortes Juden könnte rtian ebenso g\it sagen: Verbrecher und 
Schurken aller Art. Trotz bestehenden Vorurteilen gelten ihnen 
die Juden im allgemeinen nicht für schlechter als die übrigen Volks- 
genossen, auch nicht für schlechter als die Antisemiten; ihre wich- 
tigsten Angelegenheiten, die Sorge für Vermögen, Gesundheit und 
Leben wie auch die Vertretung der politischen Interessen legen sie 
in ihre Hände; haben mit ihnen Gemeinschaft, worin kaum mehr 
Unverständnis und Mißverständnis spielt, als sonsthin unter 
Menschen der Fall zu sein pflegt; der Mischehen, bis in die be- 
kanntesten und angesehensten Familien hinauf werden immer 
mehr (wodurch auch die Behauptung von einer angeblichen 
Rassenabneigung physiologischer Natur erschüttert wird), und es 
bestehen noch zahlreiche andre Verhältrüsse in der Atemluft der 
herzlichsten Liebe. Und ferner: es gibt auch noch Anti-Antise- 
miten, von denen die Antisemiten als Leute bezeichnet werden, 
die das unter uns vorhandene Unglück und unsre sozialen Leiden 
in frevelvollem Spiel für ihren Vorteil auszubeuten suchen; von 
denen also die Antisemiten für so verderblich wie verdorben ge- 

7« 



halten werden^) . Und ferner gibt es sogar — gegen die Gefäße, die 
überlaufen von der Ungerechtigkeit der Juden, gibt es auch noch 
andre, die ihre Gerechtigkeit und Tugend fassen: es gibt sogar 
Philosemiten, welche den Juden nicht nur als Menschen ihr natür- 
liches Menschenrecht zugestehen, sondern noch obendrein als 
Juden sie besonders lieben und hochhalten — und schließlich gar, 
aus entgegengesetzten Gründen, dasselbe von ihnen prophezeien 
wie ihre Feinde; so sagt z. B. Emile de Laveleye: ,,Die Rasse der 
Juden ist meiner Meinung nach die intelligenteste und tatkräftigste 
unter allen Rassen der Welt, sie wird die Herrin dieser Welt 
werden und wird es auch verdienen" ; und ich kenne zwei (und darf 
also wohl annehmen, daß solcher mehr sind), von denen allen 
Ernstes beklagt wird, daß sie keine Juden seien. Und zu allerletzt, 
mit Respekt zu melden, gibt es noch Juden — die Juden so, wie 
sie an sich selber wirklich sind. 



^) Max Müller nannte sich selber einen Anti-Antisemiten. Ein Juden- 
feind, sagte Varnhagen von Ense, müsse „einen dunklen Fleck im Herzen 
oder im Verstände und wohl auch in seinem Leben haben"; man hat auch 
wohl bereits gefragt: „Ist es ein Zufall, daß von den Führern der Anti- 
semiten Dutzende, selbst von ihren Parteigenossen fallen gelassen, in der 
Dunkelheit, im Gefängnisse oder im Zuchthause nach einiger Zeit ver- 
schwanden?" und man hat gesagt: „wenn die Juden in ihrer Mehrzahl 
von derjenigen sittlichen Beschaffenheit wären, die wir bei fast allen in der 
Öffentlichkeit hervorgetretenen Antisemiten finden, dann wäre der 
Antisemitismus berechtigt." Es fehlt auch nicht an Männern, von denen 
die Anklagen der Antisemiten schnurstracks umgekehrt werden; so sagt 
z. B. Gottlieb Aug. Schüler (Die Judenfrage, Marburg 1880): „Das deutsche 
Volk hat seine große Überzahl im Verhältnis zu den Juden in seiner Mitte, 
die Macht und die Stellung der Herren zu den Gefangenen, welche ihm 
Gott gegeben hatte, in charakterlosester, unedelster und unwürdigster 
Weise mißbraucht;" es hätte die Juden zu seinen Unsittlichkeiten und zu 
seinen eignen Verbrechen verführt, „die heiligsten Bande der Natur, jedes 
Rechtes, jeder Sitte, jedes Adels, jedes Anstandes, jeder Gewissenspflicht 
hat es damit zerrissen. In welch unerhörter Weise hat das deutsche Volk 
die armen Juden seit Jahrhunderten mit dummem Stolze, vor welchem 
Paulus die Heidenchristen schon warnt, mit unerhörter Verachtung, mit 
bittrem Hohne, mit größter Grausamkeit, mit kältestem Hasse mißhandelt 
. . . Ja, sprechen wir es ungescheut aus: das deutsche Volk hat dem Gaste 
Israel durch dieses alles tausend und abertausendmal mehr geschadet als 
die Juden ihm je geschadet haben und schaden." 

79 



Wer keiint nun die Juden nach wahrhafter Intimitit, — so wie 
sie tatsächlich sind in ihrem Fühlen, Wissen, Wollen und im 
innersten Triebwerke ihrer Natur? Wo finden wir von den in- 
wendig steckenden Juden das Spiegelbild, welches nichts wieder- 
gibt als die wirklichen Juden? Soll man sich an die Antisemiten 
halten oder an die PhUosemiten oder an die Juden selber ? Et 
heiBt: Keiner kennt den Andern, und es heißt: Keiner kennt sich 
selbst. Nun, am Ende bt nicht das Kennen das Wichtigste, sondern 
andres. Was aber das Kennen betrifft — immerhin doch auch 
gewaltig Wichtiges — , so will mir scheinen, daß jedenfalls von den 
Antisemiten die Juden nicht gekannt werden; das sind keine 
Richter, die immer gleich Henker sein wollen. Das meiste, was die 
Antisemiten vorbringen, ist Verleumdung; und vieles, was Andre 
über die Juden sagen, ist nicht besser als Stummheit, manchesmal 
schlechter. Ach, die Literatur über die ,, Judenfrage"! Ich 
kenne ja nicht alle Bucher, aber leider viele; alle kennen zu 
lernen geht über die Kraft des gewohnlichen Sterblichen — die 
gaiue Literatur für und die ganze Literatur gegen die Juden 
hat vielleicht nur Herkules gelesen. In der Tat, diese beiden 
Literaturen sind die beiden fürchterlichsten und larigweiligsten 
RiesenwiederkAuer der Welt. Selbstverstindlich sind auch Aus- 
nahmen und lobenswerte Bücher zu finden — sogar unter den 
modernen. Über die modernen Bucher sei noch folgendes be- 
merkt. Die statistischen und alle die übrigen sozusagen philo- 
logischen Bucher sind naturlich in höherem Sinne nicht als 
Bücher, sondern bestenfalls als Material für Bucherschreiber 
zu rechnen; Philologen sind keine Schriftsteller, nicht viel mehr 
als Leinewand- und PinseUieferanten Maler sind. Aber ebenso- 
wenig verdienen den Namen Schriftsteller die Schreiber, welche 
mit dem Ansprüche, mehr als Philologen zu sein, nAmlich nicht 
nur mit Stofflichem, sondern mit Gedanklichem zu kommen, 
der modernen Vornehmigkcit sich befleißigen und sine ira et 
studio schreiben (außer wo Eitelkeiten ihrer Mattherzigkeit 
und Schlafmutzigkeit ein Temperamentchen machen). Solche 
Schreiber haben sich zwischen die Stuhle der Philologie und 
Schriftstellerei gesetzt, und schon ihr ..Sine ira et studio" gibt 
das sichere Kennzeichen an die Hand, daB ihr Geschriebenes 

So 



nicht schreibenswert und nichtsnutzig ist; denn alles Gute ist 
immer wesentlich nee sine ira nee sine studio aus herzgeborenen 
Gedanken, denen auf Andres ankommt als auf glattgestrichene 
Objektivität. Und gar nun bei einem Buche, das mit Verkehrt- 
heit und Schändlichkeit sich zu befassen hat, müßte ja, der es 
schreibt, selber verkehrt und schändlich sein, wenn er so schreibt, 
als gäbe es keinen Unterschied zwischen Wahrem und Verkehrtem, 
Schönem und Schändlichem. Da hört ,,die Objektivität" auf, 
in dem ganz Wille und Kraft des Guten gewordenen Gewissen 
— Gewissen ist niemals objektiv und neutral, sonst wäre Ge- 
wissen kein Gewissen, fühlte nicht, was es fühlt, wüßte nicht, 
was es weiß, wollte nicht, was es will, vor allem aber, könnte 
nicht, was es kann: etwas ausrichten in der Welt! — Urteilen 
über die Juden ist nicht einfach, keiner auch glaube, sie nach 
ihrem wirklichen geheimsten Leben erfaßt zu haben, wenn er 
etwa die Mitte nimmt zwischen Philosemitismus und Antisemi- 
tismus — ein gelbes Glas vor das eine und ein blaues Glas vor 
das andere Auge gehalten, macht grüne Gegenstände; und die 
Weihrheit ist nicht in der Mitte: der Schafskopf ist in der 
Mitte. Wir müssen nach links und nach rechts und nach 
hinten uns umsehen, dürfen nicht das Verhältnis der Juden zur 
Geschichte außer acht lassen und auch wahrlich nicht vergessen, 
die in ihnen ruhenden Hilfskräfte in Arischlag zu bringen und vor- 
wärts zu blicken. Es ist auf keinen Fall genug, daß wir ihren 
jetzigen Zustand betrachten: es gilt, die Stellung und Bedeutung 
der jüdischen Rasse unter den übrigen Menschheitsrassen nach 
Seiten der Körperlichkeit wie der Geistigkeit zu ergründen und 
zu formulieren; und, was das allgemeine Urteil über die Juden 
betrifft, müssen wir endlich sogar auch das Urteil über- 
haupt und das Allgemeine der menschlichen 
N a t u r in Betracht nehmen. Sogar ? Daß ich es nur heraussage: 
das ist vielleicht das allerwichtigste ; es ist mindestens so wichtig, 
wie das andere, wie die Bestimmung der jüdischen Rasse nach 
ihrem Verhältnis zu den übrigen Rassen. Fragt man: Warum 
schreibst du dieses Buch über den Judenhaß und die Juden, und 
was unterscheidet es von den bisherigen Büchern ? so lautet die 
Antwort: ich komme endlich, nachdem ich lange, lange 

8i « 



vergeblich gewartet habe, daß ein anderer kommen und die zwei 
noch nicht begangenen Wege gehen würde, die denn nun ich gehen 
werde — wo diese Wege zusammentreffen, und nur dort, haben 
wir die Erklärung für die Juden sowohl wie für den Judenhaß; die 
Berechtigung dieses Werkes liegt in der Verbindung der richtigen 
Bestimmung von der jüdischen Rasse mit der Betrachtung der all- 
gemeinen menschlichen Beschaffenheit. Hauptsächlich die gänz- 
liche Vernachlässigung dieser letzterwähnten Betrachtung erklärt 
uns die Tatsache, daß in der Literatur über unsern Gegenstand, 
bei so viel überschüssig Überflüssigem, noch kein Grundbuch zu 
finden, welches das Wort zur Sachespricht, und. höhere Forderungen 
befriedigend, auch den Denkenden einen Standpunkt gewinnen 
macht. Wir begeben uns, was das allgemeine Urteil über die 
Juden anlangt, jeder Möglichkeit des Begreifens, wenn wir nicht 
auch den Zustand der menschlichen Seelenbeschaffenheit und im 
besonderen das Urteil ansehen: welch eine Bewandtnis es eigentlich 
mit der Fähigkeit auf sich hat, die wir Urteil nennen, wieweit sie 
überhaupt zum Urteilen und Verstehen geeignet ist, und wie jeg- 
liches Nichtverstehen nicht etwa nur ein Nichtverstehcn, sondern 
sogleich auch ein Mißverstehen ist. 

Gar auf die Antisemiten ist, wie gesagt, hier nicht viel zu geben; 
denen der Haß zu sehr das Urteil erleichtert. Die Juden sollen von 
ewig her nur der niedrigsten Gedanken und des schJLndlichsten 
Lebens fähig gewesen sein ? Andre urteilen entgegengesetzt über 
sie; so zum Beispiel Hegel, bei dem sie das Volk des Geistes heißen, 
Ibsen nennt sie den Adel der Menschheit und (der von mir 
nicht gern zitierte) Nietzsche, der ,,die Maxime" geprägt hat: 
,,Mit keinem Menschen umgehen, der an dem verlogenen Rassen- 
schwindel Anteil hat", bezeichnet sie als das ethische Genie unter 
denVölkern. Urteil so oder so. ob man siehaßt oder liebt — Hassen 
macht so wenig klüger als Lieben — : Tatsache ist jedenfalls, daß 
die Völker diejenigen Gedanken, welche von ihnen selber als die 
höchsten und erhabensten bezeichnet wurden und werden, bei den 
Juden sich geholt haben, und der erlauchteste Name, den die 
Menschheit zu nermen weiß, ist der eines Juden. Leroy Beaulieu 
schreibt: ,,Um uns die Unfähigkeit des Semiten für den Idealismus 
zu beweisen, führt man uns den Chaldäer, den Phörüzicr, den Kar- 



82 



thager, den Araber an: was soll all diese Völkerkunde, da doch seit 
zweitausend Jahren unsre Seelen von dem Ideale leben, das uns 
die Kinder Judas gebracht ?" In bezug auf diese Tatsache übrigens 
stimmt keineswegs alles, nichtalleinnichtbeidenAntisemiten: auch 
nicht im allgemeinen Urteil der Welt; auch nicht bei den Juden. 
Das geschichtliche Denken, die ganze Weltgesinnung ist hier ins 
Schiefe und Verwirrte, in Verdrehung und Widerspruch zu sich 
selbst geraten; worauf mit gebührendem Nachdruck hingezeigt 
werden soll. Aber die Tatsache stimmt, man kommt über sie 
nicht hinweg, am wenigsten mit Haß und Verachtung der Juden; 
zuletzt muß ihnen dennoch ein bedeutendes Sein und Wirken zuge- 
sprochen werden, welches die Antisemiten auch nicht einmal zu 
begreifen imstande sind, die statt dessen, wie der erste Schreiber 
gegen den Antisemitismus^) sich ausdrückt, ,,den schändlichsten 
Frevel treiben: solche, welche die Wahrheit zu erforschen sich 
keine Mühe geben, in Irrtum, Flausen und Lügen zu erhalten". 
Die Antisemiten schaffen sich imaginäre Juden, da die wirk- 
lichen ihrem Haß und Verachtungsbedürfnis kein Genüge tun; 
ihre Behauptungen widersprechen durchweg der Tatsächlich- 
keit. Z. B. die Juden strebten nach der Weltherrschaft und be- 
säßen sie schon zum Teil ? Von Weltherrschaft der Juden läßt 
sich doch wohl nur reden, wenn man unter dem Worte Herrschaft 
Unterdrücktsein versteht; und sieht man auf die Feindschaft, der 
sie von vielen Seiten her sich ausgesetzt finden, und wie sie wirt- 
schaftlich zurückgedrängt werden, und ferner darauf, daß ihreZahl 
durch Taufen und Mischehen sehr beträchtlich vermindert wird, 
und endlich gar auf den ungewöhnlichen Rückgang der Geburten 
unter ihnen: so könnten Urteiler von ähnlicher geschichtlicher 
Kurzsichtigkeit, wie sie den Antisemiten eignet, und von gleicher 
Neigung zu großen Worten, mit immerhin besserem Rechte viel- 
mehr von einem Verzweiflungskampf der Juden reden und deren 
Untergang prophezeien^). Ihre Lage in der Welt ist im allge- 



^) Josephus c. Apion. II, 9. 

^) Die Zahl der Mischehen ist wie die der Taufen beständig wachsend, 
und die Kinder aus den Mischehen sind nicht etwa zur Hälfte jüdisch: 
nach einer statistischen Berechnung waren am i. Dezember 1905 von 
Kindern aus solchen Mischehen nur 22,67 Prozent jüdisch, wovon ganz 

83 '' 



meinen wahrlich nicht danach, daß sie an Weltherrschaft denken 
könnten; neun Zehntel der Juden leben in Schmach und äußerster 
Lebensnot und tragen dies mit Heroismus — der englische 
Reisende E. B. Lanin schreibt: eine der Maßregeln gegen die 
russischen Juden wurde hinreichen, in einer Woche drei Viertel 
der russischen Christenheit zum Buddhismus oder zum Scha- 
manentum zu bekehren. Schwerlich auch sinnen die Deutschen 
judischer Abstammung auf Deutschlands Vernichtung. Durchweg 

— was für die Staatsburger im Rechtsstaate das Entscheidende ist 

— tragen sie im gleichen Verhältnis wie die übrigen Staatsburger 
alle Lasten und erfüllen sie alle Pflichten, die der Staat auferlegt; 
trotzdem sie hinsichtlich der Rechte immer noch Beschrankungen 
erfahren und noch im Kampfe stehen, damit auch für sie die 
Lasten und Pflichten und Verdienste das Maß ihrer Rechte und 
Freiheit werden und daß ihnen ihr Rechts- und Friedenskreis 
unangetastet bleibe. Die Deutschen judischer Abstammung emp- 
finden vielleicht so vaterlandshaft, sind so nationaipolitisch, so 
nationalsozial und so rvationalkulturell wie die Deutschen von 
andrer Abstammung — metun mit Metermaß I4ßt sich's nicht; 
wir wollen sehen, was uns davon im folgenden aufstößt. Das Ver- 
derben Deutschlands können sie unmöglich sein: unser Deutsch- 
land hat noch nie so groß in der Welt gestanden wie eben in diesen 
Zeiten, wo die Antisemiten unaufhörlich wegen der Juden ihr 
Finis Germani.ie wimmern, und wo noch andere schlimme Leute 
in Deutschland vorhanden sind, welche an Zahl die Zahl sAmt- 
licher Juden Deutschlands übertreffen — die Zuchth&user und 
übrigen Strafanstalten behaupten das doch wohl nicht, weil sie 
verjudet sind?') — und wo noch gar viele andre Übel gegen uns 
beißen. Wir sehen alle diese Übel; denn wir sehen nicht wie die 



gewiß im späteren Lebeasaiter noch ein betrichtlicher Teil vom Judentum« 
sich abwendet. 

') Selbst au5 der Verjudung der Richter lAßt es sich nicht erklJLren. Zu- 
folge unsrer Reichskriminalstatistik sind im Deutschen Reiche nach den 
Rcichsgesetzen bestraft jeder 6. Mann, jedes 25. Weib, jeder 43. Knabe, 
jedes 313. Mädchen. Vom i. Januar 1882 bis Ende 1910 und über 7*] 
Millionen verschiedene Personen nach den Reichifctctscn verurteilt 
worden, — nur nach den Reichsgesetzen wegen Verbrechen und Vergehen, 



Antisemiten, die gleich den Verrückten sehen, nach dem Spezi- 
a 1 i s m u s der Verrückten: für alles nur ihren einen Grund, nur 
das eine Übel. Wir sehen die vielen Übel, die gegen uns beißen, 
widerstehen aber kräftig, sind zurzeit noch ungefressen und 
vertrauen, daß es noch lange gut und immer besser mit uns laufen 
soll. 

Ganz offenbar unterliegen die Antisemiten einer Einbildung, 
Einbildung aber kann so unglücklich machen wie Wirklichkeit 
(Fälle von Narrheit der verschiedensten Art beweisen das); und 
die Antisemiten sind unglücklich, nichts als unglücklich — 
o! der ganz unglückseligen Narren, die nicht 
lachen können! Kenntnis der Juden ist schwer, Kenntnis 



nicht mitberücksichtigt sind dabei die Übertretungen (Bettelei, Land- 
streicherei, Gewerbsunzucht) , die Feld- und Forstrügesachen, die Zuwider- 
handlungen gegen Landesgesetze, die Zoll- und Steuerdefraudationen, die 
Verurteilungen durch Militärgerichte (Finkelnburg: ,,Die Bestraften in 
Deutschland"). Nun sind 650 000 Bestrafte bei uns gewiß erklärlich; denn 
so viele Juden haben wir. Ein Einwand, der von kurzsichtigen und bös- 
willigen Menschen erhoben werden könnte: es seien ja keineswegs sämt- 
liche jüdische Säuglinge vorbestraft, ja nicht einmal sämtliche ausge- 
wachsene Juden und Jüdinnen ? ist ganz hinfällig und erledigt sich natür- 
lich aus der Verjudung der Richter, die tückischerweise, um die Juden zu 
schonen, und damit nicht die Wahrheit über sie ans Licht komme, an Stelle 
von Juden irgend welche in den Gerichtsgebäuden gerade zur Hand be- 
findliche Christen verurteilen, sogar Antisemiten, ,, herrliche, auf- 
rechte Leute; während den Juden jede Frechheit und Schandtat er- 
laubt ist" — uprechtas'nKooschwanz, heißt es in Holstein. 
Also 650 000 Bestrafte in Deutschland sind erklärt. Woher aber die 
übrigen Millionen kommen?! Denn die Richter können ja nicht und 
brauchen ja nicht hinsichtlich der Verurteilungen verjudeter zu sein als 
numerisch Juden vorhanden sind — ? Da ist ein gewaltiges Problem, 
von dem man nur hoffen kann, daß es durch die exakte antisemitische 
Wissenschaft baldigst seine Lösung finden werde. Nebenbei hier zur 
Kenntnis eine Stelle aus dem antisemitisch-wissenschaftlichen Werke 
„Semi- Gotha": „Bei Zeitungsnotizen, wo der Name der Beschuldigten 
oder Bestraften nicht genannt ist, handelt es sich stets um Juden, deren 
Sprossen oder Affiliierte. Und dies hat seinen besonderen Grund. Im Jahre 
1889 hat sich in Frankfurt a. M. ein Verein jüdischer Bankiers, Groß- 
händler, Advokaten usw. gebildet, zwecks die vor Gericht Angeklagten und 
auch die Zeugen und sonst Beteiligten vor der Namensnennung zu schützen 
— natürlich nur, wenn Juden (-Sprossen) in Frage kommen." 

85 



der Antisemiten ist gleichfalls schwer — vielleicht bringen wir 
etwas Licht in beide Finsternisse. Ohne weiteres ist nicht zu ver- 
stehen, warum die Antisemiten so störungslos unglücklich, warum 
sie nicht gesprenkelt sind, unglücklich und glücklich. Glücklich 
z. B. über die vielen Berufsarten, in denen gar keine Juden an- 
getroffen werden ? Aber nein, sie sind nichts als unglücklich über 
die wenigen Berufszweige, wo — infolge der Aussperrung aus den 
vielen — ÜberfuUung mit Juden statthat. Oder könnten sie nicht 
der Freude sich hingeben, z. B. darüber, daß der Juden Anteil an 
Mord, Totschlag, Brandstiftung und schweren Sittlichkeitsver- 
brechen nur gering ist ? Weit gefehlt, elend härmen sie sich über 
die Vergehen durch Juden, — die Liebgesinnten mochten die 
Juden als gänzlich fleckenlose Wundermenschen, bei denen voll- 
kommene Tugend und alles das angetroffen wird, was heute und 
morgen, hier und dort, von diesem und dem dafür gehalten wird. 
Ehe nicht sämtliche Juden ohne Ausnahme so sich darbieten, gibt 
es keine Freude für den Antisemiten, höchstens Schadenfreude; 
es gibt kein Glück für den Antisemiten, nichts als Unglück! 

Und um so eher denn, als, wie ich wenigstens überzeugt bin, am 
Antisemitismus keine«wiet» nur Borniertheit und Bosheit Anteil 
hat, sondern auch Aufrichtigkeit und guter Wille, und unter den 
so unglücklichen, unseligen, ganz und gar durchbitterten Antise- 
miten Idealisten sich befinden, zu denen man sagen muß: Wir 
lieben euren Idealismus, aber nicht euer Ideal; ihr seid ehr- 
liche Leute, nur eure Wage taugt ruchtsi und die man zurück- 
bringen möchte, damit sie aus wuthaft schädlichen vielmehr 
besonnene, nützliche, gesunde Glieder des Vaterlandes werden, 
denen nicht länger in allen den Nachtfarben die wüsten Gespenster 
dahercrscheinen, — um so eher muß vom vaterländischen, vom 
deutschnationalen Standpunkte aus die Antisemitenfrage folgender- 
maßen formuliert werden 

Hier war auch im Schreiben eine Pause. Mir ist in der 
Zwischenzeit eine kleine Zusammerutellung von Urteilen der aller- 
maßgebendsten Persönlichkeiten über die Antisemiten in die 
Hände gefallen; ich habe dann selber noch weitere Urteile solcher 
Art zusammengebracht. Nach den Urteilen dieser allermaß- 

86 



gebendsten Persönlichkeiten brauchte ich mein Buch gegen die 
Antisemiten nicht weiter zu schreiben, was mir lieb wäre; denn 
mein Sinn steht im Grunde auf sehr Anderes. Nach dem Urteil der 
Allermaßgebendsten gibt es nämlich gar keine Antisemiten. Die 
Allermaßgebendsten sind hier natürlich die Antisemiten selber. 
Die Urteile stammen aus der besten Zeit des Antisemitismus 
und betreffen seine ersten Führer, d. h. solche, die ich bisher dafür 
und die ich für Großantisemiten gehalten hatte. Sie sind keine An- 
tisemiten. Ist z. B. Böckel ein Antisemit? Nein! Von ihm 
schrieb das Stöckersche ,,Volk": ,,Wenn die Juden und Juden- 
genossen ihn dafür bezahlt hätten, hätte er es nicht besser machen 
können," und ein andres Mal: ,,Wäre das nicht echt Böckelsch, 
so würden wir es echt jüdisch nennen." Ist denn aber das Stöcker- 
sche ,,Volk" antisemitisch ? Nein! Das antisemitische ,,Frei- 
Deutschland" Försters wirft ihm ,, undeutschen, jüdischen Ge- 
schäftsgeist" vor, und der (inzwischen hoffentlich) verklärte 
Stöcker selber war auch keineswegs Antisemit. Die antisemitischen 
„Unverfälschten deutschenWorte" des Herrn Schönererschrieben, 
Stöcker habe ,,das wahre Wesen des Christentums gar nicht er- 
faßt und setzt aus diesem Grunde an dessen Stelle einen christ- 
lichen Talmud"; Böckel klagte in seinem ,, Reichsherold": ,,Bei 
uns findet jeder Aufschneider, Wichtigmacher und Schwindler 
noch immer seine Anhänger" und, was dasselbe ist, ,, Opfer", 
man läuft allen möglichen Irrlichtern nach, und deren sind viele 
und waren viele: Stöcker, Ahlwardt, Groussiliers, Pinkert, Ruppel, 
Henrici, B. Förster usw., was sind und was waren sie anders als 
Irrlichter, die unsre Bewegung in den Sumpf geführt haben"; 
Ahlwardt warf Stöcker ,, bewußte Unwahrheit, Infamie, Gemein- 
heiten ersten Ranges, Heuchelei und Verleumdung" vor, in der 
,, Israelitischen Wochenschrift" stehe ein ganz ähnlicher Angriff 
gegen ihn wie in einem Stöckerschen Artikel, vielleicht sei 
es derselbe Verfasser, und ein Ahlwardtianer sagte von 
den Stöckerschen Christlich- Sozialen: ,,Die Christlich- Sozialen 
sind tausendmal schlimmer als die Juden." Daß Böckel nicht als 
Antisemit gelten kann, wissen wir bereits, Schönerers Ver- 
judung wurde von dem Antisemiten Astl-Leonhard erwiesen, 
und man glaube auch nur ja nicht, daß Ahlwardt Antisemit sei. 

87 



Nein! Die antisemitische „Schlesische Morgenzeitung*' schrieb: 
,,Ahlwardt nimmt es mit den geriebensten Juden an Geschäfts- 
kenntnis und Ungeniertheit auf", und die antisemitischen ,, Dres- 
dener Nachrichten": Ahlwardt sei ein Mann, ,,der dem Juden 
Manch* als Agent gegen Provision für Orden- und Titcljagcr 
diente, der einst vor einem christlich-jüdischen Konsortium, 
welches ihn ausder finaruiellen Klemme reißen wollte, den heiligen 
Schwur ablegte, daß er allezeit den Antisemitismus aiseine schmach- 
volle Bestrebung verdajnmen werde, der wiederholt riachweislich 
sein Ehrenwort gebrochen hat, der bei dem sozialdemokratischen 
Juden Singer Pumpversuche gemacht, der wiederholt Gefängnis- 
strafen verbüßt und noch zu verbüßen hat, der vor den Augen von 
garu Europa im Reichstage als ein berufsmäßiger Verleumder in 
seiner ganzen Bloße entlarvt worden ist! Ein solcher Kerl wagt es, 
unter dem frenetischen Beifallsgeheul von Leuten, die sieb 
Antisemiten nennen, einen Stocker, einen Liebermann 
von Sonnenberg einen Judenknecht, einen VerrAter zu nennen. 
Und von einem solchen Lump glaubt man, daß er sich noch hauten 
und ein anständiger Mann werden kann. Gegen jüdische Korrup- 
tion will Ahlwardt kämpfen, und doch ist er, seitdem ihm die Larve 
vom Gesicht gerissen ist, verächtlicher als irgend eine Giftpflanze, 
die je auf dem Beete dieser Korruption emporgeschossen ist. 
Es ist eine heuchlerische Lüge, wenn jemand behauptet, gleich- 
zeitig ein Anhänger Ahlwardts und ein konigstreuer Deutscher zu 
sein, und jeder ehrenwerte Reformer, der es mit seiner Sache 
gut meint, sollte demjenigen auf den Mund schlagen, der es fertig 
bringt, nach einem Hoch auf Ahlwardt ein solches auf Seine 
Majestät den Konig auszubringen und ,, Deutschland, Deutschland 
über alles" zu singen." Ist denn aber wenigstens der Reform- 
verein in Leipzig antisemitisch ? Nein, Der Antisemit M. Wirth 
schrieb, bei dem Vorstande des Reformvereins , .durften selbst die 
Verfasser des Schulchan-Aruch für die Abschnitte ihres viel an- 
geführten Buches, wo es sich um die Vorschriften für jüdische 
Richter in der Rechtsprechung zwischen Gois und Juden handelt, 
noch haben in die Lehre gehen können. Der Vorstand des Reform- 
vereins als Judenschule — ein Endpunkt der Entwicklung, die 
sicherlich wert ist, zum Gegenstande eines eingehenden Nach- 

88 



denkens gemacht zu werden." Nicht einmal der ,,Bund der Land- 
wirte" ist antisemitisch. Die antisemitische ,, Deutsche Ostwacht" 
schrieb: ,,Wenn der ,,Bund der Landwirte" nicht antisemitisch 
werden will, dann muß er von den Antisemiten bekämpft werden; 
ist doch heute schon ein an leitendem Platze angestellter Sekretär 
des Bundes ein Jude!" Kein Antisemit ist ein Antisemit, auch nicht 
einmal Theodor Fritsch, dem der eben herausgekommene „Semi- 
Gotha" so viel verdankt; welchem Buche auch ich hier bereits ein 
schönes Zitat verdanke und für das folgende noch ungezählte 
schöne Zitate verdanken würde — man könnte das Buch wie eine 
Artischocke Blatt um Blatt ausziehen und mit Nutzen gebrauchen 
. . . aber ich gebrauche nun nichts mehr, nichts mehr. Ich schreibe 
kein Buch weder gegen noch für die Antisemiten — jawohl, ich 
hätte mich vielleicht noch besonnen und wäre für die Antise- 
miten eingetreten, für die unterdrückte Minderheit im Lande, 
für die edlen Geknechteten, von der Last ihres Grames über 
Deutschlands Unglück Zerquetschten. Nun denke ich an keinerlei 
Buch mehr wegen der Antisemiten; denn d a rin bin ich einig mit 
sämtlichen Philosophen, daß es, zum Behuf eines Buches wegen 
der Antisemiten, zuerst Antisemiten geben müsse: es gibt aber 
keine — wo soll ich noch auf einen Jagd machen, wenn nicht ein- 
mal Theodor Fritsch einer ist! In der antisemitischen ,,Westph. 
Reform" liest man: ,,Die kluge Geschäftlichkeit gewisser Leipziger 
Zeitungsmacher und Broschürenhändler ist allgemein bekannt: 
wir selbst haben noch kürzlich eine entscheidende Probe aus dem 
pseudo-antisemitischen Geschäfte der Firma ,,Itzig Frech, Frey 
(früher Fritschs Schriftstellername) & Co." unter die Lupe ge- 
nommen und dem Publikum mit den zugehörigen Erläuterungen 
vorgezeigt . . . Jeder auch nur einigermaßen mit händlerischen 
Praktiken Vertraute merkt ohnehin sofort heraus, daß er es mit 
nichts weiter als mit einem judenhaften, auf den Kundenfang be- 
rechneten und nicht einmal mehr originellen Geschäftskniff zu 
tun hat"; der Antisemit Lucko schrieb: ,,ein ganzes Konglomerat 
von sogenannten ,, jüdischen" Eigenschaften vereinigt sich in dem 
Techniker Theodor Fritsch, ,,er bezahlt seineLeute noch schlechter 
als die Juden* * ; und der Antisemit Wilhelm Marr ( Verfasser der Schrift 
,, Verzweiflungskampf gegen die Juden", den die Antisemiten 

89 



ebenfalls einen Juden nennen) sagte: „Leute wie Fritsch er- 
scheinen in meinen Augen immer mehr als schlaue ,, Trödelkram- 
Antisemiten", die in der Praxis den Juden noch zehn Doubles vor- 
geben könnten", und er rechne ,,den antisemitischen Zirkus- 
direktor Fritsch in die Kategorie der Hosen verkaufenden Jung- 
linge aus Polen". Kein Antisemit, der jemals einen Juden ent- 
rüstete, ist ein Antisemit; die Antisemiten scheinen allesamt selber 
Semiten, Juden zu sein, von denen auf keine Art zu begreifen ist, 
wie sie sich über ihre Stammesgenossen entrüsten und Antise- 
miten sein können. Antisemiten müssen offenbar ganz andre 
Leute sein als Antisemiten; da ja die Antisemiten, wie die Anti- 
semiten sagen, Juden sind, keineswegs gleich den eigentlichen An- 
tisemiten, herrliche Minner, sowohl selber unverdorben wie auch 
Sorge tragend, das andre nicht verderbt werden, und allezeit nur 
um das größte bemuht: solche Antisemiten sind die Antisemiten 
gar nicht, sondern Juden sind sie, und ,,wie das garue Volk der 
Juden" (mit dem Antisemiten Forster zu reden, der gleichfalls ein 
Jude ist) ,, Verbrecher, Ausgestofiene, die, an Leib und Seele ver- 
seucht, furchtbare Epideinicn in die reine Herde des christlich- 
germanischen Volkes tragen", daher es verzeihlich sei, auch 
wenn gegen die Juden zu weit gegangen würde: ,,der glühende 
HaO, der edle Zorn und die unauslöschliche Rache sind ruhmvolle 
Eigenschaften des echten deutschen Christen." 

Das letzte und manches andre will mir nun doch wieder anti- 
semitisch klingen? Freilich rührt es von Leuten her, die nach 
dem Urteil der maßgebenden Persönlichkeiten, der Antisemiten, 
keine Antisemiten sind. Aber eben diese Antisemiten, die so ur- 
teilen über ,, Leute, die sich Antisemiten nennen", sind ja keine 
Antisemiten, vielmehr verjudet, Juden und Schlimmere als Juden 
in Schlimmerem, als worin die Juden überhaupt schlimm sein 
können — d a rin sind die Antisemiten nur beiläufig schlimm, wo- 
rin die Juden schlimm sind, sind schlimm aber sogar im alier- 
wichtigsten und idealsten, im Ruinieren der antisemitischen 
Sache; und keines der angeführten und kein eiruiges der hier 
nicht angeführten, gleichwertigen Blatter, die sich antisemitisch 
nennen, ist wirklich antisemitisch: allesamt sind sie verjudet nach 
dem Urteile, welches über sie gefällt wird von andern Blättern, 

90 



i 



die sich ebenfalls antisemitisch nennen, oder welches sie überein- 
ander fällen. So kann ich mich am Ende doch nicht richten 
nach diesen Urteilen. Dürfen für mich Urteile über Antisemiten 
maßgebend sein, die von Verjudeten, von Juden und von Schlimme- 
ren als Juden herrühren? Nein, das dürfen sie nicht; ich ver- 
sichere, das sollen sie nicht. Denen kann ich nimmer glauben, 
sie seien Antisemiten, die mich glauben machen wollen, daß es 
Schlimmere als Juden gibt. Diese Behauptung allein beweist, daß, 
die solches behaupten, keine Antisemiten sind. Wie komme ich 
denn nur dazu, zu behaupten, ,,daß sie keine Antisemiten sind?" — 
als gäbe es Antisemiten, wenn sie keine sind und keiner einer ist! 
Wie komme ich dazu, keine Antisemiten mit Antisemiten zu 
verwechseln; wie komme ich noch dazu, das ganz sinnlose Wort 
,, Antisemit" im Munde zu führen? Weh! Ich rede bereits ver- 
wirrt; das machen die Maßgebenden. Sie beweisen, daß nur Juden 
leben; gleich wie es in der Natur keinen leeren Raum gibt, so gibt 
es in der Menschheit keinen nicht jüdischen Menschen: und ich 
wollte ein Buch schreiben, welches die Existenz von Antisemiten 
zur Voraussetzung hat? Inhalt für ein Mauseloch will ich eher 
werden und durch die Erde fallen, als dieses Buch schreiben oder 
irgend andres tun; solches bewirken in mir die Maßgebenden! 

Indemich miraber so sage, seheichauchschonLichtund Rat: Die 
Maßgebenden werden nicht maßgebend sein. Kurz und gut oder 
schlecht, wahrscheinlich aber gut: ich höre nicht auf sie; wie ich 
auch in andren, größeren Dingen auf andre Maßgebende mit Glück 
nicht gehört habe. Ich glaube wie früher, nach meinem eignen 
unmaßgeblichen Urteile, an Antisemiten, nur also, ich will keinen 
für maßgebend halten — ich glaube, daß Antisemiten sind, weil 
Antisemiten sagen, es sind keine. Das kommt von den faust- 
dicken Wahrheiten der Antisemiten, daß man das Gegenteil 
für wahr hält. Müßte man nicht schließlich auch, da Antisemiten 
von Juden reden, die Existenz der Juden bezweifeln ? Doch ich 
bin stark im Glauben, glaube also an Juden wie an Antisemiten; 
und daß mir vorhin schwach und wehe ward, das ist: weil ich 
des Buches genesen soll! Einem alten Weisen zufolge werden 
vor dem Gebären vi er und neunzig Angsttöne ausgestoßen, 
welche das Herannahen des Todes zu verkünden scheinen, 

91 



und nur ein Laut der Lebenshoffnung ist dabei. Aber nun ging 
alles vorüber, und das Buch wird leben. Ich schreib es voran, und 
ohne länger zu tappen, fahre ich fort, im angefangenen Satze: 

um so eher muß die Antisemitenfrage 

formuliert werden: ,,Wic und wie weit läßt sich den bejammerns- 
werten Leuten helfen, die an den Juden verruckt geworden sind, 
und auf welche Art können in Zukunft andre vor dem gleichen 
Ungluckslose bewahrt werden?" 

Vielleicht legt man diese Frage, wie derlei jetzt an der Mode ist, 
wissenschaftlichen Kapazitäten vor, am Ende Psychiatern? Man 
konnte allen Ernstes die Antisemiten oder Judenverruckten als be- 
sondere Klasse der Verruckten unterscheiden; die sich ebenso 
wenig wie andere Verruckte — «uf keine Art ihre Wahnideen aus- 
reden lassen. Sie halten im Widerspruch zu den wirklichen Um- 
ständen daran fest; da gibt es kein logisches Korrigieren, weil keine 
logische Beziehung zwischen den Vorstellungen und deren Äußer- 
lich wirklichem Anlaß wenn die Sonne schiene, wäre nicht so 
schwarze Nacht; ganz umsonst, daß du dich auf Tatsachen und 
Wahrheit einerseits, auf die geschichtliche Unmöglichkeit andrer- 
seits berufst. Welch ein Zustand der Kopfe muß sein und welche 
Begriffe von Geschichte müssen in den Köpfen sein, um z. B. 
glaublich zu finden, daß die in der ganzen Welt zerstreuten, unter- 
druckten Juden durch zwei Jahrtausende hindurch einen ge- 
meinsamen Plan festgehalten und verfolgt hätten den 
Plan zur Unterjochung der ,, Arier"!! Derartiges und ähnliches 
muß mit Energie gänzlich und für immer fahren lassen, wer aus 
der Unzurechnungsfähigkeit. Lächerlichkeit und Bedenklichkeit 
heraus, auch in seinen Gedanken keinen andern Charakter als den 
der Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit bewähren und von allem die 
rechte Wahrheit ergreifen mochte. Menschenunmogliches ist von 
den Juden nicht zu erwarten; so erwartet und glaubt nur die anti- 
semitische Verrücktheit, die, was und wie auch ein Jude in natura 
sein, tun, reden möge, immer gewiß bleibt, daß er unmöglich 
andres weder äußern noch beabsichtigen könne als schnurgerade 
das ihres Juden in effigie, d. h. hier: ihrer Fiktion vom Juden, 
dem nichts zuzutrauen als Böses, Boshaftes und grauserliche 
Geheimnisse! Auch die übrigens Vernunftigen sind in Hinsicht 

9» 



auf die Verrücktheit ihres Antisemitismus mit einer Brand- 
mauer gegen ihre Vernünftigkeit abgesperrt: die Vernünftig- 
keit kommt niemals bis hin an die Verrücktheit, sie könnten 
sich gerade so gut die Nase abbeißen. Wer noch keine Antise- 
miten wirklich kennt und diese Blätter weiter und zu Ende liest 
(denn es läßt sich nicht so mit einem Schuß in den Leser hinein- 
bringen, man muß sich an den Mittelpunkt der Sache nach 
und nach heranbauen), — der wird mein Urteil nicht für über- 
trieben halten und sagen: Ja, ich habe eine besondere Klasse 
von Verrückten kennen gelernt, mit denen es keine Ausein- 
andersetzung gibt, in denen die Wahnidee besteht hoch 
über ihrem Gegenstande. — Also, will man die Frage 
psychiatrischen Kapazitäten vorlegen? An Antworten wird es 
nicht fehlen; gerade die Psychiater beantworten heute merkwürdig 
viel. Und sollte sich am Ende wirklich etwas tun lassen, 
so werden einsichtige und vermögenskräftige Juden, bei ihrer an- 
erkannten Mildtätigkeit, Hilfe nicht versagen gegen ein Unglück, 
gegen das Unglück einer Krankheit, die sie selber, ob auch nur 
durch ihre bloße Existenz, verschuldet haben. Dies jedenfalls 
scheint ihrer nicht würdig, daß sie den Antisemiten, kranken 
Menschen, auf die Art danken, wie sie gegrüßt werden. 

b sich aber tun läßt ? Ernsthaft; und die Psychiater bei Seite, 
vor denen die Krankheit des Antisemitismus sich so wenig fürchtet 
wie vor irgend andrem — dehn sie ist nicht heilbar, ganz heilbar 
dürfte sie niemals sein; aber es steht deswegen, wie wir am Ende 
auf höherem Standorte erkennen werden, auch selbst für die Juden 
keineswegs derart, daß sie ihre Sache in der Welt aufgeben müßten, 
wie auf niederem Standpunkte gar nicht wenige von ihnen ur- 
teilen; vielmehr gilt, daß sie, was denn eigentlich wahrhaft ihre 
Sache sei, mitsamt der Feindschaft, der sie sich ausgesetzt finden, — 
daß sie davon die rechte Bedeutung für die Ordnung und den Sinn 
des Ganzen, rückwärts und vorwärts, daß sie davon die geschicht- 
liche Bedeutung und Großheit im Gedanken herausheben und 
ohne Trübung festhalten. Zuerst aber müssen wir den Anti- 
semitismus als Teil verstehen lernen, der in der Tat eine Verrückt- 
heit ist — wie Tollwut (mit Ausbrüchen von Zeit zu Zeit) und auch 
ansteckend wie Tollwut, dennoch aber vor die Psychiatrie, wie sie 

93 



heute unter uns betrieben wird, und vor unsre Psychiater nicht ge- 
hört, zumal es denen an Psychologie zu fehlen pflegt — und die 
Psychopathia antisemitic« gehört hinein in die allgemeine 
Psychologie, in die psychologische Anthropologie. Das VerstÄnd- 
nis des Antisemitismus hält, wie schon oben gesagt worden, bei 
aller Kenntnis von Juden und Antisemiten, ganz unmöglich ohne 
die Kenntnis der allgemein meruchlichen Natur nach ihrer wirk- 
lichen Beschaffenheit; wir müssen also, zu richtiger Epikrise, 
weitergehen als der antisemitische Nachdenker, der den Juden, 
oder als der jüdische, der den Antisemiten die Schuld gibt. Es 
wird sich herausstellen, daß der Antisemitismus zu einer Art von 
Seelenkrankheit gehört, welche nichts ist als die Steigerung eines 
der menschlichen Natur grundwesentlichen Zustandet — sonst 
auch würde der Antisemitismus in der Allgemeinheit mehr 
sch&nden: so aber, obwohl er eines Ansehens in der Allgemeinheit 
tich wahrlich keineswegs erfreut, schindet er doch auch nicht 
wie andre, gleich groBe Schändlichkeit; ja unbezwcifelbar enthält 
seine Rede etwas, womit manchen nicht gerade antisemitischen 
Leuten die Lippen zugenlht werden, und es freut sie, daß 
von Andern getan wird, was freilich sie selber nicht tun mögen, 
Sie spuren Verwandtschaft und ihre Natürlichkeit emporgetrieben. 
Der Antisemitismus ist, wie ich sagte, die Steigerung des der 
menschlichen Natürlichkeit grundwesentlichen Zustandes und die 
Verrücktheit, das Verrücktwerden dessen, was am ehesten ver- 
ruckt, aus der Ordnung geruckt werden kann. Die seelische Natur 
des Menschengeschlechts ist keineswegs so gesund und fest, wie 
selbst die sehr Kranken glauben: wAren sie dessen sich bewußt, 
wie es mit ihnen in Wahrheit steht, sie wurden laufen, ihre Seele 
heilen zu lassen, wie wenn sie am Leibe krank sind. Aber wegen 
der Richtigkeit mit dem Denken ist es nicht so dringlich; und 
man liest nirgendwo an den Türen: Nachtglocke zum Philo- 
sophen! Auch selbst an Warnungen vor der Ansteckungsgefahr 
durch kranke Seelen, geschweige denn an Vorkehrungen da- 
gegen, fehlt es gänzlich; wie recht sagt Goethe, daß man sich 
vor geistigen Einwirkungen, aus einem gewissen frevelhaften 
Dunkel, immer sicherer hält als vor körperlichen. — Aus der all- 
gemeinen Beschaffenheit der Menschenseele karm und muß der 

94 



Antisemitismus erklärt und gezeigt werden, daß und wodurch und 
zu welchem Ende dabei die Juden die Rolle der Gelegenheits- 
ursache spielen. Schuld haben die Juden oder die Antisemiten so 
wenig wie — die Menschen. Mit ,,Wer hat Schuld ? — der hat 
Schuld!" ist nichts gesagt und nichts getan angesichts einer 
Wirklichkeit von so ungeheuer wesentlicher geschichtlicher Be- 
deutung, angesichts eines noch immer nicht überflüssig ge- 
wordenen historischen Organs wie die Juden sind, durch welche 
die Hauptveränderung in der Menschheit ist bewirkt worden. 
Die Juden ein immer noch nicht überflüssig gewordenes Organ 
• — Fata nolentes trahunt! 

Bevor wir nun aber ans Erklären gehen, müssen wir über- 
setzen. Der erste Schritt, den Antisemitismus genauer kennen zu 
lernen, ist, daß man die dummbarbarische Wortverfertigung An- 
tisemitismus übersetze in das vorhandene deutsche Wort, wodurch 
ehrlich und ohne Umschweif die Krankheit bezeichnet wird: 
Judenhaß. 

Judenhaß — eine bitterschlimme Krankheit. Denn Judenhaß 
ist Menschenhaß; wenn ich (unrichtig, aber verständlich) so sagen 
darf: partieller Menschenhaß. Wer Juden haßt, der haßt Menschen; 
und der Deutsche, der die deutschen Juden haßt, der haßt gar noch 
im besonderen Deutsche. Weg mit dem Wort Antisemitismus. 
Das klingt ja wie einer von unsrenschlechtgebildeten wissenschaft- 
lichen Terminis und ist geeignet, schwächere Gemüter zu verwirren. 
Hier ist eine Sache, die nichts mit Wissenschaft, alles nur mit dem 
Affekt zu schaffen hat. Darum statt Antisemitismus: Judenhaß! 
Da weiß man auf der Stelle. Menschen, die Menschen hassen, die 
eine ganze große Gruppe von Menschen hassen, zeigen sich damit 
in der Enge des niedrigsten menschlichen Bewußtseins; die hassen 
Wahrheit und Liebe. ,,So jemand spricht, ich liebe Gott, und 
hasset seinen Bruder, der ist ein Lügner." Judenhaß, Menschen- 
haß — da versteht man auf der Stelle, um was für Kranke es zu 
tun ist, und was die durch ihre Krankheit eingegebenen Urteile 
wert sind. Den Haß kennt man und auch den Judenhaß, und so 
erkennt man ihn auch da, wo er wissenschaftlich umwunden und 
verhüllt auftritt, z. B. durch die Rassentheorie. Die Rassentheorie 

95 



ist ja der jüngste Efeu um den Judenhaß — man fühlt denn doch, 
daß da etwas zu bedecken ist. Judenhaß ist Haß und hat so wenig 
mit Wissenschaft zu tun wie irgend andrer Haß; den Haß wollen 
wir Haß nennen, damit uns der Name auch wirklich auf der Stelle 
über die Sache selbst aussage, die Sache aufdecke, nicht sie zu- 
decke. Am klarsten sind sich über die Natur des Hasses, die sich 
am klarsten sind über die Natur des Menschen: die Philosophen. 
Die weniger klar sind über die Natur des Hasses oder weniger klar 
darüber, daß der Judenhaß wirklich andres nicht sei als Haß und 
alle Merkmale des Hasses an sich trage, die können auf keinen Fall 
besseres tun, als den Haß sich beschreiben zu lassen durch einen 
Philosophen. Am besten naturlich durch den besten, durch Spi- 
noza, den einzigen wissenschaftlichen Seeleiuergliederer: 

,,Haß ist Unlust, verbunden mit der Vorstellung von der 
äußeren Ursache dieser Unlust. Der Hassende ist bestrebt, den ver- 
haßten Gegenstand zu entfernen und zu zerstören. Er empfindet 
Lust, wenn er sich vorstellt, (ÜB, was er haßt, von Unlust erregt 
oder zerstört wird; und wenn er sich vorstellt, daß jemand einen 
Gegenstand, den er haßt, mit Lust erregt, so wird er auch gegen 
ihn von Haß erregt werden, stellt er sich dagegen vor, daß einer 
diesen Gegenstand mit Unlust erregt, so wird er gegen ihn von 
Liebe erregt werden. Er ist ferner bestrebt, von dem Gegenstande, 
den er haßt, alles das zu bejahen, wovon er sich vorstellt, daß es 
ihn mit Unlust erregt, und dagegen alles das zu verneinen, wovon 
er sich vorstellt, daß es ihn mit Lust erregt, und wird von dem ge- 
haßten Gegenstande eine geringere Meinung haben als recht ist, 
so wie er wohl von sich und dem geliebten Gegenstande eine 
größere Meinung hat als recht ist (Hochmut und eine Art Wahn- 
witz — er betrachtet alle seine Einbildungen als Wirklichkeit 
und bläht sich darob) . Ferner wird der Hassende, so viel er vermag, 
danach streben, daß alle das hassen, was er selber haßt. Alle 
Affekte de« Hasses aber, Neid. Verhöhnung, Verachtung, Zorn, 
Rachsucht und die übrigen Affekte, die sich auf den Haß beziehen, 
oder aus ihm entspringen, sind schlecht; alles was wir deshalb be- 
gehren, weil wir von Haß erregt sind, ist unehrbar und im 
Staate ungerecht." An diesen Worten besitzen wir die klassische 
Beschreibung des Hasses im allgemeinen — mit demselben Hasse 

94 



werden die Juden von den Judenhassern gehaßt, mit keinem andren 

auch von den Antisemiten. Dazu noch die folgenden Sätze, bei 

denen Spinoza ohne Zweifel auch an den Judenhaß im besonderen 

gedacht hat: ,,Wenn jemand von einem Angehörigen eines andern 

Standes oder Volkes mit Unlust erregt worden ist, verbunden mit 

der Vorstellung desselben unter dem allgemeinen Namen seines 

Standes oder Volkes als der Ursache, so wird er nicht nur ihn, 

sondern alle Angehörigen seines Standes oder Volkes hassen; 

durch die Aehnlichkeit mit dem Gegenstande, welcher den Affekt 

des Hasses erregt hatte, wird dieser von neuem erregt werden." 

So; wir sind aus der Türe und haben damit schon ein Stück 

Weges hinter uns. Das Hauptziel, das Verständnis des Judenhasses 

würde bald erreicht sein, wenn der Weg frei wäre. Das ist er nicht; 

es sind Hindernisse von Steinen und Felsblöcken hinwegzuräumen. 

Des einen sind wir bereits ansichtig geworden: der Rassentheorie. 

Machen wir uns gleich an die Arbeit gegen das Ungetüm. Unsere 

Aufgabe fällt zusammen mit dem Interesse der Wissenschaft, 

mit der Liebe zum Vaterlande, mit der Pflicht gegen das Vaterland. 



97 



rassi:nthi:()Rii: ind rassi-x. 

Haß ist HaO und bleibt HaO, ist und bleibt Aiiekt, ob er sich 
auch wissenschaftlich maskiert. Judenhaß auf Grund der Rassen- 
theorie ist Judenhaß, Haß, Menschenhaß — so wie Judenhaß auf 
Grund der christlichen Religion Judenhaß, Haß, Menschenhaß ge- 
wesen. Aber in der Tat, der schlechte, der unehrbare, der im Staate 
ungerechte, der grundhäßlichste aller Affekte gebArdet sich immer 
wissenschaftlicher — man merkt es denn doch, daß wir im Zeit- 
alter der allgemeinen Bildung und Wissenschaft stehen. Anti- 
semitismus klang schon um ein ganz Teil feiner und gebildeter als 
Judenhaß, nun aber gar erst Rassentheorie! Die Rassentheorie ist 
eine Frucht der Wissenschaft. 

Ei, das ist ein interessanter Bescheid; und es wAre am Ende 
nützlich zu hören: welcher Wissenschaft eigentlich? übrigens 
nicht bloß einer Wissenschaft, sondern zweier Wissenschaften, zu 
denen dann noch als Drittes, HauptsAchliches — aber zunächst 
freilich fing es an mit einer Wissenschaft, mitder Sprach- 
wissenschaft, und damit wollen denn auch wir anfangen. 
In der Tat, so harmlos gings an. damals im vorigen Jahrhundert, 
als nach dem Aufkommen der Sanskritphilologie die großen 
Sprachforscher den Versuch unternahmen, alle die mannigfaltigen 
Sprachen auf drei Sprachenurstämme, auf drei Sprachrassen zu- 
rückzuführen. Wer hätte das gedacht, daß auf diese Hypothese 
eine derartige Spekulation von den drei Menschenrassen gepfropft 
werden könne ä la Sem, Ham und Japhet! Kein Mensch hätte je- 
mals wieder an diese biblische Dreiteilung gedacht, wenn nicht die 
Sprachforschung, durch gewisse Übereinstimmungen in den gram- 
matischen Formen und im Grundbau der Sprachen und infolge der 
neu aufgestellten Gesetze vom Lautwechsel, auf drei Ursprachen, 

9« 



auf die drei Ursprachstämme des Semitischen, Hamitischen und 
Japhetitischen gekommen wäre. (Man sagte früher Japhetitisch, 
auch wohl Skythisch, neuestenssagt man Arisch, Indogermanisch, 
Indoeuropäisch; der Adam des Namens Semitisch ist Eichhorn, 
dem aber dieses nur auf einen Sprachenverband gehende Wort 
anders als heute, in aller jungfräulichen Unschuld dastand). 

Drei Ursprachen also und drei Rassen. Wären tatsächlich einmal 
drei Ursprachen gewesen, so brauchten deswegen natürlich noch 
nicht auch drei Urrassen gewesen zu sein — das ist wohl ein be- 
denklicher Schluß, die Eine Sprache Redenden auch als Eine Rasse 
anzusehen, z. B. die Irländer oder die Neger englischer Kolonien, 
weil sie englisch reden, als Angelsachsen. Und jene drei Ursprachen 
freilich haben nicht zusammengehalten und im Laufe der Ge- 
schichte einigermaßen sich verändert; die Tatsache wirdzugegeben, 
daß sie als Ursprachen überhaupt nicht mehr vorhanden sind und 
in die etwa fünfzehnhundert Sprachen der Erde sich aufgelöst 
haben: aber die drei Rassen, die man entsprechend jenen drei kon- 
struierten Ursprachen sich konstruiert, Sem, Ham und Japhet, 
die sollen radikal geblieben (früher führte man das Wort Rasse auf 
radix zurück, wodurch wenigstens die Bedeutung des Wortes ge- 
geben wird), da sollen alle die radikalen Eigentümlichkeiten er- 
halten geblieben sein; und, was verlangt man noch mehr ? die 
Eigentümlichkeiten der Rassen, die man da hauptsächlich verglei- 
chen möchte, entsprechen durchaus dem Verlangen der Vergleicher. 
Es geht doch nichts über den wunderbaren Ernst und die Unerbitt- 
lichkeit wissenschaftlicher Forschung; wer will jetzt noch leugnen, 
daß Sem genau so ist, wieAntisem von immerher schon behauptet 
hat ? In der Tat, der vergleichende Rassenhaß — das war das 
Resultat, das war der Ausgang, den es mit der vergleichenden 
Sprachforschung genommen, nachdem diese zunächst immer na- 
turwissenschaftlicher und endlich völlig anthropologisch-anti- 
semitisch geworden war. Und so läßt sich nun also wissenschaftlich 
dartun, wie edel die Rasse ist, der die Judenhasser angehören, die 
von jeher, schon zu den Zeiten des Tacitus so edel gewesen, allezeit 
nichts als die herrlichsten Tugenden bewährt hat, und wie ganz 
arg und niederträchtig die der Juden ist und ebenfalls immer ge- 
wesen ist: die Laster und das gesamte Schlimme ihres Tuns und 

99 ' '• 



ihres Nichttuns, wie es ihnen die Wissenschaft des Judenhasses 
nachsagt, gehört zu ihrem radikalen, fixierten oder konstanten 
Charakter. Früher war Brunnenvergiften, Hostiendurchstcchen 
und Christenkinderschlachten ihr radikal-konstanter Charakter, 
und das Letzte (Christenkinderschlachten) pflegt es auch heute 
noch manchmal zu sein — wir hatten eben in Rußland, in der 
Stadt Kiew, den Fall Justschinski; bei uns in Deutschland gab es 
vor noch nicht allzu langen Jahren den Xantener und den Konitzer 
Fall, und ein antisemitischer Schreiber (Max Bewer) schrieb: ,,Ich 
bitte dringend daran festzuhalten, daß es ein medizinisches Gesetz 
gibt, nach welchem der Blutbedarf der Juden zu erkl&ren ist. Be- 
gehen sie Ritualmorde, so begehen sie die Morde nicht aus Faria- 
tismus, nicht aus Irrsinn, sondern mit dem klarsten Bewußtsein 

und dem kaitesten Raffinement. Die Juden haben nun den 

festen Glauben, daß durch das Blut derjenigen Volker, unter denen 
sie dauernd leben, ihr Blut, und zwar allein schon durch den 
bloßen Verkehr, verunreinigt werde. Um sich nun vonZeit zu Zeit 
zu reinigen, geniefkn sie nach dem Gesetz der Isopathie ganz 
minimale Dosen des fremden Blutes, das sie sich in seiner spezi- 
fisch wirkenden Reinheit durch Kindermord verschaffen." 

Nichts läßt sich sagen gegen das, was wissenschaftlich erweis- 
bar ist, nichts gegen die Rassentheorie: die Rassentheorie ist eine 
Frucht der Wissenschaft. Eine nette Frucht — sie teilen sie mit 
einer Messerschneide, an der einen Seite vergiftet; und die ver- 
giftete Hälfte der Frucht wird den Juden dargereicht, die andre 
Hälfte verzehren die wissenschaftlichen Theoretiker, die anti- 
semitischen Gelehrten, die vergleichenden Rassenhasser. Eine 
nette Frucht der Wissenschaft ist dieser Schneewittchenapfel, 
und eine nette Wissenschaft ist diese Wissenschaft — eine 
Wissenschaft über Anfinge! Ich kann hier nicht aus- 
einandersetzen, weswegen es keine Wisserischaft über Anfänge 
geben kann und Gedanken über Anfange immer unwissenschaft- 
lich sind. Von allem, was die Anfänge betrifft, soll man sich mit 
Denken davon lassen, und wenn da nun erst Menschen darüber ge- 
raten, die zu nichts weniger als zum Denken geboren sind (wozu 
nur Denkende geboren sind), so soll man sich von ihren Gedanken 
davon lassen; auf unbeantwortiiche Fragen, die gar keine Fragen 

100 



der Wissenschaft oder des Denkens sind, auf die Dinge ohne 
Warum antworten nur Narren. Man soll die Fragen nach ihrem 
Wert behandeln und nie tun, als müßte man antworten, wo 
Pflicht ist, den Unsinn der Fragstellung darzutun. Eine Wissen- 
schaft über Anfänge ist die Rassentheorie, worüber nur nicht- 
denkende Köpfe reden, und eine Menscheneinteilung ist die 
Rassentheorie, wie sie gleichfalls nur von nichtdenkenden 
Köpfen erzeugt werden kann. Deren Art ist, hinauszugehen 
über das, was Unterschied macht, wie über das, worin Ähnlich- 
keit besteht, und das eineMal, wegen der Unter- 
schiede, nichts als Unterschied, das andere 
Mal, wegen der Ähnlichkeit, nichts als 
Ähnlichkeit zu gewahren. Man sehe die Väter 
der Rassentheorie: Denker und Männer der Wissenschaft sind 
es nicht; — und man lerne, was man noch nicht weiß: wie außer- 
ordentlich viel, seit der Herrschaft der allgemeinen Bildung, 
die Unfähigkeit in der Menschenwelt vermag! — Die Wissen- 
schaft weiß nicht, was eine Rasse ist, das weiß nur die antisemi- 
tische Wissenschaft; allerdings ist es ihr Geheimnis, uns 
sagt und erklärt sie nichts davon. Genug, sie weiß es 
und — was ihr die Hauptsache ist — sie bringt mit 
ihrem Wissen die Theorie von Staat und Nationalität unter 
Dach und versteht frischweg für das Praktisch- Politische und 
Praktisch- Soziale wunderbares anzufangen, woran die Anthro- 
pologen, wenn sie von Rassen sprechen, im Traume nicht, woran 
sie ebenso wenig gedacht haben wie die Männer der vergleichenden 
Sprachforschung, die wirklich nichts als Sprachforschung wollten, 
die — Darwinisten der Sprachwissenschaft vor Darwin — alle die 
Sprachen auf wenige Urtypen zurückführen wollten; im Hinter- 
grunde stand den meisten Forschern die eine Sprache, ganz 
so, wie der Rassenforschung das einheitliche 
Menschengeschlecht. Weil das so gewesen, deswegen 
konnte wohl weder die Rassenforschung noch die vergleichende 
Sprachforschung eine einwandfreie Wissenschaft werden: die 
ward erst, infolge der Verschmelzung, von den Judenhassern vor- 
genommen, wobei nun außer Rassenforschung und vergleichender 
Sprachforschung auch noch die gehörige Portion Menschenhaß 



lOI 



mitverschmolzen erscheint; daher die neue Wissenschaft, nach 
dem vereinigten Dreierlei, mit vollstem Rechte den Namen Ver- 
gleichender Rassenhaß fuhren könnte. 

I. 

Es ist bei der Rassenfrage die erste Frage, ob man sich an die 
Natur, die Erfahrung und die Wissenschaft oder an drn JuflrnhaQ 
hält. Hören wir zunächst die Wissenschaft. 

Vergleicht man den vergleichenden Rassenhaß, diese von den 
Judenhassern nun endlich festgestellte anthropologische Wissen- 
schaft von den wurzelhaften Menschenrassen und deren fest- 
bleibenden Eigentümlichkeiten, mit der sonstigen Anthropologie, 
so stellt sich die erste als eine wurzellos wüste Spekulation heraus. 
Das Wort Rass« bezeichnet, wenigstens mit Beziehung auf 
Menschen, noch lange keinen wissenschaftlichen Begriff, ja es be- 
zeichnet nicht einmal eine wissenschaftliche Lücke; da zwar über- 
all Eigentümlichkeiten, aber nur in der beständigen Wandlung und 
Anpassung an die verschiedenartigen Bedingungen des Lebens zu 
gewahren sind und die kurze Spanne der übersehbaren Geschichte 
gar nicht Entscheidung darüber zuUßt, ob überhaupt der Begriff 
Rasse aufrecht erhalten werden kann ? Gut schreibt Röscher in 
seinen Grundlagen der Nationalökonomie: ,, Solange wir nicht ein- 
mal wissen, ob wir uns im ersten oder letzten Zehntel der Ge- 
schichte der Menschheit befinden, ist jede universalhistorische 
Konstruktion, um die eiruelnen Volker und Zeiten unterzubringen, 
ein Luftschloß; und zwar gleichgültig, ob philosophische Systeme 
oder sozialistische Projekte oder naturwissenschaftliche Parallelen 
dabei maßgebend gewesen. Der gewohnlichste Irrtum, worin 
solche Geschichtskonstruktionen geraten, besteht darin, daß man 
Eigentümlichkeiten gewisser Kulturstufen, die sich mehr oder 
weniger bei allen Volkern in der entsprechenden Zeit ihrer Ent- 
wicklung nachweisen lassen, für eine Nationaleigentumlichkeit 
des Volkes ansieht, mit dem man sich selbst gerade beschäftigt, 
und nun wunder welche Konsequenzen darauf gründet, die aber 
freilich mit der wachsenden Kenntnis andrer Volker sogleich zu- 
sammenstürzen." Ich, was mich betrifft, so bin ich, nach sorg- 
fältiger Erwägung des über die Einteilung der Menschenrauen 

102 



Vorgebrachten, zur Verwerfung aller wissenschaftlich theoretischen 
Einteilung nach Rassen (Varietates) gelangt, hingegen anerkenne 
ich zwei Arten (species) der Gattung (genus) Mensch n a c h d e r 
innerlichen Verschiedenheit des Bewusstseins. 
Ich unterscheide den Typus derjenigen 
Menschen, die mit ihrem relativen Denken 
d. i. mit ihrem Fühlen, Wissen, Wollen auf 
demAberglauben,dem fiktivAbsoluten ruhen, 
von dem andern Typus derjenigen Menschen, 
die mit ihrem relativen Denken auf der 
Wahrheit, auf der Besinnungvondem Einen 
geistig Absoluten ruhen^). Also zwei Arten nach der 
Verschiedenheit des Denkens, nicht des logischen, Denkens. 
Denn an dem logischen Denken haben, mit einem Mehr oder 
Weniger, alle Menschen teil. Dieses logische Denken aber 
ist nur das Formale, womit in den Einen die Relativität 
auf dem Grunde des Absoluten, in den Andern die Relati- 
vität auf dem Grunde des fiktiv Absoluten gedacht wird; so 
daß zweierlei nicht graduell sondern prinzipiell und material 
verschiedenes, inkongruentes Bewußtsein in zweierlei Arten 
von Menschen herauskommt (und also nicht allein, nach der 
bisherigen Unterscheidung, logisch richtiges und verkehrtes 
Denken ist, sondern auch dem gedachten Inhalte nach richtig 
und verkehrt Denkende sind, — welche Wahrheit denen von der 
materialen Verkehrtheit nicht wohl eingehen kann). Wobei 
noch zu wissen, daß die eine Art derer, die mit ihrem relativen 
Bewußtsein, d. h. mit ihrem Fühlen, Wissen, Wollen, auf dem 
Einen der geistigen Besinnung ruhen, daß die Art der gei- 
stigen Menschen eine besondere Art ist: die nicht fort- 
erbt von Eltern auf Kinder, und deren Individuen zusammen- 
kommen aus sämtlichen Rassen ohne Unterschied, wie man 
sie sonsthin praktisch, nach den äußerlich abweichenden Merk- 
malen, zu unterscheiden pflegt. 



^) Vgl. Die Lehre von den Geistigen und vom Volke (Berlin, Karl 
Schnabel, 1908) und darüber meine Abhandlung im Archiv für syste- 
matische Philosophie. Bd. XVII, 191 1, H. 3. 

103 



Die Einteilung der Menschengattung in diese zwei Arten, die 
ihren Einteilungsgrund hernimmt von dem Zweierlei des spezifisch 
verschiedenen Grundes, worauf relatives Menschenbewußtsein 
steht (nämlich entweder auf dem fiktiv Absoluten oder auf dem 
Absoluten) , keine andre Einteilung als diese nach der Verschieden- 
heit des Bewußtseins kann für die Menschengattung in Betracht 
kommen und sie ist riaturiich und darum wiatCftfchaftUch — 
und darum auch für die tiefere Geschichtsbetrachtung nicht zu ent- 
behren; den Kern unserer Geschichte bildet der Streit und Wider- 
spruch, in welchem die beiden Menschenarten von ewigher gegen- 
einander sich befui^den haben und ewighin bleiben werden. Alle 
die Einteilungen aber nach Rassen, deren keine auf die Menschen- 
gattung anwendbar ist, weil für sie eben nichts als die Verschieden- 
heit des Bewußtseins in Betracht kommt, und die allesamt ein- 
ander widersprechen (sie schwar^ken zwischen zwei und hundert- 
fünfzig Rassen), entbehren des Einteilungsgrundes von Stich- 
haltigkeit, bezeichnen nicht wahrhaft spezifische Unterschiede und 
Abstufungen, greifen vielmehr willkürlich Merkmale heraus, die 
nicht wesentlich und nicht bleibend sind, sei es nun, daß die Be- 
stimmungen auf die Verschiedenheit der Sprachen. Sitten. Ge- 
bräuche, oder daß sie auf Verschiedenheiten der KorperlAnge oder 
des Knochenbaues, des Sch&dels. des Gesichts, des Gesichts- 
profils, der Nasen, der Ohren, des Gehirru. der Behaarung, der 
Haut- und Augenfärbung, der physiologischen und pathologischen 
Erscheinungen oder der verschiedenen Arten von Parasiten sich 
stützen wollen'). Die Behauptung von dem Festsein, von der 
Stabilität der Rassen widerspricht dem wissenschaftlichen 



') Ja nicht einmal die Geschichte des Papiers vermochte mich eiiics 
andern zu belehren. Chambcrlain schreibt: ,,Fast ein halbes Jahrtausend 
haben die Semiten und Halbsemiten das Monopol des Papiers gehabt, Zeit 
genug, wenn sie ein Funkchen Erfindungskraft bcacaMO, wenn sie nur die 
geringste Sehnsucht nach geutigen Taten gekannt bitten, um diese herr- 
liche Waffe des Geistes zu einer Macht auszubilden . . . Der Germane 
hat das Papier nicht erfunden, was aber den Semiten und Juden ein belang- 
loser Wisch gewesen war, wurde, dank seinen unvergleichlichen und durch- 
aus individuell eigenartigen Gaben, das Panier einer neuen Welt. Wer die 
Geschichte des Papiers kennt und da noch von der Gleichartigkeit der 
Menschenrassen schwärmt, dem ist nicht zu helfen." 

104 



i 



Grundgesetze von der Bewegung; so kann denn 
unmöglich zureichende Erfahrung für sie sprechen, und es bleibt 
bei dem, was schon Goethe und Lamarck behauptet haben, daß die 
Natur bloß Einzelwesen kenne. Das gilt letzten Grundes natür- 
lich gegen alle Rassen, auch gegen die Tierrassen. Man hat 
nicht gut getan, von der ursprünglichen Bedeutung abzugehen, 
welche Buffon mit dem Wort Rasse verband, als er es zum ersten 
Male wissenschaftlich anwandte. Er sagt von der Rasse, daß sie 
,,so lange dauert wie die Umwelt dieselbe ist und wieder ver- 
schwindet, wenn diese sich ändert." Hätte man daran festgehalten, 
so wäre der Wissenschaft eine ungeheure Portion Scholastik er- 
spart geblieben^). 

Was unser besonderes Thema von den Menschenrassen betrifft, 
so kommt gar noch hinzu, daß nichts von allem, was man als 
wesentlich für die Rassenunterschiede bei den Tieren bezeichnet, 
auf keine der Menschenrassen anwendbar ist, nach welcher Ein- 
teilung man auch rechne: die ganze Menschenrasseneinteilung 
fällt um vor den Tatsachen, daß Menschen aller Rassen unterein- 
ander Nachkommen erzeugen, die ebenfalls wieder fruchtbar 
untereinander sind, und daß nirgendwo andre Verschiedenheiten 
sich zeigen als solche, die ineinander übergehen. Es ließen sich 
ungeheuer viele Beobachtungen beibringen, die für die Veränder- 
lichkeit der sämtlichen sogenannten Rassenmerkmale sprechen. 
In manchen Fällen gehqn die Veränderungen schnell vor sich, wie 



^) Nicht anders auch als scholastisch unfruchtbar und verwirrend ist das 
von Retzius eingeführte Treiben auf Grund der Längenbreitenverhältnisse 
des Schädels. (Der Schädelindex wird berechnet aus dem Verhältnis der 
Schädellänge zur Schädelbreite, multipliziert mit loo; dolichokephal (lang- 
köpfig) nennt man den Index bis 75, den zwischen 75 und 80 mesokephal 
(mittelköpf ig), den von 80 aufwärts brachykephal (kurzköpfig) ; Schädel 
von gleicher Länge und Breite heißen isokephale.) v. Töröck bezeichnet 
„die ganze Ansicht über gentes dolichocephalicae als hinfällig. Daß ur- 
sprünglich jeder Stamm nur eine einheitliche Schädelform gehabt habe und 
alle Verschiedenheiten nur durch Blutmischung bedingt seien, sei völlig 
willkürlich und unbewiesen. Die ganze diesbezügliche Kraniologie bewege 
sich seit 60 Jahren auf falschem und resultatlosem Wege, die Retziussche 
Indexbetrachtung sei unbrauchbar." Zeitschrift für Morphologie und 
Anthropologie, 1905, bei Zollschan, Das Rassenproblem. 

105 



z. B. bewiesen wird durch den langen Hals, die lAngliche, unten 
eckige Gesichtsform und den typisch nordamerikanischen Schädel* 
bau der Nachkommen europäischer Ansiedler in Nordamerika, der 
Yankees; die man als eine besondere ethnische Gruppe, die man 
mit demselben Rechte, womit man überhaupt von Menschen- 
rassen spricht, als eine solche, neu entstandene Menschenrasse be- 
zeichnen kann. Gould hat die Tatsache konstatiert, daß die in 
jugendlichen Jahren nach Amerika gekommenen irischen Ein- 
wanderer hoher und schlanker werden als die über dreißig Jahre 
alten (mit dreißig Jahren hört das Wachstum auQ. ja, neuerdings 
ist gar von Boas behauptet worden, daß die wenige Monate nach 
Einwanderung der Eltern in New York geborenen Kinder ameri- 
kanische Kopfform aufwiesen. Hierher zu rechnen sind auch die 
bedeutenden physiologischen Veränderungen, die man an den in 
Nordamerika geborenen Negern beobachtet, wie z. B. das Heller- 
werden der Haut, und daß sowohl Neger wie Yarxkees eine An- 
rUlherung an den Typ der Rothäute zeigen. In Ägypten lebende 
Europäer erfahren ebenso wie Japarier in Europa eine Ver- 
änderung der Hautfarbe'), und diese letzten sollen schon in der 
zweiten Generation die Besonderheit ihrer Augen verlieren. 
Eine Unzahl von Menschen erscheint rassenunbestimmt, wenn 
man sie auf die Merkmale der Rasseneinteilungen hin ansieht, die 
eben keineswegs bei allen zur Rasse gerechneten Individuen her- 
vortreten; und endlich, was bedeuten selbst die Mustertypen 
gegenüber der Tatsache, daß sich bei den Menschen einer Rasse 
Abänderungen bis zur Verwechselbarkeit mit den Menschen einer 
andern Rasse zeigen ? Hegel (in der Enzyklopädie) spricht von der 
,, Ohnmacht der Natur", den Begriff in seiner Ausfuhrung festzu- 
halten, und sieht darin ,,die Schwierigkeit und in vielen Kreisen 
die Unmöglichkeit, aus der empirischen Betrachtung feste Unter- 

') Virchow hat festgestellt, daß alle Hautfarbe im Grunde braun itt 
und die Differenzen bloße QuantitJLsdiffercnzen sind: ..Diese quantitativen 
Differenzen hängen rein von äußeren Verhältnissen ab; setzen wir einen 
Menschen in ein gewisses Medium hinein, so wird aus einem Blonden ein 
Brauner werden." Ihenng sagt ganz allgemein und radikal: ..Die Volker 
in ihrer Wiege vertauscht, und aus den Semiten wären die Arier, aus 
Ariern die Semiten geworden." 

io6 



schiede für Klassen und Ordnung zu finden." Auf die überaus 
merkwürdige Tatsache, daß einerseits unter Juden Ähnlichkeit, 
allergrößte Ähnlichkeit mit den Menschentypen von jeglicher Art, 
andrerseits unter sämtlichen Menschentypen Judenähnlichkeit 
(Isomorphie des jüdischen Typs) angetroffen wird, komme ich 
später, wo ich dafür auch die Erklärung zu geben in der Lage sein 
werde. Vereinzelt kommt Ähnlichkeit der Individuen eines 
Menschentyps mit denen eines andern überall vor. Es sei erwähnt, 
was der ausgezeichnete Anatom und Anthropolog Julius Koll- 
mann gesagt hat: ,,Von urteilsfähigen Beobachtern habe ich 
wiederholt bei den Schaustellungen der Lappländer oder der In- 
dianer das Urteil gehört, das seien einfach maskierte Schwaben 
oder Bayern, obwohl die Echtheit, von den berufensten Ethno- 
logen festgestellt, außer Zweifel war. Das ist ein deutlicher Finger- 
zeig, wie auffallend gering der Unterschied selbst sehr differenter 
sogenannter Rassen ist, und daß es notwendig wird, im Hinblick 
auf die vorliegenden Tatsachen, von der Gemeinsamkeit der wich- 
tigsten Merkmale in der Aufstellung der verschiedenen Kategorien 
den Maßstab nicht zu hoch anzulegen." Daß die Individuen 
,, selbst sehr differenter sogenannter Rassen" miteinander ver- 
wechselt werden, erfahren zu ihrem größten Entsetzen manchmal 
sogar weiße Amerikaner, wenn sie für Neger gehalten werden. Auf 
die Einzelheiten der verschiedenen Rasseneinteilungen will ich 
nicht eingehen, obwohl da erst der ganze Unsinn an den Tag käme. 
Nach der von den Judenhassern beliebten Rasseneinteilung gibt es 
innerhalb ihrer eigenen Rasse Typen, die viel mehr voneinander ab- 
weichen als irgend welche Typen ihrer Rasse von denen andrer 
Rassen, ja von den Typen derjenigen Rasse, gegen welche sie 
hauptsächlich ihre ganze Theorie aufgestellt und ausgebildet 
haben: will man leugnen, daß die Hindu, die doch wohl zur selben 
Rasse wie die Judenhasser, zu den Ariern, zu den Indogermanen 
gehören (wie es die vergleichende Sprachforschung nachgewiesen 
hat) , daß die arischen Hindu weit mehr abstechen gegen die Ger- 
manen als die semitischen Juden?! ,, Rasse ist eine leere Phrase, 
ein purer Schwindel", hat der Sprachforscher Friedrich Müller ge- 
sagt, ebenso leugnete Mill ganz und gar den ursprünglichen Unter- 
schied der Rassen. Das haben noch sehr viele andre Denker, 

107 



Sprachforscher, Männer der Naturwissenschaft, der Anthro- 
pologie, der Soziologie, der Kulturgeschichte getan. 

Das tue auch ich und sage, die Menschheit hat keine Rassen; sie 
ist als Menschheit, d. h. nach ihrer relativ dinglichen Existenz und 
nach ihrem Bew\iOtsein von dieser relativen Welt, nach ihrem 
Fühlen, Wissen, Wollen, nach dem ganzen Umfang ihrer Be- 
ziehungen zur RelativitAt — und damit haben wir es zunächst zu 
tun, nicht mit ihrem Verhiltni* zum Absoluten oder zum fiktiv Ab- 
soluten — die Menschheit ist einheitliche Menschheit. Die Ver- 
schiedenheiten sind nur die der Oberfläche, hauptsAchlich der 
Farbe: im anatomischen Bau wie in Blut und Blutumlauf und 
Temperatur, indenAtmungs-, ErnJüirungs-, Assimilation^ und Re- 
produktions- und in den sämtlichen übrigen physiologischen Vor- 
gängen herrscht wesentliche Übereinstimmung unter sämtlichen 
Menschen und nicht minder hinsichtlich des Seelischen. Man 
braucht sich nur (was man aber muß, wenn man über unsern Gegen- 
standurteilen will), man braucht sich nurmitder Volkerkunde zu be- 
fassen, um zuerst zu staunen, bald aber gar nicht mehr zu staunen 
über die Einstimmigkeit des Denkens, Empfindens, der Fähig- 
keiten, der Rechtsinstitutionen'), der Sitten und Gebräuche, der 
Verirrungen und grotesken Ungeheuerlichkeiten, welche auf der 
gleichen Stufe der Entwicklung unter den räumlich wie zeitlich 
entlegensten Menschen angetroffen wird: man staunt bald nicht 
mehr, weil die Überzeugung vom einheitlichen Charakter der 
Menschengattung völlig wird. Und ganz das gleiche Resultat ergibt 
sich bei einer andern Betrachtung, die anzustellen ebenfalls unum- 
gänglich ist: gleichwie dadurch, daß die Meruchen unabhängig von 
einander das Gleiche erzeugen, ganz ebenso wird die Einheit der 
menschlichen Gattung auch dadurch erwiesen, daß, was die Einen 
auf ihrer Entwicklungsstufe erzeugt haben, von den Andern über- 
nommen wird. Und wahrlich, nicht nur Tabak und Schnaps haben 



') Post. Studie zur Entwicklunftgeschichte des Faimlienrechti: 
..Ganz dieselben Grundlagen der Organisation begegnen uns bei Volkern, 
bei denen es als zweifellos angesehen werden kann, daß sie nienxals mitr--. 
ander in irgend einen sozialen Konnex g*.v-'^"-""*n sind, so daß ein»" P' 
tion ganz ausgeschlossen erscheint. Die . ' des Menschenges 

dokumentiert sich hier in wahrhaft überraschender Weise." 

io8 



die Menschen einander abgegeben. Was Herz und Verstand der 
einen Rasse bewegt, das vermag auch Herz und Verstand einer 
andern zu bewegen; man denke nach über die Aufnahme z. B. der 
Religion der Juden durch die Germanen — die Germanen, Arier, 
haben zurzeit keine eigene, selbwachsene Religion und stehen auch 
den von Ariern erzeugten Religionen, der zoroastrischen, brah- 
manischen und buddhistischen, fremd gegenüber. Das allein schon 
sollte zu denken geben entgegen dem Gerede von Kongenialität 
nur bei Konsanguinität der Rassen; was mehr sanguinisch für ein 
gewisses Interesse geredet heißt als genial. Konsanguinität der 
Rassen ? Solange man das Blut des Menschen der einen ,, Rasse" 
in das eines Menschen ,,der andern Rasse" einspritzen kann und es 
gibt eine gute Vermischung — was bei wirklich von einander ver- 
schiedenen Rassen, bei Tierrassen, keineswegs angeht — , so lange 
beweist das Blut nichts für die Verschiedenheit der Rassen, und 
sollte nicht länger von Konsanguinität der Rassen, sondern nur 
von Konsanguinität der Menschheit geredet werden. Und ganz wie 
mit dem Blute, so ist es auch hinsichtlich der Übertragung und 
Kreuzung von Gedanken; und was wäre die Menschheit, in der 
doch alles auf das Bewußtsein und die Kultur ankommt, ohne die 
wechselseitige Gedankenbefruchtung*) ! Es dürfte wahrlich auch 
nur von Kongenialität der Menschheit geredet werden. Und nur 
von Menschenvariationen, die den Namen Rassen nicht verdienen; 

*) Wie auf dem Frankfurter Anthropologenkongreß 1908 berichtet 
wurde, soll Brück in Java nach der Präzipitationsmethode Untersuchungen 
angestellt haben, denen zufolge das Blut von Holländern Atomgruppen 
enthalte, die in dem der Chinesen und Malayen nicht vorkämen, desgleichen 
auch besäßen die Chinesen im Blute, was den Malayen fehle. Angenommen, 
daß sich dies bewahrheitet, was wäre damit für die Rassenunterscheidung 
geleistet ? Wenn die Untersuchungen fein genug sein könnten, müßte es 
gelingen, im Blute sämtlicher Individuen physiologische Verschieden- 
heiten nachzuweisen, und man müßte denn am Ende jedes Individuum 
spezifisch und eine besondere Rasse nennen ? Daß alle Individuen, daß alle 
Dinge voneinander verschieden sind, läßt sich doch nicht bestreiten, ebenso 
wenig, daß alle Gruppen von Dingen verschieden sind, weswegen eben man 
von Gruppen spricht; und daß Holländer, Chinesen und Malayen ver- 
schiedenes Bluteiweiß besitzen, beweist nicht die Bohne mehr, als daß sie 
verschieden aussehen. Der Jubel über die nunmehr wissenschaftlich kon- 
statierbaren Rassenunterschiede war nicht angebracht. 

109 



denn es handelt sich hier nicht um Rassen wie bei den Tierrassen: 
es handelt sich um Variationen, die Übergänge ineinander auf- 
weisen und die fruchtbar untereinander sind» — es handelt 
sich um Variationendeseinheitlichen Men- 
schentyps.dienurVariationen auf der Ober- 
fläche sind. Auf der Oberfläche natürlich sowohl des Korper- 
liehen wie des Bewußtseins. Ganz ebenso sagt Ratzel: ,,Es gibt 
nur eine einzige Menschenart. deren Abwandlungen zahlreich 
sind, aber nicht tiefgehen." Von da an, wo solche Menschen- 
variationen aufgefunden sind, die nicht mit ihrenanthropologischen 
Charakteren ineinander verlaufen und die keiner fruchtbaren ge- 
schlechtlichen Verbindung fähig sind und deren Blut die gegen- 
seitige Vermischung ausschließt und deren Kulturleistungen unter- 
einander sich nicht übertragen lassen: von da an wollen wir be- 
ginnen, im wissenschaftlichen Sinne über Menschenrassen zu 
reden. Eher nicht. Und bis dahin wollen wir sämtliche Eintei- 
lungen nach Menschenrassen und alle deswegen vorgenommenen 
Untersuchungen für scholastische Nichtigkeiten halten, uns aber 
völlig beruhigen bei der Annahme der einheitlichen Menschheit, 
die, gleich allem übrigen in der Natur, der Tendenz nach Variati- 
onen folgt (ohne aber dabei in Rassen auseinanderzugehen), und 
daß jede Variation unter den geeigneten Bedingungen der Zeit 
und Umstände Individuen hervorbringen kann, welche sowohl das 
Maximum wie das Minimum alles nur irgend Menschenmöglichen 
erreichen; dai Gesetz von der Erhaltung der Energie hat Geltung 
für die Menschheit als Ganzes, nicht für ihre besonderen 
Variationen. 

Es ist nichts mit den Menschenrassen, die Menschheit ist ein- 
heitliche Menschheit, wobei nur die (in Betracht der wesentlichen 
Gleichheit) unwesentlichen graduellen Verschiedenheiten der 
Einzelwesen mit ihren Natureigenheiten und die (hier ebenfalls 
außer Betracht bleibenden) beiderlei Geschlechter, der Männer und 
Weiber, den Hauptunterschied machen. Es ist gar nichts mit den 
Menschenrassen, , .diese für die gesunde Vernunft ihrer Verkünder 
so beschämende Erfindung" ist wissenschaftlich abgetan*). Die 



•) Wer sich davon überzeugen will, und vor allem, wer von der 
theorie überzeugt ist, der lese das feine und gründliche Werk Jean Finots 



HO 



Wissenschaft weiß auch nichts mehr von jenen drei Urrassen, ge- 
gründet auf drei Ursprachstämme, — auch mit der arischen Rasse 
ist nichts mehr; die nichtantisemitische Wissenschaft und sogar 
schon ein Teil der antisemitischen Wissenschaft will heute von 
den Ariern nichts mehr hören. Nachdem man ihre Heimat über- 
allhin verlegt hatte, nach Indien, nach Baktrien, nach dem Pamir- 
plateau, nach Bokhara, nach Sibirien, nach Armenien, nach 
Deutschland, nach Frankreich, nach Rußland, nach Skandinavien 
— gleich dem Paradiese hatte man die Arier überall gesucht, und 
sind sie nirgendwo zu finden. R. Hartmann bezeichnet die Arier 
als ,,eine Erfindung der Stubengelehrten", und Reinach (L'origine 
des Aryens) sagt: Parier d'une race aryenne d'il y a trois mille ans, 
c'est emettre une hypothese gratuite; en parier comme si eile existait 
encore aujourd'hui, c'est dire toute simplement une absurdite." 
V. Luschan schrieb: ,,Der indogermanischen Sprachfamilie ent- 
spricht keine arische Rasse, und die Völker, die heute indoger- 
manische Sprachen reden, gehören sehr zahlreichen und unterein- 
ander völlig verschiedenen Rassen an. Die Begeisterung, mit der 
man früher einmal sich bemühte, eine gemeinsame Urform der 
indogermanischen Sprachen zu rekonstruieren und zu dieser Ur- 
form sich auch einen rassereinen Urarier vorzustellen, hat längst 
reiferen Anschauungen Platz gemacht. Nur ganz unheilbare Chau- 
vinisten reden heute noch von einer arischen Rasse, und für den 
Fachmann ist der Begriff einer arischen Schädelform genau so ab- 
surd, als wenn man etwa von einer dolichokephalen Sprache reden 
wollte." Ähnlich sagt Max Müller : ,,Für mich ist ein 
Ethnologe, der von arischer Rasse, arischem Blut, arischen Augen 
und Haaren spricht, ein so großer Sünder wie ein Sprachforscher, 
der von einem dolichokephalen Wörterbuch oder einer brachy- 
kephalen Grammatik redet. Es ist ärger als die babylonische Ver- 
wirrung — ja geradezu ein Betrug." Dieser Ausspruch Max 
Müllers dürfte für ,, Arier" um so wertvoller sein, als Max Müller 
selber in früheren Jahren ein Opfer der babylonischen Verwirrung 
und des Betruges gewesen war. Auch die drei Ursprachstämme 

„Das Rassenvorurteil". Aus dem Französischen von Müller- Röder, Berlin 
1906. (Ohne besondere Berücksichtigung der Antisemitenfrage.) Vgl. 
auch Ernst Müller-Holm, Preußische Jahrbücher 1905. Bd. 120. Heft 2. 

III 



selbst, welche zu der Annahme der drei Urrassen Anlaß gegeben 
hatten, mußten ebenfalls als wissenschaftlich unhaltbar verworfen 
werden. Das ist alles vorüber; es war ein ungeheurer Regen — 
jetzt ist nur noch, was hie und da von den Bl&ttern abtröpfelt. Von 
der sprachlichen Rasseneinteilung her werden z. B. die Juden noch 
als Semiten bezeichnet; was ebenfalls ungültig ist, seitdem ihre Ver- 
wandtschaft mit Armeniern und Persern festgestellt worden. Nach 
V. Luschan und Andern sind die Juden sicherlich mehr arisch als 
semitisch, haben ,,mindesteru 5 Proxent semitischen Blutes." Auch 
Feststellungen an judischen SchAdeln. aus neuerer und alter Zeit, 
ergaben nur geringfügige Verwandtschaft mit dem Typ der semi- 
tischen Sch&dei. (Ikow von den russischen Juden: ,,daO sie end- 
gültig aus der Zahl der Semiten ausgeschlossen werden müssen, da 
sie keine Grundverwandtschaft mit den letzteren haben und zu 
einer garu andern Rasse gehören." Vogt gar hatte die aschkena- 
sischen Juden zu Ariern gemacht, Broca sie für ein Produkt der 
Vermischung mit Germanen und Slawen erklArt; — darüber, daß 
die Juden nicht semitisch genannt werden durften, vgl. Judt: ,,Die 
Juden als Rasse" und WeiOenberg in der Zeitschrift für Demo- 
graphie und Statistik der Juden, 1905, H. 5). Von wissenschaft- 
licher Rassentheorie kann nicht die Rede sein, leider aber muß die 
Rede sein von einer neuen und bereits sehr großen Literatur des 
Unsinns und ihrer unheilvollen Wirkung auf die Allgemeinheit. 
,,Wir stehen erstaunt der kindischen Unwissenheit gegenüber, 
deren es bedarf, damit angebliche Gelehrte den Haß der seit Jahr- 
hunderte i vermischten und in fortdauernder Mischung befind- 
lichen Rassen predigen, um sich Unwahrheiten anzueignen, die 
der friedlichen Entwicklung der Volker so nachteilig sind*)." Die 



*) ,,Ohne Zweiicl wird ein Jahrhundert vergehen, bi» die unter dem Ein- 
flüsse unbedachter Gelehrter entstandenen Anschauungen wieder ver- 
schwinden. Bis dahin wird die getiuschte Merischheit nicht müde werden, 
von dieser Entdeckung zu reden wie von einer wirkliches Leben besitzenden 
Wesenheit. Heute sind von tausend gebildeten Euro- 
pAern neunhundertneunundneunzig von derAuthen- 
tizität ihrerarischenAbkunftuberzeugt. — Inder 
Geschichte der menschlichen IrrtOmer wird diese 
LehreunzweifelhafteinesTageseinenEhrcnplatz 
einnehmen." Finot. 

1 12 



Rassentheorie, die neue, statt auf Linguistik, nunmehr auf Men- 
schenhaß gegründete Rassentheorie ist verhängnisvoll auch für die 
Wissenschaft, wie für das Bewußtsein der Allgemeinheit. Sie 
zerstört die gerade erst im Werden begriffene Völkerkunde und 
macht aus ihr einfältigen Völkerhochmut und Völkerverhetzung. 
Schon dies allein beweist, daß die Rassentheorie keine Wissenschaft 
ist. A lle echte Wissenschaft, alle echte Theorie dient dem Nutzen 
der Menschen; die Wissenschaft ist da für die Menschen, nicht 
sind die Menschen da für die Wissenschaft. Die Rassen Wissen- 
schaft, die Bluttheorie, verlangt nach Menschen, denen sie Schaden 
zufügen kann. 

* 

Und dennoch. Trotzdem es ganz gewiß nichts ist mit den festen 
Rassen und die Wissenschaft von einer Rassentheorie nichts weiß, 
müssenwirpraktischdennoch Rassen unter- 
scheiden, wie die Praxis sie unterscheidet. 
Sich dagegen aufsetzen, heißt sich mit dem gesunden Menschen- 
verstände (im besten Sinne des Wortes) und mit der natürlichen 
Anschauung entzweien; das wäre, wie angesichts der Wellen des 
Meeres die Wellen des Meeres ableugnen. Wir halten fest an den 
unterschiedenen Menschengruppen mit gemeinsamen Merkmalen 
der Abstammung, wo, Zeiten der Geschichte hinauf, äußerliche 
und innerliche Ähnlichkeit der Kinder mit den Eltern erkennbar 
wird. Diese unterschiedenen Menschengruppen sind, wie die prak- 
tische Naturbeschreibung verlangt, zwischen Individuen und 
Gattung einzuschieben, 

und da sie doch auch mit Worten unterschieden sein wollen, 
warum sollte man sie nicht als Rassen bezeichnen ? Wir vergessen 
dabei nicht das einheitliche Menschengeschlecht, in welchem die 
Unterschiede wohl allesamt erklärlich sind aus den abweichenden 
Lebensverhältnissen in den verschiedenen Erdgegenden und Kli- 
maten (letzter Grund: daß die Erdachse nicht senkrecht steht auf 
ihrer Bahn) und durch Mannigfaltigkeit der übrigen Einwirkungen 
auf die sehr dehnungsfähige Gattung Mensch, — diese äußeren 
Ursachen sind der Sturm, der die Wellen erregt. Das Meer ist ein- 
heitlich Wasser, die Menschheit besteht einheitlich aus Menschen: 

113 ^ 



wie Wellen aus dem Meere sich heben und wieder sinken, so sind 
die Rassen der Menschheit — auch in der Hinsicht, daß sie nur auf 
der Oberfläche die Verschiedenheit zeigen. Sie halten sich eine 
Zeitlang, die Zeit der Menschheit ist aber groß, und wir kennen von 
dieser großen Zeit nur eine winzige Spanne. MoRÜch, daß, wie das 
Meer glatt war vor der Wellenbewegung und nach ihr wieder glatt 
wird, so auch die Menschheit dereinst gAnzltch rassenlos gewesen 
und in diesen Zustand wiederum zurückkommt. Das ist vielleicht 
möglich auf unsrem runden, sich drehenden losgelösten und er- 
kalteten Stuck Sonne, welches dereinst wieder Sonne wird — es ist 
möglich, so wenig es uns wahrscheinlich dünkt: w i r haben uns 
jedenfalls nur um unsre Zeit der verschiedenen Rassen ru be- 
kümmern. Das Alter von Tausenden von Jahren, welches Rassen 
doch immerhin erreichen (vielleicht hat Kollmann Recht, daßunsre 
Rassen seit dem Diluvium (einigermaßen) fest sind, und vielleicht 
sind wirklich Epochen gesteigerter UmwandlungsfÄhigkeit anzu- 
nehmen): Tausende von Jahren, das ist für uns Menschen schon 
etwas bedeutendes, bt für uns alles. Rassen sind Rassen, und die 
judische Rasse ist die judische Rasse und erst recht eine RasM — 
ich werde weiterhin anzugeben suchen, was für eine Rasse. Jeden- 
falls eine Rasse von ganz eigentumlicher Art; weder ihr Zu- 
sammenhang mit der Vergangenheit noch ihre gebliebene Eigen- 
tümlichkeit kann in Abrede gestellt werden (es ist Tatsache, daß die 
Physiognomien heute lebender Juden mit jüdischen Physiogno- 
mien auf babylonischen, assyrischen und ägyptischen Monumenten 
übereinstimmend sind; womit, nebenbei gesagt, der unter uns 
herrschenden Entwickelei eine bcschAmende Lektion erteilt wird). 
Die praktische Unterscheidung der Rassen soll uns an der Wissen- 
schaft nicht verderben, die ja auch weit entfernt davon ist, an der 
praktischen Unterscheidung rütteln zu wollen da, wo es niemals 
eine Wissenschaft geben, wo immer nur die experientiavaga gelten 
kann. Wir stehen also völlig auf dem Boden 
der Rassenunterscheidung, damit nichtder 
Rassentheorte. Wir haben hier gar keine 
Theorie, wir unterscheiden nur. 

Das beachte man wohl, ehe man etwa einwirft, es sei belanglos, 
die festen Rassenunterschiede zu bestreiten, wenn man die ge- 



114 



schichtlich hervorgetretenen und zurzeit bestehenden anerkennt. 
Da führe man sich doch lieber das Gesagte mit allen seinen Konse- 
quenzen noch einmal vor. Es kommt ein Unterschied heraus, um 
den ich Viele in Deutschland aufgeklärter wünsche, als sie sind. 
Mit unsrer Auffassung von den Rassen begeben wir uns eben nicht 
auf das Gebiet der Rassentheorie; und von der Behauptung, daß 
Rassen, scharf abgegrenzt gegeneinander, von ihrem Ursprung an 
bis in alle Ewigkeit, in sämtlichen Erdstrichen und unter allen ge- 
sellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen, die unver- 
ändert gleichen Eigentümlichkeiten bewahrten, daß einige zum 
Herrschen bestimmt, andre zum dauernden Tiefstand verdammt 
seien, oder daß eine die beste sei, wird damit nichts behauptet: 
vielmehr ist unsre Meinung klar, daß es keine beste Rasse gibt, die 
Natur keine Zuneigung zur einen vor der andern äußere, und daß 
die Rassen sich verändern, auch d i e Rasse, die heute tief steht, 
morgen hochkommen könne (so etwa wie ein Planet, auf dem 
heute das Leben unmöglich ist, in zukünftigen Zeiten geeigneter 
Sonnenabkühlung Leben entwickeln kann) . Keine für die Kultur 
noch so bedeutende Rasse kann einer andern, die, so viel man weiß, 
noch nichts zur Kultur beigetragen, zu solchem Beitrage die Fähig- 
keit absprechen; und wenn Germanen geneigt sind so zu tun 
und z. B. auf die Neger verweisen, so mögen sie ernsthaft die unge- 
heuren Fortschritte der Neger in den Vereinigten Staaten seit dem 
Befreiungskriege in Betracht nehmen! Die Germanen haben, das 
gleiche Stück Weges zurückzulegen, viele, viele Jahrhunderte ge- 
braucht; und wie lange wohl befanden sich die Germanen im Zu- 
stande gänzlicher Roheit und Wildheit! Wie, wenn ihnen, auf 
Grund ihrer damaligen Kulturlosigkeit, von den Römern das Ur- 
teil gesprochen worden wäre?i) Es ist wahrlich nicht der ge- 
ringste Anlaß zu entdecken, weswegen die Germanen um ihres 

^) Zu meinem Befremden lese ich von dem sonst schätzenswerten Paul 
Rohrbach (in einem Referat über die Eingeborenenfrage in unsren Kolo- 
nien) : die Neger seien eine niedere, minderwertige Rasse; trotzdem sie nun 
bereits hundert Jahre unsre Kultur hätten, seien in Afrika immer noch 
nicht solche Verhältnisse wie in unsren Kulturländern und kämen immer 
noch nicht dorther Erfindungen und Entdeckungen wie Eisenbahn, Tele- 
graph, Luftschiff usw.Il! 

» 

"5 s* 



augenblicklichen Kulturstandes willen als die für die Kultur be- 
deutendsten oder gar als die einzigen der Kultur in höherem Sinne 
fähigen Menschen zu betrachten sein sollen — daß einige unter 
ihnen das Blaue vom Himmel herunterrenommieren, bedeutet dazu 
keinen wirklichen Anlaß; und die Rechnung stellt sich noch ganz 
viel anders, wenn wir das Christentum unter ihnen einen Kultur- 
faktor sein lassen, das Christentum, welches sie ganz und gar den 
Juden verdanken'). Unfähigkeit zur Kultur und Naturberechtigung 

*) Ein Mltsamer HrtUgrr meint: einige „Völker" seien Heldco» 
Völker, andere Hindlervolker - spezifische HAndlervöIker seien die Etr\i»> 
ker, die I die Juden. Die Völker oder vielmehr die Rassen können 

aber naciirin.uiUer sehr Verschiedenes sein und letMen. Die Juden waren 
Obrigens, so lange sie ein Volk waren, nichts wtnigar als ein HAndlervolk, 
sondern ein Ackerbau- Volk; den Handel besorgten unter ihnen Phönizier 
und Ägypter. Und außer dem Ackerbau besaßen sie ideale Interessen in 
ungewot. ' ' n Maße und produzierten, wie gesagt, das C1 
Daß in > -•■•^ Zeiten Juden dem Handel sieb »••■•-«*-• 

daß tinc . c meisten Juden geneigt waren, 

ist ebenso bekannt wie die Tatsache, daß sie in den neuesten Zeiten, 
bei veränderten Verl.. -i Berufsarten sich zuwenden, die 

ihnen freistehen und Au&sicnt aui iirfolg versprechen. — Das Geschick 
der Juden fOr den Hartdel ist von Vir^m gewOrdift worden, nicht ebenso 

auch die ganz eigentümliche B' ag zu spekulativer Humoristik, 

wie sie gar nicht selten bei übrigens gcschlftsuntüchtigen, unpraktischen 
Juden angetroffen wird. Ich wnB mich hier in der Kurze nicht anders 
deutlich zu machen als durch Bctapielc. Ein armer Makler aus «toem 
kleinen Orte Posens demonstrierte einem Cutsbesitxer mit der rechten 
Hand an der erhobenen ausgespreizten linken Hand: ,,Sehn Se, gnädiger 
Herr, ich kann Se szeigen das gaiize Ceheutmis von die Konjekturen an 
die fünf Finger von meiner Hand. Wenn eine ganz unbekannte Ware 
kommt in den Handel unter die Leut, so tut sich im Anfang ein Geschrei 
und die Ware kriegt einen Preis: so will ich sagen, sie kummt uf den 
kleinen Finger zu staihn. Danach, wenn mer hat gemacht I Geschalt, 
schreit mer noch mehr: i so kummt die War 'n guten Ruck weiter von 
den kleinen Finger uf den Goldesfinger zu staihn. Jetzt kummt die Rach- 
begier vun die Spekulanten: treibt sie doch die Sach noch uf den Mittel- 
finger ruf. Wer nu is gescheut, der kann sehn, daß es nischt weiter geht 
— über die Kunst gaiht es doch nischt. Was aber künstiglich is gestiegen, 
muB bald wieder herniedergaihn. Zuerst weicht es 1 Bische bis auf den 
Zeige>-finger herunter; das macht der Ware ein Verruf, denn so graufl 
Wie die unnatürliche Courage ist vun de Spekulanten, so grauB is die 
Angst, und dorch dieser Angst fallt die Ware von den Zeigesfinger uf 

! 10 



der Herrschaft einer Rasse über eine andre Rasse wird nur von der 
egoistischen Kurzsichtigkeit bei Betrachtung des Bruchstückchens 
entdeckt, welches sie für „die Geschichte der Menschheit" hält; 
in Wahrheit spricht z. B. selbst gegen das Dogma von den weißen 
Völkern als den Kulturträgern gar mancherlei aus den Anfängen 
der Überlieferung und sogar noch aus den hellsten Zeiten unsrer 
Geschichte, wie z. B., daß die Völker Amerikas kräftig daran 
waren, eine höhere Kultur zu entwickeln eben damals, als sie von 



den Daumenfinger zurück. Das ist das End vun der Sach," Derselbe 
Geschäftsphilosoph ließ sich einst folgendermaßen vernehmen: ,, Hören 
Se, gnädigster Herr Lieutnant, lassen Se sich sagen das Kurze und Lange 
vun de Geschäften. Ich hör immer vun Verstand ? Mer kenn doch nischt 
sagen, was das is. Verstand! Mer weiß doch nischt bei des beste Geschäft, 
wie viel Prozent Glück und wie viel Dummheit derbei gewesen ist; und 
bei des schlechteste Geschäft weiß der Dümmster nischt, wie viel Verstand 
ihm das Unglück gegeben hat, daß er nischt verloren hat den Hals oder 
den Verstand oder das Hemmet vum Leib! Ich weiß nischt vun rnein 
Geschäftsverstand. In den Augenblick, wo ich mir hineintu ins Geschäft, 
fall ich ins Wasser. Soll ich schwimmen, gaih ich ins tiefe Wasser: gaih 
ich flach, kenn ich lieber aufs Trockene gehn; kenn ich bleiben zu Haus. 
Ich sag' immer: Die Welt hängt ab vun 'nen Augen- 
blick, was mer nischt kann sehn! Hast du gesehn, hast 
du gut gesehn ? Du hast doch nischt recht gesehn. Du sehst dir um in den 
zweiten Augenblick nach den ersten Augenblick: ich will verwünscht 
sein, wenn du ihm wirst sehn oder wenn er dir wird sehn uf den alten Fleck. 
Die Welt dreiht sich, mir dreihn sich mit, und das Geld rollt. Mer denkt, 
mer wird's abpassen, mer wird die Sach greifen: mer greift sich selber 
bei der Nas, aber doch nischt das Glück. Mer denkt, mer wird es ablangen, 
wenn's hoch hängt, mer streckt sich, mer reckt sich, mer rührt dran: 
mer pflückt's doch nischt ab. Warum nischt ? Weil dem einen is die 
Natur zu kurz, dem andern is sie zu lang oder zu breit, was weiß ich! Die 
Naturen seinten verschieden vun die Dinge und vun die Menschen und 
vun die Augenblicke obendrein. Wie soll das kommen, daß einer treffen 
wird uf ein Augenblick und uf ein Geschäft, das ihm wird sein und ge- 
raten nach seiner Natur ? ! Mer kann nischt fahren aus seiner Haut, und 
wenn mer's kennt, wie fahrt man wieder retour ? Also bleibt mer doch 
wie mer gewachsen is. Mer schubbt sich, mer hubbert sich, wenn mer 
keinen Mantel hat, und wenn mer im Sommer einen hat, ist noch 
schlimmer wie ohne Mantel im Wintertag; und mer weiß das Wetter vun 
die Geschäfte, mer tut immer zu viel oder zu wainig, wenn mer die Ge- 
schäfte treiben will: zuletzt kommt's druf raus, die Geschäfte haben uns 
getrieben. Gottes Glück, wenn 's nischt ist: vun Haus und vun Hof!" 

117 



den Europäern entdeckt wurden, deren freilich damals überlegene 
Kultur ihnen alles erstickte und verschlang. Einheit des 
Menschengeschlechts, wie wir sie annehmen, 
bedeutet, im Gegensatz zur Annahme von 
festen Menschenrassen, daß alle Menschen 
unter denselbenVerhiltnissen undEntwick- 
I u n g s b e d i n g u n g n rassenlos gleich w&ren, 
und Rassen bedeuten danach die Menschen 
verschiedener Verhiltnisse und Entwick- 
lungsstufen; wobei dennRassenhaObedeuten 
wurde, daß die Menschheit sich selber haßt in 
der Verschiedenheit ihrer Erscheinungs- 
formen. Dadurch wird der Haß der Rassen gegeneinander 
kein schonerer Haß und ist, solange man den Begriff des Hasses 
festhalt und nicht etwa ihn als wünschenswert unter den Menschen 
bezeichnet, auf keine Weise zu rechtfertigen'). — In anderem 
Sinne als in dem bezeichneten von Rassen zu sprechen, sehe ich 
kein Recht, in dem bezeichneten Sinne aber mag man — da die 
Wissenschaft mit dem Wort Rasse nichts anzufangen weiß, ist es 
frei, und so mag man auch von der ..judischen Rasse" sprechen, 
was übrigens nach sAmtlichen anthropologischen Rassenein- 
teilungen Unsinn ist; keine macht die Juden zu einer besonderen 
Rasse. Jedoch werden wir damit das Wort Rasse nicht betrüben; 
und judische Abstammungseigentumlichkeit zu bezeichnen, bei- 
spielsweise zum Unterschiede von der germanischen, spreche man 
immerhin von judischer und germanischer Rasse, obwohl damit 
auch insofern den wissenschaftlichen Rasseneinteilungen wider- 
sprochen wird, als diese die Juden mit den Germanen in eine Rasse 
setzen. 



') Die Zweiheit der BewuBtseinsarten, die ich unterscheide, bedeutet 
natürlich nichts praktisch gegen die Einheit der Menschengattung und 
nichts gegen die Gleichberechtigung der Individuen (da sie gar nicht in die 
Sph4re der Praxis, der Relativität fiült, sondern den einen und andern 
Grund bezeichnet, auf welchem die RelativitAt bei den Einen und Andern 
steht); und wer auf Grund der Lehre von den Geistigen und vom Volke 
in Hochmut gefallen ist und in eine Selbstschitzung, die sich nur tn der 
Herabsetzung Andrer fühlt, der ist nicht mein Freund und kein Anhinger 
meiner Lehre. 

ii8 



Ich sage: jüdische Abstammungseigentümlichkeit zum Unter- 
schiede beispielsweise von germanischer. Unterschied ist aber noch 
nicht Gegensatz (Alles ist voneinander unterschieden, ohne daß 
darum auch alles einander entgegengesetzt ist) , und Abstammungs- 
unterschiede hindern nicht die nationale Einheit; die deutsche 
Nation ist deutsche Nation, trotzdem sie gebildet wird aus 
Deutschen von verschiedener, von germanischer, slavischer, 
jüdischer usw. Abstammung. Und damit wären wir ja bei dem 
Punkte angelangt . . . aber Geduld. Es ist eines noch zu sagen für 
Solche, die trotz allem bereits Gesagten das Dogma von den 
ursprünglich verschiedenen und voneinander verschieden bleiben- 
den Menschenrassen rundweg zu bejahen geneigt sind, und alsdann 
bleibt noch die versprochene nähere Bestimmung der jüdischen 
Rasse — Rasse in unsrem Sinne — ; welche nähere Bestimmung 
ihre richtige Stelle erst findet, nachdem alles Allgemeine über die 
Rassen und auch dieses letzte über die Rassenmischung er- 
ledigt ist : 

Die Möglichkeit, und, sei sie zu finden wo sie zu finden sein 
mag, die Wirklichkeit absoluter Rassengetrenntheit vorausgesetzt, 
so ist jedenfalls Tatsache, daß von den für uns in Betracht kommen- 
den Rassen zurzeit keine einzige in ihrer ,, ursprünglichen Rein- 
heit" existiert; ja nimmt man zur kurzen Historie das hinzu, was 
wir von der sehr langen Prähistorie immerhin wissen und nach 
Analogien erschließen müssen, so ließe sich mit wissenschaftlicher 
Sicherheit behaupten, daß sämtliche Menschen Mischlinge sind 
und bei weitem die meisten das Kreuzungsprodukt unzähliger 
ethnischer und anthropologischer Gruppen. Die Konstanz einer- 
seits und die Modifikabilität andrerseits, d. h. einerseits der sich 
vererbende, von jeher und für immer unveränderliche besondere 
(spezifische) Charakter äußerlich und innerlich voneinander ver- 
schiedener Menschenrassen und andrerseits die auch sämtliche 
verschieden erscheinende Rassencharaktere verändernden Ein- 
flüsse der Natur, der Geschichte und der sozialen Umstände und 
Verhältnisse — diese beiden Annahmen, die man einander gewöhn- 
lich entgegenstellt, sind schon darum nicht die einzigen in Be- 
tracht kommenden Annahmen, weil die Annahme der durch- 

119 



gängigen Rassenvermischung ganz unabweisbar erscheint. Diese 
dritte Annahme der Vermischung sAmtlicher Rassen macht aber 
nicht allein Vererbung etwa vorhanden gewesener spezifischer 
Rassei^charaktere und mithin unverrückbare Konstanz derselben 
in ihrer Ganzheit unmöglich, sondern l&ßt auch sogar die 
Modifikation und teilweise Erhaltung eines spezifischen Rassen- 
charakters unerklärlich erscheinen, da ja --durch die Vermischung 
der versciiiedenen Cliaraktere der Vorfahren — von allen diesen 
komponierenden Charakteren verschiedene Resultanten neuer 
Charaktere in den Nachfahren entstehen müssen. Nun fand 
aber eine beständige Durcheinandermischung und Verschmelzung 
aller Menschentypen mit allen statt, so daß, angenommen selbst, 
es wären in einer Urzeit reine und unvermischte Typen vor- 
handen gewesen, die größte Wahrscheinlichkeit besteht, daß 
keiner derselben auch nur Ähnlichkeit mit den heute vor- 
handenen Variationen besessen habe. Reinrassige Individuen — 
es gibt schwerlich auch nur ein einziges. Otto Ammon 
(Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie, 11,679 fQ rechnet: 
bei Vermischung zweier Rassen im Verhältnis von '/«'Vi »'"^ 
die reinen Typen der einen und andern nach n Generationen 
"■ C/'j) 2" resp. (•/,) 2°. Nach neun Generationen wurde e i n 
ererbt reinrassiges Individuum auf eine Zahl von Volksgenossen 
kommen, die mit 46 Stellen geschrieben wird. .,In einer seit 
mindestens drei Jahrhunderten gekreuzten Bevölkerung gibt es 
keine oder nur vereinzelte ungemischte, reiruassige Individuen, 
etwas mehr vielleicht in abgeschlossenen Ständen, die zugleich 
Rassen darstellen und die Ehegemeinschaft mit unterhalb stehen- 
den verbieten." 

Das also ist jedenfalls unumstößliche Tatsache, daß es keine 
reinen Rassen gibt. Unter unsern Rassen die verhältnismäßig 
reinste ist die jüdische Rasse, für die trotz aller Mischung die be- 
deutendste anthropologische Einheitlichkeit in Anspruch ge- 
nommen werden muß; weswegen auch hinsichtlich ihrer, die wir 
mit verhältnismäßig längster Dauer im Lichte der geschichtlichen 
Überlieferung vor uns haben, und welche, als einzige von allen 
Rassen, lebendige Rassenerinncrung besitzt, weit eher und be- 
stimmter als hinsichtlich unsrer andern Rassen, von einemerkerui- 

120 



baren eigentümlichen Charakter gesprochen werden kann. Nur 
dieverhältnismäßigreinste istdie jüdische 
Rasse; denn auch die Juden haben von immer her mit nicht- 
jüdischen Rassen sich vermischt, schon in den biblischen Zeiten. 
Die biblischen Bücher sind angefüllt mit Berichten davon, und hat 
doch sogar ,, Jakob, unser Vater" mit seinen nichtjüdischen Kebs- 
weibern Bilha und Silpa vier seiner Söhne und also den dritten Teil 
der zwölf Stämme erzeugt : Dan, Naphthali, Gad und Ascher! 
Mit Recht betont Fishberg, daß ,,der Rassenstolz derjenigen 
Juden, die da vermeinen, allein in Europa ihre Ahnenschaft 4000 
Jahre zurück verfolgen zu können und als einzige unter den 
zivilisierten sozialen Gruppen imstande gewesen zu sein, die Rein- 
heit ihres Geblüts bis auf die Neuzeit zu erhalten, auf einer Mythe 
beruht." Die Juden haben im Laufe der Zeit so viel fremdes, dar- 
unter auch arisches Blut zugemischt erhalten i) , daß keiner wissen 
kann, ob er wirklich Jude sei — daß sie welche sein sollen, merken 
die meisten an dem Haß, von dem sie mitbetroffen werden. Aber 
ein zuverlässiges Kriterium ist das nicht. Und wohl noch weniger 
kann einer wegen seines Judenhasses gewiß sein, daß er zu den 
Germanen gehöre: es hat da belehrende und sehr zur Vorsicht 
mahnende Aufklärungen gegeben, wie denn z. B. einem der 
fanatischsten Führer des Judenhasses mitten auf der Höhe seiner 
rassentheoretischen Begeisterung für das Germanentum unange- 
nehmerweise vorentdeckt wurde, daß sein Urgroßvater auf den 
schwerlich germanischen Namen Cheskel Feibisch gehört habe; 
und es gibt immer noch keinen rückwirkenden Antisemitismus ge- 
taufter Juden und Judenabkömmlinge. Wirklich mit Gewissens- 
ruhe gemanischer Rassentheoretiker sein, ist keine einfache Sache. 
Die Vergangenheit ist unsicher. Wieviele dieser Rassentheoretiker 
kennen auch nur ein einziges Tausend Millionen von ihren Ahnen; 
womit sie ihre Abstammung erst dreißig Gene- 
rationenhinaufverfolgthätten! Was kann nicht 
alles allein schon unter diesen ersten Tausend Millionen Ahnen 



^) und erhalten es noch fortgesetzt durch die zahlreichen Mischehen 
und Übertritte zum Judentum, welche letzten keineswegs so selten sind, 
wie man gewöhnlich annimmt, obwohl sie natürlich an die Zahl der 
Taufen nicht heranreichen. 



121 



stecken, das bringt keine Chemie heraus — es kann auch ein Jude 
darunter stecken. Es müssen viele Juden unter den Vorfahren der 
Angehörigen unsrer nichtjudischen Rassen stecken: hätten nicht 
diese so viele Juden eingeschluckt, so wurde es heute anstatt 
der jetzt lebenden zwölf Millionen Juden sechsunddreiOig Millionen 
Juden geben müssen. Man bedenke: 24 Millionen Juden in der 
Aszendenz! Da wundere sich niemand, daO Leroy Beaulieu 
schreibt: ,,Wer wir auch seien, niemals werden wir wissen, ob wir 
unter unsern Vorfahren nicht irgend einen dürftigen Juden aus 
dem Norden oder Süden zihlen." 

Ich erfahre, es ist jetzt ein ,, Germanenorden" begründet 
worden, der sich selber als einen , .bitter ernsten Verband deutscher 
Minner" bezeichnet und keinen hineinlüOt. der nicht ..von zu- 
verlässiger germanischer Rasse" ist. Wer hineinwill, muß den 
folgenden Eid leisten: ..Ich versichere nach bestem Wissen und 
Gewissen, an Eidesstatt, daß sich unter meinen und meiner Frau 
Eltern und Vorfahren kein Angehöriger der judischen Rasse be- 
findet." Ferner muß er einen dem bitter ernsten Verband ge- 
nügenden Burgen namhaft machen und außerdem noch die Er- 
klärung abgeben, daß er nicht Abonnent des ..Berlmer Tageblatts" 
sei, welches an den Bestimmungen des Germanenordens einiges 
unvollkommen gefunden hatte, z. B. die mangelnde nJLhere Be- 
stimmung eines Hauptpunktes fehle: ,,fur wieviel nAmlich der 
Bürge derer, die nicht alle werden, ^t zu sagen habe?" Aber 
wenn nun auch der Neophyt in der ganzen Glorie eines unbe- 
zweifelbaren Nichtabonnenten des ,, Berlmer Tageblatts" dasteht, 
und wenn er durch seinen Eid mit Hilfe seines Zeugen aus dem 
Judenverdacht herausgepaukt ist: ist er deswegen schon ..von zu- 
verlässiger germanischer Rasse", wie doch der bitterernste Ver- 
band deutscher Männer in seinem Deutsch, das allerdings nicht 
sehr zuverlässig ist. unbedingt fordert ? Die nichtjüdischen 
Deutschen sind noch keineswegs germanische Deutsche, und der 
Germanenorden dürfte, wenn er einigermaßen kritisch verfährt, 
nur sehr wenige Mitglieder bekommen: nicht einmal ja die 
Deutschen auf den deutschen Fürstenthronen sind von zuver- 
lässiger germanischer Rasse, vielmehr, wie wohl am besten die 
Judenhasser wissen, sehr gemischten Blutes. Die Gründer hätten 



122 



besser getan, noch zu warten, bis da Wandel und Gewißheit ge- 
schaffen ist durch die ,, Landwirtschaftliche Betriebs genossen- 
schaft Mittgart", die auf einer Siedelung die germanische Rasse 
durch Züchtung rein machen wird. Ehe nicht diese Genossen- 
schaft oder ihresgleichen — nach einer unter den Glaubens- 
genossen der Rassentheorie angesehensten Autorität lassen sich 
mit den Spermatozoen eines einzigen ,, Eugenischen" bei künst- 
licher Befruchtung der dazu würdigen Weiber 200 000 Kinder er- 
zielen! — ehe nicht derartige Zootechnik geholfen hat, kann nie- 
mand mit Sicherheit wissen, ob er wirklich zur germanischen 
Rasse gehört und ,,als Ordensbruder, Waffenbruder, dienender 
Bruder oder bloß zahlender Bruder" ,,das bedrängte Germanen- 
tum schützen" darf. — Wie gesagt, die Vergangenheit ist unsicher, 
zumal für die Antisemiten, die durchweg von dunkler Herkunft zu 
sein pflegten. Auch sogar bei denen von hellerer Herkunft — wir 
wollen doch eimal hören, was Samter ,, Judentaufen im 19. Jahr- 
hundert" zu berichten weiß: 

,,Der spanische König Josef I. sprach einst seinem Minister 
Pombal gegenüber die Absicht aus, alle Spanier, die von der mala 
sangreder Hebräer infiziert seien, durch Abzeichen, gelbe Kappen, 
zu kennzeichnen. Der Minister erwiderte nichts, aber tags darauf 
erschien er mit drei solchen Kappen im Staatsrat und zeigte sie 
dem König mit den Worten: ,,Eine für mich, eine für den Herrn 
Großinquisitor und eine für — Ew. Majestät^)." Er wollte damit 
drastisch zum Ausdruck bringen, daß in Spanien nicht einmal die 
Höchstgestellten frei von jüdischem Blute seien. Und er hatte 
recht. Der Kardinal Mendoza schrieb 1560 das Buch ,,E1 tizon 
de!a nobleza espaiiola" (Der Schandfleck des spanischen Adels), 
das 1880 in Barcelona neugedruckt ist. Der Herzog v. Braganza, 
der Marquis v. Villanova sind danach jüdischer Abstammung. 
Man kann ihnen die Grafen Aranda, Pugnonrostro und Don Da- 
vila anreihen. Llorente, der berühmte Verfasser der Geschichte 
der spanischen Inquisition, behauptet sogar, in weiblicher Linie 
stammten fast alle spanischen Granden von Juden ab^) . Mendoza 

^) H. H. Milman : History of the Jews, vol. III, London 1863, p. 323. 
*) D. J. A. Llorente : Kritische Geschichte der spanischen Inquisition, 
übersetzt von J. K. Hock, Bd. I, Gmünd 1819, Vorrede S. XXXV. 

123 



Wußte wohl nicht oder wollte rieht wissen, daß sogar Ferdinand 
der Katholische, der die Juden 1492 aus Spanien jagte, selber 
jüdisches Blut in seinen Adern hatte. Seine Mutter war eine 
Enkelin der schönen Toledaner Jüdin Paloma'). Eine Enkelin 
des Königs Ferdinand heiratete einen Sohn des Alfonso de Cabal- 
leria, Vizekanzlers von Aragonien, den Urenkel eines Juden. Sie 
war eine Base des nachmaligen Kaisers Karl V.'). 

Auch in anderen L&ndern sind Juden m die Aristokratie ein- 
gedrungen. H.v. Bulow, ein Vetter des Reichskanzlers, hat eine 
,, Geschichte des Adels" geschrieben (Berlin 1903), worin er S. 37 
behauptet, daß es weit ubtr 1000 geadelte judische Familien gÄbe; 
davon führt er 480 (S. 99 — 104) namentlich auf. Und noch weit 
zahlreicher als Juden durch Nobilitierung treten Judinnen durch 
Heirat in die Reihen des Adels ein. — Von regierenden Fürsten 
jüdischer Abstammung kann ich nur die Bagratiden nennen, die 
885 — 1046 über GroÖ-Armenien herrschten. Ein Zweig erlangte 
später die Herrschaft über Georgien und führte sie bis zum Jahre 
1802, wo David, der Sohn des letzten Königs Georg XIII., den 
Russen weichen mußte. Die Bagratiden rühmen sich des judi&chen 
Blutes und fuhren Konig David in ihrem Stammbaum auf. In 
Wahrheit sind ihre Ahnen Juden gewesen, die durch fortwährende 
Quälereien zu Christen gepreßt wurden'). — Vier Judinnen haben 
einen Thron bestiegen. Im 7. Jahrhundert war die Judin Damiat 
b. Tabet Konigin des Berberstammes der Djarona. Ihre Haupt- 
stadt war Bagaia. Nachdem sie sich jahrelang der Angriffe der 
Araber erwehrt hatte, fand sie den Heldentod in der Schlacht. 
Papst Anaklet II. (1130 — 1138), jüdischer Abstammung, salbte 
den Herzog Roger von Sizilien zum König, und dieser erhob 
dessen Schwester zu seiner Gemahlin und zur Konigin*). Ge- 
taufte Jüdin war Theodora (Sara), rechtmäßige Gemahlin des 
Zaren Iwan Alexander von Bulgarien (1331 — 1365). Als gute 

•) M. Kayserling : Christoph Columbus, Berlin 1894, S. at. 

') H. Graetz: Geschichte der Juden, Bd. VII!. Leipzig 1864, S. jaS. 

*) ,,Les Bagratides confess?rent la rehgton judaique. Par toutes 
sortes de pers^cuttons ils furent forers d'abjurer leur foi et de se faire 
chretiens" (Annuaire de la noblesic de Russie. I, 1889, p. 49). 

*) Joseph Kardinal Hergenröther : Handbuch der allgemeinen 
Kirchengeschichte, 4. Aufl., Bd. II, Freiburg i. B. 1904, S. 440. 

t'4 



Christin suchte sie sich namentlich durch den Bau von Kirchen 
und Klöstern zu legitimieren^) . Die vierte, die ich zu nennen habe, 
ist Alice Heine, Tochter Michel Heines, eines Vetters des Dichters. 
Sie teilte mit ihrem Gemahl, dem Fürsten Albert I. von Monaco, 
bis zum Jahre 1902, wo die Ehe getrennt wurde, das kleinste 
Thrönchenin Europa. — Der Sohn eines Juden, Perkin Warbeck, 
hat — freilich ohne Erfolg — um einen Thron gekämpft (1492.) 
Er war mit einer Verwandten Jakobs IV. von Schottland ver- 
mählt und nannte sich stolz Richard IV., König von England. Er 
endete aber am Galgen. 

Von englischen Königen standen mehrere mit Juden in ver- 
wandtschaftlicher Beziehung. Direkte Nachkommen des Königs 
Jakob II. sind die Herzöge Fitz- James. Frl. de Türenne, die 
mütterlicherseits Enkelin eines Herzogs Fitz- James ist, wurde 
Gattin des semitisch-antisemitischen Eigentümers des ,,Gaulois", 
Arthur Meyers in Paris. Eine Tochter der jüdischen Sängerin 
Hannah Norsa vermählte sich mit dem Herzog von Gloucester, 
einem Neffen des Königs Georg III. Königin Viktoria wurde, 
durch ihren Gemahl, den Prinzen Albert, Tante der Constanze 
Geiger, einer ehemaligen jüdischen Sängerin und Klavierlehrerin, 
die sich mit dem Prinzen Leopold v. Sachsen- Koburg-Kohary 
vermählt hatte. Eine Tochter des New- Yorker Getreidehändlers 
Levy Z. Leitner hat eine vornehme Partie gemacht. Sie heiratete 
Colin Compbell, einen Verwandten der schottischen Herzöge von 
Argyll , und ist dadurch mit König Eduard VII. verwandt geworden, 
dessen Schwester Luise durch Heirat Herzogin v. Argyll ist. 

In Italien gibt es Aristokraten jüdischer Abstammung in 
Menge^). Das erlauchteste Fürstengeschlecht Roms waren jahr- 
hundertelang die Pier Leoni, die der Christenheit sogar einen 
Papst, den bereits erwähnten Anaklet IL, gegeben haben. Ihr 
Ahn war der reichgewordene getaufte Jude Benedikt Christian^). 

C. J. Jirecek: Geschichte der Bulgaren, Prag 1876, S. 312. 
Theodoras ausführliche Biographie steht im Israelit, Belletristische Bei- 
lage zu Nr. 13/14, 17. Febr. 1904. 

-) Chr. K. Kaikar: Israel^und die Kirche, Hamburg 1869, S. 79, 
führt sie namentlich auf. 

') Ein judenchristlicher Papst war auchEuaristus, dessen Pontifikat Ph. 
Jaffe (Regesta Pontif. Roman., ed. II, vol. I, p. 4) in die Jahre 97—105 setzt. 

125 



In Frankreich hat sich besonders der Adel von Napoleons 
Gnaden — die Herzöge v. Rivoli. die Fürsten v, d. Moskwa, Wag- 
ram, Ponte-Corvo — zu Israels goldenen Töchtern hingezogen ge- 
fühlt. Namentlich sind in diesen Kreisen die Rothschüdschen 
MÄdchen ..gefragt". Aber auch mancher Edelmann, wohl ,, sech- 
zehn Ahnen schwer", hat es für angezeigt gehalten, seinen alten 
Stamm durch jüdisches Blut aufzufrischen. Die Herzöge von 
Decazes. Estampes, Gramont, Guiche, Poltgnac. die Marquis v. 
Noailles, die Grafen Salignac-F^n^lon. v. Fitz-James sind mit 
Juden versippt. Die Tochter Michel Heines ist Gräfin Richelieu 
geworden. Es ist dieselbe, welche nach Trennung der Ehe den 
Thron von Monaco bestieg. Ihre Tochter erster Ehe reichte dem 
Herzoge von La Rochefoucauld die Hand zum Lebensbunde. 
In dasselbe uralte Haus hatte schon früher Frl. v. Delmar, eine 
Enkelin des Charlottenburger Bankiers Moritz Levy Delmar, hin- 
eingeheiratet. Der Prinz Ferdinand v. Faucigny-Lucinge, der 
einem der Ältesten Adelsgeschlechter Savoyens entstammt und 
durch seine Großmutter Charlotte GrAfin d' Yssoudun, Urenkel 
des Königs Karl X. ist, war in erster Ehe mit Raphaela Cahen 
d'Anvers verm&hlt und hat sich nach deren Tod Maja Ephrussi, 
eine Verwandte der Rothschilds, zur Frau genommen. Prmz 
Marco Borghese hat in seinem Stammbaum einen Papst und 
einen Schwager Napoleons I.; er führte 190t das jüdische Friulein 
Isabella Porgis als Gattin heim. 

Rußland zAhlt außer den Bagratiden, die nach ihrer Mediati- 
sierung als Fürsten Bagration zu den ersten Familien des Landes 
gehören, noch die Barone Schafiroff unter seinem Adel, deren 
Ahn unter Peter dem Großen die hohe Wurde eines Vizekanzlers 
des Reiches bekleidete, obgleich er Enkel eines Juden war'). 
Gleichfalls unter Peter dem Großen war Graf Anton Devier, Sohn 
eines portugisischen Juden, General- Polizeimeistcr und Stadt- 
hauptmann von Petersburg*). Graf Camillo Razumowsky, der 
mit einer Tochter des Banquiers Eduard v. Wiener-Welten ver- 
mählt ist, stammt von einem Bruder des Gemahls der Kaiserin 

') Russische Revue. XVII. 1880. S. 151. 

«) Oesterreichische Wochenschrift, 1892, S. 421 i«o6. S. 4S5. 

126 



Elisabeth ab.' Der erste Schriftsteller Rußlands, zugleich einer 
hocharistokratischen Familie angehörend, Graf Leo Tolstoi, lebt 
mit einer Jüdin, Sophie Behrs, in glückhcher, mit ii Kindern 
gesegneter Ehe^), und wenn es gestattet ist, in diese erlauchte 
Gesellschaft auch einen Geistesaristokraten ohne hohen Adels- 
titel einzuführen, so sei daran erinnert, daß der jetzige Präsident 
des Ministerkomitees, v. Witte, ebenfalls Gemahl einer Jüdin ist. 

Zu einer der vornehmsten Familien Litauens gehört die 
Prinzessin Trubetzkoi, die in direkter Linie vom Großfürsten 
Gedimin abstammt. Sie hat einen Herrn v. Haber, Sprößling einer 
jüdischen Banquiersfamilie in Karlsruhe, zum Gatten gewählt. — 
Fürstin Marie Ghika, aus einer Familie stammend, die der Moldau 
und Wallachei viele regierende Fürsten gegeben hat, heiratete 
einen Urenkel des jüdischen Kaufmanns Salomon Herz. 

Ich weiß nicht, ob unsere Könige auch die exotischen Maje- 
stäten als ihresgleichen anerkennen. Jedenfalls sei erwähnt, daß 
der schwarze Prinz Loben, Sohn des Kaffernkönigs Lobengula, 
Kate Jewell, die Tochter eines jüdischen Mineningenieurs, seit 
1899 zur Frau hat. Der judenchristHche Missionar C. D. Salmon, 
ist durch Heirat Neffe der Königin von Tahiti geworden. 

Wir wenden uns jetzt Deutschland zu. Die Zahl der Fürsten, 
Grafen und Barone, die hier in Betracht kommen, ist Legion, ich 
will daher nur solche Verbindungen berücksichtigen, welche in 
Herrscherfamilieft hineinreichen. Anton August v. Saporta, kur- 
pfälzischer Kämmerer, der von dem Marranen Luis de Saporta, 
dem Leibarzt Karls VI IL von Frankreich, stammt, wurde von 
seinem Souverän, dem Kurfürsten von der Pfalz, dessen Ver- 
wandte er zur Frau hatte, 1768 zum Grafen erhoben. Marianne 
Meyer, die schöne Freundin Goethes, Tochter eines jüdischen 
Kaufmanns in BerHn, wurde Gemahlin des Fürsten Heinrich XIV. 
von Reuß, der damals als österreichischer Gesandter in Berlin 
lebte. Herzog Louis Decazes, durch seine Mutter ein Urenkel 
der Prinzessin Wilhelmine von Nassau-Saarbrücken, heiratete 
ein Fräulein v. Löwenthal, Graf Johann Roman v. Ossolinsky, 
Enkel A ugusts des Starken von Sachsen, ein Fräulein 

O. Henne am Rhyn : Kulturgeschichte der jüngsten Zeit, Leipzig 
1897, S. 542. 

127 



V, Rachel. Freiherr Ernst v. Haynau, Urenkel des Kurfürsten 
Wilhelm I. v. Hessen, war mit einer Judin, einer geborenen Maut> 
ner vermälilt. Gräfin Louise von Otting und Fünfstetten, eine 
Großnichte Maximilian Josephs, des ersten Königs von Bayern, 
ist seit 1877 mit Karl v. Eichthal vermAhlt, einem Nachkommen 
des bayerischen HofbanquiersAron Elias Seligmann( 1747 1824). 
Graf Heinrich Folliot de Crenneville-Poutet, dessen Großmutter 
eine Stieftochter Karl Eugens, des letzten. 1825 verstorbenen 
Prinzen von Lothringen, war, heiratete 1888 Rosalie von Glaser, 
Tochter eines judischen Finanzmannes. Graf Franz v. Wjmpffen, 
Sohn der Prinzessin Viktoria von Anhalt- Bernburg- Schaumburg, 
heiratete eine Eskeles. die mütterlicherseits von Daniel Itzig, 
väterlicherseits von Rabbi Berusch Eskeles. dem Landrabbiner 
von Mähren und Ungarn, abstammt. Ludwig Wilhelm, Herzog in 
Bayern und Schwager des Kaisers Franz Joseph von Österreich, 
verzichtete 1 859 auf alle Prärogative eines erstgeborenen Prinzen, 
um die jüdische Juwelierstochter Henriette Mendel heiraten zu 
können. Verwandtschafthcher Beziehungen zum deutschen 
Kaiserhause, wenn auch sehr entfernter, darf sich der ehemals 
jüdische Arzt A. Morgenstern in Budapest rühmen. Er ist mit An- 
tonia Classen, einer Nichte des Professors Esmarch, vermäiilt'). 
Bekanntlich ist auch unsere Kjuscrin eine Nichte dieses be- 
rühmten Chirurgen. 

Eine internationale Stellung nimmt das Haus Rothschild ein. 
Bertha, eine Tochter Karl Mayers v. Rothschild, ist Fürstin von 
Wagram. Die Mutter ihres Gemahls war eine Clary, Nichte von 
D6sir6e Clary, der ersten Konigin von Schweden aus dem Hause 
Bernadotte. Der Fürst von Wagram war durch seine Großmutter, 
eine Prinzessin von Bayern- Birkenfeld, auch mit der Kaiserin 
Elisabeth von Österreich verwandt. Die Rothschilds sind also mit 
den Häusern Witteisbach. Habsburg. Bernadotte. und durch ihre 
Verwandte, die Prinzessin Ferdinand v. Faucigny-Lucinge, auch 
mit den Bourbons verschwägert. 

Wie man sieht, hat die ,,mala sangre" nicht bloß die Spanier 
infiziert. Jüdisches Blut hat sich überall, bis in die höchsten 



») „Das Volk" vom ag. September 1895. 

ir8 



Spitzen der Aristokratie hinein, mit dem blauen Blute gemischt. 
Wenn daher heute ein Befehl erginge, wie ihn König Joseph von 
Spanien beabsichtigt hatte, so müßte eine gar stattliche Schar 
der ,, Edelsten", unter ihnen auch mancher regierende Herr, mit 
der gelben Kappe einhergehen." 

Es gibt keine reinen Rassen, und auch die jüdische kann nur 
die verhältnismäßig reinste unter unsern Rassen genannt werden. 
Die aber ist sie tatsächlich geblieben. Ihr eigner Wille und der 
Wille der übrigen Rassen hat dafür nach Möglichkeit gesorgt: man 
denke an die biblischen Warnungen vor Vermischung und daran, 
daß bis vor kurzem die Juden überall in der Isolation gehalten und 
auf Inzucht gewiesen waren. Drei Kontrollen bestätigen die Kon- 
stanz des jüdischen Typus. Die erste Kontrolle haben wir an den 
bildlichen Darstellungen früherer Jahrhunderte und des Altertums, 
die uns Juden zeigen, wie sie heute gesehen werden. In der Tat: 
vergleicht man die Typen heute lebender Juden mit den von Rem- 
brandt gemalten, mit denen auf Lionardos Abendmahl und auf 
älteren, mittelalterlichen Bildern, mit dem Porträt des ,,Aaron, 
son of the devil" aus dem 13. Jahrhundert und mit Judentypen 
auf einigen babylonischen und ägyptischen Denkmälern, die bis 
in ein Alter von 4000 Jahren hinaufführen (es sind ihrer wenige, 
weil die meisten Gesichter stilisiert wurden) , so unterschreibt man 
die Worte Andrees (,,Zur Volkskunde der Juden") : ,, Mögen noch 
so viele Beimischungen stattgehabt haben, dieselben sind von dem 
unverwüstlich scheinenden Stamme völlig überwunden worden, so 
daß das allgemeine homogene Gepräge darunter nicht litt und der 
monumentale Hebräertypus in Körper und Geist stets siegreich 
wieder aus der Mischung hervorging." Die zweite Kontrol'e wird 
geboten durch den in Nablus lebenden kleinen Rest der Sama- 
ritaner, welche in gerader Linie von den 722 vor Christo bei Zer- 
störung des Reiches Israel in Samaria wohnen gebliebenen Israe- 
liten herstammen sollen: nach Huxleys Untersuchungen stimmen 
sie in ihrem Physiognomietypus mit den übrigen Juden völlig 
überein, sie, welche ,,den alten Typus in seiner Reinheit bewahrt 
haben und heute die einzigen, wiewohl degenerierten Vertreter der 
alten Hebräer sind". Die dritte Kontrolle liefern uns die Kohanim 
und Levijim unter den Juden, die größtenteils heute noch auch die 

129 » 



Namen Cohenund Levi führen'): ihnen war die Ehe mit Nicht- 
juden und zum Judentum Übergetretenen auf das strengste unter- 
sagt, und sie haben sich bis auf die neueste Zeit nach den Verboten 
gerichtet und umschanzt gehalten, dennoch zeigen sie keinerlei 
Abweichungen von den übrigen Juden, auch anthropometrische 
Messungen ergaben keine Unterschiede; so daß also der Schluß auf 
einen, troti Vermischung, in der jüdischen Allgemeinheit erhalten 
gebliebenen Rassentyp unanfechtbar erscheint. 

Wie w4re wohl dieser spezifisch judische Typ n&her zu be- 
stimmen, oder deutlicher: welche ist die Stellung der jüdischen 
Rasse unter den übrigen Menschheitsrassen ? 

Es w&re leicht, eine große Anzahl von Klassifikationen aufzu- 
zAhlen. Aber das kann unterbleiben, weil sie allesamt einander 
widersprechen und aufheben und keine stichhaltig sich erweist. 
Daher ich, statt es weitlAufig zu machen und die Meinungen 
Andrer herzusetzen, daß alle die hinfälligen sich hier mit einan !< r 
herumschlagen, hinfallen und sterben, statt dessen nur meine 
Meinung hersetze, die mit allem TatsAchlichen zusammen stimmt 
und, wie ich hoffe, stehen und leben kann. Sie wird vielleicht nach 
dem Tode der jetzigen Anthropologen allgemeiner angenommen 
oder nach 500 Jahren, nachdem die Emarizipation der Juden wirk- 
liches Leben gewonnen hat (eine nicht unmögliche VerAnderung: 
man stelle sich vor, wie es vor soojahren gewesen!) und wenn erst 
ein mehr auf die Tatsachen gegründeter und gerechterer Zungen- 
schlag über die Juden sich regt als der von Feindeshaß, Freundes- 
liebe, Eigenlob und Verbitterung und Verwirrtheit, Wenn einmal 
meine Meinung allgemeiner angenommen wird, dürfte sie auch, 
aus dem damit gewonnenen Gesichtspunkte heraus, zu einer brauch- 
baren festeren Gliederung der Menschheitsrassen fuhren. Ich 
meine : Die jüdische ist unter den Rassen die 



*) Die Levi Jim: die Söhne Levis, die von Levi Abctammendrn; die 
Kohanim: die Sohne Aarons, der ebenfalls Levit, aber im besonderen 
Stammvater der Kohanim ist. Ursprünglich galten die Levijitn den 
Kohanim gleich, sie waren der Pr imm (ohne Acker besitz) , in 

spÄterer Zeit aber — erst recht seil i-^. < uiel — sind die Kohanim die 
eigentlichen Priester, während den Levijim nur die untergeordneten 
priesterlichen Leistungen und Hilfsverrichtungen zustehen. 

130 



zentraleRasse, welche mit ihrer physischen 
Äußerlichkeit die Mitte hält zwischen den 
Mensc h h eitsty p en , die Verschiedenheiten 
aller an sich tragendunddadurch von allen 
verschieden; und auch hinsichtlich der 
Geistigkeit nimmt die jüdische Rasse eine 
zentrale Stellung ein und hat die stärkste 
Wirkung auf die übrigenMenschheitsrassen 
ausgeübt. 

Ich behaupte, die jüdische Rasse hält die Mitte zwischen den 
Rassen, behaupte nicht, sie sei die beste oder die schlechteste. 
Es handelt sich um Gruppierung und Verhältnis der Rassen zuein- 
ander, nicht um Bessersein oder Schlechtersein, worüber zwischen 
den Rassen stracks toller Zank entsteht, jeder noch so schwach- 
sinnige Streitkopf Recht hat, in seinem Gerede und Kollektiv- 
verleumdungen sich festsetzen und Vorurteile, die auch in den 
Besseren und Vernünftigeren wohl abgekühlt, aber nur in äußerst 
Wenigen durch wahrhafte Anschauung der allgemein menschlichen 
Natur und durch prinzipielles Denken zersetzt und ganz vernichtet 
werden. Für Gut und Schlecht der Rassen besitzen wir, die wir 
selber einer Rasse angehören, keinen Maßstab der Wertung; das 
ist das Einzige, was sich von den Rassentheoretikern lernen läßt, 
die allesamt davon überzeugt sind, daß die Rasse, zu welcher sie 
sich rechnen, die beste sei. Ebenso schwer fällt uns für unsere 
Rassen in Hinsicht auf ihren Kultureinfluß die Bestimmung 
des Vorteilhaften und Ungünstigen; weswegen ich hier auch nur 
behaupte, die Juden hätten die stärkste geistige Wirkung aus- 
geübt. Es ist also nur von der Intensität der Wirkung die Rede. 

Die von den Juden ausgegangene unvergleichlich stärkste 
Kulturwirkung oder das Christentum wollen wir vorerst bei Seite 
lassen, weil davon später in einem andern Zusammenhange pas- 
sender geredet werden kann und geredet werden soll. Der erste 
Teil unsres Satzes aber, der den Juden nach ihrer physischen 
Äußerlichkeit die Mitte unter den Rassen anweist, muß nun hier 
seine nähere Erläuterung erfahren. Ich beginne damit, indem ich 
auf die Judenähnlichkeit von NichtJuden aller Rassen und auf die 
Ähnlichkeit von Juden mit allen möglichen spezifischen Rassen- 

131 »• 



typen hinweise. Unter ucn Gcrmünen gibt es Gernianen, die 
furios aussehen wie Juden, unter den Romanen noch mehr 
solcher Typen von judischem Gepräge. Stratz sagt: „Schon in 
Spanien wundert man sich über die zahlreichen judischen und 
judenähnlichen Gesichter, im Norden Afrikas glaubt der EuropAer 
unter lauter Juden zu sein und ist nicht imstande, den echtenjuden 
von den andern Mitgliedern des dritten Zweiges zu unterscheiden. 
Dasselbe ist der Fall, wenn er im Osten Europas über die Balkan- 
halbinsel nach Kleinasien vordringt. Eberiso wie die meisten 
Spanier machen auch die Türken und Griechen auf den Nord- 
europäer einen jüdischen Eindruck. In Kleinasien ist es ebenso 
leicht, Juden mit nichtjudischem als umgekehrt NichtJuden mit 
jüdischem Gepräge zu finden." Und was sagt man zur Juden- 
ähnlichkeit der Ph3rsioEnomien von Negern und von Japanern? 
über die letzten schreibt Ranke: , .Während die Gesichter aus dem 
Volke in Japan für den Europäer etwas Fremdartiges und in der 
Regel wegen der uns arterzogenen ästhetischen Begriffe etwas 
HäBliches, oft Abstoßendes haben, begegnen wir unter den höheren 
Ständen nicht selten Gesichtern, die uns bekannt scheinen; man 
glaubt feine Judenphysiognomien zu erkennen. Die eigentumlich 
gekrümmte Nase, die Gestalt der Oberlippe, die Andeutung von 
Prognathismus, die vorstehenden Aurm bilden die wichtigsten 
Ahnlichkeitsmerkmale; solche Gr r finden sich im garuen 

Kriegs- und Hofadel bis zur kaiserlichen Familie hinauf da und 
dort zerstreut. Der mutmaßliche Thronerbe Japans hat ausgeprägt 
feine jüdische Gesichtszuge, und eine der schönsten Frauen Tokios 
würde in Europa uruweifelhaft für judischen Geblüts gehalten 
werden. Das Vorkommen derartiger Gesichter unter den herr- 
schenden Klassen hat bekanntlich gewissen Autoren Veran- 
lassunggegeben, die Japaner von den verlorenen zehn Stämmen Is- 
raels abzuleiten." Ten Kate (Intern. Zentralblatt f. Anthropologie, 
1902) schreibt: ,, Semitische Physiognomien findet man unter den 
verschiedensten Rassen, bei welchen eine nähere Verwandtschaft 
mit Semiten absolut ausgeschlossen ist. Die Japaner, Männer und 
Frauen, mit semitischen Gesichtszügen — wohl die schönsten 
Repräsentanten ihrer Völker — erinnern mich oft an hispano- 
amerikanische Kreolen und Spanier von dunklem Typus. Ich fand 

«3» 



diese Züge ferner bei- nordamerikanischen Indianern, z. B. den 
Creeks und Choctaws und bei Indonesiern. Bei den Papuas sind 
sie wiederholt beobachtet worden." Der schon erwähnte Anthro- 
pologe Stratz erinnert daran, daß die alten Inka häufig den jüdi- 
schen Typ zeigen, ebenso wie eine ganze Anzahl der Cäsarenbüsten, 
und bezeugt, er habe jüdische Gesichter nicht allein bei javanischen 
Fürsten, sondern auch in niederländischen Patrizierhäusern und in 
ur französischen und urdeutschen Aristokratenfamilien getroffen. 
Genug, alle Rassen weisen Judentypen auf. Andrerseits sehen 
Juden aus wie die Angehörigen aller möglichen anderen Rassen — 
auch wie Germanen. Hören wir darüber Virchow: ,,Bei der Zäh- 
lung der Juden hat sich das merkwürdige Resultat ergeben, daß in 
einer viel größeren Ausdehnung, als es bis dahin wohl irgend 
jemand angenommen hatte, wir auch in Deutschland unter den 
Juden eine rein blonde oder helle Kategorie haben, also blondes 
Haar, blaue Augen, helle Hautfarbe. Sie beträgt 11,2 Prozent." 
Also, wie Virchow sagt: 11,2 Prozent „Juden von urgermanischer 
Rasse". (Mißverständnissen vorzubeugen, betone ich hier noch 
einmal, daß es mir lediglich um Konstatierung von Tatsachen zu 
tun ist. Ich will keineswegs wegen dieser 11 Prozent Blondheit 
unter den Juden nun 1 1 Prozent Juden als Degenerierte bezeichnet 
haben — nach einigen Anthropologen ist nämlich Blondheit 
ein Degenerationszeichen. Desgleichen auch bin ich weit entfernt 
von der entgegengesetzten Absicht, wegen dieser 11 Prozent 
Blondheit den Juden einen entsprechenden Anteil zuzuschreiben 
an Tugenden und an der Hervorbringung von Genies — nach 
einigen anderen Anthropologen nämlich gibt es Tugendhafte und 
Genies nur bei den Blonden.) 

Schon die Variationsweite der jüdischen Rasse ist geeignet, 
uns auf die Wahrheit unsres Satzes von ihr als der zentralen Rasse 
hinzulenken. Die jüdische Rasse besitzt unter allen Rassen die 
größte Variationsbreite, — eine so große, daß sie, in der Anähn- 
lichung, die sämtlichen Menschenrassen umspannt; ohne daß sie 
darum aus Rand und Band geht, ohne daß sie aufhört, eine Rasse 
von scharfer Ausprägung des Typs zu sein. Sie ist eine besondere 
Rasse: sie für das Produkt der Kreuzung oder gar für ein bloßes 
Gemengsei aus allerlei Rassen nehmen erscheint angesichts ihres 

» 

133 



so frappanten Tjrps und der Zähigkeit, womit dieser frappante Typ 
sich erhalt, als das Widersinnigste, was sich ersinnen ließ. Sie ist 
eine besondere Rasse von Einheitlichkeit des Typs bei größtmög- 
licher Variabilität — darin liegt die Lösung des Widerspruchs 
zwischen den Behauptungen der einen, welche von einem homo- 
genen judischen Typ reden, und der andern, welche einen solchen 
rundweg in Abrede stellen; schon Renan hatte gesagt: ,,I1 n'ya pas 
un type juif, il y a des types juifs." Die größtmögliche Variabilität 
eines Rassentyps ist eine derartige, welche in der AnAhnlichung 
die Typen sämtlicher Menschenrassen umspannt: und so also ist es 
mit dem judischen Typ wirklich der Fall. Dabei soll auf diejenigen 
Juden, welche völlig aussehen wie Individuen von andrer Rasse, 
z. B. auf die schwarzen Juden in Abessinien und Indien und auf 
die gelben Juden in China gar kein Gewicht gelegt werden (hier 
dürften Rassenkreuzung und Proselytismus eine große Rolle 
spielen) : ein um so größeres auf solche Juden, welche andern 
Rassentypen gleichen und dennoch dabei jüdisch aussehen. Z. B. 
gar nicht selten trifft man die mongoloide Judenphysiognomie 
(nach Weißenberg unter loo Juden 23 mit hervorstehenden 
Backenknochen und 13 mit schiefen Augen) und die negroide 
Judenphysiognomie, die sich überall unter den Juden findet, auch 
z. B. in Rußland, wo doch Vereinigung mit Negern ausgeschlossen 
war. Ebenso steht es mit dem indogermarüschen Judentyp, der 
schwerlich auf indogermanische Bluteingießung zurückzuführen 
ist; wie er denn auch unter den Kohanim und Levijim ungefähr 
in der gleichen Häufigkeit vorkommt wie unter den übrigen Juden. 
Auch findet er sich unter den Samaritanern im selben Verhältnis, 
und nach Curzon (Visit to Monasteries in the Levant, 1865) soll 
er in Jerusalem unter den dortselbst geborenen Juden häufiger zu 
sehen sein als unter den europäischen Juden. Andrerseits finden 
sich jüdische Gesichter der NichtJuden auf der ganzen Erde, auch 
dort, wo Juden niemals hingeraten waren — man hat dieses Vor- 
kommen der jüdischen Physiognomien in den übrigen Rassen die 
Isomorphie des jüdischen Typs genannt. Weder die Variations- 
breite des jüdischen Typs noch sein Isomorphismus läßt sich durch 
Blutmischung der Rassen erklären; unter denen ja auch s<^r'^» 
durchweg, im Verhältnis aller Rassen zu allen, sich zeigen mu-.t, 

«34 



was doch tatsächlich ganz allein nur im Verhältnis der Judenrasse 
zu den übrigen Rassen und der übrigen Rassen zur Judenrasse 
sich zeigt. Infolge der Variabilität der jüdischen Rasse einerseits, 
die mit ihren Typenmetamorphosen also durch die ganze Breite 
der Menschheitstypen hindurchreicht, und andrerseits infolge des 
Isomorphismus, der Judenähnlichkeit von Individuen unter den 
nichtjüdischen Rassen, wird die Stellung der jüdischen Rasse unter 
den Rassen eine besondere. Alle Rassen zeigen Übergänge zu an- 
deren Rassen, indem die extremsten Individuen der einen Rasse 
in die einer andern verlaufen, derart, daß sämtliche Rassen mit- 
einander verkettet, blank und gut in eine Reihe gestellt werden 
könnten: wohin aber mit den Judentypen der Rassen ? und wohin 
mit den Juden, die, bei der weiten Skala ihrer Varietäten, gar 
nicht einmal zusammenbleiben und uns eine ungemütliche Rolle 
spielen würden ? Doch nicht; vielmehr ergibt sich ein andres Bild 
und Klassifikationsschema, worin die Juden in die Mitte zu stehen 
kommen, aus der heraus sie Übergangstypen in die sämtlichen 
Rassen rund um sie her entsenden; wie entsprechend auch Juden- 
typen aus sämtlichen Rassen unmittelbar hineinführen in die 
jüdische Rasse. 

In die den Mittelpunkt des. Rassenkreises bildende jüdische 
Rasse. Für die Wahrheit dieses Satzes spricht mehr noch als das 
bisher Besprochene, nämlich die Variationsbreite der jüdischen 
Rasse und die Isomorphie des jüdischen Typs, — noch eindring- 
licher für die jüdische als die zentrale Rasse spricht der jüdische 
Durchschnittstyp, wie er sich überall bei den Juden aller Länder 
findet und für den ganzenZeitraumunsrer Geschichtsepoche nach- 
weisen läßt. Viele haben sich gemüht, diesen doch wahrlich augen- 
fälligen und auch bei geschwächteren Farben für jedermann auf 
den ersten Blick erkennbaren spezifischen Judentyp zu be- 
schreiben und die Merkmale festzubekommen, wodurch sich die 
Judenrasse von den übrigen Menschenrassen unterscheidet. Um- 
sonst; nicht ein einziges Rassenmerkmal kann angegeben werden, 
welches den Juden ausschließlich zukäme. Daß keinerlei wesent- 
liche anatomische und physiologische Eigentümlichkeiten sie aus- 
zeichnen, braucht nach dem oben über die Menschenrassen im all- 
gemeinen Ausgeführten nicht besonders hervorgehoben zu werden, 

135 



aber es gibt tatsächlich überhaupt nicht ein einziges Merkmal, 
welches hier standhielte. Fishberg („Die Rasse nmerkmale der 
Juden") sagt zusammenfassend: „Sorgfältige Erforschung der 
anthropologischen Charakteristika der Juden hat uns gezeigt, daß 
es keinen judischen Teint gibt, keinen judischen Schädeltypus, 
keine judische Statur, keine judische Nase, ja nicht einmal ein 
jüdisches Gesicht. Tatsächlich trifft man viele, angeblich den 
Juden eigentümliche Charakteristika in verschiedenen Propor- 
tionen unter den Volkern venchiedenen ethnischen Menschen- 
schlags; weiter zeigte sich, <UB gewisse, andern Rassen charakte- 
ristische Merkmale häufig auch bei Juden aiuutreffen sind. 
Blondheit z. B., ein Charakteristikum der ..Indogermanen", ist 
auch 30 Prozent der deutschen Juden zu eigen; zu 20 Prozent den 
englischen Juden und in geringerer Proportion den Juden andrer 
Teile Europas. Selbst der ideale ,. indogermanische" Typus, der 
sich durch die Kombination von Blondheit, hoher Statur und 
Langköpfigkeit im selben Individuum charakterisiert, ist bei 
Juden häufig zu sehen. Andrerseits trifft man den physischen 
Typus, den man in Europa als charakteristisch jüdisch zu be- 
trachten beliebt, und der in Wahrheit der unterscheidende Typus 
der „alpinen" und der ,,mittell4fMiischen" Divisionen der weißen 
Menschheit ist, unter den ,, Ariern" in derselben oder gar höheren 
Proportion, besonders unter den sudlichen und osteuropäischen 
Rassen, wie den Spaniern, Italienern, Griechen, Armeniern usw." 
In bezug auf die judische Nase schreibt Fishberg : ,,Wie unzuver- 
lässig die Volksphantasie als Fuhrerin ist, wenn nian den Typus 
einer Rasse oder eines Volkes zu bestimmen versucht, zeigt sich 
am besten bei Betrachtung der sogenannten , .judischen Nase", 
die von den meisten Leuten für etwas Charakteristisches gehalten 
wird ... Es mag daher manchen überraschen, daO umfang- 
reiche Forschungen die Nichtigkeit der Annahme ergeben haben, 
die gebogene oder krumme, die Habichtsrxase, sei etwas spezifisch 
,, Judisches". Eher durfte das Gegenteil wahr sein. Wenn der 
vorwiegendste Typ eines Organs als typisch 
für eine Rasse oder ein Volk zu gelten hat, 
dannistdiejüdischeNasedtegeradeoderso- 
genannte griechischeVartetät. Der Verfasser hat 

«36 



unter den Juden der Stadt New York wie der verschiedenen 
Länder Ost- und Westeuropas, Nordafrikas und unter jüdischen 
Amerika- Einwanderern aus verschiedenenTeilen Asiens den Gegen- 
stand untersucht. Der Befund unterstützte keineswegs die volks- 
tümliche Ansicht, daß die krumme Nase die „jüdische" sei, da eine 
kleine Minorität von Juden nur den Vorzug des Besitzes dieser 
Nase genießt. Unter 2836 Juden und 1284 Jüdinnen (lauter Er- 
wachsene) in der Stadt New York betrug der Prozentsatz der 
verschiedenen Nasen; gerade oder ,, griechische" Nase: Juden. 
57,26 Prozent, Jüdinnen 59,42 Prozent; Stumpfnase: 22,07 bzw. 
13,86 Prozent; krumme, Habichtsnase und Adlernase: 14,25 bzw. 
12,70 Prozent; Platt- und Breitnase: 6,42 bzw. 14,02 Prozent . . . 
Wir wissen nun, daß nur ein Jude unter sieben eine Adler- oder 
Habichtsnase hat und andrerseits, daß bei vielen Rassen in den 
verschiedenen Teilen der Welt diese Nasenart ebenso oft und noch 
öfter vorkommt; da darf man denn schwerlich von einer ,, jü- 
dischen" oder ,, semitischen" Nase reden. In der Tat hat v. Lu- 
schan bereits hervorgehoben, daß die semitische Dialekte sprechen- 
den modernen nichtjüdischen Rassen (insbesondere diejenigen, die 
vermutlich sich unvermischt erhalten haben, wie die Beduinen- 
Araber) jenes Nasencharakteristikum überhaupt nicht besitzen. 
Der unter ihnen vorherrschende Nasentypus ist die kurze, gerade 
und sehr oft die Stülp- oder konkave Varietät." Auch den Juden 
sollen Judennasen keineswegs ursprünglich eigen gewesen sein: 
die moderne Anthropologie schreibt sie dem arischen, armenoiden, 
in Syrien und Kleinasien seßhaft gewesenen Chettiterelement zu, 
welches in die jüdische Rasse auch die Brachykephalie hinein- 
gebracht haben soll. Die unschuldigen Juden und die bösen Arier: 
erst machen die Arier den Juden die Nasen und dann verhöhnen 
und verfolgen sie sie deswegen! Abgesehen von der wissenschaft- 
lichen Konstatierung — möglich wäre solche Nasifikation 
durch die ,, Arier": sie weisen heute noch viele gebogene jüdische 
Nasen auf, selbst bei uns. Will einer Überzeugung, daß derartige 
Nase an sich selbst noch keineswegs als Leitfossil für Hebräer- 
tum gelten könne, so lege er sich einmal aufs Nasenbesehen: es 
wird Keinem an nicht jüdischen Bekannten fehlen, die gebogene 
jüdische Nasen tragen, ohne doch damit auch nur im geringsten 

137 



jüdisch auszusehen. Wo dies der Fall, wo sie jüdisch oder juden&hn- 
lich erscheinen, liegt es an anderem als an dem Honestamentum 
faciei. Unter der altbayerischen Bevölkerung gibt es 31 Prozent 
gebogener Nasen und übrigens häufige Judenähnlichkeit (wozu 
wohl die vielen dunklen Augen beitragen, nach Virchow 49 Pro- 
zent), noch mehr unter den Tirolern. Die Tiroler sind deshalb von 
einigen JudenhaOgelehrten — gewiß von solchen ohne gebogene 
Nasen — für Juden erkl&rt worden'). 

Kein einzelnes Merkmal h&lt Stand zum Rassenmerkmal für 
die Juden, weil jedes Merkmal auch bei Ntchtjuden vorkommt; 
und keinerlei Zusammensetzung von Merkmalen h&lt Stand gegen- 
über der Tatsache des Isomorphismus. Warum nicht ? Warum 
gelingt es nicht, den jüdischen Typus zu kennzeichnen, der doch 
ein spezifischer Typus von so charakteristischer Ausprägung ist ? 
Ganz einfach darum nicht, weil er die Mitte hält zwischen den 
Menschheitstypen, die Verschiedenheiten aller an sich tragend, 
und weil der judische Typus den Durchschrüttstypus aus den 
tAmtlichen Rassentypen zeigt. Dieses von allen Rassen An-sich- 
Haben ist der Juden Rassesein, ihr anthropologisch homogener 
Typus. In der Tat, der spezifisch judische Durchschnittstypus, 



*) Fishberg: ,. Eine kuriote Beobachtung hat man in Europa gcniacht. 
Die "yp^f**" modernen RASsentheoretiker haben eine herrorvItiMode, g^ 
bogene, konvexe H«bichts-, also .. Judennasc". und mAnrhr der wOtenditen 
JudenhaSKT sind mit einer Phytiognomie. die als char akter istiach jGbdiach 
gilt, begnadet; emigen von ihnen ist gelegentlich von pöbelhaften Kerlen 
im StraOengedringe ein Schimpfwort, das ihrem jüdischen Aussehen galt, 
zugerufen worden. Ob das wohl die Ursache ist, daB sie die jüdische Nase 
nicht als Rassenmerkmal der Beschnittenen ansehen ? So sagt Houston 
Stewart Chamberlain: ,, Auf die Nase alieio darf man sich bei der Diagnostik 
betreffs der Angehongkeit zum jüdischen Stamm durchaus nicht ver- 
lassen." Woltmann geht noch weiter: „Man spricht von einer , .bedeuten- 
den" Nase und halt dieselbe für das Erkenntniszeichen eines großen 
Denkers. In der Tat zeigt das Studium der Portrits und Büsten der großen 
Manner, daß sie fast durchweg eine große, schrwaJe, meist adterschnabel- 
srtig gebogene (jüdische) Nase gehabt haben." Keiner dieser Forscher 
hat dunklen Teint, sie alle halten den blonden Typus für den edelsten; es 
mag daher wohl ihre eigne ,, jüdische Nase" sein, die sie abh&lt, Ictstare 
als „jüdisch- rassige" zu erklären." 



138 



das ist kein andrer als der Durchschnittstypus der MenschheitS' 
rassen — man sehe daraufhin den Judentypus sich an nach Statur, 
Schädel, Gesicht, Händen, nach allem Äußeren und nach allen 
Äußerungen, nach der Physik, Physiognomie und Pathognomie. 
Darum also halten keine Merkmale Stand zur Kennzeichnung 
ihrer Rasse, weil allein dies Stand hält: die Juden bilden die 
zentrale Rasse — oder soll ich sagen, sie sind rasselos ? Wollte 
man annehmen, daß die jetzigen Rassen sich differenziert haben 
aus einer nicht mehr vorhandenen rasselosen Urmenschheit, so 
dürften in der Tat die Juden dieser rasselosen Urmenschheit 
am nächsten kommen, unter allen Menschen am meisten 
Neutrum anthropologicum sein. Sie wären dann anzusehen als 
die verhältnismäßig indifferenziert gebliebene und am wenigsten 
modifikable Menschheitsmitte, die von Modifikationen vielleicht 
keine aufweist als die durch ihre geschichtliche Vergangenheit, 
die glücklichen und gar sehr auch die unglücklichen Modi- 
fikationen daher (denn das Schicksal ist keine Sonnenuhr, 
die allein die heiteren Stunden verzeichnet), und ferner die 
Modifikationen infolge des Sozial-Psychischen, welches auf 
dem ursprünglich Formalen, als dem gebliebenen Unterbau, 
seine Charaktere gezogen und in dem wechselnd Mimischen und 
Gestikulativen zum Ausdruck gelangt. Tatsächlich wird, die 
Juden eine Rasse zu nennen gleich andern Rassen, schon 
infolge des Isomorphismus unmöglich; denn was bleibt von dem 
Typischen einer Rasse, wenn dasselbe auch außerhalb der Rasse 
und unabhängig von ihr in andern Rassen hervorgebracht wird ? 
Dieses Typische hört damit auf, rassentypisch zu sein; und 
wegen seines gelegentlichen Auftretens in sämtlichen Rassen 
und unter Erwägung alles hier Erwogenen bei derjenigen 
Menschenvarietät, deren Aussehen vorwiegend dadurch bestimmt 
wird, — was bleibt uns übrig, als dieses Typische typisch zu finden 
für die Rassenlosigkeit, den Rassendurchschnitt oder den zentralen 
Typus, der alle die Momente und Grade im Inbegriff enthält, 
welche bei den übrigen Menschen, zur Offenbarung des mensch- 
lichen Wesens nach seinem ganzen Reichtum, in das Sonder- 
dasein verschiedener Rassen auseinandergegangen erscheinen ? 
So bleiben wir denn auf unsrer Leier: Die Juden sind nicht anzu- 

139 



sehen wie andre Rassen und ihnen weder neben- noch unterzu- 
ordnen (können auch keineswegs nach dem heutigen Stande der 
anthropologischen Forschung mIb Semiten gelten, worüber oben 
bereits bemerkt worden, daß sie unter diese nur infolge der lingu- 
btischen Klassifikation geworfen worden seien — obwohl sie 
natürlich auch vom Semitischen an sich haben), sondern sind 
die rassenlose Menschheitsmitte oder die zentrale Rasse. Was auch 
den Erkl&iungsgrund hergibt dafür, daO, trotz so beträchtlicher 
Mischung des judischen Blutes mit nichtjudischem Blute von aller 
Art, dennoch das spezifisch Judische unversehrt erhalten geblieben: 
weil dieses spezifisch Judische nichts andres ist wie das Mittel- 
menschliche, das alle Typen in der Ungeschiedenheit enthaltende 
Urtypische, welches eben deswegen, bei Hinzumischung der Be- 
sonderungen von aller Art, immer wieder zum Ausgleich gelangt 
— wie alle Spektralfarben, miteinander gemischt, wieder weißes 
Licht geben. So erklirt sich dieses Gebliebensein des jüdischen 
T3rps, ohne daB man eine in der Wirklichkeit keineswegs nach- 
weisbare , .besondere Kraft des jüdischen Blutes" anzunehmen 
braucht. (Der Irrtum ist widerlegt, daB bei Verbindungen von 
Juden mit NichtJuden das jüdische Aussehen in den Nach- 
kommen noch unverh&ltnismAOig oft und lang wiederkehre — 
die Vererbung geht nach den jeweiligen KrAften des Subjektivis- 
mus der Erzeuger.) 

Die hier entwickelte Bestimmung des judischen Rassen- 
schlages nach seiner spezifischen Verschiedenheit innerhalb der 
generisch einheitlichen Menschheit besteht allen wesentlichen Tat- 
sachen gegenüber. Sie bewahrheitet sich, wie nun hier beTracl^tet 
worden, an den bisher unerklArt gebliebenen, ja kaum beachteten 
enormen Tatsachen, daß die judische Rasse im Kern ihrer 
Musterexemplare und gleichsam in ihrer platonischen Idee den 
Durchschnittstypus der Rassen darstellt und an den RAndern 
Ubergangse xemplare von aller Art bildet . womit sie in die slmtlichen 
Rassen hineinverläuft, sowie an der entsprechenden Tatsache, daB 
keine Rasse zu finden, die nicht mit Judentypen Hinweis und 
Rückkehr zu diesem Typus der Rassenlosigkeit oder der zentralen 
Rasse vor Augen brächte. Sie bewahrheitet sich aber auch an 
dem Verwickeltsein der Juden in die Menschheit, an ihrem über- 

140 



allsein^) und an ihrem Immersein durch die ganze Dauer der Ge- 
schichte; sie erklärt auch die kulturgeschichtliche Rolle der 
Juden, ihr Wirken in die Menschheit, wie wir später betrachten 
wollen, und ihr Schicksal in der Menschheit. Und so dürfte denn 
diese Bestimmung die Wahrheit sein, auf die wirklichen Ur- 
sachen hinführend des merkwürdigen Einflusses und der Be- 
deutung einer Rasse, welche bisher als ein Geschichtswunder 
oder doch als das rätselhafteste Hilfsmittel der Geschichte galt, 
— unsere Bestimmung könnte also die Wahrheit sein über die 
jüdische Rasse und zugleich der erste erfolgreich eingeschlagene 
Nagel zur Sache der Rassengruppierung. 

II. 

Aber es sei doch mit den Rassen wie es sei: was geht uns das 
im Grunde an für den Zweck, für den es uns angehen soll ? Nichts. 
Welche Bedeutung für das Metapolitische, für die Definition von 
Staat und Nationalität hat die naturgeschichtliche Spekulation 
über die verschiedene Ursprungsgemeinschaft der Menschen? 
Keine. Welche Bedeutung hat das in den Staatsbürgern vorhan- 
dene Rassenbewußtsein für ihr Staatsbürgertum? Keine. Das 
Wort von der Rasse geht uns im Staate und geht uns in der Nation 
nichts an, am wenigsten das Wort von der herrschenden Rasse — 
denn mit dem Worte Herrschen zielt man auf ein Unterdrücken; 
man will, daß für einen Teil der Nation, für eine bestimmte Gruppe 
von Individuen der Rechtsstaat nicht Rechtsstaat sein solle. Der 
Rechtsstaat ist aber begründet auf der Einheit des Menschen- 
geschlechts und dem ewigen Begriff des Rechtes, welches für 
unsre Praxis dasselbe ist wie die Logik für unsre Theorie; daher, 
so wenig wie die Logik durch Unlogik, ebenso wenig das Recht 
durch gewolltes oder bestehendes Unrecht widerlegt wird (ja, das 

1) Andree: „In der Tat vermag sich der Jude auf beiden Erdhälften, in 
heißen und gemäßigten Landstrichen, mit gleicher Leichtigkeit zu akkli- 
matisieren und ohne Beihilfe der eingeborenen Rassen zu existieren. Er 
dauert von Generation zu Generation in Surinam aus wie in Malabar, in 
tropischen Klimaten, wo die Europäer im Laufe der Zeit zugrunde gingen, 
wenn ihr Schlag nicht durch Einwanderung aus dem Mutterlande auf- 
gefrischt wird." 

141 



Recht muß mit der Logik übereinstimmen, sonst sind Kopf und 
Herz empört!), und der RechtsstaÄt kennt nur Individuen, keine 
Rassen, das Recht gilt im Rechtsstaate für alle Individuen aller 
Rassen gleich -- das ist die ratio juris, daß das Recht für alle In- 
dividuen gleich gelte. Auch die Nation kennt nur Individuen, 
keine Rassen. Eine Nation bilden diedurcheigen- 
geartetes G e m e i n s c h a f t s b e w u B t s e i n und 
durchVerantwortungsgefühl untereinander 
verbundenenundfüreinandereinstehenden 
Bürger eines Staates, — die nach außen und 
na c h i n n e n , f ü r die Freiheit der Nationund 
des Einzelnen( Imperium et überlas!) und damit für 
die Erhaltungdes Staateseinstehenden Bür- 
ger. Die ursprunglich gemeinsame Abstammung, die Rasse, 
spielt dabei so gar keine Rolle, daß Menschen von ursprünglich 
gemeinsamer Abstammung, wie z. B. die Germanen, sich zu ver- 
schiedenen Nationen und Staaten zusammengeschlossen haben, 
die sehr feindselig gegeneinander gespannt sein könneru Bismarck, 
wo er auf die Verwandtschaft zwischen Engl&ndern und Deutschen 
kommt, n-.eint: ,,Ich kann n^^ich nicht erinnern, daß Blutsver- 
wandtschaft je.rals einer Fehde das Totliche genon.men habe. 
Die Geschichte erz&h!t uns, daß keine Kriege so grausam waren 
als jene zwischen Volkern derselben Rasse: Zeuge dessen die 
Geh&ssigkeit, die in denBurgerkriegen zu Tage tritt." Gemeinsame 
Rasse schützt vor Todfeindschaft rucht im geringsten, zumal, wie 
schon gesagt worden, das Bewußtsein von Rasse und dieErinnerung 
daran inunsrenBevölkerungen so gut wie überhaupt nicht vorhanden 
ist; und manche durften sich schlecht bedanken, wenn man sie 
daran erinnern wollte. Wie wurde man wohl ankommen z. B. 
mit dem Versuche, die Nordfranzosen allen Ernstes als Germanen 
in Anspruch zu nehmen ? und doch ist wahr, daß in ihren Adern 
mehr germanisches Blut fließt als wohl in denen unsrer meisten 
schreihalsigen Teutomanen; Ripley sagt: ,,Das nordöstliche 
Drittel Frankreichs und die Hälfte Belgiens sind heute germa- 
nischer als Suddeutschland.'* Die Rassentheorie macht den Be- 
griff der Nation zu einem völlig andern als er der Wirklichkeit 
in unsren Staaten entspricht: die Volker bcstandteile, die in unsren 

«4« 



Staaten zur organischen Einheit zusammengeschlossen sich 
finden, sind in allen unsren Staaten gemischt. Welche Nationalität, 
fragt Leroy Beaulieu, ist, was die modernen Völker Europas und 
Amerikas anbelangt, auf Rasseneinheit gegründet ? ,, Ist's England 
mit seinem Amalgam von Bretonen, Sachsen, Dänen, Normannen ? 
Ists Frankreich mit seinen Kimriern, Galliern, Iberern, Germanen, 
Lateinern ? Ist's Deutschland, wo der Teutone im Westen eine so 
starke keltische, im Osten eine solche slawische Kreuzung erfahren 
hat, daß in mancher Gegend Deutschlands bei der Mehrheit der 
Deutschen die blauen Augen und die blonden Haare der Germanen 
nicht mehr vorkommen ? Ist's Rußland, das alte moskowitische 
Rußland mit seinem Konglomerat von noch heute kaum russi- 
fizierten Skythen und Sarmaten, Slaven, Tartaren, Finnen? 
Wären es die Vereinigten Staaten von Amerika, die seit hundert 
Jahren Ansiedler aus allen Ländern Europas aufgenommen haben, 
oder die spanisch-amerikanischen Republiken, welche eine förm- 
liche Skala von ganzen und halben Tönen erfunden haben, um die 
verschiedenen Abschattierungen der Bastarde zu benennen, welche 
aus der Kreuzung des Europäers mit dem Indianer und dem Neger 
hervorgegangen sind ? Sämtliche Nationen unsrer Zeit sind ein 
Gemisch von mehr oder minder miteinander verschmolzenen 
Rassen und Völkern. Wir alle — Franzosen, Russen, Deutsche, 
Engländer, Italiener, Spanier, Ungarn, Griechen, Rumänen, Bul- 
garen — sind half-bred, Mischblut. Ob groß oder klein, Abend- 
länder oder Morgenländer, mögen sie sich Germanen, Angel- 
sachsen, Lateiner betiteln, Vollblut erblicke ich unter modernen 
Völkern keines. Was bliebe von Frankreich übrig, wenn wir auf 
unser gallisches Blut die Probe bestehen und mit, ich weiß nicht 
Welchem, Bretonen die Parole ausgeben müßten: Frankreich für 
die Kelten ?" Finot nennt folgende Namen von Völkern, die zur 
französischen Blutmischung beigetragen hatten: ,,Es waren Aqui- 
taner, Iberer, Vaskonier, Silurer, Salluvier, Libiquer, Suessionen, 
Vulgienter, Sardonen, Conqueranier, Arverner, Bituriger, San- 
tonen, Pictonen, Cambolectrer, Agesinenser, Turoner, Andegaden, 
Carnuten, Veneter, Curiosoliten, Rhedoner, Osismier, Abricantuer 
Lexovier, Aulerker, Vellocasser, Caleten, Parisier, Lingonen, 
Heivier, Aeduer, Lences usw.; ferner Alanen, Vandalen, Taifalen, 

X43 



AgathjTScn, Ruthcnen, Polen, keltische Veneter usw.; dann 
Beiger, Gabater, Cimbern, Westgothen, Burgunder, Franken, 
Sachsen, Alemannen, Sueven usw. mit Hunderten von Unter- 
abteilungen; ferner Phbnikier, Sarazenen (Morisken), Juden, 
Etrubker, Pelasger, Sabiner, Tyrrhener, Mongolenvölker usw., 
ohne von den garu fremdartigen, wie Zigeuner und andere, zu 
reden, deren Ursprung und ethnischer Zusammenhang uns noch 
weniger bekannt ist, und endlich noch die Negerst4mme, deren 
früheres Vorkommen in Frarücretch bewiesen scheint; die in 
Wallis aufgefundenen Sch&del aus dem 13. und 14. Jahrhundert 
und die neolithischcnarmorikanischenSchAdel weisen den gleichen 
nr^^roiden Typ auf. Zieht man nun die Vermischung so vieler 
Volker in Betracht, und bedenkt, daß Germanien seit Jahr- 
hunderten zahlreiche gallische Volkerschaften beherbergte, so 
mochte man sich der von d'Arbois de Jubainville geäußerten 
Ansicht anschließen, daß „wahrscheinlich in Deutschland mehr 
gallisches Blut vorhanden ist als in Frankreich". Die burgun- 
dischen, westgothischen, fr4nkischen und normannischen Erobe- 
rungen haben vielleicht Frankreich mehr germanisches Blut ein- 
geimpft, als dessen heute in Deutschland noch vorhanden ist . . . 
W&re unbedingt einem der europäischen Volker gallische Abkunft 
beizulegen, so w&re es dem Deutschlands . . . Unsre gewohnte 
Terminologie verliert allen Sinn, w&hrend unsre auf den sehr 
problematischen Beistand von Routine und Überlieferung be- 
schränkten arischen, germanischen oder gallischen Vorurteile — 
gleich allen andern Vorurteilen — reif sind, abgetan und der 
Lächerlichkeit überliefert zu werden." Es seien noch Treitschkes 
Worte angeführt: ,,Die eigentlichen Kulturträger und Bahn- 
brecher in Deutschland waren im Mittelalter das süddeutsche Volk, 
das keltisch gemischt ist; in der neueren Geschichte die slawisch 
gemischten Norddeutschen" — ich füge noch hinzu, daß die Slaven 
eine starke mongolische Zumischung enthalten — und Waitz 
(Deutsche Verfassungsgeschichte) behauptet: ,, Die deutsche Rasse 
konnte durch ihre eignen Kräfte, ohne einen Impuls von auß^'n 
und einen Bruch mit den eignen Traditionen, nicht zu höherer 
Entwicklung gelangen." 

Und nun sind wir klar geworden, wie es mit dem Rassenbe- 

«44 



wußtsein im Verhältnis zum staatlich nationalen oder zum Vater- 
landsbewußtsein steht, und können die Sache festmachen; wobei 
sich uns noch deutlicher zeigen wird, daß und warum die Koppe- 
lung des Rassenbewußtseins mit dem Nationalbewußtsein ganz un- 
gehörig ist und daß, ebenso wie man in unsren Staaten die Steige- 
rung des Nationalbewußtseins aufs innigste zu wünschen und zu 
fördern hat, weil für unsre Staaten das nationale Bewußtsein natür- 
lich ist (worauf wir weiterhin noch zu reden kommen), die 
künstliche Steigerung des Rassenbewußtseins hingegen als eine 
Gefahr für unsre Nationen und Staaten gefürchtet werden muß. 
Das Rassenbewußtsein und das staatliche Bewußtsein ist zweierlei, 
wie Rasse und Staat. Das Rassenbewußtsein geht nicht auf unser 
Verhältnis zu allen Menschen unsres Staates, und zu denen, auf die 
es geht, nicht als zu Staatsbürgern; das Rassenbewußtsein produ- 
ziert nichts, was sich als erzwingbare Pflicht kann geltend machen, 
es hält sich außerhalb der Sphäre des Rechtszwanges, hat nicht 
dieselbe Wurzel in uns wie das staatliche Bewußtsein, das Staaten 
bildende, sonst könnte ja unmöglich eine Rasse verschiedene 
Staaten bilden. Das Rassenbewußtsein, die Rassenüberlieferung, 
die Rassenerinnerung gibt Zusammenhang nach der Abstammung 
und weist in die Tiefe der Zeiten, ohne daß damit auch nur das 
Geringste beigetragen würde zu dem, was der Staat und die 
Nation leisten: in der Breite der Gegenwart nämlich die Individuen 
mit ihren auseinander fallenden und gegeneinander sich kehrenden 
Einzelegoismen zum Gesamtegoismus, zum Gesamtwillen und 
zur Gesamttatsache der Freiheit und des Rechtes Aller zu einigen. 
Darauf haben wir schon wiederholt hingewiesen, daß für die Zu- 
gehörigkeit zu einer Nation und zu einem Staate das Rassen- 
bewußtsein keine Rolle spielt: es braucht überhaupt nicht vor- 
handen zu sein — so wie einer ein vortrefflicher Staatsbürger sein 
kann, ohne daß er einem Vergnügungsklub oder einer Vereinigung 
seiner Berufsgenossen angehört, auch ohne daß er Mitglied einer 
Religionsgemeinschaft ist; ja es können Gründe den guten Staats- 
bürger nötigen, sogar außer jeglichem Verhältnis zu seiner Familie 
zu bleiben. Mit einem Worte: die Rasse gehört mit all dem eben 
Aufgezählten zu jenen besonderen Lebenskreisen, die als Ge- 
sellschaft vom Staate unabhängig sich hält. Der Name Ge- 

145 '' 



Seilschaft für das hier in Betracht kommende ist allerdings un- 
wissenschaftlich: da wir auch von einer bürgerlichen Gesellschaft 
sprechen, worunter alle Angehörigen eines Staates verstanden 
werden, und endlich gar von der menschlichen Gesellschaft. Aber 
der Name Gesellschaft für ein vom Staatlichen Verschiedenes ist 
nun einmal da,--dieVVissenschaft von der Gesellschaft noch nicht; 
nur darin sind alle einig, daO unter diese Wissenschaft fallen soll, 
was nicht in die Wissenschaft des Staates gehört, und es w&re gut, 
nichts in diese Wissenschaft zu rechnen, wovon es eine andre 
Wissenschaft gibt oder doch geben soll. Man halte also auch die 
Politik und die Nationalökonomie gAnzlich getrennt von der Ge- 
sellschaftswissenschaft und betrachte in dieser nur. was eine 
Gruppe von Menschen vor den andern Menschen miteinander ge- 
mein hat: eine Gemeinsamkeit der Überlieferung, der Lebens- 
gewohnheiten, der Lebensinteressen (mit Ausschluß der materiell 
wirtschaftlichen), der Gefühle, der Anschauung, - alles d«s, was 
sich der Regelung durch den Staat und das Recht entzieht und 
auch nicht zusammenfallt mit dem politisch staatlichen und natio- 
nalen Bewußtsein. 

Von solcher Art ist das RassenbewuQtsein. Als Lebenserschei- 
nung der Gesellschaft nicht zusammenfallend mit dem Bewußtsein 
von der Nation und vom Staate, braucht es überhaupt nicht vor- 
handen zu sein, kann aber vorhanden sein; und wo das vorhandene 
ungeburlich gesteigert sich fand, z. B. in Adelsgeschlechtern (man 
gebraucht ja ganz richtig das Wort Rasse auch in diesem engeren 
Sinne, den Zusammenhang der Geschlechter zu bezeichnen) , wo es 
in den Adelsgeschlechtern mehr ward als eine Hausangelegenheit, 
da bedeutete es Gefahr für die übrigen dadurch inferiorisierten 
Staatsangehörigen, und wo nicht Gefahr, da ist es doch mindestens 
eine Narrheit, ein Gebläh und Geschwitz — am nArrischsten 
bei denjenigen, die gar keine wirkliche natür- 
liche Rassenerinnerung haben. Die haben unter 
uns nur unsre Adelsgeschlechter und, in noch viel bedeutenderem 
MalJe, die Juden; welchen letzten sie lebendig und wach erhalten 
wird durch gar mancherlei, nicht zuletzt durch das, was das bislang 
Mächtigste in der Menschheit ist, durch das Buch von geschicht- 
licher zentraler Bedeutung, die Bibel, darin ihr Adelsbrief bis in 

146 



Urzeiten glaubhaft hinaufgeführt sich findet. Übrigens muß ge- 
sagt werden, daß mit dem Wort Rasse, wie es seit einiger Zeit unter 
uns als Bildungsgegenstand auch bei vielen nichtadeligen und 
nichtjüdischen Deutschen allgemein Mode ist, nur ein Modeunfug 
bezeichnet wird der gebildeten Allgemeinheit, d. i. unter denen, die 
viel Sprechen und Nachahmung und daher immer erneuten Mode- 
unfug haben — die carnalis multitudo will immer durch irgend- 
welchen Blödsinn oder Aberglauben in Atem gehalten sein, an 
Stelle des ihr versagten wirklichen Denkens. Das ist ganz gewiß, 
daß dieses Gebläh mit der Rasse ohne jegliche rassengeschicht- 
liche Erinnerung nichts als ein böser Modeunfug ist — Virchow 
sagt, Regungen des Stammesbewußtseins unter uns seien nur 
durch den Verlust des gesunden Menschenverstandes zu erklären; 
ich komme auf diesen Mangel an wirklichem Stammesbewußtsein 
noch zurück, ich vergesse es nicht, ich will mir einen Knoten ins 
Schnupftuch binden — und noch ganz viel gewisser ist, daß die 
Rassentheorie im Munde der Judenhasser nichts andres ist als 
Judenhaß, und keineswegs die Ursache desselben, sondern seine 
Wirkung. Die Rassentheorie ist niemals wissenschaftliche Un- 
schuld, sie ist in Wahrheit gar keine Theorie, sondern soll eine 
Praxis vorstellen, soll eine Praxis werden, und was für eine! 
Renan sagte: ,,Wer die Menschheit mit allzu scharfen Grenz- 
strichen in Rassen scheidet, sündigt nicht nur gegen die Wissen- 
schaft, welche lehrt, daß wirklich reine Rassen nur in sehr 
wenigen Ländern wohnen: er treibt auch zu ,, zoologischen" 
Kriegen, zu Vernichtungskämpfen, wie die verschiedenen Gat- 
tungen der Nager und Fleischfresser sie manchmal gegen ein- 
ander führen." Und nun höre man die neuen Apostel! Ein 
Hauptgelehrter des vergleichenden Rassenhasses triumphiert über 
die ansteckenden Krankheiten, den Alkoholismus usw., weil da- 
durch die Schwächeren zugrunde gerichtet und den bevorzugten 
Rassen Raum geschafft würde; ein andrer Hauptgelehrter emp- 
fiehlt geradezu, den degradierten Rassen unentgeltlich Brannt- 
wein zur Verfügung zu stellen und sie ansteckenden Krankheiten 
zu überliefern. Ein noch erhabeneres Oberhaupt versichert, ,,daß 
im nächsten Jahrhundert (in unsrem zwanzigsten: sein Werk ist 
1887 erschienen) Millionen von Menschen einander umbringen 

147 lO* 



werden wegen ein oder zwei Grad mehr oder weniger in ihrem 
Schädelindex; an diesem, das biblische Schiboleth und die Sprach- 
verwandtschaft ersetzenden Zeichen wird man die Nationahtit 
erkennen, und die letzten Empfindsamen werden ausgiebiger 
Völkervertilgung beiwohnen können". Hört man derlei, so kann 
man sich versichert halten: an den Rassentheoretikern, an den 
Blutpredigern liegt es nicht, wenn kein Ersatz für Religionskriege 
und Hexenverbrennurigen gefunden wird. Und will man die bereits 
zu konstatierenden Leistungen der Rassentheorie für ein Nichts 
rechnen? Gegen die i88oer Jahre begann die Wirksamkeit der 
Rassentheorie und damit für die Juden die neue Vergiltung des 
politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leberu und die 
Zurücksetzung aller Art und in Rumänien und Rußland die syste- 
matische Aussperrung aus immer mehr Berufszweigen, die Ein- 
pferchung indieAnsiedlungsrayons und hoben diePlunderungen, die 
Menschenjagden und Abschlachtungen an. Die Rassentheorie ist 
keineUnschuld.auch rüchtdiegegendiejuden sich richtende, und es 
gilt von ihr, was dereinst K.E.von B4r gegen die Negersklavenhalter 
gesagt hat (ohnehin haben. wasdieRassentheoretiker angeben, alles 
auch die Sklavenhalter angegeben, ja man findet das alles bereits bei 
ihrem klassischen Anwalt Aristoteles. Pol. I, 2) : ,,Sind", (ragt B4r, 
,,bei Aufstellung der Ansicht, das Menschengeschlecht bestehe aus 
mehreren Arten, die positiven Kenntnisse, die wir von den Arten 
und Rassen der Tiere, namentlich der SAugetiere und insbesondere 
der Haustiere besitzen, gewürdigt worden und abgewogen, oder 
hat das Gefühl, daß der Neger, besonders der geknechtete, von dem 
Europäer, dem Homo Japeticus Bory de Saint- Vincents, ver- 
schieden ist und ihm häßlich erscheint, oder vielleicht gar die 
Sehnsucht, ihn außer aller Ansprüche und Rechte des Europäers 
sich zu denken, zu dieser Ansicht geleitet ? Ernste und kenntis- 
reiche Männer haben sich oft gegen sie mit allen zoologischen 
Gründen ausgesprochen, sie wird dennoch rücht sobald sich ganz 
verlieren, weil zoologische Grunde nicht auf alle Personen wirken, 
die in solchen Sachen eine Meinung haben zu können meinen." 
Auch Peschel sprach von der Anthropologenschule der Amerikaner, 
die vielleicht, um ihr Gewissen über die vormalige Negersklaverei 
und den Rasserunord der Amerikaner zu beruhigen, so viele 

14« 



Menschenrassen, ja Menschenarten geschaffen hätten. So ist es, 
und wissenschaftliche Gründe helfen da nicht zum Verständnis; 
wir dürfen nicht vergessen, daß betreffs Verstehens in allen Dingen 
dreierlei ist: Verstehen, Nicht verstehen (was immer auch zugleich 
Mißverstehen ist) und Nicht verstehenwollen; von denen mit dem 
letzten sagt Euripides, daß man ihnen wohl die, Seele widerlegen 
könne, aber nicht die Zunge. 

Gleichwie damals gewisse Amerikaner die Wissenschaft zu 
korrigieren suchten, weil ihr Haß mit ihr nicht einverstanden war, 
und wie sie ihren Haß zur Wissenschaft erheben wollten, so 
wollen's auch unsre Judenhasser; und nichts klarer, als weswegen 
ihre Wünschelrute gerade auf die Rassentheorie hinschlug, sowie 
andrerseits durchaus verständlich, daß die Rassentheorie sich am 
wohlsten fühlt bei den Judenhassern: die Wissenschaft hat, wie 
wir sahen, den Stuhl unter ihr weggezogen und lacht über sie; nun 
setzt sie sich auf den Antisemitismus. Der lacht auch, aber aus 
Freude; denn er kann sie gebrauchen, er hat sie nötig. Mit dem 
Judenhaß nämlich, der danach strebt, daß alle die hassen, die er 
selber haßt, geht es keineswegs zu allen Zeiten gleich gut: früher, 
in den Zeiten der Religionen, haßten alle die Juden, jetzt nicht 
mehr; der Judenhaß muß also wieder seine Daseinsberechtigung 
nachweisen, er bedarf der neuen idealen Maske. Mit den Juden 
soll es denn jetzt kommen (so möchten die Judenhasser) aus der 
Religionsverfolgung in die Rassenverfolgung; eben weil es mit der 
Religionsverfolgung nicht mehr geht. Und in der Tat, durch den 
Rassenhaß stehen nun wieder die Gegensätze auf neue Art. Aber 
doch lange nicht wie früher unter dem Religionshaß: trotzdem der 
Rassenfanatismus unerbittlicher ist — bis heute wenigstens gibt es 
noch kein Gnadenmittel (wie gegen den Religionsfanatismus die 
Taufe) behufs Aufnahme in die alleinseligmachende Rasse, und 
gibt keine Blut- wie Bekenntnisumzapfung; die Rassentheorie 
ist das antisemitische Jüngste Gericht, darin die Juden endgültig 
in alle Ewigkeit verdammt werden. Der Religionsfanatismus 
spricht: ihr seid nicht Menschen gleich uns, weil ihr andern 
Glauben habt wie wir, durch unsern Glauben werdet ihr Menschen 
gleich uns! der Rassenfanatismus hingegen spricht: ihr seid und ihr 
bleibt andre Menschen durch euer andres Blut! Zurückgeworfen 

149 



ohne Zweifel wurden die Juden nun wieder durch den entfesselten 
Rassenhaß, durch die neue Krankheit — mit der alten wären sie 
bald fertig gewesen — nur also, daß der Rassenhaßfanatismus er- 
satzweise denn doch, trotz seiner stieren Unerbittlichkeit, nicht so 
viel leistet wie der Religioiufanatismus. Gar zu vag und unbestimmt 
ist der Begriff der Rasse, und es wird nicht ohne weiteres allen 
plausibel, weswegen man die von der andern Rasse denn auch 
gleich kujonieren mußte, w&hrend in den goldnen Zeiten der 
Religion klar auf der Hand lag: die mit so abweichenden Glaubens- 
sitzen, Sitten und Gebräuchen sind Teufelskinder, sie haben 
Ufuern Herrgott ans Kreuz geschlagen, darum sind sie verflucht; 
es steht in der Bibel, in dem Buche — es gab ja eigentlich nur 
dieses eine Buch, welches das Wort Gottes wart — sie sind vogeU 
frei: Judaeos postquam Servatorem indignissima morte per- 
emerunt, impune interficerc liccre. * 

Im Grunde besteht gar kein so gewaltiger Unterschied zwischen 
den Anschuldigungen der religiösen und der rassentheoretischen 
Judenhasser, welche letzten nur das Verbrechen der Juden aus den 
historischen Zeiten in die unfaßbar dunklen hypothetischen Prim- 
ordien der Abstammungsvergangenheit hinaufschieben. Aber 
eben dadurch fehlt es dem rassentheoretischen Standpunkt an der 
Naivität, wie sie der religiöse hat, und an der Wirkung auf die 
Phantasie. Die Religion ist groß als die größte Dichtung des naiven 
Egoismus und als die in Glauben verwandelte Verkehrung des Ge- 
dankens: als die Relativierung und Vermenschlichung des Ab- 
soluten (Fortsetzung des Lebens nach dem Gestorbensein; Gott 
mit Gedanken, Willen und Absichten, als ein Macher der Welt), 
daher die Massen in ihr leben konnten. Die Rassentheorie hingegen 
ist eine kleine gebildete Angelegenheit, h&lt sich im Kreise der auf 
Bildung solcher Art pikierten Kleinen, h&lt sich in ihnen, sie aber 
können nicht in ihr sich halten; und schwerlich wird die Rassen- 
theorie so lange Dauer haben wie der Religionsfanatismus. Auch 
ist sie nicht tragfähig, daß der Staat in solcher Weise auf sie sich 
stützen könnte, wie er sich auf die christliche Religion gestutzt hat 
und noch stutzt: die Allgemeinheit, in der das Rassenbewußtsein 
keine natürliche Wurzel hat und nicht künstlich einzusetzen geht, 
kann nicht wahrhaft positiv mithalten; die Rassentheorie selber 

15« 



entbehrt des positiven Grundes und Kernes, ihr Pathos ist her- 
geholt nur aus der Negation, aus der Feindseligkeit gegen Menschen, 
womit sie, soweit Menschen des Vaterlandes in Betracht kommen, 
dem Prinzip des Rechtsstaates und dem Begriff der Nation wider- 
spricht^). Deswegen kann sie unmöglich ein Instrumentum 
imperii werden gleich der christlichen Religion. Ich sehe schon 
die Aufklärungs- und Erschlaffungszeit kommen, die Rassen- 
duldung, die Zeit der paritätischen Rassen, die Lockerung jeglicher 
Verpflichtung und Aufgelegtheit zur Betätigung der Rassen- 
psychologie, die Sänftigung aller Affekte des Glaubens, den offen 
bekannten Unglauben, die Gleichgültigkeit, das Vergessen. Jeder- 
mann wird im Staate seinen Rassenursprung so frei haben wie 
heute bereits Götter für seinen Himmel. ; 

Was aber danach sein wird mit dem Judenhaß ? Was sein wird, 
wenn der Judenhaß nicht mehr auf die Rassentheorie sich gründen 
kann? wovon alsdann das Feuer brennen soll, welches ihm zu. 
neuen goldnen Zeiten leuchtet (unter wahrscheinlich noch unver- 
gleichlich viel vornehmerem Namen) ,und wann denn endlich dieser 
Haß erlöschen wird ? — Oh, von dem letzten kann ich sogar genau 
den Zeitpunkt angeben. Haß gegen die Juden gibt es nicht mehr, 
sobald die menschliche Natur eine andre wird: sobald nur die 
Menschen aufhören zu glauben das Unglaubliche, Absurde, Un- 
mögliche; und zu verlangen von den andern, was sie selber nicht 
leisten können; und sobald sie sich untereinander ertragen mögen 
nach der Mannigfaltigkeit der Naturen, wie sie vorhanden sind, 
ohne deswegen in Affekt übereinander zu geraten; sobald sie an- 
fangen werden zu erröten, weil sie reden und urteilen über 
solches, was sie nicht kennen und nicht begreifen; und sobald sie 
Ohren haben nicht nur für das, was sie schreien — ,, Wissen ist 
Macht" schreien sie: welch eine Macht aber Unwissenheit, Irr- 
tum, Narrheit, Verkehrtheit und Aberglaube ist, nun das schreit 
sich selber laut genug. Also das weiß ich ganz gewiß von derZu- 



^) Unter allen Staatsregierungen ist die russische die einzige, welche 
auch mit der Rassentheorie, mit dem Panslawismus, einen Versuch 
macht; der so gewiß scheitern muß, wie gewiß ist, daß auch Rußland 
ein Rechtsstaat werden oder, was noch wahrscheinlicher, in mehrere 
gesonderte Rechtsstaaten zerfallen wird. 



kunft: sobald Satan in den Feuersee gestürzt ist und die ganze 
Menschheit den Hunger bekommt, nicht nach Brot, sondern nach 
Wahrheit, und es keine Affekte, mithin auch keinen Haß mehr gibt, 
gibt es auch keinen Judenhaß mehr. Wer aber etwa der Meinung 
lebt, daß Satans Aberglaube (in ewig veränderten Formen, nur so, 
daß er riiemals verliert dabei) seine Macht behalten und weiter wie 
ein Nebel die Erde bedecken wird; wer da weiß, daß die größte 
Macht über die Menschen der Aberglaube besitzt, die demnächst 
größte die Leidenschaft und Narrheit, die geringste aber die Wahr- 
heit; daß die menschliche Natur bleiben wird, wie sie gewesen, 
und auch ihre Affekte, also auch ihren Haß behalten wird, — der 
mag auch denken, der Judenhaß bleibt. Und was dann also andres 
sein wird, wenn die Rassentheorie überwunden ist ? Davon zu 
reden ist Zeit für andre, wenn es sein wird. Es wird sein. AnJert 
sich nicht die menschliche Natur, so wird noch gar mancherlei 
in der Menschheit lange währen, und wird auch der Judenhaß 
währen, solange Juden sind. — 

Wahrlich klarer und bedeutender war's mit den Religionen Ali 
mit den Rassen; daß aber auch die verschiedenen Religionen kein« 
Unterschiede und Entzweiung zwischen Menschen zu begründen 
vermöchten, weswegen politische, rechtliche und soziale Unter- 
drückung, Haß, Verfolgung, Zuruckstoßung, Verachtung gerecht- 
fertigt erscheinen, das hat sich riach schweren Jahrhunderten ge- 
zeigt. Wäre nun die Geschichte eine Lehrerin der Menschheit 
(was sie aber nicht ist; sie lehrt, sagt Ranke, daß man aus ihr 
nichts lernt), so würden amEnde die Rassenleute von den Religions- 
leuten lernen können — aber was vermöchte wohl den Haß zu 
belehren ? Das vermag die Geschichte nicht, das vermöchte die 
Wahrheit selber nicht; die auch nur, gleich der Geschichte, eine 
Lehrerin der Wenigen ist. Die Menschen der Menge wissen nichts 
voneinander, nichts von ihrer Vergangenheit; die Gedanken der 
Verkehrtheit und des Aberglaubens wissen nichts voneinander; 
daß sie, in wechselnden Formen, das Eine und Gleiche sind, das 
bleibt den Menschen, — daß Erfahrung den Gedanken der 
Menschheit nicht nützt, daß überall und durch die Fernen aller 
Zeiten die Eine Menschheit ist, so beschaffen, daß ihr Kritik eines 
Aberglaubens und einer Verkehrtheit immer erst kommt, wenn sie 

15a 



in neuen Aberglauben und Verkehrtheit zu fallen beginnt, das 
bleibt der Menschheit verborgen. Und so tritt denn ganz naiv und 
neu der Versuch der Rassenunterdrückung an die Stelle der 
Religionsunterdrückung; nachdem kaum festgestellt worden, daß 
die Nation mit der Religion nichts zu tun hat und noch viel daran 
fehlt, diese Einsicht ganz und gar in die Praxis umzusetzen, lauert 
bereits die Rassentheorie als neuer Störenfried. Es ist der alte 
Haß in verändertem Kleide. Freilich spricht er in diesen Tagen 
der sogenannten allgemeinen Bildung anders, als er in den Zeiten 
der unbedingten Religionsgeltung sprechen konnte, doch aber ist er 
derselbe geblieben nach innerem Wesen und Wirkung und mit 
seinem Gefolge — wie war es doch gleich ? mit dem Neide, der Ver- 
höhnung, der Verachtung, der Wut, der Rachsucht und nicht zu- 
letzt mit seinem wahnwitzartigen Hochmute: gestern hatten sie die 
bessere Religion, heute sind sie die bessere Rasse und juchzen 
wieder, sie hätten mit ihren erbärmlichen Einbildungen die Wahr- 
heit bei allen Zipfeln gepackt, — während die wieder am Hasse zu- 
schanden wird. Denn was ist Haß, wenn nicht dieses ? und so ver- 
hält es sich doch: weder die Religion an sich noch die Rasse an sich 
ist das Rechte gegen die Juden, der Haß ist es. Wessen Gemüt nur 
frei blieb von der Krankheit des Hasses, über den vermag weder 
Religion noch Rassentheorie Schlechtes. Mit dem Antisemitismus 
ist es aus, sobald es keinen Judenhaß mehr gibt. 

« « 

« 

Aber müssen wir nicht noch von andrem reden als von Haß ? 
Haß gegen die Juden empfinden nur wenige; davon entfernt sind 
sogar manche, die doch von den Juden in ihrer (begreiflichen) 
Empfindlichkeit für Judenhasser verschrieen werden. Hingegen 
ist ebenfalls wahr, daß ohne Vorurteil und stellenweisen 
Antisemitismus nicht viele gefunden werden^). Die Judenhasser 
berufen sich darauf und freuen sich, und nicht kluge Juden ver- 



^) Vorurteil in dem gebräuchlichen Sinne, gleichbedeutend mit 
falschem Urteil, verkehrter, aus Faulheit des Verstandes vor Kenntnis der 
Tatsachen gefaßter Meinung; denn es gibt auch Vorurteile, deren Wahrheit 
bei Kenntnis und Prüfung der Tatsachen sich herausstellt. Es gibt weiße 
und schwarze Vorurteile. 

153 



zweifeln deswegen, weil es so ist. Es bietet aber keinen Anlaß zur 
Verzweiflung für die Juden und keinen zur Hoffnung und Freude 
für die Judenhasser — dieses Vorurteil hat mit ihrem HaO nichts 
gemein und ist ganz gehörig, wie wir noch genauestens 
sehen werden. 

Vorhanden ist dieses Vorurteil, und man hört abenteuerliche 
Meinungen über die Juden, als wären die eben erst aus dem Monde 
heruntergestiegen. Neuerdings so gerade von gebildeten Leuten: 
seitdem die Rassentheorie, in der Gegenwart eines der stärksten 
Hemmnisse der Erkenntnis durch den Affekt, seitdem die RA&sen- 
theorie auf dem Verständnis von den Juden zu lasten beginnt wie 
früher die Religion. Die Rassentheorie greift selber auf die ent- 
stellenden Schilderungen des Religionshasset zurück, auf die 
älteste und schauderhafteste Konventionsmalerei, in der auch 
nicht der geringste naturalisti.^cheZug an die Juden erinnert, wie 
sie wirklich sind. Die Rassentheorie ist nicht erfinderisch und 
sonst auch nicht sehr gewissenhaft und keineswegs pietätvoll: aber 
sie gräbt eifrigst wieder an den Tag aus all den modervergilbten 
Schandschriften die Mammute und Megatherien; jede noch so 
haarsträubende, wenn nur irgend die Juden schändende Monstro- 
sität wird betrachtet wie vom heiligen Geist eingegeben und wird 
wiederholt, wiederholt und verbreitet und sickert überall durch. 
Will man sich wundern darüber, daß auch gebildete Leute solche 
Böswilligkeiten und knolligen, bolligen, niederschmetternden Un- 
sinn nachsprechen, wohl auch aus dem Eignen gärulich phan- 
tastische Beobachtungen über Juden frei wachsen lassen — nur die 
einzelnen Juden, die sie wirklich kennen lernen, bilden ihnen Aus- 
nahmen, bei denen es nicht klappt mit dem angeblich Sonstigen 
der Juden — will man darüber sich wundern, oder will einem 
auch von dieser Seite her selbst die gebildetste Bildung bedenklich 
werden, so daß man über ihren Wert und Unwert in bessere Klar- 
heit kommt ? Wie die große Mehrzahl der Gebildeten nur äußer- 
lich zur Bildung abgerichtet ist, das sieht man zur Not; auch wohl 
noch, wie sehr viele von der Bildung nur betört sind und da- 
mit sich ausnehmen wie putzsuchtige, geckenhafte Wilde: aber will 
man denn nun nicht gleichfalls sehen, daß eben darum das Ver- 
hältnis ihrer Urteile zu den Vorurteilen keineswegs wesentlich 

tS4 



verbessert ward ? Die Masse der Gebildeten hat nicht viel mehr 
Vorurteile aufgegeben als die Masse der Ungebildeten, „die große 
Menge" — das beweist: nicht die Macht der Bildung in den Ge- 
bildeten bewirkt den Unterschied, sondern die Veränderung der 
Zeitumstände. Soweit es die allgemeinen Verhältnisse nur irgend 
zulassen, hängen die Gebildeten fast in der gleichen Weise am 
Vorurteil gegenüber demAlten wie die Ungebildeten und 
unterliegen gewöhnlich in noch stärkerem Maße als diese dem Vor- 
urteil gegenüber dem Neuen; in betreff des Vorurteils 
gegenüber den Autoritäten und ferner hinsichtlich der Vor- 
urteile der Jugend und des Alters, des Standes, 
der Gemeinschaften, der Schwärmerei und 
der Nüchternheit erweisen sich die Gebildeten mitsamt 
den Ungebildeten durchweg gleichmäßig urteilslos, und ebenso 
häufig ist es der Fall, daß sie blindlings ,,den Vorurteilen der 
Menge" ergeben bleiben. Hat doch selbst (um ein Beispiel zu 
unsrem Gegenstande zu bringen) ein Mann wie Bismarck in seiner 
frühen Zeit sich einmal geradezu auf das Vorurteil der Menge 
gegen die Juden berufen, — später tat er das nicht mehr und erwies 
sich frei von jeglicher Beschränktheit und Befangenheit. Ach, es 
ist m i r nicht möglich zu gewahren, daß die allgemeine Bildung 
freier, leichter, besser, würdiger und schöner macht, — und ich 
habe wohl auch gelernt, gar mancherlei Unannehmlichkeiten 
und Leiden zu ertragen, nur nicht die Annehmlichkeiten und 
Freuden einer gebildeten Gesellschaft (die ich also mit unter die 
Leiden, die Nöte rechne, aus denen heraus einen wohl Sehnsucht 
anwandeln könnte nach der ,, Großen Unwissenheit", wovon 
Gnostiker als von der Erlösung sprechen). Der Satz, daß durch die 
Bildung die Menschen in die Höhe und zum wahren Denken 
kämen, steht für mich auf einer Stufe mit dem Satze, daß sie durch 
die Religion selig würden (wer dennoch den ersten Satz für be- 
gründet hält und für unerschütterlich, sei wenigstens daran erinnert, 
daß man lange Zeit auch den zweiten für begründet und uner- 
schütterlich gehalten hat), und ich kann die Gebildeten nicht 
anders sehen als so, daß sie selber ihren Satz von der Bildung 
umrennen. Hingegen steht ein anderer Satz für mich fest: daß 
zu wahrhafter Bildung nicht Lernen und Nachmachen gehört, 

155 



sondern Lernen und, außer dem Nachmachen, auch Nichtnach- 
machen und Verlernen! und vor allem: etwas von Natur, mit 
einem Worte, daß wahrhafte Bildung nur möglich ist bd 
geistiger Natur, — geistige Natur in dem ganz bestimmten 
Sinne, wie er durch mich zum ersten Male definiert und be- 
schrieben worden ist. Also ich bestreite nicht etwa, daß es auch 
eine andre Bildung von wahrhafter Höhe gibt (das bestreite ich 
so wenig, wie daB es wahrhafte Seligkeit gibt), aber wer da 
hinauf will, muß in sich die Treppen mitbringen, die hinauffuhren; 
und hier ist ja auch nur die Rede von der allgemeinen Bildung der 
Allgemeinheit und ihrem Affentum, von der leicht zu beschaffen- 
den Bildung bei unabschaf fbarer Beschränktheit der Gesinnung und 
Gedanken und bei Totbleiben dessen, was allein das Leben wahrer 
Bildung ausmacht, — nur davon reden wir hier, nicht von den 
wenigen mit der in alles Denken und Tun unmittelbar einströmen- 
den Seele, die da sprechen: Entweder wollen wir's auch wirklich 
eben, oder wirwollensauch nicht gebildet sein! — Und will man sich 
verhehlen, wie vielleicht die allgemeincBildung, vorwärts und ruck- 
wArts ins Ganze gerechnet, nicht weniger Vorurteile erzeugt als 
nimmt ? so wie sie denn auch ebenso wohl urlglücklicher als glück- 
licher machen kann. Man unterschätze doch nur nicht das Vor- 
urteil, gegen welches in den seltensten Fällen Bildung und Gelehr- 
samkeit nutzen: umgekehrt kann nicht bestritten werden, daß eine 
Unzahl von Leuten studieren, forschen und lernen nur, um in 
ihren Vorurteilen hartnäckiger und also immer unwissender und 
auf jeden Fall immer urteilsloser zu werden! Unterschätzt nicht 
das Vorurteil, das unvergleichlich viel gewaltiger ist als das Urteil 
und die Beobachtung. Miserabel ist es bestellt mit der Gabe und 
mit der Ausdeutung der Beobachtung (Zeugenaussagen, Beobach- 
tungen an Kindern und an Tieren!!), und noch mehr liegt 's im argen 
mit dem Urteil — daher ist es am allerärgsten bestellt mit unsrer 
Geschichtsschreibung, wo Miscrabilität der Beobachtung und des 
Urteils zusammenkommen. Miserabel, miserabel ist das Urteil nicht 
etwa nur bei der Menge, in der öffentlichen Meinung, die man gut 
definiert hat als das Geräusch infolge des Aneinanderklappernsder 
Bretter vor den Köpfen, und von der Hegel gesagt hat: Unabhängig- 
keit von der öffentlichen Meinung und von der vielköpfigen 

156 



Menge sei die erste formelle Bedingung zu Vernünttigem und 
Großem, im Leben wie in der Wissenschaft. Vielköpfige Menge ? 
— in meiner Mythologie herrscht immer noch Streit, ob das 
große Publikum ein vielköpfiges oder ein kopfloses Ungeheuer; 
Köpfe oder Unköpfe der Gebildeten aber, daran zweifle ich nicht, 
gehören zum Ungeheuer. Miserables Urteil der Gebildetsten! 
Was da alles pflegt in den Kuchen hineingemengt zu werden, 
und welch wunderbares Vermögen sie besitzen, wahrhaft 
Gegründetes und blödsinnigen Dunst mit gleicher Ernsthaftigkeit 
aufzunehmen und gebildet damit weiter zu leben! Eben deswegen 
ist das Vorurteil so stark, weil das Urteil so schwach ist, oder mit 
anderen Worten: weil so wenig gedacht wird; denn Vorurteil 
ist das, was kein Urteil ist, was nicht gedacht ist — dadurch 
unterscheidet sich der Vorurteilende von dem irrig oder verkehrt 
Urteilenden, daß er nicht einmal verkehrt oder irrig urteilt, 
denkt: überhaupt nicht denkt und sein Nichtdenken für Denken 
hält (weswegen auch, in bezug auf sein Denken, ein dem Inhalte 
nach richtiges Urteil nicht mehr Wert besitzt als ein falsches). 
Eben darum unterliegen auch die Gebildetsten dem allgemeinen 
Vorurteil, weil die Bildung ganz ohnmächtig ist, ihr Urteil zu ver- 
bessern; je weniger Urteil, desto mehr Nachahmung des allge- 
meinen Urteils, sei es richtig, sei es verkehrt. Und wie überlastet 
mit ungeklärtenMeinungen, mit Aberglauben, mit Torheit desTuns 
und des Unterlassens (stultitia positiva et privativa) , und wie über- 
eifrig für lächerlich falsche und verderbliche Tendenzen wird so 
mancher angetroffen, der in der Tat nach einer Richtung hin 
selber die Bildung vermehrt hat! Nämlich die Bildung des zu Er- 
lernenden oder des zu Wissenden. Aber dasjenige, was gewußt 
werden kann, die Kopfbildung, ist darum, weil sie in den Köpfen 
(und Unköpfen) gewußt wird, noch nicht imstande, jene Auf- 
klärung und Veredlung des Denkens und Lebens hervorzubringen, 
welche von den plattrohverkehrten Lobrednern der Vielwisserei er- 
wartet wird: nur im W i s s e n , ist es abgepflückte Bildungs- 
blume; das Denken ist das ganze Bewußtsein, nicht allein das 
Gewußte, sondern die Einheit des Gewußten, Gefühlten und Ge- 
wollten mit dem lebendigen Odem darin. Das Gewußte, auch 
wenn es an sich selbst das recht Gewußte ist, verhält sich darum 

157 



keineswegs zum Leben und zur Lebensführung wie Ursache zur 
Wirkung: weil es nur einen Teil des Denkens vorstellt, welches 
ebenso wenig frei ist wie die andern Teile des Bewußtseins, das 
Fühlen und das Wollen, und nicht frei zu schalten und nichts zu 
ändern vermag an der Richtung und Linie des Ganzen. Was 
die gebildetste und gelehrteste Bildung in 
Wahrheit ist und was sie wert ist, das offen- 
bart allein das Woher und das Wohin ihres 
Fühlens und Wollens und ihr Grund der Be- 
sinnung, auf dem sie ruht — wie kleinlich abergläubisch, 
wie erstaunlich niedrig sind z. B. die letzten Begriffe und die Gottes- 
psychologie Immanuel Kants»). Und was die Wirkung der Bil- 
dung auf die Allgemeinheit der Gebildeten betrifft, die st&rkste 
Wirkung, welche seit dem Aufkommen der 
allgemeinenBildung gespürtworden.mit dem 
lebendigsten EinfluB auf datWollen und das 
praktischeVerhaltcn — nun, wir sprachen lange genug 
von der Rassentheorie, von diesem wahrhaft ungeheuerlichen 
Mißbrauch mit der Bildung und mit der Wissenschaft; die Rassen- 
theorie gibt böse Staatsbürger. Wer nun das alles und noch 
manches Hergehörige bedenkt und nicht für jeden besonderen Fall, 
als sei er ein Ausnahmefall, die besondere Erklärung und Ent- 
schuldigung sucht; wer die allgemeine menschliche Natur so sieht 
wie sie ist, ohne hineinzusehen, was nicht in ihr ist, und sie versteht 

*) Zwei Verwechselungen «uszuschlieBcn sd erstens bemerkt. daB 
ich den Königsberger Immanuel Kant meine, und zweiten», daß ich 
diesen so meine, wie er in seinen Schriften »ich »elber zeigt, nicht wie 
er von den Philosop! --"■^f'ssoren f^eigt wird. Vgl. ,.Zwi4chen»piel" 
in der Lehre von den i n und vom Volke. D*ß bei Kant der Cottes- 

glaube nur praktisches „Postulat" ist oder mit anderen Worten: daB 
Kant, wie alle Scholastiker tun, mit zweierlei Wahrheiten (der Vernunft 
und des Glaubens) arbeitet, macht natürlich nicht den geringsten Unter- 
schied. Ja, noch böser als der scholastische Gottesglaube ist der kantische. 
Das noch Bösere, was jedem enuthaft Denkenden lo tiefes Argemi» 
gibt, besteht darin, daß es bei Kant nicht um zwei eiriander widersprechende 
Wahrheiten zu tun ist, sondern um die absolute Unwahrheit und Un- 
möglichkeit des Gottesbegriffes, der trotzdem als Wahrheit gelten »oll. 
Damit steht der Gott Immanuel Kant völlig auf der Stuie von Voltaires 
Gott, 

158 



nach ihrer wirklichen Beschaffenheit und nach dem Einen, was 
in ihr das wahrhaft allein Regierende ist: nämlich der Egoismus 
(das allein heißt die Menschen sehen, sie nach dem Prinzip des 
Egoismus sehen; denn Blindsein über sie und dem Wahne folgen 
ist nicht sehen) ; und wer auch nicht verkennt die ganz ungeheure 
Macht der Überlieferung, der Gewöhnung (der zweiten Na- 
tur, welche so sehr viele mehr haben als eine erste) , der Nach- 
ahmung und endlich auch die Ansteckung in der Gemeinschaft — : 
der wird das Vorurteil und den Haß gegen die Juden, gegen 
Menschen mit auffälliger Eigentümlich- 
keit, gegen die am Aussehen und am Namen 
kenntlichen, keinen Augenblick unverständlich finden. 

Doch ehe es davon weiter geht, ist noch gar mancherlei zu 
sagen, zuerst: daß am wenigsten die Juden hier etwas bestaunen 
sollten, vielmehr vor allem sehen mehr noch als auf den Haß und 
das Vorurteil der andern gegen sie, auf ihr eignes Angestecktsein 
davon. 

Was sich uns da jetzt entgegenstellt auf dem Wege, das sind 
Juden. Juden, die von allem Judenhasserischen wissen bereits 
ganz so, wie die Antisemiten davon wissen; selbst von der Ver- 
judung der Deutschen wissen sie, nur nicht von ihrer eignen Ver- 
antisemitung. Man sollte wohl meinen, vor Antisemitwerden 
müßten doch wenigstens Juden sicher sein ? Juden könnten un- 
möglich Antisemiten werden: — weil doch Juden Lebewesen sind, 
ihrem Begriffe nach mit Selbstliebe verbunden, Antisemitwerden 
aber mit Judenfeindschaft, Judenhaß verbunden zu sein pflegt, 
so daß also ein antisemitischer Jude statt Selbstliebe Selbsthaß 
empfinden müßte ? Nun, richtig brauchbare Antisemiten sind 
Juden-Antisemiten freilich niemals — sonst wären sie die brauch- 
barsten von allen, da sie unmittelbar an sich selber den Antisemi- 
tismus ausüben könnten; man kriegt auch am besten solch einen 
frivolen Narren im Augenblick kirre, indem man auf seine Be- 
hauptung, selber Antisemit zu sein, ein ganz ernsthaft interessiertes 
Gesicht aufsteckt und fragt, welche Maßregeln er zu seiner Unter- 
drückung und Ausrottung anwende. Gar nicht wenige Juden 
wollen nur antisemitisch scheinen, weil sie dumm genug 
sind, zu glauben, sie würden dadurch um so weniger als Juden an- 

IS9 



gesehen. Aber andre, und ebenfalls gar nicht wenige leiden ernst- 
haft an entoptischem Antisemitismus. Man trifft sie in der Tat 
erfüllt von einer Art Selbsthaß, soweit das nur irgend möghch 
ist — nämlich durch Teilung ihres Selbst in ein antisemitisch Kriti- 
sierendes, Hassendes und ein jüdisches Kritisiertes, Gehaßtes; be- 
sessen vom antisemitischen D&mon, haben sie, wie andre ,, Be- 
sessene" zwei Iche, davon oft das eine durch das andere (wie 
Geschichten der Besessenen erzAl.len) pöbelhaft beschimpft 
und bedroht wird. Zur Betitigung von Judenfeindseligkeit im 
allgemeinen bringen es viele, z. B. zur Abneigimg gegen den 
,, jüdischen Typus" (auch wenn sie dabei gegen sich selbst noch 
so tolerant sein müssen und Nasen tragen, die zu Riesenhaß 
in der Welt berechtigten — Feigheit machte ihre Seele zum 
Antisemiten, ihr Leib ist Jude geblieben) und bis zur offen aus- 
gesprochenen Mifkichtung ihrer Gemeinschaft und bis zur Ver- 
zweiflung über sie. Mancher spielt dumpf-duster die Rolle des zum 
Leben verurteilten Ewigen Juden und fühlt sich darin schon bald 
so unglücklich wie der zu den Juden verurteilte Antisemit. Ja, 
da haben wir einander werte Gesellen, die sich gegenseitig als 
närrisch und niedrig verraten. 



DIE ANGESTECKTEN JUDEN. 

Diejenigen Juden, denen die Judenhasser das Kapitolium ver- 
wirrt haben, gehören ohne Zweifel zu den närrischsten aller Lebe- 
wesen; denn sie verneinen mit ihrem Urteil über sich selbst die 
eigne Existenz und haben bei allem Kampf ums Dasein noch den 
Kampf ihres Daseins gegen ihr Dasein in sich selbst zu bestehen. 
Mit ihnen ist unter den Juden eine nagelneue Art von Narren er- 
standen, derengleichen es in denTagen der Religionsunterdrückung 
gar nicht gegeben hat; so daß es in einer Hinsicht ihnen besser ging, 
als es ihnen noch schlechter ging. Damals hielten sie sich gegen 
Feinde rings umher, heute ist der Feind in ihrer Mitte — das isf 
ein Unterschied wie zwischen dem Schiff im Wasser und dem 
Wasser im Schiff. Damals waren sie der fremden Gewalt über- 
antwortet, heute leiden sie auch durch eigne Schwäche. Damals 
war nur ihr Leib unsicher, heute sind es auch ihre Seelen. Ich rede 
aber hier nur von den vielen Schwachen, keineswegs von den sehr 
vereinzelten Scheusalen, die zur Pest sprechen: ,, Schone nur mich 
selber, und ich trage dich durch das Land!" Diese Schwachen 
sind wahrlich allzu schwach, und wenn auch selbstverständlich 
ihre Schwäche erklärlich ist — dafür spricht viel Erfahrung: 
Verteidigen bringt herunter und Beschuldigtwerden steckt an 
(außer in den Fällen der Großen, die dadurch vielmehr in den 
höchsten Begriff von sich selber gesetzt, in ihrer Eigentümlich- 
keit stärker werden und erst recht Herz und Trotz ihres Tuns 
fassen) — aber Erklärung ist keine Rechtfertigung; ganz gewiß 
auch fehlt es nicht an ähnlichen Fällen, wo Minoritäten von 
der ihnen drohenden Feindseligkeit sich angesteckt zeigten (wäh- 
rend der französischen Revolution wurden Adlige Kämpfer gegen 
die Standesprivilegien), desgleichen auch kann man an die Tat- 
sache denken, daß zuweilen im Angesicht einer Gefahr der Lebens- 



instinkt versagt und das Gegenteil des Nützlichen getan wird, 
Rindvieh z. B. in den brennenden Stall wieder hineinrennt, aus 
dem es kaum gerettet worden — aber Beispiele sind ebet sowenig 
eine Rechtfertigung. Bei diesen Schwachen handelt es sich um er- 
bärmliche Schwache. Sie sind zu schwach von Gedanken, um ihre 
Wirklichkeit zu ertragen, und stellen sich dumm zu ihr; sie haben 
über dem Judenhaß den Mut des Herzens eingebüßt und beinah 
die Lust am Arbeiten und am Leben, und das Ende ist, daß sie 
selber bis ins Mark angesteckt sich zeigen von den judenhasse- 
rischen Meinungen. Durch solche werden die Deutschen judi- 
scher Abstammung so wenig repräsentiert wie durch die Juden- 
hasser das übrige Deutschland. 

Die Deutschen judischer Abstammung werden nicht repräsen- 
tiert durch die judischen Narren, die heute den Mut finden (die 
Narren habtn immer den Mut zu ihrer Narrheit), von der deut- 
schen und judischen Rasse garu so zu reden, wie Judenhasser da- 
von reden. Sie reden nicht etwa von der Mischbevolkerung unsres 
Vaterlandes, der, wer Augen im Kopfe hat, auf den ersten Blick 
an der körperlichen Verschiedenheit anmerkt, wie sie aus so gäru- 
lich heterogenen Elementen zusammengekommen ist; so daB 
wahrlich unser Staat auf Einheit der Physiognomie nicht sich 
gründen läßt. Darauf kann nicht einmal unser Antisemitismus 
sich gründen: ein antisemitischer Gelehrter hat großen Jammer 
geschlagen, daß unter den Antisemiten der germanische Typ nur 
so schwach vertreten sei. überhaupt sind unter uns wenige, die 
den Geburtsschein eines ausgesprochenen Rassentyps in der Phy- 
siognomie tragen: durchweg sieht man die geschichtlich gedanken- 
losen Gesichter ohne Rassenerinnerung, in denen jeglicher be- 
stimmte Typ ausgewischt scheint; unter den Mischtypen der am 
häufigsten vorkommende ist der slawisch-germanische, worin 
gewöhnlich das Slawische vorwiegt. Merkwürdig, daß in manchen 
statistischen Aufstellungen das Jüdische außer Betracht bleibt. 
Für Berlin z. B, ist berechnet worden, der Berliner habe 37 Prozent 
germanisches, 39 Prozent romanisches und 24 Prozent slawisches 
Blut in sich — das macht ja allerdings zusammen 100 Prozent, 
aber die Angabe kann dennoch nicht stimmen, schon allein des- 
wegen nicht, weil das judische Blut, das in die nichtjudischen Ber- 

162 



i 



liner hineinkam, außer Betracht geblieben ist: gegen die zwanziger 
Jahre des 19. Jahrhunderts ließ sich die Hälfte der Berliner Juden 
taufen, und die Getauften gingen zum bei weitem größten Teile 
Mischehen ein; von den damals in Berlin lebenden Juden dürften 
heute nicht mehr viele jüdische Nachkommen vorhanden sein. 
Denn es wurde weiter getauft, in Berlin, im Deutschen Reiche, 
überall. Die Missionare rühmen das 19. Jahrhundert als das 
Judentaufjahrhundert und behaupten, es seien in diesem einzigen 
Jahrhundert 224 000 Juden zu Christen gemacht worden ( Na- 
thanael 1899, S. 1 1 1) . In den letzten drei Jahrzehnten war der Pro- 
zentsatz der Judentaufen und der Mischehen mit Juden, ge- 
tauften und ungetauften, wiederum ein besonders hoher. In 
Berlin wurden 1899 — 1903 3047 rein jüdische Ehen geschlossen 
und 1065 Mischehen mit Juden und Jüdinnen, das sind 34,95 Pro- 
zent Mischehen! Über das jüdische Blut in den Adelsfamilien 
ist oben S. 123 ff. einiges beigebracht worden, weiteres mag 
man nachlesen in H. v. Bülows ,, Geschichte des Adels" oder gar 
im ,, Semi- Gotha ^) . Man sieht aus allem: die deutsche Nation geht 



^) Dieser schreibt: ,,Die Tatsache der jüdischen Abstammung bleibt 
bestehen, und die gerade dem jüdischen Blute eigne Fähigkeit, auch in den 
geringsten Verdünnungen noch wirksam zu sein und sich in einzelnen Zügen 
oft noch überraschend scharf auszuprägen, zwingt ebenfalls sehr zur Be- 
achtung. Da ferner durch solche Familien und ihre Allianzen wieder 
jüdisches Blut in zahlreiche andre Familien gelangte, so vielfältig, daß man 
behaupten könnte, fast der ganze Hochadel in Österreich, besonders in 
Wien, sei mit homöopathischen Dosen jüdischen Blutes versetzt, ist dies 
ein für dessen Beurteilung außerordentlich wichtiger Umstand . . . 
Überall, wo sich ein besonders vor- und aufdringlicher unvornehmer 
Adelsstolz und unsympathische Überhebung, sowie aufdringliches Ge- 
flunker und Vordrängen breit macht, kann man mit Sicherheit annehmen, 
daß es da irgend ein Manko ariogermanischen Blutes zu 
verdecken gilt. Ebenso darf man schließen, daß, wo Offiziere, Beamte, 
Künstler, Schriftsteller direkt oder indirekt für die Interessen des Juden- 
tums eintreten, irgendwo eine jüdische Mischehe im Hintergrunde steht. 
Ferner kann man fast regelmäßig, wenn Träger altedler stolzer Adelsnamen 
in unliebsamer Weise hervortreten, trotzdem die jüdische Presse die Ver- 
fehlungen auf den Adel an sich zu schieben pflegt, bei ihnen jüdischen 
Bluteinschlag annehmen." Der Semi- Gotha bringt eine große Reihe von 
Namen, „darunter solche von hohem Klange, und dem aufmerksamen 
Leser wird es manchmal wie Schuppen von den Augen fallen, wenn er hier 



lös 



!• 



keineswegs auf 130 Millionen germanischer Beine mit 65 Mil- 
lionen Köpfen, die allesamt gleichsehen Hermans des Cheruskers 
Kopf, — wenn der so ausgesehen hat, wie sich gewisse Leute ein- 
bilden, daß er ausgesehen habe (wie er aber schwerlich ausgesehen 
haben dürfte — nicht einmal blond wird er gewesen sein; von 
rotem Haar der Germanen sprechen die Römer, und Galen 
(Comm. in Hippocr. de salubri diaeta, VI) bezeichnet es ausdrück- 
lich als einen Irrtum, die Germanen blond zu nennen, sie seien in 
Wirklichkeit rotlich, Trjr^A). Man kann Deutschland nicht mehr 
mit Germania übersetzen, darin steckt eine anachronistische 
Phantasie mit wuster Tendenz. Wir haben eine Mischbevolkerung 
aus vorgermanischen, vorindogermanischen Ureinwohnern, Ger- 
manen, Wenden, Polen, Litauern, Kassuben, Kelten, Juden, 
und man darf da nicht etwa nur an Einwanderung denken - wer 
allerlei lesen kann, der liest noch den Dreißigjährigen Krieg mit 
allen seinen Volkern auf den Gesichtern des Landes. Nur die Ge- 
lehrten der Judenhasser und die durch sie belehrten jüdischen 
Narren reden von den Deutschen, als wiren die allesamt Ur- 
germanen und dadurch Deutsche, mit Ausnahme der in 
Deutschland eingewanderten Juden. 

Wenn übrigens das In-Deutschland-Eingewandertsein das Un- 
glück macht, so gibt es keinen Deutschen in Deutschland. Die 
einzigen, die vielleicht Deutsche wiren, dürften zwischen unsern 
Bevölkerungsphysiognomien kaum noch vorschlagen und um 
so weniger herauszuerkennen sein, als man nicht den geringsten 
Anhalt für ihre Beschaffenheit besitzt'): es wAren dies die vor- 

die geheimen ZusammenhAxife geselUchaftlicher und politischer Einflasse 
„durcfTdie Rosse" entdeckt: kein monarchisches Milieu z. B. ohne ver- 
kappte judische Rassegenossen und solche wirkliche CcheimrAtelir 
') Oder soll man sich auf gelegentliche SchldeUusgrabungen und ihre 
Deutungen verlassen ? Besser nicht. Ein berühmter Pariser Kraniologe 
hatte die Schldel emes Massengrabes aus dem Jahre 181 3 Schldel von 
Verstorbenen aus dem Heere der Verbündeten — wisaenschaftlich bestimmt 
als Schldelvon Fmnen, Baschkiren, Kalmücken usw. Es war alles wissen- 
schaftlich fest und klar, bis unbegreifltcherweise noch fester und klarer 
wurde, daß es sich um ein Massengrab von Pariser Frauen, lediglich von 
Pariser Frauen handelte, die 1832 an der Cholera gestorl>en waren. - 
Klemm meinte, es ließen sich ,.in den Firmen, den Bretonen, den Iren vud 

164 



germanischen und vorindogermanischen Ureinwohner; denn es 
wohnten in Deutschland nicht allein Kelten, sondern, wie im 
ganzen jetzigen Verbreitungsgebiete der Indogermanen, auch 
Nichtindogermanen. Von allen den übrigen — außer den vor- 
indogermanischen Ureinwohnern — wissen wir, sie sind einge- 
wandert, die Germanen Deutschlands wie die Juden Deutschlands, 
welche letzten seit unvordenklichen Zeiten in Deutschland 
wohnen (die ersten Juden kamen mit den Römern, nach Basnage, 
Histoire de la religion des juifs, VI, 7, standen sie zu Trier und 
Köln bereits zu Hadrians Zeiten in großem Ansehen; in Köln sind 
sie für das vierte Jahrhundert nachweisbar) und die seit zwei Jahr- 
tausenden ihre selbständige Nationalität eingebüßt haben: wäh- 
rend die Vorfahren von vielen Deutschen, die gar sehr als Deutsche 
gelten und mit Stolz Deutsche genannt werden, noch vor nicht 
langer Zeit einer fremden Nationalität angehört haben; z. B. 
Beethovens Familie stammt aus Holland, und Immanuel Kants 
Großvater war nach Immanuel Kants eigner Angabe ,,aus Schott- 
land emigriert", und Immanuel Kant gilt selbst den Rassentheo- 
retikern als deutsches Genie, trotzdem er ein Überrundkopf war! 
Als deutsches Genie gilt sehr vielen auch Friedrich Nietzsche, 
der sich polnischer Herkunft rühmt. — Alle Deutschen sind irgend- 
einmal eingewandert, die Germanen Deutschlands so gut wie die 
Juden Deutschlands — nein, die Germanen nicht so gut wie die 
Juden, welche letzten in friedlicher Einwanderung nach Deutsch- 
land gekommen sind: die Völkerwelle der Germanen kam sehr viel 
böser herein. Die eigentlichen Deutschen, die Urdeutschen, würden 
Auskunft gegeben haben, als was für willkommene Gäste ihnen die 
Germanen ins Land gefallen und in welcher Art sie, die Ur- 
deutschen, zum ,, Wirtsvolke" dieser germanischen Gäste gemacht 
worden waren und dann aus dem Wirtsvolke zu Hörigen (so er- 
klärt sich auf natürliche Weise der Ständeunterschied, den schon 
das älteste Deutschland kennt; das urgermanische hypothetische 
frijas, frei bedeutete ,, zunächst den Freund und Verwandten, dann 



vielleicht den Slaven Reste der passiven Bevölkerung nachweisen, welche 
von den aus Asien gekommenen griechischen und germanischen Helden- 
scharen unterjocht wurden." Virchow erklärte die Friesen für zugehörig 
zur „neandertaloiden" Rasse. 

i6s 



den Volksgenossen, der als der freie den Gegensatz bildete zu den 
allophylen und verknechteten Volksbestandteilen'*). Man glaube 
nicht, daO es in Deutschland nur Judenhaß und niemals Ger- 
manenhaO gegeben habe. 

Die Germanen sind als Eroberer nach Deutschland gekommen, 
und sogar scheint die zufolge unsrer Rassentheorie der germani- 
schen Rasse konstante Treue den Germanen damals noch nicht 
ganz so konstant gewesen zu sein, worüber viele Zeugnisse der Ge- 
schichtsschreiber vorliegen'). GanzgewiO waren dereinst auch die 

') FQr die Treue der C^manen bereits in den ersten Zeiten ihres 
Kultureintritts Ue(t nur cm einziges Zeugnis vor, welches keines ist, das 
des Tacitus: Tacitus wollte, wie man in jedem Geschichtsbuch und Real- 
lexikon lesen kann, nicht sowohl eine Schilderung der GemiAnen liefern, 
als vielmehr den Römern ein td««ks Spicgclbtld vorhalten. Seme Schilde- 
rungen von den treuen Germanen haben nicht mehr Wert als die von den 
frotmnen Wilden, welche Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts ge- 
boten haben. Um so eher muB man endlich aufhören, sich dann auf 
Tacitus zu b' als wirkliche <' ' chfiitinniMe von ' kandcr 

Zahl ihm wi> hen. ,,Die deu'. . reulo^^wit war bc Cumem 

fast spruchw.^. , sagt Seeck, Geschichte des Unterganges der antiken 

Welt, I, 1S9, wozu er im Anhang einige Belege anfuhrt. Strabo VII, f, 4: 
„wiederum fielen sie ab und ließen Treue und Geiseln im Stiche. Gegen- 
über diesen Menschen ist Mißtrauen von ff odtro Nutzen; die ihnen ver- 
trauten, sind aufs Schwerste zu Schaden gdtommcn." Hist. Aug. Firm. 
13. 4: ..die Franken, deren Gewohnheit es ist, mit lachendem Munde ihr 
Treuwort zu brechen." Eumcn. paneg. II, 11: „jenes wankelmütige und 
trügerische Barbarenvolk." (Dies die itabaada BcMichnung der T ■\\. 

Ax-.-h ^^-.m selben Autor VI, 4 und IX, aa kommt der Ausd.^ ... .or) 
A: IS XVII. 6,1: ,,sie brachen den Frieden und den Bund, um den 

sie gefleht hatten." XXXI. 10, s: „kaum war der Bund geschlossen, so 
brachen sie ihn." Salv. degub. dei IV. 14, 6s: ,, Treulos sind die Barbaren." 
VII. 15, 64: ,,Das perfide Gothenvolk," Rutil. Namat. I, 112: „zitternd 
mögen die Gothen ihr treuloses Haupt beugen." Procop. 6, 9, II. 25: 
„alsbald vergaßen sie ihre Eide und Vertrige, die sie gerade erst mit 
Römern und Gothen geschlossen hatten — denn dieses Volk ist das treu- 
loseste der Welt." Velleius Paterculus II. 118: ,,Sie (die Germanen) sind, 
was man kaum glauben sollte, wenn nicht die Erfahrung es lehrte, bei 
höchster Wildheit doch Äußerst verschlagen und ein Geschlecht wie ge- 
boren zur Lüge." Und so weiter. Friedr. Hertz, Moderne Rassentheorien, 
Wien 1904, S. 246. — Treue bei Völkern der Stufe, auf welcher damals 
die Germanen sich befanden, widerspricht einfach der Möglichkeit. Daß 



1 



vorgermanischen Bewohner Deutschlands eingewandert; denn alle 
Völker wandern, wanderten allerdings in früheren Zeiten noch 
viel mehr als in unsren „Zeiten des Verkehrs". Vö:kerwanderung 
bezeichnet in Wahrheit nicht eine Epoche der Geschichte, nein, 
den immerwährenden Zustand aller Geschichte (ein Wesen von 
überlegener Betrachtung würde auf die Menschheit blicken wie 
wir auf ein Ameisengewimmel), und die ewige Völkerwanderung 
ist ewig völkermischend und Staaten bildend; die Geschichte 
der Menschheit ist die Verschiebung und 
Kreuzung der V ö 1 k e r b e s t a n d t e i 1 e , die in 
immer neu sich bildenden Staaten zu organi- 
schen Einheiten Verschmolzenwerden. — Ger- 
manen und Juden sind beide in Deutschland eingewandert, sind 
beide aus Asien eingewandert, insofern also beide als Asiaten, als 
Orientalen zu betrachten. Woher sie ursprünglich kamen, wer 
kann das wissen ? Vielleicht war der älteste Wohnsitz der Juden 
Deutschland, der Germanen Palästina; verfügte ich über die Gele hr- 
samkeit der Antisemiten, so könnt' ich das sogar beweisen, mich da- 
bei auch auf die orientalischeEinbildungskraft der Antisemiten be- 
rufen. Ich bin in Betreff der Juden nichts weniger als Ana- 
tolier. Ob die Juden orientalischer Abstammung seien, wäre viel- 
leicht aus innerlichen Gründen allen Ernstes zu bezweifeln. Wie 
Nüchterne unter Trunkenen stehen die Hebräer mit allem, auch 
mit ihrer Literatur unter den Orientalen; sie kannten nicht einmal 
Mystik^), so wenig wie die Griechen. Wer die Bibel orientalisch 

man die heutigen Völker von vorwiegend germanischer Abstammung für 
treu halten darf, ist selbstverständlich, — trotzdem sie sich untereinander 
dafür nicht halten: die Treulosigkeit ,,des englischen Vetters" ist leider 
sprichwörtlich in Deutschland, und England hält leider die fides germanica 
nicht höher als Deutschland die fides britannica. „Das perfide Albion", 
„die welsche Tücke", graeca fides, punica fides — was ist mit dem Allen 
gesagt, was die Völker übereinander sagen?! Das ist moralische Kritik; 
worüber weiterhin Einiges zu lesen. 

') welche erst in den Zeiten ihrer Zerstreuung Wurzel schlug, als 
immerhin erfreuliche Reaktion gegen die unter ihnen erstarrende Theo- 
logie; Schönes und Tiefsinniges aus der n e u e r e n jüdischen Mystik findet 
sich in den überaus verdienstvollen Veröffentlichungen Martin Bubers: 
„Die Legende des Baal-Schem" und „Die Geschichten des Rabbi Nach- 
man" (Frankfurt, Rütten und Löning). 

167 



nennt, der kennt keine orientalische Literatur. Die Hebr&er hatten 
eine Mittelstellung zwischen Orient und Okzident; wobei an das 
im vorigen Abschnitt über das Verhältnis der Juden zu den 
übrigen Menschenrassen G«sag:te erinnert sein mag. Daß ihr 
Semitismus entfernt nicht so sicher ist wie der Andern Antise- 
mitismus, wurde ebenfalls dort erwähnt. 

Ich muß weiter von jenen jüdischen Narren reden, die in 
der oben bezeichneten Art die deutschen Germanen in Gegensatz 
br.ngen zu den Juden. Von ihnen werden die Blonden und Langen 
beneidet und bewundert — in der Tat ein bedenklicher Abfall von 
der bisherigen judischen Auffassung, welche auf Äußerlichkeiten 
der Erscheinung nicht so viel Gewicht legte als auf die innerliche 
Seelenbeschaffenheit und, wie man bisher glaubte, in Überein- 
stimmung mit den Tatsachen der Geschichte und Kultur, das Heil 
weniger von der LAnge der Leiber als vielmehr von der Gröfie der 
Geister erwartete. Freilich macht nun die germanische Rassen- 
theorie dieser rohen Auffassung ein Ende, indem sie lehrt, die 
grof^n MAnner. das wiren die langen MAnner, womit denn nun 
auch endlich die wi&senschafthche ErklArung gefunden dafür, daB 
die Griechen und Romer keinen großen Mann hervorgebracht 
haben. Sie waren bekanntlich klein und obendrein noch frech ge- 
nug, über die langen Barbaren zu lachen. WAren sie aber auch 
noch so lang gewesen, das hAtte den Griechen und Römern nicht 
die Bohne geholfen, zu Genies nicht; denn sie waren bekanntlich 
auch schwarz, und die germanische Rassentheorie lehrt weiter: 
nur die Blonden, nur die langenblonden Germanen erzeugtenwahr- 
hafte Kulturwerte, brachten wahrhafte Gerues hervor. So sagt na- 
türlich nur die germanische Rassentheorie, die Rassentheorie 
der Germanen : andre Rassen haben andre Theorien. Bei den Roma- 
nenz.B. hört man vonder SuperioritAt der Romanen; Bonserischrieb 
den Kelten, die von Driesmans ,,die arischen Juden" und von 
Mommsen eine seit jeher trÄge und liederliche Rasse genannt 
werden, sogar eine weit höhere politische Befähigung zu als den 
Germanen, und ,, Frankreich wird das Herz und das Hirn der 
übr gen Volker sein!" Bekannt sind die Verherrlichungen der 
Kelto- Gallier durch Renan und Fouill^, und man hat darauf 
hingewiesen, daß ,,Giesebrecht bei seiner Schilderung der alten 

168 



Germanen dieselben Lobsprüche anwendet, mit denen Thierry 
die Gallier preist"! In der Tat ließe sich die ganze Sache ohne 
Schwierigkeit umdrehen. Warum immer nur von den Germanen 
unter den Kelten, warum nicht einmal von den Kelten unter den 
Germanen reden und behaupten, die Genies unter den Germanen 
seien keltisch ?^) Die Kelten saßen lange fast in ganz Deutschland; 
auch Cäsars Volcae Tectosages dürften Kelten gewesen sein, 
und es gibt wohl tatsächlich mehr keltisches Blut in Deutschland 
als germanisches. Vgl. S. 142 ff. Die germanische Rassentheorie ist 
nicht die einzig mögliche und wirkliche, und die Romanen lassen 
sie nicht gelten. Ein Hauptresultat der germanischen Rassen- 
theorie besteht bekanntlich in dem Erweise, daß die Genies der 
italienischen Renaissance Germanen gewesen seien — da ist es 
denn interessant, z. B. bei Hippolyte Taine zu lesen, daß Italien 
zum Glück seiner Renaissancegenies nicht germanisiert gewesen 
sei. Er sagt (in der Philosophie der Kunst) von der italienischen 
Rasse, sie habe ,,das Glück gehabt, nicht germanisiert, d. h. nicht 
in demselben Maße wie die andern Länder Europas durch die Ein- 
wanderung der Völker aus dem Norden unterdrückt und umge- 
wandelt zu werden. Die Barbaren haben sich darin nur zeitweise 
und oberflächlich aufgehalten usw." 2) — Wenn übrigens die 



1) Tatsächlich las mans inzwischen vielfach so in französischen 
Büchern und Zeitschriften: Die Dichter, Denker und Musiker Deutsch- 
lands seien Kelten, bei der Völkerwanderung in Deutschland zurück- 
gebliben. Paul Sonday hat mutig alle großen Männer Deutschlands für 
Kelten erklärt. Das haben die Germanen davon. Nun ist nicht allein 
kein Genie der andern ein Germane, sondern sie selber sitzen gänzlich 
ohne eigne Genies daher. 

Über die deutsche Kultur im Besonderen sagt Hanotaux: „Der Wert 
deutscher Kultur beruht fast nur in den Schätzen, die ihr, auf dem Weg 
über Frankreich und England, aus den Kulturen von Hellas und Rom zu- 
geführt worden sind. Was bliebe von Goethe, wenn man ihm das von 
Shakespeare, Voltaire, Rousseau Entlehnte nähme ? Unter der Zuchtrute 
ihrer Lehrer haben zehn Generationen unseres Volkes vor Clavigo und 
Iphigenie erbleichend gegähnt. Schillers Tragödien sind ehrlicher deutsch, 
aber durch Romantikerflitter verdorben. Was haben sie noch? Kant. 
War's nötig, daß er das Gewicht seiner bleiernen Bücher auf eine Welt 
wälzte, der die Zivilisation der Mittelmeerländer nach der Bibel das 
Evangelium, nach Piaton Descartes geschenkt hatte ? Die erste Wirkung 

169 



Rassentheoretiker recht bekämen, so wäre die Anzahl der Genies 
arg zu re<!uz;eren und um Individuen, die nicht jeder ent- 
behren möchte. Z. B. Beethoven mußte gestrichen werden, den 
heute noch viele für den größten Musiker halten, — nicht für 
den längsten: er war von kleiner Statur, und damit noch rüchX 
genug, hatte er dunkle Gesichtsfarbe und Augen und tiefschwarzes 
Haar! ,,Ein für alle Mal" will E. M. Arndt es sagen (Wande- 
rungen S. 61) ,,und zwar gegen diejenigen, welche immer mit 
der feinsten weißen Haut und den silberklarsten blauen Augen 
als dem Urstempel des edelsten Menschen und dem echtesten 
Geniezeichen herankommen: daß die beiden größten Deutschen 
des neuiuehnten Jahrhunderts, Goethe und Stein, aus braunen 
Augen die Welt anschauten." Überhaupt merkwürdig, wie ge- 
rade die von den germanischen Rassentheoretikern am höchsten 
gepriesenen ..germanischen Genies" gar so wenig germanisch 
aussehen?! Der kleine Richard Wagner sah entschieden juden- 
haft aus. wie ihn denn auch manche Antisemiten für einen 
Judenabkommling halten; und man vergleiche einmal ein Por- 
trät des kleinen Schopenhauer ( SchAdelindexnummer 86, also 
hyperbrachykrphal) oder des kleinen Immanuel Kant ( SchAdel- 
indexnummer 88.5!!), den Chamberlain als den tiefsten Aus- 
druck des Germanentums hinstellt, mit der folgenden Beschrei- 
bung des Germanen durch Chamberlain: ,. Große strahle» de 
Himmel Sauger., golder es Haar, die Rieser gestalt, Ebei maß der 
Muskulatur, der l&ngliche Schidel, den ein ewig schlagendes, 
von Sehnsucht gequältes Gehirn aus der Kreislinie <ie% tierischen 
Wohlbehagens nach vorne hinaushAmmert, das hohe Antlitz von 
einem gesteigerten Seelenleben zum Sitze seines Ausdrucks ge- 
formt." Gegen dieses Bild halte man einmal die Bilder Immanuel 
Kants und der übrigen geriannten germanischen Geiües. Wie 



des Kreuzzuges, den Frankreich für das Ideal unternommen hat, wird 
die Erlösung der Zivilisation aus dem Joch deutschen Geistes sein. Unser 
Volk wird neue Meisterwerke schaffen: und die D' ' •^ werden sie 

wieder nachahmen, nachfilschen, wie sie mit «Her Iv.v cit taten, die 

westliche Erfinderkunst ihnen in Verschwenderfulle vors Auge stellte. 
Nietzsche wolHe die Musik mediterranisieren. Wir müssen die Zivilisa- 
tion entdeutschen." 

170 • 



dum»Ti die Natur noch ist! Noch dümmer ist sie: ,,das jüdische 
Genie" Karl Marx sieht und viele Juden, die gar nicht einmal 
Genies sind, sehen ohne Zweifel germanischer aus als Kant, 
Schopenhauer, Wagner, Beethoven und Goethe, welchen letzten 
ein Rassentheoretiker für „das Urbild eines Nachkommens Abra- 
hams" erklärte. ,, Sieht man Goethe an," schreibt Hans Herr- 
mann, ,, diese vorquellenden, dunklen Augen, welchen selbst ein 
leicht »wehmütiger' Zug nicht fehlt, diese an der Spitze gekrümmte 
Nase, diesen langen Oberleib mit den kurzen Beinen, dann haben 
wir ganz das Urbild eines Nachkommens Abrahams vor uns. 
Goethe war Mischling durch das Blut seiner Mutter, und nicht nur 
in seinem Äußern prägt sich seine Abstammung von den alttesta- 
mentarischen Helden ab, sondern auch in seinem ganzen Wesen. 
Seine glühende Sinnlichkeit und ewige Verliebtheit, seine unsitt- 
liche Lebensweise und fragwürdige Ehe, der er erst ganz heimlich 
die Weihe geben ließ, als Napoleon, der gewiß kein Abstinenzler und 
Tugendbold, sich eine etwas ironische bezügliche Frage gestattet 
hatte, sein Servilismus gegen Fürsten, der seinem steif markigen 
Vater so zuwider war; sein völliger Mangel an Vaterlandsliebe, 
seine Feigheit den kriegerischen Ereignissen seiner Zeit gegenüber 
und noch manche andre Züge reden eine zu deutliche Sprache, als 
daß ein Mensch von unbefangenem Urteil sich der Überzeugung 
verschließen könnte, daß Goethe weit mehr Semit als Deutscher 
war." — Lassen wir die Kinkerlitzchen der germanischen Rassen- 
theorie, die ihre Behauptung, nur die Germanen besäßen Genies, 
die Juden ganz gewiß keine, nicht gerade dadurch bestätigt, daß 
sie schließlich sämtliche germanische Genies (wovon weiterhin 
noch mehr erzählt werden soll) für Juden erklärt. Übrigens 
braucht man wohl nicht zu warten, bis diese Theorie durch den 
nächsten genialen Juden widerlegt und zuschanden gemacht wird. 
Denn freilich haben wir zurzeit keinen ganz großen Mann unter 
den Juden: diese haben seit der Emanzipation wohl höchst ausge- 
zeichnete Männer hervorgebracht, aber keinen eminent Großen. 
Ich betrachte diese Zeit seit dem Beginn der Emanzipation als eine 
Zeit der Stockung unter den Juden, als die Zeit der immer noch 
dauernden Stockung, der nicht mehr so argen Stockung wie in 
den Jahrhunderten des beispiellosen Unterdrücktseins: aber noch 

171 



haben die Juden zu schaffen mit ihrer Emanzipation. Erst, wenn 
sie damit so gut wie nichts mehr zu schaffen haben, wird sich die 
ganze Wichtigkeit dieser Emanzipation für die Menschengeschichte 
zeigen. Mainländer nennt die Emanzipation der Juden ein welt- 
geschichtliches Ereignis von der größten Bedeutung — die Juden- 
hasser haben ihn dafür zum Juden gemacht — : ich glaube, daß er 
recht hat, und daß die Emanzipation der Juden so wichtig werden 
kann, wie ihre Zerstreuung geworden ist. Freilich fällt leichter, 
Unsinn sprechen zu dem, was geschichtlich sich vollzieht, als es 
wahrhaft verstehen und auch nur das geringste an seiner Verwirk- 
lichung mitschaffen. — 

Die Juden haben jetzt keinen garu großen Mann, aber es lebt 
jetzt, unsres Wissens, überhaupt keiner; was bei der Seltenheit der 
ganz großen MAnner, dieser wahrhaften Hundcrtjahrblumen und 
Tausendjahrblumen, nicht weiter verwunderlich ist — ihre Selten- 
heit entspricht ihrem Werte: einer von ihnen kann der Mensch- 
heit wichtiger werden als eine Aiuahl untergegangener Nationen. 
Es lebt jetzt kein gatu großer BAaiin, doch kann jeden Tag 
einer aufstehen, von solcher Art, daß schließlich alle hinter- 
dreinlaufen müssen, und er konnte ein Jude sein, ein garu 
schwarzer Jude, kein blonder, keiner von den ,,li,2 Prozent der 
urgermanischen Rasse" wie Virchow sagt (der übrigens auch ,,das 
blonde Deutschland" auf seine Blondheit hin untersucht und nur 
31 Prozent Blonde gefunden hat — unter 1100 Bergschotten aber, 
Kelten also, die braun sein sollten, fand man 45 Prozent Blonde!) 
— schwarze Haare müssen ohnehin nach Lombroso die Genies 
haben. Darauf braucht man aber, wie gesagt, rücht zu warten, 
wenn man nur nicht vergessen will, was wohl nicht so leicht zu 
vergessen und auch gar rücht zu unterschlagen geht: daß ein 
großer, größter, ein allgemein anerkarmt größter, unser be- 
rühmtester Mann aus der inferioren Rasse der Juden ist — wirk- 
lich der seit so langer Zeit unter den Völkern unsrer Kultur weit- 
aus berühmteste Mann, der mit seinem Ruhm den Ruhm aller 
übrigen Berühmten aufwiegt, der in jedem Lande bedeutendste 
und berühmteste Mann, der absolut berühmte 
M a n n , so berühmt wie der liebe Gott: Josephsohn. Ich meine 
naturlich den Josephsohn, dessen Vater der Zimmermann Jo- 

«7» 



seph und dessen Mutter die Haarkräuslerin Maria gewesen, und 
der mit seinem Würdenamen Christus genannt ist, und der — wie 
denn alle dauernde Berühmtheit dem Werte und der Leistung der 
berühmten Person angemessen ist^) — mit Recht der unvergleich- 
lich Berühmteste unter uns ist: weil er den unvergleichlich be- 
deutendsten Einfluß auf unsere Geschichte geäußert hat, so daß, 
seit seiner Existenz, keine Zeit existieren kann ohne seine Ko- 
existenz und er zu jeder Stufe der Menschheit das Komplement 
zu sein scheint: ,, Siehe, ich bin bei euch bis an der Welt Ende." 
Der Name Jesus Christus und der Name Christentum reichen 
hin, jenen Hochmut in seiner ganzen enormen Lächerlich- 
keit zu enthüllen. Und die Juden sollten, was Schätzung der 
Geister angeht, allen Ernstes wieder zur Weise ihrer Vorfahren 
zurückkehren und dabei auf nichts als auf die geistige Bedeutung 
sehen, nicht auf die Länge und Breite der Köpfe, sondern auf ihre 
Tiefe, oder — bei den Gegenteilen von geistiger Bedeutung — 
statt auf den Längenbreitenkopfindex, auf den weit zuverlässigeren 
Dickkopfindex und Dummkopfindex (Isokephalie, nämlich ebenso 
dumm- wie dickköpfig) ; angesichts der Hellen und Dunklen sollten 
sie sich vor dem hellen, blonden Wahnsinn in acht nehmen; und in 
bezug auf Statur auch die kleingeratenen Menschen nicht verach- 
ten, selbst dieZwerge nicht, über welche ihre Vorfahren den Segens- 
spruch sagten: ,, Gebenedeit sei er, der seine Geschöpfe verun- 
staltet!" — einen Segensspruch, den die jetzigen Juden auch über 
den Gehirnzustand der Rassentheoretiker sprechen können. 

Komme ich wohl vom Wege ab, wenn ich jetzt über eine ge- 
wisse literarische Kritik ein Wort sage ? — Nun, wenn ich vom 
Wege abkomme, so werde ich schon wieder draufkommen. Aber 
ich bin drauf und komme nicht ab: das liegt auf dem Wege, mitten 
über den Weg hin, ich kann nicht vorbei, nicht weiter, muß hin- 
durch — durch diese Sorte literarischer Kritik. 

Solch eine Sorte ist gar noch nicht dagewesen. Eine Sorte 
literarischer Kritik, die nicht auf den geistig-sittlichen Wert oder 
Unwert einer Leistung sieht, sondern für ihre Aufgabe hält, blind- 



*) vgl. Constantin Brunner, Ruhm, Zukunft, 17. Jan. 1914, 

173 



üngs alle Leistungen als geistig und sittlich minderweitii; zu ver- 
dammen, die von einer gewissen Gruppe Menschen herrühren. 
Diese Gruppe aber der in Bausch und Bogen als inferior Abge> 
tanen sind nicht etwa die Irrsinnigen, sondern es sind die Juden, — 
von welchen jene Kritiker behaupten, daß sie durch die ganze Ge- 
schichte hindurch in ihrem Charakter konstant geblieben seien. 
Diese selben Juden also sind es, deren Literatur einen Ernst zum 
Höchsten durchweg beweist wie keine andre Literatur, — mit der 
verglichen wir uns schämen mußten, unsre Produktion in ihren 
Zuständen und Absichten mit dem gleichen Namen Literatur zu 
nennen; dieselben Juden sind es, welche der Welt die Literatur des 
größten Tones gegeben haben; die wirksamste, in alle andern Lite> 
raturen, in alle Kunst, in alles Leben aller Volker tiefst eingreifende 
Literatur; die einzige Literatur, welche durch alle die Generationen 
aller Zeiten hindurch in allen den Reihender Lebendigen, von den 
Königen bis zu den letzten Bauernknechten, lebendig gewesen; die 
einzige wirklich tiefst lebendige Literatur von immer noch unaus- 
geschopftem geistigem und sittlichem Erueckungswerte'). Zu 
ihr hin und zurück wendet sich die edelste Seele, wenn ihr Shake- 
speare nicht mehr Genüge tun kann; und die Heiligen an wunder- 
tiefen Gedanken und unersAtthchem Erbarmen lesen in dem 
Buche wie dort oben in der schrecklichen Kammer die Prosti- 
tuierte und der Morder. Die Literatur mit der Enthüllung tincs 
Menschencharakters und eines Menscheninneren wie JesusChristus 
— - das ist das Wunder der Literatur, worüber man am meisten 
sich wundern muß; das ist das Wunder der Literatur, weUhes 
Wunder in der Menscliheit vollbracht hat und weiter vollbringen 
wird, Wunder über alle anderen Wunder. Die griechischen Götter 
sind schöne und interessant charakterisierte Gestalten, aber eben 
deswegen nicht im höchsten Sinne erruthaft; die nordischen Götter 
auch nicht, weil sie, umgekehrt, kaum umschriebene, ins über- 
förmlich Ungeheuere verschwimmende Nattu'gewalten sind — : 
d a s g a r n i c h t m y t h i s c h e J ah weh aber imVer- 



>) Goethe: ,, Deshalb ist die Bibel ein ewif wirksames Buch, weil, 
so lange die Welt steht, niemand auftreten und sagen wird: Ich begreife 
es im Ganzen und verstehe es im Emzelnen. Wir aber sagen bescheiden: 
Im Ganzen ist es ehrwürdig und im Einzelnen anwendbar." 

«74 



ein mit dem allermenschlichsten Christus, 
diese Verbindung ist für das Gemüt von unendlichem Reize und 
unsagbar tiefgreifender Bedeutung. Ja, das ist eine Literatur 
voller Wunder und Mächtigkeit; eine Stelle aus ihr angeführt 
auch in einer hohen Schöpfung, so klingts, wie wenn Donner 
über die Musik kommt, ja sie allein vermag noch die Hoheit 
der Musik selber zu erhöhen und ganz erst zu heiligen — in 
Bachs Matthäus-Passion. Welche andre Literatur darf neben sie 
sich stellen und hat, gleich ihr, Seelen entzündet ?! Aber wenn 
heute der Dichter des Hohen Liedes, wenn heute Moses, wenn 
heute Jesaias zuerst hervortreten würden — Juden; und Jesus 
Christus und Paulus ? Die Kritiker schlagen nach in Kürsch- 
ners Literaturkalender: Paulus siehe Saulus, aha! Jesus Christus 
siehe Josephsohn, aha! Juden, der geistigen Originalität erman- 
gelnde, unideale, sittlich inferiore Menschen; und sie fressen sie, 
die Judenfresser. Sie m ö c h t e n sie fressen, sie möchten auch 
Benedikt Spinoza fressen, den die inferiore Rasse der Juden in 
ihren inferiorsten und lichtlosesten Tagen hervorgebracht hat ^- 
das wären Bissen, die würden ihnen schmecken, den Rezensier- 
kreuzspinnen, die auf nichts als auf den Judenfang lauern, das 
war' ihnen ein Gaudeamus. 

Solch eine literarische Kritik hat mitKritik nichts zu schaffen 
und nichts mit Literatur, aber mit ihrem Gegenteil und ist ihr 
ärgster Feind. Denn der Zweck der Literatur ist ja nicht Literatur, 
sondern Leben. Ich rede von Literatur, nicht von unsrer lite- 
rarischen Literatur oder Literatik, die von begeisterten Kalbs- 
köpfen des Landes für Literatur gehalten wird, um die aber der 
ernste Charakter sich überhaupt nicht kümmert, es sei denn, daß 
er sie in Augenschein nehme als eine der Folgen unsrer allgemeinen 
Bildung, was sie ist. Das darf man glauben: der Schriftsteller wird 
geboren, aber die Schmieranten werden erzogen; der Schriftsteller 
kommt aus innerster Nötigung und Spannung gegen das Leben zu 
seinen Schöpfungen, unser Literat nur infolge der stickig sauren 
Luft in den ästhetisierenden Kliquen zu seinem Zusammen- 
geronnenen, zu den Erpressungen aus dem Jammerselbst und 
seinen verschroben abgeschmackten Dunkelheiten, — es fehlt ihm 
keineswegs an Geist, dumm und verständlich zu schreiben: er hat 

175 



nur zu schlechten Umgang dazu, und dieser macht ihm sein 
Vitium ostentationis groß und unheilbar. — Die freie, echte, aktive 
Literatur ist das LebenstÄrkende und Lebenerhohende, der denn die 
Kritik mit ihrem wichtigen, vormundschaftlichen Lesen die Wege 
bahnen und auch die Dienste erweisen soll, welche ein kleines 
Schiff einem großen beim Anfang der Fahrt erweisen muß: nicht 
aber darf sie sich ihr in die Quere stellen und selber das Leben- 
störende, Lebenerniedrigende, Lebentötende sein. Solch eine Kritik 
ist noch nicht dagewesen, die wahnwitzhaften Hochmut, Neid, 
Verleumdung und Menschenverhetzung sich zur Aufgabe stellt — 
solch eine literarische Kritik wie diese des vergleichenden Rasser>- 
hasses, des Menschenhasses, Judenhasses, der Judenverfolgung 
durch Journalisten; der Verfolgung judischer und aller übrigen 
Schreiber, welche, ihrer Literaturforschung zufolge, mit einem 
Juden bekannt sind oder auch nur einen judischen Schriftsteller 
zitieren oder irgend etwas veröffentlichen, was von fernher die 
Reinheit des Geh&ssigen trüben konnte'). 

*) Ich Um soeben von J. Kapp: „Ich halte es (Qr eine Pflicht jede« an- 
stlndigen Menschen, gegen dai unter der Flagxe einer ./leutAch-ToIkischan" 
Bewegung segelnde ut>cUte T' h Front xu mschen. 

Ia Max Hmscs VolkibOchrtn %:.>>. mra m....i.nn v>'s SepAfstdruck aus 
meiner CuMmtiUSgibt von R. Wagners Schriften) eine ron mir herau*- 
gegebene Neuauflage von Wagners „Judentum in der Musik". Da Wagner 
bei der erst spAter mit seinem Namen gezeichneten Ausgabe (die erste er- 
schien bekanntlich pseudonfm) wsatntlich« Änderungen, teils rr.' r, 

teils polcmisch-verschJLrlender Natur .vorgcnoannan hat. so war es :....». ..^h 
hochinteressant, eirun«l die verschiedenen Lesarten (in angebrachten Fuft* 
noten) nebeneinander zu stellen, um daran die Wandlungen des t>ehande'(en 
Themas in Wagners Geiste darzutun. Diese in einer wissenschaftlichen 
KlassikerausRAbe gewiß berechtigte, ja erfordf' ' Bearbeitung' sctate 

nun Herrn Philipp Stauff in helle Wut, wahrs. h, weil sich einiges 

aus Wagners Schrift jetzt nicht mehr so ungeniert für seine tenilenriSsin 
Zwecke ausbeuten IieO. Er fiel nun, ohne sich die Ausgabe überhaupt erst 
ordentlich anzusehen oder sich sonstwie zu informieren, in der ..Deutschen 
Tageszeitung" über mich her (natürlich mit dem solch ..deutschen" Heklcn 
eigenen Mut: anonfm!), denunzierte mich als ,, Juden" (in seinen Augen 
ist das natOrlich die größte Beleidigting!), warf mir F&lschung und der- 
gleichen vor. Doch damit noch nicht genug, er suchte brieflich meinen 
Verleger gegen mich aufzuhetzen, machte ihm heftige Vorwürfe, daß er 
Wagners Werke von einem, .Juden" habe,, verarbeiten" lassen, forderte ihn 

176 



Wir haben es hier mit Literaturforschung und Literaturkritik 
des Terrorismus zu tun; das wird noch besser verstanden werden, 
wenn wir erst weiter sind, wenn wir erst bei der Charakterisierung 
des Antisemitismus angelangt sein werden. Die Zeit steht so tief 
wie noch nie für unsre literarische Kritik, die tiefer steht als in den 
Zeiten des Alexandrinismus; denn wir haben alexandrinische und 
antisemitische Kritik. Bei Tiefstand unsrer Produktion. Was 
unter uns produziert wird (abgesehen natürlich von den Erlab- 
nissen für die breiten Niederungen des Publikums, welches Mir und 
Mich verwechselt, oder von dem man nicht einsieht, warum es das 
nicht tut), unsre Produktion ist öd epigonisch oder unsinnstoll pro- 
gonisch, bei welcher letzten Art natürlich eine Unzahl der Produ- 
zierenden für bereits gekommene G o n e n ausgerufen werden. 
Mit unsrer Kunst und Poesie, mit unsrem ganzen Bildungsstande 
ist es nicht weit her in einer Zeit, wo überhebliche Armut und Be- 
kenntnisse schreibsüchtiger Kranken zu ihren geistigen Schwächen 
und Verwirrungen für Gedanken verkauft werden und einer schon 
ein Philosoph heißt, weil er ein paar Aphorismen gedrechselt oder 
gedreckselt hat; in dieser Zeit des materialistischen Monismus, wo 
die (dafür gänzlich ungeeignete) Naturwissenschaft losphilo- 
sophiert und hinter dieser lächerlichen Naturwissenschaftsphilo- 
sophie schon gar die Industriephilosophie sichtbar wird . . . Diese 
Konfusion und diese Störung der Ernsthaftigkeit durch die ge- 
bildeten Dilettanten beklagt mancher schmerzerfüllt: von dem 
Terrorismus aber, den sich heute die Literatur, und nicht nur die 
poetische, muß gefallen lassen, davon die gebührende Kennzeich- 



auf, künftighin vor der Wahl eines Herausgebers bei ihm Informationen ein- 
zuholen (!) und erklärte, gegen meine Wagner- Ausgabe in den ,, nicht zu 
unterschätzenden völkischen Kreisen" heftig wühlen zu müssen. Auf des 
Verlags Hinweis, daß er sich'im Irrtum befinde, erklärte Herr Stauff sieges- 
gewiß, wenn der Verlag auch so ,,naiv" sei, nicht zu merken, daß ich Jude 
sei, er wisse es genau und hätte statt solch leerer Ausflüchte eher Ent- 
schuldigungen des Verlags erwartet! Kommentar dazu ist wohl über- 
flüssig. Der beste Witz an der ganzen Sache ist jedoch, daß ich nun in der 
Tat nicht jüdischer Abstammung bin (ein ,, Verdienst" — in den Augen des 
Herrn Stauff — an dem ich jedoch gänzlich unschuldig bin, und das zur Be- 
urteilung der Güte meiner schriftstellerischen Arbeiten wohl recht neben- 
sächlich ist)." 



177 



Vi 



nung wird wohl erst in der Literaturgeschichte späterer Tage zu 
lesen sein, — die nicht mehr nötig hat, sich zu schämen. Das 
heutige Deutschland schämt sich nicht genug des Tiefstandes, 
auf den es heruntergebracht ward, und daß der deutsche Ungeist 
aufgekommen ist gegen den deutschen Geist, und daß die Bosheit 
einen Freibrief gewann. Früher hielt<in sich Ungeist, Roheit rnid 
Niedrigkeit stille und brachen nur aus bei ihren Gelegenheiten: 
wie es heute ist, können sie beständig ungestört und ungestraft 
ihre frechen, eklen, schmutzig wiisten Häupter erheben. Deutsch- 
land schämt sich nicht genug, es fehlt an der tätigen Empörung 
der Besseren; und nicht kann geleugnet werden, daß hierbei Juden 
schlechte Dienste geleistet haben. 

Damit bin ich an dem andern Wort, wegen welchen andern 
Wortes allein das eine Wort an dieser Stelle steht. Jene bezeichnete 
literarische Kritik hat ihre ernstesten Folgen gehabt auf Juden, 
auf die angesteckten Juden, die mit ihren besseren Federn den 
schlechteren der Judenhasser zu Hilfe kommen; und dadurch erst 
ist eine solche ungeheure Schweinerei geworden, die so bald gar 
nicht wieder aufzuwaschen geht. Welche Unterschlagungen, 
welche Verzerrungen, welch eine Verschiefung und Verfälschung 
des gaiuen Bildes ron unsrer Literatur, welche ausschweifend 
treulosen Mittel in dem ehrwidrig-närrischen Kampfe! Was ist 
nicht allein für eine Schandwirtschaft um den einen Heinrich 
Heine, die vielleicht großer ist, als für seine Bedeutung gehört ? 
Der Heine wird so lange, lange Jahre ruich seinem Tode ange> 
feindet und verleumdet, als wäre er ein immer noch unter uns 
Lebendiger . . Das würde weit fuhren, wenn hier aufgedeckt werden 
sollte, weswegen die Welt jedesmal über die Inkarnation des Geistes 
sich so empört und zur Bosheit aufgestachelt findet, eine tüchtige 
geheime Freude und Befreiung fühlt, sobald man ihr sagt, daO 
sie irgend einen unbezwei feibar hervorragenden Mann aus 
irgend welchem Grunde nicht zu achten brauche, und weswegen 
gewöhnlich schon jeder Mensch wichtigerer Begabung von den 
zahlreichen guten Menschen, die ohne Begabung und mittelmäßig 
sind, für einen schlechten Menschen gehalten wird, wozu es ihnen 
niemals an Gründen gefehlt hat. Goethe meint, sie wären nicht 
fähig, ein Talent zu erkennen. ..aber sitt'iche Handlungen zu be- 

17« 



urteilen, dazu gibt jedem sein eigenes Gewissen den vollständigsten 
Maßstab, und jeder findet es behaglich, diesen nicht an sich selbst, 
sondern an einen andern anzulegen. Deshalb sieht man besonders 
Literaturen, die ihren Gegnern vor dem Publikum schaden wollen, 
ihnen moralische Mängel, Vergehungen, mutmaßliche Absichten 
und wahrscheinliche Folgen ihrer Handlungen vorwerfen. Der 
eigentliche Gesichtspunkt, was einer als talentvoller Mann dichtet 
oder sonst leistet, wird verrückt, und man zieht diesen, zum Vor- 
teile der Welt und der Menschen besonders Begabten vor den all- 
gemeinen Richterstuhl der Sittlichkeit, vor welchen ihn eigentlich 
nur seine Frau und Kinder, seine Hausgenossen, allenfalls Mit- 
bürger und Obrigkeit, zu fordern hätten. Niemand gehört als sitt- 
licher Mensch der Welt an. Diese schönen, allgemeinen Forde- 
rungen mache jeder an sich selbst, was daran fehlt, berichtige er 
mit Gott und seinem Herzen, und von dem, was an ihm wahr und 
gut ist, überzeuge er seine Nächsten. Hingegen als das, wozu ihn 
die Natur besonders gebildet, als Mann von Kraft, Tätigkeit, Geist 
und Talent, gehört er der Welt. Alles Vorzügliche kann nur für 
einen unendlichen Kreis arbeiten, und das nehme denn auch die 
Welt mit Dank an und bilde sich nicht ein, daß sie befugt sei, in 
irgend einem andern Sinne zu Gericht zu sitzen. ' * So sitzen aber j ene 
Literatoren immer noch über Heine zu Gericht — ein großer deutscher 
Dichter ist ihnen Heine nicht, aber viele große deutsche Dichter 
hat Heine gemacht. In der Tat, erstaunlich viele große deutsche 
Dichter sollen sein, nur damit der Heine keiner sein soll! Fühllos, 
urteilslos und ohne jegliches lebendiges Verhältnis zum Außer- 
ordentlichen, wie man immer ist — das Mitrühmen des seit lange 
schon Berühmten und allgemein Autoritären bezeugt kein 
lebendiges Verhältnis zu ihm, sondern Nachahmung, Nach- 
sprechen und Sorge für das Mitmachen am Gebildetsein — , muß 
man in jeder Zeit, auch bei dem besten Gewissen und der besten 
Absicht des Wollens und sogar des Suchens, an dem Außerordent- 
lichen vorbeigehen und muß statt seiner (denn die Stelle kann 
nicht leer bleiben) das Mittelmäßige und sehr Untermittelmäßige 
auf den Thron erheben, den man zu vergeben hat, auf den wacke- 
ligen Thron der Zeit; und was Heine im besonderen betrifft: ohne 
Verhältnis zu seinem Außerordentlichen, fühllos, urteilslos und 

179 »2. 



rassentheoretisch, hat man das ärmlichste Kropf- und Krumpel- 
zeug groBgesprochen gegen ihn; damit sich halten zu können, 
wurden bisher ganz unerhörte, allcrverschrobenste Kriterien für 
das Poetische aufgemacht — und Juden vor allen andern sind 
mit Erfolg in die neue Schule der Poetik gegangen. Keine andern 
literarischen Kritiker als judische sprechen den Juden mit so sou- 
veräner Sicherheit diejenigen Fähigkeiten ab, von deren über- 
wältigend lebendiger Wirkung rund um sie her das garue Land 
Zeugnis gibt; der unreifste Unsinn ist in den Tag geschwätzt 
worden. Ein Jude hat sich hören lassen, der den Juden, den Juden 
aller Zeiten, rundweg die poetische Anlage abstreitet; die unter uns 
Dichtenden von judischer Abstammung seien nur ,, Grenzfälle", — 
mit welchem wunderbaren Worte offenbar einigen Juden die Ehre 
bescheinigt sein soll, daß sie der Grenze des Germanischen nahe 
gekommen sind. In diesen Tagen, während ich an diesen Sätzen 
schreibe, hatte mir ein jüdischer Jungling sein Tagebuch einge- 
schickt, — hauptsächlich über die literarischen Studien darin 
wollte er ein Urteil: da konnte ich denn das Gras des Blödsinns 
wachsen hören und sah es förmlich mit Augen vor mir, wie der 
gänzlich Ahnungslose to einen antisemitischen Farsch nach dem 
andern hinuntergeschluckt hatte. Es ging immer weiter, der ganze 
Schandstand der literarischen Kritik als einer antisemitischen 
Wissenschaft war schlieOÜch da, wo ,,G«rmanen" und ,, Juden" 
seltsam nebeneiriander blühten; und es mutete eigenartig an, wie 
nun hier das Urteil, welches an seiner Quelle als Vorbringung mit 
bösen Hintergedanken und als unechtes, unreines Gefühl ohne 
weiteres erkennbar ist, wie all das Undankbare, Abgeschmackt- 
Bosherzige, Närrisch- Hinterlistige und Tückische nun hier um- 
gesetzt erschien in naivtölpelige Gutgläubigkeit; die Begeisterung 
bei den piepjungen Zuwächsen an grofien deutschen Dichtern 
und sonstigen Riesengenies und ' Baumausreilkrn war ebenso 
flammend wie die über die angerichteten Verheerungen, und es 
wurde in rührend schuldloser Kampfgier mitverheert, haupt- 
sächlich Heine, dem ich das zu lesen gewünscht hätte — denn 
Heine allein hat das Zwerchfell besesseo, über etwas derart unge- 
heuer Lächerliches in entsprechend ungeheurem Maße zu lachen. 
Die Deutschen jüdischer Abstammung haben keinen Anlaß, 

tSo 



sich Heines zu schämen und mögen das nicht vergessen, daß es vom 
Leben jedes bedeutenden Mannes zwei Evangelien gibt: eines der 
Vergötterung und eines der Verteufelung. Nicht ein einziger wahr- 
haft bedeutender Mann ist unverleumdet geblieben, derart, daß, 
wenn Verleumdung einen Mann und sein Werk zu ersticken ver- 
möchte, keinerlei Gedächtnis von Gutem und Großem in der 
Menschheit zu finden wäre. Es schadet aber nicht, es hinterläßt 
keine Spur; die Verleumdung wird durch die Macht und den Adel 
der lebendig fortwirkenden Existenz widerlegt und ausgelöscht. 
Wer denkt heute noch an die schändlichen Urteile über Goethe 
(der freilich nach dem Rassentheoretiker Driesmans nur ein 
Keltogermane und nach andern Rassentheoretikern gar ein Jude 
ist), an ,,die Wahrheit, die gesagt werden muß: Goethe war 
e i n n i e d r i g e r M e n s c h; es ist auch purer Schwindel, von 
einer innigen Freundschaft zwischen Goethe und Schiller zu 
reden, man darf es sogar ungescheut aussprechen: Goethe 
hat den frühen Tod Schillers geradezu auf 
dem Gewissen" — wer spricht heute noch so ?! Sebastian 
Brunner, Judenhasser, nennt Goethe ,, einen jämmerlichen 
Menschen, gemein, neidisch gegen jeden, von dessen Talent er für 
seine Glorie Besorgnis hegte, ekelhaft undankbar", und Wolfgang 
Menzel, ebenfalls Judenhasser, leugnet, daß Goethe irgend 
welche Eigenschaft eines Genies besitze, er sei nur ein formelles 
Talent, nur ein Virtuose, nur einNachahmer^). Sebastian Brunners 
und Wolf gang Menzels Urteile haben Goethe nicht geschadet und 
keine Spur hinterlassen — es ist kaum noch eine Spur von Sebastian 
Brunner und Wolfgang Menzel; nicht mehr lange, so ist auch 
diese Spur verweht, und es war wie immer: die Kleinen, die sich 
einbildeten, wunder was zu sein, indem sie dem Großen sich ent- 
gegenstellten, dienen ihm damit im Grunde und helfen, daß der 
unvergängliche Wert desto schneller an den Tag komme. Die 

^) Zu denen, die Schlechtes über Goethe und mit am verständnis- 
losesten über ihn gesprochen haben, zählt auch Börne, dessen einseitig 
politischer Standpunkt ihn gänzlich unfähig machte, dem unpolitischen 
und unpatriotischen Goethe (vgl. S. 252) gerecht zu werden. Die schönste 
und tiefste Würdigung Goethes — schöner und tiefer als die durch die 
übrigen Romantiker — findet sich bei Heine. 

181 



Deutschen jüdischer Abstammung mögen sich an das unver- 
gänghch Deutsche halten, wozu auch Heines Dichtung gehört. 
Sie sollen die Narren der Zeit die Narren der Zeit sein lassen und 
keinen Augenblick verkennen, daß Heine — ungerechnet seine 
Bedeutung für die neuere Literatur, aus der er nicht wegzudenken 
ist, ohne daß ein gewaltiges Loch entsteht, und ohne daß der 
Repräsentant uiurer modernen, sich ihrer selbst sch&menden 
Romantik fehlte — sie sollen nicht verkennen, daß Heine e i n 
deutscher Dichter war, ist und bleiben wird. Das hat 
ja sogar nicht einmal der Judenhasser Treitschke verkannt: 
,, Heines unsterbliche Werke sind wahrhaftig nicht jene inter- 
nationalen Witze, um deren willen er le seul po^te vraiment 
parisien genannt wurde, sondern die schlichtweg deutsch emp- 
fundenen Gedichte: »o die Loreley, dies echte Kind deutscher 
Rumantik, so jene herrlichen Verse: ,, Schon tausend Jahr nur 
Graecia", die noch immer alles zusammenfassen, was die 
Deutschen seit Wirikelmanns Tagen über die Schönheit der helle- 
nischen Welt gesungen und gesagt hatten. Heine ist sogar in 
seiner Sprache, wie alle uiure großen Schriftsteller, nicht ohne 
einen leisen. landschaftlichen Anklang. Wie Goethe den Franken. 
Schiller den Schwaben nicht verleugnen kann, wie Lessing und 
Fichte, so grundverschieden unter sich, doch beide unverkennbar 
Obersachsen sind, so zeigt sich Heine, wo seine Kraft rein 
zutage tritt, als der Sohn des Rheinlandes.*' Die Deutschen 
judischer Abstammung dürfen nicht vergessen, daß Heine ein 
deutscher Dichter ist, ein feiner Glockengiel^r, von dem mancher 
Wunderklang durch unsere Lande rieht, — Deutschland hat, be- 
sonders in der neuen Zeit, viel Unfug in der Lyrik gehabt, aber 
seit Heine keinen Lyriker, den man mit Heine in einem Atem 
nennen durfte, und es laßt sich immer noch nichts anderes sagen 
als: Goethe und Heine. Heine ist ein deutscher Dichter, Deutsch- 
land vergißt das nicht: die judenhasserischen Deutschen repräsen- 
tieren nicht das deutsche Vaterland. Vor mir liegt ein ,,Heine- 
Almanach. Als Protest gegen die Düsseldorfer Denkmalver%%eige- 
rung, Nürnberg 1893')." Darin findet sich manches Urteil über 

') Auch Bismurck sprach sich damals für fin Hemedenkmal aus: 
,,Und vergessen die Herren denn ganz, daß Heine ein Liederdichter war 

18a 



den Düsseldorfer Magistrat, z. B. von Erneste Daudet: ,,Je le 
considere comme un devoir non seulement de TAllemagne, mais 
de l'univers entier, de protester contre l'infame barbarie des Odiles 
de Düsseldorf", und Ludwig Ganghofer äußert sich: ,,Wenn ich 
ein Düsseldorfer wäre, so möchte ich Heinrich Heine sein . . . um 
aus Düsseldorf herausgeschmissen zu werden." Auch stehen darin 
die folgenden Verse: 

I. 

Zu Düsseldorf der Magistrat 
Hat hochwohllöblich beschlossen: 
Auf keinen Platz, auf keinen Pfad, 
Nicht gehauen und nicht gegossen. 

Gestochen nicht und nicht gemalt, 
Nicht aus Wachs oder Alabaster — 
Wir dulden ihn auf keinen Fall, 
Den Ausbund aller Laster! 

Wir dulden ihn nicht rechts noch links. 
Und nicht in unsrer Mitte; 
Eines jeden frumben Jüngelings 
Verdirbt er Zucht und Sitte. 

Ein jedes keusche Mädchen muß 
Vor seinem Namen erröten. 
Und ihn, der längst gestorben ist. 
Heut wollen wir ihn töten. 

Wir haben unser deutsches Gemüt 
Und werden das nimmer vergessen. 
Er aber, der französische Jüd 
Hat niemals ein solches besessen. 



neben dem nur noch Goethe genannt werden darf, und daß das Lied eine 
spezifisch deutsche Dichtungsform ist?" 

183 



Was er geleistet, hat gewiß 
Noch besser geleistet so mancher, 
Novellen und Dramen und sonsterlei 
Gedichters und Romancher. 

Drum schonungslos und rauh und hart 
Durchton es alle Lande: 
DaB er bei uns geboren ward, 
Ist eine ew'ge Schande! 



Zu Düsseldorf der Magistrat 
Hat also weise beschlossen. 
Da kommt es durch die Lüfte her 
Geheimnisvoll geflossen. 

Die Fenster standen auf im Saal, 

Es drang herein allmählich 

Ein Schwermutsseufzer, ein Hoffnungsstrahl, 

So klagend und so selig. 

Und deutsche Worte klangen an 

So m&rchenhaft ergl&ruend, 

Mit Rosenknospen das zagende Herz, 

Mit Knospen der Sehiuucht Ix-kränzpnd. 

So traut und sanft, so stark und kiihn 
So wunderbar gewaltig. 
So voll Gemüt und schlicht und schon, 
Und doch so reichgestaltig. 

Es sang die allerschönste Fei 
Im Abendsonnenscheine: 
Es war der Sang der Loreley, 
Das Lied von Heinrich Heine. 



184 



V/enn das nun aber so mit der literarischen Kritik der Judenhaß- 
Patrioten weiter geht, dann wird amEnde doch noch Heinrich Heine 
in Deutschland ein Denkmal nötig haben ? Ich finde es einen ge- 
rechten Ausgleich, daß man Juden nicht so bald ein Denkmal 
setzt in einem Lande, wo ein Jude so unvergleichlich viel mehr 
Denkmäler hat als alle NichtJuden zusammen genommen (ich 
meine natürlich Christus) ; und was Heine betrifft, so hat der in 
Deutschland bis jetzt noch kein Denkmal nötig. Die Denkmäler, 
welche ihm jüngsthin dennoch errichtet worden sind, waren 
unnötig, auch "das in Bonn errichtete war unnötig, worauf 
seine Verse stehen: 

,,Ich bin ein deutscher Dichter, 
Bekannt im deutschen Land; 
Nennt man die besten Namen, 
Wird auch der meine genannt." 

Niemals wird Deutschland Heines deutsche Lieder aus 
seinem Herzen vergessen — Deutschlands eignes Herz hat diese 
Lieder gesungen; kein andres Herz eines andern Landes hätte 
diese Lieder zu singen vermocht, und kein einziger jener buttigen 
Dichter, die von antisemitischen Makulaturseelen gegen ihn 
ausgespielt wurden, ist dem deutschen Volke oder kann ihm je- 
mals werden, was ihm Heine ist. Das kann ihm auch der liebe 
vegetative Backfisch Mörike niemals werden, — gar nicht erst 
zu reden von anderen noch Schwächlicheren oder gar von dem, 
was die modernen lyrischen Rabenkinder krächzen. Heine ist 
unter den originalen deutschen Liederdichtern der populärste^) 



^) Ein antisemitischer Kritiker sagt: „Aufsammler von Volkspoesien, 
die er dann vermauschelt, z. B. Loreley: Ich weiß nicht, was soll es be- 
deuten, statt: Was es bedeuten soll." Heines Deutsch und das Antisemiten- 
deutsch! — ein Unterschied wie zwischen Trinkwasser und Meerwasser 
für die Lippen der Durstigen. Nicht die Spur gerechtfertigter ist der Vor- 
wurf, Heine sei kein Genie, sondern nichts als ein Nachahmungstalent. Dieser 
Vorwurf wird Heine nur gemacht, weil er ein Jude ist und Juden eben 
niemals Genies, sondern b ster falls Nachahmungstalente sind, die nur auf 
den Schultern emdrer Höhe erreichen, wie z. B. bewiesen wird durch die 
griechischen großen Tragiker, die allesamt die gleichen Stoffe behandelten, 
oder durch Shakespeare, der gar ganze Dramen fremder Autoren sich an- 

i8s 



und, nach Luther und Goethe, der, auch in politischer Hinsicht, 
interessanteste deutsche Schriftsteller. G«dankenklar — wie sein 
Name klingt, hell und durchsichtig wie G'as, kirrend fast; und 
wahrhaft genial, wie bei ihm Freiheit des geistigen Heros mit dem 
politischen Freiheitskampf zusammengeht. Ja, Heine ist ein 
Schriftsteller, der trotz marKhen Schwächen des Charakters 
(weil er seine Schwächen niemals versteckt, ja sogar sich selber 
verleumdet) heilsam auf den Willen zu wirken vermag. Er hat, 
trotz seinen Schwächen, eine königliche Seite, und es gibt 
Worte von ihm, bei denen man rauschen hört, was er selber gehört 
hat, — die Adlerschwingen über seinem Haupte. Heine gleicht 
nicht den Vielen unter uns, die drucken lassen, was sie nicht 
drucken lassen sollten, was nämlich nur Sache ihrer Bildung ist, 
der Bildungsstimmung ihres Kreises und des Haufens, in dem sie 
gehen, manchmal tatsächlich nur des tollen Dialekts, worein 
einige moderne Tolle unsere Muttersprache verderbt haben, und die 
auf so Verdorbenes sich ganz legen, was endlich den Cha- 
rakter verdirbt; während Heine, trotz den Schwächen seines Cha- 
rakters, Charakter besaß und hielt (denn das ist Charakter: so 
wie Heine getan, sein Verhältnis zur Welt aus dem inneren Selbst 
gestalten) und, trotz den Schwächen seiner Originalität und ihrer 
Manieren, Originalität besaB und aus der Einheit der Originalität 
und des Charakters hervorbrachte — freilich nur selten das Größte. 
Weil er allzu ausschließlich auf seiner Ori- 
ginalität stand und in dem Maße, wie er sich ganz nur aus 
sich selber heraus schaffen wollte, auch in sich selber hinein wieder 
vergehen mußte: darum und dementsprechend haben auch die 
meisten seiner Schöpfungen dies an sich, dieses In-sich-selber- 
wieder-Vergehen, und so fehlt ihnen die bewegende und läuternde 
Macht des mit dem absoluten Grunde sich Eins wissenden, in 
diesen hinein vergehenden Ichbewußtseins, welches seine Versöh- 
nung gefunden hat und zur bedeutenden Tat des Lebens von der 
höchsten geistigen Liebe bewogen wird. Solches Größte tritt aus 
Heines Schaffen nur selten hervor, aber dennoch ist seine Seele 



eignete und nur überarbeitete. Mah hat entweder vergeben, diese Juden 
Shakespeare, Aeschylos usw. aus der Reihe der Genies zu streichen — oder 
man hat eine falsche Vorstellung von den Genies und von den Juden. 

186 



groß genug, und auch da, wo sie in der relativen Selbstheit und Un- 
freiheit der Welt gefangen bleibt und wo er meint, die Zerrissenheit 
der Welt sei es, die ihm mitten durch die Seele gehe — auch noch 
mit dieser weltzerrissenen Persönlichkeit steht er reckenhaft genug 
in manchem gutem Kampfe, vor allem im Kampfe für ,,die Eman- 
zipation der ganzen Welt"^); und wunderbar! über ein unsäglich 
qualvolles Leiden erhebt sich Heinrich Heine, als wäre er von 
denen einer, welche Selbst und Welt überwunden haben und in 
die große Liebe eingegangen sind. Jawohl, er ist ein Zerrissener, 
aber ein wahrhaft genial Zerrissener, ein zerrissener wahrhaft 
Genialer: die äußersten Gegensätzlichkeiten der menschlichen 
Natur, welche in dem ganz hohen Genie zur Einheit zusammen- 
gehn, treten in Heines eben dadurch seltsam- bedeutender Per- 
sönlichkeit gesondert hervor. Seine Persönlichkeit ist bedeutend, 
und sie macht, daß viele enthusiastisch zu ihm stehen. So viele 
auch der besten Deutschen, die, unverwirrt von Haß und Vor- 
urteil, das Echte und Große ehren, die Seelenstruktur des aristo- 
kratischen Revolutionärs verstehen, und denen zur ästhetischen 
und menschlichen Schätzung hinzu auch noch eine geschichtliche 
möglich ist: im größeren und auch in jenem kleineren Sinne, daß sie 
das Zeitliche an einem Manne aus der Zeit zu erklären vermögen 
und nicht verlangen, was er zu einer früherenZeit geredet hat, solle 
und müsse so klingen, wie es gerade ihnen und ihrer Partei für die 
jetzige Zeit passend erscheint. — Heine ist bedeutend, und seine 
Wirkung ist und bleibt bedeutend. Wie lang magwohl jener Jude in 
Deutschland wohnen, der mit dem Erfolg Heines so unzufrieden 
ist, daß er deswegen die Droh- Prophezeiung ausstößt: ,,Wir 
würden endlich einmal auf die Ehre, ein deutscher Dichter zu 
heißen und deutsche Kultur zu bringen, verzichten"; worauf wir 
übrigens — trotzdem er nach seiner fürchterlichen Drohung herz- 
lichst erschüttert ist und unter Tränen und Schluchzen hervorver- 
sichert, es würde ihm ja entsetzlich leid tun — dennoch sagen 
müssen, daß wir unsrerseits gleich auf der Stelle bereitwilligst auf 



,,Ich habe nie großen Wert gelegt auf Dichterruhm, und ob man 
meine Lieder preist oder tadelt, es kümmert mich wenig. Aber ein Schwert 
sollt ihr mir auf den Sarg legen; denn ich war ein braver Soldat im Be- 
freiungskriege der Menschheit." 

187 



Jeden Juden verzichten, der nur gegen Bezahlung von einer ge- 
nügenden Portion Ehre ein deutscher Dichter und deutscher Kul- 
turbringer sein will, andernfalls aber, wie jener jüdische Schreiber 
fortdroht, jüdisch-nationaler Dichter in Palästina wird — ich 
frage: wie lang hat jener Jude in Deutschland gelebt, daß er noch 
nicht zu merken imstande war (was die Judenhasser nicht merken 
wollen), wie Deutschland Heines Lieder singt ? Deutschland singt 
das Lied von der Loreley und alle die andern ewigen Lieder 
als seine allerdeutschesten Lieder und wird so sie weiter singen 
— die Loreley, in Friedrich Silchers Komposition*), ist viel- 
leicht tats&chhch das deutscheste Lied und so ganz gesungenes Lied 
geworden, daß fast unmöglich f&llt, sie als Gedicht zu rezitierenl — 
Deutschland kennt sein deutsches Herz und Gemüt besser als die 
judenhasserischen Narren und die vom Schwalbenmist des Anti- 
semitismus blind gewordenen und verstörten judischen Narren sie 
kennen. Die ersten repräsentieren nicht die übrigen Deutschen 
und die andern nicht die Deutschen jüdischer Abstammung; keine 
Gemeinschaft ja wird repräsentiert durch ihre Narren. 

Durch keinen der jüdiichen Narren, sage ich, die Gegensatz 
zwischen judischer und germanischer Ra&se betonen und denen der 
Jude inferior heißt — garu wie in den mittelalterlichen 
Satzungen, nur naturlich mit der modernen wissenschaftlichen, 
rassentheoretischen Begründung — durch keinen judischen Narren, 
der solches oder andres, antisemitischer Gelahrtheit Abgelauschtes 



') Sucher ist einer unserer hersvoUatan Lic<lcrkomponisten, von dem 
u. a. noch ,^nnchen von Tharau", „Morgen muB ich (ort von hier." 
Er hat auch zuerst die Meiodirn der deutschen Volkslieder gesammelt. 
Heines Lied von der Loreley in Stichers Komposition kann tatsächlich 
miterw4hnt werden, wenn man Vom deutschen Patriotismus spricht. 
G. Fr. Nicolai in seinem Werk ,,Die Biologie des Krieges" (S. 226) spricht 
über den deutschen Patnotismus, der, wie jeder andre Patriotismus, et'-.e 
zusammengesetzte Größe sei : in ihm lebt vor allem die Liebe zu urisrer 
Muttersprache, zu den großen Männern, die uns zuerst begeistert haben, 
SU unsern Wäldern und Seen, zu uruern alten Kirchen und Volksliedern. 
„Wir wissen das nicht immer, al>er es ist so. und der Patriotismtu derer, 
die heute die Lieb« zum Loreleyliede für unpatriotisch erklären, weil es 
Heinrich Heine gedichtet hat, ruht doch zu einem Bruchteil auf di esem 
vielgesungenen Licdc." 

tSS 



und antisemitischer Heldenbrust Nachempfundenes von sich gibt, 
werden die Deutschen jüdischer Abstammung repräsentiert, 
sondern ganz allein durch solche Juden, welche Deutsche jüdi- 
scher Abstammung ebenso sind wie sie als solche sich fühlen und 
wissen (wobei es nichts ausmacht, daß sie jüdischer Abstammung 
sich wissen, so wenig es für das Deutschtum anderer ausmacht, 
wenn die sich wissen oder sich zu wissen glauben von germanischer, 
romanischer, wendischer, polnischer, lithauischer, kassubischer, 
sorbischer oder wer weiß welcher Abstammung, oder wenn andre, 
und das sind weitaus, weitaus die meisten Deutschen, nicht wissen 
und auch nicht darauf aus sind zu wissen, woher sie entstammen) 
und die weder durch Judenhaß noch durch Zionismus sich 
schwächen lassen — noch auch durch das Ästhetentum. Ja, auch 
das unglückselige Ästhetentum muß hier genannt werden; denn 
wie es viele allerschwerste Sünden auf dem Gewissen hat, so nicht 
zuletzt die, daß es das Vaterlandsgefühl, ja sogar den Begriff des 
Vaterlandes (weil des Staates überhaupt) verwirrt und ertötet. 
Aber das ist allgemeines Unglück, wovon nicht alen die Deutschen 
jüdischer Abstammung betroffen werden; es soll weiterhin davon 
noch die Rede sein. 

Neben dem Judenhaß muß hier jedoch auch noch der Zionis- 
mus betrachtet werden, das zweite Pferd am Unglückswagen und 
wohl das stärkere im Ziehen, wodurch Deutsche jüdischer Ab- 
stammung aus dem Gefühle ihres Deutschtums herausgebracht 
werden. Die Gefahr droht hier hauptsächlich durch eingewanderte 
Juden. Die Schwierigkeit mit den Einwanderern ist für jedes 
Landes Bewohner groß, für die deutschen Juden ist sie in diesem 
Falle doppelt groß und verhängnisvoll. Die Deutschen jüdischer 
Abstammung bedürfen, wie jede Gruppe der Bevölkerung dessen 
bedarf, einer Vertretung ihrer Interessen, sie bedürfen vor allem 
einer solchen Vertretung gegenüber dem Haß und dem Vorurteil, 
die ja gegen sie besonders rege sind — aber wer vertritt sie ? Die 
Tüchtigsten unter ihnen, darin pflegen sie nicht tüchtig zu sein. 
Sie sind Augenzudrücker — Jockei löscht das Licht aus, damit ihn 
die Flöhe nicht finden können — , sie sind Augenlose; sie sehen 
keinen Anlaß, mit denen gemeinsame Sache zu machen, die alles 
in der Welt auflösen möchten in Judenheit und Judenhaß; sie 

189 



wollen niemandem das Recht einräumen, zu ihnen anders daher- 
zureden wie zu andern Deutschen darum, weil sie jüdischer Ab- 
stammung seien; sie schämen sich der Schamlosigkeit derer, von 
denen sie als nicht zugehörig zum Vaterlande bezeichnet werden, 
als nebendraußen, da sie doch mittendrin sich fühlen, durch und 
durch als Deutsche; sie verstummen, da sie angeschuldigt werden 
— reinen Männern kommt Angeklagtsein so hart an wie Ver- 
urteiltsein; das Verhör und das sich verantworten und daß s i e 
verdächtig sind ist ihnen peinvoll wie das Malum poenae, 
ja wie das Malum culpae. Und so haben die Juden gar keine Ver- 
tretung gegenüber den Angriffen, die als Gesamtheit auf sie ge- 
richtet werden: weil diese Angriffe zumeist auf Fiktionen gehen, 
mehr auf das, was sie nicht sind, als auf das, was sie sind, womit 
nichts weniger als getroffen wird, wie sie in Wahrheit fühlen, wie 
sie in Wahrheit denken, was sie in Wahrheit wollen. Die Juden 
meinen, es sei mit ihrer Wirklichkeit gerade das Entgegengesetzte 
zu den Schilderungen der Judenhasser, und rüemand sonst hätte 
es leichter, sie zu kennen als eben die Judenhasser: die brauchten 
nur alles, was sie sagen, umzukehren. Nun, garu in dieser Weise 
wird es sich nicht verhalten, aber jedenfalls: da so viel Haß und 
Unsinn vorhanden ist gegen J uden, die nicht vorhanden sind , scheint 
es nicht verwunderlich, daß keine Juden vorhanden sind, die gegen 
diesen Rattenkönig von antisemitischer Adoptir- Judenheit auf die 
rechte Art losgehen. Für die Emanzipation hatten sie Sprecher, 
ausgezeichnete Sprecher: da waren sie die Religionsgemeinschaft, 
die emanzipiert werden sollte. Heute aber — sie verstehen nicht, 
was denn nun noch ist, was man denn noch gegen sie will, da 
man's doch verbrieft und versiegelt hatte, daß man gegen sie als 
Juden, als jüdische Gemeinschaft nichts mehr wolle, sie als Indi- 
viduen, als einzelne Staatsbürger ansehen wolle: ,,du Schlechter!" 
zum Schlechten, nicht ..du schlechter Jude" und nicht: ,,ihr Juden 
seid schlecht und keineswegs als Menschen zu betrachten wie wir!" 
Denn die Emanzipation sollte ja die der Menschen sein, 
konnte nichts andres, wenn sie überhaupt sein sollte, als die der 
Menschen sein, welche Juden waren, und welche man bis dahin 
nicht als Menschen gleich den and-rn Menschen angesehen hatte 
— Menschen müssen, wie wir im folgenden Abschnitte betrachten 

too 



wollen, die Möglichkeit ihrer Freiheit haben, die sie auf andre 
Weise nicht finden können als mit gleichen Pflichten und mit 
gleichen Rechten im Staate und in der Gesellschaft. Solche 
Menschen mit gleichen Pflichten und mit gleichen Rechten im 
Staate und in der Gesellschaft waren die Juden nicht gewesen, zu 
solchen Menschen sollten sie durch die Emanzipation aus Juden 
werden. Und nun fehlt es für die Durchführung der Emanzipation 
am Vertreter ihrer Interessen: die Emanzipation ist noch lange 
nicht durchgeführt, man betrachtet die Juden doch immer noch 
als Juden und befehdet immer noch eine jüdische Gemeinschaft, 
eine in Wahrheit gar nicht vorhandene. Die draußen, besonders 
ihre Feinde, mögen das Bild einer großen Einheit haben; reden sie 
ihnen doch gar nach, sie seien eine eigne Nation mit be- 
sonderen politischen Interessen, die vor allem gegen die politischen 
Interessen des Vaterlandes feindlich sei: in Wirklichkeit aber sind 
die Juden nicht einmal eine Partei. Es gibt keine jüdische Partei 
in dem Sinne etwa wie es eine katholische, dieZentrumspartei, gibt; 
eine derartige jüdische Partei ist für Deutschland unmöglich, weil 
die Juden nicht mehr durch das Judentum verbunden sind wie die 
Katholiken durch den Katholizismus. Dies ist gerade das Problem, 
die Juden zu einer Partei zusammenzubekommen — das wird aber 
schwer halten. Es gibt nichts, was sie einigen könnte; sie sind zer- 
splittert in alle erdenklichen Unterschiede von Gruppe zu Gruppe, 
von Individuum zu Individuum, und die extremsten Fälle liegen so 
weit auseinander, wie dies nur bei Menschen irgend möglich sein 
kann. ,,Ich habe sie gesehen wie Schafe zerstreut, die ohne Hirten 
sind." Die Juden bilden am wenigsten eine Einheit — sie zeigen 
den äußersten Gegensatz zu den Katholiken, welche den stärksten 
Zusammenhalt haben; die Katholiken gleichen den Radien eines 
Kreises, die allesamt zum Mittelpunkte streben (und sind eine 
wahrhafte Zentrumspartei) : die Juden gleichen der Peripherie, 
darin jedes Teilchen andre Richtung hat wie sein Nachbarteilchen. 
Sie sind keine Gesamtheit, und die einzelnen wissen nicht, ob 
hierhin, ob dorthin, ob so oder anders; die Gedanken über ihre Sache 
haben kein Ziel, keineRichtung . . . Arme, die reich geworden und 
Reiche, die arm geworden, haben's beide schwer, sich zubenehmen, 
und die Juden sind beides geworden: reich und arm. Reich an der 

191 



Freiheit, die sie gewonnen, und arm an Gefühl der Zusammen- 
gehörigkeit, wodurch sie in den Tagen der Unfreiheit gehalten 
wurden. 

Wer vertritt ihre Interessen, wer spricht denn überhaupt über 
die deutschen Juden auBer den Judenhassern und — außer 
solchen, die in der Wahrheit ganz anderes vertreten als die wirk- 
lichen Interessen der deutschen Juden: die aber für die Vertreter 
der deutschen Juden genommen werden und damit deren Lage 
noch verschlimmern. Die lautesten Sprecher n&mlich sind die aus 
andern, aus den östlichen L&ndern eingewanderten Juden, die 
naturlich nicht sogleich ins deutsche Wesen hinein umwachsen: 
es bedarf (wovon später mehr) dreier Generationen, bis die Er- 
ziehung zur Nation vollendet ist, — zum Gentleman gar sind, wie 
die Engländer sagen, vier Generationen glucklicher Bedingungen 
nötig. Unmöglich können die neu eingewanderten Juden als zur 
deutschen Nation gehörig sich ansehen (so wenig wie Kants Groß- 
vater sich so ansehen konnte: Abstammung aus demselben Lande, 
Gemeinsamkeit der Geburt verbindet am leichtesten zur Nation,« 
welches Wort von dem Worte natus, Geburt sich herleitet — das 
ist aber etwas garu anderes als gemeinsamer Rassenursprung!), 
und sie dürfen sich nicht wundern, wenn sie von den Deutschen alt 
Fremde angesehen werden. Auch den Deutschen judischer Ab- 
stammung sind sie fremd, ja ich sage nicht zu viel, wenn ich sage, 
sie sind manchem von diesen genau so fremd und unsympathisch, 
wie sie manchen NichtJuden und wie manchen NichtJuden die 
Juden überhaupt sind. Juden, die sich keinerlei Antisemitismus 
anders denn als Niederträchtigkeit vorstellen können, mochte ich 
raten, diese hier berührte Abneigung von Juden gegenüber Juden 
zu studieren: eine menschliche Schwiche, ein menschlicher Fehler, 
aber niederträchtig darf das nicht genannt werden, oder es sind 
alle die vielen Juden mit dieser Abneigung ebenso niederträchtig 
— als NichtJuden geboren, wären sie Antisemiten. Die meisten 
jüdischen Deutschen hegen ein Vorurteil, manche ein sehr häß- 
liches, gegen die neu eingewanderten Juden, und auch wo dies 
nicht der Fall ist, das bleibt doch immer: jene neu Eingewanderten 
haben nicht das Vaterland mit ihnen gemein und nicht das Sprach- 
vaterland, und, selbst soweit sie Deutsch reden, nicht das Au»- 

19a 



sprach Vaterland (was so viel ausmacht schon zwischen Nord- und 
Süddeutschen — wo leider noch so manches ausmacht!). Diese 
neu eingewanderten Juden vertreten einseitig das Religiöse, oder 
sie versinken schnell in den unter uns grassierenden Ästhetismus 
und die entkräftende Nietzscherei (weil sie, ohne die Tradition 
unsrer Kultur, bei starker Anpassungsfähigkeit und Heißhunger, 
sich anzupassen, urteilslos der herrschenden Mode verfallen) ; und 
sie, die Unglücklichen, die kein Vaterland haben, weder dort wo 
ihre Wiege stand, noch unter uns, wo ihre Gräber stehen werden, 
sie sind die Träger der zionistischen Sehnsucht. Durch diese Juden 
fremder Länder fast ebenso sehr, wenn nicht noch mehr wie durch 
die Judenhasser, werden viele unter uns konfus gemacht und be- 
einträchtigt in ihrer deutschen Haltung. 

Der Zionismus und der Judenhaß hängen aber aufs engste zu- 
sammen, wie Wirkung und Ursache. Der Zionismus ist die ver- 
kehrte Reaktivität der Juden, der Hereinfall der Juden auf den 
rassentheoretischen Judenhaß, — solcher Juden, die nicht ein- 
sehen können, daß es mit der Emanzipation langsam geht und un- 
möglich ohne Rückfälle vorangehen kann; welche Rückfälle 
also, bei der Natur der Menschheit und ihrer Geschichte, von 
psychologischer und historischer Berechtigung und Notwendig- 
keit sind. Historisch und psychologisch natürlich und unaus- 
bleiblich waren die politischen Rückschritte, die es bis zum 
Jahre 1869 gab, und ist auch — da seitdem, seit der damals 
ausgesprochenen verfassungsmäßigen völligen Emanzipation 
ein politischer Rückschritt nicht mehr möglich — , ist um so 
eher der gesellschaftliche Rückschritt, wie wir ihn jetzt erleben. 
Die staatlich anerkannte Freiheit und die gesellschaftlich aner- 
kannte Freiheit sind zweierlei, trotzdem Staat und Gesellschaft im 
Grunde dasselbe sind und, was der Staat tut, die Gesellschaft tut. 
Aber jegliches Tun hat zweierlei Gesichter: bevor es getan und 
nachdem es getan ist; sowohl das rechte wie das verkehrte Tun hat 
diese zweierlei Gesichter. Die staatliche Emanzipation der Juden 
war das Tun der Gesellschaft vor der Verwirklichung: die eigent- 
liche Emanzipation ist erst die der Wirklichkeit in der Gesellschaft; 
diese Emanzipation kann unmöglich so schnell in Gestaltung der 
Freiheit und alles Leben sich umsetzen, wie sie auf dem Papier der 

193 ^^ 



Verfassung vollständig geschrieben steht, aber sie hat doch bereits 
begonnen sich umzusetzen, das andre Gtrsicht der vollzogenen 
Emanzipation zeigt sich, und dagegen reagiert nun dieGe-sellschaft, 
als hätte sie gar nicht gewollt, was sie getan hat. Sie versteht sich 
selber nicht, sie hat wohl gewollt, sie will auch weiter (weil sie 
muß): sie kann nur noch nicht. Sie wird immer bessei können, 
je mehr sie muU, und je mehr man ihr von dem abkämpft, was 
sie ,, geschenkt" hatte. Hier von Geschenk zu reden, das gehört 
zur Selbstglorifikation der Menschen — Geschenke haben oftmals 
gute Grunde anderswoher als aus Zucker und Freiheit, und 
gar Freiheit ?! Freiheit wird ruemals geschenkt und kann nie- 
mals geschenkt werden, sie will erkämpft sein in laiigem Kampfe, 
darin es nicht immer nur Siege geben kann; und wie selber 
das Siegen immer auch ein Stück Unterliegen und Ver- 
lieren mit sich bringt, so haben ebenfalls die Niederlagen ihr 
Wertvolles. Was läßt sich Tröstlicheres und Wahreres sagen 
als das Sprichwort: ,,£in Unglück ist besser als alle Ratschläge." 
Gut auch liest man bei Beaconsfield: ,,Ein Fehlschlag ist nichts, 
er kann verdient sein oder man kann ihm abhelfen: im ersten Falle 
bringt er Selbsterkenntnis, im zweiten ruft er eine neue Kombi- 
nation hervor, die gewöhnlich siegreich ist." Aber die Menschen 
im allgemeinen, und also auch die Juden im allgemeinen, haben 
kürzere Gedanken und sind gar zu bald entmutigt; hiruu kommt 
noch der große Tiefstand der Emanzipationsidee in einigen 
Ländern, wo noch die Juden in mittelalterlichem Elend leben; da- 
durch wurden viele Juden unter uns vollends niedergeschlagen und 
verwirrt. So sind sie hereingefallen auf die Rassentheorie der 
Judenhasscr weit schlimmer als andre Deutsche; kopfunten 
stürzten sie in den Abgrund*). Die übrigen Deutschen sind beinah 
ohne Rassenerinnerung, abgerechnet die Adligen, die aber gleich- 
falls allesamt immer noch tausendmal besser als mit ihren Vor- 
fahren, mit Abraham, Isaak und Jakob Bescheid wissen — das 
sind Vorfahren, mit denen alle Deutschen Bescheid wissen, und 
mit Christus wissen alle Deutschen Bescheid: statt der über- 



*) Das ist kein erfundener Scherz, sondern man kann es bei ZoIUchan, 
„Das Rassenproblcm" nachlesen, wie der Zionismus den Chamberlain zum 
Lehrmeister nimmt und dessen unsinnwiisteste Offcnbamngen nachlallL 

«94 



lieferung von ihrer eigenen Rasse haben die Deutschen, haben 
überhaupt unsre Völker die Überlieferung von der jüdischen Rasse, 
wie unser Kulturzustand es mit sich bringt. Unter den übrigen 
Deutschen also, deren Rasse nicht so viel von sich selber spricht 
wie die Träger der Rassentheorie, konnte diese nichts andres her- 
vorrufen als einen törichten, bald wieder verschwindenden Mode- 
unfug: aber bei den Juden hat sie, wegen der Stärke der tatsächlich 
vorhandenen Rassenerinnerung, tatsächlich eine noch größere 
Steigerung des Rassenbewußtseins zur Folge gehabt; und einige 
Juden konnten auf die Konfundierung des Rassenbewußtseins mit 
der Nationalität derart konfus hereinfallen, daß sie aus ihrer wirk- 
lichen Nationalität herausfielen. Das heißt eine Tür aufmachen, 
um ein Fenster zu schließen. Der Zionismus führt nicht nach 
Zion, sondern ins Ghetto, wenn auch nicht korporaliter, so doch 
mentaliter; ins Ghetto ohne Mauern, in die Absonderung nach 
Leben und Lebensgefühl. Wie konnten Deutsche jüdischer Ab- 
stammung von einer jüdischen Nation zu reden beginnen und aus' 
der bösesten Verleumdung den Traum ihres größten Unsinns 
machen! Wie konnten überhaupt Juden, die geschichtlichsten aller 
Menschen, mit der am höchsten hinaufreichenden geschichtlichen 
Erinnerung und mit dem lebendigsten geschichtlichen Wollen, wie 
konnten sie aus der Melodie geraten und so weit abirren zu der- 
artigem geschichtslosen Pseudoideal! Die Juden eine Nation! 
Der Österreicher Herzl hat sie gewiß verwechselt mit den nach 
nationaler Selbständigkeit ringenden österreichischen Völkern, 
und andre haben Zionsehnsucht der frommgläubigen Juden mit 
politischem Heimweh, mit politischem Zionismus verwechselt; die 
doch aber nichts miteinander gemein haben. Ernsthaft nehmen 
läßt sich nicht einmal die Schwärmerei osteuropäischer Juden, die 
auf alle Weise verhindert werden, das Land, in welchem sie leben, 
als ihr Vaterland zu betrachten, und deren Herz denn immer noch 
in Jerusalem und Zion ist — nicht einmal diese Schwärmerei kann 
man ernsthaft nehmen, und sie hat noch weniger Aussicht als die 
gleiche Schwärmerei der Kreuzfahrer hatte, oder als die gleiche 
Schwärmerei so mancher noch bestehender christlicher chilias- 
tischer Sekten hat. Gar aber unsre frommgläubigen Juden, die 
auf die Tage des Messias harren, wo die Völker ihre Schwerter zu 

195 ''* 



Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen, der Löwe Stroh 
ißt wie ein Rind und Säuglinge ihre Lust haben werden am Loch 
der Otter, — ach, schließt nicht unser Wachen Träume in sich 
wie unser Schlafen ? Jene fronimgläubigen, jene traumgläubigen 
Juden mit ihrem Vertrauen auf die Verheißungen, mit ihrer 
Bibel, ,,dem aufgeschriebenen Vaterland der Kinder Gottes," 
sie harren wahrlich nicht auf ihr politisches Reich, sondern auf 
ein Wunder — das die Zionisten nimmer vollbringen werden, viel- 
mehr heißt es von diesen Meschichim en masse und Verlockern 
zu einer falschen historischen Tat: ,, Deine Tröster verfuhren dich 
und zerstören den Weg, den du gehen sollst"; sie sind ,, Diener 
der Zerschneidung", und der Zionismus ist wahrlich eher Anti- 
messias als Messias zu nennen. Die Juden eine Nation!? In 
den verschiedenen Häusern der Stadt die zerschnittenen Stücke 
Braten auf den Tellern will ich eher einen lebendigen Ochsen 
nennen als die Juden eine Nation! Aber wären sie tausendmal 
eine Nation — ließe sich darum diese Nation in Palästina wieder 
einsetzen? Ein Nagel haftet in der Wand, ist er aber einmal 
herausgerissen, dann nutzt kein ihn wieder in das alte Loch 
Stecken; er hält da nicht mehr. — Wie es mit den Deutschen 
jüdischer Abstammung hinsichtlich der Nation steht, das 
wollen wir später betrachten, wo wir betrachten, wie es mit den 
übrigen Deutschen hinsichtlich der Nation steht. Das können wir 
erst, nachdem wir über den Staat und die politischen Parteien uns 
auseinandergesetzt haben. 

Mit den Worten gegen den Zionismus möchte ich nicht miß- 
verstanden werden — doch muß ich das Gesagte gesagt sein lassen 
auf die Wahrscheinlichkeit hin, mißverstanden zu werden. Davor 
bleibe ich wohl nicht bewahrt, trotz der ausdrucklich hinzugefugten 
Erklärung, daß ich eine judische Siedelung von osteuropäischen 
Juden, eine Siedelung mit Selbstverwaltung unter Staatshoheit eines 
der bestehenden Staaten als ein mit allen Mitteln und mit allen 
Opfern zu erstrebendes Ziel ansehe — von osteuropäischen 
Juden, weil sie entrechtet, entehrt und entmenscht werden, aus 
keinem andern Grunde, und nicht der osteuropäischen Juden; 
denn man kann überzeugt sein, daß auch für Osteuropa die Juden- 
emanzipation kommen wird wie für Westeuropa. Aber was hat 

196 



I 



eine derartige jüdische Siedelung mit der Pseudonationalidee der 
Zionisten zu schaffen ? die ebenso närrisch und gefährlich ist, wie 
es unter diesen Zionisten bereits unleidliche Chauvinisten gibt, 
deren zionistische Betätigungen gegen die Nichtzionisten manch- 
mal nicht besser sind als Antisemitismus. Die Zionisten haben 
sich das Dogma Rasse und Nation auf die allerärgste 
Weise angeeignet und sind, als Assimilanten dieses Antisemiten- 
dogmas mit ihrer verhängnisvollen Agitation dafür, Feinde nicht 
allein der Emanzipation der Juden, sondern auch der Emanzipation 
der Menschheit oder der Kultur und damit auch der Grundidee des 
Judentums. (Ich meine hier nicht Männer wie Kerzl, Nordau, 
Zangwill, die von ganz andrem Schlage sind und da niemals mit- 
gingen — edle Männer, denen man bis in die letzten Ecken und 
Tiefen der Natur trauen kann, und die edel geirrt haben.) Der 
Zionismus ist die Traufe des Regens Antisemitismus, und die Zio- 
nisten sind den Juden gefährlicher als die Antisemiten. Indem die 
Zionisten den ungeheuersten aller Fehler begehen, die Juden zu- 
isolieren und ihnen den lächerlichsten Nationalismus, den anatio- 
nalen und antinationalen Traumnationalismus aufzureden, brin- 
gen sie tatsächlich die Juden zu dem, weswegen die Antisemiten 
sie nur verleumdeten; es gibt nun Juden, von denen wahr ist, 
was Antisemiten behaupten, und gilt nicht länger: Antisemiten 
sagens, es ist Lüge. Die Antisemiten bestritten nur den Juden 
ihre Nationalität, die Zionisten aber machen sie derselben un- 
würdig und unfähig und morden sie in ihnen. Die Zionisten bilden 
eine Gefahr und Schwierigkeit, deren Größe von den Deutschen 
jüdischer Abstammung nicht verkannt werden darf; aber unser 
Grundsatz laute: Es gibt keine Gefahren! Sie sind 
dazu da, überwunden zu werden, jede Gefahr ist zu überwinden 
— Feuer kann nicht verbrennen, aber ertrinken. Es gibt keine 
Gefahren und Schwierigkeiten, oder es gibt kein Leben! Hin- 
durch durch Judenhaß hier, Zionismus dort; wir werden immer 
kräftig genug sein, zu überwinden und auch noch die um uns herum 
zu stärken und mit uns emporzuführen. Der Zionismus wird unter 
uns um so weniger Boden gewinnen und um so schneller den ge- 
wonnenen wieder verlieren, je weniger Einfluß und Macht wir den 
Judenhassern über uns zulassen. 

197 



DER STAAT 

UND niH POLlTlSCHliN PARTliILN. 

Wie? Was die Judenhasser 4u0crlich, gegen die Verfassung 
unsres Rechtsstaates, nicht durchzusetzen vermögen, das sollen 
sie uns im Gemute antun können, indem sie darin uns zu Unfreien 
im Vaterlande machen ? Nein, das sollen die Narren nicht können, 
die eben damit, daß sie solcherart wollen, am wenigsten mit Be- 
wußtsein und Wurde das Vaterland vertreten; die nur sich und 
ihre Narrheit sehen und auch das Große und Tiefe des National- 
gefuhls nicht anders denn kurzsichtig ntrrisch auffassen können. 
Sie wollen uns in unsrem Vaterlandsgefuhl erschüttern und das 
Vaterland gegen uns aufwiegeln: diesem stellen sie es hin, als 
w&ren wir nicht seine echten und treuen Kinder, und uns, als wäre 
unser Vaterland nicht uiuer Vaterland ? Nun, diese Rede der 
Judenhasser ist nicht uruer Vaterland, und wir sind zu gute und zu 
feste Deutsche, um es nicht trotz den Judenhaisern zu bleiben, 
um nicht sogar den Versuch zu wagen, von den Judenhassern 
einige wieder zu besseren Deutschen zu machen; und den juJen- 
hasserisch infizierten Juden sagen wir, daß sie mit ihrem Klein- 
werden nicht nur sich selber zum Opfer geben, sondern auch dem 
Verrat am Vaterlande nahe kommen. Ja, wir lieben unser Vater- 
land wie soll man sagen, was so schwer zu sagen an- 
kommt ? Wir sagen das nur gezwungen und sch&men uns das zu 
sagen, daß wir unser Vaterland lieben: weil es ja so unnaturlich 
und schändlich ist, sein Vaterland nicht zu lieben — und gegen die 
Scham ist auch zu sagen, daß man es liebe, besonders in Zeiten 
wie die unsrigen, wo so viele das so thrasonisch sagen; überhaupt 
wohl eignet gewöhnlich Vaterlandsliebe den Menschen, wie andres 
Bestes, im umgekehrten Verhältnis zu ihrem Reden davon. Den- 
noch, da es denn gesagt sein muß: wir lieben unser Vaterland mit 

198 



unsrem ganzen Menschsein. Nächst dem, was mehr in uns ist als 
das Menschsein und aus dem unvergänglichen Samen, — nächst 
der ewigen Wahrheit lieben wir nichts mit so heißem Herzen, mit 
solcher Urgewalt und Leidenschaft als unser deutsches Vaterland, 
und wir wollen mit Hingabe und Treue vergelten auch das, was 
anderes als Hingabe und Treue an uns tut. 

Tief beschämende Notwendigkeit: in unsren Staaten erst sagen 
zu müssen, daß es unnatürlich und schändlich ist, das Vaterland 
nicht zu lieben. Die Konfusion des Fühlens und Denkens gegen- 
über dem Vaterlande und überhaupt die Konfusion gegenüber dem 
Begriff vom Staate hängt zusammen mit der allgemeinen Kon- 
fusion, mit dem Ungetüm von Konfusion, welches uns von der 
humanistischen Literatur, besonders von humanistischen Lite- 
raten ä la Nietzsche, ist auf den Weg gewälzt worden. Ein Teil 
unsrer Welt wird regiert von den romantisch anarchistischen Lite- 
raten, den Unnatürlichen und Schwachen mit der Affektation von 
Kraft und Natürlichkeit und von Flammen, die uns kalt machen. 
Die romantische Anarchistik hat eine Natürlichkeit nach der 
andern für den Himmel ihrer sophistischen Verstiegenheit ab- 
geschlachtet — ,, überwunden" sagen sie, die alles auf das ge- 
schwindeste ,, überwinden", sogar die eignen, kaum produzierten 
Schmutzereichen (wie manchmal Schweine ihre Ferkel sofort 
nach der Geburt auffressen) — und hat eine in sich kränkelnde, 
unnatürlich gewordene Ästhetenzunft herangebildet, von der nun 
auch in der Allgemeinheit das natürliche Verhältnis zur Natürlich- 
keit fortgesetzt weiter zerstört wird. Auch die Idee des Staates wird 
gänzlich aus dem Bewußtsein herausgelockert, ja geradezu Gleich- 
gültigkeit und Feindseligkeit dagegen hineingespielt. Dies freilich 
wäre unmöglich: es kann nicht ein jeder durch sich selber über das 
Begründetsein des Vaterlandsgefühls in der Tiefe des mensch- 
lichen Wesens aufgeklärt sein; wer wird von den Individuen der 
Menge verlangen, daß sie ihre höchsten Gefühle zur Bewußtheit 
und Festigkeit der Gedanken und bis zur philosophischen Klarheit 
der Rede entwickeln, womit alle Menschen zu unerschütterlichen 
Charakteren sich erhöhen würden ? Sie besitzen aber doch ihren 
Gefühlsuntergrund, und damit wäre es genug. Zu all dem Leben- 
erhaltenden, dessen gedankliche Erfassung der Menge unmöglich 

199 



fällt, wird sie getrieben durch die (wie man verkehrt sagt unbe- 
wußten — o nein, gar sehr bewußten, nur nicht mit dem Gedanken 
auch gewußten) Empfindungen, in denen sich die Fülle der 
Gesundheit ausspricht. Daß nun aber dieses uns wahrlich von der 
Natur ins Herz gelegte Grundgefuhl für das Vaterland, ein Grund- 
gefühl wie das der Anhänglichkeit zwischen Kindern und Eltern, 
geradezu systematisch ruiniert und ausgetrieben wird . . . freilich 
zerren sie auch den Kindern das Liebegefühl aus der Seele. 
Es graut einem vor den Früchten, die überall bereits sich zeigen, 
vor diesen jungen Leuten, die mit dem einzigen Gefühle, das ihnen 
noch blieb, mit dem Gefühl des Hochmutes, sich rühmen ihrer 
Herzlosigkeit, und mit ihrer nichtswürdigen Erhabenheit die Welt 
verklügeln wollen: jenen Früchten gleichen sie, die übrigem 
noch nicht reif sind und doch bereits die bösest faulen Stellen 
zeigen. Unsre romantische Anarchistik, in ihrem völligen Mangel 
an der Fähigkeit, im Bereiche des wirklichen Lebens positiv zu 
wirken, kehrt sich gegen das Leben selber, gegen das Bedingende 
des Lebens, gegen das, gleich dem Atmen Unabschaffbare des Ge- 
fühls, worauf die Lebensverhältnisse allesamt uns stehen, und will 
an Stelle des Naturhaften und der eingeborenen Naturgesetze ihre 
Klugheiten und Dummheiten stellen. Das ist arg, arg, arg; da 
heißt es entgegenarbeiten und, was ausgehöhlt ward, unterbauen. 
Nicht mit dem blau und golden angestrichenen Idealismus in 
Predigten und sentimentalen Phrasen, sondern mit dem Hinweis 
auf die grüne Natürlichkeit unsrer Erde, auf unsren Egoismus 
und mit der Darlegung, daß keiner den Trieb zum Staate (so wenig 
wie den zur Geselligkeit) ungestraft in sich verwirrt, ohne daß er 
Einbuße am Lebenswohl erleidet und im Gemüt krank wird; denn 
der Trieb zum Staate (wie der zur Geselligkeit) gehört zum Egois- 
mus des menschlichen Individuums, ist nicht nur die Folge unsres 
Egoismus, sondern dieser selbst. Freilich streift da manches *n 
die philosophische Auseinandersetzurig. Aber hier ist auch 
der Fall, wie überall, wo die Möglichkeit vorliegt, das Ge- 
ziemende, das Edle unter den Menschen, daß ich doch alles 
mit einem Wort sage: die Liebe unter den Menschen zu stärken 
— wo dies nötig und wo dafür Aussicht vorhanden, da müssen 
die Philosophen sich anders halten wie sonst. Da dürfen 



aoo 



sie nicht nur auf die Belehrung der Wenigen denken, sondern 
müssen selber unter die Menge treten und unmittelbar wirken. 
Auf ihre Weise für die Liebe wirken — kein andres wahrlich ist zu- 
letzt das Geschäft auch der philosophischen Seelsorger als Liebe, 
nur daß sie auf ihre Weise dieses Geschäft betreiben: nicht mit all- 
gemeinen Lamenten über Liebe, Menschlichkeit, Gerechtigkeit 
und derlei, sondern sehr viel klüger, wohl gar mit Befehdung und 
Leugnung alles dessen, was in der Menge mit derartigen Namen 
benannt wird und tatsächlich eher das Gegenteil von allem ist, wo- 
nach es benannt wird, oder was auch gar nicht vorhanden, was nur 
Fiktion des Wahnes ist. Ebenso nun mit der Vaterlandsliebe, 
welche, soweit sie Gefühl ist und ohne die Erleuchtung durch den 
Gedanken bleibt, um so eher verwirrt und betäubt werden kann. 
Geschah dies, so sind die Philosophen verpflichtet, sie wiederum 
zu wecken, zu stärken, zu klären durch die wahrhafte Aufklärung 
über den natürlichen Grund, auf welchem sie steht in der mensch- 
lichen Natur, und ihre Wurzeln zu nähren. 

I. 

Was ich hier sagen kann, ist dies, und hier kann ich es nur all- 
gemein sagen, in meinem Hauptwerk habe ich es nachgewiesen: 
daß all unser Bewußtsein der Relativität, daß all unser Fühlen, 
Wissen, Wollen nichts andres ist als unser Egoismus oder unsre 
Lebensfürsorge; der Staat aber — nun, der Staat ist ebenfalls unser 
Egoismus! Der Staat ist der allgemeine oder zweite Egoismus, 
ohne welchen der erste des einzelnen Menschen und also überhaupt 
menschliche Lebensfürsorge unmöglich wäre. Dem Kampfe 
aller Lebewesen gegen alle Lebewesen, woraus die völlige Lebens- 
unmöglichkeit der einzelnen Egoisten sich ergibt, steht gegenüber 
die Hilfe aller durch alle. Indem die Natur dem menschlichen 
Egoisten vorzugsweise den Trieb zum gesellschaftlichen und ge- 
selligen Leben und zum Leben im Staat einpflanzte, hat sie damit 
seine Gattung mehr als andre Gattungen von Lebewesen auf die 
gegenseitige Hilfe der Individuen gestellt, ohne daß darum diesen 
ein anderes Prinzip als das des Egoismus eigen wäre; ihr Egois- 
mus, ihre Lebensfürsorge schließt das Leben in der Geselligkeit 
und im Staate wesentlich in sich. Die Hauptsache dieser gegen- 

201 



seitigen Hilfe, aus der Hilfsbedürftigkeit aller einreinen Egoisten 
sich entbindend als Gemeinschaftsegoismus, ist die Organisation 
des Staates. Es steht aber hinsichtlich der Bewußtheit anders mit 
der Beihilfe zum Dasein als mit dem Kampf ums Dasein ( — die 
wohl übrigens in der Wirklichkeit einander vöUig das Gleich» 
gewicht halten dürften, so daB die Menschen voran leben, immer 
wieder durch eignes Füreinander sich herstellend aus dem Ver- 
derbendurch eignes Gegeneinander; so viel sie eir ander Gefahrdung 
bedeuten und Unglück und Leid sich zufügen, eben so viel auch 
geben sie einander Sicherung, Gutes, Glück und Aufrichtung): Alle 
stehen gegen alle im Kampf ums Dasein unmittelbar und in ge- 
wußtem Gegeneinander, die Beihilfe rum Dasein hingegen, die 
also vorzugsweise im Staate allen durch alle geleistet wird, voll- 
zieht sich mittelbar, von den meisten nicht einmal jederzeit gefühls- 
mäßig empfunden, und wirklich gewußt und wirklich bewußt ge- 
wollt nur von wenigen (das Rechte lebt immer nur in den einzelnen 
Wenigen, die es erfassen, durchsetzen und bewahren). Dennoch 
ist diese Beihilfe, ist die Gemeinschaft und Ordnung, die Gesetz- 
gebung und die sie durchfuhrende Macht des Staates, dennoch ist 
dies alles das Naturgewollte aller Egoisten; der Staat ist die Ver- 
körperung des unentbehrlichen Gemeinschaf tsegoismus oder 
des Rechts, wodurch verhindert wird, daß die Egoisten, die 
Menschentiere, einander fressen, und wodurch das Gleichgewicht 
der Egoismen erhalten wird. Der Staat ist der über den Egoismus 
der einzelnen hinaus gesteigerte Egoismus der organisierten Ge- 
meinschaft, darin erst die eiruelnen die Fähigkeit zu ihrem Egois- 
mus erlangen und dieser ihnen auf die möglichst beste Weise 
gesichert wird. Der Staat oder das Recht, der Rechtsstaat ist das, 
was die Freiheit und, das was frei sein soll, das Leben, möglich 
macht, — alles was einer ist, weiß, leistet, besitzt, genießt, alle 
Eigenheit, die ganze Seele seines Weltseins, dankt er dem Staate. 
Bevor ich dieses vom Staate Gesagte in einer festeren Defi- 
nition formuliere, ist noch von der Nation zu reden: daß sie das 
Innen, die Seele, das Leben sei zu dem Außen, dem Korper Staat. 
Der Staat, der Rechtsstaat hält Äußerlich die Individuen zu- 
sammen: ihre Einigung durch sich selber, ihr Wille zur Einheit 
des Staates ist erst die Nation. Die Nation sind die als Emheit sich 



203 



wissenden Staatsbürger; in der Nation muß ohne Aufhören der 
Trieb und Wille zum Staate lebendig und in den Edelsten der 
Nation muß auch die Idee vom Staate zur vollsten begrifflichen 
Bewußtheit gesteigert sein — der Staat ist die kühle, de Nation 
die warme Seite des Vaterlandsbewußtseins. Staat und Nation 
sind Begriffe, die einander wechselseitig fordern. Ohne die Nation 
bleibt der Staat unverständlich, denn der Staat ist keineswegs, wie 
der klügste und wirkungsvollste aller scholastischen Literaten 
glaubte, Immanuel Kant (der in allen Dingen ahnungslos gegen 
die Wirklichkeit stand, dem die Formen, der Formalismus, der 
Luft- Figurismus und gar manches Mal die Wörter, die bloßen 
Wörterlumpen, zum Wesen wurden, und in dem deswegen auch, 
ihm selber unvermerkt, der Aberglaube seine neue Werkstatt auf- 
schlagen konnte) — nein, der Staat ist keineswegs, wie der Natur- 
rechtler Kant meinte, eine Beliebigkeit zusammengewürfelter 
Menschen unter Rechtsgesetzen, ,,die Vereinigung einer Menge 
von Menschen unter Rechtsgesetzen", sondern er ist der Organis- 
mus, den die Nation schuf und erhält, er ist die Nation selber; 
durch die Nation allein vollzieht sich der Staat, wird wahrhaft die 
Einheit des Staates gebildet. Ich wiederhole darum zunächst die 
bereits oben aufgestellte Formulierung über die Nation und 
schließe daran unmittelbar die vom Staate; von Nation und Staat 
ist eine Korrelat- Definition zu geben: Eine Nation bilden 
die durch eigengeartetes Gemeinschaftsbe- 
wußtsein und durch Verantwortungsgefühl 
untereinander verbundenen u nd für einander 
einstehenden Bürger eines Staates, — die 
nach außen und nach innen (für die Freiheit der Nation 
und des einzelnen, Imperium et Libertas) und damit für die 
Erhaltung des Staates einstehenden Bürger; 
der Staat ist der G e m e i n s c h a f t s e g o i s m u s 
oder die einheitliche Organisation solcher 
Einrichtungen und zwangsweise ausführ- 
baren Bestimmungen, durch welche das Leben 
der Staatsbürger, d.i. der einzelnen Egoisten, 
als ein Leben des Rechts und der Freiheit mög- 
lich wird. Das Prinzip des Rechts- und Freiheitsstaates ist 

203 



etwa so zu formulieren: Keine Pflichten ohne Rechte, 
keine Rechte ohne Pflichten, und keiner aus 
der Nation bleibt ausgeschlossen von den 
gleichen Pflichten und Rechten im Staate; 
denn der Staat ist die Nation. 

Ich rede immer vom Rechte- und Freiheitsstaate — es ist so 
mißverständlich wie einseitig, vom Rechtsstaate zu reden: die 
Staaten sind Rechts- und Freiheitsstaaten. Sie sind nach dem 
Prinzip Rechts- und Freiheitsstaaten; und die Nationen ringen 
dafür, daß sie es auch in der Wirklichkeit immer mehr werden. 
Alle Staaten sind von immerher Rechts- und Freiheitsstaaten 
gewesen; das ist willkürlich, nur unsre modernen Staaten so zu 
nennen: die andcrnStaaten waren in anderenFormen dasselbe, nur 
war das Prinzip nicht überall rein ausgesprochen wie in unsren 
Staaten mit ihrer Kultur auf Grund der biblischen Anschauung 
von der Einheit aller Menschen, von ihrer Gleichheit vor dem 
Rechte, von ihrer ,, Gleichheit vor Gott". Aber das größtmögliche 
Recht und die größtmögliche Freiheit wollten auch schon der 
patriarchalische Staat, der theokratische Staat, wollten die 
klassischen, die Patrimonial-, die Polizeistaaten — wie wir es 
wollen. Es kann gar keinen andern Staat, es kann gar keine 
andre Form des Staates geben als die des Rechts- und Freiheits- 
staates — nichts andres als Recht und Freiheit wird von den 
Menschen gesucht in den Staaten, welche ihre Natur sich schafft. 
Wo gleichsam die Staatenbildung vor unsren Augen sich vollzieht, 
bei den mittelalterlichen St&dtegrundungen wird das oft klipp und 
klar ausgesprochen, z. B. in dem aus dem zwölften Jahrhundert 
herrührenden ältesten Straßburger Stadtrecht heißt es: ,, Nach dem 
Muster andrer Städte ist Straßburg zu dem Zwecke (in eo honore) 
gegründet worden, daß jeglicher Mann, sowohl ein Fremder 
wie ein Einheimischer, in ihm zu allen Zeiten und vor allen 
Frieden habe"; Stadtluft macht frei, lautet der alte Rechtsgrund- 
satz. Als Rechts- und Freiheitsstaat — wir dürften eher vom Frei- 
heitsstaate allein reden als vom Rechtsstaate allein; denn das 
Recht schafft die Freiheit und ist um der Freiheit willen — , als 
Freiheitsstaat ist der Staat die naturgewollte Organisation, die das 
politische Tier Mensch sich schafft. Jawohl, es bleibt bei des 

ao4 



Aristoteles' Definition vom Menschen als einem politischen 
Tiere, genauer: beim Menschen als einem Tiere, welches, wie auf 
den Kampf ums Dasein gegen andre Tiere, so auch auf die Bei- 
hilfe zum Dasein durch andre Tiere, hauptsächlich durch die seiner 
eignen Gattung, welches auf das Leben in Geselligkeit und vor 
allem im Rechtsstaate angewiesen ist. Ganz gewiß, der Mensch ist 
ein natürlich politisches Tier und, ,,dem Systeme der Natur gemäß, 
müssen die Staaten früher gedacht werden als die Menschen", 
d. h. die Menschen besitzen die wesentliche Naturanlage, sich 
Staaten oder, was dasselbe ist, sich Recht und Freiheit 
zu schaffen. Quid enim est civitas nisi juris societas, definiert 
Cicero. Dieses Wort zusammen mit jenem Worte des Aristoteles 
spricht die ganze Wahrheit aus, bei der es bleibt trotz allem 
naturrechtlichen Anarchismus. Der Staat ist so natürlich 
wie die Familie, er ist ja selber nur die erweiterte Familie, 
— gut macht Röscher auf die Analogie der ältesten poli- 
tischen Bezeichnungen mit den häuslichen aufmerksam: Väter, 
Älteste, Stämme, Phratrien, Geschlechter usw. So wenig wie der 
einzelne außerhalb der Familie geboren und als Kind am Leben 
erhalten werden könnte, ebensowenig ist er außerhalb des Staates 
möglich; und wie es nicht wahr ist, was man auch nicht behauptet 
hat, daß der Familie ein Naturzustand des einzelnen vorherge- 
gangen sei — unus homo nullus homo, ich glaube nicht an den 
Adam — , so ist auch nichts Wahres an dem behaupteten atomisti- 
schen Naturzustande der Freiheit, der dem Staate entgegengesetzt 
wird. Der Naturzustand des Menschen ist der Staats- oder Rechts- 
zustand — andern Naturzustand gibt es nicht. Auch nicht in den 
Pausen, wenn das Naturereignis der Revolution einbricht, welches 
den einen Rechtszustand unterbricht nur doch, um den andern 
an seine Stelle und das bisherige Unten nach oben zu bringen. 
Aber auch dabei ist immer noch Recht. Recht bald dieser, bald 
jener Macht, wie sie gerade empor kommt, welche sich selbst für 
Recht, d. h. für die Staatsregierung, erklärt; wenn auch natürHch 
in solchen Revolutionszeiten weniger Recht von wirklicher Art 
(weniger wirkliches Recht mit Macht) bestehen kann als im ge- 
ordneten Staatszustand. Der Naturzustand des Menschen ist der 
Staatszustand, dem darum nichts entgegengesetzt ist — als der 

205 



Unsinnvon seinem atomisiischen Naturzustände, von seinem Anar- 
chismus, von dem menschlichen Uruiaturzustandc. Etwas ganz 
anderes ist der Naturzustand zwischen den S t a a t e n , worauf 
wir weiterhin zu sprechen komn en. Aber reiner Naturzustand 
für die einzelnen Menschen, Lebender Individuen außer Verhältnis 
der Rechtsstaatsordnung gibt es nicht. Uru ist, Individuen zu sein, 
nicht natürlicher, als uns Individuen der Staat ist; der Trieb zur 
Staatsgemeinschaft eignet uns ebenso naturlich wie der zu unsrcr 
individuellen Freiheit. Denn kein Mensch ist von Natur frei, erst 
die Staatsgemeinschaft macht ihn frei, erst der Staat, der Rechts- 
staat, macht alle Menschen gleich vor dem Rechte; was riaturlich 
nichts andres bedeutet, als daß er für alle die ungleichen Menschen 
ein (dem Prinzip nach) gleiches, unbestechliches Recht schafft. 
DasRechtsollgleich sein, weil dieMenschen 
ungleich sind. Sie sind nichts weniger als gleich und frei 
von Natur, wie das GeschwAtz lautet, sondern von Natur durchaus 
ungleich an G«datiken, Empfindungen, Wollungen, in der Macht 
und im Handeln, und daher von Natur durchaus unfrei unterein- 
ander, und kein Recht wird „mit uns geboren". (Nicht zwei 
Menschen sind einander gleich; nicht zwei Menschen, rücht zwei 
Kinder können miteinander leben, ohne daß das eine unfrei wird 
gegenüber dem andern, in irgendwelcher Hinsicht abhängig von 
des*a:.dern äußerer oder innerer Macht und Überlegenheit.) Nur 
der Staat macht die von Natur ungleichen Menschen bis zu einem 
hohen Grade gleich und frei, und also ist der Staat urure Freiheit 
— und jeder freie Mann könnte nicht nur, er mußte sagen: ,,Der 
Staat bin ich". 

So mußte jeder freie Mann sagen, der mit Bewußtheit sich 
selber will und kann. Damit ist Antwort gegeben auf die Frage: 
Wer ist frei ? — Der sich weiß, will und kann! Da aber kein 
eiruelner in solchem Stande wahrer Freiheit außerhalb der Ge- 
meinschaft seines Staates zu leben vermag, so ist frei nur, wer 
auch seinen Staat weiß, will und kann. Wer sich nicht zur Idee 
des Staates erhebt, der erhebt sich auch nicht zur Idee seiner selbst 
und seiner Freiheit: die Staatlosigkeit, womit z. B. Proudhon, ein 
ebenso kindlicher Theoretiker wie großartiger und edler, aber maß- 
loser Kritiker, der schließlich sein eignes Produkt selber zunichte 

ao« 



macht — eine herrliche Kuh, gibt Milch, stößt aber den Eimer um 
— die Staatlosigkeit, die Herrschaftslosigkeit, die Obrigkeitslosig- 
keit, womit Proudhon, unter völliger Verkennung der Menschen- 
wirklichkeit, den Menschen in seine höchste Freiheit zu setzen ge- 
denkt, die Verneinung des Staates ist in Wahrheit die Verneinung 
der Freiheit, ja die Verneinung des Lebens der Menschen; die, 
weil ihnen der Staat natürlich ist, niemals zukünftig in ,,die posi- 
tive Anarchie" eintreten können, so wenig wie sie jemals tatsäch- 
lich in ihr gelebt haben und aus ihr herausgetreten sind. Die 
Naturrechtler meinen so; setzen Anarchismus vor Bestehen unsres 
Staates (was ebensolche Schwindelspekulation über Anfänge ist 
wie Nichtsein der Welt vor ihrem Dasein), eines schönen Tages 
wurde dann so der Staat geboren, zur wunderbarsten Über- 
raschung und Freude — der Storch der Rechtsphilosophie hat ihn 
gebracht, ihr lieben Kindlein! Nur unsre modernen ungezogenen 
Anarchisten wollen immer noch vom Staate nicht wissen, sind 
Naturrechtler, die bei dem Naturrecht bleiben, aus seinem Prinzip 
die Konsequenzen ziehen, den Staat aufheben und das Naturrecht 
tatsächlich einführen wollen. Anarchisten sind Naturrechtler ohne 
den Storch, ganz andere, als die von Johann Althusius bis Im- 
manuel Kant gewesen waren, keine scholastischen Anfänge- und 
Mückenseiger: Anarchisten sind Naturrechtler, die Ernst machen 
wollen mit der Theorie des Naturrechts, des Naturstandes — 
nicht als dem terminus a quo zur Erklärung des Staates, son- 
dern zur Vernichtung des Staates, und Naturstand soll ter- 
minus ad quem sein. Sie kehren den Schwindel um, und das 
soll Praxis werden. 

Je mehr wirkliche Bewußtheit von sich selbst, desto mehr 
Bewußtheit auch vom Staate und desto mehr Freiheit: die ein- 
zelnen egoistischen Gewalten, die im Staate sich gebändigt finden 
durch ein in jedem Fall Gewaltigeres, werden damit nicht ver- 
gewaltigt, sondern die gemeinsame Beherrschung wird durch den 
Staat ausgeübt, in welchem es auch gar keinen eigentlichen 
Herrscher gibt, sondern nur einen Repräsentanten der gemein- 
samen Beherrschung. Weder ist dem Regenten das Volk Untertan, 
noch ist der Regent dem Volke Untertan, noch steht er den übrigen 
Volksindividuen gleich, sondern dies ist die Wahrheit des Regenten, 

207 



daß er Repräsentant der gcmeiniamen Beherrschung sei'). In 
Wahrheit ist ein Jeder Herrscher, und wer zur klaren Idee des 
Staates hindurchgedrungen, der kennt nicht allein seine privat- 
rechtlichen, sondern auch seine staatsrechtlichen öffentlichen 
Rechte und Pflichten, nimmt Teil an der Majestät und Souveräni- 
tät des Staates und weiß sich als Mitbehrrrschor der andern und 



') Daher er von unantastlxar würdiger Haltung und derart gestellt Min 
muB, daB er so auch dauernd »ich halten kann. Der Fürst soll, was seinco 
Egoismus betrifft, die gesichertste Person im Staate sein (ließe er sich nur 
auch noch sichern p- '-" ''•e egotstisc h ea F'"^i "se einer Parr--'^ '^rnn 
er hat mit seinem M o das den Men >n sich selbst U . .che 

zu reprlscatiarcn und zu symboUattran: das Uncgoistiach« — Friedrich der 
Große sagte groß : ,,Ich bin der erste Diener meines Staates" und war es. 
Als Hrrrscher ist der Herrscher ohne den egoistischen Eixuchrillcn: kein 
egoistischer Eixvzelwille stimmt ubrmn rTut dem Cesamtwillen der Nation, 

welche der Staat ist. Von solcher I '. und Praxis danach zeigten sich 

früher nur wenige Herrscher ■ der moderne konstitutionelle Staat hat 
nicht allein den übrigen Staatsbürgern, sondern auch den Repräsentanten 
des Staates gut getan, sie zu besseren Patrioten gemacht und ihnen vef> 
deuthcht, daB der Rcpriscntant des Staates xugkkh auch der ReprtacfW 
tant des Rechtes zu sein hat; da ja der Staat seinem Wesen nach das 
Recht ist. Von den früheren Fürsten waren gar nicht wenige die ärgsten 
Anarchisten in ihren Lindern (Luther: ,,Die Fürsten atod fanctniglich 
die grMten Narren oder die Ärgsten Buben auf Erden"), und auch 
die besseren konnten k^um die unbeschr&nkte Freiheit Teriragen — 
St. Just behauptete : On ne peut r^cner innocemment, und es 
bestätigt sich die Wahrheit, daß Gewalt überall den Mißbrauch der 
Gewalt riach sich zieht und in nMnschlichen Dingen kein Verlaß ist auf die 
Menschen, sondern nur auf die Einrichtungen und Verhlltnissc. Zwang 
muß es geben, wie nun die Meruchen einmal smd, auch für den Menschen, 
welcher als Herrscher den unegoistischen Gesamtwillen der Nation zu 
repräsentieren hat, es muß ihm unmöglich sein, crimen laesae nationis zu 
begehen, welches soviel Arger noch ist als crimen laesae majestatu; und 
dazu noch muß er, wie gesagt, auf solcher Hohe sich haJten können, 
d. h. also: der Herrscher muß so gestellt sein, daß für seinen egoistischen 
Menschenwillen, für sein und seiner FamiUe Interesse nach Möglichkeit 
gesorgt ist und er keinen Anlaß findet, dafür zu kämpfen. Nicht ,,Der König 
kann kein Unrecht tun" (The king can do no wrong) sondern: ..Der Konig 
darf möglichst wenig Gelegenheit haben, Unrecht zu tun". Sein und seiner 
Familie Interesse — wobei an Justus Mosers Wort zu erinnern, daB die 
Staatspyramide oben nicht zu dick sein dürfe: ,,Die landesherrliche Familie 
darf nicht zu zahlreich sein, ebensowenig darf sie in der Mitte eine zu große 

ao8 



seiner selbst, das Gesetzgebende, das Richterliche und das Aus- 
übende in sich tragend auch gegen den Aufsätzigen und Empörer, 
den er in sich selber trägt. Und ein solcher — ein solcher Aristo- 
krat — wird freitätig und mit willensvoller Begeisterung voll- 
ziehen, wozu, bei der vorhandenen Verdunkelung in der Allgemein- 
heit, die meisten nur vom Instinkt angetrieben und durch Zwang 
wie Knechte zusammengehalten werden. 

Durch einen Zwang, der in Wahrheit kein Zwang ist, so wenig 
wie der Herrscher ein Herrscher ist. In Wahrheit herrscht ein 
jeder selber, gehorcht sich selber und zwingt auch sich selber in 
der organisierten Gemeinschaft des Staates, — die man nicht, wie 
Gierke, für ein selbständiges Lebewesen zu erklären braucht mit 
Wollen und Handeln verschieden von dem der einzelnen Menschen. 
Der Staat ist das, was tatsächlich alle die einzelnen Egoisten selber 
wollen und selber machen, was die Nation will und tut; und inso- 
fern ist der Staat, als von der Nation gewollt, verschieden vom 
Willen aller der einzelnen Egoisten, inwiefern er über dem Willen 
aller der einzelnen Egoisten steht und niemals will, was die 
einzelnen Egoisten für ihr egoistisches Eigendasein gegen das 
Recht und die Freiheit der übrigen Nation wollen. Die Nation ist 
Schöpfer des Rechtes und der Freiheit, welche gelten kraft der all- 
gemeinen Gewalt, die ebenfalls von der Nation erzeugt und so weit 
hinausversetzt wird aus dem Bereiche der einzelnen Egoisten und 
so viel gewaltiger gemacht wird als deren Gewalt, daß nicht sobald 
weder die einzelnen noch Zusammenrottungen gegen sie etwas 
vermögen und ihnen gar nicht in den Sinn kommen kann, das zu 
versuchen. Die Nation schafft die Gewalt und übergibt sie und da- 
mit das Recht ihrer Anwendung gegen die Einzelnen dem Staate; 
dieses Recht des Staates, Gewalt anzuwenden gegen einzelne 
Staatsbürger, ist die Pflicht des Staates gegen die Gesamtheit der 



hohe Dienerschaft am Halskragen oder zu viel unbehüteten Adel am Bauche 
haben. Unten kann sie nicht leicht zu zahlreich, zu stark und nicht leicht 
zu gut gefugt sein." Und noch einmal Friedrich den Großen reden zu 
lassen (im Anti-Machiavell) : „Mir scheint, daß, wenn eine Verfassung 
heutzutage als Muster der Weisheit gelten sollte, es die englische wäre; 
denn da ist das Parlament Schiedsrichter zwischen Volk und König, und 
dieser hat alle Macht Gutes, aber gar keine Böses zu tun." 

209 1^ 



Staatsbürger, gegen die Nation, in deren Auftrage der Staat das 
Recht der Gewalt ausübt. Auch die Schranke dieses Gewalts- 
rechtes ist damit für den Staat bestimmt: ihm steht nicht mehr 
Recht der Gewalt gegen Afn Einzelnen zu nl«; die Pfürht gegen 
die Gesamtheit erfordert. 

Recljt und Freiheit herrschen nur so weit, wie weit sie ge- 
waltig ge nacht sind; so weit herrschen sie mittelbar, durch die 
Gewalt. An sich selbst, unmittelbar, wie sollten sie herrschen ? 
An sich selbst unn^ittelbar herrschend ist nur die Alleinherrscherin 
Gewalt. Daher nun auch — wir müssen dies ebenfalls uns klar 
machen; es gehört durchaus mit zu dem, was unser Gegenstand 
fordert — dalier nun auch Recht lediglich im Staate, innerhalb 
einer Nation herrschen kann, nicht zwischen den Staaten: weil es 
für die Staaten keine Obrigkeit, kein Gericht und keine das Recht 
vollziehende Gewalt gibt, wodurch die Staaten zu einer Rechts- 
gen'>einschaft verbunden und in das Verhältnis von Rechts- 
subjekten, von Rechtsgenossen gesetzt wurden, die Recht oder 
Unrecht bekommen. Die Staaten sind Richter in ihrer 
eignen Sache und betrachten sich rücht als Glieder einer Einheit, 
sondern als Gleiche und Absolute, zwischen denen in Wirklichkeit 
gar kein Streit des Rechts oder Unrechts statthat; die einander 
nehmen, was sie können, sobald sie können. Sie nehmen sich 
damit nur ihr Recht, wie sie in jedem Falle dazu reden, und geben 
de n andern Utuecht, schieben einer auf den andern alles Bdse — 
die Volker reden wie die Menschen. Die Volker reden wie die 
Menschen: zu egoistischem Tun sehr viel Moral. Damit ist 
gesagt, was über das Verhiltnis Ton Politik 
und Moral zu sagen ist, über dieses unausgesetzt 
zwischen den Völkern bestehende, hauptsächlich aber in den 
Zeiten ihrer Erregung gegeneinander hervortretende Verhältnis. 
Zu egoistischem Tun sehr viel Moralrede — genau so viel mora- 
lische Kritik, d. i. sich selber gerecht und den andern ungerecht 
machen, als wie Egoismus vorhanden. Ihr Mund ist glätter denn 
Butter und haben doch Krieg im Sinn. Und bevor die Kriegs- 
posaune spricht, blasen sie auf der Moraltrompcte — hüben wie 
drüben dasselbe Stucklein von der gerechten Sache. Sie reden 
auch — heute immer noch — vom Kriege als von einem Gottes- 

sio 



urteil (Tac. Germ: deum adesse bellantibus credunt). Zu jedem 
Heere heißt es vor dem Krieg, Gott stehe auf seiner Seite, weil 
auf seiner Seite das Recht wäre, und nach dem Siege, es sei 
Gottes Gnade gewesen — nur, daß die Besiegten nichts ent- 
sprechend von Gottes Ungnade hören lassen und nichts davon, 
daß sieimirrtum gewesen seien, daß Gott auf Seiten der Feinde und 
nicht auf ihrer Seite war, weil sie Unrecht gehabt hätten^). Gott 
ist, nach Friedrichs Wort, mit den stärksten Bataillonen; der 
Gott des Sieges ist nicht das Recht ohne Rücksicht auf die mensch- 
liche Gewalt, sondern die menschliche Gewalt ohne das Recht 
oder das Völkerrecht. Völkerrecht ist kein Recht. Muß man das 
Völkerrecht als eine gültige Rechtsidee ansehen, so könnte es 
doch Recht werden erst durch äußere Verwirklichung, wenn ein 
geeigneter Körper sein Träger würde: wie der Staat mit seiner 
Macht Träger der Rechtsideen ist, die dadurch als Rechte gelten. 
Völkerrecht ohne Rechts-, Schutz- und Zwangsmittel hat keinerlei 
Körper und Gestalt, ist ein Wort — geduldig wie andre Wörter 
auch. Völkerrecht ganz so wie Ewiger Friede sind Spiel mit Vor- 
stellunsgbildern in Phantasierköpfen, die über ihrem Spielen das 
Wesen der Staaten, des Rechts, der menschlichen Natur und 
dieser ganzen relativen Welt der Dinge verkennen; in der nirgend- 
wo etwas solchen Hirngespinsten Ähnliches zur Erscheinung 
kommt. Unschmackhaft sind alle die abergläubischen und un- 
sachlichen Wörter, die Wörter ohne Sachen, welche dem Denken 
den Raum wegnehmen und eine gefährliche Kluft hineinschaffen. 
Wir sollten das Wort Völkerrecht wieder außer Gebrauch und 
zurückstellen für die Zeiten, wo es welches geben wird. Heute 
gibt es Völkerrecht nur im Frieden, womit aber eben dieses Recht 
zum Nichtrecht gemacht und seine Herrschaft völlig in die Luft 
gestellt ist. Das herrscht nicht als Recht, was beliebig kann auf- 
gehoben werden, nur gilt, wenn kein Streit ist, beim Streite aber 
auf der Faust steht. So lang es Kriege gibt, gibt es kein Völker- 



^) Der alte Dessauer betete vor der Schlacht bei Kesselsdorf an der 
Front: „Lieber Gott, hilf unsl Willst du uns aber nicht helfen, so hilf 
auch wenigstens den Schuften, den Feinden nicht, sondern sieh zu, wie 
es kommt!" Ganz ebenso hat Barkochba gebetet: Herr, willst du uns 
nicht helfen, so hilf doch auch nicht dem Feinde. Midr. r, zu Echah II, 2. 



211 



U" 



recht und hat das Recht in der Wortzusammensetzung Völker- 
recht so wenig den Sinn des Wortes Recht wie in Kriegsrecht 
oder Recht des Stärkeren oder Recht des Wolfes über das Schaf 
oder Kanonisches Recht, wenn man darunter das Recht der 
Kanonen versteht. Volkerrecht im eigentlichen Sinne ist nicht, 
hat auch nicht angefangen zu sein, so daQ man sagen könnte, m 
wird wachsen und werden; das corpus mysticum, wovon seine 
Anhänger phantasieren, kann nicht wirklich herrschen, über die 
gebildetenVolker so wenig wie über die ungebildeteren. Da ver- 
sprechen sich die Gebildeten wieder einmal Unsinniges von der 
Bildung, wenn sie meinen, die könne die tierischen Urinstinkte 
auslöschen, die natürlicherweise unter allen Verhältnissen sich 
erhaltenden und bei jeder Gelegerüieit ex tempore sich zuverlässig 
bewä^irenden tierischen Urinstinkte. Das Volkerrecht hat noch 
nicht angefangen; denn die Kriege haben noch nicht aufgehört: 
wurden sie weniger häufig, so wüten sie dafür um so mörde- 
rischer (schon weil die allgemeine Wehrpflicht größere Heere 
gibt als das Soldnerwesen und Alles immer mehr hinauskommt 
auf wissenschaftliche Abschlachtung und Verderben durch syste- 
matisch organisierte Hmterhst — sie möchten am liebsten Teufel 
der Zerstörung sein). Bei jeder Gelegenlieit erwies bis jetzt die Ge- 
schichte und wird künftighin erweisen, d^ß nichts andres wirklich 
herrscht als Volkergewalt. Damit lehrt die Geschichte das einzige, 
was sie lehren kann: die Herrschaft des egoistischen Prinzips über 
die Menschheit, und gibt zwar nicht dem Denkenden neuen Auf- 
schluß, aber :nacht den unveränderlichen Charakter der Mensch- 
heit und, wie sie es bei diesem ihrem unveränderlichen egoistischen 
Charakter hält, gleichsam in der Vergrößerung, Vereinfachung 
und Nacktheit deutlicher erkennbar. Die Volker im ganzen be- 
nehmensich gegeneinander wie die naiven und primitivenMenschen; 
sie bekommen Streit, fallen übereinander her, hegen Wut und 
Rachgier und schelten sich gegenseitig Schurken und Verbrecher; 
— ob das möglich wäre, daß die Völker nur ihre Interessen mit den 
Waffen ausmachten, das Andre aber besorgen ließen durch eine 
Kommission von Hokerweibern und Hille Bobbes: ,,Du lügst!" — 
,, ,,Nein du lugst!"'* — ,,Ich bin gut, bin der Beste und du 
bist der Schlechteste!" — .. ..Nein d u bist der Schlechteste, du 

2ii 



Bandit, du barbarischer Schandkerl, du Hyäne', du Satan!" " 

nein, das ist nicht möglich: die Völker bestehen aus Menschen, 
und was sind die Menschen ? EgoistischeWesen mit moralkritischem 
Unwesen. In Tun und Reden gleichen die Völker den 
einzelnen Menschen: ihr egoistisches Tun begleiten sie mit un- 
egoistischen, moralischen Reden und suchen es darin einzu- 
schleiern^). Nicht Völkerrecht herrscht, sondern Völkermacht — 
die Völker heißen auch Mächte, nicht Rechte. Völkergewalt 
herrscht, physische Gewalt, physische Übermacht. Auch schon im 
Frieden stehen die Völker gerüstet gegeneinander. Die gebildeten 
weit furchtbarer als die ungebildeten, auf alle Weise listig sich be- 
lauernd; und der Streit ihres egoistischen Interesses oder ihrer 



^) (Z). Zum Dual von Egoismus mit abergläubischem, moralischem 
Geschwätz brachten die Rechtfertigungen der befeindeten Völker zu Be- 
ginn des großen Krieges wiederum schönste Belehrung. Aber hinaus über 
das Maß des noch belachbar Lächerlichen war der Aufruf Nikolaus II. 
„An meine lieben Juden", die „eingedenk der Wohltaten Rußlands und 
des Hauses Romanow" Kriegsfreiwillige stellen sollten!! An Erweisen 
der Liebe und Wohltaten fehlte es auch während des Krieges nicht, denn 
es fehlte nicht an Pogromen und, was die 350 000 Juden anbelangt, 
die im russischen Heere fochten, so verordnete ein Regierungserlaß die 
Vertreibung ihrer Frauen und Kinder aus den sämtlichen Städten außer- 
halb des Ansiedlungsrayons (aus Petersburg, Moskau, Kiew usw.) — 
wo diese ja Wohnrecht besaßen nur durch ihre Männer und Väter. Selbst- 
verständlich hört diese Wohltat auf, wenn die Männer und Väter davon- 
gehen, um für den Wohltäter zu kämpfen und zu sterben. ,, Die Zustände", 
heißt es in einem Bericht nach dem ,Nowi Moschod', „sind schrecklicher 
als zur Zeit der spanischen Judenaustreibungen von 1492. Denn damals 
dienten doch die Söhne der Vertriebenen nicht in dem Heere Ferdinands 
des Katholischen. In Rußland aber begegnen die jammervollen Züge 
der Vertriebenen auf ihrem Wege unter den Soldaten des Zaren ihren 
Vätern, Gatten, Kindern, Brüdern, die in umgekehrter Richtung hinaus- 
ziehen, um das Land zu verteidigen, aus dem man ihre Familien verjagt. 
Eine Tragödie sondergleichen. Aber auch die jüdischen Soldaten selbst 
werden nicht besser behandelt. In Moskau wurde einem solchen im 
Lazarett ein Arm abgenommen. Als er das Lazarett verließ, wurde er 
schleunigst ausgewiesen. Ist seine Heimat vom Feinde besetzt, so mag 
er sehen, wo er bleibt. Er kann nicht außerhalb der Zone leben, in der 
seine Stammesgenossen zusammengepfercht sind." — Und welche Be- 
lehrung nun gar erst hat der ,, Friede" nach diesem Krieg gebracht ! 
Ja, die Lehren sind gut, aber die Schüler, die Schüler! ! 

213 



Politik, wird er nicht durch Ineüljchc Übereinkunft geschlichtet 
oder hält nicht Furcht sie auseinander, hat ohne weiteres die 
Selbsthülfe des Krieges zur Folge, ,,die Fortsetzung der Politik 
mit andern Mitteln", mit dem letzten Mittel des Heeres, welches 
mehr als ein politisches Mittel, welches die Macht des Staates 
selber, welches der Staat selber ist, die Physis der Staaten. 
Krieg ist Politik mit den Leibern, ist Zweikampf (bellum => 
duellun:) zwischen den Leibern der Staatsburger als des Einen 
Staatsleibes; jedes Volk fügt dem andern Volke möglichst viel 
Schaden zu durch legitimes und illegitimes, offenes oder hinter- 
tuckisches Töten, Verwunden'), Verbrennen und Zerstören aller 
Art so lange, bis der Sieger von dem erschöpften Besiegten nehmen 
kann, was er will. Was er nach dem Siege will. Das ist gewohnlich 
mehr als das vor dem Siege Gewollte; der Kriegszweck des 
Nehm.ens wird mit dem Siegen größer, und die Große der Volker 
— jedes Volk hat so viel, als es zu nehmen m&chtig genug war, 
und fragt dabei nicht mehr als ein Strom fragt, woher die Wässer 
kommen, die ihn vergrößern*). Von Volkerrecht gibt es im Kriege 

') Manche halten das Verwunden für wirksamer, weil et dem Feinde 
mehr Kosten und Arbeit macht. 

') Was den Ki (ft, %o »oll ihm mit dem Gesagten »rinr 

^^,.t .. v.t.i^ P '. .. u-t ketncswcf» abfcqwocbaa sein. Die M.o^^o- 
1 ' AUS mit den StaattnbOdkinfan: sie bedarf auch von 

Zeit zu Zeit feindlicher Begegnung der Staaten im Naturzustande, so wie 
sie nicht weniger von Zeit zu Zeit Revolutionen notig hat. Der Krieg 
ist zuweilen die naturst&ndhcheRri^ulietur.g dcrMachtvertiältnisse, besorgt 
die Verschiebung oder günzhihe UmAnderunf, wodurch neuer TraggrurKl 
nationaler Rechtsordnungen und Arbeitsleistungen gesichert und faul 
gewordenen Volkern ein Ende berettet wird — zuweilen besorgt 
dies der Knr^', nicht immer: wollten wir sagen immer, so würde 
damit der Naturstand zum höchsten Rechte gemacht — oder er ft&rkt 
die noch geschichtlich starken Volker. Darüt>er drückt Hegel sich gut 
aus: der Krieg erhalte „die sitthche Gesundheit der Völker in ihrer In- 
differenz gegen das Festwerden der endlichen Bestimmtheiten, wie die 
Bewegung die See vor der Fiulnis bewahrt, in welche sie eine dauernde 
Ruhe, wie Völker ein dauernder oder gar ein ewiger Friede, versetzen 
Würde. ... Im Frieden dehnt sich das bürgerliche Let>en mehr aus, alle 
Sphären hausen sich ein, und es ist auf die Länge ein Versumpfen der 
Menschen; ihre Partikularitäten werden immer fester und verknöchern. 
Aber zur Gesundheit gehört die Einheit des Körpers, und warn die Teilt 

214 



nichts als den Bruch des Völkerrechts, der mit dem Allerwunder- 
barsten des Völkerrechts gesühnt wird: mit Repressalien, 
mit der Vergeltung an gänzlich Unschuldigen. 

Völkerrecht ist bei so bewandter Tatsächlichkeit der Verhält- 
nisse und des Verhaltens nicht zu entdecken. Von ihm reden heißt 
Allotrien treiben, während hinsichtlich des Rechts noch sc viel 
zu geschehen hat da, wo geschehen kann, wo es näm'ich Recht 
gibt: im Staate; von Völkerrecht reden heißt das Wort Recht ent- 
weihen und das Recht und seine Grenzen verkennen. Die 
Grenzen des Staates sind die auch des Rechts — die Heringe 
können im Weltmeer leben, nicht aber die Menschen in einem 
Weltstaate, sondern nur in den Rechtsgemeinschaften der be- 
sonderen Staaten. Zwischen den Staaten ist Nichtrecht, Gewalt- 
tätigkeit, Naturstand, Selbsthilfe, welche keine Schranke kennt 
als die von der Natur gesetzte — dies kann zurzeit nicht anders 
sein; und im Kriege müssen also die Staatsbürger sich außerhalb 
des Rechtes in die Rechtlosigkeit stellen und in den Naturstand 
der Selbsthilfe gegen die feindlichen Staatsbürger und müssen ihr 
Leben einsetzen als Glieder des Ganzen, für das Ganze, für die 
Pracht und das Glück ihres Vaterlandes, ihres Rechtsstaates. 

Nur im Rechtsstaate, innerhalb der Nation, ist Recht, Freiheit 
undFriedensordnung; denn im Staate wird das Recht und die Frei- 
heit gewaltig und hoch gemacht durch die Nation und wird der 
Selbsthilfe gewehrt. Im Staate macht die Nation das Recht zu einer 
Naturschranke, zu einer herrschenden Naturnotwendigkeit, durch 
den in die Wirklichkeit gesetzten, den Rechtsbruch bestrafenden 
und auf alle mögliche Weise das Recht vollziehenden Rechts- 
körper; der Staat selber, d. i. die ganze Nation, die Heeresm.acht, 
ist zuletzt dieser Rechtskörper. Die Nation schafft das Recht und 
schafft den Zwang zum Rechte, weil sie nur durch den Zwang 
erst das Recht und durch das Recht erst die Freiheit schaffen 
kann. Dem Zwang zum Rechte unterworfen sein, das heißt der 
Freiheit teilhaftig sein, weil dieser Zwang hinzugehört zur Freiheit, 

in sich hart werden, so ist der Tod da . . . Aus den Kriegen gehen die 
Völker nicht allein gestärkt hervor, sondern Nationen, die in sich unver- 
träglich sind, gewinnen durch Kriege nach außen Ruhe im Innern." 

215 



die man naluriich nicht verstehen dan wie uie Narren und wie 
die Knechte: als souveräne Freiheit, mit den Dingen und an den 
Menschen zu tun, wie es sie gelüstet, oder als absolute Freiheit 
(derengleichen es innerhalb der Relativität nicht geben kann). 
Daß aber der Zwang zum Rechte tatsächlich zu der Freiheit hinzu- 
gehört, das merkt jeder im Kriege oder während der Revolution, 
wenn die Arbeitsleistung der Einzelnen und die Gesamtarbeits- 
leistung der Nation und mehr oder weniger auch der Zwang zum 
Rechte aufgehoben und die Sicherheit des Lebens gestört ist, d. h. 
wenn ohne Recht nur Gewalt, Leidenschaft, Willkür herrscht; das 
merkt, in Friedenszeiten, auch sogar einer, der Willkür für Freiheil 
hält, sobald gegen ihn selbst ein andrer seine Willkur als 
seine Freiheit auslassen möchte; und wer wollte nicht mit 
Freuden auf sein eignes Willkurgelust Verzicht tun, wenn 
es ihm und zugleich allen übrigen Menschen gestattet wurde f 
Man muß sich nur recht ausmalen, wie es unfehlbar herginge, wenn 
so auf einen Schlag aller Zwang zu Gesetz und Recht aufgehoben 
und Naturzustand hergestellt wäre!! Wer den Menschen kennt, 
wimscht nicht mit ihm im Naturzustande zu leben und findet, 
daß auch noch im Staate — ungerechnet Mord, Raub, Diebstahl, 
Duellantentum — genug Rechtlosigkeit und Unfreiheit infolge 
ununtcrdruckbaren Naturzustandes fortbesteht. Also Freiheit mit 
Zwang, mit der Unfreiheit, ohne welche Freiheit nicht bestehen 
kann (rem publicam geri sine injuria non posse). Freiheit des 
einen eingeschränkt durch die Freiheit des andern bei uneiitge- 
schränkter Rechtsfähigkeit eines jeden. Ohne die Unterordnung 
unter diese Beschränkung und das Gesetz kann in keiner Ge- 
meinschaft die möglichst große Freiheit aller ihren Bestand haben, 
herrscht nicht das Recht gleichmäßig über alle, ihre verschiedenen, 
ungleichartigen Kräfte äquilibrierend, sondern herrscht einer mit 
seiner Willkur über den andern. Freiheit ist immer Freiheit mit 
dem Zwang zum Rechte. Der Zwang dient dem Rechte, das Recht 
dient der Freiheit, — die Freiheit ist die des Rechtes, des von der 
Privatgewalt und ihrem Mißbrauch unabhängigen Rechtes. Das 
ist die Freiheit, die in Wahrheit jeder will, und will darum auch 
den Zwang zu ihr; und darum muß zu dieser Freiheit gezwungen 
werden jeder durch alle, weil nicht jeder jederzeit und unter allen 

216 



Umständen weiß, was er in Wahrheit will: nämlich die Freiheit 
des Rechtes und den Zwang dazu. Der Zwang ist die Bedingung 
und das Mittel des Rechts- und Freiheitsstaates; ein jeder will da 
gezwungen sein, wie ein jeder die Mittel will, wenn er den Zweck 
will. Und der Zwang, den jeder will und jeder schafft, ist also in 
Wahrheit kein Zwang für keinen. Nicht mehr Zwang wie das, 
was am wenigsten Zwang zu sein scheint, in Wahrheit doch aber 
gleichfalls Zwang ist, der nur unmittelbar jedem aus dem eignen 
Selbst heraufkommt und dem ein jeder unmittelbar gehorcht, — 
ich rede von dem Zwang zum Essen und Trinken. Es ist nun nicht 
so, daß alle Menschen vom Staate wissen müssen unmittelbar, wie 
sie alle essen und trinken müssen, — obwohl sie das ohne den 
Staat nicht könnten. Und darum müssen sie mittelbar den Zwang 
zum Staate schaffen, indem sie sich selber festlegen gegen ihre 
eigne Unzuverlässigkeit, Rücksichtslosigkeit, Willkür und Unge- 
rechtigkeit, diesem allem die Gewalt und gleichsam der Gewalt 
selber ihre Gewalt abnehmend und dem Recht und der Freiheit- 
sie verbindend. 

Das wissen und verstehen sie nicht, was der Staat ist, und daß 
die Luft des Staates, die uns umweht, unser aller Wille und Macht 
ist, unser aller Wille zu dem großen Willen gegen unsren eignen 
kleinen Willen, unser aller große Macht gegen unsre eigne kleine 
Macht. ( — Solcherart ist in vollem Umfange wahr Hobbes 
und Spinozas Wort, daß wir so viel Recht besäßen wie wir 
Gewalt besitzen: in jedem Staate herrscht so weit Recht, 
wie weit darin Recht genügende Gewalt hat). Sie wissen 
in diesem ihrem Allerbedeutendsten nicht, was sie wollen, 
müssen und können^). Aber wovon denn überhaupt wissen 
sie, die nirgendwo loskommen mit ihren Gedanken von der 
Knechtschaft in die Freiheit ? Von nichts wissen sie, außer von 
ihrem ersten, individuellen Egoismus, von der Enge ihrer Ver- 



') Wenn hier der Raum wäre zu solcher Auseinandersetzung, so müßte 
hier angeknüpft werden an das Allgemeine des menschlichen W o 1 1 e n s 
u n d T u n s , wie ich es in meinem Hauptwerke auseinandergesetzt habe, 
an die Lehre von der Unfreiheit des Willens, der sich für frei hält. Der 
Wille aller zum Staate zeigt den Übergang des freiheitbewußten Willens 
in den ohne solche Bewußtheit vorhandenen und sich vollziehenden. 

217 



kehrtheit und Lieblosigkeit und von ihrem Willkurgelust; so da£ 
in Wahrheit ja nun nichts besteht als niedergehaltene und immer 
wieder hervorbrechende Anarchie der Einzelegoismen und die 
staathch lebenden Menschen Bestien sind, die (weil sie, die wil- 
desten von allen, sonst untereinander aufgerieben würden) sich 
selber in den Käfig liefern, aus dem sie doch, wo es angeht, aus- 
brechen. Die Staathchen lehnen immerwä.hrend gegen den 
Staat sich auf .... wer privatim oder öffentlich, als emer, der 
frei dabei ausgeht, oder als einer, der dafür bestraft wird, gegen 
die Freiheit der andern sich vergeht, gegen die Freiheit und Sicher- 
heit ihrer Person, ihres Eigentums, ihrer Handlungen, ihres Ge- 
wissens, sie hindert an dieser Freiheit oder sie ihnen beschrinkt: 
der bekimpft das Staatsprinzip und den Staat. Die Egoisten 
liegen best&ndig im Kampf mit dem Staate, den sie beständig pro- 
duzieren; sie liegen beständig im Kampf um die Lebensfursorge 
gegeneinander und leisten, darüber hinweg, beständig einander 
Beihilfe zur Lebensfursorge. 

Man Sicht ein; uic Lebctutursorgc ist der Staatsbaukünstler. 
Dieselbe Lebensfursorge also, welche das Verhalten des einzelnen 
in seinem ersten, individuellen Egoismus bestimmt, bringt 
auch die Ordnung und Gliederung der Rechts- und Zwangs- 
gemeinschaft oder den Staat hervor, den zweiten, den allgemeinen 
Egoismus, ohne welchen der erste keinen Bestand hätte; in unser 
aller Natur liegt die staatserzeugende Kraft, und der Staat ist 
unser natürliches Bedürfnis, welches nur deswegen, weil es sich 
immerwährend befriedigt findet, von den meisten nicht gefühlt und 
nicht gewußt wird. Aber es kann, soll und muO in 
unsren modernen Staaten von den Nationen 
mehr gefühlt und besser gewußt werden! Der 
Begriff des modernen Rechtsstaates fordert das riationale Bewußt- 
sein; denn der moderne Rechtsstaat hält sich durch die Nation und 
setzt eine beständige Eingebung des nationalen Geistes voraus — 
im Bewußtsein der Nation muß das Recht und die Freiheit lebendig 
sein. Die älteren, ständischen Rechtsstaaten waren Fursten- 
staaten, sie gehörten den Fürsten, die sie regierten (quod principt 
placuit, legis habet vigorem), die sie teilen, abtreten, verkaufen 

2t8 



konnten, und es ging her, wie Tacitus vom Germanenreiche sagt, 
daß die Fürsten für ihren Ruhm und die Völker für die Fürsten 
kämpften; die Länder gehörten den Fürsten, die Einwohner ihrer 
Länder waren den Fürsten Untertan, waren Subjecti: die modernen, 
konstitutionellen Rechtsstaaten aber sind Nationalstaaten, ge- 
hören der Nation, die sich selber gehört als ein unteilbar Eines, und 
sich selber regiert. Unser Deutschland war noch bis vor hundert 
Jahren kein Nationalstaat und in ihm ziemliche Barbarei an der 
Herrschaft. Die Deutschen waren keine Patrioten, wie etwa die 
Römer, die Griechen, die Israeliten gewesen waren, welche der 
Patriotismus zu Helden und zu Propheten machte, — für die Is- 
raeliten stand die Hingabe an die Einheit des Staates im Zu- 
sammenhange mit ihrem Bewußtsein von der Einheit Gottes, beides 
war ihnen im Grunde dasselbe; ,,Gott allein ist Herr, der Tod 
gleichgültig, die Freiheit eines und alles", hat Judas der Galiläer ge- 
sagt, ein Held und Stammvater eines Heldengeschlechts. — Die 
Deutschen nahmen nicht teil am Leben des Staates, sie nahmen 
daran weniger teil als die Bürger der Staaten um sie her und 
waren weniger patriotisch als diese; es klingt ganz ungeheuerlich 
und ist doch wahr — in der Geschichte sind die ungeheuerlichsten 
Ungeheuerlichkeiten wahr geworden — : in allen den Jahrhunder- 
ten der deutschen Geschichte gab es nur einen einzigen Mann, der 
etwas von deutsch nationalem Wesen an sich hatte, Luther; und 
der ist ohne Wirkung auf die Allgemeinheit geblieben hinsichtlich 
eines deutschnationalen Bewußtseins im höheren Sinne. Was da- 
von in der Reformation, was davon bereits in der hussitischen Be- 
wegung zu leben begann, ging schnell wieder unter in politischen 
^Sonderinteressen und in theologischer Dogmatik und Praxis. 
Deutschland war ,,mehr Idee als Land", noch im Jahre 1854 
konnte Jakob Grimm (in dem Vorwort zum Deutschen Wörter- 
buch) schreiben: ,,Was haben wir denn Gemeinsames als un- 
sere Sprache und Literatur?!" — in den besten Deutsch n 
kam Kosmopolitismus herauf, der alle vaterländischen Empfin- 
dungen verlachte. Im neuen Rechtsstaate Deutschland nun aber, 
bei verfassungsmäßigem, lebendigem Verhältnis der Staatsbürger 
zu ihrem Staate, ist der Patriotismus nicht anders als natürlich; 
in allen modernen Rechtsstaaten, Nationalstaaten, bei der vor- • 



219 



handenen Einheit von Staat und Nation ist der Patriotismus der 
Staatsbürger natürliche Bedingung: es ist i h r Staat, der Staat der 
Staatsbürger, die selber der Staat sind mit ihren Pflichten, 
mit der allgemeinen Steuerpflicht, der allgemeinen Wehrpflidit — 
die, nebenbei bemerkt, der große Politiker Spinoza bereits kennt und 
die lange vor Spinoza der mosaische Staat praktisch kannte — 
deswegen haben sie auch selber über ihren Rechten zu wachen 
(über den politischen Grundrechten der Person, des Eigentums, 
des Glaubens und Meinens, über der Freiheit der Gerichte, der 
Volksvertretung und durch diese nicht zuletzt auch über der Re- 
gierung und Äußeren Politik), was ohne Staats« und National- 
bewußtsein nicht möglich ist; und dieses Bewußtsein muß hoch 
gesteigert sein gegenüber der neuen groI^n Gefahr, die mit den 
neuen Staaten heraufkam. Die neuen Staaten, mit ihrem Rechte 
und ihrer Freiheit aller Individuen (und ihrer allgemeinen Bildung, 
die sehr viele nichtsnutzige Psychologisierer, unzufriedene Utopisten 
und Emporer macht unawo neuestens eine sounheimlirhe Wirkung 
der Kopf kranken auf die Kopfschwachen sich zu äußern beginnt), 
unsre Staaten haben noch einen andern Feind aui^r dem von außen 
herankommenden -- den im Innern lauernden Feind des miß- 
verstandenen Individualismus, der die Gesellschaft auf das Natur- 
recht stellen will anstatt auf den Staat. Das ist die neue Gefahr des 
Zeitalters, die Gefahr der Antipolitik, die nicht einen Staat durch 
den andern bedroht, sondern sogar die Idee und das Prinzip des 
Staates, d. i., wie wir geschert haben, die Idee und das Prinzip 
der Lebensmöglichkeit des Menschen. Comte nennt den Individua- 
lismus die abendländische Krankheit — zu Unrecht; man konnte 
ihn eher die abendländische Gesundheit nennen: aber das ist nicht 
zuviel, wenn man den naturrechtlichen Individualismus, den 
Anarchismus, als das Ungeziefer am Leibe unsrer jungen Politik 
bezeichnet, und es würde zur Stärkung der abendländischen Ge- 
sundheit, der wahrhaft individuellen Freiheit nämlich viel bei- 
tragen, wollte man die Augen öffnen über dem reichlichen und 
immer noch im Wachsen begriffenen Mißbrauch, der im Abend- 
lande mit dem Begriffe des Individualismus getrieben wird. 

Esdurfte hier der Ort sein zu einerallgemeinen Bemerkung über 
die verlängerte Eisenstange. Man kann sich einen Eisenstab so weit 



230 



verlängert vorstellen, bis er durch seine eigne Schwere zerrissen 
wird — damit soll illustriert und bezeichnet sein, daß die Konse- 
quenzen auch nützlicher und guter Gedanken (manchmal sogar 
in den Denkenden selber, sehr häufig aber) in den Köpfen Un- 
denkender verhängnisvoll werden können. Und ich sage, wir 
treten in das Zeitalter der verlängerten Eisenstange, weil mit der 
zunehmenden Bildung in der Allgemeinheit immer mehr und mehr 
nichtdenkende Köpfe über die guten Gedanken sich hermachen 
und ihre verwirrenden Konsequenzen daraus ziehen, wie z. B. 
aus dem in der Bibel verkündeten und das Prinzip unsrer 
Staaten ausmachenden Prinzip von der Freiheit des Menschen. 
Der Extravaganzen und Exzesse infolge von Konsequenzen aus 
diesem Gedanken, der ,, Bewegungen'* wider Natur und Kultur 
in der Menge der Gebildeten, die, unfähig, selber etwas Rechtes 
zu finden, das von den Rechten gefundene Rechte über das 
Maß hinaustreiben, sich und andern und dem ganzen gemeinen 
Wesen zum Verderben, — dieser Bewegungen ist eine Unzahl be- 
reits: Emanzipation des Weibes von solcher Art, daß dabei das 
Weib aufhören würde, Weib zu sein; Emanzipation des Kindes, 
Unabhängigkeit des Kindes von Eltern und Erziehern, vielmehr 
deren Erziehung durch das Kind (wofür bereits Zeitschriften, von 
Kindern redigiert und von unreifen Erwachsenen unterstützt, 
welche mit der Kinderfahne Aufmerksamkeit erregen — die Schul- 
kinder sollen auch stets selber bestimmen, was sie lernen wollen, 
und die Säuglinge gefragt werden: Bier oder Milch?); Emanzi- 
pation allermodernster ,, Dichtung" und ,, Kunst" von der Kritik 
(das Hauptblatt des ,, Futurismus" Montjoie schreibt: Nousavons 
tu6 la vieille critique; eile est morte ä jamais etc.) — das und vieles 
andere ist Verlängerte - Eisenstangen - Konsequenz und Wahr- 
heitüberschraubung aus dem Gedanken der Freiheit oder Miß- 
brauch mit dem Individualismus, und der naturrechtliche Anar- 
chismus gehört ganz gewiß hierher. Von dem übrigen Herge- 
hörigen als das Verhängnisvollste erscheint der nationalistische 
und der Rassen-Individualismus. Wahrheitsüberschraubung 
(zum Teil zusammenfallend mit der oben bereits gekennzeich- 
neten Verkehrtheit, entweder nur die Ähnlichkeit oder nur die 
Verschiedenheit zu gewahren — hinsichtlich des Individualis- 

221 



mus nur die Verschiedenheit, nur dta in der Tat Unvergleich- 
liche, Niedagewesene und Niewiederkommendc des Individuunis, 
jedes Individuums, gar nicht das Gemeinsame aller Indivi- 
duen der Gattung) — Wahrhcitsuberschraubung ist ein Unglück 
für das Denken und (ur die Menschen, nicht viel kleiner wie 
jenes andre, aus der Geschichte der Religionen bereits genugsam 
bekannte Unglück: das nur bildlich Bedeutende der Wahrheit 
für eine wirkhch dingliche und geschichtliche Tats&chlichkeit 
zu nehmen. — 

II. 

Haben wir den Staat, das Vaterland und mithin auch die Liebe 
zum Vaterlande als dem Menschen unsrer Staaten natürlich und 
notwendig erkannt wie nur irgend andres ihm Naturliches und 
Notwendiges; ist der Mangel an Gedanken und Empfindungen für 
das Vaterland, geschweige denn das Gegenteil davon als unnatur- 
lich, konfus und schindUch und schädlich zu bezeichnen; und 
muß den politisch Reifen der Nation alles daran gelegen sein, die 
Idee vom Geiste des Vaterlandes oder doch wenigstens das Gefühl 
dafür nach Möglichkeit zu st&rken: so gilt es aber nicht allein, 
denen entgegenzuarbeiten, welche hier Verwirrung und Zerstörung 
anrichten, sondern auch dem Spiel mit Vorwerferei von Vater- 
landslosigkeit muß Einhalt geboten werden. Dadurch finden sich 
die im Denken Schwächeren gefährdet und werden gar endlich, 
was zu sein man unablässig sie verdichtigt. Auch die Sozialdemo- 
kraten — je eher man aufhören wird mit Reden der AnmABung 
und Herabsetzung und mit einem unnaturlichen Patriotismus, 
mit teutschtumelnden Überspanntheiten sie zu reizen und ihren 
Spott und Ekel zu wecken (Teutschtümelei hat vielen heute 
Deutschtum verekelt, gar zu häufig maskiert sich Neid und Dunkel 
darein — wo derartige Tumelei sich zeigt, auch in literarischen 
Zeitschriften, da ist kein reines Deutschtum, kein Deutschtum 
ohne Hintergegend von Verrücktheit und Krankheit), desto eher 
werden auch die Sozialdemokraten wieder beweisen, daB sie im 
Grunde so national sind wie die Sozialdemokraten andrer Linder 
und wie die andren beiden Parteien Deutschlands. Und das kann 
gar nicht ausbleiben, daß die Sozialdemokratie Deutschlands so 

2S3 



deutschnational mit Bewußtsein wieder wird, wie ihr Begründer 
Lassalle gewesen ist; sie ist ja eine Partei, d. i. ein Teil der deut- 
schen Nation, sie kann also gar nicht anders als deutschnational 
sein — scheint sie anders, so in ähnlicher Weise und aus ähnlichen 
Gründen (weil man sie reizt und ihr Bewußtsein verwirrt) wie die 
Juden als Antisemiten. 

Es gibt in unsren modernen Staaten und auch in unsrem 
Staate drei verschiedene Hauptparteien — nicht Parteiungen, die 
sich vorübergehend zur Erreichung irgend eines bestimmten 
Zweckes zusammengeschlossen haben und nicht von der Art wie in 
den Abderas für oder gegen des Esels Schatten, sondern vernünf- 
tige, notwendige und bleibend lebenskräftige Hauptparteien; drei- 
fach verschieden nach dem dreifach verschiedenen -Interesse des 
Egoismus, der Lebensfürsorge. 

Wäre das Nachdenken eine so einfache und allgemeine Sache, 
wie die Allgemeinheit der Menschen anzunehmen pflegt, so 
würden auch die sämtlichen Anhänger der politischen Parteien 
sich mit Erfolg die Frage vorlegen können: weswegen gehören 
wir gerade dieser, unserer Partei an ? Sie brauchten dann nicht 
mehr, wie jetzt, so gar viele Gründe ; sie würden dafür einen 
einzigen Grund, einen einzigen letzten Grund, und zwar mit der 
gleichen Klarheit erkennen, womit von ihnen erkannt wird, wes- 
wegen sie essen und trinken; sie würden erkennen, daß die Partei- 
zugehörigkeit den gleichen Grund hat wie das Essen und Trinken: 
ihren Egoismus oder ihre Lebensfürsorge. Daß wir aus Egoismus 
essen und trinken, darüber sind sich alle klar, aber gleich hinter 
dem Essen und Trinken hört die Klarheit auf und beginnt die Un- 
bewußtheit und Selbsttäuschung über die Absichten, die Erhaben- 
heit und Konfusion, der Hochmut und der Streit. Ach der Egois- 
mus! und zu ihm hinzu das Moralreden und die Verwunderung 
über den Egoismus der Andern! Warum wundert man sich 
denn über den Egoismus in der Politik, über den man sich immer 
und ewig wundert, während man nicht ein einziges Mal Gelegen- 
heit findet, sich über den Edelmut und die Moral in der Politik 
zu wundern ?! — 

Drei politische Hauptparteien: die erste ist die Partei derer, die 
haben und behalten wollen — die Konservativen (und das Zen- 

223 



trum) ; die andre ist die Partei derer, die nicht haben und be- 
kommen wollen — die Sozialdemokraten; und die dritte Partei, 
die mit Haben und BehaltenwoUen wie mit Nichthaben und Be- 
kommenwollen die Mitte zwischen jenen beiden Parteien halt, die 
Partei der Liberalen. Die erste Partei hÄlt sich wesentlich defen- 
siv, die zweite offensiv, die dritte fuhrt gleichzeitig einen Offensiv- 
krieg gegen die erste und einen Defensivkrieg gegen die zweite 
Partei und findet sich damit in der schwierigsten Lage — die 
Römer führten niemals gleichzeitig zwei Kriege. 

Die Parteien eines Staates gleichen hinsichtlich der Ver- 
schiedenheit ihres egoistischen Interesses oder ihrer Politik 
völlig den Staaten mit ihrem Gegeneinander: garu wie bei den 
Staaten handelt es sich auch bei den Parteien um Haben, Be- 
haltenwollen und Bekommenwollen; aller Krieg rührt her vom 
Wortlein Mein und Dein. Nicht aber gleicht der Krieg der 
Parteien dem Kriege der Staaten. Der Krieg der Staaten ist 
eigentlicher Krieg der Mächte zwischen Rechtlosen, die sich 
selber helfen wollen, weil kein Recht ihnen hilft: der Krieg der 
Parteien ist gebunden durch das höchste Lebensinteresse der 
Rechtsge neinschaft des Staates, des Vaterlandes. Das In- 
teresse des Vaterlandes als das BewuBtscin des nur salva repu- 
blica salvi oder als des gemeinsamen Egoismus, darin 
allein sie alle drei imstande sind zu behaupten und zu er- 
langen, was sie erlangen und behaupten wollen, darin allein sie zu 
leben wünschen, weil darin sie mit dem Herzen leben, überall 
sonst aber wircn sie wie Verbannte in der Fremde (man wird im 
Auslände Deutscher ? ich finde, auf jeder Reise schon) — dieses 
höhere Interesse haben wahrlich alle drei Parteien gemeinsam. 
Das Vaterland haben alle Staatsburger gemeinsam, und es ist dar- 
um die ungeheuerste Frechheit, wenn sie sich unterein- 
ander der Vaterlandslosigkeit zeihen. Das Vaterland, die Nation, 
der Staat, das s i n d sie alle, das Vaterland gehört keinem vor 
demandern. werer auchsei; es gehört keinem, weil es allen gehört; 
im Verfassungsstaate ist ein jeder auf seine Art und nach seiner 
Eigentümlichkeit so Dienender wie Herrschender, und niemandem 
kann durch niemanden seine Zugehörigkeit, sein Recht und seine 
Freiheit so wenig wie seine Verpflichtung abgesprochen werden. 

224 



Die drei Parteien zählen alle drei gleichmäßig in der Summe und 
sind die drei Arten des Staatsbürgertums, durch welche die ein- 
zelnen dem Staate angehören und ihre politische Mitarbeit leisten 
am Rechte und an der Freiheit — durch Erhaltung, Umgestal- 
tung, Zerstörung, Neuschaffung. 

Die einzelnen finden sich vereinigt in den drei Parteien je nach 
ihrem Interesse der Lebensfürsorge. Das entscheidet über alles. 
Im allgemeinen braucht man nur zu wissen, wieviel Geld und 
welche soziale Stellung einer hat, so kennt man auch seine Welt- 
anschauung und seine politische Partei. Nach dem Interesse der 
Lebensfürsorge bilden sich die Parteien; denn danach bildet 
sich das Bewußtsein. (Die Kinder eines reichgewordenen Libe- 
ralenwerden leicht Konservative und auch ein Sozialdemokrat, 
zum Minister gemacht, gibt noch nicht notwendig einen social- 
demokratischen Minister). Ihrem Verhältnis zur Lebensfürsorge 
entsprechend ist ihr Bewußtsein, d. i. ihr Fühlen, Wissen, Wol- 
len ein andres; ist ihre Lebensanschauung anders; ist ihre Auf- 
fassung von Recht und Freiheit anders; ist ihre Nationalökonomie 
anders; ist ihre Politik, ihre politische Überzeugung, ihr politisches 
Prinzip, ihr politisches Ideal anders und will sie andre politische 
Mittel ; ist ihre Stellung zum Verfassungsstaate anders, in welchem 
sie ihr politisches Ideal verwirklicht sehen möchten: es sollen Männer 
aus ihrer Partei in die Regierung kommen, es soll konservativ, es 
soll liberal, es soll sozialdemokratisch regiert werden ( Gegensatz der 
Parteien gegen die Regierung) — alles: weil der Staat ihr Egois- 
mus ist und ihnen gehört als die Kuh, die jeder melken will. Die 
drei Parteien im Staate sind so natürlich wie der Staat und wie die 
Individuen; ihr Kampf gegeneinander und die Verschiedenheit der 
öffentlichen Meinungen, der Kollektivmeinungen durch die Ver- 
schiedenheit der Parteien ist so berechtigt, wie sie von verschie- 
dener sittlicher Überzeugung geleitet werden, von der verschiedenen 
sittlichen Überzeugung, daß, was sie wollen, das beste für alle 
Staatsbürger sei; wie sie verschieden denken über die Verwirk- 
lichung des Rechts- und Freiheitsgedankens. 

Denn sie wollen alle, daß es mit dessen Verwirklichung seinen 
Fortgang nehme, den Fortschritt wollen sie alle. 
Aber sie können ihn unmöglich alle auf die gleiche Weise wollen, 



2^5 



35 



sie wollen ihn nach den Unterschieden des konservativen, des libe- 
ralen, des sozialdemokratischen Fortschritts: und so müssen die 
einen hemmen, was die andern vorantreiben. ,,Zwei Prinzipien 
konstituieren die moralische und intelligible Welt, sagte Fried- 
rich von Gentz. Das eine ist das des immerwahrenden Fort- 
schritts, das andre das der notwendigen Beschränkung dieses Fott- 
schritts. Regierte jenes allein, so w4re nichts mehr fest und blei- 
bend auf Erden und die ganze gesellschaftliche Existenz ein Spiel 
der Winde und Wellen. Regierte tfietet «llfemein, so wurde alles 
versteinern und verfaulen. Die besten Zeiten der Welt sind die, 
wo die beiden entgegengesetzten Prinzipien im glucklichsten 
Gleichgewicht stehen. In solchen Zeiten muß dann auch jeder ge- 
bildete Mensch beide gemeiruchaftlich in sein Inneres und in seine 
Tätigkeit aufnehmen. Er muO mit der einen Hand entwickeln, was 
er kann, mit der andern hemmen, was er soll. In wilden und stur- 
mischen Zeiten aber, wo das Gleichgewicht wider das Erhaltungs- 
priruip, so wie in finstern und barbarischen, wo es wider das Fort- 
schreitungsprinzip gestört ist, muß auch der einzelne Mensch eine 
Partei ergreifen und gewuiermaBen einseitig werden, um nur der 
Unordnung, die außer ihm ist, eine Art Gleichgewicht zu halten. 
Wenn Wahrheitsscheu, Verfolgung, Stupidität den menschlichen 
Geist niederdrücken, so müssen die Besten ihrer Zeit für die Kultur 
bis zum Märtyrertum arbeiten. Wenn hingegen, wie in unsrem 
Jahrhundert, Zerstörung alles Alten die herrschende, überwiegende 
Tendenz wird, so müssen die ausgezeichneten Menschen bis zur 
Halsstarrigkeit altgläubig werden." 

Ganz unbezweifelbar: die Halsstarrigkeit, womit die einen dem 
Fortschritt sich entgegenstemmen, kann so gut sittlich sein wie 
das Märtyrertum, wodurch die andern für ihn wirken — aber nun 
seht die Art, wie unsre Parteien übereinander absprechen, seht die 
Frechheit, womit sie sich gegenseitig die Berechtigung als Partei, 
d. i. als Teil der Nation und des Vaterlandes, absprechen'). Es 



') ,. Partei heißt auf deutsch Teil und bedeutet in dem gebriuchhchen 
Sinne: einen Teil Menschen, der seine Interessen vertritt gegenüber andern, 
ihre Interessen vertretenden Teilen, und der gewöhnlich auch die andern 
Teile dahin haben mochte, ebcnlalls Mtnc statt ihrer eignen Interessen zu 
fördern; weswegen, da dies umnfigUcll, eine jede Partei die andre, aus ihrem 

aa6 



hält kaum möglich, die allgemeine Frechheit eines ganzen Landes 
ärger sich vorzustellen, als wie sie heute unter uns im ganzen Lande 
wirklich angetroffen wird. Deutschland ist verschändet durch all- 
gemeine, allerfrechste Frechheit von den bösesten Folgen. Keine 
der drei Parteien scheint Partei sein zu können anders als mit 
Entehrung von zwei Parteien; nach den Urteilen der Parteien 
übereinander denkt keine von ihnen vaterländisch, und innerhalb 
der Parteien parteit sichs und verketzert sichs wieder unterein- 
ander auf das Greulichste. O, davon müßte jeder Deutsche sagen: 
Das ist nicht schön in Deutschland! das ist schief und schlecht bei 
uns zu Lande und gar zu arges Mißverhältnis zwischen Be- 
schimpfen und Ehren! Jeder Deutsche sollte jedem andern Deut- 
schen — zunächst denn wenigstens äußerlich, mit Worten — etwas 
mehr von der Achtung erweisen, die er sich selber erwiesen 
wünscht, sollte zurückhaltender und geziemender reden und gegen 
jenen endlich alle Teile der Nation anfressenden Krebs auf Heilung 
denken. Die politisch Reifen müssen die Menge der politisch Un- 
reifen, Ideelosen und der Idee Unfähigen zunächst ihrer eignen 
Parteien, der von Parteipolitik flach und dumpf Geschlagenen 
zum Bessern emporrichten und Aufklärung schaffen in die Breite 
und Tiefe. Staatspädagogik und Nationalpädagogik, Erziehung 
der Erwachsenen zu dem, wozu die Unerwachsenen nicht schon 
erzogen werden können! Bewußtheit über den Staat und über 
den besonderen Staat der eignen Zugehörigkeit — ■ das Ideal 
wäre: ein in allen seinen Gliedern bewußt organischer Staat, 
d. h. eine von dem Bewußtsein und dem Geiste ihres Staates 
durch und durch erfüllte und ganz und gar der Arbeit für ihn 
lebende Nation. Mit der Staatspädagogik und ihrem besten Er- 
ziehungsmittel, dem Heerdienst bei strengem Gehorsamszwang, 
ohne eignes Raisonnieren und Gegenraisonnieren, kann freilich 
die Nationalpädagogik nicht in Vergleich treten^). Dennoch kann 



natürlich egoistischen Gesichtswinkel heraus, als verkehrt und widerrecht- 
lich kennzeichnet und ihr besonderes Interesse mit dem des Ganzen ver- 
wechselt." Die Lehre von den Geistigen und vom Volke, S. 346. 

^) (Z). Selbstverständlich wird für gewöhnlich von den Meisten die 
allgemeine Wehrpflicht nur als Pflicht empfunden: das ändert sich aber 
auf der Stelle, sobald durch einen Krieg allen klar wird, daß der Staat die 

227 ^^* 



die Nation viel tun und hat die Pflicht, auf alle mögliche Weise 
zu tun und Aufklärung zu verbreiten über Recht, Staat, Politik, 
mithin auch über Politik der Parteien. 

Das Interesse der Partei soll darum nicht aufgegeben werden, 
es kann nicht aufgegeben werden; die Gegnerschaft der Parteien 
ist, was schon gesagt worden: naturlich wie die verschiedene Be» 
wußtheit der Lebens für sorge; wodurch überhaupt die Menschheit 
auch gesellschaftlich in Parteiung zerfällt, die sich sogar in die 
Wissenschaft hinein fortsetzt. Im Staate können nur die Philo- 
sophen mit vollster Überzeugung allen drei Parteien angehören 
(weil ihr, der wahrhaften Philosophen Verhältnis zur Lebensfur- 
sorge ein durch ihr EwigkeitsbewuQtsein modifiziertes und andres 
ist wie bei den übrigen Staatsbürgern, und weil sie, theoretisch der 
Einseitigkeit der Betrachtung entnommen und der Kontinuität 
der Entwicklung gem40. das Ganze lebendig vor Augen haben, 
teilen und unterscheiden zwischen dem Beizubehaltenden, zu 
Zerstörenden und neu zu Schaffenden) ; und den Philosophen gleich 
soll auch der Herrscher mit vollster Überzeugung allen drei Par- 
teien angehören — je mehr dies der Fall, desto idealer repräsentiert 
er das unegoistische StAatsprinzip. und wird desto besser die Forde- 
rung Piatons erfüllt, daB entweder die Konige philosophieren oder 
die Philosophen Könige werden muOten. Die Möglichkeit, daß der 
König ,,ubcr den Parteien stehen", richtiger, daO er allen Parteien 
angehören könne, schaffen ihm, wie schon oben gesagt worden, die 
Parteien des Vaterlandes gemeinschaftlich, indem sie allesamt 

Nation ist, sobald ihr Egoismus, ihreArbeit und die Arbeit der Nation un- 
nuttdbar bedroht sich zeigt: zwet MiUioncoFreiwtlbger aus unsrer Nation 
machten in großen Kriege ihr Wehr r e c h t geltend! Dadurch 

unterscheidet m. .. vier moderne Rechtsstaat von den Staaten der vorher- 
gehenden Zeiten, durch die, wenifittns in der Stunde der Not alle Partei- 
fehde vergessende und einige Nation, in der dann dieses Obcrw&ltigcnd 
Große ersteht, daß der sonst nur von so wenigen erfaßte Begriff des Staates 
plötzlich in allen ungeahnte Macht gewinnt aus solcher Tiefe, daß jeder 
einzelne für die Allgemeinheit und die kotnni«idcn Geschlechter. ( ü r 
die Idee des Ganzen sein Leben einsetzt. Seitdem 
Deutschland begann, ein Rechtsstaat zu werden, zeigte sich diese Vater- 
landsliebe unsrer Nation in unsren Kriegen — im Großen Kriege nicht 
weniger als im Kriege von Siebzig und in den Befreiungikrirr — \'r.\. S. 250 ff. 
Vgl. aber auch zu dl ä'.m Zusatz dt^:i Zusatz wit.re d >^. • i gcsS.69. 

233 



dazu beitragen, ihm denEgoismus (der zum Anschluß an eine Partei 
führt), soweit dies irgend angängig erscheint, abzunehmen und ins 
Unegoistische zu erheben (wegen welcher gemeinschaftlichen 
Leistung eben jede Partei den gleichen Anspruch an ihn hat und 
er keiner Partei Interesse zum Nachteile der andern Parteien 
fördern kann, ohne sich der allerschwersten Pflichtverletzung 
schuldig zu machen). Aber die übrigen Staatsbürger, die weder 
Könige noch Philosophen sind, die das Vaterland nicht so nährt wie 
die Könige und die nicht, gleich den Philosophen, auch bei minderer 
Ernährung eigengeistig sich emporringen können: die stehen mit 
ihren Egoismen gegeneinander und vereinigen sich zu Parteien, 
deren Gegnerschaft also, aus Fürsorge und Not des Lebens geboren, 
in keinem Staate aufhören kann. Auch bei uns in Deutschland 
nicht. Aber darum braucht nicht Glaube an die ehrliche Ge- 
sinnung des Gegners etwas Unerhörtes in Deutschland zu sein, 
darum braucht es nicht zur vernichtenden moralischen Kritik jeder 
Partei über die andern und zu so tiefgehender Zerrissenheit zu 
kommen, in der eine jede Partei das Gleichgewicht zu verlieren 
fürchtet, wenn sie nicht eben so viel verleumdet wie sie verleumdet 
wird; darum braucht keine politische Partei zu vergessen, da- 
rum darf keine vergessen, daß außer der Gegnerschaft noch Wich- 
tigeres ist, worin alle drei politischen Parteien zusammenzustehen 
haben. Die drei gehören zusammen, der Staat ist der Riese Geryon 
mit den drei Leibern, — in den drei Parteien entfaltet sich das 
Leben des Staates, der organisch einheitlich sein soll, und nichts 
darf der Staat weniger sein als ein Aggregat der verschiedenen 
p olitischen Parteien. So ist es mit dem modernen Staate, mit dem 
Rechts- und Freiheitsstaate gemeint, der sich dadurch von den 
früheren Staaten mit ständischer Gesellschaftsschichtung unter- 
scheiden soll: daß in ihm eine jede Partei das Bewußtsein vom 
Einen Staate, das heißt aber von demRechteund der Freiheit aller in 
sich trage, während vorher ein jeder Stand nur sein Recht und 
seine Freiheit suchte (Parteien gab es in den alten ständischen 
Staaten überhaupt nicht, weil es keine Teilnahme an der Regierung 
gab, deren Handlungen zu kritisieren als ein todeswürdiges Ver- 
brechen galt) . Der ist noch lange kein guter Patriot, der, ohne so 
zu denken, nur dem Landesfürsten oder nur einer Partei dient und 

229 



das Wesentliche des Deutschtums in dem erblickt, worin seine Par- 
tei von den andern Parteien abweicht, da es doch vielmehr in dem 
Übereinstimmenden aller Parteien liegt; und auch diese Überein- 
stimmung soll eine gefühlte, gewußte, herzlich gewünschte, ge- 
wollte und kraftreich tatige sein. Kein Parteipolitiker, der nichts 
ist als Parteipolitiker, verdient den Namen Patriot, verdient auch 
nur den Namen Politiker; er leugnet mit seinem Tun den Unter- 
schied zwischen dem Verh&ltrüs der Parteien in eine:n Staate 
und dem Verhältnis der Staaten gegeneinander und läßt Recht 
und Freiheit in seinen Vaterlande gelten nur, so weit er muO; 
er kennt Zwang von Staatswegen, nicht Zwang von seinet- 
wegen. — aus sich selber heraus den Zwang zum Rechte und 
zur Freiheit Aller auch da, wo staatlicher Zwang nicht hin- 
reicht. Und deswegen ist er kein Patriot. Patriot kann 
immer nur ein freier Mann sein, jener aber ist ein Sklave und er- 
innert an den ursprunglichen Sinn des Wortes Patriot: der ro)4TT,c, 
der freie Burger, hieß den Griechen niemals m^puarrfi; dieses 
Wort wiude nur von Sklaven gebraucht, ihre Landsmannschaft, 
ihr Geburtigsein aus einem Lande zu bezeichnen und wurde 
auch von Tieren gebraucht. W i r sprechen heute vom Patriotis- 
mus der Freien; aber erst, wo gewußt wird von den Korrelaten 
Staat und Nation, und daß man dem Staate zu dienen habe, ihm 
aber nicht dienen könne, ohne auch zugleich der Einheit der 
Nation zu dienen, der ewig staatsschöpferischen Nation, — da erst 
ist guter und reifer Patriotismus im edleren Sinne, der das Rechte 
weiß, will und vollbringen hilft. Alle drei Parteien müssen patrio- 
tisch, und der Patriotismus muß parteilos bleiben; so lautet der 
erste Satz der Nationalpolitik aller drei Parteien. 

In den Parteien sollte gehört werden von einem allgemein po- 
litischen Begreifen; wozu auch Einsicht in die Berechtigung der 
verschiedenen Parteien gehört, und das heißt nichts andres, als Ein- 
sicht in die Berechtigung des Behaltenwollens derer, die da haben, 
des Bekommenwollens derer, die nicht haben, und jener dritten 
in der Mitte zwischen Haben und Behaltenwollen und Nichthaben 
und Bekommenwollen. Aufklärung über die Verschiedenheit der 
politischen Parteien tut not, so wie Aufklärung über die Ver- 
schiedenheit der Religionen not getan hat: jede politische Partei 



hält, ähnlich wie jede Religion, sich für die alleinseligmachende, 
glaubt im Besitz der ganzen Wahrheit zu sein, von der sie bei den 
übrigen Parteien nicht einen Lichtfunken entdecken kann; und die 
verschiedenen politischen Parteien sind noch weit entfernt auch 
nur von der Duldung, welche die verschiedenen Religionen heute 
gegeneinander üben. Je mehr allgemeines politisches Begreifen, 
welches wahrlich nicht durch die Lektüre des Parteiblattes ge- 
wonnen wird, je mehr politische und staatswissenschaftliche Bil- 
dung — um so besser werden auch die Parteien die Parteien sein 
können, die sie sein müssen, und so viel seltener wird vor- 
kommen, daß die Urteile der Parteigenossen nur das Echo des Ge- 
schreis von Schreiern sind, um so mehr wird verstummen das 
lächerliche und ekelerregende Moralreden zu dem egoistischen 
Tun und Lassen (daran läßt sich bessern, am Moralgeschwätz, 
am Egoismus nicht), und ganz gewiß: desto anständiger werden 
sich die Parteien gegeneinander halten. Jetzt ist nur Partei- 
politik, und dahinter gehts gleich in die leere Finsternis. 

Die Unanständigsten und Leichtfertigsten im Umherwerfen 
mit Vaterlandslosigkeit sind heute (nächst den Antisemiten) die 
Konservativen — noch bis 1866 waren die Konservativen ,,die 
Reichsfeinde", heute sind sie Monopolisten der Vaterlandsliebe, 
die sich gebärden, als hätten sie allein wirklich Deutschland zum 
Vaterlande. Sie fassen das ,, Vaterland Haben" verkehrt auf , sie 
fassen hier das Wort,, Haben" verkehrt auf und verwechseln es mit 
,, Besitzen". Haben heißt gar manches Mal andres als Haben im 
Sinne des ausschließlichen rechtlichen Einzelbesitzes, worauf dem 
andern kein Recht zusteht (Besitzen = etwas so innehaben, als be- 
sitze man es, sitze darauf) , so daß sehr wohl zwei dasselbe ,, haben" 
können — z. B. ein Dienstmädchen, ohne es durchzusägen. Das 
Vaterland, welches wir haben, haben wir, soweit es uns hat; und 
wieweit unser Vaterland noch andre, wenn auch auf andre Weise 
als die unsrige, hat, soweit haben auch diese andern unser Vater- 
land. Das ist eine Wahrheit, der heute niemand so fern steht wie 
unsre Konservativen, unter ihnen wiederum am fernsten unsre 
Adligen; welchen letzten man aber anerkennen muß, daß bei vielen 
von ihnen das Gefühl für das Vaterland bewährt lebendig ist, und 

231 



daß sie aus Übereifer unverständig handeln. Das tun sie, stiften 
Schaden, den sie nicht wollen, reizen mit ihrer gereizten Rede die 
Sozialdemokraten: und dadurch, daß sie gegen die Juden zu Felde 
ziehen, antisemitischer Kannegießerei und Frechheiten sich be- 
dienen, z. B. der tollen Frechheit, von sich selber als den Wirten 
und von den Juden als GlLsten des Landes zu sprechen, und indem 
sie gar das Gelobe des rassenreinen Germanentums von den Juden- 
hassern aufnehmen'), schaden sie sich selber und bewirken sich 
erbitterte Gegner - - Gegner von Geist und Bcccisterung! gegen 
die man schweren Stand hat; deren Überlegenheit ihnen auf das 
empfindlichste zum Bewußtsein gebracht wird. Denn freilich sind 
im Vergleich zu den Leistungen der Juden in Literatur, Kunst. 
Philosophie und Wissenschaft die der Adligen nur gering (es 
ist doch wohl nicht aus Habsucht der Juden zu erkllren, daß 
diesen von den Nobelpreisen für die besten geistigen Leistungen 
im Verhältnis zu ihrer Zahl unverhÄlinismißjg viele zugesprochen 
wurden) ; die wenigen Adligen, die hier überhaupt genannt zu wer- 
den verdienen, haben allesamt selber die mangelnde Begabung und 
die mangelnde Teilnahme ihres Kreises schmerzlich beklagt»). NieU- 
sche, der die Juden als die st4rkste, z4)ieste und reinste Rasse be- 
trachtet, Entgegenkommen für angebracht hkW, ,,wozu es vielleicht 
nützlich und billig w4re, die antisemitischen Schreihllse des Landes 
zu verweisen", empfiehlt z. B. dem adeligen Offizier aus der Mark 
die Verbindung mit jüdischem Blute: „es wAre von vielfachem 



*) was in ihrem Munde seltsam klingt, da unser Adel diejenice Be- 
volkerungscruppc des Lande« vorstellt, an welcher steh die Vermischung 
zumeist mit wendischem Blute am klarsten und am höchsten hinauf - bis 
in die Zeit Albrechts des BAren - bdcgcn lADt und es wohl 
Deutsche gibt, so gut wie germanische oder jüdische oder 
manische Deutsche oder germanisch-judische, at)er rücht wendische 
Germanen. 

•) Jüngst hat Adolf Grabowsky, der Her.iu5^cbrr der konservativen 
Zr '- » -ift „Das neue Deutschland" sich ruckliaUJos Über den niedrigen 
h- hen Stand der koRservativen Presse ausgelassen; nicht nur 

Mangel an Ernst wirft er ihr vor, sondern auch das Gegenteil des Eriutes: 
den witzelnden Ton. In früheren Aufsätzen l>ereits hat er darüber geklagt, 
daß die Kunstler vom Konservatisnus sich so ganz abgewandt hAtten, dem 
sie doch im Grunde mit ihrer Seele gehörten. Vgl. Grabowskv. „Der 
Kunstler und die Politik" in „Das neue Deutschland", 19". No. 8. 

»ja 



Interesse, zu sehen, ob sich nicht zu der erblichen Kunst des Be- 
fehlens und Gehorsams — in beiden ist das genannte Land heute 
klassisch — das Genie des Geldes und der Geduld und vor allem 
etwas Geist und Geistigkeit, woran es reichlich an der bezeich- 
neten Stelle fehlt, hinzutun, hinzuzüchten ließe^)". — Sie 
schaffen sich also unnötigerweise erbitterte Gegner, durch welche 
auf ihre Schwäche und Blöße beständig hingewiesen wird; und in 
dem gleichen Maße, wie diese Adeligen durch ihre Teilnahme am 
Judenhaß sich selber entwürdigen, entadeln (denn das ,,von" 
macht es nicht, Blücher sagte zu adelsstolzen Offizieren: ,,Wenn 
ich von Dreck wäre, Sie aber nur Dreck, was hätte ich voraus ?* 
— schließlich ist doch wohl und bleibt adelig nur, wer fort- 
gesetzt sich selber adelt; daher auch nicht so bald ein durch 
sich selbst wahrhaft adeliger und denkender Mann sich in den 
Adelsstand wird erheben lassen, in den Papieradelsstand! 
Das sollte auch kein von der Natur geadelter und gefürsteter 
Jude tun, und kein einziger wegen seines Geldes — m.an wird am 
Ende noch gar die Diamantfelder in den Adelsstand erheben!) — ■ 
im selben Maße wie der Adel ungerecht gegen die Juden handelt, 
wird nun auch durch Juden, wie durch seine andern politischen 
Gegner, unsres Adels Ruhm und Verdienst um das Vaterland ver- 
kannt und vor der ganzen Nation verdunkelt und entstellt. Das ist 
nicht anders im Kampfe der Menschen gegeneinander; und jeder 
kämpft mit seinen Waffen, und Jakobs Mund hat sich in der Welt 
wohl so mächtig erwiesen wie Esaus Hand. 

Was überhaupt das Zusammengehen der konservativen Partei 
mit den Antisemiten und die antisemitische Haltung der konser- 
vativen Partei betrifft, so verliert sie dadurch als politische Partei 
gegenüber den andern Parteien, stellt sich auf einen schlechteren 
Boden als auf den der rein politischen Partei. Womit macht sie sich 
gemein, indem sie mit den Antisemiten sich gemein macht? 
Zwischen diesen und der konservativen politischen Partei gibt es 



^) Für solche Mischehe, für ,, Kreuzung des christlichen Hengstes mit 
der jüdischen Stute" sprach sich bekanntlich auch Bismarck aus und sagte, 
er würde nicht ungern sehen, wenn einer seiner Söhne eine Jüdin heim- 
führte. Auch Ed. V. Hartmann hält „die providentielle Beimischung des 
jüdischen Blutstropfens für einen wahren Segen für den deutschen Michel". 

233 



keinen Berührungspunkt, es sei denn, daß die Antisemiten konser- 
vieren, richtiger restaurieren, wiederherstellen mochten, was 
nicht mehr besteht, die Rechtlosigkeit der Juden; das aber ist 
keine politische Forderung in unserm Rechtsstaate, der von allen 
unsren politischen Parteien konserviert werden soll. Die Anti- 
semiten sind keine Art von politischer Partei, sind überhaupt keine 
Art, sondern Entartung, und zwar gesellschaftliche. 
Sie sind gar nicht politisch. Eine politische Partei bilden sie nicht 
— dazu sind sie zu dumm, wenn auch nur im Verstände, nicht in 
der Einbildung. Sie sind die dümmsten im Lande, die sich selber 
als die klügsten betrachten und mit ihrer Albernheit das ganze 
Land belehren wollen: ,,Fur den klarblickenden ist es über- 
haupt kein Geheimnis mehr, daB all unser Parteiwesen nur 
eine große Maskerade ist, und daß hinter den nvanmgiachen 
politischen Firmen schließlich nur zwei große I ntef^»»nf»ge n - 
sAtze verborgen sind: einerseits die Partei der ehrlichen 
Leute, die für ihr ehrliches Schaffen und Wirken nur recht- 
schaffenen Lohn heischen, andrerseits die schlauen Ce- 
winnstschneider vom Stamme Juda, die ohne Eigenarbeit allen 
Besitz der Nation an sich zu ziehen trachten und darin schon Ge- 
waltiges erreicht haben." Zur politischen Partei fehlt es den Anti- 
semiten an der Klugheit, an der sittlichen Überzeugung, am po- 
litischen Prinzip und Staatsideal, an der politischen Tendenz zur 
Erhaltung, Festigung und Verbesserung des Rechtes und der Frei- 
heit im verfassungsmAßigen Staate: was sie wollen, lAuft vielmehr 
der Verfassung und überhaupt dem Prinzip des Staates zuwider, 
und, damit sie es durchsetzen, suchen sie in der Nation die Ge- 
danken des Rechtes und der Freiheit herunterzubringen, zu ver- 
wirren, sie bedienen sich demagogischer Mittel der Aufreizung und 
der Intriguen.werfen das Rassen- und das Nationalbewußtsein inein- 
ander und steigern das gesellschaftliche Bewußtsein von der Rasse, 
um die Gesellschaft zu entzweien, was dann freilich, wenn erst die 
Drachensaat aufgegangen und die Fruchte reifen, auch eine Ent- 
zweiung der Nation und LAhmung und Erschütterung des 
Staates zur Folge haben wurde. Das ist nicht Politik — freilich 
glauben die Antisemiten selber eine politische Partei zu sein: be- 
greiflich; denn damit halten sie, wie auch andre Seelenkranke tun, 

aj4 



ihre Krankheit für Gesundheit — das ist das Treiben einer gesell- 
schaftlichen Faktion, die Herrschaft erlangen möchte mit solchem, 
was gar sehr des Beherrschtwerdens im Vernunft-, Rechts- und 
Freiheitsstaate bedarf, mit dem ungebührlichen Sonderinteresse 
und wüsten irrsinnigen Affekt! Zwischen den besonderen Sphären 
des Gesellschaftlichen und des Politischen kriegen die Juden- 
hasser den Sphärentanz ihres Irrsinns, eines gesellschaftlichen 
Irrsinns. Es gibt an den Juden irrsinnig gewordene, richtige Irr- 
sinnige, wie ich schon oben gesagt habe, nicht Irrende, die der Auf- 
klärung fähig sind und von ihren Meinungen zurückgebracht 
werden können — nein, gänzlich unbelehrbare, gegen alle Ver- 
nunftgründe sich absperrende und antobende Irrsinnige. Irrsinnige 
mit Nahrungsverweigerung; und gewaltsame Vernunfternährung 
hinein in Judenhasserohren wird kein Vernünftiger versuchen. 
Dieser Irrsinn der Judenhasser ist ein gesellschaftlicher Irrsinn, 
der sich nahe berührt mit dem politischen Irrsinn der Anarchisten: 
sie kranken an einer naturrechtlichen Verworrenheit, womit sie 
sich im Grunde heraussetzen aus der Gemeinschaft des Staates 
und der Nation. Das Heil der Menschheit von der Beseitigung der 
Juden erwarten; die Juden in Bausch und Bogen hassen und an- 
sehen als Scheusale, die nur darum nicht längst schon vom Satan 
geholt sind, weil Satan Angst hat vor ihnen oder weil er selber 
Jude ist — auf dem berühmten Frankfurter Schandbilde auf die 
Juden (aus dem Jahre 1275) trägt wirklich der Teufel ein gelbes 
Ringelchen, das Abzeichen der Juden; alles wirtschaftliche und 
alles sonstige Unglück ihnen allein auf den Hals werfen, die ganz 
im besonderen auf die Zerstörung Deutschlands ausgehen, und 
z. B. die Schuld tragen für den Krieg von 1870, für die 
Niederlagen Deutschlands 1806 und so weiter hinauf bis zu 
Karls des Großen Kriegstaten gegen die Germanen^), für die 

') Karl der Große war nämlich ein Jude, daher sein Ingrimm gegen die 
Germanen. Ich will dafür die mildeste Fassung anführen aus dem Semi- 
Gotha: „Auffällig ist Karls Verhalten gegen die Juden: er erwies sich ge- 
radezu als ihr Begünstiger, gewährte ihnen völlig gleiche Rechte, zog noch 
viele aus Italien herbei, ließ seine Geldgeschäfte durch den Juden Ephraim 
besorgen und betraute diesen mit wichtigen Missionen nach außen. Viele 
seiner Höflinge waren Juden, ja solche sogar, die Christen waren, traten 

235 



Stiftung des Jesuitenordens und für den Klerikalismus — so 
auf die Juden sehn und überall hin Juden sehen, wo schlimme 
Menschen und endlich überhaupt, wo Menschen sind, die anders 
denken als die Antisemiten oder diesen irgendwie nicht passen, und 
solcherart an Juden leiden wie die Abderiten an Fröschen, nur daß 
die Antisemiten sich selber die Juden vermehren — die Anti- 
semiten haben alle erdenklichen monströsesten Verbrecher und 
Verbrecherfamilien, wie z. B. die Borgias, aber sie haben auch 
Virchow, Ranke, Mainländer. Nietzsche, Hebbel, Lessing, Goethe, 
Zola, Renan, Rembrandt, Pius IX., Garibaldi, Napoleon und, wie 
wir schon hörten, Karl den Großen und sogar in Bausch und Bogen 
die Tiroler (wegen ihrer ausgesprochenen Judenphysiognomien 
und wegen mancher Namen, z. B. des Mendel gebirges!) zu 
Juden erklärt'). Ja sogar Bismarck, als er nicht tat gegen die 

zum Judentum über, ohne daß es ihnen beim Kaiser geschadet hAtte. Da 
Karls AbstAmmung in Du: •. ist. darf man hier Tielletcht einen 

Zusanimenhang mit dem Jüur Mcn. Daß er nach echt onentali- 

scher Sitte gegen alles gernvv :; rkomoMO tinen ganzen Harem 

und eine Menge Kinder daron hatte, lenkt ebe na o darauf, als daß seine 
Bildnisse fast das eines alten Judm zeigen. Das würde auch das RAtscl 
seines fanatischrn Hasses gegen das GcnnaoentiBn löeco, deeecn T<>Uigea 
Ausrotten srtn hrimhch Trachten gewesen zu sein scheint." 

') Zu Sefiiitrn noch viel mrhr. Ka^U dmi S<ini- Gotha tind ,,die Finnen, 
Letten, Lappen, Uguren^Magyaran und Türken raflUrh mehr semitisch als 
die Juden". Für alle die vielen zu Juden gemachten Arier wurden nur sehr 
wenige Juden zu Ariern gemacht, z. B. Chrtsttu sei einer (M. Bewer, in der 
ßsterreichischcn WochcnKhnft, 190a, S. 588, läßt ihn rhemisch-west» 
fAltschen Ursprungs sein), nur die Böswilhi^keit der Juden verbreite die 
Meinung, er sei ein Jude gewesen, desgleichen müsse als ganz unbezweifeU 
bar gelten, daß die Makkabier Kelto- Germanen waren. Choniberlain. der 
»zwar leider ohne Fachkenntnisse, doch auch ohne Vorurteil erforscht", 
sagt: ,,Wer die Behauptung aufstellt, Christus sei ein Jode gewesen« ist ent- 
weder unwissend oder unwahr"; daß Renan kategorisch erkl4rt habe: 
„ J^us ^tait un Juif" und mit ungewohnter Heftigkeit Ober die Leute hcr- 
fAllt, die das zu her ' das mache t>ei ihm wohl Geld, welches 

er vonder Alliance I ••■'•n. Mit vollem BewuOtsein zwar nicht. 

aber mit dem Instinkt ihrer . c das jüdische Sjnedrium Jesus um- 

gebracht. Ob Chamberlain, der Antisenut, Semit oder Arier ist, weiß ich 
nicht - ein Freund (ein NichtJude) sagte mir einmal: ..Gott hat die Arier 

erschaffen, damit die Germanen sein ko: r'.ie Germanen, damit die 

Deutschen sein können, die Deutschen, da: iard Wagner sein konnte, 

»3i 



Juden, wie die Antisemiten von ihm verlangten, wurde ,, Oberster 
der Juden" und avancierte dann rapide zum echten Rassenjuden. 
Karl Paasch (,,Eine jüdisch-deutsche Gesandtschaft und ihre 



und Richard Wagner, damit ich, Chamberlain, sein Schwiegersohn sein 
kann!" Aber nicht einmal vor dem Schwiegervater Chamberlains 
machten die Antisemiten Halt, trotzdem dieser, nach Judenfreundschaft, 
Hojotoho! unter die Judenhasser gegangen war— ich singe mit Goethes 
Pumper: ,,Nein, ein Deutscher soll nicht lügen: mich verdrießt's, ihn hier zu 
sehn;" viel Gutes hat sich auf den faulen Flecken geworfen und ist für 
das Reich des Guten verloren gegangen. (Gutes und Bestes bleibt an 
ihm, der aus dem Untergrundgemisch von Sentimentalität, anspruchs- 
voller, krankhafter, fieberhafter Öde, schlaubanalem, schrullenhaftem 
Virtuosentum und einer Natur, von der man glauben könnte, daß sie 
ohne Liebe sei, zum Staunen sich erheben kann bis hinein in den Himmel 
reiner, unwiderstehlicher und beglückendster Genialität — wessen Ohren 
das nicht aus seiner Musik und seinen Musikgeräuschen so vernehmbar 
wird, dem steigt es vielleicht unbewundener aus seinen Schriften ent- 
gegen). Aber wie auch Richard Wagner antisemitisch erforderlicher- 
weise sich aufführte, — auch Antisemitismus schützt nicht immer 
gegen Antisemitismus. Gar Manches bei Wagner war den gestrengen 
Richtern nicht nach dem Sinne, so half also nichts, er mußte Jude 
sein. Einige machten seinen Vater zum Juden, andere hielten sich 
unbestimmter im Ausdruck, z. B. in der antisemitischen Zeitschrift 
„Das zwanzigste Jahrhundert" steht zu lesen: ,, Richard Wagner darf 
man nicht etwa um dessentwillen zu den wahrhaft deutschen Musikern 
rechnen, weil er deutsche Sagen bearbeitet hat. Seine Musik ist im 
allgemeinen durchaus nicht deutsch. Der keltische Volks- 
charakter scheint es zu sein, der in ihm erklingt. Dahin rechne ich 
die stagnierende Sinnlichkeit, das kokette Zur- Schau- Tragen der Ge- 
fühle und Empfindungen, die Maßlosigkeit in der Entäußerung der 
Leidenschaften, die Verwertung des sinnlichen Klangreizes zur Er- 
regung und Aufregung; — man hat die Wagnersche Musik ja geradezu 
,, Erregungsmusik" genannt. Alle diese Züge sind nicht rein deutsch, 
sondern scheinen mir keltisch zu sein. Und wenn man mit dem Worte 
„keltisch" nichts anzufangen weiß, so sage ich: diese erwähnten Eigen- 
schaften scheinen mehr französisch als deutsch, mehr semitisch als 
germanisch zu sein; — das Spiel des Zufalls wollte es, daß Wagner auf der 
Juden Straße ,, Brühl" in Leipzig geboren wurde, mil Hilfe des Juden 
Meyerbeer das erste Fortkommen fand, für die Pariser Juden den ,, Tann- 
häuser" bearbeitete und in der Nähe des Judenviertels in Venedig 
seine Augen schloß. Dabei kann gar nicht geleugnet werden, daß die 
Wagnersche Musik der Äußerlichkeit und Veräußerlichung zum mindesten 
Tor und Riegel öffnete, denn die Entäußerung der Leidenschaft, wie sie bei 

237 



Helfer") sagte noch gewissermaßen vorsichtig: „Sollte es möglich 
sein, daß Bismarck ein geheimer Jude ist — daß der in ihm 
wuchernde Keim des Talmud die kernige deutsche Natur über- 
wuchert hat ?" Aber bald schwieg alle Skeptik und nichts galt be- 
wiesener als Bismarcks judische Herkunft: war doch seine Mutter 
eine geborene M e n k e n! Und zuletzt machen die Antisemiten 
einer den andern zum Juden; wovon im ersten Kapitel einige Bei- 
spiele gebracht wurden. Ja, wenn das alles nicht gesellschaftlicher 
Irrsinn ist. wenn das nicht anarchistischer Egoismus ist, der, in 
maßloser Überschätzung des eignen Menschenwertes, andern 
Menschen ihre naturlichen Rechte auf den Staat und auf die Ge- 
sellschaft beschränken will und sie stört in ihrer Freiheit (da ja nur 
bei vollem Rechte auf Staat und Gesellschaft der Mensch seine 
Freiheit findet) — was ist das alles denn sonst ? Das ist gesell- 
schaftlich-anarchistischer Irrsinn von grofier Ähnlichkeit mit dem 
politischen der Anarchisten, deren einer schließlich auf der Straße 
einen Menschen erschoß, weil er Handschuhe anhatte; wofür der 
Morder in einem anarchistischen Blatt gepriesen wurde: ..Der 
Unbekannte, den du in deinem klarsehenden Znmf erschlagen. 



ihm stattfand, rerhtndcrt naturfcfnäfl eine VerinnerUchung und b'^' 
eine VrriuO«rlichung. Die Vertnn«lkhunf ist aber gcrad« «in Giiui.«.^ ^^^ 
deutschen Wesens; Innigkeit hängt Sttsammcn mit Inncrlkfaktit. Auch die 
Raffiniertheit kann man der Wagnerschen Kunst durchaus nicht 
absprechen. Ganz raffiniert ist jedenfalls der ..Rienxi". Und gegen die 
Bezeichnung ^on ,, Tristan und Isolde", den ..Nibelungen" und ..Parsifal" 
als ..raffinierte ErregunKstnusik" wird man nicht viel einzuwenden haben. 
Diese Raffiniertheit aber istdeutschemWesen völlig fremd, 
wohl aber • e m i t i t c h • p h A n i s i s c h e m Geschäfts- 
geist zu eigen. So bleibt t>ei Wagner wenig Deutsches. Auch die 
Einfachheit des deutschen Wesens ist bei ihm nicht zu finden: er mußt« 
alle Künste verbinden, um ein Kunstwerk zu schaffen! Auch Äußerlich hat 
er nichts Deutsches." In der Tat zeigt sowohl Wagner wie sein Sohn 
judenartiges Aussehen, und beim Schwiegersohn liest man: ..daß, wer diese 
physischen Merkmale (des Nordeuropiers) nicht besitzt, und »ei er noch so 
sehr im Herzen Germaniens geboren, und rede er von Kindheit auf eine 
germanische Sprache, doch nicht als ein Germane zu betrachten ist". O 
weh! Erinnert sei noch daran, daß auch Nietzsche in seiner gehässigen 
moralischen Kritik Wagners diesem den deutschen Charakter abspricht. 
Deutsch ist das Alles ganz gewiD, deutsch ist auch Wagners Geschrie- 
t>enes — nur manchmal schlechtes Deutsch. 

»3^ 



hatte Handschuhe! An diesemZeichen erkanntest du ihn als Feind; 
du hast ihn getötet und hast recht getan! Lange genug hat dich 
die Elite der ,Zivilisierten*, deren Joch wir tragen, durch die 
Strahlen ihres Wissens und ihrer Kleidung, des äußeren Symbols 
ihrer Überlegenheit, geblendet usw." 

Um das Gesagte über den gesellschaftlichen Irrsinn der Anti- 
semiten, der häufig genug übergeht in politischen Irrrsinn, noch 
weiter zu belegen, könnte ich unzählige Beispiele anführen; was 
ein widerliches Schreiben für mich Schreiber wäre und ein wider- 
liches Lesen für die Leser. Es sei genug, daß ich noch hinweise 
auf eines der letzten Erzeugnisse der Rassentheorie, woraus ich 
schon häufiger und soeben noch zitiert habe, auf den Semi- Gotha, 
das ,, Weimarer historisch-genealogische Taschenbuch des ge- 
samten Adels jehudäischen Ursprungs, 1912". Von den Ge- 
lehrten dieses sehr umfangreichen Werkes ist außer dem, was sie 
von sich selber sagen: ,,Wir haben uns bona fide aller Objektivität 
bestrebt — sine ira et studio — mit deutscher Gewissenhaftigkeit 
auf wissenschaftlicher Grundlage" noch zu melden, daß sie unge- 
heure Judenriecher besitzen, womit sie sämtliche Juden gerochen 
und unzählige NichtJuden zu Juden errochen und keinen Adels-, 
sondern einen Spitzbubenkalender und in Wahrheit eine Schmäh- 
schrift auf den gesamten Adel, die Fürsten und Regierungen, eine 
Schmäh- und eine Drohschrift zustandegebracht haben. Und 
wenn sie wirklich Germanen sind und ihr ,, völkisches" und 
,, rasseliges" Deutsch tatsächlich für das Normaldeutsch der Ger- 
manen gelten müßte, so wäre es Zeit, an die Verdeutschung der 
Germanen sehr ernsthaft zu denken. Das Deutsch ist eines der 
sichersten Kennzeichen der Deutschen, deutsche Gesinnung 
spricht sich in deutscher Sprache aus, vor allem beim Schrift- 
steller, von dem Leo Berg richtig sagt: er habe seinen Patriotismus 
durch seinen Stil zu legitimieren; wie aber Völkische und Rasse- 
lige die deutsche Sprache rupfen, das klingt, als wären sie Verräter 
am Vaterlande^). Ich bemerke noch, daß die Unterstreichungen 



1) Einige große liberale Blätter klopfen ihnen seit einiger Zeit, wenn 
sie ihr Undeutsch und Widerdeutsch in der konservativen Presse drucken 
lassen, gehörig auf die Finger. Möchten sie so beibleiben. Es könnte sich 
einer ein Verdienst erwerben durch eine geeignete Zusammenstellung, die 

239 



iiicht von mir, sondern von den Gelehrten des Taschenbuches selber 
herrühren: „Der Adel von heute aber ist nicht mehr die Auslese des 
germanischen Volkes. An Stelle der sorgfältigsten Zuchtwahl sirul 
nun intern. Geldheiraten mit Judinnen an der Tagesordung: Fremd- 
ländcrei und Entnationalisierung, Dekaderu und Rassenverfall 
ist die unausbleibliche Folge. Unser jetziger Adel, nicht aller! ist 
zum seelenlosen Kastenwesen herabgesunken, indem er sich zu 
einer internationalen gesamteuropäischen Einrichtung heraus- 
wuchs, die nimmer in der volkischen, also wesentlich geistig und 
sittlichen Zusammengehörigkeit, sondern nur mehr im körperlichen 
Inzuchlzusammerischlusse einer völkisch farblosen Gesellschafts- 
schicht ihr Wesen findet ... Es ist daher gar nicht zum Ver- 
wundern, daß gerade im hoher betitelten, sogenannten Hochadel 
häufig prononziert judische Gesichts- wie Charakterzuge, semi- 
tisches Denken und Empfinden den Ursprung aufdeckt . . . 
Immer augenfälliger wird damit, weshalb man dort so wenig natio- 
nal ist und so oft lieber mit den Juden geht! ... Es ist viel in 
unsrem heutigen Adel, was Anlaß zu haben glaubt, einer Nach- 
prüfung seiner Ahnen auf die Rassenzugehörigkeit aus dem Wege 
zu gehen. Man ahnt im allgemeinen nicht, wie stark er mit Juda 
verwandt und Terschwigert ist, wie eng sein Sinnen und Trachten 
mit dem des judischen Geistes zusammenhingt, wie jüdisch er 
selbst sich vielfach in seinen Angelegenheiten betätigt. Wenn das 
Schuldkonto, das die ehedem zur Volkswaltung berufenen 
Schichten unsres Deutschtums auf sich geladen haben, eim>t be- 
glichen werden mußte, so gäbe es nur die Sühne del 
Unterganges. . . . Wenn die Verjudung der Generalität 
sogar wie im Ostreiche z. B. fortgeht, so werden die Armeen bald 
überhaupt nur mehr von (get.) Juden und Judstizen [aus (halb-) 



aber nicht nur für das Amüsement und den Zorn solcher sein müBte. die 
Deutsch verstehen, sondern *uch zur B f. anderer, die es nicht ver- 
stehen und erst auf dte Lächrrlichkeit un>. .« nAndiichkeit unsrer deutschen 
Sprache in so ungewaschenen Mäulem hingewicacn sein wollen; daher 
mit Ausrufungszeichen, kurzen Erläuterungen und Aufklärungen üt>er 
Stil und Granimatik, wovon ja die Gebildeten sc wenig wissen, und wo- 
möglich m:t Lcseituckcn etwa aus L ■ mit einigen 
deutschen übersetzimgsproben aus de; .. — ...^^n. 

340 



arischer Frauen Schöße] oder Jüdlingen (von jüdischen Müttern) 
kommandiert sein und wird binnen einem Menschenalter die Zu- 
gehörigkeit zum Judentum die absolute Vorbedingung für jedes 
höhere Streben sein . . . Wesen und Inhalt der Adelsidee er- 
stirbt, wenn nicht ehestens eine raßliche Rückkonstruktion er- 
steht . . . Unsre Fürsten — von Wohlleben und 
Weihrauch der jüdischen, satanisch schlauen 
Welt- und U n i v e rs a 1 - G e h e i m o r ga n i s a t i o n 
umnebelt — sehen (aus der Vogelperspektive durch die Brillen 
der ganz oder halb jüdischen Geheimratschaft) nicht, daß der mo- 
derne jüdische Betrieb, hinter dem sogar etwas wie eine moderne 
Weltanschauung stehen soll, alles vernichtet, was die germanisch- 
christliche Kultur an dauernden Werten in den Seelen der 
Menschen geschaffen. Und zu welchem Zweck ? Um dem „wirt- 
schaftlichen Aufschwung", ,,der Freiheit" und wer weiß was sonst 
für illusorischen Begriffen die Stätte zu bereiten, Dingen, die ein 
Weltkrieg, ein Naturereignis plötzlich vernichten kann. Schon 
wagt sich dann hie und da die Opposition gegen die Fürsten, so 
z. B. gegen den Kaiser, deutlich hervor, und zwar die Opposition 
der ruhigen, einfach denkenden Leute. (Die dann folgende 
Kritik an ,,unsrem Kaiser" lasse ich weg) . . . Das Judentum ist 
zur Geißel der Menschheit geworden und sein Terrorismus knechtet 
Europa — gemildert nur durch die Kopfüberzahl der Arier und 
ihrer noch bestehenden christlich germanischen Dynastien, 
welche als ,, Salve Quardia" herhalten müssen für Judas vereinigte 
große Internationale. All jüdisches Blut ist der Kitt, der sie zu- 
sammenhält, die Alliance Israelite ihr Generalstab, alle Rasse- 
juden und Getauften sind die Garden, all die Judstizen, Misch- und 
Jüdlinge das stehende Heer und all andre Judengefolgschaft aus 
Unverstand oder Selbstsucht, die Krethi-Pleti des großen Heer- 
bannes Israel. Und der Fürst der Mischna, der ungekannte Fürst 
der Finsternis — ist oberster Kriegsherr! . . .Noch haben die 
Regierenden in Europa meist das Heft in der Hand, doch kann man 
schon jetzt den Satz aufstellen: Je verlotterter eine Regierung ist, 
um so mehr darf man auf jüdische Zersetzung schließen. Auch in 
den angeblich bestregierten Staaten kommt es heute schon vor, 
daß der ehrliche Judengegner ins Gefängnis gesetzt wird, indes 

241 lö 



man den Juden die größten Frechheiten 
durchgehen lAfit — aus purer Angst vor dem großen, gift- 
gcschwollenen Lügenmaul der jüdischen Presse. Ginge es so 
weiter, dann wäre allerdings die jüdische Weltherr- 
schaft sicher!... Der Fürst, der einen Juden adelt, 
frevelt an dem altgermanischen Recht und Gesetz, dem sein Haus 
den Thron dankt. Einen Juden zum Freiherrn zu erheben, d. h. 
fälschlich als deutschen Edlen auszugeben, heißt, wir wiederholen 
es, Rasse, Geschichte und Dokumente fäl- 
sch e n. Und auch ein gutes Stuck gröbster Undankbarkeit gegen 
den blutechten alten Adel liegt darin — das muß einmal offen ge> 
sagt werden' Es ist unnötig, zu verheimlichen, daß wir 

unserm Kunig fremd geworden sind, daß wir ein- 
ander nicht mehr verstehen . . . Die Judaisierung der 
europäischen Dynastien ist jedenfalls angebahnt, außer aus 
alter Zeit, Mon(aco ? u.)tenegro, England (Zedekias Tochter), nun 
Griechenland ( Bonapart e-B 1 a n c), Spanien und Ex-Bulgarien 
( Battenberg- H a u c k e) und noch etliche nichtregicrende Fürsten- 
häuser, durch deren Blut es dann in das Regierender kommt . . . 
Judisches Blut(einschlag) auf deutschen Furstenthronen war un- 
denkbar; nur reines ,, blaues", d. h. Arierblut, niemals aber (halb) 
schwarzes oder gelbes. Solcher Niederschlag ins Königsblut 
entband der Treue! Die ario-germanische Rassenreinheit 
ist das Fundament, auf dem der Bestand der regierenden 
Häuser ruht — mit ihrem Schwinden schwindet auch die ange- 
borene Fuhrerschaftsbererhtigung. und von judaisierten 
Dynastien wird besonders das deutsche 
Volk nichts mehr wissen wollen! . . . Wir wollen 
darum eine starke Monarchie, welche, wenn sie sich selbst achtet 
und in Deutschland möglich bleiben will, nicht mit der Synagoge 
liebäugeln wird')." Das alles ist — derWolf noch inSchafs- 



') Nachträglich noch die (olgenden Sätze aus Stauffs Kor 
,,Die preußische Regierung ist in so schlunmer Weise jüdisch verfilzt, 
daß von da aus kaum noch die Krait zu einer reinigenden MaOnahme aus- 
gehen kann. Und wie es am Kaiserhofe steht, muO man es drnn immer 
Wiedersagen?" (Der Kaiser habe drei '"-'• ""'s lad julanten jüdischer Ab- 
kunft, und ähnlich werde es in andern K rn aussehen.) „Wer wüd 



kleidern, der sich, aus erratbaren Gründen (wie er selbst sagt: ,,aus 
zwingenden Gründen nicht wiedergeblicher Art") noch einiger- 
maßen wie ein frommes Schaf benimmt. Es steckt aber doch der 
Wolf, es steckt Anarchismus und Terrorismus dahinter. Die Anti- 
semiten sind, ihrem Wesen nach, widergesellschaftlich und wider- 
staatlich und üben, so weit sie können, Selbstrache an Schuld und 
Unschuld. 

Die konservative Partei muß, um eine saubere lediglich po- 
litische Partei zu werden, sich säubern von den angefaulten, un- 
politischen, antipolitischen Antisemiten, die mit dem flammenden 
Schwerte der Verrücktheit ihr Paradies des Menschenhasses und 
der Anarchie schützen wollen; die politische Partei der Konser- 
vativen muß sich säubern von aller Gemeinschaft mit dieser ge- 
sellschaftlichen Faktion voll von wahnwitzig glühendem Sinn 
für das Unrecht, für die Ursünde im Rechts- und Freiheitsstaate: 
dem Individuum sein Recht und seine Freiheit mit Frechheit ver- 
schlingen zu wollen. Die konservative Partei hätte sich zu säubern 
auch von ihrer Praxis gegenüber diesen Antisemiten: sie präludiert 
nur immer terroristisch mit, das Kompromittierende aller Einzel- 
heiten des Kampfes läßt sie die Antisemiten allein tragen und treibt 
sie ins Feuer, daraus sie sich selber nur geeignetenfalls die Ka- 
stanien holt. Das ist nicht anders als eine perfide Praxis zu nennen, 
ob sie auch gegen die Perfiden sich richtet. Die konservative Partei 
muß auch aufhören mit den andern Perfidien nach Art der Anti- 
semiten: in der konservativen Presse müssen die täglichen anti- 
semitischen Verleumdungen aufhören, ihre erbärmliche Gewöh- 
nung; womit die konservative Partei denn begreiflicherweise auch 
wohl andre anfällt als die von den Antisemiten bereits abgenutzten 
Juden. Sie fiel damit z. B. auch den NichtJuden Bismarck an, der 
gegen die Schändlichkeit unsrer Parteikämpfe ausbricht, in denen, 
wie die Parteien glauben, ,,die Gebote der Ehre loser auszulegen 



den letzten HohenzoUern, die sich nun trotz aller Lehren der Geschichte 
in die Häuser und an die Tafeln der Hebräer verirrt haben, das letzte 
Geleit geben ? Wird es das Geleit zu jenem Wagen, 
auf welchem Ludwig XVL auf seine letzte Reise 
geschickt wurde?— Gott allein weiß es; wir wissen nur, daß die 
Tage der Monarchen gezählt sind, die sich mit Juden einlassen." 

243 ''' 



seien als selbst im Kriegsgebrauch gegen ausländische Feinde", 
und gegen die konservative Partei und ihre in Patriotenpapier ein- 
gewickelten Nattern besonders: ..Wer würde anderswo als auf dem 
Gebiete politischer Parteikampfe die Rolle eines gewissenlosen Ver- 
leumders bereitwillig übernehmen ? Sobald man aber vor dem 
eignen Gewissen und vor der Fraktion sich damit decken kann, 
daß man im Parteiinteresse auftritt, so gilt jede Gemeinheit für er- 
laubt oder doch für entschuldbar;" er be2ichtigt im besonderen 
eines der fuhrenden BlAtter, welches heute noch ist wie es damals 
war, der anonymen, ehrlosen Verleumdung: ,, jeder, der es hält, 
beteiligt sich indirekt an der Lüge und Verleumdung: die darin 
gemacht wird". Daß Bismarck auch ,,der Juden Oberster" ge- 
nannt wurde, habe ich schon erwAhnt. In einer Broschüre ..Die 
Wahrheit über Bismarck" wird auf seine judische Herkunft hin- 
gedeutet, die judische Presse wäre immer angepeitscht worden, 
,,es hinauszuposaunen in alle Welt: wie grauO die Oaitschen da- 
stehen unter ihrem graußen Bismarck", der ein personlich feiger 
Mann und groß nur in seinen fiixaruiellen Unternehmungen ge- 
wesen sei. All seine Politik — Geldangelegenheit. ,.Wir sind über- 
zeugt, Herr von Bismarck, der ja ein so vortrefflicher Rechner und 
Haushalter in eignen Angelegenheiten ist, daß derselbe, der einst 
sein politisches GeschAft ohne Vermögen anfing, jetzt ein Ver- 
mögen von gegen 40 Millionen Mark besitzt, ist wohl in der Lage, 
über diese hingeschwundenen Millionen(desWelfenfonds)auf Heller 
und Pfennig Rechnung zu legen'). Und noch scheusAliger: ,,Es 
ist in hohem Grade auffallend, daß gerade diese beiden Geburts- 
helfer des neuen Deutschen Reiches und die vornehmsten Zeugen 
und Zeuger desselben: Korug Ludwig und Kronpriru Friedrich 
zurZeit, als nochmals Bismarck alleGewalt 
und allen Glanz an sich zu ziehen in der 
Lage war, ein so unnaturliches, ritselhaftcs Ende nehmen 
mußten! ! ! ') ." Die konservative Partei muß sich säubern und auf- 



■) Einer sa^e: Bismarck sei für das Deutsche Reich das, was die 
Reblaus für den Weinberg sei. 

') Selbstverständlich wird auch dem Bismarck — so etwa wie dem 
Heine — jegliche Spur von Genie abgesprochen. In ,. Freideutschland" 
(14. April 1897) steht zu lesen: „Sieht man genauer zu, so erkennt 

344 



hören, zu den Antisemiten ins Schlammbad hinunterzusteigen; 
sie hat als politische Partei mit dem Judenhaß nichts gemein und 
nützt sich nicht damit, sie schadet sich damit. Dreifach scheint das 
Interesse, welches die konservative Partei zum Antisemitismus 
bringt. Erstens wollen die Konservativen, die da haben und be- 
halten wollen, den Ansturm der Sozialdemokraten, die nicht haben 
und bekommen wollen, von sich selber ablenken auf die Juden 
als auf solche, die ebenfalls nicht nur allesamt hätten, sondern 
alles zu Unrecht hätten. Zweitens benützen sie den Antisemitis- 
mus, Fischfang auf dem Lande zu treiben. Sie wollen damit die 
Bauern gewinnen, als lieb Kind sich einbusen bei den Bauern, in 
denen das ererbte Vorurteil schon deswegen am zähesten dauert, 
weil die Bauern am wenigsten mit den Juden in Berührung 
kommen, sie meist nur vom schlimmen Hörensagen kennen und 
in einigen Gegenden allerdings mit einer Art von Juden, mit 
einer schlimmen Art von Juden, schlimme Erfahrungen machen. 
Im Liberalismus und in der Sozialdemokratie kann Antisemitis- 
mus nicht Boden fassen, weil die Liberalen und Sozialdemokraten 
in Städten wirklich mit Juden aller Art zusammen leben. Auch 
die höheren Schichten der Konservativen kennen die Juden fast 
gar nicht aus eigner Anschauung, sondern ebenfalls nur vom argen 
Hörensagen aus der Überlieferung und aus dem Antisemitismus 
(diejenigen unter ihnen, die nicht haben und, um zu bekommen, 
mit jüdischen Familien sich verbinden, Jüdinnen heiraten, lassen 
nichts von sich hören, sobald sie haben — Tu, felix Israel, nube!). — 
Und es verknüpft sich nun, unterstützt von dem erstgenannten 
und zweitgenannten Interesse, das ererbte und durch die anti- 
semitische Hetzarbeit genährte Instinktvorurteil mit dem wirr- 
dunklen Quidproquo des Judenhasses als der gelösten sozialen 



man in dem ganzen Bismarck nichts Eignes, keinen 
einzigen schöpferischen Gedanken. Seine ganze ,, Genia- 
lität" ist ein Zusammenschweißen von rechts und links her zusammen- 
gestoppelter vorgefundener Irrtümer von den kurzsichtigsten und 
niedrigsten Gesichtspunkten aus." Erinnert sei auch daran, daß 
Treitschke Bismarck „den faden Junker" genannt hat. Unbegreiflich, 
weswegen nicht die Rassentheorie dem typischen Rundkopf Bismarck das 
Genie abspricht! 

245 



Frage, woran wir das dritte Moment haben, welches die konser- 
vative Partei antisemitisch macht. 

Sie nutzt sich aber nicht damit, sie schadet sich damit. Den 
Hauptschaden zu nennen: es werden dadurch von der konser- 
vativen Partei solche Juden ausgeschlossen, welche nach ihrer 
politischen Gesinnung, d. h. nach den Interessen ihrer Lebens- 
fursorge, in diese Partei hineingehörten; das Narrengeschrei, 
welches sie zu kurzsichtigen Zwecken erhebt, kann nimmermehr 
der Partei verguten, wessen sie dadurch sich beraubt. Ausgezeich- 
neter, ja wohl unschitzbarer Elemente — ich denke, die Konser- 
vativen schweigen, aber fein mäuschenstill, wenn man sie an einen 
gewissen Friedrich Julius Stahl erinnert, einen Juden, an den sie 
uns erinnern mit jedem Wort aus ihrem Munde; sogar das Wort 
von der Vaterlandslosigkeit der andern Parteien ist ihm nach- 
gebildet, ist nur die Verstärkung oder das böswillig gewählte 
Synonym des Wortes, womit er die Liberalen, Demokraten und 
Sozialisten als die Partei der Revolution bezeichnet, der 
Revolution von 1789, die nach der Konsequenz ihres Prinzips 
fortdränge vom Liberalismus zum Demokratismus, vom Demo- 
kratismus zum Sozialismus. Sie haben jedes Wort von dem ju- 
dischen Begründer ihrer Partei, die Konservativen — er spricht 
nur besser, als sie es ihm oder andern nachsprechen, die es ihm 
nachgesprochen haben. So wie Stahl von den linksstehenden Par- 
teien sagt, die hätten jedes Wort von der Revolution von 1789. so 
muO man von den Konservativen sagen, sie haben jedes Wort von 
dem jüdischen Begründer ihrer Partei und haben kein neues Wort 
hinzugefunden; alle Reden der Korvservativen hält der eine Jude 
Stahl, und ihre Schriften und ihre Artikel in ihren Zeitungen, der 
eine Jude Stahl schreibt sie alle, sie geben immer nur sein Feuerwerk 
auf ihren Wassern. Man sieht auch, die Rasse hat mit der Politik 
nichts zu schaffen, bindet sie nicht; und es besteht keineswegs vor 
den Tatsachen, wenn man äufiert, die Juden seien nur die Unruhe 
in der Uhr der Politik. Womit übrigens die wesentliche Wichtig- 
keit der Unruhe in der Uhr wahrlich nicht verkannt sein soll, und 
auch nicht wollen wir leugnen die Wichtigkeit dessen, was die 
Juden ebenfalls manchmal sind — des Weckers an der Uhr! Es 
besteht übel vor der Wirklichkeit, wenn die Konservativen in ihrem 

«46 



Parteiprogramm ihren „Kampf gegen den zersetzenden Einfluß 
der Juden" hervorheben, als gäbe es keinen zersetzenden Einfluß 
anders woher als von den Juden, und als übten Juden keinen 
andern Einfluß als zersetzenden. Das besteht übel vor der Wirk- 
lichkeit der Partei des Juden Stahl. Dieser Partei ist übrigens 
jüngsthin durch einen gut konservativen Mann auch noch ein 
andrer Jude zum Muster vorgehalten worden. Oskar A. H. 
Schmitz hat ein Buch geschrieben, „Lord Beaconsfield", dessen 
Hauptzweck er erfüllt sehen würde, ,,wenn es ihm gelungen sein 
sollte, nicht nur einen bessern Klang, sondern auch wieder einen 
reicheren Inhalt für ein Wort geschaffen zu haben, das heute an 
Achtung verloren hat, für das Wort konservativ". Schmitz setzt 
Beaconsfield weit über Stahl, und er schreibt: ,,Die konservative 
Politik Deutschlands steht da, wo die konservative Politik Eng- 
lands in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts stand, in 
denen der junge Disraeli die Bühne der Politik betrat, nämlich vor 
einer Krise, von der man in freier Umschreibung eines viel 
späteren geflügelten Wortes sagen könnte: „Unsere konservative 
Partei wird in Zukunft entweder anders oder überhaupt nicht sein.* 
Sie w i r d sein, und zwar die stärkste Partei, wenn sie sich mit 
einem dem Beaconsfieldschen Konservativismus verwandten 
Geist durchtränkt." Das Buch über Beaconsfield ist nützlich zu 
lesen für die Konservativen und für diejenigen, die konservativ 
sein müßten, nun aber in eine andre, ihnen unnatürliche politische 
Partei hineingedrängt werden: weil die Konservativen sich ein- 
lassen mit dem Dilettantismus, mit der Narrheit, mit der Ver- 
kommenheit und dem Anarchismus und, soweit sie dies tun, auf- 
hören „die konservative Partei, die Partei der Legitimität" zu sein. 
Den Konservativen wünsche ich dasselbe, was ich den Sozial- 
demokraten und den Liberalen wünsche: je ihre Parteipolitik; wo- 
bei sie nur den guten Führern folgen mögen, an denen es ja keiner 
der Parteien fehlt. Und allen drei Parteien wünsche ich dann 
noch die Beschäftigung mit der Realpolitik Spinozas, an die nie- 
mand so stark erinnert wie unser Bismarck, der auch nicht umsonst 
von dem Spinozisten Schleiermacher Religionsunterricht emp- 
fangen und sich nicht umsonst mit dem Studium Spinozas ab- 
gegeben hatte. Auch Bismarcks Gott stand wohl dem Gott 

247 



Spinozas n&her, als man gewöhnlich annimmt, oder wenigstens 
Bismarcks Gott stand dem orthodoxen Gottesglaubea ferner, 
als man gewöhnlich annimmt'). 



') R. w. Thadden -Trieslaii re:/'-. !.nrr :n ..rtncn Erinnrrungen an Bis- 
marck von diesem die Aufierung: ,,Wct;n r.:.-\:\ Gott lirt>«n kann, »o kann 
man auch mit Gott grollen. Mein Vater ei;U:(>:ncte: .Da sind Sie also Pan- 
thetst', was Btsmarck bejahte." - Der EuifluB von Spinosas Politik tritt in 
neuerer Zeit be<^' r.B. in der realistischen Staatslehre Max von 

Sejdel«. A. Ilciuci m^i u«tui«er (Jahrbuch für CBtcttgcbunfc Verwaltung 
und Volks wirtachaft im Deutschen Reich«, heraiaftftbcn von SchmoUer, 
1904): ..Nicht nur die Grundgedanken, sondern hiufig auch die FormuUe- 
rung der Satze zeigen nun. wie ich im folgenden dartun werde, eine so Uber- 
raschcndr A' ' ' ' poUtiachen Lehren Spinozas, daO es schwer 

fllh, anf"'- ,,^ «^.^.....attmmung zu glauben. Unser Philosoph wird 

aber von ; an keiner Stelle fMcrt. Man muO daher die Frage unent» 

•chicdcn lassen, ob eine direkte BeeinfluMung stattgefunden hat. Es kommt 
auch gar nicht auf dieses subjektive Ifomcnt in erheblicher Weise an. 
viel wichtif;er erscheint es, fesisuiteikn, daA di« Staatalchr« Spinozas in 
den Schriften des bayrucheo PubIWet«! fcwUa^rmaBcn eine Auf- 
erstehung erlebt hat, nachdem tie durch zwei Jahr:. c ohne ersicht- 
liche Wirkung auf die Geister geblieben IsL Ist doch auch seine eigentliche 
Philokophie. die .Ethik*, erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts dir !-. 
I eeeing« Jacobi und Goethe au» dem Dunkel der VcrfceMnbeit erweckt 
wordoi. Ich will damit dttfchane nicht bdianpten, daB die r e chta p tiü o- 
sophischen Lehren Spinozas auf derselben geistigen Hohe etehcn wie seine 
Metaphysik, welche nicht nur in der Gegenwart eine mlchtige Wirkung 
ausübt, sondern auch Torauakhtlich in der Zukunft ihren Zaut>er nicht 
verlieren wird. Allein et moB4och auch in seiner Staats- und Rechtslehre 
ein Wahrheit^kern enthalten sein, wenn es ihr beschieden ist, nach so lan^ir r 
Zeit in bedeutenden Köpfen wieder zum Vorschein zu kommen, wie dies 
nicht nur bei Max Seydel, sondern auch in den S< Rudolf v. Ihenngs 
hervorgetreten ist" Von dcmeclben A. Meruel is*, rw-.r wertvolle Schrift: 
,.Wandlunt^«i In der Staatelahr» Spinoza»". Stuttf^art Cotta. 1808. 



248 



DIE GESCHICHTLICHE 
ÜBERLIEFERUNG. 

Daß der Vorwurf der Vaterlandslosigkeit nicht gerechter, nicht 
feiner und nicht reifer wird, wenn er darauf sich stützt, daß der Ge- 
scholtene eine gebogene Nase hat, oder daß solche, mit denen man 
ihn zusammenwirft, gebogene Nasen tragen, oder daß man glaubt, 
sie trügen welche(vgl. oben S. 136 ff), oder weil seinName auf jüdische 
Abstammung deutet — darüber mögen andere Schreiber andern 
Lesern Auseinandersetzungen machen. In der Tat aber, was wäre 
sonst noch, wodurch die Deutschen jüdischer Abstammung minder 
deutsch würden als die Deutschen von andrer Abstammung ? Was 
wollte man sagen: etwa, daß es an Gemeinsamkeit der Tradition 
und Geschichte fehle ? Die von politischer Art — zunächst bei 
dieser zu bleiben — ist für die Deutschen jüdischer Abstammung 
vorhanden so gut und so schlecht wie für die übrigen Deutschen. 
Denn unbestreitbar gilt die Wahrheit des Satzes, daß nirgendwo, 
für niemanden die politische Überlieferung in wirklicher Lebendig- 
keit weiter hinaufreiche als zwei bis drei Generationen^). 



1) ,,Alle kleine Weile gehen durch die Zeitungen Mitteilungen über die 
Ergebnisse von Geschichtsprüfungen, denen Soldaten unterworfen wurden, 
und die alle beweisen, daß das Volk von den größten Geschichtsereignissen 
auch einer sehr nahen Vergangenheit entweder schlechterdings gar nichts 
weiß oder nur eine ganz verschwommene, abenteuerlich falsche Vorstellung 
hat. Italiener des heutigen Geschlechts kennen weder Cavour noch Gari- 
baldi, Deutsche haben die Namen Moltke und Roon nie gehört, halten 
Bismarck für einen großen General oder Herrscher und haben keine 
Ahnung vom 1870 er Kriege, Franzosen wissen nichts von Gambetta und 
Thiers, von Sedan und der großen Umwälzung und verknüpfen mit dem 
Namen Napoleon die fabelhaftesten und lächerlichsten Vorstellungen. 
Dabei handelt es sich in den meisten oder allen Fällen um geweckte junge 
Leute, die mindestens durch die Volksschule hindurchgegangen, des 
Schreibens und des Lesens kundig und sehr wohl imstande sind, sich über 
alles leidlich zu unterrichten, was für sie Reiz oder Nutzen hat usw." 
Nordau, Der Sinn der Geschichte, Berlin, Carl Dunker, 1909, S. 27 ff. 

249 



Und noch ganz abgtsthen vom kurzen CedAchtnis für die po- 
litische Geschichte in den einzelnen: wie ist es doch mit der politi- 
schen Geschichte Deutschlands ? Wie lange ist es denn her, <UB 
wir aus der äußersten Zerrissenheit zu einem Volke geworden sind ? 
Deutschland ist neu — möcht es alt werdani — , das deutsche 
Volk im deutschen Staate ist sehr jung. Es scheint nötig, daO man 
ftich darüber einmal ganz klar wird: 

Das alte ,, Heilige Römische Reich deutscher Nation" mit 
allen seinen Staaten und St4atchen und Städtchen und unmitteU 
baren Reichsdörfern und seinen 1800 ..Souveränen" war kein 
deutscher Staat, nicht einmal Preußen war ein Preußischer Staat 
— es hieß: Preußische Staaten; und noch weniger gab 
et eine deutsche Nation mit einer deutschen Geschichte. Nicht ein 
einziger Krieg von allen den Kriegen war gewesen, der die Deut- 
schen auch nur vorübergehend zusammenschloß: sie hatten gegen- 
einander gekämpft um der Religion willen, sie hatten gegenein- 
ander und gegen fremde Volker gekämpft für die Intereseen ihrer 
Fürsten, sie hatten für fremde Fürsten und für fremde Volker ge- 
kämpft; und nichts war gewesen, was sie hätte verbinden können 
als die Furcht — noch Friedrich der Grof^ tat den Ausspruch: 
die Soldaten müßten ihre Offiziere mehr furchten lernen als den 
Feind. Von Vaterlandsliebe beseelt waren einzig die Fürsten, — so 
lang sie noch nicht selber regierten: da liebten sie das Land ihres 
Vaters; nachher ihre Eigenlandsliebe war natürlich noch größer 
als jene Vaterlandsliebe. Nichts weniger auch als wirkliche 
Vaterlandsliebe erwarteten sie von ihren Untertanen. In Karl v. 
Mosers trefflichem ,,Herr und Diener" aus dem Jahre 1759 liest 
man: ..Daher verstand man denn damals unter Patriotismus 
bei genauer Zergliederung bloßen Gehorsam gegen die Befehle 
des Oberherrn, ein geduldiges Beugen unter das Joch der 
Regierung, welches man unter jenem suf^n und prächtigen 
Namen dem Untertan ebenso angenehm und erträglich zu 
machen suchte, als wenn dem schwer beladenen Maultiere die 
druckenden Lasten mit schönen Decken. Schellen und Buschen 
verhängt und umsteckt werden". Wenige Deutsche sprachen 
von Deutschland als von ihrem Vaterlande; gebrauchten sie 
einmal das Wort Vaterland, so fiel ihnen dabei etwas schwer 

aso 



aufs Herz: „Bevor wir mein Vaterland verlassen, wenn wir 
sagen können, daß wir eins haben," heißt es in Klingers Faust. 
Und wie bitter sie gesagt ist, so viel Wahrheit ist enthalten in 
Görres Schilderung von Deutschland: ,,Ein Volk ohne Vater- 
land, eine Verfassung ohne Einheit, Fürsten ohne Charakter 
und Gesinnung, ein Adel ohne Stolz und Kraft, voll Soldaten 
und ohne Heer, Untertanen und kein Regiment, von alter Träg- 
heit nur gehalten." — Literatur ? Allerdings, man sprach vor 
hundert Jahren, als noch niemand an eine deutsche Nation 
dachte, als noch niemand ahnte, was eine Nation sei (nannte man 
doch sogar die Juden eine Nation und dachte dabei freilich wohl 
mehr an die natio servituti nata) — man sprach allerdings von 
einer deutschen Nationalliteratur. Aber wie wenige Deutsche 
waren, die um Literatur sich kümmerten, denen Literatur leistete 
und bedeutete; von diesen wenigen die meisten hielten sich an die 
französische und englische Literatur und sprachen, wo es darauf 
ankam, Französisch, so wie sie Französisch und die Gelehrten La- 
teinisch schrieben. Friedrich der Große schrieb nicht 
etwa nur französisch, sondern er konnte kein 
Deutsch schreiben — nicht einmal die deutsche Sprache war 
deutsche Nationalsprache, ist das erst seit hundert Jahren gewor- 
den. Und die vorhandene deutsche Literatur war die deutsche Natio- 
nalliteratur ? So wenig sie aus einem deutschnationalen Leben ge- 
worden war, so wenig war sie deutschnational, und sie konnte 
wahrlich nicht deutschnational machen: die Schreiber waren 
nicht deutschnational. Goethe, auch Schiller; und Jean Paul und 
Herder und Lessing. Schiller, dem Kantianer, war die Poesie 
ein Spiel, die sich alles eher vergegenwärtigen sollte als die 
Gegenwart: der poetische Genius müsse sich ,, seine eigne Welt 
formieren und durch die griechischen Mythen der Verwandte 
eines fernen, fremden und idealischen Zeitalters bleiben, da ihn 
die Wirklichkeit nur beschmutzen würde"; Schiller hat fran- 
zösische und schweizerische Patriotismen gedichtet, aber niemals 
daran gedacht, den Patriotismus deutsch zu nationalisieren, er 
hat gesagt: ,,Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, 
vergebens; bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch 
aus", und Schiller freute sich von ganzem Herzen mit seinem 

»51 



französischen Burgerbrief. Auch Goethe besaß keinen Bluts- 
tropfen für das Vaterland; er fand die Deutschen im Einzelnen 
achtungswert, als Ganzes miserabel und riet ab von dem Auf- 
streben nach einer Empfindung für das Vaterland, ,,die wir weder 
haben können noch mögen" — dafür bot er im Meister das 
Ideal des Auswanderns und dichtete die Vaterlandslosi^keits- 
gesÄnge: „überall sind wir zu Haus!" Herder nannte den Patrio- 
tismus ein Zeichen von Beschränktheit und einen gef&lirlichen 
Wahn, an welchem die Israehten, die Griechen und die Römer zu- 
grunde gegangen seien. Lessing gestand, das Lob eines eifrigen 
Patrioten wäre das letzte, wonach er geizen würde; der deu:sche 
Nationalcharakter sei, keinen haben zu wollen. (Ahnlich hat Jean 
Paul gesagt: der deutsche Nationalchaxakter, der so leicht an die 
Franzosen — durch Einkindschaft und Gesellschaftsrechnung mit 
ihnen — verloren gehen würde, werde denn verloren, denn es wäre 
keiner; und noch Schopenhauer witzelt: der wahre National- 
charakter der Deutschen sei Schwerfälligkeit.) Die besten waren 
,, Fritzisch" gesinnt, preußisch schwerlich, ganz gewiß nicht 
deutsch; und bald bewunderten sie Napoleon hoher noch als Fritz. 
Im Kriege, meinte Jean Paul, sei Friedrich nicht der einzige; und 
er könne auch im Frieden nicht nur erreicht, sondern übertreffen 
werden: Napoleon solle die letzten Deutschen retten und die 
übrigen formen! Hegel wimschte 1808 ,,der franzosischen Armee 
Glück, was ihr bei dem ganz ungeheuren Unterschiede ihrer An- 
führer und des gemeinen Soldaten von ihren Feinden auch gar nicht 
fehlen kann", und Goethe wußte noch bei der Erhebung des 
deutschen Volkes nichts zu sagen als sein: „Schuttelt nur an euren 
Ketten, der Mann ist euch zu groß". Während der entscheidenden 
Vorgänge des Jahres 1813 hat er ,,sich zu zerstreuen, China und 
was dazu gehört, fleißig durchstudiert, welches wichtige Land er 
gleichsam aufgehoben habe, um sich im Falle der Not, wie's auch 
jetzt geschehen, dahin zu flüchten"; über den Ausgang der 
deutschen Schlacht oder wie man sie heute nennt: der 
Schlacht bei Leipzig scheint er sich kaum geäußert zu haben, ein 
Gefühl von Freude, Erleichterung, Hoffnung hat ihn gewiß nicht 
beseelt, er gab sich nur der schmerzlichsten Sorge hin, als sein 
Sohn August unter die Freiwilligen des Herzogs von Weimar sich 

25a 



aufnehmen ließ; und später einmal, als man ihn fragte, weswegen 
er diesen Krieg nicht gefeiert habe, war seine Antwort: ,,Dies habe 
ich Jüngeren überlassen, wie Körner; für die paßte dies mehr, und 
außerdem roch mir der Krieg zu sehr nach Juchten und Kosaken." 
Weil dieser Männer Herz in Ideen lebte, und weil sie wußten, 
daß nur die Ideen leben, hatten sie Bewußtsein von den großen 
Männern, von den Personifikationen der Ideen. Nur an e i n e r 
Idee fehlte es gänzlich in ihren Herzen: an der Idee des Staates 
und des Vaterlandes. Aber nicht, weil es ihnen an Herz fehlte. Um 
alles nicht wollen wir uns so an Männern wie Goethe, Jean Paul, 
Hegel, Herder, und wollen uns nicht nach dem dummfügigen 
Sinne der ,, Gleichheitsflegel" an unsren genialsten und herz- 
vollsten Männern versündigen. Aber esistauchkeinesfallsZufallso, 
daß damals Kosmopolitismus war und heute Patriotismus ist^). 
Goethe, Jean Paul, Hegel, Herder unterliegen nicht in so wichtigen 
Dingen dem Zufall oder der Mode; und niemand kann heute mit 
Grund auf ihren Kosmopolitismus sich berufen für den seinigen 
und für seinen Mangel an Vaterlandsgefühl. Wir haben oben ge- 
sehen, warum es damals so anders war als heute. Wegen des Unter- 
schiedes zwischen dem alten Deutschen Reiche ohne Geschichte 
und Nation und dem neuen Deutschen Reiche als dem Rechts- 
staate mit einer Geschichte, darin Patriotismus sein kann und sein 
muß— Patriotismus der Staatsbürger muß sein, seitdem die Staaten 
nicht mehr die der Fürsten sind, sondern die der Staatsbürger 
wurden. Wir haben das verstehen gelernt und wollen es nicht ver- 
gessen; das ist hier ein Hauptgedanke. Aber genug, es fehlte an 
der Idee des Staates und des Vaterlandes, und jene andre Idee, wo- 
mit die Regungen von Staatsbürgerschaft und von Vaterlands- 
gefühl ausgelächelt und ausgelacht wurde, die Idee der Weltbürger- 
schaft war höchst unbestimmt, flackernd, war romantisch und 
schwabelig (was in den meisten Fällen dasselbe) , war gänzlich un- 
greifbar. Um so mehr zeigte man sich bestrebt, sie fest zu be- 
kommen, ja man gelangte so weit, selbst diese ungeheuerliche 



^) der auch von der Rassentheorie erst heute in Anspruch genomemen 
wird: ihr Stammpapa Gobineau noch hat den Patriotismus der Grichen 
als eine Monstrosität bezeichnet, welche die Semiten den 
Ariern a u f g e s c h w ä t z t hätten! 

253 



Idee personifiziert zu erblicken — in Napoleon! der allerdings auf- 
trat als der Tod für alles Vaterlandsgefuhl in den Lindern. Hegel 
war es, der Napoleon ,,die Weltseele" genannt hat. Und als man's 
endlich bitter nötig fand, gegen diese Weltseele unweltseelenmäßig, 
widerweltbürgerlich, national zu sein, da war immernoch wenig- 
stens der Begriff des Nationalen derart unnational und selber noch 
derart weltbürgerlich, daß sogar Fichte, der ,,auf die Gefahr des 
Todes" mitgeholfen hatte bei der Geburt der deutschen Nation 
und des deutschen Staates — daB der allzu geschwind aus dem 
(anationalistisch und manchmal gar anarchistisch redenden) Kos- 
mopoliten zu einem Nationalen und zum Patrioten gewordene 
Fichte den Gedanken des Deutschtums nur auszusprechen ver- 
stand, indem er ihn mit vollstem Pathos als den Gedanken des 
Weltbürgertums aussprach, die Deutschen zum höchsten Typus 
und zur Krone der Menschlichkeit sich fingierte: zu demjenigen 
Volke der Welt, dem einzig und allein wahre Bildung möglich, und 
welches zu dieser wahren Bildung gelangen müsse, damit nicht die 
garue Menschheit versinke. So in den Reden an die deutsche 
Nation, und so auch noch in der Staatslehre: ..Von den Deutschen 
aus erst wird dargestellt werden ein wahrhaftes Reich des Rechts, 
wie es noch nie in der Welt erschienen ist, in aller der Begeisterung 
für Freiheit des Burgers, die wir in der alten Welt erblicken, ohne 
Aufopferung der Mehrzahl der Menschen als Sklaven, ohne welche 
die alten Staaten nicht bestehen konnten: für Freiheit gegründet 
auf Gleichheit alles dessen, was Menschengesicht trAgt. Nur von 
den Deutschen, die seit Jahrtausenden für diesen großen Zweck 
da sind und ihm langsam entgegenreifen; — ein andres Element 
für diese Entwicklung ist in der Menschheit nicht da." Nur auch 
die Deutschen allein könnten patriotisch sein: ..jeder andern 
Nation Patriotismus muß selbstisch, engherzig und feindselig 
gegen das übrige Menschengeschlecht ausfallen." 

Ich sprach von dem geschwind zum Patrioten gewordenen 
Fichte geschwind dazu geworden durch das Elei.d und die 
Drangsale der Zeit. Fichte hatte vorher nichts gewußt von einem 
Vaterlande, das Gegenteil davon; und in seinen Kosmopolitismus 
hatte niemals Patriotismus urmi'telbar hinein geschlagen wie 
später in seinen Patriotirmus der Kosmopolitismus. Noch in den 

»54 



,, Grundzügen des gegenwärtigen Zeitalters" (1804 — 1805) schrieb 
er: „Welches ist denn das Vaterland des wahrhaft ausgebildeten 
christlichen Europäers ? Im allgemeinen ist es Europa, insbe- 
sondere ist es in jedem Zeitalter derjenige Staat in Europa, der auf 
der Höhe der Kultur steht. Jener Staat, der (in seiner Politik) ge- 
fährlich fehlgreift, wird mit der Zeit freilich untergehen, demnach 
aufhören, auf der Höhe der Kultur zu stehen. Aber eben darum, 
weil er untergeht und untergehen muß, kommen andre, und unter 
diesen einer vorzüglich herauf, und dieser steht nunmehr auf der 
Höhe, auf welcher zuerst jener stand. Mögen denn doch die Erd- 
geborenen, welche in der Erdscholle, dem Flusse, dem Berge ihr 
Vaterland erkennen, Bürger des gesunkenen Staates bleiben; sie 
behalten, was sie wollten und was sie beglückt: der sonnenver- 
wandte Geist wird unwiderstehlich angezogen werden und hin sich 
wenden, wo Licht ist und Recht. Und in diesem Weltbürgersinne 
können wir denn über die Handlungen und Schicksale der Staaten 
uns vollkommen beruhigen, für uns selbst und für unsre Nach- 
kommen, bis an das Ende der Tage." Ebenso geschwind wie Fichte 
ist E. M. Arndt zum deutschen Patrioten geworden, aus einem 
schwedischen Patrioten zum deutschen Patrioten! und zum 
Zeugnis dafür, daß es auch Arndt am Kosmopolitismus nicht ge- 
fehlt habe, lese man in seinen ,, Erinnerungen" S. 348. Deutsche 
Patrioten gab es vorher keine; die es sein wollten, konnten es nicht 
sein, wußten es nicht anzufangen, wurden von den Kosmopoliten 
verlacht, waren tatsächlich lächerlich. Die Hauslosigkeit ihres 
Patriotismus machte, daß sie in der weiten humanistischen Bildung 
umherirrten, und der eine hier, der andre dort sagte, er sei zu 
Hause. In Wahrheit war es keiner. Der nordische Mythologie- 
Patriotismus Klopstocks liegt für uns noch ferner als der 
griechische Mythologie - Kosmopolitismus Schillers; und nicht 
glücklicher war es, daß Adam Müller (in seinen Vorlesungen über 
die deutsche Wissenschaft und Literatur) den Schuster Hans Sachs 
germanischen Nationaldichter sein ließ und zur patriotischen Ein- 
kehr empfahl. Es gab nichts Gemeinsames von Bedeutung, darauf 
man ruhen konnte, es war keine Grundlage deutscher Gesinnung; 
der Patriotismus war nicht natürlich damals. Die Deutschen waren, 
wie schon Luther von ihnen sagen mußte, aller Nationen Affen; 

255 



die Gallomanie und Anglomanie war damals natürlicher als die 
Germanomanie, die doch auch nur eine Manie und Narrheit und 
noch lange kein deutscher Patriotismus ist. Diesen wie überhaupt 
Patriotismus hielten damals die allerbesten mit ihrem Kosmopoli- 
tismus für unvereinbar — weil sie im Grunde beide noch gar nicht 
kannten. Denn man kannte auch den Kosmopolitismus nicht, 
stand mit ihm ebensowenig auf Wahrheitsboden wie mit dem 
Patriotismus; auch den Kosmopolitismus kennen wir heute besser, 
in den besti:nmteren Formen, welche sich seitdem entwickelt 
haben: neben dem ebenfalls sich entwickeln- 
den Nationalismus. Mit dem Kosmopolitismus 
oder Internationalismus der Literatur und Kunst begann es da- 
mals, von dem wissenschaftlichen Internationalismus aber war 
noch wenig, vom wirtschaftlichen (der den Hauptstreit um den 
Besitz tief hineintragt in die Bevölkerung der Lünder, damit die 
Nationalitaten gegeneinander entfacht und ihren Nationalismus 
stärkt!) war damals noch weniger zu spüren; und freilich 
gibt es noch einen andern, höheren Internationalismus, der 
aber nicht im unbestimmten Edelmute des Weltburgersinns sich 
erschöpfen und rücht mit den Kynikern sprechen darf: ,,Ich bin 
nicht Burger meines Staates, sondern der Welt!" — der sprechen 
soll: „Ich bin Burger meines Staates und der Welt!" Weltburger- 
sinn ist Anerkennung der Pflichten, welche die Burger aller Staaten 
gegeneinander haben, weil sie alle der einheitlichen Menschheit 
angehören, und eben darum begeht die ärgste Verfehlung (^egen 
den Weltburgersinn, wer sich zeigt ohne Sinn für die besonderen 
Pflichten, die ihm als Burger seines Staates obliegen: er muO sich 
nach der vorhandenen Wirklichkeit ganz richten; sein nichtiger 
Traum von Weltburgerschaft, von einem alle Menschen umfassen- 
den Weltstaate, worin er ja noch nicht lebt (undwir zum Gluck auch 
noch nicht!) enthebt ihn keineswegs der Pflichten gegenüber seinem 
Vaterlande, worin er tatsächlich lebt— so werüg ja, wie ihm dieser 
Traum Anlaß wird, es einmal umgekehrt, statt bei der Vernach- 
lässigung seiner Pflichten, bei dem Verzicht auf seine Rechte an- 
zufangen: den durch die Staatsbürgerschaft gewonnenen Rechten 
zu entsagen. Und ganz ebenso, wenn Kosmopolitismus im größten 
Sinne genommen wird, als Bildung, die aus der Enge in die Weite 

J56 



führt, als Leben in den Ideen. Immer noch nicht ließe andres 
sich sagen, als daß zu den Ideen auch die Idee des Vaterlandes ge- 
hört, die wahrlich ebenfalls gelebt sein will. Leider hat unsre 
Bildung in dieser Hinsicht noch sehr vieles von ihrem frühern 
einseitigen Kosmopolitismus an sich, bringt verworren: künstle- 
rischen, literarischen und wirtschaftlichen Internationalismus 
mit rechtlichem Internationalismus ineinander und faßt nicht das 
Wesen des Rechts und des Staates, des nur im Staate, nicht auch 
zwischen den Staaten zu verwirklichenden Rechtes — die Staaten 
sind unabhängig, unfügsam, unstaatlich, nicht fähig zur 
Vereinigung in einem Weltrechtsstaate. Und zur Gleichgültigkeit 
hinzu brachte der romantische Anarchismus noch die Feindseligkeit, 
— die Gebildetsten halten sich abseits, und die meisten Äußerungen 
von Vaterlandsliebe sind unter uns noch verbunden mit Äuße- 
rungen von Roheit und Niedrigkeit; wodurch erst recht die ge- 
bildeteren Geister abgeschreckt werden: von Humanität durch 
Nationalität zur Bestialität, sagte Grillparzer. Aber die wahrhaft 
Gebildeten sollten auch dadurch nicht sich hinwegscheuchen lassen, 
vielmehr beitragen, daß es in diesem Punkte von höchster Wichtig- 
keit besser unter uns werde und wir denn endlich zu unsrem 
natürlichen Patriotismus gelangen. Unsre Vaterlandsliebe, 
unser Vaterlandsbegriff sind noch neu, nicht älter als unser neues 
Deutschland, und bedürfen noch gar sehr nicht allein der Stär- 
kung, sondern auch der Reinigung — wirklich viele gehören 
damit, wenn nicht gerade in die Hölle, so doch ins Fegefeuer, 
wo auch der teutschtümelnde ,,Brei des Herzens** zur Verdampf- 
ung gebracht werden könnte, — und vor allem also muß 
unser Patriotismus natürlich werden I Natürlich war auch des 
edlen Fichte Patriotismus keineswegs; er verstand sich noch 
nicht auf Patriotismus und mischte Kosmopolitismus, ja sogar 
gänzlich außerhalb alles relativen Bewußtseins fallendes Ab- 
solutes hinein. Sein Patriotismus war zu hoch und dadurch un- 
fruchtbar — und unser Patriotismus mit seinem Anspruch, mit 
seiner Prahlerei^) und mit seiner Verdächtigung der Vaterlands- 

Sybel sprach 1871 gegen die hochmütige Einbildung, die Selbst- 
vergötterung und die Herrschaft der Phrase in den französischen Gemütern : 
„Die Weltbeherrschung befördert nicht, sondern gefährdet die Bildung des 

257 " 



losigkeit und Vaterlandsfeindschaft gegen die eignen Vaterlands- 
kinder ist zu niedrig und gefährlich. Unsre Parteipolitik erweist 
sich als ein arger Feind unsres Pathotismus (vgl. oben S. 222 ff., 
231 ff.)i und sein Ärgster Störer ist die Rassentheorie. Sollte aber 
für uns kein andrer Weg sein und tatsAchlich die Rassentheorie die 
Mutter unsres Patriotismus werden, $0 wollen wir ihr alles ver- 
geben — doch muß sie am Tage der Geburt ihres Kindes sterben; 
sonst tötet sie ihr Kind. 

Die Deutschen kannten bis vor hundert Jahren überhaupt 
keine Vaterlandsliebe, weil sie gar nicht wußten, daß sie ein Vater- 
land besaiten; das merkten sie erst, da sie es verlieren sollten. 
Zuerst war es ihre Angst, ihr bitterer Schmerz, ihr glühender Haß 
gegen den, der sie es wollte verlieren machen, und damit war's in 
ihnen erstanden; Angst, Schmerz, Haß, das alles zerschmolz in die 
neue Hoffnung hinein und die neue Liebe — Herz riach Herz war 
damals allen Deutschen das Vaterland ins Gefühl gekommen. Das 
war auf einmal, was noch nie gewesen war. Das waren andre 
Völker — die auch die Fürsten mit sich fortrissen. ,,Itzo ist es 
Zeit, die ganze Nation zu den Waffen zu rufen, und wenn die 
Fürsten nicht wollen und sich dem entgegensetzen, sie samt dem 
Bonaparte wegzujagen", so schrieb Blücher an Scharnhorst, der 
seinerseits lingst tief und klar erfaßt hatte, worauf es ankam; der 
bereits 1807 die Worte farul: ,.Man muß der Nation das Gefühl der 
Selbständigkeit einflößen, man muß ihr Gelegenheit geben, daß sie 
mit sich selbst bekannt wird, daß sie sich ihrer selbst 
a n n i m m t." Das waren andre Volker und, wo es auch nicht 
andre Fürsten waren, war es doch ein andres Verh&ltnis zwischen 
Völkern und Fürsten. Der Fürst befahl nicht wie früher den Unter- 
tanen: er kam, wenn auch gedrAngt und nach Schwanken und 
Zaudern, als der Repräsentant des Volkes, an welches sein Auf- 
ruf erging. Das gaiue Volk selber rief sich auf ziun Freiheits- 



herrschenden Volkes, und ein sicheret Mittel, allxnAhlich die Fihigkeit zur 
ZiTilisAtion zu Tcrwirken, ist der seHMtgclillige Anspruch, ein für allemal 
an der Spitze der Zirüisation zu marschieren." Was diese Bemerkung 
an Wahrheit enthUt, galt nicht nur gegen Frankreich, gilt allgemein und 
heute leider gegen Deutschland, dem heute alles zum Vorwurf gemacht 
werden kann, was Deutschland früher Frankreich vorgeworfen hat. 

*5» 



kriege — einem andern Kriege, als jemals vorher einer in Deutsch- 
land war geführt worden. Es war der erste Krieg der Deutschen. 
Mit einem Schlage war alles das vorhanden, wovon wir oben gesagt 
haben, daß es nun immer sein müßte (die Realität des Staates als 
unser Leben des Rechts und der Freiheit soll nicht nur im Kriege, 
sie muß auch im Frieden empfunden werden) ; mit einem Schlage 
war die deutsche Nation geworden, die in jenen allerschwersten 
Zeiten auf die höchste Art politisch war, tatsächlich sich 
selber als den Staat empfand und für ihre 
Freiheit und für ihr Recht kämpfte, zuerst 
gegen den Feind draußen im Freiheitskriege, der von da an drinnen 
im Lande fortgesetzt wurde — Imperium et libertas! Ja, das muß 
gesagt und betont werden, damit wir auch wirklich im Real- 
politischen und Realhistorischen bleiben: daß die Freiheit nach 
außen auf das innigste zusammenhing mit der Freiheit drinnen; 
daß schwerlich das deutsche Volk in so mächtigem Aufstande das 
Fremdenjoch abgeschüttelt hätte, wenn es nicht zuvor wäre frei 
erklärt worden vom Joch im eignen Lande. Das wollen wir nicht 
verkennen, so wenig wie es die Führer von damals verkannten. 
Stein in seinem politischen Testamente spricht es aus: „Es kam 
darauf an, die Disharmonie, die im Volke stattfindet, aufzuheben, 
den Kampf der Stände, der uns unglücklich machte, zu vernichten, 
gesetzlich die Möglichkeit aufzustellen, daß jeder im Volke seine 
Kräfte frei in moralischer Richtung entwickeln könne. Der letzte 
Rest der Sklaverei, die Erbuntertänigkeit, ist vernichtet, und der 
unerschütterliche Pfeiler jedes Thrones, der Wille freier Menschen, 
ist gegründet. Das unbeschränkte Recht zum Erwerbe des Grund- 
eigentums ist proklamiert, die Städte sind mündig erklärt." 

Damals, vor hundert Jahren, begann unsre Geschichte, die 
Geschichte eines auf einen neuen Grund gestellten, infolge der 
Stein- Hardenbergschen Gesetzgebung tatsächlich ganz neuen 
Reiches, darin es politisches und staatliches Interesse gab nicht 
nur für den Fürsten, und auch dem Fürsten die Vaterlandsliebe in 
einem schöneren Sinn und Lichte entgegentrat: als das Bewußt- 
sein, mithineinzugehören in den Rechtsstaat, der Vertreter des 
Rechtes und der Freiheit zu sein. Damals begann für Deutschland 
die Geschichte des Rechtsstaates mit einem wirklich nationalen 



359 



17* 



Willen, der nach btstimmter Richtung hin inimer klarer wurde 
und immer mächtiger und mehr und mehr sich holte und holt von 
dem, was ihm vor dem Kriege aus dem Füllhorn derVersprechungen 
war verheißen und freilich bis auf den heutigen Tag noch nicht alles 
auch ist gegeben worden — um ihr Wort zu brechen, brauchen 
auch Fürsten nicht erst einzunehmen — : von der Einigung 
Deutschlands und von der Freiheit seiner Bürger. Durch einen 
scharfen Einschnitt ist die Geschichte dieses neuen Deutschlands 
getrennt von der des alten Deutschlands, die man nicht die Ge- 
schichte der Deutschen nennen kann; um noch einmal Fichte 
reden zu lassen: ,,Die Deutschen haben als solche in den letzten 

Jahrhunderten keine Geschichte ihre Existenz ohne Staat 

und, über den Staat hinaus, ihre rein geistige Ausbildung ist ihr 
merkwürdigster Zug." 

Die ganze Geschichte aber des neuen deutschen Reiches, 
welche die Geschichte der Deutschen ist, haben, seit jenen Tagen 
der Grundlegung, die Deutschen judischer Abstimmung mit den 
übrigen Deutschen gemein, und will man denn noch hoher hinauf 
zurückblicken in ihr Leben — nun, wie nach romischem Rechte 
die Schulden zum Kapital gehören, so gehören dann auch die 
Leiden, welche die Juden im alten Deutschland durchzumachen 
hatten, mit hiruu zu ihrem Leben in unsrem Lande. Aber diese 
Leiden haben sie 14ngst vergessen: mit Deutschlands Wieder- 
geburt hörten sie auf; und seitdem sind die judischen Deutschen 
deutsch und nichts als deutsch. Meine Kindheit — , ein jeder 
kann hier am besten von sich selber reden — meine Kindheit 
kannt« nur einen Helden, war g&iulich ausgefüllt durch jenen 
einen Helden, Friedrich, der mir heute noch, auch mit dem zweiten 
Urteile meines Lebens, der GroB« ist: der erste unermüdliche Aus- 
streuer der Saat für die Ernte Deutschlands war Friedrich der 
Große, Friedrich der Einzige, dem aus tiefster sittlicher Selbst- 
bestimmung das Königsein kein Recht, sondern eine Pflicht ge- 
wesen und der die Konstitution des wahrhaften Rechtsstaates in 
sich trug; der moderne Mensch vor allen modcrneti Institutionen 
und der originale Mensch von eigner Farbe, die unter allen 
antiken und modernen Menschen allein ihm eigen. Ein großer 

a6o 



Mann war Friedrich, unter den modernen Königen der glän- 
zendste durch das Zusammen von genialer Kühnheit mit weiser 
Zurückhaltung, der politisch klarste und anschmiegsamste, der die 
ausschließlich egoistische Natur der Menschen prinzipiell kannte 
(daher sein Mißtrauen) und danach allein politisierte und regierte, 
der klügste König — und ein König auch unter den Klugen, 
ein Held auch der Rede — in prachtvoller Scheide steckt ihm 
das starke Schwert, und wie trifft er damit! Zu beklagen nur, 
daß er Zeit seines Lebens kein Wort wahrer Philosophie zu Ge- 
sichte bekam, sondern nichts als jenes Zerrbild der Philosophie, 
die Metaphysik, das Meer der Schiffbrüche, wie er selber sie ge- 
nannt hat, und gar erst noch keine andre als französische, alles 
nur obenhin begrübelnde Metaphysik, der, was sie auch besaß, 
doch die Hauptsache fehlte, die Liebe, ,,und wo dieser Stern 
nicht leuchtet, da ist es Nacht, und wenn auch alle Lichter der 
Encyklopädie ihr Brillantfeuer umhersprühen," Friedrich war 
ein wunderbarer Schüler der Weisheit gewesen und suchte auch, 
anders wie andre Fürsten, (an seinem Rokokohof ohne Weiber) 
statt der Narren, Weise sich zu halten, aber sie waren keine: er war 
es mehr als sie alle miteinander und ein so charaktermächtig großer 
Mann, daß er stetsgrößer blieb als seinUnglück und als sein Glück. 

— Wie hab ich mit meinem Fritz seine Jugend durchgelitten 

— unter diesem Vater, der seinen Kindern Speisen hinein- 
zwängte, die ihnen ekelhaft waren und auf die er vorher noch 
spuckte; der sie oft ganz hungern und nachts nicht länger als drei 
Stunden schlafen ließ; wo er sie antraf, sie mit Fäusten behandelte, 
auf sie trampelte, unter dem man sie wegreißen mußte, daß er sie 
nicht erwürgte und erstach. Wie hab ich ohnmächtig ingrimmig 
geweint und geknirscht unter der Mißhandlung dieses Vaters, der 
„keine männlichen Inklinationen" zutraute solchem Sohne, in 
dem Helden- und Feldherrngeist von Unerschöpflichkeit glühte; 
der solchen Sohn fortgesetzt in der Familie und vor dem ganzen 
Lande entehrte und beinah auf das Blutgerüst gebracht hätte; wie 
hab ich meines Friedrichs ganzes Leben mitgelebt, wie hab ich 
seine Schlachten geschlagen und die Feinde gefegt — meine 
Papiersoldaten, die haben mein Preußen belebt und es groß ge- 
macht, und Preußen hat Deutschland zu Deutschland gemacht. 

261 



Ich war während des Krieges von 1870/71 Kind im ersten Helden- 
alter, das Herz voll Riesentaten, und so hab ich denn auch alle die 
Schlachten von 70 mit meinen Papiersoldaten geschlagen; wobei 
der eigentliche Held und Sieger immer der alte Fritz gewesen, 
weil i c h ja diese Schlachten schlug, der ich selber der alte Fritz 
war; ich träumte und ich wachte so. Der alte Fritz bin ich ge- 
blieben wohl bis in mein zwölftes Jahr, bis etwa 1874 — so lange 
dauerte der Siebenjährige Kri»g oder vielmehr der kombinierte 
Siebenjährige und der letzte Krieg gegen Frankreich, die mich 
durch meine täglichen Schlachten und Siegestaumel in beständiger 
patriotischer Erregung hielten. Solcherart finde idi mich von 
jung an mit meinen bedeutendsten und allerlebendigsten Erinne- 
rungen durchtränkt von begeisterter Gesinnung für das Vaterland, 
alle meine Lebenswurzeln dringen tief hinab in seinen Boden, ich 
bin mit deutscher und allgemeiner Bildung genährt, mit der grie- 
chischen und jüdischen, die von der Menschheit nicht kann ent- 
behrt werden — mögen auch Rasende sich deswegen rasend ge- 
bArden. Was bat mich erweckt zu meinem Schaffen? Das war 
der Anblick der Tauschwestern, das war Sokrates, Christus 
und Spinoza — ihr Leben und ihr Schicksal — , das war die 
Wunderpersönlichkeit und die Wundersprache Luthers, dem ich 
die erste Stelle unter den Deutschen einräume; sie gebührt ihm 
als dem Manne mit der größten Macht des deutschen, zackigen 
Wortes, wodurch eine Wirkung auf die abendländische Kultur ist 
ausgeübt worden, ohne Vergleich ungeheurer als je durch einen 
andren Mann seit Jesus Christus. Deswegen und wegen seiner 
Bibelübersetzung — das beste Werk der deutschen Literatur 
wenigstens der Sprache nach, das unvergleichlich kraftreichste 
und schönste — räume ich auch Luther die erste Stelle in der 
deutschenLiteraturein; denn ich nehme Literatur nicht indemSinne 
mancher Heutigen, die darunter womöglich nur verstehen, was das 
modern ästhetische ,,neuro-mantische" Gedichter von einem Sana- 
torium ins andre hinüberpiept — und dazwischen ist's eben sehr 
gefährlich für die manchen Heutigen! Ich muß Luther den ersten 
Platz einräumen in unsrer Literatur, weil er diese Bibelübersetzung 
geschaffen, die so etwas ganz andres ist als eine Übersetzung: 
ich schwöre, das ist keine deutsche Übersetzung der Bibel, das 

a6a 



ist die Bibel deutsch; verkleinern kann das nur wollen, 
wer nicht berührt ist von dem, was die Bibel bedeutet, noch von 
dem, was dieses deutsche Werk Luthers auf der Wartburg be- 
deutet — Luth er auf der Wartburg heißt das folgende 
Gedicht von Ernst Lissauer: 

Droben auf der Wartburg, ruhend von Fährnis und Fahrt, 
Haust seit Kantate ein Junker, sässig, friedlich, gelahrt. 
Bücher verstreut auf der Diele, schweinsledern, mit Schließen 

verziert. 
Breit sitzt er im Armstuhl — stützt das Kinn — meditiert. 
Vor ihm liegt die Vulgata, alt und neu Testament. 
Bisweilen schnellt er vom Sessel, — rennt; 

Langt einen Band vom Boden, schlägt auf, streicht, klappt, 

Wirft ihn schwer in die Ecke, trampt, trabt, trappt, 

Von der Türe zur Wand, vom Bette zum Fensterbord . . . 

Hart aus sich bricht er Sprache und wirft auf den Bogen das Wort. 

Horcht, feilt, hämmert; lugt, zielt, trifft — 

Also, bohrend und bosselnd, schreibt Luther deutsch die Geschrift. 

Fernhin zu Füßen des Berges gespannt. 
Tragend Wälder und Wiesen, blüht das thüringer Land. 
Erstarrte Wellen grünenden Meeres funkeln die Höhn, 
Die Werra glänzt, hinter Weiten dämmert die Rhön. 

Manchmal am Fenster hält er ein. 

Sinnend in Rast; 

Breit breitet er beide Arme und faßt. 

In Fudern packt er die Luft und den Tagesschein, 

Und wendet sich hin und streut auf die Bogen dicht 

Den Duft der Hügel, das Wälderlicht. 

Rund um die Stube öffnet sich Wandung und Mauer, 
Wiesen und Wässer, Wald bei Wald, Berg an Berg 
— Ein Fuhrmann rasselt vorüber, zurufend ackert ein Bauer — 
Sitzen ratend und helfend um Luthers Werk. 

263 



Die erste Stelle in unjrer Literatur gebührt Luther, weil er dieses 
deutscheste Werk unter den Werken unsrer Literatur geschaffen 
und weil bei ihm die lebendige, gesunde, Leben und Gesundheit 
wirkende deutsche Rede angetroffen wird, wie bei keinem sonst 

— unsre Heldensprache ist unser Größtes: willst du die Größe 
Deutschlands erkennen, so erkenne, wie groß unsre deutsche 
Sprache ist; ihretwegen allein schon bin ich glücklich, ein Deut- 
scher zu sein, und kennte ich nicht mehr Gluck als die deutsche 
Sprache: es wire genug Gluck! Und Luther ist mir bewun- 
derungswürdig noch im besonderen und nicht zuletzt, weil 
er deutsch ist auch in jenem andern Sinne, der uns 
schon das Wort Deutsch so lieb und herzerfrischend macht; 
deutsch heißt uns: in der Sicherheit des Gutgewollten nichts in den 
Bart, sondern alles in die Luft gebrummt rechtschaffen grob hör- 
bar, und einem nArrischen Untier gradan ernst und fröhlich 

— beides mit Totschlagelust — auf den Leib geruckt. Personifi- 
kation des deutschen Mutes ist Luther und ist seineRede ') . Solchen 
deutschen Luthers deutsche Rede war es nicht zuletzt, die mich zu 
meinem Schaffen erweckte, und all mein Werk ist von deutschem 
Geiste; zu welchem Werke, zu welchem deutschen Werke auch 
dicie Schrift über den JudenliAß und die Juden gehört, die hier auf 
dem klassischen Boden Potsdams entsteht, wo der große Friedrich 
gelebt hat, dessen Preußen das Vorspiel zu Deutschland war. Ich bin 
ein spAtgeborenes fritzisch gesinntes, aber auch ein preußisches und 



•) Ein Jude tiAt irgendwo geschrieben, ein Jude dürfe nicht über Luther 
schreit>en: das wäre eine Abgeschmacktheit und Frechheit. So weit bringen 
CS die Judenhaaser in den Juden. Nicht über Luther? über wco denn, 
wenn nicht fiber Luther ? Wird erst Zionismus Juden ebenso xu voUande te o 
Narren machen können wie germanofnanischcr Rawenhafl Nichtjudca: 
welch eine Abgeschmacktheit und Frechheit werden dann erst Juden bei 
Luther darin finden, daß er über Juden geschriet>en, daß er sein ganzes 
Leben gestellt hat auf die A'-'^'-r<<ng der Worte von Christus und Paulus 
und auf nichts andres als au: . !ire jüdischer MAnner ? Aber wenn erst 
Germanomanie völlig über Deutschland gesiegt hat: wo wird dann über- 
haupt unser Luther sein ? Denn Luther ist kein Germane, ganz gewiß kein 
reiner Germane. Er stammt nachweislich ab Ton Slawen, und »etac Ge> 
sichtsbildung bestätigt das zur Genüge. Und ist aurh noch gar ein Rund- 
kopf, so rund nur ein Kopf sein kann! 

•«4 



deutsches, ein preußisch-deutsches Kind bin ich gewesen, wie nur 
eines sein kann; und lebt kein Deutscher und sitzt keiner auf einem 
deutschen Throne, den ich an deutschem Sinn über mir erkenne. 
Und wie in mir, so in andern Deutschen jüdischer Abstammung; 
wir sind deutsch in Geist und Gemüt, gehören mit Gut und Blut 
dem deutschen Wesen und Vaterlande und sind ein Stück von ihm. 
Seitdem Deutschland aus Brüchigkeit und Zerrissenheit zum 
Werke der Einigung sich besann, seitdem es ein eigent- 
lich deutsches Volk gibt im deutschen 
R e c h t s s t a a t e , und seitdem überhaupt die 
Deutschen politische Rechte besitzen, gibt 
es auch Deutsche jüdischer Abstammung, die an aller Arbeit des 
Krieges und des Friedens mitgetan haben, was sie vermochten, 
so gut und treu wie die andern Deutschen. Sie haben mit diesen 
ihr Blut gemischt in den Kämpfen für das Vaterland, schon in 
jenem ersten Kampfe, wovon der Minister Hardenberg im Jahre 
1815 schrieb: „Auch hat die Geschichte unsres letzten Krieges 
wider Frankreich bereits erwiesen, daß sie des Staates, der sie in 
seinen Schoß aufgenommen, durch treue Anhänglichkeit würdig 
geworden. Die jungen Männer jüdischen Glaubens sind die Waffen- 
gefährten ihrer christlichen Mitbürger gewesen, und wir haben 
auch unter ihnen Beispiele des wahren Heldenmutes und der rühm- 
lichsten Verachtung der Kriegsgefahren aufzuweisen, so wie die 
übrigen jüdischen Einwohner, namentlich auch die Frauen, in 
Aufopferung jeder Art den Christen sich angeschlossen^)." Und 



1) „In Frankreich, und wohin die französische Herrschaft sich aus- 
breitete, waren die Juden emanzipiert; in Preußen lasteten Unfreiheit 
und Verspottung auf ihnen. Es ist also natürlich, daß in jener Zeit sich 
in vielen Juden die Frage regte: ob Freiheit unter einem fremden Herr- 
scher nicht der Knechtschaft unter einem einheimischen vorzuziehen 
sei ? Und es ist nach meiner Meinung nie genug gewürdigt worden, wie 
groß die Selbstverleugnung und die Vaterlandsliebe der Juden gewesen 
sind, welche sich im Jahre 1813 als Freiwillige den Kämpfern gegen 
Frankreich angeschlossen haben, um einem Lande seine Freiheit wieder- 
erobern zu helfen, welches ihnen selbst keine Freiheit, wohl aber Krän- 
kungen und Beschränkungen aller Art dafür zum Lohne bot." Fanny 
Lewald, Meine Lebensgeschichte. — (Z.) Das gleiche galt im großen 
Kriege für die Juden Rußlands. Über diese schreibt der deutsche Bot- 

265 



allem, was b«t uns geschah für den Handel, für die Industrie, 
für die Technik, für die Wissenschaft, für die Literatur, für die 
Kunst, für die Philosophie, für das soziale und für das politische 
Leben sind die Juden auf das innigste und bedeutendste verbunden. 
Auch unsrer Politik — sie sind Stutzpunkte des politischen Lebens 
aller drei Parteien des Landes. In diesen drei Parteien, in allen 
dreien — das haben wir betrachtet — spricht der politische Geist 
Deutschlands sich aus; und die Juden hatten wahrlich nicht ver- 
mocht, in allen drei Parteien so ausgezeichnete Rollen zu spielen, 
wenn sie nicht in ihrem eignen Geist und Charakter deutsch ge> 
Wesen wAren. Was Marx, Lassalle, Lasker und andre Juden für 
die f.revolutionAren Parteien", für die Sozialdemokratie und den 
Liberalismus bedeuten, das ist wohl auch den Konservativen be- 
kannt; vielleicht ist ihnen aber ä\ich bekannt — ich muß hier noch 
einmal fragen, was ich oben schon gefragt habe') — vielleicht ist 
ihnen auch bekannt, daß ihnen bekannt ist. was der Jude Stahl 
für die Konservativen bedeutet? Man hört diese wohl den Ver- 
ruckten nachsprechen das Wort von den judischen Sozialdemo- 
kraten und von den judischen Liberalen — warum denn kein Wort 
von den judischen Konservativen? (Die Antisemiten allerdings 
nehmen manchmal AnUufe. sprechen von den ,,Cohnservativen'*, 
von ,, Juden und Junkern" usw.) Die Konservativen sind in Wahr- 
heit mehr auf ihren Juden gestellt als die andern Parteien auf die 
ihrigen; noch jüngsthin las ich in der ,, Konservativen Monats- 
schrift" (Aug. 1912, ,,Die Entwicklung der konservativen Partei 
usw."): ,, Ohne Vergleich in der Geschichte der deutschen Parteien 
— auch die Bedeutung von Marx für die Sozialdemokratie nicht 
ausgenommen — sind die Verdienste, die sich Julius Stahl als 
einzelner um die wissenschaftliche Begründung der konservativen 
Staats- und Rechtsanschauung erworben hat; und daß es ihm be- 
schieden war, diese theoretisch gewonnene Anschauung in be- 
deutsamer parlamentarischer Führerstellung auch zu betätigen, 



tchaiter in Washington Graf v. Bemsdorf am 6. Not. 191 4 an die in 
New - York erschrinende jüdische Zeitung ,,Der Ta«": „Die Juden Ruß- 
lands zeigen in diesem Kriege einen bewunderiuwerten Patriotismus 
für ihr HeimatlAnd. das sie unterdrückt hält" 
') Vgl. S. 346 ff. 

366 



mußte seinen Einfluß und sein Ansehen begreiflicherweise nüf 
noch verstärken." 

Und so darf man denn wohl sagen: sie haben geleistet, was sie 
vermochten und was sich nur von ihnen erwarten ließ — wenn es 
heute noch möglich wäre, daß die Emanzipation zurückgenommen 
werden könnte, so könnte das nicht deswegen geschehen, weil den 
Juden die Teilnahmsfähigkeit an dem allgemeinen Kulturleben 
abgeht. Sie machen noch nicht ganz den tausendsten Teil der 
Menschheit aus: wenn man auch nichts weiter in Betracht zieht 
als das Christentum, so muß man sagen, sie haben wohl mehr zur 
Kultur zugegeben als den tausendsten Teil ; und die Juden machen 
nur ein Prozent u n s r e r Gesamtbevölkerung aus — es wäre immer 
noch normal, wenn die übrigen Deutschen hundertmal mehr ge- 
leistet hätten als die von jüdischer Abstammung. Ich denke, der 
hundertste Teil der geleisteten Gesamtarbeit läßt sich diesen zu- 
sprechen; sie haben ihn geleistet, trotzdem sie dabei gestört 
wurden und immer noch gestört werden — die volle Freiheit der 
Persönlichkeit haben sie noch nicht errungen und haben noch 
genug zu schaffen mit der Durchführung der Emanzipation. — 
Oder was wäre sonst noch ? Ihre Vergangenheit ? Was sie vom 
Jüdischen noch hinter sich haben? 

Was die Juden vom Jüdischen noch hinter sich haben ? 

Oh, davon zu reden bin ich erst recht und noch freudiger und 
mehr als freudig bereit; es ist Zeit, daß man anfange, davon zu 
reden. Und da sage ich denn zunächst: nun, das haben auch die 
übrigen Deutschen, ,,die Christen", fast ebenso hinter sich. Die 
Christen Deutschlands haben das Christentum hinter sich: das 
Christentum ist aber Judentum; denn es ward ausschließlich von 
Juden erzeugt und trägt seinen Namen nach dem Juden Jesus 
Christus. Die Deutschen leugnen doch wohl nicht die Bedeutung 
Christi für das Christentum ? Sie denken im allgemeinen schwer- 
lich wie Judenhasser, deren einem das tiefe Wort entfahren ist: 
,,Die Deutschen würden Christen sein, auch wenn Christus nicht 
gelebt hätte." Ob Christus gelebt oder nicht gelebt hat, das zu be- 
streiten oder zu beweisen überlasse ich unsren Scholastikern (das 
Scholastische liegt nicht etwa nur im Methodischen, sondern eben- 
so sehr im Inhaltlichen der Kopf beschäftigtheit) , das überlasse 

267 



ich gewissen Philosophieprofessoren und Philologen, die so viel 
Zeit finden, zu untersuchen, ob Christus gelebt hat, daß sie gar 
nicht gewahren, wie er immer noch lebt, o um ein Gewalliges 
lebendiger als sie selber leben! Dafi aber, auch wenn Christus und 
die übrigen hier in Betracht kommenden Juden nicht gelebt hAtten, 
die Antisemiten an ihrer Stelle die Deutschen zu Christen gemacht 
haben würden und alles das oder ebenso Wertvolles geleistet hAtten 
wie das Christentum, kann ich nach den bisherif;cn Kultur- 
leistungen der Antisemiten nicht glauben. Nur die Rassentheorie, 
auf Grund welcher sie heute die Juden hassen, ist gewissermaßen 
ihre Originalleistung. Aber zur christlichen Religion, auf Grund 
welcher sie früher die Juden haßten, und zum Christentum i m 
weitesten Sinne dieses Wortes haben sie und ihres- 
gleichen nur den Mißbrauch erfunden: übrigens wurde es ihnen 
von den Juden geliefert, hauptsächlich wohl von Christus, der 
gelebt hat, und zwar als Erzjude. Es ist Zeit, daß man anfängt, 
davon zu reden; um so mehr, als die Narren von der Glaut>en$- 
gemeinschaft der Judenhasser davon reden, daß er kein Jude, 
sondern naturlich ein Cermane gewesen'), und als die von der 
christlichen Glaubensgemeinschaft ihn immer noch, wie in den 
mittelalterlichen Zeiten, Gottes Sohn, also auch immer noch 
keinen Juden sein lassen. Das Mittelalter, ohne geschichtliches 
und kritisches Bewußtsein, konnte so reden und konnte ivaiv 
Christentum und Judentum einander entgegenstellen: heute kann 

') Einer nennt in einer Schrift Cbriihli „das zur WirWichkeit seine« 
Traumhelden Odhin gewordene Gottetebenbild" ; das oben bereiU er- 
wilmte Buch „S«mi- Gotha" sagt, das wüßten die Juden ganz genau, daß 
Christui ein Arier gewesen sei ; mit dem Schlagworte, er sei Jude gewesen, 
wollen sie nur die Geister verwirren. Er hltte eben deshalb bei den Juden 
nichts als Haß und Verachtung gefunden, weil er ein ausgesprochener 
Judengegner gewesen sei. ,,Er war der schlrfste Anüsemit aller Zeiten, 
aber seitdem das Denken und Urteilen im deutschen Volk abfcstcUt wurde, 
wird die plumpe Lüge verbreitet, Christ\is sei ein Jude gewesen." Wenn 
übrigens Christus wiiklich kein Jude gewesen sein sollte, was hltte die anti- 
semitische Wissenschaft damit bewiesen ? Durch die Unterwerfung selbst 
dieses allermichtigsten Geistes unter das Judentum würde doch nur dessen 
übf • eit und Ruhm noch leuchtender werden. Der innerliche Christxis 

gehu.v V..»., flieh dem Judentume ganz an, und recht sagt Schemolh rabba 
160,4: Vater des Kindes ist, der es erzogen, nicht der es erzetigt hat. 



es unmöglich lange noch dauern, und die Überzeugung mit allen 
ihren Konsequenzen und praktischen Folgen ist hindurchge- 
drungen; daß das Christentum vollständig Judentum sei. 

Darüber kommt man in Zukunft nicht mehr hinweg; die Juden 
werden Sorge tragen, daß man darüber nicht mehr hinwegkomme. 
Die Christen sind das Beste, was sie sein können, wenn sie Juden 
sind, Juden wie die Juden des Neuen Testaments; wollen sie 
Besseres sein, so wollen sie Besseres sein als Christus, wegen dessen 
sie sich Christen nennen und der ein Jude gewesen. Nur Ge- 
dankenlosigkeit und Schlimmeres als Gedankenlosigkeit verkennt, 
daß Jesus Christus der jüdischste aller Juden gewesen; er hat sich 
selber als einen wahrhaftig echten Juden bezeichnet, und als die 
wahrhaftigen echten Juden (welche die Juden nicht seien) haben 
sich alle alten und neuen Christen bezeichnet, denen es ernst war 
mit dem Christentum, so wie von ihnen die christliche Kirche das 
neue Jerusalem genannt wurde. Judaei emendati sind wir, sagten 
Kirchenväter; „wir selbst sind Juden, die zur Blüte und Frucht 
gereift sind," sagte Henry Ward Beecher, „das Christentum ist 
Judentum in Evolution, und es wäre für die Saat sonderbar, sich 
gegen den Halm zu wenden, auf dem sie gewachsen." Ob nun 
wirklich das Christentum reineres Judentum sei als das Juden- 
tum, was natürlich nichts andres heißt als: ob das Judentum des 
Neuen Testaments reineres Judentum sei als das des Alten 
Testaments und ob unser Christentum mit Recht als das Juden- 
tum Jesu Christi und der Evangelisten und Apostel sich be- 
zeichne (worüber natürlich weit mehr die geborenen Juden 
zu entscheiden haben als die Christen), davon hier nichts, weil 
später davon: jedenfalls will das Christentum Judentum sein, 
nennt sich Christentum nur wegen des dem Judentum Ent- 
nommenen, und es gibt da wohl Verschiedenheiten (wie ja auch 
die verschiedenen christlichen Konfessionen Verschiedenheiten 
untereinander aufweisen), aber was die Grundlage der Weltan- 
schauung betrifft, so wüßte ich keinen wesentlichen Unterschied 
zwischen dem jüdischen Judentum, welches die Juden, die Mosai- 
ten, und dem christlichen Judentum, welches die Christen hinter 
sich haben. 

Unsre Christen, wieweit sie Christen sind, soweit sind sie Juden, 

269 



und allesamt haben sie, auch die nicht mehr Christen im kirch- 
lichen Sinne genannt werden können, allesamt haben sie das 
christliche Judentum wahrlich lebendiger hinler sich als das ,, Ger- 
manentum". Das Judentum haben unsre Juden, die beschnittenen 
Juden, haben unsre Christen, die getauften Juden, haben auch die 
unbeschnittenen Deutschen judischer Abstammung wie die unge- 
tauften Deutschen andrer Abstammung, das Judentum haben alle 
Deutschen gemeinsam hinter sich. Das Judentum mit seinen Ge- 
danken und seiner Ge<iankenstimmung ist die hauptgeschichtliche 
Überlieferung unsrer Kultiir und die tiefste und lebendigste Wirk- 
lichkeit unsrer Volker — das Judentum aufgeben, das heißt für 
unsre Volker ihr Dasein aus dem Weltgefuge reißen^). Wollte 
man für die ohne Zweifel bedeutendste Geschichte, für die Ge- 
schichte des inrterlichen Bewußtseins, wollte man dafür nach 
Rassenursprung auf dem Boden der Rassentheorie unterscheiden, 
so gebührte den Deutschen jüdischer Abstammung der erste Rang 
unter den Deutschen, überhaupt den Juden der erste Rang unter 
unsren Nationen; die allesamt eine Verbindung mit dem judischen 
Geiste und mit nichts andrem eine so innige Verbindung einge- 
gangen sind als mit dem judischen Geiste. Aber in der Geschichte 
der Gedanken und im Bewußtsein ron den Gedanken zeigt sich 
eben am deutlichsten, daß es nichts ist mit der Rassentheorie: hier, 
im innerlichsten, was dasMenscheogeachlecht zeigt, zeigt es sich, 
daß das Menschengeschlecht einheitlich, und daß die Variationen 
nur auf der Oberfläche statthaben; hier finden wir die Einheit des 
Menschengeschlechts bewiesen. Die Ge<lanken der Menschen 
halten sich nach Rassen noch weniger auseinander als die Menschen; 
wie ewige Volkerwanderung außen, so ewige Gedanken Wanderung 
innen, und die Gedanken mischen sich und verschmelzen zu einer 
organischen Einheit noch ganz viel inniger als die Menschen- 
bestandteile einer Nation und eines Staates, und von den Gedanken 
haben die Menschen eine ganz anders weitgehende Erinnerung 
wie von den angeborenen Rassen und von ihrer politischen Ge- 
schichte. Denn sie können mit wenig Erinnerung von ihrer po- 



') Darüber weiterhin das Nihere; «ch darüber klar werden, bedeutet 
Klarung über den wichtigsten Punkt unsres Gegenstandes: über das Juden- 
tum oder das Christentum — nicht als Religion, sondern als Kulturmacht. 



J70 



litischen Geschichte und mit hochentwickeltem oder auch mit tief- 
gesunkenem Rassenbewußtsein, ja beinah ohne jegliches Rassen- 
bewußtsein leben (wie z. B. die germanischen Kulturvölker) , aber 
sie können nicht als Kulturvölker ohne viele Gedanken leben, da 
dieses Leben ganz wesentlich ihr Denken ist: ihr Denken der Ge- 
danken der einheitlichen Menschheit, die, gleichwie in die Breite 
des Raumes, so auch in die Tiefe der Zeiten reicht; die Fülle der 
Kultur ist die Fülle der Gedankenüberlieferung. 

Von ihrer politischen Geschichte reicht, wie gesagt, die Er- 
innerung nur selten weiter hinauf als zwei bis drei Generationen. 
Das ist aber auch ausreichend, um zu erwerben, was man, zum 
Unterschiede von der angeborenen Rasse, die anerzogene 
Rasse nennen kann. Ich lasse hier Friedrich Rohmer sprechen, 
den unbegreiflicherweise unter uns fast vergessenen Friedrich 
Rohmer; die Stellen sind aus seinem geistvollen Werke über die 
vier Parteien: ,,Es ist nämlich nicht bloß die angeborene Mitteilung, 
woraus die Rasse besteht: es ist auch die anerzogene: eine zv/eite 
und geistigere, die sich auf der Grundlage der ersten erhebt. Die 
erste Rasse ist die Erbschaft des Bluts, die der Mensch mit dem 
Eintritt in die Welt empfängt; die zweite die Erbschaft alles dessen, 
was im Laufe des Lebens durch natürliche Assimilation mit 
seinem Naturell in dem Maße verwächst, daß es ihm wie zum Blute 
(Verwandlung in succum et sanguinem) oder mit einem treffenden 
Ausdruck der gemeinen Sprache zur zweiten Natur wird — der 
Inbegriff des ganzen Eindrucks, welchen Verhältnisse und Um- 
gebungen, Menschen und Schicksale bleibend und bestimmend 
in der Seele zurücklassen . . . Die anerzogene Rasse dringt un- 
vermerkt in den Menschen ein; ohne es zu wissen, verschmelzt er 
sich mit dem, was ihm homogen ist; ihr Einfluß kann weder ab- 
gewiesen noch auch, wenn er gefühlt wird, abgeschüttelt werden. 
Sie ist es hauptsächlich, auf welcher die geistige Tradition der Ge- 
sellschaft und der Staaten beruht und durch welche das Räderwerk 
der menschlichen Ordnung seinen Gang geht, wenn auch keine 
Hand, die es leitet, mehr sichtbar ist." 

Wegen der Wichtigkeit des Begriffes von der anerzogenen 
Rasse mögen noch weitere Sätze Rohmers wiedergegeben sein: 
„Setzen wir einen Deutschen von früher Jugend an unter ein 

371 



wildes Volk, mit dessen Sprache, Sitten und Verhältnissen er sich 
axnalgamiert, so bleibt freilich seine Blutrasse die alte, aber sie 
wird durch die anerzogene vollkommen paralysiert: oder einen 
Engländer, der als Kind nach Deutschland kommt und hier sein 
Leben vollbringt, so ist er der ersten Rasse nach Engländer, der 
zweiten nach ein Deutscher, und dieses letztere ist so wichtig als 
das erste. Was hier im kleinen, findet bei Auswanderungen im 
grof^n statt. Kolonien, die, in entfernt^ Länder, von anderm 
Klima und anderer Bevölkerurig ziehen, werden sich allezeit 
leicht emanzipieren, nicht weil der Zusammenhang der ange- 
borenen Rasse so schnell erlöscht, sondern weil die Veränderung 
der anerzogenen ihren Zusammenhang schwächt oder aufhebt'). 
Beide Begriffe sind voneinander ungefähr so verschieden, wie der 
unbewegliche Besitz und bewegliche Besitz; der eine hängt uns 
grundeigentumartig an, der andre modifiziert, verringert und ver- 
größert sich nach Umständen . . . Auf der anerzogenen RAtse 
beruht einem großen Teil nach das Verhältnis des Menschen zum 
Menschen, vornehmlich die Verkettung der Hohem mit den 
Niedrigem. Ein wahrer Hausvater z. B. verbreitet über seine 
Familie, sein Gesinde, sein garues Hauswesen einen bestimmten 
Geist, einen Typus, der alles durchdringt, dem jeder ohne Zwang 
sich unterwirft und der als Tradition sich unterhält, wenn er ab- 
wesend ist, und längere Zeit hindurch selbst nach seinem Tode. 
Ohne besondere Anstrengung entstanden, hat er sich gleichsam 
nervenartig allen mitgeteilt, und der Fremde, der das Haus betritt, 
spürt sogleich die eigentümliche Luft des Hauses. Die bloße Er- 
ziehung dagegen hält nicht länger an, als der Hausvater persönlich 
eingreift: sie teilt dem Gesinde und dem Gang der Geschäfte keinen 
Allgemeinen Charakter, sondern nur den Befehl mit, der mechanisch 
das Ganze zusammenhält: und der Fremde, der die anerzogene 

') Die Nordamerik&ner z. B. haben heute noch die angeborene englisch« 
Rasse und nur sehr allmählich (durch Vermischung) wird sie sich ver- 
lieren; aber die anerzogene ist himmelweit ron der englischen verschieden. 
Wenn dieser Veränderungsproreß schon unter den Engländern, die nur 
einer schwachen, wilden Bevölkerung gegenüberstanden, vor sich ging, wie 
erst unter den Deutschen, die auf die englische Bevölkerung itoBcnl Bei 
der bisherigen Zerrissenheit der Auswanderung müssen sie der Nationalität 
sehr bald verlustig gehen. 

»7» 



i 



Rasse überall spürt, wenn er den Herrn nicht einmal in Ausübung 
seiner Gewalt sieht, fühlt, wo nur jene ist, ebenso leicht, daß das 
ganze Haus in Unordnung geraten muß, wenn die künstlichen 
Zügel einmal nachgelassen sind. Tragen wir dies von der Familie 
auf den Staat, vom Hausherrn auf den Regenten über, so fühlt 
jeder die ungemeine Wichtigkeit jenes Unterschiedes. Ein Staat, 
der nur dadurch zusammengehalten wird, daß der Regent in jedem 
Augenblicke selbst erziehend eingreift, ist auf Sand gebaut: denn 
mit jeder Verhinderung lockert sich die Maschine, und mit dem 
Tode fällt sie auseinander. Ein geistiger Regent aber drückt der 
Maschine selbst einen Typus auf; von dem Moment seines Ein- 
greifens spüren sämtliche Beamte die Veränderung der Luft, und 
ohne es mehrere, als die oben Stehenden fühlen zu lassen, flößt 
er sie mittelbar allen Adern des Staates ein. Selbst dann, wenn er 
stirbt, ohne einen ähnlichen Nachfolger zu hinterlassen, ist der Staat 
kraft der Mitteilung, die er eingesogen hat, noch lange fähig, in 
gleichem Geiste fortzuleben — vorausgesetzt, daß das Volks- 
naturell der anerzogenen Rasse fähig ist (denn radikale Nationen 
sind bloß durch Erziehung zu regieren) . Wenn man also von einem 
Regenten sagt, er habe seinem Volk seinen Stempel aufgedrückt, 
so ist dies nicht anders, als die Aneignung der anerzogenen Rasse 
von Seiten der Nation. Dies geht soweit, daß wir Staaten sehen, 
welche sich lange Zeiträume hindurch, ohne tüchtige Individuali- 
tät, weder der Regenten noch der Minister, bloß durch die Macht 
der organischen Traditionen regieren, und die überhaupt ihrem 
Wesen nach weniger durch originale Geister, als durch geschickte 
Bewahrer der Tradition regiert werden können. Man erinnere sich 
an die österreichische Geschichte. Hieraus allein erklärt sich, wie 
ein gleichbleibender Staatsinstinkt sich in Reichen entwickeln 
kann, bei denen die Fortpflanzung der Blutrasse nur wenig oder 
gar nicht vorhanden ist — in Wahlreichen und geistlichen Staaten. 
Unter allen Thronen der Welt kann sich keiner einer so lang- 
dauernden und unabhängigen Tradition rühmen, wie der päpst- 
liche Stuhl ^). Man weiß, wie seltsam diese Tradition oft die Ge- 

^) Natürlich: weil keiner eines solchen Begründers seiner Tradition 
sich rühmen kann, wie derjenige war, der der Kirche den Stempel seines 
Geistes aufgedrückt. 

273 18 



sinnungen der Personen umzuwanccin vermochte unu wie sie seil 
vielen Jahrhunderten die verschiedensten, oft die schlechtesten 
Inhaber sich unterworfen hat: und doch ist hier kein Band des 
Blutes und nur ein schwaches des Besitztums vorhanden. WjüU- 
reiche sind daher nicht deshalb gefährlich, weil ohne Erbdynastien 
sich keine Staatstradition entwickeln kann, sondern deshalb, weil 
zu verschiedene sich entwickeln, d. h. weil der Staatsorganismus, 
in dem die Mehrzahl der Regenten jeder seine Familie zu heben 
strebt, mit wechselnden, entgegenstehenden Instinkten erfüllt und 
so lange hin und her gezerrt wird, bis die Einheit sich schwAcht 
und endlich auflöst: wie es dem Deutschen Reiche geschah. 
Durch das Zölibat ist dies in geistlichen Staaten beseitigt; denn 
wenn der Papst auch Nepoterxinteressen verfolgt, so verwirrt sich 
nur das weltliche, nicht das Kirchenregiment. Es erklärt sich 
Weiter hieraus, warum die Fortpflanzung des Geistes auf Thronen 
weit h&ufiger ist als in andern Sphären. Während die gemeine 
Meinung die Söhne großer Geister, und mit Recht, weit öfter als 
ungleich denn als ähnlich voraussetzt, sehen wir in der Regenten- 
geschichte sehr oft eine Reihenfolge geistvoller oder doch tüchtiger 
Männer, zuweilen dicht nacheinander, hervortreten: und was noch 
mehr ist, es zeigt sich, dai) selbst mittlere Naturen, wenn sie nur 
gesunden Sinnes und Verstandes sind, auf Thronen mehr sind, 
als sie in niedrigen Umständen sein würden'). Zunächst nun 
rührt dies freilich daher, daß die Eigenschaft des Regenten eine 
allgemein menschliche, d. i. männliche ist, während der gewöhnliche 
Begriff grofkr Geister eine ^aru eiruelne Fähigkeit voraussetzt. 
Es ist uns lächerlich zu denken, daß Shakespeares oder Schillers 
dichterische Gabe sich auf ihre Kinder vererbt, aber nicht unnatür- 
lich, daß auf den Sohn eines männlichen Regenten etwas vom 
Charakter des Vaters übergeht. Allein der Grund liegt noch tiefer 
— in der Vereinigung der angeborenen und anerzogenen Rasse. 
Werm ein Regentensohn von großem Geschlecht nur etwas von 
den Zügen desselben erbt, so wird dieses Etwas dadurch erhöht, 
daß er in fürstlicher Umgebung aufwächst; in demselben Maß 



') Z. B. Friedrich Wilhelm von Preußen; die meisten Rcge ot en, die gut 
regiert haben, ohne ausgezeichnet zu sein. 

»74 



als er fähig war, die angeborene Rasse, ist er auch fähig, die aner- 
zogene Rasse an sich zu ziehen (wenn nicht in höherem) ; die erste 
Natur wird durch eine zweite gehoben, und ist das Maß auch ge- 
ring, so doch hinreichend, um ihm vor der Mehrzahl der Menschen 
ein Übergewicht zu geben. Man sieht aber leicht, wie furchtbar 
diese Vereinigung umgekehrt wirkt, wenn souveräne Geschlechter 
in sich entartet sind, und wenn noch überdies, wie im i8. Jahr- 
hundert, der Ton der Höfe verdorben ist. Die doppelte Erbschaft 
ist alsdann eben so sehr geeignet, das tüchtigste Individuum zu er- 
niedrigen, als im guten Fall ein mittelmäßiges zu erhöhen. Endlich 
um das wichtigste zu nennen, so liegt hierin die psychische Be- 
gründung eines Instituts, das gegenwärtig nur von privater Be- 
deutung ist, vor Zeiten aber den tiefsten und wohltätigsten Ein- 
fluß auf den Staat geübt hat. Es ist die Adoption, wie sie unter den 
Römern üblich war. Der organische Grund dieses Akts ist die 
Gleichgeltung der anerzogenen Rasse mit der angeborenen. Nur 
dieser Gesichtspunkt macht die Annahme an Kindes Statt zum 
natürlichen, jeder andere läßt sie als juridisch fingierten Vorgang 
erscheinen. Ein Kind, welches frühzeitig in den Schoß einer 
andern Familie aufgenommen wird, saugt den Familiengeist in 
sich ein und amalgamiert sich mit ihm; ein Erwachsener, der sich 
freiwillig adoptieren läßt, gibt damit die Neigung kund, mit der 
Tendenz und den Interessen der Familie zu verwachsen, und in 
dieser Neigung liegt die Möglichkeit der Verwachsung selbst. 
Daher es geschieht, daß die großen römischen Geschlechter uns 
wie von einem Blut erscheinen; und doch waren Adoptierte z. B, 
unter den Scipionen, und welches Geschlecht ist von einheit- 
licherem Charakter als sie ? Dieses Prinzip wird in späteren Zeiten 
den Einfluß wieder erlangen, den es in Rom gehabt hat. Die 
Römer benutzten es instinktmäßig zur Erneuerung der Rassen und 
zur Erhebung der Individualität." 

Soweit Rohmer, von dem der Anerziehung eine stärkere und 
geschwinder wirkende Kraft beigemessen wird, als ich ihr zuer- 
kennen möchte, das aber scheint mir gewiß: nach Verlauf von 
drei Generationen kann das anerzogene Rassenbewußtsein ganz 
vollendet sein. Daß Ibsen besonders norwegisch wirkt, läßt 
sich schwerlich bestreiten, und doch ist sein Norwegertum 

Z7S '»* 



nur anerzogen: er behauptet selber, es habe bei seiner Bildung 
nicht ein Tropfen norwegischen Blutes mitgewirkt. Immanuel 
Kant, trotz seinem ,,aus Schottland emigrierten'* Großvater, war 
völlig ein Deutscher — kein verstlndiger Mann wird sagen, er sei 
als ein Fremder zu betrachten, der eigentlich wieder nach Schott- 
land hätte remigrieren müssen. (Als Deutscher muß Kant gelten; 
was natürlich mit dem Mißbrauch, den man heute mit ihm als mit 
dem deutschen Genie treibt, nicht zu schaffen hat. Da- 
gegen spricht von seinem übrigens gleichfalls einseitig befangenen 
Standpunkt Otto Willmann in seiner Geschichte des Idealismus: 
„Der Einfall. Kant als echten deutschen Philosophen zu preisen, 
ist völlig abgeschmackt: Kant ist Kosmopolit, folgt den Eng- 
ländern, begeistert sich für Rousseau, schwärmt für die fran- 
zösische Revolution: zu der deutschen Treue steht Kants grund- 
sturzende Sophistik im vollen Gegensatz"). In manchen Fällen 
geht es wunderhaft schnell mit der Umwandlung: man wird 
schwerlich einen andern Marm nennen können, durch den Frank- 
reichs Geist repräsentiert wird wie durch Napoleon, und Napoleon 
war ein Italiener. Für gewöhnlich bedarf es dreier Generationen, 
und die Erziehung zur Nation ist vollendet*), wobei auch Ver- 
erbung der erworbenen Eigentümlichkeit ihre große Rolle spielt; 
darauf gibt es in unsren Zeiten die Probe im Großen: fortgesetzt 
werden aus dem Abfall Europas in drei Generationen Amerikaner*). 

') nach V. Mos. 23.7 darf (!aj dritu Gatchlccht der ansflwaiMlcftcn 
Edomiter in die Gemein«!' ^ ■'• wchs eintreten. 

•) Wie mächtig Anc ...g ist auch da, wo e« um Nachahmung, 

Anpassung und Übertragung aus etoer gewissen Ferne zu tun ist, wird er- 
sichtlich an den vielen Juden Rußlandi, welche ganz und gar russisch aus- 
sehen. Der eigentlichen Russen nitsisrhea Aussehen ist ebenfalls kein 
tirsprüngltches der Rasse im anthropoloriadien Sinne. Im russischen Volke 
hat sich, trotz Verschiedenheit der Rassenabstammung und ungeachtet 
eines starken Einschlags von Mongolischem, infolge der Erziehung durch 
die besondere Religion und die t>esonderen Sitten und 1 eben m nwtinrfe in 
dem besonderen Staate, em Typus und eine Physiognomie herausentwickdt, 
den man als besonderen anthropologischen Charakter zu bezeichnen geneigt 
sein könnte, wenn nicht feststände, daß er keiner ist. Und eine beträcht- 
liche Anzahl russischer Juden hat spezifisch russisches Aussehen, obwohl 
doch diese Juden wahrlich auBerhalb der griechisch- russischen Rciigion 
und fast ebenso sehr aulJerhalb des eigentüch russischen Lebens and aidift 

276 



Nach drei Generationen gibt es keine Antezedentien mehr. Und 
nur durch Anerzogensein, im Leben mit gemeinsamen Interessen, 
findet ein Zusammenwachsen zur Nation statt, nur dadurch wird 
die autogen-nationale Rasse, die von den andern autogen-natio- 
nalen Rassen sich unterscheidet, z. B. die deutsche Rasse zum 
Unterschiede von der französischen, englischen usw. — deutsche 
Rasse himmelweit verschieden von germanischer Rasse; denn, 
man kann germanischen Rassenursprungs und sehr undeutsch, 
sehr widerdeutsch sein. Die Rasse im anthropologischen Sinne, 
die angeborene Rasse, hat mit der Rasse im politisch-ethnischen 
Sinne, welche letzte angesäugt und anerzogen wird, nichts gemein, 
wie wir oben gesehen haben: das Nationalbewußtsein beruht nicht 
auf dem Rassenbewußtsein und bedarf seiner nicht, das Mitvor- 
handenseinundungebührlicheGesteigertseindesRassenbewußtseins 
kann gefährlich werden; der rassentheoretische Judenhaß wie das 
durch dieses erste nachgezogene zweite Übel des allogenen 
Zionismus sind der Autogenie der Nation gefährlich durch Steige- 
rung des Rassenbewußtseins und Verhärtung in Sonderinteressen. 
Judenhaß und Zionismus, welchen letzten wir als das Gegenecho 
von jenem auf Seite der Juden, als deren Hereinfall auf die Rassen- 
theorie bezeichneten, mit Folge von derartiger Besinnungslosigkeit, 
daß sie den Ast absägen wollen, auf dem sie sitzen (woran sie von 
den übrigen Deutschen jüdischer Abstammung und von allen 
Deutschen gehindert werden müssen) — Judenhaß und Zionismus 
sind ernste Störungen der Erziehung zum nationalen Rassen- 
bewußtsein und bedrohen die nationale Einheit. Sie wollen unsre 
eine Nation in zwei Nationen zerreißen; man muß zum Kampf 
gegen sie, als zu einer höchst patriotischen Handlung, auffordern. 
Überhaupt gegen die Rassentheorie — das ist ein Hauptkampf 
dieser Zeiten. 

Mit den Befreiungskriegen begann bei uns die politische Ge- 
schichte, begann die Einigung unsres Reiches, und seit dem Kriege 

einmal in einem rechten Verhältnis zur russischen Sprache stehen, also 
lediglich per contiguitatem. Nach Prüfungen Ripleys kommt sogar der 
Kopfindex der Juden Rußlands mit dem der NichtJuden Rußlands völlig 
überein. 



277 



1870/71 ist die große geschichtliche Tat dieser Einigung njich 
außen hin vollendet. Aber innen! Liegt denn das zerrissene Vater- 
land den Deutschen als ein Fluch in ihrer Anlage, daß sie nun, 
nachdem kaum geeinigt ward, wieder mit Zerreißen beginnen?') 
Kein andres Volk zerreißt tagtäglich den ganzen Tag sein Vater- 
land wie das deutsche. Ein Spiegelbild sind unsre Parlamente und 
unsre Zeitungen. Wenn man den Verhandlungen unsrcr Parla- 
mente folgt und unsre Zeitungen liest (nicht nur unsre Zeitung! 
— es empfiehlt sich sehr, wenifstens eine Zeitlang die Haupt- 
zettungen der Konservativen, der Liberalen, der Sozialdemokraten 
nebeneifuiuier zu lesen), so erfährt man's, daß wir heute in Par- 
teien zerrissen sind gaiu so arg wie früher in Staaten, und daß 
sich die Parteien gegenüberstehen wie fremde Volker, die bereit 
sind, aufeinander loszuschlagen. Sie stehen wenigster» mit dem 
Munde ohne Unterbrechung im erbittertsten Kampfe und tun 
gegeneinander alles Kriegsgerechte und Nichtkriegsgerechte; jeder 
Partei Berichte von den Schlachten sind Lügen von Sieges- 
berichten, und nichts ist so ungeheuer urul so unsinnig bos, daß 
sie es nicht einer dem andern andichteten — o wahrlich, sie werfen 
sich das letzte Ärgste vor, was nur Merischen einander vorwerfen 
können. 

Ärgeres gibt es nicht — Ärgeres wird auch nicht den Juden 
vorgeworfen von denjenigen minder edlen Elementen unter den 
Deutschen, auf welche der Sieg über Frankreich und das Empor- 
kommen des Vaterlandes nicht anders gewirkt hat, als daß sie nun 
vor Größenwahn und Rauflust sich nicht mehr halten können und 
es vorerst wenigsteru gegen die Juden mit ihrem rassentheo- 
retischen Absud probieren. Ärgeres als was bei uns die Parteien 
sich gegenseitig vorwerfen, wird auch den Deutschen jüdischer 
Abstammung von jenen Judenhassern nicht vorgeworfen — weil 
es tatsächlich Ärgeres nicht gibt — , nur daB die da jedesmal noch 
das Wort Jude vorher sagen und hinterdrein sagen. Wird man sich 
aber vor einem Worte furchten ? Wer mit Bewußtsein vom Geiste 



') Wenn ich rassentheoretische GelQste hätte, so könnte ich dafür die 
Germanen unter den Deutschen verantwortlich machen und mich auf 
Tacitus t>erufen, der die Götter anfleht, nur ja den Gcnnancn ihre SCr«^ 
sucht und ihren HaO untereinander zu lassen! 

a78 



seines Vaterlandes diesem sich zugehörig fühlt, als einer, der 
diesen seinen Geist will und mitvollbringt — : wie er in Zorn 
und Tapferkeit stehen wird gegen die Feinde von außen her, die 
sein Vaterland bedrohen, so wird er ein selbstsicheres, gutmütiges 
Lächeln haben über die Narren im eignen Lande, wenn die ihr 
Maulheldentum an ihm versuchen. Die Juden mögen nur auf- 
hören, sich vor einem Worte zu fürchten, vor einem guten Worte, 
zu dem sie vielmehr mit Stolz sich bekennen und so hoch es ehren 
sollten, daß, wenn auch niemand anders es ehrte, sie doch durch 
sich selber Ehre genug hätten. Das Wort Jude — von rechtswegen 
ist es in unsren Kulturländern wahrlich nicht verachtet; denn wie 
nun mal die Kultur unsrer Länder für jetzt beschaffen ist, verdankt 
sie ihr unverhältnismäßig Meistes dem Christentum, d.h. also dem 
Judentum, das immer noch die Grundlage in den Ländern bildet 
und alles Leben durchdringt. Aber auch wenn dem nicht so wäre: 
das Sagen, woher einer abstammt, ist gegen keinen Menschen eine 
Beleidigung. Mit dem Wort Jude wird man nicht weiter be- 
leidigen können, sobald die Juden aufhören werden, davon be- 
leidigt zu sein; und nichts, was ihnen von ihren Hassern kommt, 
dürfte sie beleidigen. 

Man kann nicht von den Juden im besonderen erwarten, daß 
sie sich überhaupt gegen Beleidigungen und gegen solches, was be- 
leidigend gemeint ist, philosophischer verhalten sollten wie die 
Menschen im allgemeinen — sie sind keine Spartaner, die zu den 
Göttern beteten: Laßt uns Beleidigungen ertragen lernen! — aber 
zu den judenhasserischen Beleidigungen müßten sie 
sich anders stellen als zu den sonstigen. Die Juden sind so viel 
stärker und gesünder als ihre Hasser, daß sie durchweg ruhig 
bleiben können; der Wind, den die Narren mit ihrem Munde blasen, 
wird ihren Baum nicht auswurzeln. Auch ihr Baum steht fest in 
deutscher Erde, und freilich um so fester, je fester und einiger 
Deutschland steht. Und ist denn Deutschland noch nicht, ist 
es noch lange nicht so einig, wie wir Deutsche es wünschen, so 
haben an seiner besseren Einigung alle Deutschen, kein Deutscher 
zuletzt, wahrlich auch nicht zuletzt die Deutschen jüdischer Ab- 
stammung, mitzuarbeiten; diese Mitarbeit und den glorreichen 
Fortgang der Einigung Deutschlands werden die Judenhasser 

279 



nicht aufhalten. Der Fortgang war der von Zerrissenheil in Staaten 
(ohne Nation und ohne politische Parteien) zur Einheit des neuen 
deutschen Rechtsstaates mit einer Nation, die aber zerrissen ist in 
Parteien, und der Fortgang ist nun weiter zur Einigung der Par- 
teien (nicht zur Aufhebung ihrer Besonderheit), zur innerlich 
einigen Nation, damit die Nation der Staat sei, 
und dadurch der Staat mehr Staat werde, 
immer mehr als Rechtsstaat ausgebaut werde. Die Judenhasser 
können das nicht hindern und auch nicht hindern, daß den Juden 
immer mehr von der vollen Gleichberechtigung eingerAumt wird, 
die nach dem Rechte für sie seit dem Bundesgesetz vom 3. Juli 
1869 besteht. 

Garu und rein tatslchlich besteht sie deswegen noch nicht, aber 
wie kormen die Juden darüber ungeduldig sein und verzweifeln, 
selbst wenn es Widerwärtigkeit und Wettersturm gibt nach 
sonnigeren Zeiten, oder weil es anderswo noch so ganz finster 
scheint ? Das kommt aus dem falschen Begriff und aus der Selbst- 
liebe, daB sie klagen. Die Anfinge der Emanzipation liegen erst 
100 Jahre zurück: was sind 100 Jahre? Mit dem einen Manne 
Shakespeare hat es rwei Jahrhunderte gedauert, bis er zur Geltung 
kam, ebenso lange mit dem einen Manne Johann Sebastian Bach, 
mit Christus noch linger, Spinozas Bedeutung beginnt jetzt eben 
erst hindurchzubrechen. Und hier handelt es sich um eine große 
Gemeinschaft von Menschen, über welche eine der bisherigen ganz 
entgegengesetzte Anschauung Platz greifen, für welche eine bisher 
ungekannte Praxis durchgeführt werden soll. Immerhin mögen 
die Juden doch auch nur die Zustände, wie sie vor 100 Jahren be- 
standen haben, mit den heutigen vergleichen, wo doch nur erst 
die erste Phase des Kampfes abgelaufen: in Deutschland gab es 
damals noch eine Judenfrage, gibt es heute, nach dem Prinzip 
unsres Rechts- und Freiheitsstaates, nur noch eine Antisemiten- 
frage; in Deutschland hatten die Juden damals ihren Kampf, so- 
zusagen ihre Prozesse zu führen vor einem Forum 
des Unrechts, heute, wenn sie es auch noch mit hartnAckigen, 
tollen und böswilligen Gegnern zu tun haben, stehen sie doch unter 
dem Schutze des Rechts; ihre Emanzipation und die bessere 
Durchfuhrung derselben karm tatsächlich rücht mehr als eine 



Judenfrage, und im Grunde auch nicht als Antisemitenfrage, sondern 
nur noch als eine Zeitfrage angesehen werden. Bei dieser Emanzi- 
pation gehts nicht wie auf der Hasenjagd (vgl. oben S. 193), sie ist 
ein mächtiger geschichtlicher Vorgang, den nicht Scheulederblick 
auf den Tag und die Zeit und auf den eignen individuellen An- 
spruch, den nur Blick auf die Jahrhunderte hinauf und hinab um- 
fassen kann: langsam sind die Verwandlungen der Natur und der 
Geschichte, aber die angefangenen werden voll- 
endet; denn das Wesen der Natur und Geschichte ist die Ver- 
wandlung selber. Ging es denn, wo doch die Hemmnisse weit ge- 
ringer sind, ging es denn mit der politischen Einigung Deutsch- 
lands geschwind ? Wir haben eben davon gesprochen, wie sehr 
langsam es mit ihr ging und immer noch erst geht; diese Einigung 
ist keineswegs schon abgeschlossen. Sie mögen das ins Auge 
fassen und w i e es damit, mit der Einigung unsrer Nation, ging 
und geht und seinen Fortgang nahm und nimmt — im Zusammen- 
hang mit der Entwicklung des Rechtsgedankens, der seit den Tagen 
der französischen Revolution lebendig geworden; ohne den auch 
die Emanzipation der Juden unmöglich gewesen wäre. Aus den 
erbärmlichsten Zuständen heraus hat das ganz Unwahrscheinliche 
der neuen politischen und sozialen Verhältnisse für die Allgemein- 
heit sich verwirklicht und hat sichs gebessert (und nur wenn es sich 
für die Juden nicht entsprechend mitgebessert hätte, nur dann 
wäre für sie Anlaß zur Klage) — es hat sich gebessert dadurch, 
daß beständig für die Idee und für das 
Ideal, für das d e m B 1 i c k e U n s i c h t b a r e , ge- 
kämpft worden ist. Und so mögen auch die Juden, an- 
statt zu jammern über das noch nicht Erreichte, weiter darum 
kämpfen, immer das ganze Ideal im Herzen mögen sie kämpfen — 
nicht als Juden; was sie gar nicht können, weil sie keine Partei 
bilden und durch keinerlei Organisation verbunden sind. Sie 
sollen kämpfen wie die Perser gebetet haben: kein Perser durfte 
bei den Opfern für sich allein etwas von den Göttern erbitten, 
sondern immer nur für die Gesamtheit. Die Deutschen jüdischer 
Abstammung mögen nur, sie zuerst vor allen Deutschen, ge- 
schichtswillig für die wahrhafte Einheit Deutschlands kämpfen 
und für seine wahrhafte Freiheit, und mögen die auf die Verwirk- 

281 



lichung des Rcciiis- uiiu FreiheiUstaates gerichtete nationale 
Kraft stärken. ,, Bietet mir mit der einen Hand die Emanzipation, 
auf die alle meine innigsten Wünsche gerichtet sind, nüt der andern 
die Verwirklichung des schönen Traums von der politischen Ein- 
heit Deutschlands mit seiner politischen Freiheit verknüpft, ich 
wurde ohne Bedenken die letzte wählen! Denn ich habe die feste, 
tiefste Überzeugung, daß in ihr auch jene enthalten ist." So 
sprach im Jahre 1835 Gabriel RieBer, und dieses edle, starke, 
wahre Wort gilt, wie damals von der Erlangung, so heute und noch 
weitethin von der Durchfuhrung der Emanzipation'). 



') Ganz in diesem Gcute RirOrrs dachte unU ».. ; ;'c lur die 

Freiheit Deutschlands und damit sugletch auch für d>c i :ci)>eit der Deut- 
schen jüdischer Abstammunf — B6m«, denen Name nicht vergessen 
werden darf, wo von der Emanzipation der Juden und wo von deutschen 
Patrioten die Rede ist. „ja, Borne war ein groBer Patriot, vielleicht der 
CroOte, der aus Gcnnaniens stirfinOttf Uchcn Brüsten das glühendste 
Leben und den bittrr«t*>fi Tod 



3*2 



DAS VORURTEIL UND DER HASS. 

Otoi VUV ßpOTOl sfalV. 

Aber ich habe gesagt: Vorurteil und Haß gegen die Juden wird 
dauern, so lange Juden sind — es müßte denn sein, die Verhältnisse 
änderten sich derart in der Menschheit, daß der Schwerpunkt ihres 
Bewußtseins, ihres Fühlens, Wissens, Wollens, auf ungeahnt 
andres fällt als bisher. Jawohl, Vorurteil und Haß wird dauern auch 
gegen die Deutschen jüdischer Abstammung, trotzdem sie mit 
den übrigen Deutschen alles gemeinsam haben: die Sprache, die 
Geschichte, die Schicksale, das Kulturbewußtsein, die Kultur- 
arbeit, und nichts zu finden ist, weswegen man sagen müßte, die 
von Abstammung jeglicher Art können Deutsche sein mit Aus- 
nahme derer von jüdischer Abstammung. Und ich füge hinzu: 
weder durch das Vorurteil noch durch den Haß gegen sie — nichts 
Unerklärliches widerfährt damit den Juden. 

Nachdem nun die Hindernisse für das Verständnis hinweg- 
geräumt und alle nötigen Einzelheiten besonders betrachtet 
worden sind, haben wir glatten Weg wie einen Fluß — wie ein 
Fluß soll unsre Rede immer breiter werden und immer voran- 
dringen und, wie der Fluß, auch ein Weg sein, der selber hingeht 
an sein Ziel. Die Hauptsache, die Tatsache des Hasses und Vor- 
urteils gegen die Juden, des seit so langer Zeit vorhandenen und 
bis zu einem gewissen Grade alle Zeit bleibenden Hasses und Vor- 
urteils gegen die Juden wird sich uns nun von selber im rechten 
Lichte darbieten, sobald wir die Menschen überhaupt im rechten 
Lichte sehen. Sehen wir die Menschen, wie sie wirklich sind, so 
müssen wir sagen: das Vorurteil und der Haß gegen die Juden 
ist nur ein besonderer Fall des allgemein unter den Menschen 
herrschenden Vorurteilens und Hassens und beweist nichts gegen 
die vorbeurteilten und gehaßten Juden, sondern nur etwas in bezug 

383 



auf die Beschaffenheit der menschlichen Natur und der mer\sch- 
liehen Gesellschaft, dieser Gesellschaft der Egoisten. 

Wer nicht so denkt, aber guten Willen besitzt, einer Ausein- 
andersetzung stille zu halten, die andres entwickelt als seine bis- 
herigen Gedanken, der höre das folgende. Es geschieht ihm ja 
übrigens nichts zuleide, sondern was hier gesagt wird, wird ihm ge- 
sagt ebenfalls mit gutem Willen, ja wohl mit dem besten Willen: 
damit Wahrheit aru Licht komme und mehr Frieden werde, sei 
dieses Mehr iu>ch so wenig. Auch ist es leicht zu verstehen, und 
trinkt sich wie Suppe — zur Suppe braucht man keine Z&hne; 
i s t hie und da ein Rimn Flabch drin, desto besser. Und so hoffe 
ich denn mit meiner Kochkurut manchem gut zu tun und will 
also beweisen, daQ der Abneigung gegen die Juden keinerlei Stand- 
festigkeit besonderer Art zukommt, vielmehr die restlose Er- 
klArung dafür zu schöpfen ist aus der allgemeinen Natur der 
Menschheit. Nur auch zu den Antisetmten mit Berufung auf das 
Menschliche zu reden, als könnte solche Rede ihnen das Anti- 
semitische ausnehmen und dafür andres, wie ich glaube. Besseres, 
einsetzen, habe ich wenig Hoffnung: wer nur antisemitisch kann, 
der versteht kein Deutsch, kein Vernur'»^' kein Menschlich und 
liegt in Finsternis, zu der ein Gott vc:,. . ...h sprAche, es werde 
Licht. Die Antisemiten verlangen, daß in Hinsicht auf die Juden 
Tatsachen von garu andrer Ordnung als der allgemein mensch- 
lichen gelten mußten, sie sind seltsame moderne Duplizisten mit 
zweifachen Wahrheiten: was in Hinsicht auf alle übrigen Menschen 
seine Richtigkeit habe, auf die Juden sei es nicht anwendbar, gegen 
Juden dürfte der Affekt nicht mehr Affekt, Vorurteil und Hai} 
nicht mehr Vorurteil und Haß genannt werden und Neid und Hoch- 
mut keineswegs mehr als das Verabscheuungswürdicste im garuen 
menschlichen Wesen betrachtet werden, und für das alles stützen 
sie sich heute auf den Spuk der juder\hasserischen Wissenschaft, 
wie sie gestern durch den Spuk ihres Gottes sich autorisiert hielten 
. . . nein, den Judenhassern lÄßt sich, soweit es um Juden zu tun ist, 
mit Berufung auf das Menschliche, auf die allgemeinen Tatsachen 
der menschlichen Natur und auf das GesetzmAßige der Erkenntnis 
nicht beikommen; sie stehen nicht wie denkende Menschen zur 
Sache, sondern wie Tiere. 

'•4 



I. 

Die Juden besitzen eine auch äußerlich auffallende, eine scharf 
herausgestellte Eigentümlichkeit, nicht wahr ? Jede Auffälligkeit, 
Fremdartigkeit aber bewirkt eine Vorstellung in den Köpfen, die, 
so wenig sie der Eigentümlichkeit gerecht zu werden pflegt, nun 
doch vorhanden ist, und womit der eigentümlich Behaftete 
rechnen muß. Er ist dadurch doppelt vorhanden: nicht allein als er 
selber, als derjenige, der er i s t nach den drei Spezifikationen des 
Bewußtseins, nach seinem wirklichen Fühlen, nach den wirklichen 
Gedanken, wie er sie selber in sich weiß, und nach seinem wirk- 
lichen Wollen, sondern auch noch als der von den andern anders 
Vorgestellte; er wird von den andern nach ihrer andern Vor- 
stellung beurteilt und behandelt. Daß nun jede Rasse, jede Nation, 
jeder Stamm, jede Landschaft, jeder Stand, jeder Beruf, jede 
Gruppe, jede Familie und zuletzt jeder Mensch seine besonderen 
Eigentümlichkeiten besitzt, das ist Tatsache ebenso, wie Tatsache 
ist, daß alle Rassen, Nationen, Stände, Berufsklassen, Gruppen, 
Familien, Individuen eines gemeinsam haben: sich nämlich mit 
ihrer Eigentümlichkeit, als der gehörigen, über die der andern, 
als der ungehörigen, zu erheben, von ihrem egoistischen Bewußt- 
sein aus Kritik an den andern zu üben. 

Man kann in der Lehre von den Geistigen und vom Volke über 
die Wahrheit nachlesen, auf die jegliche Betrachtung über Dinge 
der Relativität gestellt sein muß (und ohne dort dem Genaueren der 
Begründung und der Entwicklung im Zusammenhange gefolgt zu 
sein, werden sich in manchem mancherlei Einwände erheben) , auf 
welche Wahrheit wir uns auch in diesen Blättern bereits mehrfach 
bezogen haben: daß das ganze Bewußtsein des Menschen sein 
Egoismus ist, oder daß der Egoismus des Menschen der Mensch 
selber ist, soweit er relatives Bewußtsein hat; d. h. also, wir sind 
Egoisten ganz und gar, nach der vollen Umfangsweite alles dessen, 
was wir relativ denken: mit unsrem Wollen, in unsrem Fühlen, 
und auch mit den sämtlichen Gedanken unsres Wissens, auch mit 
unsren Vorstellungen und Urteilen über die andern. Der Egoist 
erkennt freilich auch die Vorzüge des Nächsten an — ja bitte doch 
sehr, nur dabei zu bleiben, nichts ist so bezeichnend: der Nächste 
hat auch Vorzüge, besonders kurz bevor von seinen Fehlern ge- 

2Ss 



tprochen werden soll, wovon ru sprechen und den lieben Nächsten 
zuzurichten und abzuschlachten ja ganz hauptsächlich mit unter 
die Circenses der ..Gesellschaft" gehört und wobei — o verräte- 
risches Sprechen! — manche lahme Zunge flink wird und klug, 
wie sie bei nichts Andrem soiut zu werden vermag; und er selber, 
der Egoist, besitzt natürlich auch seine Fehler, wenn 
er n&mlich sich anschickt, seine Vorzuge zu rühmen, — wehe 
aber dem ,,NAchsten", und sei es wirkhch der Allernächste, der 
ihm von seinen Fehlern spricht, — von den wenigen Fehlern, 
die ihm unbegreifhchcrweise so viel mehr Not bereiten als alle 
seine Tugenden GlUck. Seine Fehler und die der Andern! Seine 
eignen Fehler körnten mit den Fehlern keines andern auf ktine 
Art in Parallele t^sctzt werden; seine eignen Fehler sind keine 
Fehler. Er ist im Grunde ein Ausbund von Tugenden, jeder 
Egoist hat die Überzeugung, daß doch eigenthdi seine Mensch- 
werdung so ganz besonders herrlich gelungen sei; und was will 
er den lieben langen Tag ? als nur immer Ja, Ja, Ja auf die Frage 
nach seinen Tugenden! Hinfegen der andre ist anders be- 
schaffen. Die Fehler des andern, das sind richtige Fehler 
(ein Wilder sagte auf die Frage, was gut urxl schlecht sei: 
Gut ist, wenn ich mir die Frau eines andern nehme, schlecht ist 
der andre, der meine Frau raubt) ; urvl wer die feinen Ohren hat, 
der hört den Egoismus in seinen Angeln kreischen, auch wo er 
die Vorzüge des andern rühmt. Die nicht weniger Menschen als 
Bücher zum Gegenstande ihres Studiums gemacht haben und von 
sich selbst nicht bloß Liebhaber, sondern auch Kenner sind, 
werden nicht geneigt sein, diese SAtze zu bestreiten. Für solche 
bleibt der Egoismus erkennbar fast in allen FAllen auch noch da, 
wo ganz unpersönlich idealistisch und ,, altruistisch" geredet und 
gehandelt wird. Von den rwölf Jungern Christi lAßt sich am 
leichtesten an den Judos, an den ,, Teufel", glauben (denen sei er- 
zählt, die es angeht: der Baum soll noch stehen, an den Judas sich 
gehängt hat, der den Meister liebte und haßte, ihm gleich sein 
wollte und ihn verriet) ; glaubwürdig ist ferner, daß, als Christus 
in der Not gewesen, ,,ihn alle Jünger verließen und flohen"*), 

') Zu dem Zeugnis der Evangelien darüber ist das des Justin (Apol. 
l, 50) zu vergleichen. 

sl6 



wie auch der halbe Verrat des Petrus; endlich hat Christus wohl 
guten Grund gehabt, nach seiner Auferstehung nur sieben von 
den Zwölfen zu erscheinen. Es ist nichts mit der persönlichen 
Beziehung selbst zu den größten Persönlichkeiten, in denen 
das ganz unpersönliche Ideal verkörpert ist ; je regsamer an 
Geist die Anhänger sind, desto weniger ist es damit auf die 
Dauer, und die Kritik gegen ihre Weise wird 
die Ehrfurcht vor ihrem Wesen fressen; wenn 
Christus den Riesenschüler Paulus zum persönlichen Schüler 
gehabt, wenn Paulus den Christus anders als aus der Christo- 
phanie gekannt hätte, so wäre höchstwahrscheinlich das Christen- 
tum nicht, was es heute ist. Und in der Freundschaft, in der 
Freundschaft! Gar nicht zu reden von den teilnehmenden Freun- 
den, die am liebsten Alles nehmen möchten, nicht nur ein Teil, 
und die, nachdem sie von dir selber sich gesättigt, mit dem Deinigen 
den eignen Vorteil suchen und mit dir selber Zwietracht — und 
noch weniger natürlich zu reden von den Freundschaften derer, 
die sich schlagen und vertragen mit ihren Kaffee- und Milch- 
Freundschaften und darauf folgenden Wasser- und Feuer- Feind- 
schaften: auch unter Edleren die wahrste und wunderbarste 
Freundschaft — trotzdem die größte und seltenste Lebensköst- 
lichkeit — ist immer nur eine durch alle Feindschaft hindurch 
fortbestehende Freundschaft. ,, Freunde, es gibt keine Freunde", 
sagte Aristoteles. Es gibt eher Liebe als Freundschaft, weil zur 
Liebe ein häufigerer und mächtigerer Antrieb des Egoismus 
vorhanden — und wie weit Liebe reicht, so weit muß dann auch 
der Störer der Verhältnisse, die moralische Kritik, schweigen. 

Die Menschen leben unter dem Gesetze des Egoismus, d. h. zu- 
nächst, daß sie verschieden voneinander sind; und wahrlich sind 
sie grundverschieden einer vom andern durch die Natureigenheit, 
durch die Eirfwirkungen von außen her und durch die Gegen- 
wirkungen der Natureigenheit dagegen, — durch die Besonder- 
heiten des Geschlechts, des Alters, der körperlichen Konstitution 
und Kraft, des Vermögens und der Armut und aller der übrigen Um- 
stände der Familie, der Gesellschaft, unter der sie herangewachsen, 
durch den Kreis, in dem sie leben, und durch die Bewußseinskreise, 
mit denen sie Beziehung haben, durch die Anlagen und ihre Aus- 

287 



bildung und durch den Beruf, durch ihre Kenntnisse und ihr mehr 
oder minder lebendiges VerhAltnis zu ihren Kenntnissen, zurWissen- 
schaft und Technik, zur Weltanschauung, zur Philosophie, zur 
Kunst. Die Menschen leben unter dem Gesetz des Egoismus, d. h. 
weiter, daß sie allesamt, infolge ihrer Grundverschiedenheit, grund- 
verschiedene Interenen haben und, wo sie damit gegeneinander- 
stoßen, sich auch übereinander erheben, sich verachten, sich hassen; 
und keiner spricht je zum andern: ,, Bruder, wie schön ist dein 
Egoismus!" Die Menschen leben unter dem Gesetz des Egoismus, 
d. h. im besonderen, zufolge dem allgemein Gesagten, daß ihr Ur- 
teil miserabel ist. Nach dem Urteil aller urteilsfähigen Denker 
(soweit Denker, soweit urteilsfAhig, denn soweit — gleich den 
Richtern — außerhalb des Egoismus oder über ihm) ist der 
Menschen Urteil miserabel: ihr Egoismus lüflt nicht zu, daß es gut 
»ei, er lÄßt ihnen keine VerwandlungsfAhigkeit zu. Sie denken mit 
ihrem ganzen Bewußtsein — mit ihrem Fühlen, mit ihrem Wissen, 
mit ihrem Wollen — in Wahrheit nur sich selber. Wir sind zu- 
nächst unser Fühlen, unser egoistisches Lust- und Unlust- Fühlen; 
und nicht aus Liebe zu irgend etwas ist uns irgend etwas lieb, und 
nicht aus HaB fegen irgend etwas hassen wir irgend etwas, 
sondern aus Egoismus unsres Fuhlens, wonach sich, wie unser 
Wollen, ao auch unser Wissen und Urteilen richtet, so daß kein 
Urteil das Urteil, sondern immer unser Urteil ist. Wir denken 
ja immer das Ganze unsres Bewußtseins, das Ganze des Fuhlens, 
Wissens, Wollens, d. h. nicht nur die BluttAtigkeit im Hirn, sondern 
all das Blut des ganzen Organismus, — und das Urteil ist 
nichts von diesem Ganxen Losgelostes und stuckweise, gleich zer- 
hacktem Aal, Lebendiges, ist nichts weniger als selbständig Funk- 
tionierendes behufs interesseloser Erkenntnis von irgend etwas: 
man muß vielmehr verstehen, das Urteil gehört hinein in das Ganze 
des immer nur als Ganzes funktionierenden Bewußtseins, welches 
identisch ist mit dem Interesse unsres Egoismus. Darum finden wir 
das Urteil so schwer aufklArbar und widerlegbar durch andere Ur- 
teile: weil es im Grunde gar kein Urteil, sondern das unwiderleg- 
bare Interesse unsres Egoismus, weil es im Grunde kein Urteil 
sondern Vorteil ist. Wobei hier aber nur an die Urteile von 
wichtiger und bewußter Beziehung auf den Egoismus zu 

aS8 



denken: der Mensch ist ein Lebewesen, dessen Bewußtsein ganz 
und gar nur seinem Leben dient, welches Leben aber nur zum 
Teil von seinem Bewußtsein und von seinen Urteilen abhängt 
— wo dies Letzte nicht oder nicht unmittelbar der Fall, da 
schwankt das Urteil, und zwar je weiter ab davon, desto mehr, 
es erfährt um so leichter Beeinflussung durch fremde Urteile, 
wird unsicher, wetterwendisch, schlägt um wie der Wind. Was wir 
wissen und urteilen, hat ebenso wie das, was wir fühlen und wollen, 
subjektiv praktische Bedeutung; das theoretische Hauptbewußtsein 
bildet sich, wie schon oben bei der Besprechung der Parteien gesagt 
worden, nach dem Interesse des Egoismus, in den übrigens hinzu- 
gebrachten Theorien gehen die Egoisten spazieren gleich Seeleuten 
auf ihren Landgütern: so weit, wie ihr Schiff lang ist. Und so 
macht denn der Egoismus der Menschen, daß ihr Urteil nicht nur 
miserabel, sondern daß es gewöhnlich gar nicht ist. Die Fälle des 
wirklichen Urteilens sind im Verhältnis zu den Fällen des Vor- 
urteilens ganz, ganz selten. Unterstützt wird das durch die Ent- 
wicklung des Denkens. Der Anfang des Verstandsweges führt 
durch nichts als Vorurteile: in der Kindheit ist der Verstand hilf- 
los, kommt nur auf durch Nachahmen; das Kind eignet sich Ur- 
teile der Erwachsenen in seiner Umgebung an, also nur Vorurteile. 
Von diesen Vorurteilen aus den Zeiten der Hilflosigkeit des Ver- 
standes werden später, wegen der Faulheit des Verstandes und 
wegen des immer noch mächtigen Hanges zur Nachahmung 
und wegen der kollektiven Ansteckung, nur äußerst wenige 
geprüft und zu wirklichen Urteilen oder durch wirkliche Urteile 
ersetzt, — nicht die Hälfte der richtigen Gedanken denken 
die Menschen, die zu denken sie tatsächlich fähig wären, und 
unzählige Narrheiten, die zu denken sie keineswegs nötig 
hätten. Viele Vorurteile könnten sie prüfen, die sie in Wirk- 
lichkeit ungeprüft lassen; freilich alle Vorurteile können 
nicht geprüft werden und brauchen auch nicht geprüft zu 
werden auf ihre Wahrheit oder Verkehrtheit. Dennoch ist, wer 
seine Urteile für richtig hält, ohne sie gewissenhaft geprüft zu 
haben: wenn er kein kleines Kind mehr ist, ein großes Kind, das 
kein eignes Urteil besitzt, das keinen Ge- 
danken sich wirklich zu eigen gemacht hat. 



389 



19 



und gänzlich außerstande, sich Rechenschaft über seine Gedanken 
zu geben, wie er mit ihnen daran ist. Gleich einem, der in einem 
Vogelschlage weiße und schwarze Vögel besitzt, aber er kann nicht 
unterscheiden, welche weiß und welche schwarz sind; denn der 
Vogelschlag steht in einem finstern Räume, den er niemals er- 
leuchtet. Wer wird auf so törichte Art Vogel halten ? Ja, das 
weiß ich nicht; hoffentlich kein einziger. Aber von dem unweit 
Törichteren und Ärgeren weiß ich, d^ß solcherart viele Menschen 
ihre Ce<lanken halten. Die schwarzen und die weißen Vogel, die 
einen sind die verkehrten Vorurteile, die andern die richtigen, weiche 
den Wert von Urteilen besitzen (ich habe sie oben schwarze und 
weiße Vorurteile geruinnt). und die Finsternis, das ist der Egoismus, 
darin ihnen die schwarzen und die weißen Gedanken unterschied- 
los durcheinander fliegen. Allgemein geht es so, daß die Menschen 
Zeit ihres Lebens in Ähnlichem Verhältnis zu Vorurteilen und 
Urteilen bleiben, wie sie als Kinder gehabt haben; viele Erwachsene 
halten ihre Vorurteile für Urteile nicht, weil sie diese Vorurteile 
geprüft haben, sondern weil sie, die Erwachsenen, erwachsen sind 
und weil sie noch ruemals geurteilt, niemals gezweifelt und ge- 
prüft haben (weil sie nicht von der andern Art der Wenigen sind, 
die sich sagen, wenn sie anfangen erwachsen zu sein: nun fange 
es an mit ihrem Denken, mit der wirklichen Erziel)ung, durch 
sich selbst, mit SelbstrervoIIkommnung, dies sei ihr Regierangs- 
antritt des Leberis, ilir Geborenwerden durch Wiedergeburt, 
ihr Geburtstag in die Ewigkeit). Was auch könnte sie 
zur Prüfung antreiben als ihr Egoismus ? der sie a^er 
keineswegs dazu antreibt; d« ja vielmehr mit ihrem Egois- 
mus das Grundvorurteil ihnen angeboren ist: ihre egoisti- 
sdien Gedanken für objektiv gültige zu halten und sich Vor- 
urteile überhaupt nicht zuzutrauen. Und — gar nicht zu reden 
hier von dem zuweilen erstaunlich schnellen Schwund des Urteils 
vor dem Vorurteil der Gemeinschaften, in welche man neu ein- 
getreten: der Schwund des Vorurteils vor dem Urteil ist noch wci*. 
ungewöhnlicher und das Urteil oft nichts als die Summe der Vor- 
urteile in der Gemeinschaft, — man tut darum recht, durchweg bei 
jedem die Vorurteile seiner Gemeinschaft vorauszusetzen und des 
Einzelnen Fehler zuriächst in dieser aufzusuchen, von der man ihn 

290 



für einen Abdruck hält: so wie die Textfehler eines Buches nicht 
im Druck, sondern in dem Schriftzeichensatze liegen, von welchem 
alle Exemplare abgedruckt werden; daher sie auch eigentlich 
Satzfehler und nicht Druckfehler genannt werden müßten. Daß 
trotz alledem nicht doch noch einige mehr sind, die von den Vor- 
urteilen und Steckenpferdlichkeiten ihrer Gemeinschaft, ihres 
Standes, ihres Berufes usw. frei werden, wozu es an Anlage und 
Richtung bei manchem unfrei gebliebenen nicht zu fehlen scheint, 
das rührt daher, weil sie an und mit diesen Gemeinschaften ihren 
Anteil am Leben finden, weil also ihr Egoismus diese Vorurteile 
verlangt; wozu noch die Wahrheit des alten Wortes kommt: Ge- 
wohnheit gehört zur Gesundheit. Sie bleiben in den Vorurteilen 
ihrer Gemeinschaften und merkens nimmer; sie merken nur den 
einen, der nicht drin bleibt — in einer Stadt wurden einst durch 
einen merkwürdigen Regen alle zu Narren, bis auf einen einzig 
Trockengebliebenen, der tags darauf für einen ganz unleidlichen 
Narren galt, ausgegerbt und endlich davongejagt wurde. Aber 
auch wer, irgendwelchem Interesse folgend, heraustritt aus einer 
Gemeinschaft und deren Vorurteile aufgibt, kommt damit noch 
keineswegs immer zu Urteilen: viele moderne junge Leute z. B. 
dünken sich groß, weil sie gegen die Praejudicia antiquitatis ihrer 
Familie sich kehrten, taten dies aber vermöge der Praejudicia 
novitatis; womit sie also nur andre Vorurteile und, immer noch 
vor dem Urteil, keine Urteile haben. Aus Mangel an Urteil liegen 
sie hin vor den modernen Ohrenkrauern und werden Nachahmer 
der neuen Gemeinschaft, die ihnen für ihr Interesse ersprießlicher 
dünkt als die alte. Urteil — Vorurteil — Vorteil. 

Wer kann, mag nun für sich selber das hier Angefangene weiter 
bringen imDenken und inzwischen aufhören mitLesen ... ist man 
durch Lesen wirklich ins Denken gekommen, lese man in so kost- 
baren Augenblicken niemals weiter, sondern denke! Das wäre ein 
unschätzbarer Gewinn, hinter den Sinn der Worte gekommen zu 
sein, daß die ganz unverhältnismäßig meisten, ja beinah alle 
Menschen, von Vorurteilen beherrscht werden, d. h. ein durch sie 
selber keineswegs beherrschtes, unbeherrschbares Bewußtsein 
haben, während doch so leicht kein einziger Mensch dies auch nur 
sich selber zugesteht, — daß also fast alle Menschen ein Bewußt- 

39 X '»• 



sein besitzen, welches sie mcht beherrschen und wovon sie nicht 
einmal wissen, daß sie es nicht beherrschen. Mit andern Worten 
und verallgemeinert: Wir sind Egoisten, nichts als Egoisten, aber 
dieses ausschließlich Egoistsein kommt uns Egoisten nicht zum 
Bewußtsein wegen der von uns geübten moralischen 
Kritik. Das ist die uns allen angeborene wal^rhafte Schwarz- 
Weiß- Kunst: den Andern schwarz und uns selber weiß zu malen 
(was schon beim Dtsput hervortritt, wo jeder Streitende überzeugt 
ist, daß er recht und der Gegner unrecht hat) oder den Egoismus 
der Andern, nicht aber den eignen Egoismus zu gewahren. Die 
Moralkritik ist die Frucht des Guten und Bösen, welche alle 
Menschen im Leibe haben; sie ist die Ursunde. von welcher nur 
sehr wenige Erlösung fanden. Es verh&lt sich mit dem Egoismus 
und demNichtbewußtsein von ihm, und daß, statt des Bewußtseins 
von Egoismus, vielmehr MoralitAt und Idealismus bewußt wird — 
damit verh&lt es sich genau wie hinsichtlich des Wollens: das 
Wollen ist tatsächlich unfrei, aber derWollende hat das Bewußtsein 
von Freiheit. Sein Egoismus entschwindet dem Egoisten in die 
moralische Kritik, in das moralische und idealistische Geschwitz 
hinein. Es besteht — wovon wir schon oben bei Besprechung des 
Verhältnisses zwischen Volkern und politischen Parteien ge- 
sprochen haben — ein Dual von Egoismus und Moral, eine 
pr&stabilierte Harmonie zwischen beiden, ein bestindiges Sich- 
blindmachen des Egoismus mit Moral. Dabei also möge d^ Leser 
jetzt verweilen. Es gilt ein mAchtiges Schauen hinter die Decke, 
womit alle Menschen zugedeckt sind; und von da geht es weiter 
zu noch M&chtigerem in immer größere Tiefe, worin dir endlich der 
große Trug stirbt und die große Walirheit zu leben beginnt. — 

Es ist so, wie es hier angedeutet ward, mit dem Verhältnis dtr 
Vorurteile zu den Urteilen. Auch mit den Urteilen der Menschen 
über einzelne andre Menschen ist es so — die Urteile sind durch- 
weg miserabel, oder an ihrer Stelle funktionierenVorurteile oft nach 
den äußerlichsten, Ucherlichsten, wunderlichsten Kriterien. Und 
das sind naturlich keine Vorurteile; wie wird denn ein so kluger 
und gewissenhafter Mervsch Vorurteile besitzen — das sind Urteile; 
ich habe Gründe gegen die andern! So viele Gründe, als deren 

393 



Egoismus dem meinigen im Wege steht und nicht nach meinem 
Geschmack ist. Immer sind dabei die andern die Inferioren, und 
jedes Schelten auf der andern Inferiorität enthält eine Selbst- 
belorbeerung; es ist alles ad majorem Mei gloriam, und der Moral- 
kritiker besitzt zunächst so viele Herrlichkeiten, wie das moralische 
Opfer Fürchterlichkeiten besitzt, und dann natürlich noch sehr 
viele weitere. Jeder Vorzug, den man nicht versteht, wird 
derart aufgelöst, daß er dem Andern zum Nachteil herauskommt, 
und keine Verbrennung der fremden Laster, die nicht zugleich 
eigne Tugenden zu beleuchten fände. Die Moralkritik mordet 
rings um sich her, damit das Solipse triumphiere. 

Ganz wie mit den einzelnen, so auch mit den Gemeinschaften, 
ja mit den Gemeinschaften noch viel ärger, da sich hier einer am 
andern stärkt, und wer für den allgemeinen Dünkel redet, kann 
sich anders gehen lassen, als beim Reden nur für den eignen; es 
wird ihm an Hörern nicht mangeln, so wenig wie an Grund. ,,Wer 
hochmütig sein will, sagt Fichte, findet immer Grund; der ge- 
meine Bauernkerl in seinen ledernen Hosen. Aber ein Volk will 
es immer und kann es gar nicht lassen; außerdem bleibt d i e 
Einheit des Begriffes in ihm gar nicht rege^) ." Die 

1) Es gibt für jedes Volk wie für jeden Einzelnen nicht nur Momente der 
Über-, sondern auch der Unterschätzung des Selbst; für gewöhnlich aller- 
dings sind die Völker von einem zu hoch gespannten Selbstbewußtsein er- 
füllt. Daß sie davon nicht lassen können, rührt daher, weil die Gesamtheit 
der Elemente eines Volkes immer nur ihren Egoismus hat, nicht von ihm 
weiß solcherart, daß sie über ihn hinaussehen könnte; ein Volk kann un- 
möglich der gehörigen und reinen, affektlosen Erfassung seiner selbst fähig 
sein. Durchweg ist dieses allzu hohe Selbstbewußtsein einem Volke schäd- 
lich, ihm nützlich nur in den Zeiten großer nationaler Aufgaben. Hingegen 
ist es Schutz, ja geradezu Bedingung und darum Tugend bei den genialen 
Individuen, sei es nun, daß sie praktisch, oder daß sie geistig zu einer 
originalen Leistung berufen sind. Bei denen gehört es zur Selbstfürsorge, 
zur Fürsorge für ihr Leben und Wirken, daß sie keinen Tag wanken, aus- 
dauernd, unnachgiebig, streng, stark und steif bei ihrem Schaffen bleiben 
und selber viel davon halten: weil es lange dauert und sie schwer zu ringen 
haben, bis auch andre davon halten und bis sie das Besondere hindurch- 
gebracht und gesichert haben. Sie mögen auf ihrem Kopfe bestehen: weil 
etwas drin ist; und gegenüber ihrem Stolze erinnere man sich an Jean Pauls 
Bemerkung, daß ja nicht der Stolz selber, sondern nur sein Mangel an Grund 
uns verdrießt und empört. 

293 



Griechen, die den Erdnabel und Mittelpunkt der Welt in Delpht 
beherbergten, nannten alle übrigen Volker barbarisch, sogar die 
Römer, als sie von diesen bereits unterjocht waren; die Hebrier 
betrachteten sich als das auserwJLhlte Volk, und wenn w i r sirigen: 
„Deutschland, DeutscbUxKl über alles in der Welt", so fühlen 
nicht alle nur, daB wir es über alles in der Welt lieben; der 
Hochmut blAst ins Herx, wir nennen uns selber das Volk 
der Dichter und Denker, und es gibt nun schon das LAcher- 
lichste an deutscher SelbstTrrherrlirhung. Man braucht da nur 
an die Ausschweifungen unsrer Professoren zu erinnern'), 
und muß da leider auch erinnern an Arndt und Fichte 
(welcher letzte sich mit dem eben angeführten Ausspruch, 
•US den Fragmenten 1813, gleichsam selber nachträglich aus- 
reden will: als habe er nur die Einheit des Begriffs in den 
Deutschen rege machen wollen), und man braucht nur an unsere 
Rassentheoretiker zu denken, die nichts als gröBtmÄuligen aller 
Menschen. Denn Arndt war doch immerhin wenigsteros Arndt, 
und Fichte war noch ur>endlich viel mehr: ein anständiger Pro- 
fessor, und war gar Fichte — es gibt nicht viele gleich diesem 
erlauchten, timigen Meister, die wir so bewurtdern müssen und so 
lieben wegen der Tiefe seines Ewigkeitsbewxißtseiris, wegen des 
Lichtes der Gedanken und wegen des Eifers der Seele wie ab 
reinen deutschen Mann; und dem eine ..Meruchlichkeit" zugute 
zu halten (z. B. auch in Äußerungen gegen die Juden) uns eine 
Beruhigung und Erleichterung bedeutet für unser Gefühl unend- 
licher Dankbarkeit. Aber die Rassentheorie! Ein garu neues 
Mittel der erbärmlichsten moralischen Kritik ist da aufgekommen 
— nichts andres ist unsre Rassentheorie: sie macht sich gut und 
die andern schlecht; sie spricht von sich selber als von der Edel- 
rasse und nennt alle übrigen Rassen inferior und fuhrt das auf gar 
keine Weise abzustreitende eigene Schlechte auf fremden Ein- 
fluß und Verführung zurück. Das ist crb&rmlich. ,, Mitten die 
Chinesen und Ägypter unsre Vorfahren beurteilt, wie wir nur allzu- 
oft fremde Rassen beurteilen, meint Quatrefa^es, so wurden sie an 



>) Laason z. B. nennt Deutschland ,,das vollendetste Gebilde, da* 
die Geschichte erzeugt hat", und Hermann Cohen findet, daB nur der 
Deutsch« Philosophie treiben könne! Vgl. Vorwort S. ij. 

394 



ihnen viele Merkmale von Inferiorität gefunden haben, von der 
weißen Hautfarbe an, auf die wir so stolz sind, und die sie als ein 
Zeichen hoffnungsloser Verkümmerung hätten betrachten 
können." Unsre weiße Haut — was ist dagegen die gelbe und 
schwarze! Und Langschädel gegen Rundschädel! und lange Ge- 
sichter, und was des Blödsinns mehr, und gar erst die langen 
Blonden^)! Und wir Germanen, ,,die geborenen Beherrscher 

1) „Wenn Napoleon I. allen nicht blonden Volksverführern hätte die 
Köpfe abschlagen lassen, so würde die französische Regierung die gleiche 
Festigkeit erlangt haben wie die Deutschlands oder Englands." Nott- 
Gliddon, Types of Mankind. Ich denke mir, Napoleon ist darauf nicht ge- 
raten: weil er ein Rundschädel war, oder weil er nicht blond war, oder weil er 
nicht lang war, ganz zu schweigen davon, daß er kein Germane war. Was 
übrigens die Länge der Blonden betrifft, so gibt es jetzt, den Dunklen zum 
Tröste, die Baxterschen Messungen, welche festgestellt haben, daß die 
Dunklen durchschnittlich höhere Gestalt und breitere Brust erreichen als 
die Blonden (daher auch Chamberlains Behauptung hinfällt, die Enaks- 
kinder der Bibel seien lange blonde arische Helden gewesen, was er nicht 
nur auf sein Ehrenwort als Antisemit versichert, sondern auch höchst ein- 
fach damit beweist, daß sie in der Bibel lang genannt werden) ; auch kann 
den Dunkeln der Geschmack der Weiber zum Tröste gereichen — ein 
Rassentheoretiker schreibt den Rückgang der Blondheit dem schlimmen Ge- 
schmack der Weiber zu, denen der ,, dämonischere" Schwarzkopf mehr zu- 
sage. Manches stimmt offenbar nicht bei den Rassentheoretikern: z. B. in 
bezug auf Langgesichtigkeit der Helden möchte ich sie darauf verweisen, 
daß in altdeutschen und altnordischen Heldensagen vielfach das breite Ge- 
sicht der Helden hervorgehoben wird. Z. B. Fr. v. d. Hagen, Wilkina- und 
Nif lunga- Sagen (Breslau 1872), S. 37. vom Ritter Hildebrand: „sein Antlitz 
breit und licht", und S. 47 heißt es von Studas, dem „stärksten aller Männer" 
nicht allein: „sein Antlitz war breit und nicht eben lang", sondern gar auch 
noch: „er hatte schwarze bewegliche Augen, schwarzes Haar und Bart 
übrig dick usw." Hu, zu breitem Gesicht schwarze Augen und schwarzes 
Haar — wenn so ein germanischer Held aussieht! Der mag am Ende auch 
gar einen Rundschädel besessen haben; womit sich dann die jetzigen ger- 
manischen Rundschädel trösten könnten, und das sind viele: Ranke zählte 
bei Untersuchungen in Süddeutschland nur i Prozent Langschädel! Viel- 
leicht trösten sich unsre Rundschädel auch damit, daß Forscher wie 
Virchow, Schaafhausen, Taylor, im Gegensatz zu den Rassentheoretikern, 
den Rundschädeln die größere Begabung zusprechen, und daß Nyström 
fand, zu den gebildeten und höheren Ständen der Schweden, den dolicho- 
kephalsten und germanischsten Menschen, stellen die Brachykephalen den 
unverhältnismäßig höhern Prozentsatz (die wichtigsten Köpfe müssen am 

295 



andrer Völker; ein Volk voll wilden Mutes und unbeugsamer 
Kraft, voll Hingebung und Treue, voll Stolz und Wahrhaftigkeit, 
ein leuchtendes Volk von Halbgottern'* (Ammon), ,,wir 
Germanen mit dem Edelrassentuml" — unter denen natür- 
lich, je nach dem Interesae des Theoretikers, bald die einen, 
bald die andern die höchste Stelle einnelimen; x. B. Dries- 
mans zufolge tun dies die slawosaxonischen Preußen, weil 
sie die besseren ,,Lungcninen»chcn" seien (im Gegensatz zu 
den Bauchmenschen): ,,es dürfte nicht übertrieben und ge- 
schmeichelt sein, den brandenburgisch-preuOischen Menschen- 
schlag als lachende Löwen zu bezeichnen" lachen können zum 
Glück auch Nichtlowen! Nach unsren Rassentheoretikern hat 
,,was sich heute in allen Kulturlandern der Welt mit Recht Adel 
nermt, wenn nicht reines, so doch vorherrschend germanisches 
Blut", Kultur gibt es überhaupt nur durch Germanen, und in 
gleichem Maße wie die blonden Germanen sich vermindern oder 
autsterben, verf411t die Kultur^) - niemals, auch nicht in der 

Ende rund sein, wie ubcriiAupt cuc wicuu^iten Dtn^e unircr Welt : die Erd«, 
die Soone, das Geld). DaB die bccabten Meoschen mctat kniner die Ungsten 
sein mOMcn, ist tprOchwörtUch bekannt: mögUchanrtiM sind die Raasco- 
theoreiiker die allerlAngxten tiantchtn und kommt es daher, daB sie die 
Rasacntheone ersonnen haben und auf den Geschmack Friedrich Wil- 
helms I. an langen Karies ftraten sind. Man batt« geflaubt, daß von 
seinem geschmackvolleren Sohne Friodrieh dem GroBan, der kein langer 
Kerl war, diesem Geschmack endgültig das Ende bereitet worden sei. 

*) Weltmann, Die Germanen in Frankreich: „Seit zwetetnhalb Jahr- 
hunderten zeigt Spanien ein aulfalJendca Betspiel politischen und geistigen 
SüUstands und Verfalls. Man hat für diese Erscheinung die verschsedcnslaa 
Ursachen geltend gemacht Die Herrschaft des katholischen Prieslertums, 
die schon dem alten Gotenreich so verderblich war, lastet hemmend auf dem 
Geist der Nation; die Vertreibung der Araber und Juden hat sicherlich dem 
Lande viele fleißige Köpfe und HAnde entzogen; aber alle dies« Vorginge 
haben den Genius der Rasse nicht berührt. Die UeferUcgende Ur- 
sache ist vielmehr das Ausstert>en der germanischen Herrcttschidit, welche 
die Erzeugerin und Trlgerin der politischen und geistigen Wiedergeburt 
war. Diese Rassenerschöpfung ist denselben Ursachen zuztisch reiben, die 
bei allen Kulturvölkern die geistig produktive Schicht daiiinraffen, und 
die ich an andrer Stelle behandelt habe. Ob der Rest akuver blonder Riist, 
der dem Lande verblieben ist, imstande sein wird, es einer neuen Blüte cnl> 
gegenzufuhren, muß die Zukunft lehren." 

296 



grauesten Urzeit, haben andre Menschen als germanische irgend- 
welche Kulturwerte geschaffen (Weltmann, Die Germanen und 
die Renaissance in Italien) — die Germanen mit ihrer damaligen 
Langschädeligkeit, Reckenhaftigkeit und Blondheit, aus unsrem 
Norden herstammend, wären überall (ähnlich wie die Juden) 
zerstreut gewesen und hätten überall, schon bei den Sumero- 
Akkadern und Babyloniern, bei den Ägyptern, Indern, Griechen, 
Römern, auch in Japan und China, in Amerika und auf den Süd- 
seeinseln die Oberschicht gebildet als die Lieferanten der sämt- 
lichen schöpferischen Kulturtaten (aus welcher Aufopferung für 
die andern sie offenbar ihre eignen Stammländer gänzlich vernach- 
lässigten, wo vor dem Eindringen des Christentums von Kultur 
nichts gehört wird und wo Cäsar sie noch nomadisierend antraf). 
Keine Genies als germanische; wozu, wie einer der Rassen- 
theoretiker verdienstvoll andeutet, auch die Rassentheoretiker ge- 
hören: „Zahlreiche Rassenforscher sind emsig bemüht, immer 
mehr Licht in das Dunkel der Geschichte und der Gegenwart zu 
bringen. Die stärksten Kräfte arbeiten schweigend und langsam, 
und die Genies, die solche Kräfte für den Menschengeist entdecken, 
oder zum ersten Male überzeugend nachweisen, werden am besten, 
ebenbürtigsten in der Stille anerkannt." Für gewöhnlich aller- 
dings genügt ihnen solche Anerkennung in der Stille keineswegs 
und verkünden sie selber mit der gleichen Brüllstimme, womit sie 
Deutschland die Krone der Welt nennen, daß sie selber die 
Kleinodien in dieser Krone seien (am lautesten die in engerem 
Sinn antisemitischen unter ihnen, die fast sämtlich an ihren 
Urvater Apion erinnern: Jos. c. Ap. 2, 12). Gibt man ihnen das 
nicht zu, so ziehen sie sich, immerhin noch einigermaßen befriedigt, 
hinter das Allgemeine des Edelrassentums zurück, dem sie ja an- 
gehörten — es ist eine Art Übersetzung des Adelshochmuts in das 
Demokratische; der gebildete Demos karikiert die Tugenden und 
die Laster der Aristokraten. — Übrigens ist das nicht nur bei Deut- 
schen so: es ist und war bei allen Völkern ähnlich: alle Völker, 
alle Völkchen dünken sich gewaltig, — eine große Anzahl von den 
primitiven bezeichnet sich als ,,die Menschen", ,,die wahren 
Menschen", die Cariben sagen von sich: ,,Wir allein sind Leute", 
und ein letztarmseliges tamulisches Stämmchen von einigen 

297 



hundert Menschen nennt sich ,,Wir", sieht sich als die Menschheit 
und die übrigen Menschen nur als Menschen untergeordneten 
L«bens, eigentlich gar nicht als richtige Menschen an. Das 
schmeckt nach Menacherxart: entweder andre Menschen nicht zu 
den Menschen rechnen oder sich selber ausnehmen von den übrigen 
Mcruchen . . . man hat nicht übel Torgeschlagen, die Stuben- 
uhren rufen zu machen nach dem ersten Viertel „Du", nach 
dem zweiten ,,Du bist", nach dem dritten ,,Du bist ein" und zur 
â–¼ollen Stunde ,,Du bist ein Mensch"! Ich glaube, solche Uhr 
könnte nützlich sein zur Erkenntnis der so unsAglich schwer 
verstAndlichen Wahrheit, daß wir alle zu einer Gattung ge- 
hören. — Je höher die SelbstverherrUchung, desto tiefer die 
Herabsetzung der andern; wobei zuweilen blutwenig Unter- 
schied zu bemerken zwischen den primitivsten Stimmchen 
und den großen gebildeten Kulturnationen. Es lieiien sidi 
viele, viele Binde füllen mit vernichtender moralischer Kritik 
der Nationen übereinander, der Engländer, Franzosen, Russen, 
Deutschen übereinander — der Pole in Oberschlesien sagt: ,,Gib 
auf alle Dinge acht, daB die Deutschen tie nicht stehlen')", 
der Czeche: ,,Trau nicht, es ist ein Deutscher", oder ,, Überall 
sind Menschen, in Komotau sind Deutsche" (die Deutschen 
seien keine Menschen), der Russe: ,,So viel Deutsche, to viel 
Hunde", der Lette will nicht in den Himmel, wenn auch Deutsche 
drin sind'). Es besteht dauernd Vorurteil und Antipathie zwischen 
den Nationen, die nur irgend in Interessengemeinschaft mit- 
einander geraten; diese Antipathien sind noch kein Haß, aber der 
ganze, nur nicht losgelassene Haß wohnt in ihnen. Der Haß 
wohnt immer in den Nationen, und bricht er aus, so teilt er allen 
sich mit, auch denen, die aus sich selbst gar nicht hassen könnten, 
sogar den Kindern — das kann die Liebe nicht in den Menschen! 
Wie haben wir damals, wie haben wir Kinder noch lange nach dem 
Kriege von 1870 so glühend die Franzosen gehaßt — ja, es ist ent- 
setzlich zu sagen: wir Kinder haben Menschen 



') der Caribe hilt schlankweg „die Chruten" für Dieb«; vermißt er 
etwas in seinem Hause, so sagt er: ,,Hier muB ein Christ gewesen sein." 

') (Z.) über den Deut&chcnhaO, wie er seit dem Deutschen Kriege 
sich iußert, vgl. die Einleitung. 

a9t 



gehaßt! weil um uns herum sie gehaßt wurden in der lieben, 
guten, freien Stadt Hamburg und in meiner ebenso guten, leider 
auch nicht freieren und mir noch lieberen Heimatstadt Altona (auf 
welche die Hamburger so geringschätzig herunterblicken — man 
sehe auch in Jakob Grimms Lebenserinnerungen, wie dies die 
Hessen- Nassauer auf die Hessen- Darmstädter besorgten). Und 
was in den letzten Jahren zwischen Deutschland und England 

heraufkam ?! Vorurteil und Haß schläft immer in den 

Nationen und ist leicht geweckt und angefacht; die Nationen, 
überhaupt die Menschen, wie sie nun einmal sind, haben niemals 
so viel Sympathie füreinander, wie sie Sympathie haben für alles, 
was ihre Antipathien bestärkt. Das war von jeher so und ist noch 
heute so. Daher der mächtige Erfolg der Rassentheorie, wodurch 
die Staaten gegeneinander und die Staatsbürger der Staaten unter- 
einander so prächtig, auf Grund wissenschaftlicher Berechtigung, 
verhetzt werden. 

Es ist nicht immer der losgelassene Haß, aber Vorurteil ist 
immer gegen die von fremder Eigentümlichkeit. Ich habe sehr ge- 
bildete Protestanten sagen hören: ,, Hüten Sie sich vor den Katho- 
liken", sehr gebildete Katholiken: ,, Hüten Sie sich vor den 
Protestanten", und — wißt ihr Juden, was ich auch gehört habe ? 
Sehr gebildete deutsche Juden hörte ich sagen: „Hüten Sie sich 
vor den polnischen und russischen Juden." Wollte man sich nach 
den Vorurteilen auch der Gebildetsten richten, so bleibt kein noch 
so trefflicher Mensch auf der Welt, vor dem man sich nicht hüten 
müßte. Man tut besser, sich vor dem Vorurteil zu hüten, und unter 
Umständen auch vor der Bildung, und nachzudenken über 
die moralische Kritik und über den Egoismus, wie die aneinander- 
gehängt sind und ineinandergehängt. Die Deutschen jüdischer Ab- 
stammung sollten das Vorurteil, welches sie wegen ihrer Eigen- 
tümlichkeit erregen, begreiflich finden, desgleichen auch, daß es 
unter Umständen zum Hasse sich steigern kann. Das ist so und 
wird so bleiben; das Vorurteil und auch der Haß gegen die Juden 
wird bleiben, so lange Juden sind mit jüdischer Eigentümlichkeit. 
Und ich glaube, daß die Juden mit ihrer Eigentümlichkeit noch 
lange dauern; es gibt welche, die gar glauben, daß sie ewig halten 
werden in der Menschheit und Jehowah extra so viele zu ihren 

399 



Feinden erw&hle, um zu zeigen, daß seinem erwählten Volke 
nichts schaden könne. Herder schrieb: , .Israel wnr und 

ist das ausgezeichnetste Volk der Erde; in seinem Ursprung und 
Fortleben bis auf den heutigen Tag, in seinem Gluck und Unglück, 
in Fehlern und Vorzügen, in seiner Niedrigkeit und Hoheit so 
einzig, so sonderbar, daß ich die Geschichte, die Art, die Existeru 
dieses Volkes für den ausgemachtesten Beweis der Wunder und 
Schriften halte, die wir von ihm haben und wissen. So etwas l&Bt 
sich nicht erdichten, solche Geschichte, mit allem was daran hingt 
und davon abhÄni^, kurz ein solches Volk lAOt sich nicht erlugen. 
Seine noch unvollendete Fuhrung ist das größte Poem der Zeiten 
und geht wahrscheinlich noch bis zur Entwicklung des letzten, 
noch unberührten Knotens aller Erdnationen hindurch." 

Es scheint nicht der Wille der Geschichte zu sein, daß die 
Eigentümlichkeit der Juden so bald ausgelöscht werde; und was 
im besonderen das Auf gehen der deutschen Juden in das allgemeine 
Deutschtum betrifft — in diesem Punkte gehe ich völlig mit den 
Judenhassern (die deswegen vielleicht gnädiger mit mir verfahren 
werden, werm sie ar\s Regiment kommen sollten) , und wünsche es 
und glaube daran so, wie die Juderihasser dieses Aufgehen 
wünschen und daran glauben. Ich halte die Rede davon für die 
allerlicherlichste, aber freilich aus andrem Grunde wie die Juden- 
hasser (die mich doch wohl nicht verführerisch genug finden und 
mich also nicht in Gunsten aufnehmen werden). Das allgemeine 
Deutschtum, was ist denn das ? und wo existiert das ? Die 
verschiedenen Deutschen — nun, damit sprang uns schon 
der Hase aus dem Busch: die versdiiedencn Deutschen! 
Sie sind alle voneinander verschieden; auch alle die ver- 
schiedenen Rassen, welche Deutschland bewohnen, sind ver- 
schieden voneinander je nach ihren Eigentümlichkeiten. Die 
Deutschen jüdischer Abstammung haben ihre Eigentümlich- 
keit, selbstverständlich die deutsch modifizierte Eigentümlichkeit 
der Juden überhaupt; womit sie aberT auch schon als sozial- 
psychischer T}^), auch schon äußerlich physiognomisch und 
pathognomisch — infolge der Verschiedenheit der Muskelstellung 
und des Muskelgebrauchs, der Stimmen, der Mimik und Gesti- 



kulationen^) — so verschieden sind von den Juden anderer 
Nationalitäten, wie entsprechend die Deutschen nichtjüdischer 
Rassenabstammung von ihren Rassengenossen in andern Nationen, 
wie der deutsche Germane vom englischen, der deutsche Slawe 
vom russischen^). Ich habe schon oben erwähnt, daß es (leider!) 
auch den Deutschen jüdischer Abstammung keineswegs an Vor- 
urteil gegen die Juden anderer Nationen fehlt, und glaubt man 
etwa, daß sie im Kriege gegen diese nicht kämpfen würden? 
Glaubt wirklich irgend ein Mensch ernsthaft an den Geheimbund 
aller Juden, der seinen Sitz in Paris habe ? Der erste von unsren 
Soldaten, die im Kriege Siebzig das eiserne Kreuz erhielten, war 
ein Jude, drei andre Juden empfingen es vor versammelter Brigade 
vom König Wilhelm und vom Kronprinzen, und das schwerlich, weil 
sie in den Schlachten die Franzosen untersucht, sortiert, die von 
jüdischer Abstammung geküßt und geherzt und dann die Ge- 
schenke ausgepackt haben^). 

Wer bei uns nur jüdische Eigentümlichkeit zum Unterschied 
von der germanischen gewahrt, wer nicht die verschiedenen Eigen- 
tümlichkeiten unter den Deutschen herauszuerkennen vermag, 
wo doch schon die Stände, die Bauern, die Handwerker, die Ar- 
beiter, die Bedienten, die Kaufleute, die Gelehrten, die Geistlichen, 
die Offiziere so stark an körperlicher Verschiedenheit und sozial- 
psychischer Physiognomie gegeneinander abstechen*), der ist 

durch spezifische Muskelbewegung kann auch Veränderung sogar in 
den Knochen vor sich gehen, wie z. B. bei Gewerbetreibenden durch ein- 
seitigen Gebrauch bestimmter Muskeln. 

'') So sind wohl auch die Modifikationen der sephardischen und asch- 
kenasischen Juden, die sich früher so fremd und feindlich entgegenstanden, 
anthropologisch als geschichtlich gewordene, während der Zerstreuung 
entstandene anzusehen, keineswegs als in der jüdischen Rasse ursprünglich 
vorhandene; und noch weniger liegt Grund vor, die Sephardim allein als 
echte Ur Juden zu bezeichnen. (Vogt erklärte die Sephardim für Semiten, 
die Aschkenasim für Arier; Broca nannte die Aschkenasim Mischlinge von 
Juden mit Germanen und Slawen.) 

3) Auch im jetzigen Deutschen Kriege fehlte es den Juden nicht an 
Auszeichnungen, und die erste feindliche Fahne wurde durch einen 
Juden erbeutet. 

*) Gould fand zwischen Matrosen, Land- und Stadtarbeitern und 
Studenten bedeutendere Körperverschiedenheiten als zwischen Negern, 
Rothäuten und Weißen. 



301 



wohl ziemlich blind gegen die Eigentümlichkeiten aer Menschen; 
und wer bei der Behauptung bleibt, daß die deutsche Nation (bis 
auf die zu ihr gehörigen Juden) germanisch sei, der ist offenbar 
blind nicht allein auf den Augen. Mit allen ihren Eigentümlich- 
keiten aber sind alle Deutschen national deutsch; die Nation ver- 
hiJt sich zu den verschiedenartigen Bevolkerungsgruppen wie das 
Genus zu den Species, wie Obst zu Weintrauben, Äpfeln, Birnen 
usw. (und es berührt seltsam, wie man da so einige bedenkliche 
gelb« Zwetschen reden hört: ihr andern Zwetschen und ihr 
Pflaumen seid kein Obst, ihr Birnen, ihr Apfel, ihr Weintrauben 
und ihr andern alle seid alle kein Obst, nur wir angefaulte 
gelbe Zwetschen, wir allein sind Obst, echt einheimisches Urobst). 
Aber damit alleit) hat man's noch nicht, die Nationalität verh&lt sich 
zu den verschiedenen Bevölkerungsgruppen nicht nur wie etwa 
Obst zu den besonderen Obstgruppen — wobei schlieBlich nicht so 
darauf ankommt, ob eine Sorte mehr oder weniger — , sondern wie 
der organisch lebendige Korper zu seinen besonderen Teilen. Die 
Nation ist ein Organismus mit seinen verschiedenartigen Teilen, 
ist das Neben- und Ineinander, die discordia Concors aller Eigen- 
tümlichkeiten und Besonderheiten, so daß sie selbst mehrere 
Staaten umspannen und zu einem politischen engen, allerengsten 
Verbände sich zusainmenschließen kjmn, wie in unserm Deutsch- 
land, ja keineswegs mit der Volkseinheit und nicht einmal mit der 
Spracheinheit zusammenzufallen braucht: inRuOland, inEngland, 
in Belgien, in der Schweiz, in Österreich ist das nicht der Fall — 
das sind Staaten ohne Nation, mit NationalitAten. Wir sind im 
großen Glücke mit unsrer Nation, die e i n Volk ist, seine eine 
herrliche Sprache redend — (und dieses letzte betrachte ich als die 
sicherste Gewähr für die lange Dauer unsrer Nation; denn die 
Sprache bedeutet mehr als nur die Scheide des Bewußtseins, und 
so wie sie die unvergleichlich bedeutendste Kundgebung des 
Geistes einer Nation ist, so ist sie auch das unvergleichlich ge- 
waltigste Mittel, sie zu einerlei Bekenntnis der Gedanken, zu einer- 
lei Gesinnung und einerlei Willen zusammenzuhalten). Aber dieses 
eine Volk in seiner organisch reichen Lebendigkeit ist wie jeder 
Organismus lebendig nur durch das einheitliche Zusammenwirken 
der maniügfaltig gearteten Teile, von denen ein jeder dazu gibt 

3<>a 



und leistet, was der andre nicht vermag. Als Soliman dem Ersten 
angemutet wurde, die Juden zu vertreiben, griff er nach einer 
bunten Blume, die zu seinen Füßen blühte und riß von ihren 
Blättern alle die gelben aus — gelb war die Farbe, welche die 
Juden unter den Türken trugen — , und er wollte damit andeuten, 
daß aus der bunten Verschiedenheit des Staates kein Teil entbehrt 
werden könne, ohne daß der Staat selber entstellt und in seinem 
Leben bedroht würde. Der entgliederte Organismus wäre keiner: 
der Staat ist der gegliederte Organismus der verschiedenen 
Gruppen, deren jede nach ihrer Naturwüchsigkeit und geschicht- 
lichen Gewordenheit, nach ihren Kräften und Bedürfnissen einen 
eigentümlichen Bewußtseinskreis bildet, in dem die einzelnen 
leben und durch den sie dem Staate angehören; der Staat wird auf- 
erbaut durch die vielen eigentümlichen Gruppen, die unterein- 
ander in Sonderverhältnissen, zum Staate aber in dem einen 
Grundverhältnisse des Rechtes und der Freiheit stehen. 

II. 

Keine der deutschen Bevölkerungsgruppen ist aufgegangen 
oder wird aufgehen mit ihrer Eigentümlichkeit in ein (nirgendwo 
konkret vorhandenes) allgemein Deutsches, auch die jüdische 
nicht. Ihre Eigentümlichkeit wird bleiben, und darum, weil ihre 
Eigentümlichkeit die überall auffälligste und weil sie mit dieser 
überall auffälligsten Eigentümlichkeit überall die Minorität bilden, 
wird ein gewisser Druck auf den Juden immer und überall bleiben; 
dagegen hilft kein Reden, kein Sorgen, kein Tun. Der Druck wird 
steigen und fallen, er wird im ganzen leichter und feiner werden — 
schwerlich geht es in dieser Epoche unsrer Geschichte zurück mit 
der Menschenfreiheit, so langsam es auch für die Wünsche der 
meisten damit vorangeht — , aber ein gewisser Druck auf den 
Juden wird immer vorhanden sein, auch Haß wird immer vor- 
handen bleiben von Haß zu Haß abwärts, von einer Gestaltung 
des Hasses zur andern. Es wird mit der Emanzipation der Juden 
den natürlichen Fortgang nehmen, so wie es den natürlichen An- 
fang gefunden hat: von da an, wo in den modernen Völkern das 
Bewußtsein, d. i. der Begriff und das Gefühl der Nationalität sich 
bildet, fängt es auch damit an, daß die Juden hineinverflochten 

303 



werden und hineinwachsen in das Leben der Nationen und darin, 
was sie selber betrifft, endlich ganz aufgehen; auch wird der staats- 
rechtlich vollzogenen Emanzipation die gesellschaftlich prak- 
tische bis zu einen) sehr hohen Grade nachkommen, aber — nun, 
mit einem Worte: die Em&nzipation hat ihren Anfang gehabt, sie 
nimmt ihren Fortgang, sie wird ihren letzten Schuß niemals, in 
keinem Lande finden; Freiheit für die Juden gibt es ewig nur in 
asymtotischer Annäherung. So bleibt sie ja im Grunde für alle 
Menschen, die Emanzipation der Menschheit kann niemals ganz 
zu Ende kommen: aber die der Juden wird immer einige Grade 
oder einen Grad hinter der der Volker zurückstehen, zu denen sie 
gehören; ein gewisser Druck auf ihnen bleibt. Die da verlangen, daB 
er ganz aufhöre, die rerlangen ein Wunder. Dirse unsre Welt ist 
die Welt des Egoismus, wo die neunundneunzig Sundrr mehr 
gelten als der eine Gerechte und ein Narr viele Narren und ein 
weiser Mann nur wenig Weise und ebenfalls viele Narren macht; 
diese unsre Welt ist die Welt des Egoismus, die nicht aufhört mit 
dem Kampfe aller gegen alle um die Lebensfursorge, trotzdem 
auch die Beihilfe aller gegen alle vorhanden ist, und die nicht auf- 
hört mit Gewalt des Stärkeren gegen den Schwächeren, und 
immer hats Lamm dem Wolfe das Wasser getrübt. Das Vorurteil 
und auch der HaB gegen die Juden wird bleiben, weil der soziale 
Kampf und der Klassenkampf bleiben wird, der rücksichtslos die 
günstigsten Angriffsmomente w4hlt und sich keine SchwAche ent- 
gehen l&ßt; und weil es mit dem Urteilen und Handeln der 
Menschen im garuen so roh, riiedrig und miserabel bestellt ist; 
und weil es immer einzelne gibt, einzelne Grundschiefe, in deren 
Seele Blindheit, Verkehrtheit und Haß, als Naturgabe, so not- 
wendig sind wie in andern einzelnen Klarheit und Liebe, und weil 
jederzeit innerhalb der organisierten Gesellschaft der Egoisten 
dreiste Seelen existieren werden, die weit hinaus über berechtigten 
Einzelegoismus ihre ungesellschaftlicbe Unb4ndigkeit, ihren ge- 
sellschaftlich-politischen Irrsinn wollen geltend machen. Die 
Juden werden bis zu einem gewissen Grade immer und überall der 
Befehdung ausgesetzt bleiben, weil sie immer und überall die 
Minorität mit hervorstechender Eigentümlichkeit bilden, weil sie, 
wie wir sagten, eine eigenartige Rasse sind, ein Typ von Menschen, 

J04 



der sich anthropologisch mit keinem andern Menschentyp in eine 
Klasse bringen läßt, vielmehr, nach der Äußerlichkeit angesehen, 
die Mitte hält zwischen den sämtlichen Menschentypen, als hätte 
er die Verschiedenheit von allen an sich. 

Unerklärliches ist darum bei dem Drucke, der immer und 
überall auf den Juden lastet, keineswegs, otoi vuv ßpoxoi ei'cjiv. 
Darin liegt nicht das Besondere, was es mit den Juden auf sich 
hat; überall wo eine Minorität mit frappanter Eigentümlichkeit 
vorhanden war und ist, war und ist es mit ihr genau bestellt wie 
mit der Minorität der Juden, ward sie und wird sie von Vorurteil 
und Haß betroffen. Das Besondere mit den Juden liegt in andrem, 
es liegt darin: daß sie überall und durch alle Zeiten wesentlich in 
ihrer Eigentümlichkeit erhalten bleiben; worin aber auch gleich- 
zeitig das Gegengewicht liegt gegen die ärgere Moralkritik, den 
Consensus des Vorurteils und den härteren Druck, dem sie mit 
ihrer stärkeren Eigentümlichkeit überall sich ausgesetzt finden: 
sie sind dafür auch die Stärkeren an Kraft und deuten mit dem 
allem auf Höheres in der Menschen^eschichte, dem sie gedient 
haben und ohne Zweifel weiter dienen werden. Der Ausblick dar- 
auf geht uns hier aber noch nicht an, wo wir es nur mit ihrem 
Verhältnis zu den Nationalitäten zu schaffen haben; denn dieses 
Höhere, was ohne Zweifel die wahre, tiefe Erklärung für ihre Be- 
sonderheit und auch für das Mysterium magnum ihrer geschicht- 
lichen Dauer hergibt, betrifft ihr Verhältnis zur Ewigkeit. Die 
ewige Wahrheit, die ist allerdings über der Nationalität, über 
dem Vaterlande: sie ist überstaatlich, übermenschlich, überrelativ; 
und weil sie dies ist, bringt sie niemals in Konflikt mit dem Leben 
der Relativität. Wohl dem, der den Unterschied zwischen der Welt 
der Relativität und der absoluten Wahrheit kennt! 

So wenig hier der Ort ist, von der ewigen Wahrheit zu sagen, 
so sei doch noch dieses eine gesagt: Wenn dennDeutschen jüdischer 
Abstammung gar so wind und weh zu Sinn ist und ihre Seele so 
jammerig über das Vorurteil und den Haß, so mögen sie versuchen 
das einzige zu tun, was glücklicher macht: Denken. Wer auf die 
Höhe des Gedankens sich geschwungen hat, dem ist auch, wenn 
er Jude ist, der Judenhaß nicht mehr schmerzlich. Als wahrhaft 
Denkende sind wir außer aller Möglichkeit, beschimpft zu werden 

30s -0 



(was aber auch die Denkenden zuweilen nicht hindert, sich zu ver> 
halten, alt w&ren sie's — das Leben mit den Nichtdenkenden 
fordert es so von ihnen); der wirklich Denkende, der wahrhaft zu 
Ende Denkende kann gar nicht anders als glücklich und stark sein. 
Unter den Juden sind, wie unter den Menschen überhaupt, nur 
wenige wirklich Denkende: doch haben die Juden mehr Anlafi zu 
denken als die übrigen Menschen, und so mögen sie es mit größerem 
Ernste versuchen. Sie mögen anfangen zu denken, nachzudenken 
über die menschliche Natur, wie sie im allgemeinen beschaffen ist, 
daß sie egoistisch bleibe bei allem zum Egoismus hinzu voll- 
führten moralischen CeschwAtz, daß die Menschen sich gegen- 
einander verhalten nach ihrem Egoismus, nicht nach Geschwitz, 
durch welches sie von den übrigen Tieren sich unterscheiden, und 
daß tatsächlich Vorurteil und Haß allen Menschen innewohnt, 
den einen mehr, den andern weriger, und mögen sich nicht be- 
ruhigen: ihnen selber am wenigsten. Es ist vielleicht wahr, daß die 
Juden weniger zu Vorurteilen, zu Haß und Verfolgung neigen, 
und vielleicht nicht nur, weil sie am meisten darunter gelitten 
haben: ist ja doch auch Tatsache, daß sie es gewesen sind, welche 
die Liebe bringen wollten; die freilich bei den Menschen nicht zu 
finden war und die am wenigsten wohl die Juden, trotz ihrer Ver- 
kündigung der Liebe, bei den Menschen gefunden haben. Aber 
sie mögen sich nicht beruhigen, und zu ihrem Nachdenken über 
die menschliche Natur, wie sie beschaffen ist hinsichtlich der Vor- 
urteile und des Hasses, gehört sehr dazu, daß sie auch in sich hin- 
einblicken, mit ihren Gedanken darüber auch wirklich bei sich 
selber Einkehr haltend, ob da nicht vorhanden und auf andre ge- 
richtet sei das gleiche, wovon sie selber betroffen werden. Es ist 
genug, womit sie bei sich selber ins Gericht gehen könnten. 
Finden sie trotzdem, wie es auch tatsächlich an dem ist, daß sie 
ohne eigne Schuld einen schwereren Stand haben als die übrigen 
Menschen, so mögen sie weiter nachdenken über die Eigentüm- 
lichkeit ihrer Natur im besonderen, über das, was es auf sich 
haben könne mit ihrer merkwürdigen Dauer in der Geschichte, wa« 
es wohl sei mit dem, wodurch sie der Menschheit sich nutzbar 
machten, und was fernerhin zu leisten sie aufbehalten sein mögen 
(abgesehen von allem, was sie sind als Kinder ihres Vaterlandet, 

jo6 



davon ist nun hier nicht die Rede) : für das, was sie sind im Gesamt- 
leben der Menschheit, im Riesenplan der Geschichte, der tieferen, 
eigentlichen Geschichte, d.i. für das Verhältnis der Ge- 
danken untereinander oder für das Verhältnis 
der Menschheit nach ihrer Relativität zur 
ewigen geistigen Wahrheit einerseits und 
zum Aberglauben andrerseits. Darüber sollen sie 
versuchen zu denken; denn das alles gehört dazu, wenn sie über 
sich selbst in die Klarheit kommen wollen. Legen sie aber das 
schwere Gewicht so bedeutender, so ungeheurer Gedanken auf die 
Wage des judenhasserischen Urteils, so kann nicht ausbleiben, 
daß sie größere Narren werden als die sind, denen sie folgen. 

Auf das Prinzip des Egoismus ist hinzuweisen, wenn man Ver- 
ständnis schaffen will für die Feindseligkeiten, denen die Juden 
sich ausgesetzt finden. Die Tatsachen des menschlichen Egoismus 
sind anzuerkennen; wobei man, was gegenüber der herrschenden 
verkehrten Psychologie immer wieder betont sein will, diesen 
Egoismus nach dem ganzen Umfang seiner Geltung verstehen 
muß: daß natürlicherart sämtliche Menschen Egoisten sind, nicht 
nur diejenigen, die man wegen ihrer auffälligen Rücksichtslosig- 
keit so zu nennen pflegt oder die oft nur naiver sich geben als die 
übrigen; wie z. B. die gar nicht kleine Klasse der Menschen, mit 
denen sich von andrem nicht reden läßt als nur von ihnen, oder 
die immerwährend selber von sich reden. Und zum Egoismus 
eines jeden gehört hinzu die Garderobe der Moralkritik, für 
jeden Egoisten genau geschnitten nach seinem Egoismus. Er 
erscheint auch für sich selber, wie wir gesehen haben, nur in 
dieser Garderobe: nicht sein Egoismus, nur seine Moralität kommt 
ihm zum Bewußtsein; kein einziger Egoist, zu dem sich nicht sagen 
ließe m.it Shakespeares Holzapfel: ,,Du Spitzbube steckst voller 
Moralität, das kann ich dir durch zuverlässige Zeugen beweisen!" 
Die Moralität ist sein ärgster Egoismus. Der Mensch ist 
Egoist, Egoist, Egoist. Der Mensch ist Egoist wahrlich nicht 
allein mit seinem Fühlen und Wollen: auch mit seinen sämt- 
lichen Gedanken ist er einer, der alles in Beziehung setzt zu seinem 
Egoismus, nur nach diesem baut und zerstört, bejaht und verneint, 

; 307 20* 



seine Apathien, seine Sympaimcu, icme Antipathien, tatsachhch 
sein ganzes Bewußtsein hat; für den es keine Erfahrung als die 
des Egoismus geben kann, dem alles und jegliches unter der 
Bedingung des Egoismus heraufkommt, so daB auch durchweg, 
wie wir gesehen haben, was er sein Urteil nennt, in Wahrheit 
kein Urteil, sondern sein Interesse ist und als fragtest du einen 
etwa, wie ein Spiegel aei, er blickte hinein, sAhe sich darin und 
wurde antworten: ,,[>er Spiegel sieht aus wie ich!" Wegen dieses 
egoistischen Charakters ist es, dafi alle Menschen gtfene i nander 
gereizt und uberriiuinder her sitMl mit ihrer moralischen Kritik, 
die schon den Anfang bildet zur Befehdung; am besten noch ver- 
tragen sie sich im Bosheitsbündrus gegen andre, was sowohl der 
Kaffeeklatsch und der Bicrklatsch wie der Krieg beweisen, übrigens 
pflegt es mit ihrer Friedlichkeit nicht weit her zu sein. In der Tat 
ja ist schwerlich eine Familie zu finden, deren Mitglieder nicht 
fortgesetzt gegeneinander stoßen, wenn nicht gar scharfbciOig 
aufeinander losgehen, auch Geschwisterliebe ist wohl kaum so 
häufig wie Geschwistcrgleichgültigkeit und CeschwisterhaO, und 
kaum eine einzige Gemeinschaft existiert zwischen Menschen, die 
anders als nur eben und eben eine Gemeinschaft bleibt, 
und auch nur. weil Höflichkeit versteckt, was von einem 
über den andern gedacht v^rd und sie sich nicht , .die Wahrheit 
sagen", die Wahrheit ihres Egoismus — HofUchsein. d. h. dem 
Andern nicht die Wahrheit seines Egoismus ins Gesicht sagen, 
sondern tun. als glaube nvan ihm die Moral. Dieser Zwang zur Höf- 
lichkeit ist für das gesellige Leben so wesentlich, wie für das Leben 

im Staate dessen Zwangsinstitutionen sind nicht einmal den 

Trieben zu Staat und Geselligkeit, ohne welche des Mesuchen 
Egoismus, sein Wohlsein und Dasein bedroht wire, unmöglich 
wäre, nicht einmal diesen Trieben kann der Mensch ohne Mitte! 
des Zwanges nachgehen! Die Egoisten kommen nidit aus ohne 
Höflichkeit und nicht ohne Schmeichelei, womitjeder 
betrügt, und jeder — ohne Ausnahme — be- 
trogenwird. Wer hinter dieses Alles und wer gar dahinter ge- 
kommen ist, daß das Wesen, vielmehr Unwesen der egoistisch mora- 
lischen Kritik darin besteht, über den ganzen Menschen 
den Stab zu brechen wegen gewisser Eigentümlichkeiten, Fehler 

• 

308 



und Schwächen, die andre sind als seine eignen, obwohl von der 
gleichen Art, weswegen denn auch jederzeit die Stellen vertausch- 
bar sind, jeder Kritiker zum Kritisierten wird und immer ein Esel 
den andern Sackträger schilt (wohlverstanden aber, ich rede hier 
nur von den Eigentümlichkeiten, von den Fehlern und Schwächen, 
die der moralischen Kritik unterstehen, und von dem lästerlichen, 
lasterhaften und verbrecherischen Treiben der Allgemeinheit, 
nicht von den im besonderen Sinne so genannten Lastern und Ver- 
brechen der einzelnen, die übrigens deswegen untereinander mit 
moralischer Kritik nicht etwa nachlassen, s'elbst nicht bei gleichen 
Verbrechen und Lastern — eine Hure hatte eine Nacht sich 
enthalten: Wo steckt denn nur die Polizei gegen die Schweine- 
menscher ? schrie sie sogleich) ; wer wirklich vor Augen hat die 
Natur der Egoisten in der beständigen Glorifikation und Apologie 
ihres Selbst, und wie weit die Menschen herzlich auseinander- 
stehen, auf was für Art sie gegen andre Menschen denken und 
sich verhalten, und wie die Krankheiten der Seele in ihnen herauf- 
kommen, womit behaftet die Kranken gegeneinander und gegen 
die Gesunden wüten — : 

wie Bindfaden vom Knäuel sich winden läßt, so wird, 
wer so den egoistischen Charakter der Menschengattung sieht und 
kennt, sich alles erklären können, was den Juden, der Mino- 
rität mit der auffallenden Eigentümlich- 
keit, widerfährt. Er wird sich erklären können, was den Juden 
begegnet, so gut, wie er sich erklären kann, daß gleiches den 
Christen in den ersten christlichen Jahrhunderten unter den Heiden 
begegnete^), und daß gleiches noch heute den Christen begegnet 

^) sogar Ritualmord wurde ihnen vorgeworfen — der wurde zuerst nur 
den Christen vorgeworfen, später erst von diesen die Beschuldigung auf die 
Juden geschoben; die Christen waren den Römern, nachdem diese erst den 
Unterschied zwischen ihnen und den Juden erkannt hatten, weit mehr zu- 
wider als diese, wurden von ihnen als Staatsfeinde und als Menschenfeinde 
angesehen. Tacitus (Ann. XV, 44) nennt die Christen „wegen Schand- 
taten verhaßt" und „des Hasses gegen das menschliche Geschlecht über- 
wiesen"; und noch viele römische und griechische Zeugnisse von solcher 
Art gibt es und würde ihrer noch weit mehr geben, wenn nicht die ersten 
christlichen Kaiser alle christenfeindlichen Schriften hätten verbrennen 
lassen (Cod. Theodos. I tit. i, lex 3). 

339 



in denjenigen Landern, wo sie in der Minorität sind und durch ihre 
Eigentümlichkeiten so auffallen wie bei uns zu Lande die Juden — 
die Judenfresser sollten nur einmal in jene Linder kommen, da 
wurden sie's erfahren und selber gefressen werden! 

Die deutschen Judenhasser brauchten aber gar nicht erst unter 
die Heiden zu gehen'): es gibt genug christliche deutscbea- 
hasserische Volker, unter derten sie manches hören und erfahren 
konnten von verzweifelter Ähnlichkeit mit dem, was nach ihrer 
besten Absicht die Juden in unsrem Lande erfahren mußten. Sie 
tollten einmal nach Böhmen gehen und hören, wie da gesprochen 
und alles Unglück den Deutschen aufgeladen wird — und woher 
kam es, daO in Prag die deutschen Liden geplündert wurden, und 
woher die Hetzjagden auf die deutschen Studenten ? Oder wie 
w&r's, wenn sie sich nach Ungarn wendeten? Als 1847 in Pest 
das deutsche Theater brannte, veranstalteten die Magyaren einen 
Jubelumzug ,,Eljen, das deutsche Theater brennt!" und einige 
Jahre nach dem Brande von 1889 tagt« ein Redner im Parlament: 
,, Gottes Hilfe haben wir es zu verdanken, daB das deutsche 
Theater abgebrannt ist." Von der deutschen Sprache sagt« ein 
andrer, sie müsse die Sprache der Hausknechte werden. Die blöd- 
sinnigsten Vorwürfe werden den Deutschen gemacht, und das 
Spruchwort ,,Der Deutsche ist ein Hundsfott" bildet das Leit- 
motiv eines Liedes, welches gewohnlich gleich hinter dem Liede 
„Gott erhalte Fraru den Kaiser" gesungen wird. Und Rußland ? 
Ich lese in der konservativen Monatsschrift, Juni 191 2 (Das 
Deutschtum in Rußland. Von Frh. ▼. SaB): ,, Diese im Verhältnis 
zu den übrigen Nationen desZarerueiches kleine Volksgemeinschaft 
— die Deutschen stehen erst an achter Stelle und werden von 
Großrussen, Kleinrussen, Polen, Weißrussen, Juden, Kirgisen und 
Tartaren ziffernmäßig übertroffen — betätigt sich immerhin auf 
den verschiedensten Gebieten des öffentlichen Lebens mit der- 



') z. B. unter die Chinesen, wo sie all das Ihrige, vom umgekehrten 
Ende, gegen sich selber gerichtet, haben könnten, bis zum Ritualmord: 
vermißt man dort, wo rhnstliche Missionare sich aufhalten, ein Kmd, so 
sagen die Chinesen, es wäre von den Missionaren getötet worden, die ihm 
Herz und Augen ausgerissen hätten, um damit zu zaubern. 



310 



artigem Erfolge, daß feindseliger Neid innerhalb des Slaventums 
erweckt worden ist und selbst ernste Regierungskreise die Be- 
sorgnis nicht unterdrücken können, Rußland werde allmählich 
unter die geistige Herrschaft der Deutschen geraten und dabei 
seinen „nationalen" Charakter einbüßen. Auf dieses Empfinden 
sind vor allem die Maßnahmen gegen unsre Volksgenossen zurück- 
zuführen, die schon unter Nikolaus I. ihren Anfang nahmen, sich 
unter Alexander III. verschärften und dann eine Zeit lang gleich 
nach der Revolution sich ein wenig minderten, um jetzt aufs neue 
mit rücksichtsloser Härte gehandhabt zu werden. Daß dadurch 
große Werte zerstört worden sind und noch weiter der Vernichtung 
anheimfallen werden, daß gleichzeitig dem Russentum als solchem 
kein Nutzen aus dieser Politik erwächst, stört den nationalen 
Chauvinismus nicht, der nun einmal eine wesentliche Aufgabe 
in der Beseitigung nichtrussischer Eigenart sieht und in diesem 
Streben den Kampf gegen die Deutschen aufgenommen hat . . . 
Es liegt auf der Hand, daß die Vergewaltigung des Deutschtums 
— eine andre Bezeichnung für das Vorgehen der Regierung in den 
baltischen Landen ist kaum angängig — den wilden, durch 
sozialistische Agitatoren schon früher geweckten Trieben der 
Letten und Esthen Vorschub leistete. Dazu trat die Nachsicht der 
russischen Beamten mit den Äußerungen des Hasses gegen die 
deutschen Bewohner, ja selbst mit gewissen Ausschreitungen 
ausgesprochen umstürzlerischen Charakters. Das ging so weit, 
daß manche Staatsbeamte, denen nach der endgültigen Durch- 
führung der ,, Reformen" eine Art Vormundschaftsrecht über die 
Eingeborenen eingeräumt war, direkt gegen das Deutschtum, be- 
sonders die deutschen Großgrundbesitzer, schürten und dadurch 
den Boden für die Revolution vorbereiteten. So kam es im Jahre 
1905 zum Ausbruch eines Aufstandes mit Mord und Verwüstung, 
Plünderung und Brandstiftung im Gefolge. In etwa drei Monaten 
gingen 243 Schlösser und Gutshöfe in Flammen auf, und unsäg- 
liches Elend kam über die Provinzen. Ja zeitweilig schien das 
Deutschtum in den baltischen Landen dem Untergang geweiht zu 
sein, so furchtbar wüteten die entmenschten Urbewohner." 

Aber auch mit Erfahrungen unter den enger steunmverwandten 
Völkern von germanischer Rassenabstammung läßt sich auf- 

311 



warten^) . Es seien einige Stellen «us Alteren d&nischen Zeitungen 
hierhergesetzt, — ich sehe schon, wie die Judenhasser darauf als 
auf ein willkommeneres Fressen sich stürzen und sie in ihren 
BlAttern zum Abdruck bringen; nur dürfte ihnen, aus Zartgehör, 
das Wort ,,£>>« Deutschen" in solchem Zusammenhange nicht 
klingen, und so werden sie denn wohl jedesmal ,,Die Juden" 
setzen; ja mir ist wirklich, als hAtte ich die folgenden Auslassungen, 
gegen die Juden gerichtet und mit der Warnung an Deutschland, 
daß es nicht verjudele, bereits wörtlich in antisemitischen BlAttern 
gelesen. Sie stammen aber ursprunglich aus DAnemark (das Ton 
Ibsen in seinem „Möwenschrei" gewarnt worden war, daß es nicht 
verdeutschele, und Björnson fand dann wiederum an Ibsens Poesie 
,,was so verdammt Deutsches"), uivi sind also ursprünglich gegen 
die Deutschen gerichtet. Sie lauten: ,,BCan konnte vielleicht 
behaupten, es sei nicht in den Gesetzen und Regierungsverord- 
nungen ausgesprochen, daß die Deutschen, die sich bei uns ein- 
gedrAngt haben, vertrieben werden sollen. Es ist das auch wahr. 
Wir sind in den Zeiten des Absolutismus nur allzu sehr daran ge- 
wohnt worden, alles von oben zu erwarten und zu fordern, daß 
alles von oben her geschehe; doch wurden unter allen UmstAnden 
die besten und klarsten Regierungsverordnungen nichts ausrichten, 
wenn nicht die große Mehrheit des Volkes mithilft, auf eigne lUnd 
den kleinen Krieg gegen die Fremden (die Deutschen) zu führen. 
Kein Mitleid oder Achtung für etwaige personliche Eigenschaften 
eines eingewanderten Deutschen darf hier mitsprechen. Der 
König kann deutsche Beamte einsetzen, denn alle Schleswiger, 
Holsteiner und Lauenburger, welche nach dem 30. Oktober 1864 
geboren sind, haben ja in DAnemark Heimatsrechte behalten; 
aber kein deutscher Beamter darf in dem Kreise, wo er wirken soll, 
etwas andres als Geringschätzung und Widerstand finden, bis er 
sich entfernt hat oder entfernt wird. Dies ist Pflicht gegen das 
Vaterland. Kein deutscher Offizier darf gute Kameradschaft bei 



') Selt»stTerttlndlich ist es nicht anders unter Romanen, worauf 
hier nicht nAher eingegangen werden kann. Man denke bctspielsweiM 
an die Unruhen, welche in Frankreich durch die Anwesenheit einer 
g rößcrcD Anzahl italienischer Arbeiter in den ersten neunziger Jahren 
hervorgcffufen worden sind. 

31a 



dänischen Offizieren finden: das ist Pflicht gegen das Vaterland. 
Kein dänischer Eigentümer oder Landgutsbesitzer, groß oder 
klein, darf länger deutsche Pächter oder Verwalter haben oder 
annehmen, wie so viele unsrer Gutsbesitzer früher getan haben. 
Dies ist Pflicht gegen das Vaterland. Kein Handwerksmeister 
darf deutsche Gesellen gebrauchen; kein Bauherr, Ziegeleibesitzer 
oder welchen andern Betrieb irgend einer hat, darf deutsche Ar- 
beitsleute gebrauchen. Dies ist Pflicht gegen das Vaterland. 
Geschieht es dennoch, so müssen die dänischen Handwerksgesellen 
ihre deutschen Kameraden meiden. Kein deutscher Ge- 
werbetreibender darf Geschäftsfreunde in Dänemark finden. Dies 
ist Pflicht gegen das Vaterland. Keine deutsche Familie in irgend 
einer Stellung, selbst wenn dieselbe privatim noch so achtungswert 
ist, darf Umgang in Dänemark finden. Dies ist Pflicht gegen das 
Vaterland; denn die Deutschen, selbst die besten, können, wenn 
sie sich an einer Stelle niederlassen oder ansiedeln, andre nicht 
dulden, sondern sind hochmütig und verdrängen die Nicht- 
deutschen. Sie kommen als schickliche, bescheidene Leute, sind 
auch, wo es gefordert wird, demütig, jakriechend untertänig, aber 
kommen sie erst zu Kräften, werden sie Tyrannen. Es gibt kein 
andres Mittel, als ihnen und ihrer Sprache gar keinen Eingang zu 
geben und sie da, wo sie sind, herauszudrängen in der Art, daß 
man durchweg jedem Deutschen den Aufenthalt in Dänemark 
unerträglich macht." 

Was sagen zu dem allem die deutschen Judenhasser, die 
,, Deutschen" ? Nun, das ist natürlich nur oratorische Frage; ich 
will nicht hören, was vom Affekt des Hasses beherrschte, närrische 
und kranke Deutsche darauf sagen, die darauf höchstens sagen 
werden: die Dänen seien Juden ^) ; und habe ja auch gesagt, daß 
ich zu den Judenhassern hier nicht rede. Ich rede zu den nor- 
malen Deutschen von geordnetem Denken, denen ich rate, sich 
wegen des in der Welt gegen sie vorhandenen Hasses mit den 
Juden zu trösten, ihn an den Juden verstehen und sich gegen ihn 
wappnen zu lernen, und die dann freilich auch erkennen dürften, 
daß für Deutschland der Judenhaß absurder ist als für alle übrigen 

^) vgl. S. 170 und S. 236. österreichische und bayerische Antisemiten 
haben sogar schon „die Preußen" zu Juden gemacht. 

313 



Linder und kein Deutscher Judenhasser sein kann, ohne daß er 
angesichts des Deutschenhasses die Augen zu Boden senken 
müßte: denn der Deutschenhaß und der 
Judenhaß lassen sich rergleichen. ,,Man 
kann die Deutschen fuglich die Juden des neuen Europa nennen, 
denn wir sind wie diese verstreut und leider an manchen Orten 
solchen gleich gerechnet — wir — die unschuldigen Urenkel der 
herrlichsten Viter und Teilchen der tapfersten, geistigsten, 
schönsten, kräftigsten und unverdorbensten Nation", klagte 
rührend bereits der 1832 gestorbene Karl Julius Weber (der 
Demokrit- Weber) , ein unschuldiger, doch aber nicht bis zu dem 
Grade unschuldiger Urenkel, daß er auch den judischen Urenkeln 
zugestanden hätte, was er für seine eignen Miturenkel als selbst- 
▼erstindlich in Anspruch nahm. Der Deutschenhaß hat sehr 
ähnliche Ursachen wie der Judenhaß, aber von den Hassenden 
werden die Gehaßten in den Sack disputiert, und das Ende lautet: 
Wir sind völlig unschuldig gehaßt, aber die von uns Gehaßten 
schuldig! Es läßt sich keine bessere Erklärung für die äußerliche 
Ursache des Judenhasses geben als wie sie für die des Deutschen- 
hasses s. B. in der ..Suddeutschen Konservativen Korrespondenz" 
sich findet (nur daß unerwähnt bleibt, wie viel das Großmaul und 
der Größenwahn unsrer Rassentheoretiker zu diesem Deutschen- 
haß beigetragen) : ,, Kein Volk der Erde ist im gesamten Ausland so 
verbreitet wie das deutsche, überall ist der Deutsche 
anzutreffen. Man beachte doch folgendes: in London gibt 
es über 100 000 Deutsche, in Paris über 50 000, in allen Zentren 
Frankreichs und Englands sind Tausende von Deutschen anzu- 
treffen. In Rußland sind von den Regierungsämtern bis hinunter 
zu den Werkfuhrern der Fabriken und kaufmännischen Unter- 
nehmungen Deutsche in leitender Stellung aruutreffen. Ob wir 
in Bordeaux oder in Paris, in Edinburg oder Glasgow, in Lodz 
oder Petersburg, in Odessa oder in Rom, Florenz, Mailand oder 
in den sämtlichen Hauptplätzen von Wien durch den Balkan bis 
Konstantinopel und Kleinasien uns umschauen: überall sind 
Deutsche als Kellner, als Hoteliers, als Vorarbeiter, als Kauf- 
leutc, als Werkfuhrer, als Ingenieure, als Architekten, als Bahn- 
bauer, als Verwalter, als Lehrer usw. usw. tätig. Und sie sind es 

314 



mit Fleiß, mit Bildung, mitAuszeichnung, 
mit Überlegenheit. Ist es doch eine Tatsache, daß 
selbst in der berühmten Luxus- und Feinindustrie Frankreichs 
Elsässer und Deutsche die Erfinder und Vorarbeiter sind. In 
Antwerpen, in Lüttich, in Brüssel, in London, in Edinburg, in 
Paris, in Rom, Florenz, Mailand, Odessa, Petersburg, Belgrad, 
Konstantinopel — von Amerika reden wir gar nicht — überall 
gibt es vollständige deutsche Niederlassungen m. it ausge- 
sprochen deutschem Gepräge. Dem ist in 
Deutschland kein Analogon zur Seite zu stellen. Die russisch- 
polnischen Sachsengänger, die polnischen Industrie- und 
italienischen Erdarbeiter sind nicht mit der Tätigkeit derDeutschen 
im Ausland zu vergleichen. Denn bei der russisch-polnisch- 
italienischen Invasion handelt es sich nicht um leitende Tätig-- 
keiten mit gesellschaftlicher Überordnung. Diese Tätigkeit der 
Deutschen im Auslande in Vorzugs- und leitenden Stellungen ist 
es, die den Deutschen als solchen im Auslande un- 
beliebt macht ... In keiner Stadt Deutschlands gibt es ganz 
fremdländische Quartiere, deren Bewohner wirtschaftlich ton- 
angebend wären. In ausländischen Hauptplätzen aber trifft man 
solche Quartiere mit prominenten Deutschen 
überall an. So verhält sich das Ausland dem National- Deutschen 
gegenüber. Der Ausländer bekämpft und „haßt" im ein- 
zelnen Deutschen die Tüchtigkeit seiner 
wirtschaftlichen Fähigkeiten und persön- 
lichen Tugenden. Und darin allein liegt die Erklärung 
des generellen Deutschenhasses im Ausland." So erklären sich 
die deutschen Konservativen, weswegen die Deutschen im Aus- 
lande ,, gehaßt" werden: weswegen aber sie die Juden ,, hassen", 
darüber hört man von ihnen dieselben Erklärungen, welche die 
Ausländer für ihren Deutschenhaß abgeben. ,,Was du nicht 
willst, daß man dir tu, das füge du dem andern zu"; übrigens 
denken bei ihren Erklärungen des Judenhasses die Judenhasser 
nicht nach, und so weit treiben sie den Vergleich zwischen 
Deutschen und Juden keineswegs, sich einzugestehen, der Haß 
gegen beide hat die gleichen Ursachen (und in der Tat, fehlte den 
Auslanddeutschen der Rückhalt unseres deutschen Reiches, so 

315 



stunde es mit ihnen in allen Punkten völlig wie mit denjuden), 
und ebenso fern liegt ihnen, daß sie sich sa^en: so wenig die 
Deutschen den Haß des Auslandes verdienen, so wenig verdienen 
die Juden den Haß von uns Konservativen. Es kommt ihnen auf 
Nachdenken und ErklAren nicht an. Uns aber kommt darauf an, 
und wir verlangen Erklärung für den Menschenhaß, der ebenso 
wie den Deutschenhaß auch den Judenhaß einschließt. Und weil 
also Deutschenhaß undjuderihaß vergleichbar'), wollen wir hören, 
was zu dem Deutschenhaß in der Welt gesunde, vernunftige 
deutsche Menschen geordneten Denker« sa^en, denen es um 
mehr zu tun ist als nur darum, moralisches Geschwätz für ihre 
Interessen und ihre vermeintlichen Interessen zu erheben: die 
von tieferem Drange nach Erkenntnis des Gesetzmäßigen erfüllt 
sind, und denen, bei mangelnder Klarheit und Ungewißheit über 
eine zu erkennende Sache, der Verstand weh tut. Solche werden 
nicht sagen — wie die Judenhasser entsprechend von den Juden 
sagen — , die Deutschen sindBetruger, Verfuhrer, Verderber, und 
die DAnen haben recht, die Czechen haben recht, die Magyaren 
haben recht, die Russen und die Letten haben recht, alle Volker 
haben recht mit ihrem Urteil über die Deutschen, und die Übersee- 
Deutschen verdienen es, daß man sie mißachte und hasse. Und 
sie werden auch nicht sagen: die Chinesen hatten recht, wenn sie 
noch bis vor kurzem jeden NichtChinesen anredeten als ,,Herr 
fremder Teufel", oder die Indianer hatten recht, als sie bei 
ihrem Aufstand von 1890 riefen: ,,Die Weißen haben Christtis 
totgeschlagen, schlagt die Weißen tot!", sondern sie werden dieses 
alles begreiflich finden aus dem von ihnen begriffenen typischen 
und konstanten Charakter der einheitlichen Menschheit, die über- 
all unter den ähnlichen Verhaltnissen das Ähnliche hervorbringit. 
Die Indianer sind noch nicht bei der Rassentheorie angelangt, 
halten noch bei der Religion, riefen deswegen: ,, Schlagt die Weißen 
tot, die haben Christus totgeschlagen", so wie früher die Christen 
riefen: ,, Schlagt die Juden tot, die haben Christus totgeschlagen" 
— den Indianern ist die weiße Farbe die von der ihren verschiedene, 



•) (Z.) — erst recht nach diesem Kriege (vgl. Vorwort), wo überhaupt 
besser ersichtlich wud, wie die Menschen hassen, ohne dabei allzuviel 
auf Wechsel zu sehen. 

J>6 



ist das Weiße das Auffällige: Christen und Juden sind ihnen beide 
der weiße Mann; die Indianer urteilen noch nicht nach den tiefen 
Erkenntnissen unsrer Rassentheorie. 

Ach, ich denke, hierzulande wird auch nicht nach der Rassen- 
theorie geurteilt, sondern nach der auffälligen Eigentümlichkeit. 
Setzen wir einmal den Fall, es lebten in Deutschland an Stelle der 
Juden 650 000 Menschen von noch größerer Auffälligkeit als die 
jüdische, gänzlich verschieden an Aussehen und Wesen, an Welt- 
anschauung, Sitten und Gebräuchen — nun, ich will nicht erst 
lange die Phantasie bemühen: es sollen 650 000 Hindu sein. 
Glaubt man wohl, daß es mit diesen zurzeit kaffeebraunen, un- 
kriegerischen, arbeitsuntüchtigen Hindu, weil sie doch nach der 
Rassentheorie von arischer Rasse sind, glaubt man, daß es mit 
ihnen besser gehen würde als mit den Juden von der semitischen 
Rasse, und daß sie weniger Feindschaft als diese auszustehen 
hätten? — Das mag ein Antisemit glauben! Ich glaube es nicht^) 
und besitze genug Vertrauen in die Wissenschaft der Rassen- 
theorie, um überzeugt zu sein, diese Wissenschaft würde bald fest- 
stellen, die Hindu seien nichts weniger als Arier. — Wer kein 
Antisemit ist, der wird nach den angeführten Zeugnissen, die sich 
noch um ungezählte andre vermehren ließen, die feste und für das, 
was uns beschäftigt, entscheidende Überzeugung gewonnen haben, 
daß der Haß der Antisemiten gegen die Juden keineswegs 
original sei, und daß er nicht von den Juden herrühre, die 
nicht seine Ursache, sondern seinen Anlaß bilden — so wie die 
Eiche nicht die Ursache des Blitzstrahles ist, aber freilich an sich 
hat, was macht, daß auf sie er eher herniederschlägt als auf andres. 
Was an der Eiche etwa die Gerbsäure (oder, ich weiß nicht, was 
sonst) für die in der Luft enthaltene Elektrizität ist, das ist die 
äußerlich auffällige Eigentümlichkeit des Juden für den in der 
Menschheit vorhandenen Haß. Wenn das alles nicht wahr ist, was 
ich vom Deutschenhaß angeführt habe, wenn das alles nicht wahr 
ist, was ich vom Menschenhaß und vom menschlichen Egoismus 



1) eine Stütze erhält mein Zweifel an dem Verhalten der Deutschen 
gegenüber den Halbweißen Samoas, trotzdem diese, nach den Rassen- 
theoretikern, aus Indien stammen und mit den Deutschen gemeinsamen 
Rassenursprung haben. 

317 



angeführt habe — nun, wcnns nicht wahr ist, dann herrscht Liebe 
unter den Menschen und dann soll wahr sein, daß die Schuld 
für den Judenhaß an den Juden liegt. Da aber alles Gesäße 
wahr ist und Vorurteil und Haß sich nicht wegleugnen Uflt aus 
der Menschenwelt, daß man sagen könnte, die Juden tragen die 
Schuld am Judenhaß, so muß auch mit Walirheit gesagt werden: 
der Judenhaß ist nur ein bctonderer Fall des unter den 
gleichen Umsttnden überall in def Menschheit sich regenden 
Hasses — Juden, an Stelle und in der Lage von Antisemiten, 
würden Antisemiten sein. Genes. 6, 2 steht lu lesen von 
den Kindern Gottes, welche nach den Töchtern der Menschen 
sahen und zu Weibern nahmen, welche sie wollten: dazu heißt es 
Nischmath chajim ix6,' i, die Engel Asa und Asael rechteten mit 
Gott, weil er den Menschen erschaffen habe, der doch ein Sunder 
tei, worauf Gott sprach: h&ttet ihr euren Aufenthalt in der unteren 
Welt, ihr würdet sündigen gleich den Menschen; er ließ sie hin- 
unterfaliren zur Erde, und sie sundigten. Also selbst die Kinder 
Gottes; sobald sie in die Verh4ltnisse danach geraten. — Wenn 
die Antisenuten sich selber gut und die Juden schlecht machen, 
die Juden aber umgekehrt die Antisemiten schlecht und sich gut, 
io bedienen sich beide, wie alle Menschen tun, der moralischen 
Kritik: doch so viel wir auch auf sie hören wollten, keines von 
beiden Rede kann über die Tatsache des Judenhasses aufklären. 
Die Frage nach dem Urteil über die Juden muß sich uns ver- 
wandeln in die Frage nach der Beschaffenheit und dem Grunde 
des Urteils in den Menschen überhaupt, wir müssen die Verhalt- 
nisse zwischen Beurteilten und Urteilern in Betracht ziehen 
und dürfen nicht die Tatsache des Judenhasses isoliert nehmen. 
Überall wird unter den gleichen Umsttnden der Haß der 
Menschen auf die gleiche Art sich zeigen. Dieser Haß 
entstammt der menschlichen Natur, und in unsrem Falle 
sind die Juden die Gelegenheitsursache, an welcher der 
allgemeine Charakter der Menschheit sich offenbart und offen- 
baren muß, — für jeden, der ihn denkend zu erkennen vermag, 
ein so ungeheures wie deutliches Illustrationsbcispiel. Das Mar- 
tyrium der Juden ist das der auffällig Verschiedenen von ihrer 
Umgebung, der unter den Menschenrassen verstreut lebenden 

318 



Menschen der zentralen Rasse oder der Rasselosigkeit. Tut die 
Schuld der Juden in die eine Wagschale, ihr hartes Schicksal 
in die andre — ihr werdet das Mißverhältnis nicht fassen; aber legt 
noch ihr Verschiedensein von ihrer Umgebung hinzu in die zweite 
Schüssel, und ganz gewiß, die Zunge steht ein. Und darum wird 
ihr Martyrium, wie ich sagte, solang sie dauern und solang die 
Menschen bleiben, wie sie sind, niemals ganz zu Ende kommen. 
Eine Menschheit, in der das ohne äußerliche Macht Auftretende, 
von der allgemeinen Norm Verschiedene aufgehört hat, verachtet, 
verleumdet, gehaßt und verfolgt zu sein, das ist ein Ideal, nicht das 
Ende einer Entwicklung. Weder dasReligiöse, noch das Ethnische, 
noch das wirtschaftliche Problem, noch alle drei zusammen sind 
die Hauptsache für die Erklärung des Judenhasses, der auch 
nicht mit Gestempeltem wie Rückschrittserscheinung, Wieder- 
heraufkommen atavistischer primitiver Instinkte abgetan ist 
(womit überhaupt gar nichts abgetan ist, weil die menschliche 
Natur ewig bleibt, wie sie ist und war, nur verschieden erscheint 
nach der Verschiedenheit der Verhältnisse); und nun gilt es nicht 
etwa, da noch gelehrter und tiefer zu suchen, sondern vielmehr 
mit wirklichen Augen des Gedankens weit höher und ordinärer 
auf der Oberfläche, ob dies auch vielen trivial und darum ein Nichts 
dünken mag in einer Zeit, wo man der Meinung lebt, Wahrheiten 
müßten geistreich klingen — : die Oberfläche selber, das Aussehen 
und das übrige äußerlich Auffällige derjenigen Menschenrasse, 
welche, die Verschiedenheiten aller übrigen Rassen an sich tragend, 
keiner gleicht. Natürlich ist dabei auch das Anthropologische und 
Religiöse in Betracht zu ziehen, inwieweit es eben zusammenfällt 
mit den äußerlich merkbaren Differenzen, wodurch die Feind- 
seligkeit erregt wird: aber das Wesentliche dafür bleibt doch die 
äußerliche Differenz, die auch dem wirtschaftlichen Kampf gegen 
die Juden seine besondere Schärfe gibt. Nichts Unerklärliches, 
nichts Wunderbares ist bei dem Judenhaß — ich habe behauptet 
und glaube gezeigt zu haben; die Antisemitenpsyche gehört in die 
Psychologie des Menschen, und Schuld an dem Judenhaß 
tragen im letzten Grunde weder die Juden noch die Juden- 
hasser; daher auch vergeblich bleibt, die Heilung zwischen diesen 
beiden unmittelbar bewerkstelligen zu wollen: zwischen den- 



319 



jenigen Menschen, bei welchen das allgemein menschliche Übel 
nur am auffalligsten zum Vorschein kommt. Wir Menschen 
— das gilt für die Juden so gut wie für die Nichtjuden — wir 
brauchen nur in uns selber recht hineinzusehen, dann verstrfien 
wir: der Judenhaß hat wahrlich einen Grund, aber keinen andern 
als nur einen subjektiven, in den Hassenden, und selbstverständ- 
lich einen objektiven Anlaß in den Gehafiten. Der subjektive 
Grund liegt in dem men- * ' ^en egoistisch-moralkritjschen 
Denkzustande, wobei die Av<; —...^keit der Juden den objektiven 
Anlaß und, indem dieser in der haßmfthologi sehen Betrachtung 
objektiver Grund wird, zugleich den Erklärungs- und Rr<ht- 
fertigungsversuch für das mangelhafte Denken und Verhalten 
bildet. Der Antisemitismus ist eine der Äußerungen des mise- 
rablen Denkzustandes in der Allgemeiriheit, die sehr wohl zum 
übrigen, zum Zusammenhang und zum System unsrer An- 
schauungen paßt, eine der Äußerungen unsres niedrigen Leberu- 
zustandes. Wtr Menschen sind gleich den Hunden: die Hunde 
beißen einander gern, ur)d den gebissenen Hund beif^n alle Hunde. 

Mancher wird nun aber doch noch nicht befriedigt sein und 
auch noch für das Vorhanderxsein dei menschenfeindlichen Affekte 
in der menschlichen Natur, für diesen Haß der Menschheit gegen 
sich selber, wovon jeder Mensch in der Seele hat, er wisse oder 
wisse nicht darum, und auch herausl4ßt auf andre, er mag wollen 
oder nicht, — mancher wird nun auch dafür noch die tiefere Er- 
klärung verlangen ? Nun, sie findet sich dort, wo ich von dem einen 
Wirklichen rwch der Auffassung der Relativität gesprochen habe, 
von unsretn auf die Anschauung von Dingen und auf das Denken 
von Bewegung gestellten Menschenbewußtsein. Dort findet sich 
auseinandergesetzt, daß Bewegung das Wesen dieser garuen 
Welt der Relativität ausmacht, daß ein jedes Ding einen besonderen 
Grad, eine besondere Intensität des Bewegtseins darstelle, womit 
es gegen andre Dinge anbewegt; daß das relative Bewußtsein der 
Menschen ihre in ihnen sich selber denkende besondere Bewegung 
innerhalb der allgemeinen Weltbewegung sei: das Fühlen ist das 
Bewegtsein (causatum), das Wollen und das Tun ist das Bewegen 
(causans), das Wissen ist das vorstellig gewordene Bewegtsein 

320 



und Bewegen, und dieses ganze Bewußtsein, die menschdingliche 
Bewegung von innen, ist identisch mit der menschlichen Lebens- 
fürsorge — in dieses relative Bewußtsein findet er sich einge- 
schlossen mit seinen Gedanken, für nichts außer ihm weiß er 
sich einen Sinn; und wie ist es mit dem Sinn, wie ist es mit der 
Wahrheit der Gedanken seines relativen Bewegungsbewußt- 
seins? Kein einziger Gedanke dieser relativen Bewegungs- 
existenz ist wahr — wahr ist nur der Gedanke von dem absolut 
Einen — , die Gedanken von der Relativität sind nur nützlich, nur 
wahr für die Relativität. Jede Existenz hat ihre Stufe der Rela- 
tivität oder Bewegung; und die der menschdinglichen Existenz ist 
das, was wir in den Menschen Egoismus nennen. Wer das ver- 
steht, der versteht die Egoisten, die rechthabenden Egoisten. 

Der Egoismus ist nicht ein Böses, auch nicht ein Unvoll- 
kommenes — im Grunde ist es der gleiche Aberglaube, von den 
,, Fehlern" und ,,Unvollkommenheiten" der Menschen zu reden, 
als wenn man von der ,, Sündhaftigkeit" unsrer Natur spricht — 
der Egoismus ist das Wesen der Relativität. Nach dem gleichen 
Gesetze rollen die Myriaden Welten; alle Stimmen überall, durch 
alle Milchstraßen des Universums, singen das einförmige Lied und 
deklinieren den Egoismus. Daher stehen die Menschen mit ihrer 
relativen Existenz und in ihrer relativen Auffassun^des Wirk- 
lichen, wo jedem nur die Stufe seiner Vereinzelung bewußt ist, 
nur das ICH seines Fühlens, Wissens, Wollens, unter dessen Be- 
dingung er die ANDERN und all das ANDRE erlebt, — darum 
stehen die Menschen feindselig gegeneinander und gleicht die 
Menschheit der Schlange, die sich beständig in den Schwanz beißt, 
aber so, daß es ihr wehe tut, und ist dies, daß es mit den Menschen 
gegeneinander so bestellt ist, gar nicht verwunderlicher, als wenn 
andre wilde Tiere einen Menschen fressen, oder als wenn ein 
stürzender Felsblock ihn erschlägt, er durch Feuer verbrennt oder 
im Wasser ertrinkt; und d a her sind frei von den feindseligen 
Affekten gegen andre nur die lichtschauenden Seelen, die sich 
wahrhaft mit ihrem ganzen relativen Bewußtsein, mit all ihrem 
Fühlen, Wissen, Wollen in das Ewige, in die absolut eine Wirk- 
lichkeit erhoben haben, darin es keinen Egoismus, kein ICH 
und die ANDERN mehr gibt und kein Ich nach Art der Andern 

321 31 



— ,,ich leb«, doch nicht ich," sagt Paulus; verflucht, wer neben 
Gott Ich sagt, lautet ein türkisches Wort*). Sic finden es nicht nur 
erleidlich, sondern sind glücklich in dieser Welt des Egoismus, der 
moralischen Kritik, der Krähwinkelei und Klatschsudit, der 
Verzanktheit, der Schikanierungen, der Vorurteile, des Hoch- 
muts, des Neides, der Schadenfreude, des Hasses, des Brutalis- 
mus und Bestialismus und der Teufelei, — die ihnen doch auch 
so Herrliches bringt durch die Beihilfe der Andern zu ihrem 
Egoismus, durch den Staat: niemand, der Gutes Andern zu 
leisten glaubt und klagen will, dafi die Andern ihm nicht wieder 
Gutes leisten, vergesse aus seiner Rechnung den Staat, diese 
wunderbare Leistung aller Egoisten; und wer danach angetan, 
den Staat so zu lieben, wie er, gleich allem Allgemeinen und 
allen Ideen, geliebt werden soll, ohne Gegenliebe, der besinne 
sich, daO er durch den Staat immer Gegenhebe erfährt! — sie sind 
glücklich in dieser Welt, weil sie diese Welt als relativ verstehen 
und auch vom Besten dieser Welt noch sich getrieben fühlen, nicht 
in ihr zu verharren, sondern hinunterzudringen mit dem Bewußt- 
sein in das wesenhaft Eine, was diesem ganzen Relativismus und 
damit ihrer eignen relativen Existenz zum Grunde liegt. Die Welt 
wird verstanden nur von denen, die den Geist verstehen; vor 
ihrem Blicke sind die Türen alles Dingseins geöffnet, sie allein ver- 
nehmen in sich die große, treue Antwort auf die Frage der relativen 
und egoistischen Welt. Die solcherart denken, sind erlöst von der 
Relativität, ihr Geist schwebt über dem Sein und Werden der 
Dinge, die Geburt in das Bewußtsein des Lebensdaseins entreißt 
sie nicht ihrer Ewigkeit, das Leben wird ihnen zum Giiffe. daran 
sie in ihrer Ewigkeit sich ergreifen — sie denken und sind 
damit ihr und ihrem Frieden, sie sind der Einheit zurück- 
gegeben und bleiben frei von der Herrschaft der Affekte. Die 
kennen nur die eiruige Verschiedenheit unter den Menschen: 
zwischen denen, die im relativen Dertken stecken geblieben sind 
und vom Sinnbilde des Weltseins nur das Bild ohne den Sinn 
haben — und jenen andern der wahren, absoluten Besinnung, und 
Verachten ist ihnen verächtlich und Hassen unmöglich, weil sie 



I) Auch Fichtes Ich bedeutet solcherart Gott oder die Substanz. 

32« 



auch auf erfahrene Bitterkeit nicht anders reagieren können als 
mit der einen großen Wahrheitsreflexion, womit sie im Ganzen, 
im Einen sich wissen und fühlen. Sie finden keinen Anlaß, auch 
nur einen einzigen Menschen zu hassen, wer er auch sei, aber 
tausendfach strömenden Anlaß, alle Menschen zu lieben, — zu 
hassen hingegen allein die verkehrten Gedanken. Denn das hab 
ich doch nicht recht gesagt, was ich da sagte: es wäre den denken- 
den Menschen unmöglich, irgend etwas zu hassen; so ganz un- 
menschlich sind sie denn doch nicht, und einen Haß haben sie 
allerdings. Dies ist der Haß der Denkenden: daß sie die Gedanken 
hassen, wodurch die Menschen im Bewußtsein der Relativität fest- 
gehalten und wodurch sie in den Aberglauben und in die Lieblosig- 
keit gegeneinander gestürzt werden, und daß sie das närrische 
Geschwätz hassen — über dem Schwatzen von Gott, Unsterblich- 
keit, Seele so oder so oder über dem Schwatzen von Haut, Schädel, 
Nase so oder so treiben sie einander in Unglück und Tod. 

D a hört aller Egoismus auf, in der großen geistigen Liebe der 
sehr Wenigen — in der irdischen Liebe der sehr Vielen, die nur auf 
einzelne und nur eine Zeit hindurch sich erstreckt, hört der 
Egoismus auch während dieser Zeit und auch in dieser Liebe nicht 
auf, wie schon daraus ersichtlich, daß diese Liebe in Haß um- 
schlagen kann und man aus ihr, wie heroisch man sich hinein- 
fühlte, ebenso spitzbübisch wieder hinausverständelt, sobald 
nämlich das Gefühl und das Interesse des Egoismus anderswohin 
engagiert ist; bei dieser Liebe der sehr Vielen gehört alles zu den ge- 
wöhnlichen tierischen Gedanken und Verrichtungen, und nichts ist 
dabei höher anzurechnen, während bei denen von geistiger Natur 
auch die irdische Liebe von anderer Art erscheint : modifiziert durch 
die geistige Besinnung (vgl. Lehre I, S. 80 1). Sie sind Egoisten 
auch mit ihrem Lieben und mit allem, was sie sind; und hält man 
den Egoismus für etwas Schlechtes — o wie schlecht sind dann 
die Guten in ihrem Allerbesten! wie schlecht sind sie allein schon 
durch ihre Moralkritik! ,, Niemand ist gut denn der einige Gott", 
spricht Christus, der auch das Wort gegen die Moralkritik hat: 
,,Wer ohne Sünde, werfe den erstenStein!" ,, Niemand ist gut denn 
der einige Gott** spricht Christus und spricht damit von der gei- 
stigen Einheit, Wahrheit und Liebe, in der er sich selber wußte, 

Ol« 

323 '^ 



und von der Besinnung, die allein wahrhaft gut macht. Alle 
Menschen von nur relativem Bewußtsein oder, wie die Menschen zu 
sein pflegen, von relativem Bewußtsein mit Aberglauben dabei 
tiod mit allem, was sie sind, Egoisten. Nichts andres, nichts 
Besseres und werden ewig nichts Besseres werden . . . waren wir 
Menschen besser oder konnten wir besser werden: ich wurde auf der 
Stelle mich aufhängen; denn es wAre Spuk in der Welt, und sieginge 
nicht, wie ihr Zifferblatt xeigt — es wire Spuk und Wunder in der 
Welt und mußte gar wohl mit dem Gott zugehen — wie sollten wir 
leben ?! Unsrer Existenz fehlte das. Bewußtsein von ihrer Gesetz- 
lichkeit und Notwendigkeit und fehlte die Sicherheit. Ander einen 
Angel, wie gesagt, dreht sich das Universum, es ist e i n Zustand 
aller Dinge in unsrer relativen Bewegungswelt, der darum 
der dauernde Zustand auch der menschdinglichen Bewegung ist 
(nicht ein vorübergehender, auch nicht der fünfte Zustand unter 
den sechsunddreiflig EntwicklungszustAnden, wie Fourier meinte). 
Der Zustarul der Menschen ist Egoismus; was sie selber Andres 
und nettem von ihrem Zustande aussagen, das spricht aus ihnen 
und verbirgt ihr Egoismus — das Kind, so wie es anf&ngt zu 
sprechen, fingt schon damit an, seinen Egoismus zu verbergen: 
vorher, solang es noch die ungenierte Nacktheit Adams und Evas 
hat. vernimmt man ganz viel unbezwd fei barer den himmel- 
schreienden Egoisten. Der Egoismus, das ist der sich offenbarende 
und sich verbergende Gott der Menschen. Der Egoismus besteht aus 
Egoismus (des Fuhlens, Wittens, WoUens) und aus zu diesem Egois- 
mus hinzugehörigem Verbergen des Egoismus, wofür die Mittel 
sind: Verherrlichung des Selbst und Heruntersetzen der andern. 
Niemals kommen sie dabei zur Besinnung weder über die Unver- 
hältnismißigkeit und Ungehörigkeit ihres Treibens noch über das, 
wovon sie getrieben werden: derart verkleiden sie ihren Egoismus 
vor sich selber und verstecken ihn so tief hinweg, daß sie ihn selber 
nicht mehr finden (und über nichts in so schäumende Raserei 
fallen, als wenn Andre ihn finden und ihnen zeigen; was auch 
die übrigens Sanftesten diesen Andern niemals wieder vergessen 
und machen fortan ihr Leben lang Reklame für das, was ihnen 
durch die Andern herunterkritisiert ward). Wir wissen, wohinein 
sie ihn verstecken — in die morahsche Kritik, in das idealistische 

3*4 



Geschwätz hinein verstecken sie ihn. Und so gibt ihnen der 
Egoismus alles eher als Kenntnis von dem, was mit ihnen wirklich 
ist; denn die Fälle von bewußter Verstellung abgerechnet, sind 
sie sich der Stufe ihres Denkens und Verhaltens nicht bewußt, 
die Gebildeten in ihrem Scheinglanze so wenig wie die Unge- 
bildeten. Auch die sich prinzipiell aufgeklärt zeigen, fallen in 
die mitternächtige Finsternis des Egoismus, sobald ihr Interesse 
beteiligt ist; und wenn sie damit in ihr Verderben rennen: wer 
darüber seinen liebsten Menschen mit herzzerreißender Liebe 
aufklären wollte, wird dem die Augen nur öffnen, daß er ihn 
als seinen Feind erkennt. — Der dauernde Zustand der Menschen 
ist überall und in allem Egoismus; daher wir mit aller Form 
der Bildung in der Roheit bleiben, — was Goethe gesagt hat, 
der so gut wußte, daß der Mensch keineswegs edel, hilfreich 
und gut sei: ,,Die empirisch sittliche Welt besteht größtenteils 
nur aus bösem Willen und Neid", das hat er nicht nur von den Un- 
gebildeten gesagt, und sein harter Ausdruck ,, Menschenpack", 
den er so oft im Munde führte, galt ihm auch nicht etwa gegen die 
Ungebildeten. Ebensowenig wie Friedrichs: ,, Sulzer, Er kennt 
die verdamtige Rasse nicht!" — Sie wissen derart wenig, was mit 
ihnen wirklich ist, daß man sie über den Menschen reden hört, 
als wäre der ,, Altruismus"* ihm natürlich (der in Wahrheit auch 
nichts als Egoismus ist und zustande kommt wie das Staats- 
bildende), und als lebte keiner, wie nicht ohne Essen und Trinken, 
so auch nicht ohne das, was sie, im Gegensatz zu Egoismus, Al- 
truismus nennen; und obgleich sie wiederum auch besonders und 
allgemein über mangelnden Altruismus jammern, so gibt ihnen 
doch, in diesem Falle so wenig wie in vielen andern Fällen, ihr 
Widerspruch nicht zu denken, sie kommen lebenslänglich mit 
der Albernheit Egoisten und Nichtegoisten aus, gebrauchen das 
Wort Egoismus wie ein Scheltwort und gebärden sich über jeden 
Egoisten verwundert wie über Ungehöriges und Erstaunliches und 
ungefähr wie über einen, der lebt, ohne zu essen und zu trinken. 
Jeder hat am andern sein Ärgernis, erlebt an ihm sein Unrecht, 
leidet sein Weh und klagt darum und meint, daß gerade ihm so 
zukomme gerade mit diesem und dem, mit solchem Egoisten! 
Über die andern, die ihnen in der Ferne bleiben, behalten sie 

32S 



den Wahn, kommen nicht datimter, es sei gesetzlich so in der 
Gattung, zu der sie selber mit dem gleichen Wesen und Verhalten 
gehören. Nicht viele, die davon in ihren seltensten Minuten die 
Aluiung durchzuckt, daO sie sprechen: ,,Ja, so sind die Menschen, 
die Egoisten, deren einer ich bin" (das sollten sie festhalten, 
das ist die Summe aller woltrhaften Belehrung über das Menschen- 
leben, bei uns selber angefangen — e« erfordert aber Mut, damit 
Errist zu machen! — das ist die Summe aller praktischenWcisheit, wo- 
durch man auch aus der entwürdigenden Genwinschaft von höchst 
unvollkommenen und sündigen Gesellen mit einem Schlage sich 
erlöst findeti) und nur jer»e lußerst Wenigen, die — nicht etwa 
die Menschen fhehen, sondern ihnen nahe leben, sehr nahe und 
doch fern, die sich selber fern und rvahe leben, und die, als w&re 
es ein Nichts, an ihnen begangenes Unrecht s^'hweigend ertragen, 
ohne darüber ihren Frieden zu verlieren, und sich bemühen, 
recht zu tun und das andre, das mehr als Recht, und die voll- 
ständig dem Anspruch entsagen: Recht zu haben! O ganz 
gewiß, es gibt Meiischen in der Menschheit, die ein höheres 
Bewußtsein erlangen, frei werden von jeglidiem Haß und 
jeglichem Vorurteil; denen (Cftoüber man die sonst auch 
den Besten gegenüber »ich von selbst versteheiKle Frage: 
,,Wo hört die Vorurteilslosigkeit, die Ehre und die An- 
ständigkeit auf?" unterlassen kann; urxl die Abstinenten 
der Moralkritik sind. Aber das sind die äußerst Wenigen von 
andrer Art des Bewußtseiiu als die Vielen; das sind die n)it ihrem 
andern geistigen Bewußtsein (wodurch auch das relative Bewußtsein 
in ihnen n-odifiziert wird) nicht zur Art der Vielen Gehörigen. Und 
man darf nicht glauben, daß in den Vielen das Bewußtsein anders 
sich bilde als nach dem engen und oft genug mißverstandenen 
Interesse ihrer Lebensfursorge (modifiziert nur noch durch ihren 
Aberglauben), und man darf nicht wähnen, daß die Gesinnung 
jener Wenigen, der Geistigen, auch nur den geringsten Ein- 
fluß übte in den Vielen, im Volke. Das Leben, welches 
alle Menschen, auch die geistigen, leben 
müssen, ist eingerichtet vom Volke und 
steht unter der Herrschaft des Volkes. 

Darin liegt der Urwahn, der wirkliche Kenntnis der Menschheit 

3^5 



und ihrer bisherigen Geschichte unmöglich macht, daß man an die 
Einheit aller Menschen glaubt und die in Wahrheit vorhandenen 
zweierlei menschlichen Naturen miteinander konfundiert; und ehe 
nicht dieser Urwalm beseitigt ist, wird es auch unmöglich halten, 
der lediglich aus dieser Konfusion für die Naturen von beider Art 
sich ergebenden unseligen Folgen Herr zu werden, und eher wird 
man auch nicht denken können an die Befreiung des äußeren 
Lebens derer, die innerlich frei sind. Und niem.als, bis an das Ende 
der Zeiten rieht, wird man daran denken können, die Menge durch 
die Wahrheit über ihre eigentliche Natur und Beschaffenheit frei 
zu machen. In der Erkenntnis der Wahrheiten des Denkens gibt 
es keinen Fortschritt für die Menge. Die Lehre vom Egoismus 
und der Moralkritik in der Menschheit, deren beide gleich viel vor- 
handen, und so, daß das Bewußtsein vom ersten durch das vom 
zweiten völlig zugedeckt wird, — diese Lehre ist die erste der 
unmitteilbaren und nicht zu verschweigenden Wahrheiten. 
Die Menschen verstehen ihren Verstand nicht; indem sie mic 
Moralkritik die Andern schlecht, ,, egoistisch", sich selber aber 
gut, ,, unegoistisch" machen und dieses ihr angebliches Gutsein 
oder Unegoistischsein zur Norm der menschlichen Natur (weil sie 
möchten, daß die Menschen so sind, wie sie doch selber nicht sind) : 
fälschen sie die ganze Auffassung vom Menschen, verstellen sich 
den Zugang zur Erkenntnis seiner Beschaffenheit und halten 
das Hindernis auf ihrem Wege für das Ziel, nämlich ihren fin- 
gierten (in Wahrheit so gar nicht denkbaren) Menschen für den 
wirklichen Menschen. Nein, die Menschen kennen sich nicht; 
das fvioOt aeaüTov, Erkenne dich selbst! bleibt darum das un- 
geheure Wort allein für den Weisen, der am Anfang seines 
Weges der Selbstvervollkommnung sich eingesteht: Ich weiß, 
daß ich nichts weiß, und ich halte mich nicht für besser als die 
Andern, — aber von nun an soll auch nichts in meine Gedanken 
kommen als allein wirklich Denkbares, und der Betrüger Moral- 
kritik sei mir nicht länger Herr und Tyrann des Platzes, sondern 
ich will in meinem Bewußtsein immer auch wissen von meinem 
Egoismus, will mir selber wirklich denkbar werden, ich Den- 
kender mir selber ein Gedachter wie die andern Gedachten, die 
andern Egoisten, und meine Moralmühle darf niemals wieder 

327 



klappern; Erkenntnis soll mir mcmcn W&hn und meinen Egois- 
mus zeigen und, trotz ihnen, Über sie hinauf mich fuhren zur 
Walirheit und zum «Hein wahrhaft Guten und Sittlichen, — die 
Moralkritik verhindert die Sittlichkeit. 

III. 

In dem allgemein über den menschlichen Egoismus Gesagten 
liegt die Erklärung für das Vorurteil und den Haß gegen die Juden: 
an allem andern besitzt man Worte, einseitig die Tatsache konsta- 
tierend, nichts xxx ihrem Verstlndnis; Worte, bei denen sich nicht 
viel andres denken lAßt, als daß die Juden Juden und die Anti- 
semiten Antisemiten sind. Wem aber mit dieser Erklärung 
nicht genug gesagt ist, dem karm man mit der Widerlegung von 
Einzelheiten ganz gewiß nicht mehr tagen; die ja übrigens für 
jeden, der danach sucht, die tausend Male ausgeschüttet sich finden. 
Kein Denkender wird ihrer bedürfen — so wie sie fUr den Nicht- 
denkenden und vom Affekt Getriebenen umsonst vorhanden sind; 
die Antisemiten kennen die Judenverteidigungen auswendig 
wie das Einmaleins, das glaube man und lerne daraus. 
Dem Denkenden, dem tiefer Blickenden handelt es sich hier nicht 
um Vorwurfe und Reinwaschungen, gar nicht um Entscheidung 
ruich Recht und Unrecht, sorulern um einen Kampf, um ein Duell 
(in keinem Duell entscheidet Recht und Unrecht, ein Duell ist kein 
Gericht), um das in der MentdiefigMchichte so überaus merk- 
würdige Duell zwischen einem SchwAcheren und einem Stärkeren, 
der doch nicht stark genug ist, den Schwächeren zu überwinden. 
Der Schwächere scheint aus irgend einem Grunde unüberwindlich, 
ist vielleicht gar nicht der Schwächere — weiß man denn, was 
gegen den Leibesriesen der Riese an Zeit vermag? — und ist 
am Ende gar der in Wahrheit Stärkere. Sein Gegiier behauptet 
das manchmal, die Geschichte scheint es zu bestätigen. 

Die Juden haben großen Anlaß, an ihre Feinde zu glauben, und 
dürfen sie nicht zu leicht nehmen; sie mögen auch das Besondere 
ihrer Wirklichkeit nicht verkennen und sich sagen, daß für die ver- 
storbenen Judenhasser immer wieder lebendige in die Stelle treten: 
aber der Gedanke an ein Unterliegen braucht ihnen nicht zu 
kommen. Die Juden sind von festem Bestände in der Geschichte: 

ja» 



ihre Propheten sind hingegangen, aber die Juden blieben bestehen; 
ihre Priester sind hingegangen, die Juden blieben bestehen; die 
jüdische Nation ist untergegangen, und die Juden blieben bestehen; 
ihr Pharisäismus und Talmudismus verschwindet, ihre Rabbinen 
und ihre jüdische Religion wird verschwinden und die Juden be- 
stehen und werden bestehen. Die Furcht der Verzagten unter 
ihnen ist umsonst, allein das felsenfeste Vertrauen und der Mut 
ihrer Tapferen zeigt den Weg der Wirklichkeit. Es gab immer 
diese Zweierlei unter den Juden, sie waren von jeher die Zwillinge 
Herzhaft undBangmut — gl eich Zwillingen im Mutterleibe: dereine 
Kopf hoch, der andre Kopf unten. So viele Feinde sie schon gehabt 

haben eine gar nicht üble Antwort hat ein Jude dem 

Pobjedonoszew gegeben. Pobjedonoszew, der Generalprokurator 
des russischen Heiligen Synods und blutbefleckte Unterdrücker 
alles Nichtrussischorthodoxen im Lande, fragte einst einen Juden: 
,,Nun, was meinst du, welch ein Ende es nehmen wird, da ich 
die Juden verfolge ?" — ,,Wenn ich Eurer Heiligkeit das sage, 
werde ich nach Sibirien transportiert." — »»Sag es, ich ver- 
spreche, dir soll nichts geschehen." — ,,Nun denn: das Ende ist 
ein Fest." — ,,Ein Fest ? Da ich euch ausrotte und aushungere ?" 
— ,,Das war immer so. Zuerst war's Pharao, der rottete die Juden 
aus, und das Ende war ein Fest, Pessach, das Osterfest; 
dann war's Antiochos, der rottete sie aus, und das Ende war 
ein Fest, Channuka, die Maccabäer- Tempel weihe; dann war's 
Haman, der rottete sie aus, und das Ende war ein Fest, 
Purim, das Losfest; und es waren noch viele, die rotteten 
sie aus, aber das Ende war immer ein Fest — die Juden feiern 
nicht alle diese Feste mehr, denn man kann nicht das ganze 
Jahr Feste feiern, doch das war, wie gesagt, immer so und 
das wird immer so sein, das Ende ist ein Fest." — Nein, der 
Gedanke an ein Unterliegen braucht ihnen nicht zu kommen, sie 
können herzensruhig sein; sie besitzen die Garantie der Geschichte. 
Und so mögen sie mit frischem Mute weiter kämpfen — , nein 
n i c h t so weiter kämpfen wie bisher. Nicht alles so weiter wie 
bisher: gar manches ist unnötig. Das meiste, was die Judenhasser 
von den Juden sagen, geht die Juden gar nichts an. Was die Juden- 
hasser von den Juden sagen, das ist i h r , der Judenhasser Un- 

339 



glück, das Unglück ihrer Beschaffent.eit, Krankheit und Narrheit, 
und darf nicht auch die Krarücheit, die Narrheit und das Unglück 
der Juden werden; die ja doch Juden sind durch ihre eigne wahr- 
hafte Beschaffenheit, und soUen's bleiben. Au{ die Moraleinzel- 
heiten des Beschuldigeru und des Richterns der Judenhasser 
braucht man gar nicht einzugehen, — weil alles aus haßerfüllter 
Seele kommt. Indem ich so sage, will ich keineswegs, entgegen 
dem Verdammungsurteil über die Juden, diese nun mit Lob er- 
heben. Ich komme nicht, die Juden zu preisen noch sie zu schelten, 
ohne daB ich darum ihre ,, Fehler" leugnen wollte. (Doch von 
mir kein Wort über das, weswegen genug Feinde ihnen zusetzen 
und Freunde oft so verkehrt wie Feinde und wegen des Ver- 
kehrten, indem sie deriken: der Freund schläft, die Fhege auf 
der Nase könnt ihn wecken, da bleibt nichts als mit Steinen nach 
der Fliege zu werfen! Mein Kapitel über die Fehler der Juden 
soll wegbleiben und statt dessen UsM ich drucken: sie sind 
Menschen, d. h. sie stehen mit ihrem Egoismus gegen den Egois- 
mus der übrigen — die Fehler der Menschen sind die Egoismen, die 
ein Egoist beim andern findet). Am wenigsten aber habe ich die 
Absicht, etwas zxim Trost der Schwäche zu sagen, die nicht 
wenigen das Gebein verdorrt, — viel lieber wollt' ich ihre Herzen 
frisch, stark, auch hart machen. Herzhärtende Lehren sind not, 
wodurch sie klar und kräftig werden zum Kampf gegen Narrheit 
und Bosheit. 

Und Bosheit. Denn freilich haben sie auch genug Bosheit des 
ärgsten Gesindels gegen sich, wovon aber nicht etwa besonders 
die Rede sefn soll; denn Gesindel treibt gegen alle, wie es kann, in 
allen Ländern seine Argsal und Büberei, — vor allem naturlich die 
abscheulichen und ekelhaften Dinge, die jeweilig in den Ländern 
straflos bleiben, und zumeist natürlich gegen solche, die ihr am 
ehesten ausgesetzt sind. Das sind die Juden; es kann nicht in Ab- 
rede gestellt werden, daß für sie das Gesindel des Landes m.ehr als 
für andre eine Erschwerung des Lebens bedeutet, daß sie mehr als 
andre den Naturereignissen des menschlichen Hasses preisgegeben 
sind. Nun, das Leben bleibt darum imm.er noch köstlich genug: so 
müssen sie herhalten und sich davon helfen, wie es gehen will; es 
ist ein Kämpfen mehr in dem niemals aufhörenden Kriege des 



Lebens. Ich spreche hier aber nicht von denjenigen Feinden der 
Juden, in denen der Judenhaß nur eine Teilerscheinung ist der von 
Haus aus unreinen Seelenkonstitution und der allgemeinen Ver- 
kommenheit, und nicht vom Geschäftsantisemitismus, von 
welchem der genug berüchtigte Judenhasser Wilhelm Marr (Ver- 
fasser des Buches ,,Der Sieg des Judentums über das Germanen- 
tum") gestanden hat: „Ich bin ein alter Parteigänger, aber nie 
habe ich mehr Erzschelmenbande gefunden als unter den heutigen 
Geschäftsantisemiten." Ich spreche hier nur von ihren naiv und 
ehrlich haßbetrunkenen Gegnern, von den Judenhassern aus 
reiner Überzeugungs- Krankheit, -Narrheit und- Betrogenheit und 
von deren Anklagen. Und die, sage ich, sind solcherart, daß man 
nicht im besonderen sich gegen sie zu wenden braucht; die Juden, 
die solches tun, gleichen den Soldaten eines Heeres, welche, statt 
zu warten, bis sie in die Schlacht kommandiert werden, vielmehr 
mit den Feinden sich ins Disputieren geben wollten, um über die 
strittigen Punkte, über den Anlaß zum Kriege Einigung und Ver- 
söhnung zu erzielen. Nur ja nicht so — die animalia disputantia 
sind überhaupt die erzdümmsten animalia (weil sie glauben, daß 
um der Logik willen gestritten wird, was doch keinem Tiere ein- 
fallen kann zu tun — nur der Egoismus streitet; Logik und Dia- 
lektik gehören zu seinen Waffen, seine geschickteste ist die 
moralkritische Dialektik, wofür der Aristoteles, der Systematiker, 
noch nicht gekommen). Und so führt man nicht Krieg, der 
eben geführt wird, weil man sich friedlich nicht zu einigen ver- 
mochte, und das ist nicht die Verteidigung, die stärker ist als der 
Angriff. So schlägt man auch nicht einmal auf die Narren, gegen 
die man in den weitaus meisten Fällen gar nicht herausziehen soll 
Ihr Beginnen ist selten gefährlich; und nicht nur ja die Bosheit, 
sondern auch die Narrheit, die den Effekt der Bosheit möchte, 
trinkt ihr Gift größtenteils selbst — der Zustand derer von der 
judenhasserischen Irredenta in ihrem Deutschenghetto beweist 
das; sie sind wahrhaft unglücklich. Sind Juden unglücklich 
wegen der Antisemiten, so mögen sie auch nicht vergessen, 
daß Antisemiten unglücklich sind wegen der Juden — welche 
Leiden entschleudern sich den einen wie den andern allein schon 
aus den gedruckten Wörtern: Antisemiten und Juden! Die 

331 



Antisemiten sind unglücklich, unselig, vom Haß verzehrt, wört- 
lich so: die vom untersten Haßahgruiuie bis zur äußersten Mager- 
keit. Jawohl, Hessen macht mager; jeder Haßausdruck macht 
auf der Stelle die Physiognomie magerer, wie Melandiolie älter. 
Zum Erbarmen sehen Judenhasscr aus, und noch erbärmlicher 
sieht's in ihnen für sie selber aus; wahr bezeidmet Goetlie ,, kraft- 
loses Widerstreben und ohnmächtigen HaB als das größte Un- 
glück für das Gemüt." Elend durch sich selber ist der Anti- 
semit. Und überall, wo einer so unbändig auf das Unwirkliche 
sich wirft, wirft es auf ihn sich zxirück, und er muß ins Unwirk- 
liche hinein zugrunde gehen. Das ist die ausgereckte Hand über 
alle Narren. 

Am allerwenigsten durften diejuden das tun, daß sie die Juden- 
hasitr anklagen: Narren kann man nicht anklagen, weil nicht 
schuldig sprechen, und kein Streiten mit Gründen hat gegen sie 
Erfolg. Eher fließt das Wasser bergauf und strebt die Flamme in 
die Tiefe, als daß ein Narr von seiner Narrheit läßt; da wollt' ich 
doch lieber, gleich Beda Venerabilis, den Steinen predigen, die 
werden eher Amen sagen. Was kann denn auch die Wahrheit sein 
für die Ohren und den Kopf, wo der Affekt das Herz hat. Fühlen 
und Wollen, Wünschen und Furchten; der judenhasserische Egois- 
mus verspricht sich Vorteil von einer Gemeinschaft ohne Juden: 
wie will man da aufklären und was Andres ernten als Mitleid, Ver- 
achtung, Haß. indem man diejenige Überzeugung xu ersdiuttern 
sucht, die auf festestem Grunde rxiht ?! Das machen aber die Un- 
gedanken, deren Zusammenhang bei uns Psychologie genannt und 
auf unsren Kirchhöfen gelehrt wird — wollte sagen: auf unsren 
Universitäten; wo man die Philosophieprofessoren findet, die 
lebendigen Erbbegräbnisse für die Familien toter Gedanken. Das 
macht die schlechte Psychologie: die baut auf das Wissen, weil sie 
nichts versteht von der Einheit des menschlichen Bewußtseiru, 
von der Einlieit des Fuhlens, Wissens, Wollens (und baut darum 
auch auf das Urteil, ohne, wie wir getan, das Urteil nach seiner 
Verflochtenheit und Abhängigkeit zu erkennen) — dieses Eine, 
Ganze allein darf man Bewußtsein nennen. Daß dieses eine Be- 
wußtsein dreifach spezifiziert erscheint: als Fühlen, Wissen, 
Wollen (ohne natürlich, daß darum in der Wirklichkeit eine 

3J2 



dieser Spezifikationen als isoliertes Bewußtsein vorkommt), das 
ist es, was viele in den Irrtum treibt, so tief, tief, daß sie gar 
den Haß wollen zur Schule führen') . In Ausnahmefällen mag ge- 
boten sein, über diese und jene Einzelheit eine Aufklärung zu 
bringen, einmal mit dem Besen hindurchzufahren und bei dieser 
Gelegenheit — da doch der Besen einen Stiel hat — auch wohl 
dem Narrenrücken ein kleines Vergißmeinnicht zu reichen — 
nicht wegen der Narrheit der Narren, an der doch nur dieser 
wie aller andre Ernst entzwei geht: der Schwachen wegen, 
damit die nicht auch in die Narrheit fallen, ein Exempel sehen 
und, neu erfrischt, auf das Anständige sich besinnen. Durch- 
weg genügt das eine, und tausend Anschuldigungen verlieren ihr 
Gewicht, sobald dieses eine ersichtlich wird: daß es kommt von 
Judenhassern, von Menschenhassern, von Kranken und Narren, 
von den wahnwitzig Hochmütigen, Neidischen, Wütigen, Rach- 
süchtigen, von den verleumderischen Hetzern, die es dahin haben 
möchten, daß alle die hassen, die von ihnen gehaßt werden. So 
wie einige zu Dichtern werden, wenn sie lieben, so werden alle zu 
Dichtern, die da hassen, — zu Dichtern, zu Lügnern. 

Die Juden sollen doch auch nur ja aufhören, so viel zu predigen 
und damit erziehen und ändern zu wollen: man ändert nichts, wie 
nicht am eingebildeten Gotte, ebensowenig an der eingebildeten 
verbesserungsfähigen Natur der Menschheit^). Man zaubert nichts, 
und ändern an wirklichen Dingen ist schwer, an eingebildeten 
Dingen aber unmöglich. Solche, die zu denken außerstande sind, 
über die Menschen nicht nachdenken können und eine lediglich 



^) Über die wirkliche Psychologie vgl.: Die Lehre von dentxeistigen und 
vom Volke. 

') Auch nicht an der des einzelnen, keineswegs auch an der des Kindes, 
wie immer noch Erzieher annehmen, indem sie mit Mund und Stock zu 
zaubern suchen. Ebenso arg (ob nicht noch ärger, das wird sich bei der 
nächsten Generation an den Folgen zeigen) ist der allermodernste roman- 
tische Anarchismus in der Erziehung, der bereits auch viele jüdische 
Familien verliederlicht hat, in denen früher durchweg besserer Geist 
herrschte. Die Familien taugen um so mehr, je mehr sie dem besten Staate 
gleichen: dem monarchisch konstitutionellen Staate mit seiner Gliederung 
der selbständig die Einheit stützenden Mitglieder — sogar etwas der all- 
gemeinen Wehrpflicht Entsprechendes findet sich in den guten Familien. 

333 



fiktive Vurstcllung Ton ihnen besitzen, solche wollen immer, „die 
Menschen verbessern" und Tugenden, die kaum die Wenigen be- 
sitzen, der garuen Menschheit zu eigen machen; und gar „die 
Meruchheit" selber, die seit unvordenklichen Zeiten niemals nach- 
gedacht hat, wAhnt jederzeit^ sie denke, kenne sich, sei immer 
besser geworden und gerade jetzt Qberschüssig gut genug. Solche 
hingegen, die denken, und das heiBt nichts andres als das Wirk- 
licke kennen, — solche werden, anstatt immer die Menschen ver- 
bessern zu w o 1 1 e n , tatsAchlich die Verhältnisse verbessern; da- 
mit gehen sie den einzigen Weg, auf dem die Menschheit zum 
Bessern gefuhrt werden kann, was ja doch nichts andres bedeutet 
als Ver.i.ehrung des Rechtes und der Freiheit *— sie gehen 
damit den gleichen Weg wie der Staat: indem sie 
einen Zwang und eine Naturnotwendigkeit 
schaffen. Mit der Besserung der Verhältnisse bessert's 
sich darm auch für die Menschen, ohne daB diese sdber sich 
bessern, und bleibt besser — bis wieder die Verhältnisse sich 
▼erschlechtern. Denn die Menschheit innerlich wird »o wenig 
besser wie schlechter, ewig nicht, das Paradies und die Unschuld 
liegen weder hinter ihr noch vor ihr; Fortschritt der Mensch- 
heit in meinem Herzen heb ich ein Theater: wenn 

^Fortschritt der Menschheit" gespielt wird, lachen auf den Rängen 
die G^^tter noch unbändiger als die Teufel im Parterre! Nichts 



Um so weniger tauft die pAmilie, je loser der ZusammenhAXig wird und 
je mehr das unfQgsamc Vr <v und Verhalten der Familienmitglieder 

dem der Staaten fegen r - : ^ictcbL Die jüdischen Familim wsreo Ms 
vor noch nicht allzxilax^, '. durcbwcf solche von der ersten Ait: bcnta 

â–¼erschlechtern sie sich, und der erziefacrische Anarchismxu bcschkunift den 
Verderb. Die Juden flaubco nicht mehr an die talmudische Versicherurtf : 
dafl alle Sünden der Kinder bu zu ihrem vierzehnten Jahre den Eltern zu- 
gerechnet werdcnl, was mit Quintilians Verschilft zusammentrifft: für die 
Sttnden der Kinder seien die Lehrer zu züchtigen. Die moderne Erziehung 
aus der Schule der Asthetenromantik verweichlicht die Kinder gegcnOber 
dem Leben und macht sie hart und zu wahren Ungeheuern nur f ef en dt« 
Eltern. Man maf sein Kind auf Händen tragen, aber nicht, damit es bcaacr 
ankommen kann, den Eltern iiu Gesicht zu schlafen; und es soll darüber 
nicht den Gebrauch seiner FOBe verlernen I Die hebevoUe Erziehunf ist 
an sich selbst noch nicht die gute und f iU den Eltern noch nicht einmal 
Sicherheit, ob das Kind ihr Freund oder ihr Feind werdm wird 

iJ4 



vom Fortschritt der Menschheit, nichts von Verbesserung ihres 
Denkzustandes: der Kampf gegen das miserable Denken führt 
niemals zu wirklichem Siege durch Vernichtung des Feindes: 
es kommt jederzeit lediglich auf die Verhältnisse an, wieweit 
die ihm Gelegenheit lassen, zu schaden. Die Verhältnisse, in 
denen die Menschen existieren auf diesem Planeten, wo zwischen 
den Tagen die Nacht liegt, die Lebensverhältnisse der Menschheit 
werden schlechter und besser, schlechter und besser, in ewig 
wechselndem Auf und Ab und haben ihre Tage, die immer lichter 
werden, bis sie wiederum abnehmen und Nacht einfällt. Mit der 
Verbesserung der Menschen, worauf viele, selber unverbesserliche 
Menschenverbesserer sinnen, und die sogar ein Proudhon mit der 
Wiederholung uralten Blödsinns zustande bringen will und durch 
Aufhebung des Staates (womit er am weitesten sich entfernt von 
dem Hauptsächlichen, was die Menschen bessert, weil es die 
Verhältnisse bessert) — mit dieser Verbesserung, mit dieser 
Umartung der Menschenart ist nichts, mit Vervollkommnungs- 
fähigkeit der menschlichen Natur, mit der sittlichen Vervoll- 
kommnung, mit Entwicklung und Fortschritt, mit Fortschritt 
in gerader Linie oder mit Fortschritt in der Spirale und mit 
den übrigen Zuckerwörtern aus der Bildungstüte — alles glatt 
und rein nichts. Die Menschen bleiben, wie sie sind; es gibt 
keinen andern Unterschied zwischen ihnen — außer jenem hier 
nicht in Betracht kommenden Urunterschied durch Natur zwischen 
den Geistigen und den Volksindividuen, außerdem ist kein Unter- 
schied zwischen den Menschen der einen Menschheit als den die 
Verhältnisse machen; auch die Unterschiede der Zeiten sind nur 
die der Verhältnisse. Alle Menschen der Relativität sind und 
bleiben einander wesentlich gleich, wie sie auch übrigens mit ihren 
Reden selber sich rühmen, und wie sehr sie über die andern hoch- 
mütig sein mögen — ich kann auch hier wieder nur solche, die das 
auf andrem Wege nicht einsehen können, an die Völkerkunde 
weisen: ,,Es ist schwer", lesen wir bei Quatrefages, ,,ohne Über- 
raschung die vollkommene Ähnlichkeit zu betrachten, welche die 
sittlichen Kundgebungen unter allen Menschen herstellen, sowohl 
im Guten wie im Bösen, leider ganz besonders in letzter Hinsicht. 
Der Weiße ist darin um nichts besser als der Schwarze, und häufig 

335 



genug begründet er durch sein Benehmen unter den unter- 
geordneten Rassen jene Worte, die ein Wilder den Missionaren 
gegenüber äußerte: Eure Soldaten schlafen mit allen unsren 
Weibern, ihr kommt ururen Boden zu rauben, unser Land zu 
plündern, uns zu bekriegen; und ihr wollt uns euren Gott auf- 
drängen, eben weil er das Stehlen, das Plündern und Kriegfuhren 
verbietet! Doch genug! Ihr seid auf der einen Seite weiß, auf der 
andern schwarz ; und wenn wir zusammen den FluO durchschritten, 
w&ren wir gewiß nicht die einxifen, die von den Krokodilen ge- 
fressen wurden!" Nur d»e Verhaltnisse machen den Unterschied; 
es gibt nichts, wodurch das widerlegt wurde, so viel man dessen 
zu kennen glaubt. Em Beispiel herauszugreifen: was rucht 
alles weiß man zu rühmen von modernem Subjektivismus und 
Romantik, wodurch unsre Blenschen g&nzlich andre seien als 
die alten, z. B. die hellenischen, daher auch, im Gegensatz zu 
diesen, eine Liebesliteratur bcsifien. Daß aber der utkI jener 
keinen Subjektivismus und keine Romantik bei den Hellenen 
entdecken kann, bringt den tatsächlich vorhandenen nicht hin- 
weg: wohl aber ist Tatsache, daB die Griechen, Paderasten. die 
Frauenliebe gering achteten (wie heute noch Paderasten unter 
uns, die sicherlich wenig Geschmack an uxisrer Liebesliteratur 
finden) . D i e s ist der Grund, weswegen Griechenland keine Lite- 
ratur der Liebe besitzt wie wir und — wie das alle Judla mit 
seinem Hohen Liede. — Zu den Verh&ltrussen gehören selbstver- 
stftndlich auch die des Wissens, die der Gedanken und Meinungen, 
Urteile und Vorurteile in den Köpfen. Unzählige starben als 
MArtyrer im Elend und erfolglos für Ideen, die folgenden Ge- 
schlechtern Gemeinplätze wiirden, nachdem die Verhältnisse 
des Denkens den gehörigen Wandel crfaliren hatten. Mit Gewalt, 
gebraucht selbst von dem, der größte Gewalt in Händen hat, 
läßt sich Gutes nicht erreichen. Ein geschichtliches Beispiel un- 
glücklicher Zufruhzeitigkeit, zu früh in die Welt gebrachter 
gewaltsamer Aufklärung und ihrer schhmmen Folgen, Wirr- 
nisse und Tumulte bieten die Versuche Josephs II., des Opfers 
der verkehrten Psychologie mit ihrem Glauben an den Verstand 
&h an den immer ohne weiteres unfehlbaren Aufklärungsap{>arat. 
Ganz dasselbe in privaten Kreisen und Familien, wo es eben- 

33S 



falls nicht an Märtyrern des besten Aufklärungswillens fehlt 
und die gleichen Personen wie Hund und Katz miteinander 
lebten, die nachher, bei stattgehabter Veränderung in ihren Be- 
ziehungen, ganz leidlich und zum Staunen gut miteinander 
auskommen. Wie sehr diese Wahrheit, daß die Menschen un- 
verändert dieselben bleiben und der Unterschied allein durch die 
Verhältnisse bedingt wird, wie sehr diese Wahrheit ganz Wahrheit 
ohne jeglichen Abzug ist, wird auch bewiesen durch den Juden- 
haß auf seinem gegenwärtigen Standorte: die heutigen Juden- 
hasser enthüllen Charaktere, völlig gleichend jenen, die dereinst 
die Scheiterhaufen entzündeten und die unmenschlichen Ver- 
folgungen ins Werk setzten; lediglich die veränderten Zeitverhält- 
nisse hindern sie, daß sie nun doch, wie vor einem Wehr, müssen 
draußen bleiben. Was sie hindert, ist die veränderte Stimmung der 
Allgemeinheit; die Allgemeinheit ist, wenigstens nicht mehr in 
allen Ländern, derart des Judenhasses fähig, wie es für die Ab- 
sichten der Judenhasser erforderlich wäre: die von ihnen gehaßt 
werden, müßten von allen gehaßt werden, damit die Hasser ihre 
Absichten mit den Gehaßten ins Werk setzen könnten. — Jede 
Veränderung der Lebensverhältnisse macht eine Veränderung im 
egoistischen Bewußtsein, neue Interessen verdrängen die alten, 
andre Affekte treten in den Vordergrund — • und das ist es, was 
von undenkenden Denkern jedesmal als Fortschritt und als Ver- 
vollkommnung der menschlichen Natur ausgerufen wird. Glauben 
an die Vervollkommnung der Menschheit und darauf Hoffnung 
bauen und dafür noch so fleißig zum heiligen Nimmerlein beten, 
das ist Narrheit: aber ringen und schaffen, daß sich die Ver- 
hältnisse der Menschen sowohl zur übrigen Natur wie auch unter- 
einander verbessern, das ist freilich strenger und schwerer, aber 
herrlichster, aussichtsreicher Kampf. 

Den müssen auch die Juden kämpfen vor allen andern 
Menschen. Kämpfen müssen sie und nicht wähnen, sie brauchten 
nur den Freiheitsbaum zu schütteln und zuzubeißen — es ist 
garnicht wahr, daß die Freiheit frei auf einem Baume wächst: 
sie wird gefangen gehalten und will in schwerem Ringen befreit 
sein. Kämpfen müssen die Juden vor allen andern Menschen 



337 



22 



und nicht um Gnade und Liebe ucucin; aus Giiac:c unu Ljcae 
können un<i dürfen wir Menschen nicht« wollen, nicht 
einmal die Seligkeit; k&mpfen müssen sie und dabd hart 
sein gegen ihre TrÄume und Wunsche, die wohl anders 
möchten: wer wünscht — nun, der packe seine Wunsche auf und 
fahre damit ins Schlaraffenland. KJLmpfen müssen die Juden alle- 
samt und nicht — desertieren. Dabei ist keine Ehre, weder für den 
Deserteur noch für die andern, die ihn aufnehmen: es fehlt, in 
unsrem Falle ganz besonders, auf beiden Seiten fehlt es an der Ein- 
falt und Ehrlichkeit der Gesinnung; wir finden gegenseitige über- 
^nstimmung der Betrüger und der Betrogenen. Gewiß nicht soll 
bettritten werden, daß einmal der übertritt eines Juden aus echter 
Willf4hrigkeit für das Christentum und aus innerstem Herzens« 
drang erfolgen kann — ich habe bei andrer Gelegenheit gesagt, daß 
es wohl leichter sei, einen Juden zum Christentum zu bekehren als 
einen Antisemiten (von denen einer der Hauptführer meinte, 
Juden w&ren bei der Taufe so lange unter Wasser zu halten, daß 
sie direkt in den Himmel k&men). Aber die FAlle von wirklicher 
Gesinnungsbekehrung sind ja doch verschwindend selten, das 
muß gesagt werden trotz allen den verlockenden Lebensbildern der 
Bekehrten im ,,Zionsboten'*; bis jetzt noch hat Schcweth Jehuda 
recht mit seiner Rede: „Dreierlei Wasser werden übel angewandt: 
das süße Wasser, das ins Meer lAuft, das Wasser, das in den Wein 
geschüttet wird, und das Taufwasser, das man über einen Juden 
gießt." Nicht bloß, wenn es über einen Juden gegossen wird — 
wir haben heute ungezAhlte getaufte Christen, die mit Worten sich 
zu einem Glauben bekennen, den sie nicht glauben, und ihre Kinder 
taufen lassen aus lediglich praktischen Weltrucksichten. Ach, das 
sind Christen! die nicht einmal mehr wissen, daß das Christentum 
nicht von dieser Welt ist! So sind aber hauptsächlich die ge- 
bildeten Christen. Dies ist das ganz Verdammte der modernen 
Bildung, die logische Unbestimmtheit und Prinzipienverlotte- 
rung, darin kein Ding und kein Wort seinen Sinn behalt, jeder 
mit allem macht, wie ihm nach seiner größten Bequemlichkeit ein- 
fällt, und daß die Köpfe, die keinen Begriff halten können, die 
Namen halten und sich damit gedanken- und bedenkenlos heraus- 
indianern. So nehmen sie auch das Wort Gott in den Mund, 

338 



daß es uns Gottlose kalt und heiß überläuft, uns vor ihnen graust, 
und daß endlich wi r seine Sache führen; damit es nicht heiße 
wie einmal bei Seneca: Nemo Dei miseretur! Das hat die moderne 
Bildung gemacht, die nur immer Aberglaube oder 
Nichts predigt. Es ist aber Aberglaube oder Wahr- 
heit! und ganz unmöglich, daß nicht die menschliche Natur mit 
ihrem relativen Bewußtsein entweder auf dem einen oder auf dem 
andern ruhe; kein einziger Mensch, der nicht das ganze 
unaustilgbare Wesen, das unaustilgbar 
ganze Wesen in sich hat — entweder als Wahrheit oder 
als Verkehrtheit. Daher denen, die keineswegs die gleiche Fähig- 
keit besitzen, die Wahrheit zu denken, wie sie den Aberglauben 
zu denken vermochten, niemals der Aberglaube genommen werden 
kann, denn, schwindet der eine, bleibt doch ihre Nacht; sie fallen 
in den andern; und in der Zwischenzeit, bis der neue Aberglaube sie 
in den Krallen hat, liegen sie, als Intermedii, im elenderen Zu- 
stand zwischen dem alten und dem neuen Aberglauben. So bei 
uns die Gebildeten, die noch nicht ganz im materialistischen 
Monismus stecken, aber auch nicht mehr ganz im Christentum, 
und die an das Wort Christentum sich halten. Das sind die 
ärgsten Gebildeten, die, dumpf verarmt, heruntergebracht sind auf 
das vom Inhalte gänzlich entleerte Wort, die so wenig selbständig 
Ernsthaftigkeit besitzen, daß sie derart plumper Täuscherei der 
Sprache erliegen — o wir haben wirklich scheußliche Gebildete, 
die nach dem Rechte gar nicht ungebildet genug sein könnten, und 
deren Bildung erscheint wie ein Exzeß gegen ihre Naturbestim- 
mung: aber die allerscheußlichsten sind, die nichts haben, woran 
sie ihr Bewußtsein halten können, und denen das nicht 
einmal wehe tut, und die sich nicht entsetzen 
über sich selbst!^) Das Gewissen für den Ernst im großen 
ist ihnen eingeschlafen, aber man sehe nur recht hin: nach dem 
Gesetz des Ausgleichs sind sie kleinen Aberglaubensnarrheiten 
anheimgefallen. — 

Ich habe Christen klagen gehört, gar nicht lange, nachdem sie 
ein Kind hatten taufen lassen, ganz naiv, ohne jegliche Ahnung 



') Vgl. Die Lehre, I, 424«. 

339 



von ihrer argen Lebenszweideutigkcit: ,,W«s können wir nur 
tun, das Ärmste vor dem Unheil des Religionsunterrichtes zu be- 
wahren!" Das sind Christen! Und ebenso sind Juden! Die meisten 
Juden, die beschrüttenen Juden, glauben nicht mehr ao dai 
jüdische Judentum; die meisten Christen, die getauften Juden (wie 
soll man sie ehrlicherweise anders nennen ?) glauben nicht mehr an 
das christliche Judentum; und die getauften beschnittenen Juden 

woran glauben die?! Ihr Gewissen, hinderte sie rucht, das 

Judentum zu verlassen: aber notigte es sie, sich zum Christentum 
zu bekennen? Die gläubigen Juden sagen von ihnen: Was ab- 
fUlt, ist Abfall, sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren 
nicht von uns, und die gläubigen Christen: Sie haben sich zu uns 
gesellt, doch sie gehören nicht zu uns — was in all<r Welt aber 
notigte die gläubigen Christen, sie aufzunehmen, was wollen 
ihre Priester nut dem Wasser bei diesen Juden, die sich ge- 
waschenhaben!? Fast alle Juden, dit da zu ihnen kommen, 
gleichen sie nicht so riemUch jer em Dakotah, der sich bekehren 
Ussen wollte und bedeutet wurde, das gehe nicht an, solang er der 
Vielweiberei ergeben bliebe; riach einiger Zeit kam er zurück: jeUl 
gehe es, jetzt könne er getauft werden, er habe seine Weiber auf- 
gefressen. Und nun gar erst die überwiegend große Mehrzahl der 
Nichtmehrchriiten — und auf diese überwiegend große Mehrzahl 
kommt es doch zumeist an ? Ich weiß nicht, ob sie damit, daß sie 
diesen neu entstandenen Wasserfall de» JudengeUufes so laufen 
lassen (es sollen jeUt 200 000 getaufte Juden leben), ob sie damit 
das Christentum oder die Juden oder sich selber blamieren wollen; 
aber das weiß ich sicher, daß alle drei blamiert sind mit einer 
Blamage, die, obwohl sie auf drei sich verteilt, für keinen der drei 

kleiner wird. 

Es ist doch tatsächlich an dem, überall krachls der ReÜRion 
unter den Fußen, — wenn als Christen und als ^den nur solche 
gezählt wurden, die herzhaft Christen und Juden sind (zu denen 
die nicht gehören, die es nur an hohen Feiertagen sind oder 
wenn sie krank werden oder C^eld verlieren), so brauchte unter 
uns nicht weit gezahlt zu werden. Viele gibt es nicht mehr, 
trotz unsern Religionsflickern, denen Religion noch wirklich be- 
deutet; und am wenigsten wohl bedeutet sie solchen, die zwei 



340 



Religionen verbrauchen, ohne eine davon zu gebrauchen. Nein, 
nachdem man bei den Juden eben aufhört, sich beschneiden zu 
lassen, sollte man nicht anfangen, sich taufen zu lassen. Zu spät, 
und reimt nichts mehr; denn man hört auch bei den Christen be- 
reits auf, sich taufen zu lassen — schließlich werden sich nur noch 
Juden taufen lassen! Nein nein, es ist zu spät, daß sie nun werden 
wollen wie die andern — nicht mehr sind. Was hilft vormachen, 
als wär's die Religion, wenn niemand ist, dem man vormachen 
kann? Die Lage freilich ist verständlich : Religionsunterdrückung 
hat nachgelassen mit der wachsenden Gleichgültigkeit gegen die 
Religionen, der Staat aber als Staat stützt sich immer noch auf 
die christliche Religion und tut, als stünde er auf dem Standpunkte 
des christlich Religiösen, möchte womöglich noch immer als 
christlicher Staat sich benehmen (trotzdem er sich seit 
1 848 mit dem groben Unsinn dieser Wortzusammenstellung nicht 
mehr recht herausgetraut — der Staat ist nicht christlich, d. h. 
also jüdisch, so wenig wie das Recht jüdisch ist, so wenig wie die 
Wissenschaft jüdisch ist, so wenig wie die Poesie, wie die Kunst 
jüdisch ist), und Rassenunterdrückung von Staats wegen gibt es 
noch nicht. Diesen Zustand nun benutzen gewisse Juden, zwischen 
Religions- und Rassenunterdrückung den Kopf aus der Schlinge 
zu ziehen und ihrem Leiden ein Ende taufen zu lassen. Das ist 
bequem, man kann, mitHeine zu reden, dasChristentum auch ohne 
Gottheit Christi haben, wie Schildkrötensuppe ohne Schildkröte; 
das liberale Christentum, welches seiner sämtlichen Dogmen sich 
entledigt hat, dieses bis zur Negation seiner selbst und bis zur Ver- 
tauschung mit gänzlich andrem (mit materialistischem Monismus) 
sich immer noch Christentum nennende ,, Christentum", das man 
dem prachtvollen unverwüstlichen Hute vergleichen möchte, ,,den 
ich nur ein paarmal mußte aufbügeln lassen und dann im Restau- 
rant mit einem andern Hut vertauschte", — dieses lau-schlaue 
Kant- Ritschlsche Christentum 1) macht ihnen die Taufe bequem 
und verpflichtet sie zu nichts, zu rein gar nichts, auch nicht zum 
geringsten Scheinchristentum, bringt nur Vorteile. Es sind ge- 



^) Über den scholastisch-Voltairischen Gott Immanuel Kants vgl. 
S. 158 und S. 458. 



341 



radczu Belohnungen gesetzt auf die Verstellung derer, die sich 
taufen lassen; tatsAchlich verh&lt es sich so, daß die getauften 
Juden z. B. in der Armee besser befördert werden als die übrigen 
Soldaten. Das Christentum ist kein Christentum mehr, also auch 
seine Taufe keine Taufe mehr; denn die eigentliche Taufe ist ein 
Sakrament, wodurch die Zugehörigkeit nicht Äußerlich zur G«* 
meinde der Christen, sondern im tiefen Sinne zur communio 
sanctorum, zu der in seinem Geiste und seiner Hoheit mit 
Christus sich eins wissenden Gemeinde soll symbolisch besiegele 
werden: ,,denn wir sind, durch Einen Geist, alle zu Einem Leibe 
getauft"; und qui non plerva fide accipiunt baptisma, non spiri- 
tum, sed aquam accipiunt; und es war nicht umsonst, daß die Ge- 
tauften {x'>T:ai genannt wurderi. O, ob auch die Taufe niemanden 
erhöht hat, so wurden doch jene Christen erhöht durch ihr Bewußt- 
sein dabei ; was bei der Taufe die großen Christen gedacht haben, die 
noch mit sich selbst eins waren, das war groß, und sie mochten sich 
wohl, wie TertuUian berichtet, txMch geschehener Taufhandlung 
einen Kranz auf das Haupt setzen zum Zeichen der Freude, des 
Sieget und des erlangten Königtums. Aber um wie vieles sind 
unsre Kleinen zu klein für das Große und immer fern von allem 
Großen; und die Seelen der carrialis multitudo im Bildungt- 
omrubus sind durch nichts zu erhohen. 

Bei unsrer Kindertaufe und bei ururen Judentaufen ist wahr- 
lich weder großes noch kleines Christliches mehr; et wird gar nicht 
mehr verstanden, wenn daran erinnert wird, daß die Taufe zum 
Christen machen soll, nicht zum Offizier oder sonstwie, in der 
Diplomatie, in der Verwaltung, voranbringen — überall dort 
finden wir ja auch unbehelligt krasse Atheisten: nur die von 
jüdischer Abstammung müssen Christen sein! Es ist, wie ich 
sagte, gegenseitige Übereinstimmung zum Betrügen und Betrogen- 
werden; die einen machen das Unglaubliche vor, und die andern 
machen, als glaubten sie's, und alle Bedenken sind weggeblasen. 
Sobald ein Jude zu den ihn unmöglich machenden Schwächen und 
Fehlern hiruu nur noch sich taufen I4ßt aus wirklicher Über- 
zeugung, dadurch sehr Weltliches zu vorteilen, dann ist ihr deli- 
kates Herz beruhigt, und im Nu gewähren sie ihm Zutritt zu ihren 
Herrlichkeiten. Es wÄr am Ende doch ratsamer, gleich dem 

34« 



Juden freie Bahn zu lassen, der ganz gewiß als Jude, ohne mit 
solch einer Taufe getauft zu sein, eines weniger hat, wodurch er 
entstellt wird. Ja, wenn es Übertritt wäre von einem Glauben 
zum andern Glauben, der kann ehrenhaft sein: Übertritt von 
einem Unglauben zum andern Unglauben („Wechsel des Pelzes", 
wie Winkelmann gesagt hat, als er Katholik wurde) niemals; Vor- 
spiegelung einer nicht vorhandenen Gesinnung behufs Erlangung 
von Vorteilen ist bedenkliche Profitmacherei, und alle Welt 
sollte den begossenen Juden stehen lassen. Er eignet sich keines- 
wegs zu dem, wozu der Jude sich eignet — denn die Bedenken 
gegen dessen volle Gleichberechtigung werden schwinden wie 
manche andere unbegründete Bedenken; sie sind doch lange 
nicht so groß und furchtbar wie zum Beispiel die Bedenken gegen 
die Einführung der Eisenbahn gewesen sind. Der getaufte Jude 
aber ist schlechter als der ungetaufte und darum ungeeigneter 
als dieser für gar Mancherlei. Er ist nicht geeignet für die 
Diplomatie, nicht für die Verwaltung, nicht für die Schule 
und Universität und nicht als Offizier; denn er kann nicht 
beanspruchen, daß man ihn achte. Als Offizier gar bietet 
er den Untergebenen ein arges Beispiel — er hat unmänn- 
licherweise eine nicht schlechte, eine gute Sache nur darum, 
weil sie von Feinden angegriffen war, nicht vielmehr ver- 
teidigt, sondern aufgegeben und verraten und bietet also ein Bei- 
spiel von Feigheit gegenüber seiner mächtigsten Ehrenpflicht und 
das hier am gefährlichsten wirkende Beispiel der Fahnenflucht. 
Nicht jeder Soldat ist ein festerer Charakter als sein derartiger Vor- 
gesetzter, und geht es in den Kampf, so finden sich keineswegs 
alle von Vaterlandsgefühl getrieben — den Soldaten könnten 
schlimme Gedanken erweckt werden, und in kritischen Augen- 
blicken wäre, was ihr Vorgesetzter getan, keineswegs geeignet, 
sie auf dem Posten zu halten, und ihr Vorgesetzter besäße keine 
Autorität über sie. Der jüdische Offizier wäre ganz gewiß dem 
jüdischen Soldaten ein würdigerer Befehlshaber als der aus dem 
Judentum ausgetretene und getaufte^), und auch der christliche 

^) er trat nicht aus dem Judentum aus — er war nicht drin — sondern 
aus ganz andrem: er ist Deserteur und Verräter gegen Belohnung geworden. 
Daß ein Jude, gläubig oder ungläubig, die Achtung vor einem getauften 

343 



Soldat dürfte sich beruhigen, wenn man ihn, der einfachen Wahr- 
heit gem&fl, ernsthaft darauf hinwiese, daß der, nach dem er Christ 
genannt wird, gleichfalls ein Jude gewesen sei und ein Held, 
der für das Ideal in den Tod gegangen. 

Ich mache in diesem Punkte wieder eirunal gemeinsame Sache 
mit den Antisemiten und möchte lieber nicht, um auch anti- 
semitisch zu r e d e n^ daB ,,das Heer dem judischen Ansturm 
preisgegeben wird". Seit wann macht Uruedlichkeit geeignet zum 
Offizier? oder tut die Taufe das aus irgendwelchem andern 
itArkeren supranaturalistischen Crurwle ? In andern LAndern ist 
man keineswegs dieser Meinung, der nian selbst in Preußen nicht 
immer war'); auch steckte ur»d steckt das heutige Preußen den 
hohen judischen Offizieren fremder LAnder preußische Orden an 
die Brust, die für die preuAiscben nur beschnittenen Juden uner- 
reichbar sind. In PreufJen Ist ohne Zweifel die Fähigkeit der nur 
beschrüttenen Juden in der letzten Zeit erheblich zurückgegangen, 
wihrend offensichtlich die Kraft der Taufe bedeutend zuge- 
nommen, ja auf einem ganz neuen Gebiete erstaunlich sich be- 
währt hat. Es gab immer wdcfae, die Hohes Tom Taufwasser 
dachten, unter ihnen sogar Luther, der freilich die Cesinnurig ui\d 



Jtidcn bewahrt, ist überhaupt so selten wie die Taufe aus Ubcrseuffunc und 
noch seltener; denn es fehlt den meiflan Juden die Überlegene Einsicht. daB 
der aus religiösen BewrgxrUnden AustrtUodc (*r nicht «ifvitlich aus- 
treten, sondern erst recht ins Jude ntum eintreten, ein wahrer Jude. 
Judaetis «mendatus werden wiUI Nur dar nicht überzeugte bcf^ den 
Chillul haschem. f&llt ab Ton Jahweh und huWift seinen Teraphim. Haus- 
göCscn und ist (ahaenflfichtig wahrlich nicht allein Ton der Sache des 
Judentums, sondern ron dem Gefühl und Kampfe für unterdrückte und 
gepctnigte Mcnschcnscclcn und ist damit auch von Christus am schJLnd- 
Uchsten abgafallcn in dem AugtnMkfce. da er sein Bekenntnis ru ihm er- 
heuchelte. 

•) in den Freiheitskriegen wurden Juden zu Offizieren befördert, und 
Graf York sagte m der Herrenkune des Preußischen Landtags i»47; 
„Wenn nun aber in den großen Khcfsjahren nicht einige, sondern Tsrw 
hUtnismißig viele Juden sich zu Off tsiercn geeignet seigten und es wirklich 
geworden sind, so muß ich daraus schließen, daß, wer im Kriege Offizier 
werden konnte, auch die Möglichkeit haben muß, es im Frieden zu werden, 
und daß also das Recht ihm bleiben muß. was er früher mit den chr i s t hchsn 
Untertanen teilte, und dessen er sich sehr würdig erwiesen haU" 

344 



den Glauben niemals vergißt, dennoch aber auch dieses Wasser an 
sich selbst preist als ,,in Gottes Namen eingeleibt und ganz und 
gar von ihm durchzogen, gar ein Wesen mit ihm", und es sei „viel 
ein ander Ding worden denn ander Wasser, ein mit Gottes Namen 
durchzuckertes, köstliches, ganz und gar göttliches Wasser"; und 
manche andre glauben fest, man steige, ein Sündenluder, hinein 
und über und über strotzend von den dicksten Früchten der Ge- 
rechtigkeit v^rieder heraus — daher früher gar nicht wenige die 
Taufe bis an ihr Lebensende verschoben, welcherart diesen 
Füchsen die ewige Seligkeit unmöglich entgehen konnte; und ein 
Priester meinte es gar wundervoll herzlich mit indianischen 
Kindern, die er ihren Eltern stahl, taufte und dann auf der Stelle 
ermordete. Und noch viel Großartiges wurde vom Taufwasser ge- 
glaubt; die Epistolae obscurorum virorum behaupten sogar, in- 
folge der Taufe wachse den Juden die Vorhaut wieder: sie würden 
ja sonst beim jüngsten Gericht für Juden gehalten, und Gott wolle 
niemandem unrecht tun. Aber das alles sind doch schließlich Ver- 
sicherungen und Erwartungen, die keineswegs von jedem geteilt 
und geglaubt werden: hingegen, was man jetzt vom Taufwasser 
weiß, das weiß man eben wirklich, kann davon als von Tatsachen 
sich überzeugen, und das hätten die früheren Überschweng- 
lichsten nicht für möglich gehalten, weswegen denn nun ganz 
neue Loblieder angestimmt werden müssen: seit dem Jahre 
1888 war in Preußen kein einziger nichts als beschnittener Jude 
auch nur zum Reserveoffizier geeignet, während — o unerhörtes 
Wunder! — die auch getauften Juden Fähigkeit bis zum General- 
leutnant bewiesen und geadelt werden konnten. Hätte der Ver- 
fasser des oben angeführten Buches das erlebt, er würde anders 
gesprochen und nicht behauptet haben, das Taufwasser werde 
unnütz ausgeschüttet. Die Verwandlung der Juden durch dieTaufe 
ist zurzeit das erstaunlichste Mirakel, womit die christliche Reli- 
gion die jüdische weitaus in den Schatten stellt. Bei den Juden 
geschehen keinerlei Mirakel mehr, die man damit vergleichen 
könnte, höchstens vielleicht am Pessachfeste: da stellen sie einen 
Becher Wein hin für den Propheten Elias, der ihn unsichtbar aus- 
trinkt — nämlich so, daß der Wein drin bleibt. — 



345 



Solang es noch die Zauberei der Taufe tut, soll mir niemand 
einreden wollen, da£ man andres gegen uns hat als solches, dessen 
man sich schämen müßte, und Nichtiges. Es wäre an der Zeit, daB 
darüber das Gewissen stark rege würde auch in den Deutschen 
nichtjudischer Abstammung, düB da das Gewissen reiner wurde. 
Wenn nur nicht das Herz, so ist — naturwissenschaftlich erklär- 
lich — auch nicht der Mund ihnen zugefroren, und sein Schließ- 
muskel bleibt wohl auch sonst nicht immer zusammengezogen. 
Die Protestanten werden doch wohl noch protestieren können; 
und die es nicht mehr sind, können die seitdem gegen nichts mehr 
protestieren ? Und auch alle die übrigen können und müssen 
protestieren dagegen, daB die Staatsregicrung die Heuchelet 
begünstigt und ,, indem sie eine Lockspeise daraus macht, daB 
die Bekenner eines gewissen Glauberis gewisse Vorzuge ge- 
nießen sollen, die Rolle des alten Versuchers spielt und wie der 
böte Geist niedriger Weise das Gute dieser Welt Jedem bietet, 
der seinen Glauben Andern und seine Überzeugung Ter leugnen 
will", und dmü die Regierung eine Beschr4r\kung aufrecht 
erhält für alle Juden, ausgeru>mmen diejenigen, Ton welchen 
öffentlich eine Gewissexuunredlichkeit vollzogen wird. Ge- 
wissensunredlichkeit, anders und richtig läßt sich's rücht nennen: 
abgerechnet die Äußerst seltenen FAlle, wo die Bekehrung Sache 
der Redlichkeit ist, ist sie Sache der Unredlichkeit, ein unlauterer 
GeschAftskniff. Solches widerstreitet doppelt dem Begriff des 
Rechtsstaates, daß in ihm ein Recht Privilegium sein soll der- 
jenigen, die sich unwürdig verhalten; und es widerstreitet ebenfalls 
dem Begriff des Rechtsstaates und verschiedenem andern noch, 
wenn der Staat regelmAßig (entsprechend ihrer Gleichverpflich- 
tung) die Gleichberechtigung und die GleichbefAhigung der Juden 
erst bei jener ihrer Gewissensunredlichkeit entdeckt, darm zauber- 
geschwind das Privilegium odiosum zum Privilegium favorabilium 
macht und dabei zugleich die Hand bietet zum Mißbrauch mit der 
Symbolik und den Zeremonien einer Religion, die nicht allein noch 
von vielen für heilig gehalten, sondern von ihm selber für die 
Staatsreligion ausgegeben wird. Die Juden haben ihre innere 
Emaruipation noch nicht vollendet und sind an sich selbst noch 
nicht, was sie sein könnten und müßten ? Aber man sieht, unser 

346 



Staat ist auch noch nicht völlig emanzi- 
piert und noch lange nicht der beste Staat — das ist, nach 
Chilons Ausspruch derjenige, in welchem die Gesetze am meisten, 
die Schwätzer am wenigsten Gehör finden. Unser Staat ist eben- 
falls an sich selbst, nach seiner inneren Würde und Freiheit, noch 
nicht, wie er sein könnte und müßte, und die sehr nötige Emanzi- 
pation der Juden deckt sich in einem Punkte mit einer sehr nötigen 
Emanzipation des Staates; nur daß die Juden durch den Staat 
emanzipiert werden können, der Staat aber sich selber von seiner 
Erniedrigung emanzipieren muß*). Die hier berührte Praxis 
des Staates, der durch seine Judenmission mit Prämien und 
Benefizien — an Stelle der sonstigen Malefizien — die Juden 
anlockt zu solchem, was gegen ihr Gewissen, bedeutet noch einen 
Rest von jener die Staaten schändenden mittelalterlichen Praxis, 
wodurch die Juden heruntergezwungen wurden zu unsittlichen 
Gewöhnungen und zum niedrigen Gewerbe. 

Die Deutschen von andrer Abstammung dürften zu dem allem 
nicht schweigen, müßten überhaupt den Deutschen jüdischer Ab- 
stammung ihre Last tragen helfen, tätiger als bisher mitwirken 
bei der Verbesserung ihrer Verhältnisse und auf alle Weise es 
ihnen erleichtern, sich gegen die Beleidigungen der Judenhasser 
mit der gebührenden Gleichgültigkeit zu verhalten. Die Nicht- 



*) So gilt denn noch heute, was in den noch heute überaus lesenswerten 
Verhandlungen der Bayerischen Kammer der Abgeordneten vom Jahre 
1831 der Referent über die Anträge auf Emanzipation der Juden, Dr. Lang, 
gesagt hat: „Zwar wäre es überflüssig, da, wo schon strenge Gerechtig- 
keit fordert, noch von weiteren Gründen zu sprechen; der Wahlspruch 
der Gerechtigkeit ist: fiat justitia, pereat mundus. Aber dieses pereat 
mundus findet bei der zu behandelnden Frage so wenig Anwendung, daß 
vielmehr geradezu der Staat nur zu seinem Vorteile handelt, wenn er den 
Anforderungen der Gerechtigkeit in bezug auf die Gleichstellung der Juden 
Gehör gibt, er wahrt sein Interesse damit; Staatsklugheit rät ihm dazu. 
Denn abgesehen davon, daß der Staat durch Unterlassung dieses Aktes 
sich eine schreiende Ungerechtigkeit zuschulden kommen läßt, was eine 
nachteilige Meinung von ihm hervorbringt, so führt er dadurch auf indirekem 
Wege die höchste Immoralität im Staate herbei. Denn während von der 
.einen Seite das Bekenntnis einer geoffenbarten Religion als die innere 
Bürgschaft dargestellt wird, welche allein das Verhältnis des Bürgers im 
Staate begründet, wird von der andern Seite der Übertritt zur herrschenden 

347 



Juden mögen auch r e d e n (so können die Juden mehr schweigen 
und wissen, woran sie sind; denn nicht der Kampf ist ihnen so 
schwer als vielmehr die Unsicherheit dArubcr, wo ihre Feinde und 
wo ihre Freunde stehen) — sie sollen reden, damit das Recht durch 
die öffentliche Meinurig der Nation beschützt, damit der ent- 
schiedene Rechtswille der Nation erkennbar sei. Wir haben Staat 
und Nation als Wechselbegriffe verstehen gelernt, die im Rechts- 
staate einander voraussetzen; der Rechtsstaat ist dies um so mehr, 
je mehr das Recht seinen sittlichen Grund in der Nation hat, dem 
Staate also um so naturlicher und notwendiger ist und in immer- 
währender Triebkraft immerwAhrend neu aus seiner Mitte erzeugt 
wird. Was als gesetzliche, richterliche und ausübende Gewalt des 
Staates in Hirisicht auf Recht und Freiheit noch nicht vorhanden 
Ist, das zu schaffen ist Aufgabe und Pflicht der Nation, die damit 
besUndig den SUat schafft und so schafft, daß er immer mehr 
Rechtsstaat wetde, dem Rechtsprinzip gemäßer ein inimtr 
schönerer Staat; derm das Rechtspriiuip ist immer noch rid 
schöner als unser Staat und richtet alles noch viel besser. Wie 
lange wir noch eine Nation der Ungleichen sind, der Ungleichen 
an Rechten und Pflichten oder der Ungleichen an Rechten bei 
Gleichheit der Pflichten, so lange herrscht noch nicht das Prinzip 

Religion durch Anwendung von allen Arten indirekter ZwancBntttcl 
dringend anempfohlen, aU ma% bc^uamcre Form, wo ntan weder eiiMa 
Glauben ablec^ noch annjmmt, »oo da r B nur eine SpckuUUon macht Der 
Staat, all Proseljrtenmacher auftretend, belohnt den Mdnetd mit Rechtao 
und Wurden, und zum strafenden Richter ül>er Gewissen weh auf werfend, 
belegt er treues Festhalten an Gruodsitscn innerer übcneugung mit 
politischen Nachteilen, Dies hat nun rwd v wcht ede ne , }cdodi in Hinaidit 
auf ihre Bedeutung gleich wichtige Folgen für den christlichen Untertan 
wie für den jüdischen. Eine solche in dem Chruten vom Staate selbst, als 
dem Prinzipe aller Sanktion, herbeigeführte Meinung, vermöge welcher 
der Christ sich besser dunkt als sein Nebeomcnach, muß auch allen tatomi 
Handlungen das Gepräge des Fanatemia, Egoismus und andrer niederer 
Eigenschaften aufdrücken, mit einem Worte, dem Charakter des christ- 
lichen Staatsbürgers eine schiefe Richtung geben, was stets auf den Staat 
selbst unheilbringend zurückwirkt." ..Gleichen Pflichten entsprechen auch 
gleiche Rechte, dies ist ein unumstößlicher Satz der Gerechtigkeit und ist 
das Fundament jeder Gesetzgebung. So wJLre eine Verfaasung, die nicht 
darauf gebaut ist, ein politisches Unding." 

34« 



des Rechtsstaates: „Keine Pflichten ohne Rechte, keine Rechte 
ohne Pflichten, und keiner aus der Nation bleibt ausgeschlossen 
von den gleichen Pflichten und Rechten; denn der Staat ist die 
Nation." Der Staat ist die Nation, aber die Nation hat die Arbeit 
der Rechtsvervollkommnung zu leisten, nicht die Regierung: 
wer von ihr sie erwartet, der erwartet von ihr, was sie noch nie- 
mals geleistet hat und nicht leisten kann. ,, Keine große poli- 
tische Bewegung, keine große Reform, weder in der Gesetz- 
gebung noch in der Ausübung, ist je in irgend einem Lande 
ursprünglich von seiner Regierung ausgegangen, schreibt Buckle. 
Die ersten, die solche Schritte vorgeschlagen, sind ohne Aus- 
nahme kühne und geistreiche Denker gewesen, die den Miß- 
brauch erkannten, aufdeckten und das Mittel dagegen angaben. 
Aber lange, nachdem dies getan ist, fahren selbst die aufge- 
klärtesten Regierungen fort, den Mißbrauch aufrecht zu er- 
halten und das Mittel dagegen zu verwerfen. Endlich, wenn 
die Umstände günstig sind, wird der Druck von außen so stark, 
daß die Regierung nachgeben muß; und wenn die Reform ge- 
macht ist, so wird von dem Volk erwartet, daß es die Weisheit 
seiner Regierung bewundern soll, die dies Alles getan." Der 
Staat ist die Nation, aber die Nation ist die bewegende Kraft 
des Rechtes, die Regierung ist das Feste der geleisteten Rechts- 
arbeit, die oft genug wieder muß aufgelöst und von neuem in 
Fluß gesetzt werden. Die Nation ist Wasser, die Regierung 
ist Eis, davon eines ins andre sich wandelt und die im Grunde 
dasselbe sind — dennoch läßt sich vom Eise nicht erwarten, 
was das Wasser verrichten kann. 

Ein Staat, eine Nation; und die Reifen sind verantwortlich für 
die Unreifen! Die über den Staat, über den nationalen Rechts- 
staat die klaren Gedanken haben, die sollen reden und aus Sumpf 
und Finsternis gegen die Sonne heben, wen sie können, und 
warnen vor den vergifteten Quellen des Unrechts; die Hetzpresse 
muß ihre Macht verlieren über diejenigen mit dem nicht selber 
denkenden Hirn, mit dem Hirn gleich einer Uhr, die nicht geht 
und tagtäglich gestellt wird: so soll man sehen, sie richtig zu 
stellen, statt falsch. Sie sind das alles schuldig, sie dürfen nicht 
die Vergangenheit vergessen. Luther sagte: ,,die Christen hätten 



349 



also mit den Juden gefahren. daB wer ein guter Christ wäre ge- 
wesen, bitte wohl mocht ein Jude werden. Und wenn t c h ein 
Jude gewesen wire und bitte solche Tölpel und Knebel den 
Christenglauben regieren und lehren getelMn, so wäreich eher ein 
Sau geworden als ein Christ. Denn sie haben mit den Juden ge- 
handelt, als wären es Hunde und nicht Meiischen, haben nichts 
mehr koruit tun denn sie schelten und ihr Gut nehmen, wenn man 
sie getauft hat . . . Tun wir sie mit Gewalt treiben und gehen 
mit Lugentheidungen um, geben ihnen Schuld, sie müssen 
Christenblut haben, daB sie nicht stinken, und weiß nicht, was des 
Narrenwerks mehr ist, daB man ^e gleich für Hunde hält; was 
sollten wir Gutes an ihnen schaffen f Item, daß man ihnen ver- 
beut, unter uns zu arbeiten, handthieren und andre nienschliche 
Gemeinschaft zu haben, damit man sie zu wuchern treibet; wie soll 
sie das bessern ?" Sie dürfen nicht vergessen, daß in den meisten 
Gegenden Deutschlands die Juden erschlagen oder vertrieben und 
ihres Vermögens beraubt worden sind — Beraubung der Juden 
war die Haupteinnahmequelle der Fürsten: Johann von England 
ließ einem Juden so lange Zähne ausreißen (ohne Betäubung), bis 
dieser ihm 2000 Mark versprach; in Frankreich durften zuzeiten die 
Juden Schulden einklagen nur unter der Bediiigung, daB sie rwd 
Drittel des erlangten Betrages dem Könige abgaben. Es kann 
schwerlich ein eiruiger Fürst gerannt werden, der nicht die Juden 
als seine Geldschwämme zur Aussaugung des Volkes benutzt (da- 
her ihnen und ihnen allein der Wucher gestattet war, den in voller 
Wahrheit nicht sie, sondern durch sie die Fürsten trieben), und der 
nicht auf allerlei Art ein schön Stück Geld an den Juden verdient 
und, wenn's nicht mehr wollte, die Juden sell>er verpfändet und 
verschachert hat'). Mit harter Hand wurden sie überall im Zu- 

*) Bei Krönungen war ein herrlich Bcnefixium, wovon es in einer Ur- 
kunde aiu dem Jahre 1462 hetOt: ,,Denn so ein jeder Rtaüscher Koning 
oder Kaiser gekrönt wirdet, mag er den Juden all«ithalbcn Im Rieh alle 
Ir gut nemen, darzu ir leben und sie tötten bis auf eine anzal, der lutzd 
sein soll, zu einer gedachtnus zu erhalten." Die Juden waren Eigentum 
der Kaiser: denn sie waren Nachkommen der von Titus und Vespasian zu 
Sklaven Gemachten, und die deutschen Kaiser waren dte K^* '-*t;er der 
römischen Imperatoren 1 1 1 ( Der Inende Jude war allerdings : • chtlidi 

geschützt, aber (Qr den erschlagenen erhielt der Kaiser scir.en Ztiu). 

350 



Stande der äußersten Erniedrigung gehalten, Sachen und Tieren 
gleichgestellt und haben böse Tage gesehen und keine guten. So 
daß wohl recht die Juden von ihren Fehlern und Schwächen ge- 
sagt haben: ,,Seht mich nicht an, daß ich schwarz bin, die Sonne 
hat mich geschwärzt; meiner Mutter Söhne zürnten mir." „Die 
Christen haben ein so vortrefflich schlechtes Gedächtnis für ihre 
eignen Sünden, daß man im allgemeinen historischen Unterricht 
die furchtbare Leidensgeschichte der Juden im Mittelalter kaum 
erwähnen hört, und ich halte es daher für nicht unzweckmäßig, 
einmal einen kurzen Überblick dieses ungeheuren Trauerspiels, 
wogegen alles, was wir vom Martyrium der Christen unter den 
Heiden wirklich wissen, fast wie ein Kinderspiel erscheint, für 
denkende Leser zusammenzustellen, woran sich denn auch die ver- 
worfenen Judenhetzer in der Germania und andern Schandblättern 
erbauen mögen", schreibt der Naturforscher Schieiden eingangs 
seiner Schrift ,,Die Romantik des Martyriums bei den Juden". 
Die Deutschen andrer Abstammung dürfen nicht die Ver- 
gangenheit vergessen, solange die Juden noch unter den Nach- 
wehen leiden und die Beeinträchtigungen noch dauern, solang noch 
Ähnlichkeit der Gegenwart mit der Vergangenheit vorhanden ist. 
Die Nationalschuld der Staaten gegen ihre Juden ist noch nicht von 
allen Staaten abgetragen; einige gar vermehren sie noch fortge- 
setzt, anstatt sie zu vermindern^). Unser Staat hätte noch einen 
nicht allzu großen Rest zu tilgen — er ist so groß wie die Anti- 
semitenfrage; so groß wie die Narrheit der Antisemiten Schaden zu 
stiften vermag, indem man sie gewähren läßt. Es gibt für unsren 
Staat eine Antisemitenfrage: denn die Antisemiten wollen unsre 
Verfassung und unser Gesetz antasten, sie wollen das, was für 
Deutschland in Wahrheit die Antisemitenfrage ist, zur Judenfrage, 



Nach einer noch weiter gehenden Logik waren sie Eigenhörige der ganzen 
Christenheit — : der Tod Christi, den die Juden verschuldet hätten, macht 
sie zu Knechten derer, welche durch jenen Tod die wahre Freiheit erlangten! 
1) Herder: „Alle Gesetze, die den Juden ärger als Vieh achten, ihm nicht 
über den Weg trauen, und ihn damit täglich, ja stündlich ehrlos schelten : 
sie zeugen von der fortwährenden Barbarei des Staates, der aus barbarischen 
Zeiten solche Gesetze duldet . . . Daher ist es der Europäer Pflicht, 
die Schulden ihrer Vorfahren zu vergüten.** 

351 



zur politischen Frage für Deutschland machen, sie verlangen die 
Rechtlosigkeit der Juden und erblicken dArin alles Heil: weil sie 
Narren sind. Das ist häufig so, daß Narren ein Unheil für das Heil 
und für die einzige Bedingurig alles zukünftigen Glückes erklären, 
und daß Solche die Walirheit gefunden wihnen, die den Kopf 
verloren haben. Die Antisemiten sitzen ja auch nicht stille mit 
ihrem Haß, daß der nur in ihren Zeitungen gelesen werde — der 
Haß will das Äußerste de» Bösen gegen die Gehaßten, und sie 
schaden ihnen, wie sie nur können. Die Antisemiten verlangen, 
daß unser deutscher Staat auf den Affekt des HasMSsich stelle, der 
doch schlecht i$v, unehrbar und ungerecht, und würden damit dem 
Staate seine Grundlage und seine Existenzmöglichkeit entziehen, 
ihn zum Aufgeben des staatlichen Prinzips bewegen; denn der 
Staat als Staat, als der Egoismus aller, worin gesorgt ist, daß der 
keines einzelnen sein Maß überschreite, kann unmöglich Affekt 
kennen, also auch nicht den Affekt des Hasses gegen einzelne, und 
nicht den blindnirrischen, wuthaften und rerhingnisvoUen Schluß 
des Haüaffektes vom einzelnen (der uns ein Unrecht zugefugt, oder 
von dem wir glauben, daß er dies tat, oder von dem wir gehört 
haben, daß er einem andern ein Unrecht solle zugefugt haben) auf 
die Gemeinschaft, welcher der einzelne angehört oder zugerechnet 
wird. Gelinge es den Judenhassern, das Priruip des Staates aufzu- 
heben und ihr Affektgelust an seine Stelle zu setzen, so wurden sie 
den Staat, d. i. die Nation ebenso nArrisch. krank und unglücklich 
machen, wie sie selber sind. Was sie so nlrrisch. krank und un- 
glücklich macht, und weswegen ihnen rxicht zu helfen geht, das ist 
eben ihr Widerspruch zu der Staatsverfassung und zu dem Staats- 
prinzip, unter deren Herrschaft sie leben, ihr Widerspruch zu der 
Grundwahrheit von dem einheitlichen Menschengeschlechte. der 
Gleichheit des Rechts und der Freiheit ,.fur alles, was Menschen- 
gesicht trägt", ihr Widerspruch zu den Kulturbegriffen, wodurch 
dieses Staatsprinzip hervorgetrieben und befestigt ward, und welche 
fortdauernd die bewegenden Triebfedern bilden, es zu schützen 
und zu erhalten. Die Judenhasser sind, als was wir sie kennen ge- 
lernt haben, Praktiker der naturrechtlichen antipolitischen Kon- 
fusion, die nicht mitmachen an der Arbeit für den Staat, d. h. 
nichts andres als an der Arbeit, das Recht gewaltig zu machen: die 



vielmehr diese Arbeit stören, Zustände herbeiführen wollen und 
zum Teil herbeigeführt haben, die sich im Widerspruch finden mit 
dem Staatsprinzip, und die e i n e Nation in zwei zerreißen möchten. 
Zunächst in zwei. Denn daß die Bewegung bei den Juden keines- 
wegs Halt machen würde, das zeigt sich bereits deutlich genug an 
ihren Sprechern. Wie der Fortgang war, so würde der Rückgang 
sein: der aufgehobenen Emanzipation der Juden folgt die auf- 
gehobene Emanzipation der Katholiken (schon Stöcker wollte 
„die Ketten des Judentums und des Katholizismus brechen"), in 
katholischen Ländern der Protestanten^) — oder der Rassenhaß 
wird weiter angeblasen: es gibt in Deutschland auch noch andre 
Rassen als die germanische und jüdische; auch läßt sich der Parti- 
kularismus noch ganz anders pflegen als bisher, wenn man nur ge- 
wissen Ansätzen Raum läßt und der Rassentheorie, mit deren Hilfe 
alles fertig zu bringen: die Süddeutschen z.B. können sich gegen die 
Preußen auf keine geringere Autorität als auf Quatrefages berufen, 
demzufolge die Preußen den Süddeutschen völlig rassenfremde, 
minderwertige asiatische Barbaren sind; auch wurden z. B. bei uns 
zu Lande bereits die HohenzollernFremdlinge in der Mark gescholten: 
,,Ihr kamt als Fremde und seid es geblieben . . . Wir sind nun 
mal von andrem Blute." Die Judenhasser, die als erstes die Auf- 
hebung der Judenemanzipation wollen, wollen zuletzt die Emanzi- 
pation ihrer Affekte, d. i. die Emanzipation vom Staatsgedanken; 
sie leben wahrhaft auf dem Grunde in unversöhnlichem Zer- 
würfnis mit dem Staate und mit der Gesellschaft, sind sich selber 
dessen bewußt und geständig zunächst nur in Hinsicht auf den 
einen Punkt ihres Judenhasses, und m.anche von ihnen beteuern 
gerade — es ist dies Instinktschlauheit ihres gesellschaftlich-poli- 
tischen Irrsinns, woduich sie ihren ersten Hauptzweck zu er- 

der französische antisemitische General Cluseret sagte: „Das haben 
die Juden und die Protestanten gemacht — nämlich mit den Protestanten 
ist es genau die nämliche Sache, und eine Geschichte der Korruption in 
Frankreich wäre eine Geschichte der jüdischen und protestantischen 
Macht. Diese zwei Klassen von Fremden teilen sich die Herrschaft über uns, 
und den Profit haben Deutschland und England — denken Sie bloß, daß 
alle unsre auswärtigen Minister und ebenso die meisten Minister der Marine, 
diese unfähigen Idioten, Protestanten gewesen sind. Gegen diesen ewigen 
Betrug und Verrat des Volkes muß man sich endlich empören usw." 



353 



23 



reichen hoffen — daO sie die gesellschaftlich Tugendreichsten und 
die treuesten Stützen des Thrones seien, gegen den freilich andre es 
an Deutlichkeit von Winken und Drohungen nicht fehlen lassen'). 
Und wenn denn nun auch unser Staat zu sehr Staat ist, als daß er 
der JudenhASser Narrheit zu seiner Vernunft machen könnte, und 
ob auch ihre Bestrebungen eine Änderung unserer staatlichen Ver- 
fassung niemals herbeifuhren werden, so sind sie doch auch als Be- 
strebungen in unsrem Kultur- und Rechtsstaate allzu unbAndig, 
absurd und niedrig, immerhin auch zu skandalös gefährlich (denn 
gerade das Gemeinste kann eine Zeit lang gemein, populär werden), 
als daB nicht die Regieruig schon ausGrunden der StaatspAdagogik 
sich verpflichtet halten mußte, das ihrige zu tun. Wenn das nur 
immer geschähe, das wäre genug; wird der Brand rechtzeitig er- 
stickt, so kann er nicht überspringen. In den meisten Fallen be- 
darf es nur der geliorigen Kennzeichnung, bedarf es nur der ge- 
hörigen Kennzeichnung durch die Nation, und ist nicht notig, 
wie Nietzsche meint, die antisemitischen Schreihälse des Landes zu 
verweisen. Man braucht sie nicht zu bestrafen, sie sind keine Ver- 
brecher, sondern Narren: gleichwie aber die Strafe das Recht der 
Verbrecher ist (denn auch die Verbrecher gehören in den Rechts- 
staat und schaffen ihn mit und sind, soweit sie nicht Verbrecher 
sind, mit Selbstschopfer des Rechtes wie auch des Zwanges 7um 
Rechte uiul also auch ihrer etfnen Bestrafung), so ist das Recht 
der gesellschaftlich politischen Narren das, was Pflicht der Nation 
ist, daß nämlich die ihre Narrheit durchschauende Nation zu ihnen 
spreche: Ihi Narren — aber ihr sollt nicht gefährlich werden, ihr 
dürft nichts anrichten! Der Staat ist die Nation nach ihren poli- 
tischen Parteien, deren jede auf ihrem Egoismus, auf dem In- 
teresse ihrer besonderen Lebensfürsorge beruht; dieser Egoismus 
ist berechtigt und g u t , er ist das Wesen unsrer relativen Existenz, 
Tugend und Untugend, Neigung und Abneigung erzeugend. Treibt 
er aber fort zum Anarchismus, so ist das — innerhalb der Rela- 
tivität, aus dem gemeinsamen relativen Interesse — als das Böse 
zu bekämpfen. Der Anarchismus ist keine politische Partei, auch 
dieser närrische Anarchismus ist keine politische Partei und keine 



>) Vgl. oben S. 340 (f. 

3S4 



staatsbürgerlich berechtigte Eigentümlichkeit. Der Staat ist der 
gegliederte Organismus der Eigentümlichkeiten aller Staatsbürger, 
aber das widerstaatsbürgerliche, naturrechtliche Gelüst erträgt er 
nicht. 

Ich. spreche von der Nation, nicht von der Staatsgewalt 
und daß man warten solle, bis die ei:^reift. Besser, die Bürger 
speien gleich auf den Funken, daß gar nicht erst der Brand ent- 
zündet wird, den der Staat zu löschen hätte. Wenn irgendwo, so 
hat hier jeder einzelne sich zu sagen: Der Staat bin ich, seine 
Schuld muß ich bezahlen! Dazu drängt mich mein nationales 
Empfinden, meine nationale Bewußtheit. Der Staat ist meine Frei- 
heit, mein Recht und meine Pflicht; mir sind der Staat und das 
Recht nicht zweierlei, und ich bin ein Stück des Felsendamm.es, der 
uns das Unrecht vom Rechte abhält. Wenn ich nicht stehe für das 
Recht, so verleugnet der Staat das Recht, so wird er geschändet 
dadurch, daß Wahnwitz, Neid, Verleumdung ungestraft in ihm 
sich erheben, so befördert der Staat das Unrecht. Der Staat bin ich, 
und der Staat bist du; bin ich blind, daß ich nicht gewahren sollte, 
wie deine Sache auch meine eigne Sache ist ? und was heute dir 
geschieht, geschieht morgen mir, ich darf nicht untätig zusehen 
und dich preisgeben: ,,Die Pest ist ins Land gekommen — o mein 
Gott, mach, daß sie meinen Stamm verschone! Die Pest ist in 
deinen Stamm gekommen — o mein Gott, mach, daß sie meinen 
Duar verschone! Die Pest ist in deinen Duar gekommen — o mein 
Gott, mach, daß sie mein Zelt verschone ! Die Pest ist in deinem 
Zelte — o Gott, wenn sie nur meinen Kopf verschont!" 

Nicht aus dem Gedächtnis kommen sollte die Episode Ahlwardt; 
denn sie ist ein Beispiel von dem Gesagten: daß eine Zeit lang 
populär werden kann, was zunächst nur als Judenhaß und erst, 
wenn es damit nicht voran will, als gesellschaftlich-politischer Irr- 
sinn nach seinem ganzen Umfange und nach seiner ganzen Gefahr 
sich verrät. Hier kann allerdings von dem vollständigen Unsinn 
nur ein unvollständiger Begriff gegeben werden: 

Ein verschuldeter, seines Dienstes entlassener Schulrektor 
Namens Ahlwardt war — ich darf nicht sagen Schriftsteller 
geworden, aber das bekannte antisemitische Gegenteil davon, 



355 



23* 



welches ebenfalls drucken li0t, und wurde 1891 wegen Beleidi- 
gungen und Verleumdungen, enthalten in seinem Gedruckten 
,,Der Verzweiflungskampf der arischen Volker mit dem Juden- 
tum", zu vier Monaten CefAngnis verurteilt und infolge davon bei 
den Antisemiten M&rtyrex. Dies frischte unsern Mann an, daO er 
zu einer grof^n nationalen Tat ausholte, öffentlich n&mlich vor der 
Nation einen wirklichen Beweis zu erbringen für die Existenz der 
Juden, der wirklichen, freislichen Juden, der internatiortalen Ver- 
schworerbande, die auf die Vernichtung Deutschlands sinnt; wie 
dies alles ja im heimlichen Gemach des Antisemitismus von 
imirerher schon bekannt war. Ahlwardt tat eii>en giausigen 
Schwur, ,, nicht zu ruhen, bis der letzte Jude den deutschen Boden 
â–¼erlassen hat". 

Es gab eine Gewehrfabrik, deren einer Leiter ein Jude warl 
Für jeden wahrhaft deutsch gebliebenen Deutschen, d. h. hier für 
jeden Antisemiten, war damit ohrte weiteres der Ruin Deutschlands 
besiegelte Sache. Ab«r wo war Deutschland ? Waren nicht die 
Antisemiten die einzigen Oasen im Terjudeten Vaterlande ? Das 
Vaterland zu retten, mußte man inm seine verzweifelte Lage zum 
Bewußtsein bringen, indem man die gr&Olichen Einzelheiten des 
Treiberu dieses einen Leiters einer Gewehrfabrik so scharfsinrüg 
enthüllte wie mutig promulgierte. Und nun sollte es werden; 
Ahlwardt war das scharfsinnige Rüstzeug der Vorsehung, welches 
herausbrachte, daß der eine Leiter einer Gewehrfabrik als Mitglied 
einer humAnitAren judischen Vereinigung') einen Jahresbeitrag 
von fünf Mark bezahlte, was in Ahlwardts mutiger Darstellung 
lautete: ,,Das Judentum, die jüdische Zentralleitung wie die ersten 
Borscnhäupter werden wohl von dieser Tatsache unterrichtet sein, 
die ich nun mit vieler Muhe aufgedeckt habe: das internationale 



*) der Atliance israelite, von der die Antiacnuten »o^eti, ,.sir arbeite 
zur Erringung der Weltherrschaft (ur die Juden, haupUAchlich an der Ver- 
nichtung Deutschlands und überhaupt an der Verruchtung alles Guten und 
befördere alles Schlechte, habe schon mehr als eineni Verbrecher die Mittel 
an die Hand geprben, sich dem strafenden Arm der Gerechtigkeit zu ent- 
ziehen" usw. Einer der Zeugen Ahlwardts im Prozeß safte aus: ,,Löwc 
zahlt to Mark Beisteuer zur Alliancc. Und wenn ein fremdes Mitglied zu 
Löwe kommt und sagt: L6we, ich muß 50 000 Mark haben, § o m u 6 
Löwe sie ihm geben. Er muß sie ihm gebenl" 

356 



Judentum hat nichts vernachlässigt, was zu einer Niederlage 
Deutschlands im nächsten Kriege beitragen kann, und schließlich 
den ungeheuerlichen Versuch gemacht, dem deutschen Soldaten 
ein Gewehr in die Hände zu geben, das zwar bei mäßigem Ge- 
brauche in Friedenszeiten brauchbar sein mag, im Felde aber sehr 
bald seinen Dienst versagt. Dieser Versuch ist über Erwarten gut 
gelungen. In der Armee befinden sich jetzt 425 000 Gewehre aus 
der Fabrik von Ludwig Löwe, gegenwärtig unter Direktion von 
Isidor Löwe, die im Kriege fast weniger dem Feinde als vielmehr 
ihren Trägern gefährlich werden müssen." So machte Ahlwardt 
♦ den Juden heiß und noch viel heißer; wollte sich aber doch kein 
Geständnis aus ihnen herausbraten lassen. Ebenso unerwartet 
seltsam, ebenso jüdisch wie die Juden, benahm.en sich die Gerichte: 
es wurden, was Ahlwardt gar nicht einmal verlangt hatte, die in 
Frage kommenden Gewehre untersucht, alsdann behauptete man 
geradezu, Ahlwardts Beschuldigungen seien völlig grundlos, und 
dieser wurde noch obendrein gar zu fünf Monaten Gefängnis ver- 
urteilt: ,, Wieso kommt er zu dem scheußlichen Namen ,, Juden- 
flinten!" Es bleibt nur übrig, daß der eine Leiter der Fabrik 
jüdischer Religion ist, der andre Leiter ist Christ und gewesener 
Offizier, die Gewehre sind von christlichen Arbeitern gefertigt, von 
christlichen Revisoren abgenommen. Der Angeklagte sagt zwar, 
er will die Rasse treffen und nicht die Personen, aber das ist nicht 
wahr. Er will nur die Personen treffen. Bei seinem Judenhaß 
scheut er sich nicht, den ganzen Beamtenstand zu treffen. Er 
beleidigt darauf los, und wenn m.an behauptet, daß er dies gewerbs- 
mäßig betreibt, so ist dies keineswegs zu viel gesagt. Wie würde es 
wohl bei uns aussehen, wenn es viele Leute gäbe, die wie der An- 
geklagte handelten? Wenn es Hunderte von Ahlwardts gäbe, 
würde bald niemand mehr ruhig auf der Straße gehen. Nicht da- 
durch, daß man entlassene Arbeiter vernimmt, kann man so 
furchtbare Vorwürfe in die Welt schleudern, dessen höchster darin 
besteht, daß hier im Auftiage der Alliance israelite das Vaterland 
wehrlos gemacht werden sollte. Das kann man kaum ernsthaft 
nehmen. Es ist erwiesen, daß Löwe und Kühne ihr Bestes daran- 
gesetzt haben, um dem Staate gute Gewehre zu liefern. Den 
Schutz des § 193 hat der Gerichtshof dem Angeklagten nicht zu- 

357 



gebilligt, da die beleidigende Absicht klar zutage liegt und der Ge- 
richtshof der Meinung ist, daß der Angeklagte nicht den ernsten 
Willen hatte, eventuell noch rechtzeitig eine Publikation der 
Broschüre zu unterdrücken. Dagegen sprechen seine eignen Aus- 
fuhrungen im Anfang der Broschüre, und es scheint so, als hätte 
in dieser Beziehung der Angeklagte den Henn von Langen düpiert. 
Der Angeklagte hat sich demnach dreier strafbarer Handlungen im 
Sinne der §§ 185 und 186 schuldig gemacht. B4it Rücksicht darauf. 
daB der Angeklagte das öffentliche und Staatsinteresse gef&hrdet 
hat und zwar bewußt gefilirdet hat, bat der Gerichtshof den An- 
geklagten zu einer Gesamtstrafe von fünf Monaten Gefängnis* 
verurteilt." 

Nachdem die fünf Monate erfüllet waren, wurde begreiflicher- 
weise Ahlwardt im Triumph aus dem Gefängnisse abgeholt, er 
hieß fortan der Rektor aller Deutschen, der Retter des Vater- 
landes, auf einem konservativen Parteitage wurde ihm gehuldigt 
(,, Lieber 10 Ahlwardts als einen Preisinnigen!"), man schickte 
ihm Lorbeerkränze, Gedichte, verkaufte Ahlwardt- Büsten, Ahl- 
wardt-Zigarren, wählte den großen Mann in den Reichstag. Hier 
war er denn nun in der Lage (1893), seilte Anklagen von neuem 
vorzubringen. Aber der preußische Kriegsmlnister von Kalten- 
born-Stachau lehnte es ab, ihm zu antworten, indem er sich auf das 
Urteil des voraufgegangenen Prozesses berief, auch halte er eine 
Debatte über den Gegeristand ,. nicht vorteilhaft für das Vater- 
land"; der Reichskanzler Caprivi wandte sich auch gegen die 
Konservativen, ,,die die offene und unverhullte Teilnahme mit 
dem Manne zum Ausdruck brachten, der infolge des Prozesses 
verurteilt worden ist, und der das deutsche Heer in 
einer Weise angegriffen und geschädigt 
hat, wie das von einem Deutschen bisher 
so weit ich weiß, überhaupt noch nicht ge- 
schehen is t." Es entstand lebhafter Beifall links, Uru\ihe 
rechts, trat aber keiner der Konservativen für Ahlwardt ein'). 

) Der Antisemit Böckel sagte im „Reichsherold": „Tatsache ist, daß 
Ahlwardt gewaltige Geldmittel zur Hand gehabt hat und noch hat, und dir 
50 000 Mark Kaution aus rein antisemitischen Quellen nicht gcflosMO 
sind. Erklirlich wird dann auch die Haltung der Deutsch- Koiud vatJvaa 

35» 



Was blieb diesem übrig, als die große Sache mit den Juden- 
flinten nun in Versammlungen weiter zu betreiben und gegen 
dreißig Pfennig Eintrittsgeld jegliche Rücksicht fallen zu lassen, 
alle Juden jetzt vollständig zu vernichten? 
Bisher hatte er noch zurückgehalten, um sie zu schonen — so saß 
auch vor einiger Zeit in einem sehr großen Hause, in einem König- 
lichen Landesinstitute ein Herr, der zu urinieren Anstand nahm, 
um nicht die Welt zu überschwemmen — jetzt richtete der strack- 
liche Held Ahlwardt sich auf in der vollen Judenhaß-Majestät 
und im ganzen Schmuck aller ihrer Abscheulichkeiten und 
Lächerlichkeit: ,,Und gegen Löwe und Kühne sind Schinderhannes 
und Rinaldini wahre W.aisenknaben", und jetzt deckte er es auf, 
wie die Juden den alten Kaiser Wilhelm hätten umbringen wollen 
(trotzdem der Judenfreund war — „aus gewissen Dankbarkeits- 
rücksichten") usw. usw. 

Auch im Reichstage ging er Deutschland abermals mit einer 
gewaltigen Sache mutig und unerhört unter die Augen, indem er 
das Gesetz über den Reichsinvalidenfonds als einen Blödsinn hin- 
stellte, zustande gekommen ,,nach Verhandlungen hinter den 
Kulissen mit den großen Börsenjuden, die nicht dulden wollten, 
daß die Regierung große Kapitalien in die Hände bekäme"; es 
hätten Verhandlungen stattgefunden, bei denen das deutsche Volk 
uncer Mitwirkung von hohen Regierungs- und Reichstagsmit- 
gliedern zugunsten des Judentums um Hunderte von Millionen be- 
trogen worden sei. Ungeheure Aufregung erhob sich ob dieser 
neuen genialen Behauptung Ahlwardts, einer wahrhaft genialen 
Behauptung; denn er hatte sie aufgestellt noch bevor er Beweise 
für sie besaß, also rein intuitiv, oder noch genialer: wie die Natur, 

zu Ahlwardt im Wahlkreise Friedeberg-Arnswalde, erklärlich wird vor 
allen Dingen die ganze , Judenflinten- Geschichte'. Ahlwardt muß ein- 
flußreiche Hintermänner haben, woher sonst jene bekannten 6 militärischen 
Aktenstücke ? Zufällig ist auch das offene Eintreten der Konservativen, 
und zwar hochgestellter Beamter für Ahlwardt bei der Stichwahl nicht. 
Die Herren glauben Morgenluft zu wittern, ebenso wie die Konservativen 
auf Tivoli, die in Hochs auf Ahlwardt ausbrachen. Die ganze reaktionär- 
feudale Klique glaubt ihre Zeit gekommen und meint in Ahlwardt den 
Mann gefunden zu haben, der sie, nachdem Stöckers Bestrebungen miß- 
lungen, wieder in den Sattel hebt." 

359 



wenn sie z. B. beim Zahne zuerst die Krone wachsen ItBt und 
hinterher die Wurzel. Der Reichstag war aber — gleichfalls wie 
die Natur — mit der Krone der Behauptungen nicht zufrieden, 
und auf der Stelle fing nun die Wurzel an zu wachsen in Gestalt 
von Aktenstücken, die alles unwiderleglich bewiesen. Trotzdem 
erklärte, nach Prüfung dieser Beweise durch den Seniorenkonvent 
des Reichstages, deren Berichterstatter Graf Ballestrem: ,.Die Ver- 
trauetukommission des Reichstages hat eirutimmig beschlossen, 
zu erklären, daB die ron dem Abg. Ahlwardt vorgelegten Akten- 
ttücke durchaus nichts enthalten, was die Behauptung des Abg. 
Ahlwardt in der gestrigen Sitzung irgendwie unterstutze, und 
ruchts enthalten, was gegenwärtige oder, frühere Mitglieder des 
Reichstages, eines deutschen Landtages, der Retchsregierung oder 
einer deutschen Landesregierung im mindesten belastet. Meine 
Herren, wenn jetnand, wenn besonders ein Mitglied des Reichstags 
solche Beschuldigungen gegen Mitglieder des Reichstages oder der 
Regier\mgen vorbringt, so kann er dies nur tun, wenn er die Be- 
weismittel sofort zur Stelle hat und auf den Tisch des Hauses 
niederlegt. Wenn er dies aber tut in einer Sitzurig, auf welche eine 
längere Pause folgt, wo durch Wochen hindurch diese Beschuldi- 
gung unerwidert und unwiderlegt durchs Land geht, so ist das ein 
Benehmen, welches im Deutschen Reichstag bis jetzt Gottseidank 
noch nicht vorgekommen ist, und welches richtig zu qualifizieren 
in parlamentarischen Ausdrücken äußerst schwer sein wurde. 
Diesen Gefühlen wurde Ausdruck gegeben in der Kommission, 
und die ganze Komnussion ist ihnen einstimmig beigetreten." Ahl- 
wardt konnte eine derartige Erklärung, nachdem man doch in 
seine Akten Einsicht genommen hatte, gar nicht begreifen, ihm 
stand eine ganze Zeit lang sein Verstand- Surrogat still, alsdatin 
aber sprach er von , .Vergewaltigung" und von noch mehr 
Akten, er wurde schlachtheiO und sprach von ungeheuer viel 
Akten, von Katarakten von Akten, gab auch endlich ..neue Akten" 
heraus und blieb bei allen seinen Anklagen. Aber der Fitxaru- 
minister Miquel sagte: ,,Sich mit Ihnen einzulassen. Herr Ahl- 
wardt. ist gefahrlich; denn Sie halten Treue schlieBlich gegen nie- 
mand. Wenn man sich aber hier im Deutschen Reichstag m.it 
solchen Leuten beschäftigen m.uß. so ergreift einen ein tiefer n.ora- 

36« 



lieber Ekel, und man weiß nicht, ob es nicht doch geraten wäre, 
zu erwägen, wie man sich gegen diese Dinge hier im Reichstage 
schützen könnte." Wieder wurde geprüft, acht Tage lang, durch 
eine neue Kommission von 21 Mitgliedern, darunter Ahlwardts 
Freund, dei Judenhasser Pickenbach; dann hieß es, man habe 
nichts als blauesten Dunst gefunden. Einer der Berichterstatter, 
der Zentrumsabgeordnete Forsch, sagte in seinem Referat: ,,In der 
Kommission ist es zu Erwägungen darüber gekommen, ob die 
Kommission in irgend einer Form die Beschuldigung Ahlwardts 
ihrem wahren Werte nach qualifizieren sollte. Die Kommission 
hat davon Abstand genommen, weil innerhalb der Schranken, 
welche die Ordnung dieses Hauses setzt und welche der Würde 
desselben entsprechen, eine Qualifikation für die Beschuldigungen, 
die auch nur einigermaßen die Sache träfe, sich gar nicht finden 
läßt." Ahlwardt erfuhr noch weitere Verurteilungen wegen Be- 
amtenbeleidigung. ,,Der Gerichtshof habe keinen Zweifel gehabt, 
daß es dem Angeklagten, der seine ursprünglich gegen die Semiten 
gerichteten Angriffe auf weitere Schichten zu übertragen liebe, 
gar nicht darauf ankomm.e, die Beamten in schmählichster Weise 
der Korruption zu bezichtigen. Er habe auch die Absicht der Be- 
leidigung gehabt. Mit Rücksicht darauf, daß der ganze Beamten- 
stand aufs schmählichste verdächtigt und verleumdet worden, habe 
der Gerichtshof wie geschehen erkannt." (Zu drei Monaten Ge- 
fängnis.) Aber Ahlwardt wurde nur ein immer wilderer Jäger, und 
immer brüllender ließ er sein Stimm erschallen sowohl in Ver- 
sammlungen, gegen Eintrittsgeld und Tellersammlungen, wie in 
einem Zigarrengeschäft und auch durch die schriftliche Luftröhre 
eines Wochenblattes. Der Gestrenge, dem keinerlei Schlechtigkeit 
verborgen blieb als die eigne^), wandte sich jetzt gegen alle er- 
denklichen Schlechten in der Welt, darunter natürlich auch die 
Juden, die inzwischen nicht allein noch nicht vernichtet, sondern 
sogar immer noch in Deutschland waren. Es ging jetzt — im 
galoppierenden Typ — gegen den Jesuitismus^), gegen die Junker, 



seine Tochter hat ausgesagt, er sei der schlechteste Mensch, der je 
gelebt. 

") den man ebenso wie seinen Stifter unter uns auf das ungeheuerlichste 
verleumdet. Loyola war aber eine großartige Natur, heroisch und heroisch 

361 



gegen die Fürsten und zuletzt gegen die — Antisemiten, die sein 
Gesch&ft, das Zigarrengeschift, ,, systematisch in die schwersten 
Bedrängnisse gebracht" und ,, durch Heimtücke, Verrat und 
falsches Spiel die herrliche Bewegung vernichtet hitten." Aber 
was schrieb ich öa: Zuletzt? Ahlwardt wuBte noch rin Zualler- 
letzt. Zuletzt, da nichts andres mehr half und auch die (in dem 
Dahsel-ProzeO enthüllte) Erpressertltigkeit nichts mehr ein- 
brachte, wußte er in der Tat noch ein erstaunliches Zuallerletzt. 
Als ich davon hörte — ja, hitte einmal in einer schonen, verrückten 
Nacht der Mann im Monde mir seinen Hinterkopf zugekehrt mit 
üppigem Celock, oder wenn plötzlich mein lieber Pudel Ponto 
mich Mama gerufen hAtte, ich glaube nicht, daß mir Mund und 
Augen noch länger offen geblieben wären als damals, als ich 
d a von hörte! Zuallerletzt wollte Ahlwardt — er hätte seine 
Meinung geändert und sei in sich gegangen (da ging er an einen 
schlimmen Ort!) — zuallerletzt wollte Ahlwardt den Juden Treue 
halten!!! was denn doch wohl von allem das Ungeheuerlichste ge- 
wesen wäre, was er jemals in seinem Leben ihnen zuzufügen ge- 
dachte. Und diese zuallerletzt, nach solchen antisemitischen 
Strapazen, gegenüber den Juden wieder auferstehen wollende Un- 
schuld und Treue erbringt den unwiderleglichen Beweis, wenn da- 
für noch einer nötig ist: daB dieses Judenbezwingers Heldentum 
ganz gewiß rücht nur aus Vertiefung in den Volltrunk der Narrheit 



konsequent, und die schoU aifectus, die er »ich auferlrgtc, ist bcwund*» 
rungswOrdig. Wie in jedem bo auch in leincfn Falle, tn »etnem Falle aber 
besonders deutlich: dte sich voUbringendc, d. h. die Wirklichkeit werdende 
Idee inkamiert sich zuerst in einer Pers< -it, ehe sie unpersönliche 

Macht unter den Mcnschao wird; in dener. ... ..ts als die Idcco leben und 

fcf eneinandcr kimpfcn. Ohne daB ihm etn Motiv bewuBt geworden, ohne 
jegliche Ahnung des Wohin, bildete sich Lojola und ward er xum großen 
geschichtlichen Cegerutücke Luthers, zum Werkzeuge der Reaktion. Die 
Jesuiten sind eine höchst bewunderungswürdige Instituüon der ronuscbcn 
Kirche, der man den K^r^r^t fOr ihr Ideal und die Antwort auf den 
Protestantismus nicht v< . kann. An den Jesuiten besitzt die römiscbe 

Kirche ihre besten, trcucstan und aufopferungsTollsten Kämpfer; was 
unter uns Abscheuliches ihnen nachgesagt wird, das sagt der Haß gegen den 
Katholizismus. Man crumcre steh hier auch dessen, was oben ( S. 371 ff.) 
über die Macht des Anersiehans gesagt worden. Dafür bietet der Jesuitismus 
das klassische Beispiel. 

.16» 



2U erklären ist und daß sein Verstand noch nicht einmal das 
Schwächste in seiner Seele gewesen — stark war seine Seele, 
alle Grundweisen ließ er weit hinter sich an Gemütsstärke u|id 
Selbständigkeit, indem er sich unabhängig erwies sogar von 
seiner eignen Überzeugung. 

„Eine Intelligenz niederen Ranges, schreibt der Antisemiten- 
Spiegel, ein unredlicher Charakter, wurde Ahlwardt von einem 
Teil der deutschen Bevölkerung wie ein Volkstribun gefeiert, weil 
sein Programm nur auf das dumme „Juden raus" gestimmt war. 
Ahlwardts Höhe und Sturz ist nicht eine Schande für diesen Mann 
— was ist uns Ahlwardt ? sondern eine Schmach für die deutsche 
Nation. Die Schädigungen am deutschen Volkskörper, die sein 
agitatorisches Wirken zur Folge hatte, sind noch heute schmerz- 
lich zu spüren; aber es heißt politisch kurzsichtig sein, wenn man 
diesen Mann dafür verantwortlich macht. Die Hauptschuld trägt 
derjenige Teil des deutschen Volkes, welcher diesem politischen 
Charlatan und Hanswurst seine Gunst geschenkt und damit seine 
politische Unreife bewiesen hat." Jawohl, ja, die politische und 
gesellschaftliche Unreife, — und darum nützt uns auch keine 
Leichenschau derartiger Blamagen: die Blamagen werden bei uns 
nur Scheinleichen, sie leben anabiotisch weiter, stehen wieder auf 
und zeugen Kinder. Bei den Judenhassern ist nicht einmal Ahl- 
wardt tot (der sogar in der konservativen Presse wieder aufzuleben 
beginnt!) und unter den Judenhassern gibt es mehrere seines- 
gleichen; sind auch nicht immer die Umstände danach, daß einer 
erhoben wird, wie damals Ahlwardt von jener Welle der neunziger 
Jahre, von jener hochgehendenWelle des Hasses mit all dem Schaum 
und Abschaum, so ist man doch auch im allgemeinen weit davon 
entfernt, den wahren Charakter der aus ihnen hervorwirkenden 
materia peccans zu erkennen: des gesellschaftlichen Anarchismus, 
der an den politischen Anarchismus und Terrorismus heranspielt, 
und der, wenn er nach der Konsequenz sich entwickeln könnte 
(nach der Konsequenz des naturrechtlichen Prinzips), keinen Halt 
kennen würde, und endlich ginge es wie bei Ahlwardt und vielen 
seinesgleichen: Antisemiten gegen Antisemiten, daß sie ineinander- 
fallen und sich selbst zerfleischen. Das ist nicht nur Ahlwardt, 
der auch gegen Pfaffen, Junker und Fürsten wütet — erst kürzlich 

363 



wieder hat einer Cefingnif bekommen wegen seines ..Beweis« 
Materials gegen Jahweh", hat ein andrer von ihnen eine Schrift 
herausgegeben ..Wenn ich der Kaiser wir", und ich erinnere an 
das oben im Abschnitt von den politschen Parteien aus dem Semi- 
Gotha angeführte. Der Antisemit meint, er wirs; wie die Welt 
sein soll, ist bei ihm xu erfragen. Die Dümmsten des Landet, 
die sich für die Klügsten halten, obwohl sie, infolge ihres Hassen», 
tagtlglich noch dummer werden, und die Verkommensten, 
als sittliche Muster sich aufspielend, wollen unser Deutschland 
meistern und Ichren und haben ihm schon manche Frucht des 
naturrechthchen MiOwachses in seinen Garten gesetzt. 

Alle Deutschen, die politisch reif und von gesellschaftlichem 
Verantwort\jng$fuhl beseelt sind, mOssen zusammenstehen gegen 
die Kooperation der Dummen, der Unreifen, der Verwirrten, der 
windgeblahten Narren, der getellschaftlich-polilisch Irrsinnigen 
und des ebenso kecken wie verlotterten und ruchlosen Gesindels — 
ein langer Zug, von welchem den Zugführer der Antiscnütismus 
macht. Auf unsre Antisen itenfrage können nicht die Juden allein 
die Antwort geben: der Ant»i>mitiirou» geht, da er antinational ist, 
unsre ganze Nation an. die Reaktion dagegen mufi in der Nation 
merkbar sein; die Reaktion bringt die Heilung oder doch Milde- 
rung'). Darum müssen hier die Deutschen von andrer Abttam- 



*) Theodor Moaunsen: „Dm Kalamitlt 6t» AntiimUtiMnus ist ein 
organischer Schadan unarer Natioo, der nicht aig (rhetit. sondern 

nur TerwÄchscn (cmacht werden kann durch die rteif «»de Humanisicning 
der Deutschen. Wer^n unser Osten auf der r Hohe der Kultur stehen 

wird wie unser Westen, so wird der AnUscnuu»>iua tuchl schlechthin b*> 
•eitict, aber so weit turOckgcdrtngt setn, wie dies bei organladicn Lindern 
mfiglich ist. Bis dahin ut es wohl zweckmAfitg, den groben Fälschungen 
und Verdrehungen der Antisefniten im d niehwn ru antworten und auf 
den groben KloU einen groben Keil lu setxen." Ein andres Mal AuAcrte 
tich Monunsen: ..Gegen den Pobel gibt es keinen Schutz - ob es nun der 
Pöbel auf der Straße oder der Pöbel im Salon ist, das macht keinen Unter- 
schied: Kanaille bleibt Kanaille, und der Antiscmiti«nus ist die Gesinnung 
der Kanaille. Er ist wie eine schauerliche Epidemie, wie die Cholera - 
man kann ihn weder erkUren noch heilen. Man muß geduldig warten, bis 
sich das Gift ron selber austobt und seine Kraft vrrliert Man muÄ 



mung mit den Deutschen von jüdischer Abstammung zusammen- 
wirken. Das ist unser aller Pflicht, die wir Deutschland lieben um 
seines Wesens willen und für seine Zukunft schaffen, die wir 
wollen, daß unsre Nation einiger werde, damit unser Staat mäch- 
tiger werde; denn Einigkeit der Nation ist der Fels, auf den allein 
wir die Macht unsres Staates gründen können, die einige Nation 
ist die sittliche Grundlage und Garantie des Staates — : wir müssen 
hindern, daß Deutschland verunstaltet werde und Schaden nehme 
von innenher, ja das wollen wir hindern mit dem gleichen Ernste, 
womit wir seinen äußeren Feinden im Kriege wehren würden. Der 
Friede fordert die gleiche Hingebung an das Vaterland, welches 
ir nur, wenn es Krieg gilt, im Augenblick alle nationalen Kräfte zu- 

sammenpulsieren macht, daß dabei, im Fluidum der Begeisterung, 
die Gegensätze sich lösen; und in dem allgemeinen heroischen Auf- 
schwung und in der allgemeinen heroischen Unterordnung unter 
den Einen Zweck fühlt wohl auch der Stumpfste sich wunderbar 
mit angerührt! Aber der Krieg ist immer nur um des Friedens 
willen; und der gilt mir wenigstens nur erst ein halber deutscher 
Mann oder doch nur von halber Bewußtheit für das Vaterland, 
der von andrem nicht als vom Kriegsdienste weiß, des Friedens- 
dienstes aber sich müßig hält und den idealen Geboten des in 
der Nation zu verwirklichenden Rechtsgedankens den Gehorsam 
weigert. Hier gibt es für einen jeden zu erkennen, zu wollen, zu 
vollbringen; hier gilt, für jeden an seinem Teile, eine beständige 
Pflicht, deren Erfüllung aus Freiheit dem wahrhaft vaterlands- 
bewußten Manne nicht anders als erhabenes und beglückendes Be- 
dürfnis sein kann! 

Ich wende mich an alle deutschen Männer, auch an die- 
jenigen, auf die wir blicken in den Tagen der Kriegsgefahr. Die 
sollen gleichfalls mit uns zusammenstehen auch für diesen 
Friedensdienst, der dem Vaterlande mehr bedeuten kann als ein 
gewonnener Krieg, der ihm zu unberechenbarem Segen gereichen 
muß, das ist fest und gewiß. An die einzelnen unter ihnen wende 
ich mich, an die Tapferen, die für die hohen Aufgaben der Nation 



geduldig warten, bis die im Grunde doch gesunde Natur des Volkes sich 
von selber aufrafft und den faulen Stoff aus sich wirft." 

36S 



auch im Frieden von keinem Frieden wissen — — — Hort 
denn jemals der Krieg der Menschen gegeneinander auf ? Ist das 
nicht auch Krieg, dieser Krieg ohne Blut und doch mit so viel 
Elend und Greueln! Ich wende mich an die ganz Tapferen mit 
dem ,,aristidischen Zug" im Herzen, an die ganz Tapferen von 
der Tapferkeit im Friedensdienste, die so groß und größer ist als 
alle Tapferkeit im Kriegsdienste; denn mir ist nicht verborgen: 
Ferreus est ai quis, quod sinit alter, amati Ich weiß aber, es sind 
solche Ferrei, solche etseme iJAnner unter ihnen, die sich der 
guten, ob auch von den meisten verlassenen Sache annehmen und 
damit dem Vaterlande zu dienen wissen auf Glücken oder Mif^ 
glucken, ohne Dank auch gegen Undank. Sie mögen hervortreten, 
diese M&nner. die nach der Pflicht der Manner sich aufklären über 
ihre Voiurteile, die ihr Rechtsgefuhl und Gewissen verbessern und 
mehr und mehr in die Hohe bringen aus dem, was es gewesen, 
Rechtsgefuhl und Gewissen auf Grund ihrer Vorurteile, in wirk- 
liches, absolutes Rechtsgefuhl und Gewissen, und die, soweit sie 
zu solchem allerhöchsten und wahrhaften Aristokratismus 
unvermögend bleiben, es sich doch nicht ge- 
statten, gegen unterdrückte Menschen nach 
ihren Empfindlichkeiten sich zu richten. 
Nicht zuletzt auch, vielmehr garu besonders, wende ich mich an 
unaern deutschen Adel. Das wür^e unserm Adel zur Ehre ge- 
reichen, wenn aus ihm solche hervorkommen wollten mit solchem 
Mute für den Friedensdienst; die glnzlich das überwunden haben, 
was nicht hoher ist, als der Mut: den Hoch- 
mut — , und die solch eine Verbindung mit Juden eingehen. 
Es kommen ja welche und verbinden sich mit Juden und mit 
Jüdinnen und benehmen sich menschlich gegen sie. Der Jude 
ist waiirscheinlich ein armer Jude, dem der Adelige Geld gibt, 
und es ist wohl eine arme Judin, die der reiche Adlige heiratet ? 
Oder wie ist das ? Kommen nur solche, die mit Jüdinnen sich 
verbinden und sich da vielleicht als Ferrei erweisen, um Aurd 
zu werden?! Deutscher Adel, Hunderte deiner Famihen haben 
in ihre Adern jüdisches Blut eingegossen — deutscher Adel, 
ich frage dich: wieviele deiner M&nner haben für die Sache der 
Juden ihre Pflicht getan und ihren Adel bew&hrt wie Ulrich 

366 



von Hütten, der Adlige, der auch so viel wie möglich 
wirklich adlig zu sein und zu handeln 
wünschte? wie viele haben den wahrhaft ritterlichen 
Charakter bewährt, der kein Dahocken und Mitansehen 
begangener Niedertracht zuläßt, weil er an sich selber 
Kraft und Tätigkeit ist für das Edle in der Welt und zur 
Verteidigung des unverteidigten Rechts? Ganz gewiß von 
großartigem sittlichen Verantwortungsgefühl ist beseelt, wer adlig 
sich nennen mag, und klar steht ihm vor Augen die besondere 
Wechselbeziehung zwischen den Vorzugsrechten, die er genießt, 
und den Vorzugspflichten, die er sich selber auferlegt — deutscher 
Adel, wieviele deiner Männer werden hervortreten und ihre Pflicht 
tun? 



367 



WAS SOLLHN DIE JUDEN TUN? 

Was nun noch zu sagen wäre, sind, auf Grund des Gesagten, 
einige bestimmtere Vorschl&ge und RatschlAge, deren letzter ganz 
besonders mir von hoher Bedeutung erscheint. Seine Befolgung 
wird ohne Zweifel für die Juden, und zwar für die Juden aller 
Länder, nicht nur ein Mittel der eignen Vervollkommnung sein, 
sondern auch eine neue Waffe ihnen in die Hand geben gegen ihre 
Feinde; weswegen ich mich entschließe, um diesen wichtigen 
Punkt eindringlicher herauszubringen, eine vor langen Jahren 
verfaßte Rede mit abdrucken zu lassen. Ich tue dies heute, ob- 
wohl ich für mich selber heute keineswcft mehr nach allen 
EirtteUieiten auf dem Boden dieser Rede stehe. Wieweit nicht 
mehr, das wird den AnhJlngern der Lehre ohne weiteres klar 
werden, für andre Leser ist es gleichgültig. 

Zunächst sei die in den früheren Ausfuhrungen bereits ent- 
haltene Warnung wiederholt: die Juden mögen überaus auf der 
Hut sein, von ihren Feinden anzunehmen, und daß sie nicht die 
fremde verneinende Vorstellung von ihrer Existenz mit der eignen 
bejahenden zusammenbringen. Wer das tut und nach der 
fremden, feindlichen Auffassung sich richtet, zeigt damit an, daß 
er nicht zur reinen Vorstellung von seiner Freiheit gelangt ist; und 
da er dennoch unausbleiblich in der beständigen innerlichen Er- 
fassung seiner selbst lebt und nicht umhin kann, auch der Vor- 
stellung davon zu folgen, so versetzt er in sich hinein den be- 
deutendsten und unheilvollsten Widerspruch, der sich immermehr 
in sich, in ihm, spannt und endlich das Herz zerreißt. Die Kon- 

3M 



fundierung jener zwei Vorstellungen ist tatsächlich ein beständiges 
Ruinieren des Selbst, und in praxi, in dem dadurch entstehenden 
Dualismus der Lebensführung, das gerade Gegenteil von Freiheit 
der Selbstdarstellung des eigentlich eigensten Wesens. Begegnet 
man nun wohl gar nicht selten Individuen, deren ganzes Leben ein 
Hin und Her erscheint zwischen der wirklichen Eigenheit und den 
fremden Urteilen, Bestimmungen, Beeinflussungen, und die immer- 
während im labilen Gleichgewichte der Schwächlichkeit sich 
halten von einer Blamage zur andern: so ist doch allzu erstaunlich 
jämmerlich, wenn eine ganze Gruppe der Bevölkerung so sich ver- 
hält. Das tun nicht die Protestanten wegen der Katholiken und 
nicht die Katholiken wegen der Protestanten, -das tun nicht die 
politischen Parteien wegen ihrer Gegner — alle richten sie den 
Blick in sich hinein und alsdann auf ihren Weg und auf ihr Ziel. 
Das tun nur die Juden, daß sie Selbstbeschimpfung, Selbstschädi- 
gung, Verrat und Brandstiftung am eignen Hause üben und be- 
ständig den Teufel an die Wand malen — der kommt denn auch 
und holt die schlotternden Maler, die ihm noch das Feuer schüren, 
worin sie geschmort werden sollen; — das tun die Juden, die heute 
unwürdiger und schwächer sich halten als jemals und selber zum 
Knechte sich bieten, da doch die Freiheit vor der Türe wartet. So 
ist es, trotz dem Judenhaß durch das religiöse und durch das 
rassentheoretische Mittel. Jedenfalls sind die Juden heute besser 
daran als seit zwei Jahrtausenden; denn sie sind nicht mehr auf die 
passive Verteidigung beschränkt: die Seele ist ihnen wieder- 
gekommen, aus der sie sich selber ihre Zukunft schöpfen, sie sind 
wieder aktive Menschen geworden, sie können kämpfen imGegen- 
kampf . Alles hängt ab von ihrer Tapferkeit, Klugheit, Geduld, Aus- 
dauer, Treue gegen sich selbst, daß sie immer ganz für sich stehen 
und dabei nichts zur unrechten Zeit und nichts über das Maß 
treiben; von der Ehre, die sie sich selber geben und nicht zuletzt 
auch von der Härte gegen sich selbst in der Überwindung ihrer 
Schwäche. Ihre Schwäche, mögen sie wissen, ist ihr allerärgster 
Feind; ihre Schwäche sollen sie als den gefährlichsten Antisemiten 
ansehen. Keiner ist ihnen gefährlich, wenn nur nicht sie selber es 
sind; die Schwachen unter ihnen, die angesteckten Juden sind die 
Bundesgenossen des Hasses, der heute von niemandem als von 



36^ 



24 



diesen wieder zu einem verhingrusvoUen Erfolge gebracht werden 
kann. Mögen nur die Juden niemals das werden, was ihre Haster 
aus ihnen machen wollen, sondern bleiben was sie sind; mögen 
nur die Juden Juden sein — keine Gemeinschaft kann Besseres, 
Frommeres und Nutzlicheres sein als ganz wahrhaft sie selber. 
Mögen die Juden Juden sein und auch lo »ich nennen: Juden und 
nicht einmal Israeliten, als sei das ehrenvoller und vornehmer; 
eine Zeit lang war auch bei Nichtjuden Mode, diesen feinen Unter- 
schied zu machen, indem sie z. B. ,, Israelit" sagten beim Geld- 
borgen und ,, Jude", sobald sie wie<ler bezalilen sollten ~ Geld ist 
ja überhaupt von mJLrchenhafter Wirkung: gegen Geld fhegt Anti- 
semitismus heraus wie Eisen gegen den Magnetberg. — Mögen 
die Juden richtige Juden sein — möchtens alle wieder werden, 
die es heute nicht sind! — richtige Juden, die in ihrem Recht und 
ihrer Würdigkeit sich erkennen, danach sich halten und unbe- 
kümmert das ihrige vollfuhren, wovon sie wissen, daß es gut ist 
und auf festem Grunde steht. Sollen sie geringer von sich denken, 
weil sie Feinde haben ? — und gar solche Feinde, die solches von 
ihnen denken ?! und ihnen so viel Schande nachsagen, wie zehn- 
mal mehr Juden in der Welt nicht tragen könnten? Und so soUs 
denn auch der zehnte Teil, so soUens denn auch die in der Welt 
wirklich vorhandenen Juden nicht tragen! Die judenhasserischen 
Vorstellungen von Juden hal>en nichts gemein mit den wi/klichen 
Juden, welche die Juden selber sind. Immer voran geradaus, trotz 
all dem blinden Schreiben und Treiben; nur nicht gleich aus dem 
Häuschen und zugefahren, ob auch die Narren noch so sehr mit 
ihrer Narrheit auf sie stochern. Was tuts im Grunde ? Dreck 
hingt sich überall an die R4der: je schneller wir fahren, desto 
schneller fliegt er wieder herunter; und zum Fahren muß man 
Hunde bellen lassen — singen können sie nicht. 

Was ich vom GezAxik und Gezerre wegen der Einzelheiten 
denke, ist bereits gesagt. Freilich werden immer von neuem die 
Anschuldigungen erhoben, und so muß auch immer von neuem die 
Abwehr erfolgen ? Freilich immer von neuem werden die An- 
schuldigungen erhoben, aber immer von neuem sind es die alten 
Anschuldigungen, die wie Steine eines Geduldspiels aneinander- 
gesetzt werden. Immer wieder die alten Phantastereien, die allen 

370 



Entstellungen, die alten Fälschungen^), daher auch die Abwehr 
immer das Alte wiederholt; und die Schriften gegen und für die 
Juden sind bereits das Allerlangweiligste von der Welt, auf ein 
Haar gleichend den mittelalterlichen Disputationen zwischen 



1) Es muß ausdrücklich gewarnt werden, daß man keiner Angabe, 
keinem mit Anführungsstrichen beigebrachten 
Zitat, keinem Dokumente in den Schriften und in der Presse der Juden- 
hasser ohne weiteres traue: mit der Regelmäßigkeit der Sonne, die jeden 
Morgen wieder im Osten aufgeht, trotzdem sie jeden Abend im Westen 
untergehen muß, tauchen die uralten, ungezählte Male ad absurdum ge- 
führten Fabeleien immer wieder in neuem Strahlenglanze herauf. Wieder- 
hole ständig die Behauptungen! dies ist das Rezept des Antisemitismus; 
bei der Sachlage, wie sie nun ist, und bei dem Zustande des Menschenurteils 
unfehlbar. Die Behauptungen bedürfen keines Beweises, keiner Stütze, 
nur der antisemitischen Lunge ; so sind alle Widerlegungen ohnmächtig. 
Die allergründlichsten Erweise, daß es sich um Erfindungen und FäU 
schungen handle, bleiben unbeachtet, die völlig aus der Luft der Nieder- 
trächtigkeit gegriffenen Briefe Cremieuxs, Montefiores, die „Rede eines 
Großrabbiners in einer geheimen Versammlung", die gefälschten Aufrufe 
der AUiance israelite und die von Antisemiten fabrizierten und Juden unter- 
geschobenen schändlichen Pamphlete auf das Christentum und alle die 
tausend Lügen und gelogener als gelegenen Entstellungen werden immer 
wieder hervorgeholt, die hunderttausendmal widerlegten unsinnigen An- 
schuldigungen immer von neuem narriert. Dagegen sagte schon Rießer 
im Jahre 1831: ,,Esist eine freche Lüge, daß irgendwo unter uns im Namen 
der Religion eine Moral gelehrt wird, die zwischen Pflichten der Redlichkeit 
gegen Glaubensgenossen und Andersglaubende unterscheide, die den 
Wucher und die Übervorteilung der Christen erlaube, die den Ac erbau und 
die Viehzucht mit Verachtung belege und was des Unsinns mehr ist. Wenn 
Ihr Schulen oder gottesdienstliche Häuser kennt, in denen solche Schänd- 
lichkeiten gelehrt, wenn Ihr Lehrer kennt, durch welche solche frevelnde 
Tollheiten im Namen der Religion verbreitet werden, so bezeichnet uns 
jene Schulen, nennt uns jene Lehrer, damit die Schulen geschlossen, die 
Lehrer als Gotteslästerer dem Abscheu der Menschheit und ihrer Glaubens- 
genossen und als Verderber der Jugend der strengen Strafe der Gesetze 
überliefert werden! Seid Ihr aber dazu nicht imstande, wie Ihr es nie wart 
und nie sein werdet, so bedenkt, daß unerwiesene Verleumdungen auf das 
Haupt derer zurückfallen, von denen sie ausgegangen! Diese Aufforderung 
sollte billig das letzte Wort sein, das irgend einer unsrer Glaubensgenossen 
an eine Erwiderung auf Behauptungen verschwendete, die von jedem 
Ehrenmanne mehr wie tückische Beleidigungen gerächt, als wie an- 
klagende Behauptungen widerlegt werden sollten." 



J7I 



24" 



Christen und Juden — übler wird einem xu Mute als den Be- 
wohnern W&lhAlls sein mufi, die jeden Tag dasselbe Schwein ge- 
schlachtet und gekocht bekommen, welches jeden Abend wieder 
lebendig wird: immer oder wird das Öde, immer blöder das Blöde, 
und immer oder und biOder wird auch das Vernunftige und Rechte 
vorgetragen; eine Holle der Wiederholungen, man wunuht 
schließlich in der Tat, machte es nur gar keine Antisemiten 
geben! Darum ist mein Rat, da6 man, amtatt jede neu 
erschienene alte Broschüre axis dem feindlichen Lager mit einer 
neu erscheinenden alten aus dem dfiMn paralysieren zu wollen. 
und dies wollen zu lassen, wer es will, uf^d dem Zufall anheimzu- 
stdlen, ob einer erwidert, und wenn, ob auch mit der erforderlichen 
Kenntnis und im geeigneten Tone, und ob der isoliert Handelnde 
hindurchdringt und mit seiner Schrift die erforderliche Verbreitung 
findet, was schwerlich alles zusammentrifft — daß man, statt de: 
ewigen Wieder k&uerei, durch eine zu emenneiMle Kommission von 
(won.ogltch nichtjudischen) Gelehrten eÜM sachliche und ge- 
nügend ausfuhrliche Darlegung sAmtlicher in Frage komro«Mter 
Punkte zusammenstellen lasse, einmal für immer. Auf dicM Dar- 
legung ist nötigenfalls zu vet weisen in den Publikationen einer 
Gesellschaft, die durch ihre bloße Existenz diejenigen aller 
gehissigsten Anschuldigungen zu nichte machen wird, denen 
durch Broschüren doch auf keit>e Weise beizukommen ist; die eine 
K14rung und St4ikung bedeuten wird nicht allein gegen die Feinde, 
die Judenhasser, sondern auch zugleich gegen die Tcrkehrten 
Freunde, die Ziorüsten; gegen die von der Krankheit angesteckten 
Krariken, die ihnen wahrlich nicht zu Helden und Fuhrern taugen. 
Es soll gegründet werden die Vaterländische Ge 
Seilschaft der Deutschen jüdischer Ab- 
stammung. Ihren Hauptsitz mag sie in Berlin haben, ihre 
Zweigvereine aber überall im Reiche; alle jüdischen Studenten- 
vereine, Turnvereine. Wandervcrcine, Jugendvereine sollten ihr 
sich angliedern, und die Frauen dürfen nicht vergessen sein. Diese 
politisch parteilose Gesellschaft (man wird hoffentlich bald sagen 
können, daß sie Angehörige aller drei politischen Parteien um- 
faßt) .deren Hauptaufgabe sein soll, über den 
Staat die Gedanken zu erhellen und dat 



37 i 



nationale Bewußtsein zu stärken, dieEine 
Nation in sich selber zu festigen und den 
Tendenzen zum Zerfall in Nationen und zur 
Schädigung des einheitlichen organischen 
Zusammenhanges, zum Hineinschaffen von 
Unorganischem in das organische Leben 
entgegenzuarbeiten, mit andrem Worte: das 
Werk der S t a a t s p ä d a go gi k zu betreiben, 
welches zu betreiben ebenso sehr Pflicht 
der Nation als der Regierung ist — diese Gesell- 
schaft muß geeignete Versammlungen abhalten, durch Vorträge 
Mitgliedern und Besuchern Aufklärung schaffen, damit sie für sich 
selber wissen wie auch andern zu erwidern verstehen, und soll nach 
Bedarf Veröffentlichungen herausgeben, in denen also auch 
nötigenfalls auf jene ein für allemal zu entwerfende Abwehr ver- 
wiesen oder ein betreffender Teil aus ihr zum Abdruck gebracht 
wird. Diese Gesellschaft wird zugleich am wirksamsten die Ver- 
tretung vorstellen, von der oben auseinandergesetzt wurde, wie 
schwierig sie für die Juden zu gestalten sei, die Vertretung der 
jüdischen Interessen zur Durchführung der Emanzipation, um die 
Verhältnisse zu bessern und die Macht des Rechtes zu vergrößern, 
und sie kann sich auch der besonders unangenehmen und aller 
derjenigen Fälle annehmen, die aus irgend welchen Gründen eine 
öffentliche Erklärung wünschenswert erscheinen lassen; wobei sie 
immer nach Möglichkeit die Individuen schonen und die Miß- 
gedanken und Übelstände bekämpfen wird. 

Um so eher, als eine derartige Zentralstelle besteht, wird der 
einzelne an Gefühl der Sicherheit und an Haltung gewinnen: da- 
ran fehlt es oft. Möchten doch die Juden stolzer sich halten, und 
ihrer in tausend Schriften wiederkehrenden Versicherung, sie 
seien fortgesetzt bemüht, ihre Fehler abzulegen, möchten sie 
dieser verdammten Selbsterniedrigung derart sich schämen, daß 
sie zukünftig in keiner ihrer Schriften wieder auftaucht. Wem 
versprechen sie so ducksam sich zu bessern ? Doch wohl Menschen, 
die selber auch ihrerseits der Besserung bedürftig wären wahrlich 
so sehr wie die Juden. Oder ist dies gemeint, daß von den Juden 

373 



manche seelisch noch an sich haben, was an die verfolgten und 
unterdrückten Ahnen erinnert, und auch wohl den psychischen 
Ausdruck der Chettovergangenheit ? ( So wie ja auch noch die 
verh&llnismAflig hlufige verkümn-.erte und (ehlerhafte Physis eine 
Erbschaft aus den Zeiten des Unglücks.) Nun. das wird schwinden 
und kann überhaupt nur schwinden, wenn jegliche Verfolgung und 
Unterdrückung aufhört, und ist wohl nicht hürter anzusehen als 
was andre z. B. von ihren andern Vorfahren noch an sich haben, 
die Raubritter und Wegelagerer gewesen; was ebenfalls nachlAOt. 
wenn nicht sie selber von neuem wegelac^m und raubrittern — 
noch aber ist davon tats4chlich bei manchen manches zu spuren, 
bei solchen, die der Freiherr von Stein kennzeichnete, indem er 
tagte: ,,Das ist kein ritterlicher Reichsadel^ kaum ein halb- 
deutscher Adel zu nennen, es ist ein genus hybridum, in welchem 
noch ein Stuck von einem wilden, längst ausgestorbenen, vorsint- 
flutlichen Tier steckt." Und wieder andre haben wieder andres 
an sich von ihren Vorfahren (die m.an nicht kennt, daher ihnen 
auch nicht vorrucken, daher sie auch nicht als zugehörig zu einer 
Gemeinschaft befehden kann) und desgleichen durch sich selber - 
Vererbung und Veränderung, Nachahmung der Gen.einschaft und 
Eigenheit durchdringt sich überall in einem jeden. Durch Nach- 
ahmung und Eigenheit ist jeder der Besondere, der er ist (der Be- 
sondere auch durch seine Nachahmung; denn er fAngt auch diese 
von vorn an auf seine Weise), und durch das VerhAltnis zwischen 
Nachahmung und Eigenheit — im guten wie im schlimmen. W 
ja auch keineswegs alles schlimm oder alles gut. was der Moral- 
kritiker für schlimm und gut erklärt, aber selbstverständlich gibt 
es auch wirklich schlimmes und gutes. Und die Juden — wenn 
man sie recht ansieht, so gewahrt man, daß sie Fehler besitzen, 
dieselben und andre Fehler wie die NichtJuden, aber auch, daß 
sie dieselben und andre Vorzüge besitzen, andre Vorzüge, die den 
NichtJuden keineswegs eignen; und sie mögen nur Acht haben, 
daß sie nicht mit ihren Fehlern auch ihre Vorzüge verlieren. 

Man braucht hinsichtlich der Juden nicht auf dem SUndpunk* 
der Judenfreundschaft zu stehen: man braucht sich nur. wie wir 
das in der obigen Auseinandersetzung getan haben, auf den 
Standpunkt der Menschenkenntnis zu stellen, so gewahrt man einen 

374 



völligen Ausgleich bei Juden und NichtJuden, sowohl hinsichtlich 
der Splitter wie hinsichtlich der Balken, und man gewahrt dann 
ferner, wie die Judenhetzer Narren sind nicht allein über den Juden; 
denn mit ihrem Summa summarum der Erklärungsverrücktheit 
,, Alles Übel von den Juden" beweisen sie, daß sie nicht allein die 
Juden nicht, sondern überhaupt die menschliche Natur nicht 
kennen. (Auch müßten danach die von den Juden am wenigsten 
Verdorbenen oder gänzlich Unbeeinflußten, die Antisemiten 
^ müssten umgekehrte Juden oder die lautersten, die heiligsten Men- 
schen sein; lind welche Gründe könnten sie bestimmt haben, 
das so scharr haft zu verstecken ?) Nicht umsonst nennt die Sprache 
die menschlichen Fehler Menschlichkeiten; wenn nun 
die Juden ebenfalls menschlich fehlen, so ist kein Grund, gegen sie 
teuflisch zu sein und sie anzusehen durch den Spiegel, den der 
Teufel erfunden hat, und den Andersen so gut beschreibt. In diesem 
Spiegel schwindet alles Gute, Große und Schöne zusammen zum 
Unscheinbaren und Häßlichen; was aber nichts taugt und sich 
schlecht ausnimmt, das tritt hervor und wird erst noch ärger; die 
besten Menschen erscheinen widerwärtig, ihre Gesichter verdreht, 
daß sie nicht zu erkennen sind, und hat einer einen Sonnenfleck, 
so kann m.an gewiß sein, daß er sich über Mund und Nase aus- 
breitet. Der Teufel besitzt aber außer diesem von Andersen be- 
schriebenen Menschenspiegel noch einen besonderen Judenspiegel, 
in welchem sich den Juden keineswegs eigne, sondern vom Teufel 
original erfundene Scheußlichkeiten abgebildet zeigen. Auch dieser 
Spiegel zersprang, gleich jenem andern, und unzählige kleine 
Scherbchen, wie Sandkörner, deren jedes die gleiche Kraft be- 
halten hat, welche der ganze Spiegel besaß, fliegen nun in der Luft 
umher; wo die einem ins Auge geraten, da bleiben sie sitzen, und 
wer durch dieses i:.fame Judoskop sieht, ist ein homo antisemiticus, 
ein Judenhasser. — 

Die UnVollkommenheiten sind allgemein menschlich, und 
freilich gibt es ein erhabenes Wort — es gibt kein erhabeneres: 
Selbstvervollkommnung! Es gibt kein Wort, welches 
ein höheres Tun und zugleich eine edlere Lust bezeichnete als 
dieses Wort: Selbstvervollkommnung — Arbeit an sich selbst, 
das beste zu sein, was nur irgend m.an sein kann. Wenn die Juden 

375 



sich selber vervoUkommi:en wollen — ich gUube «her gar nicht, 
daB sie wirklich das mit ihrem tieferen Willen ernsthaft wollen; 
denn sich vervollkommnen und bessern wollen immer nur die 
auserwahlt einzelnen, können nur diese: es gehört eine beson- 
dere Anlage dazu, die technische Behandlung 
• einer selbst zu Terbe&sem. man muO Entdeckungen, ja 
richtige Erfindungen in a i c h machen, um es theoretisch 
praktisch oder ethisch irgend wirklich voranzubringen, gar nichi 
zu reden davon. daS es nur ganz vereinzelten in der Menschheit ' 
gelungen ist. das letzte Ziel der Selbstvervollkommnung zu 
erreichen: die Verwandlung und Lluterung des egoistischen 
Bewußtseins bis zum Denken des Wesr- tüchen und bis zur 
Liebe, zur Erlösung, zum wahrhaften Gei> ,. . Die Menschen 
im allgemeinen sollen vor allem nur ihre Verhiltnisse bessern 
wollen, nicht sich: sie verstehen das nicht. Irre ich mich aber 
und wollen d i e Juden allerdings sich vervollkommenen: dann 
nur nicht, sagt und beschwört mein Wunsch immer von neuem 
nur nicht mit ewigem Schielen auf die Vorzuge und Fehler der 
andern, um beides nachzumachen, sondern in ihrer eigentum- 
lichen Natur, mit i h r e n Vorzügen und mit Verbesserung ihrer 
Fehlerl Ihre Eigenheit ist ihr Leben, sie können nicht mit andrer 
Eigenheit leben als mit der ihrigen; und die Entanzipation der 
Juden ist vollendet, sobald sie das volle, nicht mehr und nicht 
anders als bei den andern angefochtene Recht auf ihre Vorzuge 
und auf ihre Fehler besitzen. Ihre Eigenheit ist ihr Leben — da- 
zu muß noch gesagt werden: ihr rechtes Leben nur. wenn sie es 
in der NaivetAt leben! Vor allem müssen sie als Kinder ihres 
Vaterlandes natürlich sich empfinden: das ist das wichtigste 
für den relativen Menschen, das ist der Grund, auf dem er ruht 
mit seiner ganzen Existenz. Das Vaterland ist eine selbstver 
stlndliche Voraussetzung für alles, was du bist, tust und hast — 
wie dein nacktes Dasein; wenn du nicht desDaseins dich 
freust und nicht deines Vaterlandes dich freust, so sind 
deine Urfreuden (und mit ihnen viel andres) krank, und lAflt 
du dir sie vergällen, so bist du schwach an einer SchwAchc 
deren du dich zu schAmen hAttest — gleichwie die Kritiker 
welche sich hier privilegiert halten, ihrer Kritik. Gegenüber 

J76 



deinem Körperdasein und gegenüber deiner Zugehörigkeit zu 
deinem Vaterlande gibt es anständigerweise keine Kritik. Mit 
dem Vaterlande ist es etwas so Natürliches wie mit dem Vater 
— hast du keinen, weil dir einer sagt, du hättest keinen? 
Das Vaterland ist dein Vaterland, auch wenn die freche 
Narrheit sagt, es sei ^ nicht dein Vaterland; das Närrische 
und das Freche gehört nicht mit oder mit zum Vater- 
lande, wie ihr wollt — auf keinen Fall hat es das Vaterland 
zu vergeben; denen, die so reden, als gehörte das Vaterland ihnen, 
sollten die Deutschen jüdischer Abstammung nicht antworten als 
nur in gelegentlicher Abweisung, wie sie gegenüber solcher Frech- 
heitundUnverschämtheitsichziemt(vgl. oben S.222f.)und übrigens 
um diese Burschen sich nicht weiter kümmern. Viel zu viel haben 
sie bisher das getan und sich damit aus der ersten und bedeutend- 
sten Naivetät des Lebens herausbringen lassen, in die sie sich denn 
wieder hineinbringen müssen. Noch manches andre können sie 
tun oder vielmehr lassen, um die Naivetät sich zurückzuholen, in 
der allein das Leben seinen vollen Wert entfalten kann. Ich habe 
oben von dem ungeheuer Unnützen der meisten Schriften für und 
wider die Juden gesprochen. Ich muß hier vor dem ungeheuer Ge- 
fährlichen einer besonderen Klasse dieser Schriften warnen. Die 
Juden will ich ernstlich abmahnen von den sämtlichen Schriften, 
und zwar sowohl ihrer Freunde wie ihrer Feinde, worin ,, psycho- 
logisch" ,,der Charakter des Juden", ,,der Geist der Juden" usw. 
zergliedert wird. Alle diese Schriften, ich sage auch die ihrer 
Freunde (z. B. selbst ihres Freundes Leroy Beaulieu) sollen die 
Juden meiden wie die Pest. Keine unpassendere Erziehung als 
die mit beständiger Analysierung der Vorzüge und Fehler des 
Zöglings; keine verhängnisvollere Selbstgewöhnung auch als die 
zu derartiger Selbstanalyse: eine ganze Anzahl unsrer jungen 
Menschen, in dieser Zeit des übertriebenen scholastischen Psycho- 
logisierens, sind unglücklich dadurch. (Des scholastischen 
Psych ologisierens, welches, mit all seinem Wühlen in sich, doch 
nicht wirklich bis zur nackten Seele dringt, ihr nur eine Kon- 
ventionsnacktheit überzieht: die wirkliche Nacktheit des Men- 
schen ist die seines Egoismus, nach gänzlicher Abstreifung des 
Gewandes: moralische Kritik.) Die Juden sollen nicht weiter 

377 



stille halten. Dieses leber-'^lftnrliche Virisenertwerden tut lebens- 
Unglich weh, raubt die b ctt und rracht krank. Em Mittel 

sich zu vervoUkoi mnen ist das nicht, alle Welt Tante sein und 
tmausgesetzt sich hudeln zu lassen; der von andern an der 
Seele CequJüte wird endlich Selbst qu4lcr und qu4lt auch «-ieder- 
um andere — jeder von dem Fundaroente des naiven Lebens- 
bewußtseins Getrennte quilt sich und Andre. Und nicht zu ver- 
gessen noch dies: Wenn Juden bestrebt sind, sich zu vervoU- 
kon.mnen, uenn sie wirklich sich vervollkommnen, ko tun sie, 
wie schon gesagt, was nicht Tiele Menschen tun; was nur die 
getan haben, welche man die Besten der Welt nt-nnt, und 
die schon von Natur große Vollkommenheit, vor allem aber 
besonderes techrusches Geschick dtf Selb»tb^iandlung b e i 
unaufhörlichem inneren Wachsein mit auf 
die Welt brachten. Das wäre abo ganz herrhch, und immer- 
zu nur! Solang aber laute, öffentliche Kundgebungen von Ab- 
sichten zur Selbstbesscrung nicht auch allgemein oder doch wenig- 
stens bei den Judenhassern Sitte sind, sollen auch die Juden 
keine «bacbieBen und nicht machen, als b4ttcn sie das vor andern 
Menschen rtötig und sich zu entschuldifcn, daß sie geboren sind. 
Oder wollen sie danit den Haß und das Vorurteil beschwichtigen ? 
Die Juden mögen in jeder Hinsicht sich beeMm — was aber den 
Haß und das Vorurteil gcftn tie betrifft: darin rr.Ussen die Nicht- 
juden sich bessern; heute immer fK>ch gilt Herders Wort für sehr 
viele: ..Die politische Bekehrung fingt vom unrechten Ende an, 
wenn sie den Juden trifft, nicht den Christen." Nierrand aber hat 
Recht ui.d Anstand, Besserung der Juden zu verlangen anders, als 
nachdem er wirklich alles subtrahiert hat. was derH^ß und dasVor- 
urteil ihnen aufbürdet, und wenn er sich garu frei weiß von dem 
Proprium humani ingenii odisse, quem laeseris (d. h. der Egoist 
rieht jedes Unrecht, das er beging, an seinem Opfer), nur wenn er 
davon sich frei weiß, dieses Proprium, welches auch der Gesellschaft 
im garuen zukommt, nicht mitzumachen; und dann ist es mit den 
UnvoUkommenheitcn der Juden und mit dem, was und wie daran 
gebessert werden karm. so ziemlich wie bei dem, der sie bessern 
will, und wie bei den übrigen B4enschen. Dairit gewann schon 1786 
ein Jude einen Preis bei der französisdien Akademie, indem er auf 

37« 



deren Frage: „Wie bessert man die Juden ?" die folgende Antwort 
gab: „Geht in eure Theater und seht Molieres Bourgeois Gentil- 
homme. Der fragt seinen Mentor, wie grüßt man eine Marquise, 
die C61imöne heißt ? Ihr lacht über den Einfaltspinsel und memt, 
das verstünde sich doch von selbst, daß man eine Marquise namens 
Celimdne geradeso grüßt wie eine Marquise, die Christine hieße ? 
Da habt ihr freilich ganz Recht, aber da habt ihr auch eine Be- 
antwortung eurer weisen Frage gefunden. Einen Menschen, der 
Jude heißt, bessert man gerade so wie einen Menschen, der Christ, 
Mohammedaner oder anders heißt." 

Juden müssen aufhören zu reden wie Knechte. Der Anfang 
ihrer Selbstvervollkommnung sei, daß sie ein Ende machen mit 
ihrer Selbsterniedrigung; in ihrer ganzen Lebenshaltung mögen 
sie Stolz zeigen — Stolz, nicht Hochmut, der etwas ganz andres. 
Schlechtes ist und macht häßlich, Stolz aber macht schön, wird also 
auch die Häßlichen unter den Juden verschönen — der erfreu- 
lichste Stolz ist der durch Demütigung in einem Starken. Sie mögen 
würdig stolz sich halten auch z. B. in ihrem Verkehr mit Geschäfts- 
freunden und -feinden — und gegen diese letzten geduldig! Haben 
die Antisemiten die Parole ausgegeben, daß man sich im geschäft- 
lichen Umgang mit einem Juden nichts von seinem Antisemitis- 
mus anm.erken lasse ^) , so sollen zwar die Juden keineswegs gleich- 
falls sich stellen, als wüßten sie nicht, mit wem sie zu tan haben, 
wenn sie wissen, daß sie mit einem Feinde zu tun haben. Aber sei 
es auch der allerärgste, sie müssen nicht glauben, daß sie nun 
eigentlich verpflichtet wären, ihm den Schädel bis auf die Füße 



1) Handelschaft, denken sie wohl, ist keine Freundschaft und ist auch 
keinePeindschaft. Für die Kindererziehung freilich möchte es der Antisemitis- 
mus anders und hat da treffliche Saat unter unsre Kinder geworfen. Bei Ge- 
legenheit der Debatte im Abgeordnetenhause (am ii. Mai 191 4) über die 
antisemitische Kinderverhetzung im Wandervogel hat der Abgeordnete 
Kanzow folgendes zitiert: „Schweige, „tapferer" Germane! Fühle so: 
Diesen Siegfried so und so finde ich ekelhaft. Denke so: Ich möchte ihm 
eine in die Fresse schlagen. Handle so: Drücke ihm die biedere Pratze. 
Sprich so: Wir sind allzumal deutsche Brüder. Halte deinen Schnabel, 
„tapfere" Germanin! Pühle so: Diese Rosa ist mir in tiefster Seele ver- 
haßt. Denke so: Ich möchte ihr die Augen auskratzen. Handle so: Küsse 
sie auf beide Wangen. Sprich so: Wir sind allzumal deutsche Schwestern." 

379 



einzuschlagen und die Glieder tetoet Leibes in die Diaspora z\x 
schicken; dürfen ihm nicht einmal, statt mit der Hand, mit 
dem Fuße den Willkommen geben, einen Stufengesang ron David 
die Treppe hinunter. Sie brauchen ihn ja auch keinetw«fs mit der 
Hand zu bewillkommnen, können auf das allernötigste sich be- 
schranken und sollen, letzten Falles, auch nicht zwischen den 
Zahnen zerbeißen, warum so, kbruien ihm das vielmehr sehr wohl 
andeutlichen; ohne sich aber jemals mit einem einzigen Worte 
weder de* Angriffs noch der Abwehr auf die Hauptsache oder auf 
Allgemeiiiet der Aufklirung einzulassen, wovon ja doch nicht 
mehr in ihnen bleiben wurde als Wasser in der Hand. Je mehr sie 
sich zurückhalten, desto besser; das ist dem Menschen nützlich 
und lAuternd, einmal zu erleben, wie einer Spiralfeder zu Mute ist 
(in ihrer Spannur\gslage) . In.mer eingederik des gegen sie nun ein- 
mal besonders gereizten KanaillenmAßigen in der menschlichen 
Natur und der Wurde und Bedeutung ihrer Sache, die sie auf keine 
Weise mit den Augen persönlichen Gekx4nktseiru ansehen dürfen, 
sollten sie sogar unerwartet« Anrempelungen durch einen 
Schnauzhahn mit Ruhe und womöglich mit Überlegenheit be- 
stehen. Das ist bester als selbst körperlicher Mut an der ver- 
kehrten Stelle. Man hat eben sowohl aufzupassen, daß der Mut 
nicht unangebrachter weise herausfahre, als daß er nicht, wo vor- 
wirts Herausfahren angebracht w4re, unterwärts in die Beine 
schlage: die Beine bekommen davon das Schlottern. Ausgezeich- 
net und daher von entaprecbtod Atug«Mkhneter Wirkung war die 
Antwort jenes Juden, der in einer Restauration an einen Tisch 
sich setzte, wo bereits zwei Leute saßen, davon einer nun aufstand 
und rief: tM»n Herr, wir sind Antisemiten"; worauf der Jude 
gemütlich großsinnig erwiderte: ,,Werm Sie sich anständig be- 
nehn.en, können Sie ruhig sitzen bleiben!" — Die Juden mögen 
vor allem bed&chtig ihren Umgang wählen, um sichEntUuschungen 
zu ersparen; sie sollen — Vorsicht zur Stärke! — sie sollen 
sich neue, nichtjüdische Freunde noch dreimal genauer ansehen 
als andre neue Freunde, sich da noch dreimal länger suchen lassen 
— sie selber, die Juden, sind leichter zu erkennen als die Anti- 
semiten, und ferner : Juden sind, Antisemiten können werden, 
d. h. Antiscmitis:r.us ist nicht so etwas Begrenztes und fest an die 

3I« 



Person Gebundenes gleich dem Judesein, sondern ist wie In- 
fluenza: jeder, der Disposition dazu hat, den kanns und muß 
es erwischen; hier entscheidet das ursprüngliche konstitutionelle 
Gesundheits- und Krankheitsfatum. Ja, bei dem gewöhnlichen 
Denkzustande bedarf es nur der Gelegenheit, daß man ,, etwas 
hat" gegen einen Juden. Hat man etwas gegen einen andern 
Menschen, so hat man etwas gegen diesen Menschen: hat man 
etwas gegen einen Juden, so wird man Antisemit. Und die 
Menschen haben leicht etwas gegeneinander, tun auch einander 
so viel wirkliches Unrecht und wollen einander noch viel mehr tun. 
Die Gelegenheit ist also immer günstig zum Antisemitwerden. — 
Mit ihren Freunden müssen die Juden vorsichtig sein: bei ihren 
Freunden müssen sie die ganz vollendete Emanzipation finden, 
die sie vom allgemeinen Leben nicht verlangen können; und 
haben sie unter ihren Freunden solche, die doch unverkennbar 
ein für allemal Antisemiten werden möchten, sollen sie denen 
dazu behilflich sein! (Das Prodromalstadium des Antisemit- 
werdens ist gewöhnlich erkennbar an plötzlich auftretendem 
psychologischen Analysieren, Hervorheben der Vorzüge des 
jüdischen Rassencharakters und gönnerhaftem Reden — beseht 
die Gönner in der Nähe!) Für den fehlenden gesellschaftlichen 
Verkehr mit Antisemiten werden sie Ersatz finden — der schönste 
besteht in dem geistigen Umgange mit den großen Männern des 
Vaterlandes und der Menschheit. 

Nichts dürfen sie von den Antisemiten übernehmen, nicht ein- 
mal die ohnehin so absurden Namen Antisemitismus und Anti- 
semiten. Die können sie gelegentlich gebrauchen, wo es gerade 
nicht anders und gerade so passen will; z. B. durchaus angebracht 
wäre es. Antisemitisch zu sagen (weil das doch wissenschaftlich 
klingt) in der Zusammensetzung antisemitische Wissenschaft, ver- 
gleichender Rassenhaß der Antisemiten, antisemitische Literatur- 
kritik u. dgl. Durchweg aber sollen sie übersetzen und aus 
Bedacht von Judenhaß und Judenhassern sprechen, damit 
ein jeder gleich wisse, was damit herankommt, und der Name, 
wie eine Klapper vor ihr her, die scheusälige Krankheit 
anzeige. Und so müßtens alle halten, die nicht selber 

381 



Judenha&s«r sind; den Nftmen Antisemitismus sollen sie 
den Judenhassern überUssen, damit ihre Narrheit und 
Schmach zu bedecken; tür sie aber soll es heißen: der Judenhaß, 
der Menschenhaß und die Menschenhasser, die wahnwitzig Hoch- 
mutigen, die Neidharte, die vor Wut Rasenden, die Verhetzer und 
Verleumder, die Crundschiefen, die gesellschaftlich und politisch 
Irrsinxugen — mündlich und schriftlich so, zu Hause und öffent- 
lich in Reden, in Zeitungen, in Büchern. Der Judenhaß ist ein 
schlimmer Affekt, der mit Wissenscliaft nichts gemein hat und 
also auch nicht wissetxschaftlichen Namen tragen soll; die Ver- 
wissenschaftlichung und Verehrlichung einer Seelenkrankheit 
und des Gesindeltreibens, als w&rs Gesundheit und Cehorigkeit, 
unterliegt schweren Bedenken; in einer sittlich unversehrten 
Nation muß, wie das Große geehrt, so das Gemeine und Bubis<:he 
gebrandmarkt werden, und es ist nicht zu dulden, daß der In- 
famie, welche dem Namen Judenliaß zusteht, auch nur der ge- 
ringste Abbruch geKbchc« — 

Ferner rate ich den Juden, auf Abschaffung jener Namen hin- 
zuarbeiten, an die der Haß urtd das Vorurteil sich heften, und mit 
denen die Juden sich selber liefern. Es sind dict jüdische und 
deutsche Namen. Denn in der Tat tragen viele von uraltersher 
deutsche Namen, und indem die Deutschen jüdischer Abstammung 
deswegen von den Deutschen antisemitischer Narrheit verspottet 
werden, spotten diese ihrer selbst und wissen nicht, daß die Juden 
damit ein Stück Deutschtum bewahren. (Wie sie auch mit ge- 
wissen prichtigen deutschen Wörtern tun, die nur in ihrenidiomen 
sich noch erhalten haben, übrigens aber leider aus unsrem leben- 
digen Sprachschatz Terschwunden sind'). Tatsache ist auch, dafldie 



<) (Z.) Es ist nicht ganz wahr, at>er etwas Wahres ist daran, wenn 
Hans Heinz Ewers sagt, „das Jiddisch, die Sprache des ganzen ritsuschcn 
und damit des New- Yorker Judentums" (er meint: Judenhett) sd ..nichts 
andres als das Mittelhochdeutsch Walther» v. d. Vogelweide mit ein paar 
aram&iachcn und bebrAtschcn FrcoMiworten. Das Ohr gewohnt sich 
aufierordcntlkh Ickht an dtcac Spracbe; nur z. B. ftlh sie viel, viel leichter 
als etwa das Niederdeutsch Fntz Reuters." Ewers betont in setocm B*>' 
rieht (Voss. Ztg., 9- Dez. 1014), daß die Ostjuden nicht nur in solchem 



Deutschen jüdischer Abstammung im Auslande am längsten das 
Deutsche als ihre Familiensprache erhalten — nach einer Statistik 
sprachen 1900 in Ungarn von Juden 25,45 Prozent deutsch als ihre 
Muttersprache, in der Bukowina gar 95,6 Prozent, merkv/ürdi ger- 
weise gab es früher in ungarischen Dörfern Juden, die wochentags 
ungarisch und am Sabbath deutsch redeten — daß sie über- 
haupt von allen Deutschen am längsten das deutsche Wesen be- 
wahren und es am kräftigsten repräsentieren: im böhmischen Land- 
tage (8. Mai 1893) sagte ein tschechischer Abgeordneter: ,,Die 
Juden sind es, welche die Germanisierung im rein tschechischen 
Gebiete fördern, die Juden sind es, welche deutsche Schulvereins- 
schulen erhalten, welche die Germanisierung überall hintragen" , und 
ein andrer behauptete: ,,das israelitische Elem.ent verleiht Prag den 
deutschen Charakter." Die sämtlichen ursprünglich aus Deutsch- 
land gekommenen Juden nennen sich selber überall Aschkenasim, 
d. h. Deutsche, gleichwie sich die sämtlichen ursprünglich aus 
Spanien gekommenen Juden überall in der Welt Sephardim, d. h. 
Spanier nennen; und wie die ersten unter allen Nationen an der 
Sprache der Deutschen, so halten die andern wenigstens hie und 

dort an der Sprache der Spanier fest die Juden finden diese 

Tatsache schön und rührend, aber sie sollten auch die Tatsache 
in Betracht ziehen, daß neuestens Juden mit der gleichen Zähig- 
keit einer neuen Sprache sich zu verbinden scheinen: der Sprache 
der Antisemiten; wovon oben, bei den Angesteckten Juden, die 
Rede war.) Unter den jüdischen Namen wirklich altdeutsche sind 
z. B. Gutman, Kaiman, Lev, Lebel, Süßkind, Mendel^), viele sind 



Verhältnis zur deutschen Sprache, sondern auch zur deutschen Kultur 
stünden und im Kriege begeisterungsvoll für die Sache Deutschlands 
fühlen wie für ihre eigene. Er teilt probeweise ein Gedicht mit und be- 
merkt dazu: „Bessere Verse machen kann mancher deutsche Dichter, 
wärmer für Deutschland empfinden als dieser arme russische Jude der 
New- Yorker Ostseite aber kann auch der allerbeste Deutsche nicht!" 

1) trotzdem sind die Namen Mendelgebirge und Mendelpaß, wie schon 
oben erwähnt worden, sehr mit Schuld daran, daß die Tiroler von den 
Rassentheoretikern zu Juden gemacht worden sind (leider fehlt es immer 
noch an einem wissenschaftlichen Nachweise dafür, daß natürlich Andreas 
Hofer ein Germane gewesen sei). Zum Kapitel der jüdischen Namen und 
der „Diagnose auf Judenrasse" mag auch noch der Judenhasser Eugen 

383 



in Wahrheit wctler judische noch deutsche und überhaupt mcht 
naturwüchsige Nanien, dafür aber an sich selbst unwürdig, abge- 
schmackt, lächerlich. unfliUg. wie z. B. Fresser. Schnapser, 
Taschengreifer. Gottlos oder Nachtkifer und Geldschrank, oder 
Eselskopf, Nashorn, Pulrerbestandteil, Temperaturwechsel, Blut- 
schuß, oder Waiuenknicker, SaumAgen, Stinker. Das sind keine 
Eigennamen, nomina proprUi iondem apellativa, die man keinem 
Menschen und keinem neuen Kinde geben sollte — überden 
einzigen Zweck der Personennamen, Zei- 
chen Torzustellen zur Unterscheidung der 
I nd i Ti d ue n , aber nicht nach ihren Eigen- 
tümlichkeiten , sondern sie gleichsam nur 
zu numerieren, darüber darf nicht z\im Schaden der 
Benannten hinausgegangen «vden. — Derartiges wurde bei 
der ersten Narocngcbung aufgcswungen, nun ist es jüdischer 
Name. Die Deutschen jüdifcher Abatammung sollen alle diese 
und ähnliche nichts weniger als jüdische Namen aufgeben mit- 
samt den klangrollen und bedeutungsschönen wirklichen alt- 
judischen Namen: weil nun auch d i e unangenehm auffällig sind. 
Was die Juden rom Auffälligen verlieren, das gewinnen sie an 
der Freiheit. Das äußerliche spiet hier die bedeutendste Rolle; 
wenn die auffälligen Namen nicht wären, d i e Nasen, die wenig- 
stens bei den Juden, im garuen ihrer Gesichter, so besonders 
auffällig sind ( vrI . S. 1 36f f .) , und wenn alle Menschen jüdische Nasen 
oder wenn die Juden keine solche hätten, so fiele, mit der augen- 
fälligen schnellen Erkennbarkeit der Juden, der bedeutendste 
Stutzpunkt für den Hochmuts-Antisemitismus wie für den Futter- 
neid- Antisemitismus hinweg: so gäbe es vielleicht gar nicht neben 
dem sonstigen Haß der Menschen untereinander auch noch den 



Dühring erwähnt werden« der Lmtha^ «um Juden dekretiert. ..d* ja die bis- 
herigen St AirunbaumriAch W eisung en nur bu ins i6. Jahrhundert reichen." 
„Wo der Name Lessing heute Torkommt, »et es in den Städten oder auf 
don Lande, ist er meines Wiasens steU etn Judenname. d. h. die Trifer 
desselben sind sichüich Rawnjuden. Das allein muO für den Kenner schon 
Ton Gewicht sein." Eme anerkennenswerte Leistung antisemitischer 
Forschung: weil Juden nach Lessirig sich den Namen Lesaing 
haben, daraus zu beweisen, dafl Lessing Jude gewann seil 

3«4 



besonderen Judenhaß. In Italien waren die Juden niemals in dem 
Maße verfolgt und gedrückt, wie in den übrigen Ländern: nicht zu- 
letzt deswegen, weil viele Italiener andrer Abstammung, gar erst 
die des südlichen Italiens und der Inseln, ,, jüdischer" aussehen 
als die Italiener jüdischer Abstammung. Es begegnet vielen 
Italienern in Deutschland, daß sie für Juden gehalten werden, und 
Deutschen kommt es in manchen Städten Italiens vor, als wären 
sie in Judenstädten. Dasselbe gilt für Spanien. Alejandro Sawa 
sagte: ,,Wir haben einmal in der Geschichte einen gründlichen 
Antisemitismus gehabt — und diese Schmach ist unauslöschlich. 
Wir sind gewarnt. Jude und Christ gilt bei uns gleich. Der 
Kastilier ist dem Andalusen viel fremder als der Jude dem Christen. 
Wir merken es gar nicht, ob einer Jude ist. Die Juden gleichen 
körperlich, sittlich und in ihrem Wesen vollkommen den andern 
Spaniern." 

Der Judenhaß und das Vorurteil gegen die Juden ist im Grunde 
ein Kapitel aus der Psychologie der Massen — wie von denen die 
Sprache der Physiognomie befragt wird. Die Physiognomie ist die 
wortlose Sprache, die wir reden ohne es zu wissen, ohne es zu 
wollen, gegen unsern Willen — und gegen unsre Natur: 
in den Augen derer, die sich auf Physiogno- 
mik nicht verstehen, und die rote Haare und jüdische 
Rassenerkennbarkeit als Geburtsfehler von Menschen ansehen, 
die deswegen zu verachten seien, und denen man deswegen übles 
zufügen muß. Schon die Sprache der Wörter, je edler sie ist, desto 
weniger wird sie von der Allgemeinheit verstanden („wenn du was 
recht verborgen halten willst, du brauchst es nur vernünftig zu 
sagen"): wie aber gar erst wird die Sprache der Physiognomie 
gedeutet, und gar erst in der Verschiedenheit ihrer Dialekte! Mehr 
Unglück, als man ahnt, rührt her von den Urteilen, die sich auf 
Physiognomik gründen, und es haben wohl geistreiche Männer wie 
Lichtenberg, Klinger, Hegel (in der Phänomenologie) diePhysiogno- 
mik als Wissenschaft lächerlich gemacht; die doch niemals gefähr- 
lich war. Über die Maßen gefährlich hingegen war und ist das be- 
ständig und frischweg geübte Physiognomisieren der Massen, wo- 
von niemals gesprochen wird, als war es nicht vorhanden und als 
spielte es gar keine Rolle. Am verhängnisvollsten ist es den Juden, 

385 85 



die sich nach dem Innerlichen wahrlich nicht zum Schlechten ron 
den Nicht Juden unterscheiden — «ber sie unterscheiden sich Äußer- 
lich von den Nichtjuden; und ich halte es für gatulich ausge- 
sch'ossen, dafi sie ohne ihre Äußerliche Aufialligkeit als Juden 
erkennbar sein würden. Auch nicht (ur die Germanen, so viel von 
der (einen Witterung der Germarien erzAhlt wird, die ja wohl so 
fein sein mag. wie die Allahs nach dem arabischen Spruchworte: 
Allah sAhe in der schwArxesten Nacht die schwArzeste Arreise 
auf dem schwArzesten Marmor laufen. Die Germanen, scheint es, 
brauchen überhaupt nicht erst zu sehen, sie brauchen gar nicht 
einmal sehen zu können: einem antisemitischen Gelehrten zufolge 
hat ein SAugling jedesmal prompt erbArmlich geschrien, sobald ein 
Jude dasZimmer t>etrat'). Das glaube ich aber lücht. Sondern das 



') Nach detn antucnutuUicn Cekhrten Cbamberlatn kommt das sogar 
hludger rot: „Ein« Tataacb«, dl« mir von vorsdilodaocn ScHao gtmaldct 

wird, d*B nAmlich gtjxx kleine Kinder, b «so n d ers MAdchen. hAuiig einen 
ausc^r^C^e') Instinkt (ur Ras«« boitoaa. E« kommt nicht »«hm vor. daB 
Kii.drr, die noch keine Ahnung haben, was ein ..Jude" ut, noch daß es 

überhaupt »o etWM {ibt, zu b«ul«o «nh«b«H, sobald «to echter P ^lud« 

oder eine Jüdin in ihre NAb« trittl Dar Csishrt« waiB hAudc ncn 

Juden von cincro Nichtjuden zu unt«fsch«id«a; das Kind, das kaum er»' 
ipr«cb«ß kann, wciB «s. Ist das nicht eine trostreiche Erlahrung? I''ich 
dfinkt, sie wiegt «inao g*«*«!* anthropologndMO Koagr«0 oder zum 
mindesten «inen fanscn Vortrag des Herrn Prof««»»' KnTtmann «uf. Es 
Cibt doch noch etwas auf der Weh außer Zirkel und N. iQ. Wo der Ge- 

lehrte mit seinen künstlichen Konstruktionen versagt, kann ein emztger 
unbefangener Blick ( M; die Wahrheit wie em Sonnanstrahl aufhellen." - 
Wie schade, daß Chambarlain, d«r SchwMgeraohn, nicht ug«nd cmmaJ 
zugegen war, als sein 8c h wi« g«r pa p a In die RfiM «in«« derart ansgsnetch- 
n«t«n Kindes geriet, um durch Koostaticrung nicht erfolgten Heulens 
Wissenschaf thch darttm zu kdnnan, daß Richard Wagner weder ein 
Jude noch eine Jüdin gewesen sei. Schade auch, daß nicht wcnigMaos 
allen Antisemiten die Cat>e derartiger KtDd«r und jener unbefangene 
BUck eignet und daß sich jetzt ihre Wit— nerhaft erst «anfindet, nachdem 
sie von Andern gehört haben, daß einer ein Jude sei; denn indem z. B 
einige Antisemiten, die gehört haben und glauben, daß Richard Wagner 
ein Cermane sei, ihn als den Inbegriff germanischer Tugend prrtven. 
andre hingegen, die von seiner jOdischen Abstammung gchArt haben 
und an diese glauben, wegen deaselbigcn Richard Wagner raasentheore- 
tisch zu heulen beginnen und alle spezifisch jOdischen Eigenschaften 
an ihm rordemonstrieren : könnten einem 

jSd 



wüste Physiognomisieren der Massen spielt hier, die selbst Körper- 
gebrechen, Buckligkeit, Hinken, Schielen und Krankheit zum 
Grunde nimmt fürs Verachten und Bösreden, die je nach dem 
Interesse selbst dem Alter das Alter und der Jugend ihre Jugend 
vorwirft — welch eine Viehheit in den , »Urteilen" der Menschheit! 
Es gibt kein Aussehen, keine Miene, keine Bewegung, die nicht 
dem Egoisten Anlaß böte zur moralischen Kritik. Weswegen nicht 
alles erheben sich dieMenschen übereinander! Einer wird verachtet, 
weil er ein Monocle trägt, und verachtet die übrigen, die kein Mo- 
nocle tragen! Und gar erst, wo es um ganze Gruppen auffällig 
Verschiedener zu tun ist: die Andersgläubigen, die Andersfarbigen, 
die Andersnasigen und Andersnamigen. Wer Erfahrung hat und 
recht hineinsieht, wird das nicht bestreiten, daß die Sache gegen die 
Juden gar nicht unwesentlich eine Nasensache und eine Namen- 
sache ist . . . wie schon oben gesagt: die Erklärung für den Juden- 
haß liegt nicht in der Tiefe, sondern auf der Oberfläche, im Aus- 
sehen und im sonstig Auffälligen, in den Nasen und Namen. Ich 
willnicht das allergeringste verstehen von der Natur unsrei Gattung, 
wenn das nicht wahr ist, daß Hunderttausende von Menschen er- 
glühen und ertosen können: ,,D i e haben krumme Nasen und 
jüdische Namen — bei unsrem Leben, das müssen wir rächen." 
Die Menschen sind wie sie sind, sie trauen ihren Augen und Ohren; 
ihre Augen und Ohren sind Schuld; die sehen die krummen Nasen 
und hören die jüdischen Namen. In der Wissenschaft kamen wir 
voran und hinter das Rechte dadurch, daß wir den Augen und 
Ohren, daß wir der Evidenz der Sinne nicht trauten, aber so 
weit sind die Menschen in ihrem Verhalten gegeneinander keines- 
wegs und suchen dafür nicht einmal das Rechte und sehen 
es nicht, weil sie Augen haben. Über Nasen und 
Namen! Über Nasen und Namen!! Ja, wenn es gälte, frischher 
zu ersinnen, worüber sie in Zorn geraten könnten als über Böses, 
man würde darauf nicht fallen und einem, der darauf geriete, sagen: 
nichts lächerlich unschuldiger als Nasen und Namen; denn mit 
den Namen und den Nasen tun die Menschen nichts Böses! Aber 



in die Sicherheit der rassentheoretisch - antisemitischen Wissenschaft 
erweckt werden, und Pferdefleischesser gar könnten sagen: Schauder 
ist nur, wenn mans weiß, kommt also nicht vom Pferd und vom Juden. 



387 ^* 



wer so dichte, ketyit die Menschen nicht; von 6cm, der sie kennt, 
muO UtsAchlich bttler ernsthaft gefra^ werden: Was 14ßt sich tun. 
die mit den krummen Nasen und judtachen Namen vor Zorn und 
Rache der übrigen zu »chutzeo? 

Nun, die Nasen kann man, die krummen arischen 
Chettiternasen*) kann man Juden nicht beschneiden und 
wieder abnehmen, aber die Namen kann und muO man Andern. 
Ich rede von denMenidien, sowie sie nun einmal sind, und rede 
zu ihnen als zu solchen, wie sie sind, rücht auf sie ein, daB sie doch 
andere werden und b eiMftx Gesinnung und Handlungsweise sich 
befleiMfen oder doch auch in diesem Punkte ein Einsehen haben 
möchten, da sie ja sonst so gebildet jetzt seien — wie es m.it der 
Bildung und mit ihrem Einfluß steht, das habe ich oben im Ab- 
schnitt über die Rassentheorie anfedaittet und in meinem Haupt- 
werke ausgeführt; und daß die Gebildeten ihrer Bildung wegen die 
alte Haut nicht ablegen und bei der rohen Auffassung Äußerlicher 
Verschiedenheiten bleiben, das haben sie bewiesen, irulem sie nät 
ihrer Rasieotheorie diese Roheit noch roher machten. Also mit 
Zuspruch ron jener Art lasse ich es sein und wiederhole, daß, 
wer mehr will als ein CeschwAtx ror den V '.en machen und 
wirklich bessern, der muß darauf aus set:., cue VerhAltnisse zu 
bessern und die Gelegenheit zum schJechten Verhalten wcf- 
schaffen. Die jetzigen Namen der Juden bieten eine tchiinune Ge> 
legcnheit und Gefahr und sind W eg w eis e r für den Haß. Wie die 
Menschen nun einmal sind, (ehört deswegen die Emanzipation 
Ton diesen Namen garu wesentlich mit zur Emanzipation der 
Juden; so lang es diesen nicht freisteht, die anstößigen Nati.en mit 
unanstößigen zu Tertauschen. fehlt ihnen etwas an der rollen 



') Ob«r die Ton den Cbattttam besorfte Nuification der Juden- 
gesichtcf vgL oben S. ijö 1(. Die „echt jadischwi", wcnigstecis ^die 
cchtswütiscben Nasen" sind ftni» und klein« wie s. B. bd den rein 
â– Mnitiacbcn sOdarabischen Badniacn. Die Kmitische Nase ist narli 
T. Luschan „in jeder Beziehung das C<fntoil Ton dem, was der Laie 
gCfenwArtig als echte Judennaje zu bearidUMB bebe*. Dtc unter 
Ihnen ziemlich häufigen ,, dicken krummen Nasen, die als spczilisch 
jOdtscbes Merkmal gelten, mflsMO in Zukunft als armenische Nas«i 
bezeichnet werden". Wo mAgen nur die Juden ihre eigentlichen 
Nasen haben ? 

jSt 



Gleichberechtigung nicht bloß tatsächlich, sondern sogar nach dem 
Rechte. Denn die Menschen sind so, daß ihnen 
nicht alle Namen gleichberechtigt gelten, 
und ihr unfehlbares Urteil, von welchem in dieser Schrift an 
einigen Stellen die Rede gewesen, entdeckt Eigenschaften an 
Menschen mit gewissen Namen, die sie nicht entdecken würden, 
wenn dieselben Menschen andre Namen trügen. Man denke nur 
an die großartigen Leistungen der antisemitischen Literatur- 
forschung, die alles vollbringt lediglich auf Grund der jüdischen 
Namen, ihr ganzes Hep Hep hinter den Büchern her. Keiner sage 
darum, wenig liegt am Namen, so lang tatsächlich viel am Namen 
liegt und man mit einem guten Namen wie mit einem bösen halb 
gehängt ist; so lang diese Delatio nominis (im wörtlichen Sinne!) 
gilt und damit allein schon, daß der jüdische Name eines Mannes 
genannt wird: ohne Rücksicht auf seinen Charakter, sein Han- 
deln, seine Leistungen, diesem Manne ein böser Name gemacht 
ist und so lange Namen gebraucht werden können wie der ärgste 
Wortschmutz. Gewiß nicht, es trifft die Juden nicht unmittelbar 
selber, aber die Vorstellung von ihnen in den andern, und wie weit sie 
nach dieser Vorstellung angesehenund behandelt werden, trifft es sie 
mittelbar; mittelbar und unmittelbar ist hier eins — man tue doch 
nicht, als war es anders als an dem, daß für Viele der jüdische 
Personenname gleichbedeutend gilt mit schlechtem Namen in dem 
Sinne von üblem Ruf, und als wüßte man nicht, was das in der 
menschlichenGesellschaftausmachtrinderGesellschaftderEgoisten 
mit ihrer moralischen Kritik, wo eines Menschen Ehre so viel 
schlechter geschützt ist als seine Person und sein Eigentum, mit der 
Schädigung aber an der Ehre immer auch Freiheit und Genuß der 
Person und des Eigentums beeinträchtigt wird. Nur das rechnen, 
was unmittelbar berührt, mag, wer auf einer wüsten Insel lebt; 
und es kommt gar nicht darauf an, was dem Schimpfe preisgibt. 
Bei den alten Persern war Sitte, manchmal nicht die Leute, 
sondern ihre Kleider durchzuprügeln; was, als äußerst entehrend, 
einige zum Selbstmord trieb. Was eben gilt, das gilt und ist Kredit; 
und bei uns gilt das Durchprügeln der Namen und ohne weiteres 
aller jüdischen Namen. Dringend rate ich den Juden an, die 
Forderung einer zweiten Namengebung zu stellen, von dieser 

389 



Forderung unter keinen Umstlndcn zu lasten. Die erste Nan-jen- 
gebung war dieFolge der eiligen, unvoUkommenenEmaruipierung: 
diese ersten Namen «nd noch ein Stuck jener dem Spott, der Ver- 
achtung und der Benachteiligung preisgebenden Kenrueichen, 
wie die Juden «ie in den Zeiten der Unfreiheil tragen mußten'). 
Kemer sage, wenig liegt am Namen: die menschliche Gesell- 
schaft sagt, viel liegt am Namen; der Name ist Freund und 
Feind, Schutz und Schaden. 

Und endlich, endlich wende ich mich zu dem wichtigsten — 
aber et bedarf dazu vorbereitender Betrachtungen, und all das 
folgende dieses Abschnittes wird nur Ton fernher auf das hin- 
deuten, was nach meiner Überzeugung die Juden als ihr wichtigstes 
zu tun haben, bis es die Rede, die zu diesem Abschnitte ,,Was 
sollen die Juden tun?" wesentlich und hauptsAchlich hinzuge- 
hört, in aller Bestimmtheit aussprechen kann. 

Ein Vorzug Ton großer, gröfJter Bedeutung h^ngt zusammen 
mit allen den Benachteiligungen des Lebens der Juden, ergibt sich 
daraus, daß sie Juden sind; was zu sein nicht leicht ist in der Welt 
Denn Jude sein, das heißt ein Mensch sdn in der Mcnschenwelt, 
bei dem es noch tausendmal mehr ankommt als bei den übrigen 
Menschen auf die Auslegung des Tuns und Verhaltens, und jeder 
einzelne ist mit seinem Geschick angeschm.iedet an diese Aus- 
deutung des andern nicht weniger als an den ursprunglichen 
Charakter seines Herzeris; Jude sein, das heißt ein Mensch sein, 
der von den übrigen Menschen argwohnisch angesehen wird mehr 
auf das hin. was er nicht ist, als auf das hm. was er ist, und es heißt 
Bestraftwerden nicht allein für Sünden, die man nicht begangen 

•) Gewisse, .Christen" halten das für gehörig und natürlich und bedauern, 
daß der Brauch aufgehört hat — denen »ei immerhin mitgeteilt, daß in 
mohammedanischen Lindem auch die Christen derartige Abieichen der 
Schmach zu Uagen hatten, sowie sie denn überhaupt durch demütigend« 
Bestimmungen ausgezeichfiet wurden, in Ägypten s. B. mcht auf Pferden 
reiten durften, nur auf Eseln und vor jedem Vomchmcn absteigen mußten; 
Ja - werden jene ..Christen" es gUuben? - in der Türkei waren die 
Christen zu Zeiten derart und so Tiel mehr als die Juden gehaßt und g^ 
f&hrdet. daß sie nicht anders als in gelben Turl>anen, d. i. mit d«n Ab- 
zeichen der Juden, vor die Tür zu gehen wagten. 

J90 



hat, sondern auch für Tugenden und endlich gar noch für die ge- 
schichtlichen Verdienste der Rasse (was damit gemeint, wird die 
folgende ,,Rede" deutlich machen) ; Jude sein, das heißt ein Mensch 
sein, der mehr als alle übrigen Menschen sich abzufinden hat mit 
dem Vorurteil, mit dem Haß, mit dem Verleumdetsein ringsum — 
Alles in einem einzigen Wort zu sagen: mit dem Unrechtleiden. 
Man kann darum auch den Wert eines Juden beurteilen je 
nach der Antwort auf die Frage: W i e findet er damit sich ab ? 
Denn Jude sein heißt Unrecht leiden, mehr Unrecht leiden als 
die übrigen Menschen leiden — infolge des den Menschen über- 
haupt wesentlichen Unrechttuns müssen alle Menschen Unrecht 
leiden, die Juden aber, wie wir fanden, mehr als die übrigen. Und 
darum heißt Jude sein ferner, sollte Jude sein heißen noch zweier- 
lei. Zum ersten: Mit Kraft ankämpfen gegen das Unrechttun im 
allgemeinen, wozu auch ihr eignes Unrechttun gehört, und gegen 
das sie im besonderen treffende. Da aber Kämpfen und dem Un- 
rechttun Wehren dieses wohl weniger, aber doch niemals es auf- 
hören macht, und also auch das Unrechtleiden, ganz besonders für 
sie, noch fortdauert, so heißt, so sollte heißen Jude sein weiter noch 
zweitens: die Fähigkeit erwerben, m.it Kraft das Unrechtleiden zu 
tragen, wodurch das Leiden beim Unrechtleiden weniger wird. Die 
Fähigkeit aber, dieses, wie überhaupt in sich das Leiden zu ver- 
mindern, wird erworben durch Denken, indem man den Anlaß 
zum Denken ernsthaft benützt. Anlaß zum Denken haben die 
Juden. Durch das Judesein finden sie den stärksten Anlaß zur 
Verinnerlichung und die beständige Aufforderung, sich zu erheben 
über die Denk- und Anwendungsgewöhnungen der Allgemein- 
heit, ja überhaupt über den Standpunkt der menschlichen Rela- 
tivität — sie kommen da hoch hinaus über die Erde und das auf 
ihr zu hörende Antisemitengeschrei. Und indem ihr Denken in 
sich schließt auch ihr Nachdenken über die Menschheit; indem 
sie wahrhaft nachdenken, so daß ihnen die Menschengeschichte 
aufgeht nach dem innerlichen Wesen der Gedanken, der gegen- 
einander karr pf enden Gedanken, die um die Herrschaft über den 
Menschen kän-pfen, und indem sie dabei sehen auf ihre eigae 
Stellung und Bedeutung in dem Plane dieses großen Kampfes: wird 
durch dieses alles — weil das, um was es endlich zu tun ist, hoch 

391 



hingeht über Allem relativen Interesse: „Mein Reich ist nicht Ton 
dieser Welt!'* — wird <Udurch garu unmöglich sein, daß wahrhaft 
denkende Juden in einen beschrAnkten Hocnmut (allen konnten. 
Das laßt schon ihre noch nicht zu Ende gekomir.ene Geschichte 
des Unrechtleidexis und Unglücks nicht zu, die das Herz erweitert 
und noch am ehesten oifnet für den Egoismus der andern — so 
sehen wir am Tage nur unsre Welt, in der Nacht erst auch die 
fremden Welten. Unmöglich können denkende Juden dem Hoch- 
rr.ut verfallen: ebenso unmöglich aber auch, daß sie, bei so groSer 
Sache in der Welt, jemals kleinmütigen Herzens werden können 
we^en des Hasses, den sie an sich erfahren. Vielmehr durfte itnen, 
auf der Hohe dieser Betrachtung ohne personlichen Affekt wefen 
des gegen sie gerichteten Affektes, hier wird ihnen viel Licht 
kommen und nebst vielem andern auch sich enthüllen: die Ge- 
schichte bedarf dieses Haßaffektes, sie bedarf der antisemitischen 
Narrheil zu sehr ernsten Zwecken. 

Die Juden sind Antisemitenmacher, aber (was für die Mensch- 
heit das unweit Wichtigere und Wertvollere zu sein scheint), die 
Antisemiten sind Judenmacher. Abba bar Kahaiia sagte: Haman 
habe mehr für das Judentum geUn als alle die achtundvierzig 
Propheten zusammengenommen. Vielleuht ist das wirklich so, un- 
leugbar blci bt auf jeden Fall : daß zwischen J udetein und Antisemit- 
sein eine Harmonie besteht. Die Antisemiten sind Judenmacher, 
sind Erschaffer der Juden, die nicht Juden sein 
wollen (die kescheh oreph sind). Der Antisemitismus ist 
der Juden Hauptengel, gewaltig sorgend, daß die Juden Juden 
bleiben, Juden mit ihrer jüdischen Eigentümlichkeit, mit ihrer 
RMseneigenlumlichkeit, mit der Eigentümlichkeit ihres Herzeru 
für die ewige Wahrheit. Damit ist ihre Eigentüm- 
lichkeit bezeichnet — ich wüßte nicht, daß man sonst 
groß Anlaß und Recht bitte, von ihrer Eigentümlichkeit viel zu 
reden. Als Deutsche haben sie freilich auch ihre Eigentümlichkeit, 
aber was ist danüt, wenn man nicht vergißt (wie ich mir erlaubt 
habe nicht zu vergessen), daß alle Deutschen, daß alle Menschen 
ihre Eigentü:rlichkeiten besitzen. Nicht wahr ? so fanden wir es: 
durch ihre Eigentümlichkeiten haben die einzelnen Menschen 
Teil am Leben, durch ihre Eigentümlichkeiten gehören die 

39a 



Gruppen von Menschen dem nationalen Leben an; im Reichtum 
der Eigentümlichkeiten entfaltet sich auch das nationale Leben. 
Wir haben gesehen: die Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse hindert 
dabei so wenig Deutsche zu sein wie die Zugehörigkeit zur ger- 
manischen Rasse hindert, Deutscher oder Engländer zu sein. 
Durch Rassenbewußtsein und Nationalbewußtsein wird das In- 
dividuum nicht gespalten; wir kamen überein, daß das Rassen- 
bewußtsein der Sphäre des Gesellschaftlichen angehört, welches 
dem Politischen und Nationalen nicht entgegensteht, daß vielmehr 
die Kopulierung der beiden gefährlich ist — auf der Hochzeit des 
Rassen- und Nationalbewußtseins tanzen die Antisemiten und 
freuen sich auf das Mordkind der Ehe, auf die Zwietracht. — 

Als Deutsche von jüdischer Abstammung haben Juden ihre 
Eigentümlichkeit wie Deutsche von andrer Abstammung andre 
Eigentümlichkeiten haben; als politische Deutsche haben sie, ' 
gleich den andern politischen Deutschen, die lebendige Erinnerung 
von der Geschichte der letzten zwei, drei Generationen und sind 
sie hundert Jahre alt, wie unsre deutsche Geschichte und unsre 
deutsche Nation. So alt sind, wiewir festgestellt haben, dieDeutschen 
mit ihrer politischen Erinnerung. Und mit ihrer Rassenerinnerung ? 
Da sind die Deutschen sehr verschieden alt, die allermeisten aber 
gar nicht; trotz der Rassentheorie. Darauf wollen wir nun noch 
einmal hinsehen — ich habe versprochen, über die Rassenerinner- 
ung der nichtjüdischen Deutschen noch einmal zu reden. Das muß 
hier geschehen, zur Vorbereitung der Rede über die Rassen- 
erinnerung der jüdischen Deutschen und der Juden überhaupt; 
mit welchem letzten wir auf das Wesen der jüdischen Eigentüm- 
lichkeit und auf ihre geschichtliche Bedeutung kommen. 

Dem nichtjüdischen Deutschen, z. B. dem germanischen 
Deutschen, dem slavischen Deutschen ist Rassenbewußtsein ein 
leeres Wort, ohne Grund und Inhalt: ja, was unsre Germanen be- 
trifft, kann man wohl sagen, daß ihr Rassenbewußtsein in allen 
seinen Erinnerungen erblindet ist, und daß es seine Keimkraft 
verloren hat, wenn überhaupt jemals welche vorhanden gewesen. 
Das hat mit ihrem Deutschsein, mit ihrem Engländersein, Nor- 

393 



wegersein, Schwedesein nichts ^u »vhaifen; man kann selbstrer- 
stAndlich Deutscher sein u%w so gut ohne jegüches Rassenbewufit- 
sein wie n it welchem; wir haben gesehen, daß es (ur die Nationali- 
t4t auf die anerzogene Rasse ankommt. Wo auch angeborenes 
RassenbewuOtsein vorhanden ist, ist es vorhanden und hat seine 
Bedeutung; wo es nicht vorhanden ist, soll man nicht glauben, daB 
damit auch nur das Geringste fehle und nicht — n4rrisch werden. 
Zurzeit weaifttens ist in den Deutschen von nicht judischer 
Abstammung keines da — d. h. germanisches RassenbewuOtsein 
ist in ihnen nicht vorhanden: deutsches RassenbewuOtsein 
und deutsche Ran«twriiinenjng wunderbar haben wir seit 
hundert Jahren und bekommen wir immer wunderbarer. Aber 
angeborenes germanisches RassenbewuOtsein ist keines da in den 
nicht judischen Deutschen: die Judenhasser muOten erst welches 
machen. Ui.d wie unendlich viel schwerer ist das, als diese Ultra- 
naiven sichs denken, und wie gm nd verkehrt fangen die Leicht- 
fertigen es an! Sie hätten doch vor allem einm.al sich zu erkundigen 
bei solchen, die es haben und kennen — nun, sie wissen ja, bei 

wem sie de '• n anklopfen n uflten — , was es mit derlei wie 

Rassenbew....: ■; ..i für eine Bewandtnis habe, von welcher Be- 
schaffenheit es ist, wie es sich AuOert und wozu es dient ? Und 
alsdann mußten sie die s4:r.t!ichen nicht judischen Deutschen riach 
ihrer Rassenabstammurig sortieren und nit ihnen Übungen ab- 
halten, mit jedem naturlich die für ihn passenden, nachdem sie 
vorher jedes Rassenbewußtsein nach seiner Eigentümlichkeit im 
allgerreinen wie für eines jeden Anteil im besonderen fleißig und 
•orglich zubereitet und eingesetzt h&tten (was auch gar keine so 
leichte Aufgabe sein durfte), und mußten Tabellen für die Misch- 
linge mit den bunten Rassenseelen herstellen, wo auf das genaueste 
ausgerechnet steht, an wieviel Tagen des Jahres sie das eine oder 
das andre Rassenbewußtsein zu haben haben (was vielleicht das 
allerschwierigste, weil die Anzahl der Deutschen von gemischter 
Abstammung so ungeheuer groß ist und die Art der Mischung sich 
nicht immer ohne weiteres wird feststellen lassen — dennoch ist 
keine andre Möglichkeit: Zusamm.enschrrelzung verschiedener 
Rassenbewußtseine in eines w&re ja JLrgste Sünde gegen das Ras&eo- 
b«\\ußtsein, gegen die Rassentheorie, wäre N' • } ^ra^sentheoriel), 

194 



und noch gar viele Umständlichkeiten und Erschwerungen 
wären namhaft zu machen, ohne deren Überwindung keine 
Hoffnung bestehen kann auf eine noch so geringe Portion auch 
nicht des allerlympigsten Rassenbewußtseins. Wie es aber die 
Judenhasser anfangen?! Ihre keineswegs klare Rede von der 
,, rasseligen Rückkonstruktion" erweckt mehr Vertrauen zur 
Rasseligkeit als zur Rückkonstruktion, und aus der bloßen Nega- 
tion und Opposition, aus anarchistischem Zeter und Mordio und 
Terrorismus gegen „die von der andern Rasse" wird noch kein 
eignes Rassenbewußtsein. Die Rasse ist eine posi- 
tive und stilleBeschaffenheit des Menschen, 
so daß sie, wie eben in den Germanen, für die eigne Bewußtheit 
gar nicht sich zu äußern braucht, völlig ruhend sein kann; denn 
daß der Germanen Rassenbewußtsein in närrischer Größtmäülig- 
keit, Böswilligkeit, Treulosigkeit und Verschlagenheit bestehe, 
wie heute ihre Rassentheoretiker glauben machen würden, wenn 
man sie als Repräsentanten der Germanen nähme, das glaube ich 
nimmer. Von derlei findet sich unter den Germanen im ganzen 
nicht m.ehr als unter unsren übrigen Menschen; mehr nur bei 
ihren Rassentheoretikern. Im ganzen ist die germanische Rasse 
anders und positiv großartig beschaffen; und wenn sie Rassen- 
bewußtsein hätte, so wäre es, aus Naturwuchs, positives Rassen- 
bewußtsein mit Stamm und Wurzeln von Rassenerinnerung. 

R a s s e n b e w u ß t s e i n ist immer positiv, 
stützt sich auf ununterbrochene Überliefe- 
rung, muß immer Rassenerinnerung sein. 
So wie es überhaupt kein Bewußtsein ohne Erinnerung geben 
kann, so gibt es auch kein Rassenbewußtsein ohne Rassenerinne- 
rung. Rassenbewußtsein ohne Rassenerinnerung ist ein Nichts, 
von dem niemand einen wirklich bestimmten Inhalt aussagen 
könnte — non entis nulla sunt praedicata. Die Germanen 
haben kein R a s s e n b e w u ß t s e i n , weil keine 
Rassenerinnerung. Niemand kann auf die Frage: Haben 
die Germanen Rassenerinnerung? anders antworten als: Aller- 
dings — jüdische Rassenerinnerung. Fragt sie nach Abraham, 
Isaak und Jakob, die vor viertausend Jahren gelebt haben, fragt 
sie nach Paulus und Christus — in den Worten Christus und 

395 



Gott oder Einheit haben sie den Extrakt der jüdischen 
Rassenerinnerung. Aber geht n'ir mit ihrer eignen Rassen- 
erinnerung! Die fehlende positive naturwüchsig gerrranische 
Rassencrinnerung durch die Rassenlheorie ersetzen zu wollen ist 
dn psychologischer Riesenirrtum — nein. Ich mißbrauche dAS 
Wort Riesenirrtum: es muß anarchistische Gewaltsamkeit ge- 
nannt werden, das Germanische ohne Wurzel einsetzen zu wollen, 
wie es anarchistische Gewaltsamkeit bedeutet, das Jüdische aus der 
naturlich-geschichtlichen Ordnung der Wellkultur mil seiner 
Wurzel herausreiBen zu wollen. Mit ihrer germaruschen Rasten- 
theorie! Die hat für ruemanden einen Sinn und Inhalt außer für 
die Judenhasser, die darunter Judenhaß verstehen, den neu in 
Rassenhaß umgegossenen Religionshaß. 

Seht ihr nun ? Sie haben nicht ordentlich zugesehen bei den 
Juden, was es mit RassenbewuOtsein für Bewandtnis habe; sie 
sind die Leute gar nicht, das zu gewahren. Was aber von ihnen als 
vertreintüches Rassenbewußtsein der Juden gewahrt wird, das 
zeigt, was sie für Leute eigentlich sind. Sie schildern das Rassen- 
bewußtsein der Juden, das in der Lehre von der Liebe besteht, als 
bestünde es im Haß gegen andre Menschen — : sie schildern damit 
sich selber, ihren eignen Haß, dem sie den Namen Rattenbewußt- 
sein geben möchten. Das ist aber, wie ich schon sagte, nicht wahr, 
daß germanisches Rassenbewußtsein im Haß besteht, es ist Frevel, 
damit als Repräsentant des germanischen Raasenbewußtseins auf- 
zutreten; und nun und nimmer kann einer Bewegung Fortgang 
und Dauer verliehen sein, die sich nur durch unsaubere Mittel 
lebendig erhalten läßt. Mit Judenhaß könnte man nicht einmal 
germanisches Rassenbewußtsein in den Germanen machen und 
natürlich noch viel weniger, wie blödnlrrischer Weise die Juden- 
hasser es versuchen, in sämtlichen nichtjüdischen Deutschen; die 
doch wahrlich nichts weniger als sämtlich germanischer Rassen- 
abs lammung sind (vgl. S. 163 ff.) und unmöglich die germanische 
Rassenerinr.frung haben können, welche die Gerrr»anen selber 
nicht haben — auch könnte man tatsächlich wie zu Germanen mit 
nicht allzuviel minderer Berechtigung die Deutschen zu Slawen 
machen wollen — ; und die jetzige Erfindung german;scher 
Rassenerinncrung an Wodan oder an den indiscJi-vedisrhen 

39« 



Himmelsgott Waruna — Herr Jesus! l^) Nein, nein — 
der Macht des Wundertuns bedürften die Rassentheoretiker, 
wenn sie heute germanische Rassenerinnerung machen 
wollten; Schöpfer aus dem Nichts müßten sie sein oder 

1) Sogar der Weihnachtsmann wird plötzlich zu einer lebendigen Er- 
innerung an Wodan erfunden. Ein judenhasserisches Blatt, das Haupt- 
blatt des Radauantisemitismus, schrieb zum vergangenen Weihnachtsfeste: 
„W i r sind glückUcherweise noch so weit Deutsche, daß wir 
im Weihnachtsmann unsem alten Wodan begrüßen können. Und den 
lassen wir uns auch von keinem Christen nehmen. Wurde doch zu allererst 
unter christlicher Flagge in deutschen Landen mit Feuer, Schwert und 
religiösen Schreckmitteln alles den Vätern Heilige herab- 
gewürdigt und verzerr t." Und nun dtnk man sich die Radau- 
antisemiten, denen noch heilig ist, was „ihren Vät rn" heilig war, und die 
im Weihnachtsmann ihren alten Wodan begrüßen! Wer hätte solches von 
solchen Leuten gedacht! Mit dem Wodanismus wird es bald ungeheuren 
Fortgang haben; denn Guido von List hat, wie E. L. von Wolzogen sagt, 
„in seinen Schriften die Grundlage gegeben, auf der man die Kulturformen 
und den Katechismus des deutschen Glaubens aufbauen könnte. Es ist, 
kein Zweifel möglich, daß die Missionäre dieses deutschen Glaubens unter 
allen germanischen Völkern leichte Arbeit haben werden." Ich kenne nicht 
die Werke Guido von Lists, ihre Titel klingen jedenfalls verheißungsvoll: 
„Die Armanenschaft der Ar io^ Germanen"; „Der Wiederaufbau von 
Carnuntum"; „Pipara, die Germanin im Cäsarenpurpur". Es möge hier 
auch ein Glückwunsch seine Stelle finden, den der österreichische Anti- 
semit Schönerer von einem Freunde erhalten hat: „In diesem Augenblick 
ist mir, als telephonierte mir Dr. Funk (ein verstorbener Schönerianer) : 
Melde Freund Seh. die Glückwünsche aller Einherier und die meinigen zu 
seinem Geburtstage: soeben findet ihm zu Ehren hier die Festtafel statt. 
Jetzt erhebt sich Herrmann der Cherusker, haut sein Schwert, mit dem er 
sich eben das Hinterviertel eines duftig gebratenen Urs zurechtgemacht hat, 
auf die Platte, und mit funkelnden Augen, wallenden Locken, ergreift seine 
Rechte den Feiertagshumpen. Also spricht er: Einherier, vernehmt, daß 
der Heldenstamm im deutschen Reiche sich kräftig fortgepflanzt, das zeigte 
uns das Jahr 1870 und 1871, aber er pflanzt sich auch in der Ostmark fort 
und von diesem ist Ritter Georg der beste und edelste Sprosse. Stoßt an und 
trinkt Heil dem Ritter Georg! Wie wenn sturmgepeitscht die rasende Flut 
am Helgolandfelsen brandet, also erscholl das tosende Rufen: Heil dem 
Ritter Georg! Da tönt Thusneldas helle Stimme: Heil Philippinen der 
Schwester, Heil ihres Nestes Inhalt!" Es hätte noch feierlicher geklungen, 
wenn Philippine (die Gattin Schönerers) und ihres Nestes Inhalt, statt von 
Thusnelda, von dem Einherier Schmuhl Lob Kohn wäre begrüßt worden, 
Philippinens im Jahre 1832 in Rohrlitz verstorbenem Urgroßvater. 

397 



Totenerwecker (vorerst aber haben tie nur das weniger grofie 
Wunder der Erweckung des Lebendigen, nlmlich der Rassen- 
erjnnerui g in den Juden, fertig gebracht — das bleibt als Gutes 
auch vom Zionismus zurück, nachdem die Narrheit von einer 
jüdischen NationalitAt verraucht sein wird). Gestern wußte noch 
kein Mensch von diesem germanischen RassenbewuBtsein: über 
Nacht sind gewisse Germanen und Nichtgermanen, Slaven, Ro> 
namen, getaufte Juden usw. germanomanisch ,.raßlich" ge- 
worden, Tcrsuchens mit RassenbcwuOtsein ohne RAnenerinne- 
rung, d. h. lit stielen Rassentheorie, die in der Studierstube der 
Narren erzeugte. Solch ein Narrenwort wie die Rassentheorie 
kann nimmer Fleisch werden, wohl aber eine nlrrisch krankhafte 
Mode in angefaulten Kreisen und den sie umgrenzenden ,. Ge- 
bildeten" oder kann als falsche Tendenz sich äußern an Stelle des 
sich selber noch nicht verstehenden Nationalgcfuhls. Wer die 
Natürlichkeit des Nationalgefuhls für die modernen Rechts- und 
Freiheitsstaaten anerkennt wie wir. der begreift auch ganz gewiß 
die Verirrungen beim ersten Heraufkommen des Nationalgefuhls 
und die Wirkung jedes Geschreis von der Rassentheorie; was die 
Schreier kein Tun kostet als ihr Schreien und ihnen in vielen 
F&llen zum billigen Deckel unrimrifer und schlechter Aufführung 
wird. In der Tat, die Rassentheorie, an sich selbst vollendeter Un- 
sinn'), ist in den meisten, in den Unschuldigen, die sich selber noch 
nicht verstehende Vaterlandsliebe (sie kommen sich zu wärmen 
und verbrennen sich), in den wenigen Argen ist sie die Unfähigkeit 
zur Vaterlandsliebe; die sind unter uns Germanen — nur, um 
zu finden, daß andre keine sind, sie sind ,, Schelme, die, entblößt 
von allen Tugenden des deutschen Volkes, sich mit den Fehlern 
desselben bekleiden, um sich den Anschein des Patriotismus zu 
geben und in diesem Gewände die wahren Freunde des Vaterlandes 
gefahrlos schmähen zu dürfen." Diese Worte sind von Heine, und 
ein Wort Johnsons lautet: ,, Patriotismus ist die letzte Zuflucht 
des Schurken." Auch der Patriotismus ist, wie das Rassenbewußt- 
sein, positiv und still und wird laut zumeist nur, wenn 



') ich verweise noch einmal auf das Werk FinoU. „Dai Rassen- 
vorurteil' ' . 

39« 



es die Verteidigung des Vaterlandes gilt: wird es patriotisch laut 
gar gegen die eigenen Volksgenossen, so hat man daran ein Wahr- 
zeichen, daß es um ein niederträchtiges Gefühl sich handelt. 
Sobald das Nationalgefühl sich wirklich selber versteht und nur 
erst zu rechten Kräften kommt im großen deutschen Volke, so geht 
es auch ohne den Judenhaß und seine junge welkeTochter Rassen- 
theorie mit ihren kraniometrischen und nasometrischen Faxen (die 
man in der Art von Kotzebues ,, Organen des Gehirns" auf die 
Bühne bringen sollte) und ist es vorbei mit diesem Rassenbewußt- 
sein ohne Rassenerinnerung, das nichts andres Nationales ist als 
nationaler Größenwahn und nationale Rauflust, das in Wahrheit 
antinational ist, — denn es richtet sich gegen die Einheit der Nation 
und gibt, wie wir schon sagten, böse Bürger. Das große deutsche 
Volk, so wie es weiß, daß Deutsch keineswegs gleichbedeutend 
ist mit Germanisch, weiß nichts von diesem Rassenbewußtsein 
und lacht darüber; alle seine edleren Männer lachen darüber, 
und warnen davor, wie Virchow darüber gelacht und davor 
gewarnt hat als vor etwas ,,was nur mit Verlust des gesunden 
Menschenverstandes möglich sei.** Dieses Rassenbewußtsein ist 
eine Mode, die, gleich andrer Mode, schnell sich totlaufen wird; 
sie kann alle 24 Stunden sterben und stinken. 

Aber die Juden haben R a s s e n b e wu ß t s ei n 
mit wirklich eigner R a s s e n e r i n n e r u n g von 
elementarer Naturkraft, und sind als Juden 
sechstausend Jahre alt! 

Wahrlich die Juden stehen, vermöge der sie auszeichnenden 
Rassenerinnerung voller lebendiger Blätter, in besonderstem Ver- 
hältnis zur Zeit und zur Geschichte; zur Menschengeschichte, zur 
menschlichen Kulturgeschichte, vor allem zu dem Gedanken- 
bewußtsein, welches seine geschichtliche Allmacht erwiesen hat 
und seine Allgegenwart erweist für alle die Völker unsres Kultur- 
kreises, zur Geschichte des Einen Gedankens von der Ewigen 
Wahrheit, — ob auch durchweg alle unsre Völker als Gesamtheiten 
gerade wie die Juden selber als Gesamtheit, 
diesem Gedanken nur verbunden sind in der ihr entsprechenden 
Form des Aberglaubens. (Denn entweder Wahrheit oder Aber- 
glaube muß gedacht werden in einem jeglichen Menschen, hinzu 

399 



zu seinem Bewußtsein ron der Relativitit, d. i. zu seinem Bewußt- 
sein von der Welt, die sich damit in einem jeglichen Menschen 
als die Welt- Nichtweit, als das Nichtabsolute selber ankündigt; 
alle Menschen, die nicht geistig die Wahrheit denken, denken 
abergläubisch: ihr eigner neuer Aberglaube kriegt ehrfurchtige 
En^pfindungen und einen schönen Namen, der Aberglaube der 
andern und der früherer Zeiten kriegt Abscheu und Verachtung 
angezogen). Aber sie, die Juden, wissen sich lebendig veibunden 
mit dem Gedanken, der den andern durch sie ist überliefert worden; 
und daß sie wissen ron dieser ihrer geschichtlichen Wirkung, wo- 
von rund um sie her und überall, wo sie gar nicht sind noch selber 
jemals hingekommen waren, die Zustande alles Lebens so 
großes Zeugnis ablegen, das ist in ihnen das Besondere und Adelige 
— geschichtliche Bedeutung des Geschlechts gibt Adel'). Sie leben 
zurück den ganzen Siegeabogen, der durch ihren Gedanken — 
einerlei hier, in welcher Form — bezeichnet ist, bis dahin, wo er 
zuerst sichtbar wird und aufsteht; ihre Ab^tAmmungsuberlieferung 
knüpft sie an das Volk des Buches, welches das Buch der Volker 
geworden ist, das einzige, wahrhafte Volksbuch der Volker, das 
ewign-enschliche Buch, das n-.it jeder neugewordenen Menschheit 
neu wird, dessen uberrrichtigem Einfluß selbst dieses allerArgste 
Aeslhetengeschlecht sich nicht entziehen kaiin — die Bibel, das 
Buch. Das Buch: damit ist es groß unterschieden von allen den 
andern Buchern der Menschheit und wird immer so groß unter- 
schieden und einzig bleiben; was auch in der Menschheit werden 
mag. 

Mit dem Gedanken dieses in unsrer Geschichte ewig lebendigen 
Buches, welches für sie zugleich das Buch ihrer Rassenerinnerung 



>) Hamann: ,.So sehr auch der curoptiscben Centauren -Ritterschalt 
die jüngste Etymologie des Worts Adel aus einer arabischen Wurzel 
günstig sein mag: $o bleibt doch der Jude immer der eigentliche ursprung- 
liche Edelmann des ganzen menschlichen Gcachlaclits, und dAS Vor- 
urteil ihres Familien- und Ahnenstolzes ut beier gefründct als alle T<«r! 
dca Ucherlichen heraldischen Kaxixleistils. Selbst das MiOrerhl. 
ihres kleinen in die ganze Welt zerstreuten Ordens zum Pol>eI aller 
übrigen Völker liegt im Begriff der Sache; gleichwie die Karikatur der 
Urkunden fur die Echtheit und das graue Altertum ihres Freibriefes 
spricht und den witzigsten Spott Ob#r«chr«>it." 

400 



ist, sind die Juden lebendig verbunden, sie sind selber lebendiger 
Gedanke unsrer Geschichte; ein Gedanke und sein Leben, die 
zeugende Kraft der Abstraktion und zugleich die Geschichte ge- 
wordene Realität. Sie stellen die einzige wahrhafte Geschichts- 
erinnerung in Menschen dar, sind Kontinuität der geschicht- 
lichen Überlieferung, bilden, als lebendes Gedächtnis, die wirkliche 
Verbindung der Neuzeit mit dem grauesten Altertum und tragen 
in sich, gleich unsern Bäumen, feste Jahresringe, daraus ihr 
Lebensalter zu ersehen; die andern aber gleichen den tropischen 
Bäumen, die ohne solche Jahresringe wachsen. Sie sind sechs- 
tausend Jahre alt und noch immer gar nicht alt und abendlich. 
Einiges Gliederreißen, wie Zionismus, bringen sie sich schon 
selber wieder weg; durch die Taufen erfahren sie eine nicht unge- 
sunde Blutabzapfung; und die übrigens nötig gewordene kleine 
Auffrischung und Rassenbewußtseinsreparatur haben ihnen, wie 
bereits gesagt, die Antisemiten besorgt . . . ein kurzes Weilchen 
noch, so ist ihnen wieder ganz jung und unsterblich zu Mute und 
sind wieder riesenkräftig zu neuen Geburten. Und nein, ganz ge- 
wiß nicht, wovon sollte man sonst sagen, daß es ihre Eigentümlich- 
keit sei ? In all ihren Verhältnissen der Relativität sind sie 
Menschen wie andre Menschen, und die ganze Verschiedenheit be- 
steht in der Verschiedenheit ihrer Verhältnisse. In der Rasse ganz 
gewiß nicht; sonst käm.en ihr zugleich entgegengesetzte und ein- 
ander ausschließende Eigenschaften zu, wie z. B. die bisher allge- 
meine und in andern Ländern immer noch fortbestehende größere 
Fruchtbarkeit der Juden und zur selben Zeit in unsren Ländern 
der, sogar im Vergleich zu den NichtJuden, so ungünstige und 
rapide Geburtenrückgang. Auch die unter den Juden überall noch 
zu konstatierende geringere Kindersterblichkeit ist wahrlich nicht 
der Rasse zuzuschreiben, sondern Lebensumständen; desgleichen 
liegt z. B. die Verschiedenheit ihrer Kriminalität an ihrem Wohnen 
hauptsächlich in den Städten und an ihrer Beschäftigung haupt- 
sächlich im Handel und in der Industrie; und so mit allem bei 
ihnen Verschiedenen, was übrigens alles gar nicht so gewaltig ver- 
schieden erscheint von dem bei den andren Menschen. Die Juden 
machen keinen Riß in die Einheit des menschlichen Geschlechts; 
den Menschen ihrer Umgebung gleichen sie innerlich aufs Haar, 

401 26 



so daß auch genug NichtJuden sind, die man, wiren sie Juden, alt 
, .spezifisch judisch'* bezeichnen konnte, und ich weiß genug Juden, 
die Antiseiriten wlren, wenn sie nicht Juden sein wurden. Die 
Juden sind wie die Christen, und ,.wie sichs christelt, so judelts 
sich". Gewiß nur durch dieMt Einzige erscheinen sie innerlich 
eigentümlich vor arwlern Menschen, durch ihre Rassenerinnerung; 
welche besteht in der Bewußtheit ihres alt^egründeten Verhältnisses 
zu dem Cedarücen von so großer Bedeuturig für alle Volker, 
in der Bewußtheit ihres VerhAltnisses zur wahrhaften Ewigen 
Wahrheit. Wer nicht das als ihr innerstes Lebensmoment, als da« 
GrofJe an ihnen durchdringt, der weiß nicht das Rechte, sei er nun 
selber Jude oder Nichtjude; die kleinste und unidealste Auffassung 
aber, dünkt mich, haben die Antisemiten und die Zionisten, welche 
beide darin übereinstimmen, die Juden eine Nation zu nennen 
und sie ruich Palästina zurückzuwünschen. Die Juden eine 
Nation und narh Palästina!! Nicht einmal Germanen, die doch 
wohl eher Nationen bilden, könnten in ihre Urheimat zurück- 
kehren. Was eine Nation sei und \%elrhe i^olle dabei e i n h e i t - 
licheLebensauffassung und gefühlsmäßiges 
Übereinkommen spielt, habe ich oben, S. 43, zu bestim- 
men gesucht. Und wie man übrigens die Nation anders bestimme: 
konnten sich die Zionisten klar werden über die Juden und über 
die Nation und über die frühere Nationalität der 
J u d e n , so wurde es bald keine pohtischen Zionisten mehr geben. 
Wovon ich sagte, es sei ihr innerstes Lebenszentrum, davon 
sage ich auch, daß es immer ihr innerstes Lebenszentrum gewesen 
sei, und hat sie in den Zeiten, da sie r)och eine Nationalität 
bildeten, zur merkwürdigsten Nationalität gemacht. Eine solche 
Nationalität ist in der Welt nicht wieder gewesen, die eine derartige 
Herrschaft ausüben wollte: die niemals Ausbreitung ihrer poli- 
tischen Macht erstrebt hat. sondern ein ..Gottesvolk" in einem 
..Gottesstaat" hat sein wollen; immer auf die Idee und auf ..das 
Ende der Tage" gerichtet war und von der Herrschaft der geistigen 
Ewigen Wahrheit über alle Menschen geträumt hat: ,.Jahweh ist 
Konig." Je tiefer der staatliche Verfall gewesen, desto begeisterter 
und gewisser stand sie zur Idee, und auf den Trümmern ihrer 
staatlichen Gemeinschaft, da erst gar triumphiert sie: Jahweh ist 

40a 



König! Eine solche Rasse wie die jüdische gibt es in der Welt 
nicht zum zweiten Male, deren Politiker allesamt und unter allen 
Verhältnissen, deren wahrhaft bedeutende Politiker sagen: Jah- 
weh ist König! So hat Daniel gesagt, der babylonische oberste 
Reichsbeamte, so hat Beaconsfield gesagt, der kleinere Daniel; 
und was hat im Grunde unser Friedrich Julius Stahl andres ge- 
sagt als: Jahweh ist König. Und glaube doch niemand, daß das 
Ende von Spinozas Realpolitik — weil sie Realpolitik war — es 
glaube niemand, daß dieses Ende etwas andres hätte sein können 
als: Jahweh ist König! 

Es ist aber diese Wahrheit vom Jahweh 
nicht die der Religion. 

Die Religion gehört in die Auffassung der Relativität hinein 
und vermag keineswegs über sie emporzubringen: alle Religion 
materialisiert den Geist, verrelativiert das Absolute, richtiger: 
verabsolutiert das Relative — was die Menschen tun aus religiösen 
Motiven, das tun sie aus phantastischem, über ihr relatives Leben 
hinaus verlängertem Egoismus: den Kreuzfahrern trat ein furcht- 
bares Weib entgegen, eine Fackel in der Rechten, einen Wasser- 
schlauch in der Linken: ,,Die Hölle will ich auslöschen und den 
Himm.el verbrennen; denn nur Himmel und Hölle fürchten und 
hoffen die da, nicht einer unter ihnen, der Gott liebt mit reiner 
Liebe." Die beiden großen Herren der Religion selber, der Gott 
und der Satan, sind beide nur relative Existenzen und, weit ent- 
fernt davon in der Ruhe des Geistes zu sein, vielmehr unbefriedigt 
in ihren Reichen und reißen sich um die Welt, besonders um den 
Menschen. Keine Religion ist imstande, die das relative Denken 
in sich aufnehmende geistige Vertiefung des Bewußtseins zu 
leisten und die Seele wahrhaft frei zu machen in ihr wahres Wesen 
— mit der Religion bleiben wir in der Relativität; klingt das denn 
dem einen und andern hart oder unverständlich oder beides, so 
mag er die Lehre von den Geistigen und vom Volke vornehmen. 
Wer die Mission der Juden mit dem Religiösen bezeichnet glaubt, 
der irrt so gewiß, wie gewiß ist, daß gar n'cht Religion hat sein 
sollen, was jene ganz großen Juden bringen wollten. Christus und 
Moses haben so wenig Religion gemeint wie Spinoza — diese drei 
haben das gleiche gemeint. 

403 28* 



Ja. das kann s«in, das ist lo: was seit uralters her von den 
Juden ausging, war anderes als Religion, obgleich es überall Reli- 
gion geworden ist; und die Wirlc&an keit des Gedankens, deren 
Träger im Abendlande die Juden gewesen, ist wahrlich nicht er- 
schöpft mit dem Religiösen. In unsren Tagen beginnt ein neues, 
noch n.it dem Totschlagen der Religion beschäftigtes und doch 
auch bereits mit allerlei andrem im Erbfolgekrieg begriffenes, 
ohne Zweifel alles besiegendes und rerdr Engendes. Ich meine 
das, was heute Ton Vielen Monismus genannt wird, was aber keiner 
ist und ebenso wenig wie Religion zu schaffen hat mit der echten, 
durch Motes, Christus, Spinoza gelehrten geistigen Wahrheit von 
dem Einen; was vielmehr neu zeigt, wie g&rulich unfähig die 
Massen sind und bleiben, wahrhaft zu denken und Vorurteile und 
Aberglauben aufzugeben. Infolge dieser Ucfähigkeit der Massen 
und der zu ihr gehörigen Empiriker, infolge der Verachtung des Ge- 
dankens durch die Empiriker (und doch ist der Gedanke die Sonne, 
die uns hält auf unsrer Bahn, auch wenn sie für die Empiriker 
verfinstert ist — das habe ich gezeigt in der Lehre von den 
Geistigen und vom Volke), durch den Hochmut der die Empirie 
so arg mißverstehenden Empiriker trat in den ..religiös-vorurteils- 
losen" an Stelle der Religion nicht etwa die Eine wahrhaft positive 
Wahrheit, sondern die gänzlich negative, die niedrigste und 
immer flacher werdende abergläubische Verkehrtheit des Ma- 
terialismus: Vogt zeugete den Büchner, und Buchner zeugete den 
Häckel, und Häckel zeugete den Ostwald — so heißen die Engel, 
welche die Himmelsleiter heruJtersteigen. tiefer, immer tiefer, da- 
bei den Choral des Atheismus und des Materialismus immer wüster 
gröhlend. Und dagegen nicht zuletzt, sondern zuerst, sind Juden 
verpflichtet, die einzig positive Ewige Wahrheit des Geistes von 
dem wahrhaft Einen wieder emporzuheben, daß ihr Licht gesehen 
werde von allen, welche sehen können. Die ihre Herrschaft ein- 
büßende Religion und der zur Herrschaft gelangende materia- 
listische Monismus sind Zwillinge eines Aberglaubens, gegen den 
für die ewige Wahrheit zu kämpfen, sage ich. vor allen übrigen 
Menschen die Juden verpflichtet sind: s i e müssen sich kümmern 
um mehr als nur ihre irdische Existenz, auch um die idealen 
Hauptgüter, welche sie der Menschheit vermittelt haben; und es 

404 



ist noch nicht zu Ende mit der Menschheitsgeschichte und noch 
nicht mit jener Verpflichtung der Juden. 

Ich sage nicht, daß jemals das Ideal in der Menschheit erreicht 
werden wird — wie ich darüber denke, das lehrt die Lehre von den 
Geistigen und vom Volke. Ich sage noch mehr nicht. Ich behaupte 
auch keineswegs, daß die Juden ihre Verpflichtung erfüllen: ich 
rede nur von ihrer Pflicht, von ihrer Geburtspflicht für ihren Ge- 
danken. Ich bin weit entfernt davon zu sagen, daß sie ihre Ver- 
pflichtung erfüllen. . . Wenn ich nicht einsähe, daß unmöglich der 
einzelne gemessen werden darf nach dem Maße des Gedankens 
und der Erfahrung in der Gesamtheit, sondern immer nur nach 
dem, was er entsprechend dem Maße seiner besonderen Natur da- 
von zu fühlen und zu wissen vermag; und wenn es nicht so wäre, 
daß, wie durchweg unser Wesen dieses Leben erträgt, es sich darin 
mit Widerspruch zu sich selbst verhält und Sträuben des Rela- 
tivismus gegen den Absolutismus, ja (aus Tiefe der Verirrung) 
Versündigung am Absolutismus in fast allen Menschen das Ge- 
wöhnliche und Gesetzliche ist — wenn nicht dieses alles mir deut- 
lich und erklärlich wäre, so könnte ich jedem einzelnen Juden be- 
sonders verargen sein Mitmachen an dem Empfang, der jederzeit 
dem neuen Wahrheitbringer zuteil wird. Denn die Juden müssen 
doch besser einsehen als die NichtJuden, daß es außer der Schuld 
eines Menschen noch viele Gründe dafür geben kann, daß einer der 
allgemeinen Verachtung und dem Hasse ausgesetzt ist; gar viele 
von ihnen spüren es doch lebendiger als alle die übrigen Menschen 
am eignen Leibe, was es kostet. Rechtschaffenes zu sein und ohne 
Wanken Rechtschaffenes unter den Menschen zu vollbringen: 
mißkannt sein, verlacht sein, verlästert sein, verfolgt sein. Sie 
haben das gespürt von Geschlecht zu Geschlecht, und unter den 
universellen Anschuldigungen, die beständig von der Menge, d. h. 
zuhöchst von den Vertretern der Menge, von den Gebildeten und 
Gelehrten, von den Pharisäern, von den Sophisten, von den Scho- 
lastikern, von den Philosophieprofessoren und den übrigen führen- 
den Akademikern gegen die Männer der Wahrheit erhoben worden 
sind, müssen die schwersten auch die Juden als Gesamtheit über 
sich ergehen lassen. Und ich sage, s i e sind besonders verpflichtet 
zur Wahrheit, und ihnen am wenigsten von allen Menschen 

405 



steht an, da kalt und gedankenlos uberhin zu gehen — weil in 
ihnen die Wahrheit, die eine einzig und allein eigentlich denkbare 
und alle Zeiten nälirende Wahrheit, weil sie in ihnen auf be- 
sondere Weise lebt; und weil diese eine Wahrheit es ist, die stark 
sich erweist in den Schwachen und die ihnen nehmen dem Simson 
das Haar scheeren heifit; diese Wahrheit ist es, die ihnen ihre 
UnüberwindUchkeit gibt und ihre verh&ltnismABige Un- 
veränderlichkeit innerhalb der RelativitAt. Woher sonst ? — 
das kann nur aus dem Nichtrelativen, aus dem unver&nder- 
liehen Absolutum in ihnen erklÄrt werden. So wenig die 
eiruelnen von dieser einen Walirheit wissen, so tief sie 
unter ihr stehen, so heftig sie von ihnen beschimpft wird 
und von ihnen gesch&ndet wird, und was sie auch mithelfen tun, 
sie um ihre Geltung und womöglich um ihr Dasein zu bringen; 
obwohl die Juden im allgemeinen wahrlich nicht die Spur Unter- 
schied zeigen von andren Menschen, und durchweg so gAnzlich 
eingegangen sind in die RelativitAt der Welt, daß sie nur diese 
kennen als das eiruige Sein'), obwohl die Juden durchweg ebenso 
beschränkt in der Relativität und ebenso aberglAubisch erscheinen 
wie die übrigen Merischen. durchweg zu allen Zeiten ebenso aber- 
gläubisch waren, auch in diesen Zeiten, gegenüber dem modernen 
Aberglauben, ebenso aberglAubisch sind — : die Juden stellen am 
deutlichsten das VerhAltnis des Menschen in seinem relativen Be- 
wußtsein zur absoluten Besinnung dar, das trotz des Nicht- 
wollens(des Keschehoreph) dennoch Müssens, 
das nwt dem Ewigen in-Beziehung-sich- 
Wissen wider den Willen des Lebens. Und 
trotz allem wegen ihrer Versunkenhcit in die RelativitAt und 
wegen des Aberglaubens gegen sie zu sagenden und gesetzt auch, 
es lebt zurzeit kein einziger unter den Juden, der die Wahrheit zu 
erfassen imstande wäre: sie n.üssen dennoch als diejenige Gruppe 
von Menschen bezeichnet werden, die allezeit — gestern, heute 
und morgen — in besonderem VerhAltnis zur Wahrheit gestanden 



') die Welt, sagt Spinoza, ist das, was wir von der Substanz Auff.Tism, 
als ob sie— die Welt — das Wesen der Substanz aus- 
machte: Per attributum intelligo id, quod intellectus de substantta 
perciptt, tanquam cjusdem esiintiam constitu«ns. 



406 



haben und stehen; die Wahrheit lebt dennoch ihnen im Herzens- 
kern, und wenn sie nicht wach ist in ihnen, so schläft sie in ihnen, 
so schlafen sie selber und träumen gewiß von ihr; sie lieben sie und 
sind ihr treu — die Liebe bleibt sich nicht immer gleich, aber die 
Treue bleibt sich gleich. Ich spreche von der Gesamtheit, vom 
Charakter der Gesamtheit, vom Substantiellen der jüdischen Rasse, 
die sechstausend Jahre alt ist, und sechstausend Jahre alt ist in 
ihnen der Kulturgedanke von dem Einen Jahweh und der Einen 
Menschheit, und sie haben ohne Unterbrechung, auch während der 
finstersten Zeiten der ganzen übrigen Menschheit, in der Kultur 
durch diesen Gedanken gestanden — das allein und nichts andres 
ist das Wesentliche in dem psychisch-anthropologischen Charakter 
der jüdischen Rasse, das ist das Substantielle, welches alle jüdi- 
schen Seelen in einem Seelenverbande umfaßt, das geht durch 
die gesamte Juden heit von der Flamme bis zur Schlacke; und es 
bleibt wahr, wie Goethe gesagt hat: ,, Israel ist, war und wird ewig 
sein, um Jahweh bis in die Ewigkeit der Welt zu verkünden." 
Die Juden haben diese Wahrheit gebracht, haben darum auch 
als Gesamtheit das Schicksal der Wahrheitbringer, der ohn- 
mächtigen, mächtigen; der Wahrheit selber, die auf alle Weise von 
den Menschen befehdet wird, ihnen widerwärtig und verhaßt ist 
und doch sich nicht verweisen läßt und nicht aufhört, selbst auf 
ihre Feinde und Verleumder zu wirken. Die Juden haben — als 
Gesamtheit — gleich den Genies ihr Geheimnis und ihr für die 
Reflexion Unauflösbares, und sie erfahren — als Gesamtheit — 
das Schicksal des Genies, so lang es lebt. 
Wären sie damals in ihrem Freiheitskampfe den Römern gänzlich 
erlegen, wie würde man singen von diesem Volke der Helden und 
Geistesriesen, das versunken sei wie die Sonne im Meer, und das 
Geistesriesen besessen, die gleich Helden zu sterben wußten, wie 
jener Rabbi Akiba: als hochbetagter Greis, wenige Schritte vom 
Grabe, hatte er sich begeistert dem Aufstande des Barkochba an- 
geschlossen . . . während ihm die Haut mit eisernen Hecheln ab- 
geschunden wurde, sprach er, ein Seelenentzückter, das ,,Höre 
Israel, Jahweh ist Eines" — da fragte ihn der Statthalter T. An- 
nius Rufus: Bist du denn ein Zauberer ? — Nein, rief er, aber be- 
glückt, das Gebot ganz erfüllen zu können: Liebe Jahweh mit 

407 • 



ganzem Hfrzen mit fjanzer Se«le und mit ganzem Vermögen, das 
heißt, wenn man dir das Leben nimmt! — und. von dem ..Jahweh 
ist Eines" das Eines auf den Lippen, fiel er in Tod. — Konnten die 
Juden heute von der Erde verschwinden, morgen wurde man 
anfangen, aufs hbchste sie nachzubewundem. nachzulieben. Da 
sie aber nicht sterben, sondern (ortleben, die Erblasser der beiden 
Testamente, die immer noch ihr Erbe nicht lassen wollen, so er- 
fahren sie die widersprechenden Urteile des Gepriesen- und Ver- 
dammtwerdens*). In der Tat. die Juden als Gesamtheit gleichen 
den Genies, und es liOt sich von innen tagen wie man wohl von 
denen gesagt hat: sie seien zu messen nach ihren Hassern; und so 
auch leben und wirken sie fort als Natur, als geschichtliche Macht, 
als die tiefst und allerfestest gegründete Wirklichkeit in der 
Menschheit, woran alle die Narren tritsamt ihiem Haß zuschanden 
wurden und werdrn. und freuen sich, daß sie so von den Narren 



) Auch im Urteil ihrer Hamr k omPW P Ja und Nein auf das unsinnifiCa 
susammen: die können nicht (enug d«rt\in, wit v ildrtUc h die Jud«i 
seien, für höhere Begabung garrucht in Betiarht kommend, auf der andrrcn 
Seite wirdrr - die Mactit und übartafMihtit der Juden nicht 

groO genug d«. ..>... .. . .^ csnpitndaa iic in der Tat bHter und furchten sie 

Über die Maßeo. tonst wurden si« nkht %o maßlo« hauen; HaO gibt es nur 
g^en diejenigen, die man fürchtet, denen nxans im Kampfe nicht abzu- 
ringen vermag — wer nicht fürchtet, der bleibt wirklich beim Verachten 
oder Nichtachtan und Bedauern. Das Ja und Netadcf J udenhaaser auch in 
ihrer P««-«'-nhaBwissiinschait ist in der Tat vcnwcifelt. So Las ich noch 
jQngs' . rndwo das RasaerunlBige der Juden hoch hervorgehoben und 

dann im selben Atem, daß sie überhaupt keine Rasse seien (wie die Ger- 
manen) . sondern nur ein zusammengesetzter Tjrpl Im allgemeinen erkennt 
man an, daß sie die imverbAltmsmgßig retnsU Rasse seien, aber, statt daß sie 
nun deswegen von den Ranengddirtcn gctcfaltzt würden, wird alles so ge- 
dreht, daß nichts als Grund zur Verachtung und Befehdung herauskommt 
— genau so wie bei der Religion: die von der jüdischen Religion, die ihr 
unter dem Namen der chftttiichen anhingen, bitten wohl allen Anlaß ge- 
habt, die wirklichen Juden gans anders zu behandeln und auf die judisch« 
Religion der Juden mit der lußerstcn Ehrfurcht zu blicken. Aber all der 
Widerspruch ist kein Widerspruch, wenn man weiB. daß es ist, wie ich ge- 
tagt habe: im Grunde weder ihre Religion noch ihre Rasse, sondern der 
Haß. Was wire ihnen ihre Rasse, wenn nicht ihr Judoihaß wäre ? Genau 
so ein NichU. wie ihnen in früheren Zeiten ihre RasM gewesen, als sie st« 
zum Judenhaß noch nicht nötig hatten. 

401 



sagen und nicht die Narren von ihnen so sagen dürfen. Der Haß, 
von dem wir hier reden, ist Anerkennung der gleichen Bedeutung, 
welche auch Liebe und Bewunderung einflößt, jedenfalls unge- 
meine Wirkung ausübt und vom Schicksal gewollt ist. 

Gar mancher denkt jetzt, ich ginge zu weit. möchte nur gar 
mancher wirklich denken! so würde er erfahren, daß ich nicht zu 
weit gehe mit dem hier über den Charakter der jüdischen Rasse 
Gesagten. Andere gingen zu weit — so weit gehe ich keineswegs. 
Ich sage nicht: ,, Charakter haben und jüdisch sein ist ohne Zweifel 
gleichbedeutend." Ich sage nicht, es sei ,, allein den Juden mit aller 
Geistesbildung rechter eigentlicher Ernst", und allein die Juden 
hätten ,,zum Geiste auch noch Gemüt." Ich sage nicht zu den 
Juden: ,,Geht ihr in eurer Wesenheit zugrunde, so geht mit euch 
zugleich alle Hoffnung des gesamten Menschengeschlechts auf 
Rettung aus der Tiefe seiner Übel zugrunde. Wenn ihr versinkt, 
so versinkt die ganze Menschheit mit, ohne Hoffnung einer 
einstigen Wiederherstellung." Mit dem, was ich von den Juden 
sage, bleibe ich weit zurück hinter so ungeheuren Worten, die ja 
nicht meine Worte sind — es sind Fichtes Worte, der so übrigens 
nicht von den Juden, sondern von den Deutschen spricht; da habe 
ich in der Rasche an Stelle der Deutschen die Juden festbekommen. 
Weil mich bedünken will, daß etwas von dem, was Fichte sagt, 
eher auf die Juden als auf die Deutschen paßt. Man hat Fichte in 
diesen seinen Reden, in seinen Reden an die deutsche Nation, mit 
einem jüdischen Propheten verglichen, wegen der Glut seiner 
Vaterlandsliebe und der Mächtigkeit seiner Rede — aber es scheint 
manchmal, als redete er auch von und zu Juden. 

Etwas von dem Überschwang seiner Rede paßt tatsächlich, 
nach den unwegleugbaren Tatsachen, auf die Juden, keineswegs 
auf die Deutschen. Was Fichte von der Vaterlandsliebe sagt, daß 
sie eigentlich wolle ,,das Aufblühen des Ewigen und Göttlichen in 
der Welt", das paßt nicht auf unsre deutsche Vaterlandsliebe, das 
ist überhaupt eine ganz ausschweifende Definition der Vaterlands- 
liebe, entstanden aus ungehöriger Vermischung der beiden Sphären 
des Relativen und des Absoluten: aber die Juden haben in der Welt 
das gewollt. Die Juden, die auch mit mehr Anrecht als die 

409 



Deutschen ,,als ewig in der Geschichte sich zu erfassen haben", 
und von denen wohl eher gilt als von den Deutschen: dafi sie ge- 
siegt hAtten, „weil das Ewige sie begeisterte'*; denn „nicht die 
Gewalt der Arme noch die Tüchtigkeit der Waffen, sondern die 
Kraft des Gemüts ist es. welche Siege erklnpft." Dabei kann 
man gut an die Liebe jener ohnmAchtigen, vaterlandslos ge- 
wordenen Juden zu ihrem Judentum denken, an den Kampf und 
Sieg des Zwerges, der damit gestanden wie ein Riese alle die 
schrecklichen Jahrhunderte hindurch, und an den Karrpf und 
Sieg jener andern ohnmAchtigen und vaterlandslosen Juden iur 
d i e Form des Judentums, welche heute den Namen Christentum 
führt. Wie Jesaias seinen Gott sprechen lAßt: „Es ist ein geringes, 
daB du mein Knecht bist, die Stamme Jakobs aufzurichten und das 
Verwahrloste in Israel wieder zu bringen, sondern ich habe dich 
auch zum Licht der Heiden gemacht, daO du seist mein Heil bis an 
der Welt Ende. So spricht der Herr, der Erlöser Israels, sein 
Heiliger zu dem Volk, deB man Greuel hat, zu dem Knechte, der 
unter den Tyrannen ist: Könige sollen sehen und aufstehen, und 
Fürsten sollen anbeten um des Herrn willen, der treu ist, um des 
Heiligen in Israel willen, der dich erwAhlet hat." Zeigt her zwei 
größere Siege gegen die Übermacht der Welt „nicht durch Gewalt 
der Arme noch durch Tüchtigkeit der Waffen, sondern durch die 
Kraft des Gemüts"; das sind Siege derer, die sich ,,als ewig in der 
Ges<.hichte zu erfassen haben." Und das sind Leistungen in der 
Geschichte, in dem Geschehenen, das sind Tatsachen geschicht- 
licher Erfüllung durch die Juden, während Fichtes Tatsachen 
durch die Deutschen von ihm selber doch nur erst als Tatsachen in 
seiner Hoffnimg ausgesprochen werden. Die Zukunft soll erst 
lehren, ob auch die Deutschen nach dem dereinstigen Untergange 
ihrer politischen Gen einschaft so Deutsche bleiben werden wie 
die Juden Juden geblieben sind, und ob sie dann eine Leistung von 
gleicher Wichtigkeit wie das Christentum vollbringen und ,,fur 
das Aufblühen des Gottlichen in der Welt" einen ebcnsolch«rn 
Enthusiasmus beweisen ? Ich glaube das nicht — bd aller Liebe 
zu meinem deutschen Vaterlande, dem der verruchte Tag seines 
Unterganges noch so fern sein möge, wie ich von ihm im Herzen 
weiß, daß es sein Glück und seine Grösse noch 

410 



unendlich wird wachsen sehen, und dem ich vor 
diesem Untergange einen solchen Heldenkampf wünsche, wie ihn 
die Juden für ihr jüdisches Vaterland gefochten haben! Aber ich 
kann das nicht glauben, weil ich den Unterschied kenne und fest- 
halte zwischen dem Relativen und dem Absoluten: das Vater- 
landsgefühl fällt hinein in das relative Bewußtsein, das nationale 
Empfinden ist relatives, anerzogenes Rassenbewußtsein und kann 
unmöglich den Staat so überdauern wie das angeborene Bewußt- 
sein, sagen wir mit Fichte, für das Ewige und Göttliche. Nie und 
nimmer verm.öchte Vaterlandsgefühl jenen Enthusiasmus für das 
Göttliche zu erzeugen: das Vaterlandsgefühl ist das höchste im 
Relativen, jener Enthusiasmus aber ist Bewußtsein des Abso- 
luten, des Göttlichen, das Göttliche selber ist in ihm drin; danach 
trägt es den Namen Enthusiasmus (von Iv und Oeo?), weil in ihm 
unmittelbar das Göttliche waltet. Jesaias, mit seinem unver- 
mischt lauteren Hochbewußtsein vom göttlichen Gedanken, wird 
,,der Propheten größter" bleiben — trotz Fichte. 

Und jetzt immer noch wird gar mancher denken, daß ich zu 
weit gehe mit dem hier über die Juden Gesagten. Vielleicht ist 
das auch wirklich so. Vielleicht ist daran, als an einem bloßen 
Gerühme, ebensowenig, wie an dem Gerühme so mancher Ger- 
manen von ihrer Rasse. Nun, dann mag man das eine so garstig 
finden wie das andre; dann hab ich ein falsches Vorurteil. Wie 
mag ich es verlieren ? Ich weiß mich auf dem festen Boden ge- 
schichtlicher Tatsachen, die von niemandem bestritten werden 
können. Wenn Solchen etwa Hervorhebung des Guten an den 
Juden befremdlich sein wird, die immer nur von ihren Fehlern und 
Schlechtigkeiten zu hören gewöhnt waren — ist es mein, ist es ihr 
Vorurteil, was so oder so die Juden erscheinen macht ? 

Ich möchte denn an dieser Stelle noch einmial auf das verweisen, 
was oben S.i54f. und S. 28gi. über das Vorurteil gesagt worden. Ehe 
man irgend etwas besonderes hier denkt, möge man jenes All- 
gemeine noch mal überdenken. Man hat von drei falschen Vor- 
urteilen gegen das Vorurteil sich zu befreien: erstens hinsichtlich 
seiner Herrschaft über die Menschen, als sei es ungewöhnlich, da 
es vielmehr derart gewöhnlich ist, daß nur äußerst wenige ohne sehr 
viele Vorurteile und kaum vereinzelte ohne jegliches Vorurteil an- 

411 



getroffen werden (denn über Vorurteil und Haß wirklich garu und 
gar hinwegkomn^en, das ist, wie wir gesehen haben, nichts ge- 
ringeres als den Egoismus oder das relative Denken überwinden 
in der Art, wie dies von den Heroen des Geistes geschah) ; zweitens 
über sein Verh&ltnis zum Urtdl im Bewußtsein, worin es durchweg 
die ganz unvergleichlich größere Machtstellung schon allein des- 
wegen innehat, weil das allgetreine Leben so eingericlitet ist, daß 
für gewohnlich die LebenafOnorge der einzelnen das Denken unter 
Vorurteilen der einen oder arwiern Gemeinschaft geradezu zur 
Voraussetzung hat; und dritteru das aus unsrer falschen Psycho- 
logie sich ergebende falsche Vorurteil, et aei jedes Vorurteil durch 
Aufklirung, durch Erkenntnis zu überwinden, was so verkehrt ist 
wie wenn man dos Dact; bauen wollte ohne das Haus, und so ver- 
kehrt wiedicEinsicht richtig: d^ß dAS Ganze des Bewußtseins, die 
Einheit des Fuhlens. Wissens, Wollens, immer nur als Ganzes funk- 
tioniert und durchweg sich bildet und erh&lt nach dem Interesse 
der Leberisfürsorge. Man darf die Vorurteile — hier ist immer nur 
die Rede von den verkehrten oder schwarzen Vorurteilen — man 
darf die vei kehrten Vorurteile nicht verwechseln und nicht zu- 
sammenbringen mit den irrigen Sinneswahrnehmungen, welche 
zu korrigieren der Egoismus fordert, denn nach ihnen muß er steh 
richten; während vielir.ehr die Vorurteile samt den Urteilen, mit 
denen sie ja dem Urteilenden gleich gelten, nach dem Egoismus 
sich richten wie der Zeiger der Uhr nach dem Perpendikel, und 
der Egoismus (wie er gewohnlich vetstanden wird), nicht allein 
nicht verlangt, sondern sogar dagegen sich sträubt, daß die Vor- 
urteile korrif^iert werden. Blickt auf die mit Vorurteilen: sie 
zappeln gegen Aufklarung wie ein Kind mit Händen und Füßen 
gegen das Waschen; sie wollen nicht sehen und machen stöckisch 
die Augen zu noch in der Finsternis — sie können nicht sehen: 
wenige Menschen sehen ihre UnvoUkommenheiten als UnvoU- 
kommenheiten (näher liegt ihnen Glaube an UnvoUkommenheit 
der andern sie darauf Hinweisenden, mit welchen sie d a d u r c h 
in Verwicklung gerieten, der Glaube an deren Vorurteil, Enge, 
Unduldsamkeit), und kaum einer sieht sie wahrhaft so, daß er 
dadurch zum Versuch gebracht würde, sie abzulegen; der stirbt 
bald, heißt es von einem, itr anders als nach seiner gewöhn- 

4ta 



liehen Schwäche sich zeigt. Urteil oder Vorurteil — in den Egois- 
mus, in die Konfiguration des Bewußtseins wird das neue Ur- 
teil oder Vorurteil eingetragen; und wenn es das Interesse 
des Ganzen verlangt, finden wir häufig, daß solche vor- 
handene Urteile, von denen eigentlich die Vorurteile 
gejagt werden müßten wie Staub vor dem Winde, sie in 
Ruhe lassen, gar keine Berührung mit ihnen zeigen. Es 
ist nicht einfach zu wissen, ob man begründetem Urteil oder 
gänzlich verkehrtem Vorurteil und Aberglauben folgt, ob sich selber 
oder fremder Führung, in Glück oder Verderben, den Weg in die 
Klarheil oder zum Verstrickt werden mit der Niedrigkeit, Kälte und 
Finsternis der Welt. Was im besonderen das Urteilen der Menschen 
über Menschen anbetrifft — urteilen über Menschen, d. h. durch 
weg: über Fühlende, Wollende, Wissende, ohne zu fühlen und 
ohne zu wollen und, ohne zu wissen gleich ihnen selber, etwas 
wissen aus der Lage unsres (ob näheren oder noch so entfernten) 
Interesses. Wer kann sicher sein, daß er gerecht urteile über den 
andern ? Wer würde nicht in manchem Falle, könnte er sein Urteil 
wahrhaft prüfen, oder gar wenn er in die Wunderlage versetzt 
würde, das wahre Verhältnis zwischen seinen Vorurteilen und 
seinen Urteilen, Verstehen und Mißverstehen, Gerechtigkeit und 
Ungerechtigkeit zu übersehen, — wer würde nicht in Beschämung, 
in Bestürzung fallen?! Erst gar aber dem, was einer sein Urteil 
über die Juden nennt, traue er nicht bald. Fühlt man sich 
in betreff des Urteils der Menschen übeihaupt bisweilen er- 
innert an Ariostens verlorene Dinge, die sich nun im Monde 
befinden, so muß m.an Urteil über die Juden wohl tatsächlich 
auf dem Monde suchen. Niemand, sage ich, traue so bald dem, 
was er über die Juden urteilt. Wie sich die wahren und die für 
wahr gehaltenen lügenhaften und Wahnvorstellungen zu einander 
verhalten, das ist kaum in irgend einer Sache so schwer zu durch- 
dringen wie in betreff der Juden; nirgendwo sonst ist das Urteil 
so bedroht durch das Vorurteil, bei keinem andern Falle ist die 
Menschenwelt seit unvordenklicher Zeit gewöhnt, alle Tatsachen 
im Lichte des Vorurteils zu betrachten und solches Vorurteil, unter 
den stärksten Gefühlsausbrüchen häufig, bereits den Kindern 
einzugießen, die noch gar keine Urteile sondern naturgemäß nichts 

413 



all Vorurteile haben: Urteile vor ihren Urteilen; Ranz von außen 
an sie herangebrachte Urteile vor ihrer FJüiigkeit des Urtcilcns und 
▼or jeglicher Kenntrüs des Beurteilten; Urteile, die n i c h t s nut 
wirklichem Urteilen xu schaffen haben und den Weg durch die 
Ohren kommen, nicht einmal durch die Augen. Der artige Ei nwinde- 
lung und Erziehung zum Vorurteil, die Gewalt einer so tief Wurzel 
schlagenden Überlieferung von Vorurteilen steht außer VerhAUnis 
zu dem gewohnlichen AnlaO und zur gewohnlichen Geneigtheit, 
ein Vorurteil auf seine Wahrheit hin zu prüfen, und noch mehr 
außer Verhältnis zur Fihigkett des Prufens. — über meine 
Fähigkeit kann ich nichts selber wissen, wohl aber darf, vielmehr 
muß ich n.ich hier auf das Zeugnis nicht weniger und nicht 
schlechter berufen, die mir den Ernst anerkennen, womit ich die 
Vorurteile der Menschheit auf ihre tatsAchlicb wahren oder tat* 
tichlich irrigen und verkehrten Grunde hin zu untersuchen mich 
gemüht nabe, d. h. aber nichts andres, als daß ich mich gemüht 
habe, die Riegel vor meinem eignen Bewußtsein wegzureißen, und 
gerungen hat>e, des Falschen Teil an mir auszufinden und des 
Guten. Ich fand wahre und verkehrte Vorurteile in mir und habe 
niemals nach meinem Herzen gefragt. Mir fiel es nicht leicht und 
einfach wie den Gebildeten; und um der Vorurteile 
g r Ö ß t e s lag ich in futchtbarsterEinsamkeit, in schwarzschauer- 
lichem Tal, von Todesfelsen umstarrt und hob mich dann in die 
Hohe g!eich wie Nimrod an seinen Adlern gegen den Himmel flog 
— „Wohin du Gottloser ?" klang eine Stimme über ihm — da- 
hinauf, dahinein, woher die Stimme klang, schoß er einen Pfeil — 
mit Blutstropfen kam der wieder auf ihn herunter. . . . Ich habe ge- 
rungen, ehe ich als ein Gottloser stark und glücklich waid für 
immer in der wahrhaftigen Wahrheit vohn Einen. Ich mußte viele 
Vorurteile lassen, die mir in den Jahren m.eincs Vorurteilens kost- 
lich, heilig gewesen sind; und da ich die Pflicht empfand, sie als 
Feinde der Menschheit zu bekimpfen, so habe ich in Selbsthingabe 
mein Gefühl gezwungen und geschlagen, damit es nicht in mir 
meine Vorurteile uberdaure. Nichts auch nAtte vermocht, mich, 
den außer jeglicher Gemeinschaft lebenden, der auch nie in einer 
Gemeinschaft leben will (und von den Juden obendrein verhehle 
ich mir keinen Augenblick, daß sie nach dem, was nun sehr bald 

<t4 



noch hinterher kommt, meine Feinde werden müssen auf lange 
hinaus, weit über die Dauer meines Lebens hinaus) — wahrlich, 
kein Locklied der Welt hätte vermocht, m.ich in der Sache der 
Juden anders zu bestimmen als nach den Tatsachen, wie ich 
sie fand. 

Mehr weiß ich nun nicht zu sagen, um zu sagen wie einer: 
meine Darstellung steht auf den Tatsachen. Steht auf den Tat- 
sachen und weist zum ersten Male hin auf solche Tatsachen, die 
bisher nicht im Zusammenhange betrachtet worden sind, wie ich 
sie betrachte. Ich bin dam.it noch nicht am Ende: das Wesentliche 
der Betrachtung im Zusammenhange folgt erst in der ,,Rede der 
Juden". Darin verweile ich nicht allein gebührend bei etwas, 
was ganz außerordentlich geeignet ist, den Zustand unsrer Bildung 
und Gesittung, die jammervolle Gedankenlosigkeit der Allgemein- 
heit zu illustrieren, sondern man wird dort auch die eigentliche 
Ausführung alles hier nur Angedeuteten finden; denn wenn ich ge- 
stehen mußte, daß ich den Standpunkt dieser Rede heute nicht 
mehr vertrete, so gilt das natürlich nicht von den darin angeführten 
Tatsachen und nicht von der darin vertretenen Auffassung der 
Tatsachen: Tatsachen sind Tatsachen, und für den Zusammen- 
hang ihrer Betrachtung hat nichts in meinen Gedanken sich ge- 
ändert. Solche freilich, die den Zusammenhang der Tatsachen 
nicht betrachten wollen und die Tatsachen bestreiten — nun, ich 
will bemüht sein, deren Tadel und Feindschaft zu verdienen. So 
war es und so wird es bleiben bei allem, was ich schrieb und 
schreibe, m.ein fester, mein erster und mein letzter Wille, bis diese 
Flamme in mir verlischt. Andres läßt sich nicht ausrichten gegen 
die, welche die Tatsachen bestreiten. Die aber richten auch nichts 
aus gegen die Tatsachen, und es bleibt bei ihrem Verhältnis der 
Nullität in der Welt. 

Ich gehe nicht weiter als die Tatsachen, das ist gutes Gehen 
und hält fern von den Ausschweifungen, denen selbst ein Mann wie 
Fichte sich hingab; Überweg urteilt von ihm, daß er ,,den Gegen- 
satz des Deutschen und Fremden nahezu mit dem des Guten und 
Bösen identifizierte". Ich finde die Juden, nach ihren mensch- 
lichen Angelegenheiten, keineswegs besser als die NichtJuden, ja 

41S 



ich beklage, daß sie zurzeit so schwer und schlAing sind iur das 
geistige Ideal und ihrer besonderen Pflicht nicht gerecht werden, 
wie ihr besonderes geschichtliches Verhältnis ru diesem Ideale 
rerlangt, das ich ihrer Rasse zusprechen muß; was aber walirlich 
andres bedeutet, als identifizierte ich die jüdische Rasse nit den 
Geistigen. Die wahre Ceistigkeit ist zerstreut durch alle Menschen- 
rassen und findet sich nur in vereinzelten Individuen; keine Ge- 
n-einschaft ist als Gesan.theit geistig; doch muß man, wie Fichte 
nun wiederum recht sttgt, eine Getreinschaft beurteilen nach 
ihren höchsten StellTertretam und Anfuhrern und, wie ich hinzu- 
sage: nach ihrer Wirkung auf die Menschheit. Sieht man nun 
darauf, so kann man nicht anders alt den Griechen und den Juden 
eine besondere Stellung einr Aurren; das ist keine Behauptung, 
sondern Konstatierung geschichtlicher Tatsachen. Das Griechen- 
tum und das Judentum hat sich — in Hinsicht auf die geistige Be- 
sinnung — mAchtig eincMCtst in das Bewußtsein unsrer Volker, 
das Judentum aber noch mAchtiger als das Griacbcntiim. 

Dieses sage ich von der judischenRasse, was niemand beatretten 
kann, der nicht die Tatsachen bestreitet: daß sie im Vr- 
unsren übrigen Rassen das stArktse Rassenbewußtsein uiiu cic am 
weitesten zurückreichende und deutlichste geschichtliche Rasten- 
erinnerung besitzt und in Hinsicht auf unser Verhältnis des rela- 
tiven Bewußtseins zur getttigen Wahrheit, die rr Achtigste Wirkung 
geübt hat. Aus ihrer Mitte sind die Lehrer ersUnden. die enorm 
großgeborenen Menschen, welche — erhoben über die Sichtbarkeit 
ins Wahre -auch in der Sichtbarkeit das Wahre erkannten, selber 
Wahrheit geworden waren, in deren Leben die Wahrheit sich zeigte 
wie im Edelstein der Glanz, und die. indem die Idee der Wahrheit 
ttArker in ihnen gewesen als das Gefühl des Lebens, und indem tie 
mit ihrer ganzen unerschütterlichen SelbstAndigkeit, mit ihrem 
ganzen Wirken, mit ihrem ganzen Dasein Leidenschaft für die 
Wahrheit gewesen, so ganz viel wunderbarer gelehrt haben als alle 
die übrigen auch Wunderbaren — aus denen der Erdgeist, der Welt- 
geist spricht, aber niemals mit solcher Magie wie aus jenen der ab- 
solute Geist. So hat kein andrer Mensch auf Erden gesprochen 
wie Christus, und so hat kein andrer Mensch auf Erden ge- 
sprochen wie Spinoza; in solcher, aus der Fülle der inneren Heilig- 

<|6 



keit, Heiligkeit, Kraft und Gewißheit hervorbrechenden Rede des 
Nawi — des Choseh und Nawi, des wirklichen Schauers und wirk- 
lichen Sprechers der wahrhaften Wirklichkeit. Wer finden kann, 
der mag suchen bei Jesus dem Gekreuzigten und bei Benedikt dem 
Verfluchten, das was höher ist als Religion; wer 
nicht selber zu den Kreuzigern und Verfluchern gehört, der kann 
es finden. Auch bei Benedikt Spinoza, von dem sie wohl meinen, 
er habe sich verflogen und lehre so ganz andres als sie von Moses 
und Christus gehört haben ? Aber sie haben nur andres gehört, 
und ich wiederhole: sie haben auch von Moses und Christus nicht 
gehört, was die in Wahrheit sagen, und halten die nun tatsächlich 
die Welt erfüllende superstitio judaica, den jüdischen Aberglauben, 
für den Geist des Judentums! Der Kern der Geisteslehre, der 
Lehre von der absoluten Wirklichkeit, hat in dem von Moses, un- 
zweifelhaft von Moses selbst uns überlieferten: „Höre, Israel!" 
seinen präzisen Ausdruck gefunden*) — warum sollen wir nicht 



*) ich spreche von einem Moses wie von einem Christus und wie von 
einem Spinoza, so weit ich auch übrigens mit der Bibelkritik gehe: aber da 
gehe ich nicht weiter mit, wo die Bibelkritik zu weit geht und aufhört, 
Kritik zu sein; sobald sie nämlich wegen mythologischer Einkleidung den 
historischen Kern aufgibt und alle innerliche Notwendigkeit gänzlich aus der 
Acht läßt, für welche eine so mächtig lebensvolle Tradition spricht. Hier 
handelt es sich nicht mehr um Bibelkritik und um Solches, was die Philo- 
logen wissen, sondern um Solches, was die Philologen nicht wissen 
können — : daß nämlich zu jedem wahrhaft großen Gedanken und 
zu jedem wahrhaft großen Worte ein wahrhaft großer Mann erfordert 
wird. So verhält es sich aber und gar nicht nach dem, was die Philo- 
logen lehren oder was doch aus ihrer Philologie folgt: daß nämlich 
Dichtungen die ganz großen geschichtlichen Wirkungen hervor- 
bringen könnten. Für die Philologen und die Kammerdiener gibt 
es keine großen Männer und keine großen Gedanken — wir dürfen 
den Philologen nicht folgen, wo sie mit ihren Philologismen hin- 
durchklotzen durch die Gedanken und bei ihrer Auflösung der großen 
Männer. Über nichts noch so Unwichtiges läßt man Leute urteilen, die 
nicht davon verstehn: warum denn macht man sich so gar kein Gewissen 
daraus, über große Männer und ihre Gedanken die Philologen zu befragen, 
die mit trockenen Lippen ABC buchstabieren und nicht fassen, was für 
Sinn geschrieben steht. Den Sohn Amrams mit dem gewaltig ausgeprägten 
Antlitz lasse ich mir nicht zur Mythe machen und halte fest an der Gestalt 
eines historischen Moses, dem ich das Jahweh echad und das 

417 2' 



glauben, daß die Lehre des Moses jene große eine Wahrheit ge- 
wesen, garu andres, als was die Juden daraus gemacht hatten, 
da wir die Entstellung derselben Wahrheit in der Form, darin 
Christus sie gelehrt, und ebenderielben Wahrheit in der wiederum 
andren Form, darin sie durch Spinoza gelehrt worden, vor Augen 
haben ? Moses, Christus, Spinoza — Ton diesen dreien aber der 
größte ist Spinoza; der höchste aller Menschen ist Spinoza; der 
König der Menschheit, wurde ich sa^en: wenn die Menschheit da- 
nach wAre, von ihm sich regieren zu lassen und nach der Wahrheit 
zu erkennen das in ihrer Geschichte Einzige imd Einmalige dietet 
Spinoza. Moses und Christus sind des Tempels Fenster, Spinoza 
aber ist die Tür — wer nicht durch diese Tür der Philosophia 
perennis eingeht, der gelangt nicht ins Innere, mag undeutlich nur 
von außen hineinschauen. Wer die Wahrheit Lebt, kann sie 
ganz in Spinoza heben; man kann wohl die Wahrheit mehr 
lieben als sogar den Piaton: nicht mehr als den Spinoza. Immer 
wieder betone ich die Vollkommenheit Spinozas 
und daß er der einzige vollkommene Pl)ilosoph: gegen ihn er- 
scheinen alle die übrigen romantisch und unsicher. Spinozas 
Ethik istdieinjeder Zeile klassische philosophische 
Explikation des Einheitsgedankens, das mächtigste Weihelied 
— alle die Dinge der Welt sind die klingenden Saiten zum un- 
geheuren Liede von der Einheit. Die Einheit ist der einzige wahr- 
haft denkbare Gedanke, der von uns gedacht wird, wenn wir 
überhaupt denken — alles übrige ist nur relativ Gedachtes — , 
das gibt es nidit: wirkUrh denken und andres Wirkliches denken; 
außer von dem Einen Wirklichen, welches wir Denkende in letzter 
Wahrheit auch sind, außer diesem einzigen Wirklichen der 
Waluheit ist gar kein andrer möglicher Gedanke, und um die 

Ehejeh «scher ehejeh zuschreit>e und damit die höchste 
Kenntnis des Absoluten (lo bechidoth) und de* Relativen. Jahweh echad 
undEhejeh ascher ehejeh bcsAgt nicht nur, daß «ußerjahweh keinem Gott« 
ein wahrhaftes Sein zukommt: es t>csagt auch, daß der Welt kein wahr- 
haftes Sein zukommt. Wer solche Sitze gesprochen, der hat das Ganze der 
Waluheit und Klarheit; da kann kein Zweifel sein, ob nun das Ganze über- 
liefert ward oder nicht. ..Das Große und Wunderwirkende liegt ja nicht in 
dem Ausgebreiteten und Vielen des Wissens, sondern in dem Wenigen des 
Denkens, im Kern und nicht in der Schale." Lehre, S. 378. 

4«« 



Wahrheit denken zu können ist also nichts weiter erforderlich, 
als daß man überhaupt denken könne. Uralt, aber jeglicher 
Zeit und ihrer Verkehrtheit immer wieder neu ist die Wahrheit 
des Einen, wovon auch ich gesungen habe ein Wach auf, mein 
Herz! — für dieWenigen, die von Natur anders sind als die Vielen, 
die andres kennen und andres sein wollen: nicht glückliche Tiere, 
sondern selige Menschen! Als ich von meinem heiligen Berge 
herunter die Vielen erblickte, da verstand und fühlte und lebte ich 
den, der die Gesetzestafeln in tausend Scherben zerschmettert 
hat — aber dann sah ich die Wenigen und schrieb und schreibe 
die Lehre von der Wahrheit: als die Lehre von den Geistigen und 
vom Volke. Denn das muß ich überall sagen: die Wahrheit ist 
nur für die Wenigen; daß sie hinausging, denVielen zu predigen — - 
das war ein Irrtum der Wahrheit. 

Die Wenigen nun freilich, die in ihren einen Tempel ge- 
langen, der nicht Stätte äußerer Heiligkeit ist, die Trpo'frjTat xat 
StSaaxaXot, welche zu schauen vermögen größeres Wunder, als 
wenn Moses Hörner hätte und Christi Mutter Jungfrau wäre 
(und wäre sie es gewesen, wie Augustin behauptet: quam ante 
conceptum, tarn post partum), die bedürfen keiner Kirche und 
keiner Synagoge mehr und sind deswegen glücklich zu preisen. 
Unter den Wenigen, unter den Geistigen, verstehe ich die Groß- 
gesinnten, denen die Tiefe in das Denken tritt, die Tiefe der Ewig- 
keit in die Gedanken des Lebens, und die, frei in sich selber und 
unabhängig nach außen, davon Zeugnis geben: als Philosophen, 
als Künstler, als Männer der Liebe — alle diese besitzen die Gabe 
der Trpof rjTsia ; und ferner gehören zu den Geistigen diejenigen, 
welche das von jenen Geschaute und Verkündigte, das von jenen 
Produzierte in wahrhaft lebendiger Teilnahme und Anwendung 
reproduzieren. Das sind mir die irpocprjxai xat SiSaaxaXoi. Jetzt 
aber will ich reden zu denen, die in die Synagogen gehen, von 
dem, der hinein muß in die Synagogen. Christus muß hinein 
in die Synagogen! Das ist der neue Weg der Vervollkommnung, 
auf den ich die Juden weise, das ist mein Geschenk an sie der 
neuen Waffe, damit sie eines großen Teils ihrer Feinde sich werden 
erwehren können. Die Zeit ist neu, der Kampf ist neu — ich zeige 
ihnen, von welcher Art und Beschaffenheit die neue Waffe ist, die 

419 27* 



sie s«lb«r sich schmieden sollen. Sie werden mit der Lehre Christi 
sich durchdringen; es ist ein Zufall der Geschichte, daß einer ihrer 
weitaus größten Sohne ihnen ist geraubt worden und sein n.&ch- 
tiges Wort für sie unfruchtbar blieb. Nun müssen sie tplt es sich 
holen und aneifnen. Sie können das, mit besserem Sinne als die 
andern; es ist vom ihrigen, es ist Judentum. Die Juden haben das 
Recht an Christus nicht verloren — die Christen können es ihnen 
nicht bestreiten, die ihn anders auffassen als die Juden ihn auf- 
fASaen werden. Auch ich bestreite den Juden rücht dieses Recht, 
obwohl ich ebenfalls Christus ariden aufUsae; anders als die 
Christen ütn auffassen und auch anders als die Juden ihn auf- 
fassen werden. Ich, der ich weder Christ noch Jude bin, wie d i e 
es verstehen, aber von judischer Abstammung, vom Geblüt und 
Gemüt seines Gedankeru, ich fasse Christus auf, wie ich meine, daß 
er eiruig und allein lutch der Wahrheit aufgefaßt werden darf: 
vom Standpunkt aus der Lehre von den Geistigen und vom Volke, 
nicht als einen Juden und nicht als einen Christen, sondern als den 
Offenbarer von der Wahrheit des Einen, so wundervoll überein- 
kommend mit dem, was Spinoza und was Moses gelehrt haben. 
Ja, das mag auch aus Israel hören, wer hören kann; ich predige 
damit kein neues ,, Höre Israel ! " , das aus mir selbst hervorgegangen 
wire, sondern das alte ,,Höre Israel, das Seiende 
ist unser Gott, das Seiende ist Eines')". 



•) ,,Spinot* nicht andenwie Chr»»tui. Christus nicht anderswie Moses; 
dessen Gott spricht: ,.Ich bin, was ich bin (d. i. das zeitlose Sein, das wahr- 
haft Seiende) und niemals sprechen konnte: ,,Es werde!" und von welchem 
MoMt das immer noch gleich erschOttarnd gewaltige Wort zu uns klingt: 
„Höre Israel, das Seiende ist unser Gott, das Seiende ist Eines!" Wie aber 
Israel hört, und wie in Israels Ohren die Wahrheit sofort zum Aberglauben 
herüber sich wandelt, daron bietet gerade dieacs Wort das weltR. »cl.icl t- 
lich monströse Beispiel; denn dieses grofiartige Wort, zugleich Jubelhjrmnus 
und ingrimmiger Protest gcf en das G*txentum von jeghcher Art — : trota 
dem letzten bedeutet es nun in der Auffassung Israels, des jüdischen, des 
christlichen, des mohammedanischen larad das, was in der genugsam t»«. 
kannten, blödsinnig verkehrten O be t s e tsu nt lautet: „Höre Israel, der Herr 
unser Gott ist der einzige Gottl" So hatte Moses es nicht gesagt; denn er hat 
nicht anders wie Christus und wie Spinoza von der einen Wahrheit des 
Geistes gesagt," Spinoza gegen Kant, S. 43- Meine Auffassimg Christi 
findet sich in dem Werk , .Unser Christus". 

4S« 



Heute fasse ich Christus so auf und seit lange schon. Vor 
Jahren aber, da mir noch nicht der ganze Schlaf aus den Augen 
gerieben, ich noch in der Finsternis war, doch aber immer jenes 
Höre Israel als das Ungeheuerste mir vor den Augen stand, grell- 
gewaltig wie ein langer Blitz durch die ganze Nacht; als ich noch 
nicht zwischen dem relativen Bewußtsein von der 
Welt, dem absoluten Bewußtsein der Wahrheit und 
dem fiktiv absoluten Bewußtsein des Aberglaubens 
die scharfe und sichere Unterscheidung kannte, von den eben be- 
zeichneten drei Fakultäten noch nicht wußte, welche zur 
Logik die Kenntnis des materialen Denkinhaltes und gleichsam 
zur Physik die Chemie der Gedanken hinzufügt, — vor Jahren 
also, als ichnoch nicht jeneKonzeptionen empfangen hatte, die mich 
des Denkens mächtig machten, damals faßte ich Christus noch 
anders auf; so wie ich damals meinte, daß die Juden ihn auffassen 
und was sie in Betreff seiner fordern müßten. Ich ließ aber, wie 
andres Niedergeschriebene, so auch die in jenen Tagen entstandene 
„Rede der Juden" unveröffentlicht, weil ich mir sagte, die Zeit der 
Reife ist noch nicht gekommen; sie können, was die Rede enthält, 
noch nicht aufnehmen und wirklich machen. Davon aber bleibe 
ich nach wie vor überzeugt: die Juden müssen diesen Weg und 
werden ihn kommen wie ein aufgehaltener Strom. Weit über ihr 
jetziges Maß hinaus werden sie Großes und Fruchtbares sein der 
neuen Welt, durch neue Energie gleich der alten für den Ewigkeits- 
gedanken und alle die sittlichen Folgen aus ihm. Das verlangt von 
ihnen, soweit an ihnen selber liegt, ganz aus der Fessel zu kommen 
— das verlangt die Selbstemanzipation und der Fortgang und die 
Vollendung der Emanzipation, daß sie durch Christus hindurch- 
müssen, ohne aber daß sie deswegen aufhören, Juden zu sein. Die 
Emanzipation kann gar nicht hinführen zu einer (wie wir gesehen 
haben, nirgendwo vorhandenen) entgliederten Allgemeinheit; ihr 
Ende ist nicht die Assimilation, sondern die freieste Behauptung 
der Eigentümlichkeit. Darum geht überall in der menschlichen 
Gesellschaft der Kampf; darum geht auch der Kampf der Juden. 
Nach aller bisherigen Geschichte scheinen die Juden ihren Beitrag 
zum Leben der Menschheit, besser als durch ihre Auflösung, mit der 
Erhaltung ihrer Besonderheit leisten zu können, scheint ihre Ar- 

421 



bdt notwendig zu s«in für den Organismus der Menschheit — es 
hat nicht gefelilt an den ernstesten Versuchen, sie auOerhaJb dM 
Kulturorganismus zu stellen, sie selber haben, was an ihnen lag, 
getan, sich aus ihm zu lösen: es gelang nicht, und sie sind ohne 
Zweifel ron unentbehrlicher funktioneller Bedeutung für diien 
Organismus. Wenigstens sind tie es für den jetzigen Aon der 
Menschengeschichte; denn ich glaube an zahllose Möglichkeiten 
des Menschheitsdaseins. Für diese unsre Kulturepoche scheint 
mir die Erhaltung der Juden eine geschichtliche Gewißheit und 
Notwendigkeit, da der Gedanke dieser Kulturepoche (worüber in 
der folgenden Rede gesprochen wird) ron den Juden ist gebracht 
worden; und es scheint, daB er nicht ohne sie kann vollendet 
werden. Die Juden sind, was die ideale Kultur dieser Epoche be- 
trifft, die kulturgeschichtliche Rasse — Ton ihren Leistungen zur 
materialen Kultur haben andre geredet und n-.ogen andre reden: 
ich rede ron ihrer Rassenenergie, womit sie den seelischen Nöten 
der Menschheit zu dienen suchten, und sage, daB sie die kultur- 
geschichtliche Rasse sind, Torhanden mehr für das Leben der Welt- 
geschichte als für ihr eignes Leben, und sage, daB sie die kultur- 
geschichtliche Rasse immer noch sind. Das letzte also kann sich 
recht erst zeigen im Forlgange ihrer Emanzipation, welche fortgehen 
wird zugleich mit der we i t eren Emanzipation der Menschheit — 
unendlich wichtig ist hier, wobei die Juden ihre besondere Aufgabe 
zu lösen haben: die Verwirklichung der Lehre von den Geistifen 
und vom Volke! — und ich habe schon gesagt und wiederhole es 
nun noch einmal, daB die Emanzipation der Juden wohl fort- 
schreiten, aber niemals ihr letztes Ende erreichen, jederzeit hinter 
der Emanzipation ihrer Umgebung einige Grade oder einen Grad 
zurückstehen wird. Dies ist den Juden wesentlich, weil sie, so lang 
sie dauern, als die von allen Verschiedenen dauern werden, und 
Unangefochtenheit des Verschiedenseins von der allgemeinen 
Norm kann in den menschlichen Gemeinschaften kein Ende einer 
Entwicklung sein; der Judenhaß findet ein Ende nur in dir be* 
sonderem Juden, der danach ist, danach will und kann: du 
verstehst ihn als wesentlich, als unentbehrlich und fordersam 
für das Judesdn, für dein Menschsein, du kommst durch ihn in 
dasjenige Bewußtsein, welches durch seine Klarheit entgegen* 

4»a 



gesetzt ist dem Bewußtsein, aus welchem dieser Haß kommt; 
du verstehst durch ihn die Beschaffenheit der Menschennatur, 
und er verliert für dich sein Bitteres — ich habe angedeutet, 
was ihn in d i r unwirksam macht, etwas, washinaus- 
gehtüber alles Bewußtsein von der Relati- 
vität und über alle Dauer der Geschichte. 
In der Geschichte wird er dauern, so lang die Juden dauern. 
Die Juden werden, bei ihrer nicht auf äußerliche Macht gestützten 
Besonderheit, in irgend welcher Hinsicht überall und jederzeit 
bedrückt bleiben — aber bleiben, so lange gegen die Übermacht 
von außen die innerliche Macht aus der tiefsten Grundlage ihres 
besonderen Wesens, so lang die Macht ihres Ideals sie erhält; 
welches kein andres als der von ihnen in die Welt getragene 
Kulturgedanke. 

Und nun fürchten Juden, denen es an Vertrauen fehlt, 
welches man nennen mag, wie m.an will : Vertrauen in die Entwick- 
lung der Geschichte, Vertrauen in die Gesetze der Menschheit, und 
m.ögen andre es Gottvertrauen nennen — solche Juden, denen es 
daran gebricht, die fürchten, daß die Juden nach einander allesamt 
ins Christentum hinein weggetauft würden ? Der Gang des Ver- 
hängnisses sei dieser: aus dem orthodoxen Judentum werde das 
liberale, aus dem liberalen das freigeistige, und dieses werde von 
der christlichen Gesellschaft verschlungen; so wäre denn kein 
Mittel, Einhalt zu tun, als indem man diesen ganzen Assimilations- 
prozeß zum Stillstand bringe und die Juden zu einer Nation mache 
auf Grund ,,der heutigen jüdischen Kultur", welche die der ost- 
europäischen Juden sei!! ^) Das ist aber grundverkehrtes Sinnen, 
gleichsam auf Isolierung der jüdischen Wärme zu sinnen, um 
Wärmeabgabe zu verhindern; auch haben die Juden gar nicht als 
Nation ihre Menschheitsbedeutung, und das kleckt schwerlich, 
mxit solchen Träumen und lahmen Wundern der Geschichtsent- 
wicklung unter die Arme greifen zu wollen. Die Prophezeiungen 
vom Untergang der Juden — wegen des Getaufes, wegen der 
Mischehen, wegen des Geburtenrückganges — scheinen mir von 



1) A. Ruppin in seinem übrigens tüchtigen Buche „Die Juden der 
Gegenwart' ' , Köln und Leipzig 1 9 1 1 . 

423 



falschen und kindischen Propheten herztirühren, denen die Ge- 
sichte kommen nach der Kleinheit ihrer Herxen — B«b« bathrt 
I3,a zufolge wurde mit der Zerstörung des Tempels die WeU- 
safungsgabe den Propheten g^'^o'^^'^^n und den Narren und 
Kindern gegeben. Wer nicht beMtr« Prophetenbeeren gegewen 
hat, Ton dem Usaen wir uns nicht propltieitn und nichts vor- 
denken; wir nicht, denen das Vertrauen in das Judentum un- 
wankend geblieben. Niemand fürchte, niemand hoffe, daß et 
mit den Juden endet, ob er sich auch auf keine Art vorstellen 
kann, wie es mit ihnen weitergehen soll. Dann stellt er sich't 
nicht vor, und es geht doch. Man kann wegen der Dauer der 
Juden so gedankenlos sein wie wegen der Dauer des Judenhasses. 
Wer hätte in den Zeiten der allgemeinen Religir ''ung ge- 
zweifelt, die Juden würden gehaBt um ihrer Rri:i;:t!i willen, 
und wer hätte geahnt, daß die religiösen Gegensätze und die 
Religionen selber an Bedeutung verlieren xuvi die Juden dennoch 
weiter gehaßt wurden wegen eines gänzlich neu in die Mitte des 
Bewußtseins Kommenden, wegen der Rancnverschiedcnhcit ?l 
Der Geburtenrfkkgang braucht niemanden zu schrecken, 
so wenig wie Ebbe ruich 6rr Flut, so wenig wie die Nacht 
zwischen den Tagen. Welche auch im besonderen die Ursachen 
sein mögen: es handelt sich um eine Schwankung, und alles 
erreicht sogar seinen tiebten Punkt wie teilten höchsten — ob- 
wohl hier von tiefstem Punkte noch lange nicht die Rede sein 
kann: die Geburten zeigen immer noch einen Überschuß im Ver- 
gleich zu den Sterbefällen, ja es zeigt sich auch ein Ruckgang der 
SterbefäJle sowohl durch Abnahme der Säuglingssterblichkeit wie 
infolge verlängerter Lebensdauer, und könnte wahr sein, daß auch 
hier die geringere Quantität durch die bessere Qualität vergütet 
wird. Und die Mischehen sollte man ebenso wenig fürchten: sie 
sind ja doch auf alle Art naturlich und den Juden unendlich viel 
nutzlicher, als der Kastandra Levi oder Cohn Vernunftiges in 
ihre Gedanken zu kommen vermag; auch an den Mischehen mit 
den Christen werden die Juden nicht zugrunde gehen, so wenig 
wie sie durch die ebenso zahlreichen Mischehen mit den Griechen 
(vom zweiten vorchristlichen bis zum ersten nachchristlichen 
Jahrhundert) zugrunde gegangen sind. Und endlich wieder auf die 

4>4 



Taufen zu kommen: sie bedeuten keineswegs die Todeswunde des 
Judentums, und auch von daher die Gefahr wird so gewiß vor- 
übergehen, wie die Juden durch Christus hindurchmüssen. Aber 
natürlich nicht durch den Christus des Christentums, sondern 
durch den echten Christus des Judentums. Um Christi willen 
aus dem Judentum austreten — das ist ja noch absurder, als 
müßte man Deutschland verlassen, um Goethe als unsern größten 
und unvergleichlichen Schriftsteller anzuerkennen! Dann brau- 
chen sich noch wenigerjudenals diese gar wenigen aus Gewissens- 
drang taufen zu lassen, wenn sie im Judentum zu Christus gelangen 
können, am Ende zu Christus selber bekehrt werden können, was 
doch besser ist als zum Christentum; ja gerade diese wenigen, 
die nach ihrer Überzeugung handeln, könnten die Überzeugung 
gewinnen, daß sie gar nicht zum Christentum übertreten 
dürften, zu dem auch Christus nicht übergetreten war. Und 
die übrigen vielen ? Ihrer wird von selbst immer weniger. Gar 
nicht zu reden von den ferneren Zeiten, wo die Taufen nicht mehr 
sein werden, was sie heute sind, weil die Religion nicht mehr sein 
wird, was sie heute ist; gar nicht zu reden hier von den kommenden 
Zeiten, wo das Christentum selber auf die Taufe so viel nicht mehr 
halten wird. Denn das Christentum schreitet unverkennbar immer 
mehr fort zum Christentum ohne Zeremonien, ohne Dogmen, ohne 
Glauben (wobei denn freilich nicht zu begreifen, wie es schließlich 
noch selig machen soll) , und die Tage kommen, wo die Taufe auch 
ihre gesellschaftliche Rolle von heute nicht mehr spielt. Keine 
Furcht: diese Tage kommen, noch bevor alle Juden getauft sind — 
die Gefahr des Getauftwerdens geht vorüber wie die des Abge- 
schlachtetwerdens. Aber schon lange, lange vorher gibt es 
Christus im Judentume und damit ein wirksames Mittel auch 
gegen die Taufen der vielen, deren Getauftwerden die Folge 
davon ist, daß wir nur erst im Anfang der Emanzipation stehen, 
wo Juden schwer fällt, als Juden in die Welt sich zu finden, und 
gegen die Taufen der sehr vielen, die in Wahrheit nicht Christus 
und das Christentum suchen — die, gleich zahlreichen Leuten im 
Christentum (christianis nutritis) ,,wohl Gründe haben, sich 
Christen zu nennen, Grund wahrlich nicht". Gibt es Christus im 
Judentum, so können weder die Juden im allgemeinen noch die 

42s 



Christen im allgemeinen die Judentaufen ansehen wie bisher; die 
Tluflinge werden »ich nicht mehr geheuer fühlen weder bei ihren 
früheren noch bei ihren neuen GenoMen, und in ihnen selber wird 
das Cewiaaen fCtchArft, das auch heute garu in keinem einzigen 
Juden schl&ft. Nicht nur in uns schüft es nicht, die wir der Wirk- 
lichkeit des Judeeeins so wenig auszuweichen suchen, daß wir es 
vielmehr mit Stolz und mit Jubellied so klingend wie nur irgend 
möflich bekennen: auch alle jene, welche die innere Schande der 
lußeren Hintansetzung rorgezogen haben, fühlen, sei es auch nur 
dumpfpeinlich, daO ihrer Handlungsweiae nicht nur individuelle, 
sondern euch geschichtliche und noch höhere Bedeutung zukommt. 
Ketnem getauften Juden ist wohl ums Herz, und zur Nacht legt 
er ins Bett einen Deserteur aus der großen Schlacht, die noch nicht 
zu Ende ist, und Ton der kein Soldat wissen kann, wie sie steht. 
Und ginge sie rerloren — geht eine schlechte Sache verloren ? Kein 
getaufter Jude braucht sich erst zu fragen, ob die jüdische Gemein- 
schaft die Befehdung und Verachtung verdiene, der er für lieh 
•eiber entlaufen will'). Hat jem.als ein Jude sich taufen 



') Das Betsptd tuiaa Getauftan, der ungliicklich ward durch die T«uf r, 
obwohl er kein Deserteur und Verrttar war, •oodem ein mAnnhailar 
Kampfer (ur Aas Judentum (eblkbtn iat, Matal Heinrich Herne. Aber uo- 
glOcklich hat ihn die T«u(c dennoch gemacht; und in d^ Tat muO u« ja 
Tragik genannt werden bei einem Mann« mit solchem Herzen (Qr dm Ge- 
danken des Judentums uod für die Laidao der Juden, wie Hein« bcaeaaeo 
hat. Daran, an den itmerticban Polftn ftifier Taufe, darf tucht vorüber- 
gaben, wer Heines Charakter und Gewissen beurteilen und Ober ihn zu Ge- 
richt sitzen will. Er hat jedcncit selber zu Gericht gesessen über allen 
seinen Sünden, wenn nicht in seinem Wachsein, so in sainin Triuraao 
. . . Wihrend des Schlaiaa, sagen die Rabbinen, verllBt tmsrc Seele den 
Leib, t>egibt sich in den Himnel, und mit eignem Finger tragen wir ein in 
die Bucher des oberen Richters alles, was wir begangen haben, damit der» 
einst, wenn wir vor dem Throne Gottes erschatncn, unsre Sunden selbst 
CS seien, die uns anklagen: Heine wiiüte von setner Seele, daB sie getxcuhch 
so tat, und er hatte seine Sünden nicht nur im Himmel, sondern auch auf 
Erden, und er selber hat auch in seinen irdischen BQchem alle seine Schuld 
und Buße verzeichnet. Noch ein andrer Getaufter soll hier genannt werden, 
auf den ich erst kürzlich aufmerksam wurde : einer, der allen Getauften 
zeigen kann, wie das rechte zu tun ist, nachdem das unrechte getan wordeo. 
Auch M. de Jonge hatte steh taufen lassen und war sogar unter dia 
antisemitischen Schreiber gegangen — man darf überzeugt sein, t>cides aus 

4»ft 



weil er die jüdische Gemeinschaft schlechter fand als die christ- 
liche und etwa, weil zu Ritualmorden die Aufforderung an ihn er- 
ging ? Derlei haben auch die Verkommensten nicht zu behaupten 
gewagt: alle wagen sie nur den Grund anzugeben, daß sie Christus 
suchen, 

den sie denn künftighin im Judentum finden können. Es 
kommt so, die Juden müssen hindurch durch den gleichlosen 
Mann (natürlich folgt nicht auf der Stelle die ganze Allgemeinheit 
— es mag sich im Anfang eine Sekte bilden, die Sekte der neuen 
Judenchristen), und allerdings werden sie damit zunächst den 
Kampf selber vermehren und von der Verteidigung zum Angriff 
übergehen; es beginnt eine neue Phase des Kampfes, ein neuer 
Kampf, der gefährlich aussieht für das Judentum und gefährlich 
für das Christentum, das Ende aber ist Heil für beide. Werde nun 
dies alles, wie und wann es wird — : da ich heute meine Rede an die 
Juden schrieb, so soll nun auch geschrieben und vorhanden sein, 
die ich damals schrieb, die Rede der Juden: Wir wollen ihn 
zurück! 



Überzeugung. Denn in ihm lebt ein Gewissen, mächtig wie in wenigen. 
Und als es sich regte, da war es, als sei ihm die Seele aus dem Leibe dahin- 
gegangen, und er tat, was ein Mensch vermag, sie zurückzubringen. Ich 
kenne diesen Mann nur aus seinen beiden Schriften „Messias, der kommende 
jüdische Mann" und „Jeschuach, der klassische jüdische Mann" (Berlin 
1904, H. Schildberger) , die mich erschütterten und zur Bewunderung und 
Ehrfurcht hinrissen vor dem stürmend innigen Eifer, womit er wieder gut 
zu machen sucht. Auch gehört dieser Mann der Buße, der wahrlich mit 
seiner Buße seine Schuld getilgt hat, — er gehört zu den ganz wenigen 
die über Christus zur Besinnung gelangten — leider nur hat er sich kabba- 
listische Grillen in seinen Kopf gefangen. Die zweite der erwähnten 
Schriften, im Gedanken wie im Ausdruck die reinere, sei allen Juden, be- 
sonders den getauften, zur Erweckung des Gewissens empfohlen. 



427 



REDE DER JUDEN t 
\^IR WOLLEN IHN ZURÜCK.') 

Ihr Christen! 

N«ch Verubung JAhrhundertelAnger Verfolgungen und Be- 
drückungen langt ihr nun An, uru Gerechtigkeit widerfahren xu 
Utftsen. Ihr fangt damit an; unmöglich. daB auf einen Schlag 
werden konnte, waa da alles werden muD. Ein plötzlicher Wandel 
solcher Art widerstreitet der menschlichen Natur, die nicht andern 
als allniAhlich, mit Rückf&llen, von schlimmer Gewöhnung und 
Ton Vorurteilen zu lassen rermag. Vieles bleibt zu tun von euch 
und auch von uns; und wir müssen uns nun einer am andern em- 
porheben. Was" uns betrifft, so muß ei n Allerwichtigstes durch 
uns geschehen. Bevor aber davon wir untereinander reden, wollen 
wir euch davon reden — im Zusammenhang mit andrem. Dieses 
All erwichtigste geht auch euch sehr an. 

Das andre, wovon wir vor allem euch zu reden und was wir 
euch vorzustellen haben, ist dieses. Nach4tm durch die lärmen 
Jahrhunderte hindurch zu all dem Schlimmen, was man an uns 
tat, so viel Schlimmes über uru gesagt worden, daß auch heute 
immer noch unser Ruf unter den Völkern der schlechteste ist und 
keinem noch so vorurteilslosen NichtJuden das Wort, die Schall- 
vorstellung ,,Jude" durch das Bewußtsein geht ohne die Er- 
innerung an die üble Nachrede — das ist eine unzertrennliche 
Assoziation, die noch lange so fortlaufen wird in den seit langer 
Zeit ausgetieften Geleisen — : so müßt ihr nun auch das Gute 
bedenken.welchcs wir euch geleistet haben, damit den immer noch 
gegen uns gerichteten Anfeindungen das Gleichgewicht zu halten 
und ihnen zu wehren. Dieses Gute ist von großer und von größter 
Art, das gesteht ihr selber zu; nur gesteht ihr nicht, daß es von 



') über mein Verhlltnis xu dieser Rede vgl. S. i»o ff. 

428 



uns herrührt. Ihr seid bisher der Anerkennung dieser Tatsache, 
obwohl sie am hellen Tage vor aller Augen daliegt, ausgewichen 
und habt es gegen uns gehalten auf eine Art, die beispiellos dasteht 
in der Menschengeschichte; ja, das Gelingen des euch Gelungenen 
läßt sich nicht begreifen, und die Zeit dürfte kommen, wo es vielen 
unbegreiflich erscheint und wie ein Wunder. Genug, es ist tat- 
sächlich gelungen; und wir blieben bis heute machtlos dagegen. 
Der Gang der geschichtlichen Entwicklung war für uns auf unbe- 
zwingliche Art unterbrochen, und wir galten die Niedrigsten und 
Schlechtesten. 

Wir Schlechtesten, gut genug, daß von uns ihr nahmt, was euer 
Bestes ist; und wegen dieses Besten, wegen unsres Besten, wegen 
des Heiles, das euch von uns kam, kam uns von euch alles Unheil. 
Ja, so ist es gewesen und nicht anders: wir waren die Wirte, und 
ihr wart die Gäste, wir hatten die Türen allen geöffnet — aber ihr 
wart solche Gäste, daß ihr vom vornehmsten Gerichte uns nicht 
abgeben wolltet, uns deswegen mißhandelt habt und hinausge- 
drängt. Und die grobfädige Entstellung der Wahrheit, die von 
euch geschlungen ward, ist derartig eingegangen in die Gemüter, 
daß nicht allein manche unter euch noch fortfahren, uns deswegen 
zu bekämpfen, zu erniedrigen und unter ihrem eignen Werte zu 
halten, sondern daß auch unter euren vortrefflichsten Männern 
bis auf den heutigen Tag kein Gewissen darüber rege ward; gar 
aber unter uns selber sind die meisten, sind beinah alle zum Affen 
gemacht und unrichtig geworden und haben gegen ihr Alier- 
eigenstes, Höchstes und Beglückendstes sich vermauert. Nur 
ganz wenige, denen Bewußtsein aufdämmert von dem Ungeheuer- 
lichen, was uns mit dieser Sache getan ward; da es doch weit über 
alle Vergewaltigung geht, die wir an dem äußerlichen Leben der 
Freiheit und der Ehre erfuhren. Ja, das alles erscheint wie ein 
häßliches Wunder, und ist doch gar keines für den, der Leben und 
Geschichte kennt und weiß, daß die Menschengeschichte ist wie 
die Menschheit: die weder Böses noch Gutes lassen kann und Un- 
vernunft gerade so verwirklicht wie Vernunft. Dieses aber, wovon 
wir nun deutlich und im einzelnen reden wollen, ist das Meister- 
stück der Unvernunft und Tollheit in der Menschengeschichte, 
und bös genug obendrein. — 

4?9 



Ihr Christen, um judischer Männer willen ist es, daß ihr euch 
Christen nennt! Euer Christentum Ut Judentum, und von den 
Zeiten her, wo noch ganz Europa in »einem logenanntcn Christen- 
tum das wahre Judentum zu besitsen glaubte, ist der Haß herab- 
geerbt auf uns — auf uns Juden um unsres Judentums willen! 
Vor langer Zeit war es, daB wir euch erlagen, der Schwache dem 
Starken, und sind doch niemals garu erlegen, haben — lu Boden 
gestoßen, sprachlos — auch mit unsrem Schweigen protestiert; 
und jetzt, sobald uns der Atem wieder kommt, reden wir. Was ist 
gewesen in diesen zweitausend Jahren? — ein Traum, ein Rauch, 
ein M&rchen ist verflogen ; und wie. wenn wir nun Einspruch 
erheben gegen euer Christentum als gegen einen Mißbrauch, den 
ihr mit unsrem Judentume treibt? Wenn wir protestieren gegen 
die Art, wie ihr mit Christus umspringt und euch zurufen: Aut 
nomen aut vitam mutatc! Ihr muQr euren Namen Andern oder 
euer Lrbrn! 

Ihr nennt euch Christen, weil ihr behauptet, Christus nachzu- 
folgen. Wenn dies euch zu Christen n^achen soll — und was 
könnte es sonst? — so seid ihr, wie ihr seid, keine Christen. 
Christus war ein Jude; und der letzte Jude durfte eher ein Christ 
sein, als ihr welche seid, und hört: wenn Christus heute in unsre 
Welt zurückkehren konnte, das Christentum mußte ihn ver- 
leugnen; das wire das Ende des Christentums. Wie mögt ihr bei 
eurer Behauptung bleiben, daß ihr Nachahmer Christi seid und 
seinen judischen Glauben teilt ? So antwortet denn, ihr vorerst — 
zu den andern reden wir nachher! — ihr, die ihr euch fromme 
Christen nennt und wahrhafte Israeliter, antwortet denn: Seid und 
tut und glaubt ihr wirklich wie Christus war und tat und glaubte 
und wie die Israeliter ? Wir wollen nur von dem Außeriichen reden, 
was von einem jeglichen befolgt werden kann, urwl worauf Christus 
gehalten hat. Antwortet uns denn: Seid ihr so fromme Juden wie 
Christus einer gewesen ? der mehr Jude sein wollte als die Juden 
um ihn herum ? der nicht dulden will, daß vom Gesetze Mosis 
auch nur ein Titelchen unerfüllt bleibe? Kein Jod soll zergehen — 
Jod ist der kleinste Buchstabe des hebräischen Alphabets — und 
kein Zäcklein an einem BuchsUben {itovi iv i, jw« upcaa)! 
,,Auf Mosis Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer: Allee 

4J« 



nun, was sie euch sagen, daß ihr halten sollet, das haltet und tut; 
aber nach ihren Werken sollt ihr nicht tun. Sie sagen's wohl und 
tun's nicht." Laßt ihr euch auch beschneiden, wie Christus be- 
schnitten war ? Lebt und webt ihr im rabbinisch-talmudischen 
Geiste gleich Christus ?, der in allem Äußerlichen der Sitte und 
Weise der Rabbinen folgte: z. B. zu lehren begann erst im 
dreißigsten Lebensjahr (vorher durfte kein Rabbi sein Lehramt 
antreten)!); wie Ev. Joh. 19,23 bezeugt, daspallium clausumder 
Rabbinen trug, eine Tunika, wor^n keine Naht zu sehen war und 
nur mit Öffnungen, um Kopf und Arme hindurchzustecken. Er 
redete auch im Ton und Stil der Rabbinen, in unverblümter Lehre 
wie in Gleichnissen; und das meiste, was er lehrte, war rabbinisches 
Allgemeingut — unsre Ausgaben der Evangelien sind noch unvoll- 
kommen: es finden sich darin nur seine Zitate aus den Büchern des 
Alten Testaments vermerkt, noch nicht die weit zahlreicheren von 
den Rabbinen hergenommen, die sich doch so leicht aus der Misch- 
nah, aus der Gemarah und aus den Midraschim nachtragen ließen 2). 
Christus hielt nicht etwa, gleich den aristokratisch konservativen 
Sadduzäern, nur am geschriebenen Gesetz, war keineswegs 
Skripturarier: trotz seinem Kampf gegen den gelehrten Hochmut 
ihrer Borniertheit und ihren Überwitz, gegen ihre Seelenlosigkeit, 
ihr werkheiliges Wesen und ihren Bigottesdienst bildete für ihn 
genau so wie für die pharisäischen Schriftgelehrten die rabbi- 
nische Halacha und Haggada (Halacha: das Rechtliche des da- 
mals noch mündlichen Gesetzes, Haggada: das Ge- 
schichtlich-Ethisch-Phantasiemäßige) mitsamt der Thora und 
den Propheten die Eine Lehre, das Eine Gesetz, das Gesetz 
Mosis — die Halachoth und Haggadoth bedeuteten für die Tra- 

^) der gewöhnlichen Annahme entgegen, die sich hauptsächlich auf 
Luk. 3, 23 stützt, behauptet Irenäus (adv. haer. II, 39), Christus habe nicht 
vor dem vierzigsten Jahre zu lehren begonnen und, mit Berufung auf Ev. 
Joh. 8, 57, er sei bei seinem Tode nicht weit von fünfzig Jahren gewesen. 
^) Eine große Anzahl schon findet man bei F. Nork, „Rabbinische 
Quellen und Parallelen zu neutestamentlichen Schriftstellen". Leipzig 
1839. Dazu Meuschenii Novum Testamentum ex Talmude et antiquitatibus 
Hebraeorum illustratum. Lips. 1736. Vgl. auch Weiß, Zur Geschichte der 
jüd. Tradition 1871 und Duschak, Die Moral der Evangelien und des Tal- 
mud, Brunn 1877. 

431 



ditionarier keineswegs neue Dinge, sondern waren Auslegung 
und Ausbau der halachischen und haggadischen Elemente in der 
Bibel, die eben deswegen mündlich blieben und schriftlich nicht 
niedergelegt zu werden brauchten, weil »ie ja in der 
Schrift enthalten seien! — Christus lehrte, gleich 
vielen der hohen Lehrer vor »einer Zeit (Hillel 60 Jahre vor 
ihm geboren) und in seiner Zeit — er freilich, was er gelernt 
hatte und was sich nicht lernen lieB, alles in der tiefsten Herzens- 
erfas^ung und wie kein andrer Rabbi aus der Einheit der Ce> 
danken. Es war damals eine groOe, die größte Zeit unter den 
Juden. Alles dringte hin auf Zusammenfassung des Vorhandenen; 
die Stunde war nahe gekommen, wo eine kleine und ohnmichtige 
Nation in ihrem Untergange die weit be si egende Kraft eines bei- 
spiellos verinnerlichten Lebens offenbaren, wo Juda die gesell- 
schaftliche Umwandlung ins Werk setzen sollte. Bedeutende 
Mlnner schufen in dieser geistig hoch erregt e n Zeit, in der aura 
senunalis dieser Zeit, Einzelheiten von hoher Vortrefflichkeit: 
Christus, der unvergleichlich michtigste unter ihnen, gegründet 
auf das Ganze des judischen Geistes, vollbringt die uberwJUtigend 
originale Schöpfung, wodurch erst jene Hauptverinderung in der 
Menschheit möglich wird, aus lauter nicht originalen Bestandteilen 
und als der Prophet der Propheten. Christentum ist Prophetentum, 
ist das Judentum des Prophetismtis. — Wir fragen weiter, ihr 
Christen: glaubt ihr, daB Jesus der national-judische Maschiach ge- 
wesen sei, so wie er von sich geglaubt hat ? Denn daß er sich wirk- 
lich für den Sundenerloser der Menschheit gehalten habe, ist so 
wenig zu er>^*eisen, wie er es in der Wirklichkeit nicht gewesen; 
und hätte man ihm vom Christentum oder vielmehr von den vielen 
Christentümern als von seiner ,, Gründung*' gesprochen, von den 
orthodoxen und nun gar erst von den liberalen! und von all dem, 
was in seinem Namen gesagt werden sollte, und von den Aus- und 
Einlcgungen seiner Worte, so wäre er wohl aus anderen Gründen 
gestorben — vielleicht vor Lachen; wie w i r ihn kennen, konnte er 
gewaltig lachenl — und wire dann nicht nötig gewesen, ihn ans 
Kreuz zu schlagen. Antwortet weiter, ihr Christen: denkt ihr etwa 
über den Eid. denkt ihr auch über den Krieg, wie Christus darüber 
gedacht hat ? Denkt ihr über das Vaterland wie Christus — denn 

4St 



der Prophet, der nichts galt in seinem Vaterlande, was galt ihm 
denn das Vaterland? Und dieser Prophet Christus hielt, gleich 
andern Propheten und Psalmisten, den Reichtum für ein Hinder- 
nis der Seligkeit — denkt ihr auch so ? Denkt ihr über Besitz, 
Arbeit, Familie, wie Christus über dieses alles gedacht, es als Gleich- 
gültiges und Aufzugebendes geachtet und alle Herrlichkeit der 
Welt radikal verschmäht hat ? Glaubt ihr, daß seine Verkündigung 
vom nahen Weltende und dem neuen Königreiche bereits ein- 
getroffen sei ?, eine Verheißung, die nach Jesu unzweifelhaften 
Worten noch von seinen Zeitgenossen erlebt werden sollte (,,Dies 
Geschlecht wird nicht vergehen, bis daß dieses alles geschehe") ? 
Glaubt ihr, daß Jesus in den Wolken wiedergekehrt sei ? Sprecht 
ihr über Dämonen und Besessene, wie er darüber gesprochen hat ? 
Und — ließen wir uns, es ginge mit Fragen so noch lange weiter; 
ihr aber müßtet auf alle mit ,,Nein" antworten und sagen, das sei 
Irrgläubigkeit und Unsinn, wie man von Christen nicht verlangen 
könne. Und nun wiederholen wir die Hauptfrage: was macht euch 
zu Christen ? und welch ein Ergebnis, daß ihr die eigne Lehre da, 
wo sie nach eurem eignen Zeugnis in ihrer urbildlichen Gestalt als 
Anfang und Vollendung erscheint, daß eure Gemeinde diese Lehre 
des reinen Jesuismus, welche Judaismus war, dieselbe Lehre, um 
derenwillen sie sich eine Gemeinde nennt, als unsinnig und als irr- 
gläubig verwerfen muß? Hört einmal Luther reden: ,, Sollte die 
christliche Kirche in einem Stücke mögen Christi Wort und Ord- 
nung ändern oder brechen, so möchte sie auch alle andern seine 
Worte und Ordnung brechen und ändern und zuletzt dahin 
kommen, daß man auch sie selbst nicht müsse hören, weil solches Gott 
geordnet und geboten hat: und also möchten durch Menschen alle 
GeboteGottes, dazu die christliche Kirche, aufgehoben werden." — 
Wir kamen nur mit dem Äußerlichen, und ihr wäret schwerlich 
besser daran, wenn wir danach noch mit dem Innerlichen kommen 
und euch fragen wollten: Seid ihr wirklich von Sünden erlöst — 
darüber rechten wir jetzt nicht miteuch,daß ihr es sein wollt durch 
Christi stellvertretendes Leiden! — seid ihr von Sünden erlöst, die 
ihr euch die von Sünden Erlösten nennt ^) ? Habt ihr den Geist 

^) Es ist davon nichts zu gewahren; die Christen selber gewahren nichts 
davon und wissen sich mit dem angeblichen Faktum der Sündenerlösung 

433 '' 



Christi und folgt ihr thin wirlütch r\Ach ? Es gibt ein Sprichwort: 
„Wer Christo nachfolgt, kommt an Galgen" . . . das konnte wahr 
werden unter euch und ist wahr geworden. Ihr sagt zu uns. wir 
leben Im Lande der Christen — wir würden herzlich verlangen, wie 
die Bourignon als Kind toll Terlangt haben: in das Land der 
Christen gebracht zu werden! Adreniat regnum tuum, dein Reich 
komme! Ihr aber seid keine Christen. So sagte auch jungsthin der 
Inder Keshub Chunder Sen. der ..wohl die Lehre Christi, aber nicht 
die Lehre Ton Christo glaubt": ,.Ich (and. daO Christus eine 
Sprache redete und die Christenheit eine andre Erlaubt mir. 

Freunde, zu sagen, ihr seid noch keine ch: c Nation." 

Ihr seid keine Christen, oder wenn ihr Christen seid, so war 
Christus nicht der Christ. Christus dachte anders als nach eurem 
Glauben, anders wie da« Christentum; nicht wie das heutige derüct, 
in welcher seiner vielen Formen es auch sei, nodt wie irgend ein 
früheres Christentum dachte. Ihr hingt euren Christentümern an, 
aber nicht Christo; alle eure ChriileiitQmer sirvi ungeschichtlich, 
•iiul unjudisch und Christo unAhnlich. Dar<iber war sich schon der 
große Friedrich klar und schreibt an d'Alen.bert: „Erlauben Sie 
mir. Ihnen zu sagen, daß urxsre jetzigen Religionen der Religion 
Christi so wenig gleichen wie der irokesischen. Jesus war ein 
Jude, und wir rerbreaiien die Juden. Jesus predigte eine gute 



schlecht AbzuhfMlen. Die eiarigea konscqmatta sind die H aUwiisleu (die 
AnhAncer des Ton spinwlHie c l wo Gedanken bwinfluBten reiormicrten 
r -■ PontiAAn Hattcm). die aber freilich denn p. -n6tift sind, 4i« 

Suirac »artwtg SU Uugneni Da all« von CoM veru: v^tiu •« und nichts 
gegen seinen Willen geschehen kBone, so gehe es «uch keinen UntcrKhied 
zwischen Gut und BAsc in einer Gott geccnüber scIbetAndiccn PersAnltch- 
keit des Menschen; die Erlteung durch Christus bwtehe in der Recht- 
(eftigxing des Menschen durch den CUuben an den suatchlicfilich waltenden 
Gott und in der ZerttArung der Embüdung, als kftnne d« MenKh sOadifcn. 
Diese WahnTontellun« sei die eitttige Oberbaopt tnagHche SQnde, wooiit 
Christus aufgerlumt und uru daniit Ton Gott reine Vorstellungen gegeben 
habe. SQndigen sei unmöglich, und niemals könne Gott rOmen über Hartd* 
langen des Menschen, die â– llessmt sittlich indiHcrcnt seien. Man soUc auch 
nicht beten und Gott dienen. DamH „trcimft do dkh von deinem Schöpfer, 
mit dem du durch den Sohn Tcrcint but in dero Geiste, und anstatt dich zu 
Wissen in ihm und ihn in dir, entierivst du dich von ihm. weil du eine 
DÜfersns annimmst zwischen seinem und deinsm Willen.' 



•• 



Sittenlehre, und wir üben sie nicht aus. Jesus hat keine Lehrsätze 
aufgestellt, und wir haben reichlich dafür gesorgt^) ." Christus war 
ein Jude, seine Religion war und blieb die jüdische; und wenn nun 
wir Juden protestieren — gründlichere Protestanten, als ihr unter 
euch habt — gegen das ganze Christentum, gegen das Augustinisch- 
Thomistische und gegen das Augustinisch- Lutherische Christen- 
tum und gegen alles und jedes Christentum alter und neuer Art ? 
Wie, wenn wir protestieren im Namen Christi, im Namen des echten 
Christentums Christi, weil dieses ist: echtes Judentum ? Mächtiger 
heute unser Protest als je vordem. Heute protestiert nicht mehr 
das Judentum ohne Christus, sondern das Judentum mit Christus; 
heute protestiert Christentum gegen Christentum: unser wahres 
Christentum, d. i. das echte Judentum von uns echten Juden gegen 
euer falsches Christentum. Uns kommt zu, daß wir sagen, wir 
allein sind Christen, sobald wir wollen — und sind es wohl auch 
durch das, was wir nicht wollten und nicht wollen: durch unsre 
Entsagungen, durch unsre Passionsgeschichte und via dolorosa! — 
wir sind Christen^), sobald wir dieser Lehre Jesu und der Apostel 



^) Und das behauptet schließlich keines der Christentümer, mit seiner 
Theologie und Dogmatik christlicher zu sein als Christus; soweit gehen auch 
diejenigen nicht, die dem Christentum den weitesten Mantel umhängen 
und sein Wesen als den unendlichen Fortschritt hinstellen. „Die christliche 
Religion zeichnet sich vor allen andern dadurch aus, daß in ihr das Prinzip 
einer ins unendliche fortwachsenden Vervollkommnung gegeben ist, sagt 
Schleiermacher, und da wir nun diesen ihren Vorzug als Christen nur von 
dem Religionsstifter herleiten können, so muß dem letzteren eine wirklich 
unbegrenzte religiöse Vollkommenheit zugeschrieben, er muß als dieses 
geschichtliche Individuum zugleich in religiöser Beziehung urbildlich gesetzt 
werden." Martensen: ,, Das Wesen des Christentums ist nicht verschieden 
von Christo selber ; der Religionsstifter ist selber der Inhalt der Religion." 
Und wenn es erlaubt ist, nach Schleiermacher und nach Martensen, und 
obwohl die Rede von Christus ist, einen derartigen Geschäftsantisemiten zu 
zitieren— : Herrmann Ahlwardt schreibt: „Weil sich etwas Höheres nicht 
absehen läßt, muß der Geist Christi das Vorherrschende zu allen Zeiten 
bleiben." 

2) wir behalten unser deutsches Wort „Christen" bei, trotzdem es eine 
Ungeheuerlichkeit ist; denn es bedeutet nach dem Wortsinne, daß die- 
jenigen, die so sich nennen, allesamt sind wie der Christ, dessen Wesen und 
Art auf sie übergegangen sei. Die Frommen unter ihnen, die an die Gott- 
heit Christi glauben, könnten also sich ebenso gut Götter nennen. In 

435 •'^ 



ihre echt judische Auslegung geben und ihre Stellung einrlumen. 
Damit protestiert Christus gegen euch, durch un» — Chrtstui, der 
auch gesagt hat ( Joh. 4, 23): ,,Das Heil kommt ron den Juden"; 
er hat nicht gesagt ,,Ton den Christen", er hltte nimmer rer- 
ttanden, was damit gemeint »ein konnte. Das Mark des Wortes 
kennen wir, denn wir sind aus diesem Marke; es ist die Lehre 
jüdischer Mlnncr, deren Mutter das Judentum ist, das ihr ewig 
am nlchsten verwandt bleibt. Darauf trotten wir gegen die ganze 
Christenheit und trotzen somit Luther, der schreibt: „Und wenn wir 
gleich hoch uns rühmen, so sind w i r dennoch Heiden, und die 
Juden Ton\ Ccblüte Christi; wir sind SchwAger und Fremdlinge, 
sie sind Blutsfreunde, Vettern und BrOder unsres Herrn." 

XJmer ist der Jude Christus; wir wollen ihn zurück für uns, 
luch' unsrem Sinne. Ihr habt uns mit roher GewaJt um diesen 
Mann gebracht und von ihm abgetrieben, daO sein Wort in unsrer 
geistigen Entwicklung rucht Frucht bringen konnte. Oder glaubt 
ihr, das wAre ohnehin nicht gekommen? Glaubt ihr darum so, 
weil dieser Mann von seiner judischen Zeitungebung war ver- 
kannt worden ? Aber alle Zeiten erleben an euch das gleiche; ihr 
holtet immer andre, uikI der große Mann mufite Mauerblümchen 
sitzen: wo ihr ihn aber holtet, da war's zu schlimmem Tanze Wir 
könnten euch eine lange Liste aufzAhlen; wenn kein Christus da- 
runter, liegt es daran, daB ihr keinen habt, und trAte Christus unter 
euch — : Don:ine, quo vadis? — Venio iterum crucifigii — Ea 
ist Gesetz so, daß der große Marm verkarint wird, der Größte am 
lAngsten (denn desto mehr bedarf es Kleinerer, die auch noch 
groß sind, und immer Kleinerer, den AbsUnd zu vern.itteln bis 
hinunter zu den ganz Kleinen, die nur groß sind an Menge — 
es bedarf des immer breiter werdenden geistigen Gef&lles). Von 
allen großen M Annern ist wAhrend seities Lebens wohl keiner in 
dem Maße wenig geachtet, wenig beachtet und ohne jegliche 
Glorie gewesen wie Christus — so weitaus war er von ihnen allen 



anderen Sprachen nicht so: .Xf/movii, Chrittiani. chriitJAn*. chrMens, 
ChristiAni - alles freilich nach dem Würdenamen. DaB die Jesuit« sich 
nach dem Eigennamen nannten, hat man ihnen (von katholischer Ssili^ 
als Frechheit ausgelegt; Hotpiman in Miner histona jesuiUca bneichnel 
sie gar als Schismatiker. 

436 



der größte. „Nicht Gestalt hatte er und nicht Schönheit, daß wir 
auf ihn schauten, und kein Ansehn, daß wir sein begehrten; ver- 
achtet war er und verlassen von den Menschen." Es ist nicht 
weit von dem, was Celsus sagt: Christus habe bei Lebenszeit 
keinen Menschen, ja nicht einmal das Herz seiner Jünger ge- 
winnen können und eben deswegen ein so trauriges Ende gefunden 
(Orig. c. C. II). Seine Verwandten sprachen über ihn als über 
einen Verrückten; unmittelbare Wirkung ging aus nur auf einige 
geringe Männer und Frauen, und die Kinder hatten ihn lieb; nach 
seinem Tode eine ganze Weile schien alles zerstört und zerstoben 
und sein Angedenken nahezu ausgelöscht i). Die zeitgenössischen 
Rabbinen hätten den für rasend erklärt, der gesagt haben würde, 
Jeschuah ben Joseph übertreffe sie auf unüberdenkbare Weise an 
Adel, Kraft und Wirkung, derart, daß sie selber, weil sie ihm sich 
nicht beugten, in einen traurigen Ruf gelangen müßten, indes die 
geringsten seiner Anhänger, unwissende Männer und Weiber, 
durch die Jahrtausende glänzen würden. Ihm sollten sie sich 
beugen, der lieber mit den Zöllnern und Sündern aß als mit ihnen, 
den Pharisäern und Schriftgelehrten! Dieser Narr und Aufrührer, 
für den man einen Verbrecher freiließ, um ihn zwischen zwei Ver- 
brechern zu hängen! Sie hatten es immer unter ihrer Würde ge- 
halten, ihn gleichfalls auch nur einen Rabbinen gelten zu lassen. 
So dumpfen Geistes waren die Klügsten und Angesehensten der 
Bildung und Wissenschaft und ein solches Augenmaß besaßen sie 



1) Nicht einmal erwähnt wird Christus bei Philon, seinem Zeitge- 
nossen, der etwa 54 n. Chr. starb; die Stelle in den Altertümern (18, 3, 3) 
des Josephus — 37 bis etwa 100 n. C. — ist ganz unbezweifelbar eine 
christliche Fälschung; und wem ist nicht schon aufgefallen, wie selbst die 
Evangelien, die nur vom dreißigsten Jahre Christi an berichten, über sein 
früheres Leben (Lukas Erzählung von der Reise des zwölfjährigen Kindes 
nach Jerusalem ausgenommen) gänzlich schweigen! und auch noch mit 
dem, was sie berichten, im Widerspruch stehen gegeneinander und gegen 
sich selbst! Unter den Geschehnissen zu Christi Zeit war, was mit Christus 
geschah, für die Zeit wenig außerordentlich und ohne Eiadruck auf die 
Allgemeinheit geblieben; die Überlieferung fließt so spärlich wie unsicher 
(Schedii loca talmudica, in quibus Jesu et discipuloram ejus fit mentio) 
— Sanhedrin 67a wird von seiner Steinigung und Kreuzigung in L y d d a 
gesprochen! 

437 



(ur den Mann der Herrhchkeit und VVc:tc, durch den die Welt 
sollte aufgerichtet und erquickt werden. daB sie gelegenrlich wohl 
ihn anstechen und verspotten mochten; Übrigens aber fein zu 
schweigen und zu tun, ah wAre er nicht, schien ihnen gluckliche 
Antwort auf die ungeheuren Anklagen aus seinem heißesten 
Herzen. (Sie taten auch keineswegs, wie Et. Joh. 9, aa erzAhlt 
wird, seine Jünger in den Bann.) Wollt ihr nun aber darum 
Christus keinen Juden nennen, weil ihn die Leiter des Ju-^en- 
tums wegen seines Zornfeuers gegen sie nicht anerkannten?') 
Warum nennt ihr Protestanten denn Luther einen Christen, der 
den Papst den Antichrist, die Bischöfe seine Apostel und die hohen 
Schulen seine HurenhAuser genannt hat } Ob auch viele Luthe- 
raner ihm das all« wörtlich glaubten und die Calvinisten auf der 
Sjnode zu Gap als Glaubensartikel annahmen, dafi der Papst der 
wahrhaftige Antichrist sei — der Mehrheit der Christen, den 
Katholiken, galt der Papst und gilt der Papst noch weiter als das 
Haupt der wahren und unrerirrlichen christlichen Kirche und als 
der Vize- Christus. Und Luther, der bei den Protestanten ein Christ 



') Christus war tm Redil icgan ^ Schnftgtlahrtco und PhanUer 
— obwohl dir** nicht f^nz to »chlunm und (nKht solche ytwijfftcr« i/i|v««), 
wie ti« im N«chtfemaldc des MatthAus mr hnnrn, eher so schlimm wie 
nach Lukas — aber unsrc ProltMorsn su>4 nicht im Rr<;ht, die PharisAer 
schlimm zu machen; denn si« sind s d iU m m wie die Ph«ruA«f. Unsere 
Pro(es»or«n und Utcrati Uteranim imd alle ihnen an Natur Ähnlichen unter 
den C«bildrten und überhaupt das Wesen der unsere CesclUcha/t behcrr- 
»phsn4tr Bildunf: und Wissenschaft und die UnwittenschafthchknC unsrer 
Bildung und die Unbikluag unsrer Wiwenschaft ist alles, mutatis mutanc*.!!. 
garu wie zu Christi Zeitca; wer das Eine kennt, der kennt das Andre, wrr 
aber die Professoren und Gebildeten aus unsrer Zeit nicht versteht und 
•ich an ihnen frei machen will (itatt von ihnen), der versteht auch nicht 
aus Christi Zeit Chrutus, stehtauf Settr ' ^hahsAer und Sehr iftcelchrtea 
und wird nimmer frei. Die PharisAcr, (l.< ^.^.>lta Leiter der Blinden, waren 
die herrschende Partei der Bildung und des bloScn Wissens ohne die leben- 
dige geistige ProduktiritAt. C^egen diese Bildung war der Prophet, der 
Geistige Christus im Recht, wie er heute noch im Recht i s t ge<jen unsrc 
Bildung; denn was er sagt, $ilt auch gegan urure Bildimg, alle seine Worte 
gehen ewig. Unsre Gebildeten bezi^icn es nicht auf sich und jeder glaubt, 
wenn er dabei gewesen wAre, hAtte Christus gesagt: Natürlich n.it Aus- 
nähme dieses verehrten Herrn! Vgl. Brunner. Gegen die modernen Ehren- 
rettungen der Sophisten und der PharisAer, im Christxiswcrk. 

4JS 



und Gottesmann genannt wird, heißt der katholischen Kirche noch 
heute ein verabscheuungswürdiger Excommunicatus und Häre- 
siarch. Jahr für Jahr wurden und werden in St. Peter die 
Protestanten als Ketzer verflucht; noch Gregor XVI. sprach von 
Luthers „wahnsinnigem und verbrecherischem Versuche", und 
ganz jüngsthin erst sagte der auch durch seinen Judenhaß bekannt 
gewordene Kanonikus Rohling: ,,Die gesamte protestantische 
Theologie und Heiligkeit sei zusammengefaßt in den einen Satz 
Luthers: „Sündige tapfer und glaube noch tapferer." Derselbe 
Rohling nannte Luther, Melanchthon, Zwingli und Calvin 
Schurken: ,, Redlichkeit liebende Protestanten werden sich mit 
Abscheu von ihren bisherigen sogenannten Kirchen abwenden, 
wenn sie in Erfahrung bringen, was für Schurken jene waren, 
die den Protestantismus ins Leben riefen." 

Ihr könnt euch jetzt nur noch in eine letzte, aber schwache 
Festung werfen und sagen: Ja, das sind, das waren die katholischen 
Christen, aber es stand mit Luther dennoch anders; einige 
Christen haben ihn gleich zuerst anerkannt. Nun — von wem 
ward denn Christus zuerst anerkannt ? Doch wohl nicht von euch 
zuerst ? Wie hättet ihr von ihm erfahren, wenn nicht durch Juden; 
würde nicht die Henne gegackert haben, sie hätte ihr Ei behalten. 
Christus wurde verkannt, gehaßt und verfolgt von Juden, und er 
wurde erkannt und geliebt von Juden. Die Juden waren Saulus 
und Paulus; die beispiellose Liebe, Treue, Tapferkeit dieser ganz 
nur auf sich allein gestellten und den Königen der Welt sich ent- 
gegenstellenden Ärmsten der Armen hat Jesum Christum der Welt 
gegeben; mit ihrem Leben und mit ihrem Sterben haben sie ihn ver- 
kündigt, mit ihrem Leben und mit ihrem vielmaligen Sterben 
haben sie bezahlt, was ihr nun das Eure nennt ^). Die Apostel 
und Evangelisten sind allesamt Juden, die hundertundzwanzig 

^) Die verhältnismäßig schnelle Verbreitung des Christentums wird er- 
klärt durch die Verbreitung der Juden und des Judentums, die von vielen 
bezeugt wird, von Strabo, Seneca, der jüdischen Sibylle. Josephus (Bellum 
jud. VII) versichert, es wäre keine griechische und keine barbarische Stadt 
zu finden, wo nicht Anhänger von Fasttagen, Kerzenentzündung, einem 
Ruhetag, Enthaltsamkeit von gewissen Speisen getroffen würden. Die 
Ausbreitung des Christentums beginnt mit der makkabäischen Wieder- 
belebung des Judentums. 

439 



AnhÄngcr, welche zufolge der Apostelgeschichte (i, 15) nach dem 
Tode Christi gez&hlt werden, sind allesamt Juden'), in den Büchern 
des Neuen Testaments findet sich keine Zeile, die nicht herrührt von 
jüdischer Hand und aus judischem Geiste, und Christus, der nicht nur 
beschnitten war, sondern auch ein ,, Diener der Beschneidui^", sagt 
zum kananAischen Weibe, daO er zu den verlorenen Schafen vom 
Hause Israel gesandt sei, und hatte zwölf Jünger nach der ZatU der 
zwölf StAmme; und wo hat Christus seine Lehre in einen Gegen- 
satz zum Judentum gebracht oder als andres denn als Judentum 
hingestellt ? Wo findet sich dafür unter den sämtlichen ihm zuge> 
schriebenen Worten, wo findet sich ein einziges auch nur der Miß- 
deutung fähiges Wort im Munde dessen, der von seiner Lebens- 
tat gesagt hat: ,,Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, 
sondern zu erfüllen!" Daß Jesus Christus weder auf die Ver- 
gangenheit des Judentums sich stutzte noch auch an dessen da- 
malige Gegenwart sich anschloß, ebenso wenig aber die originale 
Neuheit seiner Lehre für die Zukunft betonte, das war, weil er das 
Ganze des Judentums, des echten, des prophetischen Judentums 
in sich trug ; und darin ist der größte Geniezug des wahrhaft größten 
Genies zu erkennen, welches rucht auf dem Alten und nicht auf 
dem Neuen der Welt steht, sondern auf dem Ewigen des Geistes'), 



*) Wie Eusebius ( Kircbencnch. IV, 6) bezeugt, bestand bts zum Ende 
dct jüdischen Krieges unter Bar Kochba, 133 n. C, die ganze Chruten- 
gemeinde zu Jerusalem ,.aus gUubigen HebrAem" und gab es keine andern 
BiacbMe als „aus der Beschneidung". Selbstrerstindlich n sich die 

GegensAtze rwischen den christlichen und d«n übrigen Jutl • ^ .• Laufe der 
Zeit immer mehr ru - bis zur luBcrslen Pdndsettckett „gegen die Juden" 
in der Apostelgeschichte und tm Johannes-Evangelium. Oes oad eri das 
Johannes-Evangelium (etwa z. Z. des Bar Kochba entstanden) hat den Ton 
angegeben für die ganze nachfolgende gehässige Betrachtungsweise der 
Juden durch die Christen und den Ekelbgreiff Juden festgestellt D<m 
Johannes dieses ETangeliums, der nicht geschichtlich, sondern ganz ideal 
nur den Kampf des Logoslichtes gegen die Finsternis schildert, mußten die 
Juden, die Christo, dem LogosUcht entgegenstanden, zur lichthassenden 
Finsternis werden. 

') Ganz im gleichen Sinne sagt Spinoza — zum Unterschiede von allen 
den unweit kleineren großen Origmalphilosophen: er bringe nicht eine neue 
Philosophie, sondern wisse nur, daß er die wahre verstehe. Vgl. Spinoza 
gegen Kant. 

44« 



ob er auch freilich damit für sich selber und für sein Geschick 
herausfällt aus der haltenden Menschengemeinschaft, ja noch 
größer, ganz groß: aus der Welt der Dinge. Was Christus von den 
ihn so tief verachtenden vornehmen Rabbinen seiner Zeit unter- 
scheidet, was ihn von diesen, die Gott dankten, weil sie ihm nicht 
glichen, unterscheidet wie das Alles vom Nichts: das ist das Licht 
der absoluten Besinnung (nach dem großen Verlernen und Frei- 
werden in seiner Einsamkeit und nach erlangter völliger Bewußt- 
heit von dem Gegensatz zwischen ihm und den Andern) ; das ist 
seine absolut geniale Natur, immer im allerkühnsten Durchbruch, 
leidenschaftlich, geistreich-seelenvoll, und die Macht der absoluten 
Produktivität, die über keiner Einzelheit und keinem gewordenen 
Außen den ursprünglich erzeugenden Grund verliert, fortgesetzt 
diesen Grund offenbart und selber erzeugt, überall den Zusammen- 
hang und die Einheit von Erkenntnis und Liebe in sich erlebend 
und in Andern lebendig machend; das ist seine Liebe bei solcher 
Kampfkraft der Liebe; das ist sein Hirtensinn, dem der Schafe 
keines gering ist, der alle die neunundneunzig Schafe läßt, dem 
einen verlorenen nachzugehen, und mit Freuden auf seinen 
Schultern es zurückbringt; das ist sein Erbarmen mit den Seelen, 
welches nicht erst am Kreuz die Arme ausbreitet, und sprach: 
,, Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid," und so 
zu Allen sprach, trotzdem niemand wußte gleich ihm, daß nur 
Wenige auserwählt sind und der Wind weht, wo er will — die mit 
,der Sonde des geistlos kritischen Verstandes mögen das als uner- 
klärlichen Widerspruch in der Genialität Christi empfinden. Das 
macht Christus einzig: seine Herrschaft im Reich der Seelen, 
seine unbegrenzt hohe inspirative Erregtheit und sein Intuitivis- 
mus, d. i. mit anderem Worte seine höchste Prophetenkraft. Denn 
wir wollen, nein gewiß, wir müssen so einteilen: die kleinen Pro- 
pheten, die großen Propheten und der größte Prophet Christus. 
Aber kein Prophet kann, wie Mos. V, 13 einschärft, am Gesetz 
ändern. ,,Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, son- 
dern zu erfüllen!" 

Und er hätte erfüllt zunächst unter den Seinen, unter den Juden, 
wenn das Unglück Zeit gelassen hätte, wenn nicht gar so wenige 
Jahre nur gewesen wären, Jahre der Not und des Krieges, die zur 

441 



Wechs«! und Tod der Zeiten hindurch, in) Verhältnis n4:v.lich zur 
einen Wahrheit des Unendlichen sind wir geblieben wie unsre 
Vorfahren, deren Tradition Yon der absoluten Wahrheit auch 
unsre absolute Wahrheit ist. Hier kommt für uns geschichtliche 
und begriffliche Gebundenheit uberein. Beides nun sind wir uns 
bewußt: unsrer AbhAngigkeit yon der Tradition wie von den uns 
umgebenden Lcbensverh4]tnissen, und gleichen der Pflanxe. die 
ihre Nahrung zieht aus dem Boden und aus der Luft; der beiden 
Naturen in uns sind wir uns bewußt, der endlichen, wonach wir 
mit di«Mfn unsrem Fleisch und Blut Terwandelt wurden und 
werden, und der andern, der Einen nach unsres Geistes dauern- 
dem Wesen, die uns arvschaut gleichwie sie unsere Vorfahren 
Angeschaut hat und wie sie alle Menschen anschaut : aus 
der Tiefe der Ewigkeit. Alle haben wir die Zeit nur am 
Leibe und an der Garderobe, nicht in der Wahrheit der 
Gedanken; das Verh&ltnis der Menschheit zu dem wahrhaft 
Wahren bleibt zu allen Zeiten das gleiche; es ist kein Ver- 
hiltnis der Endlichkeit und der Zeit, das VerhAltiiis zur ewigen 
Wahrheit. Dte Wahrheit vom Einen ist unveränderlich wie das 
Eine, der ruhende Mittelpunkt im sich drehenden Kreise; diese 
Wahrheit ist keiner Abbrockelung. Vermimlerung und Verschlech- 
terung fähig noch einer Vermehrung, Verbesserung, Zunahm« 
oder Fortschreit ung. Zu allen Zeiten haben daher alle die großen 
Wahrhaftigen dieselbe einzige ewige, ewig unvermehrbare Wahr- 
heit verkündigt und auf ihren Grund hingewiesen wie die Magnet- 
nadeln allesamt auf den verborgenen Pol — einen andern Grund 
kann niemand legen; die Standpünktchen der Narren sind kein 
Grund. Die da aber von vielen Wahrheiten reden und vom 
Fortschritt der Wahrheit, die wissen nichts von Wahrheit 
und reden nicht Grund sondern das Entgründende, oder sie mögen 
von örtlichen und zeitlichen Modewahrheiten oder von andern end- 
hchen Wahrheiten reden, die doch in letzter Wahrheit keine Wahr- 
heit sind. Und Christus, dieser aus dem klaren Feuerstrom der 
Wahrheil geschaffene Christus — aus dem Feuerstrom vor dem 
Throne Gottes! Mit welcher Kraft und Wunderbarkeit er nimmt 
und trägt uns außer unseren Kreis; wie suß furchtbar sein Wort 
auf erweckt und bewegt, daß wir Reinheit der Seele halten, dem 

444 



Ewigen uns zukehren, in uns hinein hinabdringen in seine Tiefe 
und es heraufführen und mit ihm das ganze endliche Weltbewußt- 
sein durchdringen und nähren! Dieser Christus, dieser Jude — 
soll allein für die Juden nicht bedeuten ? So versteht ihr, was wir 
tun werden: ihn zurückholen! Christus ist für uns nicht tot: er hat 
für uns noch nicht gelebt; und er wird uns nicht töten, er wird uns 
lebendig machen. Seine tiefher heiligen Worte und alle herz- 
treffende Wahrhaftigkeit in jenen Büchern des ,, Neuen Testa- 
ments" soll von nun an in unsren Tempeln gehört und soll unsre 
Jugend gelehrt werden, damit aufgehoben sei das Unrecht, welches 
wir begingen, schwerbefangen und gezwungen und unter so viel 
Jammer und Tränen, und damit der Fluch in Segen sich wandle, 
nun uns endlich findet, der uns immer gesucht hat. 

Das ,,Neue Testament" gilt uns fortan wie das ,,Alte Testa- 
ment"; nur das wollen wir ausstoßen, was dem Geiste des Juden- 
tums widerstrebt, und heranbringen aus dem unter uns noch Vor- 
handenen das noch Hingehörige. So ist es unser unbestreitbares 
Recht — wir machen das Postliminium geltend: ohne jegliche 
Einschränkung fällt jegliches Bestimmungsrecht an uns zurück. 
Wir entscheiden über diese Bücher, gleichwie dereinst unsre Vor- 
fahren entschiedenhabenüber alles, wasdem alten Kanoneinverleibt 
werden sollte und was nicht. Ein lauterer Geist wird strömen in 
unsren Gedanken und uns führen, daß mit Reinigung und Be- 
reicherung unsrer biblischen Bücher auch zugleich die Gestalt 
unsres Christus nach ihrer wahren Größe hervorgehe, sich selber 
gleich — - kleinsinnige Berichterstatter haben ihn verkleinert und 
mit eigner Dumpfheit und Schwächen entstellt — und daß das 
fünfte oder vielmehr das erste, das Urevangelium, das wahrhafte 
Evangelium Christi wieder hergestellt werde. Das alles ist unser 
Recht, wir verfügen über das unsrige: wir leben noch; trotz unsren 
beiden Testamenten. ,,Denn wo ein Testament ist, da muß der Tod 
geschehen des, der das Testament macht; denn ein Testament wird 
fest durch den Tod, anders hat es noch nicht Gewalt, wenn der noch 
lebt, der es gemacht hat." 

Indem wir nun aber so tun werden mit diesem unsrem Manne 
und mit unsren Büchern, wie wir wollen und müssen nach unsrer 
Überzeugung, mögt ihr immerhin anders damit tun; wir finden es 

445 



Wechsel und Tod der Zeiten hindurch, im Verhältnis nämlich zur 
einen Wahrheit des Unendlichen sind wir geblieben wie unsre 
Vorfahren, deren Tradition von der absoluten Wahrheit auch 
unsre absolute Wahrheit ist. Hier kommt für uns geschichtliche 
und begriffliche Gebundenheit überein. Beides nun sind wir uns 
bewußt: unsrer Abhängigkeit von der Tradition wie von den uns 
umgebenden Lebensverhältnissen, und gleichen der Pflanze, die 
ihre Nahrung zieht aus dem Boden und aus der Luft; der beiden 
Naturen in uns sind wir uns bewußt, der endlichen, wonach wir 
mit diesem unsrem Fleisch und Blut verwandelt wurden und 
werden, und der andern, der Einen nach unsres Geistes dauern- 
dem Wesen, die uns anschaut gleichwie sie unsere Vorfahren 
angeschaut hat und wie sie alle Menschen anschaut : aus 
der Tiefe der Ewigkeit. Alle haben wir die Zeit nur am 
Leibe und an der Garderobe, nicht in der Wahrheit der 
Gedanken; das Verhältnis der Menschheit zu dem wahrhaft 
Wahren bleibt zu allen Zeiten das gleiche; es ist kein Ver- 
hältnis der Endlichkeit und der Zeit, das Verhältnis zur ewigen 
Wahrheit. Die Wahrheit vom Einen ist unveränderlich wie das 
Eine, der ruhende Mittelpunkt im sich drehenden Kreise; diese 
Wahrheit ist keiner Abbröckelung, Verminderung und Verschlech- 
terung fähig noch einer Vermehrung, Verbesserung, Zunahme 
oder Fortschreit ung. Zu allen Zeiten haben daher alle die großen 
Wahrhaftigen dieselbe einzige ewige, ewig unvermehrbare Wahr- 
heit verkündigt und auf ihren Grund hingewiesen wie die Magnet- 
nadeln allesamt auf den verborgenen Pol — einen andern Grund 
kann niemand legen; die Standpünktchen der Narren sind kein 
Grund. Die da aber von vielen Wahrheiten reden und vom 
Fortschritt der Wahrheit, die wissen nichts von Wahrheit 
und reden nicht Grund sondern das Entgründende, oder sie mögen 
von örtlichen und zeitlichen Modewahrheiten oder von andern end- 
lichen Wahrheiten reden, die doch in letzter Wahrheit keine Wahr- 
heit sind. Und Christus, dieser aus dem klaren Feuerstrom der 
Wahrheit geschaffene Christus — aus dem Feuerstrom vor dem 
Throne Gottes! Mit welcher Kraft und Wunderbarkeit er nimmt 
und trägt uns außer unseren Kreis; wie süß furchtbar sein Wort 
auferweckt und bewegt, daß wir Reinheit der Seele halten, dem 

444 



Ewigen uns zukehren, in uns hinein hinabdringen in seine Tiefe 
und es heraufführen und mit ihm das ganze endliche Weltbewußt- 
sein durchdringen und nähren! Dieser Christus, dieser Jude — 
soll allein für die Juden nicht bedeuten ? So versteht ihr, was wir 
tun werden: ihn zurückholen! Christus ist für uns nicht tot: er hat 
für uns noch nicht gelebt; und er wird uns nicht töten, er wird uns 
lebendig machen. Seine tiefher heiligen Worte und alle herz- 
treffende Wahrhaftigkeit in jenen Büchern des ,, Neuen Testa- 
ments" soll von nun an in unsren Tempeln gehört und soll unsre 
Jugend gelehrt werden, damit aufgehoben sei das Unrecht, welches 
wir begingen, schwerbefangen und gezwungen und unter so viel 
Jammer und Tränen, und damit der Fluch in Segen sich wandle, 
nun uns endlich findet, der uns immer gesucht hat. 

Das „Neue Testament" gilt uns fortan wie das „Alte Testa- 
ment"; nur das wollen wir ausstoßen, was dem Geiste des Juden- 
tums widerstrebt, und heranbringen aus dem unter uns noch Vor- 
handenen das noch Hingehörige. So ist es unser unbestreitbares 
Recht — wir machen das Postliminium geltend: ohne jegliche 
Einschränkung fällt jegliches Bestimmungsrecht an uns zurück. 
Wir entscheiden über diese Bücher, gleichwie dereinst unsre Vor- 
fahren entschiedenhabenüber alles, wasdemaltenKanoneinverleibt 
werden sollte und was nicht. Ein lauterer Geist wird strömen in 
unsren Gedanken und uns führen, daß mit Reinigung und Be- 
reicherung unsrer biblischen Bücher auch zugleich die Gestalt 
unsres Christus nach ihrer wahren Größe hervorgehe, sich selber 
gleich — kleinsinnige Berichterstatter haben ihn verkleinert und 
mit eigner Dumpfheit und Schwächen entstellt — und daß das 
fünfte oder vielmehr das erste, das Urevangelium, das wahrhafte 
Evangelium Christi wieder hergestellt werde. Das alles ist unser 
Recht, wir verfügen über das unsrige: wir leben noch; trotz unsren 
beiden Testamenten. ,,Denn wo ein Testament ist, da muß der Tod 
geschehen des, der das Testament macht; denn ein Testament wird 
fest durch den Tod, anders hat es noch nicht Gewalt, wenn der noch 
lebt, der es gemacht hat." 

Indem wir nun aber so tun werden mit diesem unsrem Manne 
und mit unsren Büchern, wie wir wollen und müssen nach unsrer 
Überzeugung, mögt ihr immerhin anders damit tun; wir finden es 

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befreifUch, wenn ihr (ortfAhrt. dies« Bucher der Bibel nach eurem 
Sinne auszulegen und auszugestalten und Gebrauch davon macht, 
welchen ihr wollt und müßt, nach eurer Überzeugung. Es l&Ot sich 
nicht willkürlich Emhalt gebieten; so wie Alles in den Dingen 
geworden ist und künftig sich hervorwendet, so mag es bleiben 
und kommen. In welcherlei Gestalt unsre Lehre wirke, wir ehren 
sie; auch wenn wir widersprechen müssen und sagen: das ist unsrt 
Lehre rucht ; w o Menschen sich aufsehnen und mit Wahrhaftigkeit 
den Frieden ihrer Seele suchen, da stehen sie auf heiligem Boden. 
Wir w&ren unjudischen Geistes, wenn wir anders dAchten, und 
wir würden den jüdischen Geist nicht erkennen, wollten wir 
ihn nach seiner Wesentlichkeit in dem rerkennen. was ihr 
den christlichen Geist nennt, Ihr sprecht ron ,,der inneren Wahr- 
heit und weit überwindenden Macht des Christentums" — wir 
können dieselben Worte rom Judentum gebrauchen; dann 
â– prechen wir beide Tom gleichen. Es ist kein Ruh n des Christen- 
tums, womit nicht das Judentum gerühmt wurde. Der Geist 
des Christentums, das ist der Geilt des Judentxims; der aber wahr- 
lich rucht allein im Gottesbew\iBtsetn beruht und rücht etwa nur 
die Religionen gab: seine Saat steht michtig überall im Leben 
der Volker und geht immer Ton neuem empor. 

Daß dies Wahrheit so, darüber wollen wir nun auch zu den- 
jenigen reden, die sich an kein Dogma, an ktint Konfession, an 
keine Religion mehr gebunden halten und die nicht mehr fromme 
Christen sind und die das Gegenteil von frommen Christen sind. 

,,Wie oft soll man es noch den allzu klugen Leuten 
sagen: daO dies bemakelte Christentum keine bloße Religions- 
philosophie, keine Mythengeschichte, sorulern eine welterfüllende 
Tatsache, daß es die Luft, das Licht, der Grund und Boden 
der Weltkultur geworden ist. dafi es dem Ungläubigsten ins 
Fleisch gewachsen, sein Hirr>- und Herzblut geworden ist, 
daß er's mit der Muttermilch eingesogen hat; daß dieses 
Christentum