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Full text of "Der krieg. Von Johann von Bloch. Uebersetzung des russischen werkes des autors: Der zukünftige krieg in seiner technischen, volkswirtschaftlichen und politischen bedeutung"

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JUN 22 1900 



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Der Krieg 



Von 



Johann von Bloch. 



Uebersetzung des russischen Werkes des Autors: 

Der zukünftige Krieg 

in seiner technischen, volkswirthschaftlichen und 

politischen Bedeutung. 



Band I. 




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BERLIN 1899. 
Puttkammer Sc Mühlbrecht. 

Buchhandlung für Staats- und Rechtswissenschaft. 



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Der Krieg. 



Johann von Bloch. 



Uebersetzung des rnssisehen Werkes des Autors: 

Der zukünftige Krieg 

in seiner tecliiiisclien, volkswirthschaftUchen und 
politischen Bedeutung. 

Band I. 



BERLIN 1899. 
Futtkammer & Müblbreoht. 

BuchhaudluDg nir SMats- und Rechtswissenschaft 



Beschreibung 



Kriegsmeehanismus. 



Johann von Bloch. 



BERLIN 1899. 
Puttkammer St Mühlbrecht 

Buchhandlung für Slaiitg- und Rei^htswisÄeuschaft. 



Y^J Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

Schilde und Panzer gegen die Wirkungen der feindlichen 

Kugeln 241-250 

Deckungen durch Schanzen und Feld-Befestigungen: 

Einteilung der Befestigungen. — Die Technik der eiligen Be- 
festigungen. — Feldbefestigungen. — Verteidigung yon 
Flüssen und Brücken. — Hülfsmittel fiir die Devenslye im 
Felde. — Sohlussfolgerungen 254—279 

Bedeutung und Bolle der Karallerie: 

Numerischer Bestand der Kayallerie und sein Verhältnis zur 
Stärke der Infanterie. — Mobilisation und Vorbereitung der 
Kavallerie zu Einbrüchen in Feindesland (Grenzdetachements- 
Krieg). — Urteile über die Umgestaltung der russischen 
Kayallerie und über den Grenzdetachements-Krieg. — Der 
Kundsohafterdienst und die dabei vorkommenden Kavallerie- 
Kämpfe. — Beteiligung' der Kavallerie an den Haupt- 
Attaken. — Die Kosaken und ihre Taktik. — Requisitionen. 
— Schlussfolgerungen 283—354 

Taktik der Artillerie: 

Die Folgen der Vervollkommnung der Artillerie. — Vergleich 
der Wirkung des Infanterie- und Artilleriefeuers. — Kraft 
der modernen Geschütze im Vergleich zu den früheren Ge- 
schützen. Der Einfluss der Vervollkommnungen der Ge- 
schütze auf die Artillerie-Taktik. — Einfluss des rauch- 
schwachen Pulvers auf die Taktik der Artillerie. — Be- 
kämpfung eines durch Schanzen gedeckten Feindes. — Die 
Entfernungen des Artillerie-Gefechts. — Katastrophen in 
Folge der Anwendung von Sprengstoffen. — Zukunftsbilder 
der Artillerie-Taktik. — Schlussfolgerungen 357—477 

Die InfaiitHrie im Kampfe 481—668 

Historische Skizze der Entwiokelung der Infanterie-Bewaffiiung 
und deren Einfluss auf die Taktik. — Die Taktik Napoleons 
und deren Einfluss bis zum Krimkriege. — Die Abhängigkeit 
der zukünftigen Taktik der Infanterie von der Beschaffenheit 
und der numerischen Stärke der Armeen, aber auch von 
der allgemeinen Befestigung der Grenzen und der Kampf- 
stellungen. — (Numerische Stärke und Beschaffenheit der 
Truppen. — Die Grenzbefestigungen) 481—531 

Die Befestigung künftiger Schlachtfelder. — Vorschriften für 
den Aufinarsch zum Gefecht und die Gefechtsführung. — 
(Das französische Gefechtsregiement. Der Angriff auf befestigte 
Stellen im Sinne des deutschen Reglements) 532 — 550 

Wechselwirkung der Infonterie und Artillerie. — Abhängigkeit 
der Gefechtsordnung der Infonterie von den Geschützen. — 
Der Angriff der Infanterie. — (Entfernungen für das Infanterie- 
feuer. — Der russische reglementmässige AngriflF, nach General 
Skugarewsky. — Der französische vorschriftsmässige Angriff) . 550—603 



Inhaltsverzeichuis. VII 

Seite 

Die Erstürmimg der Sohanzen. — Künstliohe Hindernisse. — 
(Minen. — Strasse nversperrung [abatis]. — Barrikaden. — 
Palissaden und Faschinen. — Spanische Reiter, Palissadenzäune, 
Crous-Foot, Barbed-Wire. — Escarpen und Contreeskarpen. — 
Wolfsgruben. — Drahtnetze 603—624 

Der Bigonettangriff. — Die Überlegenheit an Streitkräften im 
Gefecht als taktische Aufj^abe. — Zerstörung von Schanzen 
durch die Th&tlgkeit der Mörser. — UmüMSung statt Front- 
angrifDsi. — Nachtgefechte. — Schlnssfolgerungen 624—668 



Einige Worte zur Einleitung. 



Die Naturforscher behaupten, dass sich in der Erd- Atmo- 
sphäre zeitweilig die Anwesenheit des sogenannten kosmischen 
S^aubes geltend macht. Derselbe übt seinen Einfluss auf die 
Farbe des Himmelsgewölbes, ftlibt die Strahlen der Sonne mit 
Blutfarbe, dringt in unsere Wohnungen und Lungen, wirkt 
unheilvoll auf die Organismen und lässt selbst auf den jung- 
fräulichen SchTieegipfeln der Berge seine Spuren zurück. 

In ähnlicher Weise liegt es über dem öflfentlichen und 
privaten Leben des modernen Europas wie ein Vorgefühl, dass 
das konsequente Anwachsen der Rüstungen entweder zum Kriege 
führen muss, der flir Besiegte und Sieger verderblich und 
vielleicht sogar der Gesellschaftsordnung gefUhrlich werden 
kann, oder über die Völker furchtbare Wirren bringen wird. 

Ist diese Unruhe, die sich der Geister bemächtigt hat, 
die Folge einer einfachen Täuschung, des krankhaft erregten 
Nervensystems des modernen Menschen oder liegen derselben 
sehr reale Möglichkeiten zu Grunde? 

Eine kategorische Antwort wird schwerlich Jemand auf 
diese Frage zu erteilen wagen. Wünschen dürfte wohl Jeder, 
dass die Befürchtungen, welche das Anwachsen der Rüstungen 
hervorruft, ein Schemen bleiben, der mit der Zeit zerflattert, 
aber alle diese Wünsche dürften allein nicht im Stande sein, 
die Verkettung aller Umstände, welche die Rüstungen hervor- 
rufen, abzuändern, solange nicht, nach einem Ausdruck von 



X Einleitung. 



ThÜneiis, *) eine Zeit eintritt, wo die Interessen des Vaterlandes 
und der Menschheit einander nicht ausschliessen, so lange nicht 
der Grad der Kultur erreicht ist, wo diese Interessen unter 
einander solidarisch werden. 

Dem Anschein nach wird die Menschheit noch liicht so- 
bald bis zu dieser Stufe gelangen. Die Verderblichkeit des 
Krieges unter den jetzigen Verhältnissen ist an und für sich 
Jedem einleuchtend, aber diese Erkenntniss ist noch keine ge- 
nügende Bürgschaft daflir, dass der Krieg nicht plötzlich, 
gleichsam zufällig, sogar im Gegensatz zu der öffentlichen 
Meinung aufflammt. Unwillkürlich kommen uns die Worte 
eines grossen Denkers**) in den Sinn, dass „inmitten der Eitel- 
keit der Welt der Dummheit immer ein grösseres Feld der 
Thätigkeit offen steht als dem Verstände und dass der Leichtsinn 
immer mehr Einfluss ausübt als die Überlegung". 

In dem gegebenen Falle ist dieses Wort um so eher an- 
wendbar, als es dem überlegenden Verstände weniger leicht 
gemacht ist, sich in der Lage der Dinge, die sich jäh ver- 
ändert, zurecht zu finden. Die Schnelligkeit in der Veränderung 
der Verhältnisse bildet den charakteristischen Zug unserer Zeit. 
Jetzt gehen im Laufe einiger Jahre in den materiellen Existenz- 
verhältnissen und den geistigen Strömungen der Masse ein- 
schneidendere Veränderungen vor als in früheren Zeiten vielleicht 
im Laufe eines ganzen Jahrhunderts. Diese grosse Beweglichkeit 
des modernen Lebens ist bedingt durch die steigende Verbreitung 
der Bildung, die Thätigkeit der Parlamente, Associationen, der 
Presse und durch die Wirksamkeit der neuen Verkehrsmittel. 
Unter dem Einflüsse dieser Verhältnisse leben die Völker geistig 
nicht nur ihr eigenes, sondern auch ein fremdes Leben ; die Er- 
oberungen des Geistes, die ökonomischen Fortschritte des einen 
Landes spiegeln sich materiell und geistig in der Bevölkerung 
der anderen Länder wieder, der geistige Gesichtskreis der 
Völker hat sich geöffnet, sich ausgedehnt, wie das erwachende 

*) „Der isolirte Staat." 
**) Odysse-Barot: „Philosophie de Thistoire". pag. 20. 



Einleitung. XI 



Auge, das endlos sich breitende Meer; die Geister der ge- 
samten Kulturwelt sind in beständiger Bewegung. 

Jede Veränderung, auf materiellem wie geistigem Gebiete, 
erwirbt sich ihr Bürgerrecht erst nach einem Kampfe der neu 
auftretenden Elemente mit den bis dahin herrschend gewesenen. 

Obgleich die Kriege für die einzelnen zivilisirten Staaten 
keine häufige Erscheinung sind, so zeigen doch die statistischen 
Daten für den gesamten Erdball, dass vom Jahre 1496 vor 
Christi Geburt (Abschluss des Amphictyonen-Bundes) bis zum 
Jahre 1861 nach Christi Geburt, d. h. auf einen Zeitraum 
von 3357 Jahren nur 227 Friedensjahre entfallen und 3130 
Kriegsjahre oder mit anderen Worten, auf ein Friedensjahr 
13 Kriegsjahre.*) Auf Grundlage der Geschichte, bietet dem- 
nach das Leben der Völker das Bild eines ununterbrochenen 
Krieges, der gleichsam als der Normalzustand erscheint. 

Die Lage hat sich jetzt in Vielem geändert, aber die 
Überreste des Alten setzen den Kampf noch immer mit dem 
Neuen fort. Die alte Staatsordnung hat einer Ordnung ganz 
anderer Art Platz gemacht. Siey^s hat die alte Ordnung vor 
den Reformen mit einer umgestürzten auf der Spitze stehenden 
Pyramide verglichen und erklärt, dass man dieser Pyramide 
eine natürliche Lage geben, sie auf ihre Basis stellen müsse. 
Diese Forderung hat sich kann man sagen, in dem Sinne er- 
füllt, dass das Sraatsgebäude in der That gegen früher eine 
unvergleichlich breitere Grundlage erhalten hat, dass es auf 
den Rechten und dem Einfluss der Millionen aufgebaut ist, 
die den sogenannten dritten Stand bilden. 

Es ist natürlich, dass, je grösser die Zahl der Stimmen 
ist, die auf den Gang einer Sache von Einfluss sein können, 
desto komplizirter auch die Gesamtheit der Interessen wird, 
die Berücksichtigung erheischen. Die ökonomische Umwälzung, 
welche die Anwendung der Dampfkraft hervorrief, hat un- 
erwartet die Beziehungen zwischen den einzelnen Ländern der 

*) Leer: „Encyclopädie der Kriegs- und Marine -Wissen Schäften". 1885, 
Bd. II. Lieferung 2. S. 296. 



XII Einleitung. 



Welt ganz neu gestaltet, hat in jedem Lande die einzelnen 
Klassen und Schichten der Bevölkerung entweder bereichert 
und stärker gemacht oder geschwächt und ruiniert, je nachdem 
die neuen Verhältnisse den einzelnen Ländern und ihren Be- 
völkerungsgruppen eine grössere oder geringere Teilnahme an 
der neuen Verteilang von Einkünften, Kapital und Einflusj 
gestatteten. 

Bei der grossen Anzahl der Stimmen, aus denen sich in 
unserer Zeit die öjSentliche Meinung zusammensetzt, bei der 
Verschiedenartigkeit der von ihnen vertretenen Interessen müssen 
auch die Ansichten über den Militarismus und das Ziel des- 
selben: den Krieg, sehr verschieden sein. Die vermögenden 
Klassen, insbesondere diejenigen, deren Bedeutung und Besitz 
sich bei der früheren Verteilung der Macht, den früheren 
Erwerbsverhältnissen fixirt hat, d. h. die Schichten, welche 
man herkömmlich konservativ nennt, sind geneigt, die geistige 
Bewegung gegen den Militarismus mit den Bestrebungen zur 
Umstürzung der gesellschaftlichen Ordnung in einen Topf zu 
werfen. Hierbei wird zuweilen den Erscheinungen zweiten 
Grades, die bald vorübergehen, allzugrosse Bedeutung beigelegt 
und die gefilhrliche Gärung der Geister nicht von der Stimme 
völlig realer Bedürfnisse unterschieden, welche durch die im 
Leben erfolgten Veränderungen hervorgerufen sind. Ueber- 
haupt würdigt man in den oberen Schichten die Bedeutung 
der Reaktion gegen den Militarismus, die unzweifelhaft in den 
Massen vor sich geht, nicht genügend. 

Andererseits ziehen in den unteren Schichten die Personen, 
welche auf die Geister der Massen einzuwirken suchen, mit 
noch grösserem Leichtsinn und selbst mit bewussten Ver- 
drehungen kurzer Hand aus den neuen Bedingungen die 
extremsten Schlussfolgerungen und Maximen, negieren alle er- 
worbenen Rechte und streiten allzuwillkürlich dem grössten 
Teil der bestehenden Gesellschaftsordnungen die Existenz- 
berechtigung ab. Um mit ihrer Agitation Erfolg zu haben, 
versprechen sie den Massen weit mehr als überhaupt irgend 



j 



Einleitung. XIII 



welche andere Gesellschaftsformen geben können. Um die 
Massen gegen den Militarismus zu erregen, legen diese Agi- 
tatoren ohne jegliches Bedenken den Gegnern egoistische Motive, 
rein persönliche Berechnungen unter, mag auch der Gegner 
einer aufrichtigen Überzeugung folgen. 

Obgleich die Massen sich nicht mit einem Schlage irgend 
welchen theoretischen Erwägungen hingeben, sondern gewöhn- 
lich nur unter dem Einfluss eines bestimmten Notstandes, einer 
Leidenschaft wirken, so unterliegt es doch keinem Zweifel, dass 
jene Agitation, die sich an sie von der Parlamentstribüne wendet 
wie von den Rednerpulten der Klubs oder Volksversammlungen 
und insbesondere auf dem Wege der Presse, doch immer tiefer 
in die Massen eindringt und in ihnen allmählich die Geflihle 
herausarbeitet, die im Moment einer durch den Krieg hei'vor- 
gerufenen Not sie zu Thätlichkeiten hinreissen können. Der 
Militarismus ist jetzt für diese Propaganda das Hauptmittel zur 
Agitation und zugleich das sichtbare Ziel, auf dessen Ver- 
nichtung man hinarbeitet, während in Wirklichkeit nicht nur 
der Militarismus, sondern auch die ganze jetzige Ordnung ver- 
nichtet werden soll. 

Bei dieser Sachlage, d. h. bei der für alle Länder Europas 
ruinierenden Konkurrenz in der beständigen Steigerung der 
Rüstung, bei der Gefahr für die Gesellschaft, die unter dieser 
für alle gemeinsamen Last emporwächst, müssen sich die leiten- 
den Kreise, muss sich die ganze gebildete Gesellschaft ernst- 
haft bemühen, sich über folgende Fragen klare Rechenschaft zu 
geben: Wie wird sich der Krieg bei den heutigen Kriegsmitteln 
gestalten? Wird es möglich sein, mit den Millionen-Heeren die 
gegenseitige Vernichtung zu erzielen, wird es möglich sein, diese 
Massen dahin zu bringen, die ganze Wirkung dieser Mittel zu 
ertragen, welche die heutigen Kriegswaffen, die furchtbaren 
Sprengstoffe üben? Wenn man sich nun bei der Prüfung all 
dieser Verhältnisse etwa sagen müsste: nein, der Krieg ist unter 
solchen Verhältnissen unwahrscheinlich, die Massenheere werden 
die Verheerungen, die in den künftigen Schlachten stattfinden 



XIV Einleitung. 



müssen, nicht aushalten, die Völker werden nicht den Hunger 
und die Sistierung der gesamten Produktionsthätigkeit, die den 
Massen den Lebensunterhalt bietet, ertragen, wenn, sagen wir, 
der Schluss ein solcher wäre, dann würde mit vollster Deutlich- 
keit die alle gleich interessierende Frage gestellt werden können: 
warum erschöpfen die Völker mehr und mehr ihre Kraft in der 
Anhäufung solcher Zerstörungsmittel, die nicht in Aktion treten 
können? Warum verzehren sie sich in den Vorbereitungen zu 
dem Titanenkriege, der doch nur eine Chimäre bleibt, warum 
arbeitet die europäische Menschheit in ihrer Mitte einen solchen 
SprengstoflF aus, dessen Wirkung mächtiger als Dynamit sein 
kann, eine Kraft, die schon nicht bloss Festungen, nicht bloss 
Städte, sondern die Gesellschaft selbst zerstören kann? 

Es ist ganz natürlich, dass seit längerer Zeit schon in 
den westeuropäischen Ländern in allen Schichten der Gesell- 
schaft teils noch rein theoretische, teils bereits praktische Be- 
strebungen hervortreten, deren Ziel es ist, den Krieg aus 
der künftigen Geschichte der Menschheit zu streichen. Philo- 
sophen und Philanthropen, Staatsmänner und revolutionäre 
Agitatoren, Dichter und Künstler, Parlamente und Kongresse 
betonen immer stärker und stärker die Notwendigkeit, das 
Blutvergiessen und den durch Kriege hervorgerufenen Notstand 
zu beseitigen. 

Es gab einen Moment, wo die Proteste gegen den Krieg 
anscheinend eine praktische Bedeutung zu gewinnen anfingen, 
aber die Revanchebestrebungen — eine Folge der Einigung 
Deutschlands — haben die öffentliche Meinung umgewandelt. 
Nichtsdestoweniger ist der Gedanke geblieben und ftlhrt fort 
auf die Geister zu wirken. Die Stimmen der Gelehrten, die 
gegen den Krieg gerichteten Bestrebungen der Philanthropen 
haben natürlich auch bald unter den niederen Bevölkerungs- 
schichten Widerhall gefunden, aber eine jede Idee stellt sich 
anders dem aufgeklärten Geiste, anders dem einfachen Menschen 
dar, welcher letztere wohl die Folgen sieht, aber nicht die 
Ursachen, von sozialen Erwägungen nichts begreift, sich 



Einleitung. XV 



von der historischen Notwendigkeit keine Vorstellung macht. 
Im Halblicht des ungenauen Wissens entstehen so die phan- 
tastischen Schatten, die von Agitatoren immer mehr aus- 
genutzt werden. 

Der Krieg ist jetzt in Folge der ausserordentlichen Fort- 
schritte der Waffentechnik, der hochgesteigerten Pi'äzision der 
Feuerwaffen und ihres enormen Vernichtungsvermögens furcht- 
barer geworden. Vom nächsten grossen Kriege kann man als 
von einem Rendez-vous des Todes sprechen! Dazu kommt 
noch, dass die Verproviantierung und die Sicherstellung der 
Millionen-Heere gegen klimatische Unbill unerhört schwer 
fallen wird. Einige Militärschiift steller sprechen allerdings die 
Ansicht aus, dass die gesteigerte Feuergeschwindigkeit die Zahl 
der Fehlschüsse, nicht der Treffer vergrössem wird, dass das 
Blutvergiessen sich mithin vermindere, insofern der Kampf 
zwischen den Gegnern auf grösseren Entfernungen vor sich 
gehen wird, dass Kavallerie -Attacken und Bajonettangriffe beim 
heutigen Umfange und der Heftigkeit des Feuergefechts unwahr- 
scheinlich geworden sind und dass endlich bei der jetzt üblichen 
grösseren Ausdehnung der Gefechtslinie und bei den nötig ge- 
wordenen Deckungen im Gelände den einzelnen Truppenteilen 
der Rückzug leichter gemacht werden wird. Aber selbst wenn 
wir alles dies, was noch gar nicht erwiesen ist, zugeben, so 
unterliegt es doch keinem Zweifel, dass bei den jetzigen furcht- 
baren Waffen der Eindruck der Schlacht auf die Truppen an 
und flir sich weit stärker sein wird als früher und dass das 
rauchschwache Pulver diesen Eindruck noch vertiefen wird. 
Infanterie- wie Artilleriefeuer haben eine bisher unerhörte 
Wirkung erreicht, die Hülfeleistung für die Verwundeten ist in 
Folge der Treffweite der neuen Waffen schwieriger geworden. 
Zudem wird der kaum bemerkbare Pulverrauch den noch in 
Reih und Glied Verbliebenen die entsetzlichen Folgen des 
Kampfes nicht mehr verhüllen; jetzt wird es heissen, vorwärts 
gehen, und zwar angesichts der ganzen vernichtenden Wirkung 
der einschlagenden feindlichen Geschosse. 



XVI Einleitung. 



Bei der Beurteilung des künftigen Krieges ist zudem im 
Auge zu behalten, dass der gegen früher weit schrecklicher 
gewordenen Feuertaufe nicht altgediente Mietstruppen unter- 
liegen werden, welche den Krieg als Handwerk erlernt haben, 
sondern Massen friedlicher Bürger, welche direkt vom Pfluge, 
Webstuhl, aus dem Komptoir und vom Schreibtisch aus unter 
das Gewehr treten müssen. 

Hieraus ergiebt sich, dass auch die physischen Bedingungen 
des Krieges jetzt ganz andere sein werden. 

In unserer Zeit ist es überhaupt schwieriger, Heroismus 
hervorzurufen; der Skeptizismus hat nicht nur die oberen 
Schichten ergriffen, sondern schleicht sich auch bei den Massen 
ein. Demnach kann man hauptsächlich nur noch auf die Macht 
der militärischen Disziplin zählen, doch auch zur Aneignung 
dieser Disziplin ist eine gewisse Zeit erforderlich. Marschall 
Soult erklärte, dass der Soldat zwei Jahre nötig hat, den 
häuslichen Herd, die Familie zu vergessen, und dann zwei weitere 
Jahre, damit sich in ihm der echt soldatische, kriegerische 
Geist entwickele; die jetzige Mobilmachung und das jetzige 
System der Reserven und des Landsturms aber schaffen ein 
Heer, das grösstenteils aus Leuten besteht, die eben erst ihre 
bürgerliche Beschäftigung, ihr Haus, ihre Familie verlassen 
haben. 

Der Gedanke an die Erschütterungen, von denen der 
künftige Krieg begleitet sein wird, an die furchtbaren für 
diesen Krieg in Bereitschaft gehaltenen Mittel wirkt augen- 
scheinlich als erschwerendes, aufschiebendes Gegenmoment trotz 
der gespannten Völkerbeziehungen in gewissen Fragen. 

Andererseits kann aber die derzeitige Lage nicht an- 
dauern. Die Völker seulzen unter der Last des Mihtarismus. 
Europa steht vor der Notwendigkeit, der produktiven Volks- 
kraft immer neue und neue Milliarden ftir Kriegszwecke zu 
entziehen. Kaum ist man mit der Einführung des Klein- 
kalibergewehrs fertig geworden, so hat die Technik bereits 
einen neuen Schritt vorwärts gethan, und es unterliegt keinem 



EinleituDg. XVII 



Zweifel, dass die Grossmächte bald genötigt sein werden, zu 
Gewehren noch kleineren Kalibers überzugehen, deren Durch- 
schlagskraft fast die doppelte Stärke aufweist und welche ge- 
statten, den Soldaten mit einer noch grösseren Zahl von 
Patronen auszurüsten. Gleichzeitig ist man in Frankreich und 
Deutschland bereits zur Herstellung neuer Kanonen und Mörser 
geschritten, bei welchen die volle Kraftäusserung des modernen 
rauchschwachen Pulvers zur Anwendung gelangen wird. 
Milliarden sind zudem für Marinezwecke verausgäbt und 
müssen angesichts der rapiden Fortschritte und Neuerungen 
in Bau und Ausrüstung von Kriegsschiffen verausgabt werden. 

Angesichts dessen, was vor unseren Augen in Deutschland, 
Italien und Oesterreich vor sich geht, müssen wir uns die Frage 
stellen: wird die Fortsetzung der beständigen Ansprüche an die 
Landesvertretungen um neue Rtistungsmittel möglich sein, ohne 
ernste innere Erschütterungen herbeizufilhren ? und weiter die 
Frage: wird die weitere Vervollkommnung der WaflFen nicht eine 
direkte Unmöglichkeit des Kri^gführens schaffen, wenigstens 
für die Länder, wo eine hohe Kultur den Werth des Lebens 
eines jeden Bürgers beträchtlich gesteigert hat? 

Der künftige Krieg wird demnach nicht nur einen quan- 
titativen Unterschied in der numerischen Stärke der Heere auf- 
weisen, sondern auch einen qualitativen in Bezug auf Stimmung 
und geistige Einflüsse, die früher weit schwächer zur Geltung 
kamen. 

Darum wird es, wie gesagt, notwendig sein, dass die 
Machtkreise und die gebildete Gesellschaft ernstlich sich die 
Fragen vorlegen, ob es unter den heutigen Verhältnissen über- 
haupt möglich sein wird, den Zweck des Krieges zu erreichen, 
die ungeheueren Armeen zu verwalten und zu unterhalten, 
endlich, selbst wenn das geUngt, die Millionenheere lange den 
furchtbaren Gefahren auszusetzen und unter den Fahnen zu 
erhalten? 

Dazu kommen dann noch die nicht minder furchtbaren 
wirtschaftlichen und sozialen Erschütterungen in Folge der 

ßloch, Der Krieg. I. II 



XVni Einleitung. 



Einberufung fast der gesammten männlichen Bevölkerung, der 
Stockungen in Handel und Industrie, der ungeheueren 
Teuerung, Aufhören des Kredits, der Budgetschwierigkeiten, 
der Schwierigkeit des Unterhalts der zurückbleibenden Teile 
der Bevölkerung. Und endlich — wenn in Folge der all- 
gemeinen Erschöpfung der Krieg eingestellt wird — werden 
die Soldaten, die ja zum Teil aus sozialistischen Distrikten 
stammen, gutwillig sich entwafl&ien lassen? 

Daher scheint uns, dass der Versuch einer populären 
Darlegung der modernen Kriegsmittel und der Folgen, welche 
der Krieg nach sich ziehen würde, dazu beitragen könnte, die 
allgemeine Aufmerksamkeit nach dieser Richtung hinzulenken, 
die öffentliche Meinung zu ernüchtern, den Friedensbestrebungen 
aller Staaten Vorschub zu leisten. Das ist die Bedeutung 
unseres bescheidenen, in diesem Sinne unternommenen Versuchs. 

Jedoch ein Werk, das alle diese Fragen berührte, giebts 
weder in der russischen, noch in der westeuropäischen Litteratur. 

Das einzige, man kann sagen, klassische Werk, das einiger- 
maassen unseren Anforderungen entspricht und auftnerksam ge- 
lesen zu werden verdient, ist das Buch des Barons von der 
Goltz: „Das Volk in Waffen." Aber dieses Werk ist vor Ein- 
führung der neuen Bewaffnung und des rauchschwachen Pulvers 
geschrieben und hellt ausserdem ungenügend den Einfluss der 
Kriegstechnik auf das ökonomische und soziale Leben auf. 
Diese Lücke ist aber so bedeutsam, dass auch das von der 
Goltz 'sehe Werk fast gar keine praktische Bedeutung für die 
europäische Gesellschaft besitzt. 

Unter den heutigen Lebens- und Kriegsbedingungen aber 
wäre es ein frevelhafter Leichtsinn, ein Verbrechen geradezu, 
sich in einen Krieg zu stürzen, ohne alle jene Begleit- 
erscheinungen und Folgen des Völkerkampfes im eigenen und 
in den fremden Staaten sich klar gemacht zu haben. 

Jedoch die Erwägung der kriegstechnischen Seite allein 
würde noch nicht genügen. Anders, als in früheren Kriegen, 
wird im Zukunftskriege nicht der Sieg allein entscheidend 



wer... 



Einleitung. XIX 



sein, sondern auch — das Zerfallen des ganzen Kriegs- 
apparats selbst. 

In den letzten 25 Jahren haben sich in der Art der 
Kriegsoperationen solche Veränderungen zugetragen, dass der 
ZukunA»krieg den früheren gar nicht mehr gleichen wird. 
Die Vervollkommnung der Waffen, die Einführung von Spreng- 
geschossen und kleinkalibrigen Gewehren, die einen weit 
grösseren Patronenvorrat für den einzelnen Soldaten er- 
möglichen, die Wirkungen des rauchschwachen Pulvers, das 
nichts verhüllt und Vieles erkennen lässt, der Umfang der 
Operationen der Millionen -Heere — das Alles veranlasst 
Militär- Autoritäten, wie Graf Moltke, Gen«*ral Leer und 
Andere, vorauszusagen, dass der künftige Klrieg Jahre lang 
währen wird. 

Aber werden da nicht unter den heutigen politischen, 
sozialen und wirtschaftlichen Verhältniss^-n in dem einen Lande 
früher, in dem anderen später. Zustände eintreten, die die 
Fortsetzung des Krieges unmöglich machen, ehe er noch 
seinen Zweck erreicht hat? Das ist eine ungeheuer wichtige 
Frage, die aber die Militärschriftsteller höchstens nur ganz 
flüchtig zu streifen pflegen. 

Und werden nicht auch aus denselben Gründen die auf 
Bündnisse beruhenden Kombinationen zu nichte werden, weil 
eben der eine oder andere Staat nicht in der Lage sein wird, 
den Krieg fortzuführen? 

So sind die rein militärischen Fragen überall mit ökono- 
mischen eng verknüpft. Aber die Militärschriftsteller betrachten 
den Zukunftskrieg immer nur vom Standpunkt des Zweckes 
aus, die Armee des Gegners zu vernichten, ohne je genauer 
die sozialen und ökonomischen Kriegswirkungen ins Auge zu 
fassen, während andererseits auch die national-ökonomischen 
keine einzige ausreichende Untersuchung dieser Wirkungen 
geliefert haben, einfach deshalb nicht, weil sie ihrerseits mit 
dem Wesen der Klriegstechnik , des gesamten Krlegsapparats 
nicht vertraut sind, Zufall vom Gesetz nicht zu unterscheiden 

II* 



XX- Einleitung. 



vermögen und so keine klare Vorstellung von Ursache und 
Wirkung gewinnen können. 

Vor fünfundzwanzig Jahi'en war es verhältnismässig leicht, 
den nächsten Krieg zu charakterisieren, seinen möglichen Verlaut 
zu bestimmen, seine Resultate und Folgen vorauszusehen. Hier- 
zu hatte man nur nötig, die letzten zwei bis drei internationalen 
Feldztige zu studieren, in die Formeln der damals wirkenden 
Kräfte und stattgehabten Verluste und Perturbationen die neuen 
der ins Auge gefassten Zeit entsprechenden Daten einzutragen, 
und man empfing dann annähernd richtige Resultate. 

Während der letzten Jahrzehnte sind aber in der Kriegs- 
kunst nach jeder Richtung hin grosse Veränderungen, ja man 
kann sagen, sogar volle Neubildungen erfolgt. Ein völliges 
Verstellen der Kriegsverhältnisse ist jetzt um so schwieriger, 
als man einerseits Angriff- und Abwehrmittel anwenden wird, 
deren Wirkung praktisch noch nicht erprobt ist, und man 
andererseits die Kriegführung auch nicht mehr als etwas rein 
Mechanisches ansehen kann wie früher, wo man den psychischen 
Faktoren keine besondere Bedeutung beilegte, weil die Truppen 
zuerst aus geworbenen, dann aus langgedienten, mit einem 
Wort aus Berufssoldaten bestanden. 

Der berühmte Feldherr des 18. Jahrhunderts, Moritz von 
Sachsen, sagte: „Die Kriegskunst ist mit einem Schatten be- 
deckt, innerhalb dessen sich keine sicheren Schritte machen 
lassen; Grundlage des Kriegshandwerks sind Routine und 
Glaube — Kinder des Unbewussten." 

Gegenwärtig ist es bereits unmöglich geworden, mit der 
Routine auszukommen. Die Kampfv^erhältnisse haben sich nicht 
nur im Vergleich zu den Kriegen des 18. und der ersten Hälfte 
des 19. Jahrhundei ts , sondern auch zu den letzten Feldztigen 
derart veiändert, däss die bewährtesten Truppenführer sich dieser 
Wahrnehmung nicht mehr entziehen können. General Lewall 
sagt: „Die Kriegskunst bildet sich immer merklicher zu einer 
Wissenschaft aus; Wissen, intellektuelle Entwickelung und bürger- 
liche Tugenden erwerben immer grössere Bedeutung und drängen 



Emleitung. XXI 



den Wagemut und physische Vorzüge auf den zweiten Plan." 
Wie auf den übrigen Gebieten des Wissens, so ist es auch hier 
sehr schwierig, sich inmitten der Erscheinungen zu orientieren, 
welche den Beginn einer neuen Epoche repräsentieren. Aber je 
schwieriger diese Aufgabe, desto mehr interessiert und lockt sie 
die Geister an. 

Ein heutiger Denker des zivilisierten und weniger als andere 
Staaten vom MiHtarismus infizierten Englands, Bagehot, sagt: 
„Der Fortschritt der Kriegskunst ist die bemerkenswerteste und 
grossartigste Erscheinung in der Geschichte der Menschheit.** 

Der Krieg hat jetzt in der That die Form des Kampfes 
ganzer Nationen angenommen, die ein breit angelegtes kom- 
pliziertes Leben leben. Umfang und Aufgaben des heutigen 
Krieges entsprechen daher auch dieser Kompliziertheit und 
zudem sind die Waflfen und Kampfesmittel der Jetztzeit so- 
zusagen das letzte Wort schöpferischer Erfindungskraft des 
Menschen. 

Elemente des Waffenganges in künftigen Kriegen sind alle 
moralischen und geistigen Mittel der Nationen — Gefühl, 
Charakter, Geist und Willen — die ganze Macht der modernen 
Kultur, alle technischen Vervollkommnungen. Die modernen 
Kriegsmittel sind kulturelle Früchte der zivilisiei-ten Welt und 
verdienen es deshalb auch, der ganzen Gesellschaft bekannt zu 
werden. In Mittel- und West-Europa hat denn auch, besonders 
seit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, das Interesse an 
militärischen Fragen in allen Gesellschaftskreisen Eingang ge- 
funden. 

Die Militärschriftsteller schliessen aus der Praxis früherer 
Kriege, dass die Hauptgrundlagen des Kriegswesens wenigstens 
in ihren allgemeinen Zügen der Bevölkerung bekannt sein 
müssen, welche bei Beginn der Feindseligkeiten in den Reihen 
der Armee stehen wird und von deren Thätigkeit der Ausgang 
des Feldzuges abhängt. 

Aber sie müssen sich klar machen, dass einmal fast die 
gesamte Zahl der Erwachsenen unter die Fahnen gerufen 



XXII Einleitung. 



werden wird, und sich Rechenschaft ablegen von den volks- 
wirtschaftlichen Folgen einer solchen Maassnahme. 

Das Interesse am Kriege, an dessen voraussichtlichem Ver- 
laufe und dessen Resultaten ist gewiss vorhanden, aber es fehlen 
die Daten, aus denen man sich wenigstens einen annähernden 
BegriflF von dem verschaffen könnte, was durch den Krieg in 
technischer und volkswirtschaftlicher Hinsicht bewirkt werden 
wird. Die Folge davon sind irrige Ansichten. Ist aber die 
Gesellschaft derart unvorbereitet auf eine Erscheinung, die 
Europa plötzlich überraschen kann, so ist das nicht ohne 
Gefahr. 

Einerseits urteilt man über den künftigen Krieg noch 
immer nach Erzählungen von früheren Kriegen, wo die tech- 
nischen Mittel weit mangelhafter waren als jetzt, Strategie 
und Taktik weit einfacher, das Ueberge wicht der Zahl, der 
Ausbildung, der Bewaffnung nicht so erdrückende Faktoren 
bildeten wie jetzt, wo Tapferkeit allein hinreichte nicht nur 
zum Siege über eine grössere Zahl, sondern zuweilen auch 
über die bessere Bewaffnung. Andererseits hat man wohl 
von den Fortschritten der Waffentechnik gehört, sich aber 
nicht mit dem Eindruck bekannt gemacht, welchen sie auf 
dem Schlachtfelde hervorbringen müssen, weshalb weder dem 
moralischen Zustande des Volkes, mag es auch diesem oder 
jenem Kriege abgeneigt sein, noch der Stimmung der Truppen 
selbst Bedeutung beigelegt wird. 

Wie das Volk sich aber zum Kriegsgedankeii in diesem 
oder jenem Falle stellt, ist von sehr grosser Bedeutung. Sehr 
schön hat dies der veistorbene russische, sehr talentvolle 
General Fadejew in folgenden Sätzen zum Ausdruck ge- 
bracht: „Die Meinung des Volkes von seiner eigenen Macht 
hat einen grossen JEinfluss auf den Gang seiner politischen 
Angelegenheiten; diese Meinung ist nicht selten ausser- 
ordentlich leichtsinnig und unbegründet, und die Folgen des 
Irrtums lasten schwer auf dem Schicksal des Staates. Im 
Allgemeinen wird angenommen, dass selbst die militärischeu 



Einleitung. XXIII 



Elementarfragen Eigentum der Spezialisten bilden und der 
Gesellschaft fremd bleiben können, aber wenn der Augenblick 
kommt, seine Meinung über Krieg und Frieden auszudrucken, 
die Mittel des Erfolges abzuwägen, so seid überzeugt, dass von 
zehn Militärs, die als die besten Richter in dieser Sache gelten, 
neun die Meinung der gesellschaftlichen Mitte, in der sie leben, 
wiedergeben. So wird die Gesellschaft, die gewöhnlich mili- 
tärischen Fragen fremd ist, die gründUch weder den Zustand 
der Streitkräfte des Staates noch auch ihr Verhältnis zum 
gegebenen Kampfe kennt, in wichtigen Fällen bis zu einem 
hohen Grade Richter und entscheidender Faktor über diese 
Fragen. Sich von dem Einfluss der öflfentlichen Meinung in 
dergleichen Sachen zu befreien, ist ein Ding der UnmögUchkeit. " 

Bereits in einigen früheren Werken beschäftigten wir uns 
mit dem Einfluss, den der Kjieg auf Russland ausüben könnte. 
Das führte uns dazu, in der Gesellschaft mehr Kenntnisse von 
den Folgen eines grossen Krieges unter den heutigen inter- 
nationalen Beziehungen verbreiten zu wollen. Dabei über- 
zeugten wir uns aber bald davon, dass das nur möglich wäre, 
wenn man erst selbst das Wesen des ganzen modernen Ej*iegs- 
apparats studiert habe. 

Der grossen Schwierigkeit dieser Aufgabe wohl bewusst, 
suchten wir daher zunächst einen Autor, der die gesamte 
technische Seite ausführlich genug dai'gelegt hätte, um seine 
Darlegungen und Ausfuhrungen und sachgemässen Angaben 
zum Fundament der ganzen Untersuchung zu machen. Jedoch, 
wie schon erst erwähnt — das Suchen blieb vergeblich. 
Darum mussten wir uns an die Quellen selbst wenden, d. h. 
an die militärischen Instruktionen für Friedens- und Kriegs- 
zeiten. 

Hier aber stiess man auf eine neue Schwierigkeit. 

Jede Armee hat bekanntlich besondere Reglement« über 
die Truppenübungen im Frieden und die Vorbereitung des 
Heeres für seine Verwendung auf dem Schlachtfelde. Wir hielten 
es für möghch, uns auf den Vergleich dieser Reglements und 



XXIV Einleitung. 



Lehrbücher der Taktik und Strategie mit denen, die vor zwanzig 
Jahren gebraucht wurden, zu beschränken, als wir jedoch aus 
den jetzt in den Kriegsnkademien gebrauchten Werken all- 
gemeine Schlussfolgerungen ziehen wollten, gerieten wir wie 
mit einem Schlage in ein Gewirr unvereinbarer Widersprüche 
und zwar von solchen, die nicht bloss dem Nicht Fachmanne 
bedenklich erscheinen mussten. Selbst in den einzelnen Heeren 
der verschiedenen Staaten giebts einen Wust von Vorschriften, 
Abänderungen und abermaligen Neuerungen. In der fran- 
zösischen Armee giebts sogar ein bissiges Wort von „ordre, 
contreordre, d^sordre" zur Kennzeichnung dieser Sachlage. 
General Luze, ein trefflicher Spezialist, sagt*) über Frankreich : 
„Wer hat sich nicht über die Verschiedenheit der Ansichten in 
den Lehrbüchern unserer Schulen gewundert, und zwar die Ver- 
schiedenheit in Fragen, welche Avesentliche Regeln der Taktik 
betreffen? Stimmen etwa die Kenntnisse, die den Infanterie- 
Offizieren in den unteren Schulen übermittelt werden, mit den 
Lehren der höchsten Kriegs-Lehranstalt tiberein? Entspricht die 
Lehre dieser höchsten Anstalt den Kursen der angewandten Schule 
(Ecole d'application)? Aendern sich nicht häufig die Ideen, die 
von den Kathedern der höchsten Lehranstalt verkündet werden, 
in der entschiedensten Weise? Es ist dies ein Chaos von Be- 
griffen und Prinzipien, die einander bekämpfen, und aus diesem 
Kampfe bricht kein Lichtstrahl hervor. Man darf sich daher 
darüber nicht wundem, dass die Offiziere sagen: wozu studieren, 
mögen erst die Lehrer unter einander Uebereinstimmung er- 
zielen ! " 

Und der talentvolle russische Militärschriftsteller, General 
Skugarewski, bemerkt mit Recht, dass die Instruktionen vor allem 
praktischen Wert haben müssen und nicht an Einseitigkeit leiden 
dürfen. 

Indessen haben wir uns in den letzten Jahren als Mitglied 
verschiedener Kommissionen, an deren Beratungen auch hohe 
Militärpersonen teilnahmen, davon überzeugt, dass selbst die 



•) Ktudes de tactique. Paris 1890. 



Emieitung. XXV 



hervorragendsten Fachleute auf dem Gebiete des Militärwesens 
nicht zur vollen Einsicht derjenigen Erscheinungen gelangt sind, 
die bei einem Kampf, in welchem sich Heere von zwei und 
noch mehr Millionen Soldaten gegenüberstehen, sich zeigen 
werden. Die militärischen Fachkenner schöpfen ihre Ansichten 
aus den Erfahrungen früherer Kriege, deren Geschichte sie 
eingehend studieren; da sie ausserdem durch ihren Dienst in 
Anspruch genommen werden, so ist ihnen auch gar nicht zu 
verdenken, wenn sie sich mit verschiedenen Bethätigungs- 
formen jener Evolution, die sich auf dem wirtschaftlichen und 
sozialen Gebiete vollzieht, nicht befassen können und auf diese 
Weise zu nicht ganz richtigen Schlüssen gelangen. 

Es giebt auch speziell militärische Probleme, in Bezug auf 
welche sich die Meinungen der militärischen Autoritäten wider- 
sprechen und sich nicht in eine endgiltige Schlussfolgerung 
zusammenfassen lassen. Diejenigen Streitfragen aber, die bei 
der theoretischen Behandlung des Themas und nicht aus der 
Praxis heraus entstanden sind, geben nicht selten zu so diametral 
entgegengesetzten Ansichten Anlass, dass es nur dem Kriege 
allein Überlassen werden muss, an ihnen eine harte Kritik zu 
üben; es ist jedoch bisweilen ziemlich wichtig, auch diese An- 
sichten kennen zu lernen. Man muss aber berücksichtigen, 
dass manche hervorragende Kenner der militärischen Dinge 
ihre Ansichten nicht immer unumschränkt — mit Rücksicht 
auf ihre Stellung im aktiven Dienste — äussern können. Sie 
äussern sich also über die Wirkungen der Handfeuerwaffen und 
bemerken manches in Bezug auf die Schwierigkeiten, die infolge 
des grossen Bestandes der modernen Armeen für die Heeres- 
verwaltung und Intendantur entstehen, es bleibt aber von ihnen 
die Frage unberührt — wie hoch stellen sich dabei die Aus- 
gaben und Einnahmen und wie lange Zeit würden die Heere 
und die Völker den auf den neuen Grundlagen geführten Krieg 
zu ertragen im Stande sein, wenn er — wie dies namhafte 
Autoren, namentlich Moltke und General Leer, voraussetzen, 
— von einer langen Dauer wäre? 



XXVI Einleitung. 



Die jüngeren militärischen Autoren sind weniger zurück- 
lialtend und sehr pessimistische Ansichten sind bei ihnen nichts 
Seltenes. Doch bleiben diese Ansichten ohne jeden Einfluss 
auf die älteren Autoren, die bekanntlich die Aeusserungen aus 
jenen Kreisen gering zu schätzen pflegen und die der Meinung 
sind, man solle die Zuversichtlichkeit in der Armee heben und 
alles das vermeiden, was auf den künftigen Krieg einen zu 
düsteren Schatten werfen könnte. Dieses System scheint uns 
jedoch unzulässig zu sein, denn man wird doch zugeben, dass 
denjenigen unerwarteten Vorkommnissen, die die ungünstigen 
Folgen nach sich ziehen, nur auf die Weise vorgebeugt werden 
kann, dass man ihrer in voller Bereitschaft harrt. 

Das waren ungefähr die Erwägungen, die uns zu dem Versuch 
bewogen haben, den zukünftigen Krieg nach allen Richtungen 
liin in seinem ganzen Umfange zu beleuchten. Dieser erste Ver- 
such ward in einer Artikel-Serie verwirklicht, die im Jahre 1892 
in der zu Warschau in polnischer Sprache erscheinenden Zeit- 
schrift „Biblioteka Warszawska" veröffentlicht wurde. 

Im Jahre 1893 erschien im „Russkij Westnik^ in 
10 Heften eine russische Übersetzung dieser Arbeit und zwar 
unter dem Titel: ,,Der zukünftige Krieg, seine wirtschaftlichen 
Ursachen und Konsequenzen.***) 

Die mihtärisch-technische Seite in dieser Arbeit ist nach 
den Untersuchungen neuester Autoritäten auf diesem Gebiete 
bearbeitet worden. Das Ergebnis unserer Arbeit war nach den 
Aeusserungen vieler Personen, darunter vieler höchstgestellter 
Militärs, insofern günstig zu nennen, als sie — weil sie eben 
von keinem Fachmann verfasst worden — sowohl ihrem Inhalt 
als ihrer Form nach, dem grossen Publikum weit zugängHcher 
geworden ist, als jene der Fachlitteratur, die uns als Quelle 
diente. Einzelne Teile derselben Arbeit wurden in französischen 
und deutschen militärischen Fachzeitschriften veröffentUcht; so 
namentlich in den „Jahrbüchern für deutsche Armee und 
Marine" und in der „Revue des Cercles Militaires**, 



♦) „Russ. Wostnik", Jahrg. 1893, Bd. 2-11. 



[^ JT ^*' 



Einleitung. XXVII 



Im Laufe der VeröflFentlichung dieser Arbeit sind uns von 
verschiedenen Seiten zahlreiche Bemerkungen und kritische 
Aufsätze zugegangen. Manche von ihnen rührten von be- 
kannten Militär -Schriftstellern her, manche hatten hervor- 
ragende aktive Militärs zu Verfassern, manche endlich rührten 
von französischen Bürgern her. Im Laufe der nächstfolgenden 
fünf Jahre haben wir dann alle unsere Mussestunden der Ver- 
vollständigung unserer Arbeit gewidmet. Wir haben uns bemüht, 
alles das eingehend zu studieren und darzulegen, was mit den 
Mitteln zur Kriegführung und mit den darauf bezüglichen An- 
sichten der theoretischen und praktischen Kenner des Militär- 
wesens zusammenhängt; wir liaben namentlich auch eine genaue 
Untersuchung der sozial-wirtschaftlichen Bedingungen, die beim 
Beginn des zukünftigen Krieges, während desselben und nach 
demselben hervortreten werden, für geboten erachtet. 

So entstand das vorliegende sechsbändige Werk. 

Der erste Band behandelt die Ausrüstung der Truppen 
und die Bedeutung der verschiedenen Waffengattungen, der 
Kavallerie, Artillerie und Infanterie. Der Organisation, Stärke, 
Verwaltung und Operation der Armeen ist der zweite Band ge- 
widmet, unter Berücksichtigung aller politischen, geographischen, 
technischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen des 
Zukunftskrieges und zwar dabei in Bezug auf alle Hauptmächte. 
Mit dem Seekriege in allen seinen Ausdrucksformen, der Be- 
deutung und Entwicklung der modernen Flotten beschäftigt 
sich der dritte Band. 

Diese drei Bände bilden zusammen den ersten Teil des 
Gesamtwerkes, denn in ihnen ist der Krieg zu Lande und 
zu Wasser mit allen seinen Mitteln und Operationen einer ein- 
gehenden Untersuchung unterzogen worden. 

Diesem militärisch-technischen Teile schliesst sich dann der 
zweite sozial-wirtschaftKche an, der aus zwei Bänden besteht, 
dem vierten und fünften. 

Die wirtschaftlichen Erschütterungen und Verluste, die der 
Krieg mit sich bringen wird, die Berechnung der Kriegskosten 



XXVIII Einleitung. 



und die Darstellung der Mittel zu ihrer Deckung, die Ver- 
proviantierung der Armeen und ihre Versorgung mit Waffen, 
Munition u. s. w. — das ist Gegenstand der Untersuchungen, 
die im vierten Band angestellt werden. Eine Darstellung 
der Bestrebungen zur Beseitigung des Krieges in der Ver- 
gangenheit und Gegenwart, der Bedeutung der sozialistischen 
und anarchistischen Propaganda gegen den Militarismus, der 
Bedeutung der Bevölkerungs-Zunahme, der politischen Ursachen 
kriegerischer Konflikte und der Wahrscheinlichkeit dieser, endlich 
der Frage von den vermutlichen Menschenverlusten, dem 
Charakter der Verwundungen, den Mitteln der Krankenpflege 
und militär-ärztlicher Hülfeleistung — ist der fünfte Band 
gewidmet. 

Band VI giebt dann nochmals eine gedrängte Übersicht 
der ganzen Arbeit und zieht die Schlussfolgerungen daraus. 

Die Fachkenner des Militär wesens werden wohl unsere 
Arbeit, und speziell denjenigen Teil,* welcher den technischen 
Fragen gewidmet ist, wahrscheinlich streng beurteilen und uns 
teilweise eine zu sehr ins Detail gehende, teilweise oberflächliche 
oder allzu populäre Behandlung zum Vorwurf machen. Wir 
haben jedoch nicht für Spezialisten, sondern für das Publikum 
geschrieben und vorausgesetzt, dass einem grossen Teil dieses 
Publikums das Militär- und Kriegswesen sogar in seinen Grund- 
zügen unbekannt ist. Gleichzeitig glauben wir durch vertieftes 
Studium der Frage und der einschlägigen Litteratur es soweit 
gebracht zu haben, dass wir den Lesern von Durchschnitts- 
bildung und vielleicht auch manchem militärisch gebildeten 
Leser manche Erscheinungen des Krieges in einer zugänglichen 
Form dargeboten haben, was ja übrigens selbst den Spezialisten 
nicht immer glückt. Es wird uns auch der Vorwm'f wohl 
nicht erspart bleiben, dass wir uns mit der Zusammenstellung 
verschiedener Ansichten über militärische Fragen befasst haben, 
ohne unmittelbare Fühlung und praktische Erfahrung auf diesem 
Gebiet zu haben. Wir konnten jedoch keine andere Auswahl 
treffen. Wir mussten die Ansichten der verschiedenen Autoren 



Einleitung. XXIX 



in Bezug auf die Kriegstechnik kennen lernen, weil wir anderen- 
falls nicht im Stande geweseti wären, die Bedingungen, unter 
denen der Krieg stattfinden muss, zu erklären und die Grenzen 
zwischen der Wirkung dem Naturgesetze untergeordneter Kräfte 
und des unberechenbaren Zufalls festzustellen. 

Da aber unsere Spezialität nicht das militärische, sondern 
das volkswirtschaftliche Fach ist, so mussten wir eben in einer 
Arbeit, die nicht Fachleuten gewidmet ist und die nicht die 
Klärung von Streitfragen, sondern die Feststellung des Sach- 
verhalts im Auge hat, alle Ansichten und alle Gesichts- 
punkte samt ihren Konsequenzen gleichmässig beachten. Er- 
munternd wirkten auf uns in dieser Beziehung folgende Worte 
des Obersten Chwala: „Es giebt keinen besonderen militärischen 
Verstand; in jeder Untersuchung ist nur der allgemein mensch- 
liche Verstand nötig; es existiert auch keine besondere taktische 
Logik — es giebt nur eine natürliche Kette von Ursachen und 
Wirkungen, auf die sich jede beliebige grosse intellektuelle 
Kombination sttitzen kann."*) Es würde uns eigentlich sehr 
freuen, wenn unsere Arbeit kritische oder faktische Berichtigungen 
veranlassen würde. In der bekannten, auch in deutscher Ueber- 
setzung vorhandenen Schrift von General Woyde über den 
preussisch- französischen Krieg von 1870 wird Willisens Be- 
hauptung zitiert, dass das Wesen des Krieges durch das 
Studium früherer Kriege in der vollen Ruhe der Gelehrten- 
stube inmitten der Bücher und Karten am besten zu ergründen 
ist; sogar derjenige, der einst mitgekämpft hat, könne den Krieg 
gründlich nur durch vervollständigendes theoretisches Studium 
kennen lernen. Wir wollen darauf hinweisen, dass in dieser 
Lage die Mehrzahl der militärischen Schriftsteller jüngerer 
Generation sich befindet. Die französische und die deutsclie 
Armee haben Krieg in Europa bereits seit 27 Jahren, die öster- 
reichische seit 31 Jahren, die russische seit 20 Jahren nicht 
mehr geführt. Es befinden sich in diesen Armeen sogar 

*) „Allgemeine Betrachtungen über Entschluss, Plan und Führung im 
Gefecht." Milit. Journal „Minerva" 1893. 



XXX Einleitung. 



wenige Offiziere, die mitgefocliten haben. Sehr zahlreiche 
in solcher Stellung befindliche Personen, die ihnen die Ent- 
scheidung in wichtigen nulitärischen Fragen auferlegt, können 
sich eher nur auf ihre theoretische Fachbildung, als auf 
eigene Erfahrung stützen. Ihre Lage ist demgenfiSss unserer 
Lage analog; der Hauptunterschied besteht darin, dass sie 
ihre Fachkenntnisse in der Schule, auf den Polygonen und bei 
den Manövern erworben haben, während wir sie acht Jahre 
fortgesetzten mühsamen Untersuchungen zu verdanken haben. 

Es kann sein, dass in unserer Arbeit auch Irrtümer vor- 
kommen; sie werden jedoch keineswegs der Art sein, dass 
sie unsere Schlussfolgerungen umstossen könnten. Das zu 
hoffen glauben wir insofern berechtigt zu sein, als weder die 
Kritik, noch diejenigen sehr autoritativen Fachleute, die unsere 
Arbeit, noch bevor sie abgeschlossen war, durch Publikationen 
in russischen und ausländischen Monatsschriften und Zeitungen 
kennen gelernt haben, uns auf irgend welche wichtige Mängel 
aufmerksam gemacht haben. 

Wir wollen noch hinzufügen, dass wir insofern im Vorteil 
waren, als wir eine Untersuchungs-Methode gewählt haben, die 
in der Anwendung statistischer Daten und ihnen entsprechender 
graphischer Darstellungen bestand. 

Wir haben uns immer auf genaue statistische Zahlen 
gestützt und unsere bisherigen Veröffentlichungen*) geben uns 
vermutlich das Recht, die Ansichten der militärischen Autoren 
zusammenzustellen, zu vergleichen und aus diesen Ansichten 
Schlüsse zu ziehen, geschweige denn mit dem Kriege zusammen- 
hängende wirtschaftliche Fragen zu behandeln. 

*) „Russische Eisenbahnen in Bezug auf die Ausgaben und Einnahmen der 
Exploitation, den Transportwert und Frachtbeförderung." Petersburg 1875. — 
„Die wirtschaftliche Lage Russlands in der Gegenwart und in der Vergangenheit" 
(„Westnik Jewsopy" August 1887.) — „Einfluss der Eisenbahnen auf die wirt- 
schaftliche Lage Russlands." Petersburg 1878. — „Die Finanzen Russlands im 
XIX. Jahrhundert." Petersburg 1882. — „Finanzen des Zarthums Polen." — 
„Meliorationskredit und Lage der Landwirtschaft im Vergleich mit den anderen 
Staaten." — „Die Verschuldung des Grundbesitzes im Zarthum Polen." Peters- 
burg 1894. 



Einleitung. XXXI 



In der Behandlung der politisch-sozialen Probleme spielen 
die Zahlen die erste Rolle, weil sie den Forscher vor allzu 
subjektiven Ansichten und Irrtümern bewahren. 

Wir glaubten auf dem Gebiete des Militärwesens die 
wissenschaftliche Methode der Zahlen anwenden zu müssen, 
obwohl militärische Schriftsteller, mit wenigen Ausnahmen, das 
vermeiden. Sie bringen meistens wohl die Hauptdaten, ohne 
aber auf Grund dieser zu Schlussfolgerungen zu gelangen. 
Deshalb haben wir überall, wo es nur irgend möglich war, die 
Formeln, die von den Fachmännern betreffs der Geschütze, 
Handfeuerwaffen und vieler anderer technischen Fragen auf- 
gestellt worden sind, zu der Beurteilung der wahrscheinlichen 
Resultate gebraucht. Dieses Verfahren haben wir vielleicht in zu 
weitgehendem Maasse angewendet, weil wir aus diesen Formeln 
alle Schlüsse, die aus ihnen unserer Meinung nach zu ziehen 
waren, gezogen haben. Dabei haben wir aber stets den Leser 
darauf aufmerksam gemacht, dass die wirklichen Kriegsresultate 
vielfach von den Resultaten, die auf dem Paradeplatze und im 
Manövergelände erreicht werden, abweichen. Ein jeder kann 
schliesslich den Wert solcher Berechnungen bestimmen, indem 
er die Daten, die ihnen zur Grundlage dienten, selbst beurteilt. 

Wir wollen noch hizufügen, dass die vorliegende Arbeit 
das Ergebnis eines im Laufe von acht Jahren fortgesetzten 
Studiums der militärischen Litteratur und aller sozialen und 
wirtschaftlichen Probleme, die mit dem Krieg im Zusammenhang 
stehen, darstellt. Da die Drucklegung, je nachdem einzelne Ab- 
schnitte fertig waren, mehr als zwei Jahre beansprucht hat, so 
musste vieles ergänzt werden. Die Technik schreitet so schnell 
fort, dass, ungeachtet solcher Ergänzungen, manche ihrer 
neuesten Errungenschaften erst in den Schlussbetrachtungen 
gewürdigt werden konnten, da sie seinerzeit in den entsprechenden 
Kapiteln unberücksichtigt bleiben mussten. 

Wir haben die Regel befolgt, wenn eine neue Entdeckung 
durch eine Zeichnung erläutert werden konnte, oder wenn die 
Ergebnisse dieser oder jener wirkenden Kraft graphisch dar- 



XXXII Einleitung. 



zustellen waren, die entsprechende Tafel unmittelbar im Text 
oder aber in den Beilagen zu den einzelnen Kapiteln folgen 
zu lassen. Wir glaubten auf diese Weise im Interesse des 
Lesers zu handeln, welchem so die Mühe des Nachschlagens 
in einem besonderen Anhange erspart bleibt. Daraus hat sich 
jedoch die Schwierigkeit ergeben, dass die neuesten Zeichnungen, 
die sich in dem Anhang zu jedem einzelnen bereits gedruckt 
vorliegendem Kapitel befinden, nicht mehr im Text selbst be- 
sprochen werden konnten. 



Johann von Bloch. 



■ ■ ■ ■ ^ 



I. 



Die Feuerwaffen. 




Allgemeine Bemerkungen liber das Schiessen. 

Die einfachsten täglichen Beobachtungen überzeugen uns, dass jeder ^»1» 
Gegenstand, der vertikal oder unter einem Winkel in die Höhe geworfen im inftieeJn 
wird, allmählich die ihm mitgeteilte Bewegungskraft in der gegebenen ^^^ l°^*" 
Richtung verliert und endlich auf die Erde niederfällt. Die Physik lehrt, 
dass im luftleeren Räume die Schnelligkeit des Falles der Körper nicht 
von ihrer Form, Grösse oder ihrem spezifischen Gewichte abhängig ist. 
Das eiserne Geschoss und die leichte Feder, die von gleicher Höhe fallen, 
würden gleichzeitig den Erdboden erreichen, wenn es möglich wäre, den 
Widerstand der Luft, welcher ihrem Fallen entgegensteht, auszuschliessen. 

Die Theoretiker, die sich mit dem Studium der Wirkung der Artillerie- 
Geschosse beschäftigt haben, bestätigen, was bereits Galilei behauptet 
hatte, dass die von den Geschossen beschriebene krumme Linie eine völlig 
regelmässige Parabel sein würde, wenn nicht der Widerstand der Luft zu 
überwinden wäre, und dass bei dieser Voraussetzung die Schnelligkeit 
des Falles proportionell dem Quadrate der Zeit und damit der durch- 
messenen Entfernung zunehmen würde. ^) 

So würde ein frei fallendes Geschoss, wenn der Luftwiderstand 
nicht zu überwinden wäre, sich der Erde nähern: 2) 

im Lauf 1 Sekunde 4,90 Meter 

„ „ 2 Sekunden 19,60 „ 

j? » ^ n 44,1U ,« 

?? «4 j? iOjW „ 

Die Schnelligkeit des Falles unter dem Einflüsse des Luftwiderstandes 
steht in Abhängigkeit von der Form des Geschosses und ist der Wider- 
stand nicht der gleiche für alle Geschwindigkeiten. 

Die Mehrzalil der Theoretiker nimmt an, dass der Widerstand der Emflas« de» 
Luft für sehr kleine und für grosse Geschwindigkeiten proportional ihren widewtandes. 

*) Leer: „Encydopädie der Kriegs- und Marine Wissenschaften". 
') „R^gl^ment sur l'instruction du tir". Paris 1883. 

• 1* 



4 I. Dip Feuerwaffen. 

Quadraten ist, dagegen für mittlere bedeutend schneller wächst als das 
Quadrat der Geschwindigkeit, 8) 

Zur genaueren Bekanntschaft mit dieser Ei-scheinung haben wii- 
klarzulegen, was ein Schnss eigentlich ist. 

Durch den Schlag des Hahnes auf das mit einem Sprengstoff an- 
gefüllt« Zündhütchen entzündet sich dieser Sprengstoff und teilt, wie dies 
hei den frnlieren Gewehren der Fall war, dem Pulver seinen Fnnken mit, 
oder aber es entsteht durch den Stoss der Nadel in eine im Inneni der 
Patrone befindliche Zündmasse eine Explosion des in der Patrone be- 
findlichen Pulvere, wohei das Pulver sich chemisch zersetzt und augen- 
blicklich in einen gasförmigen Zustand übergeht. Da das Gas in Folge 
seiner Elastizität bestrebt ist, rasch ein sehr grosses Volumen einzunehmen, 
so entwickelt sich im Gewelirlauf bei der Explosion des Pulvers ein 
Dmck von einigen Tausend Atmosphären Starke und hei der Explosion 
von Pyroxylin ein noch grösserer Druck. Ein bedeutender Teil der Kraft 
dieses Drackes, der in den festen Wänden des Laufes Widerstand findet, 
wendet sich auf das Heraustreiben des Geschosses, welches bei Anwendung 
gewöhnlichen Pulvers mit der Geschwindigkeit von 450 bis 500 Metern in 
der Sekunde aus dem Gewehr herausgeschleudert wird, aus den Gewehren 
neuen Systems aber unter der Anwendung von rauchschwachem Pulver mit 
einer Schnelligkeit von 600 Metern und mehr in der Sekunde herausfliegt. 

Durch den Schuss wird das Geschoss in der Richtung der Mittellinie 
des Gewehrlaufes heransgetrieben; da es aber sofort der Wirkung der 
Schwerkraft der Erde und des Widerstandes der Luft anheimfällt, so 
beschreibt das Geschoss unter dem Einflüsse dieser beiden Kräfte, nach 
dem Maasse seiner Entfernung vom Gewehrlaufe und der Verminderung der 
ihm mitgeteilten Anfangsgeschwindigkeit, eine kininime Linie, eine Kurve. 

Nachstehende Zeichnung zeigt die Bewegung des Geschosses A. 



Bei dem Fluge des Geschosses erscheint die eine der Kräfte, nämlich 
dei Luftwiderstand, als eine (Irösse, die sich je nach der Form des Pro- 
jektils, seinem Querschnitte und Gewicht« sowie der Geschwindigkeit seines 
Fluges lind der Bewegung der Luft verändert. Ein Geschoss z, B., welches 

») „Encyclopädie der Kriegs- uncl Marinowissensclmften", Bd. I, S. 316. 



AUgemeine Bemerkungen über das Schiesseti. 5 

ia 10 Sekunden 1800 Meter durchfliegt, müsste nach theoretischer Ee- 
rechnnng eine Fallhöhe von 490 Metern haben, in Wirklichkeit jedoch 
kommt dessen Fallhühe nur auf 282 Meter. 

Diese Difierenz ist eine Folge des Luftwiderstandes, dessen Wirkung 
hei grossen Distanzen bedentend, bei kleinen dagegen kaum merkbar ist. 
So beträgt diese Differenz bei 500 Metern Entfernung nur 0,(i3 Meter. 

Der Verlust der Fluggeschwindigkeit durch den Luftwiderstand ist 
so bedeutend, dass die Geschwindigkeit, welche im Moment des Schusses 
für das neue französische Lehel-Gewehr mit rauchschwacher Pulverladung 
610 bis 620 Meter in der Sekunde beträgt, im weiteren Verlaufe pro 
Sekunde nur noch ausmacht:'*) 



mf 200 Meter Flug 48? Meter 


! auf 1200 Meter Flug 233 Meter v.,i..i 


„ 400 „ „ 3M , 


„ 1400 , ^221 „ ,ll'!Z 


, 600 , „ 318 „ 


„ 1600 „ „ 206 „ j „^;., 


, 800 ,. „ 283 , 


„ 1800 „ ^ 191 „ >• Wo- 


, 1000 , „ 269 , 


, 2000 „ , 178 , ■■■"""" 



Noch der Durchfliegiing von Metern Schnelligkeit in MeU-m 



(üTod der Terminderung der Anfangsgeschwindigkeit des Oeschossfluges (GIO bis 
620 Meter pro Sekunde) in Folge der Luftreibung. 

Wir bemerken, dass Geschosse aus Gewehren mit rauchschwacher 
Palverladung die Kraft tötlichen Treffens noch auf 3200 Meter, bei gunstigen 
Verhältnissen sogar auf 4000 Meter Distanz besitzen, Artilleriegeschosse 
bis zu 10000 Metern, 

Wenn die Schwerkraft nicht existierte, so würde die Flugbahn des 
Geschosses eine gerade Linie bilden nnd dasselbe \vürde bei hoiizontalem 

*) „L'aim^e militaire". 1S90. 



I. Die Feuerwaffen. 



Fluge auf ebenem Terrain auf mehrere Tausend Meter alles ihm Be- 
gegnende treffen. Da es schwer anzunehmen ist, dass es auf einer solchen 
Entfernung, während die Truppen für das Gefecht zusammengezogen 
werden, keinem einzigen Soldaten begegnen sollte, so würde fast jedes 
Qeschoss ein lebendes Ziel treffen. Zum Glück geht es in der Wirklich- 
keit anders zu. 
Warum beim Je Weiter das Ziel entfernt ist, desto grössere Flugzeit gebraucht 

weiteRrtf«- das Geschoss, desto stärker unterliegt es der Wirkung der Schwere. 
™*o^8^ahir ^*^** dasselbe nun nicht in allzu naher Entfernung zu Boden nieder- 
J»«»»"^ «1««* fällt, muss man seiner Bahn, zur Erreichung weiterer Strecken, eine 
Richtung unter einem etwas aufwärts gehenden Winkel geben; die 
Schwerkraft hemmt den Aufstieg des Geschosses und dasselbe beginnt 
sich zu senken, um an beabsichtigter Stelle niederzufallen. 0) 



wird. 



*) Auf folgender Zeichnung, die wir Om^ga: „L'art de combattre" entlehnen, 
ist die Flugbahn eines Projektils dargestellt, welches aus dem bis 1876 in der 
französischen Armee gebrauchten Gewehre auf 200 Meter Distanz mit gew^öhn- 
lichem Pulver abgefeuert wird. 



Schass 
auf 200 Meter. 




Hieraus ist ersichtlich, dass bei der Ditetanz von 200 Metern die Geschoss- 
bahn fast in horizontaler Linie liegt und das Geschoss im Stande ist, auf dieser 
ganzen Ausdehnung zu treffen. 

Ein Projektil dagegen, welches einen 300 Meter entfernten Mann en^eichen 
soll, muss in einer so gerichteten konvexen Linie abgefeuert werden, dass es 
für einen nur 150 Meter entfernten Mann ungefährlich ist, wie dies aus nach- 
stehender Zeichnung erhellt. 



Schass 
aaf 300 Meter. 



Allgemeine Bemerkungen über das Schiessen. 



Dieselbe durch die gleichen Gründe bedingte Erscheinung geht auch 
mit dem Wasser vor, das man aus einer Giesskanne auf den Boden giesst. 
Der Strahl fasst um so weiter, je stärker man die Giesskanne nach vorn 
neigt und je höher man ihre Dille hält, letzteres jedoch nur bis zu einem 
gewissen Grade, denn würde der Giessende die Dille der Giesskanne in 
vertikale Höhe bringen, so würde das Wasser sich über ihn selbst 
ergiessen. 

So richtet man auch den Lauf des Gewehres oder Geschützes etwas 
aufwärts, aber nur bis zu einem gewissen Winkel, und je höher bis zu 
dieser Grenze der Lauf gerichtet ist, desto weiter wird das Gewehr oder 
Geschütz schiessen. 

Mit einem Wort, je weiter das Ziel entfernt ist, desto mehr muss Folgen 
die Flugbahn des Geschosses konvex sein, d. h. sich über die Zielhöhe irnrve. 
erheben. Das Geschoss wird demnach den grössten Teil seines Weges 
in einer solchen Höhe von der Erde durchfliegen, in der es keine treff- 
baren lebenden Ziele giebt; je kürzer dagegen die Entfernung bis zum 
Ziele ist, desto niedriger kann man das Projektil abschiessen und auf einer 
desto grösseren Strecke seines Weges vermag es alsdann zu treffen. 

Es ist begreiflich, dass eine allzu bedeutende Konvexität der vom 
Geschoss beschriebenen Linie dessen Durchschlagskraft vermindert, da, 
je weiter das Geschoss fliegt und ein je grösserer Teil der ihm mit- 
geteilten Triebkraft auf die Bekämpfung der Schwerkraft aufgeht, die 
bleibende Durchschlagskraft um so geringer wird. Ein etwas grösserer 



Wenn man aus demselben Gewehre nach einem 800 Meter entfernten Ziele 
schösse, so würde das Geschoss, wie nachstehende Zeichnung zeigt, für einen auf- 
recht stehenden Soldaten erst nach Zurücklegung von 772 Meter gefahrlich werden, 
im Ganzen also einen Raum von 28 Metern bestreichen. Den Kavalleristen 
kann es schon nach Zurücklegung von 715 Meter treffen; den ganzen übrigen 
Kaum würde es in einer Höhe durchflogen haben, wo Niemand treff- 
bar ist. 




««&w»«- 



Scbaflfl 
auf 800 Meter. 



8 



I. Die Feuerwaffen. 



Schusswinkel ist zuweilen aber erforderlich nicht so sehr wegen der 
Treftweite, als wegen der Möglichkeit über Hindernisse, wie Uneben- 
heiten des Ten-ains, Baumanpflanzungen, Gebäude u. s. w. hinweg- 
zuschiessen.6) 



Ranchschwaches Pulver nnd sonstige Sprengstoffe. 

Das Um eine grössere Fluggeschwindigkeit des Geschosses zu erzielen, 

°!nd B^inr haben die Techniker Mittel zur Vergrösserung der Kraft, welche das 
voraüge. Geschoss aus dem Lauf des Gewehres oder Geschützes herausschleudert, 
zu suchen begonnen, wobei man in den letzten Jahren, dank der Ent- 
wickelung der Chemie, völlig neue Bahnen eingeschlagen hat. Man hat 
nämlich eine Art Pulver erfunden, das sich durch seine chemische Zu- 
sammensetzung von dem bisher gebräuchlichen unterscheidet, über eine 

®) Die nachfolgenden Zeichnungen stellen Fälle solcher Art dar. Von einer 
Anhöhe oder Tragleitor aus hat der Offizier den Feind hinter einem Hain in 
einer Distanz entdeckt, die aus früheren Messungen bekannt ist oder momentan 
festgestellt wird. Dann findet das Schiessen unter dem entsprechenden Winkel 
statt und trifft voll und ganz die feindliche Abteilung, die hinter der Deckung steht. 



^^"■^-^^i^ir"-^ --. 







Ebenso vermag der Schütze, der auf der einen Seite eines Hügels steht, 
fttno auf der anderen Seite des Hügels befindliche Person zu treffen, wenn er 
den Schuss unter einem gewissen Winkel abfeuert. 




Diesen Umstand müssen auch friedliche Bewohner in Betracht ziehen und 
sich nicht unbedingt auf den Schutz verlassen, den Haine, Gebäude oder Terrain- 
unebenheiten darbieten. Aber das sind einzelne Ausnahmefälle. Im Allgemeinen 
gilt die Regel, dass, je geringer die Konvexität der Gesohossbahn ist, je mehr 
sich dieselbe der horizontalen Linie nähert, desto stärker die Wirkung des 
Scliusses ist. 



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Banchschwaches Pulver und sonstige Sprengstoffe. 



bedeutend grössere Stärke verfügt und endlich die Eigenschaft besitzt, bei 
den Schüssen weit weniger Rauch zu entwickeln. 

Wie der grösste Teü aller Erfindungen, so ist auch dies rauch- zusammen- 

Setzung 

schwache Pulver teils das Resultat langer Forschungen, teils des Zufalls, de« früheren 
Schon lange beschäftigte man sich mit dem Gedanken, dass in der Her- ^"^'*"- 
Stellung des gewöhnlichen Pulvers, welches bekanntlich eine mechanische 
Mischung von 10 % Schwefel, 16% Kohle und 74 % Salpeter bildet, 
Verbesserungen unumgänglich seien. Etwas mehr als Vö dieses Pulvers, 
nämlich 43 %, verwandelt sich nach der Explosion in Gase.i) Die übrige 
Quantität der Pulver-Zusammensetzung büdet feste krustenartige Aus- 
scheidungen in Form von Russ, welche im Lauf sitzen bleiben, oder von 
Rauch, der in die Luft fliegt. Dies ist die Ursache des Verschmutzens 
der Waffe, welche sich dabei zugleich erwärmt und zeitweise manchmal 
gerade in den entscheidendsten Momenten der Schlacht für den Gebrauch 
untauglich wird. Ausserdem sind die Kämpfenden von einer undurch- 
dringbaren Rauchwolke umgeben.^) 

Früher als die anderen Sprengstoffe ist das Nitroglycerin erfunden Nitroglycerin 

und Dynftinit. 

worden. Dieses wird durch eine allmähliche Zufügung von Glycerin zu 
einem Gemisch von Schwefel- und Azotsäure erhalten und durch die darauf 
erfolgende Auswässerung der chemischen Verbindung, um die Spuren der 

„15 Vorträge über die Wirkungsfähigkeit der Geschütze". S. 115. 

') Seit 1846 ist eine Art Materialien aufgetaucht, aus denen man in ver- 
schiedener "Weise kombinierte chemische Verbindungen herzustellen begonnen 
hat. Zu diesen Verbindungen werden Azotsäure und verschiedene organische 
Stoffe gebraucht, und so gewann man die bekannte Schiessbaumwolle, Nitro- 
glycerin, Pikrat, Kalium u. s. w. Besonders zahlreiche Versuche sind seit 1856 
mit Schiessbaumwolle gemacht worden, wobei man jedoch in Folge der 
allzu starken Wirkung des neuen Sprengstoffes wenig befriedigende Resultate 
erzielte; erst in jüngster Zeit hat sich dieses geändert. 

Der Hauptgrund für die eifrige Anstellung solcher Forschungen war nicht 
so sehr der Wunsch, die Sprengfähigkeit des vorhandenen Pulvers zu verstärken, 
als vielmehr die Notwendigkeit, den beim Gebrauch desselben auftretenden Un- 
bequemlichkeiten zu begegnen, besonders die starke den Horizont verhüllende 
Rauchen tw^ckelung zu beseitigen. 

Die neuerdings erfolgte Anwendung von Kartätsch- und Schnellfeuer- 
geschützen zur Verteidigung der Schiffe gegen Torpedoböte erforderte für 
das Wirksamwerden dieser Verteidigung die Anwendung rauchlosen oder 
w^enigstens rauchschwachen Pulvers, da andernfalls jeder Nutzen des Schnell- 
feuers zweifelhaft werden mussto. Von den Rauchwolken, die ein grosses Schiff 
umhüllen, können sonst die Torpedoböte Nutzen ziehen, um sich demselben 
unbemerkt zu nähern. Deshalb hat zuerst die See- Artillerie für ihre Bedürfnisse 
möglichst rauchloses Pulver verwandt, imd erst nachdem man sich von den 
ballistischen Vorzügen desselben überzeugt hatte, entstand die Frage, dasselbe 
auch für das Landheer zu verwerten. 



10 I- Bie FPuerwaffen. 

Sänre zu entfernen. Dies ist eine fettartige Flüssigkeit, die sich bei 
lOö R. kondensiert. Sie ist ansserordentlirh giftig und explodiert leicht 
durch Stosa oder Reibung und verwandelt sich hierbei ohne Rückstand in 
Gase. Deshalb wird nicht reines Niti-oglycerin vei-wendet, sondern man 
sättigt damit einen bestimmten zu Pulver verwandelten Stoff, der dasselbe 
leicht aufnimmt, z. B. Kohle, gilt gebrannte)- Ziegel, Kalk n. s. w. In 
dieser Form erhält der .Sprengstoff den Namen Dynamit. 

Schiessbanmwolle (Pyroxylin) wird gewonnen, indem man BanmwoU- 
abfälle mit einem Gemisch von Azotsänre und Schwefel durchtränkt. 
Solche Baumwolle enthält 15% Wasser in sieh und ist für die Hantierung 
mit derselben und beim Transport sehr gefahrlich. 

Nach der Trocknung, worauf das Pyroxylin nur noch 3% Wasser 
enthält, fän^ es von einer Flamme Feuer und verbrennt allmählich. 



Flamme der Seliieasliauni wolle. 



Bei der Entzündung mittelst Knall-QnecksUbers erfolgt eine Kxplosion. 

Aus Pyroxylin wird ein zum Schiessen tauglicher Stoff gewonnen, 
indem man dasselbe zur Hälfte mit Salpeter mischt und darauf presst. 
Alsdann schneidet man das,selbe für Gewehrpatronen. 



BauchschwiLches Pulver im Blatt. 



Baachschwaches FnlTer nnd sonstige Sprengstoffe. H 

Für die Verwendung in Geschützen wird Pyroxylin in Form kubischer 
Stücke hei^eatellt, die je nach Bedürfnis zerteilt werden. 



y 
^ 



itanchschwaches Pulver für Kanonen. 

Dieses rauchschwache oder fast rauchlose Pulver glebt einen be- tuatu 
sonderen Anla.ss zur Beunruhigung hinsichtlich des Chai-akters und der ^7v«"" 
Gefahren des künftigen Krieges. '"'kh"" 

Eine bedeutende Anzahl von Militärschriftsellern ist der Ansicht, «hruL 
dass sich mit Einfdhrang des neuen Pulvers die Schlachttechnik völlig 
umwandeln wird und dass das neue Pulver eine grössere Kevolntion im 
Kriegswesen hervorrufen durfte, als es die Erfindung des alten Pulvers 
vermocht hatte, weil dasselbe erstens eine mehrere Mal stärkere Kraft 
bei der Ehtplosion entwickelt nnd weil zweitens bei der Anwendung 
des früheren Pulvers der beim Schiessen entstehende Bauch jeder der 
kämpfenden Seiten den Standort und die Bewegungen des Gegners anzeigte, 
während jetzt zur Feststellung des Standortes des Gegners nur Gehör- 
eindrücke übrig bleiben, die bekanntlich bei weitem nicht so genau sind, 
wie die Beobachtung mit dem Ange. Ausserdem bildete der Rasch häufig 
eine undurchdringliche Deckung. Endlich werden auch die früher über 
das Schlachtfeld sich ausbreitenden Rauchwolken femer nicht mehr alle 
Schi-ecken des Kampfes verhüllen. 

Das erste rauchschwache Pulver ist im Jahre 1886 in der französischen 
Armee und darauf allmählich auch bei den anderen Armeen eingeführt 
worden. Jeder Staat produziert dies Pulver nach einem besonderen 
Rezept; gegenwärtig zählt man bereits viele Sorten desselben, aber diese 
Sorten bilden alle nnr verschiedene Kombinationen derselben Grundstoffe. 
Nitrocellulose ist der Gnindstoft' der verschiedenen rauchlosen Pulver- 
arten, d. h. dieselben bestehen aus einem organischen Stoffe, der mit 
Azotsänre bearbeitet ist, und unterscheiden sich von einander nur durch 
die Art der Zubereitung und verschiedene Beimischungen. 

Die Abbildungen in der umstehenden Beilage ze^en uns die ver- Abbiuui, 
schiedenen in der englischen Armee angewandten Pulversorten. ™^"h 



12 !• I^ie Feuerwaffen. 



Vermehrte Alle Eigenschaften des rauchschwachen Pulvers erklären sich durch 

entwicMnng dcsscu chemischcu Bestand. Ein Kilogramm gewöhnlichen Pulvers erzeugt 
^p^ivers" ^^^ ^^^ Explosion nur 270 Liter gasförmiger Produkte, dieselbe Quantität 
des neuen rauchlosen Pulvers dagegen 859 Liter. 

schneuigkeit Noch bemerkenswerter ist der Unterschied zwischen dem neuen und 

Verbrennung dcm altcu Pulvcr durch die Zeitdauer, die zur Verbrennung desselben 
"^puiTera ^ erforderlich ist. Ein Kilogramm gewöhnlichen schwarzen Pulvers erfordert 
für seine Verbrennung i/ioo Sekunde, dieselbe Quantität rauchschwachen 
Pulvers dagegen nur Vöoooo Sekunde. s) Letzteres entwickelt dabei eine 
höhere Temperatur, wodurch für den Schützen die Gefahr, sich Brand- 
wunden zuzuziehen, grösser wird. Das frühere Pulver entwickelte bei 
der Explosion eine Temperatur von 2500^ C, das Nitroglycerin dagegen 
würde, wenn es rein angewendet werden könnte, eine Temperatur von 
73000 entwickeln.4) 

H&Dgei Das frühere Vorurteil, das nur noch in wenigunterrichteten 

*?uwere" Kreisen herrscht, dass das neue Pulver sich in den Niederlagen schlecht 
halte und leicht verderbe, wird unter Anderem dadurch widerlegt, dass 
das frühere einmal nass gewordene Pulver zum Gebrauch untauglich wird, 
während rauchschwaches Pulver, welches einige Tage unter Wasser ge- 
legen hat und dann bei Sonne und Luft getrocknet ist, seine früheren 
Eigenschaften wiedergewinnt. Gegen das neue Pulver spricht daher nur 
seine verhältnismässig teure Herstellung und die Entwicklung seiner 
hohen Temperatur bei der Explosion. 

Grad Was die Rauchschwäche des neuen Pulvers betiifft, so lagert auf 

achwfiche. kleinen Distanzen bis zu 300 Metern der Kauch des Gewehrfeuers über 

der Schützenlinie in der Form leichten Dunstes, etwa wie dies bei einer 

brennenden Cigarre bemerkbar ist, aber bei Entfernungen über 300 Meter 

wh*d derselbe mehr und mehr unsichtbar. 

Selbst der beim Salvenfeuer entstehende Rauch hindert die Schützen 
nicht, die entferntesten Gegenstände wahrzunehmen. Der vom neuen 
Pulver erzeugte Geschützdampf bildet für die Bedienung kein gi'össeres 
Hindernis als der Rauch der Infanterie-Salven, aber auch der Rauch 
des feindlichen Geschützfeuers kann auf gewöhnlicher Schussweite, 
selbst bei heftigem Artillerie-Gefecht nicht mehr wahrgenommen werden. 
Statt dessen tritt jedoch häufig ein anderer Umstand ein, der den Aus- 
gangspunkt und die Richtung des Schiessens verräth, nämlich die Luft- 
bewegung, welche durch die gewaltige Kraft der Explosion entsteht. 



') „Das alte und das neue Pulver". Lepsius 1891. 

*) „Vorträge über die Wirkung« fähigkeit der Geschütze". 



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RauchschwacheB Pulver und sonstige Spreugstoffe. 13 

Diese Luftbewegung wirbelt nnter gewissen Bedingnngen einen Stanb 
auf, der unvergleichlich stärker ist als bei dem früheren Pulver.-^) 

Das Geschützfener ist, wenn das Geschütz nicht maskiert ist, auf Fen« 
4000 Meter Entfernung sichtbar. Es ist selbst dann sichtbar, wenn die X ■• 
Geschütze hinter dem Kamm einer Anhöhe, aber nicht tiefer als 3 Meter ^^"j,*^ 
anter demselben, postiert sind. Sind die Geschütze 6 Meter unter dem 
Kamm aufgestellt, so ist ihr Feuer in keinem Fall sichtbar. 



') Der grösseren Anschaulichkeit wegeo geben wir zwei Zeichnungen 
(aus „Annöe Scientifitjue Figuier", 1891), welche Salven mit gewühnlichem und 
mit rauchschwachem Pulver darstellen. 



Salve mit gewühnlichei 



J4 I. Di« FeuerwaiFen. 



In der Nacht ist das Feuer des Schusses bei dem neuen Pulver 

zweimal heller als bei dem alten. Im Allgemeinen verräth sich eine 

Batterie, die mit dem neuen Pulver schiesst, vorzugsweise durch den 

Feuerstrahl. 

Schall beim Der Schall bei dem Schusse mit dem heutigen Pulver beträgt 0,9 

mit n^em des Schalls des früheren Schusses ; dabei ist er kürzer, schärfer und 

^^''' markierter.6) 

Bei der Verwendung des rauchschwachen Pulvers ist die Triebki-aft 

der Geschosse bedeutend grösser geworden. 

Einflass Dic Tragweite der neuen Gewehre bei Anwendung des 

plüTeTauf rauchschwachen Pulvers erreicht 4200 Meter, während das 

^J^^rfr**® Feuer aus den früheren Gewehrtypen bei der Ladung mit 

der Schüsse. »^ ^ '^ 

Salpeter-Pulver nur bis 1775 Meter für wirksam gelten kann. 
Was aber besonders wichtig ist, das ist der Umstand, dass die gi^össere 
oder geringere Triebkraft auch auf die grössere oder geringere Krümmung 
der Linie, welche von dem Geschoss beschrieben wird, von Einfluss ist. 
Von dem Grade dieser Krümmung hängt aber die Länge der Strecke ab, 
auf welcher das Geschoss nicht über Manneshöhe fliegt, und folglich 
seine Bahn todbringend ist. Es ist klar, dass, je grösser diese Strecke 
ist, desto wirksamer der Schuss sein wird, desto geringere Bedeutung 
ein Irrtum bei der Bestimmung der Distanz haben wird, da die be- 
trächtlichere Grösse des dem Treffen ausgesetzten, bestrichenen Raumes 
auch eine grössere Ungenauigkeit im Zielen gestattet. 
EiDflass Ausserdem wird bei Anwendung des rauchschwachen Pulvers eine 

PttTvere"auf g^össcrc Treflfwahrscheinliclikeit erlangt, sowohl in Folge der grösseren 
wahrwiTeTn -^^f^^^S^geschwindigkeit des Geschosses als auch wegen der Möglichkeit, 
lichkeit. eine Waffe kleineren Kalibers zu verwenden. 

Bei dem Einzelschiessen aus gleichwertigen Gewehren giebt das 
neue Pulver 44% Treffer, während das frühere nur 34% gab; bei dem Salven- 
schiessen giebt das neue Pulver 42% Treffer, das alte 36%, der Unter- 
schied zu Gunsten des rauchschwachen Pulvers beträgt mithin beim 
Einzelschiessen 29%, beim Salvenschiessen 17%. 
LaduuRs- Die grössere Explosionskraft des neuen Pulvers giebt die 

d^Muen Möglichkeit, dasselbe im Vergleich zu dem früheren Pulver 
Pulvers für nach Gewicht in einer dreifach geringeren Quantität zu 

einen Schass. ,,>,i .-i/. 

verwenden, und da auch das Geschossgewicht für die neuen Gewehre 
vermindert ist, so kann der Soldat eine grössere Anzahl von Patronen 
bei sich führen. 



*) Michnewitsch : „Einfluss der neuesten technisclien Erfindungen auf die 
Taktik". 



Rauchschwaches Pulver und sonstige Si)rengstoife. 15 



Was die Sprengmaterialien anbetrifft, die für Bomben, Minen und 
andere Mittel verwandt werden, die zur Zerstörung von Deckungen dienen 
sollen, so sind in letzter Zeit Stoffe erfunden worden, die eine immer 
grössere Sprengkraft aufweisen. Aus der Zahl derselben sind besonders 
bekannt: Melinit, Ekrasit, Roburit, Panklastit, Kinelit, Pyroxylin- 
pulver u. s. w. 

In der cliemischen Zusammensetzung aller dieser Stoffe ist Pikrin- 
säure, welche deren Sprengkraft im Vergleich zu der Kraft des früheren 
Pulvers um das Vierfache vergrössert, enthalten. 

Wenn man zur Vergleichung die potentielle Kraftäusserung des ge- expiobIv- 

wohnlichen Kriegsgewehrpulvers als Einheit annimmt, so ergiebt sich, verechiedeüer 

dass die Kraftäusserung einiger anderer Sprengzusammensetzungen bei •'^°^«'»»'*«»- 

derselben Quantität die Kraftäusserung des Pulvers in folgendem Maasse 

übertiifft: 

Nitroglycerin 2,2 

Ammoniak-Pikrat mit Ammoniak-Salpeter . . 1,7 

Trockenes Pyroxylin 1,5 

KaU-Pikrat 1,1 

Kriegspulver 1,0 

Der Druck, welchen bei Zersetzung des Sprengstoffes die Gase auf 
die Wände eines abgeschlossenen Raumes ausüben, wird die Kraft des 
Sprengstoffes genannt. Bei der Wirkung der Sprengstoffe in der Praxis 
bedingt die Schnelligkeit des Wachsens des Druckes den Charakter der 
Explosion. Wenn die Explosion sich in einer so kurzen Zeitspanne voll- 
zieht, dass der wenn auch kurzdauernde Druck zu gross ist, so tritt ein 
Zerreissen der Objekte, ihre Zersplitterung, ähnlich der Wirkung eines 
gewaltigen Hammerschlages ein. Eine solche Zerstückelungs-Explosion 
wird Granulier-Explosion genannt, und die Sprengstoffe, die solche Wirkung 
hervorbringen, heissen granulierende Sprengstoffe. Hierhin gehören das 
Nitroglycerin, Pyroxylin und andere Präparate. Stoffe dagegen, wie das 
gewöhnliche Pulver, welche bei analogen Verhältnissen nicht so schnell 
Gase entwickeln, dass das Geschütz unter dem Druck derselben zerreisst, 
werden zu der beim Schuss zu bewirkenden Explosion verwandt. Es 
werden so detonierende und explodierende Sprengstoffe unterschieden. 
Mit ihnen, wie mit dem gewöhnlichen Pulver, lässt sich eine befriedigende 
Granulier - Explosion nicht erzeugen, wohl aber können granulierende 
Sprengstoffe durch Abschwächung des Anwachsens des Druckes, durch 
Veränderung ihrer physikalischen Eigenschaften u. s. w. eben so wirken 
wie Wurfsprengstoffe. 

Der Unterschied der granulierenden und der Schuss-Explosivfähigkeit 
der einzelnen Sprengstoffe bestimmt sich danach, wie schnell in ihnen 



16 I- Dip Feuerwaffen. 

die sogenannte Erplosion ersten Grades oder die Detonation hervor- 
gernfen werden kann. Wicht^ ist der Umstand, wie leicht ein Stoff 
detoniert , weniger wichtig dagegen die Fähigkeit , bei EntzUndnng 
dnrch einen erwärmten Körper zu explodieren, wobei ein weit geringerer 
Drnck als bei der Detonation erzielt wird. Die Explosionen mittelst 
Entzündung heissen Explosionen zweiten Grades.') 

Ans den Versuchen von ßoux und Sarrean über die Detonation nnd 
Entzündbarkeit der einzelnen Sprengstoffe, ei^iebt sich, wenn wir die 
Kraft des gewöhnlichen Pulvers in Detonation nnd Entzündbarkeit als 
Einheit ansetzen, folgende Stufenleiter: 

Detonation Entzündbarkeit 

Nitroglycerin li,3 4,8 

Komprimiertes Pyroxylin 1,5 3,0 

Pikrinsäure 1,2 2,0 

Pikrat-Kali 1,2 1,8 

Gewöhnliches schwarzes Pulver . . 1,0 1,0 

Graphisch ausgedrückt erhalten wir folgendes Bild: 



Vorgleiche de« raucbschwachen Pulvers mit dem gewöhnlichen Polver. 

Das Geheimnis der einzelnen Sprengstoffe raht übrigens nicht in 
der chemischen Zusammensetzung derselben, sondern in der technischen 
Herstellung der Greschosse und in der Fähigkeit, mit dem Material um- 
zugehen, da die Gefahr bei der Anfertigung nnd Aufbewahrung dieser 
Sprengstoffe sehr gross ist. 8) 
Aüiiicht Deshalb ist der berühmte französische ( 'hemiker Berthelot der Ansicht., 

"'üb«"" ^^^ J^"^ exaltierten Leute, welche da glauben, dass mittelst Dynamits 
Anwandgng eiue Revolutionspolitik zur Umbildung der (lesellschaft zn fuhren sei, sich 
sprenestaiTe. irren. Natürlich kann die Kraft der Explosivstoffe für verbrecherische 
Unternehmen persönlicher Natur verwertet werden, aber für allgemeine 
Ziele ist sie in den Händen einzelner Personen untauglich. Solche Ziele 

Sabudski: „Herstellung und Eigonachaften der verschiedenen Pulver". 
Petersburg 1893. 

') „Revue nouvelle". 



Die Hand-Feuerwaffe. 17 



erfordern kostspielige Vorbereitungen und Geschosse, die nur besonders 
organisierte und gründlich ausgebildete Mannschaften auszunutzen und 
zu handhaben verstehen. Solchen Aufgaben ist nur der Staat selbst 
gewachsen, welcher allein fähig ist, derart komplizierte Mechanismen 
zu schafiTen und zu überwachen. 

Das letzte Wort in Bezug auf Sprengstofie ist jedoch noch nicht 
gesprochen worden. 

General Wille 9) sagt sehr richtig, dass^ wenn auch Manche es füi- in Awaicht 
nötig hielten, uns zu versichern, dass mit der Einfuhrung des rauch- verbeaserang 
schwachen Pulvers schon der Gipfel der Vollkommenheit erreicht sei, man g ^J^^^ 
doch im Auge behalten müsse, dass dieses Pulver erst vor fünf Jahren 
von Frankreich eingeführt worden sei und dass wir uns in Bezug auf 
dasselbe genau in derselben Lage befinden, wie vor 600 Jahren unsere 
Vorfahren in Bezug auf das Gemisch von Schwefel, Salpeter und Kohle, 
an dem sich der Franziskaner Berthold Schwarz die Nase verbrannte. 
Die vervollkommneten technischen Hilfsmittel gewährten uns natürlich 
die Möglichkeit, schneller fortzuschreiten als unsere Vorfaliren, aber 
dennoch sei die weitere Vervollkommnung des rauchschwachen Pulvers 
noch eine Frage der Zukunft. 

Und in der That, die Erfindungskraft bleibt nicht eine Minute 
stehen! Obgleich alle Heere bestrebt sind, die erzielten Resultate geheim 
zu halten, so geben doch die bereits bekannten Thatsachen Gnind zu 
der Annahme, dass in künftigen Kriegen, besonders wenn dieselben noch 
einige Jahi'e auf sich warten lassen, welche zur weiteren Vervollkommnung 
der Fabrikation der Sprengstofie nötig sind, Vernichtungsmittel von 
solcher Kraft in Anwendung kommen werden, dass Konzentration der 
Truppen im offenen Felde oder unter dem Schutz von Deckungen und 
Befestigungen unmöglich und dadurch auch der ganze gegenwärtig für 
den Krieg vorbereitete Apparat untauglich werden wird. 



Die Hand-Feuerwaffe. 

Trotz aller Erfindungen und Vervollkommnungen auf dem Gebiete 
der Artillerie wii-d die Infanterie, wie in frühem Zeiten, so wahrscheinlich 
auch in Zukunft, der entscheidende Faktor für militärische Erfolge bleiben. 



») „Das Feldgeschütz der Zukunft''. 

Bloch, Der cakftnftige Krieg. 2 



13 I. öie Feuerwaffen. 



Bedeutang Die techiüsche Brauchbarkeit des Gewehres und seine Handhabung 

Gewehnw- im Gcfecht bleiben in funktioneller Abhängigkeit; die Technik ei-findet 

^®**®™''»®"- oder verbessert eine Waffe, diese verändert die taktischen Formen des 

Kampfes. Die gegenwärtigen und nacheinander folgenden VeiToUkomm- 

nungen der Waffen haben nicht nur die Leitung der Heere im Kampfe 

verändert, sondern auch noch bedeutend kompliziert. 

In früheren Zeiten, wo der Fortschritt in der Kriegstechnik nur 
langsam erfolgte, konnte man aus den Erfahrungen der bisherigen Kriege 
sich ein Bild des nächsten entwerfen, gegenwärtig aber liegt die Sache 
ganz anders. Nach übereinstimmend kompetenter Beurteilung können 
alle Verbesserungen in der Waffe im Laufe von fünf Jahrhunderten, 
d. h. seit Erfindung des Pulvers, sich an Bedeutung nicht mit denjenigen 
vergleichen, die seit dem letzten Kriege gemacht sind. Freilich behaupten 
viele militärische Schriftsteller, dass in künftigen Kriegen die Verluste 
kaum grösser, vielleicht sogar geringer ausfallen werden. 

Man sagt, dass, wenn die Gegner gleich gut treffende Gewehre 
haben, das Schiessen wiederum nach Maassgabe der früheren weniger 
vollkommenen Gewehre erfolgen werde. Man verliert ebensoviel Leute 
und die Bedingungen eines besonnenen Feuerns werden dieselben sein, 
d. h. unbedeutende. 

Man würde durch dreimal rascheres Schiessen dreimal mehr Leute 
töten können, Avenn es nicht dreimal schwieriger sein würde, Ruhe zu 
bewahren. 

Not- Als Beweis dafür werden Verlustzahlen aus den vorhergegangeneu 

xQveri^dger Kricgeu augcführt, wobei indessen irrtümlich verfahren wird, da über die 
^®^|^'J^*^° Verluste der Neuzeit bisher noch die bezüglichen statistischen Angaben 
des Krieges, fehlen. Bekanntlich sind erst um die Mitte dieses Jahrhunderts in 
Preussen systematische Verlustlisten möglichst bald nach der Aktion 
durch die einzelnen Truppenteile, zusammengestellt worden. In anderen 
Heeren sind Verordnungen über Anlage von Verlustlisten erst nach dem 
Kriege 1870/71 ergangen, eine zuverlässige Kontrole über die Zahl der 
Toten, Verwundeten und Vermissten gab es bis dahin nicht. Die Heer- 
führer hatten freien Spielraum hinsichtlich der Angabe über die Verluste 
innerhalb ihrer Korps. 

üeberläufer waren früher weniger selten als heute, weshalb deren 
Abgang, um den guten Ruf der Truppe zu schonen, allgemein mit 
auf die Gefallenen und Verw^undeten übertragen Avurde, wodurch sich die 
Zahl der vor dem Feinde Gebliebenen und Kampfunfähigen dann noch 
erhöhte. So fand der Sieger Gelegenheit, seinen Euhm zu steigern, anderer- 
seits der Unterlegene eine erwünschte Entschuldigung seiner Niederlage. 



Die Hand-Feuer^'affe. 19 



Bei den nationalen Massenheeren der Jetztzeit, welche zum grossen 
Teile nicht aus Berufssoldaten bestehen, gewinnt die Verlustfrage in 
Zukunftskriegen ungemein an Bedeutung. Für ein richtiges Verständnis 
derselben bedarf es eines anschaulichen Bildes von der früheren Be- 
waffnung und Taktik der Heere. Nicht minder wichtig ist die Frage, ob 
das heutige Kleinkalibergewehr als Grenze der erreichbaren Vollkommenheit 
anzusehen sei, oder ob es, wie vielfach behauptet wird, noch nutzbarer 
gemacht werden könne, wodurch die Kriegführung alsdann beinahe un- 
möglich werden wurde. 

In der Vergangenheit bedurfte die Einführung von Verbesserungen U"- 

, nnterbrochen 

langer, oft nach Jahrhunderten zählender Penoden, und nur langsam Bystema- 
brachen sich technische Neuerungen Bahn. In unserer Zeit dagegen voukomm*^ 
erfolgen nicht allein Verbesserungen, sondern auch Erfindungen, welche ^^^"^^^^ 
eine vollständige Umbewaffnung erforderlich machen, in stetig wachsender Feuerwaffe. 
Geschwindigkeit, ohne dass man ein Ende solcher Bestrebungen abzusehen 
im Stande wäre. Schon verlautet es, dass, wenn im allgemeinen Gang 
der Dinge nicht binnen sehr kurzer Zeit radikale Veränderungen 
eintreten, Europa unausgesetzt vor der Notwendigkeit stehen wird, 
der produktiven Volkskraft neue Milliarden für Kriegszwecke zu 
entziehen. 

Kaum ist man mit der Einführung des Kleinkalibergewehres fertig 
geworden, so hat die Technik bereits einen neuen Schritt vorwärts 
gethan, und es unterliegt keinem Zweifel, dass die Grossmächte bald 
genötigt sein werden, zu Gewehren noch kleineren Kalibers über- 
zugehen, deren Kraft sehr bedeutend dem jetzigen deutschen Gewehre 
überlegen sein würde. 

Um uns darüber klar zu werden, inwieweit die vorausgesagten 
Notwendigkeiten wirklich eintreten können, und ob dieselben den Krieg 
bei den neuen Kampfmitteln, wenn nicht unmöglich, so doch unwahr- 
scheinlich machen würden, müssen wir uns darüber Rechenschaft geben, ob 
die bei den jetzigen Gewehren erzielten Vervollkommnungen mit Hilfe 
zufalliger Entdeckungen erreicht sind, oder ob dieselben das Resultat 
systematischer in dieser Richtung erfolgender Gedankenarbeit von Tech- 
nikern und Gelehrten bilden, da in letzterem Falle noch weitere Vervoll- 
kommnungen der Waffe wahrscheinlich in Aussicht stehen. 

Infolgedessen erscheint es geboten, nicht allein den Stand der 
heutigen Bewaffnungsfrage darzulegen, sondern auch mit einschlägig 
prüfendem Blicke in die Vergangenheit zurückzuschauen. Um jedoch 
den Leser nicht zu überbürden, soll im Texte nur der Hauptsaclie 
gedacht, dagegen alles, was den geschichtlichen Teil anbetrifft, in die 
Beilagen aufgenommen werden. 

9* 



20 !• I^iö Feuerwaffen. 



1. Geschichtliche Entwickelung der Hand-Feuerwaffe. 

Das Pulver und dessen Wirkung sind schon seit beinahe 2000 Jahren i) 
bekannt — dennoch reichen die geschichtlichen Nachweise über den 
ersten Gebrauch von Hand -Feuerwaffen nicht weit, jene über die An- 
wendung von Geschützen etwas weiter. Während z. B. bestimmt nach- 
gewiesen ist, dass die Tartaren unter dem Chan Battu in der Schlacht 
bei Liegnitz (Wahlstadt) am 16. April 1241 gegen die Polen und Schlesier 
Feuergeschütze gebrauchten, wodurch sie die bereits verlorene Schlacht 
wieder gewannen, giebt ein italienisches Werk den ersten Gebrauch der 
Hand- Feuer waflfen tür das Jahr 1331 an, ohne über deren Verwendung 
bestimmte Auskunft erteilen zu können.^) 

In Deutschland besagen nach den „Quellen zur Geschichte der 
Feuerwaffen" des germanischen Museums die ersten sicheren Nachrichten, 
dass sich im Jahre 1344 beim Erzbischofe von Mainz ein Feuerschütz 
befand. Auffällig ist es, dass übef 100 Jahre vergingen, ehe eine grössere 
Anwendung der Hand-Feuerwaflfen stattfand, obgleich es, besonders den 
Städten, doch verhältnismässig leicht werden musste, sich solche zur Ver- 
teidigung zu beschaffen. Bei dem 1427 gegen die Hussiten in Böhmen 
einrückenden 80000 Mann starken Heere befanden sich nur 200 Hand- 
büchsen, und bei einem Zuge der Brandenburger gegen Stettin 1429 
kamen auf 1000 Mann nur 50 Büchsenschützen. 

oeschicut- Somit fallen die Anfange der Hand-Feuerwaffien in das XIV. Jahr- 

AnfilgVder huudert. Es kommen 1365 (Tafel I, Fig. I), fast 150 Jahre nach Bekannt- 
Fener*w»ffeii ^^^^^^ ^^^ ScMesspulvcrs, Haudrohre mit Stützgabelverbindung auf, um 
Tafel L das Jahr 1381 Büchsen mit Holzschäftung (Fig. 11) . Diese Waffen wurden 
Pig. L IL meist durch 2 Mann bedient, von denen der eine die Kichtung bestimmte, 
luiLiv. ^^Y andere das Abfeuern besorgte. Auch finden sich Handrohre, welche 
zugleich als Streitaxt gebraucht werden (Fig. III), sowie 1393 Hand- 
rohre mit Anbringung einer rechtsseitlichen Zündpfanne mit Deckel zum 
Schutze des Pulvers in der Pfanne. (Fig. IV.) 

LnnieD- Bei dcu Feuerwafleu der Fusstruppen, noch viel mehr aber für Be- 

rittene musste das Abfeuern mittelst der in der Hand gehaltenen Lunte un- 
bequem erscheinen, weshalb auch 1423 eine Verbesserung vorerst dadurch 
erreicht wurde, dass man an der rechten Aussenseite des Schaftes ent- 
weder vor oder hinter der Zündpfanne ein gekrümmtes, bewegliches 



^) General Susane: „His^ir© ^^ rArtillerie frangaise". 

») Maresch: „Waffenlehre für Offiziere aller Waffen", Wien 1873. 



Tafel I. 




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136 5 



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Geschichtliche Entwickeluhg der Hand-Feuerwaffe. '21 



Eisenstäbchen, den sogenannten Hahn oder Drachen, anbrachte, dessen Pig. T. 
Kopf zwei flache Lippen bildeten, zwischen welche die Lunte eingeklemmt 
und mittelst des unteren Endes des pivotirenden Hahnes auf die Zündpfanne 
geleitet wurde. (Fig. V.) 

Zum Schutze der meist um den Gewehrkolben gewundenen Lunte Fig. TL 
bedeckte man das glimmende Ende derselben mit einem Zylinder von 
Blech, dem sogenannten Luntenverberger, einer angeblich holländischen 
Erfindung. (Fig. VI.) 

Bei den mangelhaften Verkehrsmitteln und der vorherrschenden Ge- 
heimniskrämerei dieser Zeit ist es erklärlich, dass die Fortschritte un- 
gleiche und langsame Verbreitung fanden, und daher auch nicht befremdend, 
dass nach mehr als einem Jahrhundert noch Handrohre ohne Luntenschloss 
vorkommen, wie sich Aehnliches im Verlauf der Geschichte unvermeidlich 
wiederholt. 

Es werden zu dieser Zeit auch schon Pistolen mit Luntenschloss „,^"J* 

Pistolen. 

gebraucht. 

Bei so mangelhafter Einrichtung erscheint es nicht wunderbar, wenn 
die Engländer 1471 Bogen und Pfeil den Feuergewehren vorziehen, angeb- 
lich wegen geringerer Schussweite und zeitraubenden Ladens der letzteren. 
Die englischen Barden prophezeiten sogar den Untergang Englands, wenn 
man die Feuergewehre statt der Bogen einführe. 

Man schoss mit dem Bogen sowohl rascher als sicherer. 

Im Jahre 1516 wurde zu Nürnberg das Radschloss erfunden, welches Pig. VI 
in hohem Grade sinnreich konstruiert war. (Fig. VlI.) 

Das Radschloss zeigte sich dem Luntenschlosse weitaus überlegen. V"^>«"«™nK 

der Zftndang 

Die Zündung war bei demselben entschieden sicherer als bei dem Lunten- anrch 
schlösse, wo man vor dem Gebrauche stets nachsehen musste, ob die ^lef ßla"^ 
Lunte auch richtig auf die Pfanne traf; auch war die Entzündung inso- ^cwoases. 
fern ruhiger, als der Hahn beim Abzüge nicht niederschlug, sondern früher 
schon auf die Pfanne gedrückt wurde; endlich war die Lunte vermieden, 
die namentlich für Eeiterei manche Unbequemlichkeiten verursachte. Als 
Nachteile des Radschlosses wären anzuführen : das beschwerliche und zeit- 
raubende Aufziehen des Rades; das leichte Abstumpfen oder Abspringen 
des Schwefelkieses; die rasche Verschmutzung des Rades, infolge 
der unmittelbaren Berührung mit dem Zündkraut, wodurch der Gang des 
Rades erschwert und eine öftere Reinigung desselben notwendig wurde; 
endlich die erhöhten Unkosten. 

Hieraus erklärt es sich, dass das Radschloss keine allgemeine An- 
wendung fand; es wurde fast nur von der Reiterei und von fürstlichen 



22 !• I^iö Feuerwaffen. 



Leibgarden geführt, während das Fussvolk überwiegend bei dem Lunten- 
schloss verblieb. 

Zur Zeit Leonhard Fronspergers (1556) waren die Hakenbüchsen je 

nach Ansicht des Büchsenmachers sehr verschiedener Art, da der 

Mann sich seine Waffe meist aus eigenen Mitteln anschaffen 

musste, ehe er zur Kriegszeit dem Heere einverleibt wurde; doch 

machte sich überall eine Verminderung des Kalibers, selbst bis auf 

17 mm bemerklich. 

Musketen. ^i^ wurdcu auch die Gabeln zu den Hand-Feuerwaffen, nunmehr 

•■ Musketen genannt, vervollständigt. (Fig. Vin.) 

Kammer- Bemerkeuswcrt ist es femer, dass schon gegen die zweite Hälfte des 

ladangen. 

Pjg DL ■^^- Jahrhunderts Hakenbüchsen mit Kammerladung gebraucht wurden. 

(Fig. IX.) 
Orgel- In der Mitte des XVI. Jahrhunderts wird der Orgelgeschütze 

Erwähnung gethan. Manche Autoren rechnen dieselben zu den Hand- 
Feuerwaffen, obwohl diese Annahme durch nichts gerechtfertigt erscheint, 
weil diese Geschütze niemals vom Fussvolke geführt wurden, auch nicht 
wie die Hand-Feuerwaffen geschattet waren, vielmehr ausschliesslich von 
der Artillerie gebraucht wurden. Die Orgelgeschütze bestanden aus einer 
gewissen Anzahl starker Handrohre, welche nebeneinander auf einem mit 
Rädern versehenen Gestelle oder Bocke befestigt waren. 

Fig.XiLXL Die Ladung war eine beschwerliche und zeitraubende, weshalb 

diese Maschinen nicht Erfolge aufweisen konnten. — Wegen der grossen 
Zahl von Schüssen, die ein solches Geschütz nach einander abgab, hiess es 
auch Geschrei- oder Hagel-Geschütz. (Fig. X. und XI.) 

Beginn Bei deu ersten Hand-Feuerwaffen war von Zielvorrichtungen keine 

""""htnnjen Spur; crst in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts kamen Stand visiere 



TIC 



den^plner- ^ou verschiedcuer Gestalt in Gebrauch, noch später scheint das Korn in 
geweuren. Anweuduug gckommeu zu sein, welches anfanglich aus einem viereckigen 
Stück Eisen bestand und erst gegen Ende des XV. Jahrhunderts eine 
spitze Form erhielt. Um diese Zeit richtete man auch das Augenmerk 
auf eine Verbesserung des Schaftes, indem man durch dessen Abschwächung 
den Kolben schuf, um eine bessere Anlehnung des Gewehres an die Schulter 
zu eimöglichen, und für den Ladestock eine Nute anbrachte. Die Be- 
festigung des Laufes geschah mittelst Stifte, welche durch am Laufe 
befindliche Oesen griffen; ausseitLem wurde die Bodenschraube des Laufes 
zu einem Schwanz verlängert, durch den die Schwanzschranbe ging. 
Bii^ikngein. Auch war man erst gegen Ende des XV. Jahrhunderts von dem 

(xebrauche eiserner Kugeln gänzlich abgekommen und wendete bleierne 
oder mit Blei umhüllte Kugeln an. . 



Patronentafel. 




mi. 1851). 

1817. 



■s. 



GeschichÜiclie Entwickelung der Hand-Feuerwaffe. 23 



Die Feuerwaflfen erwiesen sich trotz aller Verbesserungen dennoch 
als so mangelhaft, dass zu Ende des XV. Jahrhunderts, um 1496, in 
Spanien erst Vs, in Deutschland Vg? ^^ Frankreich Vio der Fusstruppen 
damit versehen waren. 

Was die Taktik des Fussvolkes betrifft, so erzählt Olivier de la Taktik de« 

' FasBvolkes. 

Marche in seinen Denkschriften: „dass dasselbe die Reiterei keineswegs 
gescheut habe, sondern je drei Mann zusammen gestanden seien, ein 
Pickenier, ein Armbrust schütz und ein Büchsenschütz, 
die ihr Handwerk so wohl verstanden und auf solche Weise sich 
wechselseitig zu unterstützen gewusst hätten, dass der Feind ihnen nichts 
habe anhaben können".-"^) 

Wie langsam sich aber die Hand-FeuerwaflFe Eingang verschaffte, i^ngsamkeit 

der 

Sieht man auch daraus, dass englische Bogen- und Armbrustschützen noch Feaenrafren- 
bei der Belagerung von Rey 1627 aufti-aten, ja noch 1814 folgten dem ^'°"^*'™"^- 
russischen Heere nach Frankreich berittene Bogenschützen, wie Basch- 
kiren, Kalmücken u. s. w. 

Man darf darüber freilich nicht erstaunen, wenn man sich die für 
Tragfähigkeit und Schiessgebrauch gleich beschwerliche, umfangreiche 
Ausrüstung eines damaligen Musketiers vergegenwärtigt. 

In der Schlacht von Pavia 1525 gehörte zu dessen Ausrüstung Feidkneg« 
ausser der Muskete die Musketengabel, eine etwa anderthalb Meter scbieL 
lange hölzerne Stange mit Spitze und mehr oder minder primitiver ""^^^^^^ 
Eisenzinke, in welche das Gewehr beim Schiessen und Präsentieren — Mnaketier« 

^ m d. Schlacht 

durch Hutabnahme und Reverenz ausgeführt — eingelegt wurde; dann vonPavia 
mehrere an einem Lederbandelier hängende — in der Regel 12 — hölzerne 
gedrehte Büchsen mit der für den einzelnen Schuss abgemessenen Pulver- 
ladung und Pfropf, während das Zündpulver für die Pfanne in einem 
eigenen Pulverhom und die Kugeln nebst Requisiten in einer ledernen 
Kugeltasche verwahrt blieben. Von den zur Ausrüstung weiter ge- 
hörenden etwa vier Metern Lunte trug der Musketier die Hälfte gerollt 
am Kugeltaschriemen, die andere Hälfte in Bereitschaft in der linken 
Hand; — beim Marsche durften nur gegen 10 Mann per Kompagnie 
die Lunte brennend erhalten und rechnete man auf die Stunde 60 bis 
70 Centimeter Länge. 

Das Laden (Patronentafel, Fig. 1 und 2)*) erfolgte beim zünftigen Mus- Patronen- 

ketier ohne Kommando, aber in umständlicher Weise. Die Muskete schief vor ^, Wel 

Fis 1 IL 2 

dem Leibe haltend, entnahm er vorerst dem Kngelbeutel die Kugel, die er ^' 



*) Maresch: „Waffenlehre**. 

*) Zeichnung entnommen aus Marescli: „Waffenlehre**. 



24 I« ^*6 Feuerwaffen. 



vorläufig in den Mund steckte, entleerte dann eine Holzbüchse in den Lauf, 
setzte mittels des Ladstockes einen Pfropf darauf, liess die Kugel in den 
Lauf rollen — der Spielraum war ebeü darnach — , setzte einen zweiten 
Pfropf darauf und brachte dann sein Gewehr mit Hilfe der Musketen- 
gabel, die er in die Erde steckte, in eine horizontale Lage. Jetzt konnte 
die Pfanne geöffnet, ausgewischt, mit frischem Pulver versehen, die 
Lunte in den Hahn eingeklemmt und auf ihre Länge zugepasst werden 
— dann erfolgte Abblasen der Lunte und Feuerabgabe. 

EinfloBs Es ist einleuchtend, dass so unvollkommene Feuerwaffen bei feuchter 

feachter 

witierang. Wittemug versagcu mussten. 

Bei der Expedition Karls V, gegen Algier 1541 wirkte das an- 
haltende Regenwetter dermaassen auf die Büchsen der Hakenschützen — 
auf deren Leistungen der Eegent so grosse Hoffnungen gesetzt hatte — , 
dass von hundert kaum eine losging, und die Truppen Karls V. von den 
türkischen und maurischen Bogenschützen schimpflich zui*ückgeschlagen 
wurden. (Leonh. Fronspergers Kriegsbuch.) 
Hinteriftd.- Bemcrkeuswcrt bleibt es, dass zu dieser Zeit Hinterlader gebraucht 

Gewehre ' ^ 

im XVI. Jahr- wurden. (Tafel ü, Fig. XH.) 

hundert. 

Tafel n, ^^ deren Ladung wurde ein Querkeil herausgenommen , dann ein 

Pig. XIL senkrechter Keil A (zugleich Visier) ausgehoben , die Kammer nach rück- 
wärts herausgezogen, mit der Ladung versehen, wieder eingeschoben 
und mittelst beider Keile befestigt. 

Die Kammer war mit einem Zündloch versehen, welches mit dem- 
jenigen des Laufes übereinstimmte. 
Rednzierang Vcrsuche zur Gewichtsvermiuderung wurden unternommen. 

der 

öewicht«. In der niederländischen Armee reduzierte man 1599 das Kaliber 

der Muskete von 8 Kugeln per Pfund auf 10, dasjenige der Hakenbüchse 
von 16 Kugeln per Pfund auf 20. 

Die Muskete wog mit Gabel 16, die Hakenbüchse 10 Pfund. 

Mit jedem Jahi'zehnt vermehrte sich aber die Zahl der Hand-Feuer- 
waöen, so dass dieselben gegen Ende des XVI. Jahrhunderts ebenso zahlreich 
wie die Piken waren, ja sogar zwei Drittteile dieser betrugen. Diesem 
Fortschritte folgten dann vielfache Aenderungen. 

Anfiuige Auch ein Versuch, Magazingewehre einzufühi-en , wurde um diese 

der Magazin- rr 'j. a. 

gewehre. Zcit uutemommen. 

Pig. Zm. -^^ 25. Mai 1584 stellte Nicolaus Zurkinden in Bern Schiessproben 

mit einer Büchse an, welche so beschaffen war, dass aus ein und dem- 
selben Eohre in ununterbrochenem Anschlag nach einander mehi*ere 
scharfe Schüsse abgefeuert werden konnten. (Revolver-Büchse, Fig. XIII.) 



Tafel II. 





^^^ 



Geschichtliche Entwickelung der Hand-Feuerwaffe. 25 



Dem Ende des XVI. oder Beginn des XVII. Jahrhunderts gehört Re^oirer-An- 
eine Revolverbüchse mit Luntenschloss an, „Drehling" genannt. (.DreLUug-). 

„Revolver" ist der spätere, in Amerika aufgetauchte englische Aus- 
druck für „Drehling". Die Bayern führten 1645 gezogene Büchsen ein. 

1624 hatte Gustav Adolph neue, leichte, nur 10 Pfund wiegende schnsa- 
Musketen mit 2V2löthigen Kugeln eingeführt, welches Kaliber bis 1811 
beibehalten wurde. Die Schussweite betrug 300 Schritt. Dem 
Beispiele dieser Gewichtsverminderung der Hand-Feuei-waffe und deren 
sorgfältigeren Einrichtung folgten bald Frankreich, Deutschland und 
England, und legte man nun auch der vermehrten Beweglichkeit wegen 
nach und nach die Schutzwaffen ab. 

Zur Beurteilung der Feuergeschwindigkeit der Muskete dienen Feoer-- 
folgende Anhaltspunkte: ^^'ktuln^** 

Die schwedischen Musketiere schössen bei Kinzingen 1636 mit 
verhältnismässig bemerkenswerter Schnelligkeit, pro Mann nicht unter 
sieben mal in acht Stunden, die Musketiere des Herzogs von Weimar 
1638 in der Schlacht bei Wittenbergen, welche von Mittags 12 Uhr bis 
Abends 8 Uhr dauerte, während der ganzen Kampfzeit sieben mal. 

1644 werden in Schweden und Frankreich, nachdem der Gebrauch , anfange 

ddrPatronen- 

der Patrone allgemeine Verbreitung gefunden hatte, die „Patronen- uschen. 
taschen" aus gebranntem Leder — zunächst für detachierte Soldaten — 
eingeführt; sie fassten 12 Patronen, später bis 40. 

Auf die Erfindung des Radschlosses folgte als bedeutender Fort- Erfindang 
schritt diejenige des Schnapphahnschlosses als Uebergangsmechanismus odersteiA- 
zum Batterie- oder Steinschloss. "'"""'*• 

Letzteres erfuhr 1648 eine weitere wesentliche Vervollkommnung; Pig.xiy 
Nuss und Stange erhielten ein Widerlager in einem zweiten kleinen *• ^W. 
Schlossblatt (der Studel), wodurch ein leichteres Spiel der beweglichen 
Teile herbeigeführt wurde, auch Batterie und Pfanndeckel (nach spanischer 
Art) vereinigt wurden. (Steinschloss, französisches Mod. 1648, Fig. XIV. 
und XV.) 

In Frankreich fand 1641 — 1642 eine Neuerung, von grosser Be- Binfahrnng 

d. Bi^onnets. 

deutung durch das Bajonnet (Fig. XVI) statt. Pig.XVL 

Das aus den obigen Erfindungen hervorgegangene 
Bajonnetgewehr, „Flinte" genannt, verdrängte bald die bisher 
übliche Muskete, führte zur raschen und gänzlichen Beseitigung der 
Infanterie -Pike und wurde mit dem Beginne des XVIII. Jahr- 
hunderts als die nunmehrige üniversalwaffe der Infanterie überall ein- 
geführt. 



26 ^ I^'® Feuei-waffeu. 



Das Bajonnet war zweischneidig, mit Stichblatt und Holzgriff ver- 
sehen, um am Gewehre als Stoss- und Schneidewaffe, in der Hand als 
Schwert branchbar zu sein. Der eiserne Eiug uraschloss den Gewehrlauf, 
während die Feder, in einen zweiten am Lauf angebrachten Ring ein- 
tretend, die Beiwaffe am Laufe festhielt. 

Abschftffunjr 1699 wurde in Österreich, 1703 in Frankreich, 1721 in Russland 

j>eiin Fasa- uud Schwedcu die Abschaffung der Pike (Spiess) angeordnet, doch sollten 
''^^^' die schwedischen Truppen auch fernerhin damit geübt werden. 1736 
kehrten sogar die russischen Truppen im türkischen Kriege zur Ver- 
wendung der Pike zurück, gaben solche 1740 aber wieder auf. 

^"s^Hi*^" Lautmann gab 1729 in Petersburger Denkschriften an, es sei 

geschosse. Vorteilhaft, mit „elliptischen Flintenkugeln" zu schiessen, die hinten eine 
Vertiefung hätten, weil die nachströmende Luft in diese Höhlung eindringe 
und den Trieb der Kugel dadurch bedeutend vermehre; dieselben sollten 
eine sehr grosse Eindringungskraft haben, besonders wenn man sie aus 
gezogenen Läufen schiesse und mit Gewalt eintreibe. Derselbe sagt weiter: 
„Um einem Lauf einen unbemerkbaren Zug zu geben, setzt man an die Zug- 
stange der gewöhnlichen Ziehbank einen Feilkolben, dessen Durchschnitt 
elliptisch ist, und zieht so eine elliptische Vertiefung spiralförmig ins 
Rohr; man schmirgelt dann das Rohr noch aus." 

Damit war der Gedanke der Anwendung von Spitzgeschossen mit 
Expansionshöhlung aus Läufen mit gewundenen Zügen ausgesprochen, was 
zu neuen Bestrebungen Anregung gab. Indessen bedurfte es vieler Jahre, 
bis diese Versuche praktisch sich verwerten Hessen. 

Einfahrnnff Dcm Bedürfuissc eines schnellen und wohlunterhaltenen Feuers 

'^"^ ^™** kam man zuerst in Preussen durch Einführung der eisernen Ladestöcke 
metaiioneii 1730 uach. Unmittelbar darauf kommt die Anwendung metallener 

Lodestockes. 

Ladestöcke auch m der Schweiz auf, und zwar aus Stahl, mit einem 
Auszieher versehen. 
Hinter- luzwlscheu betrieb man meder, namentiich in Frankreich, Versuche 

stlt^^h^B- ™* Hinterladungs-Steinschlossgewehren. (Fig. XVH und XVEI.) 
w^'^Tvii ^^ Endresultat der Fortschritte der Entwickelungsperiode seit Er- 

n. XTHL fi^^^^? des Batterieschlosses kann das französische Infanteriegewehr, 
Ffiizös. Mod. 1777/1800 (Fig. XIX) gelten. Schloss nach Mod. 1648; Ladestock 
gewehr.*^ vou Stahl uiit Gewinde und Stossteil; Bajonnet dreikantig mit Hülse 
ng. XDL und Ring; Normalgewicht der Waffe 5 Kilo. 

Gefechte- Die Taktik aller europäischen Heere war damals mit geringen 

'Abweichungen dieselbe; es waren durchgehends die Grundzüge der 

preussischen Lineartaktik durchgedrungen, obwohl dieselbe in Frankreich 

an Folard und Menil -Durand, welche die Kolonne bei der Infanterie 



^ 



^m va ■ VkM 



Geschichtliche Entwiokelong der Hand-Feuerwaffe. 27 



eingeführt wissen wollten, entschiedene Gegner gefunden hatte. Was 
diesen gelehrten Didaktikern nicht gelang, das entstand infolge der 
Eevolution, die eine Neugestaltung der Verhältnisse und unmittelbar 
durch dieselben eine Neugestaltung der Taktik folgerichtig herbeiführen 
musste. Das zerstreute Gefecht und die Kolonne, diese Gefechts- 
formationen des XVI. Jahrhunderts, gelangten wieder zur Geltung. Doch 
auch die Linie wurde für gewisse Fälle beibehalten, um erforderlichen 
Falls ein Massenfeuer abgeben zu können. 

Bald stellten jedoch die Engländer, 1794, ein neues Gewehrraodell Gezogene 
auf (übereinstimmend mit dem französischen) und nahmen für Schützen 
gezogene Büchsen an. 

Eine der bedeutendsten Erfindungen wurde 1788 durch die Er- Krflndnngr 

^ des Knall- 

findung des „Knallquecksilbers" gemacht. Praktische Anwendung fand qaeckaiibers 
diese Erfindung aber erst nach mehr als dreissig Jahren. ßerthefot 

Napoleon I. pflegte Kommissionen zur Piiifung der Bewaffnung (1800) 
zu ernennen, eine solche ordnete die Einführung des Gewehrmodells 
1777/1800 an. 

Gleichwie die Hakenbüchse das Handrohr, die Muskete dieAnnfthmeein. 
Hakenbüchse verdrängt hatte, so musste auch die Muskete dem nun- fraaz6>iMeheii 
mehrigen leichteren Infanteriegewehr (Fusil) weichen. Eine leichtere 'ge"^™^ 
Infanteriewaffe war erreicht, und die Einführung des zuverlässigeren (J»"\> ^^^j 

' ^ " Napoleon I. 

Feuerechlosses und des Bajonnets verdrängte nun die noch vor- 
handenen Piken und anderen älteren Waffen, einschliesslich der Schutz- 
waffen. 

Nach Annahme wesentlicher Vereinfachungen war das freie Laden Einfahrang 

von Papier- 

aus dem Pulverhorn oder den am Bandelier hängenden Patronen ab- patronen 
gekommen, und es wurden Papierpatronen gebraucht. Hülse und Kugel ""^^j^^iuf^ 
wai-en von bedeutend kleinerem Umfange als das Bohrungskaliber, "^^JJ*"''^"^ 
beide glitten nach Entfernung des Verschlusspfropfens in den Lauf modus. 
hinab. 

Beim Schusse flog die Kugel mit der angelötheten Hülse hinaus, 
häufiger aber scheint nur der Deckel abgerissen worden zu sein, und die 
geborstene Hülse blieb im Laufe stecken. 

Die vom Gusshalse befreite Kugel war in die Papierhülse ein- Patronen- 
gebunden, darauf zuerst das Musketenpulver als Ladung und dann *■*•! 
ein feineres Pulver (Mehlpulver) zum Aufschütten auf die Pfanne gelagert. 
(Patronentafel Fig. 4 und 6.) Bei Karabiner-Patronen vom Jahre 1777 für 
Passkugeln (zum genaueren Schiessen mit weniger Spielraum) versuchte 
man das Pfannenpulver besonders unter die Kugel einzubinden, 



28 I- I^i® Feuerwaffen. 



Zum Laden wurde der Umbug der Papierhttlse mit Hilfe der Zähne 
abgerissen, zuerst das Zündpulver vorsichtig auf die Pfanne gebracht, der 
Deckel geschlossen, dann der Eest des Pulvers in den Lauf des nun 
schief gegen links gestellten oder zwischen die Füsse genommenen 
Gewehres geschüttet und die Kugel nebst Papierumhüllung mittels des 
Ladstockes daraufgesetzt. 

Bei der wirklichen Aktion geschah die Feuerabgabe nicht mehr aut 
einzelnes Vorzählen, sondern nur auf das erste Aviso: „Chargieren!" — 
und die Kommandos: „Fertig — Schlagt an — Feuer!" 

Der unaufhörliche Drill, sowie die sich mehrenden Verbesserungen 
an Munition und Waffe befähigten die geschicktesten Leute, in der Minute 
dreimal zu feuern — mit dem Gewehr vom Jahre 1784 selbst fünf- bis 
sechsmal — , wobei die Zahl der gegen - den Feind abgeschossenen Pro- 
jektile noch durch Anwendung, von Kartätschpatronen erhöht wurde. 

Kartitsch. Dicse bestaudcu aus 3 bis 4 kleineren Kugeln im Gesamtgewichte 

des kalibermässigen Geschosses, welche mit in das Patronenpapier ein- 
gebunden waren. 

Die Ausrüstung des Infanteristen betrug 24, später 36 Kugel- und 
6 Kartätschpatronen (Kriegs-Archiv, Kinski-Akten 1760).^) 

Man hatte jedoch vier und ein halbes Jahrhundert gebraucht, um die 

Hand-Feuerwafle auf ihre derzeitige Konstruktionsstufe zu bringen, welche 

eine auf dem ganzen Kontinent so zu sagen gleichmässige wurde, nach 

dem Vorbilde des französischen Gewehrmodells von 1777/1800 und noch 

— mit wenigen Veränderungen — sich während der ersten Hälfte des 

XIX. Jahrhunderts erhielt. 

Ein Beispiel Auf rationelle Uebungen in Verwertung der Schusswaffe war man 

"J^^*JJ^{?*^ wenig bedacht, wogegen auf das „Abrichten"' und „Dressieren" des 

liehet ude- Mannes in anderen Eichtungen viel Mühe verwandt wurde. So z. B. ent- 

roethode 

tu Ende des hielt ciuc im Jahre 1790 erschienene „Anweisung zur Waffenübung für 
"^Tundert^ den schweizerischen Kanton Solothurn" folgende Reihe von Kommandos 
zur Ladung: „Ladung in 12 Tempos: 1. Ladt — Gewehr; 2. Pfann — 
auf; 3. Ergreift — Patron; 4. Oeffnet — Patron; 6. Pulver auf — Pfann ; 
6. Schliesst — Pfann; 7. Schwenkt — Gewehr; 8. Patron in — Lauf: 
9. Zieht aus — - Ladstock; 10. Stosst — Ladung; 11. Ladstock — Ort; 
12. Schulterts — Gewehr." 

Sodann „geschwinde Ladung", ohne Tempos ausgeführt. Anmerkung : 
„Die Ladung soll nur einmal gestossen werden; wenn man mit Pulver 
ladt, soll man niemals zwei Patronen auf einander laden, denn es könnte 



*) Zoiclmungen nach: „Die Entwickelung der Hand-Feuerwaffon im öster- 
reichischen Heere**. Von Hauptmann Anton DoUeczek. 



Geschichtliche Entwickelung der Hand-Feuerwaife. 29 



das Gewehr versprengen nnd ist scharf verboten; dass man sicher seye, 
ob der Schuss lossgebrannt, muss man nnr sehen, ob nach dem Schuss 
Ranch aas dem Zündloch kömmt. ^ 

Die Leistungen der Schusswaffe waren aus mehrfachen Ursachen rrfmitiver 

StandpuDkt 

höchst dürftig. Hinderlich wirkte der grosse Spielraum der Kugel im der Hand- 
Rohre, ohne welchen die Waffe wegen des Ansetzens von Pulverrück- ^^°n!^^^" 
ständen nicht längere Zeit brauchbar war, die unregelmässige Pulverladung ^"J^^J^. 
durch Aufschütten des Zündpulvers auf die Pfanne aus dem Inhalt der hunderts. 
Patrone, wobei bald mehr bald weniger für die Ladung verwendet wu^de, 
oft absichtlich wenig, um den Rückstoss zu vermindern. Diese Unregel- 
mässigkeit wurde noch dadurch gefördert, dass durch das Ausbrennen 
des Zündloches bald mehr bald weniger Pulvergase diesem entströmten, 
so dass oft von dem Pulver, das die Patrone enthielt und das meistens 
die Hälfte des Kugelgewichtes betrug, nur noch sehr wenig zur effektiven 
Wirkung auf die Kugel ührig blieb. 

Erklärlich ist es daher, dass füi; ballistische Verhältnisse, mobile 
Visiere auf verschiedene Distanzen u. s. w., der Boden noch unfruchtbar 
war, das Bedürfnis noch nicht gefühlt wurde. 

Dazu kam der schädigende Einfluss voi^ Nässe auf die Stein- Wirkung 

der N&88e tMt 

Schlossgewehre, so dass z. B. durch den heftigen vom 26. zum 27. August steinaohioss- 
1813 und an letzterem Tage (Schlacht bei Dresden) anhaltenden Regen «®''®^'^- 
dieselben fast gänzlich unbrauchbar geworden waren, welchem Umstände 
es auch hauptsächlich zugeschrieben wird, dass die österreichische In- 
fanterie bei Mockritz trotz aller Anstrengung und Aufopferung dem 
ungestümen Andringen der Franzosen unter Murat unterlag. 

Obwohl 1807 in England ein Patent auf ein Perkussionsgewehr ge- 
nommen wurde, so machte doch die Vervollkommnung der Perkussions- 
zündung keine raschen Fortschritte. 

Der nötigen Einfachheit einer Umänderung des Steinschlosses zum pig. xXL 
Gebrauch von Zündpillen entsprach wohl am meisten das 1821 bei den 
dänischen Jägern zuerst zu grösseren Versuchen angewendete System ; 
Perkussionsschloss für Zündpillen, Dänemark 1821. (Fig. XXI.) 

Im Jahre 1818 erfand Joseph Egg in England die Zündhütchen, Einführung 
welche in demselben Jahre auch in Frankreich eingeführt wurden. Perknssions- 
(Fig. XX.) n °^XT 

Die Perkussionszündung veranlasste nun allerorts Versuche, welche 
den grossen Vorteil dieser Zündweise augenscheinlich machten. 

Was die Zahl der Versager bei Steinschlossgewehren betrifft, so er- verBager bei 
gaben die französischen Proben von 1811 für 100 Schüsse (wobei immer gewehreT 
nach 30 Schüssen ein neuer Stein) 20,3 Versager (Nichtzündung des Pulvers 



30 !• I^iö Feuerwaffen. 



auf der Pfanne) und 10 Abblitzer (das verbrannte Zündpulver teilte sich 
der Ladung nicht mit). Vei^leichsversuche über Versager zwischen Stein- 
und Perkussionszündung ergaben 7 resp. 3%. 

FranwB. Frankreich stellte 1822 ein neues Gewehrmodell auf, welches von 

Perkomions- 

schiosB- demjenigen von 1777/1800 nur wenig abwich; die hauptsächlichste Aen- 
p^*" j Jli derung bestand in Apöerung des Perkussionsschlosses für Zündhütchen. 
Französisches Infanteriegewehr, Mod. 1822. (Fig. XXIL) 

Im Feldzuge gegen Algier (1^29) bediente man sich bereits der Per- 
^ kussionsbüchsen, und fand die Vorzüglichkeit dieser Zündweise allgemeine 
Anerkennung und Einführung. 

Dr ^*^ b -^^^^ folgte die epochemachende Erfindung des Zündnadelgewehrs 

Zöndnadel- VOU DrcySC. 
gewahr and 

Beioeepoche- Sciu crstcs Zünduadelgcwehr mit Vorderladung fand noch keine 

Ehi^h?aiig Aufnahme ; später gelang es jedoch dem Erfinder, und zwar 1836, das System 

' ^Hee'^*°'' ^^^' Hinterladung damit zu vereinigen sowie die hierzu geeignete Zündmasse 

herzustellen, so dass sich nun Preussen veranlasst fühlte, mit dem neuen 

Dreyse'schen Zündnadelgewehre eingehende Versuche anzustellen, denen 

die Annahme dieses Modells füi die preussische Infanterie sogleich folgte. 

Als 1846 bei den damit abgehaltenen Proben in Spandau viele Nadeln 
brachen oder sich verbogen, wurde die neue WaflFe wieder in Frage ge- 
stellt. 1848 bewährte sich dieselbe indessen gegen die sächsischen und 
badischen Aufständischen und erwies bei den 1850 in Potsdam und Spandau 
von Neuem vorgenommenen Versuchen sowohl in Treffsicherheit als Feuer- 
geschwindigkeit volle üeberlegenheit. 

Tafel m, Das preussische Zündnadelgewehr (System Dreyse) geben wir in 

Pig. XXm Tafel HI, Fig. XXIII und XXIV. 
n. XXIY. 

Patronei- ^^^ Patrone des preussischen Zündnadelgewehres ist eine Einheits- 

tafel patrone. (Patronentafel Fig. 6.) 

Fii 6 

*' ' Zwischen Geschoss und Pulver liegt ein Pfropf aus gepresstem 

Papier (Zündspiegel); derselbe nimmt in seiner vordem Höhlung das 
eiförmige Geschoss (Langblei) auf, während eine Vertiefung im Zentrum 
der hintern Fläche des Spiegels die Zündpille enthält. 

Ziel- Wie schwierig es war im Vergleich mit den heutigen Waffen richtig 

zu zielen, zeigen folgende Ziel Vorschriften : 

Zielen auf 100 m 40 cm unter den Treffpunkt oder auf das Knie des Gegners ; 
,, 150 „ 20 „ ,, „ „ „ „ d. Unterleib d. Gegners ; 

,, 180 ä 225 m auf den Treffpunkt; 

,, 225 a 300 „ über den Nagel des auf das untere Band gesetzten 

Daumens ; 



Tafel m. 






Geschichtliche Entwickelung der Hand-Feuerwaife. 31 

Zielen auf 300 ä 375 m über das gekrümmte Gelenk des aufgesetzten Dau- 
mens; 
„ 375 ä 450 „ „ den Nagel des aufgerichteten Daumens; 
„ 450 ä 625 „ „ denselben, etwas höher gerückt; 
„ 525 ä 600 ,, „ denselben, noch höher gerückt. 

Die UnZuverlässigkeit solcher Zielmethode spricht von selbst, was 
jedoch bei der sonstigen Leistung der Waffe ziemlich gleichgiltig war. 

In der Folge umschloss Pulver, Ztindspiegel und Geschoss eine über Patronen- 
der Geschossspitze gebundene Papierhülse. (Patronentafel Fig. 7, 8, 9.) ^^»^ ^ 

Die 1849 eingeführte Zündnadelbüchse, sowie das Zündnadelgewehr ^ g^ 
Mod. 1862 waren vom Mod. 1841 nur ganz unwesentlich verschieden; der 
Lauf des Mod. 1862 war aus Berger'schem Gussstahl und bronziert; Messing- 
gamitur; dreikantiges Bajonnet. 

Die Leistungsfähigkeit des Zündnadelgewehres im Schnellfeuer be- g^h^®",*%^j^ 
trug etwa 5 Schuss per Minute (Normalleistung). der 

Der französische Hauptmann Minie hatte 1849 ein nach ihm be- bewehre. 
nanntes Spitzgeschoss mit Expansionshöhlung und Treibspiegel hergestellt: 
Spitzgeschoss von Mini6. 

Die Geschosshöhlung, nach vom konisch sich verengend und mit „***"*!: 
einem eisernen schüsseiförmigen Treibspiegel (Culot) versehen, sollte den geachosse. 
Eintritt des Geschosses in die Züge des Laufes vermöge des Pulvergases 
bewirken, das Culot hatte die Bestimmung, das Zerreissen des so ge- 
höhlten Geschosses zu verhindern und durch sein Vordringen die Ex- 
pansion nach Erfordernis zu begünstigen. 

In Eussland wurden zu Ende der vierziger Jahre Versuche mit st*ndder 

^ Bewatrnaug 

Kammerladung und dem preussischen Zündnadelgewehre gemacht, die aber in Rus«und. 
ungünstig ausfielen, und nachdem die Russen im Krimkriege 1854 — 56 
durch die französischen, zwar langsamer schiessenden, aber gezogenen 
Gewehre bedeutend gelitten hatten, legten sie geringeren Werth auf die 
Feuergeschwindigkeit, wendeten vielmehr ihre Bemühungen der Trag- 
weite und Treffsicherheit zu. 

Ihre Hand-Feuerwaffen teilten sich in Infanterie- und Schützen- 
gewehre. 

Das Infanteriegewehr (Perkussionszündung) Mod. 1845 war dem 
fi'anzösischen analog, mit einem Noimalkaliber von 18 Millimeter. 

1854 wurden versuchsweise 20000 glatte Infanteriegewehre gezogen. 

Die Umänderung wurde nicht fortgesetzt, dagegen schon Ende 1854 
die Beschaffung neuer glatter Gewehre eingestellt und das Modell eines 
gezogenen Infanteriegewehres angenommen; dasselbe ist vom bisherigen 
von 1845 äusserlich nur unwesentlich verschieden. 



34 !• I^J^ Feuerwaffen. 



Pig. XXVI, Infenteriegewelir, Mod. 1866 (Chassepot) eingeführt und 1869 laut System 

IL ¥rSlL ^^^^^^^ modifiziert. (Fig. XXVI, XXVII und XXVIII.) 

Patronen- Die Patrone zum Chassepot-Gewehr Mod. 1866 (Patronentafel, Fig. 10) 

W«l ist eine Einheitspatrone ohne Selbstdichtung; die die Pulverladung um- 

"*• ^^' schliessende Papierhülse ist über eine Pappscheibe gefalzt, deren untere 

das Zündhütchen in ihrem Zentrum fasst, dessen Oeffnung von einem 

Papierblättchen gedeckt ist. 

Bei Beginn des Krieges 1870/71 hatte Frankreich etwa 1037 000 
solcher Chassepot-Gewehre. 
RiiNUeiie In ßussland wurde 1867 ein Zündnadelgewehr von Carl6 und Sohn 

Gewehr- 

Reformen adoptiert, wclchcs der Hauptsache nach schon 1849 von S. Knika, einem 
Wa.^ TTiT Pistolenfabrikanten in Wolin (Böhmen), konstruiert gewesen sein soll und 
n. TTT damals ein eisernes Spitzgeschoss mit Bleimantel schoss : Russisches Zünd- 
nadelgewehr, Mod. 1867. (Fig. XXIX. und XXX.) 

Diese vom Obersten Weltischtschew konstruierte Patrone ist eine 
Einheitspatrone ohne Selbstdichtung, deren Bodenliderung in ihrem Zentrum 
die Zündkapsel aufnimmt; Minie-Geschoss mit Treibspiegel. 

Pig. XXXI Die Feuergeschwindigkeit wird — in Reih und Glied — mit fünf 

n. XXXn. sehuss per Minute, im Einzelfeuer mit acht bis neun Schuss angegeben. — 

Im Jahre 1869 führte Rnssland das Krnka-System ein (Fig. XXXI und 

XXXII), liess jedoch dasselbe auf Gnind angestellter Versuche bald fallen 

und wandte sich dem System Berdan zu. 

a. Zur Unterscheidung von einem spätem Berdan'schen Modelle wird 
dasselbe mit No. 1 bezeichnet. 

b. Für Neuanschaffungen ersetzte Oberst Berdan das gewöhnliche 
Perkussionsschloss durch das einfachere Spiralfederschloss. 

c. Die Patrone desselben hatte die beträchtliche Vereinfachung, nur 
noch aus zwei Teilen — Hülse und Zündhütchen — zu bestehen. 

Tafel IV, Die Extra-Spannbewegung und das mangelhafte Auswerfen beein- 

Fig.XXXin trächtigten die Feuergeschwindigkeit, daher auch dieses Modell nach An- 
IL XXXIV. f^^^jg^j^g ^,^^ gQQQQ g^g^j^ j^ j^j^j.^ jggg ^^^ Ki-nka-System, und dieses 

im Jahre 1871 der Konstruktion Berdan No. 2 (Tafel IV, Fig. XXXIU 
und XXXIV) weichen musste. 

Patrone zum Berdan-Gewehr No. 2: Zentralzündung; Hülse samt 
innerem Bodenfutter und Zündhütchen aus geprägtem Messingblech; 
Fettpfropf hinter dem Geschossboden; Geschoss und Pfropf in Papier- 
umhüllung. 
Einflass Was Frankreich anbetrifft, so hatte 1870 der deutsch-französische 

von "eTo" Ki'ieg neben den Vorzügen des Chassepot-Gewehres , Mod. 1866, auch 
dessen Mängel gezeigt. I'nmittelbar nach Beendigung des Krieges ordnete 



Tafel IV. 




■<^ 



a -2 -^ 

E S c I 

■c ■» '■« J 







hI -S .S ^ -2 a J' * n" 



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S'^ 3 6 = 1^'° 



-S 

c 

I 













i 2 .S -o a i 






^f ||||5 = 



Automatische Pistole 

(System Borchardt). 



Revolver, System A. Garcia-Reinoso. 




ErläHteruHgeH iimslehemi. 



Bd. I. BlnngM li»l S«lta S5 



Revolver, System A. Garcia-Reinoso. 

Bei dem Revolver, System A. Garcia-Reinoso, wird das Laden und das 
Auswerfen der abgeschossenen Patronenhülsen selbstthätig bewirkt. 

Das Magazin, welches auf der linken Seite am Schlossbehälter angebracht 
wird, enthält fünf Patronen; diese werden nacheinander in die Trommel ein- 
geführt und die leeren Hülsen in der Reihenfolge des Abfeuerns ausgeworfen. 

Durch ein einmaliges Anziehen des Abzuges wird eine Patrone abgefeuert, 
die Hülse der vorhergehenden ausgeworfen und eine neue in die Trommel 
geschoben. 

Diese Resultate werden erreicht, ohne diese Schusswaffe einer der wert- 
vollen Eigenschaften des gewöhnlichen Revolvers zu berauben, sodass man sie 
auch wie einen solchen benutzen kann; ladet man Trommel und Magazin, so 
hat man 10 Schuss — also doppelt so viel, wie bei diesem — zur Verfügung, 
und kann die Patronen aus der Trommel abschiessen, die des Magazins aber 
bis zum Moment des Bedarfs aufbewahren. Das ist ein sehr grosser Vorteil 
für eine derartige Waffe, welcher ausschliesslich diesem System eigen ist. 

An Stelle eines Kolben kann man am Revolver den Halfter befestigen. 
Es ist dies ein einfaches, innen mit leichtem Blech bekleidetes Lederfutteral, 
welches vorne, unter dem Leder verborgen, einen federnden Haken zum Fest- 
klammern am Revolvergriff besitzt. 

Lässt man das Futteral am Lederriemen über die Achsel hängen, so ist 
der Revolver wie jeder andere zu verwenden, befestigt man es am Griff, so 
kann man von der Schulter schiessen, indem man die Waffe mit einer oder 
beiden Händen hält; beim Loslassen bleibt er alsdann wie ein Karabiner am 
Schulterriemen hängen. 

Ein flüchtiger Blick auf die Zeichnung genügt, um die Art der Benutzung 
und die bedeutenden Vorteile dieses Revolvers von allen anderen erkennen 
zu lassen. 



Resultate der Schiessversuehe in Obemdorf 

ßber 100 Ueter über 1000 Meter 

tun 1 September 1896. am 17. Juni 1896. 

Schnellfeuer, 100 Schüsse. 30 Schüsse. 

Vertikal-Streuung 5,65 Meter. 



Vertikal-Streuung 53 Centimeter. 
Horizootal- - 42 „ 



4,15 







= " = -iSiv = = = = 













Geschichtliche Entwickelung der Hand-Feuerwaffe. 35 

der französische Kriegsminister eine genaae Untersuchung über das Ver- 
halten der französischen Hand-Feuerwaffen und deren Munition an, und es 
konstatierte die üntersuchungskommission das Bedürfnis einer Verbesse- 
rung des Gewehrmodells von 1866 und insbesondere seiner Munition. 

Die neuen Waffen (System Gras) erhielten die Benennung : Infanterie-, 
Kavallerie- und Artilleriegewehr, Mod. 1874; die umgeänderten Waffen 
erhielten die Benennung: Infanterie-, Kavallerie- und Artilleriegewehr, 
Mod. 1866/74. — In Bezug auf Konstruktion unterscheidet sich das 
Mod. 1874 von demjenigen von 1866 hauptsächlich in Verschluss, Visier, 
Patrone und Beiwaffe. 

Seit 1886 sind hauptsächlich Magazingewehre meist kleineren Kalibers i>»« zeit der 
m den verschiedenen Heeren eingeführt worden. Die Patronen zum Mag»«n. 
Magazingewehre haben, wie alle neuen Patronen, Hülsen, welche aus i^^^l- 
Messingblech gezogen sind. (Patronentafel, Fig. 11 und 12 zeigen den tafel 
Bau und zugleich die Kaliberverkleinerung zwischen 1883 und 1888.) Pig.UiLl2. 

Der erste Schritt in dieser Richtung war im Jahre 1886 die Ein- 
führung des Lebel-Gewehi-es in der französischen Armee. Darauf wurden 
Magazingewehre eingeführt: 1888 in Deutschland und Oesterreich, 1889 
in Italien, Belgien, der Schweiz und Dänemark, 1890 in der Türkei, 1892 
in Spanien, 1893 in den Niederlanden und Rumänien. Eine Uebersicht 
der ballistischen Daten der Hauptstaaten über Hand-Feuerwaffen seit 1840 
geben wir in der umstehenden Beilage; wir entnehmen diese Daten dem 
Werke des preussischen Kriegsministeriums über die Wirkung und kriegs- 
chirurgische Bedeutung der Hand-Feuerwaffen. 

Als einen noch lebenden Repräsentanten dieser Gattung geben wir, Neuestes 

preuBsiBChes 

bevor wir zu eingehenderer Besprechung übergehen, in Fig. XXXV, Mag»zin- 
XXXVI und XXXVn die Zeichnungen des Magazingewehrs Mod. 1891. «rx^Y 

Heute finden bereits viele Militärschriftsteller, dass die Klein- XXXYI 
kaliber - Magazingewehre ein so kräftiges Verteidigungsmittel bilden, ^ ^^^"*' 
dass das Endziel jeder Schlacht — der entscheidende Angriff — , soweit 
Stärke und Vorzüge der beiderseitigen Heere annähenid gleich sind und 
das Terrain nur einigermassen eben ist, — und natürlich wird der in der 
Defensive sich haltende Gegner immer ein solches zu finden suchen — 
beinahe undurchführbar wird, und dass selbst bei bedecktem und durch- 
schnittenem Gelände der Erfolg des Angriffs immer sehr problematisch 
bleibt. 

Wenn man den Versicherungen nicht anzuzweifelnder technischer Eretrebnng 

VOIlGowollTGll 

Autoritäten Glauben schenken will, so wird mit Einführung von Gewehren möglichst 
noch kleineren Kalibers mit gesteigerter Triebkraft und mit Vermehrung Kaublre^in 
der Patronenanzahl, welche der Soldat bei sich zu tragen hätte, der *^"^ ^°\^«" 

3* fühniog. 



36 I- ^i'^ Fpui^rwafien. 

Krieg in den heutigen Verhältnissen, d. h. der Kampf zwischen Millionen- 
Heeren fast unmöglich werden. 

Inwiefern diese Voraassetzung begründet ist, ist schwer zc ent- 
scheiden, es nnteriiegt jedoch keinem Zweifel, dass die systematischen, 
auf VervoUkommtinng der Waffen gerichteten Bemühungen der Gelehrten 
nnd Techniker bedentende Besultate noch erzielen dürften. 



2. Das Kleinkaliber-Magazingewehr. 

Die „Einlader" sind bereits im Kriege erprobt worden, die Magazin- 
gewehre der neuesten Typen haben jedoch ihre Probe erst unter Verhält- 
nissen bestanden, welche noch nicht zu endgiltigeu Schlüssen berechtigen. 
Y.rKi8ici.e Nichtsdestoweniger kann der Vergleich der Einlader mit den mit 

«"i hentif«" ranchschwachem Pulver geladenen Magazingewehren einen Begriff von der 
n^ei Bedentang der heut^en Bewaffnung der Infanterie in künftigen Kriegen 
Micha mit geben. "Wir nehmen hierzu die am meisten bekannten Typen. 
•chwMhim Nachstehende Zeichnung zeigt die Einrichtung des deutschen Gewehi'- 

g.wen'Vind n«>dells, welches im Jahre 1888 zur Annahme gelangte. Dieselbe ist dem 
Werke Holzner's „Moderne Kriepgewehre" (Wien 1890) entlehnt. 



Einrichtung lies deutschen Gewehres (Moil. 1888J. 

Wie weit das heutige Kleinkalibergewehr der deutschen Armee 
,_ qualitativ höher steht als das im JaJire 1870 gebrauchte Zündnadel- 
gewehr, zeigt folgende graphische Darstellung der Geschoss-Fhigbahn 
auf einer Distanz von fiOO Meter. 










g 

s 



Uebersicht über die Hauptarten der Hand-Feuerwaffen 

von 1840 bis 1893. 



Bezeichnung 


Staat 


Lauf- 
weite 

mm 


Gewicht 


An- 

fODgS- 

scnwin- 
digkeit 

m 


Ro- 
tation 


des 
Gewehrs 


d. Ge- 
wehrs 

kg 


d. Pa- 
trone 


des Ge- 
schosses 

« 1 


Mini^, Mod. 42 


Frankreich 


1 

18,25 


4,0 




36 


284-3 1(^ 
300 


155 


Zündnadel, Mod. 41 


Preussen 


15,43 


4,65 


40 


31 


420 


AptiertesZundnadel, Mod.72 


Preussen 


15,43 


4,35 


30,5 

32 

43,3 


21,5 

25 

25 


350 


480 


Chassepot, Mod. 66 


Frankreich 


11,0 


4,050 


420 


764 


Infanterie, Mod. 71 


Deutschland 


11,0 

1 


4,515 


430 


782 


Martini- Henry, Mod. 71 . . . 


England 


11,43 


3,976 


50 


30 


378,9 


660 


Berdanll, Mod.72 


Russland 


10,7 


4,383 


40 
42,2 

43,8 


1 
24 


390 


732 


Werndl, Mod. 73/77 


Oesterreich 


10,9 


' 4,192 


24,03 ; 


432 


595 


Gras, Mod. 74 


Frankreich 


11,0 1 


4,210 


25 , 


430 

1 


782 


Werder, Mod. 75 


Bayern 


11,0 


4,27 


43,3 


25 

14,7 

15,0 


430 


782 


Mod. 88 


Deutschland 


7,9 


3,8 


27,3 


640 


2660 


Lebel, Mod. 86 


Frankreich 


8,0 


4,18 


29.5 


630 


2627 


Mannlicher, Mod. 88/90 . . . 


Oesterreich 


8,0 


4,41 


28,5 


15,8 1 


620 


2480 


Mannlicher Carcano, Mod. 91 


Italien 


6,5 


3,78 


22,5 


10,5 


700 


2770 


Mauser, Mod. 89 


Belgien 


7,65 


3,9 


28,6 
23,46 


14,2 


610 


2440 


Dreilinien, Mod. 91 


Bussland 


7,62 


4.3 
4,50 


13,68 
13,9 
15,43 


610-620 


2580 


Lee-Metford MustII,Mod.89 


England 


7,7 


28 
30 

27 


630 


2475 


Krag- Jörgen sen, Mod. 89 . . 


Dänemark 


8,0 

1 


, 4,3 


620 ! 


2066 


Mauser, Mod. 90 


Türkei 


7,65 


' 3,9 
4,3 


13,8 

13,7 : 

1 


652 


2608 


Schmidt, Mod. 89 


Schweiz 


7,50 


27,5 


600 


2220 


Mauser, Mod. 92 


Spanien 


7,0 


3,9 

1 


24,3 
22,45 


11,2 
10,5 
1 10,34 
16 


720 


3315 


Mannlicher, Mod. 93 


Niederlande 


6,5 1 


4,1 
3,95 


730 

1 


3830 


Mannlicher, Mod. 93 


Kumänien 


6,5 


22,74 
35,5 


' 720 
520 


3600 


Kropatschek 


Portugal 


8,0 

i 


4,54 

1 


1900 



Einffigen bei Seit» 36, 



Das Kleine oliW-hag^in^webr. 37 



Was die anderen VorzUge des deutschen Kleinkalibergewehres im * 
Vergleich zu dem Zöndnadelgewehre anbetiilft, so hiingt folgende graphische k 
Darstellung dieselben zum Ausdruck. *«„ zdaä- 



Vad. 1870. 



Q Zündnadelgewelire Mud, 1870 



Von den Grossmächten ist Russland später als die anderen Staaten 
ZOT Einführung der Magazingewehre und zugleich damit auch des rauch- 
schwachen Pulvers geschritten. In Folge dessen hatte Russland die Möglich- 
keit, von den neuesten Erfahrangen und Vervollkommnungen Nutzen zu 
ziehen. Wie Professor Potocki erklärt, hat darum das mssische Gewehr 
keinen der Mängel des französischen, deutschen') oder österreichischen 
Magazingewehres, d. h. die mssische Armee, zu deren Glücke der Krieg 
bisher nicht ausgebrochen ist, wird in kurzer Zeit mit einer vollkommneren 
Feuerwaffe ausgerüstet sein als die Heere der meisten anderen Staaten. 

Das neueste russische Gewehr besitzt dem früheren Berdan-Gewehre 
gegenüber, wie Professor Potocki ausführt'), folgende Vorzüge: es wiegt . 
1,26 Kilogr. weniger als das jetzige russische Gewehr, seine Treffsicherheit ^l 
übertrifil die des frühereu Gewehres um 100 •*/(), die Durchschlagskraft 
ist am 200% gestiegen, die Treffweite um 50 "/o, die Schussschnelligkeit 
am 20''/o. Ein anderer Forscher, Professor Michnewitsch*), findet noch 
bedeotendere Unterschiede zwischen dem neuen und dem früheren Gewehre; 
derselbe ist der Ansicht, dass die Treffweite 3 mal grösser ist, die Treff- 
sicherheit i/jmal giösser, die Schussschnelligkeit 300/o his 50% grösser. 
Diese Vorzüge fuhren Professor Michnewitsch zu dem Schluss, dass es 
möglich ist, dem Gegner mit Hülfe des Kleinkalibergewehrs 21/4 mal 
stärkere Verluste als mit dem früheren Gewehre zuzufügen. 



>) !□ der „Toctique de demaiti" sagt Coumes, dass der Lauf des deutschen 
Gewehres sich ia Folge der Schüsse ausweitet und in kurzer Zeit zum Gfhrauche 
untauglich wird. S. 112. 

*) Siehe „Militär- Wochenblatt". 

*) „Einiluss der neuoRteii technischen Urftmlungen auf die Taktik des 
Krieges". 



38 



I. Die Feuerwnffen 



. ''"■ Folgende graphische Darstellung giebt nns die Mßglichkeit, die 

■»•ciiuik Eigenschaften der russischen 3-Linien -Kleinkalibergewehre (7,6 MilH- 
nld mJ^I^b metsr) mit den 4 -Linien -Beidan -Gewehren (10,1 Millimeter) zn ver- 
""i^b" gleichen. 

Noch PoUioki : Noch Michnewitech : 




Vorzüge Jer russischen Kleinkalibergewehre (S-Linien) 
(4-L)nieD) in Proienten. 



r den Berdan-Ge wehren 



Und was nicht minder wichtig ist, das weniger umfangreiche Geschoss 
für das nene Gewehr ist auch von geringerem Gewichte.*) 
.^"- Die allmähliche Vermindemng des Gewichtes der Gewehi^eschosse 

j« oawithLiist aus folgender graphischen Darstellung sichtbar: 



Gewicht der Geschosse in Gramm. 

Ta^iisioii Da auch das Gewehi' selbst im Gewichte verändert ist — es wiegt 

d«r 4,3 Kilogramm, während die ganz alten russischen Hand-Feuerwaffen 10 bis 
"'iSu™^' 12,5 Kilogramm wogen — , so ist der Soldat im Stande, bis 150 Patronen 
mit sich zn führen. Indem derselbe zu der Zeit, wo die Infanterie mit dem 
gezogenen 7-Linien-Gewehre ausgerüstet war, nicht mehr als 40 Patronen 
mit sich geführt hatte, beim Uebergang zum G-Linien-Kaliber 60, bei dem 
Uebergang zum 4-Linien-Kaliber 84*), so kann er nunmehr fast 4 mal 
mehr Schüsse abgeben als in früheren Zeiten. 



*) Die in dieser Hinsicht erzielten Resultat« sind bemerkenswert; das 
Gowehrgeschoss, welches bis 1830 50 Gramm wog, wiegt jetzt nur 15 Gramm. 
'') Polwcki: „Die Artillerie". Ausgabe 1892. 



Das Kleinkatiber-Magazingewehr. 



39 



Ausserdem ist, da, wie bereits nachgewiesen, der bestrichene Raum 
in Folge der bedeutenderen Anfangsgeschwindigkeit des Geschosses und 
seiner gestreckteren Bahn grösser geworden ist, auch die Kiaft des neuen 
Geschosses wirksamer geworden. Die Vemichtungsmechanik, welche sich 
in den Händen eines jeden Soldaten befindet, ist daher im Vergleich zu 
früher wohl noch weit mehr gestiegen, als die Professoren Potocki und 
Michne witsch annehmen. 

Es ist jedoch zu bemerken, dass hinsichtlich der Vorzüge, die sich 
aus der Anwendung des Magazins auf die Schnellfeuergewehre ergeben, 
noch bis jetzt nicht alle Militärschriftsteller gleicher Ansicht sind. Viele 
derselben erklären, dass die Anwendung des Magazins zu einem weniger 
sicheren Schiessen und damit zu einer unnützen, unproduktiven Patronen- 
verschwendung führen werde. 

Angesichts der grossen Wichtigkeit dieser Frage müssen wir die 
Gründe anführen, auf welche sich eine derartige Ansicht stützt. 

Die beim Schiessen angestellten Berechnungen haben ergeben, dass 
der Soldat aus dem Berdan-Gewehr ohne Ruhepause im Laufe einer Viertel- 
stunde 148 Schüsse abzugeben, d. h. eine für jeden Kampf mehr als ge- 
nügende Anzahl von Geschossen zu entsenden im Stande ist, wobei auch 
die Treffsicherheit der Schüsse eine bedeutende sein kann. 

Was die in Russland bezüglich der Schnelligkeit und Treffsicherheit 
angestellten Schiessversuche betrifft, so haben dieselben folgende Resultate 

* Anzahl Von ihnen trafen 

der abgefeuerten Projektile ins Ziel 

Bei der Ladung nach jedem Schuss . 1259 66 % 

Bei dem gleichzeitigen Schiessen aus 

Magazingewehren 2608 61% 



Maximnm 
der Schflsse 
ohne Paase. 



Vergleich 
der 
Schnelligkeit 
und Treif- 
sioherheit 
der Magazin- 
gewehre mit 
Einzelladern. 



Anzahl der abgefeuerten Projektile 



Treffer in Prozenten 



1258 



2506| 




Gewehre, die nach jedem 
Schma geladen werden 



Magazingewehre 




65\ 

6I\ 



Vergleich der Schnelligkeit und Treffsicherheit des Schiessens aus Gewehren, die nach 

jedem Schuss geladen werden, und aus Magazingewehren. 



Das Uebergewicht in der Zahl der abgefeuerten Geschosse ist augen- 
scheinlich auf Seite des Magazingewehres, was aber die Trefier anbetriJSt, 
so sind die Resultate für die Magazingewehre um 4 % weniger befriedigend. 



^) A. J. Draschkowsky : „Zur Frage über die Magazingewehre". 



40 ^' ^i® l^'euerwatfen. 



Nach Ansicht vieler Müitärschriftsteller darf jedoch dem Umstände 
der grösseren TreiFsicherheit von Schüssen bei der Methode des jedes- 
maligen Ladens nicht eine allzn grosse Bedeutung beigelegt werden. 
AutoritatiTer Wir haben bereits die Wort^ eines Sachkenners angeführt: „Wenn 

Ausspruch 

über die Eucr Gegucr ein ebenso gut treffendes Gewehr wie das Eunge hat, so 

^^hrnügen ^ wird Eucr Schiessen wiederum nur nach Maassgabe des Schiessens ans 

Infanterie- ^qj^ früheren weniger vollkommenen (lewehre geschehen können. Man 

Feuer- 

gefechta. Verliert ebensoviel Leute und die Bedingungen der Kaltblütigkeit 

werden dieselben sein, d. h. unbedeutende. 

„Wenn man dreimal rascher schiessen, dreimal mehr Leute tödten 

kann, so wird es dagegen dreimal schwieriger sein, Kaltblütigkeit zu 

bewahren." 7) 
Vorzüge Der Hauptvorzug des Magazingewehres besteht darin, dass es den 

der M&gftzin- 

gewehre. Schützcu iu kritischeu Momenten nicht mit dem Laden belästigt in 
Momenten, wo die grösstmögliche Zahl von Schüssen nötig ist, wo die 
vollste Kaltblütigkeit erfordert wird, damit durch fieberhafte Hast nicht 
Schaden geschieht. Der VoiTat aft Patronen im Magazingewehr giebt 
die Möglichkeit, ruliig den Angriff des Feindes abzuwarten und ihn auf 
eine nahe Entfernung heranzulassen, was den sich defensiv verhaltenden 
Truppen in bedeutendem Grade Selbstvertrauen einflösst und ihre Kalt- 
blütigkeit aufrecht erhält. 

Ebenso gehen auch die angreifenden Truppen kühner in den 
Kampf, wenn sie wissen, dass im gegebenen Moment die Ladungen bereit 
sind, um den Feind zu überschütten. Dieser moralische Vorzug des 
Magazingewehrs bildet einen Hauptgrund für seine Einführung, trotz der 
negativen Resultate bezüglich der Treffsicherheit. 

Gehobonea In dcr gegebenen Frage hat man rein moralische, aber sehr schwer- 

Selbst- , 

vertrauen des Wiegende Faktoreu abzuwägen. Professor Pawlow^) sagt, dass sogar 
dem*ji^weiiig ^^1^^ Uebungsschiesseu in Friedenszeiten der mit dem neuen Gewehre 
G wehHus- ^w^'^S^^ild^t^ Soldat ungern zu dem alten greift; so sehr fühle er schon 
gerüstet jctzt deu IJuterschied zwischen beiden Gewehren. 

Es ist nicht nötig, erst noch nachzuweisen, dass im Kriege solche 
Empfindungen die Massen unvergleichlich stärker beherrschen werden. 

Omega berichtet, dass in Algier, nach dem erst teilweisen Ersatz 
der (xewehre Mod. 1842 durch Chassepot - Gewehre , sich die Zuaven 
solche für ihr eigenes Geld anschafften. Bei der Belagerung von Metz 



zu sein. 



A. K. Piisyrowski: „Erforschung? des Kampfes nach dorn Werke dos 
Obrist de Pick". AVnrschaii 1893. 

*) „l^>bor die Hedeutun^ der BewafTmin«^ der Armee mit den Kleinkaliber- 
gewehren". 



Das Kl?iiitaliber-Maga.KLng;ew(>l>r, 41 

Dafamen die preussisehen Wach- und Vorposten ausser ihren eigenen 
Gewehren anch die von den Franzosen in der vorhergegangenen Schlacht 
erbeuteten Chassepot-Gewehre mit sich. Als Illustration giebt Omega 
zwei Zeichnungen, die wir ilim entlehnen. 



8oldat«D, die sich mit dem beesereii Gewehre versehen halten. 

Während des Krieges 1877 spielte sich derselbe Vorgang in der 
rn.'^siscben Armee ab; mit der Erbeutnng türkischer Gewehre fühlte der 
Soldat instinktiv, dass das bessere Gewehr im Gefecht das Ueber- 
gewicht giebt, wie sehr man ihn auch vom Gegenteil zu überzeugen 
suchte. 

Es ist unzweifelhaft, dass ein Mangel an Kaltblütigkeit bei den ßetnehiBng; 
früheren Gewehren und dem früheren Pulver, wo die der Schasswirkung FsoergohcM 
unterliegende Sti'ecke äusserst begrenzt war, auf die Verminderung der ^"„^„'J^ 
Verluste von bedeutendem Einfluss gewesen ist.^) Aber es bleibt fraglich, ■^«i" ■»"•'- 
viie sieh die Verhältnisse femeihin gestalten werden, wo bei einer Distanz '^^'J'Z 
VOD ca. 500 Metern (und, wenn die lYuppen mit noch vollkommneren Ge- **" ^'"" 
wehren ausgerüstet sein werden, wovon wir später sprechen wollen, auch 
von 800 Metern) eine Umstellung des Visiers unnötig sein wird, weil 
jedes Geschoss im Stande ist, den Gegner auf der ganzen Strecke zu 
treffen, sofern man um- bei sehr nahen Entfemungen das Gewehr leicht 
nach onten neigt, bei ferneren Distanzen auf Kopfhöhe richtet. Wird 
sich nicht zwischen den kämpfenden Truppen eine unüberschreitbare Zone 

*) Hoenig: „Unteraiichungcti Giier dio Taktik der Zukunft". S. 264. 



42 



I. Die Feuerwaffen. 



bilden, die in Folge der Dichtigkeit und Kraft der von naher Distanz 
fallenden Kugeln kein lebendes Wesen zu überschreiten im Stande 
sein wird? 

Vergleich Zur bessereu Orientierung über diesen so wichtigen Gegenstand 

der Rasanz , 

des neaen uiüsseu Wir uus vou der Grösse der im wirksamen Schussbereich bei 

mit 

den früheren ^^^ Verschiedenen Gewehrsystemen liegenden räumlichen Strecke Rechen- 

Berdaa- schaft gcbeu können. Folgende graphische Darstellung zeigt anschaulich 

den bestrichenen Raum bei den neuen russischen Gewehren, welche mit 

rauchschwachem Pulver geladen werden, und bei den Berdan-Gewehren, 

für welche gewöhnliches Pulver verwandt wdrd.^o) 



Im wirksamen Schussbereich 

liegende räumliche Strecke 

in Schritten. 



Im wirksamen Schussbereich 

liegende räumliche Strecke 

in Schritten. 



gewSkilicbem Pulver geladeie 
Bardan-Sewehre. 







2790 
2800 






2487 

13 
2500 


dadeie Sewebre. 


1978 

22 

2000 
11 

1989 






1460 

40 

1500 
20 

1480 


600 

600 

130 
470 


900 

99 

1000 

62 

938 



2500 



2800 




eladeii 


B 















Entfernung in 
Schritten. 

(100 Schritte = 
76 Meter.) 



Vergleichnng der der Schusswirkung bei den Kleinkaliber- und bei den Berdan- 
Gewehren unterliegenden Strecken. 



") M. Jerogin: „Schützen-Distanzmesser". 



Die Bedeutung der modernen Schiessübungen. 43 



Hieraus ist ersichtlich, dass bei nahen Entfernungen bis zu 600 Schritt 
beim Schiessen aus dem neuen Gewehre der wirksame Schussbereich 
4 mal gi-össer ist als beim Berdan - Gewehr, bei einer Distanz von 600 
bis 1000 Schritt um die Hälfte grösser, bei einer solchen von 1600 bis 
2000 Schritt um das Doppelte grösser, während von 2500 Schritt an über- 
haupt kein Vergleich mehr möglich ist, da die Berdan - Gewehre bei 
Gebrauch des früheren Pulvers nicht so weit treffen. 

Diese theoretischen Angaben über die Länge des bestrichenen Kaumes 
erfahren in der Praxis durch die beträchtlich ausgebreitete Streuung der 
abgeschossenen Projektile eine bedeutende Aenderung. 

Bevor wir aber von dieser Bedeutung der Geschossstreuung sprechen, 
scheint es uns nötig, mit wenigen Worten der praktischen Friedens- 
übungen zu gedenken, welche vorgenommen werden, um die Eigenschaften 
der Feuerwaffe kennen zu lernen und um gleichzeitig die grösstmögliche 
Wirksamkeit des Feuers unter den verschiedenen Verhältnissen, welche 
im Kriege vorkommen können, annähernd festzustellen, zumal wir in der 
Folge wiederholt von diesen so gewonnenen Schiessresultaten zu sprechen 
haben w^erden. 



3. Die Bedeutung der modernen Schiessübungen. 

Ueber die Vernichtung, welche mit den vervollkommneten Waffen BedentuBg 
in den zukünftigen Kämpfen erzielt werden wird, sucht man meist durch untorscuede 
Vergleiche der technischen Unterschiede in der heutigen Bewaffnung mit A^budin« 
der Bewaffnung in den vorhergegangenen Kriegen ein Urteil sich zu ^«' Trappen. 
bilden, und Schlüsse werden durch viele Fachmänner gezogen, dass, je 
vollkommener die Waffen sein werden, desto weniger Ruhe die Kämpfenden 
bewahren werden, desto schlechter wird gezielt werden, die Verluste dem- 
nach annähernd dieselben bleiben werden. Es wird in den meisten Fällen 
jedoch der Unterschied, welcher zwischen dem Grade der Ausbildung, sowohl 
der allgemeinen intellektuellen wie der speziellen technischen der Truppen 
besteht, nicht in Anrechnung gebracht. 

Man vergisst leicht, dass heute der Gemeine fast durchgängig geistig 
mehr entwickelt ist, als es in früheren Zeiten die Mehrheit der Offiziere 
war. Ausserdem werden für die Ausbildung im Fechten und Schiessen Lehr- 
mittel gebraucht, welche in der Vergangenheit beinahe gar nicht in An- 
wendung kamen. Die Tum- und Schiessvereine sind Neueinführungen; 



44 



1. Die Feuerwaffen. 



die Anzahl der für die Einübung der Schützen zur Disposition ge- 
stellten Patronen ist eine unverhältnismässig grössere als in der Ver- 
gangenheit.» 

Die Bedeutung der grösseren Intelligenz und Einübung bei den 

heutigen Waffen, wo jedes Projektil auf Distanzen, auf denen sich das 

Gefecht hauptsächlich abspielen wird, bis 4 Mann treffen kann, und wo 

man für den Kampf durchbrochenes Gelände suchen wird, kann nicht 

Beispiele Iioch gcuug gcschätzt wcrdeu. Wir wollen auf folgenden vier Zeich- 

^legekiciStTf ^^"S^^ die Wirkung regelrechter und weniger regelrecht abgegebener 

und weniger Schüsse darstellen. 

regel reckt 

abgegebener 

H(^liüd9e. 









'1' ^ 



Bedeutung regelrechter und weniger regelrecht abgegebener Schüsse. 



In allen Heeren werden die grössten Anstrengungen gemacht, die 
Ausbildung der Infanterie in deren Hauptkampfmitteln auf die denkbar 
höchste Stufe zu bringen, und dies auf dem denkbar besten Wege. 



^) Das Munitions - Ausmaass für feldmässigas Schiessen an scharfen 
Patronen beträgt: 

im deutsehen Heere 45 

im österreichischen Heere 70—90 

im französischen Heere 82 

im italienischen Heere 83 — 88 

im russischen Heere 104 



^^^r 



Die Bedpatun^ dpr modernen SrhiesBübungen. 45 

Die Verhältnisse der Versnchsscliiessen und der Uebungen anf den 7"^^"^ 
Schiessfeldern und Polygonen werden das Laste Beispiel abgeben. «hiuMn 

Die Uebnngs-Polygone weiden so eingerichtet, dass sie eine mögliclist «•«'Te"«"- 
annähernde Vorstellnng geben von den verschiedenen Verteidigungsmitteln 
wie den Hindernissen flir die Truppen während des Marsches oder Haltens, 
beim Schiessen aas Geschötaen sowohl in der Feuerstellung als im An- 
fahren gegen Infanterie- nnd Kavallerie-Abteilungen, die sich in anf- 
(relöster oder in Massenformation halten u. s. w. Alles dies sind Verhält- 
nisse, welche die Art des Feuers nnd die TrefiFwahrscIieinliclikeit zu 
^ändern vermögen, welche aber in der Vergangenheit beinahe gar nicht 
berücksichtigt wuMen. 

Es ist angebracht, bezüglich dieser Fi'agen in gewisse Details ein- 
zugehen, die auf nachstehender Zeichnung des Polygons in Fontainebleau 
zur Darstellung gebracht sind.') l 



Verhältnisse des Versuchs- und Uebuiiff 



') Colone! Hennebert; „T^a Noture'' 1893. 



46 !• I^iö Feuerwaffen. 



pusiiflche Als Verteidigungsmittel oder als Hindernisse dienen z. B. auf dem 

der im^BraBt- t'ebungs-Polygon in Fontainebleau Brustwehren aus Erde und eine ge- 
*kom»eid7n^^^^^''^®"^ Kedoute mit gebrochener Linie, armiert mit nachgebildeten 
lebenden und Festungsgeschützen. Auf der Zeichnung ist diese Redoute mit dem 

toten Ziele. 

Buchstaben B bezeichnet. Weiter befinden sich auf dieser Zeichnung ein 
Dorf mit einer Kirche (A), ein Gehöft (H) und einige Wände anderer 
Gebäude. Das Dorf wird durch unangestrichene Bretter dargestellt, die 
Wände der Gebäude durch Bretter, die auf Stangen geschlagen und weiss 
angestrichen sind. Ihr oberer Teil ist roth angestrichen und soll den 
Kamm der Wand bezeichnen. Ein Rechteck von gelber Farbe stellt die 
Thiir dar. Für den Betrachter aus der Feme ist dies ein wahrei^ 
Panorama. 

Auch Truppen (einzelne Leute und ganze Truppenteile) werden stehend 
und sich bewegend dargestellt. Aus einem Brettchen von schwarzer Farbe 
ist die Figur eines knieenden Schützen ausgeschnitten; dieselbe ist an 
einer in die Erde eingeschlagenen Stange befestigt. Eine Reihe solcher 
Silhouetten stellt die Linie einer in knieender Stellung befindlichen 
Schützenabteilung dar, eine ebensolche Reihe, die unter dem roten 
Oberteil der Wand befestigt ist, stellt die Verteidiger der Befesti- 
gung dar. 

Drei dünne schwarze Bretter von 1,33 Meter Höhe sind so aufgestellt, 
dass das eine derselben sich gegen die anderen auf 30 Centimeter neigt. 
Dieses stellt einen Soldaten in voller Höhe neben den knieenden dar. 
Wenn man mehrere solcher Bretter vereinigt, so bringt man eine Reihe 
stehender Infanterie (D) zur Darstellung; löst man sie in eine Kette auf, 
so kann man sie der grösseren Anschaulichkeit halber mit alten üniform- 
stücken bekleiden. Ueberhaupt kann man durch verschiedene Grup- 
pieiTingen dieser Gebilde allerlei Truppenformationen zur Darstellung 
bringen. 
BewegHch- Um schuelle Veränderungen der Ziele zu bewerkstelligen, hat man auf 

Zielgebilde, dem Polygon drehbare Apparate mit Scheiben, welche eine Infanterie- 
abteilung vorstellen (C). Der Apparat ist folgendermaassen konstruiert : auf 
einer hölzernen Walze, deren Enden in hölzernen Röhren liegen, und die 
man mit Hilfe von Hebeln dreht, werden aus starkem *]isendraht gefertigte 
Konturen menschlicher Figuren befestigt, die mit einem schwarzen Ge- 
webe bekleidet sind. Diese Walze ist perpendikulär zur Schiessrichtung 
aufgestellt, befindet sich aber nicht auf der Oberfläche der Erde, sondern 
in der Tiefe eines Grabens, welcher den Querschnitt eines auseinander- 
gezogenen V hat. Auf diese Weise Averden vor den Schüssen sowohl 
die Walze als auch die Scheiben (Figuren) geschützt, bis die Drehung der 
Walze stufenweise das eine oder das andere Objekt in die Höhe bringt; 



Die Bedeutung der modernen Schiessübungen. 47 

sodann geben die Hebel der Walze eine neue Wendung, womit sich auf 
ihr eine neue Reihe von Scheiben erhebt. Diese werden von Leuten, 
Uie vor den Schüssen gedeckt sind, mit Hilfe von Drahtseilen verbessert 
oder abgenommen. 

Das Polygon in Fontainebleau hat 8 solcher drehbaren Apparate, 
deren jeder 20 Meter breit ist und eine Infanteriereihe vorstellt. 
Diese Apparate sind hintereinander auf einem Raum von 1800 Meter Tiefe 
placiert. Demnach kann man, wenn man den einen Apparat gleich hinter 
dem andern dreht, die Bewegung des Angreifers markieren, welcher 
fortgesetzt sprungweise vorgeht. So wird ein sich bewegendes Ziel ge- 
schaffen. 

Im Uebrigen sind hierfür auf dem Polygon auch noch andere Vor- 
richtungen vorhanden, um die ununterbrochene Bewegung eines Truppen- 
teils darzustellen. Eine solche bewegliche Scheibe (F) besteht aus einer 
Achse, die in zwei Blöcken oder zylindrischen Balken liegt. An der 
Achse sind vertikale Rahmen mit auf ihnen horizontal befestigten Stangen 
aufgesteDt, auf denen Figuren von Infanteristen oder Kavalleiisten 
befestigt werden. Mittelst eines Taues wird ein solcher Apparat von 
einem Pferde, das sich ausserhalb der Schusslinie befindet, vorwärts oder 
rückwärts gezogen. 

Für diese Apparate und ihre Bewegungen besteht ein besonderes 
Kommando. Da diese Operationen während des Schiessens erfolgen 
müssen, so befinden sich die betreffenden Mannschaften in besonderen, 
absolut sicheren Deckungen aus Stahl. Wir fügen hinzu, dass sich auf 
dem Polygon ein Telephon befindet, mittelst dessen über den Gang und 
die Resultate des Schiessens an maassgebender Stelle berichtet wii'd. 

Hauptmann J. Bihäli^) unterzieht der Vergleichung in den ver- 
schiedenen Heeren 

1. den Unterricht im Zielen, 

2. „ „ „ Anschlagen, 

3. „ ,, „ Abziehen, 

4. „ „ in den kombinierten Uebungen 

in verschiedenen Körperstellungen, „mit Bajonnet", auf Schiessgeschwindig- 
keit; es sind dies 4 Faktoren der Schiessausbildung, deren Resultate in 
einer, ihrem Werte nach aufsteigenden Ordnung (von I—IV) berechnet, 
folgendes Bild ergeben: 



3) „Die Schiess -Vorschriften der fünf bedeutendsten Heere Europas". 
Wien 1893. 



48 



I. Die Feuerwaffen. 



Im Heere 



Als Einzelresultate des Unterricht« 



im 
Zielen 



stufe 
I 

IV 
II 
III 
V 



im 
Anschlag 



Stofe 

I 
III 

II 
IV 

V 



im 
Abziehen 



Stafe 
I 

II 
IV 
III 
V 



in den 
kom- 
binierten 
Uebungen 



Stufe 
I 

III 
IV 
III 
V 



Als 

Gesammt^ 

resultat 

Einheiten 



4 
12 
12 
13 
20 



Italiens 

Erankreichs 

Russlands 

des deutschen Reiches . . . 
Oesterreich-Ungams .... 

Nach dieser üebersicht steht die Schiessausbüdung im österreichisch- 
ungarischen Heere am höchsten — der Verfasser ist ein östeiTeichischer 
Offizier, dies wird man im Auge behalten müssen — ; dass die Ausbildung im 
italienischen Heere auf der niedrigsten Stufe steht, darf bezweifelt werden. 



4. Geschossstreuung und Distanzbestimmung. 

Natürliches Beim Scliiesseu in einer und derselben Visierhöhe bewegen sich 

sogonaMten' die Gcschosse in Folge der Verschiedenheiten in den Gewehreinrichtungen, 

^Bün^dX ^^^ Unterschiedes in der Kraftäusserung der Ladung, vor Allem aber in 
Folge der Verschiedenheit im Zielen und im Eückstoss beim Abfeuern, 
nicht ausschliesslich in der ballistischen Fluglinie, d. h. der Kurve, welche 
der Richtung des Laufs der Gewehre entspricht, sondern bilden ein 
„Bündel". 1) Der Ausbreitungsraum der niederfallenden Geschosse hat 
das Aussehen einer sich in der Schusslinie ausdehnenden Ellipse. 

. ^^ *) Einen nicht unbedeutenden Einfluss auf die Abweichungen in der Schuss- 

der Schflne richtung hat auch der Seitenwind. Der Grrad dieser von den Entfernungen und 
durch der Heftigkeit des Windes abhängenden Abweichungen wird durch folgende 
den Wind, giffern ausgedrückt. 





Schwacher 


Mittlerer 


Starker 


Sfnrm 




Wind 


Wind 


Wind 


OtUl 111 


Entfernungen 












G e s c h w i 
6—8 Meter 

Me 


n d i g k e i t 

10—12 Meter 
te r 






3—4 Meter ! 


18—20 Meter 


Meter 




100 


0,03 


0,06 


0,10 


0,15 


300 


0,12 


0,30 


0,50 


1,00 


600 


0,45 


1,15 


2,15 


4,75 


1000 


1,45 


4,10 


8,00 


18,00 


1300 


•2,90 


8,25 


16,00 


36,50 


1500 


4,20 


12.00 


24,00 


54,00 


1800 


7,00 


20.00 


40.00 

1 


91,00 



Sehiessresultate des 7-Millimeter-Gewehres 

(System Mannlicher) 

auf dem Sehiessstand in Oberndorf im Februar 1895. 



Entfernung 300 Meter. 



Entfernung 500 Meter. 




Entfernung 800 Meter. 



Entfernung 1500 Meter. 



Gttschossstreuuug und DistanzbeEtimmung. 



49 



Praktische Versache lehren, dass die Länge dieser Ellipse, d. h. die 
äussersten Abweichungen von der geraden Richtung, teilweise von dem 
Grade der Schiessfertigkeit des einzelnen Mannes, dagegen nnr sehr 
wenig von der Distanz abhängen.^) 

•)DaspraktischoStudiiimderReaultacedo3triegsmäsHigenU6bung8gchie8aens "nipp'«- 
auf dem Polygon zerfällt jetzt in Beobachtungen zweierlei Art: die Bestimmung der coiciioMe 
Gruppierungen, welche die Geschossspuren auf Flachen, welche für die Aufnahme "' nicif 
aller abgefeuerten Geschosse ausreichen, bilden, und die Ermittelung derjenigen 
Zahl von Geschossen, welche in Scheiben verschiedener Grösse, den Formationen 
der Truppenteile aller Waffengattungen entsprechend, getroffen haben. 

So giebt z. B. die gekrümmte Fläche des Schiessens eine Gruppe von 
Flugbahnen, die sich in der Schussrichtung erweitern. Diese Gruppierung nennt 
man bsim Uebungaschiessen „Bündel", dessen Projektion auf der Schiessflächo 
folgendes Bild zeigt. 




Eine bestimmte Zahl der von einem Manne abgefeuerten Schüsse bildet ein 
„Bündel"* nach Form eines Homs, dessen Hals dem Schützen zugeAvandt ist. Bei 
dem Schiessen einer ganzen Abteilung hat das Bündel die Form einer Garbe. 

Der Vertikaldurchschnitt des Bündels in einem beliebigen Punkte giebt eine 
vertikale Gruppierung der Geschossspuren auf der Scheibe. 

Der Durchschnitt der Flugbahnen mit der Bodonflache bildet eine horizontale 
Gruppierung der von den Geschossen auf dem Boden gelassenen Spuren. 

Folgende Zeichnungen zeigen die Geschossbahn auf naher und weiter CeBcho.s- 
Entfernung. ^ ^^^ .......^ """•"' 



Geschossbahn auf nahen Entfernungen. 




GeschoHshnhn auf weiten EnlffimunK* 
«eh, D«! iDkGnrtige Krieg. 



50 



I. Die Feuerwaffen. 



^^^n""^^ Wenn man nur das „Herz" der beschossenen Fläche berücksichtigt, 

abgefeuerter d. h. den Gürtel, in den etwa 60 % der abgefeuerten Geschosse einschlagen, 
so bewegt sich dessen Länge zwischen 115 und 190 Meter. Für Gewehre 
kleineren Kalibers bedeckt nach französischen Mitteilungen (8 Millimeter- 
Kaliber, Mod. 1886) die grössere Hälfte der Schüsse bei der Visierhöhe 
auf 600 Meter auf dem Boden einen Streifen, dessen Länge zu beiden 
Seiten des Visierpunktes je 80 Meter beträgt. Da die Rasanz dieses 
Gewehres die Möglichkeit bietet, Ziele von Manneshöhe auf einer Aus- 
dehnung bis zu 620 Meter zu treffen, so kann bei einem Massen- 
schiessen und der Visierhöhe auf 600 Meter ein Ort wirksam auf einer 
Ausdehnung von 780 Metern beschossen werden (ein Resultat der gemein- 
samen Wirkung von Rasanz und Streuung). 

Demnach kann man sagen, dass beim Schiessen die Distanz von 
700 Metern die Grenze bildet, bis zu welcher man sich um das Messen der 
Entfernung nach einem Ziele von Manneshöhe nicht sonderlich zu bemühen 



Spnreunetz Um die Bedeutung, welche das Gesetz der Gescliossstrouung hat, deut- 

***' fn"^***" Hoher zu erklären, geben wir eine Zeichnung, welche im Durchschnitt die Bahn 

2400 Meter, der Geschossö und das Netz der von ihnen auf dem Boden hinterlassenen Spuren 

darstellt, und zwar beim Schiessen nach dem Ziel von 2400 Metern aus den 

französischen Gewehren Mod. 1874, deren ballistischer Wert etwa dem der 

Bordan-Gewohre gleichkommt. 




Durchschnitt der Geschossbahn. 



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Netz der Geschossspuren auf dem Boden. 



Wir sehen, dass, obgleich das Schiessen nach einem Ziele stattfand, dessen 
Entfernung bekannt war, so dass das Visier richtig gestellt werden konnte, 
dennoch die Geschosse schon bei 2100 Metern einzuschlagen begannen, also volle 
300 Meter vor dem Ziel; ein Teil derselben fiel 100 Meter hinter dem Ziel 
nieder und ausserdem wich die Geschossstreuung nach rechts und nach links 
bis zu 50 Metern ab. 



üeschosssbreuuDg und DislAnzbcstimniiiiig. 



Ijrancht. Für grössere Eutfemmigeu geben französische Versuche folgende 
Angaben'): 





Breite des GUrtels, 






Was den 


Entfernung 
in Metern') 


der 50 Vo Geschosse 
enthält, 


Länge 

der Trefflinie i 


Summa 
der Ijeiden 


Prozentsatz 




in Metern 




Treffzonen 


auamacht 


800 


110 


55 


165 


20 


1000 


100 


35 


136 


13 


1200 


88 


•24 


112 


9 


1400 


80 


17 


97 


7 


1600 


76 


13 


89 


5i 


1800 


74 


10 


84 


4t 


2000 


72 


8 


80 


4 



Hie graphischen Darstellung dieser Resultate giebt folgendes Bild: 

Entfemnng in Hetem. 



Lern (Trade, "•» ^< 
n Gewehre 
irnnng des 
1 treftbare 



Juan soiiie aenicen, aass i>ei einer so 
Baum, Aet von den Geschossen der verTollkommneten Waffe der kriegerische 

Kleinkalibergewehre in der Entfer- ^„, ,,, , , „,. ■_ 

nung getroffen wird, in Prozenten. Erfolg nicht mehr von den persönucheß 
Eigenschaften des Soldaten, der eigentlich 
nar zu einer passiven Kraft herabgedriickt wäre nnd das vorzügliche 
Todeswerkzeug einfach in Thätigkeit zu setzen hätte, abhängen werde. 
Es könnte scheinen, dass bei dieser Thätigkeit in Massen, bei der von 
Sekunde zu Sekunde sich wiederholenden Ueberschüttnng mit Geschossen 
eines Raumes, auf welchem dieselben eine Unzahl Opfer finden müssen, die 



') Omega: „L'art de combattrc". 
*) 1 Meter = ca. 1,4 Schritt, alsi 



1000 Meter = 1400 Schritt. 



52 !• I^»e Feuerwaffen. 



Persönlichkeit der Leute fast auf Null herabsinke und ihr Kampf auf 
dem Schlachtfelde fast völlig in einen Kampf mechanischer Kräfte, 
welche nur zufällige Resultate heiTorbringen, verwandelt werde. 

In Wirklichkeit pflegt dies jedoch nicht ganz so zu sein. 

Fortdaaernde Vor Allem trefifeu die Geschosse auch bei den neuen Gewehren, wie 

des^richtigel wir dics bereits ausgeführt haben, nur auf einer gewissen Ausdehnung. Die 

Khf^M ^ßtroffene Fläche nimmt mit der Entfernung zu, die Zahl der Geschosse 

auf bestimmter Fläche ab. Die Bestimmung der Entfernung vom 

Feinde ist daher auch bei Anwendung des neuen Gewehres 

von ausserordentlicher Wichtigkeit. 

Nichts aber ist schwieriger als das richtige Schätzen der Distanz, 
nichts weniger verlässlich als das Auge! Weder Uebung noch in- 
strumentale Distanzmesser können Fehlerlosigkeit garantieren. 

Beispiel In Sewastopol war es im Laufe von zwei Monaten unmöglich, mit 

""^"iicw ™ ^^^ Fernrohr Distanzen von 1000 bis 1200 Metern zu bestimmen, weil das 

DiBtanx- Einschlagen der Projektile nicht sichtbar war. Im Laufe von drei Monaten 

schätzang 

während der war es uumögUch, nach den Schiessbeobachtungen, obgleich man genau 
Beiageran? ^^^j^ ^^^ Reglement verfuhr, die Entfernung einer Batterie.zu bestimmen, 
Sewastopol, -yvelche nuv 500 Meter entfernt war und einen einzelnen Hohlweg be- 
herrschte. Nach zwei Monaten hatte man zwei auf 500 Meter ab- 
gefeuerte Treffer beobachtet. Diese Distanz wurde allseitig auf reichlich 
1000 Meter geschätzt, während sie in Wirklichkeit nur 500 Meter betrug, 
was sich nach Einnahme der Stadt bei Aenderung des Beobachtungspunktes 
deutlich ergab, ö) 

HiifamitM Das einfachste Hilfsmittel ist die Schrittmessung. Bei einiger Hebung 

*"" [|j|[**[r° und der Fähigkeit, Irrtümer zu korrigieren, kann man auf diese Weise 
scbftteen. Entfernungen bis auf V50 oder bis 2% genau bestimmen. Wenn die Ent- 
fernung nicht durch Schritte auszumessen ist, so berechnet man dieselbe 
nach den Durchschnittsziffern kleinerer Entfeniungen, welche in einer 
gewissen Anzahl von Minuten durchmessen werden können. 6) Aber die 
Praxis zeigt, dass hierbei Irrtümer bis zu V4 der ganzen auszumessenden 
Entfernung mit unterlaufen. 

Die Distanzschätzung nach dem Grade der Sichtbarkeit des Gegen- 

*) A. K. Pusyrewski: „Erforschung des Kampfes nach dem Werke des 
Obrist de-Pick". Warschau 1893. 

®) Gewöhnlich nimmt man an, dass ein Mensch in der Minute 93 Meter 
macht, in einer Stunde 4,3 Kilometer, ein Pferd in der Minute 96 Meter, in einer 
Stunde 5,4 Kilometer im Schritt, im Trab in einer Minute 240 Meter, in einer 
Stunde 10,7 bis 12,8 Kilometer. 



Geschossstreuulig und Distanzbestimmutig. 53 

Standes ist das rationellste von allen Mitteln, die Entfernung durch 
Augenmaass zu bestimmen. 'O 

Bei Bestimmung des Grades der Genauigkeit einer Entfeiiiungs- 
schätzung durch Augenmaass wrd gewöhnlich angenommen, dass „der 
wahrscheinliche Irrtum einer Distenzschätzung durch Augenmaass 15% der 
wirklichen Entfernung beträgt". Nach den in der russischen Armee be- 
stehenden Bestimmungen über die Anforderungen an die Leistungen der 
Truppen im Distanzschätzen nach Augenmaass wird die Ausbildung für 
gut befunden, wenn die Irrtümer bezüglich der wirklichen Entfernung 
10% und weniger betragen, s) 

Hieraus ist ersichtlich, dass die Genauigkeit der Methode, Distanzen Die nisunz- 
nach Augenmaass zu bestimmen, nicht sehr gi'oss ist; nur für mittlere l^n«^ 
Entfernungen, welche 1000 Schritt nicht übersteigen, kann man den wahr- ^'**^'^jj"JJ^" 
scheinlichen Irrtum auf nicht über 10% annehmen. Eine grössere Ge- 
nauigkeit der Bestimmung lässt sich praktisch nicht erzielen, weil der 
Irrtum in den Grenzen zwischen 7 und 66 % der Distanz schwankt. 
Folglich darf man niemals von der Richtigkeit der erhaltenen Bestimmung 
sich für überzeugt halten. 9) 



Dasselbe ist in der französischen und italienischen Armee angenommen, Element« 
wobei der Gang der Ausbildung in beiden Heeren fast der gleiche ist Die Benrteiiang 
Klarheit, d. h. der Grad der Deutlichkeit des Gegenstandes und seiner Bestand- der 
teUe vermindert sich mit der Entfernung. Dietimzen. 

Wenn die DeutHchkeit des Gegenstandes sich streng proportional der Ent- 
fernung ändern würde und nicht durch Nebenwirkungen beeinflusst wäre, so 
liessen sich, bei diesem Hilfsmittel leicht Eegeln für die Bestimmung der Ent- 
fernungen durch Augenmaass aufstellen. 

In Wirklichkeit aber sind die Momente, welche die deutliche Sichtbarkeit 
eines Gegenstandes bedingen, sehr veränderlich. Der Grad der Beleuchtung des 
Gregenstandes, der Hintergrund, auf welchen er sich projiziert, atmosphärische 
Verhältnisse, die Stellung der Sonne zum Gegenstande und zur Person, welche 
die Entfernung bestimmt, die Jahreszeiten, der topographische Charakter der 
Oertlichkeit, die Bebauung derselben, — alles dies sind Umstände, die auf den 
Grad der Deutlichkeit eines Gegenstandes grossen Einfluss haben. 

*) M. Jerogin: „Schützen-Distanzmesser". 

') Ausser der Distanzschätzung durch Augenmaass existiert noch die Seh&tznng 
Methode, Entfernungen nach dem Schall der Schüsse, vorzugsweise solcher von ^^^ 
Geschützen zu bestimmen. nach 

Bei einer Temperatur von 0*^ R. und bei Windstille durchläuft der Schall ^«^ Schaii. 
in der Sekunde 333,3 Meter. Die Geschwindigkeit des Lichtes dagegen ist im 
Vergleich zu der Geschwindigkeit des Schalles sehr gross (etwa 302 000 Kilometer 
in einer Sekunde), so dass bei kleinen Entfernungen von wenigen Kilometern das 
Erscheinen eines Lichtstrahles momentan bemerkt wird. Hieraus ergiebt sich, 
dass, wenn man die Zeitspanne zwischen dem Momente der Rauch orscheinung 
und dem Momente, in welchem der abgefeuerte Schuss hörbar wird, berechnet, 



54 L ^iö Feuerwaffen. 



Von welcher Bedeutung dieser Umstand aber ist, erhellt daraus, 
dass beim Schiessen auf 1000 Meter Distanz, wenn man die Streuung der 
Geschosse nicht in Betracht zieht, der bestrichene Raum nur 136 Meter, 
d. h. 13% der Entfernung, bei 2000 Meter Distanz aber gar nur 4% 
derselben beträgt. 



5. Vergleich der Durchschlagski^aft der Geschosse. 

Die erhöhte Die Gcschosse aus den neuen Gewehren sind nicht nur deshalb ge- 

BphfaTdTr fahrbringender, weil sie auf grössere Entfernungen treffen, sondern auch 
fuTneu"^ deshalb, weil ein und dasselbe Geschoss auf nahe Entfernung gegen B Mann 
Gewehren, kampfunfähig macheu kann, und noch 2 bis 3 Mann bei 800 bis 1200 Metern 
Entfernung trifft. Hieraus folgt, dass ein Vordringen in Kolonnen von 
weit grösseren Verlusten begleitet sein muss als das Vordringen in einer 
Reihe. Grosse Verluste werden natürlich nur in dem Falle stattfinden, 
wenn der Kampf auf einem ebenen, der Deckungen ermangelnden Terrain 
vor sich geht. Einer der Gegner wird natürlich immer ein solches Terrain 
zu wäMen suchen, wie die Beispiele der Schlachten bei Problus, Mars la 
Tour, St. Privat und Loigny zeigen, welche auf Flächen von 16 Kilometer 
Ausdehnung vor sich gingen, i) Betrachten wir die Bedeutung dieses 
Faktors etwas näher. Bei den Proben über die Durchschlagskraft der 
Geschosse wird gewöhnlich angenommen, dass ein Geschoss, welches ein 
einzölliges Fichtenbrett durchschlägt, genügende Kraft hat, um einen 
Mann oder ein Pferd aus der Schlachtlinie zu beseitigen (zu töten oder zu 
verwunden). 

Professor Pawlow giebt folgende Daten über piketweise angestellte 



dieses in Sekunden ausgedrückte und mit der Schallgeschwindigkeit multipli- 
zierte Intervall die Entfernung bis zu dem Punkte angiebt, von dem aus der 
Schuss ertönte. 

Aber auch bei der Bestimmung der Entfernung nach dem Schall ist Ge- 
nauigkeit nicht leicht zu erzielen, da die Schallgeschwindigkeit keine bestimmte 
Grösse bildet, sondern von verschiedenen zu berücksichtigenden Verhältnissen 
abhängt, wodurch die Sache natürlich kompliziert wird. Dafiir ist dieses in der 
Nacht einzige Hilfsmittel für die Distanzbestimmung sogar genauer als diejenigen, 
welche am Tage angewendet werden. Die liauchschwachheit des Pulvers hat 
hierauf keinen Einfluss und die Wahrscheinlichkeit, dass nächtliclie Kämpfe im 
künftigen Kriege häufiger eintreten werden, erhölit noch den Wert des Distanz- 
schätzeiis vermittelst der Differenz in der Licht- und Schallgeschwindigkeit. 

Hoenig: „Untersuchungen über die Taktik der Zukunft". 



Vergleich der Durchschlagskraft der Oeschosse. 



65 



Schiessprolien') gegen einzöllige Fichteübretter; aus diesen Versuchen ist 

ersichtlich, welche Dnrchschlagskraft die alteji nnd neuen Gewehre haben : *" 

Das neue 

Gewehr (Gesclioss mit 

Melcliiorbekleidung) 

Bretter 



Das 
BerJan-Gewehr 



Meter 
auf 1680 

„ 480 



Bretter 



2 bis 



Das Berdan-Gewehr 



1 l>iä 3 

3 n 15 



ider Versuch 
wurde zu anderer 
Zeit und mit einer 
kleineren Anzahl von 
Geschossen gemacht, 
{durchschnittlich 
33 bis 33 einzöllige 
Bretter. 
iB neue Gewehr 



Hieraas ist ersichtlich, dass die Anzahl der Bretter, die durch Projektüe 
aus dem Berdan-Gewehr durchschlagen werden, schon bei 480 Metern 
nicht gross ist, nnd dass im Allgemeinen das Mantelgeschoss eine weit 
beträchtlichere Anzahl von Brettern durchschlägt. Die Durchschlagskraft 
wächst mit der grösseren Nähe des Zieles. 

Was die Tiefe des Geschoss-Eindringens in kompakte Holzstüeke 
betrifft, so ergeben angestellte Versuche folgende mittlere Eindriugungs- ''^^ 
fähigkeit der Geschosse: '"^ 

bei dem Schiessen auf längliche Balken (Lagerbalken) 

mit dem mit dem 

Berdan-Gewehre neuen Gewehre 

auf 480 Meter 14,0 Centimeter 71,5 Centimeter 

„ 160 „ 19,9 „ 123,6 

') „Ueber die Bedeutuog der Bewaffnung der Armee mit dem Klein- 
kolib erge wehr". 



I. D[e Feuerwaffen, 



bei dem Schiessen anf Querbalken 

mit dem 
Berdan-Gewelire 
auf 480 Meter 11,4 Centimeter 



160 



1B,B 



mit dem 
neuen Gewehre 
46,8 Centimeter 
75,6 



^ Der gewaltige Unterschied in der Dnrchschlagsfähigkeit der Gfeschosse des 
nenen Gewehres nnd des Berdan-Gewehres erklärt sich dadurch, dass der 
Druck, der sich im Kanal des Gewehrlaufes beim Entzünden des rancb- 
schwachen Pulvers moderner Gewehre entwickelt, auf 2600 Atmo- 
sphären (für das Lebel -Gewehr) berechnet wird, während der mittlere 
Druck der Pulvergase im Laufe des Berdan-GEewehres nur 1500 Atmosphären 
gleichkommt, 
.r Wichtig ist es auch, dass die neuen Projektile eine Stahtamhüllung, 

ii, gleichsam eine Panzerung') besitzen, die es bewirkt, dass das Geschoss 
Holz durchdringt, ohne plattgedrückt zu werden, wenn es nicht im Holze 
auf einen Ast stösst, während die einfachen Bleigeschosse bei dem Anprall 
auf harte oder leicht zerfallende Gegenstände platt gedrückt werden und 
eine pilzähnliche Form annehmen.*) 



*) Zum Vergleiclie geben wir e 
und des neuen russischen Gewehres. 



i Abbildung der Patronen des frülieren 




*) Abbildung von Veränderungen abgefeuerter Gescliosse. 



Form der Oeschosse 
nacli dem Aufacldag. 



(Früheres Gescihosa.) 



Verschiedene Gesehoss-Typen. 



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1. Geschoss mit mehreren Spitzen oder Ecken. 

2. Geschoss mit Spirale. 

3. Geschoss mit Stahlspitze. 

4. Explosiv-Geschoss. 

5. Segment-Geschoss. 

6. Präzisions-Geschoss. 

Geschosse in halber Grösse: 

1. Deutschland, Gewehr Modell 88. 

2. England, Gewehr Lee-Metford von 1889. 

3. Oesterreich, Mannlicher-Gewebr 1889. 

4. Belgien, Maaser-Gewehr Modell 1889. 

5. Dänemark, Gewehr Krag-Jorgenson Modell 1889. 

6. Spanien, Gewehr Freier-Bruhl 1871—1889. 

7. Spanien, Mauser-Gewehr 1892. 

8. Frankreich, Chassepot-Gewehr 1866. 

9. Frankreich, Gewehr Gras 1874. 

10. Frankreich, Lebel-Gewehr 1886. 

11. HoUand, Gewehr Beaumont-Vitali 1871—1887. 

12. Holland, Mannlicher-Gewehr 1892. 

13. Italien, Gewehr Vetterli-Vitali 1870-1887. 

14. Italien, Mannlicher-Gewehr 1892. 

15. Norwegen, Gewehr Jarmann 1885. 

16. Rumänien, Mauser-Gewehr 1892. 

17. Russland, 3-Linien'Gewehr 1891. 

18 Schweden, Remington-Gewehr 1867—1889. 

19. Schweiz, Gewehr Rubin-Schmitt 1889. 

20. Türkei, Mauser-Gewehr 1889. 



Durchschnitt des Gewehrs und der Pistole System Männlicher. 



Die Kleinkalibergewehre im chilenischen Kriege. ,57 



Es ist natürlich, dass auch die Kraft der neuen Geschosse, zu ver- 
wunden, eine ganz andere sein wird, wie die der früheren. 

Nach Dr. Bruns durchschlägt das Projektil auf 100 Meter vier 
bis fünf Glieder, wenn es auch die härtesten Menschenknochen zu durch- 
schlagen gehabt hatte; auf 400 Meter verwundet es drei bis vier, auf 800 
bis 1200 Meter immer noch zwei bis drei Glieder. 0) 

Häufig werden die Mantelgeschosse deformiert — es entstehen 
Stauchungen und allerlei Formen von Spaltungen und Zerreissungen, 
wie die beigegebenen Abbildungen zeigen. ß) Die alsdann erzeugten 
Beschädigungen bedingen viel schwerere Verletzungen. 



6. Die Kleinkalibergewehre im chilenischen Kriege. 

Die Kleinkalibergewehre sind bis jetzt im Kriege nur unter anormalen ^*« ver- 

Wendung der 

Verhältnissen zur Verwendung gelangt. . xieinkauber- 

Während des Bürgerkrieges in Chile im Jahre 1891 war eine Brigade i« "^rflge 
der Konstitutionstruppen mit Gewehren des Mannlicher-Sy stems (8 MiUi- ^"^i^"/^*^ 
meter-Gewehr, Mod. 1888) ausgerüstet, aber diese Truppen bestanden der »eiben. 
Mehrzahl nach aus unausgebildeten Leuten, die man in aller Eile, etwa 
zwei Wochen vor dem Ausbruch des Krieges, zusammengebracht hatte 
und kurze Zeit darauf verwendete. 

Auf 9926 Kombattanten kamen 3446 Stück solcher Gewehre, und 
der Gegner, d. h. die Truppen des Diktators, hatten in den zwei Schlachten 
bei Concon und Placilla einen Verlust von 1774 Toten und 3237 Ver- 
wundeten, d. h. insgesamt einen Verlust von 6011 Mann.i) 

Die Besichtigung der Verwundeten und Toten ergab, dass in dem 
Heere des Diktators von je 100 Getroffenen 66 durch Kugeln aus dem 
Mannlicher-Gewehr getroffen waren, wovon man sich leicht aus der Form 
und Beschaffenheit der Wunden überzeugen konnte. 

Obgleich also unter den verwendeten Gewehren nur ein Drittel Hindert 

^ Kleinkaliber 

neue waren, so kam doch auf dieses letztere die Hälfte der Treffer, 2) brachten 

82 Mann 
ausser Oe- 

*) Doktor Bruns: „Die Geschosswirkung der neuen Kleinkaliber- ^Gewehre" 
gewahre". 1889. bioa 34. 

ß) „Ueber die Wirkung und kriegschirurgische Bedeutung der neuen Hand- 
Feuerwaffen". Berlin 1894. 

^) „Die Entscheidungskämpfe im chilenisclien Kriege 1891. Nach amtlichen 
Berichten". Wien. 1892. 

') Coumes: „Tactique de demain". 



58 1. Die FeuerwafPen. 



d. h. mit 344ß neuen Gewehren wurden 2806 Mann getroffen. Die 
durch Kleinkalibergewehre verursachten Verluste betrugen demnach über 
82 %, oder anders ausgedrückt, je 100 mit dem neuen Gewehr bewaffnete 
Soldaten setzten 82 Mann der Gegner ausser Gefecht. Dui^ch die übrigen 
6479 Gewehre wui'den 2205 Mann kampfunfähig gemacht, d. h. je 100 mit 
alten Gewehren ausgerüstete Soldaten setzten 34 Gegner ausser Gefecht. 
Growes Was das Zahlenverhältnis der Getöteten zu den Verwundeten 

verMUnia anbetrifft, so berechnet Dr. Habart, 3) dass in der Schlacht bei Concon in 
«ewteton ^^^ Armee Balmacedas, gegen welche neue Gewehre zur Anwendung kamen, 
das Verhältnis der Toten zu den Verwundeten ein gleiches, in der Schlacht 
bei Placilla dagegen 1 : 2,57 war. Uebiigens sei bemerkt, dass den deut- 
lichsten Beweis der hervorragenden Bedeutung verbesserter Gewehre 
die Schlacht von Königgrätz (1866) liefert, wo sich das Verhältnis der 
Toten und Verwundeten preussischer zu österreichischer Seite wie 1 : 2,7 
herausstellte. 

Wenn wir annehmen, dass das Verhältnis der im chilenischen Kriege 
Getöteten für den Gesamtverlust bei beiden Gewehrsystemen das gleiche 
war, so erhalten wir folgendes Bild. 4) 



Durch Gewehre fiüheren Systems 



Durch Mannlicher-Q-ewehre . 




Zahl der Verwundeten und Gretöteten auf je 100 Gewehre. 

Demnach war die Wirkung des Kleinkalibergewehrs, obwohl sich 
dasselbe in den Händen der Soldaten erst kurze Zeit befand, eine un- 
geheure. Ein Augenzeuge erzählt: 
Beispiel „Das Salvenfeuer und selbst das Einzelfeuer vermochte auf 480 und 

weiieichend. «elbst auf 800 Meter das Feld zu säubern und den Angriffsoperationen 
3^10™ ^^^ Feindes Halt zu gebieten. Nach Aussage von Gefangenen, die auf 
Wirkung des dem Schlachtfeldc befragt wurden, brachte das auf 600 Meter gegen 
gewehres^r Schützen, welchc sich in aufgelöster Formation am Ufer des Flusses 
Aconcagua bewegten, gerichtete Feuer noch unter den 1000 bis 
1600 Meter hinter der Schützenlinie postieiien Reserven Verwirrung 
hervor." 



*) Hoenig: „Untersuchungen über die Taktik der Zukunft". Auflage 1894. 
*) Im Kampfe waren: 3446 Manul icher-Gewehre + 6479 Gewehre früheren 
Systems = 9925 Gewehre. Getötet wurden 1774, verwundet 3237 Mann, und 
zwar durch die neuen Gewehre durch die alten Gewehre 

getötet 993 = 29 o/o 781 = 12 o/o 

verwundet 1814 = 53 o/o 1423 = 22 o/o. 



Die Kleinkalibergewehre im chilenisclien Kriege. 59 



„Der durch die Schnelligkeit und Treffsicherheit des Gewehrfeuers 
erzielte Eindruck war entsetzlich; unter den Truppen des Diktators 
wurden gleich nach der ersten Scldacht Aeusserungen laut, dass sie sich 
nicht weiter schlagen würden, dass es den Soldaten ganz gleich wäre, auf 
der Stelle niedergeschossen oder vom Feinde wie eine Kaninchenheerde 
vernichtet zu wei-den. Von den 10000 Mann, die Balmaceda am 21. bei 
Concon hatte, nahmen an der Schlacht bei Placilla nur noch 2000 bis 
3000 Mann Teil, und auch diese liefen sofort auseinander, sobald der 
Feind das P'euer aus einer Entfernung von 1000 bis 1200 Metern eröffnete. 
Umgekehrt hatten die Konstitutionstruppen in der Schlacht bei Concon 
ein solches Vertrauen zu ihrer Waffe gewonnen, dass sie in derselben 
gleichsam einen Talisman zu besitzen glaubten und einem weit zahl- 
reicheren Feind kühn entgegen gingen."*) 

Da diese Resultate hier und da angezweifelt werden, so kommen 
wir bei Auseinandersetzung der vorkommenden Verluste nochmals darauf 
zurück. 

Bei der Treffweite der neuen Kleinkalibergewehre wird es schliess- wegen 
lieh schwer, ja vielleicht ganz unmöglich werden, die Reserven bis auf Treir bereichs 
2000 Meter an die Schützenlinie heranzuholen. Dieser Umstand kann auf jj^,^^^^j.^^^ 
die Kampftaktik von grossem Einflüsse sein, umsomehr, als die Projektile gewehre« 
des heutigen Kleinkalibergewehres, wie bereits gesagt, selbst auf 1200 Meter gteiung der 
Entfernung noch einige hinter einander postierte Linien durchschlagen, f^n?» 
was schon allein die von ihnen hervorgebrachte Wirkung erklärt. ^von^t^' 

Hoenig führt beispielsweise folgenden Fall an: bei Nürschan (ani ,.^j**^J°^"^^ 
20. Mai 1890) gab ein Kommando von 16 Mann auf 30 bis 80 Schritt weiben 

mflssen. 

Entfernung fünf Salven auf Arbeiter ab (grösstenteils wohl in die Luft). 

Hierbei trafen 10 Kugeln in die Masse und erzielten 32 Treffer, 
so dass ein Geschoss 3 bis 4 und auch 5 Mann traf Sieben Personen 
blieben auf der Stelle tot, sechs starben nach einigen Tagen, die übrigen 
genasen. 6) 

Der Vergleich des Zifl'ernverhältnisses der Getöteten zu den Ver- 
wundeten in den verschiedenen Kriegen seit dem Krimkriege giebt 
folgende Resultate: 7) 



*) Diese Stelle ist dem Werke von Coumes : „Tactique de demain" entlehnt, 
welcher die Beschreibung eines Augenzeugen der Sclilacht aus dem „Progres 
Militaire" wiedergiebt. 

*) Hoenig: „Untersuchungen über die Taktik der Zukunft". Berlin 1894. 

B. Pawlow: „üeber die Bedeutung der Umbewaffnung der Armee mit 
den Kleinkalibergewehren". 



6Ö 



1. Die Feuerwaffen. 



Yerh&ltnis Einfluss der Beschaffenheit der Feuerwaffe auf das Verhältnis 
Ge^toten ^^^ Getöteten zu den Verwundeten. 



SU den 
Yermindetei 


i 






Auf je 100 Getroffene 


in den ver- 






■ 






schiedenen 




Getötet 


Verwundet 


getötet 


verwundet 


Kriegen. 








Vo 


«/o 




Im Krimkriego (1854-1856): 












bei den Franzosen . . . 


8250 


39000 


17,5 


82,6 




bei den Engländern . . . 


2755 


12094 


18,6 


81,4 




lui italienisch. Kriege (1859): 












bei den Franzosen . . . 


2536 


17054 


13,0 


87,0 




bei den Oesterreichern . . 


5 400 


26 000 


17,2 


82,8 




lui nordamerikanisch. Kriege 












(1861-1865) 


44 238 


278 886 


13,7 


86,3 




(nach Fischer) 


111312 


507 917 


18,0 


82,0 




Im deutsch - französischen 












Kriege (1870-1871): 












bei den Deutschen . . . 


17 572 


94764 


15,6 


84,4 




Im russisch-türkisch. iLriege 












(1877-1878): 












in Bulgarien in der russi- 












schen Armee .... 


11905 


43 386 


21,5 


78,5 




Im chilenischen Kriege (1891): 












bei den Truppen des Dik- 












tators 


1774 


3 237 


35,4 


64,6 




bei den Konstitutions- 












truppen 


701 


1658 


29,7 


70,3 



Wie diese Tabelle zeigt, betrug bis zum chilenischen Kriege die 
Ziffer der Getöteten 13% bis 21,6% der Gesamtzahl der überhaupt 
Getroffenen. Erst im chilenischen Kriege gestaltete sich bei den Truppen 
des Diktators, die teilweise (34%) dem Feuer des Kleinkalibergewehres 
ausgesetzt waren, das Verhältnis der Getöteten zu den Verwundeten 
wie 36 zu 66, während dasselbe bei den Konstitutionstruppen, gegen 
welche alte Gewehre in Vei-wendung gekommen waren, gleichfalls wie 30 
zu 70 war. 

Wären sämtliche Konstitutionstruppen mit Mannlicher - Gewehi-en 
Zfthi der ausgerüstet gewesen, so würde unter gleichen Verhältnissen die Differenz 
Getöteten nicht 6,7%, soudem 19,77 % betragen haben, d. h. im Gesamtverluste der 

in künftigen 

Kriegen. Truppcu dcs Diktators würde die Zahl der Getöteten der Zahl der Ver- 
wundeten fast gleichgekommen sein nämlich 49,4% der Kämpfenden be- 
tragen haben. 

Wenn man die oben angeführten Angaben der in den 6 letzten 
Kriegen Getöteten und Verwundeten graphisch darstellt, so tritt noch 



Wahr- 
scheinlicbe 



Die Kleinkalibergewehre im ohilenisehen Kriege. Ql 

deutlicher hervor, um wieviel die neuen Gewehre trotz ihi-es kleinen 
Kalibers gefährlicher sind als die frühereu Gewehre. 



Diese Angaben leiden allerdings an dem Mangel, dass in ihnen die 
Verletzungen dnrch Artilleriegeschosse und durch die blanke Waffe mit 
eingeschlossen sind, dadurch aber ändert das BUd sich nicht wesentlich, 
da die überwiegende Zahl der Verletzungen, wie dies später gezeigt 
werden soll, durch Infanteriefeuer erfolgt. 



62 



I. Dip Feuerwaffen. 



«wX"!.- 7. Geschoss Wirkungen aus Gewehren verschiedener 

zahl der Yer- 

wnnduagen TVPBD. 

durrh ein *' ^ 

""m»"«i* ** Wir haben schon hervorgehoben, dass die Perknssionskraft der neuen 

geschoss. Geschosse mit Umhüllungen, der sogenannten Mantelgeschosse, bei An- 
wendung des rauchschwachen Pulvers die Kraft der früheren Projektile 
bedeutend übertrifft und dass die neuen Geschosse hierbei weit weniger 
ihi'e Form verändern. 

Es ist demnach sehr natürlich, dass ein und dasselbe Geschoss 
mehrere Verletzungen hervorbringen kann. 

Dr. Bruns^) giebt folgende Ziffern über das Treffen ein und desselben 

Entfernung Anzahl der Verletzungen 
100 Meter 4 bis 5 Mann 



400 
von 800 bis 1200 Metern . 



w 



>* 



• • 



2 „ 3 



»< 
M 



Grapliisch ausgedrückt, erhalten wir hierfür folgendes Bild 



Minimum 



Entfernung 
in Metern 



Maximum 




Anzahl der Verletzungen durch ein Projektil. 



darch- 

schlagen 

haben. 



Gefährlich- Hoenig^) bestätigt es, dass die in Frankreich mit dem Lebel- 

keifc der 

Verletzungen Gewehre uud in Oesterreich mit dem Mannlicher-Gewehre angestellten 
GelchoMe, Pfobeu dicselbeu Resultate ergeben haben. Weiter führt derselbe, auf 
welche be- ^^YiQ Arbeit des Dr. Habart gestützt, eine ganze Reihe von Fällen aus 

reite Körper 

der Praxis an, welche darthun, dass ein und dasselbe Geschoss 3 bis 
4 Mann verwundet, dass tötliche Verletzungen noch bei Entfernungen 
von 2400 Metern vorkommen und dass die weiteren Verletzungen durch 
Geschosse, welche bereits einen menschlichen Körper durchschlagen 
haben, von einer den ersten Verletzungen gleichen Gefähi'lichkeit sind. 
Viele Sachverständige erklären jedoch, dass die durch KleinkaJiber- 
geschosse verursachten Wunden durchaus weniger gefahrlich und leichter 
heilbar sein werden als es die früheren waren. Nach dem deutschen 
„Militär -Wochenblatte'' sind die durch das Mannlicher-Gewehr verursachten 

*) Dr. Bnnis: ,,Die Geschosswirkung derneiien Kleinkalibergewehre^'. 1889. 
2) ,,Untersiichimg(^n über die Taktik der Zukunft". 



Geschosswirkungen aus Gewehren verschiedener Typen. 63 



Wunden entweder unbedingt tötlich oder heilen ohne jede Komplikation und 
sind von Schmerzen nicht begleitet. Es sei vorgekommen, dass die Knochen 
durch Kugeln sogar aus grossen Entfernungen durchlöchert worden seien, 
aber die Heilung der Durchbohrung sei glatt verlaufen, die Wände der 
Oeffnung seien nicht zerrissen worden, das Blei sei nicht in der Wunde 
geblieben, welch letzterer Umstand die Schwere der Verwundung gewöhn- 
lich vergrössere. 

Unter dem Eindrucke des merkbaren Unterschiedes zwischen den Kann d. neue 

. Kleinkaliber- 

durch alte und neue Gewehre verursachten Verwundungen hat sich dertjewehr oine 
Terminus „humane WaiFe" gebildet, aber praktische Proben mit dem ^"^ "^^n^**^* 
neuen Gewehre haben gezeigt, dass man die Wunden, welche die neuen ''erden? 
Mantelgeschosse bewirken, durchaus nicht „human*' nennen kann. desoinVrai- 

Zu Bielsk in Oesterreichisch-Schlesien wurden bei Unruhen 18 Per- subsantes 

Professoni 

sonen durch Geschosse aus Mannlicher - Gewehren verwundet. Man Dr. v. coier. 
brachte die Verwundeten sofort ins Hospital, wo ihnen alle mögliche ärzt- 
liche Hilfe zu Theil wurde. Aus dem Berichte hierüber ist es ersichtlich, 
dass die Pflege der Verwundeten und die Verhältnisse, unter denen sich 
dieselben befanden, derartig waren, wie sie auf dem Schlachtfelde kaum 
zo erzielen sein würden. Trotzdem starben vier der Verwundeten. 

Eine Erklärung für diese Erscheinung kann man in einem auf Ver- ^*««j^|'^n 
fügung des französischen Kriegsministeriums im Jahre 1888 veröffentlichten tnmimschen 
Gutachten der französischen Medizinischen Akademie finden. 3) Wenn jX^lmZ 
der Schuss auf eine nähere Entfernung als 300 Meter erfolgt war und 
besonders bei einer noch geringeren als 200 Meter, so waren an den 
AVunden Explosivspuren wahrnehmbar — ein Zerreissen. der weichen 
Teile, wobei eine zuweilen sogar ausserordentlich starke Durchlöcherung 
der Muskeln stattfand; auch die Knochen waren, was jedoch nicht immer 
der Fall war, beschädigt; wo der Schuss bei der grössten Fluggeschwindig- 
keit traf, waren die Knochen unbeschädigt. Wenn aber das Geschoss 
eine, wenn auch nur kleine Veränderung in seiner Form erleidet, wenn 
der Mantel zerreisst und der Kern sich in Stücke zerteilt, ^welche in der 
Wunde stecken bleiben, so wird die Gefahr und die Qual, welche die 
neuen Projektile verursachen, eine andere. 

Da aber bei der ausgezeichneten TreftTähigkeit der modernen Ge- 
wehre sowie der entscheidenden Bedeutung des heutigen Feuergefechtes 
die Schützenlinien auf möglichst nahe Entfernungen heranzukommen 
gezwungen sein werden, um den Feind zu verjagen, so wächst damit 
auch die Wahrscheinlichkeit schwerer Verwundungen.^) 

') Coumes: „Tactiqiie de demain" 1891, S. 675 u. 676. 

*) „Archives de in<^dccine et de phannacios militaires pubJieos par ordre 
du ministro de la guerro". Bd. XII. 1888. 



64 ^' ^^^ Feuerwaffen. 



Neueste Untersuchungen haben aber leider bewiesen, dass auch auf 
grössere Entfernungen die Verwundungen nicht weniger schwer sein 
werden. 

^ikihkdt*" ^^ ^^® neuen Geschosse auch auf grössere Entfernungen (bis zu 

bedeatender 1500 Metern) deu menschlichen Körper leicht dmxhdringen, so werden Ver- 
"^**' letzungen der wichtigen Organe meist einen tötlichen Ausgang haben; 
Verletzungen anderer weniger wichtigen inneren Organe werden häufiger 
vorkommen, wobei reichlichere Blutung und Bluterguss in das eine oder 
das andere innere Organ stattfinden wird. In Folge der gestreckten 
Flugbahn, d. h. bei dem grösseren besti'ichenen Räume wie in Folge der 
Steigerung der Durchschlagskraft der Geschosse können überdies durch 
ein Projektil mehrere Kombattanten kampfunfähig gemacht werden. 0) 

Kawigehe Viele Gelehrte, sagt Professor Pawlow,^) besonders auch in Russland 

Aatoreo be- 

st&ti^a die (Professor Morosow, Doctor W. Popow) sind gleichfalls der Ansicht, 
m^n^Lr **ss die vernichtende Wirkung der Kleinkalibergeschosse eine furchtbare 

Kleinkaliber- seiß Wird. 
gescnoue. 

Den wesentlichsten Unterschied in dieser Hinsicht bedingt die ver- 
schiedene Entfernung der Schüsse. Professor Pawlow^) giebt folgende 
^"[^^^*'*^^*^ Uebersicht der verbreitetsten Ansichten über diese Frage: ,,Man ist jetzt 
verRfihieden- in der KiiegscUrurgie übereingekommen, die ganze Distanz der Geschoss- 
wunduDgen bahu bls zur äussersten Grenze der Verwundungen in vier Zonen zu teilen. 
oLim^ Z^^ ersten Zone gehören die Wunden, die Rupturcharakter aufweisen, 
bereieh der mj^ umfangi'eicher Zerstörung der Gewebe, des Hiinschädels, der Knochen 
baiin in uud der Organe, die Flüssigkeit enthalten. Diese Zone wird von vielen 
teut^werdf^ Autoren „Zone- des hydraulischen Druckes" genannt. Besonders weisen die 
Ausgangsteile der Wunden Rupturcharakter auf. Bei den früheren Pro- 
jektilen ohne Umhüllung rechnete man diese Zone bis zu 400 — 500 Metern 
Distanz, für die neuen Mantelgeschosse beschränken einige Chirurgen 
(Delorme, Chauvel) diese Zone auf 300 und sogar auf 200 Meter." 

,J)ie zweite Zone entspricht wohl auch noch einer sehr lebendigen 
Geschosskraft, aber die Wunden haben hier einen reinen Durchschlags- 
charakter. Sogar feste Knochen weisen durchlöcherte Kanäle mit mehr 
oder weniger langen Rissen ohne scharfe Absonderung von Splittern auf. 
In den weichen Geweben sind diese Kanäle besonders rein. Die Grenze 
dieser Zone reicht für die frühern Projektile bis zu 1000 Meteni, für die 
heutigen Mantelgeschosse bis zu 1400 und 1500 Metern.** 

*) „Oesterreichisches Armeeblatt'^ 1891: „Wirkung von Gowehrgeschossen 
auf den monschlichen Körper". 

^) E. Pawlow: „TTobor die Bedeutung der Bewaffnung mit dem Klein- 
kaliberge\ve]ir**. 



GeSRhosBwirkungcn aus Gewi-hren verleb iurViier TyiH-n. 65 

„Die dritte Zone weist ernstere KnochenbeschÄdignngen auf, 
nämlich bedeutendere Risse and Rupturen der anliegenden Gewebe. 
Für einfache Bleigeschosse ist die äusserste Grenze dieser Zone 1500 
bis 1600 Meter; für Mantelgeschosse beginnt sie erst mit 1600 Metern 
und reicht annähemd bis zu 2000 Metern. Da die I^ojektile in diesem 
Rayon bei dem Anprall auf festere Körper zwar nicht mehr die 
Regelmässigkeit des Fluges bewahren, aber doch noch einen bedeutenden 
Vorrat an Kraft besitzen, so haben die Wunden in dieser Zone grössten- 
teils keine regelmässige kanalartige Form.*' 

„Die letzte, die vierte Zone, wird Kontusionszone genannt, obwohl 
auch in diesem Rayon in den weichen Geweben rinnenartige Wunden, 
Schusskanäle von grös.serer oder geringerer Länge und selbst Knochen- 
verletzungen in Form einfacher Frakturen oder Risse vorkommen 
können. Die Endgrenze der Beschädigungen dieser Art ist für die 
früheren Geschosse etwa 2000 Meter, für die neuen Mantelgeschosse 
"2400 und selbst 3000 Meter. Demnach wäre für die neuen Geschosse 
die zweite Zone ungefähr doppelt so weit wie für die früheren, während 
die dritte Zone der früheren vierten entspräche." 

Diese Angaben, graphisch dai^estellt, mit Durchschnittsziffern fiir ' 
jede Distanz, z. B. fiir 2400 bis zu 3000 Meter, durchschnittlich 2700 Meter, . 
ei^ben folgendes Bild: ^° 

f 

Frühere Geacliosse. Nene Geschosse, 



Uistanzeinteilung der Ocschosabahn (in Metern) nach dem Charakter der Verwundungen. 

Jedoch erbleichen alle diese Schrecknisse vor den Resultaten, welche 
durch die Medizinal-Abteilung des Prenssischen Kriegsministeriunis, unter 
Leitung des Chefs derselben, Professor Dr. von Coler, auf Grund zum 
ersten Male genau wissenschaftlicher, mit deutscher Gewissenhaftigkeit 
und Gründlichkeit dnrcbgeführter Versuche, erzielt worden sind. 

Fast alle vorhergegangenen Versuche sind mit reduzierten Ladungen 
zur Ausführung gekommen, d. li. dass man z. B. — nm die Entfernung 
von 1800 Metern zu studieren ^ von der Nähe .schoss, aber statt 2,70 Gramm 
Pulver nur 0,65 dazu nahm. In Folge dessen erhielt man zwar dieselbe 

Bloeb, Dar nktifügs Kri«[. £l 



ßg I. Die Feuerwaffen, 



Anschlagskraft, aber die Geschosse hatten nicht die gleiche Rotations- 
geschwindigkeit. 

Auf die erlangten furchtbaren Resultate werden wir später, bei 
Berechnung der wahrscheinlichen Zahl der Toten und Verwundeten, 
zurückkommen ; hier wollen wir nur des Berichtes erwähnen, welchen der 
obenerwähnte Generalstabsarzt Dr. von Coler, dem medizinischen Kongress 
in Rom erstattet hat. '7) 

Diese Versuche haben völlig widerlegt, was bisher von dem ver- 
hältnismässig „humaneren" Charakter der neuen Projektile gesagt worden 
war; auf allen Entfernungen sind die durch jetzige Geschosse verursachten 
Verwundungen unvergleichlich schwerer als es die durch die früheren 
Geschosse bewirkten waren. 
Eingangs- Es ist Wahr, dass bei Entfernungen unter 600 Metern in die 

gehrH^n, Wuudcn wcnigsteus nicht Stücke von Kleidungsstoffeu hineingetrieben 
Ausgange ^'erdeu, da sich dieselben unter der Wirkung des noch in voller Kraft 
trichter- aufschlageuden Projektils in Atome verwandeln; die Geschosswirkung 
°'^"*'^' auf den Körper ist jedoch entsetzlich; sie ist der Wii'kung von Spreng- 
stoifen ähnlich. Die Knochen werden durchaus nicht, wie man bisher 
fälschlich annahm, vom Projektile wie von einer Ahle durchstossen, zer- 
splittern vielmehr in kleine Stückchen, welche innerhalb des ganzen 
Organismus wie unter der Wirkung einer Dynamitladung umhergeworfen 
werden. Die Eingangsöffnung des Geschosses ist sehr klein, ja kaum be- 
merkbar, ihr Ausgang ist aber sehr bedeutend. Das Projektil durchbohrt 
nicht nur einen Körper, sondern durchschlägt zwei und drei Körper und 
Pnive- bleibt erst im vierten stecken, Leber, Herz, Nieren werden von demselben 
"m^c" zu Pulver verwandelt, andere innere Teile, desgleichen auch Muskeln, in 
Organe und fitücke zcrrisseu. Dic Extremitäten werden vom Geschosse, sofern es auf 
einen Knochen stösst, zerstört; Wunden am Kopf, an Hals und Leib sind 
immer tötlich. Eine Wunde in der Brusthöhlung kann den Tod venirsachen, 
selbst wenn das Geschoss nur zwischen der Lunge durchgegangen ist 
und weder das Herz noch eines der grösseren Blutgefässe beruhigt hat. 
Bei Entfernungen über 600 Meter ist die Wirkung dieser Projektile schon 
weniger tötlich; jedoch bringen die in den Leib treffenden auch hier 
grosse Zerstörungen hervor. So haben 49 Verwundungen des Unterleibes 
auf 700 bis 1600 Meter Distanz 160 innere Rupturen in Blase und Magen 
hervorgebracht. Die Durchschnittszahl der offenen von einem Geschosse 
verursachten Wunden war 3, die höchste Ziffer 8. Auf bedeutenden Ent- 
feiTiungen zerstört das Geschoss den Kleidungsstoff bereits nicht mehr, 
sondern bringt häufig (12 % der Wunden) Stücke desselben in die Wunden, 

^) „La France militaire". 



Geschosswirkungen aus Gewehren verschiedener Typen. 



67 



was diese noch verschlimmert, da sich auf den Kleidungsstoffen aller 
Wahrscheinlichkeit nach viele Mikroorganismen befinden. 

Von 1000 Meter Entfernung an werden die Knochen gleichmässig 
durchschlagen, bieten aber hierbei das Büd strahlenförmiger Bisse nach 
allen Seiten von der Eingangsöfitnung der Wunde. Sogar bei 1600 Metern 
Distan;5 hat das neue Projektil unter 40 % beobachteter Fälle bedeutende 
Knochenbrüche hervorgebracht, mit Zersplitterung der Knochen in kleine 
Stücke, die bisweilen an ihrer Stelle verblieben, bisweilen aber auch in den 
Körper hineingetrieben wurden und hierbei gleich einer Scheere wirkten, 
so dass bereits bei einer Schnelligkeit des Geschosses von 300 Metern in 
der Sekunde die Gewebe des Körpers von demselben durchbohrt wurden. 
Hierzu kommt, dass ein in den Körper eingedrungenes Geschoss mit 
Stahlumhüllung seine Form verändert und häufig kleine, scharfe Splitter 
giebt, welche die Gewebe zerreissen. Ueberhaupt zeigen die angestellten 
Versuche, dass die frühere runde Kugel und selbst das längliche Geschoss 
von 1870 im Vergleich mit dem jetzigen feinen und zierlicheren Projektil 
mit Nickelumhüllung sozusagen „gutmütig" waren. 

Obgleich die Angaben des General-Stabsarztes Prof. Dr. v. Coler für 
eine graphische Darstellung eigentlich nicht gut verwertbar sind, so ver- 
suchen wir es Angesichts der Wichtigkeit des Gegenstandes dennoch, eine 
solche zu bringen. 



strahlen- 
förmige 
Bisse der 
Knochen. 



Bande 
Geschosse 

viel 
gutmütiger. 



Die Deidimg 



nicht gefährlich | 600 Meter 



Bio Knochen 



Graphische 
^^^ Darslellang 

12"/o bringt Stücke der Kleidung in die Wanden ""1 1600 Met. ^" 

HHH^i^HH^^^^^^^^^HB^^iH^H^BBMMH^i^B^J Grausamkeit 

der 



zersplittern 



1000 Meter 



Wunden. 



Durchschlagen mit 40 */o Knochenrisseu 



Die inneren Teile 
des Körpers 



zerrissen 



I 600 Meter 



Leber, Herz, Nieren zu Pulrer venrandelt 



1600 Met. 



1600 Met. 



Die Oeflnnng der 
Wnnden 



0,8 Centimeter EingangsÖiFnung 



Ausgangsöifnung (12 bis 18 Centimeter) | 15 Ceiltimot. 



Temperatnr der 
Kngel 



Minimum I 70 ^ 



Maximum 



] 350 



Die Oefahr 



unbedingte 



600 Meter 



grosse 



] 1600 



Met. 



Die Dnrchsclilacskraft 
der Kngel 



Minimum 1 3 



Maximum 



]« 



Gi*aasamkeit der "Wunden durch Mantelgeschosse nach den Forschungen 
des deutschen General-Stabsarztes Prof. Dr. v. Coler. 

5* 



68 



I. Die Feuerwaffen. 



Aendernng 

der ehinirgi- 

BcbenTli&iig- 

keit sowie der 

sanit&ren . 

Maaes- 

Bfthmen bei 

Pflege der 

Yerwandeten, 

io Folge einer 

Terftnderten 

Krieg- 

ffthmng. 



In Folge aller dieser Umstände muss der künftige Krieg natürlich 
auch in militär-medizinischer Hinsicht sich von den früheren Kriegen 
unterscheiden, und zwar schon deshalb, weil sich mit der Aenderung der 
Kriegführung auch der Charakter der ärztlichen Hilfe, besonders in den 
vorderen Feldlazarethen ändern muss. 

Je länger z. B. die Verwundeten auf dem Schlachtfelde werden liegen 
bleiben müssen, desto wahrscheinlicher ist ein höherer Prozentsatz der 
Todesfälle durch Verblutung, nochmalige Verwundung u. s. w. Die Zahl 
der tötlichen Wunden wird ohne Zweifel zum Teil von der Zeit, zu 
welcher die Hilfeleistung erfolgen wird, abhängen. 

Wenn wir von den Verhältnissen des modernen Kampfes sprechen 
werden, werden wir zeigen, dass gerade in Folge der Vervollkommnung 
der Waffen und insbesondere der Geschütze die rechtzeitige Hilfeleistung 
auf dem Schlachtfelde selbst, wenn nicht besondere Vereinbarungen ge- 
troffen werden, in den meisten Fällen unmöglich sein wird. 



8. Veraltung der jetzigen Gewehre und finanzielle 
Resultate der neuen Umbewaffnung. 

schätzang Das Gewehr, über welches die heutigen Heere verfügen, wird sich 

v1>racwed^ iii jeder Hinsicht um Vieles stärker erweisen, als die in früheren Kriegen 
"®'^ ^^®^'" gebrauchten Gewehre. Professor Hebler, eine der ersten Autoritäten 
für Infanterie-Bewaffnung, giebt folgende vergleichende Tabelle über den 
Weil; der in den einzelnen Staaten eingeführten Gewehrsysteme, wobei 
als Vergleichseinheit der Wert des preussischen Mauser-Gewehres, Modell 
1871 = 100 gesetzt ist:i) 



Spanien . 
England . 
Schweiz . 
Belgien . 
Türkei , 
Russland 
Deutschland 
Oesterreich 
Bulgarien 
Frankreich 
Dänemark 
Portugal . 
Schweden 



7,0 Millimeter-Kaliber = B80 



7,7 
7,5 
7,6 
7,6 
7,6 

7,9 

8,0 
8,0 
8,0 
8,0 
8,0 
8,0 



>i 



?i 



,1 



M 



r 



r 



„ 



71 



?1 



,1 



^1 



« 



521 
619 
B16 
516 
512 
474 
440 
440 
433 
411 
410 
393 



>) „Das kleine Kaliber". Zflrich 1894. 



Veraltung der jetzigen öewehre und ^nanzielle Resultate der neuen Umlaewaffnung. ß^ 



Diejenigen Hand-Feuerwaffen, bei welchen die wirkliche Gesamt- Prof.Hebier'8 
leistungsfähigkeit 600 tibersteigt, nennt Professor Hebler „Waffen der Gewehre 
I. Ranges"; solche, bei denen diese Leistungsfähigkeit zwischen 400 .^^^^'^Q^g^^t. 
und 500 liegt, „Waffen II. Ranges"; endlich diejenigen, bei welchen jene j^^^^^'^J" 
Leistungsfähigkeit geringer als 400 ist, „Waffen III. Ranges". 

So erhält er folgende Rangordnung der jetzigen Kleinkaliberwaffen 
mit Rücksicht auf ihre praktische Brauchbarkeit. 



Spanien . 
Belgien . 
Türkei . 



Deutschland 

England . 

Schweiz . 

Russland 

Frankreich 

Dänemark 

Portugal 



Oesterreich 

Bulgarien 

Schweden 



Waffen I. Ranges: 

7,0 Millimeter-Kaliber = 580 
7,6 „ = 516 

7.6 „ = 516 

Waffen 11. Ranges: 

7,9 Millimeter-Kaliber = 474 

7.7 „ = 469 

7.5 „ = 467 

7.6 „ = 461 
8,0 „ = 433 
8,0 „ = 411 
8,0 „ = 410 



Mauser 



Lee-Metford 
Schmidt 

Lebel 

Kropatschek. 



Waffen in. Ranges: 

8,0 MiUimeter-KaUber = 396 
8,0 „ =396 

8,0 „ =354 



} 



Mannlicher. 



Das Streben nach Vervollkommnung der Gtewehre hat aber noch ^<>^ 

sehreitende 

keineswegs ein Ende gefunden, im Gegenteil, vor uns wiederholt sich Besaitate 
die Erscheinung, dass, wenn eine neue Umwaffnung kaum vollendet ist dir"wJffln- 
und die Truppen erst im Begriffe sind, den Gebrauch der neuen Waffe *«<^^"»^- 
sich anzueignen, die Technik bereits wieder einen Schritt vorwärts gethan 
hat, einen Schritt, welcher neue Aenderungen hervorruft und mit neuen 
noch unmässigeren Ausgaben droht, als ob dieselben bezweckten, den 
Krieg zuletzt fast undenkbar zu machen. Wir haben schon gesagt, dass 
die Treibkraft des neuen rauchschwachen Pulvers drei- bis viermal stärker 
ist als die des früheren Pulvers; aber diese Kiaft wird noch nicht voll 
ausgenutzt, da zur Ladung des Gewehres nur ein Teil des früher 
erforderlichen Pulverquantums verwandt wird. 

Je bedeutender die Explosionskraft des Pulvers ist, desto stärker 
kann natürlich die Anfangsgeschwindigkeit des Geschosses sein, desto grösser 
die Treffweite und Rasanz des Schusses. Die Triebkraft der neuen Gewehre 



70 I- I^iö Feuerwaffen. 



ergiebt eine Geschossgeschwindigkeit von 620 Metern in der Sekunde; 
dieselbe kann aber auf 1000 Meter gesteigert werden, und bei gleichzeitiger 
Steigerung der Durchschlagskraft des Geschosses wird es möglich sein, 
dessen Umfang zu verringern, weil angenommen wird, dass auch ein 
kleineres Projektil, w^enn es nur mit einem festen Mantel versehen ist, 
genügt, um selbst mehrere Personen, die hintereinander stehen, kampf- 
unßlhig zu machen. 

Nachdem in Russland das 7,62, in Italien gleichzeitig das 7 Milli- 
meter-Kaliber angenommen war, begann man im Auslande Gewehre von 
6,5 Millimeter-Kaliber herzustellen. Mit solchem Gewehre ist jetzt ein 
Teil der italienischen, niederländischen, schwedischen, norwegischen und 
rumänischen Armee bewafi'net. Aber man bleibt lüerbei nicht stehen. 
Der schon genannte Professor Hebler empfiehlt auf Grund seiner Versuche 
mit Geschossen von 6,0, 6,6 und B,0 Millimetern, einstweilen das 5 Milli- 
meter-Gewehr, weist aber auf die Möglichkeit hin, das Gewehrkaliber 
noch mehr zu verringern. 
Voraussicht- „Im allgemeinen Prinzip", sagt er, „ist der Durchmesser des Laufes 

Einführong auf dcu kleinsten Umfang zu beschränken, welcher 'noch genügend ist 
weTüwen*' *^^ Gcgucr duTch eiu Geschoss auf beträchtliche Zeit kampfunfähig zu 
oewehrkaiib. machen. Die Grenze liegt hier in jedem Falle noch weit niedriger als 

als das des ' 

6 Miiumeter- B Millimeter. Es ist wahr, die Anfertigung von Läufen mit dem 
oowehres. g;^^^^^ 4 q^^j. 3 Millimeter ist auch jetzt schon möglich, hat 

aber noch grosse Schwierigkeiten zu überwinden. Jedoch ist es 
durchaus wahrscheinlich, dass in späteren Jahrhunderten der Durchmesser 
des Gewehrlaufes weniger als B Millimeter betragen wird." 2) 

Eine andere Autorität, der preussische General Wille, teilt die An- 
sicht des Professors Hebler, dass B Millimeter-Gewehre zulässig sind und 
spricht weiter die Ueberzeugung aus, dass die Technik sehr bald aller 
Schwierigkeiten Herr werden wird. Er erinnert daran, wie häufig die 
Ansichten der Theoretiker schon praktisch überflügelt worden sind und 
fügt hinzu: falsche Pi^opheten sind diejenigen, welche jetzt aussprechen: 
nee plus infra — , und so wird es sein, weil die Vorzüge der kleinen 
Kaliber allzu grosse sind und die Technik allzu mächtig ist, um nicht die 
ihr entgegenstehenden Hindemisse zu überwinden. 
Nach Prof. Dcr russische Professor Potocki schreibt gleichfalls im Journal 

^„^j^f j|-,d „Raswjedtschik" Folgendes: „Viele Militärtechniker schlagen vor, das 
das Kalibor Gcwehrkalibcr bis auf 6 Millimeter (2 Linien) herabzusetzen. Das Bohren 
pewehres solclicr Läufc bietet bereits gegenwärtig wenige Schwierigkeiten; das 
BimumltlT Kaliber, bei welchem das Projektil aufhört, den Mann für längere Zeit 

licgun. 

-) (Jonoral Wille: „Das kleinsio Gowelirkalibor". Berlin 1893. 



Veroltung der jetzigen Gewehre und finanzielle Eesultate der neuen Umbewaffnung. 7 1 



kampfanfahig zu machen, ist bis jetzt noch nicht durch die Praxis fest- 
gestellt, aber auf alle Fälle kann man sagen, dass es unter 
5 Millimeter liegen wird. Das einzige Hindernis, welches einer 
weiteren Verminderung des Kalibers und einer entsprechenden Ver- 
grösserung der Anfangsgeschwindigkeit der Geschosse entgegen treten 
kann, ist der ausserordentliche Druck der Pulvergase auf die Wände des 
Kanals." 

„Nach dem zu ui'teilen, was bereits beim rauchschwachen Geschütz- 
pulver erreicht ist, bei welchem die stärkste Spannung den Durchschnitts- 
druck nicht mehr als 1,5- bis 1,7 mal überschreitet, lässt sich hoffen, 
dass ähnliche Resultate auch bald für das Gewehrpulver eraielt sein 
werden. Dann wird es auch möglich sein, ein Infanterie-Gewehr her- 
zustellen, welches dem Projektile von etwa 4,3 Gramm Gewicht eine 
Geschwindigkeit von ungefähr 1000 Metern in der Sekunde mitteilen wird. 
Bei den Schnellfeuer -Geschützen ist es bereits geglückt, solche Ge- 
schwindigkeit zu erzielen." 

In seinem Werke „Das kommende Feldgeschütz" führt General 
Wille an, dass bei den Gewehren des Fabrikanten Daudeteau bereits eine 
Anfangsgesch^^indigkeit von 810 Metern erzielt ist. 

Auch die Versuchskommission der nordamerikanischen Marine hat in 
sich schon für ein 6 Millimeter-Gewehr entschieden. Das Geschoss soll wird"^^ * 
8,75 Gramm, die Ladung 2,14 Gramm wiegen. Die Anfangsgeschwindig- ® ^'ew^hr^' 
keit ergiebt 731,5 Meter. Das Material des Laufes ist Nickelstahl. "**«inein a« 
Der Berichterstatter der „Jahrbücher für deutsche Armee und Marine" gefertigten 
bemerkt ganz richtig, dass der Vorgang von hoher Bedeutung ist, in- Etnflibrung 
sofern er eine weitere, so rasch kaum erwartete Reduktion des Kalibers »klangen. 
der Hand-Feuerwaflen darstellt, nachdem die zuletzt getroffenen Ent- 
scheidungen an der Grenze von 6,5 Millimeter stehen geblieben waren. 
Der Berichterstatter der Militär -Zeitschrift „Minerva" geht in seinem 
Berichte über Fortschritte auf technischem Gebiet des Jahres 1893 noch 
weiter und sagt: Das Verfolgen der einschlägigen Literatur des Vorjahres 
führt den aufmerksamen Leser zu dem Schlüsse, dass wir nicht nur 
theoretisch, sondern auch bei den praktischen Versuchen zu einem 
5 Millimeter-Gewehre gelangt sind, dessen ballistische Leistungen jene 
des 8 Mfllimeter- Gewehres weit übertreffen. Die Konstruktionsfrage 
scheint demnach gelöst zu sein. . 

Im Falle eines Krieges wird die grosse Mehrzahl der Soldaten mit ueteriegen- 
Gewehren von 7,5 Millimetern oder einem etwas grösseren Kaliber be- ß Muiimeter- 
waffnet sein. Wenn man den Wert dieses Gewehres mit dem des ^^^^*^*^^^^* ^^ 
5 Millimeter-Gewehres vergleicht, so ergiebt sich, dass letzteres um 23% Kaliber. 
dem ersteren überlegen ist. Die Bedeutung des neuen Gewehres für 



I« ErTolga 



72 I- ßie Feuerwaffen. 

den künftigen Krieg tritt aber noch charakteristischer hervor, wenn man 
das Hebler-Gewehr nicht mit den Kleinkalibergewehren, sondern mit den 
Zttndnadelgewehren, die noch im Kriege 1870 gebraucht wnrden, ver- 
gleicht. Ein solcher Vergleich ergiebt, dass das 6 Millimeter- Gewehr 
mehr als ISmal wirksamer sein wird. Im Vergleich mit dem Maaser- 
Gewehre (Mod. 1871) soll das Hebler'sche 6 Millimeter-Gewehr, wenn 
man seinen Worten glauben soll, fast 6mal wirksamer sein. 

Um die Erfolge der Technik in dieser Hinsicht noch deutlicher 
hervortreten zn lassen, geben wir nachstehende graphische Darstellnng. 



Di» Diese Schätznng des 6 Millimeter -Gewehres bei Professor Hebler 

voBftge a« mag sogar stark Übertrieben sein und einstweilen nnr rein theoretischen 
^'g"«h«" Wert haben, in jedem Falle aber kann der gewaltige Vorzng der Klein- 
bHt«k*ii kalibergewehre sowohl in ballistischer Hinsicht als auch in Betreff der 
MKiti^h^ grosseren Leichtigkeit von Gewehr und Patronen keinem Zweifel 
^^"kX unterliegen. 

'•''="'"' In voller Aasrüstnng ist der russische Infanterist bei ein nnd dem- 

nBdzo- selben Gesamtgewicht der Patronen verseilen: 

Uhdde aimt 

„icuioberou bei dem Berdan-Gewehre mit. ... 84 Patronen') 

■uitiirtD^g. bei den neuen Gewehren mit. , . . 150 Patronen.*) 

') In den aualändischeo StAaten hat der Infanterist bei ein und demselben 
(losam (.gewicht der Patronen; 

iti Üesterreich-Ungarn und der Scliweiz . . . 100 Patronen 

„ England 115 „ 

,. Belgien und Frankreich 120 .. 

„ Deutsi^hland und der Türkei 150 „ 

„ Italien 192 „ 



Vergleich des 7,66 Millim.-Gewehres 

mit dem neuesten 5 Millim.-Mausergewehre (Sohiesspulverladung 2,16 g). 

Sohnelligkeit des Geschosses in Metern. 
7,66 UtUim.-Oewebr. 5 Uillim.-Oewelir. 

6« 1216 



Durehsohlagskraft. 
Eindringen in aus Eindringen i 

geacbnittenea Eicbenliolz. Entfernung 

1^ 



2*t 



381' 



9309 



Veraltung der jetzigen Gewehre und finanzielle ^Resultate der neuen Umbewaffnung. 73 



Aber bei den 5 Millimeter-Gewehren vergrössert sich die Zahl der vorteil einer 

rdi ch G f A II 

Patronen ohne Steigerung der Belastung bis zu 270, d. h. verdoppelt patrouen- 

sich beinahe. Wenn letzterer Umstand auch nur der einzige Vorzug des ^eTMaMiL 

5 Millimeter-Gre Wehres wäre, so würde derselbe doch schon völlig hin- ^ö^™ 

' ° 5 Millimeter- 

reichen, um unter dem Drucke der heutigen politischen Verhältnisse die Gewehre. 

Einführung des neuen Gewehres zu veranlassen. Ein Bataillon, welches 

bei gleicher Gepäckbelastung dem Gegner mit doppeltem Patronenvorrat 

gegenubertritt, wird nicht fürchten, sich zu verschiessen ; es wird einem 

Krater gleichen, der Massen von Projektilen ausspeit. 

Die Kosten des 7,6 Millimeter-Gewehres kann man auf 8B Francs Kosten 
berechnen, die einer Patrone auf 10 Centimes. Wir nehmen an, dass das bewaffnunj?. 
neue 5 Millimeter-Gewehi' im Ganzen gegen 120 Francs kosten wird, der 
Preis der Patrone der gleiche bleibt und der Patronenvorrat für jedes 
Gewehr etwas weniger als den vierfachen Bestand umfassen wird, d. h. 
1000 Stück, die Umänderungskosten für Aufbewahrung und Transport 
der Patronen pro Gewehr etwa 20 Francs betragen. 

Nach den vom deutschen Kriegsministerium für den Eeichstag auf- 
gestellten Berechnungen setzt sich die Infanterie der einzelnen Mächte 
auf Grund der gegenwärtig geltenden Wehrgesetze zusammen: 

in Italien aus 1 267 500 Mann 

„ Oesterreich „2062 000 „ *) 

„ Deutschland „3600000 „ s) 

„ Frankreich „ 4 150 000 „ 

„ Eussland „4656000 „ 

Für die Umwaflfnung der Infanterie allein wären also erforderlich: 

für Italien 304 Millionen Francs 

„ OesteiTeich 495 „ „ 

„ Deutschland 864 „ „ 

„ Frankreich 996 „ „ 

„ Russland .... . . . . 1093 „ „ 

Insgesamt . . 3752 Millionen Francs. 



In der graphischen Darstellung geben diese Ziffern folgendes Bild: 

(Siehe die graphiselie Darartellnng auf der folgenden Seite oben.) 

Hier entsteht nun die Frage: wird es möglich sein, so bedeutende 
und sich noch steigernde Ausgaben für die Schlagfertigkeit der Heere 
zu machen? und ferner: wird die durch die Forderung unerträglicher 



*) Darunter 300 000 Mann Reserve. 

*) Mit Ausschluss von 300000 Mann vergünstigter Reserven. 



I. Die Feuerwaffen. 



t 5 Millimeter-Gewehren 

Opfer liervorgerufene Unzufiiedenheit nicht eine übermächtige werden? 
Wenn endlich breiten Schichten der Bevölkerung die Vorzüge des neuen 
Gewehi-es bekannt sein werden, wenn man erfahren haben wird, dass in 
den Armeen jeder Soldat mit 270 Patronen aasgerüstet sein wird, welchen 
Eindruck wird dies, sobald darch die beständige Propaganda die Be- 
deutung verstanden wird, in sozialdemokraüschen Kreisen, überhaupt 
inmitten jener Elemente, welche mit der ganzen gegenwärtigen politischen 
Ordnung in Westeuropa im Kampf liegen, hervorbringen? 
»nMichts- Auf Grund der bisherigen Erfahrungen sind wir, wie schon erwähnt, 

Birtb^Kon, zu dem Schlüsse berechtigt, dass die auf Vervollkommnung der Waffen 
^"k'vw'"" gerichteten Bemühungen noch nicht abgeschlossen sind, und dass danach 
bi. nt t. gestrebt wird, das Gewehrkaliber bis auf die von Hebler und Potocki 
aMiu'mttsr vorgescMageueu Grenzen, d. h. auf 4 und vielleicht sogar auf 3 Millimeter 
la'Teta^n. herabzumindem. 

Es ist wahr, der Verwirklichung dieser Bestrebungen stehen noch 
bedeutende technische Schwierigkeiten entgegen, aber die schnellen Er- 
folge der Technik in der Vergangenheit bürgen dafür, dass ihr auch 
dieses gelingen wird.«) 



') Wir finden in „Scionces militaires" die Beschreibung eines neuen, voo 
Mannesmaon erfundenen Verfalirens, einen G-ewehrlauf liorzii stellen, welcher 
sich bedeutend widerstand sfdliiger zeigt als die durch andere Fabrikation sart.on 
erhaltenen Gewehr! äufo. Diese grosse Widerstandsfähigkeit muss maa der 
inneren Struktur der Röhrenmasse zuschreiben, welche aus schiclitweise gerollten 
und von einer Schicht zur andern aich wieder kreuzenden Fasern gebildet wird. 
Ausserdem scheidet das fortgesetzte Walz verfahren yormögo der innigen Mischung 
der Masse alle Fehler, welche im Innern des ursprünglichen Zylinders entstehen 
können, aus. 

Bisher hat man Röhren mit äusseren Durchmessern zwisclion 0,005 Metern 
und 0,040 Metern gewalzt — in einem Kaliber von der Stärke eines Stecknadel- 
kopfes bis zu 0,985 Metern im äusseren Durchmesser und in einer Länge, die 
27,43 Meter erreicht hat. Man hoiTt bei der zunehmenden Vervollkommnung 
der Mannes mann 'schon Walzwerke Röhren noch bedeutenderen Durchmessers 
herstellen zu können. 



Vorschläge npaer Vervolltommnungen. 75 

Ein solches Gfewelir wird in noch höherem Maasse das jetzige i'»'™""- 
übertreffen, als dieses den alten Gewehren sich überlegen gezeigt hatte, mit gieithem 
Die Verminderung des Gewichtes des Gewehres und die Verkleinening i,d "„thie- 
des Kaliber« bis auf 4 Millimeter gestattet das Tragen eines Patronen- oewX- 
von-ats von 380 Stück, bis auf 3 Millimeter das Mitsichfüliren eines «j-i»"'«'- 
VoiTats von 675 Stück Patronen; ausserdem wird die gestrecktere 
Geschossbahn einen weit gi-össeren bestrichenen Kaum ergeben, d. h. das 
Gewehrfener auf die feindlichen Linien ohne Üistanzvisier viird nicht, wie 
jetzt, auf einer Strecke von 600 Metern, sondern auf einer Strecke von 
mehr als 1000 Metern wirksam sein. 

Die Vorzüge der grösseren Leichtigkeit der Gewehre und der er- s»''«" 
giebigeren Rasanz bei Seite lassend, bieten wb' in graphischer Darstellung flBropiUfbBn 
nnr den Vergleich der bei den verschiedenen Gewehrkalibem zulässigen „ii^J^^to, 
Patronenanzahl , also der einer und derselben Gewichtseinheit ent- . •^"»j"" 
sprechenden Anzahl Patronen. «n KaiiiKir. 

KinfnliniDg 



PatronenanKalil mit gleichem Gewicht. ^ 

Angesichts solcher Vorzüge ist es sehr wahrscheinlich, dass in ab- 
sehbai-er Zeit wiederum neue Gewehre kleineren Kalibers werden eingeführt 
werden. Führt solche auch nur eine einzige Grossmacht ein, so werden die 
anderen Mächte genötigt sein, ohne Rücksicht auf die Folgen für ihre Bud- 
get das Gleiche zu than, und so werden die fünf obengenannten Mächte, 
von deren Willen es abhängen würde, den Rüstungen Stillstand zu ge- 
biet«ii, auf einmal gegen 2—3 Milliarden Mark zu verausgaben haben. 



9. Vorschläge neuer Vervollkommnungen. 

Gegenwärtig dürfte man kaum zu behaupten wagen, dass bei den venocb* 
heutigen Fortschritten der Wissenschaft nicht neue hochbedeatsanie gamtigste 
Vervollkorarannngen und Neuerungen in der Waffentechnik eintieten q^*^^" 
werden, es sei denn, dass der hierzu gegebene Antrieb beim Schwinden 
der bezüglichen Nachfrage von selbst wirksam zu sein aufliören würde. 



76 



I. l)ie Peuei^vaffen. 



Professor Hebler hat Studien über die absolut günstigste Fonn füi* 
Vollgeschosse unternommen und giebt in einer Tabelle die günstigsten 
Resultate an. Die Hauptergebnisse sind folgende: 



B em erk u ngen 


Deutsohland Mod. 71 

(Maaser). 1 
Normales Geschoss 


^8 

Is 

11 

2 o 


tili 


■ 
OB ;-\l-i 

•2'i'^ 8 

llll 


1 

Hebler Mod. 91. 
Normales Geschoss 


'S. * 8 

5 Sä 


■ .. M 


Kaliber MiUim. 


11,0 


7,9 


7,9 


7,9 


5,0 


5,0 1 5,0 


Gewicht des Geschosses Gramm 


25,0 


14,5 


13,0 


11,4 


5,8 


5,2 


4,5 


Wirksame Scliussweite . Meter 


1601 


2127 


2633 


3500 


2330 


3081 . 4094 


Endgeschwindigkeit . . Meter 


132 


150 


189 


268 


166 


225 1 320 


Durchschlagskraft gegen 












1 


weiches Tannenholz . Centim. 


5,5 


7,4 


10,5 


18,6 


9,0 


14,8 1 25,8 


Totalschussweite 
















(a = 30«) Meter 


2951 


3816 


4815 


6675 


4138 


5606 


7742 


Wirküche Flughöhe, bei 
















senkrechtem Schuss . Meter 


984 


1272 


1605 


2225 


1379 


1869 


2581 



Erfindung Mau sieht, wie bedeutend die Unterschiede sein könnten, i) Aber 

geachoBsen Professor Hebler blieb bei diesen Studien nicht stehen; er teilt mit, 

•chwidiMg ^^^ ®^ ^^^^ wichtige ballistische Aufgabe gelöst, nämlich für die 

des Luft. Hand -Feuerwaffe Eöhrengeschosse erdacht habe, welche längs der 

Zylinderachse durchbohrt sind, d. h. einen länglichen, durchgehenden 

Kanal haben, welcher den Widerstand der Luft gegen den Flug des 

Geschosses erheblich vermindert. 

Beechreibong Dieses Projektü hat zu beiden Enden eine kegel- oder bogenartige 

Einrfcbtung FoHu, ähulich der Form der Geschosse für Zündnadelgewehre, während 

"^d'r'h"'*" der innere Kanal im hinteren Ausgange trichterförmig erweitert ist. In 

lassenden diescu Trichter wird ein Zapfen eingeführt, der sich auf einer festen 

esc osse. pappgßjjgijjg befindet, auf welche von hinten der Druck des aufflammenden 

Pulvers wirkt. In Folge des Druckes der Gase hält sich diese Scheibe 

mit dem Zapfen in dem Kanal des Geschosses, solange dasselbe im 

Gewehrlaufe verbleibt. Beim Verlassen desselben, sobald der Druck der 

Gase aufhört, stösst die entgegenkommende Luft die Scheibe zurück, 

und das Geschoss fliegt mit geöffnetem Kanal, die Luft durch sich 

hindurchlassend, weiter. 

Bis zu welchem Grade bei einer solchen BeschaiFenheit des Ge- 
schosses der Widerstand der Luft gegen dessen Flug sich vermindern 



„Das kleinste Kaliber". Zürich 1894. 



Photographische Darstellung des Gesehossflug-es. 



Sohematische 

Darstollun^ dßr 

LuUbewegung' 

vor einem 

fliegenden Gesehoss. 




aa. Vordere Lurtwelle 
in Form einer Pa- 

bb. Bintere Luftwelle, 
welche sich mehr 
der geradim Linie 
nähert. 

(,J»h[t,flrh«r tat die deutnsli« 
Arme* nnd Mlrise.- «blund- 



Uie heutige Moment-Photographie, die in letzter Zeit bedeutend vervoll- 
kommnet wurde, diente auch dazu, Geschosse im Fluge aufzunehmen. 

Die neuesten Versuche in dieser Richtung wurden von den Professoren 
Boys und Mach ausgeführt, und die erhaltenen Resultate sind von ausserordent^ 
lichem Interesse. Wir geben hier eine Abbildung einiger interessanter Auf- 
nahmen der genannten Herren in verschiedenen Augenblicken, beim Schiesspn 
aus Kanonen und Gewebren. 
Abbildung 1 zeigt die Luftströmung, welche beim Verlassen der Mündung des 

Geschützes die Schallwelle zerstört. 

Abbildung 2 stellt die .Luftströmung dar, welche unter einem Druck von 

40 Atmosphären aus der Mündung des Geschützes ausgest^issen wird. 

Abbildung 3 zeigt die Lufl, die Pulvergnse und das Gesehoss vor dem Gewehrlauf. 

Abbildung 4 zeigt die aus dem Gewehrlauf ausgetriebene Luft, hinter der das 

Gesehoss folgt. 
Abbildung 5 zeigt die Schallwelle, welche auf den Schuss folgt. 
Abbildung 6 zeigt das an beiden Enden zugespitzte Gewehrgeschoss während 
des Fluges bei Ö20 m Anfangsgeschwindigkeit. 



Vorschläge neuer Vervollkommnuiigen. 



77 




muss, zeigt die folgende Zeichnung, welche den die Geschossbahn be- 
gleitenden Luftkegel darstellt. 2) 

Prof. Hebler nahm also an, dass die Luft, 
wenn ihr die Möglichkeit gegeben wird, die im 
Projektil gemachte Oeffnung zu durchströmen, 
einen geringeren Widerstand gegen die Be- 
wegung des Geschosses ausüben wird, was die 
geradere Richtung der Flugbahn des Geschosses 
zur Folge haben muss. Die TreiFlinie bei einer 
Distanz von 1000 Metern Rasanz sollte sein: Ansicht d. Geschosses während 
bei dem 11 Millimeter-Mauser-Gewehre (Mod. seiner Bewegung mit dem 
1871) — 20 Meter, bei dem 7,5 Millimeter- L^ftkeg^i. 

Gewehre (Mod. 1888) und seinem jetzigen Geschosse — 42 Meter, bei 
demselben Gewehre mit dem leichten Hohlgeschosse — 218 Meter und 
bei dem neuesten 5 Millimeter-Gewehre und dem leichten Hohlgeschosse 
bereits 400 Meter, d. h. sie ergiebt eine Länge, die 20 mal grösser ist 
als bei dem Gewehre von 1871, und lOmal grösser als bei dem jetzigen 
deutschen Gewehre. 

Des besseren Verständnisses halber wollen wir nach dem neuesten suhi-How- 
Werke von Prof. Hebler s) die Zeichnung von 3 Patronen in nattti'licher „St Hewer. 
Grösse und einem vergi-össerten Durchschnitte geben. 




Deutsche Patrone, Mod. 88 (Stahl-Hohlgeschoss). 
(Sifllie aaeh die folgende Seite.) 

Die Einführung dieser Geschosse wird nach Hebler keinerlei Ver- 
änderung in dem jetzigen Bau der Gewehre erfordern, sondern nur die 
zwischen ihnen bestehenden Verhältnisse ändern. 

Es entsteht natürlich die Frage, welchen Wert die vorgeschlagene 
Aenderung haben kann. Zunächst berechnete Prof. Hebler die „Güte** 



2J „La Nature"*. 

') „Das kleinste Kaliber". 



I. Die Feuerwaffen. 



"Vorschläge neuer Vervollkommnungen. 



79 



fftr Mantelgeschosse; wenn man dieselbe für das 11 Millimeter-Gewehr 
Mod. 71 mit 100 bezifiert, so ergiebt sich Folgendes : 

7,9 Millimeter-Gewehr 88 mit der jetzigen Patrone: 474 

7,9 „ 88 , 



schwerem Hohlgeschoss : 1873 



7,9 
5 
B 
5 



n 



88 
88 
88 
88 



,, leichtem „ 2240 

, gewöhnlicher Patrone: 1429 

, schwerem Hohlgeschoss: 5213 

,, leichtem „ B662 

desgl. mit ganzer Hülsenfüllung: B842 

,,Es ist jetzt also möglich, durch Einführung des Kmka-Hebler- 
Hohlgeschosses die Leistungsfähigkeit der Kleinkaliberbewaffnung auf 
das Fünffache und beim üebergang auf die 5 Millimeter -Kaliber sogar 
auf das Zwölffache zu steigern!" 

Die Mantelgeschosse erwiesen sich nicht praktisch und Prof. Hebler 
setzte an Stelle derselben das aus einem Stück hergestellte, nicht mehr 
ans Kern und Mantel bestehende Hohlgeschoss, aber selbstredend nicht 
aus Hart- oder Weichblei, Zink oder Zinnzink, sondern aus widerstands- 
fähigerem MetaD, also Stahl. Den Wert dieser neuen Geschosse giebt 
folgende Zusammenstellung, die wir dem Werke des Generals Wille ent- 
nehmen.4) 



Boden iende 
Steigerung 
d. Leistungs- 
fähigkeit 
des 
Kleinkaliber- 
gewehres bei 
Anwendung 
von Stahl- 

Hohl- 
gesehossen. 







5 mm -Gewehr 


5 mm - Gewehr 




Deutsches Gewehr 88 


mit schwächerer 


mit stärkerer 






Patrone 


Patrone 


G 


60 Bestrichener .So i< et 




JSf Bestrichener 


«-§ lli ► 

.2 ® ' d _ 


9 


Bestrichener .So ^e 




a 


Baum gegen S> 2 ; S a ^ 


.2 "Raum gegen' 


SP S 1 S 'S «D 


•0 


1 
Baum gegen 


■0 d M« g 
Sc 3 S-S^ 


■*j 


•fei 1 B H ^ OJ - 1 


» 


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1 ,,l,7mll,8m! |g '^2 g 

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m 


m 


m 1 m cm 1 m 


m m 1 m 1 


cm m 


m 1 m m 


cm 


m 


500 


703 






93 0,24 


960 




— ' 171 ',0,20 


11171 - 




1 

238 0,15 


1000 


629' 200 212 

5621 123 130 

ii 1 


75 il,09 
60 , 2,76 
48 (5,53 
38 9,76 


878' 

804 i 233 

1 


1 
246 


143 0,89 


1027' - ' — 201 ' 


0,66 


1500 


119' 2,19 


945 

869 


308 


326 


170 


1,61 


2000 


502 
449 


83 


88' 
62' 

1 


735 


163 


173 i 100 '4,28 
127 ' 84 ' 7,35 


215 


228! 

1 


144' 


3,12 


2500 


59 


672'' 120 


799 162 171 

1 1 


1221 


5,33 



Mit der Aenderung der ballistischen Eigenschaften hat natürlich 
auch wieder die „Güte" eine beträchtliche Verschiebung erfahren; für das 
deutsche Gewehr 88 ist dieselbe zwar — gegenüber dem leichten Mantel- 
Hohlgeschosse — um eine Kleinigkeit gesunken (von 2240 auf 2205) ; aber 



*) „Fortschritt und Rückschritt des Infanteriegewehrs". 



80 



I. Die Feuerwalien. 



was will das sagen? Hat sie doch für das 5 IVIillimeter-Gewehr von 5842 

bis 6805 bezw. 7453 zugenommen; mit der „stärkeren" Patrone ist also 

diese Waffe dem deutschen Gewehre Mod. 71 fünfundsiebzigfach überlegen! 

Enorme g^jj solches Stahlgeschoss wird, selbst auf weite Entfernungen, 

rang alle im Felde vorkommenden Deckungen durchdringen. Der üebergang 

"hom- zum Stahl-Hohlgeschosse, sagt Professor Hebler, dürfte voraussichtlich für 

ge8cho8808. ^1^ heutigen Kleinkaliberwaffen schon in verhältnismässig ganz kurzer 

Zeit erfolgen, und so würde die höchste mögliche Leistungsfähigkeit der 

jetzigen kleinkalibrigen Militärgewehre recht bald erreicht werden. Der 

grosse Wert der Hebler'schen Erfindung liegt in der ungemein ver- 

grösserten Rasanz. Es kann demnach schon gegenwärtig bei einer 

Distanz von 1000 Metern die Trefflinie um das Fünffache erhöht, d. h. 

von 42 auf 218 Meter gebracht werden. 

Vergleich der Offenbar wird demnach die Idee Hebler's nicht von der Tagesordnung 

Leietnngs- 

fiihigkeit von verschwinden; wenigstens befürwortet er dieselbe mit dem früheren Eifer 
gesehoesen ^^^ stützt sic durch ueuc Versuchc und Berechnungen. 

mit Kanal- 

gescliosaeii. VoUgeschosse Geschosse mit einem Kanal 



Maoser-Gewehr 



Lebel-Gewehr 1886 . . . 



5 Millimeter-Gewehr . . . 




400 



Länge der Trefflinie bei einer Distanz von 1000 Metern. 



vereacha Weuu Hebler richtig urteilt, so wäre die Einführung des neuen 

gwciios^ii in Geschosses nur noch eine Frage der Zeit. Jedoch ungeachtet dessen, 

Amerika. ^^^ Versuche mit Hohlgeschossen schon im Jahre 1874 angestellt worden 
sind, ist man bis jetzt zu keinem definitiven Resultat gekommen. Seitens 
des Nordamerikanischen Kriegsdepartements in Frankford -Arsenal*) mit 
dem Hohlgeschosse unter vergleichsweiser Heranziehung des Dienst- 
gewehres Mod. 92 angestellte Versuche sind nicht günstig ausgefallen. 

Das Hohlgeschoss stand an Trefffahigkeit dem älteren ganz erheblich 
nach. Es zeigte sich eine merklich raschere x^bnahme der Geschwindig- 
keit, sodass die prätendierte Abnahme des Luftwiderstandes beim Hohl- 
geschoss eine Täuschung zu sein scheint. In trockenes Eichenholz auf 
1 Meter von der Mündung drang das Hohlgeschoss 7 Zoll, das Normal- 
geschoss aber 16,5 Zoll ein. Die Vorteile des Hohlgeschosses würden 
hiernach nur in der Verminderung des Gewichtes der Munition und in 
der Verflachung der Bahn auf näheren Entfernungen bestehen. 

*) „Jahrbücher für die Deutsche Armee und Marine". Band 94. Heft III. 
März 1895. 



Vorschläge neuer VervoUkonmmuiigen. gl 



Das Oesterreichische Militär -Komit6 hat ebenfalls Pi-oben mit den Meinung 
Hohlgescliossen des Professor Hebler angestellt. reichisoiien 

Die Versuche erstreckten sich auf Ermittelung der Geschoss- ^omuTa 
geschwindigkeit, der Ordinaten der Bahn von 4B0 Meter und auf das ^^^^j^^^^"" 
Verhalten des Geschosses beim Eindringen in Rotbuchenholz. 

Der Bericht zieht nachstehende Folgerungen aus den Versuchen: 
das Hohlgeschoss hat vor dem gleichgeformten und belasteten Voll- 
geschosse weder einen Vor- noch Nachteil in der Bahnrasanz, hinsichtlich 
des Durchschlagsvermögens ist bei dem Hohlgeschosse das Verhalten 
ungünstiger als beim Vollgeschosse. Das leichte Hohlgeschoss — Stahl- 
geschoss — steht dem schweren selbst bei den kleinsten Entfernungen 
und trotz der grösseren Anfangsgeschwindigkeit nach. 

Aber wieviele noch embryonische Verbesserungsentwürfe werden ZT^raofto- 

aossiehten. 

Sich an der Hand der modernen Wissenschaft und bei den regen Be- 
strebungen nach Vervollkommnung der WaiFen in der Folge verwirklichen ! 

Jedenfalls steht heute fest, dass das jetzige Dienstgewehr der Haupt- venuohe 
Staaten schon überwunden ist. Dasselbe bildete nur einst einen kurzen den ^nesten 
Ruhepunkt zwischen zwei schnell fortgeschrittenen Etappen des zeitgemässen ^«'^®^"^ 
Gewehres, nämlich zwischen dem von 11 bis 8 Millimetern und dem zwischen 
8 und H 1/2 Millimetern Kaliber. Die letztere Etappe ist heute fast überholt. 

Ein Vergleich dieser Kaliberstufen in Bezug auf Geschwindigkeit 
und Gestrecktheit der Bahn ergiebt: 

Die 11 mm- Waffen schiessen mit einer Geschwindigkeit von 420 bis 450 m 

Die Versuche in Italien liefern den besten Beweis füi' die Vorzüge 
des neuen 6,5 Millimeter-Gewehres vor dem älteren Vetterli-System. 

Mittleres Yerh&ltnia beim Schnellfeuer Yetterll-Gewehr 6,6 Millimeter-Gewelir 

Trefferprozente 100 130 

100 Schützen in einer Minute Troller . 100 166 

Gleiches Patronengewicht 100 178 

Das 5 Millimeter-(Tewehr liefert aber noch viel günstigere Resultate 
und das Ai-meehlatt nennt dieses Gewehr „unser Zukuiiftsgewehr".^) 

Wenn die Neuerungen vervollkommnet und von den meisten der 
heutigen Heere angenommen sein werden, wird man um so mehr Grund 
haben, sich zu fragen: wird bei den jetzigen Massenheeren genügende 
Standhaftigkeit vorhanden sein, um auf so weitreichende Entfernungen 
ununterbrochen ein vernichtendes Gewehrfeuer auszuhalten, und wird der 
glücklichste Krieg im Stande sein, die Verluste, welche er mit sich 
bringen muss, auszugleichen ? 

^) LöbeU's „Militärische Jahresberichte" 1804. 



Bio eh, U^T rakftnftige Krieg. 6 



82 !• J^i© FeuerwaiFen. 



10. Selbstlader- und Aluminiumgewehre. 

Es sind neue Systeme von Selbstladergewehren aufgetaucht, welche in 
Bezug auf Feuerschnelligkeit die jetzigen sogenannten Magazingewehre 
weit hinter sich lassen und dieselben verdrängen dürften, i) 
Die Bei diesen neuen Gewehren wird der Rückstoss ausgenutzt. Das 

Selbstlader- 

gewehre, Gcwehr ladet sich nach dem Schusse von selbst; der Rückstoss wirkt 
Eiiirfchtung ^^^ einen besonderen Mechanismus, welcher aus dem Gewehre die Hülse der 
und ausser- abgeschosscuen Patrone heraustreibt und an ihre Stelle eine neue Patrone 

gewönnliciio ^ 

Feuer- ciuschaltet. Das Gewehr ist immer geladen; sobald es abgeschossen wird, 
gesc^™ lg- Y^^Q^ gg gj^jj damit zugleich von neuem. Man kann mehrmals schiessen, 

ohne das Gewehr von der Schulter zu nehmen und ohne Zeit und Mühe 
auf das Laden zu verwenden. 

Die Erfindung ist praktisch noch nicht vei-wertet worden, aber die 
Anwendung wird nicht auf sich warten lassen. Wichtig ist schon der Um- 
stand, dass der Gedanke praktische Anwendung gefunden hat. Es liegen 
bereits eine stattliche Reihe von Modellen vor. 

Die bisher vorliegenden Modelle von Selbstladern sind nach vier 

grundsätzlich verschiedenen Systemen konstruiert, teils mit beweglichem, 

teils mit festem Laufe versehen. 

Äbsprecheude Die Gegner der Selbstlader sagen zwar: ,,Wir erzielen schon heute 

i*n Betrefft siebzchu Ms fünfundzwauzig gezielte Schüsse in der Minute und fünfund- 

^'olb'rauchr dreissig bis fünfzig als mechanische Schnellfeueiieistung! Und da will 

der man uns nun gar mit selbstspannenden und -ladenden Waffen kommen, die 

gewehre. iu ciuer Minutc an hundertzwanzig Schuss oder noch mehr abgeben sollen ! 

Was wird bei diesem Geknalle aus Zielen und Trefien? Wie lässt sich 

die unentbehrliche Ruhe und Manneszucht im Feuer bewahren? Woher 

sollen bei solcher Vergeudung des Schiessbedarfs die nötigen Patronen 

kommen? Muss denn der Lauf mit aller Gewalt in ein Stück glühenden 

Stahls verwandelt werden? Können die im Gefecht ohnehin schon so 

stark angespannten Muskeln und Nerven des Durchschnittsmenschen diese 

unaufhörliche, rascheste Folge von heftigen Entladungen, Stössen und 

Erschütterungen überhaupt aushalten, ohne gänzlich zu versagen?" 

Alle diese Fragen sind sicherlich durchaus berechtigt, und es kann 
gar keinem Zweifel unterliegen, dass eine straff erzogene und gut geführte 
Truppe höchst selten — fast niemals — in die Lage kommen wird, auch nur 
die Schnellfeuerleistung unserer jetzigen Waffen bis zu ihrer äussersten 
Grenze auszunutzen. In der Regel \\^rde dies die Erreichung des tak- 
tischen Zweckes nicht fördern und durch den beschränkten Patronenvorrat 



*) Skugarewski: „Angriff der Infanterie". 



fi 



Selbstlader- und Aluminiumgewehre. g3 



sich von selbst verbieten. Aber die Sache muss noch von einem anderen 
Gesichtspunkte aus betrachtet werden : die Handhabung und der Gebrauch 
des Kiiegsgewehres muss möglichst einfach sein, die Kraft, Achtsamkeit 
und Verstandesthätigkeit des Schützen thunlichst wenig in Anspruch nehmen, 
und die Selbstlader erfüllen in hohem Maasse diese Bedingungen. 3) 

Es wird voraussichtlich nicht lange währen, und die europäischen ^^/^^J* 
Heere werden wieder zu einer Umwaffnung schreiten. Natürlich werden i»der. 
sich, meint Professor Skugarewski, wieder Leute finden, welche den Nutzen 
der Selbstlader vom taktischen Gesichtspunkte aus bestreiten und Gründe 
für die Nutzlosigkeit und den Schaden eines allzu schnellen Schiessens, 
Gründe gegen den Schiessmissbrauch anzuführen wissen werden, aber 
nichtsdestoweniger wird die Macht der Verhältnisse die Armeen zwingen, 
auf dem abschüssigen Wege einer NeubewaiFnung weiter zu gehen. 

Es kann doch einem Zweifel nicht unterliegen, dass beim Schiessen 
aus Selbstladern der Schütze, wenn er dieselbe Anzahl Patronen wie aus 
den jetzigen Gewehren verschiesst, weniger wie bislang ermüden wird, 
weil er sich die Handhabung des Ladens erspart, und da er dabei viel 
mehr Kaltblütigkeit bewahren kann, so wird auch die Anzahl Treffer 
eine viel grössere werden. 

Mögen die Selbstlader als Kriegswaffe eine Zukunft haben oder Technische 
nicht, der Gedanke, welcher ihnen zu Grunde liegt, ist jedenfalls grossartig \^^^^ 
und bewundernswürdig. ^gewehf^ 

Gewiss hatte die Waffentechnik schon vordem erstaunliche Erfolge «»^ kanfuge 

Yerwertang 

ZU verzeichnen. Ein chemisches Gemisch in so verschwindend kleinen deweiben. 
Dosen, dass erst fünf bis acht Gewehiiadungen zusammen das Gewicht 
eines einfachen Briefes erreichen, wird gezwungen, in einem kleinen 
metallenen Bolzen von wenigen Gramm so viel Kraft und Arbeit auf- 
zuspeichern, dass dies winzige Körperchen dicke Baumstämme, starke 
Mauern, stählerne Platten glatt durchschlägt und noch auf Tausende von 
Metern einen Mann ausser Gefecht setzt. Das ist unstreitig eine gewaltige 
Leistung. 

Aber noch weit mehr bedeutet es, wenn man jenen kleinen Dämon, 
die winzige Ladung Pulver, mit vieler Kunst und List durch einen ver- 
hältnismässig sehr einfachen Mechanismus auch als fleissigen und flinken 
Handlanger des Schützen dienstbar gemacht und ihn genötigt hat, neben 
und gleichzeitig mit der Erfüllung seiner Aufgabe als Würger und Ver- 
nichter noch die Arbeit des Oeffnens, Spannens, Ladens und Schliessens, 
kurz die gesamte Bedienung der Waffe bis auf das Zielen, Abdrücken 

^ Greneralmajor R. Wille: „Fortschritt und Rückschritt des Infanterie- 
gewehrs''. Berlin 1894 

6* 



84 



I. Die Feuerwaffen. 



Aasdaaer 
und taktisohe 
Oesetaioklich- 

keit 
des Soldaten 
werden darch 

leichtere 

Bewaflhniig 

Q.Ansrüstang 

erheblich ^e- 

f5rdert; 
wamm nieht 
OewehrUafe 

ans 
Alnmininm 

oder 

ans deeeen 

Legieningeu 

herstellen? 



Kosten 

einer 

Patronen- 

yerftnderang. 



und Kastenfüllen, mit unübertrefflicher Sicherheit und Schnelligkeit zu 
vemchten. Es ist dies ohne Zweifel ein technischer Fortschritt ersten 
Ranges, der abermals einen voUgiltigen Beweis für die unerschöpfliche 
Ei-flndungs- und Gestaltungsgabe talentvoller Männer liefert, ein Fort- 
schritt, dem auf die Dauer auch die praktische Anerkennung und Ver- 
wertung schwerlich versagt bleiben wird.^) 

Weiter hat man unter den auf der Tagesordnung stehenden Grewehr- 
vervollkommnungen auch noch die Annahme eines leichteren Metalles als 
Stahl in Betracht zu ziehen. Vom Soldaten wird im Kampfe Energie ge- 
fordert; kann er aber dieselbe äussern, wenn er übermässig beschwert 
ist? Zwei Pud (32,76 Kilogramm) — sagt Skugarewski — lässt sich 
leicht aussprechen, aber selbst das Kameel wird im Kriege bei Futter- 
mangel mit nicht mehr als sechs Pud (98,28 Kilogramm) beladen! 

Die Einführung von Gewehren aus Aluminium, dessen spezifisches 
Gewicht nur 2,67 beträgt, also etwa so schwer wie ordinäres Glas ist, 
muss daher eine dringende Frage der nächsten Zukunft bilden. Man 
wird ohne Zweifel eine entsprechende Metalllegierung herstellen und die 
Technik wird auch für diese Frage eine befriedigende Lösung finden. 
Was die Ausrüstung des Soldaten anbetrifft, so wird in Zeitschriften be- 
sprochen, dass jetzt schon alle Metallteile und Patronenhülsen in Deutsch- 
land durch Aluminium ersetzt werden sollen.^) 

Aber bei den Millionenheeren, welche in Zukunft ins Feld zu lücken 
haben werden, erfordert auch die geringste Umarbeitung Millionen. Die 
Kosten für ein neues Gewehrsystem sind von uns schon berechnet worden 
Sehen wir nunmehr zu, welche Ausgaben nötig wären, um nur die 
Patronen zu verändern, wobei wir den Preis einer Patrone des Systems 
Hebler oder einer Aluminiumpatrone auf 12 Pfennige annehmen und 
voraussetzen, dass pro Mann ein Patronenvorrat von 200 Stück an- 
gefertigt wird. In diesem Falle würden sich die Ausgaben für die 
Veränderung der Patronen pro Mann auf 24 Mark stellen. Die dies- 
bezüglichen Gesamtausgaben betragen mithin für die einzelnen Länder: 



Anzahl 
der Gewehre 



» 



für Italien . . 

Oesterreich 

Deutschland 

Frankreich 

Russland . 






1267 Tausend 

2062 

3600 

4150 

4566 



n 



77 



» 



Summe der Ausgaben 
in Mark D. Rw. 



30,4 Millionen 
49,6 
86;4 
99,6 
109,3 



n 



n 



Insgesamt 376,2 Millionen. 



*) „Fortschritt und Rückschritt des Infanteriegewehres**. Berlin 1894. 
*) Skugarewski: „Angriff der Infanterie". 



Schlussfolgeningen über die Hand-lFeiierwaffe. 35 



Obwohl diese Summe annähernd eine halbe Milliarde Mark beträgt, 
so ist doch bei dem heutigen Rüstungsfieber, wie Graf von Caprivi es 
nannte, die Gewährung einer solchen Ausgabe sehr wohl möglich; damit 
wird dann wieder eine Aenderung der Taktik nötig werden und die 
Lage sich also noch mehr komplizieren. 



11. Schlussfolgerungen über die Hand-Feuerwaffe. 

Es giebt Militärschriftsteller, welche erklären, dass die furchtbare ^•'^«» »*«^ 

° ' ' EinfAhnmg 

Vemichtungskraft des jetzigen Gewehres gewissermaassen dadurch der neuen 
paralisieii; wird, dass sie den Soldaten der Kaltblütigkeit und somit der aTwachten* 
Fähigkeit beraubt, die heutige Waffe voll auszunutzen. werde^n? 

Nehmen wir eine Weile an, dass die jetzt weittreffende Schnellfeuer- 
waffe, welche einen rasanten Schuss auf fast 600 Meter Distanz abgiebt 
und welche es erlaubt, 600 Meter für den Schuss als nahe Entfernung anzu- 
sehen, während bei dem deutschen Zündnadelgewehre im Kriege 1870 nur 
200 Meter als solche galten; nehmen wir selbst an, dass die künftige treff- 
sicherere Waffe, deren bestreichende Geschossbahn bei drei- bis vierfach 
grösserer Dui^chschlagski-aft schon bei 1000 Meter eintritt, dennoch im 
Kampfe selbst sich nicht verderblicher erweisen würde als die früheren 
Gewehre : — eine so wenig wahrscheinliche und offenbar rein willkürliche 
Annahme würde den Erfahrungen widersprechen, welche der chilenische 
Krieg geliefert hat. Man hat mit der neuen Waffe Resultate erzielt, 
deren Wert man durch Deutungen wohl abschwächen kann, jedoch 
niemals bis zu dem Grade, um zu erklären, dass auch bei den Eigen- 
schaften des heutigen Gewehres die gleiche Zahl von Geschossen nur 
eine gleiche Zahl von Mannschaften wie in früheren Schlachten kampf- 
unfähig machen wird. 

Die Zahl der Gewehrschüsse, die auf jeden aus der Gefechtsfront ^^^ der Ge- 
scheidenden Soldaten kam, war ungefähr folgende: auf einen" 

Getroffenen 

m den Kriegen . unseres Jahrhunderts bis 1859 . . . 143 in früheren 

im Kriege 1864 gegen Dänemark (preussisches Heer) . 66 Kriegen. 

in demselben Kriege in der Schlacht bei Lundby . . . 8V2 

im Kriege 1866 im preussischen Heere 66—38 

im Kriege 1870 im deutschen Heere 164 

im Kriege 1870 im französischen Heere: 

nach Riviferes 49 

nach Montlusan 102 



86 !• I^»« Feuerwaffen. 

^Pata^nen-^ Trotz des gTosseu Unterschiedes zwischen diesen Angaben, widerlegt 

Vorrat itot keine einzige derselben die Annahme, dass der heutige Patronenvorrat 

v«rIichtuSg des Soldaten (100 bis 160 Stück) durchaus genügt, um durch jeden derselben 

vorausehen. ^euigsteus ciueu Gegner kampfunfähig zu machen. Noch beim Gebrauche 

der früheren Gewehre sprachen die Militärschriftsteller die Ansicht aus, 

dass, wenn überhaupt der Verlust des Gegners weniger als 7 Mann auf 

1000 Schüsse betrage, es gar nicht zu schiessen lohne, i) 

Erwägungen, Hieraus ergiebt sich, dass unter bestimmten Verhältnissen eine 

ob die Qegner 

im Stande gegenseitige Vernichtung der beiden feindlichen Kräfte nur durch 
'^'^'^duloh''" (Jewehrfeuer möglich sei, insofern sich die dem Soldaten zur Verfügung 
Gewehrfeuer steheudeu Patroueu auf 220 Stück berechnen lassen und bei einer 

gegenseitig 

bis rar Yei- weiteren Verminderung des Kalibers der Soldat 380 und sogar 
b^ettmpfen" 67B Patroueu mit sich führen wird. Man muss zudem im Auge be- 
halten, dass der jetzige Trieb nach Vervollkommnung der Waffen auch 
weiterhin noch Fortschritte in der Steigerung der Treffsicherheit und 
überhaupt der Wirksamkeit des Feuers bringen wird. Auch in früheren 
Fortschritte Zeitcu bUcb man nicht stehen: die allmählichen Verbesserungen sowohl 

in der 

Steigerung üi der Bewafinuug als in der Schiessausbildung der Truppen erhöhten 
Wirkung' beständig die Feuerwirkung. Interessante Angaben in dieser Hinsicht 
finden wir in einem uns vorliegenden Dokumente'^); dieselben ermöglichen 
es, die Treffsicherheit des Feuers in den russischen Schützenbataillonen 
in zwei Epochen zu vergleichen, welche 17 Jahre von einander entfernt 
liegen. Wir geben diese Notizen in folgender graphischen Darstellung: 



1857 1874 

Meter 

Vergleiche 

zwischen 

1867 n. 1874. 




tiiiiitililiiJHiiiiliiH::!^::^:::!:::::::::::::!:::::::::::::: 



450 






Treffer beim Schiessen der aktiven SchützenbataiUone in Prozenten. 

So sehen wir, dass bei einer Entfernung von 450 Metern die Zahl 

der Treffer im Jahre 1867 25%, im Jahre 1874 schon 69%, d. h. fast 

dreimal mehr betrug. 

Wahrschein- Es ist ZU bemerken, dass das Feuer besonders gegenwärtig, wo jedes 

inlmei^er Projektil auf Distauzeu, auf denen sich das Gefecht hauptsächlich abspielen 

^we^ wird, bis 4 Mann treffen kann, furchtbare Verheerungen anrichten muss. 

ranchlosen Das Geheimhalten eines beabsichtigten Angriffes ist heutzutage 

„Müitar. Wochenblatt" 1881. Seite 453. 

') „Dienstthätigkeit des Herzogs von Mecklenburg- Strelitz in Russland". 
Petersburg 1887. 



Scblussfolgerungen über die Hand-FeuerwafPe. 87 

weit mehr erschwert wie früher, denn der Rauch verschleiert nicht mehr 
die Angriflfsrichtung; auch bedarf der Angreifer eines Geländes, das die 
Bewegung seiner Massen und das Zusammenwirken der drei Waffen ge- 
stattet. Der Verteidiger dagegen wird, wenn er das Vorgelände ge- 
nügend rekognoszierte, mit ziemlicher Bestimmtheit voraussagen können, 
von wo aus der Einbruch versucht werden wird. Nun soll aber nach 
Ansicht kompetenter Militärschriftsteller für die grosse Entscheidungs- 
schlacht der Zukunft die Einleitung voraussichtlich Tage lang dauern. 

Und da- trotz weittragender Feuerwaffen die Entscheidung so wie 
früher in der Nähe des Feindes wird fallen müssen, so werden die Ver- 
luste, die man erleiden wird, um sich auf diejenige Entfernung an den 
Gegner heranzuarbeiten, von der aus die Feuerüberlegenheit zu erringen 
sein wird, eminent grosse sein. 

Wie sehr bei einer solchen Sachlage das Fehlen des dichten Rauches 
die todbringende Wirkung des Gewehrfeuers steigern wird, kann am 
besten folgendes Beispiel illustrieren. 

„Wer hat nicht Gelegenheit gehabt zu beobachten", schreibt ^^l»*^«™'»« 
General Duguesme, „wie sich vor der Linie der schiessenden Abteilung reauitate 
eine Rauchwolke erhebt, welche die Leute bis zu dem Grade deckt, dass maak^rende 
aUe auf sie gerichteten Schüsse unrichtig und ziellos geschehen? Ich j^j|J®J^^°° 
habe dies selbst in der Schlacht bei Caldero erfahien. Als ich bemerkte, (Berichteines 
dass auf dem Unken Flügel einige Bataillone, welche den Befehl zum dee Generals 
Sammeln erhalten hatten, stehen blieben und ein reihenweises Feuer ^"«^"•■"^^ 
begannen, begriff ich, dass sie dasselbe nicht lange würden unter- 
halten können und ritt auf sie zu. Die feindliche Linie war unsichtbar. 
Durch den Rauch konnte man kaum das Blinken der Bajonnete und die 
Spitzen der Grenadierhelme wahrnehmen, und zwar trotz der nahen Ent- 
fernung bis zum Gegner. Zwischen den kämpfenden, durch eine Boden- 
vertiefung getrennten Parteien, lagen nicht mehr als 45 Meter, aber beide 
konnten einander nicht sehen. Weder ich, noch meine zwölf berittenen 
Ordonnanzen wurden verwundet, auch sah ich unter den Soldaten 
Niemanden, der vom feindlichen Feuer gelitten hätte. "S) 

Nun aber werden die Truppen in allen Heeren mit Waffen ganz „^'»•'«^i^?*- 

** ^ lieber Abrias 

anderer Wirkungskraft bewaffnet sein. Um einen Begriff davon zu geben, der Tre«F- 
bis zu welchem Grade die neueste Feuerwaffe einen vervollkommneten Yfit dlm* 
Mechanismus darstellt, stellen wir zunächst einige Vergleiche an. Von ^^^^^'^ 
den Pfeilen, welche der Bogenschütze auf 100 Meter Entfernung ab- scbütxen bis 

K fl AR flll ORB A 

sandte, trafen einer auf 100, von den Kugeln aus dem glattläufigen d^ beatigen 
Gewehre 6 auf 100, von den Geschossen aus dem gezogenen Gewehre 30, ^gewehres!' 



') Pusyrewski: „Erforschung des Kampfes**. 



88 I- Die Feuerwaffen. 

ans dem Chassepot-Gewehre 50, aus den Gewehi'en neuesten Modells 70 
auf 100. Das glattläufige (rewehr war also 6mal wirksamer als der 
Bogen, das Gewehr der nenesten Systeme etwa 12mal wirksamer als 
das glattläafige Gewehr. 

In der graphischen Darstellung tritt die Bedentung dieser Ko6fficienten 
noch klarer hervor. 



unMnchitd« WaR die Schnelligkeit des Schieasens, folglich auch die Anzahl der 

seknauiEksit abgefeuerten Geschosse betrifft, so stellt sich der Vei'gleich folgender- 
sehit^eu«, maassen: bei dem gezogenen Gewehre, das von vorn geladen wnrde, 
kamen auf die Minute nur 21/2 Schüsse, bei dem ersten Hinterlader- 
gewehre, dem Dreyse'schen Zündnadelgewehre, jedoch schon 5 bis 6 
Schlisse; die einladigen nenesten Schnellfenergewehre, wie z. E. das teil- 
weise noch jetzt in der russischen Armee gebräuchliche Berdan-Gewehr, 
ermöglichen bereits 1 bis 12 Schüsse, die Magazingewehre 16 bis 20 Schüsse 
in der Minute.*) 
sd,,M- Wenn wir für die graphische Darstellung die Darchschnittsziflei-n 

' taiMB in* nehmen, so erhalten wir folgendes Bild : 

J>r HinnM. „ . , 



BchQBsgeschffindigkeit in einer Minute. 

Nun aber muss bemerkt werden, dass die Technik der Vervoll- 
kommnung der Feuerwafien ihr letztes Wort noch nicht gesprochen hat. In 
unserer Zeit erfolgen die Erfindungen mit stetig wachsender Schnelligkeit 
und es ist kein Ende derselben abzusehen. 
L«ifw.nik«ii Die erste Hand-Feuerwaffe, eine Art Hakenbüchse mit Lunte, wurde 

»iidlningsB in Frankreich erst 150 Jahi'e nach Erfindung des Pulvers eingeführt 
ij>Dg<nii«it. ij Oiiii^ga: „L'art da combattre". S. 16. 



ScMnssfolgernngen über die Hand-Feuerwaffe. 



89 



(couleuvrines k main 1380—1630); bis diese Waffe sich in das Feuerstein- 
gewehr umwandelte, waren 173 Jahre verflossen (1530 — 1703); bis zur 
Einführung von Pistons vergingen 139 Jahre (1703—1842); der Ersatz 
des glattläufigen Gewehres durch das gezogene Gewehr war erst nach 
weiteren 15 Jahren erfolgt (1842—1867). 

In den Krieg von 1859 rückten die Franzosen noch mit Gewehren 
des Typus von 1777 aus, nur dass derselbe durch Zugabe einer Eöhre für 
das Piston und durch Windungen im Laufe verändert war. Aber schon 
seit 1867 sind bei den Franzosen Gewehre dreier Systeme, eines nach 
dem anderen aufgetaucht: das Chassepot-Gewehr, das Gras-Gewehr und 
das Magazingewehr Lebel, welch letzteres man jetzt schon als veraltet 
ansieht und zu dessen Umarbeitung man sich bereits anschickt, wenn 
man den Mitteilungen des Blattes „L'Echo de l'armee" Glauben schenken 
will, „lieber das System des abgeänderten Gewehres soll schon ent- 
schieden worden sein und dasselbe ist versuchsweise an die Truppen 
ausgegeben, aber die Zeitung teilt natürlich die Einzelheiten seiner Ein- 
richtung nicht mit, sondern beschränkt sich auf den Hinweis, dass das 
neue Magazin 12 Patronen zugleich fasst. Die neu geschaffene Waffe 
wird die offizieUe Benennung: „Gewehr, Mod. 1886—1893" tragen."^) 

Es kann indessen keinem Zweifel unterliegen, dass, wenn im all- 
gemeinen Gange der Dinge nicht binnen sehr kurzer Zeit radikale Ver- 
änderungen eintreten, auch diese Gewehi-e für untauglich werden erklärt 
werden und man sie durch 6-, vielleicht sogar durch 5-Millimeter-Gewehre 
ersetzen wird. 

P^olgende graphische Darstellung giebt ein deutliches Bild davon, 
mit welcher Schnelligkeit im Vergleich mit der Vergangenheit sich gegen- 
wärtig die Umbewaffnung vollzieht. 



Basehheit 

der 

XJmbewsff- 

BOBgea 

in der Jetet- 

seit. 



Hakenbüchse mit Lunte . . 






■ 






U\hO 


Feuerstein-Gewehr 












^^HnRmm 














Glatte Piston-Gewehre . . . 






1 






|_uuua 


Gezogene Piston-Gewehre . 




15 


MiMHHa 








Gezogene Stutzer 


P 


Chassepot 


Ig 






Schnellfeuergewehr Gras . 


:|l2 


Lebel-Gewehr, Typus 1883. 


6 



Vergleich 
der Perioden 

der Um- 
bewaffnnngen 

in der 
firnnzösiseben 

Armee. 



173 



Perioden des Bestehens der verschiedenen Gewehrsysteme der 
französischen Armee, in Jahren ausgedrückt. 



No. 157 des russischen railitärisclien Fachblattes „Raswjedtscliik", Jahr- 
gang 1893. 



1. Dia Fenerwoffen. 



Einige Mitteilungen über französische Gewehre werden ans einen 
in ot«hM loch klareren Begrilf von den Verbessemngeii und der Bedentung der- 
j2f«V™ s«^^° »eben. 















Bezeichnung 
der Wall'e 


Jahr 












Kaliber 


Gewicht 




aewir,ht 


nuchwindig- 


Tteff- 
■lohetheft 






HlllIiiietAr 


Kilofrini» 




Onnir 


llat«r 


Meter 


Muskete .... 


1600 


18,0 


7,500 


1 rund 


50,0 


240 


230 


Flinte 


1777 


17,5 


4,400 




26,6 


450 


200 


^ 


182a 


17,5 


4,398 


1 


28,6 


450 


200 


„ 


1857 


17,8 


4,330 


1 lünglich 


32,0 


350 


690 


^ 


1866 


11,0 


4,200 




25,0 


420 


1200 





1874 


11,0 


4,200 


1 . 
1 


25,0 


450 


1800 



Nicht ohne Interesse wird nebenstehende Zeichnung der Durch- 
schlagskraft der Geschosse auf 20 Meter Entfernung sein, nach Angaben 
der Belgischen Staats - Gewehrfabrik bezw. der „Revue de l'Annöe 
Beige". 6) 

Wir sehen deutlich, wie die Durchschlagskraft zugenommen hat, 
die heutige Kugelform dagegen anverändert bestehen bleibt. 
T«ffftwg. Was die Treflfähigkeit der Gewehre anbetrifit, so lassen wir eine 

ur OBwikn nach der „Revue de l'Armöe Beige" iUr die Antwei-pener Ansstellung 
Hit 177T bearbeitete üebersicht folgen. 

Waffenfabrik des Belgischen Staates. 
(Flinten, Karabiner, Musketen, Pistolen und Rovolvor.) 
Probeschiessen auszuführen am Schiessstande: 

auf Eatfemung von 1000 Metern (Flinten, Karabiner, Musketen). 

Flinten-Mod. 1777. Flinten-Mod. 1841. Karabiner-Mod. 1848. 



Maassstab 1 : 40. 



') Die Zeichnung ist in '/<-Grös3e gemacht. 



SoUussfblgeriuigeii über die Hamj-Penerwaffe. 



Einige Itallistiäche Da- 
ten werden uns die voi- ■ 
gegangenen Vei-ändenin- 
gen noch genauer er- 
läutern, 

Das Uewicht der Kogel 



betrug 
1777 






27 Gramm 


1841 






27 „ 


1848 






49 , 


18^ 






47 r 


1867 






^ , 


1868 






25 „ 


1889 






14 , 


Die SchDelligkeit des 


Schiessens v/ae in der 


Mimte: 


1777 . . . li/^Schass 


1841 . 




l'/s . 


1848 . 




1% . 


1863 . 




l'h ,, 


186? , 




12 


186« . 




12 


1889 






25 



8| 



» » (W A ff ff i 



Anfangsgeschvind igheit 





490 


615 


710 




Schuss. 




Fluahöhe 




weite 


Buf halber' Entfernung 














500 


3,0 


1,6 


1,0 




600 


4,7 


2,5 


1,6 




800 


9,9 


5,4 


3,5 




1000 


18,1 


10,1 


6,7 




1200 


30,2 


10,2 


12;? 


i M 


1600 


70,3 


37 J5 


36,3 


n 


1800 


100,7 


53,0 


53,61) 


o2 






■S-S 










1' 


2000 


92 


166 


202 





o a d a Q D I 



') Jjflbell: „Militärische Jahrestieriehte'' 1 



I. Di« Fpuerwaffen, 



FlinUm-Moa. 1853. 



Flinten-Mod. 1867. 



Maassstab 1 : 40. 
T™ffsi.:ii.^ Ein oberflächlicher Blick genügt, um die bedeatenden Unterschiede 

)uaüu^.jg- in der Treffwahrscheinlichkeit zwischen den Gewehren, welche im letzten 
•riMben dentsch-französischen Kriege angewendet wurden, nnd den heatigen zu 
di< otaii«rt konstatieren. Bei der jetzigen Kriegfilhrang werden die Offiziere eine 
inirhisn«. noch vicL grOsscre Bedeatang als in der Vergangenheit haben, nnd die 
Ersetzung derselben im Kiiege wird eine der Hanptschwierigkeiten sein. 
B«dtüt<.Di — Im künftigen Kriege wird man das Sprichwort „tel chef, teile armße" 
"fn^.'"^in „tel cadres, teile armöe" umwandeln müssen. Schon im deutsch- 
französischen Kriege war der Verlast der Offiziere ein sehr bedeutender. 
Zu Ende des dentsch-französischen Krieges standen an der Spitze der 
Bataillone und Halb -Bataillone Reserve -Offiziere und selbst Feldwebel. 
Im nezember 1870 hatte eine ganze bayerische Division nnr einen 
einzigen Hauptmann der Linie aufzuweisen, s) 

Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die ver\'ollkömmneten 
Waffen, die Bauchlosigkeit, die Einschärfung der Vorschriften in allen 
Armeen, hauptsächlich auf Offiziere zu zielen, und die Verwendung von 
Scharfschützen, welche vor der Front als Jäger sich vorfinden werden, 
für den zukünftigen Krieg eine besondere Bedeutung erhalten. 
pi» Und wenn wir noch hinzufügen, dass der jetzige Infanterist un- 

t^K dia° verhältnismässig besser eingeübt ist, nnd die das Feuer leitenden Organe 
"'urteH"" •"•*' ausgezeichneten Gläsern versehen sein werden, so werden wir' die 
dM Kriec« Erklärung dafür erhalten, warum eine so grosse Anzahl Schriftsteller die 
HuKeia tu Undnrchführbarkeit eines grossen europäischen Krieges ins Auge fasst. 
'"'' Auf noch einen Unterschied mit der Vergangenheit müssen wii' die 

Aufmerksamkeit lenken. 

' Bis zur neuesten Zeit bestand ein ungünstiges Verhältnis der Pulver- 
ladung zur Waffe. Der Schuss erzeugte einen so heftigen Rückstoss und 
Backenschlag, dass der Schütze meist nach 10 bis 12 Schuss eine 



•) V. d. Gkiltz. „Das Volk in Waffen". 



SohlussfolgeruBgen über die Hand-Feuerwaffe. 93 

geschwollene, wenn nicht gar blutende Backe davontrug. Wo sollten da 
die Lust und der Eifer zum Schiessen herkommen! 

Weiterhin muss bemerkt werden, dass die Reparaturen der Waffen vergleich 

der Verein- 

und deren Reinigung die Wirkung sehr behinderten. Noch im Jahre 1851 fachung 
bedurfte der schweizerische Scharfschütze gemäss Ordonnanz zu seinem AuBT^tnug 
Stutzer: 1 Kugelmodell, 1 Giesslöffel, 1 Schraubenzieher mit Kamin- jg^l^^'^j^g^ß 
Schlüssel, 1 Kugelzieher, 1 Lappenzieher, 1 Wischer, 1 Stutzerzapfen, ^ 
1 Raumnadel mit Kettchen, 2 Vorratskamine und 1 Vorratskorn nebst 
den 60 Pulverpatronen, 60 mit Futter umwickelten Geschossen und. 
78 Zündhütchen. 

Zum heutigen Repetiergewehre fühlt der Schütze mit: 1 Schrauben- 
zieher, 1 Wischkolben, 1 Borstenwischer und Patronen; sein Gewehr ist in 
weniger als einer Minute zum Reinigen zerlegt und die Abgabe von 
16 gezielten Schüssen in der Minute ist keine aussergewöhnliche Leistung. 
Die TreflEtähigkeit des glatten Perkussionsgewehres dieses Jahrhunderts 
ist auf 200 Meter analog derjenigen mit der heutigen Waffe auf 800 Meter 
und darüber. 

Die Tragweite des Geschosses überhaupt und dessen hinreichend 
verwundbare Wirkung beträgt mindestens das 3- bis 4fache gegenüber 
den früheren Geschossen. 

Vergleichserhebungen über Versager ergaben (1871) 6,60 Prozent vergieichb- 

erbebung^en 

beim Steinschlossgewehre, 0,40 Prozent bei der Perkussionszündung und aber 
0,07 Prozent bei der Metallpatrone mit Randzündung, wobei noch in ^•"***'' 
Betracht kommt, dass die heutige Patrone unempfindlich gegen Feuchtig- 
keit und andere äussere Einwirkungen ist. 

Da ausser den Gewehrprojektüen auch die Artilleriegeschosse im Ver- Kann 
hältnis zu früher von einer unvergleichlich grösseren Wirksamkeit sein **^ Krug^*' 
werden, so erheben sich wohl Zweifel, in wie weit die Nerven der ^g^*"^^^* J" 
unter den Fahnen befindlichen Millionen, welche nur eine kurze Dienstzeit ^^^^ 

earopäiscben 

aufzuweisen haben, das verheerende Feuer aushalten werden, dessen M&cbt« 
sich wiederholende Wirkung fortdauern wird, bis jede ungedeckt yQj.. •"*'''^®^^®"- 
gehende Abteilung vernichtet sein wird. Weiter fragt es sich, ob der 
künftige Krieg, wenn er auch furchtbare Menschenhekatomben verschlungen 
haben wird, auch nur einige der Avichtigsten internationalen Streitfragen 
wird lösen können. 

Die Mehrzahl derjenigen, welche militärische Fragen entscheiden, 
antwortet mit „Ja". Hat man aber nicht diese so optimistischen An- 
sichten lediglich einem Beharrungsvermögen zuzuschreiben, welches be- 
sonders den in den Traditionen der Vergangenheit lebenden Militärs die 
Einsicht verschliesst , dass Kriege nach einigen Jahrzehnten unmöglich 
werden können? Unbewusst werden allgemeine Urteile auf Grund histo- 



94 !• ^^^ Feuerwaffen. 



rischer Forschungen und Vorstellungen über die früheren, mit Berufs- 
soldaten geführten Kriege gemacht; mit Soldaten, welche, von militärischem 
Geiste durchdrungen, in geschlossenen Kolonnen dem Feinde zu Leibe 
gingen, wo Ellbogen an Ellbogen stiess, wo jedes Glied hinter sich 
andere, in nächster Nähe folgende Glieder hatte, wo nichts übrig blieb 
als vorwärts zu gehen, vorwärts aus Furcht vor Schande und Strafe und 
endlich aus Besorgnis, in das Feuer der eigenen Kameraden zu geraten. 
Wir wissen es wohl, dass auch jetzt schwere Strafen nach Art des 
altrömischen Kiiegsgesetzes festgesetzt sind, dass Soldaten, w^elche zu fliehen 
beginnen oder im Kampfe ihre Waffe fortwerfen, mit dem Tode bestraft 
werden. Das heutige österreichische Kriegsgesetz erkennt gleichfalls 
auf Erschiessen wegen Feigheit, welche sich im Verlassen der Geschütze, 
Fortwerfen der Gewehre, Flucht in der Schlacht, Zögerung, aus der be- 
festigten Position herauszutreten, offenbaren würde ; sind ganze Truppenteile 
feige gewesen, so soll die Todesstrafe jeden zehnten Mann treffen. Dieses 
Gesetz giebt ebenso wie das römische bei gefährlichen Lagen jedem 
Kommandeur das Recht, Soldaten, die sich feige zeigen sollten, mit dem 
Tode zu bestrafen. 

Die Kriegsgesetze der anderen Nationen enthalten mehr oder 
weniger ähnliche Bestimmungen. So setzt z. B. das italienische Gresetz 
Todesstrafe für Feigheit Angesichts des Feindes fest, das deutsche für 
Feigheit während der Schlacht. 9) Aber fortan werden die einzelnen 
Truppenteile von einander getrennt, in aufgelöster Formation stehen, 
wobei die Aufsicht weniger möglich ist. 
widempnich ßcl dcu tiefcu Wurzclu, welche in gewissen Sphären der Militarismus 

Ewisclieii dem 

Militarismus gescWageu hat, beschäftigt sich die Phantasie besonders der höheren 
Gji^d.z^it.^^^^rs nur ungern mit dem Bilde des modernen Kampfes. Man lässt 
die Frage eines Widerspruches zwischen der Vorbereitung von immer 
furchtbareren Vernichtungsmitteln und der Einberufung fast der -ganzen 
erwachsenen Bevölkerung unter die Waffen, offien, — eines Widerspruches 
gegen den Geist der Zeit, der sicli immer entschiedener gegen den 
Militarismus ausspricht. 
Proudiion'8 Schon Proudhou hat gesagt : „Der Soldat, der für das Vaterland in 

Aensserang 

Aber den Kampf geht, muss sich über sich selbst erheben, nicht nur mit Energie 
"S^dM* und Tapferkeit, sondern auch mit Tugend bis zur Heiligkeit." 
und deren An- Nchmcu wlr au, dass bei der Mehi-zahl der heutigen Soldaten sich 

Wendung anf 

die iient« in's diese Tugeud wirklich finden wird. Aber auch dann entsteht die Frage: 

*Tnipper inwieweit wird bei der Zerstreuung der Truppen auf grossem Räume, bei 

der aufgelösten Gefechtsart, welche beim heutigen Vernichtungsvermögen 



^) Dangelmeier: „Militärische Abliandlungen". Wien 1893. 



Schlussfolgerungen über die Hand-Feuerwaffe. 95 

der Gewehr- und Artüleriegeschosse unvermeidlicli ist, die Einzel- 
persönlichkeit, nicht mehr von der kompakten Masse getragen, sondern 
weit mehr sich selbst überlassen, im Stande sein, im Kampfe bis znr 
Selbstlosigkeit zn handeln? 

Alles dies gewährt keinen tröstlichen Ausblick. Der aufs höchste 
angespannte Wetteifer in den Vorbereitungen zum Kriege — ein Wett- 
eifer, der diesen bewaffneten Frieden selbst gewissermaassen in einen 
wenn auch unblutigen, aber nichts desto weniger zerrüttenden Krieg ver- 
wandelt hat — wird, je länger er dauert, eine desto schwerere Last bilden 
und kann zudem noch durch die soziale Gährung kompliziert werden, 
welche im Westen Europas nicht zum Stillstand kommt. 

Wie schwer aber auch dieser Wetteifer auf den Staatsbudgets lasten Notwendig- 
mag, kein Staat Europas kann in dieser Beziehung hinter den Nachbarn aasgMetzten 
zurückbleiben. Indem Europa seine Rüstungen bei der jetzigen Schnellig- if^^emSie 
keit in den Vervollkommnungen der Technik fortsetzt, wo eine Erfindung »«^ff««»«- 
die andere jagt und die Bedeutung der vorhergehenden verringert oder 
gar aufhebt, nähert es sich mehr und mehr einer Katastrophe, deren 
Resultat nicht abzusehen ist. 

Die Sache spitzt sich offenbar zu einem arithmetischen Exempel zu: i«*der Krieg 

was kann Europa theurer zu stehen kommen? der Krieg, der unvermeid- bewafroete 
lieh sein dürfte, sobald eine Macht die andere in den Rüstungen überflügelt, kosSjieUger 
oder der bewaffnete Friede? ^ *«»* 

nationalen 

Gegenwärtig, wo alle Völker Europas die allgemeine Wehrpflicht ein- wohwand? 
geführt haben und im Stande sind, jeden Augenblick fast die ganze waffen- 
fähige Bevölkerung unter die Fahne zu rufen, wo alle Völker „Gewehr 
bei Fuss" stehen und gleichsam nur auf einen Anlass warten, sich auf- 
einander zu stürzen und den Gegner zu vernichten — „saigner ä blanc", 
wie sich Fürst Bismarck einmal ausdrückte — , wer kann es da wagen, 
einem Volke zu raten, abzurüsten oder wenigstens auf weitere Neuerungen 
in der Bewaffnung zu verzichten? 

Hierzu muss die Erkenntnis von der Unerträglichkeit der jetzigen ^^^ soidat 

* mnati die ihn 

Lage allgemein werden, müssen die Fragen, die mit dem künftigen Kriege erwartenden 
zusammenhängen, allseitig geprüft werden. Uns scheint es, dass Hoenigi<>) ^^^IT 
völlig Recht mit der Forderung hat, die Truppen nicht über die gewaltigen ^®"*"- 
Verluste in Unkenntnis zu halten, welche die Schlachten der Zukunft 
bringen, da dies das einzige Mittel ist, einer Panik vorzubeugen und 
einigemiaassen die Stimmung der Truppen zu beherrschen. Nur auf 
diesem Wege kann sowohl in die breiten Schichten der Gesellschaft wie 
auch in die leitenden Kreise endlich die Ueberzeugung dringen, dass in 



^^) „Untersuchungen über die Taktik der Zukunft". 4. Aufl. 1893, 



96 !• ^i^ FeuerwaiFen. 



nicht ferner Zukunft die Völker nicht mehr im Stande sein werden, Kriege 
zu ertragen. Inzwischen sind die Anstrengungen der modernen Technik 
zur weiteren Vervollkommnung der ohnedies schon furchtbaren Bewaffnung 
so energisch, dass E. von Vogue anlässlich der letzten Pariser Weltaus- 
stellung folgende Aeusserung thun konnte: „Die Industrie für das Töten 
bildet jetzt einen blühenden Handelszweig; sie blüht in einem solchen 
Maasse, dass, wenn man die Grallerien auf dem Marsfelde sieht, welche 
die Metallurgie einnimmt, man sich wohl fragen darf: bildet nicht das 
auf der Esplanade des Invalidenhauses aufgeführte Gebäude einfach Ab- 
teilungen einer Kriegsausstellung?" 
Endresniut Es Wäre schöu, wenn sich eine von Kapitän Nigot bei diesem 

inilitari/cliep Anlasse ausgesprochene Ansicht bestätigte: „inmitten aller dieser Todes- 
RftBtongen ^^^kz^yj^gQ keimt dennoch ein tröstlicher Gedanke empor; vielleicht erfindet 
ihrer Vervoll- ^e Wisseuschaft eudUch so mörderische Werkzeuge, fähig, das moralische 

Komm- 

nungen- der Wesen des Meuscheu derart zu erschüttern, dass jeder Krieg unmöglich 
wird, und dass demnach die Vervollkommung der Kriegsmittel selbst zu 
einem allgemeinen Frieden führen würde". 

Vielleicht wird auch unsere Arbeit in dieser Hinsicht ein Scherf lein 

beitragen, indem sie in den folgenden Teilen zeigt, dass gegenwärtig, 

wo der Krieg die Form des Kampfes ganzer Bevölkerungen annimmt, 

welche ein breites, kompliziertes Leben leben, auch mit dem Geiste der 

ganzen Bevölkerung gerechnet werden muss. 

Der künftige - Gcfühle, Charakter, Verstand und Wille der Massen sind jetzt 

^^Td^^ bereits derart dem Kriege abgeneigt, dass ein solcher fast undenkbar 

p**"*- J^y"^" wird, und es dürfte dies um so mehr der Fall werden, wenn neue Er- 

EuropM flndungen neue Vervollkommnung der Kriegsmittel zur Folge haben 

' werden. Eines ist gewiss, dass ein künftiger europäischer Krieg gewaltige 

Folgen haben und von dem grössten Einflüsse auf die politische Ordnung 

Europas sein wird. Auf den Charakter des Krieges selbst aber werden 

den schwerwiegendsten Einfluss die von uns behandelten Vorzüge der 

neuen Waffe und des neuen Pulvers ausüben: Rauchlosigkeit, Treffweite, 

Rasanz und Durchschlagskraft. 

Bevor wir an die Prüfung der Wirkung jener von uns oben 
beschriebenen Waffe gehen, müssen wir uns ein Bild von den VervoU- 
kommungen machen, welche in der Artillerie seit dem letzten Kriege erfolgt 
sind, da gegenwärtig mehr als je Infanterie und Artillerie gemeinsam 
werden wirken müssen und erfolgreiche Schlachten nur von diesen beiden 
Hauptwaffen der Armee gemeinsam ausgefo(*hten werden können. 



Artillerie-Greschütse und Geschosse. 97 



Ärtillerie-Oeschtitze nnd Geschosse. 

Die Hand-Feuerwafie hat sich im Lanfe der letzten Jahrzehnte nach 
drei Seiten hin vervollkommnet, nämlich durch Verbesserung der Hinter- 
ladung, Einführung des Magazins und Verkleinerung des Gewehrkalibers. 
Ausserdem ist die Kugel mit einer Nickel- oder Stahlumhüllung versehen 
worden. Diese Umstände brachten überall eine mehrmalige Umbewaffhung 
der Infanterie mit sich. Die Feldgeschütze dagegen haben seit 1880 
keine grösseren Veränderungen in der Konstruktion erfahren, sondern 
nur teilweise Verbesserungen; erst in jüngster Zeit tritt die Frage 
bezüglich radikaler Veränderungen im Geschutzwesen hervor. 

Die Resultate der schon durchgeführten Verbesserungen im Artillerie- 
wesen erscheinen ^o bedeutend, dass nicht wenige Fachmänner die Mög- 
lichkeit der Führung eines regelrechten Krieges ohne unertragbare Opfer 
heute bereits für zweifelhaft erachten. 

Macht die Vervollkommnung dieser Waflfe, wofür alle Wahr- 
scheinlichkeit spricht, noch weitere Fortschritte, so dürfte ein Krieg 
zwischen den europäischen Grossmächten geradezu als ganz undenkbar 
erscheinen. 

Damit der Leser sich von der bereits eingetretenen und der noch 
zu erwartenden Weiterentwickelung in der Armierung der Artillerie eine 
Vorstellung bilden kann, dürfte es, wie wir dies bereits bei Besprechung 
der Hand-Feuerwaffen gethan haben, geboten erscheinen, die wichtigsten 
und charakteristischen Momente der Entwickelung der Artillerie, sei es 
auch nur flüchtig, ins Auge zu fassen. Dies allein wird uns die Möglich- 
keit gewähren, die Rolle, welche diese Waffengattung bei dem gegen- 
wärtigen Stande der Technik zu spielen bestimmt ist, nach Gebühr zu 
würdigen. 

Unserem Dafürhalten nach wird erst diese Kenntnis uns das er- 
forderliche Material an die Hand geben, um die Fragen zu würdigen und 
zu beantworten: Ist bei der gegenwärtigen Entwickelung der Technik 
der Krieg im Stande, die grossen internationalen Fragen zu entscheiden ? 
Werden die Verluste der kriegführenden Teüe, noch bevor die erhofften 
Resultate erreicht wurden, auf der einen und der anderen Seite nicht 
derart ins Ungeheure gewachsen sein, dass der Abschluss des Friedens 
sich als unbedingt geboten herausstellen wird, ohne dass diejenigen inter- 
nationalen Streitfragen, welche den Krieg heraufbeschworen, gelöst worden 
sind? Die heutigen ungeheuren und ruinierenden Vorbereitungen zum 
Kriege kann man also mit einer Sisyphusarbeit vergleichen. 

Bloch, Der zak&nftige Krieg. 7 



98 !• ^i© Feuerwaffen. 



1. Geschichtliche Entwickelung der Geschütze. 

a) Die Geschütze bis zum XVIII. Jahrhundert. 

Früheste Als früheste Zeit für den Gebrauch der Feuerwaffen wird das Jahr 

GebrancheB 618 V. Chr. augefühil;, wo in China unter der Regierung des Taing-Ofi 
Feuerwaffen. I^^^^^^&^schütze angcwcndct w^urden. Ausserdem lässt sich das Vor- 
Tafel V, kommen kleinerer Geschütze dieser Art — Jingals genannt — auf mehr 
Hg- IV- als 300 Jahre vor unserer Zeitrechnung zurückführen (Tafel V, Fig. IV). i) 
Erstes Das ScMesspulver wurde in Deutschland^) schon zu Anfang des 

puiver in XIV. Jahrhuuderts fabrikmässig bereitet und dennoch wurden noch lange 
an . 2^j^ nachher im Kriege ausser den Hand-Feuerwaffen — Wurfmaschinen, 
Pig. L n Katapulte und Ballisten gebraucht (Tafel V, Fig. I bis III), welche Steine 
n. HL yon einigen hundert Pfund Gewicht auf mehrere hundert Schritte werfen 
konnten. Selbstverständlich forderte man von den ersten Feuergeschützen 
eine mindestens gleiche Leistung. Daher bekamen diese ein grosses KaUber 
und wurden so gewichtige Maschinen, dass sie nur mit der grössten 
Schwierigkeit bewegt werden konnten; man nannte sie Mortiere, Bom- 
Pig. V bis barden und Büsten. (Tafel V, Fig. V bis IX.) Die geringe Kraft des 
^ noch dürftigen Pulvers und die sehr mangelhafte Widerstandsfähigkeit 
der Geschützrohre erlaubten lange Zeit nicht, den zuerst üblichen Stein- 
kugeln eine für das Breschelegen der Mauern genügende Geschwindigkeit 
und Stosski'aft zu geben; auch waren die Steinkugeln nicht hart genug 
Erste eiserne uud zerscheUtcu am Maucrwcrk. Jedoch um 1400 wurden eiserne 
°^* *"' Kugeln für die Geschütze eingeführt und allmählich verdrängten diese die 
steinernen Geschosse. 

Nicht ohne Interesse ist es, zu bemerken, dass der Gebrauch ge- 
schmiedeter eiserner Vollkugeln älter ist als die Anwendung des Pulvers ; 
gegossen wurden eiserne Vollkugeln zuerst in Aarau 1378; ebenso bediente 
man sich glühender Kugeln als Brandgeschosse schon 1472. Spuren 
Sporen eisemcr Hohlprojektüe sind schon im XTV. Jahrhundert zu finden 

eiserner 

Hohl- doch wurde ihr Gebrauch erst im XVI. Jahrhundert allgemeiner. Aus 
Projektile, rjr^^^ ^^^^ ^^^^ hergestellte kleine Hohlkugeln, mit Pulver gefüUt, warf 

man 1523 aus freier Hand, und nannte diese Geschosse Handgranaten. 
Die Füllung der grösseren Hohlprojektüe, Granaten und Bomben, bestand 
anfänglich bloss aus Pulver, später nebst diesem auch aus Brandsatz- 
stücken, und für die Bomben auch aus kleinen Granaten und Bleikugeln. 



*) Thierbach: „Die geschichtliche Entwickelung der Hand-Feuerwaflfen". 
Dresden 1886. 

') Es bestanden Pulvermühlen: 1340 in Augsburg, 1344 in Spandau und 
1348 in Liegnitz. 



Tafel V. 



V 

1330—1400 



f^Eyn.OTa-s>TT^:^am: 



( Eriäiitaungen umstehend,) 



Eisflgea iei Salt* « 



Erläuterangen zu Tafel Y. 

Fig. I, II (Altertum). Katapulte: grosse Armbruste, deren Sehnen mittelst einer 
Kurbel gespannt wurden und die Pfeile (darunter auch Feuer- oder Brand- 
pfeile) fortschleuderten. 

Fig. III (Altertum). Balliste, "Wurf oder Schleudermaschine: eine Vorrichtung 
aus Balken und Strickwerk, mittelst welcher die Objekte (Steine, Brand- 
körper bis zu 500 Kilo Gewicht) auf 200 bis 300 Meter in bogenförmiger 
Richtung über Mauern geworfen wurden. 

Fig. IV. Hinterlader uralter Zeit, welcher bei Ausgrabungen auf der Insel Java 
gefunden worden, von Bronze; bei 82,5 Centimeter Seelenlänge und 23 Milli- 
meter Kaliber zwei angegossene Schildzapfen, mit denen er im Gestelle 
oder einer Art Lafette gelegen hat. Die Kammer trägt oben zwei Henkel 
als Griffe für das Ausheben aus der Hülse, sowie das Zündloch mit einer 
kleinen Pfanne. Quer durch die rückwärtige Verlängerung des Rohres 
(eine Art Hülse, in der die Kammer befindlich) geht ein vierseitiger Aus- 
schnitt für einen Keil, welcher das Kammerstück in das hintere Ende des 
Rohres einpresst. Dieser Keil ist mittelst eines Kettchens mit dem Rohre 
festbeweglich verbunden. 

Fig. V, 1346. Geschützrohr (mit getrennter Kammer, Hinterladung) im Museum 
zu Namur, ca. 1 Meter lang, aus zusammengefügten Eisenstäben, mit 
eisernen Reifen gebunden. 

Englisches Geschützrohr nach Froissard aus der Schlacht bei Crecy. 
Aus zusammengefügten Eisenstäben, mit eisernen Reifen gebunden; Ladung 
von der Mündung des konischen, sich nach hinten verengenden Rohres. 

Die erforderliche Richtung gab man dem Rohre durch Eingraben oder 
Unterlagen und verrammte das Bodenstück zur Verhinderung des Zurück- 
weichen s. 

Zur Ladung bediente man sich einer Ladschaufel für loses Pulver, 
das schon in früher Zeit zuvor abgewogen und in Säcke verpackt wurde, 
die man später dem Rohrkaliber anpasste und, wenn geladen, mittelst 
einer Nadel vom Zündloch aus durchstach. Das Zündloch wurde mit Mehl- 
pulver gefüllt und anfänglich mittelst einer glühenden Kohle, später mittelst 
einer Lunte (an einem Zündstock befestigt) die Zündung bewerkstelligt. 

Fig. VT, VII, 1400. Rohr aus Gusseisen (1380—1400), welches mit seinem unteren 
vierseitigen konischen Zapfen in die Stirnseite eines Holzblocks eingesetzt 
wurde und Rohr aus Bronze gegossen. 

Fig. VIII. Mörser, im hinteren Teil eine Verengung, durch welche ein begrenzter 
Raum entsteht zur Aufnahme des Pulvers. 

Fig. IX. Englische Kolubrine, aus Bronze gegossen. 



Die Geschütze bis zum XVlii. Jahrhundert. 99 

Die Entzündung der Sprengladung in den Hohlgescliossen geschah schon 
ursprünglich durch Brandröhren, in ihrer Einrichtung den jetzigen 
ähnlich.^) 

Die Geschützfabrikation verbesserte sich im Anfang des XV. Jahr- Tafel VI 
hunderts. Es wurden Büchsen aus Eisenguss verfertigt, welche auf looo"*^^^ 
Schritt Entfernung schössen. Jedoch bis zur Mitte des XV. Jahrhunderts 
wurden sie überhaupt nur auf Wagen gebraucht (Tafel VI, Fig. X, XI). 

Die damalige Kriegführung, wie aUbekannt, bestand hauptsächlich '^^^^^_®' 
in Aufstellung von Wagenburgen. Bei dem damaligen Stande der Artillerie bargen. 
musste der letzte Angriff auf die Wagenburg durch das Fussvolk geschehen, 
so dass also bei Verteidiger und Angreifer das Bedürfnis nach Fussvolk in 
grossem Maasse vorhanden war. Erst in der zweiten Hälfte des XV. Jahr- 
hunderts war die Artillerie bezüglich Wiikung und Beweglichkeit soweit 
vorgeschritten, dass ihr gegenüber die Wagenburgen verschwinden 
mussten. Das Schweizer Fussvolk focht zuerst ohne Wagenburg, doch 
bediente es sich im Laufe des ganzen XV. Jahrhunderts der Schusswaffe 
nur in geringem Maasse; für seine Stellung in tiefen Haufen war die 
Bewaffnung mit Hellebarden und langen Spiessen, mit Schlachtschwert 
und Morgenstern, ohne Schild, die vordersten Glieder im Harnisch, das 
Maassgebende, daher noch gegen Ende des XV. Jahrhunderts das Ver- 
hältnis der Schuss- zur blanken Waffe bei den Schweizern sich wie 1 : 5 
gestaltete. 

Für den Angriff von befestigten Plätzen werden schon schwere Ge- Pig. XIL 
schütze aus Bronze gebaut.*) (Tafel VI, Fig. XH.) Jedoch ihr Gebrauch 
konnte kein allgemeiner werden. 

Zu ihrem Transporte waren 59 Pferde erforderlich, nämlich: 12 für Tmnsport 

schwerer 

das Rohr, 16 zu den Blockwagen, 4 für den Haspel, 6 für den Schirm, GeacMtM. 
20 zum Führen der 15 Steinkugeln, je drei auf einem Wagen, samt 
2V2 Zentner Pulver (14 Pfund oder 7 Kilo per Schuss) und 1 Pferd für 
den Büchsenmeisterwagen mit seinen sechs Büchsenknechten, und deren 
Handgerät. 

Das, soviel bekannt, älteste europäische Bronzegeschütz von mehr <^®^j°^*« ^®' 

schweren 

als gewöhnlicher Grösse wurde im Jahre 1408 (also noch drei Jahre vor Geschütz«. 
der „Faulen Mette" von Braunschweig) zu Marienberg in Sachsen ge- 
gossen; sein Gewicht betrug ungefähr 130 Zentner. 

Siebzig Jahre später liess Ludwig XI. von Frankreich, der in seinen 
unaufhörlichen Händeln mit England und Burgund die gewichtige Ueber- 
redungsgabe der „ultima ratio regis" hinlänglich würdigen gelernt hatte, 

») MüUer: „Waffenlehre". 1859. 

*) „Die Biesengeschütze des Mittelalters und der Neuzeit" von R. Wille. 
Berlin 1870. 

7* 



100 I. Die Feuerwaffen. 



ZU Paris, Tours, Orleans und Amiens die sogenannten „Zwölf Pairs von 
Frankreich" giessen, welche eine 500 Pfund schwere Steinkugel (der ein 
Kaliber von ungefähr 22 Zoll entsprechen würde) über 5000 Meter weit 
schössen. Einer dieser Pairs zersprang übrigens beim Anschiessen und 
tötete seinen Giesser, Namens Jean Mocqu6, nebst noch 14 Leuten. 

Die Kolubrine (coulevrine) von St. Dizier hatte einen Seelendurch- 
messer von 20^/4 Zoll und schoss eine Granitkugel von mehr als 4 Zentner; 
die kalibermässige Eisenkugel würde 11 Zentner gewogen haben. 
susisaM Im Kreml zu Moskau befinden sich mehrere Geschütze von ausser- 

Monstr«- 

gesehflfcx. ordentlichen Grössenverhältnissen; das grösste ist die „Zar - Puschka", 
oder die „Kaiserkanone," ein Rohr mit Kammer, welches 1586 vom Meister 
Andreas TschachoflF gegossen wurde, 780 Zentner wiegt, 35 Zoll Seelen- 
durchmesser hat und 6,30 Meter lang ist. 

Dies sogenannte Geschützrohr, obgleich als solches nur ein kolossales 
Schaustück, das wahrscheinlich niemals einen Schuss verfeuert hat und 
vielleicht schon von vornherein gar nicht zum wirklichen Gebranch be- 
stimmt war, ist doch als Gussstück, namentlich in Anbetracht der Zeit 
seiner Entstehung, höchst interessant und bewundernswürdig. 

Immer reichhaltiger wurden die Geschütze aus gegossenem Eisen 

und Bronze, so dass zu Beginn des XV. Jahrhunderts Geschütze aller 

Formen %und Gewichte vorgefunden wurden. Man hatte die ganze Skala 

der Kaliber erschöpft, von den Rohren, welche 100 -Kilogramm -Kugeln 

Schossen, bis zu den Mörsern und Bombarden, welche Steinkugeln von 

600 Kilogramm Gewicht schleuderten. Diese Verschiedenheit lag in der 

Natur der Geschosse; denn die Kanonen schössen Bolzen, Brandpfeile, 

steinerne, eiserne, bronzene, bleierne Kugeln, Feuerballen, glühende 

Steine, Granaten, Kartätschbüchsen, die mit Bleikugeln gefüllt waren, 

oder Steinsäcke. Die Anwendung der Artillerie konnte aber dennoch 

keine nutzbringende sein. 

Pig. Zm. Die Geschützrohre waren auf schwerfälligen Gerüsten, wie aus den 

beiliegenden Zeichnungen ersichtlich ist, befestigt, und erst in der zweiten 

Hälfte des XV. Jahrhunderts brachte man unter den Schiessgerüsten vom 

Räder an und befestigte hinten zwei Handhaben (Taf. VI, Fig. XUI), 

bei sehr schweren Stücken auch eine Winde, um das Gerüst bewegen und 

richten zu können. 

Enrter Deu erstch rationellen und umfassenden Gebrauch vom Vertikalfeuer 

Gemach des machte Sultan Muhamed 11. im Jahre 1463 bei der Belagerung von Kon- 

^feal^ stantinopel, als die genuesische Flotte hinter den Mauern von Galata 

Schutz gegen das Feuer seiner Kanonen gefunden hatte; schon der zweite 

Wurf des Mörsers brachte ein feindliches Schifi zum Sinken. Wie langsam 

aber in dieser Zeit die Kenntnisse sich fortpflanzten, zeigt schon der 



Tafel VI. 




(Erlätttenmgen umstehend.) 



Erläuterungen zu Tafel Tl. 

Fig. X. Kanonsattel wagen für leichte Kanonen. 

Fig. XL Wagen zum Transport von leichten Mörsern. 

Fig. XII. Riesengeschütz Mohameds Tl., welches Kugeln auf 1500 Meter schoss, 
aber zur Fortbewegung 30 Wagen-Untergestelle, welche durch 60 Ochsen 
gezogen wurden und 250 Männer zum Ebnen der Wege und Herstellung 
der Brücken brauchte. Das Geschütz jedoch konnte nicht mehr als 7mal 
am Tage geladen werden. 

Fig. XIII, 1476. Kolubrine von der Artillerie Carl des Kühnen, welche von den 
Schweizern in der Schlacht bei Granson genommen wurde; das Rohr ist 
aus schmiedeeisernen Stäben zusammengesetzt und hat keine SchQdzapfen. 

Fig. Xllfa. Zubehörstücke, die beim Laden der Geschütze gebraucht wurden. 
Mit dem Wischer wurde die Seele gereinigt, mit der Ladeschaufel 
das lose Pulver in die Kammer des Rohrs gebracht. Entgegengesetzt 
dem Borstenende hat der Wischer einen Kolben, mittels dessen die 
Geschosse an den Boden des Rohrs gestossen werden. Weiterhin 
sehen wir einen Luntenstock, der zum Abfeuern des Geschützes benutzt 
wird und Instrumente zum Entladen des Geschützes. Mit der Vogelzunge 
sollen eingeklemmte Geschosse gelüftet, mit dem Lumpen- und dem 
Dammzieher Pfropfen, Pulvorbeutel u. s. w. aus dem Rohr gezogen werden. 
Die Notschraube dient zum Ausziehen von hölzernen Spiegeln, das 
Visitiereisen zum Untersuchen des Rohrs in Bezug auf etwa darin befind- 
liche fremdartige Gegenstände. 

Fig. XIV, 1500. Italienisches Geschütz kleinen Kalibers, dessen Richtmaschiue 
aus einem prismatischen Holzstück besteht, welches zwischen dem Rohr- 
sattel und der eigentlichen Lafette nach vor- und rückwärts bewegt und 
in korrespondierenden Einschnitten fixiert wurde. 

Fig. XV, 1509. Falkonetlein der Maximilianischen Artillerie, mit dachförmigem 
Kasten zwischen den Lafettenwänden zur Aufnahme der Munition und 
Zubehörstücke. 

Fig. XVI, 1550. Feldschlange, sehr lang, mit einem Pfund Pulver geladen 
schoss sie eine Kugel von einem Pfund. 

Fig. XVII, 1500. Deutscher Mörser, 20-Pfünder mit Lafette, mit Verengung im 
Hinterteil zur Aufnahme des Pulvers, die Schildzapfon sind bereits an 
den Boden verlegt. 

Fig. XVIII, 1560. Französischer Pulverkarren. 



Die Geschütze bis zum XVllL Jalirhaiicleit. 



101 



Umstand, dass man in Frankreich das Mörserfeuer erst im Jahre 1634 
durch den englischen Ingenieur Malthus kennen lernte, obwohl gegen Ende 
des XV. Jahrhunderts die Artillerie wesentlich fortgeschi-itten war. 

Es herrschte 6lne Verschiedenheit des Kalibers, von der wir uns Pig. XIV 
heute nur schwerlich einen Begriff machen können. Die Doppelkanone war *^' ^'^ 
mit 35 Pferden, die Feldschlangenkanone mit 23, die schwere Kolubrine 
mit 17, die mittlere mit 7 Pferden bespannt, die schweren Falkonets 
hatten 2 , die leichten nur 1 Pferd , bis Karl VUI. und Maximilian I. 
in der Artillerie Frankreichs und Oesterreichs eine Umformung vor- 
nahmen. Die Kaliber der schweren Stücke wurden kleiner und für das 
Schiessen mit Eisenkugeln geeignet (Tafel VI, Fig. XIV bis XVI); die 
mittleren Kaliber erhielten mehr Beweglichkeit, um sie auch ins Feld 
führen zu können. Mörser wurden zwar mitgeführt, aber ihr Gebrauch 
war sehr beschi^änkt wegen ihrer Unbeweglichkeit und Bauart (Tafel VI, 
Fig. XVn). Nicht weniger charakteristisch ist der damalige Pulver- 
transport (Tafel VI, Fig. XVHI). 

Aber als man in der Mitte des XVI. Jahrhunderts entdeckt hatte, Experimente 



zur 



dass die längeren Geschütze eine grössere Schussweite geben als die Feststellung 
kürzeren, geriet man wieder ins Extrem, indem man Schlangen einführte, der*Geaciiüte- 
die 50 Kaliber lang waren. Erst später fand man, dass die übergrosse ~^'*' 
Länge der Geschütze der Schussweite ebenfalls nachteilig sei: man suchte 
nun durch allmähliches Abschneiden das richtige Längenverhältnis für die 
Geschützrohre zu finden. 

Ein Bild von dem damaligen Zustande der Artillerie ergiebt sich 
aus folgenden Angaben über die 1588 nach Flandern entsandten Geschütze. 



Gewicht 



Küo 



Dorohmesser 

des 

Geschützes 

Centimeter 



Gewicht 

des 

Geschosses 

Kilo 



Gewicht 

der 

Pulyerladunp; 

Kilo 



Halbe Kanonen . 

Kalikrine 

Halbe Kalikrine 

Sacra 

Minion 

Falkonet 



3000 

2000 

1500 

750 

550 

400 



16,30 

13,70 

11,10 

8,50 

7,80 

5,90 



15 
9 

4,5 
2,5 
2,2 
1,2 



14 
9 

4,5 
2,5 
2,2 
1,2 



Jedoch charakteristisch wai-, dass zur Bedienung der Geschütze M&ngei 



der 



bis zur Mitte des XVIII. Jahrhunderts keine Bespannung vorhanden war, Bespannung 
sondern gemietete oder requirierte Pferde, Ochsen, Maulesel genommen "^es 
wurden. Sehr oft aber kam es vor, dass während der Schlacht die ^JJ^^ertJ!'" 



102 I- I>ie Feuerwaffen. 



Fuhrleute mit oder ohne Zugtiere entflohen, die Kanoniere hilflos 
zurücklassend. 
Fortaciuitte Erst der Anfang des XVn. Jahrhunderts bezeichnet einen grossen 

in der 
Ladung der FortSChritt. 
06eehütu. 

Pig. xm ^^ ^^ dahin so umständliche Laden mit der Schaufel, wozu eine 

Tafel Vn, ganze Reihe sehr komplizierter Gerätschaften nötig war, wie aus unserer 
Pig. XIZ Zeichnung ersichtlich ist (Tafel VI, Fig. XIII), wurde abgeschafft und statt 
^"' dessen die Pulverladung in Beutel gefüllt eingeführt. Auch führte man 
Kartätschen ein, welche zuerst unter dem Namen Hagel, Hagelgeschoss 
bekannt, aus Kieselsteinen, Stücken alten Eisens etc. bestanden und aus 
Steinböllem, Mörsern und Haubitzen ohne irgend eine besondere Ver- 
bindung geworfen wurden. Es war ein Fortschritt, als sie in eine 
Umhüllung von Eisendraht eingefasst wurden .6) Es wurden noch Ketten- 
und Stangenkugeln gebraucht (Tafel VII, Fig. XIX). Um sich das damalige 
Artilleriewesen zu veranschaulichen, vergegenwärtige man sich, dass eine 
Unzahl Handgriffe zur Bedienung des Geschützes notwendig, welche gar 
nicht zu umgehen waren. Einen Begriff kann uns das französische 
Geschütz (Tafel VII, Fig. XX) geben. Man kann sich also nicht wundern, 
wenn Ergebnisse, wie die in der Schlacht bei Nördlingen (1646), noch als 
befriedigend erscheinen mochten, dass nämlich seitens der Artillerie 
dreimal gefeuert und das vierte Mal geladen war. 

Durch- Noch andere Ursachen wii'kten lähmend auf die Entwicklung der 

^G^ohQte-*' Thätigkeit der Artillerie ein und so musste das bunte Durcheinander 
«*^^--, d^r verschiedensten Geschützäai;en auf dem Schlachtfelde mannichfache 
iSf TTHT- Störungen hervorbringen. Bemerkt sei, dass nach den Angaben von 
Montecuculi die kaiserliche Artillerie in der zweiten Hälfte des XVII. Jahr- 
hunderts zwei Hauptgattungen von Geschützen hatte: solche mit 
zylindrischer und solche mit glockenförmiger Bohrung; zu den ersteren 
gehörten Kanonen und Kolubrinen (Tafel VTI, Fig. XXI), zu den zweiten 
Kanonen, Steinbüchsen, Mörser und Petarden. Eiserne Lafetten fangen 
an, gebaut zu werden (Tafel VII, Fig. XXII und XXIII) und Kartätschen- 
Karren kommen in Gebrauch. (Fig. XXIV.) 

Die Typen waren so zahlreich, dass es als ein grosser Fortschritt 
angesehen wurde, als gegen Ende des XVII. Jahrhunderts Frankreich 
die Zahl der Kaliber auf sechs reduzierte, welche gleiche Rohrlänge 
erhielten. 



*) Die ersten Kartätschen, Steinsäcke oder Korbhagel (Panier pour pierrier), 
waren nichts anders, als von "Weidenzweigen nach dem Kaliber des Stein- 
mörsers geflochtene Körbe, die eine Anzahl Kieselsteine fassten, und, auf einem 
hölzernen Spiegel befestigt, geworfen wurden. 



Tafel VU. 




am 



xxm 



XX vm 

{Erliiulerungen umstrJtend.) 



Erläuterungen zu Tafel TII. 

Fig. XIX. Ketten- oder Stangenkugeln. Es sind 2 Kugeln durch eine Kette und 
2 andere Kugeln durch eine Stange verbunden. Weiterhin sind 2 auf- 
einander passende Halbkugeln an einer Stange mit Gelenk befestigt. Kam 
ein derartiges Geschoss aus dem Rohr und flogen die beiden Kugeln einiger- 
maassen gleichmässig nebeneinander, so sollten diese durch die Stange 
oder Kette den zwischen ihnen liegenden Raum bestreichen und gefährdeten 
so das Ziel auf einer grösseren Breite, als es jeder einzelnen möglich ist. 
Die "Wirkung war aber eine sehr unsichere, da die Stange häufig brach, 
überhaupt auch nicht auf eine Regelmässigkeit der Bewegung gerechnet 
werden konnte. Im Landkriege verschwand die Kettenkugel schon mit 
dem Ausgang des XVII. Jahrhunderts. 

Fig. XX, 1568 — 1609. Französisches Geschütz mit Gabeldeichsel, die am Lafetten- 
schwanz befestigt und während des Feuems längs der Lafettenwände um- 
gelegt wurde; um im Gefecht das Geschütz vorwärts nach damaliger Sitte 
zu bewegen, war vom am Stirnriegel ein Seil befestigt und während des 
Feuerns um das Rohr gewunden. 

Als Richtmaschine diente allgemein ein einfacher Holzkeil, der auf 
dem mittleren Riegel und einem davor befindlichen Bolzen seine Stütze 
fand. Die Bespannung bestand bei den leichteren Kalibern aus 4, bei dem 
12-Pfünder aus 6 Pferden. 

Fig. XXI, 1650. Französischer 12-Pfünder (1650—1700). 

Fig. XXn, 1713. Eiserne Festungs-Laffete (dänische). 

Fig. XXIII, 1713. Feldgeschütz, 3 pfundiges (dänisches), mit scfiimiedeeiserner 
Lafette, nach modernen Prinzipien konstruiert 

Fig. XXIV, 1720. Kartuschkarre. 

Fig. XXV, 1750. Oesterreichisches Geschütz, durch Verringerung der Metallstärke 
und Weglassen von Zierraten erleichtert; mit Munitionskasten und Ketten. 
Die Lafette ist an einen Vorderwagen angehängt, somit das Geschütz 
zu einem vierräderigen Fahrzeug umgestaltet. 

Fig. XXVI, 1777. Rohr nach Gribeauval's System. 

Fig. XXVIT. Rahmlafette, aus zwei aufeinandergesetzte Bohlen hergestellt. 
Die hohen Wände ruhen am vorderen Ende auf einer Achse mit 
zwei Speichenrädem, am hinteren Ende auf einem Blockrad. Alle drei 
Räder haben auf dem nach hinten aufsteigenden Rahmen Führung. 
Letzterer dreht sich um einen am Vorderteil angebrachten Zapfen und 
bewirkt zugleich die Drehung des ganzen Geschützes. Die Bedienung 
wird durch diese Einrichtung in jeder Weise erleichtert, doch verbietet 
sich ihre stete Anwendung durch die Kompliziertheit der ganzen Kon- 
struktion und die Schvnerigkeit der Aufstellung. 

Fig. XXVIII. Hebevorrichtung. 



Die Geschütze bis zum XVliL Jahrhundert. ]^03 

Ein weiterer Fortschritt in der Bedienung der Geschütze bestand 
darin, dass am Anfang des XVIII. Jahrhunderts das Ueberschmieden der 
Kanonenkugeln, um sie runder, glatter und dichter zu machen, in 
Oesterreich und Bayern eingeführt wurde, welches Verfahren dann auch 
in Frankreich Aufnahme fand. 

Charakteristisch für diese stagnierende Zeit ist, dass noch 1732 in 
der französischen Artillerie 15 zöllige Steinmörser gebraucht wurden. 

Um Mitte des XVm. Jahrhunderts wurden Verbesserungen und »«deutender 
neue Einrichtungen in den Artillerien geschaffen, durch welche diese der 
Periode gekennzeichnet ist. Dies geschah von Seiten hervorragender seit Mitte 
Männer — in Deutschland Friedrich II., Fürst Wenzel Liechtenstein, und xvnwahr- 
in Frankreich Gribeauval. Sie leiteten die artilleristische Aufbesserung tanäertB. 
und schufen ganz neue Systeme. Als Typus wollen wii* ein öster- "^' ^^' 
reichisches erleichtertes Geschütz auffuhren (Tafel VII, Fig. XXV). 

In der österreichischen Artillerie wurde unter den Bemühungen 
Liechtensteins eine grössere Beweglichkeit der Geschütze durch Ver- 
ringerung der Metallstärken und Verkürzen der Rohre erlangt, und da- 
durch die Möglichkeit gegeben, Protzen mit entsprechendem Munitions- 
vorrate mitzuführen. 

Die grösste Reform in der Artillerie bahnte jedoch Gribeauval in 6rii>e»nTfti 
Frankreich an, als er erster Generalinspektor der Artillerie wurde (1777), Frankreich. 
indem er sein Prinzip, beim Artilleriematerial nach dessen Verwendung Wg. IIYI 
Feld-, Festungs-, Belagerungs- und Küstengeschütz zu unterscheiden "'^^•"• 
und es danach auch zu konstruieren, endgiltig durchführte. 

Das seit dem Jahre 1766 angebahnte System (Tafel VIT, Fig. XXVD, 
welches seinen Namen nach Gribeauval führt, umfasste: 24-, 16-, 12- und 
8 zöllige Festungsgeschütze; 12-, 8- und 4 zöllige Feldgeschütze; 8 zöllige 
Belagerungshaubitzen; 6zöllige Feldhaubitzen; 12-, 10- und 8zöllige 
Mörser und — was beinahe unglaublich scheint — der Steinwurf wurde 
beibehalten. 

Gribeauval führte zugleich statt der unbequemen Holzlafetten 
(Tafel Vn, Fig. XXVEI) Eisenlafetten und die Vereinigung von Pulver- 
ladung und Kugel (Kartusche) ein, auch statt der Beutel- ausschliesslich 
Büchsenkartätschen. Jedes Kaliber erhielt Kartätschen mit gi'ossen und 
solche mit kleinen eisernen Schroten. 

Zu derselben Zeit aber hatte die Vervollkommnung der Infanterie- 
Feuerwaffe, der ausgedehnte Gebrauch der Plänkler das Gleichgewicht 
zwischen Infanterie juind Artillerie gestört, und wenn diese ihren Platz 
behaupten wollte, wurde es zur unbedingten Notwendigkeit, eine grössere 
Beweglichkeit der Feldgeschütze und die Erweiterung ihrer Wirkung auf 
grössere Entfernungen zu erreichen. 



X04 L «^i^ Feuerwaffen. 



^< 



Einffliiniiig ^i^Q bedeutende Neuerung führte Friedrich n. ein, indem er 1759 

reitenden die Formierung einer reitenden Batterie von 6 pfundigen Kanonen verfügte. 
duTcii Der Gebrauch reitender Artillerie war wohl nicht neu, da man schon im 
Friedrich n. XVI, und XVII. Jahrhundert ihre Anwendung und ihre Vorteile kannte. 
Die preussische Einrichtung bietet jedoch gegenüber dem früheren Ge- 
brauche reitender Artillerie den Unterschied, dass Friedrich U. nicht 
einzelne von Reitern bediente Geschütze, sondern einen Truppenteil schuf. 
Diesem Beispiele folgten bald aUe anderen Mächte. 



b) Fortschritte der Artillerie vom Begiane des 
XIX. Jahrhunderts bis 1850. 

B<v- In der Periode der Revolutionskriege begann man in Frankreich, 

Napoleons I. um dcu dringendsten Anforderungen zu entsprechen, die Geschütze füi* 
J^ketang ^^ ^^^^ Kriegführung bequemer und wirksamer herzusteUen. 
Artuierie. ^^® Feld -Artillerie wurde in die Regiments- und in die Reserve- 

Tafel VH (Positions-) Artillerie gegliedert, 140 Kompagnien sollten 846 Geschütze 
''^'•??^ bedienen. 

Im Jahre 1796 teilte Napoleon Bonaparte die Feld -Ai*tillerie den 
Infanterie-Divisionen zu, einschliesslich die 6 zölligen Haubitzen, welche 
sich früher in der ReseiTe befanden, weshalb ihre Zahl vermehrt wurde. 
Aber als diese Geschütze mit den Kanonen in einer Linie auftraten, 
machte sich ihre Mangelhaftigkeit sogleich fühlbar. 

Bis zur Zeit Friedrichs des Grossen wurden Schlachten schon 
mehrere Tage zuvor vorbereitet, beide Gegner suchten sich des Vorteils 
einer guten Stellung zu versicheni. War eine solche gefunden, so ver- 
stärkte man sie schleunigst durch Feldbefestigungen und lüstete diese 
Erdwerke mit Geschützen aus. 

Dann erwartete man den Angriff des Gegners oder ging, wenn man 
sich stark genug fühlte, zum Angriff aus der Stellung vor. Hierbei, wie 
auch bei der Vei-teidigung, suchte man der Artillerie eine möglichst 
dominierende Feuerstellung zu verschaffen, welche meist während des 
ganzen Gefechts innegehalten wurde. Ein preussisches 25 pfundiges 
Geschütz von 1800 zeigt uns Tafel Vm, Fig. XXIX, und Fig. XXX 
eine englische Feldhaubitze aus derselben Zeit. 

Friedrichs des Grossen Siege verursachten bei allen Mächten eine 
Aenderung des Artilleriematerials. Die nach dem System Gribeauval 
konstiniierten Geschütze waren bereits erleichtert und beweglicher gemacht, 
so dass die französische Feld -Artillerie 1789 über ein brauchbares, auch 
für schnellere Bewegungen geeignetes Material verfügte. 



Tafel Vffl. 



XXX isoT 




IMl 



xxxm XXXIV XXXV 




xxxvni 

{Erläaterungen vmiteienil.} 



Erläuterungen zu Tafel VIII. 

Fig. XXIX, 1800. Ein preussisclier 25-Pfimder. 

Fig. XXX, 1800. Eine englische Feldhaubitze von 1800. Die beiden Wände der 
Lafette, welche das Rohr tragen, reichen nur bis kurz hinter das letztere 
und setzen sich in Gestalt eines einzigen Blockes nach dem Schweif zu 
fort. Man nannte derartig eingerichtete Lafetten — Blocklafetten. Der 
Vorderwagen, Protze genannt, ist bereits mit einem Kasten versehen, der 
Munition aufnimmt und zugleich als Sitz dient. 

Fig. XXXI, 1803. Das Napoleon'sche Geschütz. Die Bohrung hatte keine Kammer 
und einen senkrecht auf die Rohrachse gestellten Stossboden; das Rohr- 
gewicht lag zwischen 600 und 620 kg; die Lafette war eine Blocklafette 
mit Protzring, vorn hatte sie zwei kurze Seitenwändo, in denen die Schild- 
pfannen sich befanden. 

Fig. XXXII, 1807. Rotations-Raketen, mit Hohlgeschoss armiert, welche 1807 
eingeführt und späterhin (1857) verbessert wurden, g ist das Geschoss, 
unter demselben befindet sich eine Aushöhlung, Rotationskammer IT, mit 
vier Rotationslöchem o. Die Raketenhiilse besass am vorderen Ende den 
Massivsatz Af, im rückwärtigen Teile den Triebsatz Z mit der Durch- 
bohrung Ic. Das Anbrennen des Zünders erfolgte durch eine Stoppine 
welche in dem von einem Rotationsloche zur Geschossspitze laufenden 
Kanal lag. 

Das Raketen -Geschütz bestand aus dem Fussgestell F^ der Richt- 
maschine Q, dem Raketenlauf L und dem Beschwerer B. Zum Abfeuern, 
diente anfanglich ein Perkussionsschloss mit Abziehkette; später kamen 
Friktionsbrandel , für welche der Lauf rückwärts einen Zündkanal besass, 
in Gebrauch. 

Der Feldzug von 1866 stellte heraus, dass die Wirkung dieser Raketen 
doch nicht den gesteigerten Forderungen an die Artillerie zu entsprechen 
vermochte, weshalb sie später aufgegeben wurden. 

Fig. XXXIII, 1861. Oosterreichisches eisernes Rohr und Batterie -Lafette 
System 1861. 

Fig. XXXIV, 1861. Depressions -Lafette, um unter sehr grossen Senkungen 
(Depressionen) zu feuern. 

Fig. XXXV. Die hohe Batterie -Lafette (15 cm) unterscheidet sich von der ge- 
wöhnlichen Batterie- Lafette wesentlich durch den eisernen Aufsatz, in 
welchem sich die Schild pfannen samt Deckeln für den Schiessgebrauch 
des Rohres befinden. 

Fig. XXXVI, 1863. Gezogene 7-Centimeter-Vorderlad-Gebirgskanone aus gewöhn- 
licher Bronze nach Methode des Massiorgusses erzeugt 

Fig. XXXVII, 1863. Gezogene 8- und 10-Centimeter-Feldkanone aus Bronze, nach 
derselben Methode erzeugt. 

Fig. XXXVIII, 1863. Hohlgeschosse Mod. 1861 aus Gusseisen, einwandig und 
am zylindrischen Teile mit einem Bleimantel &, umgeben. 

An letzterem befinden sich wulstartige Erhöhungen, deren Durchmesser 
so gross ist, wie jener der gezogenen Bohrung in den Zügen. In das 
Mundloch des Geschosses wird der Hinterlad-Perkussionszünder Mod. 1861 
eingeschraubt; in das seitwärts befindliche Vor steckerloch kommt der 
Vorstecker v. 

Die Zündschraube z und der Vorstecker werden erst unmittelbar vor 
dem Laden eingesetzt: bis dahin ist die Öffnung für die Mundlochschraube 
und das Vorsteckerloch mit Papierpfropfen geschlossen. 



Fortschritte der Artillerie vom Beginne des XlX. Jahrhunderts bis 1850. 105 

Das von Napoleon vorgeschriebene sogenannte System des 
Jahres XI umfasste kurze 24pfiin(lige Kanonen, lange und kurze 12pfundige 
und 6 pfundige Kanonen, Spfündige Gebirgskanonen, 24zöUige Haubitzen 
und 24 zöllige Mörser. Später traten 6 zöllige Haubitzen und Mörser hinzu, 
und während der Kriege des Kaiserreichs an Stelle der Feldkanonen 
12- resp. Spfündige Kanonen; auch wurden fahrende Kavallerie-Batterien 
eingeführt. 

Bemerkenswert aus dieser Epoche ist, dass der Wohlfahrts-Ausschuss Aangedehnte 

Veraache 

Versuche mit Hohlgeschossen angeordnet hatte, die in den Jahren 1794 mit 
und 179B sehr geheimnisvoll betrieben worden waren. Es wurden ^^^^^^'^fif'^"- 
140000 Hohlkugeln und 54000 Brandkugeln in die Häfen geschickt, um 
die Flotte damit zu armieren. Da man sich aber gegen die Gefährlichkeit 
dieser Geschosse nicht genügend gesichert hatte, so sprach sich eine 
Marine -Kommission (1802) gegen den Gebrauch der Hohlgeschosse auf 
Schiflfen aus, und es blieb einer späteren Zeit vorbehalten, diese Frage 
zu lösen. 

Die immer von neuem anfangenden Kriege der Republik und des 
Kaiserreiches behinderten die gedeihliche Fortentwickelung der Artillerie. 

Die 1803 durch Napoleon I. eingeführten Geschütztypen (Tafel VHI, Pig. XXXI 
Fig. XXXI) beruhten auf Grundsätzen, welche in einer längeren Friedens- ^ KXIL 
Periode erst hätten erprobt werden müssen, während die kriegerischen 
Zeiten zu Ueberstürzungen drängten. Schon 1810 trat auf Befehl des 
Kaisers eine Kommission zusammen, um das obige (nur teilweise zur Ein- 
führung gelangte) System abzuändern. Als jedoch die anderen Mächte 
keine bedeutenden Aenderungen vornahmen, wurde durch Napoleon die 
Reform der Artillerie ebenfalls lässig betrieben. Bemerkenswert aus 
dieser Zeit ist die Einführung von Rotationsraketen mit Hohlgeschossen 
(Tafel Vm, Fig. XXXH). 

Das österreichische Feldartillerie - System blieb ohne erhebliche 
Aenderungen auf dem Standpunkte, den es im Jahre 1763 durch den 
Fürsten Liechtenstein erhalten hatte, und das preussische auf dem Stand- 
punkte des Königs Friedrich H. 

Den ersten Anstoss zu einer Umformung des Artilleriematerials Neue 

KanoneD- 

gab England 1822, indem es neue Typen von Kanonen und Haubitzen and 
schuf, welche zweckmässige Blocklafetten hatten und sehr beweglich ^"^jl^J*""" 
waren. Die Batterien hatten 6 Geschütze, darunter je eine Haubitze. J» England 

' '' seit 1822. 

Ausserdem führte England zwei neue Gescliossarten ein, nämlich (1807) 
Raketen und Shrapnels. 

In Preussen richtete sich nach Beendigung des Befreiungskrieges Nachfolge 

anderer 

die Aufmerksamkeit vielfach auf das englische System, was zu dem Staaten. 
Material von 1842 führte. Indessen war in jener Zeit die Panik vor einer 



106 ^ ^^^ Feuerwaffen. 



besseren Waffe der anderen Staaten nicht so gross wie heute und die 
letzten Geschütze alter Konstruktion schieden erst 1862 und 1853 aus 
der preussischen Feld-Artillerie. 

Für die russische Artfllerie war es das Jahr 1838, welches wesent- 
liche Aenderungen im Feldgeschütz-System brachte. 

In Oesten-eich entwarf man, als die mittlerweile erheblich ge- 
steigerte Wirkung der Hand-Feuerwaffen endlich zu einer Umbildung des 
Systems gezwungen, 1860 ein neues Feldgeschütz-System, das sogenannte 
„Projekts-Material", welches aber erst unmittelbar vor Annahme der 
gezogenen Geschütze zur teilweisen Einführung gelangte. 
GasMiserne Eine Neueruug von grösster Wichtigkeit wurde aber durch Frank- 

Boinb60- ^ 

kauonen ia rcich augcbahut, und zwar durch Paixhans, welcher von 1809 ununter- 
""*''■ brochen Vorschläge machte, Bombenkanonen aus Gusseisen von schwerem 
Kaliber und einem Bohrungsdurchmesser von 7, 8 und 10 Zoll her- 
zustellen. Nachdem die ersten zu Brest ausgeführten Versuche 
(1824) mit einer 80 pfundigen Bombenkanone günstig ausfielen, wurden 
1836 die 80-Pfünder auf vielen französischen Kriegsschiffen ein- 
geführt. 

sknpnei. Eiuc zwcite nicht minder wichtige Neuerung im Artilleriegeschoss- 

wesen betraf das vom Oberst Shrapnel aufgestellte Prinzip der Spreng- 
geschosse. Die schon in früheren Jahrhunderten gebrauchten, mit Blei- 
kugeln und einer Sprengladung gefüllten Hohlkugeln boten in ihi-er 
Wirkungsart nichts Eigentümliches dar, da ihr Sprengmoment — wie 
jener der gewöhnlichen Hohlkugeln — nicht beherrscht war. Oberst 
Shrapnel ergriff die Idee (1803), diese Geschosse vor dem Ziele und in 
geAvisser Höhe über demselben krepieren zu machen, um die Kugelfüllung 
in einer Garbe gegen dieses zu treiben. Der Hauptaccent der ganzen 
Frage lag offenbar in der Herstellung eines zur richtigen Zeit entzünd- 
baren Zünders; jene grossaitige Bewegung auf diesem Gebiete bekam 
einen mächtigen Impuls nach vorwärts, als Bonnann (1835) das Prinzip 
des lingförmigen Zündersatzes erfand. 

Wie langsam aber die Bemühungen noch in der ersten Hälfte 
unseres Jahrhunderts im Vergleich zu heute sich fortpflanzten, ersieht 
man daraus, dass die Engländer bereits in den spanischen Kriegen 
(1807—16) vielfach auf Entfernungen von 450 bis 1250 Meter Shrapnels 
angewandt hatten, Frankreich aber hatte noch im Jahre 1850 die 
Shrapnelfrage unerledigt gelassen und Preussen besass bis zum Jahre 
1840 überhaupt keine Shrapnels in der Ai-tillerie -Ausrüstung. 

scUig- Einen weiteren Fortschritt bildete die Anwendung von Schlagröhrchen 

fud^imtommit fulminantem Zündsatze (1830). 

Zlüidflati. 



Gheschüize und Geschosse. — Uebergangsperiode von 1850 bis 1800. 107 



Hierdurch erst wurde die Artillerie der Notwendigkeit enthoben, 
im Feuergefechte stets mit brennender Lunte versehen zu sein; die 
Zündung wurde nun leichter, präziser und sicherer. 

Ungeachtet dessen blieb der Stand der Artillerie noch ein sehr 
mangelhafter. 

Beim Gebrauch von Kugeln oder Granaten im flachen Bogen galten 
im Felde als grösste Entfernung, auf welcher noch ein nennenswertes 
Eesultat zu erwarten war, für die schweren Kaliber 1200 Meter, für die 
leichten 1000 Meter; darüber hinaus gebrauchten die deutschen Artillerien 
den minderwertigen Rollschuss und Rollwurf. 

c) Uebergangsperiode von 1850 bis 1860. 

Die besonders in der Ausnutzung des Tirailleurgefechtes vor- ^" 

" " gezogenen 

geschrittene Taktik, namentlich aber der ausgedehnte Gebrauch gezogener oeweiire ais 
Gewehre, welche eine Annäherung auf wirksame Entfernungen (zu da- «, ^^^^ 
maliger Zeit grösste Tragweite des direkten Schusses mit Vollkugeln ^«'*^jj'***« 
1800 Meter, mit Hohlkugeln 600 Meter) allzu gefährlich machten, mussten Artuiene. 
nicht bloss auf die Verwendung, sondern auch auf die Bedeutung der 
Artillerie einen grossen Einfluss ausüben und zu vielseitigen Re- 
formen führen. Das Jahrzehnt 1850/60 erscheint deshalb auch als das 
entscheidende für die Entwicklung der modernen Artillerie, welche in 
dieser Zeit die grössten Anstrengungen zur Herstellung eines um so 
dringender gebotenen neuen glatten Feldgeschützes machte, als durch 
Steigerung der Kartätschen- und Shi*apnelwirkung die Vollkugel, nach 
Aufgeben der tiefen Gefechtsstellungen, bedeutend an Wert verloren hatte. 

Es erschien somit angezeigt, sie durch die Granate zu ersetzen, onw^t- 
was zui' Konstruktion von Granatkanonen führte, unter denen das fran- 
zösische Modell vom Jahre 1849 den hervorragendsten Platz einnahm, 
und von erleichterten resp. verkürzten 12-Pfündem. 

Die französische Armee in der Krim war durchgehends mit dem 
neuen Material versehen. 

Von dem Verlust, den die Artillerie im Allgemeinen durch Ein- 
führung der gezogenen Gewehre erlitten hatte, fiel ein bedeutender Teil 
besonders auf die reitende Artillerie. Die Entwertung des Kartätsch- 
schusses, dessen Gebrauch sie gleichsam als ihre Domäne betrachtet 
hatte, musste alle von dieser Truppe gebotenen Vorzüge zu nichte machen. 

Auch den Raketen schenkte man mit Bezug auf erhöhte Wirkung 
eine gesteigerte Aufmerksamkeit. 

Inzwischen entwickelte sich langsam das gezogene Geschütz als AUmihiiche 
Vertreter des neuen Prinzips, welches die Hand-Feuerwafien zu so be- wickeiung 
deutender Höhe erhoben hatte. Gichütew." 



X08 ^ -^^^ Feuerwaffen. 



Bahn- Die Konstruktion von gezogenen und von Hinterlade-Geschützen ist 

brechends 

Leistungen Seit Jahrhunderten oftmals versucht worden; zahlreiche Quellen weisen 
cavaius. ^^ Existeuz von Rohren aus früheren Jahrhunderten nach, in welchen 
sich entweder gerade oder selbst spiralförmige Einschnitte (Züge) befunden 
haben. Schon im XV. und XVI. Jahrhundert tauchten sie unter dem 
Namen „Kammerbuchsen, Keüstücke, Keilgeschütze'* auf. Die Herstellung 
einer wirklich brauchbaren Konstruktion scheiterte aber an den Un- 
vollkommenheiten der Technik, so dass man die sich darbietenden 
Schwierigkeiten für unüberwindlich hielt. Diese Hindernisse des neuen 
Prinzips überwand zuerst mit praktischem Erfolge der sardinische 
Artillerie - Major Cavalli (1833), welchen die Regierung autorisierte, 
22 Haubitzen herzustellen. Cavallis Geschütz schoss mit 4 Kilogramm 
Ladung ein 30 Kilogramm schweres Geschoss auf 3500 Meter. 
Gezogene In Folge des Krimkrieges waren auch in Frankreich Versuche 

^ and 

la-pfttndep mit gezogenen Geschützen angestellt worden (1855). um rasch zu einem 
Franbeich. gedeihlichcu Resultat zu gelangen, beauftragte Napoleon den Präsidenten 
des Artillerie-Komitees, General .de La Hitte, mit der Konstruktion 
uud Erprobung eines Feldkalibers. Auf Grund der Versuchsergebnisse 
von 1856 wurde entschieden: der4-Pfünder solle mit einem Geschoss von 
4 Kilogramm als Feldgeschütz, daneben gezogene 12-Pfünder in geringer 
Zahl eingeführt werden. Die Herstellung der neuen Geschütze wurde 1858 
angesichts des drohenden Krieges mit Oesterreich mit solcher Energie 
betrieben, dass im italienischen Feldzuge 1859 schon 32 Batterien ge- 
zogener 4-Pfünder und 4 Batterien gezogener 12-Pfünder auftreten 
konnten, welche so gute Dienste leisteten, dass in der Zeit 1859/60 
das französische System in den meisten Artillerien mit geringen 
Aenderungen angenommen wurde. Vorläufig waren nur England und 
Preussen hiervon ausgenommen.' 

Wenn sich dennoch im italienischen Kriege die Ueberlegenheit der 
gezogenen Geschütze über die österreichischen glatten Geschütze nicht 
derart bekundete, wie man zu erwarten berechtigt gewesen, so findet 
dieser Umstand seine Erklärung darin, dass die Ueberweisung der 
neuen Waffe an die Truppen wegen Mangel an Zeit ohne jede Instruktion 
erfolgen musste. Grösstenteils empfingen die Batterien das neue Material 
erst in Toulon, Marseille oder Lyon am Tage der Einschiffung oder des 
Abmarsches, so dass weder Offiziere noch Mannschaften von der Ver- 
wendung die geringste Ahnung hatten.^ 
vorattge der Dic uach dem Kriege angestellten Vergleiche zwischen den glatten 

G^Mcitttee und gezogenen Geschützen ergaben indessen folgendes Resultat. 

vor ___ 

den glatten. 

Fürst Hohenlohe: „Das gezogene Geschütz" 1860. 



Die Feld-Artillerien nach 1866 bis zur Anwendung des rauchschwachen Pulvers. \(jQ 



Das gezogene Geschütz bietet statt der vorherigen Unsicherheit 
eine grosse Wahrscheinlichkeit des Treffens auf alle Distanzen bis 
1800 Meter. 

Ueber die genannte Distanz hinaus wird die Sicherheit des Treffens 
zur Wahrscheinlichkeit, aber noch immer in .so erhöhtem Maasse, dass 
sie die der glatten Geschütze auf deren nächsten VoUgeschoss-Distanzen 
um 450 bis 600 Meter übertrifft. 

Die bedeutende Wahrscheinlichkeit des Treffens nimmt mit derPig-XXXVl 
Zunahme der Entfernung nur in dem Maasse ab, als das Zielobjekt durch yttviil 
diese dem menschlichen Auge so klein erscheint, dass man nicht mehi- 
sicher sein kann, das Geschütz wirklich gut gerichtet zu haben, denn 
das Geschütz schiesst genauer, als das menschliche Auge sieht. Die 
Typen der in Oesterreich infolge dieser Versuche eingeführten Geschütze 
zeigen uns auf Tafel VIH die Fig. XXXVI u. XXXVH, und Fig. XXXVIU 
die damaligen gusseisemen Hohlgeschosse. 

d) Die Feld -Artillerien nach dem Jahre 1866 bis zur 
Anwendung des rauchschwachen Pulvers. 

Der Krieg von 1866 führte zum ersten Male eine grössere Zahl E«t»n»iig6 

grössere Yer- 

gezogener Geschütze ins Feld. Auf einer Seite standen vornehmlich die wenduuK 
österreichischen Vorderlader, 688 Geschütze (ausserdem 58 sächsiche gwl^neu 
Hinterlader preussischer Lieferung). Auf der anderen Seite standen ^^^^*^®^ 
641 preussische Hinterlader. Dazu kamen auf beiden Seiten noch glatte, isee. 
und zwar kurze 12-Pfünder, ausserdem 15 - Centimeter - Haubitzen 
(Erfurter Ausfall-Batterie) etc. Zusammen 422 glatte Geschütze. 

Letztere leisteten im Feldzuge so gut wie nichts, sie waren den 
gezogenen gegenüber machtlos und zum Nahkampf gegen andere Waffen 
nur in wenigen Fällen gekommen. Doch auch die gezogenen (Hinterlade-) 
Geschütze hatten nicht die — allerdings übertriebenen — Ei'wartungen 
erfüllt, welche auf ihre Wirkung gesetzt worden waren. Diese erwies 
sich gegen Feldbefestigungen und Erddeckungen als unzureichend. 

Bei Beginn des Krieges 1870—1871 gab es in der französichen Feld- ^/^"^f J" 
Artillerie Bronzekanonen und 25 läufige Mitrailleusen. Die Wirkung der oussstahi- 
Geschütze war wenig befriedigend. den 

Bis zum Jahre 1870 war das stärkste der französischen Feldgeschütze, "bmhä^*" 
wie wir schon angegeben haben, die 12-Centimeter-Kanone, deren Granaten ^"""^f. "°^ 
22 Sprengstücke ergaben. traiuensen. 

Dagegen war in Preussen die gesamte Artillerie mit gezogeneu 
Gussstahlgeschützen versehen, 1718 an der Zahl, deren Vorzug vor den 
französischen Geschützen in einer besseren Konstruktion der Geschütze 



HO I. Die Feuerwaffen. 



und Greschofese bestand, was in grösserer Treffsicherheit und Geschoss- 
wirkung derart zu Tage trat, dass die Wirkungsfähigkeit der fran- 
zösischen Geschütze völlig abgeschwächt wurde. 

Nichtsdestoweniger waren die Preussen mit ihrer Artillerie nicht 
ganz zufrieden; sie war .gegen Schützenketten, besonders in durch- 
setztem Gelände, von geringer Wirkung. Die Ursache dieses Uebelstandes 
war besonders ungenügende Rasanz der Flugbahn, geringe Anfangs- 
geschwindigkeit und mangelhafte Einrichtung der Geschosse. Eine weitere 
Erfahrung brachte der deutsch-französische Krieg, nämlich, dass die neuen 
Gewehre vermöge ihrer Kraft und Treflfweite den Angriff gegen in fester 
Stellung stehende Infanteriemassen, ohne Hilfe der Artillerie als äusserst 
riskant erscheinen lassen. Ueberall machte sich nun das Bestreben geltend, 
auch die Kraft und Treffweite der Geschütze zu steigern. Dies konnte 
natürlich nur durch Steigerung der Anfangsgeschwindigkeit der Geschosse 
erreicht werden, wozu der Widerstand des Geschützrohres gegen den Druck 
der Pulvergase vergi'össert werden musste. 
Be- Die zu dieser Zeit geraachten Fortschritte in der Fabrikation des 

^e www- Tiegelstahls nach dem Martin Siemens -Veifahi'en gaben der Industrie die 
ftw^k^t Möglichkeit, mit Hilfe von bis dahin unerhört kräftigen Dampfhämmern 
derGeschftteeund hydrauUscheu Pressen Geschütze von enormer Widerstandsfähigkeit 

XU steirera. 

ZU schaffen. 

Die Krupp'schen Gussstahlkanonen-Etablissements konnten 1847 nur 
das 3-Pfünder-Kaliber liefern; 1867 begann Krupp die Fabrikation von 
Schmiedestahl-Kanonen (Canons frettes) und lieferte Stücke, deren Kosten 
pro Stück bis 2 Millionen Mark betragen. 

Zur Veranschaulichung dieser Fabrikation, sowie um einen Rückblick 
in frühere Zeiten zu werfen, geben wir in der nebenstehende Beilage 
einen Vergleich der Konstruktion verschiedener älterer 7 zölliger Rohre 
mit einem neuen englischen Rohre (Konstruktion Elswick) und zugleich 
ein Bild der äusserst mühsamen Arbeit der Verstärkung eines 6 zölligen 
englischen Rohres. 

Preussen war es, welches sich wieder vermöge der Krupp'schen Werke 
an die Spitze der Bewegung stellte und ein neues Geschützmodell 
schuf, wobei vornehmlich auf Wirkung bei grossen Distanzen gesehen 
wurde. 

Nach dem Versuche vom 20. Oktober 1873 verhielt sich auf 
1500 Meter die Granatwirkung der alten zu jener der neuen Geschütze 
wie 1 : 2,6, bei den Shrapnels wie 1 : 3. Weiterhin erzielte man die 
Verbesserung der Munition und suchte ein Einheits- Feldgeschütz zu 
schaffen. Dieser Aufgabe bemächtigte sich die Privatindustrie, und die 
rastlose Konkurrenz der verschiedenen Werke erzeugte bald eine 



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Geschütze und Geschosse. — Stand und Fortschritte der Jetztzeit. J]^} 

ganze Reihe von neuen Typen und Verbesserungen. Die Regierungen 
wurden überschwemmt mit ModeDen von Feldkanonen, SchneDfeuer- 
kanonen, Mörseni für Feld-Artilleiie, vervollkommneten Shrapnels und 
Sprenggranaten. Besonders warf sich, da die EinsteUung leichter Wurf- 
geschütze in die Feld-Artillerie immer mehr Bedürfnis wurde, die Industrie 
auf den Bau kurzer Kanonen und leicht transportabler Mörser grösseren 
Kalibers. 

Diese an sich selbst schon bemerkenswerte Bewegung bekam ein 
besonderes Grepräge durch die Erfindung des neuen Pulvers. 

Durch das Kleinkaliber hatte sich das Verhältnis der Infanterie- 
bewaffnung und des Feldgeschützes zu Ungunsten des letzteren ver- 
schoben, und es entstand für die Artillerie die Lebensfrage, ob sich die 
Störung des Gleichgewichts ausgleichen lassen werde. 

Die Anwendung des neuen Pulvers und der neuen Sprengstoffe gab 
zwar der Artillerie ebenfaDs die Möglichkeit gi'össerer Kraftäusserung, 
doch nur bei genügender Widerstandsfähigkeit des vorhandenen Materials. 

Unzählige Versuche fanden statt, unter Anwendung des neuen Pulvers 
bei den vorhandenen Kanonen grössere Anfangsgeschwindigkeiten zu er- 
halten, ebenso gab es Vorschläge, Entwürfe und Ausführungen von neuen 
Feld- und Positionsgeschützen wie auch Schnellfeuerkanonen, wobei die 
Ansicht, das Shrapnel als Hauptgeschoss zu verwenden, allgemein 
Boden fand. 

Teilweise werden auch schon Geschütze neuerer Typen in den 
Armeen eingeführt, ungeachtet der Gefahr, durch verbesserte Kon- 
struktionen anderer Mächte überholt zu werden, da für die Anfertigung 
„des Geschützes der Zukunft" noch eine Menge offener Fragen vorliegen. 



2. Stand und Fortschritte der Jetztzeit. 

Die Geschütze teilen sich nach ihrer speziellen Bestimmung in Einteiiuug 

der 

Feldgeschütze, Gosciiütee. 

Gebirgsgeschütze, 

Belagerungsgeschütze, 

Festungsgeschütze, 

Küstengeschütze und 

Marine- oder SchifFsgeschütze. 

Endlich rechnet man zu den Geschützen auch noch die Mitrailleusen ve«chieden- 
oder Kartätschgeschütze. " der** 

Wie gross die Verschiedenartigkeit der Typen der heutigen Geschütze q^^^^, 
ist, davon können folgende Abbildungen uns einen üeberblick geben. *yp«»- 



112 



I. Die Feuemroffen. 



Wir geben zuerst in nebenstehender Beilage das Büd der Ansstellni^ 
des Gescliiltzsystenis „Canet" auf der Pariser Ausstellung: von 1889. •) 
Weiterhin folgt ein Vergleich der Grösse der Geschosse, s) 




VerRleLchtin^ der GrSsae Her G«ichosse. 



knwni'.as Die grflssteu Geschosse werden ans Belagerangs-, Festnngs-, Küsten- 

BiMm- nnd Seepeschtttzen abgefeuert, welche gewaltige Dimensionen haben und 

i«chi»HB. besondere Vorsichtsmaassregeln erfordeni, damit das Geschützrohr den 
Druck der Pulvergase aushält. Um wenigstens einen BegriflF von der Art 
der Befestignng der Wände dieser Giganten zn geben, bringen wir den 
Querschnitt eines Geschützes von 16 Met«r Länge, welches die italienische 
Regiemng bei Krupp besteUt hat. Ans diesem Geschütz, das mit 486 Kilo- 
gramm Pulver geladen wird, kann ein Geschoss von 1050 Kilogramm 
Schwere ali^efenert werden. 



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Qaerschnitt eines Kruppschen Geschützes von 16 Met^r Läng*'. 

Ein einziges solches Geschütz kostet l'/a I*'» ^ Millionen Francs. 
°- Von den so verschiedenen Geschützarten interessieren uns vorzugs- 

weise diejenigen, welche zum Gebrauch bei der Feldarmee bestimmt sind. 



') Dredge „The moilern French Artillery". 

') Die Zeichnungen sind von uns nach den Angsben von Om4ga: 
combattre" und „Sciences militaires, Artillerie" zuaammengesMllt. 



Geschütze und Geschosse. — Stand und Fortschritte der Jetztzeit. 



113 



also die Feldkanonen und Mörser, wie auch Kartätschgeschütze. Von den 
Festungs-, Maiüne- und Küstengeschützen werden wir später sprechen. Die 
Feldkanonen sind zur Beschiessung der Truppen des Gegners bestimmt und 
gelten für um so wirksamer, auf je weitere Distanz sie diese Beschiessung 
auszuführen vermögen und je giösser die dabei erzielte Rasanz sein kann. 

Die Flugbahn, die Treffweite und vernichtende Wirkung der Bedingungen 

für die 

Geschosse, welche diese Geschütze entsenden, hängt von der Form des Wirkung der 
Geschosses und der Einrichtung des Rohres ab, am meisten aber von 
der Kraft, welche die Ladung entwickelt. Damit eine allzu rasch sich 
entwickelnde Gasspannung nicht das Geschütz selbst schädigt, hat man 
begonnen, die Rohre länger zu machen und ein langsam verbrennendes 
Pulver zu gebrauchen; das Wesen der Feldgeschütze hat sich aber seit 
1870 wenig verändert und ist mehr oder weniger allgemein bekannt, so 
dass eine Beschreibung nicht erforderlich ist. 

Seitdem den russischen Batterien bei Plewna und in anderen Feld- ^"»«« ^«*" 

Beschiessung 

Stellungen des russisch -türkischen Krieges Truppen hinter so starken stark 
Deckungen entgegentraten, dass man diese Deckungen weder mit den Trap^'pe^^^ 
vorhandenen Feldgeschützen durchschlagen, noch auch die hinter den- 
selben vorhandenen Truppen mit Shrapnels oder Granaten treffen konnte, 
sondern die Ankunft von schweren und Steilfeuergeschützeu abwarten 
mnsste, um Erfolg zu erzielen, ist die Frage des Beschiessens stark- 
gedeckter Truppen eigentlich ununterbrochen in Fluss geblieben. Viele 
behaupten, dass man derartige Werke im Feldkriege nicht nur dann 
finden werde, wenn man, wie die Russen bei Plewna, dem Gegner Zeit 
liesse, sie zu schaffen, sondern bei der jetzigen Ausstattung der Truppen 
mit Instrumenten zum raschen Aufwerfen von Erddeckungen auch sogar 
im Bewegungskriege. Die Manöver haben deutlich gezeigt, dass auch in 
kürzester Zeit sich Deckungen schaffen lassen, hinter die man mit dem 
Shrapnel nicht fassen kann, und in den letzten Jahren sind, wie die 
neueren „Feldpionier -Vorschriften" und die „Anleitungen für Feld- 
befestigungen" beweisen, noch Kopfdeckungen hinzugetreten, welche eine 
Shrapnelkugel und, wie wir gleich bemerken wollen, auch die Splitter 
der Sprenggianate nicht durchschlagen. Die Feldgeschütze aber sind 
Flachbahngeschütze mit grosser Rasanz, also kleinen Einfallswinkeln der 
Geschosse, so dass man mit Vollgeschossen die Kopfdeckungen nicht 
treffen, also auch nicht zerstören kann. 

Um Truppen hinter starken Deckungen zu treffen, besitzt die neatsche 
deutsche Feld -Artillerie seit 1888 eine Sprenggranate, die, mit starker gmnaten^zur 
Sprengladung versehen, ihre Geschosssplitter unter steilen Einfallwinkeln ^^"'^3°^^"^ 
hinter die Deckung bringt. Aber selbst jiach der deutschen „Schiess- »ockungen. 
Vorschrift für Feld -Artillerie** hat dieses Geschoss eine sehr geringe 

Bloch, Der zaicünftige Kriege- S 



114 



I. Die Feuerwaffen. 



Feld- 
gesoliftU- 



Tiefenwirkung, d. h. es muss ein sehr genaues Einschiessen stattfinden, 
wenn man hinter die Deckung gelangen will, das Greschoss also wirksam 
werden soll. 

Je grösser die Entfernung aber ist, um so schwieriger wird dieses 
Typen zur genaue Einschiessen und hinzukommt, dass doch erst konstatiert werden 
*"^geil"*^ muss, ob die Splitter des Geschosses sichere Kopfdeckungen durch- 
Decbingen. gchlageu. Solche Kopfdeckungen sind, sobald einige Zeit zur Verfügung 
steht, leicht herzustellen. Man könnte also in die Lage kommen, gegen 
vorbereitete Stellungen des Gegners erst das Eintreffen von Geschützen 
der Belagerungs-ArtiUerie abwarten zu müssen, die entweder die Deckung 
zerstören, oder aber die Kopfdeckungen von oben einwerfen. Das kann 
nicht als vorteilhaft angesehen werden, Zeit ist oft entscheidend für den 
Ausgang einer Schlacht ; die Feldarmee muss also Geschütze zur unmittel- 
baren Verfügung haben, um mit solchen feldmässigen oder vorbereiteten 
Deckungen bald fertig zu werden. 

Steilfeuergeschtitze giebt es zwei Arten. Die Mörser, die mit sehr 
stark gekrümmter Bahn sich besonders gegen hinter Deckung befindliche 
Ziele eignen und ihre Geschosse von oben einwerfen, dagegen für die 
Verwendung gegen freistehende Truppen sich nicht eignen, weil sie eine 
lange Flugzeit (während welcher eine Truppe den Standort leicht ändern 
kann) und keinen brauchbaren Shrapnelschuss haben. s) 



Unterschied ») Zum Verständnis für die nicht militärischen Kreise bedarf es einer Er- 

^ ^^ klärung über den Unterschied des Kanonen- und Mörsorschusses. 

und Diesen Unterschied erläutern folgende Zeichnungen („Leitfaden für Unter- 

Möraer- nciit in der Waffenlehre an den königlichen Kriegsschulen", Berlin 1888): 




Kanonenschuss. 





Mörserschnss. 



Auf der ersten Zeichnung ist der Flug einer Granate dargestellt, welche 
die sich von N. nach O. bewegende Infanterie treffen würde; die zweite Zeich- 
nung verdeutlicht jene Kurve, in welcher das Mörsergeschoss sich bewegt, um 
einen hinter der Deckung sich befindenden Gegenstand zu treffen. 



GesohütKe und üesuhosse. — Stand nnd Fortsoliritte der Jetztzeit- 



Auf beifolgender Zeichnung sehen wir einen modernen Feld- 
mörser. 



Feldm5i«er. 



Eine andere Art von Steilfenergeschiltzen sind die Haobitzen. Diese 
haben eine weniger gekrümmte Bahn als die Mörser; die Krümmung ist 
aber doch noch stark genug, um Kopfdecknngen mit Vollgeschossen zu 
treflen ; sie besitzen ausserdem einen gaten Shrapnelschnss, mit dem man 
die gedeckten Truppen treffen und den man auch gegen freistehende 
Truppen gebrauchen kann. 

Während der Mörser also lediglich Spezialzwecken dient, kann die 
Haubitze auch für die offene Feldsehlacht in Rechnung kommen, was 
natürlich von grösster Bedeutung ist. 

Die in Frankreich konstruierte Feldliaubitze hat 12 Zentimeter 
Dnrchmeaser und feuert dieselben Granaten, wie das 12-Centimeter- 
Bel^erungsgeschütz und auch Rhrapnels eines speziellen Typus. Die 
Feuergeschwindigkeit ist eine ausserordentliche, weil der Rnckstoss fast 
gänzlich angehoben ist. 



GreHsn 

raUgkeil 



Um diese Wirkungen ku erreichen, werden Feldkanonen länger als die 
HSrser, ivie die Durchschnitte zeigen („Sciences militaires, Artillerie"), verfertigt. 




I. Die Feuerwaffen. 



Franiosisclie Feldhaubitise. 

Bei ÄusfUlirun^ des Schnsses gleitet der Körper des Geschützes C 
darch Reibung in den Zapfenträger D. Die Lafette setzt sich aus zwei 
Teilen zusammen, nämlich: 

1, das Gestell A , das die Achse trägt und sozusagen die Funktion 
der plate-fonne erfüllt, und 

2. die eigentliche Lafette B, welche aaf dem Gestell ruht und sich 
nm eine Angel bewegen kann, die gegen den Vorderteil der 
bes^^Q plate-forme placiert ist. 

Der Riickstoss ist heinahe gänzlich beseitigt in Folge des präzisen 
Spiels einer hydropneumatischen Bremse G, deren Warzen-Stamm P mit 
dem Fenerscldunde durch ein Metalistück H verbunden ist, welches eine 
Verlängerung des Bodenstückes bildet. In dieser sinnreichen Vorrichtung 
wird die Kraft des Rückstosses aufgehoben: 

1. durch den Widerstand einer Flüssigkeit (tilycerin), die sieh rasch 
durch einige Otfnungen verbreitet, 

2. dnrch den Di-uck einer Gasmasse , welche unverzüglich das 
Geschützstück in seine Stellung zurückbringt. 

Das Richten des Geschützes erfolgt wie bei .jedem ?>ldgeschntz. 
Man richtet es zunächst im Groben vermittelst des Höhenmessers und 
des Guidon. Nach dem ersten Schosse vollendet man die Richtung in 
der Direktion, indem man den Volant E stellt, in der Höhe, indem man 
die Kurbel des Apparates F dreht. Die Operation des Richtens vollzieht 
sich sehr schnell, vorausgesetzt, das.s das Lafettengestell seine Stellung 
nicht verändert und das Geschütz sich immer in dem Moment seiner 
Rückkehr en batterie ungefähr gerichtet befindet.*) 

*) Colone! Honnehert : ,,La Naturo''. 



Die französische 12 Centimeter-Feldhaubitze. 

Geschütz mit Larette. 




Gesohülzrohr mit dem hydropneumatisohen Kompressorium. 




w 



^ 



Längsschnitt durch des h yd ropneu malische Kompressorium. 



Protze und Kugelkasten. 




ErläuteruHge» umstehend. 



Bd. I. ELnngen b«i Sgil« 11& 



Die Lafette einer 120 rarn-Kanone setzt sich aus einem oberen und einem 
unteren Teil zusammen. Der untere Teil (a) besteht aus den beiden Lafetten- 
wänden und deren Verbindungstoilen, welche hinton aus einigen Querstangen, 
in der Mitte aus einer Platte, welche für den oberen Teil als Auflager dient, 
und vorne aus einem Kasten für den Kuppelbolzen sowie aus der knieformig 
gebogenen Achse besteht. Den oberen Lafettenteil bilden ebenfalls zwei 
Lafetten wände, welche hinten — oben und unten — durch Verbindungsplatten, 
vorne durch die Schildzapfen des Rohres verbunden werden. Ein weiteres Ver- 
bindungsglied ist eine trichterförmige Platte, welche auf den Kuppelbolzen des 
unteren Lafettentoils aufgesetzt wird. Auf der Lafette befinden sich Vor- 
richtungen zum Heben und Senken, zum horizontalen und vertikalen Richten 
des Geschützrohres und zum Hemmen der Kanone. 

Das Geschützrohr besteht aus drei Stahlschichten; dem Mantel M, dem 
Innenrohr K und dem Ring S, welcher nur das Bodenstück uraschliesst; um 
den Mantel ist ein Bronzeüberzug F gelegt. Der Schildzapfen P stellt die Ver- 
bindung des Rohres mit der Lafette, der Ring G die Verbindung mit dem 
Rekuperator des hydropneumatischen Kompressoriums her. Die Oese dient 
dazu, das Rohr während des Marsches ail der Lafette zu befestigen. 

Das hydropneumatische Kompressorium besteht aus dem Stahlzylinder B, 
welcher mit Gel gefüllt ist und dem Bronzezylinder L, welcher das Luft- 
reservoir F enthält und mit der hohlen Kolbenstange R des Kolbens K ein 
Ganzes bildet; Zylinder L und Rohr F werden durch den Ring G miteinander 
verbunden. Die Leere der Röhre R wird von der Leere des Zylinders L durch 
die Scheidewand W, welche dicht an die Innenw^ände dos Luftroservoirs F an- 
schliesst, getrennt Das Ventil V weicht durch den Druck der Flüssigkeit, 
welche in die Kolbenstange hineingetrieben wird, zurück, wird aber, sobald 
dieser Druck aufhört, durch Federkraft sogleich wieder gegen die Ausgangs- 
öffnung der Röhre gepresst. 



Qeschütee und Geschosae, — Stand und Fortschritte d^r Jptztzeit. 117 

Weiterhifl geben wir anch das Bild einer von Gruson gebauten o™»™- 
12-0entiineter>8clmellfeuerhanbitze. kuut». 



GruBon -BchnellfeuprhftubitB«. 



Alle Feld-Ai-tülerien sind mit gezogenen Hinterlade-Kanonen ans- 
gerüstet. 

Bei denselben findet man grösstenteils den Keüverschluss (Rnnd- 
oder Flachkeü); nnr in Frankreich und England ist ein Nchranben- 
verschlnss eingeführt. 

Das Material der Rohre ist Bronze {Stahlbronze) oder Gnssstahl. 

Eine Anzahl von Feldgeschützen, unter einem Kommando vereinigt, " 
wird in der Artillerie Batterie genannt. Diese bildet die taktische Einheit 
der Feld-Artillerie und wird als solche mit einer Anzahl Munitions- und 
Vorratswagen versehen. 



Jl8 1. t)ie t'euerwatfen. 



Aniahi der Jetzt ist jede Batterie in Deutschland mit 9, in Frankreich mit 9 

wagen In den (dic reitende Batterie mit 8), in Russland mit 12 Munitionswagen ver- 

der Ter- sehcu. lu Folge desseu kann die deutsche Batterie in einer Schlacht 808, 

"*^Ltodw*" ^^® französische 852, die russische 900 Schüsse abgeben, ohne zu der in 

Kolonnen nachgeführten Eeservemunition zu greifen. Aber auch diese 

Schusszahl gilt für noch nicht genügend, und die deutsche Artillerie 

hält es für nötig, die Zahl der Ladungen pro Batterie bis 1290 zu 

bringen. ^) 

Auss.er den Kanonenbatterien werden in neuerer Zeit auch Mörser- 
batterien mit ins Feld geführt werden, ß) 

Bauutiedie Nach dlcseu Erklärungen können wir zur Angabe der ballistischen 

über die Datcu Über die in den verschiedenen Staaten eingeführten Feldgeschütze 
gJd^fitee schreiten. 

der TAT- (Siehe die Tabelle auf der folgenden Seite.) 

BcMedenen 

oroeam&cbte. ^j^ lasscu zudem iu der nebenstehenden Beilage die als typisch zu 

betrachtenden Zeichnungen einer Feldkanone und eines Mörsers folgen. 

Tafel II9 Wir haben eine russische Feldkanone und einen Mörser gewählt, 

?n'^fv *^ diese wegen der Einrichtung ihrer Lafetten bemerkenswert, und 
* bei vielen anderen Staaten ebenfalls in Anwendung gekommen sind 
(Tafel IX, Fig. I, H, HI u. IV). 

Für den Leser müssen wir jedoch einige erklärende Worte voraus- 
schicken. 

Die Entladung des Gewehres erzeugt, wie es aus dem praktischen 
Leben bekannt ist, einen Rückstoss. Bei grosser Ladung des Gewehres 
ist dieser Rückstoss so stark, dass er einen Backenschlag verursacht. 

Bei dem Geschütz mit starken Ladungen, die heute verwendet 
werden, würde der Rückstoss, wenn er frei erfolgte, das Geschütz 
zurückwerfen und nicht allein bei jedem Schuss eine neue Aufstellung 
erfordern, wodurch Raschheit des Schiessens und TreflFfähigkeit be- 
einträchtigt würden, sondern auch in kurzer Zeit die Lafette unbrauch- 
bar machen. 

Laffeten- Die Lafettcufrage hat demnach ausser dem technischen noch ein 

anderes grösseres Interesse, nämlich das der Treffsicherheit. 



*) „Militärische Jahresberichte für 1891." S. 376. 

*) Sauer: „Ueber den abgekürzten Angriff gegen feste Plätze." 



Tafel IX. 




(Erläuterungen umstehend.) 



Erlänternngen zu Tafel IX. 

Fig. I u. III. Feldgeschütz, russisches. Die Rohre der Feldgeschütze sind ent- 
weder Obuchow'sche Stahlrohre mit durchgi'eifender Futterröhre und Schild- 
zapfenring oder gussstählerne Rohre nach System Krupp. 

Der Verschluss ist derselbe, wie bei den deutschen Feldgeschützen. 
Fig. IL Feldlafetten, russische. Die Feldlafetten sind eiserne Wandlaffeten nach 
der Konstruktion des russischen Obersten Engelhardt. 

Die Lafette besteht aus zwei Teilen; der eigentlichen Lafette L und 
dem Fahrgestelle G, welche beide derart miteinander verbunden sind, dass 
beim Schusse der Stoss des Rohres nicht direkt auf das Schiessgerüst, 
sondern durch eine Puffervorrichtung F und den Mitnehmern M indirekt 
auf dieses übertragen wird, wodurch nicht bloss das ganze System geschont, 
sondern auch der Rücklauf infolge der Wirkung des Puffers bedeutend 
vermindert wird. 

Der Puffer besteht aus 2 durch eine eiserne verzinnte Scheibe getrennten 
Kautschukplatten JP, welche im Lafettenkasten zwischen dessen vorderer 
Wand und der Stossplatte eingelegt sind, und den 2 Pufferschrauben hh\ 
letztere sind mit ihren augenformigen Köpfen auf den Bolzen aufgezogen 
und durchgreifen die Traverse. Beim Schusse wird die Lafette vom 
Rückstoss zurückgeworfen, wobei die Pufferschrauben durch den Quer- 
bolzen festgehalten und hierdurch die Kautschukplatten so lange zu- 
sammengedrückt werden, bis die Pressung der Platten stark genug ist, um 
den Widerstand des Fahrgestelles zu überwinden; von diesem Momente 
an bewegen sich Lafette und Fahrgestell vereint nach rückwärts, und 
indem sich die Kautschukplatten wieder ausdehnen, wird dem Rücklaufe 
teilweise entgegengewirkt. 

Mit Ausnahme der Kavallerielafetten sind sämmliche Feldlaffeten mit 
Achssitzen versehen. 
Fig. IV. Feldmörser, russischer. Der Foldmörser hat ein stählernes Mantel- 
rohr M mit Rundkeilverschluss von gleicher Einrichtung wie die Feld- 
kanonenrohre; das Kaliber des Rohres beträgt 15*24 cm, die Länge 
9 Kaliber, das Gewicht 460 kg. 

Die zugehörige Räderlafette ist Eisenkonstruktion System Engelhardt; 
an derselben sind zu bemerken: die Richtmaschine, welche aus einem am 
rechten Schildzapfen befestigten Zahnsektor S und der Schraube ohne 
Ende i samt Handrad h besteht und die Kautschukpuffer Ar, mittelst 
welcher die Achse in den Achslagern elastisch gelagert ist; die Stütz- 
vorrichtung 5, welche in der Feuerstellung die Achse trägt und hierdurch 
die Räder vollkommen entlastet, während des Fahrens jedoch nach auf- 
wärts gedreht und an den Lafetten wänden festgemacht ist, endlich das 
Protzöhr o zur Verbindung mit der zugehörigen Protze. 

Die Protze enthält in einem Kasten aus Stahlblech 12 Geschosse und 
18 Patronen und ist zum Aufsitzen von drei Mann eingerichtet. 

Die Munition der Feldmörser besteht aus Kartuschen, Fugassenbomben 
und Diaphragma-Shrapnels. 

Bei den angegebenen Vorrichtungen an der Lafette rollt der Mörser 
nach dem Schusse nur um 2 Zoll zurück, so dass ein Zurückrollen so gut 
wie gar nicht stattfindet. Ausserdem hat es der Erfinder durch ent- 
sprechende Vorrichtungen an der Lafette ermöglicht, dass das Geschütz 
gleichzeitig gerichtet und geladen werden kann, wodurch das Schiessen 
sehr beschleunigt wird. 



Cxeschütze und Geschosse. — Stand und ^ortsclxritte der Jetetzeit. 



119 



Ballistische Angaben betreffend die Feldgeschütze der 

europäischen Grossmächte. 





Oesterr.- 
Ungam. 

9 cm 

Feldkan. 

Md. 1875*) 


Deutsch- 
land. 

9 cm 

schwere 

Feldkan. i 

Konstr.73 

u. 73/88 


1 

Italien. 


Frank- 
reich. 


Rosaiand. 

1 
1 




7 cm 9 cm 
leichte schwer 


9 cm 
Feldkan. 
Mod. 1874 

lOb.ämiiraill. 


1 

Kaval- 
, lerie- 


leichte 


Bat- 

terie- 






1 






Feldk 
Mod.74 


anone 
Mod.81 


! 

Kanone, Mo( 


1. 1877 
en 


Beim Schieflsen der 




Granat 


e n 


|, Granat 


Anfangs- 








1 






1 






geschwindigkeit 


Gm 
2000m 


448 •♦) 
262 


442 


i 432 

1 

t 

256 


455 

. 

273 


' 455 

1 

287 


1 412 
1 265 


442 


374 


End- f 


268 


273 


265 


geschwindigkeit\ 


4000m 
2000 m 


217 


208 

1 


190 
13 


210 
13 


228 


, 206 

1 


212 


214 


öOProz. Langen-/ 


19 


1 17 ' 


' 19 


23 


24 


21 


Streuung auf 


4000m 


47 


29 


26 


32 


1 32 


42 

1 


33 


52 


50Proz. Breiten- / 


2000m 


2,3 


1,8 


1,9 


1 
1,7 


1 

1 1,8 , 


2,2 


1,2 


1,6 


Streuung auf \ 


4000m 


11,0 


5,4 , 

1 

1,9 


6,1 
1,7 


8,5 


4,2 
1,8 


9,2 


4,8 
2,0 


6,7 


50Proz. Höhen-/ 


2000 m 


2,0 


M' 


i 2,5 


2,4 


Streuung auf 


4000m 

2000m 
4000m 


1 

17 1 
5 

m 1 


10,0 
17 


9,6 

15 
4 


10,2 

17 
6 


9,2 

18 
6 


13,0 


8,9 


19,8 


Bestrich. Raum f 

fQr 1,8 m Ziel- < 

hohe auf [ 


16 
6 


21 
6 


15 
5 


Grösst« 


1 

m 


m 


» i 


m 


1 
1 » 


m 


m 


Schussweite 


4500 


6500 1 


5400 


4000 „ 


7000 1 

1 


6400 


6400 

stück 


5335 


Anzahl der Kugeln 


Siflck 

1 


stück 


stück 


stück 1 


stück ' 

1 


stück 


stück 


und Shrapnels 


165 1 


262 ' 


109 


176 1 


160 


165 


165 


340 


Geschütze in einer 


1 


1 

ii 






1 

1 






Batterie 


6 


6 ; 


6 


6 ' 


6 1 


6 


8 


8 


Wagen 


19 ■ 


19 ; 


17 


15 ! 


18 : 


30 


29 


33 


Bedienung der Batterie 


1 








1 








(Mann) 


183 '1 


175 


175 


116 ;i 


194 


210 


234 


266 


Pferde der Batter 


ie . . 


215 ! 

ii 


150 '' 

1, 


154 


166 ' 

i: 


161 


242 


174 


200 



*) Die Angahen für das Feldgeschütz Mod. 1875 sind auf das hisherige 7 mm Geschütz- 
pidver basiert. — Die Angaben für das Feldgeschütz Mod. 1875/90 fehlen wegen des neu- 
einznfohrenden Nitroglycerinpulvers. 

**) Diese Zahl bedeutet, dass das Geschoss in der ersten Sekunde 448 m zurücklegt und 
nach Durchfliegen einer Strecke von 2000 m noch eine Geschwindigkeit von 262 m pro Sekunde 
besitzt. 



120 ^' ^^® Feuerwaffen. 



3. Schnellfeuerkanonen. 

^ Nach Anwendung des rauchschwacheii Pulvers konnte die Aus- 

strobuBgen 

zur Env- nutzuug der Schnellfeuerkanonen eine intensive werden. Seit Einführung 
wickdnng ^^j, Hinterlader hat auf ballistischem Gebiet eine stetige Entwicklung 
•Jh^ndi ^^öwohl in Ausdehnung der Feuerwirkung wie in Ausnutzung der Zeit 
keit stattgefunden und schliesslich zu Ergebnissen geführt, denen selbst unsere 
an technische Ueberraschungen gewöhnte Generation staunend gegen- 
übersteht. Geradezu unheimlich ist die Wirkung des Schusses, dessen 
Knall mit dem folgenden in blitzschneller Aufeinanderfolge fast zu einem 
einzigen knatternden Ton zusammenfallt. 

Feuer- In der österreichischen Instruktion wird angenommen, dass man bei 

^keubii* der Bremsvorrichtung gegen den Rückstoss 4 Schüsse in der Minute ab- 
t^™w^ geben kann, ohne dass das Geschütz wieder vorzurücken ist, aber dies 
^o'- ist nur möglich, wenn es sich nur um eine ungefähre Feuenichtung 
für die handelt; sonst kann man selbst bei günstigen Umständen nur auf 2 Schüsse 
Lafetten. ^^ ^^^ Miuute rechueu. Wenn eine Batterie von 6 Geschützen 8 bis 10 
Schüsse in der Minute abgiebt, so gilt dies schon für eine nicht 
unbedeutende Feuergeschwindigkeit; demnach braucht jedes 'einzelne Ge- 
schütz 46 bis 36 Sekunden Zeit, um einen Schuss abzugeben, i) 

Ausserdem ist nicht ausser Acht zu lassen, dass der Gebrauch von 
Bremsen gegen den Rückstoss die Lafetten stark in Mitleidenschaft zieht. 
Diese wurden gebaut, als man bei Anwendung des gewöhnlichen Pulvers 
auf besondere Vorkehrungen für ein schnelles Schiessen nicht Bedacht 
zu nehmen brauchte, weil Schnellfeuer einen gewaltigen Pulverdampf und 
damit ein zeitweises Einstellen des Schiessens verursacht, sofern nicht 
ein günstiger Wind weht. 

In Anbetracht alles dessen ist man gegenwärtig bemüht, Schnell- 
feuergeschütze grösseren und kleineren Kalibers herzustellen, die eine 
grosse Anzahl Schüsse in der Minute mit geringem oder ohne Rücklauf 
geben und nicht jedesmal neu gerichtet zu werden brauchen. 
Erwartete Dj^ Schnellfeuerkauonen als Feldgeschütze sollen grosse Vorteile 

Schnellfeuer- bringen: die Möglichkeit eines raschen Schiessens aus einem einzigen 
Geschütz, einen Gewinn an Zeit in Folge raschen Ladens, den man für 
eine sorgfältigere Visierstellung benutzen kann, und die Oekonomie an 
Aufstellungsraum, weil in Ansehung der Zahl der Schüsse eine einzige 
Schnellfeuerbatterie zwei bis drei gewöhnliche soll ersetzen können. 
Ausserdem sollen die Schnellfeuerkanonen gute Dienste leisten dufch 



*) Oberst von Scharner. 



I 



l 



I 



Schnellfeuerkanonen. 



121 



die grosse Anzahl der Geschosse und ihre Treö'sicherheit, und die Geschoss- 
karren des Gegners zur Explosion zu bringen. Welchen Einfluss die 
Versorgung der Heere mit einer bedeutenden Anzahl von Schnellfeuer- 
kanonen auf die Taktik haben wird, das kann nur der nächste Krieg 
selbst darthun. 

Thatsache aber ist, dass in allen Heeren Schnellfeuerkanonen 
der verschiedensten Arten vorhanden sind. 

Auf dem Schiessplatz von Sandy Hook fanden am 1. Juni 1894 
Versuche mit 6 pfundigen Schnellfeuerkanonen (Kaliber 67 Millimeter, 
Geschoss 2,72 Kilogramm) statt. 

Die Ergebnisse der Feuergeschwindigkeit zeigt folgende Tabelle: 



Benennung 

der 

Schnellfeuerkanono 



Driggs - Schröder 
Hotchkiss . . . 
Skoda .... 
Sponsel .... 
Maxim -Nordenfeit 



Zahl der Schüsse 
in 

d. erst. Minute 3 Minuten 



34 
28 
24 
24 
20 



83 
83 
55 
73 
65 



Nachstehende Tabelle zeigt das Verhalten der vier Konkurrenz- 
geschütze bei früheren Versuchen. 







Driggs- 1 
Schröder 


Sponsel 


Maxim- 
Nordenfelt 


1 Hotchkiss 

1 






Hin. Sok. 


1 Hin. Sek. 


Nin. 


Sek. j 


Hin. 


Sek. 


Zeit für 100 Salven . 


■ ■ 


4 


35 ' 


4 


59 


4 


1 

41 


4 


26 


Zeit zum Zerlegen 


des 


















Mechanismus . . 


• • 




37 




44 


— 


3P/s 




56 


Zeit zum Zusammensetzen 


















des Mechanismus . 


• • 


1 


30 »A 

1 


1 


56 


1 


9 


1 


46 



Die TreffTähigkeit wurde auf 914 Meter, 1828 Meter und 2743 Meter 
ermittelt, und hier stand Driggs -Schröder voran, es folgten Maxim- 
Nordenfelt, Hotchkiss, Sponsel. Driggs -Schröder hatte auf der mittleren 
Distanz 4 Schuss in demselben Loch. 

Was die Feuergeschwindigkeit anbetrifft, so trug Hotchkiss den 
Sieg davon. 2) 

Bei der grossen Anzahl von Typen und Verschiedenheit der Kaliber Hauptrypen 
können wir nur einige der Haupttypen angeben. schneiifeuer- 



geechfttze. 



*) Löbell: „Militärische Jahresberichte" 1894. 



1. hie Feiierwafl'i^n. 



Wir beginimii mit der Hotchkiss-Kanone, deren "Zeichnung folgt;^ 



i- Schnell i'fuerkanone. 



Schnellfenernde Hotclikiss-Kanonen werden in den verschieden- 
artigsten Grössen gebaut. Wir geben die Zeichnung der 6 gebräuchlichsten 
(rrössen mit dem Bemerken, dass Schnellfeuergeschütze bis zu 20 Centini., 
welche 4 Schnss in der Minute abgeben, gegenwärtig gefertigt werden.* 




Verschieden artigkeit der ÖulmeUfeuerkanonen. 

M.U11. Wir müs.sen bemerken, dass zu den Schnellfeuerkanonen, aber auch 

zu grosseren Geschützen Metallkartus<Oien ver\vandt werden. Wenn man 
ihnen vielfach abgeneigt ist, weil ihnen Schwere, Preis, Schwierig- 
keit des Transports und der Handhabung bei Einlieitskartnschen zum 
Vor^vurf gemacht werden, ferner auch weil die in der Batteiie umher- 
liegenden HilLsen die Manns<^hafteii gefiihrden , falls sie durch ein- 
schlagende (Geschosse umhergescldeudert werden, so werden sie doch 
vielfach verwendet. 

') Dredge: „Moderne Artillerie". 

*J Löbell; „Militärische Jahresbericht*" 1894. 



s 
s 



J6 



2 5 «1 I -s 






'-d SP -S ■* -- P "K J 



■^ "^ ö^ C N s s 






tn 






n bal Saita ISä 



Schnellfeaerkauonen . 



Im Folgenden geben wir ein Bild der heut« gebranchten Metall- 
kartnscJien von 6V2WS zu löUentimetern (.System Uanet), sowie äer(n!eschosse. 






h -Tql^> 



E 



:eeheb>- 



E 



^EmE£>r 



MetftllkartuEchen für SchneDfeufirkanonen. 



Qesohosse der tichnellteiierliaiioiien. 



J24 ^ Die Penerwftffen. 

Wir därfen nicht vei^essen , dass jedes dieser Geseliosse mit 
Explosivstoffen gefüllt wird nnd zmn Zerspringen in viele hnndert TeUe 
bestimmt ist. 
Ti Coli- In Belgien haben die AVerke von John Cockerill in Seraing eine 

sciiiniihn»r-7.6-Centimeter-Schnel]fenerkanone nach den Entwürfen der Gesellschaft 
8r°"m Nordenfeit in Paris hergestellt, mit welcher auf dem Schiessplatze der 
NorfeüWi. lYerke Veranche angestellt worden sind. Nach der „Revne de l'arm^e 
beige" (Mai 1893) wiegt das Rohr 40O Kilogramm; die Lafette ist geteilt, 
die Oberlaffete hat 30 Centimeter Rücklauf, sie ist mit einer Reibnngs- 
bremse versehen, mit Zahnwerk und rückwirkender Feder. An der 
Unterlafette ist noch eine Pflngschaar angebracht, ansserdem hat sie 
Radschnhe. Die mit 48 Schnss ansgerüstete Protze wiegt 649 Kilo- 
gramm, das gesamte Fahrzeug 1697 Kilogramm. Als Geschosse dienen 
Granaten, Segmentgranateu nnd Sbrapnels, welche in kupfernen Hülsen 
enthalten sind. 

Bei den Versuchen kam das Geschütz nach jedem Schnss genau in 

seine Anfaugsstellnng zurück. Radschohe und Pflugschaar graben sich 

in die Erde ein. Die Richtnng bedurfte geringer Nachhilfe. ^ Neuerdings 

erzielte man auf festem Boden mit leichter Sanddecke bei einem (leschoss 

von 4,7 Kilogramm den gänzlichen Wegfall des Rücklaufs, das Geschütz 

nickte im Gegenteil einige C'entimeter nach vorn. 

Dwhwpii Es ist noch zn bemerken, dass zum Schutz der Schnellfeuergeschütze 

BAnsiihMr- vor feindlichen Geschossen Deckungen vei-schiedener Systeme hei^erichtet 

kküBHii. ^rgf^ß], ^\g Beispiel fiii- solche Deckung geben wir eine Zeichnung aus 

den „Sciences militaires, Artillerie." 



Durch Panzpning geschätzt« SchnellfenprkanoDe. 

Es werden auch Panzerlafetten gebaut, die viel mehr Sicherheit bieten. 
Wii" geben eine solche schwerster Gattung, wie sie auf den Gruson'schen 
Werken auf einen Wagen gestellt ist und fortgefahren wird. 



1. 


^^^ > 


• • ■ ■ 


■ - m 


■ 




• 






•■ * 


613 


560 


540 


564 


600 


525 


520 


530 


500 


523 


337 


338 


318 


307 


324 


313 


314 


316 


314 


311 


32,8 


38,7 


35,0 


28,9 


27,8 


33,1 


31,9 


30,5 


32,7 


27,6 


2,4 


2,47 


2,3 


2,4 


2,4 


? 


2,1 


2,14 


2,1 


2,2 


? 


2355 


? 


? 


2200 


2500 


2000 


? 


? 


? 


530 


630 


624 


563 


650 


690 


655 


420 


557 


520 


936 


960 


1000 


980 


980 


1050 


995 


780 


957 


820 


3,3 


3,70 


3,15 


2,70 


2,73 


2,87 


2,80 


3,87 


2,61 


3,13 


116,0 


108,2 


101,1 


99,3 


97,3 


85,3 


88,6 


110,1 


84,5 


96,0 


185 




— 


— 


— 






— 


250 




2,31 
















2,75 




914 


767 


— 


— 


575 


650 


700 


800 


813 


580 


1850 


1727 






1555 


1700 


1695 


1580 


1770 


1400 


36 


36 


— 




35 


35 


35 


48 


30 


36 


6,23 

i 


9,0 


— 


— 


6,9 


7,85 




7,18 


7,48 


7,2 


1 

: 224 


324 




— 


241 


276 




344 


224 


259 


24,5 


42,2 




— 


41,9 


42,5 


~- 


44,1 


27,6 


44,6 



500 



304 



27,6 



2,09 



647 



947 



2,41 



78,7 



159 
+ 63 



667 



1614 



50 



6,5 



325 



48,7 



Schnellfeaerkanonen. 



Fahrbare Panzerlafettn für fjn« 5^-LVntimet<T-S.-liiii;llfeuerkBntiiie. 

Diese Geschütze können einerseits vom Wagen aus als Feld- 
geschütze feuern, ohne dass die Pferde abg:espannt werden, andererseits 
aber werden sie in die Erde eingegraben oder aneh in vorbereitete Stellungen 
eingefahren, so dass nur noch das drehbare Dacli mit der Kanone sichtbar 
bleibt. Der Kanonier im Innem ist nicht nur gegen Shrapnels, sondern 
sogar gegen Granaten ans Feldgeschützen dnrch den Panzer gesicliert 
und kann also seinen Gegner in aller Ruhe anfs Korn nehmen. 

Erwägt man, dass die Schnellfeuerkanone in Folge ihres einfachen Feotr- 
Versehlusses bequem bis 26 Schnss in der Minute abgeben kann, so^'^üd*/ 
erscheint die fahrbare Panzerlafette mit yehnellfenerkanone als eine ^"J^'^'J'^^' 
furchtbare Waffe. 

A 



126 !• I^J^ Feuerwaffen. 



^Mti^'e^ Die von der Fabrik hergestellten Rohre sind ans geschmiedetem 

Konstniirtion TicgelgussstaW mit senkrechtem Keilverschlnss (Selbstspannnng) gefertigt 
Schnellfeuer- und erhalten Einheitspatronen. Das Eohr mht in den Schildzapfen- 
tanone. pfannenlagem der Rohrträger (C), welche mit dem Deckel fest verbunden 
sind. Es ragt durch eine Öffnung des letzteren über den oberen Rand 
des Cylinders fort und etwa 70 Centimeter aus demselben heraus. Das 
Heben und Senken des Rohres (+ 10 und — B^) wird durch eine Richt- 
schraube bewirkt, die Seitenrichtung aber durch Drehen des auf 
3 Rollen ruhenden Deckels genommen. Um hierbei Kraft zu sparen, 
ist ein mittelst Handrads (F) zu drehendes Getriebe (K) angebracht, 
welches auf einem Zahnkranzrade am Boden fortschreitet. Für den 
bedienenden Mann ist ein Sitz (G) hergerichtet, ein zweiter Mann bringt 
die Munition aus den an der Wand rings umher aufgestellten Kasten 

aa 

herbei. Für Dampfabzug ist durch eine verschliessbare Öffnung (Ä) am 
Scheitelpunkt des Deckels gesorgt, auch für die Beobachtung der Schüsse 
ist eine besondere Öffnung vorhanden. Das Drehen des Deckels, dem 
das Rohr folgt., ermöglicht es, dieses und die Scharte, also den schwächsten 
Punkt des Panzers, dem feindlichen Feuer während eintretender Feuer- 
pausen zu entziehen. 
panzerBtarke Die Pauzerstärke der fahrbaren 3,7-Oentimeter-Lafette ist so be- 

der 

fahrbaren messeu, dass sie nicht nur gegen Gewehr- und Shrapnelfeuer oder 



Lafetten. 



Granatsplitter, sondern in ihrer stärkeren Konstruktion auch gegen 
Granaten der leichtesten Kaliber von Kanonen und Mörsern Schutz 
gewährt. Bei den 3,6-Centimeter-Lafetten ist die Panzerstärke so be- 
messen, dass man sich Sicherheit gegen die Geschosse der üblichen 
Belagerungsgeschütze versprechen kann, abgesehen allerdings von Brisanz- 
geschossen, von denen sie bei günstigem Auftreffwinkel zerstört werden. 
Durch Auf Stellungsart und Versenkung wird man sie aber dem Anblick 
des Feindes und dem Zielen so entziehen können, dass die meisten Treffer 
wohl Zufallstreffer sein würden. Hiernach ist es begreiflich, dass man 
bei der Einstellung in die verschiedenen Artillerien den Kalibern von 
über 5 Centimetern den Vorzug vor den kleineren gegeben hat. Nachdem 
die Grossstaaten vorangegangen waren, hat man auch in Rumänien, 
Bulgarien (5,7 (Zentimeter), Dänemark (5,3 Centimeter) u. s. w. Schnell- 
feuerkanonen in fahrbaren Panzerlafetten eingeführt, in letztgenanntem 
Lande auch bemerkenswerterweise ein versenkbares Panzertünnchen 
tür 7,5-Centimeter-Schnellfeuerkanonen. 
Vorzage der Die Vorzüge der fahrbaren Panzergeschütze bestehen, abgesehen 

PaLe""* von der Sicherheit der Bedienung und der Feuergeschwindigkeit, kurz 
geechütze. g^sagt darfu, dass durch eine einfache Drehvorrichtung der schnelle 
Zielwechsel und das Feuern nach allen Seiten gestattet, dass bei Ver- 



Schnellfeuerkanonen. 127 



wendnng rauchlosen Pulvers eine Beobachtung der Schüsse aus dem 
Innern ermöglicht und dass in Folge der guten Deckung und bei Vor- 
handensein der erforderlichen Munition eine hohe Feuerbereitschaft 
gesichert ist. 

Die Nachteile kommen hauptsächlich im Feldkriege zur Geltung. Nachteile 
Sie bestehen in dem verhältnismässig immerhin hohen Gewicht, ver- panrer- 
bunden mit seiner ungünstigen Verteilung und in Folge dessen be- »®''°^**''® 
schränkter Transportfähigkeit, so dass Stellungswechsel im Gefecht aus- 
geschlossen ist. Auch die Beobachtung und Feuerleitung dürfte in den 
Verhältnissen des Feldkrieges für den Granatschuss so schwierig sein, 
dass man von diesem wenigstens nur in wenigen Fällen wird Gebrauch 
machen können. 

Mit einer von den Krupp'schen Werken gelieferten fahrbaren vereuohe mit 

Krnpp'scheu 

5,7 -Zentimeter -Panzerlafette fanden Prüfungen im Dezember 181)2 auf fahrbaren 
einem Schiessplatz bei Konstantinopel vor einer Kommission von tür- ^TO^tor-* 
kischen Offizieren statt. Es handelte sich um Beschiessen verschiedener /**""'■■ 

lafetten. 

feldmässiger Ziele mit Kinggranateu, Shrapnels und Kartätschen. Die 
Ergebnisse waren sehr günstig. In einer Minute Hessen sich, ohne 
nachzurichten, 20 bis 25 Granaten oder Kartätschen bezw\ 15 Shrapijels 
verfeuern. Die ausgerüstete Lafette mit Eohr wiegt 2487 Kilogramm, 
mit dem zum Fahrbannachen dienenden Wagen 3K50 Kilogramm, es 
werden % Patronen mitgeführt. Zuglast pro Pferd, je nachdem 4 oder 
6 Pferde Bespannung, 1050 bezw. 700 Kilogi-amm. 

Mit Kartätschen auf 200 Meter wurden gegen 3 hinter einander 
stehende Infanteriescheibeii (Sturmkoloiine) H() scharfe Treffer (auf 
240 Kugeln) pro Schuss erzielt. Gegen eine Tiefkolonne von 5 Scheiben 
auf 2400 Meter und eine Kompagniekolonne von 3 Scheiben auf 1100 Meter 
wurden mit Ringgranaten je 28 scharfe Treffer pro Sehuss, mit Shrapnels 
22 bezw\ 40 scliarfe Kugeln, entsprechend einem Prozentsatz der Füllung 
von 28 bezw. 45,5 erzielt. Von den 215 Schützen der Tiefkolonne waren 
203 gleich 94,4%, von den 120 Schützen der Kompagniekolonne sämt- 
liche getroffen. 

Was die Mitrailleusen-Revolverkanonen anbetrifft, so haben wenige verschiedene 
Feuerwaffen so viel verschiedene Beurteilungen erfahren wie die ech&tzang 
Mitrailleusen. Besonders viel wurde und wird über den am meisten t«üieu8en- 
vervollkommneten Typus: die Maxim-Mitrailleuse gestritten. Mit ihrer ^J^^^^^"' 
einfachen, sinnreichen und auf das Prinzip der Ausnutzung des Rück- 
stosses zum automatischen Herausweifen der Hülse, zum Wiederladen 
und zum Abfeuern der aufeinander folgenden Schüsse begiündeten Kon- 
struktion, in Folge deren 600 Kugeln in der Minute abgegeben werden 



können, lenkt« sie. wie ganz natürlich, die Aufmerksamkeit aller Staaten 
auf sich. 
«•■'■- Wir geben hier die Zeichnung einer Maxini-Mitrailleuse. 



Maxim-M itnülle tisc. 

" Die Kartuschen fiir die Maxim-Kanone, Kaliber 37 Millimeter, sind 

eine nach der anderen auf einer Leinwandrolle aufgelegt und werden in 
das bewegliche Bodenstück des Geschützes dun-li dessen Mechanismus 
eingeführt, den eine Hebestange dirigiert. Laden und Abfeuern des 
Geschützes geschieht lediglich durch Ausnutzung des Rückstosses, welcher 
in genialer Weise dazu benutzt wird, durch den Rückschlag des ab- 
gefeuerten Geschosses das nächste ausznlösen. Die ganze Geschütz- 
bedienung besteht aus einem „Richtmeister". Derselbe kann den Schuss 
abgeben, indem er für jeden Schuss den Drücker in Bewegung setzt oder 
den Mechanismus, der automatisch schiesst, indem dje Kraft des Rück- 
stosses die Hebestange zwei für jeden Schuss erforderliche Halb- 
wendungen machen lässt. 

Es geschieht dies auf folgende Weise: Für den ersten Schuss giebt 
der Richtmeister selbst der Hebestange die Wendung mittelst des Grifies 
und führt die erste Kartusche in den Kanal des „Bodenstückes". Darauf 
drückt er auf den Drücker, und der Schuss erfolgt. Bei dem Anstritt 
des ersten Geschos.ses zwingt die Kraft des Rückstosses das Bodensttick 
zurückzugleiten, wobei die Hebestange zwei Halbwendungen maelit. Bei 
der ei-sten stösst das zurückgeliende Bodenstück die Hülse ans, die vom 
ersten Schuss zurückgeblieben ist und eniiii^ingt die neue Kartusche, bei 



Feld-Batterie bei Maget-Killa. 



Maxim- Kanonen im Kampfe. 



SchneUfeuerkanonen. 129 

der zweiten Halbwendang der Hebestange wird die Hülse aas dem Boden- 
stück heramgeworfen , die neue Ladung tritt in den Kanal, während 
das Bodenstück selbst an seine Stelle zurückgeht u. s. w. 

Für die automatische Wirkung des Mechanismus ist es also nur 
nötig, das Geschütz zu richten und beim ersten Schuss selbst Hand an- 
zulegen; das Weitere besoi^ dann der Rückstoss, aber nur soviel Mal, als 
Kartuschen auf der Rolle sind. Die Thätigkeit des Mechanismus wird 
durch den Richtmeister unterbrochen; dieser reguliert auch die Schnellig- 
keit des Fenerns; sie erreicht bis 200 Schuss in der Minute, d. h. mehr als 
3 Schuas in der Sekunde. Wird die Thätigkeit des Geschützes zur Ver- 
besserung der Richtung unterbrochen, so muss das (Jeschütz wieder mit 
der Hand geladen werden. 



Maxim-MitrailleaBe in Thätigkeik 

Maxim hat auch derartige Geschütze mit dem Kaliber 47 und ".li».- 
57 Millimeter hergestellt und probiert jetzt, wie verlautet mit Erfolg FGhi*d»»D 
eine Kanone vom Kaliber 125 Millimeter. Ksiibt». 

Die Ergebnisse der Versuche in den verschiedenen Staaten waren 
jedoch im höchsten Grade ungleich und die neue Mitrailleuse wurde 
Gegenstand langathmiger Erörterungen und häufig übertriebener, teils 
günst^er, teUs ungünstiger Besprechungen. 

Bei den in Oesterreich im Jahre 1888 mit einer 11-Millimeter- owur- 
Mitrailleuse angestellten Versuchen versagte nach 8000 Schuss der Lade- venncha nii 
mechanismns und es musste mit einer anderen Mitrailleuse weiter gefeuert Mii^iiLn». 
wei-den. Die Beschädigung des Mechanismus war nur eine geringfügige, 



130 ^' ^^^ Feuerwaflfen. 



trotzdem musste aber die WaflFe nach London zurückgeschickt werden. 
Mit einer anderen 8-Millimeter-Mitraüleuse konnte keine grössere Feuer- 
geschwindigkeit als 400 Schnss in der Minute erzielt werden , und dabei 
wurde das Rohr so heiss, dass die Kugeln zu schmelzen begannen. Das 
Wasser in dem Mantel übte daher keine abkühlende Wirkung. Auch 
diese Mitrailleuse wurde dem Konstrukteur zurückgesandt, und das 
„Armeeblatt" zog beim Berichte über diese Versuche den Schluss, dass die 
Waffe mit ausgenutztem Rückstoss, wenn auch sehr sinnreich, doch nicht 
für Kriegszwecke geeignet sei, und dass die mehrläufige Mitrailleuse, 
wie die Gatling-Mitrailleuse, den Vorzug verdiene. 

ver- Im Jahre 1889 wurden bei Thun in der Schweiz vergleichende Ver- 

gleiohende 

veninciie suchc zwischeu der U-Millimeter-Maxim-Mitrailleuse und der 7,5-Milli- 
dersdiweiz meter-Gardeuer-Mitraüleuse angestellt, und die erstere für die Befesti- 
dM Mw*im S^^S^n des St. Gotthard gewählt, weil man Schweizer Zeitungen zu- 
und folge ihre Ueberlegenheit bezüglich der Treffgenauigkeit, der Stabilität 
Mi*rlim>Me. der Richtung, der Feuergeschwindigkeit und der Einfachheit der Be- 
dienung anerkannt hatte. 

Einfahrang Am Eude desselben Jahres führt England die Maxim-Mitrailleuse 

Maxim- ein und giebt sie 12 Infanteriebataillonen (jedem zwei). In die deutsche 

fn^^Zt Marine ist die Maxim - Mitraüleuse 1892 eingeführt. Doch hat sie in 

Schlechte deu vou Bülow im Kilimandscharogebiet geführten Kämpfen den auf sie 

Bewährung , 

derselben in gcsetzteu Erwartungen nicht nur nicht entsprochen, sondern sich sogar 

'^' Marint*" überaus schlecht bewährt. 

Bestrebungen lu dem Maassc, iu welchem die konstruierende Firma allmählich 

Aar VArfm 

Firma dcu Mcchauismus behufs Beseitigung der beim Schiessen zu Tage tretenden 
BeeeiS' n ^^ängel uud Ueberwinduug der Transportschwierigkeiten verbessert hat, 
der 211 Tage schciueu dicsc jcdoch in Aufnahme zu kommen. 

getretenen 

Mängel. Auch unter ungünstigen Geländeverhältnissen ist es, besonders 

gegen einen Abhang, der aUmählich ansteigt, möglich, das Feuer zu 
regulieren, indem man zuerst das Ziel sich zu bewegen veranlasst und 
dann mit Schnellfeuer überschüttet. 

Resolute der Bei ciuer der ersten Schiessübungen auf bekannte Entfernungen 

Übungen mit gegen Fcldzielc , als man die neuen Waffen erst wenig kannte, wurden 
traiuensen. folgcudc bemerkenswerte Resultate erreicht: 

(Siehe die Tabelle auf der folgenden Seite.) 

Steigende Bis jctzt hat das Haus Maxim an 41 Regierungen und Kolonial- 

dw iil^m*- gesellschaften Mitrailleusen geliefert ; in 39 Fällen sind die Geschütze 
tmiHetsen. ^^^ "^^^ ^^*' ^®^^" ^^^ Bclagerungskrieg bestimmt. 



Mitrailleusen. 



(System Nordenfeld.) 



(System Hotschkiss.) 



ßjj o (w 99222? ^'*^^^?!22^^2^^^2i 



(PatronenbandO 



|y-:tfV*-n'- ^.',v 






■g 
s 



I 



4] 






Schnellfeuerkanonen. 



131 



Zielen 



Anzahl 

der 
Scheiben 




Schuss- 
zahl 



Dauer 




des 


Anzahl 


Feuers 


der 


in Se- 


Treffer 


kunden 





A-ng a.Vi1 

der ge- 
troffenen 
Scheiben 



Infanterie in Kolonnen . . . 

in Schützenlinien .... 

in Linie in geschlossener 
Ordnung 

in Zugkolonnen-Linie; Ent- 
fernung zwischen der 
Kolonne etwa 60 Meter . 

Artillerie 



100 
95 

40 



120 
76 



200 
400 

630 



800 
1030 



200 
200 

197 



299 
400 



25 




25 


67 


25 


181 


«MMV 


458 




267 



73 
42 

39 



91 
66 



Nunmehr ist in der Schweiz beschlossen worden, dass jedes Kavallerie- zuteüungdor 
regiment drei Maxim-Mitrailleusen mit einem Munitionswagen zum Trans- nitniue'l^eii 
port von 10- bis 15000 Reservepatronen und ein aus 1 Offizier, 4 bis g^welLr 
5 Unteroffizieren und 12 Gemeinen bestehendes Personal mit 26 Pferden Kav»ii«ri«. 
erhalten soll. 

Die der Kavallerie zugeteilten Mitrailleusen bezwecken, die Feuer- 
kraft dieser Waffe, wo dieselbe auch immer auftreten mag, zu ver- 
mehren. 

Diese Waffen bieten ein äusserst kleines Ziel und können in 
jedem Gelände sich gedeckt halten, so dass der Feind schwer die 
Richtung, aus welcher er Feuer erhält, wird feststellen können. Die 
Wirkung des Feuers auf bekannte Entfernungen ist, besonders gegen 
tiefe Ziele, eine im höchsten Grade mörderische. Sie gestattet daher 
der Kavallerie, überraschend nach einem unvermuteten Feuer in Aktion 
zu treten. 

Weiterhin sind in der französischen Armee Revolverkanonen ein- Kevower- 

kanonen. 

geführt. 

Dieselben bestehen aus sechs Rohren, die sich mit Hilfe eines 
Mechanismus um eine zentrale Achse drehen, die in der Trommel hinter 
dem Bodenstück des Geschützes placiert ist und durch einen drehbaren 
Griff in Thätigkeit gesetzt wird. Die Kartusche besteht aus einem Ge- 
häuse, welches die Pulverladung enthält und einem an diesem Gehäuse 
befestigten Körbchen mit 24 runden Kugeln aus starkem Blei. Das Gewicht 
der Kartusche ist ungefähr 1 Kilogramm, das Gewicht der Kanone selbst 
etwa 500 Kilogramm, das Gewicht der Lafette 600 Kilogramm. 

9* 



134 



I. Die Feuerwaffen. 



Ballistische 
Daten fftr 

oebirpi- Zosammenstellang : 

geschatze. 



Ballistische Mitteilungen über Gebirgsgeschütze giebt folgende 



Ballistische Angaben betreffend die Gebirgsgeschütze der 

europäischen Grossmächte. 





[er 


Oetterreioh- 
Ungara. 


Italien. 


Frankreich. 


Rusaland. 


7 cm 
Mod. 1875 


7 cm 
Mod. 1881 


8 cm 
Mod. 1868 


2V>' 
Mod. 1883 


Beim Sckiessen d 




G r a n 1 


k t • n 




Anfangs- 
geschwindigkeit 


Om 


298') 


256 


257 


275 


End- 
geschwindigkeit 


3000 m 


155 


143 


190 


198 


50 Prozent Tjängen- 
streuung auf 


3000 m 


63 


43 


27 


34 


50 Prozent Breiten- 
streuung auf 


3000 m 


9,9 


8,1 


13,0 


6,4 


50 Prozent Höhen- 
streuung auf 


3000 m 


10,4 


23,9 


10,4 


11,5 


Bestrichener Raum j 

für 1,8 m Zielhöhe l 

auf [ 


1000 m 
2000 m 


24 
9 


19 
7 


20 
9 


20 
9 


Grösste Schussweite 


m 

3000 


m 

3850 

Stack 
109 


m 

4300 


n 

4260 






Anzahl der Kugeln und Shrapnels 


Stack 
65 


Stack 
120 


Stack 
100 


Gewicht des Geschützes (KUogr.) 
Zahl der Geschütze in der Batterie 
Bedienung der Batterie (Mann) . . 
Bespannung der Batterie (Pferde) 


1105 

4 

111 

67 


1112 

6 

286 

148 


1158 

6 

160 

94 


8 
306 
206 



Seit Einführung der Gebirgsgeschütze, deren neueste von 1883 sind, 
hat man schon wieder nicht unbedeutende Fortschritte gemacht. Statt 
nun dem Leser Zeichnungen von älteren Typen vorzuführen, weisen wir 
für jetzt auf eine Abhandlung über die Krupp'sche Ausstellung in Chicago, 



*) Diese Zahl bedeutet, dass das Geschoss in der ersten Sekunde 298 Meter 
zurücklegt und nach Durchfliegen einer Strecke von 3000 Metern noch eine Geschwindig- 
keit von 155 Metern per Sekunde besitzt. 



A 



u 



Tafel X. 






I n m IV V 




VI vn VIII 



(Erläuterungen umstehend.) 



SnRlnn bei Stite 1». 



Erläuterungen zu Tafel X. 

Fig. T. Granate, englische aus abgehärtetem Gusseisen, System Palliser. 

Fig. II und IV. Hohlgeschosse. Geschosse zum Zerstören von Befestigungen 
und Gebäuden und, falls sie zur Erde niederfallen, Verwundung von Mann- 
schaften durch Sprengstiicke. 

Fig. III. Die Zeichnung stellt eine Kartusche der 28-Centiineter- Küstenkanone, 
bestehend aus seidenen Beuteln, die mit prismatischem Pulver gefüllt 
und — wenn sie nicht in eigenen Kartuschbüchson aufbewahrt werden — 
mit Rebschnüren und Zwimbändern netzartig verschnürt, weiter am Boden 
mit einer eigenen Anfeuerungsöffnung versehen sind. Zur leichteren Hand- 
habung bei dem gewaltigen Kaliber wird die ganze Pulverladung in 
2 Beutel gefüllt. 

Eine Anzahl von Kartuschen ist an zwei gleichgewichtigen Teilen 
zusammengenietet, welche mittelst einer leicht zu lösenden Bindfaden- 
verschnürung verbunden sind, damit die Hälfte als Wurfladung, wozu 
gewöhnlich weniger Pulver genommen wird, benutzt werden kann. 

Um starke Schutzwehren zu durchschlagen, werden Panzerbomben aus 
gegossenem Metall (Eisen oder Stahl), welches einer schnellen Abkühlung 
ausgesetzt war, verwandt, die gleichfalls mit einem Sprengstoff gefüllt sind. 

Fig. IV. Minengeschoss. 

Fig. V. Ein Krupp'sches Hartguss-Hohlgeschoss. Aussen ist der Bleimantel h 
angelötet; die Ausnehmungen an der Spitze dienen zum Erfassen des 
Geschosses mit der Geschoss- Hebzange. In den Hohlraum wird ein 
Säckchen mit Sprengladung durch das Bodenloch eingebracht und dieses 
sodann mittelst der Verschlussschraube v samt Bleiring geschlossen. 
Die Geschosse haben keinen Zünder, da die Sprengladung beim Treffen 
und Eindringen des Geschosses in den Panzer zur Explosion gelangt. 

Fig. VI. Eine mit Schiessbaumwolle gefüllte Granate. 

Fig. VII und Vlll. Geschosse mit Explosionstoffen geladen. 

Die verschiedenen Stoffe, die hierzu verwandt werden, bestehen einer- 
seits z. B. aus Schwefelsäure, andererseits aus Nitro-Naphtalin, -Phenol, 
-Benzin oder -Xylol. 

Die Sprengbestandteile werden in besonderen Glas- oder Porzellan- 
gefassen gehalten, welche dauerhaft genug sind, um beim Transport oder 
bei sonstiger Handhabung nicht zu zerbrechen. Der grösseren Gefahr- 
losigkeit wegen umhüllt man diese Gefässe noch mit Filz und Guttapercha 
oder schützt sie auf andere Weise vor Stössen. 

Statt dieser einzelnen Gefässe werden auch bewegliche Zwischenwände 
angewandt, welche das Gefäss für die verschiedenen Bestandteile abteilen. 
In beiden Fällen ruft ein Zerschlagen des Gefässes eine Vermischung der 
Bestandteile und damit eine Explosion hervor. Bei den Shrapnels be- 
finden sich die Sprengmaterialen in geladenen Bohren, welche mittelst 
des Zündloches explodieren. 



ZanA^r. 135 

Schiessresnitate enthaltend, hin, auf welche wir später zurückkommen 
werden. 1) 

Erwähnt wird noch einei' durch die Krupp'schen Werke in Chicago K"pp'"i*« 
anagestellten Merkwürdigkeit, nämlich einer durch Menschen tragbaren luoie. 
3,7 Centimet«r-Bu8chkanone, welche im Kolonialkiieg gebraucht wird; das 
Rohr wiegt nur 40 Kilogramm, die Lafette 46 Kilogramm, die Kartuschen 
670 bezff. 720 Kilogramm. 



5. Zünder. 

In früheren Zeiten war die Wirkung des Geschosses sehr schwach f«™ ^m 
und nur langsam traten auf diesem Gebiet Fortschritte hervor. Das j^j^^i j^ 
Material der Geschosse ist meist Eisen, diese selbst sind rund und Ht. L 
kleiner als das Kaliber des Rohres, um hinein- ^t'flli'"' 

gestossen werden zu können. Später setzte man die fj^ HL 

Kugel in den halb ausgehöhlten Spiegel, verband sie 
mit der in einem Beutel enthaltenen Palverladnng 
(Kartusche) und hatte so den Kugelschuss. Noch später 
nimmt die Höhlung einer Bombe Pulver auf. welches 
durch den Zünder (Tafel X Mg. I) entzündet wii-d. 
Letzterer, wie nebenstehende Zeichnung zeigt, ist 
eine Holzi-öhre, deren Bohrung mit einem ver- 
dichteten Gemenge von Salpeter, Schwefel und 
Mehlpulver gefüllt ist; ein Mundloch (Zündertafel 
Fig. ni) der Bombe nimmt den Zünder auf. 

Ursprünglich wurde der Zünder mit der Hand angesteckt (Zünder- Amt^ken 
tafel, Fig. II), was später überflüssig wurde, weil die Entzündung der nider-" 
Ladung ausreichte, den Zünder mit anzubrennen. Kur müssen die Seelen- tald 
wände über das Geschoss hinausragen, weil sonst die Gase auf ihrem "*• "• 
Wege zum Zünder abgekühlt werden. Die Bombe zerspringt, sobald 
durch den Zünder die darin enthaltene Ladung Fener fSngt und wirkt 
dann durch ihre Sprengstücke. 

Allmählich vervollkommnet sich die Form der Geschosse, welche Fprm md 
eine längliche Fonn annehmen, im hinteren Teil zylindrisch, im ja,Ö„"hZe 
vorderen zugespitzt. Sie zerfallen in zwei Gattungen, solche, deren g°™*'t°' 
Höhlung nui' mit Pulver gefüllt ist, und andere, welche ausserdem 

I) E. Montbaje: „Krupp k rExposition de Chicago de 1893". („ReTue de 
l'ArmÄe Beige".) 



Zünder. 



136 !• I^ie Feuerwaffen. 



kleinere Geschosse in sich aufnehmen. Erstere werden Granaten, 
letztere Shrapnels oder Granatkartätschen genannt. Granaten wirken 
teils als ganze Geschosse, teils im zerteilten Zustande, im letzteren sowohl 
durch ihre Sprengstticke, als durch die Zerstörungskraft des ein- 
geschlossenen Pulvers. Platzt eine Granate über der Erde, so wirkt jedes 
einzelne Stück des Mantels als Projektil für sich. Dringt sie unzerteilt in 
eine Erdbrustwehr, eine Mauer u. s. w. ein, so wirkt die Pulverladung des 
krepierenden Geschosses als Mine, indem sie die Erde, resp. das Mauer- 
werk auseinanderreisst. Das Shrapnel soll sich jedesmal in einer gewissen 
Entfernung vor dem Ziele zerteilen; die kleinen Geschosse gehen dann 
streuend auseinander und überschütten einen grösseren Raum. 
^^"•*™^*''' Die Zündung der im Geschoss enthaltenen Pulverladung erfolgt 

zAndera. mechauisch durch den Zünder, der auf zwei verschiedene Arten kon- 
taW " ^*™^^ ^^^^ kann. Will man die Zerteilung des Geschosses nach einer 

pig, T. bestimmten Zeit herbeiführen, so wird es mit einem Zünder versehen, der 
einen verdichteten, gleichmässig abbrennenden Satz enthält. Dieser fängt 
im Kohre Feuer; je nach dem Zeiti*aum, nach dessen Ablauf das Geschoss 
platzen soll, ist die Wegstrecke, welche das Feuer im Satze zurücklegt, 
ehe sich die Flamme dem Pulver im Geschoss mitteilt, entsprechend gross 
einzurichten- Bei den Geschossen der glatten Geschütze sahen wir bereits 
den Zünder in Gestalt einer mit Satz vollgepressten Holzröhre. Je nach 
der Länge, auf die man diese Röhre abschnitt, war die Brennzeit eine ver- 
schiedene. Das Abschneiden musste natürlich vor dem Einsetzen des 
Zünders in das Geschoss erfolgen. Damit war aber eine die Bedienung 
des Geschützes wesentlich verlangsamende Manipulation, nämlich ausser 
dem Abschneiden auch das jedesmalige Befestigen des Zünders im Geschoss, 
verbunden. Für den Gebrauch mit alten Vorderladern war diese Methode 
noch möglich, da genügender Raum vorhanden war, damit die durch- 
ströDienden Gase die Satzröhre entzünden konnten. Das Entflammen 
der Kartusche erfasste sogleich die Spitze des Zünders. Als aber 
Hinterlader in Gebrauch kamen, wurde dies einfache System wii-kungs- 
los, denn das Gas konnte nicht mehr zuströmen. Der kurhessische 
Aiiiillerielieutenant Breithaupt konstruierte nun einen bereits im Geschoss 
befestigten Zünder, welcher für jede Brennzeit eingerichtet werden konnte 
(Zündertafel Fig. V). Diese Erfindung diente zum Ausgang der modernen 
Zünder, ohne welche die Ai-tillerie nicht zu einer so furchtbaren Ver- 
vollkommnung gekommen wäre. 

Um uns aber die Zünderwirkung deutlich zu machen, müssen wir 
die Sonderheiten der Einrichtung des Apparates in Betracht ziehen, da 
von- deren mehr oder weniger regelrechter Konstruktion nicht nur die 
Wirksamkeit der Schüsse, sondern auch die Sicherheit der eigenen Truppen 



Zündertafel. 




m Jv 



IX X 




(Erläuterimgen umstellend.) 



EiBttten bei BeiU 



Erläuterungen zur ZündertafeL 

Fig. I. Zünder erster Zeit, bestehend aus einem Holzrohre, dessen Bohrang mit Pulver angefüllt 
wurde; durch Abschneiden konnte die Brennzeit reguliert werden. 

Fig. IT. AnstecKun^ des Zünders durch den Bombardier. 

Fig. m. Gh*anate mit brennender Limte. 

Fig. IV. Bomben, konzentrische und exzentrische. 

Fig. V. Erster Zeitzünder, welcher im Geschoss befestigt werden konnte und für Brennen ein- 
gerichtet war. 

Fig. YJ, Preussisches Perkussionsgeschoss (1870) mit Zünder. 

Fig. Vn. Oesterreichische Zünder zur Entzündung der Sprengladung, zum Schutze gegen äussere 
Einflüsse durch eine Verkappung gedeckt. 

Fig. Vni. Segment einer Granate von 187o. 

Fig. IX u. X. Boters Zeitzünder. Das Pulver, welches die Explosion bewirken soll, ist im zentralen 
Kanal enthalten. Die Aussenseite des Zünders ist derart bezeichnet, dass sich die Län^ der 
Brennzeit der Pulverkomposition in Zeiteinheiten eingeteilt findet. Um den Zünder zu richten, 
genügte es, ein Loch durch die gewünschte Abteilung in die Komposition zu bohren. 

Fig. XI. Der Perkussionszünder Mod. 1875 besteht aus Mundlochschrauoe m, Zündsohraube a mit 
Zündhütchen 0, dann aus Zünderhülse A, in welcher sich die zwei Schlägerteile befinden, von 
denen der untere u die Zündnadel n und die kupferne Versicherungshmse v trägt. Letztere 
hat einen durchlochten Boden und an ihrem Umfange acht aufgebogene Lappen, auf welche 
der obere Schlägei*teil o aufsitzt und hierdurch die Zündriadel von dem Zündhütchen entfernt 
hält. Beim Schusse bleibt der obere Schlägerteil vermöge der Trägheit seiner Masse zurück, 
streift die Lappen der Versicherungshülse aus und schiebt sich auf den unteren Schlägerteil 
auf; beim Aufschlag des Geschosses fallen die vereinigten Schlägerteile vor, die Zündnadel 
trifft das Zündhütchen und die Flamme desselben zündet die Sprengladung des Geschosses. 

Fig. Xn. Oesterreichische Brandel zum Entladen der Geschütze, um der Gefahr des Durchbrechens 
der Gase vorzubeugen. Beim Gebrauche wird das Brandel in das Zündloch eingesetzt und 
durch Niederdrücken der Schliessklappe des Brandellagers im Zündlochstollen eingeschlossen; 
wird sodann am Beibedraht des Brandeis ein kräftiger Zug ausgeführt, so entzündet sich der 
Friktionssatz, ferner das Scheibenpulver und die PulverMung; hierbei wird durch die ent- 
wickelten Gase die Brandelhülse gegen die Wände des Zündloches, der Boden des Reibers 
gegen den Boden der Brandelhülse gedrückt und dadurch ein gasdichter Abschluss des Zünd- 
loches bewirkt. 

Fig. XIII. Fi'anzösischer Feld - Doppelzünder Mod. 1880 und 1884. Der Zünder ist vor dem Schusse 
und hat folgende Einrichtung: Der bronzene Zündkörper c enthält in seiner unteren Kammer 
den Perkussionszünder „Budin'", oben trägt er den Zünderteller, in welchen der bronzene 




mit einer im Gewinde des Zapfens ausgeschnittenen mit Kompulver gefüllten Binne g kom- 
muniziert; von der Kinne ^ fünrt^n drei Kanäle z zum Perkussionsapparat. Oben enthält der 
Zapfen die Nadel n und den Kapselträger 7, welche beide durch die Spiralfeder x auseinander- 
gehalten werden. Im Kapsel träger befindet sich die Zündpille samt Schlagladun^, deren 
Flamme bei der Explosion durch die Kanäle y den aussen aufgesetzten, aus kompnmiertem 
Pulver erzeugten Ring d entzündet. Der Satzkonus 6 (Zinnlegierung) besitzt aussen eine 
spiralförmige Kinne, in welche das bleierne Satzröhrchen eingelegt ist; er wird durch die Ver- 
schliissplatte o derart fixiert, dass das untere Ende des Satzringes mit seinem eingesetzten 
Kupferröhrchen A über den Nullpunkt der Tempiereinteilungt»n und mit dem Feueneitungs- 
kanale h in Verbindung stecht. Das Satzröhrchen ist mit Pulversatz gefüllt, von welchem 13 mm 
eine Sekunde brennen. Der messingene Tempiermantel m hat aussen von bis 20 numerierte 
Tempieröffnungen, deren gegenseitige Abstände einer Brenndauer von einer Sekunde ent- 
sprechen; ausserdem ist noch eine nicht numeriert-e Oeffnung 7", durch welche die bei der 
Verbrennung der Schlagladung und des Ringes d gebüdeten Gase entweichen sollen. Soll der 
Zünder als Fallzünder wirken,^go entfällt jede weitere Behandlung desselben vor dem Schusse 
und er funktioniert dann wie der Budin'sche Zünder bei den Hohl geschossen. Soll er jedoch 
als Zeitzünder wirken, so muss er voreret tempiert werden. Besteht die Brenndauer in ganzen 
Sekunden, so überzeugt man sich zunächst, ob der Zeigerstrich und der Nullstrich der Ein- 
teilung am Tempiermantel übereinfallen, durchsticht hierauf mit dem Tempierbohrer durch 
die betreffende Tempieröffnung die Satzröhre und den Satzkonus. Besteht die Brenndauer 
überdies in Zehntel-Sekunden, so wird vorerst der Tempiermantel entsprechend der Ein- 
teilunfif gedreht und festgestellt. Beim Schuss fallt der Zündstift n zurück und der Zündsatz 
explodiert; hierdurch entzündet sich die Schlagladung, dann der Satzring dy durch dessen 
Flamme wieder durch die beim Teinpieren im Satzkonus erzeugte Oefl'nung die Entzündung 
der Satjsröhre eingeleitet wird. Letztere brennt nach beiden Richtungen gleichmässig ab, bis 
durch das Kupferröhrchen A das Feuer durch den Feuerleitungskanal und die Kanäle s end- 
lich zur Schlagladung im Perkussionsaj) parate d(*s Geschosses gelangt. 

Fig. XIV u. XV. Elektrische Brandein. Um die Gefahr des Hinauswerfens der Brandein beim Ent- 
laden der Geschütze zu beseitigen und die Explosion der Gase aufzuhalten, wurde die Elek- 
trizität zum Entladen benutzt. 

Fig. XVI. Elektrische Beleuchtung zum Richten der Geschütze für Nachtgefechte, nach „Lloyd and 
Hadcock Artillery". 



Zünder. 



137 



abhängt, wie wir dies in der Folge darthan werden, wenn wir ein Büd 
der voraussichtlichen Thätigkeit der Artillerie auf dem Schlachtfelde ent- 
werfen. 

Um wirksam zu sein, muss der Zünder, wie wir soeben angegeben 
haben, so eingerichtet sein, dass die durch ihn hervorgerufene Explosion 
des Geschosses an der dazu vorausbestimmten Stelle stattfindet, d. h. dort, 
wo nach Berechnung des Schiessenden die vernichtende Wirkung erfolgen 
soll. Ein derartiges Eesultat geben die jetzt gebräuchlichen Zünder, die 
seit dem deutsch-französischen Kriege im Lauf der letzten 20 Jahre 
eine bedeutende Vervollkommnung erfahren haben. 

In der französischen Artillerie waren bei Beginn des Krieges Tempir- und 
1870—1871 Bronzekanonen von 4-, 8- und 12 pfundigem Kaliber vor- zünder."^ 
banden und 25 läufige Mitraüleusen. Die Kanonen schössen mit gewöhn- 
lichen (einwändigen) Granaten, Shrapnels und Kartätschen. Bei Beginn 
des Feldzuges waren die Granaten und Shrapnels mit Tempirzündem 
zweifacher Stellung versehen; man konnte also nur auf zwei Ent- 
fernungen eine präzise Geschosswii'kung erzielen. Aber was noch 
schlimmer, die Zünder funktionierten häufig weit vom Ziele, weshalb sie 
bald bei Granaten und teilweise bei Shrapnels durch Perkussionszünder 
(Demarais) ersetzt wurden, i) welche das Geschoss auf beliebiger Ent- 
fernung, sobald es nur irgend einen Widerstand findet, zerspringen lassen. 
Dies war schon sicherer, aber häufig wirkte das Piston der Röhre nicht, 
oder wenn es wirkte, so geschah es gerade im Moment des Aufschls^s 
auf den Boden, wobei, falls der Boden nur einigermaassen locker war, 
das Geschoss sich einwühlte, fast ohne Sprengstücke zu geben. 2) 

In der ganzen Kampagne 1870 haben die Preussen fast ausschliesslich vw^«adniig 

° i- o yQH Granaten 

emwändige Granaten mit Perkussionszündern angewandt (Zündertafel mit 

Fig. VI); weil die Shrapnels mit Perkussionszündung in Preussen schon "JdTra"^ 

1866 in Ermangelung brauchbarer Tempirzünder abgeschafft waren. *",^^*^* 

Kartätschen kamen nur in ganz unbedeutendem Maassstabe zur Ver- Zfinder- 
wendung. 

Es wurden durch die deutsche Artillerie verfeuert: 



tafel 
Fis.TL 



von preussischen Geschützen 
von bayerischen Geschützen 
von sächsischen Geschützen . 



Granaten Shrapnels Kartätschen 

99,80 o/o - 0,20 o/o 

9B,19 o/o 4,40 o/o 0,14 o/^ 

88,88 o/o 11,04 o/o 0,08 % 



Potocki: „Artillerie". Lieferung 2. 
') Om^ga: „L'art de combattre". 



138 I- I^i^ Feuerwaffen. 



Zfinder- Die gewöhnlichen Granaten waren noch von guter Wirkung gegen 

Pi*^TO. ^^S^d^^^^ Truppenmassen (auf Entfernungen von 1500 Meter bis 
2500 Meter, andernfalls waren die Einfallwinkel zu gross), gegen Bäume 
und Steinwände ; aber gegen Schützen, welche örtliche Deckungen hatten, 
war die Wirkung der Granaten unbedeutend. Die in der österreichischen 
Armee angewandten Zünder zeigt in der Zündertafel Fig. VII. 
Preußische Nachdem aber die Zünder vervollkommnet wurden, zeigten die 

Probe- ' ^ 

BchiMsen in Preussen stattgefundenen Probeschiessen mit Shrapnels, gegen Truppen 

"ztader-" in den verschiedensten Formationen angewandt, eine 6 bis 10 Mal grössere 

tafel Wirkung, als Granaten (Zündertafel Fig. VIH). Auf die Bedeutung dieser 

Hg, Vm Schiessversuche werden wir später zurückkommen. 

Konatniirtion j)[q Koustruktiou der Apparate zur Erzeugung der Explosion in 

der Appar&te 

z. Enengung Geschosscu gehört zu den kompliziertesten Aufgaben der artilleristischen 
ExpiosTon in Techulk, uud es ist äusserst schwierig, diese Mechanismen in einer 
oenchosaen. allgemein verständlichen Form zu beschreiben. 

Zfinder- Die in der Zündertafel enthaltenen Zeichnungen Fig. IX bis XVI 

PlgT^j^lgUnd deren Erklärungen werden ein genügendes Bild von dem jetzigen 
XVL Stande entwerfen. 

züDder jm allgemeinen wollen wir nur erwähnen, dass Zünder von dreierlei 

dreierlei Art 

(Tempir-. Art gebraucht werden : 

Perknesiosfi- 

and Zünder 1, Züuder, die nach einem bestimmten Zeitabschnitt wirken, 

Wirkung). mit gewöhnlich bis zu 15 Sekunden Brennzeit, aber für Mörser 

und Haubitzen sogar bis zu 30 Sekunden Brennzeit. ») 

2. Perkussionszünder, welche die Explosion bei der Begegnung mit 
einem äusseren Widerstund herbeiführen^ d. h. durch den Auf- 
schlag auf den Boden, den Anprall an ein Geschütz, Erdauf- 
schüttung u. s. W- 

3. Zünder von doppelter Wirksamkeit, die die Explosion 
entweder zu einer bestimmten Zeit hervorbringen oder auch 
früher beim Aufschlag auf einen äusseren Gegenstand. 

verwendungr Perkusslouszündcr werden gebraucht, wenn Tempirzünder (d. h. 

perkoMione- Zünder für die Explosion binnen einer bestimmten Zeit) aus irgend 
welchem Grunde ihren Zweck nicht erreichen. 

Stellen wir uns z. B. vor, dass der Feind sich in einer Entfernung 
von 1200 Meter befindet. Das treffsicher abgesandte Geschoss darf nicht 
höher als 10 Meter fliegen. Zu Ende seiner Bahn fliegt es fast die Erde 
berührend. Damit aber die Explosion bedeutende Resultate ergiebt, muss 
sie in einer gewissen Höhe erfolgen, denn im entgegengesetzten Fall 



*) „Lloyd and Hadcock Artillery". 



Zünder. 



139 



hindert jede Unebenheit des Terrains die tödliche Wirkung der Kugel- 
nnd Splittergarbe. Unter solchen Verhältnissen scheint es zweckmässiger 
einen Perkussionsztinder in Anwendung zu bringen. Die Granaten mit 
einem solchen Zünder explodieren gewöhnlich unmittelbar im Moment 
des Niederfallens auf die Erde, und da sie von ihr bis zu einer gewissen 
Höhe abspringen, so hängt in diesem Falle die Höhe, in der die Explosion 
erfolgt, von dem Einfallwinkel des Geschosses ab. 

Aus der folgenden Zeichnung ist ersichtlich, welche Wichtigkeit 
eine richtige Direktion des Schusses besitzt. Die Granate, die von der 
Erde in der Richtung mc abgesprungen ist, würde die feindlichen 
Truppen mit allen ihren Splittern treffen, während bei dem Abspringen 
in der Richtung mb die Explosion kaum einen Schaden anrichten 
würde. 



-^a 



^A. 






, Y- 



ci 



"--?- 














Bedeutung der Richtung der Geschosse. 



Es muss jedoch bemerkt werden, dass bei festem Boden die meisten 
Sprengstücke und Kugeln noch weiter gehen; bei weichem und durch- 
schnittenem Boden aber stecken bleiben. 

Fei-ner findet die Anwendung der Perkussionszünder statt gegen 
Steinwände und dergleichen Objekte. Ihr Gebrauch ist auch noch nützlich 
zur Erprobung der Treffsicherheit, wenn man zu wissen wünscht, ob die 
Geschosse bis zum Ziel oder darüber hinaus fliegen. 

Ueber den Grad der Treffsicherheit des Schiessens versichert man Methode der 
sich am besten vermittelst des Aufschiagens des (jeschosses auf den Erd- '*" ^^r '''* 
boden, da ein solches gewöhnlich von einer Staubwolke begleitet ist, mit ^^I^Treff/ 
der sich mehr oder weniger Rauch vermischt. Wenn das Geschoss nicht rfcherheitdes 

Scbiessens. 

das Ziel erreicht hat, so verhüllt die Wolke das Ziel, im anderen Fall 
hebt sich das Ziel auf dem weissen Rauchfonds ab. 

Der Deutlichkeit wegen geben wir umstehend eine Zeichnung, 
welche diese Methode der Probeschüsse erläutert. 



140 



L Bie Fenerwaflten. 



Dazu treten Fälle ein, wo es am vorteilhaftesten ist, Zünder von 
doppelter Wirksamkeit zu verwenden, d. h. solche, die zugleich Tempir- 
wie Perkussionszünder sind. 











^..^M^A 






■d^ ' 



--- -ar-- 






Gescboss, welches das Ziel nicht erreicht hat. 




Geschoss, welches das Ziel übergangen hat. 




Begulär entsandtes Geschoss. 



6. Geschosse. 

Nun sind wir in den Stand gesetzt, einem Vergleich der Geschosse 
unter einander näher zu treten. 
Haopt- Die Geschosse für moderne Geschütze können nach 3 Haupt- 

"^ der anwendungen eingeteilt werden : 

1. gegen Panzer, 

2. Minengeschoss gegen Befestigungen, 

3. gegen lebende Wesen 

und sind zu diesen Zwecken verwendbar. 



L 



Tafel XI. 



XI Xll 




(ErliMilerutigen ufitetekend.) 



Erläuterungen zu Tafel XL 

Fig. X. Englische Granate (Star shell). 

Fig. XI. Shrapnel. 

Fig. XII. Leichtes russisches Shrapnel, welches ein Stossspiegelshrapnel darstellt. 
Die gusseiserne Hülse enthält den mit Ausnehmungen versehenen Füll- 
ladungsraum und die Sprengladungskammer; auf dieselbe ist oben der 
messingene Kopf mit vier Schräubchen befestigt. Das leichte Feldshrapnel 
enthält 165, das schwere 340 Bleiantimonkugeln, deren Zwischenräume 
mit Schwefel ausgegossen sind. In das Mundloch wird der Felddoppel- 
zünder eingesetzt. 

Fig. XI ir. Stahlshrapnel (Russland), ist ein Hülsenshrapnel mit messingenem 
Kopfe; der Innenraum ist durch einen napfförmigen Stossspiegel, welcher 
die Sprengladung enthält, geteilt; das stählerne Kommunikationsröhrchen 
umschliesst eine konische Röhre, welche die gleichmässige Lagerung der 
mit Schwefel umgossenen Fiillkugeln ermöglicht (100 Stück Bleiantimon- 
kugeln). In das Mundloch kommt der Zünder. 

Fig. XIV. Kartätsche, besteht aus der zinkblechernen Büchse -ff, die unten durch 
den Stossspiegel s aus Zinkguss und den zinkblechemen Zwischenboden z 
und oben durch den zinkblechernen Deckelspiegel d geschlossen ist. 

Die Büchse ist mit Zinkkugeln gefüllt und mit Schwefel ausgegossen, 
der Wulst w begrenzt das Einführen der Kartätsche in das Geschosslager. 

Fig. XV. Brandgeschoss, unterscheidet sich von dem 15-Centimeter-Hohlgeschoss 
in seiner äusseren Einrichtung nur durch die drei Brandlöcher f, die mit 
Brandsatz und Stoppinen gefüllt und aussen mittels einer rot angestrichenen 
Verpflasterung p verwahrt sind. 

Das Brandgeschoss ist mit Brandsatz gefüllt und zur leichteren Ent- 
zündung mit einer Anfeuerung versehen; in das Mundloch wird der Per- 
kussionszünder eingeschraubt. 

Fig. XVI. Leuchtballon. Die in Österreich-Ungarn bei den glatten Wurf- 
geschützen eingeführten Feuerballen sind ovale, mit Louchtsatz gefüllte 
Säcke aus Doppelzwilch, oben im Mundloch h mit einer Aufloderung zur 
Entzündung des Leuchtsatzes und am entgegengesetzten Ende mit der 
eisernen Stossplatte 8 zur besseren Widerstandsfähigkeit gegen den Stoss 
der Ladung versehen und aussen mit einer Leine netzartig umschnürt. 

Die Leuchtballen der grösseren Kaliber erhalten, um vom Feinde nicht 
ohne Gefahr ausgelöscht werden zu können, an der Stossplatte eine kloine, 
scharfgefüllte Hohlkugel fc, und ringsum von aussen eine Anzahl Mord- 
schläge m, kurze, zugespitzte, mit einer Bleikugel geladene Gewehr- 
laufstücko, welche sich nach Maassgabe der Verbrennung des Leucht- 
satzes entladen. 

Fig. XVII. Die Alarmstangen oder Fanale sind Holzgestelle, die aus einer 
Stange mit mehreren runden Scheiben bestehen, auf welchen letzteren leicht 
entzündliche und mit weit sichtbarer Flamme brennende Materialen ge- 
schichtet werden; letztere bringt man mit einer Feuerleitung in Ver- 
bindung und umgiebt sie zum Schutze gegen Witterungsein flüsse mit 
einem Strohmantel. Die Alarmstangen dienen hauptsächlich als Nacht- 
signale (seltener als Tagsignale) und müssen auf erhöhten Punkten so 
aufgestellt werden, dass man sie auf eine für den beabsichtigten Zweck 
genügende Entfernung brennen sehen und von anderem zufalligen Feuer 
leicht unterscheiden kann. 

Fig. XVIII, XIX, XX. Die Signalraketen bestehen aus einer starken Papier- 
oder Blechhülse, mit einem rasch brennenden Triebsatze vollgeschlagen, 
vom mit einer Leuchthaube aus Eisenblech versehen, welche mit ver- 
schiedenartigen Leuchtkörpern wie Sterne, Schwärmer etc. gefüllt ist Zwar 
noch im Gebrauch, werden diese Leuchtraketen bald den elektrischen 
bezüglichen Vorrichtungen weichen müssen. 



Geschosse. \^l 



Die Munition besteht bei allen Feldgeschützen aus Hohlgeschossen Monmon. 
(Granaten) und Shrapnels. Die meisten Feldartillerien führen über- w?^ 
dies Kartätschen, einige auch Brandgeschosse mit. (Tafel XI, Fig. XIV il'xv. 
und XV). 

An Ladungen sind entweder nur Schuss- oder nebst diesen auch Lad"»?- 

Tafel X. 
Wurfladungen vorhanden, welche gewöhnlich in seidene Kartuschbeutel «j- ^ 

geschüttet (Tafel X, Fig. HI), entweder gewöhnliches schwarzes oder in 

neuerer Zeit rauchschwaches Pulver umfassen. 

Beinahe alle Geschosse werden heute mit Sprengstoff in wenigen sprengttoff- 
oder grösseren Quantitäten gefüllt. a. oeJhowe. 

Geschosse zu Panzer- und Befestigungsbeschiessungen werden inöewiiosBesur 
Tafel X, Fig. I, n und V dargestellt. b^JS^«^ 

Diese werden hergestellt nach zwei Grundsätzen, in Gusseisen mit pig. tu 
einer harten Spitze, oder als Stahlgeschosse. IVbliVL 

Grosse Bedeutung wird den modernen Minengeschossen zu- 
geschrieben (Tafel X, Fig. IV und VI). 

Ausserdem hat man in letzter Zeit begonnen, Geschosse herzustellen, Fig. Tu u. 
die mit zwei derart beschaffenen Stoffen gefüllt werden können, dass nur ^^ 
erst bei deren Verbindung die Entzündung erfolgt (Tafel X, Fig. VH 
und Vin.) 

Von den verschiedenen komplizierteren Granaten, welche Vorzugs- g«wi»08»6 
weise gegen lebende Ziele Verwendung finden, geben wir die Zeichnungen lebendezieie. 
der am meisten angewandten Arten auf Tafel X, Fig. IX, und Tafel XI, S**^?' 

Fig. X bis xm. SSi ^ 

Das Nachtgefecht wird sich in künftigen Kriegen anerkannter- .^^rin 
maassen anders gestalten als in der Vergangenheit, weil die in Folge 
der Vervollkommnung der Infanterie-Schusswaffen schon auf weite Ent- 
fernungen geradezu vernichtende Feuerwirkung der Infanterie durch die 
Dunkelheit auf die nächsten Entfernungen beschränkt wird, diejenige der 
Artillerie in sehr vielen Fällen entweder ganz ausgeschlossen oder auf 
Kartätschenschussentfemungen ebenfalls eingeschränkt wird. Freilich 
hat man auf dem Festlande auch für die letztere Waffe, für den Positions- 
krieg, Mittel und Wege gefunden, bestimmte Schussrichtungen schon bei 
Tage festzulegen, um das Feuer auch während der Nacht nicht ganz 
einstellen zu müssen. Dennoch wird dadurch, selbst bei elektrischer Be- 
leuchtung des Vorgeländes, einerseits die Bedienung sehr verlangsamt, 
andererseits die Geschütze und Kanoniere dem feindlichen Feuer sehr 
ausgesetzt, ohne dass die Treffsicherheit dadurch eine besonders zu- 
verlässige würde, weil eben das Eichten über Visier und Korn bei mangel- 



142 ^' ^^<* Feuerwaffen. 



hafter Beleuchtung sehr unsicher wird. Für den Feldkrieg werden sehr 
oft aber auch diese Mittel versagen. 

Tafel H, Es werden demnach nicht selten Leuchtballons (Fig. XVI), Alarm- 

bi' X? s^^^S®^ (^*g- ^^11) ^^^ Signalraketen (Fig. XVIII bis XX) zur An- 
wendung kommen. 

^dV/iTohi*" Die grössten Schussweiten der Hohlgeschosse reichen auf Ent- 

geechoBse. femungeu bis zu 6000 Metern, und bei den neueren Feldgeschützen noch 
auf viel grössere. 

dei^s^reL ^^® Anzahl der Kugeln und Sprengstücke des krepierenden Shrapnels 

stücke im ist in den einzelnen Artillerien Europas ungleich. Die französischen Ge- 
"'^'^^' schösse kleineren Kalibers (80 Millimeter) zerspringen in 182, die 
deutschen (78 Millimeter) in 160 bis 165, die italienischen (70 Millimeter) 
in 109 Stücke, 
streben Jn letztcr Zeit werden grosse Bemühungen gemacht, um einheitliche 

einheitiioben Geschosse gcbraucheu zu können, 
esc ossen. SelbstverständUch ist dies nur zu erlangen, wenn ein einheitliches 

Geschützkaliber geschaffen wird. 



7. Schlussfolgerungen 
über Artillerie - Geschütze und Geschosse. 

Ein Rückblick auf die Entwickelung der Feldartillerie zeigt, dass seit 
der ersten Anwendung des Pulvers bis zum XIX. Jahrhundert die Geschütz- 
systeme nur sehr langsam verbessert wurden. Ungeachtet dessen, dass 
bei der ünyollkommenheit der Leistungen F'ortschritte viel leichter zu 
erzielen waren, blieb die Wirkung der Kanonen eine sehi; unbedeutende. 
Erst die zweite Hälfte des XIX. Jahrhunderts bringt grossen Wechsel 
und kurze Lebensdauer der Geschützsysteme mit sich. 

Das letzte glatte preussische Geschützsystem bestand bis zur Ein- 
führung der gezogenen Hinterlader im Jahre 1859 17 Jahre. 

Das französische System von 1828 wurde 1853, also nach 25 Jahren, 
durch die Granatkanone ersetzt, die schon nach 6 Jahren durch die 
gezogenen 4-Pfünder verdrängt wurde. 

In Russland wurde das 1838 geänderte System im Jahre 1852 zum 
grossen Teile wieder geändei't, und im Jahre 1859 das System der 
gezogenen Vorderlader angenommen. 



Dynamit- Kanone (System Sims-Dudley)'. 



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py...,. 



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I». V 



I 



Schlussfolgerimgen über Geschütze und Geschosse. 143 



Die meisten übrigen Artillerien nahmen neue, oder stark geänderte 
glatte Artilleriesysteme in der Zeit von 1830 bis 184D an. Mehrere 
führten in den 50 er Jahren den Ersatz durch Granatkanonen ein. Fast 
Alle gingen aber in den Jahren 1859 bis 1861 zum gezogenen Vorder- 
lader über. In den meisten Fällen betrug also die Lebensdauer der 
glatten Systeme rund 20 Jahre, in einigen Artillerien gegen 30 Jahre, 
die der Granatkanonen indess nur 5 bis 6 Jahre. 

Das in Preussen 1859, in Belgien 1861 angenommene Hinterladungs- 
system bestand bis 1873 bezw. 1878, also 14 bezw. 17 Jahre. In den 
deutschen Artillerien, die dies System von vornherein annahmen, bestand 
es ebenfalls bis 1873, etwa 12 Jahre. 

Die angenommenen Vorderladungssysteme bestanden in Frankreich 
bis 1870/71, wo das System Reffye Platz grifl, also 12 Jahre (das 
Letztere bestand nur 6 Jahre) ; in Russland, in der Schweiz, den kleinen 
deutschen Staaten und in Spanien bis 1867 oder 1868, also im Mittel nur 
7 bis 8 Jahre; in Oesterreich bis 1875, also 16 Jahre. In den Nieder- 
landen und in den nordischen Staaten stieg die Lebensdauer auf 18 bis 
20 Jahre. — Für die jetzt bestehenden neuen Systeme ist die Lebens- 
dauer in Deutschland 21, in Oesterreich 19, in Dänemark und Italien 18^ 
in Frankreich und Russland 17, in Spanien und Belgien 16, in der 
Schweiz 15, in den Niederlanden 14, in Schweden 13 Jahre. 

Und nun steht ein neuer Wechsel bevor. Die rein artilleristischen 
und ballistischen Fragen gehen wohl ihrer Lösung entgegen oder sind 
schon teilweise geklärt; was zu thun bleibt ist mehr technischer 
Natur und Aufgabe der Alles wagenden und mit Erfolg versuchenden 
Technik, i) 

General Müller^) erklärt, dass die Frage „wo ist das Geschütz schwierige 
der Zukunft?" nicht nur sehr schwierig, sondern geradezu unmöglich zudeizuknan»- 
beantworten sei. Ausserdem bestehe für den Staat, der mit Einführung ^"®^*''®*- 
eines neuen Materials beginnt, die Gefahr, durch verbesserte Kon- 
struktionen überholt zu werden. 

Die Schw^eiz, welche in neuerer Zeit mehrmals in der Gewehrfrage Konirarrens- 
tonangebend war, hat im Frühjahr 1893 einen Wettbewerb ausgeschrieben, *"*"de/ 
dessen Bedingungen auf ein Schnellfeuergeschütz hindeuten. schweu. 



^) „Die Wirkung der Feldgeschütze". 

') „Die Entwicklung der Feldartillerie in Bezug auf Material, Organisation 
und Taktik von 1815 bis 1892. Mit besonderer Berücksichtigung der preussischen 
und deutschen Artillerie auf Grund dienstlichen Materials dargestellt von 
H. Müller, Generallientenant z. D." Zwei Bände. Beriin 1893. 



144 ^' ^^^ Feuerwaffen. 



Im Vordergründe des Interesses stehen also die Schnellfeuer- 
geschütze. Es hat den Anschein, als ob bei der wohl kaum noch zu 
verschiebenden Umbewaflfnung der Feld-Artillerie — die sich demnächst 
einer erneuten Umwälzung in der InfanteriebewaiFnung gegenübersehen 
wird, ohne in den Grundzügen ihrer Geschtitzkonstruktionen Fortschritte 
gemacht zu haben — ein ganz hervorragender Werth auf das Schnell- 
feuer gelegt werden dürfte. Die Erfolge der japanischen Marine mit 
diesem Geschützsystem werden ihre Einwirkung auf die Land-Artillerie 
nicht verfehlen. 

Die Herstellung der Schnellfeuergeschütze ist bereits beim Kaliber 
von 20 Centimeter angelangt. Ein solches Geschütz, das vier Schuss in 
der Minute abgiebt, soU bei Armstrong in Elswick hergestellt sein.«) 

^•"« Frankreich will neue Feldgeschütze einführen, jedoch sind bisher 

Feld- noch keine Zeichnungen veröffentlicht worden. 

geschütse. 

Die neuen Feldgeschütze sollen ein Kaliber von 75 Millimeter 
haben, in drei Jahren fertig hergestellt sein und 324 Millionen Francs 
kosten.*) 

Die Granaten dieses Zukunflsgeschützes sollen 5 bis 6 Kilo 
wiegen, also weniger Gewicht haben als die Geschosse der jetzigen 
80 Mülimeter-Kanonen. Die Feuergeschwindigkeit soll 4 oder 5 Schuss 
pro Minute betragen, der Rückstoss sehr verringert werden. Wenn auch 
nach jedem Schusse neu gerichtet werden muss, so wird der Rücklauf 
des Geschützes doch gering genug sein, um das ermüdende und zeit- 
raubende Vorbringen desselben in die Feuerstellung zu vermeiden. Das 
Schiessen kann daher nach Bedarf sehr schnell ausgeführt werden. Die 
neuen Geschütze sollen einen Sicherheits-Apparat erhalten, um das zu 
frühzeitige Abfeuern zu vermeiden, was man bisher bei den jetzigen 
Geschützen nicht in befriedigender Weise ausführen konnte. 

Jedoch die Technik ist noch zu keinem Abschluss gekommen. 

Haterui Nickclstahl einerseits, Drahtumwickelung andererseits sind die 

für 

Hereteiiang beiden Grundlagen für Erzeugung von Rohren, welche grossem Gas- 
***' roitfe.***^ druck gewachsen sind. Man spricht beim Nickelstahl bereits von 
IB 000 Atmosphären Druck. Es würde damit der Steigerung der Geschoss- 
geschwindigkeiten, die bereits bis 1100 Meter geht, ein gewaltiger Vor- j 
Schub geleistet, nicht minder dem Betrag an lebendiger Kraft aus der 
Einheit des Rohi'gewichtes. ) 



*) Löbell: „Militärische Jahresberichte". 1894. 
*) „Progres militaire". 



Die neuesten Geschosse 
für die Krupp'sehen 7,5 Centimeter- Geschütze. 

Granate. Shrapnel. Kartätsche. 

Längssohnitt 



t-j» 



Patronenmantel. 



Bd. I. einfeg« bei Stile iU. 



Schlussfolgerungen über (beschütze und Geschosse. 145 



Ein neues, flir gewisse Artilleriezwecke geeignetes Material ist 

das als reines Metall hergestellte Chrom in seiner Verbindung mit 

Aluminium, wobei sich grosse Vorzüge vor den jetzt verwendeten 
Materialien herausstellen sollen. 

Inwieweit die Feldhaubitzen dui-ch die Erfolge der Japaner mit 
derartigen Geschützen beim Angriff auf Port Arthur die Zahl ihrer An- 
hänger vermehrt sehen werden, bleibt abzuwarten. Jedenfalls hat der 
Nimbus, Welcher die Sprenggranate aus Feldkanonen als Ersatzmittel 
für das Wurffeuer im Felde umgab, wesentlich abgenommen.*) 

Die Geschossgeschwindigkeit wird bei dem Feldgeschütz der nächsten 
Zukunft wohl nur eine massige Zunahme erfahren, dagegen wird man 
einen Hauptwerth auf die Lösung der Geschossfrage selbst legen. 

Das Shrapnel mit Doppelzünder kann schon jetzt als Hauptgeschoss shr»pnei mit 
angesehen werden«), die Granate ist mehr in den Hintergrund getreten. xünTw: 

Hanpt- 

Als Hilfsgeschoss ist diese aber in verschiedenen Artillerien bei- geechoas. 
behalten; sie soll lebende Ziele dicht hinter Deckungen treffen, zugleich ^l^-. 
gegen tote Ziele wirksam werden. Für ersteren Zweck hat sie den 
Doppelzünder, da der Sprengpunkt nahe der deckenden Krete und ober- 
halb dieser liegen muss. Doch ist die Bedeutung der Sprenggranate 
gegenüber lebenden Zielen nicht überall gewürdigt, so in Frankreich, wo 
sie nur für tote Ziele berechnet ist. 

In der Konstruktion des Shrapnels sind grosse Fortschritte ge- Fortachritte 
macht, so z. B. mit der Verwendung von Stahlmaterial für den Geschoss- strapnei- 
körper, wodurch ein grösserer innerer Raum gewonnen wurde und (jje ^^"*™''*^^"- 
Füllung mit einer grösseren Zahl von Kugeln aus Hartblei möglich ge- 
worden ist; ferner mit der Ausstattung mit raucherzeugenden Mitteln zur 
Erleichterung der Beobachtung und Anwendung sehr vollkommener Doppel- 
zünder, zugleich Fertigzünder. 

Es erübrigt nur noch, die Wirkung der Sprenggranate in den P'o.we». ^«» 
Mechanismus mit aufzunehmen, um zum Einheitsgeschoss zu gelangen, gMchoase». 
doch ist dies bis jetzt ein ungelöstes Pi'oblem.^) 



Hilfs- 

gMchOM. 



*) Löbell: „Militärische Jahresberichte". 1894. 

«) LöbeU: „Müitärische Jahresberichte". 1893. 

Die neuesten deutschen Shrapnels haben eine sehr dünne Wandung 
und in Folge dessen einen sehr grossen inneren Kaum; das Material der Hülle 
ist Stahl, und diese besteht aus dem cylindrischen Geschossteil und dem auf- 
schraubbaren Boden. Als Füllung dienen Hartbleikugeln, in deren Zwischen- 
räumen ein raucherzeugendes Mittel gelagert wird, das sehr günstige Beob- 
achtungsverhältnisse herbeiführt und die Kugeln in fester Lagerung erhält. Die 

Bloch, Der zakflnftige Krieg. 10 



146 I' ^^® Feuerwaffen. 



Wie wir schon gesagt haben, bereitet Rauchmangel in vielen Fällen 
grosse Hindernisse und zieht schwere Folgen nach sich. 

Bomben zar Nun wird mitgeteilt, dass ein Franzose, Rougier, zur Ladung be- 

vorRauch- sonderer Bomben ein Pulver erfunden haben soll, das er das „Revanche- 
entwickeiung. pyjygpM uenut. Eiue mit diesem gefüllte Bombe, die vor der feindlichen 
Schützenkette explodiert, soll den Schützen durch eine Rauchsäule von 
20 Meter Breite und 10 Meter Höhe jede Aussicht nehmen. Ein halbes 
Kilogramm des in der Bombe enthaltenen Materials brennt und raucht 
10 Minuten. 

Ein Oberst der englischen Marine-Artillerie, Creose, hat gleichfalls 
ein Pulver zusammengesetzt, das einen ungewöhnlich dichten Rauch pro- 
duziert, wie die in Gegenwart des deutschen Kaisers bei dessen letztem 
Besuch in England angestellten Versuche ergeben haben. Der Erfinder 
hat Papierhülsen von 18 Zoll Länge und 2 Zoll Dicke hergestellt, die mit 
einer Flüssigkeit gefüllt sind, welche unter starker Rauchentwickelung 
brennt. 

Hinter dem durch die brennenden Hülsen hervorgebrachten Rauche 
soll es Schützen ermöglicht werden, sich den ins Auge gefassten Punkten 
möglichst Verdeckt zu nähern. 

.Heaiende Die dcutscheu militärischen Fachblätter teilen noch mit, dass die 

™"* " * Franzosen sogenannte ,,Sirenen" oder „heulende Granaten" erfunden 

hätten, welche beim Durchschneiden der Luft ein furchtbares Pfeifen von 



Sprengladung ist wie bisher in der Kammerhülse angebracht Das Geschoss 
liefert etwa 300 Kugeln und Sprengteile. Es hat den Doppelzünder. Um den 
Zünder thätig werden zu lassen, bedarf es der Entfernung eines Vorsteckers 
und als Brennzünder selbstredend noch der Einstellung des Satzringes, dessen 
Einteilung von 300 bis 4500 Meter reicht. Auch nach Entfernung des Vor- 
steckers soll der Zünder noch immer eine bedeutende Sicherheit des Transports 
gewähren, so dass mit geladenen Geschützen gefahren werden kann. Gegen 
gedeckte Ziele hat die Feldartillerie die Sprenggranate, ein einwandiges Geschoss 
von grosser Metallstärke, das ebenfalls aus Stahl besteht. Die Sprengladung ist 
ein besonderer Stoff und in einer besonderen Büchse gelagert, um chemische 
Veränderungen durch Berührung von Zünder- und Geschossmetall auszuschliessen. 
Es ergiebt sich eine sehr grosse Zahl von Sprengstücken der verschiedenartigsten 
Gestalt und Grösse, etwa 500 an der Zahl. Die Stücke der Sprenggranate wirken 
hauptsächlich durch ihre seitliche Ausbreitung, vermöge deren sie Ziele dicht 
hinter Deckungen zu treffen im Stande sind; es bedingt dies die Lage des 
Sprengpunktes in der Luft. Erfolgt das Krepieren beim Aufschlag, so fliegen 
die Stücke nach allen Seiten auseinander. Neben dem Shrapnel als Haupt- 
geschoss und der Sprenggranate als Hilfsgeschoss figuriert noch für be- 
schränkte Fälle die Kartätsche, die in geringer Zahl in der Ausrüstung vor- 
handen ist. 



Schlussfolgerangen über Geschütze und Geschosse. 147 



sich geben, was auf die Pferde und auch sflt die Nerven der Soldaten 
nachteilig einwirken soU. 

Wenn diese Erfindung praktisch verwertbar wäre, so könnten 
grosse Beunruhigungen der Truppen in der Nachtzeit stattfinden. 

So haben wir eine ganze Reihe erstklassiger Vervollkommnungen ^i\r^^r 
vor uns und müssen gestehen, dass das Kriegsmaterial ein ganz anderes voukomm- 
geworden ist, als es in den früheren Kriegen war. werferden 

Die erzielten Vervollkommnungen werden aber mit voller Klarheit weg ganz 
erst dann gewürdigt werden können, wenn wir weiterhin die Geschütze g^^Zn. 
im Kampfe darstellen werden. 



-—■¥■ 



IG' 



IL 



Die Hilfsmittel. 




Hilfsmittel nnd deren Anwendung. 



Die in jeder Hinsicht verbesserten Wafien, die in hohem Grade er- Bewe« 

YerwertaDg 

folgte Vervollkommnung der Geschosse sind noch nicht alles, was der der Knegs- 
erfinderische Geist des Menschen ersonnen hat, um eine möglichst grosse ^**'*'"****'- 
Zahl von Menschen kampfunfähig zu machen und dadurch dem Gegner 
Niederlagen zu bereiten. Es existiert noch eine ganze Eeihe von Hilfs- 
mitteln, die in künftigen Kriegen eine so wichtige, häufig sogar ent- 
scheidende Bedeutung haben werden, dass sie selbst auf die Grundsätze 
der Kriegskunst, welche sich durch die Erfahrungen früherer Kriege 
herausgebildet haben, von Einfluss sein können. 

1. Innere Verbindung in der Armee. 

Die gewaltigen bewaffneten Massen, welche die einzelnen Mächte schwierig- 

keit der 

aufstellen werden, müssen sich in Gruppen, d. h. in einzelne Armeen offenhaitang 
teilen, welche auf verschiedenen Kriegstheatem operieren. Für jedes Jndn^In. 
dieser aus mehreren Armeekorps bestehenden selbständigen Heere ist ein 
weit ausgedehntes Gelände erforderlich. Schon dieser eine Umstand 
erschwert die Verbindung der einzelnen Truppenteile sowohl unter sich 
als auch mit dem Höchstkommandierenden und selbst mit den Stäben der 
Korps, der Divisionen u. s. w. ausserordentlich. Parallel hiermit laufen auch 
andere Nachteile. In Folge der geringen Rauchentwickelung des neuen 
l^vers wird das Schlachtfeld übersichtlicher, als in früheren Kriegen 
daliegen. Dieser Umstand wird zwar einerseits den berittenen Offizieren 
und Ordonnanzen, welche Befehle zu überbringen haben, das Auffinden 
des Weges erleichteni, andererseits aber ist die Gefahr für sie weit 
grösser geworden und zwar um so mehr, als man in allen Heeren besondere 
Schützen ausschliesslich dazu ausbildet, derartige Ueberbringer von Mel- 
dungen ausser Gefecht zu setzen. In Folge dessen wird es ausserordentlich 
schwierig, bisweilen sogar ganz unmöglich sein, Befehle und Meldungen 
in der früheren Art und Weise zu übermitteln. Ordonnanzen zu Fuss 
sind stets der geringen Schnelligkeit wegen, mit der sie ihre Aufgaben 



152 H- I>ie HüfsmitteL 



erfüllen können, für wenig geeignet befunden worden und werden bei 
den Forderungen der neuen Taktik und bei den heutigen Massenheeren 
kaum noch in Betracht kommen. 

Man hat deshalb auf andere Mittel bedacht sein müssen. 

a) Fahrräder. 

^F^rra/w Auf einem guten Wege gelingt es selbst einem geübten Reiter 

dameibe ' ulcht, eiueu erfahrenen Radfahrer einzuholen, i) da dieser im Stande ist, 
^chtbM. ohne jede Ermüdung 12 Kilometer in der Stunde zurückzulegen, mit An- 
strengung — 18, und mit höchster Anspannung — 24 Kilometer. Der 
Radfahrer hat weiter vor dem Reiter den in diesem Falle wichtigen 
Vorzug voraus, dass er weniger bemerkbar ist. Das Fahrrad ist nicht 
teurer als ein Pferd, erfordert zudem weder Futter noch Dressur; die Be- 
weglichkeit und Ausdauer des Radfahrers stehen der des Pferdes nicht 
nach; ersterer hat es weit bequemer und leichter, sein Fahrrad zu ver- 
lassen und es zu verbergen, und für Rekognoszierungszwecke eine Anhöhe 
zu gewinnen als der Reiter in dieser Beziehung mit seinem Pferde fertig 
wird. Wenn man auf dem Fahrrad nicht immer die Strecken passieren 
kann, die für ein Pferd noch passierbar sind, so vermag der Radfahrer 
dafür vielfach sein Rad über solche Strecken zu führen oder zu tragen, die 
ein Reiter nur mit grosser Mühe passiert oder über die er nicht einmal 
sein Pferd zu fuhren vermag. Was Gräben und Zäune anbetrifft, welche 
das Durchschnitts-Kavalleriepferd nimmt, so bringt über solche auch jeder 
Radfahrer sein Rad hinweg. 2) Angesichts dessen ist in vielen Heeren in 
Aussicht genommen, in künftigen Kiiegen Radfahrer für den Ordonnanz- 
dienst zu verwenden. 
^°^«^"^** Im Fahren auf sogenannten „Stahlrossen" werden fast in allen 

fahren. Hecreu Unteroffiziere und Mannschaften in der erforderlichen Anzahl aus- 
gebildet. Das erste Beispiel hierfür gab Frankreich, wo während der 
Verteidigung Beiforts im Kriege 1870/71 wegen Mangels an Kavallerie die 
Befehle durch Radfahrer befördert wurden. Um dem Leser klar zu machen, 
welche Bedeutung man den Radfahrern beilegt, führen wir die Aufgaben 
an, die 1889 in England den unter Major Skobi stehenden Radfahrern 
gestellt wurden. 3) Sie hatten: 1. die Karten zu verbessern und die Wege 
vor Annäherung des Feindes auszukundschaften ; 2. auf Befehl des Höchst- 
kommandierenden mit starken dazu ausgebildeten Kommandos Eisen- 
bahnlinien zu zerstören; 3. die Obliegenheiten des Rekognoszierungsdienstes 
in den vom Feinde besetzten Gegenden zu erfüllen, und im Verein mit 

Figuier: „Ann^e scientifique". 

'■^) Michne witsch: „Einüiiss der neuesten technischen Erfindungen". 

') Stadelmann: „Das Zweirad". Berlin 1893. 



Radfahrer-Detaehement 



Detaohement in der Bewegung. 



Transport der Fahrräder. 



Aufmarsch zum Gefecht. 



Bd. I. Elingai )i*i SgiM 153. 



Zusammenlegbares Fahrrad. 



Soldat, welcher ein Fahrrad trägt 



fid. I. Elnrii» bal SviU IBS. 



Innere Terbindims iu der Armee. — Fahinder. ]^53 

KavallerJe dessen Bewegnngen zn beobachten, beim Vorrücken des Feindes 
aber nach den bedrohten Stellen zn eilen, ihn aufzuhalten and sich dann 
allmählich zurückzuziehen. — Nach dem Bericht des Majors Skobi haben 
die Radfahrer alle diese Aufgaben befriedigend gelöst. 

Die Engländer haben mit grossem Erfolg Radfahrer auch für den 
Transport von chirurgischen Instrumenten, Medikamenten, von Verband- 
materia! u. s. w. verwendet, sowie iur die Beförderung von Lebensmitteln 
und Munition and selbst für Fortschaffang Verwundeter vom Scblachtfelde. 

In Frankreich finden gegenwärtig Eadfahrer-Abteilnngen sogar ganz »wong ic 
selbständig fllr den Rekognosziemngs- und Sicherheitsdienst Verwendung, hbnr- 
Dies hat sich als so praktisch erwiesen, dass bei den Bataillonen frei- ''*""""^* 
willige Radfahrer -Abteilangen, bestehend ans 1 Offizier, 2 Unteroffizieren, 
26 Gemeinen und 1 Hornisten gebildet sind. Derartige Abtheilungen sind 
bei 32 Bataillonen organisiert worden. Man wiU sogai" die Radfahrer 
am Kampfe selbst teilnehmen lassen, wie nachstehende Zeichnnng zeigt:'*) 



Teünahme von Radfahrern am KEimpfe. 

Die Kommandos bilden dadurch, dass sie die FahiTäder nach oben 
umstürzen and die Räder in raschen Umlauf versetzen, leicht nnd schnell 
Sehutzwehren, über die fast kein Pferd hinwegkommt und hinter 
denen sich eine Handvoll 
guter Schützen leicht einer 
weit zahlreichei-en Kavallerie 
erwehren kann. 

In einem künftigen ''; 

Kriege werden nicht nur die 
dem Publikum bereits wohl- 
bekannten Fahrradarten auf- 
treten, sondern unzweifelhaft 
auch verschiedene von neuer 
Einrichtung. In Frankreich 
z. B. haben Versuche mit den Vierrad. 

*) „Encyclop^diü des connaissnnces militaires''. 



;lg4 ^ ^^^ Hflftmittel. 

sogenannten Tandems oder Vierrädern für zwei Personen stattgefnnden, 
von denen eine Person volle Aktionsfreiheit hat, ebenso auch mit Viei- 
rädern fUr drei und selbst für zwanzig Personen. Die angestellten Ver- 
suche haben ergeben, 
dass sich diese Modelle 
für die oben erwähnten 
militärischen Ziele Hehr 
nützlich erweisen. 
inrtnikti«. Im Jahre 18«i hat 

Ridhknr. die frauzflsische Regie- 

ning eine Instruktion erlassen, in welcher auf die Notwendigkeit für 
die Armee hingewiesen ist, im Felde über 3000 Radfahrer ans den Unter- 
offizieren und Mannschaften der Reserve und der Territorial -Armee ver- 
fügen zu können. Diejenigen, welche in dies Radfahrerkorps aufgenommen 
werden wollen, müssen eigene Fahrräder zweifachen Modells besitzen: 
ein „bicyclette de ronte" odei' „de demi-ronte". 
Miiiui- Charles Dilke äussert sieh über die Radfahrer, welche er bei den 

ii TU- französischen Manövern im Jahre 1891 sah, dahin, dass die Unteroffiziere 
"li'^™." befähigt erschienen, die Verbindungen aufrecht zu erhalten nnd Befehle 
zu übermitteln, deren Deutlichkeit und Genauigkeit nichts zu wünschen 
übrig Hess ; deshalb übertrug man ihnen anch immer häufiger den 
Ordonnanzdienst. Um ihre Bewegungsfreiheit möglichst wenig za be- 
hindern, führten sie keine Wafien. In Oesterreich wird in der „Wiener 
Neustadt" eine Spezialschule für die Ausbildung von Militär-Radfahrern 
errichtet; in Deutschland wUl man für sie noch mehr thun. Die Re- 
gierung lässt dem Radfahrsport eine bedeutende Förderung angedeihen. 
namentlich an der russischen (Jrenze, in der Voraussetzung, dass die 
militärischen Rad -Kundschafter im Stande sein werden, gegnerischen 
Kavallerie-Patrouillen Hindernisse in den AVeg zu legen. 
verebigBig In Italien sind Versuche gemacht, den Kadfalii'e.rdienst mit der 

f>kr»r mtt Tanbcupost zu verbinden, um die von ihnen gesammelten Nachrichten 
uÜb."»"^!. schnellstens dem Stabs-Quartier bezw. den Truppenteilen zu übermitteln. 
Jeder Radfahrer führt eine gewisse Zahl von Tauben mit sich und übei- 
sendet durch diese alle ihm wichtig erscheinenden Naclirichten. Bei 
dem ersten Versuch wurden die Tauben 10 Kilometer weit fi)rt- 
geführt and kehrten, nachdem sie freigelassen waren, s(^hon nach 
wenigen Minuten zu ihren Taubenschlägen zurück. Diese Tauben 
wurden paai-weise in leichten, wenig Haum beaTispruchenden Käfigen 
aus Blech oder Leinewand transportiert. Der Nutzen einei- solchen 
Verwendung der Tauben ist .augenscheinlich. 



Radiärer in der n^sisohen Armee während der Manöver. 



um ■■ 



» >••_•■ ■■ ' 



Innere Verbindung in der Armee. — Tauben. 155 



Nach der „Revae militaire" wurde in Eussland im Jahre 1891 be- Radfahrer in 
stimmt, dass jedes Infanterie-Regiment 8 Radfahrer ausbilden muss, jedes 
Schützenbataillon 4. Ausserdem muss jedes Regiment über mindestens 
2 im Radfahren geübte Offiziere verf&gen können. 

Es ist dem Allen gegenüber wohl nicht mit Unrecht darauf auf- 
merksam gemacht worden, dass bei schlechter Bodenbeschaflfenheit, in 
sumpfigen Gegenden etc., der Reiter immerhin dem Radfahrer überlegen 
sein werde. 

Sehr interessant erscheint daher der Bericht über die grossen ^^^^^ 

bei 

Manöver in Böhmen und Mähren 1894. 0) Dort wird nämlich mitgeteilt, a. Manövern 
dass, obgleich der erdige, teils lehmige, durch den Regen aufgeweichte ond^M*hren 
Boden und die Steigungen des Mittelgebirges die Leistungen der Rad- ^®**- 
fahrer in ganz besonderer Weise erschwerten, demungeachtet sie Touren 
als Ordonnanzfahrer zuiücklegten, welche die von Ordonnan^reitern weit 
übertrefien. So legte ein Lieutenant in bergigem Terrain hin und zurück 
ca. 12 Kilometer in 36 Minuten zurück. In dem für weitere Ordonnanz- 
ritte bestehenden normalen Reisetrab hätte der Ordonnanzreiter hierzu 
1 Stunde bis 1 Stunde 20 Minuten gebraucht und im reglementsmässigen 
Trab (ohne Schritteinlage) 48 Minuten. Ein Anderer legte trotz etwas 
beschädigten Rades die 60 Kilometer lange Strecke hin und zurück in 
4 Stunden zurück, wozu der Kavallerist im Reisetrab 5 bis 6 Stunden 
gebraucht hätte. Ein Dritter fuhr querfeldein 10 Kilometer in 19 Minuten, 
wozu ein Kavallerist im Reisetrab 60 bis 60 Minuten und im reglements- 
mässigen Trab 44 Minuten gebraucht hätte. Derselbe Offizier legte auch 
eine Nachttour zurück, zusammen 23 Kilometer, bei teilweise starkem 
Gegenwinde in 1 Stunde 5 Minuten, eine Tour, welche ein Ordonnanz- 
reiter in nicht unter 2 Stunden bewältigt hätte. 

b) Tauben. 

Das Orientierungsvermögen der Tauben gehört zu den merk- Erfahrnngen 
würdigsten, und bisher noch unaufgeklärten Erscheinungen der Natur. Tauben. 
Tauben, die in Eisenbahnwagen, folglich in geschlossenen Behältnissen, 
1600 Kilometer weit fortgebracht wurden (Versuche zwischen Madrid und 
Lüttich) haben es vermocht, sich zu ihrem Taubenschlag zurück zu 
finden. Noch erstaunlicher sind folgende Versuche. Von 9 Tauben, die 
man im Jahre 1886 in London auffliegen Hess, kehrte eine nach ihrem 
heimatlichen Schlage in Boston zurück, die zweite flog bis New- York, die 
dritte bis Pensylvanien. Bei dieser bemerkenswerten Fähigkeit der Tauben 
spielt die Schärfe ihres Gesichtssinnes eine bedeutende Rolle und Hebung 

*) „Reichswehr" 1895. 



156 n. Die Hil&mittel. 



verstärkt diesen den Tauben angeborenen Instinkt noch in hohem Grade. 
?**^!5^*^« In vielen Ländern hat sich eine besondere Art des Sports — der Tanben- 

des Tauben- '^ 

■porta. Sport — entwickelt und schon recht grosse Bedeutung erlangt. Die Möglich- 
keit, den besonderen Instinkt der Tauben auszunützen, wird durch deren 
^dee Fiif M^* ungewöhnliche Flugschnelligkeit noch verstärkt. Bei günstigen atmosphäri- 
schen Verhältnissen, d. h., wenn weder Gegenwind, noch Regen und Nebel 
vorhanden sind, beträgt die mittlere Schnelligkeit des Taubenfluges 70 bis 
dTuil^hVr ^ Kilometer pro Stunde. Im Jahre 1878 fand ein Wettflug deutscher 
nnä und belgischer Tauben statt. Man Hess sie in Eom auffliegen; die 
Traben, vou üinen ZU durchmessende Entfernung betrug 1430 Kilometer; die atmo- 
sphärischen Verhältnisse wai*en äusserst ungünstig. Die erste deutsche 
Taube kehrte nach ihrem Taubenschlag in Aachen nach 9, die zweite 
nach 10 Tagen zurück; die erste belgische Taube langte in Brüssel nach 
11 Tagen an. 

In Folge dieser Umstände hat man schon lange daran gedacht, die 
Tauben als Brief boten zu verwenden, die in Kriegszeiten, besonders bei 
Belagerung von Festungen unersetzliche Dienste leisten könnten; jedoch 
erst die zunehmenden Vorkehrungen für künftige Kriege, alle Mittel zur 
Erreichung von Vorteilen auszunutzen, haben eine weitgehende Organi- 
sation der Taubenpost hervorgerufen. 
DieTanben Schou bcl der Belagerung von Paris hat die Luftpost keine 

Beiairerang uuwichtige Rolle gespielt; 634 Tauben wurden von dort in Luftballons 
p^?. mitgenommen und demnächst freigelassen ; von diesen kehrten 100 Tauben 
zurück und manche machten diesen Weg bis 10 Mal. Die Luftpost hatte 
für die damals von aller Welt abgeschnittene Stadt eine gewaltige Be- 
deutung, erzielte aber nur relativ befriedigende Resultate, hauptsächlich 
deshalb, weil sie erst nach Eintritt der Belagerung eingeführt und nicht 
genügend vorbereitet war. 
w6n^!*kit Immerhin musste man zu der Ueberzeugung gelangen, dass die 

miiiuriseher Tauben Während des Krieges wichtige Dienste leisten können und 
Bta'uonen. ^^ zur Erfindung des lenkbaren Luftballons unersetzbar sind. Des- 
halb begann man in allen Staaten die Entwickelung des Militäitauben- 
sports zu pflegen und Kriegsposttauben-Ötationen einzurichten. 

Die Bedeutung der Taubenpost wird teilweise dadurch abgeschwächt, 

dass man nur dressierte Tauben und diese nur innerhalb einer bestimmten 

Ortsgrenze gebrauchen kann. 

^Til'*° Während der Belagerung von Paris verfuhr man mit den Depeschen 

Mndnnsr nnd auf folgeudc Weisc: man druckte alle Depeschen in der Form von 

den"ja1iilB Zeitungsspaltcu auf ein Blatt und photographierte sie sodann unter 

1870/71. gQ bedeutender Verkleinerung, dass sie zu lesen nur mit Hilfe einer 

starken Loupe möglich war. In Tours wurde die Verkleinerung bis zu 



Iimen> VerbindnUg in der Arrofle, — Tauben. 157 

eiaem mikroskopischen Maassstabe ausgedehnt. Die tägliche Depeschen- 
sammlung hatte die Grösse des vierten Teils einer gewöhnlichen Spielkarte 
and wurde aaf einem Blatt von Kolodiom-Papier versandt, das nnr einige 
Centigramm wog. 

Dies Blatt warde gerollt nnd in eine Feder gelegt, die dann an ^'^''''•'""'k 
einer der Schwanzfedern der Tanbe befest^t wurde, wie dieses aus DepeMb«i,, 
folgenden Zeichnungen sichtbar ist.') 



Art der BefeBtigling von Depeschen 

Die Depeschen werden nach Empfang in ein Sonnen- oder elektrisches i««"b »ob 
Mikroskop eingestellt und anf der Schirmwand abgelesen. Die Zeichnung 
auf der folgenden Seite stellt Offiziere dar, welche sich in dem Lesen 
solcher Depeschen iiben.s) 

Eine Tanbe hat 20 solcher Blätter getragen, die alle zusammen j,^™^^. 
weniger als 1 Gramm (Vis Lot) wogen und annähernd bis 300 000 Buch- 
staben, d. h. fast einen ganzen Band gewöhnlichen Druckes enthielten. 
Solcher Depeschen sind ans Paris an 100000 entsandt, was beim Druck 
mit gewöhnlicher Schrift eine recht stattliche Bibliothek abgeben würde. 

Bei der Tauben-Dressnr wird eine gewisse Stufenfolge beobachtet; ^^'^"'- 
zMnächst lÄsst man sie Entfernungen von 7 bis 8 Kilometer durchfliegen; 
wenn sie diesen Weg in völlig grader Richtung nnd mit grösstmöglicher 
Schnelligkeit zurücklegen , müssen sie längere Strecken fliegen (bis 
200 Kilometer). Uebersteigt die Entfernung nicht 140 Kilometer, so 
kehren alle Tauben zurück; je länger der Weg ist, eine desto grössere 
Zahl der geflügelten Boten geht verloren. 

In Frankreich schreibt das Gesetz vor, der Armee bei Beginn t««'«''!«'»- 
eines Feldznges auch alle Privat-Posttauben, deren Zahl sich auf etwa '""iT °" 
160000 Stück beläuft, zur Verfügung zu stellen. Die deutsche Regierung p^'^"^^ 
tiat Militär-Taubenschläge an sehr vielen Orten eingerichtet: in Berlin, J°*.. 
Köln, Strassburg, Metz, Würzbni^, Wilhelmshafen, Kiel, Danzig, 
Schwetzingen (bei München), Thom und Posen. Jeder Taubenschlag 

') „Encyclopödie des connaissances militaires". 
•) „Gartenlaube". 



158 H. Die Hilfsmittel. 

enthält 400, der Tliorner gar 1000 Tanben. Ausserdem existiereii in 
Dentschland 350 Gesellschatlen. welche der ßegieruiig im Bediirfnisfatle 
an 50 000 Tauben zur Verfügung stellen können. 

In Oesterreich wurde der erste Verein für Taabensport 1878 ge- 
gründet; 2 Jahre darauf wurde die erste Kriegsposttanben-Station in 
Komorn, im Jahre 1882 eine ebensolche Station in Krakau eingerichtet. 
Dem Vernehmen nach besteben solche Stationen auch schon in Wien, 
Linz, Olmütz and an anderen Plätzen. 



Die Regierungen erweisen auch den Privatliebhabeni des Tanben- 
sports T^nterstützuiig, um im Kriegsfalle von ihnen Tauben zn erhalten. 
Offiziere und Militärbeamte, welche Posttauben zu züchten und zu 
dressieren wünschen, erhalten alle Mittel zum Unterhalt der Tauben und 
zur Einrichtung von Taubenschlägen. An Privatpersonen überlassen die 
Regierungen Tanben der besten Rasse zn dem Vergtinstigungspreise von 
1 bis 10 Franks pro Stück. Die Eisenbahnen ihrerseits sind verpflichtet, 
die Tarife für Passagiere, welche in Angelegenheiten des Taubensports 
reisen, zu ermässigen. 
TM»«iiport j,, Rnssland ist das Interesse für die Taubenpost zuerst im Jahre 

Biuina. 1874 rege geworden. Es bildeten sich einige Gesellschaften von Lieb- 



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Innere Verbindung in der Armee. — Tauben. 159 



habern des Taubensports und das Kriegsministerium setzte eine gewisse 
Summe zur Einrichtung von Stationen in Warschau aus. Die Dressur 
der Tauben stiess aber auf Schwierigkeiten: die russischen Tauben waren 
zu schwach, um grosse Wege zurückzulegen, die aus Belgien eingeführten 
gingen zu Grunde, weil sie das rauhe Klima nicht ertragen konnten. 
Erst die im Jahre 1886 aus Ingenieuren und Liebhabern des Tauben- 
sports eingesetzte Regierungskommission beseitigte diese Hindernisse. Im *^"*^**"* 
Jahre 1888 wurden auf Verfügung des Ingenieurbezirks fünf Posttauben- RegienmgB- 
Stationen geschaffen: in Brest, Warschau, Nowo-Georgijewsk, Iwangorod lTimö" 
und Luninez. Auf jeder Station werden soviel Tauben gehalten, dass im 
Bedürfnisfalle an 2B0 ausgesandt werden können. In Festungen sind diese 
Stationen dem Kommandanten unterstellt, in den übrigen Orten dem Chef 
des Bezirksstabes. Ausserdem besteht in Brest-Litowsk schon eine Ein- 
richtung, um die Rasse der Tauben zu verbessern und die unter den 
gegebenen Verhältnissen zum Postdienst tauglichen Tauben auvszubildeu.-'*) 

Aus dem Gesagten geht hervor, dass es allen Staaten möglich Bwtimmong 
erscheint, die Verbindung zwischen den einzelnen Teilen der Armee mit TaabanpoBt. 
Hilfe der Taubenpost aufrecht zu erhalten, desgleichen zwischen den 
Festungen und der Feldarmee. Die betreffenden Stationen haben ihre 
Tauben auszutauschen (man transportiert sie in besonders dazu ein- 
gerichteten Körben), die, sobald sie in Freiheit gesetzt werden, zu ihrem 
ständigen Aufenthaltsort zurückkehren. 

In der französischen Armee zweifelt man einigermaassen an der skeptiziama» 

der 

Möglichkeit, die Dienste der Tauben in kritischen Momenten bei Märschen, Franzosen. 
Schlachten und Belagerungen ausnutzen zu können. Bei den letzten 
grossen Manövern hatte jede Kavallerie-Division einen Korb mit Tauben 
zur Verfügung, jedoch Offiziere und Soldaten waren der Meinung, dass 
bei etwaigem Mangel an Esswaaren die Tauben in den Suppenkessel 
kommen könnten. 4) 

Umstehende Karte macht uns mit der Entwickelung des Netzes 
der Taubenpost-Strassen in Mittel-Europa bekannt. 

Sobald es sich um die Verbindung belagerter Festungen — z. B. '''."^p^f,''/* 
Warschau's — mit der Aussen weit handelt, entsteht sogleich die «inor 
Frage: in welchen Verhältnissen werden sich die Bewohner während wirechTr»!. 
einer Belagerung der Stadt befinden? Es unterliegt keinem Zweifel, dass 
die Regierung die Benutzung von Taubenposten auch Privatpersonen ge- 
statten wird. Die Einwohner würden in schweren Tagen der Belage- 



*) Wir entlehnen diese Mitteilungen einem Artikel von D. Pankewitsch 
im „Wojenny Ssbornik": „Stand des Posttaubenwesens in Europa". 
*) Hennebert: ,.L'art militaire et la science". 



160 



IL Die Hilfemittel. 



NetB der 1 W 7 

Taiib«npoit *\fs.,/--'-"^ 

in 
Mitteleuropa. 




Karte des Netzes und der Wege der Taubenpost in Mittel-Europa. 

rung die Möglichkeit eines derartigen Verkehrs mit Orten, zu welchen 
\Yarschan in besonders engen Beziehungen steht, wie mit Ljublin, Sjed- 
letz, Lomscha u. s. w. mit Freuden begrüssen. Es versteht sich von selbst, 
dass mit dem Moment der Kriegserklärung alle privaten Posttauben unter 
strenge Regierungskontrole zu stellen sind. 

In jedem Falle ist die Entwickelung des Taubensports besonders 
fiir Warschau sehr wünschenswert, da in einem künftigen Kriege eine 
Belagerung der Stadt immerhin möglich erscheint. 

c) Elektrische Telegraphen und Telephons. 

^jt^ . Im Gelände der Kriegsoperationen wird man, nach deren Be- 

wendiglceit " 

nad ginn, demnächst auf dem Schlachtfeld selbst zeitweise Telegraphen- 
temJoS^* Verbindungen herzustellen haben. Schon im Kriege 1870 fand der Telegraph 
Telegraphen- ^j^^ Weitgehende Anwendung im deutschen Heere. Den Kriegszwecken 
wndangen. dieuteu B23 Stationen mit 23 330 Kilometer Leitung. Jetzt, wo die Heere 
noch stärker geworden sind, ist die Frage, die Einheitlichkeit der 
Operationen zu sichern, noch brennender geworden. Wenn der Höchst- 
kommandierende heute nicht schnell von allen Teilen der Armee Mel- 
dungen erhalten kann, so dass sich die Bewegung der Truppen ihm so 
deutlich darstellt, wie die Züge auf einem Schachbrett, so wird ihm die 
Führung, me weitreichend sein geistiger Gesichtskreis auch sein mag, 
dennoch sehr erschwert werden. 



Feld-Telegraphendienst in der deutsehen Armee. 

(Legen «tnes Feld-Telegraphen durah eine Pionier-Abteilung.) 



Neue Vorposten-Telegraphen. 



Bau einer neuen Linie. 



Elektrische Strom -Batterie. Abbau einer Telegraphenlinie. 



M. 1. Binftgen Ul Saite II 



Telephon- und Telegraphendienst in der fHnzösischen Armee 
(während des Manövers). 



Ein Posten am Telephon. 



Schmalspurige Eisenbahn und Feld-Telegraph. 



Innere Verbindung in der Armee. — Telegraphen und Telephons. IQl 

Zum Bau von Telegraphenlinien stehen Mnnitionswagen mit den ^^^^j°* 
nötigen Materialien zur Verftig^g, d. h. mit Leitungsdrähten, Batterien taiefnphsn. 
und Apparaten. Die Feldstationen werden häufig nur für ein%e Stunden 
errichtet und sodann eingepackt und weitergeführt. Für Verbindungen auf 
kleine Entfernungen wird man in der Armee Drahtvorräte benutzen, 
welche die Soldaten im Tornister tragen kOnnen. 

Nachstehende Zeichnungen stellen die Einrichtung eines Feld-Tele- 
graphen mit Wagen und das Telegraphieren auf dem Posten dar. 



Einrichtung eines Feldtelegrapheu 



Ausserdem werden Vorbereitungen getrofien, um Telephone in 
grossem Maassstabe zu verwenden. 

Beifolgend geben wir eine Zeichnung, die eine französische Abteilung l«»" '•» 
darstellt, welche mit dem Legen von Telephonleitungen beschäftigt ist. idi»^! 



Lpgen von TelephonleitunRen. 



162 IL Die HO&mtteL 

Bas vorstehende Bild ist so klar imd dentlich, dass es einer weiteren 
Erklärang nictit bedarf. Die Mer gebotene kleinei'e Zeidinang zeigt uns 
einen Telephonapparat mit einer beträchtlichen 
Menge von Reserve-Leitungsdraht. Der Apparat 
wird vom am Gürtel getragen, wie wii- das aaf 
dem umstehenden grossen Bild bei einer der 
Figoien sehen, die Leitungsdrähte mit sich führen. 
' Auf ein völlig reguläres und zuverlässiges 

1. Funktionieren der Feldtelegraphen nnd -Tele- 

phone ist jedoch nicht zu rechnen. Selbst während 
der Manöver in Oesterreich am Tejaflusse zer- 
rissen die Soldaten beständig die Drähte an 
den schnell hergestellten Linien. Während des 
Lärms und des Dranges der wirklichen Schlacht 
aber wird die Benutzung der Feldtelegraphen und 
-Telephone jedenfalls in noch erhöhtem Maasse erschwert sein. 



Apparat mit Bes^rvedraht. 



d) Optische Apparate. 

BrfentoBd -^ij. haben schon wiederholt darauf hingewiesen, kommen übrigens 

der opÜKheu ° ° 

KomnaDi- darauf auch noch in den folgenden Kapiteln zorlick, dass die beständige 
Verbindung der einzelnen Arraeeteile untereinander eine der wichtigsten 
Bedingttugen ist, von denen der Erfolg auf dem Schlachtfelde abhängt. 
Im Zukunftskriege werden zu den früheren Verbindungsmitteln ausser den 
Telegraphen und Telephonen auch optische Signale hinzutreten. Die Ver- 
wendung der optischen Signale ist so alt wie der Krieg selbst, jedoch 
deren systematische Verwendung wird in dem Zukunftskriege in nie 
dagewesenem Maasse vorkommen. 
KomBui- Der französische Kriegsminister hat im Juni 1886 eine Instruktion 

T«miiMM über die Aufrechthaltung der gegenseitigen Verbindungen mit Hilfe von 
zeicbBD. gßjiiijgjj erlassen. Darin ist unter Anderem gesagt, dass die bei jedem 
Truppenteil für eine bestimmte Anzahl von Mannschaften eingeführten 
Hebungen, durch Signale miteinander in Beziehung zu treten, den Heeren 
ein neues, vollkommen einfaches Mittel bieten sollen, welches im Be- 
dürfnisfalle alle anderen Mittel ersetzen kann. 

Die S^ale werden aus Strichen und Punkten nach dem System 
des Telegraphen-Apparats „Morse" zusammengesetzt nnd jeder Truppen- 
teil hat eine bestimmte Anzabl von Zeichen zur Verfügung. 

Am Tage werden die S^ale mittelst quadratischer Schilde weiter- 
gegeben, oder, wenn's an solchen fehlt, mit Hilfe anderer Apparate. 
Das Signalschild soll unter gewöhnlichen Verhältnissen auf 1000 Meter 
Entfernung sichtbar sein. 



Der optische Telegraph im Manöver. 



Die Semaphorsystsme in der deutsehen 
Armee: 



Gebrauch. zusammengeklappt. 




Der optische Telegraph auf dem 
Beobachtungspunkt. 



Park und Bedienungsmannschaft eines optischen Telegraphen in den 
französischen Manövern im Jahre 1894. 



Bd. 1. Elnnrns twi a< 



Innere Verbindung in der Armee. — Optische Apparate. X63 

Eine Reihe yon Zeichnangen, welche wir in der Beilage beifugen, sig»»«- 
geben ein Bild davon, auf welche Weise die Signale bei Tag nnd Nacht ^a«"' 
übermittelt werden.i) «dL«i>ut.. 

Der Licht-Telegraph, der in seiner Konstruktion komplizierter ist 
und spezielle Vorkehrungen erfordert, hat in der letzten Zeit gleich- 
falls grosse Fortschritte gemacht. Mit Hilfe optischer Gläser kann man 
die Strahlen, welche von irgend einem leuchtenden Körper ausgehen 
(wie in folgendem Bilde gezeigt wird, von einer Lampe), fixieren. 



Licbt-Signalapparati. 



4 nEncyclop^die des connaiasances militaires", und „Traite de Töl^graphie 
optique applifiiiöe aux Arts militaires" par R. von Wetter. 



134 n- ^e Hil&mitFteL 

Das Licht wird anf den Punkt konzentriert, mit welchem die Ver- 
bindtmg erfolgen soll, und man empfängt sodann mit Hilfe farbiger Gläser 
und Wandschirme eine grosse Anzahl von Signalzeichen, welche man 
dnrch starke Femrohre anf sehr grosse Entfernung wahrnehmen kann. 
ErTuknDK«!! DiB OcsterTeicher stellten im Jahre 1859 mit Hilfe des optischen 

i'o ism" Telegraphen einen regelmässigen Nachrichtenverkehr zwischen den 
4«'ob^t Festungen Mantna und Verona her, die B5 Kilometer von einander ent- 
Hugtn. fernt sind. Die grOsste Verbreitung geniesst jetzt von dieser Gattung 
der Apparat des Oberst Mangin, der aus zwei Teilen besteht, einem 
„Absender" und einem „Empfänger". Im ersten Teil, im „Absender", 
ist die Lichtquelle plaziert, eine Lampe oder ein grosser die Sonnen- 
strahlen konzentrierender Spiegel -Reflektor.^) 

Es wild behauptet, dass mit Hilfe eines Rohres von 0,45 Meter 
Durehmesser, welches von einer Petroleumlampe Licht empßlngt, man bei 
günstigen atmosphärischen Verhältnissen auf Entfernungen von 80 bis 
100 Kilometer wirken kann. 
Fruisiuciu Hennebert behauptet, dass in Frankreich heliographische Apparate 

gnipfa«. auf BO— 60 Kilometer Entfernung wirken, andere auf 90—130 Kilometer 
und bei klaren Tagen sogar bis 200 Kilometer.*) 



HeliograpliiBoher Apparat in Funktion, 



Ausserdem wei-den noch eine ganze Reihe von Apparaten gebaut, 
die für den Nachtdienst bestimmt sind. 
• Das Urnmmond'sche Kalklicht, auch Kreidelicht genannt, ist be- 

sondei-s wichtig. Es ist nächst dem elektrischen das hellste Licht, das 
dadurch erzeugt wird, dass man einen Kreidestift durch einen starken 
Strom brennenden Wasserstoffgase.s in weissglülienden Zustand versetzt. 
Zu Signalzwecken befindet er sich in einer auf einem Stativ befestigten 

') „BibliotböquB dos actiialit<;s scii'ntifuiues". 

') Hennebert; „L'art militairo et la scienco". Ea -will uns aber .scheinen, 
dass die Uebennittelung optiHclier Signale auf so grosse Entfernungen wie 200 Kilo- 
metur wabrscheinlich nur bei Eiuricbtung von Observatorien auf AabShen und 
überhaupt nur bei ganz besonders günstigen Terrain- und Luftverhaltniasen 
möglich ist. 



Innere Verbindung in der Armee. — Optische Apparate. 165 



Laterne mit zwei starken Linsen, die duixli eine Druckvonichtnng rasch 
geschlossen und geöffnet wiixl, so dass durch einen leichten Druck Licht- 
blitze erzengt, Punkte und Striche signalisiert werden können. 

Die Wirkung des Kreidelichtes erstreckte sich in dunklen Nächten, 
selbst bei ungünstigen LuftveHiältnissen, bis auf 30 Kilometer, doch ist 
es unter günstigen Verhältnissen, wie in Südafrika, noch auf 67 Kilometer 
Entfernung verwandt worden. Seine intensiven Blitze sind sogar bei 
Tage noch aof verhältnismässig grossen Entfernungen sichtbar. 

Nachstehendes Bild zeigt die Verwendang der Kreidelicht-Signal- 
lateme in der russischen Armee.*) ■ 



Verwt^ndung der Kreideliclit-Sigiiallaternc in der ruasisciien Armee. 

Da Nowogeorgijewsk von Warschan nur 27 Werst (etwa 30 Kilo- Brfent«« 
meter), Iwangorod von Warschau 84 Werst (ca. 90 Kilometer) entfernt 181,^*"^"" 
so werden diese Festungen bei Unterbrechung ihrer Kommunikation durch ''^^^' 
den Feind im Stande sein, mittelst Liebtsignalen zn verkehren, was '""!«*•» 
der Feind nicht hindern kann. Brest ist von Warschau 200 Werst '''^ 
(ca. 214 Kilometer) entfernt; folglich ist bei Einrichtung von nur einer 
Zwischenstation ein heliographischer Verkelir auch zwischen diesen 
Festungen möglich. Es muss jedoch bemerkt werden, dass die An- 
wendung derartiger optischer Telegraphen viel Mühe and Grenauigkeit 
erheischt. 



*) Aus der „Leipziger Illuatrierten Zeitung", I 



166 n. Die Hilfsmittel. 



Charles Dilke hat sich bei den französischen Manövern davon über- 
zeugt, dass der Heliograph trotz guten Wetters wegen ungeschickter 
Handhabung nur massigen Erfolg hatte. 
^m'^^mi"** ^ deutschen Heere hat man Signalversuche mit einem so starken 

ButMD. Magnesia-licht gemacht, dass selbst die Sonnenstrahlen nicht störend 
wirken konnten. Bei günstigen Verhältnissen können derartige Signale 
auf 50 Kilometer Entfernung wahrgenommen werden, wenn Konstruktion 
und Ausführung der Lampe völlig tadellos sind und mit ihr sehr vorsichtig 
umgegangen wird. Im entgegengesetzten Fall wird das Magnesia-Band 
nicht brennen und der Uhrmechanismus, der dies Band allmählich ab- 
wickelt, zu wirken aufhören. 

NeuMte Es vcrstcht sich von selbst, dass auf die Abstellung dieses Miss- 

Fortschritte. ° 

Standes nicht wenig Mühe verwandt worden ist. Eine deutsche Firma hat 
z, B. dem Kriegskomitee eine neue Lampe für die Signalisation vorgestellt, 
bei der zur Erzeugung des Lichtaufflammens das Magnesium nicht in Form 
eines Bandes, sondern in Pulverform zui- Verwendung kommt. Dies 
Pulver verbrennt momentan im Focus des Reflektors mit Hilfe des 
Pulverisators und der dazu eingerichteten Spirituslampe und so wird ein 
blendendes Licht erzielt.*) 

e) Hunde. 

Kriegaknnde Schou die Altcu habeu in ihren Kriegen Hunde verwandt, um mit 

in der Ver- ° ' 

gangeniieit. deu dcr feindlichen Linie nächstliegenden Punkten Verbindungen zu unter- 
halten. Die zu übermittelnden Depeschen u. s. w. gab man den Hunden 
zugleich mit der Speise zu fressen, tötete die Hunde am Bestimmungsort 
und entnahm den Eingeweiden ihren Inhalt. Ende des 17. Jahrhunderts 
wurden auf den Grenzposten in Dalmatien und Kroatien Hunde darauf 
dressiert, das Herannahen der Türken anzuzeigen. Man richtete sie ab, 
bei dem Anblick muselmännischer Soldaten zu bellen und Hinterhalte 
ausfindig zu machen. 

KriftgBhunde In unserer Zeit ist der Gedanke, Hunde für Kriegszwecke zu ver- 

in niuerer 

Zeit wenden zuerst in Deutschland aufgetaucht. Darauf überzeugten sich die 

Oesterreicher in Bosnien und der Herzegowina praktisch davon, dass sich 

Spürsinn und Witterung der Hunde für Kriegszwecke verwerten lassen. 

Die anderen Heere sind dem Beispiel dieser beiden Staaten gefolgt. 

Dreisor Yon Wir gcbcu aus der „Militär-Zeitung" einige interessante Details 

hunderin Über die Dressur* der Hunde. In der deutschen Armee gewöhnt man 

Deatwjhiand. ^j^ Hundc darau, sich gegen Personen in fremdländischer Uniform miss- 

trauisch zu verhalten und ihr Vorhandensein anzuzeigen. Jede Schützen- 



^) „Neue müitär. Blätter". 1892 Bd. VI. 



Kriegshunde. 



Hunde der russischen Armee. 



Hunde der franiösisohen Armee. 



1. I. Eiin«u bei Bfilt 



Innere Verbindung in der Armee. — Hunde. 167 



kompagnie dressiert zwei oder drei Hunde für den Rekognoszierungsdienst. 
Bei der Lagerwache befinden sich viele solcher Hunde und ein Hund wird 
dem weit vorgeschobenen Posten mitgegeben. Dieser Hund trägt ein 
eisernes leichtes Halsband, an welchem ein Ledertäschchen befestigt ist. 
Wenn der Posten in der Nähe etwas Verdächtiges bemerkt, lässt er den 
Hund los, um zu erkunden, ob sich Freund oder Feind naht. Der Hund 
erkennt schon von Ferne, mit wem er es zu thun hat und kehrt zurück ; 
aus seiner Haltung, seinem Bellen schliesst der Posten, ob ihm irgend 
welche Gefahr droht oder nicht. In der Nacht muss der Posten aus dem Taktik 

für Unnde. 

Geknurr des Hundes erkennen, ob der Feind sich vorwärts bewegt, auf 
einer Stelle steht u. s. w. Dann zieht sich der Posten entweder zurück, 
um dem Führer Meldung zu machen oder bleibt auf seinem Platze, 
schreibt seine Meldung und steckt sie in das am Halsbande des Hundes 
befestigte Täschchen. Dieser bringt dann die Meldung ins Lager. 
Wenn der Feind sich in grösserer Anzahl nähert, so schickt der Chef 
der Avantgarde zum Vorposten einen anderen Hund, welcher die In- 
struktion überbringt, was zu thun ist. In jedem Falle erregen die 
Warnungen des Hundes Aufmerksamkeit und mahnen zur Vorsicht. 

Nach Märschen oder Gefechten werden die dressierten Hunde zur 
Aufsuchung von Marodeurs, Verirrten und Verwundeten verwandt. Beim 
Aufsuchen der Verwundeten, die bereits ihr Bewusstsein verloren, sind 
erstaunliche Resultate erzielt; der hierauf dressierte Hund steht bei dem 
Verwundeten und bellt so lange, bis Hilfe erscheint. 

Die russische und die französische Armee haben gleichfalls dressierte HnndÄdrewiir 

in BüMland 

Hunde. Schon im Jahre 1887 hatte bei den Manövern des 9. französischen und 
Armeekorps jedes Regiment vier Hunde. Um die Witterung und Spür- ^"°*^"*®'*' 
kraft jedes Hundes festzustellen, wurden zwei oder drei Leute aus- 
geschickt, welche sich bemühten, den Posten festzunehmen, oder ohne 
Geräusch durch die Wachen zu schleichen. Diese Versuche wurden sofort 
entdeckt; der gut dressierte Hund knurrte, aber bellte nicht. Auch 
das Ueberbringen von Befehlen und Meldungen führten diese Hunde 
trefflich aus. 

Wenn das Regiment marschiei-t, so müssen die Hunde an der Koppel 
geführt werden, da sie sich sonst auf jeden stürzen würden, der nicht die 
ihnen bekannte Uniform trägt. 

Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Hunde bisweilen sogar dorthin 
vordringen können, wohin der Soldat niemals gelangt; sie laufen sehr 
rasch, ohne jedes Geräusch und sind im Stande die schwierigsten Hinder- 
nisse zu überwinden und verhalten sich gegen das Pfeifen der Kugeln 
in der Regel völlig gleichmütig. 



I 



Igg n. Die Hilfsmittpl. 

Änf nachstehender Zeichnaug sehen wir einen Hnnd, der bei den 
Manövern Verwondete aufsacht 



Hund, der auf dem Schlachtfelde VenvunJete aufsucht. 

sibvKb* Die Verwertung von Hnnden im Kriege hat jedoch aucli ihre 

d« sienii« schwache Seite. Wie klug und wohldressiert ein Thier auch sei, anf 
*H^nd«." Alles lässt es sich nicht eindressieren. Durch die Hunde kann zu- 
weilen im Lager ein ganz unnützer und liänfig sogar schädUclier 
Ällarm entstehen; sie können zuweilen ein unnützes Bellen erheben, 
wenn sich ihnen ein unbekannter Mensch, ein fremder Hund, ein Hase 
nähert ü. s. w. 
ün- Jedoch trotz aller Missstände, welche die Verwendung von Hunden 

" *i.Df " im Kriege haben kann, ist es unmöglichj auf sie zu verzichten, um nicht 
die Hand» jjjjjgp jgjjj Gegner zurückzubleiben. Jedes nene Vorzüge bietende Mittel 
Tenwhisn, gjchert, wenu es nur auf einer Seite gebraucht wii'd, dieser nicht nur 
den unmittelbaren Erfolg, sondem übt gleichzeitig auf der anderen Seite 
eine schädigende Wirkung auf die Haltung der Truppe aus. 

Die in Tours 1889 vorgenommenen Versuche liaben ergeben, dass 
Hunde das beste Mittel zur Aafrechterlialtung der Kommunikation sind.i) 

') „Sciences militairos". 



Kriegfshunde in der deutsehen Armee. 



Ein Detachement mit Hunden Bmpßingt Weisungen vor den Manövern. 



Hunde mit Munition. 
(Hunde führen der Qefechtelinie Munition zu.) 



Innere Verbindung in der Armee. — Photographisclier Apparat. 169 

Es koukurrierten Kavalleristen, Radfahrer und dressierte Hunde. ^®'^ 

, vergleich der 

Die erste Prüfung geschah bei einer Entfernung von 6 Kilometern auf Tauben, 
ebenem Wege. Zuerst kamen die Hunde in 14 Minuten an, obwohl sie Hunde^und 
unterwegs noch eine Minute zur Löschung des Durstes verwandt hatten ; ^J*^^^^. 
die Eadfahrer langten in 15 Minuten an, die Kavalleristen auf Pferden kations- 
von mittlerer Schnelligkeit in 24 Minuten, wobei sie Vs des Weges im 
Schritt, 2/8 ™ Trab gemacht hatten. 

Bei der zweiten Pi-üfung waren 3 Kilometer zurückzulegen: für 
Kavalleristen und Hunde direkt mit Durchschneidung eines Feldes, für 
Eadfahrer auf ebenem Wege. Die Hunde kamen in 7 bis 8 Minuten an, 
die Radfahrer in 8 bis 9 Minuten, die Kavalleristen in 16 Minuten. 

Wenn wir alle Mittel der Feldkorrespondenz, darunter auch die Erforderliche 
Taubenpost, mit einander vergleichen, so ist die mittlere Zeitspanne, die zur znrack- 
für die Durchmessung von 1 Kilometer nötig ist, folgende: ^kuÖLSJT 

Für Posttauben 1 Minute 

„ Hunde 2 Minuten 

„ Radfahrer (gut ausgebildet) .... 3 „ 

„ Militäipferde im Galopp 3 „ 

n » n T-Täb 4 „ 

Graphisch ausgedrückt erhalten wir für die Zeit, welche zur Ueber- 
mittelung der Feldkorrespondenz auf 1 Kilometer Entfernung nötig ist 
(in Minuten) folgendes Bild. 



Posttaubon 


,_ i 




3 
3 




Hunde 


Z- 1~__ _ _ , . - ~ 


- 2 




Radfahrer 


_r- .:::— . ■ -— -. _-^ : 


— __: - _ 




Militärpferde im Galopp 


_^- 


__- - 




Militärpferde iiu Trab. . 


^ _ 


— t— — -- 


^ - 


1 


- — — -- — ^ — 


1 



Tauben sind demnach die besten Boten; ihre Verwendung jedoch Poigerongeo. 
macht, wie bekannt, besondere Verhältnisse und Vorkehrungen nötig, 
welche sich nicht immer und überall in gleicher Weise schaffen lassen; 
auch die Verwendung von Hunden ist nicht immer gleichmässig günstig; 
Reiter stehen den Radfahrern nach, so dass man sich ersterer viel 
weniger als in früheren Zeiten bedienen wird. 

f) Photographische Apparate. 

Bei der Uebermittelung von Nachrichten im Kiiege kommt es natür- schwierig- 
lieh vor Allem darauf an, dass sie genau und deutlich sind. Die persön- in der ueber- 
lichen Eindrücke des zur Kundschaft ausgesandten Boten, seine Gefühle, ^^y^^?^„ 
seine subjektive Stimmung können auf die von ihm zu übermittelnden Nachrichten. 



170 II- I^ie Hilfsmittel. 

Nachrichten einwirken and anter Umständen die Thatsachen nicht im 
richtigen Licht und nicht mit der nötigen Deatlichkeit zor Darstellnng 
hringen. In allen Heeren nimmt man dahev behufs genaaer Uebermittelnng 
der vorgefnndenen Zustände zu speziell dafüi- eri'andenen mechanischen 
Vorrichtungen seine Zuflucht. 
rT'hil^h. Offiziere oder Unteroffiziere, welche sich mit der Position des 

Aifniknia Feindes bekannt machen sollen, verfügen über einen photographischen 
ibiBdiiciun Apparat. Wegen der voranssichtliclien Wachsamkeit der feindlichen Posten 
Poiiuon. jjjjjjjj gjjjjj ^gj. Rekognoszierende jedoch nicht lange auf einer Stelle auf- 
halten, ohne sich grosser Gefahr auszusetzen; er wird durch Gebüsche 
und unter Benutzung anderer Deckungen sich an die Stelle heranschleichen 
müssen, von wo aus er einen kleinen Teil der feindlichen Position er- 
blicken kann. Dann wird er eine Reihe von Momentphotographien auf- 
nehmen und diese mit dem Hände seiner Truppe zuschicken. Hier 
wird man die mit Hilfe des Sonnenlichts skizzierte Abbildung, nach- 
dem diese hervorgerufen worden ist, dnrch ein Sonnen- oder starkes 
Licht -Mikroskop auf einen Wandschirm übertragen und die Beschaffen- 
heit des Geländes genauer kennen lernen, als sie der kunstreichste 
Topograph bei den günstigsten Bedingungen wiedei^eben könnte. Nach- 
folgende Zeichnungen gehen Bilder der photographischen Apparate, i) 



Photograpbischer Apparat. 

TaniniKUf Uuläugst slud vervollkommuete photographische Apparate erfunden 

gnphiKhir (photosphöres), die an Fahrrädern befestigt nnd von so einfacher Kon- 
'Su struktion sind, dass sie leicht und schnell vom Fahrrad abgenommen 
F»hrtM»rB. jjj)^ YQjj einer Stelle zur anderen gebracht werden können. Der zur 
Rekognoszierung ausgesandte Radfahrer wird mit dem Apparat aus- 
gerüstet und erhält zur Reserve einige Kästchen, Jedes mit zwei Negativen. 
Zur Anfnalime zweier Bilder genügt eine halbe JOnute. Auf 30 Schritt 
Entfernung bedürfen die Objektivs keiner Regulienuig mehr und alle 

') Heonebert: ^'art militaire et la Bcience". 



Innere Verbindung in der Armee. — Photographischer Apparat. 



171 



Einzelheiten der Ansicht treten bei günstiger Beleuchtung genügend 
relief artig hervor. Folgendes Bild zeigt uns einen Hund, die Aufnahmen 
zum Kommando tragend. 2) Das 
empfindliche Negativ hat vor dem 
Netzhäutchen des Auges den Vor- 
zug, dass es Allesvordem Objektiv 
Befindliche bis auf die kleinsten 
Details aufnimmt und genau und 
unverändert bewahrt. Dadurch 
haben der Truppenbefehlshaber 
und sein Stab die Möglichkeit, 
eine sie interessierende Position 
genau und ruhig zu untersuchen 
und das Ergebnis ihrer Beob- 
achtungen zu kontrollieren, ohne 




Hände zar 

üeb«r- 
sendnng tob 
Anfnahmen. 



Hund, Negative tragend. 



befürchten zu müssen, dass sie sich in Folge von Irrtümern oder Versehen 
der Rekognoszierenden auf irrigem Wege befinden.«) 

Gegenwärtig sind zur Aufnahme von grossen Entfernungen auch Tele- 
objektivs erfunden, mit deren Hilfe unter günstigen Bedingungen Photo- 
graphien auf 10 Kilometer Entfernung in V20 Sekunde aufgenommen 
werden können. Aufnahmen werden gemacht nicht nur auf Glas, sondern 
auch auf durchsichtigen Celluloidplatten (Films). Obgleich die Teleobjektive 
nur kleine Flächen aufnehmen, so kann man doch bei allmählicher Drehung 
der Kammer auf dem Celluloidbande eine ganze Reihe von Darstellungen 
erhalten, die sich, etwa nach Art eines Panoramas, aneinanderschliessen. 

Die auf folgender Seite gegebene Zeichnung *) veranschaulicht photo- 
graphische Aufnahmen mit Hilfe des Teleobjektivs und nach gewöhnlicher 
Methode. Die Teleobjektivs werden aller Wahrscheinlichkeit nach in der 
französischen Armee eingeführt werden. Für die deutsche xArmee ist die 
Herstellung solcher Teleobjektivs den bekannten Optikern Stengel und 
Dalmeyer übertragen. 

Trotzdem kann die Photographie im Kriege keine besonders aus- 
gedehnte Anwendung finden, da ihre Benutzung zur Rekognoszierung der 
Positionen in der Nacht oder bei Regen, Nebel, Schneefall und wenn sich 
die Gegenstände im Schatten befinden, oder die Sonne blendet, völlig 
unmöglich ist. 

Aber die neueste Technik ist noch weiter gegangen; gegenwärtig 
nimmt man Geländeteile mit Hilfe eines kleinen an einem Luftdrachen 

') Jupin: „Les chieos militaires". 

3) Charles Lavanvelle: „Recoimaissances photographiques". Paris 1892« 

*) Die Zeichnung ist aus der „Revue universelle" 1894 entlehnt. 



Tel»- 
objektiv«. 



Vergleich 
gewöhnlicher 

nnd tele- 
objek- 

tivisoher 
Aufnahmen. 



Un- 
snverlftssig- 

keit der 

Photographie 

im Kriege. 



Photo- 
graphische 
Aufnahmen 

dorch 
Lnftdrachen. 



II. Die Hilfsmittel. 



Bild dnrah 



Vergleich der Aufiinhmen A mit Teleotjeküv und B nach gewöhnliclier Methode. 

befestigen pliotograpliisclien Apparats anf, dessen Konstruktion derartig 
ist, da.ss er seinen Standplatz niclit verändert. Das Objektiv öfi'net sich 
mittelst einer Sthnnr, die sich in den Händen des Aufiielimenden befindet. 
Auf diesem Wege wird man sicliere Aufnahmen der feindliclien Positionen 
weit schneller erhalten, als mit Hilfe von Fesselballons. 

Indessen nur die Zukunft kann uns zeigen, inmeweit die erzielten 
Resultate den gegenwärtigen Anforderungen entsprechen. 



Mittel zur Beobaclitung. — Bewe^iche Observatorien. 173 

2. Mittel zur Beobachtung von Truppen- 
bewegungen. 

Alle oben beschriebenen Mittel sind noch nicht im Stande, den ein- "«i- 
zelnen Teilen der Armee die volle MiJglicIikeit einer Verbindung nnter "'"nL" 
einander and der Sammlung von Nachrichten über den Feind zu sichern, ^bMhtau^ 
Die Vervollkommnung der Waffen hat die Kämpfer von einander entfernt, ''^"' 
so dass die Schlachtfelder sich jetzt 20 bis 30 Kilometer weit auseinander- jetiigei. ver- 
ziehen , wobei auch keine Baccherscheinung die gegnerische SteUung a„ K^°i. 
venät. Schützenketten veracldeiern und decken die einzelnen Auf- 
stellnngen. Man muss nach der nur unzuverlässigen und in Bezug auf 
Entfernungsbestimmung schwer kontrolierbaren SchalMchtnng der Schüsse 
sich zn orientieren suclien. Ohne Kenntnis der Entiemung aber lässt 
sich weder für Gewehre noch fiir Kanonen das Visier stellen. In Folge 
dessen müssen die heutigen Armeen über bewegliche Observatorien ver- 
fügen, von denen aus die Kommandierenden die Positionen und Be- 
wegungen des Feindes und gleichzeitig auch die der eigenen Truppenteile 
beobachten können. 

a) Bewegliche Observatorien oder Ausluge. 

Nicht jede Oertlichkeit, in Einriciimiig 

welcher während des Krieges zu vorweBdong 

oi)erieren sein wird, ist an Terrain- polttHsr 

erhohnngen reich, die als Ob- Trepp«ii omi 

servationspunkte dienen können ; 
daher wird man häufig zu künst- 
lichen Aasingen seine Zuflucht nehmen 



Die bezüglichen Proben hahfen 
ein b&stimmtes Eesuttat ergeben. 
Alle Armeen verfügen über Leitern, 
denen ähnlich, welche die Feuer- 
wehr gebraucht , oder über leicht 
transportable Gerüste aus leichten 
Stangen. 

Die Leiter bestellt aus drei 
aoseinanderscliiebbaren Teilen und 
wird auf einem besonderen Gefährt 
transportiert. Dei- Kundschafter 
findet auf der Höhe der fjeiter 
eine Plattform mit Geländer und Obaervationsieiter. 



TL Die Hilfsmittel. 




Observationsgerüst. 



ein Pnlt für Apparate and Zeichen- 
instrumente. Mit Hilfe von Hanögriffen 
schiebt die Bedienung die Leiter aus- 
einander und bringt so den Beobachtenden 
auf die erforderliche Höhe. 

Die Tru ppen , welche sich aus vor- 
bereiteten Stellungen zu verteidigen haben, 
bauen besondere höhere und umfangreichere 
Obsei-vatorien. 

Die hier gegebenen Zeichnungen solcher 
Ausluge haben wir den Werken: Hennebei-t, 
„L'art militaire et la science", Brunner, 
„Feldbefestigung" und aus dem russischen 
„Ingenieur-Jonmal" entlehnt. 




Observationsausluge . 



flichsBdber- 



Die Observatorien, besonders die beweglichen und leiterai-tigen, 
können ihrer Konstruktion nach nicht allzuhoch sein; von ihrer Höhe 
vermag das Auge nur einen unbedeutenden Raum zn überblicken, so dass 
' sich ihrer hauptsächlich nur die Führer kleiner Truppenteile bedienen 
werden. 

Die Heerführer müssen durchaus die Möglichkeit haben, aus der 
Vogelperspektive grosse Ausdehnungen überblicken zn können, wozu 
Luftballons dienen, an deren Vervollkommnung auch für Kriegszwecke 
man eifrig arbeitet. 



Feld-Observatorien. 



Mittel zur Beobachtung. — Luftballons zur Observation. 175 



b) Luftballons zur Observation. 

Die Rolle der Luftballons im künftigen Kriege wird, wie wir ^°**^®^ 
weiterhin darlegen werden, vor allen Dingen darin liegen, dass es mit Lanbauons 
ihrer Hilfe möglich sein wird , sich über die äusserst zerstreuten Nachrichten- 
eigenen und feindlichen Positionen zu orientieren. Lieutenant Brough »™™^"°?- 
sagt: „In den Kriegen der Zukunft, wo beide Seiten mit gewaltigen Massen- 
heeren auftreten und die Front der Kampflinie sich auf eine sehr grosse 
Strecke hin ausdehnen wird, wird man mit Hilfe der Luftballons solche 
Nachrichten über die Kräfte und die Lage des Gegners erhalten, zu deren 
Einziehung die Kavallerie in den meisten Fällen sehr empfindliche Verluste 
erleiden müsste, ganz abgesehen davon, dass selbst bei den günstigsten 
Bedingungen diese Nachrichten doch weniger genau wären". 



Luftballon- 
Arten. 



Die Luftballons pflegen dreierlei Art zu sein: 

1. sogenannte Ballons captifs, die mit Tauen befestigt und mit 
einem eigenen Generator versehen sind, 

2. freie Luftballons und 

3. lenkbare Luftballons. 

Die Luftballons werden aus einem besonderen Seidenstoffe (Ponghee- L^JJ^^iiJ^g 
Seide) hergestellt, welcher auf beiden Seiten mit Lack bedeckt ist. Der 
Stoff wird dadurch für Gase weniger durchdringbar gemacht, so dass 
der Luftballon in 24 Stunden nur B % des in ihm eingeschlossenen Gases 
verliert. 

Die Ballons haben gewöhnlich 10 Meter im Durchmesser, ihr Um- ^«"^^^"^k 
fang beträgt 500 bis 600 Quadratmeter. Das Aufsteigen des Luftballons be- notwendigen 

Hebekraft. 

ruht darauf, dass der Ballon mit einem Gase gefiUlt wird, das bedeutend 
leichter als Luft ist, vornehmlich mit Wasserstoff- oder Leuchtgas (ur- 
sprünglich füllte man die Ballons mit erwärmter Luft). Die Intensität 
dieser Kraft ist gleich der Differenz zwischen dem Gewicht des ganzen 
Ballons (samt Vorrichtungen und Insassen) und dem Gewicht desselben 
Luftvolumens. 

Die Eechnung ist sehr einfach. Ein Kubikmeter Luft wiegt an- 
nähernd 1,290 Kilogramm, dasselbe Volumen Leuchtgas nur 0,680 und 
Wassergas 0,09 Kilogramm. Ein Kubikmeter Leuchtgas ist also 0,61 Kilo- 
gramm leichter als Luft, ein Kubikmeter Wasserstoff 1,2 Kilogramm, 
d. h. ein Ballon von 600 Kubikmeter Umfang wird 366 Kilogramm leichter 
sein als Luft, wenn er mit Leuchtgas gefüllt ist, und 720 Kilogramm 
leichter bei der Füllung mit Wasserstoff. Diese Ziffern würden die Heb- 
kraft des Luftballons ausdrücken, wenn das Gewicht der Stricke, der 



176 n. Die Hilfsmittel. 



Gondel u. s. w. gleich. Null wäre. Um eine genaue Vorstellung von dem 
wirklichen Gewicht zu erhalten, muss man die Summe der Schwere der 
erwähnten Gegenstände von der Hebkraft des Ballons an und für sich 
abziehen. 

^"^^ra*""^ Aus den angeführten Ziffern ist ersichtlich, dass zur Füllung des 

puiung der Ballous am Besten Wasserstoffgas verwandt wird, da dieses Gas als das 

leichteste eine doppelt so grosse Hebkraft giebt. In fast allen Heeren 

wird deshalb vorzüglich Wasserstoffgas gebraucht, welches das Leuchtgas 

völlig verdrängt hat. 

Da das Gewicht des Luftballons gewöhnlich bis zu 250 Kilogi-amm 
geht, und das Gewicht von zwei Personen etwa 150 Kilogramm beträgt, 
so erhebt sich der mit Wasserstoff gefüllte Ballon mit einer Kraft, die 
320 (720 — 400) Kilogramm gleichkommt. 

Das Gas zur Füllung des Ballons wird entweder am Aufstiegs- 
orte hergestellt oder schon fertig in metallenen Eöhren-Eeservoirs mit 
dem Ballon mitgeführt. Im erstem Falle kommt vorzugsweise der Gene- 
rator (Apparat zur Herstellung des Gases) System „Yon " und „Lachambre" 
in Anwendung. 

Der G». Der Generator besteht aus einem Metallgefäss; in dieses schüttet 

Generetor. 

man Eisenfeilspäne und verschliesst es dann hermetisch ; darauf führt man 
von unten in den Apparat eine Wasserlösung von Schwefelsäure (im Ver- 
hältnis von 1 : 6 oder 1:9). Während einer Stunde erzeugt der Apparat 200 
bis 250 Kubikmeter Wasserstoffgas, so dass zur Füllung des Ballons etwa 
2V2 Stunden Zeit nötig sind. Der Generator erfordert: Schwefelsäure 
3000 bis 3200 Kilogramm, Eisenfeilspäne 2000 bis 2500 Kilogramm und 
gegen 40000 Kilogramm Wasser. Wie aus diesen Ziffern ersichtlich ist, 
werden die Armeen grosse Mateiialvorräte mit sich zu führen haben. 

Kosten Die Ausgabeu für Füllung eines Ballons betragen bis 700 Mark, 

' die täglichen Nebenausgaben 40 bis 50 Mark. Das Gewicht des zur Gas- 
herstellung dienenden Apparats beträgt 2900 Kilogramm. 

Gefesselte Die Ballons werden mit Hilfe einer Winde gefesselt gehalten, die 

durch eine besondere Dampfmaschine in Bewegung gesetzt wird. Wenn 
der Ballon sich bis zur grössten Höhe erhoben hat, d. h. der ganze Strick 
sich abgewickelt hat, so sind zehn Minuten erforderlich, um den Ballon 
wieder zur Erde herabzubiingen.i) 

Wir geben nebenstehend Zeichnungen des Apparates zur Herstellung 
des Gases sowie der Winde. 



') Aus dem Werke: Espitalier, „Les ballons". 



Oasb 

1 

FQU 



D 



d« 



G 



Mittel zur Beobachtung. - 



Appanit zur Herstellung von Gas. Winde für Luftbaltona. 

Zum Transport einer ganzen Feldstation von Lnftballons fianzö-sischen Tmuport 
Systems sind 10 bis 15 Trainwagen nötig; ist eine Gegend w.'-..!Serarm, LnnbliioB. 
so ist auch noch ein Wasservorrat mitzuführen. 

Auf nachstehender Zeichnnng stellen wir die Art des Transports von 
Luftballons dar, die auf den französischen Manövera von 1892 znr An- 
wendung gelangte. 



Die englischen Luftballons nnteischeiden sich von dein in Frankreich ' 
angenommenen System. Ihre Hülle wird aus einer besonders i)räparierten 
Haut hergestellt; sie sind weit leichter, tragen aber nur einen Passagier. 



178 II- I*ie Hilftmitfel. 

An stelle des Apparats zur Herstellung von Gas wird bei ihnen fertiges 
Gas verwandt, das in besondere Köliren gepresst wird, so dass die Nähe 
von Wasser nicht erforderlich ist und die Fiillang des Ballons im Ganzen 
eine Viertelstunde dauert. In der deutschen Armee zieht man daher 
diese Ballons vor. 

Die eisernen oder stählernen Resei-voirröhren haben einen Quer- 
schnitt von 13 Centiinet«r und eine Länge von 21/3 Meter; die Wanddicke 
beträgt 3 Millimeter; das dann enthaltene Gas hat eine dem Druck von 
100 bis V20 Atmosphären entsprechende Dichtigkeit. 

Nachstehende Zeichnung illustiiert die Füllung des Ballons beim 
!' Manöver. 

Die Fahr/enge, auf denen sich die Röhren befinden, stehen neben 
dem Ballon und eine Röhre nach der andern wird dnrch einen Schlauch 
mit dem Innern des Ballons in Verbindung gesetzt. Der Luftballon ist 
als schon zur Hälfte gefüllt abgebildet, nud da die Füllung gleichzeitig 
von fünf Stellen aus erfolgt, so kann sich der Ballon in längstens einer 
Viertelstunde bereits erheben. 



.^si^^'rr'^^' _, „ ^f' -:.- '.-.^im^ 



Füllung des Ballons. 



r Beobachtang. — Litttballons cur Observation. 



Auf solche stellen, wohin das Fahi-zeug mit Röhren in Folge seiner 



B. auf Bei'ge oder auf sandige 



Schwere nicht gelangen kann, wie i 
und mit Steinen besäete Meeresufer 
(die Versuche mit Fesselballons 
sind aach anf Kriegsschiffen an- 
gestellt), wü'd das Gas in kleinen 
Ballons übergeführt, wie neben- 
stehende Zeichnung darstellt; die 
kleinen Ballons werden mit dem 
grossen Ballon in Verbindung ge- 
bracht und latisen in letzteren 
hinein ihr Gas aasströmeo. 

Auf der umstehenden Zeich- 
nung erblicken wir einen Ballon, 
der beim Manöver aufgestiegen 
ist und nunmehr wieder zur Erde 
herabgezogen wird. Dieser Ballon 
soll am nächsten Tage noch einmal 
aufsteigen. 

Deshalb lässt man ihn 
zum grösseren Teil in eine tiefe 
Grube hinunter und bedeckt 
diese mit Erde. Die Feuchtig- 
keit des Bodens giebt dem Ga^e 
eine grössere Dichtigkeit and 
vermindert die Menge des durch 
die Umhüllung des Ballons aus- 
strömenden Gases. 

Vor dem neuen Aufstieg 
werden dann einige Köliren Gas 
hinreichen, am die verloren ge- 
gangene Quantität zu ersetzen. 

Gömig schreibt, dass man 
in Rnssland einen Luftballon her- 
stellt (von MO Kubikmeter Vo- 
Inmen), zu dessen Füllung mit 

fertigem Gas 160 Röhren erforderlich .sind. Ausserdem hat dem Ver- 
nehmen nach der russische Ingenieur Latscliinow bedeutende Ver- 
besserungen sowohl in der Konstruktion der Winden als auch in der 
Gasherstellung eingeführt. 

12* 



Zuführung von Gas in kleinen Ballons. 



IgO n. Sie Hilfinnittel. 

GOrnig versichert, dass die Erfindungen Latscliinows die volle An- 
erkennong der mssischeu Militär- nnd Gelehrtenkreise gefunden haben, 
was ihren hohen Wert bezeuge.^) 



KoDHrriniDg 
d» GUH. 
■■DgglxLer 



Mit Erde umgebener Boilon. 

OtguiHtin 1) Die MilitÄr-Zeitung „Minerva" berichtet auf Grund von Mitteilungen 

«ehtüfthrt in ^^^ Kapltäna Kowanko, daes der in der rusaiscben Armee verwandte Fesselballon 
Bnuiud. sich mit 3 Pasaagieren auf 470 Meter Höhe erheben kann, wobei Auf- und Abstieg 
vermittelst Winden, die durch Dampfkraft bewegt werden, in woniger als fünf 
Minuten erfolgen kaim. Bei einer solchen Hohe kann man unter gewöhnlichen 
Verhältnissen ein Terrain von 8 Kilometer im Durchmesser überblicken, bei 
günstigen Verhältnissen der Bodonflguration und der Beleuchtung bis 16 Kilo- 
meter im Durchmesser, auf dem Meere aber vom Ufer aus eine doppelt so 
grosse Fläche. 

Ausser dem Lehr-LuftaeJiiffcrpark existieren in Rusalaad Festungs-Liift^ 



Mittel zur Beobachtung. — Luftballons zur Observation. 131 

Betrachten wir nnn die Vorteile, welche Heerführer und Armeen 
von den Lnftballons haben können. 

Schon im Jahre 1861 hat während des nordamerikanischen Bürger- ^^^** 
krieges ein Luftballon bei Richmond Dienste geleistet. Ihre Rolle bei Verwendung 
der französischen Armee in den Kriegsjahren 1870/71 ist bekannt; Luftbauona. 
besonders zahlreiche und wichtige Dienste haben sie Paris geleistet. 

Als sich Paris jeder Verbindung mit der Aussenwelt vollständig jj^'^pjjj?'''?^ 
beraubt sah, ein Durchschleichen durch die Belagerungstiiippen absolut J»iire 
undenkbar war, die Telegraphenkabel im Seinewasser von den Deutschen 
vernichtet und zum Auffangen von unter dem Wasser in Geßussen ver- 
sandten Depeschen und Briefen von den Deutschen Netze ausgespannt 
waren, da blieb der Stadt Paris nur noch ein Mittel für den Verkehr 
mit der Aussenwelt übrig — der Luftballon. Vom 23. September 1870 bis 
zum Tage der Kapitulation sind aus Paris 64 Luftballons mit 91 Passagieren 
und 363 Posttauben ausgegangen. Die ausgegangenen Depeschen und 
Briefe repräsentierten ein Gewicht von 9000 Kilogramm. Von den Tauben 
kehrten B7 nach Paris zurück mit etwa 100000 Depeschen und Briefen. 
Die gewöhnlichen Post-Luftballons mit Gondel wogen je 10 Zentner; jeder 
konnte eine Last von 19 Zentner tragen und sich 2300 Meter hoch 
erheben. Gambetta und General Kemtry verliessen am 7. Oktober mittels 
Ballon Paris; ihr Ballon landete zuerst bei Craües Angesichts einer 
preussischen Wache, welche den Ballon für einen preussischen hielt und auf 
ihn erst dann Feuer abgab, als die Insassen in Erkenntnis ihres In-tums 
Ballast auswarfen und sich wieder zu erheben begannen. Gambetta wurde 
durch eine Kugel an der Hand verwundet. Der Ballon ging später 
in Montdidier nieder. Mittelst Ballons wurde auch am 22. Dezember ein 
Offizier zu General Chanzy mit der Nachricht gesandt, dass Paris nur 
noch für 4 Wochen Mundvorrat habe. Von 64 PostbaUons gelangten B6 
glücklich an's Ziel; B wurden von den Deutschen aufgefangen, 2 gingen 
spurlos verloren, wahrscheinlich im Meere, 1 wurde nach Norwegen ver- 
schlagen. Dieser hatte 1500 Kilometer in 15 Stunden zurückgelegt. 

Die Deutschen hatten im Kriege 1870/71 mit Luftballons wenig neutBche 
Glück. Im September 1870 wurden in Köln Luftschiffer-Kommandos zu Re- L^ftbaiionii 
kognoszierungen bei der Belagerung Strassburgs gebildet. Nach ver- ^J^yo/n' 
schiedenen unglücklichen Versuchen stieg endlich am 24. September ein 
Ballon auf, der übrigens nur eine Person mitführen konnte, aber ein 



schifFerabteüungen in Warschau, Ossowza, Iwangorod und Nowogeorgyewsk. 
Was die beweglichen Luftschifferparks betrifft, so ist in Russland die Frage über 
das nötige Material noch nicht entschieden. („Militärische Verwendung von 
Fesselballons im Allgemeinen und Thätigkeit der Militar-Luftschiffer in Russ- 
land", 1893. Zusammengestellt nach den Artikeln des „Russki Invalid".) 



X32 ^- ^i^ Hilfsmittel. 



Starker Wiiid und dichte Nebel hinderten die Ausführung genauer Beob- 
achtungen, obwohl sich der Ballon bis zu einer Höhe von 116 Meter erhob. 
Trotzdem konnte der Rekognoszierende bruchstückweise die entferntesten 
Befestigungen sehen und sich davon überzeugen, dass die Zitadelle in der 
Stadt bereits in Trümmern lag. Darauf versuchte man abermals einen 
Ballon auszurüsten, jedoch umsonst. An dem Tage, wo es gelang, ihn mit 
Gas zu füllen, ergab sich Strassburg. Die Luftballons wurden nun nach 
Paris gesandt, aber auch dort glückten die Versuche mit ihnen nicht, so 
dass die Kommandos bald aufgelöst wurden.«'^) 
Ballons im Während des Krieges Brasiliens mit Paraguay besichtigte der 

Biiiaiiiiicheii brasilianische General Saksias täglich von einem Luftballon aus das feind- 
Kneg«. jj^j^^ Lager. 

Fehlen von Aufmcrksamkcit verdient der erstaunliche Umstand , dass die 

Ballons ' 

im Kriege russische Armee im Kriege 1877/78 von Luftballons gar keinen Gebrauch 

1877/78. jjjg^jjj-g gg unterliegt keinem Zweifel, dass, wenn die russischen Truppen- 
kommandeurs bei Plewna Luftballons zu ihrer Verfügung gehabt hätten, 
Gang und Resultat der Angriffe, besonders bei dem denkwürdigen Sturm 
vom 30. August ganz anders gewesen wären. 
Kriegs- Jetzt siud aller Wahrscheinlichkeit nach bereits alle Armeen in ge- 

jeteteeit. nügcuder Weise mit Luftballons ausgerüstet, die bei stiller Witterung in 
8 bis 10 Minuten bis zu einer Höhe von 600 Metern steigen können. In 
der deutschen Armee hat man sich jedoch mit dieser Höhe nicht begnügt 
und bereits Luftballons eingeführt, welche, wie die bei den Manövern 1893 
angestellten Versuche zeigen, bis zu 1800 Meter steigen können. Treten 
starke Winde ein, so muss sich der Luftballon herablassen; beträgt die 
Schnelligkeit des Windes 7 bis 8 Meter in der Sekunde, so kann sich 
der Ballon nur in einer Höhe von 100 Meter halten. 

Bei klarer Witterung kann man in 600 Meter Höhe mit Hilfe 
guter Fernrohre vom Luftballon aus eine Fläche von 15 Kilometer Radius 
mit dem Auge umfassen und auf dieser Fläche die Stellung der Truppen 
wahrnehmen. Vor dem Beobachter liegt das Schlachtfeld wie eine Karte 
ausgebreitet; er bemerkt alle Sonderheiten der Bodenbeschaffung, er sieht 
die Stellung und die Bewegungen der feindlichen Kolonnen, er kann über 
die Absichten des Gegners ein Urteil gewinnen. 

Versuche Viclc Vcrsuche mit Luftballons sind bei französischen Manövern 

mit Ballons 

bei den angestellt worden. Die Berichte hierüber finden wir in dem Werke von 
''i",fö\^rn'^ „Ueber Fesselballon-Stationen ".4) 



') „Die Verwendbarkeit des Luftballons in der Kriegführung". Lavergne- 
Poguilhen, „Militärisches Wochenblatt". 1886. 
*) Wien, 1892. 



Neue Methode zum raschen Auftteigen und Senken eines Fessel- 
ballons im deutschen Heere. 



Diese Methode besteht im Auf- und Abwickeln eines Taus von einer Trommel. 
Bei diesem Verfahren wird auf dem Tau ein Dlouk angebracht, durch den 30 Taue 
gezogen sind. An diesen Tauen ziehen die Leute und lauTen heim Aufsteigen des 
Ballons vom Ballon zum Anker und beim Senken des Ballons vom Anker zum Ballon, 
wobei das Tau auch auf die Trommel aufgerollt wird. 



Mittel zur Beobachtung. — Luftballons zur Observation. 183 



Wir zitieren aus ihm folgende Sätze: „Der Bewegungsraum der 
feindlichen Truppen wurde auf 13 Kilometer Entfernung, durch die 
erzeugten Staubwolken bemerkt. Das eigene im Marsch begiifiene Korps 
hatte man beständig vor Augen. So wurde die schwierige Aufgabe 
gelöst, von einem Mittelpunkte aus die ganze Truppenmasse zu leiten; 
der Kommandierende empfing jede Minute Mitteilungen von einem Stabs- 
offizier, welcher von der Gondel des Luftballons aus alle Vorgänge ver- 
folgte". . . . „Bei Aulnoy benachrichtigte man den Korpskommandeur, 
dass der gegen seine Position gerichtete Vorstoss nur ein Scheinangriff 
sei und die Vorbewegung gegen eine andere Seite maskiere. Bei 
Colombey weilte der General Marquis Gallifet 2V4 Stunden in der 
Gondel des Luftballons und leitete von hier die Bewegungen des ganzen 
Heeres. Die Front hatte eine Längenausdehnung von 12 Kilometern und 
eine Tiefe von 3 bis 9 Kilometern. General Gallifet beherrschte diese 
bedeutende Ausdehnung, obwohl der Ballon sich nur 400 Meter erhob." 

Seitdem hat die LuftschilFfahrt bedeutende Fortschritte gemacht, vewoche 

bei 

In der deutschen Armee steigen die Ballons, wie schon gesagt, bis zu rassischen 
1800 Meter Höhe. Bei geringerer Aufstieghöhe werden die Erfolge natür- *"^^®™" 
lieh auch kleiner sein. So war bei den grossen Manövern bei Saflawa 
im August und September 1893 der Kommandierende mit den Diensten der 
Luftballons nicht zufrieden. Ein Kommando von 4 Offizieren und 20 Unter- 
offizieren und Mannschaften mit 150 Fahrzeugen, die hauptsächlich zum 
Transport der nötigen chemischen Materialien (Eisenfeilspäne, Schwefel, 
Wasser) bestimmt waren, war an Ort und Stelle erschienen. Schon die 
Kompliziertheit dieses Trains musste natürlich die Unzufriedenheit des 
Generals Dragomirow erregen. Er erhob sich selbst im Ballon, gab aber 
sein ungünstiges Gutachten dahin ab, dass die aufgestiegenen Ballons dem 
Feinde die eigene Position schon auf 20 Kilometer Entfernung verraten» 
während man die Stellung des Gegners nur auf 8, bisweilen nui' auf 
5 Werst überblicken könne. Nach seiner Meinung können die Luftballons 
eine einigermaassen wertvolle Rolle nur im Festungskriege spielen. 

Dieser verhältnismässige Misserfolg lässt sich aber vielleicht durch 
die schlechte Beschafi'enheit des Ballons und die geringe Aufstieghöhe 
— nur 300 Meter — erklären. 

Nach der Ansicht Duburauts würde das Vorhandensein von Luft- i-unbaiions 
ballons auf den Schlachtfeldern von Waterloo und Saint -Privat ganz bei 
andere Schlachtresultate geliefert haben. Bei Waterloo würden die Fran- I^^^privat^ 
zosen rechtzeitig Blücher's Herannahen bemerkt haben , bei Saint-Piivat „ »^^«'•^ 

° ' Besaltate er- 

wären die französischen Truppenführer in Folge besserer Kenntnis von «engt habeu. 
den deutschen Streitkräften im Stande gewesen, möglicherweise der 
Schlacht schliesslich eine andere Wendung zu geben. 



184 U- I>ie Hilfsmittel. 



Schulung Obschon sich dem Auge des Beobacliters vom Luftballon aus eine 

vieler 

offlziere Sehr bedeutende Fläche erscliliesst, erscheint häufig die Orientierung über 
oLlfiting^en. ^^® Positioncu vou einem einzigen Ballon aus schon deshalb unmöglich, 
weil die gewaltigen Truppenraassen sich in Länge und Breite über 
ungeheure Flächen hinziehen. Jetzt muss bei der deutschen Armee in 
jedem Regiment ein Offizier fähig sein, vom Fesselballon aus Beobachtungen 
anzustellen und im Notfalle selbst freie Aufstiege zu unteniehmen. In 
Berlin und München befinden sich Schulen für Luftschiflffahrt, zu welchen im 
Sommer je 2 Offiziere von jedem Regiment kommandiert werden. Es ist 
folglich unzweifelhaft, dass man in Deutschland zur Umschau über die 
eigenen und feindlichen Positionen eine grosse Anzahl von Luftballons 
verwenden wird, welche sich von verschiedenen Punkten des Schlachtfeldes 
aus erheben.^) Es versteht sich, dass die Beobachtung von verschiedenen 
Punkten aus und durch verschiedene Leute nicht völlig gleiche Resultate 
ergeben kann, wenn sie auch noch so sorgfältig ausgeführt wird. Eine 
richtige Kombination und das Fassen zweckentsprechender Entschlüsse 
werden daher hauptsächlich vom Auffassungsvermögen und von der 
Orientierungsfähigkeit abhängen, 
voniige des ßig yor Kurzcm haben die Schwankungen des Ballons bei starkem 

ia Zigarren- Wlude die Bcobachtungeu ausserordentlich erschwert. Jetzt jedoch sind 
auch diese Schwierigkeiten beseitigt. Im Frühling 1894 sind in Berlin 
Versuche mit einem Luftballon von der Form eines an beiden Enden 
zugespitzten Zylinders erfolgt, der so konstruiert ist, dass der Beobachter 
selbst bei den stärksten Luftbewegungen in Ruhe bleibt. 

c) Signalisation vom Fesselballon aus. 

Gefewoita Ausscr dicscu taktischen Diensten hat man noch im Auge, vom 

Be- Fesselballon aus den Erfolg des Feuers der Truppen zu beobachten 

obachtnng ^^^^ dicscs durch entsprechende Mitteilungen zu leiten. Derartige Ver- 

GeBchosse. suchc siud lu Deutschland, Frankreich, Russland, England und Italien 

gemacht. 
Optische Man wird zu diesem Zweck vom Luftballon aus auch optische Signale 

Signale 

yom geben müssen. „Engineering" schrieb schon i. J. 1883: „Unlängst sind in 

Ballon aoa. pg^pjg Versuchc gcmacht, die Luftballons von innen aus zu erleuchten. Der 

Zweck dieser Versuche ist, einen glänzenden Gegenstand von grosser Di- 



*) Gemesfc in seinom von uns zitierten Werke sagt: „Man denkt irriger 
Weise, dass die Rollo der Luftballons im Kriege sich nur auf den Aufstieg eines 
einzigen Ballons bei Beginn der Schlacht zur Besichtigung der Positionen be- 
scliränken wird; bei der heutigen Ausdehnung der Kampflinio, bei der Treffwoite 
des heutigen Geschützes lässt sich aber von einem Ballon aus die Kampflinie in 
ihrer Tiefe und Länge nicht genügend überblicken". 



Mittel zur Beobachtung. — Signalisation vom Fesselballon aus* lg5 

mension zu erhalten, was die Möglichkeit geben würde, Telegraphenzeichen 
auch während der Nacht zu übermitteln. Diese Ballons, die etwa 
2 Meter im Durchmesser und ein Volumen von fast 100 Kubikfass hatten, 
waren aus sehr durchsichtigem Papier hergestellt worden. Den Ballon liess 
man an einem Strick steigen, in den 2 Kupferdrähte eingeflochten waren. 
Im Innern des Ballons befand sich eine elektrische Lampe, die ihn mit 
starkem Licht erleuchtete. Durch beständige Unterbrechung des Stroms 
konnte man auf diesen optischen Telegi^aph das System des Morse'schen 
Telegi'aphen-Alphabets anwenden; ein längeres Unterhalten des Lichts 
entsprach einem Strich, ein kürzeres dem Punkt." 

„In England wurden 1889 Versuche mit einem für optische Signale <^^^^^^ 
bestimmten Ballon angestellt. Der „Elektrotechnische Anzeiger" ver- aia 
sichert, dass es mit diesem Ballon möglich war, Telegraphenzeichen ^^^*^'*^*"' 
sowohl bei Tag wie bei Nacht auf sehr weite Entfernungen zu übermitteln. 
Wichtig erscheint der Umstand, dass der ganze Ballon mit allem Zubehör 
und seinem Telegraphenapparat nur 20 Kilogramm wiegt, daher ohne 
Mühe von einem Menschen getragen werden kann".^) 

Espitalier^) sagt, dass die Pariser Versuche offenbar bewiesen hätten, ö»^ 
dass es bei Beleuchtung des Ballons von Innen aus unmöglich sei, sich auf Sichtbarkeit 
mehr als 18 Kilometer Entfernung mit einander in Verbindung zu setzen. ^" deichen. 
Der Lichtquell lasse sich jedoch an der Aussenseite des Luftballons in 
freier Luft anbringen; in diesem Falle vermindere sich zwar der Umfang 
des leuchtenden Körpers, dafür steige aber, was weit wichtiger sei, die 
Intensität der Lichtstärke. 

„The Journal of the Royal United-Service Institution" hat im März- 
heft des laufenden Jahres einen Bericht von Erik Stuart Bruce mit 
redaktionellen Anmerkungen gebracht. Dort finden wir, dass Luft- 
ballons von 4200 Kubikfuss Volumen, mit Glühlämpchen versehen, sich 
als völlig zweckentsprechend erweisen und dass mit Hilfe solcher Ballons 
bei im Jahre 1887 zu Antwerpen angestellten Versuchen der belgische 
Kriegsminister mit dem 6 Kilometer entfernten General Wouvermans 
Nachrichten austauschen konnte. Die seitdem erfolgten Verbesserungen 
gestatten bei nicht allzu ungünstigen Verhältnissen eine Signalisation auf 
18 Kilometer Entfernung. 

Die umstehenden, der „Science illustrfee" entlehnten Zeichnungen Deutsche 
illustrieren die von deutschen Truppen auf Helgoland angestellten Heigound. 
Versuche. 



Das Zitat ist aus einem Artikel im „Wojenny Ssbornik",: „Stand der 
Militärluftfahrt^. 

') Espitalier: „Les ballons". 



n. Die HiUbmibtel. 



IS 

i 



Signalisfttionsversuche r 



1 Luftballons. 




BatohiauaiK ßg wäTc 610 aiger Fehler zn glauben, dass der Feind ruhig den 

Lii(ni.iion.. Anstrengangen des Gegners zusehen wird, sich mit seiner, des Feindes, 

Stellung bekannt zu machen und so seine Unternehmungen lahm 

zu legen. 



Alle Armeen verfugen bereits über Geschütze, die zur Beschiessnng 
von Luftballons bestimmt sind. 



Mittel zur Beobachtung. — Freie Luftballons. Ig7 



Die soeben gegebene Zeichnung stellt ein zu diesem Zweck kon- 
struiertes Geschütz dar. 

Wir müssen hinzufügen, dass einen Luftballon herabzuschiessen 
durchaus nicht so schwierig ist, wie dies auf den ersten Blick scheinen 
dürfte. Bei den in Russland bei Ishora angestellten Versuchen fiel der 
dem Militär -Luftschifferpark gehörige Luftballon „Jastreb" nach dem 
elften Schusse zur Erde herab. ») Nicht nur Artilleriegeschosse, sondern 
auch Flintenkugeln können Luftschiffem bei einer Höhe von unter 
3600 Meter (SVs Werst) gefährlich werden. Aber die Erfahrung lehrt, 
dass der von einer Flintenkugel durchschossene Ballon ähnlich dem Fall- 
schirm, ohne Gefahr für die Insassen langsam niedersinkt. 

Jedenfalls werden sich die Fesselballons nicht allzulange Angesichts ßwciies 
des Feindes aufhalten, da ausserdem schon etwa IB Minuten zur Vor- "nnd^^" 
nähme der Rekognoszierung völlig genügend sind. Im Laufe dieser Zeit ^^™n'" 
werden die Ballons — man kann dies fast mit Gewissheit annehmen — ^- . 

umgänglich. 

volle Freiheit der Bewegung haben. Um uns hiervon völlig zu überzeugen, 
wollen wir die Vorgänge betrachten, wenn sich ein Luftballon über dem 
Schlachtfelde zeigt. Vor Allem ist anzunehmen, dass eine gewisse Zeit 
vergeht, ehe man ihn bemerkt; sodann dürfte aller Wahrscheinlichkeit 
nach nicht sofort das geeignete Geschütz zum Beschiessen des Ballons 
bei der Hand sein. Es wird Zeit erforderlich sein, um die betreffenden 
Befehle zu geben, die Entfernung zu messen, das Feuer zu regulieren. 
Bis alle diese notwendigen Vorbereitungen getroffen sind, zieht die mit 
der Dampfmaschine betriebene Winde, auf welcher das den Ballon haltende 
Tau aufgewunden ist, denselben rasch zur Erde nieder und sechs Pferde 
transportieren ihn schleunigst nach einem anderen Punkte des Schlacht- 
feldes. Die ganze Frage gipfelt darin, ob die Luftballons genügend ver- 
vollkommnet sind, um mit ihnen erfolgreich manövrieren zu können. 
Sachkundige Schriftsteller beantworten diese Frage bejahend. 



d) Freie Luftballons. 

Die Fesselballons finden im Kriege nur in Ermangelung von etwas Lenkung 
Besserem Verwendung. Freie lenkbare Luftballons würden offenbar weit Lnitbaiion». 
grössere Dienste leisten. Alle Mächte arbeiten demnach unablässig an 
der Lösung dieser Aufgabe. Versuche, freie Luftballons lenkbar zu 
machen, endigten indessen bis zum Jahre 1884 ergebnislos. Erst am 
9. August dieses Jahres unternahmen Kapitän Renard und sein Mitarbeiter 
Krebs die bekannte Fahrt mit dem umstehend abgebildeten Ballon 



•) Hoernes: „Fesselballon". 



n. Die Hilfsmittp). 



„Fi-ance", der einen vorher bestimmten Weg einhielt und den Luftschiffem 
ermöglichte, zn dem Ausgangspunkt znrückzukehren. 



Der BaJImi „Fraiico" von Ri'nard und Krobs, 

viniieka »it Der Ballon „France" war seiner Fomi nach den gewiihnliclieii 

tuRMton Luftballons anähnlich. Seine Länge betrug 50,40 Meter (165 Fass), sein 
,F«.o>-. Durchmesser 8,40 Meter (28 Fuss), sein Rauminhalt 1864 Kubikmeter. Der 
hintere Teil des Luftschiffes war spitzer als der vordere, so dass es im 
Allgemeinen an die Form rasch schwimmender Fische erinnerte. Dieser 
Ballon war mit einem Seidennetz überzogen; das aus Bambusrohr gefer- 
tigte und mit Seide überzogene Boot hatte eine I^nge von 33 Meter 
(108 Fuss), so dass die Luft, ohne Widerstand zu finden, auf der gleich- 
massigen Oberfläche dahingleiten konnte. 
AiiTiKUiBg. Der Apparat, um den Ballon in Bewegung zu setzen, bestand aus 

einer Schraube mit 2 Flügeln von 7 Meter (23 Fuss) im Durchmesser; die 
Schraube rotierte vor dem Boote auf einem Zylinder aus Eisenblech, der 
durch eine Maschinerie mit einem dynamo -elektrischen Motor verbunden 
war. Als elektrischer Generator wurde eine Batterie sehr starker von 
Eenard erfundener Elemente angewandt. An dem Hinterteil des Luft- 
schiffes war ein Steuer aus Seide befestigt, welches ermöglichte, den 
Ballon in einer bestimmten, beständigen Richtung zu halten oder diese 
zu verändern. 
T.rT.11. Jm Jahre 1885 waren nene Versuche mit dem vervollkommneten Luff^ 

.OB isM, ballon angestellt worden; man verminderte die Schwere seiner oberen Teüe, 
wodurch es möglich wurde, noch einen dritten Luftschifier in das Boot 
zn nehmen und die Schnelligkeit der Bewegungen genau auszumessen. 
Ohne diese Messungen, welche sich nur auf experimentiellem Wege an- 
stellen lassen, wäre es nicht möglich, die Kraft des Widerstandes gehau 
zu bestimmen, welche die Luft der Bewegung solcher länglichrunden Luft- 
ballons entgegenstellt. 



IGtlel zur Boobftchtuns. — Freie Lnftbeilons. 



Marschrünten der Fahrten, die von Luftballons im Jahre 1885 von Pfiria aus 
(Au St4dalm>iui: .Dts LgltochltFrifart-.) 

Seilen wir zn, welche Bedingungen erfüllt werden müssen, damit «•^'■'«''»s"' 
ein freier LnftbaUon sich lenkbar erweist nnd ein bestimmtes Ziel er- L.nkb.tkeii 
reicht. Bei völlig ruhigem Wetter kann ein mit einer Schraube ver- i,nftb"ioiii. 
sehener Ballon offenbar in jeder beliebigen Richtung vorwärts bewegt 
werden; wenn aber Wind weht, so muss die Kraft, welche den Ballon 
in Bewegung setzt, stärker sein, als der Andrang des Windes. Hier 
handelt es sich um ganz dieselbe Erscheinung wie auf dem Wasser beim 
Fahren gegen die Strömung; Rnder oder Rad müssen dem Boote eine 
grössere Schnelligkeit mitteilen, als diejenige, welche die Strömung des 
Wassei's besitzt. 

In den Luftschichten wird die Erfüllung dieser Aufgabe dadurch ki"""" ^" 
ungemein ersehwert, dass die Strömungen in verschiedenen Hohen sowohl w'näs»" 
der Kraft wie der Richtung nach ungleichartig sind. Der Bau des Eiffel- 
turmes, welcher eine Höhe von 303 Meter hat, ermöglichte, in dieser 
Hinsicht interessante Versuche anzustellen und die erhaltenen Re- 
sultate mit den Beobachtungen der Pariser meteorologischen Station zu 
vergleichen. 

Man überzeugte sich, dass an durchschnittlich hundert Tagen im 
Jahre die mittlere Schnelligkeit des Windes in der Höhe von 303 Meter 
— 7,5 Meter (24,6 Fuss) in der Sekunde beträgt. Das Minimum der 



190 n. Die Hüfsmittel. 



Geschwindigkeit hat der Wind um 10 Uhr Morgens (etwa 6,4 Meter = 
17,6 Fuss), das Maximum um 1 Uhr Nachts: 8,76 Meter (28,7 Fuss). 
windw- j)jg Gelehrten, welche sich mit Fragen der Luftschiflffahrt beschäf- 

keiten. tigeu, siud ZU dem Schluss gekommen, dass in einer Höhe von 600 bis 
ICXX) Meter, d. h. derjenigen, bis zu welcher sich gewöhnlich Militär- 
luftschiffer erheben, der Luftballon eine eigene Schnelligkeit von 9 bis 
11 Meter (29— 36 Fuss) in der Sekunde besitzen muss; andernfalls wäre 
er 2/s des Jahres überhaupt nicht im Stande Fahrten zu unternehmen. 
In höheren Schichten ist eine Schnelligkeit von 14 bis 16 Meter (46,9 bis 
62,4 Fuss) nötig. 

Renard's Luftballon „La France" verfügte nur über eine Schnellig- 
keit von 6,60 Meter (21,3 Fuss). Die Erfahrung lehrte jedoch, dass in 
700 Fällen von 1000 die Schnelligkeit des Windes eine geringere war. 
Hieraus ergiebt sich, dass von den mit „La France" unternommenen 
Fahrt-en 70% gelingen konnten, wie es auch wirklich der Fall war. 
Die Lösung der Frage von der Lenkbarkeit des Luftballons erhielt somit 
eine genaue Gmndlage; es erwies sich als durchaus notwendig, die 
Kraft, welche den Ballon treibt, genügend gross zu gestalten. Es 
verlautet, dass man gegenwärtig schon Luftballons bauen kann, die 
eine Schnelligkeit von 10 bis 12 Meter (33 bis 38 Fuss) besitzen. 
Renard's Reuard hat der französischen Akademie der Wissenschaften mit- 

ueaes Luft- 
schiff, geteilt, dass das neue Schiff des Erfinders 3200 Kubikmeter Wassergas 

fasst und einen Motor von 36 — 40 Pferdeki'aft trägt, was die Möglichkeit 

giebt, dem Ballon eine Schnelligkeit von 10 Meter (33 Fuss) in der Sekunde 

mitzuteilen. 

Versuche In Russlaud werden auch Versuche mit der Lenkbarbeit des Luft- 

iu KusslAud. 

ballons angestellt. So sind in Gura-Kalvaria Proben mit einem mit Motor 
versehenen Ballon von länglich runder Form angestellt worden, und wie 
verlautet, mit Erfolg.*) 
Neue Vor- Das letzte Wort in der Lnftschifffahrt ist indessen noch nicht 

rtchtungen 

fftr die gesprochen und beständig erscheinen neue Vorschläge, um die noch vor- 
LeukbMkeit j^andenen Schwierigkeiten zu beseitigen. 
bäUous. j^ ^^^ „Revue des inventions nouvelles" sind Zeichnungen neuer 

Vorrichtungen für die Lenkung von Ballons abgebildet. Wir geben sie 
nebenstehend wieder. 

Die Flügel sind paarweise verbunden und schlagen in der Luft ab- 
wechselnd; sie haben die Form von Flügeln der Wasserheuschrecke 
Oibellula) und bestehen aus leichten an einer festen Achse angebrachten 



^) Loben : „Jahresberichte", 1894. 



Mittel zur BeobEtchtung. — Freie Luftballons. 



191 



Platten von einer mit Lack überzogenen Materie. Der Vorteil dieses 
Motors bestellt darin, dass er in der Mitte der Oberfläche des Ballons 
wirkt, d. h. dort, wo der Widerstand am stärksten ist. Der Erfinder be- 
hanptet, dass diese Flügel eine dreifach stärkere Wirknng ansähen als 
die Schranbe. 

Flg. 1. Fig. 1. 



Luftballon mit Flügeln. 



Fig. 1 ze^ die einzelnen Bestandteile der Flügel; Fig. 2 den 
Längsschnitt and den Halbanfzng des Ballons, Fig. 3 den Querschnitt 
des Ballons und Fig. 4 die Gesamtfomi desselben. 

Der Luftballon besteht aus zwei Zylindeni, zwischen denen ein freier 
Raum gelassen ist, die aber durch einen inneren Schlauch mit einander 
verbunden sind, was die Gleichheit des Drucks des Gases in ihnen sichert, 
wenn sie .sich in horizontaler Lage befinden. Sobald aber der Ballon sich 



192 n. Die Hilfsmittel. 



nach der einen oder anderen Seite neigt, schliesst sich der Schlauch so- 
gleich durch eine Klappe, so dass das Gas nicht ganz in den oberen Teil 
des Apparats übergehen kann, was das Gleichgewicht in dessen Thätigkeit 
stören würde. Die Stoffhülle dieses Luftballons ist dieselbe wie bei 
anderen Ballons. 

Der Ballon ist ein „gradflüglicher", d. h. mit Flügeln nach Form 
derer von Insekten versehen, welche sich fächerartig zusammenlegen 
und auf dem Prinzip der Nachahmung des Vogelfluges beruhen. Er 
entspricht den von Renard über die Thätigkeit der Flügel bei den 
Vögeln geäusserten Ansichten, aber die mit ihm angestellten Versuche 
waren insofern nicht erfolgreich, als er sich nicht gegen den Wind 
bewegen kann. 

Die Wissenschaft hat jedoch in der letzten Zeit so gewaltige und 
völlig unerwartete Erfolge erzielt, dass die 1885 erhaltenen Resultate 
schon als veraltet gelten müssen. 

Hoifinmgen Eiustweileu hat sich die Hoffnung, Ballons lenken zu können, noch 

spesiaiisien uicht realisiert, aber die Spezialisten sind überzeugt, dass eiji volley' Erfolg 
bezüglich j^ naher Zukunft erreicht wird. Leo Deckst) giebt die in einem öffentlichen 
'''*^LuS^*"' Vortrag gesprochenen Worte des Ingenieurs wieder, welcher zuerst einen 
■ciiiflFfahrt Ballon gebaut, der einen bestimmten Weg durchmass und zum Ausgangs- 
punkte zurückkehrte : „Die Zeit ist nicht fem, welche eine eigene Ali; von 
Schiffen sehen wird, welche in der Luft dahin schweben ; einige, schwerer 
als die Luft, werden zum raschen Flug auf grosse Entfernungen dienen; 
andere, welche leichter, aber ebenfalls lenkbar sind, werden in kleineren 
Entfernungen mit geringerer Schnelligkeit und nur bei stillem Wetter 
verkehren." Nach populär gehaltenen, aber doch streng wissenschaft- 
lichen Werken werden die lenkbaren Ballons einen elektiischen Motor 
haben. 

Eiekfcrischo So wird der Motor des Ballons „La France" durch die Batterie 

dIJT ^^^^d ^^ Bewegung gesetzt, welche die leichteste von allen sein soll und 
maschinell uur ein Gcwlcht von 25 Kilogi'amm zur Entwickelung einer Pferdekraft 
LuftbaiioM. während einer Stunde hat. Was die Akkumulatoren betrifft, so ist ihr 
Gewicht auf die Hälfte des der früheren Akkumulatoren reduziert, 
welche als die vollkommensten galten. Man spricht aber bereits 
von so leichten und dabei so starken Dampfmaschinen, dass dieselben 
ohne Unterbrechung oder Schwächung bei dem Gewicht von nur 13 Kilo- 
gramm (d. h. dem halben Gewicht fiii' elektrische Motoren) eine Pferde- 
kraft im Laufe einer Stunde entwickeln können. 



>) „Revue seien tifique" 1893 No. 20. 



Ufi 



Bd. I. Elnrogw bsi S«lta IBB. 



H)tt«l znr Beobochtong. — Freie Loftballons. ] 93 

Wir geben im Nachstehenden aus der „Revae scientifique" die i-«<«>«"1ob 
Zeichnung eines Ballons, der mit einem so leichten Dampfmotor ans- Dun^fDotor 
gerostet ist. 



Anscheinend ist noch eine weitere Gewichtsverminderung der 
Motoren möglich. Nach Mitteilnng des Ingenieurs Maxim ist es ihm 
gelungen, einen fliegenden Apparat mit einer Dampfmaschine von nur 
4 Kilogramm Gewicht anf eine Pferdekraft nnd eine Stunde Arbeit her- 
zustellen, welche bis 200 Pferdekräfte entwickeln kann. Wenn man die 
Materialien für die Thätigkeit der Maschine (Wasser, Feuerung, Schmier- 
öle) hinzurechnet, so wird die Maschine 10 bis 11 Kilogramm auf eine 
Pferdekraft und eine Stunde Arbeit wiegen. 

Dieser Apparat der Zukunft („Aeroplan") sieht folgendermassen aus : 



194 n. Die HUfsmittel. 



^^eu^lTor^^ Nach der Berechnung Maxim's kann ein solcher fliegender Apparat 

Fing- im Laufe von 10 Stunden bei einer Geschwindigkeit von 20 Meter (65 Fuss) 

apparate. .^ ^^^ Sckunde, also 72 Kilometer (67,5 Werst) in der Stunde mehr als 
350 Kilogramm (2IV2 Pud) Last tragen, ungerechnet Kohle und Wasser, 
welche für die Thätigkeit des Apparats erforderlich sind. Mit den künftigen 
Luftballons, welche in der Stunde 40 Kilometer (37V2 Werst) zurücklegen 
und ohne Unterbrechung 10 Stunden hindurch fliegen können, wird man 
den Weg zwischen Paris und Marseille (650 Kilometer = 603 Werst in der 
Luftlinie) in 16 Stunden durcheilen können, indem man nur einmal Halt 
macht, um sich mit Kohle und Wasser zu versorgen. Auf dem „Aeroplan" 
dagegen, von welchem Maxim spricht, wird man diesen Flug in 9 Stunden 
ohne Aufenthalt durchführen können. „Derartig sind — schreibt Leo 
Decks zum Schluss — die Eesultate, welche man in absehbarer Zeit ohne 
weitere Ei-findungen, lediglich durch Vervollkommnung der schon jetzt 
bekannten Methoden der Luftschiflfahrt erwarten kann." 

Die „Militär-Zeitung" 6) versichert, dass auch der vor fast zehn 
Jahren von Eenard und Krebs hergestellte Ballon jetzt so vervollkommnet 
sei, dass man bei Windstille mit ihm Fahrten von 320 bis 400 Kilometer 
(300 bis 375 Werst) bei einer Schnelligkeit von 40 Kilometer (37,5 Werst) 
in der Stunde ausführen kann. Als Motor dieses Luftballons dient eine 
vorn befestigte Schraube, die durch eine Maschine in Bewegung gesetzt 
wird, bei welcher die Dampfkraft dui'ch irgend ein Gas ersetzt ist. Hinten 
befindet sich das Steuer. 

wottflüge ^s Beweis dafür, dass sich in dieser Hinsicht bei entsprechender 

der 

Luftschiifer. Sachkenutuis gewisse Eesultate erreichen lassen, dienen die Wettflüge von 
Luftschiffern, die in Frankreich, Belgien und England häufig unternommen 
sind. Es wurde gefordert, dass gleichzeitig abgelassene Luftballons an 
einem gewissen Punkte zugleich anlangten, der sich im Gebiet der Wind- 
richtung befand und vorher auf der Karte vermerkt war. Die Thatsache, 
dass französische Luftschifl'er (Godard) wiederholt die ersten Preise ge- 
wannen, einen Weg von 60 bis 100 Kilometern (66 bis 93 Werst) zurück- 
legten und sich nur 3 bis 5 Kilometer (3 bis 4,5 Werst) von den Punkten 
entfernt niederliessen, die das Ziel ihres Fluges waren, kann unmöglich dem 
reinen Zufall zugeschrieben werden. 

Besichtigung Beispiele für die Verwendung von Luftballons zur Besichtigung feind- 

der 

Feinden- Uchcr Stellungen sind auch aus früheren Zeiten vorhanden. Während des 
Btoiiangen uordamerikanischeu Bürgerkrieges durchschnitt ein Luftschifler der Süd- 
^"^^iüL^^"^ Staaten (La Mountain) das Tau eines ßeobachtungsballons bei Washington, 
besichtigte die Lage der Nordtruppen, erhob sich höher und kehrte unter 

6) No. 28. April 1893. 



ans. 



Mittel zur Beobaclitung. — Freie Luftballons. I95 

Benutzung eines günstigen Windes mit wichtigen Nachrichten zu den 
Seinigen zurück. Bei der Einnahme von Yorktown gab ein anderer Luft- 
schiflfer dem Chef der Artillerie mittelst Telegraphendrahts von der Gondel 
aus Nachrichten über die Stellung der feindlichen Geschütze und An- 
weisungen für die Richtung der Geschütze. "0 

Alles dieses beweist, dass die in der Luftschifffahrt erzielten Erfolge Einfloas auf 
sehr ernste Aufmerksamkeit verdienen; solange aber die Praxis nicht und 
zeigt, dass die Luftballons bei den stärksten Winden und selbst bei ^*'*'®»*^- 
Stürmen im Stande sein werden, sich frei zu bewegen, wird ihre Ver- 
wendung im Kriege noch immer grossen Zufälligkeiten unterworfen sein. 

Da es jedoch anscheinend keinem Zweifel mehr unterliegt, dass bei 
stillem Wetter Luftballons sich 10 Stunden halten und in der Stunde 
40 Kilometer (37,5 Werst) zurücklegen können, so können die Rekognos- 
zierenden 100 bis 200 Werst vor ihren Truppen das Gelände beobachten. 
Der Nutzen von Luftballons auf dem Schlachtfelde ist natürlich gross, 
noch grösser aber ist er, wenn man mit ihrer Hilfe rechtzeitig Nach- 
richten über die Stellung des Feindes erhält und auf Grund dieser 
verfügen kann, wie die eigenen Truppen in vorteilhaftester Position auf- 
zustellen sind. So wird der Luftballon nicht nur zur Entscheidung taktischer, 
sondern, was noch wichtiger, auch strategischer Aufgaben dienen, ß) 

Um die Bedeutung der Luftballons noch zu verstärken, beabsichtigen .Aufnahmen 
Techniker, die Ballons nicht nur zur Besichtigung der feindlichen peindes- 
Stellungen, sondern auch zu photographischen Aufnahmen zu verwenden. »*«ii«^on 

Die Praxis hat gezeigt, dass man sowohl von Fessel- wie von freien ®*"^"*'- 
Ballons photographische Geländeaufnahmen machen kann, was ohne Frage 
von grosser Bedeutung ist. Es hat sich ergeben, dass in 1100-Meter- 
Höhe bei einer Windschnelligkeit von 6 Meter in der Sekunde Aufnahmen 
von Baulichkeiten ausgezeichnet gelingen und Strassen, Flüsse, Eisen- 
bahnen sich als Streifen darstellen. 

Zur Probe geben wir auf der folgenden Seite eine solche photo- 
graphische Aufnahme, welche Tissandier kürzlich vom Ballon aus ge- 
macht hat. 

Die über Paris in der Höhe von 605 Meter aufgenommene und hier 
heliographisch^) wiedergegebene Photographie ist von der wünschens- 
wertesten Deutlichkeit; sie ist bei einem Aufstiege am 19. Juni 1885 
angefertigt worden. 



Lavergne-Pogailhen : „Militär- Wochenblatt". 1886. 

*) Michnewitsch: „Einfluss der neuesten technischen Erfindungen". 

*) „Sciences appliquöes k Tart militaire". 

13* 



n. Die H3&iaittel. 



FhotoKiuplüe, die über Paris in der Hölie vod (i05 Meter abgenommen ist. 

""m^ Der photograpMsche Apparat war am Rand des Korbes befestigt 

lOB uEd drehte sich anf einer vertiltal gestellten Axe {siehe Zeichnung). 



Apparat zum Fhotographieren Tom Luftballon sua. 

Tf-AM 2nr Einschiebniig einer neuen Platte und Aufnahme waren nur 

Anruhms. li/g Sekunden erforderlich. Während der Zeit des Fluges über Paris 

von Autenil nach der Porte Saint -Martin (von 1 Uhr 40 Minuten bis 



Mittel zur ^Qlbaclitimg. — tVeie tiuftballons. l§t 

2 Uhr 12 Minuten) sind 5 völlig deutliche photographische Ansichten 
aufgenommen worden. 

Auf Seite 198 geben wir aus „Nature"io) die Zeichnung einer photo- a«*"*»« 



Yon 



graphischen Ansicht, welche im Jahre 1886 zu Paris von einem Militär- Parfs von 
Luftballon aus aufgenommen worden ist, der aus dem Park von Medonc Höhe. 
bei einer Windstärke von 10 Metern (32,8 Fuss) in der Sekunde aufstieg. 
Im Moment der Aufnahme befand sich der Ballon in der Höhe von 
600 Metern über den „Champs Elys6es". In der Mitte der Zeichnung lässt 
sich der Triumphbogen „Etoüe" und die Richtung der dahin führenden 
Strassen leicht erkennen. Der Verfasser des Artikels, Tissandier, sagt, 
dass auf dem Original alle Gegenstände völlig deutlich und sogar die 
einzelnen Bäume wahrnehmbar sind. 

Es ist zu bemerken, dass zur Erzielung einer deutlichen Aufnahme ß^^insrnngen 

° , . _ j und Wert 

der Ballon sich nicht höher als 2—3 Kilometer über der aufzunehmenden der 
Oertlichkeit befinden darf.^i) Nach dem Zeugnis der Spezialisten kann ^''^'^"•°' 
maii jedoch jetzt auch auf weit grössere Entfernungen photographieren. 
Im vergangenen Jahre sind Vergrösserungen von Negativs einer An- 
sicht gemacht, welche von der Höhe des Montblanc aus mit Hilfe von 
6 Teleobjektivs aufgenommen wurde. In diesen Aufnahmen konnte man 
die Gesichter der im Chamounix-Thal wandelnden Personen erkennen. 
Es ist demnach bereits möglich, photographische Aufnahmen von einer 
solchen Höhe oder Entfernung aus zu machen, welche kein Schuss erreicht. 
Da weiter bei der sogenannten Moment-Photographie die Kammer nur den 
200. Teil einer Minute, d. h. etwa 1/3 Sekunde geöffnet zu sein braucht, 
so hindern auch die Schwankungen des Luftballons nicht die Deutlich- 
keit der Aufnahmen. Dazu erlauben die jetzigen Apparate auf sogenannten 
Films (Celluloids) zwei Ansichten, eine nach der andern, mit unglaublicher 
Schnelligkeit aufzunehmen. Mit einem Wort, die Photographie vom Luft- 
ballon aus hat bereits solche Fortschritte gemacht, dass die bei günstigen 
atmosphärischen Bedingungen von der Flughöhe aufgenommenen Ansichten 
an. Deutlichkeit und Reinheit denen, welche auf dem festen Erdboden 
gewonnen werden, nicht nachstehen. 

Es giebt auch besonders zum Zweck des Photographierens erbaute vewnciie mit 
Fesselballons mit selbstthätigen, d. h. mit solchen Apparaten, die in Aktion schwebenden 
treten, sobald der Ballon eine bestimmte Höhe erreicht. Solche photo- ma"i^en 
graphische Ballons haben in England schon im Jahre 1884 sehr günstige ^J-^^J«^^^^^ 
Eesultate ergeben. ^2) Man hat auch versucht, Geländeaufnahmen mit graphiBcher 

Anftiahmen. 



10) „La Nature", 1886 No. 705. 

") „Les baUons k la guerre". Paris 1892. 

") „Les ballons k la guerre". Paris 1892. 



It. Die Hilftouttel. 



Photographie, die in der Höhe von 500 Uetem über Paris bei Wind abgenommen ist. 

Hilfe photographischer Apparate zu gewinnen, die unter kleinen Ballons 
angehängt sind, wobei man den Apparat von unten mit Hilfe der 
Elektrizität dirigierte. 
seibiithitiie In Chatham hat der Ingenieur Major Elsledom im Jahre 1884 

gnphbeh» bemerkenswerte Resultate erzielt. Er Hess Fesselballons ohne Passagiere 
in'ßi^imd. «teigcn, die mit selbsthätigen photographischen Kammern versehen waren. 
Sobald der Ballon eine bestimmte Höhe erreichte, trat der Apparat in 
Aktion und auf dem Negativ wurde ein Bild erzeugt; mithin sind die 
Versuche als geglückt zu erachten. 
Ainiiiinie Die vom freien Ballon aus im .Jahre 1886 anf den Manövern des 

oeitnden. &■ frauzösischcn Armeekorps von Major Fribour, dem Chef der photo- 
graphischen Abteilung bei dem geographischen Depot der französischen 
Armee, angestellten photographischen Versuche ergaben Aufnahmen von 
ungewöhnlicher Genauigkeit, von denen bei einer l'/afachen Vergrössemng 
vorzügliche Abdrücke erzielt wurden. 

Mit Hilfe einiger Apparate auf einem Ballon lässt sich demnach 
eine ganze ßeihe topographischer Abbildungen herstellen zur Aufstellung 
eines genauen Planes des Geländes. 



Uöglichkeit, Geschosse von den LnftbsHons zu schleudern. 199 

3. Möglichkeit, Geschosse von den Luftballons 
zu schleudern. 

Es ist wohl natürlich, dass das Vorhandensein von Luftballons b™u^- 
schon lange auf den Gedanken geführt hat, gegen den Feind von der LonbriiÖD« 
Höhe ans zu wirken. Schon im Jahre 1848 warfen die Oesterreicher ""■ 
gegen Venedig von Luftballons ans Bomben mit Uhr-Mechanismen. Es 
ist jedoch klar, dass erst die Vervollkommnung der Luftballons und die 
Erfindung von Sprengstoffen, welche stärker sind als Pulver, derartigen 
Unternehmungen einen gewissen Erfolg sichern können. 

Die Verwendung der Luftballons für solche Zwecke hat jedoch einst- BaaLngoBgen 
weilen, da die Lenkung derselben noch nicht sicher ist, keine praktischen ".n. 
Eesultate geliefert. In jedem Fall müssen die Insassen eines solchen *"^"'•■ 
angreifenden Ballons mit den 
Gesetzen der Meteorologie 
und der Luftschiiffahrt gut 
Bescheid wissen. Sonst 
könnte es sich ereignen, dass 
die vom Luftballon ans ge- 
worfenen Geschosse nur den 
eigenen Truppen Schaden zu- 
fügen. Der moralische Ein- 
druck eines sich über den Be- 
lagernden erhebenden Ballons 
muss dagegen um so gewalti- 
ger sein , als diese nicht wissen 
können, wo der Ballon sein 
Sprenggeschoss auswerfen 
wird. Vom Lnftschiffer hängt 
es ab, unter Anpassung an 

Elchtnng ^nd Kraft des (.„^ÄiSf^ÄIU,. 

Windes die Fluglinie so zn 

berechnen, dass sie über die wichtigsten Bauten der Festung geht, von 
ihm hängt es ab, das Geschoss dorthin zu weifen, wo es nötig ist. 

So lange aber noch nicht endgiltige Methoden zur genaueren Lenkung 
des Fluges ausgearbeitet sind, kann man sich auch noch nicht auf den 
Luftballon als auf ein Angriffsmittel und eine Waffe verlassen. 

In Amerika werden Versuche gemacht, zum Werfen von Dynamitbomben ^«""fh« mit 
lenkbare Luftballons des Systems General Rüssel Thayer zu verwenden, werftn .0= 
In den „Sciences appliqnfies ä l'art militaire" finden wir die Beschreibung 



200 n. Die Hilfsmittel. 



folgender in Amerika ersonnenen Vorrichtung: ein kleiner Ballon, der eine 
Last von 50 bis 250 Kilogramm hebt, hat unter sich an einem Haken ein 
Pulvergeschoss, an welches an einem Strick ein Torpedo angehängt ist. 
Sobald der Ballon über dem ins Auge gefassten Punkte steht, wird das 
Pulver im Geschoss vermittelst eines elektrischen Stromes entzündet, 
verbrennt den Strick und der Torpedo fallt nieder. Der Autor des Artikels 
hält diese Methode bei der geringen Treffwahrscheinlichkeit für unpraktisch. 
Aber auch diese Methode kann vervollkommnet werden. Der französische 
Luftschiffer Lhoste warf, wie man erzählt, vom Luftballon aus Korkkugeln 
auf die im Hafen von Bordeau befindlichen Schiffe und traf fast immer 
das Ziel. Ein völlig erfolgreiches Werfen gi-össerer Lasten vom Ballon 
aus lässt sich jedoch einstweilen nur durch das Zusammenwirken von 
zwei Luftballons erzielen ; auf dem einen, der die Rolle des Motors spielen 
wird, werden sich Leute befinden, während die Geschosse auf dem anderen 
plaziert sein werden* 
Gegen- Allen Auzeicheu nach ist der Moment der Verwendung der Luft- 

waitager ^ 

Stand aar ballous zum Werfen von Explosivstoffen sehr nahe. Die in dieser Hinsicht 

fahrt*und erreichten Erfolge sind so gross, dass es anscheinend nur noch eines 

^°2^^i^*' öinzig^n genialen Kunstgriffs bedarf, um das Ziel zu eneichen. Die 

Aufgabe selbst ist, wie wir gesehen haben, ganz genau formuliert, was 

in diesem Falle natürlich sehr wichtig ist. 

Lufibauon Kaiser Wühelm hat seiner Zeit auf Gesuch der Berliner Universitäts- 

Kftiser 

Wilhelms. Professoren mit dem berühmten Helmholtz an der Spitze, eine Geldbeihilfe 
zu dem Bau eines Ballons gewährt, welcher 6000 Kilogramm (305 Pud) 
Gas fasst und folglich eine Last von 5000 Kilogramm hebt. 

Wichtigkeit Wenn wir annehmen, dass davon auch nur 2000 Kilogramm (122 Pud) 

derLöanng ' o \ / 

der auf Dynamit entfallen, so ist klar ersichtlich, von welchem Einfluss ein 
fahit-Fnlge. solcher Faktor auf den Ausgang des Krieges und somit überhaupt auf 
die Möglichkeit der Kriegsfühning sein muss. 

Die Wissenschaft hat jedoch in der letzten Zeit ganz neue Bahnen 
betreten. 

Im vorigen Jahre wurde im Britischen Verein der Oxforder Uni- 
versität ein Vortrag gehalten über einen Luftballon, den der bekannte 
Konstrukteur der Schnellfeuergeschütze und Mitrailleusen, Hiram S. Maxim, 
ersonnen hat. Die Lords Kelvin und Ragleigh, in England sehr bekannte 
Gelehrte, äusserten: 

8. Maxim's ^Die Versuche, welche Herr Maxim während der letzten vier Jahre, 

Haschine. iu deu Zwischeuräumeu seiner geschäftlichen Thätigkeit auf dem Gebiete 

seiner wohlbekannten selbstthätigen Schnellfeuergeschütze angestellt hat, 

haben als Ergebnis erzielt die Konstruktion einer Maschine von ganz 



Mögliolikeit, Geschosse von den Luftballons zu sohleudera. 201 

riesigen Dimensionen, die mit einer Fülle mannigfaltiger, höchst wichtiger, 
wissenschaftlich hedeatsamer Instromente versehen ist." 



Maxim' s Klagmasohine. 



Form der Maschine mit ihrem Rumpf aas leichtem Stahlgeröst, bedeckt , 
mit Segeltuch, and ihrer ungehenreu oberen Luftfläche von 2000 Quadrat- 
fuss, die ergänzt wird durch fünf engere Spreiten von Segeltuch auf 
beiden Seiten. 

Znm Treiben der Zwillingsschrauben von 17 Fuss 10 Zoll Durch- i 
messer wurde- eine Doppel-Compound -Maschine von 300 Pferdekraft, 
leichtester Konstruktion, verwendet, getrieben durch Dampf, der erzeugt 
wird durch Verbrennung von Gasolin in einem keilförmigen, röhren- 
artigen Kessel, welch' letzterer mit beschleunigter Zirkulation versehen 
und fähig ist, mehr Wasser als irgend ein anderer bis jetzt erbauter 
desselben Gewichts zu verdampfen 

Der Kessel wird von dem Dach der Kabine getragen und der Motor 
steht auf einem Gestell von einigen Fuss Höhe, um das erforderliche 
Niveau der Schraubenachse zu erreichen, üeber dem Ganzen breitet sich 
ein Aeroplan aus von 150 Quadratmetern. Er ist 16 Meter breit, wozu 
uoch an jeder Seite em Flügel von 12 Metern kommt, so dass die Gesamt- 
breite 40 Meter beträgt. Zwei andere Flügel sind an der Basis der 
Gondel angebracht und in verschiedenen Höhen können noch drei weitere 
Paare dazwischen befestigt werden. Das Ganze wird von einem Gestell 
oder Gerüst ans Stahlrohren und metallischem Tauwerk getragen, das 
durch vorzüglich gearbeitete Holzrahmen gesteift wird. Die Flügel sind 
ganz fest angebracht, können aber auf- und abklappen, was durch zwei 
Horizontalsegel vorn und hinten bewirkt wii-d; sie werden durch Taue 
and durch ein Ead auf dem Dache der Gondel geleitet. Was die 



202 H- I>ie Hilfsmittel. 



horizontale Fortbewegung betrifft, so wird sie durch zwei Schrauben 
erzielt. Der Apparat wiegt leer 800 Kilogramm. 
BM«itote ^s 4as Gas bei den Versuchen bis zu einer Druckstärke von 

der Vereaene. 

310 Pfund auf den Quadratzoll gestiegen war und die Schrauben eine 
Stosskraft von über 2100 Pfund aufwiesen, da schoss die Maschine vor- 
wärts mit der reissenden Geschwindigkeit von vierzig Meilen in der 
Stunde, und nach einem Vorrücken um 300 Fuss zeigte der Dampfmesser 
einen Druck von 320 Pfund auf den Quadratzoll. 

Aber in diesem Augenblick verhakten sich die Schrauben in dem 

Gerüst, das die Bahn einrahmt, einer der Arme gerieth aus seiner 

Stellung heraus, das Ganze wurde aus der Flugbahn herausgeschleudert 

und wurde durch andere Teile des Gerüstes zum Stillstand gebracht. 

Die Maschine stürtze sodann mit ihrer Mannschaft, aber glücklicherweise 

auf unbebauten Boden, so dass sie nicht allzuviel Schaden erlitt. Aber 

damit hält Herr Maxim sich noch keineswegs für überwunden; vielmelir 

nimmt er seine Versuche aufs Neue auf.O 

fiadflvtiiBff Nach Ansicht des Erfinders, die von den obengenannten Autoritäten 

Jil<iune f£ bestätigt wird, ist die Leistungsfähigkeit dieser Maschine, als einer Kriegs- 

£^g. Maschine, von solcher Bedeutung, dass sie für Festungswerke, Schiffe und 

Armeen weit wichtiger ist, als die eventuelle Ueberlegenheit des Feindes 

in Bezug auf Waffenausrüstung. 

Der Verfasser einer deutschen Broschüre sagt: „Wer In der Luft den 
Herrn spielen kann, der hat den Feind in seiner Hand, beraubt ihn durch 
Zerstörung von Brücken und Wegen der Verkehrsmittel, legt seine Magazine 
in Asche, versenkt seine Flotte, trägt Verwirrung in die Reihen seiner 
Armee und vernichtet diese in der offenen Schlacht und auf dem Rückzuge". 
Die Phantasie der Engländer ruht in dieser Hinsicht nicht. 

In einem den zukünftigen Krieg Englands behandelnden Werke 
wird nebenstehendes Bild der Vernichtung einer Invasionsarmee gegeben. 

Jedenfalls scheint eine Gefahr sehr nahe zu sein, gegen welche die 
Welt nicht gleichgiltig bleiben kann. 

zvkimftB- Das Ende unseres Jahrhunderts zeichnet sich durch Versuche mit 

"* der lenkbaren Schifffahrt sowohl in der Atmosphäre als auch in den 
Tiefen des Ozeans aus. Der Einfluss, welchen zu Lande der Flug lenk- 
barer Luftballons auf den Gang eines Krieges ausüben kann, ist ebenso 
schwer vorherzusehen als die Folgen der Wirksamkeit unterseeischer 
Fahrzeuge auf den Meeren. Welchen Zwecken wird der Luftballon in 
einem zukünftigen Kriege dienen? 



Piguier: „L'ann^e scientifique et industrielle", 1895. 



Vernichtung einer Armee vom LuHballon aus. 



Die Beleuchtung Eur Kriegszeit. 203 

Wird er als photographischer Kundschafter oder als militärische i*''»»»*»«»« 

kAnnen 

Luftpost verwandt werden? Wiid er in seiner Gondel Vemichtungs- KrjagfahMiig 
Werkzeuge und Sprengstofie führen? Bietet sich vielleicht der Welt das '"lllllSen.^ 
Schauspiel eines Krieges in der Luft, wo ein Ballon den anderen angreift, 
ja vielleicht ganze Schwadronen von Luftballons mit einander kämpfen 
and auf die Erde Luftschifie und mit ihnen deren totbringende Geschosse 
herabschleudem? 

Wenn wir in Wirklichkeit so weit sein werden, wird die Schifffahrt 
in den Wolken eine Annäherang der alten an die neuen Weltbegriffe 
anbahnen. 



4. Die Beleuchtung zur Kriegszeit. 

Der Charakter der gegenwärtigen Ausrüstung und Taktik ist ein ^^^ 
derartiger, dass, wie wir bald beweisen werden, die Notwendigkeit ein- nAohtueiier 
ti-eten wird, Angriffe, wie überhaupt verschiedene Operationen auch zur ^'***^"*"- 
Nachtzeit auszuführen. In Folge dessen liegt das Bedürfnis vor, die 
Belenchtungsmittel zu vervollkommnen und sie den Zwecken des Kiieges 
anzupassen. So sind jetzt in allen Armeen Petroleumfackeln eingeführt; 
ihr Licht ist jedoch sehr schwach und kann nur eine sehr begrenzte 
Anwendung finden. 

Seit lange werden neben anderen Mitteln für Kriegszwecke Raketen aiu und 
mit Hülsen aus Zinkblech verwandt, welche von der einen Seite ge- kommnete 
schlössen und mit Brennstoffen (Salpeter, Schwefel, feines Schiesspulver, 
Schwefelantimon) angefüllt sind, die, so lange sie brennen, leuchten. 
Sobald die genannten Stoffe in Brand geraten, entzündet sich das Zink 
ebenfalls. Eine solche Hülse leuchtet während 12—15 Minuten in einem 
Umkreise von 100 Meter. 

In den deutschen Militärkreisen spricht man von Raketen, welche 
auf 10—11 Sekunden eine Fläche von 700 Meter (328 Faden) Länge und 
500 Meter (234 Faden) Breite, vom Punkte des Aufstiegs der Rakete 
gerechnet, beleuchten können. Mit Hilfe dieser Raketen wird es möglich 
sein, eine Gegend auf IV4 Werst Distanz von der eigenen Stellung in 
Augenschein zu nehmen. Selbst eine einzige Rakete ist zur Erzielung 
dieser Wirkung genügend. 



B»k«ten. 



Kaket«. („Waffenlehre".) 



a. Die Hilfsmittel. 





Wirkung einer Rakete. (Bnjadewslij: „Eursos der Artillerie".) 

Aus Mörsern können 10-, 8- und ö^/aZöUige Leuchtkugeln abgefeuert 
werden, die den Vorzog haben, dajss ihre Wii-kung durch den Feind nicht 
gestört werden kann. 

DieFiillnng, aus Sal- 
peter, Schwefel niid Peeh 
bestehend, leuchtet bei den 
10-zölligen Kugeln 3 Minu- 
ten, bei den 8-zöUigen 
1 Minute 40 Sekunden und 
bei den kleinsten 1 Minute 
lang. 

Die nebenstehenden 
Zeichnungen derartiger 
Lenchtkngeln sind so klar, 
dass sie keiner weiteren 
Erklärung bedürfen. 

Ausserdem werden 
vor den Stellungen der 
Truppen Patronen mit 
bengalischem Feuer aus- 
gestreut, welche sich, so- 
bald man auf sie tiitt, 
entzünden, ein starkes 
Licht verbreiten und anf 
diese Weise die Bewegung 
des Feindes zu erkennen 
geben. Allein in . Anbe- 
tracht der Vervollkomm- 
nungen in den derzeitigen 



Beleuchtung mittelst Hand-Seheinwerfers. 



Dos Licht im Haad Scheinwerfer wird erzeugt, indem man ein im Mittel- 
punkte des versilberten parabolischen Keflektors angebrachtes Platin ostückc he n 
durch eine Stichflamme bis zur Weiasglut erhitzt. Der Apparat wiegt zusammen 
mit seinem Behälter nicht mehr als SVa Kilogramm und kann bequem auf der 
Schulter getragen werden. Im Behälter ist Platz für den Handgri ff, den 
Reflektor und eine Gummibirae zum Anblasen. Der Griff wird mit einem 
mineralischen Brennöl, welches bis nahe an das Piatina dringt, angefüllt und 
trägit die Gummibirne; ein Druck auf dieselbe ruft einen Luftstrom hervor, 
welcher eine Stichflamme auf das Piatina lenkt und dieses zum Glühen bringt. 

Dieser Scheinwerfer giebt ein blendendes Licht, welches auf eine Ent^ 
fernung von löO Meter zu lesen erlaubt und noch auf 200 Meter einen Platz 
von etwa 50 Quadratmeter hell erleuchtet. Das Licht leuchtet, so lange man 
auf die Birne drückt und so lange noch Gel im Griff ist; ist dieser ganz geriillt, 
30 reicht das Oel für eine Stunde ununterbrochenen Brennens aus. 



Die Beleuchtung kut Kriegazeit. 2^ 

Angrifis- und Verteidigungsmitteln, sowie anch in Anbeb-acht der Erforder- 
nisse der derzeitigen Taktik sind alle diese mehr oder weniger geist- 
reichen, aber nur anf kurze Zeit wirksameu Mittel unzulänglich; die 
Aufgabe gipfelt in der Hauptsache darin, ein starkes, ständig brennendes 
Licht zu besitzen. 

Die Neuzeit besitzt nun in dei- Elektrizität eine Quelle des Lichtes, ^J,"'^f 
welche sich den Anforderungen des Krieges vollständig anzupassen vermag; «irttrischen 
die Schwierigkeit ist aber die, dass der Transport des Dampfmotors, nebst 
der entsprechenden Ladung Kohlen und der dynamo-elektrischen Maschine 
mit Umständen verknüpft ist und eine grosse Zugkraft erfordert., während 
doch die Lichtquelle möglichst beweglich und durch schnellen Transport 
auf jeden Punkt iiberfiihrbar sein muss, wo sie sieh nötig erweisen sollte. 



B«l«sehtiiBg, 



Lokomobile mit Dynamomaschine für elektrische Beleuchtung. 

In dieser Beziehung ist aber schon sehr viel geschehen. Gegenwärtig i"*!«»»' 
baut man Lokomobilen, welche nur 2000 Kilogramm (122 Pud) wiegen n^L 
und 40 bis 45 Kilogramm (2 bis ^U Pnd) Kohlen in der Stunde ver- "'"'''' 
brauchen. Das Licht, welches vermittelst Dynamomaschinen erzeugt wird, 
die durch diese Lokomobilen getrieben werden, besitzt eine Stärke von 
4000 Carcelles-Lampen oder von 35000 Kerzen.') 

Die „Revue du Cercle Militaire" teilt die Resultate mit, die bei 
Manövern erzielt wurden. Der Scheinwerfer ermöglichte, auf 5000 Meter 
Entfernung Hänser zn sehen, auf 3000 Meter die Bewegung der Truppen 
genau zu verfolgen. 

') „Militärische Blütter". 



206 U. Die EilfamitteL 

ss^toi.erf.f Beistehende Dlnstration stellt einea aoldien falirbaren Scheinwerfer, 

Hugin}. nach dem System Mangin, dar. 



Scheinwerfer (System Mangin) auf einem Wagen montiert. 

Ausserdem werden anch lenkbai-e Scheinwerfer zoin Beleuchten und 
Signalisieren gebaut. Wir bringen auf Seite 207 Zeichnungen eines 
Scheinwerfers nur zu Beleuchtungszwecken nnd eines solchen, der auch 
zum Signalisieren eingerichtet ist.«) 
wirkui i«r Es zeigte sich bei den erwähnten Manövern, dass mit Hilfe 

sdwb." dieser Apparate auf Entfernungen von 800 Metern die kleinsten Be- 
"•''"■ wegungen der Truppe erkannt werden konnten. Indem man die Stellung 
des Trägers verändert, lässt sich die Weite des Strahlenbundels nnd 
somit der Umfang des beleuchteten Platzes regeln. Mit Hilfe des frei 
beweglichen Apparats kann der Beobachter das Strahlenbündel nach 
Belieben lenken, mit dem Scheinwerfer in Bezug auf Höhe und Rich- 
tung nach Wnnsch in verschiedenen Schnelligkeitsgraden operieren nnd 
andererseits im gegebenen Moment plötzlich alles in Finsternis versinken 
lassen. 



>) Wetter: „Traiti de T^Hgraphie optique". 



Die Beleuchtung eut Krjegsieit. 207 

Hierbei kann nicht genag die Wirkung des Scheinwerfers auf die 
Truppe beachtet werden, wie das konstatiert werden konnte: Plänkler, 
die plötzlich vom Lichtstrom überflutet wurden, suchten sich nach allen 
Richtungen hin zu decken und den Arbeitern wurde es unmöglich, etwas 
Nutzliches zu thon. 



Scheinwerfer (System Mangin}, mlttelat Leitungsdrähten in Betrieb zu setzen. 

Zum besseren Verständnis geben wir auf der folgenden Seite ein 
vom Scheinwerfer beleuchtetes Feld. 

In den Festungen wurde znr Beleuchtung nächtlicher Arbeiten, zur 
Beobachtung der Bewegungen belagernder Truppen, sowie endlich zur 
Erleichterung des Schiessens in der Dunkelheit bis jetzt am meisten die 
dynamo-elektrische Mascliine von Siemens gebraucht, welche man zu- 
sammen mit dem Motor unter einem festen Gewölbe aufstellte; die Laterne 
aber plazierte man auf den Festungswällen oder an ii^end einem anderen 
erhöhten Punkte. 

Es ist interessant, dass das elektrische Licht die Ausführung nacht- ''J'J'^' 
lieber Arbeiten um Befestigungen herum nicht nur deshalb möglich macht, bei 
weil es die Dunkelheit vertreibt, sondern auch deshalb, weil die bei dem- ^^"^^Vg, 
selben Arbeitenden noch durch eine dichtere Schicht Finsternis gedeckt 
sind, welche sie den Augen des Feindes verbirgt. Die Garbe elektrischen 
Lichts dient gleichsam als Schirm und dem Feinde entzieht sich, was 
hinter diesem Schirm geschieht. 



tL Die Hilfsmittel. 



Die Btileuchtiin^ Eur Krie^zeit. 309 

In der letzten Zeit werden aber noch leichtere Dynamo-Motoren ^^^^^^j^, 
and transportable Scheinwerfer gebaat, welche für den Felddienst be- »«- 
stimmt sind. Solche Scheinwerfer sollen besitzen :b) uuub. 

Frankreich 872 Italien 366 

England 920 Russland ^0 

Oesterreich 127 Deutschland 220 

Der sehr bemerkenswerte Aufsatz des Kommandanten Ricardo ««w<|imb 
Äranaz, veröffentlicht im „Memorial de Artilleria" (September 1891), «LktriKk*» 
enthält einen Bericht aber die mit einem Apparat von 6000 Carcels ^*'^*' 
(100 Ampferes) gemachten Versnche, wobei man in einer Entfernung von 



Das SohieBsen bei elektriscbem Licht 

400 Metern sehr deutlich die Bedienung eines Geschützes, einen Soldaten 
zu Pferde, einen Fasssoldaten etc. sehen konnte. 

Bei BOOO Metern Entfernung erblickte man mit dem Femrohr alle ^'Vj^. ^' 
Einzelheiten eines Hauses; 

bei eOOOMeteiTi — das Palais royal — Cuartel de la Mantera; 

bei 6500 Metern — das Cnartel Madelo; 

endlich bei 9000 Metern — den Turm der Ecole d'Aiguiöre, obwohl 
der Lichtstrahl die ganze Atmosphäre von Madrid zu durchdringen hatte. 

') „Uevue du Corde militaire", t894, No. 47. 

Block, »«rtnkdiirLige Krieg 14 



210 H- I>ie Hüfsmittel. 



FeBseibaiioiw jj^jj versuchte Fesselballons > die eine hängende Lampe tragen, 

leuohtQiigs- ZU benutzen. Der Elektrizitäts-Erzeuger befand sich auf der Erde; der 
nrec en. ; g^j^^^ gelangte zur Lampe durch eines der drei Kabel , welche den 
Ballon festhielten. 

Bei einer Leuchtkraft von 6000 Kerzen konnte man eine Fläche 
von BOO Metern genügend für praktische Verwendung beleuchten. Die 
durchschnittliche Beleuchtung des Bodens ist in diesem Falle Veo Kerzen- 
Meter, d. h. ungefähr soviel, als mit einer Kerze auf 8 Meter Distanz 
erreicht wird. 

Die kombinierte Verwendung mehrerer Ballons würde demnach 
gestatten, ein bedeutendes Feld zu beleuchten, wo man dann ebenso 
gut wie bei hellem Tage manövrieren könnte. 4) 
Beuatznogr ^.ber die Elektrizität hat auch ihre Nachteile; das elektrische 

des 

eiektrinchen Licht darf uicht beständig leuchten, weil dies dem Feinde ermöglichen 
^^ ' würde, die Unebenheiten des Geländes an den unbeleuchteten Punkten, 
wo die Dunkelheit noch undurchdringlicher wird, auszunutzen. Schliesslich 
würde ein beständiges Licht dem Feinde einen Anhaltspunkt dafür bieten, 
in welcher Richtung er zu schiessen hat, und ihm dadurch seine Aufgabe 
erleichtem. Die Feuer sind nicht früher anzuzünden, als bis sich der 
Feind in Schussweite befindet. Dann wird man alle Vorteile auf seiner 
Seite haben; indem man den Feind mit dem grellen Licht blendet, wird 
man selbst das Ziel sehen und die volle Möglichkeit haben, auf eine Ent- 
fernung von 1500 Metern den Erfolg seines Feuers zu beobachten. 
Vor- Bei den im Jahre 1891 in Spanien angestellten nächtlichen Schiess- 

ere ^^ngen y^^g^jj^^jj jjj(; elektiischer Beleuchtung schössen 3 Batterien und 2 Kom- 

°*Attoktn*" pagnien nach beleuchteten Schilden, welche Kolonnen vorstellten, aus 
»»* einer Entfernung von 3000 Metern (3 Werst) und nach einzelnen Figuren 
Licht, noch von 1500 Metern (1^/2 Werst). Nach dem urteile der Offiziere war 
die Schnelligkeit und der Erfolg des Artilleriefeuers am Tage wie in der 
Nacht gleich, die Infanterie aber schoss Nachts nur auf kleine Ent- 
fernungen vollkommen befriedigend. 5) 

Von nicht weniger grosser Bedeutung werden die elektrischen 
Scheinwerfer für das Signalisieren sein. 
B®- In Paris stellte man eine ganze Reihe von Versuchen an, von Luft- 

lenchinngs- 

vereache ballons aus den Eiffelturm zu beleuchten und umgekehrt, vom Turme aus 
Eifflitann. <iiö Umgegend behufs Aufsuchung der Ballons und Anknüpfung von Ver- 
bindungen mit ihnen zu beleuchten. Die erzielten Resultate wurden 
nicht veröffentlicht. 

*) „Revue du Cercle Militaire", 1894, 25. November. 
*) Hoenig: „Die Taktik der Zukunft". 



Verkehrsmittel e 



Wir bringen hier eine Abbildnng, welche einen ungefiihren Begriff ^''J*'^ 
von den angewandten Methoden giebt. 



5. Verkehrsmittel zur Kriegszeit. 

Bei den gegenwärtigen Vernichtungsmitteln wird sich der zurück- 
weichende Feind zweifellos bemühen, hinter sich die Wege zu zei'Stören. 
Die heute an Trnppenzahl so starken Armeen wird aber keine Gegend 
lange im Stande sein, mit ihren ebenen Erzeognissen zu ernähren. 

Auch für den Kampf sind die Verkehrsmittel von grosser Bedeutung. 
Da der Erfolg im Kriege zum grössten Teil von den Verkehrsmitteln 
abhängt, so moss man im Stande sein, natürliche Hindemisse Überwinden 
zu können, insbesondere die häufigen und ernsten, welche Gewässer in 
den Weg stellen. Stehende Brücken geniigen nicht. 

Eine besondere Aufmerksamkeit wird daher auf die Wiederher- 
stellung vernichteter Kommunikationsmittel und auf die Enichtnng neuer 
verwandt werden müssen, um den Armeen Alles für sie auf dem Kriegs- 
schauplatze Notwendige zuführen zu können. 



' 



212 n. Die HüfsmitteL 



a) Wasser -UebcrgÄnge. 

YenehiadeBe Dj^ verschiedenen Arten von Floss-Uebergängen werden gewöhnlich 

»rteii. bezeichnet durch den Namen der Träger, also Schiffs-, Bock-, Floss- 

Brücken, Hänge-, Pfahl-, Schanzkorb -Brücken, Wagen -Biiicken. 

Werden mehrere Systeme verbunden, so heissen die Brücken Misch- 

Brttcken. 
Britekeobu Seit £[en ältesten Zeiten haben die Armeen die verschiedensten 

bei 

den BAmeriL Artcu vou Brückeu gebaut. Man benutzte leichte Kähne nicht bloss zum 
Transport auf gewöhnliche Weise, sondern auch um mit ihnen Brücken 
herzustellen. Diese Boote wurden, wie das andere Gepäck auch von 
Saumtieren getragen, und was man sonst zur Herstellung der Brücke 
brauchte, wurde mit Leichtigkeit aus dem nächsten der damals noch 
zahlreichen Wälder beschafft. Solche Brücken wurden schon tausend 
Jahre vor unserer Zeitrechnung gebraucht. Cäsar war der erste, der 
ganze wohleingerichtete Brückenbauparks mit sich führte (Kähne, die 
aus einem Gestell aus Weidenruten bestanden, das mit Tierfellen tiber- 
zogen wurde). Die römischen Armeen benutzten femer auch ausgehöhlte 
und ausgebrannte Baumstämme. Mit solchen Hilfsmitteln wurden bis 
zum IV. Jahrhundert gi'osse Flüsse, wie der Tigris, der Euphrat, und 
andere noch überschritten. 

Diese Vorkehrungen entsprachen den damaligen Armeen. Vom 
V. Jahrhundert an, seit dem Verfall des römischen Kaiserreichs, begannen 
die Brückenbauparks allmählich zu verschwinden, wie später im Mittel- 
alter ja eigentlich auch organisierte Armeen. Die Parks für den 
Brückenbau beginnen erst wieder im dreissigjähiigen Kriege auf- 
zutauchen. 
BrtckenbM j)[q Veränderung des Proviantwesens und der Kampfesart ge- 

Mittauitor. stattete nicht die Verwendung leichten Materials; man bediente sich 
schwerer Barken von mehr als 2000 Kilogramm Gewicht, die auf Wagen 
von 3360 Kilogramm Gewicht mit einer Bespannung von 12 bis 14 Pferden 
weitergeschafft wurden. Aber die Beweglichkeit dieser Hilfsmittel war 
nicht von Bedeutung und sie blieben bis zur Hälfte des XVII. Jahr- 
hunderts im Gebrauch, da ja auch die militärischen Operationen selbst 
sich nur sehr langsam vollzogen. Auch die Artilleriegefahrte zeichneten 
sich durch dieselbe Ungefügigkeit und schweres Gewicht aus. Als man 
aber einmal erkannt hatte, dass Schnellmärsche und hohe Manövrier- 
fähigkeit der Truppen ein vortreffliches Mittel waren, den Feind zu 
schlagen, suchte man die Artillerie beweglicher zu machen, nicht aber 
auch den Train, der häufig zu spät kam, oder die Operationen ver- 
langsamte. 



Verkehrsmittel zur Kriegszeit. — Wasser - Uebergange. 2l3 



Doch auch das natürlich wurde eingesehen und zwang zar Herrichtung uebergaou 

sa leichten 

leichter Briickenparks. Die Holländer machten damit 1672 den Anfang; Braeken. 
dann folgten die Franzosen mit der Benutzung von Blech und Kupfer. 
Ganz Europa fuhi-t dann Brückenbauequipagen ein (Spanien, Frankreich, 
Portugal — Kupfer-Pontons; Holland, Preussen, Sachsen, England — 
Blech-Pontons; Eussland — solche aus Segeltuch; Oesterreich — au3 
Leder, Holz, Blech); aber sie sind noch immer sehr gewichtig und zogen 
gewöhnlich mit der Nachhut. 

Jedoch diese leichten Brückenvorkehrungen hatten ihre schlimmen 
Seiten ; man konnte über solche Flüsse, wie der Po, der Rhein, die Donau, 
mit starker Strömung, keine Brücken mehr schlagen, da diese nicht 
widerstandsfähig genug waren. Auch war das metallene Material nicht 
ganz zweckentsprechend; es litt beim Transport und die Blech-Pontons 
rosteten. 

Zwanzig Jahre vor der französischen Revolution wurde in Frankreich f^^,^,,^ 
das Gribeauvarsche System angenommen, das aus Eichenholz-Pontons syttem. 
bestand und während der ersten Kriege zur Zeit der Revolution und 
Napoleons angewandt ward. Napoleon überschritt mit den Gribeauval'schen 
Brücken 1806 die Donau. Der Park war so schwer, dass man ihn 
zurückliess und in Wien verkaufte. 

Sodann entschloss man sich in Frankreich zu sehr leichten Blech- 
Pontons. Mit einigen Veränderungen acceptierten auch andere Mächte 
dieses Material. Ein Bild in der Beilage illustriert den Stand der Frage 
in dieser Zeit am besten. 

Gegenwärtig besitzen alle in militärischer Hinsicht wohlorganisierten o^g^n- 
Staaten Spezialtruppen, meist Pontoniere genannt, ausgerüstet mit Wagen, stand, 
auf welchen die zur Herstellung der Flussübergänge erforderlichen Boote, 
Ober- und Unterbaugegenstände, Explosivstoffe, Werkzeuge und was sonst 
noch nötig, mitgeführt werden. 

In Deutschland befinden sich bei jedem Armeekorps 34 Wagen und Deatechund, 
ausserdem verfügt jede Division über 14 Wagen. Die Boote sind aus 
galvanisiertem Eisenblech hergestellt. 

Bis zum Jahre 1893 hatte man in Oesterreich-Üngam Brückenparks oesterreich- 

Ungun. 

der Avantgarde und die normalen Parks. Jene wurden dann durch 
leichte Parks ersetzt, welche ermöglichen, längere Brücken herzustellen. 
Diese leichten Parks zerfallen in zwei Divisions-Equipagen. Die Zahl 
der Normal-Parks wurde vermehrt und in der Verteilung der Bedienungs- 
mannschaften und des Materials auf die verschiedenen Parkeinheiten 
gewisse Veränderungen ausgeführt. Die österreichisch-ungarische Armee 
zählt zur Zeit 60 Brückenparks. Im Prinzip ist jedem der 14 Armeekorps, 
die zum Bestände der Operations -Armee gehören, ein leichter Park, der 



214 



n. Die Hilfsmittel. 



Frankreich. 



Italien. 



Rasaland. 



aus zwei Divisions-Equipagen besteht, zugeteilt. Die 46 Normalparks 
sind nach Bedürfnis unter den Armeen und Armeekorps verteilt. Die 
Boote bestehen aus Stahlblech. 

In Frankreich bestehen 19 Armeekorps-Brückenparks und 4 Armee- 
Brückenparks. Die ersteren bestehen aus zwei Divisionen, einem Reserve- 
und einem Regiments-Zug; die anderen aus vier Divisionen, einer Doppel- 
Reserve und einem Doppel -Regiments -Zug. Die Boote werden aus 
Fichtenholz hergestellt. 

Das italienische Heer besitzt 12 Armeekorps - Brückenparks (zu 
46 Wagen mit je 4 Pferden). Die Boote sind aus Lärchenholz gebaut. 
Ausserdem giebt es noch Brückensektionen bei den Sappeur-Kompagnien. 

In Russland soll jedes Armeekorps einen Park von 61 oder 62 Wagen 
erhalten, darunter 62 Sturzkarren (6 Pferde). Im Einzelnen verteilen sich 
die Wagen und Boote folgendermaassen : 30 SturzkaiTen No. 1, ein Vorder- 
Halbboot, kleine Balken und Eichenbohlen; 6 Sturzkarren No. 2, ein Vorder- 
Halbboot und Böcke; 12 Sturzkarren No. 3, 4 Vorder-Halbboote, 8 Mittel- 
Halbboote, Stützen, verschiedene Zubehöre; 4 Sturzkarren No. 4, ein 
Mittel-Halbboot und Takelwerk; die 9 oder 10 Hilfswagen tragen die 
Werkzeuge, um die Brücken zu bauen, die Eisenbahnen zu zerstören 
oder auszubessern. Dazu kommen noch 10 oder 11 Wagen der Intendantur 
(Patronenkisten, Lebensmittelwagen, ein Wagen für die Kasse und die 
Archive, ein Ambulanz- und ein Apothekenwagen). Jedes Spezialtruppen- 
Bataillon kann eine Schiffsbilicke von 216 bis 311 Meter und eine Brücke 
auf Böcken von 47 Metern bauen. In Kriegszeiten behält das BataDlon 
zwei Kompagnien, aber der Park kann in 4 Abteilungen geteilt werden, 
von denen jede über die notwendigen Mittel verfügt, um eine Brücke von 
circa 60 Metern herzustellen. 

Jedes Bataillon auf dem Kriegsfusse hat 123 Wagen, davon 102 vom 
Brückenbau-Park. Die Boote werden aus 1,6 Millimeter dickem Eisen- 
blech hergestellt, i) 

Es würde zu weit führen, wollten wir uns auf eingehende Be- 
schreibung der auf den einzelnen Kriegsschauplätzen ausgeführten Fluss- 
übergänge einlassen. 

uebe»icht Die auf der folgenden Seite gegebene Zusammenstellung wird uns 

überifAnge ciueu genügenden üeberblick über solche Operationen in diesem Jahr- 
xix.j"hrh. hundert bieten.«) 



') Wetter: „Passages des cours d'eau", 1894. 

') Wetter: ^Passages des cours d'eau et Ponts militaires", 1894. 



Verkehrsmitt«! z<ir EriegsEeit. - 



Synoptisch-namerische üebersicht über die Haupt-TJebergäEge 
der Armeen Über Gewässer von 1789—1881. 





Benutzte Systeme. 


Die Taktik 




Anf 

SchiffB- 

oder g 


__ 




■a 


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^i 


o 


1 


der Operationen. 




Mit jlg's \t 


1 


Epochen 


Ponton- 1 3 
brücken . j^ 


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1 


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II 


1 




[Jewaltlli 


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1 


1 


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< 




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1 


P 


111 = 


16 


1 


1789-1815 . 


20 


16 


6 


8 


13 |20 


8 


1 


6 


26 


10 


24 


4 


20 


19 


9 


1815-1881») 


5 


51 


4 


2 


320 ,,25 


3 


_ 


5 


11 


— 


12 


4« 


10 


44 


10 


1870-1871 . 


4 


671» 


11 


1 


22 


1 




~ 


6 


3 


1 


3« 


~ 


~ 


14 


1 



>) D«r dsotiiili-f»iiiOiiicli9 Er]*; sieht nilgencknsb. 

b> DuoBtv so wUnDd der Bolugeniii« tdb Firla. (Die Ziffern Mlgen ai* Zihl dar Brteken, nlclit 
der Opentionen u, die mitunter I, s nnd « Brücken eiftrdeiMB.) 

c) D«niBt«r 1 ur W«ge». 

d) BetoBden dar yam 9s. SepMmbgr IBTO, fibor die Mune. »r > BtOskn der Puleei Armao. 

e) Drei Hai bei den V«derierteii Im emBrlteBltcbui Kriege, «ta Mal bei den Kiuaea in EriKkrles. 

In allen Armeen finden weitgehende Versuche und Uebnngen statt ^or- 
hinsichtlich des raschen Uebersehreitens von Flüssen mit einem zu «r 
diesem Zwecke in Anwendung kommenden schwimmenden Material ver- ,^tLt'' 
schiedenster Art. 

Zum Uebersetzen über einen Flass führen die Armeen, wie wir 
schon gezeigt haben, Schaluppen, Pontons, Böcke, Gerüste und Vor- 
richtungen zum Bau von Flössen mit sich. 

Wir wollen zum besseren Verständnis nur ein Paar Typen an- ''^^ 
fuhren. — Die folgende Abbüdnng*) zeigt eine französische, schon im Beheigpre». 
Jahre 1853 eingeführte Schaluppe, welche keiner näheren Erläuterungen 



Französische Sehalappe (Mod. 1853). 
') „EncyclopMie cles connaisaances militaires". 



216 



It. Die HilfsOutt^l. 



"TT""* ' Ausseiilem werden in der franzüsisclien Ai-mee noch zusammen- 

seiuinppaB. legbope Schaloppeii (chaloupe pliante), System Tellier, gebraucht, deren 
Längs- und Querschnitt in nachstehenden Abbildungen gezeigt wird. 




ZoaanuuenlegbBre Schalupp« (System Tellier). 



Die gebräuchlichsten Formen von Böcken und die Art ihrer Äuf- 
stellnng auf Booten zeigt uns folgende Zeichnung. 



BöukH uiid deren Aufstellung auf BoottTi, 



sokBKiKgkoit Bei den angeführten, in jeder Armee vorhandenen Mitteln werden 

*". BAA^mit staunenswerter Schnelligkeit Brücken hergestellt. 



r 



Verkehrsmittel zur Kriegazeit. — Woaaer-UubergänKe. 217 



Wir geben in der Beilage die Abbildung der Herstellung einer Pfahl- "^°^^"" 
Jochbrücke über die Oberspree darch preussjsche Garde-Pioniere, ausser- 
dem im Folgenden den Bau einer Pontonbrücke über die Donau bei Krems 
ausgeführt von österreichischen Manövertrappen. 



Herstellung einer Pontonbrücke von österreichischen Manövertruppen. 

Die Brücke von 688 Meter (320 Ssashen) Länge war von Pionieren "' 
in einem Bestand von 6 OWzieren und 280 Soldaten im Laufe von 
2 Stunden aufgeiührt worden. Selbstverständlich können solche Friedens- 
leistungen nicht als Maassstab für Kriegszeiten dienen. Jedenfalls aber 
mass anerkannt werden, dass Flussubergänge mit einer in der Vergangen- 
heit jiiclit bekannten Schnelligkeit bewerkstelligt werden können. 



218 



rr. nifi Hilfsmittel. 



"b^*"" "i ■^"^ Booten, Gerüsten und Böcken werden auch kombinierte Brücken 

B«fcen. beigestellt, wie folgende Typen, welche wir als Beispiel anführen, zeigen 
mögen. 




Boot«u und Böcken, 



Es wird aber versucht, noch leichter transportierbare Mittel zu 
Fluss-Uebergängen herzustellen. Von getötetem Rindvieh wird die Haut 
in der Weise abgezogen, dass sie als eine Art .Schwimmtonne verwandt 
werden kann; Häute, die einem frisch getöteten Rind abgezogen sind, 
können sofort zur Ueberfahrt benutzt werden. In der russischen Armee 
nennt man solche Häute „Burd,juk".*) 

Zwei Abbildangeii, die wir der Zeitschrift „La Nature" entnehmen, 
veranschanlichen die Art der Anfertigung von Burdjaks nnd deren An- 
wendung in der Praxis. 



Art der Anfertjgunf; v 



*) Burdjuk bedeutet eigentlich einen Schlauch aus Leder, namentlich aus 
Ziegenleder, der im Kaukasus zum Transport von Wein etc. benutzt wird. 



Verkehrsmittel xne Kaingszuit, — Wap 



Das Üebersetzen auf Burdjuks. 

In der „Annee scientifique" linden wir weiterhin eine interessante ' 
Beschreibnng eines Flnssübergangs. Erfinder ist der mssisclie Offizier 
Apostolow; die Versuche würden im Jahre 1890 von einem Kosaken- 
Regiment ausgeführt. 

Aus getheei-tem Segeltuch und ans zusammengelegten und in be- 
sonderer Weise verbundenen Lanzen wird eine Art grosses Boot her- 
gestellt, auf welchem man Pferdegeschirr und Bagage transportieren kann, 
die Pferde legen die Strecke über den Fluss schwimmend zurück. Auf 
diese Weise konnten sogar Feldkanonen mit sämtlichem Zubehör über- 
gesetzt werden. 

Die Bestandteile eines solchen Bootes sind so leicht, dass es 4 Mann 
ohne besondere Schwierigkeit tragen können. 

In der englischen Armee bedient man sich ebenfalls der Lanzen 
zum üebersetzen über einen Fluss, indem man aus ihnen mit Hilfe 
wasserdichter Säcke Flösse herstellt, wie dies aus der umseitigen Ab- 
bildung^) ersichtlich ist. 



') Diese Abbildung iat dem Journal of TJnited Service Institution of 
India" Jahrg. 1893 entnommen. 



n. Die Hüfcmittel. 



3 Laneen und Tasserdicbten Säcken. 



Es mu3s noch eines Bootes zn Ueberfahrten Erwähnung geschehen, 
welches von Kapitän Tschernow erfanden ist und ebenfalls wichtige Dienste 
leisten kann. Es folgen die Abbildungen. 




Boot (System Tschernow). 



Überzogen ist; seine Ergänznngsteile bilden zusammensetzbare Holz- 
rahmen und eine geringe Anzahl leichter Holzstangen. Das Gesamt- 
gewicht eines solchen Bootes beträgt etwa 70 Kilogramm (4 Pud) seine 
Länge 6 Meter (8 Arschin), seine Höhe V^ Meter (12 Werschok); es 
finden in ihm 14 Personen Platz, transportiert wird es auf dem 
Munitionswagen. Das Boot kostet ca. 50 Mark (23 Knbel) and wird in 
der Werkstatt des 137. russischen Linien-Infanterie-Regiments angefertigt. 
Es kann in 6 Minuten zusammengestellt und in S bis 10 Minnten aas- 
einandergenommen und transportfertig befestigt werden. Auf solchem 
Boote durchruderten 14 Mann die Wolga bei einer Strombreite von 250 Faden 
in 5 Minuten hin und in 10 Minuten hin und zurück, wobei zwei Mann 
am Ruder und einer am Steuer thätig waren. Die Menge des während 
dieser Zeit ins Boot eingedrungenen Wassers betrug nur einen halben 



Jt«' 



Zelt-Boote. 




^ ' \yiJ~AM^ 



i Bt^fe^g ^^^äU 




Bd.I. BmlBgra Wi Seit« Sl. 



Verkehrsmittel zur Kriegszeit. — Wasser -Uebergänge. 



221 



Aus solchen Booten stellt man aach Flösse her, indem man zwei ^««w aus 
Segeltnchboote mit Hilfe von Stangen verbindet. Die Leichtigkeit dieser booten. 
Boote erlaubt, sie von Menschen transportieren zu lassen; bei der Ein- 
fachheit der Konstruktion können die Boote in vielen Fällen, wo es gilt 
über einen Fluss oder See zu setzen, eine wesentliche Hilfe leisten. 

Ein Floss aus zwei Segeltuchbooten bietet vor den einzelnen Booten 
den Vorzug grösserer Widerstandsfähigkeit gegen das Wasser. Auf einem 
solchen Flosse können 12 Mann vollständig gefahrlos übersetzen. 

Sowohl das Segeltuchboot als auch das Floss erscheinen in Folge 
ihrer grossen Tragkraft, Widerstandsfähigkeit und leichten Zusammen- 
setzbarkeit als wichtige Hilfsmittel zur Ueberfahrt, zumal sie immer 
zur Verfügung der Truppen stehen. 6) 

In der deutschen Armee werden Fluss -Ueberschreitungen auf aus ^^ 

deatachen 

Zelten hergestellten Flössen geübt, wie das Bild in der Beilage zeigt. Fauboote «r 
Weiterhin werden auch Faltboote, bestehend in schwimmbereitem Zu- ^* *"** 
Stande aus einem Gerippe von hochkantig gestellten Holzlatten, die am 
Bug und am Hinterteil des Bootes zusammenlaufen und auf seiner Aussen- 
und Innenseite von einem Doppelüberzug aus wasserdichter, gelbbraun 
gefärbter Leinwand umspannt werden, verwendet. 

Folgendes Bild zeigt uns ein derartiges Faltboot im Plane und 
Durchschnitt. 7) 





Faltboot (Plan und Durchschnitt). 

Von Metall gefertigt sind nur die Beschläge, Charniere, die beiden verweuduug 
am Bug und Hinterteil angebrachten Eückeneinlagen, sowie zwei die Faltboote. 
Borde anseinanderhaltende Spreizen. 6 Mann vermögen ohne jede An- 
strengung bequem mit je einer Hand das Boot von der Stelle zu tragen. 
Die Boote lassen sich mitsamt dem Leinwandüberzuge zusammen- und 
auseinanderfalten, zu- und aufklappen, wie etwa ein Bügelportemonnaie. 

Man kann das Faltboot, je nach Bedarf, als einiges Ganzes oder 
als zwei kleinere Nachen herrichten; letzteres, indem man die beiden 
Endteile zusammenfügt, das vorn und hinten abschliessbare Mittelteil 
aber allein für sich verwendet. Die auseinandergenommenen Teile je 
zweier Boote werden auf einem zweispännigen Latten wagen verladen; 

«) Woenny Sbomik: „Ueber Schiflffahrt and Flussüberschreitungen''. 
') Wetter: „Passages des cours d'eau", 1894. 



222 



II, Die HiliBmittel, 



das Abladen nnd Fertigmachen der Boote nimmt einen Zeitraum von 
kanm 3 Minnten in Änsprnch. 

Das nachstellende Bild stellt einen Flussiibergang mittelst solcher 
<■ Faltboote dar, oder vielmehr zunächst die Manipulation der Zusammen- 
faltnng der Boote. 



Flussübergung mittelst Faltbooten (Zusfimmenfalten der Boote), 

Ausserdem werden in den Armeen Kautsclmkflösse verwandt, welche 
aus Säcken von dickem Baumwollenstoff zusammengesetzt sind, welcher 
innen und aussen mit vulkanisiertem Kautschuk bedeckt ist. Scliou zur 
Zeit des noidamerikanischeu 
Krieges kamen solche Flösse 
zur Anwendung, Sie bestellen 
ans einzelnen Abteilangen, 
welche ans den erwähnten 
Sä(^ken gebildet werden, von 
denen jeder eine Röhre zum 
Aufblasen mit Luft und einen 
Krahn zum Verschliessen 
dieser Röhre besitzt. Der 
Rumpf wird aus Balken und 
Stangen gebildet. Mit 30 solcher Rümpfe, in denen sich je drei auf- 
geblasene Säcke nebst zwei VeibindungsbÖcken befinden, kann man 




. S.ig . 

Ein FloBs auf Kautscliuksäolien, 



Verkehrsmittel zur Kriegszeit. — Wasser -Uebergänge. 



223 



eine schwimmende Brücke von 182. Meter (85 Ssashen) Länge her- 
stellen. Das Unpraktische einer solchen Brücke besteht aber darin, dass 
sie nicht im feindlichen Feuer aufgeführt werden kann, da schon einige 
Kugeln hinreichen, um die Säcke zu durchbohren und dadurch zum 
Sinken zu bringen. 

Schwimmende Brücken werden auch aus Petroleumfassern errichtet ; ß^ckeu an» 

Fässern. 

Über die Fässer kommt ein Steg, wie dies aus folgender Abbildung er- 
sichtlich ist. 



Milii !|!|li' lllii: IUI!' !ii!ii!l!!l!l r I lii 




Brücke auf Petroleumfassern. 

Eine solche Brücke ist nur auf einem Flusse mit langsamer Strömung 
verwendbar, und nur auf einem schmalen Flusse kann man es wagen, 
sie auch angesichts des Feindes herzustellen. Die Kugeln durchbohren 
sogleich die Fässer, in welche dann Wasser eindringt, so dass die 
Brückenteile untersinken. Aber manchmal ist es für Angriffszwecke 
genügend, wenn eine Kompagnie Schützen übersetzt. In diesem Falle 
kann man eine solche Brücke auch unter dem Feuer einer allerdings 
schwachen Infanterieabteilung herstellen. 

Die französische Kavallerie stellte Versuche mit dem Bau ähnlicher BracJ^e^^ »«^ 

Säckeu 

schwimmender Brücken nicht auf leeren Fässern, sondern auf mit Stroh 
und leichtem Keisig gefüllten Säcken aus wasserdichter Leinwand an. 
Die Erfolge der Kavallerie hängen hauptsächlich von ihrer Bewegliclikeit 
und der UebeiTaschung ihres Angriffs ab. Deshalb ist es unter Anderem 
wichtig, ein Mittel ausfindig zu machen, welches ihr erlaubt, ohne 
besondere vorbereitende Arbeiten und Vorkehrungen die ihre Bewegung 
hindernden Flüsse zu passieren. Diesem Zwecke entsprechen bis zu einem 
gewissen Grade die schwimmenden Brücken auf Säcken aus wasserdichter 
Leinwand. Das 11. französische reitende Jägerregiment machte zur Zeit 
der Herbstmanöver den Versuch mit einer solchen Brücke, und dieser 
Versuch, welcher auf der Saöne, bei Chemilly, angestellt wurde bei 
einer Strom-Breite von 75 Metern (3B Ssashen), erwies sich als vollkommen 



fQr 
Kavallerie. 



224 U- I>ie UUfBinittel. 

gelungen. Die Soldaten nahmen dfis Pferdegeschirr aaf die Schulter und 
überschritten die Brücke, indem sie dabei die schwimmenden Pferde am 
Zügel führten, wodurch sie gegen einen möglichen Verlust der Tiere 
gesichert waren. Das Joch solcher Brücke besteht aus zwei Stützbalken, 
welche von einander einen Al)stand von 1 Met«r (3,5 russ. Fuss) haben. 
Ueber diese flihren Holzleitem, welche wieder von den vorerwähnten 
Säcken getragen werden und von 10 zu 10 Metern (4,7 Ssashen) durch 
Querbalken verbunden sind. Die ganze Brücke wird am Ufer, zusammen- 
gesetzt, dann, nachdem sie aaf das Wasser gelassen ist, aufgerichtet 
und befestigt; zuletzt wird der Bretterbelag aufgelegt. 



Brücke auf Säcken ana wasserdichteui Leinen. 

Die Versuche haben gezeigt, dass, wenn das gesamte Material zum 
Bau einer solchen Brücke am Flussufer zusammengebracht ist, eine halbe 
Schwadron hinreicht, um in einer Viertelstunde 24 Meter (11 Ssashen) dieser 
Brücke hei-zustellen. Das Jonmal „Revue de Cavalerie" erinnert bei der 
Beschreibung dieser Brücke daran, dass aus ähnlichen wasserdichten 
Säcken Flösse und Prahme beigestellt werden, welche sich auch fiir 
grössere Truppenteile als Ueberfahrtsmittel tauglich erwiesen hätten. 

b) Eisenbahn -Brtlckenbaa. 

A^'J^L ^'® Eisenbahnen bilden gegenwärtig eines der wichtigsten Kriegs- 

Memwuiing mittel. Indem sie die Möglichkeit bieten, die Urlauber rasch zo sammeln 
Eit«i»iiBu. und die Truppen schnell an den Grenzen zu konzentrieren, haben sie 
die Operationen mit Menschenmassen, folglich die Schaffung von Massen- 
heeren erleichtert. 



Verkehrsmittel zur Kriegszeit. — Eisenbahn-Brückenbau. 225 



Ohne Eisenbahnen wäre die Verpflegung der heutigen Millionen- 
heere undenkbar. 

Einen sehr wichtigen Dienst' leisten die Eisenbahnen auch darin, 
dass sich Dank ihnen bei Truppenbefördenmgen die Verluste der von 
ihren Standorten nach den Sammelpunkten übergeführten Mannschaften 
bedeutend vermindern. 

Um diese Bedeutung richtig zu würdigen, braucht man sich nur vor- vergleich 
zustellen, dass z. B. ein Bataillon im Laufe von 24 Stunden 600 Kilometer schneuig- 
weit befördert werden kann, d. h. eine 20 mal grössere Entfernung zurück- ^®*** 
legt als beim Fussmarsch und sich dabei die volle Fähigkeit bewahrt, 
unverzüglich in den Kampf zu treten. 

Die Folge verstärkten Eisenbahnbaues für die Kriegführung muss ^^^««° 
also darin bestehen, dass die Truppen gezwungen sind, sich nicht von veret&rkten 
den Eisenbahnlinien zu entfernen, obgleich sie dadurch dem Feinde be^utan^' 
es erleichtem, ihre Bewegungen vorauszusehen. Auf die Benutzung der 

ff 

Eisenbahnen angewiesen, können die Truppen nicht mehr so leicht 
wie früher die Richtung ihrer Bewegung verändern. Damit ist auch 
die Notwendigkeit grösser geworden, die eigenen Bewegungen zu decken 
oder rechtzeitig diejenigen des Feindes zu behindern. 

Es ist demnach natürlich, dass der sich zurückziehende Teil grosses ^^^^^^ 
Interesse daran haben wird , die Eisenbahnen zu zerstören , der vor- etorang ud 
rückende Feind aber daran, den Verkehr so rasch wie möglich her- hentouwg. 
zustellen. 

In Folge dessen hat die Unterbrechung der Bahnverbindung durch ^^^^^ 
Sprengung von Brücken eine grosse Bedeutung. Um nur ein Beispiel tob 
anzuführen, erwähnen wir, dass im Januar 1871 die Franzosen die Eisen- nb^rtTn. 
bahnbrücke über die Mosel sprengten und die Verbindung durch die 
Bahn erst nach 17 Tagen und auch dann nur deshalb wiederhergestellt 
wurde, weil zu diesem Termin der Verkehr auf der nördlichen Bahnlinie 
eröfinet wurde. Wenn dies nicht gewesen wäre, würde sich die deutsche 
Armee in einer höchst unbequemen Lage befunden haben. Die Technik 
musste also dahin streben, Mittel zur schnellsten, wenn auch nur pro- 
visorischen Wiederherstellung demolierter Eisenbahnübergänge ausfindig 
zu machen. 

Im Kriege werden Seilbrücken in Anwendung kommen. Das russische 8«iitrücken. 
Journal „Ingenieur" teilt mit, dass ein talentvoller Militär -Ingenieur, 
Hauptmann' Gisclard, einige Arten von Seübrücken erdacht habe, welche 
sogar in Friedenszeiten wesentliche Dienste leisten können. Die Kon- 
struktion solcher Brücken ist so einfach und leicht, dass man im 
kritischen Moment mit den einfachsten und leicht zu beschaffenden 
Mitteln auskommen kann. 

Bloch, Der snkliiiftige Krieg. 15 



226 n. Die Hilfemititel. 

I Zar YeraDschaulichnng geben wir nachstehend eine Abbildung, aaf 

der eine Hängebrücke mit parabolischen Seilen, die nnterhalb ihres beweg- 
lichen Teils angebracht sind, dargestellt ist. Anstatt dass die Bretter- 
diele an den Seilen befestigt ist, wird sie auf ihnen durch anfgepresste 
Stutzen gehalten. Änsserdem nnterliegt das ganze System einer ebenso 
grossen horizontalen Spannung als bei Kettenbrücken, 

Alle Brückenteile bestehen ans Stahl -Drahtseilen und hölzernen 
Stützrahmen. 

Hängeade Seilbrücke. 







UngidarcliHlialH. 



Aber natürlich sind solche Vorrichtungen nur füi- Brücken mit 
kleinen Lichtweiten zu gebrauchen. 



Verkehrsmittel zur Kriegszeit. — Eisenbahn-Brückenbau. 



227 



Wie gross die Fortschritte sind, welche die heatige Ingönieurkanst »rtcken. 
im Brackenbaa grösseren Stils erreicht hat, geht aus den folgenden Eiffei. 
4 Abbildungen heiTor, welche die Aufstellung fertiger Brücken nach dem 
System Eiffei über einen Fluss veranschaulichen. 



I. 



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|l|^jjjj|^l^l|itjQgX32r^^^3^ 






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'^^^ — Arm»'"- 



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III. 



tSjoa . ^ 




IV. 




Das Schlagen einer fertigen Brücke (System Eiffei). 



Diese Zeichnungen entsprechen den 4 Stadien der Brückenauf Stellung, sudien 



de« 



banes. 



Zeichnung I stellt die fertige Brücke dar, wie sie auf dem okkupierten Brücken- 
Ufer aufgestellt ist, Abbildung 11 und ni dieselbe Brücke, zum Teil über 
den Fluss gerückt, wobei der Brückenteil, welcher sich noch auf dem 
„eigenen" Ufer befindet, derart belastet wird, dass er im Stande ist, den 
anderen Teil in schwebender, unbefestigter Lage über dem Wasser zu 
erhalten. Abbildung IV stellt die auch schon am gegenüberliegenden 
Ufer befestigte Brücke dar. Eine solche Brücke hat übrigens nur 24 Meter 

15* 



228 



n. Die EQlfsmittel. 



Beiregliehe 

Stahlbrfloke 

(System 

Henry). 



(11 Ssashen) Länge. Die angestellten Versuche haben ihre Dauerhaftigkeit 
erwiesen.^) 

Zum Uebersetzen über breitere Müsse baut man Brücken anderer 
Art. In „Ann6e scientifique" findet sich die Beschreibung einer beweg- 
lichen, ausserordentlich leichten Stahlbrücke, einer Erfindung von Oberst 
Henry, die auf der Weltausstellung von 1889 die Aufmerksamkeit auf 
sich lenkte. Eine solche Brücke von einer Höhe von 7 Meter (3 Ssashen) 
und einer Länge von 92 Metern (48 Ssashen) in 2 Bogenteilen wurde in 
30 Stunden montiert; das Schlagen der Pfahle selbst geschah in 80 Minuten. 

Alle Brückenteile waren aus dem besten Stahl verfertigt und über- 
aus sorgfältig gearbeitet, so dass das Netz der Dreiecke sich durch Kraft 
'^Tsyetel*'' und bemerkenswerte Festigkeit auszeichnete; dabei machten weder die 
Aufstellung noch das Hinüberwerfen sonderliche Schwierigkeiten. Eine 
Abteilung von Sappeurs legte bei Soutiers eine solche Brücke über den 
Fluss Var und es hat sich gezeigt, dass sie ebenso dauerhaft, wie eine 
stehende Brücke. 



Yennclie 
mit dem 
Sotalttgeu 



Henry). 



trs^ 




Profil einer Brücke (System Henry) 
und Diogramm ihrer AufsteUung auf Pföhlen. 



Nötige Zeit Allein die Kettenglieder der Brücke, welche bei Soutiers erbaut war, 

ZQin 

Aufbauen, wareu nur je 20 Meter (3,3 Ssashen) lang. Nun fragte es sich: Ist das 
System Henry bei der Breite eines Flusses z. B. von 50 Metern (23 Ssashen) 
anwendbar? Sappeurabteilungen, welche den Auftrag erhalten hatten, 
einen Versuch zu machen, erbauten ungeachtet dessen, dass sie einen 



^) „Sciences appliqu^es & i'art militaire" p. 569. 



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Auf eingebohrten Pföhlen gebaute Brücke. 




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^r^i. 




Terkehramittel zur Kriegezeit. — Eigenbahn-Brückenbau. 



derartigen Äaftrag znm ersten Male aositUirten, die BrUcke in 3i Standen, 
nachdem zu ihrem Aufschlagen IB Stunden verwendet worden waren. 
Somit zeigte es sich, dass man Dank der Erfindung des Oberst Henry 
den Truppen binnen etwa 48 Stnnden den Uebergang über einen Fluss von 
50 Metern Breite sicher stellen kann. Man setzte diese Versuche auf 
dem Versailler Polygon in Gegenwart des Militärgonvemeurs von Paris, 
General Sanssier, fort. Es wurde in 30 Standen eine Brücke erbaut, 
welche 7 Meter (3 Ssaslien) hoch und 92 Meter {43 Ssashen) lang war, 
bei zwei Kettengliedern von 47 Meter {22 Ssashen) Länge. Zum Legen 
dieser Brflcke genügte ein Zeitraum von 1 Stunde und 20 Minuten. 

Wir verweisen auf das vorstehende Profil einer solchen Brücke und 
das Diagramm ihrer Änfstelluag auf Pfählen. 

Um einen Begriff von den verschiedenen gebräuchlichen Arten der 
Stahlbrücken zu geben, entlehnen wir dem Werke Henry's „Fonts et 
Viaducs mobilisables", Paris 1891, folgende zwei Zeichnungen, die Auf- 
stellung von Brücken aus transportablen Stahlteilen betreffend. 



PmU 
(ajitHeniT). 




Qnerschiutt der Teile eines 

transportablen Brückenkopfes. 

(TotoUiöIie 12 Meter.) 



Querschnitt eines Brückenkopfes 

(gemischter Typna) Teretärkt durch 

transportable Stohlt^ile. 



230 ^ ^'^ HÜJämittel. 

Tmmjwrt j^ Amerika stellt man fertige Brücken her, welche mittelst der 

Brnokiii Elsenbabu nach ihrem Bestimmungsorte gesandt werden, so dass die 

'" *'"'"*■ ganze Arbeit im Zusammenstellen besteht. Beifolgende Zeichnting zeigt, 

wie eine solche fertige Brücke transportiert und wie sie über den Flnss 

gelegt wird. 



Diese Zeichnung haben wir dem Jonrnal „La Natnre" entnommen. 

Solche Brücken wurden in Amerika zeitweilig bei der Kunstruktion neuer 

Eisenbahnlinien gebraucht. Allein der Verfasser des Artikels sagt: „In 

den europäischen Staaten, wo ja Alles für die Zwecke der Grenz- 

verteidignng verwendet wird, wii'd auch dieses Brückensystem mit Nutzen 

für Kriegszwecke angewandt werden." 

"Jwe ^'^ „Revue de l'arm^e beige" bietet die nachfolgende Zeichnung 

irktn einer Art von transportablen Biücken nach dem System Brochotzky, 

uuij' welche von der rnssisclien Regierung in der Fabrik Cockerille in Seraing 

bestellt waren. Diese Brücken zeichnen sich dadurch ans, dass alle Teile. 

welche in das hölzerne Gestell münden, eine geradlinige Form haben 

miiasen, ohne die I^änge von 5 Metern oder ein Gewicht von ]'25 bis 

145 Kilogramm zu überschreiten. Ansserdem werden ihre znsammen- 

legbaren Teile ohne Anwendung von Bolzen befestigt. 



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Bd. L Elnfflgus bei S«ita 380. 









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4 



Verkehrsmittel zur Kriegazeit, — Zerstörung von Eisenbahnen. 231 

Die Brücke wird mittelst Walzen oder, noch einfacher, an Stricken z*iJJ[»"" 
herabgelassen. Um eine solche Brücke nach dem System Brochotzky a« schii«»ii 
von 30 Metern Länge zu schlagen, genügte ein Zeitraum von 3 Stunden. * "äj,u<m '' 
Und bei einer geschickten Unterlage von Rollen unter die über das »""'«'"'■r- 
Wasser zu schleppenden Teile kann das Schlagen der Brücke auch auf 
einen Zeitraum von anderthalb Stunden verkürzt werden. 




c) Zerstömiig von Eisenbahnen. 

Die Anwendung von Eisenbahnen für Kri^szwecke brachte eine T^rwonannf 
völlige Umgestaltung der Kriegführung mit sich. Der Krieg wird schneller EiHJhBlii.eii 
und mit grösserer Energie gefUhi-t. 

Im Kriege von 1806 rückte die Avantgarde der russischen Ai-mee ^J^'l'?'"' 
in Polen zu der Zeit ein, als die preussische Armee schon bei Zoal 
geschlagen war (cf. Höpfner, Krieg 1806/7). Der polnische Aufstand 
begann am 29. November 1830, während die prenssischen Truppen sich 
erst Anfang Februar 1^1 in genügender Anzahl in der Nähe von 
Brestlitowsk gesammelt hatten, am die Grenzen des Königreiclis Polen 
überschreiten zu können. Als im Juni 1815 die Armee der Allürten an 
den Rhein gelangte, erfolgte schon in den Niederlanden der entscheidende 
Schlag. Dagegen überschritten die prenssischen Truppen im Jahre 1870 
die französische Grenze schon vor Ablauf von 3 Wochen nach dem Beginn 
der Mobilisation, und im Laufe von 28 Tagen nach Beginn der Feind- 
seligkeiten war die französische Armee schon in 7 grossen Schlachten 
geschlagen und der Kaiser gefangen. 

Der vornehmste Vorteil, welchen die Eisenbahnen darbieten, ist die jj^''^"„. 
bedentende Beschleunigung der Mobilisation und der Beförderung der ii»i"i»n. 



232 n. Die Hilfemittel. 



Truppen an die Grenze. Früher waren Monate zur Konzentration der 
Armeen nötig, ehe die kriegerischen Aktionen beginnen konnten, heut- 
zutage kaum Wochen. 

Die Eisenbahnen stellen die Beförderung der Reservearmeen und 
die Zurttckbeförderung der Kranken und Verwundeten sicher; sie bilden 
die Hauptlinien zur Verbindung des Heeres mit dem Vaterlande; sie er- 
möglichen es, den einzelnen Armeen zu helfen, da grosse Truppenmassen 
in kurzer Zeit von einem Ort zum anderen befördert werden können, 
wie es öfters im Kriege von 1870 vorkam. 
B«aiivaBff pj^ Leistungsfähigkeit der Eisenbahn hängt davon ab, ob die 

Leiitnns:». Eisenbahnlinie ein oder zwei Geleise hat. In letzterem Falle gewährt 
^EiMoUbn^sie den grossen Vorteil, dass, während auf dem einen Geleise die Be- 
DoppeigeieiB. jfg|,^jgj.^jjjg ^^j. Truppeu an ihren Bestimmungsort vor sich gehen kann, 

davon völlig unabhängig auf dem anderen die entladenen Waggons 
zurückkehren können. Allein eine Linie mit zwei Geleisen bietet nur in 
dem Falle einen wirklichen Vorteil, wenn sie überall in ihrer ganzen 
Länge in dieser Art konstruiert ist. Ueberhaupt kann die Linie nur 
dann Nutzen bringen, wenn sie völlig selbstständig und in ihrer ganzen 
Ausdehnung von der gleichen Leistungsfähigkeit ist. 

ftw^kST Ungeachtet der ungeheuren Bedeutung der Eisenbahnen werden 

eines wir uns nicht länger mit diesem Gegenstande beschäftigen, da dieses 

von*ioo°bi^ Verkehrsmittel dem Publikum genugsam bekannt ist. Es genüge, wenn 

110 Aehsen. ^jj. hinzufügen, dass ein Militärzug, welcher aus 100 bis 110 Achsen 

besteht, 1 Bataillon oder IV2 Schwadronen oder 1 Batterie aufzunehmen 

im Stande ist. 

Im Jahre 1866 beförderte in Oesterreich eine eingeleisige Bahn bei 
Unterbrechung des bürgerlichen Verkehrs binnen 24 Stunden 8 Züge 
(zweigeleisig 12 Züge); im Jahre 1870 steigerte sich die Leistung auf 12, 
beziehungsweise 18 Züge für den Tag, und heute rechnet man in Frankreich, 
wo die Militärzüge statt mit Stations- mit dem Zeitintervalle von je 
10 Minuten aufeinander folgen sollen, auf den Tag und bei einem Geleise 
schon 18 bis 20 und bei zwei Geleisen 40 bis 50 Züge. Die Leistung 
des Eisenbahntransports verdient nach diesen Daten eine ganz bedeutende 
genannt zu werden. 

Vor- Zur Verteidigung und eventuell zur raschen Zerstörung von Eisen- 

bereitnngen 

fttr Yer- bahueu haben sich alle Staaten vorbereitet. 

wendang nnd 

zerat^rnng lu deu grösscreu Brücken und Kunstbauten werden in besondere 

EiMn™hiien. S^^igii®*^^ Einschuitteu Sprengkammern angebracht, die Wasserver- 
sorgungsstationen können im Laufe von ein Paar Minuten in die Luft 
gesprengt werden. 



Geschütz auf einer gepanzerten Eisenbahn-Plattform. 

(Proboachiessen vor Lord Bereaford in Newhaven 1894.) 



, Verkehrsmittel zur Krieemeit. — Zeratöninp von Eisenbahnen. 233 

Anf den Schieuett werden sich gepanzerte Zöge and Batterien fort- "»^»t» 
bewegen, znm Angriff und zur Verteidigang mit schweren, sehr weit 
tragenden Geschützen ausgerüstet 

Folgendes Bild zeigt uns einen gepanzerten E^enbahnzng. 



0«paiizerl«r Eisen balinzug. 

Weiterhin geben wir in der Beilage das Bild des anf einer ge- E"k"«»« 
panzerten Eisenbahn-Plattform aufgestellten Geschützes, wie es sich bei g»cJiiii»« mf 
dem vor Loi-d Beresford in Newhaven 18M vorgenommenen Probeschiessen ,1.«^™,°^ 
darstellt. 

Ausserdem werden für die Benutzung der Eisenbahnen auch die »°^ 
gewöhnlichen Geschütze sehr gefährlich werden. Untenstehende Zeichnung a.r vomioht 
zeigt die durch Artillerie auf den Oberbau einer Strecke mit zwei 'd«r*K»^ 
Geleisen hervorgebrachte Wirkung. Fe^hf/^V 



'Wirkung der Artjllerie auf den Oberbaa der Eisenbahn. 



234 Q- I^ie Hil&mitbel. 

wikTHiiaiB- ^gf rasche Wiederherstellung von Eisenhahnen ist also nicht viel 

dar B.tri.1«- zu rechnen. 

bnobn^n. ÄDsserdem können, in Anbetracht des ranchlosen Palvers, der 

Kraft der Explosivgeschosse und überhaupt bei den heutigen Methoden 
der Kriegsfühning, ungeachtet aller Vorsichtsmaassregeln für die ßilcken- 
decknng der Eisenbahnen, sehr leicht Betriebsunterbrechungen hervor- 
gebracht werden. 
RDci«- Die Eisenbahnen stellen ein so sprödes, leicht zu beschädigendes 

Kriegt Kommunikationsmittel dar. Zu Ende des deutsch -französischen Krieges 
waren für die Eückendecknng der deutschen Armee 145712 Mann nebst 
5946 Pferden und 80 Geschützen bestimmt. 

Bei den gegenwärtigen Zerstörnngsmitteln würde eine unverhältnis- 

mässig grössere Kraft nötig werden. 

k^r^^ht ^'^ *"®^ führt dahin, dass die Armeen grosses Interesse haben 

i™«- werden , die Anzahl der Eisenbahnlinien zu vei^össem. In allen 

Ahne" Staaten werden Vorbereitongen zur raschen Herstellung von leicht 

transportablen Eisenbahnen getroffen. 

d) Baa von Feld-Eisenbahnen. 

VeWtahnl" Folgende Zeichnung stellt das Legen eines schmal sparigen Schienen- 

Frukmioh. stningcs Während eines Manövers in Frankreich dar. 



Leguiig einer Fpidbahn. 

Die deutsche Armee hat eine grosse Anzahl von Schienen, Be- 
n festigungen, Eisenbahnschwellen und beweglichem Material für solche 
■ Zwecke vorrätig. Das dort angewandte transportable Eisenbahn- 
geleise hat eine Breit« von 60 Centimetern (23,6 Zoll) und besteht aus 
(jliedem von einer Länge von 2 bis 5 Metern (6,5 bis 16,3 Fuss). Die 



Einspurige Eisenbahn (System caiiie«. 



M. L Elaragan bal Stitt 2E 



Verkehrsmittel zur Kriegszeit. —- Bau von Feld- Eisenbahnen. 235 



Waggous, doppelte, haben eine Länge von 3 bis 4 Metern (9,8 bis 
13 Fuss), eine Breite von 1,3 Metern (4,3 Fuss) mit Wänden von einer 
Höhe von 50 bis 60 Centimetern (19,7 bis 23,6 ZoU). Jeder Waggon ist 
mit getheertem Segeltuch versehen. Ein Waggon kann eine Ladung 
von 32 Säcken Fleischkonserven und 32 Säcken Reis aufnehmen. 

Das Geleise wird mit Steigungen bis 4 Prozent (1 : 25) , bei kurzen ^ w^mga 

^ ^ \ y 7 daner trans- 

Strecken sogar 10 Prozent (1 : 10) gelegt. Man nimmt an, dass man unter portabler 
günstigen Bedingungen 10 Kilometer (9,4 Werst) innerhalb 16 Stunden Ersparin,? 
wird mit Schienen belegen können. Berechnungen zu Folge macht die ^^/J„'^h 
bewegende Kraft auf einem solchen Geleise Vi6 derjenigen aus, welche ««■ 
für Grundweg, und Vs derjenigen, welche für Chausseewege erforderlich 
ist. Die Arbeit, für welche man auf der Chaussee 30000 Pferde brauchen 
würde, werden auf dem Geleise 6000 Pferde leisten; folglich wird die 
Kraft von 24 000 Pferden gespart. 

Man nimmt ferner an, dass man auf einer Operationslinie von ^^Jj^jj*^' 
300 Kilometern (281 Werst) 1800 Kilometer (1687 Werst) Eisenbahnschienen po'^we 
brauchen wird, wozu noch 200 Kilometer (187,5 Werst) für Weichen und 
Ladungsgeleise hinzukommen, also im Ganzen 20(X) Kilometer (1875 Werst) 
Schienen und 18000 Waggons, was einen Kostenpreis von 24 Millionen 
Mark ergiebt; diese Summe ist kaum für die Konstruktion eines Weges 
von 120 Kilometer (112,5 Werst) gewöhnlichen Schlages hinreichend und 
würde sich wahrscheinlich als ungenügend für die Wiederherstellung 
einer zerstörten Bahnlinie zu Kriegszeiten erweisen, welche übrigens 
meistens zu spät in Angriff genommen wii'd. 

Die Zeichnungen des Schienengeleises und des in Deutschland ^«""^•^« ™** 
angewandten beweglichen Materials (siehe Seite 236) sind so klar, dass portablen 
sie keine weiteren Erklärungen bedürfen. 

In Oesterreich assignierte man in den Jahren 1887 und 1888 Spezial- \^^' 
kredite im Umfange von 2100000 Gulden, behufs Anschaffung von oe«terreicb- 
Material und Fahrtrain für transportable Eisenbahnen für 350 Kilo- 7ü*r"' 

meter. bewegliche 

EisenDabnen. 

Allein das war nur ein Teil der Kosten, welche man für trans- 
portable Eisenbahnen veranschlagt hatte; die Gesamtsumme berechnet 
man auf 36(X)000 Gulden, w^odurch die Anschaffung von 600 Kilometer 
transportabler Eisenbahnen mit dem unumgänglich nötigen Fahrtrain 
ermöglicht wird. (Die Kosten für einen Meter wurden auf 6 Gulden 
berechnet, von welchen 3 aufs Material und 3 auf den Fahrtrain- 
Bestand kommen.) Auf Rechnung dieser Summe wurden laut Kosten- 
anschlag für aussergewöhnliche Ausgaben des Kriegsbudgets Oesterreich- 
üngarns für 1890 4(X)000 Gulden behufs Anfertigung transportabler 
Eisenbahnen assigniert. 



II. Dip HilfsmitM-l. 




Sfhipnpn und bewegliches Material einer transportablen Eisenbahn. 

e) Mascbinen znni Transport von Lasten. 

Weit verbreitete Befiirchtangen bezüglich der Schwierigkeiten, mit 
welchen die Verproviantierung einer nach Millionen zählenden Armee zu 

* Kriegszeiten verbunden sein wird , flihrten zu Ermittelnngen Über die 
Konstruktion solcher Dampfmaschinen, welche den Transport von Lasten 
auf gewöhnlichem, d. h. nicht auf Schienenwegen erleichtern könnten. 

Endgültige Resultate ergaben, dass derartige Reisemaschinen 
/machines routi^res) auf ebenem Wege 10 vierspännige Foorgons (Pack- 
wagen) ziehen können, auf schlechtem ungefähr die Hälfte und dass sie 
nicht nur deshalb beqnem anwendbar sind, weil sie eine grosse Last 
ziehen, sondern auch deshalb, weil sie Tag und Nacbt ohne Änfenthalt 
benutzt werden können. 

> Diese Maschinen sind jetzt so veiToUkommnet, dass sie sogar auf 

den schlechtesten Wegen anwendbar sind, über Sand, Schnee und Eis 

[. gehen, ja bei geschickter Leitnng auf dem unebensten Terrain fonktionieren 
können. Sie können gute Dienste leisten in Festungen, bei Armiemngs- 
oder Desarmierim!?s-Arbeiten, bei Belagerungen, hei dem Transport 
von schweren Geschützen und Geschossen, sowie Vorräten aller Art 

Zar Erleichterung der Befrachtung auf Eisenbahnstationen und 
Niederlagen sind diese Maschinen am Vorderteil mit einem Krahn versehen. 



Plattform zur Beförderung breitspuriger Eisenbatinwagen auf 
schmalspurigen Bahnen. 



Beförderung der breitspurigen Wagen auf den Plattformen. 




Längssohnitt. 



Bd I. ElDflgei b«[ 8«lta St 



Maschinen zur Lasten-Beförderung auf ehaussierten Wegen. 



.f 



Transportmaschinen für Personen und Lasten. 



Verkehrsmittel zur Kiiegszeit. — Maschinen zum Transport von Lasten. 237 



Ferner gewähren sie auch noch den Vorteil, dass sie als Lokomobilen Möglichkeit 

Transpoit- 

för verschiedene mechanische Arbeiten verwendet werden können. Jetzt maschinen 
konstruiert man einige dieser Maschinen in der Art, dass sie bei Be- Lolomotweu 
seitigung der Räderbandagen sogar auch wie Lokomotiven auf Schienen- ^^^^j,^^^ 
geleisen rollen können. 

In Deutschland wurde eine Lokomotive, System: Boller, zu einer 
derartigen Maschine umgearbeitet, welche auf gewöhnlichem Wege fünf 
15 Centimeter-r (6 zöllige) Geschütze auf Plattformen und die gesamten 
Laffeten dieser Geschütze transportierte. Der Versuch gelang aus- 
gezeichnet. 

In England sind Maschinen, System Eweling-Poster, im Grebrauch. ^^'^"^^^^.^ 
In Frankreich sind sie noch mit elektrischen Apparaten, behufs Be- England, 
leuchtung des Weges, versehen. "Ld^*" 

In Russland wurden ebenfalls zwei derartige Maschinen schon im ^''^^"^ 
Jähre 1876 Versuchen unterworfen, eine nach dem System Eweling-Poster, 
die andere nach dem System Fowler. Man prüfte sie auf gewöhnlichen 
Wegen, bei den Manövern in Krasnoje-Sselo, und noch spezieller im 
Lager von Ust-Ishora. Sie mussten steüe Abhänge erklimmen, auf den 
schlechtesten Wegen gehen und verschiedene Evolutionen ausführen, wobei 
jede eine Artillerie-Batterie zog. 

Im Winter 1876/77 erwarb die russische Regierung 12 solcher 
Reisemaschinen, und zwar: 6 System Eweling-Poster, 3 Kleiton, 2Molzen 
aus Brjanisk und eine Fowler. 

Man bildete aus ihnen einen Park unter Aufsicht eines Stabsoffiziers 
und seines Gehilfen, eines Lieutenants. Mit dem Park war eine kleine 
Werkstätte für Reparaturen vereinigt, bestehend aus 2 Feldschmieden mit 
je 3 Schlossern, welche mit den nötigen Instrumenten versehen waren. 

Die nimmer rastende Technik arbeitet heute eifrig an der Vervoll- Neueste ver- 

snolio in 

kommnung der Strassenlokomotive. In dem für 1894 ausgeschriebenen Frankreich. 
Wettbewerb in Frankreich, an welchem 23 Erfinder teilnahmen, wurde 
festgestellt, dass IB der Konkurrenten in Ronen mit einer wirklichen Ge- 
schwindigkeit von mehr als 12,4 Kilometer in der Stunde eintraten. Der 
Wettbewerb ergab weiter, dass der Dampfmotor weit hinter dem Gasolin- 
motor zurückbleibt. Der Gasolinwagen ist fortan zu praktischer Ver- 
wendung gelangt. Die Apparate werden jeden Tag vollkommener, Dank 
der Erfahrung, die man macht, die Unbequemlichkeiten und Hindernisse 
schwinden, die Mechanismen vereinfachen sich und der Petroleumwagen 
geht all' der Vervollkommnung rasch entgegen, deren er überhaupt fähig.^) 



Figuier: „Revue scientifique et industrielle", 1895. 



238 II- I>ie HUfsimttel. 



6, Schlussbemerkungen. 

^TifaTutd' ^^^ -Betrachtung der Hilfsmittel, welche die Armeen auf dem Felde 

machen den der kriegerischen Operationen anwenden werden, führt uns aufs neue zu 
derbiicher. cbcn dcuselben Schlüssen, welche sich auch aus den vorhergehenden Ab- 
schnitten ergaben: niemals haben sich die Staaten zu einem Kriege so 
gründlich vorbereitet wie jetzt, niemals wurde eine solche Masse von 
Mitteln beschafft, um dem Feinde Verluste an Mannschaft und Vermögen 
zuzufügen. Ueberall werden gleichartige Vorbereitungen getroffen, dabei 
wird das Gleichgewicht unter ihnen aufrecht erhalten; so ergiebt sich 
kein Vorzug für irgend eine Seite, und gleichzeitig wächst die Ver- 
nichtungsfahigkeit des Krieges für alle in gleicher Weise. 
. D" Allerdings versteht es sich von selbst, dass diejenige Seite be- 

oine schwere, deutend im Vorteil sein wird, welche über eine grössere Zahl von 
bewütigelde intelligenten Kräften zu verfügen haben wird. Der Krieg hat auf- 
ew^n S^l^ört, ein einfacher, mit physischen Kräften geführter Zweikampf zweier 
Armeen zu sein. Gegenwärtig ist der Krieg eine Kunst im wahren 
Sinne des Wortes, und zwar eine schwere und inhaltsreiche Kunst, 
welche der Hilfe der Wissenschaft nicht entbehren kann. Die Armee 
muss das Schlachtfeld mit allen technischen Vervollkommnungen aus- 
gerüstet betreten, allein dabei wird der Vorteil auf der Seite sein, wo 
man alle diese neuen Hilfsmittel auf rationellere Weise gebrauchen wird. 
In allen Ländern arbeitet der menschliche Verstand unermüdlich an 
solchen Erfindungen, welche behufs Erhöhung militärischer Leistungs- 
fähigkeit den Gebrauch aller Naturkräfte, Fähigkeiten der Menschen und 
Tiere, Eigenheiten der Pflanzen und Metalle ermöglichen. Wehe dem, 
der nicht mit den Fortschritten der militärischen Kunst mitzugehen im 
Stande sein wird, es sei denn, dass sich die jetzigen politischen Be- 
ziehungen ändern. 
Wird die Zudem wird man nicht nur Geschosse von einem weit entfernt 

Nerrenlrnft 

aoareichen? steheudeu Fciudc zu besorgen haben, sondern man wird auch die 
Regionen der Luft, auf welche wir früher mit Ruhe und Hoffnung 
blickten, fürchten müssen. Sogar von dort aus wird uns der Gegner mit 
Vernichtung bedrohen. Welche Nerven werden dazu nötig sein, um nach 
den Mühen des Tages noch den nächtUchen Alarm ertragen zu können? 
Und welcher Art wird die Belohnung sein, welche die Völker als Resultat 
aller dieser Mühen schliesslich erlangen werden? Das ist wohl eine der 
wichtigsten Fragen für die ganze Menschheit. 



ni. 



Schilde und Panzer, 



Schilde und Panzer gegen die Wirkungen der 

feindlichen Engeln. 

Die Verstärkung der tötlichen Wirkung des Gewehrfeuers stellte ß"<*«" ^•^^ 
die Frage der Erfindung von Schutzmitteln dagegen auf den ersten Plan, mitteiii gegen 
In einigen Armeen machte man Versuche mit beweglichen Schilden, mit toinduoiie 
welchen man die angreifenden Truppen behufs Schutzes vor den feind- ö«w«5»rfwo'. 
liehen Kugeln versorgen wollte. Derartige Schilde sollten die Soldaten 
tragen oder vor sich her fahren. Man machte auch Versuche mit Panzern, 
die aus einem Stofi verfertigt waren, welcher für die feindlichen Kugeln 
undurchdringlich sein sollte. Dann wollte man die Soldaten mit solchen 
Panzern versehen. 

Allein alle diese Versuche ergaben, wie wir gleich zeigen werden, 
keine befriedigenden Resultate. 



1. Schilde. 

Sofort nach der Einführung des Ohassepot-Gewehres in der fran- 
zösischen Armee begannen viele Militärschriftsteller die Behauptung auf- 
zustellen, dass das neu eingeführte Gewehr ein Anstürmen gegen den Feind 
von der Front aus unmöglich mache und dass der vom Gewehrfeuer 
bestrichene Raum nicht zu überschreiten sei. Eben seit dieser Zeit begann 
man verschiedenartige Schutzmittel gegen die feindlichen Kugeln für die 
angreifenden Truppen zu erdenken und zu versuchen. 

Im Jahre 1869 machte der Kapitän Ganniers den Vorschlag, vor 
den angreifenden Linien Schilde aus Metall als Deckungen gegen die 
feindlichen Kugeln aufzustellen, i) 



Arthur de Ganniers: „La tactique de demain. Cuirasse pare-balles et 
boucliers". 

Bloch, Der Bokünftige Krieg. 16 



Metall- 

Bohirme, 

System 

Ganniers. 



242 ^^ Schilde und Panzer. 

Fast gleichzeitig damit tauchte das Projekt der KugelscUrme (^cran 
pare-halles) auf. Ihre Einrichtung ist ans beifolgender Zeichnung 
ersichtlich. 



Engelschinu Clermont-FerTaii. 

EinriBhoing Dieser Schirm besteht aus zwei 1 Meter (3,3 Fuss) hoben und Va Meter 

Mkimu breiten Metallschilden, welche in einer Entfernung von 30 Centimetem 

Fml (1 Fuss) von der Erde an der Achse eines Rades im Durchmesser von 

1,1 Meter befestigt sind. Ein jeder geschlossene Schirm soUte 8 Soldaten, 

welche in 4 Reihen aufgestellt sind, decken. 

Anfänglich betrachtete man diese Erfindung in Ofözierskreisen mit 
einem gewissen Hohn und gab ihr den Namen eines „Heilpllasters fUr 
Weiber". Jedoch die in den Kriegen von 1870 und 1877 gemachten Er- 
fahrungen veranlassten die militärischen Autoritäten, sich mit dem Ge- 
Koisi- danken einer künstlichen Deckung ernsthafter zu befassen. Im Jahre 1880 
srttaiD EM- projektierte der dänische Kapitän Hollsteiu eine neue Art von Kugel- 
'""^ schirm (bouclier pare-balles), der 2 Meter (6,5 Fuss) hoch und 1 Meter 
(3,3 Fnss) breit war, nnd aus zwei Metallplatteu bestand. Eine solche 
Deckung mnsste notwendigerweise genügend dick und dementsprechend 
schwer sein. Der Gebranch dieser Schirme auf dem Sdilachtfelde 
schien ans dem Grunde erschwert, da ja in Wirklichkeit die Dicke 
des Scliildes nicht geringer als 6 Millimeter (0,2 ZoU) sein musste und 
dennoch keinen sicheren Schutz bot; allein die Verteilung solcher 
Metallplatten auf zwei ergab das Resultat, dass die Kugel, welche 
das erste Hindernis durchschlagen hatte, soviel an Kraft verlor, dass 
sie das zweite nicht mehr zu durchdringen vermochte. Versuche, welche 
mit dem ll-MÜlimeter- (0,43 ZoU-) Gewehre gemacht wurden, bestätigten 
dieses vollkommen. 
*■'- Es scheint, dass die Erfindung des Kapitäns HoU8t«in nicht 

Dintnutk. spurfos vcrschwundeu ist. Im Jahre 1882 assignierte die dänische Re- 
itmuJ'o'rtaM» gierung 75000 KroncH behufs Anstellung von Versachen and Erwerbung 



SchUde. 24ä 



transportabler Schilde für die Soldaten. Seitdem ist die I[raft der 
Geschosse gewachsen, ungeachtet dessen aber wurde in das Budget für 
1893/94 noch eine ausserordentliche Ausgabe von 26000 Kronen für 
ebendenselben Gegenstand aufgenommen mit der Erklärung, dass die 
dänische Eegierung im Prinzip die Erfindung HoUstein's anerkenne 
und die Anfertigung derartiger Schilde angeordnet habe; dass sie aber 
in der dänischen Armee vorläufig nm* in beschränkter Anzahl würden 
verwendet werden. 2) 

Die Versuche, Schutzschilder zu bauen, machten in der Militärwelt ^^®|;!f^""- 

' ' System 

einiges Aufsehen. Der französische Kapitän Lebrun kehrte zu dem Lebnm. 
Gedanken des Kapitäns Ganniers zurück und arbeitete dessen Projekt 
den heutigen praktischen und technischen Forderungen entsprechend um. 
Sein Apparat besteht aus zwei Aluminiumplatten, die 2 Meter (6,6 Fuss) 
hoch, 1 Meter (3,3 Fuss) breit und 4 bis 5 Centimeter (1,5 bis 2 Zoll) 
dick sind. Das Gewicht des ganzen Schildes übersteigt nach der Aussage 
des Erfinders nicht 40 Kilogramm (gegen 2V2 Pud). 

In der österreichischen Armee bildete man behufs Untersuchung ^^^^ 
dieser Frage eine ganze Kommission, deren Meinung jedoch bis jetzt reichischen 

Milit&rkreiso 

nicht zu Gunsten der neuen Erfindung ausfiel. Der Fusssoldat, welcher an der zwecic- 
in seinen Bewegungen frei ist, kann viele natürliche Deckungen, welche ^^^^^^ 
durch die Unebenheiten des Bodens gebüdet werden, benutzen, kann mi»*™»- 
liegend auf der Erde kriechen, sich hinter Bäumen, in Kanälen u. dgl. 
verstecken. 

Das alles wird für den Schützen, welcher vor sich einen grossen 
Schild führen muss, zui- Unmöglichkeit. 

Gegenwärtig siud, wie es scheint, ausser in der dänischen Armee iMos^^^ita- 

*^ ' sciiiime ein 

auch in der belgischen derartige Schilde eingeführt und man hat geeignetes 
die Hoffnung auf die Möglichkeit der Anwendbarkeit transportabler fof^^nerie. 
Deckungen zum Schutz gegen Kugeln noch nicht fahren lassen. In den 
übrigen Armeen ist der Gedanke an die Verwirklichung dieser Aufgabe 
gänzlich aufgegeben wegen der Unbequemlichkeiten, welche mit dem 
Gebrauch dieser Schilde verbunden sind, da diese die Bewegungen 
der Soldaten erschweren und femer auch der Durchschlagskraft der 
Kugeln, welche sie treffen, keinen genügenden Widerstand leisten. Von 
diesen Nachteilen abgesehen, darf man auch nicht vergessen, dass 
diese sich bewegenden Schilde ein vortreffliches Ziel für das feindliche 
Artilleriefeuer abgeben, gegen welches sie selbstverständlich keine Schutz- 
wehr büden können. 

«) „Müitär-Zeitung" No. 7, Februar 1894. 

16 ♦ 



244 TTT. Schilde tmd Panzer. 



r>"todIuJd ^^ Deutschland betrachtet man alle diese beweglichen Deckungen 

gegen uud ihren Nutzen im Kampfe mit vollem Misstrauen. Löbell äussert 
Mhime. sich iu deu „Militärischen Jahresberichten" offen: „Unsere Meinung ist 
die, dass wir dieselben bei unseren Feinden vorfinden möchten". 

Doch wie, werden wir nicht am Ende im zukünftigen Kriege 
wirklich Soldaten sehen, welche sich, gleich den Rittern des Mittelalters 
mit Panzern bekleidet, in den Kampf begeben? 



2. Panzerbekleidung. 



vennche. Die Erfindung solcher Stoffe, welche keine Kugel hindurchlassen, 

einen fftr 

Kugeln hat sich bis jetzt nicht bewährt. Da aber der Gregenstand höchst wichtig 
ari,X. ist» s« ^^ «r hier, wenn auch in Kürze, zu beleuchten sein. 

e^flfden ^^^ Gcdauke an die Möglichkeit der Erfindung einer solchen Stoffes, 

welcher bei verhältnismässiger Leichtigkeit die Eigenschaft der Undurch- 
dringlichkeit für Kugeln besitzt, ist durchaus nicht neu. Bekanntlich hielt 
schon Moritz von Sachsen es für gut, zu diesem Zwecke ein Grewand aus 
in Essig bearbeitetem Leder zu tragen. Der Marschall Soult (zur Zeit 
der Restauration) Uess Kürasse aus Metall mit Matratzen, welche mit Füz 
aus Asbest gestopft waren, anfertigen, und zur Zeit der Regierung Louis 
Philipps stellte er verschiedene derartige Muster vor. Dieser Art von 
Projekten müssen auch die Vorschläge eines Perucice, Duvernais, Robert 
u. A., die Soldaten mit kugelsicheren Korsets zu bekleiden, beigezählt 
werden. 

Ungeachtet dessen, dass diese Erfindungen damals gegen das frühere 
Gewehr einen gewissen Schutz gewähren konnten, so gewannen sie 
trotzdem in militärischen Kreisen keine Bedeutung, Das jetzige vervoll- 
kommnete Gewehr aber macht den Ei'findem eines Schutzpanzers noch 
mehr Schwierigkeiten und hat gleichzeitig das Bedürfnis nach einer 
Schutzwehr gegen die Kugeln vermehrt. Aus diesen Gründen kann man 
jetzt ein besonders eifriges Bemühen wahrnehmen, einen kugelsicheren 
Panzer herzustellen. 

oeeter- Im Jahrc 1887 meinte man in Oesterreich, dass diese Frage schon 

reiohische 

searn- durch die Erfindung des Ingenieurs Carl Seam, bestehend aus einer 
Panzer-Matratze, gelöst sei. Und diese hielt in der That die Kugeln 
aus dem llkalibrigen Gewehr auf. Allein es zeigte sich, dass eine 
Kugel aus dem Karabiner Mannlicher, welcher an Stelle des früheren 
Mauserge wehrs getreten war, mit Leichtigkeit die Seam'sche Matratze, 
in einer Entfernung von 500 Metern (234 Ssashen) durchschlägt. 



Panser. 



/ 

/ 



Panzerbekleidung. 245 



Panier. 



Bald darauf durchflog ganz Eui*opa die Kunde, dass man in Deutsch- ^^^®" 
land einen Stoff verfertigt habe, welchen eine Lebel- Gewehrkugel nicht 
durchdringen könne. Selbstverständlich musste die Kunde von einer 
derartigen Erfindung Sensation hervorrufen. Wie sollte man sich denn 
auch nicht wundern über eine kugelfeste Uniform, die, wie man sagte, 
aus einem Stück Zeug im Gewichte von nur 6 Pfund (in Wirklichkeit 
war das Gewicht dreimal so gross) besteht, und einen schusssichereren 
Panzer abgiebt als ein eiserner 12 Millimeter dicker Schild! — Allein 
namentlich unsere Zeit hat die Leute an Wunder glauben gelehrt, welche 
die Wissenschaft vollbringt, und im Vergleich mit der Anwendung, welche 
Dampf und Elektrizität erfahren haben, wäre es wohl auch nicht wunder- 
bar, falls man eine derartige Uniform erfunden hätte, von welcher die 
Kugeln aus dem kleinkalibrigen Gewehr abspringen oder in der sie nach 
Verlust ihrer Kraft stecken bleiben. 

Der Erfinder dieses Stoffes war Heinrich Dowe, ein kleüier Schneider verenche 

mit dem 

in Mannheim, aus Westfalen gebürtig. Wenngleich die Kugeln that- dow»- 
sächlich durch den Dowe'schen Panzer, mit dem man eine Gliederpuppe 
bekleidet hatte, drangen, so zeigten sie danach doch einen abgeplatteten 
Zustand. Nach vielfachen Vervollkommnungen dieser Erfindung legte 
Dowe eine soldatische Uniform mit eingesetztem Panzer vor, an welcher 
man in Refferthal Versuche ausführte. Die Reihenfolge dieser war 
folgende: eine Kompagnie Schützen, aus Unteroffizieren bestehend, schoss 
auf Gliederpuppen, welchen man den Dowe-Panzer angelegt hatte, an- 
fanglich aus einer Entfernung von 400 Metern (187 Ssashen), dann aus 
einer Entfernung von 200 Metern (93 Ssashen). 

Nach eiQer Reihe von Versuchen ergab sich folgendes Resultat: 

1. Die aus eiaer Entfernung von 400 Metern abgeschossenen Kugeln 
eines Mannlicher-Gewehrs blieben in der Materie des Panzers 
stecken, wobei sie ihre anfängliche Form verloren hatten. 

2. Dieselben Kugeln, aus einer Entfernung von 200 Metern abge- 
schossen, brachten auf der inneren Oberfläche des Panzers eine 
Wölbung von 2 Millimeter (0,08 Zoll) hervor. 

Diese Resultate übertrafen alle Erwai1;ung und gaben Anlass dazu, 
dass man auf weitere Vervollkommnung des Panzers hoffen konnte. 

Die Industrie wandte in der Voraussicht grossen Gewinns ihre 
Aufmerksamkeit der Erfindung Dowe's zu und das Handelshaus Wolman 
in Berlin erwarb sie für einen hohen Preis. 

Es taucht die berechtigte Frage auf, worin die Widerstandskraft 
besteht, welche die Materie des Panzers dem Fluge der Kugel mit 
einem gewissen Erfolg entgegenstellt. Anfangs war nur bekannt, dass 



246 ^I- Schilde und Panzer. 

die Materie des Panzers eine Art Filz von 3 Centimeter Dicke sei ; eiD 

Qaadratmeter dieses Stofies sollte nicht melir als 3 Eilogramm (7Vg Pfand) 

wiegen. 

Allein die anfänglichen Vermutangen erfällten sich, wie es scheint, 

nicht ganz. In Berlin hatte Dowe den von ihm erfundenen Panzer zur 

Besicht^Dg des Publikums ausgestellt. 

Nachstehende Zeichnang stellt ans diesen Panzer dar, wie er vom 

Erfinder selbst voif^efUhrt wird. 
l Der Panzer hatte eine Dicke nicht 

von 3 sondern von 5 Centimetem, 
war mit Plüsch überzogen nnd schien 
einem Kopfkissen nicht nnähnlich. 
Auf der Zeichnung ist er in der 
Form dargestellt, welche er nach den 
Schiessversnchen hatte. Er war in 
einem hölzernen Gestell, welches vom 
oflen war, aufgehängt nnd mit einem 
Leinwandüberzug umgeben, welcher 
den Zweck hatte, das Aufschlagen 
der Kugeln bemerkbar zu machen. 
Die hintere Wand des Gtestells war 
geschlossen, damit man sehen konnte, 
dass die den Panzer treffenden Kugeln 
keine Spnr auf der von ihm geschützten 
Stelle hinterlassen hatten. Die grossen 
LScher im Panzer, welche man auf der 
Zeichnung sieht, sind von Bleikugeln 
hervorgebracht, während die kleinen 
Löcher mit zerrissenen Rändern, 
welche gleichsam von Motten ans- 
gefressen erscheinen, von den Kugeln 
des neuesten kleinkalibrigen Gtewehrs, 
Mod. 1888, herrühren. Auf dem Boden 
des Gestells unter dem Panzer liegen 
einige aus ihm genommene Kngdn, 
während der Panzer selbst sich fort- 
während langsam drehte, um von 
Dowe-PBnwr. *llen Seiten sichtbar zu sein. Die 

Dicke des Panzers betrug, wie oben 

erwähnt, B Centimeter, und der Erfinder äusserte, dass er ihn nicht 

zur RUstnng iUr die Soldaten bestimmt habe, wie man fälschlich annehme, 



Panzerbekleidung. 247 



sondern für eine zuverlässige Schntzwehr des Soldaten in liegender 
Stellung halte. 

In Berlin stellte man im April des laufenden Jahres Schiessversuche schiee». 
mit dem Dowe-Panzer an in Gegenwart von ungefähr 25 Offizieren der durch 
Artillerie, des Ingenieurkorps und des Greneralstabes. Man stellte den autontäten. 
Panzer, welcher an einen eichenen Klotz angelehnt war, in schräger 
Stellung auf einen Tisch, so dass seine Oberfläche mit der des Tisches 
einen stumpfen Winkel bildete. Auf diese Art wollte man sich davon 
überzeugen, ob die Kugeln im Panzer stecken bleiben oder von demselben 
unter gleichem Winkel abspringen. Man schoss aus einer Entfernung 
von 10 Schritt 14 mal; die Kugeln trafen verschiedene Stellen, teilweise 
die äussersten Ränder des Panzers. Sie blieben im Panzer stecken und 
auf der Innenseite des Panzers hatten sie nicht die geringste Spur 
hinterlassen.^) 

In einer unlängst erschienenen Broschüre 2) bestimmt Dowe selbst P^^^^J. 

" über die 

auf folgende Weise die Bedeutung, welche sein Panzer erhalten könne: Bedentnng 
„Meine anfangliche Meinung, dass der Panzer den Soldaten vor den pUm«. 
Kugeln schützen wird, indem er sich auf der Brust desselben befindet, 
erscheint nicht zweckentsprechend, da wir ja in einem zukünftigen 
Kriege überhaupt nicht stehend schiessen werden; wir werden uns 
vielmehr auf der Erde kriechend weiterbewegen, wie die Indianer. Der 
hinter einer Deckung befindliche Soldat bietet dem Gewehrfeuer nur den 
Kopf dar, aber auch diesen kann er in einem Gesträuch verbergen. In 
diesem Sinne, als eine kugelfeste Kleidung, ist also der Panzer nicht 
nötig. Allein unter Sachkennern hat sich jetzt die Meinung verbreitet, 
dass man aus meinem Panzerstoffe kleine transportable Verschlage ver- 
fertigen kann, welche die Truppen mit sich führen und welche dem Fuss- 
soldaten an Stelle der aus Erde aufgeworfenen Deckungen dienen können. 
Der Vorzug dieser Panzerverschläge vor letzteren besteht darin, dass 
man sie schneller aufstellen kann und dass sie überdies für die Kugeln 
undurchdringlich sind." 

Doch kann der Dowe-Panzer als Panzer oder Kürass nach der 
Meinung des Erfinders der Kavallerie dienen, da sein Gewicht für ein 
Pferd unbedeutend ist, femer auch für die Geschütze. Denn da. Dank 
der Schussweite der neuen Gewehre, die Fusstruppen in vielen Fällen auf 
Entfernungen schiessen werden, wie sie die Artillerie anwendet, so ist 
für die die Gijschütze bedienende Mannschaft ein Panzerschild, der über 
dem Geschütze angebracht ist, von grosser Wichtigkeit. Mit seiner Hilfe 



1) „Allgem. Miütär-Zeitung", 28. April 1894. 
*) Dowe: „Mein schusssicherer Panzer". 1894. 



248 ^* Schilde und Panzer. 



einhalten die Batterien die Möglichkeit, in der Nähe oder in mittlerer 
Entfernung zu schiessen, ohne das Gewehrfeuer fürchten zu müssen. 

Schliesslich kann der Dowe-Panzer nach der Meinung des Erfinders 
dem Sanitätspersonal während des Verbindens und Zurücktransportierens 
von Verwundeten im Gefecht, sehr gute Dienste leisten. 

Die Anwendung seines Panzers, sagt Dowe, sei umsomehr möglich, 
als es gegenwärtig gelungen sei, sein Gewicht von 8 Kilogramm auf 6 zu 
erniedrigen, und bei maschinenmässiger Verfertigung stehe wahrscheinlich 
noch eine Herabsetzung bis zu 5 Kilogramm (10 Pfund) ohne Verlust für 
die Dauerhaftigkeit des Panzers bevor. Der Preis des Panzers, welcher 
14 Mark bei Einzelverfertigung beträgt, kann bei Engros-Verfertigung 
bis auf 9,33 Mark erniedrigt werden. 

^ßTi^Jd*" Dowe ging sodann nach England, um seine Experimente dort zu 

wiederholen, zunächst vor dem Herzog von Cambridge, sodann öflfentlich, 
im Alhambra - Theater. Zur Verwendung gelangte das Kriegsgewehr 
Lee Martin, mit Nickelkugeln und rauchlosem Pulver, dessen Wirksamkeit 
dargethan wurde, indem man mit einem Schuss einen Baum durchbohrte. 
Sodann wurde vor einer Glasplatte ein kleines Polster, etwa 10 Centimeter 
dick, das einem Fechterwams glich, aufgehängt: das war der famose 
Dowe-Panzer. Es wurden drei Schüsse abgegeben. Die Kugeln blieben 
stecken. 

Endlich schnallte Herr Dowe sich sein Wams um, stellte sich 

mit geschlossenen Beinen, die Hände hinter den Eücken haltend auf und 

liess, ohne zu zucken, drei Schüsse auf sich abgeben. Er zog den Panzer 

dann aus und zeigte, dass die drei Kugeln in diesem steckten. 

vermntimgen ^as aber die Zusammensetzung des Filzes, aus welchem der Panzer 

über die 

Beniandteue gemacht ist, betrifft, so existieren bis jetzt darüber nur Vermutungen. 
Dowt^chen Mau wies auf die seidene Heede hin, auf den Cement, welcher zwischen 
panxerrtoflFeB. ßijjßjj^ Drahtuetz aus Stahl oder Aluminium sich befindet, allein that- 

sächlich weiss man darüber nichts. 

Doch das Geheimnis kann nicht lange verborgen bleiben, da bei 

den jetzigen Mitteln zur Untersuchung die Geheimnisse der Industrie 

sich nicht lange halten können. 

Sehr bald . schon erhielt Herr Dowe in einem Herrn Loris einen 
Konkurrenten. Das war ein bekannter amerikanischer Schütze, der auch 
einen schussfesten Panzer produzierte. Die Herren Gastine-Renette und 
Guinard benutzten ihre besten Büchsen und konnten den Panzer doch 
nicht durchbohren, selbst nicht mit Militärkugeln von einer Anfangs- 
geschwindigkeit von 610 bis 630 Metern in der Sekunde. Man hatte 
namentlich das 7,7 -Millimeter Lee Metford -Gewehr benutzt, das auf 



Panzerbekleidung. 249. 



100 Meter 0,82 Meter dickes Tannenholz, atif 10 Meter 0,97 Meter dickes 
Holz derselben Gattung durchschlug. Auf solche Entfernungen bestand 
auch der Loris-Panzer die Probe. Mehr noch: das Resultat war das 
gleiche auch bei Benutzung einer kleinkalibrigen Kugel von 6,5 Millimeter, 
die eine Geschwindigkeit von 860 Meter in der Sekunde hat und 1,70 Meter 
dicke Holzbohlen durchbohrt. Besonders interessant erscheint, dass die 
Kraft der Kugel im Panzer sich verliert; die Wirkung des Aufschlags 
wird paralysiert, die entwickelte Hitze herabgesetzt und die Gestalt der 
Kugel bleibt fast unverändert. Auch das Gewicht dieses Panzers ist 
beträchtlich — 4^/2 Kilogramm. 

Der Loris- Panzer scheint ausschliesslich aus komprimierten Webe- 
stoffen hergestellt zu sein. 

Uebrigens hat der Büchsenschmied Daudeteau in Vannes jüngst 
mit einem von ihm konstruierten Gewehr Versuche angestellt, die 
dalün geführt haben, den Loris-Panzer zu durchbohren, s) 

Man kann leicht voraussehen, dass im Falle der wirklichen Be- /»^t^che 

verwenaang 

Währung eines Panzers auch sofort Bekleidungen verfertigt sein werden, der Panier 
bald darauf aber wird eine neue Entdeckung in der Chemie, in Art eines pchJLiiich. 
neuen verhältnismässig stärkeren Pulvers, jede Bedeutung des Panzers 
vernichten. 

Zu unserer Zeit sind dergleichen unerwartete Dinge nicht selten. 
Dasselbe ereignete sich mit der Erfindung Seam's, welchem die Ver- 
vollkommnung seiner Schilde insofern nicht gelang, als sie die Schüsse 
des neuen 7 -Millimeter-Gewehrs nicht aushalten konnten. Wenn mithin 
die Erfindungen Dowe's und Loris' auch in der That praktische Ver- 
wendung fanden, woran gezweifelt werden kann, so ist dennoch, da die 
von den Leuten getragenen Schilde ein bequemes Ziel für die Artillerie 
abgeben würden, ihre militärische Bedeutung sehr zweifelhaft. Aller 
Wahrscheinlichkeit nach ist dies eine der vorübergehenden Erfindungen, 
wie sie unsere Zeit nicht wenige aufzuweisen hat. 

Wer hätte vor 50 Jahren voraussagen können, dass gegen Ende 
des XIX. Jahrhunderts die Panzer plötzlich das Ziel der Erfindungskunst 
werden, so dass ernsthafte Leute über diese Denkmäler des Altertums, 
welche man schon auf ewig in die Rumpelkammer verwiesen hatte, nach- 
denken, sprechen und schreiben würden. 

Es fehlt aber auch nicht an Schriftstellern, welche die ganze Panzer- 
frage ins Lächerliche ziehen. 



*) „L'Ann^e scientifique et industrielle", par Figiiier, 1895. 



I III, Solulde und Pnnzer. 

^^ So wurde n. Ä. folgendes Karikaturbild durch Crawfoi-d McFall 

veröffeatlicht. 



Karikaturbild über Panzerrerwendung im Felde. 

Die Erfindung des Schiesspulvers machte Panzer, Harnische u. dgl. 
unnütz, allein seine weitere Vervollkommnung regte von Neuem die alte 
Idee an, dem Geschützfeuer eine Panzerbedeckung entgegen zu stellen. 

Jedoch, die Truppenbeweglichkeit würde zu sehr abnehmen, und die 
Soldaten wären dann ein derartig bequemes Zielobjekt für die Artillerie, 
dass sie durch diese noch rascher vernichtet würden, als durch das 
Infanteriefeuer. 



f 



IV. 



Deckungen und Schanzen. 




Deckungen dnrch Schanzen nnd Feld-Befestignngen. 

Der zokünitige Krieg wird sich vor den früheren nicht nnr durch »oue 

dtf Defensive 

ein vervollkommnetes Gewehr, rauchloses Polver und verschiedene neue im kunfugen 
Hilfsmittel auszeichnen, sondern auch dui-ch die Rolle, welche hier der ^'^**^*' 
Deckung durch Erdaufwtiife zufallen wird und welche eben durch die 
Fortschiitte in der Technik der Geschütze und Gewehre bedingt ist. 
Doch aUe stimmen darin überein, dass ungeachtet dieser Fortschritte, 
welche den Angiiff erschweren werden, die Oflensive immerhin ihre Be- 
deutung im Kriege behalten wird. Welches Reglement man auch nehme 
— das russische, deutsche, österreichische oder italienische — tiberall 
wird empfohlen, bei den Truppen den Geist der Initiative, des Angrifls 
zü entwickeln. 

Allein auch darin herrscht allgemeine Uebereinstimmung, dass ^'^'^l^®/" 
es auch einer mehrfach überlegenen Streitkraft nicht leicht sein werde, deckungen. 
den Gegner, welcher hinter regelrecht konstruierten Erddeckungen sitzt, 
daraus zu vertreiben, vorausgesetzt auf beiden Seiten die gleiche Be- 
waflfnung, das gleiche Verständnis und den gleichen Mut. j 

Ein paar Zahlen werden uns davon leicht überzeugen. Schützen- schiei»- 

'^ *-' venaclie mit 

linien, deren einzelne Figuren mit 1 Schritt Abstand von Mitte zu Mitte oeweiiren. 
aufgestellt sind, werden von 100 Schüssen getroffen r^) 



Entfernung 


Stehende Schützen 
(Scheiben) 


Kopfscheiben 


300 Meter 


28 
10 

6 

2,6 


4 


800 Meter 


1,4 


1200 Meter 


0,75 
0,25 


2000 Meter 





General Rohne: „Beurteilung der Wirkung beim gefechtsmässigen 
Schiessen''. „Mmtär- Wochenblatt", 1895. 



254 



IV. Deckungen und Schanzen. 



KhSH* Was die Shrapnelschüsse betrifft, so sind als Durchschnittsleistung 

Treffer pro Schuss zu erwarten: 





Schussweite in Metern: 




500 


1000 


1500 


2000 


2500 


Stehende Schützen 

Kopfscheiben 


7,4 
0,9 


6,5 
0,8 


5,9 
0,7 


7,7 
1,0 


6,9 
0,8 



Schwierig- Man hat viel darüber geschrieben, ob überhaupt der Frontalangriff 

Iceiten dos 

Frontal- mögUch Sei, und einige Autoren haben sogar den Gedanken geäussert, 
angriifes. ^^^ ^^^ Zukünftige Krieg aus einem Kampfe um eine unzählige Reihe 
verschanzter Positionen bestehen werde. 



L Einteilung der Befestigungen. 

deokiS eil ^^^ Wirksamkeit der Verschanzungen aus Erde ist längst bekannt. 

Die grosse Bedeutung der Erdwälle gegen das Artilleriefeuer wurde be- 
sonders von dem berühmten Totleben bei der Verteidigung Sebastopols 
bewiesen. Das in der Beilage beigegebene Bild zeigt uns, welche 
bedeutende Eolle beim Angiiff und der Verteidigung die Schaufel und 
die Haue gespielt haben. 2) Seit dieser Zeit kamen die Erddeckungen 
wieder zu Ehi'en. Noch mehr aber wurde die Nützlichkeit leichter Feld- 
schanzen zum Schutze auch gegen das Feuer der Infanterie zur Zeit des 
nordamerikanischen Sezessionskrieges anerkannt, als man anfing, schnell- 
schiessende Gewehre, wenngleich noch grossen Kalibers und sehr wenig 
vollkommener Systeme, zu verwenden. 

Krd- Damals warfen die Truppen 35—50 Centimeter (14—20 Zoll) hohe 

deckniigen 

im Erdauläschüttungen auf, welche sich ganze Werst weit hinzogen, ungeachtet 
"""niadfen dcsscn, dass die Truppen kein Schanzeninstrument bei sich hatten. Man 
8ez6«iioii8. gj.^|j ^Q "ErAe mit Säbeln, Bajonetten und Kesseln, oder auch direkt mit 
den Händen. Wir wollen eins der interessantesten Beispiele nach der 
Beschreibung des bekannten General Longstreet hervorheben, s) Als 
Mac-Clellan mit der 110000 Mann starken Nordarmee auf Richmond zu 
marschierte, verlegte ihm bei Williamborg nur eine 11000 Mann starke 
Division der Südarmee unter General Magruder den Weg. Magruder 
verschanzte sich schnell, und da er nur über eine wenig zahlreiche 



kriege. 



«) „The Crime War". 

*) „Das Gefecht im Beginn des Sezessionskrieges". V. Scheibert: „Jahr- 
bücher für deutsche Armee und Marine". 



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Einteilung der Befestigungen. 255 



Artillerie zu verfügen hatte, so stellte er in vielen ScMessscharten nur 
Baumstämme auf, welche Kanonen vorstellen sollten. Allein Mac-Clellan, 
grosse Verluste befürchtend, entschloss sich nicht, diese Verschanzungen 
anzugreifen. Unterdessen hatte der berühmte Anführer der Südarmee, 
General Lee, welcher das Kommando über die Truppen in Virginien 
führte, Eichmond befestigt und liess Magruder den Befehl zugehen, die 
Position bei Williamborg aufzugeben und auf Eichmond zu zu marschieren. 
Longstreet erhielt damals den Auftrag, den Abzug zu decken, hielt sich 
in den Verschanzungen einen ganzen Tag gegen den angreifenden Gegner 
und zog dann selbst ohne Verluste ab. 

Nach dem Vorgange des nordamerikanischen Krieges begann man ^^^ 
Verschanzungen aus Erde auch in den europäischen Kriegen anzuwenden, i» den 
Zu derartigen Deckungen nahmen die Oesterreicher im Jahre 1866 ihre nnamo/Ti. 
Zuflucht, welche Gewehre hatten, die von der Mündung aus geladen 
wui'den, während die Preussen Hinterlader führten. Ferner wurden Erd- 
verschanzungen bisweilen im Kriege 1870/71 sowohl von den Deutschen, 
als auch von den Franzosen im Falle eines Angriffs von der Front auf- 
geworfen. Seitdem überzeugte man sich noch mehr von dem grossen 
Nutzen, welchen derartige Deckungen nicht nur gegen das Gewehr-, 
sondern auch gegen das Ailiilleriefeuer gewähren. 

Allein gegenwärtig, wo die Kriegskunst, was die Erdverschanzungen ^^^ ^^ 
angeht, die Erfahrungen des Krieges 1877/78 bei der Verteidigung von in dem 
Plewna, zum Vorbild nehmen muss, kann man mit Wahrscheinlichkeit Krie^.° 
erwarten, dass die in der Defensive befindliche Seite auch auf oflfenem 
Felde sogai* angesichts des schnellsten Aufmarsches der angreifenden 
Kräfte dennoch leichte Verschanzungen aufwerfen wiid, und dass ihre 
Anwendung auf dem Schlachtfelde schon keine Ausnahme mehr sein wird, 
sondern im Gegenteil ein ganz gewöhnliches Verfahren der Truppen, 
welche einen Angrifi auf eine eben von ihnen eingenommene Position im 
ofienen Felde erwarten. 

Die französische Instruktion vom 23. März 1878 lautet: „Die Be- ^»"''^•*«»^« 

. , Iiustraktion 

festigungen im Felde hatten immer eine grosse Bedeutung, aber seit der von ists 
Einführung der Schnellfeuer-Geschütze sind sie eine solche Macht und fMu^n^n 
ein solches Hilfsmittel im Kriege geworden, dass sie immer nützlich und ^"^ ^®^®- 
oft unumgänglich notwendig sind. Bei der Verteidigung gleichen sie die 
geringere Zahl der Truppen auf einem gegebenen Punkte aus und beim 
Angriff ermöglichen sie es, die Verteidigungsarbeiten des Feindes zu 
zerstören oder diese gegen ihn anzuwenden, nachdem man sich seiner 
Position bemächtigt hat." 

Damit die Truppen, welche eine gegebene Oertlichkeit besetzt halten, Anforderung 
irgend eine Deckung haben, ohne selbst der Möglichkeit, ihre Gewehre Deckungen. 



256 ^' I^eckung^n und Schanzen. 



ZU gebrauchen, beraubt zu sein, sind zwei Bedingungen zu erfüllen: 
erstlich muss eine Deckung vorhanden sein, welche den in der Defensive 
Befindlichen dem Auge des Angreifers entzieht und zweitens ein Hin- 
dernis, welches den Angreifer im entscheidenden Moment des Angriffs 
aufhalten kann. 

DeatBche Die Deckungeu selbst müssen möglichst unbemerkbar sein. So er- 

Yorschrifton 

Yon i8»8 teilen die unlängst (6. April 1893) in Deutschland hinsichtlich der Be- 
de^AMwid festigungen im Felde erlassenen Regeln die Vorschrift, diese Deckungen 
oortitSkeik möglichst niedrig und unbemerkbar zu machen. „Die Defensive muss 
fttr Anlage aus dcu Vorteüeu, welche ihr die vergrösserte Entfernung, von welcher 
DeokillSyen. »US die Schlacht beginnt, und das Fehlen des Rauches geben, welcher 
sie dem Feinde unsichtbar macht, den grösstmöglichsten Nutzen ziehen. 
Die Deckungen sollen nicht vor erhöhtem Terrain, welches der Feind 
am ehesten bemerkt, wie vor Waldessäumen und Dörfern, angelegt 
werden. Je mehr Vorteile derartige Bodenverhältnisse für die Orien- 
tierung des Gegners darbieten, je wahrscheinlicher es ist, dass er sie 
benutzen wird, desto gefährlicher ist es, dort auch nur die geringste 
Deckung zu plazieren; da das Fernrohr sie sogleich entdeckt, die Lage 
bekannt wird und dann die Artillerie an ihr Zerstörungswerk gehen 
kann. Bei der Auswahl des Platzes muss man die Aussichten, welche 
sich dem Feinde darbieten, erraten und die Verteidigungsarbeiten an 
derartigen Stellen plazieren, wo wii' selbst, falls wir uns der gegebenen 
Position nähei-ten, sie am wenigsten vermuten würden." 

Die Hindemisse, welche dem Angriffe des Gegners entgegengestellt 
werden können, sind dreifacher Art: zeitweilige^ halbbeständige und be- 
ständige 

Die Bedeutung, welche jede dieser Befestigungsarten hat, kann man 
am besten aus Beispielen erkennen, die zugleich auch auf den Nutzen 
der Verteidigungswerke und die wichtige Rolle, welche die Fortifikations- 
ai-beiten im zukünftigen ICriege spielen werden, hinweisen.*) 

Beiapieie Am 6. August 1870 sah das 2. französische Korps, welches die 

deutoch- Position Spichem einnahm, dass auf seiner Abzugslinie im Thal eine 

'^Krieg ^üT föüidliche Abteilung mai'schierte. Doch der General Frossart, welcher 

ytü^'s^w ^^ Möglichkeit einer solchen Bewegung vorausgesehen hatte, hatte schon 

werken, vorhcr die Aufführung von Schanzen auf dem Kannichenberg, welcher 

dieses Thal beherrscht, angeordnet. Diese hielten nur die Sappeur- 

kompagnie, welche sie aufgeworfen hatte und noch 200 Mann Fuss- 

soldaten, welche eben hinzugekommen waren, besetzt. Allein auch diese 



*) H. Plenix: „Manuel complet de fortification". Paris 1890. 



Einteilung der Befestigongen. 257 

unbedeutenden Kräfte genügten, um die Vorwärtsbewegung der Deutschen, 
welche den Eückzug der Franzosen bedrohten, aufzuhalten. 

In eben demselben Jahre zog sich die französische Armee am 
18. August auf Metz zurück und nahm bei Amanvilliers Stellung. Es 
fehlte den Truppen an Schanzzeug, dazu war auch die Zeit kurz be- 
messen; trotzdem gelang es den Franzosen, an einigen Punkten auf dem 
linken Flügel Gräben und Brustwehren aufzuführen und an diesen 
Punkten, welche von den Truppen des 2. und 3. Korps gut verteidigt 
wui-den, wurde der feindliche Angriff abgeschlagen. 

Die Arbeiten, welche in den beiden bezeichneten Fällen ausgeführt /*}!«« ^ 

^ festigangeii 

wurden, fallen in das Gebiet der auf dem Schlachtfelde hergestellten des schi*cht. 

^^^ ^A I n Hfl 

Verschanzungen (fortiflcation de champ de bataüle), welche durch die Ein- 
fachheit der Mittel und die Kürze der dazu erforderlichen Zeit und endlich 
durch den Umstand charakterisiert werden, dass sie gegen den gelegentlich 
angreifenden Feind auf dem Schlachtfelde angewendet werden. Diese 
Befestigungen nennt man „eilige", da sie eben im Angesicht des Feindes 
improvisiert werden. 

In den ersten Tagen des Januar 1871 erhielt der General von Werder, 
welcher die Belagerung der Festung Beifort leitete, die Nachricht von 
dem Anmärsche der Armee des General Bourbaki behufs Aufhebung der 
Belagerung. Da er selbst nur 43000 Mann zur Verfügung hatte und 
wusste, dass er es mit 4 französischen Korps zu thun haben werde, so 
befestigte Werder die Stadt Montbeliard und die Linie Lisaine stark, 
indem er auf den neuen Werken grosskalibrige Geschütze aufstellte, welche 
er aus seinem Belagerungspark genommen hatte; mit Hilfe dieser 
Verteidigungsarbeiten hielt er im Laufe zweier Tage (den 16. und 
16. Januar) die Angriffe der Franzosen aus und schlug sie sieghaft 
zurück. 

Li diesem letzteren Falle stand mehr Zeit zur Ausführung der zeitweuigre 
Arbeiten zur Verfügung, allein die vorhandenen Mittel waren nicht festignngen. 
gross und es wurden nur Feldbefestigungen aufgeführt, wenngleich sie 
ungleich bedeutender waren als diejenigen, welche einige Stunden vor 
der Schlacht oder während dieser aufgeführt werden können. Das waren 
zeitweilige Befestigungen, welche sich von den auf dem Schlachtfelde 
aufgeführten bedeutend unterscheiden, allein doch nur für den gegebenen 
Moment bestimmt sind. 

Das dritte Beispiel bilden die Befestigungen, welche von Osman ^^^^J^Jf" 
Pascha um Plewna herum ausgeführt wurden. Plewna selbst war keine Beweis yon 
befestigte Stadt, doch indem Osman Pascha die günstige natürliche Lage 
benutzte und starke Werke aufführte, verwandelte er Plewna in ein 

Bloch, Der zukllnftige Krieg. 17 



25g IV. Deckongen und ßcbaoEen. 

befestigtes Lager, in welchem er sich 41/3 Monate mit 60000 Mann und 
100 Geschützen ge^en die mssische Armee hielt, welche zeitweilig 
110000 Mann stark war, sowie über mehr als 500 Geschütze gebot, unter 
denen sich noch viele Belagerungsgeschütze befanden. 

Die Zeichnung einer Plewna-Kedonte wird ans am Besten ihre Kon- 
struktion und Bedentung erläntern.'') 



Plewna-Bedout«, 

Diese von den Türken aufgeführten Vei-schanznngen fallen in die 
Kategorie der „halbbestäudigen'', deren hervorragende Eigenschaften 
'' darin bestehen, dass man sie zum Schutze gegen grosse Trappenmassen 
and nicht nur gegen die Feld-, sondern teilweise auch gegen die Be- 
lagernngs-Artillerie errichtet, während sie andererseits doch nur das zeit- 
weilige Bedürfnis im Auge haben. 
' Schliesslich giebt es „beständige Befestigungen", welche ihre Be- 

.. deutung für immer belialten. Die Kunst der beständigen Fortiflkation 
gebietet bereits über alle von der Gegend dargebotenen Mittel und lehrt 
solche Festungen oder Einzelforts auffuhren, welche der stärksten Be- 
lagernngs-ArtÜlerie standhalten können. Festungen werden an solchen 
Punkten errichtet, deren Besitz von der grössten Wicht^keit ist, sowohl 
was die Zurückschlagung des feindlichen Ansturms als auch die Sicher- 
stellung der Möglichkeit, zur Offensive nberaugehen, betrifft. 

') Brackenbury; „Fielil Works". 



Die Technik der eiligen Befestigungen. 259 



2. Die Technik der eiligen Befestigungen. 

Die eiligen, d. h. Angesichts des Feindes improvisierten Verteidigungs- 
arbeiten sind Erdaufwerfungen , welche von den Fusssoldaten und der 
Kavallerie mit Hufe eines Schanzeninstruments, welches diese Truppenteile 
mit sich führen, hergestellt werden. Mit diesen Verteidigungsarbeiten 
werden wir uns jetzt beschäftigen. 

Wir geben nun die Stärke an, welche die Deckungen nach An- deutsche 

° ' " Normen fftr 

Weisung der neuesten Instruktion fiir die deutsche Armee haben sollen st&rke nnd 
im Verhältnis zu dem Material, aus welchem sie verfertigt werden, und euiger Ver- 
den Geschützen, gegen welche sie Schutz gewähren sollen. ***wSe^ 

Gegen Gewehrkugeln: 2 Centimeter (0,8 Zoll) dicke Stahlplatten; 
50 Centimeter (20 Zoll) Ziegel; 75 Centimeter (30 Zoll) Sand; 1 Meter 
(39 Zoll) gewöhnliche Erde; 1 Meter Tannen- und Fichtenholz; 60 Centi- 
meter (24 Zoll) Eichenholz; 2 Meter (6,6 Fuss) Rasenstücke, Torf- oder 
Sumpf erde; 2 Meter fest gestampfter Schnee; 5 Meter (16,4 Fuss) Korn- 
garben; 20 Centimeter (8 Zoll) Doppel wände aus Brettern, zwischen 
welchen Schutt liegt. 

Gegen Artilleriegeschütze und zwar gegen Shrapnel- und Granat- 
splitter der berittenen Artillerie; 40 Centimeter bis 1 Meter (16 bis 39 Zoll) 
Erde, ein 5 Centimeter (2 Zoll) dickes Holzdach; der Fuss-Artillerie : 
1 Meter (39 Zoll) Erde, ein 10 Centimeter (4 Zoll) dickes Holzdach; gegen 
ganze Shrapnels oder Granaten der reitenden Artillerie: 1 bis 2 Meter 
(39 bis 78 Zoll) Erde, 1 Meter (39 Zoll) Ziegel, 8 Meter (26 Fuss) Schnee; 
gegen ganze Geschosse der Fuss-Artillerie : 3 bis 4 Meter (10 bis 13 Fuss) 
Erde. Einen zuverlässigen Schutz gegen ganze Geschosse bieten nur 
unter dem Niveau der Erde befindliche Räume; Feldschanzen können 
gegen solche Geschosse überhaupt keinen genügenden Schutz gewähren. 

Die relative Stärke der Deckungen gegen Flintenkugeln, Shrapnels 
und Granaten stellen wir auf der folgenden Seite graphisch dar. 

a) Werkzeuge für Schanzarbeiten. 

In einem französischen Regiment zu Fuss sind 1028 Instrumente Werktage 

° für Sehanz- 

für Schanzarbeiten vorhanden ; darunter 840 Werkzeuge zur Ausführung arbeiten 
von Erdarbeiten und 188 zur Zerstörung.*) fr^z'ösischeii 

Armee. 



Eine französische Kompagnie besitzt an "Werkzeugen für Schanz- 
arbeiten 1 Spaten und 2 Schaufeln, welclie die Mannschaft mit sich führt, alles 
Uebrige befindet sich im Bequisitenwagen. 

17* 



SUrkadu 
Daakugvi 



IV. Deckosgeix nnd Sobanceo. 



Belative Stärke der Deckungen in Metern. 



CUgen Flmtenkngels. 



Gegen Shrapnel- and Oranateplitter der berittenen Artillerie. 



Gegen Shrapnel- und QranfttBplitter der Fnss-Artillerie. 



Gegen gonxe Sfarapnels und Oranttten der berittenen Artillerie. 



Gegen ganie Sbrapnels nnd GranBiten der IFuss-ArtiUerie. 

w*rkHiic> In (jer rassischen Armee kommen anf jede Infanterie-Kompagnie 

uMhin 80 kleine Schanfeln nnd 20 Beile, welche die Lente mit sich Ülhren nnd 
„^^^ ausserdem sind im Regimentstrain vorhanden: 

Fttr Jeda Vbr du 

Hacken ... 3 48 

Brechstansen . 1 16 

Spaten .... 3 48 31 496 



PItr J«d> FBr da* 

KnmpagBl« guu BagioiaDt 

Grosse Schaufeln 16 256 

Beile 8 128 

3 48 



f 



Eilige Befestigungen. — Werkzeuge für Schanzarbeiten. 



261 



Auch in den übrigen Armeen ist ungefähr eine solche AnzaM von 
Werkzeugen vorhanden. Ausserdem sind mit Schanzzeug auch noch 
die Kavallerie-, Artillerie-, die Sappeur- und Ingenieurparks versehen. 

Für unsere Zwecke wird es genügen, dass wir uns nur mit der 
Betrachtung der Arbeiten, welche die Fusssoldaten ausfuhren, beschäftigen. 
Vor allen Dingen müssen wir uns mit ihren Werkzeugen bekannt 
machen. 

Diese sind zusammenlegbar, damit die Soldaten sie beständig mit 
sich fuhren können. Folgende Zeichnungen geben uns einen Begriff 
von den gebräuchlichsten Werkzeugen und von der Art, wie sie getragen 
werden. 2) 




t 

* 

k 




•i«r 



Hack«. Spftten. BeU. 

Schaaizwerkzenge für die Fasssoldaten. 



Breohirtaage. 



Abbildung 

der 

Scbans- 
werkseiig« 

der 

Inftuiiteri«. 




Tragweise der Schanzwerkzeoge. 



') „Manuel pour P^rection des travaux de campagne". Paris 1889. 



264 



IV. Deckungen nnd Schanzen. 



Abbildung 

der Ein- 

decknngen 

gegen 
Artillerie- 

fener. 



von oben zu schützen, die über den Laufgräben angebracht sind. Wir 
führen ans dem neuesten ,,Handbuch für die deutsche Armee^, die be- 
treffenden Anweisungen an. 

Zahlreiche und leicht zu konstruierende Eindeckungen sind einer 
kleineren Zahl grösserer und stärkerer vorzuziehen. Man verfertigt sie 
aus überall leicht aufzufindendem Baumaterial, wie z. B. Thoren, Thüren, 
Brettern, leichten Balken, Zaunpfählen etc. Man konstruiert z. 6. eine 
Eindeckung aus 5 Centimeter (2 Zoll) dicken Brettern, auf welche noch 
eine 1 bis 2 Meter (3 bis 6 Fuss) dichte Erdschicht gelegt wird. Dieses 
Dach wird von Pfählen gestützt, wobei diese Stützen, falls sie 10 bis 
16 Centimeter (4 bis 6 Zoll) dick sind, in einer Entfernung von 2 bis 
4 Metern (6 bis 13 Fuss) von einander stehen können; falls sie dünner 
sind, so müssen sie enger aneinander gerückt werden. Ein solches Dach 
hält Shrapnels und Granatsplitter aus. Giebt man ihm eine Neigung, 
beispielsweise von 12<>, d. h. in der Weise, dass die Stützen 20 Centi- 
meter (8 Zoll) auf 1 Meter (3 Fuss) Entfernung niedriger als die Basis 
des Daches sind, welches in der Brustwehr selbst befestigt ist, so hält 
es den Schlag einer ganzen Kugel eines gewöhnlichen Geschützes (d. h. 
nicht eines Mörsers) aus, das aus einer Entfernung von nicht weniger als 
3000 Metern gegen 3 Werst) abgefeuert wird. 

Folgende zwei Zeichnungen stellen derartige „Eindeckungen" dar. 




Eindeckung gegen Artilleriefeuer. 




Eindeckung unter der Brustwehr gegen Artilleriefeuer. 



EiBfiuh«Ei]i. Allein auch in schon vorhandenen Gräben können die Schützen sich 

u BciMn einigermaassen Deckung verschaffen, indem sie sich mit dicken Brettern, 
^"^wSir' Thüren, Thoren etc. bedecken, wie folgende Zeichnung zeigt. 



Eilige Befeatägungen, — Schanzen für Oeaobütze. 



Eindeckung vermittelst Brettern, Thüren etc. 

c) Schanzen für Geschtttze. 

Die Brustwehren sind als Deckung der Geschütze ebenfalls sehr Bnutwj™ 
wichtig. Bei Versacben, die man in Oesterreich ansfhhrte, fielen bei tmiiari*. 
100 Schüssen 49 Kngek auf die Brustwehr and blieben in den Anf- 
schüttungen stecken. Die Höhe der Deckungen fiir die Artillerie darf 
nicht mehr als 0,8 Meter (31 Zoll) höher als die Rchnssriclitung der Ge- 
schütze sein. Folgende Zeichnung*) giebt das Profil einer solchen Ver- 
schanzung (Querschnitt der Brustwehr durch die Ambrasur). 




Deoknng für Feldgeschütze. 

Wir geben ausserdem den Plan und zwei Durchschnitte von „^J^JJJI, 
Deckungen für Schnellfeuergeschütze, welche durch Vergrösserung der 
Dimensionen in der englischen Armee auch för Feldgeschütze verwendet 
werden. 6) 




Deckungen für Schnellfeuergeschütze. 
iLeitfaden in der Feldbefestigung". 



') Brunner: 

•) Brackenbury: „Field "Works". 



266 



IV. Deckungen und Schanzen. 



Folgendes Bild zeigt uns die Bedienung eines gedeckten Geschützes 
hinter Erdaufwurf und hinter einer Mauer. 





Bedienung eines gedeckten Geschützes. 

d) Schanzen fhr die Kavallerie. 

De^ngen jfan errfchtet Schanzen auch für die Kavallerie, wie aus nach- 

fftr die ' 

K»v*ii«rie. folgender Zeichnung ersichtlich ist.?) 



*Mi 



t" / SOI 




Deckung für die Kavallerie. 



3. Feld-Befestigungen. 

Badeuundere Bedeutendere Befestigungen werden in folgenden Fällen aufgeführt: 

■ciuiBiniigeii. wenn man die Deckung der Truppen vor einer erwählten Position sicher 
stellen will; ferner falls die Streitkräfte des Feindes sehr bedeutend sind; 
endlich, wenn die Position, aus welcher der Feind vertrieben ist, sofort 
befestigt wird, damit die ihn verfolgenden Abteilungen in ihr Deckung 
finden, falls infolge eines neuen feindlichen Ansturms die Position nicht 
mehr zu halten ist. 

a) Gruppen von Verschanzungen. 

sehaiuen- Die äussere Form der Schanzen-Gruppen ist verschieden. Sehr oft 

Gnipp6n und _ . , 

Aofrtdiang braucht man winkelförmige Lonetten oder Hai b-Redoaten , welche die 
dttOMchttt» PJ.QJJJ ^^^ ^g Flanken decken. 



iwbchen 
Uuien. 



„Manuel des travaux de fortification". 



i 



Feld-BefesUgungtin, 



Aus folgender Zeichnung») erhellt auch die Art und Weise der Anf- 
stellnug der Geschütze zwischen den Verschanzungen. 



^' 



,^ * (^ 



^ 



a VersohuiEnngen und An&telliuig der Oescliätce mischen ihnen. 



b) Befentigaag von HOlien. 

Auf folgender Zeichnong'') zeigen vir die Lage der Befestigungen i*e» '" ^ 
gegen einen Feind, der über eine zahlreiche Artillerie zu verfügen hat. 




Angesichts des Angriffs i 



c) Redouten. 

In Oertlichkeiten, welche von allen Seiten oflen sind, können voll- 
ständig geschlossene Redonten konstruiert werden, deren Umrisse von den 
Ortsverhältnissen abhängig sind. 

HD c^ t} O 



(SLeha DDcb di< Mgcnds Seit») 



') „Manuel de guerre": „Le Combat". Paris 1890. 

') Omega; „L'art de combattre" und Brackenbury: „Field Works". 



IV. Deckungen und Schanzen. 




Doch im künftigen Kriege wird raan Angesichts der Stärke der 
neuen Geschlitze derartige Kedonten, weil sie gleich bemerkt werden 
können, nur in Aasnahmefällen errichten. Vor den Werken, wenn es die 
Zeit und Mittel erlauben, werden Hindernisse meist aus Draht errichtet 
werden. 

Folgendes Bild wird uns von dem Bau einer derartigen Redoute 
eine Yorstellung geben. 



Bedoate mit DrahthindemiBseu. 



d) Rückendecknngen. 

^«*^"' Zur Verteidigung gegen Umgehungen von der Flanke oder vom 

dsnh «I- ß&cken aus werden die Verschanzangen mit einander verbanden oder, 
irt„ ," falls die Umgehung vom Rücken aas durch einen Wald verhindert wird, 

Mh>l»i*. ^^"1*11 Verschanzungslinien errichtet, wie dies die erste Zeichnung auf 
folgender Seite darstellt 



Feld'Befestigtmgen, 



Auf kupiertem Terrain, wo der Feind die Position unter dem Tminiri.« 
Schatz natürlicher Bodenanehenheiten nrngehen oder hinter ihr in einer HUednun 
derartigen Nähe anftanchen kann, dass man seinen Anstorm dnrch n 
G^schUtzfeaer nicht mehr aufhalten können wird, vereinigen die in der 
Defensive befindlichen Truppen verschiedene Arten von Verschanzungen. 
So beschiesst z. B. auf der zweiten Zeichnnng Verschanzung I den Weg, 
welcher in der Richtung der eingenommenen Position läuft; sie ist 
deshalb errichtet, weil die ßedonte n diejenigen Strecken des Weges, 
welche eine Einbiegung machen oder in einen Schlnss Übergehen oder 
sich hinter einem HUgel befinden, nicht beschiessen kann, unterdessen 
gestatten Redonte II und Verschanznng HL keine Umgehnng der Position 
von der andern Seite. 




Befesti^ng einer OerUJohkeit dxach ver- 
schiedene Arten von yeTscbanEimgen. 

Die Linien der Verschanzungen and Feld-Befestigungen haben bis- 
weilen eine beträchtliche Ausdehnung. Um einen ungefähren Begriff von « 
ihrer Ausdehnung za geben, genüge es, wenn wir anißhren, dass die 
ßedoutenlinie für eine Kompagnie Fusssoldaten gewöhnlich 140 Meter 
(65 Ssashen) lang ist. 



e) TJebereinanderliegende Verschanzniigen. 

Wenn die örtlichen Verhältnisse die Aufführung mehrerer hinter- 
einanderliegender Verschanzungen gestatten, so wird gewöhnlich die erste li^öä» v«. 
Linie in der Höhe des Erdniveaus, die zweite 50 bis 100 Meter (23 bis" 
46 Ssashen) hinter ihr und die dritte wiederum 50 bis 100 Meter hinter 
dieser, jedes Mal in entsprechender höherer Lage hergestellt. 

Aof diese Weise ermöglicht man die Aufstellung der Schützen 
hintereinander und ein schichtweises Feuern.^) 



') Springer: „Handbuch für Offiziere des Generalstabes". 



270 ^- Deckungen und ScbaoEen. 

Allein diese Anlage gehört schon za den schwieriger auszDführenden 
Fortifikationsarbeiten, welche gewöhnlich nnter Aiileitnng von Spezialisten 
aosgeftihrt werden. 

Beispielsweise geben wir eine Zeichnnng von Verschanznngen, welche 
österreichisch-preussischen Kriege i 
Vri™'-" Pidohl bei Sadowa aufgeführt wurden. 



Uebereinand erliegende Verschanzungen. 

4. Verteidigung von Flüssen und Brücken. 

^ Um di^enigen Arten der Feld-Befestigungen, welche nnter anderem 

»n ssbnu auch zuF Verteidigung von Flössen, Fnrten und Bracken dienen, an- 
n™ Brtcw schaulich zu machen, geben wir beifolgende Zeichnung, welche die 

Arbeiten darstellt, die behufs Verteidigung von Flüssen und der über 

diese führenden Brücken ansgefiibrt werden.') 



Befestigungen zum Schatze von Flüssen und Brücken. 
') „Trawaux de Champ de bataille". 1891, 



Yerteidigung von Flüssen und Brücken. 271 



Irgendwelche geschlossene Feld-Befestigungen, Redouten und Halb- 
redouten, welche ebenfalls Schanzen heissen, werden überhaupt auf den 
wichtigsten Punkten der Schanzenlinien, welche als Deckung für die 
Schützen dienen, errichtet und für eine oder zwei Kompagnieen bestimmt. 

Doch muss bemerkt werden, dass in der militärischen Literatur die Be^«»^« 

. gegon die 

Meinung vorherrschend zu werden beginnt, dass solche Schanzen schmzwerke, 
unpraktisch sind. Es handelt sich eben darum, dass sie, wie künstlich die Konzen- 
sie auch den örtlichen Verhältnissen, den Unebenheiten des Bodens ^^^iJ^ 
u. s. w. angepasst sein mögen, trotzdem zuviel Platz einnehmen, ^'"J^^j^^ 
um unbemerkt zu bleiben. Sobald aber eine Schanze das Ziel der ennögiiohen. 
Artillerie geworden ist, bringt es eben ihre Insichabgeschlossenheit mit 
sich, dass die Wirkung der auf sie gerichteten Geschütze möglichst 
stark wird, und man sie nicht lange halten kann. 

In einem in bergiger Gegend geführten Kriege können die Ee- 
douten oder Schanzen ebenfalls von Nutzen sein, da sie zur Verteidigung 
von Uebergängen und Etappenpunkten dienen. 

Was die Zeit anlangt, welche zur Aufschüttung der Schanzen ^otr^^^^^ 
wendig ist, so führen wir die französische Instruktion von 1892 an. voa sdumr- 

30 bis 60 Minuten sind je nach der Beschaffenheit der Werkzeuge und (n^i a« 
der geschehenen Verteilung derselben erforderlich, um einfache Trancheen 'J^^jJ^" 
mit einer Brustwehr von SOCentimetem (2,6Fuss) Kammdicke aufzuführen; 
4B bis 90 Minuten für die Ausführung einer normalen Tranchee mit einer 
80 Centimeter (2,6 Fuss) dicken Brustwehr und 2 bis 2^/2 Stunden zur 
Errichtung einer verstärkten Tranchee mit einer 2 Meter (6,B Fuss) 
dicken Brustwehr, welche bis zu einem gewissen Grade Schutz gegen 
Artilleriegeschütze gewährt. 

Zur Ausführung eines Werkes in der Form einer hinten offenen 
Halbredoute mit einer 3 Meter (10 Fuss) dicken Brustwehr und einer 
Kammlänge von 100 Metern (46 Ssashen) und einer verstärkten Tranchee 
von ungefähr 20 Metern (9 Ssashen) zur Placierung der Eeserve sind 
309 Mann, welche 2 Stunden arbeiten, erforderlich. Falls aber auch eine 
Deckung des offenen Teils durch zwei 3B Meter (16 Ssashen) lange 
Trancheen erforderlich ist, so sind noch 50 Mann mehr nötig. 

Zur Ausführung dieses festen Baues bedarf es schon solcher Werk- 
zeuge, wie sie nur im Regimentstrain vorhanden sind. 

Die österreichische Instruktion besagt, dass man, falls 100 mit den ^^^'- 

, reichiscae 

nötigen Instrumenten versehene Arbeiter zur Disposition stehen, ent- iMtroktion 
sprechend der Stärke des Profils (Durchschnitts, Seitenwand) dauerhafte z*eitd»ne* 
Schanzen im Laufe von 3 V2 Ms 7 Stunden aufwerfen könne. 'Vrte^"'" 



rv. Deokungen nnd SohejiKeti. 



5. Hiifemittel für die Defensive im Felde. 

^^\ Unabhängig von den in Eile anfgeschütteten oder dauerhafteren 

■it Feld-Befestigungen werden die Truppen selbstverständlich alle durch die 
.ihttSlIS-Oertlichkeit selbst gegebenen Deckungen: wie Bodenunebenheitea, 
TtrhtitBUH. Schluchten, Gebäude, Wald a. s. w. sich zu Nutze machen. Am Waldes- 
saum dienen gefällte nnd haufenweise in einer Keihe zusammengelegte 
Bäume als Deckung. Diese muss man hinter den stehen gelassenen 
Bäumen placieren, so dass die Befestigungslinie nicht bemerkt werden kann. 
*pm^ Hinter ihnen im Walde eine Brustwehr ganz aus Erde herzustellen, 

utErdtnndist schwer; dafür kann man aber die mangelnde Dichtigkeit des Erdwalls 
■ttmiiiam. durch mOgüchst viele dicke Stämme und Stobben, welche in die Erd- 
aufschüttung eingerammt werden, ersetzen. AUein bei der Einschlagskraft 
der heutigen Kugeln darf eine solche Brustwehr gemischter Zusammen- 
setzung nicht weniger als 1 Meter (3 Fuss) dick sein. 

Beistehende Zeichnung stellt das Bild einer solchen Brustwehi- dar. 



BruBtwehr ans Erde und BaumstSmmen. 

FruioiiHiia Djg l^nzOsische Instruktion vom 15. November 1892 beschreibt eine 

BantiuK audcre Methode für die Benutzung des Waldes zum Schutze gegen den 

"D^n'i^"' Feind. „Um den Wald zur Deckung zn benutzen", sagt die Instruktion, 

i>MkML ^jimgs man Bäume nnd Sträucher am Saume etwa 3 bis 4 Meter (10 bis 

13 Fuss) in den Wald hinein stehen lassen; hinter diesem Gürtel und 

gleichlaufend mit ihm muss man einen Durchhau von 4 bis 5 Meter (13 bis 

16 Fuss) durch Fällung der kleinen Bäume und Stehenlassen der grossen 

herstellen. Hinter der Blende, welche durch die Böschung gebildet wird, 

ist eine Tranchee zu errichten, und falls die Baumwurzeln dies nicht 

zulassen, ist eine Brustwehr anfeuschütten, welche durch die gefällten 

kleinen Bäume zu verdecken ist." 

Falls die Ausdehnung des Waldes beträchtlich ist, so genügt es, 
Deckungen an den hervorragendsten Waldesstreifen zn errichten. In den 
Zwischenräumen sind Barrikaden aufzuführen, nm so den Angreifer länger 



Neue Arten von Feldbefestigungen. 

Beispiel einer Gefaohtsstellung einer schweren Batterie Von langen Geschützen 
mit Bedeckung äuroh Infanterie. 



a, Uüiine Maskierung zur Verbergung der Hindernisse. 

b, Maskierung, um eine vertiefte Battoria zu verbergen. 

c, Infanterie -Abteilung. 

(1. Batterie fBr Geschütze, welche vun hoher Lafette feuern. 
6. Höbe und dichte Maskierung im Hintergrund der Front- 
Batterien zur Verbergung der Kehl -Stellung. 

f. Flanken - Batterien. 

g. Infanterie -Wache. 

h. Vorbereitetes Terrain. 
i. Kebl-Wache. 
(Die Abbildung ist der „Schweiz. Zeitschrift für Artillerie und Genie" 1397 entnommen.) 



Bd. I. Finffl^en bei Salt 



Vertheidigungs - Blenden. 




Wege und Eiseubahneu. 



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n 



Uil&mitt«! für die Defensivs im Felde. 273 

unter dem Feuer zu halten UDd ihm den Zugang zu erschweren. Allein 
zwischen den Waldstreifen and den Barrikaden muss man den Wald 
lichten, um den Verteidigern auch den Weg zum Angriff offen zn lassen. 

Folgende Zeichnung giebt ein klares Bild der Methode, den Wald ik*!'"«»« 
als Deckung zu benutzen.') wiia- 

Flui dH na tlainan Blimin 

gtlloktMan WaldH. Erlultana WalibOiebiuig. Flu du VoMIdlgnnt. 



Methode den Wcdd als Deckimg zu benatzen. 

Ausserdem wird man Öfter als früher Blenden aus allerlei Gegen- H.rrt^mn 

TOD Blfliidni 

ständen herstellen, deren man gerade habhaft werden kann, wie aus •« »«- 
mit Erde gefüllten Säcken, Oeflechten aus Holz und Faschinen, Balken, 3^°" 
Bäumen, Wege- und Eisenbahn-Einschnitten und -Aufschüttungen, ■'*^"'- 
Hänsei-n u. dei^l. 

Es werden ebenfalls Hindemisse Tor der Verteidigungslinie, als 
Minen, Geflechte, Pallisaden, Spitzbäume, AVolfsgruben, Netze aus ge- 
zogenem Draht etc. angewandt werden. 

Daven aber werden wir bei der Beschreibung der Angriffe und 
der Verteidigung der Positionen und Schanzen durch die Infanterie zn 
reden haben. 



6. Folgerungen. 

Die AustShrnng von Deckungen auf dem Sehlachtfelde oder die'^^^*™* 
Arbeiten der „eiligen Fortifikation" unterliegen einigen allgemeinen Regeln, F^d- 
ausaerdem hängen sie in jedem gegebenen Falle, bei jeder Oertlichkeit, ^''""«■"^ 
von den vorhandenen Verhältnissen und den damit in Einklang stehenden 
Anweisungen des Kommandeurs ab. Daher zerflUlt die Theorie der Feld- 

■) nSciences mililaires", Supplements: „Fortiflcation de champ de bataiUe". 

Blieb, Dn nküaftlfa Erldf. 18 



274 



IV. Deckungen und Schanzen. 



Die Verroll 

kommnang 

der 



Befestigung nach dner bei den Deutschen angenommenen Bestimmung in 
„formelle" und in „anwendbare Feldbefestigung". Die Theorie giebt nur 
die hauptsächlichsten Begeln, die Hauptsache hängt von der Orientierung 
an Ort und Stelle ab. 

In dem Maasse, wie die Vervollkommnung der Schiessgewehre fort- 
schreitet, verstärkt sich die Ansicht, dass es für den am Kampfe teil- 
swgert'd!^ nehmenden Truppenteil nicht genügend sei, allein die Vorteile, welche 
BedürftiiB die örtlichen Verhältnisse bieten, zu benützen, sondern dass es unum- 

nach 

Deekangen. gängUch notweudig, seine Zuflucht noch zu Deckungsarbeiten zu nehmen. 

Haben . die Truppen' die gewählte Position inne und erwarten sie 
den Angriff des Gegners, oder ist der Feind aus seiner Position vertrieben 
und wird eine Befestigung dieser während des Stillstandes des Kampfes 
nötig, so werden die Truppen mit Beil, Hacke und Spaten arbeiten 
müssen. Wie und zu welchem Zwecke man arbeiten muss, diese Frage 
entscheidet der Kommandierende, da ja die Arbeiten mit dem Ziele, das 
er sich gestellt hat, in Einklang stehen müssen. 

Das Feuer ist beim Angriff auf die hervorragendsten Punkte gerichtet, 
allein es kann nur dann sicher wirken, wenn die Feuernden selbst in 
genügender Sicherheit sind. Um die Verhältnisse der OerÜichkeit sicher 
überschauen und bestimmen zu können, welche Deckungen nötig und wo 
sie anzulegen, sind ohne Zweifel Kenntnisse, Erfahrung, ja sogar Talent 
nötig, und zwar nicht nur allein bei dem Kommandierenden, sondern 
auch bei den die Arbeit Ausführenden, bis zum Unteroffizier hinunter, 
welcher unmittelbar die Höhe und Stärke der Deckung auf dem gegebenen 
Punkte bestimmt. 

zuBammen- jn Löbell's „Militärische Jahrbücher" finden wir folgende Bemerkung: 

wirken 

von Sappeurs Der BcscMuss des russischen militärischen Ingenieurkomit6s verdient 
infrnterie. Beachtung, nämlich, dass die Fusstruppen in der Ueberwindung von Hinder- 
nissen geübt werden müssen, da nur die erworbene Fertigkeit und über- 
einstimmendes Handeln der Fusssoldaten mit den Sappeuren bei rationeller 
Anweisung der kommandierenden Personen, vom Unteroffizier an, den 
Erfolg sicher stellen können. Die Kriegskunst wird immer mehr zur 
Wissenschaft und um mit den Fortschritten in der Technik Schritt halten 
zu können, ist ein immer grösseres Niveau von Intelligenz bei allen 
Stufen der Kommandierenden erforderlich. 

Zukünftige Somit unterliegt es keinem Zweifel, dass im kommenden EMege auf 

feider dem Schlachtfelde zählreiche kleine Deckungen aus Erde nach Art der^ 

werden wie jjaulwurfshügel werdcu aufgeschüttet werden, welche der Feind aus der 

MauiwurftH Femc nicht wird bemerken können, und von wo aus gute Schützen die feind- 

bedeckt sein, ücheu Linien mit Auswahl beschiessen werden, indem sie selbst in relativer 



Sicherheit sowohl vor dem Gewehrfeaer als auch sogar vor dem Feaer 
der Artillerie sich befindeu. 

Ungeachtet der Unwahrscheinlichkeit des Faktums, dass irgend 
ein Sandhaafea deo todbriogendeB Spreoggranaten und Shrapnels ein 
Hindernis darbieten konnte, sind solche Verschanznngen doch in der 
That das sicherste - Schutzmittel gegen jene. Dies erklärt sich sehr 



gkU Sln- 



Wie oben erwähnt, wendet die Artillerie bei bedentenderen Ent- 
fernungen vor allem Shrapnels an. Diese Art von Geschossen, welche in «piittia 
eine Menge kleiner Splitter auseinanderfliegen, besitzt gegenüber Hinder- 
nissen eine sehr unbedeutende Durchschlagskraft. Sogar ein nicht besonders 
starker Erdwall gewährt den hinter der Brustwehr versteckten Soldaten 
schon einen ausgezeichneten Schutz. Der hinter dem Wall befindliche Mann 
ist, falls er nicht den Kopf über das Profil der Aufschüttung erhebt, für 
die Wii'kung des Shrapnels fast unerreichbar, wie man dies ans bei- 
folgender Zeichnung ersieht.i) 



Schanze snm Schutz gegen Shrapnel?. 

Daher ist zum Schutze gegen Shrapnels, wie wir das schon früher 
bemerkten, nur eine ebensolche Stärke des Erdwalls erforderlich, wie sie 
zum Schutze vor GJewehrkngeln errichtet wird; allein zum Schutze gegen 
die Granaten der Feldariällerie muss man stärkere Erddeckungen aufführen. 

Hieraus ziehen wir den Schlnss , dass das Feuer der Artillerie die ,^°|^^°'"^ 
hinter den Verschanznngen befindlichen Soldaten zwar keiner unmittel- v»rart.u™ 
baren Gefahr aussetzt, sie aber doch zur Unbeweglichkeit verurteilt; B,«i.'nä. 
denn falls der Schütze behufs Zielens den Kopf über einen Teil der^^;^"^^^ 
Brustwehr liervorstreckt, ist er sogleich der Gefahr ausgesetzt, wenn bew^iich. 
dei- Feind bis auf 1000 Meter (eine Werst) herangekommen ist. 

Bis zum Augenblick des Angriffs bleiben die Verteidiger der ersten 
Schanzenlinie unbeweglich hinter dem Walle und unter seiner zuveriässigen 



') Langlois: „L'artillerie de campagne". Paris 1 



276 



rV. Beokungen und Schanzen. 



Schwierig- 
keit für die 

Artillerie, 
sich bei gut 

angelegten 

Deckungen 

Aber 
die Stellung 
dee Feindes 

xa 
orientieren. 



EinftLhmng 

von Mörsern 

and 

Bomben- 

geschossen 

gegen Ver- 

schanznngen. 



Geringe 
Schussweite. 



Deckung, wie das die Türken in den Jahren 1877/78 thaten, als sie in den 
Trancheen sitzend so lange warteten, bis der Ansturm der angreifenden 
Infanterie sie dazu zwang, die Eedouten zu besetzen. 

Die in der Reserve befindlichen Abteilungen entfernen sich noch 
weiter nach hinten, decken sich durch die natürlichen Bodenunebenheiten 
und nehmen ihre Zuflucht zu liegender Stellung, um der Wahrscheinlich- 
keit, getroffen zu werden, zu entgehen. 

Bei einer solchen Anordnung der Verteidigungslinie hat es die 
angreifende ArtiUerie mit der Orientierung nicht leicht. Sie ist nur die 
Linie der Verschanzungen zu erblicken im Stande, falls diese unge- 
nügend durch Rasen, Zweige oder auf irgend eine andere Art verdeckt 
sind. Sie kann nur irgendwelche schwarze Punkte, welche hinter der 
Brustwehr erscheinen, erblicken, als welche die Silhouetten der Offiziere, 
welche die Bewegungen des Feindes beobachten, erscheinen. Doch das 
alles bietet ein allzu unsicheres Ziel dar und daher sind die allzuhäufigen 
verschwenderischen Schüsse, welche meistens ihr Ziel verfehlen, unter 
diesen Umständen nur ein Verlust an Geschossen. Nur in dem Falle, wenn 
die Verteidiger, Angesichts der drohenden Annäherung der vorgehenden 
Infanterie, hinter dem Walle hervorkommen müssen, um durch Schnell- 
feuer den Angriff abzuschlagen, kann ihnen das ArtiUeriefeuer einen 
wirklichen Schaden zufügen. 

Aber an der Entwickelung der Technik arbeiten allzuviel gelehrte 
und begabte Spezialisten, als dass man gegen jedes Verteidigungsmittel 
nicht sogleich ein neues Angriffsmittel ersinnen sollte; so hat man jetzt 
gegen die Verschanzungen die Mörser und Haubitzen in der Armee 
eingeführt. 

Es wird behauptet, dass die mit ihnen angestellten Versuche, von 
denen wir später reden werden, ergaben, dass die Zerstörungskraft der 
neuen Geschosse sich derartig vergrössert hat, dass sie auch eine moralische 
Wirkung auf die Verteidiger ausüben und diese veranlassen können, die 
Deckung früher zu verlassen, ohne den entscheidenden Angriff abzuwarten. 2) 

Allein Mörserbatterien giebt es wenige, und sie können, falls man 
dem General Wille („Das kommende Feldgeschütz") Glauben schenken 
soll, nur in einer Entfernung von 3 Küometern (3 Werst) wirken und 
sind eben dadurch bei der Treffsicherheit der jetzigen Feldgeschütze der 
Vernichtung von weiteren Distanzen aus ausgesetzt. In Folge dessen 
werden in einer grossen Zahl von Fällen die Schanzen dennoch eine zu- 
verlässige und notwendige Deckung gewähren. 



*) Kapitän Grabenschtschikow: „Sappeur- und Artillerie versuch.e", „Wojenny 
Ssbornik". 



Folgerungen. 277 



Allein die Anwendung von Deckungen im Felde hat auch ihre Nachteu« 
schwachen Seiten. Daebrngen. 

So erblicken viele sie in Folgendem: 

1. sie berauben den Verteidiger der Initiative, indem sie ihn 
an einen Ort fesseln, während der Angreifende immer über 
die Wahl des Moments und der Richtung des Angriffs ver- 
fügen kann; 

2. der Verteidiger, welcher sich hinter einer Deckung befindet, 
ist bisweilen mehr um die Beschützung seiner selbst vor 
den feindlichen Geschossen besorgt, als um das Schiessen 
auf den Feind; 

3. dem Gtefühle der Selbsterhaltung nachgebend geht eine ge- 
wisse Anzahl der Leute ungern aus ihren Deckungen heraus, 
um auf den Feind anzustürmen. 

Daraus folgt, dass die Verschanzungen auf den Gang der Schlacht Emngung 

068 8i6ff6S 

nur dann eine nützliche Einwirkung haben können, wenn die in der De- sohuessuch 
fensive Befindlichen sich in der That bemühen werden, dem Feinde Ver- Xroh*!«-^ 
luste beizubringen, wenn sie dreist die Gewehre auf den Kamm der ^^^J^**^ 
Brustwehr legen und ohne zu eilen zielen werden, wenn sie schliesslich «nd 
zu jeder Zeit bei der ersten Möglichkeit bereit sein werden, die «am l^s, 
Deckungen zu verlassen mxi zum Angriff überzugehen, welcher allein den 
Sieg gewährt. 

Angesichts der oft vorhandenen Notwendigkeit einer schnellen Auf- ^^J^J*"^^.^ 
führung von Schanzen hat es eine überaus wichtige Bedeutung, inwieweit einer guten 
die Soldaten sich die Kunst der Ausführung von Erdarbeiten zu eigen atr Tropfen 
gemacht haben. Wenn man anerkennen muss, dass Hacke, Brechstange ^^^^ ^ 
und Spaten dem stärksten Artüleriefeuer einen Schutz entgegenstellen "beiten. 
können, so wird augenscheinlich derjenige das Uebergewicht über seinen 
Gegner erlangen, wer diese Werkzeuge besser zu handhaben versteht. 

■ 

Den besten Euf in ganz Europa haben die Italiener als ganz i^|fj»w 

° ^ nnd Russen 

besonders gute Erdarbeiter, welche man daher gern zur Ausführung üb 
der Aufschüttungen beim Anlegen von Eisenbahnen nimmt. '0 Der russische wahrend* de^ 
Soldat legte auf diesem Gebiete glänzende Beweise von Verständnis und ^^^«^ i^'^. 
Ausdauer bei Aufführung und Verteidigung von Schanzen schon zur Zeit 
der Belagerung von Sebastopol ab. 

Doch zur Zeit des Krieges von 1877 machte man überhaupt von 
den natürlichen Fähigkeiten der russischen Soldaten und von den in 
früheren Kriegen erworbenen Erfahrungen geringen Gebrauch. Die Vor- 



*) „Travaux de champ de bataille". 1891, 



278 IV. Deckungen und Schanzen. 



i 



teile, welche man aus der Position mittelst ihrer Verstärkung durch 
Verschanzungen ziehen konnte, wurden zu wenig in Betracht gezogen, 
allein die Schuld trifft hier durchaus nicht die einzelnen Ausfuhrenden. 
In der Abteilung Skobelew's bei Plewna waren im Ganzen 3B Sappeure 
und nicht ein einziger Ingenieurofftzier vorhanden. Die Infanterie war 
nicht mit den entsprechenden Instrumenten versehen, und oftmals musste 
sie mit grossen Spaten und überhaupt mit so unpraktischen Schanzen- 
instrumenten arbeiten, dass Skobelew darüber Klage führte, dass die 
Soldaten diese Instrumente auf die gestürmten Positionen hinwerfen 
mussten, um sie des Oefteren durch irgend ein Eücheninstrument zu 
ersetzen.*) Die bedeutenden Verluste, welche der russischen Armee zu- 
gefügt wurden, muss man eben dem umstand zuschreiben, dass die 
Armee über keine genügende Anzahl von Werkzeugen zum Schanzenbau 
zu verfügen hatte. 

Bedantang „ Allciu dessenuugeachtet", sagt der preussische Greneral Boguslawsky, 

" der "°* „legten die russischen Soldaten eine ungewöhnliche Befähigung für Erd- 

^;[~^Sr" arbeiten an den Tag. Die schnelle Aufführung der Schanzen, die StiUe 

und Ordnung, welche während der Ausführung der nächtlichen Forti- 

fikationsarbeiten herrschte, legen Zeugnis von einer ungewöhnlichen 

Fertigkeit und Disziplinierung dieser Truppen ab." 

Allein eine noch grössere Bedeutung als das Verständnis der 
Soldaten, wird die Leitung der Arbeiten haben. 

Die Verschanzungen sind für die Infanterie eine ebenso grosse 
Notwendigkeit geworden, wie der Panzer für die Kriegsschiffe. 

Doch mit den Verschanzungen ereignete sich dasselbe, wie mit der 
Panzerung der Kriegsschiffe. Gleichwie im Verhältnis zu der grösseren 
Stärke der Panzer immer grössere Geschütze und Geschosse erfunden 
wurden, so verändern sich auch die Verschanzungen augenscheinlich, den 
veränderten Verhältnissen der Angriffe und der Vervollkommnung der 
Gewehre und Geschütze entsprechend. 

oeftiireii Wie derartige Erdbefestigungen, welche regulär und dem Charakter 

anric^tlff der Oertlichkeit entsprechend angelegt sind, einen grossen Einfluss auf 

"dbifJitt- ^^^ Erfolg der Verteidigung ausüben, so können im Gegenteil erfolglos 

gongen, ausgcführtc FortiBkationsarbeiten sogar schädlich wirken, indem sie die 

|i Thätigkeit der übrigen Abteilungen behindern und dem Feinde zu einer 

versteckten Umgehung des Gegners oder zur Konzentration seines 



k 

i 



Feuers verhelfen. 



'i I ^) General Kuropatkin: „Thätigkeit der Abteilungen des General 

'^ i Skobelew". 



Folgerangen . 279 



Auf diese Weise wird es in einem zukünftigen Kriege zur Ver- ^" '*^**«« 
antwortlichkeit der militäiischen Oberbefehlshaber auch gehören, dass diese aiier 
im Stande sind, sich die durch die Oertlichkeit gegebenen Deckungen hüftn^Si 
zu Nutze zu machen und sie rasch zu befestigen, allein unter der ^^"^^'^^^J'" 
Bedingung, dass man stets bereit ist, zur geeigneten Zeit sie zu inteuigenten 
verlassen und aus der Defensive zur Offensive überzugehen. Um diese einzeiira ° 
schwierige Aufgabe glücklich auszuführen, dazu wird Angesichts der ^**'*"*^' 
Schussweite des heutigen Gewehr- und Artilleriefeuers ein noch grösseres 
taktisches Talent als früher nötig sein, welches indess desto häufiger 
im Heere zum Vorschein kommen wird, je mehr Kräfte der entwickelten 
intelligenten Klasse der Armee zugeführt werden. Man kann annehmen, 
dass die taktischen Fähigkeiten der Kommandeure in allen europäischen 
Armeen auf gleicher Höhe stehen, allein die Fähigkeiten der niederen 
ausführenden Organe hängen durchaus von dem Niveau der Kultur in dem 
einen oder anderen Volke ab und mithin muss das Maass der Forderungen 
damit im Einklang stehen. 



V. 



Die Kavallerie. 






I 



18* 

|i 

li 



: 






I 



AhMB^B^ 



Bedeutnng und Rolle der Kavallerie. 

Man kann heute als gewiss annehmen, dass unmittelbar mit Miiit&riache 

° ' und wirth- 

Beginn des Krieges Kavallerie- Abteiinngen einer der kriegführenden sciiaftiiche 
Mächte in das feindliche Gebiet vordringen werden, um einerseits die ^'^^J^J'*"^ 
Mobilisation und Konzentration der gegnerischen Truppen zu erschweren, ^»^»i»«"«- 
andererseits auch die Verkehrsmittel, die Proviant-, Munitions-Magazine 
u. s. w. zu vernichten. 

Ausserdem wird sich die Kavallerie sowohl in dem eigenen Lande, 
wie auch in dem Gebiet des Feindes mit Requisitionen beschäftigen, d. h. 
mit der Beschaffung von Lebensmitteln und aller derjen^en Gegenstände, 
die zur Befriedigung der Bedürfnisse der Armee erforderlich sind, so dass 
der Kavallerie von vornherein ein reger Verkehr mit der Bevölkerung 
des Landes zufallt. 

Es versteht sich von selbst, dass von der Art und Weise der Thätig- 
keit dieser Spezialwaffe in hohem Grade sowohl die Form der Beziehungen 
des Feindes zu den Einwohnern, als auch das Maass aller auf ihnen 
lastenden Kriegsbürden abhängen wird. 

Demnach verdienen die oben besprochenen zwei Formen der Thätig- 
keit der Kavallerie ebensosehr vom militärischen als auch wirtschaftlichen 
Standpunkt besondere Aufmerksamkeit. 

Um aber in das ganze Wesen des Krieges, seine Entwickelung, 
seinen Gang einzudringen, dürfen auch die anderen rein taktischen Auf- 
gaben der Kavallerie nicht ausser acht gelassen werden, wie z. B. Siche- 
rung des Heeres, indem dieses mit Kavallerie -Abteilungen wie mit 
einer Art Schutznetz umgeben wird, Ennittelung möglichst genauer und 
vollständiger Nachrichten über den Feind, endlich Versuche, die feindliche 
Kavallerie zu sprengen und zu vernichten und damit die Pläne der 
eigenen Heeresleitung zu fördern. 



■J-. 



284 



V. Die Kavallerie. 



1. Numerischer Bestand der Kavallerie und sein 
Verhältnis zur Stärke der Infanterie. 

Kriegrntirke Yor allem gedenken wir festzustellen, wie stark die Kavallerie ist, 

nach dem 

nuitirisehen Über welche die uns hier interessierenden Staaten verfügen können, wobei 
der Vergleich von der Anzahl der Schwadronen ausgeht. Als Quelle 
dienen uns die Ziffern des russischen „Militärkalenders" i) für 1891, dessen 
Verfasser alle neuesten Generalstabsausgaben zur Hand hatte, um die 
Kriegsstärke der europäischen Staaten zu berechnen. Die Angaben über 
den Friedensetat sind dem „Gothaischen Kalender" für 1894 entnommen. 





Zahl 
der Schwadronen 

(Hmtir-Kalender) 


Zahl 

der Schwadronen 

nach dem 

Friedensetat 

(GothaisdLer Kalender) 


Deutschland 

Oesterreich 


601 

431 
145 


465«) 
345») 
168 


Italien 


Zusammen 

Frankreich 

ßussland 


1177 

573 
1186 


978 

446 

? 


Zusammen 

Rumänien 

Türkei 


1759 

69 
195 









Bariheieme Etwas audcre Ziffern führt Barthelem^) an. Nach seiner Berechnung 

reeiuaiigen. ist die Schwadroneuzahl der einzelnen Staaten folgende: 





Reguläre 

Kavallerie 

nach dem 

Friedensetat 

Schwadronen 


Reserve-, 
Landwehr- 
und Landsturm- 
Kavallerie 

Schwadronen 


Im Ganzen 


Deutschland 

Oesterreich 

Italien 


372 
252 
147 


465 

181 

24 


837 
433 
171 


Zusammen . . . 


771 


670 


1441 



■ 



Kalender, herausgegeben von Oberst Dobrshinski. 

«) Nach dem Militärkalender 601. 

*) Nach dem Miütärkalender 431. 

*) H. Barthelem: „Armöe militaire et maritime^. 1892. 



Numeiisoher Bestand der SayaUerie, 



285 



• 


Reguläre 

Kavallerie 

nach dem 

Friedensetat 

Schwadronen 


Reserve-, 
Landwehr- 
und Landsturm- 
Kavallerie 

ijchwadronen 


Im Ganzen 


Frankreich 

\ Kosaken .... 


440 
348 
313 


250 
174 
582 


690 
522 
895 


Zusammen . . . 

Rumänien 

Türkei 


1101 

12 
196 


1006 
52 

» 


2107 

67 
196 







Wenn wir die Schwadronenzahl der regulären Kavallerie nach dem Kriegaaurke 

in Prosenten 

Friedensetat gleich 100 setzen, so erhalten wir für die Kriegsstärke der der 
Kavallerie in den einzelnen Staaten folgende Ziffern : auf 100 Schwadronen ^Jj^^. 
des Friedensetats kommen bei Stellung der Armee auf den Kriegsfnss 
(nach Angaben Barthelem's) : 



in Deutschland 
„ Oesterreich 
M Italien . . 



225 
172 
116 



in Frankreich 



w 



Russland 



{ 



regul. KavaU. , 
Kosaken . . . 



167 
150 
286 



zusammen 187 

in Eumänien . 
„ der Türkei . 



zusammen 191 



633 

100 



Angesichts der Wichtigkeit der Aufgaben, welche der Kavallerie ^^«'^ 
zufallen und in Berücksichtigung des ümstandes, dass die Erfüllung Mit is?«. 
dieser Aufgaben gegenwärtig weit schwieriger ist, als in früheren Zeiten 
(eine Folge des neuen Pulvers und der neuen Bewaffnung), musste man 
erwarten, dass diese Waffe in demselben Verhältnis vermehrt werde, 
wie die übrigen Waffengattungen. 

Indessen steht die Sache ganz anders; während die Infanterie be- 
ständig und rasch verstärkt worden, sind die Ziffern für die Kavallerie 
bei den neuesten Heeresverstärkungen im allgemeinen die gleichen 
geblieben. 

In Folge dessen hat sich die Anzahl der berittenen Truppen im 
Verhältnis zu den übrigen Waffengattungen relativ vermindert, wie 
folgende Daten ergeben: 



V. Die Kavallerie. 





1; Anzahl 




1 Anzahl 




1 dpr Mannachaflen 






Länder 


der KftvaUerie 


Länder 


. der Kavallerie 




■1 auf lOOOMann Infant 




lauflOOOMannlnfant. 




ii 1874 1 


1891 




k 1874 


1891 


Buasland . . . . 


. . ■ 165 1 


93 


England .... 


7& 


74 


Frankreich . . . 


. . 1 106 


71 


Oeaterreich . . 


.; 73 


&0 


Deutschland . . 


... 102 


66 


Italien 


50 


31 



Graphisch dargestellt stellen sich diese Ziffei-n folgender Weise: 

1S74 1891 



Anzahl der Uannschaften der Kavallerie auf 1000 Mann Infanterie. 

unMiM Demnach ergiebt sich beim Vergleich der Jahre 1874 und 1891, 

miDdenmg dass sich relativ die Kavallerie in einigen Staaten mehr, in anderen 

k.™i"mi.. weniger vermindert, nirgends aber das frühere Verhältnis bewahrt hat. 

Die Erklämng hierfür ist nicht scliwer. „Der Hauptwert der 

Kavallerie — sagt der französische Schriftsteller General Jung') — 

liegt in der Schnelligkeit der Bewegungen nnd der Kiaft des Stosses. 

Diese Eigenschaften hängen niclit so sehr von dem Reiter, wie von dem 

Pferde ab. Das Pferd ist die Haiiptwafte für den Reiter, wie es das 

Gewehr füi' die Infanterie, das Gesclilitz für die Artillerie ist. Die Wafle 

der beiden letzteren Trnppengattungen ist ansserordentlich vervollkommnet 

worden und wird noch immer weiter vervollkommnet, während das Pferd 

dasselbe Geschöpf geblieben ist, das es za den Zeiten Alexanders von 

Mawdonien, Bayards und Napoleons war". 

Thwris i« Wenn nun aber auch die Anzahl der Kavallerie im Verhältnis zu den 

d«i Feindet- audereu Truppengattnngen relativ geringer geworden ist, so kann sie 

'™^*'' in künftigen Kriegen doch eine gewichtigere Rolle spielen, als in früheren, 

wenn nämlicli die so oft ausgesprochene Ansicht verwirklicht wird, da.ss 

es der Kavallerie vor allem obliegen wird, mit Streifritten in das feind- 

liclie Land nach Art der einstigen Tartaren-Einfälle den Krieg zn beginnen. 

') „Strati'gie, tactique et politique". S. 7. 



Mobilisation und Yorbereitung zu Einbrüchen in Feindesland. 287 



2. Mobilisation und Vorbereitung 
der Kavallerie zu Einbrüchen in Peindesland 

(Grenzdetachements-Krieg). 

Jede Armee, welche früher schlagfertig als der Gegner ist, wird ^J^ ^^l' 
bestrebt sein, die Mobilisation des letzteren soviel wie möglich zu er- MoMiiMtion 
schweren. In früheren Zeiten dachte niemand hieran, weil der Heeres- 
bestand ein ganz anderer wai-, aber jetzt, wo eine gewaltige Menschen- 
masse unter die Fahnen berufen wird mit dem Augenblick, wo der Krieg 
anfängt, als auch nach Beginn der Operationen, ist es von grosser Wichtig- 
keit, dem Gegner die Mobilisation zu erschweren. Dem Kriege Preussens 
mit Oesterreich im Jahre 1866 ging eine diplomatische Krise von einigen 
Wochen voraus, und während dieser Zeit wurden die einzelnen Korps 
allmählich mobilisiert und je nach ihrer Kriegsbereitschaft zur Grenze 
vorgeschoben. Bei dem deutsch - französischen Kriege des Jahres 1870 
wurde die Mobilmachung beider Heere auf einen Schlag angeordnet, die 
des französischen durch das Dekret vom 15., die des deutschen durch die 
Mobilmachungsordre vom 16. Juli. 

Die einzelnen Teile der deutschen Kavallerie wurden 1870 durchaus ?**"^" ^ 

maennsg der 

nicht in gleicher Weise mobilisiert. Je nach der Bedeutung der ver- deuuchen 
schiedenen KavaJlerie-Eegimenter für die Eröffnung der Kriegsoperationen im Kriege 
waren auch verschiedene P'risten für ihre Bereitstellung zum Feldzug ^®^*** 
angesetzt. Ein Teil der Kavallerie hatte mit dem Gegner vom ersten 
Beginn der Mobilisation Fühlung zu gewinnen; hinter diesen vor- 
geschobenen Kavallerie -Abteilungen fungierte ein anderer Teil der 
Kavallerie gleichsam als Scliirmwand, um für die erste Zeit den Feind 
aufzuhalten; der übrige Teil aber hatte sich bei den anderen Waffen- 
gattungen zu befinden und mit diesen zugleich an der Grenze ein- 
zutreffen. Diese verschiedenen Verhältnisse bedingten auch drei Formen 
der Mobilisation : die an der Grenze postierte Kavallerie wurde mobilisiert, 
ohne das Eintreffen ihrer Reserven abzuwarten; die weiter rückwärts 
gelegenen Teile kompletierten sich mit Reserven, jedoch unter Zugninde- 
legung solcher Fristen, dass sie nicht später als am lünften Tage marsch- 
bereit sein sollten, die im Innern des Landes stehenden Kavallerie- 
Regimenter wurden weniger rasch, in Zeit von 7 bis 14 Tagen, 
mobilisiert. 

Die Franzosen begannen ihre Truppentransporte an die Grenze "°^^^' 
schon am 16. Juli, indem von diesem Tage an das im Lager von Chalons bei den 
befindliche zweite Armeekorps in die Gegend von St. Avold (westlich von '*"*^'®°* 



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288 ^- ^ie Kavallerie. 



Saarbrücken) befördert wurde. Sie waren sehr viel früher mit grösseren 
; 11 Heeresmassen an der Grenze, als ihre Gegner. Ihre Trappen trafen hier 

jedoch nur in Friedensstärke ein und hatten erst an der Grenze ihre 
Mobilmachung zu vollenden. Demnach hätte die französische Kavallerie 
den Versuch machen können, die deutsche Mobilmachung in den der 
Grenze nächstliegenden Provinzen zu verhindern. Aber diese Kavallerie 
war für derartige Aufgaben durchaus nicht vorbereitet, was dem deutschen 
Generalstabe wohl bekannt war. Moltke schrieb am ersten Mobil- 
machungstage 1870 an den Stabschef des vorzugsweise beim Grenzschutz 
beteiligten achten Armeekorps: „Nur wenn die Franzosen, ohne mobil 
zu machen, vorgehen, werden sie uns zuvorkommen. Im Falle eines 



'ß solchen strategischen Ueberfalls kommt es darauf an, das Vordringen 

' des Feindes von der Grenze aus gegen den Ehein zu verlangsamen." 



Es ist begreiflich, dass man vor allem bemüht ist, den Teil der 
Grenze zu schützen, wo man den Angriff grösserer Truppenmassen 
erwartet, und einstweilen weniger bedrohte Gegenden offen lässt. 
sohntat Demnach verwandten die Deutschen bei Beginn des Krieges 1870 

der ddntaolieD 

Qrenie 1870. besondere Aufmerksamkeit auf den Schutz des südlichen Teils der 
deutsch-französischen Grenze. Der deutsche Gteneralstab hatte sich im 
Interesse des Zusammenhaltens der Kräfte zur Ansammlung der ge- 
samten Heeresmacht in der bayerischen Pfalz und nordöstlich von 
Saarlouis entschlossen, wiewohl man befürchten musste, dass die im Ober- 
Elsass angesammelten französischen Streitkräfte in Süddeutschland ein- 
fallen würden, in der Hoffnung, dadurch die süddeutschen Staaten zu der 
Trennung von Preussen zu bewegen. Moltke ging hierbei von der Ansicht 
aus, dass gerade in einem mit allen deutschen Heereskräften aus der 
Pfalz nach dem Unter-Elsass und nach Lothringen geführten Angriff die 
sicherste Abwehr selbst eines erfolgreichen Einfalls der Franzosen in 
Süddeutschland zu suchen sei. Deshalb hielt es die deutsche Heeresleitung 
für möglich, die ganze 160 Kilometer lange Grenzstrecke von Kastatt bis 
Basel unbesetzt zu lassen, i) 
1 Der Schutz dieser Grenzstrecke blieb den Zivilbehörden und einer 

fliegenden Kolonne unter dem Kommando eines Obersten überlassen, dem 
vorgeschrieben war, zur Erhaltung seiner Truppenabteilung möglichst 
zurückhaltend zu operieren. 
Jetzige Seit den Kiiegsiahren 1870—71 wurden alle Maassregeln ergriffen, 

Fordernngen , 

Ar um die Mobilisation und Konzentration der Kavallerie noch früher zu 

iSbuSlSrii. v^ll^^^ß^ » als dies im Kriege 1870/71 geschah. Der Austausch von 

Mannschaften und Pferden zwischen den ausrückenden und Eeserve- 



*) Oberst Cardinal von Widdern : „Der Grenzdetachementskrieg". Berlin 1892. 



Mobüisation und Vorbereitung ssu Einbrüchen in Feindesland. 289 



Schwadronen wird ohne die geringste Verzögerung vor sich gehen; da 
ferner die Eegimenter nur in der Nähe von Eisenbahnlinien postiert sind, 
können auch Reserven und Ersatzpferde im Laufe einiger Stunden bei 
ihnen eintreffen. 

Die Einberufung der Reserven ist bedeutend vereinfacht; die ^"j^*®"* 
namentliche Einberufung wird durch den Anschlag von Erklärungen nentBchiand. 
einer allgemeinen Einberufung ersetzt, durch welche Maassregel zwei 
ganze Tage Zeit gewonnen werden. Im Notfalle werden den Reserven 
zur Ordnung ihrer Angelegenheiten statt 48 nur 24 Stunden Zeit gegeben 
werden. Was die Kompletierung der Regimenter mit Pferden betrifft, 
so spielt diese kaum eine Rolle, denn schon die Friedensstärke er- 
möglicht, jede Schwadron auf 130 bis 136 Pferde zu bringen, so dass, 
um das ganze Regiment auf Kriegsfuss zu setzen, nui' noch 80 Pferde . 
nötig sind. 

Man kann annehmen, dass die Mobilisation der Kavallerie künftig 
mindestens um 3 Tage schneller vor sich gehen wird, und dass diejenigen 
Kavallerie -Regimenter, welche nicht unverzüglich ausrücken, zwischen 
dem dritten und fünften Tag vom Moment des Mobilisationsbeginns zum 
Ausrücken fertig sein werden. 

Frankreich folgte dem deutschen Beispiele, und der grösste Teil ^'"»twich. 
der Kavallerie wird in sofortige Aktion treten können; man will die 
Infanterie-Divisionen nur mit Reserve-Kavallerie ausstatten. 2) 

Russlands gesamte Kavallerie soll nach deutschen Angaben an ^j^^J^'.^ 
seinen westlichen Grenzen postiert sein und vor die Front genommen BnMi»nd. 
werden. 2) Ausserdem wurden die berittenen Grenzwächter vollständig 
militärisch organisiert, so dass sie jeden Augenblick in Feindesland ein- 
rücken können. 

Es ist klar, dass die Kavallerie um so sicherer Erfolge erzielen ^*^^°®"*fi^^«*' 
wird, je grösser ihre Beweglichkeit ist. Deshalb beschäftigt man sich in Kayauene- 
allen Armeen unablässig mit der sorgfältigsten Ausbildung von Pferden tm^^^e 
und Mannschaft nach dieser Richtung hin. Schon im Kriege 1870/71 ^®^^- 
wurden hierin bemerkenswerte Resultate erzielt. So z. B. legte eine 
Schwadron deutscher Dragoner, welche Fühlung zwischen zwei Korps 
herstellen sollte, in 36 Stunden 200 Kilometer (186 Werst) zui-ück, wobei 
die Hälfte des Weges in hügeligem Gelände unter leichtem Plänkelfeuer 
mit dem Feinde geritten wurde und im Laufe von I2V3 Stunden keine 
Fütterung stattfand, s) 



2) Löbell: „Militärische Jahresberichte für 1895**. 

3) „Wojenny Ssbomik", Kritik des Widdern 'sehen Werkes durch General 
Ssuchotin. 

Bloch, Der zakflnftige Krieg. 19 



290 



V. Die Kavallerie. 



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Manöver jjj Frankreich machte die Kavallerie bei den letzten grossen 

Frankreich, Manövcm 64 Kilometer pro Tag, ohne sonderlich an Tauglichkeit zur 
Erfüllung weiterer Aufgaben zu verlieren. 

Rasaland. ^ Drygalski, der bekannte deutsche Militärschriftsteller, sagt ,4) 

dass in Eussland üebungen in plötzlichen Einfallen ernste Aufmerk- 
samkeit geschenkt wird. Dasselbe bestätigen auch französische Quellen. 
Die „Revue militaii-e" führt an, dass während der gi'ossen Manöver im 
Königreich Polen eine ca. 600 Pferde starke Abteilung im Laufe von 
44 Stunden an 200 Kilometer zurücklegte. 

Leistungen j^och lehrreicher als die üebungen in Friedenszeit sind Beispiele 

niBsisohen vou Lcistungeu russischer Kavallerie im letzten Türkenkriege von 1877/78. 

1877/78. Wir wollen einige der hervorragendsten und eigentümlichsten anführen. 

Der bekannte Schipka-Zug des Generals Gurko fällt nicht ganz unter 
den Begi'iff des Einbruches in Feindesland, des „Raid", welche Bezeich- 
nung sich seit dem nordamerikanischen Bürgerkriege in der militärischen 
Sprache hierfür eingebürgert hat. Der „Raid" ist eine Reiteraufgabe, die 
einer beweglichen, ganz selbständigen Abteilung übertragen wird, die jäh 
und unerwartet über den Feind heiiällt, zerstört, was zerstörbar ist, die 
Verbindung unterbricht u. s. w. 

Die Abteilung Gui'ko's bestand ursprünglich aus IOV2 Bataillonen, 
44 Schwadronen, 38 Geschützen und einer Abteilung berittener Pioniere, 
im Ganzen aus 8000 Mann Infanterie und gegen 4000 Mann Kavallerie; 
mit der später hinzugekommenen Reserve (1. Brigade der 9. Infanterie- 
Division) 16 000 Mann. 

Die Expedition dauerte 3 Wochen, vom 12. Juli (Ausmarsch aus 
Tirnowo) bis zum 6. August, wo der grösste Teil der über den Balkan 
gegangenen Truppen den Rückzug beginnen musste. General Gurko 
führte eigentlich die Avantgarde, welche ihre Aufgabe vollkommen löste; 
aber hinter der Avantgarde folgte keine Hauptmacht, weil die unvorher- 
gesehenen Kämpfe bei Plewna die Vorwärtsbewegung des russischen 
Heeres hemmten. Wäre nicht der unerwartete Widerstand Osman Paschas 
gewesen, so wäre das 8., 9. und 12. Armeekorps unmittelbar hinter Gurko 
nach Rumelien vorgedrungen und der Friede wäre wahrscheinlich rasch 
in Adrianopel diktiert worden. 

Die von General Gurko befehligte Avantgarde, welche unerwartet 
mit der eiligst von der montenegrinischen Grenze angerückten Armee 
Suleiman Paschas zusammenstiess, musste sich, da sie keinen Rückhalt 
hatte, zurückziehen. 



*) „Die russischen Somnierübungeu". Berlin 1884. 



Mobilisation und Vorbereitung zu Einbrüchen in Feindesland. 291 



Den Charakter des „Kaid" verleiht der Expedition des Generals 
Gurko nur der Umstand, dass sie unerwartet über den Balkan einbrach, 
Schipka nahm, dem Feind in den Rücken fiel, hierbei Schwierigkeiten 
geographischer und klimatischer Natur überwand, trotz der auf Schritt 
und Tritt sich darbietenden Hindernisse kühn vorwärts ging, Eisen- 
bahnen, Telegraphen u. s. w. zerstörte, Adrianopel selbst in Schi-ecken 
setzte und dann noch feststellte, dass eine neue feindliche Ai'mee auf dem 
Kriegsschauplatz erschienen war, deren Vordringen und Konzentrierung 
gleichzeitig verhindert wurden. 

Selbstverständlich erforderte die Erreichung aller dieser Resultate . Ausdauer 

im Ertragen 

ganz besondere Anstrengungen. Erwähnt mag hierbei noch werden, dass der 
die unter Gurko operierende Heeresabteilung aus 3 Regimentern regulärer ^*™p"®'' 
Kavallerie und 2 Kosaken-Regimentern bestand. Bei der Wiederkehr 
nach Tirnowo waren die Pferde so stark mitgenommen, dass sie ganz 
dienstuntauglich geworden. 

Wenn wir hören, was der preussische General von Keller über die 
Abteilung Gurko's und besonders über den Balkan-Zug berichtet, so be- 
greifen wir leicht, bis zu welchem Grade die russische Kavallerie zum 
Ertragen von Strapazen fähig gemacht werden kann. 

Das, was die Truppen an jenem Tage leisteten, übertraf fast jeden ueber- 
Begriff von Menschenkraft. Um diese Leistung genügend zu schätzen, An- 
reicht die Vorstellung von der Länge des dui'chmessenen Weges nicht im ""^^^^«^'"^ 
Entferntesten aus ; erst die Erkenntnis, welche ungeheuren Schwierigkeiten ^^^^''' 
hierbei zu überwinden waren, giebt ein richtiges Bild. An diesem Tage 
sind von den Truppen 20 Kilometer zurückgelegt w^orden. Drei Meilen 
Balkanabhänge hinauf und hinunter! Wieviel Mühe und Anstrengung 
jedes einzelnen Soldaten schliesst diese Ziffer doch ein! Der Marsch 
erfolgte während einer unerträglichen Hitze, und dabei hatten die 
Truppen noch schwer zu arbeiten, indem sie Geschütze und Munition 
mit sich führten. Besonders die Fortschaffung der Geschütze erforderte 
unglaubliche, übernatürliche Anstrengung. Die Reiterei sass ab und half 
unablässig den Pferden die Geschütze weiter ziehen, welche jeden Augen- 
blick umzustürzen und in einem Abgrund zu verschwinden drohten. 
Wirklich rollten auch 2 Geschütze mit Leuten und Bespannung einen steilen 
Abhang hinunter. Stellenweise wurde die Weiterschaffung der Geschütze 
ausschliesslich der Infanterie übergeben. 

Mit Recht schrieb der Herzog von Leuchtenberg in seinem Rapport : 
„Man kann ohne Uebertreibung sagen, dass unsere Geschütze und 
Munitionswagen auf den Schultern unserer Soldaten über den Balkan 
transportiert worden sind." 

19* 



292 '^- I*'* KaTOUerie. 

Einen annäheiiideii Begriff vom Schipka-UebergaQg kann uns fol- 
o»^ät»n gendes Bild geben.') 

BeUpta-PuL 



Transpott von Geschützen über den Sdupka-Paäü. 

Als das beste Beispiel fiir die Fähigkeit des rassischen Soldaten, 

Strapazen zu ertragen, führt derselbe preussiache General von Keller die 

Thatsache an, dass bei diesen unglaublichen Anstrengungen dennoch die 

ganze Abteilung das Tschunda-Thal am dritten Tage völlig kampfiähig 

erreicht habe. Diese Thatsache spreche für sich selbst. 

'^'äl*i Bemerkenswert!! sind auch die Resnitate der Winterexpedition des 

if a««n>ig Generals Strnkow, besonders wenn mau die geringe Stärke seiner Ab- 

187*.* teilnng berücksichtigt. Strnkow rückte am 14. Januar 1878 an der 

Spitze von 9 Schwadronen aus, machte nirgends Halt nnd blieb erst, in 

Folge des Waffenstillstandes vom 1. Febrnar, bei Tschatalda, fast im 



') CassoU : „History of the Russo-Turkish War". 



Mobilisation und Vorbereitung zu Einbrüchen in Feindesland. 293 

Angesicht Konstantinopels stehen. General Strukow warf sich so 
zwischen die auf dem Rückmarsch befindlichen türkischen Abteiinngen, 
welche ohne Anfrechterhaltnng der Fühlung mit ihrem Gros marschierten 
und bewirkte mit seiner kleinen Abteilung, dass russische Truppen dort 
auftauchten, wo man sie am allerwenigsten erwartete, wodurch sich natür- 
lich weithin Schrecken und Bestürzung verbreitete. General Strukow 
nahm Adrianopel, eine Stadt von etwa 120000 Einwohnern, die Achmed 
Ejnb Pascha preisgegeben hatte, obwohl letzterer über 8000 Nizams, 
60 Geschütze und eine recht beträchtliche Abteilung Baschibozuks verfügte. 
Der „Raid" Strukow's hatte noch die Bedeutung, dass zahlreiche türkische 
Abteilungen (Hassan Pascha und Abdul Kerim Pascha), welche sich auf 
Adrianopel zurückzuziehen gedachten, ihre Marschrichtung änderten und 
nach Osten auswichen. 

Obwohl die Hilfe, die General Strukow überall von der bulgarischen 
Bevölkerung erfuhr (besonders durch Uebermittelung wichtiger Nach- 
richten), ihm seine schwierige Aufgabe in vielem erleichterte, so gehört 
doch seine Unternehmung, wie der Verfasser des Berichts bemerkt, zu 
den kühnst geplanten und glücklichst durchgeführten, welche die Ge- 
schichte überhaupt kennt. 

Gegenwärtig sind die Ansprüche an die Rolle der Kavallerie noch B^«"*ong 
grösser geworden. Um die Kraft dieser WalFe zu vergrössem, werden zateiianj 
den Kavallerie-Abteilungen Schnellfeuergeschütze beigegeben. seimliifeaer. 

Diese sind dermaassen gebaut, dass sie auf Pferden transportiert ^ **""* 
werden können. Das Zusammensetzen bedarf nur einiger Minuten. Auf 
der folgenden Seite geben wii- Zeichnungen, welche diesen Transport und 
das Zusammensetzen erläutern. 

Besonders die russischen Militärautoritäten setzen auf ihre Kavallerie K^^and 

besitifc 

grosse Holfnungen. Ausserdem ist ja diese Kavallerie zahlreicher, als in die »bi- 
aDen übrigen Staaten. In Russland kommen auf je 1000 Mann Infanterie x^rauerie. 
27 Berittene mehr als in Deutschland, 19 mehr als in Oesteireich, 22 mehr 
als in Frankreich, 43 mehr als in Italien und 62 mehr als in England. 

Ausserdem bilden die Kosaken ein sehr wertvolles und besonders 
bei einem langwährenden Kriege unerschöpfliches Kavallerie-Material. Die 
Zahl der Kosakentruppen in Kriegsstärke betrug zum 1. Januar 1888 :6) 

Offiziere Unterchargen 

Im europäischen Russland 3 176 133 493 

Im asiatischen R ussland 438 22 311 

Insgesammt 3 613 15B 804 



*) Freiherr von Tettau: „Die Kosaken-Heere". Berlin 1892. 



V. Die KaTallerie. 



Zasammengtisetztes OeBObütz. 




Transportiorang Hi^a Gesohützcs. 



Der Listeubestand der Kosakentruppen war zu dieser Zeit folgender: 
Offiziere Unt^rchargeu 

Im enropäischen Rnssland 3 795 '261 987 

Im asiatischen R nssland 304 39197 

Insgesanimt 4 189 301 184 

also einschliesslich dei' Offiziere überhaupt 305373 Maoo. 



Mobilisation und Vorbereitung zu Einbrüchen in Feindesland. 295 



Ans diesen Angaben ist zu ersehen, dass die Kosakenbevölkerung 
im Notfalle ausser dem von der Eegierung geforderten Sollstande (Kriegs- 
stärke) noch etwa 600 Offiziere und 130000 Mann im Alter von 18 bis 
38 Jahren zu stellen vermag. 

Trotzdem werden in Russland noch Ansichten laut, welche eine Forderungen 

noch 

weitere Vermehrung der Kavallerie fordern. General Ssuchotin und die g^aaerer 
Anhänger seiner Theorien fordern die Formierung von noch 170 000 Mann ^*™^™°* 
Kavallerie. Sie sind der Ansicht, dass Russland, welches 20 Millionen i^ßn*j^\^^ 
Pferde besitzt, eine Million Pferde aufstellen könne, und dann doch 
nur 6% des gesamten Pferdematerials für Kavalleriezwecke bestimmt 
sein würden. 

In diesem Falle hätte Russland über 2V2nial mehr Kavallerie zu 
verfugen, und diese Reitermasse könnte sich gleich einem Orkan in 
das Land des Feindes stürzen. Wie England als Seemacht par excellence 
gelte, so könnte Russland das Land der Kavallerie par excellence genannt 
werden, wofür ja schon die Kosaken als glänzendes Beispiel dienten. 
Folglich müsste Russland auch alle Vorteile, die sich unmittelbar aus 
dessen natürlicher Lage ergeben, ausnutzen. 

Der oben zitierte bekannte deutsche Militärschriftsteller A. Drygalski zweck: 

Vanrflatnng 

sagt: Es sei offenbar, dass diese vorzugsweise an den Grenzen postierten des Peind«»- 
Reitermassen nicht so sehr für Abwehrzwecke bestimmt sind, wie für ^*°^"^ 
Zwecke eines angreifenden Vorgehens in Feindesland. Dieses erhelle 
noch mehr aus den beständigen Hinweisen aller russischen Militär- 
schriftsteller darauf, dass geniale Heerführer stets den Angriff der Ver- 
theidigung vorgezogen hätten und dass die russische Kavallerie die 
Verwüstung des Feindeslandes hauptsächlich bezwecken soD. 

In den deutschen Militärkreisen haben die in der russischen uawandiung 

in Dra^ODor. 

Kavallerie durchgeführten Umformungen einen grossen Eindruck ge- 
macht. Die Umwandlung der gesamten regulären Kavallerie in Dragoner- 
Regimenter und die Verteilung der Kosaken - Regimenter auf die 
Divisionen der regulären Kavallerie, ebenso wie auch der Umstand, dass 
die Grenzwache derart umgeformt wurde, dass sie sich von der eigent- 
lichen Kavallerie nur wenig unterscheidet und sofort nach Ausbruch des 
Krieges in Feindesland einfallen kann, wurden sehr eingehend besprochen. 
Nach diesen Veränderungen zu urteilen, wird der russischen 
Kavallerie in künftigen Kriegen eine hervorragende Rolle zufallen. Die 
russischen Kavalleriemassen, welche mit Handfeuei'waffen ausgerüstet sind, 
die dem Infanteriegewehr nicht nachstehen, können schon zu einem Zeit- 
punkte in das Gebiet des Gegners einbrechen, wo dessen Armee noch in 
der Mobilisation begriffen ist und weite Landesteile noch nicht militärisch 
geschützt sind; sie haben damit die Möglichkeit, die Verbindungslinien 



296 V. Die Kavallerie. 

zn unterbrechen, Brücken, Tunnels, Stationen, ebenso Magazine, Auf- 
speicherungen von Getreidevorräten etc. zn zerstören, und überhaupt in 
dem wirthschaftlichen Leben des feindlichen Landes Verwirrnngen hervor- 
zDrufen, deren Folgen sich kaum berechnen lassen. 

In dieser Art Thätigkeit wird die Kavallerie in Friedenszeiten in 
allen Ländern, und besonders in Kussland, geübt. Gegenstand der 
n. Uebungen sind: Zerstömng von Eisenbahnen bis zu 20 Werst Aus- 
dehnang, der dazu gehörigen Stationseinrichtungen, Brücken u. s. w., 
Empfang and Absendung von Depeschen, Abfangen feindlicher Depeschen 
und Herstellung von Telephonverbindungen. 

Die Unterbrechung von Eisenbahnlinien wird geübt dnrch Sprengungen, 
zn deren Ausführung jedes Kavallerie-Regiment neben den verschiedensten 
anderweitigen fiandwerkszeugen eine Anzahl von Sprengpatronen — 
Pyroxilin — aaf Packpferdeii mit sich führt. 

Folgendes Bild, der „Leipziger Illustrierten Zeitung" entnommen, 
zeigt uns eine Unterbrechung einer Eisenbahnlinie. 



Unterbrechung von Eiaenbalmlinit'n durcli Anneetlragoner. 

in'itt ^^^ betreflende Kommando reitet möglichst unbemerkt und gedeckt 
•nbihii- an die Strecke des Bahngeleises, womöglich eine Kurve, heran, wo die Zer- 



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MobiliBatioD und Vorbereitnug zu Einbrüchen in Feindesland. 297 

stüraiig ausgeführt werden soll und hält dann in angemessener Entfernung. 
Während aan hier ein Teil mit den Packtieren gedeckte Anfstellung nimmt, 
jagen die übrigen, in einzelne Nummern geteilt — je zwei bis drei Reiter 
— fäcbei-förmig sich ausbreitend, in raschester Grangart an das Bahn- 
geleise vor, um auf entsprechend langen Strecken ihr Zerstömngswerk 
ohne Zeitverlust zu beginnen. Pyroxilinpatronen werden in Abständen 
Ton einem Meter mit eingesetztem Zünder an der äusseren Seite .zweier 
znsammenstossender Schienen aufgestellt, mögliehst fest mit Erde verdämmt 
nnd in Brand gesetzt. Da die zum Zünden gehörige Zündschnur nur lang- 
sam fortbrennt, haben die Reiter vollauf Zeit, sich anf 200 Meter and 
darüber zu entfernen und damit in Sicherheit zu bringen. 

Das Sprengen der BiTlcken, besonders der grossen eisernen, bedarf 
aber schon grösserer Sachkenntnis. In der Beilage geben wir das Bild der 
Sprengung einer hölzernen 
Brücke durch Zöglinge der 
französischen Kavallerie- 
schule, sowie eine Darstellung 
der Uebungen zur Legung 
von Dynamitpatronen behufs 
Sprengung einer grossen 
eisernen Brücke. 

Haud in Hand mit der ? 

Zerstörung des Schienen- u 

geleises und der Brücken 
pflegt denn auch immer die 
Unterbrechung der Bahn- 
telegraphen zu gehen. 

Zur Ansfiihrung dieser 
und anderer Zerstörungs- 
arbeiten werden der Ka- 
vallerie Sappeure zugeteilt 
Nebenstehendes Bild zeigt 
einen russischen Dragoner 
mit aufgesessenem Sappenr 

^lcht selten ist es auf __ 

besonders wichtigen und ,. ~ /■ < " ' 

^ Dragoner m t ttufgesecBenem bappeur 

verkehrsreichen Linien \on 

grosfei Bedeutung Kenntnis von den auf diesen umlaufenden Depeschen 
des Gegneis zu erhalten sie abzufangen nnd auf solche Weise Einbbck 
m die feindlichen Maassnahmen zu erlangen Man bedient sich hierzu 
des Kavallene Telegraphen (Telephon), indem man diesen in die 



298 V. Die KftvalleriP. 

feindliclie Linie einschaltet. Mit solchen Apparaten ist, wie in anderen 
Staaten, auch in Russland jedes Karaüerie-Regiment ausgerüstet. 
Li<t>i>g«n Man hat nämlich, da das Telephon beim Sprechen Missverständnisse 

lindLisheB uicht ausschliesst, wen besondere Eigentümlichkeiten der Stimme und 
>«p«»iuii. ^Q^gprache beim Absender ebenso schwer ins Gewicht fallen wie die 
Schärfe des Gehörs beim Empfänger, auch für das Teleplion im Feld- 
dienst die Morse - Zeichen in allen Armeen eingeführt, zumal man ihnen 



r feindlichen Depesche mit dem Kavallerie-Telegraphen (Telephon). 



Urteile über den Grenzdetacheinent-s-Krieg. 299 



weit grössere Zuverlässigkeit zuschreibt und ihre Erlernung nicht auf 
unüberwindliche Schwierigkeiten stösst. Das Telephon ist zu diesem 
Zweck mit einem Morse - Schlüssel verbunden, dessen laute Schläge im 
Telephon aufgefangen und nach dem Gehör abgelesen werden. 

Selbstverständlich ist das Abschreiben von Feindesdepeschen nur 
dann zu ermöglichen, wenn es einer weit vorgedrungenen Kavallerie- 
Patrouille gelungen sein wird, sich hinter die gegnerische Kavallerie 
unbemerkt in den Telegraphen einzuschalten, denn es wird wohl Niemand 
im Kriegsfalle die zum Gegner führenden Telegraphenlinien bestehen 
lassen. 

Nebenstehendes Bild zeigt uns das Auffangen einer feindlichen 
Depesche mit dem Kavallerie-Telegraphen (Telephon). '0 

Diese Hebungen der russischen Kavallerie mussten natürlich die Möglich« 
Nachbarstaaten beunruhigen und die verscliiedensten Mutmaassungen, An- mowi- °' 
sichten und Befürchtungen, besonders in Deutschland, hervorrufen. Soweit Do"!Jtchfaid. 
sich die Sache übersehen lässt, steht in der deutschen Armee die Ueber- 
zeugung fest, dass, auf welcher Front der Krieg auch ausbrechen möge, 
die Initiative der Operationen immer Deutschland dank seiner schnellen 
Mobilisation zufallen wird, d. h., dass die deutschen Heere den Feind in 
dessen eigenem Land w^erden angreifen können. Von dem Vorhandensein 
dieser Ansicht zeugen nicht nur die Aeusserungen aller deutschen Schrift- 
steller, welche die Frage des zukünftigen Krieges berühren, sondern auch 
die von der Regierung im Reichstag abgegebenen Erklärungen. Die 
direkte und natürliche Folge einer solchen üeberzeugung ist daher, dass 
die Frage der Kavallerie-Raids fast ausschliesslich von dem Gesichts- 
punkt betrachtet wird, inwiefern sie die Mobilmachung stören können. 



3. Urteile über den Greiizdetachements-Krieg. 

Im Jahre 1883 erscliien in No. 93 der „Allgemeinen Militär-Zeitung" Artikel: 
ein Artikel unter dem Titel „Ostpreussen und der Tartaren-Ritt'V) der" anraTr*" 
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Der Verfasser bleibt mit ^*^t'!"" 
eingehendem Ernst bei der Frage über die „Raids" der russischen 
Kavallerie stehen. Die deutsche Kavallerie werde durch die russische 
reguläre Kavallerie hinlänglich beschäftigt w^erden und deshalb nicht im 

^) „Leipziger Illustrierte Zeitung". 

^) Da ^r die Nummer des zitierton Organs nicht zur Hand haben, geben 
wir ein Referat des Artikels nach dem Buche des Antisarmatikus: „Von Berlin 
und Wien nach Petersburg und Moskau und zurück". 



200 V. Die Kavallerie. 



Stande sein, sich noch mit 40000 bis 50000 Mann irregoiärer Kavallerie 
abzugeben. Diese letztere könne, wenn sie sich in kleine Abteilungen 
auflöse, in einigen Tagen grosse Strecken verwüsten, die Verbindung 
stören und gleichzeitig in den nahe gelegenen Wäldeni Unterschlupf finden. 
voracMftge ^jg zuverfässigcs Mittel dagegen wird empfohlen, auf der Grenz- 

xar Zarflck' 

weirang der lluie rechtzeitig Dämme und Faschinen herzustellen. Gruben zu legen und 
"alid?-*!" Anschüttungen aufzuführen, femer die Bahnlinien mit Domengebüsch zu 
bepflanzen und vor dem Kriege an die ganze Bevölkerung Waffen zu 
verteilen und selbst Frauen und Kinder mit Revolvern auszui-üsten. 
Ohne solche Vorsichtsmaassregeln würde, wie der Verfasser des beregten 
Artikels warnend hervorhebt, nicht einmal der Landsturm Zeit fiinden, 
sich zu sammeln; tausende von Feuersbrünsten würden von allen Seiten 
aufflammen und die Eisenbahnlinien an vielen Stellen unterbrochen 
werden. Mit Anbmch des Tages würden sich die ßaubschaaren in 
den WäJdem bergen, um Nachts wiederum ihre Verwüstungsarbeit auf- 
zunehmen, hierbei immer weiter und weiter ausgreifend. Wenn die 
östliche Bevölkerung nicht irgendwelche Schutzwehren gegen diese 
„ßaids" errichten werde, so könne die russische irreguläre Kavallerie 
in voller Freiheit auf dem preussischen Gebiete hausen. 

skobeiew'B Weiter wird in dem Artikel der „Allgemeinen Militär-Zeitung" aus- 

^'xrieg- *' gefühi't, dass die mssische Regierung diese Form der kriegerischen Ope- 
fthrang. Nationen gutheisse; Beweis hierfür sei die seineraeit von dem verstorbenen 
General Skobelew ausgesprochene Ansicht, dass der Krieg mit Deutsch- 
land im „asiatischen Stil** geführt werden müsse. Es ist überflüssig näher 
auszuführen, dass diese Erklärung in Deutschland emsthafte Befürchtungen 
hervorgerufen hat und dass die Regierung sich Mühe gab, die hierdurch 
bewirkte allgemeine Beunruhigung zu dämpfen. 
Browhftre: Etwas spätcr, im Jahre 1884, erschien eine Broschüre unter dem 

wir Ton dur Titel : „Was haben wir von der rassischen Kavallerie zu erwarten? "'-*) 
jJj^^Srrio M welche die Sache in einem ganz anderen Licht darstellt. Der unbekannte 
erwarten-. Verfasscr berechnet die russische Kavallerie auf 170 000 Pferde, die deutsche 
auf 67 949 Pferde. Nach seinen Ausführungen jedoch werden die russischen 
Kavalleriekräfte in Folge der schlechteren Mobilisationsverhaltnisse und des 
schlechteren Zustandes der rassischen Wege zu Beginn des Krieges niemals 
die deutschen Kavalleriekräfte übersteigen; andererseits stehe die Orga- 
nisation der deutschen Kavallerie weit höher als die der russischen. Die 
„Raids" der russischen Kavallerie könnten nicht über den Grenzgürtel 



') Hannover 1884. Sainte-Chapelle in seinem "Werke: „Les tendances de 
la cavalerie russe" nennt als Verfasser dieser Broschüre den preussischen 
Hauptmann Dewall. 



Urteile über den Grenzdetachements-Krieg. 301 

hinausgehen; im schlimmsten Fall könnten sie zwei Tagemärsche weit 
über die Grenze vordringen; weiter hinaus würden sie entschiedenen 
Widerstand finden. Die Deutschen könnten sich mit dem Gedanken an 
die Möglichkeit eines solchen „Raid" um so eher aussöhnen, als ein Einfall 
nur dann ernste Folgen nach sich ziehen würde, wenn unmittelbar hinter 
der Kavallerie genügende Trappen nachfolgen würden, um das Gelände zu 
besetzen; dieses sei jedoch bei der Langsamkeit, mit der die russische 
Mobilisation nur vor sich gehen könne, nicht zu befürchten, und übrigens 
sei das beste Verteidigungsmittel — das Eindringen des deutschen Heeres 
in das russische Gebiet. Der Verfasser kritisiert sodann die Reform 
der rassischen Kavallerie. Seiner Meinung nach entspricht die Be- ^'»- 

« genfigondss 

waffnung nicht ihrer Bestimmung und ebenso erscheint ihm die Methode pferde- 
des Zureitens der Pferde von zweifelhaftem Wert. Was die QuaUtät "^^t^Ln ' 
der Pferde selbst anbetreffe, so könnten die regulären Regimenter über K»v«uerie. 
ein durchaus tüchtiges Pferdematerial verfügen, da für die Garde 
Steppenpferde im Werte von 200 bis 300 Rubel, für die übrige Kavallerie 
im Werte von 125 Rubel beschafft würden, während dagegen die 
Kosakenpferde nur selten zu einem höheren Preise als 60 bis 76 Rubel 
pro Pferd erworben würden. Im Dienst zeichne sich das Kosakenpferd 
durch eine grosse Fähigkeit im Ertragen von Strapazen aus und sein 
Bau mache es zum Muster eines leichten Kavalleriepferdes, mit dem 
man allenfalls nur das ungarische Pferd vergleichen könne. Demnach 
bestehe jetzt die ganze rassische Kavallerie, abgesehen von den 
Garde-Kürassieren, nur aus leichten Reiter-Regimentern. Weiter lügt 
der Verfasser hinzu, dassman allerdings der russischen Pferderasse 
besondere und ihr eigene Vollzüge zugestehen müsse. Das Kirgisenpferd 
z. B. nähre sich einzig von Gras; im Winter verschaffe es sich in der 
Steppe selbst sein Futter und ertrage ebenso leicht 45^ R. Wärme wie 40<> 
Kälte. Man könne es sofort von der Steppenheerde, dem „Tabun", fort- 
nehmen, satteln und zum Reiten verwenden; einen Hufbeschlag habe 
dasselbe gar nicht nötig; es ertrage erstaunlich leicht Ermüdung und 
höchste Anspannung und laufe zudem rasch ; derartige Pferde würden den 
Mustertypus für ein Soldatenpferd abgeben, wenn sie sich mit gleichem 
Erfolge auch in geschlossenen Formationen verwenden Hessen, was doch 
immer Hauptsache bleiben müsse. Man brauche gar kein besonderer schlechte 

Schalung. 

Anhänger der schweren Kavallerie, voraehmlich der Kürassiere, zu sein, 
um einzusehen, dass, da bei jedem Stosse die Schwerkraft entscheidet, 
es der russischen Kavallerie bei ihren Vorzügen und ihrem reichen 
Pferdematerial schlecht ergehen könne, da sie keine oder fast keine 
Aussichten habe, die Attake eines Feindes auszuhalten, der mit stärkeren 
und Dank ihrem geschickten Zureiten gleichmässig gehenden und folg- 



302 V. Die Kavallerie. 



sanieren Pferde beritten sei. In der russischen Kavallerie lasse gegen- 
wärtig das Zureiten der Pferde viel zu wünschen übrig. Das Kosakenpferd 
mit seinem schwachen Rücken sei am allerwenigsten für ein regelrechtes 
Zureiten tauglich. Eine Kavallerie aber — ruft der Verfasser pathetisch 
aus — , in welcher die Kunst des Reitens so niedergehe und der kavalle- 
ristische Geist sich völlig verflüchtige, wie dies immer mehr und mehr bei 
der russischen Armee hervortrete, müsse zuguterletzt jede Bedeutung als 
solche einbüssen. 
Atta^en in j)ej. Verfasscr legt auch den Uebungen der russischen Kavallerie, 

Fomaüon, welche bei ihr Fähigkeit zu raschen Dauerleistungen entwckeln sollen, 
deuteYhor- kciuc besouderc Bedeutung bei. Alle diese Offiziersrennen, die bisher 
"''ftihrtw'' die Eigenschaft einer gewissen Freiwilligkeit an sich getragen, in 
letzterer Zeit aber für fast alle Kavallerie- Offiziere pflichtmässig geworden, 
so dass im Jahre 1884 von insgesamt 2121 Offizieren sich 1744 an den 
Rennen beteiligt, hätten nicht viel zu besagen. Der Verfasser fragt, 
welchen Wert diese sogenannten „Ausflüge" zur üebung im Ertragen 
von Strapazen hätten, was die Akrobatenkunststücke bedeuten sollten, 
die unter den Kosaken in Mode gekommen seien und doch nur an den 
Zirkus erinnerten. Alle derartigen Thorheiten in den kavalleristischen 
Uebungen führen nach der Meinung des Verfassers der Broschüre zu 
nichts. Die Stärke der deutschen Kavallerie beruhe in dem Selbst- 
vertrauen, das jeder Reiter auf seinem Pferde empfinde. Nur bei regel- 
recht dressierten Pferden sei eine Attake in geschlossener Formation 
denkbar; zugleich sicherten aber auch die so lenksamen deutschen Pferde 
dem Kavalleristen den Sieg im Einzelkampf. 
^*bidbt^^ Schliesslich spricht der Verfasser noch seine Ansicht dahin aus, 

Haoptsaohe. dass mau nicht zweien Herren dienen könne und dass diejenigen, welche 
die Kavallerie zu zwei einander prinzipiell widersprechenden Aufgaben 
gebrauchen wollten, damit die Kavallerie nach beiden Richtungen hin zu 
einem Nichts reduzierten. Niemand bestreite es, dass die Kavallerie 
in gewissen Fällen auch der Feuerwaffe bedürfen könne, dennoch aber 
bleibe der Fusskampf für die Kavallerie ein Ausnahmefall. Alle Be- 
strebungen, alle Anstrengungen seien in Deutschland darauf gerichtet, 
dass die Kavallerie auf dem Kriegs theater im Stande ist, Attaken 
trotz aller modernen Vervollkommnungen der Bewaffnung auszuführen. 
Alle Exerzitien, alle Arbeit an der Kavallerie wäre nur durch den einen 
Gesichtspunkt bestimmt, dass die Attake für die Kavallerie die conditio 
sine qua non ihrer Bedeutung bleibt. Diejenige Kavallerie, welche sich 
unfähig fühlte, gegen irgend eine andere Waffengattung einen Stoss 
auszuführen, würde ihre Kosten nicht einbringen und sich zu einer 
Truppe zweiter Klasse degradieren. 



Urteile über den Grenzdetachements-Krieg. 303 



Einige Jahre später, 1888, erschien in Deutschland eine neue Bro- ßroBci^re: 
schüre unter dem Titel: „Das russische Schreckgespenst", deren Aufgabe raräuciie 
gleichfalls war, auf die erregten Gemüter beruhigend zu wirken. g^p^st-. 

Der Verfasser fragt, warum Russland, ein an Herden so reiches 
Land, nicht Pferde von höherem Wuchs für seine Kavallerie auswähle und 
ist auch mit der Antwort sofort bei der Hand. Dies geschehe deshalb, weil 
Eussland gar nicht darnach verlange, eine Kavallerie zu besitzen, sondern 
sich mit einer „berittenen Infanterie" begnüge. Angriffe zu Fuss von 
der Flanke und im Rücken des Feindes gälten als Hauptaufgabe der 
gegenwärtigen russischen Kavallerie; das Pferd höre auf, als „Waffe" zu 
dienen und bilde nur noch ein Mittel für rasche Fortbewegung. Der 
russischen Kavallerie liege ob, zu Fuss in der ersten Linie zu kämpfen, 
da man in russischen Militärkreisen glaube, dass die Zeit der Kavallerie- 
Attaken schon vorüber sei. ; 

Der Verfasser ist mit dieser Auffassung nicht einverstanden, sondern 
nennt sie irrig und falsch. Gerade die jetzige Kampfesweise der 
Infanterie in aufgelöster Linie biete der Thätigkeit der Kavallerie ein 
weites Feld und sichere ihr den Erfolg. 

Gewissermaassen absichtlich wird der Umstand ausser Acht gelassen, 
dass es bei den jetzigen weittragenden Waffen völlig undenkbar ist, in 
grösseren Massen an die Infanterie nahe heranzugehen. 

Weiter heisst es, dass zu Anfang des Kiieges Russland nicht Mangel der 

, rassisclieii 

mehi- Kavallerie zur Verfügung haben wird als Deutschland, und dass .berittenen 
in jedem Fall Deutschland und Oesterreich zusammen, selbst wenn 
gleichzeitig der Kampf auf der westlichen Front nötig wäre, dennoch 
mindestens gegen Russland die gleiche KavaUeriemasse aufstellen 
könnten, wenn nicht eine grössere. Es sei folglich klar, dass von einer 
Ueberschwemmung Deutschlands durch russische Kosakenhorden, wovon 
in letzter Zeit so viel phantasiert worden, gar nicht die Rede sein könne. 
Es sei wohl wahr, dass einige Divisionen der russischen Reiterei nicht 

• 

weit von der deutschen Grenze stationiert seien, aber deswegen habe 
Deutschland doch entschieden nichts zu fürchten. Selbst wenn sich 
diese Reiterei dazu entschliessen würde, über die deutsche Grenze ein- 
zubrechen, so könnten mit Hufe des musterhaften, gerade für solche Fälle 
berechneten deutschen Eisenbahnnetzes augenblicklich so viel Truppen 
konzentriert werden, als erforderlich wären, diese selbstbewussten 
Wagehälse dorthin zurückzujagen, von wo sie gekommen. Einmal hätte 
Jemand auf diese Möglichkeit die Aufmerksamkeit Moltke's gelenkt, aber 
nur die lakonische Antwort erhalten: „Ich weiss es". Wenn aber Moltke 
dieses geAvnsst und die von ihm ergriffenen Maassregeln für völlig ge- 
nügend gehalten, so habe man eben nichts Schlimmes zu besorgen. 



InflEUiterie' 



304 V. Die KavaUerie. 



Widerlegung Ein Artikel des Oberstlieutenants des Generalstabes Rausch von 

seile durch Traubeuberg, in dem in Petersburg erscheinenden militärischen Fachblatt 
Traab^erg. ,, Wojenuy Ssbornik"^), bringt eine Erwiderung auf die obigen Ausstellungen 
an der russischen Kavallerie. Eausch von Traubenberg weist nach, dass 
die russische Kavallerie, dank der sechsjährigen Dienstpflicht, sich mit 
jeder anderen Kavallerie messen kann und ausserdem im Kampfe zu 
Fuss die Kavallerie anderer Mächte zu übertreflFen im Stande ist. 
Drygaieid Fcmcr müsscu wir hier bemerken, dass der schon öfter erwähnte 

Wert der dcutschc Kritiker A. Drygalski in seinem Werke über den Zustand der 
™Iai^e russischen Armee durchaus nicht die Ansichten der von uns zitierten 
hervor, deutschcu SchriftstcUer teilt, sondern der Meinung ist, dass die Thätig- 
keit der russischen Kavallerie in künftigen Kriegen überaus ernsthaft in 
Betracht gezogen werden müsse, da die von ihr erreichten Erfolge wirklich 
grossartig seien."*) 
widdem'8 Recht pcssimistisch sieht der Oberst Cardinal von Widdern in seinem 

»Der Grenz- unlängst erschienenen Werke: „Der Grenzdetachements- Krieg" die Lage 
mMte^ 3,n, in der sich bei einem Kriege die Grenzgebiete Preussens befinden 
Krieg-, werden. Er erwägt die Möglichkeit von „Eaids" der russischen Kavallerie, 
wobei er ihre Leistungsfähigkeit auf Grund der Manöver würdigt, die im 
Jahre 1876 in Eussisch-Polen unter Beteiligung von 41/2 Kavallerie- 
Divisionen, d. h. von 73 Schwadronen, mit 54 Geschützen der reitenden 
Artillerie stattgefunden. 

Vor Allem richtet er seine Aufmerksamkeit auf die von dem 
Kommandierenden der Kavallerie erlassenen Instruktionen, bezüglich des 
Angriffs auf die in der Mobilmachung begriffenen Garnisonen, welche be- 
sonders folgende Gesichtspunkte hervorheben: Besitzergi*eifung von allen 
Königlichen Kassen und Magazinen, Telegraphen- und Poststationen, Ver- 
nichtung der Proviant- und Artillerie -Vorräte des Feindes, Beschlag- 
nahme des rollenden Eisenbahnmaterials, falls keine Möglichkeit vorliegt, 
die Bahnlinien für Invasionszwecke zu benutzen, Zerstörung der Bahn- 
geleise und Brücken und der Knoten - Telegraphenstationen. Weiter 
empfehlen die Instruktionen die Foimierung selbständiger kleiner Reiter- 
Abteilungen, welche alle Depots für Truppenformierungen zu vernichten 
und sich der Kavallerieremonten wie aller Transportmaterialien zu 
bemächtigen hätten. 
Friedens- Eiue solchc fliegende Abteilung wurde aus Petrikau nach den 

raechen" Weichselübergaugsstellen ausgesandt. Die Entfernung von Petrikau bis 

Zerstöreu 

von Feindes- 

landen. 

*) Wir geben das E,esum6 dieses Artikels nach Sainto-Chapelle : „Tendances 
de la cavalerie russe", S. 71. 

*) „Zur Orientierung über die russische Armee". Berlin 1892. 



Urteile über, den Grenzdetachements-Krieg. 305 



dorthin beträft in der Lnftlinie 120 bis 160 Eilometer und von da bis 
zum Distrikt der Warschau - Petersburger Eisenbahn 30 bis 80 Kilo- 
meter. 

Wenn man diese Entfernungen auf preussisches Gebiet überträgt, 
so würde ein solches Streif korps von der Grenze aus bis nach Kreuz, 
einem Knotenpunkte der Berlin-Thomer Eisenbahn, ferner nach Crossen 
a. 0. oder bis Liegnitz in Schlesien keine längere Strecke zurück- 
zulegen haben. 

Die russische Abteilung legte am ersten Tage 40 Kilometer zurück, 
in den zweiten 24 Stunden mit nur einer 2- bis 3 stündigen Ruhepause 
120 Kilometer, also in 2 mal 24 Stunden 160 Kilometer, und dies über 
durchweichte Wiesen und durch sumpfige Wälder hindurch. Die Hafer- 
ration betrug dabei nur 3 Gametz (etwa 12 Pfund) und alle Pferde, bis 
auf eins, kamen in guter Verfassung an. 

Der Verfasser weist ferner darauf hin, wie schwierig es sei, eine sciiwierig- 
solche fliegende Abteilung abzufangen (in dem gegebenen Fall waren hierzu AbfLagimg 
alle Maassregeln getroffen), ja selbst nur zuverlässige Nachrichten über '•^J;^' 
ihre Bewegungen zu erhalten. So erhielt die feindliche Seite — die 
Ostabteilung der Manövertruppen — von ihren Aufklärungs-Reitem die 
Nachricht, dass der Gegner die Weichsel an Punkten zu überschreiten 
suche, welche von den ständigen Uebergangspunkten 46 bis 50 Kilometer 
entfernt waren, während der Gegner thatsächlich den Strom bereits 
36 Stunden früher überschi'itten hatte, als diese Nachricht eintraf. 

Es ist klar, bemerkt der Verfasser, dass es leichter ist, fliegende 
Abteilungen zu organisieren und auszusenden, als ihnen den Weg zu 
verlegen, wofür ja auch die „Raids" in dem nordamerikanischen Kriege 
ein Beweis waren. 

So lehiTeich aber auch der Manöverplan war, so machte sich wahr- 
in ihm doch eine empfindliche Lücke geltend. Die fliegende Ab- verichtuag 
teilnng wurde in dem Moment zurückgerufen, wo die allgemeine g^^^^'^^ ^ 
Lage der Parteien sich verändert hatte, und so ist nicht nachzuweisen 
gewesen, in welcher Lage sich weit vorgerückte Streifkorps befinden 
werden, wenn sie ihren Rückweg auf bereits erschöpften Pferden an- 
treten müssen. Oberst von Widdern weist auf die Schwierigkeiten 
hin, denen Streifkorps, die sich so tief in das feindliche Gebiet 
hineingewagt, begegnen müssen, sobald sie sich in ein Netz feindlicher 
Abteilungen aller Waffen verwickelt sehen, welche sie in den Biwaks über- 
fallen, ihnen keine Ruhe lassen, sie nötigen, sich durch foi-tgesetzte 
Absendung von Mannschaften zu Aufklärungszwecken nach den Flanken 
zu schwächen und sie dann in dem so geschwächten Bestände an- 

Bloeh, Der sakünftige Krieg. 20 



306 ^* ^^0 Kavallerie. 



greifen, wobei einzelne Rekognoszierungs- Abteilungen auch sehr leicht 
die Fühlung verlieren und zu Grunde gehen können.^) 
Aufopferung . Demnach gelangt Oberst Widdern zu dem Schluss, dass im All- 

der ans- 

geaandten gemeinen das weite Vortreiben von Kavallerie-Abteilungen in das Innere 
pediti^non. ^^s feindlichen Landes die unvermeidliche Aufopferung vieler von ihnen 
bedeutet, aber in Russland seien in Folge der ungeheueren Ausdehnung 
des Reiches die Begriffe über Entfernungen besonders bei der Kavallerie 
„etwas anders als bei uns". In Russland, fügt er hinzu, giebt es viele 
Dragoner und Kosaken und so entscheidet man sich dort zur Aufopferung 
einzelner Abteilungen wahrscheinlich leichter als bei uns. 

Mittel Widdern weist nicht unmittelbar auf die Schutzmittel gegen feind- 

sur Abwehr 

der üeber- Uchc Kavallerie-EinfäUe hin, aber aus seiner Darlegung ergiebt sich, dass 
widd^ er es für geboten hält, unverzüglich den Landsturm aufzubieten, wo etwa 
ein solcher Einfall zu fürchten ist und dass er auch auf die Mitwirkung 
der Zivilbehörden, aller Beamten und Grensdarmen für den militärischen 
Nachrichtendienst rechnet. Er erinnert daran, dass während des polnischen 
Aufstandes von 1863 die Chefs der an der Grenze postierten preussischen 
Truppenteile ihre besonderen Kundschafter auf russischem Gebiet hatten; 
auf verschiedenen Punkten längs der Grenze waren auch geschickte 
Offiziere zur Sammlung und Uebermittelung solcher Nachiichten postiert 
worden. Besondere Dienste hätten hierbei gewandte Offiziere geleistet, 
die des Polnischen oder Russischen mächtig gewesen wären und es so 
vermocht hätten, unverdächtig mit Kaufleuten und Reisenden Unter- 
haltungen anzuknüpfen. Wie weit es auch in Zukunft nötig sein werde, 
solche Offiziere (natürlich unter Ablegung der Uniform) über die russische 
Grenze zu senden, werde von der besonderen Lage abhängig sein. 

Endlich hält der Verfasser die Bildung beweglicher Kolonnen für 
zweckmässig, um so den Operationen der feindlichen „Raids" zu begegnen. 
Eine Ueberschreitung der Grenze durch kleine Abteilungen sei kaum zu 
verhindern und „je näher die diesseitigen Posten an der Grenze selbst 
stehen, desto leichter vermag der Feind sie zu durchbrechen, namentlich 
solange den Patrouillen die Ueberschreitung der Landesgrenze noch nicht 



Beiepiei aus ») Der Verfasser fahrt ein Beispiel aus dem Kriege von 1870 an. Wahrend 

*•" ^*^ der verstärkten Grenzschutzperiode vor Beginn der kriegerischen Operationen 
wurde nur eine württembergische Aufklärungs-Patrouille, aus 4 Offizieren und 
5 Dragonern bestehend, zu einem auf 2 Tage und 2 Nächte berechneten Streif- 
ritt auf französisches Gebiet entsendet. Aber der Maire von WÖrth machte 
hiervon einem französischen Chasseur-Regiment Mitteilung, welches eine 
Schwadron aussandte. Die Patrouille wurde vernichtet, so dass nur ihr Führer 
Graf Zeppelin auf dem Pferde des von ihm niedergeschossenen französischen 
Wachtmeisters entkam. 



Urteile über den Grenzdetachements-Krieg. 307 



gestattet ist." Demnach rät er an, wenigstens die Infanterie-Aufstellungen 
soweit von der Grenze selbst zurückzuhalten, dass die kleineren oder 
grösseren Kavallerie-Abteüungen (einzelne Züge bis Schwadronen) noch 
Zeit finden, den Einmarsch feindlicher Kräfte dem Infanterie-Eückhalt 
rechtzeitig zu melden. 

Die Frage von einem Kriege zwischen Russland und Oesterreich ^?^JJJJ^^ 
datiert nicht erst seit gestern; sie bildet schon lange ein unerschöpfliches stimmen 
Gesprächsthema. Obwohl die thatsächliche Lage der Dinge nicht im ruwiKhe 
Geringsten alle diese Befürchtungen eines Angriffes von Seiten Russlands ^«^«»^ii« 
bestätigt hat, da die russischen Rüstungen nur durch die Kriegs- 
vorbereitungen der westlichen Nachbaren hervorgerufen sind, so ist 
nichtsdestoweniger die Befürchtung eines Zusammenstosses in der öffent- 
lichen Meinung beständig wach erhalten worden. 

Im Jahre 1866 gab der österreichische Feldzeugmeister von Kuhn 
eine Schrift über den Gebirgskrieg heraus, in der die Verteidigungs- 
mittel gegen Russland erörtert wurden; desselben Inhalts sind auch zwei 
andere Aufsätze, die des Ungarn Karolay „Die strategische Verteidigung" 
(1868) und die eines unbekannten östen-eichischen Offiziers „Ideen über 
unser militärisches Verhältnis bei einem Kriege mit Russland". 

Feldzeugmeister von Kuhn, der das Verhältnis zwischen den beiden ^ ?^^ J^^ 
Staaten vom Standpunkt ihrer Lage und militärischen Stärke betrachtet, oesterreich 
gelangt zu dem Schluss, dass Russland von Oesterreich nicht angegiiffen vertheiarjen 
werden kann. Nach seiner Ansicht hat Oesterreich zunächst das Ver- **"*• 
teidigungssystem zu befolgen. Die Berge, d. h. die Karpathen, bildeten 
für Oesterreich gewissermaassen einen Wall, dessen Einnahme dem Feinde 
nicht wenig Zeit und Mühe kosten würde; mit jedem Schritt, der den 
Feind von seiner Operationsbasis entferne, wüchsen für ihn immer neue 
Schwierigkeiten empor, die Armee zu unterhalten und zu ergänzen, und 
mittelst geschickter Manöver würde Oesterreich im Stande sein, die ent- 
scheidende Minute, abzuwarten. Wenn diese für Oesterreich günstig aus- 
falle, dann sei der Moment zum Uebergang zur Offensive gekommen, 
die zurückzuschlagen der Feind nicht mehr kräftig genug sein werde. 
Alle österreichischen Militärschriftsteller bis zum Jahre 1870 haben sich 
fast einmütig dahin ausgesprochen, dass Oesterreich einen Krieg mit 
Russland nur in der Defensive fuhren darf 

Nach 1870/71 sind in den internationalen Beziehungen Veränderungen J^^^^^^^ 
vorgegangen, die sich jedoch lange Zeit hindurch sozusagen Niemand zum in Folge des 
Bewusstsein brachte, und die deshalb am politischen Horizont auch fast ^"ilTo.''°'' 
unbemerkt vorübergingen. 

In einer Abhandlung „Oesterreich-Ungarn in einem Ki-iege gegen 
Russland" (1871) kritisiert der Verfasser das Werk des Generals Fadejew 

20» 



308 V. Die KavaUerie. 



„Stärke und militärische Praxis Eusslands'' und erklärt, vorzugsweise bei 
den Schlüssen, zu denen General Fadejew kommt, verweilend, es für nötig, 
dass man ernstlich daran denken müsse, einem rassischen Einfall zavor- 
zukommen. 
H»yinerie'« j^ Jahre 1872 trat der Oberstlieutenant des Generalstabs Haymerle, 

entgegen- '' 

geeetste eiu Brudcr des einstigen Ministers des Auswärtigen, mit einem seiner 
M nnng. ^r^j^ yj^j besprocheueu Werke „üeber das strategische Verhältnis Russ- 
lands und Oesterreichs" hervor, worin er dem Gedanken eines Angriffs 
auf Russland und sogar der Einnahme Petersburgs Ausdruck gab. 

^^SL^flir*' Hier begegnen wir bereits der offen ausgesprochenen Hoffnung, dass 

»uföBter- Oesterreich im Notfalle Unterstützung beim jungen Deutschen Reich 
verhÄltnL»«. finden werde, welches mit Hilfe Russlands seine Einigung gefunden. 

Als in Russland der Berliner Vertrag Missvergnügen heiTorrief, 
beeilten sich Oesterreich und Deutschland diesen Umstand auszunutzen, 
indem sie jeden feindlichen Journalartikel, irgend welche Zeitungs- 
bemerkung als einen Akt von grosser politischer Bedeutung hinstellten. 

waiuiofen Uuter diescu Umständen mussten die Reformen in der russischen 

über 

rasdiiehe KavaUcrie in Oesterreich starken Eindruck machen. Das Werk des öster- 
K»T»iiene. ^^^(.ijigciien Oberst Walthcr von Wallhofen „Die russische Kavallerie in 

ihrer neuesten Entwickelung, verglichen mit der österreichischen", legt 
Zeugnis von dieser Stimmung ab. 

BoBBiuida Russland, so heisst es in diesem Werke, habe während der Friedens- 

Reiter- 

Regimenter zclt bedeutende Kavalleriemassen an die westlichen Grenzen geschoben, 
WMtg^ue. ^^ ihrer Organisation und Ausbildung nach zu völlig selbständigen 
Operationen fähig wären. Diese Reiterregimenter wären dazu bestimmt, 
unmittelbar nach der Kriegserklärung über die Grenze einzubrechen, da 
sie im Stande, sich nicht nur mit der feindlichen Kavallerie zu messen, 
sondern auch sich ohne Zaudern auf die ersten ihnen entgegentretenden 
Truppenabteilungen zu werfen, welcher Waffengattung diese auch an- 
gehören würden. Es unterliege keinem Zweifel, dass ein Einfall der 
russischen Kavallerie in Galizfen verhängnisvolle Folgen nach sich ziehen 
könne; die Kavallerie werde Eisenbahnen und Telegi-aphen zerstören, die 
in der Nähe der Grenze belegenen Proviantmagazine ausräumen u. s. w. 
Streng genommen, rechneten die Russen auf eine unthätige Gleichgiltigkeit 
seitens der Einwohner, während die österreichische Kavallerie die Auf- 
gabe haben werde, allen Einfallen entgegenzuwirken; ihre Minderheit 
an Zahl könne zwar durch rechtzeitige Infanterieverstärkungen aus- 
geglichen werden, aber dennoch werde die österreichische Kavallerie 
ihrer Aufgabe nur dann gewachsen sein, wenn sie sich dazu in ge- 
ziemender Weise während der Friedenszeit vorbereite. 



Urteile über den Greiusdetachements-Krieg. 309 



Ueber diese Frage kennen wir noch die Ansicht eines anderen ^*»«f '><>'•''■ 
österreichischen Müitärschriftstellers, des Majors des Genetalstabs nber die 
G. Ratzenhof er. 6) Es sei sehr möglich, sagt Ratzenhofer, dass Rnssland n^he" 
ein gewisses Sinken des kavalleristischen Geistes seiner Armee dadnrch ^™"«rf®- 
hervorgebracht habe, dass die ganze Reiterei in Dragoner umgewandelt, 
dem Typus der Kosakentruppen genähert und mit Flinte und Bajonett aus- 
gerüstet wurde, wobei in den Kavallerie-Uebungen besonderes Gewicht auch 
auf den Fusskampf und die Treffsicherheit mit der Schusswaffe gelegt wii-d. 
Indessen werde doch die Frage eines Niedergangs der russischen Kavallerie 
so lange offen bleiben, bis die Erfahrung eines grossen europäischen Krieges 
die Richtigkeit der gegen die Refonn der russischen Kavallerie gerichteten 
Kritik bestätigt und den bedenklichen Prophezeiungen der Anhänger von 
Säbel und Lanze eine thatsächliche Unterlage gegeben habe. Es unterliege 
dagegen keinem Zweifel, dass Oesterreich in erster Linie nur 286 Schwa- 
dronen mit 43 000 Pferden aufzustellen vermöge, Deutschland 460 Schwa- 
dronen mit 69000 Pferden, Russland aber 562 Schwadronen mit 83000 
Pferden. Im weiteren Verlauf des Krieges könne Oesterreich flir die zweite 
Linie nur noch 77 Schwadronen aufstellen, Deutschland 72, Russland da- 
gegen noch ohne jede Schwierigkeit B26 Schwadronen mit 77 000 Pferden. 
Demnach werde dieser letztere Staat im Stande sein, gegen den Feind eine 
gewaltige, geradezu erdrückende Masse von 160000 Reitern loszulassen. 
Das Uebergewicht der russischen Kavallerie, die an Zahl die öster- 
reichische 3 mal übertreffe, ihre Unterbringung längs der Grenze schon 
während der Friedenszeit, der besondere Charakter ihrer Bewaffnung 
könne für Oesterreich furchtbare Folgen haben. Der Gang der Mobil- 
machung könne gehemmt werden, die österreichische Kavallerie werde 
der Möglichkeit beraubt werden, von ihrem Rekognoszierungs- und 
Transportwesen Nutzen zu ziehen; andererseits werde die Bewaffnung 
der russischen Kavallerie und die Masse der ihr zur Verfügung stehenden 
Geschütze es dieser gestatten, nicht nur von jeder beliebigen Seite 
gegen das feindliche Operationsgebiet vorzudringen, sondern sich auch 
an gewissen Punkten festzusetzen; die russische Kavallerie könne selbst- 
ständig Positionen einnehmen und sie bis zum Erscheinen der Infanterie 
behaupten. 

Weiter wirft Major Ratzenhofer die Frage auf, welchen Erfolg die vorrtge 
russische Kavallerie bei einem Zusammenstoss mit der österreichischen «iSiitoiioi 
im Handgemenge haben könne, falls die Zahl auf beiden Seiten die gleiche ^^^«'*«- 
sei. Diese Frage entscheidet er zum Vorteil der österreichischen Kavallerie, 



') G-. Ratzenhofer: „Die Konsequenzen der russischen KavaUeriereform 
für uns". (Organ der militarwissenschaftlichen Vereine, 1885.) 



310 V. Die Kavallerie. 



da das Hauptziel, auf welches bei den Oesterreichern alle Uebungen der 
Mannschaften und ebenso auch die Dressur der Pferde gerichtet sei, in 
dem Angriff bei geschlossener Formation bestehe. 

Die Reorganisatoren der russischen Kavallerie fühlten deren Schwäche 
in dieser Hinsicht und geständen offen die Absicht ein, sogar auf offenem 
Felde zum Feuergefecht zu greifen. Bei der Begegnung mit der feind- 
lichen Kavallerie werde die russische Reiterei absitzen und gleichwie die 
Infanterie zu feuern beginnen. Die Pferde dienten nur zur Elrleichterung 
und Verkürzung des Weges, im Kampfe dagegen werde der rassische 
Kavallerist nur von den Vorzügen der Infanterie -Verwendung Grebrauch 
machen. 

Major Ratzenhof er schliesst seine Arbeit mit den Worten: selbst 
wenn man annähme, dass die neue Richtung den militäiischen Geist der 
russischen Kavallerie verändere und bis zu einem gewissen Grade herab- 
gedrückt habe, so unterliege es doch keinem Zweifel, dass die in derselben 
dui'chgeführte Reorganisation Oesterreich noch recht viel Sorgen bereiten 
könne und daher ernstlich mit derselben zu rechnen sei. 
Zu grosse Aus dleseu Anführungen ersehen wir, dass auch die österreichischen 

minderang Schriftsteller in ihren Ansichten über die Bedeutung der rassischen Ka- 
deT Konten vaUerie nach deren Reform auseinandergehen und teilweise ganz irrige 
Anschauungen aussprechen, wie z. B. die, dass den Kosaken eine genügende 
militärische Qualifikation und Fähigkeit, sich mit einem regulären Gegner 
zu messen, abzuerkennen sei. 

Frühere, gleichfalls westliche Schriftsteller haben die Eigenschaften 

der Kosaken sehr hoch gestellt. 

Professor Bei dcr Beurteilung eines sofortigen Vorgehens seitens der rassischen 

Kiembowski gavaUerie — sagt Professor Klembowski — wollen Russlands voraussicht- 

wirknng der \{qi^q Gegner nicht zugeben, dass die rassische Kavallerie weiter als zwei 

nusisohen 

Kavaiieriei Tagemärscho m Feindesland eindringen könne; ihre ganze Thätigkeit 
werde sich auf die Zerstörang einiger Eisenbahnen und TelegraphenUnien 
und die Wegnahme von 4 bis B Proviant- und Munitions-Niederlagen 
beschränken. 

Aber selbst ein so partieller Erfolg werde, nach dem eigenen 
Zugeständnis der Deutschen, ihre Mobilisation um 1 bis 2 Tage ver- 
zögern, und zwei Tage seien in einer Periode, wo die Zeit nach 
Stunden gezählt wird, kein unbedeutender Gewinn, den man veraach- 
lässigen könne. 



Kundschaftsdienst und Kavallerie-Kämpfe. g|X 

4. Der Kundschaftsdienst und die dabei vorkommenden 

Kavallerie-Kämpfe. 

Charles Dilke, der ehemalige englische Minister, der an den Manövern Diue'. 

"Mfltfinng 

in Frankreich im Jahre 1892 teilgenommen, meint, dass bei einem Kriege über erste 
zwischen Frankreich nnd Deutschland dieses den Vorzug der schnelleren ^*°*^®- 
Mobilisation haben werde nnd die ersten Aktionen in der Umgegend 
von Nancy in Gefechten zwischen deutschen Kavallerie-Äbteüungen und 
der trefflich ausgebildeten französischen Infanterie bestehen werden, 
welche mit äusserster Zähigkeit jedes Gebäude, jeden Zaun, jeden Bach, 
jedes Wäldchen verteidigen dürfte. Die deutsche Kavallerie könne nicht 
auf Erfolg rechnen, da das rauchschwache Pulver sie verhindern werde, 
sich über die feindlichen Kräfte zu orientieren. 

Und wo wird denn die französische Kavallerie sein ? Aller Wahr- Frawörische 
scheinlichkeit nach wird ihr dieselbe Aufgabe überwiesen werden wie der Kavauerie. 
deutschen, d. h. das Eindringen in das feindliche Gebiet. „Die französischen 
Chasseur-Bataillone, die keinen Divisionen zugeteüt sind, werden in der- 
selben Zeit die Operationen ihrer Kavallerie unterstützen." Aber es 
unterliegt keinem Zweifel, dass auch die französische Kavallerie in Deutsch- 
land dieselben Schwierigkeiten und denselben Widerstand finden wird 
wie die deutsche Kavallerie in Frankreich. 

Unter den auf einander stossenden Kavallerie - Abteilungen werden Einige Tage 

sacli 

die Gefechte beginnen. Ein Teil der Kavallerie wiid sich von der Ge- Ausbrach 
sammtmasse absondern und sich in kleine fliegende Abteilungen auflösen. //JJJi^f^ 
Man kann erwarten, dass einige Tage nach Eröffnung der Kriegsoperationen "cii<>» *^e' 
sich Freischaaren-Abteilungen durch das feindliche Heer durchschleichen in Ländern. 
und im Innern des feindlichen Landes, 100 und mehr Kilometer von der 
Grenze entfernt, auftauchen werden. Selbstverständlich werden viele von 
ihnen einen solchen Wagemut teuer zu bezahlen haben und nicht ohne 
bedeutende Verluste die Eückkehr zu ihren Truppenteilen ermöglichen 
können. 

Diesen Teil der Kavallerie kann man, wenn auch nicht für völlig Wichtigkeit 
verloren, so doch jedenfalls auf lange Zeit hin selbst nach ihrer Rückkehr Kundschafte 
für ungeeignet zur Teilnahme an den weiteren Kriegsoperationen erachten. ^^^Jj^^^^^ 

Wir haben jetzt die Operationen der übrigen Kavallerie zu betrachten, KaTaiiene. 
die an den „Raids" nicht Teil nimmt. Wir beginnen begreiflicherweise 
mit einer der wichtigsten Funktionen der Kavallerie, dem Kundschaftsdienst, 
diesem „Auge und Ohr des Heeres". Klausewitz nennt das Sammeln von 
Nachrichten über den Feind die Basis, auf welcher alle Kriegsoperationen 
aufgebaut sind. Die Nachrichten, was der Feind zu unternehmen be- 



312 V. Die KayaUerie. 



absichtigt, sind der Ausgangspunkt für das Fassen irgend welcher 
Entschlüsse. 
oh"*Ee- ^^ französische Feldreglement i) bestimmt die Aufgabe der Kavallerie 

gienent f olgeudermaasseu i Die Oertlichkeit zu besichtigen, feindliche Kavallerie- 
Abteilungen ausfindig zu machen und zurückzuschlagen, Nachrichten zu 
liefern, — und spricht die Ueberzeugung aus, dass hierbei auch bedeutendere 
Kämpfe erfolgen werden, deren glücklicher Ausgang der Kavallerie er- 
lauben werde, bis zur Hauptmacht des Feindes vorzudringen, 
unumging- j)iq deutscheu Schriftsteller schärfen gleichfalls unablässig die Regel 

lichkeit der ^ ^ 

Prtfang ein: „Die ganze Kavallerie voraus". Der Anfangsplan eines Feldzuges wird 
^^uillJf^ a^ Grundlage gewissermaassen theoretischer Daten über die Beschaffen- 
heit der Wege, die feindlichen Kräfte, über Vorräte u. s. w. aufgestellt. 
Wenn man alle diese Verhältnisse und umstände als genügend erforscht 
annimmt, so wird die Wahrscheinlichkeit der Bewegungen und Absichten 
des Gegners erwogen. Da aber jene Daten sich als irrig oder ungenau 
erweisen können, so muss man sich bestreben, diese Voraussetzungen 
gründlich zu prüfen und scharf allen Bewegungen des Gegners zu folgen, 
solange hierzu die Möglichkeit vorliegt und die komplizierte Maschine 
der Vereinigung der Truppen auf dem vorgezeichneten Kriegstheater 
noch nicht in Gang gesetzt ist. Es kann sich leicht ereignen, dass der 
anfängliche Plan teilweise oder selbst von Grund aus je nach neu er- 
haltenen, zuverlässigeren Nachrichten abgeändert werden inuss. 

Gr(^8er« Obgleich auch früher stets eine schnelle und unverzügliche Ueber- 

Anfordernng 

au mittelung der erhaltenen Nachrichten gefordert wurde, so vermochte doch 

schneuigkeit ^.^ Versäumuis hierin nicht so verhängnisvolle Folgen nach sich zu ziehen 

^"ü^^^" wie jetzt, wo das eben erst mobilisierte Heer bereits nach wenigen Tagen 

mittelung. seine Bewegung beginnt und selbst die unbedeutendsten Veränderungen 

in den auszuführenden Verfügungen Unordnung und Verwirrung hervorrufen 

können. Gegenwärtig, wo die einzelnen Staaten gewaltige Summen auf 

den Bau und die Verbesserung der Wege verwandt haben, werden 

wahrscheinlich alle Truppendislokationen zu Beginn des Feldzuges mit 

ungestümer Schnelligkeit erfolgen. Wichtig ist auch, dass jetzt bei der 

Treffweite des neuen Geschützes die Schlachten von grösseren Entfernungen 

Fehlen des aus beginnen werden. Das Fehlen des Eauches auf dem Schlachtfelde 

K&QCllBS 

wird nicht die Möglichkeit gewähren, sich irgendwie zu orientieren; der 
Kommandeur, der plötzlich seine Leute fallen sieht, wird wissen, dass er 
angegi'iffen ist, aber kein Pulverdampf wird ilim anzeigen, von welcher 
Seite der Feind kommt und wie zahlreich er ist. Die Lage des auf 
diese Weise überraschten Kommandeurs wiid nach der rein psychischen 



*) „Sörvice des armöes en campagn©". 



Kundschaftsdienst und Kavallerie-Eämpfe. 313 

Seite lun entsetzlich sein. Mehr als je sind jetzt die Worte Napoleons 
richtig: „Kien ne donne plos de coarage et n'^claii-cit plns les id^es qne 
de bien connaitre la position de son ennemi". Gerade der Kavallerie 
Hegt es ob, die Bewegungen und Absichten des Feindes aufzuklären. 
Für den Eekognosziemngsdienst ist gewissermaassen der Spürsinn des 
Jagdhundes und viel Sachverständnis erforderlich. Aber der moderne 
Eavallerie-O^zier wird aach gerade hierfür erzogen. 

In welcher Weise sich die Aufgabe uunnterbrochener Eekognoszierung *rt mt 
der Kavallerie zu vollziehen hat, lässt sich am besten aus dem betreffenden Anffohnug 
französischen Reglement ersehen.^ fuia^a»- 

Die Kavallerie -Division bestimmt für Kekognoszierungen zwei ""<"-k"-- 
Schwadronen, welche sich in Streifpatrouillen und deren ReseiTen 
teilen; die Kette dieser dehnt sich 30 bis 40 Kilometer aus und die 
Aufsicht über sie wird von den Rekognoszier-Offizieren geQbt. 

Folgendes Bild zeigt ans eine englische Husaren -Patrouille im 
Manöver. 



Englische Husaren-Patriiuille iiu Manöver. 

Die Patrouillen folgen dem Feind vor der Front und in den Flanken; 
verdächtige Punkte werden durch Rekognoszierongen sondiert, dann folgt 
in geschlossener Formation die ganze Kavallerie-Abteilnng, die zu ihrem 

*) „Service des 



314 T. Die Kavallerie. 

Schutz gleichfalls von Streifwaehen umgeben ist. Dies ist der Theorie 
nach die vorschriftsgemässe Bewegung. 
FotiMtioMB Folgendes Bild zeigt uns die Formationen der Kavallerie-Patrouillen 



*- 



Ao5 



Sobald die Streifpatronillen melden, dass sie auf eine feindliche 
Masse gestossen sind, reitet der Führer der Abteilung sofort der an- 
') General Clery: „Minor Tactits", Loodoii 1893. 



KondscbDAadieDst und Kavallerie -Kämpfe. 315 

gegebeaea Richtung zu, am die Stellang zu .erforschen und zwar allein, 
um die Anwesenheit seiner Abteilung nicht zu verraten. 

Damit die erlangten Nachrichten rasch nberinittelt werden, übt '''•'•■l''™* 
man die Eavallene heute aach im Telephonlegen. mitt^iiiDe 

So stellte zum Beispiel eine Olfiziers-Patronille, die aus einem g™Mii,n 
Offizier und drei Unteroffizieren bestand, von denen der Telephon- ^g^^^^ 
Apparat und Drahtrollen von 1000 Meter Länge getragen wurden, eine 
Telephon-Leitung zwischen Berlin nnd Potsdam (über 30 Kilometer) im 
Laufe von noch nicht vier Stunden her. 

Folgendes Bild zeigt uns diese Uebnng. 



Legen von TelephonleitungeQ durch Kavallerie. 

Allgemeine Rekognoszierungen erfordern noch mehr Energie nnd 
Knnst als das Aufsuchen der feindlichen Reiterei. 

Den zahlreichen Rekognosziei-ungs-Patrouillen müssen ganze Schwa^jjj^^"^^^,^ 
dronen folgen. Hierbei verändert sich die Art des Kampfes und das n"»«™ 
Magazin-Gewehr übernimmt seine Rolle, Um sich durch die Schutzkette Hünen 
durchzuschlagen und die Hauptmacht des Feindes zu erreichen, muss die '°„\""^' 
Kavallerie schon in Massen wirken und Geschütz und Gewehr in Tliätig- 
keit bringen. Ein unerwartetes Feuer kann einen ausserordentlich starken 
Eindruck hervorbringen. ^) Es wird behauptet, dass durch dieses Mittel 



*) A. Aubier: „Du röle strat^gique et tactiqiie do la cavolerie". 



316 V. Die Kavallerie. 



die Kavallerie dem Hauptkpmmandierenden einen sicheren Weg weisen 
kann und das Wort Friedrichs des Grossen wahrmachen: eine gute 
Kavallerie entscheidet das Schicksal der Kampagne. 
Goita über In dem bekannten Werke von der Goltz' „Das Volk in Waffen" 

den Beko- " 

gnosxienuipi Werden einige Gedanken zur Frage des Rekognoszierungsdienstes bei- 
gebracht, die, wenn sie auch vor Erfindung des rauchschwachen Pulvers 
ausgesprochen sind, doch Beachtung verdienen, 
tieron" ^^ ^^^ Lehrbüchcm, sagt von der Goltz, werde gewöhnlich viel 

Schwierig- davon geredet, dass gute Offiziere mit wenigen Rekognoszierungstruppen 
durch die erste Postenkette des Feindes dringen, seine Flanken umgehen 
und sogar im Rücken seiner Hauptmacht Rekognoszierungen vornehmen 
müssen. Solche Thätigkeit sei sehr nützlich, aber auch sehr schwer, da 
ja auch der Gegner sich bemühe, von seiner Kavallerie denselben Gebrauch 
zu machen. Ausserdem erforderten derartige Unternehmungen von den 
damit Beauftragten neben einer ungewöhnlichen Tapferkeit auch noch ein 
ungewöhnliches Orientierungs- und Anordnungsvermögen und ungewöhn- 
liches Glück. Demnach sei es unmöglich, Berechnungen auf solche 
Unternehmungen zu gründen, obwohl jede Kavallerie danach strebe, sich 
gerade in dieser Richtung ihrer Thätigkeit auszuzeichnen. Es sei ausser- 
ordentlich wichtig, den Gegner überall zu suchen, eine vereinzelte Meldung 
könne niemals volle und genaue Kunde bieten. Eine Meldung zusammen- 
zustellen sei eben so schwierig wie einen Befehl zu redigieren. Sehr 
wichtige Resultate ergebe die Befragung der Einwohner. Von grösseren 
Truppenbewegungen verbreiteten sich immer Nachrichten, und es sei 
zuweilen geradezu rätselhaft, wie diese Nachrichten trotz der Verbindungs- 
MftUonsie hcmmungcn so schnell umliefen. Die Bewohner der Umgegend von Metz 
lichkeiteii. hätten Kunde von dem Herannahen Mac Mahons zum Entsätze Bazaine's 
gehabt, als noch keine der Schlachten geschlagen, welche der Katastrophe 
von Sedan vorhergingen. In diesem Falle sei der Volkscharakter der 
betreffienden Bevölkerung in Rechnung zu ziehen. Von einem Engländer 
oder Russen sei jede beliebige Nachricht weit schwieriger zn erfahren als 
von dem geschwätzigen Franzosen oder Italiener. Auf offenbare Verräter, 
die bereit wären, wichtige Nachrichten mitzuteilen, brauche man gar 
nicht zu rechnen. Bei einer jeden Befragung werde irgend etwas mit- 
geteilt, das dem Befragten als harmlose Nachricht erscheine, aber aus 
hundert solcher unschuldiger Einzelheiten lasse sich doch etwas Wichtiges 
gewinnen. 
Erfordeniii In jedem Fall erfordert der Kundschafterdienst eine bedeutende 

geistiger geistige Entwickelung der damit beauftragten Personen. 
Begabung. Gcueral Kuropatkin sagt bei Beschreibung der Kämpfe um Plewna, 

dass während des Krieges 1877/78 der Rekognoszierungsdienst trotz 



Kundscliafbsdieiist und Eavallerie-Kämpfe. 317 

einer zahlreichen Kavallerie unhefriedigend oder gar nicht ausgeführt 
wurde. 

Auch im deutschen Heere, das auf seine Kavallerie stolz ist, sind 
Fälle vorgekommen, dass der Rekognoszierungsdienst völlig versagte. 
Von einem derartigen Fall berichtet Woyde in seinem Werk „Siege und 
Niederlagen im Kriege 1870". Nach seiner Meinung hätten die beiden 
bedeutendsten Schlachten in diesem Kriege, die von Vionville und 
Gravelotte, trotz der vorzüglichen Kräfte der Deutschen diesen in Folge 
der Nichtbeobachtung des Rekognoszierungsdienstes verloren gehen 
können; nur Dank der ungeschickten Operationsweise der französischen 
Generale sei dieser Fall nicht eingetreten. 

Zum Schlüsse führen wir noch die Ansicht von der Goltz' über die HinderniMe 
HindeiTiisse füi- die gegenseitige Feststellung der Lage der Gegner an. FoBtsteUong 
Nichts sei schwieriger, als eine richtige Abschätzung des Wertes der ^^pj^dL. 
empfangenen Nachrichten. Die Kiiegsgeschichte bleibe hauptsächlich bei 
den Meldungen stehen, welche in der Folge Bedeutung erwarben. Wenn 
man sie aber jetzt in ihrer ursprünglichen Form lese, sei es nicht leicht, 
sich vorzustellen, wie es möglich war, aus diesen Meldungen das Richtige 
zu entnehmen. Deshalb sei grösstenteils der Erfolg nicht durch Aus- 
nutzung einer einzigen glücklichen Nachricht, sondern durch das Verständnis, 
aus einer grossen Zahl von Nachrichten Nutzen zu ziehen, zu erreichen. 

Ein solches Beispiel führt von der Goltz an. Der Belagerungsarmee BrÄhnmgen 

fttts dem 

von Metz sei ein Luftballon mit vielen Tausend kleiner auf Seidenpapier Kriege mo. 
geschriebener Briefe in die Hände gefallen. Anfangs hätte es geschienen, 
dass sich aus ihnen nichts Wichtiges ermitteln lasse, aber nachdem 
die Listen der Adressaten dieser Briefe zusammengestellt, habe man 
hierdurch die Möglichkeit gewonnen, sich eine Vorstellung von der Ver- 
teilung der Lager innerhalb der Forts zu bilden. Ausserdem ergaben 
sich wertvolle Schlüsse über die Stimmung der Belagerten. — Die 
Kritik der empfangenen Nachrichten, belehrt uns von der Goltz weiter, 
muss es verstehen, nicht nur die thatsächliche Richtigkeit der einzelnen 
Nachrichten abzuschätzen, sondern sie auch in ein System zu bringen. 
Es kann leicht sein, dass selbst die deutsche Kavallerie sich bei Beginn 
eines Krieges nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe zeigen wird. Hierüber 
bemerkt der Hauptmann des Generalstabs Liebert Folgendes: Der 
französisch -deutsche Krieg habe mit einem sehr beredten Vorfall be- 
gonnen. Drei deutsche Korps seien bei Weissenburg auf eine französische 
Division gestossen und hätten diese nach hartnäckigem Kampfe aus ihrer 
Position gedrängt. Trotzdem der Kampf um 2 Uhr Nachmittags zu 
Ende gewesen, wären die geschlagenen französischen. Tnippen spurlos 
verschwunden. Eine Dragoner-Patrouille habe nur gemeldet, dass die 



318 V. Die Kavallerie. 



Division nicht auf der grossen Strasse den Rückzug angetreten. Es blieb 
demnach völlig unaufgeklärt, ob sie sich nach Bitsch oder nach Wörth 
gewandt, unwillkürlich erhebt sich hier die Frage: wo war denn aber 
die deutsche Kavallerie? Es geschah dies zu Anfang des Feldzuges, als 
die Kavallerie noch nicht durch die Erfahrung Wachsamkeit gelernt 
hattet). 

Einmal sagte Marschall Bazaine dem preussischen Offizier, der ihn 
aus Metz nach Wilhelmshöhe begleitete (nach den Worten des offiziellen 
Berichts): „Drei Umstände waren die Ursache des Sieges der Preussen: 
Disziplin, Artillerie und die Kavallerie-Rekognoszierungen. Alle diese 
drei Bedingungen wurden bei uns vernachlässigt." 

^M- , Nach den Worten des französischen Militärschriftstellers Oberst 

gezeicanete 

LeistttiiffeD Bony „war den zurückweichenden französischen Truppen im Jahre 1870 
KaTOiierie*'' die feludliche Kavallerie fortwährend auf den Fersen. Sie folgte allen 
unseren Bewegungen, jedem unserer Schritte unermüdlich, machte plötz- 
liche Ueberfalle und vermied offene Gefechte. Als wir in den Thälem 
der Champagne unseren Plan plötzlich änderten, hatte der Gregner 
unsere Spur nicht für lange verloren; mit Hilfe seiner Kavallerie 
hatte er uns bald wieder aufgefunden, und seitdem verlor uns die 
feindliche Reiterei nicht mehr aus dem Auge; sie bedrohte uns stets 
in den Flanken und verbarg uns so die Bewegungen der feindlichen 
Truppen. Als wir nach Chene-Populeux kamen, hielt sich der Feind von 
uns in solcher Entfernung, dass die vordersten Abteilungen seiner 
Kavallerie ihm um 10 Meilen voraus waren. In dem Maasse aber, wie 
wir von^'ärts rückten, begegneten uns kleine Trupps von 5 bis 6 Patrouille- 
Reitern, die gar nicht besonders eilig davonritten, um, erst sobald ihnen 
unsere Absichten klar geworden sind, von allen ihren Wahrnehmungen 
Mitteilung zu machen. Sobald wir versuchten, sie zu verfolgen, retteten 
sie sich in der Richtung auf ihre Abteilung zu, die fähig war, uns 
Widerstand zu leisten, und dieser Widerstand war derartig, dass er uns 
hinderte, die Postenkette zu durchbrechen und uns der feindlichen 
Armee zu nähern. Ueberhaupt operierte die preussische Kavallerie so 
ausgezeichnet, dass wir uns gewissermaassen inmitten für uns auf- 
gestellter Netze bewegten, mit denen man uns immer mehr und mehr 
umwickelte".^) 

Darum war Moltke völlig berechtigt zu sagen, dass die Deutschen 
ihre Siege dem „Schulmeister" verdanken, denn zur selbständigen Thätig- 



5) „Militär-Wochenblatt" 1883. 

*) „Militär -"Wochenblatt" 1881: „Untersuchungen über den Wert der 
Kavallerie in dem Kriege der Neuzeit". 



Kundschafbsdienst und Kavallerie-Kämpfe. 319 

keit in einzelnen Eekognoszierungs-Abteüungen sind vor aUem ent- 
wickelte und des Lesens und Schreibens kundige Leute erforderlich. 

In dem zukünftigen Kriege wird die Kavallerie mit neuen Schwierig- schwierig- 

*^ ^ keiten für die 

keiten in Folge der Einflihrung der neuen BewaflFnung und des rauch- Kavallerie 
schwachen Pulvers zu kämpfen haben. Damit sich der Leser einen Begrifi ^ k^ege 
von den Veränderungen bilden kann, welche in Folge der Vervollkommnung *Neuwff-' 
der SchiesswaflFe eintreten werden, und wie diese Veränderungen auf die »^^ng and des 

ranch.IoBeii 

Bedeutung und Rolle der Kavallerie wirken, müssen wir die allgemeine PoiYe«. 
Form der Thätigkeit zweier feindlicher Heere skizzieren, wie sich solche 
theoretisch darstellt, d. h. abgesehen von allen möglichen unvorher- 
gesehenen Zufälligkeiten. 

Die ersten Kavalleriegefechte können unmittelbar nach EröfEnung des 
Feldzuges stattfinden. Sobald der Krieg erklärt ist, geht die Mobilisation 
und Zusammenziehung der aktiven Heeresabteilungen vor sich, welche mit 
einer Kavallerie-Schutzkette umgeben werden, damit sie der Feind nicht 
Hals über Kopf überrascht. Endlich sind die Korps formiert, die Ver- 
bindung zwischen ihnen hergestellt und die Armee kriegsbereit. 

Die Seite, der es glücken wird, hierin dem Gegner zuvorzu- 
kommen, wird über weit günstigere Umstände für die aktive Krieg- 
führung verfügen. 

Unmittelbar mit Beginn der Truppenvereinigung muss die Kavallerie ^|J 
dem Blicke des Feindes alles entziehen, was in der Armee vor sich geht, ais vorhut 
vor Allem natürlich ihre Bewegungen. Ist die Zusammenziehung beendet, 
so übernimmt die Kavallerie ihre zweite Rolle: die Bildung der Vorhut 
für die Armee. Die Aufgabe jeder Avantgarde ist, der Hauptmacht Zeit 
zu sichern, um von der Marsch- zur Kampfordnung überzugehen. Daher 
muss die vorausgesandte Kavallerie von der Nahe des Feindes so recht- 
zeitig Nachricht geben, dass die Truppen Zeit finden, die entsprechenden 
Stellungen einzunehmen. 

Auf der folgenden Seite geben wir den Aufstellungsplan einer Art und 
Kavallerie-Brigade, welche die Front eines Armeekorps deckt. 7) der n^kang 

Hieraus erhellt, wie wichtig es ist, die Kavallerie so weit als Ameekorp». 
möglich vorzuschieben. Alles dies führt zu dem Schlüsse, dass die 
gesamte Kavallerie, sofern sie nicht für einzelne Truppenteile un- 
entbehrlich ist, vorauszusenden ist, damit die zum Schutze der Armee 
bestimmte Vorhut möglichst geschlossen auftritt. Hierin herrscht unter 
allen Militärschriftstellern Einigkeit, und bei den deutschen ist es sogar 
zum geflügelten Wort geworden: „Die Reitermassen stets voraus". 



General Clery: „Minor Tactics'*. 



1 



320 



Y. Die Kavallerie. 



Avantgardeii Dem Ziffcrbestaiide der jetzigen Armeen entsprechend , kann die 

Avantgarde aus 5 bis 7 Kavallerie-Divisionen bestehen, s) 

UnTer- 
meidliolie 

ziuammen- ZQ Sammeln, SO zuverlässig ist, wie die der direkten Rekognoszierungen. 
'*^*** Das Auffangen von Briefen, Zeitungsnachrichten, Meldungen von Spionen, 



Wir haben schon davon gesprochen, dass keine Methode, Nachrichten 




Deckung eines Armeekorps durch eine Kavallerie-Brigade. 



alles dieses ist zweifelhaft. Selbst sich aufmachen muss man und den 
Feind „betasten". Aber da der Feind sich in ähnlicher Weise schützt, 
so sind Kavalleriegefechte unvermeidlich, denn jede Seite wird Ver- 
suche machen, die Vorpostenkette des Gegners zu durchbrechen, um sich 



*) Tschitschagow: „Organisation der modernen Reiterei". 



Kundschaflsdienst und Kavallerie-Kämpfe. 321 

dem Kern seiner Truppen zu nähern und deren Absichten zu erforschen. 
Falls die Eeiterei, die sich längs der feindlichen Front zerstreut, Erfolg 
hat, stellt sie die Länge dieser Front fest; die kleinen Eekognoszierungs- 
Abteilungen, welche die Flanken umreiten, bemühen sich, genau die 
Stärke der Front festzustellen. In jedem Falle darf die Kavallerie 
keine einzige Bewegung des Feindes aus dem Auge lassen. 

Der das Schlachtfeld behauptende Sieger wird offenbar im Stande 
sein, mehr Nachrichten aus Briefschaften u. s. w. der Getöteten und durch 
Befragen der Verwundeten zu erlangen; ausserdem kommt ihm noch 
Stärkung des eigenen Geistes und eine gewisse Niedergedrücktheit des 
Gegnera zu Gute. 

Wir wollen diese Sachlage noch an der Hand des talentvollen Schrift- ^«""«J»« 

^ stimmen 

Stellers Tschitschagow betrachten, aus dessen Werk wir schon Auszüge «ber 
angeführt haben. Nach seiner Ansicht lässt sich der Zusammenstoss opention^ 
einer Armee, die genügend Kavallerie hat, mit einem kavaUerielosen 
Gegner dem Kampfe des Sehenden mit dem Blinden vergleichen. Wie 
stark letzterer auch sein mag, er wird immer der Besiegte bleiben. 
Deshalb hat auch Odysseus, der den Cyclopen zu besiegen strebte, den- 
selben zuerst geblendet. Ueber die Ansichten und Ueberzeugungen, 
welche in dieser Frage in der russischen Armee herrschen, können wir uns 
aus dem kürzlich erschienenen Werk des Kapitäns Dubrowin informieren, 
welcher hinsichtlich der russischen leichten Reiterei folgende Erwägungen 
anstellt: Nach Meinung Dubrowin's wird mit dem Moment des Beginns 
der Kriegsoperationen die Eeiterei vorausgeschickt werden, sowohl um 
zu rekognoszieren, als auch um über die feindliche Kavallerie herzufallen. 
Wenn sie diese zurückdrängt und die Eeihen der feindlichen Infanterie 
eiTeicht, so wird von diesem Augenblick an die Front des Gegners nicht 
mehr unbekannt bleiben. Die Kavallerie wird beständige Zusammenstösse 
mit der Vorhut des Feindes haben, wird die Wegeverbindung schützen, 
die Flanken der eigenen Armee verteidigen und die des Gegners bedrohen. 
Ausserdem wird sie viele andere strategische Aufgaben zu erfüllen haben, 
während es ihr kaum gelingen dürfte, in die Tiefe der Stellung der 
feindlichen Truppen einzudringen. Natürlich ist hierbei nur von den 
KavaUeriemassen die Rede, da die leichten Rekognoszierungs-Abteilungen, 
deren Bestimmung es ist, ihre Aufgabe zu lösen, ohne sich auf gegen- 
seitiges Hin- und Herschiessen einzulassen, sich durch die Linie der 
feindlichen Front durchschlagen können und müssen, obgleich auch ihre 
Rolle in Folge der vielen Neuerungen im Heerwesen weit schwieriger 
sein wird als früher. 

Die Würdigung dieser Schwierigkeiten ist ein Gegenstand des Streites ^*^f- 
unter Spezialisten, bei deren Ansichten wir etwas stehen bleiben müssen. 

Bloch, Der sakILnftige Krieg. 21 



322 ^' ^i« Kavallerie. 



Etafloas Der Einfluss des rauchschwachen Pulvers auf die Rekognoszierungs- 

■ohwMiieD taktik ist unbestreitbar. 

^^'"- In dem Werke des Oberst B.») finden wir hinsichtlich dieses 

Einflusses ein entscheidendes Urteil: „Es unterliegt keinem Zweifel, 
dass mit Einführung des rauchschwachen Pulvers sich die Rekognos- 
zierungstaktik wesentlich verändern muss, und dass für den Spezial- 
zweck der Rekognoszierung von Oertlichkeiten und Truppenanzahl die 
Kavallerie nicht ganz geeignet erscheint. Stellen wir uns in der That 
eine regelrecht postierte Avantgarde vor mit ihren Piquettketten, die 
hinter Erhöhungen, hinter Bäumen, Zäunen und anderen Gegenständen 
aufgestellt sind, hinter denen der Mann sich verbeißen kann, die 
ihn aber nicht hindern, selbst zu sehen und zu schiessen. Stellen 
wir uns nun weiter eine Kavallerie-Abteüung vor, die sich mit der 
grössten Vorsicht vorwärts bewegt, um gerade diese Avantgarde zu 
rekognoszieren. Welche Angaben wird sie im Stande sein über sie 
einzusammeln? Im besten Falle wird es ihr glücken, annähernd zu 
bestimmen, von welcher Seite der Feind kommt; sie wird aber nicht 
im Stande sein, die Entfernung zu erkennen oder auch nur zu mut- 
massen, von der aus sie beschossen wird, denn ob eine Kugel von 200, 
600, 1000 und noch mehr Meter Entfernung kommt — sie wirft in gleicher 
Weise den Mann aus dem Sattel. Bei der neuen Wafle liegt gar keine 
Berechnung darin, feindliche Rekognoszierungstrupps auf nahe Entfernung 
heranzulassen ; es ist im Gegenteil nützlicher, das Feuer von der weitesten 
Entfernung zu beginnen. Auf 400 bis 500 Meter kann ein Piquett sein 
Feuer gegen die Reiter-Patrouillen eröffnen, ohne Furcht selbst gesehen 
zu werden." 

„Selbst eine Infanterie-Abteilung kann nur mit der grössten Mühe 
die Aufgabe der Rekognoszierung lösen; in jedem FaUe kann aber eine 
solche weit eher hinter natürlichen Unebenheiten des Bodens oder er- 
höhten Gegenständen Deckung suchen; sie kann solche Stellen und Pfade 
passieren, wo nicht einmal mehr der einzelne Reiter, geschweige denn 
ein Reitertrupp sein Durchkommen findet." 

Wichtigkeit Angesichts dessen kommt der Autor zu dem Schluss, dass gegen- 

dftr iO" 

teiiektaeuen wärtig der Erfolg der Rekognoszierungen nicht so sehr von dem zahl- 
wiokeiimg. reichen Vorhandensein der Kavallerie, wie von dem Grade ihrer Ent- 
wickelung in intellektueller Hinsicht abhängen wird. Diese Bemerkung 
verdient um so ernstere Berücksichtigung, als bereits in allen Heeren 
eine gewisse Anzahl von Soldaten vorhanden ist, die im Knnstschiessen 
ausgebildet sind, und die bei Zuteilung zur Vorhut die feindlichen 



®) Le colonel B. : „La poudre sans fumöe et ses cons^quences". 1890 Paris. 



Kandsohaftsdienst und EaTaUerie-Eämpfö. 



Rekognoszierangen verhindern und zugleich selbst den Knndschaftsdienst 
ausüben werdeu. 

Bis zu welchem Grade bei dem jetzigen Gewehr und dem rauch- »«^k™ m 
schwachen Pulver der einzelne Soldat gefilhrlich werden kann, zeigt ein i«i n*nen 
aus dem deutsch-französischen Kriege im „Wojenny Ssbomik" mitgeteiltes ''^™' 
Beispiel. 

„Ein französisches Bataillon, das hinter der niedrigen Mauer eines 
Parkes Deckung gefunden hatte, führte ein lebhaftes Feaergefecht 
mit einer Abteilung Baiern, Einer der Baiern kletterte auf einen Baum 
und begann zwischen den Zweigen hindurch auf die Franzosen zu feuern, 
ein Opfer nach dem anderen niederstreckend, und erst als der Ranch ihn 
verriet, wurde er vom Banme herabgeschossen. Wie aber würde es sein, 
wenn statt eines Kanstschützen anf dem Banme ihrer mehrere sässen und 
wenn diese mit raachschwachem Pulver schössen?" 

Eine neue Gefahr für die Kavallerie-Rekognoszierungen ist durch ^^'•^nt 
die Radfahrer entstanden, welche geübt werden, mit grossen Schnell^- Kinii«]*- 
keiten den Truppen vorauszueilen und Hinterhalte, wie unser Bild zeigt, ^"""'"•"■ 



Bad&hrer im Hiaterhalt gegen Kavallerie-Patrouillen. 



324 ^' ^^® Kavallerie. 



Tb Feneriinie j){q i)ei den Maiiövem der letzten Zeit mit dem neuen Pulver 

Naehnohten 

nur durch gemachten Erfahrungen bestätigen die obigen Befürchtungen. 

Teiepaph j^^^ Verfasser des in der „Reichswehr" abgedruckten Berichts lO) 

Telephon bemerkt, dass das Aussenden von Ordonnanzen und das Erscheinen von 

mOglicn. ^ 

solchen mit Nachrichten aufhören müsse, sobald die Truppen in die 
Feuerlinie treten. Dann bleiben für Mitteilungen nur der Telegraph, das 
Telephon und die für den Nachrichtendienst dressierten Hunde. Indessen 
hat die Legung von Telegraphendrähten ihre Unbequemlichkeiten, da 
Menschen und Pferde daran stossen, sie zerreissen und so die Verbindung 
stören. 

Das Hauptmittel zur Gewinnung von Nachrichten bleiben also wie 
in früheren Zeiten, immer Patrouillen und Eekognoszierungen. Die 
Patrouillen werden sich aber, wie Professor Langlois ausführt, mit der 
grössten Vorsicht bewegen müssen und auch nicht immer genügende 
Nachrichten mitteilen, sondern sich bisweilen Uebertreibungen zu Schulden 
kommen lassen, was Angesichts der Gefahr auch natürlich ist. Die 
Rekognoszierungs-Abteüungen gestehen nicht gern zu, dass sie vor un- 
bedeutenden Truppenteilen den Rückzug angetreten haben, ein Umstand, 
der den Rekognoszierungsdienst schädigen muss. 
un- In Rücksicht auf die ungenügenden Nachrichten, welche der Rekognos- 

NMhrichten, Zierungsdienst ergeben kann, werden im künftigen Kriege wahrscheinlich 
jUnJfrt'die J^^^^ Schlacht längere Einleitungsoperationen (periode d'engagement) 
sohucbten- vorangehen. Beide Seiten werden zunächst gewissermaassen tastend 
operieren. Die Entschlossenheit des Kommandierenden kann wohl den 
entscheidenden Moment beschleunigen, den Feind in Verwirrung setzen, 
aber trotz des Sprichwortes „audaces fortuna juvat" führt Kühnheit allein 
nicht immer zum Erfolg. 
I"» Die Wahrheit wird wie gewöhnlich wohl auch hier in der Mitte 

Fenerbereich 

mass hegen. Am genauesten stellt die Sache die von dem französischen 
^"^^"* technischen Komit6 ausgearbeitete Instruktion für die Infanterie dar: 
gnoezieren. j)jß Kavallcrio — heisst es dort — kann über Stellung und Stärke des 
Feindes Nachrichten nur im Allgemeinen und grossen Ganzen (sommaire- 
ment) ermitteln. Für die Gewinnung genauer und ausfuhrlicher Daten 
muss die Rekognoszierung durch Infanterie-Abteilungen eintreten." Bei 
den letzten Manövern sah man bei einer genügenden Annäherung an den 
Feind von Kavallerie-Rekognoszierungen ab; die weiteren Rekognoszie- 
rungen fielen dann der Infanterie zu. 



*°) „Kritische Beleuchtung der Schlussmanöver 1891 bei Weidhofen an 
der Thaya". 



Kavallerie-Attaken. g25 



5. Kavallerie-Attaken. 

Wir haben gesehen, dass es bezweifelt wird, ob die Verwendung verschieden- 
der Kavallerie für Rekognoszierungszwecke in Zukunft ebenso möglich xnsiohuüi 
sein wird als früher. Andere gehen noch weiter und leugnen, dass **'*^' ^"*^®"* 
die Kavallerie in den Schlachten selbst durch Ausführung von Attaken 
irgend welche wichtige Bedeutung erlangen wird. 

Schon in den letzten Kriegen, bevor noch das Gewehr so vervoll- in den letzten 
kommnet war und die Truppen in Herstellung von Schanzen und Erd- mmmI^ 
deckungen eingeübt waren, wurde die Kavallerie zu Massen-Attaken nur "f^J^* 
selten verwendet, und in der That, wie im Kriege von 1866 die Schlachten 
der Preussen ohne grosse Beteiligung der Artillerie gewonnen wurden, so 
die im Ki-iege von 1870/71 im Allgemeinen ohne grosse Beteiligung ihrer 
Kavallerie. 

Jede bedeutende Vervollkommnung der Feuerwaflen strebte stets vervou- 
danach, die Wirkung der Kavallerie auf dem Schlachtfelde zu beschränken, der Feuer- 
Es wai» zu Friedrich des Grossen Zeiten nichts Ungewöhnliches, dass auf ^egTe^rden 
beiden Seiten durch Kavallerie -Attaken ganze Bataillone zersprengt ^^^v^^^ 
wurden. Zur Zeit Napoleons I. wurde wohl auch Kavallerie, wenn er- Kavauerie. 
forderlich, gegen Infanterie verwandt, aber ihre Wirkung ward stark 
abgeschwächt, da sie nur selten frischer Infanterie gegenüber Erfolg 
hatte. Und die modernen Verbesseiiingen der Feuerwaflen haben nur 
bezweckt, in dieser Eichtung die Grenzen immer enger zu ziehen. Aber 
andererseits führt die moderne Fechtweise mitunter zu derartigen Zu- 
ständen der Erschöpfang und Unordnung der Infanterie, dass es der 
Kavallerie auch beschieden sein wird, in weit ausgedehnterer Weise 
Verwendung zu finden als je zuvor. 

Um auch hier die Möglichkeit zu geben, ein Urteil über die einander 
widerstreitenden Ansichten zu gewinnen, wollen wir zunächst den Lesern 
einiges Material liefern, um sich davon einen BegnS machen zu können, 
welche Eolle der Kavallerie im modernen Kampfe wirklich zufallen kann. 
Zu diesem Zwecke müssen wir aber bis zur Vergangenheit zuiiickgreifen. 

In den Kriegen unter Friedrich dem Grossen machte die Kavallerie Kavallerie- 
einen sehr grossen Teü der Armee aus. Bei Kollin z. B. war die Takuk 
preussische Kavallerie ebenso zahlreich wie die Infanterie. Sie wurde „fg^^^^Mt 
häufig mit grossem Erfolge gegen die Infanterie in verschiedenen Stadien 
des Kampfes verwendet. In der Schlacht bei Rossbach eröffneten die 
Seydlitz'schen Schwadronen die Aktion, indem sie die feindliche Kavallerie 
zurückwarfen und dann die Infanterie angriffen und zersprengten. Bei 
Zomdorf hat die russische Kavallerie zweimal die preussische Infanterie 



326 



V. Die Kavallerie. 



Schlaoht 
bei Zomdoil 



geworfen und in dem einen Fall IB, im anderen 13 Bataillone auseinander- 
gesprengt; und zweimal entschied auch die preüssische Kavallerie den 
Gang der Schlacht, indem sie die feindliche Infanterie zum Weichen 
brachte. 

Die Aktion der Kavallerie in der Schlacht bei Zorndorf stellt fol- 
gendes Bild dar. 



Bruuseru 

Aiissejv . 








Kavallerie-Angriff bei Zomdorf 1758. 



In einem früheren Stadium der Schlacht hatte eine rechtzeitige 
Attake der russischen Kavallerie acht Bataillone der Preussen auf dem 
linken Flügel zersprengt und 26 Kanonen erbeutet. Nach dem Angriff 
formierte sie sich auf ihrem Standort in der früheren Ordnung, d. h. in zwei 
Kolonnen von 20 und 12 Schwadronen, die ganz nahe neben einander 
aufgestellt waren. 

General Seydlitz, der die Kavallerie auf dieser Flanke kommandierte, 
brach mit 23 Schwadronen gegen die Russen auf und griff, fünf Schwa- 
dronen in der Front, den rechten Winkel der rechten russischen Kolonne 
an, während die übrigen 18 Schwadronen als Succurs folgten und in zwei 
Detachements geteilt, den Eussen in die Flanke und Nachhut fielen. 
Die Russen-Kolonne wartete den Angriff ab und der Stoss war derartig, 
dass sie ganz zersprengt wurde und nicht mehr auf dem Schlachtfelde 
erschien. Die linke Kolonne flüchtete sich darauf hinter die Infanterie 
zurück. 
Napo- ^ber die wachsende Beweglichkeit des Fussvolkes und die Ver- 

Kavauerie- vollkommnuug der Feuerwaffen brachten es mit sich, dass die Kavallerie 
für die Infanterie allmählich immer weniger furchtbar wurde. Bei 
Austerlitz waren die französischen Kavallerie-Attaken gegen die Infanterie 
der Russen ohne Erfolg. Bei Auerstädt versuchten die verzweifelten 
Bemühungen der starken und zahlreichen preussischen Kavallerie ver- 
geblich Marschall Davoust's Infanterie zu zersprengen. Bei Esslingen 
hielten die österreichischen Bataillons-Kolonnen den heftigsten Angriffen 



EaTaUerie-Ättaken, 337 

der Kavallerie Bessiere's Stand. Aehnlich warea die Erfahrungen bei 
Borodino, Quatre Bras, Waterloo, wo die Kavallerie in grossen Massen 
energisch, aber vergeblich eingesetzt wurde, um die Infanterie nieder- 
zuwerfen. 

Die Veränderungen, welche seit der Fridericianischen Zeit bis zum 
Krimkriege stattgefunden haben, werden an der Attake der englischen 
Kavallerie in der Schlacht bei Balaklava, dargesteUt durch das folgende 
Bild, von Militärschriftstellem als typisch angeführt.*) 



Eavallerie-AiigriS bei Balaklava. 

In dieser Schlacht erhielt General Scarlett den Befehl, mit acht di»- 
Scliwadronen von einem Pnnkte des Schlachtfeldes nach einem anderen ''"der" 
der türkischen Infanterie zu Hilfe zu eilen. AnSrir 

Er brach mit den Inniskillings , den Grey- nnd den 6. Garde- *" ß«'''»^* 
Dragonern auf und befahl den 4. Garde-Dragonern nachzukommen. saiituwik 

Sein Weg führt« durch ein Thal, das links von einem 7- bis 800 Yards 
entfernten Plateau umsäumt wurde. Hier tauchte plötzlich eine rnssische 
Eeitermasse von 2- bis 3000 Mann auf und bewegte sich perpendikulär 
auf die Flanke des Scarlett'sehen Zuges zu. Der General beschloss sofort 
anzugreifen. 



') OeuerEil Cleiy: „Mmor Tactics''. 



328 



V. Die Kavallerie. 



AtUken 
bei 



Fig. I zeigt uns den Marsch der Engländer vor der Attake und 



Baiakiam Fig. 11 die Attske der schweren Kavallerie. 




Fig.L 















fr 



Fig. n. 



0^- 



Vi'2'^iS^^WLaa iTmiiskiaimgg 




4 

Einieiheiten Zur Haud hatte er die zweite Schwadron der Inniskülings und die 

der 

Begegnung, zwei Schwadrouen der Greys; die erste Schwadron der Inniskülings war 
etwas voraus und somit zu seiner Rechten, die B. Garde-Dragoner eben- 
falls zur Rechten, etwas mehr rückwärts (vgl. Fig. I). Als er seine Linie 
formiert hatte, standen die drei erstgenannten Schwadronen im ersten 
Glied, die erste Schwadron der Inniskillings rechts im Rücken, die 
B. Garde-Dragoner ebenso links (vgl. Fig. II). 

Die russische Kolonne setzte ihren Marsch fort bis auf 400 Yards 
vor Scarlett und hielt dann. Die Front der Kolonne war nun weiter aus- 
gedehnt durch Aufstellung einiger Schwadronen auf jeder Flanke. 



Kavalleiie-Attaken. 329 



Die britische Streitmacht, die diese Kolonne angreifen sollte, zählte 
400 bis 600 Mann, wovon gegen 300 in der Front. 

General Scarlett führte die erste Linie und griif das Zentrum der 
Kolonne in Frontstellung an, durchbrach die Reihen der Bussen und 
drang in das Zentrum ein. Die Schwadronen der Russen auf den Flanken 
schwenkten nun seitwärts zum Zentrum ab, um so die Engländer zu 
umzingeln. In diesem Moment kamen die Königs-Dragoner auf den Platz 
und griffen den rechten Flügel der Russen an, während dieser gerade die 
Schwenkung ausführte. Die äusseren Reihen dieses Flügels waren aus- 
einandergesprengt als die inneren die Bewegung noch fortsetzten. Die 
6. Dragoner kamen nun den Grey's zu Hilfe und stiessen auf denselben 
Flügel in Flanke und Rücken. Während derselben Zeit griff die erste 
Schwadron der Inniskillings den linken Flügel der Russen an, als er seine 
Schwenkung fast vollzogen hatte. Inzwischen waren auch die 4. Dragoner 
da und jagten vorwärts, brachen in das Zentnim der rechten Flanke der 
russischen Kolonne ein und drangen weit vor. Die russische Kolonne er- 
griff nun die Flucht. Bei Balaklava, wie einst bei Zomdorf, nach circa BuMiacheis 
100 Jahren, hatten die Russen denselben Fehler begangen, den Kavallerie- be^ngene 
Angriff abzuwarten und die Kolonne als eine Gtef echtsformation zu betrachten. ^®'*^®'- 

Das Verhängnisvolle eines Wechsels der KavaUerie-Aufstellung im 
Bereich des Feindes zeigte sich ebenfalls bei Balaklava, als die russischen 
Flügel bei ihrem Schwenkungsmanöver von der englischen Kavallerie 
erreicht und geworfen wurden. 

Zwölf Jahre später, in der Schlacht bei Nachod (1866), war die schimcht 
preussische Kavallerie-Brigade Wnuck, die aus den 1. Ulanen und 8. Dra- 
gonern bestand, nahe bei Wysokow aufgestellt, als 6V2 österreichische 
Schwadronen auf dem Platze erschienen. Die Oesterreicher waren mit 
31/2 Schwadronen in einer Linie formiert, deren Flanken als Nachhut je 
eine Schwadron links und rechts rückwäi-ts folgte, wie folgendes Bild zeigt. 

CK -0 

Kavallerie-Angriff in der Schlacht bei Nachod. 

Die preussischen Ulanen sprengten gegen die Oesterreicher vor Bedeutung 
und als ihre linke Flanke von der rechten Nachhut -Schwadron der "J^l*"" 




330 "V^- Die KavaJlerie. 



Oesterreicher bedroht wurde, eilten die Dragoner zur Hilfe herbei. 
Während nun die österreichische Linie gegen die Ulanen ebenfalls in 
der Front vorging, wurden diese Letzteren von der österreichischen 
linken Nachhut-Schwadron in der rechten Flanke angegriffen, so dass 
die Oesterreicher zunächst im Vorteil waren. Da aber sprengte eine 
preussische Schwadron, die auf der Skalitzer Chaussee daherritt, heran 
und fiel den Oesterreichem in die linke Flanke, während inzwischen 
die 8. Dragoner gegen deren rechte Flanke vorgerückt waren. Das ent- 
schied den Kampf zu Gunsten der Preussen. Die Oesterreicher räumten 
das Feld mit Hinterlassung zweier Standarten. 

Aus dieser Aktion ergiebt sich, wie wichtig es ist, dem Feinde die 
Flanken abzugewinnen und dass der Erfolg auf dessen Seite sein wird, 
welcher zuletzt Schwadronen zu diesem Zwecke zur Verfügung hat. Die 
Oesterreicher, zuerst glücklich im Kampfe, wurden geschlagen, als es den 
Preussen gelang, ihnen in die Flanken zu fallen. 

DeaiMhe In deu Schlachten des Krieges 1870 spielte die Kavallerie die 

*i87o. * wichtigste Eolle am 16. August bei Mars la Tour. 

B«aiiie*s Marschall Bazaine hatte vor, sich unter Zurücklassung der not- 

" mit wendigsten Besatzung in Metz mit seinen fünf Korps behufs Vereinigung 

)£uy]^oii jj^^ Mac-Mahon auf Chälons zurückzuziehen. Diese Absicht wurde der 

Tereinig«!!. deutscheu Heeresleituug am 14. August klar, als von der ersten Armee 
die französischerseits stattfindende Eäumung des rechten Moselufers 
gemeldet ward. Es galt nun, an diesem wie an den folgenden Tagen den 
Gegner festzuhalten. Piinz Friedrich Karl überschritt mit einem Teil 
seines Heeres die Mosel südlich von Metz, während Steinmetz mit seiner 
ersten Armee dem Feinde östlich von Metz bei den Dörfern Neuilly und 
Colombey eine siegreiche Schlacht lieferte, deren Verlauf die daselbst 
fechtenden feindlichen Korps zwang, hinter den Werken der Festung 
Schutz zu suchen. Die deutsche Heeresleitung glaubte, dass es jetzt im un- 
mittelbaren Moselgebiet nicht mehr zu ernsten Kämpfen kommen werde, und 
so erhielt das Gros der Ai*mee des Prinzen Friedrich Karl den Auftrag, am 
andern Morgen von Nov6ant aus direkt westwärts an die Maas zu 
marschieren, jedoch zwei Armeekorps zur Sicherheit nördlich gegen die 
Strasse Metz-Verdun, und zwar über die Orte Gorze und Thioncourt, 
vorzuschicken. 

Annutuoiig Der Abmarsch des französischen Hauptheeres war verzögert worden; 

** b^i* " Bazaine*s Heer stand am 16. Morgens in und bei den westlich von Metz 

Man la Tour, gelegenen Dörfern Mars la Tour, Vionville, Kezonville erst zum Abmarsch 
bereit da. Nun musste wiederum der Versuch gewagt werden, den 
Marschall festzuhalten. Das zur zweiten deutschen Armee gehörige und 
mit dem 10. gemeinsam über Gorze-Thioncourt dirigierte 3. preussische 



Klntttan 1x1 SalM 1! 



Kavallerie-Attaken. 331 



Armeekorps unter General von Alvensleben stiess Morgens um 10 Uhr 
auf den Feind, dessen Kavallerie zunächst durch Geschutzfeuer zurück- 
gejagt wurde. Ein wüthender Kampf entbrannte um den Besitz der 
genannten Dörfer, ein Kampf, um so gefährlicher für die Preussen, als 
die andern Teile der ^weiten Armee erst nach und nach zur Hilfe herbei- 
eilen konnten. Schon sah sich der linke AngrifEsflügel bei Mars la Tour 
von den verteidigenden Franzosen zurückgedrängt, da musste die Reiter- 
brigade Bredow, 7. Kürassiere und 16, Ulanen, der hart bedrängten ^^^*^^«^^ 
Infanterie Luft schaflFen. Die Attake durchbrach die vordersten Reihen Brigad© 
des Korps Canrobert; aber dann stiessen die todesmuthigen Reiter auf 
unüberwindliche Uebermacht, sie mussten wenden, und noch nicht ein 
Dritteil der Braven kehrte hinter die Reihen der preussischen Flügel in 
Mars la Tour zurück. Und wieder erfolgte zur Rettung des Fussvolks 
ein Todesritt, diesmal von den preussischen Gardedragonem unternommen. Todesritt 

der preuBS. 

Beide Attaken hatten den gewünschten Erfolg; die letzte entschied that- ctarde- 
sächlich die Schlacht, die nach zwölfstündigem Ringen, freilich unter ^"**"®'- 
blutigen Verlusten, zu Gunsten des deutschen Angreifers endigte. Der 
Abmarsch Bazaine's war abermals verhindert worden. 

In der Beilage zeigt uns den Todesritt am 16. August bei Mars la Tour 
eine Zeichnung, welche die „Leipziger Illustrierte Zeitung" nach dem 
Gemälde von Louis Braun brachte. Wir ersehen, dass Kavallerie-Attaken 
noch im Kriege 1870 grosse Dienste leisteten. 

Der Kampf der Kavallerie gegen Kavallerie nimmt sich aber anders 
aus. General Posyrewski sagt: „Der Kavalleriekampf ist mehr als der Kampf 
der Infanterie eine Sache moralischen Muths und der Geistesgegenwart." 

„Ein wirklicher Zusammenstoss existiert niemals: der moralische zusammi^n- 

stossex isiiert 

Eindruck des einen der Gegner wirft immer den anderen ein bischen früher, niemals. 
ein bischen später und sei es auch erst in der Entfernung einer Nasen- 
länge um ; vor dem ersten Säbelhieb ist die eine Partei schon geschlagen 
und wendet sich zur Flucht. Durch einen wirklichen Zusammenstoss 
würden beide Teile vernichtet werden." 

„Die wii'kliche Attake von beiden Seiten würde eine gegenseitige 
Vernichtung sein, in der Praxis aber verliert der Sieger kaum einen Mann. 
Man sagt, dass in dem Kampf bei Eckmühl auf einen gefallenen franzö- 
sischen Kürassier 14 österreichische gekommen sind, die im Rücken ver- 
wundet waren. Etwa nur deshalb, weil letztere ohne Panzer waren? 
Nein, deshalb, weil sie den Rücken kehrten, um Hiebe zu empfangen".^) 

Was die Frage der Formierung der Kavallerie zum Angriff betrifft, Forniierangr 
so ist Folgendes zu bemerken: Kavallerie 

__^ zmn Angriff. 

') A. K. Pusyrewski: „Untersuchung über den Kampf*, Warschau 1893. 



332 ^' ^i^ Kavallerie. 



Die Schlacliten von Zomdorf und Ansterlitz können als typisch für 
die Epochen betrachtet werden, wo die Kavallerie unter Friedrich dem 
Grossen resp. Napoleon auf ihrem Höhepunkte stand. Bei Zomdoif griff 
die preussische Kavallerie mitunter in zwei, mitunter in drei Linien an. 
Einmal nur griff SeydUtz in einer Linie an, aber der Moment war sehr 
kritisch und die Gelegenheit günstig für das Wagnis, den Feind zu um- 
zingeln. Die Linien wurden eine hinter der anderen formiert und meist 
mit 250 Yards Abstand. Bei Ansterlitz machte Kellermann's Division neun 
Angriffe. Sie bestand aus zwei Brigaden zu zwei Regimentern, ein, 
höchstens zwei Regimenter in der ersten Linie, während die übrigen in 
der zweiten oder in Reserve standen. Die übrigen Divisionen der fran- 
zösischen Kavallerie machten ihre Attaken in der Regel in zwei Linien, 
zwischen denen der Abstand meistens 250 Yards betrug. 
*"*" Der Abstand ist erforderlich, damit die rückwärts stehende Linie 

xwiaehaa den rechtzeitig helfend einspringen kann. Aber er darf nicht so klein sein, 
*lSui!" dass, wenn die Frontlinie umkehrt, dadurch die Aktion der üebrigen 
paralysiert wird. Auch beim Manövrieren muss genug Platz bleiben, so 
dass beim Angriff der Yorstoss kräftig genug ausfällt. In der Schlacht 
bei Soorin, 1745, waren die 50 Schwadronen der österreichischen Kavallerie 
in drei Linien formiert, in Abständen von bloss 20 Yards. Von feind- 
licher Kavallerie angegriffen, wich die erste Reihe auf die zweite zurück, 
diese auf die dritte und schliesslich das Ganze in wilder Unordnung auf 
die Infanterie. Damit der Angriff möglichst wirksam ist, muss die letzte 
Strecke im schnellsten Tempo geritten werden. 
Frage, ob Gcucral Clcry») sagt, dass gegenwärtig die normale Formierung der 

**oder ' Kavallerie in der Aufstellung in zwei Gliedern besteht, obschon entgegen- 
•*"jj^f„"' gehalten wird, dass bei vielen erfolgreichen Attaken die zwei Glieder 
sich zu einem verschmolzen . haben, ehe der ZusammenpraU erfolgte, 
sodass die vorherige Bildung eines zweiten GHedes in solchen Fällen 
allerdings später sich als unnötig erwies. 

Aber es ist nicht zu übersehen, dass die Kavallerie -Attake anstrebt, 
die Reiterreihen aufzulösen und dass, wenn das zweite Glied nicht zur 
Hand, die entstandenen Lücken sofort auszufüllen, die ganze Linie des 
festen Zusammenhangs verlustig geht» der gerade die Stärke des Angriffs 
ausmacht. Deswegen ist das Zwei -Gliedsystem allgemein angenommen. 
FUnken- Da ÜB Flaukcu die schwache Seite der Kavallerie bilden, so muss 

"*^" * der angreifende Teil stets suchen, den Feind in ihnen zu fassen. Das 
ist ein Hauptprinzip, weil der dabei zu erzielende Erfolg meist von aus- 
schlaggebender Bedeutung ist. 



•) „Minor Tactics". 



I 



•3 



Bd. I. Elnffinu bui f 



EaTallerie-Attoken. 833 

Folgendes Bilä zeigt nns die in den englischea Manövern geübte ' 
Attake auf Artillerie. 



ktteke aiif Artillerie. 

Die Vei-wendnng der Kavallerie bei den Manövern, welche das Bild *"^g^ 
einer Zakunftsschlacht darstellen sollen, wird folgendermaasen geschildert: 

..Während die Infanterie sich schon entwickelt hat, konzentriert 
sich die Kavallerie anf einer der Infanterie-Flanken ansser Schnssweite 
und hj^lt sich in Bereitschaft, bis es dem Höchstkommandierenden an- 
gemessen erscheint, sie je nach dem Verlanf des Grefechts in einer 
bestimmten Kichtang vorzuschicken. Bei allen Veränderungen in der 
Stellung folgt aber ausserdem die Kavallerie der Infanterie und achtet 
sorgsam auf den Eintritt des Moments, wo sie am Kampfe teilnehmen 
kann. Sie mnss sich hierzn auch ans eigener Initiative entschliessen, da, 
wenn sie nur Befehle erwartete, ihre Thätigkeit zum grössten Teil eine 
verspätete sein würde. Daher moss der Moment des Eingreifens der 
Kavallerie in den Kampf, sei es zur Verstäikung des allgemeinen Vor- 
gehens, sei es zum Schutz der einen oder anderen Abteilung, von der raschen 
und energischen Initiative des Führers der Kavallerie abhängen."*) 

Hören wir nunmehr die Gegner der Verwendung von Kavallerie- "«gosr a« 
massen anf dem Schlachtfelde. Ein Militärschriftsteller dieser Bichtnng, tod 

*) „Rögles gönörales pour l'emploi dos trois armes dans 1© combat". Bureau ""•"•»■ 
du chef d'i]tat-Major gänäral de l'armee italienne. Paris 1891. 



334 



T. Die Kavallerie. 



Kapitän Nigot, schreibt: „Es ist wahr, Alles schant mit Entzücken auf 
die nngestümen Kavallerie-Attaken während der Manöver, wenn Regiment 
anf Regiment dahinfliegt wie ein anwachsender Strom, der alle Hinder- 
nisse mit sich fortreisst. In diesen vorwäitsstiirmenden Massen nnter- 
scheiden wir einzelne Eeiter-Bilder: die Lanze voi^estreckt, den Kopf 
niedergebogen, den Hals vorgebeugt; sie fliegen dabin wie Eins mit 
ihren Rossen, ein wahrer aUzerstörender Wirbelwind. Aber nein, das 
sind sie nicht, bei der heutigen Waffe ist das nur trügerisches Blendwerk." 

» Um nns davon zu überzeugen, brauchen wir nur einen Blick anf 

die Tabelle zu werfen, welche das Resultat des Bataillonsfeuers anf die 

^ in zwei Reihen vorgehende Kavallerie enthält;5) 

Auf 800 Meter treffen von 100 Kngeln ... 21 



700 
600 
500 
400 
300 



100 
100 
100 
100 
100 
100 
100 



') Es sei bemerkt, daas diese Schiesaresultate unter der Wirklichkeit sehr 
ähnlichen Verhältnissea erzielt werden. Folgendes Bild zeigt uns z. B. die 
KavaUerie-ZielobJekte der deutschen Armee. 



Auf ScblitUu bewegliche Si^heibeubilder. 

Wir ersehen, dass die Zielobjekte auf beweglichen Schlitten angebracht 
sind, um die Kavallerie- Allüren darzustellen. Den Mechanismus haben wir schon 
auf Seite 44 bis 48 näher beschrieben. 



Bd. I. Eiiflran liri Silla 83S. 



KaTallerie-Attalen. 

Graphisch ausgedrückt, erhalten wir folgendes Bild: 

Meter Entfemnng Verluste in Prosenten 



tun HMu 

bringt 
4U K«lter 



Terlnste der Kavallerie Ton einem Bataillonsfeuer in Prozenten. 

Diese Ziffern führen eine beredte Sprache; sie zeigen, dass ein 
Bataillon von 800 Mann mit einer einzigen Salve anf 300 Meter 424 Eeiter 
von den Rossen hemnterschiesst. Wenn aber das Bataillon das Feuer von til'^^u 
800 Meter an eröfinet und es nnimterbrochen bis zu 100 Meter fortsetzt, 
so könnte es von der anruckenden Kavallerie 2656 Mann ausser Gefecht 
setzen, d. h. es wäre im Stande, einige Kavallerie-Regimenter zu vernichten, 
die hinter einander vorgehen, s) 

Mit dieser Ansicht stimmen nicht alle Militärschriftsteller überein. Duk ihrer 
Einer bebt hervor, dass die Kavallerie dreimal schneller als die Infanterie ^ ,°u ue 
vorrücken kann und in Folge dessen auch dreimal weniger dem Gewehr- ,^'^''1^^* 
feuer ausgesetzt ist und dass, obgleich der Kavallerie eine dreimal i-ot^wr. 
grössere Wahrscheinlichkeit drohe, dass Pferd oder Reiter getroffen iniuMHe. 
werden, die Schnelligkeit ihrer Bewegungen diesen Umstand doch aus- 
gleiche, sodass die Kavallerie während der Attake nicht mehr Leute 
verliei-e als die Infanterie. 

Oberst Wallhofen erklärt sogar, dass die Kavallerie beim Galopp 
500 Meter (eine halbe AVerst) in einer Minute durchreiten könne und 
während dieser Zeit von 100 Kugeln nicht mehr wie eine treffen könne. 
Man kann jedoch annehmen, dass in dieser Behauptung die Schnelligkeit 
des Reiters etwas übertrieben ist. Man braucht dazu nicht Militär zu 
sein, um einzusehen, dass die Kavallerie auf unebenem Boden bei nn- 
■ gleichen Kräften der Pferde, in geschlossener Formation und mit schwerer 
Ausrüstui^ nicht dieselbe Schnelligkeit entfalten kann -nie auf dem Kenn- 
platz. Und in der That erklären auch verschiedene Fachleute, dass die 



') Capitain L. J. Nigot: „Les grandes questiona du jour". 






336 ^* ^ie Kavallerie. 



Entfernung, welche das Pferd bei geschlossener Formation in einer Minnte 
durchmessen kann, nur 340 und beim stärksten Galopp nur 440 Meter 
beträgt. 7) 

Eriumingen g^ stehen wir abermals zwischen zwei einander entgegengesetzten 

die veriurte. Ansichten, und übernehmen es natürlich nicht, selbst die streitige Frage 
zu entscheiden. Wir erlauben uns nur, einige Daten aus der Praxis an- 
zuführen. In Frankreich gilt als Eegel, dass die dem Feuer ausgesetzte 
Kavallerie 2V2- bis 3 mal grössere Verluste erleidet, als bei sonst gleichen 
Verhältnissen die Infanterie und dass deshalb die Kavallerie im Feuer 
nicht unbeweglich halten darf. Selbst die Streifkorps halten das Feuer 
auf einer kürzeren Entfernung als 800 Meter nicht aus, da die Zahl der 
durch eine Salve aus 100 Gewehren Verwundeten hier 8 beträgt, während 
bei der Infanterie unter gleichen Verhältnissen nur 3 Mann aus der Front 
ausscheiden. 

BoSJ^.'ver ^^ ^^ allgemein angenommen, dass die Anzahl der Treffer bei der 

loflten^Aban Kavallerfe dreimal so gross ist, als bei Schützen. 

dS^ig^te*«. Legt, man dies Verhältnis der Berechnung zu Grunde, so ergiebt 

sich, dass nach den Tabellen von General Hohne 8) entfallen wären auf: 

800 Meter 30 Treffer (nach Nigotte 21) 
600 „ 63 „ ( „ „36) 

300 „ 86 „ ( „ „63) 

xindestotaiid Iq Folgo desscu gilt es in Frankreich als erwiesen, dass sich die 

der 

K»y»ierie Kavalleric während der Schlacht nicht weniger, als 3600 Meter vom Feinde 
Moo Mete/ eutfeiTit ZU hslteu hat und nur gegen Ende des Kampfes näher vorrücken 
gegenw&iüg. j^anu, aber auch nicht näher als auf 1000 Meter, wenn sie nicht durch das 
Artillerie- und Infanteriefeuer vernichtet werden will. So sehen wir, dass, 
wenn wir selbst eine Schnelligkeit des Kitts von 600 Metern in der Minute 
als möglich zugeben, die Kavallerie doch 7 Minuten und auf der kürzesten 
Entfernung, gegen Ende der Schlacht, noch immer 2 Minuten gebrauchen 
würde, um auf die Infanterie einhauen zu können. Aber es ist klar, dass 
während dieser Minuten bei dem Schnellfeuergeschütz, dem rauchschwachen 
Pulver und dem grossen Ziele, welches die Kavallerie für die Feuer- 
wirkung darbietet, ein beträchtlicher Teil der Geschosse sein Ziel treffen 



Omega: „L'art de combattre". — In der russischen Kavallerie wird 
folgende Schnelligkeit angenommen: 

im Schritt 8,9 Meter in 1 Minute, 
„ Trab 213,3 „ „ 1 „ 
„ Galopp 284,4 „ „ 1 „ 
•) „Beurteilung der Wirkung beim gefechtsmässigeri Schiessen** im 
„MiUtar-Wochenblatt**, 1895. 



Kavalleiie-Attaken. 337 



mass. Und wenn auch nur der zehnte Reiter vom Sattel herunter- 
peschossen ist, wird dies etwa nicht den Angriff hemmen? 

Aehnliche Ansichten werden auch in der deutschen Armee laut, «lorf«»»- 

schein aus der 

Der Verfasser der „Militärischen Essays" K. V. (I. Heft 1861 „Ueber den vergangen- 
Wert der Kavallerie in den Kriegen der Neuzeit" und in dem unlängst Vi^ifidMe* 
erschienenen IV. Heft „Die Taktik der einzelnen Waffen") — wie ver- 
lautet, ein preussischer General — behauptet, dass in Folge der ruhm- 
reichen Traditionen des siebenjährigen Krieges auf die Kavallerie heute 
noch ein Glorienschein falle, welcher den realen Verhältnissen schon 
längst nicht mehr entspreche und dass das deutsche Heer 30000 bis 
40000 Mann zu viel an Kavallerie zum Zwecke von Attaken mitführe, 
was nur auf Kosten der Feuerwaffen geschehe, den strategischen Auf- 
marsch verzögere und die Versorgung der vorrückenden Armee erschwere. 

Aber auch die überzeugten Verteidiger der Kavallerie wissen ihre Ansichten 

.^ der 

Gründe ins Feld zu führen. Der Pulverdampf habe niemals die Erfolge Verteidiger 

der 

der Kavallerie gefördert; im G^enteil, die grössere Klarheit des Schlacht- K»vauerie- 
feldes lasse jetzt leichter erkennen, an welchem Punkte die Infanterie ^*'*^®**- 
schlaff wird und wo die Kavallerie einzusetzen hat, um die Schlacht zu 
entscheiden.^) 

Ein anderer deutscher Militärschriftsteller schreibt: Bis jetzt haben 
die Infanterie -Abteilungen nur deshalb nicht vor dem Sturm der 
Kavallerie-Attake gezittert und sich aufgelöst, weil der Rauch diese bis 
zur letzten Minute unsichtbar machte. Wenn aber das Schlachtfeld nicht 
mehr in Pulverdampf gehüllt sein wird, wird der Eindruck der kavalle- 
ristischen Massenattake ein so gewaltiger sein, dass die Infanterie 
weit schlechter schiessen und vielleicht sogar überhaupt nicht Stand 
halten wird. 

Aber zu allen Zeiten hat ein Kavallerie -Angriff der Inf anterie ^»"o«»« ^p'«' 

bei 

grosse Opfer gekostet. Als Seydlitz, dieses Musterbild eines Reiter- K*v«iierie- 
führers, die russische Infanterie bei Zomdorf zum zweiten Mal angriff, ^^üw ^-'^ 
verlor er, wie Wallhofen ausführt, innerhalb einer Stunde 21 Prozent ▼«"«eidlich, 
seiner Kavallerie, denn von seinen 61 Schwadronen (7000 Reitern) 
blieben 78 Offiziere und 1267 Mann auf der Wahlstatt. Die in zwölf 
Gliedern geordneten russischen Infanteriemassen, deren erste Glieder 
auf den Knieen lagen und die Bajonette fällten, empfingen die Reiterei 
mit einem derart heftigen Kleingewehrfeuer, die russischen Batterien 
schmetterten derart verheerend in die feindlichen Reitermassen hinein, 
dass ganze Reihen der tapferen Kavallerie beim Anritt zusammen- 



®) „Wird das rauchschwache Pulver die Verwendbarkeit der Kavallerie 
beeinträchtigen?" Berlin 1890. 

Bloch, Der zakUnftige Krieg. 22 



/ 



338 V- I>ie Kavallerie. 



stürzten und von vornherein Unordnung einzureissen begann. Aber 
Seydlitz, der entschlossene Führer, der seine Reiter kannte, kommandierte 
noch einmal: Marsch! Marsch! — und die russische Infanterie wurde 
überritten und niedergehauen, da der russische Soldat nur sterbend seine 
Waffe niederlegte. 

Opferbereite Auch heutc uoch, wie ZU Sejdlitz' Zeiten — fahrt der Darsteller 

mnM Biegen, fort — wifd die Kavalleiie, wenn sie in möglichst ausgiebiger Starke und 
in günstiger Richtung zielbewusst und rücksichtslos im richtigen Moment 
eingesetzt wird, gleich einer vernichtenden Springflut über den über- 
raschten Gegner hereinbrechen können, Alles niederwerfend, was nicht 
ihrer vernichtenden Bahn ausweicht. Aber nur unter einer Bedingung: 
die Kavallerie selbst muss von der Unwiderstehlichkeit ihrer Angriffe 
fest überzeugt sein und sie selbst muss daran glauben, dass ihr heute 
wie ehedem Nichts widerstehen kann, dass sie die Schlacht entscheidet, 
wenn sie nur will, wenn sie zu allen Opfern bereit ist. 

„Die Kavallerie darf niemals zu lange warten, sie würde sonst zu 
spät kommen .... Vom Generalissimus erhält die Kavallerie ihre all- 
gemeinen Instruktionen und ist dann frei, den günstigen Moment zur 
Attake zu wählen." Dies stimmt ganz mit dem von uns angeführten 
italienischen Reglement überein. Wallhof en fügt hinzu: das französische 
Kavalleriereglement sagt sehr richtig, dass der Führer der Kavallerie nie 
vergessen darf, wie von allen zu begehenden Fehlern nur ein einziger 
entehrend ist, nämlich die Unthätigkeit. lo) 
Beimwankeii ^uch bei deu frauzöslscheu Militärschriftstellern finden wir der- 

der feindlich. , 

Linien artige Ansichten vielfach vertreten. „Die Schlacht — schreibt einer von 
omhiw ihnen — ist jetzt vor allem ein Kampf mit der Schusswaffe. Wenn er 



K T»u rie stundenlang auf derselben Stelle fortdauert, wird schliesslich eine doppelte 
entooiieiden. Anzahl Truppeu an ihm beteiligt gewesen sein. Auf beiden Seiten sind 
viele Offiziere aus der Front geschieden, die sich selbst überlassenen 
Kommandos halten sich nur noch durch die militärischen Eigenschaften 
ihrer Soldaten. Die vorgeschobenen Truppenteile setzen den Kampf bis 
zur Erschöpfung fort, die Lücken, die das Feuer reisst, werden durch 
Reserven ergänzt und zuletzt bildet die Gefechtslinie ein Gemisch ver- 
schiedener Regimenter und Waffengattungen, welches sich immer mehr 
vergrössert und je nachdem die Kräfte sich erschöpfen und der Mangel 
an Offizieren hervortritt, zur allmählichen Auflösung führt. Das ist der 
Moment, kenntlich durch das Wanken der feindlichen Linie, in welchem 
sich die Kavalleriemasse unverzüglich auf den Feind werfen muss. Dann 



*®) Oberst von Wallhofen: „Die KaYallerie in dem Zukimfbskriege". Ra- 
thenow 1891. 



Kayallerie-Attakec. 339 



wird es auch gleichgiltig sein, welche Waffe der erschlafften Infanterie zu 
Gebote steht, ob Magazin-Gewehr, Feuerstein-Gewehr oder einfach Heu- 
gabeln." ^i) Seine Ansicht belegt der Verfasser mit Beispielen aus den 
Kriegen in Algier und er beruft sich auch auf die Aeusserungen des 
Grenerals Dragomirow über die Vernichtung der englischen Quari-6s durch 
die Zulus bei Tamanie. 

Aber gerade im modernen Schlachtenverlauf wird es immer schwie- schwierig- 

keit 

riger den Moment zu finden, den die Kavallerie mit Erfolg benutzen den Moment 
kann. So bemerkt von der Goltz, dessen Werk „Das Volk in Waffen" wir ^''^^^^^'' 
vielfach zitiert haben, sehr richtig, dass allerdings jede Schlacht solche ^nehmen. 
Episoden biete, dass man sie aber bei den jetzigen Entfernungen leichter 
bei den eigenen Truppen, als in den Reihen des Feindes wahrnehme. 
Weiter komme es vor, dass die beim Feinde eingetretene Erschöpfung 
weitaus zu hoch veranschlagt werde. Im Kriege 1870 hätten sich 
französische Kavallerie -Abteilungen mehr wie einmal todesmutig auf 
erschütterte deutsche Infanterie geworfen und wären dennoch durch das 
Feuer der Letzteren vernichtet worden. Eine ßeitermasse bilde ein zu 
bedeutendes Ziel, um im wirksamen Bereich des Gewehrfeuers oder der 
Shrapnels aushalten zu können. 

Ferner führt der Verfasser aus, dass man die Augenblicke der vergleich 
Schwäche beim Gegner nur in der vordersten Schützenlinie wahrnehme, dwJe*tS^eu 
bis aber auf Grund dieser Wahrnehmung der Befehl zum Vorgehen der ^^^yer. 
Kavallerie erteilt. sei, könne die Gunst des Augenblicks mittlerweile gangenheit 
schon entschwunden sein, ßeitermassen, welche sich bewegten, fielen 
immer durch den von ihnen aufgewirbelten Staub sehr leicht auf und zögen 
alsbald alle Geschosse des Feindes auf sich. Die Artillerie könne gegen sie 
die grössten Schussweiten ausnützen, die Geschosse der Infanterie höben 
sich bis zu 600 Meter Entfernung überhaupt noch nicht um volle Eeiterhöhe 
über die wagerechte Visierlinie. Die Pferde seien zwar seit den Zeiten des 
siebenjährigen Krieges besser geworden und könnten im schnellen Durch- 
laufen grosser Strecken mehr ertragen, aber diese Steigerung habe doch 
nicht gleichen Schritt mit der Steigerung der Feuerwirkung gehalten. 
Ehedem wäre die Gefechtsfähigkeit der Infanterie gebrochen gewesen, wenn 
man ihre geschlossene Ordnung über den Haufen warf und sie zerstreute, 
heute fange sie eigentlich mit dem Zerstreuen an; jede kleine Gruppe bilde 
in sich ein verwendbares Ganzes und selbst der einzelne Mann tühle sich 
nicht wehrlos, so lange er noch Patronen besitzt. Das Verhältnis der In- 
fanterie gegenüber der Kavallerie sei ein vollkommen anderes geworden. 



") „La cavaUerie et l'artillerie en face de l'armeiiient actuel de rinfanterie". 
Paris 1892. 

22* 



340 V. Die KavaUerie. 



Seydlitz, Ziethen, Driesen, Gessler hätten ihre Schwadronen 800 Schritt 
vom Feinde bereit halten, für ihre Person noch auf die Hälfte dieser 
Entfernung heranreiten und den Moment erspähen können, wo die Linien 
ins Schwanken kamen. Dann hätte es sich nur dämm gehandelt, die 
Infanterie zunächst an einer Stelle zu brechen und nun die ganze 
zusammenhängende Schlachtlinie aufzurollen. Jetzt sei der Erfolg un- 
endlich schwieriger. Selbst die überrittene Infanterie werde nicht ausser 
Kampf gesetzt, sondern ihr Feuer nur unterbrochen. Die Kavallerie 
wiederhole zwar ihre Angriffe, wobei sie sich durch den Schleier von 
Staub zu decken suche, aber wenn auch dieser Umstand und zuweilen 
ein hügeliges und bedecktes Gelände die Plötzlichkeit ihres Erscheinens 
begünstige, so werde doch dadurch nur selten die grosse Ueberlegenheit 
des Infanteriefeuers ausgeglichen. 

Flucht Sodann bemerkt von der Goltz noch, dass man ganz umsonst hoffe, 

ZV Pferde ' ° 

leichter die Kavallcrie dahin zu bringen, sich in der Schlacht dem Verderben 
als 111 Foae. g^j^^gQ auszusetzeu wie die Infanterie, und fügt erklärend hinzu, dass 
manchmal in einer verzweifelten Lage auch die Infanterie davonreiten 
würde, wenn sie nur Pferde hätte. „Die bewundernswerte Hartnäckig- 
keit ihres Widerstandes, die uns mitunter in gerechtes Erstaunen setzt, 
beruht zum Teil darauf, dass sie sich eben wehren muss oder verloren 
ist. Sich des Bosses zu bedienen; um dem Tode zu entrinnen, hat für 
unser menschliches Gefühl etwas so Natürliches, dass wir eine Flucht 
zu Pferde für viel weniger schimpflich halten als eine Flucht zu Fuss." 
Fehler der DJe Erfahrung der nächsten Kriege wird offenbar den Militärschrift- 

nusiBchen 

K»Tftiierie- stellem, welche bezweifeln, dass die Kavallerie in der Schlacht grosse 
KA^Jn. Bedeutung haben kann, mehr Beweisgründe an die Hand geben. General 
Kuropatkini2) findet bei der Beschreibung der Thätigkeit der russischen 
Truppen bei Plewna, dass sowohl Kavallerie als auch Artillerie die 
Infanterie nicht in der genügenden Weise unterstützten. Kavallerie wäre 
wohl zahlreich vorhanden gewesen, aber man habe sie verzettelt und 
ihr nicht die entsprechende Thätigkeit zugewiesen, und so sei für 
Rekognoszierungen und für das Aufrechthalten der Verbindung zwischen den 
einzelnen Truppenteilen ungenügend gesorgt worden. Gleichwohl fügt Kuro- 
patkin hinzu, dass gänzlich auf Kavallerie-Attaken, besonders Schwadrons- 
und Eegiments-Attaken zu verzichten ein Ding der Unmöglichkeit sei. 
Entstehende Gcucral Kuropatkiu, welcher im Allgemeinen der Thätigkeit der 

Kavallerie etwas kritisch gegenübersteht, fuhrt gleichwohl die ßuhmes- 
thaten der Kavallerie bei Lowtscha an, wo sie Infanterie attakierte und 



") Wir entnehmen diese Stelle dem Buche von Sainte-Chapelle : „Les 
tendances actuelles de la cavalerie russe". Paris 1886. 



Kavallerie-Attaken. 341 



Schanzen nahm und ferner im kritischen Moment des 11. August beim 
Schipka, wo zwei Kosaken-Ssotnien abstiegen, ihre Pferde nach Grabowo 
zur Herbeiholung der Schützen zurückschickten und selbst im Verein mit 
dem OreVschen Regiment, nur noch durch eine Gebirgsbatterie unterstützt, 
den Durchbruchsversuch der Türken so lange aufhielten, bis das An- 
langen der Schützenabteilung auf den ihr entgegengesandten Kosaken- 
pferden es den russischen Truppen gestattete, nunmehr ihrerseits zum 
Angriff überzugehen. Aber im Allgemeinen wäre die Thätigkeit der 
Kavallerie schwach gewesen; sie hätte gewissermaassen ein Zusammen- 
treffen mit Infanterie gefürchtet. Dem Mangel an Tapferkeit können wir 
diese Erscheinung nicht zur Last legen, da der Bestand aller Teile der 
russischen Armee ein überaus gleichmässiger ist und die Infanterie Bei- 
spiele eines so zähen Widerstandes aufzuweisen hatte, dass ihre Verluste 
40 bis 75% betrugen (in einigen Rotten bei Plewna in den Tagen des 
30. und 31. August), d. h. also mitunter 3 Soldaten auf 4. Zu der Annahme, 
dass in der Kavallerie ein anderer Geist geherrscht habe, liegt kein 
Grund vor. Es lässt sich die Frage aufwerfen, ob im gegebenen Fall die ^^^^j^J*' 
Kavallerie nicht im HinbKck auf die türkische Schnellfeuerwaffe das ßciinenfeuer- 
Bewusstsein der Nutzlosigkeit der Kavallerie-Attaken empfand. Auch **^* 
hier lässt sich eine Aeusserung Kuropatkin's verwerten, der bemerkt, dass 
die Soldaten zuweilen nicht recht draufgehen, nicht aber deshalb, weil 
sie sich an Zahl für zu schwach halten, auch nicht in Folge der von ihnen 
schon erlittenen Verluste, sondern angesichts noch weiterer Verluste. 
Deshalb erscheint es natürlich, dass die Kavallerie, welche weder hin- 
knieen noch sich niederlegen noch auch hinter kleinen Terrain-Erhöhungen 
decken konnte, sondern dem Massenfeuer offen gegenüberstand, weniger 
Selbstvertrauen bewies als die Infanterie. 

Uebrigens hatte auch die deutsche Kavallerie in dem Kriege 1870, ^erinat 
keine besondere militärische Bedeutung. Die Verluste der Infanterie Kavauerie 
in diesem Kriege betrugen 17,6%, die der Kavallerie nur 6,3%, Mit 
anderen Worten, bei der Infanterie waren die Soldaten der Gefahr etwa 
dreimal mehr (die Offiziere noch darüber) ausgesetzt als bei der Kavallerie. ' 

Die Fachmänner sind auch darin nicht einig, ob für die Kavallerie Uneinigkeit 

ob ItUBOn- 

Massen-Attaken oder Attaken in kleineren Abteilungen vorzuziehen sind, oder 
Es wird der Gedanke ausgesprochen, dass bei Teilung der Kavallerie 
in kleinere Abteilungen jede einzelne von ihnen leichter den Moment zur 
Attake erspähen und sich bis zur Ausführung besser verborgen halten 
kann. Andere dagegen erklären, dass, wenn die Attake nötig ist, die- 
selbe möglichst stark und massiv sein muss und die Einzelwirkungen 
kleiner Abteilungen ebensowenig einen Ersatz für sie bilden können, wie 
etwa verschiedene Imbisse für das Mittagessen. 



342 



V. Die Kavallerie. 



Mawen- jjs scheüit uüs, dass die Thätigkeit der Kavallerie, besonders aber 

möglieh die Massen - Attaken , noch aus anderen Gründen im zukünftigen Krieg 

Artiiferi». auf grosse Hindemisse stossen werden. Die Wirkung der Geschütze ist 

'*''*'' so gross geworden, dass die Verluste ein regelrechtes Vorgehen hemmen 

werden. Wir wollen ein paar Daten anführen: 

Engiiache Nach iu England gemachten Versuchen wurden von einem Regiment 

YoiBaciia mit 

shrapneis. in Schwadrou-Kolounen auf 2070 Meter, wobei der Abstand zwischen den 
einzelnen Schwadronen je 7 Meter betrug, während die gesamte Front- 
länge 28 Meter, die Tiefe 36 Meter ausmachte, nach 36 Schüssen mit 
Brennzündern und Shrapnels folgende Resultate erzielt :i8) 

Durchgeschlagene Scheiben 397 

Stecken geblieben in den Scheiben .... 131 

Angeschlagen 984 

Ausser Gefecht gesetzte Figuren 182 

Gnuon*8ohe jfach deu iu den Gruson'schen Werken angestellten Schiessversuchen 

Schi 668- 

verenohe mit 5,7-Centimeter-Geschützen wurden 12 Schüsse mit Kartätschen gegen 
K»TXrie- drei Scheiben, jede von 20 Meter Länge, welche heranbrausende Kavallerie- 
koionnen. Kolonucu auf 200, 250 uud 300 Meter vorstellten, abgegeben. 

Die Resultate sind aus folgendem Bilde ersichtlich: 




J6l 




/S0^ 



.J»^ 




*') Müller: „Wirkung der Feldgeschütze**. 



:3. 



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szr 



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^ 



^;- 



-^- 



S 



■V 



Die Kosaken und ihre Taktik. 343 



Von den 2640 Engeln schlugen ein 1155, nämlich 

in die Scheibe I 531 Kugeln, 
„ „ „ n 363 „ 
„ „ „ m 261 „ 

Die gesamten 12 Schuss waren in 56 Sekunden abgegeben, w) Bei ^"^ 

Knipp*8c]ior 

7,6-Centimeter-Geschützen ist die Wirkung eine noch stärkere. Bing- 

Das Bild in der Beilage zeigt uns die Wirkung von 9 Schüssen 
mit 7,5 Centimeter Krupp'schen Ringgranaten gegen drei 50 Meter lange, 
2,7 Meter hohe Scheiben auf 2000 Meter Entfernung. 

Diese Stimmen über die grossen Gefahren der Massen-Attaken der zentrenter 

Kosaken- 

Kavallerie haben der Frage, ob nicht im zukünftigen Krieg die zerstreute angriff auf 
Form des Angriffs, wie sie von den Kosaken geübt wird, grosse ^ordli^ 
Erfolge erzielen wird, eine solche Aktualität verliehen, dass wir diese 
nicht unerwähnt lassen können. 



6. Die Kosaken imd ihre Taktik. 

Sainte-Chapelle i) tritt energisch für die Kosaken ein und stützt sich ^«J*«" 

*^ ° Anrichten 

hierbei vorzugsweise auf die Urteile von Schriftstellern, welche die nber den 
Möglichkeit gehabt, sich mit deren guten Eigenschaften und ihrer Taktik Koilk™ 
auf den Schlachtfeldern genau vertraut zu machen. Er führt Beispiele 
aus dem Krimkrieg und dem polnischen Aufstande von 1830 an. 

„Alle Offiziere", — sagt Sainte-Chapelle — „die an dem Orientkrieg Kneg isia. 
unter dem ersten Kaisen-eich teilgenommen, gestehen einmütig die ge- 
waltigen Verdienste zu, welche die Kosaken Eussland geleistet. Das 
steht auch völlig im Einklang mit den Aeusserungen der klassischen 
Militärschriftsteller." 

„Ich habe schon" — schreibt de Brac — „von den Kosaken gesprochen 
und sie für eine vorzügliche Truppenart erklärt, und ich wiederhole 
dies nochmals. Manche Offiziere, die keinen Krieg mitgemacht oder wenig- 
stens im zweiten Treffen gestanden haben, halten es für ihre Pflicht, 
sich über diese Eeiterei mit einer gewissen Geringschätzung auszusprechen, 
aber glaubt ihnen nicht! Ungerechtigkeit gegen den Feind ist eine un- 



**) „Revue de rArtülerie Beige". 
„Les nouvelles tendances de la cavalerie russe". 



344 ^' ^e Kavallerie. 



würdige und fehlerhafte Methode; das Mittel zur Besiegimg des Feindes 
liegt nicht in Verspottung des Gtegners, sondern darin, dass man ihn 
studiert, sich gründlich mit ihm bekannt macht. Welche hohe Meinung 
hatten so erfahrene Heerführer von den Kosaken, wie die Marschälle 
Soult, Gerard, Closel, Maeson, die Generale Moran, Lalleman, Pajole, 
Colbert, Corbineau, Lamarque u. A. Man frage endlich alle wirklichen 
Offiziere, und sie werden euch sagen, dass eine leichte Kavallerie ihre 
Aufgabe geradezu vollkommen erfüllt, wenn sie gleich den Kosaken die 
ganze Armee in unermüdlicher Wachsamkeit mit einem undurchdring- 
lichen Schutznetz umgiebt, den Feind in beständiger Unruhe erhält, ihm 
häufig empfindliche Schläge zufügt und sich selbst solchen nur selten 
aussetzt." 

Betrachten wir nun diese Kosakentaktik, den Gegenstand so vieler 
Meinungskämpfe, etwas näher! 

KoMken- Die Klassiker der Kavallerie halten es für ein Axiom, dass die 

taktik. 

Attake der regulären Kavallerie nur dann auf Erfolg rechnen kann, 
wenn sie „en masse" erfolgt. Deshalb ist in allen militärischen Leitfaden 
der Satz zu finden, dass die Macht der Kavallerie-Attake auf der Kraft 
des Stosses beruht und hierbei von zwei Faktoren abhängt: von der 
Masse und der Schnelligkeit. 

Hieraus folgt, dass, je stärker und schneller die Pferde sind, sie 
desto mehr Angiiffsfähigkeit besitzen. Die Kosaken dagegen attakieren 
in breiter Front, in eine Kreislinie, sogenannte „Lawa", auseiuander- 
gezogen. 

»u'^fMht^ Die Lawa ist eine den Kosaken eigentümliche und daher in das 

form russische Reglement aufgenommene Gefechtsform, bei der ein Teil der 
^** **"* Truppe, ein Glied formierend, sich in eine lange Linie mit Abständen 
zwischen den einzelnen Reitern auflöst, während der andere Teil als 
Reserve geschlossen folgt. Auf ein kurzes Kommando des Führers stiebt 
alles mit rasender Schnelligkeit auseinander und stürmt mit lautem 
Geschrei dem Feinde entgegen, bis plötzlich kurz vor dem Gegner die 
Pferde wie auf Kommando herumfliegen, die Reiter, an der inneren 
Pferdeseite hängend, eine Salve abgeben und ventre k terre zurückjagen. 
Die Reiter sitzen dabei verkehrt auf dem Pferde, Schuss auf Schuss den 
Verfolgern entgegensendend. Unmerklich drängen sich die Reiter auf den 
Flügeln zusammen, um mit Blitzesschnelle zum zweiten Mal abzuschwenken 
und dem zur Verfolgung aufgelösten Gegner überraschend in Flanke und 
Rücken zu fallen. 

Gewissermaassen eine Vorübung für diese Lawa (Schwärmattake) 
bildet die Dschigitowka. 



Die Kosaken und ihre Taktik. 



Folgende Abbildung zeigt die Ansführnng dieses kriegerischen iSpiels 
durch Kosaken von dem 5. donischen Regiment. 



Aasfülirung der Dschigitowka durch Kosaken des 5. donischen Regiments. 

Die Dschigitowka ist der Fantasia der orientalischen Reitervölker 
nachgebildet und bezweckt, den Reiter dreist und gewandt zu machen. 
Sie vereint daher Uebnngen im Hauen und yehiessen vom Pferde mit 
solchen im Voltigieren, Aufheben von Gegenständen von der Erde, Stehen 
anf dem Pferde u. s. w. in jeder, selbst der schnellsten Gangart. In 
neuester Zeit hat General Gnrko die Dschigitowka auch bei den Garde- 
nnd Armee-Kavallerie-RegimenteiTi des seinem Kommando unterstellten 
5,, G., 14. und 15. Armeekoi-ps eingeführt. 2) 



') Aus der „Leipziger lUuBtrierten Zeitung". 



346 



V. Die Kavallerie. 



Gegner 
der .Lawa* 



Verteidiger Hören wir, was zu Gunsten der Lawa gesagt wird. „Den Erfolg" — 

der „liftwa" ■ 

sagt General Martynow*) — „erzielt nicht das Heer, welches in grösserer 
Ordnung attakiert, sondern das, welches den Schlag mit grösserer Ent- 
schiedenheit führt. Demnach verbürgen nur die innere Ueberzeugang 
und Gewissheit des eigenen Vorzugs der Kavallerie einen sicheren Erfolg 
bei dem Zusammenstosse mit dem Gegner. Sind beide Parteien in dieser 
Hinsicht gleich stark, so wird diejenige den Sieg davontragen, welche 
es versteht, den Flankenangriff mit dem Frontangriff zu vereinigen, 
insbesondere aber diejenige, welcher es gelingt, den Feind vom Rücken 
aus zu fassen. Haben die Gegner eine Front von gleicher Ausdehnung, 
so ist es wenig wahrscheinlich, dass es einer Partei gelingt, auf den 
Flügel der anderen zu stossen. In solchem Falle hat die Attake mit 
auseinandergezogener Kampfordnung nach der Taktik der Kosaken (en 
lave) viel Aussicht auf Erfolg," 

Hiergegen lassen sich andere Stimmen folgendermaassen vernehmen: 
Es sei richtig, dass die Attake in aufgelöster Schlachtordnung ihre gute 
Seite habe; sie habe aber auch ihre Mängel; sie erfordere ein geeignetes 
Feld, die Truppe zerstreue sich und der Zusammenhalt der Linie gehe 
verloren. Eine unter solchen Verhältnissen ohne Ordnung und Huhe aus- 
geführte Attake könne keine grosse Stosskraft entwickeln. Die Attake 
in aufgelöster Ordnung sei ursprünglich iur die Kosaken nur ein Gebot 
der Not gewesen: ohne Ausbildung, ohne die geringste Vorstellung von 
der geschlossenen Formation hätten sie sich auf die EoUe von irregulären 
Kundschaftern beschränken müssen. Eine lange Kriegserfahrung, besonders 
in den Jahren 1812 und 1815, habe ihnen dann den Erfolg auch in den 
Kämpfen mit der feindlichen leichten Kavallerie gesichert. Aber sie hätten, 
von diesem Punkte ausgehend, die Folge für den Grund genommen und 
auf die Thatsache hin, dass sie beständig zur Attake in aufgelöster Reihe 
vorgingen — wobei in Wirklichkeit nicht ihre Kampfweise, sondern ihre 
persönlichen Eigenschaften den Sieg über den Feind davongetragen — 
eine irrige Vorstellung über die von ihnen gepflegte Methode der Attake 
gewonnen. 
EingUederige Die Anhänger der Kosakentaktik bemerken hierauf, dass das Ideal 

Fonnfttion 

bei neuen der Kosakeu stets darin bestanden habe und noch bestehe: die grösst- 

^^ möglichen Erfolge bei möglichst geringen Verlusten zu erreichen. Nur 

scheiniich. hierdurch erklärten sich auch die Attaken in eingliedriger Formation. 

Eine Truppe, die zweigliedrig vorgehe, sei mehr der Wirksamkeit des 

Feuers ausgesetzt, besonders jetzt bei der Kraft und Treffweite der 

modernen Geschosse. In der geschlossenen Formation könne auch nur 



Wir zitieren nach Sainte-Chapelle. 



Die Kosaken und ihre Taktik. 347 

das eine erste Glied kämpfen, was mit einer Verminderung der Kom- 
battanten nm die Hälfte gleich bedeutend sei. Wenn die Attake nicht 
glückt, so werde das zweite Glied bei seinem Rückzüge und seiner Auf- 
lösung nur dem ersten Gliede hinderlich sein, der Gefahr zu entgehen, 
und wenn der Feind die Zurückweichenden verfolge, so werde er es sehr 
bequem haben, auf die formlose Masse der einander hindernden 
Kavalleristen einzuhauen. 

Es versteht sich von selbst, dass wir bezüglich dieser einander 
widerstreitenden Ansichten keine Entscheidung fällen können; wir haben 
es nur für angemessen erachtet, unsere Leser mit diesen vei^schiedenen 
Urteilen bekannt zu machen. 

Was die aufgelöste Kosakenformation anbetrifft, so ist sie heute 
schwerlich weniger rationell als früher. Jetzt setzen im Durchschnitt 
einen Reiter ausser Gefecht: auf eine Entfernung von 200 Meter 
2V2 Flintenkugeln, von 400 Meter 7 und von 600 Meter 16 Flinten- 
kugeln. 4) Es ist genügend, in die geschlossenen Reihen nur einige 
Shrapnels zu senden, welche durch einige Salven eines auch nur schwach 
von Infanterie gedeckten Geschützes unterstützt werden, um die Massen- 
attake zum Stillstand zu bringen. 

Anlässlich des Streites über die Kosakentaktik lenken wir die Auf- ^' ™°* 

gegen 

merksamkeit des Lesers auf folgenden Fall. Die „Jahrbücher für die sawenfener 
deutsche Armee und Marine''^) brachten einen Bericht, wonach General ""^^ 
Gurko, als die X. Kavallerie-Division aus einem Walde herausgetreten war 
und von zwei Kosaken-Ssotnien mit Salvenfeuer vom Pferde aus empfangen 
wurde, seinen scharfen Tadel über eine derartige Kampfweise aus- 
gesprochen und für die Folge die Wiederholung eines derartigen Unfugs 
verboten habe. Der Berichterstatter fügt hinzu, dass diese Bemerkungen 
offenbar gegen die Ausführungen des General Ssuchotin sprechen, welcher 
für die Anwendung des Salvenfeuers vom Pferde Seitens der Kavallerie 
eingetreten sei. 

Was die Frage über die Bedeutung der Kosaken in dem zukünftigen Tettaus 
Kriege anlangt, so kommt Tettau in seinem kürzlich erschienenen Werk^), EoBaken. 
das sich auf zahlreiche Artikel des „Wojenny Ssbornik" und insbesondere 
auf die vom General Choroschin ausgesprochenen Ansichten stützt, zu 
dem Schluss, dass von hervorragenden militärischen Fähigkeiten oder 
kiiegerischen Neigungen bei den jetzigen Kosaken nicht mehr die Rede 



*) „Tableaux de tir dresses k Töcole du champ de Chalons pour le fusil". 1886. 
*) Wir zitieren nach dem Artikel im „Armeoblatt" No. 1 vom März 1893: 
„Bemerkungen zu den Manövern im Militärbezirke Warschau". 
^) „Die Kosaken-Heere", Berlin 18d2. 



348 



y. Die Kavallerie. 



sein kann. Dafür hätten sie andere, für den Soldaten hocherwünschte 
Eigenschaften : grosse Genügsamkeit nnd Anspruchslosigkeit, Fähigkeit zu 
langen Märschen nnd zum Ertragen schwierigen Lagerlebens, Geduld und 
Ausdauer. Auch jetzt noch besitze der Kosak eine grosse Vertrautheit, 
mit dem Pferde umzugehen, aber doch nicht mehr so wie früher. Erstlich 
nehme die Zahl solcher Kosaken ab, die von Kindheit an mit dem Pferde 
förmlich verwachsen wären, zweitens schwänden auch die wertvollen 
Eigenschaften des Kosakenpferdes in Folge der Zerstückelung des Grund- 
besitzes und des Sinkens der Pferdezucht mehr und mehr, so dass die 
heutigen Kosakenpferde im Allgemeinen nicht mehr den Anforderungen 
an die Kriegstüchtigkeit einer regulären Kavallerie entsprächen. Für 
seine Wirtschaft brauche der Kosak viel eher Ochsen als Pferde, letztere 
aber verwende er in den seltensten Fällen, ausschliesslich zum Eeiten. 

Die Eigenschaften des Kosaken und seines Pferdes Hessen die 
Kosakenreiterei auf dem Schlachtfelde nur als minderwertig er- 
scheinen, dagegen sei sie von hohem Wert für den sogenannten „kleinen 
Krieg". 
KoBaicen j^ ^^u bcldeu Ictztcu russischcu Feldzügen sei die Eolle der 

im YerikU im ° 

Kriege 1868. Kosakentruppeu wenig hervorragend gewesen. Während der Nieder- 
werfung des polnischen Aufstandes von 1863, zu welcher das Donsche 
Heer 45000 Reiter stellte, habe sich, wie ein russischer Artikel aus- 
führt, ein Niedergang in der Frontausbildung und Ausrüstung der Don- 
Kosaken bemerkbar gemacht: verrostete Gewehre und Säbel, in der 
Pferdeausrüstung an Stelle der Riemen Stricke. Die kleinen kraftlosen 
Pferde bewiesen deutlich den Niedergang der Pferdezucht in den Stanizen. 
Von den Reglements hätten die Untermilitärs und selbst die Offiziere 
wenig Kenntnis gehabt und einige Truppenteile gar auch von Disziplin 
wenig gewusst. 

Kriegi877/78. Währcud des Krieges 1877/78 vermochten die Kosaken, wie der- 

selbe russische vom deutschen Verfasser zitierte Artikel ausführt, ihren 
alten Ruhm nicht zu behaupten, weil die Kosakenabteilungen vereinzelt 
verwendet und zum Kampfe in ungenügender Anzahl geführt wurden. 
Uebrigens lässt sich nach derselben russischen Quelle erwarten, dass, 
wenn alle in den letzten zwanzig Jahren zur Verbesserung der 
Organisation und Ausbildung der Kosakentruppen ergriffenen Maass- 
regeln ihre Früchte tragen werden, die Kosaken in einem zukünftigen 
Kriege eine bedeutendere Rolle werden spielen können. 
KeorgÄiii. Unter den für das Kosakenheer ergriffenen Reformmaassnahmen 

der Kosaken- stchon ÜB Bcstrebungen obenan, den Bildungsgrad der Kosakenoffiziere 
**'^ zu heben. Er war bisher im Durchschnitt bei den meisten Kosaken- 
Regimentern weit niedriger als bei den regulären Truppen. 



^ 



Die Kosaken nnd ihre Taktik. 349 

So sind nach den Daten des Professor Eödinger „Ueber Kompletierung ▼•'«leich 

der Büdang 

der Armee in der Periode 1881 bis 1890" 41% der Gresamtzahl der der Koeaken- 
jungen Offiziere der regulären Armee aus Kriegsschulen hervorgegangen, ^'"*""- 
59% aus Junkerschulen, während bei den Kosakentruppen sich ein so 
günstiges Verhältnis nur in der Artillerie und den in der Garde 
stehenden Regimentern findet, indem der Prozentsatz der aus den Kriegs- 
schulen hervorgegangenen Offiziere in den Kosaken-Batterien 85%, in 
dem Leibgarde-Kosakenregiment 70 % beträgt. In den übrigen Kosaken- 
truppen ist dieser Prozentsatz aber weit niedriger als in der regulären 
Armee; so beträgt er in den Don'schen, den Kavalleriedivisionen zu- 
geteilten Regimentern 30%, in den Don'schen Regimentern, welche 
Kosakendivisionen bilden, B%, in den Regimentern des Uralschen 
Kosakenheeres 22%, des Orenburg'schen Kosakenheeres 29,5%, des 
Astrachan'schen Kosakenheeres 8,9%. Alle übrigen Offiziere haben ihre 
Bildung in den Junkerschulen erhalten, ein kleiner Teil gar nur häus- 
liche Bildung. 

In Anbetracht dieser Verhältnisse, und da auch die Kosakenjugend 
selbst nach einer soliden militärischen Büdung strebte, wurde in der 
Mitte der 80 er Jahi-e in Nowotscherkask das Don'sche Kadettenkorps 
gegründet, dessen Zöglinge gleich denen der übrigen Kadettenkorps nach 
Beendigung des Kursus in die Kriegsschule eintreten. Um ihnen die 
Aufnahme in die Kriegsschule zu sichern, wurde im Jahre 1890 bei der 
Nikolai-Kavallerie-Schule in Petersburg eine besondere Kosaken-Ssotnie, 
aus 120 Junkern bestehend, gebildet. 

Einstweilen aber liegt noch die Hauptbedeutung der Kosaken in ihrer 
grossen Zahl. 

Sie können 670 Ssotnien stellen, und wenn man auch einen Teil ^f«»p*- 

bedentang 

für eine etwaige Verwendung im Kaukasus und in Transkaukasien in der KoMken 
Abzug bringt, so bleiben für den eui*opäischen Krieg noch immer ziS!'" 
500 Ssotnien zur Verfügung, und wie man auch über den militärischen 
Wert dieser Truppenteile denken mag, so büden diese 500 Ssotnien doch 
eine schwerwiegende Ergänzung zu den 340 Schwadronen der russischen 
regulären Kavallerie. 

Rassische Schriftsteller haben den Gedanken ausgesprochen, dass 
man eine gewisse Zahl der Kosakenregimenter den Infanterie -Ab- 
teilungen zuteilen möge, die übrigen Regimenter aber zu besonderen 
Kosaken -Divisionen zusammenfassen, so dass ihre Kommandeurs sie 
zu selbständigen Unternehmungen verwenden könnten. Nur dann würden 
sich solche Heldenthaten der Kosaken wiederholen, wie die kühne Attake 
Orlow-Denissow's bei Tarutino im Jahre 1812, wobei 40 französische 



350 ^- ^^® Kavallerie. 



Geschütze erbeutet wurden, oder die glänzende Beteiligung des Atamans 
Platow an der Verfolgung der Franzosen, bei der ganze französische 
Abteilungen gefangen genommen wurden. 

Nur dann werde der alte Ruhm der Kosaken seine Auferstehung 
feiern. 



7. Requisitionen. 

Aufgaben der Wichtiger als je ist jetzt die Aufgabe der Kavallerie, das Heer mit 

bei Ee- Lebensmitteln zu versorgen. Schon Montecuculi sagte, dass „Hunger 

qniaitioneii. g^^jj^ecklicher ist als Eisen und der Mangel an Vorräten mehr Heere zu 
Grunde gerichtet hat als die Schlachten selbst". Ueber die Schwierigkeit 
der Armeeverpflegung ist auch in früheren Zeiten geklagt worden. So 
schiieb Friedrich der Grosse: „Wieviel Mühe ist doch erforderlich, um 
die jetzigen zahlreichen Heere zu sammeln, zu unterhalten und in 
Bewegung zu bringen! Das sind auf Eroberung gehende Völker- 
schaaren ... die glänzendsten Pläne des Heerführers sind eitel, wenn 
er nicht zuvor die Verpflegung seiner Soldaten sicher gestellt hat". 
Diese „Völkerschaaren", von denen Friedrich redet, erscheinen im Ver- 
gleich zu den zahllosen Massen, welche in unserer Zeit in den Kampf 
treten, wie eine Handvoll Eegimenter. „Die Lieferanten werden bis- 
weilen nicht im Stande sein, die allerdringlichsten Bedürfnisse zu 
befriedigen und ebenso wird es bei schnellen Veränderungen in der 
Tmppenstellung unmöglich sein, Vorräte direkt zu kaufen. Und so wird 
es notwendig werden, zu Requisitionen Zuflucht zu nehmen", i) 

Die Aufgabe, auf dem Wege der Requisition die für das Heer 
nötigen Vorräte, Fuhren, Pferde, Tuche, Instrumente, Arzneien, Gelder etc. 
zusammenzubringen, wird hauptsächlich der Kavallerie obliegen; zudem 
hat ja auch sie die gleichen Bedürfnisse. 

verbaitniiwe jjn Kricgc 1870 litt die deutsche Kavallerie, dank dem Reichtum 

im Kriege 

1870. des von ihr besetzten Gebiets, an Fourage und Verpflegung keinen 
Mangel. Vor Paris verpflegte sie sich teilweise aus der Umgegend, teils 
durch weiter ausgedehnte Fouragierungen. Die nach der Loire und dem 
Südwesten, in der Stärke von 136 Schwadronen mit 18360 Pferden 
gesandte Kavallerieabteilung, verpflegte sich die ganze Zeit hindurch 
selbst, indem sie dazu in d^ reichen Provinz Beauce genügend Mittel 
fand; ebenso konnte es die nach den Norddepartements gesandte 
Kavallerie (32 Schwadronen mit 14320 Pferden) machen. Vor Paris 



G^n^ral Leval: „ißtudes de guerre. Tactique de ravitaillement". 



Schlussfolgerungen. 361 



waren 10630 Pferde und 318000 Mann der Belagerungsarmee zu 
verpflegen. 3) 

Aber das waren Ausnahmeverhältnisse, wie solche nur der Reich- ^®?^"f' 

mittel- 



tum Frankreichs schuf. In anderen Ländern, die entweder ärmer sind «usteiiung - 

"lanptaafgab 
der 
Kayallerie. 



oder wo die Bevölkerung grösseren Widerstand leistet, wird diese ^"^^^'^ ** 



Aufgabe weit schwieriger sein. Die Kavallerie, die der Armee voraus- 
geht, wird die Einwohner zur Sammlung, Vorbereitung und selbst zur 
Verarbeitung der für das Heer nötigen Gegenstände zwingen und in 
den betreffenden Orten bis zum Anlangen der Infanterie-Avantgarde 
bleiben müssen. Die Erfüllung dieser Aufgabe wird grosse Umsicht 
erfordern und durchaus nicht gefahrlos sein, da die Kavallerie nach den 
verschiedensten Seiten hin kleine Abteilungen auszusenden haben wird, 
und die Organisation besonderer Schtitzenabteilungen zur Bekämpfung 
der Kavallerie-„Eaids" diese Aufgabe erschweren wird. Die bürgerliche 
Bevölkerung des Landes wird auch weit grösseren Verlusten und 
Gefahren ausgesetzt sein, als in früheren Kriegen. 

Zu der eigentlichen Verpflegungsfrage werden wir noch zurück- 
kehren ; an dieser Stelle haben wir nur auf die Eolle hinzuweisen, welche 
die Kavallerie hierbei spielt, eine Rolle, in der manche Militärschriftsteller 
fast die Hauptbedeutung der Kavallerie in den EMegen der Zukunft 
erblicken wollen. 



8. Schlussfolgerimgen. 

Trotz der Schwierigkeiten, welche jetzt die Verwendung der Wichtigkeit 
Kavallerie im Kampfe darbietet, wird die Notwendigkeit der Kavallerie *' »T *^ 
von Allen anerkannt. Sogar diejenigen Militärschriftsteller, welche über ^^*®"®' 
die Rolle der Kavallerie im Kampfe abfällig urteilen, leugnen nicht, dass 
der Kavallerie in gewissen Fällen doch Aufgaben von höchster Wichtigkeit 
zufallen. Aber jetzt ist mehr wie je die von Napoleon aufgestellte Regel 
zutreffend, dass die Kavallerie zahlreichere und besser ausgebildete 
Kadres besitzen muss als die anderen Waffengattungen. Mehr als 
früher wird jetzt von der Kavallerie Schnelligkeit im Beginnen, und 
Beharrlichkeit im Begonnenen gefordert. 

Bei Beginn des Krieges selbst, wo Alles von der Schnelligkeit der ^s^"» 
Zusammenziehung der Truppen und davon abhängig ist, dass ihre Be- 
wegungen nicht gehindert werden, wird die Kavallerie gewissermassen 



*) Oberst Köhler anti E. V.: „Untersuchungen über den Wert der 
Kavallerie in den Kriegen der Neuzeit". 



352 V. Die Kavallerie. 



den Dienst eines Schntznetzes leisten. Die Kavallerie wird die kriege- 
rischen Operationen eröffnen; sie wird zuerst die Grenze überschreiten 
und „Raids" unternehmen, um die Mobilmachung des Feindes und dessen 
Aufmarsch zu stören; diese „Eaids" werden ausser den wirthschaft- 
lichen Folgen für das betroffene Gebiet auch noch das mit sich bringen, 
dass der Feind genötigt sein wird, die entscheidenden Operationen zu 
beschleunigen und so von seinem ursprünglichen Plane abzugehen, wjö 
wiederum auch auf die Operationsweise des Angreifers von Einfluss sein 
muss. Auf beiden Seiten wird der Generalstab nicht im Stande sein, 
alle die Zufälligkeiten vorauszusehen, die hierbei entstehen können. 
RekognoBsie- Fcmcr wird die Thätigkeit des Rekognoszierens doch immer in be- 

rangen. 

deutendem Maasse der Kavallerie verbleiben, obwohl die jetzigen Ver- 
hältnisse ihr diese Aufgabe sehr erschweren. 
^^ Endlich wird die Sorge, die Armee mit Vorräten zu versorgen und 

qaiBitionoD. 

ihre verschiedenen Bedürfnisse in Feindesland zu befriedigen, Avenn 
auch nicht ausschliesslich, so doch zum grössten Teil der Kavallerie 
obliegen. 
V*'- Die Kavallerie hat jene entscheidende Gefechtsrolle, welche sie mit 

minderang 

der Gefechte- SO grossem Glauze zur Zeit der Lineartaktik ausgeübt, durch die neuere 
""*' Taktik teilweise eingebüsst. Die Kavallerie hat aufgehört, eine schlachten- 
entscheidende Waffe zu sein. 

Der heutige Kampf haftet an den Bedeckungen des Geländes und 
giebt daher an und für sich der Kavallerie selten Gelegenheit zum Ein- 
greifen vor gefallener Entscheidung. Ausserdem ist durch die neue Be- 
waffnung die Widerstandskraft der Infanterie in hohem Grade gewachsen, 
der Grundsatz der Gliederung nach der Tiefe macht die Möglichkeit eines 
Angriffs ungedeckter Flanken zur Seltenheit, und die Verwendung un- 
abhängiger, selbständiger Gefechtskörper, von denen ein jeder gesonderi^n 
Widerstand leisten kann, macht das Niederreiten ganzer Schlachtlinien 
überhaupt sehr unwahrscheinlich, i) 
Transport- Eingreifen in das Gefecht, Niederreiten geworfener, im freien Felde 

befindlicher Infanteriemassen, Ueberraschungen feindlicher Schützenlinien 
u. s. w. werden nicht sehr oft vorkommen. Aber die Kavallerie wird 
sich dadurch nützlich erweisen, dass sie unerwartet Truppenteile überfallt, 
die sich in Marschordnung befinden oder Transporte begleiten. Schon 
Moritz von Sachsen sagte: ganz unvermutet attakierte Leute verlieren den 
Kopf — das ist ein allgemeines Gesetz des Krieges. 
Kav^rie Eiuc gcwisse Bedeutuug kann die Kavallerie auch in den Fällen 

Niederlagen, haben, WO der eine Teil eine empfindliche Niederlage erlitten hat. Dann 



^) General Meckel. 



SchliLssfoIgerungen. 353 



vermag die Kavallerie, die sich während der Schlacht in Reserve gehalten 
hat, jeder Seite Dienste zu leisten : ohne sie vermag der Sieger seinen Erfolg 
nicht giiindUch auszunutzen, ohne sie würde der Besiegte im ersten Moment 
keinerlei Deckung für seinen Rückzug haben. 

Demnach eröffnen, wie die Fachleute ausführen, Kavallerie-Opera- 
tionen die Schlacht und aller Wahrscheinlichkeit nach werden sie diese 
auch beschliessen. Dieser Umstand ist um so wichtiger, als jetzt starke 
Bedenken laut werden, inwieweit die künftigen Schlachten selbst über- 
haupt entscheidend sein werden. Auf dem Wege des eventuellen Rückzugs 
werden wahrscheinlich die verschiedensten Schutzmaassregeln getroffen 
sein, und vor dem Rückzuge selbst werden sich, wo nötig, noch neue 
Schanzen aufwerfen lassen. Die geschlagene Armee wird die nächsten 
Positionen einnehmen und sich bemühen, dem andrängenden Gegner 
neuen Widerstand entgegenzusetzen, und umsomehr, als dieser bei dem 
Sturme der früheren Stellungen grössere Verluste erlitten haben wird, 
als der Teil, welcher, besiegt,, das Schlachtfeld räumte. Ausserdem wird 
— und dies ist die Hauptsache — die grosse räumliche Ausdehnung des 
Schlachtfeldes, wo entsprechend der Schussweite der modernen Geschütze 
die einzelnen Stellungen einige Kilometer von einander entferat sind, es 
dem zurückweichenden Teü ermöglichen, die Truppenverstärkungen zu- 
sammenzuziehen und sich so abermals zu decken. 

Aus allem Gesagten ist ersichtlich, dass die Rolle der Kavallerie 
sehr bedeutend bleibt. Professor General Leer spricht in seiner „An- 
gewandten Taktik" sogar die Ueberzeugung aus, dass die Hauptbedingung 
des Erfolges zu Beginn des Krieges eine zahli^eiche und gute Kavallerie 
ist, die schon in Friedenszeit völlig mobil sein muss. 

Damit aber die Kavallerie ihre Bestimmung befriedigend erfüllen ^*j^^°® 
kann, muss sie auserlesene Offiziere und geschickte Führer haben. Aus geschickter 
Allem, was wir dargelegt, erhellt die hohe Bedeutung, welche bei dem * ™"*" 
komplizierten modernen Kriegsmechanismus einer geschickten Führung 
nicht nur des gesamten Heeres und der grösseren Heeresteile, sondern 
auch selbst der kleinen Abteilungen beizumessen ist. 

Diesem Erfordernisse zu genügen wird in allen Armeen mit Eifer 
gearbeitet. In der deutschen Armee, sagt General von Bissing^), wurden 
in der fast 25jähiigen Friedenszeit die vielseitigen Erfahrungen des 
Krieges 1870/71 zur Richtschnur auch für das, was von der Kavallerie 
geleistet werden soll. Mit rastlosem Eifer suchte und sucht man nach 



-) „Ausbildung, Führung und Vorwondung der Roitoroi", im „Militär- 
Wochenblatt" 1895. 

Bloch, Der zakünftige Krieg. 28 



354 V. Die Kavallm«*. 



den Vorbedingangen ihrer zukünftigen Verwendungsfähigkeit and ihrer 
entscheidenden Mitwirknng znm Siege. 

Vier bis fünf neue Eeglements wm-den erlassen, welche die An- 
forderungen der Ausbildung immer mehr steigerten. Die Reit-Instruktion 
erlitt eine vollständige Umarbeitung in ähnlichem Sinne. Die neue Feld- 
dienst-Ordnung beschäftigt sich in eingehendster Weise mit den Aufgaben 
der Kavallerie und stellt gegen früher ganz andere Bedingungen an ihr 
Können auf. 

Aus allem diesem erhellt, dass der zukünftige Krieg nicht nach den 
Ergebnissen der früheren Kriege beuilheilt werden kann. Die Leistungen 
der Kavallerie werden in vielem ganz andere als in der Vergangenheit 
sein, und wir stehen vor noch nicht dagewesenen und komplizierten 
Erscheinungen. 

Fragen, wie die über den Unterschied in der Kavallerie-Ausrüstung, 
über die Eigenschaften des Pferdematerials, die Beschaffenheit des 
Sattels u. 8. w. bei den verschiedenen Armeen lassen wir bei Seite. Im 
grossen und ganzen wird der rein materielle Teil wahrscheinlich in allen 
Armeen auf der gleichen Höhe stehen. Alles wird von dem Verständnis 
abhängen, diese Mittel praktisch auszunutzen. Das Alltagsleben lehrt uns, 
dass ein schlechter Arbeiter seine Arbeit unbefriedigend ausfühii:, auch 
wenn er die besten Werkzeuge zur Hand hat, während ein verständiger 
und entwickelter Arbeiter auch mit einem weniger vollkommenen Arbeits- 
gerät etwas Treffliches zu schaffen vermag. 

So sind auch der Kavallerie völlig geschulte, fähige Offiziere von 
Nöten; besonders aber bedürfen die Kosakentruppen solcher Offiziere, 
da zu deren Bestand weniger entwickelte Elemente gehören (in den öst- 
lichen Kosakenheeren) und die Art des Kosakendienstes in Friedens- 
zeiten nicht eine genügende Anzahl altgedienter Unteroffiziere heranbildet, 
welche in der Schlacht für ihre gefallenen Offiziere eintreten könnten. 



f 



VI. 



Taktik der Artillerie. 



Die Taktik der Artillerie und die Folgen 
der Vervollkommnungen. 

Noch vor Erfindung des rauchschwachen Pulvers und des neuen 
Kleinkaliber-Gewehrs zeigte sich mehr als einmal die fibermächtige Wirk- 
samkeit des Gewehrfeuers, weshalb die französische Kommission, welche 
die Kriegsinstruktionen für die Armee auf Grund der 1870 gesammelten 
Erfahrungen umarbeiten sollte, zu dem Schluss kam, dass der Angriff 
gegen eine in fester Stellung stehende Infanterie in der Zukunft erfolglos 
bleiben kann, selbst wenn er durch das Eingreifen der Artillerie vor- 
bereitet wird. Jetzt seit Einführung der neuen Waffe ist das, worüber 
sich früher noch streiten liess, zur Gewissheit geworden. Eine Infanterie, 
die sich zu verteidigen versteht, kann überhaupt ohne Hilfe der Artillerie 
aus einer festen Position nicht geworfen werden, auch wenn sie nur über 
halb soviel Gewehre verfügt wie der Angreifer. Aber ein erfolgreiches 
Auftreten der Artillerie zur Erschütterung des Gegners ist abhängig von 
dem feindlichen Artilleriefeuer, welches diese Wirkung paralysieren kann. 

In Folge dessen lässt sich fast als mathematisch gewiss annehmen, 
dass der Beginn einer Schlacht auf beiden. Seiten durch Artillerie ein- 
geleitet werden wird. 

Die Artillerie derjenigen Armee, welche die Offensive ergreift, wird 
ihi-e Thätigkeit damit beginnen, die Artillerie des Gegners zu vernichten 
oder wenigstens zu schwächen; alsdann erst wird sie im Stande sein, 
sich auch gegen die feindliche Infanterie zu wenden. Dieser Umstand 
führt logischei'weise zu der Notwendigkeit, eine zahlreiche Artillerie 
zum Angriff wie zur Verteidigung in erster Linie zu haben. Diese 
Notwendigkeit ist für beide Seiten die gleiche. Deshalb werden 
Quantität und Qualität der auf dem Schlachtfelde wirkenden Geschütze 



Notwendig- 
keit 
der ArtiUerie 

car Er- 
Bclifltterung; 

fester 
Infanterie- 
positionen. 



Einloitang 
der Schlacht 

durch 
Artillerie. 



nl'^Ai'i^oi^o de campagne.' 



358 VI. Taktik der ArtUlerie. 



in hohem Grade auf den Ausgang der Einzelschlachten von Ein- 
fluss sein. 
Einwirkung AbcF uoch viel Wichtiger ist es, dass Dauer und Resultat des 

aes bentigen " 

Artiuerie- Krieges fortan aller Wahi'scheinlichkeit nach in hohem Grade von der 
vTikeheer^* Wirkung der Artillerie abhängen werden. Geschütze wie Geschosse 
haben sich, wie schon erwähnt, gegen früher so radikal vervollkommnet, 
dass die durch Artillerie verursachten Verluste ungeheuer gross sein 
werden, weshalb es sich fragen dürfte, ob die jetzigen Volksheere im 
Stande sein werden, das heutige Artüleriefeuer zu ertragen. 

Zur Beurteilung des modernen Gebrauchs der Artillerie im Felde 
müssen wir einen Blick auf die Vergangenheit werfen. 

1. Stückzahl und Wert der Geschütze. 

drstttcSThi -^^^ unserem Jahrhundert anhaftende Tendenz zum Fortschritte 

derGesciiütee dürfte auscheiueud zur Annahme berechtigen, dass im Laufe der Zeit 
den Perioden das Streben, Geschütze zu verwenden, immer mehr wachsen wird, da diese 
u.^1874^91. als mechanische Werkzeuge (besonders bei ihrer jetzigen Vervollkomm- 
nung) zu ihrer Bedienung ein sehr kleines Mannschaftsmaterial erfordern, 
und das demnach das Geschütz in den Schlachten die Infanterie immer 
mehr ersetzen wird, weil die Verwendung der letzteren eine weit 
grössere Verausgabung des kostbarsten Kriegsmaterials — der Mann- 
schaften — bedingt.!) 

Indessen liess sich in jüngster Zeit eine geradezu umgekehi'te 
Erscheinung wahrnehmen. In der Periode 1859 bis 1874 wuchs die 
Gesamtzahl der Geschütze in den Heeren der europäischen Hauptstaaten 
um 88 o/o, während dies Wachstum von 1874 bis 1891 auf 38 % zurück- 
ging; in der Infanterie dagegen findet für diese beiden Perioden 
gerade das umgekehrte Verhältnis statt; ihr Anwachsen stieg von 24% 
auf 54%. 
stückiahi Wenden wir uns im Einzelnen den hiemach in den verschiedenen 

der Gesclilitze _ . 

in den euro- Staaten erfolgteu Veränderungen in den Feldartilleneen zu und markieren, 

Ha^tetol!ten.um das Bild reliefartiger zu gestalten, noch das Jahr 1884, so erhalten 

wir, wenn wir die Anzahl der Geschütze im Jahre 1874 gleich 100 setzen, 

die in der nebenstehenden Tabelle gegebenen Ziffern füi- die vergleichende 

Bestimmung der Stückzahl der Geschütze. 

Hieraus ersehen wir, dass die Gesamtzahl der Geschütze der sechs 
Kontinentalmächte sich im Laufe von 17 Jahren um 4745 vergrössert hat, 
oder, mit anderen Worten, dass das durchschnittliche jährliche Wachstum 

Die Verluste des deutschen Heeres im Kriege 1870 betrugen in der In- 
fanterie 17,6 ®/o, in der Artillerie nur 6,5 ^/q. 



Zahl der Geschütze in den Landarmeen. 

1869 18M 




Fnakreieh, BoaslAnd 



*■■■■■■■■■■'• «■■■■■■■■■■■■■■■■■!■ ai 
■■■■■■■•■■■■■■■■■■■■■■■■■■■^■■■■■■1 

*■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■! 



8824 



Deutschland. Oesterreioh 
und Italian 



•■■■■■■■■■»■■■■■■■■■■■■■■■■■■ 
■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■•■■■■■ 






7324 



1873/4 



18t« 



5392J 
5562 



Firnnkreich, Rnssland 



■ •■ 



■■■■■■■■■■■■■■■■**' 

■■■■■■■■■■■■■■■ ■■■■! 
■■■■■■■■■■■■«■■ ■■•■I 

■■■■■■■■■■ ■«■■■■■■! 



8824 



Deatsehland, 06«t«rreioh 
and Italien 









7324 



Vernichtungskraft der Geschütze in den Jahren 1896 bis 1898 
im Verhältnis zu denen aus dem Jahre 1870. 



Typus von 1870. 



100«/, 
100"/, 



Frankreich 



Deatsehland 



Typus von 1896. 



TV 



■■■■■■■■■■■■■■ ■■■•■■■■■■■■■■< 
■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ ■■■■■■■■■■ 



11600V. 



■■■■■■■■■I 
■■■■■■■■■I 



JU- 



4200 V. 



Typus von 1870. 



Typus von 1898. 



lOOV 
100'/ 



Frankreich 



Dentechland 






ll llli 



■■■■■■■■■■■I 

iBBiBBasiaBiBBaaBi 

!■■■■■■■■■■■■■■■■! 

laaaaaBaaaaaM aaaa' 



r ■' n r i 



iBaaBBaBaiBBaa 

faBIBBBBBBBIBB 



23200 V, 



8400 V. 



RH. I. KinfBiTAn h«! Rtk'ttn XVi. 



Stückzahl und Wert der Geachützp. 



359 



während dieser Periode etwa 2% ausmacht. Innerhalb dieser Periode 
jedoch ist die Anzahl der Geschütze im ersten Jahrzehnt nm 3148 
gewachsen, d. h. nm 2,5 % jlLhrlich. In den letzten sieben Jahren ist die 
Zahl der Kanonen nar nm 1597 Stück gewachsen, d. h. um 1,4% im Jahre. 





AtiBfllil der Geschütze filr 

die Kriegsstarke 
1874 1 1884 1 1891 


Prozents 
1874 1 1884 


atz 
1891 


Kusaland 

Frankreich 


3604 
2 328 


3 769 

4 410 


3992 
4576 


100 
100 


104 
189 


110 
195 


In beiden Staaten . . 
Deutsch land 

Oeaterreich 


5 932 
2 658 
1784 


8179 
2 998 
1580 


8 568 
3 598 
2072 


100 
100 
100 


138 
113 
88 


144 
135 
116 


In beiden Staaten . . 


4 442 
1120 


4 578 
1532 


5 670 
1624 


100 
100 


103 
136 


128 
145 






In den Dreibund-Staaten 
Türkei 


5 562 
804 


6110 

1152 


7 294 
1176 


100 
100 


110 
143 


131 
146 


In allen 6 Staaten . . 


12 293 


15 441 


17 038 


100 


125 


138 



Wenn wir graphisch einen Vergleich in Bezug auf die Jahre 1 
and 1891 darstellen, erhalten wir folgendes Bild: 



Anzahl der Geschütze für die Kriegsstärke. 

Russland speziell verfügte im Jahre 1874 über eine grössere Anzahl .'^"^[J'". 
von Geschützen als jeder der übr^en Staaten, aber seitdem ist die Ver- inBoBiand 
mehrung langsamer vor sich gegangen, so dass sie in 10 Jahren insgesamt 
nnr ifi % ansmachte. Dies bedeutet ein öi/jmal geringeres Anwachsen 
der russischen Artillerie als das Gesamtwachstum in derselben Periode. 
In den folgenden 7 Jahren hat sich die Zahl der Geschütze in Eussland 



360 ^I- Taktik der ArtiUerie. 

verhältnismässig stärker vergrössert (6 %), ohne jedoch den Umfiing 
dieses Wachstums in den Nachbarstaaten zu ttbertrefien. 
W^*" Die angeführten Ziffern erhalten erst ihre richtige Beleuchtung, wenn 

jm Artäiieri« wir sie den in der Infanterie vorgegangenen Veränderungen gegenüber- 
ühawi'e. Stellen. 

Geschützanzahl auf 10 000 Mann 1874 1884 1891 

in Russland 21 16 12 

„ Frankreich 13 23 12 

„ Deutschland 20 18 12 

„ Oesterreich 16 16 10 

„ Italien 13 20 10 

„ England 8 — 11 

„ der Türkei 14 19 13. 

Graphisch die Bedeutung zwischen 1874 und 1891 darstellend, 
erhalten wir folgendes Bild: 

1874. 1891. 

2t E 



Oeschüt^anzahl auf 10000 Mann. 

LujuBBn Hieraus ist ersichtlich, dass, wenn wir nur die letzten 20 Jahre ins 

jwTrtnl^* Auge fassen, die Hauptsteigerang der Kriegskräfte nicht auf die Artillerie, 
'«?« !r«^s^°'i^™ auf die Infanterie entfällt. 

iDbDUri*. Worin liegt nun der Grand für diesen Widersprach gegen die 

Gesamtrichtung des 19. Jahrbunderts? Hängt er mit dem neuesten Fortr 
schritt der Kriegskunst und den Grundlagen der künftigen Taktik zo- 
sammen? Oder hat man etwa den Grund darin zn suchen, dass sich die 
nötigen Geldmittel für die Vermehrung der Artillerie schwer finden lassen'? 
Letztere Annahme erscheint als die allerwahrscheinlichste, denn es 
kann nicht bezweifelt werden, dass die gesetzgebenden Versammlungen 
weit geneigter sind, der Regierung für den Kriegsfall die Einberufung 
zahlreicher Reserven zu bewilligen als sofort Kredite anzuweisen zum Kauf 
von neuen Kanonen, Pferden und für sonstige Ausgaben, die mit der 
Vermehrung der Artillerie zusammenhängen, denn im ersten FaUe stehen 



Stückzahl und Wert der Geschütze. 361 



nur bedingte Opfer beim Ausbrach des Krieges bevor, von dessen Möglich- 
keit zwar alle reden, die man sich aber doch nur als gering vorstellt, im 
zweiten Falle aber handelt es sich um sofortige Budgetbelastung, und 
diese ist heute unverhältnismässig grösser, als in der Vergangenheit. 

Russland und die Türkei folgten der Bewegung. Einer Bewilligung 
der Ausgaben durch die Volksvertretung bedurften sie freilich nicht, 
aber andererseits waren ihre Mittel beschränkt und mussten sie über- 
zeugt sein, dass die anderen Staaten mit einer unverhältnismässigen 
Vergrösserung der Geschützanzahl bald folgen würden und das Macht- 
verhältnis doch dasselbe bliebe. Trotzdem hatten sie kein Interesse, 
eine Ausnahme zu bilden. 

Am Anfang unseres Jahrhunderts^) betrugen die Kosten für: KoetenpreiH 

1. eine 12 pfundige Kanone (1000 Küogramm schwer) oesc^iitze 

Kanone mit Lafette und Protze 1320 Thlr. Anfcng 

3 Munitionswagen loO „ iiunderts. 

120 Kugelschuss und 80 Kartätschen ...... 826 „ 

22 Pferde mit Geschirr 1430 „ 

11 Montierungen für die Stückknechte 165 „ 

16 Montierungen für 2 Unteroffiziere und 14 Artille- 
risten ä 12 Thlr 196 „ 

Waffen für diese 16 Mann 96 „ 

6 Zelte mit Zubehör 72 „ 

4285 Thlr. 
Hierzu die Kosten der Reservelafetten, Bordwagen, 
Trainbedienten bei der Batterie etc. auf jedes 

Geschütz verteilt 250 „ 

zusammen . . 4535 Thlr. 

2. eine 6 pfundige Kanone (1200 Pfund schwer) 2680 Thlr. 

3. eine 3 pfundige Kanone (650 Pfund schwer) 1783 llür. 

Die Anschafiungskosten einer 7 pfundigen Haubitze wurden auf 
230f) Thlr. berechnet, es kosteten nämlich: 

das 800 Pfund wiegende Rohr 400 Thlr. 

die Lafette und Protze 280 „ 

2 Munitionswagen 100 „ 

100 schalte Granatschuss 151 ,, 

25 Kartätschenschuss 123 „ 

12 Brand- und Leuchtkugeln 36 „ 

Uebeitrag . . 1090 Thlr. 

«) Scharnhorst: „Handbuch für Offiziere". 1 Thaler = 3 Mark D. K. 



362 TL Taktik der Artillerie. 

Uebertrag , . 1090 Thlr. 

14 angescliin-te Pfei-de 840 „ 

Montiu' fiir 7 Knechte, 105 ^ 

desgl. für 12 Mann Bedienung 144 ^ 

Gewehre für letztere . . , 190 ,. 

zusammen . . 2309 Thlr. 

d«?'°hat!'8 ^'"' ^^'* ^^^ Kjiege.s zwischen den nord- und sUdameiikanischeii 

.nrzek.i« Staaten (1864) kosteten die Kanonen allein:») 

Mrg"W-s. Äimstrong ans Selimiedeeisen lOVi Jioll Dnrchm. 9000 Doli. = 12900Thlr. 
Krnpp ans (inKsstalil ... 9 „ „ 10 125 „ = 14512 „ 
n « » ... 15 „ „ 29400 „ -42170 ,. 

KoBUupnia Der Obetst Otto hat in einer Broschüre nachgewiesen, dass die in 

Kmmm- den FreiheitsJaiegen an Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der 

"it"vtti- Artillerie ansgezahlten Gehälter so viel betragen haben, dass sich der 

heit.irri.iE.lL nachwelslich verfeuerte Schnss auf 30 Thlr. berechnen lässt. Rechnet 

man hierzn noch die Ausrüstung an Material und Pferden, die Verpflegung 

von Mannschaften nnd Pferden, so kostete der Schnss mindestens 

50 Thaler. 

/"«""h"" ^^'^ ^^^ Preise aber weiter .stiegen, macht uns folgender Ver- 

".. neosrer glclch klar:*) 

Ein 27 Oentimet«r (10,6 Zoll) französisches Geschütz kostete 

imi^imi 17100 Francs 

1870 2iJ700 „ 

1870—1881 34000 

1875 107 700 

1881 80000 

Wenn wii' graphisch diese Zahlen daistellen, erhalten wir fol- 
gendes Bild: 



s 10.6-Cfntimft*T-GcsphätKi's 



') "Wille: „Die Ripsen gesch atze". 1870. 

•) Dredge: „Modem Frencli Artillei'j'". London 1892. 



Stückzahl vmd Wert der Geschütze. 363 



Es werden nun Zweifel erhoben, ob die Bereitstellung sogar dieser j^^^'jjj^^jf;^ 
beschränkteren Anzahl von Geschützen möglich sein wird. pieüeranff 

In allen Staaten erfolgt die Kompletierung der Geschütze mit \JLn' 
Mannschaften und Pferden erst während der Mobilisation. Den numeri- K'*««^^*"- 
sehen Unterschied des Friedens- und Kriegsetats wollen wir an einem 
Beispiele erläutern, 

In Frankreich besteht in Friedenszeiten die Korps -Artillerie aus Friedens- 

und 

zwei Regimentern, die eine Brigade von 2600 Mann und 1600 Pferden Kriegseut 
bilden. Nach dem Kriegsetat werden beide Ziffern auf 6000 gebracht. inFmnkrmrh. 
Die Kompletierung der fehlenden Pferde, 4500 Stiick, erfolgt durch 
Requisition; was die Kompletierung der Mannschaftsziffer durch 3500 Mann 
anbetrifft, so stellt neun Zehntel die Reserve der aktiven Armee ; zu dem 
letzten Zehntel werden Handwerker und Sappeurs genommen. 

Es werden also zugeführt beinahe 60% Mannschaften aus der Re- 
serve und auf ein geschultes Pferd werden drei von der Zivilbevölkerung 
entnommen. 

Auf die bei der Mobilisation eintretenden Mannschaften ist nicht ^^^7®'' 
viel zu rechnen. Man wird in den meisten Fällen Leute zur Bedienung die Artillerie, 
heranziehen, die längst das Eingelernte vergessen haben und Mann- 
schaften aufs Pferd setzen müssen, welche von der Sattelung und 
Lenkung nichts verstehen. 

Das bei der Mobilisation der Artillerie nötige Pferdematerial wii'd 
ebenfalls Mängel aufweisen. 

Von je 1000 im Lande vorhandenen Pferden sind für den Krieg Erforder- 

•' ° licliee Pferde- 

ZU nehmen: materialftlr 

in Russland 13 d«» ^^^« 

in den eln- 

„ Frankreich 102 Minen 

„ Italien 100 '''°'""- 

„ Oesterreich 43 

„ Deutschland 111 

Auf den ersten Blick dürfte es scheinen, dass filr keinen Staat 
besondere Schwierigkeiten vorliegen, von je 1000 Pferden etwas über 
100 Pferde für Kriegszwecke zu nehmen. 

Aber das Beispiel Frankreichs im Jahre 1870 liefert den Beweis, 
dass es trotz aller Anstrengungen anstatt 2370 nur 1700 Geschütze 
gegen den Feind zu verwenden gelang, weil statt der erforderlichen 
51 000 Pferde nur 32 000 beschafft werden konnten. 

Der „Schulmeister" wird besonders im Anfange der Kampagne Wichtigkeit 
eine bedeutende Rolle spielen. Je gebildeter, je intelligenter ein Volk in Intelligenz, 
seiner Gesamtheit ist, desto grössere Chancen hat es, für seine Geschütze 
eine bessere Bedienung bei der Mobilisation zu erhalten. Was den 



364 TI- Di» Taktik der ArtUlprie. 

Wert der Geschütze anbetrifft, so wird viel darnber gestritten, welclie 
Staaten die besten und \virksamsten Feldgeschütze besitzen. 
d'^w^ Die dentschen Artilleristen behaupten, dass das deutsche schwere 

iti Feldgeschütz den Leistungen der Geschütze der grösseren Artillerien 
teils gleichsteht, teils überlegen ist. 

Kapitän Moch hält das französische 90-Millimeter-Geschütz fllr das 
mächtigste und die dadurch gegebene Ueberlegenheit für ganz erwiesen. 
Oberst Engelhardt hat dagegen das russische leichte Feldgeschütz 
für das beste erklärt. 

Nach Longridge glauben die Engländer in ihrem 12-Pfünder C/84 
das beste Geschütz der Welt zu besitzen. 

Unwillkürlich wird durch diese Aussprüche, sagt General Müller*), 
der Gedanke an Nathans Erzählung von den drei Ringen wachgerufen, 
das mit der Nutzanwendung schliesst: 

„Es strebe von euch ein Jeder um die Wette, die Kraft des 
Steins in seinem Kinge an den Tag zu legen!" 
Wart Um aber positive Daten zu erlangen, wollen wir den durch General 

"«cfcsSe* Müller aufgestellten Vergleich für den Wert der Shrapnelschüsse an- 

Angenommen, eine deutsche Batterie gebrauche zur Erreichung 
einer bestimmten Wirkung 30 Shrapnelschüsse (240 Kilogi-amm Geschoss- 
gewicht), so würde unter obiger Voraussetzung dazu nötig haben: 

eine russische 10,67-('entimeter-Batterie 24 Schüsse (300 Kilogr.), 

eine französische Batterie 36 Schüsse (312 Kilogramm), 

eine österreichische und eine leichte russische Batterie je 

48 Schüsse (340 Kilogramm), 
eine englische 12pfHndige Batterie C/84 47 Schüsse (2(i7 Kilogi'.). 

v«rgi.t«h Graphisch ausgedrückt, erhalten wir folgendes Bild. 

Nihi«deii«n Anzahl der Schüsse Geschütze Qoscliossgewichtein Eilogranmi 



Vergleich der 'Wirkcingeii von ShrapnelgescliossBii in den verschiedanen 
St««ten für einen gleichen Effekt, 



') „Die Wirkong der Feldgeschütze". 



Trefifeicherheit der deutsehen Shrapnels in Meter. 

13 g schwere Kugel, T^pus vom 11g schwere Kugel, Typua 

Jahre 1882. Entfernung in Meter. vom Jahre 1891. 

400 282 

' t9 



ünfltm M Stttt sei. 



Wirkung des Infanterie- und Artilleriefeuers. 



365 



Wir ersehen aus allem Gesagten, dass als wahi'sclieinlich angenommen 
werden kann, dass die heutigen Feldgeschütze unter normalen und sonst 
gleichen Verhältnissen zur EiTeichung einer gleichen Wirkung annähernd 
denselben Werth haben. 



2. Vergleich der Wirkung des lufaiiterie- 

uud Artilleriefeuers. 

Die vernichtende Wirkung der Artilleriegeschosse erhellt am besten 
aus dem Vergleich der Ziifer der durch Geschütz- und durch Gewelurfeuer 
getroffenen Mannschaften. Versuche zur Erlangung von diesbezüglichen 
Ergebnissen sind in Frankreich (bei Chalons) und in der Schweiz gemacht 
worden, wobei man in der Schweiz die verheerende Kraft der Granate 
gleich 100 Schüssen aus dem Gras-Gewehr Mod. 1874 gemessen hat. Als 
Ziel diente eine Front, welche einer Infanterie -Kompagnie entsprach. 
Die Versuche haben ergeben, dass bei Distanzen von mehr als 1000 Meter 
ein einziger Kanonenschuss wirksamer ist als 100 Gewehrschüsse. 

Auch hinsichtlich der Trefiweite und Ti^efisicherheit haben die 
Geschütze einen Vorzug vor den Gewehren. 

Der Unterschied zwischen der Entfernung, auf welche 90 Milli- 
meter-Geschütze (7000 Meter) und 155 Millimeter-Geschütze (9500 Meter), 
und der, auf welche mit gewöhnlichem Salpeterpulver geladene Gewehre 
treffen, ist graphisch durch folgende Zeichnung ausgedrückt, die wir 
dem bekannten Werk von Omega: „L'art de combattre'* entlehnen. 



Versuche mit 

der Wirkung 

derArtillerie- 

geschosse. 



Vergleich 

derTreffweite 

der Geschütze 

o. Gewehre 

(DietanK). 




90-Mlllimeter-Ge8chütz. 



9S00 

166-Uilliinetor-Geschütz. 



Vergleich der Treffweite der Geschütze und Gewehre. 



Die Treffweite kann übrigens nur dann wirklichen Wert vergleich 

° der Troff- 

beanspruchen, wenn sich dabei nicht der andere Vorzug des »Schiessens: Sicherheit 

j«^m/r'i i^'i. «ji der(i08chütze 

die Treffsicherheit, vermindert. und Gewehr«. 



366 



VI. Taktik der Artillerie. 



Die Wirksamkeit sowohl des Artillerie- wie des Gewehrfeuers wird 
am besten durch die Flachbahnfähigkeit des Geschosses dargethan, von 
welcher die Grösse des bestrichenen Raumes abhängt, d. h. jenes Teils der 
Schusslinie, auf welcher das Geschoss in M^nneshöhe sich bewegt. Die 
bestrichene Strecke beträgt für die Flugbahn eines Kanonen-Geschosses, 
welches auf 1800 Meter Entfernung vom Ziele, unter Anwendung des 
gewöhnlichen Pulvers abgefeuert wird, 24 Meter, während sie für das 
Geschoss eines Nicht -Kleinkaliber -Gewehres nur 5 Meter beträgt; beim 
Artilleriefeuer beginnt ein so gering bestrichener Raum erst beim Schiessen 
von 4600 Meter Distanz an. 

Hieraus folgt, dass der Kanonenschuss eine weit grössere Treff- 
sicherheit hat. 

Die nachstehende Zeichnung aus demselben Werke von Om6ga 
illustriert diese im Vergleich zum Gewehrschuss grössere Treffsicherheit 
des Kanonenschusses. Für den Gewelu'schuss liegt schon bei einer 
Entferaung von 2400 Metern die Wahrscheinlichkeit einer weit grösseren 
Abweichung vom Ziele vor als dies bei Kanonen-Geschossen auf 4000 imd 
selbst auf 7000 Meter der Fall zu sein pflegt. 

Ueberhaupt ist die wahrscheinliche Abweichung vom Ziel beim 
Schiessen aus Geschützen sehr gering. Für eine Entfernung von 
1000 Metern übersteigt sie beim Schiessen aus 90 Millimeter-Kanonen 
nach der Seite nicht 70 Centimeter und nach der Höhe nur 9 Meter, bei 
einer Entfernung von 7000 Metern nicht 9,30 Meter seitwärts und 24 Meter 
in der Zielhöhe. 



Gewehnchnis. 



KanouenscIiBss. 




Vergleich der Treffsicherheit der Artillerie- und Gewehrschüsse. 



Kampfwort Ocsterreichische Schiessversuche bei Brück 1886, welche zum Zwecke 

einer Batterie 

und des Vergleiches der Wirkungen einer schweren Feldbatterie zu 8 Ge- 

Konipagnie. g^^jj^^^eu uud einer sehr gut ausgebildeten Jäger-Kompagnie von 210 Mann 

veranstaltet wurden, ergaben bei einer Entfernung von 750, 1135 bezw. 



Wirkung des Infantei'ie- und Ai'tilleriefeuers. 



367 



1500 Metern und bei 460 Figuren das folgende auf nachstehender Tabelle 
gezeigte Resultat: 





Ent- 




Treffer 


Ge- 


Feuer 


fernung 


Verf eu e rt 


in 


troffene 




Meter 




Summa 


Figuren 




750 


112 Granaten 


820 


333 


der Batterie 


1125 


4 Granaten 


1256 


367 


< 
je 6 Minuten lang 




78 Shrapnels 






«j ^ 


1500 


4 Granaten 
66 Shrapnels 


462 


204 


der Jäger-Kompagnie 1 
je 3 Minuten lang | 


750 


3011 Geschosse 


315 


174 


1125 


1722 Geschosse 


132 


93 



Wenn wii' diese Verhältnisse grapliisch darstellen, erhalten wir 



folgendes Bild. 



8 Geschütze 
in 6 Minuten 



Distanz 
Meter 



210 Gewehre 
in 3 Minuten 



333 



367 



204 




750 



Wk 



174 



1125 






93 



1500 



Vergleich der "Wirkungen von 8 Geschützen mit der von 210 Gewehren, 
ausgedrückt in der Anzahl der getroffenen Figuren. 



Was die Vergleichsversuche bezüglich der Schusswirkung der bis '^^J»^»«? 
Ende der 80 er Jahre gebräuchlichen Gewehre, mit Geschossgeschwindig- vergieich»- 
keiten von etwa 450 Metern gegenüber der Artillerie bei etwa gleicher ,wi^"en g«- 
Entfernung anbetrifft, so können folgende Sätze aufgestellt werden. ö!^^r^ 

Schon auf 1000 bis 1100 Meter verspricht eine Feldbatterie so viel Endender 
Wirkung, wie ein Bataillon von 1000 Gewehren. f_!'''f?.'!^*" 

Eine kriegsstarke Kompagnie kann aber auf Entfernungen von ®®^®^'«- 
1000 bis 1200 Meter eine Batterie verhältnismässig schnell zum Schweigen 
bringen und unter besonders günstigen Umständen auch noch auf 
1400 Meter gute Wirkung erreichen, wenn ihr die Entfernungen bekannt 
sind und sie nicht durch gegnerisches Infanterie- oder Ai'tiUeriefeuer 
behindert wird. Die Artillerie wird demnach Entfernungen unter 
1000 Meter im allgemeinen vermeiden müssen. 



368 



VI. Taktik der Artillerie. 



Ver- 

Bchiebang 
dor Verhält- 
nisse 

zwischen 
Geschtitz and 

Gewehr 

durch Ein- 

fflhrang des 

S-Millimeter- 

Kalibers. 



Ver- 
besHerungen 

in der 
Granaten- 
konstraktion. 



Das deutsche Reglement sagt: „Im Gefechte gegen Artillerie ist zu 
beachten, dass dieser Waffe die Ueberlegenheit des Feuers auf weiten 
Entfernungen beiwohnt. Erst von 1000 Meter an gleicht sich das Ver- 
hältnis aus; auf nähere Entfernungen gewinnt die Infanterie die Ueber- 
legenheit." 

Nach der Schiessvorschrift von 1887 sollte auf Entfernungen über 
800 Meter nur ausnahmsweise gegen Ziele von grosser Ausdehnung ge- 
schossen werden. 

Die dargelegten, zwischen Gewehr und Geschütz bestehenden Ver- 
hältnisse wurden durch die Annahme der Gewehre von 8 -Millimeter 
Kaliber mit Geschossgeschwindigkeiten von mehr als 600 Metern zu 
Gunsten dieser Gewehre verschoben. 

Zur Klarlegung der Sachlage haben in vielen Armeen wieder Ver- 
gleichsversuche zwischen Geschütz und Gewehr stattgefunden, und es 
kann angenommen werden, sagt General Müller i), dass der Bereich der 
Gewehrwirkung um 200 bis 300 Meter erweitert worden ist, während fiir 
die Artillerie die Grenze des Vorgehens gegen Infanterie um das gleiche 
Maass eingeschränkt, also auf 1200 bis 1300 Meter festgesetzt werden 
muss. Die Bedingungen und Verhältnisse, unter denen im Ernstfalle 
gefeuert wird, werden eine Verminderung dieser Zahlen herbeiführen. 

Welche Bedeutung aber die Verschiebung der Verhältnisse zwischen 
Gewehr und Geschütz haben wird, wird uns klar werden, wenn wir uns 
die Wirkung der Artilleriegeschosse näher ansehen. 

Die bei der Konstruktion der Granaten ausgeführten Verbesserungen, 
welche wir angedeutet haben, sind so grossartig, dass alle Vergleiche 
mit den entsprechenden Geschossarten, welche in den früheren Kriegen 
angewendet worden, unhaltbar sind. 

Langlois^) giebt, um den Unterschied zu vergegenwärtigen, folgende 
Zusammenstellung : 

Im Jahre 1870 zersprangen die Granaten je nach ihrer Art in 
19 bis 30 Stücke, gegenwärtig zerspringen sie mindestens in 27, höchstens 
in 240 Stücke. 



Mindestens 



27 






1870 



1891 



Höchstens 



»i« 4*1* 



tutim 



11«: S:ti:t:i::!5««i:::5:itt;:::!tt}!:!l:::i:::!:J5«:::::!: 



240 



Vergleich des Zerspringens der Granaten nach der Anzahl der Sprengstücke. 



„Die Wirkung der Feldgeschütze". 
') „Artillerie de campagne". Paris 1892. 





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Einfagen bei Seite 869. 



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Wirkung des Artillerie- und Gewehrfeuers. 



369 



Um aber die Bedeutung der stattgefundenen Veränderungen zu be- 
greifen, müssen wir die Grundrisse und Trefferberge der Flächen, welche 
durch Granatschttsse getrofl'en werden, veranschaulichen. 

Folgendes Bild zeigt uns die Wii'kung von je drei Schüssen aus Wirkung 
8,4-Centimeter-Geschützen auf 2000 Meter gegen 3 Scheiben. 8,4-centi- 

meter- 
Oesehütee. 



SifA. Ckü' B^^cm. ^CAHAbcA^^M*. 




9000 /MV 




Wir ersehen schon aus diesem Bilde, wie ungleichmässig die Treffer- T"ffer- 
Verteilung stattfindet. Zur besseren Veranschaulichung geben wir den 
Durchschnitt von 2 Scheiben 1,8 Meter hoch, 20 Meter Abstand, auf 
welche von einer Entfernung von 800 Metern aus 6-Centimeter-Geschützen 
IB Einggranat-Schüsse abgefeuert wurden. •'^) 



^&H9tv icX>4AJb4A/\, \im, Aocik/, 20m^ £l^o{cuu). 







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10 



Auch bei einer grösseren Anzahl von Schüssen bleibt die Verteilung 
der Treffer eine ungleichmässige, wie das Bild in der Beilage, welches 
die Wirkung von 40 Schüssen mit Doppelwand -Granaten aus neuen 



*) Müller: „Wirkung der Feldgeschütze". 

Bloch, Der sakfinftige Krieg. 



24 



370 VL Taktik der Artillerie. 

östeiTeichischen 8,7-Centimeter-FeldJcaEoneE gegen drei 1,8 Meter hohe 
Scheiben anf 2000 Meter Entfenmng veranschaulicht. 
wiikDBt itt Da im künftigen Kriege statt Granaten hauptsächlich Shrapnels znr 

Verwendung kommen werden, so müssen wir ans ihre Wirkung etwas 
näher ansehen. Wir haben schon erklärt, dass feindliche Truppen 
am ergiebigsten durch kleine Sprengstücke und Kugeln ausser Gefecht 
gesetzt werden, welche sich nach dem Sprengen des Geschosses zer- 
streuen. Für diesen Zweck sind speziell die Shrapnels bestimmt. 

Um die bevorstehenden Neuernngen benrteüen zu kfinnen, muss 
man sich über die Wirkung der Granate und des Shrapnels klar sein, 
wie beide Geschosse zerspringen und mit Sprengstücken nnd Kugeln 
einen Raum überschütten. 
^nM*' ^'^ *°^ ^^'^ „Waffenlehre"*) entlehnten Zeichnungen stellen dar: 

oiuuien- erstere die Explosion der Granate nach dem Aufschlagen auf dem Erd- 
Eijioidm. jjjj^jgj^ yjj^ ^jg Streuung der Sprengstücke, die zweite den Explosions- 
bereich der Shrapnels. 




n der Granfite und AusHtreuung ihrer Splitter. 



Explocionsbereic^li der Shrapnels. 



Die Granatstücke streuen kegelartig, unter einem Winkel von 
60 bis 90 Grad, je nach der Kraft der Ladung und der Umdrehungs- 
geschwindigkeit der Granate im Verhältnis zu der Endgeschwindigkeit 
ihres Fluges. 
^ufd""" ^^ Streuwirkung des Shrapnels macht eine Zeichnung aus dem 

siinpui- Werke des Oberst Marcillon^) klar, die nachstehend die Streuung von 

*) Berlin 1891. 

') „Modificationn h appoiter h. la tactique de rartillerie." 



Wirkung des Artillerie- und Gewehrfeuera. 



Kugeln und Sprengteüen der Shrapnels, welche ans einer Entfernung von 
2000 Metern abgefenert sind, veranschanlicht. 




Trefffläche bei der Shrapnel-Expli 



Wir sehen, dass das Shrapnel sich zerteilt, nachdem es 30 Meter vom 
Sprengpunkt durchmessen hat; bei 52 Meter ist die Ansbreitnng seiner 
Kugeln uud Sprengstiicke noch nicht gross, bei 160 Meter ist deren Aus- 
breitung aber bereit« eine solche, dass die AVirkung des Shrapnels seiner 
Bestimmung entspriclit. 

Die bestrichenen BodenÜilchen werden bei den Shrapnels mit voUer " 
Spreiiggarbe als ganz geschlossen angenommen nnd zugleich in acht 
einzelne Zonen zerlegt, wie Fig. 1 zeigt. 



Die bestiichene Flache des Shrapnels mit hohlem Kegel wird etwa, 
wie in Fig. 2 angenommen und ui sechs Zonen geteilt 




372 



VI. Taktik der Artillerie. 



Der „Wert der Gefahr" wird für eine Zielhöhe von 1 Meter nach 

einer besonderen Methode, und zwar für jede der oben bezeichneten 

Zonen besonders, berechnet. 

Geföhrdete ^g Wcrtc für die gesamte gefährdete Zone, welche die Zerstömngs- 

bei ver- kraft odcr den absoluten Wert des Shrapnels darstellen , werden be- 

Ent- iCt-llllot. 
fernnngeu. 





Für die Entfernung von 




1500 m 


2500 m 


3500 m 


4500 m 


Für die vollen Shrapnels 
Für die hohlen Shrapnels 


3387 
1616 


1779 
953 


1147 
964 


757 
864 



Die vollen Shrapnels sollen demnach auf kleine Entfernungen den 
hohlen enorm überlegen sein; auf etwa 4000 Meter scheinen beide in 
Bezug auf Zahl der Treffer ziemlich gleich zu stehen. 

Vergleiche der Spuren von 1000 Gewehrkugeln, welche von Schützen 
in Bataillonsfront abgefeuert sind, mit der Wirkung der Shrapnels haben 
gezeigt, dass ein einziges Shrapnel einen Raum von doppelter Länge und 
dabei nicht geringerer Breite beherrscht. Die Versuche haben weiter 
ergeben, dass diese Geschosse jetzt eine Streuung von 800 Metern Länge 
und 400 Metern Breite erreichen. 
streuuug»- Auf dcr nachsteheudeu Zeichnung ist der Streuungskegel eines 

shrapneiB. Sbrapucls dargcstcllt, wie solcher 1879 in Calais an der sandigen Meeres- 
küste beim Schiessen aus einem 9-Centimeter-Geschfitz beobachtet wurde, 
wobei jedes Quadrat der Zeichnung 100 Meter Seitenlänge vorstellt. 



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Streuung eines Shrapnels auf dem Sande. 



Grundrisse Die Wirkuug der Shrapnels wird uns aber noch klarer werden aus 

Streugarben, folgcndeu Büdem, welche die Grundrisse der durch die Streugarben 



4. 



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4^ 




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Eänfftiran bei Seite 87S. 



Wirkung des Artillerie- ood Gewehrfeuers. 373 

getrofienen und gefährdeten Flächen durch ein einziges 8,4-Centuneter- 
ROhren-Shrapnel (Fig. 1) nnd durch ein Bodenkammer -Shrapnel (Fig. 2) 
darstellen. 



Die Wirknng von 8 Schüssen mit 7^-Centimeter-Bodenkammer- 
Sbrapnels anf 2000 Meter gegen drei Scheiben, Infanterieziele darstellend, 
zeigt nns das Bild in der Beilage. 

Eine natürliche Folge dieser Strenni^ von Kugeln and Sprenpr- ^J^"^ 
stücken ist eine verhältnismässige Herabsetzung ihrer Durchschlagskraft, ftiiigk.it der 
in Folge dessen Shrapnels auch nur gegen Tnippenkörper zni- Ver- aoTgig^l 
Wendung kommen. In einer gewissen Höhe explodierend und dem- \"J'^" 
nach von Terrainunebenheiten unabhängig, ist das Shrapnel ans grosser 
wie kürzerer Entfernung gleich wirksam, wenn nur eine genügende 
Triebkraft der Sprengstücke erhalten bleibt, um Leute nnd Pferde so zu 
trefien, dass sie aus der Front ausscheiden müssen. 

Wir haben schon betont, dass die Anfangsgeschwindigkeit der Ge- j^,' AnSi''. 
Schosse gegenwärtig die Grundlage für die Bestimmung des Wertes der gwi*.rii.dig- 
Handfeuerwaffe abgiebt, da von ihr die Neigung der Flugbahn und die aJ.\om. 
Durchschlagskraft abhängt. 

Dasselbe gilt auch bis zu einem gewissen Grade von der Anfangs- 
geschwindigkeit der Artillerie-Geschosse, denn ihre Kraft zu verwunden 
hängt hauptsächlich von der Fluggeschwindigkeit ab, welche das Geschoss 
im Moment der Explosion noch besitzt. Es kann nicht bezweifelt werden, 
dass die Artillerie-Technik ohne Zögern ans dem rauchschwachen Pnlver 
Nutzen ziehen wird, da es eine 3 — 4 mal grössere Sprengkraft besitzt 
als das gewöhnliche Pulver. 



374 VI. Taktik der Artillerie. 



Bedeatung Und in dcF That wird zum Forttreiben der Geschosse rauchschwaches 

der Spreng^- 

kpaft der Pulvcr angewandt, während Granaten und Shrapnels nicht mit Pulver^ 
^xlT sondern mit Melinit oder Sprengbaumwolle geladen werden, in Folge 
dessen die Geschosse, wie in Deutschland stattgefundene Versuche zeigen, 
in eine weit grössere Anzahl von Stücken zersprengt werden, so dass 
dasselbe Geschoss, welches bei gewöhnlichem Pulver 37 Stücke 
gab, jetzt deren bis 800 giebt. Eine gusseiserne Bombe von 
37 Kilogramm Gewicht, die mit Pulver geladen ist, explodiert 
in 42 Teile, bei der Ladung mit Sprengbaumwolle dagegen in 
1204 Stücke.6) 

Vergleich Pulver Pyroxüin 

der Spreng- 

krait 
der Pulver- 37 



u. Pyroxilin- 
ladung. 



42 



Bomben 



Shrapnels MHlllmjItnllil i iilllliliitl^ I90A 



Vergleich der Zahl der Sprengstücke bei der Ladung mit Pulver und mit 

Pyroxilin. 

Hierbei fragt es sich jedoch, ob die Sprengpartikel bei einer so 
weitgehenden Zerstückelung des Geschosses noch die genügende Kraft 
entwickeln werden, den Gegner zu verwunden? 
Notwendige Profcssor Lauglois hat berechnet, dass eine Kugel aus einem 

Minimal- 

geachwindig- artilleristischen Sprenggeschoss, um den Soldaten sogleich kampfunfähig 

d. Geechosee, ZU machcu, ciuc Miiümalgeschwindigkeit des Fluges von 77 Metern in der 

um Mann- Sekuude für die Bleikugel von 15 Gramm haben muss, während für die 

scharten and ^ ' 

Pferde Stahlkugcl vou 10,6 Gramm (welche dabei die gleiche Grösse hat wie die 
setzen. Blcikugcl) die Minimalgeschwindigkeit nicht weniger als 91 Meter in der 



zn 



Sekunde betragen darf. Um ein Pferd ausser Dienst zu setzen, muss 
die Minimalgeschwindigkeit 166 resp. 175 Meter betragen. Es ist be- 
greiflich, dass das Anprallen des Geschosses um so kräftiger sein wii-d, 
je bedeutender die Triebkraft (Wirkung der Ladung) d. h. je bedeutender 
die Anfangsgeschwindigkeit ist. 
Steigerang ßeim ScMesseu selbst von 3000 -Meter -Distanz mit den jetzigen 

der Kraft. '' ^ 

Geschossen, die eine Anfangsgeschwindigkeit von ca. 640 Meter haben, 
beträgt die Anschlagskraft noch immer 260 Meter, so dass demnach die 
von Bomben und Granaten selbst von mehr als 30(X)-Meter-Distanz aus- 
gestreuten Kugeln noch Menschen und Pferde töten werden. Auch ist 
zu bemerken, dass jetzt die Anfangsgeschwindigkeit der (Geschosse 
bereits 8(X) Meter erreicht, demnach also im künftigen Kriege noch über- 
raschendere Resultate zu erwarten sein werden. Was den Flug der 
Sprengstücke und Kugeln betriflFt, die nach Zerspringen des Geschosses 

^) Langlois: „Artillerie de ciiinpagne." 



"Wirkung des ArtOlerie- und Gewehrfeuers. 375 



ausgestreut werden, so sind sie nicht nor in der Nähe der Explosionsstelle 
wirksam, sondern fliegen und treflFen bei der nunmehrigen Anfangs- 
geschwindigkeit auf EntfeiTiungen von 200 Metern von dem Sprengpunkt 
und darüber. 

Es war für die Beurteilung des zukünftigen Krieges von besonderer Materielle 
Wichtigkeit, dass wir uns die Grösse der Fläche verdeutlicht haben, welche wirknngen 
von den Artillerie-Geschossen bestrichen werden wird, da wir uns in der gescwr 
Folge häufig nicht nur auf den Unterschied in den materiellen Ver- 
wüstungen berufen werden, welche die Geschosse künftig im Vergleich 
zu früher im Gebiet des von ihnen beherrschten Raumes hervorbringen 
werden, sondern auch auf die moralische Wirkung, welche demnächst 
durch die Geschosswirkung auf die Truppen ausgeübt werden muss. 

Ausserdem aber kommt noch der Umstand in Betracht, dass bei st"»"«"^^- 
der gegenwärtigen zerstreuten Kampfordnung die Wirkung der Geschosse 
ganz von ihrer Streuung abhängig sein wird. Es können Lagen vor- 
kommen, wo beim Angrifi derartige Verluste entstehen können, dass die 
Nerven der Stürmenden sie nicht ertragen werden. 

General Müller giebt uns folgende Erfahrungssätze für die Wirkung 
der gebräuchlichen Geschosse. 

Beim Schiessen mit 8,7-Centimeter-Granaten gegen eine Kompagnie ^||j['2^f " 
ist die Zahl der getroftenen Mannsbreiten nachstehende: Auf 1150 bisaie wijknng 
1500 Meter sind durch 20 Granatschüsse ausser Gefecht gesetzt im Mittel oxaDrten. 

Ve Ms Vs der Zahl der liegenden Schützen, 

i/ö bis V4 V der knieenden Schützen, 

% n der stehenden Schützen, 

V2 n des stehenden Soutiens, 

V7 bis Ve n des stehenden Gros. 

Auf 2400 Meter sind durch 28 Schüsse ausser Gefecht gesetzt : 

^/7 der Mannsbreiten der stehenden Schützen, 
V? n n des „ Soutiens. 

Da die Trefipunkte meist hinter der Schützenlinie lagen, wurde die 
Wirkung gegen die Soutiens wesentlich gesteigert, so dass auf 1100 bis 
1500 Meter von der ganzen Zahl der liegenden, der knieenden Schützen 
und der Mannsbreiten des Soutiens durch 20 Schüsse etwa »/g ausser 
Gefecht gesetzt worden sind. 

Es lässt sich annehmen, dass bei zweckmässiger Feuereinteilung die 
ganze Schützenlinie und das Soutien auf 1100 bis 1500 Meter durch etwa 
40 Schüsse, auf 2400 Meter durch 36 bis 40 Schüsse ausser Gefecht gesetzt 
worden wären. Diese Zahlen, bemerkt General Müller, haben aber nur 



376 



VL Taktik der Artillerie. 



bedingte Gültigkeit, denn sie hängen natürlich durchaus von dem mehr 
oder minder genauen Einschiessen ab. 
Erfahnings- \yas die Erfahmngssätze für den Shrapnelschuss betrifft, so lassen 

shnipneiB. sich uach Greneral Müller aus Versuchen, die mit 30 bis 36 Meter langen, 
1,7 Meter hohen, in je 20 Meter Abstand aufgestellten Scheiben angestellt 
wurden, für den einzelnen Schuss folgende Mittelzahlen ableiten, die den 
Prozentsatz der scharf treffenden Sprengteüe und die getroffenen Manns- 
breiten bezeichnen: 



Wirkung 

einer 

Batterie 

gegen 

Sohfltzen- 

linien. 



Entfernung 



Meter 



1500 
2000 
2500 



Scharf treffende 

Sprengteile auf der 

ersten Scheibe 



19 0/0 

11 o/o 
6 bis 8 o/o 



Getroffene Mannsbreiten auf der 

ersten bis dritten 
Scheibe 



ersten Scheibe 



14 bis 18 
14 bis 18 
10 bis 14 



40 bis 48 
38 bis 44 
30 bis 36 



Auf 3000 Meter Entfernung und darüber nimmt der Prozentsatz an 
matten Treffern stark zu, ein Beweis, dass die den Sprengteüen im 
Sprengpunkt gegebene höhere Geschwindigkeit bald unter das erforder- 
liche Maass herabsinkt. 

General Rohne giebt folgende Berechnung der Wirkung einer 
Batterie gegen Schützenlinien, wobei die Dauer des Einschiessens auf 
1/2 Minute und die Feuergeschwindigkeit auf 10 Schuss in der Minute 
angenommen wurde. '^) 





Ent- 
fernung 


Zeit 


Stärke der beschossenen Schützenlinie. 




80 Schützen 


120 Schützen 


160 Schützen 


Ziel 




Ge- 




Ge- 




Ge- 








Treffer 


troffene 
Figuren 


Treffer 


troffene 
Figuren 


Treffer 


troffene 
Figuren 




Meter 


Minuten 




Prosent 




Prozent 




Prozent 




800 


2V2 


45 


43 


45 


31 


1 

i 45 


24 


Brustscheibe * 


1000 
1200 


3V> 
5V2 


59 

88 


52 
67 


59 

88 


39 
52 


59 

88 


31 
42 


■ 


1500 


7V> 


112 


75 


112 


60 


112 


50 




800 


2V2 


80 


63 


80 


49 


80 


40 


Rumpf- 


1000 


3V2 


105 


73 


105 


58 


105 


48 


Scheibe 


1200 


5V2 


154 


85 


154 


73 


1 154 


62 


■ 


1500 


7V. 


202 


92 


202 


82 


202 

1 


72 



^) General Rohne : „Beurteilung der Wirkung und über Stellung von Auf- 
gaben beim gefechtsmässigen Schiessen^ im „Militär -Wochenblatt", 1895, 



Treffsicherheit von je 50°:o deutscher Geschütze 

mit Schlagröhre. 
Mot™ i„ M.iT Ziellang. in Mettr. 



13.2 60 



Mit Distanzröhre. 



19.3 



Kraft der modernen G-eschütze. 



377 



Diese Zahlen stammen aas den Schiessergebnlssen der deutschen 
Armee. Selbstverständlich können die Resultate bei den anderen Heeren 
abweichende sein. 

Um die ffi'osse Bedeutung der Ausbildung der Artillerie-Mannschaften Kinflusa dor 

" Ansbildnng 

und der Leitung klar zu legen, wollen wir noch auf folgende Ergebnisse der Mann- 

j -rr 1 n 1 1 . schalten auf 

der Versuche aufmerksam machen: dem schuas. 



Von 100 



Granaten 



Shrapnels 



sind beobachtet Prozent 



richtig 


fraglich 


falsch 


richtig 


fraglich 


falsch 


62,5 


25,6 


8,9 


62,7 


31 


6,3 


69,3 


23,8 


6,9 


63,7 


31,7 


4,6 


79,3 


14 


6,7 


69 


23,7 


7,3 


65,7 


25,5 


•8,8 


55,2 


39,2 


5,2 








Von 100 vor dem Ziele beobachteten 








Shrapnels waren 








richtig 


fraglich 


falsch 








68 


26 


6 






1 


Von 100 hinter dem Ziele beob- 








achteten Shrapnels waren 








richtig 


fraglich 


falsch 






1 
1 


41 


33 


26 



3. Kraft der modernen Geschütze im Vergleich 

zn den früheren Geschützen. 

In den zu Anfang unseres Jahrhunderts geführten Kriegen wurde Treir- 

. -r^ 1 wabrechein- 

angenommen, dass ein 18 Fuss hohes, 24 Fuss breites Rechteck von iichkeit 

1150 MeteiTi Entfernung (1680 Schritt) aus nur von einem Sechstel der d^^j^r-* 

Kugeln mit einiger Wahrscheinlichkeit getroffen werden könnte.^) hunderta. 

Ueber die thatsächlich zu erwartenden Wirkungen des damaligen '^g^jf^^'*' 
eine so hohe Bedeutung habenden Kartätschschusses macht Schamhorst 



*) Scharnhorst. 



378 ^' Taktik der Artillerie. 



folgende Angaben: Wenn man in einem nicht sehr nnebenen Terrain 
gegen eine bietteme Wand mit Kartat^schen feuert, jede Bachse zn 
41 Knireln nnd jede zu soviel Lothen. als die Kanonenkugel Pfunde wiegt, 
m trifft man mit dem 

12-Pffinder auf 750 Meter \ 
6 „ „ eOO „ [ mit ungefähr 7 Kugeln. 

3 „ „ 490 „ I 

Iliese Kugeln treffen zwar die bretteme Wand, aber bei weitem 
nicht die Hälfte dringt durch die 19.7 bis 26,2 Millimeter starken Bretter 
von Tannen- oder Fichtenholz; die übrigen haben zum Teil nicht soviel 
Kraft, dass sie noch eindringen, sie können daher nur Kontusionen ver- 
ursachen. 

£ine Infanterielinie ist ungefähr 1,9 Meter hoch, und 6s würden sie 
also bei der oben erwähnten Entfernung nur BV4 Kugeln treffen. 

Dies ist der Effekt in nicht ganz unebenem Terrain; in sehr 
unelienem ist er dagegen noch weit geringer, und mehrere Versuche 
haben den Verfasser überzeugt, dass, wo wegen Unebenheiten des Terrains 
kein Eicochettieren der Kugeln stattfand, nur die Hälfte der Kugel- 
anzahl in die Wand eindrang. Dagegen ist die Wirkung aber auch auf 
völlig ebenem und hartem Boden wieder bedeutend grösser. 

Hierbei ist übrigens nun noch vorausgesetzt, dass jedesmal die zu 

der Distanz passende höhere Richtung gewählt ist; wird diese verfehlt, 

so ist auch natürlich die Wirkung um Vieles geringer. 

/leriBge Die thatsächliche Wirkung der Hauptgeschosse der heutigen Feld- 

d«r««ciio»-geschtitze, der Granaten und Shrapnels, hat ebenfalls den Streugeschoss- 

i. Krii"u>ir. Charakter. Wir werden aber bald sehen, wie gross die Unterschiede sind. 2) 

Die im Krimkriege in Gebrauch gewesenen glatten Geschütze waren 
in ihren Leistungen den zu Anfang des Jahrhunderts gebrauchten wenig 
überlegen. 

Das Aufgeben der Tiefengefechtsstellungen hatte den Wert der 
Vollkugeln bedeutend herabgesetzt, die Steigerung der Kartätschen und 
Shrapnelwirkungen blieb aber immer noch eine unbedeutende. 

Die schon nach den Erfahrungen des Krimkrieges gebauten glatten 

Geschütze lieferten ebenfalls wenig befriedigende Resultate. 

Wenig bo- Die bei den Schiessübungen der österreichischen Truppen in den 

Kasiütato Jahren 185f) und 1857 gegen 2,7 Meter hohe, 36 Meter lange, in Abständen 

Erfahrenden ^^'^ ^"^»^ Mctem aufgestellten Scheiben erreichten Trefferzahlen für den 

t**! ^^chiiss mit Shrapnels mit tempierbarem Zünder waren folgende: 

(pebiDten . -- ._ 

glatten (le- 

•chatt«. ') Müller: „Die Wirkung der Feldgeschütze". 



Kraft der modernen Geschütze. 379 



Entfernung 

H«tM 


6-Pfnnder 


leichter 
12-Pfünder 


leichte schwere 
Haubitze 


450 bis 600 


26 bis 30 


90 bis 100 


130 bis 150 


150 bis 160 


675 „ 750 


20 „ 24 


80 „ 90 


80 „ 100 


130 „ 140 


876 „ 900 


16 „ 20 




50 „ 70 


110 „ 130 


900 „ 1050 




60 bis 70 




90 „ 100 


1126 „ 1200 




20 . 40 




70 „ 80 



In den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts, betrug die Anzahl 
TreflFer in eine 6 Fuss hohe und 90 Fuss breite Bretterwand von 
100 vSchüssen auf 1100 Meter (1600 Schritt) im Bogenschuss bei der 
6pfundigen Kanone nur 16. Der Rollschuss sogar konnte nur auf nicht 
mehr als 1360 Meter (1800 Schritt) abgegeben werden. Mit Shrapnels gegen 
9 Fuss hohe und 90 Fuss breite Bretterwände konnte man auf 730 Meter 
(1000 Schritt) aus dem Gpfündigen Feldgeschütz nur 16 ausser Gefecht 
setzende Treffer von einem Schuss erhalten. Ueber 900 Meter (1200 Schritt) 
waren die Shrapnels des 12 pfundigen Feldgeschfitzes schon zu wenig 
ergiebig, da nur 28 ausser Gefecht setzende Treffer von einem Schuss 
erzielt wurden. ») 

Mit der Einführung der gezogenen Geschütze hat sich aber die Fortschritt 

durch 

Sachlage verändert. Einführung 

gezogener 

Gegen ein Rechteck von 30 resp. 60 Schritt wurden Treffer erzielt oeschütie. 
bei einer Entfernung von 1600 Metern (2000 Schritt) aus einer schweren 
16 Centimeter-Granatkanone — glattes Geschütz 13 %, gezogenes 77 %. 
Also die Trefffähigkeit .vergrösserte sich 6 Mal. 4) 

Nach den Angaben des Generals Müller lieferten also die Versuche 
mit gezogenen Feldgeschützen bis zum Anfang der 70 er Jahre den 
Beweis, dass die Grenzen der Wirksamkeit der gezogenen Geschütze in 
folgendem Maasse erweitert worden waren. 

Der an die Stelle des Kugelschusses getretene Granatschuss hatte o«»«™! 
die Grenze für die grössten anwendbaren Schussweiten von 1200 Metern die erweiterte 
bis gegen 3000 Meter, die Grenze für die Gebrauchsentfernungen von " Tn *' 
1000 Metern bis auf etwa 1800 bis 1900 Meter, die für die entscheidende S'T^l*" 

' Geechfttxe. 

Wirkung von 600 Metern bis auf etwa 1200 bis 1500 Meter hinaus- 
geschoben. 

Der Shrapnelschuss hatte wegen des nicht länger brennenden 
Zünders etwa 2200 Meter als grösste Schussweite, 1800 Meter als Ge- 



') Abhandlung über das Sohiessen und Werfen von Geschützen, Berlin 1855. 
*) Maudry: „Waffenlehre". 



^ 



880 ^^ Taktik der Artillerie. 



brauchsentfernung und 1500 Meter als obere Grenze für die entscheidende 
Wirkung. 

Durch den Granatschuss waren also die grössten anwendbaren 
Schussweiten etwa 2V2 Mal, die Gebrauchsentfemungen beinahe doppelt 
so gross geworden als früher. 

Der Shrapnelschuss hatte seinen Wirkungsbereich auf doppelte 
Entfernung gebracht, und erreichte die früher für die Entscheidung in 
Betracht kommende Kartätschwirkung auf vier- bis fünffacher Entfernung. 

Durch den Wegfall der Vollkugeln wurde die zerstörende Wirkung 
gegen Geschütz- und Wagenmaterial bedeutend herabgedrückt. Schon im 
Kriege 1866 waren die Materiakerstörungen sehr unbedeutend, und im 
Kriege 1870/71 hatte die gesamte preussische Artillerie (1278 Geschütze) 
nur 2 demontierte Rohre, 14 demontierte Lafetten und 7 zerschossene 
Protzen; 11 Protzen flogen in die Luft. 

Der Wert des Kartätschschusses war noch mehr herabgedrückt 
worden; seine Wirkung reichte nur bis 600 Meter, während die der 
Gewehre sich schon auf 600 Meter für die Artillerie sehr empfindlich 
fühlbar machte. 

So war der Verbrauch von Kartätschen im Kriege 1870/71 ver- 
schwindend klein. 

Obschon im Kriege 1870/71 die damals auf der Höhe der Zeit 
stehenden preussischen Geschütze selbst ohne Shrapnels Alles und teil- 
weise sogar mehr geleistet hatten, als man erwartet hatte, wurde nach 
dem Kriege doch noch eine Wirkungssteigerung verlangt. 
Gniwiciceiaucr Es bcgauu eine neue von uns schon in dem Abschnitt „Artillerie- 

dee Geechttt»- ^ ^ 

Wesens Geschütze und -Geschosse" dargestellte Periode in der Entwickelung der 
seit 1870. (jßschütz- und Geschosskonstruktionen. 

Um dem Laien ein konkretes Bild von den erzielten Resultaten 
zu geben, seien ein paar Vergleiche angeführt. 

Wirksamkeit Lauglois stcllt folgcudc Vergleichuug der neuen Feld- Granaten, 

der heoUgen »-»»-*« 

«nd die aus 90 Millimeter - Feldgeschützen abgefeuert werden, mit den 
^*' Frtd*"*" Granaten auf, die im Kriege des Jahres 1870/71 aus den früheren 
gescbfitze. schwersten Geschützen (120 Millimeter) abgefeuert wurden. 

Nehmen wir an, eine Batterie von 90-Millimeter-Geschützen soll 
in eine Wand von 2 Meter Höhe eine Bresche von 20 Meter Breite 
schiessen. 

Eine Batterie solchen Kalibers kann leicht 6 gut gerichtete Schüsse 
in der Minute abgeben; für die gegebene Aufgabe sind demnach 
is8/g = 22 Minuten erforderlich; fügen wir noch 8 Minuten für das Richten 






Kraft der modernen Greschütze. 



381 



hinzu, so kann die Bresche in Vs Stande gelegt sein, wozu gegen 
150 Schüsse erforderlich sein werden. 



Oniwien nit 

Kageln des 

00-Millimeter- 

Kalibera 



Frflliera 
gewöhnUche Gnoaten 

▼om 
la-Centimater-Kaliber 



Wahrscheinliche Höhenabweichung . . . 

Faktoren der Wahrscheinlichkeit des Treffens 

Wahrscheinlichkeit, die Wand zu treffen . 

Zahl der Schüsse für die Einschiessung . . 

Zahl der Schüsse nach Verbesserung der 
Richtung 

Gewicht der abgefeuerten Geschosse (Kilo- 
gramm) 

Zahl der geleerten Munitionswagen . . . 

Erforderliche Zeit nach Verbessserung der 
Richtung 



1,60 
0,62 
0,30 
28 

130 

1104 
2 

23 Min. 



5,00 

0,20 

0,10 

40 

280 

3360 
6 

1 Std. 33 Min. 



Die Betrachtung dieser Tabelle — fügt Langlois hinzu — zeigt, 
welches Interesse diese Angaben im taktischen Sinne haben. 

Wenn wir sie graphisch ausdrücken, so erhalten wir folgendes G"pfc"ciier 
Besultat: 



I 



Frühere Geschütze. 



Heutige Geschütze. 





Höhenab we ichaog. 




0.10 



m 



il 



Wahrscheinlichkeit, 
die Wand za treffen. 









O^Q 



Wirksamkeit 
der heutigen 

und 
der früheren 
Feld- 
geschütze 
beim Bresche- 
Bchiessen. 



6 



I 



93 




40 I 








li 




Zahl der Schüsse für 
die Einschlesaang. 



Zahl der Schüsse naoh 
Terbeeeerter Biehtnng. 



Gewicht d. abgefeaeri.! 
Geschosse i.Kilo-Tans. 



Zahl der geleerten 
Mnnitiona wagen. 



!NaohVerbe88.d. Rieht 
erforderl. Zeit in Min.' 



{28 




Fwmi 






u 





Ergebnisse zur vergleichenden Bestimmung der Wirksamkeit der heutigen und der 
früheren Feldgeschütze zur Legung einer Bresche von 20 Meter Breite in eine Wand 

von 2 Meter Höhe. 



382 VI. Taktik der Artillerie. 



Wir sehen, dass dort, wo früher ein Aufwand von 6 Munitions- 
wagen mit Geschossen erforderlich war, jetzt deren 2 genügen und dass 
für die einzelnen Thätigkeiten jetzt nur 1/4 der Zeit erforderlich ist, die 
bei den 1870 gebrauchten Geschützen nötig war. Die Treffwahi-schein- 
lichkeit für das Schiessen aus den neuen Geschützen ist 0,30, während 
sie für die alten Geschütze 0,10 betrug, 
ver- ^fl[Q gesagt, ist die Spannung, welche sich bei Entzündung des 

d6B Gewicht. neuen Pulvers entwickelt, dreimal stärker als die frühere. In der Be- 
^ui^i"* fürchtung, dass die Wände des Geschützrohres und des Verschlusses 
'*^»udi-^**' ^^^* genügend stark sein werden, hat man mit Einfuhrung des rauch- 
Dohwachen schwachcu Pulvcrs das Gewicht der Ladung bedeutend vermindert. 

Pulvers. 

In Frankreich z. B. wendet man statt 1900 Gramm des früheren 
Pulvers, 420 Gramm des neuen an.^) Demnach sind augenscheinlich das 
Artillerie-Material, die ganze technische Organisation und selbst die 
Schusstafeln unverändert geblieben, weil Anfangsgeschwindigkeit Rasanz 
und Weite der Flugbahn blieben. 

Anzeichen sprechen jedoch auch dafür, dass vielleicht doch nicht 
Alles unverändert geblieben ist. Der Krieg kann leicht Ileberraschungen 
bringen ! 
Geaerai wiue Der prcussische General Wille ß) sagt hinsichtlich der künftigen Vervoll- 

fiber die 

künftigen kommuungen der Artillerie-Technik etwa Folgendes : „Es ist die Meinung 
kol^aogen Verbreitet, dass die Möglichkeit eine Anfangsgeschwindigkeit der Geschosse 
'"'"'tic'hnit**" ^^^ 800 und 1000 Metern statt der jetzigen von 374 bis 455 Metern 7) 
zu erreichen ein rein theoretischer Wunsch sei. Unlängst noch konnte 
eine solche Meinung als richtig gelten, aber seit Einführung des rauch- 
schwachen Azotpulvers ist die Möglichkeit, diese Geschwindigkeit zu erzielen, 
nicht nur wahrscheinlich, sondern sogar unzweifelhaft, und dies umsomehr, 
als die Herstellung des Azotpulvers sich fast täglich veiTollkommnet." Es 
ist eine nicht mehr zu bezweifelnde Thatsache, dass die Firma Krupp 
für Geschosse von 108 Kilogramm Gewicht eine Anfangsgeschwindigkeit 
von 700 Metern in der Sekunde garantiert, doch besteht auch die Mög- 
lichkeit, eine Schnelligkeit der Geschosse von 800 und von 1000 Metern 
zu erreichen. Sehen wir nun, welchen praktischen Nutzen diese Vervoll- 
kommnung bringen wird. General Wille projektiert die Herstellung von 
7-Centimer-Geschützen und zeigt, dass bei einer Anfangsgeschwindigkeit 
der Geschosse von 800 Metern die Treffweite und Wirksamkeit des Schiessens 



*) Nach anderen Quellen werden anstatt 100 Gewichtseinheiten dos früheren 
Pulvers — 38 des neuen angewandt. 

«) „Das Feldgeschütz der Zukunft." Berlin 1891. 

^) Ardouin-Dumaret: „L'arm^e et la flotte de 1891 a 1892." 



f 



Kraft der modernen Geschütze. 383 

die jetzt erreichten Eesultate bedeutend übertreffen wird. Die Geschosse 
solcher neuen Geschütze werden auf Entfernungen von 3400 bis 6000 Metern 
eine solche Geschwindigkeit besitzen, wie sie jetzt bei Entfernungen von 
nicht mehr als 1000 und 3000 Metern erreicht wird.») General Wille be- 
rechnet, dass die treffbare Fläche sich bei der Anfangsgeschwindigkeit 
von 1000 Meter vergrössert: 

bei der Distanz von 1000 Metern um 210 % 
. „ „ „ 2000 „ „ 1.330/0 

« „ „ „ 3000 „ „ 890/0 

Das Werk des Generals Wüle, dem wii* diese Angaben entlehnen, hat AUpmeiuer 

EiodmcK 

in den Kreisen der ausländischen militärischen Fachkenner einen tiefen der Aaa- 
Eindruck hervorgerufen und Anstoss zu einem Meinungsaustausch gegeben, 'wuu^a!" 
wie er über einen militärischen, speziell artilleristischen Gegenstand kaum 
seines gleichen hat. Das Interesse für diesen so hochwichtigen Gegen- 
stand ist weit über die Fachkreise hinausgedrungen. Die Vergangenheit 
des Generals, seine hohe Stellung, seine grosse Autorität als Militär- 
schriftsteller berechtigen zu der Annahme, dass seine Voraussetzungen 
schwerwiegende Gründe haben. ») Dann aber hat man zu fürchten, 
dass, sobald eine Grossmacht sich zu weitgehenden Veränderungen 
in ihrer Artillerie - Bewaffnung entschliesst, die anderen Staaten ihr 
wohl oder übel werden folgen müssen, was wiederum zu einem gewaltigen 
Anwachsen der Ausgaben für Eüstungszwecke führen und eine fieber- 
hafte Thätigkeit der Erfinder auf dem Gebiet neuer Vervollkommnungen 
hervorrufen wird. 

Schon jetzt erklären manche Militärschrif tsteller, lo) dass der einzige 
Grund für die Unentschlossenheit bezüglich der ümbewaffnung der 
Artillerie nicht die Furcht vor einmaligen ausserordentlichen Ausgaben 
ist, sondern die Sorge, dass die Nachbarstaaten unverzüglich nachfolgen, 
vielleicht sogar noch weitergehende Vervollkommnungen einführen werden. 
Diese Befürchtung führt dazu, dass alle bezüglichen Veränderungen streng 
geheim gehalten werden. 

Früher oder später jedoch wird es glücken, den Vorhang zu lüften ^""®^®" 
und alsdann wird der Wetteifer von Neuem beginnen. Gleichwie man Bevorstehen 
aus einzelnen Erscheinungen eine bevorstehende Umwälzung im Organismus 'miwer** 

bisherigen 
Teohnik. 



^) Die russischen Batteriegeschütze geben eine Anfangsgeschwindigkeit von 
374 Metern, die leichten von 442 Metern, die der reitenden Artillerie von 412 Metern. 

®) Wir bemerken, dass Professor Potozki den Ansichten Wille's zustimmt 
und erklärt, dass die Anfangsgeschwindigkeit des Greschosses bis auf 1000 Meter 
gebracht, d. h. die jetzige fast verdoppelt werden kann. 

***) Capitain Moch: „Notes sur le canon de campagne de Tavenir." Paris 1892. 



384 VL Taktik der ÄrtiUerie. 

vorhersehen kann, so lässt sich aach aas manchen Anzeichen aaf das nahe 
Bevorstehen eines Braches mit der bisherigen Technik schliessen. 

In Deutschland eröffnet der Reichstag immer grössere Kredite fUr 
die Umbewaffnung der Artillerie; ausserdem werden noch BeiUrchtungen 
laut, dass die Regierung ffir diesen Zweck auch andere ihr zur Verltlgang 
stehende Mittel verwendet. Femer verlautet aus der Fachpresse, dass in 
Deutschland für die neuen Kmpp-Oeschütze Roburit-Ladungen eingeführt 
werden. 

Endlich haben wir schon wiederholt daran erinnert, dass die mensch- 
liche Erfindungskraft unbegrenzt ist.") 

Von der weiteren Anwendung der Kraft des rauchschwachen 
Pulvers lässt sich vielleicht schon in naher Zeit ein Resultat er- 
warten, wonach alle Mächte genötigt sein weiden, ihren so kostspieligen 



Krapp- ") Als weiterea Beweis wollen wir folgendes aafiihreii: Auf der Auastellung 

In chiago ^'* Chicago befand sich ein Erupp-Ge3chüta, dessen Geschosse, wie die von 
Krupp herausgegebene Broschüre erklärt, Zielobjekte auf 20 Kilometer Diatanz 
zu treffen vermögen. Dieses Geschütz wiegt 3844 Kilogramm und hat einen 
Durchmesser von ca. 35 Centimeter. Zur Ladung mit dem 237 Kilogramm 
w^iegenden Geschoss kommen 126'/i Kilogramm Pulver in Anwendung. („Uevue 
Encyclopödique". 1893.) 
Krapp- Die Krupp'sche Fabrik stellt femer gigantische Kanonen zum Schutz 

"^^^^^'der Elbe-Forts her, Ihre Länge beträgt 14 Meter, das Gewicht einer jeden 
112400 Kilogramm. Das Gewicht des Geschosses ist 1000 Kilogramm, der 
Ladung 410 Kilogramm; die grösste Treffweite beträgt SSÖO Meter bei einer 
Anfangsgeschwindigkeit von 600 Metern. Auf 1000 Meter Distanz durchschlägt 
die Granate eine Fanzerplatte von 100 Centimetem. Dieselbe Fabrik stellt auch 
24-Ceiitimeter- Geschütze her, dadurch bemerkenswert, dass sie auf dem Meppen- 
schon Schiessplatze die Mas im altreff weite von 20 000 Met«m ergeben haben. Das 
Schiessen ging mit Granaten von 215 Kilogramm Gewicht bei einer Lodung von 
llö Kilogramm vor sich. Bei dem Uöhenwinkel von 40'^ war der hiichste Punbt 
der Flugbahn des Geschosses von der Erde 6540 Meter entfernt. („L'Echo de 
rArm6e.) 

Wir wollen die Abbildung geben. (Monthay: „Krupp k l'Exposition do 
Chicago" 1894.) 



Krafb der modernen Geschütze. 385 



Artillerie-Apparat durch einen neuen zu ersetzen, der an Treffweite, 
Fluggeschwindigkeit der Geschosse und Treffisicherheit den früheren weit 
hinter sich lässt. 

In dieser Hinsicht scheint der Anfang schon gemacht zu sein, ^J^^*??^' 
worauf folgende Vorgänge hindeuten. Auf Befehl des Generals Varnet, verrou- 
Kommandeurs des 17. französischen Armeekorps, hat Oberst Marcillon FrankJdch!" 
den Offizieren der Garnisonen von Montauban und Toulouse Vorträge 
gehalten. Der offenbar mit allen Geheimnissen der Artillerie-Technik in 
Frankreich vertraute Oberst sagte: „In dem Augenblick, wo es sich 
zeigen wird, dass unsere Geschütze eine geringere Treffweite 
haben, als irgendwelche andere, können wir ohne jede Schwierigkeit 
die Treffweite der Schüsse erhöhen, ohne die Geschütze oder Geschosse 
zu verändern." Marcillon sieht dabei nicht nur die Möglichkeit der Ver- 
vollkommnung voraus, sondern ist davon vöDig überzeugt. Er sagt 
direkt: „on ne serait pas embarrasse" u. s. w. Weiter folgen in der 
gedruckten Darlegung Punkte zur Bezeichnung der hier ausgefallenen 
mündlichen Erläuterungen des Obersten, welche als Kriegsgeheimnis von 
der Veröffentlichung ausgeschlossen werden müssen. In anderen Werken 
über diese Frage finden sich ähnliche Hinweise.^^) Was aber noch 
wichtiger ist, die Debatten der französischen Deputiertenkammer über das 
Marinebudget im Jahre 1892 haben gezeigt, dass Frankreich bereits zu 
einer Umarbeitung der Geschütze geschritten ist und dass die bei der be- 
treffenden Prüfung erhaltenen Resultate sehr befriedigend ausgefallen sind. 

Nichtsdestoweniger werden, wie aus denselben Debatten hervorgeht, 
zur vollen Ausnutzung der Kraft des rauchschwachen Pulvers neue 
Schnellfeuergeschütze des Typus 1891 hergestellt, die je nach ihrer Fertig- 
stellung die umgearbeiteten Geschütze ersetzen sollen. 

So stehen wir zweien Thatsachen gegenüber: die Geschütze werden 
vervollkommnet, wobei eine doppelt so grosse Anfangsgeschwindigkeit 
gewonnen wird als früher, und zugleich damit werden neue, noch voll- 
kommenere Geschütze in Arbeit genommen. 

Aber wenn man auch nicht die neuen, noch nicht eingeführten Ver- Wichtigkeit 
vollkommnungen in Betracht zieht, sondern nur diejenigen, welche bereits bisherigen 
praktische Anwendung gefunden haben, so lässt sich doch schon sagen, oeschü^ 
dass die Wirkung der Artillerie im künftigen Kriege eine ganz andere ''®'^^^*^*'^°" 
sein wird, als in den letzten Kriegen. 

Die Gesamtheit der kleinen partiellen Vervollkommnungen, die im 
Einzelnen vielleicht kaum bemerkbar sind, hat etwas ganz Neues ge- 

") „Artillerie moderne". 

Bloch, Der zakttnftige Krieg. 25 



386 VI. Taktik der ArfciUerie. 

schaffen. Die Geschütze entsprechen hente ihrer Aufgabe weit mehr. 
Sie werden einer aus den früheren Kiiegen bekannten Kanone ebensoviel 
oder ebensowenig gleichen, wie ein gut gehaltenes und fein dressiertes 
Pferd einem kaum zugerittenen. 

Wir haben es bei unserem Vergleich wohl mit einem und demselben 
Thiere zu thun, aber das geschulte Pferd ist fiir den Reiter weit be- 
quemer und wird wegen seiner durcli Uebung gewonnenen Lenksamkeit 
weit mehr leisten können. 

^dSf 6to*^' Professor Langlois berechnet die Steigerung der Kraft des Artillerie- 

nmg der feuers Seit dem Kriege 1870 auf Grund praktischer Erfahrungen folgender- 

Artiuerie- maasscu: die heutigen Geschütze werden den Feind auf offenem Felde 

»elrisTo ^^^ *^^ gleichen Anzahl abgefeuerter Geschosse Bmal mehr treffen als im 

Jahre 1870. 

Da aber die jetzigen Geschütze in einer gewissen Zeit 2V2- ^^^ 
3 mal mehr Geschosse abfeuern können als die früheren, so folgt daraus, 
dass sich die Kraft des Artilleriefeuers seit 1870 um das Zwölf- bis 
Fünfzehnfache gesteigert hat. 

Graphisch ausgedrückt geben diese Ziffern folgendes Bild: 

Kraft des 



Oescliossee. 



•••«•••»•«••*••••••»••••••••••••••••«•••••••••••'•»•'•••••••••••••■••■■ 



500% 



SohneUigkeit | i ri]ii i i inini i im i imiimiii i i i i4H 07c o/ 
des Sclüeauiu. im i tlllllll ll ll l Tm ill l l inilMl Hm ^'» Aj 



Prozent der Wirkung der heutigen Feldgeschütze bei Ansetzung der Wirkung 

der Geschütze von 1870 — 100 (nach Langloi»). 

um die Bedeutung des neuen gegebenen Faktors voll zu würdigen, 
muss man noch folgende seit dem Kriege 1870 eingetretenen Aenderungen 
in Erwägung ziehen. 

AnzftU der Jetzt ist jede Batterie in Deutschland mit 9, in Frankreich mit 9, 

Manition»- 

wagen lu Eusslaud mit 12 Munitionswagen versehen. In Folge dessen kann die 

e^le^Mn doutsche Batterie in einer Schlacht 8(50 Schüsse abgeben, die fran- 

Batterien. zöslsche 852, die russische 900. Aber auch diese Anzahl der Schüsse 

gilt für noch nicht genügend, und die deutsche Armee hält es für ilire 

Aufgabe, den Batterie-Munitionsbedarf bis auf 1290 zu erhöhen, i^) 

Wird die Anlässlich dessen kann wohl gefragt werden : wird die Nervenki'aft 

Nerrenkralt 

ausreichen? der heutigeu Masseuheere ausreichen, um gegen einen mit so furchtbaren 
Geschützen ausgeiüsteten Feind vorzugehen? 



") „Militärische Jahresberichte für 1891." S. 376. 



Kraft der modernen Geschütze. 387 



Es ist sehr schwierig, eine kategorische Antwort; auf diese Frage 
zu geben, da keine Erfahrungen vorliegen, und man Schlüsse nur aus 
Friedensübungen ziehen kann. 

Was das Geschütz aber als Maschine in der Hand des Menschen 
im Gefechte leistet, wird immer sehr verschieden sein von den Leistungen 
bei einem unter normalen Verhältnissen durchgeführten Versuche und 
auch von den Erfolgen eines blos ungefährlichen üebungsschiessens. Die 
Fertigkeit des Menschen in der Bedienung der Geschütze, in der Beob- 
achtung der Schüsse und in der Handhabung des ganzen Schiessverfahrens 
kann auf dem Schlachtfelde eine ganz andere werden. Unbestreitbar 
erscheinen folgende Faktoren: 

Die Feldgeschütze können ihre vernichtende Wirkung, ohne die noch schusswoite 

der Feld- 
erwarteten Verbesserungen zu berücksichtigen, bei der Ladung mit rauch- geachütie, 

schwachem Pulver nach Meinung vieler Fachmänner auf eine Entfernung 

von bis zu 7000 Metern ausüben. 

Die Schussweite kann übrigens nur dann auf wirklichen Wert 
Anspruch machen, wenn dabei die anderen Schiessbedingungen: Schnellig- 
keit, Treffsicherheit und Stärke des Schusses keine Veränderung erfahren. 
Die Artillerie hat bekanntlich auch in dieser Hinsicht seit dem Kriege 1870 
eine grosse Vervollkommnung erzielt. 

Die Feuergeschwindigkeit der Artillerie vnri im zukünftigen Kriege ^euei- 
sehr bedeutend werden. Nach dem neuesten russischen Artillerieerlass keit. 
können 4 bis 5 Schuss in der Minute abgegeben werden, wenn man 
sich in der gewöhnlichen Weise auf Entfernungen unter 3000 Metern 
einschiesst; über 3000 Meter werden 3 Schuss angenommen. Bei dem 
abgekürzten Einschiess verfahren, wie es in der Schiessvorschi'ift an- 
gegeben ist, gegen ein weniger als 150 Meter entferntes Ziel kann die 
Feuergesch\vindigkeit einzelner Batterien bis auf 6 Schuss gesteigert 
werden. Nachdem man eingeschossen ist, soll die Batterie von 8 Ge- 
schützen 8 bis 12 Schuss, die Batterie von 6 Geschützen 6 bis 9 Schuss 
in der Minute abgeben; diese Feuergeschwindigkeit darf aber nicht 
länger als 5 Minuten andauern, da sonst ein Munitionsmangel eintreten 
könnte. 

Um einen Begriff von den Fortschritten zu geben, die in Bezug J'^«^««*^^*«»« 

mit Krupp- 

auf Leistungsfähigkeit der Geschütze gemacht worden sind, folgen Kanonen, 
auf den nächsten Seiten in Fig. I. bis V. einige Abbildungen von Probe- 
schüssen mit Krupp'schen Kanonen, welche in Meppen abgegeben 
worden sind. 

Fig. I. zeigt uns das Treffergebnis von 17 Schüssen, abgegeben aus 
einer leichten 7,5-Centimeter-Gebirgskanone auf 1000 Meter Entfernung. 

25* 



388 



VL Taktik der Artillerie. 



Fig.I. 



Treff- 

ergebniflse 

der Ittiditen 

7,6-Centiin.- 

Gebiigs- 
kanone anf 
1000 Meter. 



cm cm 

250 225 200 175 150 125 100 75 50 26 25 50 76 100 125 150 175 200 225 250 



225 

200 

175 

150 

125 

100 

75 

50 

25 



25 

50 

75 



225 

200 

175 

150 

125 

100 

76 

50 

25 



26 

50 

75 

100 

125 

150 

175 

200 

226 














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100 
125 
150 
175 
200 
225 



260 225 200 175 150 125 100 75 60 25 26 60 75 100 126 160 175 200 225 260 
em tm 

Treffergebnis von 17 Schüssen einer T^Centimeter-Gebirgskanone. (10. Mai 1884.) 
Zahl der schon abgefeuerten Schüsse: 202. — Entfernung: 1000 Meter. 



Wir ersehen, dass die Abweichungen vom Mittelpunkt des Zieles 
in der Höhe einen Meter und in der Seitenabweichung 1,76 Meter nicht 
übersteigen. 

Fig. n. zeigt uns das Treffbüd von 10 Probeschüssen aus einer 
Krupp'schen 7,6-Centimeter-Schnellfeuerkanone, abgegeben in einer halben 
Minute auf 1000 Meter Entfernung. 

Bemerkenswert ist der Umstand, dass bei 2000 Meter Entfernung 
beim gezielten Feuer die Abweichung in der Höhe nur 60 Centimeter, in 
der Breite 36 Centimeter beträgt. 

Die Hälfte der Schüsse befindet sich in einer Fläche von 102 Centi- 
meter Höhe und 60 Centimeter Breite. 

Ein derartiges Resultat zeigt uns Fig. HI. 



f 



Kraft der modernen Geschütze. 



389 



Fig.n. 



9n OIB 

260 2S5 200 175 160 125 100 76 60 85 26 60 76 100 126 160 176 900 226 2S0 



226 

200 

175 

160 

126 

100 

76 

60 

26 



26 

60 

76 

100 

126 

160 

176 

200 

226 





















































































































































































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160 

126 

100 

76 

60 

26 



25 

60 

7» 

100 

126 

160 

176 

200 

225 



260 226 200 175 160 125 100 76 60 26 26 60 76 100 125 160 176 200 226 260 



Treff- 
ergebnisse 

der 

7,6-C6ntiiD.- 

Scbnellfaner- 

kftnone saf 

1000 Meter. 



du 



TrefFergebnis von 10 Schüssen einer 7,5-Centimeter-Sohnellfexierkanone. (1889.) 

Entfernung: 1000 Meter. 



Femer geben wir in Fig. TV, das Ergebnis von 20 Schüssen (Spreng- 
granaten von 16 Kilogramm), welche anf 1000 Meter Entfernung von einer 
10,B-Centimeter-Kanone abgegeben wurden. 

Die Höhenabweichung betrug 28,6 Centimeter, die Seitenabweichung 
26,25 Centimeter. 60 % Treffer häuften sich in einem Ziele von 48,2 Centi- 
meter Höhe und 42,7 Centimeter Breite. 

Fig. V. endlich zeigt uns das Resultat von 10 Schüssen (eben- 
falls Sprenggranaten von 16 Kilogramm) aus demselben 10,6-Centimeter- 
Geschütz, nachdem schon 1800 Schüsse abgegeben waren. 

Die Höhenabweichung betrug hierbei 23,6 Centimeter, die Seiten- 
abweichung 29,8 Centimeter. 50% Treffer häuften sich in einem Ziele 
von 39,9 Centimetem Höhe und 60,4 Centimetern Breite. 



390 



VI. Taktik der ArtiUerie. 



Fig. in. 



Treff- 
ergebniMe 

der 
8,7-Centiin,- 
Kanone saf 
2000 Meter. 



cm cm 

260 226 200 176 160 126 100 76 60 26 26 60 76 100 125 160 176 200 226 260 



226 



226 

200 

176 

160 

126 

100 

76 

60 

26 



26 

60 

76 

100 

125 

160 

176 

200 

225 







































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60 

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126 

150 

176 

200 

226 



260 226 200 175 150 125 100 76 50 25 26 50 75 100 125 160 175 200 225 250 
cm dB 

Treffergebnis von 5 Schüssen eines 8,7 -Centimeter- Geschützes. (1891.) 
Zahl der schon abgefeuerten Schüsse: 31. — Entfernung: 2000 Met-er. 



Notwendig- 
keit 
der Fähigkeit 

and Kalt- 

blfltigkeitdes 

richtenden 

Mannes zar 

Erreichung 

günstiger 

Schiess- 

resnltato. 



Es ist selbstvei:ständlich, dass schon auf Uebimgsplätzen die er- 
zielten Resultate keine so günstigen sein können, noch weniger aber 
im Gefecht. Die Befilhigung und das kalte Blut des richtenden Mannes 
werden eine bedeutende Rolle spielen. 

Die bei den kriegsmässigen Schiessübungen der preussischen Artillerie 
bis zu Anfang der achtziger Jahre vorgekommenen Streuungen sind nach 
Rohne's Angaben im Durchschnitt doppelt so gross, wie die in den 
Schusstafeln angegebenen. Es stellte sich danach für die Granaten beim 
schweren Feldgeschütze für eine Entfernung von 1000 bis 2500 Meter 
die Treff fähigkeit im Mittel wie folgt, i^) 



") Das schwere Felclgeschiitz existiert in der deutschen Fei dar tiller ie 
nicht mehr. 



Kraft der modernen Greschütze. 



391 



Fig. rv. 



em cm 

2&0 S26 200 176 150 126 100 76 60 26 26 60 76 100 126 160 176 200 226 260. 



226 

300 

176 

160 

125 

100 

76 

50 

25 



25 

60 

76 

100 

126 

150 

176 

900 

S26 













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26 



26 

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200 
226 



em 



260 226 200 176 160 126 100 76 50 26 96 60 75 100 125 160 176 200 926 260 

Treffergebnia von 20 Schüssen einer lO^-Centimeter-Kanone, (1880.) 

Entfei-nung: 1000 Meter. 



Treff- 

ergebnisae 

der 

10,6-Ceiitim.- 

Kanone anf 

1000 Hdter. 



Es wurden erreicht bei 

richtiger Flugbahnlage 30,6 Prozent Treffer 

V2 Sechzehntel Grad falscher Lage 23,2 ,. „ 

Selbst unter normalen Verhältnissen und bei ausgesuchten Richt- 
kanonieren zeigen sich grosse Unterschiede in den Eichtfehlem. Es ist 
nachgewiesen, dass bei denselben Zielverhältnissen einzelne Richtkanoniere 
in allen (also in 100 Prozent) Fällen, andere in nur 55, 66 oder 80 Prozent 
aller Fälle Treffbilder erzielten, die den Anforderungen der Schnsstafel 
genügten, i^) 

") Müller: „Wirkung der Feldgeschütze". 



392 



YL Taktik der Artillerie. 



Figy. 



Ur 
lO^-CaatSm^ 
Kbboo« asf 
SOOO ]f«tor 
sack beraitf 
ftbfefMwrUm 
1800 SflkA«. 



SM SS6 200 176 160 126 100 76 60 26 26 80 76 100 126 160 176 200 226 260 



226 

AAA 






















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170 
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226 




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SS abgefeuert. 






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126 

100 

76 

60 

26 



26 

60 

76 

100 

126 

160 

175 

200 

226 



260 226 200 176 160 126 100 76 60 26 25 60 76 100 125 160 175 200 226 260 
en em 

Treffergebniß von 20 Schüssen einer lO^Centimeter-Eanone. (9. August 1890.) 

Entfernung: 2000 Meter. 



Die Treflfresültate eines Probeschiessens können also nicht den 
Verhältnissen des Krieges entsprechen, sie sind als Maximalleistungen 
anzusehen. 

Höhen- Das russische Artilleriejoumal von 1889 nimmt die Streuung für 

itrenancf der , , 

Geschfltie eiuc Batterie doppelt so gross an als wie die für ein Geschütz. 

ond krieg.- Geucral Müller stellt eine Berechnung der Unterschiede im Schiessen 

s°chie«el »^^^» **e "^ a«f der folgenden Seite geben. 

Wenn wir die Tabelle ansehen, so müssen wir doch anerkennen, 
dass mit der Vergangenheit kein Vergleich gezogen werden kann. Die 
Trefffähigkeit ungeachtet der Unterschiede zwischen friedens- und kriegs- 
mässigem Schiessen muss bei den heutigen Geschossen vernichtende Re- 
sultate liefern. 



Kraft der modernen Oeschütze. 



393 



Wir müssen noch im Ange behalten, dass, je grösser die Menge Hnao« 

der Fener- 

der geschleuderten Munition in gewissen Kampfeslagen sein wird, desto seimeiii^keit 
fui'chtbarer die Wirkung werden kann. Die Versuche haben gezeigt, "richeAeil 
dass bei den modernen Greschützen der Einfluss der grösseren Schnellig- 
keit des Feuers auf die Treffsicherheit nur unbedeutend ist. 



Schweres Feldgeschütz C/73 

Krupp'sches 8,4 Centüneter- 
Geschütz 

Differenz 

Differenz in Prozenten der 
Streuung des 8,4 - Centi- 
meter-Geschützes . . . 



Mittlere Höhenstreuung auf 1000 Meter 



des 

einzelnen 

Geschützes 

Centiineter 



des 
Geschütz- 
Systems 

Centiineier 



bei Fehlem 

d. Bedienung 

von halber 

Grösse 

C«atimeter 



70 

42 

38 



90 



99 

60 
39 



65 



129 

102 
27 



26 



bei kriegs- 
mässigem 
Schiessen 

C«iktim«ter 



194 

177 
17 



10 



Zu Ende der 60 er Jahre fanden zur Entscheidung der Frage des . 
Einflusses der Feuerschnelligkeit bei der Artillerie-Schiessschule Versuche 
statt, wobei je drei 9-Centimeter-Batterien mit Granaten C/64 auf 900 Meter 
im gezielten und im Schnellfeuer gegen drei Scheibenwände feuerten. 
Nach Witte („Artillerielehre" 1872, Seite 130) war das Ergebnis folgendes: 

Gezieltes Feuer: 135 Schüsse = 4830 Sprengstücke gaben 35 % Treffer, 

Schnellfeuer: 109 Schüsse = 3012 Sprengstücke gaben 28% Treffer. 

Verhältnis an Treffern aller Sprengstücke also = 5:4. 

Gegenwärtig giebt die Krupp'sche Fabrik über den Einfluss des 8«J»MDf»»»« 

und 

Schnellfeuers auf die Streuungen der Einzelgeschosse für das 6-Centimeter- streuang. 
Geschütz folgende Zahlen an. 

Der Baum für 50% Treffer beträgt bei 1000 Meter Entfernung: 

Höhe Breite 

Centimeter Centimeter 

Gewöhnliches Feuer .... 67 &3 

Schnellfeuer 104 70 

T /Rft / Gewöhnliches Feuer .... 67 72 

' l Schnellfeuer 88 70 



6-Centimeter- 
Eanone 



L/30 {l 



Diese Unterschiede nach Höhe und Breite erscheinen also un- 
bedeutender als in der Vergangenheit. 



' 



394 ^* Taktik der Artillerie. 



Der Einflass der VerTollkommnangen der Geschütze 

auf die Artillerietaktik. 

Aiiftngiiciie Qemz sichere Angaben über Gteschtitzverwendung finden wir 

liegen den schon im Anfange des 14. Jahrhunderts, aber die ritterlichen Vorurteile, 
Arunirie.*' welche bis zum 16. Jahrhundert den Adel vom Kriegsdienste zu Fuss 
fern hielten und so die Entwickelung der Infanterie erschwerten, haben 
ihren Einfluss noch bei weitem nachhaltiger zu Ungunsten des Artillerie- 
dienstes geltend gemacht. Ein echter Edelmann, der seiner Würde damit 
schon viel zu vergeben glaubte, wenn er vom Pferde stieg und sich unter 
die Gemeinen, welche die Infanterie bildeten, mischte, konnte sich nicht 
soweit erniedrigen, Dienste zu thun, deren Ausführung nicht nur Kennt- 
nisse, sondern sogar Handfertigkeit in mechanischen Künsten erforderte. 
Die Fortschritte der Artillerie sind immer eng mit denen der 
Infanterie, zu welcher sie gerechnet und als eine Spezialität, als welche 
sie angesehen wurde, verbunden gewesen. 
DieArtuiirie ßig ^um XVI. Jalu'hundert waren die Artilleristen zünftig; sie 

DM sam 

ivi. jalir- lernten den Gebrauch des Geschützes, die Verfertigung der Kunstfeuer 
nLäwu^^ ü- s. w. als ein Handwerk, über das sie auch von ihrem Meister einen 
Lehrbrief erhielten. Mit diesem versehen, wanderten sie dahin, wo eben 
Krieg war und nahmen dort Dienste, wo man sie am besten bezahlte. 
Sie wurden als Offiziere betrachtet und standen nur allein unter 
dem Zeugmeister. Am angesehensten waren die, welche mit Mörseni 
und Kunstfeuem umzugehen wussten; sie Messen Feuerwerker und 
bekamen vierfachen Sold. Fast gleichen Rang mit ihnen hatten bei 
gleichem Solde die Büchsenmacher, welche die schweren Belagerungs- 
stücke bedienten, während die Feldschützen, die bloss aus Feldschlangen 
und kleinem Geschütz schössen, nur doppelten Sold erhielten. Karl V. 
scheint der Erste gewesen zu sein, der die Artilleristen in ordentliche 
Kompagnien formierte, und sie als ständige Truppengattung organisierte.^) 
Entwicke- ludcm die Artilleristen, als Elite und bahnbrechende Männer des 

"ttfierieia Nichtadels, immer zweckentsprechendere und handlichere Waffen er- 
'g'J^^g^f" fanden , sie selbst erprobten und dann unter den Fusstruppen ein- 
waffen- büi'gerteu, haben sie von Tag zu Tag die Bedeutung der Infanterie 
gesteigert, sie auf das Niveau derjenigen der Kavallerie erhoben und den 
Adel dahin gebracht, dass er zwischen den beiden Waffengattungen keinen 
Unterschied mehr fand. Dies Resultat war seit dem 16. Jahrhundert 



Hoyer: „Artillerie 1808." 



^mt 



Einfluss der Vervollkommnungen der Geschütze. 395 



erreicht, dem Zeitpunkte, von welchem ab die Artillerie unter Vorbehalt 
der Handhabung komplizierter und wirksamer Maschinen anfangt, sich 
selbstständig zu entwickeln und der Grund zu ihrer Organisation als 
dritte Waffengattung gelegt wird, mit der Bestimmung, auf dem Schlacht- 
felde den entscheidenden Schlag zu führen, die ultima ratio zu sein. 2) 

Die Schuss weite der primitiven Kanonen war sehr gering, be- Sfi»a88weite 

, • der primi- 

schränkter als diejenige der meisten alten Kriegsmaschinen. Man war «Ten 
also genötigt, die Batterie sehr nahe vom Ziele aufzustellen. Die ersten 
Karthaunen (Canons) hatten 500 Schritt zum Kernschuss und 1000 Schritt 
zum Visierschuss. — Die Karthaunen schössen zwar 48 Pfund Eisen, aber 
obgleich 21 Pfund feines Pulver angewandt wurden, war die Wurfs- 
kraft so unbedeutend, dass der Gebrauch grosser Schilde oder tragbarer 
Sturmdächer allgemein war.-^ 

Was musste geschehen, damit die wahren Feuerwaflen grosser ^'^<>'?®'^"« 

. 7 ' ° fUr die Yer- 

und kleiner Art die Wurfmaschinen und Bogen beseitigten? — Als aringung 
Handwaffen mussten diese fähig sein, eine tötliche Kugel bis zu einer mMciüMn 
Entfernung zu tragen, auf welcher alle Wurfgeschosse, welche durch ^"J^^hTe" 
Bogen, Armbrust oder Schleuder geworfen wurden, aufhörten gefährlich Feuerwaffe. 
zu sein, d. h. auf eine Distanz von 100 Metern. — Was die Kanonen 
betrifft, so mussten diese steinerne oder eiserne Kugeln weiter tragen, 
als die Maschinen im Stande waren, — zum Beispiel ein Gewicht von 
10 Kilogramm auf 500 Meter. — Ausserdem mussten die Arkebusiere und 
Kanoniere ebenso leicht und schnell als einst die Bogenschützen und die 
Bedienung der Wurfmaschinen schiessen können. — Vor allem aber, und 
dies war der schwierigste Punkt der Frage, musste alles so kombiniert 
werden, dass die mit den neuen Gewehren ausgerüsteten Leute nicht 
sich selbst, statt ihrer Feinde schädigten. 

Die Schiessgeschwindigkeit wurde in Folge der hölzernen „gar- 7"' 
gousse", an welche die Kugel gebunden war, vergrössert. Man gelangte der schies«- 
dahin, schneller als die Masketiere zu schiessen und gab im Gefecht an^TeUdw*^ 
acht Schüsse ab, während letztere nur sechs abfeuerten. Kanonen. 



') General Sazanne: „Histoire de rArtillerie fran^aise." 

') Ein naives Bild schüdert die artiUeristische Thätigkeit jener Zeit. Ein ^^1"*" 

ristische 

von seiner Frau begleiteter Kanonier hat sich tollkühn mit seinem Material am Mani- 
Fqss einer Mauer niedergelassen, welche ganz mit Bogenschützen besetzt ist, pulationen 
die auf ihn zielen. Er hat eben angefangen, sein Sturmdach nach Art der ^^^^^ ^eit 
Steinklopfer, die sich bei ihrer Arbeit vor Sonne und Wind schützen wollen, 
aufzustellen. Den Pfeilen der Bogenschützen ausweichend, hat er hinter seinem 
Sturmdach ein tiefes Loch gegraben, dessen Nutzen bald ersichtlicli wird. 
Inzwischen hat sich seine Frau im Schutze des Sturmdaches niedergelassen und 



396 



VL Taktik der Artillerie. 



Die Artillerie naiuu in dem Maasse an Wichtigkeit zn, al^ die 
Infanterie, in Folge der zahlreichen Kriege des Jahrhunderts, aus Miliz- 
soldaten sich ei^änzte, welche entweder dem eigenen Herde entrissen 
oder gegen Uiren Willen als nnbäxtige Jünglinge eingereiht worden waren. 
Diese Soldaten hatten dnrchaus keinen moralisehea Muth, und um hier- 
gegen Hülfe zu schafien, vermehrte man mehr und mehr die Zahl der 
Kanonen, bis man, wie bei Malplaquet, 1709, 58 Stück in einer Batterie 
aufgestellt hatte, 
r Seitdem die Steinkngeln in der Mitte des XV. Jahrhunderts dui-ch 

eiserne verdrängt und gnsseiseme Rohre verfertigt wurden (1550), begann 



dla aafHkti- — 

TarhtltBisM 

■alt dam bläst mit aller KrEift 
ivm. jui- 



tragbaren Ofen, der den glQhenden Eiseospiess 
oder die brennende Kohle liefern boII, nm die Kanone abzufeuern. Nachdem 
das Loch nach Outdünken gegraben, 
stellt der Kanonier am Pusse des 
Sturmdaches einen Holablock auf, um 
auf diesem das Geschützrohr zu 
lagern, legt letzteres darauf, richtet, 
iadet, schüttet Pulver in das Zündloch 
(lumi^re), ergreift das Ende des Bind- 
fadens, der ihm in höchst primitiver 
Transmission dazu dient, die Schuss- 
lade zu heben, giebt seiner Frau ein 
Zeichen, damit sie ihm das Glüfaelsen 
(boute-feu), welches zünden soll, 
reiche und sich verstecke, und ver- 
schwindet dann selbst im erwähnten 
Loche. 

Seine Bewegung ist ihrer Geheim- 
tbuerei wegen sehr interessant. 
Klit der linken Hand sieht er langsam 
den Bindfaden, bläst dann auf die in 
der Rechten gehaltene Kohle, zündet 
die Lunte an und , während diese 
brennt, eilt er in die Tiefe der 
schützenden Höhle, ohne den Bind- 
faden, der die Schueslade offen hält, 
loszulassen. 

Angesichte unserer heutigen furcht- 
baren und schnellwirkenden Feuer- 
waffen und deren Gebrauch, müssen 
wir über die Ruhe dieses braven 
Mannes lächeln. 
uoB«B MI Die Zeichnung zeigt uns eine Kanone* oder sogenannte Bombarde mit 

"•« iiT. Schirmdach, aus der zweiten Hälfte des XIV. Jalu-hunderts und das Laden mit 
.hriiudnt*. glühenden Kugeln. 




Das Laden mit glühenden Kugeln. 



Emfluss der Vervollkonunuungen der (reschützp. 397 

die Artillerie sich allmälich za einer selbständigeB Waffe zn ent- 
wickeln,*) wenn sie aach erst im XTIII. Jahrhundert zur taktischen 
Bedentang g:elangte. Von da ab jedoch beeinflnsste sie die Gefechts- 
verhältnisse, g&b den einzelnen Phasen des Kampfes eine nene Phy- 
siognomie nud wirkte durch geschickte Terrainbenntzung auf den Yerlaaf 
der Schlachten entscheidend ein. 

In der prenssischen Armee, sowie in der französischen waren nach 
nnd nach Artillerietrappen eingeführt worden. 

Der grosse Park, dem man die Kanonen entnahm, hatte den^' 
Artilleriebrigaden Platz gemacht. Gewöhnlich bestand jede Brigade 
aus zehn 12pfündigen Kanonen. >) 

Diese Brigaden waren der Infanterie be^egeben. Das Gespann 
führte die Kanonen herbei, sobald man sich aber in einer Entfernung 
von BOO Schritt vom Feinde befand, verschwand es hinter dem Fussvolk 
und die Kanoniere schoben ihre Kanonen selbst weiter. 

Folgende Bilder zeigen uns die Bespannung und das Vorschieben ' 
der Kanonen, sowie das Zubringen der Kngeln und des Pulvers.«) b. 



') Im Jahre 1671 formierte Ludwig XIV. das erste Artillerie - Regiment, 
indem er die schon früher von ihm geschaffenen Aitillerie-Kojnpagnien in einen 
Körper zusammenzog und ihnen Arbeiter-Kompagnien beigab. 1684 entstand 
in Frankreich das erste Bombardier-Regiment. 

') 12 Pfund. Man versuchte anfangs Stücke leichteren Kalibers anzu- 
wenden, aber man gab diesen Gedanken auf. 

') Practised in the Warres of the United Netherlandes — The Principles 
of the Act Military. 



Z9H VL Taktik a«r Artili^ne. 



' Ttr* An>^r den Kanonen wmden anch Hanbitzen znr Zerstdnmg von 

YifTweiUma^ Veni^rlianzangen oder materiellen Hindemisssen verwandt. 

I>ie Kanonen wurden in Zwi^henränmen von ungefähr 50 Schritt 
aufjjrepflan^et. Auf 350 Sehritt schoss man mit Kartätschen, näherte sidi 
dann bu znr Wirknngszone des Kleingewehrfeners nnd unterhielt das 
?>aer znr Unterstötznng de.s Infianterie-AngrifEs. 

Diefte Taktik gestattete eine enge Verbindung des Artflleriefeners 
mit dem der Infanterie, welche nnn zaversiehtlieher anftrat. aber der 
Feind nahm viele fje.schutze. 

v«f»iMaMir König FMedrich IL hielt es für notwendig, gegen das Vorurteil der 

M ül>ertriel;enen Bedeutung des Verlustes eines Geschützes einzuschreiten: 

f rMrfeh ih ^^^^^ ^^^^ ^^--j^^ Micht gethau hat, sagte er, ist der Verlust des C^eschötzes 

ehrenhaft. 

Mufnkmou Da Friedrich IL seiner Kavallerie zu feuern verboten hatte, be 

Aruiwit. reitete er ihre Attake durch Feuer vor. Zu diesem Zwecke liess er 
vielfach Grenadier-Bataillone bei den Flügeln der Kavallerie postieren; 
al>er noch ein besseres Mittel wendete er an, indem er diese schnelle 
Waffengattung durch Artillerie begleiten liess, welche beweglich genug 
war, zu folgen; so entstand die „reitende Artillerie"*, weil die bedienenden 
Kanoniere zu Pferde sassen, eine bemerkenswerte, später von allen 
Armeen nachgeahmte Schöpfung.^ 

Aber im Allgemeinen hatte die Artillerie in geringerem Maasse 
als die Infanterie und Kavallerie aus den beharrlichen Anstrengungen 
Friedriclis, die Manövrierföhigkeit zu erhöhen, Vorteil gezogen. Die Ge- 
spanne wurden noch requiriert, was jeden Gedanken an schnelle und 
wohlgeordnete Vei-werthung und Bewegung ausschloss.«) 

luuonflibMr Die Feinde Friedrichs des Grossen gebrauchten die Artillerie viel 

Qe brauen 

<iar Artillerie rationeller. Friedrich II. charakterisiert die Gefechtsfiihrung der Oester- 

mIUiu der 

Feinde 
FriedricliN 11, 



**Fe^de*' reicher (1758) in einem Brief an General Fouqu6 folgendermaassen : 



„Wir haben während des ganzen Krieges die österreichische Armee, 
stets in drei Linien formiert, von dieser furchtbaren Artillerie unterstützt 
gesehen. Die Flanken sind mit Kanonen gespickt wie besondere Zita- 
dellen. Jeder kleine Vorsprnng wii'd benutzt, um Geschütze aufzustellen, 
die das Terrain unter Kreuzfeuer nehmen, so dass es gleiche Schwierig- 
keiten bietet, eine solche Position anzugreifen oder eine Festung zu 
stürmen." 

Homerkenswert ist es, dass übrigens Peter der Grosse schon vor ihm, 
lind somit ganz zuerst, reitende Artillerie einführte. 

*^) Waldor de Heusch: „La Tactique d'autrefois." 



Einfluss der Vervollkommnungen der Geschütze, 399 

„So muss man denn das System einer zahlreichen Artillerie annehmen, 
wie hinderlich dasselbe auch sein mag. Ich habe die unserige bedeutend 
vermehi-t und das wird den Mängeln unserer Infanterie abhelfen, die sich 
nur verschlechtern kann, je mehr der Krieg sich in die Länge zieht." 9) 

Wir haben die von Gribeauval vorbereiteten materiellen Mittel verwendungr 

der Artillerie 

bei der Beschreibung der Geschütze kennen gelernt und Napoleon I. ver- durch 
stand es, der Artillerie eine geniale Verwendung auf dem Schlachtfelde ^*p**^^° '• 
zu geben. Der einstige Hauptmann Bonaparte der Belagerung von Toulon 
blieb sich während seiner ganzen glänzenden kriegerischen Laufbahn 
darin treu. 

Als Napoleon Bonaparte 1796 das Kommando der italienischen Armee 
erhielt, fand er nur wenig Ai-tillerie vor. Die Schlachten der Revolution 
waren bisher fast ausschliesslich von Infanterie geschlagen; es entsprach 
dies der Notwendigkeit des Massenaufgebots und zugleich dem revolutio- 
nären Drange nach möglichst freier Selbstthätigkeit, welcher in der aus- 
gedehntesten Anwendung des Schützengefechts seinen Ausdruck fand. 
Napoleon machte indessen selbst von der geringen Artillerie in seinen 
italienischen Feldztigen einen vortreflFlichen Gebrauch. Sie bereitete in 
kleinen Massen vereinigt bei Lodi, bei Castiglione und Rivoli in den 
entscheidenden Momenten das Vorgehen der anderen Waffen sehr wirk- 
sam, d. h. so vor, dass kein Zusammenstoss stattzufinden brauchte, der 
Feind vielmehr dem blossen Drucke nachgab, i^) 

Immerhin blieb die ArtUlerie während dieser Zeit in einem sekundär K*uonon nur 
taktischen Verhältnis zur Infanterie und Kavallerie; sie diente nur den '^wtzeo. 
Gefechtszwecken der anderen Waffen, war also immer noch ein bloss 
unterstützendes Element. Ueber die hauptsächliche Vei"wendungsart der 
Artillerie, nämlich über die vorbedachte, leichte und rasche Herstellung 
„konzentrierter Artillerieaufstellung" für den Entscheidungs- und Ver- 
nichtungsakt scheint Napoleon während seiner ersten Kriege noch nicht ein- 
gehend orientiert gewesen zu sein, wenngleich er schon im Jahre 1801 einen 
grossen Fortschritt zur Hebung der taktischen Brauchbarkeit der Artillerie 
durch Abschafi'ung der von l^nternehmern gestellten Bespannung that und 
Ersatz hierfür durch einen militärisch organisierten Train schaffte. 

Erst die schlimmen Erfahrungen von Eylau und Friedland (1807) 
brachten den Kaiser zu der Erkenntnis, dass die der Artillerie inne- 
wohnende Zerstörungskraft in höherem Sinne verwertet werden müsse, 
als durch Beiordnung zu den anderen Waffen. 

^) Maresch: „WafFenlehre". 
^^) Ueber den Einfluss der Feuerwaflfen auf die Taktik. 



400 ^- Taktik der Artillerie. 



Artiiiwu! ^^® Katastrophe von Aspern, wo das Korps von Lannes beinahe 

Hadflen- vemlchtet wurde und die in engem Eaume konzentrierte französische 
alitmgrtl. Armee durch die österreichische Artillerie höchst empfindliche Verluste 
erlitt, bezeichnet den Ursprung jener grossartigen Artillerie - Massen- 
verwendung, welche die Napoleon'sche Schlachtenpraxis von Wagram an 
charakterisiert. Nach dem Feldzuge von 1809 schuf er sich durch zahl- 
reiche Vennehrung der Gardebatterien eine Zentral-Reserveartillerie von 
126 Geschützen und gab nach und nach jedem Arraeekoi^ps eine Artillerie- 
reserve. 

Weiterhin vermehrte Napoleon durch Wiedereinführung der Regiments- 
artillerie die Geschützzahl um ein Drittel und erhob dadurch das Ver- 
hältnis, welches bisher in den französischen Armeen rücksichtlich der 
Geschützzahl bestand, von 2 auf 3 pro 1000 Mann. 

Aber immer mehr noch stieg während der Herrschaft Napoleons die 
Anzahl der Geschütze und ihrer Bedienung, so dass schliesslich am 
30. März 1814 die Aiüllerie, ohne die 25 Kompagnien der Artillerie- 
Veteranen und der Küstenwächter, 178 Kompagnien mit 80 273 Mann, und 
alles miteingerechnet 103000 Mann betrug, ^i) 
Enorm« Zu- Dje enoHue Zunahuie des Artillerie-Materials war nicht etwa durch 

nähme der 

Kanonen, die Ausdehuung des französischen Territoriums, oder die Bedürfnisse 
der neuen militärischen Operations-Formen, noch dadurch zu erklären, 
was man die materiellen Bedingungen, im Gegensatz zu den moralischen, 
nennen kann. Das Anwachsen der Artillerie und das Aufhören des 
Gleichgewichts zwischen ihrem und dem allgemeinen Bestände der 
Armee, datiert von 1809. Die Kaiserliche Armee von 1809 war nicht 
mehr die „grande arm6e", obgleich sie noch immer diesen Namen 
führte. Die Soldaten von Rivoli, von Zürich, von Hohenlinden und 
von Marengo hatten mit ihrem Blute die Siege von Austerlitz, von 
Jena, von Eylau und von Friedland reichlich bezahlt und die unheil- 
vollen Feldzüge in Spanien hatten den Kaiser gezwungen, die Zahl 
seiner Truppen zu verdoppeln, zu verdreifachen und einen jeden 
seiner alten Graubärte durch vier junge Reki*uten zu ersetzen. 

Die »11- Der Kaiser kannte den Unterschied, der zwischen einem Soldaten 

mäUicheYer- 

achiechto- uud einem Nichtsoldaten besteht. Da er sich gezwungen sah, den Krieg 
Me^h^. mit einer Armee, welche mehr Leute als Soldaten enthielt, fortzusetzen, 
"^^Jj^jj*' steigerte er die Verwendung der Geschütze, um dem Rekruten Ver- 
schen Heere trauen zu geben oder ihn wenigstens zu betäuben. Der Sieg von 
*ftr*Te Wagram wurde mühselig errungen; vielleicht nur wegen einer genialen 
dwA^Si^! Eingebung Napoleons, der in einem theatralischen Manöver jene Batterie 



") General Suzanne: „Histoire de PArtillerie fran^aise". 



Einiluss der Vervollkommnungen der Geschütze. 401 



von 100 Feuerschlünden auffahren liess, deren Beispiel eine Plage aller 
Armeen Europas und eine über allen Budgets schwebende Drohung 
werden sollte. 

Die Feldzuge in Russland und Sachsen führten, indem sie die Ver- 
nichtung der Veteranen vollendeten, an deren Stelle junge Rekruten 
traten, eine neue übermässige Verstärkung der Artillerie herbei und 
brachten die Zahl ihres Personals auf die vorerst angegebene Höhe. 
Man könnte fragen, welchen Wert diese Artillerie haben konnte, da sie, 
wie die übrige Armee, notwendigerweise aus Konskribierten bestand. 
„Auf diese heikle Frage habe ich nur eine Antwort bereit" — sagt 
General Suzanne^^) — ^^der Kaiser wusste, dass der Kanonier, welches 
auch das Motiv dieses moralischen Phänomens sein mag, ob Instinkt, 
Vorurteil, Ehrgefühl oder Erziehung, sein Geschütz nicht verlässt; er 
stirbt neben ihm oder wird mit ihm genommen. Das war immer so und 
wird, hoffe ich, immer so sein!" 

Nach dem Untergang der Infanterie in Russland hatte der Kaiser 
1400 Geschütze aufstellen wollen; das waren beinahe B Stück auf je 
1000 Mann der 300000 Kämpfer, die er im Frühjahr 1813 zusammen- 
bringen konnte. Nach den Verlusten, die sie bei Lützen, Bautzen, Kulm 
und Dresden erlitten hatte, kämpfte die französische Artillerie bei 
Leipzig während zweier Tage mit 600 Kanonen gegen die 900 Geschütze 
des verbündeten Europa. 

Die Wirkung der Geschütze war aber, wie schon angedeutet wurde, 
sehr gering. 

Die Leistungsfähigkeit der Geschütze im erstell Viertel des J^tr- ß^'^ "it^!" 
hunderts beruhte auf der Wirkung der Vollkugeln, Granaten und öMchütee im 

TT- J.-X 1 !• Viertel 

Kai'tatschen. dee 

Die Vollkugeln wurden zur Einleitung und Durchführung des "^^^^Jjj,'" 
Kampfes auf gi^össere Entfernungen gegen die feindlichen Kolonnen und 
zum Demontieren der Geschütze mit genügendem Erfolge verwendet. 
Es ist bekannt, dass durch ein Geschoss mitunter in den tiefen Kolonnen 
10, 20 oder noch melir Leute ausser Gefecht gesetzt wurden. Auch 
die Wirkung gegen das tote Material der feindlichen Artillerie war meist 
nicht unbedeutend. 

Die Granaten wui-den, ausser gegen Truppen, besonders zum Be- 
schiessen von Gehöften, Oertlichkeiten und verdeckten Zielen ver- 
wendet. 

Die Kartätschen waren, sowohl beim Angiiffe wie bei der Ver- 
teidigung, das Geschoss für den Nahkampf und die Entscheidung, ihre 



'0 General Suzanne: „Histoire de 1' Artillerie frangaise". 

Bloch, Der sakfinftige Krieg. 26 



402 VI. Taktik der Artillerie. 



Wii-kung war in der That bei der starken Geschützladung und dem 
hohen Kugelgewichte entscheidend. 

Es ist daher begreiflich, dass bei der langsamen Ladeweise und 

der geringen Wirkung der Gewehi*e, die auf Entfernungen von mein- als 

200 Meter wenig zu fürchten waren, die Artillerie beim Angi'iffe gegen 

die Infanterie bis auf 300 Meter und noch darunter herangehen, und ein 

entscheidendes Kartätschfeuer eröffnen konnte. 

Sireben «»ch j)^^ Verhältnis von Wirkung und Beweglichkeit der Geschütze 

möglicher wurdc durch die Erfahrungen der Kriege mit Frankreich in ein 

^Ih de? Extrem gedrängt; teilweise geschah dies durch die beweglicher gewordene 

MfKl)*uin I^^J^^iJ^ ^^^ Infanterie. Das Streben nach grösstmöglicher Beweglichkeit 

ihrer Wirk- blieb im WacJiseu, ja man ging bald über das zulässige Maass hinaus, 

trotzdem von urteilsfähiger Seite hervorgehoben wurde, „dass der erste 

Grundsatz für die Artillerie die Wirkung bleiben müsse", ^s) 

Die Artillerie Napoleou III. hatte, gleich seinem Onkel, eine Vorliebe für die 

im Krim- 

kriege. Artillerie, deren Wesen er mit Eifer studiert hatte. Er wollte für die 
Geschütze dieselbe Verbesserung herbeiführen, welche fiir das Gewehr- 
feuer durch Einführung der gezogenen Läufe erreicht worden war. 

Aber in der französischen Armee waren die Grundsätze Napoleons 
bezüglich Verwendung der Artillerie noch zui* Zeit des Krimkrieges die 
heiTSchenden und sie wurden an der Alma, wie an der Czernaja und bei 
den Stürmen auf die Karabelnaja befolgt. 

Was die Verwendung der Artillerie russischerseits anbetrifit, so war 
sie in Folge der technischen Mängel nur eine sehi* mangelhafte. 

Urteil Der k. k. F.-Z.-M v. Hauslab, in Bezug auf Vei-wendung der Feld- 

von Hw8i»b. artillerie gewiss eine Autorität, äusserte sich folgendermaassen über den 
Krimkrieg : **) 

„Die Verbündeten mussten aus weiter Entfernung ihre Streitkräfte 
nach der Krim überschiffen und konnten daher nicht mit stärkerer Macht 
auftreten. Anders war es bei den Russen. Diese schickten, um die 
Gegner zu überbieten oder wenigstens ihnen gleich zu bleiben, ein ganz 
normal zusammengesetztes Armeekorps nach dem anderen hinab. Jedes 
Korps hatte seine Artillerie, seine Reiterei, aber — die Kosaken ab- 
gerechnet — auch nicht mehr. Hätten sie letztere beide Waffen, an 
denen sie Ueberfluss hatten, und worin es die Alliierten ihnen niemals . 

gleich thuu konnten, von mehreren Aimeekorps zusammengezogen und a 



^*) Maiidry: „Waffenlehre". 

**) „Jahrbüclier für die deutsche Armee und Marine": „Betrachtungen 
über die Dauer der künftigen Kriege und deren Mittel". 



Eiiifluss der Vcrvollkoimiiuuugeu der Geschütze. 403 



hinabgeschickt, so würde der Erfolg vielleicht ein ganz anderer 
gewesen sein." 

Oesterreich, welches in den Krieg beinahe hineingezogen wurde, ^^Xu^% 
und voraussah, dass es bei der durch den Frieden von Paris neu- Hebungg- 

▼oreiiehe der 

geschaffenen Lage in längerer oder kürzerer Zeit in einen Krieg mit Artiuerie 
Sardinien verwickelt werden würde, beeilte sich, seine Geschütze um- ™h^tm' 

zuändern. Krimkriege. 

Ueber die Grenzen der zulässigen grössten Gebrauchs- und der 
entscheidenden Schnssweiten lässt sich auf Grund der Versuchsergebnisse 
Folgendes sagen. 

Es konnten für den Kugel- und Granatschuss der leichten bezw. 
schweren Kanonen und Haubitzen angenommen werden als 

grösste Entfernungen .... 1050 bezw. 1200 Meter 
noch brauchbare Entfernungen . 900 „ 900 „ 

Die mehrfach schwankenden Ansichten über die grössten anwend- 
baren Shrapnel-Schuss-Entfemungen setzten in den fünfziger Jahren für 
die leichten Kanonen und Haubitzen 900 Meter, für die schweren 1050 Meter 
als Grenzen fest.i^) 

In Frankreich beeilte man sich im Jahre 1858, in Voraussicht des ^» H'**«- 

' ^ Bronze- 

Krieges mit Oesterreich, die Bronce-Kanonen nach dem System La Hitte kanone in 

umzugestalten, so dass die französische Armee 1859 den Feldzug mit 
einem Kriegsmaterial eröfinen konnte, das demjenigen Oesterreichs be- 
deutend überlegen war. Die Franzosen hatten 40 Batterien gezogene 
Kanonen von 4 und an 20 Batterien Feld-Haubitzen von 12 Geschützen. 

Projektile von zylindrisch-gewölbter Gestalt hatten die sphärischen 
Kugeln ersetzt; endlich war der Shrapnelschuss, d. h. der Kartätschschuss 
auf weite Entfernungen, eingeführt worden. 

Der doktrinäre Sinn deutscher Taktiker brachte es glücklich zu Stande, ^^^^^^ 
die einfachsten Grundsätze Napoleonischer Taktik zu verwischen, und an DoictriMris- 
deren Stelle im ganzen Feldzug von 1859 ein teils falsches, teils kom- wendung 
pliziertes System von Verhaltungs- und Ausnahmeregeln zu setzen ^ß)^ ^w^^rtniem 
obgleich doch das Auftreten der österreichischen Artillerie im Kriege ««b« "69. 
mit den Ungarn im Jahre 1849 bei Raab, Szöreg (93 Geschütze) und 
Temesvar (114 Geschütze) schöne Beispiele der Bildung und Verwendung 
grosser Artilleriemassen geliefert hatte, wobei freilich zu bemerken ist, 
dass diese Schlachten überhaupt reine Artillerieschlachten waren. 

Die grössere Tragweite, Treffsicherheit und Durchschlagskraft der 
gezogenen Handfeuerwaffen brachten die Artillerie in eine missliche Lage. 

^^) Müller: „Die Wirkung der Feldgeschütze**. 
^«) Maresch: „Waifenlehre". 

26* 



404 VI. Taktik der ArtiUerie. 



dMHiSter^ -^ Preussen hatte man, wie in Frankreich, wichtige Verän- 

i^aang derungen im Artilleriematerial vorgenommen. Aber man hatte eine 
Kalone*- andere Richtnng verfolgt; man brachte bei der Kanone die Hinterladung 
xSl^n^n *n *^ ^^^ sobald um 1868 die ersten Vei-suche mit gezogenen Kanonen 
preoaBen. gemacht worden waren, versuchte man die bestehenden Geschütze ent- 
sprechend umzugestalten. 

Der Erfolg der französischen gezogenen Kanonen bei Solferino 1859 
beschleunigte die Lösung dieser wichtigen Frage, und noch ehe dieser 
Feldzug beendet worden war, wurde Befehl gegeben, 300 gezogene 
Kanonen fertigzustellen. 

Bisher, sagt Fürst Hohenlohe in seinen „Briefen über die Ai1;illerie", 
war der durch die glatten Geschütze auf 1000 Schritt (750 Meter) erlangte 
Erfolg so unsicher, dass die Artilleristen zu sagen pflegten: „Der erste 
Schuss ist für den Teufel, der zweite für den lieben Gott und der dritte 
erst ist für den König." 

Dies bedeutet, dass auf 750 Meter Distanz ein Ziel von 30 bis 40 Meter 
Breite und 2 Meter Höhe nur vom dritten Teil der abgegebenen 
Schüsse erreicht wurde. 

Bei Entfernungen von 1250 bis 1500 Meter war man schon absolut 
ausser Schussbereich der Artillerie. 

Heutzutage ist man bei doppelt so grossen Entfernungen noch nicht 
aus dem Bereich des Artüleriefeuers. 
PreuMiscLe Als 1864 der Krieg gegen Dänemark ausbrach, war schon ein 

1864 u. 1866. Drittel der preussischen Feldartillerie mit gezogenen Geschützen aus- 
gerüstet, auch hatte man als leichtes Geschütz bereits den Vierpfünder 
eingesteUt. 

Im Jahre 1866 besass jedes Armeekorps 4 Batterien gezogener 
Sechspfünder und 4 Batterien gezogener Vierpfünder, jedem Armeekorps 
verblieben aber noch 6 Batterien glatter Kanonen, 
ueberiegen- j^j^u hatte auf dics Material übertriebene HoflEhungen gegründet. 

heit der « o o 

österreicid- Jedoch dcu Sicg brachte nur die bessere Führung und das Zünd- 
Arüuerie uadelgewehr; der Ai'tillerie hatte sich die österreichische als überlegen er- 

gegenftber diesen, 
der preussi- 
schen Das Werk des preussischen Generalstabes über den Feldzug 1866 

"i86*6." sagt: „Die (preussische) Infanterie focht fast ganz allein, sie fand geringe 

Unterstützung an der Kavallerie und der grösste Teil der Artillerie verblieb 

in Stellungen, aus welchen sie auf das eigentliche Gefechtsfeld nicht zu 

wirken vermochte. Dem gegenüber nützten die Oesterreicher, bei voller 

Freiheit ihrer Bewegungen, alle Waffen aus, und konnten die 

ganze Ueberlegenheit ihrer Geschützwirkung zur Geltung 

bringen." 



Einflüss der Veryollkommnungen der Geschütze. 405 



Langlois^T) berechnet die Schussweite in Metern: 

Oesterr. Geschütze Preuss. Geschütze 

4 pfundige .... 1760 4 pfundige .... 2500 
8 „ .... 975 6 „ .... 2380 

Die preussischen Kanonen waren also vollkommener, jedoch ver- 
stand man nicht den Vorteil auszunützen. 

Die Anzahl der in der Schlacht von Königgrätz beteiligten Geschütze, Artiueri« in 
stundenweise geordnet, ergiebt: von 

Geschütze KöniggräU. 

österreichische preussische 

8 Uhr 8 12 

9 „ 32 12 

12 „ 80 18 

1 „ 80 26 

2 „ 80 38 

2V« „ .80 74") 

Man kann wohl kaum einen schlagenderen Beweis für die Un- 
voUkommenheit der Anwendung der Geschütze jener Zeit beibringen. 
Heute würde eine Artillerie, die numerisch dem Gegner so nachstände, 
sofort zum Schweigen gebracht werden. 

Derselbe Langlois sagt: „Die Verwendung der preussischen Artillerie 
im Jahre 1866 war in technischer wie in taktischer Hinsicht gleich 
fehlerhaft gewesen; man hatte die Folgen der neuen Bewaffnung nicht 
begriffen." 

Aber es zeigt wieder dieselbe Erscheinung: den Fehlem wird 
nachgeforscht und diese werden dann gutgemacht. 

Nach den Ereignissen von 1866 erkannte man in Preussen die ver- 

, grÖBserung 

Notwendigkeit eines höheren Kommandos, eines taktischen Gruppen- der 
kommandos, um das Zusammenwirken der Kräfte zu sichern, das allein, Ei^heuln 
besonders bei der Artillerie, gute Resultate herbeiführen kann. Von da datiert ^®'J^®^*"" 
die Vergrösserung der taktischen Einheit, d. h. die Bildung einer zweckmässig Artillerie 
organisierten „Abteilung", die im Kriege 1870 so grosse Dienste geleistet hat. 

In Preussen (und in anderen deutschen Staaten) wurde durch den Aasscbeiden 

der glatten 

Krieg von 1866 der letzte Zweifel an der Notwendigkeit einer gänzlichen aeeehatce 
Ausscheidung der glatten Geschütze beseitigt. Im April 1867 wies die j^reuL^Ln 
preussische Feldartillerie schon ausschliesslich gezogene Geschütze auf. ^ !j*|^-. 

In der Epoche von 1866 bis 1870 begnügte man sich nicht damit, die 
Prinzipien der taktischen Verwendung dieser Waffe festzustellen, sondern 



^^ „Artillerie de campagne.^ 

*•) Langlois: „Artillerie de campagne." 



406 VI. Taktik der Artillerie. 



man entwickelte die Schiessinstruktion, yervollständigte das Material und 
studierte mit Sorgfalt das Problem des Munitionsersatzes auf dem 
Schlachtfelde und die Munitionsversorgung der Kolonnen im Armeepark. 
Endlich hatte man in Preussen auch noch die Verwendung der Ab- 
teilung oder Gruppe von 3 bis 4 Batterien, wie vorhin schon erwähnt, 
als taktische Einheit auf dem Schlachtfelde eingeführt, ^d) 

, ^*t ^ In Frankreich wurde dagegen das Material La Hitte als jedem 

Artillerie im anderen tiberlegen betrachtet und man behielt es bei, aber vervollständigte 
ege 1870. ^^^ verbesserte es noch, um sich seiner während des Feldzuges von 1870 
gegen die deutschen Heere zu bedienen. 

„Bei Beginn des Krieges 1870—1871 waren in der französichen 
Feldartillerie Bronzekanonen von 4-, 8- und 12 pfundigem Kaliber vor- 
handen und 25 läufige Mitrailleusen. Die Kanonen schössen. mit gewöhn- 
lichen (einwändigen) Granaten, Shrapnels und Kartätschen. Granaten 
und Shrapnels waren zuerst mit Zeitzündern von zweifacher Stellung 
versehen, welche häufig weit vor dem Ziele ztindeten; sie wurden aber 
bald bei Granaten und teilweise auch bei Shrapnels durch Perkussionszünder 
(Demarais) ersetzt, die Wirkung der Geschütze erfuhr hierdurch indessen 
nur eine geringe Steigerung. "20) 

Bis zum Jahre 1870 war das stärkste der französischen Feldgeschütze 
die 12 Centimeter-Kanone, deren Granaten ca. 22 Sprengstücke ergaben. 

Ungenügende Auf 3000 Meter Entfemuug schoss dies Geschütz mit einer Ziel- 

Abweichung von etwa 400 Meter Distanz und 3,60 Meter Richtung. Die 
Granaten waren mit einem Zeitzünder versehen, der bei Stellung auf 
kleine Distanz von 1300—1500 Meter oder bei SteDung auf grosse Distanz 
von 2500 — 2800 Meter zündete. Alles dies war wenig wirksam. 

Falls die Zündung bei Distanzen von weniger als 1300 Meter oder 
von 1600 — 2600 Meter erforderlich war, musste man ricochetieren, was 
natürlich den Flug des Geschosses hemmte und dessen Krepieren noch 
vor dem ins Auge gefassten Ziel zur Folge hatte. Ausserdem veränderte 
beim Aufschlagen des Greschosses der kleinste Stein auf dem Wege 
oder jedes andere Hindernis die Richtung. Deshalb wurde im Kriege 
1870 der Raketenzünder durch den Perkussionszünder von Demarais 
ersetzt, welcher das Geschoss in beliebiger Entfernung, sobald dasselbe 
nur auf dem Boden aufschlug, krepieren Hess. Dies war schon sicherer, 
aber häufig wirkte das Piston der Röhre nicht, oder wenn es wirkte, doch 
nicht gerade im Moment des Aufschiagens auf den Boden, sodass falls der 

") Waldor de Heusch: „La Tactique crautrefois." 
^) Potozki: „Artillerie", Lieferung Tl. 



:liinf*n b«l Saltt 107. 



Einduss der Vervollkommnungen der G^escliütze. 407 



Boden nur einigermaassen locker war, das Geschoss sich einwühlte, fast 
ohne Sprengstücke zu geben. 21) 

In Preussen war die gesarate Artillerie schon vor dem Kriege "®^J^**®"" 
mit 4- und 6pfündigen gezogenen Gussstahlgeschützen versehen, deren der deutachen 
Vorzug vor den französischen Geschützen während des deutsch -fran- 1870. 
zösischen Krieges deutlich zu Tage trat. Dieser Vorzug bestand sowohl 
in der besseren Konstruktion der Geschütze und Geschosse (grcissere 
Treffsicherheit, Granaten mit Perkussionszündung) als auch in ihier 
rationelleren Verwendung. 

In Folge dessen war die deutsche Artillerie der französischen ent- 
schieden überlegen, was sich in allen Schlachten bethätigte. 

Der deutsche offizielle Bericht über den Feldzug von 1870—1871 
stellt mit lobenswerter Unparteilichkeit die Wirkungslosigkeit des Feuers 
der französischen Batterien fest, die mit der deutschen Artillerie den Kampf 
nicht aufnehmen konnten. Von der Schlacht bei Spicheren sprechend, 
sagt oben zitiertes Werk, dass die französische Artillerie mit höchst 
mittelmässigen Erfolgen schoss. 

Bei Wörth besetzten die Franzosen die Anhöhen. Das Feuer ihrer ^ Wirkung 

derdeatacneu 

Artillerie, von der ein Teil (48 Kanonen) in Reserve gehalten wurde, war Artuierie bei 
vollkommen ohnmächtig. Schon von 9V2 Uhr Morgens an konnten die 
Deutschen 108 Geschütze auffahren, die bis zum Augenblick des Angriffes 
fortwährend in Thätigkeit waren; so konnte die deutsche Artillerie 
10 Stunden lang die Stellung des Feindes in Ruhe beschiessen. Ihre 
Kanonade war dementsprechend äusserst wirksam. Gleich zu Beginn 
mussten die Mitrailleusen die Stellung räumen. Die französischen 
Batterien hielten das Feuer aus, erzielten aber beinahe keine Resultate, 
denn die meisten Granaten, welche in der Nachbarschaft der deutschen 
Geschütze zur Erde fielen, krepierten nicht. (G. E*-M' All*, I«' partie, I«' 
volume p. 226 et 227.) 

Somit sahen die Franzosen, dass ihre Kanonen keinerlei Wirkung 
erzielten, und während des Kampfes wurden die 108 deutschen Kanonen 
noch um 127 Stück vermehrt. Diese furchtbare Artillerie schleuderte, 
indem sie sich fortwährend näherte, 19704 Geschosse. 

Der General von Boguslawski^), ein hochverdienter Taktiker, Kom- 
mandeur des 50. Infanterie-Regiments, welches sich so tapfer und mit so 
viel Zähigkeit schlug, dass es mehr als den dritten Teil seines Bestandes 
verlor, erklärt: „Die Wirksamkeit unserer Artillerie im Kampfe gegen die 

'*) Om^ga: „L*art de combattre**. 

»») „NoiiveUes l^]tiides sur la Bataille de Woerth", par von Bo^iislawski, 
G enerallieuteuant. 



408 VI- Taktik der Artillerie. 

der Franzosen war enorm. Während einer Stunde konnte das Zentrum 

des Feindes keine einzige Granate entsenden. Die französische Infanterie 

muss gleichfalls gelitten haben. 2«) 

st&rke der \\rir dürfeu aber nicht vergessen, dass zugleich ein anderer, noch 

und mächtigerer Faktor wirkte : die Ueberzeugung von der faktischen üeber- 

b^e^wX legenheit der Deutschen. 

Wir wollen darauf hin die Zahl der Truppen, die am Kampfe teilnahmen 
und die in der Nachbarschaft des Schlachtfeldes standen, ansehen. 34) 

Bataillone Schwadronen 

Infanterie Kavallerie Batterien 

Schlachtfeld 

Franzosen 67 36 22 

Deutsche 84 39 4ß 

In der Nähe des Schlachtfeldes 

Franzosen 18 9 6 

Deutsche 44 63 M 

Also insgesamt 

Franzosen 76 44 28 

Deutsche 128 102 80 

Die Artillerie Au dcr Stelle, WO der preussische Generalstab von der Schlacht bei 

Graveiotte. Gravelottc uud dem Angriff auf die Ferme Saint-Hubert spricht, konstatiert 
er gleichfalls die Ohnmacht der Verteidigungsartillerie. 

Man liest Seite 741, 1. Theil, Band 11: 

Der Feind zögerte nicht, mit seinen bei Point du Jour wohl auf- 
gestellten Geschützen durch ein äusserst heftiges Feuer zu antworten. 
Granaten, Shrapnels, Kartätschen regneten ohne ünterlass auf diesen 
Teil des Schlachtfeldes, brachten jedoch fast gar keine Wirkung 
hervor. 

Die deutsche Artillerie hatte allen erwünschten Erfolg. Wir lesen 
Seite 769 desselben Bandes: 

Von diesen neuen näherliegenden Positionen aus nahm die Artillerie 
das Feuer wieder gegen dieselben Punkte des gegenüberliegenden Plateaus 
mit augenscheinlichem Erfolge auf. Die Geschütze, welche der Feind dort 
zeigte, wurden kampfunfähig gemacht oder zum Rückzug gezwungen, 
so dass bald einige der preussischen Batterien ihrem Feuer die Richtung 
gegen St. Hubert geben konnten. 

") Beiheft zum „Militär -Wochenblatt" 1872. Alt u. Lehmann: „Die 
deutsclie Artillerie in den 25 Schlachten." 

**) Langlois: „Artillerie de camy)agne". 



Einfluss der Vervollkommnungen der Geschütze. 409 



Die Schlacht von Sedan war schliesslich auf den entscheidenden scji^cw ▼<»>» 

Sedan — 

Punkten eine Artillerieschlacht mit ungleichen Waffen. Deutscherseits Arünerie- 
traten auf: 599 Geschütze, welche 66568 Greschosse verfeuerten. ^ ** 

Den besten Beweis von der Ohnmacht der französischen Artillerie 
können uns aber wohl wieder Zifiem liefern. 

Im Zweikampfe der Artillerien konstatieren die von Hoftbauer und 
Leo 25) gemachten Erhebungen bei 420 Batterie-Engagements als demontiert 
deutsches Material nur 6 Lafetten, 8 Protzen, 1 Munitionswagen, 36 Räder 
und 6 Verschlussapparate. 

Mit Recht sagt also „rAvenir militaire", 1. März 1892: „Man muss -Y,^^f"*' 

^^ " ' " militaire" 

den Lehren von 1870 misstrauen. Die preussische Artillerie hatte leichtes über die xr- 
Spiel gegenüber unseren ohnmächtigen Geschützen, die mit ihren Projektilen Krii^rTiwo. 
das unwirksamste Kriegsmaterial waren, das je existiert hat." 

Wenn man den Charakter der Schlachten des Feldzuges 1870/71 
ihrer Anlage und ihrem Verlaufe nach, sowie die Beteiligung der 
Artillerie an ihnen studiert, so wird man finden, dass diese zur selbst- 
ständigen Durchführung des Kampfes nur bei Wörth, Gravelotte, Noisse- 
ville (2. Tag) und Sedan eingegriffen hat. 

Im weiteren Verlaufe des Feldzuges war die übriggebliebene und 
die neu formierte französische Armee schon im Zustande des Niedergangs 
und auf deutscher Seite eine solche Uebermacht vorhanden, dass die voll- 
ständige Ausnutzung der Artillerie eine noch viel grössere Bedeutung hatte. 

Jedenfalls kann nicht geleugnet werden, dass in allen Gefechten 
seitens der deutschen Truppenführer die Artillerie vortrefflich gebraucht 
wurde. 

Die Resultate des Krieges waren so erstaunlich, dass alle Mächte Verbesserung 

der 

mit grosser Hast an die Verbesserung der Geschütze und der Art ihrer aeschtttee in 

IT :i • allen Staaten 

Verwendung gingen. seit i87o. 

Ueberall führte man neue Geschütze ein. Deutschland 1873—1888, 
Oesterreich 1875, Italien 1874—1881, Frankreich 1877, Russland 1877—1879. 

Diese Zeitpunkte der Einführung vervollkommneter Modelle haben 
ihre besondere Bedeutung. 

Als Bismarck im Jahre 1876 die Absicht gehabt haben soll, Frank- 
reich zum zweiten Mal niederzuschmettern, hatte in Deutschland schon 
eine Reform der Artillerie stattgefunden, während Frankreich und Russ- 
land eine solche noch nicht in Angriff genommen hatten. 

Dies sollte sich an Russland, als der Krieg mit der Türkei 1877 ^"- ^ 

^ *^ genügende 

ausbrach, schwer rächen. russische 

Artillerie im 
Kriege 1877. 

**) Waldor de Heusch: „De l'occnpation des positions dt'fensives d'apres.** 
Hoffbauer: „Die deutsche Artillerie." 



410 VI. Taktik der Artillerie. 



In den Gefechten und Schlachten des russisch-töikischen Krieges 
hat die Artillerie durchschnittlich nicht jenen Einfluss ausgeübt und die An- 
griffe der Infanterie nicht so "wii'ksam vorbereitet, als man hätte erwarten 
sollen ; die meisten Gefechte machen den Eindnick, als ob die Mitwirkung 
der Artillerie auf ihren ganzen Verlauf keinen nennenswerten Einfluss 
gehabt hätte. Der Grund dieser Erscheinung liegt hauptsächlich darin, 
dass die Artillerie ihrer Aufgabe nicht gewachsen war. 

Die Notwendigkeit der raschesten Umänderung des Greschützmaterials 

trat sofort nach den ersten Kämpfen klar zu Tage, und so wurde Krupp 

in Essen mit der Herstellung von 1100 Gussstahlkanonen beauftragt, 

während 1700 Kanonen auf der Obuchow'schen Fabrik angefertigt 
wurden. 36) 

Di« bi»- Diese kurze Uebersicht über die Verwendung der Geschütze 

nerige Ver- , 

wendang d«r zeigt uus, dass eiu Vergleich mit der Gegenwart zu irrigen Schlüssen 
ennögUcM «ihren muss. 

's^hiSlir Nicht allein die Wirkung jedes einzelnen Geschützes war un- 

i« B«ng »uf verhältnismässig schwächer, als sie im künftigen Kriege sein wii'd, 
im zukuDfui- sondern auch die Anzahl der Schüsse wird in Folge der gemachten Ver- 
kriege. ^^ggermig eine ganz andere sein als in der Vergangenheit. 

Eine Vergleichung der in den einzelnen grösseren Sclilachten ver- 
brauchten Geschosse seit dem Jahre 1869 mit den Anforderungen, welche 
militärische Autoritäten für den Zukunftskrieg stellen, wird uns den Beweis 
hierfür liefern. 

suüstik des Artilleriemunition, welche pro Geschütz im Laufe einer 
Tttrbruciu Schlacht verbraucht wurde:^) 

fftr die 

Artuierie in 1859 Frauzoscu Solfcriuo 53 

schuchuii. lo^O „ Rezonville 61 

1870 „ Saint-Privat 58 

1813 Preussen Gross-Görschen 68 

1813 „ Bautzen 56 

1813 „ Gross-Beeren 38 

1813 „ Katzbach 35 

1813 „ Dresden 16 

1814 „ Paris 47 

1815 „ Ligny 47 

'*) „Skizze der Umbowaffnung in der heutigen Artillerie". Petersburg 1889. 

'0 «Bevue de TArmöe Beige" : „De la Reduction du Cliarroi dans los Batteries 
de Campagne", d'aprös Ploix: „Le Service a l'arriero dans rArtillerie". — 
„Revue d'Artillerio". Fevrier 1884. — Wille: „Ueber die Bewaffnung der Feld- 
Artillerio". 



I 



I 

i 



Einüuss der VervoUkommnungen der Geschütze. 411 

1815 Preussen Waterloo 41 

1870 „ Wörth 40 

1870 „ Borny 18 

1870 ,, Rezonville (Vionville oder Mars la Tour) ... 88 

1870 „ Gravelotte (St. Privat oder Lignes d'Amanvillers) 63 

1870 „ Sedan B7 

18B9 Oesterreicher Magen ta 14 

1859 „ Palestro 32 

1859 „ Solferino ' . . 29 

1864 „ Ober-Selk 22 

1864 „ Oeversoe 47 

1864 „ Veüe 19 

1866 „ Trautenan und Soor 76 

1866 „ Nachod 63 

1866 „ Skalitz 36 

1866 „ Königinhof und Schweinschädel 28 

1866 ,. Münchengrätz 17 

1866 ,, Gitschin 42 

1866 „ Kukus und Salney 30 

1866 „ Königgrätz .69 

1866 „ Blumenau 70 

1866 „ Custozza 48 

1866 Sachsen Königgrätz 28 



Artilleriemunition, pro Geschütz während der ganzen Dauer Art"ierie- 

munition 

des Feldzuges verbraucht: proGeschüte. 

1859 OesteiTeicher 32,5 

1864 „ 29 

1866 „ 95,6 

1866 „ auf dem Kriegstheater in Böhmen 107 

1866 „ „ Italien 48 

1866 „ „ Deutschland .... 55 

1866 Sachsen 20 

186(] Preussen (gezogene und glatte Kanonen) während des 

ganzen Feldzuges 40 

1866 ,, (gezogene Kanonen) 57 

1866 ,, auf dem Kriegstheater in Böhmen (gezogene und 

glatte Kanonen) 38 

1866 „ auf dem Kriegstheater in Böhmen (gezogene 

Kanonen) 66 



412 VI. Taktik der Artillerie. 



1866 Prenssen auf dem Kriegstheater in Deutschland (gezogene 

und glatte Kanonen) B4 

1866 „ auf dem Kriegstheater in Deutschland (gezogene 

Kanonen) 62 

1870—71 Prenssen, Badenser und Hessen 199 

1870—71 Baiem 260 

1870—71 Sachsen 162 

1877—78 Bussen 12B 

Aus diesen Ziftem ergibt sich, dass der Munitionsverbrauch be- 
deutend im Steigen begriffen ist. 
iMgXoia Dass die moderne Bewaffnung der Infanterie mit dem kleinkalibrigen 

TorauBsicht- Kepctiergewehr unter Anwendung des rauchschwachen Pulvers, sowie die 
Aufiwd dadurch bedingte teilweise Aenderung in der Truppenführung die Thätigkeit 
an Artillerie- ^^1- Feldartülerie im Kampfe stark erhöhen muss, unterliegt keinem Zweifel ; 

mnnitioii . 

im nftehsteii wlc Weit aber die Mutmaassungen m dieser Hinsicht gehen können, zeigt 
Kriege, f^jg^j^^^ Schätzuug, wclchc Obcrst Langlois im zweiten Bande seines 
im Jahre 1892 erschienenen bemerkenswerten Werkes 28) mitteilt: „Der 
Aufwand an Ärtilleriemunition im nächsten Kriege wird unsere über- 
triebensten Erwartungen übersteigen. Wir nehmen, um uns in engen 
Grenzen zu bewegen, an, dass man blos 100 Schüsse auf die Batterie 
und auf die Kampfstunde rechnen darf; in zwei Tagen zu 8 Kampf- 
stunden wird man also 1600 Schüsse per Batterie oder 267 Schüsse 
per Kanone abgeben, was gerade der Ausgabe der beiden Schlachttage von 
Leipzig gleichkommt; und dieser Aufwand darf uns nicht wundern" .... 
Indem er weiter eine Verteilung unter die verschiedenen Munitionsstaffeln 
eines Armeekorps angiebt, schlägt Langlois vor, die Batterie mit neun 
Munitionswagen bestellen zu lassen, wie in Frankreich, was 141 Schüsse 
per Geschütz ausmacht, 
seusohten- Und Weiter sagt der genannte Verfasser: „Wer könnte zu behaupten 

8 bi8*4 Tage, wageu, dass die Schlacht nicht 3—4 Tage dauern, dass der Verbrauch nicht 
500 Schüsse per Geschütz in diesem Zeitraum übersteigen wird? Selbst- 
verständlich kann man hoffen, dass derartige Zahlen nicht erreicht werden, 
aber die elementarste Vorsicht gebietet, uns auf derartige Anforderungen 
vorzubereiten — 9000 Schüsse per Batterie in 4 Schlachttagen." 
starke Zu- Dazu bcmcrkt er aber unstreitig ganz richtig: „Die menschliche 

"*an"dir Energie hat ihre Grenzen und wir glauben nicht, dass sie gross genug 
"&I!?^e.^** ist, um zwei Heere während vier aufeinander folgenden vollen Tagen im 
Kampfe zu erhalten. Man kann annehmen, dass die Hälfte oder 

•®) L' Artillerie de Campagne en liaison avec les autres armes, par le 
Colonel Langlois, professeur k l'Ecole superieure de guerre, Paris 1892. 



Eiiifluss des rauchschwachen Pulvei-s. 413 



wenigstens der dritte Teil dieser 3000 Schüsse gegen die feindliche 
Artillerie gerichtet sein wird, welche ebenfalls mit 1600 oder 1000 Schüssen 
antworten wird. Was bleibt aber wohl nach solchem Schiessen von einer 
Batterie übrig?" 

Die Antwort darauf kann keinem Zweifel unterliegen, wenn wir f"*"^* 
die Wii'kung der neuen Geschosse ins Auge fassen. , gefecht- 

Bei General Rohne^^) finden wir hierüber sehr bemerkenswerte Bemannung. 
Angaben. Er erklärt: Um die Hälfte der Bemannung einer freistehenden 
Batterie ausser Gefecht zu setzen, werden benötigt, auf 2000 Meter Ent- 
fernung — 33 Schuss, auf 3000 Meter — 47, auf 4000 Meter — 90 Schuss. 

Gegen Batterien hinter Werken wird man selbstverständlich auf eine 
höhere Schusszahl rechnen müssen. 



Einflnss des ranchschwachen Pnlvers anf die 

Taktik der Artillerie. 

Bei unseren Ausführungen über das rauchschwache Pulver haben ^Jg'jjj^*^" 
wir schon seine Eigenschaft hervorgehoben, dass nämlich in der für ^^ 
Artillerieschüsse gewöhnlichen Entfernung der Pulverdampf nicht wahr- des »uck- 
genommen werden kann. *pIiw^*" 

Das frühere Pulver bezeichnete mit dem Moment der Feuereröffnung 
deutlich die Stelle, von der aus die Schüsse erfolgten, und obwohl es die 
Schützen selbst den Augen des Gregners entzog, so bildete doch auf jedem 
Schlachtfelde die Rauchlinie das Ziel für die Richtung des feindlichen 
Feuers, mit einem Wort, in jedem gegebenen Moment wurden die Geschütz- 
linien durch den sichtbaren Pulverdampf bezeichnet. 

Mit Einfuhrung des neuen Pulvers ist eine solche Bestimmung teil- 
weise schwierig, teilweise gar unmöglich geworden, da nur die Spreng- fewt 
ladung einen Zusatz von Schwarzpulver enthält, welches einen tief- 
dunklen Rauch erzeugt und es gestattet, das Einschlagen der Geschosse 
zu beobachten. In allen anderen Fällen kann man über die Richtung der 
Schüsse nur noch mit Hilfe des Gehörs urteilen, aber nach Ansicht der 
Fachmänner kann die Bestimmung nach dem Gehör niemals die früliere 
Orientierung vermittelst des Auges ersetzen. 



Raaeh- 
orieniining 



'•) General Kohne : „Beurteilung der Wirkung beim Schiessen" im „Militär- 
Wochenblatt", 1895. 



414 VI. Taktik der Artillerie. 



Bed«ainiig Glelchwohl legen nicht alle Militärschriftsteller dem Unterschiede, 

der " , 

Feaers&uie. welcher durch das Fehlen des Rauches auf dem Schlachtfelde gegen früher 
bedingt wird, besondere Bedeutung bei. Obwohl in Wirklichkeit der 
Rauch v,on dem „rauchlosen" oder, richtiger ausgedrückt, rauchschwachen 
Pulver auf weitere Entfernungen hin nicht sichtbar sei, so ersetze ihn 
.doch die Feuersäule der verbrennenden Gase, die bei jedem Schusse 
auf gi-össere Entfernungen noch deutlicher sichtbar sei, als bd dem 
fiiiheren Pulver. Nach diesem Feuerschein könne Bäan auf drei Kilometer 
Entfernung nicht nur die Position der Artillerie, sondern auch die Zahl 
ihrer Geschütze genau bestimmen. Demnach werde, sagen die einen, 
trotz des mangelnden Rauchs des neuen Pulvers jeder Kanonen- 
schuss der Beobachtung zugänglicher als früher, nur mit dem Unter- 
schiede, dass man beim früheren Pulver die Position der feindlichen 
Artillerie mittels der Rauchwolke bestimmte, während sie jetzt die bei 
jedem Schusse auftretenden Feuersäulen bezeichnen. Hierauf wird aber 
erwidert, dass man in vielen Fällen die Batterien hinter einer Deckung 
postieren wird, um die Feuersäulen unsichtbar zu machen. Zu diesem 
Zweck brauche man nur die Geschütze 6 Meter hinter einer Deckung von 
Brustwehrhöhe aufzustellen, das Feuer werde dann unter keinen Umständen 
mehr sichtbar sein. Dass eine derartige Stellung der Geschütze ihre 
grossen Nachteile hat, unterliegt keinem Zweifel, und dennoch spricht die 
Wahrscheinlichkeit dafür, dass man im zukünftigen Krieg zu solchem 
sozusagen indirekten oder gedeckten Schiessen gezwungen sein wird.i) 

niu**aitem ^^^^^ gebeu auf der folgenden Seite nach der „Revue Encyclop6dique** 

und neuem Abbildungen der Schüsse mit dem alten und neuen Pulver. 

Pnlver. ^ 

Schwierig- In jedem Falle ist es seit Einführung des rauchschwachen Pulvers 

Truppin- sogar schou bei den Friedens -Manövern in Folge der grossen Flächen, 

bewogungen {^ Folge der zerstreuten Ordnung und des Suchens nach Deckungen weit 

zu erkennen. . ^ " 

schwieriger geworden, die Truppenbewegungen zu erkennen und die 
eigenen Truppen von denen des Gegners zu unterscheiden. 3) 

Grössere Ge- Dicser Umstaud ist bei Berechnung der Möglichkeit der Verluste 

Ah r dang 

der in zukünftigen Kriegen ebenfalls in Rechnung zu ziehen. Was den 
bldietung. direkten Einfluss des neuen Pulvers auf die Geschützwirkung betiitft, 
so ist noch zu bemerken, dass die Anwendung des rauchschwachen 
Pulvers die Gefährdung der Geschützbedienung bedeutend vergrössert 
hat. Früher blieb sie dank dem dichten Pulverdampf unsichtbar. Der 
Dampf hinderte wohl das Zielen, aber auch die feindlichen Schützen 



Michnewitsch: „Ueber den Einfluss des Kalibergewehrs auf die Heeres- 
taktik." 

') Charles Dilke: „Les armees frangaises". 






a 

o 
in 

o 



EJnSusR des muuhscli wachen Palvera. 415 

vermochten liierbei nicht die Geschützmaimschaft geuaa aufs Kom zq 
nehmen. Obwohl das rauchschwache Pulver, wie schon erwähnt, auch 
gegenwärtig beim Schiessen ans GfescWltzen immerhin noch verhältnis- 
mässig mehr Ranch erzeugt als Gewehrfener, so verschwindet doch dieser 
Dampf fast unmittelbar nach dem Schusse, nnd die Artilleriebedienung 
ist nicht mehr vor direkten feindlichen Kemschüssen geschützt. 



Alt« Piil«r. Geschützkampf. RMciBcliwKhes Pnlvor. 

Alle Gründe, die man zu Gunsten der Aufschüttung von Erd-"*' 
decknngen bei der Infanterie anführt, wovon schon die Rede war, recht- i 
fertigen gleichfalls die. Wahl gedeckter Positionen für Artillerie. Jedoch ' 
zieht das Exerzier-Reglement der deutschen Artillerie die Anwendung ' 
des direkten Schiessens vor und lässt das gedeckte Schiessen nur 
dann zu, wenn das erstere je nach Lage des Kampfes oder des Terrains 
unmöglich erscheint. 

Die Möglichkeit der Dnrchfühmng dieser Bestimmung der deatschen 
Schiessvorschrift wird jedoch von verschiedenen Seiten stark angezweifelt. 
— Bei dem jetzigen Feuer der Geschütze würden auf wiiksame Ent- 
fernung (jedenfalls noch bei 3000 Metern) Batterien selir bald dorch Verinst 
ihrei- Bedienung kampfunfähig werden.») 

') „Journal des Sciences MUitaires": „Röle de l'Artillerie dana le combat 
de Corps d'Arnii'^e." 



416 VI. Taktik der Artillerie. 



^ wöobei^"^^ Das ,,Militär-Wochenblatt" widmet der Prüfung der Vor- und Nach- 

biatt- über teile, welche durch Anwendung des indirekten iSchiessens für die Feld- 
^edeckto)* Artillerie erwachsen können, einen offiziellen Artikel. Der Autor billigt 
Schiessen. yoHkommen die von der deutschen Instruktion aufgestellte Regel und 
lässt ebensowenig die übertriebene Vorliebe gewisser Ai-tilleristen für 
gedecktes Schiessen zu, als die vorgefasste Meinung anderer, die in 
dieser Schiessweise nur ein wahres Versteckspiel sehen wollen und der 
Artillerie den Vorwurf machen, sie wolle sich den von anderen Waffen- 
gattungen mutig ertragenen Verlusten entziehen. 

Es würde ein Irrtum sein zu glauben, sagt der Autor, dass die ge- 
deckten Positionen die Artillerie vollständig vor den Schüssen des Feindes 
bewahren würden; die grossen Massen, die man heutzutage verwendet, 
verstecken sich nicht so leicht; wenn es auch den Batterien durch einen 
ausnahmsweisen Zufall gelungen sein sollte, ihre Position einzunehmen, 
ohne von der feindlichen ArtiQerie, den Vorposten oder Patrouillen ge- 
sehen worden zu sein, werden sie doch ihie Gegenwart sogleich bei 
Beginn des Feuers verraten. Der Kanonendonner, das Explodieren der 
Geschosse, sowie die gleichzeitigen Nachrichten über die wahrscheinliche 
Marschrichtung des Angi-eifers werden fast immer dem Feinde die Anhöhe, 
hinter der die Masse der Ai-tillerie Position genommen hat, anzeigen. 

Es bleibt trotzdem nicht minder wahr, dass die Verluste geringer 
sein werden, als wenn sich eine Batterie ungedeckt aufstellt oder eine 
„halbgedeckte" Position einnimmt, in welcher bloss die Geschützmün- 
dungen den Gipfel überragen, denn, wenn der Gegner auch annähernd 
die Stellung der Batterie selbst kennt, so kann er doch nicht wissen, wo 
deren Munitionswagen und weitere Wagenstaifeln aufgestellt sind. 
J^""' Es ist selbstverständlich, dass Berechnungen angestellt worden sind 

rechnungen, o o 

zeitond Über die Zeit und Patronenanzahl, welche nötig sein werden, um eine 

eine^B^tteri^ Batterie durch lufanteriefcuer ausser Gefecht zu setzen. General Rohne ^j 

G^chk ^^» ^^® ^^ Bedienung einer Batterie einschliesslich Offiziere, fnter- 

sa setzen, offizicrc uud Manuschafteu an den Munitionswagen auf etwa 50 Mann 

veranschlagt werden kann, und wenn die Hälfte davon ausser Gefecht 

gesetzt ist, kommt die Batterie ausser Thätigkeit. Um dieses zu erlangen, 

sind auf 

800 Meter 50 X 14,3 oder 715 Patronen 

1200 „ 50X35,1 „ 1755 

1500 „ 50X56,1 „ 2805 

1800 „ 50X80 „ 4000 
erforderlich. 



*) General Kohne: „Die Beurteilung der Wirkung beim gefochtsmässigen 
Schiessen", im „Militär -Wochenblatt" 1895. 



Einfluss des rauchschwachen Ptilvers. 417 

Die zum Verfeuern dieser Schusszahl nötige Zeit wird sich nach 

■ 

der ZaM der in Thätigkeit tretenden Gewehre richten. Die Frontbreite 
einer Batterie beträgt etwa 100 Schritt; rechnet man dementsprechend 
100 Gewehre und setzt folgende Feuergeschwindigkeiten voraus: 

bei einer Entfernung von 800 Metern 3,6 Schuss in der Minute 

,, 1200 „ 2,6 

„ 1600 „ 1,6 „ 

„ 1800 „ 1,0 „ 
so braucht man auf 

800 Meter rund 2 Minuten 

1200 „„ 7 „ 

1600 „ „ 18«/4 „ 

1800 „ „ 40 „ 

Ist die Zahl der feueraden Gewehre gi-össer, so braucht man 
natürlich weniger, ist sie geringer, mehr Zeit. 

Wir stehen aber vor einer offenen Frage, deren Wichtigkeit für 
den zukünftigen Krieg später noch betont werden muss. 

Es darf ausserdem nicht vergessen werden, dass beim Schiessen 2f?.®??'* 

*^ ^ MöglicBKeit 

mit rauchschwachem Pulver die feindlichen Schützen die volle Möglich- ftrfeinduche 
keit haben, sich der Batterie des Feindes zu nähern, hinter Unebenheiten .ich an 
des Bodens Deckung zu suchen und ohne durch den Pulverdampf verraten ^^^^ " 
zu werden, die ganze Geschützbedienung und -Bespannung ausser Gefecht 
zu setzen. 

Bis zu welchem Grade bei dem jetzigen Gewehr und dem rauch- ^^I*"f.'l 
schwachen Pulver der einzelne Soldat gefahrlich werden kann, zeigt ein keit de» 
aus dem deutsch-französischen Kriege mitgeteiltes Beispiel. Ein fran- soid»ton*b^i 
zösisches Bataillon, das hinter der niedrigen Mauer eines Parkes Deckung ^^^^7 «tS? 
gefunden hatte, führte ein lebhaftes Feuergefecht mit einer Abteilung lo^n 
Bayern. Einer der Bayern kletterte auf einen Baum und begann zwischen 
den Zweigen hindurch auf die Franzosen zu feuern, ein Opfer nach dem 
anderen niederstreckend, und erst als der Rauch ihn verriet, wui-de er 
durch einige Salven vom Baume herabgeschossen. — Wie aber würde 
es sein, wenn statt eines Schützen auf dem Baume ihrer mehrere sässen, 
und wenn sie mit rauchschwachem Pulver schössen? 

Die bei Manövern mit rauchschwachem Pulver gemachten Err 
fahrungen bestätigen, dass durch Bäume und Büsche verdeckte Schützen 
auf eine Entfernung von 400 Metena nicht zu entdecken sind. Vor einer 
solchen Entdeckung aber kann bei geübten Schützen jeder Schuss ein 
Opfer kosten. 

Bloch, J>tt sakflnftige Krieg. 27 



i*U 



41g VI. Taktik der Artillerie. 



«^^"« Seit jener Zeit ist das Gewehr bedeutend verbessert worden; 

nm ausserdem sind gegenwärtig in allen Heeren spezielle sogenannte „Jagd- 
dei FtinAm Kommandos" geschaften, die aus Leuten bestehen, welche trefflich auf weite 
konmdM E^^^fern^M^K^ii zu schiessen verstehen und besonders darin geübt sind, sich 
unbemerkt an das Ziel heranzuschleichen. Es ist klar, dass für derartige 
Kommandos die Aufgabe, sich an eine Batterie heranzuschleichen und die 
Geschützbedienung niederzuschiessen. keine besonders grossen Schwierig- 
keiten bildet. Man kann bestimmt behaupten, dass alle Armeen speziell für 
das Beschiessen der Bemannung der feindlichen Geschütze ausgebildete 
Schützen gewissermaassen als Schutzkette vorausschicken werden. Die 
französischen, deutschen und österreichischen Heere verfügen über eine 
genügende Anzahl solcher Leute. Es ist bekannt, dass für die Entwicke- 
lung des Schützensports in Deutschland, Frankreich, Oesterreich und der 
Schweiz jährlich bedeutende Summen verausgabt werden und dass die 
Bevölkerung dieser Staaten eine Menge trefflicher Schützen aufweist. 
Auch in der russischen Armee bestehen bei den einzelnen Truppenteilen 
besondere „Jagd-Kommandos". 
oeoiirdaDg Weuu also furchtbare Opfer vermieden werden sollen, so darf die 

durch die ^ ' 

Stellang Artillerie auf dem Schlachtfelde nur in günstiger Position erscheinen. 

bedingt 

Um zu veranschaulichen, dass die Gefahrdung von der Stellung 
der Artillerie abhängt, geben wir nebenstehend einige Bilder von 
Artillerie - Zielen.*) 
^«""kei"/ ^^^^ sogar ganz gedeckt stehende Geschütze müssen, soviel es an- 

der Deckung geht, durch Schutzketten ihrer eigenen Infanterie verteidigt werden, 
öoimuketten. Vorausrennen und Stellungsänderungen werden gegenwärtig mit sehr 
grosser Gefahr verbunden sein. 

Jedenfalls ist die Thätigkeit der Artillerie von nahen Entfernungen 

aus (bis 1000 Meter) fast unmöglich geworden, und auch auf weitere 

Entfernungen (bis 2400 Meter) kann sie leicht durch Infanterie im Schach 

gehalten werden. Nur bei Entfernungen über 2400 Meter wird angenommen, 

dass die ArtiQerie, welche durch Infanterie wirksam gedeckt wird, eine 

gewisse Aktionsfreiheit erhält. 

^ibd^m*' Deshalb erübrigt die Frage: wird die Artillerie gegenüber dem 

Jetzigen ver- jetzigen vcrvollkommueten Gewehr ihren Vorrang behaupten? Diese 

^^neton" Frage kann nur ein künftiger Krieg entscheiden, um so mehr, als die 

gfgwttber ^^^^^ Verbesserungen der Gewehre die Gefahrzone noch vergrössern 

die Artillerie werdCU. 
den Vornng 

behaupten Wio wir schou ausgeführt, müssen in Zukunft die Schlachten mit 

llni den ^inem mörderischen Artillerie-Zweikampf beginnen. 

künftigen ~ . . - 

entafheWbM. *^ General Rohne: „Das Schi essen der Feldartillerie", Berlin 1881. 



Einfloss des rauchschwacheu Pulvers. 



419 




Artillerie -Ziele. 



Die Artillerie muss, soll sie den Infanterieangriff wirkungsvoll 
vorbereiten, vorher die feindliche Artillerie genügend geschwächt 
haben, um sie dann mit nur einem Teil der eigenen Geschütze nieder- 
halten zu können. Anderenfalls würde sie sich der Gefahr aussetzen, selbst 
durch die feindlich^ Artillerie vollständig in Schach gehalten zu werden, 
ehe sie noch die Vorbereitungen zum Angriff der Infanterie beendigen 
konnte, und der Erfolg dieses letzteren würde hiermit in Frage gestellt. 

Es wird also das sicherste Mittel, den Feind ausser Stand zu ß<«*"» 

der Scblacht 

setzen, seinen Angriff auszuführen, darin bestehen, seine Artillerie zu durch 
beschäftigen und ihr so die Vorbereitungen dieses Angriffes unmöglich z^l"^^f. 
zu machen. Beide Gegner haben also ein gleiches Interesse daran, sich 
dieses Vorteils zu versichern und deshalb entschlossen ihre Artillerie vor- 
zuführen, um gleich anfangs Ueberlegenheit zu erhalten. Die beiden 
gegnerischen Artillerien werden somit dazu gebracht, sich zu suchen 
und sich gegenseitig anzugreifen, sodass in Zukunft noch mehr als in der 
Vergangenheit alle Schlachten mit einem energischen Artilleriekampf er- 
öffnet werden. 

27* 



420 ^^ Taktik der Artillerie. 



/ 



^^^^ Bei gleichen Kräften wird eine so rasche beiderseitige Vemichtong 

luH uMm- stattfinden^ da8S die Geschütze als nie dagewesene Grössen zn betrachten 
******^*' «ind. General Rohne^ steUt folgende Frage: 



^Welche Wirkung ist gegen eine vorschriftsmassig besetzte Batterie 
dm QtmmiM (50 FigOTen) in 10 Minuten auf 2500 Meter von einer feindlichen Batterie 
"**■•' zu erwarten?** 

Bechnet man für das Einschiessen 3 Minuten, so bleiben 7 Minuten 
fiir die Wirkung; pro Minute 6 Schnss giebt 42 wirksame Schuss zu je 
2,0 Treffer. Danach wurde man auf 84 Treffer und 40 getroffene Figuren 
rechnen dürfen« 

Vorausgesetzt ist hierbei völliges Gelingen des Einschiessens und 
richtige Verteilung des Feuers auf das ganze Ziel. Wer diese Ergebnisse 
mit solchen Angaben vergleicht, die auf statistischem Wege gefunden 
sind, wird höchst wahrscheinlich erkennen, dass sie meist höher als die 
letzteren sind. Das ist sehr natürlich, da in den statistischen Zusammen- 
stellungen auch solche Schiessubungen Aufnahme gefunden haben, bei denen 
das Einschiessen misslang. In vielen Fällen, wo die Sprengi^eiten günstig 
waren, fallen natürlich die Resultate erheblich höher aus. In 10 — sage 
zehn — Minuten auf 2500 Meter Entfernung ist schon die Möglichkeit der 
beiderseitigen Vernichtung vorhanden — und selbstverständlich wird der 
Ausgang dieses Kampfes einen vorwiegenden Einfluss auf den weiteren 
^Lia^r ^^^^^^ ^®^ Schlacht haben ; denn von dem Siege oder der Niederlage 
ArtiiM« seiner Artillerie wird für jeden der beiden Gegner entweder die Mög- 
**Er»rrff«i" lictkeit, einen weiteren Infanterieangriff vorzubereiten und somit die 
*•' ^•"*'^* Möglichkeit der Offensive überhaupt, oder die Unmöglichkeit, diesen 
Angriff vorzubereiten und, als Eonsequenz davon, die Notwendigkeit 
sich zur Defensive zu entschliessen, abhängen. 

BediDg«Dge& Was den Ausgang des Artilleriekampfes selbst aubelangt, so wird er 

gftn«tiges vor allem von der Anzahl der Geschütze, die jeder der beiden Gegner 

^ A^'uerit'" sogleich in die Kampf linie stellen kann, abhängen. Daher rührt die Not- 

kampfo«. wendigkeit, die Bildung und Dislokation der Kolonnen so zu regulieren, 

dass man gleich zu Anfang der Aktion über die Gesamtzahl der Geschütze 

verfügen und fiüher, als der Gegner, mit der Beschiessung beginnen 

kann. Es wird also wünschenswert sein, dass der Artilleriekampf nach 

Möglichkeit den Charakter einer Ueberraschung trägt und er in jedem 

Falle rasch und auf weiteste noch wirksame Entfernung geführt wird. 

unt«raciif«d In früheren Zeiten war wohl auch das Gleiche der Fall, da aber 

mit . ' 

der Yer- damals die Kämpfer sich in verhältnismässig naher Entfernung von 

gftDgenheit 

*) Genersd Rohne: „Militär-Wochenblatt", 1895. 



Bekämpfong eines durch Schanzen gedeckten Feindes. 421 



einander befanden, das Feuer jedoch, wie wir gezeigt haben, verhältnis- 
mässig schwach war, so konnten die Resultate der gegenseitigen 
Beschiessung durch Geschütze nicht solche Bedeutung haben, wie sie jetzt 
gewinnen werden, wo die Tragweite der modernen Feldgeschütze, 
ohne noch die Veränderungen in Anschlag zu bringen, welche in Folge 
der Steigerung der Anfangsgeschwindigkeit der Geschosse eintreten 
können, so ausserordentlich verstärkt worden ist. 



Bekämpflmg eines durch Schanzen gedeckten Feindes. 

Der zukünftige Krieg wird sich auch durch den tiefgehenden Einfluss ^^^^*- 
auszeichnen, welchen das Aufsuchen von Deckungen gegen das Feuer des im 
Gegners ausübt. Die Schaufel ist heute für den Krieger ebenso un- '^Kril^r" 
entbehrlich wie das Gewehr, und wie schon betont wurde, ist die Erd- 
deckung zu einer Lebensfrage geworden. 

Die neuen Eeglements und Feldpioniervorschriften aller Armeen unndrfa»iii- 
legen besonderen Nachdruck auf die Vorteile, welche die Verteidigung aus Fiachuim- 
rasch herzustellenden, mit zahlreichen gedeckten Unterständen aus- geg^M- 
gestatteten Schanzen gewinnen kann. An diesen gedeckten Unterständen ^•«^^«•^ 
scheitert die Shrapnel-, Splitter- und Vollgeschosswirkung des Flachbahn- 
geschützes. Eine nur über FlachbahngeschMze verfügende Feldartillerie 
kann also diese Deckungen nicht zerstören, daher auch den Angriff der 
Infanterie nicht entsprechend vorbereiten. Femer müssen Flachbahn- 
geschütze ihr Feuer gegen die anzugreifenden Teile der feindlichen Stellung 
einstellen, sobald sich die eigene Infanterie diesen Teilen auf 400 Meter 
Entfernung genähert hat. Eine nur über Flachbahngeschütze verfftgende 
Feldartillerie kann also in der kritischesten, entscheidendsten Gefechts- 
phase, in welcher die Infanterie, gegenüber der vernichtenden Kraft des 
heutigen IQeingewehrfeuers, der Hilfe von Seite ihrer Artillerie am alier- 
dringendsten bedarf, jene nicht mehr unterstützen, i) 

Die russische Armee im Kriege 1877/78 verfügte nur über Flach- 
bahngeschütze, und General Totleben bemerkt, dass man vor Plewna 
einen ganzen Tag zu schiessen hatte, um nur einen einzigen durch 
Schanzen gedeckten Türken ausser Gefecht zu setzen.^) 



') General Müller: „Die Wirkung der Feldgeschütze." 

') „MilitÄrische Betraclitungen über den russisch- türkischen Krieg.** 



422 ^- Taktik der Artillerie. 



Wenn beide Gegner sich sofort bei Beginn des Feldzngs mit 
Schanzen umgeben und beiderseits den Angriff des Gegners abwarten 
würden, so würde sich die geschichtliche Thatsache zwischen Gustav 
Adolph und Wallenstein wiederholen, die sich 1632 bei Nürnberg beide 
verschanzten und ihre Siegeshoffnungen auf ein geduldiges Warten und 
die Erschöpfung des Gegners setzten. 

Einfftimuig Man suchte nach Mitteln, solche rasch mit der Schaufel ausgeführte 

orsern. ^Q.g]gg^jj]jßj^gfßgt^jjjg^jjM q^^j. ^q^Jj jjjj.^ Bcsatzungeu mit einer gewissen 

Wahrscheinlichkeit auf Erfolg angreifen zu können. Die unermüdliche 
Technik unserer Zeit schuf daher ausser den schon bestehenden Feld- 
haubitzen auch ambulante Mörser, welche in die Feldartillerien eingestellt 
wurden. 
Basriseke j){q Hauptbediugungen, denen ein Geschütz dieser Art entsprechen 

16-Conuiii.' 

M6»er. muss, genügende* Beweglichkeit , um den Feldtruppen folgen zu können, 
genügend grosses Kaliber, um grosse Projektile zu schleudern, schienen 
sich schwer vereinigen zu lassen, bis die durch Russland erfolgte Einfühining 
eines nach den Angaben des Generals Engelhardt konstruierten 15-Centi- 
meter-Mörsers bewiesen hat, dass diese Aufgabe auf praktische Weise zu 
lösen war.s) 

Nach Sciences Militaires „Artillerie" soll dieser Mörser insgesamt 
455 Kilogramm wiegen und Bomben von 33 Kilogramm und Shrapnels 
von 37,50 Kilogramm werfen. Die Anfangsgeschwindigkeit beträgt 
250 Meter. Diese Mörser, die auf Räderlafetten mit gewöhnlicher Be- 
spannung gefuhrt werden, schiessen auf eine Entfernung bis zu 3 Kilometer 
mit einem Stahl-Shrapnel, der mit 700 Kugeln, jede 4,2 Gramm schwer, 
gefüllt ist, und mit einer Bombenmine, die etwa 6 Kilogramm Pulver enthält. 
Beim Bogenschiessen treffen diese Geschosse Leute, die sich an der innern 
Böschung einer Brustwehr von 7 Fuss Höhe befinden; die Bombenmine, 
die in einer 7 Fuss hohen Brustwehr von 12 Fuss Dicke explodiert, 
macht eine Bresche von etwa 5 Fuss. Die frisch aufgeschütteten Traversen 
stürzen in Folge der Wirkung einer oder zweier Bomben ein. Am vorteil- 
haftesten ist es, auf Brustwehren mit vollen Ladungen zu schiessen. 
Treff- Nach dem Beispiele Russlands wurden nun Feldhaubitzen und 

aicherhait 

der Mörser. Mörser iu allcu Staaten angeschafft. 

Die Wirkung der Mörser giebt uns folgendes Bild eines Probeschusses 
der Gruson -Werke ^) aus einer 12-Centiraeter-Haubitze mit Granaten und 
Shrapnels auf 3000 Meter Entfernung, ß) 



») „Skizze der Reformen in der Artillerie von 1868 bis 1877." 

*) „Revue d'ArtiUerie." 

*) «Revue de FArm^e Beige," 1890, Tome IIT. 



^ 



Bekämpfung eines darch Schanzen gedeckten fremdes. 



423 




Probeschuss aus einer l^-Centimeter-Haubitze. 



Es waren B Scheiben, welche die Besatzung darstellen sollten, auf- ^f"^ ^^ 

' *^ ^ schlössen mit 

gestellt. Diese wurden vollständig zerstört. Die Haubitze soll in einer 12-centim.- 
Minute 8 bis 12 Granaten verfeuern und demnach in einer Minute den 
Feind niit 196 Kilogramm Geschossen überschütten können. 

Das französische 1893 erschienene „Eeglement sur le Service des Mörser in 

^ den ver- 

bouches k feu de sifege et de place" enthält über Mörser und Haubitzen schiedenen 
folgende Angaben: 





Gewicht von 


Kaliber 
cm 


gross te 
Schussweite 

m 


Gewicht 
der Geschosse 






Spreng- 
granate 

kg 


Minen- 




Rohr 
kg 


Lafette 
kg 


granate*) 
kg 


Haubitze .... 
Mörser .... 
Kanone .... 


1040 
2080 
5750 


1450 
2080 
5750 


15,5 
22 

27 


6600 
5400 
6500 


40 

98 

170 


44 
110 

228 



Die Schweiz schaffte sich 12,B-Centimeter-Mör8er an, England noch 
leichtere, die nur ein 12-Centimeter-Kaliber haben. 

Bulgarien hat nach der „Kölnischen Zeitung" 9-Centimeter-Feld- 
haubitzen bei Krupp bestellt, welche derart in die Feld -Artillerie ein- 
gestellt werden sollen, dass jedes Regiment 4 Kanonen- und 1 Haubitzen- 
Batterie zählt. 

In Deutschland wurden aber IB-Centimeter-Haubitzen eingestellt, so 
dass die bespannte Feld -Artillerie jetzt drei 15 -Centimeter- Geschütze 
hat mit Eohrgewichten von 670, 754 und 1076 Kilogramm, also viel 



^) Obus oblonge. 



424 ^^' Taktik der Artillerie. 



leichtere als die in der französischen Armee, welche ebenfalls mit leichten 
Haubitzen und Mörsern versehen ist.7) 
Zerstörung». j)[q Jjj Deutschlaud angestellten Schiessversuche ergaben, dass die 

kraft der , , 

Spreng- ueueu Mörser gegen gedeckte Truppen unverhältnismässig stärker wirken 

"' als die gewöhnlichen Feldgeschütze. Aus einer Entfernung von 1700 Metern 

warf eine Batterie solcher Mörser 100 Sprengbomben, welche es der 

Infanterie unmöglich machten, sich innerhalb der Verschanzung zu halten, 

deren eine Seite zerstört wurde. 

Yersnche, Jedoch weuu auch das Gewicht der Haubitzen und Mörser bedeutend 

mögliojut . 

leicht träne- herabgesetzt wurde, so werden sie trotzdem in vielen Fällen viel zu schwer 
M?ree?«n s^ii^j ^m allerorteu zur Bekämpfung der durch die Infanterie aufgeworfenen 
''**"'*™**'*"- Erddeckungen bei der Hand sein zu können. Ob der zukünftige Kiieg 
nicht wieder ganz leichte durch ein Pferd oder durch Menschen trag- 
bare Wurfgeschütze in Massen aufweisen wird, ist eine Frage, die schwer 
zu beantworten sein dürfte. Jedenfalls fängt die Technik an, dieser Auf- 
gabe näherzutreten. 
Krnpp'eohe Die Krupp'scheu Werke stellten in Chicago einen Mörser aus, 

Mörser 

Ar Bosch- für Busch-Kriegführungen bestimmt, welcher nur 50 Kilogramm wiegt 
fn^rut^en. ^ud desseu Bohrung 370 Millimeter lang ist. 

Die Lafette besteht aus zwei zusammengeschraubten Teilen auf einer 
Plattform. Lafette und Plattform wiegen 48 Kilogramm. Zwischen den 
beiden Teilen der Lafette ist ein Zahnrad angebracht, welches in die 
Zähne eines an dem Geschütze befestigten Zahnwerks eingreift; dies ist 
der Richtungsapparat. 

Die Plattform, welche Mörser und Lafetten trägt, hat vier Handhaben 
und kann leicht von vier Mann getragen werden, da das Ganze nur 
98 Kilogramm wiegt. 

Das Geschütz schleudert eine gusseiserae Kugel von 4 Kilogramm 300, 

eine Stahlgranate von 4 Kilogramm 300, eine Minengranate von 6 Kilo 500 

und ein Shrapnelgeschoss von 4 Kilogramm 300.8) 

sehwierig- go wird mau dahin geführt, auf dem Schlachtfelde Mörser und 

ftberaii Haubitzen von höherem Kaliber anzuwenden, als man bis jetzt für den 

dMtam^en Feldkrfeg verwandte, andererseits wird nach leichteren Typen gesucht, 

„ J"^' und es ist sehr schwer vorauszusehen , welche Folgen dies für die Kriege 

yerfagang EU ^ 

haben, uach sich ziehen kann. Bei dem jetzigen Stande der Technik wird 
behauptet, dass es beinahe ein Ding der Unmöglichkeit sei, mit den 
Mörsern ebenso schnell bei der Hand zu sein,' als Erddeckungen auf- 
geworfen werden können. In Folge dessen bleibt die Frage von ihrer 

In der bespannten Feld -Artillerie kommen ausserdem die 12-Centimeter- 
Kanone und der 21-Centimeter-Mörser vor. 

") Monthays: „Krupp a TExposition de Chicago. linixelles 1894." 



i 



Bekämpfung eines durch Schanzen gedeckten Feindes. 425 

Zerstörung im Zukunftskriege durch Haubitzen und Feldmörser eine 
offene. 

Wegen der Wichtigkeit dieser Frage müssen wir etwas näher darauf vonug« 
eingehen. Die Verteidiger der Mörser führen folgendes an: Feidmöreer. 

1. Das Steilfeuer (tir courbe) der Feldmörser wird der Artillerie 
erlauben, die Werke bis zum Augenblick des Angrifies zu 
beschiessen, ohne furchten zu müssen, die Angriffstruppen zu 
treffen. 9) 

2. Die Gewalt der Explosion der Granaten wird einen bedeutenden 
moralischen Eindruck auf die Verteidiger machen. 

3. Das Eichten wird durch die beim Krepieren des Geschosses 
erzeugte Eauchmasse erleichtert. 

4. Die Wirkungen der Brisanzgeschosse in den Erdwerken werden 
in Folge der bedeutenden inneren Ladung des Projektils gross 
genug sein, um Feldwerke einzuwerfen und um Deckungen 
zu zerstören. ^ 

5. Die aus Mörsern geschleudei-ten Shrapnels werden in einem 
solchen Fallwinkel niederschlagen, dass die Deckung durch 
Parapets (parapets de campagne) für die Verteidiger gleich 
Null sein wird. 

Gegenüber diesen Vorteilen behaupten die Gegner folgendes: Wegen Nachteil« 

der 

des Gewichts der zu verwendenden Projektile werden die Mörser nur mit Mömer. 
einer geringen Zahl von Ladungen versehen werden können. 

Dies ist aber um so bedenklicher, als nach den im Winter 1888/89 
stattgehabten ausgedehnten Schiess versuchen der Artillerie -Schiessschule 
und Artillerie-Prüfungs-Kommission das Einschiessen ein sehr schwieriges 
ist. Schon mit kurzen 12-Centimeter-Kanonen waren bei voller Ladung 
durchschnittlich 13, bei verminderter 18 Schüsse zum Einschiessen erforder- 
lich. Mit Gebrauchsladung waren die kurzen 12-Centimeter-Kanonen im . 

') Der bekannte österreichische Oberst v. Wuitsch, ein hervorragender 
Ballistiker, ist ein Vertreter dieser Ansicht, wonach die Einführung eines Feld- 
wurfgeschützes zur Beschiessung der gedeckten Ziele nicht nur gewünscht, 
sondern für notwendig erachtet wird, weil das in den letzten Stadien der Schlacht 
unvermeidliche Ueberschiessen der eigenen Truppen mit Flachbahngeschützen 
für zu gefahrlich gehalten wird, namentlich, wenn die Feldgeschütze der Zukunft 
noch rasantere Bahnen erhalten als die jetzigen. Oberst v. Wuich ist der 
Meinung, dass das Ueberschiessen der Infanterie in unebenem Gelände gegen- 
wärtig von 1500 Meter an möglich sei, dass diese Entfernung aber bei flacheren 
Bahnen grösser werden müsse, v. LöbelPs Jahresbericht über Militärwesen: 
„Taktik der Feldartillerie.'' 1894. 



426 ^I« Taktik der Artillerie. 



Shrapnelschusse bei kleinen Sprengweiten dem Feldgeschütze in Bezng 
auf Zahl der Treffer und getroffenen Figuren teilweise nicht unwesentlich 
überleben. Die Ueberlegenheit ging aber mit Zunahme der Sprengweiten 
mehr und mehr auf die Feldkanone über. Der Streuungskegel der 
12-Centimeter-Shrapnels hatte wenig über 100 Meter Tiefe, lo) 
EngiiBcbe A.US euglischeu Versuchen geht hervor, dass, um eine aus fester 

Yersache 

gegen Erde bestehende Brustwehr von 3,65 Meter Kronenbreite und 2,15 Meter 
Brortwehren. jjQj^^ ZU zcTStöreu, mau für ein Schiessen auf 1100 Meter wenigstens 

50 gewöhnliche Granaten pro Meter der Brustwehr rechnen muss. Wenn 
man nun zugiebt, dass die Brisanzgranate fünfmal stärker ist als die 
entsprechende gewöhnliche Granate, so braucht man, um eine solche Brust- 
wehr zu rasieren, unter den oben angegebenen Schiess-Bedingungen 
10 Geschosse auf den laufenden Meter zerstörten Erdwerks. Auf dem 

m 

Schlachtfeld aber wird es den Batterien schwer fallen, sich auf mehr als 
1500 Meter dem Ziel zu nähern, um ein Zerstörungsschiessen vor- 
zunehmen. Ausserdem wird die Brustwehr nicht immer sichtbar sein; 
auch werden die Brustwehren nicht^ immer, wie bei dem englischen 
Werke, aus fester Erde bestehen, die den Explosivwirkungen am wenigsten 
Widerstand leistet; endlich ist die Treffsicherheit der Brisanzgranaten 
geringer als die der gewöhnlichen Granaten. Aus diesen Gründen dart 
angenommen werden, dass die Zahl der Brisanzgianaten, welche eine 
Feldbrustwehr zerstören sollen, mindestens 16 auf den laufenden Meter 
betragen muss, und selbst bei dieser Berechnung ist man sicher weit 
hinter der Wahrheit geblieben. 

ün- Unter diesen Bedingungen kann man auf eine gewisse Entfernung 

^^ratoig eine halbwegs bedeutende Verschanzung nur bei bedeutendem Munitions- 
MMitf olL- verbrauch zerstören : der ganze Vorrat eines Armeekorps würde nötig sein, 
vertMuoh. um bemerkbare Eesultate zu erzielen, und selbst dann kann die Deckung 

doch noch stark genug bleiben, um im entscheidenden Momente von der 

Verteidigungs-Infanterie besetzt zu werden. 

Die Artillerie kann also das Brisanzgeschoss nicht als geeignetes 
Mittel zur Zerstörung von deckenden Erdwerken auf dem Schlachtfelde 
betrachten. 11) 

Aus Allem kann man nur den einen sichern Schluss ziehen, dass 
jetzt bereits bei den modernen europäischen Armeen vervollkommnete 
Feldmörser eingeführt sind, welche bisher ausschliesslich für regelrechte 



'®) Jahrbücher für die deutsche Armee : Die Entwickelung der Feldai*tillerie 
von 1815 bis 1892. 

") Revue de TArmöe Beige. E. Janotte: l^tude concemant Tiniluence des 
engins nouveaux sur le champ de bataille. 



i 



I 



Die Entfemangen des ArtÜleriegefechts. 427 



Festungsbelagernngen verwandt worden, dass aber ihre Anzahl nicht 
gross genug ist nnd sein kann. 

Die moralische Wirkung, wenn auch nur auf dem Manöverfelde, also ijö^ji^he 
bloss als sozusagen theatralische Vorstellung, machte in Frankreich auf die der Mörser 
Truppen einen erschütternden Eindruck, da es allen bekannt war, dass franiösiMhen 
ebenso fürchterliche Mordmaschinen auch in allen anderen Ländern ^^^^ö^«™- 
eingeführt worden sind. Die Frage aber, ob Erdschutzwerke, die zur 
Deckung der Truppen vor dem mörderischen Infanterie- und Artillerie- 
Feuer dienen sollen, sich bei der geringen Anzahl der neuen Geschütze 
unwirksam und alle Hoffnungen auf Verminderung der Verluste des An- 
greifers trügerisch erweisen werden, bleibt offen. Jedoch werden mit 
jedem Tage neue, immer mehr Vernichtung schaffende Erfindungen 
gemacht und wie erst der wirkliche Stand der Dinge in einem 
zukünftigen Kriege sein wird, kann niemand vorhersagen. So wird 
zum Beispiel von Versuchen mit Geschossen mit Ekrasitfüllung be- 
richtet, welche, gegen 100, 250 und 500 Mann vorstellende Palisaden 
auf Entfernungen von 300, 750 und 1200 Meter geworfen, bei der Ex- 
plosion — die gesammte Mannschaft trafen. i2) Es existieren aber noch 
andere bis jetzt wenig erforschte Ursachen, welche in Folge der An- 
wendung des neuen Explosivstoffs die Schrecken des künftigen Krieges 
bis zu einem unerhörten Umfange verstärken können. 



Die Entfernungen des Artilleriegefechts. 

Die Kriegskunst steht gegenwärtig in Bezug auf die Artillerie vor 
ganz neuen Kampfbedingungen und namentlich wurde eine noch nicht oft 
dagewesene Durchschlagskraft der Geschosse, ungeheure Schnelligkeit 
und beinahe mathematische Treffsicherheit erzielt. 

Wenn beim Handgewehr mit einer gewissen Berechtigung ange- sohüesweiton 

einst and 

nommen wird, dass die Friedensübungen keine sichere Schlüsse für den jew. 
Krieg zugeben, weil die nötige Euhe zum Eichten fehlt, so ist diese Ein- 
wendung für die Artillerie nur im geringsten Teil anwendbar. Der 
Artilleiiekampf sollte logischer Weise von den technisch grösst zulässigen 
Entfernungen aus beginnen. 

Ein Blick in die Vergangenheit wird den ganzen gewaltigen Unter- 
scliied zwischen einst und jetzt klar machen. 



") Witte, nacli Löbell's Jahresberichten. 



428 '^l- Taktik der Artillerie. 



Im XVI. Jahrhundert war ein Kernschuss aus Kanonen nur auf 
360 Meter möglich und der Visierschuss auf 700 Meter. Noch in den 
dreissiger Jahren unseres Jahrhunderts schrieb der Prinz August von 
Preussen vor, dass in der Eegel mit Sechspf ändern niemals weiter als 
auf. 1500 Schritt (1100 Meter) und mit Zwölfpfündern als auf 1800 Schritt 
(1360 Meter) geschossen werden soll. Als gute, wirksame Schussweite 
wurden 630 bis 770 Meter angenommen. 
Decker'Bohe c. V. Decker giebt 1832 folgende Entfemungstabelle : 
tabeiu^rfT 200 Schritt (150 Meter) Mörderische Wirkung der kleinen Kartätschen, 
1882. goQ ^^ Gewöhnliche Schussweite des Kleingewehrs, 

400 „ Eröffnung des Tirailleurfeuers, 

600 „ Anfang der grossen Kartätschen, 

600 „ Grenze der Haubitz-Kartätschwirkung; Anfang 

der Bogenwürfe mit kleiner Ladung, 

800 „ Grenze der grossen Kartätschen bei leichtem 

Geschütz, Visierschussweite der Feldkanonen, 
1000 „ (750 Meter) Grenze der Kartätschen der schweren Feld- 
kanonen, 

Gute wirksame Schussweite der Feldkanonen, 

Anfang der Rollschüsse, 

Grenze der Aufsatzschüsse, 



1100 


» 


1200 


n 


1400 


n 


1500 


n 


1800 


« 



n n n 



(1360 Meter) Grenze d. Rollschüsse unter gewöhnl. Umständen. 
Drei Jahrhunderte hindurch sind die Unterschiede, kann man wohl 
sagen, ganz minimale. 

Die verwendbaren Schussweiten der gezogenen Geschütze aber in 
der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts sind um mindestens 2000 bis 
2500 Meter grösser geworden. 
Wirkung«- Während des deutsch-französischen Krieges erstreckte sich die 

GrmDai-imd Wirkungssphäre: 

^^'im 1- Für den Granatschuss 
deatach- hei ^jeni g-Centimeter-Geschütz bis 3800 Meter 

mnsofiflcnen 

Kriege. „ „ 12 „ „ „ 4000 „ 

„ „ 15 „ „ mit 2 Kilogramm Ladung 

und Langgranaten „ 4400 „ 

„ „ Ib „ „ mit 2,25 Kilogramm La- 

dung und Granaten . „ 4600 „ 
„ „ kui'zen 15-Centimeter-Geschütz mit 1,1 Kilogramm 

und 305/16^ Erhöhung „ 4370 „ 

und bei dem 21-Centimeter- Mörser Konstruktion/70 mit 

3,5 Kilogramm Ladung und 46^ Erhöhung „ 3990 „ 






Die Entfernungen des Artilleriegefechts. 429 

2. Für den Shrapnelschuss 

bei dem 9-Centiineter-Geschütz von bis 2200 Meter 

» « 12 „ „ M „ 2200 „ 

Die Ansichten darüber, welche Entfernungen mit Bezug auf Wirkung ve««wedeii- 
bei den heutigen Geschützen als thatsächlich zulässig angesehen werden AMicbten 
dürfen, gehen weit auseinander. Die Ergebnisse der Friedensversuche mr sh^pnei- 
können dafüi- nicht ohne weiteres als Anhalt dienen. Es muss dazu die "^*'?1 
Herabminderung der Wirkung in Betracht gezogen werden, wie sie auf Eutfemung. 
dem Schlachtfelde, teils durch die mit den grösseren Richtfehlem auch 
eintretende Vergrösserung der Streuungen der Sprengpunkte, teils durch 
die ungünstige Bodenbeschaffenheit und schwierigen Beobachtungsverhält- 
nisse bedingt wird. 

Im Jahre 1881 hielt Major Bode bei Vorlage eines doppelt wirkenden 
Etagenzünders die Ausdehnung der Shrapnelschussweiten bis zu 6000 Meter 
für nötig, und die Artillerie-Prüfungs-Kommission trat dieser Ansicht im 
wesentlichen bei. Das Kriegsministerium dagegen hielt etwa 4000 Meter 
Schussweite für völlig ausreichend, und im Jahi-e 1884 erhielt die Frage mit 
Annahme des Feldshrapnelzünders, Konstruktion/83, dessen Wirkung nur 
bis 3600 Meter ausreichte, einen vorläufigen Abschluss. 

Die meisten übrigen Artillerien nahmen in den achtziger Jahren 
ebenfalls länger brennende Zünder an; die grösste Shrapnelschussweite 
lag zwischen 2600 und 3600 Meter; für die französischen 90-Millimeter- 
Geschütze ging sie bis zu 6000 Meter. 

Die Ansichten darüber, bis auf welche Entfernung mit Rücksicht auf 
genügende Wirkung der Shrapnelschuss verwendet werden könne, waren 
ebenfalls sehr verschieden. 

Jedenfalls sehen wir aber, dass seit dem deutsch -französischen _ ^.•f ^ 
Kriege, im Laufe also eines Vierteljahrhunderts, die Fortschritte grösser o^gchütx 
gewesen sind als die, welche im Laufe von beinahe vier Jahrhunderten ^"soh«*^" 
gemacht wurden. Man sehe sich nur die folgende Tabelle an, welche '^•***°- 
einen Ueberblick über die in der französischen Armee befindlichen Ge- 
schütze und deren grösste Schussweiten giebt.*) 

Jedoch werden diese Schussweiten wohl schwerlich zur praktischen 
Anwendung kommen. 

Nach den Versuchsergebnissen kann auf dem Schlachtfelde, selbst ^rj®****^® 
gegen breite und tief stehende Infanterieziele, die Wirkung der Granaten weit«ii für 
auf 3500 Meter nur eine zufällige sein, die zudem eine grosse Anzahl von ^'•"•***' 
Schüssen erfordert. 



») LöbeU: „Militärische Jahresberichte für 1894". 



430 



VL Taktik der Artillerie. 



- 




Rohr 


La- 

fette 


Geschosse 




• 


a 

'S 
M 

CeBÜ- 
meter 


KsUber 


43 

Kilo- 


1 

Kilo- 
gnmm 


Spreng- 
grniAte 


Shrapnel Minengnnate 


Grösste 
Schass- 
weite 

Meter 


Geschtitzart 

• 


f 

Kilo- 
gramm 


1 
S 

Kilo- 
gramm 


1 

O 

KUo- 
gramm 


KUo- 
gnam 


Kanone . . . 

n ... 

Haubitze . . . 


9,5 
12 
15,5 


27 

27 
15,4 


706 
1200 
1040 


1250 
1450 
1450 


18 
40 


12,3 

19 

41 


? 

? 

44 


2 

4 
12 


7450 
8970 
6600 



3000 Meter bilden die äusserste Grenze für die Anwendung des Granat- 
schusses gegen grössere Truppenmassen und gegen Artillerieziele. Die 
Verwendung von Granaten auf solche Entfernungen ist um so weniger 
zu rechtfertigen, als ihnen die Shrapnels auf 2600 bis 3000 Meter sehr 
bedeutend überlegen sind. Die sichere Beobachtungsmöglichkeit reicht 
bei Granaten für gewöhnlich nur auf Entfernungen bis zu 3000 Meter. 

Deneitige Die Angabe der Schusstafeln für die Shrapnels werden gewöhnlich 

weiten f&r bis zur Greuze der Zünderbrennzeit ausgedehnt. 

starapneie. ^^ Gruud der Versuchsergebnisse konnte für den Ernstfall, bei 

nicht zu ungünstigen Verhältnissen Folgendes angenommen werden. 

Die Wirkung des Röhren-Shrapnels ist gegen stehende Infanterie- 
ziele von grösserer Ausdehnung auf 2500 Meter sehr gut, auf 2000 Meter 
und darunter vernichtend. Gegen kleinere Infanterieziele, teils stehende, 
teils liegende, ist die Wirkung auf 2500 Meter noch gut, auf 2000 Meter 
recht gut. Dasselbe gilt von Artilleriezielen. 

Aus der zweiten Stellung auf 1500 bis 2000 Met^r Entfernung, die 
somit zu wählen ist, kann zweifellos die Entscheidung schnell und voll- 
ständig erreicht werden. 2) 

Mörderische Die Wii'kuug der Granaten und Shrapnels wird bei Entfernungen 

von Granaten unter 2000 Meter so mörderisch, dass unter Umständen schon 16 bis 

shnpneie. 20 Schuss zum VeiTiichten einer ganzen Batterie genügen. Die geringste 
Entfernung, die für diese Zwecke einzunehmen wäre, beträgt 1500 Meter. 
Taktische Rücksichten können allerdings zur Einnahme noch näherer 
Stellungen zwingen. 

Kartiteehen. Die Kartätschc kommt beim Nahgefecht bis auf 300 Meter Entfernung 

zur Verwendung. 8) 

*) Müller: „Die Wirkung der Feldgeschütze". 
') MüUer: „Die Wirkung der Feldgeschütze^. 



J 



Die Entfernungen des Artilleriegefechts. 481 



Die Neigung, die thatsächlich vorhandene grössere Wirkungssphäre 
der Waffe in manchen Gefechtsstadien ansznnatzen , liegt nahe. Die 
Absicht, das Feuer auf grosse Entfernungen zu eröffnen und einen 
wirklichen Artilleriekampf zu führen, findet aber ungeachtet alles oben 
Gesagten sehr viele Verteidiger. 

In dem Werke des französischen Professors Coumfes*) werden die Typiaohe 

Enfc- 

typischen Entfernungen, aus denen der Geschfitzkampf beginnen kann, femangen 
folgendermaassen bestimmt: eSiüteka»^. 

„Die moderne Artillerie wird im Stande sein, ihr Feuer gegen die 
feindlichen Positionen in einer Entfernung von 6500 und selbst 6000 Metern 
zu eröffnen. Vor allem wird sie sich die Zerstörung der Deckungen und die 
Beschiessung der vom Feinde eingenommenen Positionen angelegen sein 
lassen müssen. Sobald sie sich auf 4000 Meter genähert hat, wird sie zur 
Aktion gegen die feindliche Artillerie schreiten und von 3000 Meter an 
bereits beginnen, ihr Feuer gegen Kavallerie und Infanterie zu richten. 
Die Operationen der Infanterie werden aller Wahrscheinlichkeit nach bei 
2000 bis 1800 Metern Entfernung beginnen. Ehe die Infanterie vor- 
rückt, werden die besten Schützen vorausgeschickt werden. Zwischen 
1500 und 1000 Metern Entfernung wird diese Bewegung angesichts des 
mörderischen Artilleriefeuers und der Salven der angegriffenen Infanterie, 
welche zudem nunmehr im Stande ist, sicher zu zielen, besondere Vorsicht 
erfordern." 

„Von 1000 Meter Entfernung an wird die Artillerie der beiden Gegner 
bereits aufhören, der Infanterie gefährlich zu werden. Die beiden 
Artillerien werden sich dann auf ein gegenseitiges Bombardieren zu 
beschränken haben und sich hüten müssen, durch ihr Feuer die eigene 
Infanterie zu schädigen. Hat sich endlich die Entfernung zwischen der 
beiderseitigen Infanterie auf 500 Meter herabgemindert, so wird die 
Artillerie genötigt sein, ihr Feuer einzustellen." 

In der deutschen Armee jedoch beabsichtigt man vielleicht, wenn j,^*2*h 
auch die von uns citierten Angaben und Reglements anders lauten , den ttw die 

SDt- 



Kampf von noch beträchtlicheren Entfernungen ans zu beginnen. femungeu 

Artille 
feaer. 



Der bekannte Führer der deutschen Artillerie im Kriege 1870,"^^'**"''"*" 



Fürst Hohenlohe, erklärt, dass man bei den jetzigen Geschützen das 
Feuer in 7000 Metern Entfernung beginnen kann — und auch bei 
dieser Distanz trifft die Hälfte der (Jeschosse ein Ziel von 15 Schritt 
Breite; „wenn man folglich eine Batterie gegen einen Weg von 15 Schritt 
Breite aufstellt, so könnte diese alle auf dem Wege in einer Entfernung 
von vollen 7000 Metern befindlichen Infanteriemassen glatt fortrasieren, 



*) Coum^s: „Tactique de demain". 



432 VI. Taktik der Artillerie. 



und das Feuer wäre so wirksam, dass es niemand in den Sinn kommen 
würde, diesen Weg zu benutzen".*) 

Langioifl Nicht alle Müitärschriftsteller in Frankreich schreiben der Wirkung 

ana Gnrko 

gegren zu dcs Artilleriefeuers von so grosser Entferaung aus besondere Bedeutung zu. 
fC^nflirSo spricht sich Professor Langlois gegen die Ansichten des Fürsten 
^"fMw**^ Hohenlohe aus ; für ihn haben die Ausführungen des Generals Gurko grösseres 
Gewicht. Dieser äussert sich über die auf seinen Befehl vorgenommenen 
Schiessproben auf grössere Entfernungen hin (bis zu 4270 Metern), 
dass man die Batterien wohl im Schiessen auf solche Entfernungen üben 
müsse, zugleich aber jedem Artilleristen zum Bewusstsein zu bringen 
habe, dass ohne besonders wichtigen Anlass von solchen Distanzen aus 
zu schiessen eine Schande sei. Es handle sich nicht darum, die ganze 
Kraft der Geschütze aufzubieten, sondern dem Gegner soviel Schaden 
als möglich zuzufügen und es sei klar, dass das Feuer von einer kleinen 
Entfernung weit wirksamer wäre als von einer grösseren, etwa der doppelten. 

„Eine Schande", — wiederholt Langlois. Wir wollen diesen Aus- 
spruch, der so überaus richtig ist, im Gedächtnis behalten. Das Wort, 
dass es das Kennzeichen einer schlechten Infanterie ist, aus zu grosser 
Ferne zu schiessen, gilt auch für die Artillerie. 
Möglichkeit, Wir müssen hier jedoch bemerken, dass, obgleich Langlois das 

onrto'B Urteil des Generals Gurko in seinem erst kürzlich erschienenen Werke 
gegTnw4rt?g anführt, es schon im Jahre 187B gefällt ist und somit nicht klar 
«modi- jgt Q]y General Gurko dasselbe auch noch heute unterschreiben würde. 

nzieren und. ^ 

Es fragt sich, ob sich seitdem nicht soviel neue Umstände geltend 
gemacht haben, dass sie unter die Kategorie der „besonders wichtigen 
Anlässe" zu rangieren wären. In jener Zeit trugen auch die Gewehre noch 
nicht mit Erfolg bis 3000 Meter wie jetzt, 
iioraluch« Wenn es mit den heutigen Geschützen auf B bis 7 Kilometer 

Wirkung des ° 

Penew auf Eutfemung uoch SO ziemlich möglich ist, dem Feinde Verluste bei- 

^■^ zubringen, wie Fürst Hohenlohe behauptet, so stellt man sich unwill- 

fernungen. kürüch dlc Frage, warum bei günstigen Terrain Verhältnissen und den 

jetzigen Beobachtungsmitteln kein Gebrauch von dieser Eigenschaft des 

neuen Geschützes gemacht werden sollte. 
Beispiel fttr Es muss berücksichtlgt werden, dass nicht alle Geschosse, die ihr 

*° der™ Ziel verfehlt haben, verloren sind. Eine gewaltige Fläche bestreichend, 
*idrkunr werden sie die zufällig dort befindlichen Leute in Schrecken setzen und 

gewissen Eindruck hervorrufen. Die Soldaten werden noch fem von 

dem Feinde beginnen, nervös zu werden und sich zu zerstreuen. Ver- 

^) Lettres aiir T Artillerie. 



' 



Die Entfernungen des Artilleriegefechts. 433 



luste, die in Folge des Femfeuers entstehen, üben auf die Soldaten einen 
weit niederschlagenderen Eindruck aus, als die auf nahe Distanzen er- 
littenen. Skugarewski^) erzählt, dass in einer der Schlachten des Feldzuges 
von 1877 ein Soldat durch eine Flintenkugel in einer Entfernung von 
2 Werst von dem Feind verwundet wurde. Einige Tage habe man hiervon 
in der ganzen Truppe gesprochen und einander den Platz gezeigt, wo die 
Verwundung erfolgte, und darüber ganz die anderen Stellen vergessen, 
wo einige hundert Mann verwundet oder getötet waren. 

Infolge der Möglichkeit, mit Shrapnels und Granaten zu schiessen, ^^^^j^^^^j^ 
welche bei der Explosion mit ihren Sprengstücken und den Kugeln «r «le 
grössere Flächen bestreuen, werden die Truppen schon von weiten Ent- sciTon^bd 
femungen an sich in mehr oder weniger aufgelöster Formierung bewegen f^ra^gen"!^ 
müssen. Hier bereits spielt die Frage von der Tapferkeit und überhaupt ««w-ter 
der Nervenkraft der Soldaten eine EoUe. Werden sie genug davon TOKngehen. 
besitzen, um eine so lange Zeit unter feindlichem Feuer vorwärts 
zu gehen? Heute ist's noch eine offene Frage, welches Volk nach dieser 
Richtung hin vorzugsweise standhaft sein wird. 

Bei dem alten Gewehrsystem begann das Gleichgewicht zwischen ^•'f^*^*'^ ^^ 

Gewehr^ 

Gewehr- und Artilleriefeuer bei 600 Metern Entfernung, späterhin hat sich und 
das Verhältnis zwischen Artillerie- und Infanteriefener erst auf 1000 Meter Jeuer""^ 
Distanz ausgeglichen, wie das deutsche Reglement direkt sagt; gegen- 
wärtig seit dem Kleinkalibergewehr und der Anwendung des neuen 
Pulvers hat sich der Bereich der Gewehrwirkung um 200 bis 300 Meter 
erweitert, während für die Artillerie die Grenze des Vorgehens gegen 
Infanterie auf 1200 bis 1300 Meter festgesetzt werden muss?), sodass die 
Wirksamkeit des Artilleriefeuers über das Gewehrfeuer immerhin das 
Uebergewicht haben wird. 

Aber die Artillerie hen-scht auf den Schlachtfeldern nicht absolut. .?*t*5T,'**' 

die Artillerie 

Wenn es der Infanterie gelingt, sich der Artillerie zu nähern und gegen >>«* N&her- 
sie das System der konzentrierten Gewehrsalven zur Anwendung zu i^anteril'' 
bringen, so dürfte die Thätigkeit der Artillerie schwierig und selbst 
unmöglich werden. Schon im Kriege von 1870 ist es vorgekommen, 
dass das Gewehrfeuer der französischen Infanterie trotz seiner damaligen 
Mängel die preussischen Batterien zum Rückzuge zwang, s) 

Während des russisch-türkischen Krieges von 1877 wurden über die »«"Js^iie 
russische Artillerie gleichfalls Klagen laut, dass sie nicht immer ihrer un- 
Bestimmung entspreche. In dem Werke des Generals Pusyrewski: „Die znslmmfn- 

— — — wirken 



ß) Skugarewski: „Infanterie-Attake". 



der Artillerie 
und 



■') Müller: „Die Wirkung der Feldgeschütze". Infanterie 

8) Michnewitsch: „Einfluss der neuesten technischen Erfindungen". im Türken- 

Block, Der sokünftige Krieg. 28 



434 V^' Talttik der Artillerie. 



russische Armee vor dem Kriege 1877'' wird der russischen Artillerie 
vorgeworfen, dass in ihr bis dahin die irrige Ueberzeugung geherrscht 
habe, als Grundlagen für das Zusammenwirken mit den anderen 
Waifengattungen im Kampfe nur die ballistischen Eigenschaften der 
Geschütze in Rechnung ziehen zu müssen, nicht aber auch die all- 
gemeinen, insbesondere die moralischen Bedingungen. Demnach habe 
sich die Artillerie damit begnügt, entfernte Positionen einzunehmen und 
sei nur in seltenen FäDen mit der Infanterie näher an den Feind heran- 
gegangen. 

Es ist aber doch die Frage, ob nicht schon damals die Artillerie 
angesichts dessen, dass die türkischen Truppen mit Magazingewehren 
ausgerüstet waren, es für unmöglich hielt, näher an den Feind heran- 
zugehen. 

^o'^^n«" General Kuropatkin teilt diese Meinung nicht; er findet die unter 

der Ansicht, vielcu Artilleristen und auch bei höheren Führeni verbreitete Ansicht, dass 
Artiü!^rie *im die Artillerie im Wirkungsbereiche des Gewehrfeuers ihre Position nicht 

^wei^?" zu behaupten vermöge, irrig. Diese ii-rige Meinung sei Schuld daran, 
den Gewehr- ^agg während des Krieges 1877 das Streben geherrscht habe, die Artillerie 

feners ihre 

Position dem Feinde nur soweit zu nähern, dass sie immer noch der Wirkung des 
behrapten Gcwehrfeuers entrückt bliebe. Von solchen Prinzipien geleitet, seien die 
könne, russlscheu Batterien bei Plewna, wenn die Infanterie zum Sturme vor- 
ging, grösstenteils in ihren entfernten und gefahrlosen Positionen verblieben. 
Oft sei auch der Fall eingetreten, dass während feindlicher Attaken bei 
vermindertem Gewehrfeuer die Batterien, sobald sie nur einige Leute 
verloren, aus ihren Positionen gewichen wären und die Infanterie in der 
kritischesten Lage im Stich gelassen hätten. 

Nach den Worten des Generals Kuropatkin, dessen Urteil übrigens 
oft für allzu streng gehalten wird, wurde vor dem Stui'me von Plewna eine 
Artilleriebeschiessung während 4 mal 24 Stunden geplant, aber der Mangel 
an Geschossen und der mangelhafte Zustand vieler Geschütze habe die 
Ausführung dieser Absicht sogar am Tage des Sturmes selbst verhindert. 

Hannekeu Der preusslschc General von Hanneken^) teilt diese Ansicht nicht ganz. 

Verteidiger Er Sagt, dass wirkUch zu Anfang der Operationen gegen Plewna Fehler 

Artillerie- bcgaugeu scieu, dass dann aber die Stürme jedesmal nach allen Regeln 

Operationen flurch Artilleric-Feuer vorbereitet wurden und dass, wenn hierbei keine 

Tor Plewna. ' 

günstigen Resultate erzielt wurden, dies nur daran gelegen habe, dass 
8B 000 Mann nicht genügten, um eine Armee von 60 000 Mann, die hinter 
Befestigungen stand, zum Rückzug zu veranlassen. Uns scheint, dass 



^) „Militärische Betrachtungen über den russisch-türkischen Krieg''. 



Die Entfemungeu des Ai*tiHeriegefechts. 435 



die Thätigkeit der Artillerie in jenem Kriege nur dann richtig benrteilt 
werden kann, wenn man die Mittel berücksichtigt, die ihr zur Verfügung 
standen. 

Die Thätigkeit der Artillerie muss durch den Grad von Zutrauen 
bedingt sein, welches diese zu ihren Geschützen hat. Man darf nicht 
ausser Acht lassen, dass die russische Artillerie jener Zeit, mit geringer 
Ausnahme, wirklich unter dem Niveau der türkischen stand. Erst seit 
1877 sind Bestellungen auf weittragende Geschütze gemacht worden, und 
zwar wurden bei Krupp 1100, bei der Obuchow'schen Fabrik 1700 bestellt. 
Diese Geschütze wurden erst nach Beendigung des Krieges geliefert. 

Um sich einen Begriff von der Verfassung der russischen Artillerie ueberiegen- 
zu machen, die 1877/78 gegen die Türken ins Feld geführt wurde, genügt «rkisciieii 
die Erwähnung der Thatsache, dass die Typen dieser Geschütze dem im'^Kriege 
Jahre 1866 angehörten. Die Anfangsgeschwindigkeit ihrer Geschosse betrug i«"/^»- 
für kleinere Kaliber 1000 Fuss (264 Meter), für grössere Kaliber 1050 Fuss 
(277 Meter) in der Sekunde, während in der Folge die Anfangs- 
geschwindigkeit bei den neuen Geschützen fast die doppelte war. 

Auch darauf ist Rücksicht zu nehmen, dass es damals der Artillerie ^j^«f^ 

an Ofuieren 

an genügend ausgebildeten Offizieren mangelte. In der Periode von in dw 
1863 bis 1867 schied jähi'lich ein grösseres Kontingent von Offizieren "ZSiteH? 
aus (von 40 bis 200 jährlich), als hinzukamen. Erst seit 1868 begann in ""^ri^**"' 
Folge von Eefonnen der Zugang von Offizieren zu überwiegen, so dass 
jährlich die Ziffer der neueintretenden Artillerie -Offiziere um 22 und 
bis zu 266 wuchs. i<>) Erst nach dem türkischen Kriege wurde dem Bildungs- 
grade der Artillerie - Offiziere volle Aufmerksamkeit zugewandt und 
eine Reihe wesentlicher Reformen unternommen, um die Zahl der Ai-tillerie- 
Offiziere, die eine höhere Schule absolviert, zu steigern. Gegenwärtig sind 
die Mehrzahl der Artillerie-Offiziere Leute von Spezialbüdung und sie 
haben gleichzeitig auch über ein Material zu verfügen, das sich von dem 
des Krieges 1877 äusserst vorteilhaft unterscheidet. 

Selbstverständlich wird aber die Wirkung der Geschütze nicht ^^^*J«^8^"* 
allein von den Offizieren, sondern in einem gewissen Grade auch von der Wirkung der 
Schiessausbüdung der Bedienung abhängig sein. von der 

General Müller") sagt aber, dass über die eigentliche Schiess- .„^gt^jj"„ 
ausbildung der verschiedenen Artillerien , d. h. über ihre Leistungen auf der Monn- 
dem Schiessplatze oder gar im Gelände, so gut wie nichts bekannt ist. 
Er behauptet, dass nur einige Aeusserungen über diese Fragen erwähnungs- 
werth seien. 



^^) „Skizze der Keformen in der Artillerie von 1868 bis 1877". 
") «Wirkung der Feldgeschütze". 

28* 



436 VI. Taktik der Artillerie. 



Im Novemberhefte des rassischen ,,Wojennyi Sbornik" von 1893 
werden die Resultate von Schiessttbungen besprochen. Nach Angabe 
des Inspizienten der Schiessergebnisse und nach Aeusserungen des 
Generals Dragomirow soll das Schiessen der russischen Feldartillerie 
nicht auf der erwünschten Höhe stehen. Die Oberleitung der Schiess- 
übungen in taktischer wie in rein technischer Hinsicht wird getadelt. 
Die russische ßgi cluem kriegsmässigcn Schiessen , wo 48 durch Figuren dar- 

Schiess- 

aosbiidang. gcstcUte Gcschtitze in drei Gruppen das Ziel bildeten, wurden für jeden 
abgegebenen Schuss auf 3000 Meter nicht mehi- als 0,7 Treffer erreicht 
und die nur von wenigen Batterien erreichte grösste Feuergeschwindigkeit 
betrug 7 bezw. 5 Schüsse in der Minute pro Batterie. 

In einigen Aufsätzen wird ausgesprochen, die Technik der heutigen 
Artillerie stehe immerhin höher als ihre Taktik; die ballistischen Eigen- 
schaften der Geschütze und ihre Beweglichkeit ständen höher als die 
Kunst des Schiessens und des Manövrierens; endlich seien die feld- 
mässigen Eigenschaften des Materials besser als die kriegerische Aus- 
bildung der Artillerie-Truppenteile und ihrer Kommandeure. Dies sind 
Urteile des Generals v. Baumgarten. 

In einem anderen Aufsatze vom Oktober, betreffend die Ausbildung, 
heisst es: „Die Technik selbst schreitet immer vorwärts, ohne sich 
darum zu kümmern, ob das Personal, die lebende Bedienung der Kriegs- 
mittel im Stande ist, mitzukommen. So erreicht die Tragweite der 
heutigen Geschütze 6 Werst (über 6 Kilometer); das Auge des Menschen 
kann aber das Ziel nur bis auf 2 Kilometer gut erkennen, und selbst 
mit den besten optischen Instrumenten vennag man Gruppen von Leuten 
nur bis auf 3 Werst (3300 Meter) zu unterscheiden. Da erscheint es ganz 
müssig, die Richtmannschaften noch für weitere Entfernungen auszubilden." 

ueber die Den Bemerkungen über das Verhältnis der Technik zur Ausbildung 

Hälfte der 

Eintretenden muss clue um SO grösserc Aufmerksamkeit geschenkt werden, als 60% 
""gebudet der Mannschaften bei der Mobilisierung neu einberufen werden. 



Katastrophen in Folge der Anwendung 

Yon Sprengstoffen. 

ExpioeiT- Beim Lesen solcher Werke, welche mehr oder weniger aus- 

weiobes'im führlich die Anwendung von Sprengstoffen für Kriegszwecke behandeln, 

^^llg^biuk föUt es auf, dass deren Verfasser entweder ganz von den Gefahren 

wirkt 



Katastrophen in Folge der Anwendnng von Sprengstoffen. 437 



schweigen, welche auf dem Schlachtfelde für die eigenen Truppen bei 
dem Transport und der Verwendung solcher Brisanz- und anderer Ge- 
schosse, die mit grossen Quantitäten Sprengladungen gefüllt sind, entstehen 
können, oder in seltenen Fällen diese Frage nur mit der grössten Vorsicht 
berühren. 

Die Ursache dieser Erscheinung liegt wohl teilweise darin, 
dass die betreffenden Militärschriftsteller gegenwärtig, wo die Frage, 
welche Zufälligkeiten bei dem Gebrauch von Sprengstoffen entstehen 
können, noch nicht vöUig klargestellt ist, es nicht für geziemend halten, 
Schlussfolgerungen zu ziehen, weil die Anwendung von Sprengstoffen 
im Feldkriege noch ein ungelöstes Pioblem ist. 

Der Verfasser einer sehr bemerkenswerten Studie, welche die „Revue 
MHitaire" in einer ganzen Reihe von Artikeln brachte, sagt hierüber: 

„Was die Lösung des Problems der sehr heftig wirkenden und sehi- 
brisanten Pulvermischungen betrifft, die zum Zersprengen sehr harter und 
widerstandskräftiger Objekte nötig sind, so ist sie nicht leicht zu finden und 
wir denken nicht, dass trotz der entgegengesetzten mehr oder weniger inter- 
essierten Behauptungen irgend welche Macht vollkonmien und* definitiv 
sich f&r eines der heftigen Explosionsmittel entscheiden wird." 

Wir bewegen uns thatsächKch in einem circulus vitiosus. Wenn 
das Pulver den Stössen und Reibungen und hiermit auch der Hitze einen 
sehr grossen Widerstand entgegensetzt, so ist es offenbar schwer zum Ex- 
plodieren zu bringen und erfordert demnach eine sehr starke Zündkapsel. 

Aber dann erwartet dieses undisziplinierbare Pulver keinen Befehl 
und explodiert. 

In den letzten Jahren sind in der That grosse Fortschritte gemacht vwJ»«*"- 

liehnng der 

worden. In Bezug auf Sicherheit und Wirkungsfähigkeit sind bemerkens- unfaiie. 
werte Schiessversuche auf verschiedenen Uebungsplätzen mittelst mit neuen 
Sprengstoffen angefüllter Brisanzgeschosse ausgeführt worden unter der 
Leitung auserlesener Offiziere, die von einem ganz speziellen Personal 
unterstützt wurden und unter Anwendung aller minutiösen Vorsichts- 
maassregeln, welche dergleichen Versuche erfordern. Aber ist diese 
Schiessweise zur Stunde in das Gebiet der Praxis übergegangen, 
wenigstens, was die sehr heftigen Explosivmittel betrifft? Ist man heut- 
zutage sicher, ein bestimmtes Explosivmittel entdeekt zu haben, welches 
dem Stosse vollständig widersteht und ebenso vollständig im ge- 
wünschten Augenblick explodiert? 

„Das Amtsgeheimnis, der schützende Schleier", fragt ein Fachmann, 
J. Toumay, „mit welchem man die Versuche (und manchmal die Unglücks- 
falle) umgiebt — was sind sie schliesslich anderes, als ein stilles, nicht 



438 ^i- Taktik der ArUllerie. 



kompromittierendes Eingeständnis der Schwierigkeiten, anf die man stiess, 

und der Unsicherheit des Erfolgs?" i) 

England Das Land, welches ausführliche Berichte über Unfälle mit Explosiv- 

veröffentucht Stoffen liefert, ist England. In den jährlichen Zusammenstellungen der 

^ rnftuo**^ Inspektoren finden wir beinahe jedes Jahr eine ganze Reihe von Unfällen 

mit Explosiv- yerzeichnet, welche bei der Fabrikation und dem Transport der 

Stoffen. 

Explosivstoffe und Zünder stattgefunden haben, zugleich aber auch den 
Beweis dafür, dass mit Fehlem behaftete Zünder ungeachtet aller Vor- 
sichtsmaassregeln dennoch an die Truppen geliefert werden. *) 
Eindrack Diescr Gegenstand erscheint so wichtig, dass wir trotz der Schwierig- 

dor Rftti^ 

Strophen, kcitcu, welchc er bietet, nicht umliin können, ihn zu berühren, und wenn 
auch unser Urteil nicht auf Kompetenz Anspruch machen kann, so ist es 
doch unumgänglich, es laut werden zu lassen, da bis jetzt der Eindruck 
nicht in Berücksichtigung gezogen ist, den bei den einzelnen Völkeni 
Katastrophen hervorrufen würden, welche unter den eigenen Truppen 
im Felde durch Sprengstoffe erfolgen. 

starke Zuuächst woUeu wir, der von uns befolgten Methode gemäss, anf die 

In der SchlussfoJgeruugen derjenigen Autoren hinweisen, welche über die Gefahren 

'TrtiUeriV" sprechen , die beim Gebrauch von Sprengstoffen auf dem Schlachtfelde 

a^T- entstehen können. In der „Conference sur Tartillerie de campagne"^) 

bomben, finden wir zu dieser Frage folgende interessante Angaben: Die Einführung 

des rauchschwachen Pulvers fand bei den französischen Artilleristen 

allgemeine Billigung, während die Einführung von Brisanzgeschossen 

(obus torpilles) auf viele Gegner stiess. 

Die Gegner der Verwendung dieser Art Geschosse heben den Um- 
stand hervor, dass ihr Wirkungskreis äusserst beschränkt ist (15 Meter), 
während die durch Shrapnelsplitter gebildete Garbe eine elliptische Fläche 
von 200 Meter Länge und 60 Meter Breite überschüttet. Weiter werden aus 
Sicherheitsrücksichten in diesen Brisanzgeschossen nicht die Apparate 
angebracht, die zum Hervorrufen der Explosion dienen, und überhaupt 
hat man zu ihnen so wenig Vertrauen, dass derartige Sprenggeschosse 
bei Uebungen nicht verwandt werden. 

Weiter — so führt derselbe Autor aus — wird geplant, den Ex- 
plosions-Apparat in diesen Geschossen abzuändem und deshalb hat man 
sich bisher nicht entschlossen, die gegenwärtigen Zünder an den Ge- 
schossen anzubringen, da dann eine Veränderung dieser riskant wäre. 



^) J. Toumay: „ifetude siir les poudres et explosifs consideres au point 
de vue des destructions militaires". 2"»« Partie. 

^) „Annual Report of H. M. Inspectoi-s of Explosives". 1891, Seite 31. 
3) Paris 1892. 



i 



Katastrophen in Folge der Anwendung Ton Sprengstoffen. 439 

Wie bekannt, ist die Losschraubung des Apparats immer gefährlich, aas 
welchem Material das Sprenggeschoss auch bestehen mag. 

So äussert sich über diese Gfeschosse ein französischer Artillerist, 
der den Offizieren einer anderen Waffe Vorlesungen hält. In der That 
kennen derartige Befürchtungen noch weit ernster werden. Um uns 
davon zu überzeugen, wollen wir dieser Frage etwas näher treten. 

In der französischen Armee werden leichtere Sprenggeschosse in ^•"'"'''^ 
einer Stückzahl von 75 in einem speziell für diesen Zweck gebauten beim 
Wagen transportiert. ^) .oii™«^^ 

Diese Geschosse sind gelb angestrichen und unterscheiden sich ^"^ °'"'"' 
ausserdem von den übrigen Geschossen durch eine besondere Form 
damit sie auch im Dunkeln erkannt werden. In Deutschland werden 
die Si)ren^eschosse aus Sicherlieitsgründen ebenfalls abgesondert von den 
Explosions-Apparaten geführt und das Anbringen der letzteren am Ge- 
schosse geschieht während des Ladens des Geschützes, 

Es ist sehr natürlich, dass wähi-end des Kampfes, wo sich der 
Truppen ein erregter Zustand bemächtigt, nur Ansnahmenaturen ihre 
gewiilmliche Kaltblütigkeit beibehalten. 

In dem amerikanischen Bürgerkrioge wurden auf dem Schlachtfelde "'J^'"^."" 
Tausende von Gewehren aufgefunden, welche doppelt, dreifach und manche k«ni»ci 
sogar bis an das Ende des Laufes mit Patronen vollgestopft waren.*) Bla"^ÖD 
In der englischen Marine, in welcher teilweise Kanonen als Vorder- ^°J}'^ 
lader gebaut sind, kam es nicht selten vor, dass sie doppelt geladen """fi-n 
wurden und beim Abbrennen platzten. Die fürchterlichen Verheerungen, pnuuoBi 
welche das Platzen der Kanone des Panzerschiifes „Thunderer" ver-^^^^'^^, 
m'sachte, gaben Anlass, Vei-suche in Woolwich (1880) mit einer anderen '• 
Kanone vom „Thunderer" anzustellen. 

Die Doppelladung und Zerstöningskraft sind ans den beifolgenden 
Bildern ersichtlich. 6) 



Doppeltgelikdene Kanone zum Versuch. 

•) Geoeral Wille: „Das Feldgeschütz der Zukunft". S, 9 
') Nigotte: „Lea grandea questions de jour". 
') Brasaej: „The British Navy", 



VI. Taktik der ArtUlerie. 



8chus8 aiis der doppeltgeladenen Kanone des „Thunderer", 

Wenn bei so einfaehen Manipulationeü, wie das Laden, derartige 
Verstösse vorkommen, was wird erst bei den Manipulationen mit 'Ex- 
plüsivgeschossen geschehen, welche die grösste Genauigkeit erfordern, 
nm regelrecht und sicher ausgeführt zu werden. 
oteiiie Aber nehmen wir sogar an, dass die Geschosse immer ohne Unfall 

AbfeoBro der mit den dazu gehörigen Explosionsapparaten schon etwas vor der Aktion 
^wh°i^. oder am Kampfplatz selbst versehen werden, dass ferner das Geschütz 
völlig richtig und mit aller Vorsicht geladen ist, so bleibt dennoch das 
Abfeuern des Schusses übrig, und damit st«hen wir vor der Möglichkeit 
einer neuen grossen Gefahr. 
^'^^^e Um uns von dem Grade dieser Gefahr einen Begriff zu machen, 

EipiMii- müssen wir nns die Einrichtung der Brisanzgeschosse genauer ansehen, 
'"' °""' Nehmen wir hiei-für die stäiksten von ihnen. Diese „höllischen" Ge- 
schosse bestehen aas einem langen Stalilzylinder, dessen Inneres mit 
Melinit, Eoburit, Ekrasit oder irgend einem anderen Sprengstoff angefüllt 
ist. Alle diese Materitilien zeichnen sich, wie schon gesagt ist, von ein- 
ander hauptsächlich durch die verschiedenartigen Beimischungen and die 
Methoden ihrer Herstellung ans. Natürlich wird in das Geschoss eine um 
so grössere Quantität des Sprengstoffes hineingehen, je dünner die Wände 



dar OhcIiii»- 



i^u'''»" Werden hierbei bestimmte Grenzen überschritten, so vermag der 

" Zylinder den Druck des Schusses nicht ausznhaiten; er platzt und es 
"erfolgt eine vorzeitige Explosion des Geschosses. Aber selbst wenn die 
Stahlwände genügend dick sind, kann in Folge irgendwelcher Mängel 
in der Herstellung oder aus anderen Gründen ein Platzen ein- 
treten. Im Allgemeinen wird von dem Stahl, der zn diesen Zylindern 



^ 



':s 



Katastrophen in Folge der Anwendung von Sprengstoffen. 441 



verwandt wird, gefordert, dass er einen Druck von 4000 Atmosphären 
ausMlt, aber aus der Praxis ist bekannt, welche Irrtümer bei Prüfungen 
dieser Art vorfallen, und deshalb sind trotz aller möglichen Vorsichts- 
maassregeln unerwartete Unglücksfälle nie ausgeschlossen. In jedem 
Falle erhält das Geschoss während des Schusses infolge der Wirkung 
der Gase einen starken Stoss, welcher vielleicht nicht an und für sich 
eine Explosion herbeizuführen vermag, aber doch die Zylinderwände ver- 
biegen und dadurch eine Explosion des in ihnen enthaltenen Sprengstoffes 
mit allen ihren Folgen herbeiführen kann. 

Im Fall einer Explosion beschränkt sich nach Meinung der Tech- ^**'^« «1°®' 
niker die direkte Wirkung der Gase auf einen nicht allzugrossen Raum Explosion, 
— 15 Meter — , aber ihre Explosion entwickelt eine solche Stärke, dass 
sie in einem gewissen umfang Geschütze, Menschen, Pferde u. s. w. 
fortreisst. Dass die Gefahr der Explosion des Geschosses im Geschütz- 
rohre nicht vollständig beseitigt ist, beweisen die Vorsichtsmaassregeln, 
welche der Explosion vorbeugen sollen. 

In dem neuesten englischen Werke über Artillerie lesen wir ö«^fcrj)ei 
Folgendes: 7) „Grosse Sorgfalt muss bei Herstellung gewöhnlicher Gra- gewöhnlicher 
naten angewandt werden, um einer vorzeitigen Explosion im Geschütz- '*"* "' 
röhre vorzubeugen. Wenn die Granaten geladen werden, müssen sie im 
Innern vollkommen glatt sein, da schon die geringste Rauhheit genügen 
könnte, eine Explosion zu verursachen. Bei dem Abfeuern der Granate 
aus der Kanone sichert die Stahlbekleidung der Granaten am besten 
gegen jede Rauhheit , welche Reibungen erzeugen könnte ; aber auch alle 
Arten gewöhnlicher Granaten müssen so konstruiert werden, dass die 
inneren Wände glatt sind." 

Die Zünder sind überdies in Beutel zu legen und bei diesen Vorsichts- Not- 
maassregeln dürfte keine vorzeitige Explosion zu befürchten sein. Reibungen 

Wenn englische Autoren so bedachtsam urteilen, so hat dies triftige Granate nnd 
Gründe für sich. Unfälle sind nicht selten und können nicht ver- ^^JJJJhJ^^. 
heimlicht werden. Wir wollen aber die Folgen einer solchen Explosion 
näher ins Auge fassen. 

Die Schweizer Artillerie hat im September 1891 mit Granaten, deren , vewnche 

der Schweizer 

Sprengladungen aus Weisspulver, einem brisanten Stoffe bestehen und Artiuerie 
unter Verwendung eines 12-Centimeter-Gussstahl-Geschützrohrs Versuche Wirkungen 
angestellt, um zu untersuchen, welche Wirkung derartige Granaten, wenn ^^^^^^^^^ 
sie im Geschützrohr oder nahe vor demselben krepieren, auf das Geschütz Explosion 

yon Spreng- 

bezw. seine Bedienung ausüben. Mitteilungen darüber finden sich im ladangen. 



') „Lloyd and Hadcock", Artillery 1894, its Progress and present condition. 



\ 



1 Folge der Anwendung y 



Pul ver-Explosion, 

Auch mit dem alten Salpeter- Pulver, dessen Gefährlichkeit ver- *"°^"" 
hältnismässig weit geringer war, haben sich' Katastrophen ereignet, urothea 
trotzdem die Beobachtung von Vorsichtsmaassregeln durch lange Praxis h,u„jto, 
und erschöpfende Regeln den Heeren weit mehr in Fleisch und Blut über- ,^"^j, 
gegangen war. ueh««!. 

So ereignete sich 18B9 der Fall, dass ein Protzkasten in die Luft ^iJ' 
Üog, wobei die daneben stehenden beiden Bedienungsmannschaften getötet 



444 



VI, Taktik der Artillerie. 



Konpllilait- 
mit dar 

Veipiclisi 

modsmai 

OtKhOHl 



wurden. Die Unteisuchnng stellte als Ursache der Explosion fest, dass 
die Werg-Verpackung der Kartuschen im Protzkasfcen in Unordnung ge- 
kommen war, weshalb sich die Kartnschbentel stellenweise durchgerieben 
hatten und loses Pulver zwischen die Risenmunition gefallen war. In 
Folge der Stösse beim Fahren erfolgte dann die EntzUndnng. 

Wenn sich derartige Unialle schon mit den früheren Geschossen 
ereignen konnten, so wäre es unlogisch, in Abrede stellen zu wollen, 
dass bei den jetzigen viel gefährlicheren Stoffen Explosionen nicht viel 
häufiger eintreten konnten. Um die Komplizieitheit der Verpackung der 
Geschosse beim Transport und bei ihrer Herausnahme für den Gebrauch 
zu zeigen, geben wir folgende Zeichnung aus dem „Leitfaden für den 
Unterricht in der Waffenlehre". 




Protze des deutacheii Gescbützea. 



Popkung der deutBchen Geachoase. 

FmuduiHii« In der französischen Armee haben die Befürchtungen hinsichtlich 

der der Möglichkeit von Unglücksfällen bei dem Transport von Ladungen 



einzuführen, welche sich dadurch auszeichnet, dass die Kästen beseitigt 
sind, und in jede Seite der Protze Geschosse eingestellt werden, welche 



Katastrophen in Folge der Anwendung von Sprengstoffen. 445 



durch Brettclien (planchettes porte annements) festgehalten werden; die 
Brettchen sind mit einer besonde