(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Der sogenannte historische Jesus und der geschichtliche, biblische Christus"

Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commcrcial parties, including placing technical restrictions on automatcd qucrying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send aulomated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogX'S "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct andhclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http : //books . google . com/| 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Urheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in partnerschaftlicher Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche für Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials für diese Zwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch fiir Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .corül durchsuchen. 



\ 



icat'Jjbmnj 



Sei 



fogenonntt Ijiflorift^e JtfuB 



i(|)ul|tltd|e, bU^t C()ri|lu£ 





Sottrog 


anf 


ber 9SiMi)ieitliaIn; ^aftoraltonfcrenj 




leSalltn »•« 




D. 3Httr«tt Mietet, 


1 


^^ 8cl|l)lo. - 


^ 


I^B|UDg»u4t. ^«m- m- Mihi) 



^AjOb ^1Ä\AJ<A*- ^ «ii>-^ 



2)er 



fogenattttte Jiiptorifc^e Jefujö 



unb bcr 



0t|i[t|ut)tlut|e, littilt|(t)e C^rt^0. 



SSortrag 
auf ber fBHuppttti^oitt ^aftoralfonfecenj 

gei^alten von 

D. 'SRattin Äat^tet, 

^ofeffoi ber X^mogie. 



1892. 



BT 

303.2- 



Xcurc §encn unb SBrübcr! ©ie l^abcn mir t)or ^a^xtn l^icr 
3^r Dl^r geßel^cn, afö id& öon bcm 93efcnntni§ jum ©eifte Kl^rifti 
fpta^^); es wirb Sic nid^t bcfrembcn, »enn berfcfte SKann l^cute 
ju Sinnen reben »iH öon bcm SBcfenntniS ju bcm tebcnbigen 
Sl^riftui^- 2)enn baS ift in ber %^at mein Xl^cma, gefaxt in einen, 
tt)ie midi beudjt, jätgemä^n ®cgenfa|. 

Stud^ burdi unfre Xage gel^t bie alte, immer neue fj^age, ge^ 
fnüpft an Oolgatl^a unb ©d^ebümini: »ie bünfet eud| um Sl^rifto? 
®ine fül^Ie Slble^nung finbet fie feiten, toofjt aber fel^r t)er* 
fd)iebcne Stntttjorten, aud| jumeift mit el^rlid^ »armem ^erjengtonc. 
Snbeg bei biefer grage f ommt eS belanntlid^ ni^t barauf an, toa^ 
aug unferm ^erjen fommt, t)ielme]^r auf ba§ mag S^eif^ unb 
SBIui nid^t offenbaren fann (äWatt^. 16, 17), »aS fein äuge gc* 
feigen unb fein Dl^r geprt l^at unb in feinet äWenfd^n §erj ge* 
fommen ift, »ag ®ott benen bereitet l^at, bie il^n lieben (1. Äor. 
2,-9). "Unb eine Slntnjort, beren SJBärme nid|t il^rcr Älarl^eit cnt^ 
fprid^t, ,t)ielme]^r eine UnfTarl^eit üerpllt, ift unter Umftönben ge^r 
'fäl^rlid^er afö eine entfd^Ioffene Stbtöeifung, namentlid^ für fold^e, 
»eld^e ber Slntttjortenbc burd^ ben innigen Xon feinet Sefennt:« 
niffeS bejaubert. 

äWein Xl^ema ift ein ^ßaraboEon, benn eg ftcHt jtöei Slug** 
fagen einanber entgegen, t)on benen eS f^einen fönnte, als ob fie 
genau bagfelbe befagten. 6g foH thttt in mögKd)fter ©d^ärfe einer 
überaus beftridfenben SSertoed^fetung jtoeier grunboerfd^iebencr S)inge 
entgegentreten. 3e fd^toerer eS mir fefbft geworben ift, l^ier jur 



1) Äirc^I. aJlonatgfd^rift ö. «ßeiffer S3b. 4 @. 161 f. 

1* 



— 4 — 

Ätatl^eit burd^jubringcn, um \o lebl^after ift mein SlnUcgcn, meine 
öermeintlid^e (Sinfid^t anbem jur ^ßtüfung, jur Swftimmung ober 
jur SBatnung mitjuteilen. Unb id^ banfe Sinnen für 2ln(a| unb 
@elegenl^eit baju. 

Steinen SKal^nmf fann unb Witt id^ red^t auffattenb in bag 
Urteil jufammenf äffen: 2)er l^iftorifd^e Sefug ber moberncn 
©d^riftfteUer öerbedEt ung ben lebenbigen Gl^riftug. S)er 
Sefug ber „Seien Sefu" ift nur eine mobeme Slbart öon örjeug* 
niffen menfd^Ud^er erfinbenber ^unft, nid^t beffer ate ber öenufene 
bogmatifd^e Kl^riftug ber b%antinifd^en ©l^riftofogie; fie ftel^en beibe 
gteidi tt)eit öon bem wirHic^en ©l^riflug. S)er §iftorijigmug ift an 
biefem 5ßun!te ebenfo wittfürlidl), ebenfo menfd^Iid^==]^off artig, ebenfo 
t)ortt)i|ig unb fo „gtaubenSlog-gnoftifd^" tt)ie ber feiner ßeit aud^ 
mobeme 2)ogmatigmu§. S)ag gilt öon beiben alg „3^men", unb 
gilt fo toenig l^eute tt)ie bamafö mit SRottoenbigfeit t)on ben %xlx^ 
gern biefer inegel^enben Slnfdiauungcn. 

Sd^ beginne mit ber fj^age: wag l^ci^t ,,]^iftorifd^er 3efu§"? 
S)iefe 93ejeid^nung l^at eine Oefd^id^te nid^t minber afö bie pl^ilo* 
fop^ifdien Xermini; unb bie 3ungen al^nen gro^enteifö gar nid^t 
me^r, toaS er in ben früheren ©d^riften bebeutet. Qu attererft 
l^at er ben biblifd^cn El^riftug bem bogmatifd^en entgegenftettcn 
lootten, nämlid^ ben lebenSöotten, anfd^aulid^en äWenfd^enfol^n in 
feinem Il^un, Sieben unb ©rieben jener S^i^^^^^S i^ ^Begriffen, 
loeld^e in bünnen Umriffen bie btm S)enlen fo fd^ioer t)ereinbaren 
©runblagen biefeS einjigen Sebeng aufzeigen fotttc. Später fd^ob 
fid^ an bie ©tette ber ortl^obojen 2)ogmatif bie atttoiffenbe ©pefu=^ 
lation §egetg unb bot für ben bogmatifd^en S^riftuS ben ibeaten 
bar. 3loi) lange nad^fier l^at S)orner ben gefd^id^tlidien El^riftui?^ 
gegen $erm. ©d^ut^ üerteibigt, weit biefer eg jeber ßeit anl^eim^ 
geben WoHte, fid^ i^r S^riftug^Sbeal felbft jured^tjumad^en, ba^ 
l^cigt: fid^ fefbft unb il^ren Snl^aft in bem entworfenen El^riftuSä« 
bilbe ju ibealifieren^). S)er Stuft o| trieb weiter; öietleidjt ol^ne eg 
red^t ju wiffen, geriet man jurüd auf bie SBa^nen eineg ©emier 



1) öeibc i. b. ^a^xhüä). f. beutfc^c 2::^eoI. 1874. 1875. 



— 5 — 

unb feiner Oenoffen. ®efd^td)te unb ©ogmatif fdjien [td| in bie 
93ibd jurüd verfolgen ju laffen. S)ie Slpoftel ^aben fd^on an 
Sl^riftum geglaubt, als fie üon il^m fd^tieben; il^r 3^"8^i^ ^f* 
mitl^in bereite S)ogmatif. @o nm| man üon il^rer 5ßrebigt auf 
bie Seri^te jurüdgel^en, um ben gefdiiditUd^en SefuS ju finben. 
Unb t>a ber t)ierte ©öangelift i^n als baS ewige SBort befennt, fo 
wirb man eigentliciie S5erid|te nur bei ben fogenannten ©^noptifern 
ju fud^en l^aben. Slllein, al^balb fanb fid| bie ©infid^t, ba§ aud^ 
^ier fd^riftfteHerifdtie Stbfid^t, fromm umgeftaltenbe Sage, unWitt* 
fürlid^e Sntftettung gewirft l^abe, unb nun blieb ni^tg anbreg 
übrig, man mufete auf bie @ud^e nad^ bem l^iftorifdien SefuS an^^ 
jie^en, ber l^inter ben urd^rifttid^en S3erid|ten, ja l^inter bem Ur* 
Söangelium ftel^t, unbeutlid^ burd^fd^einenb. 2)a§ ift nun eifrig 
getl^an; mand^em aber Witt eg fdieinen: obwol^t man mit ©pieken 
unb ©taugen auSgejogen ift, „er ging l^inaug, mitten burdi fie 
l^inftreid^enb". SBenn er aber unter fie tritt mit feinem „id^ bin'g", 
Wer wirb nid|t erfd^üttert jufammenbred^en?! 

äWeine Slufgabe ift nun bie boppefte, an biefem SSerfal^ren in 
feiner 2lu§artung ablel^nenbe ^ritif ju vAtti unb btn ®rfa| nadi^^ 
juweifen; bag le^te ift ba^ wid^tigere. 

3d| fel^e biefe ganje „Seben^Sefu^SeWegung"^) für einen 
^otjweg an. Sin §oIjweg pflegt feine SReije ju l^aben, fonft üer* 
folgt man il^n nid^t; er ift aud^ gewöl^ntid^ junä^ft ein ®t&d be8 
rid^tigen SBegeg, fonft gerät man gar nid^t auf il^n. äWit anbcrn 
SBorten: wir fönnen biefe ^Bewegung nid|t ablel^nen, ol^nc 
fie in il^rer Sered^tigung ju öerftel^cn. 

©ie ift burd^aug im SRed^te, fofern fie Sibel wiber abftralten 
S)ogmatigmug fe|t; fie üerliert il^r guteg SRed^t, fobatb fie beginnt, 
an ber S3ibet l^erum ju fd^neiben unb ju reiben, ol^ne fidt) über 
bie befonbere ©ad^lagc an biefem 5ßunlte unb über bie eigentüm* 
lid|c SBebeutung ber ©dirift für biefe ©rfenntnig üöttig flar geworben 
JU fein. S)enn e8 l^anbelt fid| l^ier garnid^t einfad^ um ein ge* 
fd^iitlic^eg ^Problem, wie in anbern gätten. 3^r SRed^t lägt fid^ 
in fiut^erg SBort l^ineinfaffen, ba^ man ®otteg ©ol^n gar nid^t 



1) (gin 5ru§brud au« fjr. S^H^iJoIbg neuefter Äirrfiengefd^id^te 33. 3 § 16. 



tief genug in unfer %lti\6), in bie 2Renf d^l^eit l^ineinjiel^en f önne ^). 
Unter bem ©efid^tspunfte ftel^t feit Sol^anneg 1 unb 1. Sol^anneg 1, 1 f. 
äße ed^t eüangelif^e JBetoegung in bem ©innen über unfern ^ei* 
lanb. Aber bieg SBort l^at ja nur bann einen ©inn, »enn biefer 
Kl^riftuS mel^r ift afö ein SDienfd^. @§ l^at gar feinen ©inn für 
alle biejenigen, totl6)t bel^aupten unb nad^toeijen wollen, ung liege 
an il^m nid^t mel^r, afe an irgenb einem anbem toirffamen SWenfd^en 
ber SSergangenl^eit S)ag tt)ar Sutl^er^ SKeinung nid^t, unb fann 
unfre äWeinung nid^t fein, folange wir mit bem Slpoftet urteilen 
„wenn bu mit bem SKunbe Sefum befennft, ba| er ber §err fei, 
wirft bu errettet'' (SRöm. 10, 10). ©täubt man nun mit ber 2)og* 
matif an ben G^riftum, ber mcl^r ift afö Mo§er SKenfd^, mel^r 
feinem SBefen nad^, mel^r feiner gegenwärtigen ©tettung nad^, alfo 
an ben übergefd[)id^tlid^en §eilanb, — bann bcfommt ber ge* 
fd^id^tßd^e Sefug jenen unüergleid^Kd^en SBert, fo ba^ wir öor feinem 
Silbe belcnnen: „meine ©cele foH fid^ baran näl^ren, meine Dl^ren 
nie Wa§ Sieberg l^ören''. Seber 3^9/ ^^^ wian üon i^m erfal^ren 
fann, wirb ung teuer unb bebeutfam. S)ie Überlieferung üon il^m 
fann gar nid^t emfig unb treu genug auggefd^öpft werben. 9lun, 
üerfenft man fid^ in fein Sl^un unb Saffen; man fud^t eg ju üer* 
ftel^en; man üerfolgt eg in feine SSoraugfe^ungen; man öerfenft fid^ 
in fein Sewu^tfein; in fein SQSerben, el^e er ]^ert)ortrat — man 
geleitet ben jugenblidtien Sefug burd^ bie Älüfte unb ^db^x, an 
ber äWutter ©d^o§, in beS SSaterg SBerfftatt unb in bie ©^nagoge 

unb man ift tim auf bem §oIjWcge. 

S)enn bie erfte Xugenb edjter Oef^idjtgforfd^ung ift bie SSe^ 
fdieibenl^eit; Sefd^eibenl^eit fommt üon Sefd^eib wiffen; unb Wer 
S3efd§cib Wei^ mit gefd^id^tlid^en Xl^atfad^en unb Duetten, ber lernt 
aSefd^eibenl^eit fowo^l im SBiffen afö im SSerftel^en. Slber biefe 
Sefd^eibenl^eit ift bei öielen nic^t beliebt, weil bie ^ßl^antafie, weld^er 
bag gelb ber ©pefulation öerleibet ift, fid^ ic|t auf ein anbreg 
fjelb geworfen l^at, auf bie grüne SBeibe angeblicher SBirKid^Ieit, 
auf bag Oefd^öft ber üermutenben ©efd^id^tgfd^reibung ober ber fo- 
genannten pofitiüen Äritif. Unb auf biefem gelbe wilbert unb 



1) Corner, (gnttotdcIunöiSgcfcl^. 2. @. 544. 



bilbert man mit berfcttcn Slcubcgict unb ©ctbftjuöcrfid^t uml^cr, 
tt)ie c« cl^cbem irgcnb bic pl^ilofopl^ifd^c ober tl^cofopl^ifd^c ©pefula* 
tion gct^an i)at, mit Slotl^c ber guten 3^^^^*^ ^^^ fromme 
2)enfen fönne ®ott Regieren toie ber Slnatom einen grofd^. Unb 
toa§ biefeg Xreiben angelet, fo öermag iä) üielmafö feinen Unter*» 
fc^ieb äu erfennen jtoifdien ben ?ßofitiöen unb ben 9iegatit)en, toie 
man fie ju nennen p^tQt 

3ur SBegrünbung biefeS aMel^nenben Urteilet finb nun einige 
toiffenfd^aftlic^e ©ingeftänbniffe abzulegen, bie auf ben erften fölxä 
ftu|ig mad^en mögen. SBir befi|en feine DueHen für ein fieben 
3efu, toeld^e ein ©cfd^idit^forfd^er afö juüerläffige unb augreid^enbe 
gelten laffen fann. S^ betone: für eine Siograpl^ie Sefu öon 
Slajaretl^ nad^ bem SKa^ftabe l^cutiger gefd^id^tlid^er SQSiffenfd^aft 
©in gtaubjoürbiges S3ilb beg $eilanbe§ für ®Iäubige ift ein fel^r 
anbrcg S)ing, unb baöon ift nad^l^er bie SRebe. Unfre Duetten, 
bag l^ei^t bie fogenannten Söangelien ftel^en erfteng fo üereinfamt 
ba, ba§ man ol^ne fie gamid^tS öon Sefu toiffen toürbe, obtool^I 
feine Qtit unb ber ©d§aupta| feinet fieben^ fonft burd^au^ ge== 
fd^id^tüd^ beutlid^ finb; er fönnte für ein 5ß]^antafiebitb ber ®emeinbc 
um bag Sal^r 100 gelten. S)iefe Duetten finb ferner nid^t mit 
©id^erl^eit auf Slugeujeugen jurüd^ufül^ren. Sie berid^ten überbem 
nur üon bem fürjeften legten Slbfd^nitt feine» SebenS. Unb enb- 
Kd^ »erlaufen biefe SBerid^te in jJoei Orunbformen, bereu SSer* 
fd^iebenl^eit bei ber SRäl^e i^rer angeblid^en ober öermutlid^en 6nt* 
ftefjunggäeit ein große» SKißtrauen gegen bie Xreue ber (Srinnerung 
erttjed^en muß^). 2)emjufoIge fielet fid| ber „öorurteiigfreie" Äritifer 

1) ^tcfc Sufammenfaffung toirb faunt auf eine emftttd^c ^eonftanbung 
flogen. 3)te ^ugfd^ItcgKci^fcit, mit ber man auf d^rifttid^ Cluetlen gctoicfcn ift, 
muß augerl^alb bcS rfiriftlid^en ©efid^tgfreifeS getoig bebcnflid^ mad^cn. 
Söie man mit htm ©toff ber ©öangclien berfal^ren toürbc, toenn toir irgcnb 
anbrc Oucllcn befößcn, barauf lägt unter anbcrm baiJ @ci^i(ffal ber fanonifd^n 
§tpofteIgefrf)id^tc in ber „jeitgefd^rf)tlid^en'' Söel^anbtung be3 Urd)riftentume3 
fd)Iie6en. SWan l^at ben erften ^abib ©traug mit feiner SW^tl^oIogie über Söaur 
fd^ier bergeffen; aber bereits melbet fid^ feine ^Infd^auung toieber — fel^ er*» 
üörlid^er SBeife. — ^ie (ginjigfeit ber OueKen toitt ja nun freilid^ banad^ ge- 
fd^ä^t toerben, toie man biefe Quellen im übrigen befd^affen ftnbet. $ier ift 
für ^erlöglid^Ieit ber ^erid^te ühnf^anpi t)or aUem bad Sßerl^ältniS ^toifd^n 



— 8 — 

t)or einem großen Irümmerfetbe üon einjelnen Überlieferungen. 
6r ift berufen au^ ben einjelnen ©tüden, ein neueg ©ebilbe f)tt^ 
öorjuiaubem, toenn er bie Aufgabe angreift, öon biefer aug bem 
9lebel aufragenben ©eftalt eine SSiograpl^ie nad| mobernen fjorbe* 
Hingen ju entwerfen, ©d^on attein bie geftftettung beg äußeren 
SSerlaufe» bietet' nid^t geringe ©d^töierigfeiten unb fü^rt t)ielfa(^ 
nid^t über SBal^rfd^einlid^feitcn l^inaug^). Slber ber SBiograpl^ ftettt 
fid^ anbre Stufgaben. SRid^t jeber öerfagt fid^ bie SSerl^anblung 



beut 4. göangcltum unb ben (Bt^nopüUtn toid^tig. ^ meine red^t nat^brücf- 
lid^ an $. (gtoalbg Slrbcit über boiS ^anpipiohUm ber (gbangelicnfrage (1890) 
erinnern ju foKen. ^er ^intoeig auf bie unberfennbare ©infeitigfeit beg 
f^no|)tifcl^en S3eri(^te§ @. 5 f., ögl. @. 50 f., ift burd^aug bererf)ttgt; ba§ 3flötfel 
ift burd^ einfad^eS ©d^toeigen über bie @d)tDierig!eit nid^t gelöft. JJebenfolIg 
l^inbert biefe @infirf)t baran, ha% man hd bem bequemen SJerfol^ren bleibe, bag 
günftigc SJorurteü für bie (Bt^mpültt jum ©runbfa^c ber ®efd^id)töbel^anblung 
JU mad^en unb in ben SRal^men il^rer ©rjäl^Iung nad^ SBal^I einzelnes ober 
tntk^ aus bem 4. (Sbangelium einzufügen; ober gar ben SRal^men auS bem 
4. ©Dangelium p entlel^nen unb bann bod^ im übrigen bie ^arfteUung ber 
©^no|)tifer für maggebenb unb au^reid^enb ju arf)ten. — @g liegt auf ber 
§anb, baß ein SJortrag nid^t ben ©in^elbeleg für biefe 93e]^au|)tungen liefern 
fann; er fd^eint mir aber aud^ entbel^rlid), benn bie 2:^atfad^en liegen ja für 
jcben einigermaßen tl^cologifd^ ©ebilbeten beutlid^ öor unb außer S'^ei^el; nur 
über Beurteilung unb Sßertoertung gel^t man auSeinanber. 

1) aJlan benfe on bie grage nad^ bem SRonat^tage ber Sheujigung. 
StUein öon fold^en Slebenfad^en abgefel^en, toie menig 5(u8fid^t bietet eine §ar- 
monifierung aud^ nur rüd^fid^tüd^ ber $affton§gefd^id^te, felbft beim Berjid)t auf 
ben 4. (göongeliften. — gfreilid^ toenn man bie Unbefangenl^eit unb ©arf)Iid^- 
feit ber Söerid^te im ollgemeinen öorausfejt, bann finb bie Sragen nid^t fel^r 
peinlid^; bie Stoffe »ertragen fid) im großen; ben SJerlauf im einzelnen !ann 
man eben nid^t mel^r erfennen. ©benfo muß man fid^ in ber @efd^id)tfd^reibung 
dud^ fonft öielfad^ befd^eiben. 3^^^^ ^i^r Uegt bod^ ein befonbereS 93ebenfen 
bor. S^ne Ie|te SBod^e ift ber am reid^ften bezeugte ^bfd^nitt biefeg 2ehen9; 
trofebem l^at fid^ il^r SJerlauf ben Slugenjeugen mit fo geringer S3eftimmt^eit 
einge^rögt, baß ber 9^ad^erjä]^Ier fid^ immer n^ieber bergebUd^ am B^f^^^uten* 
paffen ber einzelnen Sßorgänge unb Berid^te mül^t unb faft ieber e§ anberiS 
mad^t als fein Vorläufer, ^ai extotdi bod^ fein günftigei^ Borurteil für bie 
(Senouigfeit ber Überlieferung im übrigen; fein günftigeS Borurteil für 
eine fold^e Befd^ffenl^eit beiS erl^altenen @toffei^, bergemäß fid) auS il^m mit 
8uberfid^t aud^ »eitere ©d^Iüffe über fold^e? jiel^en loffen, bog gor nid)t be- 
rid^tet ift. 



— 9 — 

fotd^er fj^agen, tocld^c bie SReugier li^eln, toäl^renb il^re Scantoottung 
bo^ ol^nc SBcrt für bie ^auptjad^e bleibt; afe fotd^e etfd^einen bie 
(Srörterungen über Sefu ©d^önl^eit ober §ä§Kd^Ieit; über fein 
frül^ereS gamitien* unb Ärbeitöleben; mir faßt aud^ bie Untcr== 
fud^ung über fein 3:;em^)erament ober feine Snbiöibualität unter 
biefen ©efid^tgpunlt; e^ toäre nod| anbreg ju nennen. SnbeS, ber 
©d^riftfteHer mag auf fold^e mi§(id^e Unterfud^ungen üerjid^ten; bie 
neuere Siograpl^ie fud|t il^re ©tärfe in ber pf^c^ologifd^en Slnal^fe, 
in bem Slufweife ber güHe unb Äette oon Urfad^en, aug toeld^en 
bie Srfd^einung unb fieiftung beg gefd^ilberten SKenfd^en entfprungen 
ift; fo forbert benn bie ed^te SKenfd^l^eit biefeS Sefug jebenfaHS, i>a% 
man fein SBerben öcrftel^e, bie langfame ©ntmidEelung feiner reli== 
giöfen Oenialität, bag S)urd|bred|en feiner fittlid^en ©elbftänbigfeit, 
bag Äufbämmem unb Slufleud^ten feinet meffianifd^en S3ett)u§tfeing. 
S)ie Duetten aber entl^alten öon bem attem nid^tg, aud^ gamid^tg. 
SK^ Serid^t fann l^öd^fteng bie Heine ©rjäl^Iung üon bem jtoölf* 
jäl^rigen Sefug gelten; nur SBittfür ift eS nun, fie oon ber Äinb* 
l^eitSgefd^idjte beg 3. Soangelium ju trennen; unb toeld^eg ©tüdC 
biefeg ©d^rifttumeg toürbe fonft tool^I mit mel^r SSerbad^t bel^anbeft 
afö eben fie?!^) S)eg toeiteren ift man auf 9?üdEfd^tüff e bertoiefen. 
Um fie jjoingenb ju mad^en, baju ift ein fel^r oorfid^tiger 2lnfa|, 
ein burd^aug fieserer Unterbau unb eine forglid^e Slbmeffung ber 

1) a^ ift mir natürlid^ nid^t unbefattnt, baj man bie ©nttoideluiig beS 
meffiatttfd^en SBetougtfeing nod^ toöl^renb bc§ öffentUrfien ^luftretenS aug bem 
©toffe ber (göangelien nad^jutoeifen ^pflegt; babei toirb boä) tool^I attgemein 
jugeftanben, bag bie Ouetten felbft, bie SBerid^terftotter nid^t an eine fold^e @nt- 
toidelung bcnfen. (S§ liegt alfo oud^ l^ier ein Äonftruieren beffen bor, toaS 
man l^inter ben Cluellen ju erfennen meint. — 3^ fann aber ühexl^aupt öon 
ber ^nfid)t nid)t lo^Iommen, bag bie ®efd^id)t^forfd^ung burd^u^ an hm D,vieUm 
l^ängt; fobalb man Don ber ©d^ä^nng ber ^erid)te al^ foId)er abfielet, nnb bie ©toffe 
ol^ne awid^d^t anf il^re §erfnnft in betreff il^rcr ®cfd^id^tKrf)feit ju teerten be* 
ginnt, betoegt man p^ lebiglid^ auf bem Gebiete fd^teanlenber Vermutung. @g 
mag bann öemeinenbe Urteile öon einiger ©id^crl^cit geben; über ben toirfftd^cn 
Hergang jebod^ getoinnt man feine ©etoigl^eit. ©onft betoiefc ja bie eintoanb* 
freie ©rfinbung eine? SlomaneS für bie SBirnid)leit feineiJ Qnl^alteS. Über ben 
Unterfd^ieb :pfQd^oIogifd^er SBal^rl^eit, alfo bid)terifd^er SQSal^rl^eit Don rid^tiger 
SBiebergabe ber SBirflid^feit in il^rer oft unfaßbaren ^ßaraboyie l^errfd^t in ber 
^lugübung ber ^tif, ttne mir öorlommt, »eitl^in öiel Unfiarl^eit. 



— 10 — 

Sragtoettc bc§ ©ewonnencn crforberlid^; mit btcfem juüerläffigcn 
SSerfal^rcn fommt man benn anä) faum ju fcl^r ausgiebigen @r* 
Werbungen. SBegl^alb ba8 bei ben eöangelif^en Stoffen in befonberi^ 
l^ol^em (Stabe ber gaU ift, baöon toirb bie Äritif ber öorl^anbenen 
SWittcI atSbdb überführen. 

S)ie neuteftamentiid^en S)arfteIIungen verlaufen nid^t unter bem 
©efid^tgpunfte, ba§ SBerbenSefu ju üetanf d^aulidien ; fie laffen il^n 
fid^ befunben unb betätigen, aber nid^t Sefenntniffe, öoHenbg feine 
untoiHfürlid^en, mad^en, üieHeid^t einige wenige ©to^feufjer au8* 
genommen (ettoa SKarl. 9, 19; So^. 12, 27; SKarf. U, 36. 15, 34); 
bag leugnet fd^toerlid^ ein unvoreingenommener fiefer ober gorfd^er. 
S)e§]^alb üeranlaffen fie aud^ burd^aug nic^t ju einem SRüdEfd^tu^ 
auf bie Art unb SBeftimmtl^eit beS frül^eren SBerbeng. @§ ift frei* 
lid^ unüerlennbar, ba| bie altteftamentlid^e ©dirift unb bie 2)enf* 
toeife feineg SSoIfeg ben 2lnfd^auung§ftoff Sefu beftimmt l^aben; mit 
fold^en nal^eliegenben ^Beobachtungen ift jjebod^ faum etwa» gewonnen. 
3m übrigen mu§ man bei bem ©d^toeigen ber Quellen unb in 
bem ©egenfa^e ju bem ganjen Quq^ xf)xtx ©d^ilberung bie Slna^^ 
togie mit fonftigem menfd^Ii^em Oefd^el^en afö fJ^^f^^^Ö^^itt^^ 
üertoenben. SSoran ftel^t l^ier ber SSerfudt), im Slufd^Iufe an bie 
©eelenfunbe ju jerlegen ober ju ergangen; ift ein foldier SSerfud^ 
auf biefem ©ebiete bered^tigt? SBir laffen bie ©eelenfunbe nur 
gelten, fotoeit fie nad^toeisfid^ auf ©rfal^rung berul^t. 3l^r mag 
eine getoiffe ©id^erl^eit eignen, too fie bie gormen unfrer inneren 
Bewegungen bel^anbeft; unb bie finb bei Sefu fonber ßtoeifel bie- 
fetten getoefen, wie bei einem jeben von ung. Allein ba^ ift l^ier 
üöHig gleic^giltig. 93ei ben fraglid^en Unterfud^ungen l^anbelt e8 
fid| ftetS um ben Snl^att, toeld^en Sefug erwarb, befag unb mit* 
teilte; um bie SBurjeln, ba^ SQSad^gtum unb bie SSerjWeigungen 
feinet fittlid^en unb feinet religiöfen S3ewu§tfeing, wie man ju 
fagen ^)ftegt äWit fold^em Snl^alte ber ©eelen befd^äftigt fid^ bie 
l^eutige wiffenfd^aftlid^e ©eelenfunbe nid^t; öietmefir anbre SBiffen* 
fd^aften, unb neben il^nen pflegt bag ber S)id^ter ju beobad^ten unb 
barjuftellen. SJBol^er nimmt er feine Äunbe? @g ift befannt, ba§ 
©oetl^e jumeift fid^ fettft unb feine ©rtebniffe abgefd^rieben l^at. 
®r ift fo gro^f Weil er beobad^tenb „l^ineingriff in8 volle 3Renfd|en»^ 



— 11 — 

leben". Unb \o finb aud^ fonft bic feinfinnigen Seobad^ter ein* 
brurfüollc SKüter. SeremiaS ©ott^elf ift im Semerbiet gefd^eut 
gemefen tt)ie bie SBilbemtut^ in ©d^waben; man fürd^tete jid^, aü^ 
halt) bag Slbbitb be8 befud^ten §aufeg gebrncft ju lefen. 2)ag 
Slnalogifieten wirb alfo l^ier and^ an ber bunten SBirHic^feit feinen 
©toff fud^en muffen. Unb barum nod^ einmal bic grage: ift bie^ 
aSerfal^ren l^ier bered^tigt? SBer ben SinbrudE l^at, l^ier bem ein* 
jigen ©ünblofen, bem einjigen Sbamgfol^n mit t)oHfräftigem 
@ottegbett)u|tfein gegenüberjuftel^en, toirb ber bei eingel^enber Über* 
I^gung jenen SSerfud^ nod^ toagen?! äWan meine nid^t, man fomme 
l^ier mit bem ©tord^fd^nabet au§, man ^aht nur bie 9Ra|e ju 
fteigern. S)er Unterf^ieb liegt nid)t auf ber Sinie beg ©rabeS, 
fonbern auf ber Sinie ber 2lrt. ©ünblofigfeit ift aud^ nid^t nur 
etttjag aSerneinenbeg. 9Ran fommt nid^t bamit aug, an^ unfrer 
Slrt bie gledfen ju tilgen, fonft bel^ält man eine teere Xafel. 3m 
2;iefften anbergartig, fo anberSartig, ba| il^m gleid^artig ju toerben 
nur burd^ eine neue ©eburt, burd^ eine neue ©d^ö^)fung möglid^ 
ift, — toie !ann man feine SnttoidEelung, il^re ©tufen unb SBen* 
bungen nad§ bem gemeinen 9Renfd)engange üorfteHen unb aug* 
einanberlegen tooHen! ^a, gräbt man tiefer, bann begegnet man 
bem Slnftanbe: »ie ^at er fünbtoS fein fönnen inmitten einer SBeft, 
inmitten einer gamilie unb eineg SSoIfeö, bie üott ber 3trgemiffe 
tnaren? SBie {)at ba§ Äinb fid^ rein unb fidler entwidCeln fönnen, 
tnätirenb e§ in feiner Unmünbigfeit, Unfelbftänbigfeit unb Unreife 
ringg öon SSerfü^rung umgeben toar unb alle ettoa reblid^ gemeinte 
©rjie^ung jum beften 2;ei(e nur SSerjiel^ung fein tonnte? 2)ag ift 
ein SJBunber, unb ba^ erfWrt fid^ nid^t aug bto^er unöerborbener 
Slnlage; bag ift nur fapar, »eil biefer ©äugling mit einem anbem, 
il^m öorauggegebenen Snl^alte in bieg irbifd^e S)afein getreten ift 
afe toir aße; toeil in aüen gormen unb ©tufen feinet ©eelen^« 
lebeng ein unbebingt felbftänbigeg SSotten fid^ auStoirfte, — tneit 
©otteg ©nabe unb SBal^rl^aftigfeit in i^m %U\\ä) geworben finb. 
3)er %f)aV\aä)t gegenüber wirb man weife tl^un, auf analogifierenbe 
©eelenmalerei ju üerjid^ten. 

©0 erübrigte benn bie l^iftorifd^e Stnatogie. 9Ran gel^t auf 
bie aSerl&ältniffe, auf bie Slnfd^auungen feiner Umgebung jurüdE, 



— 12 — 

auf bic 3^it9^f4^te unb baS unS crl^altcnc iübijd^c ©c^rifttum. 
SSicIIcid^t gctoinncn tt)ir burcf) einen SRücfblid bie redete Seleud^tung 
für biefen SSerfucf). ©emler l^at Kngft üor 83aur baö „Subenjen" 
ber altd^riftlid^en ©d^riflfteHer entbedt; in feiner ©d^ule jebod^ nal^m 
man Sefum üon biefer SSefangenl^eit in bem Subentume auS; toar 
bag nur SSorurtctt? ober toax c8 bag ©rgebniö einer SSeobad^tung, 
eines jutreffenben SinbrudeS? 3). ©traug finbct in 3efu ©rfd^ei** 
nung ctoaS ^ellenif d^eS ^), icbenfallg alfo nid^tö mit bem fpäteren 
3ubentume SSertoanbteg. SBenn man nun ben 3cfug unfrer Söan*» 
gelien mit ©aul öon Xarfug öergleid^t, fo fpringt in ber S^l^at ein 
toeiter Slbftanb jtDifd^en bem ©^üler ber ^l^arifäer unb jtoifc^en 
bem SReifter inö Sluge; bort ber leibl^aftige Sube, auf ben bie 
aSilbunggmäd^te feines SSoÜeS tmb feiner Qtii |o unöerfennbar tief 
unb nad^l^altig geioirft l^aben; l^ier ber SRenfd^enfol^n, beffen ®eftalt 
unb Xl^un einen anmutet, afö ben^egte man fid^ in ber gefdEiidEit^^ 
lofen Qdt ber ^atriard^en. S)aS üerfpridEit feinen reid^en ©rtrag 
öon einem 9iüdfgang auf bie 3^it9^f^i^t^- 

©elbftöerftänblid^ foH nid^t geleugnet toerbeni ba§ biefe §UfS^ 
mittel baju bienen fönnen, einzelne 3üge in bem ©rgel^en unb aud^ 
im aSerl^alten 3efu fott)ie mand^e SBenbungen feines Unterrid^teS 
ju erflären unb beutlid^er ju mad^en. Sbenfo fern liegt mir bie 
Übertreibung, baran ju jtoeifeln, ba§ man bie gefd^i^tlid^en 83il* 
bungen unb SRäd^te im großen bejeic^nen fönne, unter beren 
Sinftufe fic^ bie menfd^Iid^e ©ntioidEelung unferS ^errn üolljogen 
l^at. Slber baS reid^t be!anntlid^ für eine biograpl^ifd^e Slrbeit im 
mobernen ©inne weitaus nid^t ju. Sine folc^e begnügt fic^ nie 
unb nirgenb mit einer befd^eibenen jurüdEfd^reitenben Slnal^fe, fon«» 
^ bern fie toitt burd^ auf bauenbe SBieberl^erfteHung beS in baS S)unfel 
gefunfenen (Sefd^el^enS öon ber SRi^tigfeit il^rer SRüdEf^Iüffe über* 
fül^ren. Sie bearbeitet mit SBorliebe bie SebenSjeit 3efu, für bie eS 
feine Duetten gibt, unb n^eiterl^in fefet fie eS üor attem barauf ab, 
bie innere £)!onomie feines gortfd^reitenS au^ innerl^alb feines 
öffentlid^en SebenS l^erauSjuftetten. Unb baju bebarf eS benn nod^ 
eines anbem als ber üorfid^tigen QttksmQ. SS mu§ eine ge^^ 



1) Seben 3cfu 1864 @. 208. 



— 13 — 

ftdtenbc SRad^t über bic S^rümtncr ber Überlieferung fommcn. 
2)tefe 9Äad^t lann allein bie ©inbilbungölraft beg S^l^eologen fein, 
bie an ber Slnalogie beg eignen unb beS fonftigen SRenfd^enleben« 
gebilbete iinb genäl^rte Sinbilbunggfraft. 9RaIt biefe 9Rufe beS 
barftellenben ^iftorifer« fd^on auf anbem ©ebieten oft Silber, 
benen jeber ^aud^ ber SJergangenl^eit unb il^rer (Sigentfimlid^Ieit 
mangelt, tt)ie tt)irb eS biefem einzigartigen ©toffe ergel^en? (gr 
lommt einem jeben mit bem fd^on angebeuteten (Snttoeber^^Dber 
entgegen; bai^ ift bie grage, ob ber 3)arftetter fic^ unter ben ein* 
jigen ©ünblofen beugt; e« ift bie unauöbleiblidCje Stellung ju bem 
SRa^abe aller ©ittüd^Ieit SBie öerfd^ieben mu§ bie Sluffaffung 
auffallen, ob man bie ©ünbIofig!eit belennt ober ob man htm ge* 
fd^ilberten Srlöfer feine ©ünben auf jap? ob man mit biefem 3efug 
jeben ©ünber afö einen SSerlorenen anfielet ober bie ®renje fo 
flie^enb ad^tet, ba§ man in fittlid^en gel^Iem nur übertriebene 
Xügenben erlennt?^) SS tritt ber Prüfung unabioei^Kd^ entgegen, 
ba§ bie orbnenbe unb geftaltenbe Sinbilbung nod^ üon einer an* 
bem SWad^t geteuft toirb, uämKd^ üon einer vorgefaßten 9Äeinung 
über bie religiöfen unb fittlid^en 3)inge. 9Rit anbern SBorten: 
S)er au^malenbe S3iograpl^ 3efu ift immer irgenbttjie S)ogmati!er 
im öerbäd^tigen ©inne be^ SBorteg. 3m beften gaUe teilt er bie 
Dogmatil ber JBibel; in ben meiften gällen ift bag bei ben mo* 
bemen Siograpl^en nur fel^r bebingt fo; ja, nid^t toenige ftetten 
fid^ mit 83ett)u6tfein in (Segenfafe ju ber „antilen SBeltanfd^auung 
beS bleuen Xeftamenteg". 

9Rit biefer 83eobad^tung finb toir aber bei einer fel^r toic^tigen 
®ntbedEung. Äein »irffamere« SRittel für ein langfame« ©id^* 
burd^fe|en einer politifd^en $ßartei afö eine (Sef^id^te be^ SSater* 
lanbe^ gleid^ ber einei^ SJiacauIa^. S)ie nadHe Xl^eorie toüxit 



1) <Bo Mm, ©cfd^id^te 3efu. 3. SSearb. 1873. @. 372. Ä. öcrtnigt an 
einigen ^nlten bie Harmonie; er l^at alfo bie „3laxbm*' ber burd^ l^antpf 
geläuterten 9^aturen an gefu bemerft, bie ^. @traug nid^t entbeden tonnte 
a. 0. D., tocnn @tr. aud^ „einzelne ©d^toanfungcn unb fjcl^lcr'' in ber (Snttoidfc* 
tung an^unel^nten eben für nottoenbig unb t>tSf)alh felbftberftänblid^ l^ält. ^n 
bie toibertoärtigcn 2:irabcn Slenan^, j. SB. bei ©clegcnl^eit öon ©etl^femane, 
toerben fid^ Äcnncr ber Sittcratur l^icr felbft erinnern. 



— 14 — 

mand^cn ftufeig mad^cn. Snbem bic S^^coric in eine ©d^ilberung 
ber SSergangen^eit üerfleibet toitb, gel^t fie unmerttid^ in ba« 35enfen 
über atö ein @tüd ber SBirflid^leit, olg ein auö i^r erl^obene« ®efc^. 
©0 ^at SRottedg SBeltgef^ic^e afö ipeitläufigeg ^artei|)amp^Iet unt:« 
faffenbe ^eife beg bentfd^en SWittelftanbeS in eine beftimmte poli^ 
tifd^e S)enlö)eife gebannt. Sbenfo ift eg mit ber S)ogmatif. SSor 
einem 2)ogma, ipenn e^ el^ttid^ aU folc^e^ geboten toirb, ift l^eute 
jebermann anf feiner §ut. ©tf^eint aber bie ßl^riftologie al8 
Seben ^t\n, bann finb nid^t fel^r mele, toeld^e ben bogmatifierenben 
Sftegiffeur l^inter bem feffeinben ©c^aufpiel beS farbenrcid^ gemalten 
Seben^bilbeS fpüren. S)en üerborgenen S)ogmati!er aber fpürt Qt^ 
tt)i§ niemanb fo fidler l^erang, atö »er felbft ein 23ogmati!er ift; 
»er fid^ gettJöl^nt l^at, bie gorttoirlungen öon ®runbgeban!en in 
aßen einjelnen Urteilen mit 95ett)u§tfein unb Slbfi^t ju Verfölgen. 
Unb bar um toirb ber S)ogmatiIcr ein SRedEit l^aben, l^ier eine 
SBarnung^tafel t)or ber angeblid) üorau^fegung^Iofen 
©ejd^id^tSforfd^ung aufjurid^ten, ttjenn fie eben aufprt 
gorfd^ung ju fein unb jum lünftlcrifd^en ©eftalten fort* 
fd^reitet. — ®em fie^t man bie $anb eineg begabten ©id^terö 
in 3)rama ober 9toman über einer bebeutenben ®eftalt ober f8t^ 
gebenl^eit auS ber SSergangenl^eit; trielleid^t erfd^Iiejst feine ®(i)iU 
berung ben innerften 3^9 berfelbcn unferm ©inne beffcr, ttjenn 
fie fid^ t)on ber gefd^i^tftd^en ®enauig!eit entbinbet unb baju erfinbet. 
SWeffiaben unb Kl^riftuSbramen l^at man jebod^ in biblijd^^gerid^teten 
Äreijen immer nur mit Unbel^agen angefel^en; unb »ir teilen ge* 
tt)i§ jumeift biefe 3"riidf]^altung, bicfe Sebenfen. SBie mand^er 
Slrbeiter an ber Seben * Sefu =^ Sitteratur epifiert unb bramatifiert 
nun fröp^ barauf lo«, ol^ne fid^ beffen flar betonet ju fein. 
Unb ttjeil eS in ?ßrofa, ettt)a audE) auf ber Äanjel gejd^iel^, meint 
man, bag fei eben nur Darlegung beö gefd^id^tlid^en, biblifd[)en 
ß^riftuSbilbeg. SBeit gefel^It. 6S ift jumeift ber §enen eigner 
®eifi, in bem Sefug fid^ fpiegelt Unb bag l^at boä) ||ier in ber 
%i)at mel^r ju bejagen atö auf anbem ®ebieten. 

gaffen tt)ir bie ©a^e red^t fd^arf inS Sluge: ttjonad^ fu^t 
biefe Slrbeit? hinter bem SefuS ß^riftug, toie il^n bie ürd^Iid^e 



— 15 — 

ÜbcrIicferuTtg fd^Ibcrt, bag l^cifet eben aud^ j^intcr htm Silbe, toü6)t^ 
ha^ 9L leftament barbietet, toitt fie ben toxxUx6)tn Sefug l^eraug* 
Idolen, tme er leibte unb lebte, in aßen SSejiel^ungen, bie aUm ober 
jebem einzelnen toid^tig ober unentbel^rlid^, oft aud^ nur ertt)ünfc^t 
oberergellid^C^intereffant"!) erfd^einen^). S)ie aufgebedEten ©d^tt)ie^ 
rigfeiten, auf loeld^e bie Sefriebigung biefer Anliegen ftö|t, geben 
gewi^tigen Slnla|, nac^ ber 93ere^tigung berfelben ju fragen. S)ie 
Äntttjort »irb bann gefunben fein, ttjenn ber eigentßd^ unb lefete 
Jöeweggrunb beS Untemel^menS erfannt ift, fid^ 3efu gefd^ic^tlid^ 
®eftalt in öotter Sebenbigleit üor bie innere Slnfd^auung ju fteHen. 
Unb babei finb toir bei beut fpringenben ?ßun!te; we^l^alb 
fud^en »ir 95eIanntfdE)aft mit ber ©eftalt biefeg SefuS? 3d^ benfe 
bod^: toxx, »eil ttnr ü)m glauben, »enn er fprid^t: „toer mid^ 
fiel^et, ber l^at eben bamit ben SBater gefeiten" (3ol^. 14, 9); toeil 
er ung bie Offenbarung be^ unfid^tbaren ®otte8 ift S33enn nun 
baS SBort in i^ Sleifd^ roath, — ift baS gleifd^ an x^m bie 
Offenbarung ober ba§ 833ort?*) Sft baSSBi^tige an il^m für 
ung, toorin er ung gleid^ toar, ober baS, »orin er unS ööllig nxx^ 
gleid^ ttJar unb ift? 23ag »aö er unS jubringt, nic^t aug beut 
unfern, fonbem au^ beut ^erjen beg lebenbigen ©otte^? — Sd^ 
nntt nid^t mi^öerftanben fein. S)a§ er unS gleid^ tt)ar, ift freiüii 
unöergleid^Iid^ wid^tig für unö, unb e^ ift unfer ©c^a| — baS 
l^ebt aud^ bie ©d^ift immer l^erüor; freilid^, too fie e§ tl^ut, faum 
je ol^ne ju bemerfen: „fonber ©ünbe", „au^ ®nabe", „au8 ®emut 
unb in öolHommcnem ©el^orfam" u. f. to. (^ebr. 4, 15; 7, 26. 
27; 2. ftor. 8, 9; ^^il. 2, 6 f.). SBie er un8 gleid^ »ar, ba8 

1) ^at \iö) bod^ ein erufter ^eoio^e haf^in öcrirren fönncn, fid^ in htn 
SSerlel^r ber SRaria mit JJcfu rücfftd^tlid^ feiner Sööfd^e l^ineinjubic^ten ! 3)a 
man ^ex nid^t toie ettoa bei ©dftifler öon hmi jettjeüigen Sßermögenigftanbe, ben 
man aug htn S^afd^enbud^notijen bemigt, auf bie eintriebe ju öffentltd^er Seifhiug 
ober bie ©eelenftimmung ju f^Iiejsen toünfd^, fo iffc ba3 nad^ anbrer @eite 
ba^ trolle @eitenftüdf $u ^ml^uttfc^er fpielenber SBertrauIid^feit mit \itm dt^ 
löfer. 3)iefe ©cfd^madfloftgfeit ift nid^t nur unter bem @efid^t3<)uufte ber 
Spl^etif eine folc^e. @g gibt aber aud^ einen SKangcI an gartl^eit im Slnfaffen 
l^ettigcr 2)inge bei ^öd^fter äft^tifd^er SBirtuofttöt. 

2) ^er SBibel&tnbige tnirb nid^ anttoovttn: bad Sfleifd^ bo^ Dffenbarenbe, 
hai Söort haS ©eoffenbarte; benn SBort ift eben Offenbarung. 



— 16 — 

üerftcl^t ftd^ öon felbft; eS ergibt fid^ aud^ gdegcntlid^ üon fclbft 
ttjegl^aft fid^ bic fa^Iid^cn SScIcge ttJOl^I auf jcber ©citc bcr ®oan^ 
gclicn finbcn laflen. Unb bod^, »ic mufe man fud^en, um einen 
bibü|d^en 95eleg auS gefliftentlid^ l^eröorl^ebenben ^u^erungen ju 
fül^ren. 833äre bem nid^t fo, man lönnte c« nidCjt olg eine biblifi^* 
tl^eologif^e Sejonberl^eit beg ^ebräerbriefeS auffül^ren, ba§ er bie 
fittli^e Slrbeit Sefu betone; m aber t^ut er ba^? 2, 17. 18; 
4, 15; 5, 7 f., etwa no^ 12, 2. 3. 8Ber fid^ üoOenbg felbft fragt, 
toa§ er f ud^t, ttjenn er bie SüangeKen lieft, ber toirb fid^ geftel^en: 
id^ fud^e nic^t meineggleid^en, fonbern mein ©egenftüdE, meine 
Srgänjung, meinen §eilanb. SJBer fid^ überlegt, ttJaS er finbet, 
tt)enn er bie ©öangelien lieft, »irb fagen: fo l^at nod^ nie fein 
SRenfd^ gerebet, fo ^ai noc^ nie fein 9Renfd^ gel^anbelt, fo ift feiner 
geioefen. SRic^t: baS l^at no^ nie einer gerebet — er l^at mand^eS 
toieberl^oft aug Schrift unb SJiunb ber grommen üor il^m; aber 
eg ttjirb ein anbreg in feinem 9Runbe^). SRid^t: aUe^, toaS er tl^ut, 
ift unüergleid^Iid^ — er ftel^t in einer Sleil^e mit ber SBoIfe öon 
3eugen. Unb bod^, toie er eg tl^ut, ift titoa^ ganj Unüergleid^* 
lidEieS, benn fo ift feiner getoefen*). 

Sa, toegl^alb im legten ®runbe treiben toir mit bem 3efug 
unfrer (SüangeUen SSerfel^r? SBag l^aben toir an unferm SefuS? 
„3)ie ©rlöfung burd^ fein SSIut, bie Vergebung ber ©ünben" 
(Spl^ej. 1, 7)^). SJBag braud^e ic^ benn mel^r üon il^m ju ttjiffen, 
alg ttjag $ßaulu8 ben Äorintl^cm „jutjörberft gegeben l^at, toeld^eg 
er audE) empfangen l^at, ba§ Kl^riftug geftorben fei für unfre ©ünben 
nadE) ber ©d^rift unb ba^ er begraben fei unb ba§ er auferftanben 



1) SKan öcrglcid^ beif^Jtefötoeife baS Unfcröater mit hen jübifd^cn ®e- 
Beten, an bie eiS in ber 2^at anHingt. ^an bead^te feine SBenü^ung ber 
@^ft. 

2) SBo^ l^iertnit gemeint ift, tourbc ju einem 2:eile oben angebcutct, too 
t)on feiner ^njigartigleit bie Siebe toax; auf anbre^ !ommt hie Erörterung 
gegen il^ren @d^Iug. 

3) ($g öcrftel^t fid^ tool^I öon fclbft, bag biefe Sufammcnfaffung an biefer 
SöibelfteHe nur il^rcn ^u^brucf, nid^t ü^ren jureid^cnben 93eleg gcfud^t l^at; eincS 
fold^cn bcbarf eg fd^toerlid^; ha^ neue 2:eftamcnt toie bie Äatcd^i^mcn finb in 
biefem S3etrad^te toofjii beutlid^ genug. 



— 17 — 

fei am brittcn %aQt nad^ bcr ©d^rift unb ba§ er gefeiten tDorben 
ift" (1. Äor. 15, 3 f.)?! 3)ag ift fro^e Äuitbe im Sluftrage ®otte^ 
(1. Äor. 15, 12 f.; 3töm. 1, 1 f.; 2. Äor. 5, 18 f.; ®al. 1, 6 f.), 
baö ift 3^^9^i^ ^^^ SBefenntni^ beg ©laubeng, ber bie 333elt über* 
tounben l^at (1. Sol^. 5, 4.). 3)a}u braud^e id^ feine genaue 
Äenntnig üon ben Sebengumftänben bcg ©elreujigten. 

^ber tooiVi bann bie (Süangetien? medl^alb bann jene ^rebigt, 
beren Snl^aft fo oft fein Xl^un unb fein Seigren bilbet? SBir l^aben 
bie ©rlöfung an x^m. „SBer »iß üerbammen? Kl^riftug ber ge^' 
ftorbene, üielmel^r aud^ aufertoedEte, »eld^er aud^ ift jur Siedeten 
OotteS, ttjeldEier uns audE) öertritt?" ,,SBir l^aben einen SBei=» 
ftanb beim SSatcr, Sefum Kl^riftum, bm ©ered^ten''. „SBir l^aben 
ni^t einen ^o^epriefter, ber nid^t fönnte 2KitIeib l^aben mit unfern 
©ünben, fonbern ber öerfu^t ift allentl^alben gleid^ »ie »ir, 
boc^ fonber ©ünbe« (SRöm. 8, 34; 1. 3o^. 2, 1; $ebr. 4, 15). 8Bir 
brausen unb glauben unb l^aben ben lebenbigen ©l^riftum; unb 
toir glauben i^n, weil toir il^n lennen; tt)ir l^aben il^n, »ie tt)ir 
il^n fennen; tt)ir fennen i^n, weil er unter unö getool^net l^at, öoß 
®nabe unb Xreue, unb fi^ feine ß^ugen erwäl^It l^at, burd^ beren 
aSort tt)ir an il^n glauben foQten (3o^. 1, 13. 14 ügl. 1. Sol^. 
1, 1 f.; 3o^. 15, 27; 17, 20). 

Slifo beöl^alb treiben wir SSerlel^r mit bem SefuS 
unfrer Süangelien, weil wir ba eben ben 3efuS fennen 
lernen, ben unfer ®Iauben§auge unb unfer ©ebetswort 
jur Siebten ©otteö antrifft; weil wir e§ mit Sut^er wiffen, 
ba§ ©Ott fid^ nid^t will finben laff en aU in feinem lieben ©o^ne ^), 
weil er ung bie Offenbarung ift; rid^tiger unb auSbrüdlid^: weil 
er uns baS %ki\6) geworbene SBort, baS 93ilb beS unfi^tbaren 
®otteS, weil er unS ber offenbare ®ott ift. 

S)a§ fu^t ber ©laubenbe. S)a§ feiert bie ®emeinbe. 

Unb aljo — wie wid^tig jeber Ileinfte QvlqI wie unertöfetid^ 
bie 95efeitigung jeber optijdien Xäufd)ung bur^ baS $ßri8ma ber 



1) %i). ^axnad, Sut^crS 5:^coI. 2 @. 81 f., ögl. auä^ ebb. 1 @. 111 f. 
a:^omafiu§, (S^rifti 5ßerfon 2. 51. 2 @. 210 f. Äöftitn, 2ut^. 2:§eoI. 2 @. 155. 
300 f. 383. 

2 



— 18 — 

Überlieferung! jeber Xrübung in ber Äuffaffung feiner erften 
ßeugen! — tt)ie unaugfpred^Iid^ wid^tig bie SBirßid^feit Sefu 6i^ 
ins Keinfte ||inein! SS wäre fd^Iimm, toenn eS.fid^ alfo üerl^ielte. 
®efe^t, bie Äunft moberner ^iftoril öermöd)te ©peftralanal^fe an 
ber ©onne unfern §eite ju üben; gefegt, tt)ir öermöd^ten l^eute 
jene Trübungen ber Überlieferung ju befeitigen — wie ftünbe eS 
boc^ um bie Srüber jener erften ß^t? 833enn fie ben Sefug biefer 
Stjangelien anfd^auten unb anbeteten in eben jener Xrübung, weld^e 
man meint in il^ren ©d^riften ju finben unb erft befeitigen ju 
muffen, fo Ratten fie ja ttJol^I il^ren ^eilanb nid^t gefannt! Unb 
fo weiter alle golgenben big auf ung. Sa, meine §erren unb 
aSrüber, wir felbft? wie ftünbe e§ mit ung? 833o lernen wir 
biefen Sefuö fennen? 2)ie wenigften fönnen bie Slrbeit ber §iftorif 
üottgiel^en, nur wenige fraft il^rer SSilbung biefe Slrbeit in etwa 
beurteilen. S)eg Slnfel^enS ber S5ibel wären wir bann freili^ ent^ 
l^oben, aber bem Slnfel^en — nid^t einer arbeitenben SBiffenfd^aft, 
fonbem — ber angeblidEjen Srgebniffe biefer SBiffenfd^aft wären 
wir unterworfen. Unb niemanb !ann unö bie grage beantworten : 
beiweldEjem fünften ©üangeliften ^) foQenwir ba§ 35ilb be§ er^ötiten 
©l^riftuS, ba§ S3ilb be§ offenbaren ®otte§ fudE)en? bei weldjem 
aSiograpl^en? wir l^aben bie SSBal^I in einer SRei^e t)on §e§ unb 
ßünbel über S)at)ib ©traug ]§in bi§ ju Sftenan, ^oad, ber fojiaI== 
bemofratifd^en 5Jäamp]§fete ju gefdEjWeigen. SBoIlte man bemgegen^ 
über fagen: ber SJogmati! gegenüber ftel^e man ebenfo, benn man 
fei bort ebenfo abl^ängig öon btn Ideologen, fo wäre ba^ irrig. 
S)ogmati! ift ©ad)e be§ Urteile über Xl^atfa^en, bie \tbtm ßl^riften 
jugänglid^ finb, foweit e§ fid) nid)t um tl^eoIogifdCje Slugfül^rungen 
^anbelt, bereu man jum d£|riftli(^en aSerftänbniS wol^I entraten 
!ann. ®ie ®efd)id^t§forf^ung bagegen erforbert eine langgeübte 
Xedinif unb eine breite ©elel^rfamfeit — l^ier gibt e§ fein attge- 
gemeines Urteil auger etwa bem öon aufgeblafenen Dilettanten. 

Sntweber alfo muffen wir auf ben offenbaren ®ott üerjid^ten 
— ober eS muß eine anbre SSBirflid^feit ©l^rifti geben als bie beS 



1) SBenn nton fid^ bod^ nid^t mit htm fünften (Söangcliunt Slcnan^, nänt* 
U(^ ber ®eogra|)]^te unb ^f^m^tapf^k beS l^euttgen ^alöftina begnügen lann. 



— 19 — 

biogrttpl^ifd^cn ©njctocrfeS; einen anbcm SBeg jum gefdiic^tlid^en 
ß^rtftug ju gelangen ofö ben ber queHen^prüfenben unb ]^iftortfcf)== 
analogifd) fonftruierenben Äritil ber ^iftorifc^en Xl^eologic. 

S3efinnen tt)ir nn§! SBag ift bcnn eigentlid^ eine gefc^id^tli^e 
©röfee? ein feine SladEittjelt mitbeftimmenber SRenf^, nad^ feinem 
aBert für bie ©ef^id^te geiDogen? (£ben ber Url^eber nnb Xräger 
feiner Meibenben gortttjirfung. Site »irfunggfäl^iger greift ber 
STOenfd^ in ben (Sang ber S)inge ein; tt)a§ er bann ift, i>a^ xoixtt, 
babnr^ wirft er. Sei Xanfenben, beren ©puren in ber @nttt)irfe* 
lung ber ß^itgenoffen unb ber 3la(i)XDtit \iä) erft fpät ober nie 
t)ertt)ifd^en, bleibt il^re frütiere Sntwidelung für bie gorfd^ung ba^ 
unter beut S3oben öerftedfte SBurjeltoerf, bleibt and) ba^ Sinjelne 
il^reö SBirJeng für immer öergeffen. 3n il^rem SBerfe lebt bie 
reife, bie gefd^id^tSreif geworbene 5ßerfönlid^feit; unb an biefeg 
SBerf fnüpft fic^ bann in unöergegli^en 3^9^^ ^^^ SBorten au^ 
tool^I ein unmittelbarer Slbbrud i]§re§ tt)irfung§fräftigen SBefen§; 
unb als SSirfung ift berfelbe notwenbig mitbeftimmt, burd§ ben 
©toff, in bem er fidE) abprägt, burdEj bie Umgebung, auf tt)eld)e er 
ju wirfen l^atte unb ju wirfen öermodjt l^at^). ©d£|on rein ge= 
fd^i^tlidEj gegriffen ift ba§ toal^r^aft ®cfdE)id^tIid)e an einer bebeu^ 
tenben ©eftalt bie perfönli^e SBirfung, bie ber 3iadE)tt)eIt aud) 
fpürbar üon il^r jurüdfbleibt. SBa§ aber ift bie 833ir!ung, bie 
burd^f^Iagenbe, meldte • biefer Sefug l^interlaffen l^at? 
Saut aSibel unb ÄirdE)engefd)i^te feine anbre aU ber 
®Iaube feiner Sünger, bie Überjeugung, ba^ man on il^m ben 
Überttjinber üon ©d^ulb, ©ünbe, SSerfud^er unb Xob l^abe. Slu§ biefer 
einen SBirfung fliegen aQe anbern; an biefer l^aben fie il^ren ©rabmeffer, 
mit berfelben fteigen unb fallen, fte^en unb fallen fie. Unb bief e Über* 
jeugung l^at fid§ in ba§ eine 6rf enntnisttjort gefaxt: „ßl^riftuS, ber §err". 

3u biefem 35efenntni§ l^at bie ß^Wgefd^i^te nidjtg getrau, unb 
nod^ weniger bie jübifd^e X^eologie. ®ie erjäl^Ienbe ßcitgef d^ic^te 

1) S)ie cinfatncn ©eftalten, tocld^e nur einen fd^riftlic^en ^ßad^Iag l^eröor* 
brad^ten, o!^ne auf il^re THitoelt ju ttjirfen, finb feine gefd^id^tlid^en ©rögen. 
TOet öon biefer 5lrt auf bie S^ac^ttjelt red^nenber 93cfonbcrl^cit, öon „ber Q3ür- 
gerfd^aft bcrer, bie ba fomntcn follen" ift ber bienenbe SWcnfd^enfreunb gefuS 
fo t)erfd^ieben tt)ie mdglid^. 

2* 



— 20 — 

in Sofcpl^ug lennt Sol^anncg bcö ©ad^arja ©ol^n. Über Seju« öon 
SRajarctl^ ift fic ftumm. S)ie wirflid^c 3^*9^^^^^*^ ^^* ^^^ i^ 
bcn Xoten gctoorfcn; tiad^bcm er glüdflid^ bem ^olfötool^I jum 
Opfer gefallen toax (Sol^. 11, 49 f.), gäl^rt unb tobt ba« 3uben^ 
üoü feinem ftaatlicfien Untergange ju, ol^ne fid^ um il^n ju fiimmem. 
®er Meine Raufen ber Slajarener !ommt bafilr nid^t in Setrad^t 
3)ie übrige 833elt l^ätte fic^ nie um i^n getümmert, wenn nid^t 
@aul üon XarfuS il^m eine ©emeine gefammelt ^ätte, ben au^ htm 
©enffom ertt)ad^fenben SRiefenbaum, unter beffen Saubbad^ bie 
SBögel be^ §immete SRefter bauen. SSottenbö bie jübif^e %f)to^ 
logie unb il^re Söd^atologie! SBir tt)iffen bod^, tt)ie fd^wer ber 
unf^einbare SRabbi ju ringen l^atte mit ben irbif^en Hoffnungen 
auf einen tt)eItIidE)*:ftra]^Ienben 3)at)ibgfo]^n, ber bie SReid^e ber SBelt 
unb il^re ^errlid^feit feinem SSoffe ju gü§en legen follte. SBa8 
bann öon 3ö9^" l^^^^ 95ilbertt)elt jübifd^er ©rtoartung in bie bilber:* 
reid^e ©arftellung d^riftlid^er Hoffnung übergegangen ift, bag mac^t 
no^ l^eute bie Slnftöfee au8, an benen ber l^offenbe ®Iaube fo 
leidEjt mit fid^ felbft in SBiberfpru^ gerät. 

„ß^riftuS ber ^en" biefe ®ett)i§]^eit fann %k\\6) unb 83Iut 
nid^t erlangen, feftl^aften unb mitteilen; baö l^at Sefug felbft bem 
befennenben 5Jäetrug gefagt (ÜJiattl^. 16, 17), njie er e§ ben un* 
glaubigen Suben (Sol^. 6, 43 f.) oorl^ielt; bag ^at beS ?ßetrug 
©^idEfal im SSor^of beg ^ol^epriefterg beftätigt; ba^ fagt $ßaulu§ 
feinen ©emeinben il^rer ßi^f^iw^^tung gettjife (1. Äor. 12, 3). SBo 
aber biefe (Sewifel^eit entftanben ift unb gewirft ]§at, ba ift fie ur* 
lunblid^ gebunben gewefen an bie anbre, ba§ er ber 
ßebenbige fei, ber ©efreujigte unb Sluferftanbene. Unb 
tt)0 man in ben SBerl^anblungen ber §iftorifer nad^ biefer ®ett)i§^ 
l^eit fragt, ba fe^t man nid^t ein bei bcn üiel umftrittenen abge^ 
riffenen legten ®rjä]^Iungen ber (Söangeliften; üielmel^r öerl^anbelt 
man über baS ©riebnig be§ ^aulug; man ftellt ben ununter* 
brod[)enen ®Iauben ber ©emeine feft, fo l^od) unb fo ttjeit man 
i^re 3^^9^iff^ wnb ©puren öerfolgen fann. S)er auferftanbene 
§crr ift nid^t ber l^iftorifc^e Scfug 1^ int er ben Soangelien, fonbern 
ber S^riftuS ber apoftolifd^en 5ßrebigt, beö ganjen SReuen S^efta^ 
menteg. — Unb »enn biefer $err S^riftuS (ÜReffiag) Reifet, fo liegt 



— 21 — 

bartn bag SSefcnntniS ju feiner gefd^id^tlid^en Slufgabe ober, ttJte 
man ^eut fagt: ju feinem Berufe, unb toie unfre SHten mit bcm* 
felbcn fad^Iid^en 333crtc be§ Slu^brudeg fagten: ju feinem breifadjen 
Slmte; bag l^eifet: baS 95cfcnntniS ju feiner einzigartigen, überge* 
fd^id^tlid^en 95ebeutung für bie ganje 9Äenf^^eit S)iefer feiner 
SWeffianität ober ©l^riftuötoürbe finb fie aber gettji§ geworben im 
SBiberfpruc^e mit ber öffentlid^en SReinung, fott)o]^I über bie „Sbee" 
be§ SReffiag b. f). barüber, wie man fid^ einen ÜJieffiag bacf)te unb 
toaS man oon il^m forberte, afö aud) über bie $ßerfon biefeS SefiiS 
t)on SRajaretl^ — bamafe gerabe fo wie l^eute. Unb wenn man 
l^interl^er, in ©riefen unb ©öangelien unb ju attererft in $ßrebigten 
baran ging, biefe SReffianität glaubhaft ju machen, fo waren e§ 
immer jwei Seweigtümer, beren man fid) bebiente: perfönlid^e ÜBejeu- 
gung feiner Sluferftel^ung au§ ©rfal^rung unb — ©d^rift. ®r afö 
ber lebenbige ift i^nen ber ÜReffiaS beg alten 95unbeg. 

Unb barum fpredien aud^ wir öon bem gef^id^tlid^en 
©l^riftuS ber 93ibel. ©o gewi§ nid^t ber l^iftorifd^e 3efu§, wie 
er leibte unb lebte, feinen Süngern ben jeugnigfräftigen ©tauben 
an i^n felbft, fonbern nur eine fel^r fd^wanfenbe, \lvi6)U unb oer* 
leugnungSfäl^ige 2ln]§ängli^!eit abgewonnen l^at; fo gewife fie alle 
mit 5Jäetru§ ju einer lebenbigen Hoffnung wiebergeboren würben 
erft burc^ bie Sluferftel^ung Sefu oon ben Xoten (1. $etri. 1, 3); 
fo gewi§ fie ber Srinnerung beö ©eifteö beburft ^aben, um ju 
öerftel^en, wa§ er il^nen bereits gegeben ^atte, unb ju faffen, waS 
fie bamafö nid^t tragen lonnten (3ol^. 14, 26. 16, 12. 13); fo gewi^ 
fie nad)]^er nid^t l^erauggetreten finb, um il^n burd^ Verbreitung 
feiner Seigre jum ©d^ull^aupte ju mad^en, fonbern um feine ?ßerfon 
unb il^re unüergänglid^e 95ebeutung für einen jeben äJienfd^en ju 
bejeugen; ebenfo gewijs waren fie aud^ erft bann im ftanbe, fein 
©ein unb SSel^aben, fein Xl^un unb fein SBort afö bie Darbietung 
ber ®nabe unb Xreue ®otteS ju erfaffen, ba er ooHenbet oor fie 
trat, er felbft bie g^^t unb ber ewige Xräger feines SBerfeS üon 
allumfaffenber unoergänglid^er 95ebeutung; unb jwar jeneS SBerfeS, 
beffen fdEjWerfteS unb entfd^eibenbeS ©tüd beS l^iftorifd^en 3efuS 
@nbe war. Db wir auc^ ben SReffiaS nad^ bem gleif^e gefannt 
l^aben, fo !ennen wir il^n nun bod^ nid^t mel^r (2. Äor. 5, 16). 



— 22 — 

S)ag ift bcr ctftc 3119 feiner 333irffam!cit, ba§ er feinen Süngem 
ben ®Ianben abgewann. Unb ber jweite 3^9 ift unb bleibt, ba^ 
biefer ®Iaube befannt mxb. Saran l^ängt feine SSerl^eifeung 
(3iöm. 10, 9. 10); baran l^ängt für nn§ bie Sntfd^eibung; baran 
l^ängt bie ©efd^i^te ber ©l^riftenl^eit. S)er tt)irttid)e, b. 1^. ber wirffante 
ß^riftug, ber burd) bie ®efcf)ic^te ber SBöÜer fcf)reitet, mit bem bie 
SRillionen SSerlel^r gel^alten l^aben in finblid^em ©lauben, mit bem 
bie großen ©laubenSjeugen ringenb, nel^menb, fiegenb unb »eiter^ 
gebenb SSerlel^r gel^alten l^aben — ber wirllid^e ©l^riftuS ift 
ber geprebigte ®]§riftu§. 3)er geprebigte ßl^riftuS, bag ift aber 
eben ber geglaubte; ber Sefu§, ben wir mit ©lauben^augen anfeilen 
in jebem ©d^ritt, ben er tl^ut, in jeber ©ilbe, bie er rebet; ber 
SefuS, beffen S3ilb wir ung einprägen, weil wir barauf l^in mit 
il^m umgeben woQen unb umgel^en, ate mit bem erpl^ten Sebenbigen. 
Slug ben 3^9^^ j^^^^ Silben, baS fic^ ben ©einigen in großen 
Umriffen l^ier, in einjelnen ©trid^en bort tief eingeprägt unb bann 
in ber SSerflärung burd^ feinen ®eift erfd)Ioffen unb öollenbet l^at, 
— au§ biefen QixQtn fdEjaut un§ bie ^erfon unfern lebenbigen 
§eüanbe§ an, bie 5Jäerfon beg ffeifd^geworbenen SBorteg, beö offen* 
baren ®otte§. 

S)a§ ift nid)t oerfi^ernbe ^rebigt — bag ift ha^ ©rgebni^ 
l^aarfd^arfer ®rwägung ber üorliegenben Xl^atfadEjen; ia^ ift ^t:* 
gebni§ ber fid)tenben unb prüfenben S)ogmatif, nur barum in ©d)rift=' 
wort gefleibet, weil e§ eben mit biefem ©djriftwort übereinftimmt. — 
©oQ eine fold^e ©^riftmä^igfeit etwa einen SSerbad^tgrunb gegen eine 
fold^e S)ogmati! I^ergeben? unb jwar auf bem 95oben einer refor^ 
matorifdEjen Xl^eologie?! ^) 

SHfo, eg bleibt babei: man mu§ ben Slpofteln, ben neutefta* 
mentlidjen ©d)riften i^re 95e]^auptungen glauben, unb Weiter fommt 



1) (£in öerbrettetcr @<)rad^geBraud^ öeranlagt hk SReinung, @od^e ber 
S)o9moti! fei tuilßürlid^eg iBei^auptcn; bagegen bie ©cfd^id^t^bel^anblung gebe 
immer ha^ SBirllid^e. @o tucnig leiber boS Ic^te immer gilt, tuetl hie ^iftori! 
il^re ©renken nid^t einl^ält ober il^re ©d^ulbigfeit ntd^t tl^ut; fo toenig aud^ 
emfte l^iftorifd^e 5lrbeit haS immer ju leiftcn im ftanbe ift, cbenfo getoig ift 
jene Slnnal^me in betreff ber 2)ogmati! ^»ar au§ SBerirrungen txti&xiiä^, aber fadb- 



— 23 — 

bic Xl^cologic itid^t. Unb bag foll man immer ttjcitcr fo mad^cn? 
immer weiter Slutoritätgglauben ber SBibel gegenüber forbem 



lid^ unbcgrünbet "änä) bie S)ogmatif f^at ©egcbcncg feftjuftellen, toenn anä) 
frcilid^ nid^t blog eine öergangcne SSirlüd^feit. ©ie ift re^t eigentlid^ bie SBer* 
mittlerin ätoifd^en ber Sßergangenl^cit unb ber ©cgenmart, um biefer baS Un-« 
entbei^rlid^e unb ^robei^alttge aud iener ^um ^ienfte zuzubereiten. Xarum 
!ommt an biefer ©teEe ber 3)ogntotif hk ©ntfd^eibung ju, nod^bem fie fid^ emft* 
lid^ nnh grünblid^ über hie ßeiftung§fö!^igf eit ber ©efd^id^te unterri'd^tet l^at; e« 
ift il^re Stufgabc, 5(bred^nung ju Italien über bcn SBefi^ftonb. 

3)ie gemeinten 3^atfad^n finb nun bie umfaffenben, nömlid^ erftcn^ bie 
Unmöglid^feit, quellenmäStge ©inftd^t in bie ©cnefi^ bc§ SWeffia^ gefu^ ju ge** 
toinnen, unb gmeiteng hk SBerftänbigung über bo§, toaiS (S^riftug feiner ^rd^e 
immer getoefen unb jebem S3efenner aud& l^eute ift. 2)iefe SC^atfad^en finb frei* 
lid^ ©ummanben auS einer Sleil^e onbrer beftimmter 3^otfad^cn, toie anju* 
beuten öerfuc^t tourbe unb nod^ toeiter ongebeutet ttjerben foII. SBa^ bie jttjeite 
betrifft, fo ift eine gorbcrung unbered^tigt, nämlid^ bie, bie 93eftimmung beS 
SBerteS ©l^rifti für bic ®!^riftenl^eit banod^ ju bemeffen, too^ er aud^ bemjenigen 
nod^ ift, ber nur nid^t ööllig mit ber toi^änglid^Ieit on il^n gebrod^en l^ot. (gg 
muß immer ttjieber boron erinnert toerben, ba^ mon bie 5lnfd^auung öom 
SKenfd^en gmar aud^ mit ber (Sinfid^t in feine Sßorftufen atö be§ fjötug unb Un» 
münbigen unb in feine möglid^e (Sntortung in ^üpipeli^aftigfeit ober SBerblö* 
bung 5U beftimmen l^at; ha^ mon aber für hk eigentUd^e fjeftftellung biefer 
Slnfd^auung mit gutem '3ied)te hm reifen gefunben SRenfd^en ebler ©ottung 
ju ©runbe legt. 3Jlan mag fo befd^eiben in d^riftologifd^en gormein fein, toic 
irgenb benfbar, aber ©egenftonb be§ ©loubeng im — toie mon fteut gern fogt •— 
„ftreng religiöfen @inne biefe§ SBorteS" mug (Si^riftug bemgemo^ für hk d^rift* 
lid^ ^(i^Sa^rniQ bleiben, fonft fallen toir ou^ bem UmfreiS feiner ^rd^e l^erouS; 
alfo mug er oud^ immer ^n^alt eineg SBefenntniffeS, eineiS S)ogmo fein. 

2)amit ift ja eine ©ren^e rüdffid^tlid^ ber Greife gebogen, innerl^olb bereu 
biefe Slu^fül^rungen ouf 5lnerfennung ü^rer (SJiltigfeit ober bod^ auf geneigte 
©rtoögung berfelben jöl^Ien bürfen. 

@e!^r n)o!^I öerftel^e id^ e§, ttjie mon unter Seugnung ober öerfümmember 
©d^äfeung ber on jttjeiter Stelle genannten X^at!\aä)e ju gong onbrer Stellung 
gelongen muß. gft Offenbarung nur dn migöerftänblid^er Sporne für religiöfeS 
©etougtfein in feiner gefd^id^tlid^ bebingten (£nttt)idfelung; ift ^efug nur ein 
urfprünglic^eg, grobttjeife über un§ onbre l^erborragenbeg religiöfeg ®emüt, 
bann !ann freilid^ bog neuteftomentlid^e ©loubenSbefenntni^, tt)ie e^ oud^ ben 
©wmgeliften il^re (Sc^ilberung eingegeben \)at, nur eine Sßerbunfelung ber ^aU 
fad^en bettjirfen; mon mug gegen bog meifte ober gegen oHe^ in jener ©d^ilbe* 
rung migtrouifd^ toerben. Unb bonn mirb mon nur ju bem SBerfud^e greifen fönnen, 
boi? Slätfel biefegaRenfd^en, ber für ben SReffiag nid^t nur gel^olten fein tooHte, fon- 



— 24 — 

uitb Iciftcn trofe bct Äritif über bic §criunft biefer ©d^riftcn unb 
bic Unfic^erl^cit il^rcr Angaben? 



bcm anä) mit erftaunlid^cm (Srfolge gcl^altcn unb ou^egeben toorbcn ift, um jcben 
$retg auiJ jeitgenöfftfd^cn 5lnf(^auungcn unb Umftönben ju erttören. 3<^ c^' 
l^ebe nic^t im STnfprud^, meine Ärtti! nad^ i^rer bel^auptenben ©eite unter 
biefer SJorauSfcfeung jur ÖJcItung ju bringen; na6) ü^rer jcrfc Jenben ©eite, 
fofem eS bie SBertung ber OueHen angelet, red^ne ic^ bagegen auf ttjeitgel^enbeg 
Sugeftönbnig. 3^ übrigen öcrl^anbelt jebod^ meine STu^fül^rung nur mit ben- 
jenigen 3^eoIogen, toeld^e bie 5lrbeit om „2thm Sefu" im SHenfte jeneiS S8e- 
lenntniffeiS treiben unb jum 2:eil meinen, mit il^rer 5lrbeit mei^r für bie gefti* 
gung biefer S3elenntniffe^ ^u tl^un, als alle Dogmatil Vermag. (SS l^anbelt fid^ 
mir um bie rid^tige ©d^äjung ber £eiftungSfö!^igfeit beS fonftruierenben ge* 
fc^id^tlid^en SSerfal^renS; nämüd^ barum, ttJaS eS für bic redete ©tellung ju 
©l^rifto innerl^alb ber Äird^e, ber S^rägerin beS ©öangeliumS, leiften fann. 

3)ie »eitere ^luSfül^rung beS Vortrages mad^t einbrücflid^, ha^ unb ttjarum 
man ein Siedet l^at, gegen alte fpötere gutl^at ju biefem iBilbe em:pfinblid^ ju 
fein unb fid^ abtoe!^renb ju ftetten. S)eS]^oIb ift eine fold^e auSmalenbe S)arftel* 
lung aud^ als tl^eologifd^e gad^arbeit nid^t ol^ne 93ebenfen. 3^re SSeliebti^eit 
unb il^ren Anflug in ttjetten Streifen, namentlid^ bei ber g^^öenb, »eig id^ mir 
tt)o!^I ju erüören. 9Ran ermißt ja oft nid^t genug, in ttjeld^em SWoge mit ben 
Seiten bie ©timmungen in betreff beffen toed^feln, toaS als 9Jlo6 unb giel ber 
@r!enntniS gilt; — id^ fage mit 93ebad^t „©timmungen". ©ne fold^e meine 
id^ aud^ gegentoärtig ju beobad^ten. ©efd^id^tUc^e 5lnfd^aulid^feit ift, bei aller 
©fepfiS, jejt fei^r beliebt; ber gefc^id^tlid^e 9loman i)at ötel jur ©renjöertoifc^ung 
mitgenjirft. 5lud^ bie d^riftlid^en Sefer finb öertoöl^nt; ftatt ben ©l^arafter ber 
cl^emaligen geugen teilnel^menb aufjufaffen unb nad^ ber SBal^rl^eit i^reS Sewg* 
niffeS ju fragen, laffen fie fid^ lieber burd^ hk ©pannung beS neugierig WtiU 
lebenben, bcS ju leibenfd^aftftd^em einteile Entflammten, beS am ©iege beS 
ftreitbaren 3lebnerS fid^ ©rfreuenben an- unb aufregen. SWag bie fjorm \^x 
ipf^d^ologifierenben 9lomane in ^Briefform jurüdfgetreten fein; bafür l^aben »ir 
bie SBiograpl^ien, bie faft ganj aus S^agebüc^em unb SBriefbrud^ftüdfen jufammen* 
gefegt finb. 2)eSl^aIb fielet man aud^ baS gerne gern in mobemer ©tral^Ien* 
bred^ung. „Homo sum" — überall unb ju aller geit berfelbe SJlenfd^, unb 
nichts als er, njie er eben aud^ l^eute ift. 9Ran toirb an eine Stuffel^en erre* 
genbe $ßoöeIIe benfen. — %xo1^ biefer angebeuteten S3ebenfen fönnte man fid^ 
hcn t!^eoIogifd^en SBerfud^ gefallen laffen, »enn er fid^ in feinen ©d^ranfen l^ält 
ober in fie toeifen lögt; man fönnte fein Unbel^agen bei fold^em getroften ^anb* 
f^ahm beS tWn IBilbeftoffeS um beS S3ebürfniffeS ber 3eit toitten fd^toeigenb 
t)erf daliegen. 

5lnberS aber ftel^t eS, toenn nun — man öerjeil^e ben fd^arfen 5luS- 
brudf! — bie (£]^riftuS-$ßoöeIIe bie Äanjcl befteigt. SBreite SluSfül^rungen auS 



— 25 — 

SSorctft ein SBort — für m\6) ein S33ott öon burd^fd^Iagenber 
Sebeutnng. 35a8 SSilb 3efu, ber Slbbrud feiner gefd)ic^tlid^en ®x^ 
fd^einung fott bod) für ung irgenb eöoaö bebauten, njag l^inauSliegt 
über banibaren Slnteil an einem ba^ingegangenen, junteift mi^öer* 
ftanbenen SBol^Itl^äter ber äJienfc^l^eit; eg barf unb foQ bod^ nod^ 
tjon ®Iauben an 3efum ßl^riftum felbft bie 9tebe fein. 9lun, bann 
barf ber ®Iaube freüid^ nid^t batjon abhängen, tt)a§ fid^ ein f)]^iIofop]^if^ 
gefd^ulter Sopf ben!en mag barüber, wie fid^ in bem inneren 2tizn 



ber geitgefd^id^te; fd^cinbar tiefe S3Ii(fe in ha^ ©eelenleben ber ^anbelnben, 
unterftüfet burd^ Erörterungen über ben Sfbftanb ber 5luffaffungen öon bomotö 

unb ic|t; bid^terifd^ jugeftnjte £anbfd^aft§büber ha^ alle§ l^ält hen Qu* 

i^örer bei ben ©ad^en ouf, toeld^e im ®runbe gleid^giltige S^räger ber SBorgänge 
finb ur\h l^äft fie öon ber @od^e, rid^tiger öon ber einzigen $er|'on ab, bie 
allein ber 5(ufmerffamfeit toert ift, öon ber einzigen $erfon in il^rer nnber* 
gleid^boren ©ingigfeit. ©etoig fott feiner geit bertoel^rt fein, t^re gunge §u 
rebcn unb il^re 5lrt innejul^alten. 5lber für bie iBotfd^aft, ttjeld^e ber eöange- 
lifd^e S^uge ju beftellen ^at, follte bod^ bie feufd^e 5lrt ber erften Sengen maß- 
gcbenb bleiben; auf unfern Äanjeln foIIte nur ein SBemül^en ^laj finben, bag 
nämlic^ htn Sui^örem eben biefe alten, oft gel^örten, „abgegriffenen'' ©efd^ic^ten, 
gerobc fo tok fie borliegen, bod^ frifc^ unb ttjie jum erftenmale öemontmen öor 
bie ©eele treten; ha^ einem ithen unabtoei^Iid^ fid^ ein|)räge, ttja^ biefe SBerid^te 
il^m felbft ju fagen l^aben. S3ei ber redeten SBertiefung unb bei einer allfeitigen 
5(ugfd^öpfnng unfrer ©bangelien ol^ne fned^tifd^e ober bequeme iBinbung an hie 
^^fo:penorbnung unfern $ßorboften5 ift babei gar feine ©efal^r ber Sintönig* 
feit ju beforgen; e§ ttJöre benn barunter ha^ 3)urd^f (plagen jene^ einen (SJrunb- 
toneiS öerftanbcn, toeld^e^ oUerbingS hobei unüermeibttd^ ift, aber aud^ an fid^ 
für ieben eöangelifd^en ^ebiger «ßflid^t unb lefetcä 8iel («ß^il. 1, 18). 

SWan irrt, »enn man meint, eS fei fd^on biet gewonnen, fobalb nur bie 
Slufmerffamfcit ber SRenfd^en auf g^fum gerid^tet »erbe; haS „Qfutereffe" toirb 
l^icr leidet gerabeju ^nm §emmnii8 für ba§ 5lufmerfen, nämlic^ ha^ gntereffc 
für ba^ Rittertum jum §emmni5 für hie ©d^ö^ung bei? 2Berte§ ß^l^rifti für 
meine ©egennjort. ^ei fjemftel^enben ttjirb eS nid^t toeniger fd^öblid^ fein, otö e§ 
baS für fogcnannte d^rifttid^e Greife ift, toenn (S^riftug unb ha^ (güangelium jum 
Snl^alte ber Unterl^altung »erben. SWan toirb fid^ ofö ^ebiger immer ftrcnge 
barauf ju iprüfen ^ahtn, toie mon bie ÖJefal^r bermeibet, gu unterl^oltcn ftatt 
boä (gbangelium ju bezeugen; Sßerftanb unb Urteil ju befd^öftigen ftatt mit 
avSxdä^mhtn 3)HtteIn bie innerfte Söetoegung burd^greifenber ©ntfd^Iiegnng ju 
unterftüfeen unb bem geiftlid^en Sebcn nac^l^altige $ßal^rung jujnfül^ren. 5lud^ 
unter bem SJortoanbe, S3ibeßenntni5 ju förbern, fonn gciftttd^ei?, ober rid^tiger: 
ungeiftUd^eiS @tro]^ gebrofd^en merben. 



— 26 — 

bicfcr 5Jäcrf on ®ott unb ÜJicnf d) ücrtrugcn, tote öicl an unb in tl^m ®ott, 
tt)ic öicl an unb in il^m 9Rcnfd^, ober tt)ie er ganj ®ott unb jugleid^ ganj 
SWenj*^ ttJar. S)er ®Iaube l^ängt geioife nid^t an einem (j^riftologifc^en 
2)ogma. Slllein ebenjo loenig barf bann ber ©laube abl^ängen oon 
ben unfid^eien geftfteHungen über ein angeMid^ juoerläffigeS Sefug« 
bÜb, ba§ mit ben SRitteln ber fpät enttoidelten gefd^id^tlid^en gor* 
fd^ung ^erauSgequält ttjirb — gleid^ augfidE)tIo§ in feinem ©dingen, 
toie jener au§ bloßen ^Begriffen gebilbete ©d)attenri§ be§ S)ogma. 
3)enn gegenüber bem ßl^riftug, ben toir glauben foHen unb bürfen, 
mu§ ber gelel^rtefte Xl^eologe nid)t beffer unb nid^t fc^Ied^ter ftel^en 
afö ber einfältigfte ß^rift; nic^t beffer, benn er fommt bem leben^« 
bigen ^cilanb nid^t nätier afö jener; nid^t fd^Ied^ter, benn ^^t er 
Srgemiffe für ben (Stauben ju übertoinben, fo l^at fie jener aud^, 
unb jur Überttjinbung biefer 2lnftö§e gibt e§ nur ben einen fönig:« 
Kd)en SBeg: änbert euren ©inn unb fe^t euer SSertrauen auf ba^ 
gute Slngebot: 3cfu§ Sl^riftug geftorben für unfere ©ünben nad^ 
ber ©d^rift unb begraben unb am 3. Xage auferftanben nac^ ber 
©d^rift (ÜJiarf. 1, 15; 1. ßor. 15, 1—5). Unb nur biejcnige %^to^ 
logic !ann ic^ gelten laffcn, meldte ben Xl^atfad^en be§ oor^anbenen 
lebenben Sl^riftentume^ ju bem entfprec^enbften, ttarften unb fd^ärf*« 
ften Slu^brude I^Üft. SBenn nun bercinft bie einfältige ©dirift*^ 
tl^eologie beg 5Jäieti§mu§ bie S)ogmatifer üon i^rem ©ele^rtenpapat 
entfe^t l^at, fo ift'eg l^eute bie Slufgabe beg 23ogmati!erS, in SBer== 
tretung beg f^Iid)ten S^riftenglaubenS ben ©elel^rten^japat ber 
§iftorifer in feine ©^raufen ju ttjeifen. Sr „befefet ja ein größer 
Xerrain, afö er foutenieren fann"^); er unternimmt eg, gorberungen 
be§ bloßen wiffenfd^aftlid^en Sntereffe^ ol^ne jureid^enbe SRittel ju 
befriebigen unb l^ält babei bie ©renjlinie jtt)ifd[)en ben SlnKegen 
beS S33iffen§triebe§ unb ben Slnliegen be§ ß^riftugglauben^ nid^t 
entfd^ieben unb fauber au^einanber. SRan befommt ttjol^l ju l^ören, 
l^eute fei ha^ „Seben Sefu'' an bie ©teile be§ S)ogma öon ©l^rifto 
getreten ober l^abe an beffen ©teQe ju treten. S)ann bietet man 
eine ÜJiaffe ober ein fc^einbare^ ©anje oon X^atfa^en, weld^e ju 
SRed^t ber unenbli^en ttjiffenfd^aftfidjen Unterfu^ung untertt)orfen 



1) ©egen ben ffiat Seffingg bei Stöntui? 3, @. 97. 



— 27 — 

Bleiben, für unbeftreitbare Olaubengtoal^rl^eiten, ober, toenn man 
ba^ rid^ttgcr finbet, für unbeftreitbare ©lauben^eriebniffe an; unb 
ber ©rfolg mu§ iinb »irb eine Unfid^erl^eit, ein ^inau^fd^ieben in 
ber S3ilbung t)on Überjcugungen, ein Slnftd^^alten unb gtoeifeln 
gerabe bei ben tiefer ©rabenben fein, toeld^eg bem ©^riftenglauben 
an bie SBurjel greift. Springt eg bod^ au^ ben SJarfteßungen 
felbft in bie Slugen, ba§ fie im großen toie im einjelnen SSerfud^e 
finb, bie SSergangenl^eit ju erf äffen; fie muffen fid^ auf ©d^ritt 
unb Xritt mit anbern, ebenfo fleißigen unb e^rlid^en SBerfud^en 
au^einanberfefeen. Dber, toenn fie ba^ nid^t t^un, gewinnen fie 
ben ©d^ein ber ©id^crl^eit burd^ ein jeitttjeilige^ SSergeffen unb 
SSerf(i)iüeigen; unb biefe 2]äuf(i)ung !ann nid^t lange üorl^alten. 
SBenn biefe Slrbeit bafür gelten foß, ben „@runb ju legen", au^er 
toeld^em e^ feinen gibt, fo toirb fie nur flar mad^en, ba§ biefcm 
Orunbe bie Xragfä^igfcit fe^It. S)enn gefd^id^tlid^e X^atfad^en, 
toeld^e bie SBiffenfd^aft erft Harjufteßen l^at, !önnen aU fold^e ni(i)t 
©lauben^erlcbniffe ttjerbcn; unb barum fliegen ©efd^id^te Sefu unb 
d)riftlid^er ©taube toie Öl unb SBaffer au^einanber, fobalb ber 
gauber bcgeifterter unb begciftember ©cfiilberung feine Sraft oerfiert. 

Snbe§ ba^ SSer^ältniS jioifd^en ©tauben unb biblifd^em Se^* 
rid^t fd^eint bod^ fein ttjefentlid) anbre§ ate ba§ SSerl^ältniS jtoifd^en 
©tauben unb toiffenfd^aftlid^ erforfd^tcm Scfu^bilbe. SWit^in bröngt 
bie ©rörterung tool)I au§toegIo§ auf bie SS3at)I enttoeber beg 
©ubjeftioiSmuö ober be§ 2lutorität^gtauben§. Saffen tt)ir un§ burd^ 
ba^ SSortjalten biefe^ ©ntttjeber^ober nid^t boppelfid^tig mad^en; 
fel)en tt)ir einftttjcilen baoon ab unb unterfudjen fd^Iid^t bie ©teßung 
eine§ einfältigen ©Triften. 

©etoi§ toirb er in ben meiften gäUen burd^ bie ©d^rift ju 
ß^rifto gefommen fein; — nidjt gerabe fel)r oicie burd^ Oa^ Sefen 
ber ©d^rift, fonbem bie meiften burd) 5ßrebigtcn ober erbaulid^e 
S9üd)er, toeld^e il)ncn ben ©d^riftinl^alt nal^e brad^ten. 3n ber an* 
erjogenen ^od^ad^tung gegen bie SBibcI liegt i^m ©taube an Sl^riftum 
unb aSertrauen auf biefcg S3ud^ ol^neglcid^en untrennbar ineinanber. 
833enn e^ bann aber jur Unterfd^eibung fommcn mu§, bann toirb 
e§ il^m ftar toerben, toa§ einft ein e^rtoürbiger, bibelfefter S^uQt 
jum X^ema feiner 5ßrebigt gcmad^t l^at: „toir gtauben nid^t an 



— 28 — 

Sl^riftum um bet iBibel lüiüen, fonbcm an bte 93ibd um Sl^rtfti 
lüiQcn"^). Slocft genauer lä^t eS fid^ ttjol^l in biefem ß^f^mmen^ 
l^ange fo augbrüden: mir fefeen unfer SSerttauen auf bte S5ibel afö 
auf bag S33ort unfer« ®otteg um i^xt^ ®l)riftu8 ttjißen. 

3)ie bibelfeften ßaien foHten t)or fold^em ©a^e nid^t ftufeig 
toerben. ©ie toiffen eg ja aug i^rer iBibel felbft. SBa8 l^at benn 
ben Suben il^r ?ßod^en auf bte ©d^rift gel^olfen? 9Kid^a l)at fie 
ntd^t jur Slnbetung nad^ Setl^Iel^em gefül^rt (SÄatt^. 2, 3 f.). ©ie 
erl^oben aus ber ©d^rift, bafe aug ©aßiläa fein ^opl^et erfte^t 
(3o^. 7, 41 f.), unb Rieften bafür, aug S^ajaretl^ !önne ni(^tö ®uteg 
fommen (Sol^. 1, 46); fie öernal^men il^r 3^^9^i^ f^^ Sefum nic^t 
(3ol^. 5, 39 f.). 3)enn fie üerftanben toeber fie nod^ bie Sraft 
@otte§ (SÄatt^. 22, 29 f.); ben SRätfeln il)rer SBeiSfagung aber 
ftanben fie ratloS gegenüber (ebb. SS. 41 f.). JRur biejenigen Suben, 
ttjeld^e Sefum im ©tauben afe ben SJ^riftuS erfaßten, fanben fid^ 
mit bem SlajarenuS jured^t (SÄattl^. 2, 23), entbedtten bag 3^^9^i^ 
für ben ?lufgang in ©attiläa (ebb. 4, 12 f.), unb lernten nad^ bem 
erttjeife ber Äraft ©otteg an bem SlufertoedKen (SRöm. 1, 4; 2. Äor. 
13, 4), bafe biefem 9Kofe unb äße $ropl)eten 3^^9"^^ 9^^^^ 
(Slpoftefgefd^. 3, 18 f. u. a. D.). S33ir fernen barau^ iebenfaHö, ba§ 
e§ einen SBeg buri^ Sl^riftu^ jum SSerftänbniS ber ©d^rift gibt. 
Unb erft biefer Umtoeg betoa^rt t)or ber ©efal^r, ba^ bie Sin- 
l^ängKd^feit an bie ©d^rift aud^ jum ^inbemiS für ben ©tauben 
»erbe ebenfo »ie aße^ ©ifern um ®ott mit Unöerftanb (SRöm. 10, 2). 
3)ag muffen toir un^ in unfern lagen aud^ unter fe^r anbem 
Umftänben gefagt fein taffen. 

SS3ir feben jumeift getroft unfern ©foubeni^, o^ne un§ über 
bie SBurjeln fonberlid^ SRec^enfd^aft ju geben, au^ benen er er* 
wad^fen ift. @rft Slnfed^tungen jum 3^^if^^ nötigen un^ bann 
jur rüdbfidCenben ?ßrüfung. Sine fold^e ©tunbe ber ©id^tung 
rüdffid^tKd^ ber SBebeutung unfrer iBibel für unfren ©tauben ift 
über uns gefommen unb jtoar nid^t nur über bie Xl^eologen. S)a 
gilt eS benn reinlich ju unterfd^eiben, aud^ toaS nie unb nimmer 



1) D. ^einrid^ ^offmann ju ^aUe in einer tncincS SBiffcnS nid^t ge- 
brühten $rebtgt. 



— 29 — 

gcfd^icben »erben fann unb foQ. SBir ntfiffen unterfc^eiben jiüifd^en 
bem Angebot be^ 3ttl)alte§ für ben ©lauben unb jttJtfd^en bem 
SBettjeggrunbe, ber un§ beftintntt, ben Snl^alt int ©tauben ju er* 
greifen. Unb eS toirb für jeben (göangelifd^en, ja für jeben leben* 
bigen Sl^riften gelten, ber treu unb finblid^ an feinem ^eitanbe 
l^ängt, ba§ biefer iBetoeggrunb jule^t tbtn in ben ©rlebniffen liegt, 
bie er in ber Ipingebung an feinen ^eitanb gemacht. S)er §eitonb 
aber, mit bem er khi, bag ift nid^t ein bIo§ empfunbener ober t)on 
il^m erfonnener; bag ift üielmel^r ber i^m geprebigte; baS ift über* 
aQ — tauter ober öerbunfelt — aber lefetlid^ immer ber ®^riftu§ 
ber ©d^rift. 3e mel^r Umgang er nun mit ber ©d^rift felbft pflegt, 
um fo me^r fliegt i^m bie aujiel^enbe 9Kad^t beg §eitanbeg mit 
bem Änfe^en ber ©c^rift jufammen; toeil fein Sl^riftug ber biblifd^e 
•ft; »eil er je länger, je mel^r feinen Sl^riftu§ ber 93ibel öerbantt, 
fo meint er nid^t nur biefen Sl^riftuS, fonbem aud^ ben ©tauben 
öon ber S3ibel ju l^aben. Unb ba§ ift aud^ ju nid^t geringem 
Seile ber %aü, »eil ja bie iBibel ©^riftum prebigt, il)n prebigt 
aus unb in ©tauben unb man an i^rem ©tauben gtauben lernt 
Unb bod^ toirb e§ babei bleiben, ba§ niemanb einen felbftönbigen 
©tauben neuteftamentlid^er 2(rt unb SBcrtung l^at, ber ntd^t ju ben 
neuteftamentlid^en ©d^riftfteHern fagen tann toie bie ©amariter: 
nid^t mel^r um eurer SRcbe toillen gtauben toir (Sol^. 4, 42); 
bem e§ nid^t bie ©eftalt 3efu angctl^an ^at, tt)ie bem vierten @oan* 
geliften (So^. 20, 31; 1, 14. 16); ber ni^t an ben biblif^en Sefum 
gtaubt burd^ ben Quq unb bie Offenbarung beS SSaterS um beS 
SBorte« Sefu, ja um fein felbft totOen (aRattl). 16, 17; So^. 6, 44 f. 
68. 20, 28 t)gl. 14, 5—9). 

SBenn man ncuerbingS le^rt, ber d^riftlid^e ©taube fei ein 
„überwältigt" »erben öon ßl^rifto in feinem an ung l^erantretenben 
SBilbe, fo fd^eint mir biefe S3eftimmung jutreffenb, toenn eS fid^ 
um ben legten entfdieibenben unb jureid^enben SJetoeggrunb für 
©tauben unb ©taubigfeit l^anbelt^). 9lur l^alte id^ bie säefd^teibung 



1) S^ meine l^tcr öomel^ntltd^ SB. ^crrmann, fßetU^x be§ ©l^riften mit 
®ott 1886. @g toirb ber einaelnen Slnfül^rungcn nid^t bcbürfen. SBicfem 
meine vetteren 93emerlun9en nur 93cftatigungen beg bort ©efagten ober Slb- 



— 30 — 

für unjurcici^cnb, tocnn ftc aud^ bie Sntfte^uiig unb SScrtnittcIung 
bicfcg ©laiibcng umfaffcn foQ; unb id^ l^dtc ftc \o lange für un* 
bcfttmntt, dg biefeg Silb fclbft nid^t ffarer bcjeid^nct ift. 3)cnn c^ 
ift mir eben ba^ S3ilb bc^ int ©lauben ©rfa^ten, c8 ift ba§ au8 
unb in ©lauben geprebigte S3ilb ßl^rifti, Xüd6)t^ biefe SBirfung 
ausübt; eben barunt nie unb nirgenb ba^ S3ilb einer auffaHenben 
SJicnjd^engeftalt fonbern jenes Silb, toeld^cS in fid^, unb toäre e§ 
aud^ nur in erl^obenem Slnfprud^e, ein S)ognia, ein @Iauben§* 
befenntnig trägt. ®§ bietet fid) näntlid^ ate bie ©eftalt be8 ^crrn, 
bcg SBeltl^eilanbeS bar, be§ ©rlöferS öon ©djulb unb ©ünbe, be§ 
offenbaren ©otteS. SRid^t nur fad^Iid^, nein auSbrüdlid^ fontntt 
biefeS S3ilb an einen jeben mit bem ©ntn^eber^obcr: ©dEftein 
ober geig beg trgerniffeg (1. 5ßetr. 2, 6. 7). 

3u ber Sntfd^eibung gegenüber biefem S3ilbe — öoQjiel^e fie 
fid^ in forgfältiger ©elbftprüfung ober nur ^atb beiou^t in unbe* 
fangencr Eingabe — greifen jioei ben^egenbe Gräfte in einanber. 
S)ie eine ift bie @mpfänglid^!cit; ba§ Sebürfnig, ben SRangel unb 
bie Dl^nma(i)t be§ innerften SebenS in @elbftgett)i§^eit gegenüber 
ber @nblid^!eit unb in SBiöenShaft gegenüber bem üerabfd^euten 
S3öfen umgefefet ju feigen. Dl)ne ba§ mag e§ SJetounberung unb 
aSerel^rung geben, gcioi§ aber leinen ©tauben, ber eS üermag, ba^ 
eigne Seben an ein frembe^ baran ju geben. S)ag anbre ift ber 
SinbrudE, ben biefcS ttjunberbare S3ilb auf ben cmpfänglid^en S3e* 
trad^ter mad^t 3)iefen ®inbrudE empfängt ber fd^Iid^te S3ibcHefer 
genau fo, tt)ie ber forfd^enbe Xl^eologe. 3)er Unterfd^ieb toirb nur 
barin bcftel^en, ba§ ber Xl^cologe fid^ bemül^en tt)irb unb mvi% 
biefen ®inbrudE feinem Snl^alte unb feiner 2(rt nad^ faubcr feftju^ 
fteHen unb über feine ®rünbe beftimmt Sied^enfd^aft ju geben, 
©elingt il^m ba§, fo toirb er ber ganjen ©emeinbe unb unter Um* 
ftänbcn aud^ bem einfad^en SBibellefer bienen fönnen; in bem %atlt 
nämlid), ba§ biefer irgenbtoie in feiner unbefangenen ßuöerfic^t 
erfd^üttert toerbe. SSerfud^en mx eg, htn SBcg be§ Xl^eologen mit 
einigen ©trid^en öorjujeid^nen. 

ttjcid^ungcn unb ettoa ©rgönjungen entl^alten, muß bei ber i^ürje bicfcr @r* 
örtcrung bent Urteile ber ßcfcr überlaffen bleiben. @S ift mir nur um bie 
Marftettung ber ©ad^e unter ben mir erfd^Ioffenen Öefid^t8|)un!ten ju tl^un. 



— 31 — 

@§ ift ein tounbcrbarc^ 83ilb, bag iin§ entgegentritt. SDlon 
l^at öom ©tanbpunfte beö 3^^^f^^^ ^i^t ol^ne ®runb gejagt, aud^ 
bie ©d^ilberung ber ©^noptifer fei eine auf Oolbgrunb gemalte 
^eiligenlegenbe. Unb bod^ rufen äße biblifdien ©d^ilberungen ben 
unabtoeiglidjen ©inbrud öoQfter S33irf fi(i)!eit l^eröor ^). 2Ran ntöd^te 
fid^ öermeffen, im öorau^ ju fagen, toic er in biefem ober jenem 
gaße gel^anbelt, ja felbft, toa§ er gefprod^en l^ätte. S)e§^alb eben 
fann man mit biefem 3efu§ öerfel^ren unb brandet baju gamid[)t§ 
weiter, afö bie biblifc^e 3)arftellung. 

ßuöörberft l^alten n)ir ftill babei, toeSl^alb biefer SinbrudE fo 
ftarf unb fo übertoältigenb fei? Qdä)ntn nid^t unfre S)id^ter 
Ieben§t)oQe (Seftalten, bie fid^ un§ unöergefelid^ einprägen? Sann 
biefe (Seftaft nid^t ba^ ebelfte ©ebid^t ber SÄenfd^l^eit fein? toie 
man ja aud^ einen Slbral^am, einen SÄofe je|t fein Iä§t. ©erabe 
biefer SSergleid^ belel^rt un§ öom ©egenteile. S)iefe ®eftalten mögen 
um me^r afö Haupteslänge über un§ emponagen, fie bleiben bod^ 
2fleifd) t)on unferm S^^'W; ^oben fie gelebt, fo ttjaren fie ÜJienfd^en* 
finber; finb fie nur erfd^aut, fo finb fie ^nber ber 5ßbantafie, bie 
il^ren ©toff au§ unfrer SQ3irfIid^!eit nimmt 9iid)t umfonft l^at 
ßarl^Ie t)on ber unerbittlid^en SEBal^rl^eit ber ©d^riftfd^ilberung ge* 
fprod^en; biefe Silber finb äße t)on unfrer Slrt. Slber bag Sefu?! 
SBenn e§ un§ je^t vertraut \6)tint, fo ift ba§ eine erflärlid^e 
Xäufd^ung; toir fennen e« öon Äinb auf; toir leben in einer 
SRenfd^l^eit, bereu Sefte il^r SefteS öon il^m l^aben, Slbglanj feiner 
unüergleid^Iid^en ^enlid^feit. SBefinnen toir un§ red^t unb fd^auen 
ung fonft um, fo mu§ er in feiner eblen ßrl^abenl^eit ung fe^r 
fremb erf(i)einen. Unb bod^ fo lebenSöoQ, fo toirflid^, afö l^ätten 



1) 5)ie Sel^au^ptung, bag ba§ 4. ©toangeliunt einen SogoSautomaten reben 
laffe, barf je^t tool^l als öerfd^oHen angefel^en »erben. 2)a6 fie no6) umgel^e 
unb fid£| toieber größerer S3eUebt^cit erfreuen toerbe, Bin iä) fem 5U leugnen. 
SGBem ha^ ^gefc^ntögigc ©efd^el^en'', bie „biogra;|)l^ifd^e 5)urrf)fi^tigfeit" baS 2Bid£|- 
tigere ift, ber toirb f(^toerlidf| ben oben Bel^qu^tetcn (ginbrudf em<)fangen. 2)aäu 
gel^ört ein ©inn, bem bie äußeren SJorlommniffe nur S^iä^en finb; ber geneigt 
ift, bie ^erfon öor aUent in il^rent fittlid^en unb frommen guge aufjufaffen; 
ber S3efd£|eibung unb ®ebulb genug ^at, fo §u fagen mit il^r ju leben unb fid^ 
in fie in il^rer Eigenart l^ineinjuleben. 



— 32 — 

wir il^n t)or ung gefeiten. 3)a§ ift nid^t bie ibcdificrcnbe 3)id^tung 
cincg mcnjd^Kd^cn ®ciftc§; l^icr f)at fid^ fein eignet S33cfcn unöct« 
gängüd^ abgeprägt.^) S33äre bcm nic^t fo, längft l^ättcn attc @t^ 
lehrten barauf öcrjtd^tct, fid^ an bcm ©p^^njrätfel bicfcr (grfc^cin* 
tiung bcn Äopf ju jerbrcd^cn ^). S33cU bcm fo ift, bcSl^alb l^abcn 
c§ fd^on Xaufcnbc öcrmod^t, mit il^m ju leben olö mit il^rcm t)cr* 
trautcftcn cinflu^rcid^ftcn grcunbc. 

SBScnn id^ fortfal^rc, fo braud^c id^ im Slu^malcn unb ©c^ 
Wci^fül^rcn nid^t tocitläufig ju jcin; id^ bringe ® ottlob! lauter 
altbefannte S)inge öor. SSieHeid^t nur eine^ tl^ue id^ l^inju; 
ba^ nämlid^, n^a^ ber gül^rer ju feiner !ampfe§mutigen SÄann^ 
fd^aft l^injutl^ut; er fteHt fie in Sieil^ unb ©Heb unb an ben 
redeten gledC. 

SBo^I, toirft mir jemanb ein, öon einem Silbe Sefu fprid^ft 
bu. S)a§ toirb aud^ ein toißfürlid^eg ©ebilbe ber ?ß]^antafie fein, 
ttjeld^eg fid^ ber fromme ®en!er nad^ SBcIieben aus ber Überlieferung 
jufammenfe^t unb jured^tfd^neibet. S33o t)on SBirflid^em bie SRebe 
ift, ba fragt man nad^ bem, toaS in ber ©efd^id^te öorüegt; bie 
©öangelien geben boc^ eine @rjäl)Iung; alfo eine ©efd^id^te Sefu, 
nid^t ein S3ilb öon il^m l^at man ju f orbern. ®emad^; ift eS 
toirlüdC) fo? StUerbingg l^aben toir (grjjäl^Iungen; finb fie in ber 
Xl^at mit bem Slbfel^en auf einen „^Pragmatismus'' aufbel^alten unb 
jufammengefteßt? bei ben großen Siebefammlungen beS erften unb 
ben immer toieberl^olten ©treitgefpräd^en beS öierten (Srjäl^IerS 
ftel^t es bod^ gemife nid^t fo. SluSfü^rlid^er (ein toenig!) »erben 
fie alle ja erft — toenn man bie 3^itoa|e ertoägt — mit bem 



1) Oben ift nx6)t toiebcr auf bie @. 9 erörterte ©ünblofigfeit befonbcrS 
l^ingetDxefen; bie ©rtoäöung gel^ört aber burd^auS in biefen 3ttfatnntenl^ang, toie 
ein SBirllid^Ieit otnienbeS S3ilb be§ ©ünblofen gejeid^net »erben fonnte, toenn 
man e§ au» 5)id^tun9 ableiten toitt. S)enn bie 5)td^tung l^at eben nur bie 
5lnfd£|auung öon fünbigen SWenfd^en; bal^er nimmt fie, toie fie aud^ geartet fei, 
ü^re lebenöottften ®egenftänbe. S)ie „ungemifd^ten", bie ibealifierten ßil^araftcre 
ber S)ramen tabelt man mit ®runb aB unlebenbige ®eftalten. 

2) @g ift fel^r lel^rreid^ nad^julefen, toie S). Strauß fid^ mit ber Unt)er* 
gleid^lid^!eit biefeg ß;i^ara!ter§ augeinanberfefet, o^ne ba^ e3 il^m beiMme, aud^ 
biefe ©d^ilberung unter bie SW^tl^en ju toerfen, a. a. D. ©. 206 f. 



— 33 — 

ScginnbcS großen ßcibcn^, mit bcr ©d^ilberung feines „SBerfe«''^). 
SBaS t)or biefen Slbfd^nitten ftc^t, fd^eint mir einen anbern ßwg ju 
l^oben; toeit weniger, toa^ gejd^el^en ift, afö toer ge^anbelt l^at unb 
tüie er bag getl^on, foH Berid^tet ttjerben. SBenn ber öierte ©rjäl^Ier 
offen Befcnnt, ein ^rebiger jn fein (Sol^. 20, 31), fo finb bie anbern 
es im ®runbe nid^t minber^. 2(ud^ toenn fie erjäl^Icn, fo fd^ilbern 



1) $ragntati3miig bejcid^nct urf;|)rünglid^ bcn urfdd^Iid^en Snftttnntcnl^ang 
ber (grcigniffe; im Unterf d^iebe öon einer „bogntatifierenbcn" Setrad^tung toirb 
er im ßeben JJefu pd^ ^^f ^i^ causae secundae rid^ten. daneben tritt bamt 
neuerbingg bie SBetonung ber „©nttoidfelung feinet SBettJu^tfeinS". Unb baju 
<)a6t eg bann, bag bie Sicilnal^me todt überttjiegcnb ber S^it big an ba3 Icftte 
^offal^ ^eran gei^ört; big bal^in mng «^ß" toerben feigen, mag fid^ bann nnr nod^ 
5U betodl^ren l^at. 3ni ©egenfaj jnr oltfird^Iid^en Setonnng beg „SBerfeg" fott 
bie „^rfon" Qf^fu, eben in il^rcr ©nttoidfelung , l^eraugtreten; bie Sieben !om- 
mcn oud^ me^r atö „^ugerungen" unb „^anblungen" in 93etrad^t, toeniger aö 
SBelel^rung beg SBoIfeg unb ber ©einen. 5)ag aUeg fd£|eint mir fo jiemlid^ bog 
SBiberf|)ieI baju, toie fid£| bag ©ein ^\n in unfren neuteftamentlid^en ©d^riftcn 
abf|)iegett. ©ttoag l^craugforbemb lönnte man fie ^affionggefd^id^ten mit aug- 
fül^rlid^er Einleitung nennen. SJiarfug 8, 27 big 9, 13 jeigt beutlid^, tool^in bcm 
(St^ä^Ux ber 2:on faßt; 3ol^anneg ift mit bem 7. ^ap, hd ber legten totoefen* 
l^eit in 3ubäa. ^kf^i man bei SJiatti^öug bie Äinbl^eitggefc^id^te unb bie brei 
Sflebefammlungen ab, fieben Kapitel, fo ift haS SJer^ältnig toie bei SJiarfug. — 
SBenn ^o^anneg eine ©nttoidelung barfteHt, fo bürfte eg el^er bie heS (SiiaubenS 
unb Ungloubeng gegenüber gefu, alg bie feine unb biejenige feineg öefd^idfeg 
fein; ber ®efic^tg|)unlt bei ber togtoal^I unb 5lugfü^rung ber ©treitreben ift 
bod^ getoig nid^t gefd^ic^tlid^e ®enauigfeit. — SBie anberg hie ©c^öjung ber 
©toffe im SBergleid^e mit ben eöangelifd^en Seric^ten toirb, toenn man :pragma- 
tifd^e SBiogra^pl^ie fc^reibt, jeigt ba2 S3eif;|)iel jweier „|)ofitit)er'' SBiogra|)]^en 
3efu. SB. SBeig ift am @nbe feineg erften Sanbeg etwa in ber 9Kitte beg 
2. ^ap. bei 9Karfug, beg 9. bei SKatt)^., am ©rfjlug öon 3o]^. ^ap. 4; ha^ 
ift ein 5)ritteil feiner 5)arftetlung. "i^a^ lejte 2)ritteil feiner (gr^öl^lung be- 
ginnt, tt)o 3oT^ttnneg mit bem 7. ^ap. ftel^t. SBetjfd^Iag !ommt gegen bie ^älfte 
feineg S3erid^teg big §ur Slugfenbung ber 3^ölf. S)er ^affionggefd^ic^te toibmet 
SBeig nod^ nid£|t anbertl^alb feiner fed^g S3üd^er, SBe^fd^lag jtoei öon fiebjel^n 
Äa^iteln. 

2) 'SRan toirb l^iergegen ben „ipiftorüer'' £ulag auf filieren; in feinem Ge- 
lingen ftetten i!^n feine Bearbeiter bod^ im ©runbe nid^t über bie anbern; 
feine 5lbtoeic^ungen, toag ben großen @ang betrifft, geniegen, meine ic^, leineg 
fonberlid^en SBeifallg. Übrigeng unterfd^äjt man, wie mir fd^eint, für bie 
geftfteßung feiner STbfid^t ». 4 beg «ßrologeg be^ufg rechten SScrftönbniffeg 
t)on SS. 1. 

3 



— 34 — 

fic ben SJlann in feinem Xl^un unb Sel^aben. SBaS toir öon il^nen 
empfangen, ift eigentlid^ nur ein „ßl^arafterbilb"^). Ober tt)a8 
finb bie (gtää^Iungen an fid^ nnb »a« finb fie unS, aß S5eifpielc, 
wie er ju l^anbeln pflegte, toie er toax, toie er ift? 3n jebem 
Xropfen ber betaucten SBiefe fpiegclt fid^ toiberftral^Ienb ber ©onne 
Sid^t; fo tritt un^ in jeber tteinen @efd)id^te bie öoQe ?ßerfon 
unferS $enn entgegen. S)a§ ift l^ier genau toie in bem 2. Slrtifel 
bcg 2;auf6efenntniffe§; ju Unred^t l^at man i^m üorgetoorfen, er 
forbre ®Iaube an Xl^atfad^en; er bcfennt ben ©tauben an bie 
?ßcrfon, bie toir au^ ben Xl^atfad^en fennen. 3ft bemfo, tt)ie mag 
bie ©orge jufammenfd^rumpfen um Sl^ronologie unb 5ßragmati§^ 
mug, um S3ett)u§tfein§enttt)i(felung unb feftfteßbaren gottfd^ritt. 

S)aju fommen feine SBorte. Sie ju d^arafterifieren, barauf 
t)erji(i)te id^; fie braud^en meiner Slnprcifung nid)t, bie SIeinobien 
ber ©^riftenl^erjen. @o man6)t^ SBort ^at er bon fid^ felbft gerebet 
— t)iel mel^r, afö man ttJünfd^en möd^te, tt)enn er ein Mofeer SDlenfd^ 
war toie wir. S)icfe SBorte freilid^ unterfd^eiben il^n, ol^ne ®e^ 
prange aber ]^aarfdC)arf, öon unS^); toa§ er aber in benfelben öon 
fid^ fagt, bag ftimmt wol^I mit feinem Xl^un unb ©ein; bag Icl)rt 
uns t)ielmal, bieg Xl^un unb ©ein erft red^t oerftel^en. ©o wirb 
uns bie ©d^ilberung jur iBewä^rung feinet ©elbftjeugniffei^ unb 
fein ©elbftjeugnis baS ©iegcl auf bie ©d^ilberung feines SBefenS^). 

Stuf bem SBege biefer ©rwägung werben wir aud^ baju fommen, 
ben apoftolifdjen ßel^rfd^riften jujugeftcl^en, biefem SefuS !önne 
man jutrauen, waS fie weiter t)on il^m jeugcn. ©ie nehmen btn 



1) 5rn bem rid^ttgcn ©riff ©c^enletö in biefer SBejeid^nung braucht bie 
SluSfül^rung in feinem SBud^e nid^t irre p mad^cn. 

2) S3e!anntlic^ faßt ftd^ gefuS nie ol^ne toeitere^ mit ben anbem SWenfd^n 
jufammen; nic^t einmal 3o^. 20, 17. Sfiamentlic^ ift anf hu Änderungen 
^injutoeifen, in benen er fld^ ben SBeruf aB SRetter aug ber ©ünbennot beilegt, 
bie ©ünbenöergebnng augbrüdlid^ in göttlid^r JBottmac^t erteilt unb bie SRic^ter* 
ftettung toie felbftöerftänblid^ beonf|)rud^t. 

3) SBefonberg frud£|tbar ift jur gförberung in biefer ^nfid^t bie SBefd^äfti- 

gung mit SB. ®e6, ©^rifti «ßerfon unb SBer!. SBie öiel aJhöberftönbni« 

unb öcrgeblid^ t)erttjenbete Shmft l^ätten bie S3iograp!^en fid^ j. SB. tt^paxen 
lönnen, toenn fie e^ mit ben ßeiben^anlünbigungen unb bem „SBieberhinfti^ 
gebanfen" fc^Iic^t, toie fie au3gef|)rod^n finb, emft genommen l^dtten. 



— 35 — 

SRunb ntd^t ju öoH in bcm, toa§ toir fcnncn; fic tocrbcn c§ aud^ 
nid^t tl^uit, too fie S)ingc öon il^m auSfagen, bic frctlid^ über bic 
©rcrijcn fcinci^ irbifc^en ©rfd^einenS l)inau^ficgcn ; benn bicfc 
S)ingc paffen tool)I ju jenem Stineren, toeldieg fid^ in biefer (St* 
fd^cinnng befnnbet. Sor biefe S3efenntniffe unb SSeriünbigungen 
ber uralten 5ßrebigt geben un§ bie ^anbl^aben, um bie ©rjäl^Iungen 
un§ anjueignen unb ju öerftel^en^). 

SlQerbingS bem erften ^inblid jeigt fid^ ein toeiter Slbftanb 
jtt)ifd^en ben SBerid^ten ber ©öangeKen unb ben „bogmatifc^en" 
ÄuSfagen ber SBriefe über S^riftum. 3)od^ ftel^en fie fic^ näl^er, 
afö e§ juerft fd^eint. ©in 3^if<^^^9ß^i^ ift i^ fenntlid^ ba^ öierte 
©öangelium, benn e§ fteöt feinen SBerid^t in ben Sial^men unb 
unter ba§ 2i(i)t ber beftimmteften Slu^fagen über ben SBert biefer 
?ßerfon; Slugfagen, toeld^e fie toeit au^ ber ©leid^e mit fonftigen 
äRenfd^en l^eraugrüdEen. Sluf ba^, toa^ öor ber ®eburt liegt, ge^en 
freilid^ bie ©^noptifer nid^t ein; befto beftimmter auf ben ©taub 
ber ©rpi^ung; unb ju il^rem ß^riftu^bilbe gepren bod^ aud^ bie 
Äinbl^eitSgefd^id^ten. SBenn man bie öorliegenben Süangelien 
nimmt, toie fie finb, ftatt unter §anb bafür ein Ureöangelium, 
ol^ne SSorgefd^id^te, ol^ne „2(po!aI^pfe'' ^), ol^ne fteten SSorblidE auf 
ben boppelfeitigen SluSgang afö ba§ eigentli(i)e 3^^ feines SBegeS^) 
unter jufd^ieben, bann er!ennt man in il^nen benfelben „bogmatifd^en'' 
3ug, toie etwa in ben SReffia^reben ber Slpoftclgefd^id^te; fie finb 
?ßrebigten öon ber SReffianität be§ ©efreujigten. @ben barum l^at 
aud^ bieÄir(i)e bi§ jur mobernen Qtit biefen Slbftanb jtoifd^en ber 
gef^id^tlid^en Darbietung unb ber bogmatifd^en ^ßrebigt gamid^t 
empfunben. Unb foßten in ber Xl^at etlid^e SÄenfc^en il^ren ©tauben 
an bm ^eilanb auö ben eöangelifd^en Sendeten gewonnen l^aben, 
ol^ne burd^ bie apoftolifd^e SSerlünbigung öon feinem ^eifömerle 
unb feinem ^eilanbstoerte, fei'g in il^rer neuteftamentfic^en Urgcftatt 
ober in fird^Iid^er SSermittelung auf il^n aufmerffam unb für feine 

1) 2:rcfpid^c gingcr^eige für bicfc Sufamntcnfd^au gibt ©tcinmc^cr, Sei- 
benggefd^ic^tc 1868. 

2) matt^, 24. 25 mit ben parallelen. 

3) SWarf. 3, 6 (SWatt^. 12, 39 f.); SWarf. 8, 31 f.; 9, 9. 31; 10, 32 f. unb 
bic ^araßclen; 3o]^. 1, 11. 29. 36; 2, 19—22; 3, 14—16; 6, 53 f. u. f. tu. 

3* 



— 36 — 

©d^tlbcrung empfänglich geworben jn jein, fo toirb baöon gelten, 
ba§ SluSnal^men bie SRegel beftätigen. 3n einer 3^tt gefpannter 
Oegenfä^e ntag eö gefd^el^en, ba§ biefe f^noptifd^en ©d^überungen 
eine befonbre Sebeutung für Äreife gewinnen, bie gegen baS 
„apoftoüfc^e S)ogma" mifetrauifd^ gemad^t unb geworben finb; 
inbed and^ ba bilbet ein nebell^after ^bglanj jlenei^ 2)ogma, nämlid^ 
ba§ SSäiffen um irgenb eine unüergleid^Iid^e ©d^ä^ung biefer ®e^ 
ftalt innerhalb ber Äird)e, bie SSermittelung, um jene^ iBilb ber 
iBead^tung unb Slbjd^ä^ung ju empfel^Ien. SJüt anbem SBorten: 
(grinnerung an bie läge feines gleifd^eS unb S5efenntni8 ju feiner 
ewigen iBebeutung unb ju bem, wag wir an il^m l^aben, im neuen 
Xeftamente ungefd^iebcn in einanber, wenn aud^ nad^ mel^r ober 
minber auf bie bciben ©attungen urd^riftKd^er 3^^9^iff^ verteilt, 
bieje jwei Slrten ber S3ef unbung gepren jufammen, um bie SSorauS* 
fefeung für eine ©lauben^fd^äfeung feinei^ Silbeg ju bieten. SSSir 
bebürfen ber apoftolifd^en ^eifeüerfünbigung, jWar nid^t in bem 
©inne, ba§ wir mit einem Dpfcr unferS Urteilet unS il^ren SSer* 
fid^erungen unterwerfen unb für biefe Seiftung erwarten, nun aud^ 
JU erleben, wag fie auSfagt; wol^I aber, um t)on ben bep^enben 
SBrübern auf bie 83al^n gewiefen ju werben, auf ber man bie ©d^ä|e 
lieben mag, bie juerft für ba§ Seben, bann aud^ für baS SSer* 
ftänbnig burd^ Sl^riftum unb in i^m ju erwerben finb. Unb beSs^ 
l^alb fönnen wir ber befennenben SScrIünbigung für baS üoßgiltige 
89ilb Sl^rifti ni(i)t entbel^ren ^). 



1) SBcnn man in ben cinfd^Iagcnbcn SBerl^anblungen (j. 93. ^errmann 
a. a. D. ©. 185) hirjtoeg öon bent ßil^riftitg ber ©öangelien f^ric^t, fo etfd^eint 
mir ba^ nic^t rid^tig, nämlic^ cinerfeit^ ju uitbeftintntt, anberfeitg toillfürlid^. 
3u unbeftinttttt; — gel^ört Sol^anneiS ju biefen ©öangelicn unb ttne tocit? 95Hß- 
fürlid^; — toenn ba§ öierte ©öangeliunt ba^u gcjäl^It toirb, tütläf einen int t>ovavS 
feftftettbaren SSorpg ntigt man i!^m öor ben SBriefen ju unb mit toeld^em 
fRt6)te? toenn aber aud^ nid^t, toenn man unter ©öangelien — getoig toilllür- 
Iid£| — btog bie @t)no|)ti!er öerftel^t, toie toitt mon biefe iperauj^l^ebung gefd^id^t*» 
l\6) red^tfertigen? @§ ift nid^t nur unerweiiSbar, fonbem auc^ untoal^rfd^inlid^, 
um nid^t ju fagen unbenibor, bag biefe SBeric^te irgenbtoo !ird^biü)cnb gc» 
toirft l^aben ol^ne öorangcl^enbe ^rebigt cineg S)ogma bon (Si^rifto, einer SSer- 
fid^rung feinet ^eifötuerteg. 2Bo irgenb gibt e3 in ber Äird^engefd^id^te einen 
Seleg, bag eine unbogmatifd^e (grjfil^Iung öon 3[efu für il^n aud^ nur bie Auf* 



— 37 — 

golgcn lüir nun bcr ncutcftamentlid^cn ©c^ilbcrung, fo ttjcijcn 
uns Süangelien toic S3rtcfc öiclfad^ jurüd in bic ©d^rift alten 
IcftamentcS unb il^re augbrüdlid^e ober öorWIblid^c (t^pijd^c) SBci^s^ 
fagung auf ©l^riftum. Unb bic Äirc^c in i^rer SScrIünbigung toit 
in i^rcr Äunft ^t bicfe alttcftamcntli(i)en ©toffc unlöSlid^ in unfcr 
ßl^riftuSbilb l^ineingctooben. SBcm unter uns gcprten nid^t bie 
ÄbüentStejte unb bie ©äfee au§ Sefaja 53 ju feinem ©inbtud öon 
beut, „ber ber alten SSäter ©d^ar l^öd^fter SBunfd^ unb ©e^nen 
ttjar"? S)a§ l^abcn tt)ir in frommer ®ctt)öl)nung. SDaS aud^ im 
einjelnen crfennenb burd^jufül^rcn, toirb bcn Sinbern unfern ®t^ 
fd)Ie(i)te§ fel^r \ä)Xotx, toäl^renb fid^ in bcr gcfd^id^tlid^en SQSertung 
unb Sluffaffung bcr alttcftamentlid^cn ©d^riften ein Umfd^toung 
tJoHjic^t, bcm !aum ein ernftlid^ Söcteiligter ganj tt)iberftet)t. Xro^=* 
bcm tt)irb e§ babei bleiben, bafe man ®l)riftum ol^ne baS alte 
Xeftament nid^t ju fd^äfeen öermag. SRan irrt, toenn man meint 
unb jagt, ba§ SScrl^ältniS liege fo, ba| Icbiglid^ ©l^riftug fein Sid^t 
auf bag alte Xeftamcnt toerfe. SBie biefcr SefuS felbftöerftänblid^ 
atö ÜJieffiaö nirgenb auftreten fonnte, au^er unter bcn Suben, fo 
würben aud^ ttjir i^n ol^nc bie ©rjicl^ung am alten 3;eftamcnte gar* 
ni(i)t JU fd^äfeen toiffen. Unter bcn SJiograp^cn Sefu fönnen tt)ir 
bie S3elege bafür aufzeigen, bafe bcr rein fubjcftiüc !ategorifd^e 
Smperatiö bcn lautem ©inn für bie fittü^c aRuftcrgiltigfcit S^rifti 
nid^t auSrcid^cnb j^crfteöt^); man barf »ol^I fragen, ob ein Sunt 
ol^nc baS d^riftüd^ öerflärte alte Xeftamcnt benfbar n^ärc. 3Rir 
ttjiß c§ fd^einen, ba§ bie ©ünblofigfeit be§ $errn nur bcm anfc^au== 
Kd^ gen)i§ toirb, beffen fittlid^er ©inn fid^ an ber ®eban!cn* unb 
©cftaltcntoclt beS alten XeftamenteS gebilbet l^at. @8 fielet aud^ 
mit bcm SSerftänbni§ für bcn ^inweiS Scfu auf feinen SSater 



tncrffamfeit gewonnen l^ättc! ©in SSerfud^, ben man crft mad^en toitt, unb 
fftoax auf einem burc^ bie grage: „toa^ bünlet eud£| um ß^rtfto?'' längft auf- 
ge;|)flügten S3oben, toirb nid£|t aU Setoei^tum gelten !önnen. — ©oute aber 
„ß;:^riftug ber (göangelien'' nic^t ben tl^atfäc^Iid^ öon il^nen ©efd^ilberten, fon- 
bem jenen l^inter t^nen l^erüorjul^olenben „l^iftorifd^en ^]u^" bejeid^nen, fo 
ttjäre bie Sejeic^nung mel^r ofö mi6öerftänblid£|. 3m übrigen ift oben boüon 
bie Siebe getoefen. 

1) SJgl. oben ©. 11 Slnm. über bie ©ünblofigfeit 3efu. 



— 38 — 

ä^nti(§; öor Reiben ^ätte er ganj anbcrö rcbcn muffen, unb toenn 
tt)ir feine SBorte lefcn, bringen tt)ir auS Äated^i^ntuS, 5ßrebigt unb 
biblifd^cr ©efd^id^te immer unfre SSertrautl^cit mit Sel^oöal^ fd^on 
l^erju. Sin bie gormen für bie Sluffaffung be^ ^eiföttjerte« feiner 
^erfon unb feinet Seiften^, »eld^e ber ncuteftamentlid^e unb fird^* 
Kd^e Unterrid^t übeüoiegenb bem altteftamcntlid^en SSoCf^^ unb 
©ottc^bienftorbnungen entlel^nt l^at, erinnere id^ nur, be8 lebl^aften 
SBiberfprud^e^ gegen biefe, aud^ mir unentbel^rlid^e, Slntoenbung mir 
tooiil betoufet. SBie öiel inbcö ober toie toenig man öon biefen 
§inn)eifungen gelten laffe, eS lüirb bod^ babei bleiben, ba§ biefer 
Sefu§ in ber %f)at ber aReffia^ ift, beffen ®eift in ben ^ßrop^eten 
gerebet l^at (1. ^ctr. 1, 11); unb man toirb ben gefd^id^tfid^en 
61^riftu§ nid^t ju fd^ilbern Vermögen, ol^ne i^n am alten Xeftamentc 
augjutoeifen, o^ne ben altteftamentlid^en ^intergrunb, aber aud^ 
bie alttcftamentlid^e gärbung feinet Seben^, bag er öor unb in feinem 
SSater fül^rt, jur ©eltung ju bringen. 

©0 trägt jebeg ©tüdC unfrer Söibel feinen Xeil baju bei, un§ 
Sefum ben S^riftug gang ju fd^ilbem. S)aö ge^t öor aßem bie 
fird^Ii(i)e Slrbeit am SBorte an; be§ !ann aber aud^ ber gereifte 
©l^rift in feinem Umgange mit ber S5ibel inne »erben unb e^ in ber 
©tiHe für fid^ burd^fül^ren, inbem er fid^ fd^ritttoeife in biefe Se- 
jeugung ^ineinlebt. Unb ebenfo meinen tt)ir eg, toenn toir t)on 
bem bibtifd^en Gl^riftug rebcn. 

©0 mad)en tt)ir eS unS jugleic^ l^intenbrein ttar, bafe tt)ir 
nid^t um irgenb einer Slutorität toißen an il^n glauben, fonbem 
ba§ er felbft unö ben Qilauben abgewinnt S)enn bag liegt bereit« 
in bem ©efagten: er felbft ift ber Url^eber biefe« Silbe«, 
©e^en toir un« feine Umgebung an, t)on ber e« überliefert toorben 
fein mu§! SBar fie für il^n empfängfid^, toar fie feinem SSerftfinbni«, 
feiner Sluffaffung getoad^fen? 35ie 3ünger felbft l^aben fein ^tf)i 
öom ©egenteit; ja fie l^aben un« feine fd^arfen Urteile über i^re 
Unreife treulid^ betoa^rt^). S^re glud^t unb SSerlcugnung bürfte 



1) S)ic Überlieferung jeigt teitö au^brüdflic^eS UnöcrftönbniJ für feine 
mebe unb fein ^anbeln (9Äarf. 4, 10—13; 7, 17 f.; 8, 15 f. 32 f.; 9, 9. 10. 32; 



— 89 — 

x^xt ©eftänbniffe in bcm SSetrad^t beftätigcn. Unb toaS bic anbem 
betrifft, fo fjabtn Subcn toic Reiben, %üf)xtx tt)ic SSoH il^t 
Unöcrftänbnig für bicfc Oeftalt in ber Sapibarfd^rift gcfd^id^tlid^er 
X^atfad^en öcrctoigt, inbcnt fie i^n l^a^ten, öcrad^tetcn unb bcm 
Xobc überlieferten. 3Äan bürfte xdo^ erwarten, ba% aud^ fein 
„Silb, burd^ ber ?ßarteien ®unft unb $a§ öertoirrt, in ber ®c* 
fc^id^te fd^toanfe". SBenn nun bod^, bei fenntlid^em Unterfc^iebc 
ber S)arfteHun9, bie erften Slugcnjcugen ein jufantmenftintmenbeg 
S5ilb ttjeiter gaben, ba§ über aßeg SRenjd^Kd^e bei gröfeefter ©c^Iie^t^ 
^eit ber ©rfd^einung an innerer ©rl^abenl^eit toeit l^inauSliegt, fo 
mu§ e§ fid^ il^rem ^erjen unb ©ebäd^tniS mit einer unöer* 
gleid^Iic^en unöermifd^baren unb inl^altreid^en SBeftimmt^eit einge* 
prägt l^aben. SBir pren eg ja aug il^rcm SÄunbe, aud[) l^abcn fie 
e^ l^interl^er nad^ Äräften mit ber Xl^at betoiefen, ba^ er il^re ®c* 
bauten unb il^r ®emüt ganj erfüßt ^atte. 

Unb tt)ie eg aufgefaßt tourbe, fo ift biefeS S3itb erl^alten tt)or* 
htn trofe einer ung faft unfa^Kd^ bebünfcnben ©orglofigfeit in ber 
Setoal^rung. 2Ran fprid^t gern t)on juüerläffigen ^eilanb^toorten; 
aber e§ ift bod^ Xl^atfad^e, ba§ man ben SB ort laut nur bann 
unbeftritten l^at, toenn eS tbtn nur eine Sejeugung für bcn 8lu8a= 
fprud^ gibt 35a§ nimmt ben überlieferten SReben il^rem ©inne 
nad^ i^r Slnfel^en nid^t; toie toeit aber liegt eg bod^ öon einer 
ängftlidjen ©orge um genaue 83ett)a^rung ab. ^^nüd^ ftel^t eg 
mit ben §auptjügen feincg öffentlie^en SebenS nad^ ber ©arfteQung 
ber brei erften ©öangeliften; inbeg biefe ©arfteUung felbft in il^rer 
einfeitigen Serüdffie^tigung ber gaQiläifd^en SSorgänge bleibt ein 
9iätfel, toie gerne mpn über biefen bunfeln 5ßunft l^intoeggel^t, um 
bie SSerläfelid^feit biefer DueQcn nic^t ju fd^äbigen^). SWan fann 
auf bie (grinnerungen im vierten ©öangelium nid^t öerjid^ten; bod^ 



Soi). 2, 22; 14, 5 f.; 20, 9), teiB ein 3urü(fbleiben l^inter feinem ©inne, bei 
bem öon einem ©inbringen in bcn gng feinet SBirlen^ nod^ nid^t bie 9lebe 
fein !ann, nnb toa^ namentlich ju bcmerfen ift, einen SWangel an bcm ©efül^I 
für fein SBoKen unb Äönncn (9JlarI. 4, 38 f.; 6, 35 f.; 9, 28. 29 ögl. 17—19. 
33 f.; 10, 13. 26. 27. 28 f. 41 f.; 14,4 f. 32 f.; Su!. 9, 52 f.; 3o. 4,31 f.; 11, 7 f.; 
13, 6 f.; 16, 12 f.; 2ul 24, 25 f. 37 f. (ögl. maxi 16, 14). 
1) «gl. @. 5 5rnm. 1. 



— 40 — 

fann man fid^ aud^ nid^t ücrl^cl^Icn, ba§ bcr SScrfaffcr mit feinen 
©toffen fel^r felbftänbig fd^altet, nm feine eine gtofee ©rinnerung 
für feine Sefer einbrüdlid^ unb üerftänblid^ ju machen, nämlid^ ben 
SinbrudE öon ber güöe be^ ©ingebomen öom SSater Dotier ®nabe 
unb Iteue, aus ber er felbft mie anbre ®nabe um ®nabe ge* 
nommen f)at Überall feine peinlid^e SKül^e unb ®enauig!eit ber 
geftfteHung unb Setoal^rung; überall ein ©d^alten unb SBalten 
mit bienfamen SRitteln, um ben Qmd beg ^erolb^bienfte« burd^- 
jufü^ren. 

©0 ift eS in ben Reifen gewefen, tüo bie erften Slugenjeugen 
ftanben unb toirften. Unter aßen S)ienern beg SlajarenerS ber 
tt)irffamfte ift aber jener gen^efen, ber fein Singen jeuge öon Slnfang 
unb boc^ ein ßeuge be§ Sluferftanbenen ift. ©etroft betont er, 
fein ©öangelium nid^t oon 9Kenfd^en ju l^aben, »äl^renb er bod^ 
unbefangen genug fid^ ber überlieferten ©toffe au^ Sefu Seigre unb 
fieben bebient^); bag tt)irb man leidster öcrfte^en, toenn man fid^ 
gegenttJärtig l^ält, tt)ie forgloS überhaupt mit bem Stureren um== 
gegangen würbe, unb tt)ie fidler man bod^ in ben ^auptftüdEen toar, 
in ben ©tüdEen ,,t)on bogmatifc^er S3ebcutung". 

Äug biefen brud^ftüdartigen Überlieferungen, aus biefen un* 
öerftanbencn Erinnerungen, auS biefen nac^ ber (gigcnart beg SSer* 
fafferS gefärbten ©d^ilberungen, aii^ biefen ^erjenSbefenntniffen unb 
aus biefen ?ßrebigten über feinen ^eilsmert fielet ung nun bod^ 
ein lebenSöoQeg, in fid^ jufammenftimmenbeS, immer toieber ju 
erlennenbeS 9Kenfd^enbiIb an. S)a barf man »ol^I ju bem ©c^Iuffe 
fommen: l^ier ^at ber SWann in feiner unöergleid^Iid^en unb mad^t^ 
üoEen 5ßerfönli(i)!eit, mit feinem ^anbeln unb ©rieben ol^negleid^en 
bis in bie (grttjeifungen beS Sluferftanbenen l^inein fein 83ilb in 
ben ©inn unb in bie (grinnerung ber ©einigen mit fo f(i)arfen, 
fo tief fid^ eingrabcnben 3*^9^" l^ineingejeid^net, bafe cS nid^t öer^^ 
löfd^t, aber au^ nid^t öerjei^net ttjerben fonnte. Unb ftu|en tt)ir 
über biefcS SRätfel, fo l)at er felbft eS im üorauS gclöft, toenn er 
fprad^: toenn ber ®eift ber SQäal^rl^eit fommen toirb, ber toirb mid^ 



1) @al. 1, 12 f. unb bancbcn 1. Äor. 11, 23 f. 15, 1 f. 7, 10 f. 9, 14 
u. f. to. 



— 41 — 

öcrHärcn; benn öon bcm 9Keinen toitb er c8 ncl^mcn unb cud^ 
geben (3o^. 16, 13. 14). 

S)en ^etgang im einjcinen fennt feiner öon un^. S)ie fid^* 
tenbe ^otfi^ung eneid^t nirgenb mit ®ett)i§l^eit jene Slieberfd^riften 
erfter 3^9^*^/ ^^^ ^^"^^ Äunbe ttf)altm ift, unb no(§ ift man 
nid^t entfernt \o »eit, mit erlledlid^er Übereinftimmung baS SSer*' 
l^ältniS unfrer brei erftcn (göangelien ju einanber ju erllären. 
SSottenbg ratfell^aft bleibt bie SSerjtoeigung ber Überlieferung in 
ben ®runbri§ be^ f^noptifd^en Serid^teS unb in ben beS vierten 
@r jäl^IeiS. ^) 3e bunfler bie Hergänge bleiben, toeld^e ber fd^rift^ 
fteßerifd^en Xl^ätigfeit vorangegangen fein muffen, um fo fidlerer 
fpürt man über ber ©orglofigfeit ber alten Oemeinbe bie fürforgenbe 
unfid^tbare ^anb. S)iefe S5emerlung jielt nic^t auf ba^ fonft an* 
genommene S)iftat beg l^eüigen ®eifte§; bag ttJÜrbe freilid^ aQe 
Unterfud^ung unferfeitg, aber aud^ aQe (grinnerung unb allen Qn^ 
fammen^ang ber S5erid^terftatter mit ben ß^i^S^^^^if^^ überflüffig 
mad^en. 2(ber ba^ n^ürbe unS nid^t genug leiftcn, toeil e§ ju öiel 
leiftete; benn biefer Slpparat unmittelbarfter äRitteilung göttUd^er 
SBal^rl^eit madtjte in ber Xl^at ben offenbaren ®ott entbel^rlid^. S)ie 
Offenbarung l^ätte fid^ in il^m felbft öerbunfelbar unb erft an feine 
fd^riftlid^en 3^9^^ ^i* 2lu§fd^Iu§ jeber möglid^en Xrübung öott* 
jogen. S33ir berül^rtcn un§ jtoar mit einer SBunbertoirtung (Sottet, 
aber bem gleifd^getoorbenen felbft, feinem Seben, feinem ^aud^ be* 
gegneten wir in jener 3€i^^ii^9 ^i^^ — dagegen liegt un§ bag 
SSerftänbnig für bag öerl^ei^enbe S33ort Sefu nid^t fo fem. S3ringt 
bie äRitteilung beg ©eifteg btn ©inn ©l^rifti in bie ^erjen mit 



1) Gelänge c§ auc^, bie ^erfunft beg vierten ©öangcIiuntS öon bcm ©ol^nc 
ScBcbdi über aHc Stocifcl ju crl^ebcn, fo toärc baS 5)un!cl nic^t gclid^tct; tote 
l^at t)on Sct)i-9Jiatt:^äug ober öon ^etruS uitb gol^annc^SWarfuS jene ctnfcitigc 
©c^übcrung auSgel^cn lönnen, bie un§ öorliegt? ifeincnfalLS ift c§ cine^ ber 
erftcn 5lnliegen feiner S^UQtn getoefen, ein maggeBenbeS Urbilb Berid^tenbcr 
SBerfünbigung öon feiner ^rfon ju entwerfen uitb beut ©ebäc^tnijg ein5it;|)rdgen 
ober einer ipanbfd^rift einjuöerleiben. SBir mögen il^nen bafür banfbar fein; 
unfre tl§eoIogi)d£|e £itteratur gibt unS ja bie SBeif;|)ieIe, toa^ l^armonifierenbe 
ober fritifierenbe, öerlnilpfenbe unb erflörenbe Äunft beim beften SBitten unb 
mit el^rerbietiger £iebe boc^ auS biefem SBilbe ju mad^en vermag. 



— 42 — 

feinem Urteil (1. Äor. 2, 15. 16), fo toirb aud^ ba« SSerftänbnig 
ffir bag öerjd^Ioffen, toa^ in 3efu ©ein unb Il^un „be^ (Seiftet" 
ift; bag aSerftänbnig aber uiad^t ba^ (Sebäd^tniS feft unb belebt bie 
erblaffenben Qü^t ber ©rinnerung ju öoCer g^fd^^^ fotoeit fie ba^ 
SBefentüd^e auSbrüdfen. Auf biefe SBeife ift oDeä t)on beut ®ut 
beg lebenbigen gefd^id^tlid^en ©l^riftug „genommen'' (3o]^. 16, 14). 
@o bleibt eö babei: »er in ba^ Urteil über bag uni^ entgegen* 
tommenbe 83ilb ©l^rifti einftimmt, ber wirb aud^ ba^ S33unber an* 
erfennen, bafe er eg üermod^t l^at, in bem fd^Iid^ten Hergänge fid^ 
felbft überlaffener fel^Ibarer Überlieferung feine (Seftalt beftimmt 
unb lebenbig jum ßinfd^Iage ber tt)eiteren ®nttt)idEeIung ber äJienfd^- 
l^eit JU mad^en. Unb ift eö ein STOangel, toenn unö bie ^erfunft 
biefei^ Silben bunfel bleibt? Sliemanb l^at bie SBrote bereiten ober 
toad^fen feigen, weld^e unter 3efu S)an!gebet bie Saufenbe fättigten; 
fie »aren ba unb fie »aren red^te^ ed^teg SBrot @o ift eö mit 
aQen SBunberttjerfen unfern ©otteS: toa^ wir feigen unb l^aben, 
gel^ört in biefe S33elt; bie ^erfunft fennen wir nid^t; aber wag wir 
fpüren, bem fpüren wir eS an, ba§ eg t)on jenfeit^ ift. 

aaäenn ung bag biblifd^e m\> 3efu S^rifti baS ift unb bag 
leiftet, warum fud^t man mel^r, fud^t man ein anbreg? — Snx 
SBegrünbung biefer ablel^nenben grage werbe ber SSerfud^ gemad^t, 
bag ßrgebnig unferer weitläufigen Erwägungen feftjufteCen. 

Sliemanb ift im ftanbe, bie (Seftalt 3efu wie irgenb eine an- 
bre ©eftalt ber SSergangenl^eit jum (Segenftanbe lebiglid^ gefd^id^t* 
Kd^er g^^f^^^^G h^ mad^en; ju mäd^tig l^at fie ju aQen Seiten 
unmittelbar auf weite Äreife gewirlt, ju beftimmt tritt nod^ einem 
jeben il^r Stnfprud^ entgegen, ats ba§ nid^t felbft fd^on barin eine 
entfd^toffene ©teöungnal^me läge, wenn man fid^ ju ber bean* 
fprud^ten SBebeutung biefer „Erinnerung" ablel^nenb üerl^ält, neben 
ber „baS SKeufd^engefd^Ied^t feine l^at, bie biefer nur t)on ferne ju 
öergleid^en wäre''^). Sliemanb vermag fi^ mif biefer SSergangen* 
l^eit ju befd^äftigen, ol^ne irgenb wie unter ben ©influB i^rer 
einzigartigen Sebeutung für bie ©egenwart ju treten. SSottenbö 



1) manfe, 3)ic römifd^en «ßö^ffce 3. S(. 1 @. 5. 



— 43 — 

ein Sl^rift wirb fid^ immer t)oxf)aÜtn, bafe iS)m afö jold^cm baS ®c^ 
fd^idjttid^c fcl^t gtctd^giltig fein müßte ober bürfte, wenn in biejem 
©efd^id^Üid^en nid^t tttoa^ wäre, tt)a^ il^n l^eute eBenfo angelet wie 
bie ß^itgcnoff^tt Wefeö 3efu§. Unb gerabe fo nun, wie ben 2Ren* 
fc^en ber ©egenwart biefe ©eftatt entgegentritt, in il^rer beanfprud^ten 
unbergteid^tici^en SBebeutung für eineö jeben 9leIigion unb ©itttid)^ 
teit, gerabe fo ift fie bereite in ben SBerid^ten aufgefaßt unb gemalt, 
burd^ bie wir aQein mit il^r in S3erül§rung ju treten vermögen. 
®g gibt l^ier leine SWitteilung aufmerffam geworbener unbefangener 
SSeobad^ter, fonbern burd^weg S^^Piff^ ^^^ SBelenntniffe öon 
ßl^riftuSgläubigen. 

Unb toa^ ift eö nun, baö fie unö ju berid^ten für gut fanben 
ober bermod^ten? 9lur bag ^anbeln beS reifen SKanneS. Quellen* 
mäßig fennen wir feine 5ßerfönüd^feit au^fd^Iießlid^ in ben l^öd^fteng 
ttwa breißig SRonaten feinet öffentlii^en fiebenS^). SBir fennen 
ben 5ßrop]^eten, beffen frü^efte wie fpätefte SSerlünbigungen eö be* 
greiflidE) machen, baß unb wie tief fein SSorgänger fi^ üor il^m 
beugte. SBir fennen ben überfegenen äJieifter, ber lel^renb unb 
l^anbetnb feine weitere unb engere Umgebung öorfii^tig fortfd^reitenb 
erjiel^t unb jur ßntfd^eibung bringt. SBir fennen ben entfd^Ioffenen 
SReffiag, ber, bie 3^i^^^ f^i^^^ Sebenöl^immefö beutenb, feinen 
@ang feft in ber §anb l^ält unb bem Ilar erfannten Qidt tnU 
gegen teuft. S33ir fennen ben lönigtid^en SJutber, beffen unber* 
borgene für je kämpfe einen SKenfd^en jeigen, feiner felbft fo 
attegeit unb unbebingt $err, wie fd^werlid^ einen neben il^m. S33ir 
fennen ben bom Xobe Srftanbenen, feinen %i\^^ unb SBanberungö* 
genoffen fremb unb bo(^ jugfeid^ jweifetloö befannt S33ag er fagt 
unb l^anbelt, waö er mitteilt unb wa3 er jeigt, baS l§at er ebenfo 
{)erau§fe{)ren wollen, ben Sinbrudf empfängt man üon biefem 
SWanne üoö Xl^atfraft. SBir wiffen eg wol^I, baß üiefeS in i^m 



1) Su!a^ tottt nad^gcforfd^t l^aben; er l^at öon ber enttoidclung^aeit nic^^td 
crfa:^ren fönncn. ^n ben Äinbl^eit^gefd^tcj^ten ift bocj^ auf alle götte 3efu3 ber 
©egenftanb unb nid^t ber 2:rfiöer ber ^Sorgänge. Übrigen^ l^aben biefe Sendete 
ben ^f^d^ologen ba^ 5Serftänbni3 ber tnenfd^Iid^en ©nttttdelung 3efu nie er- 
leid^tert, t)itimt^x fo erfd^toert, baß man fie im ißamen ber ^ßf^d^ologie ober 
^äbagogü entWeber befeitigte ober toefentlid^ umgeftaltete. 



\ 



— 44 — 

vorgegangen fein mn^, von beut wir nid^tö öetnel^men; einjelne 
©puren Bürgen ung bafür. SS liegt auf ber $anb, ba§ eine 
liebeöotte Slnl^änglid^feit uianci^e^ geffeinbe unb ®ett)innenbe bon 
il^m l^ätte aufbett)al^ren !önnen, fo »ie ba§ er ein breitet menfd)== 
lid^eS treiben unb Srgel^en burd^gemad^t mit aöeni Äleinwerf be§ 
SlötageS »ie mir. Slöein öon bem aßen bietet bie ßrinnerung 
feiner ©emeinbe nid^t^. @g gibt leinen aufbel^attenen Qvlq, an beut 
fid^ nid^t nad^lueifen liege, wie er um religiöfer SBertgebung miHen 
aufbel^atten fei; ob biefelbe aud^ un§ bered^tigt erfd^eine ober nid^t, 
ift für biefe @infidE)t ja gleid^gittig. 2Kan finbet ben ätt)eiten ®t)an^ 
geliften jum SluMaten geneigter; unb bod^, xok ift aud^ fein 95e^ 
rid^t fo hiTj, jumat tt)enn er üon Sefu Xl^un rebet. Sffiie mand^er, ber 
bie Söangelien jur (Srbauung in bie $anb genommen l^at, mad^te 
bie junöc^ft unerfreutidEie Seobad^tung, ba§ biefe Srjäl^Ier gar fo 
fparfam unb fo fpröbe bei ber Xt|atfadE)e unb bem aufgefangenen 
S33orte bleiben. @ett)i§, fie finb baö öööige ©egenteil ber auö^ 
malenben, motiöierenben unb pf^d^ologifierenben 95erebfam!eit in 
ben neueren ®efd|id|ten 3efu. — S)urd^ ben JRed^en biefer pneu== 
matifc^en ^^pomnefe (Sol^. 14, 26), biefer ©rinnerung unter ber 
Seitung be§ in aöer SBatjrl^eit, bie 3efuS ift, jured^ttt)eifenben 
anbern SSeiftanbeö (So^. 16, 13; 14, 6. 16), ift aöe ©preu be§ 
fc^tii^t unb fd^ted&t ©efd^id^tfid^en gefallen unb nur baö boöe Äorn 
ber SBorte unb ber Sffierfe beö SSaterg in it|m unb burd^ il^n in bie 

©d^euer gebrad^t. Unb xok baö Slebenfäd^Iid^e, baö für ben 

Qtotd glaubenbegrünbenber SSerfünbigung Unbebeutenbe üergeffen 
ift, fo bedEt bie ©d;rift ben ©d^teier über bie ä^iten unb Vorgänge 
ber Unreife unb ber Vorbereitung, ©ie jeigt nur ben löniglid^en 
©l^arafter, ber mit fid^ fertig ift unb beiSl^alb mit allem rafd^ unb 
fidler fertig wirb; ber fid^ auflebt unb öon ber Umgebung nid^t 
metjr aufnimmt, fonbern nur gibt; ber nur nod^ feinen 83eruf er* 
füllt unb fein ©efd^icf öoöenbet. 

©teCen »ir einmal bie %üUt feiner fiel^re jurüdE; fie »ürbe 
uns ja bag nid^t fein, »aS fie ung ift, »enn xoxx in il^r nid^t feine 
„aJiad^t" (Söiart 1, 22) fpürten; »enn eg nid)t eben feine SBorte 
tt)ären, fein teures ©eifteSöermäd^tniS. ©liebem tt)ir aud^ feine 
propl^etifd^e Slrbeit in bai (Sanje feiner Srfd^einung ein, fo l^aben 



\^ 



— 45 — 

Joit cigetttlid^ eine eittäige jufauimenl^ängettbe ^anblung t)or un^, 
bie ßntfaltung unb SSeiüätirung feiner STOeffianität. SRafd^ unb be* 
ftimmt l^ebt er bie Seiten ber grage l^erauS; fd^arf unb fidler jiel^t 
er im bunten ®ett)irr ber ©elegenl^eiten bie Solgen; mit unwanbet 
barer Eingabe öoHjiel^t er ben Slbfd^Iu§ beg l^anbetnben Seiben^. 
2)urci^ alles l^inburd^ gel^t bie SSerfici^erung, bie er gibt, unb ber 
SinbrudE, ben er mad^t, ba^ an xf)m, an feiner 5ßerfon bie (Snt* 
fd^eibung für bie SRenfd^en l^ängt, ber 3^9ö«g jum SBater. @o 
barf er fagen: „»er mid^ gefeiten l§at, ber l^at ben SSater gefeiten". 
SBer ben ©nbrudf öon ber 5ßerfönlid^!eit, tjon bem ©l^arafter be8 
ilier l^anbelnben STOanneS empfängt, ber fennt fortan ben ©l^arafter 
®otteg ($ebr. 1, 3); ben ©nbrudE l^at aud^ ?ßauIuiS empfangen, als 
er il^n fdEiaute unb ber SinbrudE biefer 5ßerfon il^m ben Sinn unb 
aOSert il^reg §anbeInS unb grlebeng erf^tofe (2. Äor. 4, 4. 6; ®al. 
1, 16 bgt. 1. 2, 20). 

STOan !önnte fid^ jeneS S33ort aneignen: ber ©l&riftuS ber ßüan* 
getien ift „ba§ transparent beS ßogoS", nur ba§ biefeS burd^* 
läffige STOittel nid^t eine nebelhafte Segenbe ift, fonbern ein greifbares 
SJfanneSleben, reid^ unb beftimmt, wenn aud^ furj unb fnapp be* 
meffen. S)aS ift freitidE) ju wenig für eine boöftänbige 95iograp]^ie 
3efu üon 9lajaretl§; aber eS ift genug für ?ßrebigt unb für S)ogmatiI, 
unb jwar für eine S)ogmatit gerabe bann, wenn fie bie bomigen 
gragen ber ßl^riftologie jurüdEfteöt unb bafür eine Kare unb 
tebenSöoüe ©oterotogie pflegt, eine (SlaubenStunbe üon ber ^ßerfon 
beS ^eilanbeS^). 

3ft unb bleibt bod^ baS ©ntfd^eibenbe für aüe bibfifd^en 
©d^itberungen ber boppelfeitige SluSgang biefeS ßebenS; baSjenige, 
tt)aS unfre SSäter fonberlid^ unb wol^I in ju toter Slbfonberung baS 
SSSerf unferS §erm nannten. SBir !önnen unb foöen bom neuen 
Xeftamente lernen, 5ßerfon unb SBerl jufammenjuf äffen, ©ein 
SBerf ift feine 5ßerfon in il^rer gefi^ii^ttid^-übergefi^ic^tüc^en SBir* 
fung; in betreff feiner bebarf man feiner Überfül^rung burd^ bie 
äJiittel ber gefd^id^tforfi^enben Äunft. ®S liegt einem jeben bor in 



1) @g fei gcftattet, l^icr auf meine „SSHffenfd^aft ber cj^riftüd^en Seilte*' 
6. 351 f. (©oteriologie 1. @t.) ^u öertoeifen. 



— 46 — 

bcr burd^ btc Sal^tl^unbertc l^inburd^jd^rcitenbcn Sitd)c, in bcm bc* 
Icnnenbcn SBort unb ßcben bcr Stüber, in bcm eignen tt)irfung§== 
häftigen ®Ianben, ben eben ®r il^m abgewonnen i)at S)aS Ieben§== 
öoö erfaßte S)ogma bom ^eilanb gett)ä]^rieiftet bergeftaß bie 
Subertäffigfeit be§ SBilbeS, bag ung bie bibtijc^e ?ßrebigt öon 3efu 
bem Sl^rift entgegenträgt. 

Unb braud^en »ir ntel^r? Unb ift bie ßrfenntnig je einen 
anbern SBeg gegangen? 

S33ir fafjen bie ©nmme unjerS ©laubenS, bie Summe ber 
neuteftamentlid^en Offenbarung gern in baö SBort jufammen: „®ott 
ift Siebe''. S33ann l^at man ba^ befennen gelernt? 3ixä)t bnx6) bie ^ßrebigt, 
toddi)t tjom 95erge am ©ee erfd^oö unb üon ben Soten burdö bie ©täbte 
SSraefe getragen tt)urbe, burd^ bie ?ßrebigt tjom Sieid^e ®otteg, fo üiel 
in il^r and^ baöon entl^alten ift; jenes buntte Silbmort füllte erft burd^ 
ßl^rifti Xl^un unb ©rieben feine öoöe S)eutung erl^alten. ,,S)arum greifet 
©Ott feine 2kht gegen un§, ba§ Sl^riftu§ für un§ geftorben iff' (3iöm. 
5, 8 bgl. 8, 32 — 39), erinnert ^ßauluö. Unb tt)ol^er Sol^anneö jene 
ßrfenntnis gewonnen, fagt er fel^r beutlfd^: „darinnen ftel^et bie 
Siebe: nid^t bafe mir ®ott geliebet l^aben, fonbern bafe er unS gc^ 
liebet l^at unb gefanbt feinen @ol§n jur ©ül^ne für unfre ©ünben. 
®aran l^aben tt)ir erfannt bie Siebe, ba§ er fein Seben für ung 
gelaffen l^at'' (l.So^. 4, 10; 3, 16) i). 

Sn bem gefd^id^tlid^en ©el^alt beö ?ßaulinifd^en S^mbolum 
1. Äor. 15, 3. 4, in bem SebenSauögange Sefu l^at (Sott in einer 
Sl^atenfprad^e gerebet, bie unöerioifi^fid^ geblieben ift. SJiefe %i)aU 
fad^en bebürfen feiner Urfunben, um unüergeffen ju bleiben, benn 
ba^ banibare SBelenntniS trägt fie burc^ bie Sal^rtaufenbe. 3a, für 
biefe Xl^atfad^en, nämlid^ für il^ren eigentlid^en ®el§alt, für il^ren 
bleibenben SBert lann eg gar feine gefd^idtjtlid^en Urfunben geben, 
fonbern nur 3^^9^i^ ^^^ ©lauben. 



1) Unb thtn ha^ fagt un^ ber ergreifenbe ^ngang ber ;8eiben^gefd^i(j^te 

3o]^. 13, 1, toenn man if)n lieft im »lid auf 15,13; 18, 8. 9. ©g ift 

auä^ mit anhtm gügen ebenfo. ^en (^el^orfam, ber unfern ^ileiS SS^r^el ift 
(aflöm. 5, 19), mißt ^auha an bem „bii8 jum %oht am Äreu^"; baß hai jener 
gottgefällige ©el^orfam fei, bafür finbet er ben ^eleg in ber ^rl^ö^ung unb 
il^rem S^efenntnig («ß^il. 2, 5—11). 



— 47 — 

Unb batuui: unfern (Stauben an ben ^eilanb »ecft unb trägt 
bie furje unb bünbige apoftoKfd^e SBerlünbtgung t)on bem erl^öl^ten 
©efreujigten. Qnm gläubigen SBerfel^r aber mit unferm ^cilanbe 
^ilft ung bie ßrinnerung feiner 3ünger, bie fid^ im (Stauben il^nen 
einprägte, bie fein (Seift in il^nen erneute unb Karte, bie fie atö 
ben pd^ften ©d^a^ il^reg Sebeng öererbten. Unb im SBerfel^re mit 
il^m burd^ fein biblifd^eg 85itb »erben »ir jur greil^eit ber Äinber 
(SotteS erjogen, bereu ^erjblatt bag befd^ämte, jagl^afte unb bod^ 
aufrid^tige 95elenntnig bleibt: „§err, bu toeifet aße S)inge; bu toei^t, 
ba| id^ bid^ lieb l^abe". 



3nt)aii 



®eite 

1. 2)er fogenannte l^iftorifd^e JJcfug ift für bie SBiffcnfd^aft nad) htm 

Tta^ftaht mobemer ^iogro^l^ie ein unlöiSbared Problem; benn bie 
borl^anbenen OueQen teid^en nid^t avS unb bie erfe^enbe Ihtnft ift 
biefem ^robfeme nid^t getoad^fen 4 

2. ^er gefd^id^tUd^e S^l^rifhtiS ift ber geglaubte unb geprebigte (^xi^i, 

hca gfeifd^ geiDotbene SBort 14 

3. 2)er ©laube an ben e:i^riftu3 ber öibel ift nid^t ^tutoritätgglaube; 

tofil^renb er ftd^ irgenbtoie burd^ bie ^\btl t)ermittelt, mirb er ^um 
entfd^benben ®runbe für baS SSertrauen p il^r 22 

4. ^ad btblifd^ iBilb ift ber t)on il^nt felbft eräugte ^brudt bed ge« 

fd^id^tlid^en @:^rifhtö, toit er burd^ haS SSHrlen be^ l^eüigen (^eifteiS 
fid^ öennittefte 38 

5. ^er biblifd^e nvb alfo and) ber gefd^id^tUd^e Sll^riftuS ift ber offenbare 

®ott in feiner erlöfenben ^anblung 42 



S)ru(C \>on OScat Staubftetter in Sei))ii0. 




3 2044 023 363 864 



•^