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D 20 720 E 






f 





September 1974 • 100. Jahrgang • Nummer 9 





Inspirierende Worte 



Bevor wir am 

Abendmahl 

teilnehmen... 

Bevor wir am Abendmahl teil- 
nehmen, sollen unser Herz und 
unsere Hände rein sein. Wir 
sollen all unsere Feindselig- 
keiten gegenüber unseren Mit- 
menschen begraben haben und 
in Frieden mit ihnen leben. Wir 
sollen in uns den Wunsch 
tragen, den Willen des Vaters 
im Himmel zu tun und alle seine 
Gebote zu befolgen. Wenn wir 
das tun, wird uns die Teilnahme 
am Abendmahl zum Segen ge- 
reichen und uns mit neuer gei- 
stiger Kraft beseelen. 

- George Albert Smith 
geb. am 4. April 1870 
gest. am 8. April 1951 
Achter Präsident der Kirche 



INHALTSVERZEICHNIS 

Inspirierende Worte. George Albert Smith 354 

„Du sollst dem Herrn, deinem Gott, in allen Dingen danken." 

Marion G. Romney 356 

Von Mose bis Maleachi. Edward J. Brandt 359 

Der Ursprung der Schrift. Hugh Nibley 364 

Fragen und Antworten. Richard Lloyd Anderson 367 

Die Mission des Mose. Sidney B. Sperry 368 

Außergewöhnliche Begebenheiten aus dem Leben unserer 

Apostel : Orson F. Whitney 372 

Fragen und Antworten. LeGrand Richards und Vaughn J. 

Featherstone 375 

Pläne für ein erfülltes Leben. Spencer W. Kimball 378 

Statistischer Bericht 382 

„Seid rein, die ihr die Gefäße des Herrn traget!" Marion G. 

Romney 383 

Vom Herrn erwählt. N. Eldon Tanner 386 

Neue Generalautoritäten: L. Tom Perry, J. Thomas Fyans, 

Neal A. Maxwell 390 

DER kleine STERN 

Freunde in Norwegen 65 

Ein Junge und ein Vogel. Grace M. Pratt 66 

Das macht Spaß 69 

Von Freund zu Freund. Spencer W. Kimball 70 

Rätsel 72 



Veröffentlichung der Kirche Jesu Christi 

der Heiligen der Letzten Tage 

für die deutschsprachigen Pfähle und 

Missionen 

D-6000 Frankfurt 50, Postfach 501070 

September 1974 

100. Jahrgang • Nummer 9 

Erste Präsidentschaft 

Spencer W. Kimball 
N. Eldon Tanner 
Marion G. Romney 

Rat der Zwölf 

Ezra Taft Benson, Präsident 

Mark E. Petersen, Delbert L. Stapley, 

LeGrand Richards, Hugh B. Brown, 

Howard W. Hunter, Gordon B. Hinckley, 

Thomas S. Monson, Boyd K. Packer, 

Marvin J. Ashton, Bruce R. McConkie 

L. Tom Perry 

Beratendes Komitee 

J. Thomas Fyans, Daniel H. Ludlow, 

John E. Carr, Doyle L. Green 

Redaktion 

Larry A. Hiller 

Klaus Günther Genge, Koordinator 

Layout 

Verlag Kirche Jesu Christi 

der Heiligen der Letzten Tage 

Druck 

Paul Giese KG, Offenbach/Main 

Bestellungen nehmen die Sternagenten 
in den Gemeinden oder der Verlag 
entgegen. DER STERN erscheint monat- 
lich und kostet pro Jahr DM 15,— 
sfr. 16.50, öS 100-, Übersee $ 5.00 
Überweisungen bitte an: Kirche Jesu 
Christi der Heiligen der Letzten Tage, 
Sonderkonto Verlag, Postscheckkonto 
Frankfurt 6453-604. 

Artikel und Beiträge zum Textteil 

adressieren Sie bitte an die Anschrift des 
Verlages mit dem Hinweis 
„Übersetzungsabteilung". 
Eine Rücksendung erfolgt nur, wenn ein 
vollständig adressierter Rücksende- 
umschlag bei liegt. 

© 1974 by the Corporation of the 
President of The Church of Jesus Christ 
of Latter-day Saints 



355 



„Du sollst 

dem Herrn, 

deinem 

Gott, 

in allen Dingen 

danken" 



MARION G. ROMNEY 

Zweiter Ratgeber des Präsidenten 

der Kirche 




Dankbarkeit ist definiert worden 
als ,,eine Empfindung dankbarer An- 
erkennung für Gefälligkeiten, die wir 
empfangen haben". Es ist das 
Kennzeichen einer edlen Seele. 

„Cicero nennt Dankbarkeit die 
Mutter guter Eigenschaften, die 
größte aller Pflichten, und verwen- 
det die Worte , dankbar' und ,gut' 
gleichbedeutend, als unzertrennbar 
vereint in ein und demselben Charak- 
ter. — Bates 1 ." 

Große Seelen sind für einfache 
Gefälligkeiten zutiefst dankbar. 
Beachten Sie, wie die Seele des Pro- 
pheten Joseph Smith auf einige 
Briefe reagierte, die er erhielt, als er 
sich im Gefängnis zu Liberty auf- 
hielt. 

„Gestern abend erhielten wir ein 

paar Briefe: einen von Emma, einen 

von Don Carlos Smith und einen von 
Bischof Edward Partridge — , und 
aus allen ging ein tröstender Geist 
hervor. Wir freuten uns sehr über 
ihren Inhalt. Lange Zeit hatten wir 
ohne Nachricht verbracht; und als 
wir diese Briefe lasen, waren sie so 
erfrischend für unsere Seele wie ein 
milder Luftzug. Doch in unsere 
Freude mischte sich Kummer, als 
wir lasen, wie die armen und sehr 
geschädigten Heiligen leiden müs- 
sen. Wir brauchen euch sicher nicht 
zu sagen, daß unser Herz vor Mit- 
leid überströmte und unsere Augen 
Quellen von Tränen waren. Aber die 
noch nicht hinter Kerkerwänden 
gesessen haben, ohne daß man sich 
etwas hat zuschulden kommen 
lassen, können kaum ermessen, wie 
süß die Stimme eines Freundes ist: 



ein Zeichen der Freundschaft, aus 
welcher Quelle es auch kommen 
mag, erweckt und erregt alle teil- 
nahmsvollen Gefühle; sie ruft einem 
alles ins Gedächtnis zurück, was 
geschehen ist; sie bemächtigt sich 
der Gegenwart mit Blitzesschnelle; 
mit dem Ungestüm eines Tigers 
greift sie nach der Zukunft; und sie 
bewegt den Sinn vorwärts und rück- 
wärts, von einem zum andern, bis 
schließlich alle Feindseligkeit, aller 
Groll und aller Haß sowie frühere 
Differenzen, Mißverständnisse und 
Mißwirtschaften durch siegreiche 
Hoffnung erschlagen werden 2 ." 

Wir sollen für alle Gefälligkeiten, 
die wir empfangen, dankbar sein und 
uns erkenntlich erweisen — und 
wir empfangen gewiß viele. Haupt- 
sächlich richten wir aber unsern 
Dank, und das sollten wir auch, an 
Gott, unseren Vater im Himmel, und 
an seinen Sohn, Jesus Christus, 
unseren Herrn und Heiland. 

„Erkennet, daß der HERR Gott 
ist!" sang der Psalmist. 

„Gehet zu seinen Toren ein mit 
Danken, zu seinen Vorhöfen mit 
Loben; danket ihm, lobet seinen 
Namen 3 !" 

„Und nun, meine geliebten Brü- 
der", sagte Amulek zu den Zora- 
miten, „wünsche ich, daß ihr ... 
Gott ... anbetet, daß ihr für die vielen 
Gnadengaben und Segnungen, 
die er euch verleiht, täglich euern 
Dank darbringt 1" 

„O wie ... solltet ihr ... eurem 
himmlischen König danken!" sagte 
König Benjamin zu seinen Brüdern. 



356 



, .[Bringt] allen Dank und alles 
Lob, dessen eure Seele mächtig ist, 
dem Gott dar ..., der euch erschaf- 
fen, erhalten und bewahrt hat, der 
da macht, daß ihr euch freut, und 
gestattet, daß ihr in Frieden mitein- 
anderlebt 5 ..." 

Wir stehen Jesus Christus gegen- 
über in einer unvergänglichen Dan- 
kesschuld, denn er hat uns sehr 
teuer erkauft. Es ist uns schwachen, 
sterblichen Menschen, die wir doch 
sind, unmöglich, voll das Leiden zu 
begreifen und zu schätzen, das er 
am Kreuz erduldete, damit er für uns 
den Sieg über den Tod davontrüge. 
Noch viel weniger können wir das 
Leiden verstehen, das er in Gethse- 
mane ertrug, auf daß wir Vergebung 
unserer Sünden erlangen, welches 
nach seinen Worten „mich, selbst 
Gott, den Größten von allen, der 
Schmerzen wegen erzittern machte, 
so daß ich aus jeder Pore bluten und 
im Körper und Geist leiden mußte 
und wünschte, den bittern Kelch 
nichttrinken zu brauchen undzurück- 
schreckte 6 ". Ich behaupte, daß wir 
dieses Leiden kaum begreifen kön- 
nen, welches er ertrug, um die For- 
derungen der Gerechtigkeit zu er- 
füllen und das zustande zu bringen, 
wodurch wir, indem wir an ihn 
glauben und Buße tun, Vergebung 
unserer Sünden erlangen können. 

Keiner von uns hätte dies Leiden 
ertragen können. Kein Sterblicher, 
noch mehrere Sterbliche zusam- 
men, hätte dies erdulden können. 

Kein andrer war dazu bereit, 
sein Opfer mußt es sein. 



Jetzt finden wir die Ewigkeit 
und gehn zum Himmel ein 7 . 

Zweifellos wird jeder Mensch, der 
das begreift, was der Heiland für uns 
getan hat, ihn lieben und den 
Wunsch haben, seinen Dank auf 
realistische Weise zu zeigen. 

Im 59. Abschnitt des Buches 
, Lehre und Bündnisse' steht eine 
Offenbarung, in der uns der Herr im 
einzelnen sagt, wie wir das tun kön- 
nen. 

Die besagte Offenbarung empfing 
der Prophet Joseph Smith am 7. 
August 1931 in Independence im 
Staate Missouri. Die Heiligen fingen 
damals gerade an, sich in Zion zu 
sammeln. Das Land und das Grund- 
stück, auf dem der Tempel erbaut 
werden sollte, waren geweiht wor- 
den. 

Der Herr eröffnete die Offenba- 
rung mit folgenden Worten : 

„Gesegnet sind die, die ... mit 
einem lauteren Sinn für meine Ehre 
in dieses Land heraufgezogen sind. 

Ja, gesegnet sind die, deren Füße 
auf dem Lande Zion stehen und die 
meinem Evangelium gehorcht 
haben, denn als Belohnung wer- 
den sie die guten Dinge dieser Erde 
empfangen, und sie wird mit ihrer 
ganzen Kraft hervorbringen. 

Sie werden aber auch mit Segnun- 
gen aus der Höhe gekrönt werden, 
ja, mit nicht wenigen Geboten und 
Offenbarungen zu ihrer Zeit — ja 
alle, die getreu und fleißig vor mir 
sind. 

Darum gebe ich ihnen ein Gebot 
und sage: Du sollst den Herrn, 



deinen Gott, lieben mit deinem gan- 
zen Herzen, mit all deiner Kraft, von 
ganzem Gemüte und mit deiner 
ganzen Stärke, und sollst ihm im 
Namen Jesu Christi dienen. 

Du sollst deinen Nächsten lieben 
wie dich selbst. Du sollst nicht 
stehlen, auch nicht ehebrechen oder 
töten, noch irgendetwas Ähnliches 
tun 8 ." 

Der Herr fügte dann durch Gebot 
unser Thema hinzu: ,, Du sollst dem 
Herrn, deinem Gott, in allen Dingen 
danken 9 " 

Darauf folgten zwei Gebote. Indem 
die Heiligen sie hielten, konnten sie 
dem Herrn ihre Dankbarkeit er- 
weisen, wie es ihm recht ist; auch 
wir heute können und sollen dies 
tun. 

Diese Gebote sind: 

Erstens: „Du sollst dem Herrn, 
deinem Gott, in Gerechtigkeit ein 
Opfer darbringen, ja, das eines 
gebrochenen Herzens und zer- 
knirschten Geistes." 

Und zweitens: „Um dich noch 
völliger von der Welt unbefleckt zu 
halten, sollst du zum Hause des 
Gebets gehen, am Abendmahl teil- 
nehmen und deine Gelübde an 
meinem heiligen Tage darbringen. 

Denn wahrlich, dies ist der Tag, 
für dich zur Ruhe von deiner Arbeit 
bestimmt, und damit du dem Aller- 
höchsten deine Verehrung bezeu- 
gest. 

Dessenungeachtet sollen deine 
Gelübde jeden Tag und zu allen 
Zeiten in Gerechtigkeit dargebracht 
werden. 



357 



Bedenke aber, daß an diesem, 
dem Tag des Herrn, du dem Aller- 
höchsten deine Gaben und heiligen 
Gelübde darbringen und deine Sün- 
den vor deinen Brüdern und dem 
Herrn bekennen sollst. 

An diesem Tage aber sollst du 
nichts tun als mit lauterem Herzen 
deine Speise bereiten, damit dein 
Fasten vollkommen sei, oder mit 
anderen Worten, damit deine Freude 
vollkommen sei. 

Wahrlich, das ist Fasten und 
Gebet oder mit anderen Worten, 
Freude und Gebet. 

Und wenn ihr diese Dinge mit 
Danksagung und fröhlichem Herzen 
und Angesicht tut — nicht mit 
vielem Gelächter, denn das ist 
Sünde, sondern mit freudigem Her- 
zen und fröhlichem Angesicht — , 

so wird die Fülle dieser Erde euer 
sein ... 

Und es gefällt dem Herrn, daß er 
dem Menschen alle diese Dinge 
gegeben hat ... 

Und in nichts beleidigt der Mensch 
Gott, und gegen niemand ist des 
Herrn Zorn entflammt als gegen 
solche, die nicht in allen Dingen 
seine Hand anerkennen und die 
seinen Geboten nicht gehorchen. 

... lernet, daß wer die Werke der 
Gerechtigkeit tut, seine Belohnung 
empfangen wird, nämlich Frieden in 
dieser Welt und ewiges Leben in der 
zukünftigen 10 ." 

Wenn wir Ohren haben, um zu 
hören, und wenn wir den Herrn lie- 
ben, so werden wir diesen Geboten 
Beachtung schenken und dem Herrn, 
unserem Gott, danken, indem wir sie 
so halten, wie er es vorgeschrieben 
hat. Er hat gesagt: 

,,Wenn du mich liebst, so wirst du 
mir dienen und alle meine Gebote 
halten 11 ." 




London, April 1974 

Wolfgang Pilz aus Darmstadt, 
Westdeutsche Mission, und Klaus 
Feichtenberger aus Graz, österrei- 
chische Mission, erfüllen ihre Mis- 
sion gemeinsam mit Brüdern und 
Schwestern aus Finnland, Schwe- 
den, Norwegen, Dänemark, Groß- 
britannien, Irland, den Niederlanden, 
Belgien, Frankreich, Deutschland, 
Österreich, der Schweiz, Kanada, 
den USA und Südafrika. Die „Eng- 
land East Mission" mit ihrem Haupt- 
sitz in London ist wohl die interna- 
tionalste Mission der Kirche. Im 
Laufe von 18 Monaten hatten Klaus 
Feichtenberger und Wolfgang Pilz 
Gelegenheit, mit Missionaren aus 
diesen 15 Ländern zusammenzuar- 
beiten. Seit drei Monaten bilden die 
beiden das wahrscheinlich erste 
europäische Zonenleiterpaar ihrer 
Mission und leiten die Aktivitäten 
der 32 Missionare in ihrer Zone. 
Bruder Pilz stammt aus einer der 
ältesten HLT-Familien in Deutsch- 
land. Bruder Feichtenberger ist der 
erste Vollzeitmissionar aus der Ge- 



meinde Graz; seine Familie wurde 
von Missionaren bekehrt. „Wir fin- 
den Freude und Erfüllung, indem 
wir den Menschen in England die 
Botschaft von der Wiederherstellung 
des Evangeliums bringen", meint 
Bruder Feichtenberger. 

Vor nicht allzu langer Zeit wurde 
in ihrer Mission ein neues Arbeits- 
gebiet eröffnet: Bruder Pilz und Bru- 
der Feichtenberger konzentrieren 
sich in ihrer Arbeit erstmals beson- 
ders auf Persönlichkeiten des öf- 
fentlichen Lebens, auf Leiter grö- 
ßerer Firmen und Bankdirektoren. 
Bruder Pilz sagt dazu: „Wir glau- 
ben, wir erfüllen jetzt eine Prophe- 
zeiung, die Joseph Smith erhalten 
hat: 

'Was ich euch gesagt habe, muß 
notwendigerweise geschehen, da- 
mit niemand eine Entschuldigung 
habe, 

und daß weise Männer und Re- 
gierer das hören und erfahren, was 
sie nie gedacht haben (LuB 101:93, 
94.' " 



1) „The New Dictionary of Thoughts". 2) DHC, 
3:293. 3) Ps. 100:3, 4. 4) AI. 34:37, 38. 5) Mo- 
siah2:19, 20. 6) LuB 19:18. 7) Gesangbuch, Nr. 
78. 8) LuB 59:1, 3-6. 9) LuB 59:7. 10) LuB 59:8- 
16,20-23. 11) LuB 42: 29. 




358 



Ein Geschichtsüberblick: 



Von 



moses 



bis 



nn-meaeßs 



EDWARD J. BRANDT 

Abteilung fürSeminare und Religionsinstitute 



Was ist das Alte Testament, und 
was enthält es? Wie kann ein Bericht 
über Ereignisse, die sich vor so 
langer Zeit zugetragen haben, heute 
noch von Bedeutung sein? Was für 
einen Wert hat dieses Buch für 
Heilige der Letzten Tage? Für viele 
stellt allein der enorme Umfang des 
Buches ein unüberwindbares 
Hindernis dar. Für andere wiederum 
ist die Vielzahl seiner Bücher ein 
unlösbares Puzzlespiel. 

Richtig gesehen, ist das Alte 
Testament jedoch eine wertvolle 
Sammlung heiliger Schriften. 
Sie bietet einen Überblick über die 
Geschichte des Gottesvolkes von 
der Zeit der Schöpfung bis kurz vor 
dem Kommen Christi in der Mitte der 
Zeiten. Das Buch enthält zwar nicht 
eine detaillierte Aufstellung ge- 
schichtlicher Daten, dafür legt es 
aber Zeugnis darüber ab, daß Gott 
über das Schicksal der Menschheit 
wacht. Ferner berichtet es von wich- 
tigen Ereignissen in der Geschichte 
des Hauses Israel. Zweck des Alten 
Testaments ist es, Berichte, Zeug- 
nisse und Prophezeiungen zu be- 
wahren, welche die Grundsätze und 
Wahrheiten des Evangeliums und 
seine Bündnisse lehren. 

Das Alte Testament handelt von 
fünf Evangeliumszeiten oder Zeitab- 
schnitten der Offenbarungen und 
Bündnisse. Die Evangeliumszeit 



Adams, die Enochs, die Noahs und 
die Abrahams erscheinen nur in ab- 
gekürzter Fassung, in der nur be- 
stimmte Ereignisse wiedergegeben 
werden. Diese vier Evangeliums- 
zeiten sind alle im ersten Buch Mose 
zusammengefaßt, wovon allein 80 
Prozent der Evangeliumszeit Abra- 
hams und der Gründung des Bun- 
desvolkes Israel gewidmet sind. 

Mehr als 90 Prozent des Alten 
Testaments sind einem ausführlichen 
Bericht überdie fünfte Evangeliums- 
zeit, nämlich der des Mose, ge- 
widmet. Dieser Zeitabschnitt be- 
ginnt mit der Gefangenschaft der 
Israeliten in Ägypten und endet mit 
dem Volk Juda im Gelobten Land als 
Provinz des persischen Reiches. 
Geschichtlich gesehen kann dieser 
Teil des Alten Testaments in neun 
Hauptabschnitte gegliedert werden, 
wovon jeder Abschnitt einen Teil 
der Geschichte dieses Buches aus- 
macht. 

Zuerst einmal ist da die Epoche 
des Mose. Sie beginnt mit einem 
kurzen Bericht über die Kindheit 
des Propheten. Das zweite bis fünfte 
Buch Mose berichtet von den Prü- 
fungen und Segnungen und dem Ge- 
horsam und Ungehorsam der Kinder 
Israel, von ihrer Gefangenschaft in 
Ägypten sowie ihrer Zeit der Vor- 
bereitung darauf, das Gelobte Land 
zu betreten. In diesem 120jährigen 



Zeitabschnitt treten Mose, Aaron, 
Miriam, Jethro und Josua als 
Hauptpersonen in Erscheinung. 

Die Bündnisse, Gebote und Ver- 
ordnungen, die der Herr in dieser 
Zeit offenbart hat, sind sehr aus- 
führlich beschrieben und aufgeführt. 
In den Aufzeichnungen ist die gedul- 
dige Fürsorge des Herrn um seine 
Kinder sehr gut beschrieben, wie er 
bemüht ist, ihnen gemäß ihrem Ge- 
horsam ihm und seinen Propheten 
gegenüber die Segnungen seines 
Reiches zu gewähren. 

Als nächstes folgt die Zeitspanne 
der Eroberung des Landes Kanaan, 
wie sie im Buch Josua zusammenge- 
faßt ist. Dort können wir von der 
wunderbaren Überquerung des 
Jordans und den folgenden Feld- 
zügen der Israeliten lesen, die sie 
geführt haben, um sich das Land des 
Erbteils zu sichern. Gegen Ende 
dieses Zeitabschnitts, so erfahren 
wir, haben sich die Israeliten in 
einem gewissen Zustand des Abfalls 
vom Glauben befunden, weil sie die 
Gebote des Herrn nicht ernst ge- 
nommen haben. 

Der Bericht über das Zeitalter der 
Richter liegt in einer abgekürzten 
Form vor, im Buch der Richter. Da 
die Israeliten in dieser Zeit, die sich 
über mehrere Jahrzehnte erstreckte, 
den Bund mit dem Herrn brachen, 
blieben sie sich im Gelobten Land 



359 



selbst überlassen, und der Herr half 
ihnen nicht, sich von den anderen 
Völkern unabhängig zu machen 1 . 
Ohne einen König oder Propheten 
tat jeder, „was ihn recht dünkte 2 ". 

Je nach den Umständen und Er- 
fordernissen berief der Herr Richter, 
die in den Angelegenheiten der 
Stämme eingriffen. Andere Männer 
traten in Erscheinung und maßten 
sich das Recht an, aus Profit- und 
Machtgründen unter dem Volk zu 
richten. Einige taten dies innerhalb 
ihres eigenen Stammes, andere 
waren Richter über eine Region, die 
mehrere Stämme umfaßte. 

Nur von acht der fünfzehn Richter, 
die in dem gleichnamigen Buch 
erwähnt werden, gibt es einen Be- 
richt über ihre Zeit als Richter. De- 
bora und Gideon waren beispiels- 
weise gerechte Richter, die berufen 
worden waren, ihrem Volk zu helfen. 
Abimelech hingegen war ein böser 
Mensch, der darauf bedacht war, 
Macht an sich zu reißen. Über Sam- 
son wird berichtet, daß er dem 
Herrn hingebungsvoll gedient, aber 
schließlich doch versagt hat, seine 
Aufgabe rechtschaffen zu erfüllen. 
In diese Zeitspanne des Alten Testa- 
ments fällt auch der Bericht von 
Ruth. Ruth, die eine bekehrte 
Moabiterin war, war die Großmutter 
Davids und eine direkte Vorfahrin 
Jesu Christi. 

Das Zeitalter der Richter endet mit 
einem Bericht über Eli, dem Priester 
und Richter, und Samuel, der zum 
Priester, Richter und schließlich 
zum Propheten für ganz Israel be- 
rufen wurde. Das Volk Israel war 
aber nicht bereit, das Reich Gottes 
anzunehmen. Es lehnte den Prophe- 
ten Samuel ab, den es doch so not- 
wendig brauchte, und wollte einen 
König, wie ihn die anderen Völker 
der Welt hatten. 

Der verbleibende Teil des ersten 
Buches Samuel berichtet über den 
vierten Abschnitt der Evangeliums- 
zeit des Mose, und zwar über die 
Regierungszeit Sauls. Die vierzig- 
jährige Regentschaft des ersten 
Königs des Volkes Israel ist die 
Geschichte vom Aufstieg eines 

360 



demütigen Mannes, der als stolzer 
und mißtrauischer König gestorben 
ist, der seine Aufgabe mißachtet hat 
und schließlich vom Herrn verlassen 
worden ist. Ein anderer tritt an 
Sauls Stelle und wird zum König 
gesalbt, David. Seine Erlebnisse als 
Sieger über Goliath und als wahrer 
Bruder Jonathans machen einige der 
klassischen Geschichten der Schrift 
aus. 

Das zweite Buch Samuel enthält 
die nächste bedeutsame Zeitspanne 
- die Regierung Davids. Sieben Jahre 
lang regierte David als Stammes- 
oberhaupt von Juda, und dann, als 
er die Unterstützung aller Israeliten 
gewann, regierte er als zweiter König 
über das Volk des Herrn. David ver- 
einigte das Volk und machte Jeru- 
salem zur Hauptstadt Israels. Auf 
dem Höhepunkt seiner Laufbahn gab 
er der Versuchung und Leidenschaft 
nach und wurde schließlich sogar 
zum Mörder. Wie der Prophet Nathan 
vorhergesagt hatte, folgte eine trau- 
rige Zeit für David und seine Familie. 
Wenn auch nicht ohne Hoffnung auf 
eine schließliche Erlösung, so en- 
dete die Regierungszeit Davids doch 
noch mehr oder weniger tragisch. 

Das goldene Zeitalter des Volkes 
Israel unter der Herrschaft Salomos, 
des Sohnes Davids, bildet das 
nächste Kapitel in der Geschichte 
des Alten Testaments. In der ersten 
Hälfte des ersten Buches der Könige 
wird einiges von den Erfolgen und 
Fehlern Salomos berichtet. Er er- 
richtete und weihte den ersten 
Tempel des Volkes Israel. In dieser 
Zeit des Wachstums und der Vor- 
rangstellung unter den Völkern wur- 
den in Israel Paläste, Regierungsge- 
bäude und militärische Anlagen er- 
richtet. 

Der Handel gedieh und die wirt- 
schaftliche Macht Israels wurde sehr 
groß, deshalb wurde auch der 
Einfluß von außen immer größer. 
Politische Zugeständnisse und Ver- 
träge durch Heirat zwischen den 
einzelnen Königshäusern säten den 
Samen für den Niedergang Salomos 
in der Gunst des Herrn und für die 



Teilung und den Untergang des 
Volkes. 

Nach dem Tode Salomos begann 
das Zeitalter des geteilten König- 
reichs. Der zweite Teil des ersten 
Buches der Könige und das ganze 
zweite Buch berichten über den all- 
mählichen Niedergang der geteil- 
ten Nation. Aus dem Machtkampf, 
der nach dem Tode Salomos unter 
den Israeliten einsetzte, gingen zwei 
Königreiche hervor. Der Stamm Juda 
bildete mit den assimilierten Simeo- 
nitern und einer Hälfte des Stammes 
Benjamin das Südreich, das soge- 
nannte Reich Juda. Die anderen 
zehneinhalb Stämme im Norden 
gründeten das sogenannte König- 
reich Israel. Manchmal wurde es 
auch das Reich Ephraim genannt, 
und zwar nach dem Stamm, der 
unter den anderen Stämmen eine 
Vorrangstellung hinsichtlich der 
Führung des Reiches übernommen 
hatte. 

Dem Leser dieses Teils des Alten 
Testaments fällt es schwer, den 
Überblick zu behalten, denn einmal 




befaßt sich die Schrift mit dem einen 
Reich, ein anderes Mal mit dem an- 
deren Reich. Auch zeitliche Ver- 
schiebungen gibt es in den Auf- 
zeichnungen, da nur bedeutsame Er- 
eignisse im Leben einiger weniger 
Könige in der Schrift enthalten sind. 
Der Bericht über das Nordreich um- 
faßt einen Zeitraum von 200 Jahren. 
Während dieser Zeit haben ungefähr 
20 Könige regiert. Einige von ihnen 
nur wenige Monate, während andere 
viele Jahre das Land regierten. Unter 
ihnen sind Jerobeam, Ahab, Jehu 
und Hosea die bekanntesten. 

Unter den Propheten, die der Herr 
erweckte, befanden sich Elia, Elisa, 
Arnos und Hosea. Von der Gründung 
bis zum Fall dieses Reiches waren 
seine Einwohner abgöttisch und un- 
moralisch. Sie lagen ständig mit 
dem Reich Juda oder einem ihrer 
Nachbarn im Krieg. Im Jahre 722 v. 
Chr. machten die Assyrer diesem 
Treiben ein Ende. Sie unterwarfen 
das Reich Israel und führten nahezu 
die gesamte Bevölkerung der nörd- 
lichen Stämme in Gefangenschaft. 




Durch ihre spätere Flucht aus der 
Gefangenschaft und ihren Zug in 
unbekannte nördliche Regionen 
wurden sie die verlorenen Stämme 
Israels. 

Das Reich Juda bestand ver- 
gleichsweise etwa 350 Jahre. In 
dieser Zeit regierten 21 Könige. 
Rehabeam, der Sohn Salomos, 
nahm als erster den Thron Judas ein. 
Asa, Josaphat, Amazja, Hiskia, 
Josia und Zedekia sind die bekann- 
testen Könige, die Rehabeam 
folgten. Die Propheten Joel, Jesaja, 
Micha und Jeremia waren einige von 
denen, die der Herr in Juda zum 
Dienst berufen hatte. 

Götzendienst und Unmoral waren 
es wahrscheinlich, die den Unter- 
gang des Südreiches verursacht 
hatten. Aber es gab in dieser Zeit 
auch einige rechtschaffene Könige, 
die mit starker Hand regierten. Sie 
wirkten dem gänzlichen Verfall des 
Volkes entgegen, und es gelang 
ihnen etliches zu verändern. Im 
Jahre 587 v. Chr. — damals regierte 
König Zedekia — verursachte die 
Verderbtheit des Volkes schließlich 
die Zerstörung Jerusalems. Das Volk 
Juda wurde in die Babylonische Ge- 
fangenschaft geführt. 

Hinweis: Die beiden Bücher der 
Chronik bilden in erster Linie eine 
Parallele zu dem Bericht in 2. Samuel 
und im 1. und 2. Buch der Könige. 
Vieles, was in den Büchern der 
Chronik enthalten ist, stellt aber 
auch eine Ergänzung zu diesen 
Büchern dar. 

Die Überführung der Juden nach 
Babylonien begann im achten Zeit- 
abschnitt der Evangeliumszeit des 
Mose. Die Aufzeichnungen des 
Alten Testaments über diese Zeit 
sind sehr unvollständig. Nur durch 
die Aufzeichnungen der Propheten 
Hesekiel und Daniel und der Königin 
Esther erfahren wir einiges über 
die Gefangenschaft der Juden. 

In den darauffolgenden Jahren 
übernahmen die Perser die Herr- 
schaft über Juda. Der persische 
König Cyrus entließ die Juden 
wieder ins Land der Verheißung. 
Damit wurde sozusagen das letzte 



Kapitel in der Geschichte des Alten 
Testaments aufgeschlagen. Esra, 
der Berichtsschreiber, und Nehemia, 
der berufene Regent seines Volkes, 
berichten über die Mühen der Wie- 
derherstellung dieses Volkes. 

Mit der Hilfe der Propheten 
Haggai und Sacharja errichtete das 
Volk Juda zuerst den Tempel wieder. 
Anschließend machte man sich an 
die Arbeit, Jerusalem und das Land 
wieder aufzubauen. Der letzte Be- 
richt über das Volk Juda im Alten 
Testament enthält die Warnungen 
des letzten Propheten, Maleachi, der 
die Worte der Propheten, die ihm 
vorangegangen waren, wiederholte. 
Doch das Volk Juda wandte sich 
vom Glauben ab, wie später der Herr 
selbst erfahren sollte. 

Die Evangeliumszeit des Mose 
umfaßt nahezu 1000 Jahre. Der 
Grund dafür, daß diese Zeit nach 
Mose benannt worden ist, liegt 
darin, daß der offenbarte Bund und 
das Gesetz Gottes an sein Volk das 
Gesetz des Mose war, nämlich der 
„Zuchtmeister 3 ", dessen heilige 
Handlungen und Verordnungen 
Israel zu Christus bringen sollten. 
Die Widersetzlichkeit der Israeliten 
gegen den Herrn war ausschlag- 
gebend dafür, daß siedieSegnungen 
und Vorteile des Gesetzes verloren. 
Die Erfahrungen und Erlebnisse und 
die offenbarten Worte der Propheten 
verbleiben als ein Zeugnis dafür, 
wie wichtig gerechte Prinzipien sind. 

Über den Wert des Alten Testa- 
ments schrieb Nephi, wie er in einer 
Vision unterwiesen wurde: ,,Das 
Buch ... ist ein Bericht der Juden, 
der die Bündnisse des Herrn ent- 
hält, die er mit dem Haus Israel ge- 
schlossen hat; und es enthält auch 
viele Prophezeiungen der heiligen 
Propheten, und es ist ein Bericht, 
gleich wie die Gravierungen auf den 
Messingplatten, nur daß deren nicht 
so viele sind; aber sie enthalten die 
Bündnisse des Herrn, die er mit dem 
Hause Israel geschlossen hatte; 
daher sind sie von großem Wert 4 ." 



1) Siehe Richter 2:20-23. 2) Richter 17:6; siehe 
auch 21:25. 3) Galater3:24. 4) 1 . Nephi 13:23. 



361 



Bueß 



um 



BUCH 



Vom 2. Buch Mose bis Maleachi 




rh& 



m 



Das 2. Buch Mose ist ein Bericht über die Knecht- 
schaft der Kinder Israel in Ägypten, ihre Befreiung und 
ihre Reise durch Sinai. Einige Geschehnisse während 
ihres 18monatigen Haltes werden auch beschrieben. 
Jehova offenbart Gesetze, Verordnungen und das Prie- 
stertum. Die.Stiftshütte wird gebaut. 

Das 3. Buch Mose enthält die religiösen und zivilen 
Gesetzessammlungen, die heiligen Handlungen des 
Priestertums, religiöse Riten und Anweisungen für die 
Kinder Israel. In diesem Buch wird ferner beschrieben, 
wie das System des Opferns und der Festtage des 
mosaischen Gesetzes eingeführt wird. 

Das 4. Buch Mose enthält den einzigen Bericht vom 
Zug der Israeliten von Sinai nach dem Lande Kanaan. 
Das Buch beschreibt die Vorbereitungen dafür und den 
eigentlichen Zug zum verheißenen Land. Aufruhr an 
den Grenzen Kanaans sind auf den vierzigjährigen 
Aufenthalt in der Wüste zurückzuführen. Diese 
Vorkommnisse werden eigentlich nur kurz erwähnt. Der 
Bericht schließt mit der Ankunft des Volkes Israel am 
Jordan, das bereit ist, das verheißene Land zu betreten. 

Das 5. Buch Mose ist eine Wiederholung und Erwei- 
terung der Gesetze und enthält die letzten Reden Mose 
an sein Volk. Ferner enthält das Buch einen Teil der 
Geschichte der vergangenen 40 Jahre; es wiederholt 
viele Gesetze, Gebote, religiöse Feste und Verordnun- 
gen. Schließlich sind in dem Buch auch noch prophe- 
tische Äußerungen über Israels zukünftiges Schicksal 
zu finden. 

Das Buch Josua erzählt von der Eroberung des Landes 
Kanaan. Nicht das ganze Land ist in dieser Zeitspanne 
sicher in den Händen der Israeliten. Ferner wird von 
der Verteilung des verheißenen Landes in Erbteile für 



362 



jeden der Stämme berichtet. Das Buch schließt mit 
Josuas letzten Unterweisungen und Warnungen an 
sein Volk. 

Das Buch der Richter enthält die wenigen geschicht- 
lichen Ereignisse, die uns von der Zeit des Todes 
Josuas bis zur Geburt Samuels überliefert sind. Die 
einzige Ausnahme bildet das Buch Ruth, das jedoch 
auch in dieser Zeit entstanden ist. In dieser Zeit steht 
Israel kurz vordem Abfall vom Glauben. 

Das Buch Ruth enthält die Bekehrungsgeschichte 
einer Moabiterin, die in derzeit der Richter stattfindet. 

Das erste Buch Samuel beginnt mit der Geburt 
Samuels. Es schildert das Wirken dieses Propheten 
unter den Kindern Israel. Ferner sind in diesem Buch 
die Berufung Sauls zum ersten König von Israel und 
einige Ereignisse in seinem Leben, einschließlich den 
Begegnungen mit dem jungen David und Sauls Tod, zu 
finden. 

Das zweite Buch Samuel handelt von der Regierungs- 
zeit König Davids bis zu seinem Tod. Ferner sind in 
diesem Buch einige der Aufzeichnungen über das 
Wirken der Propheten Samuel, Nathan und Gad zu 
finden. 

Der Psalter wurde zum Teil von David verfaßt; einige 
Psalmen sind von anderen Autoren verfaßt worden. 
Viele Psalmen beziehen sich auf Davids Regierungszeit 
bzw. auf diese Zeitspanne. 

Das erste Buch der Könige berichtet vom Tod König 
Davids; es fährt fort mit einem Bericht über die Re- 
gierungszeit Salomos, seines Sohnes. Während der 
Regierung Salomos wurde der Tempel des Herrn gebaut 
und geweiht. Nach dem Tode Salomos kommt es zu 
einer Spaltung zwischen den Stämmen. Die Teilung des 



Landes in zwei Königreiche — Juda und Israel — ist 
die Folge. Das Buch fährt fort mit einem abwechseln- 
den Bericht über die Könige beider Reiche. Zahlreiche 
Propheten werden erwähnt, doch Elia wird besonders 
hervorgehoben. Das Buch schließt mit der Regierung 
der Familie König Ahabs überdas Reich Israel. 

Die Sprüche Salomos werden größtenteils Salomo 
zugeschrieben, obwohl in den Sprüchen selbst viele 
andere Autoren erwähnt sind. Die Sprüche werden im 
allgemeinen als praktische und weise Ratschläge er- 
achtet, weniger aber als Offenbarungen. 

Das zweite Buch der Könige fährt mit der Zusammen- 
fassung der Ereignisse in den beiden Königreichen fort, 
bis die nördlichen Stämme, das Königreich Israel, von 
den Assyrern in Gefangenschaft geführt werden. Der 
Bericht fährt fort bis zur Gefangennahme des Reiches 
Juda durch die Babylonier. In diesem Buch werden nur 
wenige der Propheten, die damals gewirkt haben, er- 
wähnt, von ihnen besonders Elia und Elisa. 

Anmerkung: Die folgenden Bücher des Alten Testa- 
ments — Joel, Jona, Arnos, Hosea, Jesaja, Micha, 
Nahum, Habakuk, Zephanja, Obadja, Jeremia — be- 
richten über die Propheten, die unter den Kindern 
Israel und Juda von 850 v. Chr. bis 587 v. Chr. wirkten. 
Diese Bücher enthalten auch überwiegend Prophezeiun- 
gen und Lehren der Propheten, deren Namen sie tragen. 
In einigen Büchern ist nur ein Teil des Wirkens des 
jeweiligen Propheten wiedergegeben, in anderen sind 
auch geschichtliche Abhandlungen und Erzählungen 
enthalten. 

Das erste und das zweite Buch der Chronik enthalten 
eine kurze geschichtliche Darstellung des Volkes Israel, 
und zwar von Adam an bis zur Heimkehr des Hauses 
Juda aus der Gefangenschaft. Teile des Berichts sind 
genealogischer Art; der Rest stellt eine Ergänzung zu 
den Berichten im 2. Samuel und 1 . und 2. Könige dar. 

Anmerkung: Als Nebukadnezar im Jahre 597 v. Chr. 
Jerusalem das erste Mal einnahm, führte er den re- 
gierenden König von Juda, Jojachin, und viele Tausen- 
de des Volkes in Gefangenschaft. (Siehe 2. Könige 
24:10-16). Unter den Gefangenen befanden sich mög- 
licherweise Hesekiel und Daniel. Beide waren in den 
Jahren der Gefangenschaft in Babylonien bedeutende 
Führer. 



Das Buch Hesekiel enthält die Prophezeiungen Hese- 
kiels, die er im wesentlichen in den Jahren zwischen 
der ersten Gefangenschaft und der Zerstörung Jerusa- 
lems (587 v. Chr.) gemacht hat. Der Bericht enthält auch 
einige Beschreibungen, wie das Volk Juda in Gefangen- 
schaft gelebt hat. 

Das Buch Daniel ist eine Erzählung von verschiedenen 
Ereignissen im Leben Daniels und seiner Gefährten. Es 
enthält auch einige seiner Prophezeiungen. 

Das Buch Esther wird im allgemeinen als eine Ge- 
schichte betrachtet, die sich im letzten Teil der Gefan- 
genschaft der Juden in Persien zugetragen hat oder auch 
erst dann, als schon viele von ihnen nach Jerusalem 
zurückgekehrt waren. 

Das Buch Esra ist der Bericht von der Rückkehr der 
Juden aus der Gefangenschaft. Diese Heimkehr hat der 
persische König Cyrus ermöglicht. Der Tempel wird 
wieder errichtet, und Esra wird bevollmächtigt, sein 
Volk einzuteilen und ihm zu helfen. 

Das Buch Nehemia ist eine Fortsetzung des Berichts 
Esras. Nehemia erhält den Auftrag, den Wiederaufbau 
der Stadtmauer von Jerusalem zu leiten. Die Arbeit 
wird abgeschlossen. Nehemia setzte auch eine Reihe 
von strengen Maßnahmen ein. 

Das Buch Haggai und das Buch Sacharja: Haggai 
und Sacharja unterstützen Esra in der Zeit, wo der 
Tempel wiedererrichtet wird. Ihre schriftlichen Ver- 
mächtnisse stellen eine Kombination von Geschichte, 
Belehrung und Prophezeiung dar. 

Das Buch Maleachi enthält die Aufzeichnungen des 
Propheten Maleachi, der Nehemia folgte. Maleachi war 
der letzte Prophet, der sich gegen den drohenden Abfall 
vom Glauben wandte und der unter dem Volk Juda pro- 
phezeite. 




363 



Der Ursprung der Schrift 



HUGH NIBLEY 
Teil II 



Die Kunst des Schreibens hat den 
Aufbau von großen Reichen ermög- 
licht, denn nur schriftlich Aufge- 
zeichnetes konnte den Raum über- 
brücken und das Wort des Herr- 
schers über die Berge hinwegtragen. 
Die Zeit löscht Dinge aus dem Ge- 
dächtnis, aber niedergeschrieben 
bleiben Gebote und Vorschriften 
für unbegrenzte Jahre bewahrt 42 . 
Der König beschrieb sich selbst als 
der Mittler und Schreiber Gottes in 
der Verwaltung seines Reiches 43 

In Ägypten war der Pharao nur 
dann bevollmächtigt zu regieren, 
wenn der ,, Meister des Hauses der 
göttlichen Bücher" des Pharaos 
königlichen Namen „in die wahren 
Berichte der himmlischen Archive 44 " 
eingetragen hatte. Die Archive 
wurden in Ägypten als das Haus des 
Lebens angesehen, in dem die 
Schriften aufbewahrt wurden, von 
denen das Leben aller Dinge ab- 
hängt 45 . 



Die Tempel, die Dr. Nibley in diesem Artikel an- 
führt, sind nicht Tempel des Herrn, sondern heid- 
nische Tempel. Dr. Nibley führt uns vor Augen, 
daß alle Bräuche der frühen Völker darauf hinweisen, 
daß die Schrift ein Geschenk des Himmels ist. Ob- 
wohl beispielsweise die Ägypter falsche Götter ver- 
ehrten, hatten ihre Bräuche hinsichtlich der Schrift 
doch einen wahren Ursprung, denn Adam und andere 
schrieben unter der Eingebung des Geistes. (Siehe 
Moses 6:5-8.) 



Wo auch immer das Buch des 
Himmels erwähnt wird, erscheint der 
himmlische Schreiber als König, 
Priester und Mittler. Dies ist sowohl 
im Judentum und Christentum als 
auch in älteren Überlieferungen der 

46 

Fall . Der Pharao ist der erste von 
allen, „der Kenntnis hat und der im 
Besitz des himmlischen Buchs ist 47 ". 
Alles wurde auf die „unwandelbaren 
Tafeln" des Schicksals geschrieben, 
die alles festhalten, was auf Erden 
geschieht 48 . Alles wurde niederge- 
schrieben, um irdische Ereignisse 
mit Ereignissen des Himmels zu 
koordinieren. 

Die Bücher wurden bei jeder Ge- 
legenheit zu Rat gezogen: „Eifere 
deinen Vätern nach, die vor dir ge- 
gangen sind ... Siehe, ihre Worte 
stehen im Buche niedergeschrieben. 
Öffne und lies es und strebe nach 49 ." 
Interessanterweise sind die wichtig- 
sten schriftlichen Dokumente frühe- 
rer Zeiten genealogische Berichte; 
und das Haus des Lebens war nicht 
mehr und nicht weniger als das 
genealogische Archiv. Gardiner 
folgerte daraus, daß die großen 
Pyramiden erbaut worden waren, 
um die königlichen genealogischen 
Berichte zu beherbergen . 

Das Haus des Lebens, worin die 
Bücher vervielfältigt und studiert 
wurden, hatte von der frühesten Zeit 
an große Ähnlichkeit mit einer Uni- 

51 

versität , denn darin wurden alle 



wissenschaftlichen Fragen beant- 
wortet 52 Das Haus des Lebens war 
immer ein Teil des Tempels, und 
die Bücher enthielten die ersten 
Dichtungen ... Die Aufgaben der 
Musen (Dichter) im Tempel bestand 
darin, mit den Morgensternen das 
Schöpfungslied zu singen 53 Natür- 
lich wurde zu Musik gesungen. 
Einige Gelehrte vertreten die An- 
sicht, daß die ersten Schriftzeichen 
von Musikzeichen abgeleitet worden 
sind 54 . Das feierliche Lied wurde in 
einem heiligen Kreis oder Chorus 
gesungen. Dichtung, Musik und 
Tanz nahmen im Tempel ihren Ur- 
sprung und drangen von dort aus 
in dieWelt. 

Das Schöpfungslied war Be- 
standtteil eines feierlichen Zere- 
moniells, das jedes Jahr im Tempel 
stattfand. Es stellt den Fall und die 
Errettung der Menschen dar, und 
zwar durch sportliche Wettkämpfe. 
Der Sieger des Wettkampfes wurde 
der Priesterkönig selbst. Seine 
Krönung und Hochzeit fand an- 
schließend statt. 

Da bei diesem Ereignis das ganze 
Volk versammelt war, wurde natür- 
lich auch reger Handel betrieben. 
So wurde es erforderlich, die ver- 
schiedenen Güter in für den Tempel 
annehmbare Opfergaben umzuwan- 
deln, was schließlich zum Geld- 
handel führte. 

Da der Tempel ursprünglich ein 
Observatorium war und alles mit 
dem Kalender und den Sternen in 
Verbindung gebracht wurde, begann 
sich die Mathematik zu entfalten, 
und die Astronomie wurde zu einer 
anerkannten Wissenschaft. Ge- 
schichte war eine weitere Wissen- 
schaft, denn die Riten galten sowohl 
für die Verstorbenen als auch für die 
Lebenden, und die Herstellung von 
Erinnerungsstätten verstorbener 
großer Menschen förderte die 
Künste des Porträtierens und Ma- 
lens. Da das Aussehen und die Ab- 
messungen des Tempels von aller- 
größter Bedeutung waren — dieses 
Gebäude war ein maßstabgetreues 
Nachbild des Universums! — , war 
die Architektur des Tempels vorran- 



364 



gig. Die Geometrie spielte damals 
eine große Rolle, weil alles Land 
vom Mittelpunkt des Tempels aus 
vermessen und verteilt wurde: „Am 
Anfang verhieß der Eine Gott Horus 
(ein ägyptischer Gott, mit dem sich 
der Pharao identifizierte), daß er 
das Land Ägypten ererben würde. 
Dies war auf Geheiß des Herrn in die 
Bücher geschrieben worden, als die 
Länder geteilt wurden 55 ." 

Die Schriften, die im Haus des 
Lebens verfaßt und abgeschrieben 
wurden, wurden dort auch diskutiert. 
Dies lieferte natürlich Anstoß für 
philosophische Betrachtungen. 

Größtenteils befaßten sich diese 
Schriften aber mit der Lehre vom 
Weltall und mit Naturwissenschaf- 
ten. Zusammenfassend kann man 
sagen, daß es keinen Wissensbe- 
reich in unserer Zivilisation gibt, 
der nicht seinen Ursprung im Tempel 
hat. 

Der wahre Ursprung des geschrie- 
benen Wortes wird jedoch, wie 
Siegfried Schott hervorhebt, noch 
lange Zeit eine Angelegenheit der 
Spekulation bleiben 56 . Der Umstand, 
daß alle Gelehrten dieseigentlich nur 
spekulativ betrachten, soll uns nicht 
abschrecken, denn nur durch Ver- 
muten und Diskutieren kann eine 
Wissenschaft Fortschritt machen. 

Und so sind wir wiederam Anfang. 
Alles ist ziemlich unsicher, und es 
gäbe noch viel zu sagen, was noch 
nicht gesagt worden ist. Wegen 
Mangel an Beweisen sind die Ge- 
lehrten sozusagen in eine Sackgasse 
geraten. Da alle anderen Wege 
blockiert sind, wäre es vielleicht gut, 
einige der vernachlässigten Wege zu 
beschreiten und einige der unge- 
stellten Fragen zu stellen, zum Bei- 
spiel: 

1 . Wie läßt sich die große Lücke in 
der Evolutionstheorie erklären? Wo 
sind die Funde, die den Übergang 
von einer Bilderschrift zum Gebrauch 
des Alphabets belegen? 

2. Wie läßt sich das plötzliche 
Auftreten der Hieroglyphen und des 
semitischen Alphabets erklären, 
beides vollständig entwickelt? Da 
beides als die Erfindung des 



Menschen, das Werk eines Genies, 
betrachtet wird, warum müssen wir 
annehmen, daß es eine lange, all- 
mähliche, unbewußte Entwicklung 
der Schrift gegeben hat, und zwar 
besonders, wo es doch keinen Be- 
weis für eine solche Evolution gibt? 

3. Die älteste Schrift erscheint 
Seite an Seite mit der ältesten Sage 
über die Schrift. Müßte nicht jeder 
ernsthafte Gelehrte diese Sage 
wenigstens untersuchen? Kein Ge- 
lehrter zweifelt daran, daß sich 
die griechische Sage, nach der der 
Ursprung des Alphabets den Phöni- 
ziern zugeschrieben wird, als wahr 
erwiesen hat. Warum soll man nicht 
auch andere Sagen ernsthaft unter- 
suchen, mindestens so lange, bis 
etwas Besseres gefunden wird? 

4. Wie kommt es, daß die Völker 
des Altertums sich darüber einig 
sind, daß der Ursprung der Schrift, 
einschließlich des Alphabets, auf 
eine göttliche Quelle zurückzuführen 
ist? 

5. Warum sind die ältesten schrift- 
lichen Dokumente immer in Tempeln 
gefunden worden? Warum behan- 
deln sie immer religiöse Angelegen- 
heiten? 

6. Warum steht das Lesen und 
Schreiben immer im Zusammenhang 
mit dem Auslegen des Willens des 
Himmels? 

7. Sethe schreibt: ,,lm Wesen 
der Schrift liegt etwas Wunderbares 
und Geheimnisvolles, das zu allen 
Zeiten eine machtvolle Anziehungs- 
kraft auf den denkenden Menschen 
ausgeübt hat." Warum behauptet 
dieser Gelehrte dann, daß die älte- 
sten Schriften, sozusagen das Er- 
gebnis eines unbewußten, gedanken- 
losen, „automatischen" Vorgangs, 
nur sehr triviale Angelegenheiten 
behandelt haben können? Kann denn 
etwas, was so wunderbar und 
geheimnisvoll ist, ersonnen worden 
sein, um einen trivialen Zweck zu 
erfüllen? 

8. Der Glaube an die übernatür- 
liche Kraft des geschriebenen Sym- 
bols ist so alt wie das Zeichnen von 
Pfeilen. Wie kann man das Wesen 
der frühesten Schrift begreifen, 



ohne die wunderbare oder geheim- 
nisvolle Macht zu berücksichtigen, 
die sie auf den Menschen ausgeübt 
hat 57 ? 

9. Mit der Gründung der ersten 
Dynastie in Ägypten erscheint auch 
die erste Schrift, und zwar voll- 
ständig entwickelt. Sie war zu ent- 
wickelt und zusammenhängend, 
als daß sie vorher einen Entwick- 
lungsprozeß hat, meinte Schott. 
Worin liegt die Bedeutung der 
Schrift, daß sie dem König als Mittel 
zur Macht und Regierung dienen 
konnte? 

10. Warum ist das Schreiben 
immer ein Geheimnis gewesen, ein 
Monopol der Priester und Könige? 
„Das wirklich Wunderbare, das die 
Schrift vollbringt, das Übertragen, 
Bewahren und Anregen von Gedan- 
ken, ist für den praktisch veranlagten 
Menschen uninteressant. Geschäfts- 
berichte, Privatbriefe, Schulübungen 
usw. werden in Abständen von 
Sekretären und Kaufleuten, denen 
diese Dinge nichts bedeuten, ver- 
nichtet 58 " Warum sollen wir dann 
annehmen, daß gerade solche Men- 
schen das Schreiben ersonnen 
haben? 

Diese Fragen sollten eigentlich 
reichen, um unsere eigenen Speku- 
lationen zu rechtfertigen. Diejeni- 
gen, die behaupten, die Ägypter 
hätten kein echtes Alphabet gehabt, 
weil sie in ihre Schrift Bilder ein- 
bezogen haben, übergehen den 
Umstand, daß die Ägypter auf die 
Bilder verzichten konnten, was sie 
auch manchmal taten. Für einen 
Ägypter, der die Landessprache 
redete, haben die alphabetischen 
Schriftzeichen ausgereicht, ebenso 
wie allein die Konsonanten in der 
semitischen Sprache ausreichten, 
um sie — auch ohne Vokale — 
lesen zu können. Wenn wir zugeben, 
daß einige der anderen Zeichen not- 
wendig sind, warum blieb dann die 
unbeholfene Bilderschrift und die 
Silbenschrift erhalten, um ein ange- 
wandtes und wirksames Alphabet 
unnötig vollzustopfen? 

Meiner Meinung nach haben die- 
jenigen, die die Hieroglyphen ver- 



365 



wendet haben, nicht nur an ihr ei- 
genes Volk gedacht, sondern auch 
an andere. Nehmen wir beispiels- 
weise die vielen Grabstätten, die 
früher errichtet worden sind. Sie 
waren auch ganz offensichtlich an 
noch ferne, ungeborene Genera- 
tionen gerichtet. Jeder gelehrte 
Ägypter hätte den Text auch ohne 
Bilder lesen können. Aber wir hätten 
heute diese Schrift ohne die Bilder 
nie lesen können. 

Wenn die frühe ägyptische Schrift 
wegen ihrer Zusammensetzung 
einzigartig ist, ist vielleicht ihr 
Zweck auch einzigartig, nämlich 
sich in weitaus größerem Maße 
mitzuteilen, als dies bei anderen 
Sprachen der Fall ist. Es gibt viele 
Anhaltspunkte, die diese Theorie 
unterstützen, aber wir können sie 
hier nicht aufführen. Vielleicht 
haben uns die alten Ägypter bewußt 
mit mehr Material versorgt als er- 
forderlich, damit wir auch das ver- 
stehen würden, was sie uns mit- 
teilen wollten. 

Es scheint, als ob das semitische 
Alphabet, das von der alten ägyp- 
tischen Sprache abgeleitet ist und 
das von der ganzen westlichen 
Welt verwendet wird, zu dem beson- 
deren Zweck ersonnen worden ist, 
die heilige Schrift hervorzubringen. 
Sethe meint, daß Mose der Initiator 
des Alphabets sein könnte. Um 
diesen Gedanken zu unterstreichen, 
führt Sethe den jüdischen Schreiber 
Eupolemos an. Es scheint jedoch 
nur richtig zu sein, darauf hinzuwei- 
sen, daß die überwältigende Mehr- 
heit der Kenner der jüdischen Ge- 
schichte nicht Mose, sondern Abra- 
ham als den Erfinder des Alphabets 
ansieht; einige sagen sogar, er habe 
es von Enoch erhalten. 

In den letzten Jahren sind im 
Nahen Osten eine Anzahl neuer 
Alphabete entdeckt worden, die bis 
2000 - 1500 v. Chr. zurückdatieren. 
Alle sind „deutlich als Erfindungen 
von Einzelpersonen zu identifi- 
zieren 59 ". Warum eigentlich nicht? 
Wenn man einmal weiß, wie es geht, 
steht es jedem frei, sich sein eigenes 
Alphabet zu schaffen. Es gibt heut- 



zutage Beispiele dafür, daß nützliche 
Alphabete geschaffen worden sind. 
Es hat aber doch allen Anschein, 
daß das kanaanitische Alphabet das 
älteste von allen ist, und als solches 
ist es „ein Zeuge für den Ursprung 
der Thora 60 ". Einige vertreten sogar 
die Ansicht, daß es älter ist als die 
Hieroglyphen 6 ! 

Trotz aller Vorsicht, die in dieser 
Situation geboten ist, kann man 
gefahrlos sagen, daß man in diesem 
Zusammenhang die heilige Schrift 
nicht unberücksichtigt lassen kann. 
Wenn sich Gelehrte, die sich rüh- 
men, frei von jeder religiösen An- 
schauung zu sein, ernsthaft damit 
befassen, den Ursprung der Schrift 
besonders in den heiligen Schriften 
zu suchen, so müssen wir dem be- 
sondere Aufmerksamkeit schenken. 
Wer die Standardwerke liest, hat das 
Wort Gottes an den Menschen von 
allem Anfang an vor sich. Die heilige 
Schrift ist der beste Anhaltspunkt 



hinsichtlich des Ursprungs der 
Schrift. 

42) Siehe A. Moret, Histoirede l'Orient, I, 96ff. 

43) Siehe Pyramid Texts, no. 309-490. 

44) A. Moret, Royaute'Pharaonique, Seite 102. 

45) Siehe W. Barta, Zeitschrift der ägyptischen 
Sprache, 97, Seite 7. 

46) Siehe H. Zimmern, Keilschriften und das Alte 
Testament, Seite 405. 

47) Pyramid Texts, no. 167d. 

48) Siehe B. Meissener, Babylonien und Assyrien, 
11,125. 

49) A. Gardiner, Journal of Egyptian Archaeology, 
1 , Seite 25. 

50) Siehe A. Gardiner, JEA, 11 :4. 

51) Siehe S. Schott, Nachwort zu Sethes „Vom 
Bilde zum Buchstaben", Seite 71. 

52) Siehe A. Gardiner, JEY, 24:158. 

53) Siehe W. Otto, Die Musen, Darmstadt, Wissen- 
schaftliche Buchgesellschaft, 1961 . 

54) Siehe F. Heichetheim, Epigraphica. An. XII, 
1-4, Seite 111-115. 

55) S. Schott, Sieg über Seth, Seite 16. 

56) Siehe S. Schott, Untersuchungen zur Geschichte 
und Altertumskunde, Bd. XII, Seite 83. 

57) Siehe , ,The Arrow, the Hunter, and the State" 
in Western Political Quarterly 2, Seite 329-339. 

58) Zitiert aus Improvement Era, 1958, Seite 307-308. 

59) A. Jirku, Zeitschrift der Deutschen Morgen- 
ländischen Gesellschaft 100:520. 

60) H. Tur-Sinai, Jewish Quarterly Review 41 :296. 

61) Siehe P. Mordeit, Jewish Quarterly Review, 
2:575. 



Abend am Fenster 

Herr Gott, wie ist die Erde schön, 

wenn rings der Lärm der Menschen schweigt, 

wenn ohne Hast im Abendschein 

der müde Tag zur Nacht sich neigt. 

Herr Gott, wie war das Leben leicht, 
wenn alle Menschen Brüder wären, 
die ohne Kampf- und Kriegsgeschrei 
in Liebe sich als Mensch bewähren. 

Herr Gott, wie war das Dasein reich, 
wenn alle deine Stimme hörten 
und nicht mit Haß und Unverstand 
in blinder Wut sich selbst zerstörten! 

— Maria Schilling 



366 



f 



Fragen D und Antworten 



Diese Fragen und Antworten 
sollen Hilfe und Ausblick gewähren 
und sind als persönliche Meinungs- 
äußerung des Schreibenden zu be- 
trachten. 

Welche Bücher aus dem Alten Testa- 
ment sind vom Herrn am häufigsten 
zitiert worden? 

RICHARD LLOYD ANDERSON 

Jesus Christus hatte eine beein- 
druckende Fähigkeit an den Tag ge- 
legt, einmal das Alte Testament an- 
zuführen und ein anderes Mal davon 
abzulassen. Dies zeigt sich bei- 
spielsweise in der Bergpredigt. 
Obwohl ,,er ... mit Vollmacht und 
nicht wie ihre Schriftgelehrten 1 " 
sprach, beteuerte er, daß er nicht 
gekommen sei, ,,das Gesetz oder 
die Propheten aufzulösen 2 ". 



Der Herr begann im Alter von 
fünf Jahren, das Alte Testament zu 
studieren. Mit zwölf Jahren disku- 
tierte er mit jüdischen Gelehrten 
über die Schrift, und zwar auf eine 
Weise, die unter den Anwesenden 
großes Erstaunen hervorrief; und im 
reifen Mannesalter waren seine 
Reden mit Zitaten und Beispielen 
aus dem Alten Testament durch- 
setzt. Die vier Evangelien enthalten 
etwa 75 Zitate aus dem Alten Testa- 
ment, was darauf hinweist, welche 
Achtung der Herr diesen jüdischen 
Büchern entgegengebracht hat. 
Er kannte sie sehr gut, denn er führte 
die meisten von ihnen an. 

Am häufigsten — und das 
dürften Sie ja auch vermutet haben 
— hat der Herr ausden fünf Büchern 
des Mose zitiert. Da sie das Gesetz 
darstellten, stützten sich auch die 
meisten Fragen auf sie. Etwa ein 
Viertel der Zitate des Herrn aus dem 
Alten Testament entstammen diesen 




fünf Büchern. Beinahe so oft führte 
der Herr aber auch das Buch der 
Psalmen an, worin er offensichtlich 
großen persönlichen Trost und pro- 
phetische Auskunft fand. Von den 
Propheten führte der Herr Jesaja am 
häufigsten an; direkt zitiert er ihn 
zwölf Mal. Wie dies auch bei vielen 
Psalmen der Fall war, so fesselten 
Christus die messianischen Prophe- 
zeiungen Jesajas. Während seines 
Wirkens auf Erden bezog er die 
Worte des Propheten auf sich und 
erklärte sie als erfüllt 3 . Als sich der 
Herr nach seiner Auferstehung den 
Emmausjüngern zeigte, fing er ,,an 
bei Mose und allen Propheten und 
legte ihnen in der ganzen Schrift 
aus, was darin von ihm gesagt 

4i> 

war . 

Die Geschichte lehrt uns, daß der 
Herr zu Recht sein Schwergewicht 
auf die fünf Bücher Mose, die Psal- 
men und das Buch Jesaja gelegt hat. 
Zahlreiche Schriftrollen, die in 
Kumran gefunden worden sind, 
beweisen die Popularität dieses 
Teils des Alten Testaments. Ein 
solcher Hinweis ist besonders für 
die Heiligen der Letzten Tage in- 
teressant, die wissen, daß der 
Prophet Jesaja im Buch Mormon 
öfter zitiert wird als irgendein an- 
derer Prophet des Alten Testaments 
und daß der Herr im 3. Nephi sagt: 
,,Denn die Worte Jesajas sind er- 
haben 5 ." 

Ungefähr ein Drittel der Zitate des 
Herrn aus dem Alten Testament 
stammen von Daniel und den „klei- 
neren" Propheten. Der Herr ver- 
wandte Prophezeiungen über den 
Messias, den Abfall vom Glauben, 
die Wiederherstellung und das 
Jüngste Gericht und Ermahnungen 
zu persönlicher Rechtschaffenheit. 
Diejenigen, die dem Herrn nach- 
folgen, werden im Alten Testament 
das finden, was er gefunden hat: 
Unterweisung, Ansporn und prophe- 
tische Führung. 

Bruder Richard Lloyd Anderson ist Professor für 
alttestamentliche Sprachen und Geschichte an der 
Brigham-Young-Universität. 

1) Matthäus 7:29. 2) Matthäus 5:17. 3) Siehe 
Lukas 4:21. 4) Lukas 24:27. 5)3. Nephi 23:1 . 



367 




Befreiung aus der 
Knechtschaft 



SIDNEYB.SPERRY 



Mose zählt zu den bedeutendsten Männern, mit 
denen die Erde je gesegnet war. Die Hebräer verehrten 
ihn vor alters als einen ihrer mächtigsten Propheten und 
Seher. Auch die Heiligen der Letzten Tage wissen aus 
gutem Grund seine Bedeutung und sein Wirken zu wür- 
digen. 

Mose und sein Bruder Aaron stammten von guten 
Eltern ab. Ihr Vater Amran und ihre Mutter Jochebed 
waren Nachkommen von Jakobs drittem Sohn Levi . 
Mose und Aaron waren demnach Leviten. Später hat 
der Herr Angehörige dieses Stammes dazu ausersehen, 
im Priestertum zu amtieren . 

Der Stamm Levi wurde auch der priesterliche Stamm 
genannt; er übernahm bei den Hebräern die Leitung der 
meisten spirituellen Angelegenheiten. Moses Lebens- 
lauf läßt sich in drei Abschnitte von je 40 Jahren glie- 
dern: 1) die Zeit in Ägypten, 2) die Zeit in der Wüste 
oder die Zeit der geistigen Vorbereitung und 3) die Zeit 
als Israels Führer und Gesetzgeber. 

Die Ereignisse der ägyptischen Periode sind in den 
ersten 15 Versen im 2. Buch Mose, Kap. 2 zusammenge- 
faßt. Mose berichtet darin über seine Geburt, die Be- 
gebenheit mit der Tochter des Pharao, die ihn adop- 
tiert hat, und darüber, wie er den ägyptischen Aufseher 
erschlug. 

Leider berichtet er nichts über sein Leben am ägypti- 
schen Hofe. Doch er hat sicherlich die beste Erziehung 
genossen, die es damals in Ägypten gab, und war mit 
den diplomatischen Gepflogenheiten der damaligen Zeit 



vertraut. Wenn wir den Schriften des jüdischen Ge- 
schichtsschreibers Josephus Glauben schenken kön- 
nen, haben die Ägypter von den hervorragenden Füh- 
rungseigenschaften des Mose in diesem ersten Lebens- 
abschnitt regen Gebrauch gemacht. 

Hat Mose geheiratet, ehe er von Ägypten nach Midian 
geflohen ist? Dies ist eine interessante Frage, die man 
vermutlich bejahen muß. Erstens galt es für einen 
jungen Mann als besondere Pflicht zu heiraten. Wer 
nicht heiratete, machte sich eines Verbrechens an der 
Menschheit schuldig. Zweitens wird uns berichtet, daß 
,, Mirjam und Aaron gegen Mose [redeten] um seiner 
Frau willen, der Kuschiterin, die er genommen hatte. 
Er hatte sich nämlich eine kuschitische Frau genom- 
men 3 ". Diese Ehe wurde vermutlich geschlossen, als 
Mose noch am ägyptischen Hofe weilte. 

Weil er den ägyptischen Aufseher erschlagen hatte 4 , 
mußte er vor dem Zorn des Pharao flüchten. Er floh 
südöstlich in die Weidegründe von Midian am Südende 
des heutigen Golf von Akaba 5 Hier also vollzog sich die 
geistige Vorbereitung des zukünftigen Gesetzgebers 
auf die Befreiung seines Volkes. 

Moses Gerechtigkeitsliebe und Unparteilichkeit 
zeigten sich, als er an einem Brunnen rastete. Als die 
sieben Töchter Midians kamen, um die Schafe ihres 
Vaters zu tränken, trieben die Hirten sie weg. ,,Mose 
aber stand auf und half ihnen und tränkte ihre Schafe 6 ." 
Sein Eintreten für das Recht der Schwestern führte 
dazu, daß er von Jethro, dem Priester in Midian, in 



368 



dessen Haus aufgenommen wurde 7 . Er heiratete Jethros 
Tochter Zippora, die ihm zwei Söhne gebar: Gerschom 
und Eleasar. Mose wurde Jethros Schafhirte und mußte 
daher in der Steppe umherziehen, um geeignete Weide- 
plätze zu finden. 

Jethro ist für das Leben und Wirken des Mose von 
großer Bedeutung gewesen. Das Alte Testament nennt 
ihn ,,den Priester in Midian", doch erst neuzeitliche 
Offenbarungen durch den Propheten Joseph Smith 
zeigen die Bedeutung von Jethros Priestertum auf. Dem 
Buch , Lehre und Bündnisse', Abschnitt 84 zufolge 
empfing Mose das ,, heilige Priestertum von seinem 
Schwiegervater Jethro 8 ". So kann man wohl annehmen, 
daß Jethro das Amt eines Hohenpriesters innehatte und 
möglicherweise über eine Gemeinde der Kirche in 
Midian präsidiert hat 9 

Mose — vor alters von den Hebräern als einer ihrer 
mächtigsten Propheten verehrt — hat vom Herrn 
bemerkenswerte Aufträge erhalten: unter anderem die 
Befreiung Israels und die Unterweisung des Propheten 
Joseph Smith 

Es ist interessant, daß Jethros Priestertum sich über 
Caleb und Elihu auf Melchisedek und Noah und weiter 
auf Adam zurückführen läßt 10 . Daß er das Melchisede- 
kische Priestertum getragen hat, läßt uns vermuten, 
daß es in Midian eine Gemeinde der Kirche Jesu Christi 
gegeben hat. Dies ist eine überraschende Tatsache; 
denn das Alte Testament berichtet an dieser Stelle 
nichts von einer Kirche. Dank dem Propheten Joseph 
Smith dürfen wir jedoch annehmen, daß Jethro im 
Besitz heiliger Schrift gewesen ist und Mose das Evan- 
gelium gelehrt hat, als dieser in sein Haus kam. 

Andersgläubige mögen die Ansicht, daß Mose ein 
Mitglied der Kirche Jesu Christi wurde, für ketzerisch 
halten; doch ist es für den, der das Evangelium kennt, 
nur eine logische Schlußfolgerung. Dennoch erheben 
sich einige interessante Fragen. Wann und von wem 
wurde das Evangelium nach Midian gebracht und dort 
eine Gemeinde gegründet? Was geschah mit der Kirche 
in Midian und andernorts, als Mose die Israeliten aus 
der Knechtschaft befreite und in die Wüste führte? Wie 
hat Mose während der Zeit in der Wüste über die ge- 
samte Kirche präsidiert (wenn man davon ausgeht, daß 
es noch Gemeinden außerhalb Midians gegeben hat)? 

Wenn Sie über diese Fragen nachdenken, sollten Sie 
sich vor Augen halten, daß Melchisedek zu Abrahams 
Zeit über die Kirche präsidiert und Zehnten von ihm 
empfangen hat 11 Das Buch Mormon verweist darauf, 
daß das Evangelium möglicherweise in Palästina gepre- 
digt wurde und daß die meisten es verworfen haben 12 . 
Es ist also durchaus möglich, daß die Missionare — 
abgesehen von der Gemeinde, die Mose in Midian vor- 
fand — auch an einigen anderen Orten Gemeinden 
gründen konnten. 

Moses geistige Vorbereitung durch Jethro muß sehr 
umfassend gewesen sein. Sie führte schließlich dazu, 



daß der Herr selbst Mose unterwies und zu seinem Amt 
berief. Anscheinend trieb Mose Jethros Herde nach 
Westen in die Steppe „zum Berg Gottes, dem Horeb 13 ". 
Hier erschien ihm der Herr im brennenden Busch und 
gebot ihm, nach Ägypten zu gehen und sein Volk auf 
die Befreiung aus der Knechtschaft vorzubereiten. 

Kurz nach dem Ereignis am brennenden Busch hob 
der Herr Mose auf einen , außerordentlich hohen Berg" 
empor und sprach mit ihm „von Angesicht zu Ange- 
sicht 14 ". Was Mose auf dem Berg erlebt hat, ist so 
wunderbar und bedeutsam, daß wir es nicht außer acht 
lassen dürfen. 

Daß Gott von Angesicht zu Angesicht mit einem 
Menschen spricht, wird nicht nur von Mose, sondern 
auch von anderen bezeugt, so von dem Bruder Jareds 15 . 
Diese Männer müssen von außerordentlicher Geistigkeit 
gewesen sein, daß der Herr von Angesicht zu Angesicht 
mit ihnen gesprochen hat. Er hat Mose nicht nur in 
Person gegenübergestanden, sondern ihn auch ,,mein 
Sohn 16 " genannt und ihm viele seiner Werke gezeigt 17 . 
Er hat ihm auch gesagt, daß er (Mose) ,,im Ebenbild 
meines Einziggezeugten sei und mein [Einziggezeug- 
ter] ist und soll der Heiland sein 18 ". Er hat ihm die Welt 
gezeigt und ,,alle Menschenkinder, die erschaffen sind 
und erschaffen wurden". Kein Wunder, daß Mose 
staunte und sich sehr darüber wunderte 19 

Der Herr zog sich dann eine Zeitlang von Mose zurück, 
und der große Gesetzgeber fiel vor Schwäche zur Erde. 
Er erkannte, daß der Mensch in Gottes Gegenwart 
nichts ist; und er sagt, er habe Gott nicht mit seinen 
natürlichen Augen gesehen, sondern mit seinen gei- 
stigen; denn sonst wäre er in der Gegenwart Gottes 
vergangen und gestorben. 

Danach hatte Mose eine persönliche Begegnung mit 
dem Satan, der ihn aufforderte, ihn anzubeten. Er er- 
kannte Luzifer jedoch und gebot ihm im Namen des 
Einziggezeugten zu weichen 20 . 

Als die Herrlichkeit Gottes wieder auf Mose ruhte, 
sagte ihm der Herr, daß er ihn stärker als viele Wasser 
machen wolle und daß er Israel aus der Knechtschaft 
befreien würde 21 . 

Im Geist sah Mose als nächstes die Erde und all 
ihre Bewohner und viele Länder und jedes wurde Erde 
genannt 22 Er war davon so verwirrt, daß er den Herrn 
bat, ihm dies alles zu erklären. Er erfuhr dann, daß Gott 
durch seinen einziggezeugten Sohn Welten ohne Zahl 
erschaffen hat ; doch der Herr gab nur einen Bericht von 
dieser Erde und ihren Bewohnern. 

In einem bedeutsamen Satz wurde Mose dann der 
Zweck von Gottes Werk erklärt : 

„Denn siehe, dies ist mein Werk und meine Herr- 
lichkeit — die Unsterblichkeit und das ewige Leben 

23 

des Menschen zustande zu bringen." 

Diese Schriftstelle zeigt vielleicht viel eindringlicher 
als jede andere die Liebe Gottes für seine Kinder. 



369 



Als Antwort auf die Bitte 24 des Mose erklärte der Herr 
ihm dann alles überdiese Erde und ihre Bewohner 25 und 
gebot ihm, seine (des Herrn) Worte niederzuschreiben. 

Der dritte Abschnitt in Moses Leben ist sein Wirken 
als Israels Führer und Gesetzgeber. Durch seine großen 
spirituellen Erfahrungen in Midian gestärkt und vorbe- 
reitet, verließ er Jethro und begab sich mit seiner Frau 
und seinen Söhnen auf den Weg zurück nach Ägypten, 
wie der Herr es von ihm verlangte. Unterwegs begegnete 
ihm Aaron, dem Gebot des Herrn gemäß. Mose teilte 
Aaron, seinem Sprecher, die Worte des Herrn mit. Nach 
der Ankunft in Ägypten versammelten sie die Ältesten 
Israels um sich und verkündeten ihnen die Botschaft 
des Herrn an das Volk. Ihre Worte bewegten das Volk 
so stark, daß alle sich neigten und anbeteten 26 . 

Die mächtigen Zeichen und Wundertaten, die Mose 
und Aaron vollbracht haben, um den Pharao zu bewe- 
gen, die Israeliten aus der Knechtschaft zu entlassen, 
sind so bekannt, daß sie an dieser Stelle nicht aufge- 
zählt zu werden brauchen. Doch selbst als der Pharao — 
nach dem Tod jeder Erstgeburt in Ägypten — die Israe- 
liten mit ihren Schafen und Rindern ziehen ließ , waren 
sie erst völlig frei, nachdem die ägyptische Armee im 
Roten Meer vernichtet wurde. Wir lesen, daß Israel 
daraufhin dem Herrn und seinem Knecht Mose glaub- 
te 28 

In der Wüste erkannte Mose, daß die Geisteshaltung 
der Israeliten einer radikalen Änderung bedurfte. Da sie 
so lange unter den Ägyptern und mit heidnischen reli- 
giösen Bräuchen gelebt hatten, waren sie auch dazu ver- 
führt worden. (Die Geschichte von dem goldenen Kalb 
wird im 2. Mose 32:2-9 geschildert.) Der Herr gebot 
Mose, dem Volk das folgende mitzuteilen: 

,, Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und 
meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor 
allen Völkern ; denn die ganze Erde ist mein. 

Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein 
heiliges Volk sein 29 ." 

In den zehn Geboten und in anderen Lehren wurden 
den Israeliten die Grundlagen der Religion vermittelt. 
Zweifellos haben sich viele der Kirche angeschlossen; 
doch es ist ebenso klar, daß viele sich nicht ange 
schlössen haben oder als unwürdig erachtet wurden 
Mit der Zeit wurden sogar die höheren Verordnungen 
des Evangeliums durch Mose offenbart, zumindest 
einigen. 

Hätten die Israeliten sich einmütig der Kirche an- 
geschlossen, wie Mose es wünschte, dann wäre die 
Weltgeschichte vielleicht ganz anders verlaufen; doch 
leider ,, verhärteten [sie] ihre Herzen 31 ". Nachdem sie 
das goldene Kalb angebetet hatten, nahm der Herr 
Mose aus ihrer Mitte und mit ihm das heilige oder 
höhere Priestertum. Es blieb nur das geringere Priester- 
tum. Bekanntlich wurde es Mose vom Herrn nicht ge- 
stattet, das Land Kanaan zu betreten. Er ist jedoch nicht 
in der Wüste gestorben, sondern der Herr hat ihn ver- 



30 



wandelt, wie das Geschehen auf dem Berg der Verklä- 
rung beweist, wo er zusammen mit dem Propheten Elia 
dem Petrus, Jakobus und Johannes erschienen ist 32 . 
Mose und Elia übertrugen ihre Schlüsselgewalt auf die 
drei Apostel, und damit sie dies tun konnten, mußten 
sie einen Körper aus Fleisch und Bein haben — in die- 

33 

sem Fall einen verwandelten Körper . 

Beide, Mose und Elia, waren mit Christus bei seiner 
Auferstehung 34 und wurden vermutlich in einem Augen- 
blick 35 aus ihrem verwandelten Zustand in einen aufer- 
standenen Zustand versetzt. 

In dieser Evangeliumszeit ist Mose dem Propheten 
Joseph Smith und Oliver Cowdery am 3. April 1836 im 
Kirtland-Tempel erschienen, und sein Erscheinen war 
von höchster Bedeutung. Im Buch , Lehre und Bünd- 
nisse', Abschnitt 110, Vers 11 lesen wir: 

„Moses erschien und übergab uns die Schlüssel zur 
Sammlung Israels aus den vier Teilen der Erde und 
zur Herbeiführung der zehn Stämme aus dem Lande des 
Nordens." 

Wenn wir das Wirken Moses in dieser und in früheren 
Evangeliumszeiten überdenken, kommt uns folgende 
Schriftstelle in den Sinn: 

„Und es stand hinfort kein Prophet in Israel auf wie 
Mose, den der Herr erkannt hatte von Angesicht zu 
Angesicht 36 " 



Dr. Sperry ist der ehemal ige Leiter der Abteilung Religion an der Brigham-Young- 
Universität. Er ist Patriarch im 8. Pfahl der BYU. 

Quellenangaben: 

I) 2. Mose 6:16, 18, 20; 2) siehe 4. Mose 8:5-26; 3) 4. Mose 12:1 ; 4)2. 
Mose 2:11, 12; 5) 2. Mose 2:15; 6) 2. Mose 2:17; 7) 2. Mose 2:18-22; 
8) LuB 84:6; 9) siehe 2. Mose 18:1, Inspirierte Version; 10) LuB 84:7-16; 

II) siehe 1. Mose 14:20; 12) 1. Ne. 17:35; 13) 2. Mose 3:1 ; 14) Moses 
1:1,2; 15)sieheEther3:6-28; 16) Moses 1:4; 17) Moses 1 :4, 5; 18) Mo- 
ses 1:6; 19) Moses 1:8; 20) Moses 1 : 12-22; 21) Moses 1 : 25, 26; 22) Mo- 
ses 1:28, 29; 23) Moses 1:39; 24) Moses 1:36; 25) Moses 1:40, 41 
26) siehe 2. Mose 4:10-31; 27) 2. Mose 12:30-33; 28) 2. Mose 14:31 
29) 2. Mose 19:5, 6; 30) siehe 1. Kor. 10:1-8; LuB 84:24; 31) LuB 84:24 
32) siehe Matth. 17; 33) siehe Lehren des Propheten Joseph Smith, S. 133. 
34) LuB 133:55; 35) 2. Ne. 28:8; 36)5. Mose 34:10. 



370 



Der statistische Bericht von 1973 
zeigt das Wachstum der Kirche 



Zahl der Pfähle Zions 

Ende 1973 630 

Zahl der Gemeinden 4.580 

Zahl der unabhängigen 

Gemeinden in Pfählen 

(von einem Gemeinde- 
präsidenten verwaltet) 1 .1 27 
Gesamtzahl der Gemeinden 

in Pfählen am Ende des 

Jahres 5.707 

Zahl der Gemeinden in 

Missionen am Ende des 

Jahres 1.817 

Zahl der Missionen am 

Ende des Jahres 108 



Anzahl der Mitglieder der Kirche am 
31. Dezember 1973 

In den Pfählen 2,856.210 

In den Missionen 465.346 

Gesamtzahl der Mitglieder 3,321 .556 



Wachstum der Kirche im Jahre 1973 

Zahl der Kinder in Pfählen 
und Missionen, die 
gesegnet wurden 68.623 

Zahl der Taufen eingetra- 
gener Kinder in Pfählen 
und Missionen 48.578 

Zahl der übrigen Taufen in 

Pfählen und Missionen 79.603 

Sozialstatistik 

(basiert auf den Angaben von den 
Pfählen im Jahre 1973) 



Zahl der Geburten pro 




Tausend 


25,64 


Zahl der Personen, die ge- 




heiratet haben, pro 




Tausend 


14,72 


Zahl der Sterbefälle pro 




Tausend 


4,91 



Priestertum 

Träger des Aaronischen Priestertums 
am 31. Dezember 1973 

Diakone 140.549 

Lehrer 102.924 

Priester 164.668 
Träger des Aaronischen 

Priestertums insges. 408.141 

Träger des Melchisedekischen Prie- 
stertums am 31 . Dezember 1 973 



Älteste 

Siebziger 

Hohepriester 

Träger des Melchisede- 
kischen Priestertums 
insges. 

Gesamtzahl der Träger des 
Aaronischen und Melchi- 
sedekischen Priester- 
tums 

Zunahme während des 
Jahres 



280.351 
24.490 
99.886 



404.727 



812.868 



25.932 



Hilfsorganisationen der Kirche 
(Eingetragene Mitglieder) 



Wohlfahrtsplan 

Zahl der Personen, denen 
während des Jahres Hilfe 
geleistet wurde 103.100 

Zahl derer, denen Arbeit 

vermittelt wurde 16.159 

Dem Wohlfahrtsplan von 
Einzelpersonen ge- 
widmete Arbeitstage 154.306 

Gemeinschaftliche Arbeits- 
tage mit zur Verfügung 
gestellten Geräten 4.756 

Genealogische Gesellschaft 

Im Jahre 1973 für Tempelarbeit 
freigegebene Namen 2,718.421. 
Während des Jahres in 27 Ländern 
gemikrofilmte genealogische Auf- 
zeichnungen erbrachten insgesamt 
796.804 30-Meter-Rollen Mikrofilm 
für den Gebrauch der Kirche, was 
über 3,801.373 gedruckten Bänden 
mit je 300 Seiten entspricht. 

Tempel 

Zahl der im Jahre 1973 vollzogenen 
heiligen Handlungen in den 15 
Tempeln, die in Betrieb sind 



Frauenhilfsvereinigung 


785.000 






Sonntagsschule 


2,564.134 


Für Lebende 


71 .555 


Aaronische Priestertums- 




Für Verstorbene 


8,836.044 


GFV Junger Männer 


171.377 


Gesamtzahl der heiligen 




Aaronische Priestertums- 




Handlungen 


8,907.599 


GFV Junger Damen 


212.040 






Primarvereinigung 


471 .538 






Melchisedekische Priester- 




Schulsystem der Kirche 




tums-GFV 


625.000 







Gesamtzahl der zusätz- 
lichen Eintragungen in 
Schul- und Bildungsan- 
stalten der Kirche, ein- 
schließlich Instituten 
und Seminaren im 
Jahre 1973 



307.086 



371 



AUSSERGEWOHNLICHE BEGEBENHEITEN 
AUS DEM LEBEN UNSERER APOSTEL * 



ORSON F. 
WHITNEY 




Biographisches 

Orson F. Whitney wurde am 1. 
Juli 1855 als Sohn der Eheleute 
Horace und Helen Mar Kimball 
Whitney in Salt Lake City, Utah 
geboren. 

Er ging in Salt Lake City zur 
Schule und besuchte die University 
of Deseret. Später wurde er Rektor 
der University of Utah. 

Er war dreimal auf Mission — zu- 
letzt in Europa, wo er über die Euro- 
päische Mission präsidierte. 

Bruder Whitney diente 28 Jahre 
als Bischof in der 18. Gemeinde in 
Salt Lake City, danach wurde er 
in den Rat der Zwölf berufen. 

Er wurde am 9. April 1906 von 
Joseph F. Smith zum Apostel ordi- 
niert, zu diesem Zeitpunkt war er 50 
Jahre alt. Bruder Whitney unter- 
richtete am Brigham-Young-College 
in Logan, Utah und schrieb zwei 
Biographien, eine über Heber C. 
Kimball und die andere über Lorenzo 
Snow. 

Sein herausragendes literarisches 
Werk ist eine Geschichte Utahs. Er 
war ein hervorragender Redner und 
bekannter Schriftsteller, und wenn 
er seine Gedichte vorlas, konnte er 
die Zuhörer in den Bann schlagen. 
In seiner Jugend interessierte er 
sich sehr für die Schauspielkunst 



* Auszüge aus dem Buch „Exceptional 
Stories from the Lives of Our Apostles", 
zusammengestellt von Leon R. Harts- 
horn; mit freundlicher Genehmigung 
der Deseret Book Co., Salt Lake City. 



und spielte führende Rollen bei den 
Aufführungen der Home Dramatic 
Company. Er sang auch und war 
politisch aktiv. 

Am 16. Mai 1931 erlag er in Salt 
Lake City einem Herzanfall. 

Das folgende Material ist seinen 
Erinnerungen entnommen. 
* * * * 

Dann erlebte ich eine wunderbare 
Manifestation und empfing eine Er- 
mahnung aus einer höheren Quelle, 
die ich unmöglich ignorieren konnte. 
Es war ein Traum oder vielmehr eine 
Vision im Traum derweil ich auf 
meinem Bett lag. Dies geschah in 
der kleinen Stadt Columbia im Kreis 
Lancaster, Pennsylvania. Ich schien 
in den Garten Gethsemane versetzt 
— gleichsam als Augenzeuge der 
Todesqual des Heilands. Ich sah ihn 
klar und deutlich vor mir. Ich stand 
hinter einem Baum im Vordergrund 
und sah, wie Jesus mit Petrus, Jako- 
bus und Johannes durch eine kleine 
Pforte zu meiner Rechten eintrat. 
Der Gottessohn ließ die drei Apostel 
zurück; und nachdem er ihnen ge- 
sagt hatte, sie sollten niederknien 
und beten, begab er sich zur anderen 
Seite des Gartens, wo auch er nie- 
derkniete und betete. Es war das 
Gebet, mit dem jeder Bibelleser 
vertraut ist: „Mein Vater, ist's mög- 
lich, so gehe dieser Kelch an mir 
vorüber; doch nicht wie ich will, 
sondern wie du willst." 

Während er betete, rannen ihm die 
Tränen über das Gesicht, das er mir 
zugewandt hatte. Dieser Anblick 
bewegte mich so tief, daß ich aus 



lauter Mitleid ebenfalls weinte. Mein 
ganzes Herz wandte sich ihm zu ; ich 
liebte ihn von ganzer Seele und 
sehnte mich danach, bei ihm zu 
sein; ich wünschte mir nichts sehn- 
licher. 

Bald darauf erhob er sich und ging 
hinüber zu den Aposteln — sie 
schliefen fest! Er rüttelte sie sacht, 
weckte sie und fragte mit sanftem 
Tadel — ohne das geringste An- 
zeichen von Ärger oder Ungeduld — 
ob sie nicht einmal eine Stunde mit 
ihm wachen könnten. Dort stand er 
— mit der schrecklichen Last der 
Sünden der Welt auf den Schultern, 
seine empfindsame Seele von den 
Gewissensqualen jedes Mannes, 
jeder Frau und jedes Kindes gemar- 
tert — und sie konnten nicht ein- 
mal eine Stunde mit ihm wachen! 

Er kehrte zu seinem Platz zurück 
und sprach dasselbe Gebet wie zu- 
vor; dann ging er wieder zu ihnen 
hin und fand sie abermals schlafend. 
Er weckte sie, ermahnte sie noch- 
mals und kehrte wieder zurück und 
betete. Dies geschah dreimal, bis 
mir sein Äußeres — sein Gesicht, 
seine Gestalt und seine Bewegun- 
gen — vollkommen vertraut war. 
Er war von edler Gestalt und maje- 
stätischer Haltung — ganz und gar 
nicht der schwächliche, weichliche 
Typ, als den ihn einige Maler dar- 
gestellt haben, sondern der Gott, 
der er war und ist — sanft und 
demütig wie ein kleines Kind. 

Plötzlich schien sich das Bild 
zu ändern, obwohl die Szenerie un- 
verändert blieb. Es war jetzt nach der 



372 



Kreuzigung. Der Heiland stand mit 
den drei Aposteln zu meiner Linken. 
Ihre Himmelfahrt stand kurz bevor. 
Ich konnte es nicht längeraushalten. 
Ich lief hinter dem Baum hervor, fiel 
ihm zu Füßen, umfing seine Knie 
und bat ihn, mich doch mitzu- 
nehmen. 

Ich werde niemals vergessen, wie 
ersieh niederbeugte und mich sanft 
und liebevoll aufrichtete und umarm- 
te. Es war so lebendig, so wirklich. 
Ich spürte die Wärme seines Kör- 
pers, als er mich in den Armen hielt 
und liebevoll zu mir sagte: ,,Nein, 
mein Sohn, diese hier haben ihr 
Werk vollendet; sie können mit mir 
gehen. Du aber mußt bleiben und 
deines vollenden." Ich hielt ihn noch 
immer umfangen. Ich blickte zu ihm 
auf — er war größer als ich — und 
flehte inbrünstig: „Nun, dann ver- 
sprich mir, daß ich am Ende zu dir 
kommen werde." Sanft lächelnd 
entgegnete er: ,,Das hängt allein 
von dir ab." Ich erwachte mit einem 
Schluchzen in der Kehle; es war 
Morgen. 

„Das kommt von Gott," sagte 
Brd. Musser, als ich ihm erzählte, 
was ich gesehen und gehört hatte. 
„Das weiß ich selbst," entgegnete 
ich ihm. Ich sah ganz klar. Ich habe 
nie daran gedacht, einmal ein 
Apostel zu sein oder irgendein an- 
deres Amt in der Kirche zu beklei- 
den, und auch damals kam mir der 
Gedanke nicht. Ich wußte nur: die 
schlafenden Apostel, das war ich. 
Ich schlief auf meinem Posten — 
wie jeder, der von Gott zu einer be- 
stimmten Arbeit berufen ist und 
stattdessen eine andere verrichtet. 

Von Stund an änderte sich dies 
jedoch. Ich war niemals wieder so 
wie zuvor. 

Meine Antwort war: Ich bete doch 

An einem Morgen versuchte ich, 
den üblichen Leitartikel zu schrei- 
ben, aber ich kam damit nicht voran. 
Ich bemühte mich den ganzen Tag 
vergeblich darum, etwas Lesenswer- 
tes zu Papier zu bringen. Schließlich 
warf ich verärgert die Feder hin 
und brach in Tränen aus. 



In diesem Augenblick flüsterte 
mir der Geist zu: „Warum betest 
du nicht?" 

So als hätte jemand mich hörbar 
angesprochen, entgegnete ich: „Ich 
bete doch." Ich betete fünfmal am 
Tag — im stillen am Morgen, 
Mittag und Abend und mit der 
übrigen Familie beim Frühstück und 
am Mittagstisch. „Ich bete doch, 
warum bekomme ich denn keine 
Hilfe?" fragte ich beinah verdrieß- 
lich; denn ich war verzweifelt und 
halb entmutigt. 

„Bete jetzt", sagte der Geist, 
„bitte um das, was du brauchst." 

Ich verstand. Es mußte ein spe- 
zielles und kein allgemeines Gebet 
sein. Ich kniete nieder und brachte 
unter Tränen einige einfache Worte 
hervor. Ich bat nicht um die Herbei- 
führung der zehn Stämme, auch 
nicht um die Errichtung des Neuen 
Jerusalem. Ich bat den Herrn im 
Namen Jesu Christi darum, mir bei 
diesem Artikel zu helfen. Danach 
stand ich auf, setzte mich hin und 
begann zu schreiben. Mein Kopf war 
ganz klar, und meine Feder flog 
förmlich über das Papier. Alles, was 
ich brauchte, kam so schnell, wie 
ich es niederschreiben konnte — 
jeder Gedanke und jedes Wort an der 
richtigen Stelle. Binnen kurzem 
hatte ich den Artikel zu meiner 
vollsten Zufriedenheit beendet. Ich 
las ihn dem Missionspräsidenten 
vor, und er genehmigte ihn, ohne 
auch nur eine einzige Silbe zu än- 
dern. 

Das war mir eine Lehre oder viel- 
mehr: Es rief mir nachdrücklich 
etwas ins Gedächtnis zurück, was 
ich im Grunde bereits wußte. Beten 
heißt nicht einfach Worte machen; 
es ist keine Kette stereotyper Phra- 
sen. Es ist „der Seele Wunsch"; 
und der Herr meint diese Art des 
Betens, wenn er sagt: „Bittet, und 
ihr werdet empfangen." 

Er sagte nicht, welches Kind es war 

Inzwischen traf mich und die 
Meinen ein neuer Schicksalsschlag. 
An jenem denkwürdigen Tag, als 
der erste Ausflug in die Umgebung 



Londons stattfand, starb mein 
kleiner Sohn Heber im fernen Utah 
im Haus seines Großvaters Smoot. 
Dieses Kind wurde sieben Monate 
und 21 Tage nach meiner Abreise 
nach England geboren. Ich hatte es 
also noch nie gesehen und würde 
es auch in dieser Welt nicht mehr 
sehen. 

Ich erhielt die traurige Nachricht 
in einem Beileidsbrief von Präsident 
John Henry Smith aus Liverpool. Er 
hatte es in den „Deseret News" ge- 
lesen. Etwas später kam ein Brief 
von meinem Schwiegervater aus 
Provo, worin er die Nachricht be- 
stätigte. Die traurigen Begleitum- 
stände — die Krankheit meiner 
Frau, der Tod ihrer Mutter, die so 
grausam zerstörte Hoffnung, daß die 
Geburt des Kindes ein dauerhafter 
Trost für ihre bekümmerte Seele sein 
würde — dies alles vertiefte noch 
den Schmerz. 

Ich faßte mich, so gut ich eben 
konnte, und schrieb meiner verzwei- 
felten Frau einen liebevollen Brief. 
Ich schloß mit den Worten : 

„Ich warte begierig darauf, von Dir 
zu hören, mein Schatz, und fürchte 
mich doch gleichzeitig davor, daß 
der nächste Brief noch mehr 
schlechte Nachrichten enthält. 
Möge Gott Dich trösten; denn Du 
brauchst jetzt Trost. 

Präsident Smith hat mich als 
erster informiert. Er hat mir jedoch 
nicht mitgeteilt, welches Kind es 
ist; und so blieb ich etliche Stunden 
im Ungewissen, obwohl ich die 
ganze Zeit über das sichere Gefühl 
hatte, daß es das Baby sein mußte; 
denn Du hattest mir ja von seiner 
schweren Krankheit geschrieben. 

Der Präsident hat mir angeboten, 
mich zu entlassen. Er sagt, ich 
könne mit seinem Segen gehen. Ich 
glaube, ich sollte dieses Angebot 
annehmen; denn er ist der Beauf- 
tragte des Herrn in diesem Land. 
Was meinst Du dazu? Es ist zu spät, 
mit der Gruppe zu reisen, die im Mai 
aufbricht, aber ich könnte im Juni 
fahren. Wenn Du damit einverstan- 
den bist und der Herr nichts anderes 
gebietet, werde ich kommen." 



373 



Und wäre es ein See aus loderndem 
Feuer 

Zu meinem neu gewonnenen Be- 
kanntenkreis in Cleveland, Ohio 
zählte auch eine höchst achtbare 
Dame, die Witwe eines Offiziers der 
Union, der im Bürgerkrieg ge- 
fallen war. Sie liebte ihren verstor- 
benen Gatten, pflegte liebevoll sein 
Andenken und brachte wiederholt 
ihre innige Zuneigung zu ihm zum 
Ausdruck. Als ich ihr die Lehre von 
der Erlösung der Verstorbenen und 
der ewigen Ehe erläuterte und ihr 
sagte, dies sei einer der Gründe, 
weshalb die Heiligen der Letzten 
Tage Tempel bauen und darin ar- 
beiten, zeigte sie großes Interesse 
und stellte mirdie folgende Frage: 

„Wollen Sie damit sagen, daß ich 
diese Arbeit für meinen lieben Mann 
tun lassen und in einer anderen Welt 
seine Frau sein kann, wenn ich eine 
Heilige der Letzten Tage werde?" 

,,Ja," entgegnete ich ihr. 

Darauf sagte sie: „Ich habe noch 
nie etwas so Schönes und Erheben- 
des gehört. Überzeugen Sie mich 
davon, und ich werde mich taufen 
lassen, selbst wenn es in einem See 
aus loderndem Feuer wäre." 

Ich antwortete ihr: „Ich kann Sie 
nicht davon überzeugen, aber der 
Herr kann es und wird es, wenn Sie 
ihn darum bitten." 

Sie sagte, sie würde es tun — 
und zweifelsohne hat sie es auch 
getan; denn nicht lange danach er- 
hielt ich einen Brief von ihr, in dem 
sie mitteilte, daß sie das gewünschte 
Zeugnis erlangt habe und bereit sei, 
sich taufen zu lassen. 

Ich antwortete ihr umgehend und 
schrieb, daß ich mit einigen anderen 
zu einer bestimmten Zeit an einer 
bestimmten Stelle am Eriesee sein 
würde, um sie dort zu taufen. Wir 
wollten gerade aufbrechen, als ein 
zweiter Brief von ihr eintraf, der 
folgendermaßen lautete: „Ich weiß 
erst jetzt, wie armselig und schwach 
ich bin. Ich dachte, ich wäre stark 
genug, diesen Schritt zu tun, aber 
ich bin es nicht. Wenn ich eine 
, Mormonin' werde, wenden sich all 
meine Freunde von mir ab. Ich ver- 



liere meine gesellschaftliche Stel- 
lung und mein Name wird geächtet. 
Ich kann dieses Opfer nicht bringen. 
Dennoch glaube ich, daß die Lehre 
wahr ist und daß Sie ein wahrer 
Diener Gottes sind. Ich hoffe, es 
kommt die Zeit, wo ich auf gleicher 
Ebene mit Ihnen stehen kann und wo 
wir Bruder und Schwester in der 
Kirche Christi sind. Jetzt ist es mir 
nicht möglich." 

Ich las diesen Brief mit einem Ge- 
fühl der Trauer und des Bedauerns. 
Wie sehr gleicht sie doch dem unge- 
stümen Apostel Petrus, dachte ich, 
der zu dem Heiland sagte: „Wenn 
ich auch mit dir sterben müßte, 



wollte ich dich nicht verleugnen." 
Doch er leugnete dreimal, daß er den 
Herrn kannte, dem er Treue ge- 
schworen hatte. Und diese gute Frau 
— denn sie war eine gute Frau, ein 
Kind Israel, warum wohl hätte sie 
sonst geglaubt? — diese Frau 
glaubte, daß sie bereit sei, sich in 
einem „See aus loderndem Feuer" 
taufen zu lassen. Doch als es darauf 
ankam, versagte sie. Wir wollen 
hoffen, daß sie sich besinnt und 
ihren Entschluß ändert — wie der 
reumütige Petrus, der sein Versagen 
auf so edle Weise wiedergutgemacht 
hat. 

O 




Auf dem Teufelstein 
Ausflug der HLT-Seminarteilnehmer der Gemeinde 
Mannheim-Ludwigshafen 

Die Sonne strahlte nur so aus dem Blau des Himmels, als sich die HLT- 
Seminargruppe der Gemeinde Mannheim-Ludwigshafen Ende Juni früh 
morgens am Bahnhof traf. Der Kursus „Neues Testament" war beendet 
und 15 Jugendliche und zwei Erwachsene waren zum abschließenden 
Tagesausflug gekommen. Alle waren begeistert und freuten sich auf die 
Wanderung. Zunächst ging es mit der Bahn nach Bad Dürkheim und 
von dort mit der Gondelbahn direkt in den Pfälzer Wald. Auf der Rund- 
wanderung begutachtete man die historische Heidenmauer und be- 
wunderte den Brunhildstuhl. Zu Mittag wurde auf dem Teufelstein ge- 
gessen, was noch im Rucksack war. Spiele lockerten die Wanderung 
auf und als man am Spätnachmittag die heißgelaufenen Füße in einen 
kühlen See tauchen konnte, war man rundum zufrieden — und müde. 



374 




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KINDERBEILAGE FÜR SEPTEMBER 1974 



Freunde in Norwegen 



Normannische Seefahrer (Wi- 
kinger) befuhren schon um 800 n. 
Chr. von den blauen Wassern 
der tiefen Fjorde Norwegens 
aus auf ihren Segelschiffen das 
Meer. Heute segeln norwegi- 
sche Fischer auf denselben Ge- 
wässern; und ihre jährlichen 
Fischfänge gehören zu den 
größten in der Welt. 

Im fernen Norden, im Land der 
Mitternachtssonne, herrscht von 
Mai bis Juli fast ständig Tages- 
licht. Im äußersten Süden Norwe- 
gens ist es während dieser Mona- 
te lange Dämmerung, und es 
kommt gar keine richtige Dun- 
kelheit auf. Im Winter ist es je- 
doch nurfürein paar Stunden um 
die Mittagszeit hell. 

Dieses Land der ehemaligen 
Wikinger ist langgestreckt, 
gebirgig und schön. Es reicht von 
der verhältnismäßig warmen 
Nordsee im Süden bis zum nörd- 
lichen Polarkreis. 

Wegen der langen Winter und 
dem wunderbaren Schnee treibt 
fast jeder gern Sport im Freien. 
Mit dem Skilauf, dem National- 
sport, wurde vor mehreren Jahr- 
hunderten begonnen. Heute gibt 
es in fast jeder Stadt eine Sprung- 
schanze. Viele Menschen 
machen mit Skiern Ausflüge 
übers Land. 

Ein anderer beliebter Winter- 
sport ist das Schlittschuhlaufen. 
Elf Mann starke Mannschaften 
spielen eine Art Eishockey, das 
man Bandy nennt. 

Fußball ist ein Lieblingssport 
im Sommer. Entlang der Küsten 



wird gern gesegelt; und die 
vielen Seen und Flüsse locken 
die Fischer an. In manchen 
Städten gibt es Ruderklubs. 

Bei den Kindern gibt es ein 
Spiel, das „Schneide den Hafer" 
genannt wird. An diesem Spiel 
nimmt eine ungerade Zahl von 
Kindern teil. Die Kinder fassen 
sich bei der Hand und bilden 
einen Kreis. Eins steht in der 
Mitte, während die andern rund- 
herum hüpfen und dabei ein Lied 
singen. Der letzte Satz des Liedes 
heißt: ,,Du nimm deins, und ich 
nehm' meins". Der Kreis wird 
aufgelöst, und jedes Kind, auch 
das in der Mitte, sucht sich einen 
Partner. Das Kind, das keinen 
Partner gefunden hat, geht in 
die Mitte des Kreises, und das 
Spiel beginnt von neuem. 

Der Komponist Edward Grieg 
(1843 - 1907), der Bühnenschrift- 
steller Henrik Ibsen (1828 - 1906) 
und der Forscher Roald Amund- 
sen (1872 - 1928) wurden alle in 
Norwegen geboren. Thor Heyer- 
dahl, der zusammen mit fünf 
andern mit dem Floß Kon-Tiki 
etwa 7.000 Kilometer über den 
Südpazifik fuhr, wurde auch in 
diesem Land geboren. Seine 
Reise auf diesem Floß bewies die 
Möglichkeit, daß die polynesi- 
schen Inseln von Menschen be- 
siedelt sein könnten, die vor 
vielen Jahren von Peru losge- 
segelt waren. 

Oslo, die Hauptstadt von Nor- 
wegen, befindet sich im südöst- 
lichen Tiefland. In dieser Gegend 
gibt es viele Flüsse, auf denen 

(3® 65 Q* 




Nutzholz zu den Sägewerken 
transportiert werden kann und 
die auch Wasserkraftwerke be- 
treiben. 

Trondheim, eine 998 n. Chr. 
gegründete Stadt, war einst die 
Hauptstadt von Norwegen. 
Trondheim liegt im Zentral- 
Trondheim-Tiefland wo es 
mehrere weite, flache Täler gibt. 
Heute ist die Stadt ein bedeuten- 
der Mittelpunkt für Industrie und 
Handel. Dort gibt es auch viele 
landwirtschaftlich genutzte 

Flächen. 

Der Dichter Simon W. Wolff 
(1796 - 1859) hat geschrieben: 
„Herrlich ist mein Heimatland, 
das alte klippenumgrenzte Nor- 
wegen, das Sommertal und die 
Winterfeste. Selbst wenn der 
Erdball geschüttelt würde, 
könnte der Sturm seine Berge 
nicht umstürzen." Q 



Sin 3unge und ein Vogel 



GRACEM. PRATT 



Photos von Eldon Linschoten 



Der Zeitungsjunge wich schnell 
mit seinem Fahrrad aus, um 
nicht einen auf der Straße sitzen- 
den Vogel umzufahren. 

,, Hallo, Vogel", sagte er, als 
er über die Schulter schaute 
und ihn noch immer da sitzen 
sah, ,,das ist kein Platz zum 
Schlafen!" 

Als der Junge etwas später 
mit seinen leeren Zeitungs- 
taschen zurückkam, verlang- 
samte er sein Tempo, um zu 
sehen, ob sich der Vogel noch 
immer in der Gegend aufhielt. 
Erstaunt hielt er an, als er den 
Vogel genau auf derselben 
Stelle wiedersah. 

Der Junge schaute den Vogel 
verdutzt an. Der Vogel starrte mit 
runden glänzenden Augen zu 
dem Jungen auf, rührte sich aber 
nicht. 

„Hallo, Vogel", sagte der 
Junge wieder, ,, fehlt dir etwas?" 

Er stellte sein Fahrrad ab und 
ging näher — einen Schritt 
nach dem andern. Plötzlich be- 
wegte sich der Vogel, hüpfte aber 
nur ins hohe Gras hinüber. 

Der Junge ging ein paar 
Schritte näher und bückte sich. 



„Was fehlt dir?" fragte er. „Die 
andern Vögel wachen auf und 
gehen auf Futtersuche, und du 
sitzt hier einfach auf dem Boden 
herum." 

Während der Junge sprach, 
ging er langsam näher und streck- 
te seine Hand aus. Der kleine 
Vogel flog erschreckt auf, kam 
aber nur so hoch, wie der Junge 
groß war und fiel dann wieder 
auf die Erde zurück. 

Jetzt war es leicht für den Jun- 
gen, seine Hand über den Vogel 
zu legen und ihn aufzunehmen. 

Wütend biß der Vogel ihn 
tüchtig in die Hand. 

„Au!" rief der Junge. Er riß die 
Hand hoch, als wollte er den 
Vogel abwerfen, nahm sich aber 
dann zusammen, verbiß den 
Schmerz und sagte leise: „Keine 
Angst, Kleiner, keine Angst!" bis 
der Vogel sich beruhigte und ihn 
losließ. 

„Fühlst du dich nicht wohl?" 
fragte der Junge, als er sich den 
kleinen Körper beschaute. „Kein 
Blut an den Federn; so war es 
nicht eine Katze oder eine Flinte, 
nicht?" 



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66 





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Er streichelte den kleinen Kopf 
eine Weile, um den Vogel zu be- 
ruhigen und sagte: „Ich werde 
mir jetzt deine Flügel und Beine 
ansehen. Ich werde wirklich vor- 
sichtig sein." 

Zart öffnete er jeden Flügel 
und streckte jedes zierliche Bein 
aus; dann faltete er sie wieder 
sorgfältig zurück, während 
dessen er leise sprach. 

Der kleine Vogel wehrte sich 
jetzt nicht mehr. Vielleicht war 
er zu schwach. Oder vielleicht 
vertraute er dem Jungen. 

,,lch bin fast traurig, daß es 
kein gebrochenes Bein ist", sagte 
der Junge schließlich. ,,Bei so 
winzigen Kreaturen wie dir ist 
es leichter, außen etwas zu 
flicken als innen." 

Er untersuchte den kleinen 
Vogel sorgfältig — oben, unten, 
von der Schnabelspitze bis zur 
Schwanzspitze — und fand 
nichts versehrt. Dann fuhr er mit 
einem Finger am Hals des 
Vogels entlang, vom Schnabel 
bis zum Bauch. 

,,Oh!" rief er beunruhigt aus, 
,,dein Kropf ist leer. Du hast 
ziemlich lange kein Futter mehr 
aufgenommen. Wie kommt's?" 
Er schaute traurig auf den kleinen 
Vogel und schüttelte den Kopf. 
,,lch fürchte, es ist ernst, kleiner 
Kerl." 



Sie schauten einander an, der 
Junge und der Vogel, und irgend- 
wie begegneten sie sich, von 
Auge zu Auge und von Herz zu 
Herz. Der kleine Vogel lag mit 
ruhig starrenden Augen in des 
Jungen Hand, beruhigt durch 
seinen zarten Griff und seine 
freundliche Stimme. Dann kamen 
ein paar schaumige Blasen aus 
einer Ecke des Vogelschnabels, 
und der Junge stöhnte leise. 

,,Oh, oh, du hast etwas Gift 
aufgepickt! Und es brennt in- 
wendig wie Feuer, ist es so? Das- 
selbe war mit Major, als er ..." 

Der Junge hielt inne. Er schloß 
die Augen fest und unterdrückte 
die Tränen. Dann schaute er 
wieder den kleinen Vogel an und 
fuhr fort: „Vielleicht wirst du 
Major treffen. Er ist ein hübscher 
Hund. Er ist mittelgroß und ganz 
braun. Major ist gut zu Vögeln. 
Er wird dir ein guter Freund 

Der Junge setzte sich hin, und 
zusammen warteten sie. Der 
Junge strich mit den Fingern 
über die weichen Federn und 
flüsterte zärtliche Worte, um den 
Vogel zu trösten. 

Hin und wieder schloß der 
kleine Vogel seine runden Augen, 
um zu ruhen und öffnete sie 
dann schnell wieder, um weiter 
den Jungen anzusehen. Der 
Vogel hatte keine Angst mehr. 



Es war so, als ob der Vogel und 
der Junge Dinge zueinander 
sagten, die sie beide verstan- 
den. 

Nicht lange danach zitterte der 
kleine Körper des Vogels, und 
er schenkte dem Jungen noch 
einen Blick, als ob er sagen 
wollte: ,,Es ist alles gut jetzt. 
Lebewohl, mein Freund!" 

Dann schloß der Vogel seine 
Augen und schlief in der Hand 
des Jungen ein. Der unfreund- 
liche dunkle Himmel wandelte 
sich in strahlendes Tageslicht, 
als das Leben sich still von dem 
Vogel löste. 

„Lebe wohl, kleiner Kerl", 
flüsterte der Junge und hielt die 
weichen, warmen Federn gegen 
seine Wange. „Es tut mir leid, 
daß es so schlimm war, daß du 
gehen mußtest." Und er wischte 
sich eine Träne fort, und sie 
fiel auf den winzigen Kopf des 
Vogels. 

Der Junge fand ein kurzes 
Stück Holz und grub damit nahe 
bei einem Baum unauffällig ein 
Loch, das er mit weichem Gras 
auslegte. Dann bettete er den 
kleinen Vogel hinein und be- 
deckte ihn mit frischen grünen 
Blättern und Erde. Darin steckte 
er kleine Blumen. 

Und während all dieser Arbeit 
summte der Junge einen Lebe- 
wohlgesang für den kleinen 
Vogel : 




Lebe wohl für 'ne Weile, kleiner 
Freund, lebe wohl! Du kannst 
deine Flügel jetzt wieder ent- 
falten voll. Eines Tages — ich 
weiß nicht wann — komme 
auch ich. Und wir werden Schö- 
nes miteinander verleben: du 
und Major und ich. 



Punkterätsel 

CAROL CONNER 




Das macht Spaß 



Bei welchem Wüstenvogel in 
Mexiko und den USA leitet sich der 
Name aus einem Teil seiner Lebens- 
weise ab 1 ? Zeichne sein Bild, indem 
du die Punkte 1 bis 33 verbindest. 

1)Correcamino oder Straßenläufer. 



Versuche auf der Steppdecke acht 
Stellen zu finden, die mit dem 
Schlafanzug von Barney und Bertie 
übereinstimmen. 



ANN STACEY 



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— — — - * — • I < . 




ii. 






Punkterätsel 

CAROL CONNER 

Ziehe von 1 bis 31 eine Linie, und du wirst das Bild von 
einem Tier vor dir haben, das in Australien lebt. 
Was ist es? 



69 





Mache einen Scherz mit deinen Freunden 

Deine Freunde werden denken, du bist nicht ganz klar 
im Kopf. Warum? Weil du sagst, daß du deinen Kopf 
durch ein Loch in diesem nur 10 cm großen Quadrat 
aus Papier stecken kannst. 

Hierhast du die Lösung: Schneide das Quadrat aus. 
Dann schneide sorgfältig die weißen Linien auf. 






Von Freund 
zu Freund 



Tragödie oder Schicksal ? 

SPENCER W. KIMBALL 
Präsident der Kirche 

Wir wußten, bevor wir geboren wurden, daß wir 
zur Erde kommen sollten, um einen Körper zu 
empfangen und Erfahrungen zu sammeln und daß 
wir Freuden und Sorgen, Wohlbehagen und 
Schmerzen, Angenehmes und Mühsale, Gesund- 
heit und Krankheit, Erfolge und Enttäuschun- 
gen erleben würden. Wir wußten auch, daß wir 
nach einer Zeit sterben würden. Freudigen Her- 
zens stimmten wir eifrig zu, daß wir zur Erde 
kommen sollen, selbst wenn es nur für einen Tag 
oder ein Jahr sein sollte. Wir waren willens, 
das Leben so zu nehmen, wie es kommen würde — 
ohne Murren, Klagen oder unvernünftige Wünsche. 

Gott überwacht unser Leben und führt und 
segnet uns; aber er gibt uns Entscheidungsfrei- 
heit. Wir können unser Leben gemäß seinem, für 
uns bestimmten Plan führen, oder wir können 
töricht sein und unser Leben verkürzen oder been- 
den. 

Ich glaube daran, daß einem eine Zeit zum Ster- 
ben bestimmt ist; aber ich glaube auch, daß viele 
Menschen vor ihrer Zeit sterben, weil sie leicht- 
sinnig sind, ihren Körper mißbrauchen, unnötige 
Risiken auf sich nehmen oder sich Gefahren, Wag- 
nissen und Krankheiten aussetzen. 

Der Herr heilt nicht immer die Kranken. Er be- 
freit nicht immer von Leid und Elend. Dies mag 
Teil eines zweckmäßigen Plans sein. Leiden 



70 






:: : 






MMMP 







können aus Menschen Heilige machen, wenn sie 
Geduld, Langmut und Selbstbeherrschung lernen. 

Das Evangelium lehrt uns, daß im Tod nichts 
Tragisches liegt, sondern nur in der Sünde. Jeder 
muß sterben. Der Tod ist ein wichtiger Teil des 
Lebens. Durch den Tod mag sich eine Tür zu Mög- 
lichkeiten öffnen. Natürlich sind wir niemals völlig 
zum Hinübergehen bereit. Nicht wissend, wann es 
kommen soll, kämpfen wir um die Erhaltung 
unseres Lebens. Wir sollten uns aber nicht vor dem 
Tod fürchten. 

Die Leiden des Heilands waren Teil seiner Er- 
ziehung. Mein Herz ist von dem Wissen, wie wich- 
tig sein Tod, seine Auferstehung und sein Sühn- 
opfer sind, so bewegt, daß ich vor Freude weinen 
möchte. 

Angesichts scheinbarer Tragödien müssen wir 
unser Vertrauen auf Gott setzen, wissend, daß 
trotz unserer begrenzten Sicht seine Absichten 
nicht vereitelt werden können, sondern nur 
unsere Sicht begrenzt ist. Das Leben mit all seinen 
Schwierigkeiten bietet uns die überaus große Ver- 
günstigung, unsere Kenntnisse zu erweitern, an 
Weisheit zuzunehmen, den Glauben zu vermehren 
und zu vervollkommnen, wenn wir uns darauf vor- 
bereiten, zu Gott zurückzukehren und an seiner 
Herrlichkeit teilzuhaben. 

O 




Verstecktes Tier 

WALT TRAG 

Male jede Spalte an, die einen 
Punkt enthält, und du wirst heraus- 
finden, was für ein Tier in diesem 
Bild versteckt ist. 



Baumwolle 



Woher kommt es? 

Jedesmal wenn du zu einer Gabelung auf 
dem Weg kommst, wirst du ein Wort sehen. 
Schaue dir dann jeden neuen Weg und sein 
Wort an. Wähle das Wort, 
das angibt, woher das 
vorhin Genannte stammt, 
und du wirst den Topf mit 
Gold erreichen. 



Beginn 




J. M. SUICA 



Topf mit Gold 




© ^51 




Die Antworten sollen Hilfe und Ausblick gewähren und sind als 
persönliche Meinungsäußerung des Schreibenden zu betrachten. 




Ich würde sagen, daß der Abfall 
vom Glauben für die Erlösung des 
Menschen nicht notwendig gewesen 
ist; denn wäre die vom Heiland und 
seinen Aposteln gegründete Kirche 
auf der Erde verblieben, wäre die 
rechtmäßige Vollmacht vom Herrn 
vorhanden gewesen, die erlösenden 
Handlungen des Evangeliums zu 
vollziehen, daher wäre keine Wieder- 
herstellung erforderlich gewesen. 

Da jedoch ein Abfall vom Glauben 
stattgefunden hat und kein Priester- 
tum und keine göttliche Vollmacht 
mehr auf der Erde waren, um die er- 
lösenden heiligen Handlungen des 
Evangeliums zu vollziehen, war die 
Wiederherstellung die einzige Mög- 
lichkeit, diese Vollmacht wieder zur 
Erde zu bringen. 

Die Tatsache, daß ein Abfall vom 
Glauben stattgefunden hat, besagt 
jedoch nicht, daß es auf der Erde 
keine Kirchen mehr gegeben hat. Es 
bedeutet nur, daß keine der Kirchen 
göttliche Vollmacht besessen hat 
und daß folglich niemand bevoll- 
mächtigt gewesen ist, irgendeine 
der erlösenden heiligen Handlungen 
des Evangeliums zu vollziehen. 



„Sind der Abfall von der 
wahren Kirche und die 
darauf folgende Wieder- 
herstellung für die 
Erlösung des Menschen 
notwendig gewesen?" 

Die heilige Schrift ist voll von 
Hinweisen darauf, daß es einen 
Abfall von der Urkirche geben würde, 
die Jesus gegründet hat. Als 
Johannes der Offenbarer auf der 
Insel Patmos in der Verbannung 
lebte, sprach der Engel des Herrn 
zu ihm: „Steig herauf, ich will dir 
zeigen, was nach diesem geschehen 
soll 1 ." Der Engel zeigte ihm die 
Macht, die Satan gegeben werden 
sollte, um gegen die Heiligen zu 
streiten (und mit den Heiligen waren 
die Mitglieder der Kirche Christi ge- 
meint) und sie zu überwinden und 
über alle Nationen, Geschlechter, 
Sprachen und Völker zu herrschen 2 . 
Dies bedeutet doch offensichtlich, 
daß die vom Heiland gegründete 
Kirche gänzlich überwunden wurde, 
und folglich hat es einen Abfall vom 
Glauben gegeben. 

Dann zeigte ihm der Engel einen 
anderen Engel, der mitten durch den 
Himmel flog und ,,ein ewiges Evan- 
gelium zu verkündigen (hatte) denen, 
die auf Erden wohnen, und allen 
Nationen und Geschlechtern und 
Sprachen und Völkern 3 ". Demnach 
war also das ewige Evangelium das 



einzige, das die Menschen erlösen 
konnte. Johannes fügt noch hinzu: 
,,... und sprach mit großer Stimme: 
Fürchtet Gott und gebet ihm die 
Ehre; denn die Stunde seines Ge- 
richts ist gekommen! Und betet den 
an, der gemacht hat Himmel und 
Erde und Meer und die Wasser- 
brunnen 4 ." 

Jene herrliche Vision, die Joseph 
Smith empfangen hat, ist ein wei- 
terer Beweis für den Abfall vom 
Glauben; denn sie hat gezeigt, daß 
der Vater und der Sohn zwei getrenn- 
te verherrlichte Wesen sind, während 
die gesamte Christenheit einen Gott 
ohne Leib, ohne Glieder und ohne 
Regungen angebetet hat. Das heißt: 
Ihr Gott konnte nicht sehen, denn 
er hatte keine Augen; er konnte 
nicht hören, denn er hatte keine 
Ohren; er konnte nicht sprechen, 
denn er hatte keinen Mund. Sie folg- 
ten also Menschenlehren und nicht 
den ewigen Evangeliumswahr- 
heiten. 

Mose wußte, daß dieser Zustand 
eintreten würde; denn als er die 
Kinder Israel in das gelobte Land zu 
führen gedachte, sagteer ihnen, daß 
sie dort nicht lange bleiben, sondern 
in alle Nationen zerstreut würden 5 . 
Und er sagte zu ihnen: ,,Dort wirst 
du dienen den Götzen, die das Werk 
von Menschenhänden sind, Holz 
und Stein, die weder sehen noch 
hören noch essen noch riechen 
können 6 ." Und ebendiese Art Gott 
hat die Christenheit angebetet, als 
Joseph Smith seine glorreiche 
Vision hatte. 

Mose ließ es aber nicht damit 
bewenden. Er wies darauf hin, daß 
Israel ihn (Gott) gewißlich finden 
werde, wenn es ihn in den Letzten 
Tagen suche 7 (und er erwähnt hier 
ausdrücklich die Letzten Tage). 
Der Prophet Joseph Smith hat ihn 
(Gott) gesucht und deshalb Kenntnis 
von dem wahren und lebendigen 
Gott erlangt, von dem der Engel 
sagt: ,,... der gemacht hat Himmel 
und Erde und Meer und die Wasser- 
brunnen ." 

Als die Apostel den Heiland nach 
den Zeichen seines Zweiten Kom- 



375 



mens und des Weltendes fragten, 
sprach er zu ihnen von den Kriegen, 
Pestilenzen und Erdbeben, die 
kommen werden und sagte: „Und 
es wird gepredigt werden dies 
Evangelium vom Reich in der ganzen 
Welt zum Zeugnis für alle Völker, 
und dann wird das Ende kommen 9 ." 
Er meinte damit offensichtlich das 
Evangelium, das er und seine Jünger 
verkündet hatten. 

In Jesaja 29, Vers 1 3 und 1 4 finden 
wir einen weiteren Hinweis darauf, 
daß es eine vollkommene Wiederher- 
stellung geben sollte: 

„Und der Herr sprach: Weil dies 
Volk mir naht mit seinem Munde und 
mit seinen Lippen mich ehrt, aber 
ihr Herz fern von mir ist und sie 
mich fürchten nur nach Menschen- 
geboten, die man sie lehrt, darum 
will ich auch hinfort mit diesem Volk 
wunderlich umgehen, aufs wunder- 
lichste und seltsamste, daß die 
Weisheit seiner Weisen vergehe und 
der Verstand seiner Klugen sich ver- 
bergen müsse." 

Nun versteht es sich von selbst, 
daß der Herr kein wunderbares 
und seltsames Werk unter den Men- 
schenkindern zu vollbringen brauch- 
te, wenn sein Evangelium auf der 
Erde verblieben wäre. Doch er gibt 
zu verstehen, daß der Grund für 
dieses wunderbare und seltsame 
Werk darin zu suchen ist, daß sie 
Menschengebote lehren. Und eben- 
dies findet man heutzutage in allen 
sogenannten christlichen Kirchen, 
und es beweist, daß die Wiederher- 
stellung notwendig gewesen ist. 

Am Tag nach Pfingsten sagte 
Petrus zu denen, die Christus dem 
Tode überantwortet hatten : 

„So tut nun Buße und bekehret 
euch, daß eure Sünden getilgt wer- 
den, auf daß da komme die Zeit der 
Erquickung von dem Angesicht des 
Herrn und er sende den, der euch 
zuvor zum Christus bestimmt ist, 
Jesus. 

Ihn muß der Himmel aufnehmen 
bis auf die Zeit, da alles wiederge- 
bracht wird, wovon Gott geredet hat 
durch den Mund seiner heiligen 
Propheten von Anbeginn 1C !" 



Wir sind die einzige Kirche in der 
Welt, die die Wiederherstellung 
aller Dinge verkündet; und wenn 
Petrus ein wahrer Prophet gewesen 
ist, dann kann — den vielen Ver- 
heißungen in der Schrift zufolge — 
niemand die Wiederkehr des Hei- 
lands erwarten, ehe die Wiederher- 
stellung erfolgt ist — und zwareine 
Wiederherstellung, keine Reforma- 
tion. Und so erklären wir aller Welt, 



„Sollen wir einem 
Menschen immer 
wieder vergeben, auch 
wenn er fortfährt, 
Böses zu tun, weil er 
darauf baut, daß ihm 
erneut vergeben wird ? j 

Die Frage an die Mitglieder der 
Kirche lautet: Sollen w/reinem Men- 
schen vergeben, der fortfährt, Böses 
zu tun, im Vertrauen darauf, daß 
man ihm vergibt? Der Herr hat darauf 
eine ganz eindeutige Antwort ge- 
geben, und zwar, als Petrus ihn 
fragte: „Wie oft muß ich denn 
meinem Bruder, der an mir sündigt, 
vergeben? Ist's genug siebenmal? 

Jesus sprach zu ihm: Ich sagedir: 
nicht siebenmal, sondern sieben- 
zigmal siebenmal !" 

Wie man sieht, gilt die Frage des 
Petrus denen, die „an mir sündi- 
gen". Die anfangs gestellte Frage 
scheint nun nicht die zu betreffen, 
die an uns sündigen, sondern spricht 
ganz allgemein davon, daß jemand 
fortfährt, Böses zu tun. 

Die Buße ist kein Gesetz, mit dem 
man leichtfertig umgeht. Wehe dem, 
der mit dem Gedanken sündigt, daß 
er ja Buße tun kann. Er treibt mit 
dem Grundsatz der Erlösung Scherz. 
Wer Buße tut und denkt, er könne 
später ruhig weiter sündigen, der 
tut nicht wirklich Buße. Er unterläßt 



daß eine Wiederherstellung all 
dessen erfolgt ist, was durch den 
Mund der heiligen Propheten ge- 
sprochen wurde. Diese Propheten 
sind wieder auf die Erde gekommen 
und haben die Schlüsselgewalt 
und Vollmacht des heiligen Priester- 
tums und die Macht zurückgebracht, 
die erlösenden heiligen Handlungen 
des Evangeliums zu vollziehen. 
LeGrand Richards vom Rat der Zwölf 




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sein sündiges Verhalten nur eine 
Zeitlang, weil er hofft, dadurch sein 
Gewissen zu beruhigen. Aufgrund 
dieser falschen Auffassung von der 
Buße fühlt er sich dann von dem 
Zwang zu aufrichtiger Buße befreit, 
und er fällt vielleicht in die alte Sün- 
de zurück. 

Im Buch , Lehre und Bündnisse', 
Abschnitt 42, Vers 25 heißt es: „Tut 
aber (jemand) von ganzem Herzen 
Buße und läßt davon ab und tut es 
nicht mehr — dem sollst du ver- 
geben." Der Herr spricht hier zwar 
von einer schweren Übertretung, 
doch ich meine, daß derselbe Grund- 
satz in allen Fällen gilt, wo Buße 
notwendig ist. Wir müssen von gan- 
zem Herzen von der Sünde ablassen, 
das allein hält uns davon ab, wieder 
rückfällig zu werden. 

Ich finde es bedeutsam, daß 
das Aaronische Priestertum die 
Vollmacht des vorbereitenden Evan- 
geliums innehat. „Dieses Evange- 
lium ist das Evangelium der Buße, 
der Taufe und der Vergebung der 
Sünden 2 ." Der Bischof hält als Präsi- 



376 



dent des Aaronischen P riestert ums 
den Schlüssel zur Buße. Aus diesem 
Grund müssen schwerwiegende 
Übertretungen vor ihm bekannt 
werden. Er hat dann die Macht, 
darüber zu richten und zu entschei- 
den, ob die Kirche die Übertretung 
vergibt. 

Denkt daran, meine jungen Freun- 
de: Ihr könnt zu eurem Bischof 
gehen und euch ihm anvertrauen. 
Und kein Bischof wird jemals etwas 
Vertrauliches ausplaudern. In 
einigen wenigen Fällen wird er viel- 
leicht den Pfahlpräsidenten zu Rate 
ziehen — oftmals ohne Namen zu 
nennen. So ist es in der Kirche 
üblich; und dieses Verfahren sichert 
dem bußfertigen Sünder inspirierten 
Rat und Weisung durch die Voll- 
macht des Priestertums. 

Es wird euch sicher interessieren 
zu hören, welchen Rat und welche 
Ermahnung Paulus dem Timotheus 
gegeben hat: 

, .Fliehe die Lüste der Jugend; 
jage aber nach der Gerechtigkeit, 
dem Glauben, der Liebe, dem Frie- 
den mit allen, die den Herrn anrufen 
aus reinem Herzen. 

Aber die törichten und unnützen 
Fragen weise ab; denn du weißt, 
daß sie nur Zank erzeugen. 

Ein Knecht aber des Herrn soll 
nicht zänkisch sein, sondern freund- 
lich gegen jedermann, zum Lehren 
geschickt, der Böses ertragen kann 
und mit Sanftmut zurechtweise die 
Widerspenstigen, ob ihnen Gott 
etwa Buße gebe, die Wahrheit zu 
erkennen, 

und sie wieder nüchtern würden 
aus des Teufels Strick, von dem sie 
gefangen sind, zu tun seinen Wil- 
len 3 " 

Gott mag uns wohl Buße geben, 
wenn wir alle die Charaktereigen- 
schaften aufbringen, die zur Näch- 
stenliebe gehören. Und diese Buß- 
fertigkeit erweckt dann in uns den- 
selben erhabenen Wunsch, den das 
Volk nach König Benjamins wunder- 
barer Rede verspürt hat : 

,,Und es rief einstimmig und 
sagte: Ja, wir glauben allen Worten, 
die du zu uns geredet hast; und wir 



wissen auch mit Bestimmtheit, daß 
sie wahr sind, weil der Geist des 
allmächtigen Herrn eine große Ver- 
änderung in unserm Herzen bewirkt 
hat, so daß wir keine Neigung 
mehr haben, Böses zu tun, sondern 
beständig Gutes tun wollen 4 !" 

Achtet darauf, von welchem Geist 
ihre Seele nach der Buße erfüllt war: 
„Wir (haben) keine Neigung mehr, 
Böses zu tun, sondern (wollen) be- 
ständig Gutes tun." Diese Geistes- 
haltung wird nur durch wahre 
Buße erreicht; doch sie ist für jeden 
erreichbar. 

In Abschnitt 64 im Buch , Lehre 
und Bündnisse' spricht der Herr: 

,, Darum sage ich euch: Vergebet 
einander, denn wer seinem Bruder 
seine Übertretungen nicht vergibt, 
der steht gerichtet vor dem Herrn, 
denn er verbleibt in der größern 
Sünde. 

Ich, der Herr, werde vergeben, 
wem ich vergeben will; von euch 
aber wird verlangt, allen Menschen 
zu vergeben 5 ." 

Wenn wir diesen Rat recht ver- 
stehen, reift und vertieft sich unser 
Verständnis vom Evangelium 
In Abschnitt 98 im Buch , Lehre und 
Bündnisse' spricht der Herr aber- 
mals von denen, die Böses vergeben 
und geduldig ertragen : 

,,Und nun spreche ich zu euch 
betreffs eurer Familien: Wenn die 
Menschen euch oder eure Familien 
einmal schlagen und ihres geduldig 
ertraget, und sie nicht schmähet, 
auch nicht Rache sucht, so wird es 
euch belohnt werden. 

Tragt ihr es aber nicht geduldig, 
so wird es euch gerechnet werden, 
als wäre euch mit einem wohlver- 
dienten Maße gemessen worden. 

Schlägt euch euer Feind zum 
zweiten Male und schmäht ihr ihn 
nicht, sondern ertragt es geduldig, 
so wird eure Belohnung hundert- 
fältig sein. 

Und sollte er euch zum dritten 
Male schlagen und ihr es geduldig 
ertragen, so wird eure Belohnung 
vierfach verdoppelt werden 6 ." 

Nur wer derartiges ertragen hat 
versteht, was der Herr meint, wenn 



er sagt, daß ihre Belohnung vierfach 
verdoppelt wird. Dann nämlich 
lieben wir unsre Mitmenschen bei- 
nah so, wie der Heiland uns geboten 
hat. Ich kenne einige Heilige der 
Letzten Tage, die dieser Belohnung 
würdig sind. Die meisten von uns 
können auch nicht annähernd er- 
fassen, welchen Trost und welch 
große Segnungen diese wenigen 
empfangen haben. Diese Geisteshal- 
tung soll unser aller Ziel und Streben 
sein. 

Jeder Heilige der Letzten Tage 
nehme sich die folgende Schrift- 
stelle aus dem Buch , Lehre und 
Bündnisse' zu Herzen : 

,,Und nun, wahrlich, ich sage 
euch: Ich, der Herr, werde euch 
keine Sünde zur Last legen. Geht 
eures Wegs und sündigt nicht 
mehr. Zu der Seele aber, die sün- 
digt, werden auch ihre frühern 
Sünden zurückkehren, spricht der 
Herr, euer Gott 7 ." 

Wahre Buße ist von Dauer. Wir 
dürfen nicht leichtfertig damit um- 
gehen. Buße tun heißt, für immer 
von den Sünden ablassen; und der 
Herr sagt, er werde sich unsrer Sün- 
den nicht mehr erinnern. Es ist uns 
eine wunderbare Segnung ver- 
heißen, wenn wirvon unsren Sünden 
ablassen und sie nicht wieder tun. 
Der Herr sagt in Abschnitt 93, Vers 
1 : 

„Wahrlich, so spricht der Herr: 
Jede Seele, die ihre Sünden ablegt, 
zu mir kommt, meinen Namen an- 
ruft, meiner Stimme gehorcht und 
meine Gebote hält, wird mein Ange- 
sicht schauen und wissen, daß ich 
bin." 

Der Herr macht keine leeren Ver- 
sprechungen. Laßt uns so leben, 
daß wirdieser Segnung würdig sind. 

Ich bete besonders um Kraft für 
die Jugend, damit sie zu Christus 
kommt, und wenn ihrzu ihm kommt, 
wird alles andre unwichtig. 
Vaughn J. Featherstone, Zweiter 
Ratgeber des Präsidierenden Bi- 
schofs 

Quellenangaben 

1)Matth. 18:21,22; 2)LuB84:27; 3)2. Tim. 2:22- 
26; 4) Mosiah 5:2; 5) LuB 64:9, 10; 6) LuB 
93:23-26; 7) LuB 82:7. 



377 



Pläne für ein 
erfülltes Leben 




Ich freue mich, daß ich heute 
abend bei Ihnen auf dieser Prie- 
stertumsversammlung sein darf. 
Besonders freut es uns, wenn wir 
sehen, daß Sie, Väter, und Ihre 
Söhne früh zur Priestertumsver- 
sammlung am Samstagabend kom- 
men, und daß viele von Ihnen ein 
bis zwei Stunden früher da sind, 
um sicher zu sein, auch noch einen 
guten Platz zu bekommen; und 
Tausende Väter und Söhne beeilen 
sich, um zum Tabernakel und zu 
den zahlreichen Pfahl- und Ge- 
meindehäusern im ganzen Land 
zu gelangen. Dies ist eine wun- 
derbare Dimension unseres Fa- 
milienlebens, die wir schätzen und 
liebhaben und die auch die Welt 
als einen grundlegenden Familien- 
zug anzuerkennen beginnt — näm- 
lich daß Väter und Söhne zusammen 
sind. 

Wir sind dankbar, daß Sie an- 
wesend sind, und wir schätzen und 
lieben Sie aufrichtig. 

Dürfen wir Sie zuerst einmal für 
Ihre Hingabe und Treue loben. Die 
Tempel werden generell gut besucht. 



SPENCER W. KIMBALL 
Präsident der Kirche 



Die Kapellen füllen sich, und es ist 
ein Anwachsen der Anwesenheit und 
Hingabe zu verzeichnen. Es werden 
immer mehr Familien, die den Fa- 
milienabend halten, und wir sind 
glücklich darüber, daß in der gan- 
zen Kirche Glaube und Liebe geübt 
werden. Besonders froh sind wir über 
das Wachstum und die erfolgreiche 
Tätigkeit in den Pfählen und Mis- 
sionen in Übersee. Unsere Kirche 
ist eine Weltkirche; wir glauben, 
daß wir uns immer mehr dem Rang 
einer weltumfassenden Kirche 
nähern. 

Brüder, ich möchte Ihnen jetzt 
einige Ankündigungen machen, die 
ich auch schon am Donnerstag mit 
anderen Führungsbeamten bespro- 
chen habe. Die Erste Präsident- 
schaft und der Rat der Zwölf haben 
es gutgeheißen, daß es in jeder 
Gemeinde ein Ältestenkollegium 
geben soll. Die Ältesten, die in 
einer Gemeinde wohnen, können, 
unabhängig davon, wieviele es 
sind — höchstens jedoch 96 — in 
Ältestenkollegien mit einer eigenen 
Präsidentschaft zusammengefaßt 



werden. Wo es mehr als 96 Älteste 
gibt, soll das Kollegium geteilt 
werden. Die Brüder sind der An- 
sicht, daß dieses große Reservoir an 
Macht und Stärke am besten genutzt 
werden kann, wenn man in den ört- 
licheren Zuständigkeitsbereichen 
starke, aktive Kollegien von Ältesten 
hat. 

Ein weiterer Punkt, der das 
Priestertum anbelangt: Ab sofort 
dürfen Pfahlpräsidenten Brüder 
zu Siebzigern ordinieren und in 
ihrem Pfahl Siebzigerpräsident- 
schaften einsetzen, wenn die Namen 
dieser Brüder ordnungsgemäß be- 
arbeitet und vom Ersten Rat der 
Siebzig genehmigt worden sind. 
Dadurch sollen lange Verzögerungen 
ausgeschlossen und ein gutes Ar- 
beitsverhältnis zwischen den Füh- 
rungsbeamten des Pfahles und 
ihren Siebzigern geschaffen werden, 
und wir hoffen, daß der Schwerpunkt 
wieder mehr auf die Missionsarbeit 
gelegt wird. 

Brüder, die Sie führende Ämter 
bekleiden: Sie könnten sich viele, 
viele Briefe sparen, wenn Sie Ihr 
Handbuch und die offiziellen Ver- 
öffentlichungen lesen würden. 
Dürfen wir Ihre Aufmerksamkeit be- 
sonders auf die Unterredungen 
zum Besuch des Tempels lenken. 
Und bitten Sie Ihre Leute, daß sie 
mit ihren Problemen zu ihrem Bi- 
schof gehen. 

Wir loben Sie, Brüder, für Ihre 
Standhaftigkeit bei der Schulung 
Ihrer Söhne. Wir haben Sie alle 
lieb. Wir wissen Ihren Glauben zu 
schätzen; und wir freuen uns über 
Ihr Wachstum und Ihre Würdigkeit. 
Viele von euch älteren Söhnen haben 
schon eine Mission erfüllt, doch 
viele von euch jüngeren sind noch 
M issionarsanwärter. 

Um sicher zu sein, daß ihr ein 
erfülltes Leben haben werdet, müßt 
ihr euer Leben planen. Das, was 
ihr jetzt als Diakone plant, kann euch 
ein erfülltes Leben sichern. Habt 
ihr schon Geld für eure Mission 
gespart? 

Ihr habt euch vielleicht noch keine 
Gedanken gemacht, welchem Beruf 



378 



ihr schließlich einmal nachgehen 
wollt, doch gibt es viele allgemeine 
Regeln, die ihr in eurem Leben 
schon aufstellen könnt, auch wenn 
ihr noch nicht wißt, ob ihr einmal 
Rechtsanwalt, Arzt, Lehrer oder 
Ingenieur werden wollt. Es gibt 
Entscheidungen, die ihr schon ge- 
fällt haben oder jetzt fällen solltet. 
Was wollt ihr in den Jahren zwischen 
jetzt und eurer Hochzeit machen? 
Und was wollt ihr in Hinblick auf 
eure Ehe unternehmen? 

Ihr könnt euch jetzt entschließen, 
der treuste Diakon, Lehrer oder 
Priester zu sein. Ihr könnt dies jetzt 
mit einem unwiderruflichen Bünd- 
nis beschließen. Ihr könnt ein guter 
Schüler sein; ihr könnt eure Zeit 
richtig und wirksam anwenden. 
Den ganzen Rest eures Lebens 
könnt ihr glücklich sein, wenn ihr 
eure Zeit gut verwendet. 

Ihr könnt euch schon jetzt ent- 
schließen, daß ihr eine ehrenhafte 
Mission erfüllt, wenn ihr ins Mis- 
sionsalter kommt, und daß ihr zu 
diesem Zweck Geld verdient, es 
spart und es in eurer Mission an- 
legt, daß ihr studiert und dient und 
jede Gelegenheit nutzt, euren Ver- 
stand, euer Herz und eure Seele 
auf diese herrliche Zeit eures Lebens 
richtig vorzubereiten. 

Oft ist die Frage gestellt worden: 
„Ist man gezwungen, auf Mission 
zu gehen?" Die Antwort lautet na- 
türlich: Nein. Jeder hat seine Ent- 
scheidungsfreiheit. Es ist gefragt 
worden: ,, Soll ein jeder junger Mann 
eine Mission erfüllen?" Und die Ant- 
wort der Kirche lautet: Ja; und die 
Antwort des Herrn lautet: Ja. Wenn 
wir diese Antwort erweitern, sagen 
wir: Gewiß soll jedes männliche Mit- 
glied der Kirche eine Mission er- 
füllen, wie es den Zehnten zahlen 
soll, wie es die Versammlungen 
besuchen soll, wie es sein Leben 
rein und frei von der Häßlichkeit 
der Welt halten und planen soll, im 
Tempel des Herrn eine celestiale Ehe 
zu schließen. 

Man wird zwar nicht gezwungen, 
diese Punkte einzuhalten, doch soll 



man sie zu seinem eigenen Besten 
tun. Wir haben oft gesungen : 

wisse, jede Seel' ist frei, 

zu wählen zwischen Tod und Leben; 

daß jeder ungezwungen sei, 

hat freien Willen Gott gegeben. 

Zwar segnet Gott, der Herr, mit 

Licht, 
mit Liebe, Weisheit, deine Pfade; 
zur Wahrheit zwingen will er nicht, 
so unerschöpflich seine Gnade . 

In keinem Teil des Evangeliums 
gibt es Zwang. 1833 sagte der Herr: 
,, Siehe, hier ist die freie Wahl der 
Menschen und hier ist die Verurtei- 
lung der Menschen, weil ihnen das, 
was von Anfang an war, deutlich 
kundgetan wurde, und sie nehmen 
das Licht nicht an ." 

Das heißt, daß uns der Herr seit 
Adams Zeiten wahre Lehren ver- 
kündigt und daß wir sie annehmen 
oder verwerfen können; doch haben 
wir auch die Verantwortung dafür. 
Das bedeutet, daß wir alle das Gute 
vom Bösen unterscheiden können, 
da wir ja den Heiligen Geist haben, 
den wir zur Zeit der Taufe empfan- 
gen. Das Gewissen flüstert uns zu, 
was richtig und was falsch ist. Wir 
können nicht den anderen oder den 
Umständen die Schuld geben. Jeder 
weiß, was richtig ist. 

Jeder Mensch hat die Freiheit, 
sich zu entscheiden. Er kann steh- 
len, fluchen oder trinken; er kann 
sich mit pornographischem Material 
beschmutzen; er kann sein Leben 
vertrödeln, darin versagen, seine 
Pflicht zu tun, geschlechtliche Sün- 
den begehen oder sich auch das 
Leben nehmen. Er wird zu nichts 
gezwungen, doch muß er wissen, 
daß jede Sünde eine angemessene 
Strafe nach sich zieht, und zwar 
früher oder später in ihrer Fülle, so 
daß man wirklich dumm wäre, wenn 
man sich dafür entscheiden würde, 
das Falsche zu tun. 

Ein jeder könnte die Versammlun- 
gen nicht besuchen, seinen Zehnten 
nicht zahlen, nicht auf Mission 
gehen, seine im Tempel einge- 
gangenen Verpflichtungen und 



empfangenen Vorrechte ignorieren, 
doch wenn man klug ist, muß man 
wissen, daß man selbst der Be- 
trogene ist. 

Und wieder beantwortet der 
Herr die Frage: ,,Von nun an soll 
jedermann Gerechtigkeit in seine 
Hand und Treue um seine Hüfte 
legen, eine warnende Stimme an die 
Bewohner der Erde richten und 
durch sein Wort und seine Flucht 
zum Ausdruck bringen, daß das 
Verderben über die Bösen kommen 
wird 3 ." Ist allen aufgefallen, daß 
von „jedermann" die Rede war — 
also auch von einem jeden Jungen, 
der ein Mann wird? Selbstverständ- 
lich senden wir nicht einen jungen 
Mann aus, der voller Unreinheit und 
sexueller oder anderer Sünden 
steckt. Gewiß muß er sich durch 
aufrichtige Buße reinigen, bevor 
man ihn berücksichtigen kann. Und 
deshalb wiederholen wir: Jeder 
männliche Heilige der Letzten Tage, 
der würdig und fähig ist, soll eine 
Mission erfüllen. 

Um also ein erfülltes Leben zu 
haben, das rein und offen ist, muß 
ein jeder junge Mann seinen Lebens- 
lauf planen und sich selbst und dem 
Vater im Himmel geloben, wie sein 
Leben aussehen soll und was er zu 
tun gedenkt, um es voll zu erfüllen. 

Jemand hat uns diesen Gedanken 
über die Zeit vermacht. Ich werde ihn 
vorlesen: 

,,Und in meinen Träumen kam ich 
an ein schönes Gebäude, das einer 
Bank ähnelte und doch keine war, 
denn auf dem Messingschild stand: 
,Zeit zu verkaufen'. 

Ich sah, wie sich ein Mann, atem- 
los und blaß, wie ein Kranker voller 
Schmerzen die Treppe hinaufzog. 
Ich hörte, wie er sagte: ,Der Arzt hat 
mir gesagt, ich sei fünf Jahre zu spät 
zu ihm gekommen. Ich möchte mir 
jetzt diese fünf Jahre kaufen — 
und dann kann er mein Leben retten.' 

Dann kam ein anderer Mann, der 
zum Verkäufer sagte: ,Alseszuspät 
war, entdeckte ich, daß Gott mir 
große Fähigkeiten und Talente ge- 
geben hatte, und ich habe sie nicht 
entwickelt. Verkaufen Sie mir zehn 



379 



Jahre, damit ich der sein kann, der 
ich gewesen wäre.' 

Daraufhin kam ein junger Mann 
und sprach: .Meine Firma hat mir 
gesagt, daß ich ab nächsten Monat 
eine gute Stellung übernehmen 
kann, wenn ich dazu die nötige Vor- 
bereitung nachweisen könne. Das 
kann ich aber nicht. Geben Sie mir 
zwei Jahre Zeit, damit ich bereit sein 
werde, die Stellung im nächsten 
Monat zu übernehmen.' 

So kamen sie: krank, hoffnungs- 
los, verzagt, besorgt, unglücklich — 
und sie gingen lächelnd, ein jeder 
mit einem Ausdruck unaussprech- 
licher Freude auf dem Gesicht, denn 
jeder hatte nun das, was er so nötig 
brauchte und dringend haben wollte, 
nämlich Zeit. 

Ich erwachte, froh darüber, daß 
ich das hatte, was diese Menschen 
nicht hatten und was sie sich nie 
kaufen könnten, nämlich Zeit. Zeit, 
um so vieles zu tun, was ich tun 
wollte, was ich tun muß. Wenn ich 
an jenem Morgen bei meiner Arbeit 
pfiff, so war es, weil mein Herz 
von großem Glück erfüllt war. Denn 
ich hatte ja immer noch Zeit, wenn 
ich sie recht verwendete 4 ." 

Laßt mich euch von einem Ziel 
berichten, das ich mir setzte, als 
ich noch ein Junge war. Als ich auf 
einer Konferenz einen Führer der 
Kirche aus Salt Lake City sagen 
hörte, daß wir die heiligen Schriften 
lesen sollen, und ich erkannte, daß 
ich noch nie die Bibel gelesen hatte, 
ging ich am gleichen Abend, als die 
Rede zu Ende war, zu unserer 
Wohnung, die einen Straßenblock 
entfernt lag, stieg hinauf in mein 
kleines Dachzimmer und zündete 
eine kleine Petroleumlampe an, die 
auf dem kleinen Tisch stand. Dann 
las ich die ersten Kapitel des 1. 
Buches Mose. Ein Jahr später 
schloß ich die Bibel, nachdem ich 
jedes Kapitel dieses großen und 
herrlichen Buches gelesen hatte. 

Ich stellte fest, daß die Bibel, die 
ich las, 66 Bücher umfaßte, und ich 
wurde fast von meinem Vorhaben 
abgebracht, als ich feststellte, daß 
es darin 1 .180 Kapitel gab und 1 .519 



Seiten. Es war gewaltig, aber ich 
wußte, daß auch schon andere es 
geschafft hatten und so würde 
auch ich es schaffen. 

Ich fand, daß es bestimmte Teile 
gab, die für einen 14jährigen Jungen 
schwer zu verstehen waren. Es gab 
einige Seiten, die mich nicht be- 
sonders interessierten; als ich aber 
66 Bücher und 1.189 Kapitel und 
1.519 Seiten gelesen hatte, spürte 
ich eine glühende Befriedigung, daß 
ich ein Ziel geschafft und daß ich 
es erreicht hatte. 

Ich erzähle euch diese Geschichte 
nicht, um zu prahlen. Ich benutze 
dies nur als ein Beispiel, um damit 
zu zeigen, daß ihr es bei elektri- 
schem Licht tun könnt, während ich 
es bei Petroleumlicht tun mußte. 
Ich bin immer froh darüber gewesen, 
daß ich damals die Bibel ganz durch- 
gelesen habe. 

Ich möchte euch von einem an- 
deren Ziel berichten, das ich mir 
setzte, als ich noch ein Junge war. 

Mein ganzes Leben lang hatte ich 
vom Wort der Weisheit und von den 
Segnungen gehört, die ich dadurch 
empfangen könne, daß ich danach 
lebte. Ich hatte gesehen, wie Men- 
schen Tabak kauten, und es ekelte 
mich an, als ich sah, wie das braune 
Zeug ihnen aus den Mundwinkeln 
troff. Ich hatte miterlebt, wie Männer 
viel Zeit damit vergeudeten, daß sie 
sich ihre eigenen Zigaretten drehten. 
Sie kauften sich einen Beutel Tabak 
und Papier und hielten dann viele 
Male am Tag inne, um sich eine 
Zigarette zu drehen, das dünnere 
Ende zuzudrehen und sie dann zu 
rauchen. Als dann das Rauchen 
später anspruchsvoller wurde, konn- 
ten sie ihre Zigaretten fertig kaufen. 
Ich erinnere mich, wie widerwärtig 
ich es fand, als die Frauen zu 
rauchen anfingen. 

Ich weiß noch, wie ich zur Feier 
des Unabhängigkeitstages auf die 
Straßen meiner kleinen Stadt ging 
und sah, wie einige Männer als 
Reiter oder Spieler am Pferderennen 
teilnahmen, auf die Pferde wetteten, 
und ich bemerkte, daß viele von 
ihnen Zigaretten in ihren Lippen und 



Flaschen in ihren Taschen stecken 
hatten und einige waren schrecklich 
betrunken. Sie verfolgten mit trübem 
Blick das Rennen und fluchten. 

Es dauerte etwas, bis man die 
Ponies zusammengestellt und die 
Reihenfolge der Rennen festgelegt 
hatte, und fast immer schrie während 
dieser Zeit einer: ,,Da schlagen 
sich welche!" und alle Männer 
und Jungen liefen zum Ort der 
Schlägerei, wo es Hiebe, Blut, 
Flüche und Äußerungen des Hasses 
gab. 

Und wieder wurde mir bei dem 
Gedanken schlecht, daß sich Men- 
schen so schändlich benehmen 
konnten, und wieder entschloß ich 
mich, daß ich es stets bei der rosa 
Limonade dieses Festtages bewen- 
den lassen wollte, während ich dem 
Pferderennen zusah, daß ich aber 
nie Alkohol trinken oder fluchen 
würde, wie es viele Jungen und 
Männer dieser kleinen Stadt taten. 

Und ich erinnere mich, daß ich 
mich — ohne daß mich irgend- 
jemand dazu zwang — schon als 
kleiner Junge entschloß, nie das 
Wort der Weisheit zu brechen. Ich 
wußte, wo es geschrieben stand, 
und ich wußte im allgemeinen, was 
der Herr gesagt hat, und ich wußte, 
daß es dem Herrn, wenn er es 
sagte, angenehm war, daß sich der 
Mensch all dieser zerstörenden 
Elemente enthält, und daß ich mei- 
nem Vater im Himmel gefallen woll- 
te. Und deshalb entschloß ich mich 
ganz fest, nie diese schändlichen 
Dinge zu berühren. Nachdem ich 
mich so entschlossen hatte, fand 
ich es nicht zu schwer, das Ver- 
sprechen mir selbst und dem Vater 
im Himmel gegenüber zu halten. 

Ich weiß noch, wie ich in späteren 
Jahren, als ich eine leitende Stellung 
über die Rotary Clubs Arizonas 
innehatte, zur internationalen 
Tagung nach Nizza in Frankreich 
fuhr. Ein Teil dieser Feierlichkeit 
stellte ein herrliches Bankett für die 
Vertreter aus allen Ländern dar, und 
das große Gebäude war für ein vor- 
nehmes Essen hergerichtet. Als 
wir an unsere Plätze kamen, be- 



380 



merkte ich, daß bei jedem Platz 
neben zahlreichen Teilen Silberbe- 
steck und Geschirr sieben Kelch- 
gläser standen; und alles war das 
Beste, was Europa nur bieten konn- 
te. 

Als das Essen begann, kam ein 
Heer von Kellnern herein, um uns zu 
bedienen, sieben Kellner kamen an 
den Platz, und sie schenkten Wein 
und Branntwein ein. Neben jedem 
Teller füllten sich sieben Kelch- 
gläser. Die Getränke sahen farben- 
freudig aus. Ich war weit weg von zu 
Hause; ich kannte viele der gela- 
denen Gäste, und sie kannten mich. 
Doch sie wußten wahrscheinlich 
nicht, welcher Religion ich angehör- 
te und welchen Standpunkt ich 
hinsichtlich des Wortes der Weisheit 
vertrat. 

Auf jeden Fall schien es mir, als 
flüsterte mir der Böse zu: ,,Das ist 
deine Chance. Du bist weit weg von 
zu Hause. Keiner beobachtet dich 
hier. Niemand wird es je zu wissen 
bekommen, ob du diese Gläser 
leerst. Das ist deine Chance!" Und 
dann schien es mir, als flüsterte mir 
ein beglückenderer Geist zu: ,,Du 
bist ein Bündnis mit dir selbst ein- 
gegangen; du hast dir versprochen, 
daß du es nie tun wirst; und mit 
deinem Vater im Himmel bist du 
ein Bündnis eingegangen. All die 
Jahre bist du diesem Bündnis treu 
geblieben, und du wärst dumm, 
wenn du es jetzt brechen würdest." 
Es genüge zu sagen, daß die sieben 
Gläser nach einer Stunde, als ich 
mich vom Tisch erhob, immer noch 
voll der farbenfreudigen Flüssig- 
keiten waren, die eine Stunde zuvor 
eingeschenkt, aber nicht berührt 
worden waren. 

Und weiter, meine Brüder, 
erinnere ich mich, wie uns in meiner 
Jugend der Sheriff einen großen 
Schreck versetzte, als er kam und 
uns mitteilte, daß man unter den 
Dielen der Veranda eines Hauses, 
das nur ein Stück weiter die Straße 
hinab stand, ein ansehnliches Ver- 
steck von gestohlenen Sachen ge- 
funden hatte. Der junge Mann, der 
dort wohnte, wurde als Kleptomane 



bezeichnet. Er schien die Manie zu 
haben, Sachen zu stehlen, ja sogar 
solche Sachen, die er selbst nicht 
gebrauchen konnte. Viele Leute in 
der Stadt hatten gemeldet, daß 
ihnen ihre Wagenpeitschen und 
Wagenmäntel abhanden gekommen 
waren. Und hier lagen sie unter der 
Veranda, und der Junge gab auch 
schließlich zu, daß er sie gestohlen 
hatte. Ich erinnere mich, wie 
schockiert wir Jungen waren, wie wir 
ihn bemitleideten, weil er diese 
schreckliche Schwäche entwickelt 
hatte. 

Ralph Waldo Emerson hat ge- 
sagt: ,, Jeder achtet darauf, daß 
ihn sein Nächster nicht betrügt. 
Doch es kommt der Tag, wo man 
anfängt, darauf zu achten, daß man 
nicht seinen Nächsten betrügt. Dann 
geht alles gut. Man hat seinen 
Marktkarren in einen Triumphwagen 
der Sonne verwandelt . 

Dieser Junge wußte nicht, wie uns 
unsere Taten nachfolgen und wie 
gewiß wir das, was wir säen, auch 
ernten müssen. Und jede Erfahrung, 
die wir machen, fügt etwas unserem 
Leben hinzu oder nimmt ihm etwas 
weg. Wir können nicht ohne Strafe 
Häßliches denken oder tun. 

Vor kurzem stand in der Zeitung 
ein Bericht über ein Mädchen, das 
einen Scheck fand, der über mehrals 
zwei Millionen Dollar ausgestellt 
war. Sie sagte, daß sie sofort in 
Gedanken damit begonnen hätte, 
das Geld auszugeben. Schließlich 
hat sie den Scheck aber doch dem 
Besitzer zurückgegeben, und die 
Zeitung schreibt, daß die Belohnung 
viel kleiner war, als sie es sich er- 
träumt hatte. Warum sollte sie eine 
Belohnung dafür haben wollen, 
daß sie richtig gehandelt hatte? 
Warum sollte sie über den Betrag, 
der ihr geboten wurde, enttäuscht 
sein? Muß man eine Belohnung 
dafür erhalten, daß man richtig ge- 
handelt hat? Würdet ihr eine Be- 
lohnung erwarten, wenn ihr einen 
verlorenen Gegenstand zurückgebt? 
Ihr Jungen habt alle den 13. Glau- 
bensartikel auswendig gelernt oder 
lernt ihn noch: ,,Wir glauben 



daran, ehrlich, getreu, keusch, wohl- 
wollend und tugendhaft zu sein und 
allen Menschen Gutes zu tun ..." 

Ich wollte noch ein paar Worte 
über Ladendiebstahl sagen, aber 
die Zeit läßt es nicht zu. Es ist eine 
furchtbare Schande, daß Firmen 
in unseren Gemeinwesen einen recht 
erschütternden Prozentsatz ihres 
Profits dafür anlegen müssen, um 
sich vor Ladendieben zu schützen. 
Es ist schrecklich, daß in Ortschaf- 
ten, in denen ein großer Teil von 
Mormonen lebt, dies der Fall sein 
soll. 

Ich möchte nun mit einem wei- 
teren kleinen Erlebnis schließen. 
Ich war in Toquepala in Peru, wo 
wir eine Kapelle weihten. Viele der 
Beschäftigten in dieser Bergmanns- 
stadt waren Amerikaner. Nach der 
Weihung gab es bei einer Familie zu 
Hause ein Abendessen. Als wir 
uns in dem Hause bewegten, kam 
ein kleiner Junge auf mich zu und 
sagte: ,, Bruder Kimball, ich möchte 
gern einmal auf Mission gehen. 
Würden Sie mir einen Segen geben?" 

Ich sagte: „Selbstverständlich. 
Ich würde Dir gern einen Segen 
geben. Aber ist das nicht Dein Vater, 
den ich im anderen Raum getroffen 
habe?" 

Darauf sagte er: „Ja, das ist 
Vati." 

Ich sagte: „Warum bittest Du 
ihn dann nicht, Dir einen Segen zu 
geben?" 

Er antwortete: „Vati würde mir 
keinen Segen geben wollen." 

Ich entschuldigte mich. Mit der 
Zeit begegnete ich dem Vater und 
ich sagte: „Sie haben einen wunder- 
baren Sohn. Ich glaube, er möchte 
gern einen Segen von seinem Vater 
haben. Würden Sie ihm nicht gern 
einen Segen geben?" 

Er sagte: „Ich glaube nicht, daß 
er von mir einen Segen haben 
möchte." 

Später sah ich, wie Vater und 
Sohn beieinander standen. Wie ich 
herausfand, waren sie sich in ihren 
Ansichten näher gekommen. Der 
Sohn war stolz darauf, einen Segen 
von seinem Vater zu bekommen, und 



381 



der Vater war froh, daß er gefragt 
worden war. 

Ich hoffe, daß ihr Jungen, die ihr 
mir jetzt zuhört, daran denkt. Ihr 
habt den besten Vater auf der Welt, 
wißt ihr das? Er trägt das Priester- 
tum; er würde sich sehr freuen, euch 
einen Segen zu geben. Er möchte, 
daß ihr es ihm sagt, und wir möch- 
ten, daß ihr Väter, daran denkt, 
daß eure Söhne vielleicht ein biß- 
chen schüchtern sind. Sie wissen, 
daß ihr die besten Männer auf der 
Welt seid, doch wenn ihr vielleicht 
nur den Anfang machen würdet, 
so hättet ihr ein paar herrliche 
Augenblicke. 

Brüder, es ist wunderbar, heute 
abend bei Ihnen zu sein. Und möge 
Friede mit Ihnen sein, und wie schon 
so oft in dieser Zeit gesagt worden 
ist: Nur Rechtschaffenheit wirft 
Dividenden ab. Gott segne Sie; 
und ich lege euch Jungen und euch 
Männern Zeugnis ab, daß Gott lebt 
und daß Jesus der Christus ist. 
Der Plan der Erlösung und der Er- 
höhung ist des Herrn Plan, und es 
ist ein heiliger Weg, und es hat 
noch keiner Glückseligkeit in Unge- 
rechtigkeit gefunden. Ich gebe Ihnen 
mein Zeugnis im Namen Jesu 
Christi, unseres Herrn. Amen. 



1) Gesangbuch, Nr. 38. 2) LuB 93:31. 3) LuB 
63:37. 4) Verfasser unbekannt. 5) „The Complete 
Writings of Ralph Waldo Emerson". 



Rede anläßlich der Priestertumsversammlung der 
144. Frühjahrs-Generalkonferenz der Kirche Jesu 
Christi der Heiligen der Letzten Tage 









Die Gemeinde Hannover freut sich darüber, daß weitere zwei Geschwi- 
ster auf eine Vollzeitmission berufen wurden. Am 10. April nahm Schw. 
Lieselotte Niethus in der Süddeutschen Mission ihre Arbeit auf, und Br. 
Uwe Löhrmann reiste am 28. Juni auf das Missionsfeld der österreichi- 
schen Mission. 

Schw. Niethus und Br. Löhrmann haben sich lange auf den Missionars- 
dienst vorbereitet und neben anderen Ämtern auch ihre Berufung als 
Distriktsmissionar mit sehr viel Freude und Begeisterung erfüllt. 
Wir wünschen beiden Geschwistern bei ihren Bemühungen, das Werk 
des Herrn vorwärtszubringen, viel Erfolg und den Segen des Herrn. 





Schwester Ruth Andrejewitsch ist 
aus der Gemeinde Wien I auf Mis- 
sion in die Südwestenglische Mis- 
sion berufen worden. 

Wir sind sehr froh darüber, daß 
wir dadurch, daß wir alle Kraft in der 
Gemeinde aufbieten müssen, um 
diese wunderbare Schwester für die 
Dauer ihrer Mission zu ersetzen, 
einen Beitrag zum Fortschritt der 
Arbeit des Herrn in England leisten 
dürfen! 

Schwester Andrejewitsch war ein 
sehr aktives Mitglied unserer Ge- 
meinde. Mit ihrem Schwung und ih- 
rem Humor hat sie Vorbildliches in 
der GFV und der FHV geleistet. 

Wir wünschen Schwester Andre- 
jewitsch den Segen des Herrn bei 
ihrer Arbeit. 



„Wolfgang Männchen ist der er- 
ste Missionar, der aus der Gemeinde 
Erlangen kommt. Br. Männchen wur- 
de am 17. Mai 1970 getauft, nach- 
dem er die Kirche lange Zeit unter- 
sucht hatte. Seine Eltern unterstüt- 
zen ihn tatkräftig, was uns beson- 
ders freut. In der Gemeinde war er 
1. Ratgeber des Sonntagsschullei- 
ters. Wenig später wurde er selbst 
zum Leiter berufen. Der Herr segne 
Br. Männchen bei seiner Arbeit mit 
Kraft, Weisheit und Erfolg." 



382 



„Seid rein, die ihr 
die Gefäße des 
Herrn traget!" 




Meine geliebten Brüder, das 
Thema, das meinen Worten heute zu- 
grunde liegt, lautet: „Seid rein, die 
ihr die Gefäße des Herrn traget 1 !" 
Genausogut könnte es heißen: Er- 
füllt voll eure Berufung im Priester- 
tum. Zu Anfang möchte ich Ihnen 
bezeugen, daß ich durch die Macht 
des Geistes weiß, daß Präsident 
Kimball ein Prophet ist, der vom 
Herrn dazu berufen worden ist, 
sein Sprecher zu sein, und daß Bru- 
der Tanner durch Offenbarung be- 
rufen worden ist, sein Erster Rat- 
geber zu sein. Ich unterstütze sie 
beide von ganzem Herzen. 

Was Sie, Brüder, anbelangt, so 
meine ich dasselbe, wie Petrus es 
den Brüdern seiner Zeit gesagt hat: 
, , Ihr ... seid das auserwählte Ge- 
schlecht, das königliche Priester- 
tum 2 ." Von allen Männern auf Erden 
sind wir die, die am meisten geehrt 
worden sind. 

Als Geistsöhne Gottes standen 
wir im großen Rat im Vorherdasein 
und hörten, wie der Vater den Plan 
des Evangeliums darlegte. Wir 



MARION G. ROMNEY 

Zweiter Ratgeber des Präsidenten 

der Kirche 



hörten ihn sagen, daß diejenigen, 
die ihren ersten Stand behielten, 
erhöht würden und diejenigen, die 
ihren zweiten Stand behielten, sollen 
„vermehrte Herrlichkeit empfangen 
für immer und ewig 3 ". 

Wir wissen, daß wir unseren 
ersten Stand behalten haben, weil 
wir hier sind und unser Geist diesen 
Körper erhalten hat. 

Wenn wir für immer und ewig ver- 
mehrte Herrlichkeit empfangen 
wollen, müssen wir zweierlei tun, 
während wir hier sind. Zum einen, 
das Priestertum empfangen; zum 
anderen, unsere Berufung im Prie- 
stertum voll erfüllen. Der Herr hat 
gesagt, daß niemand diese Herrlich- 
keit ohne das Priestertum empfan- 
gen könne. „Und wehe allen denen, 
die nicht zu dem Priestertum kom- 
men 4 ", sagte er. 

Wir, die wir das Priestertum 
tragen, werden die vermehrte Herr- 
lichkeit empfangen, wenn wir unsere 
Berufung im Priestertum voll er- 
füllen. Ich möchte jetzt gern, daß Sie 
sich die Worte des Herrn anhören, 



die er wählte, als er uns das Bünd- 
nis gab, das zum Priestertum ge- 
hört. 

Er hat gesagt: „Denn diejenigen, 
die treu sind und diese beiden Prie- 
stertümer erhalten, von denen ich 
gesprochen, und ihre Berufung ver- 
herrlichen (also nicht nur empfan- 
gen, sondern diejenigen, die es 
empfangen und ihre Berufung ver- 
herrlichen oder voll erfüllen), werden 
durch den Geist geheiligt zur Er- 
neuerung ihres Körpers. 

Sie werden die Söhne Moses und 
Aarons [im ersten Teil der Offen- 
barung, aus der ich zitiere, Abschnitt 
84, spricht der Herr von Männern, 
die das Priestertum tragen, daß sie 
gemäß der Ordnung des Priester- 
tums Söhne Moses seien, und von 
denjenigen, die das Aaronische 
Priestertum tragen, daß sie gemäß 
der Ordnung des Aaronischen Prie- 
stertums Söhne Aarons seien] und 
der Same Abrahams, die Kirche und 
das Reich und die Auserwählten 
Gottes. [Wir sprechen davon, daß 
wir unsere Berufung und Erwählung 
festmachen. Das können wir nur, 
indem wir das Priestertum empfan- 
gen und es in Ehren halten. Und 
dann gibt der Herr die Verheißung :] 

Und alle diejenigen, die dieses 
Priestertum empfangen, die empfan- 
gen mich, spricht der Herr [denken 
Sie darüber nach; diejenigen, die 
das Priestertum empfangen und 
in Ehren halten, „empfangen mich, 
spricht der Herr"]. 

Denn wer meine Diener empfängt, 
der empfängt mich, 

und wer mich empfängt, der 
empfängt meinen Vater, 

und wer meinen Vater empfängt, 
der empfängt meines Vaters Reich; 
deshalb soll alles, was mein Vater 
hat, ihm gegeben werden [Und die- 
ses, vermehrte Herrlichkeit für 
immer und ewig und alles, was der 
Herr hat, ist uns verheißen worden]. 

Und dies ist nach dem Eid und 
Bunde, der zum Priestertum gehört. 

Darum empfangen alle diejenigen, 
die das Priestertum erhalten, diesen 
Eid und Bund [diese Verheißung vom 
Herrn] ..., den er [nicht] brechen 



383 



kann ... [Aber wir können es, und 
sehr viele von uns tun es. Und dies 
ist die Folge:] 

Wer aber den Bund bricht [das 
Priestertum in Ehren zu halten und 
seine Berufung voll zu erfüllen], 
nachdem er ihn empfangen hat, und 
sich gänzlich von ihm abwendet, 
wird weder in dieser noch in der 
nächsten Welt Vergebung ... erlan- 
gen. [Ich glaube nicht, daß er hier 
unbedingt von der unverzeihlichen 
Sünde spricht, doch behaupte ich, 
daß diejenigen von uns, die dieses 
Priestertum empfangen und begrei- 
fen, worum es geht, und dann ihre 
Berufung nicht voll erfüllen, etwas 
verlieren, was wir hernach nicht 
wiedererlangen können.] 

Und nun gebiete ich euch [spricht 
der Herr], daß ihr auf der Hut seid 
und sorgfältig achthabt auf die 
Worte des ewigen Lebens. 

Denn ihr [die ihr das Priestertum 
empfangen habt] sollt von einem 
jeglichen Worte leben, das aus dem 
Munde Gottes kommt 5 ." 

Dieser Auftrag erinnerte mich an 
das, was der Herr in der großartigen 
Offenbarung an Brigham Young 
über das „Lager Israels ... in der 
Nähe von Council-Bluffs, Iowa, am 
14. Januar 1847" sagte 6 : 

, , Ihr seid noch nicht rein [sagte 
er]; ihr könnt meine Herrlichkeit 
noch nicht ertragen. Ihr werdet sie 
jedoch sehen, wenn ihr im Halten 
aller meiner Worte getreu seid, die 
ich euch gegeben habe, von den 
Tagen Adams bis auf Abraham; von 
Abraham bis Mose, von Mose bis zu 
Jesus und seinen Aposteln, von 
Jesus und seinen Aposteln bis zu 
Joseph Smith [und wir könnten jetzt 
hinzufügen: bis Präsident Kim- 
ball] 7 ." 

Wenn ich über den Wortlaut des 
,,Eids und Bundes, der zum Prie- 
stertum gehört" nachdenke, den 
ein jeder von uns eingegangen ist, 
so flößen mir die unübertrefflichen 
Segnungen, die der Herr verheißen 
hat, Ehrfurcht ein. Zur gleichen Zeit 
werde ich überwältigt, wenn ich die 
Bedingungen betrachte, auf die der 



Empfang dieser Segnungen bedingt 
ist. 

Mir scheint, es gibt viele „Worte 
des ewigen Lebens", die „aus dem 
Munde Gottes" gekommen sind, 
auf die wir sorgfältiger achthaben 
müssen, wenn wir die verheißenen 
Segnungen empfangen wollen. 
Darunter ist das Gebot: „Gedenke 
des Sabbattages, daß du ihn heili- 
gest 8 ." 

In unserer Zeit hat der Herr der 
Heilighaltung des Sabbattags 
großen Nachdruck verliehen. Als 
die Heiligen damals zum ersten Mal 
nach Independence im Staate 
Missouri zogen, gab er ihnen eine 
Reihe von Richtlinien, die von den- 
jenigen eingehalten werden müssen, 
dieZion errichten und darin wohnen 
wollen. Eine davon, die er sehr be- 
tonte, war die Heilighaltung des 
Sabbats. Er hat gesagt: 

„Und um dich noch völliger von 
der Welt unbefleckt zu halten, sollst 
du zum Hause des Gebets gehen, 
am Abendmahl teilnehmen und 
deine Gelübde an meinem heiligen 
Tage darbringen. 

Denn wahrlich, dies ist der Tag, 
für dich zur Ruhe von deiner Arbeit 
bestimmt, und damit du dem Aller- 
höchsten deine Verehrung be- 
zeugest. 

Bedenke ..., daß an diesem dem 
Tag des Herrn du dem Allerhöchsten 
deine Gaben und heiligen Gelübde 
darbringen und deine Sünden vor 
deinen Brüdern und dem Herrn be- 
kennen sollst. 

An diesem Tage aber sollst du 
nichts tun als mit lauterem Herzen 
deine Speise bereiten, damit dein 
Fasten vollkommen sei, oder mit 
anderen Worten, damit deine Freude 
vollkommen sei ." 

Da wir in einer Gesellschaft leben, 
die den Sabbat bricht, müssen wir — 
wenn wir unsere Berufung im Prie- 
stertum voll erfüllen wollen — in 
der Welt leben, aber nicht von der 
Welt sein, denn der Herr hat gesagt: 
„Die Einwohner Zions sollen ... den 
Sabbattag heilig halten 1 "" 



Wir brauchen nicht am Sabbat ein- 
kaufen. Man wird in der Stadt Zion 
am Sabbat nicht einkaufen. 

Wir brauchen an keinen Freizeit- 
veranstaltungen teilnehmen, auch 
brauchen wir am Sabbat weder jagen 
noch fischen. 

Wenn wir wirklich darauf bedacht 
sind, unsere Berufung im Priester- 
tum voll zu erfüllen, so werden wir 
uns am Sabbat im Rahmen der An- 
weisungen bewegen, die uns der 
Herr in jenem Abschnitt des Buches 
, Lehre und Bündnisse' gegeben hat. 

Nun noch weitere „Worte des 
ewigen Lebens", die aus dem Munde 
Gottes gekommen sind und auf die 
wir sorgfältiger achthaben müssen, 
wenn wir für immer und ewig ver- 
mehrte Herrlichkeit empfangen 
wollen: 

„Seid rein, die ihr die Gefäße des 
Herrn traget 11 !" 

„Bedenke, o Mensch, daß du für 
alle deine Taten gerichtet werden 
wirst. 

Und wenn ihr deshalb danach ge- 
trachtet habt, in den Tagen eurer 
Prüfungszeit Böses zu tun, dann 
werdet ihr vor dem Richterstuhl 
Gottes unrein befunden werden; 
und bei Gott kann nichts Unreines 
bestehen; daher müßt ihr auf ewig 
ausgestoßen werden 12 ." Das sind 
die Worte Nephis. 

„Sehet, ich sage euch: Das Reich 
Gottes ist nicht unrein, und nichts 
Unreines kann hineinkommen 13 ." 

600 Jahre später sagte der auf- 
erstandene Jesus seinen nephiti- 
schen Jüngern, daß „nichts Un- 
reines ... in sein Reich eingehen 
[kann]; dahergehen nur die in seine 
Ruhe ein, die durch ihren Glauben 
und die Abkehr von all ihren Sünden 
und durch ihre Treue bis ans Ende 
ihre Kleider in meinem Blut ge- 
waschen haben 14 ". 

Ganz am Anfang dieser letzten 
Evangeliumszeit sagte Jesus zu den 
Brüdern, die sich auf einer Konfe- 
renz versammelt hatten: „Geht aus 
von den Gottlosen! Rettet euch! 
Seid rein, die ihr die Gefäße des 
Herrn tragt 1J ?" 



384 



Diese Worte rufen uns die Er- 
klärung des Paulus an die Korinther 
ins Gedächtnis zurück: „Wisset ihr 
nicht, daß ihr Gottes Tempel seid 
und der Geist Gottes in euch wohnt? 

Wenn jemand den Tempel Gottes 
verdirbt, den wird Gott verderben, 
denn der Tempel Gottes ist heilig; 
der seid ihr 16 ." 

Es gibt viele unreine Praktiken, die 
in unserer heutigen Gesellschaft 
weit verbreitet sind und vor denen 
wir uns stets in acht nehmen müs- 
sen, wenn wir rein genug leben 
wollen, um unsere Berufung im 
Priestertum voll zu erfüllen. 

Der Herr warnte uns vor einigen 
von ihnen im Wort der Weisheit: 

,,Wenn jemand unter euch Wein 
oder starke Getränke trinkt, seht", 
so sagte er, „das ist nicht gut, auch 
nicht angenehm in den Augen eures 
Vaters ... 

Auch Tabak ist nicht [gut] für den 
Körper ... 

Und weiter: Heiße Getränke sind 
nicht fürden Körper 1 !.." 

Der Gebrauch von Drogen jeg- 
licher Art, die Sucht erzeugend 
sind, verletzt den Geist des Wortes 
der Weisheit und verunreinigt sowohl 
den Körper als auch den Geist. 

Priestertumsträger, die darauf 
bedacht sind, ihre Berufung voll zu 
erfüllen, meiden den Schmutz 
unserer freizügigen Gesellschaft 
wie die Pest, wo immer er auch sein 
mag: in der Literatur, auf der Bühne 
oder Leinwand, in Freizeitzentren 
oder sonstwo. Gott duldet kein un- 
reines Priestertum. 

Eines der vernichtendsten und 
erniedrigendsten Laster, das in 
unserer heutigen Gesellschaft rasch 
um sich greift, ist die Unkeuschheit. 
Denken wir immer daran, daß der 
Herr vom Sinai mit Donnerstimme 
sprach: ,,Du sollst nicht ehebre- 
chen 18 " 

Unter dem mosaischen Gesetz 
stand auf Ehebruch die Todesstrafe. 
Ungeachtet dessen, daß die Über- 
tretung dieses Gesetzes infolge der 
verdorbenen Nachsicht der heutigen 
Menschheit mit Straflosigkeit ge- 
duldet wird, so ist es nach Gottes 



Gesetz jedoch, wie es immer war, 
eine die Seele zerstörende Sünde. 
Die darauf stehende Strafe, die sich 
selbst vollstreckt, ist geistiger Tod. 
Kein Ehebrecher, dem nicht ver- 
geben worden ist, macht seiner 
Berufung im Priestertum Ehre; und 
der Herr macht keine feinen Unter- 
schiede zwischen Unzucht und Ehe- 
bruch, wie Bruder Clark gesagt hat 19 . 
Ich möchte hinzufügen: auch nicht 
zwischen Ehebruch und geschlecht- 
licher Perversion. 

Jesus setzte den Maßstab, den 
wir befolgen sollen, als er sagte: 

,,lhr habt gehört, daß gesagt ist: 
,Du sollst nicht ehebrechen.' 

Ich aber sage euch: Wer eine 
Frau ansieht, ihrer zu begehren, 
der hat schon mit ihr die Ehe ge- 
brochen in seinem Herzen." 

Und um dann die Ungeheuer- 
lichkeit dieser Sünde hervorzu- 
heben, fuhr er fort: „Wenn dir aber 
dein rechtes Auge Ärgernis schafft 
[oder: dich zum Bösen verführen 
will], so reiß es aus und wirf's von 
dir. Es ist dir besser, daß eins deiner 



Glieder verderbe und nicht der ganze 
Leib in die Hölle geworfen werde 20 ." 

Gewiß werden wir Priestertums- 
träger, die wir unsere Berufung im 
Priestertum voll erfüllen wollen, 
um ewiges Leben zu erlangen und 
„vermehrte Herrlichkeit zu emp- 
fangen für immer und ewig", fleis- 
sig bestrebt sein, das Gebot des 
Herrn zu halten, das da heißt: „Seid 
rein, die ihr die Gefäße des Herrn 
tragt 2 1" 

Möge es so sein, darum bitte ich 
demütig im Namen Jesu Christi. 
Amen. 



Rede anläßlich der Priestertumsversammlung der 
144. Frühjahrs-Generalkonferenz der Kirche Jesu 
Christi der Heiligen der Letzten Tage 

1)LuB 133:5. 2) 1 . Petr. 2:9. 3) Abr. 3:26. 4)LuB 
84:42. 5) LuB 84:33-44. 6) LuB 136 (Kapitelüber- 
schrift). 7) LuB 136:37. 8) 2. Mose 20:8. 9) LuB 
59:9, 10, 12, 13. 10) LuB 68:29. 11) LuB 133:5; 
siehe auch 38:42. 12) 1. Nephi 10:20, 21. 13) 1. 
Ne. 15:34. 14) 3. Ne. 27:19. 15) LuB 38:42. 
16) 1. Kor. 3:16, 17. 17) LuB 89:5, 8, 9. 18) 2. 
Mose 20:14. 19) Konferenz, Oktober 1949. 
20) Matth. 5:27-29. 21) LuB 133:5. 



Es ist eine gute Gepflogenheit 
in der Kirche sowie im Geschäfts- 
leben, sich selbst zu überprüfen und 
festzustellen, ob man Erfolg gehabt 
hat oder ob man versagt hat. 

Organisationen wie auch der ein- 
zelne machen entweder Fortschritt 
oder entwickeln sich zurück; sie ste- 
hen selten, wenn überhaupt, still. 
Sich weiterzuentwickeln bedeutet, 
dem Gesetz des Lebens Folge zu 
leisten. Wenn die Kirche oder ein 
Teil von ihr sich nicht verbesserte, 
dann können Sie sicher sein, daß 
sie verderben würde. Keine Ge- 
meinde oder kein Pfahl der Kirche 
kann zurückbleiben und stillstehen. 
Es ist die Quelle der Zufriedenheit 
für uns alle, wenn wir erkennen, 
daß wir zu einer Kirche gehören, 
die vorwärtsgeht. 

— David O. McKay 



385 



Vom Herrn 
erwählt 




Meine lieben Brüder, Träger des 
Priestertums Gottes, deren sich 
so viele an so vielen Orten einge- 
funden haben — an dieser Ver- 
sammlung nehmen fast 200.000 
Brüder teil — , dies ist eine Heer- 
schar Gottes, die größte Bruder- 
schaft und die größte Macht auf der 
ganzen Erde. Wie glücklich und ge- 
segnet wir doch sind, daß wir Träger 
des Priestertums sein und dieser 
großen Bruderschaft in der Kirche 
Jesu Christi der Heiligen der Letzten 
Tage angehören dürfen. 

Heute abend sind wir belehrt, in- 
spiriert und in unserem Glauben und 
Zeugnis erbaut worden und wir 
haben uns an diesem schönen Chor 
erfreut. In ein paar Minuten haben 
wir das besondere Vorrecht, einem 
Propheten Gottes zuzuhören, der 
der Präsident der Kirche Jesu Christi 
und sein Sprecher heute hier auf 
Erden ist. Mögen wir, wenn er 
spricht, zuhören, ja hörende Ohren 
haben und die feste Absicht, diesem 
großen Führer, Spencer W. Kimball, 
zu folgen. 

Da ich die außerordentliche Freude 
und Segnung haben durfte, als Rat- 



N. ELDON TANNER 

Erster Ratgeber des Präsidenten 

der Kirche 



geber von vier der erwählten Pro- 
pheten des Herrn tätig zu sein, 
lege ich Zeugnis ab, daß sie wahr- 
haftig Propheten Gottes sind, und 
ich möchte gern mit Ihnen wieder- 
holen, wie der Herr die Führer seiner 
Kirche erwählt, ordiniert und einge- 
setzt hat und wie reibungslos die 
Nachfolge vor sich geht. 

Als Jesus auf Erden weilte, be- 
gann er sein Wirken und gründete 
seine Kirche und „rief ... seine 
Jünger und erwählte aus ihnen 
zwölf, welche er auch Apostel 
nannte 1 ." Und er sprach zu seinen 
Aposteln: „Wahrlich, ich sageeuch: 
Was ihr auf Erden binden werdet, 
soll auch im Himmel gebunden sein, 
und was ihr auf Erden lösen wer- 
det, soll auch im Himmel los sein 2 ." 

Daraus geht hervor, daß er jedem 
die Fülle des Apostelamtes mit 
dessen Schlüsseln und Vollmachten 
übertrug, so daß ein jeder — sollte 
die Zeit kommen — seinerseits als 
dienstältester Apostel oder als 
Präsident der Kirche fungieren 
konnte. Petrus, Jakobus und Johan- 
nes wurden als das Haupt der Kirche 
eingesetzt und sollten nach Christi 



Weggang als Erste Präsidentschaft 
amtieren. 

Die Kirche beruht in diesen Letzten 
Tagen auf demselben Prinzip. Nach- 
dem Joseph Smith vom Herrn er- 
wählt worden war, erschienen 
Petrus, Jakobus und Johannes und 
übertrugen ihm und Oliver Cowdery 
das Melchisedekische Priestertum 
und ordinierten sie zu Aposteln des 
Herrn, Jesus Christus. 

Im Buch , Lehre und Bündnisse' 
lesen wir, daß Joseph Smith jun. 
zum ersten Ältesten der Kirche be- 
rufen wurde. Der Herr sagte: ,,Du 
(sollst) ein Seher, Übersetzer, Pro- 
phet und Apostel Jesu Christi, ein 
Ältester der Kirche durch den Willen 
Gottes, des Vaters, und die Gnade 
deines Herrn Jesus Christus ge- 
nannt werden ... 

vom Heiligen Geist getrieben, 
ihren Grund zu legen und sie zum 
allerheiligsten Glauben aufzu- 
bauen 3 ." 

Obwohl dem Propheten und Oliver 
Cowdery im Juni 1829, also bevor 
die Kirche gegründet wurde, gesagt 
worden war, daß es zwölf Apostel 
geben werde und wie sie erwählt 
werden sollten, wurde doch der 
erste Rat der Zwölf erst im Jahre 
1835 ernannt. Zu der Zeit erhielten 
die drei Zeugen durch den Propheten 
Joseph Smith vom Herrn den Auf- 
trag, die Zwölf auszuwählen, die 
zu Aposteln ordiniert werden soll- 
ten 4 . 

Diese Männer wurden auf Weisung 
des Propheten Joseph Smith erwählt 
und zu Aposteln ordiniert und 
empfingen dieselbe Vollmacht, die 
Paulus und anderen Aposteln 
während der Zeit Jesu Christi über- 
tragen wurde. Es steht geschrieben: 
,,Sie bilden einen Rat, der dem vor- 
erwähnten der drei Präsidenten an 
Kraft und Vollmacht gleich ist 5 ", wo- 
mit die Präsidentschaft der Kirche 
gemeint ist. 

Auch lesen wir in dem Werk ,,Do- 
cumentary History of the Church": 
, .Joseph Smith fuhr dann fort, die 
Pflicht der Zwölf zu erläutern sowie 
ihre Vollmacht, die gleich nach der 
der jetzigen Präsidentschaft kommt 



386 



..., auch sind die Zwölf keinem an- 
deren untergeben als der Ersten 
Präsidentschaft, d. h. mir ..., Sidney 
Rigdon und Frederick G. Williams, 
die jetzt meine Ratgeber sind; und 
wenn ich nicht mehr da bin [d. h. 
wenn er stirbt], gibt es keine Erste 
Präsidentschaft über den Zwölfen 6 ." 

Wilford Woodruff hat gesagt: 
,,lch sage den Heiligen der Letzten 
Tage: Die Schlüssel des Reiches 
Gottes sind hier, und sie werden 
auch bis zum Kommen des Men- 
schensohnes hier bleiben. Möge 
ganz Israel dies verstehen ... Keiner, 
in dem je der Odem des Lebens ge- 
wesen ist, kann diese Schlüssel 
des Reiches Gottes innehaben und 
das Volk in die Irre führen 7 ." 

Nach dem Tode des Propheten 
Joseph Smith berief Brigham Young 
mit folgenden Worten eine Ver- 
sammlung ein: ,,lch möchte dieses 
Volk mit den verschiedenen Kolle- 
gien des Priestertums zu einer 
Sonderkonferenz versammelt sehen 
..." Und auf dieser Versammlung 
sagte er: ,,lch fange an, in meiner 
Berufung zu amtieren, in Verbin- 
dung mit dem Kollegium der Zwölf, 
die Apostel Jesu Christi für diese 
Zeit sind, Apostel, die Gott auf dem 
Wege der Offenbarung durch den 
Propheten Joseph Smith berufen 
hat, die dazu ordiniert und gesalbt 
sind, die Schlüssel des Reiches 
Gottes in alle Welt zu tragen." 

Dann stellte er die Frage: „Möch- 
te die Kirche, und ist es ihr einziger 
Wunsch, die Zwölf als die Erste 
Präsidentschaft dieses Volkes be- 
stätigen?" Es wurde berichtet, daß 
eine allgemeine Abstimmung statt- 
fand. Darauf bat er um die Gegen- 
probe, und es wurde keine Hand 
gehoben. 

Es hat den Anschein, daß Brigham 
Young die Kollegien des Priester- 
tums nach einerOrdnung abstimmen 
lassen wollte, wie wir dies heute 
morgen in unserer feierlichen Ver- 
sammlung getan haben, denn er 
sagte: ,, Dieses (die Abstimmung) 
macht die andere Frage überflüssig, 
und es soll nach Kollegien abge- 
stimmt werden 8 ." Er erklärte dann, 



daß die Zwölf weiter in ihrem Amte 
bleiben und amtieren sollten, daß 
sie die Schlüssel des Reiches inne- 
hätten und daß sie die Angelegen- 
heiten der Kirche regeln und 
alles recht verfügen würden, bis eine 
neue Erste Präsidentschaft organi- 
siert werden würde. So ist es seit 
dem Tode Joseph Smith' immer ge- 
handhabt worden. In diesem Fall 
führten die Zwölf die Kirche noch 
dreieinhalb Jahre lang, ehe die Erste 
Präsidentschaft organisiert und 
Brigham Young Präsident der Kirche 
wurde. 

Als Wilford Woodruff gefragt 
wurde, ob er einen Grund wüßte, 
warum nicht jemand anders als der 
Präsident der Zwölf über die Kirche 
präsidieren könne, sagte er, daß 
er dafür mehrere Gründe kenne: 
,, Erstens: Wer hat, wenn der Präsi- 
dent der Kirche stirbt, die präsidie- 
rende Vollmacht über die Kirche? 
Es ist das Kollegium der zwölf Apo- 
stel, das durch Offenbarung von 
Gott eingesetzt worden ist, und 
sonst niemand. Wer ist dann aber 
während der Zeit, wo die zwölf 
Apostel über die Kirche präsidieren, 
der Präsident der Kirche? Es ist der 
Präsident der zwölf Apostel, und er 
ist tatsächlich in der Zeit, wo er 
über die Zwölf präsidiert, genauso 
der Präsident der Kirche, wie wenn 
er im Falle einer organisierten Präsi- 
dentschaft der Kirche über zwei 
Männer präsidiert." Dies ist ein Aus- 
zug aus einem Brief, den Wilford 
Woodruff am 28. März 1 887 an Heber 
J. Grant schrieb. Nach diesem 
Grundsatz hat man sich nun bereits 
über hundert Jahre lang gerichtet. 

In der ganzen Geschichte der 
Kirche hat es sich sehr deutlich 
gezeigt, daß der Mann, der zum 
Präsidenten der Kirche erwählt wird, 
vorherordiniert und der Mann der 
Stunde war. Es heißt, daß Joseph 
Smith, als er zum ersten Mal mit 
Brigham Young zusammentraf, 
gesagt hat, daß Brigham Young 
eines Tages der Präsident der 
Kirche sein werde. Wenn wir über 
die ungewöhnliche Kombination von 
Ereignissen nachdenken, die Brig- 



ham Young Präsident der Zwölf 
werden ließ, so liegt es auf der 
Hand, daß er, lange bevor er ge- 
boren wurde, vorherordiniert und 
erwählt worden war, ebenso wie 
es Jeremia und andere waren. 

Als der Prophet Joseph Smith 
starb, schien es allen so, als hätte 
es keinen gegeben, der bereit ge- 
wesen sei, die Verantwortung als 
Präsident der Kirche auf sich zu 
nehmen. Joseph Smith hatte die 
besondere Gabe erhalten, Offen- 
barung für die Kirche zu empfangen, 
und wurde mehr als viele andere 
Propheten inspiriert. Er war be- 
sonders dafür geeignet, eine große 
Mission auszuführen. Nach seinem 
Tode erwies sich Brigham Young, 
der Präsident der Kirche wurde, 
als der Mann der Stunde. Auch er 
hatte besondere Gaben und Talente, 
die ihn befähigten, das zu tun, was 
zu jener Zeit getan werden mußte. 
Brigham Young war ein großer 
Führer, Kolonisator und Organisa- 
tor. Er war zweifellos der Mann, 
der die Kirche leiten und in den 
Rocky Mountains ansässig machen 
sollte und konnte, wie es zuvor der 
Prophet Joseph Smith vorausge- 
sagt hatte. 

Auch ist es höchst beruhigend, 
wenn man sieht, wie John Taylor be- 
schützt wurde. Man kann sagen, daß 
er ein Märtyrer war, denn er mußte 
sehr unter den Wunden leiden, die 
man ihm zugefügt hatte, als der 
Prophet Joseph Smith getötet wur- 
de. Es zeigte sich während seiner 
ganzen Amtszeit, daß er ohne Zwei- 
fel der Mann war, der zu dieser Zeit 
gebraucht wurde. Dasselbe kann 
von denjenigen Männern gesagt 
werden, die als Präsidenten der 
Kirche folgten. 

Wir müssen feststellen, daß unter 
der Leitung Harold B. Lees, obwohl 
er doch nur eine so kurze Zeit über 
die Kirche präsidiert hat, viel Fort- 
schritt gemacht und viel vollbracht 
worden ist; auch ist das Fundament 
für die zukünftige Entwicklung 
und das weitere Wachstum der 
Kirche gelegt worden. 



387 



Jetzt haben wir einen Präsidenten 
der Kirche, den der Herr erwählt und 
vorherordiniert hat — der als 
Apostel über 30 Jahre lang geprüft 
und geschult wurde und der zu 
drei verschiedenen Malen auf wun- 
dersame Weise für dieses hohe und 
heilige Amt bewahrt wurde. 

Wir lesen in dem Buch „Lehren 
des Propheten Joseph Smith": „Je- 
der Mann, der berufen ist, den Be- 
wohnern der Erde im Evangelium 
zu dienen, wurde gerade zu diesem 
Zweck in der großen Ratsversamm- 
lung im Himmel vor Grundlegung 
der Welt ordiniert 5 ?" 

Wir müssen immer daran denken, 
wie es schon so oft gesagt worden 
ist, der Herr beruft seine Propheten, 
und der Herr entläßt seine Pro- 
pheten. Sie können von keiner an- 
deren Macht berufen oder entlassen 
werden. Wie bereits erwähnt, über- 
nimmt beim Tode des Präsidenten 
der Kirche das Kollegium der Zwölf 
die Leitung, und das dienstälteste 
Mitglied bzw. der Präsident 
der Zwölf wird der präsidierende 
Beamte. 

Es ist wichtig, daß man sich 
genau vergegenwärtigt, was sich zu- 
trug, als Bruder Lee von uns schied. 
Bruder Romney war ins Krankenhaus 
gerufen worden, und als Bruder 
Lee, der erkannte, daß er eine Zeit 
lang verhindert sein würde, mit ihm 
sprach, sagte er zu ihm: „Bruder 
Tanner ist nicht da, und ich möchte, 
daß Sie es übernehmen, die Ange- 
legenheiten der Kirche wahrzu- 
nehmen." Spencer W. Kimball, der 
später hereinkam, bot Bruder 
Romney seine Hilfe an. Bruder 
Romney wandte sich jedoch, gleich 
nachdem bekanntgegeben worden 
war, daß Präsident Lee hinüberge- 
gangen war, an Spencer W. Kimball 
und sagte: „Jetzt sind Sie als Präsi- 
dent des Kollegiums der Zwölf 
verantwortlich. Ich stehe Ihnen zur 
Verfügung und bin bereit, alles zu 
tun, womit ich Ihnen helfen kann." 

Das entsprach ganz und gar der 
Ordnung der Kirche und ist ein 
großartiges Beispiel dafür, wie doch 



die Kirche nie ohne Präsidentschaft 
gelassen wird und wie reibungslos 
der Übergang vonstatten geht. 
Sofort wurde Spencer W. Kimball 
als Präsident der Zwölf die präsi- 
dierende Autorität der Kirche. 

Ich möchte gern einen Überblick 
über das geben, was unternommen 
wurde, als er zum Präsidenten der 
Kirche ernannt und ordiniert wurde. 
Lassen Sie mich aber noch, bevor 
ich dies tue, aus einer Rede Bruder 
Kimballs zitieren, die er auf der 
Generalkonferenz am 4. April 1960, 
also vor 1 4 Jahren, gehalten hat : 

„Welche Mutter stellt sich nicht 
vor, wenn sie voller Zärtlichkeit auf 
ihr pausbäckiges Baby herabblickt, 
daß ihr Kind einmal der Präsident 
der Kirche oder der Führer ihrer 
Nation wird? Während es sich in 
ihren Armen kuschelt, sieht sie in 
ihm einen Staatsmann, einen Führer, 
einen Propheten. Manche Träume 
werden wahr! Eine Mutter gibt uns 
einen Shakespeare, eine andere 
einen Michelangelo, eine weitere 
einen Abraham Lincoln und noch 
eine andere einen Joseph Smith ! 

Wenn Theologen wanken und 
straucheln, Lippen heucheln und 
Herzen abirren und die Menschen 
,hin und her ... laufen und des 
Herrn Wort suchen und doch nicht 
finden', wenn Wolken derTäuschung 
vertrieben werden müssen, wenn 
geistige Finsternis durchdrungen 
und der Himmel geöffnet werden 
muß, dann kommt ein kleines Kind 
zurWelt." Wie prophetisch! 

Genau solch ein Kind kam am 
28. März 1895 in Salt Lake City zur 
Welt und wurde Spencer Woolley 
Kimball genannt. Sie finden einen 
höchst interessanten Bericht über 
das Leben dieses großen Mannes 
im STERN, Juli 1974. Der Bericht 
reicht von seiner Geburt bis in die 
heutige Zeit und wurde sehr schön 
von Bruder Boyd K. Packer geschrie- 
ben. 

Als Wilford Woodruff Präsident 
der Kirche war, sagte er, daß es der 
Wille des Herrn sei, daß man keine 
lange Zeit zwischen dem Tod des 
Präsidenten der Kirche und der Zeit 



verstreichen lassen solle, wo die 
Erste Präsidentschaft wieder organi- 
siert werde. Deshalb rief Bruder 
Kimball, der Präsident der Zwölf am 
30. Dezember 1973, nur vier Tage 
nach dem Tod Harold B. Lees, die 
Apostel im oberen Raum des Tem- 
pels mit der Absicht zusammen, die 
Neugestaltung der Ersten Präsident- 
schaft zu besprechen und das zu 
tun, wozu man sich entschließen 
würde. Diejenigen, die die Ratgeber 
des Präsidenten gewesen waren, 
d. h. Bruder Romney und ich, 
nahmen ihre jeweiligen Plätze im 
Kollegium der Zwölf ein. 

Spencer W. Kimball brachte 
seinen großen Kummer über den 
Tod Präsident Lees und sein Gefühl 
der Unzulänglichkeit zum Ausdruck 
und forderte daraufhin die Kollegi- 
umsmitglieder in der Reihenfolge 
ihres Dienstalters auf, sich einzeln 
dazu zu äußern, wie sie darüber 
dachten, die Präsidentschaft der 
Kirche neu zu organisieren. 

Als die Brüder sprachen, gab ein 
jeder zu verstehen, daß er empfinde, 
daß jetzt die Zeit sei, die Erste 
Präsidentschaft neu zu organisieren 
und daß Spencer W. Kimball 
derjenige sei, von dem der Herr 
wolle, daß er zu dieser Zeit präsi- 
diere. Der wohltuende Geist des 
Herrn war in reichem Maße an- 
wesend, und es lagen völlige Einig- 
keit und Harmonie im Sinn und in 
den gesprochenen Worten der 
Brüder. Der einzige Wunsch war 
der, den Willen des Herrn zu tun, 
und es gab keine Zweifel darüber, 
daß der Wille des Herrn zum Aus- 
druck gekommen war. 

Bruder Ezra Taft Benson stellte 
dann vorschriftsmäßig den Antrag, 
daß die Erste Präsidentschaft der 
Kirche neu organisiert und daß 
Spencer W. Kimball als Präsident, 
Prophet, Seher, Offenbarer und 
Treuhänder der Kirche bestätigt, or- 
diniert und eingesetzt werden solle. 
Dieser Antrag wurde unterstützt und 
einstimmig angenommen. 

In aller Demut trat Bruder Kimball 
nach vorn, nahm die Berufung an 
und betete darum, daß der Geist 



388 



und die Segnungen des Herrn bei 
ihm sein mögen, damit er befähigt 
werde, den Willen des Herrn aus- 
zuführen. Er sagte, er habe stets 
darum gebetet, daß Präsident Lee 
Gesundheit, Kraft und Stärke haben 
möge sowie die Segnungen des 
Herrn, damit er weiterhin der Prä- 
sident der Kirche sein könnte. Er 
betonte, daß er aufrichtig mit seiner 
lieben Frau Camilla darum gebetet 
habe, daß dieses Amt niemals ihm 
auferlegt werden würde, und daß er 
sicher gewesen sei, daß Präsident 
Lee bestimmt länger leben würde 
als er. 

Bei dieser Gelegenheit dachte ich 
an den Heiland, wie er im Garten 
Gethsemane betete: „Mein Vater, 
ist's möglich, so gehe dieser Kelch 
an mir vorüber; doch nicht wie ich 
will, sondern wie du willst 10 !" Und 
so nahm Bruder Kimball das hohe 
Amt an. 

Er erwählte und benannte dann 
als seinen Ersten Ratgeber N. Eldon 
Tanner und als seinen Zweiten Rat- 
geber Marion G. Romney, von 



denen ein jeder zum Ausdruck 
brachte und sich verpflichtete, 
Bruder Kimball als den Präsidenten 
der Kirche zu unterstützen und sein 
Amt nach besten Kräften auszu- 
füllen, und darum betete, daß die 
Segnungen des Herrn bei ihm seien. 

Daraufhin wurde Bruder Benson 
als Präsident des Rates der Zwölf 
bestätigt. Bruder Kimball nahm 
dann in der Mitte des Raumes Platz, 
und als alle Anwesenden die Hände 
auf sein Haupt legten, spürten wir, 
daß der Geist des Herrn wirklich 
bei uns war, und dieser beglückende 
Geist erfüllte unser Herz. Mit Ezra 
Taft Benson als Sprecher wurde 
dann SpencerW. Kimball mit einem 
wunderschönen Gebet und Segen 
als Prophet, Seher und Offenbarer 
und Präsident der Kirche Jesu 
Christi der Heiligen der Letzten Tage 
ordiniert und eingesetzt. 

Ich bezeuge Ihnen und der Welt, 
daß nach dem Plan und der Ordnung 
der Kirche verfahren wurde und 
daß Spencer W. Kimball sein Pro- 
phet und der Präsident der Kirche 



des Herrn und seines Reiches hier 
auf Erden ist. In den Pfahlkonferen- 
zen, die seit seiner Ernennung statt- 
gefunden haben, und heute in der 
feierlichen Versammlung hat man 
ihn begeistert bestätigt. Es ist das 
große Vorrecht, die Ehre und Verant- 
wortung eines jeden von uns, 
Spencer W. Kimball als einen Pro- 
pheten Gottes anzuerkennen und 
zu unterstützen und nach seiner 
Weisung alles zu tun, was in unserer 
Kraft liegt, damit das Reich er- 
richtet, die Sache der Rechtschaf- 
fenheit gefördert und die Welt auf 
das Zweite Kommen unseres Herrn 
und Heilands, Jesus Christus, 
vorbereitet werde. 

Es gibt jedoch, wie in der Ver- 
gangenheit, immer noch welche, die 
das Verfahren, das bei der Wahl des 
Präsidenten angewandt wird, in 
Frage stellen, und einer besonders 
hat uns geschrieben und zum Aus- 
druck gebracht, daß er der Ansicht 
sei, er solle Präsident der Kirche 
sein. Ich möchte Sie aber daran 
erinnern, daß die Verfahrensweisen 




389 



der Kirche und die Lehren Jesu 
Christi nicht erst erprobt werden 
müssen und daß wir das große 
Vorrecht, die Verantwortung und den 
Segen haben, Mitglieder seiner 
Kirche und seines Reiches zu sein 
und den Propheten anzuerkennen 
und zu unterstützen. Und es liegt an 
uns, uns der Mitgliedschaft und des 
Priestertums, das wir tragen, würdig 
zu erweisen. 

Laßt uns immer daran denken, 
daß Führer der Kirche dem Herrn 
gegenüber verantwortlich sind, und 
es ist an ihm, sie zur Ordnung zu 
rufen, wenn sie einen falschen Weg 
eingeschlagen haben, und sie zu 
entlassen, wenn sie ihre Mission 
beendet haben. Wir sind davor ge- 
warnt worden, daß Gott uns seinen 
Geist entziehen wird, wenn wir uns 
gegen die Autorität erheben, die er 
in die Kirche gesetzt hat, um sie 
zu verwalten, und nicht Buße tun. 

Brüder, wenn wir vom Geist des 
Herrn geführt werden wollen und 
in den Genuß seiner Segnungen 
kommen möchten, so müssen wir 
treu zu dem stehen, der zu unserem 
Führer erwählt worden ist, und 
dürfen nie murren, klagen oder nör- 
geln oder meinen, daß jemand 
anders an seiner Stelle sein solle. 
Männer von hohem Stand, selbst 
einer der drei Zeugen, Oliver 
Cowdery, der das Priestertum von 
Boten aus dem Himmel empfangen 
hatte, ebenso Sidney Rigdon, ein 
Ratgeber Joseph Smith', fielen von 
der Kirche ab, weil sie am Propheten 
Gottes Kritik übten und an ihm 
zweifelten. 

Ich bitte darum, daß wir alle im 
Glauben treu bleiben, daß wir dem- 
jenigen, den Gott zu unserem Führer 
erwählt hat, folgen und ihn unter- 
stützen. Wenn wir das tun, werden 
wir gesegnet, und der Geist des 
Herrn wird bei uns und unserer 
Familie verweilen, während wir 
sie belehren und dazu anhalten, 
treu und tätig zu sein. Gottes Werk 
wird vollbracht und sein Wille getan 
werden. Der Herr hat von seinem 
Propheten gesagt: 



,,Denn ihr sollt sein Wort in aller 
Geduld und im Glauben annehmen, 
als komme es aus meinem Munde. 

Wenn ihr diese Dinge tut, so wer- 
den die Pforten der Hölle euch nicht 
überwinden; ja, Gott, der Herr, wird 
die Mächte der Finsternis vor euch 
zerstreuen und die Himmel zu eurem 
Heil und seines Namens Herrlichkeit 
erschüttern. 

Denn so spricht Gott, der Herr: 
Ihn habe ich durch meinen Geist 



erleuchtet, um die Sache Zions mit 
gewaltiger Kraft zum Guten vor- 
wärts zu bringen 11 ." 

Im Namen Jesu Christi. Amen. 

I) Luk. 6:13. 2) Matth. 18:18. 3) LuB 21:1, 2. 
4) DHC, 2:186, 187; LuB 18. 5) LuB 107:24. 
6) DHC, 2:373, 374. 7) „Discourses of Wilford 
Woodruff", G. Homer Durham, S. 73, 74. 8) DHC, 
7:230,232,240. 9) 1963, S. 309. 10) Matth. 26:39. 

II) LuB 21:5-7. 

Rede anläßlich der Priestertumsversammlung der 
144. Frühjahrs-Generalkonferenz der Kirche Jesu 
Christi der Heiligen der Letzten Tage. 



Gebrauche, was du 



Als ich noch zur Oberschule ging, 
entschloß ich mich, Boxweltmeister 
im Schwergewicht zu werden. Das 
war in der Zeit der großen Arbeits- 
losigkeit, und soweit ich wußte, war 
es der einzige Weg, schnell zu einer 
Million Dollar zu kommen. Ich war 
ziemlich groß und kräftig gebaut. Ich 
hatte bereits in der Schule als Ama- 
teur einige Kämpfe bestritten und sie 
ohne Schwierigkeiten gewonnen. Die 
Vorstellung, was ich in einigen weni- 
gen Jahren verdienen konnte, faszi- 
nierte mich. Irgendwie fühlte ich je- 
doch, daß ich es bisher noch mit kei- 
nem ernstzunehmenden Gegner zu 
tun gehabt hatte und daß ich viel- 
leicht jemanden brauchte, der mich 
trainierte, bevor ich mich mit „schwe- 
reren Brocken" auseinandersetzte. 

Als dann eines Tages ein kleiner 
drahtiger Mann im Nachbarhaus ein- 
zog und ich sein Gesicht sah, wußte 
ich, daß meine Hilfe da war. Ich eilte 
hinaus, um ihm zu helfen, und die 
erste Frage, die ich ihm stellte, war: 
„Sind Sie ein Boxer?" Er grinste und 
erwiderte: „Ich sehe wie einer aus, 
nicht wahr? Ja, ich habe 70 oder 80 
Profikämpfe hinter mir." 

Hastig sagte ich: „Ich bin auch ein 
Boxer!" Er schaute mich an und 
meinte: „Nun, stark genug bist du." 
Ich fuhr fort: „Ich habe bis jetzt noch 



keine richtigen Anleitungen erhalten. 
Könnten Sie mir einige Tips geben? 
Ich habe alle meine Kämpfe gewon- 
nen." Eine Weile zögerte er, dann 
sagte er: „Okay, komm in den näch- 
sten Tagen zu mir herüber." 

Ich wartete jedoch nicht so lange. 
Schon am Nachmittag ging ich zu 
ihm. Er schmunzelte ein wenig über 
meinen Eifer, aber schließlich trug er 
mir auf, zwei Paar große Sparrings- 
handschuhe zu besorgen. Er wog 
vielleicht 55 bis 60 kg, während ich 
damals ca. 85 kg auf die Waage 
brachte. Ich zog mein Hemd aus und 
sagte: „Ich bin um etliches schwerer 
als Sie." Doch er entgegnete darauf 
nichts. Als er sich dann die Hand- 
schuhe übergestreift hatte, sagte er: 
„Nun, mein Junge, ich folge in der 
Regel beim Boxen meinem Instinkt. 
Ich überlege also nicht, wenn ich zu- 
schlage. Wenn ich bei dir ein Loch 
in der Deckung sehe, schlage ich zu. 
Ich möchte, daß du weißt, daß ich, 
wenn ich dich etwas härter treffe, als 
ich es deiner Meinung nach sollte, es 
nicht absichtlich tue." Ich nickte zu- 
stimmend mit dem Kopf und meinte: 
„Na klar, ich bin bei Ihnen auch nicht 
vorsichtig." Er sah mich an und 
lächelte nicht. Er sagte nur: „Mach 
dir keine Sorgen darüber, mein Jun- 
ge." 



390 



MORMONISMEN 



Der Nachfolger eines Sonntags- 
schulleiters wollte seinen gerade 
entlassenen Vorgänger zu seiner 
Arbeit beglückwünschen. So sprach 
er ihm auf folgende treffende Wei- 
se seinen Dank aus: „Wir möch- 
ten Ihnen für die Arbeit danken, 
die Sie für die Sonntagsschule 
geleistet haben, und wir sind froh, 
daß Sie entlassen sind." 



In unserer Gemeinde wurden 
die Mitarbeiterinnen in der PV 
aufgefordert, den Kindern beim 
Unterricht in die Augen zu blicken. 
Nachdem ich dies vier Wochen 
lang getan hatte, fragte ich meine 
neunjährigen Bogenschützen, ob 
ihnen im letzten Monat eine Ver- 
änderung an mir aufgefallen sei. 

„Nein, was denn?" kam es im 
Chor zurück. 

Bevor ich antworten konnte, 
piepste Karl-Heinz: „Sie tragen 
jetzt Umstandskleider." 



Während der Weihnachtsferien 
waren mein Mann und ich von kirch- 
lichen und anderen Aktivitäten 
reichlich in Anspruch genommen. 
Daher waren wir verschiedene 
Abende nicht zu Hause. Es war un- 
ser zweijähriger Sohn, der dieser 
Art von Tätigkeit ein plötzliches 
Ende setzte und uns wissen ließ, 
daß wir zu oft nicht zu Hause wa- 
ren. Als wir ihm nämlich ein Bild 
von Maria und dem Jesuskind zeig- 
ten, bezeichnete er diese als „Je- 
sus und seinen Babysitter". 



hast! 



VON ROBERT K. THOMAS 



Der Rest der Geschichte ist für 
mich nicht sehr rühmlich. Ich habe 
ihn nicht einmal getroffen. Plötzlich, 
nach einer Minute — ich hatte offen- 
sichtlich meine Deckung vernachläs- 
sigt und erkannte die Gefahr nicht — , 
traf er mich an dem gewissen Punkt 
am Kinn. Seine gewaltigen Spar- 
ringshandschuhe fühlten sich an, als 
wären sie aus Eisen. Ich fiel um wie 
ein Sack Mehl. Es war kein vollstän- 
diger „Knockout", aber ich war ganz 
schön benommen. Als mein Kopf et- 
was klarer wurde und ich hinauf- 
schaute, sah ich, wie der kleine Mann 
seine Handschuhe abstreifte. Ich 
sprang auf und sagte: „Machen Sie 
doch weiter. Jetzt kenne ich den Un- 
terschied zwischen einem Amateur 
und einem Profi, aber Sie können mir 
helfen." Er schüttelte seinen Kopf 
und zog seine Handschuhe ganz aus. 
Der Traum von einer Million Dollar 
begann zu schwinden. Wie in pani- 
scher Angst ergriff ich ihn und bat: 
„Wollen Sie mir nicht helfen?" Er 
schüttelte meine Hand ab. 

Gerade in dem Augenblick flog 
eine helle junge Fliege vorbei. Er 
griff nach ihr und hatte sie auch 
schon gefangen. Dann forderte er 
mich auf: „Nun, mein Junge, du 
fängst die nächste Fliege." Kurz dar- 
auf kam eine große alte Fliege in 



meine Reichweite, und ich unternahm 
mehrere Versuche, sie zu fangen. 
Vergebens, ich kam nicht einmal in 
ihre Nähe, um sie zu erwischen. „Das 
ist es, was dir fehlt, mein Junge", 
meldete sich der kleine Boxer wie- 
der zu Wort, „deine Reflexbewegun- 
gen sind nicht schnell genug. Und sie 
werden es auch nie sein. Es gibt 
nichts, was du dagegen tun kannst. 
Du bist ziemlich groß. Hast du jemals 
daran gedacht, Basketball zu spie- 
len?" 

Ich stolperte nach Hause; meine 
ganze Welt war über mir zusammen- 
gebrochen. Meine Mutter lag zu Hau- 
se krank im Bett — sie war oft in ihrem 
Leben krank gewesen. Tatsächlich 
war es der letzte Sommer, den sie er- 
lebte. Ich tat mir selbst schrecklich 
leid. Ich ging in ihr Zimmer und er- 
zählte ihr, was geschehen war. Ich 
sagte: „Warum mußte es mit mir so 
kommen? Warum sind meine Reflexe 
nicht schneller?" Da ich fortfuhr, zu 
jammern und mich selbst zu bemit- 
leiden, sagte sie schließlich mit fester 
Stimme — sie hatte wohl große 
Schmerzen und mein Gerede schien 
sie sichtlich anzustrengen — : "O, 
Bobby, was du hast, das ist genug!" 

Nichts, was meine Mutter je zu 
mir gesagt hatte, war so nützlich ge- 
wesen. „Was du hast, das ist genug!" 



Wenn du dich schwach und unzu- 
länglich fühlst, so möchte ich dich 
daran erinnern, daß das, was du hast, 
genug ist, vorausgesetzt, daß du — 
um in den Worten Henry James' zu 
sprechen — „die Art Mensch bist, an 
dem nichts verloren ist". Du brauchst 
niemals mehr so unwissend sein, wie 
du heute bist, niemals so unbeholfen 
oder schlecht vorbereitet. Du kannst 
aus der Kraft, die du hast, Kapital 
schlagen und sicher vorwärtsgehen. 

Denke nicht, daß der Tag, an dem 
du beginnst zu studieren oder an 
dem du ein gutes Buch liest, anstatt 
ein schlechtes Fernsehprogramm zu 
sehen, zwecklos oder unnütz sei. Du 
lebst das Leben, das du beabsich- 
tigst zu leben. Bruder Richard L. 
Evans liebte es zu sagen: „Was man 
zu tun beabsichtigt, das ist bereits 
getan." 



Robert K. Thomas 
Provo, Utah 



391 



Neue Generalautoritäten 




Bruder Perry 

Bruder L. Tom Perry (51), früher Assistent des Rates 
der Zwölf, wurde als Mitglied des Rates der Zwölf 
Apostel bestätigt. Auch wurden zwei neue Assistenten 
des Rates der Zwölf bestätigt: Bruder J. Thomas 
Fyans (55), zur Zeit geschäftsführender Direktor der 
Abteilung für interne Publikationen, und Bruder Neal 
A. Maxwell (47), der seit Juni 1970 Beauftragter für das 
Bildungswesen in der Kirche gewesen ist. 

Bruder Perry füllt die leere Stelle im Rat der Zwölf 
aus. Das Hinzukommen von Bruder Fyans und Maxwell 
erhöht die Zahl der Assistenten der Zwölf auf 19, die 
größte Zahl seit April 1941, als diese Gruppe von 
Beamten zum ersten Mal ernannt wurde. Jede der drei 
neu ernannten Autoritäten bringt reiche Erfahrungen für 
die neue Aufgabe mit. 

Bruder Perry wurde auf der Oktoberkonferenz 1972 
zum Assistenten der Zwölf ernannt. Damals besuchte er 
die Generalkonferenz als Präsident des Bostoner Pfahls. 
Er lebte in Weston in Massachusetts und war in Boston 
ein bekannter Finanzfachmann und führender Ge- 
schäftsmann. 

Der neue Apostel stammt aus Logan in Utah, wo er 
am 5. August 1922 als Sohn von L. Tom und Nora 
Sonne Perry geboren wurde. Er wuchs in einer Familie 
auf, wo Dienst in der Kirche und die christlichen Ideale 
an erster Stelle standen. Bis zu seinem 18. Lebensjahr 
war sein Vater Bischof, und während der nächsten 20 
Jahre diente sein Vater in der Präsidentschaft des 
Logan-Pfahls. 



Bruder Perrys Dienst in der Kirche begann als Präsi- 
dent seines Diakonkollegiums. 1942 wurde er berufen, 
eine Mission in den Nordstaaten der USA zu erfüllen. 

1949 erhielt er von der Utah State University ein 
Bakkalaureat in Finanzwissenschaft; und während des 
folgenden Jahres schrieb er dort seine Abschlußarbeit. 

Bruder Perry begegnete seiner Frau, Virginia Lee aus 
Hyde Park in Utah, zum ersten Mal auf einer Pfahl- 
GFV-Führerschaftsversammlung. Er war Pfahlsekretär 
und sie Beauftragte für freies Reden in ihrer Gemeinde. 
Sie waren auch beide Studenten an der Utah State Uni- 
versity. Sie heirateten am 18. Juli 1947 im Tempel in 
Logan und sind Eltern von einem Sohn und zwei Töch- 
tern. 

Er war Ratgeber eines Pfahlpräsidenten im Osten 
der USA, Ratgeber des Bischofs in der Gemeinde 
Weston, Mitglied des Hohen Rats des Pfahls New York 
und dann Präsident des Bostoner Pfahls. 

Während der vergangenen 18 Monate als Generalau- 
torität hat Bruder Perry viele Pfahlkonferenzen überall 
in der Kirche besucht und war als stellvertretender 
Leiter der Melchisedekischen Priestertums-GFV mit 
einer Führungsaufgabe betraut. 



Bruder Fyans ist seit März 1972, als die Abteilung 
für interne Publikationen gegründet wurde, ihr ge- 
schäftsführender Direktor gewesen. Er wird weiterhin 
das gesamte Kommunikations-Mitteilungswesen leiten, 
wozu folgendes gehört: Planen, Herstellen, Übersetzen, 
Drucken und Verteilen von allen Mitteilungen, allem 
Instruktionsmaterial und allen Zeitschriften, die in 
erster Linie für Mitglieder der Kirche herausgegeben 
werden. 

Bevor Bruder Fyans diese Stellung übernahm, war 
er Verwaltungsdirektor für die Präsidierende Bischof- 
schaft. Er koordinierte die Vorbereitungen für die vier 
Gebiets-Generalkonferenzen der Kirche, die 1971 in 
Manchester, 1972 in Mexico City, letztes Jahr in Mün- 
chen und dieses Jahr in Stockholm stattfanden. 

Bruder Fyans wurde am 17. Mai 1918 in Moreland in 
Idaho als Sohn von Joseph und Mae Farnsworth Fyans 
geboren. Am 28. Mai 1943 heiratete er Helen Cook im 
Tempel in Salt Lake City. Sie sind die Eltern von fünf 
Töchtern. 

Bruder Fyans war von 1940 bis 1943 Missionar in 
der Spanisch-Amerikanischen Mission und diente ein 
Jahr (1947) als Bischof in der Gemeinde Butler, bevor 
er zehn Jahre Erster Ratgeber des Pfahlpräsidenten des 
East-Jordan-Pfahles war. 



392 




Bruder Fyans 

Von 1 960 bis 1 964 war er Präsident der Uruguayischen 
Mission. Während dieser Zeit wuchs die Zahl der Mit- 
glieder in der Mission von 3.000 auf 10.000. 

Nach seiner Rückkehr war er Mitglied der Missionars- 
abteilung der Kirche. In diesem Amt war er bis Oktober 
1967 tätig und wurde dann einer der ersten Regional- 
repräsentanten der Zwölf. 



In der Mitte des Jahres 1970 führte die Kirche das 
Amt des Beauftragten für das Bildungswesen der Kirche 
wieder ein, das früher von mehreren hervorragenden Er- 
ziehern und Führern der Kirche bekleidet wurde, und 
sie übergab das neue Amt Bruder Maxwell. In dieser 
Stellung beaufsichtigt er alle Seminare, Institute, Colle- 
ges und Einrichtungen für höhere Ausbildung in der 
Kirche, wozu auch die Brigham Young University, das 
Ricks College und das College der Kirche auf Hawaii 
gehören. 

Bruder Maxwell bleibt in dieser Stellung, worin er 
eine große weltweite Organisation mit fast einer Drittel- 
million Studenten in 50 Ländern leitet. 

Bevor er dieses Amt innehatte, war er Vizepräsident 
der University of Utah, wo er seit 1955 dem Lehrkörper 
als stellvertretender Direktor für Public Relations ange- 
hörte. Ein Jahr später wurde er Assistent des Präsiden- 
ten, und außerdem wurde er 1961 zum Sekretär für das 
Aufsichtskomitee der University of Utah ernannt. 



Seine Laufbahn an dieser Universität führte ihn weiter 
aufwärts, er wurde 1962 Vorsteher der Studenten, 1964 
Vizepräsident für Planung und öffentliche Angelegen- 
heiten und 1 967 Vizepräsident. 

Brude Maxwells Dienst in der Kirche begann mit einer 
Mission in Kanada. Dann war er Ratgebereines Bischofs 
und von 1959 bis 1962 Bischof der University-Sixth- 
Ward. Er war auch Mitglied des Hauptausschusses der 
Gemeinschaftlichen Fortbildungsvereinigung junger 
Männer, Mitglied des Korrelationskomitees der Kirche 
für Erwachsene; und 1967 wurde er einer der ersten 69 
Regionalrepräsentanten der Zwölf. 

Bruder Maxwell wurde am 6. Juli 1926 in Salt Lake 
City geboren. 1952 bestand er die Abschlußprüfung 
in dem Hauptfach Staatswissenschaft an der University 
of Utah mit hohen Ehren und erhielt 1961 den Magister- 
grad in Staatswissenschaft. Er machte zwei Doktor- 
grade, 1969 erhielt er die Doktorwürde der Rechte von 
der University of Utah und 1971 die Doktorwürde in 
Literatur vom Westminister College. 

Er ist Verfasser von vier Büchern und hat viele Ar- 
tikel über Politik und Staatsführung für nationale, fach- 
liche und lokale Veröffentlichungen sowie für die Kirche 
geschrieben. 

Bruder Maxwell heiratete am 22. November 1950 
Colleen Hinckley im Tempel in Salt Lake City. Sie sind 
die Eltern von vier Kindern. 




Bruder Maxwell 



393 



D. 



w er neue Tempel in Washing- 
ton, der sechzehnte, der von der 
Kirche in Betrieb genommen wird, 
wird in Kürze fertiggestellt sein. Es 
ist vorgesehen, daß der Tempel 
Mitte September für Besucher ge- 
öffnet wird. Die Weihung soll am 
19.-22. November stattfinden. 

Nach seiner Weihung wird dieser 
Tempel wie die anderen 15 Tem- 
pel der Kirche ausschließlich für hei- 
lige Handlungen wie Taufen, En- 
dowments und Eheschließungen für 
Zeit und Ewigkeit sowohl für die Le- 
benden als auch für die Verstorbe- 
nen benutzt werden. Dieser Tempel 
wird über 300.000 Mitgliedern im 
östlichen Teil der Vereinigten Staa- 
ten sowie Mitgliedern in Kanada und 
Südamerika zur Verfügung stehen. 

Der neue Tempel steht in einem 
stark bewaldeten Gebiet am Rande 
der Hauptstadt der Vereinigten 
Staaten. Der Tempel in Washington 
ist der größte Tempel der Kirche. 
Er steht auf einem 23 Hektar großen 
Gelände, das die Kirche im Oktober 
1962 erworben hat. Nur ein Fünftel 
der 23 Hektar Wald wurde für den 
Tempelbau gerodet. Ein großer Teil 
des Waldes bleibt somit unberührt 
und vermittelt dem Tempelbesucher 
den Eindruck der Abgeschiedenheit. 
Der Tempel steht auf einem Hügel, 
einer der höchsten Erhebungen im 
Bezirk Montgomery in Maryland. 
Die unübersehbare Stellung und der 
leuchtende Alabamamarmor, der die 
Außenwände verkleidet, macht die- 
ses großartige Gebäude für die 
Autofahrer auf dem in der Nähe vor- 
beiführenden Schnellstraßennetz in 
eindrucksvoller Weise sichtbar. 

Wer den Tempel nach seiner Er- 
öffnung besichtigen will, kann ihn 
per Flugzeug oder Bahn leicht er- 
reichen. Drei große Flughäfen liegen 
nur 45 Autominuten entfernt. 

Der erste Spatenstich für den 
Tempel wurde im Dezember 1968 
unter der Leitung von Alt. Hugh B. 
Brown vom Rat der Zwölf vorge- 
nommen, der damals Erster Ratge- 
ber des Präsidenten der Kirche war. 



Im März 1969 beauftragte die Er- 
ste Präsidentschaft einige Architek- 
ten der Kirche, den Tempel zu ent- 
werfen. Das Architektenteam hatte 
bei der Planung besondere Ziele 
vor Augen: 

Der Tempel in Washington soll 
ein sichtbarer Repräsentant der 
Kirche im östlichen Teil der Ver- 
einigten Staaten sein. 

Der Tempel soll in seiner Bauart 
zeitlos sein und Vergangenheit, Ge- 
genwart und Zukunft miteinander 
verbinden. 

Der Tempel soll sofort als Tem- 
pel der Heiligen der Letzten Tage 
zu erkennen sein, weil er an den 
Tempel in Salt Lake City erinnert, 
ohne jedoch eine direkte Nachbil- 
dung dieses Gebäudes zu sein. 

Als David O. McKay, damals 
Präsident der Kirche, am 15. No- 
vember 1968 die Entscheidung zum 
Bau dieses Tempels bekanntgab, 
bezeichnete er ihn als den „Edel- 
stein unter den Tempeln". Diesen 
Namen erhielt er, weil er der erste 
Tempel ist, der mit Marmor verklei- 
det ist. Dieser wurde vom besten 
Marmor der Welt speziell ausge- 
sucht. Der Marmor, der jetzt das 
Äußere des Tempels schmückt, wur- 
de in Alabama gebrochen, in Tenes- 
see geschnitten und in Virginia in 
Form gegossen. Jede der Platten 
wiegt 3 bis 6 Tonnen. Der Marmor 
weist ein leichtes lineares Oberflä- 
chenmuster auf, der das blendende 
Weiß etwas abschwächt und die 
Pracht des Tempels noch mehr her- 
vorhebt. 

Erst vor kurzem hat einer der 
größten Kräne, der je für einen Bau 
benutzt worden ist, sechs hohe 
Stahlspitzen und eine5 1 /2 Meter ho- 
he vergoldete Statue des Engels 
Moroni auf den Türmen des Gebäu- 
des installiert. Vom Boden bis zur 
Spitze des Standbildes ist der Tem- 
pel 88 m hoch. 

Der Engel Moroni ist das Werk 
von Dr. Avard Fairbanks, dem be- 
kannten Bildhauer aus Salt Lake 
City. Er beschreibt seinen Entwurf 



für das Standbild wie folgt: „Ich 
wollte, daß die Statue mit Geist und 
Architektur des Tempels eine har- 
monische Einheit bildet. Dieses Ge- 
fühl des nach oben Strebenden 
wollte ich durch Hervorhebung der 
vertikalen Linien vermitteln. Ich 
dachte dabei an den Engel Moroni, 
der gekommen ist, um den Anbruch 
der Letzten Tage anzukündigen und 
dem Menschen von heute den Evan- 
geliumsplan zu bringen." 

Der Tempel hat sieben Stock- 
werke. Der Raum für die „Solemn 
Assembly" (feierliche Versammlung) 
befindet sich im obersten Stock. Ein 
weiteres ungewöhnliches Merkmal 
ist die Anordnung von sechs Räu- 
men für heilige Handlungen um den 
celestialen Raum herum, ähnlich 
der Bauweise der Tempel in Ogden 
und Provo in Utah. Weitere Tempel 
der Kirche befinden sich in Salt La- 
ke City, St. George, Logan und 
Manti in Utah; in Idaho Falls in Ida- 
ho; in Oahu auf Hawaii; in Mesa in 
Arizona; in Oakland und Los Ange- 
les in Kalifornien; in Cardston in 
Kanada; in Zollikofen in der Nähe 
von Bern in der Schweiz; in Tuhika- 
ramea in der Nähe von Hamilton in 
Neuseeland und in Lingfield in Sur- 
rey in der Nähe Londons. 

Die Mormonentempel sind keine 
Stätten für den öffentlichen Gottes- 
dienst wie die Tausende von Ge- 
meindehäusern der Kirche, wo öf- 
fentliche Gottesdienste gehalten 
werden, zu denen alle Menschen 
eingeladen sind. 

Die Tempel werden nur für Ehe- 
schließungen und andere heilige 
Handlungen benutzt, die in der Leh- 
re der Kirche beschrieben werden, 
und nur Mitglieder der Kirche in gu- 
tem Stand dürfen den Tempel be- 
treten. Durch die Arbeit im Tempel 
sollen die erlösenden Grundsätze 
des Evangeliums Jesu Christi allen 
Menschen zugänglich gemacht wer- 
den, den Lebenden wie den Ver- 
storbenen. 



394 



Der neue Tempel in Washington 





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