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AUGUST 1978 

104. Jahrgang, Nummer 8 




Veröffentlichung August 1978 

der Kirche Jesu Christi der 104. Jahrgang 

Heiligen der Letzten Tage Nummer 8 



Erste Präsidentschaft: Spencer W. Kimball, N. Eldon Tanner, Marion G. Romney . 

Der Rat der Zwölf: Ezra Taft Benson, Mark E. Petersen, Delbert L. Stapley, LeGrand Richards, 

Howard W. Hunter, Gordon B. Hinckley, Thomas S. Monson, Boyd K. Packer, Marvin J. Ashton, 

Bruce R. McConkie, L. Tom Perry, David B. Haight. 

Beratendes Komitee: Gordon B. Hinckley, Marvin J. Ashton, L. Tom Perry, Marion D. Hanks, 

James A. Cullimore, Robert D. Haies. Church Magazines: Dean L. Larsen, Herausgeber. 

Internationale Redaktion: Larry A. Hiller, Carol Larsen, Roger Gylling. 

Der Stern: Klaus Günther Genge, Übersetzungsabteilung, Grabenstraße 14, A-8010 Graz. 
Korrespondenten: Pfahl Berlin: Siegfried Raguse, Pfahl Dortmund: Wilfried Möller, Pfahl Düsseldorf: 
Hellmuth Hartzheim. Pfahl Frankfurt: — . Pfahl Hamburg: Erich Sommer. Pfahl Hannover: — . Pfahl 
München: Erika Vollath. Pfahl Stuttgart: Werner Rückauer. Pfahl Zürich: Bruno Kaspar. Mission 
Frankfurt: — . Mission Hamburg: Karl Heinz Danklefsen. Mission München: — . Mission Wien: 
Friedrich Schimpfhuber. Mission Zürich: — . 



Inhalt 

Gedanken über die Kindererziehung. Spencer W. Kimball 1 

100 Jahre Primarvereinigung. Susan Oman und Carol Madsen 7 

Eine Grundlage für die Zukunft. Naomi M. Shumway 14 

O wie lieblich war der Morgen. Jeane W. Chipman 17 

Brigham Young 22 

Weltweites Wachstum des Bildungswesens der Kirche. 

Joe J. Christensen 28 

Zum Leben erwacht 32 

Für Kinder 

Glauben in Kapstadt 1 

Eine Freundin der Kinder 2 

Der Klub der guten Nachbarn. Mary S. Divers 6 

Eine Taufe ist eine Familienangelegenheit 9 

Papierpuppe 12 



Jahresabonnement : 

Bestellungen über den Sternagenten der Gemeinde: 

DM 20,- an Verlag Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, 

Postscheckkonto Frankfurt 64 53-604. 

sFr. 21,- an First National City Bank, Genf, Konto-Nr. 100 072, Kirche Jesu Christi der Heiligen der 

Letzten Tage. 

ÖS 130,- an Erste Österreichische Spar-Casse, Wien, Konto-Nr. 000-81 388, Kirche Jesu Christi der 

Heiligen der Letzten Tage. 

USA und Kanada (nicht mit Luftpost): $ 8.00. 

Verlag Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Porthstrasse 5-7, D6000 Frankfurt am Main 

50 

© 1978 by the Corporation of the President of The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints. 

All rights reserved. 

Einem Teil unserer Auflage liegt eine Anzeige bei. 



Botschaft der 
Ersten Präsidentschaft 



GEDANKEN 

ÜBER 
DIE KINDER- 
ERZIEHUNG 

Spencer W. Kimball 

Präsident der Kirche 



I 



.n diesem Jahr feiern wir das 
hundertjährige Bestehen der Primarver- 
einigung. Uns wird immer stärker be- 
wußt, daß die Kinder in der ganzen Welt 
die Primarvereinigung brauchen. Sie 
müssen, solange sie noch klein sind, 
lernen, nach den Evangeliumsprinzipien 
zu leben, und sie müssen ein Zeugnis 
davon entwickeln, daß Jesus Christus 
der Erretter ist, der Sohn unseres Vaters 
im Himmel. Könnten wir die Kinder 
besser unterweisen als dadurch, daß wir 
uns selbst an das Vorbild halten, das uns 
der Erlöser gegeben hat? Er hat die 
Kinder geliebt; er hat sie in die Arme 
genommen und gesegnet. Auch heute ist 
es für die Kinder notwendig, so unter- 
wiesen zu werden, wie Jesus Christus es 
getan hat — liebeund verständnisvoll, 




von Mitgefühl und Geduld geleitet. Für 
diese Aufgabe ist keine Mühe zu groß; 
keine Arbeit ist lohnender. Wir müssen 
jedem Kind die Segnungen der Primar- 
vereinigung zugänglich machen. 
Am Anfang hat der Herr Mann und 
Frau erschaffen und ihnen geboten, sich 
zu mehren und die Erde zu füllen. Er 
wies sie auch an, sich um ihre Kinder zu 
kümmern und sie zur Rechtschaffenheit 
zu erziehen. 

Unser Vater im Himmel hat den Eltern 
die Pflicht auferlegt, dafür zu sorgen, 
daß ihre Kinder gut ernährt und ge- 
pflegt, gekleidet und erzogen werden. 
Zwar geben die meisten Eltern ihren 
Kindern ein Obdach; sie pflegen sie, 
wenn sie krank sind, sie geben ihnen 
schützende und bequeme Kleidung und 



1 



dazu Nahrung, damit sie gesund sind 
und wachsen. Aber was tun sie für ihre 
Seele? 

An einem kalten Wintertag brechen die 
meisten Kinder warm angezogen zur 
Schule auf. Ihre Schuhe haben dicke 
Sohlen, und darüber tragen sie vielleicht 
noch Überziehschuhe. Mit einem dicken 
Mantel, mit Schal und Faust- 
handschuhen sind sie vor den Unbilden 
der Witterung geschützt. Bewahrt man 
diese Kinder aber auch vor falschen 
Ideologien, vor den Vorstellungen an- 
derer Jugendlicher und den alltäglichen 
Versuchungen? 

Der Taucher trägt einen schweren 
Gummianzug als Schutz vor der Kälte, 
aber werden auch die Kinder durch 
Beten, durch Einigkeit in der Familie 
und durch geistige Schulung gegen die 
geistig kalte und finstere Welt ge- 
wappnet, wo sie essen und trinken, 
schlafen und spielen? 
Wer im Freien arbeiten muß, hält Kälte 
und Nässe durch geeignete Kleidung ab, 
aber wie oft werden auch die Kinder 
umfassend geschützt — dadurch, daß 
man in der Familie einander in Liebe 
und Achtung zugetan ist, man sich 
gegenseitig versteht und die Kinder 
schult und erzieht? 

Wenn die Kinder fortgehen, um die 
Schule zu besuchen oder mit ihren 
Freunden zu spielen, wissen die Eltern 
nie ganz genau, was die Kinder lernen 
werden. Wenn sie sich aber Abend für 
Abend die Zeit nehmen, ihnen das 
Evangelium zu erklären, tritt dieser 
Einfluß an die Stelle des Schlechten, das 
sie tagsüber vielleicht aufgenommen 
haben. 

Der Herr hat dies gewußt und uns 
deshalb offenbart, daß wir jeden 
Montagabend — wenn wir es wünschen, 
auch an zusätzlichen Abenden — 
Familienabend halten sollen. Wie sähe 
es in dieser Welt wohl aus, wenn alle 



Väter und Mütter mindestens jeden 
Montagabend ihre Kinder um sich 
scharten, ihnen das Evangelium er- 
klärten und ihnen inbrünstig Zeugnis 
ablegten? Wie könnte sich unter solchen 
Umständen die Unmoral weiter aus- 
breiten, könnten Familien durch Un- 
treue zerrüttet werden und die 
Kriminalität ansteigen? Es gäbe weniger 
Scheidungen, und viele Gerichte, wo 
darüber verhandelt wird, könnten ihre 
Tore für immer schließen. 
„Und ihr werdet nicht zugeben, daß eure 
Kinder hungrig oder nackend gehen; ihr 
werdet auch nicht dulden, daß sie das 
Gesetz Gottes übertreten, miteinander 
zanken und streiten und dem Teufel 
dienen, welcher der Herr der Sünde oder 
der böse Geist ist, von dem unsre Väter 




geredet haben, denn er ist ein Feind aller 
Rechtschaffenheit, 

sondern ihr werdet sie lehren, auf den 
Wegen der Wahrheit und Ernst- 
haftigkeit zu wandeln; ihr werdet sie 
lehren, einander zu lieben und zu die- 
nen" (Mosiah 4:14, 15). 
Die Eltern können in ihren Kindern 
Achtung vor dem Besitz und den Rech- 
ten anderer wecken, indem sie ihnen 
darin ein Vorbild sind und sie ent- 
sprechend unterweisen. Die Eltern sol- 
len von ihren Kindern verlangen, sich zu 
entschuldigen, wenn sie anderen etwas 
genommen oder das Eigentum anderer 
beschädigt oder zerstört haben; sie sol- 
len sie dazu anhalten, solches Eigentum 
zurückzuerstatten, vielleicht sogar dop- 
pelt und dreifach. Kinder, die eine solche 
Erziehung genossen haben, wachsen zu 
ehrenhaften Bürgern heran und bringen 
ihren Eltern Ehre und Ansehen ein. 
Wenn die Eltern Recht und Ordnung 
selbst achten, können sie ihre Kinder 
durch dieses vorbildliche Verhalten und 
durch Lob und Tadel zur Disziplin 
erziehen und vor ungebührlichem Be- 
tragen und Aufsässigkeit bewahren. In 
dem Maße, wie man sich äußerlich 
beherrschtes Verhalten zur Gewohnheit 
gemacht hat, wird die innere Disziplin 
zur treibenden Kraft. Es ist viel wichti- 
ger und gewährt viel mehr innere Be- 
friedigung, wenn man seinen eigenen 
vernünftigen Prinzipien Folge leistet, als 
wenn man nur anderen gehorcht. 
Wir begegnen Männern, die zwar ein 
mächtiges Land regieren können, die 
aber nicht ihrer eigenen Familie vorzu- 
stehen wissen. Sie können ihre rebelli- 
schen Kinder nicht im Zaum halten und 
sind auch nicht in der Lage, sich selbst zu 
beherrschen. Ein großer Teil der heuti- 
gen Jugend ist in erschreckendem Maße 
ehrfurchtslos. Könnte man dies darauf 
zurückführen, daß es schon ihren Eltern 
an Ehrfurcht fehlt? Kann man von den 



Kindern Geistigkeit, Religiosität und 
Ehrfurcht erwarten, wo die Eltern kein 
Interesse an solchen Werten zeigen? 
Wenn Eltern in Zeitungen und Zeit- 
schriften lesen, was für Grundsätze die 
Welt bei der Kindererziehung anzu- 
wenden versucht, sollten sie sich noch 
fester entschließen, ihre Kinder vor dem 
Einfluß derartiger Sünden und Irrlehren 
zu bewahren. Sodann sollen sie ein 
ordentliches Familienleben schaffen 
und ihre Kinder so erziehen, daß der von 
den weltlichen Einflüssen angerichtete 
Schaden wettgemacht wird. In dem 
Maße, wie die Kinder das Abscheuliche 
in der Welt kennenlernen, müssen sie 
auch von dem Guten in der Welt 
erfahren und lernen, wie sie sich zu 
diesen beiden Gegensätzen stellen sol- 
len. Wenn die Eltern verstehen, daß 
vielen Kindern das Familiengebet fehlt, 
daß ihnen keine geistige Einstellung 
vermittelt wird und man sie nicht unter- 
weist, müssen sie mit vermehrter Ener- 
gie dafür sorgen, daß ihre Kinder eine 
gute Erziehung genießen. 
Dem Propheten Lehi hat das Geschick 
seiner Nachkommen sehr am Herzen 
gelegen, und er hat gesagt: 
„Aber sehet, meine Söhne und Töchter, 
ich kann nicht ins Grab hinabgehen, 
ohne euch einen Segen zu hinterlassen; 
denn wenn ihr in den Wegen erzogen 
seid, die ihr wandeln sollt, so weiß ich, 
daß ihr nicht davon abweichen werdet" 
(2. Nephi 4:5). Lehi ging noch weiter 
und sagte: 

„Und wenn ihr verflucht werdet, sehet, 
dann lasse ich euch meinen Segen zu- 
rück, damit der Fluch von euch ge- 
nommen werde und auf das Haupt eurer 
Eltern zurückfalle" (Vers 6). Sind wir als 
Eltern darauf vorbereitet, den Fluch und 
die Verantwortung auf uns zu nehmen, 
wenn unsere Kinder versagen? 
Das Buch Mormon beginnt mit den 
Worten: „Ich, Nephi, stamme von guten 



3 



Eltern, daher wurde ich etwas in allem 
Wissen meines Vaters unterrichtet; und 
obgleich ich viele Leiden in meinem 
Leben ertragen habe, so hat doch die 
Gnade des Herrn allezeit über mir 
gewaltet; und da mir große Erkenntnis 
von der Güte und den Geheimnissen 
Gottes zuteil geworden war, gebe ich 
einen Bericht über mein Wirken in 
meinen Tagen" (1. Nephi 1:1). Nephi 
stand sein Leben lang unter der Obhut 
seiner Eltern, die ihn gut behandelt 
haben. 

Wir wissen auch, daß Enos, der einen 
kleinen Teil des Buches Mormon ge- 
schrieben hat, gesagt hat: „Siehe, ich, 
Enos, wußte, daß mein Vater ein ge- 
rechter Mann war — denn er unter- 
richtete mich in seiner Sprache und auch 
in der Zucht und Ermahnung des Herrn 
— und gesegnet sei der Name meines 
Gottes dafür" (Enos 1). Zweifellos hatte 
Enos selbst Probleme, aber er packte sie 
an und löste sie, und er rechnete es 
seinem Vater als Verdienst an, daß er ihn 
so gut erzogen hatte. 
Andererseits werden Väter und Mütter 
in der Schrift verurteilt, wenn sie ihrer 
Pflicht nicht nachkommen. Dem 
Hohenpriester Eli wurden die schweren 
Sünden seiner Söhne zur Last gelegt. 
Der Herr verkündete dem Samuel: „An 
dem Tage will ich über Eli kommen 
lassen, was ich gegen sein Haus geredet 
habe . . . 

um der Schuld willen, daß er wußte, wie 
sich seine Söhne schändlich verhielten, 
und ihnen nicht gewehrt hat" (1. Samuel 
3:12, 13). 

In der Neuzeit hat der Herr gesagt: „Ich, 
der Herr, bin nicht ganz zufrieden mit 
den Einwohnern Zions, denn es gibt 
Müßiggänger unter ihnen, auch wach- 
sen ihre Kinder in Gottlosigkeit auf 
(LuB 68:31). Wir ziehen keine Kinder 
auf, um unserer Eitelkeit zu schmei- 
cheln, sondern wir bringen sie auf die 



Welt, damit sie Könige und Königinnen, 
Priester und Priesterinnen des Herrn 
werden. 

Frederick G. Williams wurde vom 
Herrn wie folgt ermahnt: „Du bist unter 
dieser Verurteilung geblieben: 
Du hast deine Kinder nicht Licht und 
Wahrheit gelehrt . . . ; der Böse hat noch 
Macht über dich, und dies ist die Ur- 
sache deiner Trübsal . . . 
Wenn du davon befreit werden willst, 
mußt du zuerst dein eigenes Haus in 
Ordnung bringen, denn es gibt vieles in 
deinem Hause, was nicht recht ist" (LuB 
93:41-43). 

Darauf sprach der Herr zu Sidney 
Rigdon und hielt ihm folgendes vor: 
„Wahrlich, ich sage zu meinem Diener 
Sidney Rigdon, daß er in einigen Dingen 
die Gebote betreffs seiner Kinder nicht 
gehalten hat; deshalb bringe er zuerst 
sein Haus in Ordnung" (Vers 44). 
Sodann sagte der Herr: „Was ich einem 
sage, sage ich allen: Betet immerdar, auf 
daß der Böse keine Gewalt über euch 
habe und euch nicht aus eurem Platze 
rücke" (Vers 49). 

Wie traurig wäre es doch, sollte der Herr 
jemandem von uns Eltern vorwerfen 
müssen, daß er es versäumt habe, seine 
Kinder zu unterweisen. Wenn ein Ehe- 
paar Kinder bekommt, übernimmt es 
eine ungeheute Verantwortung, denn es 
wird von den Eltern nicht nur verlangt, 
daß sie den Kindern Nahrung, Kleidung 
und ein Obdach geben, sondern darüber 
hinaus, daß sie sie gütig und liebevoll 
erziehen und unterweisen. 
Natürlich gibt es auch einige Seelen, die 
selbst dann ungehorsam sind, wenn sie 
geschult und unterwiesen werden. Die 
meisten Kinder hören aber auf ihre 
Eltern, wenn sie in der rechten Weise 
von ihnen geleitet werden. In der Schrift 
heißt es: „Gewöhne einen Knaben an 
seinen Weg, so läßt er auch nicht davon, 
wenn er alt wird "(Sprüche 22:6). Und 



selbst wenn er davon abweichen sollte, 
wird er wahrscheinlich den Weg zurück- 
finden, sofern er richtig erzogen worden 
ist. 

Wären die Wälder Palästinas vernichtet 
worden, wären die bewaldeten Hügel 
kahl geworden, wenn Israels Väter und 
Mütter ihre Pflicht gegenüber ihren 
Kindern erfüllt hätten? Wäre Israels 
Macht untergegangen, wäre der Him- 
mel für Israel wie Eisen, die Erde wie Erz 
gemacht worden (3. Mose 26:19)? Wäre 
der Hunger wie ein Gespenst im Land 
umgegangen? Hätten Mütter ihre eige- 
nen Kinder verschlungen? Wäre das 
Volk erneut gefangen hinweggeführt 
worden? 

Hätte der Wüstensand die große Stadt 
Babylon samt ihrer Verderbnis unter 
sich begraben, wären ihre Quellen ver- 
trocknet, und wären ihre Tempel einge- 
stürzt, wenn jeder Vater, von der Mutter 
unterstützt, seine kleinen Kinder gemäß 
der Zucht und Ermahnung des Herrn 
erzogen und unterwiesen hätte? Hätten 
Trunkenheit und Schwelgerei ihnen die 
Augen vor der drohenden Gefahr ver- 
schlossen? Wären die Palmen und Wei- 
den verdorrt, und wäre das Land trok- 
ken und wüste geworden? Wäre Babylon 
ein Spott und Hohn unter den Völkern 
geworden, und hätten Wolf und Scha- 
kal, Eule und andere klägliche Krea- 
turen das Land in Besitz genommen? 
Hätten Hirten und Araber diesen Ort 
des Spuks gemieden? 
Wäre das alte Rom nicht immer noch 
ein Weltreich, wenn jeder Vater in 
diesem Imperium seine Söhne in der 
Rechtschaffenheit anstatt in der Kriegs- 
kunst unterwiesen und jede Mutter ihren 
Kindern ein echtes Zuhause gegeben 
hätte; wenn alle Eltern ihre Kinder zu 
Hause um sich geschart hätten, anstatt 
sie zu den Zirkusspielen und in die 
öffentlichen Bäder zu schicken; und 
wenn sie ihre Kinder Keuschheit und 



Ehrgefühl, Lauterkeit und Ehre gelehrt 
hätten? Das Römische Reich ist sicher 
nicht von den Barbaren aus dem Nord- 
en, sondern von innen her durch einen 
heimtückischen, schlechten Einfluß zer- 
stört worden. 

Wie wäre die Weltgeschichte verlaufen, 
wenn von Adams Zeit an alle Eltern 
daheim das Evangelium verkündigt, den 
Familienabend gehalten und die 
Gemeinschaft in der Familie der Wei- 
sung des Herrn gemäß gepflegt hätten? 
Wäre je eine Sintflut über die Erde 
hereingebrochen? Wäre der Turm zu 
Babel gebaut worden — mit den Folgen, 
die dieses Unterfangen nach sich zog — , 
und wären die Städte Sodom und 
Gomorrha von der Erde vertilgt wor- 
den? Wären die Straßen Samarias zu 
Ackerland geworden, und hätten Er- 




oberer die Mauern Jerusalems ge- 
schleift? 

In unserer Evangeliumszeit hat der Herr 
das Gebot wiederholt, das für alle Eltern 
gilt: „Wenn Eltern in Zion . . . Kinder 
haben und sie nicht (unterweisen) . . . , 
so wird die Sünde auf den Häuptern der 
Eltern ruhen (ein schrecklicher Gedan- 
ke!). 

Denn dies soll für die Einwohner Zions 
... ein Gesetz sein. 

Auch sollen die Eltern ihre Kinder 
lehren, zu beten und gerecht vor dem 
Herrn zu wandeln"(LuB 68:25, 26, 28). 
Licht kann man auf zweierlei Art ver- 
breiten: Entweder ist man selbst die 
Lichtquelle, oder man wirkt als Spiegel, 
der das Licht zurückwirft. Eltern kön- 
nen beides. Was ein Kind im Familien- 
leben kennenlernt, ahmt es zu einem 
großen Teil nach. Wenn es seine Eltern 
oft in den Tempel gehen sieht, macht es 
sich selbst darüber Gedanken, wie es 
sich dem Dienst im Tempel weihen 
kann. Wenn man es dazu anhält, für die 
Missionare zu beten, richtet es seinen 
ganzen Sinn auf das Missionsprogramm 
der Kirche und beginnt schon frühzeitig 
für seine Mission zu sparen und sich auf 
den Dienst als Missionar vorzubereiten. 
Wenn die Welt von ihren geistigen und 
seelischen Krankheiten geheilt werden 
soll und die Probleme der Menschheit 
gelöst werden sollen, muß das Familien- 
leben wieder mehr gepflegt werden; die 
Eltern müssen die Kinder lenken und zu 
Hause unterweisen, und der Vater muß 
wieder die Führungsrolle in der Familie 
übernehmen. Daher sollen die Eltern die 



Erziehung der Kinder nicht der Schule 
oder der Primarvereinigung, der 
Frauenhilfsvereinigung oder der 
Sonntagsschule oder der GFV über- 
lassen. Vielmehr müssen der Vater und 
die Mutter diese große Verantwortung 
auf sich nehmen; sie sollen sich durch die 
Programme der Kirche dabei lediglich 
helfen lassen. Darin liegt der Erfolg, der 
nach dem Willen des Herrn durch den 
von ihm eingeführten Familienabend 
erreicht werden soll. 
Gott ist unser Vater. Er liebt uns. Er 
verwendet viel Energie auf das Be- 
streben, uns zu schulen. Diesem Beispiel 
sollen wir nacheifern und auch unsere 
Kinder aus tiefstem Herzen lieben und 
in Rechtschaffenheit aufziehen. Eltern, 
die ihren Kindern ständig ihren Willen 
lassen, werden bei der Erziehung ver- 
sagen. Wir müssen unser Familienleben 
planen und ordnen und unsere Kinder 
zu Nachfolgern des Herrn Jesus Chri- 
stus heranbilden. 

Aufgabe der Primarvereinigung ist es, 
den Eltern bei der Unterweisung der 
Kinder im Evangelium zur Seite zu 
stehen. Die Primarvereinigung ergänzt 
also nur die häusliche Unterweisung. Ihr 
Ziel ist es, die Kinder in rechtschaffener 
Lebensführung zu bestärken und dahin 
zu führen, daß sie schon frühzeitig 
beginnen, richtige Entscheidungen zu 
fällen, und diese Fähigkeit ihr ganzes 
Leben behalten. Wir müssen eifrig und 
energisch das Bemühen der Eltern 
unterstützen, ihren Kindern Glauben 
und ein Zeugnis vom Evangelium ins 
Herz zu pflanzen. 



100 

Jahre 

Primar- 

vereinigung 



Susan Oman und Carol Madsen 



li^ ie warteten gerade auf einen Zug, als es passierte. 
„Sie", das war eine Gruppe von Beamtinnen der FHV aus 
Farmington im Staate Utah und einige Besucherinnen, 
die von Salt Lake auf Besuch gekommen waren, unter 
ihnen Eliza R. Snow. Und „es"war eine Unterhaltung, die 
1878 den Samen der PV pflanzte. 

Aurelia Spencer Rogers war die Gastgeberin der warten- 
den Gruppe, und die kurze Wartezeit bot ihr die 
Gelegenheit, ihre Sorgen zum Ausdruck zu bringen. Viele 
der Knaben in der Umgebung durften abends lange 
ausbleiben, und „gewiß verdienten einige der größeren zu 
Recht die wenig erstrebenswerte Bezeichnung , Strolch"'. 
Von den 12 Kindern, die Schwester Rogers zur Welt 
gebracht hatte, waren fünf in frühester Kindheit ge- 
storben. Sie bemühte sich, die ihr verbliebenen sieben 
Kinder die Grundsätze des Evangeliums zu lehren, und 
sie sorgte sich um jedes Kind, das sie ohne den festen 
Grund der Evangeliumsgrundsätze aufwachsen sah. 




Aurelia S. Rogers 





Louie B. Feit 








Aber sie tat mehr, als sich darum Sorgen zu machen. In 
den vergangenen Monaten hatte sie sehr viel über den 
Vorschlag nachgedacht, den sie nun Schwester Snow 
unterbreitete. „Könnte es nicht eine Organisation für die 
kleinen Jungen geben, in der sie gelehrt würden, was gut 
ist und wie sie sich benehmen sollen?" 
Schwester Snow zeigte sich interessiert. Als leitende 
Beamtin der FHV und der GFVJD war sie einverstanden, 
darüber mit Präsident Taylor zu sprechen. 
Später schrieb Eliza Snow an Schwester Rogers' Bischof, 
John W. Hess, der schon zuvor eine Versammlung mit 
den Müttern einberufen hatte, wo er mit ihnen darüber 
gesprochen hatte, wie sie ihre Kinder erziehen sollen. In 
der Folge bat er Schwester Rogers, eine Organisation der 
Kinder in Farmington zu leiten. Bald machte sie sich 
Vorstellungen davon, was mit der Primary Mutual Im- 
provement Association — ein Name, der bald auf Primary 
Association (Primarvereinigung) verkürzt wurde — ge- 
schehen sollte, und erkannte, daß die kleinen Jungen zwar 
die PV brauchten, aber der Gesang dort „sowohl die 
Stimmen von kleinen Mädchen als auch von kleinen 
Jungen nötig hatte, um so gut zu klingen, wie er sollte". 
Könnten sie Mädchen einbeziehen? In einem Brief 
versicherte Schwester Snow: „Der Geist und der Inhalt 
Ihrer Briefe gefällt mir sehr. Ich bin sicher, daß der 
Himmel Sie inspiriert und leitet und daß eine große und 
sehr wichtige Bewegung für die Zukunft Zions im 
Entstehen begriffen ist . . . Präsident Taylor heißt sie gut." 
Die erste Versammlung war für den 25. August 1878 
angesetzt. Auf Bischof Hess' Vorschlag besuchten Schwe- 
ster Rogers und ihre neu berufenen Ratgeberinnen jede 
Familie in der Gemeinde und zählten so 115 Jungen und 
100 Mädchen. Sie luden alle ein, und viele von ihnen 
kamen, wenn auch nicht alle pünktlich waren. Diese 
Unordnung und das, was Schwester Rogers „unvor- 
hergesehene Hindernisse" nannte, hatten zur Folge, daß 
die Versammlung „kein richtiger Erfolg" wurde. Eine 
tröstende geschichtliche Notiz für all jene, die beim 
„ersten Mal" stolpern. Schon von Anfang waren die Ziele 
der Organisation klar zu erkennen, und Schwester Rogers 
lehrte die Kinder, wie man sich sowohl in der PV als auch 
außerhalb richtig benimmt. 

Der Grundgedanke der PV befriedigte ein schlummern- 
des Bedürfnis. Unter Eliza R. Snow wurden in vielen 
Städten Primarvereinigungen gegründet, viele als eine Art 
FHV-Projekt. Mit ihren siebzig Jahren war Schwester 
Snow unermüdlich. Sie reiste durch das ganze Gebiet, um 



den Kindern ein Bild vom Propheten Joseph Smith zu 
zeigen, den die Kinder nie gesehen hatten, oder um sie 
seine Uhr sehen zu lassen. Sie erzählte ihnen spannende 
Geschichten von Kindern in Nauvoo und Kirtland und 
machte ihnen ihre eigene Mission verständlicher, indem 
sie ihnen versicherte, daß „sie besondere Geister seien und 
daß es ihnen vorbehalten worden war, in diesen Tagen zu 
einem weisen Zweck hervorzukommen". 
Jemanden, der heute in der PV tätig ist, mußten diese 
Versammlungen wie kleine Abendmahlsversammlungen 
angemutet haben. Die Kinder versammelten sich in 
Gruppen zu fünfzig oder sechzig — oder manchmal zu 
mehr als hundert — in ihren Gemeinden oder Schulen, die 
nur aus einem Raum bestanden. Das Alter der Kinder 
reichte von vier bis vierzehn Jahren. (Von 1913 an wurden 
die zwölfjährigen Jungen in die GFVJM und von 1920 an 
die Mädchen in die GFVJD aufgenommen.) Die einzigen 
Erwachsenen, die gewöhnlich an den Versammlungen 
teilnahmen, waren die PV-Leiterin und ihre Rat- 
geberinnen. Manchmal war sogar die Sekretärin eines der 
Kinder. Es gab keine Lehrer, keine Handbücher und 
keinen Unterricht in Klassen. Zum größten Teil bestand 
die Versammlung aus Dialogen, Vortragsstücken und 
Liedern, die von den Kindern dargeboten wurden, wobei 
man auf die Bücher angewiesen war, die erhältlich waren. 
Eliza R. Snow billigte diese Aktivität, aber war dennoch 
besorgt, daß der Evangeliumsunterricht zu kurz kommen 
könnte. Daher bereitete sie in den frühen achtziger Jahren 
eine Reihe von Büchern vor, in denen unter anderem auch 
Kirchen- und andere Lieder, Dialoge, Vortragsstücke 
und eine Reihe von Fragen und Antworten aus der Bibel 
zu finden waren. 

Zwei Jahre lang hatten sie nun in der PV experimentiert 
und hatte sich die Organisation ausgedehnt, da bekam 
Eliza R. Snow das Gefühl, daß diese neue, kleine 
Organisation ihre eigene Führung haben sollte. Sie berief 
Louie Bouton Feit einen Monat nach ihrem dreißigsten 
Geburtstag, die erste Präsidentin dieser Organisation zu 
sein. Sie war zuvor die Präsidentin der zweiten Primarver- 
einigung gewesen, die gegründet worden war, nämlich der 
der Elften Gemeinde von Salt Lake City, und sie hatte in 
ihrem Leben nie selbst Kinder gehabt. In der Tat war bis 
LaVern Watts Parmley, die 1951 als Präsidentin bestätigt 
wurde, keine PV-Präsidentin Mutter. Dies schien jedoch 
für keine von ihnen ein Handikap gewesen zu sein, für 
Schwester Feit war es das auf jeden Fall nicht. Eine 
Mitarbeiterin fand, daß „ihr Einfluß auf die Kinder 




May Anderson 




May Green Hinckley 



wunderbar war" und daß „diese alles taten, um Schwester 
Felts Anerkennung zu erringen". 

Dieser Einfluß wirkte in der PV während der nächsten 
fünfundvierzig Jahre - - und sogar noch länger, da die 
Frau, die Schwester Feit folgte, nämlich May Anderson, 
während des ganzen Lebens ihre Freundin war. Bruder 
Feit, der um die Gesundheit seiner Frau Louie besorgt 
war, hatte May gebeten, bei seiner Frau zu bleiben, 
während er auf einer Geschäftsreise war. Sie stand als 
opferbereite Mitarbeiterin und als tatkräftiges Mitglied 
des Hauptausschusses der PV fast drei Jahrzehnte an 
ihrer Seite. 

Schwester Feit und Schwester Anderson sahen ihre 
Hauptaufgabe darin, die verschiedenen Primarver- 
einigungen zu besuchen, um die Arbeit anzuregen — eine 
Aufgabe, die verlangte, daß sie jedes Jahr viele Wochen 
auf Reisen gingen. Auch wurden in diesen Tagen die 
Briefe noch mit der Hand geschrieben. 
1895 nahmen die beiden Freundinnen an einer Vorlesung 
an der University of Utah über ein ziemlich neues 
europäisches „Importgut", den Kindergarten, teil. Im 
Keller des Gemeindehauses der Elften Gemeinde er- 
richteten sie einen privaten Kindergarten und eine 
Kindertagesstätte, und sie begannen Anwendungs- 
möglichkeiten dieser neuen auf das Kind ausgerichteten 
Ausbildung für die Primarvereinigung zu sehen. 
Die erste Änderung war die Einteilung in Altersgruppen. 
Dann unternahm der Ausschuß den nächsten logischen 
Schritt — es wurden Lektionen für jede Altersklasse 
vorbereitet — , doch stieß dann auf Schwierigkeiten, als er 
versuchte, sie zu veröffentlichen. Die Kirche konnte keine 
finanzielle Hilfestellung bieten, und auf die Geschäfts- 
leute konnte man sich nicht verlassen. 
Aber 1901 wurde ihnen erlaubt, die Veröffentlichung der 
Lektionen in einer Zeitschrift, dem „Children's Friend", 
zu versuchen. Schwester Feit bürgte mit ihrem eigenen 
Haus als Sicherheit. Da die PV über kein eigenes Büro 
verfügte, wurden von dort auch die ersten Ausgaben 
versandt. 

An diesen Erfolg schloß sich durch ihre fleißige Arbeit ein 
anderer an. Schwester Feit und Schwester Anderson 
wurden eines Tages auf der Straße durch den Anblick 
eines Knaben gerührt, der auf Krücken ging und im 
Verkehr schwer zurecht kam. Wie konnten sie den 
gesundheitlichen Nöten der Kinder gerecht werden? Es 
ging 1911 damit an, daß eine Kindergemeinde im Groves- 
HLT-Krankenhaus, das von der PV gefördert wurde, ins 



10 



Leben gerufen wurde. Dann besichtigten sie im Osten der 
Vereinigten Staaten Genesungsheime und erfuhren, daß 
berufliche Krankenpflege von Kindern in einer häus- 
lichen Atmosphäre etwas ganz Neues sei. 
So entstand aus dem alten Hyde Home nördlich des 
Tempels ein Genesungsheim und eine Kindertagesstätte 
der Kirche. Seit jenem Jahr spendeten die Kinder jedes 
Jahr an ihrem Geburtstag Münzen, beschafften mit 
besonderen Projekten Geld und sammelten auf diese 
Weise Zuschüsse für das Krankenhaus. 
Die zwanziger Jahre waren das Jahrzehnt, in dem die PV 
außerhalb der Vereinigten Staaten Wurzeln faßte. Schon 
in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts 
waren Primarvereinigungen in Mexiko und Neuseeland 
und in den neunziger Jahren in Hawaii und Kanada 
errichtet worden. Aber die erste Primarvereinigung in 
England wurde erst 1916 geschaffen, und im nächsten 
Jahrzehnt gedieh sie nur in der Form von Heim- und 
Nachbarschaftsprimarvereinigungen. 
1930 bemühte sich die PV entschieden, Heimprimar- 
vereinigungen in den Missionen zu errichten, und inner- 
halb von zwei Jahren war sie auch in Schweden, 
Deutschland, den Niederlanden, Dänemark, der 
Schweiz, Schottland und Südamerika zu finden. 
Die Internationalisierung der PV fand unter der Leitung 
von May Anderson statt, die in der Mitte der zwanziger 
Jahre berufen wurde, den Platz auszufüllen, den so lange 
ihre geliebte Freundin Louie B. Feit eingenommen hatte. 
Sie hatte selbst fünfunddreißig Jahre im Hauptausschuß 
der PV gedient. Sie sollte nun beinahe 15 Jahre Präsiden- 
tin der PV sein. 

May Anderson war anders als die sanfte Schwester Feit. 
„Ihr erster Gedanke war immer die Wohlfahrt der Kinder 
der Kirche", erinnert sich eine Mitarbeiterin des Haupt- 
ausschusses liebevoll. „Es störte sie nicht im geringsten, 
wenn ihre Pläne für den Lehrer unangenehm oder für die 
Eltern schwierig waren. "Diese weitreichenden Pläne 
schlössen fast sofort die Planung eines neuen Kranken- 
hauses und Lektionen für jede Altersgruppe ein. 
Am 11. September 1939 wurde Schwester Anderson von 
einem fast lebenslangen Dienst in der PV entlassen. 
Ihre Nachfolgerin, May Green Hinckley, die durch den 
Tod ihrer Mutter früh Waise geworden war, hatte als 
englische Emigrantin gelernt, erfinderisch und einfalls- 
reich zu sein. Obwohl sie kaum Ausbildungsmög- 
lichkeiten gehabt hatte, machte sie das Beste aus den 
Gelegenheiten, die ihr das Leben bot. Sie hatte eine 




Adele C. Howells 




11 




LaVern W. Parmley 




leitende Stelle im Krankenhaus von Salt Lake City inne, 
ging auf zwei Vollzeitmissionen und war zwölf Jahre lang 
JD-Leiterin im Granite-Pfahl, wo sie ein Leistungs- 
programm einführte, aus dem später das Programm der 
Ährenleserinnen für die jungen Frauen in der Kirche 
wurde. Sie heiratete sehr spät Bryant S. Hinckley und 
hatte nie selbst Kinder, obwohl sie sich wie eine Mutter 
um seine Kinder aus erster Ehe sorgte, unter denen sich 
auch ein Junge namens Gordon B. befand. 
Dennoch war sie sich bewußt, daß ihr die Erfahrungen 
der Mutterschaft fehlten, und als sie berufen wurde, über 
die PV zu präsidieren, war sie völlig überrascht und nahm 
die Berufung nur zögernd an. Doch ihr Mann hatte ihre 
bemerkenswerten Führungsfähigkeiten erkannt, als sie 
ihn auf seine Mission begleitet hatte, wo er über die 
Nordstaaten präsidierte, und er überredete sie, diese 
Berufung anzunehmen. 

Ihr Leben sollte nur noch dreieinhalb Jahre dauern, aber 
sie widmete sie den 10000 Kindern in der PV. Aus den 
Erfahrungen, die sie auf Mission gemacht hatte, kannte 
sie die Möglichkeiten der Primarvereinigungen in den 
Missionen. 

In gewisser Hinsicht stellte die PV unter der Führung 
Schwester Hinckleys ihre eigene Identität fest. Das 
offizielle Siegel, das Glauben und Dienst darstellt, wurde 
angenommen. Als Farben der PV wurden Rot für Mut, 
Gelb für das Dienen und Blau für Wahrheit und Reinheit 
ausgewählt. Die Lehrerinnen begannen, monatliche Lese- 
aufträge zu erfüllen, und ein Motto brachte den Auftrag 
der PV zum Ausdruck: „Auch sollen die Eltern ihre 
Kinder lehren, zu beten und gerecht vor dem Herrn zu 
wandeln" (LuB 68:28). 

Schwester Hinckleys Freundin und Erste Ratgeberin, 
Adele Cannon Howells, leitete ein PV-Hilfsprogramm, 
bei dem Spielzeug und Kleidung gesammelt und in 3451 
Kartons nach dem Zweiten Weltkrieg an die Mitglieder in 
Europa geschickt wurden. Wie ihre Freundin so blieb 
auch sie ohne Kinder, und sie hatte, gleich ihr, keine 
Erfahrung mit der Arbeit in der PV, aber sie war einige 
Jahre lang Schwester Hinckleys Ratgeberin in der 
GFVJD im Granite-Pfahl gewesen, und als Schwester 
Hinckley sie brauchte, verließ sie Los Angeles, um mit ihr 
zusammenzuarbeiten. 

Sie war Witwe, früher war sie mit ihrem Mann weit 
umhergekommen. Die PV hatte sie immer als eine 
Möglichkeit gesehen, die Kreativität der Kinder zu 
lenken. Das bedeutsamste Ereignis während Schwester 



12 



Howells Amtszeit war der Fortschritt, den sie durch die 
Errichtung des neuen PV-Kinderkrankenhauses erzielte. 
Das alte Krankenhaus hatte in den dreißig Jahren seines 
Bestehens 5907 Kindern gedient, aber es war unzuläng- 
lich. Ein kleiner Brand 1938 hatte die Mängel noch 
vergrößert. Fast sofort wurden Baupläne angefertigt und 
wurde ein Grundstück gekauft - - aber dann erhob sich 
das Problem der Finanzierung. 

Zu Präsident Heber J. Grants Geburtstagsfeier er- 
schienen Vertreter der Stadtverwaltung und überreichten 
ihm ein Kupferkästchen mit tausend Silberdollars. Dies 
geschah 1938 während der Amtszeit Schwester May 
Andersons. Präsident Grant gab die Silberdollars der PV 
und schlug vor, daß sie um je $300 verkauft werden 
sollten - - dies würde genug Geld einbringen, um ein 
neues Krankenhaus zu errichten. 

Der Zweite Weltkrieg und Präsident Grants Krankheit 
verzögerten jedoch das Projekt, bis ihm Schwester 
Howells ihre ganze Energie opferte. Die letzten Dollars 
wurden als hundert Dollar Briefbeschwerer ausgegeben. 
Präsident Grants Großzügigkeit brachten schließlich 
120000$ ein. Schwester Howells bezog die Kinder mit in 
das Projekt ein, indem sie sie anspornte, einen Ziegel für 
das Krankenhaus zu kaufen, indem sie zehn Cents 
spendeten. Durch die begeisterte Reaktion der Kinder 
kamen dem Fonds $20000 zu. (Nachdem das Kranken- 
haus fertiggestellt worden war, zupfte ein kleiner Junge 
bei einer Besichtigungstour die Führerin am Rock: 
„Können Sie mir sagen, wo mein Ziegel ist?") 
Schwester Howells starb im April 1951. 
Schwester Parmley, eine langjährige PV-Mitarbeiterin, 
Mutter von drei Kindern und eine erfahrene Schul- 
lehrerin, war schon von Schwester Hinckley in den 
Hauptausschuß berufen worden. Später arbeitete sie als 
Schwester Hinckleys Zweite Ratgeberin und wurde 
Schwester Howells Erste Ratgeberin, als Schwester 
Hinckley aus dem Amt schied. Schwester Parmley mit 
ihren organisatorischen Fähigkeiten führte in der PV ein, 
daß sowohl die Beamtinnen jeder Pfahl- wie auch jeder 
Gemeinde- PV-Leitung für denselben Aufgabenbereich 
zuständig waren wie die Präsidentschaft der PV. Sie 
übernahm die Zuständigkeit für das Wegbereiter- 
programm. Das Programm für die Jungen war immer 
ihre „Spezialität" — und so war auch die Einführung des 
Pfadfinder- und Wölflingsprogramms ein logischer 
Schritt. Manchmal schien es Schwester Parmley aber, als 
sei sie der großen Aufgabenlast nicht gewachsen. 

(Forts, auf S. 34) 




Naomi M. Shumway 




13 



Eine Grundlage 

für die 
Zukunft 



||pp|£:i|;;|: 



.■.■■■■,. 




Naomi M. Shumway, \ 
Präsidentin der PV Wm 

Ensign: Glauben Sie, daß die PV heute 
einen anderen Zweck hat, als früher? 
Handelt es sich heute um eine andere 
Organisation mit dem gleichen Namen? 
Schwester Shumway: Sie ist im großen 
und ganzen gleichgeblieben. Die Be- 
dürfnisse, die die Kinder heute haben, 
sind noch immer die gleichen wie vor 
hundert Jahren, wenn man sie heute 
auch anders befriedigen kann. Heute ist 
die PV einfach viel verbreiteter, und viel 
mehr Kinder besuchen sie. Und die PV 
wird immer stärker. Es gibt nun unge- 
fähr eine halbe Million Kinder, die in der 
PV eingetragen sind, und die durch- 
schnittliche Anwesenheit in den Pfählen 
liegt bei 68 Prozent. 
Ensign: Ist die PV in anderen Teilen der 
Welt so stark wie in den Vereinigten 
Staaten? 

Schwester Shumway: Ja! Das ist es eben, 
was anspornt nämlich zu sehen, wie 
sich die Bestrebungen von Aurelia Ro- 
gers auf die ganze Welt ausgebreitet 
haben und das Leben Tausender von 
Kindern berühren. 



Ensign: Welche Bedürfnisse erkennt die 
PV bei den Kindern? Und was tut sie zur 
Zeit, um diesen Bedürfnissen zu ent- 
sprechen? 

Schwester Shumway: Vor allem müssen 
wir die Kinder das Evangelium lehren, 
damit sie schon ein Fundament wahrer 
Grundsätze haben, wenn sie mit Ver- 
suchungen konfrontiert werden. Wir 
planen all unsere Lektionen und Aktivi- 
täten mit der Absicht, die Kinder das 
Evangelium zu lehren. Wir helfen den 
Kindern, sich auf die Taufe vorzu- 
bereiten. Die Jungen werden darauf 
vorbereitet, das Priestertum zu empfan- 
gen und zu ehren, und alle Kinder 
werden natürlich auf ihre Pflichten im 
Leben vorbereitet. Die PV hat auch 
einen festigenden Einfluß auf das Kind 
- sie schafft einen geistigen Anker, 
dessen sich das Kind in Zeiten bedienen 
kann, wenn seine geistigen Bedürfnisse 
nicht auf eine andere Weise befriedigt 
werden können. 

Ensign: Wie gut, glauben Sie, erreicht die 
PV das Ziel, eine Hilfsorganisation für 
die Familie zu sein? 

Schwester Shumway: Wir beten darum, 
daß die PV in dieser Hinsicht wirksam 
ist. Wir bekommen von manchen Eltern 
wunderbare Briefe. Eine Mutter erzähl- 
te, daß einmal ihr Junge, nachdem sie 
ihn ins Bett gebracht hatte und sie 
gebetet hatten, zugab, daß er sich vor 
Räubern fürchtete. Sie erklärte ihm, daß 
er keine Angst zu haben brauchte, denn 
der Vater im Himmel, Vati und die 
Polizei würden dafür sorgen, daß ihm 
nichts geschehen würde. Dann sagte sie 
noch: „Außerdem haben wir nichts 
Wertvolles im Hause. "„Aber was ist mit 
dem WDR-Ring von Christine?" fragte 
der Junge dann. „Christine sagt immer, 
daß er das Wertvollste sei, was sie hätte, 
denn er würde ihr helfen, immer das 
Richtige zu tun." 



14 



Ensign: Wie steht es nun mit den Kindern, 
die zur PV kommen, aber keine Mit- 
glieder sind? Wer bringt sie mit den 
Missionaren in Kontakt? 
Schwester Shumway: Die PV-Lehrerin 
läßt den Namen des Kindes, das kein 
Mitglied ist, der PV-Leiterin zukom- 
men, die damit zur Korrelations- 
versammlung der Gemeinde geht. Die 
Entscheidung, ob die Vollzeit- oder die 
Pfahlmissionare hinzugezogen werden, 
liegt bei den örtlichen Priestertums- 
führern. 

Ensign: Gehen aus den PV -Empfehlungen 
viele Taufen hervor? 
Schwester Shumway: O ja. Es gibt einige 
sehr rührende Geschichten, die von 
diesen Kinder-Missionar-Beziehungen 
herrühren. Vor einigen Wochen erhielt 
ich einen Brief einer Mutter, die ihre 
Tochter mit den Nachbarn zur 
,, Mormonenkirche für Kinder"gehen 
ließ. Sie schrieb folgendes: „Jeden 
Donnerstag brachten die Mütter alle 
Kinder aus dem Umkreis von mehreren 
Meilen zusammen, ob es nun ein Mor- 
mone war oder nicht, spielte dabei keine 
Rolle. Sie riefen an, zeigten Anteil- 
nahme und Liebe, und vor allem war 
ihnen mein Kind wichtig genug, um den 
Versuch zu machen. Jede Woche kam 
meine Tochter mit allen möglichen Din- 
gen nach Hause, um mir vom Vater im 
Himmel zu erzählen. Nach kurzer Zeit 
waren wir beeindruckt, und so ver- 
langten wir nach den Missionaren . . . 
eine ganz neue Welt kam in unser Heim 
. . . Nichts hat unser Leben mehr ver- 
ändert als der Tag, an dem unsere 
Tochter in unser Haus rannte und 
fragte: ,Darf ich bitte zur PV gehen, 
Mutti, bitte darf ich?'" 
Ensign: Erzählen Sie uns bitte etwas über 
ihr Andachtsprogramm. 
Schwester Shumway: Ich glaube, wir 
sind die einzige Hilfsorganisation, die 
ein vollständiges Programm hat, um 



Andacht und Ehrfurcht zu lehren. Es 
umfaßt so viel mehr als nur still zu sein. 
Die Kinder und die PV-Beamtinnen 
lernen, daß Ehrfurcht vor Gott durch 
Gehorsam, Demut, Höflichkeit, 
Dankbarkeit und anderen Eigen- 
schaften gezeigt wird, die einen wahren 
Christen ausmachen. Wir hoffen, daß 
das Andachtsprogramm jedes Kind, 
jede Lehrerin und jede Beamtin mo- 
tivieren wird, wahrhaft ehrfürchtig zu 
sein. Wir wollen die PV für jedes Kind zu 
einem geistigen Erlebnis machen — und 
das bedeutet, daß wir sie auch für die 
Lehrerinnen geistig machen müssen. 
Ensign: Wie bereitet die PV die Jungen 
darauf vor, das Priestertum zu empfan- 
gen? 

Schwester Shumway: Das ist der Haupt- 
zweck des Programms für die zehn- und 
elfjährigen Jungen. Sie werden in 
hervorragenden Lektionen über das 
Priestertum belehrt, wie zum Beispiel 
über die Wiederherstellung des Aaroni- 
schen Priestertums und die Pflichten 
eines Diakons. Der Präsident des 
Diakonkollegiums besucht die 

Wegbereiterklasse, um zu den Jungen 
über die Bedeutung ihrer Vorbereitung 
auf das Priestertum zu sprechen. Das ist 
ein geistiges Erlebnis — nicht nur für die 
Jungen der PV, sondern auch für die 
Diakone selbst. 

In allen PV-Klassen für Jungen wird 
diesen bei ihrer Vorbereitung auf das 
Priestertum geholfen. Wenn wir die 
Abgangsbedingungen von der PV be- 
trachten, so können wir sehen, daß ein 
Junge lernt, den Zehnten zu bezahlen, zu 
beten, das Wort der Weisheit zu be- 
folgen, die Abendmahlsversammlungen 
zu besuchen, er lernt Schriftstellen und 
die Glaubensartikel auswendig und be- 
ginnt, Genealogie zu betreiben. Die 
Jungen erwerben ein Verständnis von 
dem, was das Priestertum wirklich ist 



15 



und wie es wiederhergestellt wurde und 
warum und wie ein Junge es ehren soll. 
Sie lernen auch von den verschiedenen 
Ämtern im Melchisedekischen und Aa- 
ronischen Priestertum und davon, was 
ihre Pflichten sein werden, wenn sie 
einmal Diakon sind. 
Es wird auch ein besonderer Abend für 
jeden elfjährigen Jungen und seinen 
Vater oder jemanden, der den Vater 
vertritt, veranstaltet, der „Vorschau auf 
das Priestertum" genannt und im No- 
vember abgehalten wird. Der Zweck 
dieses Programms ist es, den Jungen zu 
helfen, die Macht des Priestertums zu 
verstehen und zu schätzen. Unzählige 
Male wurde uns schon berichtet, daß 
inaktive Väter, die an diesen Versamm- 
lungen teilgenommen haben, an ihre 
Priestertumspflichten erinnert und be- 
wegt wurden, ihr Priestertum zu ehren. 
Ensign: Wie kann die PV Eltern mit 
seelisch gestörten Kindern oder körperbe- 
hinderten Kindern helfen? 
Schwester Shumway: Wenn es in einem 
Gebiet nur wenige solcher Kinder gibt, 
fordern wir die Eltern und die PV- 
Beamtinnen auf, sie in die reguläre PV 
einzugliedern. Es ist wirklich ein wun- 
derbares Erlebnis für die übrigen Kinder 
in der Klasse, anderen lernen zu helfen. 
Kinder mit körperlichen Mängeln kön- 
nen in den meisten Gebieten in die PV 
integriert werden. In manchen Gebieten 
ist die Mitgliederanzahl groß genug, um 
Kinder mit geistigen oder seelischen 
Schwierigkeiten von zwei oder drei 
Pfählen in einer kleinen PV mit zehn 
oder fünfzehn Kindern zu vereinen. 
Ensign: Stehen Richtlinien zur Verfü- 
gung, wenn man mit einer besonderen PV 
beginnen will? 

Schwester Shumway: Ja, die Anweisun- 
gen sind im Handbuch enthalten und 
auch in einer Broschüre, die vom Haupt- 
ausschuß vorbereitet worden ist und die 
wir auf Verlangen zusenden. Und es gibt 



großes Interesse dafür. Fast jeden Tag 
werden wir um mehr Information ge- 
beten. 

Ensign: Können Sie das Heim-PV -Pro- 
gramm erklären? 

Schwester Shumway: Die Heim-PV ist 
für Kinder gedacht, die in Gebieten 
leben, in denen sie sich nicht mit anderen 
versammeln können, sei es nun aus 
Gründen, die durch die Entfernung, die 
Gesundheit oder durch andere Faktoren 
bedingt werden. Die Mutter ist ge- 
wöhnlich die PV-Leiterin, die vom Bi- 
schof bzw. vom Gemeindepräsidenten 
zu diesem Amt berufen wird und die 
unter der Weisung der PV-Leiterin ar- 
beitet. 

Ensign: Was möchten Sie den Lehrerin- 
nen und den Eltern besonders ans Herz 
legen? 

Schwester Shumway: Daß wir hoffen, 
daß sie — als Lehrer -- die Bedeutung 
ihrer heiligen Berufung fühlen werden, 
nämlich die Kinder das Evangelium 
Jesu Christi zu lehren. 
Für die Kinder muß jeder Besuch in der 
PV ein geistiges Erlebnis sein — und sie 
brauchen auch Spaß. Die Kinder sollen 
sich auf die PV freuen, und die Be- 
amtinnen und Lehrerinnen können die- 
ses Gefühl vermitteln. 
Ensign: Und haben Sie auch eine Bot- 
schaft an die Eltern? 
Schwester Shumway: Wir lieben Sie 
wirklich. Und wir lieben Ihre Kinder. 
Bitte, schicken Sie sie weiterhin zu uns. 
Unsere größte Sorge ist das geistige 
Wachstum Ihrer Kinder, und dazu 
brauchen wir Sie. Wir müssen sicher 
sein, daß Sie Ihren Kindern zuhören, 
wenn sie von der PV nach Hause 
kommen. Wir brauchen Sie als Mit- 
arbeiter. Helfen Sie uns, Ihre Kinder das 
Evangelium zu lehren. Wieviel Ihr Bei- 
spiel den Kindern bedeutet, können Sie 
gar nicht hoch genug bewerten. 
Die Zukunft ruht auf diesen Kindern. 



16 



. n diesem Wochenende lag das 
Waldgebiet unter einer schweren 
Wolkendecke. Regen drang durch die 
Luft, und die Kameraleute warteten 
geduldig darauf, daß sie ihren Film 
belichten konnten. Es regnete, und sie 
beteten. Und es regnete noch mehr. 
Wenn die Filmemacher die Dreh- 
arbeiten nicht in dieser Woche im Früh- 
ling 1975 abschließen konnten, würde 
das Projekt ein Jahr warten müssen, bis 
die Umgebung wieder den gleichen An- 
blick bieten würde. Die Jahreszeit würde 
die Landschaft bald verändern, aber 
damit noch nicht genug: Der Haupt- 
darsteller mußte am nächsten Freitag 
weg. Am Montagmorgen erwachte das 
Team noch vor der Dämmerung und 
begann, ihre ganze Ausrüstung aufzu- 
stellen. Sie dachten, sie müßten das 



Wetter irgendwie ausgleichen. Plötzlich 
hörte der Regen auf. Als die Sonne 
aufstieg, erblickten sie den lieblichsten 
Nebel, den sie je gesehen hatten. Das 
lange, nasse Gras funkelte, und die 
Vögel begannen zu zwitschern. Sie wuß- 
ten, daß sie mit einer Schönheit gesegnet 
worden waren, die sie selbst nie hätten 
schaffen können. 

An diesem Morgen begann das Film- 
atelier der Brigham-Young-Universität 
die Filmaufnahmen für den Film ,,Die 
erste Vision". Steward Peterson, der den 
Propheten Joseph Smith spielte, ging 
durch das hohe Gras und dachte an den 
Morgen dieses „schönen, klaren Tages, 
in den ersten Frühlingstagen des Jahres 
achtzehnhundertundzwanzig"(Joseph 
Smith 2:14), als Joseph Smith demütig 
darum betete, daß er eine Antwort auf 



O wie lieblich 
war der Morgen 



Jeane W. Chipman 




17 



1. Nach Jahrhunderten der Finsternis und des 
Abfalls von den Lehren Christi beschloß der 
Herr wieder, sich den Menschen zu offenbaren. 
Die Offenbarung erfolgte im Jahre 1820 bei 
Palmyra im Staate New York als Erhörung 
eines demütigen Gebets eines vierzehnjährigen 
Knaben namens Joseph Smith. 

2. „In meinem fünfzehnten Lebensjahr kam es 
in unserem Wohnort zu einer ungewöhnlichen 
Aufregung über religiöse Fragen, die alle 
Gemeinschaften in der Gegend erfaßte"' (Jo- 
seph Smith 2:5). 

3. „In dieser Zeit großer Aufregung wurde ich 
zu ernstlichem Nachdenken bewogen und fühl- 
te mich stark beunruhigt"' (Joseph Smith 2:8) . 
„Da nicht alle Kirchen richtig sein konnten und 
Gott nicht der Urheber all dieses Wirrwarrs 
sein konnte, beschloß ich, diese Angelegenheit 
genauer zu untersuchen" ( Wentworth- Brief, 
Absatz 3). 



4. „Eines Tages las ich Jakobus 1:5, wo es 
heißt: ,So aber jemandem unter euch Weisheit 
mangelt, der bitte Gott.'"' 




5. „Nie ist eine Schriftstelle machtvoller in das 
Herz eines Menschen gedrungen, als diese zu 
der Zeit in meines drang" (Joseph Smith 2:12) . 

6. „Immer und immer wieder dachte ich über 
diese Schriftstelle nach, denn ich wußte: wenn 
jemand Weisheit von Gott brauchte, dann war 
ich es" (Joseph Smith 2:12). 




7. Im Einklang mit diesem meinem Vorsatz, 
Gott zu bitten, begab ich mich also in einen 
Wald, um den Versuch zu machen. Es war am 
Morgen eines schönen, klaren Tages in den 
ersten Frühlingstagen des Jahres achtzehn- 
hundertundzwanzig" ( Joseph Smith 2:14). 

8. „Ich zog mich an den Ort zurück, den ich 
vorher dazu ausersehen hatte. Ich schaute mich 
um, und als ich sah, daß ich allein war, kniete 
ich mich nieder und fing an, die Wünsche 
meines Herzens vor Gott zu bringen" (Joseph 
Smith, 2:15). 



18 



Glauben in Kapstadt 



Der Freund 




8/78 



MJ er sonst so sonnige Himmel 
über Kapstadt war heute dunkel und mit 
Regenwolken bedeckt. Warum, warum 
nur, so dachten die Kinder, wird es heute 
regnen? 

Der besondere Nachmittag, auf den sich 
die Jungen und Mädchen vorbereitet 
und auf den sie schon so sehr gewartet 
hatten, war endlich gekommen. Und 
jetzt sah es geradeso aus, als ob sie das, 
was sie gebacken hatten, wegen des 
Sturms nicht würden verkaufen können. 
Aber sie wußten, daß Ouma (die Groß- 
mutter) Fourie sie trotz des Wetters 
erwartete, und deshalb gingen sie auch 
alle trotz des Regens fort, um pünktlich 
im Gemeindehaus zu sein. 
Schwester Fourie begrüßte sie in ihrer 
gewohnten liebevollen Art und erklärte 
dann, daß sie das, was sie gebacken 
hatten, doch an diesem Tag verkaufen 
müßten, denn man könne die Bäck- 
waren ja nicht aufbewahren. Sie sagte 
auch, daß der Verkauf im Freien statt- 
finden müsse, damit die Menschen ste- 
hen bleiben würden, um etwas zu kauf- 
en. 

„Wir werden alle darum beten, daß es zu 
regnen aufhört", wies sie die Kinder an, 
„und wir wissen, daß es auch aufhören 
wird, weil wir das Geld brauchen, um 




weiterhin unsere Primarvereinigung ab- 
halten zu können. Der Vater im Himmel 
will das, und so wird er uns auch dabei 
helfen." 

Schwester Oumas Stimme klang so 
zuversichtlich, daß jedes Kind seinen 
Kopf neigte. Dann betete sie darum, daß 
es zu regnen aufhören möge, und jeder 
wußte einfach, daß es auch so sein 
würde. 

Und es hörte auf! 

Es hatte seit einigen Tagen ununter- 
brochen geregnet, und nun hörte es fast 
augenblicklich auf. Die Sonne lachte 
schon wieder zu den Kindern herab, als 
sie die Tische ins Freie trugen und das, 
was sie gebacken hatten, darauf legten. 
Nachdem sie ganz viel verkauft hatten 
und als sie die leeren Tische wieder ins 
Gemeindehaus zurücktrugen, begann es 
wieder zu regnen, und es hörte in den 
kommenden drei Tagen auch nicht wie- 
der auf. 

„Aber Schwester Fourie, was hätten Sie 
denn gemacht, wenn es nicht zu regnen 
aufgehört hätte?"fragte sie eine PV- 
Beamtin später. 

Aber diese Schwester, die seit 34 Jahren 
die Jungen und Mädchen in Südafrika 
unterrichtet hatte, antwortete ganz ein- 
fach: „Aber wir wußten alle, daß es 
aufhören würde!" 



1 



99-T euer! Feuer!" 
Alle, die diesen Warnruf in der 
kleinen Siedlung Farmington in 
Utah hörten, waren sehr er- 
schrocken. Denn damals konnten 
sie ein Feuer nur so bekämpfen, daß 
sie eine Schlange bildeten und 
Wasserkübel vom Flüßchen zu dem 
brennenden Haus weiterreichten. So 
brannte fast jedes Haus, das Feuer 
fing, ab, und es gelang nur selten, 
etwas aus dem Inneren des Hauses 
zu retten. 

Aurelia Spencer Rogers hatte die 
meiste Zeit ihres Lebens in 




gehörte ihren Freunden, bei denen 



Farmington verbracht. Nun hörte sie wohnte, nachdem sie im Sommer 

sie die Alarmrufe und rannte zu dem 1902 ihr eigenes Haus vermietet 

Haus, aus dem der Rauch in die hatte und nach Salt Lake City, 32 

heiße Augustluft quoll. Das Haus km südlich, gezogen war. Doch sie 



Eine 

Freundin 
der 
Kinder 





B 



kam noch oft nach Farmington, 
weil sie dort zu tun hatte und Obst 
für den Winter aufbewahrte. 

Aurelia schloß sich der Schlange an, 
die sich schnell gebildet hatte, um 
die Kübel weiterzureichen. Es war 
für sie typisch, daß sie zuerst daran 
dachte, was ihre Freunde alles durch 
das Feuer verlieren würden, bevor 
sie auch an ihre Kleidung und eigen- 
en Habseligkeiten dachte, die im 
Haus waren. Plötzlich fiel ihr etwas 
Schreckliches ein. Ihre Berichts- 
bücher über die PV lagen auf dem 
Tisch beim Fenster im Schlaf- 
zimmer, wo sie gearbeitet hatte! Sie 
sprach leise ein Gebet, daß diese 
Berichte durch irgendein Wunder 
erhalten bleiben mögen, aber es sah 




■■■% 






^/js fr, \ \<*Z\j£ — f 







aus, als ob alles im Haus in Flam- 
men aufgehen würde. 
„Ich war sehr traurig", sagte Schwe- 
ster Rogers später. „Es hätte mir 
nichts ausgemacht, wenn ich alle 
meine Kleidung verloren hätte, 
wenn nur die Berichte in Sicherheit 
gebracht worden wären. "Sie half 
ihren Freunden, in ein unbewohntes 
Haus zu ziehen und den Haushalt 
neu aufzubauen. 

Als sie nach Salt Lake City zurück- 
fuhr, war sie sehr betrübt, weil sie 
dachte, daß nichts aus dem bren- 
nenden Haus hatte gerettet werden 
können. Sie war noch immer wegen 
des Verlusts der Berichtsbücher der 
PV niedergeschlagen, als sie in der 
darauffolgenden Woche wieder 
nach Farmington fuhr, um An- 
gaben über die Gründung der PV 
ausfindig zu machen. Sie wollte 
damit beginnen, eine neue Ge- 
schichte niederzuschreiben. 
Als sie bei ihrem Bischof vorbeikam, 
erzählte er ihr von dem Wunder, um 
das sie gebetet hatte. Sie beschrieb es 
so: 

„Bruder Moroni Secrist, der Bi- 
schof, hatte das Gefühl, daß er auf 
die Veranda klettern (und das, 
während das Haus brannte) und 
durch das Fenster in mein Zimmer 
steigen müßte. Er dachte, er könnte 
einiges retten; aber als er in das 
Innere des Hauses kam, war der 
Rauch so dicht, daß er fast erstickte 
und andere ihm wieder hinaushelfen 
mußten . . . Als er zum Fenster kam, 
streckte er seine Hand aus und 
spürte den Einband auf dem Tisch. 
Er zog ihn zu sich und nahm auch 
die Bücher, die verstreut auf dem 



Tisch lagen . . . , dann gab er sie 
denen, die draußen standen. So 
blieben die Berichte durch die weise 
Voraussicht Gottes erhalten." 
In diesen Berichten war über die 
erste Primarvereinigung zu lesen. 
Sie waren die Grundlage für Aurelia 
Spencer Roger' Buch „Life Sket- 
ches" (eine Aufzeichnung über ihr 
Leben), das sie später für Kinder 
schrieb, und das sie ihnen mit den 
folgenden Worten widmete: 
„Unsere Kinder sind so wertvoll; sie 
bedeuten uns sehr viel: Engel mögen 
sie behüten, daß sie kommen all' ans 
Ziel." 

Im März 1878 dachte Schwester 
Rogers das erste Mal an eine Orga- 
nisation für Kinder. Darin sollte 
man besonders die kleinen Jungen 
„in allem Guten" unterrichten und 
sie lehren, „wie man richtig han- 
delt". Sie wollte ihnen so gerne 
helfen und betete darum, daß ihr ein 
Weg dafür gezeigt würde. „Ich fühl- 
te mich wirklich dazu getrieben", 
schrieb sie später in ihrer Geschich- 
te. 

Einige Wochen danach kam Schwe- 
ster Eliza R. Snow nach Farming- 
ton, um mit Schwestern der FHV 
zusammenzukommen. Sie und 
Schwester Emmeline B. Wells, die 
sie begleitete, machten bei Aurelia 
Rogers zu Hause einen kurzen Be- 
such, als sie auf dem Weg zum 
Bahnhof waren, um mit dem Zug 
nach Salt Lake City zurück- 
zufahren. Schwester Rogers drückte 
ihnen gegenüber ihre Sorge um so 
viele Jungen aus, von denen sie 
glaubte, daß sie das Evangelium 
nicht richtig gelehrt bekamen. Sie 



meinte auch, daß die Jungen nicht 
das lernten, was ihnen helfen würde, 
gute Menschen zu werden. Sie frag- 
te, ob es jemals möglich wäre, daß 
für sie eine Organisation geschaffen 
würde, die ihnen helfen könnte. In 
der Geschichte lesen wir, daß 
Schwester Snow einen Augenblick 
lang schwieg und dann sagte, daß 
das schon möglich sei und daß sie 
mit der Ersten Präsidentschaft dar- 
über sprechen werde". 
Zu dieser Zeit war John Taylor der 
Präsident des Rates der Zwölf Apo- 
stel und der amtierende Präsident 
der Kirche, da nach dem Tod Brig- 
ham Youngs noch kein Präsident 
von den Mitgliedern bestätigt wor- 
den war. Schwester Rogers sprach 
mit Präsident Taylor, der darüber 
mit weiteren Mitgliedern des Rates 
der Zwölf Apostel sprach. Danach 
wurden sie inspiriert, Bischof John 
W. Hess in Farmington zu schreiben 
und ihn zu bitten, einige Frauen als 
Beamtinnen zu berufen. Schwester 
Rogers wurde auserwählt, die Leite- 
rin zu sein. „Bis zu diesem Zeit- 
punkt", sagte sie, „hatten wir noch 
nicht über die Mädchen gesprochen; 
aber ich dachte mir, daß die Ver- 
sammlung ohne sie nicht vollständig 
sein würde. "Und so stimmte man 
ihr zu. 

Louisa Haight und Helen M. Miller 
wurden als Ratgeberinnen in dieser 
neuen Organisation, die man „Pri- 
marvereinigung" nannte, ausge- 
wählt. Den Namen „Pri- 
marvereinigung" schlug Schwester 
Eliza R. Snow vor. Bischof Hess bat 
diese Frauen, jedes Heim in diesem 
Gebiet zu besuchen, um die Kinder 



zur Versammlung einzuladen und 
die Eltern um Erlaubnis zu bitten. 
Schwester Rogers berichtete, daß sie 
ungefähr 112 Jungen und gleich 
viele Mädchen eintragen konnten! 
Die Kinder und alle Mitglieder der 
Gemeinde wurden gebeten, eine 
öffentliche Versammlung am Sonn- 
tag, den 11. August 1878, zu be- 
suchen. Dort wurden diese Schwe- 
stern und andere vom Bischof Hess 
und seinen Ratgebern eingesetzt, die 
PV in Farmington zu leiten. 
Bischof Hess half fleißig mit, be- 
suchte selbst die PV oft oder be- 
auftragte andere Priestertumsträger 
damit. Schwester Snow schrieb kurz 
nach der Gründung der ersten Pri- 
marvereinigung in einem Brief 
hoffnungsvoll: 

„Ich bin sicher, daß der Himmel Sie 
inspiriert und leitet und daß eine 
große und sehr wichtige Bewegung 
für die Zukunft Zions im Entstehen 
begriffen ist . . . Die Engel und alle 
heiligen Wesen, besonders die Führ- 
er Israels auf der anderen Seite des 
Schleiers, werden daran sehr inter- 
essiert sein." 

In Schwester Rogers' Berichten, die 
auf so wunderbare Weise aus dem 
Feuer gerettet worden waren, steht, 
daß die Kinder am 25. August 1878 
zur ersten PV zusammenkamen. 
Und so beschrieb sie die folgenden 
Versammlungen der PV: 
„Als die Kinder zu verstehen be- 
gannen, warum Versammlungen für 
sie abgehalten wurden, schienen sie 
sehr stolz auf das zu sein, was für sie 
getan wurde. Über Gehorsam, 
Glaube an Gott, Gebet, Pünkt- 
lichkeit und gute Manieren wurde 



sehr oft gesprochen. An diesen Ver- 
sammlungen nahmen gewöhnlich 
alle Anwesenden aktiv teil. Die 
kleineren Kinder saßen in den 
vorderen Bänken, auch die anderen 
saßen der Größe nach. Zu 
einer bestimmten Zeit standen die 
Kleinsten auf und sagten vielleicht 
im Chor einen oder zwei Verse auf 
und setzten sich wieder. Dann kam 
die nächste Bank an die Reihe und 
beantwortete Fragen aus der Bibel. 
Eine weitere Klasse konnte ein Lied 
vorsingen und noch eine andere 
wiederholte Sprüche oder Verse 
miteinander und so weiter . . . 
Im darauffolgenden Frühling miete- 
ten wir ein Gemeindegrundstück, 
und die PV pflanzte Bohnen und 
Zuckermais, damit man dies mit 
dem Weizen der FHV verwenden 
konnte, wenn die Hungersnot, die 
kommen sollte, anfing." 
In diesem Jahr (1978) gedenken alle 
Jungen und Mädchen in den PVs in 
der ganzen Welt der ersten PV, die 
jemals abgehalten worden ist, und 
sie ehren Schwester Rogers und die 
anderen, die das möglich gemacht 
haben. Aus den 220 Jungen und 
Mädchen (oder mehr), die in die PV 
im August 1878 in Farmington in 
Utah eingetragen waren, ist die 
Mitgliederzahl dieser inspirierten 
Organisation für Jungen und Mäd- 
chen — unter der Leitung von 
Tausenden von hingebungsvoll ar- 
beitenden Schwestern, die in der PV 
arbeiten 




Der 

Klub 

der guten 

Nachbarn 



Mary S. Divers 



K 



laus und Pia hatten erst seit 
zwei Wochen Ferien, und schon er- 
schienen ihnen diese Sommerferien end- 
los lang. 

„Was können wir bloß tun, Pia?" fragte 
Klaus. „Mir ist langweilig, wenn ich 
immer nur dieselben alten Spiele spiele." 
„Ja, mir auch. Vielleicht können wir 
einen Klub gründen", schlug Pia vor. 
„Das ist eine gute Idee", meinte Klaus. 
„Aber was für einen Klub?" 
„Wir könnten zum Beispiel", erwiderte 
Pia, „einen Arbeitsklub gründen." 
„Ich will nicht arbeiten", antwortete 
Klaus. „Arbeiten macht keinen Spaß." 
„Aber es kann Spaß machen. Es hängt 
nur davon ab, was wir arbeiten", sagte 
Pia. 

„Zum Beispiel?" fragte Klaus neugierig. 
„Ach, vieles", antwortete Pia. „Wir 
könnten zum Beispiel die Leute über- 
raschen, wenn wir etwas Nettes für sie 
tun." 
„Das würde sie wirklich überraschen", 




lachte Klaus. Er dachte einen Augen- 
blick darüber nach. „Wir könnten ihn 
den Klub der guten Nachbarn nennen", 
schlug er vor. „Womit wollen wir an- 
fangen?" 

„Wir können gleich hier zu Hause 
beginnen. Was muß erledigt werden?", 
fragte Pia. 

„Das weiß ich", sagte Klaus. „Papa 
wollte die Abfalltonne, die in der Garage 
steht, auf die Straße stellen. Ich kann das 
machen, und du darfst die Garage 
auskehren." 

„Das ist fein!", rief Pia begeistert. 
An diesem Abend sagte Papa beim 
Abendessen: „Heute ist etwas ganz 
Merkwürdiges passiert. Die Abfalltonne 
wurde auf die Straße gestellt, und die 
Garage war so sauber ausgekehrt, daß 
ich sie fast nicht wiedererkannt hätte. 
Aber noch merkwürdiger war diese 
Mitteilung auf dem Zettel, der an der 
Tür hing." 

Er sah etwas ratlos, aber doch erfreut 
aus, als er las: „Der Klub der guten 




Nachbarn war hier!" Klaus und Pia 
lächelten einander nur über den Tisch 
hinweg an. 

Am nächsten Tag in der Früh kam 
Christian, ein Freund von Klaus, zu 
Besuch. Er wußte auch nicht so recht, 
was er tun sollte, und deshalb erzählten 
ihm Klaus und Pia vom Klub der guten 
Nachbarn und davon, was sie getan 
hatten. 

„Das ist eine tolle Idee", sagte Christian. 
„Darf ich eurem Klub beitreten?" 
„Natürlich", erwiderte Klaus, „kennst 
du jemanden, der Hilfe braucht?" 
„Ja, da fällt mir jemand ein. Meine 
Großmutter konnte heute die ganze 
Nacht nicht schlafen, weil sie solche 
Zahnschmerzen hatte. Deshalb ist Mutti 
heute morgen mit ihr zum Zahnarzt 
gefahren und hatte keine Zeit, das 
Geschirr abzuwaschen und die Betten zu 
machen, bevor sie weggefahren ist", 
sagte Christian. „Wir könnten ihr 
eigentlich helfen. Wenn sie nach Hause 
kommt, ist sie sicher sehr müde." 



„Los! Das machen wir", rief Pia. 
Als Christians Mutter nach Hause kam, 
schaute sie sich verwundert um. „Das ist 
ja herrlich", sagte sie. „Jetzt kann ich 
mich niedersetzen und mich bis zum 
Abendessen ausruhen. Wer so etwas 
Nettes wohl für mich getan haben 
könnte?" 

Als sie in die Küche ging, um das 
Abendessen zuzubereiten, fand sie eine 
Mitteilung auf dem Tisch liegen: „Der 
Klub der guten Nachbarn war hier!" 
Christian war ganz glücklich, als er sah, 
wie seine Mutter sich freute, aber er 
sagte kein Wort. 

Am nächsten Tag fragte Klaus: „Was 
könnten wir heute tun, Christian?" 
„Ich weiß nicht", erwiderte Christian. 
„Vielleicht können wir noch jemand 
anders bitten, unserem Klub beizu- 
treten. Der könnte uns dann helfen." 
„Jutta können wir nicht fragen", sagte 
Pia. „Sie hat gerade ihre Mandel- 
operation hinter sich." 
„Dann können wir Jutta helfen", sagte 



Christian. „Machen wir doch etwas für 
sie." 

An diesem Nachmittag schellte es bei 
Jutta. Als ihre Mutter öffnete, fand sie 
vor der Tür eine Schachtel, die schön 
eingebunden war. Auch eine Mitteilung 
war dabei. Daraufstand: „Der klub der 
guten Nachbarn war hier!" 
„Du hast vom Klub der guten Nachbarn 
ein Geschenk bekommen", sagte die 
Mutter zu Jutta. 

„Was ist denn drinnen?", fragte Jutta. 
„Mach das Päckchen doch auf und 
schau nach", meinte die Mutter. 
„O!", sagte Jutta, als sie das Päckchen 
geöffnet hatte. „Ein so schönes 
Geschichtenbuch. Jetzt habe ich wenig- 
stens etwas zu tun, bis ich wieder gesund 
bin." 

Nach einiger Zeit — es waren Tage und 
Wochen vergangen — war der Klub der 
guten Nachbarn angewachsen. Jedes 
neue Mitglied wußte etwas, was sie im 
geheimen tun konnten. Lange Zeit 
sprach die ganze Nachbarschaft über die 
lieben Überraschungen und die Mit- 
teilungen vom Klub der guten Nach- 
barn. 

Der alte Herr Reiner, der mit einem 
Stock gehen mußte und sich nicht mehr 
so richtig bücken konnte, erzählte Chri- 
stians Vater, daß jemand den Abfall aus 
seinem Garten abgeholt habe. 
Juttas Mutter erzählte Pias Mutter, daß 
jemand ihre Wäsche von der Leine 
genommen, fein zusammengefaltet und 
ins Haus gebracht habe, bevor es zu 
regnen begonnen habe. 
Frau Kreuzer, die ganz alleine wohnte, 
erzählte ihrer Nachbarin, daß jemand 
ihre Veranda gefegt und die Garten- 
möbel gesäubert hatte, während sie 
schlief. 

Als Irenes Mutter mit ihrem Baby aus 
dem Krankenhaus kam, stand ein 
wunderschöner Strauß Blumen für sie 
da. 



Und immer war die Mitteilung dabei, 
auf der stand: „Der Klub der guten 
Nachbarn war hier!" 
Der Klub der guten Nachbarn hatte den 
ganzen Sommer lang viel zu tun. Die 
Kinder merkten kaum, daß die 
Sommerferien auch schon zu Ende wa- 
ren. 

Kurz nachdem die Schule wieder be- 
gonnen hatte, sprach Juttas Mutter mit 
dem alten Herrn Reiner: „Was glauben 
Sie wohl, was mit dem Klub der guten 
Nachbarn passiert sein könnte?", fragte 
sie. „In dieser Woche ist überhaupt 
niemand überrascht worden." 
Herr Reiner zwinkerte mit den Augen. 
Er hatte besonders gut aufgepaßt und 
das Geheimnis über den Klub der guten 
Nachbarn entdeckt. Er sagte ihr, was er 
herausgefunden hatte. „Jetzt sind die 
Kinder wieder in der Schule und haben 
keine Zeit mehr, so viele kleine nette 
Taten zu vollbringen, die uns den ganzen 
Sommer lang so erfreut haben." 
Juttas Mutter erzählte es Pias Mutter. 
Pias Mutter erzählte es Irenes Mutter. 
Es dauerte nicht lange, da kannten alle 
Erwachsenen das Geheimnis über den 
Klub der guten Nachbarn. Und sie 
waren sich darin einig, daß sie sich beim 
Klub bedanken sollten. 
Sie planten alles ganz geheim, und am 
nächsten Samstagnachmittag wurden 
alle Klubmitglieder zu einer Party bei 
Herrn Reiner eingeladen. 
Nachdem alle gekommen waren, bat 
Herr Reiner sie, Platz zu nehmen. Und 
dann ging er aus dem Zimmer. Nach ein 
paar Minuten kam er wieder, und alle 
die, denen die Kinder während des 
Sommers geholfen hatten, folgten ihm 
jetzt ins Zimmer. 

Als sie im Chor sagten: „Danke, Klub 
der guten Nachbarn!", schauten die 
Jungen und Mädchen einander über- 
rascht an. Diesen schönen Sommer so zu 
beenden, gefiel ihnen. 



■8 



Alice Stratton /Illustrationen von Arlene Braithwait 




Eine Taufe 
ist eine 
Familien- 
angelegenheit 




Ach stand im Kreise der Fami- den Anlaß feierten, schaute eines der 

lie am Rand des Taufbeckens und Kinder von seinem Eisteller auf und 

sah zu, wie mein kleiner Enkel fragte: „Großmutter, bist du in 

Clayton furchtsam mit seinem Vater sauberem, blauem Wasser getauft 

die Stufen hinunterstieg. Sein Vater worden?" 

hob den Arm und sprach das Tauf- „Nein", lachte ich. „Als ich getauft 

gebet, dann tauchte er ihn unter. Es wurde, saßen wir nicht in einem 

spritzte und platschte um ihn her- Raum mit Vorhängen und Teppi- 

um. chen, und es gab keine schöne Musik 

Nachdem das Schlußlied gesungen und gute Ansprachen. Niemand 

und das Schlußgebet gesprochen hatte weiße Kleidung an, und es 

war, verließen die Familien und die standen auch keine Verwandten am 

eben getauften Kinder andächtig Rand des Taufbeckens." 

das Gemeindehaus. Später, als wir „Erzähl uns mehr davon, Groß- 



mutter", baten mich die Kinder. 
Und so erzählte ich ihnen meine 
Geschichte. 

Wißt ihr, als ich klein war, war 
Hurricane eine kleine Pionierstadt 
im südlichen Teil von Utah. Es war 
geplant, daß ich an an meinem 
Geburtstag im Hurricane Canal ge- 
tauft werden sollte. Ich freute mich 
so darauf, daß ich es fast nicht 
erwarten konnte. Und dann, nur 
vier Tage vor meinem Geburtstag, 
brach ein Damm, und das Wasser 
versickerte. 

Die Farmer waren außer sich. Die 
Pfirsichgärten und die Felder waren 
trocken. Jeder Mann in der Stadt 
ging mit Spitzhacke und Schaufel 
zum Fluß, um ihn zu regulieren, 
aber es war eine harte Arbeit. Am 
Tag vor meinem Geburtstag kletter- 
te ich die Böschung zum Kanal 
hinauf, um wenigstens ein kleines 
bißchen Wasser zu sehen. Aber alles, 
was wir sehen konnten, war der 



durch den heißen und trockenen 
Wind verkrustete Schlamm am Bo- 
den, der große Risse gebildet hatte. 
„O, Mama, was werden wir denn 
machen?" fragte ich. „Wie kann ich 
nur getauft werden, wenn der Kanal 
trocken ist?" 

„Du kannst immer noch zur nächst- 
en heißen Schwefelquelle gehen, wie 
deine Schwestern das auch gemacht 
haben", schlug sie vor. 
„Aber sie hatten im Winter 
Geburtstag. Jetzt im Juli würden wir 
uns ja verbrühen!" 
Mama meinte, daß wir die Taufe 
nicht aufschieben sollten. In unserer 
Familie war es Tradition, daß jedes 
Kind an seinem achten Geburtstag 
getauft wurde. 

„Laß uns einmal überlegen, was 
sonst noch in Frage kommt", sagte 
Mama. „Komm mit mir." 
Die Wasserstelle für die Kühe be- 
fand sich gleich außerhalb des 
Pferchs unter dem Aprikosenbaum. 




10 



Im Zaun war ein Loch, durch das die 
Kühe ihren Kopf stecken konnten. 
„Du könntest hier getauft werden", 
sagte sie. Ich blickte auf das viele 
grüne Moos darin und schauderte. 
„Du kannst die Wasserrinne mit der 
Bürste sauberschrubben und sie mit 
frischem Wasser aus der Zisterne 
füllen.",, Aber Mama. . ."Jammer- 
te ich. 

„Wenn Traurigsein helfen würde, 
daß im Kanal Wasser fließt, dann 
würde es jetzt bestimmt dort flie- 
ßen", sagte sie und wiegte mich 
tröstend in ihren Armen. 
Ich hatte von Onkel Ren gehört, daß 
man den Kanal bis Sonnen- 
untergang vielleicht fertig repariert 
hätte. Deshalb kletterte ich kurz vor 
Einbruch der Dunkelheit auf den 
Damm in der Hoffnung, die schau- 
mige Krone des Flusses zu sehen. 
Aber die Risse im Lehm waren nur 
noch tiefer geworden. Ganz traurig 
stapfte ich nach Hause und ließ mich 
auf mein Bett im Pfirsichgarten 
fallen, wo wir im Sommer schliefen. 
Ich schaute in den Abendhimmel 
und sah, wie die ersten Sterne ka- 
men. „Bitte, Vater im Himmel", 
betete ich, „hilf den Männern, daß 
sie es schaffen, daß das Wasser 
morgen wieder im Kanal fließt." 
Ich war nicht überrascht, als ich 
kurze Zeit darauf vom oberen 
Schleusentor her leise Wasser plät- 
schern hörte. Ich setzte mich auf und 
lauschte. Das Plätschern wurde stär- 
ker, bis es ein richtiges Getöse war. 
Das Wasser rauschte über die Felsen 
und floß schließlich auch in dem 
Graben bei unserem Haus vorbei. 
Der Kanal war vor Sonnen- 



untergang repariert worden, aber 
das Wasser hatte erst noch Kilo- 
meter zurücklegen müssen, bis es 
unsere Stadt erreicht hatte. 
,,0, danke, Vater im Himmel", 
flüsterte ich. Dann kuschelte ich 
mich in mein Kissen und schlief ein, 
beruhigt durch die schöne Musik des 
plätschernden Wassers. 
Am nächsten Nachmittag hatte der 
neue Strom allen Schmutz wegge- 
waschen, und das Wasser floß ruhig 
und glatt dahin. Ich zog mein saube- 
res weißes Nachthemd an, und On- 
kel Ren Spendlove kam in seiner 
verblichenen Arbeitshose. Mama 
ging mit uns zum Kanal. Am Damm 
entlang im Schatten der Weiden 
saßen meine Spielgefährten und 
Cousins und warteten. Onkel Ren 
stieg auf dem glitschig-schlammigen 
Boden hinunter ins Wasser und 
reichte mir dann die Hand herauf. 
Kleine Lichtwellen tanzten auf dem 
Wasser, und ein paar Weidenblätter 
glitten wie Kanus an uns vorbei. Der 
Wind wehte nicht, als Onkel Ren das 
Taufgebet sprach. Ich spürte die 
Wasserströmung in meinen Ohren, 
und Onkel Ren hob mich aus dem 
Wasser. Ich gluckste. Er hielt mich 
fest, bis ich wieder Luft holen kon- 
nte. Dann bemerkte ich, daß mich 
jeder ansah und anlächelte. Ich freu- 
te mich sehr und wußte, daß sie mich 
liebten. 

„Mama, ich bin getauft!", rief ich. 
Sie streckte die Hände nach mir aus 
und zog mich zu sich. Sie hatte 
gesagt, daß die Taufe eine heilige 
Handlung sei, und als sie mich 
umarmte, tropfnaß wie ich war, 
wußte ich, daß das wahr war. 



11 



PAPIER 
PUPPE 

AURELIA ROGERS 
SCHUF DIE 
PRIMARVEREINIGUNG 
AUGUST 1878 





9. „Kaum hatte ich dies getan, als ich mich 
plötzlich von einer Macht ergriffen fühlte, die 
mich gänzlich übermannte und eine solche 
Gewalt über mich hatte, daß sie meine Zunge 
band, so daß ich nicht sprechen konnte" 
(Joseph Smith 2:15). 



zweifeln und mich der Vernichtung hingeben 
wollte . . . , sah ich unmittelbar über meinem 
Haupt eine Lichtsäule, heller als der Glanz der 
Sonne, allmählich auf mich herabkommen, bis 
sie auf mir ruhte" (Joseph Smith 2:15, 16). 



10. „Dichte Finsternis umschloß mich, und 
eine Zeitlang schien es, als falle ich einer 
plötzlichen Vernichtung anheim." 



12. „Sobald sie erschien, fand ich mich befreit 
von dem Feind, der mich gebunden gehalten 
hatte" (Joseph Smith 2:17). 



11. „Gerade in dem Augenblick, als ich ver- 



13. „Als das Licht auf mir ruhte, sah ich zwei 
Gestalten, deren Glanz und Herrlichkeit unbe- 



19 




schreiblich waren, über mir in der Luft stehen" 
(Joseph Smith 2:17). 



14. „Eine davon sprach zu mir, mich beim 
Namen nennend, und sagte, auf die andere 
deutend: ,Dies ist mein geliebter Sohn, höre 
ihn!"' (Joseph Smith 2:17). 

15. In einem schattigen Wald hat der Herr die 
Botschaft überbracht. Ein junger Mann — - ein 




Prophet im Knabenalter - - hat sie auf den 
Hügeln im Norden des Staates New York 
empfangen. „Welcher von all diesen Kirchen 
soll ich mich anschließen?" so betete Joseph 
Smith demütig. Sein demütiges Beten fand 
Erhörung: „Schließe dich keiner von ihnen 
an." Joseph Smith sagte: „Mir wurde aus- 
drücklich geboten, mich keiner von ihnen 
anzuschließen, und zugleich erhielt ich die 
Verheißung, daß mir das vollständige Evangeli- 
um zu einer späteren Zeit bekanntgemacht 
würde" (Wentworth- Brief Absatz 3). 



16. Wieder einmal haben sich die Himmel 
aufgetan, und ein Mensch hat mit der Gottheit 
von Angesicht zu Angesicht gesprochen, wie es 
Adam, Mose, Paulus und andere getan hatten. 
Gott Vater und sein Sohn besuchten einen 
Knaben, der vor mehr als 150 Jahren an einem 
Frühlingstag in einem entlegenen Wald kniete. 
Durch den Propheten Joseph Smith und auf- 
grund der ersten Vision und der Offenbarun- 
gen, die auf sie folgten, wurde die Kirche Jesu 
Christi in ihrer Vollständigkeit auf Erden 
wiederhergestellt. 



20 



seine Frage erhielt: „Welcher all dieser 
Kirchen soll ich mich anschließen?" 
„Die erste Vision" ist ein historischer 
Film, der von der Kirche als 
Unterrichtshilfe und Werkzeug für die 
Missionsarbeit in Auftrag gegeben wur- 
de. Das Drehbuch folgt Joseph Smith' 
eigenem Bericht darüber, was er im 
Frühling des Jahres 1820 in Palmyra im 
Staate New York erlebt hatte, als er sich 
entschloß, Gott zu fragen, welche Kir- 
che die richtige wäre, nachdem er Jako- 
bus 1:5 gelesen und darüber nach- 
gedacht hatte. 

Auf die einzigartige Schönheit dieses 
ersten Morgens folgte eine Woche eif- 
rigen Filmens. Aber am Donnerstag 
setzte das schlechte Wetter wieder ein - 
noch mehr Wolken und noch mehr 
Regen. Gegen Ende dieses Tages gab es 
noch eine wichtige Szene, die gefilmt 
werden sollte; und für diese Szene würde 
man strahlenden Sonnenschein benöti- 
gen. Es handelte sich dabei um die 
Szene, wo der junge Joseph Smith an 
einem sonnenbeschienenen Tag aufsein 
Haus zuläuft. Am Freitagmorgen setz- 
ten sie also das Gerüst für die Kameras 
in der Mitte des Feldes auf, das zwischen 
dem Waldstück und Joseph Smith' 
Heim lag. Sie sprachen ein inbrünstiges 
Gebet und warteten. Nach einer Zeit, die 
wie Stunden wirkte, verzogen sich die 
Wolken. Die Kameras surrten. Gerade 
als die Szene beendet wurde, zogen sich 
die Wolken wieder zusammen, und es 
war wieder so dunkel wie vorher. „Das 
ist alles, was wir herausholen konnten", 
sagte der Regisseur David Jacobs, „aber 
das war auch alles, was wir brauchten - 
das ist die Szene, die den Film einleitet." 
In seinem Bericht von seiner ersten 
Vision erzählt uns Joseph Smith, wie er 
in den Wald ging und sich niederkniete, 
um zum Herrn zu beten. Plötzlich ver- 
spürte er eine buchstäbliche Dunkelheit 
- eine Macht, die ihn „gänzlich über- 



mannte . . , (die) Gewalt eines wirklichen 
Wesens aus der unsichtbaren Welt" 
(Joseph Smith 2:15, 16). Es war schwer, 
einen solch bösen Einfluß darzustellen 
und dann auf den Film zu bannen. Ehe 
David Jacobs eine Woche zuvor mit 
dem Flugzeug nach New York ge- 
kommen war, hatte er einige Unterlagen 
über einen kurz zuvor entdeckten Be- 
richt von der Vision, wie er von Joseph 
Smith geschrieben worden war, durch- 
studiert. 

Während er las, fielen ihm einige Sätze 
besonders auf: Joseph Smith hatte ge- 
schrieben: „Ich hörte hinter mir ein 
Geräusch, als ob jemand auf mich 
zukäme. Ich bemühte mich, nochmals 
zu beten, konnte es aber nicht, denn die 
Schritte kamen immer näher. Ich sprang 
auf und sah mich um. Ich sah weder 
einen Menschen noch sonst etwas, was 
dieses Geräusch hätte hervorrufen 
können"(zitiert in „Early Accounts of 
the First Vision" BYU Studies, S. 284). 
„Ich wußte sofort, daß ich so an die 
Szene mit der Dunkelheit herangehen 
sollte", sagte Jacobs. „Es war drama- 
tisch. Es war wahr." 
Aber die schwierigste Szene war die, wo 
Gott Vater und sein Sohn erschienen. Es 
war eine wichtige Entscheidung, ob man 
die göttliche Erscheinung wegen ihrer 
Heiligkeit überhaupt zeigen sollte. Dann 
erwähnte ein Führer der Kirche dem 
Direktor der Filmabteilung, Jesse Star, 
gegenüber, daß er der Meinung sei, daß 
eine der wichtigsten Erkenntnisse aus 
der ersten Vision sei, daß Gott Vater und 
sein Sohn zwei getrennte und ver- 
schiedene Personen seien — eine Er- 
kenntnis, die der allgemeinen Auffas- 
sung von der Dreieinigkeit widerspricht. 
Damit war die Entscheidung getroffen 
worden: Gott Vater und sein Sohn 
werden im Film dargestellt. 
Die Herstellung eines Filmes wie „Die 
erste Vision" unterscheidet sich von der 



(Forts. S. 35) 



BRIGHAM 
YOUNG 



ls Brigham Young vor 101 
Jahren, am 29. August 1877, aus dem 
Leben schied, starb er als politischer 
Führer eines 350 Städte und Dörfer 
umfassenden Gebietes — Ansiedlungen, 
die in der Wüste blühten - - und als 
Prophet, als Sprecher Gottes für 
1 00 000 Menschen. Er hatte die Kirche 
in der schweren Zeit geleitet, die auf den 
Märtyrertod des Propheten Joseph 
Smith und seines Bruders Hyrum folgte. 
Unter seiner Leitung zogen Tausende 
von Heiligen 2 300 Kilometer west- 
wärts, um die Wüste zu besiedeln. Er 
war ein großer Redner und ein erfolg- 
reicher Missionar. Er förderte die 
Kunst, gründete Universitäten und 
Akademien und bekleidete das Amt 
eines Gouverneurs in jenem Terri- 
torium. 

Im allgemeinen sind diese Leistungen 
des zweiten Propheten dieser 
Evangeliumszeit den Heiligen der Letz- 
ten Tage bekannt. Weniger bekannt sind 
einigen vielleicht die Umstände, unter 
denen Brigham Young aufwuchs, und 
seine Bekehrung zum Mormonismus. 
Er war nur elfeinhalb Tage zur Schule 
gegangen. Seine Mutter unterrichtete 
ihn und die anderen Kinder zu Hause ein 
wenig, soweit sie es vermochte. Sie 
brachte ihm das Lesen bei, und sein 
Vater unterwies ihn aus der Bibel. 
Seine Eltern waren fromme, puritanisch 
gesinnte Methodisten. Ihre strenge 
Frömmigkeit lehnte er nicht völlig ab, 
aber übernahm sie auch nicht für sich. 
Statt dessen entwickelte eine bemerkens- 
werte Unabhängigkeit, die ihn lange und 
gründlich nachdenken ließ, ehe er sich 



auf religiösem Gebiet festlegte. Später 
konnte er mit gereiftem Verständnis auf 
seine Jugend so zurückschauen: 
,,Ich wurde sehr streng erzogen. Son- 
ntags durfte ich nicht länger als eine 
halbe Stunde Spazierengehen, um mich 
zu bewegen ... In meiner Jugend durfte 
ich niemals tanzen, und die bezaubern- 
den Töne der Violine vernahm ich erst 
im Alter von elf Jahren, und ich meinte 
damals, ich sei auf dem besten Weg zur 
Hölle, wenn ich stehenbliebe und zu- 
hörte. Ich werde meine Kinder nicht auf 
so unnatürliche Weise erziehen. Sie 
sollen tanzen gehen und sich mit Musik 
befassen, Romane lesen und auch sonst 
alles tun, was geeignet ist, ihren Hor- 
izont zu erweitern und Begeisterung in 
ihnen zu entfachen, ihren geistigen Fort- 
schritt zu fördern und ihnen das Gefühl 
zu vermitteln, daß sie frei und weder 
geistig noch körperlich eingeengt sind" 
(Journal of Discourses -- im folgenden 
als JD zitiert — , 11:94). 
Brigham Young lernte in seiner Jugend, 
sparsam zu sein und hart zu arbeiten. Er 



Das Haus der Waits in Awelius, New York, das Brigham 
Young um 1820 zu bauen geholfen hat. 




22 



wurde als Lehrling von einem Mann 
ausgebildet, der Stühle zimmerte und 
Häuser anstrich. Mit 18 Jahren war 
Brigham Young so weit herangereift 
und auch geschickt genug, daß er sich 
selbständig machen konnte, und so 
machte er eine kleine Werkstatt für 
Holzarbeiten auf. Er etablierte sich als 
geschickter Handwerker, dessen Name 
im Westteil des Bundesstaates New 
York noch immer bekannt ist — wegen 
seiner kunstvollen Treppenschacht- 
verzierungen und Türen mit fächer- 
förmigem Oberlicht, Türrahmen und 
Treppengeländer, Dachfenster und 
Kaminsimse. 

Über seine Einstellung zur Arbeit hat er 
folgendes bemerkt: „Wenn eine Arbeit 
es wert ist, getan zu werden, dann ist sie 
es auch wert, daß man sie gewissenhaft 
tut. An diesen Grundsatz habe ich mein 
Leben lang geglaubt. Wenn mir jemand 
eine Arbeit übertrug, dann wollte ich sie 
ehrlich und zuverlässig ausführen — so, 
daß das Ergebnis bleibenden Bestand 
haben würde. Dies habe ich stets ebenso 
als Teil meiner Religion angesehen wie 
den Besuch des Gottesdienstes am Sab- 
bat." 

Brigham Young suchte lange nach der 
wahren Religion. Ebenso wie Joseph 
Smith schloß er sich nicht der Kirche 
seiner Eltern an. Er ging zu den Ver- 
sammlungen verschiedener Religions- 
gemeinschaften und strebte danach, 
nach sittlichen Grundsätzen zu handeln, 
hart zu arbeiten und ein liebevoller 
Ehemann und Vater zu sein. Es liegt 
jedoch auf der Hand, daß ihn ein gutes 
Leben voller Arbeit allein nicht aus- 
füllen konnte. Er muß sich nach geistiger 
und seelischer Selbsterfüllung gesehnt 
haben, und gewiß hat er nach einer 
Antwort auf die quälenden Fragen nach 
dem Sinn des Lebens gesucht. Überall, 
wo er seinen Wohnsitz hatte, schloß er 
sich Gruppen an, die selbständig nach 



Wahrheit suchten - - ebenso wie viele 
andere, die damals zu der gerade wieder- 
hergestellten Kirche fanden. Brigham 
Youngs Bruder, Phineas, leitete selbst 
eine solche Gruppe. Von dem Bruder 
des Propheten, Samuel Smith, erhielt er 
eines der ersten Exemplare des Buches 
Mormon. Phineas Young las das Buch 
gründlich, denn er fühlte sich gegenüber 
seiner kleinen Gemeinschaft ver- 
pflichtet, jeglichen religiösen Betrug zu 
entlarven. Er konnte die erwarteten 
Fehler jedoch nicht finden, und als er am 
nächsten Sabbat vor seine Gruppe trat 
- höchstwahrscheinlich war auch Brig- 
ham Young zugegen — , verteidigte er 
das Buch Mormon, und er hatte noch 
keine zehn Minuten gesprochen, als der 
Geist Gottes in wunderbarer Weise auf 
ihn herabkam. Er berichtet selbst: „Ich 
redete sehr lange über die Bedeutung 
eines solchen Werkes und untermauerte 
meinen Standpunkt mit Bibelzitaten. 
Zum Schluß erklärte ich, daß ich an das 
Buch glaubte." 

Phineas Young lieh das Buch Mormon 
seinem Vater, der es für das bedeutsam- 
ste Werk hielt, das er je gesehen hatte. 
Von ihm gelangte es zu Phineas Youngs 
Schwester Fanny, die es als eine Offen- 
barung bezeichnete. Fanny gab es an 
Brigham Young weiter, der skeptisch 
war. 

„Ich beschäftigte mich zwei Jahre eifrig 
mit dieser Sache, ehe ich mich entschloß, 
das Buch anzuerkennen . . . Ich wollte 
mir genügend Zeit nehmen, um der 
Sache hinreichend auf den Grund zu 
gehen" (JD, 111:91). 
Bei anderer Gelegenheit erklärte Brig- 
ham Young, warum er zunächst skep- 
tisch war: 

„Ich las das Buch Mormon, sobald sich 
mir die Möglichkeit dazu bot. Sodann 
bemühte ich mich, die Menschen 
kennenzulernen, die behaupteten, daran 
zu glauben . . . Ich wollte sehen, ob sie 



23 



über gesunden Menschenverstand ver- 
fügten; sollten sie diesen besitzen, so 
wollte ich, daß sie für das Buch im 
Einklang mit der Schrift einträten . . . 
Ich erkannte es erst dann voll an, als ich 
mich eingehend damit beschäftigt hat- 
te" (JD, Vlll:38). 

Nach ungefähr eineinhalb Jahren wurde 
er schließlich zum Handeln veranlaßt. 
Er wurde von einigen Mormonen- 
missionaren aus Columbia, Pennsylva- 
nia, besucht. Einer von ihnen nötigte 
ihn, sich die Zeit zu nehmen und zu- 
zuhören, als er ihm sein Zeugnis ablegte. 
,,Ich sah einen Mann ohne Redegabe, 
das heißt ohne die Fähigkeit, öffentlich 
vor den Menschen zu sprechen. Er 
konnte nichts weiter sagen als: ,Ich weiß 
durch die Macht des Heiligen Geistes, 
daß das Buch Mormon der Wahrheit 
entspricht und daß Joseph Smith ein 
Prophet des Herrn ist.' Der Heilige 
Geist, der von diesem Menschen aus- 
ging, erleuchtete meinen Verstand, und 
es umfingen mich Licht, Herrlichkeit 
und Unsterblichkeit. Ich war von dieser 
Macht erfüllt und umgeben und wußte 
nun selbst, daß das Zeugnis dieses 
Mannes wahr war . . . Ich mußte meine 
eigene Urteilskraft, meine natürlichen 
Fähigkeiten und meine Bildung hintan- 
stellen und mich diesem einfachen, aber 
machtvollen Zeugnis beugen ... Es 
erfüllte meinen ganzen Körper mit Licht 
und meine Seele mit Freude" (JD, 1:90). 
Am 15. April 1832 wurde Brigham 
Young in Mendon in seinem kleinen 
Mühlenbach hinter seiner Zim- 
mermannswerkstatt getauft — von 
ebendem Missionar, dessen Zeugnis ihn 
so beeinflußt hatte. 




Präsiden! Brigham Young 

Was Brigham Young über die Bildung 
gesagt hat 

„Bildung ist ein wertvolles Gut. Geseg- 
net ist der Mann, der sie besitzt und sie 
ohne Hochmut für die Verbreitung des 
Evangeliums einsetzen kann" (JD, 
XL214). 

„Wir haben das ewige Leben zur Grund- 
lage unserer Weltanschauung gemacht. 
Deshalb sollen wir aufhören, Kinder zu 
sein, und zu Philosophen werden, die 
den Zweck ihres Daseins verstehen. 
Wenn wir dies verwirklichen, machen 
wir unser Leben nicht durch Unwissen- 
heit inhaltlos, sondern wir haben jeden 
Tag etwas Wertvolles und Nützliches zu 
tun. Gott hat uns auf diese Erde gestellt; 
er hat uns unsere Fähigkeiten mit- 
gegeben, und er hat uns Mittel an die 
Hand gegeben, womit wir eine glück- 
liche Gemeinschaft und einen Staat von 
glücklichen Menschen aufbauen und 
unsere ewige Glückseligkeit erwirken 
können"(JD, IX: 190). 



24 



Schulgebäude, aus Felssteinen erbaut, in der 
Nähe von Auburn, New York, wo Brigham 
Young wahrscheinlich 1833 gepredigt hat. 




„Alle Künste und Wissenschaften der 
Menschen bilden einen Bestandteil des 
Evangeliums. Wo ist die Quelle des 
Wissens, das den Menschen in den 
letzten Jahren befähigt hat, in Wissen- 
schaft und Technik so großartige Lei- 
stungen zu vollbringen? Wir wissen, daß 
alle diese Kenntnisse von Gott kommen, 
aber warum erkennen die Menschen 
Gott darin nicht an? Weil sie blind für 
ihre eigenen wahren Interessen sind, 
sehen und verstehen sie die Wirklichkeit 
nicht. Wer hat die Menschen gelehrt, 
sich die Elektrizität dienstbar zu ma- 
chen? Haben sie diese Erfindungen etwa 
aus eigener Kraft hervorgebracht? Nein, 
sie haben dieses Wissen vom höchsten 
Wesen erlangt. Von ihm rührt auch jede 
Kunst und jede Wissenschaft her, ob- 
wohl man derartige Verdienste immer 
nur diesem oder jenem Menschen zu- 
schreibt. Woher stammen diese Er- 
kenntnisse aber in Wahrheit? Haben die 
Menschen sie aus sich selbst hervor- 
gebracht? Gewiß nicht. Sie vermögen 




Präsident Brigham Young 

nicht einen einzigen Grashalm wachsen 
zu lassen, noch können sie ohne künstli- 
che Hilfe ein einziges Haar weiß oder 
schwarz machen. Deshalb müssen sie 
anerkennen, daß sie ebenso wie die 
Armen und Unwissenden vom höchsten 
Wesen abhängig sind. Woher haben wir 
die Kenntnisse, die es uns erlauben, die 
für unsere Zeit so bemerkenswerten 
Maschinen zu konstruieren, die einen 
großen Teil der Handarbeit überflüssig 
machen? Vom Himmel! Wo liegt die 
Quelle unserer astronomischen Kennt- 
nisse oder der Fähigkeit, Ferngläser 
herzustellen, die uns einen tiefen Ein- 
blick in den unendlichen Weltraum 
gewähren? Wir haben sie von dem 
gleichen Wesen erhalten, von dem auch 
Mose und die, die vor ihm waren, ihre 
Erkenntnisse erlangt haben — von dem 
„Schon bei oberflächlichem Verständnis 
der Religion der Heiligen der Letzten 
Tage fühlt man sich getrieben, fleißig 
nach Kenntnissen zu streben. Es gibt 
kein Volk, das eifriger danach trachtet, 



25 




Oben: Am Ufer des Erie-Sees bei Astabula, Ohio, 

wo Brigham und Joseph Young einen Nachmittag 

verbracht haben, während sie als Missionare 

unterwegs waren. 

Unten: Das Fenster hinter den dreifach ange- 
ordneten Kanzeln im Kirtland Tempel. Wahr- 
scheinlich wurde es von Brigham Young entworfen 

und gebaut. 



mit neuer Wahrheit bekannt zu werden 
und sie zu begreifen"(JD, VIII:6). 
gleichen Wesen, von dem einst Noah 
erfuhr, daß die Welt überflutet und die 
Menschheit ertränkt werden solle. Gott 
hat den Menschen auch die Fähigkeit 
gegeben, voneinander zu empfangen 
und die Zusammensetzung der Erd- 
kruste zu erkunden" (JD, XII:257). 
„Ganz gleich, in was für Umständen 
man sich befindet, ob es einem wohl 
ergeht oder ob man in Not ist man 
kann von jedem Menschen und aus 
jedem Geschehen etwas lernen" (JD, 
IV:287). 

„Es lohnt sich, daß wir uns um die 
Erziehung und Bildung unserer Kinder 
kümmern. Das gleiche gilt für die Unter- 
weisung der Ältesten. Den Eltern und 
der heranwachsenden Generation muß 
man gründlich einschärfen, wie wichtig 
die Bildung ist" (JD, XIII:262). 



„Sorgen Sie dafür, daß Ihre Kinder 
Grundkenntnisse in ihrer Mutter- 
sprache erwerben, und lassen Sie sie 
hernach höhere Bildung erlangen. Ge- 
ben Sie ihnen die Möglichkeit, daß sie 
auf allen wahren und nützlichen 
Wissensgebieten besser informiert wer- 
den als ihre Väter. Wenn sie sich mit 
ihrer eigenen Sprache vertraut gemacht 
haben, lassen Sie sie Fremdsprachen 
erlernen; veranlassen Sie sie dazu, sich 
mit dem Brauchtum und den Gesetzen, 
der Verwaltung und der Literatur an- 
derer Nationen, Völker und Sprachen 
eingehend bekannt zu machen. Lassen 
Sie sie alle Wahrheit kennenlernen, die 
zu den Künsten und Wissenschaften 
gehört, und lassen Sie sie auch lernen, 
wie sie diese für ihre irdischen Belange 
nutzbar machen können. Lassen Sie sie 
alles studieren, was auf der Erde, unter 
der Erde und in den Himmeln vor- 
„Ich möchte, daß sich dieses Volk 
besonders um die Bildung der Kinder 
kümmert. Wenigstens sollen wir ihnen 
eine gewöhnliche Schulbildung angedei- 
hen lassen, wenn wir schon nicht mehr 
tun können, so daß unsere Söhne, wenn 
sie als Boten der Erlösung und als 
Repräsentanten des in den Bergen be- 
heimateten Reiches Gottes in die Welt 
gesandt werden, sich in die beste Gesell- 
schaft begeben und den Menschen die 
Grundsätze der Wahrheit vernünftig 
darlegen können, denn alle Wahrheit 
geht vom Himmel aus und bildet einen 
Bestandteil unserer Religion. 
Jede Leistung, jede Tugend und jede 
nützliche Errungenschaft, ob in der 
Mathematik oder in der Musik, ja. in 
allen Wissenschaften und Künsten steht 
den Heiligen offen. Sie sollen sich so 
rasch wie möglich des großen Reich- 
tums an Wissen bedienen, den die 
Wissenschaften jedem zu bieten haben, 
der fleißig und ausdauernd lernt" (JD, 
X:224). 



26 




Der Mühlenbach und der Platz, wo Brigham 
Young die Sägemühle 1829-30 baute. Am 15. April 
1832 wurde er hier getauft. 




Oben: Gasthaus in Aurelius, New York, wo Brig- 
ham Young tanzen lernte. 

Mitte: Man sagt, daß Brigham Young an dieser 
Stelle seine erste Frau Miriam getroffen hat. 

Unten: Teilansicht des Hauses in Mendon, New 
York, das Brigham Young 1829 für seinen Vater, 
John Young, gebaut hat. 



Links: Diese Drehbank machte Brigham Young für 
seine Sägemühle in Mendon; sie wurde mit Wasser 
betrieben. 



Haus in Haydenville, wo Brigham Young kurz 
nach seiner Hochzeit lebte. 



Rechts: Diesen Lehnstuhl baute Brigham Young 
um 1829 in Mendon, New York; jetzt steht er im 
Haus John Youngs, Vaters. 



27 



Weltweites 

Wachstum 

des Bildungswesens 

der Kirche 



Joe J. Christensen 




Ein Gespräch mit dem Stellvertretenden Be- 
auftragten der Kirche für religiöse Bildung, 
Bruder Joe J. Christensen. 



E 



msign: Warum hat die Kirche 
Seminar- und Institutsprogramme? 
Bruder Christensen: Der Zweck des 
Seminars und Instituts ist es, kurz ge- 
sagt, der Familie zu helfen, den gött- 
lichen Kern im Menschen zu nähren und 
zu pflegen. 

Ensign: Während der ersten paar Jahre, 
wo das Seminar- und Instituts- 
programm in den nicht Englisch 
sprechenden Ländern aufgebaut wurde, 
hat es ein sehr großes Wachstum erlebt. 
Können Sie uns etwas über das Ausmaß 
dieses Wachstums sagen? 
Bruder Christensen: Die Entscheidung, 
das Seminarund Institutsprogramm 
auch den nicht Englisch sprechenden 
Ländern zugänglich zu machen, war 
wirklich inspiriert. Im November 1970 
beschloß der Bildungsausschuß der Kir- 



che, daß das Seminar und das Institut 
mit der Ausbreitung der Kirche in der 
Welt so weit wie möglich Schritt halten 
sollte. Nachdem wir die Mitglieder- 
verteilung und die Vielfalt des Seminar- 
und Institutsprogramms in Betracht ge- 
zogen hatten, beschlossen wir, das Pro- 
gramm in die Spanisch, Portugiesisch 
und Deutsch sprechenden Gebiete der 
Kirche zu bringen. Die Schwierigkeiten, 
die uns gegenüberstanden, waren unge- 
heuer: es galt, die Materialien zu über- 
setzen, zweisprachiges Personal zu fin- 
den, das in den verschiedenen Ländern 
unterrichten soll, und das Material von 
einem Land zum anderen zu schaffen. 
Das erste Jahr war für uns eine richtige 
Überraschung. Wir hatten geglaubt, daß 
wir in Guatemala einen guten Start 
hätten, wenn sich im ersten Jahr 200 
Teilnehmer eintragen ließen. Innerhalb 
von drei Monaten — von März bis Juli 
1971 — meldeten sich in Guatemala 750 
Teilnehmer. Während des ersten Jahres 
trugen sich in Säo Paulo in Brasilien 
über 900 Leute ein. Und die Anzahl der 
Teilnehmer in Argentinien und Uruguay 
belief sich auf 700 Leute. 
Das Programm läuft nun in 51 (und bald 
55) Ländern, und es wird in 17 ver- 
schiedenen Sprachen unterrichtet. Die- 
ses Jahr haben sich in der ganzen Welt 
über 295000 Menschen im Seminar- 
und Institutsprogramm eintragen las- 
sen. 

Ensign: Welche Programme sind durch 
die Seminare und Institute verfügbar? 
Bruder Christensen: Wo es die örtlichen 
Gegebenheiten zulassen, treffen sich im 
Seminar die jungen Menschen einer 
Gemeinde oder eines Pfahles am Mor- 
gen vor ihrer regelmäßigen Schulzeit auf 
eine Stunde. Ein anderes grundlegendes 
Programm des Seminars ist das 
Heimstudienprogramm. Dieses Pro- 
gramm ist für Gebiete bestimmt, wo es 
nur wenige Mitglieder gibt. Einer der 



28 



größten Vorzüge dieses Programms ist 
folgender: Auch wenn es nur einen 
jungen Menschen in der Gemeinde gibt, 
kann dieser während der Woche eine 
formelle religiöse Ausbildung erhalten. 
Die Teilnehmer an diesem Programm 
arbeiten den Stoff vor allem zu Hause 
durch. Dann — sei es nun am Sonntag 
oder an einem anderen Tag der Woche 
— kommen sie zu einem gemeinsamen 
Unterricht zusammen. 
In jeder Gemeinde, wo dieses Programm 
durchgeführt wird, wird ein Lehrer 
berufen, der sich wöchentlich mit der 
Gruppe trifft und das wiederholt, was 
die Schüler durchgearbeitet haben. Der 
Lehrer hält einen Unterricht, der die 
Schüler motiviert und begeistert, und er 
kontrolliert außerdem die Arbeiten der 
Schüler. Der Schüler kommt dann 
wiederum mit neuen Aufgaben und 
Unterlagen nach Hause, die er während 
der darauffolgenden Woche durch- 
nehmen kann. 

Normalerweise haben die Teilnehmer 
am Heimstudienprogramm einmal im 
Monat einen sogenannten „Supersams- 
tag". Die Schüler und die Lehrer in 
einem Umkreis von etwa 150 km kom- 
men dann zusammen, und ein haupt- 
amtlich angestellter Lehrer hält den 
Unterricht. Während die Schüler im 
Anschluß unter der Leitung der JM/- 
JD-Beamten Aktivitäten durchführen, 
werden die Lehrer für die Aktivitäten 
des nächsten Monats geschult. 
Ensign: Welche Kurse sind erhältlich? 
Bruder Christensen: Erhältlich ist je ein 
Kurs über das Alte Testament, das Neue 
Testament, das Buch Mormon, die Ge- 
schichte und Lehre der Kirche. Für das 
Institut sind Kurse über das Buch , Lehre 
und Bündnisse', die heutigen Propheten 
und ihre Lehren, das Werben und die 
Ehe und über die Vorbereitung auf die 
Mission erhältlich. 
Ensign: Wie unterscheidet sich der Lehr- 



plan des Seminars und des Instituts- 
programmes von dem der Sonntags- 
schule? 

Bruder Christensen: Die augen- 
scheinlichsten Unterschiede bestehen in 
der Aufmachung und in der „Vortrags- 
weise". In den Hilfsorganisationen rich- 
tet sich das Material, das wir verfassen, 
im allgemeinen an den Lehrer. Man gibt 
dem Lehrer, was er braucht, um die 
Schüler zu unterrichten. Im Seminar- 
programm bezieht der Schüler das Ma- 
terial und arbeitet es selbst täglich 
durch. Und so ist das benötigte Material 
im Seminar und Institut viel umfang- 
reicher. 

Ensign: Welchen Schwierigkeiten stehen 
Sie gegenüber? 

Bruder Christensen: Natürlich ist es 
immer ein Problem, die Qualität zu 
erhalten und zu gleicher Zeit die Menge 
zu vergrößern, wenn man das wirksam 
machen und dabei noch sparsam sein 
will. 

Eine andere große Schwierigkeit ist es, 
den Eltern zu helfen, das Programm zu 
verstehen. Wir spornen die Eltern an, 
mit den Kindern die Klasse zu besuchen, 
mit ihnen zu sprechen und herauszu- 
finden, was alles dazugehört. Wenn sich 
die Eltern einmal mit dem Programm 
vertraut gemacht haben, sind sie sehr 
begeistert und bemühen sich voll und 
ganz, daß auch ihre anderen Kinder zu 
gegebener Zeit daran teilnehmen. 
Ensign: Gibt es Kurse für Erwachsene, 
an denen die Eltern teilnehmen kön- 
nten? 

Bruder Christensen: Das Instituts- 
programm ist dafür vorgesehen, daß 
sich Erwachsene daran beteiligen. Viele 
Eltern besorgen sich einen Führer zum 
Selbststudium, den man bei der 
Versandzentrale erhalten kann. Wir ha- 
ben diese Führer zum Selbststudium für 
alle Kurse, also für das Buch Mormon, 
das Neue Testament usw. Jeder Erwach- 



29 



sene, der sich dazu entschließt, kann 
während der Woche eine religiöse Aus- 
bildung erhalten, die dem Niveau von 
Erwachsenen entspricht. 
Wir haben überall dort ein Religions- 
institut, wo es ein Colleg oder eine 
Universität mit genug HLT-Studenten 
gibt. Aber wir haben Tausende von 
Erwachsenen, die keine Schule besuchen 
oder deren Stundenplan es ihnen nicht 
erlaubt, an einer regelmäßigen Instituts- 
klasse teilzunehmen. Wenn die 
Priestertumsführer an einem individuel- 
len Studienprogramm interessiert sind 
und es fördern, so stellen wir auf Ersu- 
chen der Priestertumsführer das Pro- 
gramm in dem betreffenden Gebiet 
bereit. Unser Ziel ist es, jedem die 
Möglichkeit zu bieten, das Evangelium, 
seinem eigenen Niveau entsprechend, zu 
studieren. 

Ensign: Welchen Nutzen können die 
Eltern noch aus dem Programm ziehen? 
Bruder Christensen: Während all der 
Jahre, in denen das Institutsprogramm 
eingeführt wurde, haben wir uns vor 
allem mit Schülern im Studentenalter 
befaßt. Heute haben wir das Programm 
dahingehend entwickelt, daß wir uns 
auch an ältere Teilnehmer wenden. Es 
besteht nämlich für uns alle die Notwen- 
digkeit, das Evangelium zu studieren 
und unser Zeugnis zu stärken. 
In den Gebieten, in denen die Zahl der 
Mitglieder sich zum größten Teil aus 
Bekehrten zusammensetzt, d. h. daß 
diese Mitglieder noch keine großen 
Kenntnisse vom Evangelium haben, da 
sie als erste Generation ihrer Familie der 
Kirche angehören, sehen wir das größte 
persönliche Wachstum. Vor kurzem ha- 
be ich mit einem Vater gesprochen, der 
drei Jahre zuvor bekehrt worden war. Er 
sagte: „Kurz nach meiner Taufe wurde 
ich in die Sonntagsschulleitung unserer 
Gemeinde berufen. Während der 
Sonntagsschulklassen hatte ich also 



wirklich keine Möglichkeit, mehr über 
das Evangelium zu lernen. Jetzt lernen 
meine Kinder, die am Seminar- 
programm teilnehmen, vieles über das 
Evangelium, was ich nicht weiß." Dieser 
Vater suchte zusätzliche Hilfe, um so 
schnell wie möglich mehr vom Evangeli- 
um zu lernen. Er mußte mit seinen 
Kindern mithalten können. Das Semi- 
nar- und Institutsprogramm stellte ihm 
diese zusätzlichen Hilfen zur Verfügung. 
Diese Hilfsmittel sind für Mitglieder der 
ersten Generation besonders bedeut- 
sam, aber auch unter Mitgliedern, die in 
Pfählen leben, die schon seit langem 
bestehen, gibt es ein wirkliches Ver- 
langen, mehr vom Evangelium zu erfah- 
ren. 

Ensign: Wie können die Priestertums- 
führer junge Menschen dazu anspornen, 
sich anzumelden und richtig mitzu- 
arbeiten? 

Bruder Christensen: Für das Bildungs- 
wesen ist es wichtig, mit den übrigen 
Beamten der Kirche zum Nutzen der 
jungen Menschen auf dem Gebiet der 
religiösen Bildung zusammenzu- 
arbeiten. Jeder Beamte soll seine eigenen 
besonderen Möglichkeiten nutzen, um 
den jungen Leuten zu helfen. 
Auf Gemeindeebene steht dem Bischof 
dabei der Führungssekretär zur Seite. 
Das gleiche gilt auf Pfahlebene. Der 
Führungssekretär sorgt dafür, daß 
Bildungsfragen auf die Tagesordnung 
der Sitzungen der Bischofschaft, der 
Pfahlpräsidentschaft und des Hohen 
Rates gesetzt werden, damit die An- 
gelegenheiten, die diskutiert werden sol- 
len und wo Führung und Hilfe not- 
wendig sind, besprochen werden. 
Wir müssen sicher sein, daß die 
Priestertumsführer verstehen, warum 
von uns solcher Wert auf eine religiöse 
Ausbildung während der Woche gelegt 
wird. Präsident Kimball hat durch seine 
Aufforderung, daß wir weiter aus- 



30 



schreiten sollen, vielen Leuten 
Priestertumsführern, Studenten und El- 
tern — eingeschärft, daß es ihre Pflicht 
sei, das Evangelium zu studieren, und er 
betrachtet das Seminarprogramm als 
ein wirksames Mittel, die jungen Men- 
schen im Evangelium zu unterweisen 
und ihr Zeugnis zu stärken. Wenn das 
geschieht, dann gehen junge Männer auf 
Mission. 

Ensign: Was kostet das Programm den 
einzelnen? 

Bruder Christensen: Der Unterricht ist 
kostenlos. Es wird ein geringfügiger 
Unkostenbeitrag für die Materialien 
erhoben, die er persönlich erhält, wie 
zum Beispiel Bücher, Leitfäden oder den 
Studienführer. 

Wir wollen nicht, daß irgend jemand 
durch die Kosten für dieses Programm 
vom Studium des Evangeliums abge- 
halten wird. Wir wollen, daß jeder, wie 
auch immer seine finanzielle Lage aus- 
sehen mag, die Möglichkeit haben soll, 
das Evangelium zu studieren. Wenn die 
Heiligen nur einmal den Geist des 
Evangeliums erfaßt haben, so werden sie 
Mittel und Wege finden, ihren Kindern 
noch zusätzliche Vorteile zu bieten. 
Ensign: Wie kann ein Kind aus einer 
Familie mit niedrigem Einkommen teil- 
nehmen? Machen Sie gelegentlich auch 
Ausnahmen? 

Bruder Christensen: Wir hoffen, daß 
jeder Bischof oder Gemeindepräsident 
darauf achtet, daß jedem geholfen wird, 
wenn er selbst nicht in der Lage ist, 
seinen Beitrag zu leisten. 
Wir haben auch eine Aktion unter den 
Teilnehmern selbst, das sogenannte 
„Project Share" („Projekt Teilen"), und 
viele Teilnehmer haben gespendet, wo- 
durch Tausende von Dollars bereit- 
gestellt wurden, um jenen zu helfen, die 
sonst aus finanziellen Gründen nicht am 
Programm teilnehmen könnten. 
Ensign: Können Sie mir einige der 



bleibenden Vorteile des Seminars und 
Institutsprogrammes nennen? 
Bruder Christensen: Ich habe gesehen, 
wie einzelne Mitglieder, ja, ganze 
Gemeinden, Pfähle und Missionen ge- 
wachsen sind, die das Seminar und 
Institutsprogramm erfolgreich durch- 
geführt haben. Als Augusto Lim als 
Pfahlpräsident des Pfahles Manila auf 
den Philippinen bestätigt wurde, sagte 
er, daß er befürchte, daß der Pfahl nicht 
lebensfähig sei, da es keine erfahrene 
Führung gebe. Später sagte er in einem 
Gespräch: „Ich finde, wir haben heute 
so viele, die das Seminarund Instituts- 
programm abgeschlossen haben und die 
deshalb das Evanglium kennen und es 
lehren können. Das Seminar- und das 
Institutsprogramm haben in unserem 
Gebiet eine Führerschaft aufgebaut." 
Vor einiger Zeit war ich auch im Büro 
des Missionspräsidenten in Peru, und er 
sagte: „Seit fünf Monaten konnten wir 
schon keine Missionare mehr aus Nord- 
amerika bekommen. Vor einem Jahr 
hatten wir nur zwei oder drei Peruaner, 
die als Vollzeitmissionare arbeiteten, 
heute haben wir 45, und wir hoffen, daß 
wir mit Ende dieses Jahres 100 haben 
werden." 

Es gibt nun viel mehr junge Menschen, 
die unter ihrem eigenen Volk als Missio- 
nare arbeiten. Tatsächlich sind in Brasi- 
lien über 50 Prozent der Missionare 
Brasilianer. In der Folge ist das 
Bekehrungsverhältnis höher. Vieles 
spricht dafür, daß Seminar und Institut 
tatsächlich eine Wirkung hinterlassen 
haben. 

Doch ist nicht diese Entwicklung allein 
dem Seminarund Institutsprogramm 
zuzuschreiben. Wir haben in der Kirche 
viele Programme, die dazu beitragen, 
Missionare zu schulen. Und wir haben 
einen Propheten, der die Missionsarbeit 
betont. Aber es wurden einige inter- 
essante Studien angestellt, in denen 

(Forts, auf S. 35) 



Zum Leben 
erwacht 




^Hjs hat mein Leben verändert. 
Es hat mir sehr geholfen, mich für eine 
Mission zu entscheiden." 
„Während ich den Kursus über die 
Geschichte der Kirche durchgearbeitet 
habe, da habe ich das Zeugnis davon 
bekommen, daß ich mich taufen lassen 
sollte." 

„Es hat mir sosehr geholfen und mich 
vorbereitet, auf Mission zu gehen. Es hat 
meine Kenntnis vom Evangelium erwei- 
tert und mein Zeugnis gestärkt, und es 
hat mir auch geholfen, Mut zu fassen, 
wenn ich es nötig hatte." 
Worüber haben diese drei chilenischen 
Missionare gesprochen? Über das Semi- 
nar- und Institutsprogramm. Aber sie 
stehen mit ihren Gefühlen keineswegs 
allein. Tausende von jungen und weniger 
jungen Heiligen der Letzten Tage auf der 



ganzen Welt konnten sich derartiger 
Erfahrungen erfreuen, seitdem die 
Bildungsarbeit der Kirche sich auch auf 
die Gebiete erstreckte, in denen sie 
lebten. Auf den vorangegangenen Seiten 
haben wir ein Interview mit Bruder Joe 
J. Christensen, dem Stellvertretenden 
Beauftragten der Kirche für religiöse 
Bildung, gebracht. In diesem Interview 
erzählt uns Bruder Christensen etwas 
über die Geschichte des Seminarund 
Institutsprogrammes, wie es funktio- 
niert und was es anbietet. Aber darüber 
hinaus betrifft die Geschichte des Pro- 
grammes die Auswirkungen, die es auf 
das Leben der Teilnehmer, auf deren 
Familien, Gemeinden, Schulkollegen 
und viele andere hat. 
Vor kurzem wurden Schüler und Ab- 
solventen des Seminar- und Institut- 
sprogrammes, deren Eltern und 
Priestertumsbeamte gebeten, ihre Ge- 
danken und ihre Gefühle hinsichtlich 
des Programmes zum Ausdruck zu brin- 
gen. Das Ergebnis war ein großer Stapel 
von Briefen aus allen Teilen der Welt. 
Und obwohl die Briefe in Sprachen 
geschrieben waren, die voneinander so 
verschieden sind wie Deutsch und Chi- 
nesisch, hatten sie doch den gleichen 
Geist. Wir möchten gerne Sie einiges 
auszugsweise lesen lassen. 
Aus Brasilien: „Wenn ich an all die 
Gründe denke, die mich dazu veranlaßt 
haben, meine Berufung auf Mission 
anzunehmen, und an all die Faktoren, 
die dazu beigetragen haben, daß dieses 
Erlebnis zu einem Erfolg wurde, so fällt 
mir der große Einfluß ein, den das 
Seminarprogramm auf mein Leben hat- 
te. 

„Das Wichtigste von allem, was mir 
dort klargeworden ist, ist, welche große 
Bedeutung die Familie hat." 
Ein Vater aus Lima in Peru schrieb: „Im 
Leben unseres Sohnes vollzog sich eine 
so große Änderung, als er mit dem 



32 




Seminarprogramm begann, daß unser 
ganzes Familienleben davon beeinflußt 
wurde." 

Die Teilnahme am Seminar- oder 
Institutsprogramm kann auch das Ver- 
hältnis der jungen Menschen zu den 
anderen Mitgliedern ihrer Gemeinde 
beeinflussen. Vor seiner Mission schrieb 
ein junger Mann seinem ehemaligen 
Seminarlehrer: „Ich fühle mich mit der 
Gemeinde so verbunden. Ich freue mich 
auf die Versammlungen, in denen ich 
mit unseren Brüdern und Schwestern 
zusammenkommen kann . . . Mir geht 
es gut, und ich bin glücklich. Das 
Seminar hat in großem Maße dazu 
beigetragen." 

Am häufigsten schreiben die Seminar- 
und Institutsschüler darüber, daß ihr 
Wissen und Zeugnis dadurch gewachsen 
seien, daß sie mit Eifer mitgearbeitet 
hätten. 

Ein Schüler aus Taiwan schrieb: „Durch 
die Teilnahme am Seminar wuchs meine 
Geistigkeit und meine Kenntnis vom 
Heiland, der das Fundament meines 
Glaubens wurde. Nun bin ich glücklich, 
und die Überzeugung, daß das wieder- 
hergestellte Evangelium wahr ist, erfüllt 
mich." 

„Im Kursus ,Das Alte Testament' habe 
ich gelernt, die heiligen Schriften zu 
lieben und im täglichen Leben danach zu 



handeln", berichtete ein Missionar in 
Brasilien. „Durch den Kursus ,Das 
Buch Mormon' konnte ich mein Zeug- 
nis stärken, was in mir den großen 
Wunsch weckte, dieses Zeugnis jenen 
abzulegen, die die Kirche noch nicht 
kannten. Was ich im Kursus ,Das Neue 
Testament'über das Leben des Heilands 
lernte, brachte mich dazu, die Bedeu- 
tung einer wahren Beziehung zum Hei- 
land zu entdecken." 
Auch Nichtmitglieder können aus dem 
Seminar und dem Institut Nutzen zie- 
hen. Ein junger Mann aus Taiwan 
schrieb zum Beispiel: „Als ich mich für 
das Seminar anmeldete, war ich noch ein 
Wahrheitssucher. Das Seminar ließ mei- 
nen Glauben und mein Zeugnis wachsen 
und gab mir den Mut, mich taufen zu 
lassen." 

Dann ist noch von Barbara aus 
Deutschland zu erzählen, die mit einer 
tödlichen Krankheit im Krankenhaus 
lag. Sie verbrachte einen so großen Teil 
ihrer Zeit mit dem Studienmaterial des 
Instituts, daß eine Krankenschwester 
begann, sich dafür zu interessieren. Als 
Barbara ihr das Programm erklärte, 
bestellte sie sich das Material für sich 
selbst. Barbara starb im Frühling des 
darauffolgenden Jahres, aber die 
Krankenschwester ist seitdem Mitglied 
der Kirche. 



33 



Wie ich anfangs gesagt habe, gab es viele 
Briefe von Seminar- und Instituts- 
teilnehmern und von Menschen, deren 
Leben sie berührten. Wir könnten noch 
viele Beispiele anführen. Aber vielleicht 



können sie alle in einem Satz zusammen- 
gefaßt werden, der von einem chileni- 
schen Missionar stammt: „Durch das 
Seminarprogramm erwachte ich zum 
Leben." 



(Forts, von SA 3) 

Vier Jahre Pfadfinderprogramm, die 
Zuständigkeit für das Krankenhaus, die 
Veröffentlichung des „Children's 
Friend" (der Zeitschrift für die Kinder) 
und die Leitung des übrigen Program- 
mes schienen ihr, als ob sie „eine stein- 
erne Wand hinaufklettern wollte", be- 
teuerte sie. Freundlich gab ihr Präsident 
David O. McKay folgenden Rat: „Die 
Mauer mag vielleicht unüberwindlich 
sein, aber wir können uns nicht zurück- 
lehnen und sagen, daß es keinen Sinn 
hätte, es zu versuchen. Wir können zur 
Mauer gehen . . . Vielleicht gibt es eine 
versteckte Leiter, die wir nicht gesehen 
haben, oder vielleicht gibt es eine Tür, 
durch die wir gehen können. "Das 
Pfadfinderprogramm wurde erfolgreich 
in die PV integriert. 
1964 brauchte das PV-Kinder- 
krankenhaus einen Anbau. Er wurde 
unter Schwester Parmleys Präsident- 
schaft gebaut. Im PV-Hauptausschuß 
wurde viel für die Kinder gebetet, die im 
Krankenhaus lagen, aber gelegentlich 
bat Schwester Parmley um mehr. Ein 
kleiner Junge war von Hong Kong in das 
Krankenhaus eingeliefert worden, da- 
mit seine Klumpfüße operiert würden. 
Es kam aber zu Komplikationen, die 
dazu führten, daß ein Fuß amputiert 
werden sollte. Es war Schwester Parmley 
bewußt, daß die Eltern das Kind voller 
Vertrauen in die Vereinigten Staaten 
geschickt hatten, daß es gesund zurück- 
kehren würde. Sie sagte: „Wir können 
ihn nicht mit einem Fuß nach Hause 
schicken." Sie bat darum, daß man diese 



Entscheidung noch einige Tage hinaus- 
schieben würde. Nach gemeinsamem 
Fasten und Beten im Hauptausschuß 
berichteten die Ärzte, daß sich der 
Zustand des Fußes gebessert habe, und 
der Junge konnte geheilt die Heimreise 
antreten. 

In der Zwischenzeit hielt die PV mit dem 
Wachstum der Kirche in Übersee 
Schritt. Schwester Parmley besuchte die 
Primarvereinigung in jedem Land, in 
dem es einen Pfahl oder eine Mission 
gab, einschließlich Singapur, Südafrika 
und Tonga, wobei sie oft Kinder traf, die 
im PV-Krankenhaus behandelt worden 
waren. 

Während Schwester Parmleys Amtszeit 
wurde die PV sogar noch wirksamer, 
indem sie sich am Korrelations- 
programm beteiligte, das von Präsident 
Harold B. Lee ins Leben gerufen worden 
war. Es gab besondere Kommitees, die 
darauf achteten, daß die Sonntagsschul- 
und die PV-Lektionen aufeinander 
abgestimmt waren und die vollständigen 
Grundsätze des Evangeliums lehrten. In 
dem Bestreben der Kirche, die Leitung 
von Krankenhäusern abzugeben, hat sie 
auch die Leitung des PV-Kinder- 
krankenhauses abgetreten. 
Da man sich des Drucks und der 
wachsenden Versuchungen im klaren 
ist, denen die Kinder ausgesetzt sind, 
verdoppelt die PV ihre Anstrengungen, 
jedem Kind die PV zugänglich zu ma- 
chen, was auch die Errichtung von 
Heim-PVs und besondere PVs für be- 
hinderte Kinder einschließt. Die Lektio- 



34 



nen werden sorgfältig wie Schul- 
lehrpläne entworfen, und jeder Grund- 
satz wird verschiedene Male während 

der PV-Zeit eines Kindes untermauert. 
Schwester Shumway ist seit dem 5. 
Oktober 1974 Präsidentin der PV, und 
sie freut sich auf den Fortschritt, den die 

PV im nächsten Jahrhundert machen 
wird. Sie sagt: „In dem Maße, wie die 
Mitgliederzahl der Kirche ansteigt, rech- 
nen wir damit, daß auch die Zahl der in 

der PV eingetragenen Kinder zunehmen 
wird, und erwarten, daß jedes Kind mit 
den Lehren des Evangeliums so ge- 
wappnet wird, daß es besser vorbereitet 



sein wird, den Anforderungen der Zu- 
kunft gewachsen zu sein." 
Sie haben die Aufforderung Präsident 
Kimballs angenommen, die er in seinen 
Worten an die PV-Beamtinnen in einem 
Stehbildfilm ausgedrückt hat: „Der 
wichtigste Zweck der Primarvereinigung 
ist der, dem Priestertum zu helfen und 
die Eltern zu unterstützen, ihre Kinder 
beten und gerecht vor dem Herrn wan- 
deln zu lehren. Wir müssen die Seg- 
nungen der PV in das Leben jedes 
Kindes bringen." (Mehr über die Führ- 
ung der PV durch Schwester Shumway 
erfahren Sie aus einem Interview mit ihr 
in dieser Ausgabe.) 



(Forts, von S. 21) 

Produktion anderer Filme. Alle Arbei- 
ter, die daran beteiligt sind — Ton- 
techniker, Kameraleute, Schauspieler, 
Regisseur, Requisiteure und Masken- 
bildner — sie alle sind der Sache ergeben 
und aus einem einzigen und selbstlosen 
Grund auf den Erfolg bedacht: Sie 
wissen von der möglichen missionari- 



schen Wirkung und davon, wie sehr ein 
Zeugnis gestärkt werden kann, wenn die 
Arbeit richtig getan wird. Bruder Jacobs 
sagte: „In der Filmbranche würde man 
über mich lachen, weil ich das sage, aber 
ich glaube, wenn ein Mensch durch den 
Film geistig bewegt wird, ist es deshalb, 
weil der Herr unsere Bemühungen 
gesegnet hat." 



(Forts, von S. 31) 

Missionare aus den verschiedensten 
Teilen der Welt gefragt wurden: „Was 
hat am meisten dazu beigetragen, daß 
Sie auf Mission gegangen sind?" Und 
ein großer Teil hat darauf geantwortet, 
daß es das Evangeliumsstudium im 
Rahmen des Seminars gewesen ist. 
Wenn ein junger Mensch das Evange- 
lium studiert, dessen Geist erfaßt und 
dann den Propheten hört, der darauf 
hinweist, daß er auf Mission gehen soll, 
dann wird er entsprechend handeln. 
Wenn er das Evangelium nicht studiert 
hat, wenn er nicht auf diese Art von 
Verpflichtung eingestellt ist, könnte der 
Prophet gleich Noah 120 Jahre lang 



geredet haben und er würde dennoch auf 
keinen Widerhall stoßen. Aber wenn 
man einen Propheten und aufge- 
schlossene Hörer hat, dann geschieht 
wirklich etwas. 

Ich bin von dem, was vor sich geht, 
begeistert. Als der Bildungsausschuß der 
Kirche im November 1970 beschloß, 
seine Arbeit auf nicht Englisch 
sprechende Gebiete auszudehnen, war 
er wirklich inspiriert. Heute ernten wir 
die Segnungen dieser Inspiration, und 
wir arbeiten fleißig daran, die Seg- 
nungen des täglichen Evangelium- 
studiums weiteren Tausenden zu brin- 
gen. 



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RICHARD L. EVANS 

VvMhstihM und üüMhUmfr 

Manchmal im Leben sind wir so beschäftigt, daß wir gar nicht auf die 
Warnsignale und Symptome achten, die sich in manchen Situationen 
des Lebens zeigen. Unter dem Druck eines komplizierten Daseins, 
dem wir uns verschrieben haben, streben wir nur noch von Platz zu 
Platz, von Aufgabe zu Aufgabe, die wir erfüllen müssen. Alles andere 
sehen wir nicht. 

So sind manche Eltern so sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten be- 
beschäftigt, daß sie — wenn überhaupt — kaum die ersten Anzeichen 
einer Veränderung bei ihren Kindern wahrnehmen. Es sind Verände- 
rungen der inneren Haltung der Kinder, ihrer Neigungen und Inter- 
essen. Sie wählen sich andere, neue Freunde zu ihrer Gesellschaft aus. 
Es mögen bessere Freunde sein als die bisherigen, bessere Neigungen 
und bessere Interessen, oder aber auch umgekehrt. In jedem Falle 
aber müßten die Eltern sich die Zeit nehmen, einmal auf diese Dinge 
zu achten und gegebenenfalls Warnsignale oder andere Symptome 
der Veränderung festzustellen. Geduld und Gebet sollten die Eltern 
dazu bringen, ihre Kinder weise und klug zu führen und zu er- 
kennen, wenn Veränderungen mit ihnen vor sich gehen. 
Liebe, Weisheit und geduldiger Rat der Eltern vermögen oftmals, 
Kinder vor Fehlern, Gefahren und Herzenskummer zu bewahren. 
Sie können sie vor Verwirrung schützen, vor einer Schädigung ihres 
Rufs, vor falschen Wegen. Nur müssen die Eltern frühzeitig Warn- 
signale und Symptome der Veränderung erkennen. Sie müssen sie 
beobachten, nicht zu auffällig, und nicht zudringlich. Sie sollen ernst- 
haft um Einsicht bitten und um die Kraft, ihre Kinder vor dem Bösen 
zu bewahren. 

Manchmal geht es uns so, daß wir das Gefühl haben, dies tun oder 
jenes lassen zu müssen. Eine kleine, innere Stimme spricht zu uns, 
die wir manchmal unser Gewissen nennen, zuweilen auch mehr als 
das. In grundsätzlichen Fragen, bei Fragen von Recht oder Unrecht, 
kann niemand so leicht ehrlich behaupten, sich jedes Warnzeichens 
völlig unbewußt gewesen zu sein. Er kann nicht behaupten, nicht das 
Gefühl gehabt zu haben, etwas zu tun oder geplant zu haben, was 
er nicht tun sollte. 

Wir können es nennen wie wir wollen, aber es scheint, daß wir 
oft Gelegenheit haben, zu bedauern, daß wir auf die Zeichen nicht 
geachtet haben, die uns vor Fehlern hätten bewahren können. 
Wir sollten ernsthaft und dankbar auf diese Zeichen schauen. Wir 
sollten die Symptome beachten. Wir sollten mehr beten und darauf 
sinnen, Fehler zu vermeiden. 



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