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AUGUST 1978
104. Jahrgang, Nummer 8
Veröffentlichung August 1978
der Kirche Jesu Christi der 104. Jahrgang
Heiligen der Letzten Tage Nummer 8
Erste Präsidentschaft: Spencer W. Kimball, N. Eldon Tanner, Marion G. Romney .
Der Rat der Zwölf: Ezra Taft Benson, Mark E. Petersen, Delbert L. Stapley, LeGrand Richards,
Howard W. Hunter, Gordon B. Hinckley, Thomas S. Monson, Boyd K. Packer, Marvin J. Ashton,
Bruce R. McConkie, L. Tom Perry, David B. Haight.
Beratendes Komitee: Gordon B. Hinckley, Marvin J. Ashton, L. Tom Perry, Marion D. Hanks,
James A. Cullimore, Robert D. Haies. Church Magazines: Dean L. Larsen, Herausgeber.
Internationale Redaktion: Larry A. Hiller, Carol Larsen, Roger Gylling.
Der Stern: Klaus Günther Genge, Übersetzungsabteilung, Grabenstraße 14, A-8010 Graz.
Korrespondenten: Pfahl Berlin: Siegfried Raguse, Pfahl Dortmund: Wilfried Möller, Pfahl Düsseldorf:
Hellmuth Hartzheim. Pfahl Frankfurt: — . Pfahl Hamburg: Erich Sommer. Pfahl Hannover: — . Pfahl
München: Erika Vollath. Pfahl Stuttgart: Werner Rückauer. Pfahl Zürich: Bruno Kaspar. Mission
Frankfurt: — . Mission Hamburg: Karl Heinz Danklefsen. Mission München: — . Mission Wien:
Friedrich Schimpfhuber. Mission Zürich: — .
Inhalt
Gedanken über die Kindererziehung. Spencer W. Kimball 1
100 Jahre Primarvereinigung. Susan Oman und Carol Madsen 7
Eine Grundlage für die Zukunft. Naomi M. Shumway 14
O wie lieblich war der Morgen. Jeane W. Chipman 17
Brigham Young 22
Weltweites Wachstum des Bildungswesens der Kirche.
Joe J. Christensen 28
Zum Leben erwacht 32
Für Kinder
Glauben in Kapstadt 1
Eine Freundin der Kinder 2
Der Klub der guten Nachbarn. Mary S. Divers 6
Eine Taufe ist eine Familienangelegenheit 9
Papierpuppe 12
Jahresabonnement :
Bestellungen über den Sternagenten der Gemeinde:
DM 20,- an Verlag Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage,
Postscheckkonto Frankfurt 64 53-604.
sFr. 21,- an First National City Bank, Genf, Konto-Nr. 100 072, Kirche Jesu Christi der Heiligen der
Letzten Tage.
ÖS 130,- an Erste Österreichische Spar-Casse, Wien, Konto-Nr. 000-81 388, Kirche Jesu Christi der
Heiligen der Letzten Tage.
USA und Kanada (nicht mit Luftpost): $ 8.00.
Verlag Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Porthstrasse 5-7, D6000 Frankfurt am Main
50
© 1978 by the Corporation of the President of The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints.
All rights reserved.
Einem Teil unserer Auflage liegt eine Anzeige bei.
Botschaft der
Ersten Präsidentschaft
GEDANKEN
ÜBER
DIE KINDER-
ERZIEHUNG
Spencer W. Kimball
Präsident der Kirche
I
.n diesem Jahr feiern wir das
hundertjährige Bestehen der Primarver-
einigung. Uns wird immer stärker be-
wußt, daß die Kinder in der ganzen Welt
die Primarvereinigung brauchen. Sie
müssen, solange sie noch klein sind,
lernen, nach den Evangeliumsprinzipien
zu leben, und sie müssen ein Zeugnis
davon entwickeln, daß Jesus Christus
der Erretter ist, der Sohn unseres Vaters
im Himmel. Könnten wir die Kinder
besser unterweisen als dadurch, daß wir
uns selbst an das Vorbild halten, das uns
der Erlöser gegeben hat? Er hat die
Kinder geliebt; er hat sie in die Arme
genommen und gesegnet. Auch heute ist
es für die Kinder notwendig, so unter-
wiesen zu werden, wie Jesus Christus es
getan hat — liebeund verständnisvoll,
von Mitgefühl und Geduld geleitet. Für
diese Aufgabe ist keine Mühe zu groß;
keine Arbeit ist lohnender. Wir müssen
jedem Kind die Segnungen der Primar-
vereinigung zugänglich machen.
Am Anfang hat der Herr Mann und
Frau erschaffen und ihnen geboten, sich
zu mehren und die Erde zu füllen. Er
wies sie auch an, sich um ihre Kinder zu
kümmern und sie zur Rechtschaffenheit
zu erziehen.
Unser Vater im Himmel hat den Eltern
die Pflicht auferlegt, dafür zu sorgen,
daß ihre Kinder gut ernährt und ge-
pflegt, gekleidet und erzogen werden.
Zwar geben die meisten Eltern ihren
Kindern ein Obdach; sie pflegen sie,
wenn sie krank sind, sie geben ihnen
schützende und bequeme Kleidung und
1
dazu Nahrung, damit sie gesund sind
und wachsen. Aber was tun sie für ihre
Seele?
An einem kalten Wintertag brechen die
meisten Kinder warm angezogen zur
Schule auf. Ihre Schuhe haben dicke
Sohlen, und darüber tragen sie vielleicht
noch Überziehschuhe. Mit einem dicken
Mantel, mit Schal und Faust-
handschuhen sind sie vor den Unbilden
der Witterung geschützt. Bewahrt man
diese Kinder aber auch vor falschen
Ideologien, vor den Vorstellungen an-
derer Jugendlicher und den alltäglichen
Versuchungen?
Der Taucher trägt einen schweren
Gummianzug als Schutz vor der Kälte,
aber werden auch die Kinder durch
Beten, durch Einigkeit in der Familie
und durch geistige Schulung gegen die
geistig kalte und finstere Welt ge-
wappnet, wo sie essen und trinken,
schlafen und spielen?
Wer im Freien arbeiten muß, hält Kälte
und Nässe durch geeignete Kleidung ab,
aber wie oft werden auch die Kinder
umfassend geschützt — dadurch, daß
man in der Familie einander in Liebe
und Achtung zugetan ist, man sich
gegenseitig versteht und die Kinder
schult und erzieht?
Wenn die Kinder fortgehen, um die
Schule zu besuchen oder mit ihren
Freunden zu spielen, wissen die Eltern
nie ganz genau, was die Kinder lernen
werden. Wenn sie sich aber Abend für
Abend die Zeit nehmen, ihnen das
Evangelium zu erklären, tritt dieser
Einfluß an die Stelle des Schlechten, das
sie tagsüber vielleicht aufgenommen
haben.
Der Herr hat dies gewußt und uns
deshalb offenbart, daß wir jeden
Montagabend — wenn wir es wünschen,
auch an zusätzlichen Abenden —
Familienabend halten sollen. Wie sähe
es in dieser Welt wohl aus, wenn alle
Väter und Mütter mindestens jeden
Montagabend ihre Kinder um sich
scharten, ihnen das Evangelium er-
klärten und ihnen inbrünstig Zeugnis
ablegten? Wie könnte sich unter solchen
Umständen die Unmoral weiter aus-
breiten, könnten Familien durch Un-
treue zerrüttet werden und die
Kriminalität ansteigen? Es gäbe weniger
Scheidungen, und viele Gerichte, wo
darüber verhandelt wird, könnten ihre
Tore für immer schließen.
„Und ihr werdet nicht zugeben, daß eure
Kinder hungrig oder nackend gehen; ihr
werdet auch nicht dulden, daß sie das
Gesetz Gottes übertreten, miteinander
zanken und streiten und dem Teufel
dienen, welcher der Herr der Sünde oder
der böse Geist ist, von dem unsre Väter
geredet haben, denn er ist ein Feind aller
Rechtschaffenheit,
sondern ihr werdet sie lehren, auf den
Wegen der Wahrheit und Ernst-
haftigkeit zu wandeln; ihr werdet sie
lehren, einander zu lieben und zu die-
nen" (Mosiah 4:14, 15).
Die Eltern können in ihren Kindern
Achtung vor dem Besitz und den Rech-
ten anderer wecken, indem sie ihnen
darin ein Vorbild sind und sie ent-
sprechend unterweisen. Die Eltern sol-
len von ihren Kindern verlangen, sich zu
entschuldigen, wenn sie anderen etwas
genommen oder das Eigentum anderer
beschädigt oder zerstört haben; sie sol-
len sie dazu anhalten, solches Eigentum
zurückzuerstatten, vielleicht sogar dop-
pelt und dreifach. Kinder, die eine solche
Erziehung genossen haben, wachsen zu
ehrenhaften Bürgern heran und bringen
ihren Eltern Ehre und Ansehen ein.
Wenn die Eltern Recht und Ordnung
selbst achten, können sie ihre Kinder
durch dieses vorbildliche Verhalten und
durch Lob und Tadel zur Disziplin
erziehen und vor ungebührlichem Be-
tragen und Aufsässigkeit bewahren. In
dem Maße, wie man sich äußerlich
beherrschtes Verhalten zur Gewohnheit
gemacht hat, wird die innere Disziplin
zur treibenden Kraft. Es ist viel wichti-
ger und gewährt viel mehr innere Be-
friedigung, wenn man seinen eigenen
vernünftigen Prinzipien Folge leistet, als
wenn man nur anderen gehorcht.
Wir begegnen Männern, die zwar ein
mächtiges Land regieren können, die
aber nicht ihrer eigenen Familie vorzu-
stehen wissen. Sie können ihre rebelli-
schen Kinder nicht im Zaum halten und
sind auch nicht in der Lage, sich selbst zu
beherrschen. Ein großer Teil der heuti-
gen Jugend ist in erschreckendem Maße
ehrfurchtslos. Könnte man dies darauf
zurückführen, daß es schon ihren Eltern
an Ehrfurcht fehlt? Kann man von den
Kindern Geistigkeit, Religiosität und
Ehrfurcht erwarten, wo die Eltern kein
Interesse an solchen Werten zeigen?
Wenn Eltern in Zeitungen und Zeit-
schriften lesen, was für Grundsätze die
Welt bei der Kindererziehung anzu-
wenden versucht, sollten sie sich noch
fester entschließen, ihre Kinder vor dem
Einfluß derartiger Sünden und Irrlehren
zu bewahren. Sodann sollen sie ein
ordentliches Familienleben schaffen
und ihre Kinder so erziehen, daß der von
den weltlichen Einflüssen angerichtete
Schaden wettgemacht wird. In dem
Maße, wie die Kinder das Abscheuliche
in der Welt kennenlernen, müssen sie
auch von dem Guten in der Welt
erfahren und lernen, wie sie sich zu
diesen beiden Gegensätzen stellen sol-
len. Wenn die Eltern verstehen, daß
vielen Kindern das Familiengebet fehlt,
daß ihnen keine geistige Einstellung
vermittelt wird und man sie nicht unter-
weist, müssen sie mit vermehrter Ener-
gie dafür sorgen, daß ihre Kinder eine
gute Erziehung genießen.
Dem Propheten Lehi hat das Geschick
seiner Nachkommen sehr am Herzen
gelegen, und er hat gesagt:
„Aber sehet, meine Söhne und Töchter,
ich kann nicht ins Grab hinabgehen,
ohne euch einen Segen zu hinterlassen;
denn wenn ihr in den Wegen erzogen
seid, die ihr wandeln sollt, so weiß ich,
daß ihr nicht davon abweichen werdet"
(2. Nephi 4:5). Lehi ging noch weiter
und sagte:
„Und wenn ihr verflucht werdet, sehet,
dann lasse ich euch meinen Segen zu-
rück, damit der Fluch von euch ge-
nommen werde und auf das Haupt eurer
Eltern zurückfalle" (Vers 6). Sind wir als
Eltern darauf vorbereitet, den Fluch und
die Verantwortung auf uns zu nehmen,
wenn unsere Kinder versagen?
Das Buch Mormon beginnt mit den
Worten: „Ich, Nephi, stamme von guten
3
Eltern, daher wurde ich etwas in allem
Wissen meines Vaters unterrichtet; und
obgleich ich viele Leiden in meinem
Leben ertragen habe, so hat doch die
Gnade des Herrn allezeit über mir
gewaltet; und da mir große Erkenntnis
von der Güte und den Geheimnissen
Gottes zuteil geworden war, gebe ich
einen Bericht über mein Wirken in
meinen Tagen" (1. Nephi 1:1). Nephi
stand sein Leben lang unter der Obhut
seiner Eltern, die ihn gut behandelt
haben.
Wir wissen auch, daß Enos, der einen
kleinen Teil des Buches Mormon ge-
schrieben hat, gesagt hat: „Siehe, ich,
Enos, wußte, daß mein Vater ein ge-
rechter Mann war — denn er unter-
richtete mich in seiner Sprache und auch
in der Zucht und Ermahnung des Herrn
— und gesegnet sei der Name meines
Gottes dafür" (Enos 1). Zweifellos hatte
Enos selbst Probleme, aber er packte sie
an und löste sie, und er rechnete es
seinem Vater als Verdienst an, daß er ihn
so gut erzogen hatte.
Andererseits werden Väter und Mütter
in der Schrift verurteilt, wenn sie ihrer
Pflicht nicht nachkommen. Dem
Hohenpriester Eli wurden die schweren
Sünden seiner Söhne zur Last gelegt.
Der Herr verkündete dem Samuel: „An
dem Tage will ich über Eli kommen
lassen, was ich gegen sein Haus geredet
habe . . .
um der Schuld willen, daß er wußte, wie
sich seine Söhne schändlich verhielten,
und ihnen nicht gewehrt hat" (1. Samuel
3:12, 13).
In der Neuzeit hat der Herr gesagt: „Ich,
der Herr, bin nicht ganz zufrieden mit
den Einwohnern Zions, denn es gibt
Müßiggänger unter ihnen, auch wach-
sen ihre Kinder in Gottlosigkeit auf
(LuB 68:31). Wir ziehen keine Kinder
auf, um unserer Eitelkeit zu schmei-
cheln, sondern wir bringen sie auf die
Welt, damit sie Könige und Königinnen,
Priester und Priesterinnen des Herrn
werden.
Frederick G. Williams wurde vom
Herrn wie folgt ermahnt: „Du bist unter
dieser Verurteilung geblieben:
Du hast deine Kinder nicht Licht und
Wahrheit gelehrt . . . ; der Böse hat noch
Macht über dich, und dies ist die Ur-
sache deiner Trübsal . . .
Wenn du davon befreit werden willst,
mußt du zuerst dein eigenes Haus in
Ordnung bringen, denn es gibt vieles in
deinem Hause, was nicht recht ist" (LuB
93:41-43).
Darauf sprach der Herr zu Sidney
Rigdon und hielt ihm folgendes vor:
„Wahrlich, ich sage zu meinem Diener
Sidney Rigdon, daß er in einigen Dingen
die Gebote betreffs seiner Kinder nicht
gehalten hat; deshalb bringe er zuerst
sein Haus in Ordnung" (Vers 44).
Sodann sagte der Herr: „Was ich einem
sage, sage ich allen: Betet immerdar, auf
daß der Böse keine Gewalt über euch
habe und euch nicht aus eurem Platze
rücke" (Vers 49).
Wie traurig wäre es doch, sollte der Herr
jemandem von uns Eltern vorwerfen
müssen, daß er es versäumt habe, seine
Kinder zu unterweisen. Wenn ein Ehe-
paar Kinder bekommt, übernimmt es
eine ungeheute Verantwortung, denn es
wird von den Eltern nicht nur verlangt,
daß sie den Kindern Nahrung, Kleidung
und ein Obdach geben, sondern darüber
hinaus, daß sie sie gütig und liebevoll
erziehen und unterweisen.
Natürlich gibt es auch einige Seelen, die
selbst dann ungehorsam sind, wenn sie
geschult und unterwiesen werden. Die
meisten Kinder hören aber auf ihre
Eltern, wenn sie in der rechten Weise
von ihnen geleitet werden. In der Schrift
heißt es: „Gewöhne einen Knaben an
seinen Weg, so läßt er auch nicht davon,
wenn er alt wird "(Sprüche 22:6). Und
selbst wenn er davon abweichen sollte,
wird er wahrscheinlich den Weg zurück-
finden, sofern er richtig erzogen worden
ist.
Wären die Wälder Palästinas vernichtet
worden, wären die bewaldeten Hügel
kahl geworden, wenn Israels Väter und
Mütter ihre Pflicht gegenüber ihren
Kindern erfüllt hätten? Wäre Israels
Macht untergegangen, wäre der Him-
mel für Israel wie Eisen, die Erde wie Erz
gemacht worden (3. Mose 26:19)? Wäre
der Hunger wie ein Gespenst im Land
umgegangen? Hätten Mütter ihre eige-
nen Kinder verschlungen? Wäre das
Volk erneut gefangen hinweggeführt
worden?
Hätte der Wüstensand die große Stadt
Babylon samt ihrer Verderbnis unter
sich begraben, wären ihre Quellen ver-
trocknet, und wären ihre Tempel einge-
stürzt, wenn jeder Vater, von der Mutter
unterstützt, seine kleinen Kinder gemäß
der Zucht und Ermahnung des Herrn
erzogen und unterwiesen hätte? Hätten
Trunkenheit und Schwelgerei ihnen die
Augen vor der drohenden Gefahr ver-
schlossen? Wären die Palmen und Wei-
den verdorrt, und wäre das Land trok-
ken und wüste geworden? Wäre Babylon
ein Spott und Hohn unter den Völkern
geworden, und hätten Wolf und Scha-
kal, Eule und andere klägliche Krea-
turen das Land in Besitz genommen?
Hätten Hirten und Araber diesen Ort
des Spuks gemieden?
Wäre das alte Rom nicht immer noch
ein Weltreich, wenn jeder Vater in
diesem Imperium seine Söhne in der
Rechtschaffenheit anstatt in der Kriegs-
kunst unterwiesen und jede Mutter ihren
Kindern ein echtes Zuhause gegeben
hätte; wenn alle Eltern ihre Kinder zu
Hause um sich geschart hätten, anstatt
sie zu den Zirkusspielen und in die
öffentlichen Bäder zu schicken; und
wenn sie ihre Kinder Keuschheit und
Ehrgefühl, Lauterkeit und Ehre gelehrt
hätten? Das Römische Reich ist sicher
nicht von den Barbaren aus dem Nord-
en, sondern von innen her durch einen
heimtückischen, schlechten Einfluß zer-
stört worden.
Wie wäre die Weltgeschichte verlaufen,
wenn von Adams Zeit an alle Eltern
daheim das Evangelium verkündigt, den
Familienabend gehalten und die
Gemeinschaft in der Familie der Wei-
sung des Herrn gemäß gepflegt hätten?
Wäre je eine Sintflut über die Erde
hereingebrochen? Wäre der Turm zu
Babel gebaut worden — mit den Folgen,
die dieses Unterfangen nach sich zog — ,
und wären die Städte Sodom und
Gomorrha von der Erde vertilgt wor-
den? Wären die Straßen Samarias zu
Ackerland geworden, und hätten Er-
oberer die Mauern Jerusalems ge-
schleift?
In unserer Evangeliumszeit hat der Herr
das Gebot wiederholt, das für alle Eltern
gilt: „Wenn Eltern in Zion . . . Kinder
haben und sie nicht (unterweisen) . . . ,
so wird die Sünde auf den Häuptern der
Eltern ruhen (ein schrecklicher Gedan-
ke!).
Denn dies soll für die Einwohner Zions
... ein Gesetz sein.
Auch sollen die Eltern ihre Kinder
lehren, zu beten und gerecht vor dem
Herrn zu wandeln"(LuB 68:25, 26, 28).
Licht kann man auf zweierlei Art ver-
breiten: Entweder ist man selbst die
Lichtquelle, oder man wirkt als Spiegel,
der das Licht zurückwirft. Eltern kön-
nen beides. Was ein Kind im Familien-
leben kennenlernt, ahmt es zu einem
großen Teil nach. Wenn es seine Eltern
oft in den Tempel gehen sieht, macht es
sich selbst darüber Gedanken, wie es
sich dem Dienst im Tempel weihen
kann. Wenn man es dazu anhält, für die
Missionare zu beten, richtet es seinen
ganzen Sinn auf das Missionsprogramm
der Kirche und beginnt schon frühzeitig
für seine Mission zu sparen und sich auf
den Dienst als Missionar vorzubereiten.
Wenn die Welt von ihren geistigen und
seelischen Krankheiten geheilt werden
soll und die Probleme der Menschheit
gelöst werden sollen, muß das Familien-
leben wieder mehr gepflegt werden; die
Eltern müssen die Kinder lenken und zu
Hause unterweisen, und der Vater muß
wieder die Führungsrolle in der Familie
übernehmen. Daher sollen die Eltern die
Erziehung der Kinder nicht der Schule
oder der Primarvereinigung, der
Frauenhilfsvereinigung oder der
Sonntagsschule oder der GFV über-
lassen. Vielmehr müssen der Vater und
die Mutter diese große Verantwortung
auf sich nehmen; sie sollen sich durch die
Programme der Kirche dabei lediglich
helfen lassen. Darin liegt der Erfolg, der
nach dem Willen des Herrn durch den
von ihm eingeführten Familienabend
erreicht werden soll.
Gott ist unser Vater. Er liebt uns. Er
verwendet viel Energie auf das Be-
streben, uns zu schulen. Diesem Beispiel
sollen wir nacheifern und auch unsere
Kinder aus tiefstem Herzen lieben und
in Rechtschaffenheit aufziehen. Eltern,
die ihren Kindern ständig ihren Willen
lassen, werden bei der Erziehung ver-
sagen. Wir müssen unser Familienleben
planen und ordnen und unsere Kinder
zu Nachfolgern des Herrn Jesus Chri-
stus heranbilden.
Aufgabe der Primarvereinigung ist es,
den Eltern bei der Unterweisung der
Kinder im Evangelium zur Seite zu
stehen. Die Primarvereinigung ergänzt
also nur die häusliche Unterweisung. Ihr
Ziel ist es, die Kinder in rechtschaffener
Lebensführung zu bestärken und dahin
zu führen, daß sie schon frühzeitig
beginnen, richtige Entscheidungen zu
fällen, und diese Fähigkeit ihr ganzes
Leben behalten. Wir müssen eifrig und
energisch das Bemühen der Eltern
unterstützen, ihren Kindern Glauben
und ein Zeugnis vom Evangelium ins
Herz zu pflanzen.
100
Jahre
Primar-
vereinigung
Susan Oman und Carol Madsen
li^ ie warteten gerade auf einen Zug, als es passierte.
„Sie", das war eine Gruppe von Beamtinnen der FHV aus
Farmington im Staate Utah und einige Besucherinnen,
die von Salt Lake auf Besuch gekommen waren, unter
ihnen Eliza R. Snow. Und „es"war eine Unterhaltung, die
1878 den Samen der PV pflanzte.
Aurelia Spencer Rogers war die Gastgeberin der warten-
den Gruppe, und die kurze Wartezeit bot ihr die
Gelegenheit, ihre Sorgen zum Ausdruck zu bringen. Viele
der Knaben in der Umgebung durften abends lange
ausbleiben, und „gewiß verdienten einige der größeren zu
Recht die wenig erstrebenswerte Bezeichnung , Strolch"'.
Von den 12 Kindern, die Schwester Rogers zur Welt
gebracht hatte, waren fünf in frühester Kindheit ge-
storben. Sie bemühte sich, die ihr verbliebenen sieben
Kinder die Grundsätze des Evangeliums zu lehren, und
sie sorgte sich um jedes Kind, das sie ohne den festen
Grund der Evangeliumsgrundsätze aufwachsen sah.
Aurelia S. Rogers
Louie B. Feit
Aber sie tat mehr, als sich darum Sorgen zu machen. In
den vergangenen Monaten hatte sie sehr viel über den
Vorschlag nachgedacht, den sie nun Schwester Snow
unterbreitete. „Könnte es nicht eine Organisation für die
kleinen Jungen geben, in der sie gelehrt würden, was gut
ist und wie sie sich benehmen sollen?"
Schwester Snow zeigte sich interessiert. Als leitende
Beamtin der FHV und der GFVJD war sie einverstanden,
darüber mit Präsident Taylor zu sprechen.
Später schrieb Eliza Snow an Schwester Rogers' Bischof,
John W. Hess, der schon zuvor eine Versammlung mit
den Müttern einberufen hatte, wo er mit ihnen darüber
gesprochen hatte, wie sie ihre Kinder erziehen sollen. In
der Folge bat er Schwester Rogers, eine Organisation der
Kinder in Farmington zu leiten. Bald machte sie sich
Vorstellungen davon, was mit der Primary Mutual Im-
provement Association — ein Name, der bald auf Primary
Association (Primarvereinigung) verkürzt wurde — ge-
schehen sollte, und erkannte, daß die kleinen Jungen zwar
die PV brauchten, aber der Gesang dort „sowohl die
Stimmen von kleinen Mädchen als auch von kleinen
Jungen nötig hatte, um so gut zu klingen, wie er sollte".
Könnten sie Mädchen einbeziehen? In einem Brief
versicherte Schwester Snow: „Der Geist und der Inhalt
Ihrer Briefe gefällt mir sehr. Ich bin sicher, daß der
Himmel Sie inspiriert und leitet und daß eine große und
sehr wichtige Bewegung für die Zukunft Zions im
Entstehen begriffen ist . . . Präsident Taylor heißt sie gut."
Die erste Versammlung war für den 25. August 1878
angesetzt. Auf Bischof Hess' Vorschlag besuchten Schwe-
ster Rogers und ihre neu berufenen Ratgeberinnen jede
Familie in der Gemeinde und zählten so 115 Jungen und
100 Mädchen. Sie luden alle ein, und viele von ihnen
kamen, wenn auch nicht alle pünktlich waren. Diese
Unordnung und das, was Schwester Rogers „unvor-
hergesehene Hindernisse" nannte, hatten zur Folge, daß
die Versammlung „kein richtiger Erfolg" wurde. Eine
tröstende geschichtliche Notiz für all jene, die beim
„ersten Mal" stolpern. Schon von Anfang waren die Ziele
der Organisation klar zu erkennen, und Schwester Rogers
lehrte die Kinder, wie man sich sowohl in der PV als auch
außerhalb richtig benimmt.
Der Grundgedanke der PV befriedigte ein schlummern-
des Bedürfnis. Unter Eliza R. Snow wurden in vielen
Städten Primarvereinigungen gegründet, viele als eine Art
FHV-Projekt. Mit ihren siebzig Jahren war Schwester
Snow unermüdlich. Sie reiste durch das ganze Gebiet, um
den Kindern ein Bild vom Propheten Joseph Smith zu
zeigen, den die Kinder nie gesehen hatten, oder um sie
seine Uhr sehen zu lassen. Sie erzählte ihnen spannende
Geschichten von Kindern in Nauvoo und Kirtland und
machte ihnen ihre eigene Mission verständlicher, indem
sie ihnen versicherte, daß „sie besondere Geister seien und
daß es ihnen vorbehalten worden war, in diesen Tagen zu
einem weisen Zweck hervorzukommen".
Jemanden, der heute in der PV tätig ist, mußten diese
Versammlungen wie kleine Abendmahlsversammlungen
angemutet haben. Die Kinder versammelten sich in
Gruppen zu fünfzig oder sechzig — oder manchmal zu
mehr als hundert — in ihren Gemeinden oder Schulen, die
nur aus einem Raum bestanden. Das Alter der Kinder
reichte von vier bis vierzehn Jahren. (Von 1913 an wurden
die zwölfjährigen Jungen in die GFVJM und von 1920 an
die Mädchen in die GFVJD aufgenommen.) Die einzigen
Erwachsenen, die gewöhnlich an den Versammlungen
teilnahmen, waren die PV-Leiterin und ihre Rat-
geberinnen. Manchmal war sogar die Sekretärin eines der
Kinder. Es gab keine Lehrer, keine Handbücher und
keinen Unterricht in Klassen. Zum größten Teil bestand
die Versammlung aus Dialogen, Vortragsstücken und
Liedern, die von den Kindern dargeboten wurden, wobei
man auf die Bücher angewiesen war, die erhältlich waren.
Eliza R. Snow billigte diese Aktivität, aber war dennoch
besorgt, daß der Evangeliumsunterricht zu kurz kommen
könnte. Daher bereitete sie in den frühen achtziger Jahren
eine Reihe von Büchern vor, in denen unter anderem auch
Kirchen- und andere Lieder, Dialoge, Vortragsstücke
und eine Reihe von Fragen und Antworten aus der Bibel
zu finden waren.
Zwei Jahre lang hatten sie nun in der PV experimentiert
und hatte sich die Organisation ausgedehnt, da bekam
Eliza R. Snow das Gefühl, daß diese neue, kleine
Organisation ihre eigene Führung haben sollte. Sie berief
Louie Bouton Feit einen Monat nach ihrem dreißigsten
Geburtstag, die erste Präsidentin dieser Organisation zu
sein. Sie war zuvor die Präsidentin der zweiten Primarver-
einigung gewesen, die gegründet worden war, nämlich der
der Elften Gemeinde von Salt Lake City, und sie hatte in
ihrem Leben nie selbst Kinder gehabt. In der Tat war bis
LaVern Watts Parmley, die 1951 als Präsidentin bestätigt
wurde, keine PV-Präsidentin Mutter. Dies schien jedoch
für keine von ihnen ein Handikap gewesen zu sein, für
Schwester Feit war es das auf jeden Fall nicht. Eine
Mitarbeiterin fand, daß „ihr Einfluß auf die Kinder
May Anderson
May Green Hinckley
wunderbar war" und daß „diese alles taten, um Schwester
Felts Anerkennung zu erringen".
Dieser Einfluß wirkte in der PV während der nächsten
fünfundvierzig Jahre - - und sogar noch länger, da die
Frau, die Schwester Feit folgte, nämlich May Anderson,
während des ganzen Lebens ihre Freundin war. Bruder
Feit, der um die Gesundheit seiner Frau Louie besorgt
war, hatte May gebeten, bei seiner Frau zu bleiben,
während er auf einer Geschäftsreise war. Sie stand als
opferbereite Mitarbeiterin und als tatkräftiges Mitglied
des Hauptausschusses der PV fast drei Jahrzehnte an
ihrer Seite.
Schwester Feit und Schwester Anderson sahen ihre
Hauptaufgabe darin, die verschiedenen Primarver-
einigungen zu besuchen, um die Arbeit anzuregen — eine
Aufgabe, die verlangte, daß sie jedes Jahr viele Wochen
auf Reisen gingen. Auch wurden in diesen Tagen die
Briefe noch mit der Hand geschrieben.
1895 nahmen die beiden Freundinnen an einer Vorlesung
an der University of Utah über ein ziemlich neues
europäisches „Importgut", den Kindergarten, teil. Im
Keller des Gemeindehauses der Elften Gemeinde er-
richteten sie einen privaten Kindergarten und eine
Kindertagesstätte, und sie begannen Anwendungs-
möglichkeiten dieser neuen auf das Kind ausgerichteten
Ausbildung für die Primarvereinigung zu sehen.
Die erste Änderung war die Einteilung in Altersgruppen.
Dann unternahm der Ausschuß den nächsten logischen
Schritt — es wurden Lektionen für jede Altersklasse
vorbereitet — , doch stieß dann auf Schwierigkeiten, als er
versuchte, sie zu veröffentlichen. Die Kirche konnte keine
finanzielle Hilfestellung bieten, und auf die Geschäfts-
leute konnte man sich nicht verlassen.
Aber 1901 wurde ihnen erlaubt, die Veröffentlichung der
Lektionen in einer Zeitschrift, dem „Children's Friend",
zu versuchen. Schwester Feit bürgte mit ihrem eigenen
Haus als Sicherheit. Da die PV über kein eigenes Büro
verfügte, wurden von dort auch die ersten Ausgaben
versandt.
An diesen Erfolg schloß sich durch ihre fleißige Arbeit ein
anderer an. Schwester Feit und Schwester Anderson
wurden eines Tages auf der Straße durch den Anblick
eines Knaben gerührt, der auf Krücken ging und im
Verkehr schwer zurecht kam. Wie konnten sie den
gesundheitlichen Nöten der Kinder gerecht werden? Es
ging 1911 damit an, daß eine Kindergemeinde im Groves-
HLT-Krankenhaus, das von der PV gefördert wurde, ins
10
Leben gerufen wurde. Dann besichtigten sie im Osten der
Vereinigten Staaten Genesungsheime und erfuhren, daß
berufliche Krankenpflege von Kindern in einer häus-
lichen Atmosphäre etwas ganz Neues sei.
So entstand aus dem alten Hyde Home nördlich des
Tempels ein Genesungsheim und eine Kindertagesstätte
der Kirche. Seit jenem Jahr spendeten die Kinder jedes
Jahr an ihrem Geburtstag Münzen, beschafften mit
besonderen Projekten Geld und sammelten auf diese
Weise Zuschüsse für das Krankenhaus.
Die zwanziger Jahre waren das Jahrzehnt, in dem die PV
außerhalb der Vereinigten Staaten Wurzeln faßte. Schon
in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts
waren Primarvereinigungen in Mexiko und Neuseeland
und in den neunziger Jahren in Hawaii und Kanada
errichtet worden. Aber die erste Primarvereinigung in
England wurde erst 1916 geschaffen, und im nächsten
Jahrzehnt gedieh sie nur in der Form von Heim- und
Nachbarschaftsprimarvereinigungen.
1930 bemühte sich die PV entschieden, Heimprimar-
vereinigungen in den Missionen zu errichten, und inner-
halb von zwei Jahren war sie auch in Schweden,
Deutschland, den Niederlanden, Dänemark, der
Schweiz, Schottland und Südamerika zu finden.
Die Internationalisierung der PV fand unter der Leitung
von May Anderson statt, die in der Mitte der zwanziger
Jahre berufen wurde, den Platz auszufüllen, den so lange
ihre geliebte Freundin Louie B. Feit eingenommen hatte.
Sie hatte selbst fünfunddreißig Jahre im Hauptausschuß
der PV gedient. Sie sollte nun beinahe 15 Jahre Präsiden-
tin der PV sein.
May Anderson war anders als die sanfte Schwester Feit.
„Ihr erster Gedanke war immer die Wohlfahrt der Kinder
der Kirche", erinnert sich eine Mitarbeiterin des Haupt-
ausschusses liebevoll. „Es störte sie nicht im geringsten,
wenn ihre Pläne für den Lehrer unangenehm oder für die
Eltern schwierig waren. "Diese weitreichenden Pläne
schlössen fast sofort die Planung eines neuen Kranken-
hauses und Lektionen für jede Altersgruppe ein.
Am 11. September 1939 wurde Schwester Anderson von
einem fast lebenslangen Dienst in der PV entlassen.
Ihre Nachfolgerin, May Green Hinckley, die durch den
Tod ihrer Mutter früh Waise geworden war, hatte als
englische Emigrantin gelernt, erfinderisch und einfalls-
reich zu sein. Obwohl sie kaum Ausbildungsmög-
lichkeiten gehabt hatte, machte sie das Beste aus den
Gelegenheiten, die ihr das Leben bot. Sie hatte eine
Adele C. Howells
11
LaVern W. Parmley
leitende Stelle im Krankenhaus von Salt Lake City inne,
ging auf zwei Vollzeitmissionen und war zwölf Jahre lang
JD-Leiterin im Granite-Pfahl, wo sie ein Leistungs-
programm einführte, aus dem später das Programm der
Ährenleserinnen für die jungen Frauen in der Kirche
wurde. Sie heiratete sehr spät Bryant S. Hinckley und
hatte nie selbst Kinder, obwohl sie sich wie eine Mutter
um seine Kinder aus erster Ehe sorgte, unter denen sich
auch ein Junge namens Gordon B. befand.
Dennoch war sie sich bewußt, daß ihr die Erfahrungen
der Mutterschaft fehlten, und als sie berufen wurde, über
die PV zu präsidieren, war sie völlig überrascht und nahm
die Berufung nur zögernd an. Doch ihr Mann hatte ihre
bemerkenswerten Führungsfähigkeiten erkannt, als sie
ihn auf seine Mission begleitet hatte, wo er über die
Nordstaaten präsidierte, und er überredete sie, diese
Berufung anzunehmen.
Ihr Leben sollte nur noch dreieinhalb Jahre dauern, aber
sie widmete sie den 10000 Kindern in der PV. Aus den
Erfahrungen, die sie auf Mission gemacht hatte, kannte
sie die Möglichkeiten der Primarvereinigungen in den
Missionen.
In gewisser Hinsicht stellte die PV unter der Führung
Schwester Hinckleys ihre eigene Identität fest. Das
offizielle Siegel, das Glauben und Dienst darstellt, wurde
angenommen. Als Farben der PV wurden Rot für Mut,
Gelb für das Dienen und Blau für Wahrheit und Reinheit
ausgewählt. Die Lehrerinnen begannen, monatliche Lese-
aufträge zu erfüllen, und ein Motto brachte den Auftrag
der PV zum Ausdruck: „Auch sollen die Eltern ihre
Kinder lehren, zu beten und gerecht vor dem Herrn zu
wandeln" (LuB 68:28).
Schwester Hinckleys Freundin und Erste Ratgeberin,
Adele Cannon Howells, leitete ein PV-Hilfsprogramm,
bei dem Spielzeug und Kleidung gesammelt und in 3451
Kartons nach dem Zweiten Weltkrieg an die Mitglieder in
Europa geschickt wurden. Wie ihre Freundin so blieb
auch sie ohne Kinder, und sie hatte, gleich ihr, keine
Erfahrung mit der Arbeit in der PV, aber sie war einige
Jahre lang Schwester Hinckleys Ratgeberin in der
GFVJD im Granite-Pfahl gewesen, und als Schwester
Hinckley sie brauchte, verließ sie Los Angeles, um mit ihr
zusammenzuarbeiten.
Sie war Witwe, früher war sie mit ihrem Mann weit
umhergekommen. Die PV hatte sie immer als eine
Möglichkeit gesehen, die Kreativität der Kinder zu
lenken. Das bedeutsamste Ereignis während Schwester
12
Howells Amtszeit war der Fortschritt, den sie durch die
Errichtung des neuen PV-Kinderkrankenhauses erzielte.
Das alte Krankenhaus hatte in den dreißig Jahren seines
Bestehens 5907 Kindern gedient, aber es war unzuläng-
lich. Ein kleiner Brand 1938 hatte die Mängel noch
vergrößert. Fast sofort wurden Baupläne angefertigt und
wurde ein Grundstück gekauft - - aber dann erhob sich
das Problem der Finanzierung.
Zu Präsident Heber J. Grants Geburtstagsfeier er-
schienen Vertreter der Stadtverwaltung und überreichten
ihm ein Kupferkästchen mit tausend Silberdollars. Dies
geschah 1938 während der Amtszeit Schwester May
Andersons. Präsident Grant gab die Silberdollars der PV
und schlug vor, daß sie um je $300 verkauft werden
sollten - - dies würde genug Geld einbringen, um ein
neues Krankenhaus zu errichten.
Der Zweite Weltkrieg und Präsident Grants Krankheit
verzögerten jedoch das Projekt, bis ihm Schwester
Howells ihre ganze Energie opferte. Die letzten Dollars
wurden als hundert Dollar Briefbeschwerer ausgegeben.
Präsident Grants Großzügigkeit brachten schließlich
120000$ ein. Schwester Howells bezog die Kinder mit in
das Projekt ein, indem sie sie anspornte, einen Ziegel für
das Krankenhaus zu kaufen, indem sie zehn Cents
spendeten. Durch die begeisterte Reaktion der Kinder
kamen dem Fonds $20000 zu. (Nachdem das Kranken-
haus fertiggestellt worden war, zupfte ein kleiner Junge
bei einer Besichtigungstour die Führerin am Rock:
„Können Sie mir sagen, wo mein Ziegel ist?")
Schwester Howells starb im April 1951.
Schwester Parmley, eine langjährige PV-Mitarbeiterin,
Mutter von drei Kindern und eine erfahrene Schul-
lehrerin, war schon von Schwester Hinckley in den
Hauptausschuß berufen worden. Später arbeitete sie als
Schwester Hinckleys Zweite Ratgeberin und wurde
Schwester Howells Erste Ratgeberin, als Schwester
Hinckley aus dem Amt schied. Schwester Parmley mit
ihren organisatorischen Fähigkeiten führte in der PV ein,
daß sowohl die Beamtinnen jeder Pfahl- wie auch jeder
Gemeinde- PV-Leitung für denselben Aufgabenbereich
zuständig waren wie die Präsidentschaft der PV. Sie
übernahm die Zuständigkeit für das Wegbereiter-
programm. Das Programm für die Jungen war immer
ihre „Spezialität" — und so war auch die Einführung des
Pfadfinder- und Wölflingsprogramms ein logischer
Schritt. Manchmal schien es Schwester Parmley aber, als
sei sie der großen Aufgabenlast nicht gewachsen.
(Forts, auf S. 34)
Naomi M. Shumway
13
Eine Grundlage
für die
Zukunft
||pp|£:i|;;|:
.■.■■■■,.
Naomi M. Shumway, \
Präsidentin der PV Wm
Ensign: Glauben Sie, daß die PV heute
einen anderen Zweck hat, als früher?
Handelt es sich heute um eine andere
Organisation mit dem gleichen Namen?
Schwester Shumway: Sie ist im großen
und ganzen gleichgeblieben. Die Be-
dürfnisse, die die Kinder heute haben,
sind noch immer die gleichen wie vor
hundert Jahren, wenn man sie heute
auch anders befriedigen kann. Heute ist
die PV einfach viel verbreiteter, und viel
mehr Kinder besuchen sie. Und die PV
wird immer stärker. Es gibt nun unge-
fähr eine halbe Million Kinder, die in der
PV eingetragen sind, und die durch-
schnittliche Anwesenheit in den Pfählen
liegt bei 68 Prozent.
Ensign: Ist die PV in anderen Teilen der
Welt so stark wie in den Vereinigten
Staaten?
Schwester Shumway: Ja! Das ist es eben,
was anspornt nämlich zu sehen, wie
sich die Bestrebungen von Aurelia Ro-
gers auf die ganze Welt ausgebreitet
haben und das Leben Tausender von
Kindern berühren.
Ensign: Welche Bedürfnisse erkennt die
PV bei den Kindern? Und was tut sie zur
Zeit, um diesen Bedürfnissen zu ent-
sprechen?
Schwester Shumway: Vor allem müssen
wir die Kinder das Evangelium lehren,
damit sie schon ein Fundament wahrer
Grundsätze haben, wenn sie mit Ver-
suchungen konfrontiert werden. Wir
planen all unsere Lektionen und Aktivi-
täten mit der Absicht, die Kinder das
Evangelium zu lehren. Wir helfen den
Kindern, sich auf die Taufe vorzu-
bereiten. Die Jungen werden darauf
vorbereitet, das Priestertum zu empfan-
gen und zu ehren, und alle Kinder
werden natürlich auf ihre Pflichten im
Leben vorbereitet. Die PV hat auch
einen festigenden Einfluß auf das Kind
- sie schafft einen geistigen Anker,
dessen sich das Kind in Zeiten bedienen
kann, wenn seine geistigen Bedürfnisse
nicht auf eine andere Weise befriedigt
werden können.
Ensign: Wie gut, glauben Sie, erreicht die
PV das Ziel, eine Hilfsorganisation für
die Familie zu sein?
Schwester Shumway: Wir beten darum,
daß die PV in dieser Hinsicht wirksam
ist. Wir bekommen von manchen Eltern
wunderbare Briefe. Eine Mutter erzähl-
te, daß einmal ihr Junge, nachdem sie
ihn ins Bett gebracht hatte und sie
gebetet hatten, zugab, daß er sich vor
Räubern fürchtete. Sie erklärte ihm, daß
er keine Angst zu haben brauchte, denn
der Vater im Himmel, Vati und die
Polizei würden dafür sorgen, daß ihm
nichts geschehen würde. Dann sagte sie
noch: „Außerdem haben wir nichts
Wertvolles im Hause. "„Aber was ist mit
dem WDR-Ring von Christine?" fragte
der Junge dann. „Christine sagt immer,
daß er das Wertvollste sei, was sie hätte,
denn er würde ihr helfen, immer das
Richtige zu tun."
14
Ensign: Wie steht es nun mit den Kindern,
die zur PV kommen, aber keine Mit-
glieder sind? Wer bringt sie mit den
Missionaren in Kontakt?
Schwester Shumway: Die PV-Lehrerin
läßt den Namen des Kindes, das kein
Mitglied ist, der PV-Leiterin zukom-
men, die damit zur Korrelations-
versammlung der Gemeinde geht. Die
Entscheidung, ob die Vollzeit- oder die
Pfahlmissionare hinzugezogen werden,
liegt bei den örtlichen Priestertums-
führern.
Ensign: Gehen aus den PV -Empfehlungen
viele Taufen hervor?
Schwester Shumway: O ja. Es gibt einige
sehr rührende Geschichten, die von
diesen Kinder-Missionar-Beziehungen
herrühren. Vor einigen Wochen erhielt
ich einen Brief einer Mutter, die ihre
Tochter mit den Nachbarn zur
,, Mormonenkirche für Kinder"gehen
ließ. Sie schrieb folgendes: „Jeden
Donnerstag brachten die Mütter alle
Kinder aus dem Umkreis von mehreren
Meilen zusammen, ob es nun ein Mor-
mone war oder nicht, spielte dabei keine
Rolle. Sie riefen an, zeigten Anteil-
nahme und Liebe, und vor allem war
ihnen mein Kind wichtig genug, um den
Versuch zu machen. Jede Woche kam
meine Tochter mit allen möglichen Din-
gen nach Hause, um mir vom Vater im
Himmel zu erzählen. Nach kurzer Zeit
waren wir beeindruckt, und so ver-
langten wir nach den Missionaren . . .
eine ganz neue Welt kam in unser Heim
. . . Nichts hat unser Leben mehr ver-
ändert als der Tag, an dem unsere
Tochter in unser Haus rannte und
fragte: ,Darf ich bitte zur PV gehen,
Mutti, bitte darf ich?'"
Ensign: Erzählen Sie uns bitte etwas über
ihr Andachtsprogramm.
Schwester Shumway: Ich glaube, wir
sind die einzige Hilfsorganisation, die
ein vollständiges Programm hat, um
Andacht und Ehrfurcht zu lehren. Es
umfaßt so viel mehr als nur still zu sein.
Die Kinder und die PV-Beamtinnen
lernen, daß Ehrfurcht vor Gott durch
Gehorsam, Demut, Höflichkeit,
Dankbarkeit und anderen Eigen-
schaften gezeigt wird, die einen wahren
Christen ausmachen. Wir hoffen, daß
das Andachtsprogramm jedes Kind,
jede Lehrerin und jede Beamtin mo-
tivieren wird, wahrhaft ehrfürchtig zu
sein. Wir wollen die PV für jedes Kind zu
einem geistigen Erlebnis machen — und
das bedeutet, daß wir sie auch für die
Lehrerinnen geistig machen müssen.
Ensign: Wie bereitet die PV die Jungen
darauf vor, das Priestertum zu empfan-
gen?
Schwester Shumway: Das ist der Haupt-
zweck des Programms für die zehn- und
elfjährigen Jungen. Sie werden in
hervorragenden Lektionen über das
Priestertum belehrt, wie zum Beispiel
über die Wiederherstellung des Aaroni-
schen Priestertums und die Pflichten
eines Diakons. Der Präsident des
Diakonkollegiums besucht die
Wegbereiterklasse, um zu den Jungen
über die Bedeutung ihrer Vorbereitung
auf das Priestertum zu sprechen. Das ist
ein geistiges Erlebnis — nicht nur für die
Jungen der PV, sondern auch für die
Diakone selbst.
In allen PV-Klassen für Jungen wird
diesen bei ihrer Vorbereitung auf das
Priestertum geholfen. Wenn wir die
Abgangsbedingungen von der PV be-
trachten, so können wir sehen, daß ein
Junge lernt, den Zehnten zu bezahlen, zu
beten, das Wort der Weisheit zu be-
folgen, die Abendmahlsversammlungen
zu besuchen, er lernt Schriftstellen und
die Glaubensartikel auswendig und be-
ginnt, Genealogie zu betreiben. Die
Jungen erwerben ein Verständnis von
dem, was das Priestertum wirklich ist
15
und wie es wiederhergestellt wurde und
warum und wie ein Junge es ehren soll.
Sie lernen auch von den verschiedenen
Ämtern im Melchisedekischen und Aa-
ronischen Priestertum und davon, was
ihre Pflichten sein werden, wenn sie
einmal Diakon sind.
Es wird auch ein besonderer Abend für
jeden elfjährigen Jungen und seinen
Vater oder jemanden, der den Vater
vertritt, veranstaltet, der „Vorschau auf
das Priestertum" genannt und im No-
vember abgehalten wird. Der Zweck
dieses Programms ist es, den Jungen zu
helfen, die Macht des Priestertums zu
verstehen und zu schätzen. Unzählige
Male wurde uns schon berichtet, daß
inaktive Väter, die an diesen Versamm-
lungen teilgenommen haben, an ihre
Priestertumspflichten erinnert und be-
wegt wurden, ihr Priestertum zu ehren.
Ensign: Wie kann die PV Eltern mit
seelisch gestörten Kindern oder körperbe-
hinderten Kindern helfen?
Schwester Shumway: Wenn es in einem
Gebiet nur wenige solcher Kinder gibt,
fordern wir die Eltern und die PV-
Beamtinnen auf, sie in die reguläre PV
einzugliedern. Es ist wirklich ein wun-
derbares Erlebnis für die übrigen Kinder
in der Klasse, anderen lernen zu helfen.
Kinder mit körperlichen Mängeln kön-
nen in den meisten Gebieten in die PV
integriert werden. In manchen Gebieten
ist die Mitgliederanzahl groß genug, um
Kinder mit geistigen oder seelischen
Schwierigkeiten von zwei oder drei
Pfählen in einer kleinen PV mit zehn
oder fünfzehn Kindern zu vereinen.
Ensign: Stehen Richtlinien zur Verfü-
gung, wenn man mit einer besonderen PV
beginnen will?
Schwester Shumway: Ja, die Anweisun-
gen sind im Handbuch enthalten und
auch in einer Broschüre, die vom Haupt-
ausschuß vorbereitet worden ist und die
wir auf Verlangen zusenden. Und es gibt
großes Interesse dafür. Fast jeden Tag
werden wir um mehr Information ge-
beten.
Ensign: Können Sie das Heim-PV -Pro-
gramm erklären?
Schwester Shumway: Die Heim-PV ist
für Kinder gedacht, die in Gebieten
leben, in denen sie sich nicht mit anderen
versammeln können, sei es nun aus
Gründen, die durch die Entfernung, die
Gesundheit oder durch andere Faktoren
bedingt werden. Die Mutter ist ge-
wöhnlich die PV-Leiterin, die vom Bi-
schof bzw. vom Gemeindepräsidenten
zu diesem Amt berufen wird und die
unter der Weisung der PV-Leiterin ar-
beitet.
Ensign: Was möchten Sie den Lehrerin-
nen und den Eltern besonders ans Herz
legen?
Schwester Shumway: Daß wir hoffen,
daß sie — als Lehrer -- die Bedeutung
ihrer heiligen Berufung fühlen werden,
nämlich die Kinder das Evangelium
Jesu Christi zu lehren.
Für die Kinder muß jeder Besuch in der
PV ein geistiges Erlebnis sein — und sie
brauchen auch Spaß. Die Kinder sollen
sich auf die PV freuen, und die Be-
amtinnen und Lehrerinnen können die-
ses Gefühl vermitteln.
Ensign: Und haben Sie auch eine Bot-
schaft an die Eltern?
Schwester Shumway: Wir lieben Sie
wirklich. Und wir lieben Ihre Kinder.
Bitte, schicken Sie sie weiterhin zu uns.
Unsere größte Sorge ist das geistige
Wachstum Ihrer Kinder, und dazu
brauchen wir Sie. Wir müssen sicher
sein, daß Sie Ihren Kindern zuhören,
wenn sie von der PV nach Hause
kommen. Wir brauchen Sie als Mit-
arbeiter. Helfen Sie uns, Ihre Kinder das
Evangelium zu lehren. Wieviel Ihr Bei-
spiel den Kindern bedeutet, können Sie
gar nicht hoch genug bewerten.
Die Zukunft ruht auf diesen Kindern.
16
. n diesem Wochenende lag das
Waldgebiet unter einer schweren
Wolkendecke. Regen drang durch die
Luft, und die Kameraleute warteten
geduldig darauf, daß sie ihren Film
belichten konnten. Es regnete, und sie
beteten. Und es regnete noch mehr.
Wenn die Filmemacher die Dreh-
arbeiten nicht in dieser Woche im Früh-
ling 1975 abschließen konnten, würde
das Projekt ein Jahr warten müssen, bis
die Umgebung wieder den gleichen An-
blick bieten würde. Die Jahreszeit würde
die Landschaft bald verändern, aber
damit noch nicht genug: Der Haupt-
darsteller mußte am nächsten Freitag
weg. Am Montagmorgen erwachte das
Team noch vor der Dämmerung und
begann, ihre ganze Ausrüstung aufzu-
stellen. Sie dachten, sie müßten das
Wetter irgendwie ausgleichen. Plötzlich
hörte der Regen auf. Als die Sonne
aufstieg, erblickten sie den lieblichsten
Nebel, den sie je gesehen hatten. Das
lange, nasse Gras funkelte, und die
Vögel begannen zu zwitschern. Sie wuß-
ten, daß sie mit einer Schönheit gesegnet
worden waren, die sie selbst nie hätten
schaffen können.
An diesem Morgen begann das Film-
atelier der Brigham-Young-Universität
die Filmaufnahmen für den Film ,,Die
erste Vision". Steward Peterson, der den
Propheten Joseph Smith spielte, ging
durch das hohe Gras und dachte an den
Morgen dieses „schönen, klaren Tages,
in den ersten Frühlingstagen des Jahres
achtzehnhundertundzwanzig"(Joseph
Smith 2:14), als Joseph Smith demütig
darum betete, daß er eine Antwort auf
O wie lieblich
war der Morgen
Jeane W. Chipman
17
1. Nach Jahrhunderten der Finsternis und des
Abfalls von den Lehren Christi beschloß der
Herr wieder, sich den Menschen zu offenbaren.
Die Offenbarung erfolgte im Jahre 1820 bei
Palmyra im Staate New York als Erhörung
eines demütigen Gebets eines vierzehnjährigen
Knaben namens Joseph Smith.
2. „In meinem fünfzehnten Lebensjahr kam es
in unserem Wohnort zu einer ungewöhnlichen
Aufregung über religiöse Fragen, die alle
Gemeinschaften in der Gegend erfaßte"' (Jo-
seph Smith 2:5).
3. „In dieser Zeit großer Aufregung wurde ich
zu ernstlichem Nachdenken bewogen und fühl-
te mich stark beunruhigt"' (Joseph Smith 2:8) .
„Da nicht alle Kirchen richtig sein konnten und
Gott nicht der Urheber all dieses Wirrwarrs
sein konnte, beschloß ich, diese Angelegenheit
genauer zu untersuchen" ( Wentworth- Brief,
Absatz 3).
4. „Eines Tages las ich Jakobus 1:5, wo es
heißt: ,So aber jemandem unter euch Weisheit
mangelt, der bitte Gott.'"'
5. „Nie ist eine Schriftstelle machtvoller in das
Herz eines Menschen gedrungen, als diese zu
der Zeit in meines drang" (Joseph Smith 2:12) .
6. „Immer und immer wieder dachte ich über
diese Schriftstelle nach, denn ich wußte: wenn
jemand Weisheit von Gott brauchte, dann war
ich es" (Joseph Smith 2:12).
7. Im Einklang mit diesem meinem Vorsatz,
Gott zu bitten, begab ich mich also in einen
Wald, um den Versuch zu machen. Es war am
Morgen eines schönen, klaren Tages in den
ersten Frühlingstagen des Jahres achtzehn-
hundertundzwanzig" ( Joseph Smith 2:14).
8. „Ich zog mich an den Ort zurück, den ich
vorher dazu ausersehen hatte. Ich schaute mich
um, und als ich sah, daß ich allein war, kniete
ich mich nieder und fing an, die Wünsche
meines Herzens vor Gott zu bringen" (Joseph
Smith, 2:15).
18
Glauben in Kapstadt
Der Freund
8/78
MJ er sonst so sonnige Himmel
über Kapstadt war heute dunkel und mit
Regenwolken bedeckt. Warum, warum
nur, so dachten die Kinder, wird es heute
regnen?
Der besondere Nachmittag, auf den sich
die Jungen und Mädchen vorbereitet
und auf den sie schon so sehr gewartet
hatten, war endlich gekommen. Und
jetzt sah es geradeso aus, als ob sie das,
was sie gebacken hatten, wegen des
Sturms nicht würden verkaufen können.
Aber sie wußten, daß Ouma (die Groß-
mutter) Fourie sie trotz des Wetters
erwartete, und deshalb gingen sie auch
alle trotz des Regens fort, um pünktlich
im Gemeindehaus zu sein.
Schwester Fourie begrüßte sie in ihrer
gewohnten liebevollen Art und erklärte
dann, daß sie das, was sie gebacken
hatten, doch an diesem Tag verkaufen
müßten, denn man könne die Bäck-
waren ja nicht aufbewahren. Sie sagte
auch, daß der Verkauf im Freien statt-
finden müsse, damit die Menschen ste-
hen bleiben würden, um etwas zu kauf-
en.
„Wir werden alle darum beten, daß es zu
regnen aufhört", wies sie die Kinder an,
„und wir wissen, daß es auch aufhören
wird, weil wir das Geld brauchen, um
weiterhin unsere Primarvereinigung ab-
halten zu können. Der Vater im Himmel
will das, und so wird er uns auch dabei
helfen."
Schwester Oumas Stimme klang so
zuversichtlich, daß jedes Kind seinen
Kopf neigte. Dann betete sie darum, daß
es zu regnen aufhören möge, und jeder
wußte einfach, daß es auch so sein
würde.
Und es hörte auf!
Es hatte seit einigen Tagen ununter-
brochen geregnet, und nun hörte es fast
augenblicklich auf. Die Sonne lachte
schon wieder zu den Kindern herab, als
sie die Tische ins Freie trugen und das,
was sie gebacken hatten, darauf legten.
Nachdem sie ganz viel verkauft hatten
und als sie die leeren Tische wieder ins
Gemeindehaus zurücktrugen, begann es
wieder zu regnen, und es hörte in den
kommenden drei Tagen auch nicht wie-
der auf.
„Aber Schwester Fourie, was hätten Sie
denn gemacht, wenn es nicht zu regnen
aufgehört hätte?"fragte sie eine PV-
Beamtin später.
Aber diese Schwester, die seit 34 Jahren
die Jungen und Mädchen in Südafrika
unterrichtet hatte, antwortete ganz ein-
fach: „Aber wir wußten alle, daß es
aufhören würde!"
1
99-T euer! Feuer!"
Alle, die diesen Warnruf in der
kleinen Siedlung Farmington in
Utah hörten, waren sehr er-
schrocken. Denn damals konnten
sie ein Feuer nur so bekämpfen, daß
sie eine Schlange bildeten und
Wasserkübel vom Flüßchen zu dem
brennenden Haus weiterreichten. So
brannte fast jedes Haus, das Feuer
fing, ab, und es gelang nur selten,
etwas aus dem Inneren des Hauses
zu retten.
Aurelia Spencer Rogers hatte die
meiste Zeit ihres Lebens in
gehörte ihren Freunden, bei denen
Farmington verbracht. Nun hörte sie wohnte, nachdem sie im Sommer
sie die Alarmrufe und rannte zu dem 1902 ihr eigenes Haus vermietet
Haus, aus dem der Rauch in die hatte und nach Salt Lake City, 32
heiße Augustluft quoll. Das Haus km südlich, gezogen war. Doch sie
Eine
Freundin
der
Kinder
B
kam noch oft nach Farmington,
weil sie dort zu tun hatte und Obst
für den Winter aufbewahrte.
Aurelia schloß sich der Schlange an,
die sich schnell gebildet hatte, um
die Kübel weiterzureichen. Es war
für sie typisch, daß sie zuerst daran
dachte, was ihre Freunde alles durch
das Feuer verlieren würden, bevor
sie auch an ihre Kleidung und eigen-
en Habseligkeiten dachte, die im
Haus waren. Plötzlich fiel ihr etwas
Schreckliches ein. Ihre Berichts-
bücher über die PV lagen auf dem
Tisch beim Fenster im Schlaf-
zimmer, wo sie gearbeitet hatte! Sie
sprach leise ein Gebet, daß diese
Berichte durch irgendein Wunder
erhalten bleiben mögen, aber es sah
■■■%
^/js fr, \ \<*Z\j£ — f
aus, als ob alles im Haus in Flam-
men aufgehen würde.
„Ich war sehr traurig", sagte Schwe-
ster Rogers später. „Es hätte mir
nichts ausgemacht, wenn ich alle
meine Kleidung verloren hätte,
wenn nur die Berichte in Sicherheit
gebracht worden wären. "Sie half
ihren Freunden, in ein unbewohntes
Haus zu ziehen und den Haushalt
neu aufzubauen.
Als sie nach Salt Lake City zurück-
fuhr, war sie sehr betrübt, weil sie
dachte, daß nichts aus dem bren-
nenden Haus hatte gerettet werden
können. Sie war noch immer wegen
des Verlusts der Berichtsbücher der
PV niedergeschlagen, als sie in der
darauffolgenden Woche wieder
nach Farmington fuhr, um An-
gaben über die Gründung der PV
ausfindig zu machen. Sie wollte
damit beginnen, eine neue Ge-
schichte niederzuschreiben.
Als sie bei ihrem Bischof vorbeikam,
erzählte er ihr von dem Wunder, um
das sie gebetet hatte. Sie beschrieb es
so:
„Bruder Moroni Secrist, der Bi-
schof, hatte das Gefühl, daß er auf
die Veranda klettern (und das,
während das Haus brannte) und
durch das Fenster in mein Zimmer
steigen müßte. Er dachte, er könnte
einiges retten; aber als er in das
Innere des Hauses kam, war der
Rauch so dicht, daß er fast erstickte
und andere ihm wieder hinaushelfen
mußten . . . Als er zum Fenster kam,
streckte er seine Hand aus und
spürte den Einband auf dem Tisch.
Er zog ihn zu sich und nahm auch
die Bücher, die verstreut auf dem
Tisch lagen . . . , dann gab er sie
denen, die draußen standen. So
blieben die Berichte durch die weise
Voraussicht Gottes erhalten."
In diesen Berichten war über die
erste Primarvereinigung zu lesen.
Sie waren die Grundlage für Aurelia
Spencer Roger' Buch „Life Sket-
ches" (eine Aufzeichnung über ihr
Leben), das sie später für Kinder
schrieb, und das sie ihnen mit den
folgenden Worten widmete:
„Unsere Kinder sind so wertvoll; sie
bedeuten uns sehr viel: Engel mögen
sie behüten, daß sie kommen all' ans
Ziel."
Im März 1878 dachte Schwester
Rogers das erste Mal an eine Orga-
nisation für Kinder. Darin sollte
man besonders die kleinen Jungen
„in allem Guten" unterrichten und
sie lehren, „wie man richtig han-
delt". Sie wollte ihnen so gerne
helfen und betete darum, daß ihr ein
Weg dafür gezeigt würde. „Ich fühl-
te mich wirklich dazu getrieben",
schrieb sie später in ihrer Geschich-
te.
Einige Wochen danach kam Schwe-
ster Eliza R. Snow nach Farming-
ton, um mit Schwestern der FHV
zusammenzukommen. Sie und
Schwester Emmeline B. Wells, die
sie begleitete, machten bei Aurelia
Rogers zu Hause einen kurzen Be-
such, als sie auf dem Weg zum
Bahnhof waren, um mit dem Zug
nach Salt Lake City zurück-
zufahren. Schwester Rogers drückte
ihnen gegenüber ihre Sorge um so
viele Jungen aus, von denen sie
glaubte, daß sie das Evangelium
nicht richtig gelehrt bekamen. Sie
meinte auch, daß die Jungen nicht
das lernten, was ihnen helfen würde,
gute Menschen zu werden. Sie frag-
te, ob es jemals möglich wäre, daß
für sie eine Organisation geschaffen
würde, die ihnen helfen könnte. In
der Geschichte lesen wir, daß
Schwester Snow einen Augenblick
lang schwieg und dann sagte, daß
das schon möglich sei und daß sie
mit der Ersten Präsidentschaft dar-
über sprechen werde".
Zu dieser Zeit war John Taylor der
Präsident des Rates der Zwölf Apo-
stel und der amtierende Präsident
der Kirche, da nach dem Tod Brig-
ham Youngs noch kein Präsident
von den Mitgliedern bestätigt wor-
den war. Schwester Rogers sprach
mit Präsident Taylor, der darüber
mit weiteren Mitgliedern des Rates
der Zwölf Apostel sprach. Danach
wurden sie inspiriert, Bischof John
W. Hess in Farmington zu schreiben
und ihn zu bitten, einige Frauen als
Beamtinnen zu berufen. Schwester
Rogers wurde auserwählt, die Leite-
rin zu sein. „Bis zu diesem Zeit-
punkt", sagte sie, „hatten wir noch
nicht über die Mädchen gesprochen;
aber ich dachte mir, daß die Ver-
sammlung ohne sie nicht vollständig
sein würde. "Und so stimmte man
ihr zu.
Louisa Haight und Helen M. Miller
wurden als Ratgeberinnen in dieser
neuen Organisation, die man „Pri-
marvereinigung" nannte, ausge-
wählt. Den Namen „Pri-
marvereinigung" schlug Schwester
Eliza R. Snow vor. Bischof Hess bat
diese Frauen, jedes Heim in diesem
Gebiet zu besuchen, um die Kinder
zur Versammlung einzuladen und
die Eltern um Erlaubnis zu bitten.
Schwester Rogers berichtete, daß sie
ungefähr 112 Jungen und gleich
viele Mädchen eintragen konnten!
Die Kinder und alle Mitglieder der
Gemeinde wurden gebeten, eine
öffentliche Versammlung am Sonn-
tag, den 11. August 1878, zu be-
suchen. Dort wurden diese Schwe-
stern und andere vom Bischof Hess
und seinen Ratgebern eingesetzt, die
PV in Farmington zu leiten.
Bischof Hess half fleißig mit, be-
suchte selbst die PV oft oder be-
auftragte andere Priestertumsträger
damit. Schwester Snow schrieb kurz
nach der Gründung der ersten Pri-
marvereinigung in einem Brief
hoffnungsvoll:
„Ich bin sicher, daß der Himmel Sie
inspiriert und leitet und daß eine
große und sehr wichtige Bewegung
für die Zukunft Zions im Entstehen
begriffen ist . . . Die Engel und alle
heiligen Wesen, besonders die Führ-
er Israels auf der anderen Seite des
Schleiers, werden daran sehr inter-
essiert sein."
In Schwester Rogers' Berichten, die
auf so wunderbare Weise aus dem
Feuer gerettet worden waren, steht,
daß die Kinder am 25. August 1878
zur ersten PV zusammenkamen.
Und so beschrieb sie die folgenden
Versammlungen der PV:
„Als die Kinder zu verstehen be-
gannen, warum Versammlungen für
sie abgehalten wurden, schienen sie
sehr stolz auf das zu sein, was für sie
getan wurde. Über Gehorsam,
Glaube an Gott, Gebet, Pünkt-
lichkeit und gute Manieren wurde
sehr oft gesprochen. An diesen Ver-
sammlungen nahmen gewöhnlich
alle Anwesenden aktiv teil. Die
kleineren Kinder saßen in den
vorderen Bänken, auch die anderen
saßen der Größe nach. Zu
einer bestimmten Zeit standen die
Kleinsten auf und sagten vielleicht
im Chor einen oder zwei Verse auf
und setzten sich wieder. Dann kam
die nächste Bank an die Reihe und
beantwortete Fragen aus der Bibel.
Eine weitere Klasse konnte ein Lied
vorsingen und noch eine andere
wiederholte Sprüche oder Verse
miteinander und so weiter . . .
Im darauffolgenden Frühling miete-
ten wir ein Gemeindegrundstück,
und die PV pflanzte Bohnen und
Zuckermais, damit man dies mit
dem Weizen der FHV verwenden
konnte, wenn die Hungersnot, die
kommen sollte, anfing."
In diesem Jahr (1978) gedenken alle
Jungen und Mädchen in den PVs in
der ganzen Welt der ersten PV, die
jemals abgehalten worden ist, und
sie ehren Schwester Rogers und die
anderen, die das möglich gemacht
haben. Aus den 220 Jungen und
Mädchen (oder mehr), die in die PV
im August 1878 in Farmington in
Utah eingetragen waren, ist die
Mitgliederzahl dieser inspirierten
Organisation für Jungen und Mäd-
chen — unter der Leitung von
Tausenden von hingebungsvoll ar-
beitenden Schwestern, die in der PV
arbeiten
Der
Klub
der guten
Nachbarn
Mary S. Divers
K
laus und Pia hatten erst seit
zwei Wochen Ferien, und schon er-
schienen ihnen diese Sommerferien end-
los lang.
„Was können wir bloß tun, Pia?" fragte
Klaus. „Mir ist langweilig, wenn ich
immer nur dieselben alten Spiele spiele."
„Ja, mir auch. Vielleicht können wir
einen Klub gründen", schlug Pia vor.
„Das ist eine gute Idee", meinte Klaus.
„Aber was für einen Klub?"
„Wir könnten zum Beispiel", erwiderte
Pia, „einen Arbeitsklub gründen."
„Ich will nicht arbeiten", antwortete
Klaus. „Arbeiten macht keinen Spaß."
„Aber es kann Spaß machen. Es hängt
nur davon ab, was wir arbeiten", sagte
Pia.
„Zum Beispiel?" fragte Klaus neugierig.
„Ach, vieles", antwortete Pia. „Wir
könnten zum Beispiel die Leute über-
raschen, wenn wir etwas Nettes für sie
tun."
„Das würde sie wirklich überraschen",
lachte Klaus. Er dachte einen Augen-
blick darüber nach. „Wir könnten ihn
den Klub der guten Nachbarn nennen",
schlug er vor. „Womit wollen wir an-
fangen?"
„Wir können gleich hier zu Hause
beginnen. Was muß erledigt werden?",
fragte Pia.
„Das weiß ich", sagte Klaus. „Papa
wollte die Abfalltonne, die in der Garage
steht, auf die Straße stellen. Ich kann das
machen, und du darfst die Garage
auskehren."
„Das ist fein!", rief Pia begeistert.
An diesem Abend sagte Papa beim
Abendessen: „Heute ist etwas ganz
Merkwürdiges passiert. Die Abfalltonne
wurde auf die Straße gestellt, und die
Garage war so sauber ausgekehrt, daß
ich sie fast nicht wiedererkannt hätte.
Aber noch merkwürdiger war diese
Mitteilung auf dem Zettel, der an der
Tür hing."
Er sah etwas ratlos, aber doch erfreut
aus, als er las: „Der Klub der guten
Nachbarn war hier!" Klaus und Pia
lächelten einander nur über den Tisch
hinweg an.
Am nächsten Tag in der Früh kam
Christian, ein Freund von Klaus, zu
Besuch. Er wußte auch nicht so recht,
was er tun sollte, und deshalb erzählten
ihm Klaus und Pia vom Klub der guten
Nachbarn und davon, was sie getan
hatten.
„Das ist eine tolle Idee", sagte Christian.
„Darf ich eurem Klub beitreten?"
„Natürlich", erwiderte Klaus, „kennst
du jemanden, der Hilfe braucht?"
„Ja, da fällt mir jemand ein. Meine
Großmutter konnte heute die ganze
Nacht nicht schlafen, weil sie solche
Zahnschmerzen hatte. Deshalb ist Mutti
heute morgen mit ihr zum Zahnarzt
gefahren und hatte keine Zeit, das
Geschirr abzuwaschen und die Betten zu
machen, bevor sie weggefahren ist",
sagte Christian. „Wir könnten ihr
eigentlich helfen. Wenn sie nach Hause
kommt, ist sie sicher sehr müde."
„Los! Das machen wir", rief Pia.
Als Christians Mutter nach Hause kam,
schaute sie sich verwundert um. „Das ist
ja herrlich", sagte sie. „Jetzt kann ich
mich niedersetzen und mich bis zum
Abendessen ausruhen. Wer so etwas
Nettes wohl für mich getan haben
könnte?"
Als sie in die Küche ging, um das
Abendessen zuzubereiten, fand sie eine
Mitteilung auf dem Tisch liegen: „Der
Klub der guten Nachbarn war hier!"
Christian war ganz glücklich, als er sah,
wie seine Mutter sich freute, aber er
sagte kein Wort.
Am nächsten Tag fragte Klaus: „Was
könnten wir heute tun, Christian?"
„Ich weiß nicht", erwiderte Christian.
„Vielleicht können wir noch jemand
anders bitten, unserem Klub beizu-
treten. Der könnte uns dann helfen."
„Jutta können wir nicht fragen", sagte
Pia. „Sie hat gerade ihre Mandel-
operation hinter sich."
„Dann können wir Jutta helfen", sagte
Christian. „Machen wir doch etwas für
sie."
An diesem Nachmittag schellte es bei
Jutta. Als ihre Mutter öffnete, fand sie
vor der Tür eine Schachtel, die schön
eingebunden war. Auch eine Mitteilung
war dabei. Daraufstand: „Der klub der
guten Nachbarn war hier!"
„Du hast vom Klub der guten Nachbarn
ein Geschenk bekommen", sagte die
Mutter zu Jutta.
„Was ist denn drinnen?", fragte Jutta.
„Mach das Päckchen doch auf und
schau nach", meinte die Mutter.
„O!", sagte Jutta, als sie das Päckchen
geöffnet hatte. „Ein so schönes
Geschichtenbuch. Jetzt habe ich wenig-
stens etwas zu tun, bis ich wieder gesund
bin."
Nach einiger Zeit — es waren Tage und
Wochen vergangen — war der Klub der
guten Nachbarn angewachsen. Jedes
neue Mitglied wußte etwas, was sie im
geheimen tun konnten. Lange Zeit
sprach die ganze Nachbarschaft über die
lieben Überraschungen und die Mit-
teilungen vom Klub der guten Nach-
barn.
Der alte Herr Reiner, der mit einem
Stock gehen mußte und sich nicht mehr
so richtig bücken konnte, erzählte Chri-
stians Vater, daß jemand den Abfall aus
seinem Garten abgeholt habe.
Juttas Mutter erzählte Pias Mutter, daß
jemand ihre Wäsche von der Leine
genommen, fein zusammengefaltet und
ins Haus gebracht habe, bevor es zu
regnen begonnen habe.
Frau Kreuzer, die ganz alleine wohnte,
erzählte ihrer Nachbarin, daß jemand
ihre Veranda gefegt und die Garten-
möbel gesäubert hatte, während sie
schlief.
Als Irenes Mutter mit ihrem Baby aus
dem Krankenhaus kam, stand ein
wunderschöner Strauß Blumen für sie
da.
Und immer war die Mitteilung dabei,
auf der stand: „Der Klub der guten
Nachbarn war hier!"
Der Klub der guten Nachbarn hatte den
ganzen Sommer lang viel zu tun. Die
Kinder merkten kaum, daß die
Sommerferien auch schon zu Ende wa-
ren.
Kurz nachdem die Schule wieder be-
gonnen hatte, sprach Juttas Mutter mit
dem alten Herrn Reiner: „Was glauben
Sie wohl, was mit dem Klub der guten
Nachbarn passiert sein könnte?", fragte
sie. „In dieser Woche ist überhaupt
niemand überrascht worden."
Herr Reiner zwinkerte mit den Augen.
Er hatte besonders gut aufgepaßt und
das Geheimnis über den Klub der guten
Nachbarn entdeckt. Er sagte ihr, was er
herausgefunden hatte. „Jetzt sind die
Kinder wieder in der Schule und haben
keine Zeit mehr, so viele kleine nette
Taten zu vollbringen, die uns den ganzen
Sommer lang so erfreut haben."
Juttas Mutter erzählte es Pias Mutter.
Pias Mutter erzählte es Irenes Mutter.
Es dauerte nicht lange, da kannten alle
Erwachsenen das Geheimnis über den
Klub der guten Nachbarn. Und sie
waren sich darin einig, daß sie sich beim
Klub bedanken sollten.
Sie planten alles ganz geheim, und am
nächsten Samstagnachmittag wurden
alle Klubmitglieder zu einer Party bei
Herrn Reiner eingeladen.
Nachdem alle gekommen waren, bat
Herr Reiner sie, Platz zu nehmen. Und
dann ging er aus dem Zimmer. Nach ein
paar Minuten kam er wieder, und alle
die, denen die Kinder während des
Sommers geholfen hatten, folgten ihm
jetzt ins Zimmer.
Als sie im Chor sagten: „Danke, Klub
der guten Nachbarn!", schauten die
Jungen und Mädchen einander über-
rascht an. Diesen schönen Sommer so zu
beenden, gefiel ihnen.
■8
Alice Stratton /Illustrationen von Arlene Braithwait
Eine Taufe
ist eine
Familien-
angelegenheit
Ach stand im Kreise der Fami- den Anlaß feierten, schaute eines der
lie am Rand des Taufbeckens und Kinder von seinem Eisteller auf und
sah zu, wie mein kleiner Enkel fragte: „Großmutter, bist du in
Clayton furchtsam mit seinem Vater sauberem, blauem Wasser getauft
die Stufen hinunterstieg. Sein Vater worden?"
hob den Arm und sprach das Tauf- „Nein", lachte ich. „Als ich getauft
gebet, dann tauchte er ihn unter. Es wurde, saßen wir nicht in einem
spritzte und platschte um ihn her- Raum mit Vorhängen und Teppi-
um. chen, und es gab keine schöne Musik
Nachdem das Schlußlied gesungen und gute Ansprachen. Niemand
und das Schlußgebet gesprochen hatte weiße Kleidung an, und es
war, verließen die Familien und die standen auch keine Verwandten am
eben getauften Kinder andächtig Rand des Taufbeckens."
das Gemeindehaus. Später, als wir „Erzähl uns mehr davon, Groß-
mutter", baten mich die Kinder.
Und so erzählte ich ihnen meine
Geschichte.
Wißt ihr, als ich klein war, war
Hurricane eine kleine Pionierstadt
im südlichen Teil von Utah. Es war
geplant, daß ich an an meinem
Geburtstag im Hurricane Canal ge-
tauft werden sollte. Ich freute mich
so darauf, daß ich es fast nicht
erwarten konnte. Und dann, nur
vier Tage vor meinem Geburtstag,
brach ein Damm, und das Wasser
versickerte.
Die Farmer waren außer sich. Die
Pfirsichgärten und die Felder waren
trocken. Jeder Mann in der Stadt
ging mit Spitzhacke und Schaufel
zum Fluß, um ihn zu regulieren,
aber es war eine harte Arbeit. Am
Tag vor meinem Geburtstag kletter-
te ich die Böschung zum Kanal
hinauf, um wenigstens ein kleines
bißchen Wasser zu sehen. Aber alles,
was wir sehen konnten, war der
durch den heißen und trockenen
Wind verkrustete Schlamm am Bo-
den, der große Risse gebildet hatte.
„O, Mama, was werden wir denn
machen?" fragte ich. „Wie kann ich
nur getauft werden, wenn der Kanal
trocken ist?"
„Du kannst immer noch zur nächst-
en heißen Schwefelquelle gehen, wie
deine Schwestern das auch gemacht
haben", schlug sie vor.
„Aber sie hatten im Winter
Geburtstag. Jetzt im Juli würden wir
uns ja verbrühen!"
Mama meinte, daß wir die Taufe
nicht aufschieben sollten. In unserer
Familie war es Tradition, daß jedes
Kind an seinem achten Geburtstag
getauft wurde.
„Laß uns einmal überlegen, was
sonst noch in Frage kommt", sagte
Mama. „Komm mit mir."
Die Wasserstelle für die Kühe be-
fand sich gleich außerhalb des
Pferchs unter dem Aprikosenbaum.
10
Im Zaun war ein Loch, durch das die
Kühe ihren Kopf stecken konnten.
„Du könntest hier getauft werden",
sagte sie. Ich blickte auf das viele
grüne Moos darin und schauderte.
„Du kannst die Wasserrinne mit der
Bürste sauberschrubben und sie mit
frischem Wasser aus der Zisterne
füllen.",, Aber Mama. . ."Jammer-
te ich.
„Wenn Traurigsein helfen würde,
daß im Kanal Wasser fließt, dann
würde es jetzt bestimmt dort flie-
ßen", sagte sie und wiegte mich
tröstend in ihren Armen.
Ich hatte von Onkel Ren gehört, daß
man den Kanal bis Sonnen-
untergang vielleicht fertig repariert
hätte. Deshalb kletterte ich kurz vor
Einbruch der Dunkelheit auf den
Damm in der Hoffnung, die schau-
mige Krone des Flusses zu sehen.
Aber die Risse im Lehm waren nur
noch tiefer geworden. Ganz traurig
stapfte ich nach Hause und ließ mich
auf mein Bett im Pfirsichgarten
fallen, wo wir im Sommer schliefen.
Ich schaute in den Abendhimmel
und sah, wie die ersten Sterne ka-
men. „Bitte, Vater im Himmel",
betete ich, „hilf den Männern, daß
sie es schaffen, daß das Wasser
morgen wieder im Kanal fließt."
Ich war nicht überrascht, als ich
kurze Zeit darauf vom oberen
Schleusentor her leise Wasser plät-
schern hörte. Ich setzte mich auf und
lauschte. Das Plätschern wurde stär-
ker, bis es ein richtiges Getöse war.
Das Wasser rauschte über die Felsen
und floß schließlich auch in dem
Graben bei unserem Haus vorbei.
Der Kanal war vor Sonnen-
untergang repariert worden, aber
das Wasser hatte erst noch Kilo-
meter zurücklegen müssen, bis es
unsere Stadt erreicht hatte.
,,0, danke, Vater im Himmel",
flüsterte ich. Dann kuschelte ich
mich in mein Kissen und schlief ein,
beruhigt durch die schöne Musik des
plätschernden Wassers.
Am nächsten Nachmittag hatte der
neue Strom allen Schmutz wegge-
waschen, und das Wasser floß ruhig
und glatt dahin. Ich zog mein saube-
res weißes Nachthemd an, und On-
kel Ren Spendlove kam in seiner
verblichenen Arbeitshose. Mama
ging mit uns zum Kanal. Am Damm
entlang im Schatten der Weiden
saßen meine Spielgefährten und
Cousins und warteten. Onkel Ren
stieg auf dem glitschig-schlammigen
Boden hinunter ins Wasser und
reichte mir dann die Hand herauf.
Kleine Lichtwellen tanzten auf dem
Wasser, und ein paar Weidenblätter
glitten wie Kanus an uns vorbei. Der
Wind wehte nicht, als Onkel Ren das
Taufgebet sprach. Ich spürte die
Wasserströmung in meinen Ohren,
und Onkel Ren hob mich aus dem
Wasser. Ich gluckste. Er hielt mich
fest, bis ich wieder Luft holen kon-
nte. Dann bemerkte ich, daß mich
jeder ansah und anlächelte. Ich freu-
te mich sehr und wußte, daß sie mich
liebten.
„Mama, ich bin getauft!", rief ich.
Sie streckte die Hände nach mir aus
und zog mich zu sich. Sie hatte
gesagt, daß die Taufe eine heilige
Handlung sei, und als sie mich
umarmte, tropfnaß wie ich war,
wußte ich, daß das wahr war.
11
PAPIER
PUPPE
AURELIA ROGERS
SCHUF DIE
PRIMARVEREINIGUNG
AUGUST 1878
9. „Kaum hatte ich dies getan, als ich mich
plötzlich von einer Macht ergriffen fühlte, die
mich gänzlich übermannte und eine solche
Gewalt über mich hatte, daß sie meine Zunge
band, so daß ich nicht sprechen konnte"
(Joseph Smith 2:15).
zweifeln und mich der Vernichtung hingeben
wollte . . . , sah ich unmittelbar über meinem
Haupt eine Lichtsäule, heller als der Glanz der
Sonne, allmählich auf mich herabkommen, bis
sie auf mir ruhte" (Joseph Smith 2:15, 16).
10. „Dichte Finsternis umschloß mich, und
eine Zeitlang schien es, als falle ich einer
plötzlichen Vernichtung anheim."
12. „Sobald sie erschien, fand ich mich befreit
von dem Feind, der mich gebunden gehalten
hatte" (Joseph Smith 2:17).
11. „Gerade in dem Augenblick, als ich ver-
13. „Als das Licht auf mir ruhte, sah ich zwei
Gestalten, deren Glanz und Herrlichkeit unbe-
19
schreiblich waren, über mir in der Luft stehen"
(Joseph Smith 2:17).
14. „Eine davon sprach zu mir, mich beim
Namen nennend, und sagte, auf die andere
deutend: ,Dies ist mein geliebter Sohn, höre
ihn!"' (Joseph Smith 2:17).
15. In einem schattigen Wald hat der Herr die
Botschaft überbracht. Ein junger Mann — - ein
Prophet im Knabenalter - - hat sie auf den
Hügeln im Norden des Staates New York
empfangen. „Welcher von all diesen Kirchen
soll ich mich anschließen?" so betete Joseph
Smith demütig. Sein demütiges Beten fand
Erhörung: „Schließe dich keiner von ihnen
an." Joseph Smith sagte: „Mir wurde aus-
drücklich geboten, mich keiner von ihnen
anzuschließen, und zugleich erhielt ich die
Verheißung, daß mir das vollständige Evangeli-
um zu einer späteren Zeit bekanntgemacht
würde" (Wentworth- Brief Absatz 3).
16. Wieder einmal haben sich die Himmel
aufgetan, und ein Mensch hat mit der Gottheit
von Angesicht zu Angesicht gesprochen, wie es
Adam, Mose, Paulus und andere getan hatten.
Gott Vater und sein Sohn besuchten einen
Knaben, der vor mehr als 150 Jahren an einem
Frühlingstag in einem entlegenen Wald kniete.
Durch den Propheten Joseph Smith und auf-
grund der ersten Vision und der Offenbarun-
gen, die auf sie folgten, wurde die Kirche Jesu
Christi in ihrer Vollständigkeit auf Erden
wiederhergestellt.
20
seine Frage erhielt: „Welcher all dieser
Kirchen soll ich mich anschließen?"
„Die erste Vision" ist ein historischer
Film, der von der Kirche als
Unterrichtshilfe und Werkzeug für die
Missionsarbeit in Auftrag gegeben wur-
de. Das Drehbuch folgt Joseph Smith'
eigenem Bericht darüber, was er im
Frühling des Jahres 1820 in Palmyra im
Staate New York erlebt hatte, als er sich
entschloß, Gott zu fragen, welche Kir-
che die richtige wäre, nachdem er Jako-
bus 1:5 gelesen und darüber nach-
gedacht hatte.
Auf die einzigartige Schönheit dieses
ersten Morgens folgte eine Woche eif-
rigen Filmens. Aber am Donnerstag
setzte das schlechte Wetter wieder ein -
noch mehr Wolken und noch mehr
Regen. Gegen Ende dieses Tages gab es
noch eine wichtige Szene, die gefilmt
werden sollte; und für diese Szene würde
man strahlenden Sonnenschein benöti-
gen. Es handelte sich dabei um die
Szene, wo der junge Joseph Smith an
einem sonnenbeschienenen Tag aufsein
Haus zuläuft. Am Freitagmorgen setz-
ten sie also das Gerüst für die Kameras
in der Mitte des Feldes auf, das zwischen
dem Waldstück und Joseph Smith'
Heim lag. Sie sprachen ein inbrünstiges
Gebet und warteten. Nach einer Zeit, die
wie Stunden wirkte, verzogen sich die
Wolken. Die Kameras surrten. Gerade
als die Szene beendet wurde, zogen sich
die Wolken wieder zusammen, und es
war wieder so dunkel wie vorher. „Das
ist alles, was wir herausholen konnten",
sagte der Regisseur David Jacobs, „aber
das war auch alles, was wir brauchten -
das ist die Szene, die den Film einleitet."
In seinem Bericht von seiner ersten
Vision erzählt uns Joseph Smith, wie er
in den Wald ging und sich niederkniete,
um zum Herrn zu beten. Plötzlich ver-
spürte er eine buchstäbliche Dunkelheit
- eine Macht, die ihn „gänzlich über-
mannte . . , (die) Gewalt eines wirklichen
Wesens aus der unsichtbaren Welt"
(Joseph Smith 2:15, 16). Es war schwer,
einen solch bösen Einfluß darzustellen
und dann auf den Film zu bannen. Ehe
David Jacobs eine Woche zuvor mit
dem Flugzeug nach New York ge-
kommen war, hatte er einige Unterlagen
über einen kurz zuvor entdeckten Be-
richt von der Vision, wie er von Joseph
Smith geschrieben worden war, durch-
studiert.
Während er las, fielen ihm einige Sätze
besonders auf: Joseph Smith hatte ge-
schrieben: „Ich hörte hinter mir ein
Geräusch, als ob jemand auf mich
zukäme. Ich bemühte mich, nochmals
zu beten, konnte es aber nicht, denn die
Schritte kamen immer näher. Ich sprang
auf und sah mich um. Ich sah weder
einen Menschen noch sonst etwas, was
dieses Geräusch hätte hervorrufen
können"(zitiert in „Early Accounts of
the First Vision" BYU Studies, S. 284).
„Ich wußte sofort, daß ich so an die
Szene mit der Dunkelheit herangehen
sollte", sagte Jacobs. „Es war drama-
tisch. Es war wahr."
Aber die schwierigste Szene war die, wo
Gott Vater und sein Sohn erschienen. Es
war eine wichtige Entscheidung, ob man
die göttliche Erscheinung wegen ihrer
Heiligkeit überhaupt zeigen sollte. Dann
erwähnte ein Führer der Kirche dem
Direktor der Filmabteilung, Jesse Star,
gegenüber, daß er der Meinung sei, daß
eine der wichtigsten Erkenntnisse aus
der ersten Vision sei, daß Gott Vater und
sein Sohn zwei getrennte und ver-
schiedene Personen seien — eine Er-
kenntnis, die der allgemeinen Auffas-
sung von der Dreieinigkeit widerspricht.
Damit war die Entscheidung getroffen
worden: Gott Vater und sein Sohn
werden im Film dargestellt.
Die Herstellung eines Filmes wie „Die
erste Vision" unterscheidet sich von der
(Forts. S. 35)
BRIGHAM
YOUNG
ls Brigham Young vor 101
Jahren, am 29. August 1877, aus dem
Leben schied, starb er als politischer
Führer eines 350 Städte und Dörfer
umfassenden Gebietes — Ansiedlungen,
die in der Wüste blühten - - und als
Prophet, als Sprecher Gottes für
1 00 000 Menschen. Er hatte die Kirche
in der schweren Zeit geleitet, die auf den
Märtyrertod des Propheten Joseph
Smith und seines Bruders Hyrum folgte.
Unter seiner Leitung zogen Tausende
von Heiligen 2 300 Kilometer west-
wärts, um die Wüste zu besiedeln. Er
war ein großer Redner und ein erfolg-
reicher Missionar. Er förderte die
Kunst, gründete Universitäten und
Akademien und bekleidete das Amt
eines Gouverneurs in jenem Terri-
torium.
Im allgemeinen sind diese Leistungen
des zweiten Propheten dieser
Evangeliumszeit den Heiligen der Letz-
ten Tage bekannt. Weniger bekannt sind
einigen vielleicht die Umstände, unter
denen Brigham Young aufwuchs, und
seine Bekehrung zum Mormonismus.
Er war nur elfeinhalb Tage zur Schule
gegangen. Seine Mutter unterrichtete
ihn und die anderen Kinder zu Hause ein
wenig, soweit sie es vermochte. Sie
brachte ihm das Lesen bei, und sein
Vater unterwies ihn aus der Bibel.
Seine Eltern waren fromme, puritanisch
gesinnte Methodisten. Ihre strenge
Frömmigkeit lehnte er nicht völlig ab,
aber übernahm sie auch nicht für sich.
Statt dessen entwickelte eine bemerkens-
werte Unabhängigkeit, die ihn lange und
gründlich nachdenken ließ, ehe er sich
auf religiösem Gebiet festlegte. Später
konnte er mit gereiftem Verständnis auf
seine Jugend so zurückschauen:
,,Ich wurde sehr streng erzogen. Son-
ntags durfte ich nicht länger als eine
halbe Stunde Spazierengehen, um mich
zu bewegen ... In meiner Jugend durfte
ich niemals tanzen, und die bezaubern-
den Töne der Violine vernahm ich erst
im Alter von elf Jahren, und ich meinte
damals, ich sei auf dem besten Weg zur
Hölle, wenn ich stehenbliebe und zu-
hörte. Ich werde meine Kinder nicht auf
so unnatürliche Weise erziehen. Sie
sollen tanzen gehen und sich mit Musik
befassen, Romane lesen und auch sonst
alles tun, was geeignet ist, ihren Hor-
izont zu erweitern und Begeisterung in
ihnen zu entfachen, ihren geistigen Fort-
schritt zu fördern und ihnen das Gefühl
zu vermitteln, daß sie frei und weder
geistig noch körperlich eingeengt sind"
(Journal of Discourses -- im folgenden
als JD zitiert — , 11:94).
Brigham Young lernte in seiner Jugend,
sparsam zu sein und hart zu arbeiten. Er
Das Haus der Waits in Awelius, New York, das Brigham
Young um 1820 zu bauen geholfen hat.
22
wurde als Lehrling von einem Mann
ausgebildet, der Stühle zimmerte und
Häuser anstrich. Mit 18 Jahren war
Brigham Young so weit herangereift
und auch geschickt genug, daß er sich
selbständig machen konnte, und so
machte er eine kleine Werkstatt für
Holzarbeiten auf. Er etablierte sich als
geschickter Handwerker, dessen Name
im Westteil des Bundesstaates New
York noch immer bekannt ist — wegen
seiner kunstvollen Treppenschacht-
verzierungen und Türen mit fächer-
förmigem Oberlicht, Türrahmen und
Treppengeländer, Dachfenster und
Kaminsimse.
Über seine Einstellung zur Arbeit hat er
folgendes bemerkt: „Wenn eine Arbeit
es wert ist, getan zu werden, dann ist sie
es auch wert, daß man sie gewissenhaft
tut. An diesen Grundsatz habe ich mein
Leben lang geglaubt. Wenn mir jemand
eine Arbeit übertrug, dann wollte ich sie
ehrlich und zuverlässig ausführen — so,
daß das Ergebnis bleibenden Bestand
haben würde. Dies habe ich stets ebenso
als Teil meiner Religion angesehen wie
den Besuch des Gottesdienstes am Sab-
bat."
Brigham Young suchte lange nach der
wahren Religion. Ebenso wie Joseph
Smith schloß er sich nicht der Kirche
seiner Eltern an. Er ging zu den Ver-
sammlungen verschiedener Religions-
gemeinschaften und strebte danach,
nach sittlichen Grundsätzen zu handeln,
hart zu arbeiten und ein liebevoller
Ehemann und Vater zu sein. Es liegt
jedoch auf der Hand, daß ihn ein gutes
Leben voller Arbeit allein nicht aus-
füllen konnte. Er muß sich nach geistiger
und seelischer Selbsterfüllung gesehnt
haben, und gewiß hat er nach einer
Antwort auf die quälenden Fragen nach
dem Sinn des Lebens gesucht. Überall,
wo er seinen Wohnsitz hatte, schloß er
sich Gruppen an, die selbständig nach
Wahrheit suchten - - ebenso wie viele
andere, die damals zu der gerade wieder-
hergestellten Kirche fanden. Brigham
Youngs Bruder, Phineas, leitete selbst
eine solche Gruppe. Von dem Bruder
des Propheten, Samuel Smith, erhielt er
eines der ersten Exemplare des Buches
Mormon. Phineas Young las das Buch
gründlich, denn er fühlte sich gegenüber
seiner kleinen Gemeinschaft ver-
pflichtet, jeglichen religiösen Betrug zu
entlarven. Er konnte die erwarteten
Fehler jedoch nicht finden, und als er am
nächsten Sabbat vor seine Gruppe trat
- höchstwahrscheinlich war auch Brig-
ham Young zugegen — , verteidigte er
das Buch Mormon, und er hatte noch
keine zehn Minuten gesprochen, als der
Geist Gottes in wunderbarer Weise auf
ihn herabkam. Er berichtet selbst: „Ich
redete sehr lange über die Bedeutung
eines solchen Werkes und untermauerte
meinen Standpunkt mit Bibelzitaten.
Zum Schluß erklärte ich, daß ich an das
Buch glaubte."
Phineas Young lieh das Buch Mormon
seinem Vater, der es für das bedeutsam-
ste Werk hielt, das er je gesehen hatte.
Von ihm gelangte es zu Phineas Youngs
Schwester Fanny, die es als eine Offen-
barung bezeichnete. Fanny gab es an
Brigham Young weiter, der skeptisch
war.
„Ich beschäftigte mich zwei Jahre eifrig
mit dieser Sache, ehe ich mich entschloß,
das Buch anzuerkennen . . . Ich wollte
mir genügend Zeit nehmen, um der
Sache hinreichend auf den Grund zu
gehen" (JD, 111:91).
Bei anderer Gelegenheit erklärte Brig-
ham Young, warum er zunächst skep-
tisch war:
„Ich las das Buch Mormon, sobald sich
mir die Möglichkeit dazu bot. Sodann
bemühte ich mich, die Menschen
kennenzulernen, die behaupteten, daran
zu glauben . . . Ich wollte sehen, ob sie
23
über gesunden Menschenverstand ver-
fügten; sollten sie diesen besitzen, so
wollte ich, daß sie für das Buch im
Einklang mit der Schrift einträten . . .
Ich erkannte es erst dann voll an, als ich
mich eingehend damit beschäftigt hat-
te" (JD, Vlll:38).
Nach ungefähr eineinhalb Jahren wurde
er schließlich zum Handeln veranlaßt.
Er wurde von einigen Mormonen-
missionaren aus Columbia, Pennsylva-
nia, besucht. Einer von ihnen nötigte
ihn, sich die Zeit zu nehmen und zu-
zuhören, als er ihm sein Zeugnis ablegte.
,,Ich sah einen Mann ohne Redegabe,
das heißt ohne die Fähigkeit, öffentlich
vor den Menschen zu sprechen. Er
konnte nichts weiter sagen als: ,Ich weiß
durch die Macht des Heiligen Geistes,
daß das Buch Mormon der Wahrheit
entspricht und daß Joseph Smith ein
Prophet des Herrn ist.' Der Heilige
Geist, der von diesem Menschen aus-
ging, erleuchtete meinen Verstand, und
es umfingen mich Licht, Herrlichkeit
und Unsterblichkeit. Ich war von dieser
Macht erfüllt und umgeben und wußte
nun selbst, daß das Zeugnis dieses
Mannes wahr war . . . Ich mußte meine
eigene Urteilskraft, meine natürlichen
Fähigkeiten und meine Bildung hintan-
stellen und mich diesem einfachen, aber
machtvollen Zeugnis beugen ... Es
erfüllte meinen ganzen Körper mit Licht
und meine Seele mit Freude" (JD, 1:90).
Am 15. April 1832 wurde Brigham
Young in Mendon in seinem kleinen
Mühlenbach hinter seiner Zim-
mermannswerkstatt getauft — von
ebendem Missionar, dessen Zeugnis ihn
so beeinflußt hatte.
Präsiden! Brigham Young
Was Brigham Young über die Bildung
gesagt hat
„Bildung ist ein wertvolles Gut. Geseg-
net ist der Mann, der sie besitzt und sie
ohne Hochmut für die Verbreitung des
Evangeliums einsetzen kann" (JD,
XL214).
„Wir haben das ewige Leben zur Grund-
lage unserer Weltanschauung gemacht.
Deshalb sollen wir aufhören, Kinder zu
sein, und zu Philosophen werden, die
den Zweck ihres Daseins verstehen.
Wenn wir dies verwirklichen, machen
wir unser Leben nicht durch Unwissen-
heit inhaltlos, sondern wir haben jeden
Tag etwas Wertvolles und Nützliches zu
tun. Gott hat uns auf diese Erde gestellt;
er hat uns unsere Fähigkeiten mit-
gegeben, und er hat uns Mittel an die
Hand gegeben, womit wir eine glück-
liche Gemeinschaft und einen Staat von
glücklichen Menschen aufbauen und
unsere ewige Glückseligkeit erwirken
können"(JD, IX: 190).
24
Schulgebäude, aus Felssteinen erbaut, in der
Nähe von Auburn, New York, wo Brigham
Young wahrscheinlich 1833 gepredigt hat.
„Alle Künste und Wissenschaften der
Menschen bilden einen Bestandteil des
Evangeliums. Wo ist die Quelle des
Wissens, das den Menschen in den
letzten Jahren befähigt hat, in Wissen-
schaft und Technik so großartige Lei-
stungen zu vollbringen? Wir wissen, daß
alle diese Kenntnisse von Gott kommen,
aber warum erkennen die Menschen
Gott darin nicht an? Weil sie blind für
ihre eigenen wahren Interessen sind,
sehen und verstehen sie die Wirklichkeit
nicht. Wer hat die Menschen gelehrt,
sich die Elektrizität dienstbar zu ma-
chen? Haben sie diese Erfindungen etwa
aus eigener Kraft hervorgebracht? Nein,
sie haben dieses Wissen vom höchsten
Wesen erlangt. Von ihm rührt auch jede
Kunst und jede Wissenschaft her, ob-
wohl man derartige Verdienste immer
nur diesem oder jenem Menschen zu-
schreibt. Woher stammen diese Er-
kenntnisse aber in Wahrheit? Haben die
Menschen sie aus sich selbst hervor-
gebracht? Gewiß nicht. Sie vermögen
Präsident Brigham Young
nicht einen einzigen Grashalm wachsen
zu lassen, noch können sie ohne künstli-
che Hilfe ein einziges Haar weiß oder
schwarz machen. Deshalb müssen sie
anerkennen, daß sie ebenso wie die
Armen und Unwissenden vom höchsten
Wesen abhängig sind. Woher haben wir
die Kenntnisse, die es uns erlauben, die
für unsere Zeit so bemerkenswerten
Maschinen zu konstruieren, die einen
großen Teil der Handarbeit überflüssig
machen? Vom Himmel! Wo liegt die
Quelle unserer astronomischen Kennt-
nisse oder der Fähigkeit, Ferngläser
herzustellen, die uns einen tiefen Ein-
blick in den unendlichen Weltraum
gewähren? Wir haben sie von dem
gleichen Wesen erhalten, von dem auch
Mose und die, die vor ihm waren, ihre
Erkenntnisse erlangt haben — von dem
„Schon bei oberflächlichem Verständnis
der Religion der Heiligen der Letzten
Tage fühlt man sich getrieben, fleißig
nach Kenntnissen zu streben. Es gibt
kein Volk, das eifriger danach trachtet,
25
Oben: Am Ufer des Erie-Sees bei Astabula, Ohio,
wo Brigham und Joseph Young einen Nachmittag
verbracht haben, während sie als Missionare
unterwegs waren.
Unten: Das Fenster hinter den dreifach ange-
ordneten Kanzeln im Kirtland Tempel. Wahr-
scheinlich wurde es von Brigham Young entworfen
und gebaut.
mit neuer Wahrheit bekannt zu werden
und sie zu begreifen"(JD, VIII:6).
gleichen Wesen, von dem einst Noah
erfuhr, daß die Welt überflutet und die
Menschheit ertränkt werden solle. Gott
hat den Menschen auch die Fähigkeit
gegeben, voneinander zu empfangen
und die Zusammensetzung der Erd-
kruste zu erkunden" (JD, XII:257).
„Ganz gleich, in was für Umständen
man sich befindet, ob es einem wohl
ergeht oder ob man in Not ist man
kann von jedem Menschen und aus
jedem Geschehen etwas lernen" (JD,
IV:287).
„Es lohnt sich, daß wir uns um die
Erziehung und Bildung unserer Kinder
kümmern. Das gleiche gilt für die Unter-
weisung der Ältesten. Den Eltern und
der heranwachsenden Generation muß
man gründlich einschärfen, wie wichtig
die Bildung ist" (JD, XIII:262).
„Sorgen Sie dafür, daß Ihre Kinder
Grundkenntnisse in ihrer Mutter-
sprache erwerben, und lassen Sie sie
hernach höhere Bildung erlangen. Ge-
ben Sie ihnen die Möglichkeit, daß sie
auf allen wahren und nützlichen
Wissensgebieten besser informiert wer-
den als ihre Väter. Wenn sie sich mit
ihrer eigenen Sprache vertraut gemacht
haben, lassen Sie sie Fremdsprachen
erlernen; veranlassen Sie sie dazu, sich
mit dem Brauchtum und den Gesetzen,
der Verwaltung und der Literatur an-
derer Nationen, Völker und Sprachen
eingehend bekannt zu machen. Lassen
Sie sie alle Wahrheit kennenlernen, die
zu den Künsten und Wissenschaften
gehört, und lassen Sie sie auch lernen,
wie sie diese für ihre irdischen Belange
nutzbar machen können. Lassen Sie sie
alles studieren, was auf der Erde, unter
der Erde und in den Himmeln vor-
„Ich möchte, daß sich dieses Volk
besonders um die Bildung der Kinder
kümmert. Wenigstens sollen wir ihnen
eine gewöhnliche Schulbildung angedei-
hen lassen, wenn wir schon nicht mehr
tun können, so daß unsere Söhne, wenn
sie als Boten der Erlösung und als
Repräsentanten des in den Bergen be-
heimateten Reiches Gottes in die Welt
gesandt werden, sich in die beste Gesell-
schaft begeben und den Menschen die
Grundsätze der Wahrheit vernünftig
darlegen können, denn alle Wahrheit
geht vom Himmel aus und bildet einen
Bestandteil unserer Religion.
Jede Leistung, jede Tugend und jede
nützliche Errungenschaft, ob in der
Mathematik oder in der Musik, ja. in
allen Wissenschaften und Künsten steht
den Heiligen offen. Sie sollen sich so
rasch wie möglich des großen Reich-
tums an Wissen bedienen, den die
Wissenschaften jedem zu bieten haben,
der fleißig und ausdauernd lernt" (JD,
X:224).
26
Der Mühlenbach und der Platz, wo Brigham
Young die Sägemühle 1829-30 baute. Am 15. April
1832 wurde er hier getauft.
Oben: Gasthaus in Aurelius, New York, wo Brig-
ham Young tanzen lernte.
Mitte: Man sagt, daß Brigham Young an dieser
Stelle seine erste Frau Miriam getroffen hat.
Unten: Teilansicht des Hauses in Mendon, New
York, das Brigham Young 1829 für seinen Vater,
John Young, gebaut hat.
Links: Diese Drehbank machte Brigham Young für
seine Sägemühle in Mendon; sie wurde mit Wasser
betrieben.
Haus in Haydenville, wo Brigham Young kurz
nach seiner Hochzeit lebte.
Rechts: Diesen Lehnstuhl baute Brigham Young
um 1829 in Mendon, New York; jetzt steht er im
Haus John Youngs, Vaters.
27
Weltweites
Wachstum
des Bildungswesens
der Kirche
Joe J. Christensen
Ein Gespräch mit dem Stellvertretenden Be-
auftragten der Kirche für religiöse Bildung,
Bruder Joe J. Christensen.
E
msign: Warum hat die Kirche
Seminar- und Institutsprogramme?
Bruder Christensen: Der Zweck des
Seminars und Instituts ist es, kurz ge-
sagt, der Familie zu helfen, den gött-
lichen Kern im Menschen zu nähren und
zu pflegen.
Ensign: Während der ersten paar Jahre,
wo das Seminar- und Instituts-
programm in den nicht Englisch
sprechenden Ländern aufgebaut wurde,
hat es ein sehr großes Wachstum erlebt.
Können Sie uns etwas über das Ausmaß
dieses Wachstums sagen?
Bruder Christensen: Die Entscheidung,
das Seminarund Institutsprogramm
auch den nicht Englisch sprechenden
Ländern zugänglich zu machen, war
wirklich inspiriert. Im November 1970
beschloß der Bildungsausschuß der Kir-
che, daß das Seminar und das Institut
mit der Ausbreitung der Kirche in der
Welt so weit wie möglich Schritt halten
sollte. Nachdem wir die Mitglieder-
verteilung und die Vielfalt des Seminar-
und Institutsprogramms in Betracht ge-
zogen hatten, beschlossen wir, das Pro-
gramm in die Spanisch, Portugiesisch
und Deutsch sprechenden Gebiete der
Kirche zu bringen. Die Schwierigkeiten,
die uns gegenüberstanden, waren unge-
heuer: es galt, die Materialien zu über-
setzen, zweisprachiges Personal zu fin-
den, das in den verschiedenen Ländern
unterrichten soll, und das Material von
einem Land zum anderen zu schaffen.
Das erste Jahr war für uns eine richtige
Überraschung. Wir hatten geglaubt, daß
wir in Guatemala einen guten Start
hätten, wenn sich im ersten Jahr 200
Teilnehmer eintragen ließen. Innerhalb
von drei Monaten — von März bis Juli
1971 — meldeten sich in Guatemala 750
Teilnehmer. Während des ersten Jahres
trugen sich in Säo Paulo in Brasilien
über 900 Leute ein. Und die Anzahl der
Teilnehmer in Argentinien und Uruguay
belief sich auf 700 Leute.
Das Programm läuft nun in 51 (und bald
55) Ländern, und es wird in 17 ver-
schiedenen Sprachen unterrichtet. Die-
ses Jahr haben sich in der ganzen Welt
über 295000 Menschen im Seminar-
und Institutsprogramm eintragen las-
sen.
Ensign: Welche Programme sind durch
die Seminare und Institute verfügbar?
Bruder Christensen: Wo es die örtlichen
Gegebenheiten zulassen, treffen sich im
Seminar die jungen Menschen einer
Gemeinde oder eines Pfahles am Mor-
gen vor ihrer regelmäßigen Schulzeit auf
eine Stunde. Ein anderes grundlegendes
Programm des Seminars ist das
Heimstudienprogramm. Dieses Pro-
gramm ist für Gebiete bestimmt, wo es
nur wenige Mitglieder gibt. Einer der
28
größten Vorzüge dieses Programms ist
folgender: Auch wenn es nur einen
jungen Menschen in der Gemeinde gibt,
kann dieser während der Woche eine
formelle religiöse Ausbildung erhalten.
Die Teilnehmer an diesem Programm
arbeiten den Stoff vor allem zu Hause
durch. Dann — sei es nun am Sonntag
oder an einem anderen Tag der Woche
— kommen sie zu einem gemeinsamen
Unterricht zusammen.
In jeder Gemeinde, wo dieses Programm
durchgeführt wird, wird ein Lehrer
berufen, der sich wöchentlich mit der
Gruppe trifft und das wiederholt, was
die Schüler durchgearbeitet haben. Der
Lehrer hält einen Unterricht, der die
Schüler motiviert und begeistert, und er
kontrolliert außerdem die Arbeiten der
Schüler. Der Schüler kommt dann
wiederum mit neuen Aufgaben und
Unterlagen nach Hause, die er während
der darauffolgenden Woche durch-
nehmen kann.
Normalerweise haben die Teilnehmer
am Heimstudienprogramm einmal im
Monat einen sogenannten „Supersams-
tag". Die Schüler und die Lehrer in
einem Umkreis von etwa 150 km kom-
men dann zusammen, und ein haupt-
amtlich angestellter Lehrer hält den
Unterricht. Während die Schüler im
Anschluß unter der Leitung der JM/-
JD-Beamten Aktivitäten durchführen,
werden die Lehrer für die Aktivitäten
des nächsten Monats geschult.
Ensign: Welche Kurse sind erhältlich?
Bruder Christensen: Erhältlich ist je ein
Kurs über das Alte Testament, das Neue
Testament, das Buch Mormon, die Ge-
schichte und Lehre der Kirche. Für das
Institut sind Kurse über das Buch , Lehre
und Bündnisse', die heutigen Propheten
und ihre Lehren, das Werben und die
Ehe und über die Vorbereitung auf die
Mission erhältlich.
Ensign: Wie unterscheidet sich der Lehr-
plan des Seminars und des Instituts-
programmes von dem der Sonntags-
schule?
Bruder Christensen: Die augen-
scheinlichsten Unterschiede bestehen in
der Aufmachung und in der „Vortrags-
weise". In den Hilfsorganisationen rich-
tet sich das Material, das wir verfassen,
im allgemeinen an den Lehrer. Man gibt
dem Lehrer, was er braucht, um die
Schüler zu unterrichten. Im Seminar-
programm bezieht der Schüler das Ma-
terial und arbeitet es selbst täglich
durch. Und so ist das benötigte Material
im Seminar und Institut viel umfang-
reicher.
Ensign: Welchen Schwierigkeiten stehen
Sie gegenüber?
Bruder Christensen: Natürlich ist es
immer ein Problem, die Qualität zu
erhalten und zu gleicher Zeit die Menge
zu vergrößern, wenn man das wirksam
machen und dabei noch sparsam sein
will.
Eine andere große Schwierigkeit ist es,
den Eltern zu helfen, das Programm zu
verstehen. Wir spornen die Eltern an,
mit den Kindern die Klasse zu besuchen,
mit ihnen zu sprechen und herauszu-
finden, was alles dazugehört. Wenn sich
die Eltern einmal mit dem Programm
vertraut gemacht haben, sind sie sehr
begeistert und bemühen sich voll und
ganz, daß auch ihre anderen Kinder zu
gegebener Zeit daran teilnehmen.
Ensign: Gibt es Kurse für Erwachsene,
an denen die Eltern teilnehmen kön-
nten?
Bruder Christensen: Das Instituts-
programm ist dafür vorgesehen, daß
sich Erwachsene daran beteiligen. Viele
Eltern besorgen sich einen Führer zum
Selbststudium, den man bei der
Versandzentrale erhalten kann. Wir ha-
ben diese Führer zum Selbststudium für
alle Kurse, also für das Buch Mormon,
das Neue Testament usw. Jeder Erwach-
29
sene, der sich dazu entschließt, kann
während der Woche eine religiöse Aus-
bildung erhalten, die dem Niveau von
Erwachsenen entspricht.
Wir haben überall dort ein Religions-
institut, wo es ein Colleg oder eine
Universität mit genug HLT-Studenten
gibt. Aber wir haben Tausende von
Erwachsenen, die keine Schule besuchen
oder deren Stundenplan es ihnen nicht
erlaubt, an einer regelmäßigen Instituts-
klasse teilzunehmen. Wenn die
Priestertumsführer an einem individuel-
len Studienprogramm interessiert sind
und es fördern, so stellen wir auf Ersu-
chen der Priestertumsführer das Pro-
gramm in dem betreffenden Gebiet
bereit. Unser Ziel ist es, jedem die
Möglichkeit zu bieten, das Evangelium,
seinem eigenen Niveau entsprechend, zu
studieren.
Ensign: Welchen Nutzen können die
Eltern noch aus dem Programm ziehen?
Bruder Christensen: Während all der
Jahre, in denen das Institutsprogramm
eingeführt wurde, haben wir uns vor
allem mit Schülern im Studentenalter
befaßt. Heute haben wir das Programm
dahingehend entwickelt, daß wir uns
auch an ältere Teilnehmer wenden. Es
besteht nämlich für uns alle die Notwen-
digkeit, das Evangelium zu studieren
und unser Zeugnis zu stärken.
In den Gebieten, in denen die Zahl der
Mitglieder sich zum größten Teil aus
Bekehrten zusammensetzt, d. h. daß
diese Mitglieder noch keine großen
Kenntnisse vom Evangelium haben, da
sie als erste Generation ihrer Familie der
Kirche angehören, sehen wir das größte
persönliche Wachstum. Vor kurzem ha-
be ich mit einem Vater gesprochen, der
drei Jahre zuvor bekehrt worden war. Er
sagte: „Kurz nach meiner Taufe wurde
ich in die Sonntagsschulleitung unserer
Gemeinde berufen. Während der
Sonntagsschulklassen hatte ich also
wirklich keine Möglichkeit, mehr über
das Evangelium zu lernen. Jetzt lernen
meine Kinder, die am Seminar-
programm teilnehmen, vieles über das
Evangelium, was ich nicht weiß." Dieser
Vater suchte zusätzliche Hilfe, um so
schnell wie möglich mehr vom Evangeli-
um zu lernen. Er mußte mit seinen
Kindern mithalten können. Das Semi-
nar- und Institutsprogramm stellte ihm
diese zusätzlichen Hilfen zur Verfügung.
Diese Hilfsmittel sind für Mitglieder der
ersten Generation besonders bedeut-
sam, aber auch unter Mitgliedern, die in
Pfählen leben, die schon seit langem
bestehen, gibt es ein wirkliches Ver-
langen, mehr vom Evangelium zu erfah-
ren.
Ensign: Wie können die Priestertums-
führer junge Menschen dazu anspornen,
sich anzumelden und richtig mitzu-
arbeiten?
Bruder Christensen: Für das Bildungs-
wesen ist es wichtig, mit den übrigen
Beamten der Kirche zum Nutzen der
jungen Menschen auf dem Gebiet der
religiösen Bildung zusammenzu-
arbeiten. Jeder Beamte soll seine eigenen
besonderen Möglichkeiten nutzen, um
den jungen Leuten zu helfen.
Auf Gemeindeebene steht dem Bischof
dabei der Führungssekretär zur Seite.
Das gleiche gilt auf Pfahlebene. Der
Führungssekretär sorgt dafür, daß
Bildungsfragen auf die Tagesordnung
der Sitzungen der Bischofschaft, der
Pfahlpräsidentschaft und des Hohen
Rates gesetzt werden, damit die An-
gelegenheiten, die diskutiert werden sol-
len und wo Führung und Hilfe not-
wendig sind, besprochen werden.
Wir müssen sicher sein, daß die
Priestertumsführer verstehen, warum
von uns solcher Wert auf eine religiöse
Ausbildung während der Woche gelegt
wird. Präsident Kimball hat durch seine
Aufforderung, daß wir weiter aus-
30
schreiten sollen, vielen Leuten
Priestertumsführern, Studenten und El-
tern — eingeschärft, daß es ihre Pflicht
sei, das Evangelium zu studieren, und er
betrachtet das Seminarprogramm als
ein wirksames Mittel, die jungen Men-
schen im Evangelium zu unterweisen
und ihr Zeugnis zu stärken. Wenn das
geschieht, dann gehen junge Männer auf
Mission.
Ensign: Was kostet das Programm den
einzelnen?
Bruder Christensen: Der Unterricht ist
kostenlos. Es wird ein geringfügiger
Unkostenbeitrag für die Materialien
erhoben, die er persönlich erhält, wie
zum Beispiel Bücher, Leitfäden oder den
Studienführer.
Wir wollen nicht, daß irgend jemand
durch die Kosten für dieses Programm
vom Studium des Evangeliums abge-
halten wird. Wir wollen, daß jeder, wie
auch immer seine finanzielle Lage aus-
sehen mag, die Möglichkeit haben soll,
das Evangelium zu studieren. Wenn die
Heiligen nur einmal den Geist des
Evangeliums erfaßt haben, so werden sie
Mittel und Wege finden, ihren Kindern
noch zusätzliche Vorteile zu bieten.
Ensign: Wie kann ein Kind aus einer
Familie mit niedrigem Einkommen teil-
nehmen? Machen Sie gelegentlich auch
Ausnahmen?
Bruder Christensen: Wir hoffen, daß
jeder Bischof oder Gemeindepräsident
darauf achtet, daß jedem geholfen wird,
wenn er selbst nicht in der Lage ist,
seinen Beitrag zu leisten.
Wir haben auch eine Aktion unter den
Teilnehmern selbst, das sogenannte
„Project Share" („Projekt Teilen"), und
viele Teilnehmer haben gespendet, wo-
durch Tausende von Dollars bereit-
gestellt wurden, um jenen zu helfen, die
sonst aus finanziellen Gründen nicht am
Programm teilnehmen könnten.
Ensign: Können Sie mir einige der
bleibenden Vorteile des Seminars und
Institutsprogrammes nennen?
Bruder Christensen: Ich habe gesehen,
wie einzelne Mitglieder, ja, ganze
Gemeinden, Pfähle und Missionen ge-
wachsen sind, die das Seminar und
Institutsprogramm erfolgreich durch-
geführt haben. Als Augusto Lim als
Pfahlpräsident des Pfahles Manila auf
den Philippinen bestätigt wurde, sagte
er, daß er befürchte, daß der Pfahl nicht
lebensfähig sei, da es keine erfahrene
Führung gebe. Später sagte er in einem
Gespräch: „Ich finde, wir haben heute
so viele, die das Seminarund Instituts-
programm abgeschlossen haben und die
deshalb das Evanglium kennen und es
lehren können. Das Seminar- und das
Institutsprogramm haben in unserem
Gebiet eine Führerschaft aufgebaut."
Vor einiger Zeit war ich auch im Büro
des Missionspräsidenten in Peru, und er
sagte: „Seit fünf Monaten konnten wir
schon keine Missionare mehr aus Nord-
amerika bekommen. Vor einem Jahr
hatten wir nur zwei oder drei Peruaner,
die als Vollzeitmissionare arbeiteten,
heute haben wir 45, und wir hoffen, daß
wir mit Ende dieses Jahres 100 haben
werden."
Es gibt nun viel mehr junge Menschen,
die unter ihrem eigenen Volk als Missio-
nare arbeiten. Tatsächlich sind in Brasi-
lien über 50 Prozent der Missionare
Brasilianer. In der Folge ist das
Bekehrungsverhältnis höher. Vieles
spricht dafür, daß Seminar und Institut
tatsächlich eine Wirkung hinterlassen
haben.
Doch ist nicht diese Entwicklung allein
dem Seminarund Institutsprogramm
zuzuschreiben. Wir haben in der Kirche
viele Programme, die dazu beitragen,
Missionare zu schulen. Und wir haben
einen Propheten, der die Missionsarbeit
betont. Aber es wurden einige inter-
essante Studien angestellt, in denen
(Forts, auf S. 35)
Zum Leben
erwacht
^Hjs hat mein Leben verändert.
Es hat mir sehr geholfen, mich für eine
Mission zu entscheiden."
„Während ich den Kursus über die
Geschichte der Kirche durchgearbeitet
habe, da habe ich das Zeugnis davon
bekommen, daß ich mich taufen lassen
sollte."
„Es hat mir sosehr geholfen und mich
vorbereitet, auf Mission zu gehen. Es hat
meine Kenntnis vom Evangelium erwei-
tert und mein Zeugnis gestärkt, und es
hat mir auch geholfen, Mut zu fassen,
wenn ich es nötig hatte."
Worüber haben diese drei chilenischen
Missionare gesprochen? Über das Semi-
nar- und Institutsprogramm. Aber sie
stehen mit ihren Gefühlen keineswegs
allein. Tausende von jungen und weniger
jungen Heiligen der Letzten Tage auf der
ganzen Welt konnten sich derartiger
Erfahrungen erfreuen, seitdem die
Bildungsarbeit der Kirche sich auch auf
die Gebiete erstreckte, in denen sie
lebten. Auf den vorangegangenen Seiten
haben wir ein Interview mit Bruder Joe
J. Christensen, dem Stellvertretenden
Beauftragten der Kirche für religiöse
Bildung, gebracht. In diesem Interview
erzählt uns Bruder Christensen etwas
über die Geschichte des Seminarund
Institutsprogrammes, wie es funktio-
niert und was es anbietet. Aber darüber
hinaus betrifft die Geschichte des Pro-
grammes die Auswirkungen, die es auf
das Leben der Teilnehmer, auf deren
Familien, Gemeinden, Schulkollegen
und viele andere hat.
Vor kurzem wurden Schüler und Ab-
solventen des Seminar- und Institut-
sprogrammes, deren Eltern und
Priestertumsbeamte gebeten, ihre Ge-
danken und ihre Gefühle hinsichtlich
des Programmes zum Ausdruck zu brin-
gen. Das Ergebnis war ein großer Stapel
von Briefen aus allen Teilen der Welt.
Und obwohl die Briefe in Sprachen
geschrieben waren, die voneinander so
verschieden sind wie Deutsch und Chi-
nesisch, hatten sie doch den gleichen
Geist. Wir möchten gerne Sie einiges
auszugsweise lesen lassen.
Aus Brasilien: „Wenn ich an all die
Gründe denke, die mich dazu veranlaßt
haben, meine Berufung auf Mission
anzunehmen, und an all die Faktoren,
die dazu beigetragen haben, daß dieses
Erlebnis zu einem Erfolg wurde, so fällt
mir der große Einfluß ein, den das
Seminarprogramm auf mein Leben hat-
te.
„Das Wichtigste von allem, was mir
dort klargeworden ist, ist, welche große
Bedeutung die Familie hat."
Ein Vater aus Lima in Peru schrieb: „Im
Leben unseres Sohnes vollzog sich eine
so große Änderung, als er mit dem
32
Seminarprogramm begann, daß unser
ganzes Familienleben davon beeinflußt
wurde."
Die Teilnahme am Seminar- oder
Institutsprogramm kann auch das Ver-
hältnis der jungen Menschen zu den
anderen Mitgliedern ihrer Gemeinde
beeinflussen. Vor seiner Mission schrieb
ein junger Mann seinem ehemaligen
Seminarlehrer: „Ich fühle mich mit der
Gemeinde so verbunden. Ich freue mich
auf die Versammlungen, in denen ich
mit unseren Brüdern und Schwestern
zusammenkommen kann . . . Mir geht
es gut, und ich bin glücklich. Das
Seminar hat in großem Maße dazu
beigetragen."
Am häufigsten schreiben die Seminar-
und Institutsschüler darüber, daß ihr
Wissen und Zeugnis dadurch gewachsen
seien, daß sie mit Eifer mitgearbeitet
hätten.
Ein Schüler aus Taiwan schrieb: „Durch
die Teilnahme am Seminar wuchs meine
Geistigkeit und meine Kenntnis vom
Heiland, der das Fundament meines
Glaubens wurde. Nun bin ich glücklich,
und die Überzeugung, daß das wieder-
hergestellte Evangelium wahr ist, erfüllt
mich."
„Im Kursus ,Das Alte Testament' habe
ich gelernt, die heiligen Schriften zu
lieben und im täglichen Leben danach zu
handeln", berichtete ein Missionar in
Brasilien. „Durch den Kursus ,Das
Buch Mormon' konnte ich mein Zeug-
nis stärken, was in mir den großen
Wunsch weckte, dieses Zeugnis jenen
abzulegen, die die Kirche noch nicht
kannten. Was ich im Kursus ,Das Neue
Testament'über das Leben des Heilands
lernte, brachte mich dazu, die Bedeu-
tung einer wahren Beziehung zum Hei-
land zu entdecken."
Auch Nichtmitglieder können aus dem
Seminar und dem Institut Nutzen zie-
hen. Ein junger Mann aus Taiwan
schrieb zum Beispiel: „Als ich mich für
das Seminar anmeldete, war ich noch ein
Wahrheitssucher. Das Seminar ließ mei-
nen Glauben und mein Zeugnis wachsen
und gab mir den Mut, mich taufen zu
lassen."
Dann ist noch von Barbara aus
Deutschland zu erzählen, die mit einer
tödlichen Krankheit im Krankenhaus
lag. Sie verbrachte einen so großen Teil
ihrer Zeit mit dem Studienmaterial des
Instituts, daß eine Krankenschwester
begann, sich dafür zu interessieren. Als
Barbara ihr das Programm erklärte,
bestellte sie sich das Material für sich
selbst. Barbara starb im Frühling des
darauffolgenden Jahres, aber die
Krankenschwester ist seitdem Mitglied
der Kirche.
33
Wie ich anfangs gesagt habe, gab es viele
Briefe von Seminar- und Instituts-
teilnehmern und von Menschen, deren
Leben sie berührten. Wir könnten noch
viele Beispiele anführen. Aber vielleicht
können sie alle in einem Satz zusammen-
gefaßt werden, der von einem chileni-
schen Missionar stammt: „Durch das
Seminarprogramm erwachte ich zum
Leben."
(Forts, von SA 3)
Vier Jahre Pfadfinderprogramm, die
Zuständigkeit für das Krankenhaus, die
Veröffentlichung des „Children's
Friend" (der Zeitschrift für die Kinder)
und die Leitung des übrigen Program-
mes schienen ihr, als ob sie „eine stein-
erne Wand hinaufklettern wollte", be-
teuerte sie. Freundlich gab ihr Präsident
David O. McKay folgenden Rat: „Die
Mauer mag vielleicht unüberwindlich
sein, aber wir können uns nicht zurück-
lehnen und sagen, daß es keinen Sinn
hätte, es zu versuchen. Wir können zur
Mauer gehen . . . Vielleicht gibt es eine
versteckte Leiter, die wir nicht gesehen
haben, oder vielleicht gibt es eine Tür,
durch die wir gehen können. "Das
Pfadfinderprogramm wurde erfolgreich
in die PV integriert.
1964 brauchte das PV-Kinder-
krankenhaus einen Anbau. Er wurde
unter Schwester Parmleys Präsident-
schaft gebaut. Im PV-Hauptausschuß
wurde viel für die Kinder gebetet, die im
Krankenhaus lagen, aber gelegentlich
bat Schwester Parmley um mehr. Ein
kleiner Junge war von Hong Kong in das
Krankenhaus eingeliefert worden, da-
mit seine Klumpfüße operiert würden.
Es kam aber zu Komplikationen, die
dazu führten, daß ein Fuß amputiert
werden sollte. Es war Schwester Parmley
bewußt, daß die Eltern das Kind voller
Vertrauen in die Vereinigten Staaten
geschickt hatten, daß es gesund zurück-
kehren würde. Sie sagte: „Wir können
ihn nicht mit einem Fuß nach Hause
schicken." Sie bat darum, daß man diese
Entscheidung noch einige Tage hinaus-
schieben würde. Nach gemeinsamem
Fasten und Beten im Hauptausschuß
berichteten die Ärzte, daß sich der
Zustand des Fußes gebessert habe, und
der Junge konnte geheilt die Heimreise
antreten.
In der Zwischenzeit hielt die PV mit dem
Wachstum der Kirche in Übersee
Schritt. Schwester Parmley besuchte die
Primarvereinigung in jedem Land, in
dem es einen Pfahl oder eine Mission
gab, einschließlich Singapur, Südafrika
und Tonga, wobei sie oft Kinder traf, die
im PV-Krankenhaus behandelt worden
waren.
Während Schwester Parmleys Amtszeit
wurde die PV sogar noch wirksamer,
indem sie sich am Korrelations-
programm beteiligte, das von Präsident
Harold B. Lee ins Leben gerufen worden
war. Es gab besondere Kommitees, die
darauf achteten, daß die Sonntagsschul-
und die PV-Lektionen aufeinander
abgestimmt waren und die vollständigen
Grundsätze des Evangeliums lehrten. In
dem Bestreben der Kirche, die Leitung
von Krankenhäusern abzugeben, hat sie
auch die Leitung des PV-Kinder-
krankenhauses abgetreten.
Da man sich des Drucks und der
wachsenden Versuchungen im klaren
ist, denen die Kinder ausgesetzt sind,
verdoppelt die PV ihre Anstrengungen,
jedem Kind die PV zugänglich zu ma-
chen, was auch die Errichtung von
Heim-PVs und besondere PVs für be-
hinderte Kinder einschließt. Die Lektio-
34
nen werden sorgfältig wie Schul-
lehrpläne entworfen, und jeder Grund-
satz wird verschiedene Male während
der PV-Zeit eines Kindes untermauert.
Schwester Shumway ist seit dem 5.
Oktober 1974 Präsidentin der PV, und
sie freut sich auf den Fortschritt, den die
PV im nächsten Jahrhundert machen
wird. Sie sagt: „In dem Maße, wie die
Mitgliederzahl der Kirche ansteigt, rech-
nen wir damit, daß auch die Zahl der in
der PV eingetragenen Kinder zunehmen
wird, und erwarten, daß jedes Kind mit
den Lehren des Evangeliums so ge-
wappnet wird, daß es besser vorbereitet
sein wird, den Anforderungen der Zu-
kunft gewachsen zu sein."
Sie haben die Aufforderung Präsident
Kimballs angenommen, die er in seinen
Worten an die PV-Beamtinnen in einem
Stehbildfilm ausgedrückt hat: „Der
wichtigste Zweck der Primarvereinigung
ist der, dem Priestertum zu helfen und
die Eltern zu unterstützen, ihre Kinder
beten und gerecht vor dem Herrn wan-
deln zu lehren. Wir müssen die Seg-
nungen der PV in das Leben jedes
Kindes bringen." (Mehr über die Führ-
ung der PV durch Schwester Shumway
erfahren Sie aus einem Interview mit ihr
in dieser Ausgabe.)
(Forts, von S. 21)
Produktion anderer Filme. Alle Arbei-
ter, die daran beteiligt sind — Ton-
techniker, Kameraleute, Schauspieler,
Regisseur, Requisiteure und Masken-
bildner — sie alle sind der Sache ergeben
und aus einem einzigen und selbstlosen
Grund auf den Erfolg bedacht: Sie
wissen von der möglichen missionari-
schen Wirkung und davon, wie sehr ein
Zeugnis gestärkt werden kann, wenn die
Arbeit richtig getan wird. Bruder Jacobs
sagte: „In der Filmbranche würde man
über mich lachen, weil ich das sage, aber
ich glaube, wenn ein Mensch durch den
Film geistig bewegt wird, ist es deshalb,
weil der Herr unsere Bemühungen
gesegnet hat."
(Forts, von S. 31)
Missionare aus den verschiedensten
Teilen der Welt gefragt wurden: „Was
hat am meisten dazu beigetragen, daß
Sie auf Mission gegangen sind?" Und
ein großer Teil hat darauf geantwortet,
daß es das Evangeliumsstudium im
Rahmen des Seminars gewesen ist.
Wenn ein junger Mensch das Evange-
lium studiert, dessen Geist erfaßt und
dann den Propheten hört, der darauf
hinweist, daß er auf Mission gehen soll,
dann wird er entsprechend handeln.
Wenn er das Evangelium nicht studiert
hat, wenn er nicht auf diese Art von
Verpflichtung eingestellt ist, könnte der
Prophet gleich Noah 120 Jahre lang
geredet haben und er würde dennoch auf
keinen Widerhall stoßen. Aber wenn
man einen Propheten und aufge-
schlossene Hörer hat, dann geschieht
wirklich etwas.
Ich bin von dem, was vor sich geht,
begeistert. Als der Bildungsausschuß der
Kirche im November 1970 beschloß,
seine Arbeit auf nicht Englisch
sprechende Gebiete auszudehnen, war
er wirklich inspiriert. Heute ernten wir
die Segnungen dieser Inspiration, und
wir arbeiten fleißig daran, die Seg-
nungen des täglichen Evangelium-
studiums weiteren Tausenden zu brin-
gen.
35
RICHARD L. EVANS
VvMhstihM und üüMhUmfr
Manchmal im Leben sind wir so beschäftigt, daß wir gar nicht auf die
Warnsignale und Symptome achten, die sich in manchen Situationen
des Lebens zeigen. Unter dem Druck eines komplizierten Daseins,
dem wir uns verschrieben haben, streben wir nur noch von Platz zu
Platz, von Aufgabe zu Aufgabe, die wir erfüllen müssen. Alles andere
sehen wir nicht.
So sind manche Eltern so sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten be-
beschäftigt, daß sie — wenn überhaupt — kaum die ersten Anzeichen
einer Veränderung bei ihren Kindern wahrnehmen. Es sind Verände-
rungen der inneren Haltung der Kinder, ihrer Neigungen und Inter-
essen. Sie wählen sich andere, neue Freunde zu ihrer Gesellschaft aus.
Es mögen bessere Freunde sein als die bisherigen, bessere Neigungen
und bessere Interessen, oder aber auch umgekehrt. In jedem Falle
aber müßten die Eltern sich die Zeit nehmen, einmal auf diese Dinge
zu achten und gegebenenfalls Warnsignale oder andere Symptome
der Veränderung festzustellen. Geduld und Gebet sollten die Eltern
dazu bringen, ihre Kinder weise und klug zu führen und zu er-
kennen, wenn Veränderungen mit ihnen vor sich gehen.
Liebe, Weisheit und geduldiger Rat der Eltern vermögen oftmals,
Kinder vor Fehlern, Gefahren und Herzenskummer zu bewahren.
Sie können sie vor Verwirrung schützen, vor einer Schädigung ihres
Rufs, vor falschen Wegen. Nur müssen die Eltern frühzeitig Warn-
signale und Symptome der Veränderung erkennen. Sie müssen sie
beobachten, nicht zu auffällig, und nicht zudringlich. Sie sollen ernst-
haft um Einsicht bitten und um die Kraft, ihre Kinder vor dem Bösen
zu bewahren.
Manchmal geht es uns so, daß wir das Gefühl haben, dies tun oder
jenes lassen zu müssen. Eine kleine, innere Stimme spricht zu uns,
die wir manchmal unser Gewissen nennen, zuweilen auch mehr als
das. In grundsätzlichen Fragen, bei Fragen von Recht oder Unrecht,
kann niemand so leicht ehrlich behaupten, sich jedes Warnzeichens
völlig unbewußt gewesen zu sein. Er kann nicht behaupten, nicht das
Gefühl gehabt zu haben, etwas zu tun oder geplant zu haben, was
er nicht tun sollte.
Wir können es nennen wie wir wollen, aber es scheint, daß wir
oft Gelegenheit haben, zu bedauern, daß wir auf die Zeichen nicht
geachtet haben, die uns vor Fehlern hätten bewahren können.
Wir sollten ernsthaft und dankbar auf diese Zeichen schauen. Wir
sollten die Symptome beachten. Wir sollten mehr beten und darauf
sinnen, Fehler zu vermeiden.
36