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SEPTEMBER 1978 

104. Jahrgang, Nummer 9 



D 20 720 E 




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Veröffentlichung September 197S 

der Kirche Jesu Christi der 104. Jahrgang 

Heiligen der Letzten Tage Nummer 9 



Erste Präsidentschaft: Spencer W. Kimball, N. Eldon Tanner, Marion G. Romney. 

Der Rat der Zwölf: Ezra Taft Benson, Mark E. Petersen, Delbert L. Stapley, LeGrand Richards. 
Howard W. Hunter, Gordon B. Hinckley, Thomas S. Monson, Boyd K. Packer, Marvin J. Ashton, 
Bruce R. McConkie, L. Tom Perry, David B. Haight. 

Beratendes Komitee: Gordon B. Hinckley, Marvin J. Ashton, L. Tom Perry, Marion D. Hanks, 
James A. Cullimore, Robert D. Haies. Church Magazines: Dean L. Larsen, Herausgeber. 

Internationale Redaktion: Larry A. Hiller, Carol Larsen, Roger Gylling. 

Der Stern: Klaus Günther Genge, Übersetzungsabteilung, Grabenstraße 14, A-8010 Graz. 

Korrespondenten: Pfahl Berlin: Siegfried Raguse, Pfahl Dortmund: Wilfried Möller. Pfahl Düsseldorf: 
Hellmuth Hartzheim. Pfahl Frankfurt: — . Pfahl Hamburg: Erich Sommer. Pfahl Hannover: — . 
Pfahl München: Erika Vollath. Pfahl Stuttgart: Werner Rückauer. Pfahl Zürich: Bruno Kaspar. 
Mission Frankfurt: — . Mission Hamburg: Karl Heinz Danklefsen. Mission München: — . 
Mission Wien: Friedrich Schimpfhuber. Mission Zürich: — . 

Inhalt 

Wie die wiederhergestellte Kirche verwaltet wird, N. Eldon Tanner 2 

Eine Zeit der Wiederherstellung, Glen M. Leonard 15 

Eine Phototour zu den bedeutendsten historischen Plätzen der Kirche 22 

Bedeutende historische Plätze der Kirche 34 

Die Stimme Gottes in unserer Zeit 37 

Des Herrn Vorwort zum Buch ,, Lehre und Bündnisse", Roy W. Doxey 38 

Der geschichtliche Hintergrund des Buches „Lehre und Bündnisse", William E. Berrett .42 

Die Erschließung des Westens 50 

Lehre und Bündnisse, Abschnitte 1-102, Leseaufträge für die Evangeliumslehreklasse . . .52 

Für Kinder 

Die Erfüllung einer Verheißung, John Nicholson 1 

Es ist wirklich geschehen 2 

Pionierzug-Spiel 4 

Von Freund zu Freund, M. Russell Ballard jun 6 

Jahresabonnement: 

Bestellungen über den Sternagenten der Gemeinde: 

DM 20, — an Verlag Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, 

Postscheckkonto Frankfurt 6453-604. 

sFr. 21, an First National City Bank, Genf. Konto-Nr. 0,312750 007, Kirche Jesu Christi 

der Heiligen der Letzten Tage. 

ÖS 130,— an Erste Österreichische Spar-Casse, Wien, Konto-Nr. 000-81 388, 

Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. 

USA und Kanada (nicht mit Luftpost): $ 8.00. 

© 1978 by the Corporation of the President of The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints. 

All rights reserved. 

Verlag Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Porthstrasse 5-7, 

D-6000 Frankfurt am Main 50. 

Umschlagbild außen: Luftaufnahme des Hügels Cumorah heute. (Photo vonJedA. Clark.) Bild links: Der 
zweite Tempel der Kirche, der Tempel in Nauvoo, wurde im Jahre 1841 begonnen und 1846 geweiht. Die 
Heiligen benutzten ihn kurze Zeit für Taufen für die Toten und für Endowments, bevor sie gezwungen 
wurden, die Stadt zu verlassen. 1848 wurde der Tempel durch einen Brand zerstört, und 1850 zerstörte ein 
Wirbelsturm, was noch an geschwärzten Mauern übriggeblieben war. Das Gemälde des Architekten Steven 
Baird wurde nach den ältesten Photographien und Gemälden angefertigt, die bekannt sind. (Mit 
Genehmigung der Nauvoo Restoration, Inc.) 

1 



Botschaft der Ersten Präsidentschaft 




Wie die 

wiederhergestellte Kirche 
verwaltet wird 

Präsident N. Eldon Tanner 

Erster Ratgeber des Präsidenten der Kirche 



(Aus einer Rede, die N. Eldon Tanner am 8. Januar 1978 auf einer Fireside an der 
Brigham-Young-Universität vor Studenten gehalten hat) 



Durch meine Ausführungen möch- 
te ich Ihnen klarmachen und ich 
hoffe, daß ich dies auch erreichen werde 
— , daß Sie zur Kirche Jesu Christi 
gehören, die auf Offenbarung gegründet 
ist und die Jesus Christus noch immer 
durch einen Profeten Gottes leitet. Dar- 
über hinaus möchte ich Ihnen die 
Arbeitsweise der Kirche beschreiben. 
Ich habe mir also ein sehr umfangreiches 
Thema gewählt, und deshalb werde ich 
mich recht kurz fassen müssen. 
Lassen Sie mich an etwas Wichtiges 
erinnern: Aus Offenbarung wissen wir, 
daß die Erde ausschließlich um Ihret- 
willen erschaffen wurde. Was bedeutet 
dies nun für jeden einzelnen von Ihnen? 
Die Erde wurde für Sie erschaffen, damit 
Sie darauf leben und sich durch Ge- 
horsam auf die Rückkehr in die Gegen- 
wart unseres Vaters im Himmel vor- 
bereiten können. In dem Rat, der im 
Himmel gehalten wurde, wurde Jesus 
Christus zum Erretter der Welt aus- 
ersehen, und so kam er und opferte 
bereitwillig sein Leben für uns, damit 
wir das ewige Leben ererben können. 
Die Kirche in ihrer heutigen Form 
besteht nur deshalb, weil Gott Vater und 
sein Sohn Jesus Christus einem jungen 



Mann, Joseph Smith, erschienen sind. 
Joseph Smith wurde von diesem Zeit- 
punkt an ständig durch Offenbarung 
geleitet. Dazu haben wir das Buch 
Mormon, das durch Offenbarung über- 
setzt wurde. 

Wie das Buch Mormon hervor- 
gekommen ist, ist auch Ihnen bekannt; 
daher brauche ich mir nicht die Zeit zu 
nehmen, darauf im einzelnen einzu- 
gehen. Von Johannes dem Täufer wurde 
das Aaronische und von Petrus, Jakobus 
und Johannes das Melchisedekische 
Priestertum wiederhergestellt. 
Über die Gründung der Kirche steht 
folgendes geschrieben: 
„Die Gründung der Kirche [Jesu] Chri- 
sti in diesen letzten Tagen erfolgte . . . 
nach dem Willen und den Geboten 
Gottes . . . 

Diese Gebote wurden Joseph Smith jun. 
gegeben, der von Gott berufen und zu 
einem Apostel Jesu Christi ordiniert 
wurde, der erste Älteste dieser Kirche zu 
sein" (LuB 20:1, 2). 
Weiter lesen wir: 

„Siehe, ihr sollt einen Bericht führen, 
worin du ein Seher, Übersetzer, Profet 
und Apostel Jesu Christi, ein Ältester 
der Kirche durch den Willen Gottes des 



Vaters und die Gnade deines Herrn 
Jesus Christus genannt werden sollst" 
(LuB21:l). 

Die Kirche wird oft als demokratische 
Einrichtung bezeichnet. Sie wird jedoch 
nicht von gewählten Vertretern ver- 
waltet, sondern stellt eine Theokratie 
dar, wo Gott durch von ihm erwählte 
Repräsentanten regiert. Im Einklang 
mit diesem Grundsatz lautet einer unse- 
rer Glaubensartikel: 
„Wir glauben, daß ein Mann von Gott 
berufen sein muß durch Offenbarung 
und durch das Auflegen der Hände 
derer, welche die Vollmacht dazu haben, 
das Evangelium zu predigen und in 
dessen Verordnungen zu amtieren" 
(5. Glaubensartikel). Auf diese Weise 
wurde Joseph Smith vom Herrn zum 
Präsidenten der Kirche ausersehen und 
von Männern in dieses Amt eingesetzt, 
die der Herr dazu bevollmächtigt hatte. 
Mein Zeugnis wird immer wieder ge- 
stärkt, wenn ich den 107. Abschnitt im 
Buch , Lehre und Bündnisse' lese und 
sehe, wie darin alle Ämter im Priestertum 
aufgeführt werden und wie der Herr die 
mit jedem Amt einhergehenden Pflich- 
ten erklärt. Daher möchte ich noch etwas 
mehr zitieren: 

„Drei präsidierende Hohepriester, das 
Melchisedekische Priestertum tragend, 
von der Körperschaft gewählt, zu die- 
sem Amte bestimmt und ordiniert und 
durch das Vertrauen, den Glauben und 
das Gebet der Kirche unterstützt, bilden 
[das Kollegium der Ersten] Präsident- 
schaft der Kirche . . . 
Und weiter: die Pflicht des Präsidenten 
über das Amt des Hohenpriestertums 
ist, der ganzen Kirche vorzustehen und 
wie Moses zu sein . . . 
ja, ein Seher, Offenbarer, Übersetzer 
und Profet zu sein, im Besitze aller 
Gaben Gottes, die er dem Haupt der 
Kirche verleiht" (LuB 107:22, 91, 92). 
Weiter steht geschrieben: 



„Die zwölf reisenden Räte sind berufen, 
die Zwölf Apostel oder besondern Zeu- 
gen des Namens Christi in der ganzen 
Welt zu sein . . . 

Sie bilden [ein Kollegium, das] dem 
vorerwähnten der drei Präsidenten an 
Kraft und Vollmacht gleich ist" (V. 23, 
24). Es ist wichtig, daß die Gemeinschaft 
der zwölf Apostel hier ausdrücklich als 
Kollegium bezeichnet wird. 
Folgendes finden wir in den „Lehren des 
Profeten Joseph Smith: 

„Sodann erläuterte Präsident Smith die 
Pflicht und die Vollmacht der Zwölf. 
Ihre Vollmacht ist der der gegen- 
wärtigen Präsidentschaft unmittelbar 
nachgeordnet ... Sie unterstehen nie- 
mand anders als der Ersten Präsident- 
schaft, und zwar — so führte der Profet 
wörtlich aus — ,mir selbst, Sidney 
Rigdon und Frederick G. Williams, die 
gegenwärtig meine Ratgeber sind. Ohne 
mich [das heißt ohne den Präsidenten 
der Kirche] gibt es keine Erste Präsident- 
schaft, die über den zwölf Aposteln 
steht'" (Lehren des Profeten Joseph 
Smith, dt. Wortlt. v. Übers, rev.). 
Mit Joseph Smith' Tod ging die präsi- 
dierende Vollmacht in der Kirche auf die 
Zwölf über, deren Präsident Brigham 
Young war. Sie verwalteten die Kirche 
dreieinhalb Jahre lang, bis Brigham 
Young als Präsident der Kirche aus- 
erwählt wurde. Er wiederum wählte sich 
seine Ratgeber, ordinierte sie und setzte 
sie in ihr Amt ein. Nach Brigham 
Youngs Tod vergingen erneut drei Jahre 
und zwei Monate, bis ein neuer Präsi- 
dent — John Taylor — eingesetzt wurde. 
Als auch John Taylor aus dem Leben 
geschieden war, dauerte es ein Jahr und 
neun Monate, bis Wilford Woodruff 
zum Präsidenten der Kirche ausersehen 
und als solcher eingesetzt und ordiniert 
wurde. Seither vergingen jedesmal nur 
wenige Tage zwischen dem Tod des 



einen und der Einsetzung des nächsten 
Präsidenten. 

Ich möchte Ihnen nun schildern, was 
sich nach dem unerwarteten Tod Präsi- 
dent Harold B. Lees - er starb am 26. 
Dezember 1973 — eigentlich zugetragen 
hat. Ich hielt mich damals in 
Phoenix /Arizona auf, wo ich bei meiner 
Tochter und ihrer Familie das 
Weihnachtsfest verbrachte. Dort rief 
mich Arthur Haycock an, Präsident 
Lees Sekretär, und teilte mir mit, daß 
dieser schwer krank sei. Er, der Sekretär, 



übernahmen, über die Kirche zu präsi- 
dieren, verging nicht eine Minute. 
Nachdem Präsident Lee bestattet wor- 
den war, berief Präsident Kimball für 
Sonntag, den 30. Dezember, 15 Uhr eine 
Zusammenkunft der Apostel im Rats- 
zimmer des Tempels in Salt Lake City 
ein. Präsident Romney und ich nahmen 
unseren Platz gemäß unserem Dienst- 
alter im Kollegium ein, so daß 14 
Personen anwesend waren. Nach einem 
Lied und einem von Präsident Romney 
gesprochenen Gebet drückte Präsident 




Joseph Smith. Jr. 



Von 1960 bis 1976 ist die 
Mitgliederzahl der 

Kirche außerhalb der USA 

und Kanadas 
um 397 Prozent gestiegen 



halte es für angebracht, wenn ich meine 
Rückkehr so schnell wie möglich arran- 
gierte. Eine halbe Stunde später läutete 
das Telephon erneut, und der Sekretär 
sagte: „Der Herr hat gesprochen. Er hat 
Präsident Lee heimgeholt." 
Präsident Romney, der während meiner 
Abwesenheit für die Belange der Kirche 
verantwortlich war, befand sich mit 
Präsident Spencer W. Kimball vom Rat 
der Zwölf Apostel im Krankenhaus, wo 
Harold B. Lee verstarb. Unmittelbar 
nachdem der Tod eingetreten war, 
wandte sich Präsident Romney Präsi- 
dent Kimball zu und sagte: „Nun tragen 
Sie die Verantwortung." Zwischen dem 
Tod Präsident Lees und dem Augen- 
blick, wo die Zwölf die Verantwortung 



Kimball sehr demütig aus, was er in 
diesem Augenblick empfand. Er hatte, 
wie er berichtete, den Freitag im Tempel 
verbracht und mit dem Herrn ge- 
sprochen. Er hatte viele Tränen ver- 
gossen, als er darum gebetet hatte, daß 
der Herr ihn führen möge — jetzt, wo er 
neue Pflichten übernehmen und seine 
Ratgeber auswählen müsse. 
In unserer Tempelkleidung bildeten wir 
einen Gebetskreis. Präsident Kimball 
bat mich, diese Handlung zu leiten, und 
beauftragte Thomas S. Monson, das 
Gebet zu sprechen. Sodann erklärte 
Präsident Kimball, zu welchem Zweck 
diese Versammlung einberufen worden 
sei, und forderte jedes Mitglied des 
Kollegiums in der Reihenfolge des 



4 



Dienstalters — er begann mit Ezra Taft 
Benson — auf, seine Auffassung dar- 
über zu äußern, ob die Erste Präsident- 
schaft an diesem Tag neu gebildet wer- 
den solle oder ob wir als Rat der zwölf 
Apostel organisiert bleiben sollten. Je- 
der sagte: „Wir sollten die Erste Präsi- 
dentschaft jetzt bilden." Über Präsident 
Kimball und die Art und Weise, wie er 
sich um die Zwölf gekümmert hatte, 
wurde viel Lobenswertes erwähnt. 
Hierauf schlug Ezra Taft Benson vor, 
Spencer W. Kimball als Präsidenten der 
Kirche zu berufen. Der Vorschlag wurde 
von Mark E. Petersen unterstützt und 
einmütig gebilligt. Darauf nominierte 
Präsident Kimball seine Ratgeber: N. 
Eldon Tanner als Ersten und Marion G. 
Romney als Zweiten Ratgeber. Jeder 
von ihnen erklärte sich dazu bereit, 
dieses Amt zu übernehmen und seine 
ganze Zeit und Kraft dafür einzusetzen. 
Der Vorschlag, diese beiden zu Rat- 
gebern zu berufen, wurde einstimmig 
angenommen. Sodann nominierte 
Mark E. Petersen, der zweite Apostel 
nach der Reihenfolge des Dienstalters, 
Ezra Taft Benson als Präsidenten des 
Kollegiums der zwölf Apostel. Der Vor- 
schlag wurde einmütig gebilligt. 
Alle anwesenden Mitglieder legten 
Spencer W. Kimball die Hände auf, und 
Präsident Ezra Taft Benson sprach den 
Segen. Er ordinierte Spencer W. Kim- 
ball zum 12. Präsidenten der Kirche Jesu 
Christi der Heiligen der Letzten Tage 
und setzte ihn in dieses Amt ein. Hierauf 
setzte Präsident Kimball N. Eldon Tan- 
ner als Ersten und Marion G. Romney 
als Zweiten Ratgeber des Präsidenten 
der Kirche ein. In der gleichen Weise 
setzte er Ezra Taft Benson als Präsiden- 
ten des Kollegiums der zwölf Apostel ein 
und sprach einen Segen dazu. 
Somit hatte das Kollegium der zwölf 
Apostel nur noch elf Mitglieder, und es 
mußte jemand berufen werden, dieses 



unbesetzte Amt im Kollegium auszu- 
füllen. Vielleicht möchten Sie gern wis- 
sen, wie eine Generalautorität berufen 
wird. Der Präsident der Kirche läßt sich 
von den Zwölfen mehrere Namen nen- 
nen und kann auch selbst einige Namen 
erwägen. Aus diesem Personenkreis 
wählt er durch Inspiration und Offen- 
barung jemanden aus, der General- 
autorität werden soll. Da dies durch 
Inspiration und Offenbarung geschieht, 
wird eine Generalautorität faktisch von 
Gott berufen. Ehe die Berufung und die 
Ernennung erfolgen, bedarf es noch der 
Zustimmung des Rates der zwölf Apo- 
stel. 

Ich möchte Ihnen ein Beispiel für diesen 
Vorgang schildern. Es betrifft Präsident 
Heber J. Grant. Als er noch dem Rat der 
zwölf Apostel angehörte, bat ihn der 
Präsident der Kirche entsprechend dem 
soeben beschriebenen Verfahren, Na- 
men vorzulegen. Er nannte mehrfach 
den Namen eines sehr guten Freundes 
für einen der freien Plätze, die unter den 
Zwölfen zu besetzen waren. Der Be- 
treffende wurde jedoch nie zu diesem 
Amt ausersehen, und Präsident Grant 
soll gesagt haben, daß er, sollte er jemals 
Präsident der Kirche werden und eine 
freie Stelle im Rat der Zwölf auszufüllen 
haben, diesen Mann berufen würde, 
denn er sei hervorragend dafür qualifi- 
ziert. 

Schließlich wurde Heber J. Grant Präsi- 
dent, und es war auch notwendig, eine 
freie Stelle im Kollegium zu besetzen. Er 
sagte dem Herrn, er wisse schon, wen er 
gern zu diesem Amt auswählen würde, 
wolle aber einen Mann berufen, den der 
Herr sich dafür wünsche. Da kam Präsi- 
dent Grant der Name Melvin J. Ballard 
in den Sinn, den er nur oberflächlich 
kannte. Der Name fiel ihm immer 
wieder ein, bis er sicher war, daß dieser 
Mann berufen werden sollte. So wurde 
Melvin J. Ballard von Präsident Grant 



nominiert, und die Zwölf erklärten ihre 
Zustimmung. 

Nun möchte ich Ihnen etwas aus mei- 
nem eigenen Leben erzählen. Als ich 
noch Präsident des Calgary-Pfahls in 
Alberta /Kanada war, besuchte ich im 
Oktober 1960 die Generalkonferenz in 
Salt Lake City. 

Am Freitagabend wurde ich in meinem 
Hotel in Salt Lake City angerufen. Man 
teilte mir mit, Präsident McKay wün- 
sche mich am Samstagmorgen — es war 
der nächste Morgen — zu sehen. Natür- 



damals gesagt habe. Ich bemühte mich, 
ihm zu versichern, daß ich mich sehr 
geehrt fühlte, mir aber auch in hohem 
Maße meiner Unzulänglichkeit bewußt 
sei. Ich sei jedoch bereit, die Berufung 
anzunehmen und dem Herrn meine 
ganze Zeit und Kraft zur Verfügung zu 
stellen. 

An jenem Morgen wurden mein Name 
sowie die Namen Franklin D. Richards' 
und Theodore M. Burtons der Kirche 
zur Bestätigung für die Berufung zum 
Assistenten des Rates der Zwölf vorge- 





N. Eldon Tanner 



Präsident Spencer W. Kimball 



Zwischen dem Tod Präsident Leesund der Überna 
Unterbrechung in der Präsidentschaft der Kirche 



lieh wußte ich nicht, was er von mir 
wollte, und ich schlief in dieser Nacht 
nur sehr wenig. Zu der festgesetzten Zeit 
suchte ich ihn in seinem Büro auf. Als 
ich mich ihm gegenüber auf einen Stuhl 
gesetzt hatte, schaute er mir in die 
Augen, legte die Hand auf mein Knie 
und sagte: „Präsident Tanner, der Herr 
möchte, daß Sie eine Berufung als 
Generalautorität annehmen, und zwar 
als Assistent der Zwölf." Sodann fragte 
er, wie ich dazu stünde. 
Ich weiß nicht mehr genau, was ich 



legt. Auch die anderen Beamten der 
Kirche auf der obersten Ver- 
waltungsebene wurden zu diesem Zeit- 
punkt bestätigt. Die bei der Konferenz 
Anwesenden stimmten den Vorschlägen 
zu. Die Art und Weise, wie überall in der 
Kirche Beamte ausgewählt werden, ent- 
spricht im wesentlichen diesem Ver- 
fahren, ganz gleich, welche Ver- 
waltungsebene es betrifft. 
An dieser Stelle kann ich auf die Frage 
eingehen, was wir unternehmen, wenn 
jemand gegen einen Vorschlag stimmt. 



Auf der Generalkonferenz im Oktober 
1977 gab es eine solche Gegenstimme. 
Manche von Ihnen haben den Vorgang 
selbst miterlebt und erinnern sich be- 
stimmt daran, daß der Betreffende ver- 
langte, man solle seine Gegenstimme 
vermerken. Wir verfahren in solchen 
Fällen wie folgt: Alle anderen stimmten 
dafür, die anwesenden Beamten zu be- 
stätigen. Daher bat ich den Be- 
treffenden, Bruder Hinckley aufzu- 
suchen. Eine solche Aufforderung er- 
geht aus folgendem Grund: Derjenige, 



ich erlebt habe, als ich beauftragt wurde, 
nach Neuseeland zu reisen, um eine neue 
Pfahlpräsidentschaft zu berufen. Außer 
dem damaligen Pfahlpräsidenten hatte 
ich bislang niemanden kennengelernt, 
der in Neuseeland lebte. So bat ich um 
eine Liste mit den Namen der Bischöfe 
und Hohenräte in jenem Pfahl. Als ich 
die Liste durchlas, wurde ich auf einen 
Namen aufmerksam. Der Name lautete 
Campbell. Er fiel mir jedesmal wieder 
auf, wenn ich die Liste durchlas. Bruder 
Vandenberg von der Präsidierenden 




Marion G. Romney 




Ezra Taft Benson 



hme durch die Zwölf gab es auch nicht eine Minute 



der gegen einen Vorschlag gestimmt hat, 
soll die Möglichkeit erhalten, die Grün- 
de dafür darzulegen, daß er sich außer- 
stande sehe, die zur Bestätigung vorge- 
schlagenen Beamten zu unterstützen. 
Wenn er einen zureichenden Grund 
kennt, warum jemand nicht bestätigt 
werden sollte oder dafür nicht geeignet 
ist, kann er dies demjenigen mitteilen, 
den er aufsuchen soll. Dieser kann dann 
seinerseits die Erste Präsidentschaft 
informieren. 
Ich möchte Ihnen etwas erzählen, was 



Bischofschaft begleitete mich auf dieser 
Reise, und nachdem wir darum gebetet 
hatten, daß der Herr uns leiten möge, 
befragten wir alle auf der Liste ge- 
nannten Personen. 

Nachdem die Unterredungen beendet 
waren, sagte ich zu Bruder Vandenberg: 
„Wir wollen den Herrn darum bitten, 
daß er uns führe." So geschah es, und als 
wir uns erhoben, fragte ich: „Wen 
würden Sie für das Amt des Pfahl- 
präsidenten auswählen, wenn Sie zu 
entscheiden hätten?" 



Er sagte: „Bill Campbell." Ich hatte 
Bruder Vandenberg gegenüber diesen 
Namen nie erwähnt. Ein weiterer Beweis 
dafür, daß der Herr bei solchen Er- 
nennungen die betreffenden Beamten 
lenkt. 

Lassen Sie mich kurz einige Aktivitäten 
der Zwölf umreißen. Nach Weisung der 
Ersten Präsidentschaft ist der Rat der 
zwölf Apostel für alle rein kirchlichen 
Angelegenheiten verantwortlich. Ihm 
untersteht die kirchliche Verwaltungs- 
arbeit des Ersten Kollegiums der Sieb- 
zig, er soll die Termine für die Pfahl- 
konferenzen überall in der Kirche be- 
stimmen und Generalautoritäten be- 
auftragen, den einzelnen Konferenzen 
beizuwohnen. Solche Konferenzen fin- 
den während des ganzen Jahres all- 
wöchentlich statt, außer im Juli. 
Alle diese Generalautoritäten bemühen 
sich eifrig, sich in Übereinstimmung mit 
dem jeweiligen Programm auf die Ver- 
sammlungen am Samstagabend und die 
Hauptversammlung am Sonntag vorzu- 
bereiten, so daß sie die Mitglieder über- 
all in der Kirche zu einer besseren 
Lebensführung begeistern können. Sie 
kommen mit der Pfahlpräsidentschaft 
und den anderen Pfahlbeamten zusam- 
men und besprechen mit ihnen ihren 
bisherigen Fortschritt und die Mittel 
und Wege zu besseren Leistungen. 
Wenn ein Führer der Kirche den Auf- 
trag erhält, eine Pfahlkonferenz zu be- 
suchen, ein Missionsgebiet zu bereisen 
usw., muß er seine Familie mindestens 
zwei Tage zurücklassen. Zuweilen wer- 
den daraus drei oder vier Tage bis zu 
zwei Wochen. 

Der Rat der zwölf Apostel hat außer- 
dem die Aufgabe, Seminare für neue 
Missionspräsidenten und einmal im 
Jahr ein Seminar für die Regionalre- 
präsentanten zu planen. Die Zwölf sol- 
len die Arbeit in der ganzen Kirche 
überwachen, soweit die kirchlichen Pro- 



gramme betroffen sind. (Die Arbeit, die 
die Erste Präsidentschaft zusammen mit 
den Zwölfen bei ihrer Versammlung am 
Donnerstag und anderen Zusammen- 
künften verrichtet, werde ich später 
beschreiben.) Die Zwölf kommen auch 
regelmäßig zusammen, um die Berichte 
der anderen Generalautoritäten anzu- 
hören, die Pfahlkonferenzen beige- 
wohnt haben, und darüber zu sprechen, 
wie man die Verwaltung verbessern 
kann. 

Bevor ich etwas über die Siebzig sage, 
möchte ich nur folgendes wiederholen: 
Als die Mitgliederzahl der Kirche be- 
trächtlich zunahm, wurden zusätzliche 
Kräfte benötigt; deshalb wurde be- 
schlossen, einige Männer zu Assistenten 
der Zwölf zu ernennen. Später wurden 
Regionalrepräsentanten der Zwölf be- 
rufen, denn diese können enger Kontakt 
zu den Pfahlbeamten halten und ihnen 
unmittelbar helfen. 

In den siebziger Jahren war inter- 
essanterweise der Zeitpunkt gekommen, 
wo die Mitgliederzahl so sehr zuge- 
nommen hatte, daß die Erste Präsident- 
schaft und das Kollegium der zwölf 
Apostel beschlossen, das Erste Kolle- 
gium der Siebzig zu bilden. Die Assisten- 
ten der Zwölf wurden zu Siebzigern 
ordiniert und in dieses Kollegium aufge- 
nommen. 

Man ernannte weitere Regional- 
repräsentanten und gab damit den vom 
Sitz der Kirche weit entfernten Pfählen 
und Missionen die Möglichkeit, engeren 
Kontakt mit Männern zu unterhalten, 
die ausersehen worden waren, bei der 
Verwaltung der Kirche mitzuwirken. Zu 
diesem Amt des Regional- 
repräsentanten wurden Brüder berufen, 
die viele Erfahrungen in der Verwaltung 
eines Pfahls, einer Gemeinde oder einer 
Mission gesammelt hatten. 
Über die Siebzig steht folgendes ge- 
schrieben: ,,Die Siebziger sollen im Na- 



8 



men des Herrn unter der Leitung der 
Zwölfe . . . wirken, um die Kirche unter 
allen Völkern aufzubauen und alle ihre 
Angelegenheiten zu ordnen" (LuB 
107:34). Ich darf es noch einmal lesen: 
„Um die Kirche unter allen Völkern 
aufzubauen und alle ihre Ange- 
legenheiten zu ordnen." Auf diese 
Pflichten komme ich später noch zu- 
rück. 

Der Patriarch der Kirche segnet die 
Mitglieder der Kirche, die ihn darum 
ersuchen. Von Zeit zu Zeit bereist er 
auch auftragsgemäß Gebiete und segnet 
die Mitglieder in Missionen und anders- 
wo, wo es noch keinen Patriarchen gibt. 
Die Brüder, die der Präsidierenden 
Bischofschaft der Kirche angehören, 
werden auf die gleiche Weise berufen, 
ordiniert und eingesetzt wie jede andere 
Generalautorität, abgesehen vom Präsi- 
denten der Kirche. Jeder in der Präsidie- 
renden Bischofschaft kann aus einem 
beliebigen Pfahl, einer beliebigen Mis- 
sion berufen werden. Der Präsidieren- 
den Bischofschaft obliegt es, gemäß den 
Weisungen der Ersten Präsidentschaft 
über die zeitlichen Belange der Kirche zu 
präsidieren. 

Ich möchte Ihnen nun erklären, wie die 
Kirche von ihrem Sitz in Salt Lake City 
aus verwaltet wird. Für alles, was die 
Verwaltung der Kirche betrifft, ist die 
Erste Präsidentschaft zuständig. Alle 
diese Angelegenheiten werden in drei 
große Gruppen eingeteilt: solche, die 
von der Ersten Präsidentschaft selbst 
erledigt werden; rein kirchliche An- 
gelegenheiten, die nach Weisung der 
Ersten Präsidentschaft von den Zwölfen 
wahrgenommen werden; zeitliche Be- 
lange, die die Präsidierende Bischof- 
schaft auftragsgemäß und nach Wei- 
sung der Ersten Präsidentschaft regelt. 
Lassen Sie mich einiges aufzählen, wo- 
mit sich die Erste Präsidentschaft direkt 
selbst befaßt: Gebietskonferenzen und 



feierliche Versammlungen; der Haus- 
haltsplan, die Bildung und Geschichte 
der Kirche sowie die Personalabteilung; 
Tempel und Buchprüfung, Koordinie- 
render Ausschuß und Wohlfahrts- 
dienste. 

Den Zwölfen sind gegenwärtig fünf 
Abteilungen unterstellt. Jede davon 
wird nach Weisung der Zwölf von zwei 
oder drei Siebzigern und ihrem Personal 
verwaltet. Es handelt sich um folgende 
Abteilungen: Priestertum, Missionars- 
arbeit, Genealogie, Führer- 
schaftsschulung, Korrelation. Ich will 
versuchen, ganz kurz auf zwei oder drei 
dieser Abteilungen einzugehen. Die Ab- 
teilung Priestertum stellt für das 
Melchisedekische und das Aaronische 
Priestertum sowie für die Hilfs- 
organisationen Schulungsmaterial, 
Leitfäden und Handbücher bereit und 
bestimmt, wie dieses Material ver- 
wendet werden soll. Außerdem über- 
wacht sie die Aktivitätsprogramme und 
ist für die Zeitschriften der Kirche 
verantwortlich. 

Die Abteilung Korrelation prüft alles 
für Leitfäden und Zeitschriften vorge- 
sehene Material auf Richtigkeit der 
Lehre, der Begriffe usw. und erstattet 
dem Korrelationskomitee Bericht. Die- 
ses setzt sich aus dem Direktor jeder 
dieser vier Abteilungen und dem 
geschäftsführenden Direktor der Ab- 
teilung Korrelation, dem Präsidieren- 
den Bischof und dem Bildungs- 
beauftragten der Kirche zusammen. 
Hier wird alles Unterrichts- und 
Schulungsmaterial koordiniert - mit 
der Absicht, den einzelnen auf die Tem- 
pel- und Missionsarbeit, auf die Auf- 
gaben in den einzelnen Organisationen 
der Kirche und auf das Leben überhaupt 
vorzubereiten. Dies ist das eigentliche 
Ziel der Kirche: den Menschen auf das 
ewige Leben vorzubereiten. 
Die Abteilung Missionarsarbeit erstellt 



das zum Missionieren benötigte Mate- 
rial, das der Missionarsanwärter für 
seine Vorbereitung benötigt und das im 
Missionsfeld gebraucht wird. Sie weist 
die Missionare ihrem jeweiligen Gebiet 
zu und überwacht die Arbeit der 
Besucherzentren und andere Bereiche 
im Missionarsprogramm. 
Vielleicht interessiert es Sie, wie ein 
Missionar berufen wird. Der Bischof 
soll den Missionarsanwärter befragen, 
bevor er mit den Eltern über dieses 
Thema spricht. Dadurch kann er fest- 
stellen, wie der Betreffende selbst dazu 
steht und ob er würdig ist, Missionar zu 
werden — ehe jemand anders davon 
erfährt, daß seine Berufung auf Mission 
erwogen wird. Wenn der Bischof ihn für 
würdig befindet und zu dem Schluß 
kommt, daß der Betreffende gern eine 
Mission erfüllen würde, bespricht er die 
Angelegenheit mit den Eltern. Wenn 
sich auch hier keine Hindernisse erge- 
ben, schlägt der Bischof den Be- 
treffenden dem Pfahlpräsidenten vor. 
Dieser befragt ihn ebenfalls, um seine 
Würdigkeit und seine innere Einstellung 
zu prüfen. Befindet der Pfahlpräsident 
ihn für würdig und stellt er fest, daß er 
bereit ist, Missionar zu werden, so 
schlägt er ihn der Ersten Präsidentschaft 
vor. 

Bei der Entscheidung darüber, in welche 
Mission jemand berufen werden soll, 
werden noch mehrere andere Umstände 
in Erwägung gezogen, zum Beispiel die 
Fähigkeiten des Betreffenden, worüber 
in dem Missionarsvorschlag Angaben 
zu machen sind, und die Missionen, die 
gerade Bedarf an Missionaren haben. 
Durch Inspiration wird schließlich jeder 
der Mission zugeteilt, wo er dem Herrn 
am besten dienen kann. Er erhält seine 
Berufung vom Präsidenten der Kirche. 
Sobald er das Schreiben erhält, muß er 
dem Präsidenten einen Antwortbrief 
schicken. 



In diesem Zusammenhang erinnere ich 
mich an einen Fall, der Sie vielleicht 
interessieren wird, denn er zeigt, wie 
diese Arbeit durch göttliche Inspiration 
geleitet wird. Ich könnte Ihnen ein 
Dutzend solcher Fälle nennen, will mich 
aber auf einen beschränken: Nachdem 
man einer Gruppe von Missionaren das 
Schreiben zugesandt hatte, worin sie als 
Missionare berufen wurden, wurde der 
Führungssekretär der Abteilung 
Missionarsarbeit von der Mutter eines 
jungen Mannes angerufen, den man 
einer Mission im Osten der Vereinigten 
Staaten zugewiesen hatte. Die Mutter 
erklärte, sie und ihr Mann seien sehr 
enttäuscht, weil der Vater und der 
Großvater ihres Sohnes eine Mission in 
Deutschland erfüllt und den Wunsch 
geäußert hatten, auch der junge Mann 
möge in eine deutsche Mission berufen 
werden. 

Der Sekretär fragte die Mutter, wie ihr 
Sohn selbst darüber denke, und sie 
antwortete, er sei noch in der Schule, 
und sie habe den Brief in seiner 
Abwesenheit geöffnet. Er wisse noch 
nicht, in welches Gebiet er geschickt 
werden solle. Der Sekretär äußerte sich 
überrascht darüber, daß die Mutter den 
einzigen Brief geöffnet hatte, den ihr 
Sohn jemals vom Präsidenten der Kir- 
che erhalten würde, und schlug ihr vor, 
noch einmal anzurufen, nachdem ihr 
Sohn den Brief gelesen habe. 
Am nächsten Tag rief die Mutter recht 
kleinlaut an und sagte, ihr Sohn sei mit 
seiner Berufung völlig zufrieden. Er 
hatte im stillen darum gebetet, daß man 
ihn nicht in eine ausländische Mission 
berufen möge. 

Ich möchte nun auf die Dezentralisie- 
rung der kirchlichen Verwaltung zu 
sprechen kommen. Die Kirche wächst in 
der ganzen Welt so schnell, daß ihre 
Verwaltung dezentralisiert werden muß. 
Dies gilt besonders für die Organisation 



10 



und die Schulung der Mitglieder in den 
Gebieten, wo die Kirche gerade erst Fuß 
zu fassen beginnt. Es gibt neue Gemein- 
den, Distrikte und Pfähle, welche zum 
größten Teil aus Mitgliedern bestehen, 
die wenig oder gar keine Erfahrung in 
der Verwaltung der Kirche haben. Ein 
Beispiel: Vor ungefähr zwei Jahren war 
ich in Caracas in Venezuela, wo der 
Missionspräsident eine Mitglieder- 
versammlung einberief. Es waren drei- 
oder vierhundert Personen anwesend, 
und keiner von ihnen gehörte der Kirche 
länger als fünf Jahre an. Im vorigen Jahr 
haben wir in Caracas einen Pfahl ge- 
gründet; das Mitglied, das dort der 
Kirche am längsten angehört, wurde vor 
sieben Jahren getauft! Es liegt auf der 
Hand, daß die Einheiten der Kirche in 
solchen Entwicklungsgebieten in hohem 
Maße der Schulung und Unterstützung 
bedürfen. 

Um Ihnen eine Vorstellung vom Wachs- 
tum der Kirche zwischen 1960 und 1976 
zu geben — dies ist die Zeit, seit der ich 
Generalautorität bin — : Die Mit- 
gliederzahl der Kirche hat sich während 
dieser Jahre mehr als verdoppelt. Außer- 
halb der Vereinigten Staaten und Kana- 
das hat unsere Mitgliederzahl um 397 
Prozent zugenommen. In den letzten 
sechs Jahren ist die Anzahl der Gemein- 
den außerhalb der Vereinigten Staaten 
und Kanadas, die von einem Bischof 
geleitet werden, von 278 auf 892 ge- 
stiegen, die Anzahl der Pfähle von 48 auf 
143. Die Statistik vom September 1977 
weist folgende Gesamtzahlen aus: 862 
Pfähle, 5.648 Gemeinden (von einem 
Bischof geleitet), 1 .495 von Gemeinde- 
präsidenten geleitete Gemeinden in 
Pfählen, 158 Missionen und über 24.000 
Missionare. 

Um unserer ungeheuren Verantwortung 
gerecht zu werden, haben wir die ganze 
Welt in Zonen und Gebiete aufgeteilt, 
worüber jeweils ein Zonenberater bzw. 



ein Gebietsbevollmächtigter präsidiert. 
Fünf dieser Zonen und zwölf Gebiete 
befinden sich außerhalb der Vereinigten 
Staaten. Alle Zonenberater und 
Gebietsbevollmächtigten — auch die 
innerhalb der Vereinigten Staaten — 
gehören dem Ersten Kollegium der 
Siebzig an. Die Berater aller Zonen in der 
ganzen Welt bleiben am Sitz der Kirche 
wohnen, während jeder Gebiets- 
bevollmächtigte außerhalb der Ver- 
einigten Staaten und Kanadas 
angewiesen wird, in dem betreffenden 
Gebiet zu wohnen. Der Gebietsbevoll- 
mächtigte ist den Regional- 
repräsentanten übergeordnet. Wie 
bereits erwähnt, werden fähige und 
erfahrene Männer als Regional- 
repräsentanten berufen. Nach Mög- 
lichkeit wählt man für dieses Amt Leute 
aus, die möglichst nahe bei der be- 
treffenden Region wohnen. Jeder 
Regionalrepräsentant kümmert sich um 
mehrere Pfähle und Missionen. Dadurch 
ist ein regelmäßiger, enger Kontakt 
zwischen den Führern der Pfähle und 
Missionen einerseits und dem Gebiets- 
bevollmächtigten (über den Regional- 
repräsentanten) andererseits gewähr- 
leistet, und es ist nicht mehr notwendig, 
daß sich die betreffenden Einheiten 
unmittelbar an den Sitz der Kirche in Salt 
Lake City wenden müssen. Dem 
Gebietsbevollmächtigten gibt dieses 
System die Möglichkeit, sich sofort um 
viele Probleme zu kümmern, die keinen 
Aufschub zulassen. Auf diese Weise 
werden die örtlichen Führer unterstützt 
und gründlich geschult. Der Gebiets- 
bevollmächtigte ist einem Zonenberater 
verantwortlich, der wiederum dem Rat 
der zwölf Apostel unterstellt ist. 
Ich komme nun auf die Arbeit der 
Präsidierenden Bischofschaft zu spre- 
chen. Wie schon erwähnt, besteht ihre 
Aufgabe darin, alle Angelegenheiten 
zeitlicher Art zu regeln, die ihr von der 



11 



Ersten Präsidentschaft zugewiesen wer- 
den. Dazu gehört auch die Aufgabe, 
Grundstücke und Gebäude anzukaufen, 
in deren Rahmen sie als Service- 
abteilung operiert und gemäß den Wei- 
sungen der Führer der Kirche Land 
ankauft und Gebäude errichtet und 
wartet. Ferner überwacht die Präsi- 
dierende Bischofschaft Angelegenheiten 
des Finanzwesens und der Mitglieds- 
scheine, des Fastopfers und des Zehn- 
ten, des zentralen Einkaufs, der Über- 
setzung und des Versands. Darüber 
hinaus trägt sie die schwere Ver- 
antwortung für die Leitung der Ab- 
teilung Wohlfahrtsdienste. Die 
Wohlfahrtsdienste sind in der Kirche 
von entscheidender Bedeutung. Das 
diesbezügliche Programm und die dafür 
geltenden Richtlinien werden vom 
Komitee für Wohlfahrtsdienste auf- 
gestellt; dieses setzt sich aus der Ersten 
Präsidentschaft und dem Kollegium der 
zwölf Apostel, der Präsidierenden 
Bischofschaft und der FHV-Präsident- 
schaft zusammen. Zum Programm der 
Wohlfahrtsdienste gehören unter an- 
derem die Deseret-Industrie in der gan- 
zen Welt, die Pfahl-, Gemeinde- und 
Missions-Wohlfahrtsprogramme und 
die Vorratshäuser der Bischöfe. 
Um dies alles auch außerhalb der Ver- 
einigten Staaten und Kanadas zu ver- 
walten, sind Gebietsbeauftragte der 
Präsidierenden Bischofschaft bestellt 
worden. Sie sollen in den Gebieten, für 
die sie zuständig sind, ihren Wohnsitz 
einrichten und sind dort für die Ver- 
waltung zeitlicher Belange ver- 
antwortlich. Wiederum sind also die 
Möglichkeiten dafür gegeben, daß die 
Probleme der örtlichen Mitglieder un- 
mittelbar in Angriff genommen und die 
Beamten in allen Bereichen der Ver- 
waltung ordnungsgemäß geschult wer- 
den. Die Gebietsbeauftragten, die 
Generalautoritäten sind, und die 



Gebietsbeauftragten der Präsidierenden 
Bischofschaft arbeiten in allem eng zu- 
sammen. 

Wir kommen nun zur Ersten Präsident- 
schaft. Sie trifft sich jeden Dienstag, 
Mittwoch, Donnerstag und Freitag je- 
weils um 8 Uhr. Jedesmal ist ein Sekre- 
tär zugegen, der die Sitzung vollständig 
protokolliert. Bei der Zusammenkunft 
wird auch die Korrespondenz behan- 
delt, die bei der Ersten Präsidentschaft 
eingegangen ist. Diese Briefe enthalten 
fast alles, was man sich nur vorstellen 
kann — von Fragen über das Durch- 
bohren des Ohrläppchens bis zur Beru- 
fung gegen den Ausschlußbescheid eines 
Gerichts der Pfahlpräsidentschaft und 
des Hohen Rats. Es werden Fragen 
gestellt zur Kleidung und zu Grund- 
sätzen der äußeren Erscheinung, zur 
Hypnose und zur Sabbatheiligung, zur 
Auslegung von Schriftstellen und zum 
Sensitivitätstraining, zu Siegelungen 
und Beschwerden gegen örtliche Be- 
amte, zur Wiedergeburt und zu Organ- 
spenden für die Wissenschaft oder für 
Kranke, zur Bestattung durch Ein- 
äscherung, zu Organverpflanzungen, 
juristischen Problemen usw. usw. 
Daneben sind noch viele andere 
Angelegenheiten zu regeln. Es müssen 
zum Beispiel neue Tempel- 
präsidentschaften ausgewählt und 
Entscheidungen darüber gefällt werden, 
wann und wo neue Tempel zu errichten 
sind. Ferner muß sich die Erste Präsi- 
dentschaft mit Angelegenheiten be- 
fassen, die bei der Sitzung mit dem Rat 
der zwölf Apostel oder der Präsidieren- 
den Bischofschaft zur Erörterung an- 
stehen. Außerdem plant sie die Gebiets- 
konferenzen, die in der ganzen Welt 
veranstaltet werden, sowie feierliche 
Versammlungen. 

Am Dienstagvormittag um 10 Uhr trifft 
sich die Erste Präsidentschaft mit dem 
Ausgabenkomitee der Kirche. Es be- 



12 



steht aus der Ersten Präsidentschaft 
selbst sowie vier Mitgliedern des Kolle- 
giums der zwölf Apostel und der Präsi- 
dierenden Bischofschaft. Auf dieser Sit- 
zung geben die Leiter der einzelnen 
Abteilungen an, was für Beträge sie für 
ihren Haushalt benötigen. Nachdem 
darüber beraten worden ist, wird jeder 
Organisation eine bestimmte Summe 
zugeteilt. Die Abteilung Baulichkeiten 
beantragt zum Beispiel den Erwerb von 
Land und die Errichtung von Gebäuden 
— von Pfahlgebäuden und Gemeinde- 
häusern, Missionsbüros, Besucher- 
zentren usw. Ebenso wird über die 
Unterhaltskosten gesprochen. Die Prä- 
sidierende Bischofschaft ihrerseits be- 



Öffentlichkeitsarbeit. Zusammenkünfte 
mit wichtigen Besuchern werden nach 
Möglichkeit ebenfalls auf den 
Mittwochvormittag gelegt. Es be- 
eindruckt mich immer wieder, wie stark 
der Einfluß des Präsidenten der Kirche 
auf diese Besucher ist. Es schlägt sich in 
den Briefen nieder, die wir später er- 
halten, oder in mündlichen Berichten, 
die auf direktem oder indirektem Wege 
zu uns gelangen. 

An einem Mittwoch im Monat trifft die 
Erste Präsidentschaft mit dem Bildungs- 
ausschuß der Kirche und dem 
Treuhandausschuß zusammen, um alle 
Angelegenheiten der Universitäten und 
Colleges, Religionsinstitute und Semi- 






....... . 

. , .: . 
: : : : 






H 



Aufgrund der damit verbundenen Inspiration und Offenbarung wird jemand 

als Generalautorität wirklich von Gott bestimmmt, und vor der Berufung 

und Einsetzung erteilt der Rat der Zwölf seine Zustimming 



antragt Geldmittel für Wohlfahrts- 
projekte. 

Die Sitzung der Ersten Präsidentschaft 
am Mittwoch wird dazu benutzt, die 
Berichte von den Leitern der Abteilun- 
gen anzuhören, für die die Erste 
Präsidentschaft direkt verantwortlich 
ist. Dazu gehören zum Beispiel die 
Abteilung für Geschichte der Kirche, die 
Personalabteilung und die Abteilung für 



nare und der sonstigen schulischen 
Einrichtungen der Kirche zu regeln. An 
einem weiteren Mittwoch im Monat 
kommt sie mit dem Koordinierenden 
Ausschuß zusammen, der aus der Ersten 
Präsidentschaft selbst, dem Kollegium 
der zwölf Apostel und der Präsidieren- 
den Bischofschaft besteht. Bei dieser 
Zusammenkunft wird über Fragen der 
Verwaltung gesprochen und werden ent- 



13 



sprechende Beschlüsse gefaßt, um die 
Gewähr dafür zu schaffen, daß alle 
Zuständigkeiten richtig abgesteckt und 
koordiniert sind. Hierauf kommt die 
Erste Präsidentschaft, wie bereits er- 
wähnt, mit dem Komitee für 
Wohlfahrtsdienste zusammen. 
Am Donnerstagvormittag um 10 Uhr 
trifft sich die Erste Präsidentschaft im 
oberen Raum des Tempels mit dem Rat 
der zwölf Apostel, dessen Sitzung dort 
schon um 8 Uhr beginnt. Seit der 
Fertigstellung dieses Tempels war es 
stets dieser Raum, wo die Führer der 
Kirche Weisung vom Herrn empfangen 
haben. Man empfindet hier ein beson- 
ders spirituelles Gefühl; zuweilen spürt 
man geradezu die Gegenwart einiger 
großer Führer, die einst an dieser Stelle 
gewirkt haben. An den Wänden hängen 
Portraits der zwölf Präsidenten der Kir- 
che und des Patriarchen Hyrum Smith. 
Weitere Gemälde zeigen den Erlöser am 
See Genezareth, wo er einige seiner 
Apostel beruft, ferner seine Kreuzigung 
und Himmelfahrt. Alles erinnert an die 
vielen bedeutenden Führer, die sich in 
diesem Ratszimmer aufgehalten haben. 
Unter der Leitung des Herrn sind hier 
Entscheidungen von großer Tragweite 
gefällt worden. 

Wenn die Erste Präsidentschaft am 
Donnerstagvormittag um 10 Uhr diesen 
Raum betritt, schüttelt sie allen Mit- 
gliedern des Rates der zwölf Apostel die 
Hand und legt dann die Tempelkleidung 
an. Wir singen gemeinsam, knien zum 
Beten nieder und bilden dann um den 
Altar einen Gebetskreis. Anschließend 
legen wir wieder unsere Straßenkleidung 
an. 

Nachdem wir das Protokoll der vorigen 
Versammlung besprochen haben, be- 
fassen wir uns mit Angelegenheiten 
folgender Art: der Wechsel von Bischof- 
schaften auf Vorschlag der betreffenden 
Pfahlpräsidenten (die Zwölf sprechen 



bereits vorher auf ihrer Sitzung darüber, 
und es dürfte Sie interessieren, daß wir 
1977 jede Woche der Einsetzung von 
durchschnittlich 25 bis 30 neuen Bi- 
schöfen zugestimmt haben); Änderun- 
gen der Organisation von Pfählen und 
Gemeinden, Missionen und Tempeln in 
der ganzen Kirche (einschließlich 
Grenzänderungen und Beamten- 
wechsel); die Beamten und die Ver- 
waltung der Hilfsorganisationen; 
Angelegenheiten, die von den Leitern 
der einzelnen Abteilungen zur Sprache 
gebracht worden sind; unsere Berichte 
über die Pfahlkonferenzen und andere 
Aktivitäten während der vergangenen 
Woche wie Bestattungen, Redeaufträge 
usw. Alle Änderungen in der Ver- 
waltung oder den Richtlinien der Kirche 
werden in diesem Gremium besprochen 
und gebilligt. Sobald ein Beschluß ge- 
faßt ist, stellt er eine offizielle Richtlinie 
der Kirche dar. Lassen Sie mich eine 
Begebenheit im Zusammenhang mit 
diesen Beratungen schildern. 
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, 
wie eine Angelegenheit besprochen wur- 
de, wo die einzelnen Mitglieder des 
Rates der zwölf Apostel unter- 
schiedlicher Auffassung waren und dies 
auch offen äußerten. Als Präsident Mc- 
Kay die Diskussion zusammenfaßte und 
sagte: ,,Ich glaube, daß wir folgender- 
maßen entscheiden sollten . . .", wandte 
ich mich meinem Nachbarn zu und 
bemerkte: 

„Ist es nicht großartig, daß er immer die 
richtige Lösung parat hat und wir an- 
scheinend auch alle fühlen, daß sie 
richtig ist?" 

Mein Mitarbeiter wandte sich zu mir 
und sagte: „Sie hören einen Propheten 
Gottes sprechen." So stimmt das 
Gremium jeder Entscheidung einmütig 
zu, ganz gleich, wie der eine oder andere 
vorher dazu gestanden hat. 
Am ersten Donnerstag in jedem Monat 



14 



(Forts. S. 51) 



Eine Zeit 

der 

Wiederherstellung 



Glen M. Leonard 



W. 



ie die Heiligen der Letzten 
Tage wissen, beginnt eine Schilderung 
der Wiederherstellung des Evangeliums 
und der wahren Kirche gewöhnlich mit 
Joseph Smith' erster Vision. Als Einlei- 
tung zu der mit diesem Artikel be- 
ginnenden Serie über die Geschichte der 
Kirche empfiehlt es sich jedoch, sich 
eingehender mit den Umständen zu 
befassen, unter denen die Wiederher- 
stellung stattgefunden hat. Präsident 
Joseph Fielding Smith hat zutreffend 
geschrieben: „Für die Nationen begann 



ein besserer Tag heraufzudämmern" 
(Essentials in Church History, S. 18). 
Die lange geschichtliche Entwicklung, 
die zu religiöser Freiheit in den Ver- 
einigten Staaten führte, läßt sich über 
Jahrhunderte zurückverfolgen. Martin 
Luthers bekannte Kritik an den Miß- 
ständen innerhalb der katholischen Kir- 
che bedeutete den Beginn der Reforma- 
tion. Was jedoch das geistige Erbe 
angeht, dem Joseph Smith in den 
Neuenglandstaaten begegnete, so war 
Johann Calvin, der Schweizer Theologe, 




Sechs Männer gründeten 1830 die Kirche, noch andere waren anwesend. In ihrer Anwesenheit empfing 
Joseph Smith eine Offenbarung vom Herrn, die heute den 20. Abschnitt des Buches „Lehre und Bündnisse" 
bildet. In dieser Offenbarung erkennt der Herr die leitenden Beamten an, die auf dieser heiligen 
Versammlung bestätigt wurden. 



15 



ein wichtiger Reformator. Seine Lehre 
veranlaßte die englischen Puritaner, sich 
von der etablierten Kirche loszusagen 
und in den nordamerikanischen Kolo- 
nien Zuflucht zu suchen. Sie förderten 
die Entstehung einer religiösen Begriffs- 
welt, die die amerikanische Religiosität 
entscheidend prägte. Die Puritaner be- 
trachteten sich zum Beispiel als aus- 
erwähltes Volk, das von Gott beauftragt 
sei, in der Neuen Welt ein vorbildliches 
christliches Gemeinwesen zu schaffen — 
ein Zion. 

Wenngleich die Puritaner die religiöse 
Szene in den englischen Kolonien be- 
herrschten, waren sie doch nicht die 
einzige christliche Gemeinschaft von 
Bedeutung. Viele andere Glaubens- 
gemeinschaften gründeten dort 
Gemeinden und trugen dadurch zu der 
religiösen Vielfalt Amerikas bei. Der 
Unabhängigkeitskrieg von 1776 förder- 
te die Gewährung von Religionsfreiheit 
dadurch, daß ein politisches Klima ge- 
schaffen wurde, das zur Trennung von 
Kirche und Staat führte. Als sich die 
Bewegung, die für diese Trennung ein- 
trat, in der neuen Nation ausbreitete, 
wurde das Land in gewissen Abständen 
von Erweckungsbewegungen erfaßt, die 
in den neunziger Jahren des 18. Jahr- 
hunderts begannen und bis nach dem 
britisch-amerikanischen Krieg von 
1812 anhielten. 

Eine dieser Erweckungsbewegungen er- 
reichte Ende der zwanziger Jahre des 19. 
Jahrhunderts im westlichen Teil des 
Bundesstaates New York ihren Höhe- 
punkt. Hier wandten sich viele frühere 
Bewohner der Neuenglandstaaten, die 
aus wirtschaftlichen Beweggründen 
nach Westen gezogen waren, der Reli- 
gion zu, weil sie nach einem dauerhaften 
Sinn in ihrem Leben suchten. Einige von 
ihnen maßten sich selbst Vollmacht an 
und versuchten verschiedentlich, das 
ursprüngliche Evangelium wieder- 



herzustellen. In der amerikanischen 
Religionsgeschichte hat man ihnen die 
Bezeichnung „Wiederhersteller" gege- 
ben. Vieles taten sie aus dem in- 
brünstigen Glauben daran, daß die 
Wiederkunft des Erlösers unmittelbar 
bevorstehe. 

Eine der aktivsten Gruppen dieser Art 
führte den Namen „Jünger Christi". Sie 
waren auch unter der Bezeichnung 
„Campbelliten" bekannt (nach ihrem 
Gründer Thomas Campbell und dessen 
Sohn Alexander). Sidney Rigdon, der 
später eng mit dem Propheten 
Joseph Smith zusammenarbeitete, 
zählte zu den populärsten Predigern. 
Sidney Rigdon war ursprünglich Baptist 
gewesen, danach hatte er sich den 
Campbelliten angeschlossen. Die „Jün- 
ger Christi" zogen noch mehrere andere 
Wahrheitssuchende an, die sich später 
unter den Heiligen der Letzten Tage 
hervortaten, darunter Parley P. Pratt. 
Eines der Themen, die die größte 
Anziehungskraft auf sie ausübten, war 
die Notwendigkeit, die Grundprinzipien 
des Neuen Testaments — Glaube und 
Buße, Taufe und Gabe des Heiligen 
Geistes — wiederherzustellen, ein The- 
ma, worauf die Campbelliten großes 
Gewicht legten. Einige ihrer Neube- 
kehrten fragten sich jedoch, ob die 
Campbelliten die Vollmacht hätten, die 
heiligen Handlungen der Erlösung aus- 
zuführen. 

Auch Joseph Smith' Familie, die damals 
im Westteil des Bundesstaates New 
York lebte, gehörte zu denen, die auf der 
Suche nach dem wahren Evangelium 
Jesu Christi waren. Sein Vater, Joseph 
Smith sen., und seine Mutter, Lucy 
Mack Smith, waren der Abstammung 
nach Neuengländer. Die Familie hatte 
vorher eine Farm in New Hampshire 
und dann eine in Vermont bestellt, doch 
der steinige Boden und die früh ein- 
setzenden Frostperioden, Mißernten 



16 



und eine Typhusepidemie veranlaßten 
sie 1816 — die Smiths hatten inzwischen 
acht Kinder — , der Wanderung nach 
dem Westen zu folgen. In den be- 
waldeten Hügeln im westlichen Teil des 
Staates New York rodeten sie Land in 
der Nähe des kleinen Dorfes Palmyra. 
Auf ihrer 100- Morgen-Farm bauten sie 
sich eine Hütte mit zwei Räumen im 
Erdgeschoß und zwei Schlafzimmern in 
der Mansarde. Später erweiterten sie das 
Haus durch einen Anbau. 
Die Familie mußte Gelegenheits- 
arbeiten übernehmen, um ihren Unter- 
halt zu bestreiten. Joseph Smith sen. 
kochte Zucker aus dem Saft von Ahorn- 
bäumen. Mit seinen Söhnen grub er 
Brunnen und stellte Eimer und Fässer 
her, die später verkauft wurden. Lucy 
Mack Smith bemalte Wachstücher und 
bot sie als Tischdecken feil. Sie backte 
Pfefferkuchen und Pasteten und trieb 
damit einen kleinen Handel. Die Nach- 
barn lernten die Familie als zuverlässige 
und fleißige Menschen kennen. 
Bildungsmöglichkeiten gab es in dieser 
ländlichen Gegend nur in begrenztem 
Umfang. Nur etwa drei Monate im Jahr 
konnten die Kinder der Familie Smith 
eine Schule besuchen. Sie erwarben dort 
gerade Grundkenntnisse im Lesen, 
Schreiben und Rechnen. Eines der Kin- 
der jedoch, Joseph Smith jun., hatte ein 
besonderes Interesse an Büchern und 
befaßte sich damit selbständig. Er las 
auch die örtliche Zeitung und schloß 
sich einem Debattierklub junger Leute 
an. Seine Mutter hatte ihn später als 
„bemerkenswert ruhiges, ausge- 
glichenes Kind" in Erinnerung, das seine 
Eltern bewunderte und ihnen häufig 
zeigte, wie sehr es sie liebte und ihnen 
ergeben war. Dank seiner fröhlichen 
Wesensart konnte Joseph Smith als 
junger Mann viele Freunde gewinnen. 
Die Familie Smith war bisher keiner 
Kirche beigetreten, las aber gemeinsam 



in der Bibel. Ungefähr 1819 begannen 
sie, sich mit den Kirchen zu be- 
schäftigen, die damals in der Gegend 
von Manchester und Palmyra vertreten 
waren. In jenem Jahr veranstalteten die 
Methodisten eine Jahrestagung in Vien- 
na (heute Phelphs), das 16 Kilometer 
von der Farm der Familie Smith ent- 
fernt lag. Dort trafen sich Dutzende von 
Geistlichen, um über ihre Richtlinien zu 
beraten. 

Nach der Tagung verteilten sie sich, wie 
es damals üblich war, über das Land und 
hielten Lager- und Erweckungs- 
versammlungen ab. Auch die Prediger 
der Baptisten und der Presbyterianer 
durchstreiften das Gebiet und warben 
um neue Mitglieder. Lucy Smith, ihre 
Tochter Sophronia und ihre Söhne Hy- 
rum und Samuel schlössen sich den 
Presbyterianern an und erhielten dort 
ihre Mitgliedschaft offenbar bis etwa 
1828 aufrecht. Joseph Smith sen. und 
seine Söhne William und Joseph waren 
jedoch nicht dafür, sich einer Konfes- 
sion anzuschließen. 

Joseph Smith jun. hatte das Gefühl, daß 
die Lehren der reisenden Geistlichen 
ihm jedoch nicht Klarheit verschafften, 
sondern eher enttäuschten. In der tiefen 
Inbrunst der Erweckungsbewegung sah 
er nur einen Beweis für den allgemeinen 
Wirrwarr in der religiösen Welt. „Ich 
wußte nicht, wer von ihnen recht hatte 
und wer nicht", schrieb er 1835 im 
Rückblick, „sah es aber als das Wichtig- 
ste für mich an, daß ich selbst recht 
hätte" (BYU Studies, IX:284). 
Obwohl sich Joseph Smith keiner der 
Gemeinschaften anschloß, die so fana- 
tisch in dem Bestreben wetteiferten, 
neue Anhänger zu gewinnen, befaßte er 
sich eingehend mit dem Christentum, 
wie es damals bestand. Schließlich kam 
er zu der Erkenntnis, daß die Kirche, wie 
sie im Neuen Testament beschrieben 
wird, auf Erden nicht mehr vorhanden 



17 



war und daß die Menschen vom wahren 
und lebendigen Glauben abgefallen wa- 
ren (BYU Studies, XI:279). Eines Tages, 
als er sich wieder in die Bibel vertiefte, 
stieß er im Jakobusbrief auf den in- 
spirierten Rat, durch Beten von Gott 
Erkenntnis zu erstreben (Jakobus 1:5). 
Joseph Smith kam zu dem Schluß, daß 
es für ihn nur zwei Möglichkeiten gab: 
Entweder er würde weiter im dunkeln 
tappen oder gemäß dem Rat des Apo- 
stels Jakobus handeln. 

An einem Frühlingsmorgen des Jahres 
1820 - Joseph Smith war noch sehr 
jung, er hatte noch nicht einmal das 15. 
Lebensjahr vollendet — , kniete er sich in 
einem abgeschiedenen Waldstück in der 
Nähe seines Hauses zum Beten nieder. 
Seinen späteren Schilderungen ist zu 
entnehmen, daß ihm nicht nur die eigene 
Erlösung, sondern das Wohl aller Men- 
schen am Herzen lag. Insbesondere 
wollte er allzugern wissen, welcher Kir- 
che er sich anschließen solle, sofern er 
überhaupt einer beitreten solle. 

Als er zu beten begann, wurde er in einen 
verzweifelten Kampf verwickelt. Er ver- 
suchte zu beten, wurde aber von einer 
bösen Macht gepackt, die so stark war, 
daß er nicht reden konnte. Verwirrende 
Gedanken schössen ihm durch den 
Kopf, und er vernahm ein Geräusch, als 
schritte jemand auf ihn zu. Bald war er 
in tiefe Finsternis eingehüllt, die nahe 
daran zu sein schien, ihn zu über- 
wältigen. 

Obwohl der junge Joseph über alle 
Maßen erschrocken war, fuhr er im 
Herzen fort, um seine Errettung zu 
beten, und schließlich wich die böse 
Macht von ihm. Eine strahlend helle 
Lichtsäule kam in seiner unmittelbaren 
Nähe herab. Innerhalb dieses gleißen- 
den Lichtes erschienen ihm zwei Per- 
sonen. Die eine nannte Joseph beim 
Namen und sagte, indem sie auf die 



andere deutete: „Dies ist mein geliebter 
Sohn. Höre ihn!" 

Im Verlaufe dieser erhabenen Vision 
Gott Vaters und seines Sohnes wurden 
Joseph Smiths Fragen beantwortet. Der 
Erlöser sagte ihm, daß seine Sünden 
vergeben seien. Keine der damaligen 
Kirchen sei im Besitz der vollständigen, 
richtigen Lehre und der Vollmacht, im 
Namen Gottes zu amtieren. Man werde 
ihm später aber noch das vollständige 
Evangelium kundtun. 
Joseph Smith erzählte seiner Familie 
und seinen engsten Freunden von die- 
sem heiligen Erlebnis. Auch einem 
Geistlichen berichtete er von der Vision, 
doch nahm dieser die Angelegenheit 
nicht ernst und äußerte Zweifel daran, 
daß es in der Neuzeit Visionen und 
Offenbarungen geben könne. Im Verlauf 
seines weiteren Werdegangs fand Joseph 
Smith sowohl Menschen, die seinen 
Worten Glauben schenkten, als auch 
solchen, die darüber spotteten. 
Glücklicherweise lernte er auch viele 
kennen, die wie er auf der Suche nach der 
göttlichen Erlösungsbotschaft waren. 
Ihre religiösen Neigungen waren zum 
Teil eine Nachwirkung der Erweckungs- 
bewegung, die sich in den ersten Jahren 
des 19. Jahrhunderts in Amerika ausge- 
breitet hatte. 

Während dreieinhalb Jahren nach der 
ersten Vision setzte Joseph Smith sein 
bisheriges Leben als Farmarbeiter in 
New York fort. Wie er später berichtet 
hat, begab er sich während dieser Zeit 
zuweilen in lustige Gesellschaft, wo sich 
seine jugendliche Ausgelassenheit durch 
Leichtfertigkeit äußerte. Obwohl er 
sonst nichts schuldig war als ebendieses 
Übermuts, der seinem von Natur aus 
fröhlichen Temperament entsprang, 
fühlte er allmählich, daß er nicht den 
ernsten Worten gemäß gehandelt hatte, 
die ihm in jener Vision kundgetan wor- 
den waren. 



18 



Mit dieser Sorge, die den inzwischen 
17jährigen Joseph Smith sehr be- 
schäftigte, zog er sich am 21 . September 
1 823 in sein Zimmer zurück und begann 
zu beten. Plötzlich füllte sich der Raum 
mit Licht, und er erblickte einen vom 
Himmel ausgesandten Boten. Dieser 
gab sich als ein Engel Gottes mit dem 
Namen Moroni zu erkennen. Er sei der 
letzte vom Volk der Nephiten gewesen, 
der schriftliche Aufzeichnungen ge- 
macht habe. Dieses Volk hatte vor 1 400 
Jahren auf dem amerikanischen Kon- 
tinent gelebt. Moronis Worte brachten 
Joseph Smith Klarheit über seine Sen- 
dung, denn er erfuhr, daß in einem 
nahegelegenen Hügel heilige Tafeln mit 
Aufzeichnungen über die Ureinwohner 
Amerikas vergraben seien. Nach den 
Worten Moronis berichteten diese Ta- 
feln auch von dem Wirken des Erlösers 
unter diesem Volk. Moroni kam in 
dieser Nacht noch zweimal zurück und 
am folgenden Morgen abermals. Jedes- 
mal wiederholte er seine Botschaft. Er 
wies Joseph Smith an, jedes Jahr den 
Hügel Cumorah aufzusuchen; dort wür- 
de er unterwiesen und auf seine Sendung 
vorbereitet werden. Schließlich, am 22. 
September 1827, wurden ihm die Tafeln 
anvertraut. 

Während dieser vier Jahre der Vor- 
bereitung änderte sich nur wenig am 
Alltag der Familie Smith. Sie arbeiteten 
hart, um ihren finanziellen Ver- 
pflichtungen nachzukommen. Sie konn- 
ten ihre Hypothek nicht abtragen und 
nur als Pächter auf ihrem Land bleiben, 
bauten aber ein neues Fachwerkhaus. 
Am 19. November 1823 - - das Haus 
war noch nicht vollendet - starb der 
älteste Sohn, Alvin. Kurz vor seinem 
Tod ermahnte er Joseph, Moronis Wei- 
sungen getreu auszuführen, so daß das 
verheißene Werk hervorgebracht wer- 
den könne. 

Um das Familieneinkommen aufzu- 



bessern, verdingten sich Joseph und 
andere Familienmitglieder von Zeit zu 
Zeit als Tagelöhner. Im Oktober 1825 
siedelte Joseph Smith nach Bainbridge in 
New York über, um für Josiah Stoal zu 
arbeiten. Dieser ließ seine Männer in 
einer verlassenen spanischen Silbermine 
nach Schätzen graben, die er dort ver- 
mutete. Joseph Smith überredete ihn 
schließlich, die erfolglose Suche aufzu- 
geben, doch entstanden aufgrund seiner 
Teilnahme an dem Unternehmen bald 
Gerüchte, wonach er gewisse seelische 
Kräfte besitze, womit er verborgene 
Schätze aufspüren könne. Diese Episode 
in Joseph Smith' Leben ist insofern 
bedeutsam, als sie zu dem ersten in einer 
langen Kette von Prozessen führte, mit 
denen seine Gegner ihn in der Absicht, 
ihn zu verleugnen, hinfort überzogen. 

Während Joseph Smith für Stoal ar- 
beitete, wohnte er bei der Familie Isaac 
Haie, wo er die Tochter, Emma, 
kennenlernte. Sie heirateten am 18. 
Januar 1 827 und zogen zu der Farm der 
Familie Smith nahe Palmyra. Im Herbst 
dieses Jahres waren die vier Jahre der 
Vorbereitung abgelaufen, und der Pro- 
phet erhielt auf dem Hügel Cumorah 
von Moroni die altertümlich aus- 
sehenden Tafeln. Gleichzeitig wurde er 
mit der Kraft ausgerüstet, die Gravie- 
rungen darauf zu übersetzen. Dabei 
sollten ihm zwei durchsichtige Steine 
helfen, die ,,Urim und Tummim" ge- 
nannt wurden und in der Steinkiste mit 
den Tafeln verwahrt waren. Joseph 
Smith hat berichtet, daß diese Steine in 
einer brillenartigen Fassung an einem 
Brustpanzer befestigt waren. ,, Durch die 
Gabe und Macht Gottes habe ich die 
Gravierungen mit Hilfe des Urim und 
Tummin übersetzt" (History of the 
Church, IV:537). 

Sobald Joseph Smith die heiligen Auf- 
zeichnungen erhalten hatte, wurden 



19 



Ränke geschmiedet, um sie ihm zu 
entwenden. Mehrmals mußte er das 
Versteck wechseln. Er versteckte die 
Tafeln an verschiedenen Stellen: in ei- 
nem hohlen Birkenstamm, einem 
Bohnenfaß oder einem kleinen Gelaß 
unter einer Kaminplatte. Schließlich 
beschloß er, mit seiner Frau, Emma 
Smith, nach Harmony in Pennsylvanien 
zu ziehen, wo Emmas Vater ihnen in 
seinem Haus Zuflucht bot. Joseph 
Smith und seiner Frau fehlte jedoch das 
Geld zu einer Reise von 240 Kilometern. 
Martin Harris, ein wohlhabender Far- 
mer — er glaubte an das, was Joseph 
Smith über die Herkunft der Tafeln 
erzählt hatte — , half ihnen mit 50$ aus. 
Die Übersetzungsarbeit begann, und 
Martin Harris erhielt eine Abschrift von 
einigen Gravierungen auf den Tafeln. 
Damit suchte er einige Gelehrte im 
Osten der Vereinigten Staaten auf. In 
New York erzählte er dem berühmten 
Dr. Charles Anthon, der am Columbia 
College Altertumswissenschaft lehrte, 
und Dr. Samuel L. Mitchill, einem Arzt, 
von Joseph Smith' Erlebnissen. Diese 
beiden Männer waren nicht imstande, 
das abgewandelte Ägyptisch der Gravie- 
rungen zu übersetzen. Martin Harris 
kehrte mit der festen Überzeugung zu- 
rück, daß in Joseph Smith' Arbeit kein 
Betrug sei. Durch seine Reise nach New 
York ging eine Prophezeiung im Buch 
Mormon in Erfüllung (2. Nephi 27:6- 
20). Während der folgenden Monate 
fungierte Harris als Schreiber des Pro- 
pheten, während dieser die ersten Ab- 
schnitte des in alter Zeit verfaßten 
Textes ins Englische übertrug. Später 
wurde er einer der drei Zeugen für das 
Buch Mormon. 

Während der Übersetzungsarbeit im 
Frühsommer 1828 lieh sich Martin Har- 
ris von Joseph Smith die ersten 116 
Seiten des fertigen Manuskripts. 
Sie gingen verloren oder wurden ge- 



stohlen, wahrscheinlich infolge der 
Gleichgültigkeit oder Arglist von Har- 
ris' Frau, die nicht an das glaubte, was 
Joseph Smith von den Tafeln berichtete. 
Dies hatte zur Folge, daß die 
Übersetzungsarbeit einige Zeit unter- 
brochen wurde. Als Joseph Smith durch 
Offenbarung angewiesen wurde, die Ar- 
beit wiederaufzunehmen, ließ er seine 
Frau, Emma, kurze Zeit schreiben. 
Glücklicherweise hörte Oliver Cowdery, 
ein reisender Lehrer, der gerade bei der 
Familie Smith im Verwaltungsbezirk 
Manchester untergebracht war, von der 
Angelegenheit und begann sich dafür zu 
interessieren. Um Näheres zu erfahren, 
reiste er nach Harmony /Pennsylvanien 
und fing dort Anfang 1829 an, für 
Joseph Smith zu schreiben, während 
dieser, durch einen Vorhang von Cow- 
dery getrennt, den Text Wort für Wort 
diktierte. Oliver Cowdery schrieb auf 
diese Weise den größten Teil des Buches 
Mormon nieder. 

Während dieser Zeit empfing Joseph 
Smith viele Offenbarungen. Offen- 
sichtlich leitete der Herr seinen jungen 
Diener bei dem Bestreben, eine Grund- 
lage zu schaffen, worauf die wieder- 
hergestellte Kirche Jesu Christi aufge- 
baut werden konnte. Ein wichtiger 
Schritt, der der Gründung der Kirche 
vorausging, erfolgte am 15. Mai 1829. 

Während des Übersetzens der Auf- 
zeichnungen aus alter Zeit stießen Jo- 
seph Smith und Oliver Cowdery auf 
Stellen, die von der Taufe zur Vergebung 
der Sünden handelten. Weil sie mehr 
darüber erfahren wollten, begaben sie 
sich in einen Wald am Ufer des Susque- 
hanna in der Nähe von Joseph Smith' 
Haus. Während sie noch beteten, er- 
schien ihnen Johannes der Täufer in 
einer Lichtwolke, legte ihnen die Hände 
auf und übertrug ihnen das Aaronische 
Priestertum. Nachdem er Joseph Smith 



20 



und Oliver Cowdery erklärt hatte, 
wie eine Taufe vollzogen werden soll, 
tauften sie sich gegenseitig im Fluß. 
Irgendwann zwischen jenem 15. Mai 
und Ende Juni 1829 brachten die Apo- 
stel Petrus, Jakobus und Johannes das 
Melchisedekische Priestertum zurück, 
das die Vollmacht einschloß, die Gabe 
des Heiligen Geistes zu spenden und die 
Kirche zu gründen. Somit erhielten 
Joseph Smith und Oliver Cowdery, die 
ersten Ältesten und Apostel in dieser 
Evangeliumszeit, die göttliche Voll- 
macht, die zur Erhöhung erforderlichen 
heiligen Handlungen zu vollziehen und 
Gottes Reich auf Erden zu errichten. 

Am 1. Juli 1829 beendete Joseph Smith 
die Übersetzungen des Buches Mormon. 
Er sah bereits der Neugründung der 
wahren Kirche erwartungsvoll entge- 
gen. Die Übersetzung wurde im Hause 
Peter Whitmers sen. in Fayette/New 
York fertiggestellt. Die kleine Schar von 
Gläubigen, die das Werk des Profeten 
unterstützte, fing allmählich an zu 
wachsen. Drei von diesen Anhängern, 
nämlich Oliver Cowdery, Martin Harris 
und David Whitmer, wurden Zeugen für 
die tatsächliche Existenz der Tafeln, 
denn sie wurden ihnen von einem Engel 
Gottes gezeigt. Acht andere — An- 
gehörige und Freunde Joseph Smith' — 
legten ebenfalls gemeinsam Zeugnis ab, 
nachdem sie die Tafeln selbst berührt 
hatten. Beide Zeugnisse wurden im 
Buch Mormon abgedruckt. Am 1 1 . Juni 
1829 erwirkte Joseph Smith das Copy- 
right des Buches, und im August traf er 
Vorkehrungen für die Drucklegung 
durch Egbert B. Grandin in Palmyra. 

Martin Harris verpflichtete sich, für die 
5000 Exemplare der ersten Auflage 
$3000 zu bezahlen, und er mußte 
schließlich einen Teil seiner Farm ver- 
kaufen, um dieser Verpflichtung nachzu- 
kommen. Ende März 1830 wurden die 



ersten gebundenen Exemplare des Bu- 
ches Mormon verteilt. 
Inzwischen war die Zeit reif für die 
Gründung der Kirche. Am 6. April 1 830 
versammelten sich mindestens 30 Perso- 
nen im Blockhaus der Whitmers in 
Fayette. Sechs von ihnen wurden bei 
diesem feierlichen Anlaß dem Gesetz 
entsprechend als formelle Gründer der 
Kirche genannt: Joseph Smith jun., 
Oliver Cowdery, Hyrum Smith, Peter 
Whitmer jun., David Whitmer und Sa- 
muel H. Smith. Alle Anwesenden er- 
kannten Joseph Smith und Oliver Cow- 
dery als ihre Führer an. Sie erhielten den 
Titel „Erster Ältester" und „Zweiter 
Ältester". 

Aus diesem bescheidenen Anfang ent- 
wickelte sich in den folgenden Jahren 
der organisatorische Aufbau der Kirche. 
Später, als die Mit gliederzahl durch 
ständige Missionsarbeit zunahm, wur- 
den weitere Ämter im Priestertum samt 
einer komplizierteren Organisation der 
Verwaltung eingeführt. Selbst der Name 
der Kirche war der Wandlung unter- 
worfen. In der Offenbarung, die als 20. 
Abschnitt im Buch , Lehre und Bündnis- 
se' niedergelegt ist, wird sie als „Kirche 
Christi" bezeichnet. Dieser Name wurde 
mehrere Jahre allgemein beibehalten, 
obwohl die Öffentlichkeit begann, den 
Spottnamen „Mormoniter" zu ge- 
brauchen. Am 26. April 1838 wurde der 
Name eingeführt, der seither ge- 
bräuchlich ist: „Kirche Jesu Christi der 
Heiligen der Letzten Tage" (LuB 115:3, 

4). 

Die unmittelbar auf die Gründung der 
Kirche folgenden Monate waren von 
großer Bedeutung. Wißbegierigen 
Wahrheitssuchern wurde erklärt, in- 
wiefern sich die junge Kirche von an- 
deren religiösen Organisationen unter- 
scheide. Missionare gingen von Tür zu 
Tür und legten den Menschen die 
Evangeliumsprinzipien dar, wie sie in 
(Forts. S. 36) 

21 



Eine Phototour zu 

den bedeutendsten historischen 

Stätten der Kirche 



N, 



auvoo, Palmyra, Far West, 
Kirtland — alle diese Namen haben für 
uns eine tiefe Bedeutung. Diese Namen 
bezeichnen Orte, wo Joseph Smith, der 
erste Prophet in dieser Evangeliumszeit, 
gelebt, gewirkt und für die Kirche Offen- 
barungen empfangen hat. Es sind Orte, 
die Wunder und Unglauben, Freude 
und Leid, geistige Manifestation und 
Abtrünnigkeit gleichermaßen gesehen 
haben. Damals, in der ersten Zeit der 
wiederhergestellten Kirche, haben Män- 
ner und Frauen eine geistige Größe 
entwickelt, die von den späteren Gene- 
rationen nur bewundert werden konnte. 
Brigham Young und John Taylor, Parley 
P. Pratt, Edward Partridge und viele 
andere zählen zu dieser Kategorie. In 
Orten wie Independence, Far West und 
Kirtland wurden die Heiligen jener Zeit 
geprüft und heimgesucht — durch 
Pöbelrotten und pflichtvergessene Be- 



amte, aber auch durch Verräter und 
Abtrünnige aus den eigenen Reihen. 
Auf den folgenden Seiten zeigen wir 
Bilder von historischen Stätten, wie sie 
heute aussehen. Man hat vieles getan, 
um Teile von Nauvoo ihrem einstigen 
Erscheinungsbild entsprechend zu 
restaurieren. Die meisten anderen Stät- 
ten zeigen heute jedoch ein ganz anderes 
Gesicht. Einige Häuser sind umgebaut 
oder erweitert worden. Viele von ihnen 
sind heute viel luxuriöser als die ur- 
sprünglichen Gebäude, die in der Ge- 
schichte der Kirche eine Rolle gespielt 
haben. Andere sind völlig zerstört wor- 
den; nur der Grundstein oder eine 
Gedenktafel erinnert noch an die 
Vergangenheit. Andererseits haben die 
friedlichen Flüsse, das fruchtbare 
Ackerland und die sanft geschwungenen 
Hügel während der vergangenen 150 
Jahre wohl kaum ihr Aussehen ver- 
ändert. 



22 







Erläuterungen zu den Bildern auf den Seiten 

23 — 30 (die Zahlen auf den Bildern entspre- 
chen denen auf der Landkarte auf Seite 34). 
Die Farbaufnahmen stammen von Jed A. 
Clark. 

Oben: Topsfield in Massachusetts, Sitz des 
Elternhauses der Familie Smith. Links: (2b) 
Das Schulhaus in Tunbridge in Vermont, wo 
Joseph Smith sen. unterrichtet haben könnte, 
als er auf der Farm der Familie Mack in Sha- 
ron lebte. Unten: (2a) Tunbridge in Vermont, 
wo Joseph Smith sen. und Lucy Mack heirate- 
ten. Rechts: (3b) Sharon in Vermont, der 
Geburtsort des Propheten Joseph Smith. 



23 




Linke Seite. Oben: (3a) Das Denkmal Joseph 
Smith' in Sharon in Vermont, das am 100. 
Geburtstag des Propheten errichtet wurde. 
Oben rechts: (4) Das Haus von Joseph Smith 
sen. in Norwich in Vermont. Mitte rechts: (5a) 
Das Haus von Joseph Smith sen. in Palmyra 
im Staat New York. Unten rechts: (5b) Four 
Corners, Palmyra im Staat New York. 
Rechte Seite. Oben links: (5d) Das Waldstück, 
wo Joseph Smith gebetet hatte, in Palmyra, 
Staat New York. Unten links: (5e) Ein Bach 
auf der Farm der Familie Smith in Palmyra 
im Staat New York, wo möglicherweise einige 
der ersten Taufen vollzogen wurden. Rechts: 
(5c) Weg vom Haus Joseph Smith' sen. in 
Palmyra im Staat New York zu dem Wald- 
stück. 



24 








II n 











Oben links: (50 Anwesen um das 
Haus Martin Harris' in Palmyra im Staat New 
York. Dieses Steinhaus aus dem Jahre 1849 ist 
nicht das ursprüngliche Haus Martin Harris'. 
Das ursprüngliche Haus brannte ab. Unten 
links: (6c) Das Denkmal zur Erinnerung an die 
Wiederherstellung des Aaronischen Priester- 
tums, das am möglichen Ort des Erscheinens 
Johannes des Täufers am Susquehanna-Fluß in 
Harmony in Vermont errichtet wurde. Oben 
Mitte links: (6b) Möglicher Ort, an dem die 
Wiederherstellung 



Der Freund 9/78 










1 



Die Erfüllung 
einer Verheißung 

John Nicholson 

Uie Ältesten der Kirche spre- 
chen oft davon, wie der Herr in 
seiner Güte die Heiligen vor 
Leid bewahrt. Oft hat er sie auf 
wunderbare Weise vor Unglück 
oder dem Tod errettet. Hunderte 
und Tausende Heilige aus vielen 
Ländern wanderten nach Amerika 
aus. Viele Schiffe brachten sie über 
den Atlantik — oftmals war die 
Seereise 5000 Kilometer lang. Auf 
dem Meer geschieht leicht ein Un- 
glück. Früher sind bei Stürmen oft 
Schiffe versunken, und oft haben 
(Forts, s. 8) 

1 / ! 



% 



m 





Es ist wirklich geschehen 

Illustriert von Richard Comely Enterprises 



Eines Nachmittags, als Tommy 
und Elia das Vieh hüteten . . . 



..Tommy, 
komm! Et- 
was be- 
unruhigt die 
Tiere." 




Zwei tapfere Krieger kamen 
auf sie zu. 




Elia wandte sich 
um. um sich mit 
Tommy eilend* 
auf den 
Weg zu 
machen 



..Vergangene Nacht haben Io- 
was unser Lager angegriffen, 
während alle Männer außer 
Häuptling Bighead und mir auf 
der Jagd waren! . 

Tfy Die Iowas ha- 
v jÄ> ben unsere 
Pferde und 
unsere Nah- 
rung gestohlen 
und haben 
viele Frauen 
und Kinder 
verwundet! 
Unser Häupt- 
ling wird ster- 
ben, wenn 
hm nicht 
bald geholfen 
ird!" 




..Ich werde 
Hilfe ho- 
len!- 



»J 



Tommy lief zwei Meilen 
nach Winter-Quarters 
und erzählte Bruder 
Morley, dem Bischof, 
was geschehen war. Der 
Bischof sandte den Jun- 
gen zu Brigham Young, 
der eine Stunde Weges 
weg bei der Fähre war. 



Du mußt 
zu Elia 
zurück! 
Nimm deinen 
Wagen und bit 
te Bruder Mor- 
ley. daß er sei- 
nen Wagen 
nimmt und die 
verwundeten 
Indianer nach 
Winter-Quar- 
ters bringt!" 





In der Zwischenzeit zog Elia 
sein Hemd aus und machte es 
am Fluß naß. Dann kühlte er 
damit dem Häuptling die Stirn. 




Die verwundeten Indianer wur- 
den in den Wagen gelegt. Die 
anderen gingen auf dem langen 
Weg zur Stadt nebenher. 



Tommys Mutter war 
einverstanden, und sie 
wechselten sich bei der 
Pflege des verwunde- 
ten Häuptlings ab in 
ihrem Haus. 




Eines Tages stand 
der 

Häuptling, ohne 
etwas zu 
sagen, von 
cS| seinem Bett 
auf. 



.Mir geht 
es wieder 




Später erkrankte Tommy einmal 
sehr schwer an Diphterie. 



Da brachte Häuptling Bighead 
ne Handvoll Meerrettich und 
igte Tommys Mutter, sie solle 
mahlen und daraus ein Ge- 
nk machen. ..Es wird den Jun- 
gen wieder gesund machen'", ver- 
sprach er. 




Der Meerrettich half Tommy, 
wieder gesund zu werden. 
Dieses Rezept hat danach 
noch vielen, die an Diphterie 
erkrankten, das Leben ge- 
rettet. 



Pionierzug-Spiel 

Wie spielt man das Pionierzug-Spiel? 

1. Das Spiel soll zeigen, wer das Salzseetal zuerst erreicht. Schneidet 
die kleinen Kästchen aus, die Wagen, Pferd, Schuhe, leichten Wagen 
und Handkarren enthalten. Wenn ihr wollt, könnt ihr sie auf ein 
Stückchen Karton oder starkes Papier kleben, damit sie nicht so leicht 
zerreißen. Jeder Spieler wählt ein Kästchen, mit dem er durch das 
Spiel geht. 

2. Haltet eine kleine Bohne, einen kleinen Kieselstein oder etwas 
Ähnliches über den Kasten mit den Nummern auf dieser Seite, schließt 
die Augen und laßt den Gegenstand, den ihr in der Hand haltet, fallen. 
Die Nummer, auf der er liegenbleibt, ist die Anzahl von Kästchen, um 
die ihr vorrücken könnt (wenn er auf der Linie zwischen zwei 
Nummern zu liegen kommt, müßt ihr die größere nehmen). 

3. Wenn ihr zu einem Kästehen mit den Worten „Am Sabbat 
aussetzen"' kommt, müßt ihr stehenbleiben, ob ihr nun um die ganze 
Anzahl der Kästchen vorgerückt seid oder nicht. Der Sonntag war 
nämlich für die Pioniere ein besonderer Ruhetag, auf den sie sich 
freuten. 



6 


1 


4 


3 


1 


4 


3 


2 


5 


2 


6 


2 


2 


1 


3 


1 


3 


5 




Wegekundigen Trapp 
getroffen (um ein Fei 
vorrücken). 



Am Sabbat aussetzei 



Wagenräder versinki 
im Schlamm 



>\ (einm 
ausse 






mn] 



^3 






or einigen Jahren hatte ich 
ein ganz außergewöhnliches Erleb- 
nis, als ich mit einem kleinen vier- 
sitzigen Flugzeug flog. 
Wir flogen auf Salt Lake City zu. An 
diesem Tag hatten sich starker Nebel 
und Dunst über dem Tal ausge- 
breitet. 

Wir flogen über dem Nebel auf einer 
Höhe von 1 000 Metern, als unser 
Pilot um Anweisungen für Anflug 
und Landung zum Kontrollturm in 
Salt Lake City funkte. 
Unser Pilot war ein ausgezeichneter 
und erfahrener Flieger, aber unser 
Flugzeug hatte weder Radargerät 
noch all die anderen hoch- 
entwickelten technischen Einrich- 
tungen, wie man sie in größeren 
Flugzeugen findet. 
Der Fluglotse teilte unserem Piloten 
mit, er würde uns, wenn dieser es 
wollte, durch den immer dichter 
werdenden Nebel dirigieren, obwohl 
man im Begriffe sei, die Rollbahnen 
wegen der schlechten Sicht zu sper- 
ren. 




Von Freund 
zu Freund 

M. Russell Ballard jun. 
vom Ersten Kollegium 
der Siebzig 

6 



Unser Pilot drehte sich zu uns und 
fragte: „Was wollen wir tun? Wir 
können uns entweder vom Flug- 
lotsen nach unten dirigieren lassen 
oder nach Nevada zurückkehren 
und dort warten, bis das Wetter in ein 
oder zwei Tagen wieder klarer wird." 
Wir waren alle der Meinung, wir 
sollten in Salt Lake City landen, 
wenn es irgendwie möglich sei. 
Es war ein interessantes Erlebnis, in 
unserem kleinen Flugzeug zu sitzen 
und den Anweisungen zuzuhören, 
die unser Pilot vom Kontrollturm 
empfing. Der Lotse konnte auf dem 
Radarschirm sehen, wo wir uns 
befanden. Er wies unseren Piloten 
an, wann er die Höhe verringern und 
wann er nach links oder rechts 
steuern sollte. Der Nebel war so 
dicht geworden, daß wir überhaupt 
nichts mehr sehen konnten und uns 
ganz auf die Anweisungen vom 
Kontrollturm verlassen mußten. 
Ich kann mich noch erinnern, wie ich 
bei mir dachte, daß wir vier nun 
vollständig von der Erfahrung des 
Lotsen abhängig waren, der uns auf 
dem Radarschirm sehen konnte. 
Es war ein bemerkenswertes Erleb- 




nis, denn auch, als wir immer tiefer 
gingen, konnten wir nicht den Boden 
sehen. Als wir uns auf ungefähr 150 
Meter befanden, sagte unser Pilot zu 
meinem Freund auf dem rechten 
Vordersitz: „Passen Sie jetzt bitte 
auf, und sagen Sie es mir, wenn Sie 
die Rollbahn sehen!" Der Pilot kon- 
zentrierte sich auf seine Instrumente 
und befolgte die Anweisungen aus 
dem Kontrollturm. Ich beobachtete 
den Höhenmesser. Bald waren wir 
auf 1 20, 1 00 und 90 Meter gesunken, 
und noch immer konnten wir nichts 
sehen. Plötzlich rief mein Freund auf 
dem Vordersitz: „Ich sehe die Roll- 
bahn!" 

Wir waren alle sehr erleichtert, als 
wir aus dem Flugzeug schauten. Da, 
direkt vor uns war die Rollbahn, und 
die Nase des Flugzeuges befand sich 
über der weißen Mittellinie, als wir 
zum Landen ansetzten. Wie dankbar 
war ich, daß jemand im Kontroll- 
turm genug Erfahrung und Wissen 
hatte, um uns die nötigen Anweisun- 
gen zu geben, so daß wir sicher 
landen konnten! 

Seit diesem Tag habe ich schon oft 
darüber nachgedacht, wie sehr das 



Leben von uns allen mit dem Erleb- 
nis verglichen werden kann, das wir 
an jenem nebligen Tag hatten. Wir 
können nicht alles sehen oder ver- 
stehen, daher hat unser Vater im 
Himmel einen Profeten auf dieser 
Erde eingesetzt, den wir mit diesen 
Fluglotsen vergleichen können. 
Wenn wir auf all das genau hören, 
was der Profet uns sagt, und wenn 
wir seine Anweisungen befolgen, 
dann werden wir unseren Weg sicher 
finden, der uns zu unserem Vater im 
Himmel zurückbringt. 

Andere Instrumente, die unser Vater 
im Himmel verwendet, um uns 
durch unser Leben und manchmal 
durch dichten Nebel zu führen, sind 
der Heilige Geist, unser Pfahl- 
präsident, der Bischof, die Heim- 
lehrer und unsere Eltern. Wenn wir 
zuhören und lernen, die Ratschläge, 
die wir bekommen, zu befolgen, 
werden wir unser ganzes Leben lang 
„sicher landen". Was noch wichtiger 
ist: Wenn unser Leben vorbei ist, 
werden wir sicher bei unserm Vater 
im Himmel ankommen, um für 
immer bei ihm zu leben. 



v-- ! V " V? 



Die Erfüllung einer Verheißung 

(Fortsetzung von Seite 1) 

Menschen dabei den Tod gefunden. 
Aber nie ist etwas Derartiges mit 
einem Schiff geschehen, mit dem 
Heilige reisten. Zwar sind Heilige aus 
den verschiedensten Gründen auf 
einem Schiff gestorben und mußten 
deshalb auf See begraben werden, 
doch sind immer wieder Mitglieder 
der Kirche auf wundersame Weise 
bei ihrer Überfahrt beschützt wor- 
den. 

1866 beauftragte Brigham Young, 
der damals Präsident der Europä- 
ischen Mission war, John Nicholson, 
eine Gruppe von 500 Heiligen, die 
nach Salt Lake City wollten, von 
Großbritannien bis zum Missouri zu 
betreuen. Sie reisten in Segelschiffen, 
deren Geschwindigkeit vom Wind 
abhängig war. Damals wurden sechs 
Wochen als durchschnittliche Reise- 
dauer von England nach New York 
betrachtet. Am 23. Mai 1866 ver- 
ließen sie den Hafen von London. 
Als die „American Congress", so 
hieß ihr Schiff, in der Nähe Neufund- 
lands war, gab es einige Tage lang 
dicken Nebel. Bei diesem Nebel 
konnte sich der Kapitän nicht ori- 
entieren, da er die Sonne nicht sehen 
konnte. Zu dieser Zeit unterhielten 
sich einmal der Kapitän und Bruder 
John Rider, ein Ratgeber der 
Präsidentschaft dieser Gruppe, auf 
Deck. Bruder Rider schaute in die 
Richtung, in die das Schiff fuhr. Da 
lichtete sich der Nebel einen Mo- 
ment lang über der Wasser- 
oberfläche, und er konnte ein Stück 
sehen. 

Plötzlich rief er aus: „Kapitän, was 
ist das?" 
Kapitän Woodward, ein großer star- 



ker und tatkräftiger Mann, gab ihm 
keine Antwort — er hatte keine Zeit, 
Anordnungen zu geben. Mit der 
Gelenkigkeit eines Tigers sprang er 
zum Ruderhaus. Er stieß den Mann 
am Steuer zur Seite, packte das 
Steuer und riß es herum. Während er 
selbst Hand anlegte, gab er schnell 
und laut schallend Anweisungen, 
wonach alle Männer an Bord das 
Schiff wendeten. Die Matrosen 
sprangen auf ihren Posten. Tat- 
kräftige Arme und Hände packten 
zu an Deck. Die „American Con- 
gress" schwenkte langsam herum, 
die Gefahr war vorbei. 
Wäre all dies um einige Minuten 
verzögert worden, wäre das Schiff 
von den Wellen gegen die Felsen 
geschleudert worden, wo es zer- 
schellt wäre, und wahrscheinlich 
wäre keiner der 500 Menschen an 
Bord dem Wassergrab entronnen. 
Bruder Rider hatte die Felsen und 
die Brecher auf dem Kurs des Schif- 
fes gesehen, als sich der Nebel einen 
Augenblick gelichtet hatte. Der Ka- 
pitän bat Bruder Rider, den Leuten 
Kein Wort von der Gefahr zu sagen, 
in der sieh das Schiff befunden hatte. 
Da er der Kommandant des Schiffes 
war, hielt Bruder Rider es nur für 
richtig, seinen Wunsch zu respektie- 
ren. Daher wurde sich die Ge- 
sellschaft nicht bewußt, in welcher 
Gefahr sie geschwebt hatte. Bruder 
Rider dankte Gott für seine Güte, 
daß er seine Macht so offensichtlich 
zugunsten der Heiligen ausgeübt 
hatte. Der Allmächtige hatte erfüllt, 
was er durch seine Diener verheißen 
hatte, als sie England verließen und 
ins Land Zion aufbrachen. 



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des Melchisedekischen Priestertums 
stattgefunden hat, Harmony in Pennsylvanien. 
Unten Mitte links: (7) Fayette im Staat New 
York, Peter Whitmer sen. Farm, auf der die 
Kirche am 6. April 1830 gegründet wurde. Das 
Grundstück befindet sich in der unteren recht- 
en Ecke des Photos. Das 20 Fuß (6 Meter) 
lange Haus aus Holz steht nicht mehr. Unten 
rechts: (6a) Luftaufnahme des Susquehanna- 
Flusses in der Nähe der ersten Heimstätte 
Joseph und Emma Smith' in Harmony in 

Pennsylvanien. 



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Oben links: (6d) Der Susquehanna-Fluß nahe des Schauplatzes der 
Wiederherstellung des Aaronischen Priestertums. Mitte links (9) 
Das Haus John Johnsons in Hiram in Ohio. Unten Mitte links: 
(8c) Das Haus Joseph Smith' sen. in Kirtland in Ohio. Mitte links: 
(8b) Der Laden Joseph Smith' jun., über dem die Schule der Pro- 
pheten in Kirtland in Ohio abgehalten wurde. Unten links: (8a) 
Hier wurden in Kirtland die Taufen vollzogen. Mitte rechts: (10) 
Das Tempelgrundstück in Independence in Missouri. Unten Mitte: 
(11) Tempelgrundstück in Far West in Missouri. Rechts: (8d) Der 
Tempel in Kirtland. 



29 




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Erläuterungen zu den Bildern der nebenstehenden 
Seite. Oben links: (13a) Die Halle der Siebziger in 
Nauvoo in Illinois wurde benutzt, um zukünftige 
Missionare zu schulen. Mitte links: (13b) Das 
Innere der Halle der Siebziger. Qben rechts: (12) 
Adam-Ondi-Ahman. Mitte rechts: (14) Das Ge- 
fängnis von Carthage in Illinois, wo Joseph 
Smith und sein Bruder Hyrum 1844 ermordet 
wurden. Unten: (15) Montrose Crossing in Illi- 
nois am Mississippi. 



»■mv: 








Ansicht der Stadt Nauvoo im Jahre 1846. 
Im Hintergrund ist der Tempel zu erkennen 



Erklärungen für Landkarte auf S. 34 



1. Topsfield, Massachusetts 

Das Landgut der Familie Smith befand sich viele 
Jahre in Topsfield. Hier wurde Joseph Smith sen. 
am 12. Juli 1771 geboren. 



2. (A, B) Tunbridge, Vermont 

1791 zog die Familie Smith nach Tunbridge, 
Vermont. Hier heiratete Joseph Smith sen. mit 25 
Jahren die 19jährige Lucy Mack. Die Kinder 
Alvin und Hyrum, Sophronia und Samuel H. 
erblickten hier das Licht der Welt. 



3. (A, B) Sharon, Vermont 

Wegen finanzieller Rückschläge pachtete die 
Familie Smith 1 804 von der Familie Lucy Mack 
Smith' eine Farm in Sharon. Während des 
Sommers bestellt Joseph Smith sen. das Land, im 
Winter gab er Unterricht in der Dorfschule. Auf 
dieser Farm wurde Joseph Smith jun. am 23. 
Dezember 1805 geboren. 

Am 100. Jahrestag seiner Geburt wurde hier das 
Joseph-Smith-Denkmal — eine Granitsäule, 
deren Höhe 38L/ 2 Fuß (= 11,70 Meter; ein Fuß 
für jedes Lebensjahr des Profeten) beträgt - 



errichtet und von Joseph F. Smith, dem Neffen 
des Profeten, eingeweiht. 



4. Norwich, Vermont 

Hier erlebte die Familie Smith drei Mißernten 
hintereinander, was sie dazu bewegte, nach 
Palmyra, New York, zu ziehen. 



5. (A-G) Palmyra, New York 

Joseph Smith jun. war zehn Jahre alt, als die 
Familie nach Palmyra zog. Zwei Jahre später 
erwarb sie drei Kilometer südlich von Palmyra 
100 Morgen Land, das zum größten Teil be- 
waldet war. 

Zuerst lebten sie in einer Blockhütte, doch nach 
wenigen Jahren ergriff Alvin, der älteste Sohn, 
die Initiative und begann für seine Eltern ein 
Fachwerkhaus mit neun Zimmern zu errichten. 



Four Corners, Palmyra, New York. 
Dort, wo sich die Main Street und der Highway 
21 in Palmyra kreuzen, befindet sich „Four 
Corners", wie diese Kreuzung dort heißt. Jede 
der vier Straßenecken wird von einer Kirche 
eingenommen, nämlich von den Methodisten und 
Presbyterianern, der Episkopalkirche und den 



31 



Baptisten. Zwar sind alle diese Gebäude nach 
1820 erbaut worden, doch erinnern sie an die 
religiöse Auseinandersetzung, die den jungen 
Joseph Smith dazu veranlaßte, in einem abge- 
schiedenen Wald Gott zu fragen, welche Kirche 
die wahre sei. 

Der Wald. Der Wald, in den sich Joseph Smith 
im Frühjahr 1820 zurückzog, um zu beten, liegt 
400 Meter westlich vom Haus seiner Eltern. Als 
er den Wald wieder verließ, wußte er mehr über 
die Gottheit und den Widersacher als alle an- 
deren Menschen jener Zeit. . 

Der Hügel Cumorah. In Visionen, die Joseph 
Smith von 1823 bis 1827 zuteil wurden, bekam er 
die Weisung, einen langgestreckten Hügel auf- 
zusuchen, der sich sechseinhalb Kilometer südlich 
des Dorfes Palmyra befand. Später stellte sich 
heraus, daß es der Hügel Cumorah war. Dort 
wurde ihm eine Steinkiste gezeigt, worin die 
goldenen Tafeln waren. 

Die Mariin-Harris-Farm. Als die Übersetzung des 
Buches Mormon fertiggestellt war, nahm Martin 
Harris, ein wohlhabender Farmer aus Palmyra, 
eine Hypothek über $3000 auf seine Farm auf, 
um den Druck der ersten 5000 Exemplare des 
Buches Mormon zu finanzieren. Später wurde er 
einer der drei Zeugen. 

Der Bach auf der Smith-Farm. Hier könnten die 
ersten Taufen vollzogen worden sein. 



6. (A-D) Harmony, Pennsylvanien. 

Harmony war Emma Haies Geburtsort. Nach 
der Eheschließung mit Emma Haies erwarb 
Joseph Smith 1827 von seinem Schwiegervater 
13 1 ^Morgen Land für $ 200. Das junge Ehepaar 
zog in ein Haus mit drei Zimmern, das zu dem 
Grundbesitz gehörte. 

Es war das erste gemeinsame Zuhause Joseph 
und Emma Smith'. Unweit dieses Hauses, am 
Ufer des Susquehanna, wurde das Aaronische 
Priestertum wiederhergestellt. Kurze Zeit später 
wurde an einem unbekannten, abgeschiedenen 
Ort auch das Melchisedekische Priestertum 
wiedergebracht. 



7. Fayette, New York. 

Am Dienstag, dem 6. April 1830, versammelten 
sich Joseph Smith jun., Oliver Cowdery, Hyrum 
Smith, Peter Whitmer jun., David Whitmer und 
Samuel H. Smith in Peter Whitmers sen. Block- 



hütte in Fayette, Landkreis Seneca, Bundesstaat 
New York und gründeten die Kirche. Das kleine 
Blockhaus maß nur sechs Meter im Quadrat. 
(Nicht das große weiße Gebäude auf dem Foto 
auf Seite 27 ist der Schauplatz der Gründung, 
sondern die kleine quadratische Fläche rechts 
unten.) 

Fayette war auch der Ort, wo die drei Zeugen des 
Buches Mormon eine Manifestation von Gott 
erhielten. Hier empfing der Profet 20 der im 
Buch , Lehre und Bündnisse'niedergelegten 
Offenbarungen, dazu Moses Worte und Enochs 
Profezeiung, die in der Köstlichen Perle ver- 
öffentlicht wurden. 



8. (A-J) Kirtland, Ohio. 

Im Dezember 1830 wurde dem Profeten eine 
Offenbarung zuteil (Lehre und Bündnisse 38), 
worin er angewiesen wurde, mit den Heiligen, 
deren Anzahl damals wohl ungefähr 200 betrug, 
nach dem westlich gelegenen Kirtland in Ohio zu 
ziehen. 

46 schriftlich niedergelegte Offenbarungen wur- 
den von Gott gegeben während der Zeit, wo der 
Profet in Kirtland lebte. 

Schon im Dezember 1832 gebot der Herr den 
Heiligen, dort auch einen Tempel zu erbauen. 
Am 27. März 1836 wurde das Gebäude ein- 
geweiht, und eine Woche später, am 3. April 
1836, wurden den Heiligen darin herrliche Mani- 
festationen zuteil. Jesus Christus erschien auf der 
Brustwehr der Kanzel und nahm den Tempel an. 
Darauf erschienen Mose, Elias und Elia; jeder 
von ihnen übertrug seine Schlüsselgewalt dem 
Profeten dieser Evangeliumszeit der Erfüllung. 
Der Tempel in Kirtland hat seinen Zweck erfüllt. 
Im Gebiet um Kirtland wurden Hunderte von 
Missionaren entsandt. 

Hier wurde auch die Erste Präsidentschaft ge- 
bildet, und Joseph Smith sen. wurde der erste 
Patriarch. In Kirtland wurde ein Pfahl gegründet 
und das Zionslager aufgestellt. Auch der Rat der 
zwölf Apostel und der Erste Rat der Siebzig 
wurden hier gebildet. 



9. Hiram, Ohio. 

Vom Herbst 1831 bis April 1832 war der Profet 
Joseph Smith im Hause John Johnsons in Hiram 
zu Gast. Von dort aus leitete er die Kirche. Er 
empfing hier zahlreiche Offenbarungen und 
arbeitete an der Inspirierten Version der Bibel. 



32 



Hier fanden auch einige Konferenzen statt. Die 
versammelten Mitglieder beschlossen durch 
Abstimmung, das „Buch der Gebote", das jetzt 
den Titel „Lehre und Bündnisse"trägt, zu ver- 
öffentlichen. 

Im März 1832 wurden der Profet Joseph Smith 
und Sidney Rigdon in Hiram von einer Pöbel- 
rotte überfallen, geteert und gefedert und brutal 
mißhandelt. 



10 Independence, Missouri. 

Als der Profet im Juli 1831 nach Independence kam, 
wurde ihm offenbart, daß das Gebiet als „Stadt 
Zion"bezeichnet und geweiht werden solle. Auch 
ein Tempel solle dort errichtet werden. In In- 
dependence wurden dem Profeten die Offen- 
barungen zuteil, die als 57. bis 60. Abschnitt im 
Buch , Lehre und Bündnisse' niedergelegt sind. Im 
Dezember 1831 erwarb die Kirche den Bauplatz 
für den Tempel, ein Grundstück von 63,27 
Morgen. Während der nächsten zwei Jahre 
brachen jedoch Verfolgungen über die Heiligen 
der Letzten Tage herein, und es blieb ihnen nichts 
anderes übrig, als die Gegend wieder zu ver- 
lassen, noch ehe sie mit den Bauarbeiten be- 
ginnen konnten. 



11. Far West, Missouri. 

Far West war von 1836 bis 1839 der Sitz der 
Kirche. Hier empfing Joseph Smith die Offenba- 
rungen, die den 114., 115. und 117. bis 119. 
Abschnitt , Lehre und Bündnisse'bilden. Im 
Sommer 1837 begann man mit den Vorbe- 
reitungen für den Bau eines Tempels. Der Grund- 
stein wurde am 4. Juli 1838 feierlich gelegt, doch 
konnte man vorerst nichts weiter unternehmen. 
Far West war auch der Ort, wo Joseph F. Smith, 
der 6. Präsident der Kirche, am 13. November 
1838 geboren wurde. 



12. Adam-ondi-Ahtnan, Missouri. 

Aufgrund einer Offenbarung erklärte der Profet 
Joseph Smith im Mai 1838, Adam habe drei 
Jahre vor seinem Abscheiden seine Nachkommen 
in der Nähe des heutigen Spring Hill [in Missou- 
ri] versammelt und gesegnet. An diesem Ort wird 
er eines Tages auch „eine Ratsversammlung mit 
seinen Nachkommen halten und sie für die 
Wiederkunft des Menschensohnes rüsten"(Lehren 
des Propheten Joseph Smith; dt. Wortlt. v. Üb. 
rev.; siehe auch LuB 116; 107:53; 
Daniel 7:9-14). 



13. (A-D) Nauvoo, Illinois. 

Die drei Jahre von 1839 bis 1846, wo die Heiligen 
in Nauvoo lebten, waren großartige und tragische 
Jahre zugleich. Nauvoo — der Name ist hebrä- 
ischen Ursprungs und bedeutet „schöner Ort" — 
entwickelte sich von einer kleinen, am Missisippi 
gelegenen Ortschaft namens Commerce zu einer 
kleinen Stadt mit 12042 Einwohnern. Man baute 
schöne Wohnhäuser, und nirgendwo an der 
Grenze zur Wildnis war das Leben so angenehm 
wie hier. 

Während der Zeit, wo sich der Sitz der Kirche in 
Nauvoo befand, wurde ihre Organisation ge- 
festigt. Ein Tempel wurde geplant und schließlich 
erbaut und geweiht. Am 4. Mai 1842 hatte der 
Profet Joseph Smith in dem Raum über seinem 
Vorratslager ausgewählten Führern der Kirche 
das Endowment gespendet. Als der Tempel in 
Nauvoo fertiggestellt war, wurden diese sakralen 
Handlungen an möglichst vielen Heiligen voll- 
zogen. 

Am 17. März 1842 wurde die Frauenhilfs- 
vereinigung der Kirche gegründet. 1839 wurde in 
Nauvoo der Begriff „ward" (= Gemeinde) in der 
Kirche eingeführt, und es wurden drei solcher 
Gemeinden gegründet. 

Kurz nach dem Märtyrertod des Profeten und 
des Patriarchen Hyrum Smith wurde Nauvoo in 
„City of Joseph"umbenannt. 1846 mußten die 
Heiligen Nauvoo jedoch räumen. Damit 
war die Blütezeit dieses Landstrichs beendet. 
Brandstifter zerstörten den Tempel. Später 
wurden die Grundmauern von einem Wirbel- 
sturm niedergerissen. 



14. Der Kerker in Carthage, Illinois. 

Im Kerker von Carthage wurden Joseph Smith 
jun. und sein Bruder Hyrum am 27. Juni 1844 
ermordet. Man hatte sie fälschlich wegen Verrats 
angeklagt und in diesen Kerker geworfen. An 
dem erwähnten Datum stürmte eine bewaffnete 
Pöbelrotte das Gebäude und erschoß die beiden 
Brüder. 



15. Montrose Crossing, Illinois. 

Im Februar 1846 verließ eine große Anzahl von 
Heiligen Nauvoo. Infolge des extrem kalten 
Wetters war der Mississippi in seiner ganzen 
Breite von 1,6 Kilometern zugefroren. Auf der 
stabilen Eisschicht konnten lange Wagenzüge den 
Fluß überqueren. 



33 



Eine Zeit der Wiederherstellung (Fortsetzung 

aller Klarheit von den Propheten des 
Buches Mormon umrissen werden. Man 
redete zu den Leuten über neuzeitliche 
Offenbarung und einen lebenden Pro- 
feten sowie darüber, wie wichtig es sei, 
die wahre Kirche zu finden, wo die 
Vollmacht des Priestertums vorhanden 
ist, und die Gebote des Herrn zu halten, 
um sich auf das Jüngste Gericht vor- 
zubereiten. 

Der Eifer der ersten Missionare der 
Kirche führte zu Spott und Erbitterung 
und schließlich sogar dazu, daß man 
gewalttätig gegen sie wurde. Im Sommer 
1830 wurde Joseph Smith zweimal ver- 
haftet, ordnungswidrigen Verhaltens 
angeklagt und vor Gericht gestellt. Er 
wurde jedoch jedesmal freigesprochen, 
weil man ihm nichts von Bedeutung 
nachweisen konnte. Schließlich ver- 
ließen die Heiligen den Bundesstaat 
New York und suchten anderswo Zu- 
flucht vor der ständigen Belästigung. 
Die Verfolgungen dienten den Gläubi- 
gen lediglich als Anlaß, sich noch enger 
zusammenzuschließen. 
Die Mitglieder der Kirche kamen 
schnell und bereitwillig der Auf- 
forderung nach, die gute Nachricht von 
der Wiederherstellung des Evangeliums 
zu verbreiten. Dementsprechend hieß es 
in einer Offenbarung des Jahres 1829: 
„Wenn ihr daher wünscht, Gott zu 
dienen, seid ihr zum Werke berufen" 
(LuB 4:3). Innerhalb von zwei Monaten 
nach der Gründung der Kirche wurde 
ein regelrechtes System der Missionars- 
arbeit eingeführt. Als erster Missionar 
wurde Samuel Smith, der Bruder des 
Profeten, berufen. Zwar nahm ihm die 
negative Reaktion auf seine Botschaft 
den Mut, doch verteilte er einige Exem- 
plare des Buches Mormon, die schließ- 
lich ihren Weg zu Brigham Young und 
anderen späteren Anhängern der Kirche 
fanden. 



von Seite 21) 

Die neuen Mitglieder traten aus einer 
Vielzahl von Konfessionen über. Sie 
kamen aus allen Teilen der ländlichen 
Gegend, die von den Ältesten aufge- 
sucht wurden. Typisch für die Wesensart 
der damaligen Bekehrten, die das Evan- 
gelium nach langen Jahren des Suchens 
und Wartens annahmen, war Parley P. 
Pratt. Er schloß sich mit 18 Jahren den 
Baptisten an. Er war jedoch nicht davon 
überzeugt, daß diese die Kirche Christi 
darstellten, und so wandte er sich vier 
Jahre später den Campelliten zu. Ob- 
wohl ihn dort Sidney Rigdons Predigten 
beeindruckten, zweifelte er daran, daß 
diese Gemeinschaft die Vollmacht habe, 
die heiligen Handlungen der Erlösung 
auszuführen. 1830, mit 23 Jahren, ver- 
ließ er Ohio zu einer Predigttour. In der 
Nähe von Newark in New York erfuhr 
er vom Buch Mormon. Er las es und 
glaubte an das, was darin geschrieben 
stand. Sogleich unterbrach er seine 
Missionsreise und machte sich auf den 
Weg nach Palmyra, wo er den Profeten 
Joseph Smith aufsuchte. Nachdem er 
bekehrt war und das Melchisedekische 
Priestertum empfangen hatte, setzte er 
seine Missionsreise fort — diesmal als 
Ältester, der das wiederhergestellte 
Evangelium verkündigte. 
So oder ähnlich vollzog sich die Be- 
kehrung in vielen Fällen. Menschen, die 
nach der wahren Religion forschten, 
glaubten der Botschaft, die zuerst Jo- 
seph Smith im Jahre 1820 verkündigt 
worden war - - die Worte Gottes, wo- 
nach die Vollmacht Jesu Christi und 
seine Kirche unter den gegenwärtig 
bestehenden kirchlichen Organisationen 
nicht zu finden sei, aber durch einen 
erwählten Profeten des Herrn wieder- 
hergestellt werden sollten. 1830 hatte 
das Werk der Wiederaufrichtung des 
Reiches Gottes auf Erden in dieser 
letzten Evangeliumszeit begonnen. 



35 



Wie die wiederhergestellte Kirche verwaltet wird 

(Forts, von S. 14) 



hat die Erste Präsidentschaft eine 
Zusammenkunft mit allen General- 
autoritäten — dem Kollegium der zwölf 
Apostel, dem Patriarchen der Kirche, 
dem Ersten Kollegium der Siebzig und 
der Präsidierenden Bischofschaft. Auf 
diesen Versammlungen werden alle 
Anwesenden über Änderungen der Pro- 
gramme oder Richtlinien der Kirche 
informiert und in ihren Pflichten unter- 
wiesen. Der Präsident fordert die An- 
wesenden dazu auf, Zeugnis zu geben; 
danach legen wir alle unsere Tempel- 
kleidung an, nehmen am Abendmahl 
teil und bilden einen Gebetskreis. Nach 
dem Gebet ist die Zusammenkunft für 
alle außer der Ersten Präsidentschaft 
und dem Kollegium der zwölf Apostel 
beendet. Alle, die zu diesen beiden 
Gremien gehören, ziehen wieder ihre 
Straßenkleidung an und fahren mit der 
Behandlung der regulären ge- 
schäftlichen Angelegenheiten fort, wie 
sie auf der Sitzung am Donnerstag 
erörtert zu werden pflegen. Ein Sekretär 
zeichnet alles auf, was auf der Sitzung 
geschieht und besprochen wird. 
Jedesmal, wenn die Erste Präsident- 
schaft donnerstags mit dem Kollegium 
der zwölf Apostel zusammentrifft, 
nimmt sie anschließend das Mittagessen 
in einem eigens dafür vorgesehenen 
Raum ein. Es hängt dort ein schönes 
Bild vom letzten Abendmahl. Das 
gemeinsame Essen ist eine Zeit der 
Entspannung. Wir erzählen einander 
von unseren Erlebnissen und besprechen 
Dinge, die alle interessieren. Wenn ich 
genug Zeit hätte, könnte ich Ihnen von 



einigen interessanten Gesprächen be- 
richten. Freitags um 9 Uhr hat die Erste 
Präsidentschaft eine Zusammenkunft 
mit der Präsidierenden Bischofschaft, 
wo diese Berichte erstattet und wo man 
gemeinsam Verwaltungsangelegenhei- 
ten bespricht. 

Wie Sie wissen, betreibt die Kirche eine 
Reihe von geschäftlichen Unternehmen, 
deren Gewinn der Kirche zugute kommt 
und die im Dienst der Öffentlichkeit 
stehen. Irrigerweise sind einige der An- 
sicht, die Kirche bezahle dafür keine 
Steuern. Ich möchte dies richtig stellen 
und klarmachen, daß alle im Eigentum 
der Kirche stehenden Unternehmungen 
die gleichen Steuern zahlen wie ver- 
gleichbare Betriebe. 

Wir hoffen und beten täglich darum, 
daß die Kirche von denen, die ein 
verantwortungsvolles Amt bekleiden, 
dem Willen des Herrn gemäß verwaltet 
wird — von der Ersten Präsidentschaft 
und dem Kollegium der zwölf Apostel, 
dem Patriarchen der Kirche, dem Ersten 
Kollegium der Siebzig und der Präsidie- 
renden Bischofschaft. Wir hoffen und 
beten auch, daß die örtlichen Beamten 
gesegnet und geführt werden. Ich lege 
Zeugnis davon ab, daß die Kirche durch 
einen Profeten vom Herrn selbst gelenkt 
wird, und ich bete demütig darum, daß 
wir dies alles in der rechten Weise 
würdigen, dankbar für unsere Mit- 
gliedschaft in der Kirche sind und eifrig 
danach streben, uns auf das ewige Leben 
vorzubereiten. Im Namen Jesu Christi. 
Amen. 



36 



Die Stimme 
Gottes in 
unserer Zeit 



An den ersten Jahren des 19. 
Jahrhunderts schrieb ein englischer 
Geistlicher namens John Watson: „Fän- 
de man in einem Erdhügel Ägyptens nur 
ein Stück Pergament von 15 Zentime- 
tern im Quadrat mit 50 von Jesus 
gesprochenen Worten, so hätte dies 
mehr Gewicht als alle Bücher, die seit 
dem 1. Jahrhundert veröffentlicht wor- 
den sind" (zitiert in B. H. Roberts, New 
Witness for God, 2. Bd.). 
Das Eindruckvollste am Buch , Lehre 
und Bündnisse' ist, daß es tatsächlich 
Worte des Erlösers enthält. Er hat sie 
durch den Profeten Joseph Smith zu den 
Menschen in dieser Evangeliumszeit ge- 
sprochen. 

Bruce R. McConkie hat gesagt: „Viel- 
leicht gibt es kein anderes Buch, das von 
so großem Wert für die Heiligen ist wie 
das Buch , Lehre und Bündnisse'. Es ist 
ihr Buch, denn es enthält die Worte, die 
Gott in ihrer Zeit geredet hat" (Mormon 
Doctrine, S. 206). 

Im Buch , Lehre und Bündnisse' läßt sich 
verfolgen, wie der Herr erneut seine 
Kirche gründet und einzelne Menschen 
unterweist und ermahnt, tröstet und 
tadelt, seit langem vergessene erhabene 
Lehren neu offenbart und Schritt für 
Schritt — je nach Bedarf und der 
geistigen Vorbereitung seines Volkes - 
die Organisation der Kirche aufbaut. 
Folglich werden im Buch , Lehre und 
Bündnisse' Themen aller Art behandelt. 
Sidney Sperry hat dazu bemerkt: „Der 
Herr mußte den jungen Profeten dieser 
Evangeliumszeit Schritt für Schritt dar- 



in unterweisen, wie die wieder- 
hergestellte Kirche aufgebaut werden 
muß, und ihn in den Lehren und Ge- 
boten unterrichten, die den Mitgliedern 
dieser Kirche ins Herz gepflanzt werden 
sollten. Die Lehre und die Ordnung 
anderer Kirchen waren für dieses Unter- 
fangen nicht ausreichend; man konnte 
neuen Wein nicht in alte Schläuche 
füllen. In den Offenbarungen, die der 
Herr dem Profeten gewährte, äußerte er 
sich zu zahlreichen Problemen. Die 
Führer der jungen Kirche mußten sich 
mit vielfältigen Angelegenheiten be- 
fassen, die alle von größter Bedeutung 
waren" (Doctrine and Covenants Com- 
pendium, S 17). 

„Dieser Band [das Buch , Lehre und 
Bündnisse] enthält viele Einzelheiten 
über die Organisation und die Ordnung 
der Kirche. All dies ist notwendig, denn 
nur so können die Diener des Herrn 
verstehen, wie er die Menschen zur 
Erlösung führt. Der Allmächtige hat 
Joseph Smith in aller Deutlichkeit wis- 
sen lassen, daß die wiederhergestellte 
Kirche „die einzige wahre und lebendige 
Kirche auf der ganzen Erde" sei (LuB 
1:30). Das Buch , Lehre und Bündnisse' 
wirft in wunderbarer Weise Licht auf 
grundlegende Lehren und Begriffe wie 
Sündenfall und Versöhnung, Buße und 
Taufe, Priestertum und Ehe, Heiliger 
Geist und Erlösung der Toten, das 
irdische Wohl des Menschen und seine 
ewige Bestimmung. Wer den ehrlichen 
Wunsch hegt, Buße zu tun und ins Reich 
Gottes zu kommen, der muß dies alles 
und dazu noch vieles andere wissen, und 
er findet es in dieser neuzeitlichen heili- 
gen Schrift" (Doctrine and Covenants 
Compendium S. 15 f.) 
Beispiele für die vielfältigen Möglichkei- 
ten, wie der Mensch Offenbarungen 
erhalten kann: durch die leise Stimme 
des Geistes (LuB 20) und den Urim und 
Tummim (LuB 3), durch Engel (LuB 2) 



37 



und Visionen (LuB 76) usw. Das Buch 
gibt uns auch Aufschluß darüber, wie 
der Herr mit seinen Kindern umgeht. Es 
enthält Offenbarungen, die entweder an 
Einzelpersonen gerichtet sind oder diese 
betreffen und uns sehr wertvolle Er- 
kenntnis über die Grundsätze ver- 
mitteln, wonach der Herr im Umgang 
mit den Menschen verfährt. Man findet 
in diesem Buch nur weniges, was mehr 
erzählenden Charakter hat. Fast jeder 
Vers stellt eine wertvolle Lehre dar oder 
enthält einen wichtigen Gedanken. Da- 
her muß man das Buch gründlich lesen, 
um nichts zu übersehen. 
In dieser besonderen Ausgabe haben wir 
uns bemüht, Artikel zu veröffentlichen, 
die beim Durcharbeiten des Buches 
, Lehre und Bündnisse' von Nutzen sind. 
Nur wenn man die Geschichte der 
Kirche kennt, kann man die Umstände 
begreifen, unter denen sich viele Offen- 
barungen ereignet haben und nieder- 
geschrieben wurden. Aus diesem Grund 
bringen wir im vorliegenden Heft und in 
den folgenden Ausgaben Artikel .über 
die Geschichte der Kirche. Soweit es uns 
möglich ist, werden wir in dieser Zeit- 
schrift auch Artikel über die einzelnen 
Abschnitte im Buch , Lehre und Bünd- 
nisse' und die darin enthaltenen Lehren 
abdrucken. Die vorliegende Ausgabe 
bietet zum Beispiel einen Überblick über 
den 1. Abschnitt („Des Herrn Vorwort 
zum Buch , Lehre und Bündnisse'"). 
Das Buch , Lehre und Bündnisse' ist ein 
Beweis dafür, daß Offenbarungen nicht 
aufgehört haben. Andere heilige Schrif- 
ten, die von anderen Generationen ge- 
schrieben wurden und von anderen Zei- 
ten handeln, erkennen wir ebenfalls als 
wahr an und betrachten sie als sehr 
wertvoll; im Buch , Lehre und Bündnis- 
se' sind jedoch die Worte niedergelegt, 
die der Herr speziell zu unserer 
Generation gesprochen hat. Daher sind 
sie für uns von besonderer Bedeutung. 



Des Herrn Vorwort 

zum Buch 

„Lehre und Bündnisse 

ROY W. DOXEY 

Was sollen wir von 
diesem Buch erwarten? 



44 



We 



er sich mit dem Buch , Lehre 
und Bündnisse' befaßt, muß ständig im 
Sinn behalten, daß er die Worte des 
Herrn Jesus Christus liest. Sie sind an die 
Menschen in der letzten Evangeli- 
umszeit, nämlich der Evangeliumszeit 
der Erfüllung, gerichtet. Im 1. Abschnitt 
dieses Buches sagt der Herr selbst einiges 
über seine Botschaft. Die Offenbarung 
stammt vom 1. November 1831. An 
diesem Tag wurde in Hiram, Ohio, eine 
Konferenz der Kirche abgehalten, wo 
das versammelte Priestertum das ,,Buch 
der Gebote" — so wurde es damals 
genannt — anerkannte. 
Wie es der Sache angemessen ist, ver- 
kündet er im 1. Abschnitt, daß er selbst 
zum Volk seiner Kirche spricht (LuB 
1:1). Seine Botschaft ist jedoch nicht 
allein für die Kirche bestimmt, sondern 
für alle Menschen; „keiner wird ent- 
fliehen" (V. 2). Es wird alles so von 
vornherein darauf hingewiesen, daß die 
Worte Gottes in dieser Evangeliumszeit 
an alle Menschen gerichtet sind. Demge- 
mäß heißt es: 

„Die Stimme der Warnung wird durch 
den Mund meiner Jünger, die ich in 
diesen letzten Tagen erwählt habe, an 
alle Völker ergehen" (V. 4). 
Die Offenbarungen sollen so ver- 
öffentlicht werden, daß die Bewohner 
der Erde Kunde davon erhalten (V. 6). 
Den Dienern des Herrn wird verheißen, 
daß sie beim Ausüben ihrer Pflichten die 
Vollmacht haben werden, auf Erden 
und im Himmel zu siegeln. Diese Voll- 
macht soll nicht nur dazu dienen, die 



38 



Rechtschaffenen mit dem Siegel des 
ewigen Lebens zu versehen, sondern 
auch dazu, diejenigen der Verdammnis 
zu überantworten, die das Evangelium 
zurückweisen und sich gegen die Diener 
des Herrn auflehnen, nachdem sie des- 
sen Botschaft angenommen haben (V. 8, 
9). Wenn der Herr wiederkommt, wird 
er , jedem nach seinen Werken . . . 
vergelten und jedermann mit dem Maß 
. . . messen, womit er seinen Mit- 
menschen gemessen hat" (V. 10). 
Warum warnt der Herr die gegenwärtige 
Generation, das heißt, die Menschen 
dieser Evangeliumszeit? Die Antworten 
darauf finden wir im 11. bis 16. Vers des 
1. Abschnitts: 

„Darum ergeht die Stimme des Herrn 
bis an die Enden der Erde, damit alle, die 
hören wollen, hören können: 
Macht euch bereit, macht euch bereit 
auf das, was kommen wird, denn der 
Herr ist nahe! 

Der Zorn des Herrn ist entbrannt, und 
sein Schwert ist gezückt im Himmel und 
wird auf die Bewohner der Erde fallen. 
Und des Herrn Arm wird offenbar 
werden, und der Tag kommt, wann die, 
die weder der Stimme des Herrn noch 
seiner Diener gehorchen, noch auf die 
Worte der Profeten und Apostel achten, 
aus dem Volke ausgestoßen werden 
sollen. 

Denn sie sind von meinen Ver- 
ordnungen abgewichen und haben mei- 
nen ewigen Bund gebrochen. 
Sie suchen nicht den Herrn, um seine 
Gerechtigkeit aufzurichten, sondern 
jedermann geht seinen eigenen Weg 
nach dem Bilde seines eigenen Gottes, 
dessen Bild dem der Welt gleicht und 
dessen Wesen das eines Götzen ist, der 
alt wird und vergehen muß in Babylon, 
der großen, die fallen wird" (V. 11-16). 
Somit wird diese Botschaft den Men- 
schen der gegenwärtigen Evangeliums- 
zeit aus dreierlei Gründen verkündigt: 



1 . um sie auf die Wiederkunft des Herrn 
vorzubereiten (V. 11, 12) 

2. weil die Welt von Gott abgefallen ist 
(V. 15) 

3. weil sich die Menschen eigene Götter 
geschaffen haben (V. 16) 

Im 17. bis 23. Vers ist davon die Rede, 
wer dazu berufen werde, das Evangeli- 
um wiederherzustellen und was sich aus 
diesem großartigen Geschehen ergeben 
sollte. Wir dürfen nicht vergessen, daß 
sich die Verheißungen des Herrn durch 
die Berufung Joseph Smith' in dieser 
Evangeliumzeit erfüllen sollten. Dieser 
Gedanke gibt uns Anlaß zu zwei Fragen: 

1 . Zeigt die Geschichte der Kirche, daß 
diese Verheißungen in Erfüllung ge- 
gangen sind? 

2. Was trage ich zu diesem Werk bei? 
„Darum, weil ich, der Herr, das Unheil 
kenne, das über die Bewohner der Erde 
kommen wird, habe ich meinen Diener 
Joseph Smith jun. berufen und zu ihm 
vom Himmel gesprochen und ihm Ge- 
bote gegeben. 

Und auch andern habe ich Gebote 
gegeben, daß sie der Welt diese Dinge 
verkündigen sollen, und alles dies, damit 
erfüllt werde, was die Profeten ge- 
schrieben — 

die Schwachen dieser Welt werden 
hervorkommen und die Mächtigen und 
Starken stürzen, damit der Mensch nicht 
mit seinen Mitmenschen zu Rate gehe 
noch sich auf den Arm des Fleisches 
verlasse — , 

sondern daß jedermann im Namen Got- 
tes des Herrn, nämlich des Erlösers der 
Welt, rede, 

damit der Glaube auf Erden zunehme, 
mein ewiger Bund aufgerichtet 
und die Fülle meines Evangeliums von 
den Schwachen und Demütigen bis an 
die Enden der Erde und vor Königen 
und Herrschern verkündigt werde" (V. 
17-23). 
Es ist angebracht, an dieser Stelle darauf 



39 



hinzuweisen, daß die „anderen", von 
denen der Herr im 18. Vers gesagt hat, 
daß er auch ihnen Gebote gegeben habe, 
diejenigen waren, die dem Profeten Jo- 
seph Smith in dieser Evangeliumszeit 
zur Seite stehen sollen. Viele von ihnen 
waren zum Zeitpunkt dieser Offen- 
barung bereits durch spezielle Offen- 
barungen berufen worden und hatten 
bestimmte Gebote erhalten, darunter 
Oliver Cowdery und Sidney Rigdon, 
Hyrum Smith, Parley P. Pratt und 
Orson Pratt. 

„Siehe, ich bin Gott und habe es ge- 
sprochen. Diese Gebote sind von mir 
und wurden meinen Dienern in ihrer 
Schwachheit und nach ihrer sprach- 
lichen Ausdrucksweise gegeben, damit 
sie Verständis erlangen mögen 
und es kund werde, so sie irrten, 
und sie unterrichtet würden, so sie 
Weisheit suchten, 

und insofern sie sündigten, sie ge- 
züchtigt werden könnten, auf daß sie 
Buße tun mögen 

und stark gemacht und aus der Höhe 
gesegnet und von Zeit zu Zeit Erkennt- 
nis empfangen würden, wenn sie demü- 
tig wären (V. 24-28). 
Aus V. 24 bis 28 erfahren wir, was zu 
diesem Zeitpunkt im Leben derer er- 
reicht worden war, die zum Dienst des 
Herrn berufen worden waren, und was 
man noch erreichen würde. Einige dieser 
Segnungen sind: Sie erlangen Ver- 
ständnis, und ihre Irrtümer werden 
richtiggestellt; sie werden, sofern sie 
gesündigt haben, gezüchtigt und zur 
Buße veranlaßt, und durch Demut er- 
langen sie Kraft und Erkenntnis. Kön- 
nen auch wir, die wir in dieser Zeit mit 
dem Studium des Buches , Lehre und 
Bündnisse' beginnen, damit rechnen, 
daß uns entsprechend unserem Eifer 
derartige Segnungen zufließen? 
„Und daß mein Diener Joseph Smith 
jun., nachdem er die Urkunden der 



Nephiten empfangen, Macht erhielte, 
das Buch Mormon durch die Gnade und 
Macht Gottes zu übersetzen; 
und die, denen diese Gebote gegeben 
wurden, Macht hätten, die Grundlage 
dieser Kirche zu legen und sie aus dem 
Verborgenen und Dunkel hervorzu- 
bringen, die einzige wahre und lebendige 
Kirche auf der ganzen Erde, die mir, 
dem Herrn, wohlgefällig ist; ich rede 
jedoch von der Kirche im ganzen und 
nicht von einzelnen Mitgliedern. 
Denn ich, der Herr, kann auch nicht mit 
der geringsten Nachsicht auf Sünde 
sehen. 

Dennoch soll dem, der Buße tut und die 
Gebote des Herrn befolgt, vergeben 
werden. 

Dem aber, der nicht Buße tut, soll auch 
das Licht genommen werden, das er 
schon empfangen hat; denn mein Geist 
wird nicht immer mit dem Menschen 
rechten, spricht der Herr der Heer- 
scharen" (V. 29-33). 
Nachdem der Herr zunächst bestätigt 
hat, daß Joseph Smith von Gott berufen 
wurde und andere den Auftrag erhielten, 
ihm in dieser Berufung zur Seite zu 
stehen, legt er nun einen wichtigen 
Sachverhalt dar, nämlich, daß sein Pro- 
fet die Gabe und die Vollmacht erhalten 
hat, das Buch Mormon zu übersetzen 
und „die einzige wahre und lebendige 
Kirche auf der ganzen Erde" hervor- 
zubringen (V. 30). 

Sowohl bei den Mitgliedern der Kirche 
als auch bei allen anderen Menschen 
sollte es keinen Zweifel an der Stellung 
der Kirche Jesu Christi der Heiligen der 
Letzten Tage in der Welt geben. Die 
feierlichen Worte des Herrn bestätigen, 
was Joseph Smith aufgrund der ersten 
Vision verkündigen konnte, und sie 
bekräftigen, was in vielen anderen 
Offenbarungen bereits deutlich gemacht 
worden ist: Es gibt nur einen einzigen 
Weg zum ewigen Leben. 



40 



Aus der Offenbarung geht weiter hervor, 
daß der Herr an seiner Kirche insgesamt 
zwar Wohlgefallen hatte, die einzelnen 
Mitglieder jedoch noch hart an sich 
arbeiten mußten, um sich zu ver- 
vollkommnen. Anscheinend wollte der 
Herr den Mitgliedern der Kirche klar- 
machen, daß die Zugehörigkeit zu sei- 
nem Reich keinen Freibrief für Sünden 
darstellt, denn er „kann auch nicht mit 
der geringsten Nachsicht auf Sünde 
sehen" (LuB 1:31). Andererseits ver- 
heißt er allen, die Buße tun, daß er ihnen 
vergeben wird (V. 32). 
Wer freilich nicht Buße tut, nachdem er 
erleuchtet worden ist, wird mit dem 
Verlust des Geistes bestraft, denn, so 
sagt der Herr, sein Geist werde ,, nicht 
immer mit dem Menschen rechten" (V. 
33). 

Was der Herr seiner Kirche und den 
Bewohnern der Erde im wesentlichen zu 
sagen hat, findet sich am Anfang dieser 
erhabenen Offenbarung. Im letzten Teil 
knüpft er wieder an seine Hauptabsicht 
an: Alle Menschen sollen von der Strafe 
erfahren, die er angedroht hat, und die 
Kunde davon erhalten, daß man das 
ewige Leben erlangen kann, indem man 
gemäß dem wiederhergestellten 
Evangelium Jesu Christi lebt. Dies 
kommt noch einmal in V. 34 bis 36 zum 
Ausdruck: 

„Ich, der Herr, will diese Dinge allem 
Fleisch bekanntmachen; 
denn bei mir ist kein Ansehen der 
Person, und ich will, daß all Menschen 
wissen sollen, daß der Tag bald kommt, 
— die Stunde ist noch nicht da, sie ist 
aber nahe — wann der Friede von der 
Erde weggenommen werden und Satan 
Macht über sein Reich haben wird. 
Der Herr aber wird über seine Heiligen 
Macht haben, in ihrer Mitte regieren 
und zum Gericht über Edom oder die 
Welt herabkommen" (V. 34-36). 



(Man beachte, daß der Ausdruck 
„Edom" in der Offenbarung als „die 
Welt" definiert wird. Er ist gleich- 
bedeutend mit der V. 16 gebrauchten 
Bezeichnung „Babylon", die als Symbol 
für die sündige Welt steht. Die Edomiter 
hegten einst eine tiefe Feindschaft gegen 
Israel.) 

Wer sich mit dem Buch , Lehre und 
Bündnisse' befaßt, der erkennt, daß das 
Evangelium allen Menschen Freude 
bringt, die danach leben, während Sün- 
de unglücklich macht. Man erkennt 
auch, daß der Welt Strafgerichte bevor- 
stehen und daß eine dieser Strafen für 
unsere Evangeliumszeit vorausgesagt 
worden ist — der Krieg mit seinen 
heutzutage ungeheuren Vernichtungs- 
möglichkeiten. Im Hinblick auf die 
heutigen Verhältnisse in der Welt sollte 
sich jeder Heilige der Letzten Tage 
fragen, ob der 1831 offenbarte Wortlaut 
„der Tag . . . kommt . . ., wann der 
Friede von der Erde weggenommen 
werden . . . wird" (V. 35) heute nicht die 
Fassung „der Friede ist von der Erde 
genommen worden" bekommen müßte. 
Der erste Abschnitt im Buch , Lehre und 
Bündnisse' bildet das Vorwort des 
Herrn zu seinen Offenbarungen. Am 
Ende dieses Abschnitts gibt der Herr die 
ausdrückliche Zusage, daß alle seine 
Worte in Erfüllung gehen werden und 
daß der Geist Gottes Zeugnis davon 
ablegt, daß sie wahr sind und die 
Wahrheit von Ewigkeit zu Ewigkeit 
Wahrheit bleibt (V. 39). 
Das Buch , Lehre und Bündnisse' be- 
stätigt Wahrheiten, die in alter Zeit 
offenbart wurden. Es gibt uns auch 
zusätzlichen Aufschluß über das Ge- 
schehen, das in der unmittelbaren Zu- 
kunft liegt, und über die Bestimmung 
des Menschen — in größerem Maße als 
andere heilige Schriften. Es enthält einige 
der erhabensten Grundsätze, die der 
Welt je offenbart wurden. 



41 



Der geschichtliche Hintergrund 
des Buches „Lehre und Bündnisse 



44 



William E. Berrett 



E, 



*s ist ein typisches Merkmal der 
Kirche Jesu Christi der Heiligen der 
Letzten Tage, daß sie für sich in An- 
spruch nimmt, ständig vom Herrn 
Offenbarungen zu empfangen. Für die 
Heiligen der Letzten Tage ist die Offen- 
barung ein Grundsatz, der die gleiche 
Beziehung an die Gottheit ermöglicht, 
wie in früheren Zeitaltern. Voraus- 
setzung ist nur. daß dieser Grundsatz 
praktisch angewendet wird. Somit ge- 
hört .der Grundsatz der Offenbarung 



nicht der Vergangenheit an; die Offen- 
barungen hörten nicht auf. als das letzte 
Buch der Bibel geschrieben war. Wenn 
die Heiligen der Letzten Tage ver- 
künden, daß Offenbarungen nicht 
aufgehört haben, ist dies nicht nur eine 
bloße Behauptung. Zu ihrer Literatur 
zählt ein Buch, dessen wesentlicher In- 
halt aus Offenbarungen besteht, die die 
Kirche in diesen Letzten Tagen empfan- 
gen hat. Dieses Buch trüsit den Titel 
.Lehre und Bündnisse". Ohne Kenntnis 




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Ansicht von Nauvoo, Illinois, von der anderen Huüseite gesehen. 



vom Inhalt dieses Buches und von der 
Art und Weise, wie er zustande ge- 
kommen ist, kann man den Mormonis- 
mus nicht verstehen. Nur durch dieses 
Buch wird verständlich, wie es zur 
Gründung der Kirche kam, welcher Art 
ihre Organisation und Arbeitsweise ist 
und von welchen Triebkräften ihre 
einzigartige Geschichte und ihr Pro- 
gramm gelenkt werden. 
Der Ursprung des Buches .Lehre und 
Bündnisse' hängt eng mit dem Wirken 



des Profeten Joseph Smith zlisahimen. 
Seine ersten Offenbarungen erhielt er 
bereits, als er noch keine 15 Jahre alt 
war. Von dieser Zeit an wurden ihm 
während seines ganzen Lebens in 
unregelmäßigen Abständen Offen- 
barungen zuteil. 

Der Zeitpunkt, von dem an Joseph 
Smith damit begann, die wichtigeren 
Offenbarungen niederzuschreiben, ist 
nur schwer zu bestimmen. Viele weniger 
bedeutende Offenbarungen hat er nie- 





JH'Mf^M 






mals zu Papier gebracht. Eines jedoch 
kann man mit Sicherheit sagen: Späte- 
stens im Frühjahr 1 830 war der Prophet 
dabei, viele Offenbarungen aufzu- 
schreiben, die das Buch Mormon, die 
Wiederherstellung des Priestertums 
und die Gründung der Kirche betrafen. 
Am 6. April 1830 — man war gerade 
dabei, die Kirche zu gründen — empfing 
der Profet eine Offenbarung, worin der 
Kirche geboten wurde, einen 
Geschichtsschreiber zu ernennen, der 
über alle Vorgänge in der Kirche genau 
Bericht führen solle (LuB 21). 
Im Sinne dieses Gebots wurde Oliver 
Cowdery als Geschichtsschreiber der 
Kirche eingesetzt. Da er jedoch von 
anderen Pflichten sehr in Anspruch 
genommen wurde, entließ man ihn be- 
reits am 9. Juni 1830 wieder und be- 
stätigte an seiner Statt John Whitmer in 
diesem Amt. Leider haben diese beiden 
Männer nur kurze, unvollständige 
geschichtliche Aufzeichnungen hinter- 
lassen. Glücklicherweise führte der Pro- 
fet Joseph Smith seit der Gründung der 
Kirche genau Tagebuch und sammelte 
verschiedene Briefe und Dokumente. 
Dieses Material erwies sich von 
unschätzbarem Wert, als er 1838 seine 
Geschichte der Kirche abfaßte. 
Während der Jahre 1830 und 1831 
erhielt Joseph Smith weitere Offen- 
barungen, von denen er die meisten 
schriftlich niederlegte. Spätestens im 
Herbst 1831 hielt er die Anzahl dieser 
und früherer Offenbarungen für aus- 
reichend, um ihre Veröffentlichung als 
Buch zu rechtfertigen. Im Hinblick auf 
dieses Vorhaben berief er für den 1. und 
2. November 1831 eine Konferenz der 
Priestertumsträger in Hiram, Ohio ein. 
Auf dieser Konferenz stellte er den 
Antrag, man möge seine gesammelten 
Offenbarungen als heilige Schrift an- 
erkennen und mit dem Titel „Buch der 
Gebote" veröffentlichen. Aus den Auf- 



zeichnungen über die Konferenz geht 
nicht eindeutig hervor, wie eingehend 
sich die Anwesenden mit den Offen- 
barungen befaßt haben. Bis zu einem 
gewissen Grad hat man sie wohl durch- 
gesehen, denn das Protokoll berichtet 
darüber, wie einige anwesende Mit- 
glieder Kritik an den Offenbarungen 
übten. Ein Teil dieser Kritik wird in 
einer Offenbarung wiedergegeben, die 
Joseph Smith noch während der 
Zusammenkunft zuteil wurde. (An die- 
ser Stelle ist ein Hinweis darauf ange- 
bracht, daß Joseph Smith die meisten 
Offenbarungen bei Tage und in Ge- 
genwart anderer Menschen empfangen 
hat. Wenn er mit dem Allmächtigen in 
Verbindung trat, zog er sich nicht in eine 
dunkle Ecke zurück oder wartete auf 
den Schutz der Nacht, sondern er betete 
in Gegenwart seiner Anhänger, die ihn 
sahen und hörten. Die Antwort auf sein 
Beten übermittelte der Profet seinen 
Zuhörern entweder mündlich, oder er 
diktierte sie seinem Sekretär, während 
jene zuhörten.) Die Offenbarung, die er 
bei jener Konferenz erhielt, erscheint 
heute als 1. Abschnitt im Buch , Lehre 
und Bündnisse'. Im 24. Vers lesen wir: 
„Siehe, ich bin Gott und habe es ge- 
sprochen. Diese Gebote sind von mir 
und wurden meinen Dienern in ihrer 
Schwachheit und nach ihrer sprach- 
lichen Ausdrucksweise gegeben, damit 
sie Verständnis erlangen mögen." 
Der Herr hat zu den Heiligen in der 
Sprache des Profeten gesprochen. Wenn 
diese Sprache fehlerhaft war und ihm, 
wie den meisten von uns, grammatische 
Fehler unterliefen, so können wir damit 
rechnen, daß solche Fehler auch in der 
schriftlichen Fassung der Offen- 
barungen auftraten — so lange, bis man 
sie entdeckte und berichtigte. Joseph 
Smith' Fehler waren nicht Gottes Feh- 
ler. In allen Offenbarungen, die der 
Mensch je von Gott empfangen hat, 



44 



die Bibel ist ein anschauliches Beispiel 
dafür — findet man dieses menschliche 
Element. Der Dichter kleidet Gottes 
Worte in eine schöne Ausdrucksweise 
und ordnet sie nach einem Versmaß an; 
der Psalmist vertont sie, und der Prosa- 
erzähler drückt ihnen mit seinem Stil , 
seinen unverkennbaren Stempel auf. 
Dies ist der Grund, warum sich Moses 
und Jesajas, Jeremias, Arnos' und Haba- 
kuks Schriften alle nach ihrem Stil und 



der Vollkommenheit des Ausdrucks 
voneinander unterscheiden. Dennoch 
sind sie alle das Wort Gottes, das durch 
Profeten in deren Redeweise übermittelt 
wurde, damit die Menschen Gott ver- 
stehen konnten. 

Wenn jemand in der Schrift — mag sie 
nun aus alter Zeit überliefert oder 
neuzeitlichen Ursprungs sein - - gram- 
matische Fehler entdeckt, sollte er auf 
der Hut sein, damit er nicht an Gottes 




Canandagua Road und der Hügel Cumorah. 



45 



Wort zu zweifeln anfange und dadurch 
den Glauben verliere. 
Es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, 
daß jemand in der kleinen Versamm- 
lung, die am 1. November 1831 in 
Hiram, Ohio stattfand, eine Stimme 
hörte, ein Licht sah oder in seinem 
Herzen die Wirkung der gleichen Ge- 
danken verspürte, die der Profet seinem 
Sekretär als Offenbarung diktierte. Da- 
her ist es nicht überraschend, daß einige 
sich noch immer im unklaren darüber 
waren, ob die ihnen vorgelegten Schrif- 
ten tatsächlich Offenbarungen vom All- 
mächtigen waren. Einige Offen- 
barungen waren so offenkundig in der 
Ausdrucksweise des Profeten abgefaßt, 
daß William E. McLellin den Profeten 
offen angriff und behauptete, dieser 
habe einige der sogenannten Offen- 
barungen frei erfunden. 
Angesichts dieser Kritik und im Hin- 
blick darauf, daß andere vielleicht eben- 



so skeptisch waren, wandte sich der 
Profet erneut an den Herrn und bat ihn 
um Hilfe. Die Aufzeichnungen lassen 
nicht erkennen, ob er laut oder in 
anderer Weise betete; jedenfalls ergab 
sich daraus eine weitere Offenbarung: 
„Und nun gebe ich, der Herr, euch ein 
Zeugnis von der Wahrheit dieser Ge- 
bote, die vor euch liegen. 
Eure Augen waren auf meinen Diener 
Joseph Smith jun. gerichtet, und seine 
Sprache habt ihr gekannt wie auch seine 
Unvollkommenheiten, und ihr wißt 
auch, daß ihr in eurem Herzen nach 
Kenntnis getrachtet habt, um euch in 
einer bessern Sprache als der seinen 
ausdrücken zu können. 
Wählt nun aus dem Buch meiner Gebote 
das geringste und beruft den Klügsten 
unter euch, 

oder wenn einer unter euch ist, der eines 
machen kann, das demselbigen gleich- 
kommt, dann sollt ihr gerechtfertigt sein, 




Ansicht des Tempels in Kirtland in Ohio. (John-F.-Bennett-Sammlung) 

46 



wenn ihr sagt, ihr wißt nicht, ob sie wahr 
sind. 

Wenn ihr aber keines schreiben könnt, 
das dem gleich ist, so seid ihr schuldig 
gesprochen, wenn ihr nicht Zeugnis gebt, 
daß sie wahr sind. 

Denn ihr wisset, daß keine Ungerech- 
tigkeit in ihnen ist; was aber gerecht ist, 
kommt von oben, vom Vater des Lichts" 
(LuB 67:4-9). 

Diese Herausforderung des Herrn sieht 
eine einzigartige Methode vor, wie man 
prüfen kann, ob etwas eine Offenbarung 
ist. Sie läßt sich auf Offenbarungen in 
jedem Zeitalter anwenden. Die Heraus- 
forderung gilt allen denkenden Men- 
schen, und sie hat die Einfachheit einer 
Offenbarung zum Gegenstand. Sie er- 
innert an die Einleitung, die Gott des- 
öfteren seinen Worten gegeben hat: 
„Lasset uns miteinander rechten, auf 
daß ihr verstehen lernt" (LuB 50:10). 
McLellin nahm, von anderen vielleicht 



dazu gedrängt, die Herausforderung an. 
Er zog sich in die Abgeschiedenheit 
seines Zimmers zurück und versuchte, 
etwas zu schreiben, was wie eine Offen- 
barung des Herrn klingen würde. Am 2. 
November meldete er sich zurück und 
bat den Profeten, seine Brüder im Prie- 
stertum und den Herrn mit Tränen in den 
Augen um Vergebung. Es war ihm nicht 
gelungen, so etwas wie eine Offenbarung 
zu schreiben. Mochte er sich auch noch 
so anstrengen, es war ihm nicht möglich, 
etwas zu Papier zu bringen, was den 
Anschein einer Offenbarung hätte. Je- 
der, der es versucht, wird zum gleichen 
Ergebnis kommen. Ohne Inspiration 
kann der Mensch nur seine augen- 
blicklichen Gedanken niederschreiben, 
und hernach wird er gewahr, daß er nur 
etwas seit langem Bekanntes wiederholt 
hat. Sein Erzeugnis mag literarischen 
Wert haben oder der Bildung förderlich 
sein; wenn aber nichts Neues darin 




Das Haus, in dem die Familie Smith in Palmyra im Staat New York bis nach 1830 lebte. 



47 



kundgetan wird, ist es keine Offen- 
barung. Die gleiche Aussage läßt sich 
auch umkehren: Wenn etwas schriftlich 
Niedergelegtes der Welt neue Gedanken 
vermittelt und bisher Unbekannt Unbe- 
kanntes mitteilt, hat sie den Charakter 
einer Offenbarung, und man soll die 
darin enthaltene Wahrheit annehmen 
und zur Grundlage seines Handelns 
machen. 

McLellins Erlebnis und sein Zeugnis 
übten eine nachhaltige Wirkung auf die 
kleine Versammlung in Hiram aus. 
Einer nach dem anderen erhob sich und 
legte Zeugnis davon ab, daß Gott zu 
dem Profeten Joseph Smith gesprochen 
hatte. Im Anschluß an diese Zeugnisse 
erteilten die Anwesenden ihre Zustim- 
mung dazu, daß die Offenbarungen als 
„Buch der Gebote" veröffentlicht wür- 
den. 

Oliver Cowdery wurde beauftragt, nach 
Independence, Missouri, zu reisen und 
die Veröffentlichung zu überwachen. 
Oliver Cowdery konnte nicht sofort 
aufbrechen, denn der Winter stand be- 
vor, und es war kein einfaches Unter- 
fangen, 1 000 Meilen schneebedeckte 
Prärie zu durchqueren. Erst im Sommer 
1833 waren die Seiten des „Buches der 
Gebote" gedruckt und so geordnet, daß 
man sie binden konnte. Die Arbeit an 
der mit der Hand betriebenen alten 
Druckerpresse von W. W. Phelps & Co. 
in Independence, Missouri war nur lang- 
sam und unter großer Mühe vonstatten 
gegangen. Nun fehlte das Material zum 
Einbinden, aber es zeigte sich bald, daß 
es nicht mehr gebraucht wurde. Am 20. 
Juli 1833 drang nämlich eine Pöbelrotte 
gewaltsam in die Druckerei ein, trug die 
Presse weg, zerstreute die Drucktypen 
und verbrannte die meisten Unterlagen 
und bedruckten Seiten. Einer der Älte- 
sten, die dort an dem Druck des Buches 
arbeiteten, packte sich, als er den Mob 
am Haupteingang erblickte, hastig die 



Arme mit den geordneten Seiten voll 
und enteilte durch die Hintertür. In 
einem alten Stall verbarg er die Seiten 
unter dem Heu. So blieben mindestens 
20 Exemplare erhalten. 
Damit war die Veröffentlichung des 
„Buches der Gebote" unterbrochen 
worden. Bis man eine andere Drucker- 
presse beschafft hatte, waren die Heili- 
gen aus dem Landkreis Jackson ver- 
trieben. In der Folgezeit empfing der 
Profet auch zahlreiche Offenbarungen, 
die nicht im ursprünglichen „Buch der 
Gebote" enthalten waren, und so be- 
durfte es einer umfangreicheren Aus- 
gabe. Auf der Konferenz, die im August 
1834 stattfand, wurde ein Komitee ge- 
bildet, das den Auftrag hatte, die Offen- 
barungen für eine neue Sammlung 
auszuwählen und zusammenzustellen. 
Dem Komitee gehörten Joseph Smith 
und der Stellvertretende Präsident der 
Kirche, Oliver Cowdery, sowie die Rat- 
geber Sidney Rigdon und Frederick G. 
Williams an. Bei der Konferenz, die am 
17. August 1835 in Kirtland, Ohio 
abgehalten wurde, erstattete das Kom- 
itee Bericht und legte eine Sammlung 
von Schriften vor. Einige Teile davon 
waren keine Offenbarungen, während 
einige Offenbarungen ausgelassen wa- 
ren, die keinen unmittelbaren Bezug zu 
den Problemen der Kirche hatten. 
Auch ein neuer Name wurde für die 
Sammlung vorgeschlagen: Buch , Lehre 
und Bündnisse'. Das Komitee vertrat 
die Ansicht, daß dieser Titel dem Inhalt 
mehr gerecht werde als die Bezeichnung 
„Buch der Gebote". 
Das „Buch der Gebote" sollte unter 
völlig anderen Umständen und unter 
einer anderen Schirmherrschaft ver- 
öffentlicht werden, als man auf der 
Konferenz im November 1831 vor- 
gesehen hatte. Von den wenigen Exem- 
plaren der ersten Ausgabe gelangte eines 
zu Wilford Woodruff, dem späteren 



48 



Präsidenten der Kirche. Er übergab es 
der Bibliothek des Geschichtsschreibers 
der Kirche, wo es noch immer zu- 
sammen mit anderen Exemplaren ver- 
wahrt wird. Weitere Einzelstücke sind in 
den Bibliotheken verschiedener Samm- 
ler zu finden. 

Bei der erwähnten Konferenz vom 17. 
August 1835 erkannten die versammel- 
ten Mitglieder der Kirche das Buch 
, Lehre und Bündnisse' in der vorgeleg- 
ten Form als heilige Schrift an. Die 
Zustimmung wurde durch das Erheben 
der rechten Hand ausgedrückt. 
Die erste Ausgabe des Buches , Lehre 
und Bündnisse' wurde im Winter 1835 
veröffentlicht. Sie enthielt 103 Ab- 
schnitte, die teilweise jedoch in anderer 
Reihenfolge angeordnet waren als heu- 
te. 1844 wurde eine weitere Ausgabe mit 
111 Abschnitten gedruckt. Noch kurz 
vor seinem Tod hatte der Profet Joseph 
Smith an dieser Ausgabe gearbeitet. 
Die meisten Zusätze im Buch , Lehre und 
Bündnisse' wurden bei zwei bedeutsa- 
men Auflagen in das Werk aufgenom- 
men: 1876 und 1921. Die 1876er Aus- 
gabe enthielt 26 zusätzliche Abschnitte 
mit Offenbarungen und Auszügen aus 
Predigten und Briefen Joseph Smith', 



die zwar schon früher in den Zeitungen 
und Zeitschriften der Kirche heraus- 
gekommen waren, aber noch keine Auf- 
nahme im Buch , Lehre und Bündnisse' 
gefunden hatten. Zum erstenmal wurde 
der Text auch in Verse unterteilt; außer- 
dem wurde er mit Fußnoten und 
Querverweisen versehen. 
Die 1921 vorgenommenen Änderungen 
waren mehr äußerlicher Art. Zum 
erstenmal erschien nun eine zweispaltige 
Ausgabe des Buches. Auch die histo- 
rischen Erläuterungen und die Quer- 
verweise wurden verbessert. 
In den mehr als 140 Jahren seiner 
Existenz ist das Buch , Lehre und Bünd- 
nisse' in vielen Sprachen und an vielen 
verschiedenen Orten gedruckt worden. 
Ebenso wie das Buch Mormon hat es 
sich im Laufe der Zeit bewährt und der 
Prüfung durch Kritiker standgehalten. 
Es bestätigt und ergänzt die bisherigen 
heiligen Schriften. Fast vier Millionen 
Heilige der Letzten Tage betrachten es 
heute als Gottes Wort, das er zu den 
Menschen unserer Zeit geredet hat. 
(Bearbeitet nach: William E. Berrett, 
Teachings of the Doctrine and Cove- 
nants, Salt Lake City 1961 ; Verwendung 
mit frdl. Genehmig.) 




Die Kinder der Familie Smith haben diese Schule in Royalton in Vermont besucht. 



49 



Die Erschließung des Westens 



Die Absonderung, die Brigham Young für 
sein Volk in den Gebirgstälern erreichte, 
ermöglichte es der Kirche Jesu Christi der 
Heiligen der Letzten Tage, eine dauernde 
Einrichtung zu werden. Die Kirche wurzelte 
nun tief und fest. Die Organisation und die 
Lehre wurden kristallklar herausgestellt. Die 
Absonderung bewahrte die Kirche vor der 
Vernichtung, allerdings unter riesigen Opfern 
und mit hohen Kosten. Trotz des Interesses, 
das die Kirche an Schulen nahm, ergab es sich 
aus den Umständen, daß eine ganze Genera- 
tion ohne herkömmliche Bildung aufwuchs. 
Wäre nicht der ständige Zustrom der Ein- 
wanderer gewesen und hätten die Missionare 
nicht den K ontakt mit der Außenwelt gehabt, 
so hätten die Mormonen einen langen Still- 
stand im Lernen erleben müssen. Unter den 
bestehenden Umständen war es kaum mög- 
lich, daß sich ein Gelehrter, ein Wissenschaft- 
ler, ein Künstler usw. heranbildete. Die 
Absonderung brachte noch ein übriges mit 
sich: Bei vielen Menschen kristallisierten sich 
aus tiefverwurzelten Überzeugungen neue 
Lehren heraus und aus religiösen Formen 
unveränderliche Gesetze. Die Absonderung 
währte aber nicht lange. Weder Brigham 
Young noch die Kirche hatten den Wunsch, 
daß sie lange andauern sollte. Sobald die 
Heiligen im Westen festen Fuß gefaßt hatten, 
machte die Kirche ihren ganzen Einfluß 
geltend, um neue Verbindungswege mit der 
Welt zu öffnen, um Industrie nach Utah 
einzuladen und jeden Kontakt mit der übri- 
gen Nation zu fördern. Die abschreckende 
Beschaffenheit des Landes verzögerte das 
Ende der Absonderung, besonders in den 



abseits liegenden Siedlungen. In Oregon oder 
Kalifornien war es einfacher, sich seinen 
Lebensunterhalt zu schaffen. Aus diesem 
Grund mieden die „anderen", die Nicht- 
mormonen, das Große Becken viele Jahre 
lang. Das erste große Ereignis, das die 
Isolierung auflockerte, war der Goldrausch in 
Kalifornien, der aus Utah eine Art Bundes- 
straße machte für die Goldgräber, die nach 
Kalifornien wollten. Dadurch kamen zahl- 
reiche Nichtmormonen in das Land, und 
einige davon waren Kaufleute, die sich in Salt 
Lake City niederließen. Die Gründung einer 
Territorialregierung und die Ankunft von 
Bundesbeamten waren für weitere Nicht- 
mormonen der Anlaß, sich in das Ter- 
ritorium zu begeben, und zwar aus politi- 
schen oder wirtschaftlichen Gründen. Im 
Jahr 1858 vermehrte Johnstons 

,,Expeditions"-Armee den „anderen" Teil 
der Bevölkerung. Der nächste Schritt war der 
Aufbau einer Bergbauindustrie während und 
knapp nach dem Sezessionskrieg. Man hatte 
Camp Scott bei Ausbruch dieses Bürger- 
kriegs (1861) aufgelöst, aber schon ein Jahr 
später bekam Oberst P. Edward Connor den 
Befehl, in Salt Lake City eine Kompanie 
kalifornische Freiwillige zu stationieren; er 
ließ auf der Talstufe östlich von Salt Lke City 
das Fort Douglas errichten. Diese Abteilung 
der US-Streitkräfte war in das Territorium 
entsandt worden, um zu verhindern, daß die 
Mormonen mit den Südstaaten gemeinsame 
Sache machten. Es stellte sich bald heraus, 
daß die Bevölkerung von Utah treu zur 
Union hielt, und so hatte General Connor für 
seine Soldaten nicht viel Beschäftigung; er 



50 



konnte ihnen oft und lang Urlaub geben. Nun 
waren viele dieser Soldaten Bergleute und 
Goldsucher in Kalifornien gewesen. Sie 
durchstreiften die Berge von Utah nach Erz 
und entdeckten jedes bedeutende Bergbau- 
gebiet im Staat. So kam es zur Entwicklung 
der Bergbauindustrie in Utah. Fremdes Ka- 
pital und fremde Arbeiter strömten ins Land; 
in den Städten und bei den Bergwerken nahm 
die nichtmormonische Bevölkerung rasch zu. 
Die nächsten Schritte waren 1861 der 
Überlandtelegraph, der Salt Lake City mit 
den Zentren im Osten und Westen verband, 
und 1865 bis 1867 der Aufbau des Deseret- 
Telegraphennetzes von Arizona bis Idaho, 
wodurch die Siedlungen einander und der 
übrigen Welt nähergerückt wurden. Im Jahr 
1 869 geschah etwas, was mehr als alles andere 
die Schranken der Zeit und Entfernung 
beseitigte und die Wirtschaftslage des Ter- 
ritoriums von Grund auf änderte. In diesem 
Jahr wurde nämlich die erste trans- 
kontinentale Eisenbahnlinie fertiggestellt. 
Drei Jahre lang hatten zwei große Arbeits- 
gruppen fieberhaft daran gearbeitet, dieses 
Ziel zu erreichen — die Union acific arbeitete 
sich von Omaha aus entlang dem alten 
Mormon Trail nach Westen vor, und die 
Central Pacific machte sich von San Francis- 
co aus nach Osten auf den Weg. Als die 
beiden Bahnlinien in Promontory/Utah, 45 
Meilen westlich von Ogden, aufeinander- 
trafen und die Lokomotiven aus dem Osten 
und dem Westen gleichsam die Nasen anein- 
ander rieben, war die Periode der Abson- 
derung in Utah zu Ende. Die Heiligen freuten 
sich über die Eisenbahn und hatten den Bau 



selbst betrieben und mit den eigenen Händen 
gefördert -- aber als sie fertig war, gab es 
einige schmerzliche Änderungen in der 
wirtschaftlichen Struktur des Territoriums. 
Vor allem war die wirtschaftliche 
Unabhängigkeit vorbei. Manche Industrie- 
zweige leiteten ihre Existenzberechtigung ein- 
zig und allein aus der Tatsache ab, daß die 
hohen Transportkosten es ihnen leicht mach- 
ten, mit den Erzeugnissen aus dem Osten zu 
konkurrieren. Mit der Eisenbahn war auch 
das Ende dieses Zustands gekommen. Die 
Seidenindustrie, der Baumwollanbau, die 
Eisenerzeugung sowie eine Menge kleinerer 
Zweige waren dem Untergang geweiht, und 
man mußte hier tiefgreifende Änderungen 
vornehmen. Die Eisenbahn öffnete anderer- 
seits einen Markt für die Erzeugnisse der 
Landwirtschaft und des Bergbaus, und 
schließlich führte dies zum Wohlstand der 
Territorialbevölkerung. Nun gab es keine 
Grenze, kein Grenzgebiet mehr, aber die 
Kirche war für diese Entwicklung wohl- 
gerüstet: sie war zu einer festen, dauernden 
Einrichtung geworden. Das war auch gut so, 
denn der heraufziehende Konflikt hätte sie 
sonst leicht vernichten können. Die Ursachen 
dieses Konflikts haben wir schon zum Teil 
besprochen die sozialen Probleme im 

Zusammenhang mit der Vielehe. 



Aus „Seine Kirche 
wiederhergestellt' 
von W. E. Berrett 



51 



Lehre und Bündnisse 

Abschnitte 1 bis 102 



Leseaufträge 

für die Evangeliumslehreklasse 

(Kirchenjahr 1978/79) 



1.: 1. Abschnitt 
2.: Joseph Smith 2:1-4 
3.: Joseph Smith 2:5-26 
4.: 2. Abschnitt; 
Joseph Smith 
2:27-75 
5.: 3., 6.-10. Abschnitt; 
Joseph Smith 
2:59-67, 75 
6.: 4., 11., 12., 

14.-16. Abschnitt 
7.: 5., 17. Abschnitt 
8.: 13., 18. Abschnitt 
9.: 19. Abschnitt 
10.: 20. Abschnitt 
11.: 21.-24. Abschnitt 
12.: 25. Abschnitt 
13.: 26.-28. Abschnitt 
14.: 29. Abschnitt 
15.: 20., 32. Abschnitt 
16.: 31., 33.-36., 39., 

40. Abschnitt 
17.: 37., 38. Abschnitt 
18.: 41., 48., 51., 
72. Abschnitt 



42. Abschnitt 
43.-45. Abschnitt 
46., 50. Abschnitt 
47. Abschnitt 
48., 49. Abschnitt 
52.-56. Abschnitt 
57.-59. Abschnitt 
60.-62., 75. Abschnitt 
63.-65. Abschnitt 
66.-70. Abschnitt 
71., 73. Abschnitt 
74., 77., 86., 91., 
113. Abschnitt 
76. Abschnitt 
78-83., 85., 92., 
104. Abschnitt 
33.: 84. Abschnitt 

87., 90. Abschnitt 

88. Abschnitt 

89. Abschnitt 
93. Abschnitt 
94.-97., 109., 
110. Abschnitt 

39.: 98., 99., 101. Abschnitt 
40.: 100., 102. Abschnitt 



19. 
20. 
21. 

22. 
23. 
24. 
25. 
26. 
27. 
28. 
29. 
30. 

31. 

32. 



34.: 

35.: 
36.: 

37.: 
38.: 



Bild rechts: Die Vorhut der Pioniere verläßt Winter-Quarters im Frühjahr 1847, von C. A. Christensen 
(1875). Winter Quarters in der Nähe von Omaha in Nebraska war die größte von vielen kurzfristigen 
Behelfssiedlungen, die von den Heiligen auf ihrem Zug nach dem Westen zum Salzseetal verwendet 
wurden. Während des ersten Winters lebten bis Weihnachten 3500 Menschen in Blockhäusern. Ge- 
mälde mit freundlicher Genehmigung der Brigham Young University. C. A. Christensen war ein Be- 
kehrter aus Kopenhagen. Er begründete seine Werke auf Gespräche mit Augenzeugen der geschichtli- 
chen Ereignisse. 1857 wanderten seine Braut, eine Norwegerin, und er nach Utah ein. Er war Unter- 
hauptmann der siebenten Handkarrenkompanie. Er sagte von seinem Werk: „Ich kann heute die Hand 
des Herrn in all dem erkennen . . . Die Geschichte wird viel bewahren, aber allein die Kunst kann die 
Schilderung der Leiden, die den Heiligen zugefügt worden sind, zukünftigen Generationen zugänglich 
machen." 



52 





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