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November 1978 • 104. Jahrgang • Nummer 11 




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Veröffentlichung November 1978 

der Kirche Jesu Christi der 104. Jahrgang 

Heiligen der Letzten Tage Nummer 1 1 



Erste Präsidentschaft: Spencer W. Kimball, N. Eldon Tanner, Marion G. Romney. 

Der Rat der Zwölf: Ezra Taft Benson, Mark E. Petersen, LeGrand Richards, Howard W. Hunter, 

Gordon B. Hinckley, Thomas S. Monson, Boyd K. Packer, Marvin J. Ashton, Bruce R. McConkie, 

L. Tom Perry, David B. Haight, James E. Faust. 

Beratendes Komitee: Gordon B. Hinckley, Marvin J. Ashton, L. Tom Perry, Marion D. Hanks, 

James A. Cullimore, Robert D. Haies. Church Magazines: Dean L. Larsen, Herausgeber. 

Internationale Redaktion: Larry A. Hiller, Carol Larsen, Roger Gylling. 

Der Stern: Klaus Günther Genge, Übersetzungsabteilung, Grabenstraße 14, A-8010 Graz. 

Nachrichtenredaktion: Holger G. Nickel, Porthstraße 5-7, D-6000 Frankfurt /Main 50, 
Telefon 0611/15 34278. 



INHALT 

Im Ebenbilde Gottes. Marion G. Romney 2 

Ein ganzer Vater. Orson Scott Card 4 

Das Feueropfer. Thomas J. Griffiths 8 

Joseph Smiths Chirurg. LeRoy S. Wirthlin 10 

Der schönste Tag ihres Lebens. Jay A. Parry 13 

Ich habe eine Frage 18 

John Taylor — Ein Brief aus dem Exil 25 

Ein Pioniermädchen. Gordon Irving 29 

Für Kinder 

Ich bin ein Kind des Herrn. Robert D. Haies 1 

Von Freund zu Freund. J. Richard Clarke 5 

Das macht Spaß 8 



J ahresabonnement : 

Bestellungen über den Sternagenten der Gemeinde: 

DM 20, — an Verlag Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, 

Postscheckkonto Frankfurt 6453-604. 

sFr. 21,— an First National City Bank, Genf, Konto-Nr. 0/312750/007, Kirche Jesu Christi 

der Heiligen der Letzten Tage. 

ÖS 130,— an Erste Österreichische Spar-Casse, Wien, Konto-Nr. 000-81388, 

Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. 

USA und Kanada (nicht mit Luftpost): $ 8.00. 

© 1978 by the Corporation of the President of The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints. 

All rights reserved. 

Verlag Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Porthstraße 5-7, 

D-6000 Frankfurt am Main 50. 



Botschaft der Ersten Präsidentschaft 



Im Ebenbild Gottes 



Marion G. Romney 

Zweiter Ratgeber des Präsidenten der Kirche 




„Am Anfang schuf Gott Himmel und 
Erde . . . 

Und Gott machte die Tiere des Feldes, 
ein jedes nach seiner Art, und das Vieh 
nach seiner Art und alles Gewürm des 
Erdbodens nach seiner Art. Und Gott 
sah, daß es gut war. 
Und Gott sprach: Lasset uns Menschen 
machen, ein Bild, das uns gleich sei, die 
da herrschen über die Fische im Meer 
und über die Vögel unter dem Himmel 
und über das Vieh und über alle Tiere 
des Feldes und über alles Gewürm, das 
auf Erden kriecht. 

Und Gott schuf den Menschen zu sei- 
nem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er 
ihn; und er schuf sie als Mann und Weib. 
Und Gott segnete sie und sprach zu 
ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch 
und füllet die Erde und machet sie euch 
Untertan" (1. Mose 1:1. 25-28). 
Auf diese Weise setzte der Herr die erste 
Ehe zwischen dem Mann und der Frau 
ein. Der Mensch war in seinem Ebenbild 
geschaffen, als Mann und als Frau. Sie 
bildeten eine Einheit, jeder ein Teil des 
anderen. Der Herr unterwies beide. Das, 
was er sagte, ging beide gleichermaßen 
an. Im Herrn ist weder der Mann etwas 
ohne die Frau noch die Frau etwas ohne 
den Mann. 

Mann und Frau sollen immer dieser 
grundlegenden Wahrheiten und des 
Zwecks der Ehe eingedenk sein. 
Sie sollen sich gut verstehen und ein- 
ander respektieren. Niemand soll seine 
eigenen Wege gehen. Sie sollen sich 



beraten, miteinander beten und gemein- 
sam entscheiden. 

In allen Fragen der Kindererziehung 
und der Verwaltung des Haushaltes 
sollen sich Mann und Frau in Liebe, 
Geduld, Freundlichkeit und Ver- 
ständnis begegnen. Der fortschreitende 
Verfall von Sitte und Moral und das in 
unserer Gesellschaft übliche verderbte 
Tun dürfen in unseren Familien auf 
keinen Fall Eingang finden; sie dürfen 
unsere edlen Grundsätze und unsere Ehe 
nicht beeinträchtigen. Die Einigkeit in 
der Ehe darf nicht durch ehrgeiziges 
Streben nach Selbstbestätigung gefähr- 
det werden. 

Denken wir immer daran, daß weder die 
.'Frau noch der Mann der Sklave des 
anderen ist. Mann und Frau sind in der 
Ehe ebenbürtige Partner, und dies gilt 
besonders zwischen Mann und Frau, 
wenn sie der Kirche angehören. Dies soll 
ihnen stets bewußt sein und ihr Ver- 
halten bestimmen. Dann werden sie sich 
auch in der Ewigkeit so verhalten. 
Wie bereits gesagt: Der Mann ist nichts 
ohne die Frau, die Frau nichts ohne den 
Mann im Herrn. Kein Mann kann ohne 
Frau erlöst und im Reich Gottes erhöht 
werden. Auch die Frau kann Voll- 
kommenheit und Erhöhung im Reich 
Gottes nicht allein erlangen. Gott hat 
am Anfang die Ehe eingesetzt. Er hat 
den Menschen in seinem Ebenbild er- 
schaffen, als Mann und Frau, und schon 
bei der Schöpfung ist bestimmt worden, 
daß sie in den heiligen Banden der Ehe 



vereinigt sein sollen und daß der eine 
ohne den anderen nicht vollkommen sei 
(siehe dazu Evangeliumslehre, 1970, Sei- 
te 306). 

Die Frau ist dem Mann nicht unterge- 
ordnet. Es ist richtig, daß der Mann das 
Priestertum trägt und über die Familie 
in rechtschaffener Ausübung des Prie- 
stertums präsidieren soll. Dies muß er 
jedoch in dem Geiste tun, wie Christus 
über seine Kirche präsidiert. Der Pro- 
phet Joseph Smith hat die Mitglieder der 
Kirche darin unterwiesen, indem er dazu 
Worte aus dem Neuen Testament ver- 
wandt hat: 

,Die Frauen seien untertan ihren Män- 
nern als dem Herrn. Denn der Mann ist 
des Weibes Haupt, gleichwie auch Chri- 
stus das Haupt ist der Gemeinde, die er 
als seinen Leib erlöst hat. Aber wie nun 
die Gemeinde ist Christus untertan, so 
seien es auch die Frauen ihren Männern 
in allen Dingen. Ihr Männer, liebet eure 
Frauen, gleichwie auch Christus geliebt 
hat die Gemeinde und hat sich selbst für 
sie gegeben, auf daß er sie heiligte, und 
hat sie gereinigt durch das Wasserbad 
im Wort, auf daß er sie sich selbst 
darstellte als eine Gemeinde, die herrlich 
sei, die nicht habe einen Flecken oder 
Runzel oder etwas dergleichen, sondern 
daß sie heilig sei und unsträflich. So 
sollen auch die Männer ihre Frauen 
lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine 
Frau liebt, der liebt sich selbst. Denn 
niemand hat jemals sein eigen Fleisch 
gehaßt; sondern er nährt es und pflegt 
es, gleichwie auch Christus die Gemein- 
de. Denn wir sind Glieder seines Leibes. 
Um deswillen wird ein Mensch verlassen 
Vater und Mutter und seinem Weibe 
anhangen, und werden die zwei ein 
Fleisch sein' (Epheser 5:22-31). 
Ihr Frauen, ordnet euch eurem Eheman- 
ne unter, wie es dem Herrn gefällt. 



Ehemänner, liebt eure Frau und seid 
nicht unfreundlich zu ihr. Ihr Kinder, 
seid euren Eltern in allem gehorsam, 
denn dies ist dem Herrn wohlgefällig. 
Väter, behandelt eure Kinder nicht so, 
daß sie widerspenstig und mutlos wer- 
den" (Lehre des Propheten Joseph 
Smith). 

Der Ehemann darf seine Priestertums- 
vollmacht nicht willkürlich gebrauchen, 
auch darf er sie nicht als Druckmittel 
seiner Frau gegenüber verwenden. 
Joseph F. Smith hat gesagt: 
„Wenn es irgend jemand gibt, der den 
Fluch des Allmächtigen verdient, so ist 
es der Mann, der die Mutter seines 
Kindes vernachlässigt, die Frau seines 
Herzens, sie, die selbst ihr Leben immer 
und immer wieder für ihn und seine 
Kinder hingegeben hat. Dies natürlich 
unter der Voraussetzung, daß die Frau 
eine treue und reine Gattin und Mutter 
ist" (Evangeliumslehre, 1970, Seite 351). 
„Keine Macht und kein Einfluß kann 
oder soll kraft des Priestertums anders 
ausgeübt werden als nur durch Über- 
redung, Langmut, Güte, Demut und 
unverstellte Liebe" (LuB 121:41). 
Im Zusammenhang mit anderen Versen 
gesehen, wird einem klar, daß sich diese 
Schriftstelle besonders damit befaßt, wie 
ein Priestertumsträger mit seinen Mit- 
menschen umgehen soll, und in noch 
weitaus stärkerem Maße gilt sie für den 
Umgang des Priestertumsträgers mit 
seiner Frau. 

„Das Evangelium Jesu Christi ist das 
Gesetz der Liebe, und Gott von ganzem 
Herzen und von ganzem Gemüt zu 
lieben ist das höchste Gebot. Das andere 
aber ist ihm gleich: den Nächsten lieben 
wie sich selbst. Daran soll man auch in 
der ehelichen Beziehung denken, und 
wenn es auch heißt, das Verlangen der 

Fortsetzung Seite 23 



Ein 
ganzer 

Vater 

Orson Scott Card 

55 Ach betreibe viel Dauerlauf. 
Manchmal begleitet mich dabei mein 
sechsjähriger Sohn. Weil er nicht so weit 
laufen kann wie ich, läuft er zu einem 
Punkt der Strecke und wartet dort auf 
mich. Auf dem Rückweg treffe ich ihn 
dann. Während wir so dahintraben, 
reden wir miteinander." 
„Mein Junge hat eine Mappe, in der er 
seine Schulsachen aufbewahrt. Manch- 
mal setzen wir uns am Morgen mit 
seiner Mappe zusammen. Er sieht sie 
durch und bespricht mit mir jeden Punkt 



i und was er getan hat. Manchmal dauert 
das 15 oder 20 Minuten — aber jede 
Sekunde ist unbezahlbar." 
„Ich muß oft verreisen. Ich vermisse 
meine Familie immer sehr; darum neh- 
me ich gewöhnlich eins von meinen 
Kindern mit. Die größeren lasse ich 
sogar chauffieren. In diesen Stunden des 
Beisammenseins gewinnen wir wieder 
zurück, was während der dazwischen- 
liegenden Wochen, in denen ich so 
beschäftigt war, verlorengegangen ist." 
Heutzutage, wo überarbeitete Väter im- 
mer weniger Zeit aufbringen, ihre Kin- 
der zu erziehen — eine Erscheinung, die 
die Familie immer mehr aushöhlt — ist 
es erfreulich, Väter wie diese zu finden, 
die sich die kostbarsten Stunden und 
Minuten nehmen, sich ihren Kindern zu 
widmen. Diese wiederum schauen zu 
ihnen auf, lieben sie und brauchen sie. 
Es ist sogar noch erfreulicher, daß 
die Bischöfe der Kirche solche Männer 





und Väter sind — fordert doch gerade 
dieses Amt besonders viel. Auch im 
Berufsleben sind sie meist bemerkens- 
wert erfolgreich. Doch sie und ihre 
Frauen sind entschlossen, daß nichts 
davon - - so wichtig es auch ist — die 
Erziehung der Kinder beeinträchtigt. 
Robert M. Pixton, Bischof der Zweiten 
Gemeinde in Orlando, in Florida, erzähl- 
te: „Was ich vor wenigen Jahren alleine 
gemacht hätte, erledige ich nun mit 
einem oder zwei meiner Kinder. Ich 
erledige immer noch alles — aber die 
Kinder wissen, daß ich sie liebe und daß 
sie die Möglichkeit haben, bei mir zu 
sein." 

Das scheint das Erfolgsrezept dieser 
Väter zu sein: Sie machen aus ihrer 
kargen Freizeit das Beste. In der übrigen 
Zeit lassen sie so oft wie nur möglich die 
Kinder an ihrer Arbeit teilhaben. 

Wie man ein guter Vater ist 

„Wenn ich auf meinem Terminkalender 
einen freien Abend sehe, versuche ich 
ihn auch freizuhalten, damit ich den 
Abend zu Hause verbringen kann", 
sagte John F. Irwin, Bischof der Zweiten 
Gemeinde Detroit in Michigan. 
„Die Abende, wo ich arbeite, wären 
weniger hektisch, würde ich jeden A- 
bend nur zwei oder drei Aufgaben erledi- 
gen. Aber dadurch, daß ich mehr Arbeit 
an wenigen Abenden mache, bleibt mir 
an anderen mehr Zeit zu Hause bei 
meiner Familie zu sein." 
Zeiteinteilung ist überaus wichtig. Jedes- 
mal, wenn ich die Frage gestellt habe: 
„Wie haben Sie Zeit für Ihre Kinder?", 
war immer die erste Antwort: „Natür- 
lich wird der Familienabend unbedingt 
eingehalten." 

„Montag abends ruft uns niemand an", 
erzählte mir Ära Call, Bischof der Zwei- 
ten Gemeinde in Santa Clara in Kalifor- 
nien. „An dem Sonntag, wo ich zum 



Bischof ernannt wurde, stand ich auf 
und sagte der Gemeinde, Montag a- 
bends wäre ich nicht erreichbar, außer es 
handelte sich um einen Notfall." 
Aber der Familienabend ist erst der 
Anfang. „Jede Woche habe ich eine 
Unterredung mit unseren Kindern." So 
sagen viele. Und nicht wenige von ihnen 
betonen, daß einige dieser Unter- 
redungen geistiger Art waren, andere 
wieder, wo man das Kind ungezwungen 
von sich erzählen läßt. Wir sprechen 
über verschiedenes, was die Kinder 
interessiert — über ihre Schulnoten, ihre 
Schularbeiten, über ihre Freunde und 
ihre Hobbys. Schließlich fragen mich die 
Kinder von selbst: „Papa, wann kann 
ich wieder mit dir beisammen sein?" 
Bruder Todd Christofferson, auch ein 
Bischof, achtet darauf, daß diese Unter- 
redungen so ungezwungen wie nur mög- 
lich verlaufen. 

Bei dieser wöchentlichen Zusammen- 
kunft machen wir das, was den Kindern 
Spaß macht. Für gewöhnlich sprechen 
wir, aber wenn sie mir bei einer Arbeit 
helfen wollen oder auch nur Ball spielen 
möchten, dann tun wir eben das." 
„Wenn Sie sich wirklich bemühen", 
meint Richard P. Halvorsen von der 
Zweiten Gemeinde in Overland Park in 
Kansas „können Sie in einer halben 
Stunde ungeheuer viel erreichen. Man 
benötigt nicht viel Zeit, sich Freunde zu 
schaffen. Am besten sehen Sie das selbst 
an ihren eigenen Freunden. Sie müssen 
nicht Stunden um Stunden damit ver- 
bringen, ihnen Ihr Interesse zu zeigen. 
Einige Minuten genügen, um dem Be- 
treffenden mitzuteilen — durch Wort 
oder Tat — , daß er für Sie etwas 
Besonderes ist. Das schließt natürlich 
nicht aus, daß es von Zeit zu Zeit 
notwendig ist, auch etwas mehr Zeit 
zusammen zu verbringen." 
Jack L. Green, Präsident der Gemeinde 
Sterling Park in Virginia zeigt ein an- 



deres Problem auf: Seine größeren Kin- 
der hatten für ihn nicht viel Zeit übrig. 
Die Lösung? 

„Ich mache mich so oft wie möglich frei, 
um sie und ihre Freunde zu einer Tanz- 
oder anderen Veranstaltung zu fahren. 
Auf diese Weise habe ich Zeit, bei ihnen 
zu sein, ihre Freunde kennenzulernen 
und dem Gespräch mit ihren Freunden 
zuzuhören. 

Wenn ich dann später mit meinen Kin- 
dern spreche, kenne ich die jungen 
Leute, von denen sie erzählen." 
Bruder Green meinte: ,,Die beste Zeit, 
mit den kleineren Kindern zu reden, ist, 
wenn ich von der Arbeit heimkomme. 
Gewöhnlich ist das Abendessen noch 
nicht fertig. Die Kleinsten warten schon 
gespannt, bis Papa nach Hause kommt. 
Dann halte ich sie auf dem Schoß oder 
beschäftige mich sonstwie eine Weile mit 
ihnen." 

Bruder Pixton hat einen anderen idealen 
Zeitpunkt: beim Zubettgehen. Barbara, 
seine Frau, erzählte: „Wenn er abends 
zu Hause ist, verbringt er oft den ganzen 
Abend, die Kinder einzeln ins Bett zu 
bringen. Das geht langsam vor sich — er 
spricht mit jedem Kind eine Zeitlang - 
und braucht mehr Zeit, als ich oft mit 
jedem einzelnen von ihnen verbringe. 
Manchmal spielt er Klavier für die 
Kleineren, und sie tanzen dazu. Das 
haben sie sehr gern." 
„Ich bin in der glücklichen Lage", sagt 
Milo Le Baron jun., Bischof der 15. 
Gemeinde in Mesa, Arizona, „daß ich 
bei meiner Arbeit die Kinder zeitweise 
mitarbeiten lassen kann. Die zehn Mi- 
nuten Nachhauseweg von der Arbeit 
sind etwas Besonderes — nur sie und ich 
sind im Auto, und dann unterhalten wir 
uns über verschiedenes." 
Dann gibt es noch die Ferien. Ob es nun 
Camping, Überlandfahrten, ein Haus- 
anbau oder nur gemeinsame Hausarbeit 
ist -- Ferienzeit ist gewöhnlich die Zeit, 



in der die Familie beisammen ist. Lloyd 
D. Wilson, Bischof der Gemeinde Paci- 
fica in Kalifornien, ist ein begeisterter 
Camper und Angler. Auch er hat eine 
originelle Art, Ferien zu verbringen, 
gefunden. „Ich nahm meinen Ältesten, 
der in seinem letzten Jahr am Gymna- 
sium war, seinen Bruder und einen ihrer 
Freunde, und wir fuhren mit dem Rad 
von Ely, Nevada, nach Colorado. Wir 
gingen es gemächlich an - wenn wir 
müde waren, hörten wir auf. Aber an 
manchen Tagen schafften wir bis zu 225 
Kilometer. Wir hatten diese Radtour 
gemeinsam geplant und hatten viel Spaß 
dabei. 

Sich anpassen 

Manchmal passiert es jedoch, daß der 
sorgfältigst ausgearbeitete Zeitplan über 
den Haufen geworfen wird: Eine ein- 
wöchige Geschäftsreise, die plötzliche 
Anhäufung von Arbeit, die Nachtarbeit 
erforderlich macht, oder Schichtarbeit. 
Das alles kann Väter auf Tage, manches 
Mal sogar Wochen von zu Hause fern- 
halten. Ein Vater kann nichts dagegen 
tun, will er nicht seinen Job verlieren! 
„Was haben Sie da gemacht?" fragte ich 
Robert C. Will, den Pfahlpräsidenten 
des Pfahles Mildland in Michigan. 
„Nehmen Sie sich eine gute Frau", hat 
er mir erwidert. Tatsächlich ist das oft 
der Schlüssel zum Erfolg, den ein viel- 
beschäftigter Familienvater in seinem 
Familienleben hat. Niemand kann den 
Platz des Vaters einnehmen, aber wenn 
seine Arbeit oder seine Berufung in der 
Kirche verlangen, daß er einige Zeit von 
seinen Kindern fort sein muß, dann 
kann die Einstellung der Mutter ent- 
scheidend sein. 

Dazu die Frau eines Bischofs: „Als mein 
Mann Bischof wurde, war es anfangs 
schwer für mich. Nun hatte ich plötzlich 
alle Gartenarbeit zu tun - - zusätzlich 
zum Haushalt." 



Ihr Gatte stimmte ihr zu: „Das hat 
meiner Frau eine ganz schöne Bürde 
auferlegt. Aber auch ich hatte eine 
wichtige Verantwortung zu tragen. Ich 
mußte mich immer daran erinnern, 
wenn ich nach Hause kam und das 
Geschirr vom letzten Abendessen war 
noch im Abwaschbecken, und das 
Wohnzimmer war nicht aufgeräumt, 
oder der Rasen mußte gemäht werden. 
Ich habe mich daran erinnern müssen, 
daß ich mich niemals darüber beschwe- 
ren kann. Statt dessen muß ich mithelfen 
und auch einige der Kinder. Meine 
Frau beschwert sich nie über das, was 
ich tue - warum sollte ich es tun?" 

Bruder Halvorsen glaubt, daß man be- 
hutsam das Verhalten der Kinder be- 
einflussen kann. ,,lch achte sehr darauf, 
niemals zu sagen: ,Euer Vater kann 
nicht mit euch spielen, da er zu einer 
Versammlung gehen muß. Auch sage 
ich ihnen nicht nur, daß ich zu einer 
Versammlung muß. Ich erzähle ihnen 
etwas vom Thema der Versammlung 
und warum es wichtig ist. 

Gerade weil ich ihnen Einzelheiten 
erzähle, verstehen sie mich besser. Da 
ich mir die Zeit nehme, ein paar Minu- 
ten mit ihnen zu spielen, wissen sie, daß 
ich gerne bei ihnen sein möchte. Sie 
fühlen sich nicht vernachlässigt oder 
übergangen. 

Die richtige Einstellung der Frau und 
der Kinder ist ein wichtiger Faktor, daß 
häufige Fehlen des Vaters auszu- 
gleichen. Genauso wichtig aber ist die 
eigene Einstellung des Vaters. 

Ein Universitätsprofessor, der zugleich 
Bischof einer Gemeinde in Kalifornien 
ist, erzählte: „Wo ich arbeite, gibt es 
Leute, die auf die Anzahl der Über- 
stunden, die sie leisten, sehr stolz sind. 
Sie arbeiten bis spät in die Nacht im 
Büro. Sie sind ständig in der Bibliothek. 
Ihre wissenschaftlichen Abhandlungen 



werden veröffentlicht. Sie sind in ihrem 
Beruf erfolgreich. Aber sie bezahlen 
einen Preis. Sie sagen mir, sie täten es für 
ihre Familie - aber vieles spricht da- 
gegen." 

Ein Vater in der Kirche weiß, was 
Vorrang hat. Es spielt dabei keine Rolle, 
wieviel Ämter er in der Kirche hat und 
wieviel der Beruf von ihm verlangt. 
Natürlich ist es erstrebenswert, im 
Berufsleben erfolgreich zu sein. Auch 
erwartet der Herr von uns, daß wir 
unsere Berufung in der Kirche gut 
erfüllen. „Aber nichts geht über meine 
Familie", sagt Robert E. Sorensen jun„ 
Bischof der Gemeinde Linda Mar in 
Kalifornien. „Manche erwarten von mir, 
daß ich meinen Beruf an die erste Stelle 
setze. Aber die Arbeit kommt an dritter 
Stelle — hinter meiner Familie und der 
Kirche. Meine Arbeitskollegen ver- 
stehen das jetzt. Ich halte meine Ver- 
pflichtungen ihnen gegenüber ein, drük- 
ke mich nicht vor der Arbeit und schiebe 
auch nicht irgend etwas auf. Ich habe 
eine gute Dienstbeschreibung. Aber sie 
wissen, daß sie mich samstags nicht im 
Büro sehen werden — da bin ich bei 
meiner Familie und bei meiner Gemein- 
de. Das trifft dann noch viel mehr auf 
den Sonntag zu. 

Viele dieser Männer beschreiben das 
Erstaunen ihrer Kollegen, als sie er- 
kannten, daß es etwas Wichtigeres als 
das Vorankommen und das Geldver- 
dienen gibt. Aber sie berichten von 
wenig ablehnender Haltung, „haben 
doch auch mein Chef und meine Kolle- 
gen eine Familie", meinte ein Bischof. 
„Nach einiger Zeit bemerkte ich, daß 
auch sie öfters daheim waren. Seltsam, 
die Welt stürzte deswegen auch nicht 
zusammen, wenn sie nicht mehr 60 
Stunden die Woche arbeiten." 
Tatsächlich beginnt dann alles erst — 
wenn sie mit ihrer Familie zu Hause 
sind. 



Das Feueropfer 



Thomas J. Griffiths 



We 



enn jemand an diesem Herbst- 
abend an Emry Davis' Hütte vorbei- 
gekommen wäre, er wäre stehen- 
geblieben, um den Duft, der aus dem 
Rauchfang stieg, zu riechen. Hätte er in 
die Hütte hineinsehen können, er hätte 
etwas fast Unglaubliches gesehen. 
Doch zuerst sollten wir mit Herrn Emry 
Davis bekannt werden. Er lebt in einer 
kleinen walisischen Ortschaft; dort wur- 
de er auch geboren. Er führte ein 
einfaches Leben. Er war in einer nahege- 
gelegenen Kohlengrube als Angestellter 
beschäftigt. Mehrmals die Woche be- 
suchte er am Abend das Dorfwirtshaus, 
trank sein Bier und sah den anderen 
beim Billard und Würfelspiel zu. 
An den anderen Abenden blieb er zu 
Hause und las in der Bibel. In seinem 
Innersten war Emry Davis sehr religiös. 
Aus irgendeinem Anlaß war der Priester 
der hiesigen Pfarre an ihn herangetreten 
und hatte ihn zu einem Besuch seiner 
Gemeinde eingeladen, mit der Absicht, 
in ihm ein neues Mitglied zu bekommen. 
Er hatte abgelehnt und den guten Mann 
in ziemliche Verlegenheit gebracht, in- 
dem er ihm auf den Kopf zusagte, seine 
Predigten seien nur übertriebene Worte 
und stünden nicht im Einklang mit der 
Schrift. Dies war vor einigen Jahren, 
und der Priester hatte ihn nicht wieder 
eingeladen. Vor zwei Jahren nahm sein 
Leben einen tragischen Verlauf. Seine 
Frau starb bei der Geburt ihres Kindes. 




Er konnte einfach nicht glauben, daß er 
und seine geliebte Gweyneth nun für 
immer getrennt sein sollten. 
Eines Abends, er saß gerade beim 
Kaminfeuer und las in der Bibel, klopfte 
es an der Tür. Als er öffnete, sah er sich 
zwei jungen Männern gegenüber. Ehe er 
sie noch fragen konnte, was sie wollten, 
sagte einer von ihnen: „Wir sind Missio- 
nare der Kirche Jesu Christi der Heiligen 
der Letzten Tage. Wir möchten Ihnen 
etwas von unserer Kirche und ihren 
Lehren erzählen." 

„Wieder nur Geschwätz", dachte sich 
Emry Davis und wollte die Tür zu- 
schlagen. Doch da sah er sie nochmals 
an. Es war etwas Besonderes an ihnen, 
etwas, was er nicht verstand. In ihren 
Gesichtern las er Wahrheitsliebe, Auf- 
richtigkeit und Mut. 
Er hörte sich sagen: „Kommen Sie 
weiter." Beim Schein des Kaminfeuers, 
das sich in ihren Gesichtern wider- 
spiegelte, erzählten ihm die zwei jungen 
Männer eine Geschichte, die ihn auch 
seine Bibel besser verstehen ließ. Was er 
zuerst nur als Geschwätz angesehen 
hatte, berührte nun sein Innerstes. Als 
sie ihn gegen Mitternacht verließen, bat 
er sie wiederzukommen. 



8 




Nach einigen Tagen kamen sie zurück 
und setzten die Diskussionen fort. Dann 
kam jener besondere Abend, an dem 
seine innigsten Gebete erhört wurden. 
Die Missionare erklärten ihm das Ge- 
setz der ewigen Ehe. Er und seine 
dahingeschiedene Frau konnten wieder 
vereint werden. Er mußte nur das Evan- 
gelium annehmen, es befolgen und seine 
Frau im Haus des Herrn an sich siegeln 
lassen. 

Sein Innerstes schien von neuem Leben 
erfüllt zu sein. Er wußte, er hatte die 
Wahrheit gefunden. Es gab jedoch ein 
Hindernis, bevor er getauft werden kon- 
nte. Er liebte den Tabak. Mit dem 
Biertrinken aufzuhören, das würde ihm 
nicht schwer fallen. Im Laufe der Jahre 
hatte er aber eine Pfeifensammlung mit 
Pfeifen aus verschiedenen Ländern an- 
gelegt. Das Rauchen war ein Teil seines 
Lebens geworden. Er hatte den Wunsch 
geäußert getauft zu werden, nun aber 
fragte er sich, ob er die Kraft aufbrachte, 
das Rauchen zu überwinden. Über dem 
Kaminsims war eine Glasvitrine und 
darin waren die Pfeifen. Sie schienen auf 
ihn herabzublicken wie ein Götzenbild. 
In jener Nacht kniete er neben seinem 
Bett und bat um eine Antwort. Als der 



Morgen über den walisischen Hügel 
heraufdämmerte, wußte er die Antwort. 
Der Herr hat durch seinen Propheten 
gesagt, daß Tabak nicht gut für den 
Menschen sei (LuB 89:8) und daß der 
Geist des Herrn nicht in unreinen Tem- 
peln wohne. 

Am nächsten Sonntag nach der Abend- 
mahlsversammlung lud Emry Davis die 
Mitglieder in seine Hütte. Er hatte eine 
Waliser Torte und Limonade bereitet. 
Nach den Erfrischungen bat er seine 
Gäste um Aufmerksamkeit. 
„Eine Zeitlang", sagte er ,,habe ich mich 
einem schwierigen Problem gegenüber 
gesehen. Aber als wir heute das Schluß- 
lied gesungen haben, ist mir die Lösung 
eingefallen." Dann erklärte er ihnen das 
Problem mit seinen Pfeifen. 
Als er zu Ende erzählt hatte, langte er 
auf den Kaminsims und holte die Vitrine 
mit den Pfeifen herunter. Eine nach der 
anderen warf er in die Flammen und sah 
zu, wie sie von den Flammen verzehrt 
wurden. Neben ihm standen die Missio- 
nare und im Hintergrund die Mitglieder. 
Draußen war die Luft vom Geruch 
brennender Pfeifen erfüllt; im Inneren 
des Hauses aber war der Geist des 
Herrn. 



9 




Joseph Smiths 

CHIRURG 




LeRoy S. Wirthlin 



Di 



'ie Mitglieder der Kirche sind immer 
wieder davon ergriffen, wenn sie er- 
fahren, wie tapfer Joseph Smith schon 
als achtjähriger Junge gewesen ist. Da- 
mals hatte er eine Knocheninfektion im 
Bein, und eine Amputation schien fast 
unausweichlich. Joseph Smith war be- 
reit, die Schmerzen einer Operation 
tapfer in den Armen seines Vaters zu 
ertragen; und er lehnte es ab, sich vorher 
mit Alkohol zu betäuben. Da ich selbst 



Chirurg bin, habe ich mir immer über 
diese Operation und die Ärzte, die sie 
erfolgreich durchgeführt haben, Gedan- 
ken gemacht. 

Diese Operation erfolgte 1813 in einer 
der entlegensten Gegenden New 
Hampshires. Die Infektion, die Medizin 
nennt sie Osteomyelitis, folgte einer 
Epidemie von Typhusfieber, die sämtli- 
che Kinder der Smith' ergriffen hatte. 
Bis zur Entdeckung von Antibiotika in 




10 



unserem Jahrhundert war die Osteo- 
myelitis eine verheerende Krankheit. 
Die zur Zeit Joseph Smith' angewandte 
Behandlung mit heißen Breiumschlägen 
und Pflastern war schon zur Zeit des 
griechischen Arztes Hippokrates üblich 
— aber mit wenig Erfolg. War der 
Knochen infiziert, starben ganze 
Knochenpartien ab. Der Körper pro- 
duzierte neue Knochensubstanz, und 
diese umgab die abgestorbenen 
Knochenteile mit einer neuen lebenden 
Schicht. Unvermeidlich, daß sich der 
tote Knochen absonderte und in der 
Mitte einer Abszeßhöhlung zu liegen 
kam. 

Dort tropfte er aus, oder aber die 
Infektion griff auf andere Teile des 
Körpers über, was den Tod zur Folge 
hatte. Normalerweise mußte im letzten 
Stadium das Bein amputiert werden. 
1874 wird zum erstenmal die 
Operationstechnik beschrieben, die heu- 
te als Sequestrektomie die Ent- 
fernung eines abgestorbenen Knochen- 
stückes — bekannt ist. Nach dem Ersten 
Weltkrieg wurde sie zur üblichen Me- 
thode. Sie ermöglichte ein Austrocknen 
des Knochens. 

Doch schon 1813 beschreibt Lucy Mack 
Smith diese Operation: „Die Chirurgen 
fuhren fort zu operieren. Sie bohrten den 
Knochen zuerst von der kranken und 
dann von der anderen Seite an und 
brachen ihn mit einer Pinzette oder 
Kneifzange ab. Auf diese Weise ent- 
fernten sie große Knochenteile." 

Hier beschreibt Lucy Mack Smith also 
eine Operationstechnik, die erst 1874 
bekanntwurde. Wie konnte eine solche 
Operation bereits 60 Jahre vorher in der 
winzigen Gemeinde Lebanon in New 
Hampshire erfolgen? 

Heilige der Letzten Tage würden es 
schwerlich als Zufall bezeichnen. In 
einer wenig bekannten Anmerkung zur 



Geschichte der Kirche erwähnt Joseph 
Smith die Namen seiner Ärzte: Smith, 
Stone und Perkins von der medizini- 
schen Schule in Hanover, New Hamp- 
shire — 8 km von seiner Farm entfernt. 
Es waren nicht gewöhnliche, schlecht 
ausgebildete Landärzte, wie man sie 
damals überall antraf. Nathan Smith, 
der an der medizinischen Fakultät von 
Harvard in Cambridge, Massachusetts 
promoviert hatte, war der alleinige Be- 
gründer der medizinischen Schule, und 
er gründete später drei weitere medizini- 
sche Schulen in Neuengland. Er war 
auch Präsident der medizinischen 
Gesellschaft von New Hampshire, 
und schon bevor er Joseph Smith be- 
handelt hatte, war er Erster Professor 
für Medizin und Chirurgie in Yale in 
New Haven, Connecticut. Er hatte die 
Übersiedlung nach New Haven aufge- 
schoben, so daß er die Opfer der 
Typhusepidemie von 1813 in Hanover 
und den umliegenden Ortschaften be- 
handeln konnte. 

Cyrus Perkins war ein ehemaliger Stu- 
dent Nathan Smith' und promovierte an 
der Medical School von Dartmouth. Er 
kehrte später zurück und wurde Pro- 
fessor der Anatomie und praktizierte 
zusammen mit seinem früheren Lehr- 
meister. 

Stone war höchstwahrscheinlich auch 
ein ehemaliger Student Smith'. In den 
ersten Klassenregistern von Dartmouth 
erscheinen einige Stones. 
Daß Nathan Smith einer der größten 
Ärzte Amerikas jener Zeit war, erscheint 
hier noch bedeutungsvoller. Er selbst 
hatte bereits 1798 die Operation und 
Behandlung der Osteomyelitis einge- 
führt und schrieb 1 827 eine Abhandlung 
darüber. Diese wurde aber durch zwei 
Generationen hindurch nicht beachtet. 
Er, der seiner Zeit weit voraus war, war 
der einzige Mann in Amerika, der Jo- 
seph Smith das Bein erhalten konnte. 



11 



Nathan Smith war drei Jahre lang 
Gehilfe eines Landarztes, ohne eine 
Hochschulausbildung genossen zu ha- 
ben. Dann eröffnete er seine eigene 
Praxis in Cornish, New Hampshire. Mit 
seiner Schulbildung jedoch war er nicht 
zufrieden. Deshalb immatrikulierte er 
drei Jahre später an der neugegründeten 
Fakultät von Harvard in Cambridge, 
Massachusetts. Er promovierte als fünf- 
ter Doktor, den diese Schule hervor- 
gebracht hatte. 1790 nahm er wieder 
seine Praxis als Landarzt auf. 
Er betrachtete es als seine Aufgabe, 
sowohl den allgemeinen medizinischen 
Standard als auch die Kenntnisse seiner 
Kollegen zu heben. Er richtete ein An- 
suchen an die Aufsichtsratmitglieder des 
Dartmouth College, eine medizinische 
Fakultät errichten zu dürfen. Er ver- 
brachte ein Jahr in Edinburgh, Schott- 
land, und sammelte dort klinische Er- 
fahrung. Er hielt seine Er- 
öffnungsvorlesung in Dartmouth 1797. 
Dreizehn Jahre lang unterrichtete er 
allein Anatomie, Chemie, Chirurgie, 
Heilmittelkunde und theoretische und 
praktische Medizin, bis ihm 1810 Per- 
kins als Professor für Anatomie zur Seite 
gestellt wurde. 

Für ihre Lehrtätigkeit erhielten beide 
kein Gehalt. Schulgelder und ihre 
gemeinsame Praxis waren ihr Einkom- 
men. Dr. Smith wurde in vielen schwieri- 
gen Fällen konsultiert, da er in Neu- 
england einen guten Ruf hatte - er 
hatte viele Ärzte dort ausgebildet. Oft 
mußte er über 150 Kilometer auf dem 
Rücken eines Pferdes über schlechte 
Landstraßen zurücklegen. Gewöhnlich 
nahm er 10 bis 20 seiner Medizin- 
studenten mit. Es war dies Teil ihrer 
Ausbildung. 

Dasselbe ereignete sich bei Joseph 
Smith. Nachdem Dr. Stone zwei erfolg- 
lose Operationen an Josephs er- 
kranktem Bein durchgeführt hatte, be- 



stand seine Mutter darauf, die Meinung 
anderer Ärzte einzuholen, und sie ver- 
langte, daß sich ein Ärztegremium da- 
mit befasse. Nathan Smith, sein Kollege 
Cyrus Perkins und Medizinstudenten 
aus Dartmouth kamen, um die not- 
wendige Operation durchzuführen. 
Zuerst schlug man eine Amputation vor. 
Lucy Mack Smith bat statt dessen, eine 
Operation zu versuchen, um damit den 
erkrankten Knochen zu entfernen. Ihre 
Beschreibung des Vorgangs ist genau 
und deckt sich mit jener, die man in den 
Aufzeichnungen der einstigen Medizin- 
studenten gefunden hat. 
Die Operation war erfolgreich. Josephs 
Wunde heilte. Die Tatsache, daß eine 
Wunde mit einem freiliegenden 
Knochenschaft so rasch heilte, grenzt 
wahrhaftig an ein Wunder. Jedoch war 
Nathan Smith ein außergewöhnlich 
erfolgreicher Chirurg. Wir hören nie, 
daß er nach einer Operation amputieren 
mußte. Joseph mußte drei Jahre lang 
Krücken benutzen, aber sein Leben und 
sein Bein waren verschont geblieben. 
Nach der Epidemie und der Operation 
verließen Nathan Smith und Joseph 
Smith New Hampshire. Nathan Smith 
wurde Professer in Yale, und Joseph 
Smith kehrte auf drei Jahre nach Ver- 
mont zurück, bevor er nach Palmyra, 
New York, übersiedelte, wo er schließ- 
lich sein großes Werk begann. 
Man kann es schwerlich Zufall nennen: 
ein Junge, der trotz zweier erfolgloser 
Operationen den Mut hatte, die Ampu- 
tation abzulehnen. Eine Mutter, die es 
nochmals mit einer Operation versu- 
chen wollte, obwohl sie nicht wußte, daß 
Nathan Smith der einzige Chirurg in den 
Vereinigten Staaten war, der auf diese 
Weise erfolgreich Osteomyelitis behan- 
delt hatte. Schließlich ergab sich noch 
die undramatische Verbindung zwi- 
schen dem richtigen Mann und der 
richtigen Zeit. 



12 



59-lch habe Mutti und Vati noch 
nie so glücklich gesehen wie damals, als 
wir als Familie in den Tempel gingen. 
Wir knieten alle rund um den Altar, 
hielten uns an den Händen und dachten: 
,Das ist wirklich das Schönste, was es 
geben kann - nun sind wir für immer 
eine Familie!'" 

„An dem Tag, an dem wir im Tempel 
aneinander gesiegelt wurden, verliebte 
ich mich in meinen Mann." 
,,Der Tag, an dem wir in den Tempel 



gingen, um für Zeit und alle Ewigkeit 
aneinander gesiegelt zu werden, war 
wirklich der schönste Tag unseres Le- 
bens; wir werden ihn nie vergessen und 
immer gerne daran zurückdenken." 
„Als wir dieses heilige Gebäude be- 
traten, um aneinander gesiegelt zu wer- 
den, überkam uns ein Gefühl des Frie- 
dens und der Ruhe. Nie zuvor hatten wir 
uns untereinander und mit dem Vater 
im Himmel so eins gefühlt." 
In jedem Jahr wird der Traum vieler 



Der schönste Tag ihres Lebens 



Jay A. Parry 






1 1 



Heiliger wahr: sie werden an ihren 
Ehepartner, mit dem sie bereits für 
dieses Leben verheiratet sind, im Tem- 
pel für Zeit und alle Ewigkeit gesiegelt. 
Einige dieser Heiligen sind einmal Mit- 
glieder gewesen, die nicht richtig aktiv 
waren. Einige haben einen Ehepartner, 
der früher nicht der Kirche angehörte. 
Andere sind der Kirche Jahre fern 
gewesen, weil sie von schlechten An- 
gewohnheiten nicht lassen konnten. 
Viele gehörten einmal nicht der Kirche 
an, waren einmal inaktiv gewesen oder 
hatten kein gutes Leben geführt. Wel- 
chen Weg haben sie beschritten, um 
schließlich die Freude zu verspüren, die 
man im Tempel erlangen kann? 
„Vor ein paar Jahren", erzählte ein 
Mitglied, „dachte ich, es gäbe nichts 
Wichtigeres als Kegeln zu gehen, mit 
meinen Freunden zu trinken und zu 
rauchen und nicht nach Hause zu kom- 
men. Heute verstehe ich nicht, wie ich 
jemals so etwas tun konnte. Als wir nach 
Texas übersiedelten, stand es ähnlich um 
mich. Ich ging nicht zur Kirche und 
machte mir keine Gedanken über Reli- 
gion. Dann ging meine Frau zu unserem 
Bischof und bat ihn um Hilfe. Er trug die 
Bitte meinem Ältestenkollegiums- 
präsidenten vor, der darüber betete und 
dann beschloß, daß er selbst unser 
Heimlehrer sein sollte. Dann passierte 
etwas Merkwürdiges. Als er zu seinem 
ersten Besuch zu uns kam, ließ ich ihn 
unerklärlicherweise herein — ich hatte 
noch nie vorher einen Heimlehrer in 
unsere Wohnung gelassen. Er sprach als 
Freund, und ich spürte sofort, daß ich 
ihm wichtig war. Er fragte mich, ob ich 
gerne Sport betreibe; nun, das war sehr 
gut, denn ich habe Sport sehr gern. Er 
erzählte mir, daß er Basketball spielte, 
und fragte mich, ob ich mich nicht ihm 
und den anderen in der Mannschaft 
anschließen wolle. Ich war froh, mit- 
machen zu dürfen. Nachdem ich die 



guten Männer in der Mannschaft 
kennengelernt hatte, hatte ich das Ge- 
fühl, als ob die Freunde, die ich in der 
Bar gehabt hatte, eigentlich keine wirk- 
lichen Freunde seien." 
Aber dieser Bruder besuchte noch im- 
mer nicht die Versammlungen. Jeden 
Monat luden ihn die Heimlehrer dazu 
ein, und jeden Monat erfand er eine 
andere Ausrede. „Ich fürchtete mich vor 
der Veränderung. Aber der Kollegiums- 
präsident zeigt mir nie, daß mein 
Verhalten schlecht war oder daß ich 
mich meiner Ausreden wegen schämen 
müßte; ich war immer glücklich und 
froh, wenn er zu uns kam. Dann starb 
mein Vater. Ich erkannte, daß ich ihn 
mein ganzes Leben lang enttäuscht hat- 
te, und gelobte, daß ich ihn und meine 
Mutter nie wieder enttäuschen würde. 
Am nächsten Sonntag ging ich in Hou- 
ston das erste Mal in die Kirche. Die 
Mitglieder nahmen mich auf, als ob ich 
nie inaktiv gewesen wäre." 
Von da an brauchte er nur noch diesen 
neuen Weg weiter zu beschreiten, um 
mit seiner Frau und seinen Kindern in 
den Tempel gehen zu können. 
Viele Menschen ändern ihre Lebens- 
weise langsam und allmählich, wenn sie 
spüren, wie andere sie gerne haben oder 
wenn sie Buße tun. 

1972 wurden ein Ehepaar und ihre sechs 
Kinder im Tempel aneinander gesiegelt. 
„Ich habe Mutti und Vati noch nie so 
glücklich gesehen wie damals, als wir als 
Familie in den Tempel gingen. Dieser 
freudenreiche Tag war der Höhepunkt 
von mehr als zwanzig Jahren Arbeit", 
erinnerte sich eine Tochter. Die Frau 
meint dazu: „Ich wuchs in einer starken 
Familie auf, die der Kirche angehörte, 
aber ich heiratete einen Mann, der nicht 
der Kirche angehörte, in dem Glauben, 
daß ich ihn bekehren könne. 1953 schloß 
er sich der Kirche an, aber bald erkannte 
ich, daß er das nur getan hatte, damit ich 



14 



endlich aufhörte, an ihm herumzunör- 
geln. Er begann nach seiner Taufe sogar 
zu trinken und zu rauchen, und das hatte 
er vorher nie getan. Ich glaube, ich habe 
ihn in diesen Jahren viel kritisiert. 
Selbstgerecht habe ich die Kinder in die 
Kirche mitgenommen, und wenn ich 
nach Hause kam, stritt ich mit ihm, weil 
er nicht auch gegangen war." 
Was hat schließlich die Veränderung 
bewirkt? „Während all dieser Jahre 
betete ich so viel, daß ich mir nicht die 
Zeit nahm, auf eine Antwort des Herrn 
zu hören. Und wenn ich sie hörte, 
beachtete ich sie nicht. Aber schließlich 
war ich so verzweifelt, daß ich keine 
andere Wahl mehr hatte, als es so zu tun, 
wie der Herr es wollte. ,Du mußt ihn so 
lieben, daß er von selbst kommt' flüster- 
te mir der Geist zu. ,Laß ihn so schnell 
gehen, wie er selbst kann.' Das machte 
ich schließlich, und es dauerte nicht sehr 
lange, da waren wir alle im Tempel." 
Zur gleichen Zeit wirkte der Herr auf 
diesen Mann auch noch auf andere 
Weise ein. Seine Arbeitskollegen be- 
gannen, sich über Joseph Smith lustig zu 
machen. Da hatte er das Gefühl, daß er 
für sich selbst herausfinden müsse, ob 
das, was sie sagten, wahr war. Wenn das 
alles stimmte, wollte er aus der Kirche 
austreten. „Ich begann, im Buch Mor- 
mon zu lesen. Nie zuvor hatte ich 
aufrichtig versucht, es zu verstehen. Es 
war ein herrliches Erlebnis. Und ich 
lernte, wie ich die Kirche am Arbeits- 
platz verteidigen mußte; ich erfuhr auch, 
daß es wert war, sie zu verteidigen. Mich 
dürstete richtig danach, die Wahrheit zu 
erfahren. Ich ging wieder in die Kirche. 
Und die ganze Zeit über war ich er- 
staunt, wie geduldig mir meine Frau zur 
Seite stand. Anstatt zu nörgeln und 
anstatt zu sagen: ,Das habe ich dir ja 
auch gesagt' wie sie das früher immer 
getan hatte, wenn ich wieder einmal zur 
Kirche ging, nahm sie einfach meine 



Hand und sagte, daß sie mir helfen 
wolle, das zu tun, was mich am glück- 
lichsten machen würde." 
Er begann, in der Schrift zu lesen und die 
Versammlungen zu besuchen. An einem 
Fastsonntag gab er ein einfaches Zeug- 
nis; man ging mit ihm noch einmal die 
Missionarsdiskussionen durch, er gab 
das Trinken auf und bemühte sich sehr, 
auch das Rauchen aufzugeben. „Ich 
dachte, es wäre für mich ein leichtes, das 
Rauchen aufzugeben, obwohl ich schon 
sieben Jahre lang geraucht hatte — denn 
im allgemeinen habe ich einen starken 
Willen. Ich versuchte immer und immer 
wieder aufzuhören, aber ich schaffte es 
nicht. Jedesmal, wenn ich ganz ent- 
schieden beschloß aufzuhören, passierte 
irgend etwas, und plötzlich hatte ich 
wieder eine Zigarette in der Hand und 
rauchte. Ich hatte erzählen gehört, daß 
der Herr den Menschen den Wunsch zu 
rauchen nimmt, wenn sie ihn aufrichtig 
im Gebet suchen, aber das funktionierte 
bei mir nicht. Vielleicht glaubte ich nicht 
stark genug, oder der Herr wollte, daß 
ich durch diese Schwierigkeiten noch 
mehr wachse. Ich wußte nur, daß ich 
nicht aufhören konnte. Schließlich 
wandte ich mich an den Herrn im Gebet 
und verpflichtete mich ihm gegenüber, 
daß ich nie wieder rauchen würde, selbst 
dann nicht, wenn es schwierig wäre. Es 
war nicht leicht — selbst heute noch 
drängt es mich, wenn ich Tabak rieche, 
wieder zu rauchen — aber seit damals 
habe ich mein Gelübde nie gebrochen.' 
,Ich glaube nicht, daß das alles so hätte 
geschehen können, wenn wir nicht einen 
Plan aufgestellt hätten. Unsere Heim- 
lehrer sagten uns, daß es das beste wäre, 
wenn wir uns genaue Ziele darüber 
setzen würden, was wir zu tun hätten, 
bevor wir in den Tempel gehen könnten, 
und daß wir dann natürlich unsere Ziele 
in der festgesetzten Zeit erreichen müß- 
ten. Fürs erste beschlossen wir, alle 



15 



Versammlungen zu besuchen. Das war 
für mich sehr schwer, denn ich arbeitete 
nachts, und die Priestertums- 
versammlung begann eine Stunde nach 
Beginn der Zeit, wo ich üblicherweise zu 
Bett ging. Aber ich ging zur Versamm- 
lung. Zweitens mußte ich damit be- 
ginnen, nach dem Wort der Weisheit zu 
leben; drittens mußten wir Zehnten 
zahlen und so weiter. Diese Ziele be- 
wirkten die Veränderung. Sie gaben uns 
eine Frist, bis wann wir jeden Punkt 
erreicht haben wollten, und auch ein 
Datum, wann wir im Tempel sein woll- 
ten. Das war für uns die einzige 
Möglichkeit." 

Ein Ehepaar in England wurde ein- 
geladen, ein besonderes Seminar zu 
besuchen, das für die abgehalten wurde, 
die noch nie im Tempel waren. ,, Jede 
Woche hörten wir das Zeugnis von 
vielen Mitgliedern, die gesegnet worden 
waren, weil sie die Gebote des Herrn 
gehalten hatten, von Mitgliedern, die ihr 
Leben ändern mußten, bevor sie in den 
Tempel gehen konnten. Das hat uns 
wirklich geholfen. Und jede Woche 
bekamen wir einen anderen Auftrag aus 
dem Evangelium, den wir in unser 
Leben einbeziehen und während der 
Woche erreichen mußten." Bei Ab- 
schluß des Seminars hatten sie das 
Gefühl, daß sie vorbereitet waren, in den 
Tempel zu gehen, auch die erforderli- 
chen Unterredungen wurden geführt. 
„Am 9. November 1973 konnten wir 
unser Endowment empfangen, und wir 
wurden mit unseren Kindern Jon und 
Jamey für Zeit und Ewigkeit aneinander 
gesiegelt. Das war wirklich der schönste 
Tag in unserem Leben." 
Eine andere Schwester erzählt, wie sie 
und ihre Familie schließlich in den 
Tempel gehen konnten: „Der Haupt- 
grund, warum ich in der Kirche völlig 
inaktiv wurde, war vielleicht der, daß ich 
das Wort der Weisheit nicht befolgte 



und mich jedesmal sehr schuldig fühlte, 
wenn ich mit Mitgliedern zusammen 
war, die das taten, was sie tun sollten. 
Dann wurde mein Mann in einen an- 
deren Bundesstaat versetzt, und die 
Heimlehrer dort suchten uns auf. Sie 
hießen Bruder Fakatou und Bruder 
Marcek. Es machte einen großen Ein- 
druck auf mich, daß sie kein Aufhebens 
darüber machten, daß ich das Wort der 
Weisheit nicht befolgte; vielmehr spra- 
chen sie über andere Bereiche des Evan- 
geliums. Als sie uns immer wieder 
besuchten, wurde ihre Sorge und Liebe 
offensichtlich, und wir mußten an Zeiten 
denken, wo es uns besser ergangen war. 
Bruder Marcek holte unsere beiden 
Mädchen ab, um ihnen die Kaninchen 
zu zeigen, die er aufzog. Schwester 
Fakatou rief mich an, und wir plauder- 
ten miteinander wie alte Freunde. Es sah 
so aus, als würde sich die ganze Gemein- 
de um uns kümmern, obwohl wir nie zur 
Kirche gingen. Diese Heimlehrer und 
unsere neuen Freunde in der Gemeinde 
bewirkten, daß wir begannen das Wort 
der Weisheit und die anderen Gebote 
des Herrn zu befolgen, und schließlich in 
den Tempel gingen. Wir sahen, wie 
glücklich sie waren, weil sie das Richtige 
taten - und wir wußten, daß wir das 
auch erreichen konnten. Der Tag, an 
dem wir aneinander gesiegelt wurden, 
war der schönste in unserem Leben." 
Es gibt unzählige Zeugnisse wie diese, 
und die Umstände, die beschrieben wer- 
den, sind so verschieden wie die Men- 
schen, die es betrifft. Aber eines ist allen 
gemeinsam, die sich darauf vorbereite- 
ten, in den Tempel zu gehen. „Es war 
nicht annähernd so schwer, als wir es uns 
vorgestellt haben", sagte ein Ehepaar 
aus Kanada. „Wir dachten, wir würden 
es nie schaffen - - aber das war, bevor 
wir wirklich in uns gegangen waren und 
erkannt hatten, wo wir uns ändern 
mußten." Viele scheinen zu glauben, 



16 



jemand müsse vollkommen sein, um in 
den Tempel gehen zu können. Aber wer 
sich ernsthaft auf diese Segnungen vor- 
bereitet, erkennt, daß man ohne den 
Tempel niemals auf Vollkommenheit 
hoffen kann. Das Endowment und die 
Siegelung können die Heiligen erlangen, 
die bestimmte Bedingungen erfüllen; 
dadurch wird ihnen geholfen, Fort- 
schritt zu machen und sich zu ver- 
bessern. 

Aber für manche scheinen die Forde- 
rungen dennoch ziemlich hoch, und zwar 
so lange, wie sie sich nicht ernstlich 
darum bemühen, das zu tun, was sie tun 
sollen. 

Ein Ehepaar, das mit seiner Familie in 
den Tempel gehen möchte, um anein- 
ander gesiegelt zu werden, soll - - viel- 
leicht mit den Heimlehrern oder Prie- 
stertumsführern - - die oben angeführ- 
ten Bedingungen durchgehen, um fest- 
zustellen, was es zu tun hat. Gewöhnlich 
merken die Eheleute, daß sie in den 
meisten Bereichen bereit sind. Dann 
können sie einen Plan erstellen, auf dem 
sie festhalten, wie sie sich Schritt für 
Schritt in den anderen Bereichen vor- 
bereiten wollen und bis wann das ge- 
schehen soll. Meistens stellt es sich 
heraus, daß dies nicht so schwer ist, wie 
anfangs angenommen -- die Schwierig- 
keit liegt nur darin, daß man sich 
verpflichtet und damit beginnt. 
Der Lohn, den man dafür bekommt, 
daß man sich siegeln läßt, ist groß. Eine 
Tochter sagte: ,, Bevor Vati mit uns allen 
zum Tempel fuhr, war er herrisch und 
laut, und er verlor leicht die Be- 
herrschung. Jetzt ist er ruhig, höflich 
und liebevoll. Früher haßte ich ihn 
manchmal einfach. Dann sagte ich mei- 
ner Mutter, daß er für mich wie ein 
fremder Mann sei. Aber jetzt hat er 
einen so guten Geist; er strengt sich so 
an, um nach den Geboten zu leben, daß 
ich fast nicht glauben kann, daß er 



derselbe Mann wie früher ist. Es ist 
einfach herrlich. Und ich weiß, daß das 
nur daher kommt, daß er sich mit der 
Hilfe des Herrn geändert hat; daher 
konnte er mit uns allen zum Tempel 
fahren, damit wir als Familie gesiegelt 
werden konnten." 

„Nachdem er das in seinem Leben 
geändert hatte, wodurch er inaktiv ge- 
wesen war und weswegen er nicht in den 
Tempel gehen konnte, bereute mein 
Großvater sehr, daß er so viele Jahre 
verloren hatte. Immer wenn ein Baby 
gesegnet wurde, saß er still da und 
weinte, weil er nicht einmal zur Kirche 
gegangen war, als seine Kinder gesegnet 
wurden. Er hatte niemals das Priester- 
tum, das er trug, ausgeübt, um diese 
heilige Handlung selbst zu vollziehen. 
Nun war er sehr sanftmütig und demütig 
geworden und hatte Frieden mit sich 
selbst." 

„Früher haßte ich mich wegen des 
Schlechten, das ich tat. Ich wußte, daß 
ich mich und meinen Mann in geistiger 
Hinsicht bremste. Dann überwand ich 
nach und nach, was schlecht war, und 
wir bereiteten uns darauf vor, in den 
Tempel zu gehen. Es kommt mir vor,als 
ob ich jetzt ein neuer Mensch bin. Und 
jetzt weiß ich, daß mein Leben vor dem 
Herrn annehmbar ist. Es ist das schönste 
Gefühl, das ich jemals hatte." 
Aber die endgültige Segnung, die wir 
durch eine Siegelung erhalten, kann man 
in diesem Leben nicht sehen. An einem 
der letzten Fastsonntage erzählte eine 
Schwester von ihrem kleinen Sohn Paul. 
Paul war in einen Wassergraben in der 
Nähe ihres Hauses gefallen und er- 
trunken. Die Schwester erzählte, wie sie 
und ihr Mann hoffnungslos und restlos 
verzweifelt gewesen waren. Seit vielen 
Jahren waren sie ohne Kinder geblieben; 
Paul war nach mehreren Fehlgeburten 
geboren worden, nachdem sie viel ge- 

Fortsetzung Seite 23 



17 



Ich habe eine Frage 



Die Antworten sollen Hilfe und Ausblick geben, 
sind aber nicht als offiziell verkündete Lehre der 
Kirche zu betrachten. 



Warum ist es wichtig, nach einem 
Gebet oder einer Rede laut ,Amen' 
zu sagen? 




Robert F. Clyde 

Präsident des Pfahles Heber, Utah 



Die Verwendung des Wortes „Amen" 
reicht Jahrtausende zurück, genauer 
gesagt, immer dann, wenn die Kirche 
auf Erden war, war „Amen"der 
vorgesehene Abschluß von Gebet und 
Predigt. 

Im Alten Testament endet David den 
106. Psalm mit den Worten: „Gelobt 
sei der Herr, der Gott Israels, von 
Ewigkeit zu Ewigkeit, und alles Volk 
spreche: Amen!" (Psalm 106:48.) 
Der Herr sprach durch Mose über den 
Götzendienst und sagte: „Verflucht 
sei, wer einen Götzen oder ein ge- 
gossenes Bild macht, einen Greuel für 
den Herrn, ein Werk von den Händen 
der Werkmeister, und es heimlich auf- 
stellt! Und alles Volk soll antworten 
und sagen: Amen" (5. Mose 27:15). 
In der Mitte der Zeiten schloß der Er- 
löser das Vaterunser mit dem Wort 
„Amen", und Paulus lehrte es die 
Korinther (1. Korinther 14:16). 
Bruce R. McConkie vom Rat der 
Zwölf hat gesagt: „Es gibt ungefähr 
zwanzig Stellen in der Bibel, wo dieser 



Ausdruck verwendet wird, fast doppelt 
so viele im Buch Mormon, und fast 
jede Offenbarung im Buch , Lehre und 
Bündnisse 1 endet so" (Mormon Doc- 
trine, S. 32). 

Die präsidierenden Brüder heute ha- 
ben uns folgendes gesagt: 
„Auf unseren kirchlichen Zusammen- 
künften klingt das gemeinsame 
„Amen" nach Gebeten und Reden im- 
mer schwächer. Alle Anwesenden sol- 
len es aber vernehmlich sprechen und 
dadurch bekunden, daß sie das Gesag- 
te gutheißen. Überall in der Kirche 
muß daher wieder einmal Nachdruck 
darauf gelegt werden, daß auf allen 
Zusammenkünften das Amen von den 
Anwesenden mitgesprochen werden 
soll" (Priestertumsnachrichten, Nr. 5., 
Oktober 1973, S. 4). 
Da wir die Anweisung bekommen ha- 
ben, das Gebet und jede Rede mit 
Amen zu beenden, müssen wir auch 
wissen, warum. Viele meinen, daß sie 
mit dem Amen nur ausdrücken, daß 
sie mit dem, was gesagt wurde, einver- 
standen sind, oder das Wort „Amen" 
bedeute, „so sei es"; in Wirklichkeit 
bedeutet es aber viel mehr. 
Grundsätzlich sind die Heiligen ein 
Volk, das mit Gott Bündnisse schließt. 
Wir schließen das Bündnis der Taufe, 
nehmen das Abendmahl, empfangen 
das Priestertum, das Endowment und 
die Siegelung der Ehe. Mit dem Wort 
„Amen"drücken wir aus, daß wir ein 
Bündnis schließen; wir drücken nicht 
nur hörbar aus, daß wir mit dem, was 
gesagt worden ist, einverstanden sind, 
sondern wir versprechen auch, daß wir 
die Grundsätze, die gelehrt worden 
sind, befolgen werden. 
Wenn wir einer Rede oder einem Ge- 



18 



Der Freund 

11/1978 





Ich bin 

ein Kind des 

Herrn 

Robert D. Haies 

vom Ersten Kollegium der Siebzig 





Ich freue mich, daß ich 
heute für die Kinder, 
die den Kleinen Stern 
lesen, etwas schreiben 
kann. Ich möchte ih- 
nen von einer schönen und wichti- 
gen Evangeliumswahrheit erzählen, 
die wir alle verstehen und an die wir 
unser ganzes Leben lang denken 
sollen. 

Diese große Wahrheit ist in dem 
Lied „Ich bin ein Kind des Herrn" 
enthalten; die Worte hat Schwester 
Naomi W. Randall geschrieben, die 
Melodie Mildred W. Pettit. Nicht 
jeder weiß, daß er ein Kind Gottes 
ist. Wenn wir die heilige Schrift lesen 
und auf die Worte unserer Pro- 
pheten hören, beginnen wir, diese 
Wahrheit und alle Grundsätze des 
Evangeliums zu verstehen. In der 
Köstlichen Perle steht, daß wir als 
Geistkinder bei unserem Vater im 
Himmel gewohnt haben, bevor wir 
auf diese Erde gekommen sind. 
Dort wurde eine große Rats- 



versammlung abgehalten, bei der 
uns gesagt wurde, daß der Vater im 
Himmel es unserem Geist ermög- 
lichen würde, auf die Erde zu kom- 
men und in einem sterblichen Kör- 
per zu wohnen. Hier würden wir 
vieles lernen, aber auch versucht 
werden; aber weil der Vater im 
Himmel uns so sehr liebt, wollte er, 
daß wir zu ihm zurückkommen und 
wieder bei ihm leben können; er 
machte dies auch für uns möglich. 
Bei dieser Versammlung waren alle 
Kinder des himmlischen Vaters an- 
wesend. Wir freuten uns so über den 
Plan des Vaters, daß wir 
,,jauchzten"(Hiob 38:7). Aber wir 
mußten auch eine Entscheidung 
darüber treffen, welches der Geist- 
kinder unseres Vaters auf die Erde 
kommen und seinen Plan ausführen 
sollte. 

Luzifer war einer der strahlendsten 
Geistsöhne unseres Vaters im Him- 
mel. Er bat darum, auf die Erde 
gesandt zu werden; hier wollte er uns 



1 









/ f» 



alle dazu zwingen, in die Gegenwart 
des Vaters zurückzukehren, ohne 
daß wir für uns selbst wählen konn- 
ten, ob wir das Rechte tun wollten 
oder nicht. 

Luzifer war eitel und sehr selbst- 
süchtig, denn er wollte dafür, daß 
der Plan des Herrn gelang, alle Ehre 
und Herrlichkeit für sich selbst ha- 
ben. Weil sein Plan nicht angenom- 
men wurde, wurde Luzifer böse und 
begann einen Aufruhr. Er und ein 
Drittel der Geistkinder, die ihm 
folgen wollten, wurden aus dem 
Himmel ausgestoßen. Luzifer — der 
Name bedeutet auch Morgenstern 
— erfuhr, daß er von nun an der 
Satan oder auch der Teufel genannt 
werden würde. 

Der Satan und die, die ihm nach- 
folgten, bekamen die Erlaubnis, auf 
die Erde zu kommen und uns zu 
versuchen; sie dürfen auch versu- 
chen, uns zum Schlechten zu be- 
wegen. Aber keiner von ihnen hat 
einen sterblichen Körper. Sie sind 
eifersüchtig, weil wir einen Körper 



haben, und sie tun alles, was sie 
können, um zu verhindern, daß wir 
in die Gegenwart des Herrn zurück- 
kehren. 

Jesus, der älteste Sohn des Vaters, 
bot sich auch an, den Plan des Herrn 
auszuführen. Dieser Plan wurde 
schon in vielen Welten vor der 
unseren durchgeführt; er gewährte 
uns Entscheidungsfreiheit oder das 
Recht, selbst zu bestimmen, wie wir 
leben wollten. Weil Jesus, unser 
ältester Bruder, uns so sehr liebt, 
wollte er einen sterblichen Körper 
wie wir annehmen, um uns zu zei- 
gen, wie man richtig lebt. Außerdem 
war er bereit dazu, sein Leben zu 
opfern, damit uns auf wunderbare 
Weise die Vergebung unserer Sün- 
den möglich wäre, wenn wir Buße 
tun und uns entschließen, hier auf 
Erden rechtschaffen zu leben. 
Jesus wußte, daß wir in Versuchun- 
gen manchmal dazu verleitet wer- 
den würden, uns für das Falsche zu 
entscheiden. Aber mit seinem Plan 
konnten wir erkennen, wenn wir 






etwas falsch gemacht haben, konn- 
ten dafür Buße tun und Vergebung 
erlangen. Buße tun heißt, daß man 
wirklich traurig ist, daß man sich 
von dem abwendet, was man falsch 
gemacht hat, Vergebung sucht und 
sich dann von ganzem Herzen be- 
müht, besser zu leben. 
Wir erkannten als Geister, was für 
eine große Segnung es ist, einen 
Körper zu erhalten und selbst wäh- 
len zu dürfen, was man tun möchte. 
Wir erfuhren auch, daß wir jedes- 
mal, wenn wir uns für das Richtige 
entscheiden würden, mehr Wissen 
erlangen und unseren Charakter 
verbessern und anderen Menschen 
besser helfen lernten. Schließlich 
sollten wir dadurch vollkommen 
werden, selbst wie unser Vater im 
Himmel vollkommen ist. 
Und so entschlossen wir uns dafür, 
den Weg zu gehen, den Jesus bereitet 
hat, als er den Plan des Vaters 
ausführte. 

Weil wir wissen, daß jeder von uns 
ein Kind Gottes ist, verstehen wir 



die schönen Worte in dem Lied „Ich 
bin ein Kind des Herrn" besonders 
gut. Je besser wir die Worte des 
Liedes verstehen, umso größer wird 
unser Zeugnis. Dann werden wir 
hoffentlich entschlossen „nein" 
sagen, wenn wir versucht werden, 
etwas Falsches zu tun. 
Unser Vater im Himmel liebt uns 
inniger, als wir begreifen können. Er 
hat gesagt, daß er „sein Volk gezählt 
habe" und daß jeder von uns wichtig 
für ihn ist. Er möchte, daß wir 
zurückkehren und wieder bei ihm 
und Jesus leben. Er möchte, daß wir 
mit ihm im Gebet sprechen, ihm 
sagen, daß wir ihn lieben und unsere 
Liebe dadurch zeigen, daß wir seine 
Gebote halten. Durch Gehorsam 
können wir ihm ähnlich werden und 
die Charaktereigenschaften ent- 
wickeln, die er bei seinen Kindern 
sehen möchte. 

Dieses Leben hier auf Erden ist 
wichtig, um Fortschritt zu machen. 
Hier können wir als Brüder und 
Schwestern die Freude erleben, die 



man spürt, wenn man anderen hilft 
und sich gemeinsam auf das ewige 
Leben vorbereitet. 
Adam und Eva waren die ersten 
Eltern auf der Erde. Sie gebrauchten 
ihre Entscheidungsfreiheit um zu 
wählen, welchen Gesetzen sie ge- 
horchen wollten. Sie wollten Eltern 
werden und Kinder haben, die sie zu 
Hause liebevoll im Evangelium 
unterweisen wollten. Auch eure El- 
tern haben sich dafür entschieden, 
euch und eure Brüder und Schwe- 
stern auf die Welt zu bringen, damit 
weitere Geistkinder unseres Vaters 
im Himmel auf die Erde kommen 
konnten. 

Mit unserer irdischen Geburt haben 
wir das Leben im Himmel als Geist- 
kinder Gottes vergessen. Doch der 
Heilige Geist kann jedem davon 
Zeugnis geben, daß er tatsächlich 
ein geistiges Kind Gottes ist, genau- 
so wie er ein irdisches Kind seines 
Vaters und seiner Mutter ist. Wenn 
wir wissen, wer wir sind, was wir tun 
sollen und wohin wir kommen, 
dann sind wir glücklich, und unser 
Leben hat einen Zweck. 
Der Vater im Himmel beabsichtigt 
für unsere lieben Eltern, daß sie im 
Himmel auch mit uns zusammen 
sein sollen. Dort werden wir zu- 
sammen als eine ewige Familie le- 
ben. Genauso, wie wir unserem 
Vater im Himmel zeigen, daß wir 
ihn lieben, wenn wir seinen Gesetzen 
und Geboten gehorchen, so ehren 
wir unsere irdischen Eltern, wenn 
wir sie lieben und ihnen gehorchen. 
Um in die Gegenwart des Vaters im 
Himmel zurückzukehren, müssen 
wir unsere Entscheidungsfreiheit so 



gebrauchen, daß wir uns für das 
Richtige entscheiden. Wir müssen 
seinen Geboten gehorchen und auf- 
richtig Buße tun, wenn wir etwas 
falsch gemacht haben. Wie werden 
das Richtige tun , wenn wir auf 
unsere Eltern, unsere PV- und Sonn- 
tagsschullehrerin und auf die 
Menschen hören, die uns wirklich 
gerne haben. 

Obwohl es nicht möglich ist, daß sie 
uns überallhin begleiten, können wir 
doch spüren, daß sie uns lieben und 
für uns beten. Sie wollen nur, daß 
wir glücklich sind. Sie wissen aus 
Erfahrung, daß dies nur dann mög- 
lich ist, wenn wir rechtschaffen le- 
ben. 

Wir können auch vom Heiligen 
Geist geführt werden, wenn wir so 
leben, daß wir dazu würdig sind. 
Jede Woche nehmen wir am Abend- 
mahl teil, um uns an Jesus Christus 
und daran zu erinnern, was er für 
uns getan hat. Uns wird gesagt, daß 
wir seinen Geist immer bei uns 
haben werden, wenn wir seine Ge- 
bote halten und immer an ihn denk- 
en. Mit der Führung des Heiligen 
Geistes können wir unseren Weg 
zurück in die Gegenwart unseres 
Vaters im Himmel finden. 
Doch nur wenn wir das tun, was wir 
gelernt haben, können wir eines 
Tages in unser himmlisches Zu- 
hause zurückkehren und immer mit 
dem Vater, mit seinem Sohn Jesus 
Christus und mit all denen leben, die 
wir liebhaben. 

Wir können ein glücklicheres Leben 
führen, wenn wir die Worte „Ich bin 
ein Kind des Herrn"ganz verstehen 
lernen. 




Von Freund zu Freund 



J. Richard Clarke 

Zweiter Ratgeber des Präsidierenden Bischofs 



Seit ich der Präsidierenden Bischof- 
schaft angehöre, habe ich die Mög- 
lichkeit, in den Wohlfahrtsdiensten 
der Kirche mitzuarbeiten. Dies war 
für mich eine der bisher interessan- 
testen Aufgaben. 1936 wurde das 
Wohlfahrtsprogramm eingeführt, 
als Heber J. Grant Präsident der 
Kirche war. Es hat sich so aus- 
geweitet, daß es jetzt viele verschie- 
dene Bereiche unseres Lebens um- 
faßt. 

Die meisten von euch wissen, daß 
durch die Wohlfahrtsdienste für 
die!Armen und Bedürftigen gesorgt 
und denen geholfen wird, die nicht 
so viel haben wie wir. Vielleicht habt 
ihr schon einmal die Möglichkeit 
gehabt, mit eurer Familie an einem 
Wohlfahrtsprojekt mitzuarbeiten. 
Ich kenne eine Familie, die mit ihren 



Kindern zu einer Wohlfahrtsfarm 
im Salzseetal fuhr. Die Kinder, die 
drei, zehn und elf Jahre alt waren, 
jäteten mit ihrem Vater in einem 
Zuckerrübenfeld das Unkraut. Als 
die Arbeit immer schwerer wurde, 
hörte das zehnjährige Mädchen 
plötzlich zu arbeiten auf und wandte 
sich an ihren Vater und fragte: 
„Warum tun wir denn das, Vati?" 
Er erklärte ihr, daß die Zuckerrüben 
durch ihre Arbeit besser wachsen 
können. Die Rüben würden wachs- 
en und geerntet werden, der Zucker 
hergestellt und in das Vorratshaus 
des Bischofs gebracht werden. Der 
Zucker und andere verschiedene 
Nahrungsmittel, die von Wohl- 
fahrtsfarmen der Kirche stammen, 
kommen in das Vorratshaus des 
Bischofs, damit man sie Mitgliedern 



der Kirche geben kann, die nicht 
genügend Geld haben, um sich 
Nahrungsmittel zu kaufen. 
Doch die Wohlfahrtsdienste umfas- 
sen mehr als das. Durch sie lernen 
und planen wir, wie wir uns selbst 
und unserer Familie in vielen Be- 
reichen helfen können. 
Vor mehr als hundert Jahren gab 
Brigham Young den Müttern und 
Vätern in der Kirche den folgenden 
Rat: 

„Wenn die kleinen Mädchen eine 
Puppe haben wollen, sollen sie eine 
bekommen? Ja. Aber muß man die 
Puppe zum Schneider tragen, damit 
sie Kleider bekommt? Nein. Die 
Mädchen sollen lernen, die Klei- 
dung ihrer Puppen selbst zu schnei- 
dern, und ein paar Jahre danach 
werden sie für sich selbst und andere 
die Kleidung nähen können. Die 
Jungen sollen Werkzeug besitzen 
und ihre eigenen Schlitten, Wagen 
usw. basteln. Wenn sie groß sind, 
können sie mit dem Werkzeug um- 
gehen und selbst einen Karren, ein 



Haus oder sonst etwas 
bauen"(Discourses of Brigham 
Young, S. 210). 

Junge Freunde, es ist heute genauso 
notwendig wie damals, daß die Jun- 
gen und Mädchen lernen, Dinge 
selbst herzustellen. Wenn ihr klein 
seid, sollt ihr die Fertigkeiten lernen, 
die ihr später, wenn ihr älter seid, 
braucht. Ihr Mädchen und Jungen 
sollt heute lernen, wie man kocht, 
näht und etwas zusammenbaut. Ihr 
könnt daran Spaß haben und zu 
gleicher Zeit lernen und eurer Fami- 
lie helfen. 

Der Prophet, Spencer W. Kimball, 
hat noch auf andere Möglichkeiten 
hingewiesen, wie wir uns selbst und 
anderen helfen können. Er hat jede 
Familie in der Kirche aufgefordert, 
sich einen Jahresvorrat an Nah- 
rungsmitteln und Kleidung zu schaf- 
fen. Er hat auch jede Familie aufge- 
fordert, einen Garten anzulegen. 
In Virginia hatte eine Familie mit 
acht kleinen Kindern einen großen 
Garten, wo jedes Kind für ein Pflan- 




zenbeet sorgen mußte. Das Kind hat 
gelernt, wie es seinen Teil des Gar- 
tens bearbeitet, und der ganzen 
Familie war damit geholfen. 
Zwei Jungen in einer anderen Fami- 
lie bekamen den Auftrag, eine Liste 
darüber anzulegen, welche Nahr- 
ungsmittel die Familie gelagert hat- 
te. Sie hatten die wichtige Aufgabe, 
immer darauf zu achten, welche 
Nahrungsmittel da waren, und die 
Eltern wissen zu lassen, wann etwas 
nachgekauft werden sollte. 
Ob ihr nun ein Stück Garten be- 
arbeitet, ob ihr über den Lebens- 
mittelvorrat Buch führt, ob ihr näht, 
kocht, baut oder eine andere wichti- 
ge Fertigkeit erlernt: je mehr ihr 
wißt und tut, desto eher könnt ihr 
eurer Familie helfen. Es ist sehr 
schön, heranzuwachsen und die 
Fertigkeiten zu erlernen, die euch 
eines Tages helfen werden, eine gute 
Mutter oder ein guter Vater zu sein! 
Ich habe nur ein paar Möglichkeiten 
aufgezählt, wie junge Menschen an 
den Wohlfahrtsdiensten der Kirche 



teilhaben können. Wenn ihr lernt, 
eurer Familie helft und eurem 
Nächsten und Freunden dient, wer- 
det ihr sehr glücklich sein, und unser 
Vater im Himmel wird euch für eure 
Glaubenstreue segnen. Wir lesen im 
Buch , Lehre und Bündnisse': 
„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: 
Ihr seid kleine Kinder und habt noch 
nicht verstanden, welch große Se- 
gnungen der Vater in seinen Händen 
und für euch bereitet hat . . . Das 
Reich und seine Segnungen samt 
den Schätzen der Ewigkeit sind euer 
. . . Tut also die Dinge, die ich euch 
geboten habe" (LuB 78:17, 18, 20). 





Ja, gibt's 
denn 
das? 



Siehst du zwei Gesichter 
oder eine Vase? 



Endloser 
Fortschritt 
ist hier 
möglich, 
aber er führt 
zu nichts. 




w 

mm 




Verbinde die Punkte von 1-34. 



.«9 
18, 



2.0 



Z7 • 



• 2b 



za 







bet zuhören und dabei daran denken, 
daß wir unsere Zustimmung dazu mit 
einem hörbaren Amen geben sollen, 
erreichen wir damit mehrere s. 
Erstens werden wir uns mehr auf das 
konzentrieren, was gesagt wird, und 
wenn wir hören, daß Grundsätze, die 
wir schon vorher verstanden oder 
Bündnisse, die wir geschlossen haben, 
erwähnt werden, werden wir uns ihnen 
von neuem weihen. Dann geloben wir 
in unserem Herzen erneut, was wir bei 
der Taufe, bei Unterredungen mit 
Priestertumsführern und im Tempel 
versprochen haben, und wir strengen 
uns mehr an, rechtschaffen zu leben. 
Zweitens werden wir dadurch oft im- 



stande sein, unser Versprechen, gehor- 
sam zu sein, auszuführen, denn Gott 
hat gesagt: „Gehorsam ist besser als 
Opfer und Aufmerken besser als das 
Fett von Widdern" (1. Samuel 15:22). 
Drittens wird durch unser gemeinsa- 
mes Amen die Einigkeit und das gute 
Verhältnis unter den Anwesenden ge- 
fördert; außerdem können die Heili- 
gen dadurch geistig wachsen. 
Wenn wir „Amen" sagen, bringen wir 
zum Ausdruck, daß wir die Weisungen 
der Führer der Kirche befolgen wol- 
len. Dies ist für Gott hinlänglich 
Grund und für uns daher zwingend. 
Wenn wir uns danach halten, werden 
wir immer glücklich sein. 



Das einzige Kind, das wir bisher 
haben, ist vor kurzem gestorben. 
Wir wissen, daß es in der Ewigkeit 
zu unserer Familie gehören wird, 
aber wir fragen uns, was wir tun 
können, damit es auch ein Teil 
unserer Familie hier auf Erden ist, 
wenn wir weitere Kinder haben 
werden. 




Marvin R. Van Dam 

Ratgeber des Bischofs der 20. Gemeinde in 
Holladay, Pfahl Salt Lake Olympus 



Die Erinnerung unserer Familie an 
unseren kleinen Patrick begann, als 
ich sein Grab an einem wunder- 
schönen Augustnachmittag im Jahre 
1972 weihte. 

Patrick wurde in Abington in Pennsyl- 
vanien geboren, aber es gab bei der 
Geburt Komplikationen, deswegen 
lebte er nur sechs Tage. Wir wohnten 
gerade in der Nähe eines kleinen 
Friedhofs, aber wir beschlossen, daß 
wir ihn dort begraben wollten, wo wir 
endgültig wohnen würden — oder zu- 
mindest in einer Gegend, wo wir 
leichter hinkommen konnten. Wegen 
meines Berufs waren wir viele Jahre 
lang gezwungen, oftmals umzuziehen. 
Daher fand das Begräbnis in Utah 
statt, wo wir aufgewachsen waren und 
wo auch unsere Eltern lebten. Inzwi- 
schen waren wir in zwei verschiedenen 
europäischen Ländern und kamen 
schließlich nach Utah zurück. Wir 
sind froh darüber, diese Entscheidung 
getroffen zu haben. 



19 



Im Weihungsgebet, das ich am Grab 
sprach, bat ich inständig, daß unsere 
Familie so leben möge, daß wir eines 
Tages würdig sein werden, an diesen 
vollkommenen Ort zu gelangen, wo 
Patrick jetzt ist. Jetzt, nach sechs Jahr- 
en, beten wir noch immer oft um diese 
Segnung, und wir haben festgestellt, 
daß dies unserer Familie viel Kraft 
gibt und sie auch anspornt, daran zu 
arbeiten, diesem Ziel näherzukommen. 

Wir beten nicht nur darum, daß wir 
diesen lieben Sohn und Bruder eines 
Tages wiedersehen und mit ihm zu- 
sammen sein können, sondern wir 
meinen auch, daß wir für seinen 
gegenwärtigen Erfolg und für sein 
Wohlergehen beten sollen. Natürlich 
wissen wir, daß es ihm gutgeht, denn 
der Herr hat ja die Verheißung gege- 
ben, daß kleine Kinder vollkommen 
und würdig sind, in sein Reich einzu- 
gehen. 

Da wir jetzt so nahe beim Friedhof 
wohnen, gehen wir von Zeit zu Zeit 
dorthin, um gemeinsam als Familie 
dort ein Gebet zu sprechen. Manch- 
mal sagt eines unserer Kinder: „Kön- 
nen wir bitte bei Patricks Grab vorbei- 
gehen und ein Gebet sprechen?" Wenn 
wir dies tun, bietet sich uns immer ei- 
ne gute Gelegenheit, die Kinder in 
wichtigen, heiligen und ewigen 
Angelegenheiten zu belehren. 

Wir sind der Meinung, daß Patrick ge- 
nauso ein Teil unserer Familie ist wie 
jedes lebende Kind, und deshalb denk- 
en wir auch an seinen Geburtstag; 
selbst ein Geburtstagskuchen wird zu 
seinen Ehren gebacken. Wir ziehen 
großen Nutzen daraus, daß unsere 
Kinder unseren Glauben daran sehen, 
daß Patrick tatsächlich lebt, daß sein 
kleiner Körper einmal auferstehen 
wird und daß wir ewig als Familie zu- 
sammen sein können. 



Vier unserer Kinder wurden nach Pa- 
tricks Tod geboren, und wir sind froh, 
daß wir für ihn ein Buch der Er- 
innerung angelegt haben, um uns an 
ihn zu erinnern. Es enthält seine Ur- 
kunden, Photos aus dem Krankenhaus 
und vom Begräbnis, Korrespondenz 
über ihn und andere kleine Schätze. 

Wenn wir den Kindern dieses Buch 
der Erinnerung zeigen, bleibt Patrick 
den Kindern, die ihn gekannt haben, 
weiter im Gedächtnis, und für die 
Kinder, die ihn nicht gekannt haben, 
wird er zu einer wirklichen Persönlich- 
keit. 

Meine Frau und ich sind außer- 
ordentlich dankbar dafür, daß der 
Herr uns die Gnade der Geburt und 
des Todes dieses kleinen Jungen ge- 
währt hat. Dies wurde zu einem der 
schönsten und geistigsten Erlebnisse, 
die wir als Familie seit unserer Ehe- 
schließung gehabt haben. Der Herr 
hat uns die Gegenwart und selbst den 
Tod Patricks so schön gemacht; wir 
halten nicht nur die Erinnerung an Pa- 
trick selbst hoch, sondern auch die Er- 
innerung an diese besonderen und hei- 
ligen Tage, die wir damals mit- 
einander verbracht haben. Damals 
studierten wir die Lehren der Kirche 
und was über kleine Kinder, die ster- 
ben, aufgezeichnet ist, so genau wie 
nur möglich. Wir als Eltern und als 
Familie können schwer ausdrücken, 
wie dankbar wir dafür sind, daß so 
herrliche Segnungen für die Zukunft 
darauf verheißen sind. Ich möchte be- 
tonen, daß wir als Familie nicht dau- 
ernd an Patrick denken und auch 
nicht dauernd von ihm sprechen, aber 
wir arbeiten bewußt daran, daß wir 
ihn nicht vergessen, ebensowenig wie 
die besondere Aufforderung und Ver- 
heißung, die unsere Familie durch ihn 
erhalten hat. 



20 



„Ich wurde zur FHV-Leiterin 
unserer Gemeinde berufen und weiß 
nicht, was ich tun soll. Ich bin nicht 
der Typ, eine leitende Beamtin zu 



sein' 




Eugenia T. Herlin 

Pfahl-FHV-Leiterin des Pfahles Boston, 
Massachusetts 



Es schien mir immer, daß der Herr 
mindestens zwei wichtige Gründe 
haben muß, wenn jemand zu einer 
Aufgabe berufen wird. Der eine ist 
der, daß wir anderen dienen und ihnen 
dabei helfen sollen, Fortschritte zu 
machen. Der andere ist der, daß wir 
selbst auch Fortschritt machen sollen. 
Wenn wir zu einem leitenden Amt 
berufen werden, dann können wir 
sicher sein, daß der Herr uns dabei 
helfen wird, die notwendigen Fähig- 
keiten zu entwickeln - - vorausgesetzt, 
daß wir uns entsprechend anstrengen 
wollen. Und dabei geht es insbesonde- 
re darum, daß wir uns selbst alles 
richtig einteilen. 

In erster Linie ist es wichtig und uner- 
läßlich, daß man seine Aufgabe kennt. 
Jede Leiterin, der die vielen verschie- 
denen Aspekte der FHV bewußt sind, 
macht sich verständlicherweise Ge- 
danken über ihre Berufung. Sie muß 
das gesamte Programm der FHV gut 
verstehen. Aber wie? 



Zuerst gibt es eine grundlegende 
Informationsquelle: das Handbuch. Es 
soll gebeterfüllt immer wieder gelesen, 
der Inhalt analysiert und Wichtiges 
unterstrichen werden. Dieses Buch 
enthält Offenbarung, Anleitung, Er- 
fahrungen, Beurteilung und Rat- 
schläge für die FHV; außerdem er- 
klärt es das Programm. Der Geist 
wird das Verständnis der neuen Leite- 
rin erleuchten, wenn sie einen Absatz 
nach dem anderen liest. 
Nachdem sie das Handbuch gelesen 
und die Führung des Herrn gesucht 
hat, kann die neue Leiterin mit ihrer 
Vorgängerin zusammenkommen, um 
mit ihr über die gegenwärtig starken 
und schwachen Punkte der FHV zu 
sprechen und um Berichte und Unter- 
lagen zu übernehmen. 
Die Leiterin muß vieles über jede 
einzelne Frau wissen, der sie dienen 
soll: Ist sie aktiv oder inaktiv? Ver- 
heiratet oder ledig? Ist sie zu Hause 
oder berufstätig? Wo wohnt sie? Wel- 
che Fähigkeiten hat sie, und welche 
Erfahrungen hat sie in der Kirche 
gemacht? Wenn die Leitung 
zusammenkommt, um gebeterfüllt die 
anderen Beamtinnen und Lehrerinnen 
auszusuchen, soll sie noch einmal im 
Detail die Aufgaben jeder Berufung 
durchgehen, um die Fähigkeiten jeder 
Schwester zu berücksichtigen. Sie soll 
dem Bischof eine Liste mit den Ver- 
sammlungen geben, die eine Schwe- 
ster, die zu einem Amt vorgeschlagen 
ist, besuchen soll; ferner sollen darauf 
ihre Aufgaben vermerkt sein. Wenn 
sie berufen wird, kann e keine Miß- 
verständnisse geben, und der Bischof 
kann betonen, wie wichtig die Schul- 
ung ist, die die Schwester erhalten 
kann. Gewöhnlich hat er all diese 
Informationen nicht bei der Hand, 
wenn sie die FHV-Leiterin oder die 
Bildungsratgeberin nicht zusammen- 



21 



stellt. Liegen sie ihm aber in geschrie- 
bener Form vor, kann er sie mit der 
Schwester, die berufen werden soll, 
durchgehen und sie ihr geben. Eine 
genaue Aufstellung davon, was erwar- 
tet wird, ist die beste Garantie für 
hingebungsvolle Arbeit. Dieselbe Sorg- 
falt sollte man dort walten lassen, wo 
man die Aufgaben der 
Besuchslehrerinnen aufschreibt, bevor 
diese berufen werden. Wenn man mit 
den Besuchslehrerinnen vierteljährlich 
eine Unterredung führt, werden diese 
ebenso wie die Leitung geistig auf- 
gerichtet; so trägt jeder dazu bei, daß 
man sich um jede Schwester kümmert. 
Unser Regionalrepräsentant, Bryant 
W. Rossiter, hat uns als Führungs- 
beamte ausgezeichnete Ratschläge und 
Anregungen gegeben. Er hat gesagt: 
(1) Ein erfolgreicher Führungsbeamter 
macht es den Menschen, die er führt, 
möglich, selbst erfolgreich zu sein. (2) 
Jeder Auftrag soll unmißverständlich 
ausgesprochen werden, damit er in 
einer bestimmten Zeit erfüllt werden 
kann. (3) Es soll ein Datum dafür 
festgelegt werden, wann über die Er- 
gebnisse berichtet und der Auftrag 
erfüllt werden soll; zur geplanten Zeit 
soll dann darüber berichtet werden. 
Bestimmte, immer gleichbleibende 
Aufgaben sollen sorgfältig geplant und 
eingeteilt werden. Diese Einteilung 
bildet dann für die Leitungsbeamti- 
nnen einen Arbeitsrahmen. Solche 
Arbeiten brauchen nicht länger dis- 
kutiert zu werden, man braucht keine 
größeren Entscheidungen zu treffen. 
Die Aufgaben sollen unter der Leitung 
verteilt werden. Jede Schwester weiß 
dann, welchen Bereich sie überwachen 
und worüber sie berichten soll. Dies 
trifft auch für die Tagesordnung aller 
Versammlungen und Sitzungen zu. 
In machen Gebieten der Kirche 
treten ungewöhnliche Schwierigkeiten 



auf. In unserem Pfahl umfaßt beinahe 
jede Gemeinde ein geographisches 
Gebiet von annähernd 770 km 2 . Die 
Schwestern wohnen in kleinen Sied- 
lungen, allein oder in einer Stadt. Wir 
haben den Schwestern vorgeschlagen, 
einen genauen Plan der Gemeinde 
anzuschaffen und den Wohnort jeder 
Schwester genau zu markieren. 

Der Kirche schließen sich so viele 
neue Bekehrte an, und die Mit- 
gliederschaft ändert sich so sehr, daß 
es unbedingt notwendig ist, daß die 
Mitgliedsscheine auf dem laufenden 
und die Besuchslehrdistrikte richtig 
eingeteilt sind; wenn man sich daran 
hält, kann das bedeuten, daß ein Mit- 
glied entweder aktiv ist und Fort- 
schritt macht; andernfalls aber kann 
es übersehen werden und letzten En- 
des verloren gehen. Ein erfreulicher 
und wesentlicher Teil der Aufgabe 
einer FHV-Leiterin im Missionars- 
programm der Kirche ist es, immer 
auf neue Schwestern zu achten und sie 
willkommen zu heißen. 

Das vorher Gesagte ist das Wesentli- 
che eines Führungsgremiums — es 
muß sich organisieren, bereit sein zu 
arbeiten und vorbereitet, den „Odem 
des Lebens"(L Mose 2:7) zu empfan- 
gen. Ich möchte von einem Tele- 
phonanruf erzählen, den ich kürzlich 
erhalten habe, um zu veran- 
schaulichen, wie der Herr den Odem 
des Lebens in diese Körperschaft 
bringt. 

Eine relativ neue GemeindeFHVLei- 
terin rief mich eines Morgens sehr 
früh an, um mir glücklich und be- 
geistert von einer besonderen Be- 
amtinnen- und Lehrerinnenversamm- 
lung zu erzählen, die sie am Abend 
zuvor abgehalten hatten. Sie hatten 
gefastet und waren zusammen- 
gekommen, um demütig um den Geist 



22 



zu bitten, damit ihre Anstrengungen 
gesegnet sein mögen. Eine Schwester 
erzählte, wie sie wieder aktiv gewor- 
den war, weil sie in die FHV gekom- 
men war und die Besuchslehrerinnen 
sie besucht hatten; sie erzählte von der 
Liebe und Hingabe, die diese Schwe- 
stern ihr gezeigt hatten. Eine andere 
Schwester sprach davon, welche Se- 
gnungen sie erhalten hatte, weil sie die 
Schrift gebeterfüllt gelesen und daraus 
unterrichtet hatte; eine weitere Schwe- 



ster sprach über die wahre Bedeutung 
eines Zeugnisses und darüber, was es 
heiße, Jesus Christus als Sohn Gottes 
anzuerkennen und zu wissen, daß das 
Evangelium wahr ist. Diese Schwe- 
stern sangen gemeinsam und hörten 
die Zeugnisse, der Geist des Herrn 
einte sie, und sie fühlten Frieden und 
Freude. Die Liebe und Freude, die 
diese Schwestern in sich haben, wird 
bestimmt ein Segen für die ganze 
Gemeinde sein. 



Im Ebenbild Gottes (Fortsetzung von Seite 3) 
Frau solle nach ihrem Manne gehen, er 
aber solle ihr Herz sein, so muß dies 
doch so verstanden werden, daß es in 
Liebe und nicht mit Tyrannei geschieht. 
Gott herrscht niemals mit Gewalt, es sei 
denn, die Menschen seien so verderbt, 
daß sie nicht mehr lebensfähig 
sind" (Evangeliumslehre, 1970, Seite 
307 f.). 



„Und Gott schuf den Menschen zu 
seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er 
ihn; und schuf sie als Mann und Weib" 
(1. Mose 1:27). 

Ehemänner und Ehefrauen, lassen Sie 
uns weiterhin bestrebt sein, in seinem 
Ebenbild zu sein, indem wir gemäß dem 
Gesetz der Liebe leben. Denn Gott ist 
Liebe. 



Der schönste Tag ihres Lebens 

(Fortsetzung von Seite 17) 

betet hatten. Von Anfang an erkannten 
sie in ihm Intelligenz, Liebe und eine 
starke, gehorsame Persönlichkeit. Das 
Ehepaar freute sich so sehr über Paul; 
als er starb, litten die beiden sehr. 
Drei Wochen nach diesem traurigen 
Erlebnis stand die Schwester vor ihrer 
Gemeinde und erzählte, wie sie auf diese 
Prüfung reagiert hatte. Ihre Augen wa- 
ren trocken, aber Nahestehende wußten, 
daß sie innerlich weinte. 
„Brüder und Schwestern, ich danke 
Ihnen für all die Hilfe und die Unter- 
stützung, die wir in den vergangenen 
Wochen von Ihnen bekommen haben. 
Es war ziemlich schwierig . . .", sie 



stockte und senkte ihren Blick. Als sie 
wieder zu sprechen begann, klang ihre 
Stimme belegt, und sie bemühte sich, 
deutlich zu sprechen. „Aber Sie sollen 
wissen, daß ich mehr als je zuvor weiß, 
daß unser Vater im Himmel mich liebt. 
Wir freuen uns darüber, daß Paul das 
Ziel, an dem mein Mann und ich unser 
ganzes Leben lang arbeiten werden, 
schon erreicht hat. Ich fühle Trost darin, 
daß ich weiß, daß wir durch das heilige 
Priestertum als Familie aneinander ge- 
siegelt worden sind. Wenn es nicht so 
wäre, wäre es unmöglich, all das zu 
ertragen. Aber so weiß ich, daß wir 
einmal alle wieder beisammen sein wer- 
den, wenn wir würdig sind. " 



23 




24 



JOHN TAYLOR 



EIN BRIEF AUS DEM EXIL 

John Taylor, der dritte Präsident der Kirche, wurde am 
1. November 1808 in Milnthorp in England geboren. Am 

19. Dezember 1838 wurde er von Brigham Young und 

Heber C. Kimball zum Apostel ordiniert. Am 6. Oktober 

1877 wurde er Präsident des Kollegiums der Zwölf Apostel 

und am 10. Oktober 1880, im Alter von 71 Jahren, 

Präsident der Kirche. Er starb am 25. Juli 1887 in 

Kaysville/Utah im Alter von 78 Jahren. 



Die Bekehrungsgeschichte Präsident 
Taylors sowie ein allgemeiner Überblick 
über sein Leben und Wirken wurden 
bereits in früheren A usgaben des Sterns 
abgedruckt (siehe u. a. Der Stern, Fe- 
bruar 1975). Für diese Folge unserer 
Auswahl aus den Werken und Reden der 
Präsidenten der Kirche haben wir Aus- 
züge aus einem Brief gewählt, den John 
Taylor und sein Erster Ratgeber, George 
Cannon, verfaßt haben. Dieser Brief 
wurde den Mitgliedern der Kirche im 
April 1886 auf der Generalkonferenz 
vorgelesen. 

Zu dieser Zeit hatte die Kirche unter 
heftiger Verfolgung zu leiden. Ihre Ge- 
gner in Utah und anderen Bundesstaaten, 
die regionale und überregionale Presse 
und viele Geistliche anderer Glaubens- 
gemeinschaften führten eine Hetz- und 
Verleumdungskampagne gegen die Kir- 
che, die sich hauptsächlich gegen die 
Lehre von der Vielehe richtete. Das führte 
dazu, daß die Bundesregierung rigorose 
Gesetze erließ, die jedem der in Vielehe 



lebte, das Wahlrecht, die Annahme eines 
öffentlichen Amtes und die Bestätigung als 
Schöffe versagten. Darüber hinaus konnte 
jeder, der eine Vielehe einging, zu einer 
Geldstrafe von 500 Dollar und fünf Jahren 
Haft verurteilt werden. 
Diese Gesetze richteten sich einzig und 
allein gegen die Heiligen der Letzten 
Tage, und die Bundesbeamten, die nach 
Utah entsandt wurden, setzten im Verein 
mit dortigen Gegnern der Kirche alles 
daran, die Mitglieder aufzuspüren und 
vor Gericht zu bringen, die in Vielehe 
lebten. Frauen und Kinder wurden ge- 
zwungen, gegen ihren Ehemann bezie- 
hungsweise Vater auszusagen. So waren 
ansonsten gesetzestreue Männer gezwun- 
gen, sich verborgen zu halten. Unter ihnen 
befanden sich etliche Führer der Kirche, 
wie John Taylor und sein Ratgeber Geo- 
rge Cannon. (Joseph F. Smith, der Zwei- 
te Ratgeber John Taylors, war damals 
gerade auf Mission in Hawaii, j 
Und so schrieben John Taylor und George 
Cannon aus dem Exil folgenden Brief: 



25 



Wi 



ir haben allen Grund, dank- 
bar zu sein, mögen wir auch noch so sehr 
verfolgt werden. Unser Land trägt im 
Überfluß. Weder Mensch noch Tier 
muß bei uns Hunger leiden. Kein Bettler 
bittet auf unseren Straßen um ein Almo- 
sen, und jeder hat, was er zum Leben 
braucht. Wir haben genug zu essen, 
bequeme Kleidung, ein schönes Zu- 
hause, und Gott segnet uns mit seinem 
unschätzbaren Frieden, den er jedem 
treuen Heiligen der Letzten Tage 
schenkt — Frieden im Herzen, in der 
Familie, in unserem Gemeinwesen. Die- 
sen Frieden kann uns die Welt — Gott 
sei Dank — auch nicht nehmen. Seien 
Sie deshalb dankbar, Brüder und Schwe- 
stern, preisen Sie den Herrn für seine 
Güte und Barmherzigkeit. Er hat Zion 
seine Verheißungen gegeben; seien Sie 
gewiß, er wird Sie nicht vergessen. Mag 
Zion auch mit den Worten des Pro- 
pheten Jesaja sagen: „Der Herr hat mich 
verlassen, der Herr hat meiner ver- 
gessen" (Jesaja 49:14). 
Der Herr antwortet darauf: 
„Kann auch ein. Weib ihres Kindleins 
vergessen, daß sie sich nicht erbarme 
über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie 
seiner vergäße, so will ich doch deiner 
nicht vergessen. Siehe, in die Hände 
habe ich dich gezeichnet; deine Mauern 
sind immerdar vor mir" (Jesaja 49:15, 
16). 

Niemals hat der Herr seinem Volk 
verheißen, sein Glaube werde nicht ge- 
prüft werden. 

Schon bald nach der Gründung der 
Kirche sagte der Herr zu seinem Volk: 
„Denn ich habe in meinem Herzen 
beschlossen, spricht der Herr, euch in 
allen Dingen zu prüfen, ob ihr meinem 
Bunde treu bleiben werdet, sogar bis 
zum Tode, damit ihr möchtet würdig 
erfunden werden. Denn wenn ihr mei- 
nem Bunde nicht treu bleibt, seid ihr 
meiner nicht wert " (LuB 98:14, 15). Wir 



brauchen Sie wohl kaum daran zu 
erinnern, daß Sie, solange der Satan 
noch Macht hat, mit Prüfungen rechnen 
müssen, wenn Sie nach Christi Geboten 
leben wollen. 

In der Vorsehung des Allmächtigen 
erfüllt die Verfolgung einen bestimmten 
Zweck. Jedes treue Mitglied muß dies 
verstehen und akzeptieren. Jeder sieht 
die Auswirkungen an sich selbst, an 
seinen Freunden und Nachbarn. Ver- 
folgung festigt den Charakter. Durch sie 
lernen wir uns selbst besser kennen. Wir 
entdecken an unseren Brüdern und 
Schwestern Eigenschaften, die uns vor- 
her vielleicht verborgen waren. Die 
Nachstellungen der vergangenen acht- 
zehn Monate waren wohl recht schmerz- 
lich für uns alle, doch haben sie ihren 
Zweck gewiß nicht verfehlt. Die Ge- 
treuen haben neuen Mut geschöpft und 
blicken zielstrebig vorwärts. Viele, die 
nachlässig und gleichgültig geworden 
waren, haben sich von ihrer Trägheit 
losgesagt und sich mit neuem Eifer dem 
Herrn geweiht. Die Heuchelei von vielen 
ist offen zutage getreten, sie haben die 
Maske der Freundschaft und Gemein- 
schaft abgeworfen und ihren wahren 
Charakter offenbart. Doch vor allem 
hat sich die Verfolgung auf unsere 
jüngsten Mitglieder ausgewirkt. Viele 
Jungen und Mädchen waren in der 
friedlichen Zeit, als ihre Eltern und 
Freunde nicht bedroht waren, der Mei- 
nung, sie könnten ohne jedes Risiko für 
sich selbst oder ihren Glauben in enger 
Gemeinschaft mit der Welt leben. Der 
Unterschied zwischen uns und der Welt 
sagte ihnen nichts. Sie glaubten, sie 
könnten mit beiden in Freundschaft 
leben. Jeder erfahrene Heilige der Letz- 
ten Tage weiß, wie gefährlich solche 
Ansichten für unsere Kinder sind. Die 
Verfolgungen haben sie jedoch recht 
unsanft aus diesen Träumen gerissen. 
Die Kluft zwischen den Heiligen der 



26 



Letzten Tage und der Welt ist so deutlich 
geworden, daß sie (falls sie nicht ab- 
gefallen sind) für ihre Eltern und Freun- 
de Partei ergreifen müssen; das ist ihnen 
schärfer ins Bewußtsein getreten als je 
zuvor. So hat die heranwachsende Ge- 
neration eine überraschend enge Bin- 
dung zueinander gefunden. Das macht 
auch auf die kleineren Kinder einen 
Eindruck, den die Jahre niemals aus- 
löschen werden. Mit Schmerzen erfah- 
ren sie am eigenen Leib, wovon der Herr 
gesprochen hat, als er sagte: „Wäret ihr 
von der Welt, so hätte die Welt das Ihre 
lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt 
seid, sondern ich euch aus der Welt 
erwählt habe, darum hasset euch die 
Welt " (Johannes 15:19). 
Die Welt wird es erfahren: der Glaube, 
den Jesus die Apostel und durch sie die 
Welt lehrte und der damals wie heute die 
gleichen Früchte hervorbringt, läßt sich 
in einem reinen Volk nur ausrotten, 
wenn man es vernichtet. Diesen Glaub- 
en hat der Herr der Erde zurückgegeben, 
und er ist unter uns zu finden. Solange 
die Männer und Frauen, die solchen 
Glauben haben, rein bleiben, kann er 
weiterleben und rechtschaffene Früchte 
hervorbringen. Das hat jeder Heilige der 
Letzten Tage bewiesen. Doch muß der 
Glaube genährt werden. Nur dann kann 
er wachsen. Gegenwärtig müssen sich 
die Heiligen der Letzten Tage mit all 
ihrer Kraft ihrer Religion weihen. Sie 
müssen so leben, daß der Heilige Geist 
mit ihnen sein kann. Seine Gaben brau- 
chen jeder Mann und jede Frau, wenn 
sie die Prüfungen bestehen wollen, die 
noch auf sie zukommen. 
Wir halten es für angebracht, daß wir die 
Heiligen der Letzten Tage eindringlich 
vor jeglicher Unmoral und Unkeusch- 
heit warnen. Man beschuldigt uns ständ- 
ig, wir lehrten und praktizierten unter 
dem Deckmantel der Religion sexuelle 
Ausschweifungen. Keine Anklage ist 



weniger begründet als diese, denn so 
strikt und nachdrücklich wie die Kirche 
Jesu Christi der Heiligen der Letzten 
Tage haben seit Anbeginn der Welt 
keine Philosophie, keine Ethik oder 
Religion gelehrt, wie überaus wichtig die 
Reinheit in der Beziehung zwischen den 
Geschlechtern ist. Dessen sind sich die 
Mitglieder wohl bewußt. Handeln wir 
also unserem Glauben gemäß; denn wir 
können sichergehen, daß uns weder 
persönliches Ansehen, Familienbande 
oder Reichtum vor Strafe schützen, 
wenn wir das Gesetz Gottes darin hin- 
tergehen. Erst vor wenigen Wochen 
hatte der Rat der Zwölf die traurige 
Aufgabe, einen Mann aus der Gemein- 
schaft der Heiligen zu entfernen, der das 
Gesetz der Keuschheit übertreten hatte. 
Er war gebildet, erfahren, intelligent, 
seit langem Mitglied der Kirche; doch 
weder das noch seine hohe Berufung im 
Priestertum konnten ihn vor der Strafe 
bewahren, nachdem er das Gesetz so 
leichtfertig übertreten hatte. Wie ihm 
muß es jedem anderen ergehen. Die 
Beamten der Kirche müssen die Gesetze 
gerecht und unparteiisch zur Ausfüh- 
rung bringen. Darin liegt keine Böswil- 
ligkeit gegen irgendeinen Menschen, 
sondern es geht darum, die Gebote 
Gottes und seinen heiligen Namen zu 
achten. Höre es, Haus Israel! Hört es, die 
ihr das celestiale Reich unseres Vaters 
erlangen wollt: nur wer ein reines Herz 
hat, kann Gott schauen; nur wer all 
seine Wünsche und Neigungen völlig 
seinem Gesetz unterworfen hat, kann in 
seiner ewigen Gegenwart bestehen! Ver- 
gessen wir auch nicht, daß der Zustand 
einer Gemeinschaft davon abhängt, in 
welcher Verfassung sich jeder einzelne 
befindet, der dazugehört. Sie ist so gut 
wie die Teile, aus denen sie sich 
zusammensetzt. Wenn in einem Volk 
jeder einzelne weise, gerecht, klug, ehr- 
lich, ehrenhaft und rein ist, zeichnet sich 



27 



das ganze Volk vor allen anderen Völ- 
kern aus. Für uns heißt das: wenn jeder 
einzelne von uns will, daß die Kirche 
Jesu Christi sich wie eine Braut auf das 
Kommen des Erlösers vorbereitet, so 
müssen wir persönlich nach unserer 
Religion leben und die Tugenden ver- 
körpern, die der Herr von seiner Braut 



erwartet. Reinheit, Glauben, Fleiß und 
gute Werke können wir nicht unserem 
Nachbarn überlassen. Jeder muß selbst 
seine Pflicht tun, sein Haus in Ordnung 
bringen, seine Berufung erfüllen, sich 
Gott nahen, wenn er erwartet, daß Gott 
sich ihm naht. 



Ich habe seit meiner Jugend, mehr als sechzig Jahre lang, mit Männern 
wie Brigham Young, Heber C. Kimball, Willard Richards, George A. 
Smith, Jedediah M. Grant, Daniel H. Wells, John Taylor, George Q. 
Cannon, Wilford Woodruff und seinen Mitarbeitern, Lorenzo Snow 
und seinen Mitarbeitern, den Mitgliedern des Rates der Zwölf Apostel, 
den Siebzigern, den Hohenpriestern in der Kirche Jesu Christi der 
Heiligen der Letzten Tage zusammen gedient. Ich möchte bezeugen, so 
daß es jeder Fremde, den meine Stimme erreicht, hören kann: Bessere 
Menschen als diese haben in meinem ganzen Bekanntenkreis niemals 
gelebt . . . 

Ich gebe Zeugnis von der Lauterkeit John Taylors als eines der reinsten 
Männer, die ich je gekannt habe, ein Mann, vom Scheitel bis zur Sohle 
rein; rein an Körper und Geist, frei von aller Gemeinheit, die man so oft 
unter den Menschen antrifft. Ich weiß, was ich sage; denn ich war bei 
ihm Tag und Nacht, Monat um Monat, Jahr um Jahr, und ich zeuge 
von seiner Lauterkeit. Er war zusammen mit Joseph Smith ein 
Märtyrer, er erlitt Schreckliches, als er das Martyrium Josephs und 
Hyrums miterlebte, und der Herr bewahrte und ehrte ihn dadurch, daß 
Er ihn berief, Sein Werk auf Erden eine Zeitlang zu leiten. Auf diese 
Weise erhob Er ihn zur glorreichsten und verantwortlichsten Stellung, 
zu der ein Mann in der K irche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage 
berufen werden kann . . . 

Aus „Evangeliumslehre" von Joseph F. Smith 



28 



zy 



Ein 
Pioniermädchen 

Die Abenteuer der 
Margaret Judd Clawson 

von Gordon Irving 

-i ▼ A argaret Judd, ein siebzehnjähriges 
Mädchen, das mit seiner Familie 1849 
— im Jahr des Goldrausches - - nach 
dem Westen zog, schrieb nieder, was sie 
unterwegs erlebt hatte. Ihr Bericht ist 
sehr lebhaft geschrieben und beweist 
Humor. Margaret wurde in Ontario in 
Kanada geboren. Dort schlössen sich 
ihre Eltern der Kirche an, als sie fünf 
Jahre alt war. Sechzig Jahre nach dem 
Treck schrieb Margaret, welche Inter- 




essen und Eindrücke sie gehabt hatte, als 
sie als halbwüchsiges Mädchen nach 
Utah zog, wo der Traum der Familie, 
sich mit den Heiligen zu sammeln, wahr 
wurde. Ihre Aufzeichnungen tragen den 
Titel „Rambling Reminiscenses of Mar- 
garet Gay Judd Clawson" ( „Gemischte 
Erinnerungen der Margaret Gay Judd 
Clawson"). Drei Jahre nach ihrer An- 
kunft in Salt Lake City wurde Margaret 
kurz vor ihrem 21 . Geburtstag — die 
zweite Frau des jungen Hiram B. Claw- 
son. Bruder Clawson wurde ein ange- 
sehener Geschäftsmann und Händler 
und leitete Präsident Brigham Youngs 
Finanzielle Angelegenheiten. Einer von 
Hirams und Margarets Söhnen, Roger, 
wurde Präsident des Rats der Zwölf. 
Margaret starb 1912 im Alter von 81 
Jahren in Salt Lake City. 
„Nachdem die Heiligen Nauvoo ver- 
lassen hatten, verdoppelten meine El- 
tern ihre Anstrengungen, um einen Wa- 
gen und die Ausrüstung für die Reise in 
die Rocky Mountains zu bekommen. 
Vater war inzwischen jedoch zwei- oder 
dreimal ziemlich krank; das hielt uns 
gewaltig auf. Ich erinnere mich noch 
genau daran, wie schwer es für ihn war, 
die Tiere daran zu gewöhnen, einen 
Wagen zu ziehen. Wir hatten sechs Kühe 
und zwei Ochsen. Die Ochsen waren gut 
gezähmt und ziemlich ruhig, aber die 
Kühe wild und nicht zu lenken. Er holte 
sich Hilfe, um sie ins Joch zu spannen. 
Plötzlich rannte jede in eine andere 
Richtung, wo Vater sie nicht haben 
wollte, oder sie rannten zur Rückseite 
des Wagens und brachten dort alles 
durcheinander. 

Tag für Tag geschah das gleiche, und 
während Vater das Vieh abrichtete, 
betete meine Mutter. Später erzählte sie 
mir, daß sie viele Nächte lang, während 
wir schliefen, in den Obstgarten hinter 
unser Haus ging und dort ernsthaft 
betete; sie bat den Herrn, er möge uns 



einen Weg öffnen, wie wir mit den 
Heiligen mitziehen könnten. Sie war 
bereit, Not und Entbehrung auf sich zu 
nehmen, wenn sie nur bei ihnen sein 
konnte. 

Sie hatte auch meinetwegen Angst, denn 
ich war halbwüchsig und mit siebzehn in 
dem Alter, wo man für Romantisches 
sehr empfänglich ist. Mutter wußte das 
und hatte Angst, mich könnte ein junger 
Mann dazu bringen, mehr an ihn als an 
sie zu denken, und mich überreden, dort 
zu bleiben. Sie konnte ohne die Kirche 
nicht leben und wollte auch keines ihrer 
Kinder zurücklassen. Deswegen sagten 
meine Eltern, daß wir nicht länger 
dortbleiben dürften. 

Nach Wochen schwerer Arbeit hatte 
Vater die Kühe soweit, daß er sie lenken 
konnte, und am 9. Mai 1849, am 16. 
Geburtstag meines Bruder Riley, sagten 
wir unseren Freunden und Verwandten 
Lebewohl, stiegen in unsere Wagen und 
begannen eine weite, ereignisreiche Rei- 
se. Das Gesicht meiner Mutter strahlte 
vor Freude! Was machte ihr schon 
Mühsal aus, wenn sie nur das Ziel 
erreichen konnte! In der ersten Nacht 
nach Beginn der Reise schliefen wir im 
Freien in der Prärie; Vater nahm dem 
Vieh das Joch ab und ließ es im Gras 
weiden. Er mußte auf die Tiere auf- 
passen, damit sie nicht davonliefen. Wir 
hatten genug Brennholz zusammenge- 
tragen, um ein gutes Feuer zu machen, 
und Mutter kochte gerade das Abend- 
essen, als plötzlich ein heftiges Gewitter 
losging. Es goß in Strömen, und wir 
waren alle durchweicht. Obwohl wir, so 
schnell wir konnten, zum Wagen liefen, 
peitschte der Wind den Regen so sehr, 
daß uns der Wagen wenig Schutz bot. 

Natürlich ging das Feuer aus, und wir 
konnten an diesem Abend auch kein 
Essen kochen. Doch am nächsten Tag 
schien die Sonne wieder, alles wurde 



30 



trocken, und wir konnten unsere Reise 
fortsetzen. 

Ich kann mich nicht erinnern, wie lange 
wir gebraucht haben, bis wir nach Coun- 
cil Bluffs in Iowa kamen, aber ich weiß, 
daß wir dort unser Lager einen ganzen 
Monat lang aufgeschlagen hatten, um 
zu warten, bis die anderen bereit waren. 
Sie mußten sich organisieren, um sich 
vor den Indianern zu schützen. O, so ein 
Lagerleben ist eintönig, wenn man nicht 
weiterfahren kann! Wir freuten uns alle 
sehr, als wir endlich unsere Reise nach 
Salt Lake City beginnen konnten. Alles 
war eitel Wonne. Ich war jung und 
gesund. Alles erschien mir wunder- 
schön. Pflicht, Angst und Sorge oblag 
meinen Eltern. 

So, wie wir reisten, glich ein Tag sehr 
dem anderen. Am Abend eines Reise- 
tages schlugen wir unser Lager auf. Die 
Männer versorgten die Tiere, während 
die Frauen das Abendessen zubereite- 
ten. Danach machten die Jugendlichen 
gewöhnlich ein Lagerfeuer, um das sie 
sich setzten, miteinander redeten, ein- 
ander Geschichten erzählten, Lieder 
sangen und so weiter. 
Jeder mußte den Lagerplatz des anderen 
respektieren; das war so viel Platz, wie 
man für die Joche der Ochsen, den 
Kochkessel und alles das brauchte, was 
für die Reise notwendig war. Wenn ich 
daher von einem Jugendlichen Besuch 
bekam, saß ich auf einem Ochsenjoch 
genauso gut wie zu Hause auf einem 
bequemen Stuhl im Wohnzimmer. So ist 
das Leben im Freien. 
Mein Bruder führte einer Witwe und 
ihrem kleinen Mädchen das Ochsen- 
gespann. Das kleine Mädchen war sehr 
reizend und lieb, die Mutter eher merk- 
würdig. Mein Bruder sagte, daß sie an 
einem Tag mehr Fragen stellte, als zehn 
Männer in einer Woche beantworten 
könnten. Er war ein geborener Witze- 
macher, und Spaßmachen gehörte bei 



ihm ebenso wie das Atmen zum Leben. 
Er konnte ihr das Absurdeste und Lä- 
cherlichste erzählen, sie glaubte ihm 
immer. Er wurde ihrer Fragen ganz 
überdrüssig. Es waren immer die glei- 
chen: ,Riley, wie weit sind wir heute 
wohl gefahren?' ,Wie weit werden wir 
morgen wohl fahren ?' ,Ob wir Wasser 
finden werden?' ,Ich frage mich, ob wir 
Indianer treffen werden?' ,Was werden 
die denn machen?' und , Werden sie 
freundlich oder wild sein?' Ihre Fragen 
wurden so eintönig, daß er sie fast nicht 
aushalten konnte. 

Zuletzt rächte er sich, als wir den 
Chimney Rock erblickten. Jeder, der die 
große Ebene mit dem Wagen oder mit 
dem Zug überquert hat, hat ihn sicher- 
lich gesehen. Er ist ganz typisch für die 
Landschaft, sieht irgendwie wie ein 
Schornstein aus und ist wahrscheinlich 
schon jahrhundertealt. Bei unserem 
Reisetempo konnten wir ihn mehrere 
Tage lang sehen, bevor wir ihn erreich- 
ten. Als sie begann, ihre Vermutungen 
über den Felsen anzustellen, sagte er ihr 
ganz vertraulich, daß er ihn umstoßen 
werde, sobald sie dort angelangt seien; 
denn ihm wäre es ohnehin zu dumm, so 
viel über den Chimney Rock zu hören; 
außerdem meinte er, der Felsen habe 
schon lange genug dort gestanden. So- 
bald er seine Hand daran legen würde, 
würde der Fels umkippen. Sie bat ihn 
und flehte ihn an, den Felsen doch 
stehen zu lassen, damit andere Aus- 
wanderer, die nach uns kämen, ihn auch 
noch sehen könnten, aber er blieb hart. 
Dann drohte sie ihm und sagte, sie 
würde es Brigham Young erzählen, 
sobald sie in das Salzseetal kämen. Das 
war immer ihre letzte Zuflucht. So 
ängstigte er sie weitere zwei Tage, bis wir 
nur noch ungefähr einen Kilometer vom 
Felsen entfernt waren. Dann gab er 
ihren Bitten nach und sagte, er würde 
ihn doch stehen lassen. Sie freute sich so 



31 



sehr darüber, daß sie ihm an diesem Tag 
ein besonders gutes Essen bereitete. 
Er hatte nicht die Absicht, seinen letzten 
Witz mit ihr so ausgehen zu lassen, wie 
es dann letzten Endes geschah. Nur um 
sie zu necken, hatte er ihr gesagt — 
bevor wir zur letzten Schlucht kamen — , 
daß ihr Wagen umkippen würde, ja, daß 
er wisse, daß es so kommen würde. Sie 
sagte, daß sie das Brigham Young 
erzählen würde, falls es wirklich passie- 
ren sollte. Und dann kippte der Wagen 
tatsächlich um. Es war selbst für einen 
Mann schwer, einen Wagen durch die 
Schlucht zu lenken. Riley erlebte damit 
eine böse Überraschung. Er war noch 
ein Junge und hatte nun große Angst. 
Keiner arbeitete so angestrengt wie er, 
um die Sache wieder in Ordnung zu 
bringen. Mit der Hilfe der Männer aus 
dem Lager gelang es ihm schließlich, den 
Wagen wieder auf die kurvige und steile 
Straße hinaufzubringen. Der Wagen sah 
ziemlich demoliert aus — die Stützen für 
die Plane waren zerbrochen, aber der 
Inhalt wurde wenigstens kaum beschä- 
digt. Es war unser letzter Tag, bevor wir 
ins Tal kamen, und so überstand er ihn 
gut. Riley hat nie etwas davon gehört, ob 
die Witwe Brigham Young davon er- 
zählt hat oder nicht. 
Nachdem wir ein paar hundert Kilo- 
meter dahingezogen waren, wurde die 
Eintönigkeit dadurch unterbrochen, 
daß unsere Tiere durchgingen. Es sah so 
aus, als ob die Tiere umso leichter zu 
erschrecken waren, je länger wir unter- 
wegs waren, und je mehr sie sich an- 
strengten. Eines Nachts erlebte ich einen 
furchtbaren Schreck. Wir hatten den 
Auftrag bekommen, die Tiere jede Nacht 
in die Wagenburg zu treiben; ich denke, 
daß uns dies wegen der Indianer oder 
wegen der großen Büffelherden geboten 
wurde, die wir täglich sahen. Am Abend 
wurde das Vieh freigelassen, damit es 
weiden konnte, es wurde bewacht und 



behütet und danach in die Wagenburg 
gebracht. Dafür wurde mit den Wagen 
ein großer Kreis gebildet, die Wagen 
standen Rad an Rad; eine Öffnung 
wurde freigelassen, durch die die Tiere 
hereingetrieben wurden. Danach wur- 
den Balken quer über die Öffnung 
gelegt, damit die Tiere ganz sicher 
waren. 

Wir befanden uns in dem Gebiet, in dem 
es viele Büffel gab. Wir haben davon 
gehört, wie schrecklich es ist, wenn eine 
Büffelherde durchgeht. Wir hatten auch 
gehört, daß vor kurzem eine Büffelherde 
in Panik losgerast war und daß die 
Büffel, als sie zum Ufer des Platte River 
kamen, sich hineinstürzten. Die ersteren 
bildeten für die Nachfolgenden eine 
Brücke und wurden von diesen zu Tode 
getrampelt, und sie ertranken. 
Eines Nachts — es war zwei Uhr — lag 
das ganze Lager in friedlichem Schlaf, 
als man plötzlich ein schreckliches 
Trampeln und Dröhnen hörte. Der 
Boden zitterte, und unsere Wagen 
schaukelten und bebten. Mir schoß es 
durch den Kopf, daß wohl eine Büffel- 
herde auf panischer Flucht war und uns 
alle zu Tode trampeln würde. Deshalb 
zog ich mir die Decke über den Kopf 
und bereitete mich auf das Sterben vor. 
Die Mutter rief gleich Phebe und mich, 
weil sie aus unserem kleinen Schlafge- 
mach nichts hörte (wir hatten die Vor- 
derseite des Wagens). Ich antwortete mit 
erstickter Stimme aus meiner Decke 
heraus, daß ich noch am Leben war. 
Schließlich stellte sich heraus, was wirk- 
lich geschehen war. Unser eigenes Vieh 
war aus der Wagenburg ausgebrochen. 
Irgend etwas hatte die Tiere erschreckt, 
und sie waren vorerst wie wild im Innern 
der Wagenburg immer wieder im Kreis 
herumgelaufen und hatten dann die 
Balken bei der Öffnung durchbrochen. 
Nichts konnte sie zurückhalten. Sie 
verstreuten sich viele Kilometer weit in 



32 



der Umgebung. Unsere Männer brauch- 
ten viele Tage lang, um sie wieder 
zurückzubringen. Die Tiere, die uns 
erhalten geblieben waren — denn einige 
starben an Erschöpfung, und einige 
wurden getötet — , sahen schrecklich 
aus. Zwei der Rinder unseres Führers 
waren einen sehr steilen Hügel hin- 
aufgelaufen, aber dann hinuntergestürzt 
und hatten sich das Genick gebrochen 
— das ergab ein Paar weniger, die seinen 
Wagen ziehen sollten; es bedeutete auch, 
daß er weniger Milch bekam (gute Milch 

- was für ein Luxus in dem Gebiet). 
Bei diesem Vorfall wurden zwei oder 
drei Männer verletzt - - einer davon 
ziemlich arg. Es war ein Goldgräber auf 
dem Wag nach Kalifornien, der uns 
eingeholt hatte und eine Weile mit uns 
reiste. Die Auswanderer nach Kalifor- 
nien kamen viel schneller voran als wir 
Mormonen. Als er versucht hatte, ein 
Rind aufzuhalten, wurde er niederge- 
trampelt. Er stöhnte schrecklich. Ich sah 
ihn erst wieder, als er uns an einem Tag 
im darauffolgenden Winter besuchte. 
Die ganze Zeit über war er auf seinen 
Knien. Er konnte aufstehen, aber nicht 
sitzen. Ich habe nie wieder von ihm 
gehört, außer daß er auf dem Weg nach 
den Goldminen war. Viehhüter sagen, 
daß das Hausrind das wildeste Tier sei, 
wenn es in der Herde durchgehe. Es 
geschieht zwar selten, aber wenn, laufen 
diese Tiere alle auf einmal los, so, als ob 
ein Blitz sie alle im gleichen Augenblick 
getroffen hätte. 

Bald danach ereignete sich das nächste 
erschreckende Abenteuer. Als wir an 
einem schönen Nachmittag in einem 
gemütlichen Tempo weiterzogen, rasten 
plötzlich alle Wagen unserer Gruppe 
blitzschnell in alle Richtungen davon. 
Ich glaube, die schnellsten Pferde hätten 
nicht so schnell sein können, wie es unser 
Vieh war. Vater saß auf dem Wagen und 
versuchte, über seine verläßlichen, alten 



Ochsen wieder die Kontrolle zu ge- 
winnen: einmal redete er ihnen gütlich 
zu, dann mußte er wieder die Peitsche 
gebrauchen. Er befürchtete, daß die 
Tiere mit anderen Gespannen zusam- 
menprallen und einen Unfall verursa- 
chen könnten. Es hätte auch sein kön- 
nen, daß die Tiere den Wagen, in dem 
wir alle saßen, umgeworfen hätten. Wir 
fuhren über Stock und Stein. Wir wur- 
den so hin und her geworfen, daß wir 
unseren Kopf manchmal an den oberen 
Wagenbogen stießen und dann wieder 
irgendwo im Wageninneren landeten. 
Man kann sich das nicht vorstellen, 
wenn man es nicht selbst erlebt hat. 
Wieder hatte ich den Tod vor Augen und 
steckte deswegen meinen Kopf unter die 
Decke. Wenn ich sterben sollte, dann 
wollte ich dabei nicht zusehen müssen. 
Mutter zog mir die Decke schnell vom 
Kopf, und als unser Wagen wieder 
stillstand, belehrte sie mich ausführlich 
darüber, daß ich immer aufpassen und 
nach einer Möglichkeit zur Flucht Aus- 
schau halten müsse. 
Als die Tiere vom Laufen zu erschöpft 
waren, blieben sie stehen. Es war zu 
mehreren Unfällen gekommen, und eine 
Frau war sogar dabei getötet worden, 
als sie zu Boden gestoßen und überrannt 
wurde. Sie hinterließ mehrere Kinder. 
Wir alle fürchteten solche Ereignisse 
sehr — es ist auch zum Fürchten, wenn 
eine Rinderherde in Panik gerät. Selbst 
bei den Menschen ist es oft so, daß man 
sie nicht dafür verantwortlich machen 
kann, wenn die Furcht größer wird als 
der Verstand. 

Eine Kuh in unserem Gespann war 
wirklich intelligent. Ja, sie war so klug, 
daß sie sich hinter Weiden versteckte, 
um nicht angespannt zu werden; aber 
wenn Vater sie fand und anspannte, 
dann arbeitete sie gut. Auch gab sie viel 
Milch. Einmal wurde sie lahm und 
konnte kaum weitergehen. Meine Eltern 



33 



machten sich deswegen viele Sorgen, 
besonders weil wir ja auch schon eine 
Kuh verloren hatten. Sie fürchteten, daß 
wir nicht so schnell wie die anderen 
weiterziehen konnten, und deshalb sagte 
Mutter, sie würde der Kuh einen 
Breiumschlag auflegen, sobald sie sich 
für die Nacht niedergelegt hatte. Sie 
legte einen wirklich großen auf, der die 
ganze lahme Hüfte bedeckte. Am 
nächsten Tag, als Vater zu den Tieren 
hinausging, rief er aus : , Mutter, du hast 
die falsche Hüfte behandelt.' Mutter 
sagte: ,Mach dir nur keine Sorgen 
deswegen. Das paßt schon. Es hat schon 
gewirkt.' Und tatsächlich humpelte die 
Kuh an diesem Tag fast nicht, und es 
ging ihr so gut wie immer. Ich weiß, daß 
Mutter in diesen Breiumschlag viel 
Glauben gemischt hatte. 
Im Frühherbst fanden wir gewöhnlich 
wilde Früchte wie Kirschen, Eisbeeren 
und kleine rote Beeren, die wir Büffel- 
oder Indianerfraubeeren nannten. Die 
Beeren schmeckten uns alle sehr gut. 
Eines Tages beschloß ich, am selben 
Abend einen Empfang zu geben. Nach- 
dem wir das Lager aufgeschlagen hat- 
ten, lud ich einige Mädchen und Jungen 
ein, am Abend bei unserem Lagerfeuer 
zu sitzen. Der Empfang sollte stattfin- 
den, nachdem wir alle unsere Arbeit 
getan hatten. Niemand schlug die 
mündliche Einladung oder eine kurze 
Mitteilung ab. Sie freuten sich alle, daß 
sie kommen konnten, und niemand 
sagte nein. 

In der Zwischenzeit hatte ich Mutter um 
die Erlaubnis gebeten, einen Büffelbee- 
renkuchen zu bereiten. Natürlich er- 
laubte sie mir das. Ein Kuchen war 
schon etwas ganz Besonderes und auf 
unserer Reise selten. Ich wollte meine 
Gäste mit einem solchen Luxus an 
Erfrischungen überraschen. Und das 
gelang mir. Kaum hatte ich das Joch der 
Ochsen und anderes kunstvoll aufge- 



stellt, als auch schon meine Gäste ein- 
trafen. Sie kamen nicht so spät, wie es 
heutzutage üblich ist. Wir plauderten ein 
bißchen und sangen einige Lieder, und 
dann entschuldigte ich mich, ging in die 
Vorratskammer (eine Kiste unter dem 
Wagen) und brachte meinen Kuchen. 
Als ich den Kuchen verteilte, bemerkte 
ich entschuldigend, daß der Kuchen 
vielleicht nicht süß genug sein könnte. 
Ein höflicher junger Mann sagte schnell: 
,0, alles, was diese Hände machen, muß 
einfach süß sein.' Und ich glaubte ihm 
gerne. 

Nachdem ich meiner Gesellschaft jedem 
ein Stück Kuchen gegeben hatte, nahm 
auch ich mir eines. Ich biß ab und aß, 
aber es schmeckte, als ob es mit Zitronen- 
säure gesüßt worden wäre! Nie wieder 
habe ich auf der Reise einen Kuchen 
gebacken. Ich habe mich oft gefragt, wie 
alle das essen konnten, aber der Anstand 
verlangte es. Ich glaube nicht, daß es im 
ganzen Lager genug Zucker gegeben 
hätte, um diesen Kuchen süßen zu 
können. 

Das beste Essen, das ich auf unserer 
Reise aß, war für mich unser Mit- 
tagessen. Mutter machte morgens einen 
Kessel voll Weizenbrei und wickelte ihn 
dann ein, um ihn warm zu halten. Nach 
dem Melken wurde die Milch in ein 
kleines Faß gegeben, das verschlossen 
wurde, damit nichts überlief. Wenn wir 
dann zu Mittag das Lager aufschlugen, 
um die Tiere weiden zu lassen, holte 
Mutter den Brei und die Milch heraus. 
Es schmeckte einfach zu gut für so arme 
Leute wie uns! Meine Schwester Phebe 
mochte es überhaupt nicht. Sie sagte, sie 
würde immer hungrig davon. Bei unse- 
rer Reise über die Ebenen hörte ich nie 
jemanden über schlechten Appetit kla- 
gen. Alles schmeckte gut, ausgenommen 
mein Kuchen. Brot und Speck schmeck- 
ten besser als der Pflaumenpudding und 
der Mehlkuchen, den wir jetzt bekom- 



34 



men. Wie die Umstände unseren Ge- 
schmack verändern können! 
Die größte Mühsal hatte ich zu erleiden, 
einen Tag bevor wir nach Laramie in 
Wyoming kamen. Die Rinder waren 
müde und hatten wunde Beine; sie zogen 
den Wagen wirklich schwer, und so 
sagte Vater uns in der Früh, daß wir alle 
gehen müßten. Wir durften an diesem 
Tag nicht fahren. Diesen erinnerungs- 
würdigen Marsch werde ich nie ver- 
gessen; Männer und Frauen sanken 
knöcheltief im Sand ein, die Rinder und 
Wagen noch viel tiefer. Als wir an 
diesem Abend unser Lager aufschlugen. 



hatten wir 16 Kilometer zurückgelegt. 
Ich hatte den Eindruck, es wären tau- 
send gewesen, und ich wünschte mir an 
diesem Tag oft, daß ich irgendwo sein 
könnte, wo die Menschen nicht müde 
würden. 

Zuletzt gelangten wir an das Ende 
unserer langen, ermüdenden Reise, und 
am Abend des 15. Oktober schlugen wir 
unser Lager am Anfang des Emigration 
Canyon auf. Oh, wir hatten einen herr- 
lichen Blick hinunter auf das Tal des 
Großen Salzsees! Am nächsten Morgen 
standen wir zeitig und fröhlich auf und 
fuhren bald hinunter." 



Soll die Jugend Zions zittern? 

Soll die Jugend Zions zittern in dem Kampf um Licht und Recht? 
Wenn der Feind sich drohend nahet, weichen wir dann vom Gefecht? 
Nein! Treu in dem Glauben, den Eltern uns lehrten, 
treu stets der Wahrheit, die Helden begehrten! 
Gott zugewandt Aug, Herz und Hand, 
standhaft und treu sei stets unser Stand. 

Will das Finstre uns verdunkeln reiner Wahrheit helles Licht, 
weichen wir als Kinder Gottes von dem ewgen Bunde nicht. 
Nein! Treu in dem Glauben, den Eltern uns lehrten, 
treu stets der Wahrheit, die Helden begehrten! 
Gott zugewandt Aug, Herz und Hand, 
standhaft und treu sei stets unser Stand. 

Eurer Seligkeit zu leben folget dem, der Gutes schafft, 
wachend, betend, kämpfend, wirkend mit der Jugend Feuerkraft! 
Ja! Treu in dem Glauben, den Eltern uns lehrten, 
treu stets der Wahrheit, die Helden begehrten! 
Gott zugewandt Aug, Herz und Hand, 
standhaft und treu sei stets unser Stand. 



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Auszug aus „Seine Kirche wiederhergestellt" von William Edwin Berrett 



John Taylor wurde am 1. November 
1808 in Milnthorp in der englischen 
Grafschaft Westmoreland geboren. 
Er war in der anglikanischen Kirche 
augewachsen, aber mit seiner 
natürlichen Lebhaftigkeit hatte er für 
die steife Förmlichkeit der 
Konfession nicht viel übrig. 
Tief im Herzen trug er eine starke 
Gottesfurcht, und diese brachte ihn 
dazu, daß er sich auch für andere 
Religionen interessierte. Mit 
sechzehn Jahren verließ er die 
Hochkirche und trat zu den 
Methodisten über. Mit siebzehn war 
er bereits „Exhorter" oder örtlicher 
Prediger. 

Im Frühjahr 1 836 sprach Parley Pratt 
bei John Taylor zu Hause vor. Er 
brachte ein Empfehlungsschreiben 
von einem gemeinsamen Bekannten 
mit, einem Mr. Moses Nickerson. 
John Taylor hatte schon so viele 
Gerüchte über die Mormonen gehört, 
daß er von dem Besuch des 
Missionars nicht sonderlich 
beeindruckt war. Er hörte sich aber 
die seltsame Geschichte von der 
Wiederherstellung an . . . 
Da jedoch trat der wahre Geist John 
Taylors zutage, der Geist, der für sein 
ganzes Leben charakteristisch war. 
Er stand auf und wandte sich mit den 
folgenden Worten an die Gruppe: 
„Wir sind hier, angeblich um die 
Wahrheit zu suchen. Bisher haben wir 



andere Glaubensbekenntnisse 

gründlich untersucht und sie als 
falsch erkannt. Warum sollen wir uns 
scheuen, die Lehre der Mormonen zu 
untersuchen? Dieser Herr hier, Mr. 
Pratt, hat uns viele Lehren dargelegt, 
die mit unseren Ansichten 
übereinstimmen. Wir haben viel 
erduldet und manche Opfer gebracht 
um unserer religiösen Überzeugung 
willen. Wir haben zu Gott gebetet, Er 
möge uns einen Boten senden, wenn 
es Seine wahre Kirche auf Erden gibt. 
Mr. Pratt ist unter eigenartigen 
Umständen zu uns gekommen, und 
es gibt da etwas, was ihn unserer 
Beachtung würdig macht: Er ist ohne 
Beutel, ohne Tasche zu uns 
gekommen, wie die Apostel in alter 
Zeit gereist sind; und niemand von 
uns ist imstande, seine Lehren mit der 
Schrift oder mit der Logik zu 
widerlegen. Ich möchte seine Lehren 
und die von ihm geltend gemachte 
Vollmacht prüfen und würde mich 
freuen, wenn einige von Ihnen, meine 
Freunde, sich mir bei dieser 
Untersuchung anschließen. Wenn 
sich aber keiner dazu bereit findet, 
dann seien Sie versichert: Ich mache 
diese Untersuchung auch allein! 
Wenn ich diese Religion als wahr 
erkenne, werde ich sie annehmen — 
ohne Rücksicht auf die möglichen 
Folgen; wenn sie falsch ist, dann 
werde ich sie bekämpfen. 11 



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