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Dezember 1978 104. Jahrgang Nummer 12 




>' 



Christus und das Weihnachtsfest 

David O. McKay 



Zu Weihnachten denken wir mehr als zu 
jeder anderen Zeit im Jahr an unsere 
Mitmenschen und versuchen, in Wort 
oder Tat unserem Wunsch Ausdruck zu 
geben, andere glücklich zu machen. Darin 
liegt das Geheimnis wahren Glücks. „Wer 
sein Leben verliert um meinetwillen und 
um des Evangeliums willen, der wird's 
erhalten" (Markus 8:35). Diese Worte 
sind Ausdruck der wahren Lebensan- 
schauung, und der Geist des Weihnachts- 
festes hilft uns, sie zu verstehen. 
Das Weihnachtsfest soll im Zeichen der 
Liebe zu Gott und zu unseren Mit- 
menschen stehen. Ebendies wurde von 
den himmlischen Heerscharen verkün- 
digt, als sie die Botschaft großer Freude 
überbrachten : 

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf 
Erden und den Menschen ein Wohlgefal- 
len"' (Lukas 2:14). 

Wie einfach sind diese Worte doch! Und 
wie tief und umfassend ist ihre Be- 
deutung! Zu Weihnachten feiern wir die 
Geburt dessen, durch dessen irdische 
Sendung : 

1 . Gott verherrlicht worden ist 

2. der Erde Frieden verheißen wird 

3. alle Menschen, die Zusicherung erhal- 
. ten, daß Gott ihnen gnädig gesinnt ist 

Um wieviel froher und glücklicher wäre 
das Leben doch, wenn sich jeder Mensch 
in dieser Welt diese drei erhabenen Ideale 
als Leitbild wählen würde! Mit diesem 



Ziel vor Augen würde jeder nach allem 
streben, was rein und gerecht, ehrenhaft, 
tugendhaft und wahr ist -- nach allem, 
was zur Vollkommenheit führt, denn 
jeder, der danach strebt, Gott zu ver- 
herrlichen, wird auch diese Tugenden 
üben. Er wird sich von allem fernhalten, 
was unrein, unehrenhaft oder gemein ist. 
Wie sehr könnte jeder Mensch doch den 
allgemeinen Frieden auf Erden und das 
Glück der ganzen Menschheit fördern, 
wenn er von dem Wunsch getrieben wäre, 
allen seinen Mitmenschen mit Wohlwol- 
len zu begegnen, und danach strebte, 
diesem Wunsch dadurch Ausdruck zu 
verleihen, daß er in jeder nur denkbaren 
Weise in Wort und Tat sich selbstlos und 
opferbereit erweist ! 

Das Weihnachtsfest ist ein geeigneter 
Anlaß, uns von neuem dem Wunsch 
hinzugeben — und uns in dem Entschluß 
zu bestärken — , daß wir alles in unserer 
Kraft Stehende unternehmen wollen, um 
die Botschaft unter den Menschen Wirk- 
lichkeit werden zu lassen, die die Engel bei 
der Geburt des Erlösers überbracht ha- 
ben. Verherrlichen wir Gott, indem wir 
nach dem Guten, Wahren und Schönen 
streben! Laßt uns danach trachten, auf 
Erden Frieden zu schaffen, indem wir 
einander mit dem gleichen Wohlwollen 
begegnen, das Gott auch uns erwiesen 
hat! 

Millenial Star, LIII, 801 f. (1923) 




Veröffentlichung Dezember 1978 

der Kirche Jesu Christi der 104. Jahrgang 

Heiligen der Letzten Tage Nummer 12 



Erste Präsidentschaft: Spencer W. Kimball, N. Eldon Tanner. Marion G. Romney. 
Der Rat der Zwölf: Ezra Taft Benson, Mark E. Petersen, LeGrand Richards, Howard W. Hunter, 
Gordon B. Hincklcy. Thomas S. Monson. Boyd K. Packer, Marvin J. Ashton. Bruce R. McConkie, 
L. Tom Perry. David B. Haight, James E. Faust. 

Beratendes Komitee: Gordon B. Hincklcy, Marvin J. Ashton. L. Tom Perry, Marion D. Hanks. 
James A. Cullimore, Robert D. Haies. Church Magazines: Dean L. Larsen. Herausgeber. 
Internationale Redaktion: Larry A. Hiller, Carol Larsen. Roger Gylling. 
Der Stern: Klaus Günther Genge, Übersetzungsabteilung. Grabenstraße 14. A-8010 Graz. 

Nachrichtenredaktion: Holger G. Nickel, Porthstraße 5-7. D-6000 Frankfurt Main 50. 
Telefon 0611,15 34278. 



Inhalt 

Eine Weihnachtsbotschaft von der Ersten Präsidentschaft 2 

Was Besuchslehren sein kann. Spencer W. Kimball 5 

Vielleicht kann man Weihnachten doch nicht kaufen. Jeffrey R. Holland .... 10 

Joseph Smith, der gütige Prophet. Kenne th W. Godjrey 14 

Auf der Suche nach Zion, 1830-1835. Glen M. Leonard 18 

Das Zionslager. Ronald W. Walker 27 

Wir werden durch Offenbarung geleitet. 

Rede Wilford Woodruffs 28 

Neue Anweisungen zur Arbeit für die Verstorbenen. 

Ein Gespräch zwischen Bruder George H. Fudge und der Zeitschrift „Ensign" , 35 

Für Kinder 

Es ist wirklich passiert. Illustriert von Don Seegmiller 1 

Das macht Spaß 3 

Das Lamm. Margaret Allen 4 

Frohes Hanukkah ! Bonnie Newton ; 7 



Jahresabonnement : 

Bestellungen über den Sternagenlen der Gemeinde: 

DM 20. — an Verlag Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, 

Postscheckkonto Frankfurt 6453-604. 

sFr. 21,— an First National City Bank. Genf, Konto-Nr. 0312750,007. Kirche Jesu Christi 

der Heiligen der Letzten Tage. 

ÖS 130,— an Erste Österreichische Spar-Casse. Wien. Konto-Nr. 000-81 388, 

Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. 

USA und Kanada (nicht mit Luftpost): $ 8.00. 

(<J 1978 by the Corporation ol the President of The Church oi Jesus Christ of Latter-day Saints. 
All rights reserved. 

Verlag Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Porthstraße 5-7. 
D-6000 Frankfurt am Main 50. 



Eine Weihnachtsbotschaft 
von der Ersten Präsidentschaft 



U etzt bereiten sich wieder viele Menschen auf der ganzen 
Welt auf Weihnachten vor. Wir hoffen, daß sie sich bereitmachen, 
an diesem besonderen Tag die Geburt des Friedensfürsten, des 
Messias und Erlösers der Welt, Jesu Christi, in einer Krippe in 
Bethlehem zu feiern. 

Von Adam an haben die Propheten das Kommen eines Erlösers 
angekündigt. Jahrhunderte vor der Geburt des Kindes Jesu ver- 
kündeten Jesaja und Nephi, daß Christus von einer Jungfrau ge- 
boren werden würde. Micha und Alma prophezeiten von seinem 
Geburtsort. Andere Propheten - Daniel etwa und Samuel der 
Lamanite — beschrieben weitere Einzelheiten seines Wirkens auf 
Erden. Hosea weissagte von der Flucht nach Ägypten. 
In alter Zeit, vor Jesu Geburt, sprachen die Propheten von der 
Größe seines Sühnopfers und vom Wunder seiner Auferstehung. 
Sie sagten vorher, daß er kommen würde, um für alle Menschen 
eine buchstäbliche Auferstehung zu ermöglichen — und ewiges 
Leben für diejenigen, die sich diese „größte aller Gaben Gottes" 
verdienten. 

Der Herr sandte Johannes den Täufer, einen der bedeutendsten 
Propheten, um den Weg für das Erdenwirken Christi zu bereiten. 
Die Vorbereitung auf das Kommen des Herrn erstreckte sich über 
Jahrhunderte. Mögen wir uns ebenfalls im Geist jener Propheten 
aus alter Zeit - - und im Geist dessen, was der Erlöser selbst gesagt 
hat — auf die Feier seiner Geburt in diesem Jahr vorbereiten. Unter 
anderem hat er uns folgende Richtlinien gegeben : 
,,Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Matthäus 
22:39). 

„Wenn du . . . Almosen gibst, sollst du nicht lassen vor dir posau- 
nen .. . " (Matthäus 6:2). 

„Geben ist seliger als Nehmen" (Apostelgeschichte 20:35). 
„Friede sei mit euch!" (Johannes 20:19). 



„Liebet eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen" (Lukas 
6:27). 

„Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brü- 
dern, das habt ihr mir getan" (Matthäus 25:40). 
Es gibt aber noch etwas anderes, worauf wir uns vorbereiten und 
woran wir auch zu dieser Jahreszeit denken sollen — nämlich an 
das zweite Kommen Christi. Unser Erlöser hat uns oftmals ver- 
sichert, daß er in Herrlichkeit auf diese Erde zurückkommen wer- 
de. 

Welch ein großes Ereignis, auf das wir uns vorbereiten müssen! 
Was sollen wir tun? Wahrscheinlich kann man im Hinblick darauf 
keinen besseren Rat aussprechen als den, den der Herr selbst seinen 
Aposteln gegeben hat. 

„Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, 
gleichwie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner 
Liebe" (Johannes 15:10). 

Daraufhin sprach Jesus über die Segnungen, die wir empfangen, 
wenn wir seine Gebote halten: „ . . . damit . .. eure Freude voll- 
kommen werde" (Johannes 15:11). 
Möge dies für alle Menschen eine Zeit freudiger Vorbereitung sein! 

Die Erste Präsidentschaft 





Präsident Kimball hielt diese Rede am 
16. September 1958 bei einer Besuchs- 
lehrerinnentagung im Pfahl Salt Lake 
Monument Park. Damals war Präsident 
Kimball noch Mitglied des Rates der Zwölf. 
Seine Worte haben nichts an der Aktualität 
und grundlegenden Bedeutung verloren. 



Ach glaube, daß es mir schon sehr früh 
im Leben bewußt wurde, daß es die 
Frauenhilfsvereinigung gab und welche 
Bedeutung sie hatte. Meine Familie 
siedelte von Salt Lake City nach Arizona 
über, als ich drei Jahre alt war. Meine 
Mutter hatte zu diesem Zeitpunkt sechs 
Kinder, und in der Zeit, in der sie weitere 
fünf Schwangerschaften und Geburten 
durchmachte, war sie Gemeinde-FHV- 
Leiterin. 

Wir zogen in eine neue Welt, wo man das 
Wasser noch aus offenen Brunnen 
schöpfte und wo es so viele Fliegen gab, 
daß man am Abend kaum durch das 
Fliegennetz im Türrahmen sehen konn- 
te; Typhus und viele andere Krankhei- 
ten waren dort verbreitet; es gab kaum 
medizinische Hilfe — jedenfalls keine 
Krankenhäuser und kein ausgebildetes 
Krankenpersonal, außer dem Landarzt, 
der mehr zu tun hatte, als er je schaffen 
konnte. 

Vor nicht allzu langer Zeit las ich im 
Tagebuch meiner Mutter Eintragungen 
wie : „Ich ließ die Kleinen bei Ruth (oder 
Delbert oder Gordon) und ging zu 
Schwester Smith, wo das zweite Zwil- 
lingskind gerade gestorben ist und die 
übrigen Kinder schwer an Typhus er- 
krankt sind." Oder : „Den heutigen Tag 
habe ich mit anderen Schwestern damit 
zugebracht, Totenkleider für Schwester 
Jones' Kinder zu machen." Und so 
konnte man weiter und weiter lesen. So 
wurde ich mit der Frauenhilfsvereini- 
gung bekannt, und ich bin sicher, daß 
diese Arbeit in einem gewissen Ausmaß 



immer noch getan wird, denn, wie ich 
die Aufgabe der FHV verstehe, betrifft 
sie nicht nur die geistige und moralische 
Wohlfahrt der Mitglieder der Gemein- 
de, sondern auch die physische und 
materielle. Jedesmal, wenn ich an Be- 
suchslehrerinnen denke, wird mir deut- 
lich, daß Ihre Aufgaben sich vielfach mit 
denen der Heimlehrer decken müssen, 
die, kurz zusammengefaßt, darin be- 
stehen, „immer über die Gemeinde zu 
wachen" — nicht zwanzig Minuten pro 
Monat, sondern immer — , „bei den 
Mitgliedern zu sein und sie zu stärken" 
— nicht an die Türe zu klopfen, sondern 
bei ihnen zu sein, sie zu erbauen, zu 
stärken und ihnen Kraft zu geben - 
„und darauf zu sehen, daß weder Gott- 
losigkeit noch Schwierigkeiten mitein- 
ander, noch Lügen, Verleumden und 
Übelreden in der Gemeinde herrschen" 
(LuB 20:53, 54). 

Welch eine Möglichkeit sich hier bietet! 
Aber allzu viele möchten über etwas 
anderes reden — über das Wetter, die 
Politik oder etwas, was eben in der 
Gemeinde geschehen ist, wie z. B. die 
Teilung einer Gemeinde, die Berufung 
einer neuen Bischofschaft, der FHV- 
Leitung oder irgendein anderes der vie- 
len Ereignisse, die in einer Gemeinde 
vorkommen und die man kritisieren 
oder in Frage stellen kann. Wie großar- 
tig ist doch die Möglichkeit, die zwei 
Schwestern haben, wenn sie eine Woh- 
nung betreten und alles, was hinderlich 
sein könnte, beiseite lassen und statt 
dessen über alle Führer der Kirche, über 
die Kirche selbst, ihre Lehren, Richt- 
linien und Verfahrensweisen in positiver 
Weise sprechen. 

So wie ich es sehe, darf beim Be- 
suchslehren kein Zwang ausgeübt wer- 
den. Es ist ein Werk der Liebe und der 
gegenseitigen Erbauung. Es ist er- 
staunlich, wie viele Menschen wir durch 
Liebe bekehren und anspornen können. 



Wir sollen „warnen, erklären, ermahnen 
und lehren und alle einladen, zu Christus 
zu kommen" (LuB 20:59). Das betrifft 
sowohl Menschen, die noch nicht der 
Kirche angehören, als auch Mitglieder. 
Um Erfolg zu erzielen, soll eine Be- 
suchslehrerin einen edlen Zweck vor 
Augen haben und ihn nie vergessen; sie 
muß sich ihres Amtes in hohem Maß 
bewußt sein; sie braucht eine nie nach- 
lassende Begeisterung, eine positive Hal- 
tung und viel Liebe. 
Im Buch , Lehre und Bündnisse' (LuB 



Was 

Besuchslehren 
sein kann 



42:14) sagt der Herr: „Der Geist wird 
euch durch das gläubige Gebet gegeben 
werden; wenn ihr aber den Geist nicht 
empfanget, sollt ihr nicht lehren." Wenn 
man davon ausgeht, daß Ihre Arbeit eng 
mit der des Priestertums zusammen- 
hängt, gilt auch, daß Sie die Grundsätze 
des Evangeliums lehren sollen, „die in 
der Bibel und im Buche Mormon stehen, 
worin die Fülle des Evangeliums ent- 
halten ist" (LuB 42:12) - - nicht bloß 
sittliche Grundsätze. Sie können die 
heiligen Schriften jederzeit heranziehen, 
sie auslegen und auf irgendeine be- 
stimmte Schwester anwenden, wie Ihre 
Inspiration Sie führt. Für jede einzelne 
Schwester eine besondere Botschaft, ei- 



Spencer W. Kimball 







ne besondere Weise, sie anzusprechen, 
eine besondere Schlußfolgerung und ein 
besonderer Weg zum Zeugnis. 
Selbstverständlich muß die Besuchsleh- 
rerin auch alles selbst tun, was sie lehrt. 
Darauf sollte man nicht eigens hin- 
weisen müssen, obwohl wir es manch- 
mal vergessen : alles, was sie sagt, soll sie 
auch selbst in die Tat umsetzen. 
Der Herr hat gesagt: „Ich gebiete euch, 
einander in der Lehre des Reiches zu 



der Schrift besser aus als irgend jemand 
von uns, jeden beliebigen Vers können 
sie aufschlagen und darüber reden; kei- 
ner von ihnen kann jedoch Ihrem Zeug- 
nis widersprechen. Sie können es nicht 
widerlegen und müssen verstummen. 
Man muß nicht immer auf höchst 
formelle Weise Zeugnis ablegen — es 
gibt so viele andere Möglichkeiten. Be- 
suchslehrerinnen müssen hervorragen 
und den Frauen, die sie besuchen, Füh- 




,, Jedesmal, wenn ich an 
Besuchslehrerinnen denke, wird 
mir deutlich, daß ihre Aufgaben 

sich vielfach mit denen der 

Heimlehrer decken müssen, die, 

kurz zusammengefaßt, darin 

bestehen, „immer über die 

Gemeinde zu wachen" — nicht 

zwanzig Minuten pro Monat, 

sondern immer. 

Spencer W. Kim ha II 



belehren" (LuB 88:77). Geben wir uns 
nicht damit zufrieden, einander lediglich 
zu besuchen und kennenzulernen. 
Freundschaft ist natürlich wichtig, wie 
kann man jedoch besser jemandes 
Freund sein, als daß man ihn die ewigen 
Grundsätze des Lebens und der Erlö- 
sung lehrt? 

Ihr Zeugnis ist ein gewaltiges Werkzeug. 
Niemand kann es zerstören oder ihm 
etwas entgegensetzen. Viele Theologen 
verwenden ihr ganzes Leben darauf, die 
Bibel zu studieren, und sie kennen sich in 



rung bieten. Sie müssen überdurch- 
schnittlich sein, was Energie, Einblick 
und Gründlichkeit anbelangt — vor 
allen Dingen, was ihr Zeugnis angeht, 
denn es ist unwiderlegbar. 
Mir gefällt der 38. Abschnitt des Buches 
, Lehre und Bündnisse' — ich zitiere, 
beginnend mit Vers 23 : 
„Aber wahrlich, ich sage euch : Lehret 
einander gemäß dem Amte, wozu ich 
euch berufen habe. 

Jedermann (dies betrifft, wie ich meine, 
auch jede Frau) halte seinen Bruder 



(seine Schwester) wert wie sich selbst 
und übe Tugend und Heiligkeit vor 
mir . . . 

Denn welcher Mensch unter euch, der 
zwölf Söhne hätte, machte keinen 
Unterschied zwischen ihnen, und sie 
dienten ihm getreulich, und er würde zu 
dem einen sagen: Sei in herrliche Ge- 
wänder gekleidet und setze dich hierher, 
und zu dem anderen : Sei in Lumpen 
gehüllt und setze dich dorthin, und 
wollte dann auf seine Söhne blicken und 
sagen : Ich bin gerecht ? 
Sehet, das habe ich euch als ein Gleichnis 
gegeben, und es ist so, wie ich bin. Ich 
sage euch : Seid eins, denn wenn ihr nicht 
eins seid, seid ihr nicht mein" (Luß 
38:23, 24, 26, 27). 

Viele Schwestern sind in Lumpen ge- 
kleidet — Lumpen in geistiger Hinsicht. 
Sie haben, wie es in dem Gleichnis heißt, 
ein Anrecht auf herrliche Kleider, gei- 
stige Kleider. Wir reden so häufig von 
Pflicht — es ist vielmehr eine besondere 
Gelegenheit für Sie, jemanden zu be- 
suchen und seine Lumpen gegen herr- 
liche Kleider einzutauschen. 
Wir reden immer von Pflicht — aber wir 
haben bereits unsere Begeisterung ver- 
loren, unsere Einsicht und unser Ziel 
vergessen, wenn wir sagen : „Heute vor- 
mittag muß ich meine Besuchslehrarbeit 
erledigen. " Vielmehr könnten wir sa- 
gen : „Auf den heutigen Vormittag habe 
ich schon gewartet, ich freue mich 
darauf, die Schwestern zu besuchen und 
sie zu erbauen". 

Sie tragen Verantwortung. Sie sind 
durch ordnungsgemäß eingesetzte 
Führer der Kirche von Gott berufen. Es 
heißt im 88. Abschnitt des Buches , Lehre 
und Bündnisse' : 

„Ja, reinigt eure Herzen und säubert 
Hände und Füße, auf daß ich euch 
reinigen und . . . bezeugen kann, daß ihr 
rein seid vom Blute dieses gottlosen 
Geschlechts" (LuB 88:74, 75). 



Sie können nicht ungestraft eine Schwe- 
ster übersehen oder sie unbeachtet las- 
sen, auch wenn sie nicht besonders 
entgegenkommend ist und sich über 
Ihren Besuch nicht gerade freut. Es gibt 
für eine Besuchslehrerin keine Entschul- 
digung, wenn sie die Verantwortung für 
vier, fünf, sechs oder sieben Familien 
übernimmt und dann zusieht, wie sie in 
geistigen Lumpen bleiben. Wenn Sie 
jemanden besuchen, sollten Sie leeres 
Gerede und große Worte vermeiden. Sie 
sind da, um Seelen zu retten, und wer 
weiß, wie viele der guten aktiven Mit- 
glieder der Kirche heute deswegen aktiv 
sind, weil Sie sie besucht und ihnen neue 
Perspektiven gezeigt haben. Sie haben 
den Vorhang beiseite geschoben, den 
Horizont erweitert. Sie haben den 
Menschen etwas Neues gegeben. Viel- 
leicht wird man es Ihnen nie sagen, aber 
trotzdem haben Sie Ihre Arbeit getan. 
Sie retten, wie Sie sehen, vielleicht nicht 
nur eine einzelne Schwester, sondern 
auch deren Mann und deren Familie. 
Wenn eine Schwester ein wenig inaktiv 
ist oder es mit dem Evangelium nicht so 
genau nimmt, dann hat sie wahrschein- 
lich einen Mann, auf den dies in noch 
größerem Maß zutrifft, und ihre Kinder 
nehmen womöglich nur oberflächlich an 
den Programmen der Kirche teil. Natür- 
lich gibt es Ausnahmen. Meistens aber 
entwickeln solche Kinder nur selten eine 
enge Beziehung zur Kirche. Sie haben 
also eine große Aufgabe vor sich. 
„Wer da kärglich sät", schreibt Paulus, 
„der wird auch kärglich ernten ; und wer 
da sät im Segen, der wird auch ernten im 
Segen" (2. Korinther 9:6). Solange wir 
nur leere Worte reden, erreichen wir 
nichts. Unsere Worte müssen von Her- 
zen kommen, und wir müssen uns 
Gedanken machen und uns auf das, was 
wir sagen, vorbereiten. Ich wüßte gerne, 
ob manche Schwestern fasten — viel- 
leicht am Morgen vor dem Besuchsieh- 



ren. Ich weiß nichts davon, daß dies 
gefordert wird. Es gibt vieles in der 
Kirche, was nicht gefordert wird, vieles, 
was wir gern tun. Jemand, der nicht 
mehr tut als nur Schwestern zu be- 
suchen, an Türen zu klopfen, Zeit zu 
vertreiben und Berichte auszufüllen, 
gleicht dem Mann, von dem Paulus 
schreibt, daß er in die Luft schlägt und 
nichts bewirkt (1, Korinther 9:26). 
Wir müssen unsere Arbeit so tun, wie es 
von uns verlangt wird. 
Ich nehme an, daß es überall Frauen 
gibt, die die Besuchslehrerinnen nicht 
einlassen. Darüber hinaus gibt es 
Frauen, die sie zwar einlassen, aber 
eigentlich nicht besucht werden wollen. 
Und dann gibt es noch Frauen, die die 
Besuchslehrerinnen wegwünschen, be- 
vor sie tatsächlich gehen. 
Wenn Sie es mit einer Schwester zu tun 
haben, die Ihnen nicht öffnet, mit einer, 
die zwar öffnet, aber nicht besucht 
werden will, oder aber mit einer, die Sie 
doch einläßt, nur ungern - - dann emp- 
fiehlt es sich, den Rat des Herrn an- 
zuwenden : ,, Diese Art fährt nur aus 
durch Beten und Fasten" (Matthäus 
17:21). 

Sie wissen, daß der Herr über Kräfte und 
Mittel verfügt, Herzen zu bewegen, die 
für uns unbegreiflich sind. Denken Sie 
nur an Alma ! An einem Tag verfolgte er 
die Kirche, am nächsten war er ein 
großer Missionar. Oder Paulus: Den 
einen Tag verfolgte er die Heiligen und 
warf sie ins Gefängnis, und kurz darauf 
predigte er mit großer Macht in der 
Synagoge das Evangelium. Was be- 
wirkte die Veränderung? Es war eine für 
uns unbegreifliche Macht, die der Herr 
in seiner Weisheit hat wirken lassen. Er 
bewegte das Herz dieser Männer. Aber 
er tat noch etwas anderes, und wir 
wissen auch, was er tat. 
Sie werden sagen: „Diese Frau kann 
durch nichts bewegt werden." Natürlich 



kann sie es. Sie kann bekehrt werden. 
Präsident Taylor sagte, daß jeder be- 
kehrt werden kann, wenn der Richtige 
im richtigen Zeitpunkt, auf die richtige 
Weise und mit dem richtigen Geist die 
richtige Methode anwendet. Er sagte 
nicht so oft „richtig" - - das habe ich 
dazugefügt - - glauben Sie aber nicht, 
daß es nicht möglich sei. 
Schlagen Sie das erste Buch im Buch 
Mormon auf, und lesen Sie es von 
neuem. Sicher erinnern Sie sich an die 
Worte Nephis : 

„Ich will hingehen und das tun, was der 
Herr mir geboten hat, denn ich weiß, 
daß der Herr den Menschenkindern 
keine Gebote gibt, es sei denn, daß er 
einen Weg für sie bereite, damit sie das 
ausführen können, was er ihnen geboten 
hat" (1. Nephi 3:7). 
Es ist möglich! Wir müssen das Wort 
„unmöglich" vollkommen aus unserem 
Wortschatz streichen. 
Wenn der Herr sie berief, akzeptieren Sie 
das dann, oder meinen Sie, die Berufung 
ist von der FHV-Leiterin ausgegangen? 
Wenn Sie lediglich von der FHV-Leite- 
rin berufen worden sind, dann können 
Sie es vielleicht nicht schaffen ; sind Sie 
hingegen durch die ordnungsgemäße 
Vollmachtslinie von Gott berufen wor- 
den - - und Sie wissen, daß das der Fall 
ist — , dann ist die logische Folge, daß 
Sie nicht versagen werden, wenn Sie 
Ihren Teil tun. 

Es ist leicht, den Mut zu verlieren. Es ist 
leicht aufzugeben, aber das dürfen Sie 
nicht. Denken Sie daran, wie Nephi in 
eine ausweglose Lage geraten und nicht 
an die Platten herangekommen ist. 
Auch seine Brüder konnten es nicht. Sie 
konnten sie weder kaufen noch durch 
Bestechung erlangen. Sie konnten sie 
auch nicht durch Gewalt an sich brin- 
gen, und ihr Leben hing überdies an 
einem seidenen Faden. All dem zum 
Trotz drang ein unbewaffneter junger 



8 



Mann durch die Stadtmauer und die 
verschlossenen Stadttore in die Stadt 
ein, in einen Garten, der völlig unzu- 
gänglich war, und in eine Schatzkam- 
mer, die versperrt war, an Soldaten 
vorbei, an denen man nicht vorüber- 
konnte ; er kam wieder aus der Stadt, die 
Arme voll von Aufzeichnungen, die 
seine Nachkommenschaft und andere 
Menschen davor bewahrt haben, in 
Unglauben zu versinken (1. Nephi 3:4). 
Er tat das Unmögliche. Dem Herrn aber 
ist nichts unmöglich. Wenn wir ihn auf 
unserer Seite haben, wenn er uns berufen 
und ein Gebot gegeben hat und wenn 
unsere Energie, unsere Anstrengung, 
unsere Planung und unsere Gebete der 
Aufgabe angemessen sind, werden wir 
den Auftrag ausführen können. 
Wir müssen Aufrichtigkeit und Demut 
bewahren und uns ganz auf den Herrn 
verlassen. 

Vergessen Sie auch nicht, daß Liebe das 
größte Gebot ist. Als der Herr gefragt 
wurde, was das größte -Gebot sei, gab er 
zur Antwort : „Du sollst lieben Gott, 
deinen Herrn, von ganzem Herzen, von 
ganzer Seele und von ganzem Gemüte. 
Dies ist das vornehmste und größte 
Gebot. Das andre ist dem gleich: Du 
sollst deinen Nächsten lieben wie dich 
selbst 1 ' (Matthäus 22:37-39). 
Der Herr hat uns gesagt, wer unsere 
Nächsten sind. Es sind diejenigen, die 
von zu Hause fort und unterwegs sind; 
diejenigen, die verwundet sind, und 
solche, die nicht bezahlen können. Jeder 
ist unser Nächster - - auch die Schwe- 



stern, die Sie daheim besuchen. Aufträge 
ausführen und dem Nächsten eine voll- 
kommene Erkenntnis vom Evangelium 
vermitteln sind zwei ganz verschiedene 
Dinge. Es gilt, was ich zuvor gesagt habe 
— alles ist möglich. 
Der Schriftsteller Lloyd C. Douglas hat 
folgendes geschrieben : ,,Die Natur hat 
sich immer gegen alles gewehrt, was ihre 
blinden, aber geordneten Vorgänge 
stört. Ein Baum mag jahrelang einen 
schweigenden und langwierigen Kampf 
gegen eine ihn beengende Mauer führen, 
ohne sichtlichen Erfolg. Eines Tages 
fällt jedoch die Mauer; nicht, weil der 
Baum plötzlich eine übernatürliche 
Kraft erlangt hat, sondern weil seine 
geduldige Selbstverteidigung und sein 
Mühen um Befreiung schließlich ihre 
Erfüllung erreicht haben. Der lange 
eingeengte Baum hat sich befreit, die 
Natur ist ihren Weg gegangen" (Lloyd 
C. Douglas, 1877-1961, „The Robe"). 
Das können auch Sie. Wie die kleine 
Weinrebe, die kleine Wurzel, die eine 
Mauer umstürzen oder einen Stein spal- 
ten kann, können auch Sie Herzen 
bewegen und sie von Verankerungen 
losreißen, die nicht gut sind. Sie können 
andere zu vollständiger Aktivität in der 
Kirche bewegen. Es ist zu schaffen ! 
Der Herr segne Sie, meine Schwestern, 
in Ihrer wichtigen Arbeit, in Ihrem 
liebenswürdigen Wesen und in dem 
Einfluß, den Sie auf andere ausüben 
können - - das erbitte ich im Namen 
Jesu Christi. Amen. 





Aus einer Rede an den Lehrkörper der 
theologischen Fakultät der Brigham- Young- 
Universität vom 12. Dezember 1976 



Wi 



lr können aus dem Bericht über 
Christi Geburt soviel lernen, daß wir 
zögern, wenn wir nur einen Aspekt auf 
Kosten der anderen hervorheben. Ver- 
zeihen Sie mir, daß ich das heute gerade 
tue. 

In der letzten Zeit ging mir nicht der 
Gedanke aus dem Kopf, daß dies eine 
Geschichte ungeheurer Armut ist. Ich 



frage mich, ob Lukas sich etwas dabei 
gedacht hat, als er nicht schrieb :,,... 
weil kein Platz in der Herberge war", 
sondern : ,,weil für sie kein Platz in der 
Herberge war" (Lukas 2:7; Herder- 
Übersetzung, 1965). Natürlich ist das 
nur eine Vermutung, aber ich glaube, 
das Geld hatte damals genausoviel 
Macht wie heute. Wenn Maria und 
Joseph reich oder mächtig gewesen wä- 
ren, hätten sie sicher auch in einer 
überfüllten Herberge noch eine Bleibe 
gefunden. 
In der inspirierten Version von Joseph 



Vielleicht kann man 
Weihnachten doch nicht kaufen 



Jeffrey R. Holland 




10 



Smith heißt es: ,,Es gab niemanden, der 
ihnen in den Herbergen einen Platz hätte 
geben können" (Lukas 2:7; Inspirierte 
Version). Soll damit angedeutet werden, 
daß sie nicht die „richtigen" Leute 
kannten? 

Wir wissen nicht mit Bestimmtheit, was 
der Verfasser ausdrücken wollte, doch 
wir wissen, daß die beiden schrecklich 
arm waren. Für das Reinigungsopfer, 
das die Eltern nach der Geburt des 
Kindes darbrachten, wählten sie statt 
des Lammes ein Paar Turteltauben. Der 
Herr hatte diese Ausnahme im Mo- 
saischen Gesetz zugelassen, damit die 
wirklich Armen nicht über die Maßen 
belastet würden (3. Mose 12:8). 
Später kamen die Weisen mit ihren 
Gaben und verliehen dem Ereignis etwas 
Glanz und Reichtum, doch kamen sie 
von weither, wahrscheinlich aus Persien, 
und hatten zumindest Hunderte von 
Kilometern zurückgelegt. Wenn sie am 
Abend der Geburt des Kindes angekom- 
men wären, hätten sie lange vor dem 
Erscheinen des Sterns aufgebrochen sein 
müssen. Zudem berichtet Matthäus, 
daß die Familie in einem Haus lebte, als 
sie kamen (Matthäus 2:11). 
Könnten wir hier nicht auch in der Art, 
wie wir Weihnachten feiern, einen 
Unterschied machen und Einkäufe, An- 
fertigen und Einwickeln von Geschen- 
ken und Schmücken des Baumes von 
den stillen, persönlichen Augenblicken 
trennen, in denen wir über die Be- 
deutung des Kindes (und seiner Geburt), 
die der eigentliche Anlaß für unsere 
Geschenke ist, nachdenken. 
Gold, Weihrauch und Myrrhe wurden 
demütig überreicht und entgegenge- 
nommen. Und so soll es jedes Jahr und 
jederzeit sein. Meine Frau und meine 
Kinder können bezeugen, daß sich nie- 
mand mehr über Schenken und Be- 
schenktwerden freut als ich. 
Doch gerade aus diesem Grund muß ich 



mir, wie Sie sich auch, das einfache Bild 
dieser Armut in jener Nacht vor Augen 
halten, in der es kein Lametta, keine 
weltlichen Geschenke gab. Erst wenn 
wir den einen, heiligen, schmucklosen 
Gegenstand unserer Verehrung, das 
Kind in der Krippe, vor uns sehen, 
wissen wir, warum wir uns gerade zum 
Fest seiner Geburt gegenseitig beschen- 
ken. 

Als Vater denke ich in der letzten Zeit oft 
über Joseph nach, den starken, stillen, 
fast unbekannten Mann, der würdiger 
als jeder andere Sterbliche gewesen sein 
muß, um der Pflegevater des Gottes- 
sohns zu werden. Aus allen Männern 
wurde Joseph ausgewählt, Jesus arbei- 
ten zu lehren. Joseph unterrichtete ihn in 
den Gesetzesbüchern. Joseph half ihm in 
der Stille seiner Werkstatt, allmählich zu 
erfassen, wer er war und was letztlich aus 
ihm werden sollte. 

Ich war Student an der Brigham-Young- 
Universität und arbeitete an meinem 
Doktorat, als unser erstes Kind, ein 
Sohn, geboren wurde. Wir waren sehr 
arm, wenn auch nicht so arm wie Maria 
und Joseph. Meine Frau und ich studier- 
ten beide, wir verdienten Geld nebenbei 
und waren außerdem noch Hausverwal- 
ter in unserem Mietshaus, damit wir 
weniger Miete zahlen mußten. Wir fuh- 
ren einen kleinen Volkswagen mit halb- 
toter Batterie, weil wir uns keinen neuen 
leisten konnten (eine Batterie übrigens 
auch nicht). 

Und doch, als „unsere" Nacht näher- 
rückte, hätte ich auf ehrlichem Wege 
alles getan und meine Zukunft ver- 
pfändet, nur um sicherzugehen, daß 
meine Frau saubere Laken, sterile In- 
strumente, aufmerksame Kranken- 
schwestern und fähige Ärzte hatte, auf 
daß sie unserem ersten Sohn den Weg ins 
Leben erleichterten. Wenn meine Frau 
oder das Kind eine teure Spezialklinik 



11 



gebraucht hätten, hätte ich wohl mein 
Leben dafür verpfändet. 
Wenn ich meine Gefühle überdenke (es 
waren bei jedem folgenden Kind die 
gleichen), frage ich mich, was Joseph 
wohl empfunden hat. Er ging durch die 
Straßen einer fremden Stadt, ohne 
Freunde oder Verwandte. Keiner streck- 
te ihnen hilfreich die Hand entgegen. In 
diesen letzten beschwerlichsten Stunden 
ihrer Schwangerschaft hatte Maria die 
160 Kilometer von Nazareth in Galiläa 
nach Bethlehem in Judäa zu Fuß oder 
auf einem Esel zurückgelegt. Joseph 
mußte angesichts ihrer stillen Entschlos- 
senheit geweint haben. Jetzt mußten sie 
allein und unbemerkt, abseits der 
menschlichen Gesellschaft, in einen Stall 
einziehen, in dem das Vieh stand. Hier 
sollte der Sohn Gottes zur Welt kom- 
men. 

Was mag Joseph empfunden haben, als 
er den Dung und Schmutz wegräumte? 
Hat er geweint, während er das sauber- 
ste Stroh suchte und die Tiere zurück- 
hielt? Hat er sich still gefragt : „Könnte 
ein Kind unter ungesunderen, jämmerli- 
cheren Umständen geboren werden? Ist 
dies der Ort für einen König? Sollte die 
Mutter des Gottessohnes ihre Nieder- 
kunft in einem solchen finsteren, ab- 
stoßenden Stall erleben ? Ist es falsch, ihr 
ein wenig Bequemlichkeit zu wünschen? 
Ist es recht, daß er hier geboren werden 
soll?" 

Doch bin ich gewiß, daß Joseph nicht 
murrte und Maria nicht klagte. Sie 
wußten es besser und taten, was sie 
konnten. 

Vielleicht wußten die Eltern damals 
schon, daß ihr kleiner Sohn bei seiner 
Geburt wie bei seinem Tod Schmerz und 
Enttäuschung mitmachen sollte wie kein 
anderer. 

Ich habe auch über Maria nachgedacht, 
die vor allen anderen Frauen in der 
Weltgeschichte ausgezeichnet wurde. Sie 



war fast noch ein Kind, als der Engel zu 
ihr kam und ihr die Botschaft brachte, 
die nicht nur ihr eigenes Leben, sondern 
die Menschheitsgeschichte verändern 
sollte : „Heil dir, Jungfrau, der Herr hat 
dich sehr ausgezeichnet. Der Herr ist mit 
dir; denn du bist unter den Frauen 
auserwählt und gesegnet" (Lukas 1:28; 
Inspirierte Übersetzung). Ihr Wesen und 
ihre Bereitschaft, dem Herrn zu dienen, 
spiegeln sich in ihrer demütigen Antwort 
wider : „Siehe, ich bin des Herrn Magd ; 
mir geschehe, wie du gesagt hast" (Lu- 
kas 1:38). 

Dies geht über mein Verständnis hinaus, 
ich kann nicht nachvollziehen, was eine 
Mutter empfindet, wenn sie weiß, daß 
sie eine lebende Seele empfangen hat; 
wenn sie spürt, wie das Leben in ihrem 
Körper erwacht und wächst und ein 
Kind zur Welt kommt. Die Väter kön- 
nen dann nur zusehen, doch die Mütter 
empfinden, und sie vergessen es nie. 
Wieder mußte ich daran denken, wie 
Lukas die Ereignisse der heiligen Nacht 
in Bethlehem beschrieben hat: 
„Und als sie daselbst waren, kam die 
Zeit, daß sie gebären sollte. 
Und sie gebar ihren ersten Sohn und 
wickelte ihn in Windeln und legte ihn in 
eine Krippe" (Lukas 2:6, 7). Hier ist 
neben dem Kind selbst Maria die 
Hauptfigur, die Königin, die Mutter 
aller Mütter. Sie steht im Mittelpunkt 
der dramatischen Ereignisse. Und aus 
diesen einfachen Sätzen können wir 
auch herauslesen, daß sie, bis auf die 
Gesellschaft ihres Mannes, sehr allein 
war. 

Ich habe mich gefragt, ob sich diese 
junge Frau, die selbst fast noch ein Kind 
war, bei der Geburt ihres Kindes nach 
ihrer Mutter, ihrer Schwester, einer 
Tante oder Freundin gesehnt hat, die ihr 
hätte beistehen können. Die Geburt 
eines solchen Sohnes hätte die An- 
wesenheit und Hilfe einer jeden Hebam- 



12 



me in ganz Judäa gerechtfertigt! Wün- 
schen wir uns nicht alle, es hätte jemand 
ihre Hand gehalten, ihr die Stirn gekühlt 
und sie nach der Geburt in kühles, 
weißes Leinen gebettet? 
Doch es sah ganz anders aus. Nur mit 
Josephs unerfahrenem Beistand gebar 
sie ihren ersten Sohn, wickelte ihn in die 
wenigen Windeln, die sie vorsorglich 
mitgebracht hatte, und legte ihn viel- 
leicht auf ein Kissen aus Stroh. 
Und auf beiden Seiten des Schleiers sang 
ein himmlischer Chor : „Ehre sei Gott in 
der Höhe und Friede auf Erden und den 
Menschen ein Wohlgefallen" (Lukas 
2:14). Doch bis auf Besucher vom Him- 
mel waren die drei allein — Joseph, 
Maria und das Kind, das Jesus heißen 
sollte. 

Diesen bedeutenden Augenblick in der 
Geschichte der Menschheit, in dem 
sogar ein neuer Stern am Himmel er- 
schien, erlebte wohl kein weiterer Sterb- 
licher mit, nur ein armer junger 
Zimmermann, eine wunderschöne jung- 
fräuliche Mutter und das Vieh im Stall, 
das nicht über die Fähigkei verfügte, 
über dieses heilige Ereignis sich zu 
äußern. 

Bald darauf kamen die Hirten und 
später die Weisen aus dem Morgenland. 
Doch noch war nur die kleine Familie da 
ohne Geschenke, Baum oder Lamet- 
ta. Weihnachten begann mit einem neu- 
geborenen Kind. 

Weil dieses Kind geboren wurde, sollen 
wir im Chor singen : ,,Hört, die Engels- 
chöre singen : Heil dem neugebornen 
Kind! Uns zur Freud ist er geboren, 



denn sonst wären wir verloren. Er ver- 
treibet alles Weh, Hosianna in der 
Höh'!" (Gesangbuch, Nr. 235). 
Jesus muß häufig gesagt haben, wenn er 
den Kindern in die Augen blickte, die 
ihn liebten (die am besten sahen, wer er 
wirklich war) : „Wenn ihr nicht umkeh- 
ret und werdet wie die Kinder, so werdet 
ihr nicht ins Himmelreich kommen" 
(Matthäus 18:3). Dabei dachte er viel- 
leicht an die Umstände seiner eigenen 
Geburt, seiner Kindheit, an die Rein- 
heit, den Glauben und die wahre Demut, 
die jedes celestiale Wesen haben muß. 
Weihnachten ist für Kinder jeden Alters. 
Vielleicht ist mein liebstes Weihnachts- 
lied deshalb auch ein Kinderlied. Ich 
singe es mit mehr Gefühl als jedes 
andere : 



„Im Stoh in der Krippe, kein Bett war im 
Raum, 

da lag\s Jesuskindlein, gar rein anzu- 
schaun . . . 

Sehau nieder vom Himmel, denn ich liebe 
dich, 

und halt deine Hände als Schutz über 
mich. 

Sei ganz nahe bei mir, so nah, wie es geht, 
für immer und ewig, das ist mein Gebet. 
Und segne die Kinder mit Kraft für und 
ßr, 
daß sie können leben im Himmel mit dir'''' 

(Sing mit mir, F-2). 

Jeffrey Holland, der Bildungsbeauftrag- 
te der Kirche, lebt in Bountiful, Utah. 




13 



Joseph Smith, 

der gütige 

Prophet 



Kenneth W. Godfrey 



An den sechzehn Jahren, die ich Kir- 
chengeschichte lehre und mich intensiv 
mit der frühen Geschichte der Heiligen 
der Letzten Tage beschäftige, hat mich 
an dem Propheten Joseph Smith vor 
allem seine Güte beeindruckt. Sie war 
Teil seiner selbst und umschloß die 
Menschen aller Rassen und auch die 
Tiere. Als er mit Freunden in Liberty in 
Missouri eingekerkert war, schrieb er 
mehrere Briefe an seine Frau Emma. In 
einem sehr aufschlußreichen Brief er- 
kundigt er sich in einem Satz nach seinen 
Söhnen und Töchtern, dann nach 
Joanna, seinem Pferd, und Old Major, 
seinem Hund, die er liebte und gut 
behandelte. 

Es ist allgemein bekannt, daß Joseph 
und Emma Smith Zwillinge adoptierten 
und Julia, die die Angriffe des Pöbels in 
Hiram in Ohio überlebte, wie ihr eigenes 
Kind erzogen haben. Nach einer sehr 
schwierigen Ehe kehrte Julia zu Emma 
Smith zurück und wurde genauso liebe- 
voll aufgenommen wie in ihrer Kind- 
heit. Weniger bekannt sind vielleicht die 
vielen guten Taten, die nur in den 
Tagebüchern einzelner Mitglieder fest- 
gehalten wurden. 

1841 kamen John Walker, seine Frau 
Lydia Adams Holmes und ihre zehn 
Kinder nach Nauvoo. Diese treue Fami- 
lie hatte das Massaker bei Haun's Mill 
und die Verfolgungen seitens der Be- 
wohner Missouris überlebt, die 1838 
und 1839 stattgefunden hatten. Jetzt 



kamen sie, völlig verarmt, aber mit 
großen Hoffnungen und Erwartungen, 
in der Mormonenstadt an. Sie zogen 
zum Bruder ihres Vaters und lernten 
Joseph Smith gleich am ersten Abend 
kennen. 

Der Sommer brachte ihnen Schüttel- 
frost und Fieber, und Schwester Walker 
blieb ans Bett gefesselt. Als Joseph 
Smith hörte, wie krank sie war, kam er 
mit seiner Frau und holte Schwester 
Walker zu sich, weil er meinte, die 
Veränderung würde ihr gut tun. Doch 
Schwester Walker hielt es nicht lange 
ohne ihre Kinder aus und wollte zu 
ihnen zurück, obwohl sich ihr Gesund- 
heitszustand nicht gebessert hatte. Ihr 
Bett wurde auf einen Schlitten gelegt, sie 
mit Decken umhüllt — inzwischen war 
es nämlich schon Winter geworden — 
und sie kehrte nach Hause zurück. Sie 
rief ihre Kinder zusammen, ermahnte 
sie, nie von der Wahrheit zu weichen und 
so zu leben, daß sie sie ,,in der Welt, in 
der es kein Leid und keine Tränen der 
Angst mehr geben wird", wiedersehen 
könne. Dann schloß sie die Augen, „ihr 
Geist ging fort, nur ein himmlisches 
Lächeln blieb auf ihrem Gesicht zu- 
rück". 

Schwester Walker hinterließ zehn Kin- 
der, das Jüngste war noch nicht ganz 
zwei Jahre alt. Das übergroße Leid 
schien zuviel für Bruder Walker, und 
bald bangte die Familie auch um sein 
Leben. 



14 



Als Joseph Smith davon erfuhr, eilte er 
wieder herbei. Er schlug Bruder Walker 
einen Ortswechsel vor, da er seiner Frau 
sonst bald nachfolgen werde, und mein- 
te: „Sie haben Kinder, wie ich sie gern 
hätte. Mein Haus kann ihnen fürs erste 
ein Zuhause bieten. Ich rate Ihnen, Ihr 
Haus zu verkaufen, die Kleinen bei 
guten Freunden zu lassen und mir die 
vier ältesten zu geben. Ich will sie wie 
meine eigenen behandeln. Wenn ich 
sehe, daß sich die Kleinen nicht wohl 
fühlen oder daß man nicht gut zu ihnen 
ist, nehme ich sie auch zu mir, bis Sie 
zurückkommen." 

So geschah es, und die Mutter Joseph 
Smith' berichtet, daß der Prophet den 
Kindern häufig seinen Wagen lieh, da- 
mit sie ihre Geschwister besuchen konn- 
ten, die jetzt in anderen Teilen der Stadt 




lebten. Dann erkrankte die achtjährige 
Lydia an Hirnhautentzündung. Der 
Prophet bangte um ihr Leben und holte 
sie zu sich, seinem Versprechen getreu. 
Er betete für sie, pflegte sie wie sein 
eigenes Kind, aber sie überlebte nur 
wenige Tage und folgte dann ihrer 
Mutter nach. Emma und Joseph Smith 
gingen mit den anderen Kindern zur 
Beerdigung der kleinen Lydia. Eins nach 
dem anderen zogen die Kinder beim 
Propheten ein. Sie blieben in seinem 
Haus, bis er selbst starb. Dann kehrte ihr 
Vater wohlbehalten zurück, und sie 
begleiteten ihn in den Westen. Sie ver- 
gaßen nie, wie liebevoll Joseph und 
Emma Smith sich ihrer angenommen 
hatten. 

Mary Ann Stearns, die Stieftochter Par- 
ley P. Pratts, berichtet in ihrer unver- 
öffentlichten Autobiographie von einem 
Erlebnis ihrer Familie mit dem Pro- 
pheten Joseph Smith, das seine große 
Güte widerspiegelt. Parley P. Pratt war 
mit Frau und Kindern und einer Gruppe 
Einwanderer von seiner Mission in 
England zurückgekehrt. Er hatte den 
Weg über St. Louis in Missouri gewählt, 
aber die Gruppe wurde von der kalten 
Witterung und den großen Eisblöcken, 
die auf dem fast zugefrorenen Mississip- 
pi trieben, fast vier Wochen aufgehalten. 
Als sie schließlich in Nauvoo ankamen, 
warteten die Mitglieder in der Stadt 
schon ungeduldig auf sie, aber auch die 
Einwanderer aus Großbritannien kon- 
nten es kaum abwarten, den Propheten 
Joseph Smith zu sehen. Joseph Smith, 
sein Bruder Hyrum und viele andere ka- 
men an den Landungssteg, um die Neu- 
ankömmlinge willkommen zu heißen. 
Bruder Pratt stellte den beiden Führern 
der Kirche die Gruppe vor, und als alle 
bis auf die Familie Pratt das Schiff ver- 
lassen hatten, kam der Prophet in ihre 
Kabine. 
„Nach einer herzlichen Begrüßung setz- 



15 



te er sich, nahm die beiden Jungen, 
Nathan und Parley, auf die Knie und 
schien sehr bewegt zu sein. Bruder Pratt 
meinte : ,Wir haben drei Kinder mit- 
genommen und fünf wieder mitge- 
bracht.' Da sagte Bruder Joseph: ,Ja, 
Bruder Parley, Sie haben Ihre Ernte 
eingebracht. 1 Dabei strömten ihm die 
Tränen über die Wangen. Bruder Pratt, 
der sah, welche Gefühle dies hervorrief, 
sagte darauf: ,Wenn Sie sich so wenig 
über unsere Rückkehr freuen, müssen 
wir wohl wieder gehen', und auch ihm 
liefen Freudentränen über das Gesicht." 
Das schien den Bann zu brechen, jeder 
lachte wieder, und alle freuten sich. 
Joseph Smith stand auf und sagte: 
„Kommen Sie, Bruder Parley, bringen 
Sie Ihre ganze Familie zu mir; es ist 
nicht weit, und nach der weiten Reise 
fühlen Sie sich dort wohler." Weil 
Schwester Pratt sehr krank war, wurde 
sie in einen bequemen Stuhl gesetzt, und 
Bruder Hodge trug sie mit anderen 
Begleitern des Propheten zu dessen 
Haus, wo die ganze Familie ein kleines 
Fest feierte. 

Der Prophet begegnete allen Kindern 
Gottes mit Güte. Wie sehr er alle 
Menschen achtete, sehen wir an dem 
folgenden Bericht von Jane Manning 
aus dem Jahre 1893. Schwester Man- 
ning, eine Negerin, hatte sich 1842 in 
Connecticut der Kirche angeschlossen. 
Unter großen persönlichen Opfern und 
großer Gefahr machte sie sich mit 
mehreren anderen schwarzen Mitglie- 
dern auf den Weg nach Nauvoo. Sie 
liefen, bis ihre Schuhe auseinanderfielen 
und ihre Füße so wund waren, daß sie 
bluteten und sie blutige Fußspuren hin- 
terließen. In Peoria in Illinois drohte die 
Obrigkeit, sie ins Gefängnis zu sperren, 
falls ihre Papiere nicht in Ordnung seien. 
Sie zeigten ihre Papiere vor und wurden 
freigelassen. Sie mußten auf ihrer Wan- 
derung noch Flüsse überqueren, in de- 



nen ihnen das Wasser bis zum Halse 
reichte. Als sie schließlich in Nauvoo 
ankamen, wurden sie zu Joseph Smith 
geführt, und Jane Manning berichtet 
darüber : 

„Schwester Emma stand in der Tür und 
sagte freundlich: , Kommen Sie nur 
herein !' Bruder Joseph sagte zu ein paar 
weißen Schwestern, die da waren : 
Schwestern, ich möchte, daß Sie hier 
heute abend mit einigen Brüdern und 
Schwestern zusammenkommen, die ge- 
rade eingetroffen sind.' Bruder Joseph 
stellte Stühle auf, brachte Schwester 
Emma und Dr. Bernhisel herein und 
stellte sie uns vor. Dann setzte er sich zu 
mir und sagte: ,Sie haben diese kleine 
Gruppe angeführt, nicht wahr?' Ich 
antwortete: ,Ja.' Dann sagte er: ,Gott 
segne Sie! Erzählen Sie uns, was Sie 
unterwegs erlebt haben.' Ich erzählte 
alles, was ich oben aufgeführt habe, nur 
viel ausführlicher, weil ich inzwischen 
einiges wieder vergessen habe. Bruder 
Joseph schlug Dr. Bernhisel aufs Knie 
und sagte: ,Was halten Sie davon, Dok- 
tor, ist das nicht Glauben?' Der Doktor 
sagte : ,Ja, das ist es, und wenn ich an 
ihrer Stelle gewesen wäre, hätte ich 
vielleicht aufgegeben und wäre nach 
Hause gegangen.'" 

Die ganze Gruppe blieb eine Woche im 
Haus des Propheten, bis für eine ge- 
eignete Unterkunft gesorgt war. Der 
Prophet kam jeden Morgen in ihr Zim- 
mer, um zu sehen, wie es seinen Gästen 
ging, und gab Jane neue Kleider, weil sie 
unterwegs alles verloren hatte. Eines 
Morgens sah er, daß sie weinte, weil alle 
außer ihr eine neue Bleibe gefunden 
hatten. Er verließ das Zimmer, sprach 
kurz mit seiner Frau, und bat Jane 
Manning, in seinem Haus zu bleiben. Sie 
blieb, bügelte, wusch und kochte für die 
Familie und vergaß nie, wie gut Joseph 
und Emma Smith zu ihr gewesen waren. 



16 



Sie starb im April 1908 als treues 
Mitglied der Kirche. 
Ein anderer Fall : Emily Williams, eine 
Witwe, die damals noch kein Mitglied 
der Kirche war, hatte eine kleine Toch- 
ter, die sehr krank wurde. Nach etlichen 
Tagen gab der Arzt jede Hoffnung auf. 
Als Emily Williams hörte, Joseph Smith 
sei nach Michigan gekommen, um Ver- 
wandte zu besuchen, bat sie ihn, ihrem 
Kind einen Krankensegen zu geben. Der 
Prophet kam mit seinem Vater. Er 



kniete sich bei dem Kind nieder, legte 
ihm die Hände auf den Kopf und 
versprach ihm, es werde genesen. Emily 
berichtet: „Das Mädchen drehte sich 
um, die Krämpfe ließen nach, und sie 
schlief ein. Am nächsten Morgen war sie 
völlig gesund. " 

So war der Prophet Joseph Smith ein 
Vorbild an Güte und Liebe gegenüber 
allen Menschen, und wir tun gut daran, 
ihm heute nachzueifern. 




17 




AUF DER SUCHE NACH 

ZION ± 

1830-1835 

Glen M. Leonard 




Di 



ie bedeutenden Ereignisse in den 
Jahren zwischen 1830 und 1840 machen 
dieses Jahrzehnt zu einem der wichtig- 
sten in der Geschichte der Kirche. Aus 
einem kleinen Anfang in Fayette im 
Westen des Staates New York wuchs die 
Kirche schnell. Die Bekehrten waren 
eifrig bemüht, das Werk zu unterstüt- 
zen, und erzählten ihren Freunden und 
Nachbarn bereitwillig von der Wieder- 
herstellung des Evangeliums. Die- 
jenigen, die Joseph Smith und Oliver 
Cowdery als die „ersten Ältesten" der 



Kirche anerkannten, gaben von ihren 
Mitteln zum Unterhalt der Armen und 
halfen beim Bau eines Tempels in Kirt- 
land, Ohio. Der Stein, der ohne Zutun 
von Menschenhänden vom Berg her- 
unterkam, hatte seine weltweite Mission 
begonnen. Er rollte zuerst nur langsam, 
nahm aber mit der Zeit an Geschwindig- 
keit und Größe zu. 

Das Buch Mormon gab den ersten 
Heiligen der Letzten Tage das erregende 
Gefühl, an bedeutenden Ereignissen teil- 
zuhaben, die dem Zweiten Kommen 



. . ....- ■:■ '...:!■. i ■::■:•:■ 




18 



Jesu Christi vorausgingen. Die Bibel 
und das Buch Mormon wiesen zu- 
sammen mit neuen Offenbarungen, die 
durch Joseph Smith gegeben wurden, 
auf eine wichtige Periode der Missions- 
arbeit in den Letzten Tagen hin, wo die 
Rechtschaffenen unter allen Völkern 
aus dem Bösen gesammelt werden soll- 
ten. Die Heiligen sahen es als Teil der 
vorbereitenden Arbeiten für das Millen- 
nium an, daß das Evangelium zu den 
Übriggebliebenen vom Haus Israel ge- 
bracht werden sollte. 
Im Oktober 1830 begaben sich Oliver 
Cowdery, Peter Whitmer jun., Parley P. 
Pratt und Ziba Peterson von New York 
aus auf eine Mission zu den Indianern 
im Westen Amerikas. Sie besuchten auf 
ihrem Weg den Stamm der Cattaraugus- 
Indianer in der Nähe von Buffalo und 
den Stamm der Wyandot in Ohio. 
Weiße Siedler waren westlich schon bis 
nach Missouri vorgedrungen. Jenseits 
dieses Staates lebten die Indianer, die 
von diesen Pionieren weiter nach We- 
sten gedrängt worden waren. Aber als 
Oliver Cowdery und seine Gefährten die 
Grenze von Missouri erreichten, erleb- 
ten sie eine Enttäuschung. Die Missio- 
nare besuchten die Shawnee-Indianer 
und trafen dann mit dem Häuptling der 
Delawaren zusammen. Obwohl die 
Indianer sie freundlich aufnahmen, wur- 
den die Missionare gezwungen, das 
Reservat zu verlassen, und zwar von 
Indianeragenten der Regierung, die be- 
haupteten, daß die Missionare den Frie- 
den störten. So brachten diese ersten 
Kontakte mit den Lamaniten nicht die 
Bekehrungen, die die Missionare er- 
wartet hatten. Indessen wurde die Auf- 
merksamkeit der Kirche durch diese 
Expedition auf Missouri gelenkt, wo die 
Heiligen bald versuchen sollten, eine 
Stadt Zion zu errichten. 
In Ohio brachten die Missionare eine 
wichtige Ernte ein. Auf ihrem Weg nach 



Westen hatten sie Sidney Rigdon be- 
sucht, einen früheren Prediger der 
Campbelliten und Freund Parley P. 
Pratts. Rigdon war zuerst skeptisch, 
studierte aber dann das Buch Mormon 
und forderte die Missionare auf, zu 
seiner Gemeinde zu sprechen. Bald bat 
er darum, getauft zu werden. 130 wei- 
tere Menschen ließen sich ebenfalls tau- 
fen. Rigdon wollte unbedingt den Pro- 
pheten kennenlernen. Im Dezember 
reiste er zusammen mit einem jungen 
Hutmacher, Edward Partrigde, zu Jo- 
seph Smith, der damals in Waterloo im 
Staate New York wohnte. Der Prophet 
war von Rigdons Fähigkeit beeindruckt 
und empfing bald eine Offenbarung, in 
der es hieß, daß der Herr ihn „für ein 
größeres Werk vorbereitet" habe. Der 
frühere Prediger benutzte seine redneri- 
schen Fertigkeiten bald, um anderen das 
Evangelium zu erklären. Dann begann 
er, als Schreiber für Joseph Smith bei 
einer inspirierten Revision der Bibel zu 
arbeiten, und wurde Ratgeber in der 
Ersten Präsidentschaft. 
Die Mitglieder der Kirche in New York 
brauchten als erstes einen Ort, um sich 
zu sammeln, und durch Offenbarung 
wurden ihnen zwei genannt. Einer da- 
von lag im westlichen Missouri im Kreis 
Jackson in der Nähe von Independence. 
Im Sommer 1831 besuchte der Prophet 
mit einigen anderen die Gegend und 
wählte ein Siedlungsgebiet für eine 
Gruppe von Heiligen aus, die von Coles- 
ville in New York dorthin reisen sollten. 
Sie nannten es das Zentrum Zions 
(Independence sollte auch dazuge- 
hören), weil eine Offenbarung es als die 
künftige Hauptstadt des Neuen Jerusa- 
lems bezeichnet hatte. Joseph Smith 
setzte den Eckstein für einen Tempel in 
Zion und ordinierte Edward Partrigde 
zum Bischof, der sich um die zeitlichen 
Belange kümmern sollte. Er war der 
erste Bischof der Kirche. 



19 




Inzwischen gründeten andere Bekehrte 
aus New York in der Gegend von 
Kirtland im nördlichen Ohio eine zweite 
Mormonengemeinde. Sie vereinigten 
sich hier mit den Neubekehrten aus 
Ohio zu einem als vorübergehend ge- 
planten Gemeinwesen, um auf den Aus- 
zug nach Zion zu warten. Joseph Smith 
zog mit seiner Familie nach Ohio, und 
bis 1838 war nun Kirtland der Hauptsitz 
der Kirche. 

Offenbarungen und Übersetzungen 

Die ,Kirtlandperiode' ist ein aufregen- 
der Abschnitt in der Geschichte der 
Kirche. Die Heiligen in Kirtland erleb- 
ten eine Ausgießung von Gaben des 
Geistes, es gab viele Offenbarungen zur 
Führung der neuen Kirche, und es 
vollzogen sich wichtige Entwicklungen 
in der Verwaltung der Kirche. 
Zu den ersten Bekehrten in Ohio gehörte 
Luke S. Johnson. Seine Eltern, John 
Johnson und dessen Frau, die in der 
Nähe von Hiram eine große Farm 
besaßen, besuchten den Propheten in 
Kirtland. Frau Johnson litt an chro- 
nischem Rheumatismus und konnte seit 
sechs Jahren einen Arm nicht bewegen. 



Während des Besuchs faßte der Prophet 
sie an der Hand und sagte: „Im Namen 
des Herrn Jesus Christus befehle ich dir, 
gesund zu sein!" Frau Johnson war 
geheilt. Bei den Anwesenden hinterließ 
dieser Vorfall einen nachhaltigen Ein- 
druck von der Kraft des Priestertums. 
Später folgten diesem Wunder andere 
Kundgebungen verschiedener Gaben 
des Geistes unter den Heiligen. Als aber 
einige von ihnen, die früher der Sekte der 
Shaker angehört hatten, versuchten, die 
wahren Gaben durch sogenannte „gei- 
stige Wirkungen" nachzuahmen, tadelte 
der Prophet sie, weil sie sich auf törichte 
Art rollten und wanden und das Gesicht 
verzogen. 

Es gab auch andere, die behaupteten, 
Offenbarung für die Kirche zu erhalten. 
Unter anderen maßte sich eine Frau 
Hubble das Recht an, den Heiligen in 
Ohio Anweisungen zu geben. Gegen- 
über solchen Eindringlingen erklärte der 
Prophet durch Offenbarung, wie er es 
schon vorher getan hatte, daß der Herr 
nur einen zu dieser Aufgabe bestimmt 
habe. Joseph Smith führte die Heiligen 
durch Offenbarung im täglichen Leben, 
erklärte ihnen die Funktion der kirchli- 



20 



DER FREUND 

12/1978 





Es ist 
wirklich 
passiert ! 




DAS MACHT SPASS 

Male die Flächen an, die durch einen Punkt gekennzeichnet sind, 

und schau, welche Tiere du finden kannst. 




Das Lamm 



Margaret Allen 



D 



ie zarte Hand der Nacht hatte 
den Vorhang des Himmels zuge- 
zogen; Joel, der Jüngste unter den 
Schafhirten, saß auf einem der Berg- 
abhänge in Galiäa und liebkoste 
sein Lamm. Er mochte die Abend- 
zeit besonders gern, wenn die Sterne 
wie Kerzen in der dunklen Wölbung 
des Himmels erstrahlten. Er hatte 
auch sein Lamm sehr gern und 
fühlte sich nie einsam, wenn es an 
seiner Seite ausgelassen tollte. In den 
kalten Nächten wärmte ihn sein 
Körper ; aber jetzt, da das Lamm 
schlief, schauten Joels Augen groß 
und fragend. 



„Der Himmel ist heute so eigenartig 
hell, Vater", sagte Joel zu dem 
großen Mann, der aufrecht neben 
ihm stand. 

„Es ist die Herrlichkeit Gottes, mein 
Sohn", erwiderte der Schäfer. 
„Es ist immer so, wenn der Himmel 
klar ist", sprach der Junge weiter. 
„Aber in dieser Nacht scheint sich 
der Himmel zur Erde gesenkt zu 
haben, und mir kommt es vor, ich 
könnte, wenn ich den Hügel erklet- 



terte, den Himmel mit meiner aus- 
gestreckten Hand berühren." 
Der Mann neben ihm blickte kurz 
auf und staunte. Aber da er ein 
schweigsamer Mann war, sagte er 
nur: „Das stimmt, mein Sohn." 
Der Junge hielt sein Lamm eng an 
sich gepreßt und hüllte sich in seinen 
Umhang ; er lehnte sich zurück, um 
die Herrlichkeit des Himmels besser 
sehen zu können 

Wie viele andere Schafhirten war 
Joel von den Sternen tief beein- 
druckt. Er glaubte, daß eines Tages 
ein auserwählter Mensch den Plan 
Gottes für diese Erde kennenlernen 
würde, wenn er diese Fenster des 
Himmels erforschte. 






Jede Nacht hielt er nach den ihm 
vertrauten Sternen Ausschau und 
suchte nach neuen, die er sich mer- 
ken wollte. 




Joel hatte sich einen Lieblingsstern 
erwählt; er stand im Osten und 
leuchtete ganz hell. Er hatte sich 
viele Geschichten für seinen Stern 
einfallen lassen. Er war ein Engel, 
der mit seinem mächtigen Schwert 
den Bösen vertreiben würde. Oder er 
war ein edler Fürst, der in Herr- 
lichkeit kommen würde, um sein 
Volk aus der Unterdrückung zu 
befreien, und die zu ehren, die ihm 
gedient hatten. Joel sehnte sich da- 
nach, diesem geliebten Fürsten zu 
dienen — er war selbst bereit, sein 
Leben für ihn, seinen Herrn, zu 
geben, wenn es notwendig sein soll- 
te. Die Augen des Jungen schlössen 
sich, als er so vor sich hinträumte, 
und bald schlief er fest. 
Plötzlich wurde Joel vom Lärm 
vieler Stimmen geweckt; es war 
nicht das gewohnte leise Murmeln 
der wachenden Schäfer, sondern ein 
aufgeregtes Stimmengewirr. 
„Gehen wir", sagte ein Schäfer. 
„Beeilt euch!" 

„Es ist ein Zeichen, ein Zeichen von 
Gott", sagte ein anderer. 
Die Schafhirten löschten ihre Feuer 
und hüllten sich in ihre Umhänge ; 
sie ließen einen Hirten zurück, der 
über die Schafe wachen sollte. 
Als Joel aufblickte, wurde er bei- 
nahe von dem Licht geblendet, das 
den dunklen Himmel erhellte. Es 
war, als ob die Tür zum Himmel 
offenstand und Herrlichkeit her- 
ausleuchtete. 

Joel war nun hellwach und stand 
auf. „Was ist los, Vater? Woher 
kommt dieses Licht?" Er hob sein 
Lamm hoch und hielt es in seinen 
Armen. 



Der Vater legte den Arm auf die 
Schulter seines Sohnes und sagte mit 
einer Stimme, die vor Erregung 
zitterte. „Komm, Joel, das Zeichen 
ist endlich da!" 

Der Mann und der Junge folgten 
den anderen, die in die Richtung des 
Lichtes gegangen waren. 
Der Hof des Wirtshauses war dun- 
kel, als sie ihn erreichten; das ge- 
schäftige Treiben des Tages war 
vorbei. Selbst die Kamele schliefen, 
gegen die Außenmauer gelehnt. Der 
Stall jedoch schien eigenartig zu 
leuchten. 

Joel war beunruhigt. Ob ein Funke, 
das von der Sonne dürre Holz des 
Stalls angezündet hatte? Er über- 
legte. Nein, denn sonst würden 
Flammen an dem verstreuten Stroh 
emporlodern, das wie Zunder bren- 
nen würde. Es war Licht vom Him- 
mel, das wie die Mittagssonne durch 
den Stall schien. Die Hirten knieten 
sich nieder, denn sie waren demütige 
Männer und wußten, daß sie auf 
heiligem Boden standen. 
Ein Mann stand an der Stalltür. Als 
ob er Besucher erwartet hätte, bat er 
sie näherzutreten. 

Konnte das Kindlein dort der Fürst, 
der Erlöser seines Volkes sein? Es 
konnte nicht stimmen — ein König 
in einem Stall geboren ! Das war ein 
Ort für bescheidene Hirten. Aber 
doch, es mußte stimmen, denn da 
war das Zeichen. Sicher war es von 
Gott. Joel war sich bewußt, was für 
eine Ehre es für ihn bedeutete, hier 
sein zu dürfen. Sein Herz klopfte vor 
Aufregung zum Zerspringen, er 
drückte das Lamm gegen sich. 
Er blickte zu seinem Vater hoch, der 



ihm zunickte, als ob er wüßte, was 
gerade in Joel vorging. Joel hielt das 
Lamm noch fester, zögerte ' und 
flüsterte schließlich : „Es wird ohne 
mich frieren." 

„Ein Bett im Heu wird warm genug 
sein, mein Sohn." 
„Aber es wird weinen, wenn ich es 
verlasse." 

„Die Tauben werden es in den 
Schlaf singen." 
„Aber es wird einsam sein." 
„Das Kindlein wird es auch lieb- 
haben, mein Sohn." 
Joel hielt sein Lamm fest umklam- 
mert, als er zur Krippe vortrat, dann 
legte er das Lamm vor das Kindlein. 
Die Mutter lächelte sanft, und jetzt 
tat es Joel nicht mehr leid. Sein Herz 
zersprang fast vor Freude, als er in 
ihre Augen blickte, die ihn voller 
Liebe und Verständnis ansahen. Es 
war ihm, als ob sie wüßte, was es für 
ihn bedeutete, das Liebste herzuge- 
ben; im Lamm lag wie im Kind 
neues Leben, das immer die Hoff- 
nung der Welt ist. 
Vaters Hand war warm und sanft, 
als er Joel aus dem Stall führte, 
vorbei an den schlafenden Kamelen 
und in den offenen Hof. Die Luft 
war klar wie vorher. Die Herrlich- 
keit des Himmels leuchtete noch 
immer auf diesen bescheidenen 
Fleck Erde. 

Der Mann und sein Sohn standen 
still und lauschten. War das Musik, 
was sie vernahmen? War es ein 
Himmelschor? Konnten die Sterne 
vereint singen? Joel wußte es nicht. 
Er dachte sich, daß es auch die 
eigenartige neue Musik sein könnte, 
die in seinem Herzen erklang. 



FROHES HANUKKAH! 



Bonnie Newton 




W ä 



ährend die Christen einander in der 
Weihnachtszeit Frohe Weihnachten 
wünschen, begrüßen die Juden auf der 
ganzen Welt ihre Freunde mit den 
Worten Frohes Hanukkah (Fest des 
Lichtes oder Fest der Weihung). 
Anläßlich dieser Feier bekommen die 
Kinder Geschenke und führen Schau- 
spiele auf. Die Juden geben auch den 
Armen Geschenke und sammeln Geld 
für gute Zwecke. 



Wenn ihr jeden Abend an den acht 
Tagen des Hanukkah in das Haus einer 
jüdischen Familie blicken könntet, dann 
würdet ihr die Eltern und ihre Kinder 
um einen schönen Menorah, einen acht- 
armigen Kerzenständer, versammelt se- 
hen. Am ersten Abend wird nur eine 
Kerze von den acht angezündet; am 
nächsten Tag eine zweite Kerze und so 
fort, bis acht Kerzen das Haus erhellen. 
Eine neunte Kerze, mit der die anderen 



angezündet werden, wird Schammasch 
genannt. 

Wenn die Kerzen brennen, singen die 
Menschen fröhliche Lieder, spielen Spie- 
le, erzählen Geschichten und nehmen 
besondere traditionelle Hanukkah-Lek- 
kerbissen zu sich, wie zum Beispiel 
Latkes (Kartoffelpfannkuchen) mit sau- 
rer Sahne. Sie essen auch Kekse, die wie 
Löwen geformt sind. 
Mit dem Hanukkah feiern die Juden die 
erneute Weihung des Tempels Gottes, 
nach einer schweren Zeit. 1 68 v. Chr. fiel 
Antiochus IV. Epiphanes, ein grie- 
chisch-syrischer König, in Palästina ein 
und besetzte Jerusalem. Er beschlag- 
nahmte den Tempel und stellte darin 
heidnische Götzen auf. Dann versuchte 
er, die Juden zu zwingen, von ihrem 
Glauben an Jehova abzulassen und statt 
dessen die Götzen anzubeten, die er 
hatte aufstellen lassen. Aber die Juden 
weigerten sich, ihre Religion aufzuge- 
ben. Ein Ältester von Palästina, Matta- 
thias, widersetzte sich dem Tyrannen 
und rief die Juden zum Aufstand auf. 
Sie folgten ihm in die Berge von Judäa, 
wo Judas Makkabäus, einer der fünf 
Söhne Mattathias, eine Armee 
zusammenstellte. Judas wurde der Mak- 
kabäer genannt, was „Hämmerer" be- 
deutet, wegen der Schläge, die er für die 
Erringung der Freiheit gegen die Feinde 
austeilte. 

Drei Jahre lang bekämpften die Juden 
Antiochus. Obwohl sie zahlenmäßig 
weit unterlegen.und schlecht ausgerüstet 
waren, führte Judas Makkabäus sie zu 
vielen Siegen gegen die gewaltigen grie- 
chisch- syrischen Armeen. Schließlich 



eroberten sie Jerusalem wieder zurück. 
Die Juden reinigten sofort den Tempel 
von allen heidnischen Götzen und 
machten ihn wieder zu einem Haus, in 
dem man Gott verehren konnte. 
Judas kündigte dann ein Fest an, um den 
Tempel Gottes neuerlich zu weihen, und 
sagte, daß ein ewiges Licht vor dem 
Altar angezündet werden würde. Man 
glaubt jedoch, daß nur soviel Öl ge- 
funden werden konnte, um damit eine 
Lampe für einen einzigen Abend vor 
dem heiligen Schrein brennen zu lassen. 
Gewissenhaft wurde die Lampe an- 
gezündet ; sie brannte auf wundersame 
Weise acht Tage lang, bis wieder mehr 
Öl zur Verfügung stand. Während die 
Lampe brannte, feierte das Volk. 
Während der Hanukkah-Feiertage 
weihen sich die Juden im Gedenken an 
dieses denkwürdige Ereignis erneut, 
auch bei Widerstand ihren Idealen, ih- 
rem Glauben und Mut treu zu bleiben. 
In dieser Zeit der Freude und des 
Schenkens wird auch ein traditionelles 
Spiel gespielt, das ,Dreidel' genannt 
wird. 

Dazu wird ein kleiner viereckiger Kreisel 
verwendet, der mit der Hand gedreht 
wird. Auf den Seiten des Kreisels stehen 
vier hebräische Schriftzeichen, die für 
die Worte stehen: Naze godolla hoya 
scha (ein großes Wunder geschah dort). 
Preise werden verteilt, je nachdem, wel- 
che Seite des Kreisels nach dem Drehen 
oben ist. 

Es ist leicht zu verstehen, warum die 
Juden stolz auf ihre Geschichte sind, 
und warum sie so voller Freude die 
Kerzen anzünden. 



Joseph Smith forderte die Heiligen auf, 
westwärts nach Zion zu ziehen, um den 
Verfolgungen zu entgehen — in ein Land, 
wo sie unbehelligt in Frieden und Glück 
leben konnten, ein Land im Westen, das der 
Herr ihm in einer Offenbarung gezeigt hatte. 

Das Bild wurde von CCA Christensen 
gemalt. 



chen Ämter und unterwies sie in der 
Lehre der Kirche. 

In den 1830er Jahren erweiterte der 
Prophet das Verständnis für die Lehre 
dadurch, daß er verlorengegangene hei- 
lige Schriften wiederbrachte. Zwei da- 
von waren die Prophezeiungen Enochs 
und die Visionen und Schriften Moses, 
die später in der Köstlichen Perle ge- 
sammelt wurden. Im Sommer 1830 
begann er, das Alte und das Neue 
Testament zu revidieren. Er arbeitete 
ungefähr zwei Jahre lang daran und 
korrigierte Verse, die durch frühere 
falsche Übersetzung entstellt worden 
waren. Während dieser Zeit erhielt Jo- 
seph Smith auch viele wichtige Offenba- 
rungen, darunter eine Vision von den 
Stufen der Herrlichkeit (LuB 76), eine 
Prophezeiung über Kriege (LuB 87), das 
Wort der Weisheit (LuB 89), Unter- 
weisungen über das Priestertum (LuB 
84) und wichtige Wahrheiten über das 
Verhältnis des Menschen zu Gott (LuB 
93). 

Von Anfang an wollten die Heiligen 
Abschriften der Neufassung der Bibel 
und von den Offenbarungen des Pro- 
pheten. Er begann schon 1830, die 



Offenbarungen für eine Veröffentli- 
chung zusammenzustellen. Er bearbei- 
tete die Offenbarungen, die er für ein 
",Buch der Gebote" sammelte, und fügte 
im November 1831 ein offenbartes Vor- 
wort und einen Anhang hinzu. Von 
dieser neuen heiligen Schrift waren etwa 
zwei Drittel gedruckt, als im Juli 1833 
ein Pöbelhaufen die Druckpresse der 
Kirche in Independence zerstörte. Die 
Mitglieder retteten ein paar unvoll- 
ständige Kopien, aber weil sich die 
Herausgabe dann um weitere zwei Jahre 
verzögerte, konnten noch zusätzliche 
Änderungen vorgenommen werden. 
Der Prophet vergrößerte die Sammlung, 
fügte mehrere Abhandlungen hinzu, die 
„Vorlesungen über den Glauben" ge- 
nannt wurden, und ordnete die Offenba- 
rungen in fast chronologischer Reihen- 
folge. Die neue heilige Schrift wurde im 
Herbst 1835 unter dem Namen , Lehre 
und Bündnisse' veröffentlicht. 
Während die Anhänger des Propheten 
seine offenbarten Verkündigungen ge- 
spannt erwarteten, gab es viele in der 
Umgebung, die allein schon den Ge- 
danken an neuzeitliche Offenbarung 
voller Geringschätzung zurückwiesen. 
Die Zeitungen in Ohio verspotteten die 
Mormonen wegen ihres Glaubens, und 
die Geistlichen führten den Chor der 
Schmäher manchmal noch an. 
Dieser Widerstand führte mitunter so- 
gar zu gewaltsamen Ausschreitungen. 
Der bekannteste derartige Vorfall trug 
sich in der Nacht des 24. März 1832 in 
Ohio zu, als Joseph Smith und seine 
Familie bei John Johnson in Hiram 
wohnte. In jener Nacht zog eine Gruppe 
von mehr als zwei Dutzend Männern 
den Propheten und Sidney Rigdon aus 
dem Bett ; man würgte sie, bis sie keinen 
Widerstand mehr leisteten, und zog sie 
hinaus aufs Feld. Sie zerkratzten die 
Haut des Propheten mit ihren Fingernä- 
geln, versuchten gewaltsam, ihm Säure 



21 



einzuflößen, und bestrichen dann seinen 
nackten Körper mit Teer und Federn. 
Bruder Rigdon blieb im Delirium zu- 
rück, weil sein Kopf so hart auf die Erde 
gestoßen worden war. Als der Prophet 
eine Woche später zu einem zweiten 
Besuch nach Missouri aufbrach, ver- 
folgten seine Widersacher ihn. Er suchte 
Schutz auf einem Flußdampfer und 
konnte die Reise so sicher zurücklegen. 
Von da an brauchte er fast ständig 
Leibwachen, um sich vor weiteren Aus- 
schreitungen oder gar der Ermordung 
zu schützen. 

Aber solche Schwierigkeiten konnten 
die Bemühungen, die gute Nachricht 
von der Wiederherstellung zu verkündi- 
gen, nicht zum Stillstand bringen. Die 
Druckpressen der Kirche in Missouri 
und Ohio veröffentlichten ein Gesang- 
buch, das die Frau des Propheten, 
Emma Smith, zusammengestellt hatte, 
gaben neue Ausgaben der heiligen 
Schriften heraus, und dann erschien der 
,,Evening und Morning Star" (Der A- 
bend-und Morgenstern), die erste Zei- 
tung der Kirche. Auch die Missionars- 
arbeit dehnte sich anfangs der 1830er 
Jahre aus. Die Ältesten erfüllten viele 
Kurzzeitmissionen und reisten, wenn es 
auf der Farm nicht so viel Arbeit gab, in 
nahegelegene Städte. Ausgedehnte Mis- 
sionen trugen das Evangelium in alle 
Teile der damaligen Vereinigten Staa- 
ten, und nach Kanada. 

Das Reich Gottes wird organisiert 

Ein wichtiges Thema der Offenbarun- 
gen und Predigten der frühen 30er Jahre 
war, daß das gesammelte, neuzeitliche 
Volk Israel zur Vorbereitung auf das 
Millennium das Reich des Herrn er- 
richten würde. Dieses Reich, die wieder- 
hergestellte Kirche Jesu Christi, wurde 
in Einklang mit den Grundsätzen und 
Vorschriften organisiert, die durch Of- 
fenbarung verkündet worden waren. 



Das Buch , Lehre und Bündnisse' von 
1835 enthielt die frühesten Anweisungen 
des Herrn über die Verwaltung der 
Kirche, einschließlich Hinweisen auf das 
Gesetz der Weihung und der Verwalter- 
schaft und auf die Ämter des Priester- 
tums. 

Der Idealplan des Herrn hinsichtlich der 
wirtschaftlichen Ordnung wurde 1831 
und 1832 durch Offenbarungen auf- 
gestellt. Er wurde das Gesetz der Wei- 
hung und Verwalterschaft genannt. Die 
Mitglieder der Kirche, die nach dieser 
neuen ökonomischen Ordnung leben 
wollten, weihten ihren Besitz und Un- 
persönliches Eigentum der Kirche. Da- 
für gab der Bischof jedem Mitglied ein 
Erbteil oder eine Verwalterschaft, „so- 
viel wie für ihn und seine Familie 
ausreicht". Überschüsse wurden den- 
jenigen zugewiesen, die weniger als das 
Notwendigste hatten, den Armen ge- 
geben und verwendet, um die Ver- 
öffentlichungen der Kirche zu finan- 
zieren und diejenigen zu unterstützen, 
deren Ämter in der Kirche sie vollzeitig 
beschäftigten. Nach dem einmaligen 
Vorgang der Weihung wurde von den 




Ein Bild von CCA Christensen ; es zeigt 
Joseph und Hyrum Smith, als sie bei den 
Indianern predigten. 



22 



Mitgliedern erwartet, daß sie ihren jähr- 
lichen Überschuß dem Bischof brach- 
ten. 

Das Gesetz der Weihung und der Ver- 
walterschaft wurde in Ohio und Missou- 
ri befolgt. Einige Heilige zeigten, daß sie 
nicht bereit waren, nach dem Gesetz zu 
leben, und so wurden Anpassungen 
vorgenommen. 1838 wurde ein System 
eingeführt, das nicht so viel forderte, das 
Gesetz des Zehnten (LuB 119). 
Der Bischof hatte die Aufgabe, das 
Geweihte und die Erbteile zu verwalten. 
Während dieser Zeit handhabte Bischof 
Partrigde die zeitlichen Angelegenheiten 
in Missouri und Bischof Newell K. 
Whitney in Ohio. Diese Bischöfe hatten 
regionale Zuständigkeit. Ihr Amt war 
eins von mehreren neuen Priester- 
tumsämtern, die in den 1830er Jahren 
bestimmt wurden, um die wachsende 
Kirche zu verwalten. 

Vor 1831 bestand die kirchliche Organi- 
sation nur aus Ältesten, Priestern, Leh- 
rern und Diakonen, an deren Spitze 
die Zweierpräsidentschaft des „ersten" 
und „zweiten" Ältesten stand. In den 
nächsten vier Jahren führte Joseph 
Smith verschiedene neue Priestertum- 
sämter und Führungsgremien ein. Von 
besonderer Bedeutung war die Ordinie- 
rung der ersten Hohenpriester auf einer 
Sonderkonferenz in Kirtland an 3. Juni 
1831 und ihre Bestimmung zu präsidie- 
renden Ämtern. 

Das präsidierende Kollegium nahm 
schnell die Form an, die es seit dieser 
Zeit behalten hat. Am 25. Januar 1832 
wurde Joseph Smith als Präsident der 
Hohenpriester bestätigt, und innerhalb 
von sechs Wochen wurden Sidney Rig- 
don und Jesse Gause berufen, um die 
Erste Präsidentschaft zu vervollständi- 
gen. Gause diente weniger als ein Jahr, 
wurde dann durch Frederick G. Wil- 
liams ersetzt. Die Erste Präsidentschaft 
präsidierte über die ganze Kirche und 



bildete gleichzeitig die Präsidentschaft 
des Pfahles Kirtland. Dabei wurde sie 
von einen Hohen Rat unterstützt, der 
am 17. Februar 1834 gebildet wurde. Im 
Juli desselben Jahres wurden in Missouri 
eine Pfahlpräsidentschaft und ein Hoher 
Rat gebildet. Das war der Anfang des 
Pfahls als Verwaltungseinheit der Kir- 
che. 

Ein anderes neues Amt, das durch 
Offenbarung eingeführt wurde, war das 
des Patriarchen. Joseph Smith sen. wur- 
de als erster dazu berufen, und zwar am 
18. Dezember 1833. Im Februar 1833 
kamen die anderen beiden höchsten 
Kollegien dazu : das der Zwölf Apostel 
und das der Siebzig. 
Die drei Zeugen des Buches Mormon 
wurden berufen, die ersten Apostel aus- 
zuwählen. Sie wählten eine ergebene 
Gruppe von jungen Männern im Alter 
zwischen 24 und 35 Jahren aus. Diese 
sind nicht alle bis zum Ende getreu 
geblieben, aber unter ihnen war Brig- 
ham Young, der später Joseph Smith' 
Nachfolger als Präsident der Kirche 
werden sollte. Nicht lange nach ihrer 
Ordinierung wurden die neuen Apostel 
von Joseph Smith organisiert, wobei er 
sich nach ihrem Alter richtete. Es waren: 
Thomas B. Marsh, David W. Patten, 
Brigham Young, Heber C. Kimball, 
Orson Hyde, William E. M'Lellin, Par- 
ley P. Pratt, Luke S. Johnson, William 
B. Smith, Orson Pratt, John F. Boynton 
und Lyman E. Johnson. 
Ebenfalls im Februar 1835 berief Joseph 
Smith die ersten Siebziger und organi- 
sierte sie mit sieben Präsidenten für jedes 
Kollegium. Die Präsidenten des Ersten 
Kollegiums der Siebzig sollten alle Sieb- 
ziger führen, und diese sollten den Zwölf 
dabei helfen, das Evangelium in die Welt 
zu tragen. Die Pflichten der neuen 
Priestertumsämter wurden 1832 und 
1835 durch Offenbarungen festgelegt. 
Diese Offenbarungen finden wir in Ab- 



23 



schnitt 84 und 107 im Buch , Lehre und 
Bündnisse'. 

Vertreibung aus dem Kreis Jackson 

Während diese organisatorische Ent- 
wicklung in Kirtland vor sich ging, 
verloren die Heiligen in Zion ihren 
anfänglichen Anspruch auf das Land 
Zion. 1833 legte Joseph Smith den Plan 
für die Stadt Zion und ihre Tempel fest. 
Die Stadt sollte 2,6 km 2 groß sein, jedes 
Stadtviertel sollte 4 Hektar umfassen, 
im ganzen sollte es 24 Tempel darin 
geben. Aber die Verwirklichung dieser 
Vision von der Hauptstadt des Millen- 
niums mußte aufgeschoben werden, weil 
es zu Konflikten zwischen den Heiligen 
der Letzten Tage und den älteren An- 
siedlern in Missouri kam. 
Diese Grenzsiedler fühlten sich von dem 
Einfluß der Mormonen bedroht. Die 
Heiligen kauften sehr viel Land im Kreis 
Jackson und würden die ursprünglichen 
Missourer an Zahl bald überwiegen. 
Dann würden die Mormonen Wirt- 
schaft und politische Wahlen bestim- 
men. Außerdem waren die einheimi- 
schen Bürger argwöhnisch wegen der 
religiösen Lehren der Mormonen über 
die Sammlung Zions, die Weihung und 
neue Offenbarungen. Viele Bekehrte 
kamen aus dem Nordosten der Ver- 
einigten Staaten, während viele der frü- 
heren Siedler den Südstaaten und der 
Sklaverei zugeneigt waren. 
Freie Neger waren ein heißes Eisen für 
die Einwohner von Missouri, und das 
Gesetz des Staates beschränkte ihren 
Zuzug. Die Negerfrage stand im Mit- 
telpunkt des Streits, als im Juli 1833 die 
Feindseligkeiten gegen die Mormonen 
ausbrachen. Einige einflußreiche Mis- 
sourer hatten schon Monate vorher 
nach Möglichkeiten gesucht, wie sie 
diese unerwünschten Nachbarn loswer- 
den könnten. Sie ließen gegen die Kirche 
gerichtete Artikel zirkulieren und wand- 



ten sich gegen die Prahlereien einiger 
übereifriger Heiliger, die erklärten, daß 
alle Nichtmormonen gezwungen wür- 
den, ihr Land aufzugeben. Im Juli 
enthielt die Zeitung der Kirche ,Evening 
and Morning Star' einen Artikel, in dem 
die Beschränkungen erklärt wurden, die 
im Staat Missouri bezüglich des Zuzugs 
freier Neger bestanden haben. Die übri- 
gen Bewohner legten diesen Artikel als 
Aufforderung zum Zuzug und als Be- 
drohung für sich selbst aus, weil sie 
Sklaven hielten. Der Herausgeber der 
Zeitung, William W. Phelps, veröffent- 
lichte schnell eine Richtigstellung, aber 
die wütenden Bürger waren schon 
zusammengekommen, um eine „gehei- 
me Verfassung" zu entwerfen, in der die 
Vertreibung der Heiligen gefordert wur- 
de. 

Im Verlaufe des Monats kamen die 
Missourer in öffentlichen Versamm- 
lungen zusammen, um Unterstützung 
für ihr Ultimatum zu gewinnen. Sie 
forderten die Mitglieder der Kirche auf, 
ihr Land und ihre Geschäfte zu verkau- 
fen und das Land zu verlassen. Die 
örtlichen Führer der Kirche lehnten das 
ab, und daraufhin zerstörten ungeduldi- 
ge Missourer die Druckerei und griffen 
andere Läden an, die Mitgliedern ge- 
hörten. Edward Partrigde und Charles 
Allen wurden auf dem Marktplatz ge- 
teert und gefedert. Drei Tage später 
zwang ein Pöbelhaufen die Beamten der 
Kirche mit vorgehaltener Waffe, ein 
Versprechen zu unterzeichnen, daß die 
Mormonen ihr Eigentum bis zum kom- 
menden Frühling aus dem Staat weg- 
schaffen würden. 

Die Führer der Kirche im Kreis Jackson 
baten nun den Gouverneur von Missou- 
ri, Daniel Dunklin, um Schutz. Staats- 
beamte rieten den Heiligen, sich an die 
örtlichen Gerichte zu wenden, und das 
taten sie auch. Gleichzeitig gaben sie 
bekannt, daß sie ihre Häuser und ihr 



24 




Es war gegen Ende März 1832 in 
Hiram, Ohio, in der Nähe 
Kirilands; Joseph Smith schlief, 
nachdem er fast die ganze Nacht 
wegen eines kranken Kindes 
gewacht hatte. Plötzlich stürmte ein 
Dutzend Männer in den Raum, 
ergriffen ihn und Sidney Rigdon und 
schleppten sie in ein Feld. Sie rissen 
ihm seine Kleider vom Leib, 
schlugen und kratzten ihn und 
bedeckten seinen grün und blau 
geschlagenen Körper mit heißem 
Teer und Federn. Trotzdem erschien 
er am nächsten Tag in der Kirche 
und predigte, ohne zu erwähnen, 
welchem Angriff er und Sidney 
Rigdon am Abend zuvor ausgesetzt 
gewesen waren. Das Bild stammt 
von CCA Christensen. 



Eigentum verteidigen wollten, und be- 
gannen, sich zu bewaffnen. Die Missou- 
rer legten dies dahingehend aus, daß die 
Mormonen ihr Versprechen fortzuzie- 
hen, nicht halten wollten. Am 31. Okto- 
ber fand die erste von mehreren Ver- 
geltungsaktionen gegen die Heiligen 
statt. Ungefähr 50 Mann griffen eine 
Siedlung am Big Blue River an, die 13 
km westlich von Independence lag. Sie 
zerstörten die Häuser und peitschten 
mehrere Männer aus. Die Mormonen, 
die in Independence wohnten, reagierten 
auf die Drohungen, indem sie innerhalb 
einer Woche flohen. Während eines 
Gefechts am Big Blue River am 4. 
November wurden auf beiden Seiten 
Männer erschossen. 
Lilburn W. Boggs, der stellvertretende 
Gouverneur von Missouri, der in In- 
dependence wohnte, diente als Ver- 
mittler zwischen den beiden Gruppen. 
Er überredete die Heiligen, ihre Waffen 
abzugeben und den Landkreis innerhalb 
von zehn Tagen friedlich zu verlassen. 
Die örtlichen Führer der Kirche stimm- 
ten seinem Plan zu, aber die Belästigun- 
gen hörten nicht auf. Männer, Frauen 
und Kinder packten in Hast ihr Hab und 
Gut zusammen und flüchteten in 



verschiedene Richtungen. Die meisten 
wandten sich direkt nach Norden: über 
den Missouri in den Landkreis Clay. 
Dort boten ihnen die Einwohner der 
größten Stadt, Liberty, Arbeit, Unter- 
kunft und Lebensmittel. Die Flüchtlinge 
zogen in verlassene Sklavenhütten, bau- 
ten sich notdürftige Unterkünfte und 
schlugen Zelte auf. Als der Frühling 
kam, pachteten sie sich Land und fan- 
den Arbeit. 

Dieser unerwartete Wegzug aus dem 
Kreis Jackson erfüllte den Propheten 
mit Besorgnis. Die Heiligen mußten 
dadurch nicht nur leiden, sondern die 
Pläne zur Errichtung eines Sammelplat- 
zes wurden auch gestört. Er riet den 
Flüchtlingen, weiterhin vor Gericht um 
ihr Eigentum und um Schadenersatz zu 
kämpfen. Die Heiligen baten den Gou- 
verneur von Missouri um eine mili- 
tärische Eskorte, unter deren Schutz sie 
ihre Häuser wieder beziehen wollten. 
Der Gouverneur stimmte zu, sagte aber, 
es würde die Miliz aus dem Kreis 
Jackson sein, die ihnen ja feindlich 
gesinnt war. Als bei den Ge- 
richtsverhandlungen Zeugen belästigt 
wurden, gaben die Führer der Kirche 
diese Bemühungen auf. Sie sandten eine 



25 



Bittschrift an Andrew Jackson, den 
Präsidenten der Vereinigten Staaten, 
aber die Regierung in Washington ver- 
trat eine Politik, die den Bundesstaaten 
ihre eigenen Rechte zugestand. Die Bun- 
desbeamten wollten sich nicht in örtliche 
Angelegenheiten einmischen. Sie ver- 
wiesen an den Staat Missouri. 
Während diese Verhandlungen vor sich 
gingen, organisierte Joseph Smith ein 
freiwilliges Heer von Mitgliedern, das 
bei der Befreiung des Landes Zion helfen 
sollte. 1 m Februar 1 834 war eine Vorhut 
aus der Gegend um Kirtland und dem 
Osten der Vereinigten Staaten zu- 
sammengekommen. Später schlössen 
sich noch unter dem Namen „Zionsla- 
ger" bekannt, wollten die örtlichen Mili- 
zen in Missouri unterstützen, wenn diese 
das Versprechen des Gouverneurs, daß 
die Mormonen unbehelligt zu ihrem 
Besitz zurückkehren konnten, wahr ma- 
chen. Aber der Gouverneur zog sein 
Angebot zurück. Er fürchtete, daß unzu- 
friedene Missourer einen Bürgerkrieg 
beginnen würden, wenn er den Heiligen 
der Letzten Tage helfen würde. Statt 
dessen drängte er die Heiligen dazu, das 
umstrittene Land zu verkaufen und an 
einen anderen Ort zu ziehen. 
Abgeordnete von beiden Seiten trafen 
sich am 16. Juni 1834 im Gerichtsgebäu- 
de von Liberty. Die Vertreter der Kirche 
machten das Angebot, den alten Sied- 
lern ihre Ländereien abzukaufen, aber 
diese lehnten ab. Die Heiligen wollten 
ihr Land auch nicht verkaufen, und so 
kamen die Verhandlungen zu keinem 
Ergebnis. Einige Tage später erhielt 
Joseph Smith auf dem Lagerplatz des 
Zionslagers am Fishing River dicht vor 
dem Kreis Jackson eine Offenbarung, in 
der die Heiligen angewiesen wurden, 
ihre Anstrengungen, das Land zurück- 
zugewinnen, vorerst einzustellen. Eine 
Woche später entließ er die Freiwilligen. 
Viele kehrten in kleinen Gruppen nach 



Kirtland zurück, andere blieben in Mis- 
souri. 

Die geflohenen Heiligen blieben zwei 
Jahre lang im Landkreis in Clay in 
Missouri. Dann erhoben die alten Ein- 
wohner Einwände dagegen, daß sie sich 
für ständig niederließen, und staatliche 
Beamte halfen bei einem erneuten Um- 
zug. Die Heiligen zogen nun in ein sehr 
dünn besiedeltes Gebiet, das weiter 
nördlich lag. Es wurden zwei neue 
Landkreise geschaffen. Im neuen Land- 
kreis Caldwell gründeten die Heiligen 
die Stadt Far West. Sie wurde der neue 
Sammelplatz im Westen für die Heili- 
gen, und nach zwei Jahren lebten dort 
fast 5000 Mitglieder der Kirche. Far 
West hatte seine eigenen Läden und 
Schmieden, Hotels, eine Druckerei und 
Schulen. Die Heiligen gründeten auch 
noch an anderen Stellen im Kreis Cald- 
well und im zweiten neuen Landkreis, 
im Kreis Daviess, mehrere kleine Sied- 
lungen. Eine davon war Adam-ondi- 
Ahman, das im Frühjahr 1838 ge- 
gründet wurde. Sowohl in Far West als 
auch in Adam-ondi-Ahman wurden 
Plätze für einen Tempel bestimmt, aber 
keiner der Tempel wurde gebaut, weil 
der Pöbel es verhinderte und die Heili- 
gen schließlich aus Missouri vertrieben 
wurden. 

Diese Umzüge in Missouri und die 
daraus resultierende Unsicherheit 
machte es doppelt wichtig, daß die 
Heiligen in Kirtland ein beständiges 
Zentrum behielten und einen Tempel 
fertigstellten. Aber in der Mitte der 30er 
Jahre hatten auch die Heiligen dort 
Schwierigkeiten ; sie ergaben sich aus 
dem Abfall vom Glauben und aus 
wirtschaftlichen Problemen. Schließlich 
würde Kirtland genau wie die Nieder- 
lassungen im Norden Missouris ver- 
lassen werden, und man würde Zuflucht 
in Nauvoo im Staate Illinois suchen. 

— Wird fortgesetzt 



26 



DAS ZIONSLAGER 

Ronaid W. Walker 

Der Marsch des Zionslagers war nicht 
leicht: 200 Männer mußten im Jahre 1834 
3200 km durch Amerika ziehen, jeweils 
1 600 km hin und zurück. Brigham Young 
erinnerte sich an den mühsamen Weg von 
Ohio nach Missouri und zurück — 50 bis 
65 km pro Tag, und das drei Monate lang. 
Die Gepäckwagen mußten durch 
Schlammlöcher gezogen werdel. Oft wa- 
ren 20 oder 30 Mann notwendig, um einen 
Wagen einen Hügel hinaufzuziehen. Die 
Starken mußten den Schwachen und 
Lahmen helfen. „Ich habe mich selten vor 
11 oder 12 Uhr des Nachts zur Ruhe 
gelegt", erinnerte er sich, „und morgens 
sind wir immer sehr früh aufgestanden." 
Das Lagerhorn ertönte zwischel 3 und 4 
Uhr morgens. 

Dies war eine Zeit des Lernens und der 
Auslese. Joseph Smith sagte den Män- 
nern, daß sie keine Tiere töten sollten, 
außer wenn sie Nahrung brauchten. 
„Wenn die Menschen ihre Neigung zur 
Schlechtigkeit verlieren und aufhören, 
Tiere zu vernichten, dann können der 
Löwe und das Lamm beisammen liegen." 
Brigham Young hörte dem Propheten 
Joseph zu und lernte. Als er einmal seine 
Schlafdecke auf dem hohen und dichten 
Präriegras ausbreitete, richtete sich eine 
Klapperschlange auf und bedrohte ihn. 
Brigham Young rief einen Freund, der in 
der Nähe war, und sagte : „Nimm diese 
Schlange und trag sie weg und sag ihr, daß 
sie nicht wiederkommen soll; sie soll auch 
ihren Nachbarn sagen, daß sie heute nicht 
in unser Lager kommen sollen, damit sie 
nicht getötet werden." Sein Gefährte 
nahm gehorsam die Schlange und trug sie 
eine ganze Strecke vom Lager fort, ohne 
Schaden zu erleiden. 

Brigham Youngs angeborene Fähigkei- 
ten machten ihn zum Führer. Er wurde als 
einer der Hauptleute des Lagers gewählt. 
Er predigte häufig. Manchmal erhielt er 
den Auftrag, Lebensmittel zu besorgen. 



Immer beobachtete er genau, wie Joseph 
Smith die Männer führte, und er sammel- 
te Erfahrungen. Aber nicht alle Männer 
unterwarfen sich ohne Murren der Führ- 
ung Joseph Smith' ! Männer, die nicht so 
charakterstark waren, klagten über die 
Schwierigkeiten des Marsches. „Wir hat- 
ten Schwierigkeiten, weil einige sehr 
widersetzlich waren", erinnerte sich Brig- 
ham Young. „Dies war das erstemal, daß 
wir mit einer großen Gruppe reisten . . . 
Joseph Smith leitete und führte die Kom- 
panie und kämpfte gegen den Unge- 
horsam." 

Die Uneinigkeit wuchs, als das Zionslager 
den Heiligen in Missouri gar nicht helfen 
konnte. Der ursprüngliche Plan hatte 
vorgesehen, daß die Stadtmiliz die Mor- 
monen wieder auf ihr Land in den Kreis 
Jackson führen sollte, und das Zionslager 
kam von Kirtland, um die Heiligen zu 
verteidigen, sobald sie wieder auf ihrem 
Eigentum waren. Aber im letzten Mo- 
ment bot der Gouverneur von Missouri 
die Miliz doch nicht auf. Joseph Smith 
erhielt vom Herrn die Anweisung, die 
Missourer nicht anzugreifen, sondern das 
Lager aufzulösen und nach Ohio zurück- 
zukehren. 

Als Brigham Young wieder in Kirtland 
war, verspotteten ihn viele, weil er mit 
dem Lager nach Westen gezogen war. 
„Wem hat es genutzt?" fragten sie. 
„Wenn der Herr es geboten hat, was für 
ein Ziel hatte er dabei?" Aber Brigham 
Young wußte, welche wertvollen Erfah- 
rungen er gesammelt hatte. „Ich sagte 
diesen Brüdern, daß ich gut bezahlt wurde 
— mit Zinsen und Zinseszinsen — , ja, daß 
mein Maß zum Überfließen gefüllt war 
mit den Erkenntnissen, die ich auf diesem 
Marsch mit dem Propheten erhalten hat- 
te." 

Mehrere Monate später erhielt Joseph 
Smith eine Offenbarung, die ihn anwies, 
ein Kollegium der Zwölf Apostel zu 
gründen. Unter denen, die am 4. Februar 
1835 erwählt wurden, war auch Brigham 
Young. Er hatte auf dem Marsch des 
Zionslagers Joseph Smith und dem Herrn 
seinen Eifer bewiesen. 



27 



WIR 
WERDEN DURCH 

OFFENBARUNG 

GELEITET 

Rede Wilford Woodruffs anläßlich einer 

Pfahlkonferenz des Cache-Pfahls in Logan, Utah, 

am 1. November 1891 



H 



eute morgen, bevor ich zur Ver- 
sammlung gegangen bin, habe ich mit 
großem Interesse zwei Gemälde im 
Haus Bruder Thatchers betrachtet - 
„Christus vor Pilatus" und „Christus 
auf dem Kalvarienberg". Dabei dachte 
ich mir, daß der Erlöser, wie Joseph 
Smith gesagt hat, gewiß unter alle Dinge 
hinabgestiegen ist. Er kam herab auf die 
Erde, wurde in einer vom Vater be- 
stimmten Evangeliumszeit von einer 
Frau geboren und erhielt einen Körper 
aus Fleisch . . . Überlegen Sie einmal, 
wie kurz die Zeit war, die er nach seiner 
Berufung von Gott Vater im sterblichen 
Zustand gewirkt hat dreieinhalb 

Jahre. Denken Sie an das Leid, das er auf 
sich genommen, das Werk, das er voll- 
bracht hat — er gründete die Kirche 
Gottes, erwählte zwölf Apostel, Siebzi- 
ger und einige Jünger, die ihm zu dieser 
Zeit nachfolgten. Und denken Sie 
schließlich daran, daß nicht nur er selbst 
zum Tode verurteilt und gekreuzigt 
wurde - - wobei er sein Blut für die 
Erlösung der Welt vergossen hat — , 
sondern daß jeder seiner Apostel, außer 
Johannes dem Offenbarer, um des Wor- 
tes Gottes und des Zeugnisses von Jesus 
Christus willen getötet wurde. Johannes 
dem Offenbarer konnten sie das Leben 
nicht nehmen, weil der Herr ihn dazu 



bestimmt hatte, am Leben zu bleiben — 
sonst wäre er genauso wie die anderen 
ermordet worden. Als ich den ans Kreuz 
genagelten Christus betrachtete, dachte 
ich an unsere eigene Lage hier in den 
Felsengebirgen. Wir haben als Volk nun 
sechzig Jahre durchlebt. Warum haben 
wir die Präsidentschaft der Kirche heute 
noch? Warum leben die Apostel mitten 
unter Ihnen, und warum wirken sie 
heute, nach sechzig Jahren, in Freiheit 
unter uns? Warum sind wir hier in 
diesen Gebirgstälern über zweihundert- 
tausend Heilige versammelt, inmitten 
einer Generation, die sechzig Millionen 
Menschen zählt? Dies sind Fragen, die 
die Heiligen der Letzten Tage über- 
denken sollen. All dies, Brüder und 
Schwestern, hat eine bestimmte Be- 
deutung. Wir leben in einer anderen 
Evangeliumszeit und, in gewissem Sin- 
ne, unter einer anderen Ordnung der 
Gegebenheiten als Jesus und seine Apo- 
stel. Die damalige Zeit war eine Zeit des 
Opferns. Diese heiligen Männer, die das 
Apostelamt bekleidet haben, waren be- 
reit, ihr Leben zusammen mit dem 
Erlöser niederzulegen, und ihr Leben 
war kurz im Verhältnis zur Geschichte 
der Kirche in unserer Zeit. Sie wurden, 
mit einer einzigen Ausnahme, alle er- 
mordet, und Gott hat sie zu sich ge- 



28 




„Der Herr ist mit uns und ist es von 
Anfang an gewesen. Die Kirche ist 
nie auch nur einen einzigen Tag lang 
ohne Offenbarung geführt worden. 
Und der Herr wird sie nie verlassen. 
Es ist gleichgültig, wer von uns lebt 
oder stirbt oder wer berufen wird, 
die Kirche zu führen - - die 
Betreffenden müssen sie mit der 
Inspiration des allmächtigen Gottes 
leiten 1 "' 

Wilford Woodruff mit 46 Jahren 



nommen. Er nahm auch das Priestertum 
von der Erde, und es verblieb in den 
Händen Gott Vaters und seines Sohnes 
Jesus Christus bis zum Jahr 1829. Viele 
Jahrhunderte vergingen. Millionen von 
Menschen wurden geboren, lebten auf 
Erden, starben und traten in die Geister- 
welt. Soviel wir wissen, hatte nicht auch 
nur eine Seele davon die Macht, die 
heiligen Handlungen des Evangeliums, 
des Lebens und der Erlösung zu voll- 
ziehen. Zweifellos haben Millionen von 
guten Menschen gelebt, die nach bestem 
Wissen gehandelt haben. Da waren 
Männer wie John Wesley, Martin Lu- 
ther, Wycliffe, Zwingli, Melanchton und 
Tausende andere, die zu ihrer Zeit 
hervortraten und das Evangelium ihrer 
Erkenntnis gemäß verkündigten. Sie 
hatten jedoch nicht die Vollmacht, eine 
einzige heilige Handlung zu vollziehen, 
die nach dem Tod Gültigkeit gehabt 
hätte. Sie besaßen nicht das heilige 
Priestertum. 
Wir leben heute zu einem Zeitpunkt in 



der Weltgeschichte, wo das Priestertum 
wiederhergestellt ist. Der Herr hat Jo- 
seph Smith berufen. Er trat zu der Zeit 
auf, zu der es vorgesehen war, und 
gründete die Kirche. Wer war Joseph 
Smith? Er war ein junger Mann . . . , 
ungebildet, was weltliches Wissen be- 
trifft. Er war jedoch rein. Er stammte 
von Abraham, Isaak und Jakob ab. Die 
Propheten und Patriarchen in alter Zeit 
haben von ihm prophezeit, und sein 
Name wird im Buch Mormon genannt. 
Joseph Smith wurde vom Heiligen Geist 
bewegt, und Gott Vater und Gott Sohn 
erschienen ihm aufsein Gebet hin. Gott 
Vater sagte zu ihm : ,, Siehe, dies ist mein 
geliebter Sohn, höre ihn! " (Joseph 
Smith 2:17). Er befolgte auf das streng- 
ste die Worte Jesu Christi, bis er wie der 
Erlöser selber getötet wurde. Es war mir 
damals unverständlich, warum der Herr 
es zuließ, daß der Prophet und sein 
Bruder Hyrum aus unserer Mitte ge- 
nommen wurden. Aber Joseph Smith 
war von Gott durch Offenbarung vom 



30 



Himmel berufen worden, und er legte 
das Fundament der Evangeliumszeit der 
Erfüllung. Er kam auf die Welt und 
wurde ordiniert, um die Kirche Christi 
zum letztenmal auf dieser Erde zu 
gründen und um die Erde auf das 
Kommen des Menschensohnes vor- 
zubereiten. Deshalb bin ich, als ich 
nachdachte, zu der Überzeugung ge- 
kommen, daß er zu sterben ordiniert 
worden war — er war ordiniert worden, 
sein Blut als ein Zeugnis für diese 
Evangeliumszeit zu vergießen . . . Wie 
ich gesagt habe, war Joseph Smith ein 
ungebildeter Mann; später waren seine 
Lehrer jedoch Engel -- Apostel, die zur 
Zeit Jesu im Fleisch gelebt hatten. Er 
vermochte von Männern Zeugnis und 
Unterweisung zu empfangen, die die 
Welt nicht empfangen konnte. Und er 
konnte die Kirche auf eine Weise organi- 
sieren, wie es die gesamte christliche 
Welt nicht zustande brachte. Warum? 
Weil niemand, und mag er auch noch so 
gelehrt sein, etwas geben kann, was er 
nicht besitzt. Niemand hatte die Voll- 
macht, die Kirche zu gründen, weil 
niemand das Priestertum besaß. Aber 
Joseph Smith trug das Priestertum, und 
er konnte die Kirche gründen. 
Von jenem Tag bis heute ist die Kirche 
gewachsen, trotz Verfolgung und ob- 
wohl die Mitglieder vertrieben und ihre 
Häuser zerstört wurden. Millionen 
gefallener Geister haben sich mit Millio- 
nen Menschen gegen diese Kirche ver- 
bündet, aber sie konnten sie nicht zer- 
stören. Warum? Weil Gott der All- 
mächtige bestimmt hat, daß sie bestehen 
soll . . . 

Ich bin dem Herrn dankbar, daß wir in 
einer solchen Zeit leben können, wo wir 
imstande sind, Zion aufzurichten und 
die Worte der Propheten zu erfüllen. Die 
Bewohner der Erde müssen gewarnt 
werden. Dies ist der Grund, weshalb wir 
hier sind . . . 



Der Herr hat die Schwachen dieser Welt 
ausersehen, dieses Volk zu führen. Jo- 
seph Smith war noch jung, als er starb - 
noch nicht vierzig Jahre alt. Er überlebte 
die Gründung der Kirche um vierzehn 
Jahre. Präsident Brigham Young war 
sein Nachfolger. Wer war Brigham 
Young? Von Beruf war er Maler und 
Glaser, ein einfacher Mann. Der Herr 
berief ihn jedoch, sein Volk zu führen. 
Sie kennen Brigham Young, Sie wissen, 
was er geleistet hat und welchen Geist er 
besaß. Der Herr war mit ihm, und er 
führte dieses Volk durch Gottes Macht 
und Offenbarung von Jesu Christus. Er 
legte in diesen Bergen Israels die Grund- 
festen für ein großes Werk . . . 
Wer war John Taylor? Er war Drechs- 
ler, und er führte die Kirche längere Zeit. 
Wilford Woodruff war Müller und Bau- 
er. Was diese Welt betrifft, war dies das 
Höchste, was er erreichte. Aber der Herr 
hat diese Männer erwählt. Er hat sich 
immer der Schwachen dieser Welt be- 
dient. Gott zeigte dem Abraham die 
Geister, die in seiner Gegenwart lebten, 
„und unter ihnen waren viele Edle und 
Große"; und Gott sagte zu Abraham: 
,, Diese will ich zu meinen Regierern 
machen ; . . . und er sagte: Abraham, du 
bist einer von ihnen, du warst erwählt, 
ehe du geboren wurdest" (Abraham 
3:22, 23). Abraham stand zu Anbeginn 
an der Spitze Israels. Er ist unser großer 
Vorfahre. Gott erweckte den Erlöser aus 
den Lenden Abrahams. 
Die Heiligen der Letzten Tage sollen 
nicht denken, der Herr habe sein Volk 
verlassen oder er offenbare nicht seinen 
Willen und seine Absicht; dies wäre 
nicht wahr. Der Herr ist mit uns und ist 
es von Anfang an gewesen. Die Kirche 
ist nie auch nur einen einzigen Tag lang 
ohne Offenbarung geführt worden. Und 
der Herr wird sie nie verlassen. Es ist 
gleichgültig, wer von uns lebt oder stirbt 
oder wer berufen wird, die Kirche zu 



31 



führen - - die Betreffenden müssen sie 
mit der Inspiration des allmächtigen 
Gottes leiten. Wenn sie es nicht auf diese 
Weise tun, ist es ihnen überhaupt nicht 
möglich. Der Herr läßt uns in diesen, 
den Letzten Tagen nicht im Stich, und er 
wird alles erfüllen, was er durch seine 
Propheten und Apostel verheißen hat, 
bis Zion sich in Herrlichkeit erhebt und 
die Braut des Lammes für das Kommen 
des Bräutigams bereit ist. 
Lesen Sie über Brigham Youngs Leben 
nach — Sie werden kaum eine Offenba- 
rung finden, wo er gesagt hat: „So 
spricht der Herr." Der Heilige Geist war 
jedoch bei ihm. Er hat durch Inspiration 
und Offenbarung gelehrt. Mit einer 
einzigen Ausnahme hat er jedoch seine 
Offenbarungen in einer anderen Form 
vermittelt, als Joseph Smith dies getan 
hat. Sie wurden nicht als Offenbarungen 
und Gebote für die Kirche in den 
Worten und im Namen des Erlösers 
niedergeschrieben und verkündet. Jo- 
seph Smith hat fast immer gesagt: ,,So 
spricht der Herr", als er die Grundfesten 
zu diesem Werk legte. Seine Nachfolger 
haben es jedoch nicht immer für not- 
wendig gehalten, dies zu sagen. Und 
doch haben sie das Volk durch die 
M acht des Heiligen Geistes geführt ; und 
wenn Sie wissen möchten, wovon ich 
rede, lesen Sie im Buch , Lehre und 
Bündnisse' an der Stelle nach (LuB 68:1- 
6), wo der Herr Orson Hyde, Luke 
Johnson, Lyman Johnson und William 
McLellin beauftragt, den Menschen das 
Evangelium zu predigen, wie der Heilige 
Geist es ihnen eingibt: 
„Und was sie, getrieben vom Heiligen 
Geist, sprechen werden, soll heilige 
Schrift sein, soll der Wille des Herrn 
sein, der Sinn des Herrn, das Wort des 
Herrn, die Stimme des Herrn und die 
Kraft Gottes zur Seligkeit" (LuB 68:4). 
Durch diese Kraft haben wir Israel 
geführt. Diese Macht war es, durch die 



Brigham Young über die Kirche präsi- 
diert und sie geleitet hat. Durch dieselbe 
Macht hat John Taylor über die Kirche 
präsidiert und sie geführt. Und auf diese 
Weise habe auch ich in meinem Amt 
gehandelt, meinem besten Können ge- 
mäß. Ich möchte nicht, daß die Heiligen 
der Letzten Tage denken, der Herr sei 
nicht mit uns und er gebe uns keine 
Offenbarung; denn er offenbart sich uns 
und wird dies weiterhin tun, bis diese 
Evangeliumszeit vorbei ist. 
Ich habe kürzlich eine Offenbarung 
empfangen, die ich als sehr wichtig 
erachte, und ich will Ihnen sagen, was 
der Herr mir gesagt hat. Ich möchte Sie 
auf das sogenannte , Manifest' aufmerk- 
sam machen. Der Herr hat mir durch 
Offenbarung gesagt, daß es in der gan- 
zen Kirche, in ganz Zion, viele Mit- 
glieder gebe, die in ihrem Herzen wegen 
dieses Manifests und wegen des Zeugnis- 
ses des Präsidenten der Kirche und der 
Apostel vor dem Vorsitzenden des 
Kanzleigerichts schwer geprüft werden. 
Seit ich diese Offenbarung empfangen 
habe, habe ich von vielen gehört, die 
deswegen geprüft werden, nicht jedoch 
vorher. Der Herr hat mir etwas geboten, 
was ich vorigen Sonntag in Brigham 
City ausgeführt habe, und ich werde 
heute hier dasselbe tun. Der Herr hat 
mir geboten, den Heiligen der Letzten 
Tage eine Frage zu stellen. Er hat mir 
gesagt, daß sie, wenn sie mir zuhören 
und diese Frage durch den Geist und die 
Macht Gottes beantworten, in dieser 
Sache alle zu derselben Antwort ge- 
langen würden. Die Frage lautet: Was 
ist für die Heiligen der Letzten Tage 
klüger - - daß sie weiterhin versuchen, 
die Vielehe zu praktizieren, obwohl die 
Gesetze des Staates und sechzig Millio- 
nen Menschen dagegen sind, auf die 
Gefahr hin, daß alle Tempel besetzt und 
alle heiligen Handlungen darin ver- 
hindert werden, sowohl für die Leben- 



32 



den als auch für die Verstorbenen ; auf 
die Gefahr hin, daß die Erste Präsident- 
schaft, die Zwölf und die Fami- 
lienoberhäupter der Kirche eingekerkert 
werden und daß jeder persönliche Besitz 
unseres Volkes beschlagnahmt wird (je- 
de einzelne dieser Aktionen würde der 
Vielehe ein Ende setzen) ; oder daß wir, 
nach allem, was wir getan und erlitten 
haben, weil wir diesen Grundsatz be- 
folgt haben, damit aufhören und uns 
dem Gesetz unterwerfen und dadurch 
die Propheten, Apostel und Väter zu 
Hause und die Tempel uns erhalten 
bleiben, damit wir die heiligen Hand- 
lungen des Evangeliums für die Leben- 
den und die Verstorbenen vollziehen 
können? 

Der Herr hat mir durch Offenbarung 
und Visionen genau gezeigt, was sich 
zutragen würde, wenn wir an der Vielehe 
festhielten. Hätten wir damit nicht auf- 
gehört, so hätten wir heute keine Ver- 
wendung für all die Brüder im Tempel in 
Logan; denn die heiligen Handlungen 
könnten nicht mehr vollzogen werden. 
In Israel würde Verwirrung herrschen, 
und viele Männer wären im Gefängnis. 
Diese Schwierigkeiten wären über die 
gesamte Kirche gekommen, und wir 
hätten gar nicht anders können, als die 
Vielehe aufzugeben. Die Frage ist also, 
ob wir sie auf diese Weise aufgeben 
sollen oder so, wie der Herr es uns 
gezeigt hat, indem die Propheten, Apo- 
stel und die Väter frei bleiben, indem die 
Tempel den Heiligen verbleiben und 
Verstorbene weiterhin erlöst werden 
können. Viele sind bereits durch dieses 
Volk aus dem Gefängnis in der Geister- 
welt befreit worden. Soll das Werk 
weitergehen oder aufhören? Das ist die 
Frage, die ich den Heiligen der Letzten 
Tage stelle. Sie müssen selbst urteilen. 
Ich gebe darauf keine Antwort ; ich sage 
Ihnen aber, daß dies genau die Lage ist, 
in der wir als Volk uns befänden, hätten 



wir nicht den Weg gewählt, den wir 
gegangen sind. 

Ich weiß, daß es viele Männer - - und 
wahrscheinlich einige Führer - in der 
Kirche gibt, die geprüft worden sind und 
dachten, Präsident Woodruff habe den 
Geist Gottes verloren und stünde am 
Rand des Abfalls. Sie sollen wissen, daß 




Vier Generationen der Familie Woodruff 

sind auf diesem Photo aus dem Jahre 1896 

zu sehen. 



er den Geist nicht verloren hat und daß 
er nicht abtrünnig wird. Der Herr hat 
mir genau gesagt, was ich tun soll und 
was geschehen würde, wenn ich es nicht 
täte. Freunde außerhalb der Kirche 
haben mich ebenfalls gedrängt, die- 
selben Schritte zu unternehmen, und sie 
wußten, wozu die Regierung ent- 
schlossen war. Auch die Mitglieder der 
Kirche sind mehr oder weniger der- 
selben Meinung gewesen. Ich sah genau, 
was geschehen wäre, hätten wir nichts 
unternommen. Ich habe diesen Geist 



33 



schon lange Zeit bei mir gehabt. Ich 
möchte aber eines sagen: Ich hätte alle 
unsere Tempel aufgegeben ; ich wäre 
selbst ins Gefängnis gegangen und hätte 
jeden anderen Mann einkerkern lassen, 
wenn der Herr mir nicht geboten hätte, 
was ich schließlich getan habe. Als die 
Stunde kam, wo er es mir gebot, sah ich 
die ganze Sache klar vor Augen. Ich bin 
vor den Herrn getreten, und ich habe 
geschrieben, was der Herr mir zu schrei- 
ben geboten hat. Ich habe es meinen 
Brüdern vorgelegt — Männern wie 
George Q. Cannon, Joseph F. Smith 
und den Zwölf Aposteln. Ich könnte 
ebensogut versuchen, eine ganze Armee 
von ihrer Marschroute abzubringen, als 
diese Brüder daran zu hindern, das zu 
tun, was sie für richtig halten. Diese 
Männer stimmten mir zu, zusammen 
mit Tausenden Heiligen der Letzten 
Tage. Warum? Weil Sie vom Heiligen 
Geist und durch die Offenbarungen 
Gottes dazu bewegt worden sind. 
Ich habe diese Worte gesagt und 
möchte, daß Sie sie überdenken. Der 
Herr ist auf unserer Seite. Er vollbringt 
vieles, was Sie nicht verstehen. Beten Sie 
über diese Angelegenheit. Seien Sie nicht 
beunruhigt, und machen Sie sich deswe- 
gen keine Sorgen. 

Ich freue mich darüber, daß der Herr 
uns das Evangelium offenbart hat. Ich 
bin froh, daß ich zu einer Zeit lebe, wo 
wir die Kirche Gottes auf Erden haben. 
Wir hatten und haben Apostel und 
Propheten unter uns. Sie haben hier im 



Fleisch gewirkt und viele Seelen gerettet. 
Viele sind gestorben und in die Geister- 
welt eingegangen. Joseph Smith hat die 
Schlüssel dieser Evangeliumszeit, und er 
wird sie bis in alle Ewigkeit haben, wer 
auch immer die Kirche nach ihm leiten 
mag. Der Herr hat uns befähigt, hier- 
herzukommen und Tempel zu bauen. 
Wir haben in diesen Bergen drei Tempel 
errichtet, und viele Verstorbene sind 
dadurch erlöst worden, und sie werden 
an der ersten Auferstehung teilhaben. 
Wir sollen dem Herrn dafür danken. 
Wir möchten das Werk in diesen Tem- 
peln fortsetzen. Wir möchten, daß die 
Tempel im Besitz der Heiligen der 
Letzten Tage bleiben. Der Herr wird für 
Sie und Ihre Familien sorgen. Er wird 
für Zion sorgen und für diese Ge- 
neration, und er wird alles erfüllen, was 
er verheißen hat. 

Gott segne Sie. Er wird Sie segnen, wenn 
Sie auf seinen Rat hören. 
Ich möchte, daß die Heiligen der Letzten 
Tage aufhören, zu murren und sich über 
die Vorsehung Gottes zu beklagen. Ver- 
trauen Sie auf Gott, und tun Sie Ihre 
Pflicht. Vergessen Sie nicht zu beten. 
Glauben Sie an den Herrn, seien Sie 
standhaft, und errichten Sie Zion 
dann wird alles wohl sein. Der Herr wird 
zu seinem Volk kommen, und er wird 
sein Werk in Rechtschaffenheit be- 
schleunigen, damit alles Fleisch errettet 
wird. Achten Sie auf die Zeichen der 
Zeit, und machen Sie sich bereit für das 
Kommende. Der Herr segne Sie. Amen. 



34 



Neue Anweisungen 

zur Arbeit für die 

Verstorbenen 

(Ein Gespräch zwischen Bruder George H. Fudge, 

dem geschäftsführenden Direktor der Genealogischen Abteilung. 

und der Zeitschrift „Ensign") 




I 



m August 1977 hat Präsident Spencer 
W. Kimball gesagt: „Mir erscheint die 
Tempelarbeit für die Verstorbenen 
ebenso dringend wie die Missionsarbeit, 
denn im Grunde handelt es sich um ein 
und dieselbe Tätigkeit. Ich habe meinen 
Brüdern, den Generalautoritäten, ge- 
sagt, daß mich die Arbeit für die Ver- 
storbenen ständig beschäftigt . . . Wir 
fordern jedes einzelne Mitglied und jede 
Familie, mag sie groß oder klein sein, 
ohne Vorbehalte auf, diese Arbeit fort- 
zusetzen" (Ensign, Okt. 1977, S. 82). 
Ensign: Auf der Regionalversammlung 
im Juni wurde bekanntgegeben, daß im 
nächsten Jahr ein erweitertes Genealo- 
gieprogramm beginnen wird. Könnten 
Sie diese Änderung erläutern? 
Br. Fudge : Das gegenwärtige Vier- 
Generationen-Programm hat den Mit- 
gliedern der Kirche die Möglichkeit 
gegeben, sich mit den Familiengruppen- 
bogen und dem Registrieren genealogi- 
scher Angaben vertraut zu machen. 
Diese Formulare sind in das Archiv der 
Kirche gelangt, so daß viel Genealogie- 
und Tempelarbeit geleistet werden 
konnte. 
Inzwischen stehen neue Technologien 



zur Verfügung, die uns helfen können, 
die Absichten des Herrn schneller und 
mit größerer Genauigkeit auszuführen. 
Es wäre ein Fehler, wenn wir diese 
technischen Möglichkeiten nicht für das 
Werk des Herrn nutzten. 
Bisher war jedes Mitglied verpflichtet, 
mindestens vier Generationen auf 
Familiengruppenbogen einzureichen 
und darüber hinaus seine Ahnen so weit 
wie möglich zu erforschen. Bei dieser 
Art der Familienforschung war es not- 
wendig, überallhin Briefe zu schreiben 
und die ganze Welt zu bereisen. Viel Zeit 
und Arbeit mußte dafür investiert wer- 
den, häufig ohne daß konkrete Ergeb- 
nisse zustande kamen. Oftmals war 
gleichzeitig ein Verwandter auf der Su- 
che nach den gleichen Angaben und 
verbrachte damit ebensoviel Zeit und 
gab dafür ebensoviel Geld aus. Wenn 
dann jeder von ihnen seine Forschung 
abgeschlossen und die ausgefüllten Bo- 
gen an die Genealogische Abteilung 
gesandt hatte, stellte sich oft heraus, daß 
die Unterlagen einander widersprachen. 
Eine derartige Fehlerhaftigkeit in der 
Arbeit können wir nicht länger hin- 
nehmen. Außerdem haben wir so unge- 



35 



heuer viel Arbeit zu verrichten, daß wir 
es uns nicht mehr leisten können, die 
Arbeit doppelt auszuführen. 
Ensign : Welcher Art sind die Änderun- 
gen am Genealogieprogramm der Kir- 
che? 

Br. Fudge: Jeder einzelne wird jetzt 
aufgefordert, mit seinen Brüdern, 
Schwestern und Eltern zusammenzu- 
kommen, die Angaben auf den 
Familiengruppenbogen zu vergleichen 
und nachzuprüfen, ob sie korrekt sind. 
Ein Mitglied der Familie soll dann die 
endgültige, richtige Ausfertigung der 
Ahnentafel mit den vier Generationen 
zusammen mit den dazugehörigen 
Familiengruppenbogen an die Genealo- 
gische Abteilung in Salt Lake City 
senden. Bei diesem Vorgang trifft sich 
die Familie mit den Verwandten der 
Ahnenlinien des Vaters und der Mutter 
(Onkel, Tanten und Großeltern), um die 
Richtigkeit der Unterlagen über diese 
und frühere Generationen zu überprü- 
fen. Wenn sich bei neueren Forschungen 
Beweise dafür ergeben haben, daß die 
eingereichten Unterlagen geändert wer- 
den müssen, so ist die betreffende Fami- 
lie verpflichtet, die Genealogieabteilung 
der Kirche darüber zu informieren, daß 
die betreffenden Familiengruppenbogen 
ergänzt bzw. geändert werden müssen. 
Mit dem Dezember 1978 endet das 
gegenwärtige Vier-Generationen-Pro- 
gramm für die einzelnen Mitglieder, und 
es beginnt das Vier-Generationen-Pro- 
gramm für Familien. Die neuen 
Familiengruppenbogen und Ahnenta- 
feln nehmen wir ab Juli 1979 entgegen. 
Das einzelne Mitglied kann zwar über 
die vier Generationen hinaus weiter 
Ahnenforschung betreiben, und die 
dazugehörigen Informationen werden 
von der Kirche auch angenommen, 
doch wird dies nicht mehr verlangt. Statt 
dessen fühlt sich die Kirche verpflichtet, 
in großem Umfang genealogisches 



Quellenmaterial zusammenzutragen 
und ein ausgedehntes Namenauszugs- 
programm abzuwickeln, um Namen für 
die Tempelarbeit vorzubereiten. 
Ensign : Was geschieht im Rahmen 
dieser Sammlung von genealogischen 
Urkunden und des Herausziehens von 
Namen? 

Br. Fudge : Gegenwärtig verfilmen wir 
genealogisches Material mit 95 Kame- 
ras in 35 Ländern und tragen auf diese 
Weise pro Jahr zwischen 40 und 50 
Millionen Seiten zusammen. Diese Auf- 
zeichnungen werden geordnet und kata- 
logisiert. 

Die betreffenden Angaben müssen aus 
den Unterlagen herausgezogen, bearbei- 
tet und den Tempeln zugesandt werden, 
so daß die heiligen Handlungen voll- 
zogen werden können. Um dies zuwege 
zu bringen, haben wir jetzt in den 
Pfählen der Kirche mit einem Urkun- 
denauszugsprogramm begonnen. 
Wir schätzen, daß gegenwärtig ungefähr 
900 Exzerpierer gebraucht werden, um 
mit der Tätigkeit eines Verfilmers 
Schritt zu halten. Wenn wir gegenwärtig 
mit 95 Kameras arbeiten in den 

kommenden Jahren werden es noch viel 
mehr sein — , brauchen wir viele Exzer- 
pierer, um mit der augenblicklichen 
Verfilmungsarbeit Schritt zu halten und 
die bisher angefertigten Mikrofilme aus- 
zuschöpfen. 

Ensign : Einigen mag dies vorkommen, 
als würde die genealogische Arbeit jetzt 
unpersönlich werden. Haben wir uns in 
der Vergangenheit nicht gewissermaßen 
eingeredet, daß jeder nur seinen eigenen 
Vorfahren gegenüber verpflichtet ist? 
Br. Fudge : Gewiß, aber inzwischen 
haben die Intensität und das Tempo 
dieser Arbeit zugenommen, und deswe- 
gen hat der Herr den Führern der Kirche 
eine bedeutsame Wahrheit vor Augen 
geführt, nämlich daß wir alle dieselben 
Vorfahren haben. Wir stammen zum 



36 



Beispiel alle von demselben Ehepaar ab : 
von Adam und Eva, doch laufen unsere 
Ahnenlinien schon viel eher als bei 
Adam zusammen. Man braucht nur ein 
paar Generationen zurückzugehen, bis 
man auf Ahnen stößt, die auch die 
direkten Vorfahren vieler anderer 
Menschen sind. 

Wenn die Mitglieder der Kirche dies 
verstehen, werden wir alle den Wunsch 

„Mir erscheint die 
Tempelarbeit für die 
Verstorbenen ebenso 

dringend wie die 

Missionsarbeit, denn 

im Grunde handelt es 

sich um ein und 

dieselbe Tätigkeit." 

(Spencer W. Kimball) 

hegen, uns an dieser gemeinsamen Akti- 
vität zu beteiligen, wobei jeder Namen 
von Verwandten anderer Mitglieder 
zusammenstellt. Die Mitglieder, die die- 
se Arbeit leisten, mögen verschiedenen 
Pfählen angehören und vielleicht sogar 
auf verschiedenen Kontinenten leben. 
Das gemeinsam erarbeitete Ergebnis 
wird jedoch sein, daß alle effektiv an der 
Erlösung unserer irdischen und im gei- 
stigen Sinne Verwandten mitarbeiten. 
Der Herr wünscht, daß wir diese Auf- 
gabe in kollektiver Arbeit erfüllen - 
„als Kirche und als Volk" ebenso wie als 
einzelne Heilige der Letzten Tage (LuB 
128:24). 

Bei unserer Missionsarbeit für die Ver- 
storbenen wenden wir gewissermaßen 
Methoden an, die denen in unserer 
Missionsarbeit für die Lebenden ähneln. 
Wenn ich zum Beispiel als Missionar 
nach England gesandt werde, reise ich in 
dieses Land und unterweise dort jeden 



Menschen, der mir zuhört, ohne die 
Person anzusehen. Ich würde nicht nach 
England gehen, um nur denjenigen das 
Evangelium zu verkündigen, die den 
gleichen Familiennamen haben wie ich 
oder eng mit mir verwandt sind. 
Wir senden auch nicht Missionare in die 
großen Städte, damit sie dort nach 
einem einzigen Menschen suchen, wäh- 
rend wir die vielen Straßen vernachlässi- 
gen, wo zahlreiche Menschen leben, die 
das Evangelium annehmen würden. Bis- 
her sind wir bei der genealogischen 
Forschung jedoch in dieser Weise vor- 
gegangen, weil uns die moderne Tech- 
nologie noch nicht zur Verfügung ge- 
standen hat. Jetzt hat uns der Herr neue 
Hilfsmittel an die Hand gegeben, und 
die Führer der Kirche sagen, daß jetzt 
die Zeit gekommen sei, wo wir unsere 
Missionsarbeit für die Verstorbenen 
stärker betonen müssen. Genealogie 
und Missionsarbeit stellen eigentlich ein 
und dieselbe Tätigkeit dar. Warum soll- 
ten wir dann nicht auch die gleichen 
Grundsätze und Methoden anwenden? 
Ensign : Angenommen, jemand von uns 
wohnt in einem Pfahl, der sich am 
Urkundenauszugsprogramm beteiligt. 
Wie könnte er dabei mitwirken? 
Br. Fudge : Da wir Urkunden in 35 
Ländern sammeln, sind die meisten 
davon nicht in englischer Sprache ab- 
gefaßt. Daher könnte ein Pfahl in Ham- 
burg die Angaben aus deutschen Quel- 
len exzerpieren, während ein Pfahl in 
Mexiko die Angaben aus den dortigen 
spanischen Urkunden herausziehen 
würde. 

Nachdem man geeignete Personen aus- 
findig gemacht hat, werden diese vom 
Pfahlpräsidenten als Pfahl-Genealogie- 
missionare berufen und eingesetzt. Der 
Pfahlpräsident bestimmt, wie viele 
Pfahl-Genealogiemissionare in seinem 
Pfahl benötigt werden und wie viele 
Stunden pro Woche jeder Missionar 



37 



dieser Tätigkeit widmen könnte. Alle, 
die diese Berufung erhalten, werden im 
Lesen alter Handschriften geschult, so 
daß sie die Eintragungen aus den ver- 
filmten Unterlagen — Taufen, Trauun- 
gen, Todesfälle usw. — herausziehen 
können. Jede Eintragung wird von zwei 
Mitarbeitern exzerpiert. Die Ergebnisse 
werden in einen Computer eingegeben, 
und dieser vergleicht die Angaben. 
Wenn sich dabei Widersprüche her- 
ausstellen, sperrt die Tastatur, und der 
zweite Maschinenschreiber — er ist zur 
Kontrolle beauftragt — prüft sofort 
nach, welcher Auszug die richtigen An- 
gaben enthält. Dadurch wird gewährlei- 
stet, daß genauere Aufzeichnungen 
erstellt werden. 

Ensign : Wäre es möglich, daß sich 
jemand freiwillig bereiterklärt, einige 
Stunden pro Monat Urkunden zu exzer- 
pieren ? 

Br. Fudge : Dies ist eine Sache der 
Schulung. Mehrere Wochen sind erfor- 
derlich, um jemand so zu schulen, daß er 
im korrekten Entziffern von Hand- 
schriften ausreichend geübt ist. 
Ensign : Hat nun jemand, der nicht als 
Exzerpierer berufen wird, noch weitere 
Pflichten genealogischer Art, nachdem 
er die Bogen für sein Vier-Generationen- 
Programm eingereicht hat? 
Br. Fudge : Gewiß ! Es gibt zahlreiche 
Projekte, woran sich die Mitglieder der 
Kirche beteiligen können. Der Pfahlprä- 
sident kann die Mitglieder seines Pfahls 
zum Beispiel Grabinschriften abschrei- 
ben und in Gerichtsarchiven Angaben 
sammeln lassen, so daß schließlich alle 
genealogisch bedeutsamen Urkunden 
des betreffenden Gebietes zusammen- 
getragen und von den dortigen Mit- 
gliedern katalogisiert werden. Eine sol- 
che Tätigkeit muß natürlich koordiniert 
werden. Wer dann in diesem Gebiet 
nach Vorfahren sucht, erhält auf diese 
Weise leicht Zugang zu den von ihm 



benötigten Unterlagen, wenn er die 
Angaben für sein Vier-Generationen- 
Programm zusammenstellt oder diese 
überprüft. 

Ein wichtiger Dienst, den die Mitglieder 
leisten können, besteht auch darin, daß 
sie die vorhandenen Aufzeichnungen 
mit einem Index versehen. Man braucht 
dann nicht mehr eine Filmrolle nach der 
anderen durchzugehen, sondern nur 
noch im Index nachzusehen, und wird 
sofort auf den benötigten Film ver- 
wiesen. Wichtig ist auch, daß die Mit- 
glieder für die aus den Urkunden exzer- 
pierten Namen die Tempelarbeit ver- 
richten. Im Juni 1977 haben wir im 
Zusammenwirken mit zwei Pfählen in 
St. George, Utah, ein Pilotprojekt des 
Exzerpierens von Namen begonnen. Mit 
weniger als 40 Personen, die als Exzer- 
pierer berufen worden sind, sind diese 
beiden Pfähle jetzt imstande, alle Na- 
men zur Verfügung zu stellen, die bei 
dem gegenwärtigen Pensum an Tempel- 
arbeit im Tempel in St. George benötigt 
werden. 

Präsident Kimballs prophetischer 
Wunsch, daß jeder Tempeldistrikt alle 
Namen bereitstellen soll, die für seinen 
Tempel gebraucht werden, wird somit 
bald in Erfüllung gehen. Es ist auch 
leicht abzusehen, wie diese Phase in die 
nächste Phase vermehrter Tempelarbeit 
übergehen wird, wie die Kirche mehr 
Tempel erbauen und die Missionsarbeit 
unter den Lebenden und den Verstorbe- 
nen zunehmen wird. Somit erleben wir 
als Kirche gerade, wie Prophezeiungen 
in Erfüllung gehen. 

Wir sind dabei, ein großes Reservoir von 
Namen für die Tempelarbeit auf- 
zubauen. Schon jetzt verfügen wir über 
eine große Anzahl von Mikrofilmen, 
woraus wir Urkunden exzerpieren kön- 
nen, und täglich werden weitere ge- 
nealogische Aufzeichnungen verfilmt. 
Im Durchschnitt kann jeder pro Stunde 



38 



20 Namen herausziehen. In dem Maße, 
wie weitere Genealogiemissionare 
berufen werden, schaffen wir uns ein 
Reservoir von Namen, die für die Tem- 
pelarbeit bereitgestellt werden können. 
Je nach Notwendigkeit kann dann jeder 
Tempeldistrikt die Arbeit für die Ver- 
storbenen beschleunigen. Die Priester- 
tumsführer werden erkennen, daß es 
notwendig ist, die Mitglieder dazu an- 
zuhalten, daß sie öfter in den Tempel 
gehen. Ich bin sicher, daß es mehr 
Sessionen in den Tempeln geben wird, 
daß die Tempel mehr Stunden am Tag 
geöffnet sein und mehr Mitglieder den 
Tempel häufiger besuchen werden. 
Schon jetzt ist abzusehen, daß die Zeit 
kommen wird, wo sich Präsident Kim- 
balls Vorstellung von Tempeln ver- 
wirklicht, die 24 Stunden am Tag 
geöffnet sind. Ebenso wird sich seine 
Vorstellung davon bewahrheiten, daß 
das Land von Tempeln geradezu übersät 
sein wird. Das Zusammenstellen ge- 
nealogischer Aufzeichnungen und das 
Exzerpieren von Namen daraus wird die 
Voraussetzungen dafür schaffen. Im 
Zusammenhang damit wird man größe- 
res Gewicht auf den Bau neuer Tempel 
und den Besuch der Tempel legen. Der 
einzige Weg, wie wir dies erreichen 
können, besteht darin, daß wir in 
gemeinsamer Anstrengung die Kraft, 
die Intelligenz und die Fähigkeiten der 
Mitglieder nutzen, anstatt daß man sich 
auf die Bemühungen einzelner stützt. 
Ensign : Geschieht gegenwärtig etwas, 
um die Bearbeitung von Namen für die 
Tempelarbeit zu beschleunigen, sobald 
diese exzerpiert sind? 
Br. Fudge: Für die nicht auf dem 
amerikanischen Kontinent gelegenen 
Tempel werden gegenwärtig Tempel- 
Dienststellen eingerichtet. Sie sollen vie- 
le Funktionen übernehmen, die bisher 
von der Genealogischen Abteilung 
wahrgenommen worden sind. Eine sol- 



che Tempel-Dienststelle arbeitet zum 
Beispiel bereits in Brasilien. Die dort 
lebenden Mitglieder brauchen deshalb 
nicht mehr ihre Familiengruppenbogen 
und sonstigen Antragsformulare zur 
Bearbeitung nach Salt Lake City schik- 
ken und darauf warten, daß diese nach 
Brasilien zurückgesandt werden. Auch 
ist es nicht mehr notwendig, daß sie, 
nachdem die Tempelarbeit geleistet ist, 
die Angaben darüber zurück nach Salt 
Lake City schicken. Sie können jetzt ihre 
Unterlagen in Brasilien selbst bearbei- 
ten, dort die notwendige Tempelarbeit 
ausführen und selbst darüber Aufzeich- 
nungen anfertigen. Nachdem dies alles 
geschehen ist, braucht der dortige Tem- 
pel nur noch eine Aufstellung über die 
geleistete Tempelarbeit nach Salt Lake 
City zu senden, damit die Angaben im 
Urkundengewölbe sicher verwahrt wer- 
den. 

Ebenso werden wir auch bei der Mikro- 
verfilmung verfahren. Bald werden wir 
in verschiedenen Teilen der Welt ge- 
nealogisches Quellenmaterial verfilmen 
und bearbeiten, katalogisieren und An- 
gaben daraus exzerpieren. Nachdem der 
Tempeldistrikt seine Arbeit ausgeführt 
hat. wird er lediglich die Filmnegative an 
die Genealogische Abteilung in Salt 
Lake City senden. 

Ensign : Wie lange wird es dauern, bis 
diese Tempel-Dienststellen eingerichtet 
werden ? 

Br. Fudge : Sobald sich ein Bedarf dafür 
ergibt. Es gibt solche Dienststellen be- 
reits in Mexico City, in Sao Paulo 
(Brasilien) und in Tokio. All dies ge- 
schieht im Hinblick auf unsere Absicht, 
die Verantwortung für diese Arbeit den 
Mitgliedern selbst aufzuerlegen, denn sie 
haben die Vollmacht und die Urkunden, 
die Hilfsmittel für das Exzerpieren und 
Bearbeiten und die Tempel. 
Das Aufzeichnen der Angaben über die 
Tempelarbeit wird bald dadurch erheb- 



39 



lieh beschleunigt, daß in den Tempeln 
kleine Computer in Dienst gestellt wer- 
den. Mit Hilfe eines Computers kann 
man einen Namen automatisch aus- 
geben und die Unterlagen auf den neu- 
esten Stand bringen. Jeder Tempelemp- 
fehlungsschein wird einen magnetisier- 
ten Streifen enthalten, wo der Name des 
Betreffenden und die Nummer seiner 
Einheit (Gemeinde und Pfahl) angege- 
ben sind. Wenn der Tempelempfeh- 
lungsschein in den Computer gesteckt 
wird, gibt dieser automatisch in ge- 
druckter Form den Namen dessen aus, 
für den der Inhaber des Empfehlungs- 
scheins als Stellvertreter amtieren soll. 
Außerdem gibt der Computer in den 
Unterlagen des Tempels den Namen des 
Inhabers und die Nummer seiner Ein- 
heit an und liefert den Priestertumsfüh- 
rern der Gemeinde jeweils die neuesten 
statistischen Angaben. 
Ensign : Gibt es neue Bestrebungen der 
Kirche, denjenigen zu helfen, die noch 
dabei sind, ihre Familiengruppenbögen 
für das Vier-Generationen-Programm 
auszufüllen? 

Br. Fudge: Ja. Vom kommenden Sep- 
tember an wird in der Sonntagsschule 
ein neuer, zwölfwöchiger Genealogie- 
kurs durchgeführt. Der Leitfaden dafür 
ist auf die Forschung für das Vier- 
Generationen-Proggramm abgestimmt. 
Ein weiteres Hilfsmittel ist die Compu- 
ter-Ahnenkartei. Wenn die Mitglieder 
vom Juli 1979 an beginnen, korrekte 
Ausfertigungen ihrer Ahnentafeln ein- 
zusenden, stellen wir eine riesige Com- 
puterkartei aller uns zugegangenen 
Informationen über die Vorfahren der 
Mitglieder der Kirche zusammen. 
Nehmen wir zum Beispiel an, jemand 
beteiligt sich am Genealogieunterricht 
in der Sonntagsschule und lernt, wie 
man Familiengruppenbögen für das 
Vier-Generationen-Programm ein- 

reicht. Er wird als erstes Auskünfte aus 



der Computer-Ahnenkartei der Kirche 
einholen. Dies geschieht in der Weise, 
daß er ein Exemplar seiner Ahnentafel 
einsendet, soweit er sie bisher aufgestellt 
hat, und der Computer prüft nach, ob 
seine Ahnen bereits in der Kartei ent- 
halten sind. Wir geben dem Betref- 
fenden sodann alle Informationen da- 
rüber und teilen ihm die Namen und 
Anschriften derer mit, die diese An- 
gaben eingesandt haben. 
Wir sind auch dabei, einen Computerka- 
talog zu erarbeiten. Dieser Katalog wird 
unsere gesamten Bibliotheksbestände 
sowie die genealogischen Aufzeichnun- 
gen in der ganzen Welt erfassen, die in 
unserer Bibliothek nicht vorhanden sind 
und die wir auch nicht zu verfilmen 
beabsichtigen. Wenn wir das von dem 
Betreffenden benötigte Quellenmaterial 
besitzen, wird dieser Katalog ihn direkt 
darauf verweisen. Befindet es sich nicht 
in unserem Besitz, so wird ihm der 
Katalog die ursprüngliche Quelle nen- 
nen. Wir hoffen, daß es uns gelingen 
wird, häufig und mit geringen Kosten 
den Katalog allen Pfahlbibliotheken zur 
Verfügung zu stellen. Dies wird dadurch 
geschehen, daß wir den Katalog auf 
Mikrofiche aufnehmen oder in anderer 
Weise vervielfältigen. 
Ensign: Es ist geradezu packend, von 
den gegenwärtigen und künftigen 
Dimensionen dieser Arbeit zu hören. 
Was würden Sie in Ihrer eigenen Familie 
mit Ihren Kindern unternehmen, um 
diese Arbeit zu fördern? 
Br. Fudge : Ich würde dafür sorgen, daß 
meine Kinder, meine Schwester und 
deren Kinder mit meinem Vater 
zusammenkommen und durch Abspra- 
chen gewährleisten, daß die Angaben 
auf unserer Ahnentafel und unseren 
Familiengruppenbögen korrekt sind. 
Wenn dann der Juli 1979 kommt, sind 
wir bereit, dieses Material einzureichen. 
Ich werde auch alle Informationen über 



40 



meine Vorfahren einsenden, die über die 
vier Generationen hinausgehen. Als 
nächstes würde ich meine verheirateten 
Kinder auffordern, weiter an ihrer 
Familiengeschichte und ihrer eigenen 
Lebensgeschichte zu schreiben. Ich habe 
damit begonnen, meine eigene Biogra- 
phie auf Tonband zu sprechen. Eine 
solche Tonbandaufnahme halte ich in- 
sofern für besonders wertvoll, als ich 
dadurch meinen Enkeln und Urenkeln 
die Möglichkeit gebe, meine Stimme zu 
hören. 

Ensign : Könnten Sie erklären, warum 
die Kirche so großen Wert darauf legt, 
daß wir ein Tagebuch führen und unsere 
eigene Geschichte und die unserer Fami- 
lie niederschreiben ? Was hat dies mit der 
besprochenen Arbeit zu tun? 
Br. Fudge : Erstens hat uns der Herr 
geboten, Bericht zu führen. Zweitens ist 
es für unsere Kinder und Enkel sehr 
nützlich, wenn man ihnen bewußt 
macht, was für ein geistiges Gut wir 
ihnen mitgeben. Durch persönliche Auf- 
zeichnungen kommen wir unseren Vor- 
fahren näher und wenden ihnen unser 
Herz bereitwilliger zu, weil wir mehr 
über sie wissen. Die scheinbar alltägli- 
chen Aktivitäten unserer Großeltern 
haben uns oft dazu veranlaßt, die Ge- 
bote gewissenhafter zu halten. Dadurch 
werden auch unsere Familienbande ge- 
festigt, und unser Wunsch wird stärker, 
die der Erlösung dienenden heiligen 
Handlungen des Evangeliums zu ihren 
Gunsten zu vollziehen. 
Ensign : Ist dies der Hauptzweck des vor 
kurzem für das Jahr 1980 angekündig- 
ten Weltkongresses über genealogische 
Aufzeichnungen, der in Salt Lake City 
stattfinden soll und unter dem Motto 
„Das Überlieferte bewahren' 1 stehen 
wird? 

Br. Fudge: Ja. Wir möchten die 
Menschen dazu anregen, ihre eigene 
Lebensgeschichte und die ihrer Familie 



zu Papier zu bringen und auf dem 
laufenden zu halten. Außerdem hoffen 
wir, daß dieser Kongreß dazu beitragen 
wird, den Schwung in unserer Missi- 
onsarbeit zu vergrößern, indem wir die 
Menschen wissen lassen, daß die Kirche 
am geistigen Erbe der Familie, des 
einzelnen und der Gemeinschaft inter- 
essiert ist. 

Ein weiterer wichtiger Zweck des Kon- 
gresses liegt darin, daß wir die Compu- 
ter-Ahnenkartei für die ganze Welt zu- 
gänglich machen wollen. Wir werden 
nicht nur die Mitglieder, sondern alle 
Menschen auffordern, die Angaben 
über ihre Vorfahren einzusenden, damit 
wir eine Hauptkartei damit aufbauen 
können. Wir sehen diesem Kongreß 
begeistert und erwartungsvoll entgegen 
und rechnen damit, daß sich viele 
Gemeinsamkeiten daraus ergeben wer- 
den. 

Ensign : Wie stehen Sie persönlich zu 
diesem neuen Programm? 

Br. Fudge : Mir scheint, daß wir in dieser 
Generation große Vorzüge genießen. 
Viele Propheten im Altertum hätten 
gern in diesen Tagen gelebt. Es ist eine 
Zeit intensiver Anstrengung einer 

Arbeit, an der sich alle beteiligen müs- 
sen, denn niemand kann sie allein voll- 
bringen. 

Ich erinnere mich an das Gebet, das der 
Erlöser gesprochen hat, bevor er in den 
Garten Gethsemane ging. Er betete 
darum, daß seine Jünger eins sein mö- 
gen, ebenso wie er und sein Vater eins 
seien (Johannes 17:22). Unser Bemühen 
geht dahin, Adams Geschlecht zu einen, 
und dies können wir nur bewerkstelli- 
gen, wenn wir mit vereinten Kräften 
arbeiten. Das Ergebnis unserer Arbeit 
wird natürlich sein, daß wir das von 
unserem Vater im Himmel gewünschte 
Werk vollbringen, und zwar innerhalb 
der von ihm dafür festgesetzten Zeit.