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NOVEMBER 1997 








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VORDERES UMSCHLAGBILD: 

Milton und Irene Soares gehören zu den ersten Bekehrten 
in Brasilien. Sie haben den Samen des Evangeliums für 
ihre Kinder und Freunde gesät und bringen nun die Ernte ein. 
Siehe „Tudo Bern in Brasilien" auf Seite 34. (Fotos von 
Don L. Searle und David Mitchell). 

UMSCHLAGBILD KINDERSTERN: 

Ein Portrait von Bruder Nain und seiner Familie, die auf den 
Philippinen wohnen und sich schon früh zur Kirche bekehrt haben. 
Das Bild wurde von der sechsjährigen Ella Mae L. Olivare, die 
ebenfalls Philippinin ist, gemalt. Siehe „Pionier sein" auf Seite 14. 



AGAZIN 



BOTSCHAFT VON DER ERSTEN PRÄSIDENTSCHAFT: 
GEHT UND HOLT SIE AUS DER PRÄRIE JAMES E FAUST 

EIN GESPRÄCH MIT ALLEINSTEHENDEN ERWACHSENEN GORDON B. HINCKLEY 

IN EINER NEUEN GEMEINDE ZU HAUSE JOANNE DOXEY 

EHRLICH WÄHRT AUCH IM GESCHÄFTSLEBEN AM LÄNGSTEN ALAN V. FUNK 



34 TUDO BEM IN BRASILIEN DON L. SEARLE UND DAVID MITCHELL 

FÜR JUNGE LEUTE 

10 BIST DU SEIN FREUND? MICHAEL GRIFFITH 
12 WENN MAN ALLES VERLOREN HAT 
33 STRESS ABBAUEN TERESA HUNSACKER 




RUBRIKEN 

1 LESERBRIEFE 

15 DAS TOR ZUM HIMMEL 

25 BESUCHSLEHRBOTSCHAFT: DAS WORT DES WISSENS 

FÜR KINDER 

2 DER KLEINE FORSCHER: DER ZUG ÜBER DIE PRÄRIE SHERRIE JOHNSON 

5 DAS MACHT SPASS 

6 VON FREUND ZU FREUND: PRÄSIDENT THOMAS S. MONSON 

REBECCA M.TAYLOR 

8 DAS MITEINANDER: ICH WILL JETZT WICHTIGE ENTSCHEIDUNGEN TREFFEN 

KAREN ASHTON 

10 EIN GEBURTSTAGSGESCHENK FÜR KEVIN TIMOTHY S. WIGHT 
14 PIONIER SEIN 



SIEHE SEITE 12 SIEHE SEITE 16 




SIEHE SEITE 28 




SIEHE FÜR KINDER, SEITE 14 



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DER STERN 

November 1997 123. Jahrgang Nummer 11 

Offizielle deutschsprachige Veröffentlichung der 
Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage 

Die Erste Präsidentschaft: 

Gordon B. Hinckley, Thomas S. Monson, James E. Faust 

Das Kollegium der Zwölf: 

Boyd K. Packer, L. Tom Perry, David B. Haight, 

Neal A. Maxwell, Russell M. Nelson, Dallin H. Oaks, 

M. Russell Ballard, Joseph B. Wirthlin, Richard G. Scott, 

Robert D. Haies, Jeffrey R, Holland, Henry B. Eyring 

Chefredakteur: Jack H Goaslind 

Redaktionsleitung: 

Jay E.Jensen, John M. Madsen 

Abteilung Lehrplan: 

Geschäftsführender Direktor: Ronald L. Knighton 

Direktor Planung und Redaktion: Brian K. Kelly 

Direktor Künstlerische Gestaltung: Allan R. Loyborg 

Redaktion: 

Geschäftsführender Redakteur: Marvin K. Gardner 

Assist. Geschäftsführender Redakteur: R.Val Johnson 

Stellvertreter: David Mitchell 

Assist. Redakteurin/Kinderstern: DeAnne Walker 

Terminplanung: Maryann Martindale 

Assistentin Veröffentlichungen: Beth Dayley 

Gestaltung: 

Manager Grafische Gestaltung: M. M. Kawasaki 
Direktor Künstlerische Gestaltung: Scott Van Kampen 
Layout: Sharri Cook 

Verantwortlich für Übersetzung und Lokalteil: 

Deutsches Übersetzungsbüro 
Max-Planck-Straße 23 a, D-61381 Friedrichsdorf 
Telefon: (06172) 736410 und 736411 

Vertrieb: 

Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage 

Industriestraße 21, D-61381 Friedrichsdorf 

Deutschland - Leserservice 

Telefon: (06172) 7103-23; Telefax: (0 6172) 7103-25 

Osterreich und Schweiz - Leserservice 

Telefon: (06172) 7103-96; Telefax: (06172) 7103-80 

© 1997 Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage 
Alle Rechte vorbehalten 
Printed in Germany 

Die Internationale Zeitschrift der Kirche, deutsch 
„DER STERN", erscheint monatlich auf chinesisch, dänisch, 
deutsch, englisch, finnisch, französisch, holländisch, 
italienisch, japanisch, koreanisch, norwegisch, portugie- 
sisch, samoanisch, schwedisch, spanisch und tongaisch; 
zweimonatlich wird sie auf indonesisch, tahitisch und thai 
veröffentlicht, vierteljährlich auf bulgarisch, isländisch, 
russisch, tschechisch und ungarisch. 

USA and Canadian subscription price is $9.00 per year. 
Sixry days' notice required for change of address. Include 
address label from a recent issue; changes cannot be made 
unless both old address and new one are included. Send 
USA and Canadian subscripfions and queries to Salt Lake 
Distribution Center, Church Magazines, P. O. Box 26368, 
Salt Lake City, UT 84126-0368, USA. Subscription help line: 
1-800-453-3860, USA ext. 2947; Canada ext. 2031. 
Credit card Orders (Visa, Mastercard, American Express) 
may be taken by phone. Periodicals postage paid at Salt 
Lake City, Utah. 

DER STERN, ISSN 1080-9554, is published by The Church 
of Jesus Christ of Latter-day Saints, 50 East North Temple, 
Salt Lake City, UT 84150. 

POSTMASTER: Send address changes to Salt Lake 
Distribution Center, Church Magazines, P.O. Box 26368, 
Salt Lake City, UT 84150-3223, USA. 

Jahresabonnement: 
DEM 21,00; ATS 147,00; CHF 21,00 
Bezahlung erfolgt an die Gemeinde bzw. den Zweig 
oder auf eines der folgenden Konten: 
D Commerzbank Frankfurt, 

Konto^r. 588645200, BLZ 500 400 00 
A Erste Österreichische Spar-Casse-Bank, 

Konto-Nr. 004-52602 
CH Schweizerischer Bankverein, Birsfelden, 
Konto-Nr. 30-301,363.0 

Adressenänderung bitte einen Monat im voraus melden 
Erscheint zwölfmal im Jahr 

Beilagenhinweis: Dieser Ausgabe liegt der 
„KINDERSTERN November 1997" bei. 



LESERBRIEFE 





,ER ZWINGT UNS NICHT" 

Ich bin Vollzeitmissionarin und diene in 
der Mission Osorno in Chile. Letzte Woche 
habe ich zusammen mit meiner Mitarbeiterin 
den Bericht von der Generalkonferenz im 
Oktober 1996 gelesen, der im Liahona (spa- 
nisch) vom Januar 1997 abgedruckt ist. Ein 
Satz aus einer ganz bestimmten Ansprache 
hat mir persönlich sowie in meiner Eigen- 
schaft als Repräsentantin Jesu Christi sehr ge- 
holfen. In seiner Ansprache „Gemäß dem 
Wunsch unseres Herzens" sagte Eider Neal A. 
Maxwell: „Es hängt von uns ab. Gott macht es 
uns leichter, aber er zwingt uns nicht." (Der 
Stern, Januar 1997, Seite 20.) 

Wir Missionare fordern ständig Menschen 
auf, bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen, 
die ihnen helfen, nach dem Plan des himm- 
lischen Vaters zu leben und ihm ähnlicher zu 
werden. Seit ich Eider Maxwells Ansprache 
gelesen habe, kann ich ihnen sagen: „Wissen 
Sie, es hängt von Ihnen ab. Gott wird Ihnen 
helfen, aber er zwingt Sie nicht." 

Schwester Duarte 
Mission Osorno, Chile 

EIN KOSTBARER BESITZ 

Ich lese sehr gerne in Seito no Michi (japa- 
nisch) und habe in den vergangenen sieben- 
undzwanzig Jahren - seit meiner Bekehrung 
zur Kirche Jesu Christi der Heiligen der 
Letzten Tage - jedes Heft gesammelt. Wenn 
ich eine neue Ausgabe lese, vergleiche ich sie 
mit den früheren. So kann ich noch besser 
verstehen, wie schnell das Reich des himm- 
lischen Vaters wächst. 

Masaru Fukuoka 
Gemeinde Hikone 
Pfahl Kioto, Japan 



ANDERE AM GLUCK TEILHABEN LASSEN 

Ich habe mich im Februar 1994 taufen 
lassen. Seit meiner Taufe bin ich sehr glück- 
lich und spüre Sicherheit und Selbstver- 
trauen. Ich weiß, daß dies die wahre Kirche 
Jesu Christi ist. 

Ich arbeite in einem Krankenhaus, wo es 
naturgemäß viel Schmerz und Kummer gibt 
und wo unsere Brüder und Schwestern Liebe, 
Fürsorge und Hoffnung brauchen. Ich tue 
alles, um sie an meinem Zeugnis und meinem 
Glück teilhaben zu lassen. Ich lade Patienten 
zur Abendmahlsversammlung in unser Ge- 
meindehaus ein. Und mit Genehmigung der 
Krankenhausverwaltung lege ich im Warte- 
zimmer A Liahona (portugiesisch) aus, damit 
die Angestellten, die Patienten und deren 
Angehörige darin lesen können. 

Wie herrlich ist doch die Gewißheit, daß 
wir durch das Sühnopfer zum Vater im Him- 
mel zurückkehren können ! 

Maria Fernando. Gois 

Zweig Faro 

Distrikt Algarve, Portugal 




DIE VERHEISSUNG DES PROPHETEN 

Ich möchte Ihnen dafür danken, daß Sie 
den Artikel „Sei ohne Furcht; glaube nur" von 
Präsident Gordon B. Hinckley im Liahona 
(spanisch) vom Mai 1996 abgedruckt haben. 
In 2 Timotheus 1:8 heißt es: „Schäme dich 
also nicht, dich zu unserem Herrn zu beken- 
nen." Ich erlebe mit, wie Wunder geschehen - 
so wie unser Prophet es verheißen hat. 

Margarita Salmeron Garrido 
Zweig Granada 2 
Distrikt Jaen, Spanien 



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BOTSCHAFT VON DER ERSTEN PRÄSIDENTSCHAFT 



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2 



GEHT UND HOLT SIE 
VON DER PRÄRIE 



Präsident James E. Faust 

Zweiter Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft 



In einer schon klassisch zu nennenden Begegnung, von der die Bibel berich- 
tet, fragt der Herr den Kain: „Wo ist dein Bruder Abel?" Und Kain entgegnet: 
„Bin ich der Hüter meines Bruders?" (Genesis 4:9.) Ich stelle uns allen 
dieselbe Frage: Sind wir der Hüter unseres Bruders? König Benjamin hat gesagt: 
„Ihr werdet sie lehren, einander zu lieben und einander zu dienen." (Mosia 4:15.) 
Einer der wichtigsten Grundsätze, die wir in der Kirche vermitteln, lautet: Wir 
versuchen, anderen Menschen das zu geben, was sie brauchen. Wir sprechen oft 
vom Dienen. Warum? 

Was die Mitglieder brauchen, unterscheidet sich nicht von dem, was andere 
Menschen brauchen, weil auch wir Menschen sind und unsere Bedürfnisse in 
erster Linie geistiger Natur sind. Eider Marion D. Hanks hat einmal einen 
berühmten Psychiater aufgefordert: „Sagen Sie mir doch in einem Satz, was Sie 
für die Menschen tun." Der Psychiater antwortete: „Was ich für die Menschen 
tue, ist - kurz gesagt — folgendes: Ich versuche, sie davon zu überzeugen, daß Gott 
sie liebt." Liebe ist das erste wichtige Bedürfnis. Woher wissen wir das? Weil der 
Herr es gesagt hat. Das erste Gebot besagt, daß wir Gott lieben und ihm dienen 
sollen. Das zweite ist ebenso wichtig und fordert uns auf, unseren Nächsten zu 
lieben und ihm zu dienen (siehe Matthäus 22:37-39). Deshalb wissen wir, daß 
das Dienen zu den ersten Grundsätzen des Evangeliums gehören muß. 

NOVEMBER 1997 

3 




Als die Nachricht, daß die 
Handkarrenabteilung Willie 

festsaß, Salt Lake City 
erreichte, forderte Brigham 
Young die zur General- 
konferenz versammelten 
Mitglieder auf, diese Menschen 

zu holen, weil sonst ihr 
eigener Glaube vergebens sei. 



König Benjamin hat gefragt: „Solltet ihr euch dann Es zeigte sich, daß uns das Mehl bei unserer gegenwärtigen 

nicht auch mühen, um einander zu dienen?" (Mosia 2:18.) Geschwindigkeit und dem täglichen Mehlverbrauch schon 

Und die weiseste Antwort auf diese Frage kennen wir dann, etwa dreihundertfünfzig Meilen vor dem Ziel ausgehen 

wenn uns bewußt ist: „Wenn ihr euren Mitmenschen dient, würde. Deshalb wurde beschlossen, unsere Ration von ein- 

allein dann dient ihr eurem Gott." (Mosia 2:17.) dreiviertel (amerikanischen) Pfund pro Tag auf ein Pfund pro 

Sind wir der Hüter unseres Bruders? Im Brief an die Tag zu reduzieren und gleichzeitig alles Menschenmögliche 
Galater forderte Paulus die Mitglieder auf, einander zu lie- zu tun, um schneller vorwärts zu kommen. Wir behielten 
ben und zu dienen (siehe Galater 5:13,14). Und in Jakobus diese Ration von Laramie bis Independence Rock bei. 
wird deutlich, was reiner und makelloser Dienst vor Gott ist, Ungefähr zu diesem Zeitpunkt erhielt Hauptmann Willie 
nämlich „für Waisen und Witwen zu sorgen, wenn sie in einen Brief von Apostel [Willard] Richards, indem ihm mit- 
Not sind, und sich vor jeder Befleckung durch die Welt geteilt wurde, daß wir, wenn wir den South Pass erreicht 
zu bewahren" (Jakobus 1:27). Und wer kann sich der ein- hätten, mit aus dem Salt Lake Valley geschickten Vorräten 
drucksvollen Worte des Petrus vor dem Tor des Tempels ent- rechnen könnten. Die Überprüfung unseres Mehlvorrats 
ziehen, als ihn ein Gelähmter - ein Bettler - um Almosen zeigte jedoch, daß uns das Mehl schon vorher ausgehen 
anflehte: „Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich würde. Deshalb blieb uns nichts anderes übrig, als die Tages- 
habe, das gebe ich dir." (Apostelgeschichte 3:6.) ration noch weiter zu reduzieren. So bekam jeder im Durch- 

In Abschnitt 81 im Buch ,Lehre und Bündnisse' heißt es: schnitt nur noch zehn Unzen pro Tag. . . . 

„Stütze die Schwachen, hebe die herabgesunkenen Hände Wir waren noch nicht weit entlang des Sweetwater vor- 

empor, und stärke die müden Knie." (Vers 5.) Das Buch angekommen, als es nachts bitterkalt wurde. Schon seit Fort 

,Lehre und Bündnisse' hält uns auch vor Augen, nach wel- Laramie waren die Nächte allmählich immer kälter gewor- 

chem Spruch wir alle einst gerichtet werden: „Und gedenkt den. Die vor uns liegenden Berge, denen wir uns immer 

in allem der Armen und Bedürftigen, der Kranken und weiter näherten, waren schon fast zur Gänze mit Schnee 

Bedrängten, denn wer das nicht tut, der ist nicht mein bedeckt, und die Wolken, die sich jeden Tag dichter um uns 

Jünger." (LuB 52:40.) Sind wir der Hüter unseres Bruders? zusammenzuziehen schienen, waren ein sicheres Zeichen 

Auf der Generalkonferenz im April 1973 hat Präsident Ha- dafür, daß es bald schneien würde. ... 
rold B.Lee von einer großen Offenbarung erzählt: „Es war kurz Die siebzehn Pfund Kleidung und Bettzeug, die wir hatten 
vor der Weihung des Los Angeles-Tempels. Wir waren alle im mitnehmen dürfen, erwiesen sich nun als völlig unzurei- 
Begriff, uns auf dieses große Ereignis vorzubereiten. So gegen chend. Fast alle litten nachts mehr oder weniger unter der 
drei, vier Uhr morgens hatte ich zum ersten Mal in meinem Kälte. Anstatt morgens erholt und mit neuer Kraft und voller 
Leben ein Erlebnis, das wohl kein Traum, sondern eine Vision Tatendrang aufzustehen, bereit für die Schwierigkeiten, die 
gewesen sein muß. Mir war, als sei ich Zeuge einer großen der kommende Tag bringen mochte, krochen die armen Hei- 
Zusammenkunft in geistiger Atmosphäre, wo Männer und ligen morgens abgehärmt und steif vor Kälte aus ihren Zelten 
Frauen sich zu zweit oder zu dritt erhoben und in Zungen spra- und ließen alle Lebenskraft vermissen, die doch so notwen- 
chen. Der Geist war so ungewöhnlich. Mir war, als hörte ich dig war, um unsere Reise erfolgreich zu Ende zu führen, 
die Stimme von Präsident David O. McKay: ,Wenn du Gott Die Folgen von Kälte, Nahrungsmittelknappheit, körper- 
lieben willst, mußt du lernen, die Menschen zu lieben und licher Schwäche und Erschöpfung durch Überanstrengung 
ihnen zu dienen. So kannst du zeigen, daß du Gott liebst.'" 1 ließen nicht lange auf sich warten. Die Alten und Entkräfte - 

Sind wir der Hüter unseres Bruders? Ja! Wir wollen uns ten ließen den Kopf hängen, doch kaum hatten sie den Mut 

jetzt mit einem Ereignis in der Geschichte der Kirche be- verloren, da zeigte sich schon das Abbild des herannahenden 

schäftigen, das diesen wichtigen Grundsatz veranschaulicht. Todes in ihrem Gesicht. Das Leben wich so leise von ihnen, 

John Chislett war Unterhauptmann in der Abteilung wie eine Lampe erlischt, die kein Ol mehr hat. Zuerst starben 

Willie, einer der Handkarren- Abteilungen der Pioniere. Er die Menschen langsam und in unregelmäßigen Abständen, 

schrieb: doch nach wenigen Tagen waren die Abstände geringer 

„Wir erreichten Fort Laramie am ersten oder zweiten Sep- geworden, und es dauerte gar nicht lange, bis es uns schon 

tember, aber die Vorräte usw., die wir erwartet hatten, waren ungewöhnlich vorkam, wenn wir an einem Lagerplatz nicht 

nicht da. Hauptmann Willie berief eine Versammlung ein, einen oder mehrere Menschen begraben mußten, 

um über die Umstände, unsere gegenwärtige Lage und unsere Nun starben nicht mehr nur die Alten und Entkräfteten, 

Zukunft zu beraten und zu überlegen, was wir tun konnten, sondern der Tod holte auch junge, kräftige Menschen. . . . 



DER STERN 




Eine Vorhuf der Hilfsmannschaft wurde ausgesandt, um die Handkarrenpioniere zu suchen. 

In einer Nachricht an Präsident Young schilderte der Führer der Mannschaft die schwierige Lage, 

in der sie die Abteilung Willie gefunden hatten: „Dieser Anblick ist auch für die 

Stärksten von uns kaum zu ertragen." 



Es kam oft vor, daß ein Vater seinen Handkarren, auf dem 
die kleinen Kinder saßen, bis zum Tag vor seinem Tod zog. 
Ich habe miterlebt, wie einige noch am Morgen ihren 
Handkarren zogen, dann während des Tages zusammenbra- 
chen und noch vor dem nächsten Morgen starben. . . . 

Tag um Tag zogen wir weiter - in Elend und Kummer. 
Manchmal legten wir eine ziemlich weite Strecke zurück, 
dann wiederum schafften wir nur wenige Meilen. Schließ- 
lich gerieten wir in einen Schneesturm, und der scharfe 
Wind heulte uns wütend um die Ohren. . . . 

Am Morgen war der Schnee mehr als dreißig Zentimeter 
tief. Der Schneesturm hatte unser Vieh weit auseinander- 
getrieben, und einige Tiere waren verendet. Aber noch viel 
schlimmer war, daß fünf Menschen - Männer und Frauen - 
dem kalten Hauch des Todes erlegen waren. 

Am Morgen vor dem Sturm, oder richtiger gesagt, am 
Morgen des Tages, an dem der Sturm aufkam, hatten wir 
die letzte Mehlration verteilt. Deshalb hatten wir an diesem 
besagten Morgen nichts zum Verteilen. Wir hatten aber 
noch ein, zwei Fässer mit getrocknetem Brot, das Haupt- 
mann Willie in weiser Voraussicht in Fort Laramie gekauft 
hatte. Es wurde gerecht aufgeteilt und an alle in der Abtei- 
lung ausgegeben. . . . 



Der Schnee war dreißig Zentimeter tief, wir hatten 
nichts mehr zu essen, viele waren krank, und unser Vieh 
verendete. Deshalb wurde beschlossen, daß wir im Lager 
bleiben sollten, bis der versprochene Nachschub ankam. . . . 
Die karge Ration von hartem Brot und schlechtem Fleisch, 
die wie beschrieben verteilt worden war, war zum größten 
Teil schon am ersten Tag aufgegessen, denn die Leute waren 
ja kurz vor dem Verhungern. 

Wir schlachteten mehr Vieh und verteilten das Fleisch; 
doch weil wir es ohne Brot essen mußten, stillte es den 
Hunger nicht, und außerdem schadete es den an Durchfall 
Erkrankten mehr, als es ihnen nutzte. Während dieser drei 
Tage griff die schreckliche Krankheit immer mehr um sich, 
und mehrere Menschen starben an Erschöpfung. . . . Die 
Erinnerung daran erschüttert mich noch immer - was waren 
das doch für drei schreckliche Tage! Während dieser Zeit 
kümmerte ich mich um die Kranken und um die Witwen, 
deren Mann für sie gestorben war, und um die Alten, die sich 
selbst nicht mehr helfen konnten; ich wollte feststellen, an 
wen ich die wenigen Mittel verteilen sollte, die man meiner 
Obhut übergeben hatte. Nie zuvor habe ich solch furcht- 
baren Hunger miterlebt, und ich bitte Gott, daß er mir diesen 
Anblick in seiner Gnade auch in Zukunft ersparen mag." 2 



NOVEMBER 1997 



Zur Kompanie gehörte auch eine Frau namens Jackson, froren niedersinken; wie die Kinder weinen, deren Glieder 

Sie schrieb: steif vor Kälte sind, wie ihre Füße bluten, wie manche sogar 

„Ich ging so gegen neun Uhr schlafen. Weil wir kaum bei Schnee und Frost barfuß gehen müssen. Dieser Anblick 

noch Bettzeug hatten, zog ich mich nicht aus. Ich schlief - ist auch für die Stärksten von uns kaum zu ertragen." 4 

wie es mir vorkam - bis Mitternacht. Ich fror schrecklich. Auf der Generalkonferenz in Salt Lake City, die am 

Draußen war es bitterkalt. Ich horchte, ob ich meinen Mann 5. Oktober 1856 stattfand, sagte Präsident Brigham Young: 

atmen hören konnte, denn er lag so still da. Ich konnte „Viele unserer Brüder und Schwestern befinden sich 

nichts hören. Ich bekam große Angst und legte eine Hand mit ihren Handkarren auf der Prärie, und wahrscheinlich 

auf seinen Körper. Zu meinem Entsetzen mußte ich feststel- sind viele derzeit noch mehr als tausend Kilometer von 

len, daß meine schlimmste Befürchtung sich erfüllt hatte, hier entfernt. Wir müssen sie holen, wir müssen ihnen Hilfe 

Mein Mann war tot. Ich bat die anderen, die noch im selben senden. . . . 

Zelt schliefen, um Hilfe. Aber sie konnten mir nicht helfen; Ich rufe heute noch die Bischöfe auf. Ich warte nicht bis 
und so blieb mir nichts weiter übrig, als bis zum Morgen allein morgen oder übermorgen. Ich brauche sechzig gute Maul- 
neben der Leiche liegenzubleiben. Oh, wie langsam diese tiergespanne und zwölf bis fünfzehn Wagen. Ich möchte 
schrecklichen Stunden vergingen! Als es hell wurde, kamen keine Ochsen schicken, sondern gute Pferde und Maultiere. 
Männer aus dem Lager und machten meinen Mann für die Es gibt sie hier in unserem Territorium, und wir müssen sie 
Beerdigung fertig. Ach, und die sogenannte Beerdigung und haben. Außerdem elf Tonnen Weizen und vierzig gute Lenker 
die Trauerfeier! Sie zogen ihm seine Kleidung nicht aus - er zusätzlich zu denen, die die Gespanne lenken. . . . Zuerst aber 
hatte auch kaum welche. Sie wickelten ihn in eine Decke, vierzig gute junge Männer, die wissen, wie man ein Gespann 
legten ihn zusammen mit dreizehn weiteren Toten auf einen lenkt, und die sich um die Gespanne kümmern können, für 
Haufen und bedeckten diesen mit Schnee. Die Erde war so die jetzt Männer, Frauen und Kinder zuständig sind, die 
tief gefroren, daß man kein Grab ausheben konnte. Dort nichts davon verstehen. Zweitens sechzig bis fünfundsechzig 
blieb er, um in Frieden zu schlafen, bis die Posaune Gottes gute Maultier- oder Pferdegespanne mit Geschirr, Wagen- 
erklingt und die Toten in Christus auferweckt und am Schwengel, Joch, Fußlatte, Zugketten usw. Und drittens 
Morgen der ersten Auferstehung hervorkommen werden. . . . elftausend Kilogramm Mehl, das wir ja vorrätig haben. . . . 

Ein paar Tage nach dem Tod meines Mannes . . . war die Ich sage euch: All euer Glaube, eure Religion, euer Be- 
Anzahl der männlichen Mitglieder der Abteilung durch kenntnis zur Religion werden auch nicht einen einzigen von 
Todesfälle stark zurückgegangen, und diejenigen, die noch euch ins celestiale Reich unseres Gottes bringen, wenn ihr 
am Leben waren, waren so schwach, abgemagert und krank, nicht die Prinzipien, die ich euch gerade jetzt lehre, in die 
daß es am Abend, wenn wir unseren Lagerplatz erreichten, Tat umsetzt. Geht und holt die Leute her, die jetzt auf der Prärie 
nicht mehr genug kräftige Männer gab, um die Zeltpflöcke sind. Und haltet euch strikt an das, was wir als zeitlich, als 
einzuschlagen und die Zelte aufzubauen. So mußten wir zeitliche Pflicht bezeichnen. Denn sonst ist euer Glaube 
unter freiem Himmel nächtigen, und die Sterne waren un- vergebens. Die Predigten, die ihr gehört habt, werden euch 
sere Gefährten. Der Schnee lag mehrere Zentimeter hoch, nichts nützen, und ihr werdet in die Hölle sinken, wenn ihr 
und nachts war es bitterkalt. Ich setzte mich mit einem Kind nicht das tut, was wir euch sagen." 5 

auf dem Schoß und einem anderen Kind an meiner Seite auf Inzwischen hatte die Abteilung Willie gehört, daß eine 

einen Stein und blieb dort bis zum Morgen sitzen." 3 Hilfsmannschaft mit Vorräten auf dem Weg war, und Haupt- 

An diesem Punkt ließ Hauptmann Grant, der zur Vorhut mann Willie sowie ein weiterer Mann wurden ausgesandt, 

der Hilfsmannschaft gehörte, eine Nachricht mit folgendem um die Wagen zu suchen und die Rettung der festsitzenden 

Wortlaut an Präsident Brigham Young senden: Mitglieder zu beschleunigen. John Chislett schrieb: 

„Es hat keinen Sinn, die Lage der Menschen hier be- „Am Abend des dritten Tages nach Hauptmann Willies 

schreiben zu wollen, denn darüber werdet Ihr in Kürze mehr Aufbruch (es war der 21. Oktober), als die Abendsonne 

von Eurem Sohn Joseph A. und [Bruder] Garr hören, die gerade in ihrer ganzen Schönheit hinter den fernen Bergen 

Euch diese Eilbotschaft überbringen. Aber vielleicht könnt versank, sahen wir auf einer genau westlich des Lagers gele- 

Ihr Euch vorstellen, wie fünf-, sechshundert Menschen - genen Anhöhe mehrere Planwagen, die von je vier Pferden 

Männer, Frauen und Kinder -, erschöpft von der Anstren- gezogen wurden, auf uns zukommen. Die Neuigkeit verbrei- 

gung, ihren Handkarren durch Matsch und Schnee zu zie- tete sich wie ein Lauffeuer im Lager, und wer aufstehen 

hen, am Wegesrand ohnmächtig werden und völlig durch- konnte, verließ seine Bettstatt, um die Ankömmlinge zu 

DER STERN 

6 




Als sich die Mitglieder, die so schwer hatten leiden müssen, in den Wagen, die zu ihrer Rettung geschickt worden 

waren, kurz vor dem Salt Lake Valley befanden, forderte Präsident Brigham Young die Mitglieder auf, 

ihnen Obdach und medizinische Betreuung zuteil werden zu lassen. „Wir möchten, daß ihr sie so aufnehmt, 

als ob sie eure eigenen Kinder wären, und ... daß ihr ihnen die gleiche Zuneigung entgegenbringt." 



sehen. Nach einigen Minuten waren sie so nahe herange- 
kommen, daß wir unseren treuen Hauptmann vor den 
Wagen herziehen sahen. Freudenrufe erfüllten die Luft; 
selbst starke Männer weinten, und die Tränen liefen ihnen 
über die zerfurchten und von der Sonne verbrannten 
Wangen. Auch die kleinen Kinder wurden von der Freude 
angesteckt, obwohl sie sie wohl kaum verstehen konnten. 
Sie tanzten fröhlich umher. Im allgemeinen Freudentaumel 
waren alle Anstrengungen vergessen, und als die Brüder 
unser Lager erreicht hatten, stürzten sich die Frauen auf sie 
und überschütteten sie mit Küssen." 6 

Als sich die Mitglieder, die so schwer hatten leiden müs- 
sen, dann kurz vor dem Salt Lake Valley befanden, rief Präsi- 
dent Brigham Young die Mitglieder erneut ins Tabernakel 
und sagte: 

„Wenn diese Leute eintreffen, dann möchte ich, daß sie 
nicht sich selbst überlassen in Häusern untergebracht wer- 
den. Ich möchte vielmehr, daß sie in der Stadt auf Familien 
verteilt werden, die ein schönes, bequemes Haus besitzen; 
und ich möchte, daß alle Schwestern, die heute hier sind, 
und auch alle, die sich damit auskennen und dazu in der 
Lage sind, sich um die Neuankömmlinge kümmern und sie 
bedarfsgerecht mit Medikamenten und Nahrung versorgen. 



Darüber zu sprechen gehört zu meiner Religion, denn sie hat 
auch etwas mit Fürsorge für die Heiligen zu tun. . . . 

Die Nachmittagsversammlung fällt aus, denn ich 
möchte, daß die Schwestern nach Hause gehen und Vor- 
bereitungen treffen, um den Ankommenden etwas zu essen 
zu geben, sie zu waschen und sie gesundzupflegen. Wäre ich 
an Stelle derer, die gerade ankommen, dann wäre mir eine 
Schüssel Pudding und Milch oder eine gebackene Kartoffel 
mit Salz natürlich lieber als all euer Beten, selbst wenn ihr 
den ganzen Nachmittag hierbleiben und beten würdet. 
Beten ist gut, aber wenn gebackene Kartoffeln und Pudding 
und Milch gebraucht werden, dann ist Beten kein Ersatz 
dafür. Alles zur richtigen Zeit und am richtigen Ort. ... 

Ihr werdet feststellen, daß manchen die Füße bis zu den 
Gelenken erfroren sind; anderen sind die Beine bis zum 
Knie erfroren, und wieder anderen die Hände. . . . Wir 
möchten, daß ihr sie so aufnehmt, als ob sie eure eigenen 
Kinder wären, und daß ihr ihnen die gleiche Zuneigung 
entgegenbringt. Wir sind ihre zeitlichen Erretter, denn wir 
haben sie vor dem Tod bewahrt." 7 

Ich glaube, daß unser derzeitiger Prophet uns heute auf- 
fordert, hinzugehen und diejenigen zu holen, die sich drau- 
ßen auf der Prärie befinden. Jeder würdige junge Mann soll 



NOVEMBER 1997 



7 



auf Mission gehen. Und obwohl wir nicht alle zum Missions- 
dienst berufen sind, kann doch ein jeder auf Mission sein 
und sich für eine Sache engagieren, die größer ist als wir, 
nämlich für die größte Sache der ganzen Welt: die Errettung 
der Kinder des himmlischen Vaters. 

Präsident Gordon B. Hinckley hat auf der Generalkon- 
ferenz im Oktober 1996 etwas über dieses Ereignis gesagt, 
was mich tief beeindruckt hat: „Von dieser Kanzel sind 
schon wundervolle Predigten gehalten worden, Brüder und 
Schwestern. Aber keine war beredter als die, die Präsident 
Young damals gehalten hat. 

Die Geschichten von den unterwegs steckengebliebenen 
Mitgliedern und von ihrem Leiden und Sterben werden im 
nächsten Jahr immer und immer wieder erzählt werden. Die 
Geschichten von ihrer Rettung müssen immer und immer 
wieder erzählt werden. Sie handeln vom Wesenskern des 
Evangeliums Jesu Christi. 

Ich bin dankbar, daß die Pionierzeit hinter uns liegt. Ich 
bin dankbar, daß wir keine Brüder und Schwestern haben, 
die im Schnee steckengeblieben sind, die unterwegs erfrie- 
ren, während sie sich bemühen, hierher, zu ihrem Zion in 
den Bergen, zu gelangen. Aber es gibt Menschen, und es 
sind nicht wenige, die sich in einer verzweifelten Lage befin- 
den und die um Hilfe schreien. 

Es gibt in dieser Welt so viele Menschen, die hungrig 
sind und Not leiden. Ich bin dankbar, daß ich sagen kann, daß 
wir vielen helfen, die nicht unserem Glauben angehören, die 
sich aber in großer Not befinden. Aber wir brauchen gar nicht 
so weit hinauszugehen. Auch unter unseren Mitgliedern gibt 
es Menschen, die vor Schmerz und Leid und Einsamkeit und 
Angst weinen. Wir haben die große und feierliche Verpflich- 
tung, uns ihrer anzunehmen, ihnen zu essen zu geben, wenn 
sie hungrig sind, und ihrem Geist Nahrung zu geben, wenn sie 
nach Wahrheit und Rechtschaffenheit dürsten. 

Es gibt so viele junge Leute, die ziellos umherirren und 
den traurigen Weg der Drogen, der Banden, der Unmoral 
und all der vielen anderen Übel gehen, die damit verbunden 
sind. Es gibt Witwen, die sich nach einer freundlichen 
Stimme und nach der besorgten Anteilnahme sehnen, aus 
der die Liebe spricht. Da sind diejenigen, in denen einmal 
das Feuer des Glaubens gebrannt hat, das aber inzwischen 
erloschen ist. Viele von ihnen möchten gern zurückkom- 
men, wissen aber nicht so recht, wie. Sie brauchen eine 
freundliche Hand, die sich ihnen entgegenstreckt. Mit ein 
wenig Mühe können viele von ihnen wieder an den Tisch 
des Herrn zurückgebracht werden und sich dort laben. 

Meine Brüder und Schwestern, ich hoffe, ich bete, daß 
jeder von uns . . . sich fest vornimmt, nach denen zu suchen, 



So wie Brigham Young die Mitglieder dringend bat, 
die Pioniere der Handkarrenabteilung Willie zu retten, 
so fordert unser Prophet uns heute auf, uns jetzt für 
die größte Sache auf der ganzen Welt zu engagieren, 
nämlich die Errettung der Kinder des himmlischen Vaters. 



die Hilfe brauchen, die sich in einer verzweifelten und 
schwierigen Lage befinden, und sie voll Liebe in die Arme der 
Kirche zurückzuholen, wo starke Hände und liebende Herzen 
sie wärmen und trösten, sie stark machen und sie auf den Weg 
zu einem glücklichen und produktiven Leben führen." ° 

Mögen wir uns alle fest vornehmen, unseren Mitmenschen 
zu dienen. Und möge der himmlische Vater uns fähig machen, 
das zu tun, was von uns erwartet wird. Möge er uns helfen, 
hinzugehen und die zu holen, die jetzt , auf der Prärie' sind." D 

FUSSNOTEN 

1 Ensign, Juli 1973, Seite 124. 

2 Zitiert in Handcarts tö Zion, (1960) von LeRoy R. Hafen und 
Ann W. Hafen, Seite 101 ff. 

3 Ibid., Seite 111 f. 

4 Ibid., Seite 116 f. 

5 Ibid., Seite 120 f. 

6 Ibid., Seite 106. 

7 Ibid., Seite 139. 

8 Der Stern, Januar 1997, Seite 83. 



FÜR DIE HEIMLEHRER 

1. Einer der wichtigsten Grundsätze, die wir in der 
Kirche vermitteln, lautet: Wir versuchen, anderen 
Menschen das zu geben, was sie brauchen. 

2. Es gibt zahlreiche Beispiele in der heiligen Schrift 
und in der Geschichte der Kirche, die den wichtigen 
Grundsatz des Dienens veranschaulichen. 

3. Heute fordert Präsident Hinckley uns auf, nach den 
folgenden Menschen zu suchen: 

• Nach jungen Leuten, die ziellos umherirren 
und den traurigen Weg der Drogen, der Banden, 
der Unmoral gehen. 

• Nach Witwen, Witwern und Alleinstehenden 
Erwachsenen, die sich nach einer freundlichen 
Stimme sehnen. 

• Nach denjenigen, die hungrig sind und Not 
leiden, und zwar sowohl in körperlicher als auch 
in geistiger Hinsicht. 

• Nach allen, die sich in einer verzweifelten und 
schwierigen Lage befinden und viel Liebe brauchen. 



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DER STERN 
8 





Michael Griffith 



Die Frage des Jungen traf mich 

mitten ins Herz. Durfte ich mich 

überhaupt so nennen? 





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Jch saß an einem Feldweg am Rand einer Kleinstadt 
irgendwo mitten in Argentinien. Ich war Missionar, 
und diese Stadt war mein erstes Gebiet. Mein Mitarbei- 
ter führte gerade ein Gespräch, und ich hatte mir gedacht, 
anstatt die Zeit zu vergeuden, sei es besser, mich hinzusetzen 
und die Missionarslektionen zu lernen. 

Gerade als ich die fünfte Lektion aufschlug, sah ich einen 
kleinen Jungen, der über die Straße rannte, als ob jemand 
hinter ihm her sei. Wovor mag er wohl weglaufen? überlegte 
ich. Was kann denn so schrecklich sein? Dann sah ich den 
gefürchteten Verfolger hinter ihm auftauchen. Es war ein 
Mädchen. Der Junge muß sich wohl ausgemalt haben, was 
ihm alles an Fürchterlichem blühte, wenn es ihr gelingen 
sollte, ihn einzuholen. 

Gerade zur rechten Zeit sah er mich. Sicherlich hatte das 
Mädchen nicht den Mut, ihm weiter zu folgen, wenn er bei 
einem Amerikaner stand, der einen Anzug trug. Und damit 
hatte er recht. Schon bald gab es nur noch mich, die leere 
Straße und einen zehnjährigen Jungen, der sich hinter mei- 
nem Rücken versteckte. 



Und plötzlich befanden wir uns mitten in einem 
Gespräch über das Evangelium, denn der Junge hatte mir 
die fünfte Lektion aus den Händen gerissen und las nun 
die Überschrift. „Ein christliches Leben führen", las er vor. 
Ich weiß nicht mehr genau, was er dann gefragt hat, aber es 
muß ungefähr so gewesen sein: „Wer seid ihr denn über- 
haupt?" 

Ich wollte ihm kurz erklären, was Missionare tun, war 
dann aber von seiner tiefgründigen Reaktion beschämt. Im 
Versuch, meine Worte zusammenzufassen, fragte er nämlich: 
„lUstedes son amigos de Jesuchristo? " - „Seid ihr Freunde von 
Jesus Christus?" 

„Ja", antwortete ich, und der Junge lief davon, um weiter- 
zuspielen. Er war sich gar nicht bewußt, was er in mir aus- 
gelöst hatte. 

Ich mußte immer an das denken, was er gesagt hatte. 
„lUstedes son amigos de Jesuchristo?" Es war irgend etwas 
Besonderes an der Art, wie er das auf Spanisch gefragt hatte. 
Hatte er es nur als Feststellung gemeint oder vielleicht eher 
als Frage? 




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Bin ich ein Freund Jesu Christi? überlegte ich. Was ist ein 
Freund Jesu Christi? Sein Freund? Oder ein Freund, der so ist 
wie er? 

Kurz nach diesem Erlebnis stieß ich eines Morgens auf 
eine Schriftstelle im Buch .Lehre und Bündnisse', wo der 
Prophet Joseph Smith die Grußformel, die in der Schule 
der Propheten aufgesagt werden sollte, schriftlich festgehal- 
ten hat: 

„Bist du ein Bruder, seid ihr Brüder? Ich begrüße euch im 
Namen des Herrn Jesus Christus, zum Zeichen des immer- 
währenden Bundes oder zur Erinnerung daran, und in die- 
sem Bund empfange ich euch in der Gemeinschaft mit dem 
festen, unverrückbaren und unabänderlichen Entschluß, 
durch die Gnade Gottes in den Banden der Liebe euer 
Freund und Bruder zu sein, in allen Geboten Gottes unsträf- 
lich zu wandeln, dankbar und für immer und immer. Amen." 
(LuB 88:133.) 

Ich kenne keine bessere Erklärung des Begriffs „Freund". 
In der Schule der Propheten kamen Brüder zusammen, die 
fest entschlossen waren, Freunde zu sein, und dieses 



Begrüßungsgebet macht deutlich, was das bedeutet. Eine 
ganze Reihe von Eigenschaften, die hier genannt werden, 
beeindruckten mich tief: „Mit dem festen, unverrückbaren 
und unabänderlichen Entschluß", „in den Banden der 
Liebe", „unsträflich zu wandeln". Und mir wurde bewußt, 
daß ich mich, wenn diese Eigenschaften von einem Freund 
Jesu Christi verlangt wurden, nicht als ein solcher bezeich- 
nen durfte. 

Christus hat uns durch sein Beispiel auf vollkommene 
Weise gezeigt, was es heißt, ein Freund zu sein. Er fordert uns 
auf, uns würdig zu machen, sein Freund genannt zu werden, 
und die Segnungen zu empfangen, die er uns ermöglicht hat. 
In Johannes 15:14 sagt er: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr 
tut, was ich euch auftrage." Und der Vers davor lautet: „Es 
gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine 
Freunde hingibt." (Vers 13.) 

Jesus Christus ist kein gewöhnlicher Freund. 

„Seid ihr Freunde von Jesus Christus?" hatte der Junge 
gefragt. Wir alle müssen selbst entscheiden, ob das eine Fest- 
stellung - oder eine tiefgründige Frage ist. D 




WENN MAN ALLES 

ERLOREN HAT 




Name der Redaktion bekannt 

ILLUSTRATION VON GREG G. THORKELSON 



Hier auf der Erde können wir 
buchstäblich alles verlieren - 
unser Zuhause, unsere Familie, 
unseren materiellen Besitz. Aber das 
Wertvollste kann uns niemand neh- 
men, nämlich die Erkenntnis, daß der 
himmlische Vater lebt, daß wir seine 
Kinder sind, daß er uns wahrhaft liebt. 
Das habe ich schon in jungen Jahren 
durch eine Reihe traumatischer Erleb- 
nisse gelernt. 

Es war 1983, und ich war fünfzehn 
Jahre alt. Erst ein Jahr zuvor hatte ich 
das Evangelium gefunden und mich 
taufen lassen. 

Die Gegend in Peru, wo ich mit 



meiner Familie wohnte, litt besonders 
stark unter Gewalttaten. Am Nachmit- 
tag des 20. April stürmte eine Bande 
Terroristen mit Gewehren und Dyna- 
mit in unsere Stadt. Sie fingen an, 
die Bewohner zusammenzutreiben - 
darunter auch meine Mutter, mein 
Bruder und mich - und drohten damit, 
uns umzubringen. Lautlos betete ich 
darum, daß ich ins Paradies kommen 
möge, wenn ich jetzt sterben müsse. 

Die Terroristen fesselten alle, die 
Steine, Stöcke oder anderes bei sich 
hatten, womit sie sich hätten vertei- 
digen können, und erschossen sie 
mit Maschinengewehren. Die Frauen 



weinten um ihre Männer, Brüder und 
Söhne. Auch meine Mutter weinte, 
denn die Terroristen hatten auch mei- 
nen Bruder umgebracht. 

Genau einen Monat später kamen 
die Terroristen wieder, und zwar um ein 
Uhr mittags. Diesmal waren sie auf der 
Suche nach meinem Vater, der in der 
Kommunalpolitik eine führende Rolle 
spielte und den man fälschlicherweise 
beschuldigt hatte, die Stadt gegen die 
Terroristen aufzurüsten. Dieses Mal 
nahmen sie meine Eltern und noch 
andere mit und brachten sie um. 
Wenn meine Geschwister und ich 
nicht bei unserer Tante übernachtet 



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hätten, wären wir höchstwahrschein- könnten. Dennoch gab mir die Gewiß- große Sicherheit, daß ich ohne jeden 

lieh auch umgebracht worden. So aber heit Kraft, die ich an jenem Tag in den Zweifel wußte, was ich zu tun hatte, 

konnten wir in die Berge flüchten. Bergen empfangen hatte, nämlich daß Mein Arbeitgeber gewährte mir 

Am selben Morgen ging ein Hagel- der himmlische Vater lebt und uns liebt, unbezahlten Urlaub, und ich nahm die 

schauer über uns nieder, doch sobald es Ich wollte schon fast alle Hoffnung Missionsberufung an. Als ich ein Jahr 

hell war, rannte ich zu der Stadt auf der aufgeben, jemals Arbeit zu finden, als auf Mission war, schrieb mein Bruder, 

anderen Seite der Berge, um Hilfe zu man mir eine befristete Stellung bei der daß mein Arbeitgeber es sich anders 

holen. Doch plötzlich merkte ich, daß Ernte von Süßkartoffeln gab. Obwohl überlegt habe und meine Stelle nicht 

sich auch einige Terroristen in den ich noch nicht volljährig war und keine bis zu meiner Rückkehr freihalten 

Bergen versteckt hatten und mich nun Papiere besaß, bekam ich durch Glau- wollte. Er schrieb, wenn ich nicht nach 

verfolgten. Als ich eine Anhöhe hin- ben und Beten schließlich eine feste Hause käme, würde ich meine Stelle 

unterrannte, die wegen des Hagels sehr Anstellung und konnte mehrere Mo- verlieren. „Mach dir keine Sorgen um 

rutschig war, flehte ich den Herrn an, nate später meine Geschwister zu mir Materielles", schrieb ich zurück. „Wenn 

mir zu helfen. Wie durch ein Wunder nach Lima holen. Eine meiner Tanten ich diese Stelle verliere, wird der Herr 

gelang es mir zu entkommen. gab uns ein Dach über dem Kopf, und mir helfen, etwas Besseres zu finden." 

Sobald ich außer Gefahr war, kniete eine andere schenkte uns ein paar Haus- Ich führte meine Mission zu Ende, 

ich nieder, um zu danken und um haltsgegenstände. Wir besaßen kaum Ich bin dankbar, daß keins meiner 

Schutz zu bitten. Als ich zu Ende gebe- etwas, weil das meiste, was meine Eltern Geschwister ernstlich krank wurde, 

tet hatte, spürte ich herrlichen Frieden, besessen hatten, gestohlen worden war. während ich auf Mission war. Als ich 

so als ob nichts Schlimmes geschehen Doch das war alles nicht so schlimm, zurückkam, waren alle wohlauf. Wir 

sei. Meine Beine, die vorher heftig solange wir nur zusammen waren. wohnen noch immer zusammen und 

gezittert hatten, waren jetzt wieder ganz Meine Eltern hatten uns alle ohne helfen einander. Wir sind an unsere 

ruhig, und ich hatte die Kraft, weiterzu- Ausnahme gelehrt, wie man arbeitet Eltern gesiegelt worden, und ich habe 

rennen. Meine Angst war vollständig und Hausarbeiten erledigt. Später im Tempel eine ganz besondere Frau 

verschwunden. Obwohl ich gerade wurde mir noch deutlicher bewußt, was geheiratet. Inzwischen haben wir zwei 

meine Eltern verloren hatte, spürte ich für ein hervorragendes Beispiel sie uns eigene Kinder, so daß wir jetzt insge- 

mit sicherer Gewißheit, daß der himm- gegeben hatten. Ich bin dankbar dafür, samt neun Personen sind, 

lische Vater da war und mich liebte. daß ich schon als kleiner Junge gelernt Mir sind noch weitere große Seg- 

Mit der Hilfe der Bevölkerung der habe, Verantwortung zu übernehmen, nungen zuteil geworden. Ich bin jetzt 

Stadt, in die ich floh, konnte ich auch Die Umstände mögen mich zwar ge- bei der Kirche angestellt und arbeite 

den Rest meiner Familie in Sicherheit zwungen haben, schnell erwachsen zu im Büro des Peru-Tempels. Ich bin 

bringen. werden, aber meine Eltern hatten mich auch Tempelarbeiter. Und außerdem 

Vor allem sorgte ich mich um meine gut auf die Schwierigkeiten vorberei- war ich mehrere Jahre Bischof, was ich 

fünf jüngeren Geschwister, von denen tet, die meine Geschwister und ich zu als großen Segen ansehe, 

das kleinste erst vier Jahre alt war. meistern hatten. Und der Herr segnete Die Berufung als Bischof hat mir 

Mehrere Wochen lang waren wir auf uns. Ich sah, wie Wunder sich zutrugen Gelegenheit gegeben, die Schwierig- 

der Flucht und litten fürchterlichen und wie er über uns wachte. keiten zu verstehen, die andere Men- 

Hunger. Als ich älter wurde, befürchtete ich, sehen ertragen haben. Durch diese 

Dann schlug ich mich nach Lima, wegen der Verantwortung meinen Ge- Berufung und durch meine eigenen 

der Hauptstadt Perus, durch, um dort schwistern gegenüber nicht auf Mis- Erfahrungen habe ich gelernt, wie man 

Arbeit zu suchen. Während dieser Zeit sion gehen zu können. Dabei wünschte Hindernisse am besten überwindet, 

sorgte ich mich fast verzweifelt um ich mir sehnlichst, dienen zu dürfen, nämlich indem man mehr Glauben an 

meine Geschwister, die ich in der und dachte oft darüber nach, auf wel- den Herrn übt und ihm mit aller Kraft 

Obhut eines älteren Bruders zu Hause che Segnungen ich verzichten mußte, und der festen Hoffnung darauf dient, 

zurückgelassen hatte. Hin und wieder wenn ich nicht auf Mission gehen daß seine Verheißungen in Erfüllung 

hörte ich von blutigen Unruhen in der konnte. Dann träumte ich eines gehen werden. Ich bezeuge, daß wir uns 

Gegend, wo sie wohnten. Oft weinte Nachts, der Erretter säße neben mir. auf seine Verheißungen verlassen kön- 

ich und hatte Angst, daß sie tot sein Ich spürte so großen Frieden und so nen, wenn wir unser Teil tun. D 

DER STERN 

14 



DAS TOR ZUM HIMMEL 


















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IM HAUS DES HERRN LÄSST MAN DIE WELT HINTER SICH UND BETRITT DEN WEG, 
DER ZUR EWIGEN HERRLICHKEIT FÜHRT. (SIEHE LUB 110:7-9. 



NOVEMBER 1997 



15 



Ein Gespräch mit Allein 




stehenden Erwachsenen 



Präsident Gordon B. Hinckley 



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iebe Brüder und Schwestern, ich 
freue mich sehr, daß ich heute 
— A abend hier bei Ihnen sein darf. 
Wie Sie sich sicher vorstellen können, 
habe ich häufig Gelegenheit, zu vielen 
verschiedenen Gruppen zu sprechen. 
Aber es gibt keine Gruppe, zu der ich 
jetzt lieber sprechen würde. Sie sind 
hierhergekommen, um eine Lösung für 
Ihre Sorgen und Ihre Probleme zu fin- 
den. Sie haben viele Sorgen und Pro- 
bleme. Sie wollen Bestätigung, Sie 
wollen Hilfe. Ich bete darum, daß der 
Heilige Geist mich führen möge, damit 
ich etwas sagen kann, was Ihnen hilft. 

Ihre Gruppe ist sehr vielfältig. Wie 
ich gehört habe, sind Sie alle über 
dreißig. In gewisser Weise ist dies das 
einzige, was Sie gemeinsam haben, 
wenn man einmal von Ihrer Mitglied- 
schaft in der Kirche des Herrn absieht. 

Manche von Ihnen waren nie ver- 
heiratet. Manche sind verheiratet ge- 
wesen und jetzt geschieden, manche 
haben Kinder, manche nicht. Vielen 
fällt es schwer, für den Unterhalt ihrer 
Kinder zu sorgen. Sie haben gemerkt, 
daß die Welt rauh und unbarmherzig 
ist. Sie sehnen sich nach Hilfe. Sie 
brauchen Hilfe. 

Andere wiederum sind verwitwet 
und leiden unter ständiger Einsamkeit. 

Obwohl Ihre Lebensumstände so 
verschieden sind, haben wir Ihnen 
sozusagen einen Stempel aufgedrückt, 
als ob Sie alle gleich wären. Dieser 
Stempel heißt „Alleinstehend". Das 
gefällt mir nicht. Ich mag Menschen 



nicht in Kategorien pressen. Wir sind 
alle Individuen, die zusammen leben 
und — hoffentlich - einander respektie- 
ren, und zwar unabhängig von unserer 
Lebenssituation. 

Ich versichere Ihnen, daß ich mich 
Ihnen nahe fühle, denn Sie sind alle 
Heilige der Letzten Tage. Sie wissen im 
Herzen, daß Gott lebt und daß Jesus 
der Messias ist und daß diese Kirche 
vom Allmächtigen und vom Erretter 
geschaffen wurde, dessen Namen sie 
auch trägt. Ich weiß, daß Sie beten, 
und das ist etwas Wundervolles. 
Manchmal bitten Sie den Herrn mit 
großem Ernst um Hilfe, um Freunde 
und darum, daß er Ihnen das Los er- 
leichtern möge. Und Sie fragen sich, 
warum Ihr Beten nicht so erhört wird, 
wie Sie es sich wünschen. 

Diese Erfahrung kennen wir alle. 
Doch im Laufe der Jahre merken wir, 
daß der himmlische Vater unser Beten 
hört. Seine Weisheit ist größer als un- 
sere, und uns wird bewußt, daß er unser 
Beten erhört, auch wenn seine Ant- 
wort manchmal schwer zu erkennen ist. 

Mein Herz neigt sich Ihnen allen 
voller Liebe entgegen. Ich glaube, daß 
ich Ihre Probleme und Wünsche zu- 
mindest bis zu einem gewissen Grad 
kenne. Sie halten vielleicht dagegen: 
„Sie haben noch nie so etwas durch- 
gemacht, wie wir es durchmachen müs- 
sen. Deshalb wissen Sie in Wirklich- 
keit auch nichts darüber." 

In gewisser Weise ist das richtig, 
aber ich hoffe, daß Sie mir trotzdem 
zugestehen, was ich für Sie empfinde. 
Ich bemitleide Sie nicht, weil ich weiß, 



daß Sie kein Mitleid wollen. Statt des- 
sen unterhalte ich mich einfach mit 
Ihnen in Form eines Dialogs im Geist 
der Liebe und des Verständnisses. 

Ich gehe davon aus, daß Sie alle 
nicht verheiratet sind. Viele von Ihnen 
wünschen sich, sie wären verheiratet. 
Sie meinen, damit wären all Ihre Pro- 
bleme gelöst. Zwar sollte es das Ziel 
eines jeden Heiligen der Letzten Tage 
sein, eine glückliche Ehe zu führen, 
doch kann ich Ihnen versichern, daß 
viele Eheleute ein unglückliches Leben 
voller Angst führen. Zu den Aufgaben, 
die mich am meisten belasten, gehört 
die Entscheidung über Anträge auf 
Annullierung einer Siegelung im Tem- 
pel nach der Scheidung. Jeder Fall 
wird individuell behandelt. Ich bete 
um Weisheit, um Weisung vom Herrn 
bezüglich der heiligen Bündnisse, die 
in allerheiligster Umgebung geschlos- 
sen wurden und an sich für die Ewig- 
keit gelten. 

Die Umstände, die zu einer 
Scheidung und dann zum Antrag auf 
Annullierung der Siegelung im Tem- 
pel geführt haben, sind geprägt von 
Egoismus, von Habgier, von manchmal 
geradezu sadistischem Verhalten, von 
Mißhandlungen, von Herzeleid und 
tragischen Ereignissen. 

Ich sage das nur, um Ihnen bewußt 
zu machen, daß es Eheleute gibt, die 
im höchsten Maße unglücklich sind, 
und daß Sie als Alleinstehende mit 
Ihren vielen tiefsitzenden Sorgen nicht 
allein sind. 

Ich habe schon einmal über dieses 
Thema gesprochen und anschließend 



NOVEMBER 1997 



17 




Denken Sie immer daran, daß Sie 
etwas Göttliches in sich haben. 



viele Briefe bekommen. Ich bekomme 
ständig Briefe. Ich lese Ihnen jetzt 
etwas aus einem Brief vor, den ich da- 
mals erhalten habe: 

„Seit mehr als zwanzig Jahren muß 
ich damit leben, daß es den Mitglie- 
dern hinsichtlich meiner Ehelosigkeit 
an Einfühlungsvermögen mangelt. Im 
Laufe meines Berufslebens bin ich in 
unterschiedliche Gegenden des Landes 
gezogen. In meinem Bemühen, an dort 
stattfindenden Aktivitäten der Kirche 
teilzunehmen, bin ich unterschiedlich 



herzlich begrüßt und aufgenommen 
worden - das reichte von einem herz- 
lichen, freundlichen Willkommen bis 
hin zu kalter Gleichgültigkeit und 
einem unbehaglichen Gefühl, das 
wohl daher rührte, daß die Mitglieder 
nicht wußten, was sie mit mir machen 
sollten. In einer bestimmten Ge- 
meinde hatte ich ganz stark den Ein- 
druck, daß es den Mitgliedern lieber 
gewesen wäre, wenn ich gar nicht 
gekommen wäre. Das ging fast sechs 
Monate lang so, bis ich schließlich 
spürte, daß sie sich mit mir abgefunden 
hatten, so als ob ich ein Störfaktor war, 
den man nicht beseitigen konnte und 
daher tolerieren mußte." 



Wenn dem so ist, dann ist das sehr 
traurig. Denn es bedeutet, den Geist zu 
verraten, der doch in all unseren Ge- 
meinden herrschen soll. Männer und 
Frauen wie Sie besitzen große Talente 
und können in fast jeder Gemeinde der 
Kirche unschätzbar viel dazu beitragen, 
daß besser unterrichtet und geführt 
wird. Deshalb besteht in der ganzen 
Kirche die Aufgabe, den Bischöfen und 
anderen Beamten der Kirche bewußt 
zu machen, daß sie jedes Mitglied herz- 
lich aufnehmen und seine Talente 
nutzbringend einsetzen müssen. 

Denn letzten Endes darf man uns 
nicht danach beurteilen, ob wir verhei- 
ratet sind oder nicht, sondern nur als 



DER STERN 
18 



Mitglieder der Kirche, die alle die glei- 
che Aufmerksamkeit verdienen, die 
gleiche Fürsorge und die gleichen 
Möglichkeiten zum Dienen. 

GÖTTLICHES ERKENNEN 

Wir sind alle Individuen - Männer 
und Frauen, Söhne und Töchter 
Gottes - und nicht eine Ansammlung 
von gleich aussehenden und gleich 
handelnden Personen. Dennoch sind 
wir uns alle sehr ähnlich, was zum Bei- 
spiel die Fähigkeit zum Denken, zur 
Auseinandersetzung und zum Traurig- 
sein betrifft. Das gilt auch für das 
Bedürfnis, glücklich zu sein, zu lieben 
und geliebt zu werden. Wir sind alle 
den gleichen Schmerzen, der gleichen 
Empfindsamkeit und den gleichen 
Gefühlen unterworfen. 

Denken Sie immer daran, daß Sie 
etwas Göttliches in sich haben. Sie sind 
ein Sohn beziehungsweise eine Tochter 
Gottes und haben ein wunderbares 
Erbteil erhalten. Hoffentlich werden 
Sie sich nie selbst herabwürdigen. 

In einer ähnlichen Versammlung 
wie heute habe ich einmal von einem 
Erlebnis erzählt. Eines Abends war 
meine Frau zu einer Babyparty gegan- 
gen, und ich war allein zu Hause. Ich 
legte eine Schallplatte auf, drehte das 
Licht herunter und hörte mir Beet- 
hovens Violinkonzert an. Und wäh- 
rend ich so im halbdunklen Raum saß, 
dachte ich darüber nach, daß der Sinn 
eines Menschen, der ja in vielerlei 
Hinsicht nicht anders war als ich, so 
etwas hervorbringen konnte. Ich weiß 
nicht, wie groß er war oder wie breit- 
schultrig er war oder wie dicht sein 
Haar war, aber ich glaube, er sah nicht 
viel anders aus als wir. Er bekam 
Hunger, er spürte Schmerzen, er hatte 



viele ähnliche Sorgen wie wir und viel- 
leicht Sorgen, die wir nicht haben. 
Und doch ist in seinem genialen Hirn 
ein Meisterwerk entstanden, das der 
Welt schon seit so vielen Jahren Freude 
bereitet. 

Für mich sind der Sinn und der 
Körper des Menschen ein Wunder. 
Haben Sie schon einmal darüber 
nachgedacht, was für ein Wunder Sie 
sind - die Augen, mit denen Sie 
sehen, die Ohren, mit denen Sie 
hören, die Stimme, mit der Sie spre- 
chen? Kein Fotoapparat, der je gebaut 
wurde, kann mit dem menschlichen 
Auge konkurrieren. Kein Kommuni- 
kationsmittel, das je erfunden wurde, 
kann mit der Stimme und den Ohren 
konkurrieren. Keine Pumpe, die je 
gebaut wurde, arbeitet so lange und so 
effektiv wie das menschliche Herz. 
Kein Computer und auch keine andere 
Erfindung der Wissenschaft reicht an 
das menschliche Gehirn heran. Sie 
sind etwas ganz Bemerkenswertes. Sie 
können tagsüber denken und nachts 
träumen. Sie können sprechen und 
hören und riechen. Schauen Sie sich 
doch einmal einen Ihrer Finger an. 
Jeder Versuch - auch der geschickteste 
- ihn nachzubilden, ist bei weitem 
nicht an das Original herangekom- 
men. Wenn Sie das nächste Mal einen 
Ihrer Finger gebrauchen, dann beob- 
achten Sie ihn einmal, schauen Sie 
ihn sich genau an, und erspüren Sie, 
was für ein Wunder er ist. 

Sie sind ein Kind Gottes, die Krö- 
nung dessen, was er erschaffen hat. Als 
er die Erde geformt hatte, trennte er 
Finsternis und Licht, schied die Was- 
ser, erschuf das Pflanzen- und das Tier- 
reich - und erschuf danach den Mann 
und dann die Frau. Ich wiederhole 
noch einmal: Hoffentlich werden Sie 



sich niemals selbst herabwürdigen. 
Manche von Ihnen meinen vielleicht, 
sie seien nicht attraktiv, sie hätten 
keine Talente. Hören Sie auf damit, 
sich in Selbstmitleid zu suhlen. Der 
größte Missionar, den die Welt je gese- 
hen hat, nämlich der Apostel Paulus, 
ist der Überlieferung zufolge von klei- 
nem Wuchs gewesen, hatte eine große 
Hakennase, nach vorne hängende 
Schultern und eine greinende Stimme. 
Das alles hört sich für manche wahr- 
scheinlich nicht besonders attraktiv 
an. Abraham Lincoln, der größte Held 
Amerikas, war geradezu furchtbar 
unattraktiv. Aber sein weites Herz und 
sein heller Verstand brachten Worte 
hervor, wie kaum jemand sie je gespro- 
chen hat. 

Hoffentlich werden Sie sich nicht 
in negativen Gedanken suhlen, nicht 
in Pessimismus und Selbstkritik ver- 
sinken. Sie dürfen sich auch niemals 
auf Kosten anderer Menschen lustig 
machen. Halten Sie bei allen Men- 
schen, mit denen Sie zusammenkom- 
men, nach positiven Eigenschaften 
Ausschau. 

DANKEN SIE DEM HERRN 

FÜR SEGNUNGEN 

UND SCHWIERIGKEITEN 

Als ich noch viel jünger war als 
heute, gab es ein berühmtes Lied, in 
dem es hieß: „Betone das Positive." Die 
innere Einstellung wirkt sich nachhal- 
tiger auf die Persönlichkeit, auf die At- 
traktivität und die Fähigkeit aus, mit 
anderen Menschen zurechtzukommen, 
als alles andere. Die heilige Schrift hält 
uns immer wieder vor Augen, daß der 
Mensch so ist, wie er denkt. 

Den alleinstehenden Frauen und 
Männern, die gerne heiraten würden, 



NOVEMBER 1997 



19 



lege ich ans Herz: Geben Sie die Hoff- 
nung nicht auf. Versuchen Sie es weiter. 
Aber hören Sie damit auf, an nichts ande- 
res zu denken. Wenn Sie nämlich die 
ganze Sache vergessen und sich eifrig 
woanders engagieren, dann verbessern 
sich Ihre Chancen erheblich. 

Ich möchte etwas aus der Kummer- 
ecke einer Zeitschrift vorlesen: 

„Wer bei Männern und Frauen glei- 
chermaßen beliebt sein will, muß 
freundlich, ehrlich und taktvoll sein. 
Wenn Sie nicht schön beziehungs- 
weise gutaussehend sein können, dann 
pflegen Sie sich, kleiden Sie sich ge- 
schmackvoll und Ihrer Figur entspre- 
chend, und haben Sie immer ein Lächeln 
auf den Lippen. 

Halten Sie sich rein, was den 
Körper und den Sinn betrifft. Wenn 
Sie kein geistiger Überflieger sind, 
strengen Sie sich mehr an. Wenn Sie 
kein großartiger Sportler sind, dann 
seien Sie wenigstens fair. Versuchen 
Sie, in einem bestimmten Bereich 
überragende Leistungen zu erbringen. 
Wenn Sie nicht tanzen und nicht 
singen können, dann lernen Sie ein 
Instrument. 

Denken Sie unabhängig von ande- 
ren, aber respektieren Sie die Regeln. 
Gehen Sie großzügig mit freundlichen 
Bemerkungen und warmherzigen Ge- 
sten um, aber lassen Sie das schwere 
Geschütz ruhen. . . . Später sind Sie 
froh darüber." (Chicago Tribüne, 17. 
März 1991, Seite 6.) 

Ich wünschte, daß jede Frau mit 
einem guten Mann verheiratet sein 
könnte - mit einem Mann, der ihrer 
Gemeinschaft würdig ist, der den Le- 
bensunterhalt verdient und für sie und 
später auch für die Kinder sorgt, der sie 
beschützt, der ihr Kraft gibt, der sie 
liebt und wertschätzt. Und ich hoffe, 



daß jeder Mann für die Ewigkeit mit 
einer Frau verbunden sein kann, die 
ihn liebt, die ihn tröstet und ihm Mut 
macht, die liest und nachdenkt, die 
seine - und auch ihre eigenen - Stär- 
ken kennt und fördert, mit der er über 
seine innersten Gedanken sprechen 
kann, mit der er Seite an Seite auf dem 
Weg gehen kann, der zu Unsterblich- 
keit und ewigem Leben führt. Leider ist 
es nicht immer so. Zu oft ist es nicht so. 

Die Ehe erfordert ein hohes Maß an 
Toleranz, und einige von uns müssen 
diese Eigenschaft noch weiterent- 
wickeln. Mir gefällt das folgende Zitat 
von Jenkins Lloyd Jones, das ich vor 
einigen Jahren aus einer Zeitung aus- 
geschnitten habe. Er schreibt: 

„Viele tausend junge [Männer und 
Frauen], die Händchen halten und 
heimlich im Auto knutschen, schei- 
nen dem Aberglauben zu unterliegen, 
die Ehe sei ein Schloß, das von unver- 
gänglichen Rosen umgeben ist und in 
dem der immer junge und gutaus- 
sehende Ehemann und seine immer 
junge und [schöne] Frau zusammen- 
leben. Doch wenn die Rosen verwel- 
ken, wenn Langeweile sich breitmacht 
und Rechnungen hereinschneien, 
dann sind die Scheidungsgerichte 
überfüllt. . . . 

Wer sich einbildet, daß Glückselig- 
keit [in der Ehe] normal sei, der ver- 
schwendet später viel Zeit damit, her- 
umzulaufen und zu rufen, er ist beraubt 
worden. 

[Tatsache ist:] Die meisten Golf- 
schläge gehen nicht ins Loch. Das mei- 
ste Fleisch ist zäh. Aus den meisten 
Kindern werden bloß einfache Leute. 
Die meisten guten Ehen erfordern ein 
hohes Maß an gegenseitiger Nach- 
sicht. Die meisten Jobs sind mehr als 
alles andere langweilig. . . . 



Das Leben ist wie eine Fahrt mit 
einer alten Eisenbahn - Verspätungen, 
Nebengleise, Staub, Schlacke und 
Stöße, und nur hin und wieder hat man 
einen schönen Ausblick und braust 
begeistert dahin. 

Der Trick besteht darin, dem Herrn 
dafür zu danken, daß er einen mitfah- 
ren läßt." (Jenkins Lloyd Jones, „Big 
Rock Candy Mountains", Deseret 
News, 12. Juni 1973, Seite A4.) 

Stellen wir uns der Tatsache, daß 
manche von Ihnen hier auf der Erde 
heiraten werden, andere vielleicht 
nicht. Diejenigen, die heiraten, müs- 
sen sich der Ehe ohne Vorbehalte 
vollständig verpflichten. Sie müssen 
vollkommen treu sein. Ihr Bund muß 
für die Ewigkeit bestimmt sein; ihre 
Gemeinschaft muß unaufhörlich auf- 
merksam gepflegt werden. 

SICH VOLL EIFER EINER 
GUTEN SACHE WIDMEN 

Wer nicht heiratet, muß dieser 
Tatsache ins Auge sehen. Doch allein- 
stehend zu sein hat auch seine guten 
Seiten, seine Herausforderung, seinen 
Lohn. 

Ich glaube, daß für die meisten 
Menschen Arbeiten und Dienen die 
beste Medizin gegen Einsamkeit sind. 
Ich will Ihre Probleme nicht kleiner 
machen, als sie sind, aber ich sage doch 
klar und deutlich, daß es viele Men- 
schen gibt, die noch größere Probleme 
haben als Sie. Dienen Sie ihnen, hel- 
fen Sie ihnen, machen Sie ihnen Mut. 
Es gibt so viele Jungen und Mädchen, 
die in der Schule versagen, weil sie 
nicht genug Aufmerksamkeit und 
Ansporn bekommen. Es gibt so viele 
ältere Menschen, die in Not sind und 
unter Einsamkeit und Furcht leiden 



DER STERN 

20 




und denen schon ein schlichtes Ge- 
spräch etwas Hoffnung und Licht 
schenken würde. 

Verlieren Sie sich, indem Sie Ihren 
Mitmenschen dienen. Jesus hat gesagt: 
„Denn wer sein Leben retten will, wird 
es verlieren; wer aber sein Leben . . . 
verliert, wird es gewinnen." (Matthäus 
16:25.) Wenn Sie genug vom Leben 
haben, wenn Sie tiefe Einsamkeit 
spüren, wenn Sie das Gefühl haben, 
Sie seien nichts wert, dann halten 
Sie nach jemandem Ausschau, dem 
es noch schlechter geht als Ihnen - 
und Sie werden viele solche Menschen 
finden. Lesen Sie den Blinden vor, 
helfen Sie den Betagten, helfen Sie 



Menschen, die Kummer haben, trösten 
Sie die Trauernden. Geben Sie denje- 
nigen, die Hilfe brauchen, ein wenig 
von Ihren Mitteln. Teilen Sie, und die 
Welt wird süßer, wird schöner für Sie. 
„Sieh zu, daß du auf Gott blickst und 
lebst." (Alma 37:47.) Es gibt so viel 
Lohnenswertes zu tun. 

Vor kurzem habe ich eine Verlaut- 
barung der Utah Boys Ranch, einem 
Heim für schwererziehbare Jungen, auf 
den Schreibtisch bekommen. Darin 
war auch die Geschichte eines Jungen 
namens Mike abgedruckt. Ein Jugend- 
richter schrieb über ihn: 

„Mit neun Jahren schlief Mike in 
Autos, trieb sich mit Banden herum 



Jeder Mensch hat die große 
Fähigkeit in sich, weiterzulernen. 



und hantierte mit gefährlichen Waf- 
fen. Keine staatliche Einrichtung 
konnte ihm helfen, sein Leben zu än- 
dern. Da bot die Utah Boys Ranch ihre 
Hilfe an. Diese Einrichtung hat Mike 
das Leben gerettet. Sie gab ihm ein 
Zuhause und lehrte ihn Wertvorstel- 
lungen und Maßstäbe. Seine Umge- 
bung, seine Welt veränderte sich, und 
inzwischen steht Mike nicht mehr 
unter Jugendarrest." 

Auch ein Brief von Mike selbst war 
abgedruckt, in dem es hieß: 



NOVEMBER 1997 

21 



„Hallo, ich bin Mike. Da, wo ich ist, daß die meisten Menschen nur mit- nen, uns mit anderen Menschen mes- 
aufgewachsen bin, hatte ich eine telmäßig sind, dann müssen wir uns sen und große brachliegende Fähig- 
schlechte Kindheit. Ich gehörte zu auch vor Augen halten, daß wir uns an- keiten in uns entdecken, 
einer schlimmen Bande. Dann kam ich dem können und auch müssen. Bis zu Es ist nie zu spät zum Lernen. Daran 
hierher. Ich bin so froh, daß ich hierher dem Tag, an dem wir sterben, können glaube ich von ganzem Herzen. Meine 
gekommen bin, weil ich sonst noch wir Fortschritt machen. Wir können Frau und ich werden langsam alt. Wir 
immer zu einer Bande gehören und verborgene Quellen in uns anzapfen." sind beide Mitte achtzig. Ich muß mich 
Dummheiten machen würde. Ich bin Uns Mitgliedern der Kirche gilt immer wieder darüber wundern, wie 
so froh, daß ich hierher gekommen bin, eine herrliche Verheißung des Herrn, gerne meine Frau liest. Sie liest jeden 
weil ich hier nette Leute wie Chris und Er hat gesagt: „Was von Gott ist, das ist Tag zwei Zeitungen und mehrere Zeit- 
Delpha kennengelernt habe. Jetzt habe Licht, und wer Licht empfängt und in Schriften. Außerdem liest sie leiden- 
ich eine Familie und bin ein besserer Gott verbleibt, empfängt mehr Licht; schaftlich gern im Buch Mormon und 
Mensch geworden." (Utah Boys und das Licht wird heller und heller bis im Buch ,Lehre und Bündnisse'. Und 
Ranch, New Beginnings Round'Up, zum vollkommenen Tag." (LuB 50:24.) neulich abends habe ich sie in einer 
Herbst 1996, Seite 1.) Ist das nicht eine herrliche Aus- dicken Biographie lesen sehen. 

Es gibt so viele Menschen, die ge- sage? Dieser Vers gehört zu meinen Ich kenne nichts, was einen im Ge- 
kränkt worden sind und einen barm- Lieblingsschriftstellen. Hier geht es um sprach mit anderen Menschen attrak- 
herzigen Samariter brauchen, der ihre Fortschritt, um Entwicklung, um den tiver macht, als in verschiedenen 
Wunden versorgt und ihnen auf den Weg, auf dem man zum Gott wird. Er Themen bewandert zu sein. Der Herr 
rechten Weg hilft. Ein wenig Freund- steht in Zusammenhang mit den fol- hat Sie und mich aufgefordert: „Sucht 
lichkeit kann für einen kummerbela- genden Versen: „Die Herrlichkeit Worte der Weisheit aus den besten 
denen Menschen ein großer Segen sein Gottes ist Intelligenz - oder, mit ande- Büchern; trachtet nach Wissen, ja, 
und demjenigen, der ihm hilft, ein ren Worten, Licht und Wahrheit." durch Lerneifer und auch durch Glau- 
gutes Gefühl vermitteln. (LuB 93:36.) „Und wenn jemand in ben. ... Organisiert euch. ... Hört auf, 

diesem Leben durch seinen Eifer und müßig zu sein." (LuB 88:118,119,124.) 

LERNEN SIE WEITER Gehorsam mehr Wissen und Intelli- Die besten Bücher - das sind die 

genz erlangt als ein anderer, so wird er heiligen Schriften. Der Herr hat ge- 

Noch etwas dürfen Sie nie ver- in der künftigen Welt um so viel im sagt: „Ihr erforscht die Schriften, weil 

gessen: Jeder Mensch hat die wichtige Vorteil sein." (LuB 130:19.) Und: „Jeg- ihr meint, in ihnen das ewige Leben zu 

Fähigkeit in sich, weiterzulernen, licher Grundzug der Intelligenz, den haben; gerade sie legen Zeugnis über 

Wenn wir nicht an einer schweren wir uns in diesem Leben zu eigen ma- mich ab." (Johannes 5:39.) Lesen Sie 

Krankheit leiden, können wir - unab- chen, wird mit uns in der Auferstehung die Zeitschriften der Kirche. Es gibt 

hängig vom Alter - lesen, studieren hervorkommen." (LuB 130:18.) noch viel anderes, was sich zu lesen 

und uns an den Schriften wunderbarer Diese herrlichen Verse beinhalten lohnt. Lesen schärft den Sinn. Es rei- 

Männer und Frauen laben. Dr. Joshua aber auch eine wichtige Aufgabe: Wir nigt den Intellekt. Es verbessert die 

Liebman hat gesagt: „Das Schöne ist: müssen weiter Fortschritt machen. Wir Ausdrucksweise, wenn Sie sich mit den 

Solange wir leben, dürfen wir Fort- müssen unablässig lernen. Gott selbst Gedanken großer Männer und Frauen 

schritt machen. Wir können neue hat uns aufgefordert, uns immer neues aller Zeitalter, auch unseres Zeitalters, 

Fertigkeiten lernen, neue Arten von Wissen anzueignen. beschäftigen. 

Arbeit erledigen, uns voll Eifer einer Wir können am Institutsunterricht Doch suchen Sie sich Ihren Lese- 
neuen Sache widmen, neue Freund- teilnehmen, wir können Fortbildungs- stoff sorgfältig aus. Meiden Sie porno- 
schaften schließen. Wenn wir uns dann kurse besuchen, wir können uns in von graphische Schriften wie die Pest, 
der Tatsache bewußt werden, daß wir der Kirche veranstalteten Seminaren denn sie sind so todbringend wie eine 
für manche Bereiche begabt sind und und in vielen anderen Kursen weiter- gefährliche Krankheit. Meiden Sie 
für andere nicht, daß Genialität selten bilden. Dabei können wir Neues 1er- auch die verderbte Sprache und den 

DER STERN 
22 




FOTO VON STEVE BUNDERSON 



quälenden Schmutz vieler Fernseh- 
sendungen, Videos, Zeitschriften und 
einschlägige Telefonnummern. Mei- 
den Sie auch den Schmutz, der, wie 
man mir sagte, im Internet zu finden 
ist. Dieses Zeug hilft Ihnen nicht, kann 
Sie aber vernichten. 

Ich gehe noch auf einen weiteren 
Punkt ein. Immer mehr alleinstehende 
Männer und Frauen verreisen zusam- 
men, besuchen zusammen weit ent- 
fernte Ziele. Das ist eine gefährliche 
Sache. Machen Sie sich bewußt, daß 
Sie in Ihrer Situation extrem verletz- 
lich sind. Sie meinen vielleicht, Sie 
könnten mit dem Feuer spielen und 
sich nicht daran verbrennen. Ich gebe 



zu bedenken, daß dies ein gefährlicher 
Gedanke ist. Halten Sie sich an die 
Wertvorstellungen, die Sie verinner- 
licht haben. Und wenn Sie in die 
Gefahr geraten, Ihre Wertvorstellun- 
gen aufzugeben, dann muß Ihre Selbst- 
disziplin genauso ausgeprägt sein wie 
Ihre Wertvorstellungen. 

Den Männern unter Ihnen sage ich, 
daß Sie nicht das Recht haben, sich 
unerlaubte Freiheiten herauszuneh- 
men, daß die Aufforderung zu unsitt- 
lichem Verhalten nicht zu einem 
Mann paßt, der das Priestertum Gottes 
trägt, und daß Sie Selbstdisziplin üben 
und Ihre Gedanken und Triebe im 
Zaum halten müssen. 



Ihnen allen sage ich, daß Sie 
jede Aufforderung zum Dienst in 
der Kirche annehmen sollen. 



IN DER KIRCHE DIENEN 

Ihnen allen lege ich ans Herz, daß 
Sie jede Aufforderung zum Dienst in 
der Kirche annehmen sollen. Seien Sie 
ehrlich und voller Glauben, seien Sie 
treu und hilfsbereit, was das herrliche 
Werk des Herrn betrifft. Wir alle sind 
Teil dieser großen Sache und Teil des 
Reiches. Hier gibt es keinen Platz für 
Müßiggänger, für Kritiker, für Pessimi- 
sten, denn dies ist das Werk des All- 



NOVEMBER 

23 



997 



mächtigen. Unterrichten Sie eine viel Schmerz und Kummer und Ein- Sie jederzeit und in jeder Lage dafür 
Klasse, und vielleicht werden Sie einem samkeit und Angst erlebt. Doch Sie würdig bleiben. Ich nehme an, daß 
Jungen oder einem Mädchen die Rieh- tragen im Herzen die süße, erhabene jeder von Ihnen einen Tempelschein 
tung weisen, die aus ihm einen großen Gewißheit, daß Gott, der Vater, uns in hat. Falls das nicht der Fall ist, dann 
und guten Menschen macht. Melden der Stunde der Not nicht im Stich läßt, nehmen Sie sich fest vor, Ihr Leben in 
Sie sich aus freien Stücken zur Mit- Mögen die Jahre, die noch vor Ihnen Ordnung zu bringen und würdig zu 
arbeit an Projekten. Und denken Sie liegen, schön sein. Möge der Himmel werden, in das Haus des Herrn zu 
vor allem in stillen Augenblicken dar- Sie segnen. Mögen Ihre Erinnerungen gehen. Gehen Sie regelmäßig in den 
über nach, wie gut der Herr zu Ihnen ge- Ihnen Trost und Kraft schenken. Und Tempel. Dort können Sie denen hel- 
wesen ist. Sie sind in einem guten Land mögen Sie mit Ihrer gereiften Freund- fen, die völlig hilflos sind und sich 
und in einem wichtigen Abschnitt der lichkeit und Liebe denjenigen helfen, nicht selbst helfen können. Und wenn 
Weltgeschichte geboren worden. Sie die Kummer haben, wo immer Sie Sie in den Tempel gehen, sind Sie hin- 
gehören zu den relativ wenig Men- ihnen auch begegnen mögen. terher jedesmal ein besserer Mensch 
sehen, die das wiederhergestellte Evan- Brüder und Schwestern, schauen als vorher. Der Tempelschein, den Sie 
gelium kennen, Mitglied dieser Kirche Sie über Ihre Prüfungen hinaus. Versu- in der Brieftasche beziehungsweise in 
sein und ein Zeugnis vom Werk des chen Sie, Ihren eigenen Schmerz zu der Handtasche tragen, ist Ihr ganz per- 
Herrn im Herzen tragen dürfen. vergessen, indem Sie sich bemühen, sönlicher Wächter. Das Werk, das Sie 

Beten Sie. Hoffentlich knien Sie den Schmerz anderer Menschen zu lin- stellvertretend für die Verstorbenen 

sich jeden Morgen und jeden Abend dem. Kommen Sie mit anderen Men- tun, schenkt Ihnen eine Zufriedenheit, 

nieder und danken dem Herrn, spre- sehen zusammen, wann immer sich die die Sie nirgends sonst finden werden, 

chen mit ihm über Ihre rechtschaffe- Gelegenheit dazu bietet. Das ist sehr Jetzt noch ein weiterer Punkt. Nie- 

nen Herzenswünsche und bitten für wichtig. Wir brauchen Menschen, mit mand von uns hat das Recht, arrogant 

diejenigen, die in Not sind und die denen wir uns unterhalten und mit und egoistisch zu sein. Der Herr hat in 

Kummer haben, wo immer sie sich denen wir über unsere Gefühle und un- einer Offenbarung gesagt: „Sei demü- 

auch befinden mögen. seren Glauben sprechen können. Pfle- tig, dann wird der Herr, dein Gott, dich 

Vor allem die alleinstehenden Mut- gen Sie Freundschaften. Fangen Sie an der Hand führen und dir auf deine 

ter und Väter möchte ich meiner Wert- damit an, indem Sie selbst ein guter Gebete Antwort geben." (LuB 112:10.) 

Schätzung versichern. Sie haben eine Freund bzw. eine gute Freundin sind. Daran glaube ich, und hoffentlich 

schwere Last zu tragen. Das wissen wir Werfen Sie Ihre Last auf den Herrn, glauben auch Sie daran, 

wohl. Sie haben große Sorgen. Sie Er hat uns ja alle aufgefordert: „Kommt Zum Schluß möchte ich Sie unserer 

haben nie genug Geld. Sie haben nie alle zu mir, die ihr euch plagt und Liebe versichern. Seien Sie versichert, 

genug Zeit. Tun Sie Ihr Bestes, und bit- schwere Lasten zu tragen habt. Ich daß wir Ihnen Achtung und Vertrauen 

ten Sie den Herrn um Hilfe, damit Ihre werde euch Ruhe verschaffen. entgegenbringen. Soweit ich das Recht 

Kinder in Gnade, an Erkenntnis und an Nehmt mein Joch auf euch und dazu habe, segne ich Sie, daß Sie, wenn 

Leistung und, was am wichtigsten ist, im lernt von mir; denn ich bin gütig und Sie in Glauben und Rechtschaffenheit 

Glauben aufwachsen mögen. Wenn Sie von Herzen demütig; so werdet ihr wandeln, viel Glück finden werden, 

das tun, wird der Tag kommen, wo Sie Ruhe finden für eure Seele. daß Sie sich der zeitlichen Segnungen 

niederknien und dem Herrn mit Tränen Denn mein Joch drückt nicht, und erfreuen werden, die Sie brauchen, daß 

in den Augen für die Segnungen dan- meine Last ist leicht." (Matthäus Sie Freunde haben werden, mit denen 

ken werden, die er Ihnen geschenkt hat. 11:28-30.) Sie über Ihre Gedanken und Gefühle 

Den älteren Männern und Frauen, Ich schlage vor, daß Sie sich mit der sprechen können, und daß Sie die 

die verwitwet sind, sage ich: Sie sind Geschichte Ihrer Familie beschäftigen. Liebe des Erlösers der Welt spüren 

wertvoll. Sie haben ein langes Leben Das wird Ihnen viel Freude bereiten. werden. D 

hinter sich und viel erlebt. Sie haben Machen Sie sich würdig für den ^chemer Ansprache im SaluLake-Tabemakel 

Süßes und Bitteres gekostet. Sie haben Tempelschein, und leben Sie so, daß am 22. September 1996. 

DER STERN 

24 




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DER ZUG ÜBE 



DER KLEINE FORSCHER 



Im Winter 1846/47 hatten die 
Mitglieder in Winter Quarters sehr 
viel zu tun. Sie machten Pläne für 
den weiteren Zug nach Westen, 
trugen Vorräte zusammen, reparierten 
alte Wagen und bauten neue. Die 
Führer der Kirche legten fest, daß im 
Frühjahr nur eine Gruppe mit fast 
nur Männern in Richtung Westen 
aufbrechen sollte, um die beste Route für die 
nachfolgenden Pioniere auszumachen. Weil sie ohne die 
Alten und Kranken und auch ohne Kinder unterwegs 
sein sollten, konnten sie schneller vorankommen. 
Präsident Young wählte 144 Männer für die Reise aus - 
zwölf für jeden der zwölf Stämme Israels. Ein Mann 
wurde jedoch kurz nach der Abreise krank und kehrte 
nach Winter Quarters zurück. Deshalb bestand die 
Pioniergruppe aus 143 Männern (acht davon gehörten zum 
Kollegium der Zwölf), drei Frauen und zwei Kindern. 

Die Männer in dieser Gruppe waren sehr geschickte 
Handwerker; sie konnten Wagen bauen und reparieren, 
das Vieh versorgen, auf die Jagd gehen, genaue Aufzeich' 
nungen führen, Werkzeuge reparieren, eine Fähre bauen, 
ein neues Gemeinwesen anlegen und Getreide pflanzen. 
Sie nahmen auch ein Boot aus Leder mit, das den Namen 
Revenue Cutter trug, und außerdem 73 Wagen und 
Kutschen, 93 Pferde, 52 Maultiere, 66 Ochsen, 19 Kühe, 
17 Hunde, einige Hühner und eine fahrbare Kanone. 

William Clayton war offizieller Geschichtsschreiber 
ihres Lagers. Um den nachfolgenden Pionieren den 
richtigen Weg zu zeigen, führten er und andere genaue 
Aufzeichnungen über die Marschroute des Lagers. Um die 
Entfernung zu berechnen, die sie täglich zurücklegten, 
band er ein rotes Flanellband an eine Wagenspeiche 
und ging neben dem Wagen her, wobei er die Umdrehun- 
gen des Rades zählte. Das war ziemlich anstrengend, 




und deshalb schlug er vor, einen 
Wegmesser zu konstruieren. Orson 
Pratt entwarf ein solches Gerät, 
und William Clayton und Appleton 
Harmon bauten es. Dieses Gerät, ein 
sogenanntes Hodometer, zählte zehn 
Meilen und fing dann wieder von 
vorne an. Das erleichterte William 
Clayton die Aufgabe beträchtlich. 
Schon zu Beginn des Trecks legten die Pioniere strenge 
Regeln für das Lagerleben fest. Wenn morgens um fünf 
Uhr das Wecksignal ertönte, standen alle auf und beteten 
in ihrem Wagen. Die Pioniere hatten dann zwei Stunden 
Zeit, um ihr Frühstück zuzubereiten, zu essen, ihr Gespann 
zu füttern und andere Aufgaben zu erledigen. Um sieben 
Uhr ertönte das Signal erneut, und die Gruppe machte 
sich auf den Weg. 

Die Wagen fuhren zu zweit nebeneinander. Wenn die 
Pioniere von Indianern angegriffen wurden, bildeten sie 
einen Kreis, wobei die Rückseiten der Wagen den äußeren 
Rand des Kreises bildeten. Pferde und Vieh wurden 
innerhalb des Kreises angebunden. Abends um halb neun 
erklang das Signal erneut, und nun wußte jeder, daß es 
Zeit zum Beten und zum Zubettgehen war. Diese Disziplin 
ermöglichte es den Pionieren, einen großen Teil der 
Probleme zu bewältigen, denen sie ausgesetzt waren. 

Jeden Tag mußten die Pioniere eine Stelle suchen, 
wo die Tiere grasen konnten. Um den nachfolgenden 
Gruppen die Suche zu erleichtern, führten sie Buch 
darüber, wo es gutes Wasser, Gras und Holz 
gab. Die Männer arbeiteten schwer, um 
die Wege einzuebnen, damit die 





KINDERSTERN 




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Fahrt für die nachfolgenden Pioniere einfacher war. 
Am Sabbat ruhten sie sich aus, nahmen das Abendmahl 
und verehrten Gott. 

Unterwegs brachten sie Zeichen für die nachfolgenden 
Pioniere an. Auf einem Zeichen, das an einer Zeder 
angebracht war, stand beispielsweise: „Von Winter 
Quarters 295 Meilen entfernt. 8. Mai 1847. Alles wohl 
im Lager. W. Clayton." Und auf einem weißgebleichten 
Tierschädel stand zu lesen: „Wir Pioniere haben am 
23. Juni 1847 hier gelagert. Heute haben wir fünfzehn 
Meilen geschafft. Alles wohl. Brigham Young." Sie gaben 
Trappern und anderen Reisenden auf dem Weg nach 
Osten auch Briefe an ihre Familie mit. 



Vom Gipfel des Big Mountain aus 
schaute der erkrankte Brigham 
Young über das Salt Lake 
Valley und sagte: „Dies 
ist der richtige Ort. 
Fahrt weiter." 



Unterwegs sprachen die Pioniere auch mehrmals mit 
Trappern, die in den Bergen hausten. Jim Bridger riet 
ihnen, nicht alle Mitglieder nach Utah zu führen, solange 
sie nicht wußten, ob man dort Getreide anbauen konnte. 
Er war so fest davon überzeugt, daß dort kein Getreide 
wachsen würde, daß er den Pionieren eintausend Dollar 
für ihren ersten Scheffel Mais bot. Doch Gott führte 
die Mitglieder. Präsident Brigham Young entgegnete 
Jim Bridger: „Wartet nur ein wenig; wir werden es Euch 
schon zeigen." 

Als sich das Lager am Bear River befand, bekam 
Brigham Young Fleckfieber und wurde so krank, daß er 
nicht Weiterreisen konnte. Deshalb beschloß man, acht 



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Wagen und mehrere Männer bei ihm zu lassen, während 
sich die anderen wieder auf den Weg machten. Doch auch 
von ihnen erkrankten welche an Fieber. Deshalb wurde 
beschlossen, daß die Kranken ruhen sollten, während 
eine Vorhut aus 23 Wagen und 42 Männern, die von Orson 
Pratt angeführt wurde, den besten Weg durch die Berge 
suchte. 

Die Vorhut entdeckte den Donner Trail, der im Jahr 
zuvor von einer anderen Gruppe angelegt worden war, 
und fing an, diesem Weg zu folgen. Er erwies sich aber als 
sehr schwierig, so daß die Männer viel Zeit damit 
zubrachten, Bäume zu entfernen und den Boden für die 
nachfolgenden Wagen zu ebnen. 

Am 21. Juli 1847 stiegen Orson Pratt und Erastus Snow 
vor den anderen den Emigration Canyon hinab, um die 
Gegend zu erkunden. Sie hatten nur ein einziges Pferd, 
deshalb ritten und liefen sie abwechselnd. Einige Meilen 
vor dem Ende des Canyons merkte Erastus Snow, daß er 
seinen Mantel verloren hatte. Er nahm das Pferd und 
kehrte um, um seinen Mantel zu suchen. Orson Pratt ging 
allein weiter und war damit der erste Pionier, der seinen 
Fuß in das Salt Lake Valley setzte. Er und Erastus Snow 
kehrten dann ins Lager zurück, und am nächsten Tag 
betrat die Vorhut das Salt Lake Valley und drang weiter 
nach Norden vor. 



Am 23. Juli kamen sie in das Gebiet, wo heute der Salt- 
Lake -Tempel steht. Orson Pratt rief alle zusammen und 
sprach mit ihnen ein Dankgebet, in dem sie auch sich 
selbst und das Land dem Herrn weihten. Nach dem Gebet 
fingen die Pioniere sofort an, die Wagen zu entladen, 
eine Siedlung anzulegen und den trockenen, harten Boden 
zu pflügen, damit sie Pflanzen setzen konnten. Am selben 
Tag überquerte Brigham Young mit seiner Gruppe 
Big Mountain. Oben auf dem Gipfel schaute er aus der 
Kutsche, in der er saß, und verkündete: „Dies ist der 
richtige Ort. Fahrt weiter."* Am darauffolgenden Tag, dem 
24. Juli, kamen auch die letzten Pioniere der Gruppe ins 
Tal. Die Pioniere hatten insgesamt 111 Tage für die Reise 
in das Salt Lake Valley gebraucht. 

Am 25. Juli, einem Sonntag, hielten die Heiligen 
Gottesdienst und dankten Gott, daß er sie sicher geführt 
hatte. Die Reise war sehr lang gewesen, und noch viele 
Jahre lang mußten weitere Mitglieder Opfer bringen, um 
die Prärie zu durchqueren - doch immerhin hatten sie nun 
den Platz gefunden, wo die Kirche Jesu Christi der Heiligen 
der Letzten Tage erblühen konnte. D 



* Zitiert von Wilfbrd Woodruff in The Utah Pioneers { 1880), Seite 23. 
Alle übrigen Zitate und Angaben stammen aus B. H. Roberts, 
A Comprehensive History ofthe Church, 3:163 ff., 201 ff., 223 f. 



KINDERSTERN 



DAS MACHT SPASS 




Wer ist dieser Prophet? 

JennaVee Allgrunn 

• Er unterwies die Lamaniten im Evangelium. 

• Er war ein Sohn König Mosias. 

• Er verteidigte die Herden und die Diener König 
Lamonis. 

• Er befreite seine Brüder aus dem Gefängnis. 

'(SZS'OZ '6£-6I : /.l vm W -6 : 8Z-H : /,Z Ü ? S0 JA[ ^ a ? s j uomwy rSunsgj^y 



Hier hat sich 
ein Tier versteckt 

Colleen Fahy 

Damit du siehst, welches Tier sich hier 
versteckt hat, mal jedes Feld aus, in dem nur ein 
einziger Punkt ist. 



Was gehört 
zusammen? 

Roberto L. Fairall 

Was gehört zusammen? 
Welche Form ist anders 
als die übrigen? 




■sxspuv jst £ '.vppp pujs 6 pun fr :3unso^ny 



Trier 

M. H. Martin 

In Trinidad spielen die Kinder ein Spiel, das Trier heißt 
und ziemlich schwierig ist. 

Man braucht dazu mindestens zwei Spieler und für 
jeden Spieler fünf Trockenbohnen oder ersatzweise fünf 
Steinchen. 

Die Spieler müssen die Bohnen fangen, ohne sie 
fallenzulassen. 

Der Jüngste fängt an. 

Leg fünf Bohnen auf deine Handfläche. Wirf die 
Bohnen dann vorsichtig in die Luft, dreh die Hand um 
und versuch, die Bohnen mit dem Handrücken wieder 
aufzufangen. (Solange du an der Reihe bist, darfst du 
heruntergefallene Bohnen nicht aufheben.) Jetzt wirfst du 
die Bohnen, die du aufgefangen hast, erneut in die Luft, 
drehst die Hand um und fängst die Bohnen mit der 



Handfläche auf. Du mußt die Bohnen immer mit 
derselben Hand fangen, mit der du sie in die Luft | iL 
geworfen hast, und darfst zum Fangen nicht beide 
Hände nehmen. 

Wenn dir beim 
zweiten Wurf Bohnen 

hinuntergefallen sind, v^ i ^ 

bekommst du für diese 

Runde keinen Punkt. 

Wenn du beim zweiten 

Wurf alle Bohnen wieder Cüüäl 

aufgefangen hast, bekommst du so viele 

Punkte, wie du Bohnen gefangen hast. 

Wer nach drei Runden die höchste Punktzahl hat, 
gewinnt! D 




NOVEMBER 1997 



VON FREUND ZU FREUND 



PRÄSIDENT THOMAS S. MONSON 

ERSTER RATGEBER IN DER ERSTEN PRÄSIDENTSCHAFT 

Nach einem Interview, das Rebecca M. Taylor geführt hat 



ch möchte euch gerne von zwei wichtigen 
Lektionen erzählen, die ich als Junge gelernt 
habe. Als ich noch klein war, habe ich oft mit 
meinen Freunden auf der Gasse hinter unserem 
Haus Ball gespielt. Eine gewisse Mrs. Shinas 
hatte ganz in der Nähe ein kleines Haus 
gemietet, und sie schaute oft aus dem Fenster 
und sah uns beim Spielen zu. Sie verließ das 
Haus nur selten, und wenn, dann lächelte sie 
nie. Wir alle hielten sie für böse. Sie hatte einen 
großen Hund, einen English Setter, und immer, 
wenn unser Ball auf ihr Grundstück rollte - und 
das geschah ziemlich häufig -, ließ Mrs. Shinas 
den Hund los, damit er den Ball holte. Dann war 
der Ball verschwunden. Es dauerte gar nicht 
lange, bis wir keine Bälle mehr hatten. 

Damals gab es noch keine Rasensprenger, und 
deshalb mußte ich unseren Rasen jeden Tag mit 
dem Gartenschlauch gießen. Als ich eines Tages 
so dastand und unseren kleinen 
Rasen wässerte, fiel mir auf, 
daß der Rasen von Mrs. 
Shinas ziemlich braun aussah. Ich 
brauchte gar nicht lange, um ihn auch 
zu gießen, und bald goß ich ihren Rasen 
jeden Tag mit. 

Als es Herbst wurde, mußte ich die 
Blätter im Hof zusammenfegen. Dazu 





spritzte ich den Boden mit dem Gartenschlauch 
naß und schob die Blätter durch den 
Wasserdruck zusammen. Ich beschloß, die 
Blätter im Hof von Mrs. Shinas auch 
zusammenzukehren, und als ich eines Tages 
gerade wieder dabei war, kam sie an die Tür und 
forderte mich auf, ins Haus zu kommen. Ich 
stellte das Wasser ab und ging hinein. 

Sie bat mich in ihr Wohnzimmer und 
bewirtete mich mit einem Keks und einem Glas 
Milch. Als ich so dasaß und meinen Keks aß, 
zeigte sie mir die Porzellanhunde, die sie 
gesammelt hatte. Ich merkte, daß ihr diese 
Sammlung viel bedeutete. Dann dankte sie mir 
dafür, daß ich mich um ihren Rasen gekümmert 
hatte. Das war unser erstes Gespräch überhaupt. 

Dann ging Mrs. Shinas in die Küche und 
kam mit einer Kiste zurück. Drinnen lagen alle 
Bälle, die ihr Hund geholt hatte. Sie gab mir die 
Kiste, bedankte sich - und lächelte! Das war das 
erste Mal, daß ich sie lächeln sah. 

Ich glaube, daß man seine Liebe dadurch 
zeigen kann, wie man lebt, wie man dient und wie man 
anderen Menschen hilft. Wenn wir anderen Menschen 
dienen, zeigen wir ihnen dadurch, daß wir sie lieben, und 
wir zeigen auch Jesus Christus, daß wir ihn lieben. 

Jesus hat gesagt: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine 
Gebote halten. . . . Wer meine Gebote hat und sie hält, der 
ist es, der mich liebt." (Johannes 14:15,21.) 

Ich mag das folgende Gedicht, in dem es auch um Liebe 
geht: 



1. Im Alter von vier Jahren auf einem Pony. 2. In der 
Junior High School. 3. In der High School. 4. In der 
Marine der Vereinigten Staaten. 5. Mit seiner Frau. 
6. Im Alter von zwölf Jahren, mit selbstgefangenen 
Fischen. 




Welches Kind hat seine 
Mutter wohl am meisten lieb? 

„Ich hab' dich lieb, Mutti", sagt der kleine Tom; 
dann vergißt er die Arbeit und läuft davon. 
Die Mutter muß schaffen, sie darf nicht ruh'n, 
der Junge will spielen und weiter nichts tun. 

„Ich hab' dich lieb, Mutti", sagt der kleine Jan, 
„weit mehr, als ich dir mit Worten sagen kann." 
Doch dann ärgert er seine arme Mutter so sehr, 
daß diese sagt: „Ich kann nicht mehr." 

„Ich hob' dich lieb, Mutti", sagt die kleine Ann, 
„ich will dir helfen, so gut ich kann. 
Ich muß heute nicht zur Schule gehn, 
deshalb will ich nach dem Baby sehn." 

Dann holt sie den Besen und fegt alles rein, 
besser und sauberer könnt' es nicht sein. 
Den ganzen Tag hilft sie und singt ein Lied, 
glücklich und fröhlich, wie jeder sieht. 

„Ich hab dich lieb, Mutti", tönt es laut im Chor, 
die drei sind im Bett, und die Mutter liest vor. 
Was meint ihr wohl, was die Mutter denkt, 
wer von den dreien ihr wirklich Liebe schenkt?" 

(Nach Joy Allison, „Which Loved Best?", 
Highdays and Holidays, Seite 133.) 



Ein weiterer wichtiger Grundsatz ist Ehrlichkeit. 

Am Ende des Zweiten Weltkriegs war ich in der 
Marine. Damals war ich noch sehr jung. Meine Ausbildung 
fand in San Diego in Kalifornien statt. Jeder in der Marine 
mußte schwimmen können, sonst durfte er nicht aufs 
Schulungsboot. Ich hatte schon als Junge schwimmen 
gelernt und konnte es auch ziemlich gut. 

Eines Tages sagte ein Offizier: „Jeder, der schwimmen 
kann, darf heute nach San Diego fahren. Wer nicht 
schwimmen kann, muß den ganzen Tag Schwimm- 
unterricht nehmen. Also, alle, die schwimmen können, 
stellen sich hier auf, und dann werdet ihr mit dem Bus in 
die Stadt gebracht." Ich stellte mich zu den Schwimmern - 
es waren etwa dreißig, vierzig Männer. Doch anstatt uns 
zum Bus zu bringen, ließ der Offizier uns in die Schwimm- 
halle marschieren. 

Ich dachte: Junge, du bringst etwas durcheinander. Wir 
können doch schwimmen. Aber natürlich sagte ich nichts. 
Wir zogen uns zum Schwimmen um und bekamen dann 
den Befehl, an der tiefsten Stelle ins Wasser zu springen. 

Die meisten gehorchten, aber es gab in unserer Gruppe 
etwa zehn Männer, die nicht schwimmen konnten. 
Sie hatten gemeint, sie könnten nach San Diego fahren, 
ohne die Anforderungen wirklich zu erfüllen. Doch der 
Offizier ließ sie nicht einfach am Beckenrand stehen - 
er stieß sie ins Wasser. Er ließ es sogar zu, 
daß sie untergingen, nach Luft 
schnappend wieder hochkamen 
und wieder untergingen. Als sie 
zum zweiten Mal hochkamen, hielt 
man ihnen einen Bambusstab 
entgegen, und sie wurden aus dem 
Wasser gezogen. Dann sagte der 
Offizier streng: „Lügen Sie mich 
ja nie wieder an!" Ich kann euch 
gar nicht sagen, wie froh ich war, 
daß ich nicht versucht hatte, zu 
lügen. Dieses Erlebnis hat mir 
gezeigt, wie wichtig es ist, daß 
man immer ehrlich ist und zu 
seinen Maßstäben steht. 

Liebe und Ehrlichkeit - 
diese beiden Grundsätze 
werden uns unser Leben lang 
leiten. D 



NOVEMBER 1997 



7 




DAS MITEINANDER 



ICH WILL JETZT WICHTIGE ENTSCHEIDUNGEN TREFFEN 



Karen Ashton 




„Erwählt euch heute, daß ihr Gott dem Herrn dienen 
wollt, der euch geschaffen hat." (Mose 6:33.) 

Habt ihr schon einmal erlebt, daß bisher gut 
passende Schuhe plötzlich anfingen zu drücken? 
Oder daß eine Hose euch jedesmal beim Anzie- 
hen kürzer und enger vorkam? Dabei sind in Wirklichkeit 
nicht die Schuhe und die Hose kleiner geworden, sondern 
du bist größer geworden! Im Moment wächst du sehr 
schnell; dein Körper verändert sich jeden Tag. 

Die wichtigen Entscheidungen, die du jetzt triffst, 
können dazu beitragen, daß du gesund und kräftig bleibst 
und widerstandsfähig gegen Krankheiten bist. Ein kräftiger, 
gesunder Körper ist heute und in Zukunft ein großer Segen 
für dich. Du kannst die wichtige Entscheidung treffen, 
Sport zu treiben, ausreichend zu schlafen und deinen 
Körper sauberzuhalten. Du kannst dir auch vornehmen, 
Alkohol, Tabak und Drogen zu meiden. Solche 
Entscheidungen wirken sich jetzt und in Zukunft 
segensreich für dich aus. 

So wie dein Körper verändert sich auch dein Geist. Er 
macht Fortschritt, was Wissen, Erkenntnis und Zeugnis 
betrifft. So wie dein Körper braucht auch dein Geist 
Nahrung. Indem du in der heiligen Schrift liest, führst du 
deinem Geist Nahrung zu. Wenn du sonntags zu den 
Versammlungen der Kirche gehst, das Abendmahl nimmst, 
jeden Tag betest und auf die Eingebungen des Heiligen 
Geistes hörst, bleibt dein Geist stark und macht weiter 
Fortschritt. Wenn du dich dafür entscheidest, deinem 
Geist Nahrung zu geben, kannst du Sünde und Kummer 
meiden und dir Segnungen für heute und dein ganzes 
restliches Leben ermöglichen. 

Anleitung 

Kleb Seite 9 auf ein Blatt festes Papier oder leichte 
Pappe. Dann schneide die Figuren entlang der dicken 
schwarzen Linien vorsichtig aus. Kleb die Enden der 
Streifen zusammen, so daß Ringe entstehen. Leg die Ringe 
ineinander, wobei der 1. Ring innen und der 3. Ring außen 
zu liegen kommt (siehe Abbildung). Die Ringe sollen dich 
daran erinnern, daß du wichtige Entscheidungen treffen 
mußt. Leg sie deshalb dorthin, wo du sie oft sehen kannst. 



Anregungen für das Miteinander 

1. Erklären Sie, wie sich eine Gewohnheit bildet, nämlich 
indem man etwas immer wieder tut. Aus unseren Gewohn- 
heiten entsteht dann das Muster unseres Lebens. Es gibt gute 
und schlechte Gewohnheiten. Machen Sie den Kindern klar, 
daß sie sich rechtschaffene Gewohnheiten aneignen können, 
zum Beispiel beten, in der heiligen Schrift studieren, an den 
Erretter denken, die Gebote halten, den Zehnten zählen, 
ehrlich sein und zu einem glücklichen Zuhause beitragen. Jedes 
Kind soll eine gute Gewohnheit aufschreiben, die es gerne 
entwickeln möchte. 

2. Singen Sie mit den Kindern das Lied „Ich möchte 
einmal auf Mission gehn" (Sing mit mir, B-75). Fragen 
Sie sie, wie sie sich jetzt darauf vorbereiten können, eine 
Mission zu erfüllen, fedes Kind soll einen kurzen Brief an 
einen Missionar aus Ihrer Gemeinde beziehungsweise Ihrem 
Zweig schreiben. Sie können statt dessen auch Missionare, 
die in Ihrem Gebiet dienen, zum Unterricht einladen und sie 
bitten, den Kindern zu erzählen, wie schön es ist, auf Mission 
zu sein. 

3. Stellen Sie alles, was man zum Tischdecken braucht, 
auf einen kleinen Tisch vorne im Raum. Stellen Sie einen 
Abfalleimer neben den Tisch, und erklären Sie den Kindern 
dann, daß sie jetzt wichtige Entscheidungen treffen können, 
was gute Ernährung und anderes, was sie in ihren Körper 
aufnehmen wollen, sowie die Vermeidung schädlicher 
Substanzen angeht. Zeigen Sie ihnen Bilder aus Zeitschriften, 
und lassen Sie sie sagen, was auf den Tisch kommen darf und 
was sie besser in den Abfalleimer werfen sollten. Erklären 
Sie ihnen, daß die Entscheidung, Gutes zu essen und 
Schädliches zu meiden, ihnen hilft, gesund und kräftig zu 
werden. Lassen Sie die Kinder LuB 89 aufschlagen und lesen. 

4. Laden Sie den Bischof beziehungsweise Zweigpräsidenten 
ein; er soll über die Fragen sprechen, die er während des 
Taufinterviews stellt, und erklären, inwiefern diese Fragen den 
Fragen ähneln, die während des Interviews vor einer 
Ordinierung zum Priestertum oder vor der Erteilung des 
Tempelscheins gestellt werden. Außerdem soll er deutlich 
machen, daß man sich durch die Vorbereitung auf das 
Taufbündnis und dessen Einhaltung gleichzeitig für weitere 
Bündnisse in der Zukunft bereitmacht. D 



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g j ICH W IL L HEUTE WICHTIGE ENTSCHEIDU NG EN TREFFEN , DIE MIR BEIM E RWACHSENWERDEN H EL FEN 



EIN 



GEBURTSTAGSGESCHENK 

FÜR KEVIN 



Timothy S. Wight 

(Nach einer wahren Begebenheit) 



Kevin, aufstehen!" 
Ich schaute hinüber zum Bett 
meines Bruder, das auf der 
anderen Seite unseres Zimmers stand. 
Er schlief noch und hatte sich wegen 
der Morgenkühle eng in seine Decke 
gewickelt. Vor einem Jahr hatte 
Vati die Hälfte unserer Stallhasen 
samt Käfigen gegen eine Ziege 
eingetauscht, und seitdem war es 
meine Aufgabe, die Ziege zu melken, 
während Kevin sie fütterte und ihren 
Stall saubermachte. 

„Wie spät ist es?" fragte Kevin, 
während er aufstand und sich anzog. 
Das Morgenlicht drang schon in unser 
Zimmer. 

„Halb sieben." Ich war schon 
angezogen und stand neben meiner 
Kommode, wo ich mir meinen Mantel 
und meine Wollmütze überzog. Der 
Mantel roch nach Heu und 
eingetrockneter Milch. 

„Hallo Mama", riefen wir im Chor, 
als wir die Treppen hinunterliefen. Ich 
öffnete die Hintertür und griff mir 
beim Hinausgehen den Melkeimer aus 
blankgescheuertem Blech. Als wir zur 
Scheune hinübergingen, sahen wir, 
daß aus dem Teich dünne Nebel- 
schwaden aufstiegen, die über die 
Pferdeweiden daneben zogen. Der 
Boden, der über Nacht gefroren war, 
begann nun aufzutauen und fühlte 



sich unter unseren Füßen wie 
Schokoladenpudding an. 

„Kevin, was wünscht du dir zum 
Geburtstag?" fragte ich. Schon seit 
zwei Tagen hatte ich darüber nach- 
gedacht, was ich meinem Bruder wohl 
zum siebten Geburtstag schenken 
konnte. Ich hatte kein Geld, um ein 
Geschenk zu kaufen, und weil kein 
Schnee mehr lag, konnte ich mir auch 
nicht mit Schneeschaufeln ein paar 
Dollar verdienen. 

„Weiß ich nicht", antwortete 
Kevin, während er Heu in den 
Futtertrog der Ziege füllte. „Mach 
doch morgen früh meine Arbeit mit." 
Es war nämlich Tradition in unserer 
Familie, daß die anderen in der 
Familie für das Geburtstagskind die 
Aufgaben übernahmen. 

„In Ordnung." Aber ich wollte 
ihm noch etwas anderes 
schenken, etwas mehr als 
das Übliche. 

„Tim und Kevin", rief 
Vati, „es ist Zeit zum Frühstücken." 

Wir brachten die Ziege zurück 
in den Stall, trugen die Milch ins 
Haus, stellten sie in die Küche und 
setzten uns an den Frühstückstisch. 
Der heiße Getreidebrei, der mit 
kalter Milch übergössen wurde, 
die wir gestern gemolken 
hatten, schmeckte süß. Mama 



hatte ihn nämlich mit Honig und 
Rosinen verfeinert. 

„Zeit für die Schule", sagte Mama, 
als wir zu Ende gegessen hatten. 
Wir nahmen unsere Schultaschen 
und gingen zum Familiengebet ins 
Wohnzimmer. Dann machten wir uns 
auf den Weg zur Schule. 

Kevin ging zur Grundschule, die 
knapp drei Kilometer entfernt war. 
Mein Schulweg war nur einen 
Kilometer lang, denn ich ging schon 
zur Realschule. Jeden Tag wünschte 
Kevin sich aufs neue, daß wir noch 
einen halben Kilometer weiter südlich 
wohnten, weil er dann nämlich mit 
dem Schulbus hätte fahren dürfen, 
mit dem ein großer Teil seiner 






KINDERSTERN 



10 




Klassenkameraden zur Schule 
gebracht wurde. Morgens sahen wir 
meistens, wie sie an der Endhaltestelle 
in den Bus einstiegen. Kevin blieb 
dann stehen, sah einen Moment zu 
und ging dann weiter. Meistens kam 
er erst viel später als der Bus in der 



Schule an, und die anderen waren 
schon längst ausgestiegen. Für ihn war 
das die schlimmste Zeit des Tages, 
vor allem im Winter, wenn es richtig 
kalt war oder wenn es schneite. 

„Bis später", rief ich, als wir an 
meiner Schule angekommen waren, 







und sah ihm nach, wie er allein 
weiterging. 

Den ganzen Tag über dachte ich an 
Kevins Geburtstag. Mir fiel der letzte 
Sommer ein, wo Kevin im 
Gemüsegarten unserer Nachbarn 
Unkraut gejätet hatte, um Geld für 
ein Geburtstagsgeschenk für mich 
zu verdienen. Er hatte mir ein kleines 
Taschenmesser mit einer Klinge 
geschenkt, das er gebraucht in einem 
Sonderpostenmarkt gekauft hatte. 
Den Rost hatte er mit Stahlwolle 
weggeschmirgelt und dann Klinge und 
Heft mit Silberpolitur auf Hochglanz 
gebracht. 

Als ich am Abend mein Gebet 
sprach, bat ich den himmlischen 
Vater, mir zu helfen, ein Geburtstags- 
geschenk für Kevin zu finden. 

Am nächsten Morgen - ich hatte 
gut geschlafen - wurde ich schon 
wach, ehe es richtig hell wurde. Leise 
zog ich mich im Dunkeln an und 



schaute zu Kevin hinüber, der sich fest 
in seine Decke gewickelt hatte. Dann 
schlich ich mich auf Zehenspitzen 
nach unten und weiter nach draußen. 

Heute sah die Welt ganz anders 
aus als gestern. Es hatte angefangen zu 
schneien, und die Schneeflocken 
tanzten um mich herum. Ein bißchen 
Schnee wehte sogar ins Haus, weil 
ich die Tür gar nicht schnell genug 
zumachen konnte. Ich lief zur 
Scheune, weil ich unsere Morgen- 
arbeit so schnell wie möglich 
erledigen wollte. 

Gerade als ich fertig war, fiel mein 
Blick auf etwas in der Scheunenecke. 
Ich hatte es seit dem Sommer nicht 
mehr gesehen. Nun brachte es mich 
auf eine gute Idee für Kevins 
Geburtstag! 

Schnell rannte ich zum Haus 
hinüber, um die Milch abzustellen. 
Dann füllte ich einen Eimer mit 
warmem Seifenwasser, nahm ein paar 



Putzlumpen und ging damit in die 
Scheune. Staub und Rost, der sich 
aufgrund der Feuchtigkeit angesetzt 
hatten, waren schwer zu entfernen, 
aber ich gab nicht auf. Schließlich 
hörte ich, wie Vati zum Frühstück rief. 

Der Duft von Schinken und Pfann- 
kuchen, die es nur sonntags und 
an anderen besonderen Tagen gab, 
zog mir in die Nase. Wir setzten uns 
hin und begannen zu essen. Kevin 
war fröhlich, weil er heute sieben 
Jahre alt wurde. Ich war etwas nervös 
und hoffte nur, daß ihm mein 
Geschenk gefiel. 

„Zeit für die Schule", sagte Mama, 
als Kevin seinen letzten Pfannkuchen 
aufgegessen hatte. Nach dem 
Familiengebet gingen wir hinaus in 
den Schnee. 

„Kevin, ich habe ein Geschenk 
für dich. Es ist in der Scheune." Ich 
ging ums Haus in die Scheune, und er 
folgte mir. 



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Da stand unser alter roter Wagen. 
Ich hatte ihn geputzt und mit Wachs 
poliert. Auf dem Boden lag eine 
kleine Wolldecke, und auf die eine 
Seite hatte ich mit alter Farbe in 
sorgfältig gemalten Buchstaben 
„Schulbus" geschrieben. 

„Steig ein, Kevin. Heute mußt du 
nicht zur Schule laufen. Dies hier ist 
dein Bus." 

Er fing an zu strahlen und kletterte 
in den Wagen. Ich legte ihm noch 
eine weitere Decke um, damit er es 
schön warm hatte. 

Dann zog ich den Wagen aus der 
Scheune und am Haus vorbei auf die 
schneebedeckte Straße. Mama und 
Vati standen auf der Veranda und 
freuten sich über Kevins strahlendes 
Gesicht. 

„Aus dem Weg!" schrie ich, als wir 
vor Kevins Schule vorfuhren. Ich gab 
mir Mühe, wie ein Busfahrer zu 
klingen, und Kevin mußte lachen. 



Dann rannte ich mit dem Wagen 
zurück zu meiner Schule und 
versteckte ihn dort im Gebüsch. 

Als die Schule aus war, rannte ich 
nach draußen, holte den Wagen 
aus dem Gebüsch und lief zurück zu 
Kevins Schule. 

Als ich ankam, hatte es gerade 
geklingelt. Kevin kam schnell mit 
zwei neugierigen Freunden nach 
draußen gelaufen. „Tim, dürfen sie 
mitfahren?" 

„Natürlich", sagte ich. „Alles 
einsteigen!" Kevin stieg als erster ein; 
die beiden anderen quetschten sich 
hinter ihn in den Wagen. 

Als wir den zweiten Jungen nach 
Hause gebracht hatte, war ich schon 
sehr erschöpft. 

„Komm Tim, ich ziehe dich nach 
Hause", bot Kevin an. 

„Nein, du hast heute Geburtstag. 
Ich will dich ziehen." Als ich am 
Abend ins Bett ging, war ich zu müde 



zum Beten. Ich glaube, ich war noch 
nie in meinem ganzen Leben so 
erschöpft. Meine Beine und mein 
Rücken schmerzen, und meine Hände 
waren vom Ziehen wund und voller 
Blasen. Ich lag in der Dunkelheit da 
und dachte an die Geschenke, die 
Kevin von Mama und Vati, von Oma 
und Opa und von mir bekommen 
hatte. Ehe ich einschlief, hörte ich 
meinen Namen: „Tim?" 

„Ja." 

„Von allen Geschenken, die ich 
heute bekommen habe, war deins das 
schönste." 

„Danke", sagte ich. Dann dachte 
ich an das Gebet, das ich am Abend 
zuvor gesprochen hatte. Ich kroch 
aus dem Bett, kniete mich auf 
den kalten Holzboden und dankte 
dem himmlischen Vater dafür, 
daß er mir geholfen hatte, ein 
Geburtstagsgeschenk für Kevin zu 
finden. D 




NOVEMBER 1997 




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NEPHI UND DAS SCHIFF, von Bae Tae Joo, 

7 Jahre, aus Korea. „Nephi hat ein Schiff 

gebaut, um damit ins Land der Verheißung zu 

fahren. Nephi ist ein Pionier, weil er seinen 

Brüdern Vorbild war." 




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PIONIER SEIN 

Die Pioniere zogen durch das Land, 

vielen Gefahren hielten sie wohl stand. 

Zogen nach Westen, ruhten dann und wann, 

kochten am Feuer, dann ging's frisch voran. 

Auch Indianer fürchteten sie nicht, 

schliefen im Freien bis zum Morgenlicht. 

(Sing mit mir, E-6.) 

Ein Ausschnitt aus von Kindern angefertigten Kunstwerken anläßlich des 
150. Jahrestages der Ankunft der Pioniere im Salt Lake Valley; 
Ausstellung des Museums für Geschichte und Kunst der Kirche 



FOTOS DER GEMÄLDE UND ZEICHNUNGEN VON R. T. CLARK 




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E/N TEMPE[ W/KD GEBAUT, von Jorge Cantos 
Rodriguez, 9 Jahre alt, aus Spanien. „Ich war bei der 
Grundsteinlegung für den Tempel in Spanien dabei 
und habe den Propheten gesehen. Meine Großeltern 
sind Pioniere der Kirche in Spanien. Ich wünsche mir, 
daß der Tempel bald fertig wird." 





MENSCHEN, DIE AN GOTT GLAUBEN UND IN DEN 
TEMPEL GEHEN, von Bae Tae Jung, 4 Jahre alt, aus Korea. 
„Meine Eltern glauben an Gott, und sie gehen oft in den 
Tempel. Andere tun es uns nach. Deshalb sind wir Pioniere." 



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DEANN MARIE JENSEN, von Kaitlyn 

Brunsdale, 6 Jahre alt, aus den Vereinigten 

Staaten. „Deann ist eine richtige neuzeitliche 

Pionierin. Sie ist das erste Mädchen in unserer 

Familie, das auf Mission gegangen ist. Sie ist 

meine Kusine! Sie ist nach Italien gegangen. 

Mein Bild zeigt sie am Schiefen Turm von Pisa. 

Ich habe mich dazugemalt, weil ich später auch 

auf Mission gehen möchte." 







PFAHLKONFERENZ, von Nataly Estefania Ruiz 

Villacis, 8 Jahre alt, aus Ekuador. „Die 

Mormonenpioniere in Guayaquil gehen zu ihrer 

ersten Pfahlkonferenz." 



EIN GEMEINDEHAUS WIRD GEBAUT, 
von Nadia Ruiz Villacis, 8 Jahre alt, aus 
Ekuador. „Die Mormonenpioniere in 
Guayaquil helfen beim Bau des ersten 
Gemeindehauses." 



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PIONIERE AUF DEM WEG ZUR KIRCHE, 
von Alex Wolf, 6 Jahre olt, aus Kanada. 



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PIONIERE IN MEINER FAMILIE, von Manila Kim De 

O Nafalski, 9 Jahre alt, aus Brasilien. „Eines Tages 

hörte meine Mutter, wie zwei junge Männer vor 

dem Tor zu unserem Haus in die Hände klatschten. 

Es waren zwei Missionare. Unsere Familie hat sich 

bekehrt, und jetzt bereiten wir uns darauf vor, in den 

Tempel zu gehen." 



ICH BIN EINE PIONIERIN, von Barbra 

Jackeline Gomes Valderrabano, 

5 Jahre alt, aus Mexiko. „Ich will in 

einem entlegenen Gebiet Pionierin sein 

und Kinder im Evangelium unterweisen. 

Ich will ihnen helfen, Christus und seine 

Lehren zu erkennen." 



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HOFFEN AUF EINEN TEMPEL, von 
Andrianaly Harison Nivoelihanta, 
10 Jahre alt, aus Madagaskar. 
„Zuerst hatten wir einen Zweig in 
Madagaskar, und jetzt haben wir 
einen Distrikt. Hoffentlich bekommen 
wir später einmal einen Tempel." 




PIONIERE AUF DEM WEG ZUM 
TEMPEL, von Maria Alicia Matos 
Strauss, 10 Jahre alt, aus Bolivien. 
„Das ist eine der ersten Auto- 
Karawanen, die zum Tempel 
gefahren sind. Sie hatten ein paar 
Probleme mit den Autos." 



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KINDERSTERN 

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BESUCHSLEHRBOTSCHAFT 



DAS WORT DES WISSENS 



„Einem anderen ist das Wort des 
Wissens gegeben, damit alle belehrt 
werden können, daß sie weise seien 
und Wissen haben." (LuB 46:18.) 

^S~V Tic alle Gaben des Geistes wird 
M/M/ auch Jas Wort des Wissens 
w w durch die Macht des Heiligen 
Geistes übertragen beziehungsweise 
empfangen. Moroni hat erklärt: „Und 
durch die Macht des Heiligen Geistes 
könnt ihr von allem wissen, ob es wahr 
ist." (Moroni 10:5.) 

WISSEN BRINGT FREUDE 

Zum wichtigsten Wissen, das wir 
uns aneignen können, gehören Got- 
teserkenntnis und die Erkenntnis des 
Evangeliums seines Sohnes, Jesus 
Christus. {Siehe Johannes 17:3.) Der 
Herr hat verheißen, daß jeder, der 
ihn voller Glauben zu erkennen sucht, 
„Offenbarung um Offenbarung, Er- 
kenntnis um Erkenntnis empfangen" 
wird, „das, was Freude bringt, das, was 
ewiges Leben bringt." (LuB 42:61.) 

Einem Mitglied der Kirche ist diese 
Gabe - und die verheißene Freude - 
zuteil geworden, als es zum zweiten 
Mal im Buch Mormon las. Beim ersten 
Mal hatte es das Buch Mormon nur 
flüchtig gelesen, um so schnell wie 
möglich durchzukommen. Doch beim 
zweiten Mal war es von dem Wunsch 
beseelt, das zu verstehen, was darin 
gelehrt wird. 

„Beim Lesen strömten neue Gedan- 
ken in mich ein, und ich fing an, Zu- 
sammenhänge zwischen dem zu sehen, 
was ich gerade las, und den Erfahrun- 
gen, die mir zuteil wurden. Mir wurde 
deutlich, worin ich mich verbessern 



mußte. Doch ich empfand das nicht als 
Zurechtweisung, sondern als Liebe. 
Mein Herz schwoll vor Freude." 

DURCH GLAUBENSVOLLES 
STUDIEREN WISSEN ERLANGEN 

Beim Streben nach Gotteserkennt- 
nis dürfen wir nicht vergessen, daß 
kein Mensch Gott erkennt, „nur der 
Geist Gottes" (1 Korinther 2:11). Der 
Geist läßt uns ein Zeugnis und Er- 
kenntnis zuteil werden, die wir auf 
keine andere Weise erlangen können 
(siehe 1 Korinther 12:3). 

Deshalb fordert der Herr uns auch 
auf, „durch Lerneifer und auch durch 
Glauben" nach Wissen zu trachten 
(siehe LuB 88:118; Hervorhebung hin- 
zugefügt). Wenn man durch Lerneifer 
nach Wissen trachtet, ist der Sinn 
beschäftigt. Wenn man durch Glau- 
ben nach Wissen trachtet, ist der 
Geist beschäftigt. Auf diese Weise 
hatte Ammon die Evangeliumskennt- 
nis erlangt, über die König Lamoni 
so sehr staunte: „Ein Maß jenes Gei- 
stes wohnt in mir", sagte er, „und er gibt 
mir Kenntnis, und, gemäß meinem 

ILLUSTRATION VON CAROL CUTLER 




Vertrauen und meinen Wünschen, die 
in Gott gesetzt sind, auch Macht." 
(Alma 18:35.) 

Der Herr erwartet von uns auch, 
daß wir „studieren und lernen und mit 
allen guten Büchern und mit Sprachen 
und Zungen und Völkern bekannt wer- 
den" (LuB 90:15; siehe auch 88:79). 

Heidi Harris aus Salt Lake City 
wollte gerne im Buch Mormon studie- 
ren, befürchtete aber, sie hätte dann 
keine Zeit mehr für ihre Hausaufgaben. 
Doch eines Abends, als sie an einer 
Mathematikaufgabe schier verzwei- 
felte, übte sie Glauben und betete um 
Hilfe. Als sie zu Ende gebetet hatte, fiel 
ihr Blick zuerst auf das Buch Mormon. 
„Ich nahm es", erzählt sie, „und be- 
gann, darin zu lesen. . . . Ich las ein 
Kapitel in 1 Nephi und machte mich 
dann wieder an die schwierige Haus- 
aufgabe. Plötzlich konnte ich sie 
lösen." 

Nachdem Heidi Harris mehrere 
Wochen im Buch Mormon gelesen 
hatte, stellte sie fest, daß sie in der 
Schule besser wurde. „Ich hatte zwar 
immer noch viele Hausaufgaben zu 
erledigen, aber das Lesen in der hei- 
ligen Schrift gab mir neue Kraft. . . . Ich 
konnte verstehen, was ich lernte, und 
ich brachte die Geduld auf, meine 
Aufgaben konzentriert zu erledigen. 
Dadurch verbesserten sich nicht nur 
meine Noten, sondern ich war auch 
verträglicher und außerdem zufriede- 
ner als je zuvor." (Der Stern, Februar 
1996, Seite 13.) 

• Wie können wir danach streben, 
uns mehr geistige Erkenntnis anzueignen? 

• Welche Möglichkeiten haben wir, 
andere an dem teilhaben zu lassen, was 
wir gelernt haben? D 



IN EINER NEUEN 
GEMEINDE 
ZU HAUSE 



Joanne Doxey 



In unserer Gemeinde beziehungs- 
weise unserem Zweig sind wir alle 
„Gastgeber". Es obliegt uns, neue 
Mitglieder, Besucher und Untersucher 
zu begrüßen und allen Menschen 
freundlich zu begegnen. Doch manch- 
mal neigen wir dazu, einen Schutzwall 
um uns herum aufzurichten, der nur 
schwer einzureißen ist und der uns 
davon abhält, freundlich auf fremde 
Menschen zuzugehen. Im folgenden 
finden Sie Anregungen dazu, wie Sie 
Besucher in der Kirche willkommen 
heißen können. 

1. Wir müssen andere 
Menschen als unsere 




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Brüder und Schwestern betrachten 
und sie so behandeln, wie wir selbst 
gerne behandelt werden möchten. Der 
Erretter hat ja gesagt: „Alles, was ihr 
also von anderen erwartet, das tut auch 
ihnen!" (Matthäus 7:12.) 

2. Wenn jemand neu in unsere 
Gemeinde beziehungsweise unseren 
Zweig kommt, müssen wir ihn be- 
grüßen, uns vorstellen und versuchen, 
hilfsbereit und freundlich zu sein. Wir 
müssen das Glück ausstrahlen, das wir 
im Evangelium Jesu Christi gefunden 
haben. 

3. Ein Besucher freut sich, wenn er 
freundlich begrüßt und aufgenommen 
wird. Viele Nichtmitglieder möchten 
wissen, warum wir so freundlich zu 
ihnen sind. Die Antwort auf diese 
Frage ist - natürlich - in den Lehren 
Jesu Christi zu finden. „Wie ich euch 
geliebt habe, so sollt auch ihr einander 
lieben." (Johannes 13:34.) 

4- Der folgende Rat von Eider Mar- 
vin J. Ashton betrifft nicht nur alte 
Freunde, sondern auch neue Bekannte: 
„Wir müssen uns darin verlieren, uns 
zu engagieren und zu befähigen, Freun- 
den zu mehr Glück zu verhelfen." (The 
MeasureofOurHearts, 1991, Seite 114.) 

Wir können vielen Menschen hel- 
fen, wenn wir uns fest vornehmen, auf 
Möglichkeiten zu achten, in der Kirche 
Menschen aufzubauen und ihnen zu 
dienen. Das gilt vor allem „für den 
Fremden . . . innerhalb deiner Stadt- 
bereiche" (Deuteronomium 24:14). 
Wir können sicher sein, daß der Herr 
uns dabei führen wird, seine Kinder 
willkommen zu heißen und ihnen 
Liebe entgegenzubringen, damit sie 
„nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, 
sondern Mitbürger der Heiligen und 
Hausgenossen Gottes" sind (siehe 
Epheser2:19). D 



WENN SIE 
UMZIEHEN 



Patricia Nüssen 

\T"or einigen Jahren ist mein Mann befördert worden, und wir sind 
innerhalb der Vereinigten Staaten umgezogen. Während der ersten 
Wochen in unserem neuen Zuhause fühlte ich mich oft einsam und 
war niedergeschlagen. 

Da bekam ich eines Tages einen Brief von meiner früheren FHV-Leite- 
rin. Sie schrieb, daß auch sie öfter neu in eine fremde Gemeinde gekommen 
sei und immer Schwierigkeiten mit der Umstellung gehabt habe. Dann 
schlug sie mir folgendes vor: 

1. Warten Sie nicht darauf, daß die Leute, die neben Ihnen sitzen, sich 
vorstellen; stellen Sie sich zuerst vor! 

2. Sagen Sie den Mitgliedern der Gemeinde, daß Sie sich freuen, in 
ihrer Gegend zu wohnen, und daß Sie sie gerne näher kennenlernen 
möchten. Mit einer positiven Einstellung ziehen Sie Menschen an. 

3. Halten Sie Ausschau nach jemandem, der Sie braucht. 

4- Bitten Sie die FHV-Leiterin beziehungsweise den für Sie zuständigen 
Priestertumskollegiumsführer, Sie als Besuchslehrerin beziehungsweise 
Heimlehrer einzuteilen. 

5. Bitten Sie die FHV-Leiterin beziehungsweise den für Sie zuständigen 
Priestertumskollegiumsführer, Ihnen Mitglieder der Gemeinde zu nennen, 
die ähnliche Interessen haben wie Sie. Nehmen Sie dann zu diesen Mit- 
gliedern Kontakt auf. 

6. Nutzen Sie diese ruhige Phase, um das zu erledigen, wozu Sie bisher 
nie Zeit hatten. 

7. Denken Sie immer daran, daß Sie ein Kind Gottes sind und viel zu 
bieten haben. 

Ich habe diese Anregungen befolgt und bin in meiner neuen Gemeinde 
schnell heimisch geworden. Ich werde meiner alten FHV-Leiterin immer 
dankbar dafür sein, daß sie mir die Eingewöhnung in meine neue Gemeinde 
erleichtert hat. D 



NOVEMBER 1997 



27 







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EHRLICHKEIT 
IM BERUFSLEBEN 

Die Grundsätze der Rechtschaffenheit, die unser Verhalten 
im persönlichen Bereich bestimmen, müssen auch für unser Verhalten 

im Berufsleben gelten. 



Alan V. Funk 



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Anfang Juni 1971 leistete ich in 
/_^L Kalifornien meinen Wehrdienst. 
-/. -Ä-Judy, meine Frau, hatte gerade 
unser erstes Kind zur Welt gebracht 
und wohnte bei ihren Eltern in einem 
Nachbarstaat. Wir hatten ihre und 
meine Verwandten in die Gemeinde 
meiner Schwiegereltern eingeladen, 
um unserem Sohn einen Namen und 
einen Segen zu geben, und freuten uns 
auf ihr Kommen. Meine Eltern wollten 
mit dem Auto fahren, und ich wollte 
am Samstag, am Tag nach meiner Ent- 
lassung aus der Armee, mit dem Flug- 
zeug nachkommen. Alles war so ge- 
plant, daß jeder am Sonntag bei der 
Fast- und Zeugnisversammlung anwe- 
send sein konnte. 



Manchmal sind finanzielle 
Angebote, die wir erhalten 
oder vielleicht machen möchten, 
nichts weiter als eine Fata 
Morgana. Wenn wir uns fest 
vornehmen, immer ehrlich 
zu sein, kann uns das eine 
Menge Kummer ersparen. 



Ein, zwei Tage vor dem Entlassungs- 
termin teilte man mir dann aber mit, 
daß die notwendigen Papiere nicht 
rechtzeitig ausgestellt werden könnten 
und daß ich deshalb auch noch die 
ersten Tage der kommenden Woche in 
der Kaserne verbringen müsse. Das war 
eine große Enttäuschung, und ich 
fragte mich, wie die Segnung nun noch 
wie geplant stattfinden sollte. Ich er- 
klärte den für meine Entlassung zustän- 
digen Offizieren die Lage, aber sie zeig- 
ten kein Verständnis. 

Weil ich die Segnung noch immer 
wie geplant durchführen wollte, 
dachte ich an etwas, was ich vor eini- 
gen Wochen gehört hatte, nämlich daß 
es jemanden gab, der auf Bestechung 
dafür sorgte, daß man frühzeitig entlas- 
sen wurde. Ich überlegte, ob ich mich 
mit ihm in Verbindung setzen sollte, 
aber irgendwie konnte ich es nicht mit 
meinem Gewissen vereinbaren, jeman- 
den bestechen zu müssen, um fort- 
zufahren und einen Priestertumssegen 
erteilen zu können. Deshalb infor- 
mierte ich die Familie darüber, daß wir 
die Segnung verschieben mußten. 



Drei Wochen später bekam ich 
einen Anruf von einem Mitglied eines 
militärischen Untersuchungsauschus- 
ses. Ich war als möglicher Zeuge oder 
sogar Beschuldigter in einem Beste- 
chungsskandal in der Armee genannt 
worden. Während des persönlichen 
Gespräches zeigte man mir Bilder von 
Soldaten, die verdächtigt wurden, in 
die Bestechungen verwickelt zu sein. 
Der Unteroffizier, der mich über meine 
verspätete Entlassung informiert hatte, 
gehörte auch dazu. 

Wie dankbar bin ich doch, daß ich 
die richtige Entscheidung getroffen 
hatte! Hätte ich mich anders verhal- 
ten, hätte ich meine beruflichen 
Träume niemals verwirklichen kön- 
nen, und außerdem wäre ich vielleicht 
nicht würdig gewesen, meinem Sohn 
einen Segen zu geben. Damals ist mir 
bewußt geworden, daß unser Vertrauen 
„in der Gegenwart Gottes" (LuB 
121:45) nur dann stark werden kann, 
wenn wir die Grundsätze der Recht- 
schaffenheit befolgen. Das ist mir seit- 
her immer wieder deutlich geworden. 

Jedes Jahr lege ich dem Bischof 



NOVEMBER 1997 



29 



Rechenschaft darüber ab, ob ich würdig BEWEGGRUND Das Evangelium zeigt uns, was 
bin, in den Tempel zu gehen. Dabei für Menschen wir sein sollen - 

lasse ich alles an meinem geistigen Ob wir nun arm oder reich oder während der Woche und auch 

Auge vorüberziehen, was ich im per- keins von beiden sind - wir leben in am Sonntag. Wahre Grundsätze 

sönlichen und im beruflichen Bereich einer Umwelt, in der die sofortige Be- müssen sich auch auf das 

im Umgang mit anderen Menschen friedigung von Bedürfnissen und damit tägliche Leben auswirken. 

getan habe. Als Inhaber einer Bera- verbunden das großzügige Geldaus- 

tungsfirma, die sich mit der Unter- geben propagiert werden. Viele Men- 

suchung von Wirtschaftsvergehen be- sehen betrachten Luxusgüter als Not- Falsches zu tun, immer stärker, und 

schäftigt, muß ich das gleiche tun, wendigkeit und geraten so in finanzielle sein guter Vorsatz, das Rechte zu tun, 

nämlich meine Arbeit ständig vom gei- Schwierigkeiten, die ihre Aufmerksam- wird auf die Probe gestellt, 

stigen Blickwinkel aus prüfen und beur- keit von Wichtigerem ablenken. In 

teilen. Ich muß nicht nur überlegen, einer solchen Umgebung läßt man sich GELEGENHEIT MACHT DIEBE 

wie gut ich unangemessene beziehungs- nur allzu schnell auf den falschen Weg 

weise fragwürdige Geschäftspraktiken bringen. Der Beweggrund für betrüge- Manchmal gibt jemand der Versu- 
vermeide, sondern auch, wie gut ich risches Verhalten ist oft in Schulden, chung nach, wenn die Situation gün- 
allem aus dem Weg gehe, was zu sol- Habgier, Spielsucht, Drogenabhängig- stig ist und es ihm ermöglicht, schnell 
chen Praktiken führen könnte. keit oder Alkoholismus zu finden. Geld zu machen. Die günstige Gelegen- 
ich habe festgestellt, daß betrüge- Vor allem Menschen, die im Berufs- heit verzerrt sein moralisches Urteils- 
risches Verhalten im Beruf im Regel- leben stehen, sind großen Gefahren vermögen. Ein Mann beispielsweise 
fall drei Komponenten voraussetzt: ausgesetzt, so unter anderem dem hatte eine Vertrauensstellung inne. 
Beweggrund, Gelegenheit und man- Druck, betrügerisches Verhalten am Viele tausend Anleger vertrauten auf 
gelnde Lauterkeit. Wenn nur eine oder Arbeitsplatz zu akzeptieren. Das gilt sein Urteil in bezug auf die finanzielle 
zwei Komponenten vorhanden sind, vor allem dann, wenn es zum eigenen Situation einer bestimmten Gesell- 
kommt es meistens nicht zu Betrüge- Vorteil ist. Vielen fällt es nicht schwer, schaff. Wenn er die schlechte finan- 
reien. Ausreden für kleine Betrügereien zu zielle Lage des Unternehmens publik 
Diese Erkenntnis hat mich an finden. Sie sagen sich: „Ich bin ja gemacht hätte, hätte er es damit als 
das erinnert, was ich als Pfadfinder nicht verantwortlich dafür, wie das Kunden verloren. Sechs Jahre lang log 
über das Feuer gelernt habe. Feuer hier gemacht wird." Oder: „Ich tue nur er und ließ sich sein Schweigen abkau- 
brennt nur dann, wenn Brennstoff, das, was mein Chef mir aufgetragen fen. Aber schließlich kam die Wahrheit 
Sauerstoff und Hitze vorhanden sind; hat." Oder: „Ich werde diese kleine doch ans Licht; das Unternehmen 
wenn nur eine dieser Komponenten finanzielle Unregelmäßigkeit nutzen brach zusammen, die Anleger verloren 
fehlt, geht das Feuer aus. Gleicher- und alles zurückzahlen, wenn ich wie- viele hundert Millionen Dollar, und der 
maßen kann jeder, der betrügerischem der mehr Geld habe." Berater ging ins Gefängnis. 
Verhalten aus dem Wege gehen will, Wenn jemand sein neues Monats- Fast überall gibt es Gelegenheiten 
eine oder mehrere der dazugehörigen gehalt braucht, um damit die Rech- zu betrügerischem Verhalten, was es so 
Komponenten aus seinem Leben ver- nungen aus dem Vormonat zu bezah- schwierig macht, die Zusammenarbeit 
bannen. len, dann wird sein Beweggrund, etwas mit unehrlichen Menschen zu meiden. 

DER STERN 
30 




Aber wir müssen uns immer bemühen, 
mit Menschen zusammenzuarbeiten, 
die wir für ehrlich halten. Darüber hin- 
aus können wir auch unsere Kollegen 
positiv beeinflussen, indem wir verfüh- 
rerischen Situationen aus dem Weg 
gehen und ehrlich sind. Selbst in einer 
Situation, wo es uns schaden oder in 
Verlegenheit bringen könnte, eine be- 



stimmte Tatsache oder einen Fehler 
zuzugeben, müssen wir bereit sein, das 
Rechte zu tun und die Folgen zu tragen. 
Auf diese Weise schaffen wir Ver- 
trauen. 

MANGELNDE LAUTERKEIT 

Mangelnde Lauterkeit zeigt sich 



oft darin, daß jemand Ausreden für 
sein Verhalten sucht. Die gängigste 
Entschuldigung für fragwürdiges Ver- 
halten im Berufsleben lautet: „So läuft 
das in diesem Geschäft." Oder anders 
ausgedrückt: Fragwürdige Geschäfts- 
praktiken werden akzeptiert, solange 
sie allgemein üblich sind oder als 
Kleinigkeiten ohne schwerwiegende 
Auswirkungen angesehen werden 
(siehe 2 Nephi 28:8; LuB 10:25,26). 

Präsident Spencer W. Kimball hat 
erklärt, jemand sei ein lauterer Mensch, 
wenn er „die Eigenschaft der Vollstän- 
digkeit [besitze] . . . und in seiner Rein- 
heit und sittlichen Gesundheit nicht 
behindert" sei. Und weiter hat er ge- 
sagt: „Praktisch jede Unehrlichkeit 
verdankt ihren Ursprung und ihr 
Wachstum einer inneren Verzerrung, 
die wir als Selbstgerechtigkeit bezeich- 
nen. Das ist die erste, die schlimmste, 
die heimtückischste und die gefährlich- 
ste Form des Betrugs, nämlich Selbst- 
betrug." (Gebietskonferenz für Mexiko 
und Mittelamerika, 1972.) 

Das Evangelium zeigt uns, was für 
Menschen wir sein sollen - jeden Tag 
aufs neue: „Wir glauben, daß es recht 
ist, ehrlich, treu, keusch, gütig und tu- 
gendhaft zu sein und allen Menschen 
Gutes zu tun." (13. Glaubensartikel). 

DAS STREBEN NACH 
VORTREFFLICHKEIT 

Ich befürchte, wir werden niemals 
so weit kommen, daß unsere Klugheit 



NOVEMBER 1997 

31 



und unsere Erfahrungen es uns gestat- 
ten, jedesmal schnelle, angemessene 
Entscheidungen zu treffen. Wir alle 
machen Fehler. Manchmal machen 
wir Fehler, weil wir nicht alle Tatsa- 
chen kennen; ein anderes Mal wie- 
derum machen wir Fehler, weil wir 
etwas falsch einschätzen. Wir müssen 
aber bereit sein, unsere Fehler zuzuge- 
ben und daraus zu lernen. 

Wenn wir merken, daß wir einen 
Fehler gemacht haben, sollen wir ihn 
schnell beheben. Was wir tun, darf das 
Tageslicht nicht scheuen. Der Apostel 
Paulus hat geschrieben: 

„Die Nacht ist vorgerückt, der Tag 
ist nahe. Darum laßt uns ablegen die 
Werke der Finsternis und anlegen die 
Waffen des Lichts. 

Laßt uns ehrenhaft leben wie am 
Tag." (Römer 13:12,13.) 

Wir Mitglieder der Kirche haben 
gelernt, daß wir in allen Lebensberei- 
chen nach Vortrefflichkeit streben 
müssen und daß dabei unsere Bezie- 
hung zum himmlischen Vater und zu 
unserer Familie an erster Stelle stehen 
soll. Es gehört zu unseren wichtigsten 
Aufgaben, am Arbeitsplatz und im 
Gemeinwesen nach Vortrefflichkeit zu 
streben. 

Leider werden vortreffliche Lei- 
stungen im Berufsleben mit Geld 
gemessen, nämlich anhand von Profit, 
Unternehmenswert, Anzahl der Kun- 
den, Aktienwert und so weiter. Doch 
damit läßt sich wahre Vortrefflichkeit 
nicht messen, denn Vortrefflichkeit 



hat eine geistige Dimension, die sich 
nur mit wirklichen, humanen Maßstä- 
ben messen läßt. 

Ich denke zum Beispiel an die auf- 
richtigen Bemühungen einer Tante, 
deren Taten niemals in den Medien 
verherrlicht oder anderweitig beson- 
ders anerkannt wurden. Eine ihrer 
Nachbarinnen - eine Witwe - war sehr 
zurückhaltend. Sie verhielt sich oft 
eigentümlich, und wir Kinder spotte- 
ten deshalb häufig über sie. Doch 
meine Tante, die wußte, daß sie weder 
Freunde noch Angehörige hatte, be- 
suchte sie häufig, brachte ihr etwas 
zu essen, unterhielt sich mit ihr und 
tröstete sie. Als die Nachbarin starb, 
gingen nur drei Leute zu ihrer Beerdi- 
gung: meine Mutter, mein Onkel und 
meine Tante. 

Hier wie auch zu vielen anderen 
Gelegenheiten gab meine Tante aus 
ehrlichem Herzen ihr Bestes. Für sie 
war Menschlichkeit das Allerwich- 
tigste. 

FÜR EHRLICHKEIT EINTRETEN 

Zu der Zeit, von der das Buch 
Mormon handelt, gab es eine ganze 
Gruppe von Menschen, die sich „durch 
ihre Hingabe an Gott und auch an 
die Menschen" auszeichneten, „denn 
sie waren völlig ehrlich und untadelig in 
allem, und sie waren fest im Glauben 
an Christus, ja, bis ans Ende." (Alma 
27:27; Hervorhebung hinzugefügt). 

Der Herr erwartet heute nicht 



weniger von seinem Volk. Präsident 
Joseph Fielding Smith hat gesagt: „Wo 
immer man auch Heiligen der Letzten 
Tage begegnen mag - vorausgesetzt 
natürlich, sie verdienen diese Bezeich- 
nung und verhalten sich ihrer Beru- 
fung und ihrem Evangeliumsverständ- 
nis entsprechend -, findet man 
Menschen vor, die für Wahrheit, Ehre, 
Tugend, ein reines Leben und Ehrlich- 
keit im Berufsleben und in der Religion 
einstehen." (Generalkonferenz, Okto- 
ber 1968.) 

Erfolg im Berufsleben setzt nicht 
notwendigerweise voraus, daß man 
seine Ideale verrät. Wenn wir uns 
bemühen, die Grundsätze des Evange- 
liums treu zu befolgen, wenn wir uns 
darauf konzentrieren, ungute Beweg- 
gründe auszumerzen, uns nicht von 
Gelegenheiten verleiten zu lassen und 
betrügerisches Verhalten zu meiden, 
dann hilft der Geist uns auch, im 
Umgang mit anderen Menschen 
immer ehrlich zu sein, so wie wir es 
uns vorgenommen haben. 

Zu den großen Segnungen des 
Evangeliums Jesu Christi, die uns 
Mitgliedern der Kirche zuteil werden, 
gehört auch die folgende: Wenn wir 
die Grundsätze aufrichtig befolgen, 
sind wir gewappnet gegen alle Ver- 
suchungen, unehrlich zu sein. Wenn 
wir fest in Christus verwurzelt sind 
(siehe 1 Nephi 15:24; Helaman 5:12), 
dann hat Unehrlichkeit keinen Platz 
in unserem Herzen und in unserem 
Leben. D 



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DER STERN 

32 





STRESS ABBAUEN 



Teresa Hunsacker 





Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fas- 
sen! Obwohl ich eine Seite in meinem Ge- 
schichtsbuch schon dreimal gelesen hatte, 
wußte ich doch kein einziges Wort mehr. Es war 
schon lange nach Mitternacht, als ich mir die 
brennenden Augen rieb und das Buch zuschlug. Ich 
wollte in der letzten Klassenarbeit zwar gerne eine 
gute Note schreiben, aber das Lernen hatte jetzt 
keinen Sinn mehr, weil doch nichts mehr in meinen 
schmerzenden Kopf hineinging. 

Ich legte das Geschichtsbuch beiseite und nahm, 
fast schon aus Gewohnheit, ein anderes Ge- 
schichtsbuch in die Hand. Schon das Gefühl, das 
Buch Mormon in der Hand zu halten, war beruhi- 
gend. Ich schlug Alma auf und begann wie jeden 
Abend zu lesen. Zwar hatte ich nicht damit gerech- 
net, in meinem Zustand noch etwas lernen zu kön- 
nen, aber zu meiner großen Überraschung hörten 



die Kopfschmerzen auf, und ich spürte, wie Wärme 
und Frieden in mir aufstiegen. 

Mein Sinn war ruhig und wach. Die Wörter 
waren klar und leicht zu verstehen. Es war, als ob 
der gütige himmlische Vater direkt zu mir sprach. 

Oft hatte ich gemeint, die heilige Schrift nicht 
verstehen zu können. Doch inzwischen ist mir be- 
wußt geworden, daß ich an den Tagen, wo ich in der 
Schrift lese, eine andere Einstellung habe. Es ist er- 
staunlich, aber wenn ich in der Schrift lese, bin ich 
glücklicher, meine Familie scheint netter, und ich 
habe mehr Geduld und bin zufriedener. Wenn ich in 
der heiligen Schrift lese, spricht der Geist oft zu 
meinem Sinn und erteilt mir Weisung und Führung. 
Die geistigen Erlebnisse, die uns beim Lesen der hei- 
ligen Schrift zuteil werden, sind genauso wichtig wie 
der Inhalt. Ich weiß, daß jedes einzelne Wort im 
Buch Mormon für unsere Zeit wichtig ist. D 




Am«* ona,s 



ItacoatiaiM 



BRASILIEN 




SALVADOR» 



Unten, von oben nach unten: 
Missionarinnen in der Missionars- 
schule in Säo Paulo; Wilson 
Sanchez Netto, Patriarch des 
Pfahles Boa Viagem in Recife, in 
der Genealogie-Forschungsstelle 
der Kirche. Rechts: Bischof 
Eduardo Naum aus der Gemeinde 
Ferreira im Pfahl Toboäo in 
Säo Paulo. Ganz rechts: Evilasio 
Cavalcanti, Patriarch der Pfähle 
Salvador und Salvador-Nord, 
mit seiner Frau, Dilza. Unten: 
Rio de Janeiro. 



PAZIFIK 



RIO DE JANEIRO 

Campinas 

\0 PAULO. 




Tudo Bern in Brasilien 



Mit diesen Worten wünschen die Brasilianer einander alles Gute. 

Die Art und Weise, wie die Heiligen der Letzten Tage in Brasilien leben und das 

Evangelium verbreiten, entspricht genau dieser Grußformel. 



Don L. Searle und David Mitchell 



F^ rage: Welche Sprache wird in Südamerika am hau- des Evangeliumswachstums - das relativ junge Mitglied und 

figsten gesprochen? der Pionier. 
Antwort: Portugiesisch, wie es in Brasilien gespro- Eduardo Naum ist Ende zwanzig und im Management 

chen wird. Dieses riesige südamerikanische Land hat mehr tätig. Außerdem ist er Bischof der Gemeinde Ferreira im 



Einwohner als alle übrigen Staaten des Kontinents zusam- 
mengenommen. 

In Brasilien gibt es mehr als eine halbe Million Heilige 
der Letzten Tage; und das bedeutet, daß es dort mehr Mit- 
glieder der Kirche gibt als in jedem anderen Land der Welt, 
die Vereinigten Staaten und Mexiko einmal ausgenommen 
(in Mexiko gibt es etwa eine dreiviertel Million 
Mitglieder). 

Eduardo Naum und Evilasio Caval 
canti aus Brasilien stehen stellvertre- 
tend für zwei verschiedene Arten 



Pfahl Taboäo in Säo Paulo. Seit er sich 1991 der Kirche ange- 
schlossen hat, ist er schon zweimal als Bischof berufen wor- 




den. Seine Angehörigen, die nicht der Kirche 

angehören, fragen sich, warum er kein Geld 

für die vielen Stunden bekommt, die er für 

seine Berufung aufwendet. „Ich arbeite für 

den Herrn", sagt er. „Und durch meinen 

Dienst habe ich erfahren, daß Jesus lebt - 

ganz sicher. Er ist für uns da." Schon diese 

Gewißheit ist eine kostbare Segnung, die jedes Opfer wert ist. 

Ungefähr 1600 Kilometer nördlich von Säo Paulo, an der 
wunderschönen brasilianischen Küste, liegt die Hafenstadt 
Salvador, wo im 16. und 17. Jahrhundert unzählige afrikani- 
sche Sklaven an Land gebracht wurden. Dort dient Evilasio 
Cavalcanti, ein brasilianischer Pionier, als Patriarch der 
beiden Pfähle Salvador und Salvador-Nord. Er lernte die 
Vollzeitmissionare 1971 in Maceio kennen, das ungefähr 
500 Kilometer nördlich von Salvador liegt. Seine Frau ließ 
sich zuerst taufen; später wurden dann auch Bruder Caval- 
canti und die Kinder im tauffähigen Alter getauft. Im Jahr 
nach ihrer Taufe zog die Familie nach Salvador. 

„Damals gab es hier keine Organisation der Kirche", 
erzählt Bruder Cavalcanti. „Wir waren die Kirche. Erst 1978 
wurde ein Zweig gegründet, und ich wurde als erster Zweig- 
präsident berufen." 

In den Jahren bis dahin hatten die Cavalcantis so gut 

nach dem Evangelium gelebt, wie sie konnten. „Wir wußten 

ja nicht alles von der Kirche, aber wir haben unsere 

Mitgliedschaft nie verleugnet. Wir haben immer gesagt, 

daß wir Mormonen sind. 

Und immer haben wir nach jungen Männern 

Ausschau gehalten, die ein weißes Hemd trugen, in 

der Hoffnung, daß es sich um Missionare handelte. Hin 

und wieder konnten wir mit Mitgliedern, die in die Stadt 

kamen, Versammlungen abhalten. Wir hatten kein offi- 




zielles Unterrichtsmaterial für die Kinder, 
aber wir haben immer versucht, ihnen durch 
unsere Lebensweise ein Beispiel zu geben." 

Alle vier Kinder der Cavalcantis haben 
schließlich im Tempel die Begabung empfan- 
gen und eine Vollzeitmission erfüllt. Und alle 
sind noch immer in der Kirche aktiv. 



Die Zukunft gestalten 

Die Vollzeitmissionare begannen 1928 bei den deutsch- 
sprachigen Auswanderern mit der Verkündigung des Evan- 
geliums. Zehn Jahre später stand das Buch Mormon in 
portugiesischer Sprache zur Verfügung, aber während der 
Kriegsjahre kam die Missionsarbeit fast ganz zum Stillstand. 
Doch seit der Gründung des ersten Pfahls im Jahre 1966 ist 
die Kirche sehr schnell auf mehr als 600000 Mitglieder in 
150 Pfählen angewachsen. 

Die schwierigste Aufgabe, die die Kirche in den kom- 
menden Jahren zu meistern hat, dürfte wohl die Bewältigung 
dieses starken Wachstums sein. Manche Gemeindehäuser in 
Brasilien beherbergen vier, fünf Gemeinden. Jeden Monat 
taufen die Missionare in Brasilien im Durchschnitt so viele 
neue Mitglieder, wie für die Gründung eines Pfahls notwen- 
dig sind. 

Ungefähr ein Viertel derjenigen, die sich in den letzten 
zwei Jahren bekehrt haben, sind Männer. Die Mitglieder 
der Gebietspräsidentschaft Brasilien sind davon überzeugt, 
daß sich diese Männer zu starken Führern zu Hause und 
zu Priestertumsführern der Zukunft entwickeln werden, 
wenn sie die richtige Unterstützung genießen und Erfah- 
rung gesammelt haben. Eider Dallas N. Archibald von den 
Siebzigern, ehemals Gebietspräsident in Brasilien, warnt 
aber: „Man muß die Bemühungen, Menschen zu taufen, 
die Bemühungen, sie geistig zu erbauen, und die Bemühun- 
gen, die Bekehrten in der Kirche zu halten, sorgfältig aufein- 
ander abstimmen." 

Die Missionare wissen, daß ein Mann im Regelfall nicht 
so positiv auf das direkte Ansprechen von geistigen Wert- 
vorstellungen reagiert wie eine Frau. Doch ein Vater reagiert 
auf Anregungen, die ihm Hilfe für seine Familie verspre- 
chen. Wenn die Missionare über das sprechen, was 
das Evangelium zu bieten hat, denken sie an PAIS-F: 
der Zweck (Propösito) der Kirche, nämlich die 
Familie hier auf der Erde stark machen und 
ihren Mitgliedern die heiligen Handlungen 



der Errettung ermöglichen; durch das Evangelium wahre 
Freunde (Amigos) werden; liebevolle Eingliederung (Inte- 
gracäo) ; Gesundheit (Saude) durch das Wort der Weisheit, 
und als letztes, die Familie (Familia) ist für immer. Und pais 
heißt auf portugiesisch Väter. 

Eider Archibald vergleicht die Eingliederungsbemü- 
hungen für Neubekehrte mit der Art und Weise, wie in Bra- 
silien gebaut wird. Von unten bis oben werden nacheinan- 
der die Betonböden gegossen, und jedes Stockwerk wird 



Linke Seite, oben: Das Buch Mormon in 
portugiesischer Sprache, das erstmals 1939 
erschien. Unten: Die 36,6 Meter hohe 
Christusstatue oberhalb von Rio de Janeiro. 
Diese Seite: Mario Luiz de Souza da Silva 
und seine Frau, Rejane, mit ihrer Tochter, 
Marione, und ihrem Sohn, Tiago. 



mindestens drei Wochen abgestützt, bis der Beton völlig 
trocken und fest geworden ist. 

Er fragt: „Wie lange dauert es, bis ein Mitglied in der Kir- 
che ,fest' geworden ist?" Die Priestertums- und HO-Führer 
in Brasilien sind aufgefordert, einer neuen Mitgliederfamilie 
mindestens ein Jahr lang alle mögliche Unterstützung zu- 
kommen zu lassen, bis die Familie in den Tempel geht, um 
dort gesiegelt zu werden. 

Das Evangelium in Aktion 

Das portugiesische Erbe macht sich in Brasi- 
lien stark bemerkbar, obwohl viele Einwohner 
auch aus anderen europäischen Ländern und 
ebenso aus Ländern außerhalb Europas 
kommen. Dazu kommen die Indianer in der 






Amazonasregion, die Nachfahren von Europäern und Asia- 
ten in den südlichen Landesteilen sowie die Nachkommen 
von Afrikanern in den Küstenstädten. 

Zu den Nachfahren der Japaner, die einen hohen Anteil 
der Bevölkerung stellen, gehören auch Otävio und Setsuko 
Nagata aus dem Zweig Vila Perneta im Pfahl Tarumä in 
Curitiba. Sie sind Brasilianer in der zweiten Generation - 
damit gehören sie zu den vielen Bewohnern des Landes, 
deren Vorfahren vor zwei, drei Generationen aus einem 
anderen Land eingewandert sind. 

Fühlen sich die Nagatas als Brasilianer oder als Japaner? 

„In erster Linie sind wir Heilige der Letzten Tage", meint 
Bruder Nagata, „und erst dann Brasilianer." Er fügt noch 
hinzu, daß sie die Mischung aus Evangelium, japanischen 
Vorfahren und brasilianischer Kultur als große Bereicherung 
empfinden. 

Bruder und Schwester Nagata haben beide eine Mission 
in Brasilien erfüllt. Sechzehn der einundzwanzig Jahre, die 
die Nagatas verheiratet sind, war Bruder Nagata Bischof 
beziehungsweise Ratgeber in der Bischofschaft beziehungs- 
weise Zweigpräsident. Schwester Nagata hat durch geistige 
Erlebnisse im Zusammenhang mit ihrem verstorbenen Vater 
und ihrem Großvater erfahren, wie wichtig die heiligen 
Handlungen im Tempel für ihre Familie sind. Sie meinen, 




Links, von oben nach unten: Jugendliche bei einer 
Seminaraktivität; ein JD-Lager im Nordwesten 
Brasiliens; JD-Lagerleiterin Marcia Linhares aus 
Recife. Oben: Lucirley Goncalves Ferreira (links) 
und ein Besucher des Botanischen Gartens in 
Rio de Janeiro. 



DER STERN 

38 




Schüler am Brooklin Institute of Religion in Säo Paulo, 
die an einem Kurs über das Alte Testament teilnehmen. 



die Kraft, die das Evangelium vermittelt, sei für sie und 
ihre vier Kinder, Spencer, Hyrum, Camilla und Patricia, wie 
ein Anker. 

Die Mitglieder in Brasilien sind sich darüber im klaren, 
daß sich die Maßstäbe des Evangeliums immer wieder deut- 
lich in ihrem Leben zeigen müssen. Sie beziehen ihre Kraft 
aus allem, was die Kirche ihnen anbietet, unter anderem aus 
dem Gottesdienst am Sonntag, der täglichen Beschäftigung 
mit dem Evangelium, dem Seminar- und Institutsprogramm 
und den starken HO-Programmen. 

Marcia Linhares aus Recife leitet das JD-Lagerprogramm 
im Nordwesten Brasiliens. Sie sagt, das Lagerprogramm sei 
„eine Segnung für die Mädchen. Ich finde es ganz toll!" 

„Während des Lagers sehen sich die Mädchen nicht als 
Mädchen aus verschiedenen Gemeinden", erklärt Schwe- 
ster Linhares. „Da bilden sie alle eine Gruppe. Und sie 
arbeiten nicht nur auf Ziele hin, sondern schließen auch 
feste Freundschaften mit anderen Mädchen aus der Kirche - 
und außerdem sind sie während des carnaväl nicht in der 



Stadt. Während der Karnevalswoche werden überall auf den 
Straßen Unanständigkeit und Unsittlichkeit zur Schau ge- 
tragen. Im letzten Jahr befanden sich etwa zwölftausend bra- 
silianische Mädchen und etwa vierzehntausend brasiliani- 
sche Jungen in sicherer Entfernung vom weltlichen Einfluß 
des carnaväl in ländlicher Umgebung im Lager. Dieses Jahr 
stand das Lagerprogramm in Brasilien zur Erinnerung an die 
Pionierzeit unter dem Motto „Jeder Schritt im Glauben". 

Die achtzehnjährige Fernanda Pereira Santos aus der 
Gemeinde Tijuca im Pfahl Andarai in Rio de Janeiro gehört 
zu den jungen Brasilianerinnen, die im Glauben wandeln 
möchten. 

Manchmal, wenn sie Einladungen zu Partys, von denen 
sie weiß, daß sie nicht den Maßstäben des Evangeliums ent- 
sprechen, freundlich ablehnt, sagen ihre Schulfreundinnen 
sarkastisch: „Ja, ja, wir wissen es ja - du bist eine kleine Hei- 
lige." Vor kurzem fand eine Party statt, und Fernanda meinte 
erst, sie könne dort ruhig hingehen. Aber der Rat ihrer Mut- 
ter und eine Lektion in der Sonntagsschule veranlaßten sie, 
darüber nachzudenken, ob sie das Risiko wirklich eingehen 
wollte. In der Lektion ging es unter anderem um Mosia 2:41, 
eine Schriftstelle, die auch in Fernandas Patriarchalischem 
Segen erwähnt ist: „Und weiter wünschte ich, ihr würdet 



NOVEMBER 1997 



39 



den gesegneten und glücklichen Zustand derjenigen be- 
trachten, die die Gebote Gottes halten. . . . Wenn sie bis 
ans Ende getreulich aushalten, werden sie in den Himmel 
aufgenommen." 

Fernanda erklärt, daß es ihr leichter fällt, nach dem 
Evangelium zu leben und gute Aktivitäten zu finden, weil 
sie sich beim Seminar am frühen Morgen mit ihren Freun- 
den treffen kann. Bisher war sie die einzige Heilige der 
Letzten Tage an ihrer Schule, aber vor kurzem hat sich 
noch ein junges Mädchen taufen lassen, das Fernanda mit 
dem Evangelium bekannt gemacht hatte, indem sie es zum 
Seminar einlud. 

Das Seminar begeistert die jungen Heiligen der Letzten 
Tage dafür, in der heiligen Schrift zu studieren, zu beten und 
sich zu bemühen, nach den Grundsätzen des Evangeliums 
zu leben. Außerdem trägt es dazu bei, sie gegen weltliches 
Streben zu wappnen. 

„Ich kenne keinen Jugendlichen, der zum Seminar geht 
und raucht und trinkt", meint Ana Christina Sampaio, die 
in Salvador am Seminarprogramm teilnimmt. „Auch ich 
versuche immer, mich davon fernzuhalten. Ich weiß, daß der 
himmlische Vater mein Beten erhört und mir hilft, so zu 
leben, wie es richtig ist." 

Sandro Quatel, der CES-Koordinator für die Region 



Salvador, erklärt, daß derzeit etwa 400 Seminarschüler ent- 
weder den regelmäßig stattfindenden Unterricht besuchen 
oder zu Hause lernen. Zum Institutsunterricht haben sich 
etwa 500 Teilnehmer eingeschrieben. 

Dazu gehören auch die fünf Kinder von Jonas und 
Raimunda Moraes: Jucarda, Jolenilda, Joicileide, Jonatä und 
Jeane. „Wir sind insgesamt sieben Personen", sagt Bruder 
Moraes, „und wir bereiten abwechselnd an sieben Tagen in 
der Woche den Familienabend vor." 

Bruder Moraes besitzt eine Autoreparaturwerkstatt und 
sorgt so für den Lebensunterhalt seiner Familie. Die Werk- 
statt befindet sich im Erdgeschoß des zweistöckigen Wohn- 
hauses, in dem die Familie wohnt, und ist nur wenige 
Schritte vom Bürgersteig entfernt. Mit im Haus wohnen 
auch die Haustiere der Familie Moraes - drei nur handteller- 
große Affen. 

Die Moraes sind aktive Mitglieder des Zweigs Säo 
Caetano im Pfahl Salvador-Nord und sparen für die Reise 
zum Tempel. „Die größeren Kinder helfen mit, indem sie 
von ihrem selbstverdienten Geld so viel wie möglich abge- 
ben", sagt Bruder Moraes. „Und wir achten immer darauf, 
wo wir sparen können." Unter anderem sparen sie dadurch, 
daß sie die fünf Kilometer von der Kirche nach Hause zu Fuß 
zurücklegen anstatt mit dem Bus. 





Oben links: Jonas Moraes mit seiner Frau, Raimunda, und den 
Töchtern Jucarda, Jolenida, Joicileide und Jeane und dem Sohn 
Jonatä. Bruder Moraes hat eine Reparaturwerkstatt (links). 
Oben rechts: Sandro Quatel mit seiner Frau, Luciane, und den 
Kindern Andre, Leandro und Daniela. Rechts: Fernanda Pereira Santos. 




DER STERN 
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Anderen Menschen helfen sie zur Kirche ein. Die Missionare besuchten sie, und nach 

Die brasilianischen Heiligen der Letzten Tage wissen, zwei Wochen ließ sie sich taufen, 
wie sie mit ihren Mitmenschen am besten über das Evange- Früher hat Maria für ihren Lebensunterhalt gesorgt, 

lium sprechen, und es sieht so aus, als ob viele Menschen indem sie für Mitglieder und Missionare Wäsche gewaschen 

nach der Wahrheit hungern. Daher ist es nichts Ungewöhn- hat. Doch heute leidet sie an der Parkinsonschen Krankheit 

liches, wenn Nachbarn eine Familie ansprechen, die zur und muß, wie sie sagt, von einer kleinen staatlichen Rente 

Kirche gehört, und fragen: „Wir haben gesehen, daß sich bei und der Hilfe ihrer Freunde leben. Sie schafft es nicht immer 

Ihnen etwas verändert hat, seit Sie sich der neuen Kirche allein zur Gemeinde Järdim Das Palmas, „doch dann nehmen 

angeschlossen haben. Sie haben etwas, was wir uns auch mich FHV-Schwestern im Auto mit. Ich mag die Kirchenlie- 

wünschen. Können Sie uns mehr darüber erzählen?" der sehr, und Beten gehört einfach zu meinem Leben dazu." 

Um die Menschen mit der Kirche bekanntzumachen, Maria, die in einem Land geboren wurde, das den hoch- 

hat der Pfahl Säo Paulo seinen 30. Geburtstag im Jahre 1996 sten Prozentsatz an Katholiken aufweist, erzählt, daß sie in 

mit einem Tag der Offenen Tür gefeiert. Hier sollte gezeigt ihrer vorigen Religion niemals aktiv war. „Doch mein Zeug- 

werden, was die Kirche für die Familie bietet. Die Besu- nis von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage 

eher konnten an FHV-, JD- und JM- sowie PV-Lektionen ist stark. Ich werde so lange die Versammlungen besuchen, 

teilnehmen; in der PV haben die Kinder der Besucher zum wie ich nur kann." 

Beispiel das Lied „Ich bin ein Kind von Gott" gelernt OzairRibeiro ist von Beruf Feuerwehrmann. Er ist Bischof 
und ein Bild gemalt, das sie mit nach Hause nehmen der Gemeinde Guaraituba im Pfahl Bacacheri in Curitiba. 
konnten. Nachdem er und seine Frau und noch eine Handvoll anderer 
' Norberto Carlos Lopes, der Pfahlmissionspräsident, ist sich 1990 der Kirche angeschlossen hatten, rief die Pfahlprä- 
ein dynamischer Mensch, der am Tag der Offenen Tür aller- sidentschaft für die kleine Gruppe von Heiligen der Letzten 
dings wegen einer Beinverletzung an Krücken gehen mußte. Tage eine Organisation in ihrer Heimatstadt ins Leben. Dar- 
Er sagt, an diesem Tag sei er unablässig von Raum zu Raum aus ist inzwischen eine Gemeinde entstanden, die schon ein- 
gehumpelt. 616 Besucher kamen zum Tag der Offenen Tür mal geteilt wurde und inzwischen wieder an ihre Grenzen 
und wurden mit der Kirche bekannt gemacht, und noch gestoßen ist. 1996 fanden jeden Sonntag durchschnittlich 
mehrere Wochen nachher hatten die Missionare pro Tag fünf bis acht Taufen statt. „Die ganze Gemeinde engagiert 
durchschnittlich eine Taufe zu verzeichnen. Bruder Lopes sich in der Missionsarbeit", sagt der Bischof. Alle zwei 
erzählt, daß die vielen Mitglieder, die Gäste mitgebracht Wochen führt er einen „Erntetag" durch, wo die Mitglieder 
oder bei der Veranstaltung geholfen hatten, ein gutes Bei- den Missionaren Empfehlungen übergeben, 
spiel für die Beharrlichkeit seien, mit der die Mitglieder in Diese Art der „Ernte" findet überall in Brasilien statt, 
Brasilien mit anderen Menschen über das Evangelium spre- selbst in den entlegensten Gebieten am Amazonas. Wenn 
chen. „Wir können einfach nicht aufhören, mit den Men- man den 6400 Kilometer langen Weg des Amazonas von 
sehen zu arbeiten", meint er, „denn man weiß ja nie, wann den Anden im Westen des Kontinents bis zum Atlantik im 
jemand für das Evangelium bereit ist." Osten auf der Landkarte verfolgt, so hat man das Gefühl, als 

Die größeren Städte wie Säo Paulo sehen in Brasilien trenne er Südamerika in zwei Teile. Der Strom, der an der 
auch nicht anders aus als überall auf der Welt. Dort gibt es Mündung 145 Kilometer breit ist, ist so tief, daß Hochsee- 
Bürotürme, Supermärkte, vornehme Einkaufszentren und schiffe ihn etwa eintausend Kilometer weit stromauf befah- 
Wohnhochhäuser. Nicht zu vergessen die dichtbevölkerten ren können. 
Slums, die es auch hier gibt und die favelas heißen. Der Strom ist für viele Menschen Lebensunterhalt, so 

Maria Leopoldina do Espirito Santo wohnt allein am auch für Bruder Honorato Bruce Rolim, einem Mitglied der 

Rand einer solchen favela in einer kleinen Hütte, die aus Zweigpräsidentschaft des Zweigs Itaporanga in der Klein- 

Pappkartons und überschüssigem Baumaterial besteht. Vor Stadt Itacoatiara am Amazonas. Bruder Rolim ist Fischer, 

einigen Jahren sah sie eine weitere Bewohnerin der favela Als er die Vollzeitmissionare zu sich nach Hause einlud und 

namens Lindy Now jeden Sonntag an ihrer Hütte vorüber- später die Aufforderung zur Taufe annahm, wurde er selbst 

gehen. Als Maria sie fragte, wo sie denn hinginge, lud Lindy im Netz des Evangeliums „gefangen". Seine Frau, Nilza, die 

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Honorato Bruce Rolim, Fischer am Amazonas, mit seiner 
Frau, Nilza, und den Gästen (von links nach rechts) 
Elisangela und Lidiane Ozaki Baptista sowie ihren 
Söhnen Honorato, Euciney und Helio. 



einer anderen Kirche angehörte, wollte einen solchen 
Schritt allerdings nicht wagen. 

„Meine Freunde warnten mich vor der Kirche Jesu 
Christi der Heiligen der Letzten Tage", erzählt sie. „Sie sag- 
ten mir, mein Mann werde in die Hölle kommen, wenn er 
sich der Kirche anschloß, und wenn ich es ihm nachtäte, 
würde es mir genauso ergehen." 

Doch Bruder Rolim hatte ein festes Zeugnis von der 
Wahrheit der Kirche, und er wollte gerne, daß seine Frau 
und die älteren Jungen sich auch taufen ließen. Deshalb ent- 
wickelte er einen Plan. In Itacoatiara gibt es nur relativ 
wenig motorisierte Fahrzeuge. Man sieht viele Pferdewagen, 
und die Vororte sind durch eine Buslinie verbunden. Außer- 
dem sieht man viele Fahrräder auf den holprigen, unfertigen 
Straßen fahren. Doch die meisten Leute gehen zu Fuß. Von 
den Rolims bis zur Kirche sind es genau 3,2 Kilometer. 

„Ich wußte genau, daß meine Frau sich niemals die Mühe 



machen würde, zur Kirche zu gehen, wenn sie das erste Mal 
zu Fuß dorthin gehen mußte", erklärt er. „Aber ich dachte, 
daß sie bestimmt den Geist spüren würde, wenn ich sie 
wenigstens einmal dazu brachte, in die Kirche zu gehen. 
Deshalb wollte ich für das erste Mal ein Taxi nehmen." Es 
dauerte mehr als drei Monate, bis er das Geld für das Taxi 
(sieben US-Dollar) zusammengespart hatte. 

Nilza war sehr beeindruckt von der Rücksichtnahme, die 
ihr Mann zeigte. „Als ich dann in der Kirche war, fühlte ich 
mich gleich zu Hause", erinnert sie sich. „Ich fühlte mich bei 
den Mitgliedern wohl. An diesem Vormittag habe ich mehr 
über das Evangelium gelernt als während der ganzen Zeit, 
die ich in meine Kirche gegangen war." Schon bald wurden 
sie und zwei Söhne, Helio (vierzehn Jahre alt) und Euciney 
(acht Jahre alt), getauft. Als Honorato, der dritte Sohn, alt 
genug war, ließ auch er sich taufen. 

Wie viele Heilige der Letzten Tage in Brasilien sprechen 
auch die Rolims gerne über ihr Zeugnis vom Evangelium und 
laden Freunde zu sich nach Hause ein, damit sie die Missio- 
nare kennenlernen. Ihre Bemühungen haben dazu geführt, 
daß sich mindestens fünfunddreißig Menschen taufen ließen. 

„Bruder und Schwester Rolim sind sozusagen typisch für 
brasilianische Heilige der Letzten Tage", meint Matthew 



DER STERN 

42 



Connelly, ein ehemaliger Missionar, der in Itacoatiara ge- 
dient hat. „Sie sind eifrig darauf bedacht, mit anderen 
Menschen über das Evangelium zu sprechen. Eine Familie 
aus der Kirche hat beispielsweise meinen Mitarbeiter und 
mich zu sich nach Hause eingeladen, damit wir einige 
Freunde von ihnen kennenlernten, die nicht zur Kirche 
gehören. Wir hatten so mit zwei, drei Leuten gerechnet, 
aber die Familie hatte mehr als zwanzig Leute eingeladen, 
mit denen wir sprechen sollten." 

Es ist auch ganz wichtig, daß die Mitglieder vor Ort mit- 
helfen, weil nur wenige Missionare für die Arbeit in Brasi- 
lien zur Verfügung stehen. Eider Archibald zählt Städte in 
der Größenordnung von fünfzig- bis zweihunderttausend 
Einwohner auf, wo noch nie ein Missionar gewesen ist. 
Brasilien ist so groß, daß es dort 85 Missionen geben könnte, 
wenn man einmal die Verhältniszahlen aus einigen anderen 
südamerikanischen Staaten auf Brasilien überträgt. Derzeit 
gibt es aber nur 23 Missionen. 

Woher sollen denn die zusätzlichen Missionare kommen, 
die in Brasilien gebraucht werden? 

Nach den Worten von Präsident Jerry F. Twitchell von 
der Missionarsschule in Säo Paulo erfüllen ungefähr drei 
Prozent der vierundvierzigtausend jungen Brasilianer im 
Missionarsalter derzeit eine Mission. Das Ziel ist, diese 



Quote zu verzehnfachen. Damit man dem Ansturm auch 
gewachsen ist, hat die Missionarsschule in diesem Jahr neue 
Räumlichkeiten bezogen. Während die alten Räumlich- 
keiten etwa zweitausend Missionaren im Jahr Platz boten, 
können in den neuen Räumen sechsmal so viele unterge- 
bracht werden. Was die Missionare dort lernen, läßt sich gut 
mit einem Bild veranschaulichen, das dem Präsidenten der 
Missionarsschule sehr ans Herz gewachsen ist. Es stammt 
von Walter Spät, dem ersten Pfahlpräsidenten in Brasilien, 
der vor fünfzig Jahren von Missionaren der Kirche im Evan- 
gelium unterwiesen und getauft wurde. (Siehe den Artikel 
„Walter Spät und der erste Pfahl in Südamerika", Der Stern, 
März 1991, Seite 32.) Das Gemälde zeigt von hinten die 
Unterschenkel von zwei Missionaren, die sich zum Beten 
niedergekniet haben und deren Schuhsohlen von der tägli- 
chen Arbeit durchgelaufen sind. 

Etwa vierzig Prozent der Missionare, die in Brasilien die- 
nen, sind Einheimische. Präsident Dolimar Fagundes Batista 
aus dem Pfahl Andaraf in Rio de Janeiro ist davon überzeugt, 
daß die Erfahrungen, die sie auf Mission sammeln, sie nach 
ihrer Rückkehr zu Führern werden lassen, nämlich zur 
zukünftigen Stärke der Kirche in ihrem Gebiet. Wo die 
Menschen sehr mobil sind, wird Führung häufig schwierig. 
Ungefähr viereinhalb Millionen Menschen wohnen im 



Unten, von oben nach unten: Seminarschüler am 
„Super-Samstag"; die Evangeliumslehreklasse in der 
Gemeinde Jardim Botanico. Rechts: Missionare in 
der Missionarsschule. 




Einzugsgebiet des Pfahles, über den Präsident Batista präsi- weiterhin mit Schwierigkeiten verbunden sein. Doch dieses 

diert. Darunter sind sehr reiche und sehr arme. Weil die Opfer betrachten viele Brasilianer eher als Segnung. Athos 

brasilianische Wirtschaft starken Schwankungen unterwor- M. DeAmorin, ein ehemaliger Tempelpräsident, erzählt von 

fen ist, müssen auch Mitglieder, die dem Mittelstand einem kleinen Jungen, der mit seiner Familie in den Tempel 

zuzurechnen sind, häufig umziehen, um Arbeit zu finden, kam, um gesiegelt zu werden. „Der Junge wurde vom Geist 

Doch dadurch kommt ein erfahrener Führer der Kirche angerührt, und er spürte, wie wichtig dieses Ereignis war. 

auch oft in Gegenden, wo er und seine Familie gebraucht Obwohl er nichts besaß, wollte er dem Herrn gerne ein 

werden. Der Herr könne überall dort Führer erwecken, wo Opfer bringen. Deshalb trat er auf den Tempelpräsidenten 

sie gebraucht würden, sagt Präsident Batista, weil es so viele zu, öffnete schüchtern die Hand und gab ihm einen Zahn, 

Mitglieder in Brasilien gibt, deren Herz und Sinn auf ewige den er gerade verloren hatte." 

Ideale gerichtet sind. Ernestina Conceicäo dos Santos aus der Gemeinde Curi- 

tiba 2 im Pfahl Curitiba ist 86 Jahre alt und sehr aktiv. Sie ist 
Die Ewigkeit steht im Mittelpunkt so gut wie bei jeder der regelmäßig stattfindenden Tempel- 
So wie die Mitglieder in Brasilien Fortschritt im Evange- fahrten ihres Pfahls dabei. „Ich bete die ganze Zeit zum 
lium machen, so entwickeln sie den drängenden Wunsch, in himmlischen Vater, daß er mir die Kraft geben möge, zum 
den Tempel zu gehen. Derzeit gibt es einen fertigen Tempel Temple zu fahren", erzählt sie. Als sie Mitte Siebzig war, 
in Brasilien, nämlich in Säo Paulo. Die Schlafräume der konnte sie die Fahrt einige Male nicht mitmachen, weil sie 
Missionarsschule dienen den auswärtigen Tempelbesu- sich das Bein gebrochen hatte. Doch sobald sie sich mit 
ehern, deren Besuche sorgsam in den Sessionsplan einbezo- Krücken wieder bewegen konnte, wollte sie wieder mitfah- 
gen werden, als Unterkunft. „Unser Terminbuch ist schon ren. „Mitglieder, die nicht oft in den Tempel gehen, verzieh' 
ein Jahr im voraus voll", erklärt Sergio Cardoso Munhoz, der ten auf einige der wichtigsten Segnungen im Zusammen' 
Registrar des Tempels. hang mit der Mitgliedschaft in der Kirche", meint sie. „Wir 
Der SäO'Paulo-Tempel wird so stark besucht, daß die können doch nichts Besseres tun, als solche Bündnisse mit 
Sessionen am Wochenende ohne Unterbrechung von Frei- dem Herrn zu schließen." 

tagmorgen bis Samstagnacht angesetzt werden. Jeder Pfahl Manchen Mitgliedern geben die Bündnisse im Tempel 

bekommt seine Tempelzeit zugeteilt, und dabei kann es Kraft für das Bestehen von Prüfungen, die sich sonst kaum 

schon vorkommen, daß diese Zeit Samstag um zwei Uhr ertragen ließen. Der sanfte Antonio Edison Berrocal ist für 

morgens beginnt. Autobahnprojekte des Staates zuständig. Er schloß sich 

Da das Land so groß ist, ist die Reise zum Tempel für viele 1988 der Kirche an und gehört zur Gemeinde Ahu im Pfahl 

Mitglieder eine schwierige Sache. Damit beispielsweise Bacacheri in Curitiba. Es dauerte einige Jahre, bis seine Frau 

Mitglieder aus Itacoatiara, wo das durchschnittliche bereit war, sich und die fünf Kinder taufen zu lassen. „Doch 

Monatseinkommen eines Erwachsenen zwischen 70 und dann", so erinnert sich Bruder Berrocal, „strömte das Evan- 

250 US-Dollar liegt, zum Tempel fahren können, muß der gelium in unser Blut, rann durch unsere Adern. Wir taten 

Pfahl einspringen und die Reise mit Boot und Bus bezu- alles, was das Evangelium verlangt." Doch auf der Fahrt zum 

Schüssen. Die 6400 Kilometer lange Fahrt dauert zwei Tempel hatten sie einen Autounfall, den nur Bruder Berro- 

Wochen; dazu kommt noch die Woche im Tempel. cal überlebte. Als er im Krankenhaus wieder zu sich kam, 

Glücklicherweise werden in Brasilien weitere Tempel hatte man seine Frau und seine Kinder bereits beerdigt, 
gebaut. Der Recife-Tempel, der etwa 1900 Kilometer nord- Inzwischen hat er sich im Tempel an seine Familie sie- 
östlich von Säo Paulo liegt, wird einem Dutzend oder mehr geln lassen. Sein sorgfältig gestutzter Bart verdeckt die 
Pfählen und Distrikten im Norden Brasiliens sowie angren- Narben, die er vom Unfall zurückbehalten hat. Doch die 
zenden Ländern zur Verfügung stehen. Außerdem wurde ewige Wahrheit hat verhindert, daß sein Geist Narben 
dieses Jahr schon der Bau eines dritten Tempels in Cam- zurückbehielt. „Ich weiß nicht, was mit mir geschehen wäre, 
pinas, nördlich von Säo Paulo, angekündigt. wenn ich das Evangelium Jesu Christi zu diesem Zeitpunkt 
Wenn man das Wachstum der Kirche in Brasilien be- nicht gehabt hätte. Das Wichtigste für mich ist jetzt, daß ich 
trachtet, wird die Reise zum Tempel für die Mitglieder auch rein und würdig bleibe, damit ich meine Familie für immer 

DER STERN 

44 



bei mir haben kann. Mein Herz ist von der Hoffnung des 
Evangeliums erfüllt." 

Dazu beitragen, daß Mitglieder geistig wieder 
lebendig werden 

Daß es demnächst drei Tempel in Brasilien gibt, ist ein 
deutliches Zeichen für die geistige Kraft der Mitglieder dort. 
Aber wie überall gibt es auch in Brasilien Mitglieder, die 
vom rechten Weg abkommen und Liebe und Freundschaft 
brauchen, um wieder in der Kirche aktiv zu werden. Auf 
Weisung des Kollegiums der Zwölf Apostel hat die Gebiet- 
spräsidentschaft Brasilien die Missionare aufgefordert, ein 
Drittel ihrer Zeit der Reaktivierung von Mitgliedern zu wid- 
men, die sich derzeit nicht aller Segnungen des Evangeliums 
erfreuen. Das Ziel dabei ist, die weniger aktiven Mitglieder 
auf den Weg zum Tempel zu führen. 

Priestertumsführer und Mitglieder arbeiten Hand in 
Hand mit den Missionaren, um dieses Ziel zu erreichen. 
Achilles Miquel de Oliveira, Hoher Rat im Pfahl Madureira 
in Rio de Janeiro, berichtet, daß die Priestertumskollegien 
in seinem Pfahl die weniger aktiven Mitglieder direkt 
ansprechen, um ihnen zu helfen. Sie besuchen die Brüder 
nicht nur, sondern unterweisen sie zu Hause im 
Evangelium und bieten ihnen die Teilnahme an 



Aktivitäten oder Aufgaben im Kollegium an, um sie stark zu 
machen. Sie fordern die Brüder auch auf, in der heiligen 
Schrift zu lesen und den Familienabend zu halten. Manch- 
mal werden weniger aktive Familien auch von anderen Mit- 
gliedern zum Familienabend eingeladen. Wie die Missionare 
wollen auch sie den weniger aktiven Mitgliedern den Weg 
zu den Segnungen des Tempels weisen. 

Manchmal sei viel Fingerspitzengefühl notwendig, um 
ein Mitglied, das weniger aktiv geworden ist, in die Kirche 
zurückzuführen, meint Präsident Mario Luiz de Souza da 
Silva, Erster Ratgeber in der Pfahlpräsidentschaft des Pfahls 
Madureira. Wenn der Betref- 
fende erst Umkehr üben 
muß, hat sich der Bischof 




Wie schön es ist, als Familie im Säo-Paulo- 
Tempel (oben) gesiegelt zu werden, 
spiegelt sich im Gesicht von Roberto Rocho 
Filho, seiner Frau, Silvana, und seinen 
Kindern Rafael und Andre wider. Baby Tiagoi 
liegt zufrieden im Arm seiner Mutter. 



in dieser Angelegenheit ganz „auf den Geist zu verlassen". Er 
erklärt: „Das , Medikament' muß genau richtig dosiert 
werden. Wenn man zuviel davon gibt, stirbt der Patient 
möglicherweise. Und wenn man zu wenig gibt, wird die 
Krankheit nicht geheilt. Es gibt nur einen einzigen Arzt, der 
einem sagen kann, wie das Medikament dosiert werden 
muß, und das ist der Herr." 

Wenn man dann miterlebt, wie jemand geistig wieder 
lebendig wird, so ist das der schönste Lohn für die Opfer, die 




zum Dienen gehören. Doch, so meint Präsident da Silva, 
jedes Opfer sei klein verglichen mit den Segnungen, die 
einem dafür zuteil werden. 

Diese Einstellung macht deutlich, was bei den Heiligen 
der Letzten Tage in Brasilien geschieht. Die Mitglieder 
geben das, was sie haben, um andere Menschen starkzuma- 
chen, und irgendwie wird dadurch gleichzeitig die ganze 
Kirche starkgemacht. 

Spencer Nagata aus Curitiba meint, das Evangelium be- 
wirke in seinem Land genau das, was Präsident James E. 
Faust, jetzt Zweiter Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft, 
einmal gesagt hat: Die Kirche sei nur deshalb so stark gewor- 
den wie jetzt, weil „Millionen demütiger Menschen, die 
nicht mehr als fünf Brote und zwei kleine Fische in den 
Dienst des Herrn einbringen können," treu ihre Aufgabe 
erfüllen. (Siehe Der Stern, Mai 1994, Seite 5.) Das gilt 
auch für Brasilien. Viele tausend Mitglieder arbeiten im 
Werk des Meisters und schaffen so eine starke, immer 
größer werdende Gemeinschaft von Mitgliedern. D 




Links: Fernando V. Vincente aus der Gemeinde 
Niteroi. Unten, von links nach rechts: Achilles 
Miquel de Oliveira jun. aus dem Zweig Aqua 
Branca; Ernestina Conceicäo des Santos aus der 
Gemeinde Curitiba. 





Das tun, von dem man weiß, daß es recht ist 



Milton Soares jun. und seine 
Frau, Irene, heißen Besucher 
in ihrem Haus, das sie in 
Recife gebaut haben, immer herzlich 
willkommen. Sie haben einen großen 
Teil ihres Lebens mit Aufbauen ver- 
bracht - dem Aufbau ihrer Familie und 
dem Aufbau der Kirche, die in Recife 
mit ihnen den Anfang genommen hat. 

Sie haben noch immer die erste 
Broschüre der Kirche, die sie damals 
bekommen haben, nämlich die Ge- 
schichte von Joseph Smith. Innen 
sieht man noch die Zeichnung eines 
Missionars, der darstellen wollte, daß 
die Kirche auf den Aposteln aufbaut. 
Ein weiteres von der Kirche heraus- 
gegebene Buch, dem man ansieht, daß 
viel darin gelesen wurde, enthält per- 
sönliche Zeilen der Missionare, die 
Milton Soares unterwiesen haben. Er 
war der erste, der in dieser Evange- 
liumszeit in Recife getauft wurde, und 
zwar am 15. Mai 1960. Seine Frau und 
seine Kinder ließen sich drei Wochen 
später taufen. 

Irene Soares war erst skeptisch, als 
ihr Mann anfing, sich mit dem Evange- 
lium zu beschäftigen. Doch weil sie 
wußte, daß er ein guter Mensch ist, 
überlegte sie sich, daß das 
Evangelium bestimmt 
richtig sein mußte, wenn 
er es annehmen konnte. 
Als Präsident Joseph Fiel- 
ding Smith vom Kolle- 
gium der Zwölf Apostel 
zusammen mit Eider A. 
Theodore Tuttle von den Siebzigern 
nach Recife kam, empfing sie selbst ein 
starkes Zeugnis von der Wahrheit. „Ich 
wußte im Herzen, daß alles, was man 
uns erklärt hatte, wahr ist und daß [Prä- 
sident Smith] ein Prophet war", erinnert 
sie sich. 



Anfangs, als ihre Angehörigen frag- 
ten, warum sie sich denn dieser unbe- 
kannten Kirche anschließen wollten, 
konnten Milton und Irene Soares nur 
ihren Glauben ins Feld führen. Die 
Einstellung der Angehörigen von Bru- 
der Soares hat sich im Laufe der Zeit 
geändert, die Einstellung der Eltern 
und Geschwister seiner Frau leider 
nicht. Aber die Wahrheit, die sie ge- 
funden hatte, konnte sie trotzdem 
nicht aufgeben. 



Als der kleine Zweig in ein anderes 
Gemeindehaus umzog, baute Bruder 
Soares das Taufbecken, und seine Frau 
sorgte für die Taufkleidung. 

Wie viele andere Brasilianer, die 
sich der Kirche anschlössen, als diese 
gerade Fuß in ihrem Land gefaßt hat- 
te, säten auch sie den Samen der Evan- 
geliumswahrheit in ihrer Familie. Und 
wie in vielen anderen brasilianischen 
Familien hat ihr Beispiel in den nach- 
folgenden Generationen reiche Frucht 




Milton Soares jun. und seine Frau, Irene, zwei Pioniere der Kirche in 
Brasilien. Dieses abgenutzte Buch der Kirche (unten) 
enthält persönliche Zeilen der Vollzeitmissionare, die die 
beiden im Evangelium unterwiesen haben. 



gebracht. Irajä, ihr ältester Sohn, ist 
ein gutes Beispiel dafür. Er wurde als 
Jugendlicher getauft und entdeckte 
schnell, wieviel Freude es macht, mit 
den Missionaren zusammenzuarbei- 
ten. 1966 wurde er als erster Brasilia- 
ner auf eine Vollzeitmission ins Aus- 
land berufen (er diente in Chile). 
Heute ist er Gebietsautorität und 
Siebziger. D 




Schwester Soa- 
res lacht, wenn sie 
daran zurückdenkt, daß 
sie „schon gerade eine Woche nach der 
Taufe" als altes Mitglied angesehen 
wurde. Sie wollte jeden kennenlernen 
und mit allen Freundschaft schließen. 
Das erste Opfer, das sie für die Kirche 
brachte, bestand im Nähen von 
Tüchern für den Abendmahlstisch. 



NOVEMBER 1997 



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Mit der Kirche wachsen 



Mathilde Felber schloß sich der 
Kirche Jesu Christi der Hei- 
ligen der Letzten Tage zu 
einer Zeit an, als diese gerade in ihrer 
Heimat Wurzeln faßte, und sie wuchs 
mit ihr. 

Ursprünglich wirkten die Missio- 
nare in Brasilien unter deutschsprachi- 
gen Mitgliedern, die sich im Süden 
des Landes niedergelassen hatten. 
Mathilde Felber entstammt einer 
deutschsprachigen Familie aus der 
Schweiz. Sie lernte die Missionare 
1938 kennen, als sie erst zehn Jahre alt 
war. Doch es dauerte dann noch drei 
Jahre, bis ihr Vater es gestattete, daß 
seine Frau und seine Töchter sich 
taufen ließen. 

Während der Zeit, als Mathilde Fel- 
ber Untersucherin und junges Mitglied 
war, waren oft nordamerikanische Mis- 
sionare bei ihren Eltern zu Gast. Dazu 
gehörten auch die jungen Missionare 
James E. Faust und Wm. Grant Banger- 
ter, außerdem noch viele weitere, an 



deren Namen sie sich noch erinnert, 
wenn sie in ihren Fotoalben blättert. 

Der Mann, den Mathilde Felber hei- 
ratete, hieß Enos de Castro Deus. Er ging 
fünf Jahre mit zur Kirche, beschäftigte 
sich gründlich mit der Lehre und half 
sogar im Zweig mit, wenn er darum gebe- 
ten wurde. 1952 ließ er sich schließlich 
taufen. Er wollte nicht ohne den festen 
Vorsatz, der Kirche das ganze Leben lang 
verpflichtet zu bleiben, Mitglied wer- 
den. Und er wollte auch sicher sein, daß 
er die Wahrheit gefunden hatte. 

Gemeinsam halfen Enos und Ma- 
thilde de Castro Deus drei Generatio- 
nen lang mit, die Kirche in Curitiba zu 
stärken. Mathilde hatte in jeder Hilfs- 
organisation der Kirche Führungsauf- 
gaben inne; sie war unter anderem 
siebzehn Jahre lang in der FHV-Lei- 
tung sowie in Berufungen auf Missions- 
und Pfahlebene tätig. Ihr Mann war 
viermal Zweigpräsident, zweimal Bi- 
schof, einmal Distriktspräsident und 
außerdem Ratgeber in Zweig-, Missi- 



ons- und Pfahlpräsidentschaft. Darüber 
hinaus war er in die Bauplanung des 
ersten Gebäudes der Kirche in Curitiba 
einbezogen, und das zu einer Zeit, als 
die Kirche dort größtenteils noch un- 
bekannt war. Bruder de Castro Deus ist 
Ende letzten Jahres gestorben. 

„Anfangs ist die Kirche nur langsam 
gewachsen", erzählt Schwester de Ca- 
stro Deus. „Es war gar nicht so einfach, 
hier Menschen zu taufen." Doch inzwi- 
schen zeigt sich die Frucht des Evange- 
liums bei den vielen Mitgliedern, die 
durch ihr Vorbild Missionsarbeit lei- 
sten. Heute ist es längst nicht mehr so 
schwer, mit Menschen über das Evan- 
gelium zu sprechen. 

Mathilde de Castro Deus lächelt, 
wenn sie daran zurückdenkt, wie ihre 
Schwiegertochter eines Morgens eine 
Nachbarin über den Zaun schauen sah. 
Die Nachbarin entschuldigte sich für 
ihre Neugier und meinte: „Ich finde es 
einfach zu schön, wie Ihre Familie 
gemeinsam zur Kirche geht." D 




Mathilde Felber de 
Castro Deus und 
ihr Mann, Enos, 
schauen sich Fotos 
von Missionaren an, 
die in Brasilien 
auf Mission waren, 
als sie noch ein 
Mädchen war. 



DER STERN 



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Everett Clarke Thorpe (1907-1984), ein Künstler aus Utah, hat eine Serie von Wandgemälden mit Szenen aus dem Pionierleben 
der Heiligen der Letzten Tage geschaffen. Das hier abgebildete Gemälde (Ol auf Leinwand, 300 x 150 cm) befindet sich im Gemeindehaus 

der Gemeinde Logan 1 im Pfahl Logan in Utah. 




4 



fanaz 



zona s 



Itacoatiara 




BRASILIEN 



SALVADOR 




Die Kirche in 
Brasilien 

Bevölkerung: 160 Millionen 

Mitglieder der Kirche: 601000 

Pfähle: 150 

Missionen: 23 

Distrikte: 43 

Tempel: Ein fertiggestellter (Säo Paulo), 

ein im Bau befindlicher (Recife), 

ein angekündigter (Campinas) 



RIO DE JANEIRO 
Campinas \ 



KAO PAULO 
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Die jungen Seminar- und Instituts- 
schüler (oben und links), deren Ziel 
die heiligen Bündnisse im Tempel sind, 
leben nach der brasilianischen Gruß- 
formel tudo bem — alles Gute. Siehe 
,,Tudo Bem in Brasilien'' auf Seite 34. 



GERMAN 97991 150