(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Der Stern"

0*> 




PS 




Cd 

- 
o 



W 

H 

Z 
y 
H 
N 
H 
W 
_ 



W 



y 

o 





PI 



cd 
w 

Q 
H 

CR 

>— < 

cd 




Q 



CR 

y 

y 



cd 



cd 

y 

z 



o 
cd 

33 



in 










.... ..r&J 










NOVEMBER 1 999 






UMSCHLAGBILD 

Vorne: „Kinder kommen heil, schuldlos und rein in diese 
Welt", schreibt Eider Jay E. Jensen von den Siebzigern. „Uns 
ist geboten worden, so zu werden wie sie." Siehe „Kleine 
Kinder und das Evangelium", Seite 14. Hinten: Christus und 
die Kinder aus dem Buch Mormon, Gemälde von Del Parson. 

UMSCHLAGBILD KINDERSTERN 

Foto von Craig Dimond 



MAGAZIN 

2 BOTSCHAFT VON DER ERSTEN PRÄSIDENTSCHAFT: SICHER DAS MEER DES 
LEBENS BEFAHREN PRÄSIDENT THOMAS S. MONSON 

8 STIMMEN VON HEILIGEN DER LETZTEN TAGE: EIN GOTT DER WUNDER 

1 2 WORTE DES LEBENDEN PROPHETEN 

1 4 KLEINE KINDER UND DAS EVANGELIUM ELDER JAY E. JENSEN 

25 BESUCHSLEHRBOTSCHAFT: IN NÄCHSTENLIEBE GEKLEIDET 

32 ARGENTINIENS HELLER, FROHER TAG JUDY C. OLSEN 

42 WAS IST MIT ENTHALTSAMKEIT? ROBERT LAYTON 




SIEHE SEITE 32 



FÜR JUNGE LEUTE 

26 ICH HABE EINE FRAGE: WOHER WEISS ICH, 
OB MIR VERGEBEN WORDEN IST? 

29 DIE WICHTIGERE LEKTION ERIKA DEHART 

30 „ICH VERSPRECHE IHNEN" LANNA J. CARTER 
44 DIE ERSTE, DIE HILFT RICHARD M. ROMNEY 
48 DER LOHN DES LERNENS DARRIN LYTHGOE 



KINDERSTERN 

2 VON FREUND ZU FREUND: PRÄSIDENT JAMES E. FAUST 

4 DAS MITEINANDER: SIEH DEN SEGEN SYDNEY S. REYNOLDS 

6 ERZÄHLUNG: WER HAT MEIN GEBET NÖTIG? JANENE DYKSTRA 

8 FÜR UNSERE KLEINEN FREUNDE: WIR KÖNNEN ZUM HIMMLISCHEN 
VATER BETEN JEANNE ELLERBECK 

1 NIE ALLEIN ANN MICHELLE NIELSEN 

1 3 SICH BEDANKEN ELDER HUGH W. PINNOCK 

14 DAS SCHATZKÄSTCHEN VIVIAN PAULSEN 

1 6 VERSUCHEN, WIE JESUS ZU SEIN: „STOP!" BARBARA JEAN JONES 




SIEHE KINDERSTERN, 
SEITE 2 





SIEHE SEITE 14 



SIEHE SEITE 2 



NOVEMBER 1 999 1 25. Jahrgang Nummer 1 1 
DER STERN 99991 150 

Offizielle deutschsprachige Veröffentlichung der Kirche 
Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage 

Die Erste Präsidentschaft: 

Gordon B. Hinckley, Thomas S. Monson, James E. Faust 

Das Kollegium der Zwölf: 

Boyd K. Packer, L. Tom Perry, David B. Haight, 

Neal A. Maxwell, Russell M. Nelson, Dallin H. Oaks, 

M. Russell Ballard, Joseph B. Wirthlin, Richard G. Scott, 

Robert D. Haies, Jeffrey R. Holland, Henry B. Eyring 

Chefredakteur: Marlin K. Jensen 

Redaktionsleitung: Jay E. Jensen, John M. Madsen 

Abteilung Lehrplan: 

Geschäftsführender Direktor: Ronald L. Knighton 

Direktor Planung und Redaktion: Richard M. Romney 

Direktor Künstlerische Gestaltung: Allan R. Loyborg 

Redaktion: 

Geschäfeführender Redakteur: Marvin K. Gardner 

Assist. Gescbäftsführender Redakteur: R. Val Johnson 

Redakteur: Roger Terry 

Co-Redakteurin: Jenifer Greenwood 

Koordinatorin Redaktion/Produktion: Beth Dayley 

Assistentin Veröffentlichungen: Konnie Shakespear 

Redafcf/onsassisfentin: Peter B. Gardner 

Gestaltung: 

Manager Graphische Gestaltung: M. M. Kawasaki 

Direktor Künsterische Gestaltung: Scott Van Kampen 

Layout: Sharri Cook 

Designer: Thomas S. Child, Tadd R. Peterson 

Manager Produktion: Jane Ann Peters 

Produktion: Reginald J. Christensen, Kari A. Couch, 

Thomas S. Groberg, Denise Kirby, Jason L. Mumford, 

Deena L. Sorenson 

Digitale Prepress: Jeff Martin 

Abonnements: 

Direktor: Kay W. Briggs 

Manager Versand: Kris Christensen 

Manager: Joyce Hansen 

Verantwortlich für Lokalteil: 

Beatrice Kopp-Blaser 

Hauptstr. 41 , CH-4566 Kriegstetten, Schweiz 

Tel.: (Schweiz)-(O) 32-6753334 

Vertrieb: 

Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage 

Industriestr. 21, D-61381 Friedrichsdorf 

Leserservice: 

Tel.: (06172) 7103-23; Fax: (06172) 7103-44 

Jahresabonnement: 

DEM 21,00; ATS 147,00; CHF 21,00 

Bezahlung erfolgt an die Gemeinde bzw. den Zweig 

oder auf eines der folgenden Konten: 

D Commerzbank Frankfurt, 

Konto-Nr. 588645200, BLZ 500 400 00 

A Erste Österreichische Spar-Casse-Bank 

Konto-Nr. 004-52602 

CH Schweizerischer Bankverein, Birsfelden, 

Konto-Nr. 30-301,363.0 

Adressenänderung bitte einen Monat im voraus melden 

Manuskripte und Anfragen: International Magazines, 
50 East North Temple, Salt Lake City, UT 
84150-3223, USA; or e-mail to CUR-Liahona- 
IMag@ldschurch.org 

Die Internationale Zeitschrift der Kirche, deutsch Der 
Stern, erscheint auf albanisch, bulgarisch, cebuano, 
chinesisch, dänisch, deutsch, englisch, estnisch, fidschi, 
finnisch, französisch, japanisch, kiribati, koreanisch, 
lettisch, litauisch, norwegisch, polnisch, portugiesisch, 
rumänisch, russisch, samoanisch, spanisch, schwedisch, 
tagalog, tahitisch, thai, tongaisch, tschechisch, 
ungarisch, ukrainisch und vietnamesisch. (Erscheinen 
variert nach Sprache.) 

© 1999 by Intellectual Reserve, Inc. All rights reserved. 
Printed in the United States of America. 

For Readers in the United States and Canada: 

November 1999 vol. 125 no. 1 1 . DER STERN (ISSN 
1 044-338X) is published monthly by The Church of Jesus 
Christ of Latter-day Saints, 50 East North Temple, Salt Lake 
City, UT 84>50. USA subscription price is $10.00 per 
year; Canada, $15.50 plus applicable taxes. Periodicals 
Postage Paid at Salt Lake City, Utah. Sixty days' notice 
required for change of address. Include address label from 
a recent issue; old and new address must be included. 
Send USA and Canadian subscriptions and queries to Salt 
Lake Distribution Center at address below. Subscription 
help line: 1-800-537-5971. Credit card Orders (Visa, 
MasterCard, American Express) may be taken by phone. 

POSTMASTER: Send address changes to Salt Lake 
Distribution Center, Church Magazines, PO Box 26368, 
Salt Lake City, UT 84126-0368. 



LESERBRIEFE 







DANKBAR FÜR DIE 

ARTIKEL ZU DEN ZEHN GEBOTEN 

Ich möchte Ihnen für die wundervolle 
Artikelserie zu den Zehn Geboten danken, 
die 1998 erschienen ist. Jeder Artikel hat 
mich tief bewegt, mich das betreffende 
Gebot besser verstehen lassen und mir 
gezeigt, wie tief und umfassend die im 
Evangelium enthaltenen Weisheiten sind. 
Ich bin dankbar dafür, daß die Verfasser der 
verschiedenen Artikel bereit sind, uns an 
ihrem Wissen teilhaben zu lassen. Sie 
helfen uns allen, an Weisheit und 
Erkenntnis zuzunehmen. 

Esther Hofbauer, 
Gemeinde Wien 3, 
Pfahl Wien, Österreich 

TIEFGRÜNDIG UND WUNDERVOLL 

Wir gehören seit dem 10. Januar 1975 
zur Kirche und waren die erste Familie, die 
sich im Zweig Syrakus taufen ließ. 

Von 1975 bis heute hat uns unter 
anderem La Stella (italienisch) geholfen, 
mehr über Gott Vater, Jesus Christus, den 
Heiligen Geist, die Kirche und den Plan 
des Glücklichseins zu erfahren. Seit den 
ersten Ausgaben, die nur wenige Seiten 
sowie ein paar Fotos und Zeichnungen 
umfaßten, ist La Stella im Laufe der Zeit 
immer größer, dicker und spannender und 
dadurch auch schöner und interessanter 
geworden. 

Eines ist sicher: La Stella ist heute noch 
genauso tiefgründig und wundervoll wie 
damals - ob die Artikel nun von Propheten 
und Aposteln oder von Mitgliedern überall 
auf der Welt geschrieben wurden. La Stella 
bleibt für immer eine Quelle des Lernens, 
des Studierens, der Nachdenkens, der 
Inspiration und der Offenbarung. 



Wir sind der Ersten Präsidentschaft, 
dem Kollegium der Zwölf Apostel und den 
Mitarbeitern für diese inspirierende 
Zeitung sehr dankbar. 

Roberto und Giovanna Marino, 
Zweig Syrakus 1 , 
Distrikt Catania, Italien 

EIN ABONNEMENT IST 
DAS SCHÖNSTE GESCHENK 

Immer wenn ich Gelegenheit habe, im 
Liahona (spanisch) zu lesen, schlage ich die 
Botschaft von der Ersten Präsidentschaft 
auf. Wie gesegnet sind wir doch, daß wir 
diese Worte der Weisheit unseres Propheten 
lesen dürfen. Diese Artikel haben mir schon 
sehr geholfen, und ich habe sie beim 
Familienabend in die Tat umgesetzt. Wir 
erfreuen uns an dem Geist, den sie uns 
vermitteln, und an dem Glück, das wir in 
der Gewißheit empfinden, Zugang zu den 
Segnungen des Himmels zu haben. 

Das schönste Geschenk, das ich 
meinen Freunden machen kann, ist ein 
Abonnement der Zeitschrift der Kirche, 
damit Jesus Christus auch ihnen helfen 
kann und sie sich mehr Wissen über ihn 
aneignen. 

Angie Herreria, 

Gemeinde Flor de Bastion, 

Pfahl Pascuales, Guayaquil, Ecuador 

DIE ARTIKEL BESTÄTIGEN DEN GLAUBEN 

Vielen Dank für den Liahona (englisch) . 
Wenn die Zeitschrift der Kirche kommt, 
muß alles andere warten. Die darin enthal- 
tenen Artikel sind informativ, erbaulich 
und wissensfördernd; sie bestätigen meinen 
Glauben. Ich warte schon immer gespannt 
auf jede neue Ausgabe. Das ist wenigstens 
etwas, woran ich glauben kann. 

Freier D. Tavas, 

Gemeinde Damortis, 

Pfahl San Fabian, Philippinen 



NOVEMBER 1999 









v\ 




Vi 

ti LI 



NS, 




N 



'/. 



r 




-- >N ^ 




-"■•"" \ 



wmm 



v • 






^^•v V 






!'•■*- 





BOTSCHAFT VON DER ERSTEN PRÄSIDENTSCHAFT 



SICHER DAS 

MEER DES LEBENS 

BEFAHREN 




Präsident Thomas S. Monson 

Erster Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft 

m 14. Februar 1939 feierten die Amerikaner den Valentinstag. 
Die Postboten brachten versiegelte Umschläge, und kleine 
Kinder legten bei lieben Freunden zusammengefaltete 
Papierbogen, die Bilder in leuchtenden Farben enthielten, auf die 
Eingangstreppe. Jeder Umschlag, jedes Blatt Papier enthielt einen Gruß - einen 
Gruß voller Liebe. Denn schließlich ist der Valentinstag ja der Tag der Liebe. 

Weit entfernt von den Gestaden Amerikas, nämlich in Hamburg, wurde 
ebenfalls ein Feiertag begangen. Hier war die Stimmung jedoch düsterer. Unter 
flammenden Reden und dem Jubel der Menge rasselte das neue Schlachtschiff 
Bismarck zu den Klängen der Nationalhymne hinunter in die Elbe. Dieses 
größte aller damaligen Kriegsschiffe brachte keine Botschaft der Liebe. Die 
Bismarck starrte vielmehr von Kriegswaffen. 

Der Koloß war ein atemberaubendes Monstrum aus Waffen und 
Maschinen. Für den Bau hatte man mehr als 75.000 Pläne für die radarge- 
steuerten Dreiergeschütztürme mit ihren 406-Millimeter-Rohren gebraucht. Die 

NOVEMBER 1999 




Der Leuchtturm des Herrn ist 
für uns alle sichtbar, 
während wir das Meer des 
Lebens befahren. Unser 
Heimathafen ist das cele- 
stiale Reich Gottes. Es ist 
unser Ziel, in diese Richtung 
zu steuern und nicht vom 
Kurs abzukommen. 



Stromleitungen des Schiffs hatten insgesamt einen Länge 
von 45.000 Kilometern, und 35.000 Tonnen Panzerplatten 
gaben ihm ein Maximum an Sicherheit. Majestätisch im 
Aussehen, gigantisch in der Größe, furchterregend in der 
Feuerkraft - die Bismarck galt als unsinkbar. 

Der Schicksalstag der Bismarck brach gut zwei Jahre 
später an, als nämlich die zwei größten Kriegsschiffe 

„Früh am Morgen . . . stand der König auf und ging in 
Eile zur Löwengrube. Als er sich der Grube näherte, 
rief er mit schmerzlicher Stimme nach Daniel: ... 
Daniel, du Diener des lebendigen Gottes! Hat dein 
Gott, dem du so unablässig dienst, dich vor den 
Löwen erretten können?" 




der englischen Marine, die Prince of Wales und 
die Hood, am 24. Mai 1941 die Bismarck und den 
deutschen Kreuzer Prinz Eugen in ein Gefecht 
verwickelten. Innerhalb von vier Minuten ließ die 
Bismarck die Hood mit ihrer Besatzung von 1419 
Mann - außer drei Überlebenden - in den Tiefen des 
Atlantik versinken. Das andere britische Kriegsschiff, 
die Prince of Wales, wurde schwer beschädigt und 
drehte ab. 

Drei Tage später wurde die Bismarck erneut ange- 
griffen, diesmal von vier britischen Kriegsschiffen. 
Insgesamt hatten die Briten acht Kriegsschiffe, zwei 
Flugzeugträger, elf Kreuzer und einundzwanzig Zerstörer 
eingesetzt, um die imposante Bismarck aufzuspüren und 
zu versenken. 

Eine Granate folgte der anderen, 
aber der Schaden blieb gering. Sollte 
die Bismarck wirklich unsinkbar sein? 
Da landete ein Torpedo einen 
Glücks treffe r, der das Steuerruder der 
Bismarck unbeweglich machte. Die 
Reparatur gelang nicht. Mit ihren 
zündfertigen Geschützen und ihrer 
kampfbereiten Mannschaft konnte die 
Bismarck nur langsam und erhaben 
einen kreisförmigen Kurs steuern. Die 
mächtige deutsche Luftwaffe war zu 
weit entfernt, um helfen zu können, 
und der sichere Heimathafen schon 
ganz nahe. Aber nichts konnte ihr 
die sichere Zuflucht ermöglichen, denn 
die Bismarck war manövrierunfähig 
geworden. Kein Steuerruder, keine 
Hilfe, kein Hafen. Das Ende nahte. Die 
britischen Geschütze flammten auf, 
während die deutsche Mannschaft 
daran ging, das einst so stolze Schiff zu 
versenken. Die hungrigen Wellen des 
Atlantik schlugen erst über die Seiten 
und verschlangen dann den Stolz der 
deutschen Marine. Die Bismarck war 
dahin. 1 

Ebenso wie die Bismarck ist auch 
jeder Mensch ein Wunderwerk der 
Technik. Unsere Erschaffung war jedoch 



nicht den Grenzen der menschlichen Schöpferkraft 
unterworfen. Der Mensch vermag zwar die komplizierte- 
sten Maschinen zu entwickeln, aber er kann ihnen kein 
Leben einhauchen und ihnen auch keine Vernunft und 
keine Urteilskraft verleihen. Und warum nicht? Weil dies 
Gaben von Gott sind, die nur nach Gottes Ermessen 
verliehen werden. Unser Schöpfer hat uns mit einem 
Kreislaufsystem ausgestattet, um alle Blutbahnen ständig 
sauber und funktionsfähig zu halten, mit einem 
Verdauungstrakt, der Stärke und Kraft bewahren soll, und 
einem Nervensystem, das alle Teile miteinander in 
Verbindung hält und koordiniert. Gott hat dem 
Menschen das Leben geschenkt und damit die Fähigkeit, 
zu denken, zu beurteilen, zu entscheiden und zu lieben. 

Ähnlich dem unerläßlichen Steuerruder eines Schiffes 
haben auch wir etwas erhalten, womit wir die Richtung 
bestimmen können, die wir einschlagen wollen. Der 
Leuchtturm des Herrn ist für uns alle sichtbar, während 
wir das Meer des Lebens befahren. Unser Heimathafen ist 
das celestiale Reich Gottes. Es ist unser Ziel, in diese 
Richtung zu steuern und nicht vom Kurs abzukommen. 
Ein Mensch ohne Ziel ist wie ein Schiff ohne Ruder - der 
Heimathafen bleibt immer ein Wunschtraum. Uns wird 
signalisiert: Legt euren Kurs fest, setzt die Segel, stellt das 
Ruder ein und stecht in See! 

Mit dem Menschen verhält es sich wie mit einem 
Schiff. Der Schub der Turbinen, die Kraft der 
Schiffsschrauben sind wertlos ohne das Streben in eine 
Richtung, ohne den gezielten Einsatz der Energie, ohne 
die Ausrichtung der Kraft, die vom Ruder ausgeht, das 
zwar nicht sichtbar und verhältnismäßig klein ist, aber 
dennoch in seiner Funktion unverzichtbar. 

Der himmlische Vater hat die Sonne, den Mond und 
die Sterne an ihren Platz gestellt - Galaxien, die dem 
Seemann auf den Straßen des Meeres zur Orientierung 
dienen. Und an alle, die auf den Straßen des Lebens 
wandeln, richtet er die Warnung: Hütet euch vor 
Umwegen und Fallgruben. Die Verlockungen zur Sünde 
hier und dort sind raffiniert plaziert. Laßt euch nicht 
täuschen. Haltet inne, um ein Gebet zu sprechen. Hört 
auf die leise, feine Stimme 2 , die uns die liebevolle 
Einladung des Herrn tief in die Seele dringen läßt: 
„Komm und folge mir nach!" 3 So wenden wir uns ab von 
der Vernichtung, ab vom Tod. So finden wir Glück und 
immerwährendes Leben. 



Trotzdem gibt es einige, die nicht hinhören und nicht 
gehorchen. Sie hören auf andere Trommelschläge. Zu 
dieser Gruppe gehörte auch ein Sohn Adams und Evas, 
nämlich Kain - ein Name, der bei den Menschen wohlbe- 
kannt ist. Er besaß großes Potential, war aber willens- 
schwach und machte sich durch Habgier, Neid und 
Ungehorsam und sogar Mord manövrierunfähig, so daß er 
den Weg zu Sicherheit und Erhöhung nicht finden konnte. 
Er senkte den Blick, anstatt emporzuschauen. So fiel Kain. 4 

Weniger bekannt, aber umso typischer für unsere Zeit 
ist Kardinal Wolsey. William Shakespeare hat mit 
beredten Worten geschildert, wie er zum höchsten Gipfel 
der Macht aufstieg. Er hat aber auch geschildert, wie die 
Prinzipientreue des Kardinals durch eitlen Ehrgeiz, 
Zweckdenken und Streben nach Anerkennung unter- 
höhlt wurde. Dann folgte der tragische Niedergang, die 
schmerzliche Klage dessen, der alles gewonnen und dann 
wieder verloren hatte. Shakespeares eindrucksvolle 
Worte kommen heiliger Schrift nahe. 

Zu Cromwell, seinem treuen Gefolgsmann, spricht 
Kardinal Wolsey: 

Wenn ich vergessen bin - und das ist bald - 
Und schlaf im stummen kalten Stein, wo niemand 
Mich nennen wird, dann sag, ich lehrt es dich - 
Sag, Wolsey, der einst ging auf Ruhmes Pfad, 
Der Ehre Bank und Klippen all erkundet, 
Fand dir den Weg . . . 
Den wahren, sichern, den er selbst verlor. 
Denk nur an meinen Fall und was mich stürzte! . . . 
Wirf Eifersucht von dir! 
Die Sünde hat die Engel selbst betört, 
Wie frommte sie dem Menschen, Gottes Bild? 
Flieh Eigenliebe, segne selbst die Feinde . . . 
Mach ein Verzeichnis dort all meines Gutes, 
Bis auf den letzten Pfennig: es ist des Königs. 
Mein Priesterkleid und mein aufrichtig Herz 
Vor Gott, mehr blieb mir nicht. O Cromwell, Cromwell, 
Hätt ich nur Gott gedient mit halb dem Eifer, 
den ich dem König weiht', er gäbe nicht im Alter nackt 
mich meinen Feinden preis! 5 

Das himmlische Ruder, das ihn zuverlässig in 
Sicherheit gebracht hätte, wurde durch das Streben nach 
Macht und Stellung unbeweglich. Kardinal Wolsey fiel, 



NOVEMBER 
5 



19 9 9 



wie viele vor ihm gefallen sind und noch viele weitere 
fallen werden. 

Zu einem noch früheren Zeitpunkt wurde ein 
Gottesknecht durch einen schlechten König auf die Probe 
gestellt. Durch Inspiration vom Himmel deutete Daniel, 
ein Sohn Davids, dem König die Schrift an der Wand. Den 
ihm angebotenen Lohn - einen Königsmantel und eine 
goldene Kette -, wies er mit den Worten zurück: „Behalte 
deine Gaben, oder schenk sie einem andern!" 6 

Meine Aufmerksamkeit wurde fast instinktiv auf 
die Ostseite des Gemeindehauses gelenkt, wo die 
Morgensonne auf eine Schwester schien, die allein 
in der vordersten Reihe saß. 




König Darius, Belschazzars Nachfolger, hielt Daniel 
ebenfalls in Ehren. Er übertrug ihm die Stellung als höch- 
ster Beamter im Reich. Das zog den Neid des Volkes 
nach sich, ebenso die Eifersucht von Fürsten und die 
Ränke ehrgeiziger Männer. 

Durch betrügerische Machenschaften und durch 
Schmeichelei brachten sie König Darius dazu, daß er einen 
Erlaß unterschrieb, der besagte, daß jeder, der an irgend- 
einen Gott oder Menschen außer dem König eine Bitte 
richtete, in die Löwengrube geworfen werden sollte. 7 Darius 
unterzeichnete den Erlaß, und dieser wurde verkündet. 
Damit war das Beten unter Strafe gestellt. Daniel erfuhr 
davon, hielt sich aber nicht daran, denn er nahm nur vom 
König des Himmels und der Erde Weisungen entgegen, 
aber nicht von einem irdischen König. Als er bei seinem 
täglichen Gebet ertappt wurde, führte man ihn vor den 
König. Widerstrebend verhängte dieser die vorgesehene 
Strafe. Daniel sollte in die Löwengrube geworfen werden. 
Das Urteil wurde vollstreckt. 

Die folgende Schilderung in der Bibel gefällt mir sehr 
gut: 

„Dann ging der König in seinen Palast; fastend 
verbrachte er die Nacht; er ... konnte keinen Schlaf finden. 

Früh am Morgen . . . stand der König auf und ging in 
Eile zur Löwengrube. 

Als er sich der Grube näherte, rief er mit schmerzli- 
cher Stimme nach Daniel: . . . Daniel, du Diener des 
lebendigen Gottes! Hat dein Gott, dem du so unablässig 
dienst, dich vor den Löwen erretten können? 

Daniel antwortete ihm: O König, mögest du ewig 
leben. 

Mein Gott hat seinen Engel gesandt und den Rachen 
der Löwen verschlossen. Sie taten mir nichts zuleide. . . . 

Darüber war der König hocherfreut. ... So wurde Daniel 
aus der Grube herausgeholt; man fand an ihm nicht die 
geringste Verletzung, denn er hatte seinem Gott vertraut." 8 

Zu einer Zeit, als es dringend notwendig war, war 
Daniel fest entschlossen, einen geraden Kurs zu steuern. 
Dies führte dazu, daß Gott ihn beschützte und er in 
Sicherheit war. 

Wie das Stundenglas macht auch die Uhr der 
Geschichte deutlich, daß die Zeit vergeht. Neue 
Schauspieler betreten die Bühne des Lebens. Die Probleme 
unserer Zeit ragen unheilverkündend vor uns auf. Inmitten 
jtler Annehmlichkeiten des modernen Lebens schauen wir 



himmelwärts, um den nie versagenden Orientierungssinn 
zu erbitten, der es uns ermöglichen soll, einen klugen, 
vernünftigen Kurs festzulegen und einzuhalten. Er, den wir 
unseren Vater im Himmel nennen, wird unser aufrichtiges 
Bitten nicht ohne Antwort lassen. 

Dies ist mir vor einigen Jahren erneut klargeworden, 
als ich einen ziemlich ungewöhnlichen und auch beäng- 
stigenden Auftrag erhielt. Folkman D. Brown, der dama- 
lige Leiter der Mormonensektion der amerikanischen 
Pfadfinder, kam zu mir ins Büro, nachdem er erfahren 
hatte, daß ich bald im Rahmen eines Auftrags für längere 
Zeit nach Neuseeland reisen würde. Er erzählte mir von 
seiner verwitweten Schwester, Belva Jones, die unheilbar 
an Krebs erkrankt war und nicht wußte, wie sie dies 
ihrem einzigen Sohn sagen sollte, der in dem erwähnten 
weit entfernten Land als Missionar diente. Ihr Wunsch, 
ja, ihre dringende Bitte war es, daß er auf Mission bleiben 
und treu dienen möge. Sie machte sich Sorgen darüber, 
wie er reagieren würde; denn Ryan Jones - so hieß der 
Missionar - hatte gerade vor einem Jahr seinen Vater 
durch die gleiche schreckliche Krankheit verloren. 

Ich nahm den Auftrag an. Nach einer Missionarsver- 
sammlung beim Neuseeland-Tempel, der von majestäti- 
scher Schönheit ist, führte ich unter vier Augen ein 
Gespräch mit Ryan Jones und brachte ihm die Situation 
seiner Muter so schonend wie möglich bei. Natürlich 
flössen die Tränen - und nicht nur bei ihm -, aber dann 
beteuerte er mit einem Händedruck: Sagen Sie meiner 
Mutter, daß ich meine Arbeit tun werde, daß ich beten 
werde, und daß ich sie wiedersehen werde." 

Ich kehrte gerade noch rechtzeitig nach Salt Lake 
City zurück, um an einer Konferenz des Pfahles Lost 
River in Moore, Idaho, teilzunehmen. Als ich beim 
Pfahlpräsidenten auf dem Podium saß, wurde meine 
Aufmerksamkeit fast instinktiv auf die Ostseite des 
Gemeindehauses gelenkt, wo die Morgensonne auf eine 
Schwester schien, die allein in der vordersten Reihe saß. 
Ich fragte den Pfahlpräsidenten: „Wer ist die Schwester 
dort, auf die das Sonnenlicht fällt? Ich habe das Gefühl, 
daß ich heute mit ihr sprechen muß." Er antwortete: 
„Das ist Belva Jones. Sie hat einen Sohn, der in 
Neuseeland als Missionar dient. Sie ist sehr krank und 
hat um einen Segen gebeten." 

Bis dahin hatte ich nicht gewußt, wo Belva Jones 
wohnte. Mein Auftrag für jenes Wochenende hätte 



mich zu jedem beliebigen Pfahl unter fünfzig Pfählen 
führen können. Der Herr hatte jedoch auf seine Weise 
das glaubensvolle Gebet einer besorgten Mutter erhört. 
Wir führten ein wundervolles Gespräch miteinander, 
und ich berichtete ihr Wort für Wort, wie ihr Sohn Ryan 
reagiert und wozu er sich entschlossen hatte. Sie bekam 
einen Segen, und wir sprachen ein Gebet. Dabei wurde 
uns das Zeugnis zuteil, Belva Jones werde es erleben, daß 
ihr Sohn seine Mission beendete. Dies war ihr auch 
tatsächlich vergönnt. Einen Monat vor ihrem Tod war 
Ryans Mission vorüber, und er kehrte nach Hause 
zurück. 

Jeder von uns hat seine eigene Reise angetreten - 
mögen wir das Meer des Lebens sicher befahren. Das 
Ruder des Glaubens, das nie vom Kurs abkommt, gibt uns 
die Richtung vor, und so finden wir sicher wieder nach 
Hause zurück. „Zuhause ist der Seemann, zurück von 
hoher See" 9 - heimgekehrt zur Familie, heimgekehrt zu 
seinen Freunden, heimgekehrt in den Himmel, heimge- 
kehrt zu Gott. D 

FUSSNOTEN 

1. Siehe David Irving, Hitlers War (1977). 

2. Siehe LuB 85:6. 

3. Lukas 18:22. 

4. Siehe Mose 5:16-41. 

5. König Heinrich der Achte, 3. Akt, 2. Szene. 

6. Daniel 5:17. 

7. Siehe Daniel 6:8 

8. Daniel 6:19-24. 

9. Robert Louis Stevenson, Requiem. 

FÜR DIE HEIMLEHRER 



1. Ein Mensch ohne Ziel ist wie ein Schiff ohne Ruder - 
der Heimathafen bleibt immer ein Wunschtraum. 

2. Wir alle haben etwas erhalten, womit wir die 
Richtung, die wir hier auf der Erde einschlagen, 
bestimmen können, damit wir unseren Heimathafen, 
nämlich das celestiale Reich, erreichen. 

3. An alle, die auf den Straßen des Lebens wandeln, 
richtet der Herr die Warnung: Hütet euch vor Umwegen 
und Fallgruben und vor Menschen, die euch zur Sünde 
verleiten wollen. Laßt euch nicht täuschen. 

4. Haltet inne, um ein Gebet zu sprechen und auf die 
liebevolle Einladung des Herrn zu hören: „Komm und 
folge mir nach!" (Lukas 18:22.) 



N O V E M B E 

7 



R 19 9 9 



STIMMEN VON HEILIGEN DER LETZTEN TAGE 










Mitglieder der Kirche 
auf der ganzen Welt 
haben Gottes Hilfe 
erfahren. Manche 
erleben eindrucksvolle 
Wunder wie eine 
Heilung oder eine 
Vision; aber die 
meisten spüren nur 
ganz schlicht, daß Gott 
da ist und uns liebt. 



< 

o 

z 
< 



O 

i 

x 
u 



z 
Q 




u 



er Herr sprach zum Propheten 
Joseph Smith: „Denn ich bin 
Gott, und mein Arm hat sich 
nicht verkürzt; und ich will Wunder- 
taten, Zeichen und Wunder allen 
denen zeigen, die an meinen Namen 
glauben." (LuB 35:8.) 

Der Herr tut seine Macht unter 
seinen Getreuen kund. Alejandra 
Briones Parra aus Madrid in Spanien 
gibt Zeugnis davon, wie der Herr 
einem hilft: „Eines Tages wurde 
meine Schwester sehr krank. Ich 
ging an einen ruhigen Platz in 
unserem Haus und kniete nieder, um 
ein Gebet zu sprechen. Unter Tränen 
bat ich den himmlischen Vater, 
meine Schwester zu segnen und mir 
Kraft und Frieden zu schenken. Als 
ich ihm mein Herz ausschüttete, 
fühlte ich, wie das Gefühl der 
Sicherheit und innerer Friede in 
mich einströmten. Als ich den Raum 
betreten hatte, hatte ich Tränen der 
Angst in den Augen gehabt - als ich 
den Raum wieder verließ, waren 
daraus Freudentränen geworden. Ich 
wußte, daß alles gut werden würde, 
und ich wußte auch, daß der himm- 
lische Vater und Jesus Christus 
immer da sind und nur darauf 
warten, uns zu helfen, zu trösten und 
uns ihre Liebe zu schenken. 

Mitglieder der Kirche auf der 
ganzen Welt haben Gottes Hilfe 
erfahren. Manche erleben eindrucks- 
volle Wunder wie eine Heilung oder 
eine Vision; aber die meisten spüren 
wie Alejandra nur ganz schlicht, daß 



Gott da ist und uns liebt. Im 
folgenden finden Sie Beispiele dafür, 
wie Gott die Mitglieder der Kirche 
segnet und ihnen seine Liebe zeigt. 

EEN ZEUGNIS VON DER WAHRHEIT 

Joel Coronado Munoz 

Ich wohne in Ecuador. Vor unge- 
fähr fünf Jahren kamen zwei 
Missionare zu mir nach Hause. Ihre 
Erscheinung und ihre Freundlichkeit 
beeindruckten mich sehr, und 
deshalb hatte ich nichts dagegen, 
mir anzuhören, was sie zu sagen 
hatten. Ich fand das auch ganz inter- 
essant, hatte aber einige Zweifel. 
Dennoch las ich vor jedem Treffen 
die Schriftstellen im Buch Mormon, 
die sie mir aufgetragen hatten, und 
nahm auch die Aufforderung zum 
Beten an. 

Als die Missionare sechs 
Lektionen mit mir durchgenommen 
hatten, forderten sie mich auf, mich 
taufen zu lassen. Obwohl ich 
unablässig betete, um zu erfahren, ob 
das, was sie gesagt hatten, wahr ist, 
war ich der Meinung, keine Antwort 
erhalten zu haben. Ich ging davon 
aus, daß ich einen Engel und die 
goldenen Platten sehen oder eine 
andere Kundgebung vom Himmel 
schauen würde. 

Eines Abends las ich etwas über 
Ezra Taft Benson, der damals 
Präsident der Kirche war. Ich spürte 
den dringenden Wunsch zu erfahren, 
ob er ein Prophet war. Dabei erwar- 
tete ich nicht länger, eine Vision zu 



DER STERN 

8 






WUNDER 



schauen ich wollte einfach nur ein 
Zeugnis von der Wahrheit haben. 
Nachdem ich eine Zeitlang gebetet 
hatte, hörte ich die leise, durchdrin- 
gende Stimme, die mir bezeugte, daß 
Ezra Taft Benson ein Prophet war. 
Ich spürte, wie mein Herz in mir 
brannte. 

Mir war ein Zeugnis zuteil 
geworden nicht durch das Erscheinen 
von Engeln, sondern durch die 
leise, feine Stimme. Voller Freude 
und Dankbarkeit nahm ich die 
Aufforderung zur Taufe an. 

PRÜFUNGEN BESTEHEN 

Vitalicio Gonzales 

Maria, meine Frau, und ich ließen 
uns 1978 taufen und fanden großes 
Glück in der wahren Kirche. 1986 
konnten wir zum Buenos-Aires- 
Tempel in Argentinien reisen und 
uns für die Ewigkeit an unsere drei 
Kinder siegeln lassen. 

1988 erwartete Maria unser 
viertes Kind. Sie wurde während der 
Schwangerschaft sehr krank, und 
wir hatten große Angst, daß diese 
Krankheit ihr und dem Baby 
schaden könnte. Schließlid: 
glaubten wir sogar, Maria habe eine 
Fehlgeburt erlitten. Aber der Arzt 
versicherte uns, daß alles in 
Ordnung sei. Trotzdem ging es 



mit Marias Gesundheit weiter 
bergab. Eines Tages sagte sie, sie 
habe das Gefühl, daß sie dieses 
Leben bald verlassen werde. Ich 
hatte das gleiche Gefühl, sagte ihr 
aber, so etwas dürfe sie nicht denken. 

Im September gingen wir zur 
regelmäßigen Vorsorgeuntersuchung. 
Der Arzt wies Maria ins Krankenhaus 
ein; kurz danach kam unsere Tochter 
zur Welt einen Monat zu früh. Das 
Baby hatte zwar Schwierigkeiten mit 
dem Atmen, aber wir wußten 
trotzdem, daß seine Geburt einem 
Wunder gleichkam. 

Meiner Frau 
jedoch ging es 



sehr schlecht, und sie mußte nach der 
Geburt zweimal operiert werden. Sie 
bekam einen Priestertumssegen, und 
danach schien es ihr wieder besser zu 
gehen. Doch nur einen Monat später 
wurde sie wieder sehr krank. 

An unserem fünfzehnten Hoc- 
hzeitstag lasen Maria und ich 
gemeinsam in der heiligen Schrift. 
Sie gab mir Zeugnis vom Evangelium 
und bat mich, gut auf die Kinder 
achtzugeben. Dann konnte sie kaum 
noch atmen und nicht mehr spre- 
chen. Als ich neben ihr auf dem Bett 
saß, betete ich zum Herrn, sein Wille 
möge geschehen. Aber dennoch 





war ich verzweifelt und fragte mich: 
„Warum muß sie sterben? Sie ist 
doch noch so jung! Warum müssen 
wir getrennt werden?" 

Einige Mitglieder des Zweiges 
kamen, und wir gaben Maria einen 
Segen. Ich weiß nicht mehr den 
genauen Wortlaut, aber als der 
Segen vorüber war, wich die 
Verzweiflung schließlich von mir, 
und ich wurde ganz ruhig. Als Maria 
ihren letzten Atemzug tat, spürte ich 
tiefen Frieden. Eine sanfte Stimme 
flüsterte mir zu, ich solle an die 
Bündnisse denken, die wir bei der 
Siegelung im Tempel geschlossen 
hätten. Ich wußte, daß ich meine 
Frau wiedersehen würde. 



Ich bezeuge, daß Gott lebt und 
uns durch den Heiligen Geist Liebe 
und Trost schenkt. Er wirkt wirklich 
Wunder. 

„LEONARD IST ERTRUNKEN" 

Wie Kerstin Saffer es Birgitta Strandberg 
erzählt hat 

Lilly, die Schwester meines 
Mannes, war mit ihrem Mann Robert 
und ihren beiden Kindern aus 
Amerika gekommen, um uns in 
Schweden zu besuchen. Ich wollte 
etwas Besonderes mit ihnen unter- 
nehmen. Wir beschlossen daher, an 
einem Nachmittag in den Wasserpark 
zu fahren. Ich war der Überzeugung, 
daß das nicht besonders gefährlich 
sein konnte, denn immerhin waren 
wir ja vier Erwachsene, die auf 
die Kinder aufpassen 
konnten. 



Aber irgendwie muß es wohl ein 
Mißverständnis darüber gegeben 
haben, wer auf Leonard, meinen 
fünfjährigen Sohn, aufpassen sollte. 
Als uns auffiel, daß er nicht da 
war, begannen wir, fieberhaft nach 
ihm zu suchen. Plötzlich schrie 
mein Mann, Henri: „Leonard ist 
ertrunken!" Lilly, eine ausgebildete 
Rettungsschwimmerin, sprang in 
das Becken, zog ihn nach oben 
und begann sofort mit der 
Wiederbelebung. 

Das alles kam mir wie ein böser 
Traum vor. Ich fragte mich, ob mein 
Sohn nun zum himmlischen Vater 
zurückkehren werde. Ich betete 
inbrünstig darum, daß der Wille des 
Herrn geschehen möge. Mitten in 
dem ganzen Chaos legte Henri 

unserem Sohn die Hände auf 

und gab ihm einen Segen. 

Während des kurzen Segens 

spürte ich, wie es in mir 




brannte. Ich kann es mit Worten 
nicht erklären, aber ich wußte, daß 
der Herr mich tröstete. Irgendwie 
wußte ich, daß alles wieder gut 
werden würde, wenn ich nur 
Glauben hatte. Gerade als Henri den 
Segen beendet hatte, tat Leonard 
einen Atemzug. 

Der Krankenwagen kam und 
brachte Leonard ins Krankenhaus. Er 
war noch immer bewußtlos, und die 
Ärzte meinten, wenn er überhaupt 
wieder aus dem Koma erwachen 
sollte, hätte er höchstwahrscheinlich 
einen Hirnschaden. Aber ich glaubte 
daran, daß er geheilt werden konnte, 
wenn das der Wille des Herrn war. 
Ich konzentrierte mich ganz auf die 
Aufgabe, Glauben zu üben. 

Zwei Tage später erwachte 
Leonard wieder etwas ängstlich, aber 
sonst gesund. Wir spürten nichts als 
Erleichterung, Freude und Dankbar- 
keit. Durch die Macht des Priester- 
tums und weil wir Glauben geübt 
hatten, waren wir mit einem Wunder 
gesegnet worden. 

AUF DEN HERRN VERTRAUEN 

Esterlita H. Ponce 

Mein Mann ist von Beruf 
Schreiner. Obwohl es für ihn nicht 
immer leicht war, hier auf den 
Philippinen Arbeit zu finden, hat der 
Herr uns doch gesegnet. 

Eines Tages hatten wir nur noch 
sehr wenig Geld. Damals arbeitete 
mein Mann in einem Möbelgeschäft, 
wo er Tische und Stühle herstellte. 
Ich besuchte ihn auf der Arbeit und 
sagte ihm, daß wir nichts mehr zu 
essen im Haus hätten. Er sagte mir, 
ich solle am Abend zum Markt 
kommen; er werde mich nach der 
Arbeit dort treffen. Er wollte seinen 
Arbeitsgeber nämlich um einen 
Vorschuß bitten, damit wir uns 



zum Abendessen etwas Reis kaufen 
konnten. 

Als wir uns am Abend trafen, 
sagte er, daß er fünfzig Pesos 
Vorschuß bekommen habe. Das 
reichte gerade für das Allernötigste. 
Doch als wir den Reis bezahlen 
wollten, konnte er das Geld nicht in 
seiner Tasche finden. Wir gingen 
wieder in das Möbelgeschäft, um 
dort zu suchen, aber niemand hatte 
das Geld gesehen. So gingen wir 
ohne Lebensmittel und Geld nach 
Hause. Mein Mann war wütend und 
enttäuscht. Ich bemühte mich, ihn 
zu beruhigen, und sagte ihm, er solle 
auf den Herrn vertrauen. Während 
der Nacht betete ich darum, daß der 
Herr uns helfen möge, das Geld zu 
finden. 

Als mein Mann und Jennilyn, 
unsere Tochter, am nächsten Tag aus 
der Haustür traten, sah Jennilyn 
etwas auf der Treppe liegen. Es 
waren die fünfzig Pesos. Ich war 
überglücklich und dem himmlischen 
Vater sehr dankbar dafür, daß er es 
uns ermöglichte, etwas zu essen zu 
kaufen. Ich weiß, daß der himmli' 
sehe Vater barmherzig und mitleidig 
ist, wenn wir unser Teil tun und auf 
ihn vertrauen. 

EIN GEBET FÜR BENITA 

Joseph A. Martineau 

Während meiner Missionszeit in 
Guatemala nahmen mein Mitarbeiter 
und ich uns eines Samstags vor, 
Benita zu besuchen. Sie und ihr 
Mann, Isaias, waren treue Mitglieder 
der Kirche. Isaias war immer auf der 
Suche nach Möglichkeiten, Geld für 
den Lebensunterhalt seiner Familie 
zu verdienen. Und in Ergänzung dazu 
züchtete Benita Hühner; später 
verkaufte sie dann die Hühner und 
deren Eier. 



Als wir ankamen, sahen wir 
gleich, daß Benita nervös war. Sie 
erklärte uns, ihr Mann habe in 
einem weit entfernten Dorf Arbeit 
gefunden und nun seien ihre 
Hühner krank geworden und eins sei 
bereits gestorben. Aber ohne die 
Hühner konnten sie nicht über die 
Runden kommen. Benita war 
enttäuscht und völlig hilflos. 

Um sie zu trösten, sangen wir ihr 
einige Kirchenlieder vor und gaben 
Zeugnis. Wir boten ihr auch an, mit 
ihr zu beten. Da erhellte sich ihre 
Miene. Sie bat mich, das Gebet zu 
sprechen und den himmlischen 
Vater anzuflehen, ihre Hühner zu 
segnen. Ich mußte erst einmal nach 
Luft schnappen, denn bisher war 
ich noch nie auf die Idee 
gekommen, daß man für Hühner 
beten könnte. Aber dann fiel mir 
ein, was Amulek uns ans Herz 
gelegt hat, nämlich Gott für alle 
unsere Herden anzurufen (siehe 
Alma 34:20). Und mir wurde 
bewußt, daß die Hühner sozusagen 
Benitas Herde waren. 

Ich sprach also das Gebet und 
erklärte dem himmlischen Vater, daß 
Benitas Mann nicht da sei, daß eins 
ihrer Hühner gestorben sei und die 
übrigen krank seien und sie nicht 
wisse, was sie nun tun solle. Ich sagte 
dem himmlischen Vater, daß Benita 
sehr unglücklich sei, und bat ihn, 
doch bitte ihre Hühner zu segnen. 
Benita dankte uns für unseren 
Besuch, und wir machten uns wieder 
auf den Weg. 

Am nächsten Tag erzählte Benita 
uns in der Kirche, daß ihre Hühner 
wieder gesund geworden seien. 
Jedesmal, wenn ich an Benita denke, 
denke ich auch daran, daß Gott uns 
liebt und uns segnen möchte. Wir 
müssen ihn nur bitten. D 



NOVEMBER 
11 



19 9 9 



Worte des lebenden Propheten 

Erkenntnisse und Ratschläge von Präsident Gordon B. Hinckley 



BILDUNG 

„Der Herr hat uns aufgetragen, 
daß wir studieren und lernen sollen, 
daß wir uns durch Lerneifer und 
durch Glauben Wissen aneignen 
sollen, und zwar weltliches Wissen 
und Wissen von dem, was Gott 
betrifft. (Siehe LuB 88:118.) Tut 
nichts, was euch daran hindern 
könnte, eine gute Ausbildung zu 
machen. Das ist ein sehr wichtiger 
Bestandteil eurer Religion. Bildung 
ist der Schlüssel, der die Tür zur 
Karriere aufschließt. Wenn ihr 
diesen Schlüssel in die Hand 
bekommt, dann wird die Welt euch 
segnen und euch das geben, was ihr 
wert seid." 1 

FAMILIE 

„Hoffentlich knien die Eltern 
jeden Tag mit ihren Kindern zum 
Beten nieder. Hoffentlich lesen die 
Mütter ihren Kindern vor, lesen 
ihnen aus der heiligen Schrift vor. 
Sie werden zwar nicht alles 
verstehen, aber sie werden beim 
Vorlesen etwas spüren, was ihnen ihr 
ganzes Leben lang zum Segen 
gereicht. Hoffentlich halten Sie den 
Familienabend und scharen Ihre 
Kinder um sich, singen und beten 
und reden mit ihnen und fördern 
einander im Glauben." 2 




DER HEILIGE GEIST 

„Wie erkennt man die 
Eingebungen des Geistes? Was von 
Christus ist, erbaut, und wenn man 
das Gefühl hat, erbaut zu werden, 
dann kann man davon ausgehen, daß 
der Heilige Geist zu einem spricht. 
Dieser Geist wird uns zuteil, wenn 
wir ständig im Gebet begriffen sind, 
wenn wir eifrig nach der Weisung des 
Geistes streben. Daran habe ich 
nicht den geringsten Zweifel." 3 

MISSIONARE 

„Paulus schrieb an Timotheus: 
„Achte auf dich selbst und auf die 
Lehre; halte daran fest. Wenn du das 
tust, rettest du dich und alle, die auf 
dich hören." (1 Timotheus 4:16.) 
Genau das geschieht, wenn man auf 
sich und auf die Lehren achtet - 
wenn man das Richtige tut, wenn 
man das Richtige glaubt, wenn man 
das Richtige über das Werk des 
Herrn sagt, dann rettet man nicht 
nur sich selbst, sondern auch die, die 
auf einen hören. Und außerdem 
rettet man auch seine Familie. Ich 
zweifle nicht im geringsten daran, 
daß jeder Missionar, der mit gutem 

DER STERN 
12 



Herzen und gutem Geist ausgeht, 
sich selbst rettet und diejenigen, 
die er unterweist, und außerdem 
etwas für seine zurückgebliebene 
Familie tut. Achte auf dich selbst 
und auf die Lehre." 4 

MISSIONSARBEIT 

„Ein junger Mann ist 
verpflichtet, auf Mission zu 
gehen. Er ist verpflichtet, sich für 
eine Mission bereitzumachen. Er 
hat die Aufgabe, ein Zehntel seines 
Lebens zu spenden und das 
Evangelium zu verkündigen. Eine 
junge Frau ist dazu nicht verpflichtet. 
Sie braucht sich nicht gezwungen zu 
fühlen, eine Mission zu erfüllen. 
Wenn sie aber auf Mission gehen 
möchte, soll sie mit ihrem Bischof 
und ihrem Pfahlpräsidenten spre- 
chen und die Entscheidung so 
treffen, wie sie es wünscht, und zwar 
unter Berücksichtigung des Rates, 
der ihr von ihren örtlichen geistli- 
chen Führern zuteil wird." 5 

PRIESTERTUMSTRÄGER 

„Was erwartet der Herr von euch 
Männern? Er erwartet, daß ihr 
ehrlich, treu, keusch, gütig und 
tugendhaft seid und allen Menschen 
Gutes tut (siehe 13. Glaubensartikel). 










Er erwartet, daß ihr 
ein lieber, rücksichts- 
voller Ehemann seid. 
Er erwartet, daß ihr 
ein großzügiger, sanft- 
mütiger Vater seid, der 
seine Kinder freundlich 
und liebevoll erzieht. Es darf 
nicht vorkommen, daß die 
Ehefrau mißhandelt wird. Es 
darf nicht vorkommen, daß ein 
Kind mißbraucht oder mißhandelt 
wird. Das darf es bei Männern, die 
das Priestertum Gottes in der Kirche 
Jesu Christi der Heiligen der Letzten 
Tage tragen, nicht geben. Brüder, 
horcht in euch hinein. Lebt ihr so, 
wie der Herr es von euch erwartet, 
nämlich so wie jemand, der sein 
heiliges Priestertum trägt? Möge Gott 
euch segnen, damit ihr der großen, 
heiligen Pflicht nachkommt, die euch 
obliegt, denn ihr seid ja bevollmäch- 
tigt, in seinem heiligen Namen zu 
sprechen, um seine heiligen Absichten 
zu verwirklichen." 6 

DAS WORT DER WEISHEIT 

„Die Menschen streiten darüber, 
ob das Wort der Weisheit einfach 
nur das Wort des Herrn oder aber 
ein Gebot sei. Was macht das für 
einen Unterschied? Das Wort des 
Herrn ist für mich ein Gebot, und 
ich bin sehr dankbar für dieses 




wunderbare Wort, das wir das Wort 
der Weisheit nennen." 7 

FRAUENTUM 

„Ihr Frauen, was erwartet [der 
Herr] von euch? Er erwartet von 
euch, daß ihr so lebt, wie es einer 
Heiligen der Letzten Tage geziemt, 
und daß ihr tugendhaft und treu 
und freundlich seid. Den Müttern 
unter euch lege ich ans Herz, 
eure Kinder in Rechtschaffenheit 
und Wahrheit zu erziehen; den 
Ehefrauen unter euch sage ich: Seid 
freundlich und warmherzig und lieb, 
denn sonst flieht euch das Glück, 
und ihr habt keinen Frieden im 
Herzen." 8 D 



FUSSNOTEN 

1. Versammlung, Ottawa, Ontario, 
Kanada, 5. August 1998. 

2. Versammlung, Prince George, 
British Columbia, Kanada, 1. August 
1998. 

3. Versammlung, Ottawa, Ontario, 
Kanada, 5. August 1998. 

4. Missionarsversammlung, Hamilton, 
Ontario, Kanada, 8. August 1998. 

5. Versammlung, Ottawa, Ontario, 
Kanada, 5. August 1998. 

6. Versammlung, Vancouver, British 
Columbia, Kanada, 1. August 1998. 

7. Versammlung, Victoria, British 
Columbia, Kanada, 31. Juli 1998. 

8. Versammlung, Vancouver, British 
Columbia, Kanada, 1. August 1998. 













I "" ?»f 




'< C "31 

1 MM Sa 

W f 


JM 






pn 




W''"' 


/jjr 






^^Bv^? : " ■ _3^£ 


HH 1 1 


£*N1 






fl 2 


H Bl 3 






% 


k\ 




r 1 


Hb ■-, 


ywm 










■ '*•#*' * 


" 






f 1 


PT 


\ 


P 






r 



CHRISTUS UND D/E KINDER, GEMÄLDE VON DEL PARSON 

Wie kostbar unsere Kinder doch 
sind! Kleine Kinder sind schön, 
schuldlos, belehrhar, ehrlich, 
fröhlich, fügsam, optimistisch 
•nd rein und besitzen noch viele 
'eitere Eigenschaften. Sie sind 
r ^sus uns als Beispiel 



hingesteli 



i rrr- 



[enschen 




(Matthäus 19ü^) 




Elder Jay E. Jensen von den Siebzigern 

er Familie kommt in den 
heiligen Schriften beson- 
dere Aufmerksamkeit 
zu. Das Alte Testament beginnt mit 
Adam, Eva und ihren Kindern; drei 
der vier Evangelien im Neuen 
Testament beginnen mit der Geburt 
Jesu; ein großer Teil des Buches 
Mormon handelt von Eltern, 
Kindern und Familien, angefangen 
bei 1 Nephi 1 : „Ich, Nephi, stamme 
von guten Eltern" bis hin zu den 
letzten Worten Mormons an 
Moroni: „Mein Sohn, sei treu im 
Glauben an Christus" (Moroni 
9:25; Hervorhebung hinzugefügt). 
Auch die Evangeliumszeit der Fülle 
beginnt mit einem Propheten, der 
noch ein Junge war, nämlich Joseph 
Smith jun., und seiner liebevollen 
Familie. 

Dies alles macht zweifellos 
deutlich, was für eine 
wichtige Rolle die 
Familie im Plan des 
Glücklichseins 
spielt, den der 
Vater aufgestellt 










r weinte, „und die 
' Menge gab davon 
Zeugnis, und er nahm ihre 
kleinen Kinder, eines nach 
dem anderen, und segnete sie 
und betete für sie zum Vater." 




hat, und daß vor allem den Kindern 
besondere Aufmerksamkeit zuteil 
wird. In den vier Standardwerken 
der Kirche stechen ganz besonders 
bestimmte Lehren hervor, in denen 
es um die Eigenschaften von kleinen 
Kindern geht, die Liebe, die der 
Erretter für die Kleinen empfindet, 
um die Errettung kleiner Kinder und 
um das, worin ihre Eltern sie unter- 
weisen müssen. 

EIGENSCHAFTEN VON KLEINEN 
KINDERN 

Als ich noch jung war und als 
Seminarlehrer diente, kam einmal 
eine Schülerin auf mich zu, die die 
Aufgabe bekommen hatte, die 
Andacht für die Klasse vorzube- 
reiten. Sie sagte, sie würde gerne ihre 
verheiratete Schwester und deren 
neugeborene Tochter in den 
Unterricht einladen und sie ein Lied 
über ihr Kind vorsingen lassen. Ich 
war einverstanden. 

Am Tag, als die Andacht stattfand, 
sagte ihre Schwester die Nummer des 
Liedes an, und meine Schülerin 
begleitete sie auf dem Klavier. Die 
junge Mutter stand vorne, hielt ihre 
Tochter in den Armen, schaute sie an 
und begann, von der Liebe zur ihrer 
Tochter und dem Wunsch zu singen, 
daß ihr Kind die Möglichkeiten 
entdecken möge, die als Kind Gottes 
in ihm schlummerten. 

Alle Schüler waren gerührt von 
dem, was sie sahen und hörten. Es 
war wie im Himmel. Ich kann selbst 
heute nicht darüber sprechen, ohne 
daß mich die Rührung überkommt. 

Kinder kommen heil, schuldlos 
und rein in diese Welt (siehe Mose 
6:54). Sie können nicht sündigen, 
„denn dem Satan ist nicht die Macht 



gegeben, kleine Kinder zu versu- 
chen, ehe sie anfangen, vor mir 
verantwortlich zu werden" (LuB 
29:47). 

Uns ist geboten worden, so zu 
werden wie sie: 

„Da rief [Jesus] ein Kind herbei, 
stellte es in ihre Mitte 

und sagte: Amen, das sage ich 
euch: Wenn ihr nicht umkehrt und 
wie die Kinder werdet, könnt ihr 
nicht in das Himmelreich kommen. 

Wer so klein sein kann wie dieses 
Kind, der ist im Himmelreich der 
Größte." (Matthäus 18:2-4.) 

So werden die hohen Anforde- 
rungen, die jemand erfüllen muß, der 
in das Gottesreich eingehen will, in 
der gesamten heiligen Schrift immer 
wieder erwähnt, nämlich Rechtschaf- 
fenheit, Reinheit, Heiligkeit und 
Sündenlosigkeit (siehe 1 Korinther 
6:9,10; 1 Nephi 10:21; Alma 7:21; 
Helaman 8:25; Mose 6:57). 

Jesus war auch selbst ein gehor- 
sames Kind. In seiner Eigenschaft als 
buchstäblicher Sohn Gottes, des 
ewigen Vaters, blieb er im Tempel, 
ohne daß Josef und Maria davon 
wußten. Nach drei Tagen fanden sie 
ihn, wie er im Tempel lehrte. Als sie 
ihn fragten, warum er das getan 
habe, antwortete er: „Wußtet ihr 
nicht, daß ich in dem sein muß, was 
meinem Vater gehört? Doch sie 
verstanden nicht, was er damit 
sagen wollte. Dann kehrte er mit 
ihnen nach Nazaret zurück und war 
ihnen gehorsam." (Lukas 2:49-51.) 
Das Buch Mormon ist einzigartig, 
was die Bedeutung betrifft, die es 
der Familie und dem Verhältnis 
zwischen Eltern und Kindern beimißt. 
Wir stoßen sowohl auf Beispiele für 
die Eigenschaften kleiner Kinder als 



auch auf den Rat, so zu werden wie 
sie. Schon bei Nephi, dem Sohn 
Lehis, erleben wir Eigenschaften mit, 
um die auch wir uns bemühen sollen: 
Nephi schrieb: „Ich . . . war zwar noch 
sehr jung, wenn auch groß von 
Gestalt. . . . Darum rief ich den Herrn 
an. Und siehe, er besuchte mich und 
erweichte mir das Herz, so daß ich alle 
die Worte glaubte, die mein Vater 
gesprochen hatte." (1 Nephi 2:16; 
Hervorhebung hinzugefügt.) Es gibt 
kaum eine geistige Fähigkeit, die 
wichtiger ist als ein weiches Herz und 
die Bereitschaft, zu glauben, denn 
damit verbunden sind auch Beiehr- 
barkeit und Fügsamkeit. Das sind 
ganz hervorstechende Eigenschaften 
von kleinen Kindern. Nephi, der ja 
ein Beispiel für Rechtschaffenheit 
war, hat diese gottgegebenen Eigen- 
schaften niemals verloren, und auch 
heute gibt es viele Nephis. 

In 1 Nephi wird auch erzählt, wie 
Nephi von seinen Brüdern gefesselt 
und gequält wurde. Nephis Kinder 
stellten unter Beweis, wie sehr sie 
ihren Vater liebten, als sie unter 
Tränen darum baten, er möge freige- 
lassen werden. Aber das machte 
keinen Eindruck auf Laman und 
Lemuel, die ihr Herz verhärtet 
hatten. Dieses Erlebnis läßt uns 
einen Blick auf die Liebe erhaschen, 
die Nephis Kinder für ihren Vater 
empfanden, und auf ihr angebo- 
renes Gespür für Güte, Respekt, 
Gerechtigkeit und Freundlichkeit. 
(Siehe 1 Nephi 18:11-21.) 

Jakob, dem Kinder besonders am 
Herzen lagen, was wohl teilweise an 
den Bedrängnissen gelegen haben 
mag, die er selbst als Kind zu erleiden 
gehabt hatte (siehe 2 Nephi 2:1), 
hält uns vor Augen, daß das Gemüt 



NOVEMBER 
17 



19 9 9 



von Frauen und Kindern „vielfach 
überaus zart und keusch und 
empfindsam ist vor Gott" Qakob 2:7) . 

Nur wenige Verse im Buch 
Mormon führen uns die Eigen- 
schaften von kleinen Kindern klarer 
und eindringlicher vor Augen als 
König Benjamins zeitlose Aufforde- 
rung, daß wir so werden müssen „wie 
ein kleines Kind", nämlich „fügsam, 
sanftmütig, demütig, geduldig, voll 
von Liebe und willig, sich allem zu 
fügen, was der Herr für richtig hält, 
ihm aufzuerlegen, ja, wie eben ein 
Kind sich seinem Vater fügt" (Mosia 
3:18,19). 

Manche Kinder im Buch Mormon 
verloren diese gottgegebene Eigen- 
schaft, vielleicht weil sie nicht darin 
gefördert wurden, sie weiterzuent- 
wickeln: „Es gab viele unter der 
heranwachsenden Generation, die 
die Worte König Benjamins nicht 
verstehen konnten, denn damals, als 
er zu seinem Volk sprach, waren sie 
noch kleine Kinder gewesen." 
(Mosia 26:1.) Sie glaubten nicht 
daran, sie konnten die Lehren nicht 
verstehen, und sie weigerten sich, 
sich den zur Errettung notwendigen 
heiligen Handlungen zu unter- 
werfen. (Siehe Mosia 26:2-4.) 

Nach den Zeichen, die anläßlich 
der Geburt des Erretters gegeben 
wurden, fielen einige der Lamaniten, 
die sich bekehrt hatten, wieder vom 
Glauben ab, und zwar „wegen der 
Schlechtigkeit der heranwachsenden 
Generation" (3 Nephi 1:30). Das 
lag wohl daran, daß die Lamaniten 
viele Kinder hatten, „die, als sie 
aufwuchsen und anfingen, an Jahren 
zuzunehmen, sich selbständig 
machten und . . . verführt wurden" (3 
Nephi 1:29). Jemand, der anfängt, 



sich „selbständig" zu machen, verliert 
seine Fügsamkeit und seine 
Beiehrbarkeit, die ja ausschlagge- 
bend dafür ist, ob jemand wie ein 
Kind wird und Christus ähnlich ist. 

Die Propheten im Buch Mormon 
gravierten ihre Worte auf Platten 
ein, und zwar in der Hoffnung, daß 
unsere und ihre Kinder „sie mit dank- 
barem Herzen empfangen und sie 
betrachten, damit sie etwas in bezug 
auf ihre ersten Eltern erfahren, und 
zwar mit Freude." (Jakob 4:3; 
Hervorhebung hinzugefügt.) Auch 
das sind wichtige Eigenschaften, 
durch die sich ein Kind auszeichnet. 

DER ERRETTER LIEBT DIE KLEINEN 
KINDER 

In drei der vier Evangelium kann 
man den inspirierenden und zu 
Herzen gehenden Bericht darüber 
nachlesen, wie Jesus die Kinder 
gesegnet hat (siehe Matthäus 
19:13-15; Markus 10:13-16; Lukas 
18:15-17). Die drei Berichte weichen 
nur unwesentlich voneinander ab. 
Matthäus erzählt, daß Jesus „ihnen 
die Hände" auflegte (siehe Matthäus 
19:15). Lukas sagt nichts darüber, daß 
Jesus sie gesegnet hätte. Nur im 
Markusevangelium wird die folgende 
rührende Szene geschildert: „Und er 
nahm die Kinder in seine Arme; dann 
legte er ihnen die Hände auf und 
segnete sie." (Markus 10:16.) Wir 
wissen nicht, wie viele Kinder es 
erleben durften, daß er sie in die 
Arme nahm, ihnen die Hände 
auflegte und sie segnete. Maler 
haben immer wieder in rührenden 
Bildern dargestellt, wie Jesus die 
kleinen Kinder in den Arm nimmt 
und sie segnet. Doch glücklicher- 
weise gilt allen Menschen, auch 



den Erwachsenen, die folgende 
Verheißung des Herrn, sofern sie die 
Gebote Gottes halten und sich als 
treu erweisen: „Ich werde dich mit 
den Armen meiner Liebe umfangen." 
(LuB 6:20.) 

Zu den schönsten Erinnerungen 
an meine PV-Jahre gehören die 
Kinderlieder, die wir gesungen 
haben. Eines meiner Lieblingslieder 
heißt: „Auch Jesus war einst ein 
kleines Kind". 

Auch Jesus war einst ein kleines 

Kind, 
gleich mir ein Kindlein klein, 
und er war sanft und ohne Sund', 
wie Kinder sollen sein. 
Drum wollen wir 
Kinder sein immerdar 
nur gut und freundlich, 
wie er war. 
(Sing mit mir, B-66) 

Alles an diesem Lied vermittelte 
mir die Erkenntnis und das Gefühl, 
daß Jesus mich und alle Kinder liebt. 
Obwohl das aus dem Text nicht deut- 
lich hervorgeht, spürte ich seine Liebe 
doch ganz deutlich. Außerdem rief es 
in mir - damals als PV-Kind und auch 
heute noch - allergrößte Liebe und 
Achtung vor dem Erretter hervor und 
den Wunsch, so zu sein wie er. 

Wenn ich in den vier Evangelien 
des Neuen Testaments lese, vor allem 
von den Wundern und Heilungen 
und Kindersegnungen, dann spüre ich 
dieselbe Liebe - seine Liebe zu mir 
und meine Liebe zu ihm. Nur im Buch 
Mormon wird berichtet, wie Jesus als 
auferstandenes Wesen den Menschen 
erschien, die die Zerstörungen im 
verheißenen Land überlebt hatten. Er 
bat darum, daß sie ihre kleinen 



DER STERN 
18 




Er lehrte die Kinder der 
Menschenmenge . . . 
und diente ihnen; . . . und sie 
sprachen zu ihren Vätern 
Großes und Wunderbares, ja, 
sogar Größeres, als er dem 
Volk offenhart hatte/' 



Kinder zu ihm brachten und sie rings 
um ihn auf den Boden setzten. Dann 
betete er für die Kinder und ihre 
Eltern. „Niemand kann die Freude 
ermessen, die unsere Seele erfüllt 
hat", sagten sie, nachdem sie gehört 
hatten, wie er für sie betete (siehe 
3Nephil7:17). 

Nach diesem einzigartigen 
Ereignis „weinte er, und die Menge 
gab davon Zeugnis, und er nahm 
ihre kleinen Kinder, eines nach dem 
anderen, und segnete sie und betete 
für sie zum Vater" (3 Nephi 17:21; 
Hervorhebung hinzugefügt.) Der 
Ausdruck eines nach dem, anderen 
kommt auch in 3 Nephi 11 vor, wo 
geschildert wird, wie Jesus dem Volk 



zum ersten Mal erschien: „Die 
Menge ging hin und legte die Hände 
in seine Seite und fühlte die 
Nägelmale an seinen Füßen; und 
dies taten sie, indem einer nach dem 
anderen hinging, bis alle hingegangen 
waren und mit eigenen Augen sahen 
und mit eigenen Händen fühlten 
und mit Gewißheit wußten und 
Zeugnis gaben, daß er es war, von 
dem die Propheten geschrieben 
hatten, er würde kommen." (Vers 
15; Hervorhebung hinzugefügt.) Ob 
wohl Kinder unter denen waren, die 
dieses herrliche Ereignis erleben 
durften? Durften die Kinder den 
Erretter zweimal berühren? Wurden 
sie zweimal von ihm berührt? 



NOVEMBER 
19 



19 9 9 






m 



))> 



leine Kinder aber sind 
^.gesund, denn sie sind 
nicht fähig, Sünde zu 
begehen." Su 

Christus lebendig*" Sie werden 
heil, schuldlos und rein in diese 
Welt geboren, und „d 
auf Adam [und Eva] is, 
ihnen genommen". 



M 



■ i» 



♦^ 



*/£. 



jkjii. 



Am Ende von 3 Nephi 17 
erfahren wir, daß insgesamt zweitau- 
sendfünfhundert Seelen da waren, 
und zwar „Männer, Frauen und 
Kinder" (Vers 25). Es mögen also 
insgesamt mehrere hundert Kinder 
dabei gewesen sein. Wie lange mag 
es wohl gedauert haben, bis Jesus 
jedes Kind eines nach dem anderen 
in den Arm genommen und gesegnet 
hatte? Vielleicht Stunden? Wird 
daran nicht ganz deutlich, wie groß 
seine liebevolle Güte und sein 
Interesse an kleinen Kindern ist? 

Später tat der Erretter während 
seines Erscheinens in Amerika 
folgendes: „Er lehrte die Kinder 
der Menschenmenge . . . und diente 
ihnen; und er löste ihnen die Zunge, 
und sie sprachen zu ihren Vätern 
Großes und Wunderbares, ... ja, 
selbst Säuglinge öffneten den Mund 
und redeten Wunderbares." (3 Nephi 
26:14,16.) Dieses Ereignis, das zu 
den letzten seines Wirkens bei 
den Bewohnern Amerikas gehört, 
bestätigt, daß wir wirklich Geistkinder 
Gottes sind, so daß sogar kleine 
Kinder etwas sagen können, was „die 
Weisen und die, die gelehrt sind", 
beschämt (siehe Alma 32:23). 

KLEINE KINDER 
UND DIE ERRETTUNG 

Als ich Missionspräsident war, 
lernte ich ein Ehepaar kennen, das 
wegen des Todes seines kleinen 
Sohnes untröstlich war. Die jungen 
Leute hatten bei anderen Religions- 
gemeinschaften Hilfe und Antwort 
auf ihre Fragen gesucht, aber 
gemerkt, daß deren Lehren ihnen nur 
wenig Trost brachten. Außerdem 
hatten sie kaum Geld und konnten 
deshalb die Trauerfeier in ihrer Kirche 



nicht bezahlen; deshalb waren wir 
ihnen bei der Beerdigung und dem 
Begräbnis ihres Sohnes behilflich. 

Die Missionare begannen mit den 
Lektionen und erlebten, wie sich die 
Verwandlung im Herzen der Eltern 
in ihrem Gesichtsausdruck widerzu- 
spiegeln begann. Die gottgegebenen 
Lehren im Buch Mormon begannen, 
den Kummer und die Traurigkeit zu 
vertreiben, die ihnen der Verlust 
ihres Kindes bereitet hatte. 

Sie ließen sich von den Worten 
Abinadis trösten: „Kleine Kinder 
haben . . . ewiges Leben." (Mosia 
15:25.) Sie erfuhren, daß ewiges 
Leben die Art von Leben ist, die 
Gott führt, wo man nämlich für 
immer als Familie in der Gegenwart 
Gottes wohnt. Das ist die größte 
Gabe, die Gott uns geschenkt hat. 
(Siehe LuB 14:7.) Außerdem lernten 
sie, daß kleine Kinder nicht sündigen 
können und deshalb schuldlos sind 
(siehe Mosia 3:16,21; LuB 29:46,47). 
Darum brauchen sie auch nicht mit 
Christus die Bündnisse zu schließen, 
die ihre Eltern schließen müssen 
(siehe Mosia 6:2). 

Dem Kind, das die jungen Leute 
verloren hatte, gilt die Verheißung 
des ewigen Lebens. Um sich eben- 
falls des Lebens erfreuen zu können, 
dessen sich ihr Kind erfreut, müssen 
Eltern Umkehr üben, wie ein Kind 
werden und Bündnisse mit Gott 
schließen, indem sie sich zuerst 
durch Untertauchen taufen lassen, 
und zwar von jemandem, der die 
Vollmacht des Priestertums innehat. 
Anschließend müssen sie konfir- 
miert und als Mitglieder der Kirche 
Jesu Christi der Heiligen der Letzten 
Tage bestätigt werden. Dann wird 
ihnen der Heilige Geist übertragen. 



Zu den Fragen, die das junge Paar 
den Missionaren stellte, gehörte 
auch die Frage nach der Taufe für 
ihr totes Kind. Der Brief im Buch 
Mormon, den Mormon zu diesem 
Thema an seinen Sohn Moroni 
schrieb, ist an doktrinärer Klarheit 
nicht zu übertreffen. 

Mormon hatte erfahren, daß es 
Lehrstreitigkeiten über die Kinder- 
taufe gab, und schrieb Moroni einen 
Brief, um diese Irrlehre zu korrigieren. 
Mormon befragte den Herrn, der ihm 
durch die Macht des Heiligen Geistes 
offenbarte, daß kleine Kinder gesund 
sind, „denn sie sind nicht fähig, Sünde 
zu begehen" (Moroni 8:8). Sie sind 
„in Christus lebendig" (Vers 12). Sie 
werden heil, schuldlos und rein 
geboren, und „der Fluch auf Adam" 
ist von ihnen genommen, und zwar 
durch das Sühnopfer Jesu Christi 
(siehe Moroni 8:8). 

Mormon hat erklärt, daß wir 
„Umkehr und Taufe für diejenigen" 
lehren sollen, „die zurechnungsfähig 
sind und imstande sind, Sünde 
zu begehen; . . . [aber] ihre kleinen 
Kinder brauchen keine Umkehr und 
keine Taufe." (Vers 10,11.) 

Die wahren Grundsätze, die 
besagen, warum kleine Kinder keine 
Taufe brauchen, sind wichtig, aber 
man findet kaum einen eindrucks- 
volleren Tadel als den folgenden: 

Ich weiß, „daß es ein feierliches 
Gespött vor Gott ist, wenn ihr kleine 
Kinder tauft. . . . 

Wer da meint, kleine Kinder 
brauchten die Taufe, der befindet 
sich in der Galle der Bitternis und in 
den Banden des Übeltuns, denn er 
hat weder Glauben noch Hoffnung 
noch Nächstenliebe; darum muß er, 
falls er ausgetilgt wird, solange er 



NOVEMBER 
21 



19 9 9 



noch so denkt, in die Hölle hinab- 
gehen. . . . 

Darum ist es furchtbare Schlech- 
tigkeit, die reine Barmherzigkeit 
Gottes für sie zu leugnen. . . . 

Und wer da sagt, kleine Kinder 
brauchten die Taufe, leugnet die 
Barmherzigkeit Christi und achtet 
seine Sühne und die Macht seiner 
Erlösung nichts. 

Weh denen, denn ihnen drohen 
der Tod, die Hölle und eine endlose 
Qual. Ich sage das unerschrocken; 
Gott hat es mir geboten." (Vers 
9,14,19-21.) 

Das Buch Mormon enthält die 
klarste, reinste Lehre, nämlich daß 
kleine Kinder durch Jesus Christus 
ewiges Leben haben und nicht 
getauft zu werden brauchen. 

DIE AUFGABE DER ELTERN 

BEI DER UNTERWEISUNG KLEINER 

KINDER 

In der heutigen Zeit, wo die 
Familie pausenlos unter Beschuß 
steht, haben die Erste Präsident- 
schaft und das Kollegium der Zwölf 
Apostel eine Proklamation heraus- 
gegeben, die den Titel: „Die Familie 
- Eine Proklamation an die Welt" 
trägt. Hier geht es unter anderem 
auch darum, wie wichtig Kinder 
sind. Besonders interessant ist, daß 
in dieser Proklamation nur eine 
einzige Schriftstelle zitiert wird, 
nämlich: „Kinder sind eine Gabe 
des Herrn." (Psalm 127:3.) Im 
selben Psalm heißt es noch weiter: 
„Wohl dem Mann, der mit ihnen 
den Köcher gefüllt hat." (Vers 5.) 
Diese kostbare Überlieferung, 
nämlich daß kleine Kinder vom 
Herrn sind, muß weitergegeben und 
gehegt werden. 



Schon bei Adam und Eva wurde 
festgelegt, daß Eltern ihre Kinder 
unterweisen müssen: „Und Adam 
und Eva priesen den Namen Gottes 
und taten ihren Söhnen und 
Töchtern alles kund." (Mose 5:12.) 
Der Herr gebot dem Mose: „Diese 
Worte . . . sollen auf deinem Herzen 
geschrieben stehen. Du sollst sie 
deinen Söhnen wiederholen. Du 
sollst von ihnen reden, wenn du zu 
Hause sitzt und wenn du auf der 
Straße gehst, wenn du dich schlafen 
legst und wenn du aufstehst." 
(Deuteronomium 6:7.) Dem Herrn 
gefiel es gar nicht, daß Eli es nicht 
schaffte, seine Kinder zu unter- 
weisen und im Zaum zu halten 
(siehe 1 Samuel 3:13). Der Verfasser 
der Sprichwörter legt uns ans 
Herz: „Erzieh den Knaben für 
seinen Lebensweg, dann weicht er 
auch im Alter nicht davon ab." 
(Sprichwörter 22:6.) 

Der Apostel Paulus hat die Väter 
aufgefordert: „Reizt eure Kinder 
nicht zum Zorn, sondern erzieht sie 
in der Zucht und Weisung des 
Herrn!" (Epheser 6:4.) Ebenso sollen 
die Kinder aber ihren Eltern gehor- 
chen, „wie es vor dem Herrn recht 
ist" (Epheser 6:1). 

Ich denke immer gerne daran 
zurück, wie Vater und Mutter uns, 
ihre kleinen Kinder, in unserem 
kleinen Haus in Mapleton, Utah, 
zusammenriefen. Das war in den 
vierziger und fünfziger Jahren, 
und damals wurden diese Zusam- 
menkünfte noch nicht als 
Familienabend bezeichnet. Sie lasen 
uns Geschichten aus A Voice from 
the Dust vor, einer Nacherzählung 
des Buches Mormon. Wir machten 
Spiele und Aktivitäten, und es gab 



immer etwas Leckeres zu essen. 
Diese Erinnerung an mein Zuhause 
und meine lieben Eltern hat mir 
und meiner Frau immer Kraft 
gegeben, wenn wir uns abmühen 
mußten, unsere eigenen Kinder zu 
unterweisen und in ihrer Entwick- 
lung zu fördern. 

Wenn ich meinem Vater zuhörte, 
wie er Geschichten aus dem Buch 
Mormon vorlas, wuchs in mir tiefe 
Liebe zu den großen Propheten, 
Missionaren und Gottesknechten. 
Sie wurden zu meinen Helden, und 
als kleines Kind wollte ich so 
werden wie sie. Sie waren „gute 
Eltern" (siehe 1 Nephi 1:1), die ihre 
Kinder unterwiesen und ihnen zum 
Segen gereichten. Gute Eltern 
unterweisen nicht nur, sondern tun 
noch viel, viel mehr. Achten Sie 
bitte auf die zusätzlichen Aufgaben, 
die in den folgenden Textstellen 
zum Ausdruck kommen: 

Lehi „ermahnte sie mit allem 
Gefühl eines liebevollen Vaters . . .; 
ja, mein Vater predigte ihnen. 
Und nachdem er ihnen gepredigt 
und vieles prophezeit hatte, bat 
er sie, die Gebote des Herrn zu 
halten." (1 Nephi 8:37,38.) Gute 
Eltern unterweisen liebevoll, aber 
bestimmt. 

Vor seinem Tod rief Lehi seine 
Nachkommen zu sich und bat sie, zu 
erwachen und sich zu erheben und 
die „Waffenrüstung der Rechtschaf- 
fenheit" anzulegen (siehe 2 Nephi 
1:13-23). Dann gab er ihnen einen 
letzten Segen (siehe 2 Nephi 4:2-12). 
Gute Eltern segnen ihre Kinder. 

Wie sehr Jakob seinen Sohn Enos 
beeinflußt hat, geht aus den 
folgenden Worten hervor: „Ich, 
Enos, weiß, daß mein Vater ein 



DER STERN 

22 




Wie sehr Jakob seinen 
Sohn Enos beeinflußt 
hat, geht aus den folgenden 
Worten hervor: „Ich, Enos, 
weiß, daß mein Vater ein 
gerechter Mann gewesen ist, 
denn er hat mich . . . unter- 
wiesen," (Enos 1:1.) Diese 
Lehren führten dazu, daß Enos 
betete und sich um die 
Segnungen des Sühnopfers 
bemühte. 






gerechter Mann gewesen ist, denn er 
hat mich . . . unterwiesen." (Enos 
1:1.) Die Lehren des Vaters führten 
dazu, daß Enos betete und sich um 
die Segnungen des Sühnopfers 
bemühte. Gute Eltern erklären ihren 
Kindern das Sühnopfer und die 
Sündenvergebung. 

Wie sehr König Benjamin seine 
Söhne liebte, zeigt sich daran, daß er 
sie in der Sprache seiner Väter 
unterwies, „auf daß sie dadurch 
Männer von Verständnis würden 
und damit sie von den durch ihre 
Väter ausgesprochenen Prophezei- 
ungen wüßten." (Mosia 1:2.) Womit 
unterwies er sie? Mit den Schriften, 
die die Propheten auf Platten eingra- 



Außerdem bat er sie, "eifrig darin zu 
forschen, damit ihr davon Nutzen 
habt" (Mosia 1:7). Gute Eltern 
unterweisen ihre Kinder anhand der 
heiligen Schrift und fordern sie auf, 
darin zu forschen. 

Alma, der Sohn Almas, ließ 
„seine Söhne sich versammeln, um 
einem jeden von ihnen gesondert 
seinen Auftrag ... zu geben" (Alma 
35:16). Zuerst sprach er mit 
Helaman, dann mit Schiblon und 
schließlich mit Korianton. Er 
forderte Helaman auf: „Lerne 
Weisheit in deiner Jugend; ja, lerne 
in deiner Jugend, die Gebote Gottes 
zu halten. . . . Sieh zu, daß du auf 
Gott blickst und lebst. Gehe hin . . . 



NOVEMBER 1999 

23 



und verkünde das Wort." (Alma 
37:35,47.) Alma lobte Schiblon für 
seinen Fleiß, seine Glaubenstreue 
und seine Beständigkeit (siehe Alma 
38:2,3). Er schloß seinen Rat an ihn 
mit der Ermahnung, seine Leiden- 
schaften zu zügeln. Außerdem 
forderte er ihn auf: „Geh hin, mein 
Sohn, und predige diesem Volk das 
Wort." (Siehe Alma 38:12,5.) Gute 
Eltern wissen um die unterschied' 
liehe Veranlagung ihrer Kinder und 
unterweisen sie entsprechend. 

Alma wies seinen Sohn Korianton 
zurecht und erklärte ihm wichtige 
Lehren - Umkehr, Beispiel geben, 
Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, 

Wiedergutmachung und das 
Sühnopfer. Und wie seinen anderen 
Söhnen legte er auch Korianton ans 
Herz: „Du bist von Gott berufen, 
diesem Volk das Wort zu predigen." 
(Alma 42:31.) Gute Eltern weisen 
ihre Kinder zurecht, unterweisen sie 
und machen sie dafür bereit, seihst 
andere Menschen im Gotteswort zu 
unterweisen. 

Als die zweitausend jungen 
Krieger noch klein waren, saßen sie 
ihren Müttern zu Füßen und lernten, 
„daß Gott sie befreien werde, wenn 
sie nicht zweifelten" (Alma 56:47). 
Außerdem entwickelten sie Glauben 
an Gott, denn „sie sind jung, und ihr 
Sinn ist standhaft, und sie setzen ihr 
Vertrauen beständig in Gott" (Alma 
57:27). Gute Eltern lehren ihre 
Kinder, auf Gott zu vertrauen. 

Helaman lehrte seine Söhne Nephi 
und Lehi, daran zu denken, nämlich 
an ihren Namen, an das, was die 
Propheten über das Sühnopfer gesagt 
hatten und daran, daß sie ihren 
Grund auf dem Fels Jesu Christi, des 
Erlösers der Welt, legen mußten. „Und 



sie dachten an seine Worte." 
(Helaman 5:6-14.) Gute Eltern 
lehren ihre Kinder, ihren Grund auf 
dem Fels des Erlösers zu legen. 

Das Buch Mormon schließt mit 
der wundervollen Vater-Sohn-Bezie- 
hung zwischen Mormon und Moroni. 
„Mein geliebter Sohn Moroni, ich 
freue mich über die Maßen, daß dein 
Herr Jesus Christus deiner gedacht 
hat. . . . Ich gedenke deiner immer in 
meinen Gebeten, denn ich bete 
beständig zu Gott dem Vater im 
Namen seines heiligen Kindes Jesus, 
er möge dich durch seine unendliche 
Güte und Gnade bewahren, so daß 
du im Glauben an seinen Namen bis 
ans Ende ausharrst." (Moroni 8:2,3.) 
Gute Eltern beten für ihre Kinder. 

Die letzten Worte, die Mormon an 
Moroni schrieb, spiegeln wider, was 
sich alle guten Eltern für ihre Kinder 
wünschen: „Mein Sohn, sei treu im 
Glauben an Jesus Christus; . . . möge 
Christus dich erheben, . . . und möge 
die Gnade Gottes des Vaters . . . 
immerdar mit dir sein und bei dir 
verbleiben." (Moroni 9:25,26.) Gute 
Eltern lehren ihre Kinder die 
Hoffnung auf das ewige Leben, das 
das Sühnopfer Jesu Christi uns 
ermöglicht. 

Wie kann man denn nun am 
besten alles für seine Kinder tun, was 
einem geboten worden ist? Der 
Erretter rät uns, in unserer Familie 
immer zum Vater zu beten, damit 
unsere Frau und unsere Kinder 
gesegnet seien. (Siehe 3 Nephi 18:21.) 

Wenn wir zusammen mit unseren 
Kindern in der heiligen Schrift lesen 
und darin studieren, zeigen wir ihnen 
dadurch, wie wir Kenntnis von der 
Art und Weise des Herrn erlangen. 
Aus Mosia 4:11-16 beispielsweise 



erfahren wir aus dem Mund König 
Benjamins wichtige Wahrheiten 
darüber, wie Eltern ihre Kinder 
richtig erziehen. Diese Wahrheiten 
werden oft wie Gebote zitiert, doch 
wenn man sie im Zusammenhang 
sieht, wird ganz deutlich, daß es sich 
um natürliche Ergebnisse bzw. Folgen 
rechtschaffenen Verhaltens handelt. 
Zuerst fordert König Benjamin uns 
auf, „So möchte ich nun, daß ihr an 
die Größe Gottes und an eure eigene 
Nichtigkeit und an seine Güte und 
Langmut gegenüber euch unwür- 
digen Geschöpfen denkt und dies 
immer im Gedächtnis behaltet, daß 
ihr euch in die Tiefen der Demut 
demütigt, indem ihr den Namen des 
Herrn täglich anruft und standhaft 
bleibt im Glauben an das, was 
kommen wird." (Vers 11.) 

In den folgenden fünf Versen geht 
es um die Ergebnisse bzw. Vorteile, die 
das Befolgen des im 11. Vers erteilten 
Rats mit sich bringt. Beachten Sie 
bitte, was wir laut König Benjamin 
dann tun werden bzw. nicht tun 
werden. (Siehe Vers 12-16.) 

Wer über diese Worte nachsinnt, 
gelangt schnell zu der Erkenntnis, daß 
diese Weisungen eine Aufzählung der 
positivsten Folgen darstellen, die es 
nach sich zieht, wenn wir recht- 
schaffen mit unseren Kindern 
arbeiten. Dann werden uns der Wert 
kleiner Kinder, ihre gottgegebenen 
Eigenschaften und Merkmale und die 
Einstellung des himmlischen Vaters 
zu ihnen noch deutlicher bewußt. 
Und wir streben danach, die 
folgenden Worte in Erfüllung gehen 
zu lassen: „Alle deine Söhne werden 
Jünger des Herrn sein, und groß ist 
der Friede deiner Söhne." Q esa J a 
54:13; siehe auch 3 Nephi 22:13.) D 



DER STERN 

24 



VON FREUND ZU FREUND 



Präsident James E. Faust 

Zweiter Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft 






Nach einem Interview 

ILLUSTRATION VON 

Meine Großeltern hatten einen Bauernhof in 
der Kleinstadt Oak City in Utah. Als Kind 
habe ich oft den Sommer und manchmal 
auch Feiertage dort verbracht. Wir waren mit 
den meisten Leuten in Oak City 
verwandt, und es hat mir großen Spaß 
gemacht, dort mit meinen lieben 
Tanten, Onkeln und Cousins 
zusammenzusein. 

Ich habe viel mit meinen 
Cousins gespielt und Sport 
getrieben. Außerdem habe ich 
gerne gelesen. Manchmal war 
meine Tante gar nicht so begei- 
stert, wenn ich hinter einem 



mit Rebecca M. Taylor 

TADD R. PETERSON 

Buch saß, und wollte mich nach draußen schicken, 
damit ich mit den Jungen spielte. Aber weil ich so viel 
gelesen haben, habe ich schon in jungen 

Jahren viel wundervolle Literatur kennen- 
gelernt, und dafür bin ich heute dankbar. 
Als ich noch klein war, fand mein 
Vater einmal draußen in der Wüste 
ein kleines Lamm, das sich verirrt 
hatte. Die Schafherde, zu der es 
gehörte, war weitergezogen. Wenn 
wir es in der Wüste gelassen hätten, 
wäre es vielleicht den Kojoten zum 
Opfer gefallen. Und wenn es nicht 
den Kojoten zum Opfer gefallen 
wäre, wäre es wahrscheinlich 




verhungert. Deshalb nahm Vater das Lamm mit nach 
Hause und schenkte es mir, damit ich es versorgte. 

Ich fütterte das Lamm mit einer Flasche, und es 
wurde bald stark und gesund. Das Lamm und ich 
wurden gute Freunde; wenn ich es rief, kam es herbei- 
gelaufen. Wir spielten gerne zusammen auf der Wiese. 
Manchmal legte ich mich mit dem Kopf auf seinem 
weichen, wolligen Fell ins Gras und sah nach oben, wo 
die Wolken über den blauen Himmel zogen. 

Eines Abends zog ein schrecklicher Sturm auf. 
Normalerweise sperrte ich das Lamm abends in der 
Scheune ein, aber an jenem Abend hatte ich das 
vergessen. Es fiel mir erst wieder ein, als ich schon im 
Bett lag. Und während ich dort lag, hörte ich den 
Wind draußen pfeifen und mein kleines Lamm blöken, 
denn es hatte Angst. Aber ich hatte keine Lust, mein 
warmes, gemütliches Bett zu verlassen, um nach dem 
Lamm zu sehen. 

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, merkte ich, 
daß ich nicht der einzige gewesen war, der das Lamm 
blöken gehört hatte. Ein paar Hunde hatten es auch 
gehört und totgebissen. Mir brach das Herz. Vater 
schaute mich enttäuscht an und sagte: „Mein Junge, 
konnte ich dir nicht einmal ein einziges Lamm anver- 
trauen?" 

Die Lektion, die ich an 
jenem Tag gelernt habe, 
werde ich niemals 




1 . Im Alter von drei Jahren 
(ganz rechts) mit Gus (ganz 
links), seinem älteren 
Bruder, und Rex, seinem 
jüngeren Bruder. 

2. 1 940 als Missionar in 
Brasilien. 

3. Präsident Faust und seine 
Frau, Ruth Wright Faust. 



vergessen. Ich nahm mir vor, daß ich immer sofort 
dasein würde, wenn ein Lamm Fürsorge brauchte, wenn 
jemand meine Hilfe brauchte. Ich wollte sofort handeln 
und nicht auf einen „besseren" Zeitpunkt warten. 

Amy Finlinson Faust, meine Mutter, hat mir viel 
über den Glauben und das Zeugnis beigebracht. Sie 
besaß schlichten, aber tiefen Glauben und studierte oft 
im Buch Mormon. Sie unterwies meine Brüder und 
mich häufig dadurch im Evangelium, daß sie aus der 
heiligen Schrift die Worte des Herrn zitierte. Sie besaß 
wirklich erstaunliche Erkenntnis, was das Buch 
Mormon betraf. 

Ich hatte schon immer ein Zeugnis vom Evangelium. 
Auch wenn ich nicht immer alles verstanden habe, 
wurde mein Zeugnis doch schon in jungen Jahren gefe- 
stigt, wenn ich betete und mein Beten erhört wurde. So 
begriff ich, wie wichtig es ist, zu beten und auf den 
Heiligen Geist zu hören. 

Außerdem ist mir bewußt geworden, wie wichtig die 
heiligen Schriften sind. Wenn man in der heiligen 
Schrift liest, hat man das Gefühl, so großartige 
Menschen zu kennen wie David, der Goliat erschlagen 
hat, oder Schadrach, Meschach und Abed-Nego, die 
in den Feuerofen geworfen wurden und unversehrt 
blieben, oder Daniel, der eine Nacht in der Löwengrube 
verbringen mußte und von einem Engel Gottes 
beschützt wurde. Jeder wird selbst merken, mit wem 
er sich am liebsten identifiziert. Wir können beispiels- 
weise unseren Glauben festigen und unser 
Selbstwertgefühl fördern, indem wir beispiels- 
weise etwas über David und Goliat lesen. Als 
David den Goliat besiegte, war er nur ein unbe- 
deutender Hirt, das jüngste Kind seines Vaters. 
Aus dieser Geschichte können wir lernen, daß 
es nicht darauf ankommt, wer man ist, sondern 
daß man mit der Hilfe des Herrn Gutes 
erreichen kann. 

Es gibt eine Schriftstelle, die ich besonders 
tröstlich finde, nämlich Psalm 46: 1 1 : „Laßt ab 
und erkennt, daß ich Gott bin." Es ist sehr 
wichtig, daß wir uns alle bewußt machen: Wir 
sind Söhne und Töchter Gottes, und er denkt an 
uns. Er liebt uns, er wacht über uns, und er hilft 
uns, wenn wir es nur zulassen. D 






NOVEMBER 

3 



19 9 9 



DAS MITEINANDER 



SIEH DEN SEGEN 



Sydney S. Reynolds 




„Fehlt es aber einem von euch an Weisheit, dann soll 
er sie von Gott erbitten; Gott wird sie ihm geben, 
denn er gibt allen gern und macht niemand einen 
Vorwurf/' (Jakobus 1 :5.) 

Zu den größten Segnungen, die uns wegen 
unseres Glaubens an Jesus Christus zuteil 
werden, gehört es, daß unser Beten erhört 
wird. Als Jim ein kleiner Junge war, besaß er ein Paar 
Sporen. Als er eines Tages vom Reiten nach Hause 
kam, war er ungehorsam, und die Mutter schickte ihn 
auf sein Zimmer. Jim war so wütend, daß er seine 
Sporen die Treppe hinunterwarf. Später entschuldigte er 
sich bei seiner Mutter. Als er das nächste Mal reiten 
gehen wollte, konnte er die Sporen nicht finden. Er 
suchte überall. Schließlich kniete er nieder und betete 
zum himmlischen Vater. Als er zu Ende gebetet hatte, 
begann er erneut zu suchen - und fand die Sporen. Mit 
diesem Erlebnis begann Jims Zeugnis, daß der himmli- 
sche Vater unser Beten hört und beantwortet. 

Wenn man aufrichtig zum himmlischen Vater betet, 
fällt es einem leichter, die leise, feine Stimme des 
Heiligen Geistes zu hören. Der Heilige Geist kann uns 
unterweisen, uns führen und uns helfen, Frieden im 
Herzen zu spüren. Das sind nur einige der Segnungen, 
die uns zuteil werden, wenn wir an Jesus Christus 
glauben. 

Manchmal brauchen wir Kraft, weil das Leben hart 
ist. Christy wollte die Glaubensartikel auswendig lernen 
und sich die Auszeichnung „Das Evangelium in Aktion" 
verdienen. Das fiel ihr besonders schwer, weil sie an 
Gehirmlähmung leidet. Aber Christy glaubte daran, daß 
der Herr ihr helfen würde. Sie hörte sich immer wieder 
die Kassette mit den Liedern zu den Glaubensartikeln 
an. Sie übte fleißig, lernte alle Lieder auswendig und 
bekam ihre Auszeichnung. Ihre Familie und ihre 
Freunde wurden wegen ihres guten Beispiels gesegnet. 

Wenn wir überlegen, was für Segnungen uns zuteil 
geworden sind, können wir sagen: „Mein Beten wird 
erhört, Führung und Trost werden mir zuteil, und ich 
kann die Kraft entwickeln, Prüfungen zu bestehen." Der 
Glaube an Jesus Christus wirkt sich wirklich segensreich 
auf uns aus. 



Anleitung 

Auf Seite 5 kannst du einige Segnungen 
aufschreiben, für die du dankbar bist. Auf die anderen 
drei Seiten schreibst du alle Erlebnisse, die du oder 
jemand in deiner Familie gehabt hat, wo es um das 
Beten, um Führung durch den Heiligen Geist und um 
Kraft und Trost geht. Dieses Danke -Buch bastelst du, 
indem du entlang der gepunkteten Linien schneidest, 
die Seiten übereinanderlegst und an der Ecke zusam- 
menheftest. Leg das Buch in dein Tagebuch, damit du 
nie vergißt, an die Segnungen zu denken, die dir zuteil 
geworden sind. 

Anregungen für das Miteinander 

1 . Fertigen Sie große, einfache Puzzlespiele in verschiedenen 
Farben an, die mit wenigen Strichen ein Haus, eine Familie, die 
Erde und ein Gebäude der Kirche darstellen. Teilen Sie die 
einzelnen Puzzleteile an die Kinder aus. Besprechen Sie einiges, 
wofür die Kinder dankbar sind. Fertigen Sie bunte Karten an, auf 
denen sich die Farben der Puzzlespiele wiederholen. Mischen Sie 
die Karten, während Sie Lieder singen, in denen es um 
Dankbarkeit, das Zuhause, die Familie, die Kirche und die 
wundervolle Welt geht. Wenn die Musik unterbrochen wird, halten 
sie die Karte hoch, die gerade oben liegt. Bitten Sie ein Kind, das 
ein Puzzleteil in derselben Farbe wie die Karte hat, die Sie hoch- 
halten, etwas zu nennen, wofür es dankbar ist. Legen Sie das 
Puzzleteil dann an die richtige Stelle. Machen Sie das Spiel so 
lange, bis alle Puzzlespiele zusammengesetzt sind. Lassen Sie ein 
Kind LuB 59:7 vorlesen. Fragen Sie, wie wir unsere Dankbarkeit 
zeigen können. Lassen Sie die Kinder aufzeichnen, wofür sie 
dankbar sind; regen Sie an, daß sie ihre Bilder zu einem Puzzle 
zerschneiden und dieses Spiel beim Familienabend spielen. 

2. Bitten Sie die Kinder, Namen von Menschen aus der heiligen 
Schrift oder der Geschichte der Kirche zu nennen, die an den 
Herrn glaubten und deshalb die Kraft hatten, Prüfungen zu 
bestehen, Jede Klasse darf sich eine Geschichte aussuchen und 
kurz darstellen. Mögliche Geschichten: das Volk Alma - Mosia 
24:8-22; die Söhne Helamans - Alma 57:19-27; Rut und 
Naomi - Rut 1:1-17,22; 2:1,2,7-12; Daniel und seine Freunde - 
Daniel 1:3-17; Schadrach, Meschach und Abed-Nego - Daniel 
3; David und Goliat - 1 Samuel 17:39-51. Lesen Sie gemeinsam 
Alma 36:3, und geben Sie Zeugnis, daß der Herr jedem hilft, der 
auf ihn vertraut. □ 



KINDERSTERN 

4 



SIEH 

DEN SEGEN 



Der himmlische Vater hört mein 
Beten und antwortet mir (siehe 
Mormon 9:21). 



Ich heiße 
Ich bin 



Jahre alt. 



Heute ist 



Für die folgenden Segnungen 
bin ich dankbar: 







Der Heilige Geist führt mich und 
hilft mir, das Rechte zu wählen 
(siehe Johannes 14:16,26). 



«0 



WÜh 



'■'/ 



**■- * *= ^t 



Ich finde Kraft und Trost, wenn 
ich Prüfungen zu bestehen habe 
(siehe Alma 36:3). 



ERZAHLUNG 



*>u^ 



"^r 



.. — ,^^ 



/ 



Wer hat mein Gebet nötig? 





y 



"\ 



) I. 



1/ 



Janene Dykstra 

ILLUSTRATION VON JULIE F. YOUNG 






w 




as lernen wir aus dieser Schriftstelle?", fragte 
Vati und schlug das Buch Mormon zu. 

Der vierjährige Tobias platzte heraus: 
„Jesus hat gesagt, daß wir immer beten sollen." 

„Das stimmt, Tobias", sagte Vati. „Glaubst du, daß du 
es schaffst, heute den ganzen Tag ein Gebet im 

Herzen zu tragen? Aber du darfst nicht nur 
für dich beten, sondern mußt auch nach 
anderen Menschen Ausschau halten, die 
Segnungen brauchen, und dann für sie 
beten. Wenn wir heute abend das 
Familiengebet sprechen, beten wir 
noch einmal für sie. 

Mama stand auf. „Es ist Zeit, das 
Frühstücksgeschirr zu spülen, und 
außerdem muß Vati ins Büro." 

Als Vati zur Haustür ging, lief 
Tobias ihm nach und griff nach 
seiner Hand. „Vati, ich tue 
heute mein Bestes, um 
jemanden zu finden, der mein 
Gebet nötig hat." 
Vati umarmte Tobias. „Gut! 
Darüber freut sich der himmlische 
Vater bestimmt sehr." 
Am späten Vormittag fuhren 
Tobias und seine Mutter in die 
Bibliothek, um Bücher zurückzu- 
bringen. Da sah Tobias eine Frau mit 
einem Baby auf dem Arm. Das Baby 



N D E R S T E 

6 



R N' 



wollte gar nicht mehr aufhören zu weinen, wie sehr die 
Mutter es auch zu trösten versuchte. Das Baby sah aus, 
als ob es Tobias' Gebet nötig hätte. Tobias betete im 
Herzen: „Bitte, himmlischer Vater, segne das Baby, 
damit es wieder fröhlich wird und still ist." 

Nach dem Mittagessen ging Tobias nach draußen, 
um Fahrrad zu fahren. Die Leute von nebenan winkten 
ihm zu. Tobias sah, wie Herr Rademacher seiner Frau 
aus dem Rollstuhl in das Auto half. „Himmlischer 
Vater," betete Tobias, „ich mag die Rademachers. Bitte 
hilf, daß Frau Rademacher wieder gesund wird." 

Am Nachmittag klingelte es. Der Klavierstimmer 
stand draußen. Tobias sah immer gerne zu, wie er mit 
seinen Werkzeugen das Klavier stimmte. Tobias bat den 
himmlischen Vater, den Klavierstimmer zu segnen, 
damit er seine Arbeit gut machte. 

Ehe Tobias ins Bett ging, versammelte sich die 
Familie, um das Abendgebet zu sprechen. „Und hast du 
heute jemanden gefunden, für den du beten konn- 
test?", fragte Vati. 

„Ich habe drei Leute gefunden, die mein Gebet 
nötig hatten ein Baby, Frau Rademacher und der 
Klavierstimmer", berichtete Tobias. 

„Das ist aber schön, Tobias!", sagte Mama. „Der 
himmlische Vater hat deine Gebete 
bestimmt gehört und wird sie 
auch beantworten." 

„Tobias, würdest du 
bitte heute abend das 
Familiengebet spre- 
chen?", fragte Vati. 



Beim Beten vergaß Tobias auch nicht, noch einmal 
für die Menschen zu beten, die sein Gebet während des 
Tages nötig gehabt hatten. D 




fl \ ~;r. 




WIR KÖNNEN ZUM 



FÜR UNSERE KLEINEN 
FREUNDE 



Jeanne Eilerbeck 

ILLUSTRATION VON JULIE F. YOUNG; FOTOS VON TAMRA HAMBLIN 

Der himmlische Vater hat immer Zeit, uns 
zuzuhören. Wir sprechen mit ihm, indem wir zu 
ihm beten. Man kann immer zum himmlischen 
Vater beten, aber es gibt auch bestimmte Zeiten, wo 
man beten soll. Diese Zeiten sind hier unten abge- 
bildet. Bastle das Haus gemäß der Anleitung 
(siehe Foto auf der rechten Seite) . Stell die 
zwei Figuren dann an ihren richtigen Platz 
im Haus, damit man sieht, wann sie 
beten. 




- \ 






— s 



l \ 



I \ 



l \ 



HIMMLISCHEN VATER BETEN 



- \ 





Anleitung 

1. Löse diese beiden Seiten vorsichtig aus der 
Zeitschrift heraus, und klebe sie auf dünne Pappe. 

2. Schneide das Haus und die beiden Figuren 
aus. Schneide in jedem Raum entlang der unter- 
brochenen Linie. 

3. Falte die einzelnen Teile entlang der gepunk- 
teten Linie, und klebe sie zusammen (siehe Bild) . 



——————— -■ 



_____ , , - w "" 5 ' 



— — — 




' ' ■ \~ " 



\- - V 




Ich riß die mittlere Schublade aus der Kommode 
heraus und wühlte hektisch darin herum. Dabei 
warf ich alles, was ich nicht gebrauchen konnte, auf 
den Boden. Heute war nämlich der Tag, wo jeder 
Schüler die Farben seiner Schule trug. Ich war schon 
spät dran und konnte mein blaues Sweatshirt nicht 
finden. Schließlich sah ich einen blauen Ärmel aus der 
untersten Schublade lugen und holte das völlig 
verknautschte Sweatshirt heraus. Ich zog daran, um die 
Falten wenigstens etwas zu glätten, zog es über und 
rannte zur Haustür. 

„Tschüß, Mama", rief ich, gab ihr einen Kuß auf die 
Wange und rannte nach draußen und weiter zur 
Bushaltestelle. Von weitem konnte ich schon sehen, wie 
gerade die letzten Kinder einstiegen. 

Irgend jemand muß dem Fahrer gesagt haben, daß 
ich noch unterwegs war, denn alle Köpfe wandten sich 



Ann Michelle Nielsen 

(NACH EINER TATSÄCHLICHEN BEGEBENHEIT) 




mir zu. Alle sahen, wie ich zum Bus rannte. Verlegen 
sank ich in den ersten freien Sitz, ohne überhaupt 
aufzuschauen. 

In der Schule merkte ich ziemlich schnell, daß ich 
meine Hausarbeiten zu Hause vergessen hatte. Dabei 
hatte ich eine Matheaufgabe am Abend zuvor sogar 
viermal gerechnet, bis ich die Lösung endlich gefunden 
hatte. Und nun hatte ich das Heft zu Hause gelassen, 
wo es mir überhaupt nichts nützte! 

Als die Schule aus war, fühlte ich mich elend. Ich 
trottete von der Bushaltestelle nach Hause und dachte 
noch einmal über die vielen Probleme nach, die der Tag 
mir schon gebracht hatte. Aber dann fiel mir etwas 
Schöneres ein: Vielleicht hat Mama ja diese leckeren 
Plätzchen gebacken. Die weichen mit dem 
Schokoladenüberzug. Warm. Mit Milch. Mir lief das 
Wasser im Mund zusammen! 






Aber die fröhlichen Gedanken verschwanden 
sofort, als ich die Küche betrat. Mein kleiner 
Bruder und nicht meine Mutter „arbeitete" fleißig 
in der Küche. Von der Mehltüte zog sich eine 
weiße Puderspur bis hin zum Fußboden. Und mitten 
auf dem Fußboden saß er mit einer großen 
Rührschüssel voller „Brotteig". „Was machst du denn 
da?", fragte ich 

„Ich backe Brot wie Mama", antwortete er, warf 
eine Handvoll Mehl auf den Fußboden und fing an, 

den Teig zu „kneten". 

Ein anderes Mal 
hätte ich das viel- 
leicht lustig 
gefunden. Aber 
nicht heute, 
heute war ich 




sauer. Ich sehnte mich nach warmen Plätzchen und 
nicht nach einem Bruder, der ein heilloses 
Durcheinander anrichtete! 

Gerade da kam Mama in die Küche und sah die 
Katastrophe. „Wie ist denn hier los?", schimpfte sie. 
„Michelle, warum stehst du einfach nur dabei, während 
er solchen Dreck macht?" Ihre Stimme wurde lauter. 
„Und in deinem Zimmer sieht es aus wie in einem 
Saustall. Geh auf dein Zimmer, und komm erst dann 
wieder heraus, wenn du aufgeräumt hast!" 

Ich knallte die Tür zu meinem Zimmer zu und warf 
mich aufs Bett. Das ist unfair! Ich habe den Dreck in der 
Küche doch nicht gemacht! Warum bin ich jetzt die Böse? 
Mir geht es doch heute so schlecht. Keiner kümmert sich um 
mich. Ich wischte mir die Zornestränen aus den Augen 
und hörte die Zwillinge schreien. Wahrscheinlich waren 
sie aufgewacht, als ich meine Zimmertür zugeknallt hatte. 

Ich schaute mich in meinem Zimmer um. Mama 
hatte recht es sah wirklich ziemlich unaufgeräumt aus. 
Die Schublade lag auf dem Boden, und als ich am 
Morgen mein blaues Sweatshirt gesucht hatte, hatte ich 
überall Kleidungsstücke verstreut. Außerdem war mein 
Bruder wohl an meinen Spielsachen gewesen, denn 
auch die waren im ganzen Zimmer verstreut. Es sah 
furchtbar aus. Aber es war so unfair! Mein Bruder ist 
wirklich ein Problem, dachte ich. Warum kann er meine 
Sachen nicht in Ruhe lassen? Ich nahm mir vor, alles 
so umzuräumen, daß er nicht mehr an meine 
Spielsachen kam. 

Also zog ich alles aus den Regalen und aus 
den Schreibtischschubladen - Spielsachen, 
Papiere, Stifte, einfach alles! Alles, was für 
einen kleinen Bruder interessant sein 
könnte, mußte außerhalb seiner 
Reichweite untergebracht werden. 
Während ich so in meinem Schrank 
herumräumte und Ausschau nach allem 
Schützenswerten hielt, stieß 
ich auf meinen 
Dinosaurier- 
Malkasten. 




In der Zwischenzeit war Mama in das Zimmer der 
Zwillinge gegangen und hatte sie beruhigt. Als sie 
wieder in die Küche kam, sah sie, daß mein Bruder 
versucht hatte, die Küche sauberzumachen. Er hatte ein 
nasses Tuch durch den Teig gezogen und die klebrige 
Paste vom Fußboden bis zum Spülbecken verteilt. 

Als Mama die Küche schließlich wieder in Ordnung 
gebracht hatte, kam sie in mein Zimmer. Dort saß ich auf 
einem noch größeren Berg Unordnung und spielte mit 
meinem Dinosaurier-Malkasten. Mir war sofort klar, daß 
ich jetzt in großen Schwierigkeiten steckte. Ihre Augen 
weiteten sich, und sie öffnete den Mund, um etwas zu 
sagen. Aber statt dessen fing sie an zu weinen und ging 
aus dem Zimmer. Dabei sah sie völlig resigniert aus. 

Mir war schrecklich elend. Alles war schiefgegangen 
mein Sweatshirt, der Bus, die Hausaufgaben, mein 
kleiner Bruder und nun war Mama auch noch böse auf 
mich. Ich fühlte mich völlig alleingelassen. Und weil ich 

nicht wußte, was ich sonst 
tun sollte, kniete ich 
neben dem Bett 
nieder und betete: 
„Himmlischer 
Vater, bitte hilf 
mir. Hilf, daß 





^ 



alles wieder in Ordnung kommt. Hilf, daß meine Mama 
wieder fröhlich wird. Hilf ihr, daß sie mich auch trotz 
meines unaufgeräumten Zimmers liebhat. Bitte, himmli- 
scher Vater, bitte, hilf mir." Ich blieb neben dem Bett 
knien, vergrub das Gesicht im Kissen und schluchzte. 

Schon bald hörte ich Mama auf dem Flur. Ich setzte 
mich auf und tat so, als ob ich im Begriff sei, etwas 
wegzulegen ich wollte nicht, daß sie noch einmal 
dachte, ich sei faul. 

Als Mama in mein Zimmer kam, hatte sie rote, 
geschwollene Augen. Sie sah noch schlimmer aus als 
ich. Dann fragte sie leise, ob ich gebetet hätte. Ich 
zögerte, weil ich ja wußte, daß ich aufräumen sollte, 
aber nickte dann doch. 

Mama machte sich neben mir Platz, setzte sich hin 
und nahm mich in die Arme. „Ich habe dich lieb", sagte 
sie. „Es tut mir leid, daß ich so böse auf dich war. Es tut 
mir auch leid, daß du heute einen schlechten Tag hast. 
Ich hatte selbst auch einen harten Tag, und ich habe 
gerade um Hilfe gebetet, als der Geist mir eingab, daß 
auch du gerade für mich beten würdest." 

„Wirklich?", fragte ich. „Der himmlische Vater hat 
mein Gebet gehört, und der Heilige Geist hat dir das 
gesagt?" 

„Das stimmt", sagte Mama und lächelte. 

Ich fing wieder an zu weinen, aber diesmal vor Freude, 
weil ich jetzt wußte, daß es jemanden gibt, der sich um 
mich sorgt. Der himmlische Vater hatte gesehen, daß ich 
einen schlechten Tag hatte, und wußte, daß Liebe jetzt 
wichtiger war als ein aufgeräumtes Zimmer. Und obwohl 
ich keine warmen Plätzchen bekam, wurde mir innerlich 
doch ganz warm. Ich hatte jetzt nämlich die tröstende 
Gewißheit, daß ich nie allein bin. □ 




• % 



*** 




4* ««• 



- 



r* 






SICH BEDANKEN 

Eider Hugh W. Pinnock von den Siebzigern 



Auf einer Pfahlkonferenz hatte eine 
hübsche junge Frau einmal die 
folgende Geschichte erzählt. Sie sagte: 
„Ich stamme aus dem Norden des Staates New 
York und habe mich dort zur Kirche bekehrt. 
Meine Eltern wollten gerne, daß ihre Kinder 
die ewige Ehe eingehen. 

Unsere Familie zog nach Utah, und schließlich fand 
ich dort auch einen Mann. Er war Leiter des 
Motorradclubs und trug eine schwarze Lederjacke und 
Motorradstiefel. Wir fuhren zusammen Motorrad. 
Wahrscheinlich war das nicht gerade das, was meine 
Mutter sich erhofft hatte, aber zum damaligen 
Zeitpunkt hatte ich mich von der Kirche entfernt. 

Wir zogen in ein Haus. Unsere Freunde kamen oft 
zu Besuch. Ich glaube, unsere Nachbarn waren nicht 
so besonders glücklich mit uns. Zumindest eine 
Nachbarin holte immer ihre Kinder ins Haus, wenn 
wir draußen waren. 

Aber wissen Sie, was unsere Nachbarn gemacht 
haben? Sie haben uns den Rasen gemacht, weil wir 
keinen Rasenmäher hatten. Sie haben uns Blumen 
gebracht, wenn einer von uns krank war, und oft haben 
sie auch etwas zu essen vorbeigebracht und Reparaturen 
im Haus durchgeführt. Unsere kleine Tochter durfte mit 
den Nachbarskindern spielen, und 
zu ihrem Geburtstag wurde sogar 
ein kleines Fest veranstaltet. 





ff ii 





Als wir unseren Nachbarn danken wollten, 
sagten sie nur: ,Wir alle helfen einander doch 
gern.' Sie gaben uns das Gefühl, dort will- 
kommen zu sein. 

Ungefähr zehn Monate später tauschten 
wir unsere schwarzen Lederjacken und die 
Motorradstiefel gegen weiße Tempelkleidung. Als wir 
einander am Altar gegenüberknieten und uns im Raum 
umsahen, sahen wir unsere Nachbarn, die unseren Rasen 
gemäht und uns das Leben leichter gemacht hatten." 

Ein bekannter Geschäftsmann und Christ in New York 
City hat viel Gutes über unsere Mitglieder gesagt. Ihm ist 
aufgefallen: „Zu den beeindruckendsten Eigenschaften 
der Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der 
Letzten Tage gehört es, sich darauf ... zu konzentrieren, 
das zu tun, was Jesus vermeintlich von einem erwartet." 

Wie tut man das, was Jesus von einem erwartet? Wie 
bedankt man sich für das Sühnopfer? Wie zeigt man 
dem Herrn, daß man für seine Lehren und für die 
heiligen Handlungen und die Bündnisse des Tempels 
dankbar ist? Indem man Gott liebt, indem man seinen 
Nächsten liebt, und indem man die Gebote hält. D 



Nach einer Ansprache auf der Generalkonferenz 
im April 1987. 



M : 

vT ( 














• • 



DAS SCHATZKÄSTCHEN 



Vivian Paulsen 

ILLUSTRATION VON DICK BROWN 



Jeden Tag werden dir Segnungen vom himmlischen 
Vater zuteil. Selbst an Tagen, wo es dir nicht gut geht 
oder wo du unglücklich bist, bekommst du noch viele 
Segnungen von ihm. Vielleicht scheint die Sonne, oder 
du schreibst eine gute Note in der Klassenarbeit, oder 
deine Mama macht dir frischgepreßten Saft. Schau dich 
nur um wenn du darauf achtest, wirst du dir eher der 
wunderbaren Segnungen bewußt. Achte jeden Tag auf 
Segnungen, die dazu beitragen, daß du glücklich bist. 

Bastei dir ein eigenes Schatzkästchen für Segnungen. 
Dazu brauchst du ein Kästchen, das du so beklebt, daß es 
wie eine Schatzkiste aussieht. Anschließend löst du diese 
und die nächste Seite vorsichtig aus dem Heft heraus, 
klebst die Schatzschildchen auf dickes Papier und schnei- 
dest sie aus. Immer, wenn dir zu Hause eine Segnung 
auffällt, schreibst du diese auf das Schildchen mit der 
Aufschrift zu Hause und legst es in dein Schatzkästchen. 
(Du kannst dir dabei ruhig helfen lassen.) Wenn dir eine 
Segnung auffällt, die deine Familie betrifft, schreibst du 
diese auf das Schildchen mit dem Herz. Für Segnungen 
in der Schule gibt es das Schildchen mit der Aufschrift 
Buch, für Segnungen in der Kirche das Schildchen mit 
der Aufschrift Kirche, für Segnungen im Zusammenhang 
mit Freunden das Schildchen mit den Blumen, für 
Segnungen in der Nachbarschaft das Schildchen mit den 
Bäumen. Für sonstige Segnungen gibt es noch unbe- 
schriftete Schildchen. 

Wenn du jedesmal ein Schildchen ausfüllst, sobald 
du an eine Segnung denkst, ist dein Schatzkästchen 
bald voll. Plane einen Familienabend zum Thema 
Dankbarkeit. Dann öffnest du dein Schatzkästchen 
zusammen mit deiner Familie und erklärst, warum du 
für deine Schätze dankbar bist nämlich für die 
Segnungen, die dir der himmlische Vater geschenkt 
hat. D 



SCHILDCHEN 




K I N D E R S T E 

14 



R N 



»« » 



r* ~" fr i i m i—fc— — m-~* f^ S 






ii« ■ ' 

■tu 



=*dJ 



in m • * »■« 



«MM 








SEGNUNGEN IN DER SCHULE 





SEGNUNGEN VON 
FREUNDEN 







SEGNUNGEN IN DER 
NACHBARSCHAFT 




V- 



v .1 . » ■ —■ 



mm 



v ■■ . ». — 



-mmm—mmm 



mm 



NOVEMBER 1999 

15 



VERSUCHEN, WIE JESUS ZU SEIN 




stop'\ 



/ 




Renee Huggins wurde auf Haiti geboren, das auf 
einer kleinen Insel in der Karibik liegt. Als sie acht 
Jahre alt war, zog sie mit ihrer Mutter nach Utah, um 
näher bei Renees Tanten, Onkeln, Cousins und 
Kusinen zu sein. 

Nach dem Umzug erzählten Renees Familie und 
Freunde ihr und ihrer Mutter vom Evangelium. Schon 
bald ließen sie sich von den Missionaren unterweisen. 

Zuerst wußte Renee nicht so recht, ob sie sich taufen 
lassen wollte. Aber dann lasen ihr die Missionare eines 
Tages aus dem Buch Mormon eine Schriftstelle zur 
Taufe vor. Dort sagte der Prophet Nephi, daß die Taufe 
wie ein Tor ist, durch das man auf den Weg gelangt, der 
zum himmlischen Vater führt. Außerdem erklärte er die 
Segnungen, die mit der Gabe des Heiligen Geistes 
verbunden sind, die man nach der Taufe empfängt. 
(Siehe 2 Nephi 31:17,18.) 

Da spürte Renee ein warmes Gefühl der Freude in 
sich aufsteigen. Sie wußte, daß sie zum himmlischen 
Vater zurückkehren wollte. Und sie wünschte sich die 
Gabe des Heiligen Geistes, denn sie überlegte sich, daß 
der Heilige Geist ihr bestimmt das ganze Leben lang ein 
guter Freund und Begleiter wäre. Sie und ihre Mutter 
ließen sich nach kurzer Zeit taufen. 

An einem Wintertag kurz nach ihrer Taufe erfuhr 
Renee am eigenen Leibe, wie der Heilige Geist einen 
beschützt. Als sie durch das Schultor laufen wollte, 
hörte sie eine Stimme „Stop!" sagen. Sie schaute sich 
um. Es war niemand zu sehen, deshalb lief sie wieder 
los. Wieder sagte die Stimme: „Stop!" Renee gehorchte. 

Kaum war sie stehengeblieben, da löste sich ein 
dicker Brocken aus Schnee und Eisklumpen vom Dach 
und landete direkt vor ihren Füßen! Ihr Herz raste, als 
sie den Brocken anschaute. Wenn der Eisklumpen sie 
am Kopf getroffen hätte, hätte sie schwere Verletzungen 
davontragen können. 

Renee wußte, daß der Heilige Geist sie gewarnt 
hatte. Am Abend dankte sie dem himmlischen Vater 
beim Beten für die Gabe des Heiligen Geistes. D 



Renee Huggins ist neun Jahre alt 

und gehört zur Gemeinde Capitol Hill l 

im Pfahl Salt Lake. 



BESUCHSLEHRBOTSCHAFT 



IN NÄCHSTENLIEBE GEKLEIDET 



Der himmlische Vater erwartet 
von allen seinen Kindern, 
daß sie einander lieben. „Und 
vor allem: Bekleidet euch mit der 
bindenden Kraft der Nächstenliebe 
wie mit einem Mantel, denn es 
ist dies die bindende Kraft der 
Vollkommenheit und des Friedens." 
(LuB 88:125.) 

Nächstenliebe ist eine Angelegen- 
heit des Herzens. Sie ist nicht einfach 
nur Zuneigung, sondern die höchste 
und stärkste Art der Liebe, nämlich 
die reine Christusliebe. Wenn wir den 
Herrn von ganzem Herzen lieben, 
fällt es uns auch leichter, andere 
Menschen zu lieben. Und wenn wir 
das tun, werden wir ihm ähnlicher. 

DIE GABE DER LIEBE 

Ohne die Hilfe des Herrn läßt 
sich diese Gabe nicht entwickeln. 
Denn es handelt sich ja wirklich um 
eine Gabe - um eine Gabe von Gott, 
die denjenigen zuteil wird, die durch 
Gehorsam, Dienen und Opfern eifrig 
bemüht sind, dem Herrn nachzu- 
folgen: „Betet mit der ganzen Kraft 
des Herzens zum Vater, daß ihr von 
dieser Liebe erfüllt werdet, die er 
allen denen verleiht, die wahre 
Nachfolger seines Sohnes Jesus 
Christus sind." (Moroni 7:48.) 

Eine Schwester hatte ihrem Vater 
viele Jahre lang Abneigung entge- 
gengebracht, und zwar wegen der 
Art und Weise, wie er sie erzogen 
hatte. Doch dann begriff sie, daß sie 
ihre Einstellung ändern mußte. „Als 
ich las, was der Erretter und unsere 
Propheten über die Wandlung im 
Herzen gesagt haben, dämmerte es 
mir, daß ich mit meinem verhärteten 
Herzen nicht meinem Vater scha- 
dete, sondern vielmehr mir, und zwar 



in allen Lebensbereichen - vor allem 
aber, was mein Verhältnis zum 
himmlischen Vater betraf." 

Fast zwei Jahre lang betete und 
fastete sie für diese Wandlung. 
Als sie dann eines Abends eine 
Versammlung besuchte, in der es um 
die Elternschaft ging, „wurde meine 
Seele von Liebe für meinen Vater 
erfüllt, so daß sie überfloß". Nach 
der Versammlung fuhr sie mit ihrem 
Mann zu ihrem Vater. „Ich klingelte. 
Als die Tür sich öffnete, sah ich 
einen Mann mit einem sehr 
wütenden Gesichtsausdruck. Er 
schlug mir die Tür vor der Nase zu. 
Ich klingelte wieder. Schließlich ließ 
er mich herein, aber nur deshalb, 
weil ich einfach nicht fortging. 

Ich wußte überhaupt nicht, was 
ich sagen sollte; ich dachte, es würde 
etwa folgendes dabei herauskommen: 
Ich vergebe dir, daß du kein beson- 
ders guter Vater warst.' Aber so war 
es gar nicht. Als wir uns hinsetzten, 
nahm ich seine Hand in meine, 
schaute ihm in die Augen und sagte: 
,Du sollst wissen, daß ich dich lieb- 
habe und sehr froh bin, daß du mein 
Vater bist.' Das Wunder dabei war, 
daß ich das, was ich sagte, auch wirk- 
lich empfand! Wut und Kränkung 
hatten sich in Liebe verwandelt. 

Inzwischen sind viele Jahre 
vergangen, und ich bringe meinem 
Vater noch viel mehr Liebe entgegen. 
Er hat sich zwar nicht geändert, aber 
der liebevolle himmlische Vater hat 
mein Herz geheilt. Ich habe die 
reine Christusliebe gespürt." 

DER URSPRUNG VIELER 
TUGENDEN 

Wer Nächstenliebe entwickelt, 
entwickelt auch andere Tugende 



Präsident Brigham Young hat erklärt: 
„Es gibt eine Tugend . . . oder einen 
Grundsatz, der Tausenden und 
Abertausenden Errettung bringen 
würde, wenn die Heiligen ihn 
wertschätzen und praktizieren 
würden. Ich meine die Nächstenliebe 
- die Liebe, der Vergebungsbereit- 
schaft, Langmut, Güte und Geduld 
entspringen." (Lehren der Präsidenten 
der Kirche: Brigham Young, Seite 
217 f.) 

Der Text eines gern gesungenen 
Kirchenliedes fordert uns auf: „Ich 
will meinem Nächsten dienen, 
heilend, tröstend bei ihm sein, wenn 
er mutlos wird und müde, neue 
Hoffnung ihm verleihn." („Herr, ich 
will folgen dir", Gesangbuch, Nr. 
148.) Wer Nächstenliebe im Herzen 
trägt, bringt bemerksenswerte Werke 
hervor, und nichts schenkt uns mehr 
Freude, als die christusähnlichen 
Empfinden zu fördern und in die Tat 
umzusetzen, die uns eingeben, Gutes 
zu tun. D 




NOVEMBER 

25 



19 9 9 




» 







ICH HABE EINE FRAGE 



DER GROSSTE VON ALLEN, GEMÄLDE VON DEL PARSON 



Woher weiß ich, 
ob mir vergeben 
worden ist? 



Ich verstehe zwar, wie die Umkehr 
abläuft, aber woher weiß ich, ob mir 
vergeben worden ist? 

Die Antworten sollen Hilfe und Ausblick geben, 
sind aber nicht als offizielle Lehre der Kirche zu 
verstehen. 



UNSERE ANTWORT 

Der schwierigste Teil wirklicher 
Umkehr besteht wohl darin, daß 
man schließlich das Gefühl hat, 
es sei einem vergeben worden. 
Manchmal denkt man nämlich an 
die Sünde zurück und empfindet 
Reue dabei; dann meint man, der 
Herr habe einem nicht vergeben. 
Glücklicherweise ist ziemlich 
eindeutig festgelegt, wie man 
Vergebung vom Herrn erlangt: 

„Siehe, wer von seinen Sünden 
umgekehrt ist, dem wird vergeben, 
und ich, der Herr, behalte sie nicht 
mehr im Gedächtnis. 

Ob jemand von seinen Sünden 
umkehrt, könnt ihr daran erkennen: 
Siehe, er bekennt sie und läßt 
davon." (LuB 58:42,43; Hervorhe- 
bung hinzugefügt.) 

Es ist oft gar nicht so leicht, eine 
Sünde zuzugeben; dazu ist große 
Demut erforderlich. Das gilt vor 
allem dann, wenn man sein falsches 
Verhalten dem Bischof bzw. Zweig- 
präsidenten oder dem bekennen muß, 
dem man Unrecht getan hat. Eine 
Sünde, die so schwerwiegend ist, daß 
sie sich auf den Stand in der Kirche 



auswirkt, muß dem Bischof bzw. 
Zweigpräsidenten bekannt werden 
(siehe Marion G. Romney, General- 
konferenz, Oktober 1955). Doch 
wenn man seine Sünden zugibt, zeigt 
man damit dem Herrn, sich selbst 
und allen Betroffenen, daß man den 
Wunsch hat, den angerichteten 
Schaden wiedergutzumachen und 
alles wieder in Ordnung zu bringen. 

So schwer einem das Bekennen 
einer Sünde auch fallen mag es kann 
noch viel schwerer sein, davon zu 
lassen, vor allem dann, wenn man 
über einen langen Zeitraum hinweg 
gesündigt hat. Doch wer sich von 
der Sünde abwendet, zeigt damit, 
daß er sich geändert hat, daß er 
sich inneren Frieden und Reinheit 
sehnlicher wünscht als flüchtiges 
Vergnügen bzw. die Vorteile, die das 
Sündigen einem einbringen mag. 

Wer die vom Herrn festgelegten 
Bedingungen erfüllt, also seine 
Sünden bekennt und davon abläßt, 
dem wird Vergebung vom Herrn zuteil. 
Darüber hinaus kann er aber auch im 
Innern spüren, daß ihm vergeben 
worden ist, indem er nämlich den glei- 
chen Gewissensfrieden empfindet wie 

DER STERN 

26 



das Volk König Benjamins: Der Geist 
des Herrn kam über sie, „und sie 
wurden von Freude erfüllt, weil sie 
Vergebung für ihre Sünden empfangen 
hatten und weil sie Frieden im 
Gewissen hatten" (Mosia 4:3). Die 
heilende Kraft des Heiligen Geistes 
macht jeden rein, der wirklich 
bußfertig ist, und schenkt ihm Trost. 

Präsident Harold B. Lee hat 
einmal von einem jungen Mann 
erzählt, der sich viele Gedanken um 
dieses Thema machte: ,Vor einigen 
Jahren saßen Präsident [Marion G. 
Romney] und ich in meinem Büro. 
Da ging die Tür auf, und ein netter 
junger Mann kam herein. Er machte 
ein ziemlich sorgenvolles Gesicht und 
sagte: ,Brüder, morgen gehe ich zum 
ersten Mal in den Tempel. Ich habe in 
der Vergangenheit Fehler gemacht, 
aber ich bin zu meinem Bischof und 
meinem Pfahlpräsidenten gegangen 
und habe ihnen alles gestanden; und 
nach einer Zeit der Umkehr, in der 
ich beweisen mußte, daß ich die alten 
Fehler nicht erneut begehe, haben sie 
nun [befunden], daß ich für den 
Tempel bereit bin. Aber Brüder, das 
reicht nicht. Ich möchte wissen, und 



wie kann ich wissen, daß der Herr mir 
auch vergeben hat.' 

Wir sannen einen Augenblick 
nach, und da fiel uns die Ansprache 
von König Benjamin ein, die im 
Buch Mosia zu finden ist. . . . Das war 
die Antwort. 

Wenn die Zeit kommt, wo Sie alles 
in Ihrer Macht Stehende getan 
haben, um von Ihren Sünden umzu- 
kehren, wer auch immer Sie sein 
mögen, wo auch immer Sie sein 
mögen, und wenn Sie nach besten 
Kräften Wiedergutmachung geleistet 
haben - falls es sich um etwas 
handelt, was sich auf Ihren Stand in 
der Kirche auswirkt, und Sie haben 
sich an die richtigen Autoritäten 
gewandt -, dann werden Sie sich die 
Bestätigung dafür wünschen, ob der 
Herr Sie angenommen hat oder 
nicht. Wenn Sie dann Ihre Seele 
erforschen und nach Gewissens- 
frieden suchen und diesen auch 
finden, dann können Sie das als 
Zeichen dafür werten, daß der Herr 
Ihre Umkehr angenommen hat." 
(,„Stand Ye in Holy Places'", Ensign, 
Juli 1973, Seite 122.) 

Vielleicht vergißt man seine 
Fehler nie. Aber das ist im Grunde 
ja auch eine Segnung des Erretters; 
so denken wir nämlich immer 
daran, daß dieses Erlebnis sehr 
schmerzhaft war und wir nicht noch 
einmal übertreten dürfen. „Aber zu 
der Seele, die sündigt, werden die 
früheren Sünden zurückkehren, 
spricht der Herr, euer Gott." (LuB 
82:7.) Doch wenn uns Vergebung 
zuteil geworden ist, sind unsere 
Sünden nicht länger ein Teil von 
uns. Wir sind frei von ihnen. 
Vielleicht müssen wir noch länger- 
fristige Konsequenzen auf uns 
nehmen, aber Schuld und Reue 
drücken uns nicht mehr nieder. 



Wenn du mehr darüber wissen 
willst, wie einem vergeben wird, 
dann wende dich der heiligen Schrift 
zu und such im Stichwortverzeichnis 
nach Schriftstellen zu den Themen 
Vergebung und Sühnopfer. Berate 
dich mit deinem Bischof bzw. 
Zweigpräsidenten. Und dann geh auf 
die Knie und frag, ob du alles getan 
hast, was für eine vollständige 
Umkehr erforderlich ist. Dann hilft 
der Herr dir, den Frieden zu finden, 
den du dir wünscht. 

ANTWORTEN UNSERER LESER 

Der Satan will uns einreden, 
unsere Sünden seien so schwerwie- 
gend, daß sie nicht vergeben werden 
könnten. Aber der himmlische Vater 
ist barmherzig. Er befreit uns von 
den Ketten der Übertretung, wenn 
wir den Weg gehen, den er vorge- 
sehen hat. 
Berta M. Chävez, 
Gemeinde Santa Fe, 
Pfahl Country, Comayaguela, Honduras 

Wir können die Gewißheit 
erlangen, daß uns Vergebung zuteil 
geworden ist, wenn wir spüren, daß 
unsere Seele durch die Macht des 
Sühnopfers heil geworden ist. Wir 
können das gleiche empfinden wie das 
Volk König Benjamins, als ihm 
Vergebung seiner Sünden zuteil wurde. 
Koffi N'Goran Gerard, 
Gemeinde Sogefiha, 
Pfahl Abidjan, Elfenbeinküste 

Ich war zehn Jahre lang weniger 
aktiv. Heute bin ich glücklich, und 
ich danke dem himmlischen Vater 
dafür, daß er mir vergeben hat. Ich 
weiß, daß mir Vergebung aufgrund 
von Umkehr, Glauben, Geduld, 
Beten und den Besuch der Kirche 
zuteil geworden ist, denn ich spüre, 




Berta M. Chavez 




Koffi N'Goran Gerard 




Claudia Rodrigues Gruber 



NOVEMBER 1999 



27 




Missionar llunga Mbidi Kiluwe 




Juliana Lazzarotti Oliveira 



daß der Heilige Geist wieder mit mir 

ist, und empfinde Freude. 

Claudia Rodrigues Gruber, 

Zweig Innsbruck, 

Pfahl Salzburg, Österreich 

Jesus Christus hat gesagt: „Kommt 
alle zu mir, die ihr euch plagt und 
schwere Lasten zu tragen habt. Ich 
werde euch Ruhe verschaffen. . . . 
Denn mein Joch drückt nicht, und 
meine Last ist leicht." (Matthäus 
11:28,30). Wenn du dich nach der 
Umkehr noch mit Schuldgefühlen 
plagst, ist dir der verheißene Frieden 
nicht zuteil geworden. Ein wichtiges 
Hilfsmittel des Satans besteht ja 
darin, daß er einem einredet, man 
habe noch keine Sündenvergebung 
erlangt und könne auch niemals 
Vergebung erlangen. 
Missionar llunga Mbidi Kiluwe, 
Mission Kinschasa Demokratische 
Republik Kongo 

Umkehr ist die süßeste Gabe - sie 
macht die Seele edel und bringt uns 
in Einklang mit dem Erretter. Wenn 
ich inneren Frieden, Ruhe und dauer- 
hafte Freude spüre, dann weiß ich, 
daß der Erretter mir vergeben hat. 
Wenn der Heilige Geist immer mit 
mir ist und mir hilft, vor der Sünde zu 
fliehen, und wenn das Abbild Jesu aus 
meinem Gesichtsausdruck strahlt, 
dann weiß ich, daß Gott mir vergeben 
hat und daß ich mir auch selbst 
vergeben habe. 
Janeth Viafara Borja, 
Gemeine Villa del Lago, 
Pfahl Americas, Coli, Kolumbien 

Lies in der heiligen Schrift, hör auf, 
weiterhin etwas Falsches zu tun, 
vergib deinen Mitmenschen, gib 
Zeugnis und bete schließlich zu Gott 
und frag ihn, ob er dir vergeben hat. 



Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß 
der himmlische Vater einem durch 
den Heiligen Geist innere Ruhe 
schenkt, wenn er einem vergeben hat. 
Juliana Lazzarotti Oliveira, 
Zweig Santa Clara, 
Distrikt Coimbra, Portugal 

In Moroni 8:26 heißt es, daß man 
vom Heiligen Geist besucht wird, 
wenn einem Sündenvergebung zuteil 
wird. Wenn man den Geist Gottes 
spürt, läßt einem der Herr dadurch 
Hoffnung, Trost und Liebe zuteil 
werden. 
Masaki Keikyu, 
Gemeinde Gokiso, 
Pfahl Nagoja, Japan 

Schickt eure Antwort auf die unten 
stehende Frage bis zum l . Januar 2000 
an die folgende Adresse: QUESTIONS 
AND ANSWERS, International Maga- 
zines, 50 East North Temple Street, Salt 
Lake City, ÜT 84150-3223, USA. 
Eure Antwort kann mit der Maschine 
oder leserlich mit der Hand geschrieben 
sein, auch in eurer Muttersprache. 
Gebt unbedingt euren vollständigen 
Namen, euer Alter, euren Wohnort, eure 
Gemeinde und euren Pfahl (bzw. Zweig 
und Distrikt) an. Schickt möglichst 
auch ein Foto von euch mit; es wird 
allerdings nicht zurückgeschickt. Wenn 
eure Antwort sehr persönlicher Natur 
ist, könnt ihr darum bitten, daß euer 
Name nicht veröffentlicht wird. Wir 
werden eine repräsentative Auswahl an 
Antworten veröffentlichen. 

FRAGE: Ich habe einen Freund, der sich 
für die Kirche zu interessieren scheint. Er 
beobachtet mich immer sehr genau, weil 
er wissen will, wie Heilige der Letzten 
Tage sind. Aber ich mache so viel falsch. 
Wie kann ich ein gutes Bespiel sein, wo 
ich doch so unvollkommen bin? D 



DER STERN 

28 



DIE WICHTIGERE LEKTION 




Erika DeHart 



Als meine Mutter mit meiner Schwester Chantel 
schwanger war, rätselte die ganze Familie, ob das 
Baby nun ein Junge oder ein Mädchen werden 
würde. Ich war sicher, daß es ein Junge werden würde, 
denn wir hatten ja schon sieben Mädchen, aber nur drei 
Jungen in der Familie, die außerdem noch alle älter waren 
als ich. Ich honte, daß ich recht hatte, denn ich stellte es 
mir sehr schön vor, einen Bruder zu haben, der noch nicht 
alt genug war, um mich zu necken. Aber als Chantel in 
unsere Familie kam, war ich dankbar für dieses besondere 
neue Mädchen, das meine Schwester ist. 

Chantel leidet am Down-Syndrom und lernt deshalb 
nur sehr langsam. Wir haben jedoch festgestellt, daß 
Chantel eine Friedensstifterin ist. Wenn alle anderen 
miteinander streiten oder sich anschreien, macht 
Chantel uns bewußt, daß wir einander helfen sollen und 
einander nicht kränken dürfen. 

Als Chan älter wurde, wurden wir richtig gute 
Freundinnen. Eines Tages wollte ich ihr beibringen, wie 
man Schürsenkel bindet. Ich zeigte ihr, wie man 



Schnürsenkel zu- und aufbindet, und ließ sie es dann 
selbst versuchen. Nach einer Weile verloren wir beide die 
Lust. Chantel konnte nicht verstehen, warum ich ihr 
nicht einfach die Schnürsenkel zuband, damit sie spielen 
gehen konnte. Ich verlor die Geduld und fing an, laut 
und gemein auf sie einzuschimpfen. Erschrocken, weil 
ich so laut schrie, schaute Chantel mich voller Angst 
und mit Tränen in den Augen an. Dann zog sie die Nase 
hoch und sagte mit sanfter, halberstickter Stimme: „Ich 
hab dich lieb." 

Jetzt konnte ich etwas von meiner Schwester lernen. 
Ich habe damals nämlich etwas gelernt, was viel wich- 
tiger war, als Schnürsenkel zu binden. Obwohl ich 
wütend und gemein war, hatte Chantel mich noch lieb. 
Ich hatte versucht, ihr etwas beizubringen, was im 
Grunde gar nicht wichtig war. Und sie hatte mir ein chri- 
stusähnliches Beispiel gegeben, an das ich mich halten 
kann, nämlich ein Beispiel für Vergebungsbereitschaft 
und Freundlichkeit. 

Ich kann mir keine wichtigere Lektion vorstellen. D 



NOVEMBER 

29 



19 9 9 



„ICH VERSP 





Lanna J. Carter 

ILLUSTRATION VON GREGG THORKELSON 



Claritza Carmona, meine Mitarbeiterin, und ich 
waren müde, schmutzig und niedergeschlagen. 
Ein Tag lag hinter uns, an dem wir nur auf unin- 
teressierte Menschen gestoßen waren und nur 
mit Untersuchern zu tun gehabt hatten, die einfach 
nicht Fortschritt machten. Es regnete leicht, und unsere 
Stimmung war so trübe wie das Wetter an jenem 
Aprilabend in Puerto Plato in der Dominikanischen 
Republik. 

Ich freute mich auf unseren Besuch bei Elena Gonzales 
und ihrer Familie. Elena, bei deren Reaktivierung wir 
halfen, war uns eine liebe Freundin geworden. Doch als 
wir gerade bei ihr angekommen waren, kam ein kleines 
Mädchen aus der Nachbarschaft an die Tür. „Da möchte 
jemand mit ihnen sprechen", sagte sie. 

Endlich jemand, der das Evangelium hören möchte!, 
dachte ich glücklich. Elena sagte, sie habe nichts 
dagegen, wenn wir dorthin gingen. Im Gegenteil sie 
wollte sogar mitkommen. Also machten wir Schwester 
Carmona, Elena und ich uns hoffnungsvoll auf den Weg. 
Doch irgend etwas sagte mir, daß es Schwierigkeiten 
geben würde. 

Wir traten in ein kleines Haus am Kanal. Der 
vorderste Raum wurde von einer Kerosinlampe erhellt. 
Dort saßen mehrere Frauen in Schaukelstühlen; andere 
hatten sich kreisförmig im Raum aufgestellt. Mercedes, 
eine unserer Untersucherinnen, saß vornübergebeugt auf 
einem kleinen Stuhl. 

Meine böse Ahnung bestätigte sich, als ein hochge- 
wachsener Mann namens Gerönimo in grimmigem Ton 
„Sientense!" (Setzt euch!) sagte. Wir setzten uns auf die 
beiden Stühle, die am nächsten waren, und warfen uns 
besorgte Blicke zu. Gerönimo, ein örtlicher Prediger, 
sagte, daß eine Frau aus der Gruppe dabei deutete er auf 
Mercedes eine Frage habe. Er hatte diese „Debatte" 
arrangiert, um das Problem zu lösen. 

Es ging um das Buch Mormon. Wir sollten nun anhand 
von Schriftstellen aus der Bibel, „dem einzigen wahren 
Wort Gottes", wie Gerönimo sich ausdrückte, beweisen, 



daß das Buch Mormon wahr ist. Er verlangte von uns, daß 
wir alles, was wir sagten, mit Schriftstellen untermauerten. 
Außerdem bekamen wir jede nur drei Minuten Sprechzeit. 

Schwester Carmona und ich fühlten uns wie zwei 
schwache Kerzen in einem sonst stockfinsteren Raum. 
Wir hatten Angst. Ich fragte, ob wir zuerst ein Gebet 
sprechen dürften. Gerönimo befahl allen, aufzustehen 
und einander an den Händen zu fassen, während er ein 
Gebet sprach, das ganz anders war als alles, was ich je 
gehört hatte. Während er zum Himmel emporschrie, 
betete ich still zum himmlischen Vater, er möge uns 
eingeben, was wir sagen sollten. 

Da fiel mir Jakobus 1:5 ein. Als ich mich wieder setzte, 
schlug ich diese Schriftstelle in meiner Bibel auf. Die 
Seite wies schon deutliche Gebrauchsspuren auf; ich 
hatte diesen Vers nämlich schon vor Monaten auswendig 
gelernt. Also schlug ich die Bibel wieder zu und konzen- 
trierte meine Aufmerksamkeit ausschließlich auf 
Mercedes. 

Langsam und mit leiser Stimme begann ich: , Fehlt es 
aber einem von euch an Weisheit, dann soll er sie von 
Gott erbitten; Gott wird sie ihm geben, denn er gibt allen 
gern und macht niemand einen Vorwurf. „ Ich schaute 
Mercedes an und sagte: „Das Buch Mormon ist wahr 
oder auch nicht. Gott möchte, daß wir die Wahrheit 
erkennen. Ich weiß, daß das Buch Mormon wahr ist. Ich 
weiß das, weil ich Gott gefragt habe, und er hat mir 
durch seinen Heiligen Geist bestätigt, daß es wahr ist. 
Mercedes, wenn Sie wissen möchten, ob das Buch 
Mormon wahr ist, dann fragen Sie den himmlischen 
Vater. Ich verspreche Ihnen, daß er antworten wird. Und das 
sage ich Ihnen im Namen Jesu Christi. Amen." 

Im Raum war es totenstill. Alle Augen richteten sich 
jetzt auf Schwester Carmona. Sie gab mit solcher Kraft 
und Überzeugung Zeugnis von der Wahrheit des Buches 
Mormon, daß die Anwesenheit des Geistes einfach nicht 
zu leugnen war. 

Gerönimo unterbrach die Stille. Er erhob sich und 
predigte zwanzig Minuten lang. Der Geist floh aus dem 



DER STERN 



30 



Raum, ebenso die meisten Zuhörer. Nur Mercedes, Elena, 
Schwester Carmona und ich blieben zurück. Schließlich 
unterbrach ich ihn. Wir hatten das gesagt, was der Herr 
gewollt hatte. Wir verabschiedeten uns und wünschten 
ihm und Mercedes noch einen schönen Abend. Er aber 
stand hinter uns und schrie: „Geht nicht! Geht nicht!" 

Wir gingen zurück zu Elenas Wohnung, wo wir uns ruhig 
über das unterhielten, was vorhin geschehen war. Dann 
gaben wir einander Zeugnis vom Evangelium und sprachen 
über die Liebe, die wir für Jesus Christus empfanden. 

Am nächsten Tag gingen wir Mercedes besuchen. Sie 
versicherte uns, daß sie von der „Debatte" des vorigen 
Abends nichts gewußt habe. Aber dieses Ereignis hatte 
dazu beigetragen, daß sie nun wirklich wissen wollte, ob 
das Buch Mormon wahr ist. Wir knieten gemeinsam 
nieder, und sie sprach demütig ein Gebet. Dann 



verbrachte sie noch mehrere Minuten auf den Knien 
schweigend und mit gesenktem Kopf. Als sie schließlich 
aufschaute, hatte sie Tränen in den Augen. 

„Wie fühlen Sie sich?", fragte ich schließlich. 

„Bien", flüsterte sie. Doch etwas in ihrer Stimme verriet 
mir, daß es ihr nicht einfach nur „gut" ging. 

„Ist das Buch Mormon wahr?", fragte ich 
leise. 

Sie nickte, ließ den Kopf aber gesenkt. 
Derselbe Geist, der uns Missionarinnen am 
vorangegangen Abend geführt hatte, 
bestätigte nun der demütigen Mercedes die 
Wahrheit und die Macht des Buches 
Mormon. D 




^w^ 



ARGENTINIENS 

HELLER, FROHER TAG 



Lange, ehe in Buenos Aires die Sonne 
aufgeht, klingen durch die feuchte 
Morgenluft die leisen Stimmen der 
Schüler, die zum Gemeindehaus in einer sehr 
verkehrsreichen Gegend der Stadt kommen. 
Ein Schlüssel dreht sich im Schloß, und schon 
ist die Tür offen. Die Schüler gehen hinein, 
und die Tür wird wieder zugeschlossen das ist 
eine Routinemaßnahme, die in den dunklen Stunden vor 
Sonnenaufgang der Sicherheit dienen soll. Ein leises 
Klopfen, und jemand steht schnell auf, um weitere 
Schüler einzulassen, deren Lächeln und fröhliche 
Stimmung gar nicht so recht zur frühen Stunde passen 
will. Insgesamt kommen dreizehn Schüler, um den Tag 
mit der Beschäftigung mit dem Neuen Testament zu 
beginnen. Nach dem Unterricht nehmen sie ein einfa- 
ches Frühstück zu sich, daß eine Mutter bzw. ein Vater 
zubereitet hat. So gestärkt an Leib und Geist machen 
sich die Schüler auf den Weg zur Schule bzw. zur Arbeit. 




Mitten im Trubel des Aufbruchs kommt 
eine Frau die Straße hinunter und sieht, daß 
das Tor zum Gemeindehaus offensteht. 
Zögernd tritt sie ein. „Seid ihr Mormonen?", 
fragt sie. „Mein Sohn möchte gerne so sein wie 
seine Cousins in Mendoza, die eurer Kirche 
angehören. Kann einer von euch mir etwas 
über die Kirche erzählen?" Ganz zufällig 
kommen die Missionare zum Gemeindehaus und verein- 
baren gleich einen Termin mit der Frau, um ihr vom 
Evangelium Jesu Christi zu erzählen. Diese Szene, über 
der die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne leuchten, 
stellt zwei wichtige Hoffnungsquellen für die Zukunft der 
Kirche in Argentinien dar, die Kraft der heranwach- 
senden Generation und die immer größer werdenden 
Erfolge bei der Missionsarbeit. 

Der Samen des Evangeliums wurde in Argentinien 
zuerst unter deutschen Einwanderern gesät, als Eider 
Melvin J. Ballard vom Kollegium der Zwölf Apostel 



iM ,,- l f,'B ad 




••** 



Jl» MB I! 



Z.--4 ?'*%*- 



'^M 










L*« 





Südamerika im Jahr 1925 für die Verkündigung des 
Evangeliums weihte. Kurz danach verkündete er: „Das 
Werk des Herrn wird hier eine Zeitlang nur langsam 
Fortschritt machen, so wie sich eine Eiche auch nur 
langsam aus einer Eichel entwickelt. . . . [Doch] die Mission 
Südamerika wird sich für die Kirche als Kraft erweisen." 
(Zitiert in Melvin J. Ballard: Crusader for Righteousness, 
1966, Seite 84.) 

So wie in anderen Gebieten Südamerikas ist auch in 
Argentinien zu beobachten, wie sich Eider Ballards 
Prophezeiung erfüllt. Der Samen hat sich im Laufe der 
Jahre langsam aber stetig unter den Menschen ausge- 
breitet, die in erster Linie von europäischen Einwanderern 
abstammen. Heute gibt es mehr als 277.000 Mitglieder in 
64 Pfählen. 

Argentinien ist ein weites Land, das sich von der stür- 
mischen Atlantikküste über die Südostküste bis hin zu 
den hohen, schneebedeckten Andengipfeln an der 
Nord- und Westgrenze des Landes erstreckt. Argentinien 
ist das achtgrößte Land der Welt, wo noch viel 
Patriotismus herrscht. Zwei Hindernisse stellen sich dem 



Wachstum der Kirche entgegen: Traditionen und wirt- 
schaftliche Schwierigkeiten. 

Das erste Hindernis, nämlich die tief verwurzelten 
Traditionen, hält die Familien davon ab, ihre Religion zu 
wechseln. „Das Leben dessen, der sich der Kirche 
anschließt, ändert sich von Grund auf", erklärt Eider 
John B. Dickson, der bis August 1997 als Präsident der 
Mission Südamerika-Süd gedient hat. „Sie müssen erst 
neue religiöse Traditionen lernen." In einem Land, das so 
reich an Traditionen ist, können Veränderungen nur 
unter großen Opfern bewirkt werden, und neue 



Oben links: Der Park Tres de Febrero, wo Südamerika 
für die Verkündigung des Evangeliums geweiht wurde. 
Unten, ganz links: Die Skyline von Buenos Aires. 
Unten, von links nach rechts: Claudia Vera, Sabrina 
Polanco, Sol Orquera und Antonella Vera, die das 
Seminar am frühen Morgen besuchen. Rechts: Cecilia 
Curbelo. 



■vr- 



TK 





Mitglieder haben beträchtliche Schwierigkeiten, die 
Hindernisse zu bewältigen. 

Das zweite Hindernis, nämlich das wirt- 
schaftliche Gefälle, ist teilweise auf die lange 
währenden politischen Unruhen zurückzu- 
führen, die viele Menschen in große wirt- 
schaftliche Not gestürzt haben. „Es ist schwer, 
das Evangelium zu lernen, wenn die Kinder 
Hunger haben und wenn es an Lebensnotwen- 
digem fehlt", sagt Hector Navarro aus der 
Gemeinde Maipü 1 im Pfahl Maipü de Cuyo. 
Doch seit kurzem ist Ruhe im Land einge- 
kehrt, und die Regierung hat die wirtschaftlichen 
Unsicherheiten besser im Griff. Das hat zur Folge, daß 
Banken nun wieder Kredite gewähren und die Menschen 
sich Häuser, Autos und Geschäftsausstattungen kaufen 
können. Während der letzten sieben, acht Jahre ist die 
Wirtschaft beständig gewachsen, und das ist dem 
Mittelstand zugute gekommen. Hochtechnisches Wissen 
ist gefragt, und trotz immer noch bestehender finanzieller 
Schwierigkeiten sind die Aussichten, zu Wohlstand zu 
gelangen, doch stark gestiegen. 

Trotz der kulturellen und wirtschaftlichen Hindernisse 
in Argentinien hat die Kirche feste Wurzeln geschlagen 
und angefangen, überall im Land mit großer Geschwin- 
digkeit zu wachsen. Ein Blick auf die Kirche in drei 
verschiedenen Städten zeigt, wie die Mitglieder mit Hilfe 
der Evangeliumsgrundsätze neue Traditionen schaffen 
und ihre wirtschaftliche Lage verbessern. 

SÄEN IN SALTA: NEUE TRADITIONEN VERMITTELN 

In Saltas langen, schmalen, von Gips- und Betonhäu- 
sern dicht gesäumten Straßen wohnen fast fünfhundert- 
tausend Menschen; viele davon stammen von Indianern 
und Bolivianern ab. Diese malerische Stadt liegt in den 
saftiggrünen Ausläufern der Anden, etwa zweiundzwanzig 
Busstunden von Buenos Aires entfernt. In Salta und 
seiner Nachbarstadt San Salvador de Jujuy weiter im 
Norden, wo ebenfalls etwa eine halbe Millionen Menschen 
wohnen, gibt es drei Pfähle. Diese Pfähle unterscheiden 
sich kaum von anderen Einheiten der Kirche in 
Argentinien, wo es im allgemeinen zu beobachten ist, daß 
die Zahl der Mitglieder die Zahl der zur Verfügung 
stehenden Führungskräfte bei weitem übersteigt. 

„Das Werk macht mit großer Schnelligkeit Fort- 
schritt", sagt Jacinto Roberto Diaz, der Präsident des 
Pfahles Salta. „Wir brauchen mehr Leute und wir müssen 
sie dazu bewegen, in den Tempel zu gehen." 

Damit es neuen und weniger aktiven Mitgliedern 
leichter fällt, ein evangeliumsgemäßes Leben zu führen, 




mißt der Pfahl zwei wichtigen Programmen große 
Bedeutung bei: neuen Mitgliedern viel Aufmerksamkeit 
schenken und den jungen Menschen helfen, 
sich evangeliumsgemäße Ziele zu setzen. 

Neubekehrte unterstützen. Die Bedeu- 
tung, die der Aufgabe beigemessen wird, 
Bekehrte in der Kirche zu halten was in der 
ganzen Kirche zunehmend wichtiger wird 
macht nicht nur die drei Pfähle in Salta und 
Jujuy stark, sondern auch die übrigen Pfähle 
p,;\ \ | im Land. Um Bekehrte darin zu unterstützen, 
sich an die Veränderungen zu gewöhnen, 
die die Mitgliedschaft in der Kirche mit sich bringt, 
arbeiten die Gemeinde -Missionsleiter eng mit den 
Vollzeitmissionaren zusammen. Pfahlmissionare nehmen 
mit Menschen, die sich vor kurzem bekehrt haben, die 
Lektionen für neue Mitglieder durch und freunden sich 
mit ihnen an, damit sie ihnen auch dann helfen können, 
wenn die Vollzeitmissionare versetzt werden. „Wir 
richten es so ein, daß die Mitglieder Untersucher und 
Neubekehrte kennenlernen", erklärt Bischof Mario 
Rodriguez aus der Gemeinde El Portezuelo im Pfahl 
Salta. „Die Missionare spielen bei der Bekehrung eines 
Menschen eine große Rolle, aber das tägliche Leben als 
Mitglied ist etwas ganz anderes. Untersucher brauchen 
Amigos sie müssen mit Menschen Freundschaft 
schließen, die ihnen ähnlich sind. Wenn man es so 
betrachtet, liegt die Verantwortung für erfolgreiche 
Missionsarbeit in Wirklichkeit bei uns und nicht bei den 
Missionaren." 

Die Lektionen für neue Mitglieder tragen dazu bei, 
Freundschaften zu schließen und das Evangelium besser 
zu verstehen. Dennoch sah die Gebietspräsidentschaft es 
als notwendig an, Neubekehrte über spezielle Bräuche 
der Heiligen der Letzten Tage aufzuklären. „Wir haben 
uns Präsident Hinckleys Wunsch, mehr Neubekehrte in 
der Kirche zu halten, sehr zu Herzen genommen", 

Oben: Jacinto Roberto Diaz, der Präsident des 
Pfahls Salta. Rechts: Die Familie Romero 
(von links nach rechts): Oscar Romero, Erster 
Ratgeber in der Präsidentschaft des Pfahls Salta; 
seine Frau, Susanna, die bis zu ihrem Krebstod als 
Lehrerin für das Seminar am frühen Morgen diente; 
der Sohn, Maximiliane* der Schwager, Miguel 
Montana, Ratgeber in der Bischofschaft der 
Gemeinde Tribuno; die Großmutter Alviana de 
Romero, ehemals FHV-Leiterin des Zweiges Palerno; 
und Normo Romero de Montana, Miguels Frau und 
JD-Leiterin der Gemeinde Tribuno. 



DER STERN 
34 



erklärt Eider Dickson. „Dabei hat es sich als hilfreich 
erwiesen, den Zeitraum zu verlängern, in dem die 
Missionare nach der Taufe noch mit der Familie arbeiten. 
Sie besuchen Mitglieder, die sich vor kurzem haben 
taufen lassen, zu Hause und erklären ihnen die Bräuche 
der Heiligen der Letzten Tage." 

„Wenn man den Zeitraum verlängert, der den 
Missionaren für Neubekehrte zur Verfügung steht, 
bekommen die Führer der Gemeinde bzw. des Zweiges 
die Möglichkeit, mit den neuen Mitgliedern zu arbeiten, 
ihnen Berufungen in der Gemeinde zu geben und die 
Männer zum Aaronischen Priestertum zu ordinieren", 
sagt Eider Carlos H. Amado, der seit August 1997 als 
Gebietspräsident dient. 

Die Gebietspräsidentschaft hat die Missionare ange- 
wiesen, Neubekehrte in acht Grundsätzen zu unter- 
weisen - einem Grundsatz pro Woche -, die mit den mit 
der aktiven Mitgliedschaft in der Kirche verbundenen 
Praktiken im Zusammenhang stehen. Zu diesen neuen 
Bräuchen gehören unter anderem der wöchentliche 
Versammlungsbesuch, das persönliche Gebet sowie das 
Familiengebet, das Lernen von Kirchenliedern, das 
regelmäßige Lesen in der heiligen 
Schrift und das Zahlen des vollen 




Zehnten (die Missionare erklären den neuen Mitglie- 
dern, wo man einen Spendenzettel bekommt, wie man 
ihn ausfüllt und wem man den Zehnten gibt) . 

„Die Missionare geben jeder Familie eine Kopie von 
Die Familie eine Proklamation an die Welt'", sagt Eider 
Dickson. Wenn die Missionare erklärt haben, wie wichtig 
die Familie für die Ewigkeit ist, fordern sie die Familie 
auf, die Proklamation zu rahmen und aufzuhängen. 
Außerdem lernt die Familie, wie man den Familienabend 
organisiert und durchführt, wird mit dem Genealogiepro- 
gramm der Kirche vertraut gemacht und wird aufgefor- 
dert, sich das Ziel zu setzen, in den Tempel zu gehen. 

„Ein großer Teil unserer Arbeit in diesem Gebiet 
besteht darin, Mitglieder in der Kirche zu halten", sagt 
Carlos Pedraja, ehemals Präsident der Mission Salta. 
„Und diese Arbeit trägt Früchte." 

Victor und Norma Soardo und ihre Kinder, Lilian, zwölf 
Jahre alt, und Marcos, fünfzehn Jahre alt, haben sich 
beispielsweise 1997 taufen lassen. Die Soardos sind sowohl 
für die freundliche Aufnahme als auch für die Lektionen 
dankbar, in denen ihnen vermittelt wurde, wie man ein 
gutes Mitglied der Kirche wird. „Seit der Zeit, 
wo ich die Kirche kennengelernt habe, hat 
es in meinem Leben eine Überraschung 





nach der anderen gegeben", sagt Bruder Soardo. „Gute 
Überraschungen allerdings", fügt er noch hinzu und spielt 
damit darauf an, wie er zu seinem Erstaunen in 
die Zweigpräsidentschaft berufen wurde. 

Kurz nach der Taufe der Familie wurde das 
Auto, mit dem Victor Soardo den Lebensun- 
terhalt für seine Familie verdient, bei einem 
Unfall beschädigt. Nun wußte die Familie 
nicht mehr, woher das zum Leben notwendige 
Geld kommen sollte. Victor war bald ganz 
verzweifelt. Er hatte nur ganz wenig Geld für 
ein neues Auto. 

Eines Montags war er an der Reihe, den Familien- 
abend zu planen. Er rief seine Frau und seine Kinder 
zusammen und sagte: „Wir wollen heute abend nicht wie 
üblich eine Lektion durchnehmen, sondern lieber beten. 
Wir wollen dem Herrn unser Problem vortragen." Dann 
betete die Familie abwechselnd zum Herrn. 

„Ein paar Tage später hörte ich, daß jemand ein Auto 
zum Verkauf anbot", erinnert Victor sich. „Als ich die 
Straße hinunterfuhr und nach der Adresse Ausschau 
hielt, kam ich an einem alten Lastwagen vorüber, der am 
Straßenrand geparkt war. Da kam mir die Idee, anzu- 
halten und den Besitzer zu fragen, ob er den Lastwagen 
vielleicht verkaufen wolle." Der Besitzer hatte auch 
tatsächlich Interesse an einem Verkauf, und so verhan- 
delten die beiden eine Zeitlang, bis der Besitzer Victor 
schließlich fragte, wieviel Geld er denn habe. Und dann 
erklärte er sich einverstanden, den Soardos seinen 
Lastwagen für die Hälfte des ursprünglich geforderten 
Preises zu verkaufen. 

„Mit diesem Lastwagen sorge ich nun für den 
Lebensunterhalt meiner Familie. Ich zahle den Zehnten. 
Der Lastwagen ist so viel besser für mich", sagt der dank- 
bare Victor. „Ich hätte nie geglaubt, daß ich einmal einen 
Lastwagen mein eigen nennen würde. Der Herr wußte viel 
besser, was ich brauche." Weil die Soardos gelernt haben, 
wie man als Heiliger der Letzten Tage lebt, konnten sie 
dieses und andere Probleme viel besser bewältigen. 

Zum Teil ist es sicher auf die Aufmerksamkeit, die den 
Menschen nach der Taufe geschenkt wird, zurückzu- 
führen, daß die Kirche sowohl in Salta als auch in Jujuy 
und anderen Gegenden Argentiniens in den letzten 
Jahren ein starkes Wachstum zu verzeichnen hatte. 
Dieses Wachstum hat auch eine ganze Reihe neuer 
Führungskräfte hervorgebracht wie beispielsweise Victor 
Soardo, der jetzt als Präsident des Zweiges Guemes im 
Pfahl Salta-West dient. „Ungefähr achtzig Prozent 
unserer Führungskräfte hier im Norden sind in der ersten 
Generation Mitglied der Kirche", erklärt Pedro Lopez, 




ein Kiefernorthopäde, der sich im Alter von fünfund- 
zwanzig Jahren der Kirche angeschlossen hat und mit 
neunundzwanzig Jahren zum Präsidenten des 
Pfahles Jujuy berufen wurde. Die Tatsache, 
daß den Neubekehrten Hilfe bei der 
Gewöhnung an die neue Lebensführung als 
Mitglieder der Kirche zuteil wird, hat die 
Gemeinden und Pfähle in Salta und Jujuy 
beträchtlich gestärkt. 

Die jungen Menschen unterstützen. 
Außerdem messen die Führer der Kirche der 
Aufgabe, die Jugendlichen zu unterstützen 
und sie auf ihre Rolle als zukünftige Führer vorzube- 
reiten, sehr große Bedeutung bei. „Zahlreiche 
Jugendliche haben sich erst vor kurzem bekehrt und sind 
in ihrer Familie das einzige Mitglied", sagt Präsident 
Diaz. Weiter erklärt er, daß derzeit etwa sechzig Prozent 
aller erwachsenen männlichen Bekehrten junge Männer 
im Alter zwischen siebzehn und zwanzig Jahren sind. 
Wenn man noch die jungen Männer und Frauen dazu- 
rechnet, in deren Familie nicht alle der Kirche 
angehören bzw. deren Familie weniger aktiv ist, dann ist 
es leicht verständlich, daß gerade die jungen Leute viel 
Unterstützung und Weisung von Seiten der Führer der 
Kirche brauchen. 

Das Problem ist zum Teil auch wirtschaftlicher Natur. 
Wenn ein junger Mensch die siebte Klasse abgeschlossen 
hat, damit endet derzeit die Schulpflicht in Argentinien, 
dann wird oft von ihm erwartet, daß er arbeiten geht und 
mit seinem Verdienst seine Familie unterstützt. Und weil 
der Lohn der jungen Leute eben für den Lebensunterhalt 
der Familie gebraucht wird, werden junge Heilige der 
Letzten Tage, in deren Familie nicht alle Mitglied sind 
bzw. deren Familie weniger aktiv ist, nicht zum Besuch 
einer weiterführenden Schule und zur Erfüllung einer 
Vollzeitmission angehalten. 

Um solche Schwierigkeiten bewältigen zu können, 
bemühen sich die Führer der Kirche, die teilweise 
begrenzten Erwartungen der jungen Leute zu erweitern. 
Sie bemühen sich, den Jungendlichen bewußt zu machen, 
wer sie sind und was sie werden können. „Mit der Hilfe der 
Bischöfe und Seminarlehrer macht unsere Jugend 
Fortschritt" erklärt Präsident Diaz. „In jedem Gespräch 
wird ihnen aufgezeigt, daß der Missionsdienst und die 
Heirat im Tempel auf sie warten." Außerdem wird auch oft 
über Bildungsziele gesprochen und darüber, wie notwendig 
es ist, sich auf zukünftige Aufgaben vorzubereiten. 

In Salta ist das Bildungswesen der Kirche ein 
sehr wichtiger Faktor, mit dessen Hilfe die Bischöfe 
jungen Menschen den so notwendigen Blickwinkel des 



DER STERN 
36 



$$i. 



s, 



Evangeliums vermitteln. „Die Lehrer der Seminar- und 
Institutsklassen leisten hervorragende Arbeit bei den 
Jugendlichen", sagt Präsident Diaz. Er ist sehr dankbar 
für diese Programme. So gelingt es, im Leben der jungen 
Menschen ansehnliche Veränderungen zu bewirken. 

Präsident Diaz versteht solche Schwierigkeiten 
gut. Er hat sich nämlich selbst mit siebzehn Jahren 
taufen lassen und war der. einzige in seiner Familie, 
der sich der Kirche angeschlossen hat. „Mein 
Zweigpräsident hat mir durch die schwierige Zeit 
hindurchgeholfen", erklärt er. „Er hat viele Stunden 
mit mir zugebracht; er hatte immer Zeit für mich." 
Diese wichtige Beziehung half dem jungen Jacinto 
Diaz, sich für eine Mission zu entscheiden. Er ging 
trotz des Widerstands seiner Eltern. Doch als er zwei 
Jahre später nach Hause zurückkehrte, hatten sich 
seine Mutter und elf weitere Familienangehörige der 
Kirche angeschlossen. 

Junge Leute, die trotz widriger Umstände bei der 
Kirche bleiben, auf Mission gehen und sich nach 
ihrer Rückkehr Ziele für ihre weitere Ausbildung 
und die Heirat im Tempel setzen, sind ein wichtiger 
Stützpfeiler des Werkes des Herrn. Marcelo 
Gonzales beispielsweise hatte sich das Ziel gesetzt, 
auf Mission zu gehen, und heiratete nach seiner 

Links: Der erste Patriarch Argentiniens, 
Antonino Gianfelice. Hintergrund!: Der 
Buenos-Aires-Tempel. 



Rückkehr im Tempel. Er wurde im Alter von vierund- 
zwanzig Jahren als Bischof und mit sechsundzwanzig 
Jahren als Pfahlpräsident berufen; heute ist er Ratgeber in 
der Präsidentschaft der Mission Salta. 

Miguel Samudio hat sich der Kirche während seiner 

Studienzeit in Buenos Aires angeschlossen. Er traf die 

schwierige Entscheidung, seine Freundin zurückzulassen 

und auf Mission zu gehen. „Ihre Eltern wollten nicht, 

daß sie sich taufen ließ, und sie wollte nicht, daß ich 

auf Mission ging", erzählt er. „Aber ich mußte es 

einfach tun. Ich hatte doch einen großen Schatz 

gefunden." Sechs Monate später bekam er mit der 

Post ein Foto von ihr, auf dem sie ganz weiß gekleidet 

abgebildet war. Neben ihr standen zwei Missionare. 

Da wurde ihm klar, daß sie sich hatte taufen lassen. 

Als er seine Mission beendet hatte, heirateten die 

beiden im Tempel. Noch nicht einmal fünf Jahre 

nach seiner Mission wurde Miguel Samudio als 

Zweiter Ratgeber in der Präsidentschaft des Pfahles 

Jujuy berufen. 

1 „Trotz aller Probleme verlieren wir den Blick für 

dieses wichtige Werk nicht", erklärt Präsident 
Diaz. „Probleme gibt es immer. Aber man darf 
darüber nicht die Freude vergessen." 

Wie Setzlinge, die Wurzeln schlagen und 

schnell zu wachsen beginnen, hat sich die 

Mitgliederzahl der Kirche in Argentinien in den 

vergangenen fünf Jahren verdoppelt, und zwar 

dank des Programms, die Mitglieder in der 



"WA« 



"••"KIUSI:»* 




*.; 



vamm-A 






ludki 



Mj I 



•>%. ,rtJ...^l 



IV 



^^J Kirche zu halten, und der großen Unterstützung, die den 
Jugendlichen zuteil wird, wie es am Beispiel von Salta 
und Jujuy deutlich geworden ist. 



HERANREIFEN IN MENDOZA: 

WIRTSCHAFTLICHE SCHWIERIGKEITEN BEWÄLTIGEN 

Mendoza, die Heimat von mehr als einer Million 
Menschen, liegt ungefähr 950 Kilometer westlich von 
Buenos Aires an der warmen, trockenen Seite der Anden, 
wo kaum jemals Regen fällt. Wie in anderen Großstädten 
Argentiniens reift die Kirche auch in Mendoza heran; die 
Programme der Kirche sind gut einführt. Dennoch stellen 
die andauernden wirtschaftlichen Schwierigkeiten die 
Mitglieder auch weiterhin auf die Probe. Deshalb ist es 
oberste Priorität, nach Möglichkeiten zu suchen, wie die 
Mitglieder unabhängiger werden können. Dies gilt vor 
allem für den Pfahl Maipü de Cuyo, dessen Präsident Luis 
Wajchman, sich schon als Jugendlicher der Kirche ange- 
schlossen hat. 

Luis Wajchmans polnische Eltern waren zwar keine 
Christen, haben ihren Sohn in Argentinien aber in einer 
guten, religiösen Umgebung erzogen. Als er siebzehn Jahre 
alt war, wurde er eines Tages gebeten, vor einer 
Seminarklasse über das Alte Testament zu sprechen. Diese 
Aufgabe nahm er gerne wahr. Er fühlte sich bei den jungen 
Leuten in der Klasse wohl und besuchte auch weiterhin 
den Unterricht am frühen Morgen, um ihnen Fragen zu 
beantworten. „Ich dachte, ich würde sie unterweisen", sagt 
er, „aber in Wirklichkeit haben sie mich unterwiesen." Luis 
wollte nun mehr über das Buch Mormon wissen, und 
deshalb fing er eines Tages an, darin zu lesen. „Beim Lesen 
wurde mir allmählich bewußt, wer Jesus Christus wirklich 
war nämlich der Messias", erinnert er sich. „Das berührte 
mich tief. Ich las die ganze Nacht lang." Nachdem sein 
Beten erhört worden war, entschloß er sich zur Taufe, 
obwohl seine Familie ganz und gar nicht damit einver- 
standen war. „Ich hatte den großen Wunsch, zu studieren 
und alles aufzuholen, was ich meiner Meinung nach 
versäumt hatte", erklärt er. Später heiratete er Laura 
Moltö, die Tochter seines Seminarlehrers, und begann 
kurz darauf mit seinem Dienst in Führungspositionen 
zuerst in der Gemeinde und nun im Pfahl. 

Zu Präsident Wajchmans Pfahl, der sich von den 
verkehrsreichen Stadtstraßen über die Ausfallstraßen bis 
hin zu den Feldern des Umlandes erstreckt, gehören 
zahlreiche Familien, denen es wirtschaftlich nicht gut 
geht, ein weitverbreitetes Phänomen in Argentinien, wo 
die Arbeitslosenrate derzeit 17 Prozent beträgt. 

Die Sorge um das wirtschaftliche Wohlergehen seiner 
Mitglieder veranlaßte Präsident Wajchman, sich intensiv 






■■" 



^< 



& 



um Programme und Hilfsmittel der Kirche zu kümmern, 
mit deren Hilfe man für die Grundbedürfnisse der 
Mitglieder sorgen konnte. „Ich kenne Luis gut", sagt Jaime 
Moltö, Präsident Wajchmans Schwiegervater. „Er macht 
sich um jedes Mitglied Gedanken - um jeden einzelnen." 
Daraus entstand eine breitgefächerte Initiative, die nicht 
nur die Ursachen der Armut berücksichtigte, sondern 
auch die unmittelbaren Bedürfnisse der Mitglieder. 

Eine gute Ausbildung ist eine wichtige Voraussetzung 
für eine stabile wirtschaftliche Situation. Sie ermöglicht 
es den Menschen, die sich herauskristallisierenden wirt- 
schaftlichen Möglichkeiten zu nutzen. Um den 
Mitgliedern seines Pfahles zu helfen, sich für höhere 
Aufgaben zu qualifizieren, hat Präsident Wajchman 
David Durän als Spezialist des Pfahles für Lesen und 
Schreiben berufen. Bruder Durän führt Lesekurse durch. 
Außerdem hat Präsident Wajchman mit der Regierung 
vereinbart, eine Schule für Erwachsenen zu eröffnen: der 
Pfahl stellt die Räumlichkeiten zur Verfügung, die 
Regierung die Lehrer. „Wir fordern alle Mitglieder und 
nicht nur die jungen Menschen auf, mindestens einen 
dem High-School-Abschluß entsprechenden Abschluß 
zu machen", erklärt er. 

Auch weitere Programme der Kirche sind hilfreich: so 
ist beispielsweise ein Arbeitsplatzspezialist berufen 
worden, der den Mitgliedern hilft, Arbeit zu finden. 
Und die FHV bringt den Schwestern bei, wie man 
Kleidungsstücke näht und Lebensmittel einkocht bzw. 
trocknet. 

Präsident Wajchmans ehrgeizigstes Vorhaben besteht 
aber wohl darin, einen Garten anzulegen, damit die 
Mitglieder seines Pfahls etwas zu essen haben. Der 
Garten liegt hinter dem kleinen Gemeindehaus und 
umfaßt knapp einen Hektar fruchtbares Ackerland, wo 
das ganze Jahr über Getreide wächst. „Jede Woche 
kommen die Ältesten aus den Gemeinden abwechselnd 
zu uns, um sich um den Garten zu kümmern", erklärt 
Bischof Silvio Valtolina aus der Gemeinde San Martin 2. 
„Für sie ist das ein Opfer." Aber es ist auch eine Segnung 
für alle, die zum Dienen bereit sind. 

Obwohl landwirtschaftliche Geräte heutzutage weit 
in Argentinien verbreitet sind, kann man sie für das 
Bestellen einer so kleinen Fläche nicht gebrauchen. 
Deshalb haben die Mitglieder des Pfahls mit finanzi- 
eller Unterstützung aus dem Pfahlbudget, aus dem 
auch die Kosten für Samen und Werkzeuge bestritten 
werden, ihren Ideenreichtum unter Beweis gestellt und 
sich anderen Methoden zugewendet. Im reichen, 
schwarzen Boden werden viele verschiedene 
Gemüsesorten wie Rüben, Bohnen, Zwiebeln und 



DER STERN 
38 



Sellerie angebaut und mit 
Schneewasser aus den Anden 
bewässert, das in Kanälen herbei- 
geführt wird. „Wir hatten erst 
Angst, daß die Vögel die 
Samenkörner fressen könnten", 
sagt der Pfahlmissionar Mario 
Durän. „Aber wir sind gesegnet 
worden. Der Herr weiß um 
unsere Opfer und die Bedürfnisse 
der Menschen. Die Vögel suchen die Farmen in 
unserer Umgebung heim, kommen aber nur ganz selten 
zu uns. Und dort, wo wir mit einhundert Kilogramm 
Ernte rechnen, erreichen wir dreihundert. 

Solcher Überfluß stärkt nicht nur den Glauben und 
deckt nicht nur den Tisch, sondern eröffnet auch 




Chancen. Weil manche Gemüse- 
sorten, die auf dem Grundstück 
des Pfahls wachsen, relativ unbe- 
kannt sind, wissen die Mitglieder 
manchmal nicht genau, wie sie 
sie zubereiten sollen. Jaime 
Moltö erinnert sich: „Präsident 
Wajchman hat den Schwestern 
Kürbisse gegeben und sie gefragt: 
Was kann man daraus kochen?' 
Dann sind alle zusammengekommen, um sich Rezepte 
zu überlegen." 

Die angebauten Produkte werden zusammen mit 
Hühner- und Kaninchenfleisch aus einem anderen 
Projekt Präsident Wajchmans von den Bischöfen an 
bedürftige Mitglieder im Pfahl verteilt. „In unserem 



Oben: Präsident Luis Wajchman und seine Frau, Laura; Baby Matias, Tochter Melissa und die Söhne Pablo und 
Ariel. Unten: Mitglieder der Kirche aus dem Pfahl Maipü de Cuyo arbeiten abwechselnd auf den Feldern der 
Kirche. Von links nach rechts: Eduardo Durän, Ratgeber in der Präsidentschaft des Zweigs Bombal; Andre 
Jofre, Präsident des Zweigs Bombal; Silvio Valtolina, Bischof der Gemeinde San Martin 2; Nicolas Munos, 
Ältestenkollegiumspräsident der Gemeinde San Martin 2, Oscar Saez, Ratgeber Ratgeber in der 
Pfahlpräsidentschaft, und Mario Durän, Pfahlmissionar. 




•• •• . • 




Pfahl", so sagt er, „machen wir den Leuten klar, daß sie 
säen müssen, damit jemand anders ernten kann." 

Die Programme der Kirche zur Verbesserung des 
Bildungsstandes und der wirtschaftlichen Lage können 
nur deshalb durchgeführt werden, weil es Führer und 
Mitglieder gibt, die bereit sind, Opfer zu bringen. Und 
gerade diese Opfer machen in Mendoza den 
Unterschied. 

AUFBLÜHEN IN BUENOS AIRES: DIE SEGNUNGEN DER 
ZWEITEN GENERATION 

Wolkenkratzer türmen sich hoch über dem 
Straßenlabyrinth von Buenos Aires auf, einer Stadt mit 
mehr als dreizehn Millionen Einwohnern manche 
Straßen sind schrecklich eng, andere wiederum unge- 
heuer breit. Buenos Aires liegt am Rio de la Plata und 
hat stark europäische Wurzeln, die heute mit Menschen 
aus vielen verschiedenen Ländern zusammenwachsen. In 
dieser interessanten Mischung blüht die Kirche, die im 
April 1999 fünfundzwanzig Pfähle in Buenos Aires hatte, 
richtig auf. 

Weil es die Kirche in Buenos Aires schon länger 
gibt, haben die Mitglieder der ersten Generation, die 
bereitwillig für ihre Kinder Opfer gebracht haben, eine 
starke zweite Generation hervorgebracht, die nun 
Führungsaufgaben übernimmt. Die Geschichte der 
Familien Hofmann und Salas ist ein Beispiel für die 
Vorteile, die einem zuteil werden, wenn man sich den 
Blickwinkel des Evangeliums zu eigen macht. 

Die Hofmanns: Erste Mitglieder der ersten 
Generation. 1937 nahm ein deutsches Einwandererpaar 
mit Namen Hofmann das Evangelium an und ließ sich 
taufen. Kurz darauf wurde ihr Sohn, Carlos Guillermo 
Hofmann, geboren und wuchs als Heiliger der Letzten 
Tage auf. „Damals waren wir nur ein kleiner Zweig", erin- 
nert er sich. „Ich bin mit dem Glauben der Kirche aufge- 
wachsen. Wir sind immer auf dem richtigen Weg 
geblieben." 

Damals in der Kirche aktiv zu bleiben bedeutete, 
sich zu Hause zu treffen und der einzige Heilige der 
Letzten Tage in der Schule zu sein und später als 
Erwachsener beinahe allein die schwere Verantwortung 
der Führerschaft tragen zu müssen. 

Nachdem Carlos Hofmann und Irma Scholz gehei- 
ratet hatten, brachten beide alle Opfer, die notwendig 
waren, damit ihre Kinder in der Kirche aufwachsen 
konnten. „Ich bin meiner Frau, die die Verantwortung 
getragen hat, während ich meinem Beruf nachging und 
in meinen Berufungen in der Kirche diente, sehr 
dankbar", sagt Bruder Hofmann. „Ich glaube, ich war 



häufig nicht zu Hause, aber den Kindern fehlte es 
an nichts. Wir haben immer gewissenhaft den 
Familienabend gehalten." Heute sind seine Kinder und 
Enkelkinder stark und in der Kirche aktiv. 

Die Familie Salas: Führer in der zweiten 
Generation. Alfredo Salas, Präsident des Pfahls 
Buenos -Aires -West, ist ein gutes Beispiel für das, was 
heute in Argentinien geschieht, weil Eltern ihre alten 
Sichtweisen aufgegeben und sich den Blickwinkel ihres 
neuen Glaubens angeeignet haben. „Meine Eltern 
haben sich der Kirche angeschlossen, als ich elf Jahre 
alt war", sagt Präsident Salas. „Damals haben wir 
zum kleinen Zweig Bahia Bianca gehört." Als das 
Seminarprogramm eingeführt wurde, wollte er gerne 
daran teilnehmen, aber seine Eltern, die schon große 
Opfer bringen mußten, um ihn zur Schule schicken zu 
können, hatten Angst, daß ihn das vom Lernen 
abhalten könne. Um ihre Bedenken zu zerstreuen, 
lernten er und sein Bruder besonders fleißig. Um das 
Seminar zu besuchen, mußten sie morgens um fünf Uhr 
aufstehen und bis zum Bus mehrere Blocks zu Fuß 
laufen. Nach der Busfahrt liefen sie dann von der 
Haltestelle aus noch einmal acht Blocks bis zum 
Gemeindehaus. Um später pünktlich zur Schule zu 
kommen, rannten sie acht Blocks zurück zum Bus, der 
sie nach Hause zurückfuhr. Von dort rannten sie dann 
den ganzen Weg bis zur Schule. „Dieses Opfer hat 
meinem Zeugnis eine stabile Grundlage gegeben", meint 
Bruder Salas. 

Mit Rückendeckung von Seiten seiner Eltern 
ging er auf Mission. Auch dieses Erlebnis festigte sein 
Zeugnis enorm. Als er zurückkam, sah er sich aufgrund 
schwieriger finanzieller Verhältnisse einem neuen 
Dilemma gegenüber: Sollte er nun erst die Schule 
beenden oder erst heiraten? Die Entscheidung war 
nicht leicht. Dennoch entschied er sich für die 
Heirat, und es dauerte noch sieben weitere Jahre, bis er 
endlich seinen Abschluß als Computerfachmann 
machen konnte. Im Alter von sechsundzwanzig Jahren 
wurde er zum Bischof berufen und diente während 
der letzten beiden Jahre seines Studiums in dieser 
Berufung. Später studierte er noch weiter und 
machte seinen Abschluß in Betriebswirtschaft. Weil 
seine Eltern so viel Wert auf das Lernen gelegt 
hatten, hat Präsident Salas heute eine gute Stelle 
als Landesmanager einer Firma für Computerprogram- 
mierung und kann darüber hinaus noch Zeit für die 
Kirche aufbringen. 

Mitglieder in der zweiten bzw. dritten Generation 
wie beispielsweise Alfredo Salas rücken zunehmend 



DER STERN 
40 



in Führungspositionen auf, und zwar dank ihrer 
glaubenstreuen Eltern. „Wir geben uns große Mühe, 
gute Eltern zu sein", sagt Bischof Gustavo Berta aus 
der Gemeinde Litoral im Pfahl Litoral, der sich 
gegen Ende der sechziger Jahre taufen ließ. „Bei uns zu 
Hause hängt in jedem Zimmer ein Bild von Jesus 
Christus. Wir halten den Familienabend und das 
Familiengebet. Wir bringen unseren Kinder neue 
Bräuche bei." 

Daß in Buenos Aires soviel Wert auf Bildung und eine 
Mission gelegt wird, beginnt sich auszuzahlen. „In der 
Vergangenheit war es nicht selbstverständlich, daß ein 
junger Mann auf Mission ging", meint Eider Carlos E. 
Agüero, der Gebietsautorität' Siebziger ist. „Wir sehen, 
wie sich die Dinge von Generation zu Generation 
ändern. Heute gehen viele hundert junge Männer und 
Frauen auf Mission. Bildung und eine Mission werden bei 
den jungen Heiligen der Letzten Tage zunehmend zur 
Tradition." 



Von Salta, wo ein neuer Blickwinkel die alten 
Denkstrukturen ablöst, bis hin zu Mendoza, wo die 
Programme der Kirche die wirtschaftliche Not der 
Menschen lindern, bildet die Kirche Wurzeln und reift 
schnell heran. Und im Dunst des frühen Morgens 
strömen in Buenos Aires noch immer viele tausend 
Seminar- und Institutsschüler in die Gemeindehäuser, wo 
ihnen die Türen geöffnet werden und wo das 
Licht des Evangeliums in ihrem Leben erstrahlt 
und ihnen Hoffnung für die Zukunft schenkt. 
Und dieses Licht bringt für die Mitglieder in Argentinien 
die Verheißung eines hellen, frohen Tages mit sich. D 

Unten: Alfredo Salas, Präsident des Pfahls Buenos- 
Aires-West, und seine Familie: Ezequiel, Noelia, 
Natalia, Gabriela (vorne); seine Frau, Elidas Salas, 
und das Baby David. Einschub: Bischof Gustavo Berta 
und seine Frau, Mirta, aus der Gemeinde Litoral im 
Pfahl Litoral, Buenos Aires, Argentinien. 




X '•■ 




"0f: 
















■■■:■ > ■- 



■«l 



Jk 



'•je 





» 



m&Sk 



yMMm 




S IST MIT EN 



Robert Layton 

ILLUSTRATION VON SAM LAWLOR 



Ich erhielt eine Mitteilung von der Schule meines 
dreizehnjährigen Sohnes, in der eine spezielle 
Elternversammlung angekündigt wurde, wo der 
Lehrstoff für den neuen Sexualkundeunterricht bespro- 
chen werden sollte. Die Eltern sollten sich damit ausein- 
andersetzen und an einem „Probeunterricht" teilnehmen, 
der genauso ablaufen sollte wie später der richtige 
Unterricht. 

Als ich in der Schule ankam, mußte ich zu meinem 
Erstaunen feststellen, daß nur etwa ein Dutzend Eltern 
gekommen waren. Und ich war der einzige Heilige der 
Letzten Tage. Während wir auf den Beginn der Stunde 
warteten, blätterte ich Seite um Seite durch die 
Anleitungen zur Verhütung von Schwangerschaften und 
Geschlechtskrankheiten. Ich suchte nach dem Begriff 
Enthaltsamkeit und damit verwandten Wörtern, sah 
aber, daß Enthaltsamkeit nur kurz erwähnt wurde. 

Bald darauf kam die Lehrerin zusammen mit der 
Schulärztin. Ehe der Unterricht begann, erkundigte sich 
die Lehrerin, ob jemand eine Frage habe. Ich fragte, 
warum im Unterrichtsmaterial nicht stärker auf 
Enthaltsamkeit eingegangen würde. 

Über die Reaktion war ich einfach nur entsetzt. Die 
anderen Eltern machten mich sozusagen verbal nieder. 
„Wie blöd sind Sie eigentlich?", schnauzte mich einer an. 
Alle lachten mich aus, und jemand meinte sogar, wenn 
ich Enthaltsamkeit für etwas Erstrebenswertes hielte, 
dann hätte ich wohl mit der wirklichen Welt nichts 
mehr gemein. 

Die Lehrerin und die Ärztin sagten nichts, während 
ich mich vor Verlegenheit wand. Während des unerwar- 
teten Angriffs konnte ich an nichts mehr denken, und 
mir fiel auch nichts ein, was ich hätte sagen können. 

Als das Gelächter schließlich abebbte, erklärte die 
Lehrerin, daß in der Schule „Fakten" vermittelt würden 
und daß die moralische Erziehung zu Hause stattfinden 
müsse. Ich blieb die nächsten zwanzig Minuten still auf 
meinem Stuhl sitzen, während die Lehrerin den 
Unterrichtsstoff vorstellte. Die anderen Eltern schienen 
wohl nichts gegen den Stoff einzuwenden zu haben, der 
mit unseren Kindern durchgenommen werden sollte. 

Dann war Pause, und die Lehrerin sagte, daß es hinten 
im Raum Donuts gäbe. „Außerdem möchte ich gerne, 
daß Sie die Namensschilder anlegen, die wir angefertigt 



haben, und sich mit den anderen Eltern bekanntmachen. 
Lernen Sie einander kennen!" 

Alle Eltern gingen nach hinten in den Raum. Ich sah 
zu, wie sie ihre Namensschilder anlegten und einander 
die Hand gaben. Nachdenklich blieb ich sitzen. Ich 
schämte mich, daß mir kein Argument eingefallen war, 
mit dem ich die anderen dazu bringen konnte, im 
Unterricht auch ernsthaft auf das Thema Enthaltsamkeit 
einzugehen. Still sprach ich ein Gebet, in dem ich um 
Führung bat. 

Da spürte ich die Hand der Lehrerin auf der Schulter 
und wurde aus meinen Gedanken gerissen. „Möchten Sie 
sich nicht den anderen anschließen, Mr. Layton?" 
„Nein, danke", antwortete ich. 
„Aber ein Namensschild legen Sie doch bestimmt an? 
Ich bin sicher, daß die anderen Sie gerne kennenlernen 
würden." 

„Daran habe ich so meine Zweifel", entgegnete ich. 
„Würden Sie sich ihnen bitte anschließen", drängte sie. 
Da hörte ich die leise, feine Stimme flüstern: „Geh 
nicht." Die Anweisung war unmißverständlich. „Geh 
nicht." 

„Ich glaube, ich warte lieber hier", antwortete ich. 
Als die Eltern wieder ihre Plätze einnahmen, dankte 
die Lehrerin allen dafür, daß sie die Namensschilder 
angelegt hatten. Mich ignorierte sie einfach. Dann 
sagte sie: „Und jetzt nehmen wir den Stoff genauso 
durch, wie wir es mit Ihren Kindern machen. 
Nehmen Sie die Namensschilder bitte wieder ab. 
Ich habe hinten auf ein Namensschild eine 
kleine Blume gemalt. Wer hat bitte dieses 
Schild?" 

Der Mann, der mir gegenübersaß, hielt 
es in die Höhe. „Hier ist es!" 

„Gut", sagte sie. „Die Blume stellt eine 
Krankheit dar. Wissen Sie noch, wem 
Sie alles die Hand gegeben haben?" 

Er deutete auf zwei Leute. „Sehr gut", 
antwortete sie. „Der Handschlag steht in 
diesem Fall für sexuelle Intimitäten. Die 
beiden Leute, denen Sie die Hand gegeben 
haben, leiden jetzt auch an dieser Krankheit." 
Dann fuhr die Lehrerin fort: „Wem haben Sie 
Hand gegeben?" 




DER STERN 

42 




THAL T S AMKEIT ? 



Das alles war sehr anschaulich, und die Lehrerin 
erklärte, daß den Schülern dadurch bewußt würde, wie 
schnell eine Krankheit sich ausbreiten kann. 

„Und weil wir einander alle 

die Hand gegeben haben, 

haben wir jetzt auch 

alle diese Krankheit; 

da gibt es leider 

keine Ausnahmen." 



Da hörte ich die leise, feine Stimme wieder: „Sprich jetzt, 
aber sei demütig." Mir war klar, wie wichtig gerade der letzte 
Teil war. Also stand ich auf und entschuldigte mich für die 
Aufregung, die ich vorher möglicherweise verursacht hatte. 
Außerdem beglückwünschte ich die Lehrerin zu ihrem 
hervorragenden Unterricht und sagte, daß ich zum Schluß 
nur noch einen einzigen Punkt deutlich machen wolle. 

„Nicht alle von uns haben sich angesteckt", sagte ich 
einfach. „Einer hat Enthaltsamkeit geübt." D 





> 




■<>" 




7 

















Wenn die siebzehnjährige 
Celine Mebodo in ihrem 
Wohnort auf die Straße 
geht, stürzen die kleinen Kinder 
nach draußen und kommen begei- 
stert angelaufen. Es ist fast so, als ob 
der Rattenfänger von Hameln unter- 
wegs wäre. 

Die Kleinen ziehen Celine an der 
Hose und umklammern ihre Beine. 
Die älteren Jungen unterhalten sich 
höflich mit ihr. Die Mädchen im 
Teenageralter lächeln, nicken ihr zu 
oder winken. Sie fragen Celine, wie 
es ihr geht. 

Celine ist in ihrer Heimatstadt 
Gonesse, einer Kleinstadt in 
Frankreich, schon so etwas wie 
eine Berühmtheit. Das liegt 
aber nicht daran, daß sie 
etwas getan hätte, was eine 
Erwähnung in den Nach- 
richten wert wäre. Es liegt 
vielmehr daran, daß sie 
Kinder liebt. 



ZWEI HOBBYS MITEIN- 
ANDER VERBINDEN 

Celine leistet auch 
gerne Erste Hilfe; die 
Gabe, anderen Menschen, 

N O V E 



die verletzt worden sind, sofortige 
Aufmerksamkeit zu schenken, liegt 
ihr. Manchmal bedeutet das, daß sie 
jemanden zur Behandlung ins 
Krankenhaus oder eine andere 
Einrichtung bringen lassen muß, 
aber meistens ist es nicht so schlimm 
dann muß sie nur eine Wunde 
verbinden oder ein aufgeschlagenes 
Knie versorgen. 

Weil Celine Kinder liebt und auch 
gerne Erste Hilfe leistet, ist es nur 
allzu verständlich, daß sie eine 
Möglichkeit gefunden hat, ihre 
beiden Hobbys miteinander zu 
verbinden. 

„Ich komme aus einer großen 
Familie", erklärt Celine, die Lorbeer- 
mädchen im Zweig Sarcelles im 
Pfahl Paris -Ost ist. »Vielleicht bin ich 
ja deshalb ein so fürsorglicher 
Mensch. Außerdem stamme ich aus 
einer Gegend, wo jeder jeden kennt, 
und deshalb sind wir immer bemüht, 
einander zu helfen. 

Als Celine noch kleiner war, ist 
sie immer in die Sommerfreizeit 
gefahren, wie es die meisten Kinder 
in Frankreich tun. „Da wurde dann 
auch immer eine Woche Schulung in 
Erster Hilfe angeboten, und ich habe 




Es ist Celine Mebodos 
zweite Natur, andere an 
die erste Stelle zu setzen, 



Richard M. Romney 

FOTOS VOM VERFASSER 



M B E R 
45 



19 9 9 



mich immer dafür angemeldet", 
erzählt sie. „Der Unterricht fand 
meistens in den Räumlichkeiten des 
Roten Kreuzes statt. Am Ende des 
Kurse fragten die Kursleiter immer, 
ob jemand Interesse habe, zu den 
Zusammenkünften des Roten 
Kreuzes zu kommen und zu erfahren, 
wie die Organisation arbeitet", 
erzählt Celine weiter. „Deshalb bin 
ich ungefähr zwei Monate lang 
dorthin gegangen, um zu sehen, wie 
es ist. Dann habe ich mich dem 
Roten Kreuz angeschlossen. Und so 
habe ich immer mehr Schulungen 
mitgemacht und immer mehr 
Prüfungen abgelegt." 

Inzwischen ist Celine so gut in 
Erster Hilfe geschult wie die sapeurs- 
pompiers, die französischen Feuer- 
wehrleute, die gerufen werden, wenn 
es irgendwo einen Notfall gibt. 

DAS ZIEL ERREICHEN 

„Ich hatte schon immer den 
Wunsch, anderen Menschen zu 
helfen, den Kindern des himmli- 
schen Vaters Gutes zu tun und zu 
wissen, was man bei einem 
Unglücksfall tun muß", sagt Celine. 
Das Programm „Mein Fortschritt" 
hat ihr geholfen, diesen Wunsch zu 
konkretisieren. „Ich habe mir das 
Ziel gesetzt, Erste Hilfe zu lernen, 
ehe ich neunzehn Jahre alt bin", 
erklärt sie. Dieses Ziel hat sie auch 
erreicht und dabei gemerkt, daß sie 
das, was sie gelernt hat, gerne auch 
an andere weitergeben möchte. 

„Ich habe das gar nicht als Talent 
angesehen, bis ich mich immer mehr 
darin vertieft und dabei gemerkt 
habe, daß mir alles ganz natürlich 
zufällt", erzählt sie weiter. „Vorher 
hatte ich mich gefragt: Wie kann ich 
anderen Menschen nur helfen?' Für 
mich ist Erste Hilfe eine Möglichkeit, 
genau das zu tun." 

Aber Celine hilft nicht nur 
dadurch, daß sie selbst Kurse 



besucht, sondern auch dadurch, daß 
sie Kurse durchführt. Sie hat bei JM- 
und JD-Aktivitäten, Jugendkonfe- 
renzen und auf Mädchenlagern 
Grundbegriffe der Ersten Hilfe 
vermittelt. Außerdem arbeitet sie 
ehrenamtlich in einem kleinen 
Rote -Kreuz-Zentrum im Keller einer 
Wohnsiedlung am Ort mit. Dort 
zeigt sie Kursteilnehmern, wie man 
Wiederbelebungsversuche macht, 



wieder kommt es sogar vor, daß 
jemand einen epileptischen Anfall 
hat. Viele Leute wissen dann nicht, 
was sie tun sollen. Aber ich weiß, 
was man tun muß. Gerade deshalb 
habe ich mich ja in Erster Hilfe fort- 
gebildet." 

SICH UM JEDEN KÜMMERN 

Durch das Rote Kreuz engagiert 
Celine sich auch bei der Versor- 




Wenn man wissen will, wie man anderen helfen kann, 
muß man wie Celine üben, wie man beispielsweise 
eine Kopfwunde verbindet (rechts). Weil Celine alles nur 
aus Liebe zu ihren Mitmenschen tut, wirkt sie auf die 
Kinder in der Gegend (oben) wie ein Magnet. Sie kommen 
nicht nur wegen eines Verbandes zu ihr, sondern auch wegen 
einer Umarmung. 



leistet Telefondienst und versorgt die 
Schnittwunden und die blauen 
Flecken der Kinder, die in der 
Nachbarschaft wohnen. Sie kommen 
aber nicht nur wegen eines 
Verbandes zu ihr, sondern auch 
wegen einer Umarmung. 

„Ich bin jetzt im letzten Schuljahr 
an einer weiterführenden Schule", 
erzählt Celine. „Auch dort ist es hilf- 
reich, wenn man sich mit Erster 
Hilfe auskennt. Auch in der Schule 
stürzt manchmal jemand, bricht sich 
etwas oder wird krank. Hin und 



gung von Obdachlosen. 
„Staatliche Einrichtungen, 
Obdachlosenasyle, Kirchen und 
Wohltätigkeitsorganisationen 
verweisen die Leute oft an das 
Rote Kreuz", erklärt Celine. „Wenn 
jemand zu viel trinkt oder sonst ein 
Problem hat, dann ernährt er sich 
meistens auch nicht richtig und 
schwächt seinen Körper. Das gilt vor 
allem in der kalten Jahreszeit. Wir 
kleiden Obdachlose neu ein, pflegen 
sie und versuchen, ihnen noch eine 
Chance zu geben." 




DER STERN 

46 



Das hört sich vielleicht ehrgeizig 
an, aber für Celine ist es nicht 
einfach nur der Wunsch, anderen 
zu helfen es ist ihre Art zu leben. 
„Sie sind doch auch Kinder des 
himmlischen Vaters", sagt sie. „Das 
bedeutet, daß sie unsere Brüder 
und Schwestern sind. Und wenn 
wir ihnen vielleicht helfen können, 
wieder auf die Beine zu kommen, 
dann müssen wir das auch tun." 

Natürlich ist das Rote Kreuz auch 
bei einer schweren Naturkatastrophe 
- beispielsweise einer Überschwem- 
mung oder einem Erdbeben - zur 
Stelle. „Vor kurzem sind in Paris 
mehrere von Terroristen gelegte 
Bomben explodiert", erinnert sich 
Celine. „Da war das Rote Kreuz auch 



da, hat die Leichtverletzten versorgt 
und die übrigen Verletzten für den 
Transport ins Krankenhaus fertig 
gemacht." 

WARUM ALLE BONJOUR SAGEN 

Nimmt die ganze ehrenamtliche 
Tätigkeit nicht sehr viel Zeit in 
Anspruch? „Das stimmt wohl", 
gibt Celine ehrlich zu. Sie hat 
immer sehr viel zu tun - Aktivitäten 
in der Kirche, Schulaufgaben, 
Rätselraten und Freunde. Halt so 
das Übliche. 

„Aber ich würde lieber ein wenig 
von meiner Freizeit opfern, als 
jemanden leiden zu sehen", meint 
sie. „Außerdem habe ich dadurch 
das Gefühl, daß ich gebraucht 



werde. Ich weiß, daß ich zu etwas 
nutze bin, daß mein Leben einen 
Sinn hat." 

Und das ist auch der wahre 
Grund, warum fast jeder bonjour 
sagt, wenn Celine die Straße hinun- 
tergeht. Sie ist nicht wie der Ratten- 
fänger von Hameln; sie ist jemand, 
der gut mit Menschen umgehen 
kann. Sie hilft Kindern aller 
Altersstufen, die aufgeschürften Knie 
des Lebens zu überstehen. Sie ist 
beliebt, weil sie sich um andere sorgt, 
weil die anderen ihre guten Taten 
kennen und weil sie alle Menschen 
liebt, denn alle Menschen sind ja 
Gottes Kinder. Und es zeigt sich ganz 
deutlich, daß diese Liebe zu ihr 
zurückströmt. D 




A$$* 





Darrin Lythgoe • Illustration von steve kropp 

DER LOHN 
DES LERNENS 





I gewonnen? Oder eine Wandplakette? 

Selbst wenn du etwas Derartiges noch nie 

gewonnen hast, kannst du dir doch den 

größten Lohn überhaupt verdienen, nämlich 

Wissen. 

Wissen erlangt man nicht dadurch, daß 
man einen Wettbewerb gewinnt oder als erster ins 
Ziel kommt. Man darf niemals aufhören, sich weiterzu- 
bilden. Wenn du trotz möglicher Schwierigkeiten 
immer weiter Neues lernst, bringt dir das Streben nach 
Wissen unendlich großen Lohn, und zwar sowohl im 
zeitlichen als auch im geistigen Bereich. Im folgenden 
findest du Vorschläge, die zeigen, daß Lernen Spaß 
machen kann! 

■ Lies die Zeitung. 

■ Lies gute Bücher. Geh oft in die Bibliothek. 

■ Schau deiner Mutter bzw. deinem Vater 
einen Tag lang bei der Arbeit zu. 

■ Mach mit deiner Familie Ausflüge zu 
historischen Stätten. 

■ Lerne nach Möglichkeit, mit dem 
Computer umzugehen. Im Internet sind 
ungeheuer viele Informationen zu finden. 

Sei aber vorsichtig dabei - verbring nicht zu 
viel Zeit vor dem Computer, und vergiß 
deinen gesunden Menschenverstand dabei 
nicht. 

■ Studiere in der heiligen Schrift, und lies die 
Konferenzansprachen, die Zeitschriften der 
Kirche und andere Evangeliumsliteratur. 

■ Geh zur Kirche, aber glänze nicht nur 
durch Anwesenheit. Hör gut zu, und 
wende das an, was du dort lernst. 

■ Befolge das Wort der Weisheit. Der 
Herr hat gesagt, daß jeder, der dieses 

.p m Gebot hält, "Weisheit und große Schätze 
der Erkenntnis" finden wird, „ja, verborgene 
«f Schätze". (LuB 89:19.) 

Lies LuB 93. In diesem Abschnitt geht es 
hauptsächlich um Intelligenz, Wahrheit und Licht, 
vor allem in den Versen 28-37 und 53. 

■ Lies weitere Schriftstellen zu den Themen 
Wissen, Verstehen und Bildung. 

■ Bete um Chancen und um Hilfe, vor allem 
dann, wenn du dich mit einem schwierigen Thema 
abmühst. □ 






■ 





Christus erweckt die Tochter des Jairus vom Tod, Gemälde von Greg K. Olsen 

„Er faßte das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf! 

Sofort stand das Mädchen auf und ging umher." (Markus 5:41,42.) 




Als Jesus nach seiner Auferstehung die Menschen in 

Amerika besuchte, nahm er „ihre kleinen Kinder, 

eines nach dem anderen, und segnete sie und betete 

für sie zum Vater" (3 Nephi 17:21). Siehe „Kleine 

Kinder und das Evangelium", Seite 14* 




0* 



GERMAN 








02999"91150