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Full text of "Der vaticanische Apollo. Eine reihe archäologisch-ästhetischer Betrachtungen"

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DER VATICANISCHE APOLLO. 



DER 



VATICANISCHE APOLLO. 



EINE •REIHE 



ARCHÄOLOGISCH-ÄSTHETISCHER 



BETRACHTUNGEN 



VON 



ANSELM FEÜEBBACH. 



ZWEITE AUFLAGE. 



STUTTGART UND AUGSBURG. 

J. G. COTTA'SCHER VERLAG. 

1855. 



( OXFORD 

.t6N0V1951 



Buchdruckerei der J. G. Cotta 'sehen Buchhandlung in Stuttgart und Augsburg. 



I. 

Xatps dva^' 6 Si uotto^f tv o ytd'opo^ fv&a viotto. 

(CaUim.) 

Die Statue des vaticamschen Apoll ^ oder, wie man sie 
häufiger nennen hört, des Apoll von Belvedere, ist eines 
von den wenigen Werken antiker Kunst, welches Jed^n, 
auch dem nur Halbgebildeten, nicht unbekannt sein wird. 
Wer kaum mehr von Hellas weiss ^ als dass hier Tor Zeiten 
ein Volk gelebt, das griechisch schrieb, und GFÖtzen aus 
Marmor verehrte, kennt den vaticanischen Apollo wenigstens 
dem Namen nach, aus den Tagebüchern der Reisenden nach 
Rom und Paris, oder hat bei (Gelegenheit seiner Romanen- 
Leetüre Ton einer Stime, einem Munde des Apoll gelesen. 
Selbst ein anschaulicher Begriff von der Statue ist bei den 
Meisten vorauszusetzen. Denn keine wurde so viel&ch ge- 
zeichnet und nachgeformt^ und kaum eine Stadt ist mehr, 
die nicht in irgend einem Winkel, oder doch auf dem Pulte 
der Zekhnungaschulen , wenigstiens den Gjpsabguss sdi^s 
Ebpfes aufzuweisen hätte. 

Jahrhunderte lang galt die Statue des Apoll für die 
schönste Zierde der vaticanischen Paläste; Bildnar und Maler, 
unter ihnen Meiste der Kunst, haben sie dort mit Eifer stu- 
dirt und nachgeahmt. Neben den Statuen des ersten Ranges, 
einem Ijaokoon und Antinous, dem Borghesischen Fediter, 

Feuerbach, der vatikanische Apollo. 1 



dem Farnesischen Herkules, der Mobe in Florenz und der 
Diana von Versailles, wurde der vaticanische Apoll nicht 
nur mit Ehren, sondern selbst mit Auszeichnung genannt. 
Vor ihm verweilte das Auge des Kunstverständigen am 
liebsten, und jeder Vergleich mit andern Antiken, oder mit 
W^ken der modernen Kunst führte wieder auf ihn zurück. 
Ja nicht blos der Kunstverständige wurde von seinem An- 
blick gefesselt; es schien in unsrer Statue noch eine ganz 
andere Wirkung verborgen zu liegen, als eine blos ästhe- 
tische; ihre Bewunderung^ ging nicht selten in ein roman- 
haftes Entzücken über. Erzählt man doch von einer jungen 
Römerin, in deren Herzen sich eine schwärmerische Leiden- 
schaft für den belvederischen Gott entzündete! ^ 

Besonders aber war es Winkelmann, welcher den sel- 
tenen Ruf dieser Statue, zwar gewiss nicht zuerst gegründet, 
aber doch weit verbreitet, und, wie es scheinen wollte, für 
inmier gesichert hatte. Durch die him:^issende Beredsamkeit, 
mit welcher dieser warme Verehrer der antiken Kunst, wie 
mit den Worten eines begeisterten Sehers , die Schönheit und 
die hohe Bedeutung dieser Statue entwickelt, ward ihre Be- 
wunderung bis zum lautesten Enthusiasmus gesteigert, und 
<las Interesse für sie, man kann wohl sagen, zu einem Uni- 
versal -Interesse erweitert. Hören wir Winkelmann selbst! 

„Die Statue des Apollo, ** heisst es in der Kunstgeschichte, 
„ist das höchste Ideal der Kunst unter allen Werken des 
„Alterthums, welche der Zerstörung entgangen sind. Der 
„Künstler derselben hat dieses W^k gänzlich auf das Ideal 
„gebaut, und er hat nur eben so viel von der Matme dazu 
„genommen, als nöthig war, seine Absicht auszuführen, und 
„sichtbar zu machen. Dieser Apollo übertrifft alle anderen 
„Bilder desselben so weit, als der Apollo des Homerus den, 
„welchen die folgenden Dichter maleii. üeber die Menschheit 

* S. das Keisetagebuch der Elisa von der Recke U. p. 354. 



^ erhaben ist sein Gewächs, und sein Stand zeugt von der 
^ihn erfüllenden Grösse. Ein ewiger Frühling, wie in dem 
^glücklichen Elji^ium, bekleidet die reizende Männlichjceit 
^vollkommener Jahre mit gefälligeir Jugend, und spielt mit 
„sanften Zärtlichkeiten auf dem stolzen Gebäude seiner Glie- 
^der. Gehe mit deinem Gteiste in das Reich unkörperlicher 
^Schönheiten, und versuche ein Schöpfer einer himmlischen 
^ Natur zu werden, um den Geist mit Schönheiten, die sich 
^über die Natur erheben, zu erfüllen: denn hier ist nichts 
„Sterbliches, noch was die menschliche Dürjftigkeit erfordert. 
„Keine Adern noch Sehnen erhitzen und regen diesen Körper, 
„sondern ein himmlischer Gteist, der sich wie ein sanfter 
„Strom ergossen, hat gleichsam die gam^e Umsehreibung 
„dieser Figur erftült. Er hat den Python, wider welchen 
„er -zuerst seinen Bogen gebraucht, verfolget, und sein 
„mächtiger Sdiritt hat ihn erreicht und erleget. Von der 
„Höhe seiner Genügsamkeit geht sein erhabener Blick ^ wie 
„ins Unendliche, weit über seinen Sieg hinaus. Verachtung 
„sitzt auf seinen Lippen, und d^ Unmuth, welchen er in 
„sich zieht, blähet sich in den Nüstern seiner Nase, und 
„tritt bis in die stolze Stirn hinauf. Aber der Friede, wel- 
„cher in einer seligen Stille anf derselben schwebet, bleibt 
„ungestört, und sein Auge ist voll Süssigkeit, wie unter 
„den Musen, die ihn zu umarmen suchen. In allen uns 
„übrigen Bildern des Vaters der Götter, welche die Kunst 
„verehret, nähert er sich, nicht der Grösse, in welcher er 
„i^di dem Verstände des göttlichen Dichters offenbarte, wie 
„hier iü dem Gesichte des Sohnes, und die einzelnen Schön- 
„ halten der übrigen Götter treten hier, wie bei der Pandora 
„in Gemeinschaft zusammen. JEine Stirn des Jupiters, die 
„mit der Göttin der Weisheit schwangt ist, und Augen- 
„ braunen, die durch ihr Winken ihren Willen erklären: 
„Augen der Königin der jGrÖttinnen mit Grossheit gewölbet, 
„und ein Mund, welcher denjenigen bildet, der dem geliebten 



„Branchus die Wollüste eingeflösset. Sein weiches Haar spielet, 
^wie die zarten und flüssigen Schlingen edler Weinreben, 
„gleichsam von* einer zarten Luft bewegt, uiii dieses göttliche 
^ Haupt: es scheint gesalbet mit dem Oel der GOtter, und 
„von den Grazien mit holder Pracht auf «eipem Scheitel 
„gebunden. Ich vergesse alles Andere über dem Anblicke 
„dieses Wunderwerks der Kunst, und ich nehme selbst einen 
„ erhabenen Stand an , um mit Würdigkeit anzuschauen. Mit 
„Verehrung scheint sich. meine Brust zu erweit^n und zu 
„erheben, wie diejenigen, die ich wie vom Geiste der Weis- 
„ sagung aufgeschwellet sehe, und ich fühle mich weggerückt 
„nach Delos und in- die Lyrischen ilaii^e. Orte, welche Apollo 
„mit seiner Gegenwart beehrte: denn mein Bild scheint Leben 
„und Bewegung zu bekommen. Wie des Pygmalioü's Schön- 
„heit. Wie ist es möglich ^ es zu malen und zu beschreiben! 
„Die Kunst selbst müsste mir rathen, und die Hand leiten, 
„die ersten Züge, welche ich hier entworfen habe, künftig 
„auszuführen. Ich lege den Begriff,* welchen ich von diesem 
„Bilde gegeben habe,- zu dessen Füssen ,• wie- diß Kränze der- 
„jeiiigen, die das Haupt der Gottheiten, welche sie krönen 
„wollten, nicht erreichen konnten."* 

So dachte Winkelmann. Seitdem haben sich Ktinstier 
und Gelehrte, Kenner und Freunde der Kunst, , wetteifernd 
in dem Lobe der Statue erschöpft. Alle erkannten mit 
Winkelmann in ihr das schönste Denkmal hellenischer 
Kunst, das kostbarste Kleinod, welches je aus den Händen 
heidnischer und christlicher Barbaren gerettet worden, jalle 
in : ihr ein Ideal , welches kein früherer Künstler erreicht 



2 S. Winkelmann's Kunstgesch. Xi: 3. 11. ©{)?, VI. I. p. 25^ ff. 
Weil Winkelmann^s iSchilderung alles aufs Beste zu sagen sqhien, was 
sich über die Statue sagen lS>sst, wurde sie mehrfach wieder abgedruckt, 
benutzt und übersetzt. S. z. B. Volk mann histor. kritische Nachrichtwi 
von Italien II. p. 145. Miis. Pio-Clem. I. p. 146 ff. BeWs Pantheon (Lond. 
1790.) p. 78. 



hatte ) und spätere nie- erreichen werden. Wer das Höchste 
nennen wollte, was menschliche Kunst je hervorgebracht, 
nannte den vaticanischen Apoll; mit ihpi war alles ausge- 
sprochen, was grosi^ u^d bewunderungswürdig ist. Selbst 
Männer, welche -eben nicht zu den wärmsten Verehrern der 
griechischen Muse gehörten, stimmten, wie unwillkürlich, 
in dieses begeisterte Lob ein. Eotzebue siebt in der medi- 
ceischen Venus nichts weiter als ein Eim»merm^dchen, 
welches der junge Herr vom Hause im grössten Negligee 
überrascht hat; .die Statue des Laokoon erinnert ihn an den 
Menschenfresser, den er in seiner Jugend bei Weimar rädern 
sah; dennoch ruft er vor unsrer Statue gleichsam begeistert 
aus: „Ich stehe vor dem Apoll von B^vedere, und diossmal 
knie' ich willig nieder. ^^ — Lichtenberg's Sarkasmen kamen 
zu spät, oder* noch zu früh. 

Die neuere Zeit hat, wie es scheint, diesen Enthusiasmus 
in etwas herabgestimmt. Schon wird dem vaticanischen 
Apollo hie und da der Weihrauch sparsamer zugewogen , und 
von einer allgemeinen Bewunderung kann kaum mehr die 
Rede sein. Wer nicht ganz Fremdling auf dem Grebiete der 
Alterthumskunde ist, und die glückliche Erweiterung kennt, 
welche diese Wissenschaft erfahren hat, sdt Winkelmann 
die erste . Bahn gebrochen , wird diess . begreiflich finden. 
Der philologisch - kritische Theil der Kunstgeschichte ist fester 
begründet , das Wösen der Plastik selbst tiefer erforscht. An 
neuerworbenen Statuen, deren griechische Originalität durch 
handgreifliche Beweise verbürgt ist, hat das Urtheil einen 
sichern Halt gefunden; andere werden noch von Tag zu Tag 
an's Licht gefordert, welche selbst den schönsten Statuen, 
die Winkelmann kannte, an die Seite zu stellen sind, und 
es kaum mehr gestatten. Einem -Werke den Preis vor allen 
andern zuzugestehen. Mit der Umsicht haben wir zugleich 

^ Kotzebu e's Erinnerungen aus I^ri8 vom Jahre 1804. p. 158.- 



an Vorsicht gewonnen, und wie früher dem Urtheile die 
Bewunderung vorherging, so jetzt der Zweifel. 

Alles gewiss höchst erfreuliche Zeichen der Zeit für das 
Gedeihen, einer -Wissenschaft, welche des Herrlichen so viel, 
und des ünbezweifelten so wenig bietet; aber .freilich trau* 
rige Aspecten filr die Bewunderer' des vaticanischen Apollo, 
der schon so merklich in cadente domo steht. Für diese 
muss die Aufgabe immer schwieriger werden, den klassischen 
Werth ihrer Lieblings -Statue auch dem reiferen Urtheile 
gegenüber zu behaupten. Bald dürft^ ihnen , allem Anscheine 
nach, nichts übrig bleiben, als die letzte Zuflucht des so- 
genannten Kunstliebhabers. Sie werden sich auf ihr indivi- 
duelles Gefühl, oder auf jenen Geschmack, „über den sich 
nicht streiten lässt," berufen und endlich verstummen müssen. 
Höchstens werden sie hie und da noch ein Wort des Miss- 
behagens vorlauten lassen, dass nun auch die mit der wärm- 
sten Vorliebe gefeierte Statue durch das Scherbengericht der 
Archäologen aus dem Kreise der klassischen Werke verbannt 
sein soll. Verzeihlich möchte dieser ünmuth sein. Denn es 
liegt nun einmal in der Natur des Menschen , da.ss er ungern 
auf^bt, was er ftlr preiswürdig und gross erkannt hat. Durch 
die Innigkeit, mit welcher wir den bewunderten G^enstand 
erfassten, glauben wir an diesem selbst ein gewisse» Recht 
erworben zu haben. Jeder Zweifel ^n dem Werthe desselben 
dünkt uns die Schmälerung «ines unveräusserlichen Eigen- 
thums. 

Frrilich behauptet auch die Kritik ihr Recht, und wie 
wenig diese geneigt ist, ,den vaticanischen ApoU mit Scho- 
nung zu umgehen, hat sie eben nicht erst neuerdings be- 
wiesen. Früh schon hatte man an der Statue vom Bei vedere 
gewisse Abnormitäten entdeckt,' w;elche mit dem Begriffe 
eines klassisch vollendeten Werkes nicht nur unvereinbar, 
sondern demselben zum Theil so entschieden zu wider- 
sprechen scheinen, dass es beinahe zu verwundern, wie 



unsere Statue nur so lange Zmt ihre Stelle unter den Werken 
des ersten Ranges behaupten konnto. Musste doch ihr Werth 
in den Augen der Meisten schon dadurch bedeutend sinken, 
dass ihre Originalität mit sehr gewichtigen Orttnden bestritten 
ward. Allein eben der Olaube an ihre Vortrefflichkeit, der 
bei den Freunden der Kunst zu einer Art von ästhetischem 
Glaubeitisartikel geworden war, wies jeden Zweifel als un- 
erheblich und störend zurück; und auf der andern Seite 
fand selbst die schärfste Kritik des wahriiaft Schönen, des 
Vortrefflichen so viel, dass sie fast schon aut halbem Wege 
inne zu halten gezwungen war. Vielleicht sind es gerade 
die Widersprüche, in die jede nähere Prüfung dee, Statue 
sich verwickelt, welche das Interesse für sie nicht ganz 
erkalten lassen. 

Wirklich steht sie auch in dies^ Beziehung einzig in 
ihrer Art unter den Denkmalen des Alterthums. Nur eines 
Blickes bedarf es, imi über die Schönheit des Werkes, über 
Charakter und Ausdruck sich verständigt zu haben. Alles 
ist klar imd bestimmt, die Bildung, die Attribute eines Apoll 
nicht zu verkennen, selbst die Handlung, in welcher der 
Künstler ihn gedacht haben dürfte^ scheint kein Problem. 
Und dennoch, fragen wir nach den Resultaten der Kunst- 
kritä, der archäologischen Forschung, schreiten wir selbst 
zur genaueren Prüfung: so wird Alles zum Räthsel, Alles 
zweifelhaft. Zweifelhaft ist das Material, aus dem 4ie Statue 
' gefertigt, die Zeit und die Schule^ der sie angehört; zweifel- 
haft ist es, ob sie für Original oder für CJopie, für ein grie- 
chisches oder römisches Werk zu achten sei. Mag der Kunst- 
freund diese Gestalt übermenschlich schön und erhaben finden, 
die Anlage des Ganzen geistvoll , die Conturen rein und flies- 
send, — der Kenner der Natur vermisst die strenge Richtigkeit 
der Anatomie, der Zeichner Correctheit der Zeichnung, der 
Archäologe das unverfälschte Ideal der Griechen ; der Bildner 
wünschte den Marmor anders behandelt , der Kenner weniger 



8 



Manier, und deü gangbarsten Hypothesen über die historische 
oder mythische Bedeutung des Werkes ist, wie es scheint, 
nur durch Veqährung das Recht geworden, immer wieder 
von Neuem nachgebetet zu werden. Den letzten, vielleicht 
entscheidenden Stein kann man endlich noch mit der Be- 
merkung in die ßchaale ' legen, dass die ganze Anlage der 
Statue nicht im wahren Geiste der bildenden Kunst ge- 
dacht sei. 

In der That ist nicht zu läugnen: schon jener lauto, von 
aUen Seiten wfd erhallende Beifall, der von jeher dervati- 
canischen Statue zu Theil ward , muss ein , wenn wir so 
sQg^u dürfen, an die Stille der antiken Plastik gewöhntes 
Ohr nur verletzen, und dem Verdacht erregen, es.könae hier 
irgend ein Element verborgen sein, welches der wahren 
Plastik fremd ist. Schon die Allgemeinheit jenes Beifalls 
ist rerdächtig. Denn, ist die' Klage gegründet, dass in dör 
modernen Welt sich keine der Künste mehr eines Publicums, 
in, der ächten Bedeutung des Wortes, zu erfreuen hat, so 
gilt diess von der Plastik, besonders aber von der antiken, 
im doppelt und dreifachen Sinne. Der Geschmack^ an ihren 
Produktionen ist der seltenste.^ 

Befremdender noch ist die Art und Weise, in welcher 
deö raticanischen Apoll fast immer gedacht wird. Dass bei 
jedem Versuche, Werke der bildenden Künste in Worte 
töjerzutragen , der Ton eher zu hoch, als zu tief genommen 
wird , ist begreifliche Müssen es aber darum gerade die 
Worte eines Dichters werden ? Und wenn es die Preishymne 
^nes plastischen Werkes gälte, so brauchte die Leier doch 
nicht in die phrygische Tonart ^gestimmt zu sein. Die 

* Wenn es eine Kunst gibt^ welcher die obige Klage nicht zu gelten 
scheint,, so ist es die Musik. Diess. ist aber -eben die Kunst, welche d^i 
reinsten Gegensatz zur Plastik bildet. „Die Sculptur und die Musik stehen 
sich, wie Novalis dich ausdrückt, als entgegengesetzte Härten gegenüber. 
Die Malerei mächt schon den Uebergang.^ 4te Ausg., IL p. 129. 



9 



Wirkung der Plastik kann ja zunächst weder., v^ie.die der 
Poesie, auf Geist und Einbildungskraft,- oder wohl gar y. wie 
jene der Musik ^ auf Phantasie und Seele gerichtet sein. Das 
plastische Kunstwerk ist weniger Seele als Grestalt; nicht 
Bild, noch Schein der Wahrheit, sondern Wahrheit selbst; 
es >will eben darum mehr begriffen . und verstanden als ge- 
nossen^ mehr beschaut als empfunden werden.* Die Schil- 
derung eines acht plastischen Werks wird dahe^r im Munde 
des Künstverständigen immer das. Gepräge der ruhigen 
Forschung an, sich tragen; sie wird selbst plastischer Natur 
sein. — Zwar könnte man solche exstatische Beschreibungen, 
und dieden gegenüber den vaticanischen Apoll, damit recht- 
fertigen, dass von Worten der Begeisterung nie ein H^tass- 
stab zur Beurtheilung des Gegenständes selbst entlehnt werden 
dürfe. Aber hier ist es weniger um ein Was, als um das 
Wie zu thuff. Der blosse Ton der Begeisterung, die Spradie 
des Enthusiasmus war.es, was uns befremdete. Auch diese 
mit bedeutungsvollen Winken auf gewisse Modethorheiten 
unserer Zeit verdächtigen wollen, hiesse äu weit gehen. 
Jene Schilderungen rühren, dem grössten Theil nach, von 
Männern her, welchen richtiges Gefilhl und besonnenes Urtheil 



* Sulzer nennt die Plastik noch „eine Greapielin der Beredsamkeit 
und der Dichtung." (Theorie d. schönr Kunst, I. p. 174.) Wie anders 
Goethe, wenn er sagt: „Von allem Literarischen, ja selbst von dem 
„Höchsten, was sich mit Wort und Sprache beschäftigt, von Poesie und 
„I^etorik, zu den bildenden Künsten überzugehen, ist schwer, ja fast 
„unmöglich: denn es liegt eine ungeheure Kluft dazwis(!hen, über welche 
„uns nur ein besonders geeignetes Naturell hinüberhebt." Winkelmann 
und sein Jahrhundert, p. 405. Man denke noch an die scharfe Gren- 
zen^ die Lessing zwischen der Malerei (hier für bildende Kunst über- 
haupt) zog, und höre dann: „Der grösste Kunstkenner, den ich auf meiner 
„R^se sah, der aUe Ki|nste mit einem tiefen Blick und dem feinste Ge- 
„schmacke durchforscht hatte, behauptete, dass von den existirenden 
„Werken aller Künste, die Dichtkunst selbst mit eingeschlossen, der Apoll 
„das vollkommenste sei."' v. Archen holz, England und Italien, II. 
p. 19a. 



10 



nicht abzuspre<!j)en i^, und an der Spitze der Panegyriker . 
steht ja Winkelmami selbst, der Mann ^ächt klaussidchen 
Lebens und klassischen Wirkens.* 

Es wird also w^l der Grund ihres so eigenthümliehen 
Tones in der Statue selbst zu suchen sein ; und wirklich 
bedarf es kaum mehr, als eines flüchtigen Blickes auf den 
vaticanischeti Apoll , um diese Vermuthung voUkonunen be- 
stätigt zu sehen. — Das erste, was wir bei dem Anblick 
desselben empfinden, ist Ueberraschung, Dieser Eindruck 
muss an sich schon fClr jede fernere Betrachtung entscheidend 
sein. Er muss mehr oder i?^eniger auch den Empfindungen, 
welche ein längeres Beschfiüen erweckt,. seine Farbe leihen, 
und-kein Versuch, unsere Gefiihle durch das Wort zum klaren 
Bewusstsein zu 'bringen, wird es verläugnen können, dass 
ihnen die Anregung eines überraschenden Momentes^ eine 
Art von* Illusion zu. Grunde lag. Wenn sonst das plastische 
Kunstwerk , eine abgeschlossene Welt für sich , dem Gfenusse 
des Beschauers nicht entgegen, geschweige denn zuvor- 
kömmt, wenn es uns nicht die Mühe erspart, uns selbst in 
seine Tiefe zu versenken: so können wir den vaticanischen 
Apollo gleichsam an uns kommen lassen, wie das Wort 
eines Dichters, wie den Ton der Musik. Ja diese Stellung 
ist zu frei, zu kühn, um sich nicht sogleich unserer Sinne 
zu bemächtigen. Auf einen ersten glänzenden Moment scheint 
alles concentrirt zu sein, nichts für den'Genuss einer län- 
geren Betrachtung, zurückgelegt. — Diese kühne Stellung 
ist zugleich im höchsten Grade bewegt, in höherem Grade 
wenigstens^ als- wir diess sonst an Statuen gewohnt sind; 
und vergleichen wir sie mit . dem Charakter dieser Ge- 
stalt, so will es fast scheinen , als wäre hier die Form nur 
um der Bewegung willen da, theilweise sogar für diese 
ganz eigens berechnet, -^ der grösseren Lebendigkeit und 
ÜeberraschuBg zu Gunsten, willkürlich ersonnen. /Unser 
Auge wird hier nicht von dem ruhigen Sein einer abstracten 



11 



Form festgehalten, sondern sogidch zu einem Nach und Vor, 
zum Tvansitorischen der Bewegung al)geleitet Unwillkürlich 
suchen wir ihren Anfangs- und Endepunkt, die Veranlassung 
und das Ziel der Handlung. ' 

tVas noch geja besonders den ersten lebhaften Eindruck 
d^ Statue in steter Schwingung erhalten, und selbst steigern 
muss, i^t der Ausdruck des Kopfes. Wenn jsonst die Plastik 
auch YCHi der Darstellung der Seele alles auszuscheiden 
strebt, was zufällig und momentan ist, so zeigt sich im 
Angesicht des vaticanischen Apoll eine tiefe Aufregung des 
Gemüths, Affect. Seiner Natur nach theilt sich dieser sym- 
pathetisch dem Beschauer mit, und ist, im Verein mit jener 
überraschenden Stellung und Bewegung^ recht -geeignet, unsere 
Einbildungskraft in ein so lebhafbes Spiel zu versetzen, dass 
endlich cm die Stelle dar Statue selbst wohl gar ein 'blosses 
sulgectiyes Phantasiegebilde tritt. In diesem Affecte ist wohl 
auch hauptsächlich der Girund zu suchen, wanuh die vati- 
canische Statue selbst ein Auge zu fesseln vermag, welches 
d^r plastischen Anschauung entwöhnt ist. Affect^ist es, was 
den Nichtkenner in den Productionen der modernen Künste 
vor allem erfreut Affect soll die Gluth dar Farben erhöhen, 
den Rhythmus der Melodie beflügeln ; hier finden- wir "ihn 
im Marmor wieder. 

Diese wenigen Bemerkungen mögen hinreichend sein, 
um das allgemeine WohlgefoHeu an unserer Statue zu er- 
klären, und Winkelmann's Begeisterung zu rechtfertigen. 
Haben sie doch flir die ' Bewunderer des ^vaticanischen ApoU 

* Mit der Bewegung und Handlung der Statue befassen sich auch die 
meisten Schilderungen ganz besonders, manchmal wunderlich genug, z. B. : 
„fch haV ihn. Er geht, erblickt das Ungeheuer (Python nach der ge- 
wöhnlichen Ansicht), spannt seinen Bogen, das Ungeheuer ist erlegt etc.^ 
„Briefe über Italien vom Jahre 1785 übers, von G. Förster^ H. p. 14. 
Sie werden sogar mtisikalisoh, wie bei Fiseonti Mus. Pio-Clem. Lp. 135, 
On croit entendre, selon la pens^ d'Hom^re, le sbn du carquois suspeUdu 
sur les ^paules du dieü irrit^.** 



\ 



12 

vielleiobt schon zu viel gesagt. Denn, was die Statue selbst 
betriflft^ so war mit unseren Bemerkungen doch nichts Ge- 
ringeres eingestanden, als dass diese nicht als ein acht pla- 
stisches Werk betrachtet werden könne. Dem -allgemeinen 
Yerständniös wiir- sie nur: dadurch näher gekommen, dass | 

sie die Schranken des abstracten Kunstwerks ^überschritt, \ 

das heisst mit andereaf^ Worten, nur dadurch, dass sie auf- 
hörte eine Statue zu sein. — So scheint -e» allerdings. Mit 
unseren BegriflFen vom Wesen der Plastik lässt sich der 
vaticanische Apollo nicht in Einklang bringen ^ und da unsere 
ganze Theorie der bildenden Kunst eigentlich nur von den 
Antiken abstrahirt ist, oder doch in ihnen ihre sicherste 
Stütze findet,' so wäre freilifeh damit unserer Statue zugleich 
der Chfiatikter eines ♦ griechisch - plastischen Werkes abge- 
sprochen. 

Indessen gingen unsere Zweifel zunächst doch nur 
daraus hervor, d€U3s wir in der vaticanischen Statue einen 
höheren Grad* von Bewegung und Ausdruck^ ein gewisses. 
Streben nach Illusion bemerkten. Hier war sonach', Venn 
Plastik und griechische Plastik identisch sind , stillschweigend 
die Voraussetzung zum Grund gelegt, dass Ruhe und Abge- 
schlossenheit der Statue gegen die Einbildungskraft des Be- 
schauers ein Hauptkennzeichen eines griechischen Bildwerks 
sei. Wo diese Merkmale fehlen , fehlt griechischer Geist. 
Ruhe und • gänzliche VerzichÜeistung auf Beziehung der 
Statue ^ nach Aussexr hin^ muss die Hand des griechischen 
Künsäers geleitet haben. — 

Dieser Punkt ist zu entscheidend und folgereich, nicht 
nur für die fernere Beurtheilung unserer Statue, sondern 
auch für die Würdigung anderer Werke der antiken Kunst, 
um nicht sogleich zu einer, näheren Betrachtung aufzufor^ 
dem. Wir weifen daher billig die Frage auf: War plastische 
Ruhe und Abgeschlossenheit der Statue das leitende Princip 
der griechischen Kunst? war es einziges und unwandelbares 



J3 



PriHcip'?^ Höpi rta Bildwerk schon dann auf, in griechischem 
(reiste gedacht zo sein-, wenn der Apsdruck in höherem 
Grade beseelt, die Stellung bewegt ist, in der ganzen An- 
lage sich ein gewisses Hinneigen zur Einbildungskraft des 
Beschauers kun'd gibt? 

Um diese Frage einigermassen genügend beantworten 
zu können, ist es nöthig, die vaticanische Statue zu ver- 
lassen, und uns weiter im griechischen Eunstgebiete umzu- 
sehen. Der Weg, der eingeschlagen werden muss, wird 
labyrinthisch scheinen; aber diess ist wohl jeder durch die 
TVümmer des Alterthums. ^ Schon äusserlich müssen wir 
häufig, um ftlr eine Statue das rechte Licht zu gewinnen, 
in eine bedeutende Feme zurücktreten. Leicht kann es dann 
kommen, dass wir uns zu weit entfernen. Ein neuer G^en- 
stand, der uns unerwartet aufstösst, leitet unsere Aufmerk- 
samkeit von der Statue ab, auf eilten zweiten und dritten. 



^^Mengs und Wiakelmann schon hatten Schönheit als das höchste 
Gesetz der griechischen Kunst aufgestellt, letzterer noch mit dem Zusatz 
edl^ Einfalt und stiller Grösse. Ruhe. Siehe besonders seine Gedanken 
über die Nachahmung der gr. W. opp. I. p. 31. Lessing's Laokoon ist 
bekannt, eben so die tiefsinnigen Ideen über Kunst, welche durch Seh el- 
ling und seine Schule so siegreich verbreitet wurden. Wer kennt von 
Schelling's Meisterhand nicht wenigstens die Abhandlung üt)er das 
Verhältniss der bildenden Künste zur Natur (München 1808.)? Damit zu 
vergleichen: Aug. Wilh. Schlegel über das Verhältniss der schönen 
Kunst zur Natur, im Prometheus. Wien I8O8. V. (Nun auch in seinen 
kritischen Schriften, ü. p. 310.) Vergl. überdiess Schorn's Einleitung 
zu seinen Studien der griechischen Künstler. Hirt 's Ansicht, dass das 
Charakteristische als Grund-Princip der gr. Kunst anzusehen sei (vergl. 
dessen Versuch über das Kunstschöne in den Hören 1797. SSt. VH. u. 
Bilderb. I. Einleit. p. XI.), steht mit den Ansichlen jener Männer nicht ge- 
radezu im Widerspruch, so wenig als Goethe's: „Ausdruck schöner 
Gedanken.^ Eine mit grosser Umsicht und Consequenz durchgeführte 
historische Entwickelung hat das Princip der griechischen Künstler in 
Thiersch's Epochen der griechischen Kunst gefunden. 

^ „Es ist nicht wahr, dass die kürzeste Linie immer die geradeste 
ist." L&ssing. 



14 



Unvermerkt aber haben wir, vielleicht gerade durch die- 
sen Irrwege den rechten Standpunkt gefunden, von wel- 
chem aus die Statue betrachtef sein will; wir sind ihr 
nahe gekommen,' indem wir glaubten, uns von ihr ent- 
fernt zu haben. 



15 



n. 

Diva solo fizos oculos aversa tenebat. 

(Virg.) 

War Ruhe und Abgescblossrafaeit der Statue das leitende 
Princip der griechischen Kunst, so muss es aufTallen, unter 
allen noch vorhandenen Statuen des Alterthums, die einer 
gewissen Periode abgerechnet, kaum Eine zu finden, in 
welcher jenes. Princip in seiner ganzen Strenge festgehalten, 
und bis zur Spitze des Extrems durchgeführt wäre. Welcher 
gute Gpenius ,. möchte man fragen, hielt alle Künstler' von 
dem gleichwohl so natürlichen Irrthume fem, die ächte 
idealische Ruhe, welche freilich wohl nur im Gregensatze der 
Bewegung denkbar ist, mit einer grob materiellen zu v^- 
wecli^eln? Aus der besten Meinung so recht im Geiste des 
herrschenden Systems zu bilden, konnten und mussten, 
m^schlicher Weise, Statuen hervorgehen, welchen jede, 
auch die leiseste Spur des Ausdrucks, der Bewegung fehlte. 
Ereilich war diess in den meisten Fällen schon durch den 
darzustellenden Gegenstand selbst uhmöglich gemächt. Einem 
kämpfenden Heros konnte nicht die Stellung eines ägyptischen 
Priesters gegeben werden, feinem Jupiter Kataibates nicht 
die Rühe, mit welcher der indische Narajana auf seinem 
Lotosblatte schwimmt. Die bildende Kunst 'Crar in Griechen- 
land sehr verschiedenen Zwecken untergeordnet, und die 



16 



wenigsten Statuen mögen dem individuellen Grescfamack , oder 
der Laune des Künstlers ihre Entstehung zu danken haben. 
Aber wie? wenn sich Kunstgegenstände der Alten nach- 
weisen Hessen, w:elehe ihrer inneren und äusseren Bestim- 
mung nach, der absoluten Ruhe der Plastik nicht nur nicht 
widerstreben, sondern in ihr erst ihre wahre G^talt ge- 
winnen, und wenn. gerade sie es gew^en wären, an welchen 
die griechische Kunst ihre ersten Versuche übte, die erste 
Meisterschaft erprobte, und endlich ihre höchste Kraft ent- 
faltete? 

Jedermann sieht, dass hier die Götterstatuen gemeint 
sind, jene besonders, welche zur öffentlichen Verehrung in 
den Tempeln standen. Der Begriff eines höheren Wesens 
weist von seiner Darstellung alles zurück, was an den 
Wechsel des Zeitlichen erinnert. Je weniger 'von Ausdruck, 
von Bewegung zu erkennen ist, desto mehr gewinnt die 
Statue den ' Charakter des Unwandelbaren, des Ewigen. 
Selbst der Anschein des Seltsamen, des Fremdartigen, welcher 
von solchen Darstellungen unzertrennlich ist, wird nur dazu 
dienen, jenen Eindrück zu verstärken. Die Statuä entweicht 
auf eine, nur der frommen Scheu noch erreichbare Höhe^ 
sie hört gewissermassen auf, ein Menschenwerk zu sein. ^ 
Aus Nachrichten der Alten wissen wir, dass ähnliche Grötter- 
bilder in Griechenland nidit selten waren. ^ Noch erhaltone 

* Auf ähnliche Art, und aus demselben Gruqd« stellten sieb Einige 
die Persönlichkeit der Götter selbst vor. Siehe die merkwürdige Stelle 
bei Heliodor^ Aethiop. III. .12. , welche Lessing anfährt mit Beziehung auf 
die ägyptischen Statuen» Fragm. zum Laokoon 17. Opp. lU. p. 26. cf. 
Creuzers Spnbol. II. p. 469. Man dachte sich die Götter mit geschlos- 
senen Füssen einherschwebend , und den Blick geradeaus gerichtet : areveg 
Si63i(yO ßkiftovTe^. Letzteres gibt ihnen den Charakter der Abgeschlossen- 
heit, der Abwesenheit! - *^ - 

^ Der bekannte Amykläische Apoll war ^ur Hälfte eine förmliche 
Säule. Paus, III. 19« 2. p. 205. ed. B. Quairem, de Quincy. l^ Jup. 
Olymp, p. 196. Es mfig hier noch ein^ Anspielung auf die S3rmbolische 
Bedeutung zum Grutide liegen, die Clemens Äte(p, den alterthümllchen 



17 



Sjti^en, besoncfefs aber Nachbildungen, von Tempelidolen 
auf Münsen, G^nunen und, Oemälden bestätigea es. ^ Die 
Fü8^ ruh^ säulenförmig neben einander, die Arme und 
straff an den Körper angeschlossen, oder nur geüffiiet, um 
seh;ir6rf&llige Attribute wl tragen, das ausdruckslose Haupt 
gerade emporgerichtet. Die fitatuen aus der sogenannten 
Schule des Dädalus hatten sänmitlich dieses Gepräge, und 
es ist bemericenswerlh, dass Pausanias, der seine Bewun- 
derung selten über die Periegetenf&rmel &߀cg äiiov (sehe^s- 
werth) steigert, gerade d^i Bildern des Dädalus einen ge- 
wissen göttlichen Charakter beilegt.-^ ' ^ 

Allein unläugbar gehörai alle jede Werke in die vor- 
hellenische Zidt der Euns^t-Entwickelung. Sie sind fremde 
FüaBzea , auf griechischen Boden versetzt Nicht dem Strebeh 
nach plastischer -Ruhe, nicht der dunklen Ahnung eines 
ewig imveränderlichen Wesens verdanken sie diess fremd- 
artijgpe Gepräge,, sondern der Sinnesart jenes Volkes, wdches 
Eupst und. Natur zur Hieroglyphe, die menschliche Gestalt 
zur geheimnidsvollen. Mumie erstarren liess.' Mit dem ersten 

Voarslfellungen der Qött^r unter dem Büd einer Säule bdlegt. Af^ (o 
^Iqg) ro i^rog jfoi ^vttiov rov d'eov, Strom. I. ed.- Sylb, p. 348. d. 
Uq][>eh(d^keit der Kunstfertigkeit wenigstens, erklärt hier Bichts. So 
gut man die Arme trennen kennte, um Bogen imd Lanze' zu tragen ^.konn-. 
ten 4iuch di^ Füsse, wenn auch unmerklich, getrennt werden. 

^ Siehe nur die Q^nme mit dem Apolls AleJdkakos . (wie Tölken 
das Bild in ,der deutsehen Uebersetzung p. 107. richtig benennt), bei 
MiOlin Gal. myth. XXXUJ. Kro. 474. oder das Bild einer Sti^e auf dem 
prächtigen Vasen-Gemälde, bei Hancarviät. Vases. L pl. 130. 

, *' AdfSaXoq SS onoöa -sJ^yaöaroy dromiTepa giiv iöriv in rifp oj^Vf 
iauigiirtu Sh 0/ios 9ru%ad tvd-eoy rovroig, Pma. 11. 4. 5. p. 97. ed. J. Beck.^ 
Ve^L damit den merkwürdigen Aussprach des Aesichjlus über die Werice 
der ältesten Zeit bei Poy}%r. de abstin. II. $. 18. p. 133. 34. ed. Moer. 
^ Wa& den Zusammenhang ägyptischer und griechischer Religion und 
den EinfluBs ägyptischer Kunst auf den. ersten Beginn d^ griechisch«! 
betrifft, welcher neuerdings wieder stark iiv Zweifel- gezog^a wird , ta'ete 
ich nämliph unbedingt den Ansichten Creuzer's, und Thiersch's bei, 
mit weldien besonders nosh Hirt's Amalth. U. p. 27. ff. und S Chorals 

F euerb ach, der yaticaniacbe Apollo. ^ 



18 



Beghm der eigentUch hellenischen Emist r^rschwinden auch 
jene ruhigen GebiMe, und nur die, den Griechen so eigen- 
thümliche ehrfurchtsvolle Srfieu vor dem Alterthümlichen, 
sicherte den einmal vorhandenen noch für die spätere Zeit 
ihren Platz in den Tempelzellen. ; :' 

Der kolossale A|>ollo Bai^erini,^ jetzt eine ^erde des 

* 

Studiea p. 1^2. zu vergleichen sind. Weiter in diesoi so vielfadi be- 
sprochenen Gegenstand einzugelien, ist hier nicht der Ort. Sei mir ^nr 
Eine Bemerkung gegönnt. Die allmählige Fortbildung von rohen Steinen 
zu Hermen u. s. w. ' wie diese Winkelmann annahm , (opp.' HI. p. 14. V. 
p. 217. yn. p. 3. cf. Zoega de usu obelisc. p. 2lSt Potter's Arehäol ÜI. 
p. 4^29. und Böttiger 4-ii<l6ut p. 45. ff, — wiewohl dieser grosse Ken- 
ner der alten Kunst die Aehnlichkeit der Athene mit der ägyptischen 
Keith anerkennt, und die Hermen aus Phönizien herleitet, — Beck*s 
€tmndri8s der Archfk^. p. 65; ff.) — * diese allmählige Fortbildung, so 
natüriich . sie an .«ich zu sein scheint, unterliegt seibist einem psychologi- 
schen Zweifel. Dasß aus jenen dreissig Steinen ^uJ^harä, aus dem, Eros zu 
Thespia, der ^in roher Stein war, keine Götterbilder hervorgehen konnten, 
hat Thierse h überzeugend dargethan. Epoch. h p. 8. Aber auch die 
Herme kann nicht wohl als vermittelndes Glied gelten. . Um einen Pfjahl 
mit einem, blossen Kopf zu bildei», und sich tiarunter^eiue> Gottheit in 
Menschengestfidt zu denken, dazu gehört schon ein gewisses Abstractions- 
Vermögen, dessen die kindliche Natur eines unkuitivirten Volkes nicht 
fähig, und welches wenigstens bei einem mit entschiedenen Talenten ztfr 
Plastik begabten Volke nicht leicht vorauszusetzen ist Schwierigkeiten 
in Bearbeitung des Materials kommen nicHt in Betracht, nicht* bloss' dess- 
wegen nicht, weil die ältesten Bilder aus Holz geschnitzt wnren. Die 
kindliche Natur begnügt siclL gerne mit Wenigem, versucht aber auch ^e- 
rade das Unmögliche tfm liebsten. Merkwürdig atrch in dieser Beziehung, 
sind die aker^tlmliöfaen Tempel-Soulpturen von Selinunt, von denen*^von 
Klenze Nachricht gab. Kunstblatt 10;i4. Nr. 8. Hier finden sich Figu- 
ren, deren Obertheil en £Gbge^ Hüften und Ffiase aber ii?s Profil gestellt 
sind^ Bm -biotee Relief-Pix)fil war zu abstract Man versuchte das Un- 
mögU^e, und wollte der Figur, die nur für Efnen Augenblick berechnet 
sdn konnte, cUe Universalität der Statue für alle Augenpunkte lü Eineitf 
geben. — Warum leitet man die ägyptischen Statuen, man -verzeihe mir 
diese Frage, nicht v<mi den Kanopen ab? • 

* Diese Statue wurde bekauntlioh früher, iea langen Oithafbedenge- 
wandes wegen, ff!^ -eine Muse gehalten, und swar voh Winkelmänn 
die Muse des Ageladas genalmt^ Opp.. VI. p; 26, cf. VH. :p, IIB. Neuer- 
ding» aber ist sie mit Recht als 6in Apollo anerkannt Wörd^; Uebe» den 



I 



19 



erliabenen Pftllasles, in welchem König Ludwig von Baiern 
die Reste hellenischer Kunst versammelte, reksht gewiss 
noch Ober die Zeit des Pfaidias hinaus; und höchst wiahr- 
sdieinlich ist uns in dieser herrlidien Statue ein Tempelbild 
Erhalten. Der linke Fusa ist ab^ 2um Schritte gehoben, 
und unbeschreiblich die Majestät, mit welcher* die Statue 
dem Besdiauer entgegenzutreten, und dftnn inne zu halten 
scheint, um das Wort eines Flehenden zu vernehmen. — 
Mächtiger ausschreitend zeigt sich eine Minerva' in Dreisden. 
I^e ist als Promacfaos gedacht, raach zum thätigen Beistand 
vom Olymp bemied^eilend, "^ In beiden Statuen sind die 
Oötter unverkennbar nicht blos als seiend, sondern als er- 
scheinend daigestelU; ihre Stellung sagt ganz dasselbe, was 



erhabenen iSül dieser bewnndemngswürdigen Statne vergleiche besonders 
Ifeyer zti Winkelmann ¥. p. 558. im4 Meyer* s Gesch. d. Kunst I. 
p. 50. Dass sie eine Tempel-Statue war, wird nicht i^ur durch ihre ko- 
lossale Grösse wahrscheinlich, sondern auch dadurch, dass* sie an der 
Rückseite nicht ausgearbeitet ist, mid Mglich bestimmt gewesen sein 
mn99, an ^e Wand angelehnt cu werden. Auch zeigt der Kopf noch 
Spumn Ten eingesetzten Augen, welche zwar nicht ausschliesslich, aber 
doch den Tempel-Statuen ganz besonders eigei^ waren. Freilich kann be- 
zweifelt werden, ob der Kopf ursprünglich zur Statue gehörte. Wenig- 
stens war er vcm ihr getrennt, und sein Ctorakter scheinlr^Pidrklich , nach 
meinem Gefühl, tüdit aufs Beste mit dem Stil des Ganzml übereinan- 
stin]fmen. Doch hat er auch durch schlechte Restauration gelittea. 

■^ Beckcrr's August. L 9. 10. cf. Schorn in der Amalth. n. p. 206. ff. 
Glekhialls sdireitet die alterthümliche Ifinerra in Win keim. Alte Denkm. 
l^r. 17. Man braucht sich allerdings die Promachos nicht immer als 
kämpfend zu denken. Gewöhnlich schützen die Gött^ durch ihre blosse 
persönliche Gegenwart. Vergl. Thiersch in genannte]^ Amalth.' I. p. 141. 
So steht Minerva ganz ruhig auf dem Vasen-Gemälde, welches den Bel- 
lerophoo ui^d die CMmära vorstellt. Tischbeiü (. t. 1. Aber auch 
Ausnahmen, wie in derselben Sammlung U. t. 20. und die Vignette in 
P^iueri pict. in vasc. U. p. 1. MiUin. peint. de vases IL t. 75. finden sich. 
Die Hauptsache in j^ien Darstellungen schreitender Minerven blieb jedoch 
das Annahen der gewaffiieten Göttin. Die Promachos, wie sie zum Kampfe 
führt (auch dtess geh<kt zu ihren Functionai), erkenne ich anf einem 
Vas^n-Gemälde bei Cayku reeueil d'antiq. IL pl. 21. 



ao 



jene, bekannte Formel, wonut die Götter die tragische Bühne 
zu betreten pflegen. ^ 

'Alle Feierlichkeit des ^rhabenstai Tempelstils ist über 
die Pallas Yon Velletri ausgegossen,^ strenge Grösse und 
hoher E4rnst der Charakter dieser bewunderungswürdigen 
Gestalt. Aber das Haupt i^t simit zur Erde geneigt. Sie 
winkt dem Flehenden Gewährung zu. Die herrliche l^ery^- 
büste, ehemals in der Villa^Albani, jetzt gleichfalls in der 
Glyptothek zu München, z^gt dieselbe Haltung, ^® und ebenso 
hat» man sich den olympischen Jupiter <les Phidias, das im- 
erreichbare Muster aller Tempelbilder, zu dieDken, wepn 
anders die Sage gegründet ist, dass seine Idee von Hom^ 
entlehnt war. ^^ Andere Grötterstatuen hielten die Rechte mit 
einer Schale ausgestreckt, um die heilige Spende zu em- 
pfangen, ^^ oder sie rächten den Kranz, die Binde des Sieges 
dar, oder das Bild der geflügelten Nike selbst. ^ Hier war ,, 

* Trjv tf jjv Si^o ;^ap*v .ovpaplag "ESpag npoXindv. Sopki, ■ Philoct. v. 
1413. tt Ätkh. Eumen. v. 393. Ewipid, Andr. v. 1186. et aL 

' Vergl. übet diese Statae Fernow im deutschen Merkur 1796. I. 
p. 299i JftQm. monum. in^. II. 3. pl. 23. p. 189. Mnäte Napoleon I. 
qL 8. Dieselbe Neigung des Hauptes an der Statue der Juno. Mus. Pio- 
Clem. L t. 1. 

'® 3ie iflft zwar nur eine B|ste, gewiss aber nadi dem Haupte eines 
Standbildes oopirt. 

^* Stnibo YIU. 3. ed. st p. 171. Bei Homer aber heisst es H. I^ v. 
528. vwöa KaovUfv, Die Neigung des Hauptes hat aueh der Jupiter Ve- 
rospi Mus. Pio431em. I. t 1. Sie f^ehlt -dag^^en tun der Statue des fiastern 
Pluto ibid: H. t. 1. 

^^ Die Handlung, weldie man sich hier- zum Orunde liegend dachte, 
ist ausgeftihrt in alterthümlichen Reliefs, wo Nike dem Apoll die-Sp^de 
in die Schale g^st* Zoega bassiril. ant U. Nr. ^., und auf der soge- 
nannten Vergötterung des Adtian Mus. Pio-Clem. V.- 1. 26. Ein thronen- 
der Jupiter mit der Patera bei Beger thes. Brandenb. HI. p. 80. auf ei^er 
Münze vpi\ Perinth. ibid. p. 486. . ^- 

*' Beispiele sind zahllos. Ich bemerke nur, dass man ursprünglich 
unterscheiden muss, ob -das Bild der Victoria gegoü die JStatue^er von. 
ihr weggewendet war. Im praten Fall war vtxtfpopog -der siegreiche Gott 
(z. B. Jupiter über die Gigi^ten) ; im zweiten hiess vwtjpopo^ der sieg- 



21 



al0O überall Handlung, freilich die Handlung von Wesen, 
deren Tbat naeist nur ein Wink ist; a1>er, was nicht zu 
übersehen, von künstlerischer Seite betrachtet, zugleich 
eme, Handlung, welche nicht in den ideellen EJreis ^es 
Kunstwerkes eingeengt bleibt, sondern aus diesem heraus 
sich in die Wirklichkeit bewegt, ja erst in dieser Sinn 
und Bedeutung erhält. Da war nichts von absoluüer Ruhe, 
scmdem Bewegung; keine' Beschränkung des- Kunstwerks 
auf sich selbst, sondern lebendige Beziehung der Statue 
zu ihrem Beschauer. 

' Werfen wir einen Blick auf den reBgiösfen Glauben »der 
Griechen , so kann diess bei den Götterstatuen am wenigsten 
befremden. Denn was waren jene Bewohner deö Olympus? 
Weder moralisch politische Allegorien, wie die (Jötter der 
Persw, noch blosse Synabole von Kräften der Natu*, wie 
die ägyptischen,** sondern lebendige Charaktere, Individuen; 
und diese nicht etwa, wie der Brahm der Indier, ins An- 
schauen ihrer selbst versunken, sondern in steter wiUkttt- 
licher Thätigkeit begriffen, mit dem menschlichen Leben 
aufs engste handelnd , und selbst leidend verknüpft. Glercher- 
gestalt erkannte der Grieche in der Statue nicht -etwa blos 
das Symbol eines abstrakten Begriffs, gleichsam nur ein 
mnemonisches Zeichen , den Gedanken an .höhere Natur zu 
erwecken; sie war ihm vielmehr der sichtbare Olympier 
selbst, seine körperliche Hülle. Götter und ihre Statuen 



Mngende. - Beides wurdö später vörweehsdi, indem der siegrdche Gott 
selbst das Symbol ward des Siegs, den- man i^m yerdankte. Dass die 
GKjftterbüder die Victoriea und Schalen nickt bloss -trugen, scmdem dar- 
reichten, hat Niemand besser verstanden, kls der Tempelr|uber Dionys. 
£a 86 accipere, non ajilerre dicebat. Cic. nat. deor. lU. 34. p. B72. ed. 
Cr. Hieher gebort noch eine andere Stellung von GK)tterbildeia. In der 
Altis zu Olympia sah Pausanias ein Jupiterbild auf ^iner Stele, die eine 
Hand ausgestreckt Paus* V. 24. 5. p. 345^..— — — z^g fUv (TJjgSe 
hoXfiog) vftsipi^afi — AUt Sb^ltsoIjv ^stp' — etc. Theognis v.'757. . 
•* Wenigstens nicht im Glauben des Volks. 



n 



sind nnzertreiinliche Begriffe, und alles was jen^i zukam, 
wurde auf diese, übertragen. ^^ Eine ganz unbegreifliche In- 
conaequenz müsste vorauszusetzen sein, wenn die Kunst 
jene, den Menschen so nah verwandte Naturen nur darum 
zum körperiichen Erscheinen hätte bringen sollen 5 tlamit sie 
eben dadurch erst unnahbar in sich selbst zurücktreten. *• 

, Diess ist an sich •imdenkbar,^war aber überdies» durch 
die griechischen Tempel -Gebräuche geradezu factiseh un- 
möglich gemacht.. Bas ganze Ritual war recht eigentlich 
darauf berechnet, zwischen der Statue und ihren V^^hrem 
einen mqglichst lebhaften , mitunter höchst ergötzlichen Ver- 
kehr zu imterhalten. An die Statue waren die Hymnen und 
Gebete gerichtet, ihre Knie wurden in' Augenblicken der 
Gefahr . umfasst. " Dar Tempel ist der Wohnsitz der Gröttar, 
hier haben sie sich im buchstäblichen Sinn des Wortes 
häuslich niedef gelassißn. 1^ Die Statuen der nächstverwandten 
Grötter und ihrer Lieblinge sind zur Gesellschaft um sie ver- 
sammdt;*^ selbst für den nöi^higen Hausbedarf ist gesorgt. 

** Es sind die Statuen velut corpora deconim. S. Auffustin dyit. dei 
VIII. 23. p. 210. ed, or. B. Spiritus invisibiles-ut sint quasi animata cor- 
porlt. id. Sie sind die d-sol i^paviag bei Ifuusian de Syria Dea. Of^p. ed. 
Schfn*. VIII. p. 173. Daher oi na^iovrsq ovts rov i§ 'IvSov iXi^avra in 
oiovrat opaVf ovts t6 ix r^g Opayitjg ^BtaXXsvd-iv ^pvöLov y ^dXXa tov Kpovov 
nal 'Piag ig rtjv yrjv vftd ^siSLov ^Bt<pMd ^ivov. De Sacrif. opp. ed. Schm. 11. 
p. 263. und bei Cic. in Vwrrem, IV. 4^ — ut, quum illuc irent, non ad 
aedem Cereris, sed ad ipsam Cererem |)rofid8ci viderentur; oder bei ^ör, 
epi^. I. 13. obtestata (Juventus) ipsum quasi praesentem Jbvem. Von gött- 
li«}iem Geiste waren die Bildsäulen beseelt, jedoch nicht alle in gleichem 
Grade: Es gehofte eine höhere Kraft da^u, um die beseelten^ von dtfn 
nichtbeseelten zu unterscheiden. iSo heisst es von Herai'skos: avro^v^ 
iyivBTO SiayvofteM; täv =-tb C^el^rov nal ^t3v ^ij ^dpriifV iBpöv dytxXfidranf» 
äimI. ^«. V. II. p. 67. ed. KwH, 

*^ EtWa^ wie Apvi.^ius die" Isis verschwinden lä80t: numen invietttm in 
se recessit. metam. XI. p. 209. ^ed; Bip. 

*' BpBTiov ix^ö&at. Aekh. Theb. v. 94. -^ 

, *• Daher hiessen die Götter selbst ivsSgoi. Aesdi. 1. 1. v. 304 - — 
habitape apud sese. Cer^r^m En&enses lurbitrantur Cte. 1. 1. 

'' Die ftapsSpoi. d-alog dyav. Schol. ad. Hom. H. VÜ. v. 298. 



23 



In fesUiehen AuMgen.« werden neue Prunk - GlewtUEidar fttr 
das Tempfilbild gebracht, ^ und im Opisthodomoi hftufen aich 
die Schätze. Gerade wie lebende Wesen weiden ^ die. Sta- 
tuen gehegt und gepflegt, siet werden bekrttnzt,^^ gesalbt v^ 
gebadet/^ sogar, als hfttte man es fUr^nöthig erachtet, ihrer 
plastischen Langenweile yorzubeugen, mit Possenspielen er- 
Justigt'-** 

Alles wurde aufgeboten, um ihnen, so zu sagen, ihr^i 
Wolmsitz so angenehm als möglich zu machen. Denn sie 
konnt^i ihn verlassen , mit einem glüoklicheren Boden ver- 
tauschen.^ Und wie viel war nicht an die persönliche Ge- 
genwart der Gtötter in ihren Statuen geknüpft! — So IjEinge 
das Bild des Schutzgottes der bedröngten Stadt noch nicht 
entrissen worden, ist nicht alle Hoffnung gesunken; aber 
man -besorgt, die Statue möge selbst zu dem Fdnde über- 
gehen, U9d so die verwaiste Heimaith dem Verderben Preis 
gegeben werden. Alß Tyrus von Alexander belagert wurde, 
legte man, in Folge eines Traumgesichts, der Statue des 
Apollo golden^ Ketten an, und knüpfte diese an den Altar 
des Herkules.^* In Griecheifland hatten gewisse Statuen von 
jeher Fessdn getragen, damit man ein für allemal ihrer 



'^ ^n erinnere sich «n den Peplos der Panathenä^n, den Chiton 
des Amykläiscben Apoll etc. Qwitr^m, de. Quinqf le Jup. Olymp, p. ^8 — i^, 

^^ Ckmens 4l*iXf' Paedag. U. ed. 8ylb. p. 181. C. PatduU. cortaae 
p. aoi. fE. 

. ^ ArUmid. Ondrocr. IL 34. p. 122. ed. K. Prud^/nL in Symmtih. L 
Y. 204 . ^ 

^' Span^. ad. OaUim. p. 32^. 

^^ Öerod. Y. 38. p. 318. ed. Jungerm. cf. Kan'negleser komische 
Bühne von« Athen p. 28. Feste ganz anderer Art erlebte die Bildsäule 
des Pan hei den Arcadiem. Th/eotr. Tu. v. 106. cf. CaML de festis 
graec. p. 35. ff. ' 

^^ So wollen Ceres und Proseipina mit Timdeon -auswandern. FhU. 
Ihn. opp. ed. Xyl. L p. 239. B. Daher im Qeb^t bei Aeschylus: Uolov 
Sdfieu^stS^e yoUctq ni6av raöSdpeifiv; Theb. v* 289. 

^^ Ouasi illo Deo ApoUinem retenturp.- Curt, IV. p. 98. 



24 



Treue versichert isei. So die Aphrodite Morpho zö Sparta,^ 
und ebendaselbst die Statue dea EnyäHos. * ^ Göttä-bilder , der 
^stürmten Stadt efitrissen, s^nd erst das Zeichen des rollen- 
deten SiegW, ifiad ihre schirmende. Kraft wird auf fr^nden 
Boden verpflanzt, um 3ort gleichsam neue Wurzel zu schla- 
gen.*^* Orakel gebieten, das ßötterbüd eines fremden Volkes 
dem Vat^land einzuverleiben,^ und Statuen von anerkannter 
S^enskraft, wie die der Aeaciden, werden in entsoh^denden 
Momenten von ihren Besit^m als Bundesgenossen und^Mit- 
kämpfer erbeten und eingeholt. 3* Eine Sage bei Servius 
lässt sogar eine Statue des delphischen "Apollo * Tempels 
durch göttliche Kraft nach Corcyra wandern .und die Matiem 
dieser Stadt vertheidigen. ^^ Aehüliche Statuen - Anekdoten 
kommen nicht selten bei den Alten vop*'^ 

Die .Gegenwart der Götter in ihren Bildern hafte dicase 

*^ Paus. m. 15. 10. p. 197. 

** Gefesselte Statuen müssen auch sonst häufig gewese& sein.' Siitr 
tui^rum ritu pi^tipmur pannos et -v^eula? JRetron. satyr. c. 102. ed. Bunu. 
p. 619. Die Fo/^eln jedoch des Saturn bei den Rpmecn (Stat. sylv. I: &, 4.) 
sind bloss symboBsch zu nehmen; cf. Creuze'r's: SyHibol. ü.' p. 215. 
Aber vom Enyalios in Sparta dachte man wirklich: oimors tov 'Ewakiov 
^evyovra m^r^öeö&al öynöiv ivs^ofiavov stiSouq. Paus, 1, !• 7. p. 196. Die 
bekannte Statue im Pallast Borghese — ,^illa Borgh. st. I. Nr. 9. — iij 
welcher man bald Mars, bald Achilles, oder gai* den Philoctet erkennen 
will, wird für einen ähnlichen Mars genominen werden* müssen. VergL 
'W'inkelmann opp. H. p. 503. -üeber dem Knöchel d«a einen. Füssen 
hat sie einen Ring, der^hier ebenso gut an die Fuss-Fesseln des. Kriegs- 
gött^ erinnern kann, als der Fingerring an die Armkette des Prometheus, 
cf. -min, h. n. XXXYfl. 5. 1. p. 764. Sew. ad prr^. eclog. VL 42. Es 
hängt übrigens diese Sitte mit dem Glauben der Alten z^isammen, dass 
der Mensch über die Götter Gewalt ausüben könne. So wird Proteus durch 
Fesseln zuni Wdssagen gezwungen. Gewissen Formen mitsst^i die QöitÄr 
folgen. Yerg], Euseb. präep. evangal. V. 8. flF. ed.- Vig. p. 193. 

^* Veigl. z. B. Paus. VIIL 46. 1. fiF. p. 551. 

»0 Liv. XXlX. 10. Ovid^ faat. IV. 255. flF. 

" HerM. V. 80. 81. p. 317. VÖI. 64. p. 482. 

•«* Serr.ftd Virg. Aeneid. I. ^. y ' ^ .^ 

** Vergl; die waud€hiden Penaten des Aeneas b^ Fo/efi Maxi 1. 8. 7. 
p. 74. ed. Bip. 



25 



mit einer dftmopisdieB Kraft erAUlty.die zwftr in der Regel 
•s^ummerte, ecber doch von auissen gewedtt w^en konnte, 
und daim wund^tbfttig ins Leben trai Daher denn gewiss^i 
Götter -Statn^i selbtat die Kraft der Weiasi^gung zugetheilt 
ward, wie jenem Bil^e der Heki^, wdehes Theagenet 
imm^ 'mit sich führte, und' um Rath befragte.?^ ^och Pau- 
sanias aaii auf dem Markte von Pharä In Achaja dar* Bild 
eines H^m^^ an ^ welches man sieh unmittelb^ zu ir^Mlen 
hatte, um über die Zukunft belehrt zu Werdern . Man sagte 
der Bildsäule sein Anliege iü's (Hur , un4 die ^erste stimme, 
Wel^e inch hören liess , wexAi man den . hdügen Beark 
verlassen hatte^ galt als Q^kel.^ Anderwärts, hatte der 
fromme Wahn ' von den ligpen ' der Statue selbst das Wort 
de» Gottes .vernommen, wie denn jene Bildsäule ^er Fortuna 
zvL Rom mit- eigenem Munde ihre Zufriedenheit über die Art 
zu erk^raen gab, wie sie ^(ßweihet^ worden. ^ Zu Daphne 
aber wollte man von der Apollo -Btatue des «Tempels den 
Klmg. der Citber gehört habai.^^ — Kein Wunder, w^nn 
n^n den Statuen geradezu Empfindung b^gelegt wird, wenn 
^re tpdte Materie von Zeit zu Zeit die Natur eines organis(Aen 

• . - ■ 

** Ei^€,6a 'Eyidrrig jayaXua, ov isTvv&dvero itav-ra^ov asri&v. Suid* 
ed, Kost. n. p. 168. Es wuKie darum yiacrvdg genannt. Vergl. über 
diess Epkbeton ornans; 'Berg{, ad AriH* vesp. v. 343« Es entspricht v^- 
kommenunseiln kömigen: Hansdampf. Ueber weissageqde* Scbnitzbilder 
vergl. Serv, ad ftr^. Aen. VI. 68. Ei<i ganz merkwürdiges- Beispiel eines 
Statuen-Orakels bei iMcian, de SyriaDea. I. I. p. 21 Ö. 
' «Fat«. VU. 2. 3. p. 457. 

^ JPfeii. de fort. Ilom. Opp. ed. X. U. p. 319. A. V0I&, Max. I. 8. 4. 
p. 72. Auch die Bildsäulen d^r Juno Mone)A in.Y^ji hatte map sprechen 
gehört. < Wo' es für nöthig erachtet wurde ^ Jial£/ wohl auch Betrug die 
Zunge lösen. Aus TheoMel. hist. ecd. V. 22. fühft Beckmann an, daes 
dtr Bischof Theophilus bei Zerstörung der (xÖtzenbüder in Alezandrien 
mehrere fand, welche hohl und so an die Wand gestellt warcäi, dass man 
hinter ihnen durch den Mund der Statue reden konnte. . S. dessen Bei- 
träge «ur Geschichte der- Erfindungen , IV-. I. p. 115. . , 

"^ "^ßl aov Tig^ Kai ynowfsVy og ^aöivy iv fteiUjfiflpi^ lud-a^^vr-o^. Li- 
tanius beiV. Chrysott. de ß. Bab. Opp- ed. Mmtf. II. p* 571. A. ' 



26 



Körpers annimmt, wenn hier elp Standbild Thränen ver- 
gieöst, * dort ^ie Angst ihm den Schweieö^ öder Blut 
aiistfeibt,^*^ und endlich die Statue Überhaupt, oder sonst ein 
künsdiches Abbild de£; Menseben, seltsam genug ,^ in ein 
sjmpattietisches^ Verhältniss mit dem menschlifihen Körper 

* 

tritt, so dass z.'B: Kraut auf dem Haupte einer Statue ge- 
wachsen,^ wie da* treuherrige Pliniüs m allem Ernst Ver- 
sichert, Kopfschmerzen heilt, <* und thessalische^Zauberitinen 
nur ein wächsernes Bild zu durchbohren brauchen, um das 
Urbild desselben einem sichern Untergänge zu weihen^ ^ ^ 

' So wunderlich uns alles diess bedünken mag, so durfte 
es 'doch nicht umgangen werden. Es konnte* dazu dieuen, 
den Begriff , welchen man bei den Alten Oberhaupt; b^ den 
Griechen besonders, • mit der Statue rerband, und das Veiv 
bäl^iss d^selb^i zum Beschaut in ein klares Licht zu 
stellen; Es war. iim so weniger zu umgehen , da aus den 
Götter - Statuen alle «nderö sich entwickelt haben. Dem 
Glauben des Volkes verdankt äie griechische Kunst ihre 
(BTSten Keime und ihre letzte Blüthe, und war sie in dien 
ältesten Zeiten nur die Sklavin der Religion , so hörte sie 
doch nie auf, ihre treue Gefährtin zu sein. — Auch haben 
jene seltsames Meinungen-, jene abenitheuerlichen JSitt^ 
für den unb^ngenen Blick k:ein geringeres Interesse, als 
der i?sycholög, dem bewusstloseh Spiel eines ^iiides zu sch^^n- 
Icen pflögt Sie silid die naiven Aousserungen eines ai^losen^ 

3* Xtv.' XI. Id. Besonders* häufig kölbmt diess vdü Statuen aus Elfen- 
bein vor. Mille lods lacrimavit ebur. Oruf. metaio. XY. 7d3. cf< ^ftteco. 
I^yest. V. 70i. Die£ä erklärt sich sehr^iatürlicli daraas, dass man Blffen- 
bein-Stätuen durch Od* oder Wasser, f^i^cht erhalten mus^* Vtmu. V. 
11. 10. p. 316» Vn. 27. %. p. 470. 
^ '» 7>«t4<. Timol. (Opp. I. p. 241. £.)''" 

*» Ue. XXTTT. 31. XXVD. 4. 

** mn. h. n. XXIV. 5. 106. p. 352. ^ 

*^Hor. .serm. I. 8. v. 30. mit den Erkl. vergk v. Do beneck des d. 
Mittelalt. Vcrfksgl. IL p. '20.* ' ' 



27 



unbewachten Sinnes, welche, je wenige aie Yon Besonnen- 
heit und ruhiger Uebertegung seug^i, um so untrüglicher 
die Geheimnisse de» Herzens verrathen^ die innersten Falten 
des werdenden Charakters aufdecken, und in der unschein- 
baren Knospe schon Farbe und Gestalt der künftigen Biüthe 
errathen lassen. 

Aus dönlselben^ Grunde muss auch die eigentliche Eünst- 
lersage zu Ratbe gezogen werden. Von tischnisoher S^te 
hat sie schon längst theilweise in der G^eschichte der Kunst 
ihre Stelle gefunden. Wie vi^äl ist nicht blos über den Schild 
des Achäl bei Homer geschrieben wosden 1 ^' Und gewiss ge- 
hört es zur Yollstftndigkeit der Untersuchung, besonders 
ttber. den ersten Beginn d^ griechischen Kuüst-, auch der 
Werkstätte des Vulkan zu gedenken, -und das mfitnnichfache 
Schmiuc^erk der Tempd bis auf die bunten Ge^webe der 
homerischen Frauen zurückzuleiten. *^ 

Sollte aber die Künstlersage nur . ron Seite der Technik 
und des Materials beachtenswerth sein? Weiss sie rön den 
Werken jener fabelhaften Künstler' weiter pichts zu sagen, 
als dasQ sie aus Gold odei: Erz gebildet waren ? Merkwürdig : 
jeder einzelne Zweig der griechischen Kunst lässt sich auf 
einOn mythischen Stammhalter zurückführen. Der Törente 
wie der Plastiker und Xylogljphe wusste yon febelhaflen 
Altmeist^n zu erzählen, die ihm in seiner Sphäre zürn Vor- 
bild dienten. Aber alle Werke dieser Kunstheroen waren 

* 

beseelt, sie lebten. 

Vorbild der Plastiker, im griechische Sinne 4es Wortes, 
ist Prometheus. Aus seiner Hand war der Mensch selbst 

♦» Vergl. Cayln». bist de FAcad. des inscr. XXVXI. p. %L — Deasen 
Abhandinngen übers, v. Mensel II. p. 281. Das Gelungenste ^obl bei 
^olreiii. de Qutncy in dem sc^on-angeföbrten Werke: 

** Anf die Kunst bei Homer hat «choh Gogn et Rücksicht genommen: 
Ursprung der Gesetze, übersetzt von Hamberger U. p. 159. ff. üeber 
Vulkan besonders. Quatr^m, de Qutncy l, c; p. 153. Thiersch's Epo- 
chen I. p. 6. etc. 



28 



ida ein beseeltee- ThOHgebild barrorgegaDgen. ^, Dim^h das 
Modell wird die Mastik, naeh Pasitelecr Ausspruch, MuUer 
der Statuaria, und so Promeäieus in gewissem Sinne, auch 
das beseelende Princip der Bildgiesskunst ^ Der Feuergott 
^selbst, mit welchem Prometheus die Ehre des -gemeinsamen 
Altars theilt, arbeitet bei Sesiod als Plastiker, uhd das be- 
lebte Wefk seiner Hände wird Pandora. Auis Erde hat er 
es gebildet, und wie später verschiedenartige StoflFe zu emem 
prunkroUen Granzen in der Statue sich rereinigt finden, so 
ward schon hi^r .das neue Wund^bild. von Athene selbst 
(igyavti) mit silbernem Oewand umgürtet, von dai Chari- 
tinim mit goldenem Putz werk, von dai Hören mit Früh- 
lingsblumen geschmückt. ^^ Pandora ist das beseelte Vorbild 
der toreutischen Pracht - Statue. — Entschieden stellt sich 
Vulkbn beiHomeran die Spitze jener Künstler, deren Statuen 

* ** PKn. h. B. XXXV. 6. 45. p. 711. — JpoöoÄ. I. 7. ed. Jf«yn« p. 40. 
leh mxxm ülyrigens bitten , ^icht zu glauben , aJs führe ich, die fabelhaften 
Künstler i^i historischer Folge auf. Dann dürfte Prometheus wenigstens 
die Reihe nicht beginnen. Noch Aeschylus kennt ihn nur als Wohlthäter 
des' menschlichen Geschlechts. Ak Plastiker sehen wir ihn nicht selten 
tkbgebildet. So descript des p. gr. de Stofch^ III. 1. 6. Auf Münzen z. B. 
des Antonin. .P. Edchel, doctr. num. II. Yn. p. 34. Aber fast alle Bil- 
der gehören in spätere Zeit. Das berühmte Relief im Mus. Caplt. IV. 25. 
entiiält sogar christliche Ideen. S. die Nach Weisungen beiBöttig'er zum 
'Dageboch. der Elisa von der Recke IV. p. 32. Selbst das R^ef im 
Mus. Pio-Qem. IV. 34. scheint mir christliche Anspielungen zu enthalten, 
freilich kann man hierin leicht zu weit gehen. Wer sollte z. B. nicht 
das Bild bei Miüm Gall. myth. CLXXIV. 647** fär eine christliche Agape 
halten?' (Man s^e nur den !Pis<^h, das bekannte Symbol.) Aber es ge- 
hört in den^ ya(icanischen Codex des Virgil. 

** Der. Mythus versetzt ihn nach Sicyon (vergl. Thiersch^ß Epoch. IL 
p. 26.) wohin auch die Sage der Teichinen spielt Heyne ad ApoUod, p. 97. 
Creuzer's Symbpl. U. p. 305. lieber seine Verbindung mit Vulkan: 
SehikU ad Äe$dh, Prometh. p. 156. mit Minerren^ der lebendigen Kunst- 
Idee^ Etymol. magn. pi; 470. Prometheus. selbst hatte sie aus dem EEaupt 
des Jupiter .befreit.^ ÄpoUod. L 3. p. 19. und diesen, nicht den ^Vulkan, 
sehe ich bei Win keim. AH. Denkm. H. Vig. 

*' Hemd, opp. et dies v. 70. ff. theog. v. 571. 



29 



aus Metall nAd mit dem Hammer ^^triebw waren; aber 
aoeii aus semer Feneredse ging^i pur lebendige Werike her- 
vor. Mag (fie Mekmng jenes DionjS',^ welcher auch die EV 
guren an dem Schilde des Achill ftb* beweglich hielt , nidit 
im Sinne des Dichters gefiasst, und als q^ätere Klügelei zu 
verwerfen sein, der Nachahmer Homers, der Dichter des 
sogeaannten hesiodischen Schildes, hftt eben so gedacht^* 
Goldene und silberne Hunde tob .Vulkans Hand bewachten 
das Haus des AUdnous: 

„Sie unaterUich geschaffen in- ewig blähender Jugend.'^ 

In seiner Werkstatt wurde der Gott Ton goldemlb Mägdeü 
bedient, denen er sogar Stimme, Yemunft und Kunstfertig- 
keit verliehen. ^^ FürMinos hatte er, nach spätem Sängern, 
einen ehernen Riesen gebildet, der als Wächter um die 

Insel- Kreta schreitet^ Bei der Zerstörung Ton nium hatte 

« 

*^ Eu$t(Uh. ad. II. ed. R6m. IL p. 1U8. 

** Freilick ein Nachahmer, welcher von Homer und selbst xon-Pesiod 
eben so fem der Zeit naeh stehen mag, als seiqe Diction sich iwn der 
Natur und Einfalt beider entfernt hat Yergl. über den hesiodischen Schild : 
C. Fr, ffeinfich fies, scirt. Herc. in d^i proleg. mit dfer R^ecenoion in der 
neuen BiU. 4* schön. Wissenschaften Bd. 67. 3t; I. ;p. j^^. und Manao'a 
Abhandi. über Hesiod in den Kachtr. zu^Sulzer's Theorie HI. p. 49. ff. 
Dass die Figuren auf dem Schilde des Herkules wirklich beweglich 
(ctvroKimjra) gedacht sind, g^t aus mehreren Stellen hervor; — die klap- 
pernden Zähne V. 16A. — unter den Schritten der Gorgonen ertönt der 
Schild V. 232. — Perßens war sogar freischwebend ohne Stützpunkt ge- 
bildet V. 217. uiid:den Syringen antwortet das Eehav. 279.! 

w Od. vn. V. 91. ^ 

*• n. XYin. V. 417. ff. 

^ ApolUm Rh. XV. y. 1(640. Böitiger Kunstmyth. p. 377. FacittB 
in, sfBinen - Miscellen p. 40. Doch ist an eigentliche Automate nicht zu 
depken. VergL Voss mythol. • Bnefe. N. A-. I. pw '309. Des Vulkans 
Werke ästhetiscb gewürdigt bti ßh%mUt. 19. ed. Amst. p. 182. Schol. ad 
II. XVIU. V. B82. . Hieraus eiklärt sich wohl aucl^ seine Vereinigung- mit 
Merkur, wie in der schönen Giuppe der ViUa B<n'ghes^) st .VI. Kro. 6. 
Denn von Merkur heisst es: Od* XV. t. 319. ^ . ^ 

-*- — ' — — — — oq pd Te ndyrov 
'Av&p0f(mp, tpyouh %ipiv %al nvSoq oftdtiBt. 



30 



man ein Bacchusbild von .seiner Band gewonnen, das noch 
voll der göttlichen Kraft war. Eürypylus kan>-bei dem An- 
blicke desselben von Sinnen.^ Aehnliche Wunderkraft, wie 
die des Vulkan^ wird jenen iM>elhaften Teichinen zugeschrie- 
ben , welche zuerst in Erz und Eisen gearbeitet , für Chrono» 
die Harpe, für Poseidon den Ih*eizack, für den Menschen 
die ^ten Götterbildnisse verfertigt haben. Sie werden 
Zauberer genannt, ^^. so wie der Mythus den idäisehen Dak- 
tylen gleichfalls magische Kraft,** das heÜMt ja, das*Ver^ 
mögen beilegt^ die Mdterie dem .todten Gesetze dar Natur 
zu entreissen ..und der Freiheit des^ G^tes dienstbar zu 
machen. Nieht minder berühmt waren die Heliadeq. deren 
Werke „Lebenden gleich liber die.Pfttde^ von Rhodos 
schritten.** — . 

Diesen myäiischen ReprÄsentönten der Pl^tika', Toreji- 
ten und Erzarbeiter gegenüber, nannte die Schule der Bildner 
in Holz ihren Dädalus. *^ Was spätere Gaukler und Tausend- 
ktkistler in * seinem Namen gefabelt und geküliotelt haben, 
darf freilich nicht auf seine Rechnung kommen, und schon 
4ie Altai hatten das ganze Rüthsel archäologisch .richtig 
gelöst.^ Aber im Munde des Volkes- und der Künstler blieb 

^^ Paus, VII. 19. ^. 7. p. 451. Doch ist diees- mehr so zu yerst^en: 
die Statue äussert ^dieselbe Wirkung, wii^ die Götter selbst, w^in man 
äe«^ unerwartet erblickt. XaXettoi SS d^sot ^aiveö^ai iva^ats. Q. ZX. 
V. 131. . 

** SträbeJI^. ed. st, p. 196. Diode Sic. V. 55. ed. st p. 2^1. Cal- 
Um. Del. V. 31. mit Spanheims Bemerk. 

^^ Strdbo X. 3. p. 367. Eine geistreiche Hypothese über die Telchlnen 
«bd d.'a. TOQ ▼. Kle&ze in d. Amalthr IH. 78. ff. 

** ^£fya Si ^oeltöiv ipnovreödi & ofiota utilev&fn pipov. Pind, Olymp. 
VIL V. 90, Zu Dimyi. Perieg. V. 504. bemer'kt £iistathius, tlass es auf 
Rhodus . viele Statuen gegeben, die man, i^r Lebendigkeit wegen, in 
Fesseln legen-' musste^, jpras Jacobs auf die 9ben bemerkte Sitte bezieht, 
lieber den R^ichthum der Griechen an (dast. Kunstw^ken p. 17. Nro» 31. 

^^ Die Bilder aus seiner Sofatüe' waroi ^oava,.' Heyne ärt int. Gr. 
temp. (Opusc. acad. Y.p. 339.) 

^« Diod. VI. 76. ed. st p. 127. Paiaepk. de inered. c. 22. 



31 



ev der Wuiadertnamr, der ^ seine SteitueB. leben. und schreiten 
gdehrt^ Wqb er dem Xyloglypben, dürfte Tiolleioht in 
gewissem Sinne I>eukalion. dem Mftrmorbildner gewesen 
sdn; denn es .scheint dessen Sage den Kreis der Sculptur 
wenigstens in so fem zu berühren, als sie die Bildbarkdt 
des rohen Steins za Form und menschlicher Gestalt be- 
zeichnen kans..^ Aber- auch dein Marmor hat Dädalue ein^ 
Funken des Ld)ens zugewendet; denn exia Marmor war der 
berühmte Cboirtanz^ welchen- er für Ariadnen gefertigt hatte, ^* 
nmd aüdi dieser wird denk bebenden Werken der Künstler- 
sage beigezählt ^^ Ja, damit kein Material, welches irgend 
. * ■ .1 

^' Wenigstens 1^^ man seincfh Bildsätilen fortwährend Schein des 
Lebens bei in Blick und Öang. 

Td danSaüLtia advra nivMd-cu Sousl 
BXhtsiv rdydkuaffy < aS avi/p natvoq Öo^og. 
Ewripid, fragm. ed. Ituigf, p. 447. ' 

*^Pind. Ol. IX. V. 65. ff. DeukaHon ist Söhn des ürKänstlers Pro- 
methens, seine Gattin^ deren blosser Käme schon an den Feaevgott eiin- 
nert, Tochter der Pandora, Äpoüod. I. 7. ed^ H. p.'41. ApoHm. Bh. Arg, 
ni^ V. 1086.. So ersiäieinet in ihm die Verwandtschaft zwischen Promc; 
theds and Hephaistos fortgeseizt, und auch hier berühren sidi Kunst, 
£^twilderang der Menschheit, religiöse Sittigung.** Er erbaute 8tä4tQ und 
Tempel, ÄpoUon, 1. 1. v. 1088., errichtete Altäre, Schol. ad. v. 1085., 
lehrte <lie Menachen £ide^ €bebete etc., Ptitf. mlv. Colpt. (Opp. IL p. 1125. 
D.) wob^ nicht ku überseh^i ist, dass auch an die Kunst des Vulkan 
sich auf eine merkwürdige Art die Sittigung der Menschen knüpft. 
— — * — — — — dyJiad tpya 
Avd'p'cMag iSiScL^sv inl x^-ovog, oi ro itdpog mp 
"Ai/rpoig vcuerdcufnev iv ovpsötVy rjvTa d-'^peg, 

Jibtti. IBymn. XX. — 
Nach Thimotheus war die Oybde aus den Steinen des Deukalion enistan- 
den: inf(»rmata est Mater atque animata divinitus. Amob, adv. gent. V. 
p. 93. ed. Elmenh. 

«' n. XV. m. v.,590. ff. Pau». IX. 40. 3. p. 63a 
•* Philostr, jun. imag. c 10. ed. Joe. p. 129. CalUstr. staüii c. 4. 
pag. 150. 'Efiol Si d-ecufa^iv^ t^v ri^vr^v intjel stufTsveiv, ort nai ^opov 
^^j/iflfSa Tiivovfisvov AälSaXqg. Das Wort aiffravaiv zeigt, dass nicht vOn 
einer indiyiduellen Mei^uIlg des Sophisten die I^e ist, sondern von einem 
Glauben, welchen er der Meinuug Anderer, der Säge, beimisst. 



3a 



Ton. der griechischea KoBst dtit fresondoron GHttek b^han- 
deU worden, eines beseelend^i Hauches entbehre, war die 
beseelte Statue jenes Cypriers von Elfenbein.^ 

So hatike der griechische Künstler die Statue von der 
Religion und aus den Händen seiner mjthiiichen Ahnherm, 
als ein böseelt'es Werk tl1)erkommen. Sie beweg^tie sich, 
sie schritt einher, sie empfand und wirkte mit d&moiäiseher 
KrafiL ^Sollte das athmoide Werk nun erst unter semen 
äähden^^ur todten MarmOrbüste erkalten? äatte er nichts 
2u thun^ als die Tempel mi^ tieo^a Götter- Petrefacten 'an- 
zufüllen? Oder gebot nicht .schon, wie wir sahen, der GQaube 
des Volkes, jenes Princip der Beseelung vor allen andern 
festzuhalten, xt^r ganzen Form gleichsam die Beweglichkeit 
eines Gewandes zu geb^i, in.welphem die Seele, die es 
umgeworfen, sich ungdiindert und frei 1>ewegen, in gjüdc- 
lich Überraschenden Momenten sich offenbaren ^önne? Uü^ 
denkbar ist ee^ dass die Kunst eigenwilfig den Weg s(dlte 
verlassen halben, den die Religion geboten ,^ und dieSi^ 
als (^e Bahn. zum höchsten Ziel bezeichnet hätte. Sage und^ 
Religion waren die erste, und lange 2eit hindurch die ein^ 
zige TÄeorie der Kunst. 



«8 



CTflfi. Jl/f3P. adm. p. 38. 6; ed. ßylb., JnuÄr.^ ad v. -gent VI. p. 1^. 



33 



III. 

En fivpo^, o AiovuSe, ro SeuTspov ijvir.a ^aXnovg 
K^t^avt^q' ysvtijv ivpe Mvpctv Mojjv. 

(Anthol.) 

Es wurde oben im Yorbeigeben als auffallend erwähnt^ 
dass wir unter den Statuen äcbt hellenisch^i Ursprungs uns 
vergebens nach solchen^ umseben, welche das angebliche 
Princip der plastischen Ruhe in seinem Extreme zeigten. 
Gegen die Yermuthung, dass Leben und Seele die leitende 
Idee des griechischen Künstlers war, lässt sich nicht ein 
gleiches erinnern. 

Eine Menge antiker Münzen zeigt noch Grötterbilder, die 
unlftugbar mit ängstlicher Treue berühmte Tempelstatuen 
YC»rstellen sollen, ,in der heftigsten Bewegung.^ Die Be- 
handlung der Gewänder und Haare lässt es nicht bezweifeln, 
dass die Originale dieser Bilder, der Zeit nach, unmittelbar 
jesüen ägyptisirenden Idolen mit angezogenen Armen und 
geschlossenen Füssen folgten. Es hatte also ein Sktrem das 
andere berührt, oder vielmehr hervorgerufen. Denn be- 
trachten wir diese excentrischen l^llungen, den hastigen 
Kriegerschritt, die drohende Haltung des Hauptes, das im 

* VergL z. B. deli Neptun bei Begtr thes. Brand. I. 250. oder die 
Minerva: Pellerin. I. pl. 32. m. 49. Beger I. I. 250. Auch Jupiter, findet 
aieh nicht selten weit ausschreitend, und den Blitz schleudernd. 
Peuerbach» d^r vaticanische Apollo. 3 



34 



Luftzug flatternde Gewand, und vergleichen damit j^ien 
amykläiBchen Apoll und andere seiner Art: so ist es, als 
habe das zu lange niedergehaltene Lebensprincip sich mit 
einem Male Luft machen, den schwierigen Knoten nicht 
lösen, sondern zerreissen wollen. Der Glaube an ein wahr- 
haftiges Leben sollte gleichsam mit Feuer und Schwert ge- 
predigt werden. Denn nur zu deutlich offenbart es sich an 
diesen Gebilden, dass der Kunst nicht damit gedient war, 
sich des neuerwachten Lebens in unerkannter Stille bewusst 
zu sein. Das Auge des Beschauers soll überrascht, sein 
Gemüth erschüttert werden.- Von ästhetischer Seite lässt sich 

freilich nicht viel rühmliches von diesen ersten Versuchen 

I 

der Kunstbelebung sagen. Doch ist der Lrthum, der ihnen 
zu Grunde liegt, an sich so b^reiflich, als der grieclüschen 
Eunsttendenz natürlich. Nur in Griechenland erlebte und 
überlebte die Plastik, wenn dieser Ausdruck erlaubt ist, ihre 
Flegeljahre. Die ägyptische blieb ewig in den Windeln. der 

Kindheit schlummern. 

» 

Der einzige Zweifel, der sich allenfieiUs gegen die von 
uns bezeichnete Quelle jener Verirrungen erheben liesse, 
wäre von dem seltsamen Widerspruche herzuholen,.. welcher 
bei den ebenerwähnten Bildern zwisch^i ihrer Bewegung 
und dem Ausdruck des Kopfes wird stattgefunden hab^i. 
Denn schwerlich entsprach der kriegerisch«! Gteberde ^e 
drohende Miene, der heftigen Bewegung irgend ein leiden- 
schaMcher Zug des Angesichts ; indem es durch den Augen- 
schein, erwiesen ist, dass die Bildung des Kopfes , besonders 
m Absicht auf Charakter und Aus(&uck mit den übrigen 
Bkwdterung^i der griechischen Kunst nieht^ gleidien Schritt 
hielt Koch in Bildwerken der schon weliergeschrittenen 
Kunst sind die Köpfe fast sklavisch , naoh Einem unabäfid^- 
liehen Typus gebildet, während in den übrigen Theilen des 
Körpers schon die Wahrheit individueller Natur und die 
Unbefangenheit einer freigewordenen . Kunst herrscht Die 



95 



ägmetiachen Stato^i siiid hieron ein sprechender Beweis, ^ 
und äboliches soll selbst noch in d^i Werken des fhicht- 
Jbaren und genialen Mjron vorgewaltet haben. 

Hier ist abar einmal das sogenannte griechische Profil 
nicht zu übersehen 5 ursprünglich Nationalphysiognoniie des' 
Göttei^eschlechts , ^ dann auch auf andere Gestaltet über- 
getragen, welche durch den Glauben des Volks, oder durch 
die Kunst gleichsam das olympische Bürgerrecht erhalten 
sollten. Schwerlich ganz dasselbe , gewiss aber ein ähn- 
liches allg^neines Schema, fand schon in den frühesten 
Zeiten statt Wenn nun das Götterideal damals in reinster 
Allgemeinheit eigensinnig festgehalten wurde, so wäre diess 
recht wohl mit der Kindheit der Kunst zu vereinbaren ; 
gewidser-Motive nicht zu gedenken, welche der Kunst fremd 
sein können, ohne ^ darum den Künstler weniger zu ver- 
pflichten. Auch hatte dieser schon durdi die blosse Bewe- 
gung seiner Statue alles erreicht, wa^ die Befangenheit einer 
erst noch werdenden Kunst mit d^n Begriffe vcm Leben- 
digkeit verbindet. Wie den Zeit^i der Sittlgung ein Heroen- 
alter vorausging,, wo blosse körperliche Kraft und ihre Nutz- 
anwendung^ schon. für Tugend galt, so hatte die Kunst ihre Zeit, 
wo die Lebendigkeit der Statue — wie, nach der Meinung des 
Phäakenprinzen bei Homer, der höchste Ruhm des Mannes — 
darin bestand, dass man Hand utid Fuss zu totuchen wusste. ^ 

* • ■ 

^ So lauten die Berichte über diese kostbaren Reste altgriechischer Kunst, 
vergl. in der .Kürze Schorn*s Studien p. 176 ff. und Thiersch*s 
£pooh^. Seit -diesem ge«chriebeB ist, habe ich selbst Gelegenheit gehabt, 
die Aegineten im Original genau zu prüfen , und finde jene Buchte im 
Ganzen bestätigt. — Doch das Nähere hierüber bei einer andern Gelegenheit. 
' Auch hier ist Volk imd Staat auf die Familie zurückzuführen. Ur- 
8prüngli<gb war wohl das Idealprofil nur der Familien-T3rpu8 des Jupiter 
und seines Geschlechts. Durdi eine Art Ton Adopäon bekam eft dailn 
üiyuer grösiere Ausdehnung. 

• * Ov ^iv yof fi9i^ov nXiog avifog, o^pa hbv ^ätv, 

Od. Vm. V. 147. 



36 



Indessen künjdigt sich schon in dieseh- schrofflen Formen, 
die sich selbst noch gegen alles Oharakteristische zu sträuben 
scheinen y^ deutlidi genug das Bemühen an, die^ durch Be- 
wegung schon gewissennassen belebte Statue, durch Auisdruck 
'auch zu beseelen. Ueber alle Köpfe ist in .der R^el we- 
nigstens eine gewisse Freundlichkeit ausgegossen, ja, der 
Mundwinkel mit einer Schärfe und Bestimmtheit zum Lächeln 
gehoben, wodurch der Ausdruck sogar affectirt und über- 
trieben wurde. Was der Bildner gerade mit diesen, in alter 
Zeit überall widerkehrenden Mienen sagen wollte, erklärt 
sich aus der schon früher angedeuteten ursprünglichen Be- 
stimmung der Kunst: die Götter den Menschen so nahe als 
möglich zu bringen. Diesem Zwecke war kein Ausdruck 
angemessener, als der, wodurch das Erscheinen des Gottes 
das Annahen eines befreundeten Wesens ward,' und seitie 
selige Ruhe aufhörte ^ eine unfruchtbare Selbstgenügsamkeit 
zu sein. ^ Lange Zeit blieb dieser Zug des Lächelns die 
einzige Miene, wodurch die Statue sidi "als das Bild eines 
empfindenden Wesens, kund gab.' Er war endlich, statt 
unmittelbarer Ausdruck rnnes bestimmten Seelenzustandes 
zu sein, ein blos willkürliches, symbolisches Zeichen der 
Beseelung als solcher geworden. ^ 

Je vertrauter aber die Kunst mit jenen oljnnpischen 
Wesen geworden war, je mehr sie zugleich an Umfang gewann, 
desto mannichfaltiger, desto wahrer und inniger musste auch 
der Ausdruck werden. Alle Erscheinungen ^ auch des mensch- 
lichen Lebens , hat sie nach und nach in ihr Bereich gezogen, 
bis der heilige Tempelbezirk zu einem Lusthain erweitert 



> Eb ermiiert dieses Lächeln 'an das bekannte it^^y^Xav der kriechen, 
das arridere der Lateiner: huldvoll anlächln. 

* Daher findet sich dieser lächelnde Zu^ auch da, ^o er d^r Haild- 
lang, und der Gemüthsstimmaag, welche bei ihr vorausgesetzt. w^den 
muss, geradezu widerspricht,^ z. B. im Angesichte der sterbenden wie der 
siegenden Kämpfer. 



37 



war, in welchem neben Gött^m und Heroen , nun auch Weise 
und Athleten, Nymphen, FaUnen und Hetären das ewige 
Freudenfest ihres Daseins begingen. FrUl^zeitig genug er- 
reichte der griechische Bildner den Oipfel ächter Humanität, 
und durfte, wie jener römische Dichter und noch in einem 
schönerai Sinn, sich rühmen, dass ihm nichts menschliches 
mehr fremd sei:^ Wenn von der Gewohnheit, (Jötter dar- 
zustellen, ein gewisser feierlicher Ton, höhere Würde auf 
alle Crestalten der griechischen Plastik überging ; ^ so musste 
rieh dagegen anch die strenge Göttlichkeit immer mehr unter 
der Hand eines Künstlers mildem*, der gewohnt war, die 
leisesten Regungen des menschlichen Herzens mit theilneh- 
mender Aufinerksamkeit zu verfolgen.- 

Die religiöse Priestersatzung stand nicht, immer mit dem 
im- Einklang, was aus den natürlichen Bedürfhissen eines 
dichterisehen'Volkes mit dichterischer Freiheit sich von selbst 
gestaltet hatte. So sehr sie auf der anderen Seite durch die 
ganze Art des Cultus wider Wissen und Willen das Begon- 
nene fördern half, so scheint sie doch eben so oft einen, die 
Kunst hemmenden Einftass ausgeübt zu haben. Das lange 
Festhalten jener charakterlosen EinfÖimigkeit in der Bildung 
des menschlichen Angesichts, ist höchst wahrscheinlich einem 
grossen Theile nach ihr Werk,^ und war gewiss an der 

^ Bekannte' Worte bei Terenz. Schön sagtPlinius von dem berüch- 
tigt^ PeriUus: In hoc a simulacris denm hominumque devocaverat hu- 
manisBimam artem. h. n. XXXI. p. 658. — Vergl. die treffliche Stelle in 
Vifg. Aen. I. x. 456. ff. besonders: Sunt lacrimae rei*nm, et mentem 
uortaüa tangunt 

' Diess wird selbst bei PerrauU von den vorzüglichsten noch vor- 
handenen Statuen eingestanden: J^avone, que dans rA]pollon, la Diane, 
la Venus, THercule, le Laocoon et quelques autres encore, il me semble 
voir quelque chose d'auguste et de divin etc. Parallele des anciens et des 
modernes I.*p. 182. 

* Ueber diesen hemmenden Einfluss der religiösen Satzung auf die 
Kunst siehe Thierach^s schon früher angeführtes klassisches Werk über 
die Epochen der gr. Kunst. 



38 



Zeit, als ^befürchten stand, was später nicht mehr au verhin- 
dern war, dass das Idol ganz untLgar im Kunstwerk untergehe. 

Unaufhaltsam aber kehrten die Grötter zu dem Homerischen 
Urbild rdner Menschlichkeit zurück. Die Nacht des Sym- 
boles weicht^ die Zahl der Attribute vermindert sich, die 
Gk)ttform wird Göttergestalt, der Olympier, was er ursprüng- 
lich gewesen war, ein lebendiges Individuum. Jener bar- 
berinisdie Apollo schreitet hur noch in der Tracht eines 
atheniensischen Ziiherspielers einher; jene Minerva würde 
sich auch ohne die Aegis als die männliche Jungfrau ;bu 
erkennen geben , die Stime ihrer Büste au5 der Villa Albani, 
auch des Helms entladen, die tiefdenkende sein. Jen^ Zug 
des Lächelns ist von dem Angesichte der Götter verschwunden. 
Wir finden ihn nur, aufs höchste veredelt^ in der Miene der 
Aphrodite wieder; aber auch von ihren Lippen wird er 
weichen , wenn die Göttixi dem todten Adonis gegenübersteht. 

Wer weiss, wohin die griechische Kunst gerathen wäre, 
ohne dieses stete Bemühen^ die Götterwelt in jener leibhaf- 
tigen Wahrheit au&ufassän, in welcher Homer sie dachte, 
und das Volk -sie- glaubte, — vielleioht in ein. sophistisches 
Spiel symbolischer Bedeutsamkeit, *° oder in die Nichtigkeit 
dnes willkürlich eonstruirten , aller Wahrheit entbehrenden 
Ideales. Ihr höchster Triumph wäre vielleicht ein einziges 
Monstrum abstraktester Schönheit gewesen, ohne weitere 
Bestimmtmg, selbst nicht des Geschlechtes, des Alters, der 
blossen Zartheit oder Kraft; ein einziges Grottbild, welches 
dem Polytheismus, etwa nar dadurch anzupassen gewesen 
wäre, dass man dem Eitemplare in Athen die Eule, einem 



'® Eb würde nicht schwer halten, den Beweis zu führen, daas in der 
Natur des griechischen (Geistes ein ganz eigenthü<nliches Organ für 'diese 
Verirrungen vorhanden war. Jeder Zweig der griechischen Bildung würde 
nur, zu rdchüche Belege liefern. -Wir erinnern bloss an das witzige Bü- 
derspiely den ftynologischen Witz, der selbst aus den Werken der Tra- 
giker nicht verbannt ist. 



39 



anderen ^a Korinth den Dreusack beigegeben hfttte. ^^ Hier 
hätte freilich das Angesicht eine unbeschriebene Tafel sein 
düifisn, oder mnsste es Vielmehr sein. 

Nidit so bei det griechischen Götterstatue. Die ganze 
Gestalt .war Ausdruck, war der charakteristisdie Umriss 
eines ^genfhttmlichen ^ individuellen Greistes. Jene hochge- 
w51bte Brust konnte nur einem Jupiter, jene w^bliche Hüfte 
nur einem Bacchus angehören. Ausdruck war jede Bewe- 
gung, kriegerisch der Sehritt des Mars, gewandt undzierlidi 
die Bewegung des Merkur. Wie hätte dem Angesichte aller 
Ausdruck fehlen können? wie gleichsam die Seele des Aus- 
drucks, welcher die ganze Gestalt umschrieben, jedes Glied 
charakteristisch gerundet, jede Bewegung abgemessen hatte? 
Sprech^Qd was die ganze (Gestalt; warum sollte das Haupt 
nicht auch, und zwar im eigentlichsten Sinn zur Sprache 
k(»nmen? Im Ausdruck des Kopfes ist es, wo der Künstler 
das geheinmissvoUe Band zwischen Leib und Sede, zwischen 
Willen und Bewegung, Gedanken und Gteberde anknüpft. 
So wie er in der Darstellung des menschlichen Organismus, 
unfähig, ihn. nach allen seinen Theilen dem Auge zu ent- 
hüllen , dennoch die innersten Getriebe desselben , jeden Puls 
des Lebens durch die Oberfläche beben und wirken lässt: 
so ist auch das menschliche Angesicht für ihn nur ein leicht 
verhüllender Schleier, durch welchen er uns einen Blick üi die 
Tiefe der Seele gönnt Die in Handlung gebrachte Gestalt würde 
sonst zur blinden Maschine, welche ein Wille ausser ihr in 
Thäügkdt gesetzt hat, oder höchstens zum Automaten, der 
zwar von innen heraus, aber durch Maschinenwerk bewegt 
wird. ^ Der Beschauer will auf der Stime lesen, dass sie 

" Die ägyptische Kunst hatte zum Theil diese Höhe wirklich erreicht 
Ihre Figur^O: sind durchaas Ideid (wi^v^ohl ägyptisches Ideal) und zwar 
in der Regel c^ne alle Modification der Individualität. 

'^ Bav yof ö&^a, 9 ßky i^ad-sv ro mvlöd-at, ä^j^ov' p Si ivSod'ev 
avTo i§ avrwy ifi^^ov, Ploto. Phaedr. ed. Steph. p. 245. e. 



40 



um das weiss, was die Hand verrichtet. Selbst im Zustand 
der tiefsten Ruhe werden sich im Angesichte wenigstens die 
Spuren eines thätigenOeistes, eine G^dankenbewegung zeigen 
müssen, so wie im Organismus nie ein völliger Stillstand 
aller Muskelthätigkeit stattfindet, und der wahre Künstler 
sich wohl hüten wird, bei der Darstellung einer zum Schlum- 
mer hingelagerten Figur, ihrer Verwechselung riait döai Bilde 
eines Leidmams Raum zu geben. ^^ In den Sculpturen des 
P^thenon herrscht eine Wahrheit, weiche bd längerem Be- 
trachtei^ .mit dem Schein eines wirklichen Lebens überrascht. 
Man möchte diese Gestalten nicht künstlich gebildet , sondern 
freie Naturerzeugnisse nennen; ihre Oberfläche^ dünkt uns, 
hat sich wie von selbst, von^ innen herausgebildet. Entsprach 
aber dem Körper des Ilissus nicht ein gleicbbelebtes Ange- 
sicht, nun^ so musste es späteren Künstlern vorbehalten 
blßiben, noch weiter in die Hefe der Natur hinabzusteigen, 
um ihr Gestalten abzugewinnen ^ deren innerste Lebenswur^el 
das gütige PrindLp des Menschen ist — Denn allerdings 
mag i»eh das gehörige Yerhältniss zwisehen Ausdruck und 
Bewegung erst nach und nach hergestellt haben, und es kann 
geraume Zeit darüber hingegangen, es konnte clie Kunst in 
vielen Zweigen schon au hoher Vollendung gediehen sein, 
ehe sie sich auch der Empfindung bemächtigte^ welche in 
j^nen Idolen auf übernatürliche Weise sich geäussert hatte. 

*' Diess hat für den Plastiker, welcher weder die Röthe des Lebens, 
noch die Blässe des Todes wiedergeben kann, seine Schwierigkeit. Die 
Statue eines Todten kann daher ohne Zeichen einer Wiinde oder die* widri- 
gen Sparen des Todeskampfes oder gar der Verwesung, eben so leicht 
blos zu schlummern scheinen. In der Plastik sind Schlaf und Tod ganz 
eigentlich Brüder, bis zur Verwechselung ähnliche Brüder. Doch wäre 
beispielsweise zu vergleichen die Ariadne — Mus. Pio - Clem n. t. 44. — 
mit der schlafenden Nymphe, wie man sie nennt, — IU..t. 43. In der 
erst genannten Statue ist das Leben e^nes unruhigen Traumes nicht zu 
verkennen. Die letztere dagegen stellt gewiss' eine Todte vor. Sie ist 
recht daa Bild* des „langhinstreckenden Todes. ^ Besonders bezeichnend 
ist der erstarrte rechte Fuss. Sollte es nlQht eine Eurydice sein? 



41 



Indessen : bei der Beurtheilang eines ein^lnen Künstlers 
ist immer auch die Art d^ Eunstgegenstände wqhl In An- 
sdilag zu bringen, zu deren rorzugsweiser Darstellung er 
durch besondere Kraft CMler Neigung bestimmt sein mochte. 
Leiöht sondern' sich die Kunstgegenstände der Alten in drei 
verschiedene Klassen, je nachdem in der Statue entweder 
der Ausdruck oder die Stellung vorherrsdiend war , oder aber 
beide sicb^ in Absicht auf den Grad der Lebhaftigkeit voll- 
kommen das dleichgewicht halten. So musste der Ausdruck 
in möglichster Lebendigkeit, und alsHauptmon^ent 6ei allen 
jenen Statuen gdialten sein, welchen nur ein, dem gewöhn- 
lichen Leben glücklich abgelauschter Moment zum Grunde 
lag. Denn wirklich konnte ein Sklave, welcher Feuer an- 
bläst, oder Fleisch röstet, ein anderer, der das Messer 
schleift, der Hirt, der sich einen Dorn aus den Füssen ^ieht, 
ein Knabe, der eine Crans erdrosselt, so viel Anziehendeis 
Figuren der Art schon durch eine leichte gefällige Stellung 
haben mögen, volles künstlerisches Interesse nur durch die 
ungeschwächte Kraft der Nfeturwahrheit, und durch die Wärme 
eines ganz individuellen Ausdrucks gewähren* Pas Alter- 
äium war ausserordentlich reich an ähnlichen Bildern, und 
fast jed^ ausgezeichnete Künstler, .den die (Jeschichte nennt, 
hat sidi in diesen Darstellungen geübt. 

Wenn es nun von einem so bedeutenden Künstler, wie 
Myron, heisst; dass er bei* hoher Meisterschaft die Darstellung 
der (Jremüthsbewegung, den Ausdruck im engeren Sinne ded 
Wortes , vernachlässigt habe , so liegt der Grund hievon wohl 
zum Theil schon darin, dass die Einbildungskraft dieses 
kühnen Geistes sich am liebsten auf dem Tummelplatz der 
Ringer und Athleten herumtrieb. ^^ Hier musste die Bewegung 

. •* Die Meher gehörige Stelle steht bei Plin. XXXIV. s. -19. p; 651, 
und heisBt: Primus hie (Myron) moltij^casse varietetem videtur, uume- 
rosior in ari«, quam Polycletus et in symmetria diligentior: et ipse tarnen 
Gorporum tenus cnriosus, aniitii sensus n^ expressisse, capülum quoque 



42 



daa Yorherrschende sein. Denn wessen Ange wird zu Olympia, 
statt den raschen Wendungen der geschmeidigsten;^ Muskel- 



€i 'pubem non emendatins fecisse, quam mdis antiqnitas institaisset Die 
Stelle hat aber ihre Schwierigkeit und ist offenbar verderben. Schon über 
die Bedeutung des numerosus sind die Meinungen getheilt. Winkel- 
mann erklärte es mit Harmonie: Opp. VI. p. 67. VIL p. 151. 52. So 
aueh Thiersch mit' schönem Rhythmns. Epochen IL p. '66. n. 143. ^- 
Meyer zu Winkelmann VL 2. p. 119. nimmt es {ür Mannichfaltigkeit 
der Gegenstände; diess passt trefflich zu Böttiger's Charakteristik von 
Myron*s Vielseitigkeit. Sieh: Andeut. p. 129. und über unsere Stelle 
p. 132. Auch Sillig stimmt für diese Bedeutung, wie wir nun sehen t 
catalog. artific. p. 264. n. 5. Bei Omd, heisst Myron operosus. ars amat 
m. 219. Numerosior steht in genauer Beziehung zu multiplicasse, und 
enthält hievon eine nähere Bestimmung; erst mit den Worten: et ipse 
tamen eCb. hebt eine neue- Gedankenreihe an. — Dass numerosus in der 
Bed^ptung des Zahlreichen nicht von Personen gesagt werde, wie wir bei 
Lange ^esen, -r- zu Xanit Sculptur der Alten p. 44. n. 35. — kann 
nicht behauptet werden. Bei Martuü III. 31. 3. heisst es:, et servit do- 
minaS numerosus debitor arcae. Üeberdiess hat es die Analogie von mul- 
tos und longus (in den Redensarten: ne multus sim, nolo esse longus) 
und ereber (Thucydides — qui itä creber est rerum frequentia. — Cw. de 
orat. n. c. 13.) -für sich. Den Begriff der JKannichfaltigkeit in numerosior 
angenommen, liegt nun schon in diesem Wort und in multiplicasse ein 
Gegensatz, der Myron*s ■ Eigenthümlichkeit von der des Polyklet unter- 
scheidet, welchen letztgenannten Künstler PliniuB unmittelbar ▼orMyroa 
charakterisirt, wie er denn mit dieseo;! (dem, Myron) wieder den Pytha- 
goras oontrastiren lässt. Trefflich passt es, dass Polyklets Schilderung- 
mit den Worten schliesst: quadrata tamen ea (signa Polycleti) esse tra- 
dit Varro, et paene ad unnm ezempluni. — Diess wär6 denn allenfalls 
die Schattenseite von Polyklets Kanon und seinem.System der Symmetrie» 
wo dagegen die grössere Mannichfaltigkeit der Gegenstände bei Myron 
ganz natürlich auch mit grosserer Mannichfaltigkeit der Naturauffassung, 
mit grösserer Freiheit der Proportionen verbunden war. Wir haben es 
hier mit zwei Künetlem zii thun, von denen, jeder gleich ausgezeichnet 
war, «ber auf entgegengesetzten W^^n. Daher werden sie äuch^ waa 
bemerkenswerth ist, gerne zusammeng^iannt — wie bei Vitruv L 1. 
p. 9. ed. Sthneid,: nee pictor ut Apelles, sed graphidos non imperitus: 
nee plastes', quemadmodum Myron seu Polycletus, sed rationis plaatioae 
non ignarus. und IIL pntef. p. 68.: — aetema memoria ad posteritatem 
sunt permanentes, uti Myron, Polycletus ^ Ph^dias, Ly^ippus etc., wo auch 
die Etttgegenstellung des Phidias und Lysipp zu bemerken ist*. Dieser 
Gegensatz zwischen Myron und Polyklet, der sich . ans der Natur der 



43 



kraft zü folgen, in phyBiOgnomisehe Studien sidi reriorai 
haben? Spiegelte 8i(^ in den Mienen einer kämpfenden 
Atiilethei^statue , etwa- nur die Lust des Kampfes ^ der fest- 
lichen Freude, so war ein Uebriges geschehen, und selbst 
diess wenige leicht zu entbehren , wo die Handlung in einer 
blos körperlichen bestand , welcher es überdiess in der Wirk^ 
lichkeit s(^ar «förderlich ist, wenn die Seele Ach so wenig 
als. möglich mit ins Spiel misciit. Vielleicht hat jener Aus- 
spruch des Plihius über Myron YorzUglich nur auf sdne 
Götterdarstellungen Bezug. Diese mag Myron absichtlidi^ in 
der altfiränkischen Wdse der Tempelsatiungen gehalten haben, 

Sache and dem ganzen Zusammenhang bei Plinins. von selbst ergibt, inac)i.t 
nnn aber dea in jeder Hinsicht lästigen Namen Polydetus in der Cha^ 
nüiLterisiik des Myron überflüssig. Dass man von Myron nicht sagen kann, 
er war düigentior in symmetria als Polyklet, der Meister des Kanon, ist 
klar. Lange schlägt daher vor: hie (Polycletns) in symmetria diligen* 
tior, Thiersch: is — zu lesen. Ich glaube der Name des Polyklet ist 
aus einer Randglosse, oder aus dein vorigen Abschnitt über Polyklet in 
den Text gekommen, und dieiragliche Stelle wäre zu lesen: numerosior 
in arte, quam in synometaria dillgeutipr. Beide Cbmparative sagten der 
Natur dieser Redeweise gemäss darum nicht aua, daSS Myroo Aie Sym- 
metrie gändich vernachlässigt habe, sondern nur, dass sie bei ihm nicht, 
wie 'bei Pol>rklet, das Hauptaugenmerk gewesen,* dass, wenn man nach der 
glänzendsten Eigenschaft des Myron,. nach dem, was ihn vor Polyklet 
Und andern auszeichnet, fragt, die Mannichfaltigkeit genannt werden miisse. 
Damit hüigen auch die folgenden Worte des Hinius ganz gut zusammen. 
Denn wenn Polyklet mit mathematischer Genauigkeit die Grundprindpien 
der menschlichen Wohlgestalt fiestzuhalt^n suchte, Myron dagegen sich 
freier bewegte, mannichfaltige und ^elseitige Lebendigkeit entwidcelte, 
was hätte man denn von diesem Künstler erwarten sollen? Dass er, 
meint PMniuQ,* tue Bildung des Körpers nicht für das Hauptziel der Kunst 
hielt, dass er in charakteristischen Gestaltoi, und in ihren mannichfJachen 
Stellungen auch mannichfache Zustände des Gemüths darzustellen suchte? 
Alldn, nichts desto w^iger meint Plinius, et ipse tamen oorporum tenus 
curiosus, anlmi sensum non expressisse. Noch muss bemerkt werden, 
dass, besonders wenn wir den Namen .Polyklet weglassen, in den Wor- 
ten: arte und S3rmmetria ein ungehöriger schielender Gegensatz zu liegten 
scheint. Allein Plinius nimmt es so genau nicht Vom Anstides sagt 

eri pinxit et supplicantem päene cum voce, et venatores cum cap- 

tura. XXXV. s. 36. p. 698. - 



44 



sei'^ aus einer eigenthümlieheo Rdchtnng des Gemüthes, einer 
gewissen Bizarrerie des Greschpiackes, welche gemde genialen 
Köpfen am häufigsten beigesellt zu sein^ pflegt, sei es aus 
wirklicher Verehrung dea Alterthümlichen. Derselbe Ktkistler 
hatte einen Satyr gebildet, welcher die von Minerva weg- 
geworfene Flöte bewunderte, — ein Gegenstand, dessen Aus- 
föhrusg, ohne lebhaftes Mienenspiel, gar nicht denkbar ist. ^' 
Ja, vor Myron schon kommen Werke vor, welche* wegen 
der Innigkeit des Ausdrucks hochgefeiert waren. So -rühmte 
Lueian- an der Sosandra des Kaiamis das zarte verstohlene 
Lächeln ihres Angesichts ; ^^ und muaste nicht eine lange 
Uebung der Kunstschulen, wie des einzelnen Künstlers in 
denr m^nnichfachsten Arten und Graden des Ausdrucks vor- 
heirg^c^geii sein^ bis die naive Innigkeit der Bewunderung, 
oder der Dämmerschein eines verstohlenen Lächelns voin 
Künstler erreicht und vom Beschauer gewürdigt werden 
konnte?*^ Diess dürfte besonders in Beziehung auf. die 

'^ Cf. Pim. I. I. Andere Nachriditen der Alt^ stehea auch ia grel- 
lem Wjklersprnch mit dem Tadel äe§ Plimus. Der Äudor ad Ekrewmm 
bringt (lY. 6.) die Köpfe des Myron in Absicht auf ihre Yortrefflichlceft 
mit däi Armen des Praxiteles, der Brust des'Polyklet in Vergleich^ hebt 
also, die Bildung des Haup^ ala dasjenige hervor-, worin Myron am aus- 
gezeichnetsten war. Chares a Lysippo* statuas facere non isto modo di- 
dicit, utsLysippus caput ostenderet Myronis,- brachi^ Praxitelis, peetus 
PolydetJ. Unter der gerühmten Yortreflflichkeit an.Myron's Köpfen kann 
auch nicht gerade der Mangel an Ausdruck gemeint sein, weil der Ge- 
schmack an abstracten, Idealen wenigstens in der Zeit, in welche obige 
Stelle gehört, nicht mehr herrschend kann gewesen sein. Man vergleiche 
auch noch die Stelle hei Pepronius, wo es^ heisst: Myron -qfli paene ho- 
minum animas ferarumque aere expresserat. Satyr. - c. 8S. p. 552. ed. 
Bnrmann. 

*• M9i^ia:^a learov nai Xslii&oq. lAician. imag. opp. Y. p. 124. ed 
Schm. ^ 

'^ Zur Zeit. des Sokrates .wenigstens war es schon eine ganz ausge- 
machte. Sache, dass der Bildner einer bewegten Figur die,- ihrer Handlung 
entsprechende Miene nicht zu versagen habe, dass die Lebendigkeit des 
Bildvwerks ganz . besonders auf d^m Ausdrucke des .Kopfes beruhe. Bei 
Xenophoh unterhält sich Sokrates mit dem Bildhauer Kleiton. Da heisst 



45 



Sosandra desEalamis anzunehmen sein, da gerade diese Miene 
des Lächelns in der Entstellung der Affectation so geraume 
Zeit hindurch stereotyp gewesen war. Inuner aber wird es 
eben so schwer sein, von Uebertreibung zur Natur zurück- 
zukehren, als lockend und bequem, den entgegengesetzten 
Weg einzuschlagen. 

es denn im Verlauf des Gespräches: 2\> Sä nal rd tidd^ rov notovvrav rt 
Öofidrav dno^ißtelöd-ai , ov noitt rtva rip^iv rotg d-tofiivotg' tin6q ytVj i^r^. 
OvnBV mal rSv ßiäv (la^onivov antiXi^Timd rd o^uara dnjsinaÖTiov f rov Si 
v^vnttjKorov tv^^p€Uvo^ivt9v o^ig ^t^ifria' ö^oSpa ytj ^9^' ^«^ d^^ i^ijf 
rov dvSptavroftowv rd r^g ^vj^Tjg ipya t^ ttSti npoguud^nv. Xenoph. me- 
morab. Socr. m. 10. 8; ed. Em. p. 150. 



46 



IV. 

Tnnc egOj qni faeram ^obus et sifte imagine 'moles, 
In faciem redii di^a<][ue membra Deo. 

(Ovid.) 

Wie kommt es aber, dass wir eigentliche G^nüthsauf- 
regung, Leidenschaft, Aflfecte, besonders die lebhafteren Orade 
derselben nicht so häufig in antiken Statuen ausgedrückt 
finden^, als wir von einem Volke pi erwarten geneigt sind, 
welches so eifrig bemüht war , den Werken der Plastik Leben 
und Seele einzuhauchen? Sind letztere doch EigenscTiaften, 
welche dem modernen Künstler häufig genug blos durch den 
Ausdruck des Affectes erreichbar scheinen. Waren vielleicht 
die Gfriechen durch besondere Gi^ist der Statur, durch be- 
sonders glückliche Mischung des Temperaments der Leiden- 
schaft,' des Affectes überhoben, so dass das Leben selbst 
dem nachahmenden Künstler nur ein friedliches und heiteres 
Büd darbot? — Selbst Heroen waren erst durch Kampf mit 
Leidenschaft und Mühsal zur Unsterblichkeit gelangt, und in 
die Versammlung der Olympier hatte Eris ihren goldenen 
Apfel geworfen. Es gab freilich hmen Herkules mit aüsge- 
glättetem heiterem Angesicht; aber vor seiner Vergötterung 
sah man wohl , dass er nicht lAoa zerquetschte Pankratiasten- 
ohren, sondern auch eine tief gefurchte Stime aus seinen 
mühevollen Kämpfen davongetragen hatte. ^ 

' Vergl. Winkelmann Gescj^chte der Kunst, V. I. Opp. lY. p. 95. 



47 



Aber die Plastik , heiast es , bat ibre nothwMdigen 
Orenzen, welehe der ächte Künstler am wenigst^ über- 
sdireitai wird. Dem Haltt steben Mittel zu Gebot, um dem 
Ausdnu&e den hik^ten Grad der Lebhaftigkeit 2u geben, 
«welche dem Plastiker versagt sind. Will dieser den Mangel 
des Cplorits etwa durch scbärfer gezogene Linien erseta^i, 
so füllt er nothwendig in Uebertreibttng, und büsst mit der 
Wahrheit zugleich gerade das ein, was er bezweckte, — die 
Lebendigkeit Dass der Grieche diesen Inrweg zu vermeiden 
wusste, lehrt die flüchtigste Musterung eines Antikensaales. 

Nicht selten jedoch mag die plastische Ruhe, welche 
wir in 4en Bildwerken der Alten zu entde^en glauben, eine 
blos scheinbare sein. Einem Gremälde gegenüber finden wir 
uns natürlich nicht ermüssigt, haarscharf abzusondern , wie 
viel von der Lebhaftigkeit des Ausdrucks dem blossen 
Schwünge der Linien, wie viel der Gluth d^ Farben zuzu- 
schreiben' sei, .und halten dann leicht eine Statue für weni- 
ger affectvoU, als ae ist, blos weil sie nicht mit der Kraft 
eines «Gemäldes auf uns wirkte.- Dieses, der Farben ent- 
kleidet, der belebenden Ciontraste von hell und dunkel be- 
raubt, und auf blosse Linien reducirt, würde häufig g^iug 
der plastischen Ruhe und Gleichgtdtigkeit nahe zU bringe 
sein. Und so könnte man. fast die obige Frage mit der Ge- 

r 

gen&age erwiedem, ob die Griechen wirklich so sparsam 
mit der Darstellung des Affectes gewesen, als es auf den 
ersten Anblick sdieinen will? 

Eine zweite Täuschung ist mit der eben bezeichneten 
ikabe verwandt Die feste Norm des griechischen .Profils, 
besonders aber die Linie der Stime und Nase, ist ein un- 
erachütterlicher Damm, welchen der reissende Strom der 
Leidaisdmft nie ganz. durchbrechen kann. Es liegt ausser* 
hfidb der Grenzen, selbst der blos physischen Möglichkeit, 
einem griechischen Profile die Stürmische Gewalt des' Aus- 
drucks mitzuäieilen , deren jeder andere Kopf, z. B. der 



48 



römische, fähig ist, wo die blosse ruhige Form schon als ein 
natürliches Ptototjp der Leidenschaft erscheint.^ An jenen 
Köpfen, welche ^ für unser, mit dem griechischen Profil immer 
noch nicht genug .vertrautes Auge, die höchste Kraft eines 
leidenschaftlichen Ausdrucks zeigen, wie der des Lapkoon, 
des sterbenden und des borghesischen Fechters, des soge- 
nannten Pätus u. a. ist das griechische Profil theils Aicht 
strenge eingehalten^ theils gänzlich verwischt und mit Por- 
trätbildung, gleichviel, ob mit fingirter oder wirklirfier,- ver- 
tauscht. Dafür ist aber auch an dhem griechischen Köpfe 
dw feinste Zug entscheidend; durch eine einzige schärfer 
gezogene Linie wird der Ausdjfuck relativ auf den höchsten 
Pmjkt gesteigert 

Auch mag, um die Sparsamkeit der Griechen in Dar- 
stellung des lebhafteren AffectsT zu erklären, das Ideal im 
weitem Sinne herbeigezogen werden, welches alle .Formen 
der griechischen Kunst über die gemeine Wirklichkeit em- 
porhob. Lässt sich doch überhaupt fragen, ob ^s die Be- 
stimniung irgend einer Kunst sein köime, der WirkUchkdLt 
ihre eigene Wtith und Quälerei in ihrer ganzen widerlichen 
Blosse zurückzugeben? Ob ein ächzendes Tonstück, ein ver- 
wirrt stafiimelndes Gedicht, ein' verzerrtes^ Marmorbild den 
Namen eines Kunstwerks verdiene? Und Griechen sollten 
die schönste Architektonik des menschlichen Körpers nur er- 
sonnen haben, um sie mit Tiger- und Hyäneüseelen zu be- 
völkern! Gewiss gibt es Leidenschaften und Aflfecte, zu deren 
Darstellung sidi keine Kunst erniedrigen sollte. Für rohe 
Unbändigkeit oder thierisehes Gfelüste hatte d^r Grieche den 

^ Daher die Anfeindungen gegen das griediische Profil. Jlch. bitte 
Sie recht sehr, sagte Lavater, den sogenannten griechischen Profilen 
gändieh al>zu8terben. a) Sie sind durchaus T/Hdematürlich. b) Sie machen 
aUe Gesichter dumm, c) Sie bringen eine langweilige Einerleiheit. in den 
Charakter, d) Sie sind der Tod der freien Kunst Das Ende aller Ein- 
bildungskraft. ^ Aus Lavater's Handbibliothek für j^reunde in if e u s el 's 
Miscdlaneen artistischen Inhalts. St. Xln. p. 566. 



49 



entspreohenden Centonrßnkörper, oder die Bockfifbsse des 
Salyr zur Ha;Dd, wiewohl sich hier wieder die Frage auf- 
drängt: wamm die .Kunst *mcht diese Greschöpfe selbst, als 
ihri^r. idealen Tendenz widerstreitend, geradezu- von ihrem 
Bereise ausschloss? 

Nach Lessing's Ansicht war es die Schönheit der Form, 
wdche als das höchste, 'ja einzige Ziel der griechischen Kunst, 
cien leidenschaftlichen Ausdruck beschränkte. Aber seltsam , — 
in denselben Bildwerke, an welches .Lessing seine Theorie 
knüpfte ,^ ist diese durch die That widerlegt. Die Stime deB 
Laokoon ist tiefer gefurcht,, als das Ideal einer schönsten 
Stime YWträgt, und gl^in klagender Mund braucht um keine 
linie wditer geöffiaet zu werden, um ein dunkler „ Fleck, ^ 
eine hemniende Kluft zu sein.. Gewisse AiTecte femer sind 
gerade auf ihrer äussersten Stufe selbst mit den strengsten 
Forderungen der abstracten Schönheit vereinbar. Der höchste 
Schmerz- geht in Erstarrung aber, der tiefete Groll wird stumm 
und kalt, und es wäre wohl m(5glich, dass die Ruhe oder 
Gleichgültigkeit in. so manchem griechischen Kopfe keine 
andere Ruhe bedeuten solle, als die eben bezeichnete. Der 
Köpf der Niobe in Florenz könnte zum* Beweise dienen. 
Schönheit ist nur die eine Seite des Schönen. Die Plastik 
namenüieh ist ganz eigentlich die Kunst des Erhabenen. 
Muss aber die Schönheit nicht blos äuisser^ Unariss, sondern 
zugleich Schönheit der Seele sein, so wird wohl das Er- 
habene der Elastik auch das Psychisch -Kolossale in sich 
faaaen. Gibt es nicht einen erhabenen Schmerz, einen er- 
habenen Zorn? 

^ Ain schwersten dürfte der Beweis zu führen sein, dass, 
wfe in der Einleitung dieser Betmchtüngen voraussetzungs- 
weise behauptet wurde ^ der Affect , blos weil er Affect ist, 
ohne Rücksicht auf Art und Grad desselben^ dem Wesen 
dar Plastik widerspreche, und durum ohne weit^^ö von 
ihrer Darskrllttng auszuschliessen , oder doch do viel als 

Feuerbac.h, der vaticanische Apollo. 4 



50 



möglich zu umgehen sei. Dass die Plastik im Allgemdnen 
v'On dar Bildung des menschlichen 0)?ganismus alles blos 
Zufällige, alles was nicht zum Wesen seiner Form gehört, 
abzustreifen habe, und dieser Begriff des Reinmenschlicben 
auch die Darstellung der Seele bedingen müsse, bleibe zu- 
gestanden. Allein was hat dies mit dem Affecte zu- thun? 
Wie jeder naturgemässe Gemfüthszustand , ist er nichts d^ 
menschlichen Seele Fremdartiges^ blos zufidlig* Beigemisdi- 
tes; er ist die Seele selbst, die Seele in ihrer raschesten 
Bewegung, dem physischen Leben nicht minder angehörig 
als der Gedanke dem Geiste, der raschere Athemzug dem 
Körper. Unplasti^ch, würde d^ Affect erst in der Hand eines 
Künstlers , der ihn nicht in der Reinheit und Vollständigkeit 
seines wahren Wesens aufzufassen und wiederzugeben v.er- 
steht;, desgleichen, wenn er nicht aus dem Wesen rein- 
uienscblicher Katur berrorgegangen y sondern- die Zwitt^- 
gebuti der zur Thierheit erniedrigten ist; endlich, wenn er 
in die Reihe jener Gremüthslagen .oder Eknpfiisdungsweisen 
gehört, wekhe der Seele erst durch erkünstelte Lebensver- 
hältnisse angebildet worden. 

Auch das Sehnellvorübergehende des Äflfectes ist kein 
Grund, die Darstellung desselben dem Plastiker zu verwei- 
gern. Was immer seine Kunst aus deü Erscheinungen 4^ 
Lebens aufj^:eifen mag, ist vorübergehende Erscheinung; 
Werden und Vergehen. Wäre nur ein Daüenides, wenn 
man darunta: nicht (las Ewige und Unwandelbare ,' aus dem 
Wesen der Natur Geschöpfte versteht,. Vorwurf ^er Pkatik, 

was bliebe Ihr zu bildeti übrig? Alles Zeitlicbe liegt, 

streng genommen , ganz ausser der Sphäre dbcier Kunst, 
welche einzig und all^n auf dem RäumHcfaen berulit Dar 
I^agsamfeie^lich'e. Sehritt ein^ fiierojdianten und der ge- 
dankenschnelle Fii;^ der .homerischen Iris, beide sitid als 
Zeitmomente für den Plastiker mehr' als ^^ig, imd. weni- 
ger als ein Augenblick. Wer wollte d^»'Mu«]cer die 



51 



NiM^hfthiniuig eines Wieaenbachs gestatten , und die der unend- 
licben Meeresfiftche verbieten? Wedar das eine noch das 
andere ist Gegenstand für ihn, wohl aber beides, wenn er 
das Blkimliche in ein Zeitliches rhythmischer Bewegung zu 
yarwandehi weiss. So siellt die Plastik jeden Zustand des 
Körpers wie der Seele, Buhe und Affeet nur in so feacne dar, 
als diese Zeitmomente sieh an den Formel des Raumes 
kund geben. Aber ganz gleichgültig ist es försie, ob sich 
der Affeet, oder überhaupt jeder Gemüthszustand, für kurz 
oder lang, an den Posten des Organismus stationirt. Die 
flüchtigste räumliche Spur desselben sei . dem Plastiker fest- 
zuhalten erlaubt, es müssten denn andere Rücksichten die 
Cräe Wahl des Künstlers beschränken. 

Dieses könnte bei den Griechen der Fäll geWesen sein. 
Das blos. Räumliche der Statue ist viel zu abstract für die 
gewöhnliche Fassungskraft des Menseln , der überall in dexa 
Formen des Baumes ein* stetes Werden und Vergehen zu 
erblicken gewohnt' ist, alles Räumliche niir in Zeitrerhält- 
iiissen k^ant. Die Müchtigkeit eines blossen Augenblicks 
hingegen, das Schnellrorübergehende, i^felches das geübte 
.KünsÜerauge vielteicht zu haschen und festzuhalten vermag, 
steht an und Air aidi in zu grellem Widerspruehe .mit dem 
.Permanenten, dem Dauernden der Statue; denn als ein 
solches stellt sidi ihr Räumliches dar, wenn wir i{im ein 
Z^tliehes untersehiebent Bildete nun yielleicht der griechische 
Künstle weniger fllr sich selbst und seine Kunst, als fiir 
den Hochgenuss und das Wohlgeüallen eines andächtigen 
oder schaulustigen Volkes; so musste er dem Fassungsver- 
mögj^ dessell)en in so weit zu Qülfe kommen, dass das 
Räumliche zwar als ein Zeitliches erkannt ward^ aber als 
€&in Zritliches , in wdchem das Wechseldde der Erscheinupg, 
wie es in dör Wirklichkeit, erfolgen würde, mit dem Dau- 
ernden der Statue ausgeglichen ist. Diess ist nun gei^ide 
mit der Darstellung der heftigeren Affecte am schwersten zu 



52 

vereinen. Denn: »all^ E2rscfaeinunjgen,' zu deren Wesen wir 
^e& nach unsarn Begriffen rechnen, dass sie plötzlich aus- 
„ brechen und plötzlich verschwinden, dass sie das, was' sie 
^sind, nur einen Augenblick sein können; alle sotehe Er- 
^scheinungen, sie mögen angenehm oder schrecklich sein, 
^erhalten durch die Verlängerung der Kunst ein so wider- 
^ natürliches Ansäen, dass mit jedep wiedwholten Erblickimg 
„der Eindruck schwächer wird^ und uns endlich vor dem 
^ganzen Gegenstande ekelt oder graut. ^^ 

Hiemit hängt denn auch die so oft wid drin^nd dem 
modernen Künstler^ nach dem Master der Alten, empfohlene 
Wahl des fruchtbarsten Momentes zusammen. Dem Beschtiuer 
die äusserste Stufe einer Gemüthsaufi-egung zeigen , heisst 
seiner Einbildungskraft „die JFItigel binden.^ Eine höhere 
Stufe ist nicht. denkbar, und was unter ihr liegj;, hat nicht 
mehr Reiz genug für eine Exaft, welcher schon der G^^iuäs 
des Höchsten war geboten worden.' Dass diese Wahl de« 
fruchtbarsten Moments ein üüverbrüchliches , der Plastik 
wesentliches Gesetz sei, nmss geläugnet werden. Grenau 
genonimen beruht sie auf einer blossen AccommodaMoii- des 
Bildners an den Beschauer. Der griechische Künstler in- 
dessen hatte keinen vernünftigen Grund, die l^nMldungs- 
kraft des Beschauers in Fesseln zu legen, und einer Pi^che 
die Flügel zu binden, von deren Gunst vielleicht der letzte 
noch fehlende Prometheufiiflinke zu erwarten stimd. Lehrt 
die Mehrzahl der noch erhaltenen Statuen wirklich, dass 
der Affect in der Regel von seiner äusseisten Btufe zum 
fruchtbaren Momente tiner niederen herabgestimmt ward, 
so wäre eben in dieser Mässigung des Ausdrucks kein uli- 
ablässiges Hinsteuern nach dem Hafen der plastischen Ruhe, 
sondern umgekehrt, nur ein Bew^ mehr für die Taidenz 
des Lebens und der Beseelung zu- erkennen. 

* Worte Lessing'g im Laokoon III. 



53 



Betrachten wir die Sftelhiog der nächsten besten grie- 
cfaischen. Statue, so überrascht uns hier nicht-, nur Bewegung, 
sondern eine gewisse Beweglichkeit^ dadurch bewirkt, dass 
i^e Glieder und Theile in eontrastirende Lagen' gebracht 
sind. Der eine Arm ist gehoben, der andere gesenkt; der 
linke Foss zurückgewichen, der rechte yQrgetretep. Auf 
ühnUdie Art ist die ganze Gestalt construirt. Dem Festen 
steht Weiches, den Wölbungen stehen Flächen, scharfen 
Winkeln zierliche Bogenlinien entg^en. EJben sa sind Sta- 
tuen- Gruppen nach einem System divergirender und conver- 
giiender Lini^i geordnet. Der VQrtheil, welcher hieraus ftlr 
die Wirkung des Kunstwerks heryorgeht, ist begreiflich. 
Einerseits ist das 'ganze Geheimniss der Natur des mensch- 
lichen Organismus abgelernt, dessen Thätigkeit sich in dnem 
steten Antagonismus dßv Muskeln, in dnem Druck und 
Gegendruck der Glieder offenbart; anderseits ist für das In- 
teresse der Einbildungskiraft geisorgt, welches in der Kunst 
wie. überall, nur durch Mannichfaltigkeit rege erhalten wird. 
Ist diess aber geschehen, so bedarf es auph nur der natür- 
lichen Magie dieser Kraft, um unv-ersäiens an die Stelle des 
Mannii^hfaltigen im Räume den Wechsel der Zeit gespieh zu 
-haben. Oder, der flüchtige Augenblick gewinnt wenigstens^ 
so zu sagen ^ die Ausdehnung eines Räumlichen. Er be» 
beschäftigt so viel^ dass deine unnatürliche Dauer in der 
Dauer tier Betrachtung vergessen wird. "^ 

Sollte d|ess nicht auch bei der Darstellung des Affectes 
in gewisser Hinocht seine Anwendung finden? Sollte es 
nicht der Natur der Sache gemäss sein , wenn das Auge des 
Beschauers,, an. dieses Mannichfaltige gewöhnt, nicht mit 
vollem Interesse vor einem Angesichte, verweilet, welches, 
statt. von dem Ineinandersptelen verschiedenartiger Kräfte 
belebt zu sein, nur eine einzige Kraft abspiegelt, welche, 
den geistigen Antagonismus störend, alle anderen sich her- 
risch unterworfen, momentan vertilgt hat? Denn ' diess ist 



54 



bei jedem Affecte mehr oder weniger ,* auf seiner .höchsten 
Stufe aber c^e Einschränkung, der' Fall. Kaum wird hier 
die Einbildungskraft, wo sie ohnediess nicht zum Fluge nach 
ein^n Höham sich erheben kann^ a^uch.nur ihre Flügel tn 
entfalten veranlasst sein. — Während dort, bei der Stellung 
der Statue , das Auge des Beschauers , Ton einem Gegensatze 
aum andern fortgezogen, in der Unruhe einer nie sidi enden- 
den Kreisbewegung, die Einbildungskraft in Schwung erhielt, 
findet« diese hier statt, eper vielstimmigen Harmonie, einen 
einzigen schreienden Laut, statt eines Vielartigen nur Eins. 
An dieses bleibt sie gebannt, und auf der Spitze eines 
Aeussersten peinlich festgehalten. Selbst in der Natur erhält 
das menschliche Angesicht in leidenschaftlichem Zustand 
etwas maskenäitiges ; die Züge werden leblos und starr, 'und 
in der Haltung der ganzen Gestalt, in jeder Greberde erscheint 
die Bewegung nur wie das Zucken, die Ruhe wie die Er- 
. starrung eines willenlosen Krampfes. Warum diese steinerne 
Mimik in Marmor. wiederholen? besonders da dieser entbehrt, 
was jener immer bleiben nmss, das wkkliche Leb^i. Mit 
diesem hat der Künstler nichts zu schaffen. Um so emst^ 
lieber wird er sich um jeden Schein des Lebens bewerben. 
Er wird das Schema, das Symbol: alles Lebens da um so 
fester im Auge bebalten, wo sein Gebilde ein sprechendes, 
ein ausdrucksvolles werden soll, und jene Harmonie der 
Gegensätze nicht blos über die Oberfläche desselben gleitet, 
sondern bis in den Grund der Seele dringen lassen. — 

Die Medusa Rondanini ^ ist nur eine Maske , Aue Maske 
mit den Zügen eines Sterbenden, sonach t- die wahre facies 
GUppocratica ! Aber welche Mannigfaltigkeit, welch' uner- 
gründliche Fülle des Lebens ist hier in den engsten Raum^ 
in die wenigen Züge eines einzigen Kopfes^ in den Moment 

des Todes sasammengedfängt! -^ Das Vorgeneigte des ganzen 

■ . •* ' • - 

* Jetzf cinfe Zierde der Glyptothek iii München. 



55 



Hauptes hat etwas Stieres, Stumpfeinniges ; das licht des 
Greistes will erloschen. Aber ein sanfter Abglanz desselben 
spiegelt sich noch auf der Fläche einer schön geformten 
Stime^ In den einsinkenden Wangen ahnen wir die massig 
blühende Fülle, einer reizenden Jugend. Ueppige Lippen 
scheinen nach Leben zu lechzen; aber sie sind nur dem 
letzten entschwindenden Hauche geöffhet. Li ihren Winkeln 
zuckt das Lächeln des Todes. Doch streift über das ganze 
Angesicht noch eine gewisse Wildheit , die Leidenschaft euies 
halb entarteten Gtemütbes, und alles diess in den Schmelz 
der Schönheit aufgelöst^ selbst mit einem leichten Sdileier 
der Anmuth verhüllt 1 Kein Zug an diesem wundervollen 
Werke, der nidit von Geist und Leben trieft — Das Haupt- 
haar mir leicht geordnet: um so sichtbarer wurden die Spuren 
d^ Verwilderung. Schlangen vertreten die Stelle eines mit 
weiblicher Sorg&lt gewähltem Schmuckes^ und in ihre glatt 
sich anschmiegenden Leiber scheint der üppige Sinnenreiz 
üb^^g^angen , der den erkaltenden Olied^n bereits entflohen 
ist Treten wir, die Augen schliessend und wieder ö£Etaend, 
mehr und mehr vom Bilde hinweg: wir ^uben das selt- 
samC' Wesen nun im Augenblicke langsam verscheiden , nun 
wieder aufleben zu sehen. Wollust und Grauen, der warme 
fleischigte Ton des Marmors , verbundai mit .einer gewissen 
geisterhaften Flucht des ganzen Gebildes, feisseln wediselnd 
das Auge, und wir wissen nichts ob wir vor einem lockenden 
Bilde des Todes stehen ,. oder in einen unheimlich unergründ- 
lichen Spiegel des Lebens blicken. 

Und dieses Wunderbild war aus jeüem Medusenhaupte 
der mt^ren Schulen entstanden , aus jener starren tpdtähn- 
liehen Maske, in welcher alles Leben in den Einen, die 
ganze Bildung nach seinem Begriff umprägenden. Zug des 
Hohnes aufgegangen war. Kein kaltes System der Schönheit 
oder Ruhe hätte je diese Umwandelung herbeigdtohrt Bie 
war die Frucht jenes beseelenden Odems, mit welchem der 



56 



griechische jGrenius jedem 6el»lde, nicht eine lügenhaft ver- 
sdiönernde Schminke, sondern die natürliche Frische des 
Lebens ertheilte. Gegenstände einer wahrhaftigen Scheu 
wurden die Furien erst, als sie aufgehört hatten > ein Gregen- 
stiind des Absehens zu, sein. Wie dort auf mannichfachen 
Gegensätzen, so beruhte ihre. Wirkung auf dem directen 
Widerspruche! Leidenschaft und blutgierige Hast in der 
Bewegung weitausgreifender Schritte, unerschütterliche Gleich- 
gültigkeit in den Mienen des Angesichtes, und die schönste 
Bildung äeä zarteren Geschlechtes mit den Attributen des 
entsetzlichst^i Handwerks gepaart. ' Die Mienen der La{»theix 
im Centaurenkampfe des Phidias . g(ind nicht afllBctlos, doch 
in Verglei(5h mit jenen, der Ceatauren höchst gemässigt War 
diess von einem Gesetze der Schönheit oüer Ruhe.d^n 
Küni^fler. geboten? Diese ist aufs schreiendste durch die Wild- 
heit alter Bewegungen verletzt, jener durch die oflfenbar 
kamkirte Bildung der Centauren Hohn gesprochen. Der 
Gegensatz hat sich, in Personen, geöieilt , das Mannieh&che 
eines Charakters sich in Charaktere auseinandergelegt. Und 
so contrastirt mit der Heftigkeit im Angesichte des Lacdcoon 
der mildere Ausdruck sriner 'bmden Söhne. An ihnen bric|it 
sich' der Schrei des Entsetzens, und-, die Gruppe ward st^tt 
eines gellenden Unisono , der harmonische Dreiklaog^ der grie- 
chisch^i Plastik; • 

Weit entfernt also , Aftect und Leidenschaft zu vermeiden, 
vermied es der griechische Künstler nur, nichts als Leiden- 
schaft, den absoluten Aüect, und nichts als ihn zu zeigen. 
In der M&chung von Gegensätzen, welche in der iiatürlichen 
Bildung der ganzen Gestalt, in den Mienen des Angesichts, 
in der. Bewegung jedes Gliedes, in dem Wurfe der Haare 
und des Gewandes, wie in bedeutungsvollen Attributen zu 
Ein^r Gesammtwirkuoig des Ausdrucks zusammentreffen', 
suchte -der Grieche jedem Kutist -Individuum die iSnheit 
eines. Mannichfaltigen, das Unendliche dea Lebens .zu 



57 



verleihen. Er zeigte auch im afifectvolleo Zustande noch alle 
die yerschiedenartigeH Kräfte ) wdche im Charakter eines 
Indmdwims sich zur Einheit gefunden haben, unfl auch 
unter dem Schleier . der Rah6 sich als lebendige Kräfte ver^ 
rathen mussten, nur < aber jetzt in dn lebhafteres Spiel 
versetzt, oder im entscheidenden Kampfe begrifibn. Der 
Aufwallung des Zöms stand daher immer noch die würdige 
Fassung des Gottes, oder die Hoheit des Charakters^ gegen- 
über^ der Gewalt d^ Leidens noch die sanfte Puiduog des 
Weibes, .oder die Kraft des Mannes ',. über dem Sturm der 
Gefühle bli^b'Wenigstenä der Thron des Geistes unerschüt- 
tert, und wies von der Stime die Verwirrung des Wahn- 
sinns swück. Dass der Ausdruck dadurch für das. Auge 
gemildert erschien, ist nicht zu läugnen; fUr die Einbildungs- 
kraft aber, für die Empfindung konnte er an Lebhaftigkeit 
laut gewonnen haben, und wir finden nicht, dass der Grieche, 
Bildner, Maler oder Dichter, geglaubt habe^ jede stärkere 
Erregung des Gemüthes mit schonender Aengstlichkeit um- 
gehen zu müssen. 

Die Malerei hielt in Griechenland mü^der bildenden 
Kunst so ziemlich gleichen Schritt. Die Medea des Timo^ 
machus aber — ein Gemälde das söfaon oft, wiewohl aus 
sehr versdbiedenen Gesichtspunkten, als Beispiel angeführt 
worden ist, wie die Griechen leidenschaftliche Situationen 
zu behandeln pflegten — diese Medea war im heftigsten 
Se^nkampfe vorgestellt.^ Der Künstler hätte nicht die 

^. Diess wisseji wir mtt Bestimmtheit aus mehrerein Epigrammen ; z. B. ; 
Kommet und schauet die Kindermordeode , schaut der Medea 
Abbild! Ihre Gestalt stellte Timomadius ä».t] ^ 

FlammeDd von Zorn mitdemSchwerd in der Hand, und d^n rollenden Augen, 
Denen das Muttergefühl schmerzliche Thränen entlockt. 
A11q8 verdni^ er und, mischte durch Kunst, was nimmer vereint war; 
Doch Vbr dem blutigen Mord hat er die Hände bewahrt. 

Apthol. XU. p. 161. Nro. 300. nach Jacobs Uebersetzung ^ in: Leben und 

Kunst der Alten. 1.1. p. 98. 



58 



That des Kindermordes ^selbst, sondern ^nen Moment ge- 
wühlt, wo- das Gefühl der Rache noch mit Hattorliebe tun 
den Vorrang skitt Dort hätte der Beschauer nur eine starre 
Megärenmaske gesehen^ hier erblickte er menschliche Kl- 
dung vom lebhaftesten Wechsel widerstrdtend^ GeJfüMe be- 
wegt D^!8elb^ Künstler malte den* rasenden Ajax; freilidi 
nicht, wie er wüthend in die Heerden d^ Grieehen flUlt 
Man sah ihn nach dieser entdirenden That von Scham tmd 
Schmerz da^miedergebeugt, zugleich aber gewiss mit dem 
Ausdnid^ trotziger Kraft, wie diess dem Charakter eines 
Helden, gemäss war^ welcher den Entschluss fesst^ seine 
S<^hmach durch freiwilligen Tod zu sühnen.^ An eine Her- 
abstimmung des leidenschaftlichen Ausdrucks, etwa um die 
Länie der Schönheit nicht zu unterbrechen, dn zu zartes 
Nervensystem des Beschauers zu schonen , oder plastische 
Ruhe, auch hier, zu behaupten, ist bei die^sen.DarstellüngeB- 
nicht zu denken. Vielmehr i^c»*, was den letztgenannten 
Punkt. betriffli, alles aufgeboten -^ der fruchtbarste Moment, 
der mannichfaltigste Ausdruck — dm das Leidenschaftlicfae, 
Aechtpathetisebe des Kunstwerks zu erhöhen. Schon dem 
blossen Stoffi^ nach, in dem geschichilichen Momente dei* 
Himdlupg/ selbst, wddien der Künstler wählte, wer die 
tiefere Wirkung verbürgt Denn es ist wohl • keine Frage, 
dasfiT ein Held, der trauernd und trotzig auf den Trümmern 
seiner Grösse, seines Ruhmes atzt, dass eine Medeä, in wel- 
cher das reinste und stärkste der NaturgeftLhle , mit der fbrch- 
terlicbsten Leidenschaft in Kampf gerathen, an sich ein er- 
schüttemderer Anblick ist, als ein Rasehder, der an Rinder- 

« 

heerden Fleischerkünste übt,, oder das widrige Zerrbild einer 
Kinderschlächterin. — . 

^ Daas man den Entschluaa^ des Selbstmords, in^ SQiqeh Mienen las, 
sagt ÄpoUm. Tytin. II. lO.bestimitH: ÜovX^v ftoioviiBvoKxeU iavrov nrslvat. 
t)as höchst Schmerzhafte des Ansdracks lernen wir and einem griechi- 
schen Epigramme kennen. Antholog, ed. Joe. IV. p. 180." Nro. -295. 



5» 



Doch ^«mm sk3^ auf Oemälde berufen ? dm wir adion 
dben ein [daatiflc^es Werk nannttn, welches/ wähilend te 
in jed^ Hinsicht unsere Bewunderung yerdient, zugleich 
den kräftigsten Bewei» gibt, zu welcher Stärice des affect- 
vollen 'Ausdrucks * der griechische Künsäer sich für bareehtigt 
hielt. Eine nähere Betrachtung des Laokoon — denn dieser 
ist gemeint — wäre hier um so mehr an ihrer Stelle, da 
die verschiedenen Ansichten der Kenner über den eigent- 
licben Sinn seines Mienenspieles fast ve^muthen lassen, diass 
der Ausdruck des Laokoon^ selbst an und Ar sidi schon\ 
von seinem Veriiältnisse zur. Gruppe ganz jibgesehen^ bd 
all' sdner Stärke, sehr complicirter Natur ist — Indessto 
ist in neuerer Zeit die Yermuthung,. dass die Entstehung 
dieser Statue in die Zeit der römischen Kaiser zu setzen sei, 
durch sdiwer zu widerlegende Beweise zu eineiA hohen Gmd 
d&t Wahrscheinliehkdt erhoben- worden. Wir eriimem daher 
mun Schlüsse dieser Betrachtung ^^ wenn der Laokoon oiQht 
mehr d6r sich selbst überlassenen^ gegen' firemdartigai tun- 
fluss .geschützten Plastik angehört — mit wenige Worten 
an ein Seitenstück von nicht geringerer Gewalt des Aus- 
drucks, an d^i PMlöctet des Fythagoras von Rhegium, eiiies 
Zeitgenossen des ilyronJ Eine Vergleichung dieser beiden 
Statuen liegt um so uäh^, da das Thema derselben in meSat 
als emer Hinsicht verwandt ist, und Plmius selbst den Haupt- 
Vergleichungspunkt angegeben hat Des Fhiloctet Schicksal 
fällt, wie das des Laokoon, in die Dichtersage des UfOJB," 
nisehe^ Sieges , und dafi^ Wohl und Wehe vTroja's selbst 
war an Philoctet wie an Laokoon geknüpft. Pbiloctet ist 
Heros; Laokoon steht als Priester gleichfalls auf den höhern 
Stufen d^ Menschheit, und reicht als Bruder des Anchi£(es 

'^ Syracusis aat^n claudicantem, cujus nlceris dolorem eehtire etiam 
spectaates videntur. Hw. XXKIY. 19. p. 651. Den Philoctet hatte zu- 
erst Leasing, in dieser Stelle vermuthet. Laokoon 11^ p. 146. Vergl. 
Thiersoh Epochen II. p. 42. 43. mit den Anmerkungien. 



60 



— oder als Sohn dee Antenor wie andere^ wpllteii — an 
dfes hetoische Geschlechts Schmerz, Verzweiflung, welrfie 
diei Würde verletzen, ^diänden jenen wie* diesen. In beiden 
Statuen wan-Ausdru'ck und Beweguog durch, körperlichen 
Schmerz bedingt, durch den Schmerz einer Wunde. Vom 
Philoctet des Pythagoras nui» rühmte man eine so grossfe 
Lebendigkeit der Darstellung, dass der Beschauer den JScbmerz 
der .Wunde selbst zu impfinden glaubte; fast derselben Worte 
bedient 'sich Winkelmann, bei der* Schilderung des Laokoon. 
Winkelmann weist besonders auf den eingezogenen Unterleib. 
Allein auf diesem allein beruht die sympathetische Wirkung 
nicht.. 'Die Brust ist gehobeil, das Haupt zurückgeworfen, 
die lippe geödet, die Stime gerunzelt, und erst von hier 
aus , von dieser beredten Miene aus , in welcher das körper- 
liche Leiden zum psychischen wird, mit Seelenschmerz sich 
vermählt, geht auch jenes in das Mitgefühl des Beschauers 
über. So empfinden wir in der Wirklichkeit an uns selbst 
sinnliehen Schmerz nur durch das Bewüsstsein d^selben; 
und von fremdem Schmerze blähen wir unberührt, wenn 
eine ruhige .Miene die scbmerzzuckenden Glieds Lügen straft. 
Die- Wirkung, welche die Alten dem Philoctet des tytha-r 
goras beilegten, ist ohne höchst schmeirzhaften Ausdruck des 
Kopfes undenkbar. Mit d^n hinaufgezogenen Fusi^, ap 
w:elcher Stellung man auf einem Relief den Philoctet Er- 
kennen wollte i War es nicht gethan.?- Ja, sollte zwischen^ 
Läokoon und Philoctet von einem Mehr oder Weniger die 
Rede sein, so fühlen wir uns js(ogar geneigt,, die grössere 
Lebhaftigkeit dem Philoctet beizumessen. Seine Wunde ist 
mehr innerlich aJs äusserlich, und schon darum der Seele 
gleichsam näha' gelegt.. Bei der Statue des Laokoon ferner 
r^ht die künstlerische Darstellung bis in die Wurzel seiner 

* Des Antenor SoKn nädi Tzttus ftd I^cophr. v.- 346. Bruder des 
Anchises nach Hygin. Fab. 135. 

9 Winkelmann. Alte Denkmäler, ^ra JL30: Opp. IV. "p. 157. 58. 



I 



61 



Leiden zurück; bei Pfailoctet mnssdie vollsUlDdigdte Klarheit 
und Lebendigkeit der Wirkung die Vwsinnlichung der Ur- 
sache ersetzen. BerLaokoon ist in der Wendung des Leiber, 
im Ausdruck des Kopfes nur fortgesetzt, was wir die Schlange 
selbst beginnen sahen; bei Phik)ctet kann der Verband der 
Wunde nur, als ein näherbestimmtes Zeichen, das schon 
Vorbandensein des Schmerzes erklären. Was dort geschieht, 
wird hier erzählt: — Auch die nähere persönliche Charak- 
teristik des Philoctet konnte, nur dazu dienen, den Umfang 
reiner Leiden zu erweitem /das' Interesse zu erhöhen, den 
Eindruck zu verstärken. In dem verwilderten* Haupthaar 
erkannte man den, aus der menschlichen Gesellschaft Hiä- 
ausg^tossenen , und die ärmliche Umhüllung der Qlieder 
zeigte, zu welchem Zustande hülfloser Dürftigkeit er herabA 
gesunken ist. ^ Krampfhaft hielt er vielleicht seinen Bogen 
in der geballten Rechten, und der Beschauer blieb in Zweifel^ 
ob. diess unwülkühi*liche Zuckutig des leidenden Körpers sei^ 
ob der Ausdruck eines UBglücklicheil , welcher, ül^rrascht 
vom voUen Gefühle s^nes Elends, auch noch das letzte 
Kleinod, dßn letzten Fjreund glaubt verlieren ;eu müssen, 
und ihn nun mit verdoppelten Kräfteji festzuhalten strebt. . 
Von nicht geringerem schmerzhaften Ausdruck wird man 
sich (Jeu Philoctet des Parrhasius zu denken haben,** nind 
lange vor ihm hatte schon. Aristophon, ein^ Bruder des Po- 
lyghot, diesen Gegenstand gemalt, und gewiss nicht glimpf- 
licher behandelt ^ Zu Rom stand eine Statue des Herkules, 
ein Werk, welches die Römer wetteifernd bewunderten, von 

r • . 

- '0 Vergl. über eine Statue des Philoctefr, deren Mdster freilich nicht 
genannt ist, das Epigramm des JuHan, Äeg. AntJi. HI. p. 200. 201.. Nro. 27. 
— dy^ia ßhv icofiocföap* i^tt Tfw'^a — etc. 

'* Diess lässt sich aus einem Bpigramm des Glankus schliessen. . An- 
tholog. m.-p. 57. 58. Nro; V. • • 

AdnfVf mal 6 r^i^ov hTog ive4ti fiovog. 
•* Die Beweise hievon. später. . * 



6a 



unbekannter V jedoch griechischer Hand. ' Das Antlitz des 
Heroen war ton wildem Ausdruck ; er fühlte die Nähe des 
schmerzlichen, Todes, ^er in dem vergifteten Gewände des 
Nessus. verborgen, lag. ^^ War- der Ajax des Timomachus ein 
erschütternder Anblick , mag die Statue des rasende Atha- 
mas von Aristonidas nicht minder ergreifend gewesen sein. 
Athamas sctss voll Scham und Reue die eben vollbrachte 
That41berdenk^id, wahrscheinlich noch mit den Spnren der 
kaum gewichenen -Wuth in dfer verstörten ' G^tali ^^ Auf 
eine ähnliche WkkuHg war die sterbende Jokaste von Si*- 
lanion, des Ctesilas verwundeter F6chtw im Augenblicke 
des Verscheidens, das Erzbild des vqn Pfeilen durchbohrt^i 
Diifereph^,^^.die weinenden Matronen von Sthenis,** oder die 
Gruppe des EpigOnus berechnet, ein Kind, welches seine 
getödtete Mutter liebkost ^^ In einem Gemälde von Aristi- 
des, einem Zeitgenossen des Apelles, welchem ein -ähnlicher 
Steff zum Gründe lag, war der Ausdruck fietst bis zum Gräss- 
liclteii gesteig^ Es stellte dnen Säugling dar, welcher 



** Die 6totae war anznsehen torvä faei«, sentienteque suprema in 
tunictt. r. In hac sunt tres üttüi:* L. Ln^uHi impeiiatoEis, de manobiis o^ 
Tot cortaininum 4Antaeque dignationis simulacrum id fuit PUn^: h. n,- 
XXXIV. 8. 19. p. 659. 

^* Aristonidas artifez , ' Cmn exprimere vellet: Atfiamantis faröirein 
Learoho filio praedpitato residentem poenittotia/aes<) ferrofiiqBe miseuit, 
' mt rulngine ejus per. nkorem aeris relacente exprii^ieretur verecundiae xvl- 
Wl Plm. XXXIV. 8. 40. p. 666. , . : 

** Aitrpepovg ^aXnovg dvSptag oüfrotg fießkriuivog. -Pflti*. L 23. 3." 
p.-42. 43. Der Sebastian der ^frieehischen Kunst. 

'* Idem (StHenis) flentes matronas et adorantes, sacrificantesqae (fecit) 
Fliii. h. n. XXXIV. 8. 19. p. 658. Ich glaube^ man. hat äich hier eine 
grosse Gruppe. EU denken, .wekhe eine.Supplioatioii der Frauen,* etwa 
während der Belagerung einer Stadt, TÖrstellte. Die Figuren ordnen, sich 
sehr natitrlieh' zu einem schönen Ganien. Erst auf beideiv SdtMi Frauen 
ganz ihrem Schmerz sich Überlassend;- daifli Betende, in der Mitte noch 
sichtbarere Erhebui^ zum <jK)tÜichen in den Opfernden. 

J7 Epigonus omnia fere praedicta imitatos praecessit in tubicine, et 
matri interfectae itifante miserabiliter blanditntei FKn. I. I. 



es 



an. die «Brust der zum Tode terwimdetea Mütter kroch/und 
im Angeaiehte d€r8eH>en las man -die Angst^ das Kind mOge 
Kot statt Müdi einsaugen. ^^ Ist die Fabel djea Laokoon, und 
die Art^ wie sie in der bertthmten Gruppe dieses Namens 
bdiandelt tirorden, rerletzend, rieUeicht gar empörend fi>r 
das Oefühl , und darum unwOrdig einer griechischen Meister- 
hand, was soll man von dem eben angeführten Getnälde 
des Aristides sagen? was von dem gefesselten f^rometheus' 
des Parrhasins y der ohne Zweifel einen noch schrecklicheren 
Anblick gewährte.*' Auf einem Gemälde , das Philostrat der 
ältere beschreibt, sah man den Hippolyt sogar mit zerris- 
senen und sersehmetti^ten^ Gliedem , aber die Brust noch 
athmend, die Augen in Bewegung, in seinem Blute liegen.^ 
Ist gleich von allen solchen Werken vielleicht kein ein- 
ziges^ mehr erhalten, habß selbst der kapitolinische Fechter 
nichts gemein mit dem, des Ctesilas. gehöre Laokoon mit 
schien Söhnen, der angebliche Pätus und Arria den römisch 
griechischen Epochen an : so zeigen endlich viele Reliefs auf 
römischen Sarkof^iagen und Yasengemälde (welche schlecht 
in der Ausführung , vortrefflich in der Erfindung^, auf 

*' HtguB pictu^'a est, oppida capto ad matris morientiB ex vulnere 
mamiuam adrepens iniaDs: inteüigitHrque' sentire mater et timere, ne 
«nortuo lacte sanguinem laiabat. Flin. h. n. XXXV. s. 36. p. 6d8. 

*^ Man erz&hlt Bamlieb : Farrha«iii0 habe, tfm' seinen Pr^nkthens an 
malen,* einen Sklaven foltern lassen. Paf rhasius . plctor Atheniensis, eum 
Philippns captos Olynthios vehderet, emit unnm ex bis senem, praedi^cit 
Athenas, torsU, et ad exemplar ejus pinxit Promethea. Seneea, FShet, con- 
ti^v. y. 10. I^e ganze . Gescfatchte ist, wiewohl* si^ mit einer gewisseo 
Pünktlichkeit erzähl); 'wird, im höchsten Grad« 'Unwi^scbeinlich. Man 
sieht aber, dass sie nur durch eine grässliche Naturwahrheit des Aus- 
drucks glaubhiuTt sein konnte, und wahrscheinlich auch dadurch war ver- 
aolasst worden. Zwei Epigramme von Mian, Aeg, Anthol. IIL' p. 200. 
Kra 23. und 24. gedenken einer Statue des Prometheus von gleichfalls 
schmerzhaftem Ausdrucke. 

^^ Td ftiv idftdfajA'eu raV ft^Xov, rÜ,^Sä dpvrirptnrcu. Ili^vpreu Sri 

fo Si o(i/jia st^picCd-pet rd t$rp€9ft4va. IV. ied. • Jac p. 69. 



64 



Vorbilder de|r blühendsten Kunstepoche sehUessen lassen), zor 
Genüge , wie geläufig den Griechen Darstelluprgen dei» Art 
müssen gewesen sein. ^* Alle Hebel der Leidenschaft s^^i 
wir in diesen , W^ken in' Bewegung setzen ,. den Sebmeo^ 
von der sinnenden Wehinuth durch alle Abstuftmgcp, bis 
zur Wuth und Verzweiflung fortgeführt Und wie wenig 
dem Künstler oder dem Beschauer bei dißn, so häufigen Dar- 
Stellungen von Kampf- und 3iord * Seenen von allen den 
Schrecknissen und Gräueln, welche in der Natur der Sache 
Hegen, blassen wurde, bedarf keiner Erwähnung. Sollte 
fbr diese letzte Bemerkung das Zeugniss römischer Gopten 
als ungültig verworfen werdto, so - wären doch die B>e]iefe 
vom ApoUötempel zu Phigalia ein sprechender Bewds.^ • 

Was bisher von ''der Darstellung des Aflfeotes -erinnert 
wurde,' gilt im Ganzen auch für die Bewegung der griechi- 
schen Statue. Von den übertriebenen Stellungen Mer äüesm 
E^)Ochen kam man bald ^ als von einem zweekloseü Kfaflt^ 
aufwände,. zurü(5k. Der fitrom, . welcher in ein zu enges 
Bett eingesehlossen, nur tobend dahin schäumte, beruhigte 
sieh von selbst^ als ibip. em wdterer Spielraum geöfibet 
war. Statt auf einen einzigen Punkt concentrirt z^ sein, ' 
theilte das Leben des Kupstwerks sich in die ganze Gqstalt, 
und breitete sich «über^ jedes Glied , .jede Muskel gleichmässig 
aus. Auisdrudt und Bewegung durdidrangen sieb mehr und 
mehr zu dem vollendeten iBilde eines Wedens, in welchem 
die Bewegung nur^ Aeusserung einer Seele, der Auisdruck 
Seele der Bewegung ist. — Wie aber der aflfectvollere Aus- 
druck der seltenere war, so ist auch in Absicht auf Bewe- 
gung eine gewisse Mässiguhg als vorherrachend nicht zu 

'^ Mehrere Beispiele., die sieh. iq's ÜDzählige Terotiehreniieflsen, fahrte 
schon Hirt in den Hören an. jJahrg. 1797. p. 14. flf. \ 

.'^ Jfan sehe nur den i>ntaiifen, der 'seine Zi^ne in den Nacken des 
Gegners geschlagen hat^ ndd den gedrosselten Oentanrelti ih descdption 
of ano. marb}. in the brifc 'Uns. IV. pl. !^ 18. 



65 



läugnen. Die Anzahl der noch ertmltenen Statuen, wenig- 
stens , an welchen man heftige ' Bewegung , excentrische 
Stellung wfihmimmt) ist bei weitem die geringere. Auch 
von dieser Seite war auf die Einbildungskraft des Beschauers 
Rücksicht genommen worden. Sie sollte nicht im Augen- 
blick zum Ziele . der Bewegung mit fortgerissen werden, 
sondern, bald sich demselben nähernd, bald sich von ihm 
entfallend , ungehindert . zwischen Vergangenheit und Z^ 
kunft vor. und rückwärts schweifen. Eben so sorgfältig 
wurde jenes System der Gegensätze eingehalten, um der 
Flüchtigkeit eines Augenblicks wenigstens die vielseitigste, 
mannichfe^tigste Bewegung^ eines Augenblicks zuzuw^id^. 
Hie aber ist dieses Maas der Bewegung bis zu dem Punkte 
einer absoluten Ruhe zurückgeführt. In der Stellung aller 
Statuen, wenn sie nicht in bestimmter Handlung gedacht 
ffimd, gibt sich doch ein gewisses Hinneigen zu äusserer 
Thätigkeit zu erkennen, Sie bewegen sich dem bewegten 
Leben entgeg^. Nie sind die Füsse zum vollkommen ruhi- 
gen- Stande, gleichgestellt, sondern der eine leichtgebogen, 
wie zum Gang sich hebend, oder zum kurzen Stillstand 
niedergesetzt. Die Arme, sind etwas gehoben, um in die 
Gredankenbewegung des Innern harmonisch dnzustiminen, 
oder ein sinnvoUeö Wort zu begleiten , welches auf der halb- 
geöffheten Lippe schwebt. Dagegen lässt sich aber auch, 
wie weit wir uns im Kreise der griechischen Plastik um- 
setzen mögen, keine Schranke, entdecken, welche die Be- 
wegung nicht hätte überschreiten dürfen. Ganz begreiflich. 
Das Schnelle, Vorübergehende dner heftigen Bewegung, ist 
für die Plastik so gleichgültig , als das zeitliche Moment des 
mehr oder minder lebhaften Aflfects. 

Wie viel von ihrer hohen Vollendung die griechische 
Kunst den üebungen der Gymnasien, den heiligen Kampf- 
spielen zu Olympia zu danken hatte, ist anerkanpt. Hier 
*war es, wo dem Künstler zuerst die Schönheit des Nackten 

Feuerbach, der vaticanische Apollo. 5 



66 



in ihrem vollen Glänze aufging ; aber es war eine Schönheit 
im freisten, kühnst^i Schwünge der Bewegung. Hier war 
es, wo der menschliche Körper zu einer Regsamkeit, zu 
einer allseitigen Gewandtheit h^rangertift war., wie er sie 
wohl nur EJiqmal erreicht hat, und nur in Griechenland er- 
reichen konnte. Da musste denn auch wohl die nachbildende 
Kunst eine ganz andere werden, .einer ganz andern Freiheit 
sich erfreuen dürfen, als von unseren A^ademiefiguren und 
Gliedermännem vorgegaukelt wird. Das Aeusserste war fUr 
die griechische Kunst noch immer Natur; es war nur die 
vollendete, vollkommen entwickelte Griechen -Natur. Und 
so kam gewiss auf dem Kampfplatz von Olympia nichts 
vor, in Sprung und Lauf, im Ringkampf oder Faustschlag, 
was flir den griechischen Meissel zu gewagt gewesen wÄre. 
Myron's berühmter Diskuswerfer war zur gewaltsmnsten 
Stellung verdrehV, auf »der Spitze eines einzigen Momentes 
•schwebte die ganze Gestalt^ Gleiche Kühnheit ist an den 
Ringern des Cephissodpt zu vermuthen ; und welche Mannich- 
faltigkdt gewagter Stellungen, rascher Wendungen mögen 
die Alten in der Löwenjagd und dem Reitergefecht des 
Lysipp,'^^ im Schlachtstück des Euth jkrates bewundert haben I '^ 
In den schwebenden Stellungen von Faunen und Tänzerinn|^ 
schdnt oft das Körperliche ganz und gar in luftige Bewe- 
gung verflüchtigt; mit den äussersten Fussspitzen berührte der 
Kairos des Lysippus die Kugel ,.^^ und in den Statuen rasender 
Bacclmntinnen tmd Thyaden muss sich der höchst denkbare 
Schwung der Bewegung mit dem Ausdruck der heftigsten 



^^ Vergl. über diese Statne besonders Visctmli: Mus. Pio-Clem. UL 
p. 130. ff. Nro..2. und Böttiger: Andeut p. 137. ff. 

*« BötUger :. Andeut. p. 193. ff. 

'^Pltn. h. n. XXXIV. s. 19. ^p. 653. Austero malnit g^ere quam 
jucundo placere. 

** ^EfT dnptjv Tov rapöov fiej^rfnog. CallMrai, stat. 6. p. 152. 
ed. Jac. 



67 



Ebuütaiton zu ein^ Wirkung Tereimgt haben , die wir wohl 
kaum mehr einem Gtomftlde gestatten dürften. , Wir stamMn 
über die Kühnheit, mit welcher der Borgfaedsche Fechter^ 
die Ringer in Florenz entworfen sind. Und diese Statuen 
sind aus Marmor! Was mögen die Altm ersft in d^ leicht 
gefügigen Brcmce geleistet haben ! Durch den Untergang 
fa^ aller bedeutenden Werke aus Metall entbehr^i wir nicht 
nur die cahlreidiste Klasse der antiken Plastik, sondern 
auch die, in welcher gerade die grössten M^ter am lieb- 
sten ihre Kunst übtmi, und, weniger gdiemmt von den 
Schranken der Technik und des Materials, die volle Frei- 
heit eines Meisters konnten geltend machen. — Wären die 
Bronce- Statuen von Athleten und Bingem, welchB die Altis 
Ton' Ol jmpia bevölkerten, noch erhalten, oder nur die Mar- 
nunroriginale der Thyaden und Tänzerinnen , deren schwadie 
fibhatten auf Reliefs und mittelmässigen Wandgemälden noch 
unser Auge fesseln, so würde sich hier für uns eine ganz 
neue Quelle der Bewunderung eröflhen; wir würden staunen 
üb^ die Meisterschaft jener Ktknstler, welche im vollen 
Gefühle ihrer Sicherheit, das Aeusserste wagen durften, und 
wirklich wagten. Wir würden es ihnen Dank wissen, dass sie 
sich nicht still bedachtsam, jede freiere Bewegung scheuend, 
innerhalb der vier Pfähle reinster Plastik gehalten; wir 
Würden dem Künstler freudig folgen, wenn er die sdiwin- 
delnde Bahn bis zum. äussersten Oipfel seiner Kunst wi^ 
und ecst dann den Mdssel niederlegt, wenn ihn das Zerr- 
bild lebloser Unnatur zurückschreckt, oder ihm, als Bildner 
seiner Gtötter, — die Grazie, diese Nemesis der Kunst, inne- 
zuhalten gebietet Nichts lag ausserhalb dem Bereiche des 
griechischen Künstlers, als der Tod der ägyptischen Buhe, 
sei es nun, dass er für den Genuss eines längeren Be- 
schauens bildete, oder alles Leben und die ganze Fülle der 
Seele in einen einzigen Mem^it, und fUr Einen entzücken- 
den Anblick zusammenfasste. 



68 



Und war es nicht eben diese Lebendigkeit, dieses leib- 
haftige Seelenleb^i in allen nur erdenklichen Momenten, wcus 
fuich der griechische Beschauer am liebsten in den Werken 
seiner Künstler sucht«? Fragen wir doch nur mit einem 
Wort die idten selbst: was bewunderten sie ii\ den Weiten 
ihrer Meister? wann glaubten sie die höchste, letzte Vor- 
derung erfüllt? Wenn die Statue, wenn das. Bild zuathmen, 
zu empfinden, zu leben schien. Ihr Eunstgenuss war ein sym- 
pa&etisches Mitgefühl. ^^ Sie empfinden den Schmerz in der 
Wunde des Philoctet ; sie forschen am sterbenden Fechter, 'wie 
lang er noch zsi athmen hat, und glauben die Stimme des Be- 
tenden zu vernehmen. ^ Als Paulus Aemilius den Tempel zu 
Olympia betrat, wurde er von dem Anblick der Tempelstatue 
erschüttert, als sehe er den Jupiter selbst von Angesicht zu 
Angesicht^ Die Statue des Läufera springt von der Bams 
nach dem Kranze empor, ^ und selbst der Adler des Geny- 
med Scheint zu fühlen, was er in den Klau^i iri^t,^^ Jene 
Statue des I^thagoras würde sprechen, wenn sie nicht den 
schweigsamen Weisen darstellte j'^ jene Niobe leben, wenn 
es nicht die, auf dem Grab ihrer Kinder zu Stein erstarrte 



^aivvSd-au, '— Xmojh, memor. Socrat. m. 10. 6. 

>* VergL die schon früher aDgefUhrte Stelle des Plihias über Ari- 
sMm»: Bi]j>plioantem paene cum voce. Vom stedbenden Fechter aber hdsst 
es: CtesUaus vulneratHm d^dentem, in quo possit intelligi, quantam 
restet aminae. Id. XXXIV. s. 14. p« 654. 

^ Jovem velut praesentem intuens, motus anhno est. £tü. XLV. 28> 

Anthol. lY. p. 185. Nro. 313. a. 

s' PUn. h. n. XXJaV. s. 19. p. 65<^. 

'Evd-tv dnonpvitrai (o nXudrijg), 'med toS i^ov ondäeu. 
iMM. HI. p.- 203. Nro. 34. VergL über ein Gemlüde desselben Gegen- 
standes lY. p. 226. Nro. 514. 



69 



wäre;^ und die Bacchantin des Scopas ist von heiligem Wahn- 
sinn erfüllt. 3* 

" Anthol. III. p. 201. Nro. 28. In einem andern Epigramm hat 
Praxiteles die versteinerte wieder in's Leben zurückgerufen. 
*Eyi'^o^g ua d-aol rav^av Xid-ov, in Si Xld'oio 
Z€9rjv Upa^iTili^ t^aXtv eioydöaro. 
IV. p. 181. Nro. 298. 

^ Tlg aSe; Bdn^a. Tig Si fitv ^Mt; Smonag' 
Tig Si^iurjva, BaKj^ogy ^ S^onaq; Snonag. 
Anthol. L p. 74. Nro. 75. et CaUittr. stat. II. 



' / 



V. 



71 



eiues, in der Vielheit seiner Gräfte mit sieb selbst harmoni- 
schen Chafakteis. Auch die Bew^^ong, welche in ihrer AU- 
gtoieinheit k^ne Grenzen kannte, fand gleichwohl im Be- 
griffe des Besonderen ) in jedem einzelnen Eunstproducte 
sdne miausweichliche Schranke, um sich in ihr erst als die 
unmittelbare Aeusserung eines, nur durch sich selbst und die 
Eunstdarstellung' bedingten Individuums zu erweisen. Ein 
andrer Kreis der Bewegung war den Göttern, den Heroen 
uiid höherorganisirten Menschen, ein ^ andrer den unterge- 
(Hrdneten Wesen durch ihre Natur schon vorgezeichnet, und 
jedes ein^lne Individuum (fieser grossen Klassen trug wie* 
der in sich 'sribst die Norm einer Bewegung, welche nur 
ihm eigen, nur ihm ^mäss war. 

Was übrigens raschausschreitende Götterbilder anlangt, 
so bUßben diese keineswegs auf jene Epoche beschränkt, wo 
die Bewegung, ohne einer individuellen Bedeutung zu ge- 
horchen, nur um ihrer selbst willen da^war. — Auf den 
Zeidlnung^l^, welche den Sculpturen am westlichen Giebel 
des athenischen Parthenon entnommen sind, bemerkt man 
eine weibliche Gestalt, welche sich durdi Chiton und A^is 
sogleich als Minerva zu erkennen gibt. Die Göttin ist mit 
der Zähmung des ersten Rosses beschäftigt. Aber sie ver- 
fährt hiebei nicht mit gemütblich gemächlicher Ruhe; mit 
wahrem Ungestüm, die Füsse weitausschreitend, die Falten 
des Gewandes straff gezogen, den Oberleib vorgeworfen, ist 
sie dem Rosse entgegengestemmt, — leidenschaftliche Hast, 
höchste Bewegtheit die ganze Gestalt.^ Eine blos seltne 

^ AIbo sehen wir diese Minerva in Nointel's Zeichnung. S. die 
ersten Tafeln in tlen Elgin marbles und dk Nachstiche, bei Leske pl. 1. 
und 2, Das noch erhaltene Fcagment der Statue ist abgeUldet in: 
Quatremhre de Quincy: restitution des deux frontons du temple de Min. 
pl. 2. fig. 3. Deutlich erkennt man hier noch die gewaltsam gehobene 
rjßchte Brust und Schulter. Oenaue Nachrieht von diesem Fragment« gibt 
•auch Ottfr. Müller in seiner trefflichen Schrift: de Phidiae yita et ope- 
ribus p. 90. 91. Er erwähnt noch besonders^ dassan der ABgis die Löcher 



I 



72 



Ausnahme von einer allgemein beachteten Regel, oder gar 
ein Fehler dagegen wird hier nicht zu niermuthen s^n. 
Diese Min^^a ist daö Werk eines Meisters, welchem* man 
ein gesdilossenes Kunstsystem, das nichts Fremdartiges in 
sich duldet, wird zugestehen mUsaen, eines Meisters, dessen 
Werke als der Centralpunkt der griediischen Plastik, als 
der lauterste Spiegel ihrer schönsten Blüthe zu betrachten 
sind. Es ist endlich das Bild der Schutzgöttin selbst, daren 
Tempel es schmückte, und sonach für einen Ort b^timmt, 
wo ein Verstoss gegen das Decorum der plastisch^^ Gött- 
lichkeit am wenigsten verzeihlich war! Neben fieser Mi- 
nerva findet sieh eii^e zweite Statue, — wahrscheinli$)h Neptun, 
— dieser in noch grössere Bewegtheit, det Körper zürtjk^-- 
geworfen wie eine brandende Woge; die volle Wildheit 
eines empörten Elementes scheint in die Bewegung seines 
BeheiTschers übergegangen zu sein. So durfte Phidias die 
Minerva^ so den Poseidon bilden. Warum auch nicht? 
Jenes war die 'Tochter des furchtbar -mächtigen Vaters,^ 
dieser der gewaltige Erderschütterer.' 

Es liegt in der Natur der Sache, dass- gewisse Götter, 
wie eben Minerva und Neptun,^ vorzugsweise, wenigstens 



zur Einsetzung des Gorgonenhauptes noch sichibar* seien, und gedenkt 
ausserdem eines Fragmentes vom Kopfe, der Spuren einer ehemals eher- 
nen Helmbedeckung zeige. Was die Bedeutung der Statue betrifft^ so bin 
ich demselben Gelehrten gefolgt. Vergleiche jedoch anch Quatrcmhe de 
Quiney I. I. p. 33. ff. und dessen Ergänzung P^- 4- hi beiden Fällen 
bleibt -die leidenschaftliche Bewegung dieselbe. Bergen kann ich indesisen 
nicht, dass Visconti^s hypothetische Restauration und Deutung der Denk- 
art eines griechischen Kfinstlers widerspricht. Diese leidenscha^liche Stel- 
lung, diese Drohung mit gewAfhieter Hand, ist, von keinem' Wirkliohen 
motivlrt, sondern blos zum Behufe eines symbolischen Aktes aufgeboten^ 
ein plastischer Bombast. 

* iwodiyatoq* Der Charakter dieses Gottes hat bei Homer durchw^ 
etwas heftiges, leidenschaftliches, lierbes. 

^ Auf leidenschaftlich Jbewegte Stellung der Neptun - Bilder lässt 



73 



häufiger als andere, rasch bewegt gebildet . wurden , einige 
dagegen nur in seltenen Fällen, und wieder andere z. B. 
Aphrodite nie. Von der Minerva als Fromachos ist schon 
oben gesprochen worden.* Ihr yollkommen entsprechendes 
ßegmistüc^ ist <ier Apollo Propugöator, den wir so häufig 
auf römischen Münzen sehen.* Zu denjenigen GrOttem^: deren 
ganze Art zu sejn, am natürlichsten in eijaeo lebhaften 
Schwung zu bringen -wfu*, scheint eben anch Apollo zu ge- 
hören. Wenigstens wird es von Maximus Tyrius als ein 
charakteristisches Merkmal der Apollobild^ angegeben, dasiä 
ihre Fasse zum raschen Gange geöffnet sind.^ Unter d^ 
laufenden und schiessenden Göttern y im Gegensatz der ruhen- 
den, bdi Arnobius, sind gewiss vor. allem Apoll und Diana 
zu vei«trfien.ö Diese beiden Crötter waren WQb} überhaupt 
auch in dar Kunst Geschwister geblieben. In ihren Dar- 
stellungen wird, ein gewisser Parallelismus sichtbar gewesen 
seyn. Und so dürfte schon die nicht ge;*ing6 Anzahl beweg- 
terer Dianenbilder, welche sich noch erhalten haben, zu dem 
Schlüsse berechtigen , dass auch ApoUöstatuen derselben. Art 

folgende Stelle des AmMiu sehliessen: cum fnscina räx.OEmris (fingitur), 
tftmqnäm illi pugna sit ^adiatorii obeunda eertiönims. Adv. g^nt. VI. 
p. 117. ed. JSImen^. ■ " ' 

^ Vergl.. oben p. 21. uöfirer Betrachtungen. - * 

* Man sehe ihn weitansschreitend und im Begriff zu schiessen, ^ie 
r. B. bei Maü^ari, ifttroduct k- la science des medailles p. 7. 13. -^ Es ist 
übrigenä der propugnator der Römer nichts als 'der. ffpotSrar^fttog der Griechen. 

' ' . — TüV 'AfgoXXava, olov ypa^alg vcai Sr^uiovpyoi Bti^6^ovÖtj Ufi" 

pfXYuev yvtivov ivi ^XaavSiov y To^orriP, Siaßeßrjftora "Toi^g aoöiv aöaep 
&iouTm, ^Max.'Tyr. dissert..XIV. 6. ed. Reuike I. p. 2Q0. Maximum Tyrius 
könnte de^ Zeitalters wegen, in welchem er lebte ^ als Zeuge abgewiesen 
werden , wo; es sich yen dem Charakier früherer Kunstepochen handelt» 
Sollte aber rasche Bewegung blos an Apollobüdern in späteren Zeüen 
YOrgekomnsen sein , so dass sie^ nun erst charakteristisohes Merkmal des 
Apollo ward^ ' 

' Ergo si hoc fta est ^ et in sedentibus signis Deum sedere , dicendum 
est, et in stantil^us stare^ in procurrentibus 6urrer&, jä<5tdarie]^ in jfuden- 
tibus tela, Arnobius ady. gent. VI. p. 121. ed. E. 



74 



nicht unter die Raritöten irgend ^ner-Kunstepoche zu rechnen 
sind. 9 -^ . 

Die • mythisch artistische Verwandtschaft der Diana Von 
Versailles mit uüsenn Apollo ist auffallend g^iug. Die 
phjsiognomische Bildung beider Statuen , ihre VeHiältnissC) 
die zierliche 'Fussbekijddung, und selbst gewisse technische 
Eigenheiten lassen fast die. Hand ein und desselben Eünedilers 
vermutheh. Die Diana ist. offenbar in der. raschen Bewe- 
gung der Jagd begriffen, und — wir selbst sprachen bisher 
immer von grosser Bewegtheit des ApöU. '•Uns schwebte 
dabei ganz besonderjs jend Uebereinstinimung beider Statuen 
vor, w^che fast allgemein von den Frjöunden und Kennen 
der Kunst^ auch auf ihrejätellung ausgedehnt wird. ^^ Herder, 
weuBf er von einem schnellgehenden, zürnenden ApoUo spricht, 
hatte unsere Statue vor Augen, ^* und Hogarth glaubte in 
ihr sogar die grOsste Geschwindigkeit ausgedrückt zu sehen. ^^ 

* * ■ ' ■ 

' £d i9t l)einerken8werüi, dassbei Pansanias unter den bewehren 
Göitterstataen gaoz . iSesonders viele Dianenbilder Vorko9imen. In beweg- 
ter Stellang wird man iich zn denken haben das Tempelbild der Diana 
Ll^hria zuPaträ aus Gold und Elfenbein von Menäcfamus dem Nattpakiier 
und Soidas (Künstler der früheren Epoche, cf. SüHg. catalog. artif. p. 269>) 
ro ^v if^Tfuarov dydXuarog -d'r^pevovöd iäittv. Pausan. VII. 18 ^ 10. p. 449. 
ed. B, Eine Diana d-rjpevovita zu Korinth id. II. 3, 5. p. 95. Das Tem- 
pelbild eines Dianentempels %vl Pällene ro^evov^f^ ^ d-eog aapi^erou ö^q^a. 
id^ VIL 27f 4. p. 471. Das Tempelbild zu Phelloe aus Er;& : -ßiXog. ir. 
^ap4tpag iaufldvovöa. '* VII. 26, ü). p. 469. Im Tcteipel <zü Aulis zwei 
Dianenbilder, eines mit Fackeln, das andere ioiiia ro^evovöri. IX. 19, 6. 
p. 593. Das ' Tempelbild bei Naupaktod cf;K7iia axovr/^vdj^g na^j^srai. 
.X. 38, 12. p. 715. etc. . / ' , . . ' ' 

i*Wenn auch nur annäh^ungs weise, wie iu Thierse h' 8 ]^>ocben III. 
p. 88.: ,,Dilma als Jägerin in späteren Bildern ist fast ohne Ausnahme- 
iikrasdief Bewegung, und diese Bewegung ist zur Hast gesteigert )n der 
Diana von Versailles , welche sich auch diedurph der späteren Zeit des Apollo 
y(m Bei vedere ^nähert, dem französisdie .Archäologen sie auch wegen ihres 
Styles als ein Werk derselben Schule zur Seite gestellt haben.** Vergl. p. 95. 

*' cf. Herder's Plastik II. 2. opp. XXVH. p. 267. 

'^ Hogarth, 'Zergliederung der Schöpheif^ aus dem-^ngf. von Hy- 
lius. p. 71. 



75 



£iii firanzösiscfaer Interpret der alten KuDsId^kmale bat sich 
nodi bestimmter über diesen Punkt vemehmen lassen. Er 
beschrdbt den vaticaiiischen Apollo geradehin, als — in rollern 
Laufe begriffen ) und beruft sich dabei auf die in etwas ge- 
blähten Nasenflügel, in welchen Winkelmann die Regung 
des Zorns, er aber nur die Wirkung des rascheren Aihem- 
holens glaubte erkennen zu müssen J^ Also ein laufender 
Apoll, und — mit schnaubenden Nüstern! — 

Diese Erklänmg gibt der Sache eine ganz neue Wen- 
dung. Scheint sie auch dem Lebensgeiste der griecfaisdien 
Kunst analog zu sein, so enthält sie doch etwas, wodurch 
schon das natürliche ästhetische Gefühl verletzt wird. Sdbst 
diejenigen, welche d^ alten Kunst einen ^ft^ieren Spielraum 
zugestehen^ dürften ungern ihre Ansicht gerade hier auf die 
Spitze gestellt seh^n. Beschauer aber, die auch in der Kunst 
nur zeitungsmässig zu Werke gehen, indem sie vor allem 
sich nach der Historie erkundigen, welche der plastischen 
Darstellung zu Grunde liegt , werden wenigstens wissen 
wollen, was für ein B^ä>ni8S diesen Apoll so dehr auss^ 
. Athem gesetzt? Lidessen eben diese letzte Frage ist in unserm 
Falle ganz an ihrer Stelle. 

WiAkelmann bemerkt, dass die Griechen hastige Be- 
wegung, einen raschen Gang für unanständig, fllr das Zeichen 
eines nicht wohlgeordneten Gremüthes hielten. ^^ Auch diesem, 
an sidi wahren Satze wurde eine zu grosse Ausdehnung ge- 
geben. Nur von einer Hast um nichtis und wieder Nidits 

*^ See narines un peu gonil^ iiidii|uent la v^loeit^ de tocourse.. Ju- 
no^« du Musie et de VicoU mod, des heaux ar$e L pr 143. * 

«* Vergl. Win keim. opp. IV. p. 139. VII. 101. Mit di^en Bemer- 
kungen hat es nnter der oben im Texte sogleich folgenden Einschränkung 
seine Richtigkeit;. Doch übersehen wir auch die ehrsame Tochter des IM- 
käppolis nicht mit ihrer „Bitterkressen-Biiene" ifiXinovda d-vßififo^dyov). 
Ariitaptkanes Acham. v, 255, 256. Vergleiche Wolfs Bemerkiuig p. 64.: 
aus Aristophanes Achameili. Auch die Griechen wussten einem lang- 
sam feierlichen SehriMe seine lächerliehe. Seite abzugewinnen. 



( 



76 



kann die Rede sein. Der Läufer Ladaa und das lebendige 
Vorbild eines Borghesischen Fechters würden mit stricter 
B^olgjiing dieser Anstapdsregel nicbt wdt gekommen sein. 
-^ Was den vaticanischen Apoll 1)etriflFt, so wÄre dadurch, 
dass seine Bewegung sich als individuelle, als im Charakter 
des Apoll gegründet, ergibt, schon eine Hauptforderung be- 
friedigt, freilich aber nur Eine. Eine zweite nicht minder 
dringiende will, dass die Bewegung durch die Situation, 
durch die Handlung, in welcher die Statue gedacht ist, mit 
gleicher Nothwendigkeit bedingt sei. 

Bei einer Difmenstatue, mit gespanntem Bogen, aber 
ruhigem Stand, oder langsam gemessenem Sduitte, ist es 
der Einbildungskraft des Beschauers freigegeben, sich irgend 
einen feindlichen Gregenstand, Zz.B. die Niobiden, der Gröttin 
gegenüber zu denkeu. Eine bewehrte Diana *dAgegep,iu vollem 
Lauf begrififen , postulirt, wenn- wir sie mit griechischem Auge 
betrachten , öbs Bild des rasch hineilenden Wildes , in dessen 
Ueberholung die Seele der Jagd besteht. Nimmt nun der 
vorgenannte Erklärer den vaticanischen Apoll für einen 
Pjthotüdter, so hat er damit dieser Statue, statt der inneren 
Nothwendigkeit des Kunstwerks, die Willkür des Künstlers 
untergeschoben. Man sieht nicht ein, warum mmi sich den 
Drachen äla ein fliehendes Wild vorstellen müsse? warum 
der Grott der Fernhintreffer heisst, wenn er erst nnt den 
Füssen einholt, was seiAem Geschosse erreidibar ist? Es 
widerspricht, unter diesen Voraussetzungen, die Raschheit 
selbst dem Charakter eines göttlichen Wesens. Wenigstens 
wäre der .Gott, welcher bis zu dem Augenblicke, wo die 
Nothwendigkeit eines ' Kampfes die sonstigen Vorrechte einer 
höheren Natur aufhebt , noch langsam , als Herr über . Baum 
und Zeit, dißm Feind entgegenschreitet, der würdigere Gegen- 
stand gewesen. Die Minervenstatue vom Parthenmi stellt 
eine gewaltsam ordnende Gottheit im Kampf mit der rohen 
ungebändigten Natur dar. Eine sinnliche Kraft soll sißh mit 



77 



emer zweiten, gleichartig -siimlidieii meadeii) wie es bei 
jenem Dianenbilde gegolten hatte, die Rasehhdt des Wildes 
durch die Flügelsohle der Göttin zu überbieten.' Hl€^ wie 
dort ist die Bewegung zur Genüge motivirt Auch ist b^ 
Minerva der Wurf der ganzen Gestalt gross, und erhaben; 
er charakterisirt eine fürchtbar mächtige Gottheit, und wenn 
die HuldgOttinüea, wie es heisst, nie ron der Seite der 
Grötter weichen , *' so sehen wir in dieser Minerva zwar, nichts 
von der Chans , welche dem Gürtel der Aphrodite bethören- 
den Reiz Verlieh, wohl aber ahnen wir etwas ^on der furcht- 
baren Charis eiuQs Aeöchjkis. Was hätte diese oder jene 
mit dn^n rennenden Apoll zu schaff«^ y -besonders unter 
den bewussten Nebenbestimmungen? 

Denn — nun vollends die schnaubenden Nüstern der 
Na^e! — 

Statt UQS dieses Bild auszumalen, frag^i wir lieber: ob 
denn die Stellung des yaticanischen Apoll auch wirklich die 
eines Raschbewegten ist? Schon darin, dass diese Frage, 
dem Apollo ^ gegenüber, nur aufgeworfen werden kann, ist 
ihre verneinende Antwort enthalten. Denn jede gesteigerte 
Kraft, alles, was ein gewisses Maas überschreitet, und da- 
her seinen Extremen sich nähert, stellt sich mit dem €te- 
plräge des Entschiedenen, des Unzwei<Jeutigen dar. >^ni 
Begriffe der Raschheit gehört es, -dass sie auf dem kürzesten 
Wege, die Mittelglieder ü1)erspringend,' das Aeusserst^.mit 
dem Aeussersten zu verknüpfen sucht. Den geflt^lten Pfeil 
sehen wir auf der Bogensehne ruhen, wir sehen ihn am 

Ziele-,' aber sein Flug ^tschwindet unsem Augen. Am borg- 

• 

hesisdien Fechter haben alle Glieder die äussersten Pole in 
der Sphäre ihrer Bewegung -erreicht; im Augenblicke muss 
der Todess)xeich erfolgen, und es ist uns zugleich eben so 
undei^kbar, dass der Held sich langsam. in chese ei^eentrfsche 

** ndvTov rafiiai i^ov ivyw^vo, Pindofp Olymp. XIV. 14. 



78 



Stellung sollte ftuseinaDdergeschoben haben, als es unwahr- 
scheitiUch ist, dass er lang in ihr verharren w^rde. Hier 
ist ohne Zweifel die höchste. Raschheit ausgedrückt; es ist 
die Wendung eines Augenblicks, ein plötzlicher Ausfall und 
plötzlicher Stoss in einem und demselben. Augenblicke. Auf 
gleiche Weise war Pbidias in der vorgenannt^i Minenra 
"vom Parthenon und in der Statue des Neptun zu Wecke ge- 
glMogen: 

Am yaticanischen Apollo hingegen sind alle Glieder 
mdir oder weniger noch im Uebergange von einer Lage in 
die andre begriffen; sie halten noch die Mitte zwischen zwei 
£xti;emen; Gerade die Bewegungen, welche Raschheit dem 
Anblick würde entzogen haben , garade sie sind festgehalten, 
und nichts zwingt den Beschauer zur Verknüpfung von zwei 
entgegengesetzten, rasch sich drängenden Momenten. 

G^hen wir mehr in's Einzelne der Statue ein. Die Füsse 
^ind.zum Schreiten geöfibet, und, wie n>an siebt, nicht zu 
ku^ abgesetzten, sondern zu weit ausgreifenden jSchritten. 
Der linke Fuss weicht bedeutend zurück , kaum dass er mit 
d^ Spitze die Erde berührt. Der rechte vorgesetzte ruht 
niit der ganzen Sohlenfläche auf dem Boden , und - die g:e- 
ringe, fast unmeskliclie Ausladung seines Knies kann einem 
völlig ruhende, zum. Stillstand niedergesetzten Fusse ange- 
hören. Je rascher ab^ in der Natur die, durch Beugen und 
Strecken bervorgebracbte Bewegung des Fusses wird,, desto: 
mehc versehwindet letzteres dem Aiiblick, desto mehr wird 
das Beugel vorherrschendes Moment. Dass Apollo seihreitet, 
oder, eben noch im Schreiten begriffe«, nur imiehält^ um 
weiter zu schreiten, ist a¥igenscheinlich.# Denn im entgegen- 
gesetzten Falle wäre das Knie des linken Fusses mit dem 
^es re<^t^[) "zum mindesten parallel gestellt. An jenem linken 
Fusse siebt man, dass Apollo schreitet; an diesem rechten, 
wie er schreitet. Dort Bewegung, hier Einhalten der Be- 
wegung-, dort. Thätigkeit,^ hier Ruhe, folglich beides 



79 



zusammeiigrfftMt, auf keiüen Fall Raadibeit der Bewegnng. 
— Man Terg^dche die Diana ron Versailles^ 

Noch anschaulicher, als. durch die. Stellung der Füsse, 
wird an d^ eben genannten Diana die Raschheit des Schrittes 
durch die Haltung des Rumpfes. Dieser ist Torgeneigt; wie 
ein schwellende Segel strebt die Brust dem eilenden Fusse 
voraus, dem Ziele des Laufes zu; sie beherrscht und lenkt 
die Bewegung. Selbst am Apollo Citharödus im Yatican, 
dessen Bewegung nur durch den begeisterten Schwung des 
Gesanges bedingt wird , ist unter dem faltenreichen Gewände 
ein yprstreben der Brust zu erkennen. ^* J>ass diese Haltung 
des Oberleibes naturgemäss, und, "bei rascher Bewegung, die 
eiiSizig naturgemässe ist, bedarf wohl keines Beweises. ^^ Der 
Rumpf des vaticanischen Apollo ist nicht nur nicht Tor-^ 
sondern selbst in etwas zurtYckgeneigt, der Unterl^b nicht 
eingebogen , sondern seiner natürlichen- massigen Fülle über- 
lassen, der Rand dei* Rij^enw^lbung freä herausgehoben; -^ 
ja, die gan^e Brust hat etwas emporstrebendes, lOid die 
Stellung der Füs&e mcbts, was dieser Richtung nach ob^i 
widerspräche. Wählt man vor der Statue einen möglichst 
meärigen Standpunkt, und r^olgt mit langsam aufsteigen- 
dem Auge vom rechten Schenkel an die^ präditige Linie 
dieses gehobenen Körpers , so gewinnt die Gestalt das An- 
sehen eine^ Gottes, de^ sich eben langsaäEi schwebend TOn 
der Erde gen Himmel erheben will. Oder nehmen . wif , 
ohne den :gewöhiüichen Stabdpunkt zu ändern, nur in Gto- 
diuiken die Basis mit d,em Baomstanome weg — ätherisch 
Idcht schwebt der Gott durch die Luft, mdnr hinw^geweht 

. ' ' • • "^ 

'* Siehe die Abbildan^ diese« Apoll im Vhia, Pia-Clem. I. 15. Mus^e 
Nopohtm L p. %t, . ütUin. Gakr myth. XV. Nro. 61. Wie widierUcb- und 
ipm^törlich dagegexr die Haltung desselben Apollo auf einer MünKe, welche 
Visconti beibringt. I. L A. A. V. 

*^ Sollte ein literarischer Beleg nöthig sein, so wäre nur zu verwei- 
sen auf Gerh» de Lairmtse. Grosses Malerbueh. Nürnjberg 17S4.. I. p. 38. 



80 



uod schwebend getragen, ajs durch Bewegung derFüsse rieh 
von der Stelle helfend. Man- yerseize irgend eine andre 
wirkHch rasch ausschreitende Figur in diese 4iöheren Sphären; 
es ^wird das Ansehen haben,, als wollte sie die Luft, wie ein 
Wassertreter das Wasser, tretep. 

Unbegreiflich , wie man bei unserer StcMiue an rasche 
Bewegung auch nur denken konnte! Die Odamys, welche 
Apollo nach dem- Vorbild der griechischen Epheben trägt, 
ist auf 4er rechten Schulter befestigt, über ^n Rücken und 
die linke Schulter gezogen , und wird dc»>n «n ihrem Ende 
vom linken ausgestreckten Arme aufgenommen. ,Von diesem 
Arme ergiesst sie^ sich, frei die Luft durchschwebjBnd, an 
der ^ Seite* des Gottes nieder, und zwar, ungehemmt dem 
Geisetz ihrer Schwere folgend, in senkrechter Linie. Die 
Chlamyis eines Schnellschreitenden würde doch • \^ohl zurück- 
geweht erscheinen , die Linie ihrer Senkung statt eines rechten 
Winkels-, jodt der Fläche der Basis einen spitzen bilden. - 

Bs ist bekannt, wie viel So]:gfialt die- gössen Bildner 
lÄid Maler der modernen Kunstwelt von Jeher dem Wurfe 
der Gewänder auch darum schenkten, weil sich hierin von 
selbst das. sicherste Mittel darbot, dem Bilde die' Bewegung 
a&zutäusc}ien ,. ^die ihm in Wahrheit v^sagt. ist. .Wie tr^E^ 
lieh v^stahd es Raphael, i^n nur dies Eine Beispid igizu- 
führen, durch eine wohlgewählte Lage der Falten, die mo^ 
mentane Gegenweurt d6s Bildes zur Vergangenheit, utid 'Zu- 
kunft' zu erweit^pi! Figuren abßr mit fliegenden Gewändern, 
mn den höchsten Grad der Raschheit aüszudrück'en, wer 
kennt sie, nicht in Unzahl? — Haben die Griechen vielleicht 
^(m diesem. Mittel nichts gewusst? oder wenn, — verschmähten 
siß es als allzunatürliehe Natürlichkeit? Suchten sie, w^m 
uBwillkürlidi in die Statue selbst zu viel Bewegung ^ge- 
kommen war , das Bild noch am Mantelumwurf zu haschen, 
uln es in plastische Ruhe zurückzubringen? Man findet hie 
und dß, wrlrklich Aeusserungen über- die griechische Plastik, 



81 



ihre Rübe, und von lebendiger Natufnacbabniung unab- 
hÄngige Symbolik nnd Idealität, dass solche Fragen in allem 

^ ■ * 

Emsfe gelegenheitlich aufzuwerfen, verzeihlich ist. 

4 

Im vaticanischen-Museum findet sich in Relief das alter- 
thümliche Bild eines Neptun. '^ Der Gott ist nicht raschschrei- 
tend oder laufend gedacht, wie schon aus der Haltung des Rum- 
pfe» ersichtlich ist. Er streicht frei durch die Luft, oder gleitet 
über die Fläche des Meetös, und der rechte Fuss ist nur vorge- 
setzt, um die hemmende Luft zu theilen. Dass diese Bewegung 
aber mit der grössten Raschheit vor sich geht, verräth sich in 
dem Wurfe de& Gewandes, und zwar einzig und aBein in die- 
sem. Ein sausender Luftzug hat die Falten zurtickgeweht, *» sie^ 
sind straff gezogen, an ihrem £}nde flatternd und aufgebläht. 
An den Götterbildern des altem Styls in kriegerischer Bewe- 
gung sehen wir sogar die Flüge] ihrer reichen, künstlich gefäl- 
teltes, eben desswegen steif und schwerfiftllig erscheinenden Ge- 
wänder vom Zuge -der Luft frei schwebend gelä^en.*^** Auf 
dem schönen Relief im vaticanischen Museum, welches Luna 
und Endymion vorstellt, fliegt das Gewand der Göttin in weit 
aufgebauschten Wö*tbung«n in die Luft zurück.'-** 'Wir dädi- 
ten uns Dianen, die Mondgöttin, wahrscheinlich lieber mond- 
scheinartig zu ihrem Liebling schleichen. Aber sie'he, der- 
selbe Stoff; welcher in der Wirklichkeit die Bewegung eher 
hemmt als fördert, sollte unter der Hand des bildenden 
Künstlers zu einem Zaubermantel werden ,^der sein Gebilde 
selbst dem kühnen Fluge des Dichters , dem Luftschritte der 
homerischen GQtt^ nachtrug. ^^ Warum hat der Künstler des 

s. 

•« Jlftw.. PühClem, IV. t. 32. üeber Styl imd Alter dieses Bildes 
p. a39. Vergl. auch milin. galer. myth. LXII. 297. 
*• Spirantes. dimovet auras. Ftrg'. IX. 645. 

^^ S. z. B. den Merkur auf der capitolinischen Arft. Äirt, Bilderb. I. 
Vign, 4. und den Neptun aus der Villa Albani ibid. Vign. 2- 
' ^» S. die Abbildung JUus. Pio-€lem. IV. t. 16. • . ^ 

^* lieber die Bewegung ider homerischen Götter vergl. Voss mytho- 
logische Briefe. Bcsondws I. Br. XXII. ffr 

Feuerbach, der vaticanische Apollo. 6 



82 



vaticanisch^i Apollo dn so einüoches, untrügliches Mittel 
verschmäht? Aus keinem andern Grunde, als weil weder 
die homerische Flugbewegüag, «och der franz(>siscl>e Dupp- 
Hrschritt in seiaer Absicht lag. Denn ^es haben die griechi- 
schen Künstler diese fliegenden Gewänder doch wohl nicht 
blos für die Garderobe nach homerischer Art schwebender 
Götter zurückgelegt, eine der Natur entnommene Erfahrung, 
nur für die Darstellung des Uebemätürlichen:^ genutzt, um 
dje natürliche menschliche Bewegung durch Unnatur in 
Fesseln zu schlagen. -^ Bei allen antiken Figuren, jeden 
Standes oder Geschlechti^ , bei Göttern, Menschen und Hero^i, 
wenn sie rasch bewegt und zugleich ganz oder th^ilweise 
bekleidet sind,. i§t die grössere . oder geringere Raschheit 
ihrör Bewegung fiauptsächlich, oft ausschlißssend, in den 
Falteu des Gewandes ausgedrückt. Die Schwierigkeit, dieses 
durch Anführung klassischer Beispiele zu beweisen, bestünde 
blos darin, Anfang und Ende zu änden. Oben an wären 
die, schon mehrfach erwähQteu Götterbilder der ältesten 
EpiDchen zu stellen, dann etwa die reitenden Epheben jnit 
ihren fliegenden Mänteln unter den,Sculpturen des Parthe- 
non ;2^ die fliehenden Niobiden würden folgen, da^n die 
Tänzeriniren und Bacchantinnen ohne Zahl, die Schlachtscenen 
und Bacehanali^ auf Reliefs, und mit den Bildwerken der 
Trajans - Säule und den überall z^streuten Mithrasbildern 
würde man noch nicht zu Ende sein.^^ Gemmen und Münzen 



'' S. in dem oben . angefahrten Eüpferwerke vor^üglieli die Blätter: 
28, 33, 35, ^7, 40^ 41, 43. Oft verbanden die Glichen mit diesem Katur- 
spiele nech ^en be^ndern .Charakteranschruck , so auf einem Relief, wo 
Nessns mit deiner Beate .im raschen Galopp über den Flnss setzt. Jk' 
scriptum up. anc. marUes. II. pl. 15. Das vom Luftzug zurückgeworfene 
Thierfell^des Centauren scheint, mit seinemÜ, grimmig dem .Verfolger zuge- 
kehrten Haupte noch beseelt zu ^ein. Einen modemefi Künstler, der ähn- 
liches wagte, würde man wahrscheinlich Ikunbergischer Motive zeihen. 

?* S. das Mithrasbild bei Cr^u^er^ ICupferheli zur Syjnbi^ III. 1. 
Bei Zöega bassir. It. 67. Nicht anders auf dem unlängst bei.Hatterheim 



83 



wär^» bmirbringen; auch die Vadengemälde nicht zu Ter- 
gessen, vom Dreifüss raubenden Herkules cm bis zu der von 
Bopeas rerfolgten OrithyÄ.20 — 

Nicht mit Unredit wurde den modernen Bildnern und 
Malern der Vorwurf gemacht, dass sie mit beflügelnden 
Draperien häufig Missbiraüch trieben. Was den Ausdruck 
der Raschheit durch den Flug des Gewandes betrifft, darin 
sind die Griechen eben so weit, ja noch viel weiter gegangen. 
Ist äea Alten desohngeachtet auch in diesem Punkte ein Vor- 
zug vor den Neuem zuzugestehen, so besteht. er hauptsäch- 
lich nur darin, dass sie auch ihre Fluggewänder Yon allen 
kleinlich^i Spielereien, und bedeutungslosen Zufälligkeiten 
rein zu halten wussten. Und selbst in dieser Beziehung hat 
die Lust an Leben und Bewegung so manches herbeigeführt, 
was mit den Forderungen unsa'er Theorie im Widerspruch 
steht Da3iln gehört z. B. , wenn der Saum des Grewandes 
theilweise über den Reihen des Fusses oder über das Knie 
zurückgeschlagen ist. Letzteres .findet sich auch an der Diana 
▼on Versailles, vielleicht nur durch Schuld des Ergänzers. 
Indessen ist bei dieser Statue die ganze Draperie höchst 
eigentbümlicher , jedoch acht griechischer Art. Die Haupt- 
falten ihres Jagdkleides siüd nach der, ihrer schreitenden 
BeM^egung* entgegengesetzten Richtung zurückgeweht Zwi- 
schen ihnen aber ist noch eine Reihe feinerer, eng neben- 
einander* gelegter Falten zu erkennen, welche in ihrer ruhi- 
gen Lage geblieben sind. Diese gehören noch dem künstlich 
gefidtelten Prunkgewande des Tempel -Idoles; sie erinnern 
an, die feierliche Ruhe und Stille des Tempels, mit welcher 
nun* das frische Wehen und Weben der freito Natur con- 
trastirt Bei der Diana im vaticanisch^n Museum ^^ ist das 

in der Wetteräu gefündenoji Mithrasbilde, Yjelldcht einem der reichsten 
und schönsten, die wir noch besitzen. 

25 Tischbein vas. nx. pU 31. 

'* Wir meinen die Statue, welche in den Gärten def Mendicanti ge- 
funcKn wurde. Sie ist abgedmcjtt im Mus. Pio-Clm, Hl. pl. 30. 



84 



Gewaiid wie im Sturmwinde flatternd und knatternd ge- 
bildet. 

An beiden Statuen wird das Gefühl ihrer unaufhalt- 
samen' Hast ausserdem noch durch das Bieiwerk Steigert. 
Der einen ist ein Jagdhund .beigegeben, der anderen die 
Hirschkuh , beide Thiere in vollem Galoppe. Auf der Basis 
der schönen Gruppe, weldie den Raub des Ganymedes 
durch Jupiters. Adler, vorstellt, ist ein Hund, angebracht, 
dessen Kopf pach oben gerichtet ist,27 unläugbar, um das 
Emporßchweben des jungen Phrygiers, welches durch die 
Mac(8e und Körperlichkeit einer plastischen Darstellung gleich- 
sam gehemmt , zur Erde zurückgezogen wird , der . Einbil- 
dungskraft anschaulidi zu machen; Alles neue Belege, wie 
der Grieohe nichts unbenutzt liess, was seiner LiebüngQidee 
der Lebendigkeit des plastischen Bildes yorschub leisten 
konnte^ aber auch eben so viele Beweise gegen die Rasch- 
heit -des vaticaniscl^en Apoll. ^ 

Wahr ist es, fliegende Gewänder in Marmor zu bilden, 
ist grossen Schwierigkeiten unterworfen; und immer behal- 
ten sie, wenp sie mit noch so grosser Leichtigkeit ausge- 
führt sind, .etwas ungefälliges für den Anblick. Was* letz- 
teres betrifft, so brauchte die Chlamys weder zu flattern, 

» 

noch in die Luft zu starren. ,Ein unmerkliches' Nachgeben 
und Zurückweichen hätte hingereicht, und somit auch einen- 
Theil der technischei;i Schwierigkeit gehoben. . Ueb^rdiess 
musste doch unser Künstler die Grundbedingung jeder pla-. 
stischen Production .kennen. Er musste es verstehen.^ die 
Idee seines Werkes gleich in den Schranken des Materials . 
zu erfietssen, seinen Apoll und den Marmor, in dem .er sieht- 
bar Verden soll, als ein unzertreuhliches Eins zu denken, 
und bei dem ersten Entwürfe schon mit sich im Reinen 
sein, ob er einer gefällig ausführbaren Draperie die grös-r 
sere Bewegtheit, oder diese jener opfern wolle. 

" Abgebildet im Mm, Pio-Clem. III. pl . 49. MilUn, gal^n my th.CXLV. 981. 



I 



«5 



Wäre Raschheit durch die Stellung unsrer Statue un- 
verkennbar bezeichnet, könnte man von der Naturwidrigkeit 
dieses Faltenschlags absehen, so würde er dennoch durch- 
aus verfehlt sein. Diese weit sich verbreitende Masse, diese 
reiche, .wohlgeordnete Fülle der Falten erweckt das Gefühl 
der Pracht, de^ Feierlichen, ein Gefühl, welches sich schlecht 
mit dem BegriflFe von Hast und Eile verträgt, und auf jeden 
Fall die Vorstellung einer raschen Bewegung, wenn diese 
vom Künstler beabsichtigt wurde, verdunkeln und vernich- 
ten müsste. Allein, was war hier zu verdunkeln und zu 
venrichten? ' , 

Auf andere, vielleicht nicht weniger kunsterfahrne Be- 
schauer, als Jener, der in unserer Statue nur einen rasch- 
eilenden Gott mit schnaubenden Nüstern zu seheü vermeinte, 
machte die Bewegung des. vaticanischen Apoll einen garfö 
entgegengesetzten Eindruck. Rahmdohr vergleicht den 
eisten Anblick unserer Statue mit dem Jfaturschau spiele,- das 
sich ihm darbot, als er zum erstenmal bei Genmi die Sonne 
über die Fläche des Meeres aufgehen sah. ^^ Und also ist 
es. Glänzend feierlich und hochhin wandelnd , wie Homer 
die Sonne nennt, '^^ tritt der vatic.anische Apoll uns entge- 
gen; nicht wie ein jählings vor überschiessendes Föuermeteor, 
womit derselbe Dichter das plötzliche Erscheinen der Minerva 
vergleddit. ^ 

. ^' „So wie ich zum erstenn^al in meinem Leben an Genua's Küsten 
die Sonne sich aus dem Meeye heben sah, so schwebte mir im Belvedere 
die* Statue des Apoll entgegen.* Es ergriff mich das Oefühl übermensch- 
licher Majeatöt, und ieh ward billig gegen die Sterblichen, die, bei an- 
dern Lehrbegriffien , sich vor dejm Anblick eines höheren Wesens nieder- 
werfen konnten.", üeber Malerei und Bildhauerkunst in Rom. I. p. 50. 

^' So verstanden wenigstens schon Einige der Alten, freilich fälsch- 
lich, daff hpmerische 'Ykepian Ensth; ad Od. I. 6. 

^ II. IV. V. 75. -ff. . 



87 



schrdtet der Körper von der Linken nach der Rechten hin, 
und das Haupt ist der entgegengesetzten Seite' zugekehrt. 
Derselbe Contrast in den Hauptlinien des Rumpfes. 

Dazu kömmt, dass aJle Glieder in eine Lage gebracht 
sind , in welcher sie frei und ungehindert ihre ToUe Thätig- 
keit ^itflalten. Ee^n Theil bedeckt den andern, die ganze 
Gestalt ist vollkommen auseinandergewickelt, vor uns aus- 
gebreitet, und durch die EinfcH^hheit un4 Bestimmtheit, mit 
welcher sich das Profil der 'Stellung zeichnet, ist diese com- 
{dicirte, so -kunstvoll verstriekte Mannichfaltigkeit dennoch 
höchst klar und fasslidi, schon dem ersten flüchtigen Ueber- 
blicke verständlich. Die Stellung versichert sich auf dem 
kürzesten Wege der Einbildungskraft des Beschauers und, 
nach der natürlichen Logik des Grefähles, tragen wir dann 
die Leichtigkeit, womit wir die Bewegung fassten, auf. diese 
selbst 'über. Der ungehemmte Schwung unsref- Einbildungs- 
kraft wird zur leichttragenden Flügelsohle des schreitenden 
Gottea. 

Nicht den geringsten Antheil an der Bewegtheit unsrer 
Statue hat der Ausdruck des Kopfes. In dieser beredten 
Mien6 liest man 'deutlich , dass hier keine bewussilose, nm- 
wilU^ürtiehe Bewegung stattfindet. Ein Entschluss, ein Ge- 
danke hat sie bestimmt, ein energisches Grefühl begleitet 
sie. lieber die ganze Gestalt ißt* ein electrischer Strom der 
innigsten geistigen Lebenswärme ausgegossen. 

' Endlich! die innerste Quelle dieses geistigen Lebens, ist 
sie nicht der Aflfect? — ünsrer einleitenden Schilderung der 
Statue nach, wäre dÜBss allerdings das bedeutendste Motiv 
der Bewegtheit unsrer Statue. 

Im* Munde des grösseren kimstliebenden Publikums lebt 
der vaticanische ApoUo als ein zürnender strafender Gott. 
Wer in dto ^Iten Dichtem bewandert ist, erinnert gern an 
den Apollo bei Homer, welcher der düstem Nacht gleich 
einhertritt Aber wenn Winkelmann in dem ^sten Entwürfe 



88 



seiner Hymne von einem. Zonje schrieb, der in der Nase 
dieses Apollo ßchnaube, '^ -so sprechen Andere d^egen 
von dem heitern Lichte eines Erühlingsmorgejas, von einem 
reinen, wolkenlosen Hinimel, der im Marnior des Apoll 
von Belvedere strahlt. ^ ^Wie konnte Winkelmann," fragt 
Späth, ^ „Hohn und Unnauth in diesen .Zügen finden, die 
kaum noch strenger Ernst beherrscht?'' Winkelmann selbst 
hat später Jenen Ausdruck zarückgenoipmen; auch gab er 
im Apollo immer nur einen Grad von ]Zom und Vera'chtung 
zu, welcher die* reinen Züge der Schönheit nicht verletze, 
indem der Blidt des Gottes heiter-, seine Stimenoch gaijz 
Frieden und Stille^ sei. ^ 

Hier haben wir also ganz verschiedene Meinui^gen und 
Gefühle über den Ausdruck ein und desselben Kopfes. Auch 
die Zeichner haben es an sich erfahren müssen, wie schwer 
bei ^em vaticanischen Apollo der richtige Ton, die wahre 
Haltung seines Miepenspieles zu treffen ist. In den schlech- 
teren Kupferstichen ist der Ausdruck zu matt, nichts sagend 
und verflacht, in den bessern -dagegen gewöhnlich 6twas zu 
scharf gegeben, nicht jselten übertrieben und verwildert; na- 
mentlich aber sind gewisse Züge einer feindseligen Stimmulig 
mit unverkennbarer Vorliebe hervorgehoben. Häufig mag 
hier ein Hjsteronproteron mit 4intergelaufen sein. Zuver- 
läösig haben Viele dep vaticanischen Apollo blos .vom Ge- 
sichtspunkt einer Eampfsc^ne aus betrachtet. Sijß sahen dem 
(Jotte gegenüber einen scheusslichen^Di^ohenj der bekämpft, 
gßbändigt. werden sollte, und je gräulicher sie das ^vidrige 
Gewürm sich glaubten vorstellen zu "dürfen, desto mehr 

* Siehe Winkelmann^s höchst merkwürdigen Entwurf zur Beschrei- 
bung des vaticanischen Ap(41'in den Studien von Baub tind Cr etiler Vi. 
p. 206. ff. , 

* Gör res' Aphorismen über die Kunst p. 55. 

* Späth, die Kunst in Italien. IL p. 224: 

* Vergl. ausser der unsrer Einleitung beigefügten Schilderung beson- 
ders nodv iratt prelifn. qpp. VII. p. 96: . 



89 



mu8ste sich das Angesicht des Apoll v^üsiern. Auf Um 
selbst trug man gleichsam den thierischen Ingrimm seines 
Gegners über. 

Indessen ist allerdings ein Thejl dieser. Verstärkung und 
Verdüsterung des Ausdruckes auf Rechnung der Statue selbst 
ZU bringen. Die Stellung unsres Apoll ist drohend, naich- 
drüeklich drohend, der bogenbewehtte Arm feindlieh ge- 
spannt, nichts was ein friedliches Annahen gestattete. Jene 
milderen oder mildernden Züge, welche -Winkelmann be- 
iperkt, weichen zurück, und einem, ferneren Hintergrunde 
bleibt das Bild des friedlichen Grottes rorbehalten,- so bftM 
sich unser Auge vom ersten ei^reifenden Anblidc der be- 
drohlichen Stellung faseln lässt, und an^der Schranke haf- 
ten bleibt, welche der Gott selbst zwischen sich und dem 
Beschauer gezogen hat. . Auch die Haltung des Hauptes hat 
keinen geringen Antheil- an dieser Erhöhung des Ausdrucl^es. 
Die Gewohnheit schon, an griechischen Statuen das Haupt 
gerade vor sich hinblickend oder gesenkt zu sehen * lÄs^t 
un& vor diesem "Bilde die stärkere Wirkung des'Neueo, Uur 
erwarteten erfahren. Die Haltung an sich, dieses gerade 
aufgerichtete, in, etwas zurüchgelehnte Haupt, mit dieser 
Richtung des Blickes, welcher schräg über die Schulter des 
drohenden Armes hinwegstreift, ist Istolz gebietend, schärft 
den Zug der Verachtung, welcher in den Winkeln des Mun- 
des und im Wurfe des Kinns erkennbar ist, und wirkt $o 
natürlich auch auf die Miene* des ünmuths oder des Zur- 
nens zurück. Von der Wahrheit dieser Bemerkung wi^ 
jeder Unbefangene sich aufs gründlichste überzeugen, wenp 
er eine gelungene, treue Zeichnung des blossen Kopfes be^ 
trachtet, oder Abstractionsvermögen genug besitzt, um an. 
einem vollständigen Gypsabguss der Statue von allem an- 
dern abzusehen und den Kopf allein ins Auge zu fassen. 
Vergebens wird er dann den. zürnenden, den blos, zürnen- 
den ApoUp suchen, den rdnen Aflfect, die Leidenschaft l JE^ 



90 



wird den schönen. Kopf eines Götterjünglings vor sich haben, 
von einer gewissen Lebhaftigkeit feuriger durchglüht; aber 
mehr auch gewiss nicht. 

Durch andere Experimente müsste das Gesagte noch 
anschauliciier werden. Denken wir uns den Kopf unsrer 
Statue als einem Phöbus zug^örig, der den Sonnenwagen 
lenkt, und wir werden wenig finden, was diesem Thi^ma 
geradezu widerspräche. Ein begeisterter Kunstbesebauer würde 
dann wahrscheinlich in dieser Stime nichts erkennen, als 
das reine Azur des Himmels, vom Glanz der Strahlenkrone 
üBergössen; auf den Brauen ruhte vielleicht nur eiriö leichte 
Morgenwcdke,. sein Blick überschaute die weite Sonnenbahn, 
und was in diesem Köpfe etwa deniioch von Ernst und 
Strenge sichtbar würde, gehörte deii schnaubenden Rossen 
an , die der Gott mit starkem männlichem Arm lenkt. ^ Oder 
— man gebe einem Apollo mit diesem Haupte ,• dieser Miene, 
die, Leier in die Hand uüd ordne den Chor der 'Musen um 
ihn Üer: — sein Angesicht athmet hohe ernste Begeisterung; 
von seinen Lippen werden wir zwar keine Threnodie auf 
die Translformation seiner Daphne, aber vielleicht eüie Gi- 
gantomachie, oder die Erscheinung des weltordnenden Eros 
erwarten. Es soll damit nicht behauptet werden, dass ein 
griechischer Künstler flir die Darstellung eines Sonnenlen- 
kers z. B., gerade den Ausdru^ * unsers Apoll würde ge- 
wählt haben. Der Grieche war mit den Kräften seines Le- 
bensprincipes nicht verschwenderisch,, und die Kunst, für die 
blosse Begeisterung begeistert zu sein, gehört unter die Ge- 
Äihlsmaschinerien der modernen Weit. Für* das AUtagsge- 
schäft A&^ Sonnenlenkers hätte er schwerlich mehr Lebhaftig^ 
kdt des Ausdruckes verwendet, als etwa in jen6n Beiwörtern 
enthalten '-ist, durch welche jedem G^te Lust und Liebe zu 

^ Hat man doch wirklich in unsirer Statue einen Sonnengott erkei^nen 
w.oUen, und doch wohl dabei nicht eine Sonne gedacht, w<^lch6 — ans 
Zorn seheint! - , 



»1 



«einem Geschftft beigelc^ -wird. ^ Doch würde- nur ein selir 
geübtes Auge in unsrer hypothetischen Statue eift Zuviel 
entdecken, und mit einem leisen Ftngerdruck auf die Lip- 
pen, mit einem Striche der Hand über die Brauen, wäre 
ein*isonnenlenkender Apollo hergestellt, dessen steh kein Phi- 
dtas zu schämen brauchte.- 

Nicht jede antike Statue dürfte diese Probe bestehen. 
Vergleichen wir den schon früher angeführten Citharöden- 
Apollo im vaticanischen Museum, eine Statue,, welche von 
Visconti zu hoch erhoben,® von Zoöga vielleicht zu tief her- 
abgesetzt woitien ist * Sie entspiricht in einigen Punkte 
dem vaticanischen Apollo. Ihre Stellung ist die eines Vor- 
schreitenden ; ein gewisser SchwUBfg bebt in dier ganssen Ge- 
stalt; dabei die Bildung des Kopfes idealisch schön, d^ 
Ausdruck reizend mit schwärmerisch aufgesdilagenem Auge, 
und zart geÖShetem Munde.: Aber es ist nur Empfindung, 
und blos Empfindung, was in diesem Kbpfö sich ausspricht; 
nur ihr Stur Bebatisung ist diese Bildung geformt. Kein Oe- 
gengewidit von Ernst und Hoheit, Cleist. oder Kraft! alles 
nur Cätharöden Verzückung ! Was man nur immer in Ge- 
danken mit diesem Apollo versuchen mag, er ist zu nidits 
zu brauchen, als zum Lautenschlägen. Sein Haupt, des gei- 
stigen Anflugs, wichen, die Empfinduiitg ihm nrittheilte, be- 
raubt, und auf die^ blosse Pwm zurückgeführt^ müsste ihn 
in' seiner ganzen Nichtigkeit und. Leerheit zeigen^ Wie an- 
ders der vaticanische Apollo! Dieses Angesicht würde, ' auch 
in den Zustand der tiefsten Ruhe versetzt, noch jE^raft und 
lieben atiimen, und in der Stärke des* Aflfectes ist weder 
der stille Ernst des Todbringers , noch die Anmuth des schön- 
sten Götterjünglings, oder die sidier besonnene Kraft des 

' Wie z. B. Tsp^rAipatfvog j io^iatpa. 

• Mhis, Pio-Clem, 1. p. 165; 

* Er nennt die eine in jeder Hinsicht mittelmftssige und unangenehme 
Statue. We Ik er' 8 Zeitschrift p. 314. 



92 



Femhintreflfers untergegangen. Es diente vielmelip die Er- 
regung seines Gemüthes nur dazu, mit einem wärmeren Ton 
das innige Seelenleben und den Vollgehalt eines göttlichen 
Wesens in. ein helleres Lieht zu setzen. Daher .würde auch 
unsere Statue selbst den Forderungen einer ganz unb^ng- 
ten Linearschönheit Genüge leisten.* Kein Zug ist zu ent- 
decken^' welcher den Schwung der sogenannten Schönheits- 
linie unterbräche, ^und 4n dem Ausdruck des 'Aflfectes eine 
tai^tbare Modiflcation der Form s^elbst, der ursprünglichen 
Bildung erkennen lieöse. ?ö In einem affectvoUen Zustande 
alsiO mag unser Apollo gedacht^ sein ; aber • der Affect an 
sich' kann nimmermehr für den. herrschenden Grund ton seiner 
geistigen Belebtheit gelten. 

Unserm Künajiler war es nicht entgangen, dass, Wenn 
d^ weise Büdper schön bei Darstellung m^schlicher öia- 
raktere sich hütete, durch -die äussersten Grade der Leiden- 
schaft das Angesicht zur kalten leblosen Maske zu yerzerren, 
diese iuit de»! Gefijhl für Leben innigverschwisteiite Scheu 
4a um so mehr an ihrer Stelle sei, wo Leben und Seele 
die höchtse Feier ihres Seyns begehen , — im Angesicht der 
Götter. , Er kannte die Verpflichtung, überall aufs strengste 
zu- individualisiren , auch im Sturm des erregten Gefühles 
noch das Bild eines allseitig entwickelten,, in sich vollende- 
ten Charakters aufrecht, zu erhalten.- Eine lebendige Goit- 
gedtalt wollte er vor unsere Augea ftihren, nicht den nack' 
t^ allgemeinen Begriff,. Dicht die plastische Definition eines 



'^ „Das leidenschaftliche Tonspiel disharmonir^ unmerklicl^ und wirkt- 
nm so kräftiger, je sorgsamer es von jenen Stnifen aaslenkt, welche. vom 
Gemäsöigteil^, zum Ueberspannten , von Würde und Anstand zu Schwulst 
und Härte fnisal^iten. Han verstärke d^n leidenschaftlichen Zng im 'Blicke,, 
im Stirabpgen, in der Unterlippe, der Nasenöffnung, dem Kinn, um sich 
dessen zu überzeugen, was für leidenschaftliche Wahrheit uqd Schönheit 
hier gedacht, geprüft und abgewogen wurd^." P'äster, Versuch einer 
Cb^iephensymimetrie des -menschlichen Angesichts. In Daub und Creu- 
zer's Studien. Bd. II. p. 399. ff. . • 



98 



Affectea geben. Der Bildner jenes Citharöden* hatte den Af- 
f^t in der zufölligerf Incamation eines Apollo persomficirt ; 
unser. Künstler, die Person des Apollo im Affecte dargestellt. 
Er wusste/dass in d^ Mitte jener empfindenden G^talten^ 
welche <üe Tempel, Haine und Mftrkte Griechenlands be- 
völkerten, auch, die Götterbilder -nicht kalt und regungslos 
dffczusteben brauohten; er Wusste aber- auch, dass ein für 
aUemistl jeder Ausdruck, jeder Affect zu verbannen sei, wel- 
cher-^im Grotte nicht mehr' den Gott erkennen lässt, und der 
reinen ungetrübten Anschauung eines hohem Wesens^ den 
störenden Nebenbegriflf einer entmenschten., halbthierischen 
Natur b^mischt. Ein in die blinde Knechtschaft irgend eines 
Affectes,gerathener Gott, ist unter seine eigne Würde, und" 
unter die Kunst herabgesunken, ein Widerspruch mit sich 
selbst, seines eigensten Wesens entäussert, unil darum , streng 
genofl(imen, für die* bildende Kunst ein undarstellbarer Ge- 
genstand. ^* , 

Nur hüten wir uns, dem BegrlflT göttlicher Würde eine 
Ausdehnung zu geben, welche selbst diesen fein abgewoge- 
nen, von dem doppelten Gegengewichte d^r Göttlichkeit, und 
eines einzelnen Gottcharakters niedergehaltenen Aflfect in Wi- 
derspruch mit dem griechischen Götterideale bringen w-ürde. 

Wohl heissen die Göf ter der Alten die ewigen , die leicht 
hinlebenden, die seligen Götter; ^^ der Mensch dagegefi aller- 

" Wer wirklich den vaticanischeu Apollo für einen bloss zürnenden 
halten sollte, der vergleiche mit dieser Statue das Bild des Zornigen, wie 
solches Seneca entwirft, de ira 1. c. 1., oder die ehrliche deutsche Nach- 

rant's Narrenschifif c. 35. 
Sein Mund der schnaubt, sein' Augen brennen, 
Sein Antlitz schwilft gleichwie Truthennen, 
Seinl Händt-^irft er unordentlich, . ' 
Sein- Füsse treiben stets für sich. 
Sein' Adern laufen auf vpll Blut, . / 

Er beisst und bellt aus heisser Glnt, 
Und «chreit,wie ein Waldesel thut. 
'^ aiSv iovre^j imnapsg, pela ^ouvreg. Hom. 



94 



(ÜBga der blosse Sdiatten eines Traumes, .die . flüchtige Ge- 
burt des Tages. ^^. Als mühevoll unselig wird die Bedingung 
seines Lebens von den Dichtem geschildert, und Mensch zu 
sein ^ .ist -die iminer wiederkehrende Klage des Menschen. *^ 
Ein beseligenderes Gefühl der Exiiätaiz^ ein höher» Staüd- 
punkt d^ Selbstbewusstseins- wird nur dem Individuum zu 
Theil,^ b^ld in dem Vorrecht eines auserwfthlten Götterlieb- 
lings^ bald in der Frucht eines gefahrvollen dämonischen 
Glückes; Immer aber liegt es nur jenseits des Horizontes, 
welcher das allgemeine Lpos der Sterblichen umgrenzt. Was 
im Kreise des menschlichen Lebens ausschliessend persön- 
licher Besitz^ verblieb, ist umgekehrt im Olymp die allge- 
meinsame Grundbedingung der Existenz.^ Ebeit darum jaber 
»fireut sich d» Olympier jener überirdischen Güter nicht 
als Jupiter, nicht als Apoll und Minerva. Die Seligkeit der 
Götter ist dßs ^wige angeborne Erbtheil der göttltehen Ifa- 
tur als solcher, die Klarheit und Ruhe eines rieineren Aether- 
Elementes, in welchem die Gtötter' als Götter leben und we- 
ben. D» Gott als Individuum ist allem Drange der Ver- 
einzelung unterworfen, und jed» Conflict, in welchen das 
Individuum nothwendig mit andern Einzelwesen^ wie mit 
sich selbst, verwickelt ist, erstreckt, sich auch auf ihn. Wie 
dem einzelnen Menschen die ganze Herrlichk^t des Olyni- 
pes offen stand, so sinkt der einzelne G<>tt auch wohr in 
dai Zustand ein» müh vollen, ja der unseligsten Schmach 
h^i^b. ^* 

** ^ntäg -üvotff av^poftot. Ptfidof / i(pi^^uptoi bei Aeseh: 
** ßporoi oJivpoi. II.-XIIL 669. Od. IV. 195. bei \Bi*r. JBpp. 168. 

'Häg <r ^SvvTipog ßioq av&pmtov. 
KovA idri fiovov dväftavötq. 
Und schon der „heitere^ Homer hatte gesungen: 

1 ,Ov ft^v ri ftov iönv ot^vptirepov dvSpog 

ndvrov, idöa re yatav Im nveUi rs nal-ipfret. 

Jl. XVm, 446. 47. 
*\ Statt zahlloser Beispiele, genüge es, auf Hefiod zu verweisen, theog. 
V. 793. ff. - 



96 



Sobald die Götter der bildenclen Kunst, um als gleidi- 
geartete Wesen mit der, gläubigen Menschheit in nähere Gre- 
meinschaft zu treten , jenes allgemeine Schema der ältesten 
Schulen verlassen hatten, imd das einzelne Gottbild sich 
mehr und mehr in sich selbst befestigte, suun Individuum 
abschloss, hörte auch das Angesicht auf, -von jener fi^und- 
lichegot Heita^eit zu strahlen, und die mustere Lippe be- 
kannte, dass auch hier ein Paradies verloren war. Ein 
Schatten sinnender Schwermutb ist über das Haupt jenes 
ApoUo ifdi deaa Greif gelagert, in schmachtende Sehnsucht 
scheint der vaticanische Eros versunken. Das Angesicht des 
Mef;jkur im Belvedere athmet schmerzliche Wehmuth, und 
ironisches Missbehagen streift über die lippe desselben Got- 
tes im herkulanischen Museum. — Gleicht doch die Ruhe 
SQ. manches Gottes nur einer . ahnungsvollen . Gewitterstille, 
und es. isi|, als ob unt^r seiner brütendai Stime, wie im 
griechischen Weltsysteme, Idie* 'Titanen zwar gefesselt, aber 
nicht vernichtet wären. Selbst das kolossale Haupt jener 
Minerva scheint ipit einer Fülle ungeheurer -zerstörender 
Kräfte elektrisch geladen zu seyn. — Fehle auch den mfei- 
sten- Götterbildern die wirkliche Erregung des Alfectes, eine 
tiefe stille leidenschaftliche Disposition ist dem Charakter 
des griechischen Götterideales wesentlich. 

Hoheit und Liebreiz hat die Formai der ludovisißchen 
Juno umschrieben. Wer erkennt aber nicht in dem Wurfe 
ihrer Lippen jene Leidenschaftlichkeit, von welcher die Dich-, 
ter, von Homer bis Virgil, so viel zu singen wussten? Man 
sieht deutlich, dass es nur eines Funkens bedürfte, um un- 
versöhnlichen Hass zur hellen Flamme anzufachen. — Oder, 
stellen wir unserm Aj^ollo den colossalen Juptterkopf des 
Vatikan -gegenüber! — Unter einem löwenartigen Haupt- 
haar, das mit dem Ausdruck einer gewissen Wildheit an 
den homerischen Wolken versammler erinnert, erhebt sich 
dne Stime, äderen ruhiges Bewusstsein unerschütterlicher 



96 



Macht nur dem höchsten Weltgebieter angehören kann. Weit 
geöffnet ist das Auge, damit der Herrscherblick den ganzen 
Umfang seines Reiches überschauen könne, indess hinter 
der sich tief absenkenden Stirne der Geist in dier Ruhe eines 
grossen Gedankens zurücktrat. Mund und Wange zeigen 
nur die Freundlichkeit eines Vttters, aber auf den hochge- 
wölbten Brauen droht noch der fürchtbare Ernst des Tita- 
nenvertilgers. Kaum brauchte man den Zug vflterlicher 
Müde njehr hcFvorzuhel^en , um einen Jupiter zu sehen, wel- 
cher - sich huldvoll einer Thetis entgeg^tibeugt ; aber auch 
kaum jenen entscheidenden Zug um die Brauen zu verstär- 
ken;, oder nüf jenen der Milde zu schwächen, um einen 
Jupiter auf den phlegräischen Feldern in ihm zu erkennen. 
Ja, man stelle »ihn blos in Gedanken mit dieser Scene in 
Verbindung, so wird man* glauben, den entsprechenden Zi?g 
in der Büste des Gottes wirklich -zu, sehen. Denkt* man sich 
diese zur völligen Statue in drohender Stellung ausgeführt, 
die Fasse schreitend , den* zermalmenden Blitz in der Rech- 
ten', so. erhält der Ausdruck die ganze Stärke des vaticani- 
schfen Apoll, so wie im Gtegentheile dieser, durch Abstraktion 
yoo "der' drohenden Stellung, sich bis auf einen gewissen 
Punkt der Ruhe zurückfahren lässt. 

Allein, wie schon ' erinnert wurde, in Seinem Verhält- 
niss zum Ganzen hat der Ausdruck unsrer Statue spezielle 
Bedeutung, jene Ktaü und entschieidene Richtung gewonnen- 
velche er einzeln und flir sich betrachtet, zu entbehren 
schien. Begreiflicher Weise ist hiebei'nidit an ein blosses 
Spiel deß Zufalles .zu denken , , sondern an wohl überlegte 
Absicht des Künstlers. Die Läge des Armes entspricht der 
Haltung des Hauptes, und die Miene des Angesichtes gibt 
dieser Bewegung ihren eigenen Ausdruck, ihre innere Be- 
deutung sprechend zurück. Ausdruck und Bewegung sind' 
in Gesammt- und Wechselwirkung ein organisches feins. Wie 
diese Stellung die Trägerin des beseelteren Ausdrucks ist, 



97 



80 wirkt dageg^i dieser wieder auf jene zurück, und je 
Iftnger der Beschauende betrachtend rerweiH, vergleicht, 
trennt und rerbliidet, desto ti^er^ desto innigä* durchdrin- 
gen nch diese Yerfaftltnisser, desto mehr stdgert sich^ im 
gegenseitigen Zusammenwirkeh , Kraft an Kraft zum leben- 
digsten Bilde des Lebens. Wir aber hatten, als Wir in der 
einleitenden Beschreibung unsrer Statue, den höheren Orad 
ihrer Belebtheit zu erklftren suchten , den Stoff mit der Form 
yerweohselt, und der Katur des .AffSectes beigemessen, was 
freies Verdienst des Künstle^ war, für die sympathetisch^ 
Wirkung der Ldklensdniftlichkeit als solcher genommen , was 
auf d^ Yertheilung des Lebens in Ausdruck und Bew^^ung, 
auf dem Farbenwechsel verschiedener, in^inand^ vertriebe- 
ner Kräfte, auf der geistreichen Erfassung eines lebendig; 
gegliedertet) Charakters beruht. 



Feuerbacbf der v^katiische ApoDo. 



^ 



VM. 

IndiciO' de se ipse erit : vos ecitis judices , 
Litudin' an vilio duci fkctam id oporteat. 

(Terent.) 

Die wenigsfen Statueb des Altertiiuins sind in ihrer ut; 
sprünglichen Gestalt an uns gelangt. Der zerstörende Ein- 
finss der Zeit, die Staatsutnwälzungen , welche schon das 
Jfutterland der griechischen Kunst verwüstet hatten, mehr 
noch die alles zertrümmernde Erschütterung, mit welcher 
das römische Reich zu Grunde ging, endlich der blinde Eifer 
der ersten Heideribekehrej, alles diess vereinigte sich,- um 
uns nur Trünmier von Trümmern zu überliefern. Was nicht 
bis zur Unkenntlichkeit vertilgt ward , trägt wenigstens noch 
die Spuren d^ Stürme an sich, (fie darüber hingegangen 
sind. Später war nur 'Gleichgültigkeit gegen die heidnische 
Kunst als solche an die Stelle der heiligen ZerstÖrungswuth 
getreten, und es wird immer zu bedauern bleiben, dass 
selbst die Aufioierksamkeit , welche aUmählig den antiken 
Bildwerken wieder zugelenkt ward, häufig nur in so fem 
. gedeihlieh .wai^, als sie jene kostbaren Reste Einern gänz- 
lichen Unterjgang entriss. Weniger Gegenstand des Studiums 
als des Genusses, meist in prachtvollen Gärten und Pallä- 
sten dnem Zwecke untergeordnet, welchem 'ein Tronk ohne 
Kopf und Extemitäten niU^ürlich nicht entsprechen konnte. 



99 



wurden die Statuen des AUeHbuma noch der^ leteten' und 
schmachvollsten Unbill preiagegeben^ dem Unrerstand und 
d^ Willkür der Ergftnzer. 

Das Unheil, weldies <b|durch über die Denkmale des 
Alterttiums gekommen, hat je<}er Kenner und Freund der- 
selben ' mit Betrübniss erftthr^i. Was aus Unkunde der My- 
thologie und der Antiquitäten, od^ aus grillenhafter ^Laune 
gesündigt wurde, ist, wenn auch schlimm genug, bei dar 
tieferen Eenntniss der neuera Zeit doch grösstentheils zu 
• einem unschädlidien Irrthum geworden.. Aber die schonungs- 
lose Ueberarbeitung des Erhaltenen, das technische und ar- 
tistische Ungeschick, mit welchem die fehlenden Theile er- 
setzt ^nrurden , das Handwerksmässige des ganzto Verfahrens, 
haben nicht selten die volle freie Wirkung des Kunstwerks 
für immer und ßwig verkümmert! Es gehört oft ein mehr 
als gewöhnlidies AbttractionsvermOgen dazu, uni die Statue 
in Gedanken von allem sj^tapen Zusatz au reinigen, und 
dem Wüste modemer An- und Umbildung die reine An- 
lichauung der ursprünglichen Fonn und Kunstidee wieder 
abzugewinnen. 

UeberbMckt man alles, was dem vatioanischen Apollo 
hätte verderblich werden könncin , so scheint ein günstiger 
.St^m über dieser Statue gewaltet zu haben. Der erste An- 
blick ders^ai wivd durch nichts gestört, was sich sogleich 
als eine moderne Zutibat zu erkennen gäbe. Alles Einzelne 
fügt sich leicht ui;d ungezwungen in ein harmonisches Ganze; 
wir glauben uns vor dieser Stakie ungestört dem Anblick 
eines Marmors hingeben zu dürfen, den' nur eine griechi- 
sche Hand berührte: und sollte auch der geübtere Blick 
manche^ zweifelhafte und ungehörige entdecken, so wird 
diesa bei d^oa mächtigen Eindrucke des Gänzen nicht sobald 
zur Sprache kommen. Der beredte Ausdruck, des Kopfes, 
die bewunderungswürdige Belebtheit der Stellung , die Schön- 
heit der ganzen Gestalt, beschäftigen die' Einbildungskraft 




100 



des B^dcfaauers viel zu lebhaft utid angenehm, als dass die- 
s^ sich gleich voq vorne ^hemn ermüssigt fühlen 'sollte,- die 
poetische Anschauung eines griechischen Gk)ttes für die pro- 
saische Besichtigung seines Marmorbildes hinzugeben. Wirk- 
lich gehört der vaticMiische Apoll unter die geringe Zahl 
imtiker Statuen, welche von dem zerstörenden Eingriffe der 
Zeit und menschliche* Hände ini Ganzen nur wenig gelitten 

kuben. 

Doch' ist auch diese Statue, dem Schicksale alles Z^t- 
lidien nicht ganz entgangen, und es wäre zu wünschen, 
dass sorgfältige Untersuchungen bis ins Einzelne und Kleinste, 
alles 'Wirklich Aptike von modernein Zusatz ausgeschieden 
hätten. Leider vermissen wir in den gewöhnlichen Beschrei- 
bungen des Apollo diese Pünktlichkeit-, und- müssei) uns in 
Ermanglung der Gelegenheit, das Original selbst zu unter- 
suqhen, damit begnügen^ alte Zeiclmungen zu Ratii zu ziehen, 
welche die Statue in ihrem Zustande vor der Ergän^ui^ 
dai^stellen* 

Der älteste und darum wichtigste Eupfei^stich ist d^ 
des Augustin Venetus (Agostino Veneto od^ di-Musis), ge- 
meiniglich> weil er nach Marc-Anton's Zeichnung. verfertigt 
wordai , der fflarc-Antonische genannt. * Der Kupferstich ist 
an sich schon einer näheren Bdarachtung wertb — der Kopf 
des Apoll, zwar in einer dem Original fremden Eig^atiiümlick- 
kek au^efasst, porträtartig, voaetwas verworrenem Ausdruck, 

' Das i)ekannte Zeichen A. Y. ist auf der Basis der Statue angebracht. 
Kan besitzt zwei verscliiedene Knpferstidfe, die sich liur dadnrdi von 
einander unterscheiden^ dass bei dem einen die jStatue in einer ^jsche 
steht, welche >uf dem andern fehlt. Auch ist auf dem einen derselben 
Apollo uiiigekehrt, so dass die linke Seite zur rechten ward. BarU(h\ le 
jpdntre gravaur XIY. p. ^. ff. . Die Mittheiiung des Kupferstiches, -von 
welchem eine Zeichnung diesem Buche beigefügt ist, verdanke ich der 
Güte des &rm Lesgationsraths 'Stark und des !Qerm Inspektors Wen- 
delstädt zu Frankfurt a. M., welchen ich hiemit zugleich meinen Dank 
abstatte. für die Bereitwilligkeit v niit welcher- sie mir jederzeit die Säiätce 
des Städelschen finbiuettes öfoeten. 



101 



#6 Haare nicht in Parthien gesondert;. dagegen der Charakter 
des Körpers mit dner so bewund^rangswttirdigen Treue, und 
so ganz im Sinne des Antiken wiedergegeben, dass in dieser 
Bezidiung &st alle späteren Kupferstiche zurückstehen müs- 
sen. Die einfache Grösse, Kraft und Sicherheit der Gontu- 
X9sa Iftsst nichts zu wtlnschen übrig, und mag wohl noch an 
die Hand eines Raphael erinnern dürfen. Die Statue ist von 
der Seite au%enomnien, nach weldier das Angesicht ge- 
wendet ist, der rechte vorgesetzte Fuss ganz ins Profil ge- 
kehrt Was fehlende Theile betrifft, so mangelt am linken 
Arme, über welchen der Mantel geschlag^ ist, die ganze 
Hand mit dem Bogen, und ein nicht unbedeutendes Stück 
des Vorderarms. Sollte der Punkt des Bruches, so weit 
dies nach einel* blossen Zeichnung und bei det starken Ter- 
kürzung des Armes ihiinlich ist, genauer zu bestimmen sein, 
so wäre es noch etwas obeiiialb der Stelle, wo an der- in- 
nam Säte des Vorderarms der lange Rückwärtsdreher (su- 
pinator longus) und der innere Speichenmuskel (radialis hi- 
t^mus) beide schon mehr auseinandergeireten, und in ihre 
Flechse übargegangen sind. Det rechte Arm ist unversehrt, 
nur dass alle Singer der Hand fehlen. Vom Daumen ist 
nur noch der Mittelhandknochen , und ein kleines Stück des 
ersten Gliedes zu erkennen. Sonst zeigt sich weder an d^ 
Stakte noch an Beiwerken irgend eine Verletzung* Selbst 
der so leicht zerbrechliche Mantel ent^priäit in - der Zdch- 
nung. vollkommen der Drapirung, wie sie noch voirhanden 
ist. Doch fehlen im Köcher die Pfeile, und die Schlange 
am Baumtronk ist schuppig,^ was bei Gypsabgüssen nicht 
der Fall ist. 

Ein andrer gleichfalls sehr, alter Kupferstich von Lafreri 
(oder Lafrery) aus dem Jahr 1552, folglich nur Kopie oder 
Nachstich irgend einer früheren Zeichnung, stitnmt im We- 
sentlichen mit dem Marc-Antonischen überein. '^ Die Statue 

' Specolam roman&e magnificeniiae. Am Piedestale des ApoHo steheti 



102 



ist YOü der eütg^engesetzten Seite aufgenommen, nämlich 
so, dass der Kopf gan^.in's Profil, und der rechte Fuss en 
face zu stehen kam. Den Hintergrund bildet eine Nische. 
Di© ganze linke Hand und die Finger der rechten fohlen. 
Ausserdem ist aber noch das Zeichen des Geschlechtes ver- 
letzt. Letzteres bemerkt man auch an dem Kupferstiche des 
raticanischen Apollo, der sich in Mercati's Metallothek befin- 
det, wiewehl auf diesen alle Übrigen fehlenden Theile schon 
ergänzt sind.* ' - 

Vollständig restäurirt erscheint der Apollo schön in dem 
Statuen werke voä Caralerüs.^ Auf den Umstand, dass das 
Stück des Bogens in der ergänzten linken Hand gekrümmt 
ist, darf b«i der Flüchtigkeit und dem sehr mittelmässigeir 
Werthe der ganzen Zeichnung keuie Rücksicht genommen 
werd^. Auch in denTBlättem von Perrier ist kein weiterer 
Rath zu erholen. ^ Seine Sammlung stellt mdirere Statuen 
noch ohne Restauration vor, worunter aber natürlich- c(er 
vatieänische Apoll nicht mehr gehört Perrier's Zeichnungen 
sind überdies, wenn auch geistreich, doch viel. zu flüchtig 
hingeworfen , als dass sie auf Autorität Anspruch machen 
könnten. Das' treffliche Kupferwerk des Biscop dürfte dage- 
gen um eines Punktes willen nicht ganz zu übergehen sein, 
wiewohl dieser Künstler noch später als Perrier gearb^tet, 

die Wörter^ SicRomae ex inarmor. scalp. in Palatio Pont, in loco qui 
vulgo didtnr belvedere und dann Ant. la Frerii Formkr Romae M. D. -Ül. 
Lafrefi legte in Rcxm seine Ktinstschale um das Jahr 1540 an. ^Allge- 
meines Künstieriexikon (Zürich) Ü.- p. 660. 

' Mich, HercaUf Metallotheca cum appendice per J. Larieisinm. Romae 
1719. Armär. X. p. 361. • ' 

*■ Antiqua)*um «^BtUarmn .urlns Homae prindufl et sec.* tert. et quart. 
üben J. Ba^. if« CaroiertM auctbre. Romae, in der Au^be von 15^ 

der Apollo lib, I. p. 4. . - ^ . ' 

^ iSegmenta nöbilium signorum et 8tatua]:iim typis aends ab se'com- 
missa. Fräncisc. PprrtVr. Romae 163Ä. Nro; 30. u. "34. Terrier lebte von 
1590—1660. > . ... - 



103 



uiMi die Originale nicht selbst gesdien hat ^ Es enttiält 
zwei rerschiedene Ansichten des ApciUo, die eine ron der 
Seite, wie bei Marc-Anton, die andere wie bei I)afreri, beide 
durch Eleganz d^ Behandlung ausgezeichnet, nur hie und 
da etwas zu weichlich gebalten. Die Hand mit dem Bogen 
ist ergänzt, an der andern aber fehlen statt aller fbnf Fin- 
ger nur vier. . So findet man die rechte Hand auch noch 
bei Auchwn. War dieser finger noch von deh ächten zu- 
rückgeblieben, und Ton Marc-Anton und den übrigen Zeich- 
nern der st(yrenden Missform wegen weggelassen worden? 
Die Hand wurde nur mit Gyps restaurirt, wie wir wissen,^ 
Brach diese später durch irgend einen Zufall bis auf den 
einen Finger wieder ab? üeb^ diesen Punkt, wie über di^ 
zweite obenbemerkte Variante, kann nur eine Untersuchung 
an Ort' und Stelle Auskunft geben. Uebrigens erwähnt Ri- 
diardson eines noch ülnrigen Fingers an der rechten Hand.® 
Im Granzen genommen sind also die Verletzungen, welche 
i^sre Statue erlitten, so weit darüber Kupferstiche Auskunft 
geben, nur unbedeutend. Freilich mag aber noch so man- 
ches mituntergelaufen seyn, worüber nur eine sorgfältige 
Untersudmng dea Originals belehren könnte. Es ist bemer^ 
kenswerth, dass auf allen jenen älteren Kupferstichen die 
Füsse der Statue schon völlig hergestellt, die Arme ange- 
setzt erscheinen, während das Uebrige noch nicht ergänzt 
ist. Es muss daher bei unserer Statue ein zweifacher Ver- 
such ihrer Wiederherstellung zu verschiedenen Zeiten statt- 
gefunden babai. Winkelmann^s Angabe, dass die beiden 

.. • Signomm vetemm ioones. Nro. 4* ii* ^* Y^rgl. tiber.Biscop das 
idlgem. KüBtftlerlexikon und Haber, Handbuch für Kunstliebhaber und 
aammler VI. p. 249. 

^ K ey s sl er 'a Reisen durc^ Deutschland etc. ^ neu herausgaben von 
Gottfr. Schulze, 1776. p. 586. of. E. Burton, Roms Altertfaüm^ 
und Merkwnrdigkdten^ übersetzt von Sichler. I. p. 607. 

^ Hisfcardfoli; descrlptkm de direrses fam. tableauz, dess^s, statetc. 
T. in. p. 2. p. 808. -* 



104 



Vorderarme des ApoUo, vom Ellbog^i an, neue Arbeit Beien^ 
sieht einer BchneUhingeworfeneD , übereilten B^auptung ähn- 
lich. ^ Die oben beschriebenen Kupferstiche jspreehra ssu la^t 
dagßgen. Welch eine wunderiiche Art zu ergänzen wöre es 
gewesen, wenn der^B'estaurator den-^inen VcHrderarm ganz, 
den andern zur Hälfte ersetzt, und das wenige Fehlende — 
hier die zweite Hälfte, dort die Finger — einem ktUiffigan 
Restaurator überlassen hätte. .80 riel ist nadi andern Nacb- 
richten gewiss, dasff die. Arme, so iHe die Füsse aus S^cke& 
zusanmiengesetzt sind, also mehrfach g;ebrochen war^i.^^ 
Vom regten Fusse waren nicht alle Stücke mehr zu finden; 
das Fehlende wurde mit Gypa ersetzt. Ebenso ging man 
b^ dem linken Fuss zu Werke, der vom Knie an. bis zur 
Sohle beschädigt war. ^^ Dass bei diesem Geschäfte nicht 
allzusäuberlich verfahren, wurde, lässt sich denkea. und. geht 
aus allen Nachrichten hervor. Ei kam vorerst nur dara^ 
ap,. dexp niedergestürzten Apoll einstweilen auf die Beine 
zu helfen, um nur. einmal einen .Ueb^blick, einen BegriiT 
von der neugefundenen Statue zu erhalten, das Geschäft war 
zuerst rein materiell, handwerksüiässig, und wurde wahr- 
scheinlich um so handwerksmässiger betrieben, je schwie- 
liger die . Aufgabe war, ein Marmorbild wie diesen. Apoll, 
auch nur ins Gleichgewicht zu rücken. Die von' mehreren 

• ' » 

• cf. Kunstgeschichte V. 6. opp. IV. p. -223. 

*®. Ad 1er 's Reisebemerkangen auf einer Reise nach Roin. ^AHona, 
1784. p. 98. / * . 

*' La jaftibe droite a ^ bris^ ^ä moroeaux; et comme on ne les a 
pas tous retrouY^s, on a mal rassembl^ ceux, qu'on a pn.reeouvser, et 
Von a snppl^ avec du nibrtier a eeux qiu manqüent. La jambe gauche 
est endooimag^ depois.le genöu jusqu'au pied^. et on- Ta rep«r^ avec 1% 
mßme expedient; aussi paroit-elle rüde et rabouteäse. Rkihärd$ei9k L L 
Bei Keyssler helsst es L I. bloss; „Apollo Pythins ist am Foss and der 
rechte» Hand kleinlich schadhaft worden; daher man ihm mit Gype zu 
Hülfe kommen müsse. ^ Bei La Lande, royage en Italie. Gen^v«, 1790. 
T. HI.: p. 196v ff. Le piesi qui pose ^it fhuuuBS^*, et les moEoeaux h'en 
sont pas biep rapproch^s. 



105 



KeDDern an nnsrer Statue getadelte WeBdong der Kniee 
gegeneinander, ist sniyerlässig.^rst aQf diese Art entstanden. 
Gewöhnlieh glaubt. man dann auch mit . deir Ueberwindung 
Einer Schwierigkeit jedor andern überhoben .zu sein, und 
so blieb d^ Apollo stehai, wie er stand, genug, dass er 
stand; später. be{ürchtete man tielleicht, durch neue Verän- 
derungen .neue UnfiLlle über die Statue J2u biJagen. 

Möchte diese an sich so lobenswörthe Scheu doch auch 
a^ den spätem und eigentlichen Ergänzer, den bdsannten 
Agnolo Montorsoli übergegangai sein I '^ Denn es gehört 
eben keine besondere Kennerschaft dazu, um in der von 
Montorsoli ergänzten Hand ein wahres Meisterstück von 
Pfoscherei zu sehen. Sie sieht wahrlich aus wie ein Knollen 

^' Dagt Montorsoli den Apoll ergänzte, wissen wir bestimmt. Ginnjto 
11 Frate ^Agnolo Montorsoli) a Roma nelle stanze di Belvedere, che dal 
Fapa gli furono date per sao abitare e lavorare, rifece 11 braccio sinistro, 
eile mancava all' Apollo, e il^ destro del Laoooonte. Vasari, vita de p. 
exe. pitt. etc. ed Flor. 1568. IIL v. 2. p. 611. Folgenden Angaben dea 
Vasari nach fällt diese Restauration in das Jahr 1532^ Den 7. October 
1530 wurde Montorsolo unter dem Namen GioTanni Agnolo bei den Ser- 
viten In Florenz eingekleidet; 1531: 'seine Studien nachAndrieiv del Sarto. 
Das „folgende Jahr^ 'seine erste Messe, und Wiederherstellung der bei 
Vertreibung der Medici zerstörten Bilder. „Mittlerweile** wird Agnolo 
von Michelangelo an 'Papst Clemens VII. (f 15*34) zur Restanration der 
Statuen im Belvedere empfohlen, und nach Vollziehung dieses Auftrages 
cmterstützt er den Michdangelo bei seinen Arbeiten in Florenz. Dessen 
geschieht auch Erwähnung im Leben des Michelangelo. Vcuari, opp. XlV. 
p. 150.; und hier folgt dann der er^te Auftrag zum Gemälde des jüng- 
sten Grerichtea, Michelangelo's erneute Verlegenheit wegen des Grabmals 
Julius' II. etc., und endlich: snccesse Tanno 1533. — Der Apollo war 
aber schon im Besitz Julius' II. gewesen, als dieser noch Cardinal war. 
^Penes eundem Julium II. fuit, priusquam pontifex. maximus fieret, eol- 
locatusque est in ejus palatii hortis, quod prope ecclesiam S. S. Aposto- 
loram'est.** MtrcaU, metalloth. 1*. 1. Der Cardmal Julian della Rovere 
bestieg den päpstlichen Stu^ den 29, October 1503. Demnach ist ein 
doppelter. Versuch der Wiederherstellung unsrer Statue^ oder vielmehr erst 
einer Aufätellifng, dann einer Ergänzung ausser allem Zweifel. Ein vati* 
caniecher Apollo unter Julius II. , unter Leo X. und Clemens, 29 Jahre 
in Trümmern liegenda^ 



10& 



gewächs des Armes. Die PJumpheit an der ersten • Pttr- 
thie der -Hand , dem Mittelhandknochen des Danmenlä mit 
seinem Entgegeristeller (opponens pollids) und Ab;Eieher, ist 
zum Staunen; und in der zweiten, wo der kürze Spann- 
muskel (palmaria brevis) zwischen dem Abzieher mjd Beu- 
ger .des kleinen Pingers liegt, ist nichts zu sehen^ als ein 
zweiter kleinü^r Wulst. Was war alles zu' erwarten, w^in 
der Meissel, der sich an dieser Hand verewigte, etwa noch 
an andern Theilen der Statue beschäftig wurde, um hie 
und da zu retüschiren, abzuoi^isseln , zu glätten, und wie 
sonst ein antikes Kunstwerk zu misshandeln sein mag? 
Für jeden, welcher nicht Gelegenheit hatte, den vatikani- 
schen Apollo ab Ort und Stelle zij, untersuchen, ist es nicht ' 
ein Act der Billigkeit," sondern m^r als poetische Gerech- 
tigkeit, wenn er jeden Verstoss gegen Zeichnung und Ana- 
tomie an diesem oder jenem Theile unsrer Statue, wo sich 
nur im gering$t^ das Einmischen einer modernen Hand 
vermuthen läßst, .einstweilen dem Ergänzer. oder dem ersten 
Aufsteller beimisöt. Die offenbare Pfuscherei an jenen er- 
wieseüermassen nicht antiken Theilen, lässt nichts besseres 
an denBn -^"warten, deren modemer Ursprung sieh vielleicht 
noch herausstellen dürfte, so' wie im Gegentheil; dite Vor- 
treflflichkeit in allem unbezweifelt Antiken die Vermuthung 
rechtfeijtigt, dass die nun fehlenden Theile ursprünglich mit 
nicht geringerer Meisterschaft ausgeführt waren. — 

, Eine gewissenhafte Prüfung jedes anatomischen Details 
ist ohnediess bei einer Statue ganz eignen Schwierigkäten 
unterworfen , selbst wenn das Kunstwerk von modemer Em- 
mischüng frei blieb. Schatten und Licjit ist in der Statue 
nicht wie im Gtemälde fixirt, ^sondern immer mdhr oder we^ 
niger zufälligen Bedingungen unterworfen. Nicht selten, ist 
die Beleuchtung ungünstig. So soll selbst das Original unsres 
Apoll im Belved^ezu BiOm« nicht aufs voftheü|iaf teste ge- 
stellt dein. Aber auch die günstigste Beleuchtung bl^bt 



«w 



immer nur einseitig, und will wiederiiolt mit jeder andern 
i^ur erdenkliche gewechselt sein. Als. wir den Ojpsabguss 
des Apollo in München befarachtet^i, gli^ubten wir einen 
auffallenden Fehler in der Bildung des rechten Knies zu 
bemerken. Das Band, welches vom Oberschenkel auf daß 
Schienbein niedergespannt ist, bildet in der Natur einen 
sanften Uebergang vom Knie zum Unterschenkel. Es stellt 
sich dem Aqge wie der Verlauf des nach unten sich immer 
mehr veijüngenden geraden Scbenkelmuskels (rectus femoris) 
dar.' Dieser Üebergimg schien zu plötzlich abgeschnitten, 
das Knie zu isolirt behandelt, unten durch eine tiefe halb- 
mondförmige Linie abgetrennt Der • Gjpsabguss im Stä- 
derschen' Eabinet zu BVankftirt überzeugte uns nicht eines 
ai^dem. Aber, eine volleinstrümende Beleuchtung mit tiefer 
Verschattung an dem Mannheimer Abgusis yorgen(»nmen, 
liess endüch in dem bezeichneten Theile nur das Rundliche^ 
und dje compacte markige Fülle bemerken, mit welcher die 
Griechen an ihren Göttern^ und Heroen*^tatuen die Gelenke 
fisist. ohne Ausnahme zu kräftigen pflegten. Da wurde denn 
auch erst recht kHr,- wie rortrefflich der rechte Fuss im 
Zustand seiner. Integrität muss gewesen sein. Wahr und 
schön gebildet erschien die .Umschlingung der innem Knie- 
seitc durch die vom Oberschenkel niedersteigenden Muskeln ; 
in d^ lieblichsten Zartheit die Linie des Gracilis, der vastus 
internus in voller Kraft aufquellend, und sanft berührt von 
dem schräg niedersinkenden Schatten des^Sartorius; im 
Ganzen ^ber ein wunderbar energisches Leben. — 

Das bequemste Mittel sich mit den bezeichneten Schwie- 
rigfceiten abzufinden, ist ein allgemeines IJrtheil über viel 
oder wenig Anatomie, über ein grösseres • oder geringeres 
MaBss anatomischer Kenntnisse^ welches der Künstler an 
den Tag gelegt habe. So hören wir noch immer die Aeus- 
serung wiederholen, dass unserm Apollo im Allgemeinen 
mehr Detail, eine genauere Durcharbeitung des ESttzeliien 



106 



zu wünschen wäre. Man renmast an dieser Statue die Tiefe 
der Wissenschaft, welche im Laokoon, oder im Torso ron 
Belredere, mehr als blosse Oberfläche zu geben wusste,* und 
in ^n Muskeln nicht ein blosses Nebeneinandet, sondern 
lebendiges Ineinander dem bewundernden Auge blossgelegt ^^ 
Mit solchen Vergleichungeti ist nun vollends gar nichts 
ausgerichtet' In dem Laokoon sehen wir einen Mann, wel- 
dier die schönste Blüthe des vollendeten männlichen Alters 
fast sdion hinter sich hat Beine Muskeln sind daher com- 
pact eckig, ja sie nähern sich schon dem Charakter des 
Nervösen, des Sehnigten, und je schärfer sie dadurch von 
einander treten, desto sichtbarer^ handgreiflicher muss na-^ 
türlich ihr Ineinanderwirken sein. Der Torso gehört eineni 
Herkuleskörpßr an, wo in deiü höchsten Ideale natürlicher 
Manneskraft zugleich die Wirkung einer Athletik audzudrü- 
cken war, welche nicht nur die'Haiipfonuskeln zur vollkom- 
mensten Gediege&heit durchgebildet, sond^n auch ausser- 
dem, wenig sichtbare Muskeln hervoi*gehoben hat Nicht 
minder ist in Anschlag zu 'bringen, daiss sich kaupi eine 
Haltung ersinnen lässt, welche, wie die des Torso , geeignet 
ist, alle Muskeln des Rückens blosszulegen, und aiif der 
Vorderseite, an Brust und Unterleib die ^zelnen Theile 



*' Auch darüber nnd dieMdnungen.der KunstverständigeD nicht eTnig. 
Raph. Menge äussert: dico, che se TApollo di Bfelvedere avesse la ear- 
noditä, e la morbidezza del cosi detto Antinoo nello stesao museo, egli 
sarebbe senza dubbio d'una bellezza molto maggiof'e ; e lo särebbe ancora 
piu^ se fosse tutto cosi terminato eom' ^ la testa. Lett. opp« ed. Azara 
p. 367. Nun vergleiche man . mit diesem Ausspruche einen andern des- 
selben ßaphael Mengs, der später angeführt- werden soll*, oder Faieonetr 
notes sur 1. 1. 36. de Fl. cur. IV. p, 377. le style de rApollop Pythien 
est grand aussi, ei tr^ grand, mais r^cuüon de chaque partie de cette 
figwr% suUime est de T^tude la plus pr^cise, et concourt ainsi '^ T^mid^nte 
perfection. Dagegen versicherten Kunstkenner in Weimar, „dass in der Aujs- 
arbeitung- (des Apollo) nicht der völlig reine Styl der Kunst sichtbar sei.** 
6rub«r's Wörterbuch zum Behufe der Ae3thetik eto: I. )>. 281. Vergl. 
Sivhorir's Studien p. 340. • ^ « ' 



lOU 



aufs manniehfidtigste indnanderspiel^ su Iftsaea. Die eom- 
plicirte Wirkung der Muskeln, welche nöttiig war^ um die 
Rüokenwölbung vorzuneigen, und nach der rechten Seite 
zu senken; iler niedersteigende Bauchmuskel, bi^ zusam- 
mengeballt, dort ausgedehnt; das Insichgedrückte des gera- 
d^i Bapchmuskels, die scharfgezogene horizontale Querlinie 
desselben über dem Nabel , im Gegensatz seiner sanftge- 
w^lbten Umgrenzung, an den Seit^; die Haut, die hier sich 
überwölbt, dort auseinanderschiebt; das Vorquellen des 
grossen Bauchmuskels, so weit er in seiner Verstümmelung 
noch sichtbar ist; das Herausdringt und Zurückweichen- der 
Rippen: — alle diese unendliche Mannichfaltigkeit der Li- 
men, ist ganz einfach« schon durch die Haltung, des Körpers 
bedingt. Das Ineinander ist ebenso sehr Sache der Stellung 
als der Muskulatur. Dass sich am laokoon nothwendiger 
Weise ein noch grösserer Reichthum der Muskelbildung dar- 
thun musste, bedarf kaum einer Erinnerung. Wo alle Glie- 
der von der heftigsten Kraftanstrengung bewegt sind, über- 
dies die Haut von excentrischer Stdlung straff gespannt, 
aufhört eine Hülle zu sein, müssen natürlich nicht nur die 
Haupth^bel der Bewegung mit der grössten Bestimmtheii 
herrortreten, sondern auch die. unte]rgeordnetq;i um so deut- 
licher zum Vorschein kommen, je mehr jene in ihrer star- 
ken Verkürzung an deckender Fläche verloren haben. 

. Bei dem yaticanischen Apollo' ist die Stellung gar nicht 
darauf eingerichtet, wie a^ Laokoon, die gesctmmte Ma- 
sdiinerie des Org&nismus aufzudecken, ihr ganzes -Getriebe 
lebhaft spielen zu lassen. Nur die Hauptmuskeln der obem. 
Schichte können sichtbar sein, und diese nur im Zustande 
einer sehr gemässigten Contraction. Am Rumpfe, wie am 
rechten Flösse brauchen die Muskeln nur in so weit thätig 
zu sein, als sie zum aufrechten Stande des * menschlichen 
Körpers zusammenwirlken. Der linke Fuss ist zurückgesetzt; 
aber w^ wird an ihm die Kraft und Fülle der Muskeln 



( 

110 j 

erwarten, mit welcher del* Pass eme&^borgheöischen Fechters 
gewaltsam zurückgestemmt, gestreckt mid mit gespannten 
Zehen gleichsani in die Erde gebohrt wird? Sollte darum 
der'Ktinstlttr .des vaticanischen Apollo wirklich -weriiger Wis- 
senschaft beurkundet haben y als der des Laokoon, blos, 
weil sich diesem in dem Gegenstwade, den er behandelte, 
Hiehr Gelegenheit darbot, sie allgemein verständlich, hand- 
greiflicher, an den Tag zu legen? Diess hiesse behaupten, 
dass die Tiefe überall fehlt, wo sie nicht in die Oberfläche 
getreten ist. Beiden Eünl^tlem gebührt ein gleiches Lob, 
wenn der eine in der Oberfläche nur die .Umgrenzung der 

4 

Tiefe ^ der andre die Vielheit des Einzelnen als ein harmo- 
nisches Ganze darzustellen vermochte, — dieser der Tiefe 
Fläche, und jener der Oberfläche Tiefe gab. 

.Wer den vaticanischen Apollo mit einem Auge beträch- 
tet, das mit der Structur des menschlichen Körpers vertraut 
ist, und in wiederholter -abhaltender Bebrachtung die über, 
den rundüchen Bau jQüchtig hingleitenden Lichter und Schat- 
ten zu. flxiren weiss, wird kaum mehr von einer blose^en 
Oberfläche sprechen. Durch den sanften Umriss wird er die 
Grundzüge des innem Baues, den jerifer nur umgrenzt, aber 
nicht v^deckt, durchschimmern sehn, und v^on einer Wärme 
und Wahrheit des Lebens überrascht werden, welche dem 
ersten Eindru<*ß der Bewegung und des Ausdrucks recht 
wohl das Gleichgewicht* hält. Würdigen wir nur beispiels- 
weise den fediten Arm einer näheren Betrtwjhtung. — ^ Unser 
Standpunkt -sei die Seite, van welcher uns sein Inneres zu- 
g^ehrt ist. -^ Der Arm ist mit der Schulter der Wendui^ 
des Oberleibs nach hinten gefolgt^ der. Vorderarm wurde 
gehoben, die Speiche supinirt, dadurch die äussere Eläche 
der Hand rückwärts gekehrt, zugleich aber die Handwurzel 
gestreckt Die Hauptmuskeln, welche bei dieser Bewegung 
thätig warai und sichtbar werden niüssen, sind: am Ober- 
Ärm der Deltamtiskdi, zur leichtai Hebung und Abziehung 



111 



des Arm^ vom Bttiiq>fe; der zweiköpffge Beuger (Mceps 
bfachii) zur Beugung des EUbogais; am Vorderarme die 
SupinatoreU) und etidlich. die * beiden Speichenstrecker, (ex- 
kensor carpi radialis longus und breTis). 

Oben begegne! uns vorerst in breiter lichtmasse der 
gpeosse BrostmudLel -(peotoralis m%jor), vom Brustbein zur 
Schulter ^ich erstredtend. Auf den ersten Blick scheint ^ 
mit dem Deltamud^el eine, einzige ungesotderte Masse zu 
bilden , und ungestört verteilt das Auge auf diesem Conti- 
nuum. welches auch in der Natur beide Muskeln nur Itls 
l^eile ^etner einzigst grossen Hauptparthie erscheinen lässt. 
Doch übersehea wir den sanft vertriebenen Schatten nicht, 
welcher die, für den ersten flüchtigen^ Ueberblick in- Eins 
rerflöste Masse jeni^ Mudceln zw^ nicht in bestimmte 
Grenzen abmaji^) doch den einefsx nied^senkt, den andern 
«ufvrölbt. Oben ist für d^i Gelenkknochen imd seine Ueber- 
w.(Ubung durch den Deltamuskel Licht aufgespart. ^ Der Schatten 
zieht sich dann mit zunehmender Stärke und Bestimmtheit 
quer über d^i Arm nieder und umschmbt so die spitz aus- 
laufende Gestidt des Deltanmskels. Nichts kann sdiöner sein, 
ald'die Linie des äussern Hauptumrisses, welche mit dem 
]^de.der bezeichneten Schattenparthie den untern Winkel 
deS'Muskels bildet, ^eber der Schulter begingt sie mit dem 
Abschwunge des cucqllaris, der jedoch theilweise vom Man- 
tel bedeckt ist., Li sanfter Schwingung sinkt sie nieder, 
sdiwillt unterhalb des Gelenkes allm^Ugzu einer bedeu- 
tend^- Ausladung an , und v^i^ sieh , nachdem sie sicli 
etwas nadi Innen gekehrt, mit einer zweiten sanft^^en Aus- 
' beugung in den Winkel des Deltamuskels. Wläre der Arm 
hdfa^ gehoben , so würde sich jene grössere Ausladung mehr 
an die Schulter hinaufgestemmt habe»; bei der bezeichneten 
Bewegung des Armes aber konnte ihre- Stelle keine andere 
s^n. Bios dem Deltamuskel Air sich betrachtet, wäre 
mehr Masse, zu wünschen. — Die zweite Hauptparthie des 



tlä 



Oberanris wird durch den biceps, den Beuger des V/)rdaranns, 
gebildet. Dieser Muskel ist auch in der Natur der faei^* 
sdieode Theii dieses Gliedes; er fdmmt fadt die ganze vor- 
dere Seite ein, und Iftast, tou Vcurne gesehen, su beiden 
Seiten nur stückwcfise den to^ialis- internus und die An- 
cöi^äen hervortreten. Es ist daher ganz in der -Ordnung, 
wenn £eser Muskel an unsrer Statue -mit beslondcer Völlig- 
keit und Kraft gebildet ist,, ohne desshalb h(dier aufjgepol- 
stert zu sein, a]s seine Thätigkeit — hier nur eine sanfte 
unüi^kliche Regung . — eiiieischt Nach unten zu kOnnte 
er etwas zu scharf, zu kurzweg abgerundet, gleichsam abr 
geschnitten scheinen. War der Arm vielleicht gerade in 
der (regend des Ellbogens zerbrochen? Auch in der obersten 
Partfüe des Vwderarms, besonders um die Stelle des. pro-' 
nator teres, ist nicht alles in der Ördnui^. Im Uebrig^n 
ist auch dieser Theil wohlgebildet. Die Mnsculatm*. des Vor^ 
derarms theilt sich in der Natur, an sein^ inn^m Seite, in 
zwei von oben haeh unten niederziehende Maj^en, T<m wel- 
chen die eine von dein längeren Sui^nator, dann nadi aussen 
von dito-'b^den Speidienstreek^m gebildet wird. Die andre 
gegenüberstehende, die linke Seite ^besteht aus dem Innern 
Speichenmuskel (radialis internus), an welchen sich d^r 
lange Palmaris, und der ^ obeare gemeinsame Fingerbeug6l: 
Bchliesst. « Die nach oben, condensirte Masse der Muskeln, 
ihre. Verjüngung nach unten ist an unsrer Slatue wohl aua^ 
gedrückt, nicht mindei^ die Art, wie beide Parthien durch 
die BeiT^egung der Speichen geg^ieinander gedreht «ind. * An 
dem äussern umrisse des Vorderarme bezeichnet dne Mdite 
Erhöhung (He Stelle, wo der Extensor breyis polUds und 
der abductpr, longus sich .über die Extensoren der Speldie 
lagern.: Mehr. Detail lä^st sich am Vorderarm bei diesar 
Kildung des .ganzen Körpers und bei dieser Wendung des 
Ara^ n&ht füglich arwarten. S^ gross- am .Vorderarme die 
Vielheit der Muskeln ist, so dnd diese doch- parthien wdse 



It3 



so -dicht nebeoeinaader geladte, Überdiess durch Aponeuro- 
sen so enge rerbunden, dass die emzelnen Theile der Haupt- 
maas^i nur bei sehr markirten Bewegungen, und rä mus- 
kulösen, durchgearbeiteten, oder von der Haut nur leicht 
bedeckten Armen deutlich zum Yorschein kommen. 

Der rechte Arm war zwbrochen, wurde zusammenge- 
Betzt, vielleicht überarbeitet, und wir betrachteten ihn nur 
inr ßypsabguss. — Prüfe man denn mit ähnKcher Auftnerk- 
ssmkeit die Bildung des Rumpfes, an dessen yoUstHndiger 
Integrität nicht zu zweifeln ist. Die Muskeln, welche an 
diesem Theile des 'menschlichen Körpers sich befinden, ha- 
ben mit ihren Flächen die grosse Wölbung des Beckeqs, 
der Brust, und die Räume zwischen beiden zu überspannen. 
Orösstentheils von dünner MajEise, aber weit sich verbreitend 
und durchscheinend untereinandergelagert, zeigen sie bei 
wenigen einfachen Linien die zarteste Mischung , Ab - und 
Aufwölbung. Der Gregendruck, mit welchem die Bauch- 
müskeln die Last der Eingeweide in stetem Gleichgewicht 
erhalten, der Prözess des Athemholens, das leichte Spiel 
der Liqien, welche jede Bewegung dqs Rumpfes hervor- 
bringt — alles dies gibt diesem etwas stets Elastisches, 
Vibrirendes. In wie ferne dies bewegliche- Spiel auch in 
unsre Statue überging, oder nicht, dies ist freilich nicht mit 
schildernden Worten und Nachweisungen im Einzelnen dar- 
zuthun. Aber wer ein lebendiges, klares, man möchte sagen, 
bis in's Innerste durchsichtige Bild des menschlichen Orga- 
nismus sich . eingeprägt hat, trete; mit diesem vor den vati- 
caniscfaen Apoll, und vergleiche, empfinde! Wie schön ist 
die blosse Architektonik dieses Theiles, wie erhaben der 
Bogen, mit welchem die Rippen von dem stark bezeichne- 
\tö£L Brustbein niedersinken, wie wohlgebildet der Serratüs, 
und sein Zusammentreffen mit dem breiten 'Rückenmuskel; 
und nun das schwebende In -und. üebereinander. in den 
Wölbun^n des Unterleibes, in den einzelnen Portionen des 

.Feuerbach, der vaticanische Apollo. S 



114 



geraden Bai^hmuskels, — ihr Verschwimmen in den obli- 
quus äbdominifl, und endlich das Ueberquellen dieser elasti- 
schen Schwingungen Übet die Wölbungen des Hüftbeins! 
Hier ist k^ Zuviel, kein Zuwenig, die gr5sste Bestimmt- 
heit bei einer ganz eigenthümlichen Flucht der Schatten 
und Lichter; die reichste Abwechslung von geraden und 
geschweiften Linien, und nirgend ^etwas 6esuchte£r; keine 
übertriebene Zierlichkeit im Serratus, keine zu grosse Schftrfe 
in den Querlinien des rectus abdominis, so hftufig sich beidejs, 
letzteres besonders, in cmtiken Statuen nachweisen lässt 

Wer indessen in der Sparsamkeit des Details, welche 
allerdings- vorhanden ist, durchaus etwas anderes erkennen 
will, ' als das wdse' Maas eines denkenden und nach indi- 
vidueller Bedeutung strebenden Künstlers, der überzeuge 
sich factisch eines Besseren. Er entwerfe eine Zeichnung 
der vaticanischen Statue, „wie äie «ein soll," ziehe, wenn 
es nöthig ist, Muskel- und GK^er-M&mer nebst Akademie- 
figuren zu Ratb, hebe die Nebenmuskeln so genau hervor 
als er ^vHll, so zart und geschmeidig als er kann, und äehe^ 
was er gewonnen hat! Mit jeder mehr detaillirenden Linie 
wird ein Zug. der Schönheit und Bedeutung verloren geh^; 
der n&chste Erfolg wird sein, dass unser Apbll, um* ein 
Jahrzehend wenigstens, in irdische Männlichkeit- herunter 
dätirt wird. Es lässt sich das zarte, vielverschlungene Ge- 
webe dieses Körpers kaum berühren, ohne nlit Einem Faden 
Alles zu zerreissen. 

Der rundliche Bau der Glieder, die Weichheit und Ein- 
fachheit der Linien , mit welcher diese Formel ausetnander- 
treten, die holde, fast mädchenhafte Rundung der bartlosen 
Wange gehören der Unschuld und EinMt einer kindlichen 
Natur. Wir ahn^i, was die Alten sagen wollten, wenn sie 
von d^ leuchtenden Reinheit des Apollo sprechen. H Gleich- 

** nd}J.tdtog y&p o^&tjvai i^a&otpoq 0v nal Xaunpig. Phum, nat. deor. 
p. 71. 



115 



wohl hat dieser Körper nicht das Schwankende, Unentschie- 
dene der Kindheit; seine Formen verschwimmen nicht , eine 
die andere überwölbend; kein J;)losses Ruhen übereinand^ 
oder Getragenwerden der Glieder; sie tragen sich selbst in 
strebender Kraft empor; ihre sanfte Rundung ist die reife 
Fülle des gesunden Muskels, und der reizenden Schlankheit 
und Leichtigkeit eines aufblühenden Jünglingskörpers unter- 
geordnet. Doch sehen wir auch wieder nichts von jener 
Zierlichkeit und leicht verletzlichen Zartheit, welche an dem 
sogenannten Apollino so ^öhl gefällt. Die Veriiältnisse des 
vat|canischen Apoll sind die, eines voUkomm^i ausgewach- 
senen männlichen Körpers, und betrachten wir den festen 
luarkigea Kern des Knochenbaus, ermessen wir die Kraft 
des rechten vortretenden Schenkels, der stark genug .wäre, 
den Körper eines Jupiters zu trage», die Gediegenheit des 
Wadenmuskels, den Ernst der gedankenvoll gewölbten Stime, 
die stolze Entschiedenheit in Stellung und Geberde, die hohe 
Fassung im Ausdruck des Kopfes, — und wir stehen vor 
dem Bilde der erhabensten Männlichkeit! Gewandtheit und 
Stärke, Weichheit und Kraft, Schönheit und Grösse hab^i 
diese Gestalt hoch über das Gewöhnliche hinausgehoben. ^^ 
Was soll noch hinzu, oder was hinweg? 

Es ist etwas mehr als poetische Redensart, wenn Win- 
kelmann von einem ewigen Frühlipge spricht, der die rei- 
zende Männlichkeit des Vaticaüischen Apoll bekleidet. Die 
Monciente verschiedener Altersstufen sind in einen einzigen 
zusammengefasst, siQ haben dadurch .aufgehört, Momente 

• 

'* Eine wunderbare Verschmelzung von- ähnlichen Gegensätzen im 
Bau des vaticanischen Apoll haben auch andre bemerkt, und es ist' kein 
^ort zuviel gesagt, wenn wir leeeu: Les fortnes de ses* merabres sont 
plus »erveüljieases encore (<qae le mouveaient) et toutds en grand de I9. 
tSte k la pointe des pieds, les convexes montrent la force-, les m^plates 
la douce noblesse, et leurs inflexion la delicatesse. Milizia, de Tart de 
vcar dans les beaux arts par Pommereul, 1797. p. 5. Einer Stelle von 
Mengs nachgebildet, welche später vorkommen wird. 



116 



der Zeit, des Wechsels, der Vergänglichkeit sm seyn. Die- 
ser ApöUo ist wed^ Euid noch Jüngling oder Mann, wohl 
aber alles diess. ^nigleicfa , ^ ist Kind ohne die Schwäche der 

* 

Kindheit, und Jüngling in der Kraft und Sicherheit des 
Mannes. Unsrer Einbildungskraft ist es rein unmöglich, sich 
einen zeitlichen Entwickelungsgang dieser (jtestalt zu den- 
ken; oder an die Möglichkeit eines späteren Niedersteigens 
in menschliche Vergänglichkeit zu glauben. Der Apollinp 
ist nur ^n knabenhafter Jüngling; er kann zum Manne rei- 
fen und dann. verblühen; der vaticanische Apollo steht vol- 
lendet da für immer, ein Augenblick hat ihn ins Daseyn 
gerufen, aber es war ein ewiger. 

Dieser Begri£f einer ewigen Jugend wird. nicht wenig 
dadurch befestigt^ dass, wie Winkelmahn sich ausdrückt, 
keine Adern dieseti Körper erhitzen ,und regen. Er wird 
dadurch gleichsam zu eii]^m, aus feineren ätherisch^i Stofr 
fen gebildeten Leibe, der nur vorhanden ist, um Geist und 
Se^le unmittelbar zur sichtbaren Erscheinung zu bringen; 
nichts, was an den Prozess der Ernährung, an das Uhr- 
wert: des zeiüichen Bedürftiisses erinnerte; die Sinnlichkeit 
hatAein Recht ,^ kein besondres Leben mehr für sich, und 
theilt eben -darum, der Vergänglichkeit und dem Tode ent- 
hoben , die Unsterblichkeit des Geistes. Bei der gewünsch- 
ten Ausführlichkeit in Behandlung des Details, ^ürde auch 
die BUdung der Adern nicht haben fehlen dürfen". 

* Winkelmann behauptet, dass es allgemeiner und.stän- 
diger Grundsatz der griechischen Künstler gewesen, ilme 
Gtötterstatuen in dem eben angedeuteten Sinn, ohne Adern 
zu bilden.** Andere Kennelr des Alterthums schränken die- 
sen Grundsatz auf die Vermeidung vorliegender Adern ein, ^"^ 
Die Autorität Homer's, dieses ältesten E[anons der griechi- 
schen Bildner, hat Winkelmann für sich. Es gehörte zu dem 

•' Tmttato prelim. opp. VII. p. 83. 
" Hirt, Bflderbuch L p. 5. • 



«7 



Ideale homerischer (Götter, dass in Ihrem Leibe, statt des 
Blutes, nur dn feiper Ätherischer Saft strömt: ^ 

Denn sie kosten nicht Brod^ .noch trinken sie funkelnden Weines, . 
Blutlos iind sie daher, iH^d heissen unsterbliche Götter. '* 

Was bisher von Götter- und Heroenstatuen bekannt gewor- 
den, ßtimmt mit diesen Ideen aufs genaueste überein. Disut- 
lieher und überzeugender können sie kaum ausgesprochen 
sein, als in den beiden schönsten Herkuleskörpem, welche 
erhalten sind: der farnesischen Statue, und dem schon oben 
angeführten Torso im Belvedere. Jener, der müde, irdisch 
ruhende Kämpfer hat die Adern stark aufquellend; man 
glaubt zu fühlen, wie das Blut, von der Anstrengung des 
Kampfes noch erhitzt', vollet und rascher strömt; dieser, der 
verklärt ruhende Halbgott , zeigt, bei der sorgfältigsten Aus- 
arbeitung der feinsten Einzelheiten, auch nicht die entfern-, 
teste Spur von Adern. Die Nachricht bei Plinius, dass P7- 
thagoras' von Rhegium der Erste gewesen, der auch die 
Adern ausgedrückt habe, *^ lehrt zwar, däss er nicht der 
Letzte blieb, setzt aber keineswegs voraus, dass seine Neue- 
rung- sich bis avif die Statuen der Ggtter ei'streckte. Wahr- 
scheinlich betraf sie nur die menschlichen Figuren, und wir 
denken biebei am liebsten an die schmerzlich, krankhaft 
bewegten Gestalten dijeses Künstlers, z. B. seinen Philoctet, 
vielleicht auch in dieser Beziehung tiin Seitenstück des LaO' 
koon. Wenn sich dagegen, in neuern Zeiten, auch an Göt- 
terbildern Spuren von Adern sollen gefunden haben, so 
müsste,' wo von blossen Trümmern die Reäe ist, vorerst 
erwiesen sein, dass diese wirklich zur Statue eines Gottes 
gehörten.^" Nicht selten sind die Berichte von Entdecknn- 

*' Ov ydf Öirov üSovö*, ov-nivovö' eäd'Oftß olvov. 
• Tovven dväi^ovig elöi, aoI dxhdvaroi xoUiottfOi. 

II Y. y. 341. 4a. 
«» h. n. XXXIV.. 5. 19. p. 651. 
^ Vergl. Meyer zu Wink ei mann opp. V. 5. 594. 



118 



gen dieser Arf mangelhaft genug oder offenbar tinricbtig. 
Dahin gehört, wenn es von einem Tronk unter den Elgini- 
schen Maimorbildem heisst, dass an Schulter und Rücken 
Adern zu erkennen sind.** Hat nian richtig gesehen, und 
sich nicht vielleicht durch die Yerwitterling des Marmors 
täuschen lassen, so ist durch die Aufdeckung dieser Sel- 
tenheit dem Künstler des athenischen Parthenon ein schlech- 
ter Dienst erwiesen worden. Am Rücken können , anatomi- 
scher Weise, bei gründen Körpern gar keine Adiern ijicht- 
bar werden. 

Das Adersystem gehörte überhaupt nicht zu den Thei- 
len des menschlichen Oi^anismus, deren sorgfältige Ausbil- 
dung von den Künstlern für wesentlich erachtet wurde. ^ 
Leicht mögen diejenigen Recht haben, welche die grössere 
Meisterschaft in diesem Zweige der Natumachahmung d^ 
modernen Künstlern zugestanden wissen wollen. ^^ Den Grie- 
chen wird es nicht entgangen sein, dass in der Verästung 
der Blutgefässe mehr die Willkür und Zufälligkeit vorherrscht, 
wenigstens scheinbar. Die Nothwendigkeit des Aderverlaufs, 
ihres Erscheinens und Verschwindens ist nicht in dem Grade 
augenfällig, in welchem Muskelbau und Ejiöchenapparat 
schon durch die Gestalt und daa Wechselverhältniss ihrar 
Theile das klarste Bild vollkoipmener Zweckmässigkeit vor 
Augen legen. Zudem imterbrechen die Adern die schönen 
Linien, die grossen Wölbungen und Flächen, die Einheit 
der Muskulatur, und der Reiz, der ihnen in der Malerei' 
zugestanden werden muss, die sanfte schwebende Bläue, 
welche über die zarte Caxnation eines weiblichen Körpers 
gleichsam ätherischen Duft haucht, föUt ohnedem bei der 

^' Die elginischen Marmorbilder bei Le^. p. 56. 56. 

'^ Dass die Alten wirklich' die Adern zu den unwesentlichen Einzel- 
heiten rechneten^ geht auch aus einer Stelle des Diqnys. HdUic. hervor, 
welche Sil 1 ig ai^führt. Catalog*. artif. p. 128. 

28 Vergl. fbfconrt. refl. sar la scnlp. oeuvr. I." p; 29. 



119 



Stahle hinweg. Man lese, was Raph^el Mengs ttber die 
Zeichnung des yaticanischen ApöU geschrieben hat,'^^ und 
urtheile dann, ob die Einflechtung des Greädeps eine Yer- 
schöneruHg des Liniensystems gewesen wäre, ob letzteres, 
wenigstens an unserer Statue, dadjar<^h nicht ebensoviel ein- 
gebtlsst haben würde als eine zarte, von mnfachen Gruqd- 
acconira * getragene Melodie durch Ausfüllung jeder Jfittel- 
stinune? — . 

Alles zugestanden! wird erinnert werden. Allein ist 
nicht das Menschlichwahre Gmndcharakter der griechischen 
Götter? Wodurch sonst waren sie aus blossen Gröttem des 
Glaubens zu Göttern, des künstlerischen Schauens geworden? 
Mochte einem öder dem Widern Künstler eine so kühne 
Ellipse, wie die eines aderlosen Körpers, gestattet s^, — 
am yaticanischen Apollo trifft sie zusammen mit einer idcbt 
minder kühnen Mischung verscliiedener Altersstufen, mit 
einer mehr als menschlich-idealen Schönheit, mit aasserge- 
wohnlichen Bestimmungen der Proportionen. Zeuge Win- 
kelmann und Homer noch so laut für diesen Apoll, Ton 

** Vi troviamo Teleganza^ Taccordo, e U'armonia' de' contomi, e un 
caratteire dominante si perfettamente-jeseguito^ che non v'^ differensa dal 
carattere d'un contorno a quello d'uh altro, n^ da quello d*una forma a 
quellü d'un' altra, dalla maggiore fino alla minore estremiti di un dito 
del piede. Quando io dico accordö delle forme, intendo dire^ che se una 
fbrma' tonyessa ^ grande, .debbono esser grandi a proporzl(Hie tutte le 
forme convesse della figura, e io rtesso intendo delle ooncave, et delle 
rfette; e siccome tutte le linee de' contomi si compongbnö dell' una, o 
delF altra di queste tre , non pu6 essere altra differenza tra eesi contomi, 
che quella del carattere^ che loro si da. Per esempio, l'ApoUo si com- 
pone tutto dl lifiee convesse molto' soavi, di angoli pttusi assai piccoli, e 
di piaaure; ma vi dominano le convesse dolci. Dovendo il carattere di 
questa figura divina esprimer la forza, la nobilitä, e la delicatezza, il 
suo autore ha dimostrata la prima coi contorni oonvessi, la secpada oo' 
dritti, e la terza con le linee ondeggiate. Gli angoli ottosi, e le linee 
convesse formano la linea bndeggiata, e queste medesime linee. convesse 
unite a inflessioni Jeggi^r monstrano la forza, ei. nobilitk. Refless. sofüra 
Raph. etc. p, 150. 151. cf. Frammento sullil bellezza, 5. p. 87., wo von 
Apollo gesagt wird: in esso trionfa la simi^citä de' contomi. 



lao 



Wahrheit und Natur entblösst, iät er ein leeres- Phantai^ef- 
gebild. . 

Der ungerechteste und nichtigste Vorwurf von allen ! — 
Der Amerikaner West, selbst ein ausgezeichneter Künst- 
ler, war lange Zeit dein griechischen Ideale fremd geblieben. 
Er hatte noch nichts von einem homerischen oder winkel- 
mannischen Gotte gesehen, aber, wie Wenige, Gelegenheit 
gehabt, die menschliche Natur in ihrer unverfälschten Frische 
und Derbheit kennen zu lernen.: Die ^»te Antike, welche 
der amerikanische Künstler zu Gtesicht bekam, war unser 
Apollo. Wie glaubt man, dass diese Statue, wenn jener 
Vorwurf gegründet ist, auf ihn müsse gewirkt haben? -r- 
Er wurde von Bewunderung hingerissen, und das (Jegenbild, 
welches Apollo in sdLner Seele hervorrief, war das — eines 
jungen^ amerikanischen Kriegers. ^^ .Wie? ein Grebilde aus 
dem „Reiche unkörperlicher Schönheiten,*' und ein halb- 
rousseauischer Mensch aus den Urwäldern von Amerika ! eine 
Gestalt, welche, „die Musen zu uinarmefl suchen,^ und Aßt 
uncultivirte Natursohn ! dieser, rundliche- weichverschmolzene 
Ader- und Blut-lose Muskelbau, und ein Körper, der. in den 
Armen der Natur, in den Uebungen der Jagd und des Krie- 
ges zur höchsten Kraft und Gewandtheit erstarkt ist ! — 

Wjer würd§ die Lösung dieses Räthsels auf sich neh- 
men, oder nur für möglich halten, w«m es nicht wirklich 
in unsrer Statue gelöst wäre? Und das vermittelnde Band 



^^ „Die vornehmsten Kunstkenner in Rom, sagte 1er (WeetX in deren 
Geseliscliaft ich. diess Allerheiligste der Kunst besuchte , warep begierig zu 
sehen;^ welchen Eindruck das grösste Meisterstück der biMenden ICuhdt 
auf einen Amerikaner machen, würde, der noeh nie die Ueberbletbsel der 
alten Kunst gesehen hatte. Von Bewunderung hingerissen, rief- ich aud: 
Wi^ ähnlich einem jungen Krieger von Mohok! 'Das Erstaunen der Kunst- 
kenner ging in 'Unwillen über., bis ich ihnen gezeigt hatte, wie viel Aehn* 
lichkeiten zvrischen* der erhabenen Schönheit dieses griechischen Gottes 
und einem ungebildeten amerikanischen Wilden statt fänden.** Berlinisches 
Archiv der Z^t und ihres Geschmackes 1795. I. ,p. 259. 



läl 



dieser, dem Scheine na^ch, unvereinbar^i Gegensätee, worin 
besteht es, wenn nicht in Wahrheit und Natur? 

In unsrer einleitenden Schilderung hatten wir Ton dem 
yaticanifichei^ Apollo noch als Ton einer Gtestall^ gesprochen, 
welche für den besondem Zweck dieser Stellung , dieser Be- 
wegung wiUküJirlich ersonnen sei. Und doch ist diese Be- 
wegung sa voll des Lebens-, ja voll von einer Leb^iskraft, 
welche den Beschauer selbst mit der sinnlichgeistigen Ge- 
walt der Sympathie ergreift ! ^ Wo die Gestalt nicht durch 
und durch Bewegiing, die Bewegung nicht ganz ^Gestalt ist, 
fühlen wir in alle Ewigkeit nur die ängstliche Regung einer 
Gliederpuppe, ein peinliches ^Zucken zwischen Leben und 
Tod. Der < künstlichste Contrast der Glieder gegeneinandei:, 
die gediegaiste Fülle der Muskeln, alles was -sich zur Er- 
klärung der Bdebtheit unsrer Statue beibringen lässt , ist an 
sieh nur todtes System, ein blosses Maschinenwerk. Scheint 
(üeser Apollo \^klich zu schreiten, seine Brust zu athmen, 
sein Haupt eine Stätte des Geistes zu sein, so ist auch hier 
das Leben selbst die Bürgschaft des Lebens, jenes Lebens, 
welches in Werken der Kunst, wie in der Wirklichkeit nur 
nac^h den ewigen Gesetzen der Natur entspringen, und nur 
im Elemei^te der Wahrheit bestehen kann. 

Mag es sein^ dass die Wahrheit des yaficanischen Apcdlo 
nicht. mit dem. Finger nachweisbar Tor Augen liegt, dass 
sie einer schärferen Kritik sogar sich zu entziehen scheint, 

'* Hören wir darüber das Geständniss eines Hannes, der gewiss von 
niohts weiter entfernt war, als von Konstschwärmerei, den Verfasser des 
deutschen Robinson ! „Wie . oft habe ich schon über mich selbst lächeln 
müssen, wenn ich mich bei dem vergeblichen Bestreben ertappte, die 
Stellung des Uebermenschliohen , den göttlichen Blick , die kühne Haltune 
des Kopfes, den Trotz- und die Zuversicht des Hundes nachzuahmen!" Aber 
Indem ich noch, meine .Nichtigkeit fühlend, üb^r das Kindische dieses 
Begili|iens lache, werfe ich unwillkühHich . die Linke schon, wieder vor, 
die Rechte zurück, und recke mich von. neuein gewaltsam aus, um die 
Grösse des Erhabenen in mein^ Kleinheit nachzuäffen.** J. H. Campe, 
Reise durch England und Frabkreick ü. p. 260. 



122 



— auch diß Wahrheit dea Eunstv^^erks isir eine verhüllte; 
genug, wenn wir fühlen, dass es das Wehen ihres Schleiers 
ist^ was unjä entgegenathmet, wenn' wir auch in diesem Ge- 
bilde die Nähe einer lebendigen werkthätigen Naturkn^ 
ahn^. Auch das einfache, vom ersten unbestochenen Augen- 
blicke abgelockte Geständniss eines wahrhaftigen Miumes, 
eines Künstlers, wie West, sei uns ein glaubwürdig^*e8 
Zeuguiss für dife naturtreue Gediegenheit- des yaticanischen 
Apoll,- als. wenn der Anatom jede Faser seiiies Präparates 
in diesem Marmor wieder fände. Winkelmann wird darum 
keineswegs einer Selbsttäuschung oder absichtlichen üeberr 
treibung geziehen. Jeder dieser Männer erfasste am Apollo 
nur die eine der entgegengesetzten Seiten, in deren Ver^ 
einigung eben das Wesen dieser Statue und der Triumph 
ihres Meisters besteht. Einem überirdischen Bilde, das, wie 
man glauben sollte, nur ein Seher in träumerischer Ver- 
zückung zu schauen vermöchte, ist durch die Macht seiner 
innem Wahrheit das Recht der Wirklichkeit geworden. Eine 
Gestaltung, welche auss^halb der physischen Möglichkeit 
zu liegen scheint, ist in den festen unverrückbaren Kreis 
der Natur getreten. Und, wie in der homerischen Welt 
f^uch das Wunderbare auf natürlichem Wege sich ergibt, so 
lehrt uns .dieser Apollo selbst an das Wund^ seiner Exi- 
stenz und seiner Erscheinung glauben, un.d hört dadurch 
auf, ein blosses Wunder zu. sein. 

Für den A^aerikaner West war also Äuch die Dimen- 
sion der' untern Extremitäten kein störendes Missverhältniss. 
Die langen Füsse des vaticanischen Apollo sind ja fast ^um 
Sprüchworte geworden, — im Allgemeinen nicht gerade zum 
Nachtbeil dieser Statue. Wenn auch Bemerkungen vorkom- 
men, wie die, dass ein^ solches Yerhältpiss sich eher fOr 
einen Läufer eigne ^ so wird doch von Andern in eben diesem 
Yerhältniss wieder etwas üebermenschKches eingestanden.'^*^ 

^^ z. B. bei LQUcbS) von der SebÖnh'eit des m^iscliliclien Körpers. 



123 



Nid^t mehr als billig I — Der Kanon des Poiykicft ist 
mit so vieleü andern Schäteen des AUerthums an Grunde 
gegangen, und aus den' besten noch erhaltenen Statuen, auf 
welche allerdings sein «Typus nachgewirkt haben mag, ist 
nichts so deutlich zu s^en, als dass er für die Griechen 
nur ein Gesetz war, ihre Freiheit zu sichern. Grewisse Eüna^ 
1er hatten sich ihr eignes System gebildet, welches dann 
wieder in der Hand ihrer Zeitgenossen und Schüler gar nmn- 
nichfaltige Modifikationen wird erlitten haben.. Polyklet's 
Statuen hatten eine gedrungtene Proportion^ ^ Lysipp var- 
klein^te das Haupt, und machte den Körper schlank und 
geschmeidig. '^ Unter den Malern suchte Zeiüxis in Haupt 
und Gliedern vorzugsweise nur Grösse auszudrücken. ^ Da- 
her finden sich deiin auch sicherlich unter allen' noch erhtd^ 
tenen Antiken nicht zwei, welche in ihren Verhältnissen 
vollkommen übereinstimmten. Wie weit sind die Kreise, 
welche die Natur selbst durchlaufen mag, bis sie aufhört, 
schöne Natur zu sein ! * Nicht* nur dem Geschjecfate und 
^Alter, auch dem Individuum hat sie seinen eignen Kanon 
der Wohlgestalt zugemessen. Sollte ihre Schülerin, die bil^ 
dende Kunst-, engherziger zu W^ke gehen? So gut d^ 
Grieche seinem Neptun eine breitere Brust, dem Herkules 
den stierähnliohen Nacken, ja der Minerva die -männlicb 
verengte Hüfte, dem Bacchus dagegen eine Annäherung an 
weibliehe Bildung geben, endlich sogar Mann und Weib zu 

Nürnbergs 1822. Dagegen Heins e: Sein karzer, schlank und 2artgefonn<- 
ter Oberleib zu den iangen Beinen niacht ihn zu einer ganz besondem 
Art Ton Wes^i^ und gibt ihoä Uebermenschliches. Ardingliello in. 
p. 83. 

'* quadrata tarnen ea (P« signa) taae trädii Varro.. Plin, h. b. XXXIV. 
p. 650. 

'' Statuariae. arti plurimuln traditur.contulisse, , capita minora 

faciendo, quam antiquiv<^n>o^fi>'^^iho^-) fiiocioraque, per quae jprooeri* 
tas major videretur. id. p. 652. 

"^ deprehenditur tarnen Zeuxis graodior in capitibus artiiculisqne. 
XXXV. 8. 36. p. 692. cf, Quirit inst ör. XIT. 10, p. 3®. 



134 



einem- neuen -wunderbaren "Doppejwesen verschmelzen, durfte, 
et)^i so gut mochten, auch - die Schenkel eines Apollo um so 
vi^ erhöht werden, als der Charakter dieses Gottes es er- 
heischte. Fügt sich doch die menschliche Gestaltenschönheit 
am leichtesten in diejenigen Modificationen eines absoluten 
Proportionkanons, durch welche sie an Höhe und Schlank* 
heit gewinnt. Denn die Längendimensiön ist in der Struc- 
tur des menschlichen Körpers die vorherrschende. Je höher 
und freier unsre Gestalt von der Grundfläche des Bodens 
emporstrebt, desto näher kommt sie dem Adel der mensch- 
lichen, der gottähnlichen Würde und Schönheit. Wir uns- 
ren Theils wünschten die Kluft nicht um vieles geringer 
ZT^nscheiT physisch oder moralisch kriechendem .Gewürme und 
diesem Apollo, dem schönsten, erhabenstem Symbole der auf- 
gerichteten Menschengestalt! 

Was das Verhältniss des Hauptes oder der Gesichtslänge 
zum übrigen Körper betrifft, so ist im Wesentlichen nichts 
Aüss^ordentliches an unsrer Statue zu bemerken. Der so- 
genannte Koloss des Phidias auf dem Monte Cavalk) ist z. B. 
noch schlanker, gehalt^i ; ^* ja man nahm hie und da keinen 
'Anstand, den Apoll als das Muster der schönsten Verhäl^ 
nisse anzuführen, als einen Kanon. der vollendeten Jünglings- 
gestalt für Zeichner und Maler. ^^ Auf keinen Fäll ist seine 

^^ Die Angaben variiren übrigens. Nach der gangbarsten hat der 
Apoll: 8. K. 1. P. 4. M.' Der Koloss des PHidias: 8. K. 7. P. 3. M. Der 
fameaisohe Herkules: 8. K. 3. P. 3'/, M. Dagegen der Apollino: 7. £L 
8. P. 4V2 M. Die mediceisdie Venus: 7. K. 7. P. 3. M. VergL Volpcdo. 
u. Rdtf. Morgh. princjpi del didegno. Nach Andran, les proportions du 
Corps hum. Paris 1683, hat der Apoll nur 7. K. 3. P. 6. M. Vergl. auch 
I{agedorn, Betrachtungen über die Valerei. Leipzig, 1762. 'p. 517. ff. 
Clarcic, 8ur la Venus de Milo p. 11. (Nach letzterem hat die Diana von 
Versailles 9. K.) Siehe auch Camper, über den natürlichen Unterschied 
d«r Gesichtszüge, übersetzt von Sömmering. p. 33. und über- das Ver- 
bal tniss der Breite zur Tiefe, p. 37. 

^^ A 1& figure enti^re ii faüt dan» sa port^ 
De sa tSte huit fcns la grandeur r^t^, 



las 



Lftngendimenaion bis zu dem Extreia einer dürftigen Un- 
form getrieben. Wirklich wird schon durch die niebts we- 
niger als kleinlichen Verhältnisse der Breitendimension im 
Verein mit der grossen Atilage der Muskelti die Schlankheii 
dieser Gtestalt zur Grediegenheit* gemässigt und ineinander- 
gedrlkigt Daher kommt ea auc^, dass die Bewegung der- 
selben, der hohen Füsse ungeachtet, und bei aller Leichtig- 
keit, so gehalten und männlieh fest erscheint Selbst die 
materielle Dimension der ganzen Statue stellt sich dem Auge 
grösser als sie in Wiirklichkeit ist, in erhabener Eplossali- 
tät, dar. 

Es hat nicht an Kunstkennern gefehlt, welche die Dir 
mension der Füsse .auf perspectivische Gründe wollten zu- 
rückgeführt sehen. Sie nahmen an , dass der vaticanische 
Apollo ursprünglich «ehr hoch aufgestellt gewesen, und schlös- 
sen daraus, dass jenes Uebermass dann durch Verkürzung 
müsste yerschwunden sein. Die Voraussetzung ist unbe- 
streitbar, aber die Folgerung falsch. Mit den untern ßs- 
tremitäten hätte sich au6h der Oberleib verkürzt, ja dieser 
sdner grossem Entfernung -vom Boden wegen, noch merk- 
licher ; un4 das Missverhältniss wäi^e zum mindesten dasselbe 
geblieben. Sollte wirklich nach Abzug alles dessen, was 
der idealen Bildung eines Apoll zukommt, und, wie wir be- 
merken werden , noch, auf einem andern Wege auszugleidien 
ist,' immer noch mebi übrig bleiben, als sich mit der son^ 
stigen Trefflichkeit der Statue Vertragen will , so wären auch 
die übrigen Verhältnisstheile unsrer St€^e nicht ausser Acht 
zu lassen. Genauen Messungen zu Folge ist z. B. auch die 
Parthie von der Spaltung der f^sse bis zum Nabel, und die 
nächste bis zum Brustbein, jede um ein Verhältoisstheil län- 
ger gehalten, als sich diess gewöhnlich in der Natur oder 

« 

C'est amdi qu* ApoUon, Toracle des beaux arte, 
Le preecrit ä Tartiste en charmant' ses regards. 

WateUt, 



126 



an andern Statuen findet. ^ Demnach w^en an diesen Thei- 
len die verlängerten Dimensionen der Fttsse fortgesetzt, die 
untern Extremitäten unsres Apoll nicht so wohl verlängert, 
als der obere Thöl der Statue verkürzt. Statt nun "anzu- 
tiehmen, dieStathe sei für einen hohem Stimdpunkt bloss 
darum b^*echnet, damit sie diesen wieder vernichte, und 
sich- durch perspectivische Täuschung mit dem Beschauer 
auf ein und dieselbe Grundfläche stelle, statt dessen stünde 
eher zu vermuthen, dass sie bestimmt war, diesen höher^i 
Standpunkt tu anticipiren, an sich selbst darzustellen. Wir 
sollen den Gott nur über uns hinschreiten sehen. 

- Misslicher steht es, dem Anschein nach, um die Un- 
gleicfabeiten od^ Fehler, welche sich gegen da»* Maas der 
sjnmietrischen Theile' am .Apollo finden sollen. So heisst 
es, d^r linke zurückgesetzte Fuss sey länger als der redite. 
Man will durch sorgfältige Messung die Minuten des Ueb^v 
Schüsse» gefunden haben. ^1 Die neueste Rechtfertigung die- 
ser Ungleichheiten, von der Nothwendigkeit hergeleitet, bei 
Ifermorbildern aUes recht fest zu stellen, ist nicht annehm- 
bar; ^ denn der linke zurückgesetzte Fuss ruht nur mit den 
Zehen auf, und wird durch einen Untersatz festgehalten. 
Auch trägt eine nur um wenige Minuten engere oder wei- 
tere Oefhung der Füsse nichts dazu bei, ein MarmorMld, 
wesm es wie unseres construirt, uhd schon durch eine be- 
trächtliche Seitenhülfe gestützt ist, fester s^ halten. Zum 
guten Tbeile mag übrigens das gerügte Missverhältniss nir- 
gend vorhanden seyn, als in der Unwissenheit gewisser Be- 
schaxtöv. Der linke Schenkel muss, wenn er naturgereoht 
gebildet ist, länger erscheinen als der rechte! Durch das 

. - '^ Nach de Püm* Bdmerkuüg. yergh Hagedorn, BetracktuQg«ii über 
die Malerei, p. '541. MiUin, dictionnaire des beaux arts; III. p. 389. 390. 

^ Nach Ändram (1.1. pr^ace) beträgt der UeberschHBS des linken 
Fasses ungefähr 9. M. £ine genauere Angabe im ihu, NapoLr I. p. 46. 

** S. Tölken, über das Basrelief, p. 150. * 



127 



yorschid[)en der PittdIa, welches b^ der Beugung eines 
Fusses entsteht, rarlöngert sich nöthwendiger Weise die Di- 
mension desselben. ^ Dagegen ist, die Statue rom Rücken 
gesehai, ein wirkliches MissYerhÜltniss zwischeii dem Unter- 
schenkel zum Obersclienkel des linken Fusses niöht zu laug- 
nea, ,Die EniekeMe . ist riei zu hoch gestellt Ueberhaupt 
vertr&gt diese Seite keine strengere Kritik. Der Eindruck 
unt^ dem linken Wadenmuskel sollte schwächer^ seyn, und 
von diesem Punkte an bis zur Ferse rerräth sich in der 
ganzen Bildung- des J\isses ein gewisses Schwanken, eine 
weichliche Unsicherheit der Form. Die Ferse endlich ist 
mangelhaft gebildet, xmd der linke Schenkel eine einzige 
ungesOniderte^ schwerfällige Masse. 

Mn und das andre ist zuverlässig auch hier dem Au^ 
steller und Restaurator beizumessen.' Doch soll uns auch 
das übrige den Werth dei vaticanischen Apoll . nicht aber- 
mals verdächtigen. Wem ist es entgangen, dass unsere Sta- 
tue, jene kleinen Störungen ganz bei Seite gestellt, schon 
was ihren Gesammteindruck betriflPt, von verschiedaien Sei- 
ten betrachtet, voti ganz verschiedener Wirkung ist? Mit 
jedem neuen Stahdpunkte zeigt sie* neue Schönheiten,, ab^ 
auch neue Abnormitäten. Dem 'Beschauer, der von jenen 
angezogen, von diesen abgestossen wird, theilt sich ein ge- 
wisses unruhiges Verlangen ncu^h einer endlichen vollen Be- 
Medigung mit Er ahnet mehr nur die Kähe eines vpUkom- 
menen Kunstwerks, als dass ev der umnittelbaren Gegenwart 
desselben versichert wäre. 

Die ganze Rückseite des Apollo ist als nicht vpi^anden 
zu betrachten, und alle übfigen Profile dienen nur dazu, um 
uns auf. ein dnziges zurückzufahren, l^'iemand wird den 
Apollo z. B. bloss vcfn dem Standpunkte aus gezeichnet 

'* H. Mey^er/dem man doch ein geübtes Augenmaass zutrauen darf, 
findet den üntörsehied unmerklieh. Er beträgt demnach vielleicht gerade 
nur so yiel, als die Beugung des ^Fasses erfo^ert. 



12a 



wünsche , wo die rechte Seite der Statue ganz in's Prc^l ge- 
rückt ist. Die schöne Bildung des Rumpfes, die freie Wöt 
bung der Brust, die grosse AusbeugUng der Rippeü*, die 
Saub^keit des Serratüs wird auf keinem Standpunkte so 
sichtbar wie auf diesem. Aber wie beleidigend tür das Auge 
ist sdion die blosse Wendung des Hauptes ! Das Angesicht 
ganz abgekehrt, dann der Hals wie verdreht, der rechte 
Fuss vom Bamnstamme, verdedct, dasv^Ganze verschoben und 
zerstückelt. 

Treten wir etwas weiter vpr! Der Baumtronk weicht 
zu unsrer Linken zurück, und lässt den rechten Fus» zum 
Vorsdiein kommen. Die Höhe desselben, mit dem Stamme 
des Körpers verglichen , ist nun wirklich zum störenden MiTss- 
veifhältniss geworden. Diess mildert sich, je weiter wir uns 
gegen die linke Seite der Statue fortbewegen, aber, nur, um 
neu^, immer mehr empfindlichen St^^^ngen Platz zu ma- 
dien. Granz besonders gilt diess von der Seite, auf welcher 
m€m in unsren Antikensälen dea Gypsabguss der Statue un- 
geschickter Weise,, gewöhnlich zuerst erblickt: das Gesicht 
im Profil, der rechte Fuss en face. Mit der Schönheit ctes 
Hauptes, welche hier durch die Schärfe und Bestimmtheit 
der Profilansicht iii. höchster Klarheit hervortritt, steht schon 
die Bildung .de$ Halses im grellsten Widerspruche. De^ so- 
genannte Kopfhicl^er (stemocleidomastoideus) ist nicht be- 
stimmt genug hervorgehoben. Wenu auch dieser Muskel in 
der Natur, ehe er aioti in seine zwei Portionen theilt, eine 
ziemliche Fläche erreicht, und dem grössten Theile nach 
y(m dem, übrigens sehr dünnen, obersten Halsmuskel (dem 
latissimus K^olli) bedeckt ist,- so Zeichnet er sich doch innner 
mit der . grössten Bestimmtheit und Schärfe ab. Ueberdiess 
bat sich an diesem Theile der Statue ein falscher Schatten * 
gebildet. Es hat den Anschein, als wäre der Muskel, statt 
am Hihterhauptb^ne, mit breiter Fläche an derMaxill^ an; 
gesetzt. Und nun trete man e^st in ' die gehörige Ferne 



lae 



zurück! Bas PröfiUdes Angesichtös zeichnet ^ich achlecht, g^6n 
die Wendung des Körpers gehalten; unzusammenhängend, 
abgerissen«^ Mehr.noch! .der Kopf ist aufiallend zu weit gegen 
die rechte Schultz hin gestellt, das linke Schlü'sselb^n um 
ein sehr beträchtliches Stück länger als das re>0hte. Ein 
Versuch, Muskulatui: und Knodienbau. des Apoll auf dieser 
Seit« mit anatomischer Genauigkeit in's Einzelne auszuzeich- 
nen, gelang in alleR ISieUep', um Brust und Hals scheiterte 
^r. gänzlich. Der Brustmuskel, besonders der rechte^ hat 
überdiess niiht Masse genug; der Thorax selbst scheint ein- 
gehaucht^ engherzig. Man begreift nicht, wie Herder z. B. 
§0 viel Wesens yon der Brustwölbung des Apollo machen 
konnte. Der rechte Arm- starrt ungeschickt, liiikisöh voth 
Körper- ab, und die ganze Stellutig der -ßtaiue hat etwas 
Aengstliches , Unsicheres in der Haltung der JFüsse und. des 
Rrumpfes ; -man weiss den Schwerpunkt nidit zu finden.' 

• Doch warum so lange bei' diesem Trugapoll verweHen, 
statt deaa wahrem zu suchen? • Wenden wir uns dem Stand- 
punkt zu, auf welchem unsre Statue einzig und allein be- 
trachtet ^ein -will ! Alle früher nur vereinzelten Schönheiten 
strahlen hier in Einen Punkt zuisammen, und was miiSsfällig 
war, verschwindet. Es ist diess' die Seite, gegen welche -der 
litike Arm gerichtet ist. Man inuss sick ab^ hüten, nrdbt 
so weit rechts zu treten, dass der. bezeichnete Arm izu stark 
verkürzt wird, ujid der Punkt, wo der Mantel an den Leib 

« 

anschliesst, zuin Vorschein kommt. Auch darf die Rippen- 
Wölbung vom rechten Aröie höchstens den obern Rand des 
fficep«! -verdecken. Der Baumtronk,- weichet: hier nur stö- 
rend, dort z.um mindesten überflüssig war, ist nuEi ToUkom- 
m^n-an seiner Stolle. Die einfachen Linien und Wölbungen 
des rechten Fusses werden nur-noct kräftiger von der rau- 
hen Oberfläche des Stanjmes hervorgehoben ; ja es dient die- , 
sei: uusrem Auge zu einem Anhaltspunkte, an Welchem das 
Yörjibersdurdtern und Verweilen des Gottes erst recht 

Fe u er ba-ch, der vaticanische Apollo. . 9 



130 



vesansc^aalicht wird. Die hohe Dimension -des rechten Fasses, 
— der linke tritt ohnedress in den Hintergrund — gehört 
nur noch d^ erhabenen Architektonik einer göttlichen 'Ge- 
stalt in. Die linke Seite des Rumpfes, welche mit jenem 
rediten Fasse durch grosse,, gleichstarke Schattenmassen in 
ein Wechselverhältniss getreten ist, wird durch das Empor- 
quellen der Brust und der linken gehobenen Schulter zu 
einer Höhe und Grösse entfaltet, welche das Auge mit der 
Dimension jenes Fusses vollständig aussöhnt. Durch das 
Emporgestreokte der linken Seite des Rumpfes wird auch 
die Einbeugung der in's Licht gestellten, eritgegengesetÄt^ 
Seite um so fühlbarer, und der Blick überredet; den Theil 
de9 Uebermasses am rechten Fu&se, aiif Rechnung, des 
über ihn eingebogenen ,' und darum verkürzten. Rumpfes zu 
schieben. Auch die oben gertigte Stellung des Haüpt^ witd 
nicht augenfällig. Schon die zahlreich züsamifiehg^rängten 
Falten des über die Schulter geschlagenen Mantel^ lassen, 
sa zu: sagen, ein mühselig nachmessendes Aug^ gar. nteht 
zur Besixumng kommen. ' Die schräge Senkung der grossen 

* 

Lini^ vpn der gehobenen linken Öchttlter .bis ^ur gesenkt^i 
rechten hinab, die- Maisse der linken tiruat, verglichen mi^ 
der Dürftigkeit der rechten, die fehlte der Drapirung hier, 
und dort der nackte schlanke Oberarm , alles di^ stellt siöh 
mcht als ungehörige' Verlängerung und Verstärkung der Kn- 
\LGSk Seite, sondern als ganz natürliche- p^^spectivische Ver- 
"kürzung d^ rechten dät. Nun wird auch begreiflich, warum 
dem rechten Deltamuskel- etwas von seiner natürlichen Masse 
gtoommen ward/ Es galt, ihn mehr in den Hintergrund 
zu bringen; die Rückwärt^wendun^ des. Rumpfes eindring- 
licher zu .maolien. Von diesem Standpunkte aus ofiTenbart 
sich endMch auch' der Ausdruck des Köpfer in seiner gan- 
zen seelenvollen SlÄrke, "und der Conkast der Glieder, die 
Bohw^bendejBaltung des Rumpfes^,. enthüllt die voUe höchste 
Bewjeglichkeit der Gestalt. Eben diese vom Wechsel, des 



131 



Augenblicks bewegte Bildimg aber macht' uns auch glauben, 
daas in ihr das strenge Ebenmass der ruhigen Gestalt gar 
nicht zum ruhigen fixirten Anschauen gelangen konnte. Die- 
ses leichte ye]:änderliche Spiel der Glieder, überreden wir 
uns, hat ein ^nliches der YerhäUnisse herbeigeführt, aber 
der nächste Moment, eine Idchte Wendung des Rumpfes 
wird uns mit .dem Anblick der geregeltsten Wohlgestalt er- 
^ freuen. 



*. 
' t 



132 



VIII. 

N^fitMy ut^Kirt ravra vo^uara pätv ivi Sr]^tp. 
Ov ydp ng Tooov ifttmiöerou' ov ydf iatfo. 

(Hom.) 

Der kürzeste Weg, aljes, was ein vaticanischen Apoll 
in Abacht *auf Zeichnung-, Anatomie, Charakteristik und der- 
gleichen mangelhaft scheint, ein für allemal zu beseitigen, 
vröre die Behauptung, dass wir in dieser Statue nur die 
Copie eines weit trefflicheren 'Originales besitzen. DuriJh 
eine Entdeckung unsrer Tage iat dem Zweifel an der Ori- 
ginalität des vaticimischen Apoll eine wichtige Stütze ge- 
worden. Gewissen Kennern wollte es nämlich t>^ünken, 
dass die Anläge des vaticanischen Apoll im Ganzen, wie die 
Behandlung einzelner Theile, nicht dem technischen' Cha- 
rakter eines Maroiorbildes entspreche, dass eine Figur wie 
diese ursprünglich für ein andres Material müsse bestimmt 
gewesen sej^n. Mit Einetn Werte, man stellte die.Hyi>othese 
l^uf: die Ori^nalstatue, welche in der unsem copirt worden, 
war nicht' aus Marmor, sondern aus Bronce. 

Was schon den blossen Kunstfreund ifür die Aimahme 
dieser Hypothese stinmien mag, iat^ nächst dem Untersatze 
des Imk^i zurückweichendaiFusses, der ßaunistamm, wel- 
eher dem reehten SHisse, und mit jhm isugleiah dem ganzen 
Marmorbilde zur Stütze dient Ohne diese^ blos durdi djBUi 



133 



Material bedingten Auc»enwerke^ würde, die leichte Stellung 
uDsreit Statue noch ¥iel frapi^anteif sein. D^ Grott scjbl&ne 
wirklich den freien Luftraum zu ' durcbschweben ; k^n Oel- 
baumstuRipf erinnerte mehr an den niederen Bedarf der 
^nahrungsprossenden Erde.^ Durch \^dnhät des Qusses 
konnte die Statue, wenn sie aus Bronce gefertigt war, sich 
selbst im Oleichgewicht erhalten. Im äussersten Falle wa- 
ren im Innern des Werkes Hülfen anzubringen, welche, dem 
Äugendes Beschauers verborgen, denselben Dienst leisteten, 
ohne durch die löstige Mahnung an das p^saische Bedürf- 
niss des Materials und der Technik die eigentliche Eunstan- 
sclhauupg zu vergällen. Wirklich finden wir, unt^ den Be- 
weisen der Hypothese vor allen (diese Marmorstützen auf- 
grführt. ^ 

Dagegen lässt sich im Allgemeinen- nichts erinnern. Die 
entschiedenen Vortheile, weicht der Bildgiesser ror dem Mar- 
njorbildner voraus^hat, wird Niemand bestreiten wollen. Die 
ini höchsten. Grad excentrisch- gestellten Bilder der Alten, 
ein myronischer Diskuswerfer, ein Apoxyomenps des Poly- 
' kl^t, der Kairos dös Xysippus waren aus Erz., Ueberiiaupt 
hatte es der Grieche zunächst wohl der Bildgiesskundt zu 
verdanken, wenn die Plastik wirklich zu einer Leichtigkeit 
und Freiheit der Bewegung durchdrang, welche seinen Wün- 
schet gemäss war. Schon dieFüsse der dädalischen. Schnitz- 
bilder waröi getrennt; das erste schreitöide Bildwerk aber 
aus. gewichtigerem Material, <läs erwähnt wird ^ war ver- 
mathlich der Apollo, welchen Telekles und Theodorus, die 

9 

Erfinder des Erzgusses, gefertigt hatten.'^ Gewiss wissen 

' n obsenre (Viscoati), qae le {»ed gauclye ß ea beaoin dans Ib 
marbre d'un Support, qui en diminue la l^ret^^ et qui n^anratt pas U^ 
neoeeoaire dans une statue de bronze^ qvit la beaut^ de la euisae.et de 
la jwpabe droite An^^perait^d'avajdtage, d ces partiee De tenaient pas au 
trone d'olivier, <]toiit Tartiste n'i^ pü se passer dans une figure de loarbre: 
n. 2. zur Erkl&iting. im Mn%^ par Bou^km, Ap. de Belv. 

^ Vergl. über diews merkwürdige Bild BöHiger-s Andeut. ^. .53. 



134 



wii^ dass die dus^erst wichtige R^el, alle Statuen, auch 
die*tiicht ausschreitenden, nur auf Einenä Fusse ruh^n zu. 
lassen, •von einem Statuaren barrübrte, d«Di Pölyklet Vöo 
Sicyum. Einem Statuaren also gehört die Neua*ung, weldie 
die Statue eigentlich erst zur griechischen. erhebt, indem, sie 
aücjt in die Ruhe Bewegubg bringt^ ^ Waren aber di6§e 
und ähnliche Vedbesserungen nur für die Bildgieaser, nait 
ihnen etwa noch für Plasyten und Xyloglyphen fruchtbringend, 
für den Marnidrbildner aber verloren? Haben wir uns die* 
sen in: seinei^~ Marmorbrüchen, ^ie in den Latomian von 
Sjxakus festsitzend zu denken, ''während die St^tuaria, und 
ihre mehrbegünstigten Schwesterkünste in stetem Portschritt 
begriflfen, ihre Bilder zuitnmer freierer. Bewegung zu ent- 
fesseln strebten? Was wenigstens die Regel de^ Polyklet 
betrifft, so liegt es am Teige, dass auch der Marmorbildner 
in ihr ein unverbrüchliches Gesetz erkannte. 

Bei allen griechischen Marmorstatuen, welche wir be- 
sitzen, bei aJl.en, keine ausgenommen, Ist der Schwerpunkt 

und besonders Thiersc^h's EpocHen Lp. ^. mit den hier angeführten 
Stellen;' Dass dei* genannte Apoll aas En war, ist zwar nicht zu be'- 
Reisen, aber sehr wahrscheinlich. Die Art, wie beide Künsäer dieses 
Bild, von einander getrennt, Yerfertigt h^l^Q sollen, ist kanm bd einem 
anderen Materiale denkbar, als .einem solchen, das sich aufs genaueste 
ihechaiiisch in eine gegebene Form fügt. " % 

-» Piropriiim ^ji(sdem (Polydeti) ut unö crure 'issisterent/signa, exr 
cogitavisse. PHn. h. i^, XXXIV. s. 19. ^p. 650. Ich sagte im Textiiwioh 
die ruhigstehencjen ; denn mehrere Bilder, welche dem Styl nach zu 
schliessen, vor Phidias und Polyklet gehören, -haben die Füsse geöffnet, 
und zwar schon, so, dass der Schwerpunkt auf öinen übertragen ist. Diese 
müssen dann auch sammt-.und sonders, wenn Plinius' Angabe Sinq. haben 
soll 5 für schreitend genommen werden, wie der früher angeführte barbe- 
rlnische Apollo, die Minerva in Dresden, und die wahrscheinlich noch 
äiiere in <lei' Villa- Aibani. <S. die Abbildung bei Winkelmann. Alte 
Denkmäler, Nro. 17. opp. VII. t 4. A.). In allem, was leichtert Bewegung 
betrifft^ war^ die Statuaren den Skulptoren' vorangegangen. ;^r6t. Hessen 
sie die schreitenden Bilder .nicht mehr nach AH der «ägyptischen gleich- 
massig auftreten, uhd die HaKmorbitdner Ernten 4ie«8 iia6h, bis endlich 
Polyklet $eu bezeicbneten Stand zum Gesetz für ftlle Bilder erhebt. 



135 



auf EuiQn Fuss übergetragen^ Schon diese Aneignung dag 
Vortbeil8 einer fremden Technik lehrt deutlich genug., daas 
jene Eris, welche Heaiod die gute nennt., auch yom Kreise 
deF Kunst nicht ausgeschlossen war. Der Nachbar beneidete 
auch ^hier den Naehjbar, der. Künstler den Küqstler.^ Die 
Marmorbildnerei ein^ üind aUein auf das beschränkt, was 
sie mit vollkommen ungefährdeter Sicherheit und Bequem- 
lichkeit, mit Yersc][imähung^^.eder helfenden Stütze zu leisten 
vermag, würde endlich von' ihrer geschmeidigen Nachbar^ 
kunst ganz und gar verdrängt worden sein^ und diess .um 
so sicherer, je mehr die Plastik im Laufe der Zeit an Man- 
mchfaltigkeit d^ Kunststoffes, die Statue an Regsamkeit ge- 
wonnen hatte. 

Die moderne Kunst erschöpft sich in Ersinnung von 
Mitteln, jede Stütze der Nothdurfi;,' wenn sie durchaus nicht 
entbehrlich ist, doch so viel als. möglich zu bemänteln. Tau- 
send Zufälligkeiten werden erkünstelt ; ein Gewand muss der 
ßchulter et^tsinken, ein Pferdeschweif in der Erde Wurzeln 
schlagen, um Boss und Mann im Gleichgewicht zu halten, 
und was dergleichen Nothbehelfe mehr sind. Es herrscht 
hier im Grunde dieselbe Aengstliohkeit, welche einen Ze- 
phyr, oder, im Nothfalle, Sturm und Wetter zu Hülfe ruft, 
um durch das Ende efnes Schleiers oder den Zweig* &nea 
Strauches sowohl die griechische Nacktheit, als das paradie- 
siftche Feigenblatt zu umgehen. Dem Ifarmorbilde den nö- 
thigen Halt zu geben, wussten auch die griechischen Künstle 
gewisse Zufälligkeiten zu benutzen. Oft ist es. erfreulieh zu 
i^ben, wie ^glücklich und naiv der niedre. Bedarif der Haitd- 
werkstechnik. zu einer gewissen Eimstfreiheit geadelt, ist 
Wo^ sich aber die Gelegenheit hiezu ^cht ungesueht, von 

* — — — — t^f^lol Si TB ysirova yüriav 
£t$.äpp^ov ö/t9vSovr' dytxd-j^ Siptg f^Sti /Speroi^i. . ' 

Kai iupaflivg n^^äfiai, noiüi xoj Hnrovi rixrov. 

. . Opera et dies y. ^. flf. 



136 



selbst anbot, verschmähte der Grieche jede Kunstsophisterei, 
und ging offen und ehrlich zu Werk. Der nlU^hste beste 
Baumstamm, ein Balkep mit Querbalken versehen ,• that in 
den meisten Fällen den gewünschten Dienst; und eben diese 
geniale Gleichgültigkeit, ob die Stütze ^ sich als Stütze ver- 
rieth oder nicht, ist der unzweideutigste Beweis, wie wenig 
der. Marmorbildner .dem Statuaren allein den Kranz einer 
fessellosen Bewegung zu überlfissen gesonnen war. ^ Die 
Gestalt des Bildners sollte nicht als Mimnor- oda: Erzfigur 
sich bewegen oder ruhen, son.dern als Gestalt ^ und die der- 
ben Forderungen des Materials wurden meistens eben so 
derb\- d. h, blos materiell befriedigt, gleichsam uiB den lä- 
stigen Mahner nur los zu werden, und für höhere Zwecke 
freie Bahn zu gewinnen. - 

Wir besitzen Marmotbilder, welche ninbezweifeltCopien 
berühniter Broncen sind ; ' unter ihnen der sdion früher an- 
geführte Raub. des. Gauymedes nach-Leochares. Die Coh- 
strüction dieser* Gruppe widerspricht direct aller gesunden« 
Vernunft dner Marmorpraktik unsere Tage, * Doch ist in 
solchen Werken sicherlich weder" ein. seltnes Beispiel von 
Copistep- Unverstand' zu sehen, noch eine poetische lic^iz, 
welche die Toleranz des Griechen etwa nur dem Copisten 
zugestanden hätte. Die Idee eines grossen Meisters kehrte 
in Griechenland in gar manniclifachen Hüll^i des Materia- 
les ,wieder, • Der Jupiter des Phidlas aus Gold und Elfenbein 
war das Musterbild dieses -Gottes für Statuaren und Marmor- 

* - • 

lÄldner, und wie manche berühmte Statue ,mag selbst von 
den ausgezeichnetsten Meistern eiiker fremden Technik aufs 
treuste nicht blqs nax^hgeahmt , sondern copirt worden sein ! 

^ Gleighe Freiheit erlaubten sich die alten Bildner auch bei« einzel- 
nen Theilen der Statuen; vergl. Winkel mann, Gesph. d. K. opp. V. 
p. 102., ff. . . ' 

' '^ Streng genommen auch , der Broncetechnik ^ der Plastik überhaupt. 
Man sieht da wieder recht , wie weit (Ue Gdechen über die natürlichen 
materiellen Sehranken der bildenden Kunst hinauszugehen sich edaujbten. 



137 



I>a86 die yerechiedenen Arten, dem Ma3*iiK)rbilde durch 
Stützea zu Hülfe zu komi^en, zuerst von den Gopisten ulid 
Nachahmern berühmte Broncen. angewendet wurd^i^ lässt 
sich venliutheti. Gewiss' aber blieben sie nicht bloa auf 
diese'beschränkt; jene Pfeiler und Baumstämme waren nicht 
wie Marksteine hingßstellt, um es dem antiken Kunstfreunde 
bem^kbar zu machen, dass ör nunmehr an den Kunstbe- 
zirk der Marmorcopisten — nach Bronoeoriginalen igelangt 
6d. DAß Auge hatte sich bald an diese Beiwerke gewöhnt, 
u^ld was die Noth herbeigeffthrt, blieb in der Folge nicht 
etwa blos eine stillschweigend gebilligte Ausflucht genann- 
ter Copisten, sondern wurde stehender Typus der gesamm- 
ten Marmortechnik. Wer hätte sonst auch die gelungenste 
üeberfaragung eines Erzbildes in Matmor taur - einea BUcI^ 
gewürdigt? -^ Ist ein stützender Baumtronk untrügliches 
Zeiche» eineis Vorbildes aus Bronce, so stehen in unseren 
Autikensälen nichts als Broncecopien , sa gehören in diese 
Classe alle Statuen, welche nafeh der; Regel des Polyklet ge- 
stellt sind, auch die ruhigst^enden, die Statuen in freiw^ 
Bewegung ohnediess,' unter diesen oben an der Borghesifiche 
Fechter, und zuletzt erst der vaticanisQhe Apollo. D^an an 
(fiesem ist ja der Baumtronk,- selbst für unser verwöhntes 
Äuge, nicht nur nicht störend, sondern. sogar erfreulich durch 
Bedetfttsäml^eit und malerisch plastische Wirkung; J& ge- 
hört y. man weiss nicht was dazu * um in ihiö gleich von 
vornherein die Marmbrstütze und nichts als diese zu erken- 
nen; • Wem in aller Welt Icann der vaticanische Apollo 
vorkommen, wie wir. ihn bei Böissard beschrieben finden: 
„Äpplla Pythius, so auff einem stumpfen Baum liegt, um 
den wickelt sich ein schupffigt Schlahg mit. vielen Ringen l^^ 

An sich betrachtet ist der Baumtronk freilich Stütze — aber 

ff 

^ Böissard, topogr. 'ürttis Romae, übersetzt dvttch de Brs^ (Frankfurt, 
1681r).'* p. 9. Im Jajbeimsclien Originaltext: ApQllo Pythius, qui truBoo 
arboris nititur. p. 13. , 



138 



nutt. wird auch die mediceische Veous fiir eiüe Broncecopie 
zu ^erklären- j9ein;. denn aller tledeatsaudceit. ungeachtet, 
welche der Delphin au ihren Füssen haben mag, schützt die- 
sen nichts gegen den Von;^^urf, an sich betrachtet, eine blosse 
Krücke der NoÖidurfl zu sein. . Die. Amorinen> am Seethiejj^ 
wenn sie acht sind , erhöhen strenggehon^nen sogar den Verr 
dacht eines Bronöeoriginals. Sie yerrathen das ängstliche 
Bemühen des Copisten , durch so viel Bedeutsamkeit als mög- 
lich das scharfspähende Auge der Kritik, ^u blenden. Der 
Künstle ist, wie ein schlechter Dichter, ^rst da recht tief* 
sinnig geworden, wo Sinn und Verstand ihm ausgegc^i- 
gen war. r 

Was die Schwierigkeiten betrifft, welche dem Marmor- 
bildner entgegenstehen, wenn er der gefügigen Bronce nahe zu 
kommen beabsichtigt, 30 mag darimter eine und die andere 
zu den unüberwindlichen gehören. Nur dass man den alte^ 
Künstlern Griechenlands, wo auch die handwerksmässige 
Praktik der Kunst im . langsanpien und ununt^brochenen Fort- 
schritt zum Bessern durch Familien und Schulen, von gwa- 
zen Jahrhunderten äu Jahrhunderten sich vererbte, keine ge- 
ringere technische Wissenschaft zutraue, al$ mancher mo- 
derne Künstler an den Ta^ gelj^t hat. Das Material ^uas 
dem Künstler, nicht dieser jenem gehorchen.^ -^as hat 
Michelangelo, was *hat Bernini nicht alles dem Marmor bie- 
ten dürfen!^ Tön eioem mütbigen Öpide mit der Sjwödig«- 



^ So eagt Falconet von der Forderung, dass der Künstler sich nach 
dßA Dimensionen des Märmorsr bequemen müsse: Ce saroit- trop ^tendre 
«es toix., 3i on disoit', que la sculpture ne peut se livrer & Tessor dans 
ses compositions, par Ja contrainte' oü eile est de se soumettre aiix df- 
sfiensions dHin bloc le marbre. ' II ne'faut' que voir'le gladiateur etl'Ata- 
lantJE): ces figores grecques prouventassez, q^e le marj>re obät, quand ]e 
sculpteur sait lui Commander. . Refkof. sur la scülp, opp. I. p. 20. 

'Diesen Ruhm hat dem Bernini noch Niemand, streitig gemacht. 
Man vergleiche auch nur seine -berühmte Gruppe: Apoll und Daphne bei 
Cicognara, storia della scult. III. tav. 1. 



139 



keit de& Materials, von jener Eitelkeit, welche vielleicht zu- 
fiälli^ ein Kunstwerk, zn Stand bringt^ wo es ihr eigentlich 
nur um ein Kunststück tu äiun war^ inögen die' griechischen 
Künstler freigesprochen werden. Brauchten sie .aber darum 
weniger Meiste der Technik zu sein, weil diese Meister- 
schaft, für sie nur das Mittel tiner höheren war? 

üebiigens fehlt es gar nicht an den unzweideutigsten 
Nachrichten von Marmorbildern , in welchen der Künstler 
durch ezcentrlsche Stellungen, oder auch durch eine Viel- 
heit feiner Einzelheiten , der gewichtyoUen Masse, wie der 
Oebrechlichköit des. Materiales, Trete geboten hatte. Aus 
Marmor war die Löwin des Arcesilaus, von spielenden Lie- 
bes -Göttern umgeben,. ^^ aus Marmor waren die Mänadeu 
und Thyaden des Praxiteles, ^^ 4er Kampf des Herkules mit 
Antäus von demselb^i Künstler, ^'^ das Ringersymplegma des 
Gephisodot, Pan und Olympus von Heliodor; aus Marmor 
die Nymphen vop Centauren getragen in der Sammlung des 
Asinhis Pollio.^^ Plin^us erwähnt einer Quadriga, Ross und 
Wagen samt Apoll und Diana, alles aus einem einzigen 
Steine;'^* eine cmdre Gruppe, Zethus, Amphion und Dirce, 
samt Stier und Strick, aus einem Marmorblock. ^ Statuen-^ 

# 

*^ ArcMÜaum qnoque magnificat Varro, ci\ju8 se mannoream habuisae 
leaenam ttadU, aligerosque luctentes cum ea Cupiduiefl, quorum alii reli- 
gatam tenerent, alii e cornn oogerent bibere, alii calcearent soccis, omnee 
ex .UDO lapide. Plin. h. n. XXXVI. 8. i. p. 731. Jf an ;yergL v^t diesem 
Werk in teoliniBcher Betiebnng -den von Genien- umlagerten Nil. Mui, 
PUhCkjn, J. t 37. 

•• PUn. h. n. II p.m. , - 

*^ 1^ npog 'Avraiov ircLli^. Zwar in einem Giebelfeld, gewiss aber voU- 
•komm^ene Statue. Pau$aiiL IX. 11, 6. p. 581. 

'^ Piin' l l p. 730. p. 729.. Hit Gruppen, wie diese Centanren -mögen 
gewesen sein, kann verglichen werden der eine Nymphe entfahrende Tri- 
ton.. Mus. PühClm. I. t 33. 

** Quadriga currusque,- et Apollp «c Diana ex uno lapide. PUn. 
p. 730i^ ' . • ^ 

*^ Zethus et Amphion ac Diroe et tanrus, vinculumque ex uno lapide. 
p. 729. (Ein Strick aus Stein, wie so ganz unelastisch! — ) Jfan muss 



140 



trttmmer auf deBi. Campidoglio lehren- uns, dass die Alten 
in Marmor nicht minder riesenhafte Kolossen zu bilden ^präg- 
ten , als in -Erz* ^^ Noch* heut z^ Tage bliekt der Wan(Jrer 
staunend zu den beiden Roßsebändigem auf dem quirinali* 
sehen Hügel empor, — Kolossep, deren Grösse der Formen 
und Kühnheit der Stellung sehwin^lel^^regend ist. Und be- 
sitzen wir, damit auch die Möglichkeit jeher Marmorcom^ 
Positionen, welche 'Plinius nennt, beglaubigt sei, nicht "noch 
dicvöruppe des. Laokpon und seinw Söhne? Wäre das Wun- 
derwerk des rhodischen Triumvirates untergegangen, was 
wtlrden wir sag^Q, wenn' es ausführiich in .irgend einem 
Altoi, etwa im Plinius, beschrieben stünde, so wie wir es 
jetfct* noch vor, Augen haben? Wenn wir d^ hörten von 
einem Manne in wilden Zut^kungeti deß Schmerzes,- mit den 
Armen ringend, die .Brüst emporgehoben, das Gewand der 
Schult;^ entsunken; von einem Knaben, wdch^ kaum mit 
der Spitze des Füsses die Erde berührend, frei zu schweben 

ee n^it der Angabe, dass diese. Gruppen auß asem einzigen Blocke waren, 
freilich so geüau nicht nehmen. . So ist es TonLaokoOn erwiesen, daas er 
aus mehreren Stocken * zusammengesetzt ist. Vergl. MueSt Ncipohmi. 11.' 
p; 136, 137. Doch aber beweisen diese ScliHderungeu,: wie vfel djer Be- 
wunderung würdiges m jenen Werken schop^ durch die blosse Technik 
geleistet war. Der Mensch sieht gerne, wo alles Mögliche geschehen ist, 
auch das Unmögliche erreicht. Dahin gehört offenbar audi die "v^under- 
lic^e Sage, dass in den Marmorbrüchen von Faros durch die blosse jSpid- 
tung ein^ Marmorbrockens das Bild eines Silen entstcmden sei. Gleba la- 
pidis unius cunöis dividentium s^üta, imagTnem Sileni ezstitisse, .PItn. 
{. l. s. ö. p. 725. Aehnl^ches erzählt Cicero nach Kameades von den 
Steinbrüchen auf Chios, de dwinat I. c. 13. Dabei ist nicht* -zu über- 
sehen, dass der pansche Marmor bei den Griechen de> Iwliebteete, Chios 
'aber der Sitz d6r ältesten Schule von Marmorbildncäm war.' Hin, l. h p. 724. 
Der- i^inn der 'Sage ist doch wohl nur die Fügsamkeit des Marmors , und 
di^ unbedingte Macht, mit welcher der Künstler über denselben gebietet 
Wem fällt hier 'flicht Michelangelo ein, der,4nit' unbarmherzigen Streichen 
auf den Marmor eindrang, indem pr, wie erzählt wird, behauptete, die 
Statue stecke schon fertig im Steine, und brauche nur befreit zu werden? 
'^ Siehe die im vorigen Abschnitt angefahrten Anmerkungen i^u Win- 
kelmann. oj^. V. p. 594* 



1«1 



schien; wenn- wir hörten ron 'dieBem Auseibanderfliehen und 
Zusammendrängen der bewegtesten Glieder,, von 2wei Scblan- 
geiileiba*n,. die in grossgewölbten. Scbwingung^i hier sieh 
um Glieder schnüren, dort frei durch die IaiH sich wälzen 
und. endlich Vater und Söhne zu Einem Knoten retstricken: 
was würden wir sagen? Wahrscheinlich nichts, und nur 
bedauern, dass diese chimärische, ohne alle Eenntniss des 
Materials und der Technik, ohne alle Berücksichtigung des- 
sen, was in Marmor möglich und unmöglich; entworfene 
Schilderung, nicht etwa bei Paläphatua oder EalUstratus ,. son- 
dern im Plinius zu lesen stehe. Vergleichen wir die Gruppe 
des LaokdOn oder die. Angabe des Plinius von untergeg^Ilge- 
nen Marmorwerken mit dem raticanischen Apollo, wo .ist 
hier in Absicht auf Technik etwas ausserordentliche^? Eine 
mäjmliche Gestalt, welche schreitet, mit dem Anstand, der 
Kraft und Leichtigkeit eines jungen Gotted sdireitet, das ist 
Alles. — - 

. Zur näheren Bekräftigung der Hypothese^ welche uns 
beschäftigt, wird: besonders die Drapirung* des yaticanischeü 
Apollo angeführt, dieser schwere weitentfbltete und über dem 
Arme in einem schmalen Streifen niedersinkende Mantel. 
Solche Parthien in Marmor ^u bilden, ist Schwierigkeiten 
unterworfen. Die Sprödigkeit. des gebrechlichen Materials 
.erschwert es ausserordentlich, dem Gewände die gehörige 
Leichtigkeit /ZU ^ben; und der vorsichtige Bildner sucht 
PartUen der Art, welche, aufs höchste gelungen, doch nur 
entfernt der Leichtigkeit eii^es natik*lichen Stoffes nahe kom- 
men, misslüngen aber, die ganze Statue Y^derben können, 
lieber zu umgehen. Auch wird bemerkt, dass die Palten- 
lage ^n der Rückseite des taticanischen: Apoll auf keine 
Weise der Vorderseite entspricht." 

17 On peut observer aussi qne la cjblräyde de- oe Dien semble dtre 
o(Migae.(»igmairem«it poor une statoe de m^tal, eile est simple.; et dkns 
le marbre, pour ne pas tropamincir cette matito plus firagile, o» a ^ 



M2 



Wie behötsam wird aber wohl ßkopas jeder gefahrvol- 
len Versuchung die&er Art aus dem Wege gegangen sein, 
als er sein grosses allbewundertes Seestück in Marmor fer- 
tigte? — einen Zug von Neptun geführt, — Nereiden auf 
Delphinen, Wallfischen und Hippokampejl, Tritonen, sawrt 
dem Chote dös Phorküs, und in der Mitte dieses phantasti- 
schen- Grewimmels The(Js mit ihrem Heldensohn Achill. ^^ 
Wie wenig in dieser Gruppe aü schwebenden Sfellungen 
und ganz besonders an frei in die Luft hinauswehenden Ge- 
wändern, ulso noch weit kühner entworfenen Draperien, als 
die unsres Apoll, gespart war, lässt sich aus Reliefe schliessen, 
welche wahrscheinlich treue Copien wenigstens eines Thei- 
les jener Composition sind; Dass diese Reliefs freiatdienden 
Marmorstatuen nachgebildet wurden, ist besonders an dein 
einen derselben kaum zu verkennen. Denn hier hat der 
Bildner die ftei sich- emporwölbenden Gewänder auf den 
Häuptern der Nymphen, und den Schweifen der SeeÖiiere 
gerade so aufruhen lasseh', wie der Künstler einer freistehen- 
den Gruppe diese Theile zu Marmorstützen verwenden mussie. 
Auch die symmetrische Anordnung, und mehr noch dasctem 
antiken Reliefstyl widerq>rechende Zusammengedrängte;und 
Ineinander der Figuren, wodurch sie sich wechselseitig 

Obligo de faire les plis de derri^re enti^rement.differen8 de ceux de devant. 
^Moit Napoleqn I. p. 45.. V^U. die vorhin schcm angefahrte Note zum 
Mud^, par B(nkülon, Es scheint diese Meinung, die jetzt zi^emlich allge- 
mein verbreitet ist, den englischen Bildhauer Fla'xm-ann zum Urheber 
zq. haben. Im Tagebuch eines Invaliden auf einer Reise durch Portugal, 
Italien etc., übersetzt auß dem Englischen des. H« in r. Matthews iM)h 
Fr. Schott (1825) heisst es Q. p. 8.: „Die F^m und dje Halttmg .der 
Draperie soll technische Deutlichkeit von der stärksten Art zeigen, dass 
die Statue ursprüjjglich in Bronce ^gearbeitet sein musste.^ 

'" Mäxima in dignatione delabro C. Dotnitii in Circo FlÄminio Nep- 
timus ipse et Thetis atque Achilles, Nereides supra delphinos et cete et 
hippo<»mpo9 sedentes. Item Triton^, chbrasque ^orci ^ pistrices; ae 
ttmlta aUa murii^a, (nnnia ejjisdefn manos, praedamm opus etiamsi totios 
vitae fuisset Plin. h^ n. l XXXVI. p. 727. 



143 



balten und tragen musdten, deutet auf ein Original freistehender 
Gnippen hinJ^ Öer bogenförmige Schwung der Gewände 
findet sich übrigens, äusserst häufige bei .lebhaft bewegten 
weiblichen Gestalten ; er scheint eine Lieblingsdrapirung ge- 
wesen zu sein , und kfim «sicherlich nicht blos in Gemälden 
und Reliefs rot. Plinius erwähnt zweier Auren, deren Ge- 
wand wir uns gleich einem aufgeblähten Segel zu denken 
haben 5 auch diese Statuen waren aus Marmor.^ — Wie 
viele von den Bildern in Florenz, welche man unter dem 
gemeinsamen Namen der Familie der Niobe begreift, Copien, 
wie vjele Originale sind, ist bis jetzt noch nicht ^ur Grenüge 

*• Siehe die Abbildung im Mus. Pto-Clem- IV. t. 33/ Man betfachte 
besonders die Gewänder det zwei Kymphen an den äussefsten Ecken^ des 
Reliefs. Die schwebende Lage dieser Gestalten selbst könnte unaasftlhr- 
b^r scheinen in. einer freistehenden Gmj^pe. Aber auch dafür ist aufs 
genaueste durch den Seestier und Widder,, durch die darauffolgenden 
Figuren, wie durch die Seethiere unter den "Nymphen gesorgt. Natürlich 
konnten diese Sttftuen nicht alle auf einer einzigen Basis ruhen. BaVum 
mussten sie aber -nicht gerade zu einzelnen Statuen getrennft sein, wie* die 
Niöbiden. Es war eine Gruppe, ^^elche aus ^mehreren klein^reü Gruppen 
bestand; im MHtelpjinkte z. B. Neptun, Thetis und Aahilles auf Einer 
Baöis Yereinigt. Doch es würde zli weit führen, wenn ich diess mehr 
in's ^inaielne vtBrfolgen, imd in Meyws Zweife} (in Winkel mann VI. 
2.p. &7y eingehen, wollte. Nur Über den, Wurf der Gewänder- sei jaocü 
eine Bemerkung erlaubt. Er gehört «ur Tanzattitude. Die Nereiden er- 
schienen in der Gruppe des Skopas wie so oft als nponoftftol^ als gelei- 
tender Ifestzug. Es war iein d-laöogl Orpheus nennt die Nereiden: ir<pi 
Kv^aöt fian^^evov^at. (siehe die Stelle des VücfnUi 1.1. p. 241). Bei Eu- 
ripides bilden sie sogar eine Art cyklischen (dithyrambischen) Chor: 
oftovNrjorjtSov x^^^ fiiJLftowf iyntrAXtot. Iphigen.'^äur, Y, 390. Die See- 
thiere, der Chor des Phorkus umtanzen* schoo bei Homer ihren Herrscher 
Neptun. 11 Xni. v.' 27, 29. Vergleiche auch noch die^ Stellen in Voss 
mythologischen Briefen II. p. 213. ff. "Den bogenförmigen Wurf der Ge- 
wänder, nur hier nicht genützt ^ sehen, wir auch an* degi Nereiden' eines 
«ntiken Mosaiks bei Montfaucon, antiq. ezpl. supplem. I. pl.'27. und ge- 
rade so ist noch im vaticanischen Manuscripte dea Cosmas'der Tanz'dra- 
pirt. S. die Zeichnung C. auf der Tafel Vm. zu Wihkeltatfnn VIL 
p. 251. • 

-^ — *duaequö Aurae vielificantes Wa vesta. P/tn. XXX Vi. 

p. 728.- " ' • 



144 



ausgemittelt Was wir aber mit Öestimmttieit .wissen, ist: 
däss die Originalgrup^e des Skopas oder Praxiteles Mamior. 
war. Dem hypoihetisdien Broncestyl in der Drapirung des 
vaticänischen Apoll nach zu urtbeilen, müssten die florenti- 
niscben Niobiden so ziemlicb samt und sonders naebBroncen 
copixt . sein. Da. sehen wir Gewänder, welche, in noch 
grösserem Umfang als. das des Apoll, für si^^li eine selbst- 
ständige Masse bilden; Gewänder,, die freischwebend vom 
Haupt bis zu. den Füssen reichen, oder, wie die Chlamys 
unserer Statue, über den Arm gezogen, überdiess .noch stür- 
misch bewegt sind;- hier frei in die Luft ausflfMJtemde Enden, 
Falten über Falten gelagert., dort wie ein Knäuel zusani- 
mengeballt;. einzelne Parthien scharf und fein aus den Haupt- 
massei;! hervorgehoben , wie unterhöhlt und abgelöst, vom 
Marn^or. Kurz, unter diesen: Statuen ist p-lles veriheilt, was:, 
obiger Hypothese zuitolge. über die^^Beftigniss des Marmor- 
bildners hinausgeht. 2*' — Dasselbe wäre über, den we^t aus- 
gebreitet^i am Rande wie. ausgekniffenen Mantel ^en^ Sta- 
tuen des CStharöden Apollo - aus der Zeit der römischen 
Kaisei* zu sagen. Dennoch war das muthndassliche Original 
dieser Bilder im Apollo Palatinus, gegeben, einer Maitnor- 
statue von Skopas. '^'^ Bei den Niobiden find^ wir nament* 
lieh auch das vom Amjie frei niederhangende Ende des Klei- 
des , '^ und die Kolossen auf dem Monte Cavallo sind ebenso 
drapirt. . , 

* * * • - * 

» 

.,'*'Zu yei]g^leichen sind besonders das Gewand nüt den übergeschla- 
genen Theilen an der Tochter Nro. III. "bei ^annoni; die Brapirung, des 
Solu^^s Nro. .XII»; ganz vorzüglich auch die Parthien um den Arm und 
zischen den Füssen am jüngsten Sohn'e Nro. XI. Uj a. ra. 

. ^' Mehr über diese Statue später. Siehe indessen besotiders den schon 
nyehrfach angeführten Apollo^ und die fälschlich sogenannte -Erstp im 
J#i4^. Piö-Cltm' l» t. 22. YergU die merkwürdige' Draperie des sogen^n- 
ten Al^apder (Becker 's August I. t. 18} und, um npph eine Ötatue 
ganz entgegengesetzten Charakters zu erwähnen, so' sehe man« im Gypa- 
abgnsse die Pallas von Velletri , mit ihrem ganz unterhöhlten Gewäode ! 
^^ An der Tochter Nro. Xm. bei Zannoni. Der niederhaltende 



145 



Es war dieser ^b^i bezeichnete Wurf des Oewapdes, 
wie Rdiefs und Münsen lehren, in der ältesten Tempel- 
garderobe der Statuen sogar ein stehender Artikel :'^^ hiet 
mm fireilicb ohne w^tere tedinische Schwierigkeit, indem 
die ältesten Bilder 'mit natürlichen Stoffen bekleidet waren. ^ 
Dodi würde die Meinung, dass mit den Bronze-* und Har- 
raorstatuen. welche im Laufe der Zeit an die Stelle dieser 
Holzschnit^sbilder traten , zugleich jede EigenthüihUchkeit der 
Etä- und Harmortechnik in den Tempeln wäre eingeführt 
worden, aller Analogie '.ermangeln. In Erz und Marmor 
bdüelten die 'Griechen, soviel als möglich, noch lange Zeit 
die Eigenthümlichkeiten der früheren Idole bei, wie. sich 
scbop daraus ^sehen lässt, dass sie selbst die ursprüngliche 
Verschiedenheit des Stoflpes noch anzudeuten pflegten. Ohne 
Zweifel W4u:«n auch die ersten Marm<H*gewänder ganz in der 
Art jener alten* Tempelpuppen gehalten, und was am vati- 
canischen Apollo die Neuerung eines Bron^e^opisten scheinen 
könnte, ist vielmehr als ein uriähnliches Erbstück der alten 
Tempelsatzung zu . betrachten. ' Erinnern wir uns endlich 
Mer wieder an das, was früher über die DiHrst^ung flie- 
gender Gdwänd^ 1>eigebraeht wttrde', bemerken ^r die un- 
endliche Ifonhichfoltigkeit der Drapirung in antften Reliefs, 
welche auf Bron^etypen zurückzuführen mehr als iseltsan^ 
wäre, werfen- wir einen einzigen Blick auf die ^[rossen Ge- 
wändermaösen, wdche schon in den Skulpturen des Parthe- 
non, Upd hier gerade bei jenen Bildetn zum Vorsehen kom- 

men,' denen beinahe nichts mehr fehlt, -um freistehende 

• . • - 

Zipfel ist .zwar'lnodM^ne Arbeit nach lleyer*B AnmeiiLung (Amaltheal. 
p. 7,t9), Es ist aber diese Parthie ^nz sicherlich richtig, ergänzt, wie 
die Lage des noch erhaltenen (Gewandes J^^rt. 

** 8iehe den Apollo auf dem 'Kkndelaberfuss in Dresden. AugwU^m 1. 5. 
Der Apollo in Winkel mann 's alten i)enkmÄlern. M. 38. « besonders 
aber die schon früher angeführten kidegerisch aUsschveltenden Götterbilder 
auf Münzen, nnd.qnter diesen namentlich die Minerven. 

** Quatirefnht de Quincy \e Jupit. OJytnp; p. ^—15. 

Feuerhach, der Vaticanische Apollo. 10 



14^ 



Gruppen zu sein:'^^ go i^t in der That nicht abzusßh^i, was 
an der Chlamjs des v^ticanisohen ApolJD .der Broncetechnik 
angehören solle. 

AehnUdie technische Be<araehtung€(n waren eigentlich 
auch über die mit so grosser Zierlichkeit und Leichtigkeit 
ausgearbeiteten^ fast frei, flatternden Haare des Apollo an- 
zustellen. Doch wird der ¥orurtheilsfreie Kenner auch hier 
nichts entdecken, was der, griechischen Marmorpraktik wi- 
derspräche. Der zierliche Knoten, in welchem die Haare 
über die Stime zusammengeschlungen sind, ist nicht bronce^ 
artiger, als an d^ mediceischen^ Venus und der Vom Capi- 
tol. '^l Mit den freülattemden P^urthien können «ich Sie des 
I^apl^ocai, eines unzweideutigen Marmororiginals, messen, 
und Apollo ist der jugendlich, gelockte Goti^ Allere&igs 
war in- der Haarbildung der Broncen^bei den Alt^ctein eigiBn- 
tfaümlicher, fler M^mortechnik entgegengesetzter .Tjpus herr- 
sch^d. Er bestand ab.er darin., dass die Haare entweder 
künstlich gedrehten liOcken 'gleichgebildet wurden, oder in 
leichten Krümmungen, schlicht, wie fein gekämmt, neben- 
einander gelagert waren. KeiQC unbezweifelle Brcmee hat 
die grosso und freibiBwegten , nach malerisdiea Gesetzen 
geordneten ;Pa«tluen des Apollo. *^» Wer aber die Locken 

' ^ ^Ich meine, die C^iti^renkämpfe. Zu vergleichen sUid ii^d^m scbon 
9ngefü]^i«J3 Werke besonders 7. 49. unten ^ 54. 'obeii.und 57, . 
^ "^ Siehe besonders letztere im Mus, Napoi, I. pl. 56. 

'* Wie viel wissen die Dichter nicht vom Haupthaar des Apoll zu 
sagen ! . A|k)11 heidst axs^^6(Ufg. Born. E. ZX. 139. , Pndar. Pyth. UI. 
16. ^^ox^JtX'ra, Pyth, II. 3a et Horat, Od. UL. 4. 61. u. a. m. Was 
die Haare des Laokoon betrifft, so. sind diese nicht nach Gypsabgüssen. zu 
beurtheil^i.. Wie Renner «versichern^ welphe das Original sahen, sincTsie 
an^ diesem viel mehr unterhö]^t und 4iU?chbrochfin. YergL Abhandlimg 
einitö Etlnstlers über den Laokoon, in Mensur s Museum fiic. Kunst und 
Kunstliebhaber, dt. XUf. 

.^. Es. kann nidj^t umgangen werdeQ,. dass man tinvk ApoLkikapf will 
gefunden haben, welcher. unac^rmALpollo so ail^iaUeBd.gleidiie, dM8 er'2u 
diesem im Yerhältniss deß Original« zur Coj^ie zu stehen w)fiai&e. Er sei 



147 



una^^r Statue^ etwa um einer noch grösseren Feinheit und 
L&iehtigkeit willen, in Bronce m s^ten. wünschte, der denke 
an' die rasende Bacchantin des Skopas! Da war ein langes 
weibliches Haar losgeneatelt, und flatterte bei wild zurück 
gewörffenem Haupte frei im Winde. Die ]>apirung dieser 
Statue werden wir uns nicht weniger stürridsch äu denken 
haben, und doch war diess exeentrische Bild im Original 
ein Pariflcha' Marmorblock 130 Ovid spricht von einer Venus, 
wcd^he das Wasser alus ihren Haaren drückte, auch dieses 
Bild aus sprödem gebrechlichem Marmor! ^^ 

Wer wilrd übwhaupt an Sdiwierigkeiten bei dem Werke 
eines Künstlers denken, der sie so glücklich zu überwinden 
wusdtc, eines Künstlers,' iFÜr- welchen sie k^.um mehr Schwie- 
rigkeiten können gewesen sein! Oder ist an unserer Statue 
noch irg^dwo der Schweiss dea Angesichtes nachzuweisen, 
w^heix es dem Künstler gekostet, bis er jamnmrvoll . sein 
Werk sich selbst und dem MarnK(»r abgefoltert liatte? Ist 
nicht alles leicht und frei, wie. in der glücklichsten Stim- 
mung eines unbefongenen Gremüthes, hingeworfen? Wo ist 
tiSme Spur virn A^igstlichkeit und Künstelei, oder von der 
Uid>eholfenheit^ eines Artisten^ der in eine fremde Technik 

übrigens noch im alten strengen Style, und die Haare zeigten ganz die Art 
der älteren Broncen ; denn diess ist doch wohl unter dem style des anciens 
bioizes gemiBMit IAm. N^ftol I. p. 45. Im MN9^' par Bouülm heisst es 
noch bestimmter: «^par la s^v^rit^ des traits, par k canct^ de la cIm- 
velure trait^ dans le gente dtrusque paroit (eile) bien plus ancienne q[ue 
TApollon.^ Nun bitte ich zu bedenken, dass wir dann iäi vaticanischen 
Ap(^l eine do^ppelt und dreifache ^rquceeope , eine Brencecopie alten, und 
eine ^euen Styles. vor uns hätt^i ! — 

^ Sie heisst Itn Epigramm des Glaukus, fiapia. Ävithol ed Jaceb$ Hl. 
p. öT.'Nrö. 3. und bei CaUütrcUus stat. IL p. 146. ed .Jacobs: qyaXfia in 
U9vv nafiov ttsnoiriaivov. Aus dieser ßesdireibung lernen wir auch den 
Wttvlihfes Haares keimen. 'AvelTth Si 7 aS^iij ^»^^iV^ ffoßelVf ncti eis ^P^X**^ 
avd^iv Xl^-o^ iW«^;^i^£'ro. .p» 147. 

^' Cum fieret, lapis ^sper erat, nunc nobile Signum, 
thida Venus madidad exprimit imbre oomas. 

Ars. AnuU.lll. v. 3^. •S^i. 



148 



hineingeriete, wie 'der Landjunker unsres Lustspiels in ^ die 
Stadt? Hatte der Künstler den Einfall, aus was ftir einem 
Grunde, ein Bron^bild treu zu copiren, alles, auch dasje- 
nige wiederzugeben, was. strenggenommen nur im Stoffe des 
Originals zu erreichen war, würde er nicht eher zu viel 
als zu wenig gethan, und gewagt haben? Die Härchen am 
Haupte unsres Apollo müssten zu zählen sein, so gewiss 
der eitle Copist zu allen Zeiten war, .'weis er noch heut zu 
Tage ist. Wollen, wir auch da noch Schwierigkeiten machen, 
wo sie längst beseitigt sind-, so müssen, wir><iie verdrehte 
Stellimg, welche die Alten vom bronzenen Diskuswerfer des 
Mjron erwähnen, gleichfalls in Zweifel «iehen, weil es leicht 
häUe kommen können, dass ' der Erzflüss laicht alle Tbeile 
der Form gleichmässig füllte, — oder wir werden uns die 
Hypothese . erlaubt dürfen,' Schlegels Sonette, seien aus dem 
Italienischen übersetzt, weil, diese tonr^be i^rache-sich 
leichter in jene schwierige Klai^form fügt, als die germa- 
nische.. — . - 

Wie wir später höreai werden, war schon in dö^Grjind- 
idee unsrer Statue die Noth wendigkeit gegeben, den Gott 
zu bekleiden. Doch ohne schon hier besondere Rücksicht 
auf die Bedeutung dieses Apollo zu nehmen, ist nicht ab- 
zusehen, ivas für ein Vortheildem Künstler und seinem 
W^ke aus der Hinweglassung dieser Ghlamjs hätte erwach- 
sen sollen.^ Ist sie doch, damit ihre Marmorursprünglichkeit 
ja beurkundet sei, ist sie doch selbst materiell und tech- 
nisch, also gerade von ihi^r verdächtigen Seite aus betrach- 
tet, aufs beste motivirti Sie erleichtert^ dem Künstler die 
ausserdem jsehr schwierige Fertigung; des *^gehobenen Arms, 
und dient diesem leichtzerbrechlich^^n Theile noch jetzt zur 
sichern Stütze. Wollten wir die Sache- auf die Spitze trei- 
J)en, so könnten wir geradehin die Gegenbehauptung, auf- 
we:f^en, diese Chlamys sei nur eine npthgedrungene Zuthat 
des MarmiMrbildners ; : dar Statuare würde sie ganz beseitigt 



149 



habai, um dem gehobenen 'Arme die Leiehti^eii; zu lassen, 
^«rdche uns^ Künstler auch am reehten Fusse durch den 
Baumtronk rerkümmern muäste. Ohne alle Frage aber ge- 
hört die Cultivirung kunstvoll geordneter Draperien Über-' 
faaupt) welche die bisher beleuchtete Hypothese vorzugsweise 
d&n Brcmceeopisten zuzuwenden scheint, schon, iidi -jen^ 
nfateriellen Vortheile willen, recht eigentlich in den Kreis 
der Marmorbildner. 

. Wenn aber der Plasliker. überhaupt, wie verlautet, gerne 
auf die Darstellung vcm Gewände>*n verzichtet, weil diese 
das höchste ^el der ' bildenden Kunst, die Schönheit des 
Nackten «itweder ganz entrücken, oder doch verdunkeln, 
so wird durch die Chlanjys des vaticanischen Apollo dem 
Auge nicM^ von den' Reizen* des schönsten Götterbaues ent- 
zogen. Ja, indem die Bekleiduilg hier nicht, wie an meh- 
reren andern Statuen mit 4em. Körper selbst zu Einer Masse 
verschmolzen ist^ sondern so recht als ein fremdartiger Stoff 
von, diesen sich ablöst, hat sie in Beziehung auf die Schön- 
heit des Nackten nicht bloss das nega^tive Verdienst, nichts, 
zu verhüllt! , sondern selbst^ das positive des hebenden Con- 
trastes. Sie übfc gewissermassen die Wirkung eines wohl- 
angdegten Hintergrundes aus^ welcher die Gestalt selbst 
völliger^ gediegener vorspringen lässt, sie gleichsam dem 
Beschauer entgegenwirft. Zudem muss ja das Leben des 
Oi^anischen mit um so innigerer Wärme auf 'uris^ wirken, 
wenn -ihm gegenüber, wie an unsrem Bilde, auch ein un- 
organischer Stoff die Eigenthümlichkeit seiner Natuif und 
Schönheit walt^i lässt. Wie treffend ist in diesem Aiifstre- 
ben der Gestalt und diesem niedersinkenden Faltenschli^e 
der Gegensatz eines. Gebildes, das in lebendigem Kraft -sich 
selbst hebt und trägt, und eines Körper^ ausgedrückt, wel- 
eher dem blinden Gesetze der Schwere gehorcht. ^^ Schon 

^^ Hem.sterhnis stellte sogar den Grundsatz auf: „die Oomposition 
(die plasMsdbe) musa ein wenig Draperie haben, *80 viel als zum Anstand 



IdO 



dass dvtch die sairf^ewölbte Masse dieser Ikaperie die grcNtae 
Lüeke zwischen dem gehobenisn Arme und dem Eörpe? des 
Gottes gefüllt , und die Schärfe des Winkels, der durch diese 
Haltung sich gebilctet hat, gemildert und au^egKeh^i wkd, 
ist beachtenS'Werth. Der äusaerste Umriss des ganzen Kunst- 
Werks hii>i dadurch, bei derreichsta^ Manpichfkltigkeit^ mehr 
Einheit erhalten ; er ist mehr in sich zusammengefasst und 
abgerundet. Zugleich findet zwischen der Chlamjs und d«» 
Baumtronk eine entfernte Wecbsdwirkung statt, welches 
dann auch wieder diesem zu gute ko^mt. . Wie die Cblamys 
der linken. Seite und oberen Hälfte der Statue mehr Füllung 
gibt, sQ sättigt der Baumtronk auf den entg^engeeetzt» 
Punkten das Auge. mit entsprechender Masse. 

Und nun die Art selbst, ia welcher die Dräpirung d^ 
vaticanischen Apoll behandelt ist!. Die. einzige grosse Partble 
von der Agraffe bis zum mederbangenden Ende d^ Chlamys 
hat an Schönheit und Grösse,, an Wechsel in Ruhe u|id Ber 
w^ung kaum ihres Gleichen. Wie ein geschmeidig gedieg- 
ner Schlangenkörper wälzt sie sich erst langsam xUber Brust 
und Schulter', v^sch windet hier dem Auge, bis^ sie feierlich 
niedersinkend unter dem Arme wied^ z^m Vorschein kommt, 
dann eine Weile in <ier Schwebe getrag^i, sieh vonNeufgoEi 
in schöner Wölbung empor hebt, über de» Arm sich schlägt^ 
und nun in gerader Linie rasch in die Tiefe stürzt Auf 
dem Arxne begegnet ihr in entgegengesetzter Biebku]^ und 
nüt^ entgegengesetztem Charakter die zweite Hauptlinie der 
Draperie. Wie ein Blitzstrahl, möchte man sagen, fährt sie 
ia flad^emdem Zickzack nieder, und T^liert sieh deam Bur 

erferderlith ist, deren edelgeordnete Falten die Anzahl meiner Ideen ver- 
mehren "helfen und mit dem gerwadeten GoBtour dea ÄfcÖrpers contraätiren. 
Und.nm dieaen Coatrast noch - Ireffender «a machen^ füg« ^ier'Küiistier 
ßin Stück von einei* Säule, von einer Vaße, oder, von Fußsgestell hinzu, 
durch 'deren Regelmässigkeit die schöne Unregelmässigkeit der Figur noch 
mehr erhoben werde.^ Siehe dessen. Brief über die Bildhauerei in den 
vermischten Schriften. Leipaig, 178^. I. p. 463.. 



151 



allinälig in sanfteren filchwingurigen. Dem Zng delr Faltien 
Über Broat und Schulter entspricht die parthie, wJSldie äen 
Arm ülxnschlftgt;^ aber wie jene sich ^ür horizotital^ L^g^ 
neigen, so neigt sieh diese zur senkrechten. Mit dem frei- 
niederhängenden Endi& der Ohlamys harmonir^i £e Falten, 
welche sich roh' der Schulter unter die Aehselgruppfe ziehen; 
aber diese sanftausbeugend*, jenes Ende geradKnigt, und 
senkrecht. In den nuttleren Parthien der Chlamys, jenen 
Ausladungen, welche durch die dopj^lte Bewegung dem' 
Niedersinken des gewichtigen Stoffes, und dem Hinaufziehen 
desselben über den Arm entstanden , haben sich jene grosseö 
Schwingungen, unter dem Arme wied^hglt, aber nun fiist 
zu Winkeln gebrochen, scharf^ gedrungen, und mit sparsa- 
mer ausgetbeilten Linien. Unten verlieren sie sich ganz, 
ind^n hier der StöflF ruhig seine natürliche Lage und Breite 
wiederh^^ustellen sucht. ^ Aber wie eine hohe Welle, wenn 
sie niedersinkt, noch über die FlÄche des Meeres nachwirkt, 
und in immer sanfteren und weiteren Kreislinien sich -nur 
ällmälig verliert, so zittert hier die Bewegung der Haupt- 
partiiien bis .zuni ilussersten sanftjgekräuselten Saimie fort 
Von zarten Mitteltinten beleuchtet, mildert diese Fläche zu- 
gleich: die herbere Bü^ der Lichter und Schatten, welche 
sich in den Hauptmassen sammelten, und täuscht mit der 
Wy^kung eines reichen und mild schimmernden Purpurstölfes. 
Was nur immer der Kunstverstäüdige von der Darstel- 
lung eines Gtewandeö zu fordern berechtigt ist,, die unge- 

^^ Eiil £teuptgrandgeeetz der Drapining« -Toate clioae d^re natHrel- 
lernen t de se conserver en son estre propre, par cons^uetit, une eatoffe 
qui est d'une esgalaforce et espaise\ir en son revers qu'en son cpst^ principal, 
tasche de demeurer plate* c'es.t pottrquoy lorsqti*6lle se trouve (xmtreinte pär 
quelque pli de quitter sa forme plate, on remarque dans le liea de sa plus 
gvaiide oontreinte , qu'elle ^efforee coi^tinuellement de revenlr en son natnrel, 
si bien, que dans la partiela plus esloign^ ^e cette contreinte eile se trouve 
plus approchante de sa premi^re natüre, c'est k dire, plus estandu'e et plus 
d^li§e. Le<ynar4 de Vind, trait^ d6 la pdnt. Paik 1651. p. 1^, 126. 



152 



zwuDgeue LeichUgkeit dei» NaJ;ur, ohne die Verwirrung der- 
aelben^- Mantiichfailtigkeiir und Einheit, l^ht übersehbare 
Massen, und Unterordnung der Nebenparthien, Bewegung 
und Ruhe, alles dieses findet sich am vaticani^chen Apollo, 
im höchsten und schönsten Sinn ^üHt. Was i^t es nun, 
das in dieser Draperie erst durch die Vermittelung des ent- 
g^engeset^n Materials zur höchsten Vollendung sdner Art 
hätte gedeihen köpnen? Die Leichtigkeit; vielleicht? In 
Br^ge wäre diese^ €bch inoiäer nur eine materiell grössere 
Leichtigkeit gewesen, uqd-nmterieil kann 4ind soll das Kunst- 
werk die Materie nicht vertilgen. Oder ist -es^ die Kehrsöite 
dieser Draperie? DerMiarmor an sich würde eine der vor- 
deren Ansicht entsprechende Rückseite der Chlamys. vertragen 
haben; aber nur. technijsche Eleinmeisterei hätte hierin ein 
neue« Fßld^ ihr^ unfruchtbaren Vielgeschäftigkeit ^kannt. ^* 
Deutlich genug ist. die Stelle angegeben, von welcher d^ 
Bildn^ sein Werk, betrachtet wünschte. Haben wir seinen 
Wi^^k nicht verstanden , odei: nicht verstehen wollen,, wird 
unsre Xllufilion gestört, wird der -Gott zum Marmor, und ^eiti 
Gewand zu Stein , so liegt in . der Thai die Schuld nur an 
uns. Was kann der Künstler daftir, wenn wir hervorheben, 
was er absichtlich v^deckte, weim wir mit kindischem 
Vorwitz ihm hinter <lie Kulissen s^en, um dann^ wie im 
Triumph,^ einen versteckten BroQO^- Arbeiter vor das stou- 
nende Publikum zu bringen! — . * 

Doch wßise der Wurf des Mantels, die Behandlung der* 
Haare, die Stellung der Statue* auf ein Bronze -Original 
zurück, so leuchtet ein, . dass >unser KünsUei: der gewissen- 
hafteste Copist von der Welt war. Ihm war es nicht blos 

um die Grundzüge, um den sogenannten Geist des Originals 

• 

^ Sicherlicli konDten. die^.Att8hMlttQgen '4e6 M^untels an der Vordv- 
selte zu Einbeugungen der Rücksdte durchgefölirt werden, wenn nur^ 
worüber eine ifntersuchuBg^ des Originals Aufschluss geben mtisste, die 
sogjenannte. Lagerung .des Mjarmors mit der Draperie ging. . . 



153 

zu thun; selbst die Technik desselben hat er 'wiederzugeben 
versucht, er h<it, so zu sagen, kaum mehr worttreu, son- 
' dem 'buchätabentreM übersetzt Unter dieser Voraussetzung 
Verden slu unsrer Statue noch andere Spuren eines BroRQe- 
originals QachzuweiseD sein, besonders solche Ebenheiten 



IM 



malerischeD Ueberblickes erfassen , wfthrend der Erzbüdnei::, 
welchem die volle sinnMche Gegenwart seiner Statue erst 
danfi gegönnt ist^ wenn sief sdion aufgehört hat, sein Werk 
und ESgenthum zu s^,' mehr in abstracter* Durdibildting 
des Einzelnen, sein Heil suchen wird. — 

Doch yerli^en wir uns nicht zum Schlüsse noch m 
Betrachtungen, welche eine Statuaren- und Sculptoren- Psy- 
chologie einzuleiten scheinen, und bemerken wir .nur fol- 
gendes. Wenn- die «arte Gefii^gkeit des Erzes mehr als 
dBr spröde Marmor die genauste Durchbildung des Einzelnen 
begünstigt., so wird dagegen dieiser Vorzug der Broöcetechnik 
durch eine unlÄugbare Schattenseite derselben wieder in's^ 
Gleichgewicht gebracht. Die Farbe . des Erzes verhindert* das 
freie 'Erscheinen des Details. Hat der Erzguss einen dunklen 
Ton, wie in den meisteu Fällen anzunehmen, so wirft er zu 
^tenig licht zurück, zuviel, wenn er von hellem Tone ist; 
immer aber ^bleibt die hell oder dunkel schimmernde Spiegel- 
glatte des Erzes für das Auge störend, verwirrend. Daraus 
geht für den Statuaren die Verpflichtung hervor, durch stär- 
kere Markirung der tastbaren Form das zu ^setzen, was 
dem Auge durch des Erscheinen derselben in Fläche, licht 
und Farbe, entzogen wird. An der Broncefigur wird dalier 
jede Förm^ jede Muskel mit * grösserer Bestinnntheit, mit 
schäif^en Umrissen hervorgehoben werden müssen, wenn 
sie nur entfernt die Wirkung erreichen soll, welche bei dem' 
sanften lichte, dem fetten fleischigten Tone des Märmors oft 

* 

in einer blossen Andeutung enthalten ist ^ Die Bfonce hat 

^ Das llaterial ist überhaupt für die Benrtl&eiiiuig ein« Statue ni^ 
isomer sogleichgültig, als maifche zu glauben scheinen. Falconet tiennt 
deb.Gyps in Yerhältniss aur Marmorstatue «inen Schwätzer, dej* kein Ge- 
henbnies vei^häLlt. (ß)$erv, iut' la 9lat de Marc. AwtH. ottrr. I.* fr. 271. 
und p. 917.- L'nn (le pltoe) arrdte^ &ae josqtf'aHJi moindres piurties; 
Tautre (le miurtitre) les präsent« qmelquefois si vagues, si ind^ses^ quel- 
quefois il les fait si. bien disparaltrß, que vous ne ypyez qvie la forme 
gi^nerale. (^r den Archäologen freilich inuss der Marmor die letzte 



165 

aifitt mfianlicben, die' Mftrmorbildner«! mehr woibltchan 
CtAnktel-. Dort giR die sbstract plastische bandgreMiehe 
Dnn^bildung d^ einvelneD Theile, Muskel und B^ne; hier 
ihre zarte Veiwdimelsnng:' za enBem harmoDischen Oanseii. 
Der Heister in Ringerstatuen war Hyron der Erzbildner; 
der Heister des weiblichen. Ideals hingegen, des Ausdrucks 



156 



Basi^ , und vindiciFt diese leichtaufl^rebende Geslalt einem 
sichern Grund und Boden. Der Marmor selbst hat gewis- 
serpiässen di^ Bedeutung eines G^engewicfats , welches die 
emporfliehende Bewegung wieder an das G^etz der Schwert 
bindet, aber eben dadurch auch sie nur um so gediegner 
und elastischer erscheinen lässt. 

Je länger wir diesen Marmor als solchen betrachten, 
destomdir wird er zu Marmor, desto augenscheinlicher wird 
materiell .und ideell seipe Bedeutung und Uxsprünglichkeit, 
desto sijchtlicher löst sich das vermeintliche BronQj^riginal 
in -ein luftiges Nicht« auf.^? Fassen wir nur noch zwei 
Punkte in'i Auge! Sicherlich hatten die alten Statuaren Ffw- 
benton und Gleichförmigkeit des Gusses in ihrer Gewalt, 
und wir können uns überhaupt ihre Bron^^n nicht herrlich 
und blühend genug vorstellen. Einen Vorzug mussten aber 
gewiss auch sie dem Mannor überlassen: das sanfte Ver-' 
hauehen der hellen und dunkeln Parthien^ die Abstufungen 
von Licht und Schatten , den sanften Zauber der Reflexe, 
üeberdies fand- der Bron(?ebildner der Griechen viej* weniger 
Veranlassung^ seine Statue einem, architektonischen Ge^n^en 
anaupassw , .äIs der Marmorbüdner. Die Gruppen der Gie- 
belfelder, die Reliefs derMetopen waren voaMarmoi:. IHe 
Farbe des Erzes verschmilzt mit einer afchit^tonischen 
Umgebung nie zu jener vollkommenen JSarmonie, für welche 
die Marmorstatue' empfänglich ist. Schon durch die Gleiish- 
heit des Stoflfus- steht diese im* engsten Verhftltniss zur Ar- 
c)utektur. Diese strengere Abgeschlossenheit des Bron<je- 
bildes berechtigt zu dem Schlüsse^ dass eine gtozliehe Ver- 
nadilässigung der Rückseite, das Zusannnendrängen der 

^ Leider kann ich nur vom Marmor im Gypse sprechen ; nndOoe^the 
sagt in seiner italienischen Reise, Th^l I.: ^Der Marmor ist ein ßekt- 
sames Material, deerswegen ist Apoll- von B^vedere im Urbild so gräqizen- 
los erfreulich; denn der höchste Hauch de& lebendigen,, jpigfräolich^n, 
ewig jungen y^Tesens verschwindet im besten Gyps-Abguss. 



157 

Statue »ach' einem einzigeo Punkte hin, Verftbderungen der 
Verbältnisse zu. gewissen Zwecken, od^ Vernachlftaäigang 
derselben bei Bronceo ebenso selten vorkamen, ale es bei 
Mannorbildem häufig -war. Herrscht doch überhaupt bei 
der BroB^e die Strenge des Modells vor! SiC'ist gleichsam 
seibat Modell , das rollendete Modell. Nun etinnem wir uiis 



158 



eine fiezid^uiig auf den Sonnengott Apollo erkannten.^ Die 
stärksten lichter sind auf' die iSeite geworfen, nach irolcher 
hin der Schritt des Gottes gerichtet ist, die Schatten fliehen 
hinter ihn zurück, und der linke durch den Reflex der Basis 
mit einem gebrochenen Lidite überstrahlte Fuss • entweicht 
in eine nebliohte Dämmerf^me, während die Lichtseite des 
rechten durch die Schatten des Baümtronks noch schärfer 
hervorgehoben wird. Von unserm Standpunkt aus ßetoichtet, 
gelangt auch die Ohlamjs zu ihrer vollen Bedeutsamkeit. 
Der feste Schlagschatten^ der vom Körper auf sie fällt, dMngt 
fide erst recht als ei» dem Organischem Fremdes zurück, der 
Lichtreflex dagegen, welcher von ihr aus auf den Körpler 
überstrahlt, verleiht diesem nicht nur den wuüd^voUsten 
Sehein des Lebens, sondern, mit einem* Anflug von Yerklä- 
Tung, die Natur jBinQs göttlichen ätherisch^i L^bes. ^' So 
voUrädet sich hi«p die Wechselbestimmung ünsreif Statue, 

\ 

./^ S. Efthi)»dohr in der M^on früher, apgeführten 6telle.^ ; 
** Ich gestehe, dass dieser Schatten des Mantels, als ich in München 
den ^sten GypsabguSB des -vaticanischen Apollo sah , mich zuerst auf dem 
Punkte l<^thielt,' auf dem man diese Statue betrachten muss. Em. David 
beiBM^t 4ßK Reflex der Draperie auch. Man wird hier ideht ungern die 
ganse Stelle (tlii^s feine« K^uiers über die Draperie des vaticamachen 
Apollo lesen. Sie S];»ielt auch auf d^n Sonnengott an: „L'.Apoilon se 
d^veloppe et parott lümineux ^au devant de la chlamyde que son hras üent 
dep1oy4e. Ce:mänteau (^% le dieu rejette m&inteäant en. arni^rei, ' et dofit 
ii pövMnca a^ vöilw, ce msantcifMi .fiypg))oliqiie me rapel!^ rheorense suooes- 
aiofi dei? jours o^es nults, Que de richesse et d'6Ii6gance, que de science 
et de j|oüt dans les mouvemens van^s de ces plis semi circuläires ! L-ombre 
.ferme 'que* le eei^s pröjelte «ur la draper4e,-la colore -et TenHc^it; les 
4eaoMieii)iee que le reUec^ de la drapene produit sur la £g«re, T^ohiäuf* 
d^i, et raniment. 0« re9enpo!t, dans.la chlamyde, malgre Iafermet6 de 
ses Qndulatiqns, les plis l^ers e^ ä peine sehsibllBS d'une Stoffe ouverte 
pou* ia premi^ fois. De möme qu'une Veine serpentant sur uü muscle 
ea apgmentet la soupleist, des pli8'4^^td donneat k la draperie u&e i^ 
parence de v^i^t^, une gräce naive que l'art semble n'avoir pas cherchie. 
Il8,annonceroient, dans la nature, la fraicheur et liä virginit^ du vStement, 
ils aont ici le Symbole de la jeunesse^tet ik la beilut^ toujoura reimais- 
santes du jdieu du joor. £»1. jfmoSi 1. 1. p. 376^ 77. 



X59 



welche wir ^hon zwischen Aüadniek und Bewegung , Pro- 
portion* ond^ Muskulatur bemerkten, zu einer unendlieben; 
wir lernen mit Bewunderung da» unkenobare Granze einer 
l^beqd^n Organisation kennen , in welcher auch Technik 
und Material bis zur s^ieinbaren Zufölligkeit von . Farbe^ 
Licht und Schatten herab , als notbwendige Momente ^n die 
ini^erste Bedeutung: des Kunstwerks/ geknüpft jsiad. 

Konnte alles dies im Plane des Bronce-Bildners liegen? 
Oder ist .dies€N9 und jenes nur zufälliger Reiz, womit ein 
Uindes OhngefigUur den Bildner überraschte, weil er im Eifer 
der BegeistaruBg, oder von mahnendep £unden gedrängt, 
^eh im Stoff vei^^, uod zuföllig statt der Bronce Marmor 
in die.Haxid bekam? Die 'schönsten bedeutsamsten Eeflexe, 
die reinste Harmonie von Licht und Schatten, der wahrste 
ScheiQ des* Lebens, .alleä, was der Broncebil^ner in diesem 
Grade nie bezwecken konnte^ alles, das zeigt sich in diesem 
Umfang, in dieser y<dlkoa>menh^t gerade nur Yt)n de^ Seüe, 
auf wacher alle MiasverhlUtnisse sieh heben ; von der Seite, 
wo «uch dar Baumtronk;, der dem . Erzbxlduer so ferne lag, 
als ihn der Marmorbildner nicht umgehen konnte, sich nicht 
nur ni(^ als Stütze yerräth, sondern hei i)aa(erieller Uneot-« 
bdhrlichkeit selbst idee&e^ Wirkung bewährt. J^ stitsames 
Ohngefähr ,' dessen Annahme eigentlich nur mit dör Hypo- 
ttxesfe vertauscht werden lann, dass, wie der Marmorhildner 
den seltsaiqen Einfall bekam, in Marmor zu giessen, BO.sein 

würdiges Vorbild, der Bröncegiesser, es versucht*, in Erz -zu 

* • • • 

meiseln; der Bröncegiesser arbeitete auf ein Marmorbild 
hizäkui^, einem künftag^i Marmorbildner in die Hand , dies^ 
arb0itete auf ein Erzbild zurück, und der Apoll von Belve^ 
d^e ist kein g*enxales Werk mehr , sondern der Gceniest^eich 
zweier Thoren! 

Aber wie, wenn er dies nun wirklich \^äre? Wenn ein 
so strenges Endurtheil jaur den blinden Verehrer des. Tati- 
caiiischen Apoll überraschen könnte? Vielleicht ist e? das 



160 



natürlichste von der Welt, wenn zu artistischer Mittelmäs- 
sigkei^ auch technische Renommisterei /sich gesellte. Fast 
scheint die Hypothese eines Bron^^eorjginals auf ähnlichen 
Vermuthangen zu beruhen. ^^ Indessen bleibe es kühftigen 
Krifik-^m vorb^alt^Q, das unun^wunden auszusprechen, was 
bisher immer nur schüchtern, mit einer gewissen heiligen 
Scheu leicht angedeutet wurde. Mögen sie uns bald 'die 
Last einer doppelten Bewunderung von der S^le nehmen, 
damit uns , wenn wir w den elgims<5hen firiligthDmem wal^ 
len, keine apollinische Herrlichkeit mit einem lästigen aneh' 
io sono — mehr den Weg vertrete. -^ Aufrichtig gesprochen, 
kann* ilur noch von der Alternative die Rede s^n,*öb. der 
vaticanische Apoll tilier alle Kritik erhaben , oder ob. er unter 
aller- Kritik sei! , 

Was an dieser Btätue* in Absicht auf Anatomie, Pr6- 
porficm u. dergl. nicht .ganz in der* Ordnling schien, war 
theils Ha jetzt übersehen worden, theils findet es sieh rv 
in Tersehiedenen Schriften zerstreut, meist nur gelegentlieh, 
immer aber schopend' bem^kt Leicht übergangen, oder 
noch leichter wieder vergeft^n ,• konbte es nch dem Eindruck 
der Statue gegenüber nicht behaupten. ' Aber man nenne 
nttr ^mal das Ehid bei seinem* reöht^i Nimien , man "et* 
kläre die-Abnormitäten dies^* Statue für t'ehler, inan sammle 

*' In dem schon früher angeführten Tagebad» von fielnr. Matr 
tLewa wird erst der medioeischen Venus gebührendes Lob erüieilt^ dann 
heisst es weiter: „ich zweifle, ob man dasselbe von d^n. Apollo bemerken 
kann; daher ich geneigt bin,' der Meinung Flaxmanns beizutreten, dass 
der Apollo selbst nur eine Copie ist. Per 8tyl dtes^C^esnchtvoUonckteii 
hat nicht das Absehen eines 'Originalwerks; er besitzt wenig von dem 
unbeschreibliche, freien Geiste, der das Kennzeichei;^ solcher Producte 
ist, wo der Schöpfior nitr den Eingebungen s^nes eignem Gemüthes iblgte.^ 
Eine solche <2reringschätzung unsrer Statue liegt überall- in Grunde^ wo 
wir, yH^ z. B. aus Canova's Munde höcen, dass, die elginiscttsn Marmore 
id)garechnet, unsre berühmtesten Antiken, selbst Laokoon und Apollo nnr 
Gopten besserer Originale Qincl. Die elginischen Manborbilder "bei-Leske, 
p. 37^ vei^l. Bonstet>ten'8 Bri^<$ an Mathison, p. HO. ' 



ijiese Fehler gegen Anatomie und Zeichnung in ein toII- 
flULn<1itrefl Stindenrecnater. achlace des unerMßifha dett Ans- 



162 



Probe der Subtraction besteht. — „Das höchste Ideal der 
„Kmast,^ — und verfehlt, in den ersten Grundbedingungen 
ein^ plastischen Werkes, in den Rudimenten, womit der 
Tirone beginnt! Ein „Werk ganz auf das Ideal gebaut," — 
aber so hoch in Luft und Nebel hifiauf , dass es jedes reellen 
Gründen ermangelt; „nur so vid Materie, als nöüiig war, 
„die Idee sichtbar zu machen^" — und doch auch wieder 
soviel Matme^ dass der Künstler dem wankenden Crott mit 
einem Hebelbaum zu Hülfe konmien muss. „Ein Apoll-, der 
„ alle anderen Bilder dieses Gottes übertrifft ; über die Mensch- 
„heit erhaben ist sein Gewächs." — Freilich wohl, denn 
der Künstler hat ihn auf langhinschattende Storchenbeine 
gestellt, und in diesen nicht einmal treuau^efasste Storchen- 
natur! Denn lasst diesen Apollo „wie Pygmalions Schönheit 
„von seinem Piedestale niedersteigen;" er wird auch auf 
Delos und in den lyrischen Hainen, in welche Winkelmann 
sich Versetzt glaubte, nur fussQachsehleppend, wiePhiloctet 
euf Lenmos, wandeln. Auch an sonstigen Leibesschüden ist 
kein Mangel; und wir furchten sehr für den „ewigen Früh- 
„ling, der die reizende Männlichkeit bekleidet," wenn i^ir 
diese eingekauchte hektische Brust, diesen wulstigen Hals 
betrachten. Glaubß Niemand , als könne auch hier ein hoher 
kräftiger Geist in gebrechlicher Hülle wohnen; denn wie soll 
„eine Stime mit der Göttin der Weisheit sphwaoger sein," 
wo der Kopf selbst nicht auf dem rechten Flecke sitzt? — 
. Wir denken, die Carricatur von Belvedere ist fertig, upd 
Niemand wird etwas zu erinnern haben, wenn der Kritiker 
seine eigene Stime mit dem Kranze krönt, den Winkelmann 
zu den Füssen des Gottes niederlegte, weil er das Haupt 
desselben nicht erreichen konnte. . 



163 



IX. 

Ti ^u coi/g vouovg SiSaÖKetg 

Kai pTjTopmv dvdy'Aag; 

Ti <r iuoi Xoyov roöovrcjr . 

(Anacr.) 

Unsere Betrachtungen habep im, vorigen Pai:jagraphe eine 
Wendung, genommen^ um deren. Verantwortung uns bange 
werden -dürfte. Wir trösten uns in der Kürze mit der Nach- 
richt des Plutarch , dass selbst der strenge Lykurg dem Gott 
des Lachens eine Statue .errichtet, hatte^^ und beeilen uns, 
die Freunde des vaticanischen Apoll mit der Versicherung 
zu beruhigen ) dass schwerlich je im Ernst ein so lächerlich 
furchtbo^res Gericht über ihre Lieblingsstatue ergehen wird. 
Wenigst^Qs müsste dies^ für den ganzen Olymp unsrer An* 
tikensäle nur das Signal, einer^ allgemeinen nordischen. Göt- 
terdämmerung sein. Die E^ritik, auf einen gewissen Punkt 
' gediehen, kennt,, wie das Fatum- der Alten, weder Schuld 
noch Unschuld mehr, und wohin sie immer dereinst den 
vaticanischen Apoll von seinem Ehrensitze zu entweichen 
zwii^en mag, er wird sich über kurz oder lapg von der 

* ovSi ydp avTog tjv anparög avdrtjpog 6 Avnovpyogj dXXd xal to tov 
yiZorog dyaX^drtov iytelvov iSpvöad&ou loöißiog idropei. Ptut. opp. ed. 
Xyl. I. p. 55. B, cf..p. 808. D. 



164 



aasgesuchtesten Gesellschaft umringt dehen. Nur zu bald 
wird die mediceische Venus eine kleinliche Zierpuppe heissen, 
ihre Schwesterstatue von Milo dagegen bäuerisch und derb, 
der börghesische Fechter gemein und tiberspannt, der An- 
tinous hohle Idealität und kalte Oberflächlichkeit, der vati- 
canische Torso manierirt, die Diana von Versailles gezwungen 
steif, der Apollino gedrechselt, Laokoon ein anatomisches 
Präparat, und der famesische Herkules ein Fleischerideal. 
Damit diese schmähliche Niederlage einigermassen gestihnt 
sei, wird allenfalls noch hie und da bei Werken des älteren 
iStyles , — oft wahren Eartenfiguren , deren Zeichnung keinen 
Holzschnitt in den "rter Hajmöns-Kindexn verunzieren würde 
— von einer gewissen glticklichen Auffassung der Natur, 
von Zierlichkeit und Naivetät die Rede sein. Dass auch 
die Elginischen Marmore ihrem Schicksal nicht entgehen 
werden, lässt sich erwarten. Es wird sich immer noch ir- 
gend ein kritisches Auge finden, Welches dem Dissus mehr 
Zarth^t und Idealität wtinscht,- den Jungfrauen im Pana- 
thenäenzug einen einfacheren Faltenwurf, und den Epheben- 
rossen mehr Natur. Kurz, der 'Musenführer Apollo wird nur 
der Präidul eines ünübersehbaj*en Todteqtanzes. 

Doch waren die Urtheile, welche ein so betrübtes Er- 
gebniss vorzubereiten schienen, in der Regel nichts weniger, 
als g^ed die griechische Plastik selbst gerichtet: Vielmehr 
diente ihnen die tiefste Verehrung des ursprünglichen ßrie- 
chenthums zur Folie. Es war gewissermassen zur Pflicht 
gewcHrden, was« d^ einen Statue ' entzogen ward, sogleich 
mit doppelt und dreiflachen Zinsen einer dritten zuzuwenden. 
Die Kritik befand sich den antiken Bildweirken gegenüber, 
so ziemlich in demselben Falle, wie bei den schriftlichen 
D^ikmalen des Alterthums. So wie sie* hier von der Vor- 
aussetzung einer absoluten Correctheit, des Gedankens wie 
der Sprache, ausgeht, und eigentlich, wenn sie ihrer Sache 
gewiss sein will, ausgehen muss; so begann sie bei der 



165 

bildenden Kunst mit dem Glauben an unbedii^^te Vorti^- 
]ichktit der berühmtesten griechiscben Bildner. Die Feuchte 
faieron hegen nodi zu Tttge. Ha» glaubte endlich ,. wie es 
scheint, nur die Werke -des gnechisc^n Genius feiern zu 
dürfen, welche noch kein Auge gesehen, und sie nicht besser 
feiern zu können, als wenn ihnen alle diejenigen aufgeopfM 



166 



berufen war. Dies sollte oberster Grundsatz aller Künstbe- 
schaoung sein, welche eben so gut eine Kunst ist, wie das 
ProduCiren eines Kunstwerks selbst. Wer um der übersohtts- 
sigen Parte oder Minute eines linken oder rechten Fusses 
willen, die Begeisterung eines Winkelmann belächelt, für 
den hat auch kein ^Phidias gebildet. Mag nach jedem Ver- 
suche, den vaticanischen ApoU in seine alten Rechte wieder 
einzusetzen , noch einiges übrig bleiben , was sich wirklich 
in keinem Betracht rechtfertigen 7ässt ; mögen- diese Versuche 
selbst ei&em tiefer in das Wesen der Kunst und Natur em- 
gewe^ihten Blicke als mangelhaft erscheinen: so hört diese 
Statue darum doch nicht auf ^ ein in seiner Art rollendetea, 
ein. bewunderungswürdiges Werk' zu sein, sobald sich nur 
nichts nachweisen lässt, was die Idee des W-erkes selbst 
verdunkelt, dem Beschauer sie unzugänglich niacht, ihm 
statt einer Harmonie in den wesentlichen Momenten eines 
Kunstworts, nur ein Aggregat von zufälligen Vorzügen Und 
Mängeln erscheinen lässt. Dass diese Harmonie wirklich 
vorhanden ist, und unser Kunstwerk, wenn auch keine trans- 
mundane Hesperidenfrucht, doch nicht im innersten Kerne 
schadhaft ist, dürfte aus dem bisher gesagten hervorgehen. — 
Nur Eines wäre noch in Erwägung zu ziehen. In ge^ 
wissen Punkten beruht Jie Schönheit des vaticanischen Apollo 
denn doch auf Bedingungen, welche abermals dem Begriffe 
der Plastik fremd sind ; und nur unter gleichen Bedingungen 
sehen wir das MissfäHige ' einzelner Theile verschwinden. 
Wir musst^j für diese Statue einen -malerischen Gesichts- 
punkt zu gewinnen suchen, und ein gewisses Verhältniss 
derselben zu dem Räume "ausser ihr anerkennen. Was über 
die Drapirung des Apoll, über Licht und Schatten gesagt 
wurde, scheint geradehin einem Gemälde entnommen zu 
sein. — Auch dies wird unis nicht irren , sobald wir nur die 
Erfahrung im Auge behalten , dass die Plastik in abstracto, imd 
die Plastik der Griechen zwei ganz verschiedene Dinge sind. 



167 



Wem es um eine Aehrenlese scheinbarer oder wirklicher 
Fehler zu thun ist, kann unter den noch jcrhaltenen Statuen 
auf eine reichliche Emdte rechnen. An der mediceischen 
Venus ist- der eine Puss beinahe eine Parthie und drei 
Minuten länger als der andere. Das linke Bein des Laokoön 
misst vier Minuten, das rechte seines altem Sohnes fast neun 
Minuten zu viel.' An dem vortrefflichen Kopfe des Jupiter 
Serapis- bemerkte Emin. David, däss die eine Seite flacher 
als die andere gehalten, und die Unterlippe nicht gleich- 
fönhig gebildet ist * Derselbe Eemier entdeckte an dör Pal* 
las aus der Villa Albani, dass Nase, Mund und Kinn nicht 
in eine P^pendikularlinie fallen, und die Augen nebst den 
beiden Seiten des Mundes sich ungleich öffnen.' Eine ge- 
wisse Schiefheit ist auch an dem Kopfe der Niobe in Florenz 
wahrzunehmen, und von dör Seite betrachtet, wohin er sich 
lieigt, ist er von auffallend widerlicher Wirkung. An einem 
im Uebrigen schönen Kopfe der Leükothea (nach and^n 
des Bacchus) auf denj Campidoglio, stehen , nach Winkel- 
manns Bemerkung, die Ohren mit dör Nase nicht parallel,* 
und ähnliche Abweichungen wurden selbst an d^r ludovisi- 
schen Juno und am sogenannten Antinous des Vatican ge- 
rtigt. Die groben Fehler an mittelmftssigen Statuen, die 
auihllenden Verzeichnungen an Reliefs*, aus welcher Zeit 
und von welcher Art sie seien, die Elginischen vom Par- 
thenon, und die Skulpturen des Tempels zu Phigalia nicht 
ausgfenommeti , sind Jedem bemerkbar.^ 

Alle jene Abnormitäten aber an besseren Statuen, ver- 
schwinden in der Regel dem Auge, wenn der Beschauer in 
eine gehörige Entfernung von der Statue zurücktritt. War 

• Audran, les proport. pr^face. 

• Recherch. sur. Tart. stat. p. 358. 
» 1. 1. p. 360. 

• opp. IV. p. 172. 

^ VergL Goethe'B Kunst imd Aiterthum. B. Hl. H. I. p: 108. 110. 



168 



bei den Alten in früheren Zeiten alles, öffentlich, so sanken 
auch die Werke der plastischen Kunst erst in der späteren 
Zeit des römischen Privatluxus theilweise zu blossen Kabi- 
netsstücken herab. Früher in den .geräumigen Hallen der 
Tempel und Gymnasien oder auf offenem Markte aufgestellt, 
nicht selten wohr von hohen Piedßstalen getragen, ^ waren 
die meisten bestimmt, aus einer gewissen Ferne betrachtet 
zu werden , und schon durch die Art ihrer Aufstellung gegen 
jede mikroskopische Kritik geschützt. So manches, was der 
griechischen Kunst eigenthümlich ist, die Vernachlässigung 
der Nebenparthien , das Hervoi^ebeQ d^ Grundformen und 
Flächen , das Arbeiten aus dem Grossen in's Grosse , hängt 
mit dieser Oeffentlichkeit und Popularität der Kunst zui^am- 
men. Manchmal war es vielleicht sogar unumgänglich nöthig, 
die Verhältnisse einer Statue nicht aufs strengste in abstracto 
zu erfassen, sondern sie für die Ansicht von einem bestimm- 
ten Punkt aus zu modificiren. Jene Minerva des Phidias, 
welche über die des Alkamenes den Preis davon trug, war 
gewiss nicht das erste und letzte Beispiel von Statuen, deren 
Wirkung der Künstler perspektivisch berechnet hatte^^ so 
irrig es sein mag, bei unsern Antiken in jeder Linie, welche 
von der Regel eines absoluten Kanons der Verhältnisse 
abweicht, ein optisches Geheimniss zu vermuthen. Nach 
Schoms Angabe rührt das scheinbare Missvj^häl.tniss einer 
Minerva in Efresden niir davon her, dass sie niedriger auf- 
gestellt ist, als sie ihrer oigenthümlichen Construction nach 



^ So stand die Statue der Phryne zu Delphi iiti niovogev fiaXa v^rjXov. 
Aelian, var, bist. IX. 32. 

» Vergl. die Erzählung bei Txetzes, ad Lycophr. Chil. VIII. 193. Eine 
vielfoch belächelte Sage (^Fakonet, sur la at. d. M. Aur. opp. I. p. 167.)- 
In allen einzelnen Punkten sie für wahr zu halten, wie von Gedoyn- ge- 
schah (histolre de Phidias acad^m. des inscr. XUl. p. 297.), kann freilich 
nicht gestattet werden. Selbst die Künstler-Namen wären vielleicht zu 
bezweifdn; aber rein aus der Luft gegriffen ist sie gewiss nicht. 



169 



sollte. 1^ Auch für die mediceische Venus glaubt man , wlire 
eine höhere Basis vortbeilhafL ^^ Vitruv schärft dem Bau- 
künstler ein, auf die Täuschung des Auges Rücksicht zu 
nehmen, und gibt z. B. die Regel, die Säulen an den Ecken 
der Tempel stärker zu machen, als die übrigen, weil. jene, 
eines Untergrundes entbehrend , schlanker erscheinen. ^^ 
Aehnliche Rücksichten waren dem Plastiker durch die Natur 
seiner vi^l freieren Kunst, und ihrer bei weitem ausgedehn- 
teren Bestimmung noch nähef gelegt. Es fragt ach, ob bei 
dieser oder jener Stajtue die schwere gedrungene Proportion 
der^ganzw Gtestalt nicht blos darin ihren einfachen, wohl- 
überlegten Grund hat, dass sie ursprünglich bestimmt war, 
in freier Luft gesehen -zu werden. Gleichergestalt musste 
der verschied^e Ton des Materials, der tiefte des Erzes, 
der mehr heitere , des -Marmors gewisse Modificationen der 
Gesammtproportion mit sich, bringen. In Beziehung auf die 
Behandlung des Details wurde vielleicht selbst . die Farbe 
des Hintergrundes in Betracht gezogen, insofern diese hell 
oder dunkel,* für das Hervortreten der Einzelheiten hinder- 
lich oder fördernd war. 

Wie sehr sich . auch unser Gefühl dagegen sträuben 
mag, . — mehr als ein Moment der Malerei haben die ^e- 
chisch^n Bildner in <iie Sphäre ihrer Kunst hinübergezogen, 
ein und das andere selbst in die Grundnorm des sog^annten 
griechischen Ideals aufgenommen. Die tiefgewölbte Augenhöhle 



»0 In Böttiger's Amalthea ü/p. 207. 

*• Richards(m, descript. T. HI. p. 1. p. 99. 

*' Angulares colmdnae crassiores fadendae sunt ex suo diametro qnin- 
quagesima parte, quod eae ab aere circumcidanttir, et gradliores' esse 
videntur aspicientibus. Ergo quod oculos fallit, ratiodnatioite est exae- 
quandum. IIL'3. p. 77. ed. Schneid. So wurde auch von den Altmeistarn 
unsrer deutschen Dome, namentlich, was die Verhältnisse zwischen den 
oberen Theilen des Thurmes und seinett untern betrifft, auf die Täuschung 
des Auges Rücksicht glommen. Vergl. Mol 1er 's Bemerkung iiber die 
aufgefundene Original^ichnung des Domes zu Köln. p. 11. 



170 



der idealkchen Köpfe scheint wirklich die Bestimmung 
2u habeij, durch Kraft und Fülle des Schattens, dem Theile 
des menschlichen Angesichts mehr Nachdruck zu geben, wo 
die natürliche Farbe von der entschiedensten Bedeutung ist, 
und daher am schwersten vermisst wird. ^* Der hochhervor- 
gehobene Rand des Augenliedes, mit seiner-«charfen Schatten- 
linie und dem Lichtreflexe, der von der erhabenen* Augen- 
Wölbung in seinen Winkel fällt, täuscht bei gehöriger Be- 
leuchtung der Statue mit dem Schein eines geistvollen durch- 
dringenden Blickes. In dieser malerischen Beziehung leistet 
auch das geneigte Haupt durch seine isanfte Verschattung 
einen so wesentlichen Dienst, dass wir kaum, weder die 
Blässe noch die Röthe der Wangen vermissen. • So wussten 
die Griechen mit eitiem einzigen höchsteinfachen Mittel mehr 
als £inen Zweck" zu erreichen. Von mehreren Kennern 
ward auch in den Gliederformen, in der Muskulatur der 
Antiken eine gewisse Rücksicht auf erfreuliche. Wirkung 
duröh Licht und Schatten wahrgenommen. ^^ 

Viel offner noch liegt die malerische Tendenz in der 
Drapirung der alten Statuen vor Augen, so offen, dass es 
gar nicht mehr nöthig sein sollte, dieselbe nur mit einem 
Wöi«te zu berühren.' Indessen hat Plinius einmal geäusserte 
es sei griechisch, nichts zu verhüllen ;'* den Grundsätzen 
der Theorie zu Folge, hat sich der Plastiker als solcher 
jede Drapirung zu versagen,'® und wie nachdrücklich vol- 
lends gegen malerische Drapirung geeifert wurde , ist bekannt. 

Ersteres ist bedeutend einzuschränken; der zweite Punkt 

»3 Vergl. Winkelmapn, Geach. d. K. opp. IV. p. 200. trattat prc- 
lim. p. 121. Visconlii sehliesst bei Statuen, wo ^ie Augenbrauen nicht 
scharf angegeben sind, auf eine .Andeutung der blonden Farbe. S, seine 
Bemerkungen über den Meleager des Vatican. Miu, Pio-CUtn, II. p. 245. 

'^ Vergl. z.' B. Meyer's Bemerkungen über die kapitolinische Venös 
in den Propyläen; 111. 1. p, 161. 162. 

•> Graeca res est, nil velare. h. n. XXXIV* a. 10. p- 642. 

1^ Vergl. Hprder'6 Plastik. Absch. U; opp. "XXVII. p. 263; ff. 



171 



kann nur von der Plastik in abstracto, und der letzte nur 
von den Missbräuchen modemer Uebertreibung gelten. Junb 
und Pallas, Geres und Proserpina, die leichtgeschürzte Diana 
und .die jungfräulichen Musen, in' der altem Zeit selbst 
Venua und die Grazien, dann Thyaden und Tänzerinnen, 
Apoll als Mu'senftihrer , der bärtige Dionys, Aeökulap und 
Merkur, unter den Menschen Philosophen und Redner, und 
wie sonst- die Götter, Halbgötter und Erdenkinder beissen 
mögen, welche entweder immer oder meist, ganz oder theil- 
weise bekleidet wurden, alle diese Gestalten sind ebenso 
viele Producte acht hellenischer Art und Kunst, als sie Aus- 
nahmen von einer Regel bilden, welche dadurch aufhört, 
eine Regel zu sein. Bleibe doch immer die Darstellung 
des Kackten das schönste Ziel der bildenden Kunst; keine 
griechische Schule hat es darum zur Höhe des letzten und 
einzigen erhoben. Durch den Einfluss, welchen die völlige 
Entblössung der Ringer zu Olympia auf die Kunst ausübte, ^^ 
wurd^ die Sitte zu drapiren, nicht nur nicht verdrängt, son- 
dern , wenn auch in engere Kreise zurückgewiesen , erst recht 
zur typischen Kunstfprm befestigtes Zur Kunstform, müssen 
wir sagen; denü, im Verlaufe der ganzen griechischen Pla- 
stik, selbst die älteren Epochen nicht ausgenommen, ent- 
deckt sich in der artistischen Behandlung der Gewänder 
nichts von jener Kälte, Unlust qder Aengstlichkeit, womit 
sonst wohl das blos ünefitbehriiche, von aussen Aufgedrun- 
gene abgethan wird. Wir sehen diesem Künstzweige die- 
selbe Liebe, dieselbe Beharrlichkeit eines nie befriedigten 
Studiums zugewendet, wodurch die Darstellung des Nackten 



" Vergl. Thiersch's Epochen, und Beck's CommeniAT. societ. philo- 
iDg. Irtjw. I. 1. p. 172. 

'• Typisch war die Bekleidung namentlich fast für alle weibliche Sta- 
tuen, auch in den schönsten Zeiten der Kunst, wie Winkelmann be-. 
merkt, „also, dass man eine einzige nackte Figur gegen fünfzig bekleidete 
rechnen kann." Opp. V. p. 89. 



172 



so unerreichbar weit gefördert wurde. Wir sehen ^ wie 
Künstler auf Künstler sich beeifert, auch dem Gewände 
Leben und Seele einzuhauchen,, diesen ausserwesentlicben 
Stoflf dem innersten Wesen der Plastik einzuverleiben, selbst 
auf die Gefahr hin, dieses selbst zu zerstören, und ein ganz 
neues eigenthümliches Künsterzeugniss daraus entspringen 
zu lassen. 

Ein solches ist denn in der That die drapirte Antike. 
D^in fragen wir uns nur: was sollen bei griechischeü Sta- 
tuen die tief ausgemeisselten, Falten des Gewandes? die 
yollgesättigten Schatten der Unterhöhlungen? im Gegensatz 
mit diesen, die breiten Lichtflächen, von sanfteren Schatten 
schiJlemd überhaucht? die so zahlreich und enge, neben ein- 
ander gereihten Streifen? das Vor- und Zurücktreten der 
freistehenden Theile mit ihren vollen, gedrungenen Massen, 
ini Gegensätze mit der Zartheit des Gewandes, wo es die 
Nacktheit deckt? die scharf vom Körper losgeschnittnen 
Ränder? die- ganz unverkennbare . Rücksicht auf die Farbe 
des Marmors? endlich - selbst die sogenannten Fehler, wie 
die von Falten Überlaufenen hohen Stellen? Woa «ollen 
sie? ünsrer Einbildungskraft wird ein Bild vorgegaukelt, 
wo der Gegenstand nieht in körperlicher Wahrhaftigkeit ge- 
geben werden konnte; statt der handgreiflichen Wirklichkeit 
in Licht- und Schatten-Spiel, Täuschung des Auges, maleri- 
seher jS^ihein. *® Kurz es sind.vdie- griechischen Statuen auf 
die einzig denkbare Art drapirt — nämlich malerisch. 

Und zwar will dieser Begriff des Malerischen in seiner 
w^testen Ausdehnung verstanden sein. Betrachten wir die 
halbbekleideten, oft blos mit ein paar Falten geschmückten, 
Figuren! Wie leicht konnte der in Haltung und Miene so 
unverkennbare Hermes seine luftige Chlamys, wie leicht der 

» 

'* „Kleid als Kleid kpnnen sie (die Bildner) nicht büden, denn* das 
ist kein Solidum, kein Völliges, Rundes." Herder h \. . 



173 

Fbuo aeineNebris entbehren!*" Die Qewsndstrdfen nm den 
Schenkel des Nil und des Tibergtroms, die FaltenachwUnge 
um Arm und Scholter des Taticantschen Merkur, der zart- 
geknitterte Schleier neben der capitolinifichen Venue, der 
schattenreiche Mantel über dem Altar des Laokoon, endlich 



174 



Werken, und sonst 4em modernen Begriflfe des Malerischen 
zu widerstreiten scheint, so lehrt dies nur, dass der male- 
rische Schein nicht immer und überall zugleich malerische 
Schönheit war. Die Draperie antiker Gemälde mit dem 
nächsten besten Bildwerke verglichen, zeigt keinen Unter- 
schied , als den einer geringeren Schärf^ in Licht und Schat- 
ten. Es musste die Statue das Malerisidie mit um so grösse- 
rem Nachdrucke behaupten, alis der strenge Begriflf der 
Plastik dagegen sich auflehnt. 

Spätere Werke, wie die Gruppe der Niobiden in Flo- 
renz, die Musen im Vatican, eine Unzahl malerischer Ge- 
wänder auf Reliefs wollen wir gar nicht weiter erwähnwi. 
Dagegen seien die Statuen nicht vergessen, wWche als Mei- 
st>erstücke der Drapirupg und, inconsequent genug, als Mu- 
ster plastischer Drapirung aufgeführt . werden. In. ihnen 
sehen- wir das malerische Princip auf seinen höchstdenkbaren 
Punkt getrieben. Ist irgend ein plastisches Werk, dem 
strengsten Wortverstande nach, maleriscTi zu nennen, so ist 
es die famesische Flora, so sind €s alle die, welche mit 
den sogenannten nassen Gewändern bekleidet sind. Da ist 
das Unmögliche möglich gemacht, der Marn^ör zum durchs 
sichtigen Stoffe umgewandelt, das Gewand nur noch eine 
dämmernde Nebelhülle, welche nicht verdeckt, und kaum 
verschleiert. ^3 Herder sah in diesen Gewändern eine Rück- 
kehr zur plastischen Urform des Nackten , eine Art Täuschung 
für das tastende Gefühl. Auch diese Täuschung wäre un- 
plastisch genug; und wozu ein Gewand, wenn es wied^ 

* ^ * 

mustern: weitaufgewölbte Draperien pl. 3., zierliche Schwingung des Ge- 
wandes pl.' 4., zu tiefen Schatten ausgehöhlt pl. 8., straffgespannt pI. 13. 
17. 22., spiralförmig im Winde iflattemd pl. 19. 20. 

^^ Kein Kupferstich gibt eine Ahnung von der zauberischen Herrlich- 
keit dieser Statue, die ich wenigstens ausOypsabgüssen kenne. Beson- 
ders deutlich ist das Durchscheinen des (Gewandes auch an^der sogenann- 
len Ceres im Mm. iVo-CfeH».' I. t. 40. besser abgebildet im Jfttf. Nap. I. 
t. 69. ' ' 



175 



nur das Gefühl seines Gegentheils, des Nackten herbeitän- 
schen soll? Freilich, es ist Täuschung, aber Täuschung des 
Auges, malerische Täuschung, und diese nicht um des 
Nackten willen , nicht Schein des Nackten , sondern Nackt- 
heit zum Scheinendes Gewandes. Dies ist bei allen Statuen 
anzunehmen, wo mehr oder weniger die Form des Körpers 
unter dem Gewände sichtbar ist^* Es. war. das einzige 
Mittel, der letzte geistvolle Versuch, die Härte-, Schwer^ 
und Dichtigkeit des Materials dem Schdne nach gänzlich 
zu vernichten, d. h. die Statue zu drapiren. Beiläufig diene 
hier noch zur Erinnerung^ dass die volle Wirkung dieses 
malei^ischen Scheines nur durch das Helldun'kel des Hirmors 

^* Die Bässen Gewänder als transparente betrachtet, heben auch dia 
ungeschickten Scrupel, welche Perrault z. B. über die farnesische Flora 
beibringt. Parallele de» anc. ei des mod, I. p. ,178. 179. Die Alten selbst 
erkannten in ihnen den Anschein des Durchscheinenden, wie aus einer 
Stelle des Callistratus zu sehen, welche nur durch diese Bemerkung 
aufhört, baarer Unsinn zu sein: ovro Se iy aftuJLog^ xcti (tpoq, aiftXav yt- 
yovut^ ^duT^diVy sagt der Sophist von der Draperie eines Narciss aus Mar- 
mor, c>g xai fijv rov ötj/uarog SiaXduffreiv ^poav^ T^g iv rj srepifioX^ A«v- 
KOTtjTog *T^v iv Toig ^likaöiv avyjv i^Uvai övy^opovötjg* Philoitr. itriag, 
ed. Jac. >p.' 151. JDass diese durchscheinenden Gewänder übrigens an Sta- 
tuen ersX in der Zeit eines üppigeren, lüsternen Geschmackes, etwa als 
Nachahi](>ung der coischen Kleider aufgekommen, ist nicht zu beweisen; 
Schon an ' einer Statue des älteren Styls in . Dresden , gewöhnlich Vesta 
genannt,, ist die Drapirung vollkpmmen transparenl. S. die Abbildung 
in £rc^V August III. t. 97.; desgleichen an einer aUerthiimlichen männ- 
lichen Statue mit den Attributen der Diana im Mus. Pio-Clem. III.. t. 39. 
^as will man? Schon die. Aegypter hatten durchscheinende Gewänder 
gebildet, so dass solche Statuen oft gar nicht von nackten zu unterscheiden 
sind. Winkelmann opp. lU. p. 94. Deutet nicht auch die Nachricht vom 
Vulkan des Alkamenes: in quo staute in utroque vestigio, atque vestito 
leniter apparet claudicatio non deförmis, auf ähnliche Dirapir^ng? Siehe 
Cie. nat. deor. I. 30. Taler. Maa. VII. 1. L'ext. ^. Kam diess überhaupt 
öfter bei männlichen Statuen vor, so haben wir einen neuen Beweis, dass 
es nicht auf liisterne Haibnacktheit abjgesehen war. Vergleiche noch die 
Schilderung Visconti's vom jsogenfannten Fhocion. Mds. PiihClem. II. 
p. 314. und. was Mayer im 3ten Bande von Goethe' s Reise nach Italien 
über die Fackelbeleuchtung dieser Statte bemerkt. 



176 



Di€ht durch dia verwirrenden Glanzlichter des Erzes zu er- 
reichen stand , und auch aus diesem Grunde eine Drapiruug 
wie die des vaticanischen Apoll, das Gewand überhaupt, 
der Skulptur anheimfällt, während die Bildgiesskunst auch 
durch die Nacktheit ihrer Gestalten einer mehr abstracten 
Plastik näher tritt. ^5 

Die Anlage der griechischen Statuen in Stellung und 
Giöbärde ist nicht minder malerisch zu nennen. Von jener 
speziellen Rücksicht auf Regeln der Perspective abgeisehen, 
ist in den allerwenigsten die plastische Totalität hergestellt, 
eine gefällige Harmonie der Linien nach allen Seiten hin 
gleichmässig ausgebreitet. Von gewissen Standpunkten aus 
betrachtet, scheint derJLaokoon gezwungen uud verzerrt, 
die ganze Gruppe ist ein verworrener Knänl; Der borghe- 
sische Fechter zeigt die widerlichsten Verkürzungen, Ecken 
und Winkel, und die Stellung der herrlichen Melpomene im 
Vatican ist im höchsten Grade beleidigend für das Auge, 
wenn man die Schönheit «ines oder, des ändern Profils in 
allön übrigen wieder finden will. 2« Dasselbe gilt von den 
Figuren in der Gruppe dar Niobe, wie von unzähligen an- 
dern Statuen, und muss,, was Schönheit und Anmuth der 
Bewegung betriflft, bei den extravaganten Broncefiguren eines 
Myron oder Lysippus, jenen Diskuswerfern und Ringern, in 
noch gröisserer Ausdehnung stattgefunden' haben. Bei Mar- 
morstatuen machten die weitausgebreiteten tragenden Ge- 
wändermassen, Baumstämme und sonstige Stützen des Bil- 
des fast ohne Ausnahme Haupt- und Neben-Profile nöthig, 

?^ Man betrachte noch einmal den vaticanischen Merkur mit seiner, 
wie wir bemerkten, überflüssigen Draperie. Nicht anders der Merkur auf 
dem Relief, welches die Geburt des Bacchus vorstellt. Mus, Pio Ckm. IV. 
t. 19. Der broncene Merkur dagegen^ unter den Älterthümem von Hei^ 
kulanum QBronzi d'Ercdlano U. 29.) hat nichts dergleichen. 

*• Vergleichen y»r nur die verschiedenen Seiten nait einander, von 
welchto diese Statue im Mm» Nap. X 29. (bei MiUin. gal! myth. 21. 69.) 
und< im Mus. PuhClem, I. 19. abgezeichnet ist. ^ 



177 



• 

und geslatteten häufig nur ein einziges. Es gehörte gewiss 
mit zu den seltenen Vorzügen der Enidischen Venus von 
Praxiteles, dasd sie, von jeder Seite l;)etrachtet, gleich be- 
wundwungswürdigwar* ^^ Mit einem Worte : der vaticanische 
Apcülo ist nicht die einzige antike Statue, welche sich auch 
dadurch vom Begriffe abstrakter Plastik entfernt, dass der 
Künstler , nur Einem Punkte ihre ganze Schönheit vorbehal- 
tend, aus der Völligkeit der Form sie gewissermassen in 
die Fläche des Gemäldes zurückwies. 

Bei' Marnoorstatuen,* welche bestimmt waren , in Nischen 
aufgestellt, oder an eine Wand gelehtit zu werden, blieb 
olutedies' die ein6 Seite dem Beschauer entrückt, und ent- 
wldi für imlner in die Wölbung oder Fläche ihres ffinter- 
gnmdes. Hier wurde die Rücksdte nicht einmal vollendet, 
oft nooh viel roher gelassen, als dies b^m vaticanischen 
Apoll geschehen ist. Diese Vernachlässigung beginnt mit 
dem alierthümlichen Apollo Barberini,* und. erstreckt sich 
bis zu den Werken der letzten Eunstepoche herab. ^ .Bas» 
eine malerische Ansicht, in dem bezeicimeten Sinne de» 
Wortes, bei jenen , figurenr,eichen Gruppen der. Alten die 
einzig, denkbare ist, bedarf keiner Erinnerung. ^ Aber 
wenn -durch die gehörige, Iceineswegs dem Zufall anheim- 
gesjieUte Entfernung vom B^chauer, jede störende Einzel- 
heit wie in der Dämmerung einer Luftperspective versebwimd, 

« 1 

I . - * 

'^ Aedicula ejus tota apejritnr, ut couspici possit uqdique efl^es 
Deae^ fkvente ipsa. nt cxeditur facto. Nee minor ex qaacunque parte 
adiniratlo eet. Plin. h. n. XXXVJ. 4.' ^. TQß, . Die letzte Bemerkung des 
PUnios ist ganz überflüssig, wenn, allseitige YolleiKtung . und Schönheit der 
StMue in der griechischen Kirnst an der Tagesordnung war. 

*• Selbst der ajlbewunderte Herkules-Torso im Vatican , wo der Rückei^ 
so unübertrefiQich schon gebildet ist, soU^och an der linken Seite weniger 
^eissig ausgeführt sein, als an der rechten. . Vitconti, Mus.'Pie-Clem. II. 
p. 81. . . 

^* Hemsterhuis (1. 3. 1.) dringt sehr auf plastische Totalität, ge- 
sikeht aber ein, dass der LaokOon .und AiBphion mehr der Malerei,' als der 
Bildhauerei zugehört. 

Peuerbach, der vaticanische ApoUo. 12 



178 



80 war gewiss such durch die ganze Umgebung für. die Tor- 
theilhafteste Beleuchtung der Statue, für' ihr wahres Licht, 
im eigentlichen und figürlichen JSinne des Wortes, gesorgt. 
Als der vaticanische Apoll noch auf der Stelle stand, fltr 
welche der Künstler ihn' berechnet hatte, ist er zuverlässig 
nur von der einen S^te zugänglich gewesen, auf weichet 
uns diese Statue als das erschien, was sie -wirklich ist 

Die. antike Plastik' hat sich zugleich mit der Architek- 
tur herangebildet, und fortwährend blieb sie,, selbst noch in 
den Prachtpalästen der römischen Grossen, wie ehemals in 
den Tempeln von^Samos und Ephesus, im engsten Verband 
mit dieser ihrer Schwesterkunst, Vorzüglich aber war es in 
den griechischen Heiligthümem,.'wo das Fesäialten der pla- 
43tischen Selbstständigkeit in ihrer ganzen Strenge^ nidit nur 
zwecklos, ^sondern manchmal sogar zweckwidrig gewesen 
wäre, Nöthw^idig war hier die Statue, sey siefftr die Cdla ' 
des Tripels, zum Schmucke seiner Säulenhallen oder d^ 
Griebelfeldes, gefertigt worden, durch inh'ereN, wie durch 
äussere Bestimmung,, durch Gestalt und Bedeutung^ einem 
höheren Zwecke untergeordnet. . Sie musste auffiören , eine 
abgeschlossene Welt flir sich zu sein, 'sie war der: integri- 
rendeTheil dnes grösseren, harmopiscfa geordneten 'Ganzen. 

Selbfift ausserhalb des heiligen Tempelg^ietes sollt« .ifie- 
Statue, nicht allein und abgesondert auf sich selbst beruhen. 
Wem kann das ganiz bestimmte, klar sich böWusste Streben 
der Griechen entgehen, die Statue ällentho-lben . in ein; näher 
res Verh^ltniss zu d^m Räume ausser ihr, in engen Verband 
mit ihrer Umgebung zu rücken? Eine Statue des Orpheus 
würde Orpheus bleibBn, ob sie in SerJNische eines Tempels, 
oder in der Halle einer Lesche steht; doch war sie nach 
gtiechischeni Gefühle ^rst auf der Höhe des Helikon neben 
Thamyris und Hesiod. ganz an ihr^r Stelle, ^o Das erste 

90 Vergleiehe aber die Knnstw^ke anf dem HäilK><i PüMian. IX. 29> 
u. 30. p. 608. ff. 



179 



Urbild der Venus, ans welchem ihre ganze später^ Id^al- 
scböpfung heryorging^ stellte AlkfiMneneä in den Gärten auf. 
Die Merkurius- und Herkules- ,und Eros -Bilder wohnten in 
den Gymnasien; Tritonen, Nereiden und ihr Herrscher Nep- 
tun standen am Meer; Diana mit ihrem hochgeschürzten 
NjipphMigefolge in schattigen Hainen. ^^^ Nicht unisonst 
beherrschte der Helmbusdi der Stadtschirmerin Minerva die 
Umgegend von Athen,** und es war mehr als blosser Zu- 
üall, wenn die Statue des Jupiter, welche die Sieger bei 
Platää gemeinsam zu Olympia geweiht , das. Antlitz gegen 
Sonnenaufgang gerichtet hatte, ^ woher die Schwftrme der 
Barbaren Griechenland bedrohten. Pau^an&s vergass nicht 
aufzuzeichnen, wenn hier lebendiges Wasser d^m Delphin 
des Nepöm,'* oder den Brüsten der Nymphenbilder, ^ dort^ 
neben Bellerophon ein wirklicher Quell dem Hufe des T?egBL: 
sus entötrömte.^ Die Kunst diente hier, wie in. jenen Sa- 
tyren und Tritonen , die mit ihren Muscheln und Schläuchen 
den nöthigen Vorrath spendeten, dem AUtagsbedürfnisse des 
Lebens und zugleich der Lust an gefälliger Zierde; aber 
gewiss wandelte keinen Griechen je der Wunsch an, dass 
di€ Kiinst diesen Dienst entweder ganz von sich, ablehnen, 
odei^ doch auf eine, ihrer Würde mehr angemessene Art 

'' Worte Böttiger' B ip aeiner Monographie über Maseen und^Anti- 
kensamtailtmg^ , p. 7. Ueber die Harmonie zwischen der Bedeutung^ 4er 
Statuten, und dem Orte ihrer Aufstellnng legt Vitrirv dem MathematiJcer 
Licpnius die Worte in den Mund: Alabandeos satis acutos ad omnes res 
civtles hal^ri; sed pi^pter non magnum Vitium nndecentiae insipientes eos 
«sse judicatos, quod in gymnairio eorum, quae sunt statuae, <»nnes sunt 
oausas agentes, in foro autem dificos.tenenAes,^ aut currentes seu piia ]u- 
dentes etc. III. 5. p. 190. 16. ed. Sehn. 

*' Böttiger, An^eik p. 84. 

" Tovro idyaXfta ätoq) tirpcurrcu iiiv npog dviö'^a\^a ijltov, dvid-e^ 
öav S^ 'EXXr^vGfv vöoi HXct^mS^iv iita^iö&vro ivävriu MapSovli^ re yiai 
Mf^Stov. Paxuan. V. ,23. 1. p. 342. . 

'* Pawmn. II. % 8. p. 93. 

^^ id. IX. 34. 4. p, 618, Anders kann diese. JSteli^m^ht gemeint sein. 

•*« id. II. 3. ö. p. 95. . . . 



186 



vollziehen möchte, und w^ilgstens tein Einmischen dea 
Wirklichen in ihre Bedeutung gestatten, wie dies bei jenem 
PegÄsus der Fall war. 

Manchmal half aber die Natur recht eigentlich dazu, 
in, einem- sinnreichen Ineinanderspielen Tön Kunst und Wirk- 
lichkeit, das Kunstwerk zu ergänzen. Bo stand jene StatuB 
des Narcissus ian ^ner Quelle, welche das Bild desselben 
widerstrahlte, — eine Art vöa Composition, welche die 
moderne Kritik keinem Gartenkünstler ungestraft würde 
hingdien lajjseö.?^ ffier oder dort waren Scenen de^ Natur 
sogar künstlich nachgebildet, um der Statue den, ihrer Be- 
deutung, entsprechenden Hintergi'und zu geben, wie, denn 
auf dem Tänarischen Voi^ebirg daß Bild des Neptun vor 
einem Tempel stand, der in Fonri einer Grotte angeführt 
war.^ Der luxuriöse Gescfhmacl^ späterer Zeit gefiel sich 
2ul^zt darin, die Statue ^ mit wahr^ Decorationenpracht 2u 
nm^ben. Die Schilderung, welche Apulejus, wenn auch 
mit Uebertreibung , von einer Statue der Diana entwirft, ist 
recht geeignet, Qin l^end^es Bild von solchen Composiftö- 
nen zu erwecken. Die Statue war. aus panischem Marmor 
gebildet, im heftigen Laufe begrififen, das Gewand zjurtick- 
geweht, auf beiden Seiten Hunde mit drohaiden Bliek^i, 
gereckten Ohren und schnaubenden Nüstern. Hipter der 
Göttin erhob sich ein Felsen nach Art einer Grotte mit 
Moosen und Kräutern , Blättern ui^d blühendem Gestsäuch, 
alles aus Stein, und am Rande der Höhle hingen Bautn- 
/rüchte und Trauben, aufs kunstvollste der Natur treu nach- 
gebildet.. Nur die Farbe der Herbstreife schien ihnen zu 
f^en, um sie zu pflücken. Quellen zitterten zu den Füssen 

?' S. die scho» oben .angeführte. Beschmbung -des Callistrat. -be- 
sonders p. 151. 6. iÖTij Sixa&cutef yiatotrrpp ry miy^ ^pdfievog, mal «ig 
övr^v f^spi^Aav rov ffpwioftov ro elSog, 

'* vadg ehaafiivog ^nißaUfi , nal ftpo avrov UoöeiSwvog dyaXfCa. Pau- 
san. ffl. 515. 4. p. 2ao» . . 



181 



der Göttin, und zwischen dem Bltttterwerk — lauschte 
Aktäon. '* Wie so manche Scene der Art , Velche kühne 
Verzweigung der Kunst und Katvr mögen jene Haine dies 
Apoll zu Patarä und Diaphne, die Gärten der. römischen 
Grossen, die einzige Hburtina des Hadriän verschöpert haben! 
Besonders noch beachtendwerth ist es endlich (und dies 
bildet den schiH>ffsten Gegensatz mit der Theorie der Moder* 
fito), wenn wir hören, dass die alten Bildner von der Ma- 
lerei sogar den buntäi Schein der Farbe borgten. Schon 
die natürliche Farbe des Matei^ls war manchmal von Be- 
deutung. So heisst es^ dass die Statuen des Nil, als d^ 
africanischen Stroms, aus schwarzem Steine waren, ^ und 

. '' Die Schilderung ist 'merkwürdig genqg, um sie ganz herzusetien: 
Ecce lapis Parius in Dianam'factus tenet libratäm lotius loci medietatem. 
Signum- perfecte luculentum^^veste reflatum. procursu yegetum, introeun- 
tibus obvium, et majestate numinis venerabile. Canes utriinque secus 
Deae latera nnlniunt, qui canes et ipsi lapis^erant. Hls oculi minantuc, 
aures rigent, nares hiant^ ora saeviunt; et sicunde latratus de proximo in- 
gruerit, euin putabis de faucibus lapideis exire; Et ^. in quo summum 
specimen operae fabrilis egregiüs ille signifex prodidit, sublatis canibus 
in pectus arduis, pedes imi ^e^ig^tunt, currunt priores. Pone tergum Deae 
säxum insurgit, in speluncae modum müscis, et herbls, et foliis, et vir^ 
gul|s, et sicuM pampinis, et a^busculis alibi de lapide florentibus. Spleu- 
det intus umbra signi de nitore lapidis. Sub extrema saxi margine poma 
et uvae faberritne politae dependenir, quas ars- aemula naturae, Verität^ 
similes .expücuit. Putes ad cibum inde quaedam, cum n^rastulenttis aue^ 
tumnus maturum caloreih afilaverit, posse decerpi. . Et, si fontes, qui 
Deae vestigio discurrentes in lenem vibrantur undam, pronus aspe^eris, 
credes illps, ut vite pendentes racemos, inter cetera veritätis, nee agita- 
tionis officio carere. Inter medias frondes lapidis Actaeon .simulacrum, 
curioso obtutu in dorsum projectus, jam in oervam ferinus, et in^saxo 
simul et in fönte loturam Dianam opperiens visitur. Aputeji, Metamorph. IL 
ed. bipont. I. p. 26. 27. Die Worte; in dorsum projectus geben keinen 
Sinn, und müssen interpolirt seiu. Ich glaube ^ dass man lesen muss:ifi- 
trorsum prqjectus. Öer pompös subtilen Ausführlichkeit der ganzen SQhil- 
deruiig entsprechend, ist der Sinn: Zwischen dem Laube (halb) verdeckt 
lauscht Aktaon, mit dem Oberl^ibe nach^dem In;iern der Grotte hin, wo 
die Göttin ist, vorgebeugt. . 

*<> Fau$an. Vm. 24, 1^ p. 512. 



i8d 



wir bemerken, dass zu den Büdera der Faunen und Sätyreh 
häufig rother Marmor gewählt' wurde. ^^ Letzteres erinnert 
noch an die alten Schnitzbilder des Bacchus* und der länd- 
liehen Gottheiten^ welche man mit Mennig ai^ustreichen 
pflegte, ein Verfahren, welches schon Dibutades von Eorinth 
bei seinen Thonfigureö angewendet hatte. .^ Doch mag hier 
die Farbe blos symbolisch gewesen sein. Bei den.Holzbil- 
dem dagegen, dereti nackte, aus dem Gewand vortretende 
Theile aus Marmor waren, hatte man es schon auf maleri- 
schen Eflfect abgesehen. Öas fette, gleichsam fleischig schei- 
Ti^ide des Marmors, seine sanft verdämpften tdchter und 
Schatten, bildeten init der ganz andern Textur des übrigen 
Materials dnen Contrast, dessen Wirkung dem natttrlichen 
Unterschied eines ol^nischen und unorganischen Körpers 
entsprechend war. 43 . • ^ 

In den kolossalen Tempelbildern aus Gold und Elfen- 
bein, erreichte diese malerisch plastische Technik den hoch- 
sten Gipfel der Ausbildung. Diese Werke, worin wfr die 
Plastik in allen Zauber des ^^ Glanzes und bunter Farben- 
pracht gehüllt sehen, bilden daher auch den Jllittelpunkt 

aller Untersuchungen über die farbige Sculptur der Alten. ^* 

• '^ . • 

Eine kühnere Mischung der Plastik und Malerei lässl sich 

' ^ ', '■ ■ . ■ 

kaum ersinnen, als die war, wodurch das grösste Werk des 
gr^ssten Meisters, der olympische Jupiter des Phidias, zu- 
gleich eines det seltsamsten Pröducte griechische!' Kunst 
wurde. Diesem einzigen Bildwerke gegenüber müsste jeder 
Theoretiker' entweder an sich, öder an den Griechen irre 
tsrerden. Malerisch war an dieser Statue schon der Gegensatz 

*' Vergl. z. B. den Baochuskopf aus rosso antico Mus. Näp. U^ 5. 
über einen andern Kunstblatt 1818. Nipo. 3i, und Meyer zu Winkel- 
ntani) opp. V. 414. 

*' üeber den Hennig' der ländlichetf Gottheiten siehe: Voss.zu -Vir^ 
gi l Georg; 11. p: 514, wo auch die Hauptstellen verzeichnet sind. 

'^^ üeßeir diese Bilder vergl. Qualremh'£ de Q, \.'L 
« ♦* Vergl. Quatremere de Q. l l 



183 



von Gold und Elfenbein, der natürliche Farbenton dieses 
doppelten Materials. Das goldene Gewand überdies mit 
den bunten Bildern von Blumen und Thiereh geschmückt; 
das Scepter des Gottes blühend - von verschiedenen Metallen,^ 
und der Kranz des Hauptes in verschiedepen Farben spie- 
lend, .J>amit wir hiebei an kein blos zufäUige& Schmuck- 
werk detiken, erfahren wir zugleich, wie wesentlifch für den 
Eindruck des Granzen alles dieses der Künstler selbst erachtet 
hatte. Denn er bediente sich bei Fertigung seiner Statue, 
der. Beihülfe eines Malers, des Panänus.^^ Zu diesem buh- 
.ten Farbenspiele, zur wohlberechneten Vertheilung von Licht 
und Sdiatten, welche sicherlich von ein^m^so ausgezeichne- 
ten SünsÜerpaare zu erwarteü ist^ nun noctk der gelbliche, 
dämmernde Lichtreflex , welcher vom Golde des Kleides auf 
das Elfenbein der nackten Tfaeile überströmte, und diese 
mit Lebenswärme durchdringen oder wie mit d^m heiteren 
Schdne eines überirdischen Körpers verl^lären musste. *^ Nicht 
wenig wurde dies 'durch die sitzende Stellung des .Gottes, 
durch das Vorneigen des Oberleibes und Hauptes, und durch 
das von Oben hereinfallende Licht untereftützt. ^* — Voll* 
kommen dem Geiste dieses Werks entsprechend war es, 



** ffokXd Si övvinpa^e rp <thiSla llavaivog o ^ay^^og etc. — Sträbe 
VIU. 3. p. 171. pä, 8t. Vergleiche über diese Jupiterstatue die bekannten 
Schriften von Völkel, Siebenkä's^ Qnatrem^re de Q., Böttiger 
Andeut. p. 96. und Ideen zur, Archäologie der Malerei p. 243. ff. 

** Wie schön der Widerscheia des Goldes wirkt, bemerkt auch Lü- 
cian: avyr^i^ rtva^ ffSetav dnoXoustei (o ;(fprtfo<;) xot tov oIaov okov istiT 
^Qovvytfi 't$ 4^^r^uari etc. de domo. (opp. VII. .p. 184. ed. Schm.) und 
von den Statuen aus Gold uiid Elfenbein im jG^egensatz der ganz göldnen 
der Barbaren, oder der griechischen aus Erz und Martnor: oXlyov oöov 
tov ^pvöov itiiÖriXßov i^ovregj og ian^j^^oöd^eu xai iatjfvy&d&ai iiovov. 
Jup. Trag. (opp. V. p. 457). S: auch, die schöne Stelle quom. histcon- 
Icrib. opp. lU.' 412. 413. in^vd-i^ov r^ %^ff^ (rov ikifpavra) heisst es hier 
von den Künstlern^ . . 

*^ Wen» es anders _nach VUruv, III. 2. ed; Schneider p. 74.. iB. seine 
Richtigkeit damit hat, dass der Tempel ein Hypaithros war. 



184 



wenn ) wie es Seiest ^ dei: Koloss dem Beschauer um ein 
Bedeutendes grösser zu sein schien, als sich aus den künst<- 
lichen* Berechnungen seines Masses ergeben wollte. ^ Das 
reiche Schmuckwerk am Throne und Gewände hatte zi^glmch 
die Bestimmung, durch seinen Contrast mit den grossen 
einfachen Flächen und Linien des Nackten, dies noch 
mächtiger erscheinen zu lassen. * Die Fülle von Gegenstän- 
den und Einzelheiten, welche alle, bis in's KldnstQ gleich 
rollend et, den Bück des Beschauers in eine neue kleine 
Welt für sich versetzten, erweiterten in der Einbildungskraft 
und, durch diese, scheinbar in der Wirklichkeit, den Begriff 
des Raumes , den Rahmen des Bildes , der gross genug war^ 
um eine so bedeutende Vielheit zu umfassen. Selbst die 
Zeit, welche nöthig war, um jedes Einzelne' zu betwtchten, 
wurde dann zur .Grösse des Raumes geschlagen. ^^ 

Dea* malerische Luxus dieser toreutischen, Werke aus 
Gold und Elfenbein konnte sich natürlich nicht über die 
ganze griechische Skulptur verbreiten. ♦ Ey war auch wirk- 
lich nur da an seinem Platze, wa der National -Gott, odw 
das Nationalfaeiligthum einer ganzen Stadt oder Limdschaft 
verherrlicht werden sollte. Mehr und mehr verlor sich auch 
der Geschm^k an prunkvoller Cdstümirung, und machte 
einem genügsameren Kunstgenüsse Platz. Dennoch muss 
die Toreptik in Oold und Elfenbein , diese Dithyrambe -d^ 
Plastik, einen sehr .entschiedeSnen lEinfluss auf alle Zweige 
der griechischen Kunst* ausgeübt haben. Eine ähnliche Wir* 
kung^ wenn auch nur im Kleinen und mit bescheidenen 
Mitteln ) in seiner Sphäre hervorzubringen, konnte sich der 

*• Mizpa 6i tov iv 'OXvftnia Jiog ig v^og r« nal 6vpog ittiördfiavog 
yeypa^juiva ovx iv ictdiv^ ^r^^ouai ro'vg ytrp^Öavrag, ifttl mal rd eipriftiva 
avrotg ftirpa noXv ri dnoSiovrd iörtv jJ sroTg iSavöi mipi4tniL6V ig ^to 
dyaXtia Seia. Paiuan. V. 11, ^. p. 316. 

*^ Diese £r£EkhniDg können wir noch täglich an deli Werken der deut-. 
sehen Baukunst machen. 



185 



Statoare uod Harmorbildner nicht wohl veraagen ^ wenn 
seine Werke, Tom Crktnz jener imponirenden G^talten . ver- 
dmikelt, nicht matt und kalt erscheinen sollten. Ohnedies 
hatte ja di^'Toreutik nichts neues und unerhörtes gewägt. 
Sie hatte sich allmlilig, naturgemäss und folgerecht aus den, 
mit natürlichen Kleidern drapirten Tempelpuppen entwickelt, 
und gerade das, wodurch sie nach ünserm .Gtefühle gegen 
das Wesen der Kunst zu Verstössen scheint, empfahl sie den 
Griedien^als eine Technik, in welcher jene Lieblings -Idee 
der Plastik) die^Belebtheit, auf die glänzendste Art gelöst 
werden konnte. 

Es war daher ganz in der Ordnung, wenn ^ Erz- un<l 
Harmorbildner, wie berichtet wird, selbst die D^trstellung 
des Nackten dem Fcurbentone der Natur zu nähern suchten, 
und die Nachrichten von ehernen Athletenstatuen, welche 
das Ansehen* eines von- der Sonne gebräunten männlichen 
Körpers hatten, 5» von der Schamröthe auf deil Wangen des 
Athamas,-*^ und der Todtenblässe im Angesibht der Jokaste,*** 
können eben so wenig befremden, als Callistratus in seinen 
Schilderungen einer leeren, sophistischen üebertreibung ge- 
ziehen werden darf.^ 

Die- Spuren von ehenialiger Färbung, besonders an Ge- 
wändern,^^ selbst Reste von Camation sind noch an meh- 
reren Statuen sichtbar, oder vor ihrer Säuberung noch sicht- 
bar gewesen. Dies ward an der Pallas von Velleirf,*^ der 
Diana von Versailles, dem Apollo mit dem Greifet und. 

* Böttiger's Andeut. p. 131. 

^* Aes ferrumque miscuit, ut mbigine ejus per BiUMreia afitis reli|- 
cente exprimeretur — verecuindiae nibcNr. ,Plin, h. n. XXXIV. s. 40.; p. 666. 

** cf. Facius, excel^t. es Plut p. 52. 

^3 Die hieher gehörigen Hauptstellen werdeA bei -QutUremh'e dt Q. 
angeführi; p. 50. 

^ fUcomi, Mus. Pio-Clem. 11. p. 261. 

" Fernow, im Neuen teutschen Merkur 1798. I. 3. p. 301. 

*« OwOrmhe d€ (?., le Jup. Ol. p. 51. ff. 



186 



andern Statuen bemerkt, die mitunter zu den herrlichsten 
Antiken gerechnet werden. Mehrere Archäologen vermuthen 
in der circumlitio des Nicias, wodurch die Marmorstatuen 
des Praxiteles, nach dem eignen Geständniss dieses Künst- 
lers, erst ihre Vollendung erhielten, eine Art enkaustisQher 
Maierei. 5^ -^ 

Noch yiel anstössiger für ui^sem Geschmack als altes 
dieses, ist die Art und Weise, wie die Griechen, nicht zu- 
fiieden mit der blossen Wirkung, yoh Licht und . Schatten, 
die Lücke des Auges, an ihren Statuen zu. füllen suchten. 
Es war ganz an der Tagesordnung, die Augen theils Toll- 
ständig auszumalen^ theils sogar das Wßisse des Auges durch 
Silberblättchen , die Pupille durch edle Steine von charak- 
teristische Farbe vorzustellen. ^e Merkwürdig: bei Bronce- 
statuen wurde diese. Sitte, wie es «cheint, ohne Ausnahme 
eingehalten, und nicht zu verkennen ist die Absicht, auch 

.^"^ So Qifotrem^ de Q., le Jup. Ol. p. 44. ff. Ich wage übrigens 
über die viel bespi^h^ie . circumlitio nichts zu entscheiden. Yei^i. in der 
Kürze die Anmerkung zu Winkelmarm opp. VI. 2. p.'181 ff. und Sibelis* 
Register zu Winkelmann s. ▼. circumlinere: auch FcUcCMi oeuvr. LV. 
p., 247 ff. Was die Erklärung Quatrem^re's betrifft, muss übrigens 
eingest^den iverden, dass wenigstens die berühmt^ Knidischß Yenua des 
Praxiteles kein«:i. Anflug von Colorit gehabt haben kann. In Lucian s 
(jespräch "de imaginibus^ wird, nadhdem die smyi*naische Schöne mit den 
berühmtesten weiblichen Statuen, besonders auch mit der genannten des 
Praxiteles verglichen worden, noch ein. wesentlicher Punkt der Schöqheit 
vermisst^ die Farbe ixdXXog l|o tov aydXuaTog)\ worauf dann Gemälde 
angeführt werden. Jjuc. opp. ed. Schm. V. p. 143 ff. • 

*• Böttiger, Andeut p. 87. und Quatrem'^re de Q. Wem fällt 
da nicht ^u seinem Entsetzen der indische Popaüz in der Pagode 9agre- 
Qaut mit seinen blitzenden Diamanten-Augen ein] Böttiger leitet auch 
die eingese^ten Augen der griechischen Statuen aus dem (Oriente her. 
Sabina pr94. Dabei ist nicht '2u übersehen, wdch grosses Gewidit die 
Alten auf den HUck der Götter legten«. Denken wir nur an die Bedeu- 
tungen von imöyiosiBLV, i^opav etc. cf. Aug, MaÜhiae observ. in den misc. 
philol. 1. 1. p. 9. Zu Brescia fand man noch eine kolossale Bronze- Victoria 
vollständig mit Augen au^ Oayxsteinen. Jahrbücher für Philol» und Pädag. 
1826. I. p. 482. 



187 



diese Technik dem malerischen Sohdile, welchem sie ihrer 
Natur nach viel femer steht als die Skulptur, auf diesem 
Wege näher zu rücken. Uebrigens haben diese Silberaugen 
nicht einmal mehr das Verdienst, einer rerwandten Kunst, 
der Malerei, abgeborgt zu seyn; denn der Schinuner ' des 
Auges sollte nidit durch das Medium der Nachahmung, jBion- 
dem unmittelbar durch den natürliche^ Glanz des Materials 
wiedergegeben werden, ©in Verfahren, welches noch 'weit 
weniger künstlerisch ist, als die . Ooldftirbe des Schmucks 
und der Heiligenscheine in - den ält^ten Oemftlden der b^- 
zantinischen und deutschen Schule.^ Dieselbe Bewandhiss 
hat es mit den Gürteln , Spangen und Diademen , den Krän- 
zen , Rüstungen und Geschirren aus Erz oder Gold und Silber 
an Marmorstatuen, wo denn, möchte man sagen, der Stoff 
als solcher seine Bedeutupg, seinen materiellen Werth noch 
im Kreise der Kunst behauptet hatte. ^ * 

Geraume Zeit hindurch wurden die Spuren, welche in 
alten Schriftsteilem und Denkmalen auf die grosse Ausdeh- 
nung der farbigen Skulptur hindeuteten^ wo nicht gänzlich 
übersehen, doch nicht gehörig beachtet, aus Furcht, einen 
Theil'der Bewunderung, welche man dem Alterihume zu 
zollen gewohnt war, zurücknehmen zu müssen, die Wwke 
Änes Phidias und Pl?axiteles mit den bemalten Schnitz- und 
Stein -Bildern der sogenannten gothischen Dome auf einer 
Linie zu sehen. Die neuefn Untersuchungen wurden rück- 
sichtloser geführt. In einer künftigen Kunstgeschichte wird 
der farbigen Skulptur ein besondrer Abschnitt einzuräumen 
seyn^ oder noch mein* als dies. Denn es ist bei diesen 



^^ Bei welchen leizteren Werken jedocb heut zii Tag Niemand - mehr 
bestreiten wird, dass diese Goldscheine n. dergl. ^911 einer ganz eigen- 
thümlichen, aber trefflichen Wirkung sind. 

^ Darauf deutet auch Plato hin , wenn er ans den Tempeln s^nes 
idealen Staats das Gold verl^annt wissen will, als ein ial^&ovov yirt^ia, 
Leges Xll. 7. ed. Ast. p^ 4*/ 2. 



t88 



Erseheinungen gar nicht die Kode von der Verworrenheit der 
ersten rohen EunstaüfUnge, noch von dem barbarischen Un- 
geschmack dner entarteten .Epoche;** eben so wenig von 
Ungeschick oder Bizarrerie einzehier . Künstler. Es. handelt 
sich von einer festeingewurzelten Sitte, welche mit den 
Thongebilden des Dibutades beginnt, und erst mit den Büsten 
und Gemmen der römischen Imperatoren endet, von einer 
Sitte; welcher selbst die grössten. Ktipstler huldigten. 'Die 
Prob^i ier buntenPlastik, welche wir selbst noch in Büsten, 
Statuen und Reliefs besitzen, tragen den^Stenipel der ver- 
schiedenisten Epochen, sind bald. von höherem, bald von 
geringerem Eunstwerth, sind Gebilde jeglicher Klasse, Göt- 
tfsr, Menschen und Heroen, so wie jedes Massstabs, von 
der Anticaglie an bis zjum Kolossen hinauf. Nicht .verein- 
zelt, xiicht wie aus den Wolken gefellen ^stehen diese Zwit- 
teigestalten der Plastik und Malerei, wie ein theoretischer 
Eifert sie nennen könnte, vor unsern Augen; sie hängen 
auf s. genauste zusammen mit andere verwandten Erschei- 
nungen, mit einem n^cderischen Falten würfe und mit opti- 
schen Beziehungen , und weisen doch wohl endlich wieder 
auf jenes griechische Wohlbehagen an Leben und Beseelung 
des plastischen Bildes zurück. Da ist eine wohlgeglied^te 
Kette, aus welcher kein Ring sich lösen lässt. 

Lessing hatte darauf gedrungen, bei Beurtheilung von 
Antiken wohl zu beachten, ob auch der Künstler freie Wahl 
hatte, ob seine Hände nicht durch Vorstellungen der Reli- 
giongebunden waren. ** - Wir selbst Tfcofinten dem hemmenden 

•* Meyer zu Winkelmann opp, V. 435. schliesst mit Unrecht aus 
den oft sehr wenig reinlich eingehaaenen Augenhöhlen , dass das Einsetzen 
der Augen erst in späterer^^eit durch ungeschickte Hände geschehen sei/ 
nämlich bei Märmorl^d'emv Zuverlässig rtihr^i diese unsaubem Augen- 
ränder von den. barbarischen Händen her, welche aus Habsucht die. alten 
Statuen -verletzten, um sich des Silbers und der eingesetzten Steine zu 
bemächtigen. 

«» Laokoon. IX. 



180 



Einfluss der Priesteirsatzaiig nicht au6 dem Wege gehen. 
Doch liegt ein Widerspruch darin , wenn heut - zu Tage 
noch ein so grosses Gewicht auf Lessing's Unterscheidung 
gelegt wirdy zii einer Zeit^ wo man gerade das Beste und 
Hdchste der griechischen Kunst * auf die begeisterte Anhäng- 
lichkeit an den Olauben der Vät^ zurückzufuhren gedenkt 
War das atheniensische Volk zuPerikles Zeit schoja so weit 
gereift, dass dieser hochsinnige Geist mit Werken der Kunst, 
mit den W^ken eines Phidias der Eitelkeitr des Demos 
schmeicheli) und seinem eignen.Stolz genügen konnte: warum 
wagte er den Versuch nicht, diMiselben Zweck auf eine mehr 
abstracte, geschmacky olle Weise zu erreichen? In dc^ alten 
Schriftstellern findet sich, bei so trefflichen Bemerkungen 
über den Geist einzelner Künstler, über, den Kunstwertb 
ihrer Productionen , üb^ den sinkenden Geschmack einer 
ganzen Z^t,^ -auch nicht Eine Sylbe, welche eine Missbil- 
ligung jen^ plastischen Solöcismen enthielte. Der ^ge- 
setzten Augen namentlich wird nur ganz zufällig erwähnt, 
und immer als einer Sache ^ die sich von selbst versteht*^ 
Die Minerva aus Gold und Elfenbein im Parthenon zu Athen 
war hochgefeiert, und der olympische Jupiter galt für ein 
unerreichbares Werk, -ihn nicht gesehen zu haben, für ep 
Unglück.« 

Wie muss die Zahl der . ächtgriechischen Kunstwerke 
zusammenschmelzen, wenn Lessing's Scheidung .consequent 
fortgdtüirt wird, wenn nichts bestehen darf, was nicht un- 
mittelbar aus reiner Kunstidee abzuleiten ist! Minerva muss 
ihre Aegis , Neptun seinen Dreizack , und Bacchus nicht nur 



«» Z.B. Vitruv über die Arabeake VH. 5. p. 189. ed. Seh. Veü^us 
PaierCf über das Schicksal der. Künste und Wissenschaften, p. 124. ed. bip. 

** So über die eingesetzten AngeQ an der Mihenra dos Phidias. PUUo, 
Hippias major, p. 159. ed. Heind. * So, wenn zu böser Vorbedeutung einer 
Bildsäule die Augen entfielen. Piieius, ex Plut exe. p.' Zä. 

** Jovem nomo aenmlatur! — 



190 



diei mystischen HOrnar, sondern auch den schwellenden 
Epheukranz niederlegen. 

Selbst der Unterschied zwischen Wetken, die %\ir öflfent- 
lichen Schau, für Wirkung in die Feme gefertigt waren, 
und anderen Yon eingeschränkterer Bestimmung, dürfte nicht 
in grosser Ausdehnung anzunehmen .seyny um' das Bäthsel 
der farbigen Skulptur zu erklären. Die Figuren kleineren 
Formats gestatten es . nicht^ eine solche Trennung haarsdiarf 
vorzunehmen, ß* Als bloss schmückender Hausrath der Pri- 
Tftten verworfen, mögen sie uns wenigstens noch die Lehre 
geben, da^s so mancher Grieche oder an den Griechen her- 
angebildete Römar nicht halb so viel fUr die Reinheit seines 
Geschmackes besorgt war , als wir es nun in ihrem Nansen 
sind. Man betrachte- nur. z. R die Sehauspielerfigürchen im 
▼aticanischen Museum. Welcha- Eu^stfFamd' wUrde heut 
zu Tage noch jetaie Scl\äfer und Dudelsackpfeifer aua Elfm- 
bein und Holz in seiner Nähe dulden, welche sonst wohl 
unsere. Sduränke schmückten, Figuren, mit welchen ein 
zweiter PlBrrauIt dem VerÜEtsser des Jupiter Olympien schlinun 
genug zusetzen könnte.^ . • 

•• Ton Wirkung in die Ferne kann nicht die Rede «ein bei dem Apollo 
Sanrdktonos aus der Villa Älbani. Sein Diadem ist mit dilber eingel^ 
seine Augen eingesetzt Unter den Denkmälern von Yeleja ist ein kleiner 
Herkules Bibai; mit eingesetzten Augen. Feä's Anmerk. su Winkel m. 
opp. Y. p. 436. 

^ Wer sich dieser Raritäten nii^ht mehr entsinnt, lese in v. Miirr*s 
Jocrmal «ur Kudstgesch. u* allgem. Liter. Vm. p. 20^ die Beschreibung 
solcher Bettelmosikänten : das Nackte aas Elfenbein, die Kleidung von 
NussbaumhoU und die Augen Email ! 



191 



X. : 

— neqüe semper Arcnm taidit Apollo. 

(Horat.) 

Die Bedeutang uDSrer Btatue, die Situation , in welcher 
der Künstler »einen Apollo dachte, ist eben so vi^lfech in 
Zweifel gestellt^ wie beinahe alles übrige^ und von den be- 
liebtesten Deutungen ergeben sich die einen auf den ersten 
Blick als durchaus verfehlt, während die andern, im AUge- 
meineil einleuchtend, an den feineren Einzelheiten der Statue 
scheitern. 

Und dbbh hat unsere Statue, kein seltenes, fremdartiges 
Attribut ,^ welches erst eine ausfuhrliche mythologische Unter- 
sudiüng nöthig machte; ihre Stellung ist entschieden, in der 
galizen Statue nichts unbestimmt * gelassen. Auch £&Ut bißi 
tinsrem Apollo alles hinweg, was bd so vielen ändern Bild- 
werkenldes. Alterthtuns die Auffindung ihres währ^i ur- 
sprünglichen Sinnes erschwert 5 — Verstümmelung in weseirt- 
liche;) Theilen und unglückliche Restaurafion derselben. 
Denn, so schlecht auch in artistischer Hinsicht die Restau- 
ration unsrer Statue ist, so theilte doch Montorsoli nicht 
jene vorlaute Dreistigkeit, mit welcher sonst wohl Restau- 
ratoren den Sinn der Antiken zu conjekturfren pflegen. Eän 
Paat Punkte, an "welchen der vorsichtige luterprete vielleicht 
Anstoi9s nehmen dürfte, sind von keiner Ekrheblichkeit. — 



192 



So fincjet man, um dieses nachträglich zu bemerken, in 
Reisebeschreibungen angeführt, dass über der .rechten Hüfte 
eine kleine Erhöhung des Marmors sich befinde, wo etwas 
abgebrochen sein müsse. ^ Hieraus lieöse sidi allenfalls ver- 
muthen, der rechte Arm habe ursprünglich auf der Hlifte 
geruht. Wie schlecht aber verträgt sich dies mit dem freien 
Spiele contrastirender Glieder! Die Gesticulation, die Be- 
stimmung ein^s an dem Körper anliegenden Armes ist gleich- 
falls nieht abzusehen. Unbewegt, so dass etwa der EUn- 
bog^n auf der Hüfte geruht, lässt er sich eben * so wenig 
di^nken, wie aus dem zurück- ajso nach der entgegenge- 
setzten Richtung hingewandt^i Rumpfe aufs unwidersprech- 
lichste hervoi^eht. Vermuthlich ist die erwähnte Erhöhung 
weiter nichts, als der Rest einer • kleinen Maimaorstütze, 
welche bestimmt war, dem rechten Arme, materiellen Halt 
zu geben. J)ass die rfechte Sdte der : Statue für den Be- 
schaue ,^ welcher den von uns früher eingegebenen Stwd- 
punkt wjUilt, ohnehin verdeckt bleibt, scheint dafür zu spre^ 
eben. — Der andere . Zweifel beträfe die Ergänzung Ae$ 
linken Armei», in wiefern dies€jr einen Bogen trug, oder 
nicht Die Miene des Apoll, die Wendung des Hauptes, 
die Haltung des Armes, soweit er Bntik ist',, alles dieses 
gehört einem drohenden , abwehrenden Gotte zu. Die Hand 
Hesse si6h. auch woM frei und geöffnet denken, mit ^ der 
Geberde eines blos drohenden Bedeutens. Allein da -müsste 
der Vorderarm., die Hauptparthie,^ auf welche es hier an- 
kommt — und der obere Theil desselben ist atitik — offen- 
bar pronirt sein, das hmere nach unten gewendet, während 
er umgekehrt in der Bewegung der Supination begriffen i^t. 
War, wie kaum zu bezweijfeha, die linke Hand geöffnet, so 
wünscht man , auch schon der Mannichfaltigkeit zu Gunsten, 
die redite geschlossen. . -* 

' Jak. Chr* Adl^r'^s R^sebemerkongen p. S^. • ' 



193 



i_ 



Was den Bogen betrifft, bo fehlt diese Waffe. selten^ 
wo Apollo nicht als Musenführer mit der liejer, als Komios 
mit dem Hirtenstab, oder bloss in knabenhafter Unbefangen- 
heit gebildet ist. Ueberdies hat ja der vaticanlsche Apollo 
Pfeil und Köcher über, die 'Schiilter geworfen, wir haben 
also, ohne allen Zweifel, den agyv^dxoioQ vor uns. Zu den 
Füssen der Statue lag der Bc^en nicht, denn die Plint)ie 
ist antik; auch am BaumstMnm war er nicht angebracht, 
wie bei dem sogenannten lycischen Apoll, und so blift für 
diese WaflFe, welche *Apoll, nach seinem eignen Ausbruch, 
immer mit sich führt, ^ nichts übrig', als eben der Unke 
Arm. Die artistische Frage, ob dieser Bogen ursprünglich 
ganz ausgeführt w^ir, oder nicht, beantwortet sich von selbst 
Frsteres in Marmor zu vermuthen, ist baarer Unsinn; allen- 
falls mochte er aus leichtem Metall gefertigt sein. Am wahr- 
scheinlichsten ist^ dass MontQrsbli das richtige getroffen hat. 
Eine aphoristische Andeutung, ein blosses Symbol der Waffe 
reichte hin für dais. Yerständniss eines griechischen Beschauers. 
Damit war dann auch das Missfäljige, welches ^in vollstän- 
dig ausgeführter Bogen bei dieser Stellung für dcw Auge 
haben müsste, vermieden, und die schöne Pjramidalfor-m 
der Statue gerettet: Also ein bogenbewehrter , ein feindlich 
drohender, vielleicht ein schiessender A.poll I Wem gilt nun 
diese Drohung, wem die gespannte Waffe? 

Eine der gangbarsten Ansichten, die man in jeder 
Reisebeschreibung nach Paris odqr Rom fast imuier wieder 
nachgeschrieben findet, erkennt im Apollo vom Belvedere 
den Sieger über den Drachen Python, und zwar in dem 
Augenblick« gedacht, wo der Drache eben gefallen^ oder 
im Fallen begriffen ist. Die Erlegung des Python war im 



'*' ^AN, rl S^a ro|«M> ipyov, ei Simiiv i^^etg; Asi, itvvij&es aUl ruvra 

• Ewripid, AleesÜs v, 39. 40. 
Feuerbach, der vaticahischeApolk). 13 



194 



Alterthum eine der gefeiertsten Sagen. ^ Die Stiftung des 
^elpbischen Orakels, die Einsetzung der pythischen Spiele, 
der vielbesungene Ehrenname Päan, knüpfte sich daran, 
und schon Pjthägoras von Rhegium hatte seine Meisterhand 
ap einem Apollo Pjthoktonos versucht.^ 

Vergleich«! wir aber, was die Alten selbst von der 
Erlegung des Pytho berichten, so finden wir, dass diese 
That in die früheste Jugend ^ in die Kindheit Apollo's fällt; 
In der taurisehen Iphigenia d€^ Euripides heisst es vom 
Pythotödter: - . ^ 

Noch ein Eindkin, noch in dem Arm 
. Der geliebeten Mutter froh dich schaukelnd , 
Schlugest du, Phöbus, ihn. ^ 

Bei ApoUonius singt Orpheus den Argonauten; 

Wie dort unter dem Joche dereinst des felsigen Pamass 
Nieder zum Tod' er gestreckt mit dem Pfeil Delphine, daa Unthier; 
Er noch ein Knabe ^ noch glatt um das Kinn^ und der Locke sich 

freuend;* 

und in der Hymi^e des Kallimachus an Apollo lesen wir: 

Als gen Pytho herab du stiegst, da begegnet das Scheusal 
Dir, der entätetzliche Drach\ und du schlugst ihn, Pfeil' über Pfeile 
Rasch abschnellend, und laut ziganohzt, das versammelte Yolk dir:.' 
Heil Paiean, entsende den Pfeil hur, gebar doch die Mutter 
Gleich einen Retter in dir.'' 

^ Bis zu den spatem Dichtem cf. j^lauä. Claudian, in Ruf. psäef. 
Ävien. descr. orb. v. 5J99. in Wemsdorf, poet lat. min. V. % p..790, 

* Ptin. h. n. XXXIV. s. 19. p. 651. An einer Säule des Tempels in 
Cyzikum, welchen Attalüs und Eimienes ihrer Mutter errichtet hatten, 
fand^sich, auch die Erlegung des Pytho. abgebildet S: das Epigramm in 
Joe. Anth. XIIL p. 626. 

' Eti /luv, in ßpi^og, in yfiXag 
'EfcL ^laripog AyudkatÖi ^petöxav 
"EHaveq^ a 0oifls, ▼. 1145. flF. • 

* 'Sg n&re trstpoU'^g 'Wto Sttpoufi üapv^oto 

Kovpog io¥ in yvfivogf in nXimdfiougi ysyiid-og- .Üb. ZI. v. 705. 
' Uvd-o TOI xancvn övyi^vTsro Scu^ovtog -d-^t 
Alvog ^ig' vov fiiv 4v naitiivapeg , dXXov in dXX^ . 



195 



Eben so bestimmt weist auch Lucan auf frühe Jugend hin, 
wenn er sagt: 

' Rächer der Mutter, der irrenden einst, als schwer sie Geburtsweh 
Drängt', mit noch wenig geübtem (Jesehoss. hinstreckte den Python 
Päan. » 

Bei den meisten Schriftstellern schliesst sich, wie bei Luciän,^ 
und in der oben angeführten Stelle des EalUmachus die 
Erlegung des Drachen unmittelbar an die Verfolgung d&t 
Latona und die Geburt des Apollo an. Nach Hygin tödtet 
er die Schlange schon vier Tage,^® nach Servius gleich na^ 
seiner Geburt,^* und Macrobius, lässt den Drachen die Wiege 
der beiden jungen Götter anfiallen, und ihn von Apollo i& 
seiner firilhesten Kindheit a'legen. ^^ Bei Athenäus sind Apoll 
und Diana der mütterlicheii Pflege, noch night entwachsen, 
als Latona mit ihnen von Chalcis auf Euböa nach Delphi 
wandernd, an die Höhle kommt, wo Pytho hauset, und 
dann auch erlegt wird. Das eine ihrer Kinder, den Apollo, 
welchen sie zur Tödtung des Drachen auffordert, trägt 

t 

Fsi^ar doööijr^pa. ▼. 100. 

Man verzeihe in der Uebersetzung das: Heil, und:Pfieil. Ich wusste 
den absichtlichen Gleichklang in: li^ nnd: tei nicht anders zti geben. Üebor 
tvd^ vergl. Lobeck ^ Phryn. p. 145. In der Hynme an Delos desselben 
Dichters , in welchem dergleichen abgeschmackte Hyperbeln noch mehr sich 
finden, kündigt Apollo schon im Mutterleibe dem Drachen Verdwben an. 
V. ßß. ff. 

^ tntpr ibi expolsae premeret cnm vispera partus 
Matris adhuc mdibus Paean Pythona sagittis 
Ezplicuit. iMcan. Phars. Y. t. 79. ff. 

' Tov Spdxovta Sij og vuv ^oidrgtt «vrifv ftoßthy rd'yeoyvd, ianSetv 
Te^d^, avrUa (liTsiiSiy nal ri^o^u rjk ^lycp/. — - ijjrfro »J Arito nal 
TMTfTo. Dial. mar, X. opp. ed. Schm. I. p. 401. 

^0 Fab. 141. 

** Ad Ftr^. Aen. IH. v. 73. cf. IX v. 655. Apollo puer occiso Py- 
thone oltus est matris injuriam. 

" In prima uifantia Saturn. I. c; 17. 



196 



Latona auf den Armen. ^^ Wut sehen diese Scene noch auf 
einem alten Vasengemälde dargestellt : Latona fliehend , ihre^ 
Kinder auf dem Arme. Riesenhaft hat sich die Schlange 
in ihrer Höhle emporgerichtet. ^^ Dass es wenigstens die 
erste seiner Thaten war, deutet ApoUodor an. Denn nach- 
dem er dessen Geburt erzählt, und die'Erlegung des Drachen 
erwähnt hat, l4sst.er.ihn kurz darauf^* den Tityus tödten, 
geht dann auf die Bestrafung des Marsyas über^ und beob- 
achtete also in der Aufzähhmg dne gewisse chronologische 
Folge. Auch Ovid . kennt vor der. Erlegung des Python 
keine erhebliche That des Apollo. Nur an Hirschen und 
Gemsen hatte der junge Gott seine Pfeile geübt: - 

' Aber der Gott, mit dem Bogen bewdiü;, sonst solcherlei Waffen 
Gegen den Damhirsch nur und die. flüchtige Gems' sich, bedienend, 
Fast war der Köcher erschöpft, mit der Pfeil Unzahl ihn belastend, 
Tödtet er i^n . . . '• 

Brf. Seneca lesen wir: 

Kein Scheusal schreckt' den Phöbus je, kein reissend Wäd, 
Zuerst doch netzte seinen Pfeil des Drachen Blut. *^ 

Und so feiert auch, nach Statins: 

befreit von des Drachendewinde 

Phocis Bezirke das KnabengefechJ^ des Apollo-Geschosses. .** 

'^ ^ AtjTO Tov ftcUSov TOP irspov iv rcdg dyKaXcug i^ofvöa . . . ihtev^ 
U «tat etc. XY. 20. ed. Schweigh. Y. p. 569. 

•* Tischbein, Yasengem. lY. 5. iffWin..Gal. mytholog. pl. Jli. 
Nro. 51. 

^^ ^r ov tiojCv, ApoUod, I. 4. p. 21. ed. Heyne. Diese Reihenfolge 
ist den Schriftstellern zur Gewohnheit gew(»rden. So nennt Lucian unter 
den Tänzen: At^rovg oSZvag kcU Jlv&avos dveUpmfiVj noU T^rvov intßovk^v, 
de Salt. opjp. lY. p. 374. 

'* Hunc deus arcitenens «t irnnquam talibus armis 
Ante, nisi in damis capceisque^ fügadbus usus 
Mille gravem telis. ejchausta paene phäretra 
Perdidit — afet. I. , v. 441. 
*^ Non monstra, saevas Phoebus aut timuit feras, 

Primus «agittas imbi:^t Fhoebi draoo. Eere, für. v. 454. 455. 
'* Proxima vipereo celebravit lib«ra nexu 
Phocis Apollineae bellum puerile pharetrae. .Stqt, Thi^, VI. v. 8. 9. 



197 



Daher scheint er auf einer Gemme, deren Aechtheit wir 
übrigens nicht verbürgen wollen, erst seinen Bogen zu 
prüfen; mit beiden H&nden hat er ihn grfasst Vor ihm 
ringelt sich die ScMange empor. ^ Auf einer Silbermünze 
von Eroton steht er neben dem kolosaal^i Dreifüss , unter 
welchem hinweg er nach dem Drachen zielt, der sich an 
der rechten Seite desselben aufgebäumt hat, in- wahrem 
Duodezformat Auf dem Jleirers der Münze, wo er noch 
deutlicher als Knabe zu erkennen ist, feiert er seinen Sieg. 
Er sitzt vor einem brennenden Altar, und hält einen Lor^ 
beerkranz darüber. Bogen und Köcher ruhen hinter ihm. '^ 
Schwerlich zwar liegt allen jenen Schilderungen ein 
ganz klarer Begriff der Kindheit öder Jugend, im Sinne 
einer menschlichen Beschränktheit ,^ zu Grunde , wie dies in 
der eben angefahrten Münze der Fall ist.?* Auch die Bil- 
dung unsrer Apollostatue, beruht nicht auf einer bestimmten 
irdischen .Lebensstufe. Doch war damit keineswegs das Vor- 
herrschen eines oder des andern Zeitmomentes ausgeschlos- 
sen, und dem denkenden Künstler blieb immer noch die 
Wahl zwischen einem kindlichen Gotte , und einem gött- 
lichen Kinde. Die Erlegung des Python gehört wenigstens 
bestimmt nicht dem vollendeten Gotte an ; sie ist sein Pro- 
beschuss, die Gewähr für künftige Grösse und Bedeutung, 
unter seinen Thaten etwa das, was in seiner Art der ge- 
niale Diebstähl d€is jungen Merkur ist. 22 Näher noch liegt 
die Vergleichung mit jenen .Schlangen, welche Herki;jles 
schon in der Wiege erdrückt^; wie denn überhaupt der . 
Mythus des Apollo dem Schicksale dieses Heroen von der 
Verfolgung der Muttet^ und der Erschwerung ihrer Geburt 

*^ RecueH de pierr. grav.ant 11. 1^ ■ ' \ ■ 

20 Eekhdmm. apecd. HI. 25. Jftttin. Gal. myt^. pU XVI. Nro. 54. 
^MJeber die Kindlieit des Apollo Tergleiche Mom. liy^n. in Apoll. 
V. 124. ff. 

'2 Fom.. bymn. in Merc, y. 21.*ff. Hör, Od. I. 10. 9. ff. 



N 



198 



an, bis 2:um Stande der Erniedrigung bei Admet, und in 
andern Punkten auffallend entspricht. ^^ jene Erwürgung 
der Schlangen ißt der erste Sieg eines, mühevollen Lebens, 
als dessen Prds die Seligkeit der Unsterblichen gesetzt ist. 
Durdi Erlegung des Pythischen Drachen musste Apollo sich 
dijB Anerkennung seiner Göttlichkeit erst erkämpfen,*^ und 
wie 4ie griechische Kunst den Herkules in allen Epochen 
seines Lebens, vom Eonde bis zum verklärten Heroen , bil- 
dete^ ^o erkennt man auch an den Statuen des Apollo, wel- 
che wir noch besitzen, einen gewissen Stufengang in der 
Entwickelung dieses Gottes. ^5 

^' Die Parallele weiter auszuführen, ist hier nicht der Ort. Auch 
Servius berührt sie: Nam legimus, ei Apollinem deposuisse divlnam 
pptestatem, et Herculem vel LibeHun patrem non sempelr deos foissei Ad 
firg. Äen. X,.v. 18, 

2* CSrrhaea Paean |;empla^ et aetheream domum 
Serpente caeso meruit. Sen. Herc. Oet. v. 92. 

So beginnt der Lobgesang des Herkules mit der Schlange, die er als 
Kind erdrückte: ' 

— — — , — qui carmine laudes 
Herculeas et facta ferunt : ut prima novercae 
• . Monstra manu geminosque premens eliserit angiies. 

Virg, Aen. Vm. v. 287. ff., 

^^ Man vergleiche mit dem vaticaniachen Apoll den sogenannten Apol- 
lino. Hirt, Bilderbuch I. t. IV. w. 5. oder den Sauroktonos. Mus. Pio- 
Ciem. I. pl. 13. Winke Im., alteDenkm. I." Nro. 40. Der letztgenannten 
Statut sollte ein eigener Anhang in vorliegenden Betrachtungen gewidmet 
werden, in welchem ich die schon von Heyne angedeutete Bemerkung, 
dass der Sauroktonos ein weissagender Apoll sei, weiter *u begründen 
dachte. Seitdem ist diese Idee schon durch Welker (in seinem akade- 
mischen Kunstmuseum ) Bodn 1827f) gründlicher und überzeugender aus- 
geführt worden , als es von meiner Hand hätt^ geschehen können. — Doch 
seien hier noch einige Bemerkungen, nun mit Bezug auf die ebengenannte 
Schrift, eingeschaltet Das V^rhältniss der Eidechse zu Apoll-, däm Son- 
nengotte, ist von Welker p. 74 vollkommen erwiesen. Aber der Statue 
des Sauroktonos fehlt durchaus jedes Zeichen, welches sie. als Sonnen- 
gott charakterisirte, und um noch etwas atideres zu bedeuten, als was 
sich unmittelbiur' dem Auge dassteUt, dazu ist die. ganze Statue zu ein- 
fach und naiv, man möchte sagen, zu klai' gehalten. Auch läsat sich 
nicht einsehen, warum der Sonnengott ein ihm als solchem begründetes 



199 



In jenen leiten der Kunst besonders, wo die Hauptfor- 
men der griechischen GröttCFwelt in unerreichbaren Must^n 

* - ■ , • ■ 

Tluefchen tödten sollte, sei's aücb der Weissagtuig zu Gunsten: Die Ei- 
dechse bedeutet übrigeps an verschiedenen Monumenten etwas^ ganz Ter^ 
scbiedenes, als beim ApoU, z., 6. an den Bildern des Schlafes, wie Mu$, 
PUhClem. in. t. 44. (über andere Bilder der Art vdtgleiche Doeen's Ab- 
handlung über den Genius des Schlafs und den schlafenden* Amor ^ im 
Kunstblatt 1823. Nro. 17. 18;, wo auch p. 70. Von der Eidechse bfeim 
schlummernden Amor eine durch ihre Einfachheit sich sehr empfehlende 
Erklärung gegeben wird). Dass die Eidechse den Bildern des Schlafs 
desswegen beigefügt würde, weil sie im Winterschlaf erblindet, glaube 
ich ttioht. Sie müsste dann ein Symbol des Sdilafes sein, und wäre uüter 
dieser Voraussetzung an einer Statue, welche- schon > durch schlummernde 
Lage und die Mohnköpfe in der ^Etnä deutlich genug sich als Schlaf .zu 
erkennen gibt, eine blose Tautologie. Sie ist hier offenbar ejn Symbol 
der Mittägshitze, welches den Schlummer als einen Mittagsschlt^iin^fir 
bezeichnen solL Doch zimi Apollo Sauroktonos zurü6kl Alle Thiere, 
welche die Erde durchwühlen, aus deren Tiefe ja der zur Weissagung 
begeisternde Dampf aufsteigt (terrae vis. Cic. de divin* L 36. cf. Voss 
zu f^rg. Georg, IV. 387 — 414) haben mehr oder weniger an dieser, wie 
auch an magischen Exäften Theil. So die Mäuse; und schon M. G. H.err- 
mann (Handb. der Mythol. 1. p. 274) hat in dem Apollo Smintheus einen 
weissagenden vermuthet. Zu magischen Zwecken werden Weihrauchkör- 
ner in ein Mausloch gelegt. Ovid, fast II. v. 574. Vorgefühl des Wet- 
ters. Geopon, I. 3. 13. Ahnungsvermög^n überhaupt^ z. 6. beim Ein- 
sturz von Gebäuden, Plin. h. n. VUL s. 42. p. 455. Äelian, bist, animal. 
XI. 19. u. a. m. Die Eidechse wird deutlich genug durch die Galeoten 
in Sicilien, und. die Statue des Aristobul als Weissagethier bezeichnet. 
Sie hat auch magische Kräfte. Theoer. H. v. 58. öa.vgav toi. i^Lipaöa — 
und Heilkräfte 6rfopon. XIÜ. 9. 8. Hiezu kommen gewisse physische Eig^- 
schaften dieses Thierchens. Mit den Schlangen haben sie die Verjüngung 
gemein {Vlin, h. n. VÜf. s. 49. p. 456), den Winterschlaf {ArigUA., bist, 
anim. VIU. 15), und die Doppelzunge (jd, de part. anim. m. 11). Die 
Schlange ist aber ganz^ eigenilich das Weissagethier, Spafih. ad Callim. 
p. 394. Manche Zufälligkeiten konnten die Vor^stellung von geheinmiis- 
veUen Kräften dieser Thiere, und ihrem nahen Verhältnisse vja. diesem 
oder jenem Gotte wecken oder befestigen. Aus. dem Kopfe der Serapis- 
statue in Alexandrien, ,fuhr, als Theophilus sie -zerstörte, ein Schwann 
Mäuse hervor. Theodor, epdes. bist. V. 22. p. 224. ed. Read, und Arno- 
Irius BSgi: Non videtis sub istorum simulacrorum cavis stieUtone», sorices, 
mures, blattasque ludfugas nidamelata pokere, atque habitare? Adv. 
ijjrenl. VI. p. 120. ed. Bim. Man sah eine Eidechse die Statue des Apoll 




200 



fast ^schon erschöpft waren, «tand für den Küpstier, der 
Neues zu schaflRMi bemüht war, uoch ein unendliches Feld 
in der Bildung jugendlicher Götter oflfen. Darstellungen der 
Art mussten zugleich um- so willkommener sein, je- mehr 
nach lind nach der herrschende Geschmack sich in der An- 
muth weicherer Formen gefiel. Wo aber der Mythus die 
Thaten dnes Gottes gewissermassen chronologisch geordnet, 
und unter verschiedene Epochen seines Alters vertheilt hatte, 
trat für den Künstler sogar eine gewisse Verpflichtung ein, 
mit Sorgfalt eine mehr oder minder entwickelte Form zu 
wählen. Wahrscheinlich war der Pjthoktonos deö Pytha- 

hfnankriecheo, und nun hiess es, sie habe dem Gott ein Geheimniss ver- 
traut. Em Künstler fasste diess auf, und. die Idee zur anmuthigsten 
Statue eines weissagenden Apollo war gegeben. Aber diess ist noch kein 
Sauroktonos, und wBnn. auqh an den noch erhaltenen Stötuen sich kein 
FfeiT mehr findet^ so sagt doch Plinius- ausdrücklich: comlnus sagitta in- 
sidiantem.^ 'Dennoch konnte ich mich nie in einen eigentlichen Eidechsen- 
tödter finden. Noch jetzt nach Welk er 's Untersuchung zweifle ich, ob 
öavponro^^og als ein Beiwort des Apollo selbst, wie civ&oyirovog (Orph. 
hymn. XXXEU. v. 4.) gelten könne, und nicht vielmehr blos für den Titel 
der Statue zu nehmen sei. ovSi ye d'eSv rtg ^^iaxfev yoyypoTirovog Söcrep 
a AcioXiatv Xwioxrovog, ovSi rpiyXo/^oXog 6g iXaprjßoXog ^ "Aprt^ig Xiyeöd-ai, 
Plut de sol, anim.. H. p. 466. A. ed. X. IHe Statue kann schon von den 
Alten missverstanden worden sein; man nannte sie den Sauroktonos — 
quem sauroktonon vocant — durch die Waffe verleitet, vielleicht auch 
scherzweise auf den Pythoktonos anspielend. Es scheint kein passender 
Kunstgegenstand zu sein : ein reizender Knabe, der ein unschuldiges Thier- 
chen durchspiesst, dää ihm arglos das Köpfchen • zugewendet hat. Dem 
Epigramme des I^artuU (XIV. 172) liegt ein ähnliches (jefiihl zu <jrunde : 

Ad te reptanti, ^uer insidiose, lacertae , 

Parce;'cupit digi^is ilja peripe tuis. 

Ich dachte mir die Statue so motivirt. Ein jugendlicher Apollo, zur Ruhe 
der. Mittagsstunde vielleicht, ^nacfal&ssig an einen Baum gelehnt, in der 
Rechten gedankenlos mit dem Pfeile spielend. D^ Bogen ruhte an der 
Originalstatue ^wahrscheinlich zu den Füssen des Gottes. Eine Eidechse 
kriecht nun deji ißaum empor; im willkürlidi zuckte vielleicht die Rechte, 
sie zu verletzen;, aber in demselben Augenblicke erwacht die Gabe deil 
Weissagung in fhm, und das Haupt des jungen Gottes neigt sich dem 
ThierdieB entgeg^n^ träumerisch auf die geheinmissvolle Kunde lauschend. 



261 



goxas Ton Rhegiiuu noch mehr m&Bnlich gehalten;^*' aber 
ebenso nahe liegt die Yermutbung, das8 spätere Eünstier, 
dem Mythus wie den Fordei?ungen ihrer Zeit getreu, nicht 
deia Jüngling Apoll eine That beilegten, welche dem Knaben 
gehört 

Schon die Stellung will sich nicht für einen Pythptödter 
schicken. Denke man 49ich nur den yaticanischen Apollo 
noch mitten im Schreiten begriflfen, oder im Schraten inne- 
haltend; zum völlig abgeschlossenen Stillstand holt er nicht 
inae. Die Richtung, welche Apollo nahm, die Gegend, von 
welcher er herangekommen sein, muss, und die, wohin er 
schreiten wird, beide sind aufs unzweideutigste angegeben, 
— von der Rechten zur Linken, eine gerade,, nie ausbeu- 
gende Linie,, die vielleicht in ihrem Zuge gehemmt, aber 
nicht unterbrochen ist. Der Kopf aber und der zielende 
Arm. sind nach der, seiner schreitenden Bewegung entgegen- 
gesetzten Seite hingerichtet. So scheint ihm denn, wenn er 
ein Apollo sein sol^^ der eben seineu Pfeil losgeschnel}t 
hat, unterwegs nur ein zufälliges Abenteuer au%estossen 
zu^sein^ das er noch schnell mitninunt, weil- er doch ge- 
rade Pfeil und Bogen, statt der goldenen Leier, mit sich 
führt, — ein kleines Waidmannsabenteuer, nicht wichtig 
genüg, den ganzen Gott in Anspruch zu nehmen^ ^ber-im- 
nler doch ei^es Pfeiles werth. War dies etwa gefährlicher 
Art, w«r es wirklich der pythische Drache, den ein launiger 
Zufall ihm in den Wurf gespielt , so will es fast scheinen, 
als habe der Gott dem unvorsichtigen Gegner nur schnell 
ems von der Seite beigeteacht, und stehe dnen Augenblick 
froh erstaunt tibör kaum gehoflften Erfolg. Aber, der Fuss 
ist schon zum. Weiterschreiten bereit, während der Pfefl noch 
kaupi die tödtliche Wunde geschlagen haben kann, als sei 

^* Mehrere daehten^ beim vJEkticaBisclien Apoll jan eine Nachahmung 
dieses Pythotödtcrs von i^thagcwras , z. B. Stiieglitz, Versuch «iner Ein- 
richtung antiker Münzsammlungen, p. 184. ~ 



202 



der Wöhlplatz noch nicht recht geheuer, öder der Sieg kei- 
nes, längeren Verwdlens werth. 

Aehinlichkeit mit sdner Stellung hat die im Garten der 
Mendicanti gefundene Diana auf dem Jägerkothum , den 
Jagdhund zur Seite. ^7 Hier ist aber diese Richtung der Be- 
wegung auch ganz an ihrem Platze. Es ist die Jägerin ; 
im raschen Vorübereilen, munter durch die Wälder strei- 
fend, erlegt sie das Wild^ wie es ihr eben in den Warf 
kommt. Dagegen hat es eine andere Diana im vaticänischen 
Museum schwerlich mit Wildpret, sondern wahrscheinlich 
nut. einem erbst^i Gegenstande, etwa mit der Edegung des 
Orion, zu thun.^ Im langen, bis auf die I]'üsse reichenden 
Gewände ohne Gürtel kann sie nicht die Jägerin Diana 
seia, auch, ihre Stellung ist ganz geeignet:, einen ernsten 
Kampf vorzubereitaa. In ;der Haltung des Oberleibes ist 
eine gewisse Unruhe, ein Zusmnmenraffen der Kräfte nicht 
zu verkennen; deutlich verräth sich, dass etwas Entschei- 
dendes, vielleicht Gefahrvolles im Werk ist. Ihr Ziel hält 
sie fest,, unverwandt in'aAuge gefasst, während sie mit der 
Rechten den ersten Pfeil aus dem Köcher holt, und den 
linken Arm, welcher den Bogen hält, langsam der schuss- 
fertigen Lage entgegenbringt. Die FÜsse aber schreiten nicht, 
noch deutet ihre Stellung auf schreitende Bewegung,' die 
vorhergegangen sein, oder folgen müsste. Der linke Fujss 
ist nur im Begriff, der Bewegung des linken Arms entspre- 
chend, vorzutreten, indess der rechte die Last des zürück- 
gebogenen Oberleibes kagen wird. Wäre eine ähnliche 
Stellung nicht auch für die Darstellung eines Pythotödters 
zweckmässig gewesen? 

In der That^ was die Stellmng des vatikanischen Apollo 

• ^ 

'^ Vergl. hier noch einmal: Mus, Pio-Clem. I. t. 30.. 

^^ Mui, Pio-€lem. I. t. 29. Doch- dürfte, auch nach der blossen Zeich- 
nung zu urtl^eilen, sehr zn zweifeln sein, ob der Kopf wiJckHch zur Statue 
gehört , wie Visconti behauptet. 



203 



betrifft, seine schreitende Bewegung, die Haitang des Kör- 
pers, wäre wenig gegen Spence zu erinnern. 2' Gewiss eignet 
sie sich besser filr einen Apollo auf der Jagd, als* fiir den 
Pythotödter. Allein von der andern Seite betrachtet, zeigt 
sich auch diese Meinung unstatthaft. Der Ausdruck des 
Kopfes ist zu belebt, die gianze Statue viel zu pompös ge- 
balten, als dass sie nur, so zu sagen, die Staffage einer 
Waldparthie sein , oder einem Jagdstück angehören könnte. 
An die Diana von Versailles darf hi^ nicht erinnert werden, 
wiewohl diese, bei aller Belebtheit des Ausdrucks, gewiss 
nur eine jagende Diana ist. Auch diese Statue ist vielfach 
missverstanden worden. Der Charakter ihres ' Kopfes ist 
weder Zorn noch Triumph, weder Eifer noch Freudigkeit, 
überhaupt nicht durch einen momentanen* Eind^dk bedingt, 
sondern nichts als jungfräuliche Strenge und Götterhoheit. 
Ihr Jagdgeschäft betreibt sie wie ein gewohntes Alltagsge- 
schäft, halb unbewusst und handwerksmässig, während ihr 
Geist, wie abwesend, nur auf sich selbst beruhend, die 
stille strenge Grösse seines Wesens feiert. Dem Jagdge- 
schäfte gehört von ihrer Miene nichts, als ein gewisser Zug 
der Verdrossenheit, der im Spiele der Mundwinkel unver- 
kennbar ist. 30 Im Angesichte des Apollo dagegen herrscht 
die Gewalt des Augenblicks vor. In welcher Handlung der 
Gott begriffen sein mag, sie beschäftigt seine ganze Seele. 
In jeder Hinsicht ist die Stellung des vaticanischen 
Apollo, als eines Pjthotödters, verdächtig. Bezeichnet sie 
denn auch wirklich deutlich genug einen Apollo, der eben 
den Pfeil abgedrückt hat? ist-^lies die schulgerechte, oder 

^' Spence hat nämlich in seinem Polymetis Dial. 8., welche Stelle 
Wini^elmann anführt, opp. VI. 1, p. 321, die Meinung geäussert, die 
vaticaniscbe Statue stelle Apollo den Jäger vor. Vergl. Spence, von der 
üebereinstimmung der Werk« der Dichter mit den Werken der Künstler, 
nach dem Engl, von Job. Burkard. Wien, 1773, I. p. 277. 

^ Freilich mnss man keinen Kupferstich , auch nicht den besten , dar- 
auf ansehen. 



204 



nur naturgemässe Stellung eines Bogenschützen? Sei es ein 
Pandarus« od^ der Gott mit dem silbernen Bogen selbst, 
im Augenblicke, wo der linke Arm mit dem Bogen sich 
ausst]?eckt, wird der linke Fuss der Richtung desselben fol- 
gen, und vortreten müssen, wie dies an der einen der oben 
bezeichneten Dianenstatuen wenigstens schon vorbereitet war. 
Die Haftung des Leibes kann dann eine doppelte sein. Ent-^ 
weder er beugt sich nach derselben Richtung vor, — die 
nachdruckvollste und heftigste Stellung — oder der Körper 
weicht mit der angezogenen Bogensehne zurück, und sein 
Schwerpunkt filllt- dann auf den rechten FuSs : dies für den 
Künstler die mehr erhabene, doch weniger kühne 5!altung. 
In beiden Fällen aber bleibt der linke Fuss vorangestellt, 
dem bogentrageriden Arme so viel als möglidi parallel. Die 
Diana aus den* Grärten der Mendicanti hat den rechten Fuss' 
vorgesetzt. Aber dies ist hier nur zufällige, scbnellvorüber- 
gehende Bewegung, und der pfeilfrohen Göttin, welche laby- 
rinthiscb. durch die, Wälder streift, vollkommen anigemessen. 
Mit jedem n^ien Pfeile wechselt das Ziel, mit jedem Schritte 
die Richtung ihres forschenden Blickes. ^^ Einem einzigen 
Ziele aber, dem drohenden JFeinde, dem verderblichen Dra- 
dien gegenüber, wird eine wohlgewählte Schützenattitüde, 
kaum zu umgehen sein. Auch sehen wir diese Stellung in 
alten Bildwerken, Statuen, Reliefs- und Münzen fast ohne 
Ausnahme wiederkehren. Bogenschützen , wie • Wvtrfspiess- 
schleuder^r und Streiter mit der Lanze^ haben immer den 
linken Fuss vorangestellt, und es war diess den Alten so 
geläufig, dass es auch da beobachtet wurde, wo es durch- 
aus nicht nöthig. gewesen wäre. ^. •- • ' 



'* navT"^ iftetiT^ip^rai y d-r^^mv okinovöa yevi&Jir^v, Hom. Hymn. 28. 
in Dianam. v. 10. . 

^' Für alle Warf waflMn.gaJt die Regel: sciendum praeterea, cum mis- 
silibus agitur, siniströs pe^es inante mjlites habere debere etc; VegH, de 
re militari, p. 29. ed. Schwebe!. 



205 



Ebenso entsch^dend spricht die Haltung . des rechten 
Armes gegen die Meinung, dass det vaticanische Apoll in 
dem Augenblicke gefesst sd, wo eben der Pfeil von der 
Sehne geflogen ist. Wäre diese Ansicht gegründet, so fände 
die Richtung des linken noch ausgestreckten Armee nur 
darin ihre Rechtfertigung, dass man sagte: Apoll ' erwarte 
eben die Wirkung seines Geschosses, und bleibe bis zu dem 
entscheidenden Momente, wo der Drache gefallen, oder das 
letzte Zeichen des Lebens verschwunden sein muss^ mit der 
gespanntesten Aufmerksamkeit noch ganz in derselben Stel- 
lung, dijB den Sturz des üngethüms herbeiführen scdltel Der 
menschlidien Natur im Zustande der Erwartung; wäre dies 
wohl angemessen ^33 dann müsste aber audi der rechte Arm, 
welcher den Pffeil abdrückte, noch in der-Lage dieses Actes 
begriflfen, folglich gebogen und etwa halb noch übör die 
Brust gelegt sein. Es geht dieses aus den einfachsten me- 
chanischen Gesetzen der Bewegung hervor, welche in sol^ 
chen Momenten durchaus von keinem Auseinanderfliehen der 
Glieder und Kräfte nach veröchiedenen Richtungen hin ^ser- 
theilt wird. Wenigstens durfte der rechte Arin nur so viel 
aus seiner Lage gewichen sein, als auch der Unke schcoi 
nicht mehr straff gespannt,, sondern gebeugt ist . 



— — — — — projecto dum pede laevo 

Aptat se pugna^^; Virq. Aen. X. 567. 

VergL 'Sfifigf^. Anabaßis IV. 2. 28, welche Stelle nur dadurch verdächtig 
wird, dass sie etwas ausführlich beschreibt, was als bekannt vorausge- 
setzt werden muss. S. die ]Srklär., besonders auch Halbkart*s üebers. 
p. 146. VergL übrigens den pfeilschiessenden Herkules (JUim. Pio-Clem* IV. 
t. 40. 42. bei Tischbein U. 20.), den Keulenschwingenden (^Zoega, bas- 
sir. täb. LXITT.), die Lanzenkämpfer mit Amazonen {MiUin, peint. de 
vases I. 56.), Kämpfer der Griechen und Trojaner (ibid. I. 49.), die 
Bogenschützen an der Säule des Antonin. Montfaucon, antiq. ^cpL IV. 1. 
pl. 17. 

>3 Vergl. was in ähnlicher Beziehung Engel über Act IV. Sc^e 5. 
in Shakespeare' s König Johani> gesagt hat Ideen zu einer Mimik I. 
p. 104. ' , ' 



206 



Alles vereinigt- .sich, um unsere Statue in der Eigen- 
Schaft eines Pythotödters zweideutig und schielend zu ma- 
chen^ Würden wir, nrä gleich dies noch zu erwähnen, einen 
Apollo im Kampf mit Python begriffen, nicht lieber ohne 
Chlamys sehen? Odysseus ist nur in Lumpen gehüllt; sobald 
er Äuf die Schwelle springt, um sich zum Freiermorde an- 
zuschicken, wirft er sie ab.^* Die Chlamys des Apoll ist 
freilich mehr stattlicher Art, und es mag dem jungen. Gott 
nicht zu verargen sein, wenn er sie ungern, selbst auf dem 
Felde der Ehre, vermisst. Aber dieser gewählte ruhig geord^ 
nete Faltenwurf ist. doch ganz gegen die Natur, ganz gegen 
den Charakter einer Scene des Kampfes; Unser Künstler 
hatte iioeh wohl nicht die Erzählung Ovid's vor Augen, wo 
freilich den Apollo, gleich nach Erlegung des Drachen, ein 
mehr galantes Abentheuer erwartet. Wie charaktervoll sind 
sonst die Gewänder an griechischcoi Statuen, wie überein- 
stimmend .mit Ausdruck und Handlung — eine Hülle der 
Hülle, aber diese ^o entsprechend, wie der Körper dem 
Geiste. Schwer und ruhig sinkt der Priestermantel des Lao- 
koon zur Erde, die Gewänder der Niobiden fliegen; und der 
stürmischep Ealtenverwinrung der Bachantiimen gegenüber 
die feierliche Monotonie am Chiton de^ Apollo Citharödus! 
Und nim j^ollends die faltenschwere Chlamys über denselben 
Arm geworfen, welcher den Bogen straflf zu halten, hier 
und dorthin zu wenden, den Kampf zu führen und zu ent- 
scheiden hat, damit sie nicht nur für den Character der 
Statue störend, sondern für d^i Streiter selbst körperlich 
hemmend und lästig sei. 2k>ega schloss aus diesem Wurfe 
der Chlamys über den linken Arm, dass dieser gar keinen 
Bögen gehalten haben könne, ^s einen zum Kampfe gespßmi- 
ten Bog^ gewiss nicht. 



^* Avtdp i yvfivdd^ footitav ttoXvßitjtig 'OSv^äei^i Od, XXIL V. 1. 
^^ ,^Die auf dem linken Arm getragene Chlamys deutet mir an, dass 



207 



Auch mOsßte doch wohl im Spiele der Moakeia , ki der 
Bewegung der Glieder wenigstens noch eine Spur, wo nicht 
von stürmischer Hast, welche Pfeil auf Pfeil dem Köcher 
entriss, doch von Anstrengung oder gesammelter Kraft er- 
kennbar sein, wenn der Feind, den er besiegte, ein ftircht- 
bares Ungeheuer gewesen ist Dem Gotte bringt es wenig 
Ehre, wenn er, um in einem förmlichen Kampfe zu siegen, 
nichts weiter braucht, als eben ein Gott zu sein- es erhöht da- 
gegen seinen Triumph, wenn er einen Feind überwältigt hat, 
der selbst einem Gotte zu schaffen machen konnte. War der 
Gegenstand, den sein tödtliches Öeschoss getroffen, kein ge- 
fahrdrohendes, verderbliches Ungethüm, hat ihm dessen Erle- 
gung nichts weiter, als^ einen Schuss und einen Pfeil gdsostet, 
so erscheint der triumphirende Stolz in seiner Miene als ein 
lächerliches Pathos. Ueberhaupt muss der Stellung, der 
Haltung des Arms und der Richtung des Blickes nach, sein 
Feind mit ihm auf gleicher Linie stehen. Denkt man sich 
einen riesenhaften Gegner, wie z. B. einen Tityus^ ihm 
gegenüber, so müsste dieser entweder höher sein, als Apollo, 
und dieser alsdann aufwärts blick^i, oder von gleicher Grösse 
mit dem Gotte, und im Verhältniss zu -diesem aufhören, tie-^ 
senhaft zu sein, wo es dann wieder nicht ziemlich wäre, 
den Sieg über einen körperlich Gleichen als <ias Heldenstück 
eines Gottes darzustellen. Ist es aber ein kriechender -Drache, 
der erlegt würde, so muss dieser, so drachenhaft man sich 
ihn denken mag, kleiner als Apoll, folglich der Blick seines 
Siegers abwärts gewendet sein. 

Nodi ein Wort über das Beiwerk unsrer Statue. Der 
Stamm an ihrer Seite ist durch Blätter und Frucht deutlich 
als Oelbaum bezeichnet Dem Oelbaume fehlt jede nähere 
Beziehung auf Apqllo. An die Seite ^nes /Pythotödters 

der Apoll von Bdvedere keinen Bogen führte." Zo^ga,, Bemerk, über 
FiMxmtri Mus. Pio-Clem. in Welker 's Zeitschrift I. p. 313. 
*• Auch c^es ist vermuthet worden. 



■■ 



203 



aber gana besonders gehört der Lorbeerbaum. Nach Erle- 
gung des Drachen ging der junge Gott nach Tempe, und 
nahm dann, mit dem Lorbeer dieses Thaies geschmückt, vom 
delpliischen Orakel Besitz. i?^ 

Noch viel weniger, als die Baumart des Tronks, scheint 
die Schlange, welche wir an demsfelben bemerken, die bis- 
her beleuchtete Ansicht zu begünstigen. Man hält sie ge- 
wöhnlich für eine symbolische Andeutung des Python, deren 
der Künstler sich bebient habe, um verständlich zu sein, 
ohne sich in -die lästige Ausführlichkeit -einer vollständigen 
Günippe J)equemen zu müssen. ^ Die Alten waren nicht leicht 
um ein Mittel verlegen, wodurch letzteres vermieden ward. 
Sq. sehen wir an den Statuen des kämpfenden Herkules iin 
vaticanischeh Museum den Geryon und Diomedes in gar 
keinem Vörhältniss zur Hauptfigur stehen.^* Sie sind, obwohl 
ihrer Bedeutung nach riesenhafter Natur, in Vergleich mit Her- 
kules nur ZwerggestaUen- Doch ihre Stellung ist der Hand«- 
hing angepasst, und sie unterstützen, den sinnlichen Anblick 
in demselben Masse, als ^an von Ihm abstrahiren. muss. 
Symbolisch wurden sie eigentlich nur dadurch, dass sie als 
Nebenwarke behetndelt, und unter das natürliche Mass herab- 
gedrückt sind. Gewiss hätte der Künstler in einem noöh 
viel engeren Sinne symbolisch verfahren dürfen, ohne gegen 
den Gißist der griechischen Kunst zu Verstössen, oder imklar 
zu werden. ^- Aber die Schlange am vaticanischen Apoll! 
Mit der Handlung selbst, und ihrem sinnlichen Ausdrucke 

'^ Afilian, var. bist. DI. 1* P- l^'^- c. not. Gron, Der älteste Tempel 
des pythischen Apollo war aus tempiscben LQH)eerzweigen. Paus. X. 5, 9< 
p. 642. An der Statue eines Pythotödters war statt des Lorbeers allen- 
falls 'ein Palmbauin anzubringen. Denn dieser bat wenigstens Bedeutung 
für l4((Hia» Hom. bymn. in Apoll, v. 117. 

** Vergl. Fea zu Winkelmann opp. VI. 2. p. 324. 

3^Siebe die Abbüdungen; im Mus. Pio^lein. H. t. 6. 7. und Vis- 
conti 's Bemerkungen, besonders p. 54. ,Yerg]. die Jiinerya ifljt einem 
Giganten zu ihren Füssen im Musde Napol. I. pl. 12. 



^^^ 1 

% 



209 



hftt sie nichts zu thun. Sie ringelt sich im Augenblicke des 
Kampfes ganz friedlich an Apollos Seite empor. Der natür- 
liche Python kann demnach mit ihr nicht gemeint sein , wie 
jener Geryon seiner symbolischen Dimension ungeachtet, 
immer noch der wirkliche Gteryon bleibt. So müsste sie 
sich denn, in noch viel grösserer Einschränkung als jene 
Nebenfiguren des Herkules, als ein blosses Symbol des Py- 
thon zu erkennen geben. In ihrer Bestimmung, das Kunst- 
werk verständlich zu machen, müsste sie sich zunächst we- 
der auf den sinnlichen Anblick, noch auf unsere Einbil- 
dungskraft beziehen, sondern nur auf den Verstand; sie 
müsste blos interpretiren. Aber auch diesen Dienst leistet 
sie nicht Sie gibt sich nicht, wie jener Geryon durch seine 
Verkürzung, für ein Symbol des Python, für das Zeichen 
einer Schlange, sondern für eine Schlange selbst, wie solche 
so häufig die GiJtterstatuen, unter ihnen auch den Apollo 
begleitet. Wir werden darin um so weniger irre, da sie an 
der vaticanischen Statue sogar ihre gewöhnliche Stelle ein- 
nimmt, ein^i Bautnstamm^ an dem sie emporkriecht, wie 
gleichfalls gewöhnlich. So befindet sie sich nicht einmal in 
einem Mittelzustande von Symbol und Wirklichkeit; sie ist 
nicht Natur genug, um der wirkliche Python zu sein, und 
zur blosen symbolischen Repräsentation desselben fehlt ihr 
die abstracte, feste Beschränkung des Symbols. — 

Mit der Hypothese, dass der vaticanische Apoll ein- 
Pythotödter sei, hängen zwei andere Vermuth«ngen über 
die Bedeutung unsrer Statue zusammen. Vifcenti «teilte 
nämlich die Meinung auf, dass der Apollo .Aloxikakos des 
Kaiamis, welchen die Athenienser zur dankbaren Erinnerung 
an die Beendigung der Pest im zweiten Jahre des pelopon- 
nesischen Krieges weihten, ^^ in der Stellung und mit den 
Attributen des vaticanischen Apoll gebildet worden. Dieser 
wäre folglich als eine spätere verschönerte Copie jenes 

*° PauÄin. I. 3, 4. p. 8. 

Feuerbach, der vaticanische Apollo. J4 



210 



alterthtimlichen Werkes zu betrachten , und dasGeschoss unsres 
Apollo gegen Tod und Krankheit gerichtet. ^^ Letzteres hat 
nun gleich — selbst wenn wir die, auch dieser Hypothese 
zum Grund liegende, falsche Voraussetzung, welche im va- 
ticanischen Apoll die Handlung eines Bogenkampfes sehen 
will, auf sich beruhen lassen — nicht die geringste Wahr- 
scheinlichkeit für sich. Krankheit und Tod, erstere beson- 
ders, sind blosse Begriffe, reine Abstractionen. Sie gehören 
nicht zu jenen Personificationen, welche von tJa: Kunst zu 
einem festen Typus durchgearbeitet würden. ^^ Gegen diese 
schwankend^! Gestalten wäre der Kampf des Apoll ein 
leeres Schattengefecht, und dies zwar um so mehr, da der 
Künstler unmöglich mit Zuverlässigkeit eine bestimmte sichere 
Ergänzung derselben von der Einbildungskraft des Beschauers 
erwarten konnte. Ein öflfentliches Denkmal muss, mehr als 
jedes andere Werk der Kunst, seinen Begrfflf vollkommen 
erschöpfen; was es zu sagen hat, muss es ungeschmälert, 
ohne Clausel und Ellipse geben. Auf die Ergänzung des 
Beschauers beruft sich der denkende Künstler nur dann, 
wenn er versichert ist, dass seine bedeutsamen Winke in 
der Einbildungskraft ein bestimmtes , durch wiederholte Kunst- 
anschauungen gleichsam plastisch gerundetes Bild erwecken 
werden. Hatte der Alexikakos des Kaiamis Stellung und 
Attribute des vaticanischen Apoll, so musste Krankheit und 
Tod entweder durch allgemein verständliche Symbole ange- 
deutet, oder leibhaftig gebildet, mit der Apollostatue zu 
dner förmlichen Gruppe vereinigt werden. Beides war 

^* II ^toit convenable de r^pr^senteir ApoUon au< moment oiü il lance 
ses traits centre la maladie et la mort. Mus: Pio-Clem. I. p. 144. 

** Pausanias erwähnt nur zwei Darstellungen des Todes, eine Bild- 
säule zu Sparta: IIL 18, 1. p. 202. und das Bild auf dem Kasten des 
Kypselus Y. 18 , 1. p. 330. Man bedenke auch^ dass <das Bild des Todes 
auf allen Monumenten gewöhnlich erst durch den Ck)ntext, durch die Um- 
gebung etc. deutlich wird. Und kann wohl der ^eundliclie Bruder des 
Schlafes der G^enstand einer Kampfscene jBein ? 



211 



uQDöthig^ wo die religiöse Eunstferadition schon das Muster- 
bild eines Apollo Alexikakos gegeben hatte. Es war dies 
der Apollo, weldier in der einen Hand Pfeil nnd Bogen, 
in der andern die Grazien hielt, jene als Symbole des Ver- 
derbens, diese des Heils. ^^ Beide drückten so ziemlich alles 
aus^ was die Athenienser mit der Errichtung ihrer Apollo- 
statue sagen wollten, und es lässt sich kein y^nünftiger 
Grund absehen, warum Kaiamis den Weg des lieblichen 
sollte verlassen haben, besonders da ein Werk, wie jener 
Apollo, sehen durch die Oeffentlickeit seiner Bestimmung, 
an das; was der Brauch mit sich bringt, und durch das G^ 
schichtliche seiner Bedeutung an die Tradition gewiesen ist. 
Ganz unhaltbar ist es vollends, und kaum der Erwäh- 
nung werth, wenn Visconti den Pythotödter mit dem Alexi- 
kakos des Ealamis in Verbindung bringt, so dass das Vor- 
bild des vaticanischen Apoll im Pjthotödter zugleich den 
Pestabwender vorgestellt hätte. ^^ Bleibe auch die Behaup- 
tung, dass Apollo und der Sonnengott, wenigstens auf dem 
Felde der Kunst, ?wei ganz verschiedene Götter waren, btt 
S^ten gestellt, sei Python wirklieh, was keineswegs er- 
wiesen ist, ein allegorisches Bild pestbringender Dünste: *^ 

*' cf. Plutardi. de masica opp. ed. Xyl. II. p. 1136. A. Macröb. 
Saturn. I. 17. Später kam noch die Strahleiikrone hinzu. Phüo Jud. 
1^. ad Caj. p. 691. ed Tumeb. 

** Si Ton tient absolument k Topinion .qu*il (l'Ap. de Belv.) d^cocbe 
ses flaches contre le eerpent Python, ce ßera encore une image d'Apollen 
Averruncus, puisque cette fable physique signifiait, que le soleil par ses 
rsyons ärait dissip^ les vapeurs malignes que produisirent les inondations 
de la terre dans le d^uge universel: ainsi oette figure ^tait un symböle 
tr^s-naturel de la fin d'une mortalit^ obtenue par les secours puissans 
d'Apollon. Visc. 1. 1. p. 145. 

*^ In der Hymne des Homeriden an Apollo verkündet Apollo selbst 
dem sterbenden Python, dass ihn die Sonne soll vermodern machen. 

— — . dXJiA tfi yavTov 
IlvöBi^ yula fiiiXaiva xäi f^iixcQp *Ya6fi&v. v. 368. 369. 
P3rtfaon stirbt, und dann heisst es v. 371. 



212 



so wird doch jedenfalls durch Visconti's Voraussetzung, einem 
Künstler wie Ealamis die verfehlteste Composition- unter- 
schoben. Der Einbildungskraft des Beschauers wäre zuvör- 
derst zugemuthet worden , dass sie das Object der Handlung 
ergänze, und dadurch der Stellung des Gottes ihren natür- 
lichen Sinn verleihe. Dabei dürfte sie es aber nicht beruhen 
lassen. Sie musste im Python zugleich ein Symbol pest- 
artiger Dünste erkennen , um so der Statue zu ihrer eigent- 
lichen Bedeutung, zu ihrem tieferen religiösen Sinne, ihrer 
historischen Bestimmung zu verhelfen. Dass sie bei diesem 
schwierigen Geschäfte von dem Beiwerk der Statue unter- 
stützt würde, ist sehr zu bezweifeln. Repräsentirt die 
Schlange des Baumtronks den Pyihon, so treten auch hier 
die schon erwähnt^i Bedenklichkeiten ein, zu welchen sich 
nun zum Ueberfluss noch das Symbol eines Symbols gesellt. 
Oder ist die. Schlange, wie Visconti glaubt, ^« ein Symbol 
des Heils, der Genesung, so hat es der Beschauer mit s^ei 
Schlangen zu thuo, von welchen die eine wirklich darge^ 
stellt, die andere zu suppliren Ist, jede aber an einem 
und demselben Momente ihr eignes Gegen theil', cUese das 
Verderben, jene das Heil bedeutet. 

Aber lassen wir Tod und Krankheit, Sonne und Python 
aus dem Spiele. Wäre ein Apollo ohne jene speciellen Er- 
gänzungen der Einbildungskraft, nicht schon durch die Stel- 
lung, durch die Attribute des vaticanischen Apolt, in Be- 
ziehung auf die Pest zu bringen? Allerdings. Dann hätte 
Aber Kaiamis gerade das Gegenthdl v(m dem , was ^ wollte 
oder sollte, gebildet, nämlich nicht den Pestabwender, son- 
dern den Gott, der die Pest erst sendet, oder sie noch 
wüthen lässt . Die Stellunfg unsrer Statue bleibt, auch ohne 

• * 

** Le triomphe de ses fl^hes sur le serpent Python, le reptile, Sym- 
bole de la santÄ et de la medicine, qtii s'attache autour dn tronc r- öön- 
vienn^nt parfaitement k Apollon salutaare, qoi fait oesser une maladie 
6pid6mique. Vi9e. 1. 1. p. 162. 163. 



V^3 



213 



Tod und Python, der gewöhnlichen Annahme zu Folge, die 
eines Zielenden. Aber die PMle Apollo's sind nicht Sym- 
bole der Pestabwendung; in der Hemd des Gtottes. nicht das 
Mittel, um Tod und Krankheit zu vertilgen; vielmehr sind 
es gerade diese Pfeile, welche Tod und Krankheit bringen. 
Der bogenbewehrte Apoll ist selbst der Gott des Todes , des 
Verd^bens. ^'* 

Und ein schrecklicher Knall entscholl dem silbernen Bogen. 

Nur Maulthiere erlegt er zuerst und hurtige Hunde: 

Doch nun gegen sie selbst das herbe Geschoss hinwendend 

Traf er; und rastlos brannten die Todtenfeuer in Menge. 

Schon neun Tage durchflogen das Heer die Geschosse des Gottes. ** 

Mag dann immer das Bild eines also verderbenden Gottes 
die Schlange der Genesung zur Seite haben , sie wird wenig 
fruchten, so lange der Pfeil noch wtithet. Dieses blosse 
Zeichen des Heils hält der wahrhaftigen, leibhaften Haitd- 
lung und Geberde des Verderbens nicht das Gleichgewicht. — 
Und ein Gleichgewicht dieser beiden sich entgegengesetzten 
Begriffe müsste doch wohl hergestellt sein, wie dies denn 
auch wirklich an jenem Alexikakos mit den Grazien in der 
einen, und den Wafren in der andern Hand der Fall war. 
Oder durfte ein Moment das andere überwiegen, so müsste 
es an dem Apoll des Ealamis offenbar das des Heiles sein. 
Dieö hätte allenfalls in der Statue eines orakelgebenden oder 

*' cf. Herrmann, de mythol. Graecor. antiq. dissert. p. 20. Zwar 
scheinen die Pfeile des Apollo nicht blos negativ, sondern auch positiv 
die, Pest zu tilgen. Yergl. die Erklärung der ersten Hymne des Pro kl us 
In Joe. Anthol. X. p. 282. Aber hier und sonst dind die Pfeile schon 
Symbol der Sonnenstrahlen. Yergl. tiber diese Bedeutung derselben Hug. 
Mytk d. Alt p. 54. An einem plastischen Werke bliebe der Pfeil dep 
Apollo auf jeden Fall ein zweideutiges, doppelsinniges Symbol, wenn er 
zugleich die heilende und verderbende Kraft der Sonnenstrahlen bezeich- 
nen soll; ein bogenbewehrter Apoll aber in drohender, oder gar ziel^ider 
Stellung ist für den sinnlichen Anblick nur der metuendus certa sagitta 
{Bor, Od. I. 12, 13) der verderbende, — contra, si citharam teneat, mi- 
tis est. Serv. ad Virg. Aen. III, v. 138. 

*• 11. I. V. 49. ff. Vossische üebersetzung. 



214 



citherspielenden Apollo, zu dessen Füssen sich die gezähmte 
Pjthoschlange ringelte, erreicht werden können. ^* 

Gegen Visconti's Hypothese spricht endlich noch gan? 
entschieden der Styl des vaticanischen Apollo. Wie Iftsst 
sich diese geschmeidige, höchstvollendete Schönheit mit dem 
Werke eines Künstlers vereinigt denken, der, wiewohl ein 
hochberühmter Meister und Zeitgenosse des Phidias, sich 
von der Trockenheit, der älteren Schulen noch nicht gänzlich 
losgerissen hatte?* Visconti sucht diesem Einwurf durch 
die Behauptung zu begegnen, dass die alten Künstler oft- 
mals Werke ihrer Vorgänger veredelnd und verschönernd 
nachgebildet, und beruft sich unter andern auf das Beispie 1 
des Gljkon, welcher in dem farnesischen Herkules den des 
Lysippus erst vollendet habe.^i Dagegen möchte nun frei- 
lich im Ganzen so wenig zu erinnern sein, als auf der 
andern Seite auch der entgegengesetzten Behauptung des 
Raphael Mengs ihr Recht bleiben mag, sobald diese näm- 
lich dahin beschränkt wird , dass Antiken, welche anerkannt 
blosse. Copien früherer Meisterwerke sind, von ihrer Vor- 
treflFlichkeit in der Regel auf eine noch weit grössere ihrer 
Originale schliessen lassen. Allein das Verhältniss unsrer 
Statue zu dem Apollo des Kaiamis ist offenbar ganz andrer 
Art. Der Grieche liebte es, wenn er Werke der älteren 
Schulen nachbildete, ihr altfränkisches Gepräge und jede 

^^ Mit derselben Klarheit und Bestimmtheit^ welche wir am Alezi- 
iLakos desKalamis voraussetzen müssen, sehen wir denselben Gegenstand, 
die Sühnung einer Fest, auf Münzen von Selinunt behanddt * Auf der 
einen Seite derselben ist blos das Verd^ben vorgestellt: Apollo zu Rosa 
und Wagen , mit seinen pestbringenden Pfeilen schieäsend. Auf der andern 
Seite s^en wir, Ton heilveriLündenden Symbolen umgeben, den Emped(^es 
das Unheil sühnen. TerremwuM, veter. num Sicil. t. LXV. Kro. 3. 4. «tc. 
Vergl.-Keapel u. Siqilien von de^ Non, im Auszuge tou-J. H. Keerl. XI 
p. 158. 

^ Calamidis (signa) dura illa quldem, sed tamen molhora, quam 
Canachi. Cic. Brut. c. 18. cf. QuinHl inst orat. XII. 10. p. 370. ed. Bip. 

*• Vücanti 1. 1. p. 152. ff. 






215 



charakteristische Eigenheit dersdben getreulich wieder ^u 
geben. Dies ist es eben, was bei noch erhaltenen Werken 
eines alterthümlichen E|tyles die Untersuchung so schwierig 
macht: ob sie wirklich der früheren Eunstepoche angehören, 
oder nur von spätem EünstLam, sei es aus Gewinnsucht 
und sonstigen selbstsüchtigen Zwecken, oder aus Hochach- 
tung des Alterthümlichen, in deinen Styl oder Manier nach- 
gebildet sind ? Ein Künstler , welcher den Alexikakos^ des 
Ealamis nachgebildet hätte , würde zuverlässig dessen schroffe 
Eigenthümlichkeit um so weniger verwischt, ja vielleix^ht 
recht absichtlich hervorgehoben, und eher durch Uebertrei- 
bung gestdgert haben, da dieses Werk, aus der Hand eines 
so berühmten Meisters hervo}*gegangen, ausser seiner reli- 
giösen Beziehung, als das Denkmal einer so traurigen Kata- 
strophe und ihrer erfreulichen Lösung, zugleich geschicht- 
liche Bedeutung hatte. Dies ist mit um so grösserer Be- 
stimmtheit anzunehmen, da zwischen dem Style unseres 
Apollo und dem des Alexikakos, eine so ungeheure Kluft, 
ein so langer Zeitraum fortschreitender Kunstentwickelung 
liegt,, in welcher eine so grosse. Menge Apollobilder der 
höchsten Schönheit und der mannigflaltigsten Stellung müs- 
sen an's Licht getreten sein, dass ein Künstler, dem bereits 
der Styl der vaticanischen Statue eigen war, nur daim zum 
Apollo des Kaiamis geführt werden konnte, wenn er ver- 
anlasst war, dieses Bildwerk gerade um seiner Eigenthüm- 
lichkeit oder seiner historischen Bedeutung willen treu zu 
copiren. 

Der Pestabwender des Kaiamis kann also der vaticani- 
sche Apoll nicht sein. Wie aber, wenn dieser Apoll nun 
wirklich der Pestbringer wäre, wenn sein Vorbild in jener 
berühmten Stelle der Hiade läge, wo Apoll die Unbild sei- 
nes Priesters rächt? ^^ Das Geschoss unsreis Gottes wäre 



h7 



/?. 1. 1. V. 43. flf. 



216 



dann gegen die Griechen gerichtet. Auch diese Erklärung 
wurde vorgeschlagen. Die Schilderung Homers entspricht 
iii mehr als einem Zuge dem Charakter unserer Statue. 
Stellte sie einen zielenden Apollo dar, so wäre sie in Blick 
und Haltung die trefflichste Versinnlichung des Homerischen 
hxnßoXoq — des Femhintreflfenden. ^^ — Aber eben so nahe 
liegt die Bemerkung, dass jene Stelle der Iliade den Grund- 
typus zu jeder. Apollostatue enthält, welche den Gott als 
zürnenden vorstellen sollte. So waren in den berühmten 
Versen desselben Dichters von dem wallend^i Hauptha^ar 
des Jupiter die Grundzuge zu jeder Statue dieses Götter- 
königes gegeben. Auch die Nachfolger des Phidias werden 
die homerische Schilderung nicht aus dem Auge verloren 
haben. Darum war aber noch nicht jeder Jupiter mit gnä- 
dig geneigtem Haupte und wallenden Locken der Jupiter 
Homers, welcher der Thetis Gewährung zuwinkt; eben so 
wenig das Geschoss jedes zürnenden ApöUo gegen die Grie- 
chen gerichtet. Sollte in einer Statue der homerische Apoll 
auch in der bestimmten Handlung des ersten Gesanges der 
Iliade zu erkennen sein, so müsste sich (}er Künstler genau 
an die Worte des Dichters halten. Hier bliebe ihm nur die 
Wahl zwischen zwei Momenten. Entweder musste er den 
Gott darstellen, wie er vom Olymp hemiedersteigt, oder 
wie er schon im verderblichen Werke begrifffen ist. In 
jenem Momente ist unser Apollo nicht gefasst; denn wäh- 
rend der homerische schreitet, schiesst er noch nicht, wie 
dies bei unserer Statue doch angenonmien werden müsst-e: 
aber auch im zweiten nicht; denn wie Apollo den tödtlichen 



'^ Vic, 1. 1. p. 135. Meyer in seinen Anmerk. zu Winkel mann 
VI. 2. p. 325. ateUt die Meinung auf, der Künstler des belvederisi^en 
Apoll habe nur den weithintreffenden dargesteUt, einen Apollo, wie ihn 
Dichter schildern, und besonders Homer, ohne ihm eine bestinunte Be- 
ziehung gebc^n zu wollen. Aber die Statue ist zu momentiui, zu indivi- 
duell gefasst, um blos eine allgemeine Idee auszudrücken. 



218 



XI. 

* \ 

"Yßmv Kvove d-eog apd-rov noixov ostaöev avSpi. 

(Theogn.) 

Azara hat in den Noten zur Ausgabe von den Werken 
des Raphael Mengs die Vermuthung geäussert, das Geschoss 
des Vaticanisiehen Apollo könnte gegen die Kinder der Niobe 
gerichtet sein. * Ein bewährter deutscher Kenner der Kunst 
hat dieselbe Ansicht ausgesprochen, und sogar die Behaup- 
tung aufgestellt, dass der vaticanische Apollo zur berühmten 
Gruppe der Niöbe in Florenz gehöre. ^ Möchte er uns eine 
ausführliche Darlegung seiner Gründe — und von ihm sind 
nur triftige zu erwarten — nicht vorenthalten haben, um 
uns von einer Ansicht zu überzeugen, welche des vaticani- 
schen Apolls, an sich betrachtet, eben so würdig ist, als der 
Statuen -Familie von Florenz. ^Hier ist mehr als Schlange 

* Kon credo neppure che questo Apollo stia uccidendo ii serpente 
Pitone, ma piü tosto stia saettando la famiglia di Niobe. Äzara zu Mengs 
opp. p. 365. p. c. 

2 Hirt in Schillers Hören, Jahrg. 1797. St. 10. p. 20. Mytholo- 
gisches Bilderbuch. I. p. 32. In der Anzeige der specim. of aat. scnlpt. 
(Fr. Aug. Wolf, literarische Analecten V. p. 146) behauptet Hirt, dass 
der Apollo ursprünglich zur bekannten Gruppe der Niobe gehörte, jedoch 
nur CJopie sei. Vergl. nun auch dieRecension von Thiersch's' Epochen 
der gr. K, in den Jahrbüchern für Wissenschaftliche Kritik 1827. Nro. 31. 
^. 32. p. 245. 






219 



und Pest,^ würde ein enthusiastischer Freund des Apollo 
sagen, „hier hat er als Sohn ein6 gekränkte Mutter, eine 
gelästerte Gottheit als Gott zu rächen, und über die Trüm- 
mer des menschlichen Hochmuths die triumphirende Gottheit 
zu stellen. Der schönste GK^tterjüngling zerreisst hier den 
schönsten Kranz eines blühenden Geschlechts. Und fiele 
auch vom Entsetzlichen des Strafgerichts ein finsterer Schat- 
ten auf unsem Gott zurück, von seiner Hand zu sterben, 
wäre ein beneidenswerther Tod, und das klagend empor- 
gerichtete Haupt jener Tochter enthielte vielleicht nur die 
Frage: wie konntest du, der du so schön bist, unerbittlich 
strafen?^ 

Aber so gern die Phantasie bei diesem Bilde verweilen 
mag, so grossen Schwierigkeiten dürfte die Verwirklichung 
desselben unterworfen sein. Ist doch sogar bezweifelt wor- 
den, ob die Statuen in Florenz je eine förmliche Gruppe 
bildeten; und keiner der bisherigen Versuche, diesen Zweifel 
durch den Augenschein zu heben , hat sich eines allgemeinen 
Beifalls zu erfreuen. Selbst die Frage über CJopie und 
Original, über Ursprüngliches und später Eingesdiobenes, 
ist noch nicht zur vollen Genüge gelöst. — Mehrere Figuren 
in Florenz, welche früher zur Familie dßr Niobe gezählt 
-wurden, sind bereits durch genauere Prüfung au^geschied^i. 
Ueber andere ist man noch zu keinem bestimmten Resultate 
gelangt,* und eben so wenig konnte ausgemittelt werden, 
welche voq den Kiobiden, die sich noch in andern Kabinetten 



' Ausgeechieden sind bereits z. B. eine weibliche Figor (bei F^ibnmi 
Nro. 15) ursprünglich eine Psyche. Vergl. Goethe' s Propyläen II. 1. 
p. 83. Ein Sohn der Kiobe, nrsprüngUch ein Diskuswerfer. Prop.-l. 1. 
p. 85. Keyer'^6 Bemerk, über ant. Denkm. der Flor. G. Amalthea L 
p. 279. Ueber andere noch auszuscheidende Figuren: Thiersch, Epo- 
chen IIT. p. 120. Ramdohr rechnet nur vier Söhne und vier Tbcht«r 
zur Gruppe. Siehe dessen Malerei und Bildh. II. p. 137. Eben so viele 
Levezow, Familie des Lykomedes, p. 30. 



220 



zerstreut vorfinden^ der Originalgruppe anzureihen wären. ^ 
Dass wir übrigens unter den Statue» in Florenz wirklich 
noch Originale besitzen, deren Stellung und Bedeutung sie 

* Mehrere Statuen sind doppelt vorhanden, so der auf das Knie ge- 
sunkene Sohn bei Cockerell Nro. 13., der sich auch im capitolinischen 
Museum befindet. Der jüngste $lohn Nro. 12. auch im Vatikan. Thiersch 1. 1. 
Ein todter Sohn in Dresden von vortrefflicher Arbeit , aber schaudervoll 
ergänzt. Becker 's August, tab. 32. Casanova in der N. Bibl. d. 
schön. Wissensch. XI. p. 216. lieber die beiden ausgezeichnetsten Niobi- 
den, in der Glyptothek zu München, werde ich bei einer andern Gelegen- 
heit ausführlich sprechen. Einen trefflichen Kopf der Niobe aus Gyps, 
von dem der Marmor verloren, ct wähnt Winkelmann VI. 1. 52. Bei 
all diesen Werken muss man aber nicht übersehen , dass gewiss auch em- 
zelne Statuen der Niobe, oder ihrer Kinder bei den Alten häufig gebildet 
wurden, welche für keine Gruppe bestimmt waren. Zahlreich mögen be- 
sonders einzelne Statuen der Niobe selbst gewesen sein, namentlich wie 
sie auf dem Grabe ihrer Kinder trauert. Diess lässt sich schon aus Epi- 
grammen schliessen, die keine Anspielung auf eine Gruppe enthalten. 
Vergl. z. B. das Epigramm des Julian, Äeg. in Jacobs Anthologie III. 
p. 201. XXVUL Einige beziehen sich auf den Fels des Sypilus, wie: II. 
p. 43. Vn. p. 177. XVI. Auch die Niobe des Praxiteles kann nach dem 
bekannten Epigramm IV. p. 181. CCXCVIII. zu keiner Gruppe gehört 
haben, und wahrscheinlich veranlasste eine berühmte Statue dieses Künst- 
lers den Zweifel der römischen Kunstkenner, ob die Gruppe in Rem ihm 
oder dem Skopas ;&uznschreiben sei. Andere Epigramme jedoch lassen 
auf Gruppen schliessen, wie das schöne Epigramm des Meleager I. p. 34. 
CXVU. und des Antipater 11. 18. XLIII. Sei mir hier vergönnt, im 
Vorbeigehen eines schönen Gemäldes in den Bädern des Titus zu geden- 
ken, welches in der description des bains de Titus (Paris 1786) p. 47, 
noch liir den jungen Papirius und dessen Mutter erklärt wird. Links 
sitzt eine junge Frau ; vor ihr steht ein kleiner unbekleideter Knabe, das 
Haupt wie aufmerksam zuhörend gesenkt. Die Mutter stützt es sanft mit 
der Linken, während sie mit der Rechten nach der dritten Figur des Ge- 
mäldes zeigt,- welche mit den beiden Andern durchaus in keiner nähern 
Beziehung steht Es ist ein nackter Jüngling, mit dem linken Knie auf 
einen Fels gesuiiken, während der rechte Fuss noch der Stellung eines 
Fliehenden angehört Das Haupt ist nach oben gerichtet, und d^ rechte 
Arm davor gehaltai,. als wollte er eine Schnell eindringende Geüfthr ab- 
wenden. Seine ganze Stellung^ trifft mit den Hauptmomenten der Stel- 
lung an den Söhnen der Niobe überein, und wir haben hier offenbar eine 
Niobidenstatue, deren Bedeutung die Mutter dem Kinde ärklärt, indem sie 
die tragische Geschichte erzählt. 



221 



als Theile eines ehemals geordneten Ganzen zu erkennen 
gibt, und ausser diesen in Absicht auf Stellung und Aus- 
druck, treue zuverlässige Copien, ist bis jetzt noch mit 
keinem haltbaren Grunde bestritten worden. Diese müssten 
denn allerdings zu einem nicht ganz unsichern Schlüsse auf 
die ursprüngliche Construction der Gruppe führen. Allein 
der Gruppe, wir mögen sie geordnet denken, wie wir wol- 
len, auch den vaticanischen Apollo zugesellen, wird immer 
höchst bedenklich sein. 

Der erste Zweifel, der sich schon aus der flüchtigsten 
Vergleichung zwischen dem Style dieser Statue und dem 
der Niobe aufdringt, * wäre allenfalls -noch dadurch zu be- 
seitigen^ dass man, wie geschehen, behauptete: wir besässen 
im vaticanischen Apollo nur eine Copie, deren Original 
jedoch zur Grruppe des Skopas gehört habe. Es könnte dann 
aber doch nur eine gewisse Besonderheit in Führung des 
Meisseis, diese oder jene Spur dner eigenthümlichen Mani- 
pulation im Einzelnen, z. B. in Behandlung der Haare, des 
Faltenwurfs u. dergl. m., dieses Original von jener angeb- 
lichen Oopie unterschieden haben. In Absicht auf die Grund- 
idee der ganzen Statue dagegen, ihre Stellung, vielleicht 
selbst ihre Grösse, müsste unser vaticanischer Apollo treu 
copirt sein. Sonst hätten wir zwar den freiesten Spielraum 
eröfinety uns eine ganz willkürliche Vorstellung von dem 
Apollo des Skopas zu bilden, um ihn der Niobe desselben 
nah zu bringen, müssten aber eben darum den vaticanischen 
ganz aus dem Spiele lassen. Stellung und Charakter dieser 
Statue müssen also zunächst in Betracht gezögen, und dann, 
wo möglich, ausgemittelt werden, in welche denkbare Grup- 
pirung der vaticanische Apollo, wie er nun einmal vor uns 
steht, gleichviel ob Original, ob nur Copie, sich ohne 
Schwierigkeiten fügen würde. 

* üeber den Styl der Niobe vergJ. vorzüglich: Winkelmann VII. 
p. 123. 167. 



222 



Die Höbe der Niobe misst secbs Fuss, fünf Zoll, die 
des Apollo secbs Fuss, secbs Zoll-, um einen Zoll nur das 
Weib zu überragen, würde sieb kaum der Mann, gescbweige 
ein Gott begnügen. * Der GWecbe legte seinea Göttern über- 
menscblicbe Grösse bei. Diese zu sinnlicber Anschauung 
zu bringen, war in dem gegebenen Falle um so nöthiger, 
wo eine einzige Gestalt eine so bedeutende Masse von 
Figuren zu beherrschen hatte, und überdies ihr göttliches 
üebergewicht nur durch ein plastisches auszudrücken war, 
durch körperliches Uebermass. Ein Apollo von der Höhe 
des vaticanischen und so sparsam mit Attributen, blos mit 
Pfeil und Bogen versehen, ist neben den idealen Jünglings- 
gestalten der Niobiden kaum etwas mehr als auch ein Jüng- 
ling, ein rüstiger Bogenschütze. Es würde der sinnlichen 
Betrachtung nicht einleuchtend sein, wie ein ganzer Chor 
von Männern, die sich noch so eben rüstig auf der Arena 
herumgetummelt, sich und ihre Schwestern so ruhig von 
einem Bogenschützen konnte niederstrecken lassen. 

Apoll in unserer Gruppe der Niobe hätte überdies, da 
fast alle Figuren nach oben blicken, von woher das tödt- 
liehe Geschoss kommt, nothwendig über die Gruppe gestellt, 
und also auf jeden Fall kolossal gebildet werden müssen, 
wenn er nicht für die sinnliche Anschauung, statt einer 
Hauptrolle, die ihm gebührt, nur eine untergeordnete Neben- 
rolle spielen sollte. Allein wie gestehen: auf diesem Wege 
wird die Aufstellung der Niobiden der Gegenstand ^ner 
wahrhaft herkulischen Arbeit. Nur durch ein tburmhohes 
Fussgestdl ist eine Höhe zu erreichen, zu welcher man wie 

' Dem Augenmasse nach zu urtheilen ist bei dieser Massangabe der 
Kiobe die bedeutende Einbieguhg dieser vorgeneigten Figur nicht mit in 
Anschlag gebracht Dazu kommt noch, dasa die Formen der Niobe viel 
grösser angelegt sind als die des Apollo, und durch das grosse massen- 
hafte Gtewand noch mehr an Umfang und (Gewicht gewinnen. Vor dem 
Oypsabguss der Kiobe in Stattgart erschien mir diese als Koloss ; der 
Apollo nur in Lebensgrösse. 



223 



zum Himmel mit gehobenem Haupt aufblickt, und von welch 
riesenhafter Grösse muss auf diesem c^klopischen Unterbau 
der Gott selbst sein, wenn er nicht doch wieder zum Pyg- 
mäe zusanmienschrumpfen soll, welcher den Riesen da 
unten wohl wenig würde schaden können 1^ Es hätte noch 
gute Weile, bis ein Pfeil herunter käme, und die ganze 

^ Doch liese sich diese Lücke noch allenfalls anseilen durch Stellang 
der Figuren übereinander. Auch daran ist gedacht worden, wie von du 
Paty in seinen Briefen E. 23., vergl. Morgenstern: Auszüge auii den 
Tagebüchern ein^ Reisenden II. p. 313. 14. und die bekannte Apotheose 
des Homer könnte als Grundlage dienen. Siehe dieses Bildwerk in Cüpir, 
Apotlieos. pomeri. MiUin^ gal. myth. pl. CXLVIII. Nro, 548. Die Ab- 
bildungen zu Creuzer's Symbol, tab. 46. Auch in Feith, antiq. Home- 
ric. AufTaliend ist etf, wie leicht sich die Anordnung des letztgenannten 
Reliefs mit der Geschichte der Niobe in einen gewiss^i Einklang bringen 
lässt Was. dort der Pamass ist (warum ist das ständige Beiwofrt dieses 
Berges: biceps Ovid, Met. 11. 221. nicht angedeutet?), wäre hier der Berg 
Sipylus, wo Niobe in Stein verwandelt wurde. Hieher die ganze Hand- 
lung zu verlegen, könnte dem E^ünstler um so mehr gestattet sein, da 
der Mythus selbst die Erlegung der Niobiden bald nach Theben, ba^d auf 
den Kithäron (hierhin wenigstens die der Söhne, ÄpctUod, HI. 5, 4.), bald 
nach Lydien verlegt. Schol ad 11. XXIV. 602. ed. Bekker, H. p. 646. 
Auf dem untersten Felde der Apotheose, wo dem Homer geopfert wird, 
lässt sich das Opfer- der Latona denken, welches von Niobe unterbrochen 
wird , und diese konnte ganz in der Stellung der Melpomene auftreten. 
Die wunderliche kleine Gruppe in der Ecke rechts (Arete, Mneme etc.) 
wäre das zagende Volk. Ovid. met. VL v. 202. ff. Üeber dieser Scene 
folgten dann, an der Stelle der Musen, Sokne und Töchter. Auch die 
Höhle, in welcher auf der Apotheose Apollo steht, würde bleiben. In 
ihr sässe Niobe verhüllt, ihrer Versteinerung nah. In einer Grotte sieht 
man sie auf einem Relief, welches in der Gegend von Frascati gefunden 
wurde; Kunstblatt 1824, Nro. 56. Ölen (nach Miliin und Creuzer) würde 
mit dem Pädagogen oder Amphion vertauscht. Die Erato hat ganz die 
Stellung von der Tochter Nro. 11. (bei Cockerell), die freilich auch für 
eine Erato erklärt wird. Jupiter könnte blieiben ; denn durch seine <jrnade 
wird Niobe versteinert, oder seine Stelle nähmen Latona und ihre Kinder 
ein. Ein Relief mit der Geschichte der Niobe, ^geordnet wie das dei* Apo^ 
theose, kann es gegeben haben, vielleicht das frühere und bessere Muster 
dieser seltsamen Composition. Mit den florentinischen ^tatuen ist aber 
hier natürlich nichts anzufangen. Eine wi^re Gebirgsmasee wäre aufzu- 
y thürmeu, ein Ossa über den Pelion! * 



224 



unglückliche Familie könnte sich indess ganz gemtithlieh 
aus dem Staube machen. Der Künstler des casalischen Re- 
liefe ^ mag ein ähnliches Abenteuer befürchtet haben; denn 
er hat die Kinder der Niobe links und rechts zwischen Apoll 
und Diana eingekeilt, damit ihm keines derselben abhanden 
komme. 

Dies klingt nun freilich etwas stark naiv, und erzmo- 
dem. Wir wollen ja keine Oper arrangiren, sonda^n eine 
plastische Gfruppe ordnen, würde Morgenstern erinnern. — 
Gewiss dürfte, soweit wir von den Reliefs der Griechen auf 
die Anwendung ihrer Gruppe zu schliessen berechtigt sind, 
selbst ein Skopas oder Praxiteles, ohne Bedenken, ihren 
zielenden Apoll den Kindern der Niobe so nahe stellen, dass 
wir Mbderne es unbegreiflich finden würden, warum der 
Gott, da er doch einmal schon so weit innerhalb der Schuss- 
weite zu stehen kam, statt des Bogens nicht lieber gleich 
sein goldenes Schwert ergreift, ^ um handgemein zu metzeln. 
Es gehört eben nicht zu den Vorzügen der modernen Kimst- 
beschauung, wenn wir auch auf dem Felde der Kunst den 
Raum mit Ellen, und die 2^it nach Pendelschwingungen 
messen. Noch gewisser aber ist es, dass ein Künstler, wie 
die beiden genannten, den Apoll ganz aus dem Spiele 
werde gelassen haben. Konnte denn auch die Darstellung 
beider Götter durch etwas anders bedingt sein, als durch 
das unkünstlerische Bedürfniss einer prosaisch historischen 
Vollständigkeit? Und dieses^ war es auf eine ^»ndere Weise 
zu befriedigen, als durch eine ungeschmälerte historische 
Ausführlichkeit? Es hätte sich nicht mehr blos um die ge- 
schichtliche Wahrheit des Was , sondern in diesem zugleich 
um dais Wie des Wahrscheinlichen gehandelt. Ein Künstler, 
welcher gemeint hätte, sogar dann, wenn es ihm gelungen, 

. «Siehe die Zeichnimg im Mus. PioClem. IV. t. 17. 

• X^dcfp D. V. 509. 'VergL Voss, Erlänterungen zum Hymnus an 
Demeter, p. 1. 2. * 



22^ 



das Leiden der Niobe, den Tod ihrer Kinder in der Voll* 
ständigkeit innerer Wahrheit darzustellen, doch nur, statt 
eines ästhetischen Ganzen, ein unverständliches, unbefrie- 
digendes Bruchstück -geliefert tu haben , ein solcher Künstler 
wäre auch nicht eher aus seiner künstlerischen Unruhe zur 
Ruhe der Prosa gelangt, bis er seinen Apoll in die gehörige 
Schussweite gebracht hätte. Da mochte er denn zusehen, 
wie die Kluft zwischen Apoll und den Niobiden auszugleichen 
war, eine Kluft, welche von der luftigen Bahn eines Pfeiles 
nur übersprungen , aber nicht gefüllt wird. 

Dazu kommt, dass eine so zahlreiche StatuenmassQ, 
wie die der Niobiden, in alle Ewigkeit nicht anders, als 
malerisch kann geordnet werden. Das heisst, es bleibt rein 
unniöglich, die Gruppe mit der Allseitigkeit einer Statue 
allen Augenpunkten anzupassen. Die Niobiden. ganz-beson- 
ders sind ohnß alle Frage für einen einzigen Augenpunkt 
berechnet. Mit diesem malerischen Charakter aber , mit der 
Fläche eines Hintergrundes, und was sonst noch alles durch 
ihn herbeigeführt wird, ist jeder nur erdenklichen, prosaischen 
Zudringlichkeit Thür und Thor geöffnet. Und — wenn nun 
vollends der Grieche wirklich auch der einzelnen Statue, so 
gerne irgend .ein Verhältniss zum Raum ausser ihr, irgend 
eine Beziehung auf ihre Umgebung abzugewinnen sqchte, 
so müsste es bei einer Gruppe^ wie die Niobe, ihre Kinder, 
Apoll und 'Diana, zu einer , wahren babylonisojien Sprach- 
verwirrung kommen. ...... .'^ ' 

Das Relief, folglich auch das vofgen^nfite casaUsche, 
kann nie darauf Anspruch madien j ^cdHc körperliche Wahr- 
heit, au -geben, und ist eben dadurch auch gegen die Forde- 
rung geschützt, sie in irgend einer Art, etwa pialerisch zy 
heucheln , eine Wahrheit vorzuspiegeln , welche ganz ausser- 
halb sdiner Sphäre liegt. Das Relief bleibt, immer mehr 
blos sinnbildlicher Natur, vom Schein des Gemäldes, wie 
von der Wirklichkeit der Statue gleich weit entfernt^ ein 

Feuerbach, der vaticanische Apollo. |5 



226 



rein Ideelles, rein Abstractes. Die freistehende Statuie da- 
gegen ist zu sehr Sache selbst; ist zu sehr sinnliche Wahr- 
heit^ Körper, Raum, als dass sie der Künstler, wenn sie 
doch einmal mit andern Statuen in eine handelnde Gruppe 
verknüpft werden soll, ganz und gar aller Gesetze des Kör- 
perlidien, des Raums überheben dürfte. Jener Abgeschlos- 
senheit entrissen, in welcher, wie man will, die Statue alles 
sich selbst, Raum ftlr sich, ein Sein für sich war, muss 
ihr das Recht zugestanden werden, von der Aussenwelt 
theilweise zurückzufordern, was sie dieser theilweise auf^u- 
opfern gezwungen war; ein gewisser malerischer Schein, 
eine gewisse Wahrscheinlichkeit wird immer ein willkom- 
mener Ersatz sein. Wo der Künstler seine Statuen so eng 
miteinander verknüpfen konnte, dass sie gleichsam wieder 
zu Einem Körper, zu einer Statue zusammenschmolzen, 
war alle weitere Schwierigkeit gehoben. Da war nichts 
aufzugeben, nichts zu ersetzen; — Laokoon und seine Söhne 
sind gleichsam unter sich geblieben. Häufig mag es für 
den Künstler gerathen sein, zwischen den schwer zu ver- 
einenden Elementen der innem Kunstwahrheit und der äus- 
sern Wahrscheinlichkeit, eine künstlerische Seisachtheia, ein 
gemeinsames Opfer zum Besten des Ganzen zu Stande zu 
bringen, zwischeh zwei Extremen einen glücklichen Mittel^ 
weg einzuschlagen. In den meisten Fällen aber wird der 
griechische Künstler sich nirgends Raths erholt haben, als 
bei der nie verstummenden Symbolik.- Den Häuptparthien 
wandte er inhere Wahrheit, und, wir scheuen uns nicht, 
dies ietuszusprechen, die volle äussere Wahrheit des Körper- 
lichen zu; alles andere ward durch symbolische Winke blos 
angedeutet. 

Dem Bildner einer Gruppe atand noch ein drittes 'un- 
fehlbares Mittel zu Gebot: die symmetrische Ordnung. Die 
enge Verknüjrfüng der griechischen Plastik mit der Archi- 
tektur, die ja ganz und gar auf fl^mmetrie gegründet ist, 



227 



maehte die symmetrische O>mposition in gewissen Fällen 
ZOT unerlässUchen Bedingung, unid da sie zugleich den sicher- 
sten W^ eröffnet, um mehr als eine Klippe zu vermeiden, 
so wird m€tn sich grosse Statuep vereine, sobald von griechi- 
schen die Rede ist, immer symmetrisch geordnet zu denken 
haben. Die Statuen der symmetrischen Gruppe sind auf 
einen idealen Boden entrückt^, sie haben nichts mehr gemein 
mit prosaischer Wirklichkeit, oder dem Trugbild derselben. 
Einer neuen Ordnung der Dinge gehorchen sie, wo kein* 
€^etz mehr in seiner vollen Strenge gilt, ials eben das der, 
Symmetrie. Die plastischen Formen haben sich gewisser- 
maasen zur mathematischen Formel zusammengefunden, ihre' 
gegenseitigen Verhältnisse sind geometriscji construirt. Es 
kömmt nur darauf an, dass wir diese Formel zu lös«i, ups 
in den Zauberkreis 2U versetzen, verstehen, und es wird uns 
nicht mehr irren, däss innerhalb desselben ganz andere Ver- 
bältnisse des Raumes beobachtet sind , als ausserhalb seiner 
Umgrenzung an der Tagesordnung waren. — Da ist dann 
auch für den prosaischen Beschauer kein Auseinanderfliehen 
d^ Figuren zu befahren, von mathematischer Nothwendig- 
keit sind sie festgebannt. 

Denken . wir uns die Statuen der Niobe symmetrisch 
geordnet, etwa nebeneinander reliefartig in einer geraden 
Linie aufgestellt, in der Mitte die Mutter selbst, dann ihr 
zur Linken und Rechten in den gehörigen Abstufungen und 
Gegensätzen Söhne und Töchter, so möchten Apoll und 
Diana, wie auf dem casalischen Relief, -an den beiden End- 
punkten der Linie auch ihre Stelle, finden ; ob aber der vati- 
canische Apoll? ist sehr zu bezweifeln. Denn Apollo wäre 
der Gruppe, um diese zu schliessen, mit dem Angesichte 
und dem zielenden Arme zuzuwenden, folglich gegen den 
Beschauer in's Profil zu stellen. Dies ist aber gerade die 
Seite, für welche, wie früher schon bemerkt wurde, der 
vaticanische Apoll am wenigsten berechnet ist. Doch würde 



228 



nicht nur unser Apollo, sondern auch jeder andere an dieser 
Stelle unpassend sein. Durch Apoll und Diana an den beiden 
Endpunkten der Gruppe^ würde diese nicht sowohl geschlos- 
sen, als, wenn dieses Wort erlaubt ist, zugeklappt erscheinen. 
Das Ganze mit Linien- umschrieben, zeigte zwei lange Paral- 
lele, von zwei kürzeren geschlossen, das einfi^rmige Oblongum; 
während, beide Götter hin weggedacht, die Linien, von den 
gefallenen Söhnen zu denen, die verwundet niedersinken, 
von da zu den fliehenden Töchtern auf beiden Seiten, und 
V endlich von diesen 2ur erhabenen Mutter aufsteigend, ganz 
einfach und- natürlich die gefällige Form einer Pyramide 
bilden würden. — Wollen wir, um die Pyramidalform mit 
beiden Gröttem zu vereinigen, diesen den Mittelpunkt ein- 
räumen, so suchen wir vergebens für die Niobe selbst einen 
würdigen Platz. Dieser mus» wenigstens in der Gruppe sju 
Florenz die erste Stelle zugestanden werden, und zwischen 
'Apoll und Diana dürfte eher eine Latona zu erwarten sein, — 
Stellt man die Statuen auf eine halbkreisförmige Linie, ein 
Lieblingsschema' der griechischen Künstler, *^ so bleiben die 
Schwierigkeiten im Ganzen dieselben und eben so wenig 
werdep wir je in der Statue unsers Apollo einen Haltpunkt 
finden, um von ihm aus die Construction der Gruppe au 
bestimmen. 

*® So dachte die Niobiden Levezow geordnet, F. d. L. p. 32. Das 
Must^bild der kreisförmigen Anordnung einer Gruppe war in einem Werke 
des Lycius zu Oljnnpia gegeben. Paus, V, 22, 2. ed. B. p. 340. J^eve- 
zow 1. 1.' p. 30. T hier seh, Epochen III. p. 78. Diese Gruppe- muss 
von grosser Wirkung gewesen Sein. In der Mitte Jupiter, ihm zur Rech- 
ten und Linkeit Thetis und Aurora, seine Knie umfassend: eine synmie- 
triaehe Gruppe für sioh; dann in chorartiger Ruhe und Stellung die Hel- 
den, Trojaner und Griechen; an den Endpunkten Memnon und Achilleus 
gegen einander zum Kampf anstürmend. Diese schlössen zugleich durch 
ihre lebendige Beziehung zu einander die Gruppe vollkommen, ohne d^i 
freien Blick nach dem Centrum derselben zu hemmen. In dem Tempel, 
welchen Ptolomäus Philopator dem Homer erbaute, standen die Genien 
der Städte um die Bildsäule des Dichters gleichfalls im Kreise geordnet. 
Adian. var. hist. XÜI. 22. 



229 



Geringeren Schwierigkeiten ist die Aufstellung der Nio- 
biden in ein«m Giebelfelde unterworfen.- Diese Anordnung 
der Gruppe hat, seitdem wir mit den Bildwerken des Par- 
thenon und dem Schmucke anderer Tempel genauer bekannt 
wurden, viele Verehrer .gefunden. ^^ Und in der. That lässt 
sich, wie dort die Geburt der Minerva und ihr Streit mit 
Neptun , auf den ersten Blick den Tempel der Jungfrau ver- 
kündete, für das Giebelfeld eines Apollotempels kein geeig- 
neteres -Thema denken, als das ungltickliohe Schicksal der 
Niobe. Ob unsere Niobiden auch an dem Tempel des Apollo 
Sosianus denselben Platz einnahmen, lässt sich aus Plinius 
nicht schliessen, bedarf aber auch keiner Untersuchung, da 
Skopas seine Gruppe nicht .ftir einen Tempel in Rom be- 
stinmit haben kann. — Vieles trifft zusammeu, um die An- 
sicht Cockerells zu unterstützen: die Höhe der Siatuen, die 
sich stjifenweise verjüngt, wie die Vernachlässigung einzelner 
Theile derselben. Mehrere sind hinten am Sockel abgerun- 
det, ^'^ ein Zeichen, dass sie bestimmt waren, an eine Wand 
gelehnt zu werden. Das Princip der Symmetrie Wtii*de auch 
hier das vorherrschende sein. Sehen wir uns pun aber nach 
einer Stelle für Apoll und Diana um, so bedarf e^ vorerst 
keines Beweises, dass diese nicht mit der Übrigen Gruppe 
auf gleicher Linie, weder in der Mitte noch an den End- 
punkten derselben stehen können. Die Mitte bleibt auch 
hier der Niobe vorbehalten; die beiden Seitenwinkel aber 
sind natürlich nur mit den schon gefalleneii Söhnen oder, 
wie andere meinten,, etwa noch mit den Ringern in Florenz 
auszufüllen. ^ Für die beiden Götter bleibt sonach nichts 

* * Vergl. Le ^tatue della favola di Niobe etc. da C. R. CochereU , Flr. 
1818. Ennstbl. 1817. Nro. 13. Schlegers schon angeführte Abhand- 
lung in O k en ' 8 Isis 1817. Nro. 186. W e 1 k e r ' s ZeHsc)irift I. p. .206. 

*^ Ebenso ist immer ein)& Seite mehr als die andere ausgearbeitet. 
Pröj). l: 1. p, 87. . . 

** Letzteres ^at aber sehr zu bezweifeln. Schlegel p. 1494. Vergl. 
jedoch über diese Ringer Win keim. VI. 1. p. 53 2. p. 95. ünausgefüUt 



230 



übrig, als der obere Winkel, Hier wären sie in Wolken, 
auf -jeden Fall über der Erde schwebend zu denken. Der 
flache Hintei^rund an Giebelfeldern war gewöhnlich, schon 
um die Figuren noch mehr zu heb^i, bemalt, meist wohl 
himmelblau, zugleich eine Andeutung des Luftraums, Hier 
würde sich nun der Blick des Beschauers, einmal auf ein 
Gebiet verwiesen, welches dem Solidum der Plastik durch- 
aus fremd ist, vollkommen zufrieden stellen, wenn Apollo 
und Diana, flach gehalten, und kaum nur angedeutet, durch 
eine leichte Wolkengrüppe halb verdeckt, den obersten Win- 
kel füllten. ^ Eine blosse Abbreviatur der beiden Götter 
würde hier nicht nur genügen, sondern- völlige- plastische 
Ausführung derselben sogar störend und lächerlich s^n. 

Um endlich noch jener Ansicht zu gedenken,, nach wel- 
cher die Niobiden in Florenz nie im eigentlichen Sinn des 
Wortes eine Gruppe gebildet, sondern nur vereinzelt in 

dürfen natüxiicfa die Winkel am Qiebelfelde nicht bleiben. Die matheina- 
tisch umschlossene, durch das Dreieck bedingte Gruppe darf nicht will- 
kürlich hier oder dort beginnen. Der Anfangspunkt ist durch die Con- 
strtiction des Dreiecks ein für die Gruppe schon gegebener. Cockerell hat 
die beiden Seitenwinkel mit Flusdgöttern besetzt, die hier nur willkür- 
lich angebracht sind., was z. B. bei den Flussgöttem Kladeus u|id AU 
pheiis auf dem Giebelfelde des Jnpitertempels zu Olympia nicht der Fall 
war. Paus. V. 10, 7. p. 313. Ein einziger todter Sohn ist überdies ein 
Missstand. Die Mutter als den Central punkt abgerechnet, Terlangt. jede 
andere Figur ihr G^enstück. Der schon (xefallenen müssen zwei, gewesen 
sein, und diese würden bequem die beiden Winkel füllen. Auch ist der 
todte Sohn bei Cockerell sehr unglücklich postirt; die Lücke, welche er 
bildet, unleidlich für das Auge. Üeberhaupt, so sehr mah den linken 
Flüge) bei Cockerell loben -muss, so tadelhaft ist die Yertheilung der 
Figuren auf dem rechten. Hier ist die tanzende Erato, neben ihr der 
Pädagog, der mit prosaischer Tölpelhaftigkeit gerade in die empfindsame 
Todtenbeschauung hineinrennt; die Bewegungen weder liarmonirend^noch 
kontrastirend, die Haltung des linken Armes an der Matter utid derToch- 
ter neben ihr (Nro. 8.) eine monotone Repetition. 

'* Welker führt in seiner Zeltschrift 1. p. 592. aus Göde's Reise 
nach England V. 38. ein Relief an, wo Apollo und Diana in den Wolken 
schweben. 



231 



Nisehen au%esteUt waren, so dürfte es scheinen, dass hier 
die eine und andere Nische für Apollo -und Diana -könnte 
biestimmt gewesen sein. ^^ ,Ja, es käme nur darauf an, sich 
die Nischen in gehöriger Anzahl zu denken, um nicht nur 
die beiden Götter, sondern auch noch die Latona nebst 
Pädagogen und Ammen ^ Ringem und Reitern willkürlich 
unter jene Rotunde ^u bringen, welche vielleicht die Statuen 
architektonisch zusammenfasste. 

Gegen Ammen und Pädagogen wäre im (ßanzen wenig 
zu erinnern; aber Apollo, der vaticanische vor allen, wird 
auch hier nicht nur entbehrlich, sondern sogar ^lästig sein. 
Die Mutter mit der jüngsten Tochter ist eine Gruppe für 
sich; der sterbende Jüngling, das fliehende. Mädchen sind 
Statuen, deren jede an sich- schon das Interesse und Mitge- 
fühl des Beschauers erregen. Dieser von einer Statue zur' 
andern schreitend , entdeckt bald in den Mienen der Klagen- 
den, in den Zügen der Gefallenen die Aehnlichkeit von 
Bruder und Schwester; er erblickt nun auch das i jüngste 
Mädchen, und dieses beschirmend, die erhabenste Frauen- 
gestalt; er hat die unglückliche Mutter unglücklicher Kinder 
gefunden. Aus seinem Homer weiss er die Quelle des Un- 
heils,, die strafenden Götter zu nennen, und eh' er noch 
dem Blicke der Niobe nach obep folgte, um zu forschen, ob 
wohl auch ein leibhaftiger Apoll an der Decke der Rotunda 
schwebt, werden sich in seiner Einbildungskraft alle Statuen 
zu einer lebendigen vollkommen geschlossenen Gruppe ge- 
ordnet haben, in welcher auch der strafende Gott die ihm 
gebührende Stelle gefunden hat Nun bringe man aber 

** Prop. 1. 1. p. 88. „Sie standen vielleicht rings an den Seiten, 
oder in wenig yertief))en Nischen eines grossen Saals, wo der theilneh- 
mende Beschauer sich gleichsam in der Mitte des Trauerhauses befand, 
und sich umgeben sah von den Erbarmen Flehenden, Geängsteten, oder 
schon Todten. Der zusammentreffende Eindruck der verwandten Gestal- 
ten gibt 4hnen eine höhere Kunsteinheit, als wahres Zasammenstdien.** 
Tölken, über das Basrelief etc. p. 173. 176. 



232 



diesen in Gestalt des vaticanischen Apoll in eine der Nischen, 
gleichviel in welche, (die mittlere muss auch wohl hier der 
Niobe bleiben) und alles ist zerstört! Bei den übrigen Star 
tuen war Bewegung und Ausdruck auf sie selbst beschränkt. 
Sie flehen, klagen, flüchten .sich. Der belvederische Apoll 
dagegen haüdelt, bewegt sich aus sich selbst heraus: ich 
suche das Ziel seiner Bewegung, und finde es nicht, oder, 
finde es doch üicht an seiner Stelle. Ich verff)lge den Blick, 
den Pfeil des Gottes, ab^ er triflft nicht, wenigstens hier 
odet dort nicht. Ohne ihn bildeten die Niobiden kein äusser- 
liches G^nze, aber ich vermisstediess auch nicht, entweder 
ia das Anschauen jeder einzelnen Statue für sich vertieft, 
oder zufrieden mit dem Bilde der Phantasie, welches sich 
aus ihrer Vergleichung von selbst gestaltet. Ist aber zugleich 
der Gegenstand äusserlich dargestellt, welcher, seiner Be- 
deutung wie dem Mythus nach, alles Einzelne zu einem 
dramatischen Ganzen verknüpft, so fordere ich nothwendig 
auch ein äusserliches Gan^e. Alle Ansprüche auf dieses 
letzte hatte nun zwar der Künstler schon durch die Ver-, 
theilung in Nischen gänzlich aufgegeben, aber eben darum 
auch den Apollo ausgeschlossen, weil dieser das Bedürfniss 
nach einer vollständigen Gruppe, nach einem äusserlichen 
Ganzen, nach Wahrscheinlichkeit erwecken würde. Das 
Bild der Phantasie, auf welche der Künstler sich berufen 
musste, •würden Apoll und Diana zerstören, ohne dafür durch 
eine vollständige Wirklichkeit zu entschädigen. Das Gefül^l 
des Beschauers bliebe inuner nur das einer unaufgelösten 
Dissonanz. Dazu überdiess noch der Mangel an Einheit des 
Interesse. Die Theilnahme des Beschauers an Brüdern und 
Schwertern concenttirt sich in der Mutter. Den Schwestern 
stehe nuii' Diana, den Brüdern Apoll gegenüber, so postulrrt 
die Vollständigkeit von der Mütter aus noch ein Drittes, die 
Latopa. Zwei Mütter also mit ihren Kindern , und zjvar hier 
eine gekränkte Mutter wie dort, jede mit gleichem Anspruch 



233 



auf uDgetheiltes Mitg^bl; diese Göttin, jene göttlichen Ge- 
schlechts, diese Mitleid, jtoe Scheu erregend, aber beide 
erhaben, .diese im Zürnen, wie jene im Dulden! In welchem 
Punkte sollen diese Parallelgeftihle zur Einheit kommen? 
Denn auch bei den Niobiden wird unsere Aufmerksamkeit 
nicht mehr auf Einen Punkt, auf die Mutter geleitet, son- 
dern von den Söhnen auf Apollo, von den Töchtern auf 
Dianen, und etwa von da wieder zurück, damit auch diesen 
kein ungetheiltes Interesse zu Statten komme. Alles dieses 
löst sich von selbst, wenn die GOtter ausgeschlossen bleiben, 
und die Gruppe hat dann nicht nur negativ, sondern auch 
positiv gewonnen.^* 

Doch werfen wir noch einen Blick auf den vatijcaniscben 
Apollo! Es soll hier nicht wiederholt werden, was im vorigen 
Abschnitt gegen die Meinung erinnert wurde, dass die Stel- 
lung desselben die eines Zielenden sei. Durch eine einzige 
Bemerkung dürfte jeder Versuch, dieoe Apollostatue mit 
Niobiden in Verbindung zu bringen, fttr immer abgewiesen 
sein. Einmüthig erkennt man in seinen Mienen nicht nur 
drohenden ünmuth, sondern bei, stolzem Selbstgefühl, einen 
gewissen frohen Triumph, der ^ an Hohu und Verachtung 
streift. •"* Dürfen wir nun auch nicht erwarten , dasä Apollo 

*^ Der Behauptung, dass die beiden (Götter auch ursprünglich fehl- 
ten, dient noch zur Stütsse, dass Piinius bei Erwähnung- der Gruppe der 
Nio1;)e im Tem^l des Apollo Sosianus, gewiss absichtlich, Apollo und 
Dianen nicht nennt ^ was er nicht unteflassen haben würde, wenn sie mit- 
gebildet, und sonach unter den /Hauptfiguren der Gruppe gewesen wären. 
Er spricht nur von der Niobe und ihren sterbenden Kindern. Niobem 
cum liberis morientibus. XXXVI. 1. 4. p, 728. ed; H. Dagegen vergisst 
Pausanias^ wo er desselben Gegenstandes an einem Dreifusse in Athen 
gedenkt, nicht, Apollo und Diana ausdrücklich luisiuführen. 'AfioXlav Sa 
iv avxo X:rpifioSO i^aVA^reuiq rovg italSdq elöiv dvaipovvre^ rovg Nioßr^g. 
Paus, I. 21, 3. p. 39. Dasselbe beobachtet er bei der Beschreib«mg des 
Olympischen Jupitfer von Phidias. Nw/Srjg rovg stalSaq 'An6U.ov nara- 
To^evovöt xal ^Aors^i^. V. II. 2. p. 3]L4* ed. B. ^ . 

*^ Einige nennen es das Lächeln des Zorns. Briefe über Italien, über- 
setzt von Georg Forst er IL 14. 



234 



seiii Strafgericht mit dem ruhig kalten Angesicht eines Hen- 
kers vollziehe, so wäre doch jene Miene ganz unter der 
Würde des Gottes, beleidigend für das ästhetische, selbst 
unerträglich für das menschlich^ Crefühl. Dem erlegten 
Drachen mag Apollo, wie in jener Hymne, noch ein Wort^ 
einen Blick der Verachtung nachsenden, aber nicht der 
Niobe und ihren Kindern. ^^ ihn dürfte sonst die Rüge tref- 
fen, mit welcher Odjsseus die Eurykleia zurechtweist, wenn 
sie über den blutigen Anblick der erschlagenen Freier froh- 
lockt: 

Freue ^fch, Mutter, im Geist, doch enthalte dich jauchzenden Ausrufs, 
Sünde ja ist's, sich stolz erschlagener Männer zu rühmen. *' 

Was dort das jubelnde Wort, wäre hier das Lächeln des 
Hohns auf den Lippen eines Goltes, ja hier um so mehr. 
Zwar ist dem Charakter der alten Gtotter nicht selten eine 
Herbheit beigemischt, welche, so sehr sie uns verletzen mag, 
für den Griech^i gewiss nichts weniger als anstössig war. 
Selbst der weise Sophokles '^^ durfte der Göttin dör Weisheit, 
der Schutzherrin jener Stadt, welche, die Pflanzschule der 
Humanität zu sein sich rühmte, *^* die Frage in den Mund 
legen-, ob es ein süsseres Lachen gebe, als das Hohngelächtey 
gegen einen F^nd?^*^ Aber es wird nicht nöthig sein, die 
Bemerkung Lessings über das Lächeln des La Mettrie'^^ zu 
Hülfe zu rufen , um anzusehen , dass es hier wirklich etwas 

** Vergl. die schon angeführte Hymne des Homeriden. Wenn. er vom 
Olymp herabsteigt, das Heer der Griechwi zu .vertilgen, gleicht er der 
Nacht. 

' ' Od. XXn. V. 411. 

^ Nach dem bekannten Ausspruch des delphisclien Apoll: öoytog 
2oy)oy.^gf do^c»Tcpog ^ EvptiriSfjq. Origines, contra Geis. 7. 6. opp. ed. 
Delar. L p. 697. ' 

'* Vergl. Creuzer's orat. de civit. Athen, hum. par. ^ 

>^ Soph. Ajax. V. 79. 

^^ Laocoan III. opp. in der neuen Berliner Ausgabe. U. p. 149. 



235 



anders ist, um ein Wort, das schneU verrausclit, etwas an- 
deres um ein Lächeln des Hohns, durch Meissel ujid Stein 
verewigt. Im höchsten Grad unleidlich würde diess dem 
Angesicht der florentinischen Niobe gegenüber sein. Die 
feierliche Majestät ihres Leidens verlangt ein gleich erhabenes 
Zürnen in den Mienen ihre» Verderbers. „Eh^ebung in das 
Verhängniss der Unsterblichen, deren Majestät Bie beleidigt 
hatte, blickt zwar aus ihren, gen Himmel emporgerichteten 
Augen; aber ihre^ Hoheit rechtet auch wider ihren Willen 
mit den erzürnten Olympiern. ^'^^ — 

Was müsste ihrer Hoheit zugestanden werden, wenn 
sie mit höhnenden Olympiern zu rechten hätte? Vergebens 
wird man erinnern, dass jener Zug der Verachtung im An- 
gesichte des Apoll ^u leise abgewogen und zart gehalten 
sei, zu innig verschmolzen mit Ernst und Hoheit, um den 
erhabenen Eindruck einer göttlichen Natur zu stören. War 
^s mehr als blosse Phantasmagorie, wenn wir aus der Man- 
nichfaltigkeit des Ausdrucks, welche das Angesicht des grie- 
chischen Gottes belebt, bald diesen, bald jenen Zug mit 
entschiedener Schärfe hervortreten sahen, je nachdem der 
Charakter der Handlung war, in welche unsere Einbildungs- 
kraft die Statue versetzte: so leuchtet ein, was aus dem 
Angesichte unseres Apollo sprechen muss, wenn diesem dro- 
henden Arm gegenüber das unglückliche Schlachtopfer pla- 
stisch verwirklicht ist. Die höchste Mässigung würde der 
plastische Künstler selbst dann seinem Gotte haben verleihen 
müssen, wenn er sich die Aufgabe gestellt hätte, den Apollo 
zum Seitenstuck jener Minerva des Sophokles zu prägen. 
Der Moderne nlag auf dem schrankenlosen Felde seiner 
Kunst etwaß stark auftreten dürfen, um nur gehört zu wer- 
den; der griechische Künstler steht in einem heilig stillen 
Tempel. Nur leise braucjht er die Saiten anzuschlagen, und 

2* Der Vorredner zur üebersetzung von Webbs Untersuchung des 
Sckönen i. d. M. p. IX. X. 



236 



mächtig widerhallend gibt das Gewölbe den süssesten Wohl- 
laut^ oder schneidenden Missklang zurück. Wenn Bernini 
vielleicht dem Niobidenvertilger die Lippen zu grinsendem 
Hohngelächter auseinandergezogen hätte, so dürfte ihn Pra- 
xiteles nur lächeln lassen, um denselben Fehler begangen 
zu haben,, und dem Zeitgenossen des Ktesilas wäre ein 
nasenrümpfender- Sieger, neben den sterbenden Fechter die- 
ses Künstlers gestellt, unerträglicher gewesen, als. uns viel- 
leicht ein byzantinische Kaiser, der seinen Fuss auf den 
Nacken des besiegten Barbaren setzt. 



/"- 



^ 



237 



xn. 

• • • 

aötrep oi ^auaiX^ovreg ^pd^tara. 
(Julian. Apost.) 

Eine Ansicht über die Bedeutung des vaticanischen Apoll, 
deren wir jetzt noch mit einigen Worten gedenken wollen, 
setzt als entschieden voraus, dass unsere Statue im streng- 
sten Sinne des Wortes für ein römisches Werk zu achten 
sei, eine Voraussetzung, welche — von allen übrigen ab- 
gesehen — auf eine Art benutzt wurde, die eine ernsthafte 
Prüfung der ganzen Ansicht fast unmöglich macht. Nach 
Miserini nämlich, welcher die neue Hypothese in einer eig- 
nen Abhandlung auseinander setzte,^ wäre der vaticanische 
Apollo zu Ehren des Augustus entstanden, und eigentlich 
eine Darstellung dieses Kaisers selbst. 

Dass August für den Sohn des Apollo gehalten wurde, 
dass^er sich namentlich dem Apollo von Aktium, wie billig, 
sehr verbunden fühlte, ist bekannt. Dort erbaute, er Niko- 
polis, erweiterte den alten Apollotempel , ordnete fünQährige 
Spiele an, imd gründete in Rom dem Schutzgott jener Ge- 
gend einen prachtvollen Tempel auf dem Palatinischen Hügel. 

* Die Abhandlung erschien in den Effemertdi liiterarie di.Ä<mia 1823. 
fa3C. 25. Das Kunstblatt hat einen Auszug davon geliefert 1823. Nro. 20. 
p. 80. 



238 



Unter den Statuen, welche hier aufgestellt waren, findet 
sich der Apollo Palatinus oder Actius erwähnt, und eine 
andere Statue, in welcher Augustus selbst ad habitum et 
staturam Apollinis dargestellt war. Eine von diesen Statuen 
war^ nach Miserini, wahrscheinlich ein Fernhin treffer, Er- 
leger der Feinde des Augustus, in dem verhängnissvollen 
Augenblicke gedacht, wie er eben die schon fliehende Cleo- 
patra noch mit seinen Blicken verfolgt. Von ihm soll der 
vaticanische Apc^o eine Nachbildung sein. Auf die Errich- 
tung der Statue glaubt Miserini aus der Stelle des Sueton 
schliessen zu können, wo die Weihung eixies gewissen Apollo 
Sandaliarius erwähnt wird, indem — der vaticanische Apollo 
wirklich mit Sandalen bekleidet sei. Den Künstler möge 
der Vers 704 aus dem achten Buche von Vii^ls Aeneide 
begeistert haben; auch Properz spreche von Apoll, wie er 
Pfeile schiessend dem Augustus beistand. 
' Unser Apollo wäre demnach einmal der Sandaliarius 

m 

des Sueton dann ii^end ein Augustapoll auf deip Palatin, 
und endlich der Actius des Virgil oder des Properz. 

Was den Sandaliarius betrifft, so geht aus den Worten 
des Sueton hervor, dass diese Statue einer bestimmten Strasse 
in Rom gehörte, und wahrscheinlich auch von der Strasse, 
wo sie aufgestellt war, ihren Namen hatte. ^ Ein victis 
sandaliarius, d. i. die Schustei^gasse kommt wirklich vor.^ 
Der mit Sandalen bekleidete ApoUa müsste doch wohl San- 
daliatus heissen, so gewiss die Römer zwar fabulas crepi- 
datas aber keine crepidarias kannten. Seltsam wäre es auch, 
anzunehmen, däss die Strasse nach der Statue benannt 
worden sei. Denn stellte diese einen Augustapollo dar^ so 
läi^t sich kein vernünftiger Grund absehen, warum man der 

* Pretiosissima deorum simulacrä — vicaitim dedlcabat: nt Apollinem 
ßandaliariuin etc. c. -57. - 

3 GeUius, noet. att XVIII. 14. 1. - cf. Reines, synt. inser. I. Nro. ^99. 
p. 247. 



239 



Strasse den Namen der Augustus- oder Apollo -Strasse nuss- 
gönnte, um sie daftlr nach der Fussbekleidung zu benennen, 
welche jene so vielfach bedeutsame Statue trüg. ^ Meint 
aber Miserini, die Statue könne nach der Strasse benannt 
sein, und darum doch immer einen August vorstellen: so 
will sich Kaiser August und Schusterapollo denn doch nicht 
wohl zusammenreimen, oder man müsste glauben, Augpstus 
als Schirmer jeder Kunst und Wissenschaft, habe sich in 
dieser Schusterapollostatue gleichsam zum Schusterpatron 
aufg^ewor^en. Dazu passten denn freilich auch die zierlichen 
Sandalen des vaticanischen Apollo tre£Flich. Der Strassen- 
gott hatte dann zugleich die ideale Urschuhform, den Pan- 
toffelferuer an den Beinen, und hielt damit den Nachbarn 
gleichsam den Leisten vor, über welchen jeder Schuh ge- 
schlagen werden müsse. 

Der Apollo Actius wurde, wie Miserini selbst bemerkte, 
im langen Githerspielergewand, und mit derCither gebildet. 
Visconti hielt deswegen eine früher so genannte 'Erato im 
vaticanischen Museum für den Palatinys oder Actius. ^ So 
kommt dieser Apollo noch auf Münzen des Antoninus Pins 
und Commodus vor. Die Diana auf Augustusmünzen ist 
immer die hochgeschürzte, wie sie einen . Pfeil aus dem 
Köcher holt,* Apollo aber nie bewaffnet. Der Augustapollo 
auf dem Palatin muss gleichfalls ein Citherspielender gewesen 
sein. Aus Properz lässt sich dieses mit ziemlicher Gewiss- 
heit schliessen.7 Auch stand er in der Bibliothek des pala- 

* Anch in Metz muss ein victis sandaliarius gewesen sein , naeh einer 
Inscbrift zn urtheilen, welche daselbst gefanden wurde. Doch heisst der 
vicns hier sandaliaris. Gruier. inscr. p. 621. Nro. 3. War diese. Strasse 
auch nach einem Apollo benannt? 

* Mus. Pio-CUm. I. pL 22. p. 200. 

* Echhel, doctr. num. v. VI. p, 81. 

' Hie equidem Phoebo vigna mihi pulchrior ipso 

Marnioreus tacita cannen hiare lyra. ^ . 

U. 23. 5. D(^it kann nicht die eigentliche Tempelstatne gemeint sein, 
von der es später heisst: 



240 



tinischen Tempels, wo ^n zum Kampf bewehrter, ein pfeil- 
schiessender Apollo nicht ganz an seinen Platz gewesen 
wäre-, wohl aber der friedliche Musagetes, besonders wenn 
in ihm zugleich der Stifter jenes Musensitzes abgebildet 
war.^ Pfeil und Bogen mochten allenfalls zu seinen Füssen 
ruhen, und das Haupt trug vielleicht den Lorbeerkranz oder 
die Strahlentr(Hie.^ Wenigstens scheint aus Servius, der 
unläugbaa* denselben Augustapoll im Sinne hatte, hervörzu- 
gBhen-, dass in dieser Jgltatue alle Attribute des Apoll zu 
einem Ganzen vereinigt waren. ^^ Gewiss aber blieben dann 
diö Attribute des verderbenden Gottes jenen des friedlichen 
untergeordnet. Der vaticanische Apollo ist nur der Bogeh- 
bewehrte, der Pernhintreflfende. 

Deinde inter matrem deus ipse^interque sororem 
Pythius in longa cannina veste.sonat. 
Jene erste Statue ist wahrscheinlich der Augustapollo ^ .den Servius er- 
wähnt, upd von welchem der Erklärer des Horaz ad epist. 1. 3. 17. 
sagt: Caesar sibi in bibliotheca statuam posuerat ad habitum ac statu;^ 
ram (al. statum) Apollinis. Die Bibliothek aber war im Porticus, oder 
hing doch durch diesen mit dem Tempel zusammen. Vergl. den Properz 
des- P.' Bumumn von L. Santen, fortgesetzt ^ 1. 1. Doch muss eingestan- 
den werden, dass Dichter auch von einem bewehrten Apollo auf dem 
Palatin sprecheja. So SiUus Itälicus, Pun. ;XII. v. 709. ff. 
Adspice, montis apex, vocitata Palatia regi 
JParrhasio plena tenet-et resonante pharetra, 
Intenditque arcum, et pugnas meditatur Apollo. 
Hier könnte an den belvederischen Apollo gedacht' werden; an einen August 
aber gewiss nicht. - 

• "* Wie der kolossale Apollo Tuscanicus gebildet war (Plin. h. n. XXXIV. 
5. 18. p. 647.) lässt sich nicht entscheiden, wahrscheinlich jedoch bewaff- 
net. Aber er stand an dieser Stelle nur ^Is Kunstrarität. Sonst waren 
die Bibliotheken mit den Bildnissen von Gelehrten gesc'hmückt, cf. Plin, 
epist^ IV. 28. Die Säle in der alexandrinischen Bibliothek mit den -Mu- 
sen, wieBöttiger mehrmals äusserte, zuletzt noch Inder Am alt hea 111. 
p. 453. 

* Mit diesen beiden. Insignien kommen Augustusköpfe auf Münzen 
und Gemmen vor. 

*^ SimulacEum factum est cum ApoUinia cunctis (al. conjunctr?) in- 
signibus. Serv. ad Virg. Eclog. IV. v. 10. 



241 



Es stimmt überhaupt weit mehr mit dem -(traktier des 
friedliebenden ^* und die Künste des Friedens schirhienden 
August überein ^ dass er- lieber für den citherspielenden und 
festlich bekränzten Apoll, als fftr dem Fembintreflfer gelten 
wollte. Selbst spätere Künstler haben dies nicht aus den 
Augen Ycrlorefi, imd auf der berühmten Gemme, welche 
die Apotheose des Augustus darstellt, hält dieser, wiewohl 
zum thronenden Jupiter idealisirt, in der Rechten, statf des 
zermalmenden Blitzes, den friedlichen Augurstab als Zeichen 
der höchsten Gewalt. ** Der Donnerkeil war gleichwohl ein 
näherliegendes Symbol,, indem Augustus, wie dem Apollo 
Palatinus, so dem Jupiter tonans einen Tempel gerundet 
hatte^^^ und der Jupiter Capitölinus selbst, dessen Reprä- 
sentant der römische Imperator ist, stets diese WaflFe trug. 
Ein Apoll -August in der Stellung eines Pfdlachiessenden 
wäre eben so imbegreiflich änmassend, als' ein Jupiter- August, 
welcher den Blitz nicht auf dem Schosse ruhend trägt, son* 
dem um ihn zermalmend niederzuschleüdem, hoch- in der 
Rechten hält. — - , 

*\ £lzercitationes campes^s' equorum et armorum stätim post dvilia 
bella omisft Süet. Oct. c 83. p. 108. . -/ 

Bella satis cecini : dtharam jam posclt Apollo 
Victor, et ad placidos fexuit arma choroö, J&ropeH. 
in der £1(^q, welche den palatinischen Apollo und den Si6g bei Actium 
feiert. El. IV. 6. v. 68. 69. 

" Edchel, choix de pierres grav6e§ I. MiU. gal. MytL CLXXXI. 676. 
üeber die nähere Bedeutung dieses Augurstabes vergl. übrigens Thiersch, 
Epochen HI. p. 99. Nrö. %L 

*' Suet, Oct. jc. 29. p. 74. Unter d^ Alterthümem von Herculanum 
befindet sich ein bronzener Jupiteraugust mit dem Donnei^ei^ in der 
Rechten. Alterth. von Hercul. Murr. VI. t. 77. p. 22., aber beide Arme 
sind modern, wie Visconti bemerkt, Mw. Pio-Clem. JH: pv 2i. Doch 
konnten ausser Rom dem August Statuen errichtet worden sein. Jupiter- 
auguste ^werden von den Alten erwähnt, und Octaviuä hatte einst im 
Traume Beinen Sohn gesehen cum fulmine et sceptro exuytisque. Jbvis. 
Suit, Oct. c. 94. p. 115. In Rom liess August di^es Traumbild gewiss 
nicht vollständig verwirklichen. 

Feuerbach, der vattcanische Apollo. 16 



242 



Auch mag August die scharfe Theaterkritik, welche 
seine bäsannte Gtöttermaskerade erfahren hatte, nicht allzu- 
schnell vergessen, haben. Bei einem Oastmahle nämlich 
war er unter seinen als Gtötter und Göttinnen verkleidet^i 
Tischgenossen, als 'Apoll' erschienen, und des andern Tagi^ 
hatte das Volk laut vernehmen lassen: ja! Cäsar ist Apollo, 
aber der Apollo Tortori** Späta: hätte er vielleicht an der 
vaticanischen Statue gelesen: „Cäsar ist Apollo, doch nicht 
der Friedliche dort oben auf dem Palatin, sondern der pest- 
bringende Fernhintreffer.^ Denn wer sah es diesen seinen 
Pfeilen an, dasd sie der fliehenden Cleopatra gelten sollten? 
Diese war ja längst besorgt und aufgehoben. — Und wenn 

# 

es noch auf die unglückliche Cleopatra abgesehen ist*' — 
wie? derselbe feine, staatskluge, vielgewandte August, dör 
Senat und Volk so schonend zu behandeln, jeden Schein 
republicanischer Form so täuschend zu bewahren wusste, 
er sollte es einem niedrigschmeicbelnden Künstler gestattet 
haben, ihm eine Statue zu errichten, welche mit drohender 
Stellung und l^ene an die blutige Katastrophe von Actium, 
und was mit ihr zusammenhängt, erinnerte? Ja, diese Statue 
sollte August selbst geweiht und aufgestellt haben, 'und zwar 
nicht in einem Tempel, wo die Heiligkeit des Ortes das 
Herbe des Eindrucks gemildert hätte ^ sondern auf öflFentli- 
eher Strasse^ damit ein Römer, welcher die Tage von Actium 
und Philippi noch nicht verschmerzt hatte, so oft er in die 
Schustei^asse trat, wo der August -.Apoll mit seinen zierli- 
chen Sandalen stand, es recht empfindlich merke, wo der 
Schuh ihn drücke? An jene verhängnissvolle Schreckaiszeit 
naahnte freilich' selbst der palatinische Apoll; aber mit der 
Leyer in dem Axme war er zugleich das Sinnbild der lang 

'^ Acclam'atTimiq[tie-est -* '- Caesarem edae plane Apollmem, eed 

Tbrtorem. SmL Oct. c. 70. p, 100.. Vergl. Wielands Attisches Mu- 
seum 1. i 3Ö6. 

*^ Trotz dem horazischen: jaoentem lems in hostem. ^ 



243 



ersehnten Ruhe eines zerrütteten Staates, daa Sinnbild der 
Künste des Friedens, dieser zweitep und schönsten -Frucht 
des Actischen Sieges. Seltsam! ein Oott mit den Attributen 
des Verderbens, und in d^ fast hochtrabenden Stellung des 
Verderbens soll jener August sein, der Thränen rergoss, 
wenn auch nur geheuchelte, als ihni der Name eines Vaters 
des Vaterlandes angeboten wurde, ^ der den Titel eines- 
Herrn hartnäckig von sich wies,>^ und die Gewalt seiner 
Majestät, stets unter milden Formen zu v^bergen wusste, 
jener August, der alljährlich einen öffentlichen Act so tiefer 
D(6muth beging, dass er sogar den hülfbedürftigen Bettler 
spielte J8 Er müsste dort schlimm aus dar Rolle geifallen 
sein, die er so trefflidi durchgeführt zu haben, sidh in den 
letzten Stunden- seines Lebens rühmte. ^» ' 

Auch beachte man die Stelle Suetons, wo es heisst, 
dass Augostus ,die Ehre eines Tempels in Rom hartüäckig 
verweigert, und alle ihm zuvor errichteten silbernen Ötatuen 
zusammengeschmolzen habe, um von der daraus gelösten 
Summe dem palatinischen Apollo geldeiM^ Dreifüsse zu wei- 
hen. Selbst die Tempel, welche von entlegenen Provinzen 
ihrem Herrscher errichtet wurden, durften ihm nur in Ge- 
meinschaft mit der Göttin Roma geweiht. Tsein,^ und die 
Altäre, welche ihm zu Ehren jm Rom aufgeführt waren, 
hatten nur die Bestimmung für ihn, als einen Sterblichen 
zu opfern und zu beten, wie ein Altar, auf welchem er 
selbst alß Priester erscheint, deutlich genug beweist.** Es 
ist darum auch sehr zu bezweifeln* ob es nüt deö Worten 

»« Suet. Oct. c. 68. p. 93. 

*^ Ut maledictum et opprobrium semper ezhomik,. id. c. 53, {>. ^. 
*^ Ex nocturno visu etiam sUpem qnotannis die oertö emendicabat 
popolo paTam maniiin asses porrigentibus' präebens. Suet. Oct c. 91. 

p. U2. . . 

*» Sud. Oct c, 99. p. 120. 
20 M c. 52. p. ^9. Tacit annal. IV. 37^ 
** Wieland zu den Episteln des Horaz 11. p. 81. 



2it 



des Scholiasten, dass August sich selbst eine ApoIIos.tatue 
errichtet habe, so gauz genau zu nehmen ist. 

(Jewiss war so wenig diese Stettue als der 'Apollo "San- 
daliarias für einen Tempel oder sonst zu öflfentlicher Ver- 
ehrung bestimmt. Der yatic€tnische Apollo übrigens konnte 
in jeder Strasse ron Rom aufgestellt sein, und keinem Römer, 
selbst nicht dem empfindlichsten Republicaner, wiäre es in 
den Sinn gekommen, däss mit ihm eigentlich nicht Apoll, 
sondern Aügustus gemeint sei. Denn findet sich in- den 
Zügen unsers Apollo auch nur Eine deutliche Spur von 
Aehnlichkeit mit jeneii des August? In vielen Porträten 
vei^ötterter Kaiser'^* ist das Ideal auf den höchst möglichen 
Punkt, gesteigert, nie aber bis zur völligen Unkenntlichkeit.^ 
Dies 'Messe statt unsterblich zu todt idealisiren. Noch häu- 
fige war. der Eopf treues Porträt, und nur die übrige Ge- 
stalt der Eais^statue das ideale Oebilde eines Grottes; wie 
denn überhaupt die Eunst unter den Römern mit besonde- 
rer Voriiebe, und bis -in die spätere Zeit mit glücklichem 
Erfolg, sich an treuen, sprechenden Porträtköpfen übte. Oft 
ist die Vergötteining nur durch gewisse Atteibtite symbolisch 
angedeutet, die ganze Figur aber streng ikonisch. '-'^ Wie 
wenig man geneigt war, über dem Ideale des Vergötterten 
die Porträtähnlickeit einzubüssen, zeigt die barbai'ische Sitte, 
vermOgö der man den kürzesten Weg der Eunstvergötterung 

aa Von einem vergötterten August im eigentlichen Sinti des Wortes, 
einem divus Aügustus, kann hier frdlich nicht die Rede sein, aber doch 
ist ein Augustapoll ein vergötterter August 

*• Vergl. über die Idealisirung des Porträts bei den Alten überhaupt 
Gn r 1 i 1 1 , Versuch über die Büstenkunde , p. 13. L e ve z o w bemerkt : 
„Qhngeachtetdjss erhabenen Charakters, den die ganze Körperform an 
sich trägt, gab man ihnen (den vergötterten Kaisern) doch - individuelle 
Qesichtsbildung^ das Porträt, in so weit zu, einem gewissen Ideal veredelt, 
als es sich mit der nothwendigen Wiedererkennung der Person vertragen 
woUte;^ dessen Antinous p. 50. 

** üeber die Symbole der Vergötterung vergl. Levezow in der an- 
geführten Schrift. 



245 



einschlug, indem die gltatue irgend einea Gottes ihres Kopfes 
beraubt, und dieser, mit dem des Kaisers ersetzt, wurde. ^^ 
Nun vei^leiche map den belvederisCben Apollo mit dem 
August, nach Suetons Beschreibung oder mit seinen .Statuen, 
Büsten, Gemmen oder MüHzenl^« Wahr ist es, der Kopf 
des Augustus hat an sich viel Edles, eine gewisse plastische 
Bildung, welche sich leicht einer idealen Behandlung fUgen 
würde; «aber um so weniger durfte der Künstler aus seiner 
Phantasie hinzusetzen, wenn ihm August nicht ganz and 
gar unter der. Hand entschlüpfen, und an seine Stelle ein 
blosser Apollo ^eten sollte. Je mdlu: er hätte schmeicheln 
wollen, desto 'weniger wäre er Schmeichler gewesen. Doch 
konnte er immerhin ein üebriges wagen, imd dier zu viel 
als zu wenig thun, wenn er die Wiedererkennung d6s August 
auf irgend eine andere Art erleichtert hätte, z. B.^durclr den 
Capricom an dem Beiwerk der Statue. In der obenerwäbn- 
ten Apotheose des August fehlt dieses Zeichen nicht. Aber 
nichts dergleichen findet sich am vaticanischen Apolla Kö- 
cher, Bogen und Schlsmge gehören so unveräusserlich bloss 
dem Apollo an, als dieses Haupt, diese Gestalt. Die Schlange 
als Zeichen des Siegs, oder gar als Anspielung auf den 
Traum der Mutter des August zu dei||eh, ist fast lächerlich. 
Sie gehört dem Apoll als solchem, und findet sich an einer 
Menge ApoUostatüen, die keine. Augusti sind. Warum jsie 
nicht lieber zum Symbol der Schlcmge erklären, mit welcher 
Cleopatra sich selbst entleibte? 

Unsere Statue soll ein Denkmal auf die Schlacht bei 
Actium seiui Wäre da das 2ieichen einer Seeschlacht, z. B. 
das Aplustrum eines Schiffes nicht ganz an seiner Stelle, viel- 



*^ Suet Caligula c. 22. 

^^'Auch der im Alterihume so wohl bewanderte Hr. Professor Lebbe 
zu Mainz, der Oelegepheit l^atte, den ApoUo mit detn Kopfe 4es Augu- 
stu» zu vergleichea, theilte mir brieflich die Versicherung mit, dass zwi- 
sdben 1)dden nicht die mindeste Aehnlichkeit statt finde. 



246 



leicht sogar unentbehrlich gewesen? An keinem Moniimente, 
welches an einen Sieg zur See erinnern soll, fehlt ein Sym- 
bol der Art. Der eigentliche Sieger bei Actium, Agrippa, 
ist wenigstens mit (Jer SchifiTskrone geschmückt.^ Eine heroi- 
sche Statue aus dem Palaste der Grimani in Vienedig^, in 
welcher man dies^i Helden erkennen will , hat den Delphin 
zur Seite. '^ Zu den Füssen der Augustusstatue im* Campi- 
doglio liegt das Vordertheil eines- Schiffes. Sie wird deswe- 
gen von Winkelmann in seinen alten Denkmälern der Kunst 
für den Sieger bei Actium, ^^ in der Eunstgesdiichte aber, 
der mehr ältlichen Züge wegen , für den Besieger des 8. 
Pompejjus erklärt* 30 An einem August-Apoll, als dem Sie- 
ger bei Actium, war das Zeichen eines Schiffes um so 
schicklicher anzubringen, da das Alterthum einen Apollo 
kannte, welcher den Seefahrern Schutz und Sdiirm gewährt. 
Es war dies der Apollo Epibaterios, welchem zuerst Diöme- 
des für seine glückliche Eirettung aus einem Sturm, zu 
Trözene einen Tempel weihte. ^^ Epibaterios ist Apoll, der 
mit zu Schiffe steigt, als sdiirmender Lar des wandelnden 
Hauses dem Reisenden zur Sdte^ steht, ^ und ganz so denkt 

/^"^^VaüUmt, nwoa, imperat Rom. I. p. 2. 

^* Vüconti,_ iconogr. ropa. I. t. 8. p. 292. ' 

^ Uebersetzt von Brun, p. 55. In dieser Stelle wird ihr übrigens 
von Winkelmann ein Steuermder beigelegt, wie auch fn der Wiener 
Ausgabe der Kunstgeschichte. 8. die Anmerk. 1077» eü- Winkel mann 
VI. 2. p. 296. 

»<> Opp. VI. L p. 221. Visconti, behauptet jedoch Mus, Pio-Chm, III. 
p. 20. not. 1., dass der Kopf ursprünglich nicht zur Statue gehörte, wäh- 
rend sie Winkelmi^nn bestimmt für dne der wenigen unbezweifelt ächten 
Augustusdtatuen erklärt Ausser ihr erkennt er nur noch eine an. ' 

3« Paus. II. 32. 2. p. 152. 

^^ Beim Einsteigen in das Schiff opferte man dem Apollo 'E^ßdöiog. 
Afollon. Rhod. L v. 359. Beim Aussteigen dem *Exßdaio£ id. L 1.- v. 966. 
üeber die Fahrt selbst wacht der ^Eaifiar^io^ von iftißdrfiqt d. i. jeder, 
der ausser den Ruderern das Schiff noch mit bestcdgi, audi der 'Streiter 
zur See, der Schiffsoldat. Tkucyd, Vi. 43. iftißar^piog verhält sich zu 
ifiißdfijg, wie ftpödrar^piog zu fgpoörärtjg. Dieser Apott als Schinner der 



247 



sich Properz^ auf weldien sich Miserini gleichüalls beruft;, 
den Apoll in jener Elegie, welche den Sieg bei Actium 
feiert. 3^ — 

Schon der Ausdruck, die- Stellung des vaticanischen 
Apollo hätte Miserinf auf den ersten Blick, von der Nichtig- 
keit seiner Hypothese überzeugen müssen. Winkefanann 
bemerkte, dass alle römische Eaiserstatuen ohne Alisnahlne 
geschlossene Lippen hab^[i.'^ Auf die Zwitterstatue eines 
ELaisa'gottes mag diese Regel nicht in ihrer vollen Strenge 
anzuwenden sein. Doch zeigen selbst die Statuen vergötter- 
ter Kaiser jenen feierlichen Charakter, jenen schwerfälligen 
Ernst in Miene und Geberde, der im Durchschnitt allen 
römischen Statuen, besonders aber jenen der Kaiser eigen 
ist. Der belebte Ausdruck in den Miento des vaticanischen 
Apollo, dieser gehobene Schritt wäre vollends eip harter 
Verstoss gegen das Decorum der römischen Kaisergrandezza, 
und' gewiss einzig in seiner Art. Nicht zu gedenken, dass 
diese ganze Attitüde auch schon dem Charakter des August, 
seinem gehaltenen, wohlberechneten Wesen aufs grellste 

Seefa^er bekömmt noch dadarcti nähere Beziehung zu August^ dass der 
Wind bei Actium dem Octavian günstig war, und die Seeschlacht ent- 
scheiden half. Daher bei Virgil : 

Parte alia ventis et dis Agrippa secundis. 

Am. VIII. V. 682. und das Doppelsinnige; 

Et formidatus nautis aperitur Apollo. 

in. V. 275. Ob aber der Epibaterius ein bespnderes Attribut batte, etwa 
den Delphin oder das Zdchen eines Schiffes, lässt sich nicht bestimmen. 
Beides konnte an der Statue des Siegers von Actium sehr füglich ange- 
bracht werden. Waren doch dem actischen Apc^l nach jener Seeschlacht 
die Erstlinge der Schiffsspolien geweiht worden. Sifdb, VII. ed. ster. p. 120. 
Ueberdiess stand wirklich zu Alexandrien eiii Sebastion des Cäsar Epiba- 
tenos. OvSh ydp %oiov-r6v iöri ri^uvog otov ro Xayo^avov 2ej3adtetov (al. 
JafidöTiov) f iftifiariipiov KoUöapog veug dvrtxpv tov ivop^ordrov XifLivav 
(isTiopog iSpvTcu ^iyiörog nal ittipaviöraTog, PhiU), Jud. leg. ad. Caj. ed. 
Tum. p. 697. 

" Adstitit Augusti puppem super. IV. 6, 27. 

3* Opp. IV. p. 207. 



L 



218 



widerspricht. Ein Nero in Citherspielerverzückung, ein Com- 
modus m der Stellung eines Pugilaren oder Fechters lÄsst 
sich allenfklls denken; aber ein- schreitender August, den 
Arm zum. Schusse ausgestreckt, Triumphgefühl auf den Lip- 
pen und iTnmuth auf der Stirne, ist ein Himgespinnst. 

Was endlich den Vers des Virgil betrifft, welcher den 
Künstler zu einer bisher noch nie gesehenen Darstellung 
des Augustus sc^l begeistert haben ^ so ist nicht einzusehen, 
was in einem^Verö soll b^eistem können, der nichts weiter 
aussagt, alsdass -r- der Actius Acht gab und seinen Bogen 
spannte.*^ 

^^ Actius haec cernens arcum inteadebat^ Apollo, 



249 



XIII. 

Ars adeo latet arte sua. Miratur et baurit 
Pectore Pygmalion simulati corporis ignes* 

(OvidO 

Nichts wftr in der Archäologie, ehe Lessing auftrat, 
gewöhnlicher und beliebter, als zur Erklärung plastischer 
Werke entsprechende Dichterstellen aufzusuchen. Die ganze 
Methode ist heut zu Tage so verdächtigt, dass wir ßä kaum 
wagen dürften, ohne neue Vorbereitung den Dichter aufzu- 
führen, in welchem allein der vaticanische Apollo seine Er- 
klärung findet. 

Man ist hie und da in Vergleidiungen der Dichter mit 
Werken der bildenden Kunst allerdings zu weit gegang^i. 
Es gab eine Zeit, wo Entartung der gerammten Archäologie 
in eine poetisch^rosaische Buchstaben-Interpretation zu ber 
fürchten stand. An der trefflichsten Statue schien nichts 
beachtefiswerth ,. als der metrische D^kzettel, mit dem sie 
behängt war, und Dichterstellen wurden erst g^iiesQbar, 
wenn sie mit einer Gemme oder Münze belegt werden 
konnten. Doch war es mehr nur die ängstliche Pedanterie, 
womit man gewöhnlich zu Werke ging, welche mit -dem 
Missbrauche die Sache selbst in ein zweideutiges. Licht ge- 
stellt hat. An sich betrachtet ist nicht abzusehen, was den 
Kunstfreund nöthigen soll, in der Plastik und Poesie zwei 



250 



durchaus heterogene Kunstsphären anzuerkennen, sobald von 
griechischer Plastik und griechischer Poesie die Rede ist. 
Beide erscheinen vielmehr, wenn wir nur jede moderne 
Theorie bei Seite legen , in dem engsten Verhältniss zu ein- 
ander, und die Plastik namentlich ihrem eigentlichsten We- 
sen nach poetisch. 

Die gesan^mte griechische Plastik ruht auf dem Grunde 
der Religion, imd Hesiod und Homer waren es, wie Hero^ 
dot berichtet, welche deti Hellenen die Theogonie erschufen, 
den Göttern ihre Namen gaben, Ehren und Künste untet* sie 
vertheilten, und ihre Gestalt bezeichneten.^ Wo /auch in 
dieser Nachricht die historische Wahrheit ende, und jene 
blos poetische beginne, welche so ganz eins war mit der 
griechischen Denkart, und jede historische Lücke mit einer 
glaubhaften Sage ergänzte, jeder schwankenden Sage durch 
eine bestimmte Individualität Gestalt und Bestand gab, — r 
noch heut zu Tage ist die griechische Religion , wir nieinen 
jene, welche Gemeingut des Volkes wcur, eine unerschöpf- 
liche Dichtung. Ja, diese stete, nie ruhende. Bewegung, in 
walcner alle Wesen sich wechselseitig zum Leiden und Han- 
deln bestimmen, diese weite, reiche Welt von. Wundem, 
welche wie von selbst aus den Grundbedingungen der Natur 
und des- menschlichen Lebens heWorgehen, alles dies war 
auch ausser den homerischen Gösängen, nicht Dichtung nur, 
sotidem ein wohlgegliedertes, in sich geschlossenes Gedicht. 
Will es doch beinahe scheinen, als wäre der erste Ursprung 
air jener mythischen Wesen nirgend zu suchen, 'als in. der 
jugendlich treibenden Fülle eineir dichterischen Phantasie, 
in -deren Schöpfungen der Mensch sich unwillkürlieh einer 
paächtig auf <las Gemüth eindringenden Natur zu erwehren 
suchte. Wurden diese Wündergestalten dann vielleicht für 

* • - * "» . ■ ■ . 

* tiTol 8i bIöi oi ftoiijifavTsg d-soyovii^v. "ElXi^Öl, mal rcitöi, d-eolifi rag 
iftowfiiag Sovregj mal ri^idg rs yial ri^vag SisXpvtegy luxi etSea avtSv 
(ftj^^vavreg. Heröd, II. 53. p. 111. ed. Jung. 



251 



den dichtenden Menschen zu gewaltig, Meister ihres. Meisters, 
und behaupteten, Scheu und Verehrung fördernd, eigenmäch- 
tig die Höhe, auf welche der Mensch sie gehoben hatte? 
Ein Äweck, der ausser ihnen läge, sei's auch nur ein reli- 
glös-didaktisdber, ist den -wenigsten abzumerken; ihr Sein 
ist der Grund ihres Seins. In den griechisch€^n Dichtem 
scheint manchmal noch das Bewusstsein jenea urahnlichen 
Naturrechts aufeudämmern, in welchem der Dichtco* selbst 
der gebietende Herr der Schöpfung gewesen waa». Mit dein 
vertraulichen Scherze einer leichten Ironie locken sie ihren 
Göttern das lächelnde Geständniss einer ursprünglich blos 
poetischen Existenz ab. Auch das gläubige Volk betrieb ^^ 
übrigens unbeschadet des religiösen Ernstes ^ und eines festen 
unerschütterlichen Glaubens — seinen G^tterdienst nicht 
selten zugleich als ein poetisches Spiel, und hatte nichts zu 
erinnern, weim es denselben Dionysos,' den es heute viel- 
leicht an der Hand des Dithyrambendichters auf seinem 
Triumphzuge nach Indien begleitete, morgen als athenischen 
Buffo- untei* den Geisseihieben eines Aristophanes eine Art 
moralischen odei^ bürgerlichen Todes sterben sah. 

Die bildende Kunst theilte im Ganzen diesen dichteri- 
schen Muth^rillen nicht. Sie war und blieb stets heiliger, 
ernster, als die Religion, der sie diente, und wurde allein 
sdion dadurch ihre mächtigste und sicherste Stütze. Leicht 
möglich,- dass die ganze mythische Götterwelt^ nur den Lau- 
nen der Dichter und sich selbst überlassen, bei der so viel- 
bew6glichen Phantasie der* Griechen, sich bald ins Gestalt- 
los^, eiiies abenteuerilchen Traumes verioren, und frühzeitig 
sich selbst vernichtet hätte. In dem Solidum der Plastik 
geWahn sie festen Grund und Boden; diirch sie wurde der 
ausschweifende Geist imma* wieder in die Schranken der 
Naturwahrheit und eines' festen Maasses zurückgewiesen. 
Auf der andern Seite entfesselte- si^ch aber auch die bildende 
Kunst in dem leichten dichterischen Schwünge des Mythus 



252 



zur schönsten Freiheit und zum heitersten Gebrauch ihr^ 
Kräfte. Dem Künstler war in den myöiischen Gestallen der 
Vortheil einer vollkommenen Realität, ohne den Knechts- 
zwang eines krassen Realismus geboten* Im Angesichte 
jener lächelnden Gatter musste er gleichsam freier athmen 
lernen, er musste frühzeitig zum Bewusstsein eines ange- 
bomen Rechtes seiner Kunst erwachen, und seine Thätig- 
keifi war eben so oft ^ne freie Huldigung . als gebotener 
Dienst. Ungehindert liess auch er seinen Geist durch das 
ganze Gebiet des Schönen und Wahren schweifen^ tind jede 
Ausbeute war eine den Gittern willkommen© Gtahe, .und 
beglaubigt wie das Wort des Dichters. So war es die bil- 
dende Kunst, welche nicht blos den Fortbestand der Grötter- 
welt sicherte, sondern auch den Kreis dersrfben mü einer 
Reihe von Bildungen bereicherte, welche sie, dem Dichter 
gleich^ aus sich selbst geschaffen hatte. Es ist höchst merk- 
würdig, dass wir den gröasten Theil phantastische Gestalten, 
jene Centauren , Satyre, Tritonen und andere Wundei^elriläe, 
welche, nirgend in der Wirklichkeit vorhanden, nur frei 
Kunden werden konnten, in ihrer eigenthümlichen Organi- 
.sation, viel früher aus den Werken der bildenden Kunst, 
als durch die Schilderungen der Dichter kennen lernen. ^ 
Musste dem Bildner doch dne schöpferische Kraft zu Gehot 
stehen, um nur vom Dichter schon Gegebenes in die Sphäre 
der Plastik überzutragen. Wie, sollte Minerva, zur Statue 
des Phidias werden, wenn sie nicht zum z weitenmale voff 
gerüstet in ,der Werkstätte des Gedankens- geboren ward? 
Wie sollte eine Gestalt zu Stande kommen, in deren Bildung 
vollständig der epische Charakter einer Götoi niedergelegt 
ißt., welche liier die Reihen der Männer durchbricht, dort 
den Knoten . eines Gewebes schürzt, oder durch weisen Rath 
das Sdiicksal ihres Lieblings wendet? Denn alles dies-nind 

' Diess hat Voss bei mehreren' dieser G^üde in den niytfaoloj^ischeh 
Briefen unwidersprechlich dargethan. 



253 



EigeDschaften , welche nicht in irgend einem abstracten Be- 
griffe, in einer mühselig zusannnengetragenen Allegorie, 
sondern nur in der elgenthümlichsten Organisation eines 
Individuums ihren gem^insmnen Mittelpunkt finden. Daher 
denn auch jene Sagen, welche dem sinnenden Etlnstler das 
Urbild seines Werkes plötzlich, in einem Momente höherer 
Weihe ror die Seele treten lassen r^ — Sagen,, in welchen 
wir den Griechen in Widerspruch mit sich seifet, mit jenem 
ihm ganz eigenen Streben nach Naturwahrheit erblicken 
müssten, wenn uns nicht der Anblick seiner Werke lehrt^ 
dass er jene tiberirdischen Gottbilder so gut wie die ausser- 
natürlichen Centauren, durch innere poetische Wahrheit, mit 
den Gresetzen des Möglichen und Naturgemässen auszusöh- 
nen wusste.^ Der vaticanische Apollo, selbst war ein Beleg 
dafür. 

Doch wir haben ^chon früher eine Seite berührt, in 
welcher die griechische Plastik sich noch viel deutlicher als 
eine poetische ausspricht. Wir meinen die stete Richtqng 
der künstlerischen Thätigkeit nach Leben und Beseelung, 
eine Richtung, welche wir von dem ersten fabelhaften Kunst- 
beginn an bis zum letzten Gipfel der Vollendung ununter- 
brochen eingehalten sahen. . Schon die ältesten Götterstatuen 
äusserten in Stellung und* Bewegung die Thätigkeit eines 
sinnlichen Lebens. Bald dämmerte im Angesichte das Lächeln 
wohlwollender Gesinnung. Im Laufe der Zeit entfaltet sidi 

' Die Sage von Phidias wurde schon früher angefahrt. Nee vero iDe 
artifex (Phidias), quam faceret Jovis fonnam, auf lünervae^ contemplar 
batQT aliquem e quo siinilitudinem duceiret-, sed ^psius in mente insidebat 
species -pulchritudinis eximia quaedam, quam intuens, in eaque defizus, 
ad illius similitudinem artem et manus dirigebat. Cicero, orator. c. 2. 
Onatas bildete die für die Phigalier bestimmte Geres grösstentheils : og 
Xiytrat Tiatd ovtp'aTov a^iv. Päu$. VIII. 42. 7. p. 545. und j90 hiess es 
von Parrhasius, dass er den Herkules gemalt, qualem saepe in quiete yi- 
disset PlUi, h. n. XXXV. f. 36. p. 694. cf. Sülig, oätal. artif. p. 321. 22. 

* Die Centauren sind streng genommen sogar widernatürlich. Le^s- 
sings Fragmente zum'Laocoon, p. 59. 



254 



die Statue zur vielseitigsten Beweglichkeit; zur Anstrengung 
des Kampfes, zum gefälligen Schwung des Tanzes strecken 
uad beugen sich die Glieder; das Angesicht wird ein Spie- 
gel für Alles, was das menschliche Herz bewegt, und die 
schroffe Idealität der Form erweicht zu schöner menschlicher 
Natur: 

Wir hörten aber auch von einem gewissen Maasse des 
Ausdruckes, ron einer vielseitigem Entwickelung des Mienen- 
s^els, von Mannichfaltigkeit in der Lage der Glieder, von 
einer Wahl des^ fruchtbarsten Momentes bei der Darstellung 
handelnder Gestalten. Die Theorie der Modernen hat, be- 
sonders .im letzten Punkte , wie gleichfalls angedeutet wurde, 
nur eine Accommodation an das Fassungsv^ermögen des Be- 
schauers zu. erkennen. Allein der Grieche sah wirkliclv nur 
in dem engsten Verhältnisse det Statue zum Beschauer die 
Möglichkeit vor sich, in dem plastischen Kunstwerke, als 
einem beseelten, den Gott einer poetischen Religion wieder 
zuerkennen, und seiner bleibenden Gegenwart froh zu werden. 

Homerisdie Gebilde in ihrer ganzen Herrlichkeit und 
Naturwahrheit vor das leibliche Auge hinzustellen, wie sie 
dem geistigen des Dichters vorgeschwebt hatten, sie dem 
Menschen in- unmittelbare Nähe zu rücken, war. die erste 
und höchste Aufgabe der griechischen Kunst Wie aber? 
das Mediun^ dieser Versinnlicbung ^n unoi^anischer Stoff, 
Marüior und ikrzi War dieses Material mit den unauswf^h- 
lichen Schranken, welche durch dasselbe gesetzt sind, nicht 
der absolute Tod der poetischen Idee? Die epische Bewegung 
der mythischen Erscheinungen, das geflügelte Dichterwort, 
in welchem sie lebten und webten, erstarrt in der Statue 
an der ewig ruhenden Form des Räumlichen. Nicht ' nur 
das Unendliche der Idee scheint aufgehoben, in dem engen 
Maässe einer sinnlichen Umgränzung, eines einzigen Momen- 
tes; selbst die Naturwahrheit, i^id Wt ihr die Glaubhaftig- 
keit des homerischen Gebildes nmsste in eijoer körperliehen, 



255 



handgreiflichen Wirklichkeit untergehen. Aus der däm- 
mernden Feme der Dichtung ist -die Idee des Gröttes in 
die Gegenwart der Alltäglichkeit herabgesunken. Es ist 
nicht mehr ein luftiges überschwängKches Bild; es ist eine 
Sache, und doch nicht diese selbst, scmdem unregsame Ruhe 
für das Auge, für die tastende Hand nur die Kälte und 
Härte eines unorganischen Stoffes. Der poetische -Traum 
der homerischen Götterwelt hat die sinnliche Wahrheit des 
Wirklichen gewonnen , aber eben dadurch sein Bestes ein- 
gebüsst, — die glückliche Wahrheit des täuschenden Trau- 
mes, Und die Statue ist und bleibt der Marmorsar^ophag, 
in welchem ein gestorbener Gott ruht. 

Was konnte jeniBs Princip des Lebens anders sein? als — 
anfangs der Wahn, das Idol reell zu beleben, späterhin die 
Sehnsucht, das Bild des Gottes in das heimische G^iet der 
'Dichtung zurückgespielt zu sehen. - Um sie im schönsten 
Sinne und für immer gewonnen zu haben, musste die sinn- 
liche Gegenwart des Göttlichen wieder aufgegeben werden. 

Dass jene Sehnsucht wirklich gestillt ward^ haben uns 
die alten Schilderungen plastische Werke, die griechischen 
Epigramme, welche sich mit Gegenständen der Kunst be- 
bissen, längst gelehrt. In ihnen ist jede Spur eines Zwie- 
spaltes verschwunden. Sie scheinen durchaus nur von dem 
Wohlbehagen eines früher vermissten^ nun erreichten Be- 
sitzes, von der Freudigkeit eines Lebens eingehaucht zu 
sein, welches sich in der Kunst als ein zweites verdoppeltes 
Leben fühlt. Wenn man das alte TempeHdol als. ein. wirk- 
lich empfindendes bekränzt*und gekleidet hatte, so erscheint 
das Kunsigebilde nun als der ideelle Gegenstand, jeder 
mens($hlichgeselligen Empfindung, des frohen oder schmerz- 
lichen Mitgefühls,' der ernsten Betrachtung, oder dnes'bis 
zmn Müthwillen vertraulichen Spieles. — Auch kennen 
wir ja schon die Kra|t, durch deren Vwmittelung der 
Widerspruch der Idee und des Stoffes gehoben, und das 



256 



Lebensiaincip in der Statue vollendet ward. Ob der streng 
sondernde Eunstphilosopk sie als Phantasie bezeichnen, oder 
im Gregentbeil diesem Seelenrermögen jedes Einmischen in 
den Kreis der bildenden Kunst verwehren würde , liegt ausser 
unserm Felde. Grenug der erwärmende Strahl, welcher den 
innersten Lebenskeim zur duftenden Blume aufschloss, kam 
d^r Statue von Aussen zu. In jenem capitolinischen Relief ' 
ruht .das Tbongebilde des ersten Menschen 'vollendet auf 
dem Sdioosse seines Schöpfers; — die belebende Psyche 
aber wird erst von Minerven gebracht. — Dieselbe -dichtende 
Kraft, welche die Idee der Götter zuerst in's geistige Das^n 
g^nifen, im Bildner dann sie zur sinnlichen Erscheinung 
geführt hatte, sie mnsste sich im' B^chauer zum dritten- 
male thätig erweisen, um das plastische Bild wieder in, den 
lebendigen Urquell der Dichtung zu tauchen. Sie verwau- 
delte das Sein des Räumlichen in das Werden - der Zeit, 
die. Ruhe in Bewegung, schuf die tastbare Körperlichkeit 
zur Seele und Empfindung um, und führte den Gott aus 
dem engen Gel&sse sinnlicher Umgrenzung zur Ünendlidikeit 
der Idee zurück. Nun erst lebte das Bild; ab^ es war ein 
Leben in der Einbildung. Es war kein auf sich selbst be- 
ruhendea, in sich selbst gesdilossenes Leben, sondern dich- 
tmsche Bewegung in der Seele des Beschauers. Aus -einem 
blos Sinnlichen war das plastische Bild in dem geistigsinn- 
lichen Medium der Poesie, ein Sinnlichgeistiges geworden. 
Wiukelmann ist als derjenige anerkannt, welcher das 
Wesen der griechischen Kunst nicht nur zuerst in seiner 
ganzen ^ete ermessen hat, sondern auch in der Form seiner 
Schriften •, den Greist derselben darstellend wiederzugebcat v^> 
stand, er selbst ein bildender Künstler ,^ oder, wie Herder 
sich ausdrückt, der Künstler, der gebildet hat, während 
Lessiog in seinem Laocoon ala schaffender Poet sich erwiesen 

^ Es stellt die ^teschichte des Pr6metheas vor. und wurde sdhön früker 
aDgefährt. Yergl. üidess«n noch einmal ifil^tn. gal. myth. XC3II. 383^ 



257 

habei^ Goethe will sogar in den Studien Winkelmanns eine 
Abneigung gegen Poesie bemerkt haben; „aber desto er- 
freulicher ist es, fährt" Goethe fort, wenn Winkelmann als 
Poet auftritt, und. zwar als ein tüchtiger, unverkennbarer 
in seinen Beschreibungen^ der Statuen, so beinahe. durchaus 
in seinen späteren Schriften.*^ Es hat nicht an Männern 
gefehlt, welche diese Seite Winkelmanns nait ininder gün- 
stigem Auge betrcMjhteten. Und freilich haben die begei- 
sterten Beschreibungen desselben eine Menge enthusiastischer 
Schilderungen, veranlasst, welche oft nur freien musikalischen 
Phantasien über ein willkürlich aufgegriflfenes^ Thema glei- 
chen. Eine Kunstkritik ^ wie sie Lichtenberg nur der Coeur- 
dame schenkte ,ö durch alle 32 Karten durchgeführt, gehörte 
vielleicht noch injmej mit unter die Bedürftiisse der Zeit. 
Allein, wo es nicht der Lügengeist der Aflfectation war, wel- 
cher sich der Sprache der Begeisterung anmasste, liegt ^Uen 
jenen dichterischen Diatriben nicht blos etwas an sich Wahres 
zum Grunde. Sie sind recht eigentlich auf das Wesen der 
griechischen Kunst, und den Geist ihrer BQschauui:ig basirt. 
Jene Schilderungen des Torso im Belvedere, des Apollo und 
Laocoon sind für Winkelmann, das vollgültigste Zeugniss, 
dass ihn die Natur zum DoUmetscher der griechischen Kunst 
berufen hatte, ihn, der nicht weniger Dichter als Bildner 
war. Gegen den Vorwurf, einer blos manirirten, rdn mo- 
dernen Kunstbeschauung anzugehören , ist die poetische Be- 
schreibung plastischer Werke durch klassiscTie Autoritäten 
selbst buchstäblich zu schützen. Bl€|iben die beiden Philo- 
strate und Kallistratus bei Seite gestellt, — wiewohl diesen 
Sophisten bei aller Uebertreibung, bei allem Pomp erkünstel- 
ter Gefühle nicht die Erfindung einer ganz neuen Art, die 

^ Herder, Kritische Wälder I. opp. XX. p. 9. 
^ Goethe, Winkelmaiin und sein Jahrhundert, p. 426. 27. 
^ Lichtenbergs Ideen, Maximen etc.^ herausgegeben von Jördens, 
p. 106. 

Feuerbach, der vaticanische Apollo. 17 



258 



Werke der bildenden Kunst in sich aufzunehmen , beizu- 
messen ist, — der nüchterne Plinius erzählt uns, dass in 
dem Paris des Eupbranor alles zugleich zu erkennen war, 
der Schiedsrichter von Göttinnen, der Liebhaber der Helena, 
und doch auch Wieder der &leger des Achill:* — offenbar 
das dürftige Excerpt aus dei^ poetischen Beschreibung irgend 
eines Griechen, welche sich von Mund zu Mund verbreitet, 
und für das Werk des Euphranor dieselbe Autorität erhalten 
hatte, wie für den vaticanischen Apoll der Hynmus unsers 
Winkelmann. Noch viel auffallender' klingt bei demselben 
Plinius die Schilderung eines Gemäldes, des Demos von 
Parrhasius, in welchem dieser Maler, wie berichtet wird, 
die widersprechendsten Eigenschaften des atheniensischen 
Volkes, Wankelmuth, Leidenschaftlichkeit, Sanftmuth und 
Härte, Enechtsinn und Tapferkeit, und was sonst noch zu 
dieser G^llerie gehört, auszudrücken wusste. ^^ Man hat um 
dieses anscheinende Wunder der Kunst natürlich zu erklä- 
xen^ zu den verschiedenartigsten Mitteln seine Zuflucht- ge- 
nommen.^* Es ist aber bei diesem Gemälde eben sa wenig 
an blose Symbole zu denken, deren hier eine Unzahl, wie 
in einer Trödelbude, hätte gehäuft werden müssen, als an 
Wielands erzmodeme Gruppen. ^* Wenn ' etwas wirklich 

* Eaphranpris Alexander Paris est, in que laudattir, quod omnia 
simul intelligantur, Judex dearum, amator Helenae^ et tarnen Achillis in- 
terfector. Bin. h. n. XXXIV. 's. 19. .p. 655. 

** Pintit demoh Atheniensium , argumento qnoque ingenioso. Yolebat 
namqoe varinin, iracan^um, ii^ustmn, inconstantem : eondem exorabilem, 
dementem, misericordem, excelsum, glgriosüm, liu^^lem, feroeem, fu- 
gacemque, et omnia pariter ostendere. Plin. h, n. XXXV. s. 36^ p. 693. 
Man übersehe, nicht, dass sich alle diese Eigenschaften anf zwei Haupt- 
gegMisätze, etwa ferox und demehs , und ihre Mischung (varium) zurück- 
führen lassen. 

'* Eine üebersicht derselben im Kunstblatt 1820. Nro. 11. 

*2 Wielands Aristipp. I. 30. opff. XXXVI. p. 249. Leipz. Ausgabe. 
Ein antiker Künstler würde gewiss eine so zahlreiche und bedeutsame 
Gruppe mit allegorischen Figuren untermengt haben. — An eine Gruppe, 



259 



räthselh^ft in der excentrischen Schilderung bleibt, so be- 
steht dieses nur darin, dass sie einem Gemälde, und nicht 
einem plastischen Werke entnommen ist. Unstreitig war 
dieser Demos eine einzige Figur, welche zwar schwerlich 
alles mit dem Finger nachweisbar, dem Auge des Beschauers 
blossteUte, was dieser zu sehen glaubte, gewiss aber, auch 
nicht weniger, als nöthig war, um ihn alles glauben zu 
machen. ^* Die Krone des Baumes hatte sich erst in der 
Einbildungskraft des Beschauers so vielfach Verästet und so 
üppig ausgebreitet; doch die Wurzeln- hafteten im Grund 
und Boden des Kunstwerkes. 

Von der Hand des Lydippus hatte man ein kleines Bild 
des Herkules Epitrapezius, bestimmt auf die Taf^l trinklu- 
stiger Gäste gestellt zu werden* Eine poetische Beschreibung 
desselben findet sich bei Statins; Kaum Ton der Höhe eines 
Fusses, klein anzuschauen, wurde das Bild als gross em- 
pfunden, und in dieser Empfindung war es Herkules; es 
war,- wie Statins singt, die Brust, an welcher der Verwüster 
von Nemea zerdrückt ward; es wäiren die Arme, welche die 
todbringende Keule trugen, und die Ruder der Argo zer- 
brachen. Eine so mächtige Täuschung der Bildung war im 
kleinsten Raum enthalten ; und während das Bild des uner- 
müdeten Ringers in irdische Kolossalgrösse heranwuchs, ver- 
klärte es sich in der heitern Miene des Angesichts zu jenem 

welche das attische Volk in charakteristischer Wirklichkeit repfäsentirle, 
an ein Charakterstück kann ma;n dagegen bei einem Qemälde des Ari- 
s toi aus denken. Von Plinius wird es Ungeführt als: imago Atticae 
plebis. h. n. XXXV. s. 40. p. 706. Der Demos war einzelne Figur, so 
gut, wie die Statue des attischen Demos von Leochares. Pausan. I. 1. 3. 
p. 4. oder der Demos mit der Demokratie und dem Theseus auf einem 
.Gemälde in einer Sioa de» Keramikus id. I. d. 3. p. 7. oder die Statue 
▼on LysQu 5. p. 9. od^ der Koloss des Spartiateu-Demos id. ni.. II. 10. 
p. 188* 

'* Von Timanthes heisst es: in omnibus ejus operibus intfelligitur 
plus semper, quam pingitur, et cum ars summlv sit, ingenium tarnen ultra 
artem est. Plin. h. n. XXXV. s. 36. p. 602. 



260 



Halbgott, der aus der ötäißchen Asche zu den Sternen em- 
porgehoben , zum ersten Malö den himmlischen Nektar 
kostet. ^^ In dämmernde Nebelfeme war das «rein Sinnliche 
des Bildes entrückt, und wurde von da als ein grosses Phah- 
tasiegebilde reflektirt, das nun auch die sachliche Form in 
dnem ganz andern, doch ihrem wahren Lichte, erscheinen 
liess. Es war für den Beschauer dieser Herkules — aus 
Erz, und doch wieder Herkules selbst; das enge GrefiLss eines 
Bildchens mit unendlichem Gehalt ; es war ein Hier und eine 
Feme, in einem und demselben Momente ein stetes Dasein 
und Entweichefi. Die früher angeführten Wunder der wun- 
detthätigen Tempelstatue hatten sich in diesen Bildern wie- 
derholt. Aber das materielle Leben des Idols war nun zum 
ideellen Terklärt, die dämonische Kraft zur poetischen Wir- 
kung, jene grob sinnliche Bewegung und Empfindung zur 
metaphorischen des Kunstwerkes geadelt. 

W|is den Paris des Euphranor betrifft, so brälicht man 
sidi nur zurückzurufen, was früher übet die Mannichfaltig- 
keit der Charakterbildung und des Ausdrucks beigebracht 
worden ist. Jene harmonische Verschmelzung feiner Gegen- 
sätze war ja an sich der verschiedenartigsten Mischung fiihig^; 



'* Deus ille E^eüs, seseque videndum 

Indidsit Lysippe tibi; pftrvasque videri, 
Sentirique ingens ; et cum mirabilis iatra 
Stet mensura pedem, tarnen exclamare libebit: 
(Si Visus per membra feras). hoc pectore pressus 
Vastator Nemees: baec exitiale ferebant 
Jtobur^ et Argoos frangebaut brachia remös. 
Hoc spatio, tain magna, brevi, mendacia formae! 
Quis modiis in dextra, quanta experientia docti 
Artifici^ curis, pariter gestamina mensae 

Fingere, et ingentes animo versare cölossos? 

Qualis et Oetaeis emissus in astra faVillis 

Nectfir i^huc torva laetus Junone bibebat. 

Sio mitis vultiiSj velüti de pectore gaudens 

Hortetur mensas. — SM, sylv. IV, 6. v. 36» ff. 53. ff. 



r' 



261 



es. waren in ihr die Exponenten einer unendlichem Reihe 
gegeben, und das schwebende Gleichgewicht, in welchem 
Kraft uiid Gregenkräfte gegeneinander gehalten waren ,. wiegte 
die Einbildungskraft-des Beschauers wie ein gleichmÄssig^, 
nie ruhender Wogenschlag in stete schwankende Bewegung. 
Es. kam zu ein» Art von träumerischer Illusion , in welcher 
der Beschauer bald dies bald jenes ^n ein volleres Licht er- 
hebend , einen Scenen - Wechsel von^ Gedanken und Em- 
pfindungen glaubte belauschen, und in's Unendliche v.erfolgen 
zu können. Lag nicht auch unter der Schneedecke jenes 
ruhigen Jupiterkopfes eine tiefe unendliche Fülle verborgen? 
— vorerst nur noch eine geschlossene Knospe, bis in der 
Dauer des Beschauens, in der steigenden Wanne der Ein- 
bildungskraft ^ die Hülle durchbrochen ward, und nun eine 
ganze Welt, in welcher selbst 'die Thaten und Schicksale 
des Gottes ihre Stelle finden , ^ dem staunenden Blicke auf- 
gebt. Wir verlassen'die Büste, und in uniserer Seele ist 
ein ganz anderes Bild des Jupiters zurückgeblieben, als wir 
auf den ersten Blick zu erkennen im Stande waren. So 
wird das Werk eines Dichters im Werden desselben genossen 
und begriffen; es wirkt als Gestaltung, nicht als Gestalt, 
nicht als einzelner in sich geschlossener Moment eines Ru- 
henden, sondern als bewegte Reihenfolge von Mom^ent^i. 
Und wie die Eiubildungskraft des Hörers nur dadurch zum 
Vollgenuss des poetischen Werkes gelanget, dass sie selbst- 
thätiginitwirkend die Bilderreihe in ein Bild, die successive 
Entwicklung des Gedichtes unaufhörlich in die Summe einer 
Totalanschauung, eines einzigen ruhenden Momentes zusam- 
inenfasst, die vorüberfliehenden luftigen Bilder zur Körper- 
lichkeit verdichtet: so hatte der plastische Beschauer den 
umgekehrten Wfeg eingeschlagen; er hatte die ruhende Um- 
grenzung, das äusserliche Sein zur Bewegung des Bildes 

« 

fortgeführt, iin blossen Werke fein energisches successives Leben 
geweckt, um endlich alles in dem Sein, dem Bleibenden 



262 



der Statue ala ihr vollendetes Wesen , ihren geistigen Vollge- 
halt concentrirt zu finden. . 

Von den Ringern des Cephissodotus sagten die Alten, 
dajss w ihre Finger eher in Fleisch als in Marmor einzu- 
drücken schienen. }^ An diesem Werke wurde demnach 
nicht blos in -Form, Verlauf, Verkürzung dpr Muskeln, die 
Treue der Natumachahmung bewundert; der Marmor hatte 
für den griechischen Beschauer sogar die nachgiebige ela- 
stische Textur des menschlichen Organismus angenommen, 
auch dies nur, wie sich von selbst versteht, in dw Einbil- 
dungskraft. Aber ohne dass die Einbildungskraft den Muskel 
zqr LebenszuckuDg reizte, waren auch diese Ringer nur 
Marmor, war auch der lUssus des Phidias nur Stein, ^u 
Menschen - ähnlicher Gestalt gemeisselt ** Höchstens wäre 
der Bßschauer zu einer Vergleichung dieser nachgettiacMen 
Gestalt mit einem wirklichen Uissus- artigen Menschen- ver- 
anlagst worden; und je schwieriger vielleicht dieser au&u- 
iinden war, desto mehr wäre das Kunstwerk in Marmor- 
härte erstarrt, ja zur Unnatur herabgesunken. -Kunst und 
Wirklichkdt hätten imtner nur den frostigen Genuss der 
Compfitratio , dieser prosaisch r poetischen Rede - Figur ge- 
währt, und beide, Sache und Bild, hätten Verstand und- 
Erfahrung mit einem nüchternen: „So, wie wenn* und dem 
nöthigen: „Also* ^war logisch, aber nicht ästhetisch ver- 
knüpft. Jener sMarmc«r war sanft nachgebendes Fldsch , wie 
es von der Anadyomene des Apelles. heisst^ dass ma^ Blut 
sah, wo kein Blut, und einen Körper, wo^ kein Körper 

'^ Symplegma, Signum nobile, digitis corpori verius, quam marmori 
impressis. PHn. h. n. XXXVI. s. 4. p. 727. 

•* Daher spielen die Alten so gerne mit dem Gegensatz des schein- 
baren Lebens in Statuen und Gemälden^ und ihrer Wirklichem Leblöstig- 
keit. Jenen begeisterten Schilderungen von lebenathmenden Bildern stehen 
entgegen die sprüchwörtlichen Redensarten, wie tov dvS ^id\TU)v oMtvr^- 
rorepov bei* Liician opp. V. p. 1^., statua taeitumior bei Borat, ep. II. 
% 83. Nicht anders die pictura inanis bei Virg. Aen. I. v. 464. 



263 



war; '^ er war elaatischer Muskel, wie da« Gewand der 
farnesischen Flora ein klar durchsichtiger Nebielstoff. Sei 
daher immerhin die Statue !o den; Augen d^ Modernen ein 
Eunstw^k, welches „weniger Seele als Gestalt" mehr be- 
griffen als empfunden sein will! — Selbst von der Dar- 
stellung des blos animalischen Lebens , der reinen Körper- 
lichkeit, erwartete der Grieche Täuschung: freilich keine 
grobe Sinnentäuschung, Sinnenbetrug, wohl aber die ToUe 
poetische Illusion , in welcher die Wahrheit .des Sachlichen, 
die Wirklichkeit der Natur, zum blossen Schein, der Schein 
dagegen zur ideellen Wahrheit geworden War. 

Noch deutlicher zeigt ßich der Dichtungs^Process, durch 
welchen das plastische Kunstwerk der Griechen erst zu 
seiner vollen Bedeutung gelangte, in den schon früher an- 
geführten Beispielen, in welchen das Gefühl des Beschauers 
im eigentlichsten Sinn des Wortes ein sympathetisches war. 
Der Beschauer, welcher die Wunde des Philoktet seihst zu 
^npfinden glaubte, welcher den letzten Lebensodem des 
sterbenden Fechters belauschte, war in dieöem Momente 
Dichter gewesen. Ohne Beihülfe seiner Einbildungsfaaffc 
würde er gar nichts empfunden haben ; dieser Philoktet wäre 
für ihn eben so wenig ein leidender Philoktet geweeeo, als 
die Muskeln jener Ringer aufgehört hätten. Stein zur sein. 
Sinnenbetrug hatte auch ihn nicht berückt, keine prosaische 
Verwechslung der Statue mit einem wirklichen Philoktet, 
einem wirklich Sterbenden. Denn der Schmerz wäre zifr 
Quälerei der Wirklichkeit geworden, und hätte das Kunst: 
werk. nicht blos als solches aufgehoben, sondern in einen 
Gegenstand des Widerwillens verkehrt. Der Beschauer 
empfand den Schmerz des Philoktet, seinen Schmerz der 

" Dicemus ergo idem, quod in Venere Coa: corpus illud non eet, 
sed simile corpori, nee ille fusus et candore mixtns rubor, aanguis est, 
sed quaedam sangninis similitudo. Cicero, de nat. DeOr. I. 27. ed. Cr. 
p. 119. 



264 



Sede und des Körpers, wie ihn Pythagoras der Bildner, 
wie ihn Sophokles der Dichter mnsste empfunden hdbep, 
als die Idee eines leidenden Philoktet in ihrem Gemüth 
aufging, ihr ganzes Wesen erfüllte, und den Dichter wie 
den Bildner selbst zu einem Gedanken -Philoktet, zur leben- 
digen Idee ihres Werkes- umschuf. Dasselbe gilt denn von 
allen Kunstw-erken , welche tieferschtitternde oder schreck- 
liche Gegenstände darstellten, wie vom reusenden Athamas 
des Aristonidas und der sterbenden Jokaste des Silanion, ^^ 
Ein antikes Beispiel unserer Tage! — Schon früher ge- 
dachten wir einer jungen Römerin, welche der vaticanische 
Apollo zu einer seltsamen Leidenschaft soll begeistert haben. 
Es dürfte nicht der Mühe lohn^i, diesen Roman psycholo- 
gisch zu beleuchten, oder wohl gar den Thatbestand histo- 
risch-kritisch herzustellen. Die Erzählung als wahr ange- 
nommen — ' denn es ist wenigstens kein innerer Grund vor- 
handen, das Factum zu bezweifeln — so hatte die junge 
Sdiwftrmerin nichts weniger als romantisch-modern , sondern 
acht antik empfunden, und zugleich, ohne es zu wissen, 
einen fttctischen Beweis fiir den unverfälscht griechischen 
Geist unsrer Statue abgelegt. . Sie hatte die Statue mit der- 
selben Lebhaftigkeit des Grefühls erfasst, wie der Grrieche 
die des leidenden Philoktet, und die Statue selbst muss die 

'* PHn. XXXIV. 8. 40. p. 666. Tov 'Apidropäi^rog 0tXoxr^rrjv xai rfjv 
^XqLpiovog'lo'/.döTffv, ouoiGfg ^d-lvovöi xai anod-iJ^kovÖi. itciroir^uivovg opov- 
reg^aipofiev, Plut. de aiid. poet. opp. ed. t 11. p. 18. c. cf. Facius, ex 
Plut exe. p. 50. 52. Diese Stellen des Plutarch sind der scMagendste 
Beweis dafür, dass auch das Schreckliche nicht, ausser dem Kreise der 
bildenden Kunst, lag. War in jenem Philoktet nicht alle Herbheit eines 
schweren, Leidens, in der Jokaste nicht das Schaudervolle des Todes aus- 
gedrückt, solidem beides nac^ Grundsätzen moderner Theorien gemildert.» 
verschönert, so hat die ganze Bemerkung des Plutarch (cf. sympos. V. 
opp. II. p. 673. D. 674.) mit ihren Folgerungen keines Sinn. > Die Frage 
ist: warum hebt ^e Kunst als solche iiUntjdtg); ohne Riieksicht auf das 
Wie der Behandlung, das Verletzende dpr Wirklichkeit auf?' Die alte 
und bis in die neuesten Zeiten so vielbesprochene Frage. 



265 



Fähigkeit eiiier eben so poetischen Wirkung in sich schlies- 
sen, wie der sterbende Fechter des' Ktesilas. Würde das 
Mädchen den vaticanischen Apollo irgend einmal mit einein 
wirklidien, ^reizenden Jünglinge Tcrwechselt haben, und hätte 
ihre LiebO' in diesem Momente der Sinnenberückung sich 
entzündet; so bedurfte es keines zweiten Besuches, um in 
ihrem fiabelhaften Liebling nur Stein und nichts als Stein 
zu erkenn^a, einen Marmoijüngling, der um so mehr, zu 
Marmor ward, je wahrhaftiger er Fleisch und Blut zu sein 
geschienen hatte. Sie liebte das Bild, die r Poesie der Sta- 
tue, wie jede reinere Lieb'e in so fern poetisch ist, als sie 
im Gegenstande das geistige Bild desselben liebt, oder ein 
vielleicht willkührlioh selbstgeschafltenes Bild zu ihrem Ge- 
genständ erhebt, diQ Poesie plastisch verkörpert, oder die 
plastische Verkörperung in Poesie verklärt Sie liebte die 
unendliche Idee der Statue, welche weit Über allen sinn- 
lichen Besitz erhaben, als das Gebilde einer hohem Welt 
sich oflfenbarte, während die Magie der sinnlichen Gegen- 
wart ihr Gemüth immer wieder zur Sache, zur Statue zu- 
rückzog. ^* 

Es wäre schön, wenn die äussere Wahrheit dieser Er- 
zählung eb^i so verbürgt wäre, als es ihre inn^e ist Sie 

'* Es ist vielleicht gerade hier nipht der schicklichste Ort, auf ähn- 
liche und nur durch ihre Unsauberkeit wesentlich verschiedene Lie]i)esge- 
schichten der Alten hinzuweisen. Indessen schlage man immerhin Lucian's 
amores nach, und denke nur die Schändlichkeit einer' entarteten- Zeit hin- 
weg! Was selbst dieser Entweihung des Kunstwerks zum Grunde liegt, 
ist doch nur die Gluth der griechischen Einbildungskraft , das Entzücken 
an der lebendigen Schönheit des plastischen Bildes. Von den Beschauern 
der knidischen Venus heisst es: i^^avig ri yiai aapdpopov iit/3oi^iSag, — 
Q XapiiiX^g vfto r« ö^oSpa &d^ßovg okiyov Setv ictect^sij rayispov ri v.ai 
piov iv Totg oftuadi add-og dwypalvov. Luciafi. opp. ed. Schm. V. p. 59. 
60. 62. So heisst es denn auch schon bei den^ alten ehrlichen Sandrart 
von der Statue des vaticanischen Apollo: Oculi, supercilia, frons, vultus^ 
denique totus hie in amorem contuentes impeUit. Seulpturae veteris ad- 
miranda. Nro. 1680. p. 13. Das abenteuerliche Begebniss, welches, zum 
Beweise erzählt wird, mag man bei Sandrart selbst nachlesen. 



266 



wäre dann bis zu den Blumenkränzen-, welche das Mädchen 
wiederholt ihrem Lieblinge zum Opfer brachte, ein lebendiges 
Nachbild alles dessen, was die Statue dem griechischen Be- 
schauer und dieser der Statue gewesen istw Mit ähnlichen 
Gefühlen stand ja wohl auch der opfernde Grieche vor dem 
Bilde seines Gottes, und seine Handlung war äusserlich 
zwar nur ein Act des herköumilichen Ritus, ein wirkliches, 
fiännliches Opfer für den sinnlich g^laubten Gott, zugleich 
aber ein innerlicher sinnbildlicher Act , eine poetische Be- 
wegung von der Wirklichkeit der Götterstatue zu ihrer Idee. 
Mit der Veredlung des Idoles ^um Kunstwerk adelte sich 
natürlich auch der Tempeldienst mehr und mehr zu einer 
poetischen Handlung empor. ^ Die Pallas von Velletri 
schien sich, wie wir sahen, aus dein ideellen Kreise des 
Kunstwerkes berauszubewegen, und gewiss wurden noch, in 
den späteren Epochen der höchsten Kunstvollendung Götter- 
statuen gefertigt, welche mit Opferschalen, Kränzen und 
Victorienbildern in eine blos realistische Bedeutung, .in das 
Gebiet der Wirklichkeit übergingien. Aber hier von &ner 
andächtigen Menge gefasst, welche selbst in ihxer Wirklich- 
keit ein poetisches, ja plastisch poetisches Bild darstellte, 
und angeregt von der Statue die sie dichterisch beseelte^ ver- 
lor sich das Gottbild nie in die reine Wirklichkeit, sondern 
trat inuner wieder in diö ideelle Welt der Dichtung zurück. 
In den meisten griechischen Statuen spricht sich in Stellung 
und Geberdfe ein. Hinneigen gegen den Beschauer, ein sanftes 
Anschmiegen an die Wirklichkeit aus. Um zu enipfangen, 
und die^wilHg gebotene Gabe im hohem Sinn zurückzugeben,^ 
stellen sie sich dem Auge dar. Mit freundlich niedergesenktem 

'^ Höchst bezeichnend ist es, dass die Griechen ihre Götter nur in 
Statuen, nicht in Gemälden verehrten. Für die roheate Art der Vereh- 
rung war das Gemälde nicht körperlich genug, für die spätere poetische 
zu sehr blos sinnlich täuschend. In der Statue ist die höchste unmittel- 
bare Wirklichkeit mit 4» geistijg^sten ünwirklichkeit vereinigt. 



267 



Haupte zeigen die Meisteiv die Schüchternheit oder ernste 
Scheu, welche einen Jüngling zierön würde, der sich plötz- 
lich von einer zahlreichen ehrwürdigen Versammlung um- 
ringt sieht. '^^ Als wären sie unversehens in eine für sie 
fremde Welt versetzt, stehen sie unschlüssig, oh sie weilen, 
oder weiterschreiten sollen, und oft möchte man sie Blumen 
vergleichen, die kaum geöffnet, sich wieder sehliesöen , weil 
iein rauher Hauch sie berührte.*^ Wie anders der Ägyptische 
Koloss mit seinem hoch und stolz aufgerichteten Haupte i 
Nichts gebend, und nichts empfangend, alles in gehörige 
Ferne von sich weisend, ist er der leibhaftige Egoismus 

^* Die d^auepä^tg aiScjg des Aeschylus. Prom, v. 134. 

^* Mir sdieint das gesenkte Haupt, welches, wie schon früher erwähnt 
wurde, zuerst bei den Götterbildern vor^m, der griechisjchen Statue feo 
wesentlich zu sein, dass.man bei antiken Büsten aus der blosen Haltung 
des Hauptes schliessen darf, ob dieses schon ursprünglich für eine Büste 
bestimmt war, oder einer ganzen Statue nur entlehnt ist. Ersteres war 
gewiss z. B. der Fall bei der zu Tivoli gefundenen Büste des Periander. 
S. die Abbildung in Riconlt, Iconogr. grecq. I, t. 9. vergl. die liegenden 
Tafeln. — Letzteres dagegen bei der des Perikles 1. 1. t. 15. Die Büste 
stftht, ihrer abstracten, mehr blos mnemonjisch'en Natur nach, der Umge- 
bung, dem Leben viel ferner als die Statue; 

E& sei gegönnt an di^e Bemerkungen eiti Wort über di^ m e d r c e i s c h e 
Venus zu knüpfen. Si^ gilt noch immer so ziemlich allgemein für eine 
Venus, welche das ÜPtheil des Paris erwartet. Diese Deutung verdirbt 
Alles. Eine Venus mit dieser Haltung der Arme, dieser gleichsam lau- 
schenden Wendung des süsslächelnden Hauptes, und iht gegenüber ein 
Paris, hat alles widerwärtige einer. Wielandisphen Gruppe. Ich halte diese 
treflfliöhe Statue für eine EvttXoia^ .unter welchem Namen Aphrodite be- 
sonders bei den Knidiem verehrt ward. Paus. L 1. 3. p. 4. Der Delphin 
zur Seite der Göttin ist Sinnbild des Meeres und einer glücklichen Fahrt. 
Vergl. WinkeJmanns Versuch dner Allegorie opp. H. p. 555. Das 
gehobene Haupt überschaut niit freundlich geleitendem Blicke die weite 
Fläche des Meeres. — 

— tpiXov HsikaTo Ttjv^ 

Aiiv an i^ti^ciftbv XoLfifipav op^v a^Xayoq* 

Anth, ed. Joe. L p. 121. Nro. 127. V. 

Die Geberde der Schamhaftigkeit ist als kein Hauptmotiv zu betrach- 
ten. Sie ist die Geberde der Statue, als einer weiblichen Statue im An- 
gesichte des Beschauers, der Ausdruck einer ästhetisch-moralischen Scheu. 



. 268 

einer absoluten Plastik^ der wahre steinep&e Gast an der 
heitern griechischen Göttertafel. - 

Bleibe es daher auch dem vaticanischen Apollo unver- 
wehft^ aul Gemüth und Einbildungskraft des Beschauers 
einzuwirken. Auch wollen wir nicht rech tön, wenn die 
poetische Illusion , welche nach griechischen Begriffen jede^l 
plastischen Werke unerlässlich ,ist, hier rascher zu Stande 
kömmt, wenn diese Statue uns gleichsam ohne epische Vor- 
bereitung, sogleich mit dramatischer Entschiedenheit mitten 
in sich selbst versetzt. Wird die Einbildungskraft ihr Werk 
der Vergeistigung auch nur beginnen, wenn es der. Eüns|l6r 
verschmähte, ihr auf halbem Wege entgegen zu kommen, 
oder nicht die Gabe besass, sich ihrer Thätigkeit zu be- 
meistefti?23 Brauchte dies doch nicht auf die gewaltsame 
Weise zu geschehen, mit welcher jene kriegerisch gestellten 
Götterstatuen die Einbildungskraft bestürmten. Der grie- 
chiscbe Künstler, wenn sein Bemühen, im Sinne eines Dä- 
dalus zu bilden, nicht leere Danaidenarbeit bleiben sollte, 
hatte in Beziehung auf den Beschauer nur eine doppelte 
Aufgabe vor sich: erstlich die Einbildungskraft desselben 
anzuregen, dann aber die. angeregte wieder zu zügeln, und 
sie immer, auch in der freiesten Bewegung der Gedanken, 
bei der sinnlichen Anschauung des Bildes festzuhalten. Ward 
letzteres versäumt, so beschränkte sich freilich das ganze 
Wunder der Belebung auf den flüchtigen Blitz eines electri- 
sehen T'unkens , mit dessen- schnellem Verlöscben die Statue 
als eine hohle entseelte Puppe wieder zusammensank. Im 
entgegengesetzten Falle aber geschah es, daös die Einbil- 
dungskraft in dem Kunstgebilde nur ihre eigene heugewon- 
nene Hülle empfand , und beide nun in einem gegenseitigen 
Austausche von Körper und Seele, von Ruhe und Bewegung 

'^ Sokrates. würde hier vielleicht nodi eiumal gesagt haben: «v /(fi>/, 
Ott y.at). ravr'a ax ävev aoXkov piXrpcjv re nai i^qtSov x(ii. hryyiav iö-ri. 
Xenoph. memor. III. 11. 17. 



269 



zur voKkomiiiensten Einheit sich ineinander. verloren. * — So 
war der Gott im engen Gehäuse seiner Statue, kn beschränk- 
ten Räume des Tempels ein heimischer gewesen. — Das 
einzigdenkbare Mittel zu Erreichung jenes Zweckes konnte 
dem Griechen am wenigsten entgehen. Wo ^die ganze Natur 
von ^nem menschlich geordneten Göttervereine Bestand, 
Leben und Seele erhält, sondert sich. Alles von selbst in 
grosse Massen. Das Bedeutende scheidet sich von dem Klein- 
lichen' und Bedeutungßleeren , und das Auge des Betrachten- 
den, weit entfernt, sich in der Zerstreutheit zahlloser Einzel- 
heiten zu verlieren, wird allenthalben auf ein Geistigver- 
bindendes . geleitet. Die Niobiden haben uns gelehrt, wie 
ganze Statuengruppen in sich . zusammengehalten • wurden. 
Was sich bei näherer Zergliederung des vaticanischen Apoll 
zu vielartigen Einzelheiten auseinanderlegte, wurde immer 
wieder durch die Macht eines gemeinsamen Bandes zusam- 
mengezogen, und von der Einen Grundidee Rieses Einen 
Gottcharakters verschlungen; -andres dagegen vom Kunst- 
werke selbst, als unverträglich ausgestossen , auch wenn es 
sich unter dem Schein einer grösseren Correctheit eindrängen 
wollte. Nirgend von einem Willkürlichen zu gleichet Will- 
kür verleitet, oder durch unwesentliche Nebendinge der 
Laune des Zufalls Preis gegeben , wurde unsere EiHbildungs- 
kfaft durch die Mannichfaltigkeit des Bildes selbst, durch^ 
das bunte- Farbenspiel, in welches der geistige Strahl sich 
gebrochen hatte, auf ein Einfaches zurückgeführt, das in 
seinem Unendlichkeit unantastbar ist; untheilhar wie das Leben 
selbst. Das wunder thätige Tempelidol hatte man durch Ket- 
ten und Bande zur bleibenden Gegenwart gezwungen, seine 
dämonische Kraft durch magische Fornieln geT)annt. Auch 
die Kunststatue 'war eine gefesselte, und in ihrer Gebunden- 
heit zu einer Ruhe gelangt, welche weder d^ höchste Sturm 
des Affectes, noch der rascheste Flug der Bewegung zu er- 
schüttern vermag. 



270 



Je fester die Statue in sich selbst begründet war, mit 
desto grösserer Unbefangenheit dorfte sie sich nach aussen 
kehren, und sich allen Bedingungen fUgen, welche das 
Wechsel verhältniss einer griechischen Statue und eines grie- 
chischen Beschauers mit sich bringeq mochte. Es ist ganz 
in der Ordnung, wenn die Statue auch ausserhalb der hei- 
ligen Tempelzelle nicht in sich selbst vereinsamt stehen, 
wenn sie überall in nähere Berührung , in heitere Harmonie 
mit der sie umgebenden Wirklichkeit treten sollte, ron 
wannen ja der Funken ihrer Beseelung zu erwarten stand. 
Aus demselben Grunde hatte aber auch die Wirklichkeit ihr 
wohlbegründetes Recht, welches der Grieche zu jsohmälern 
nicht gesonnen war, um jede, selbst die eigensinnigste For- 
derung der Kunst zu befriedigen. Wie der Tempel, so sollte 
auch der Markt des bewegten Volkes, sollten Berg und' Thal 
sich des Schmuckes der Kunst erfreuen, die Natur selbst 
in ihr an höherer Bedeutung gewinnen, ja das ganse Gebiet 
des griechischen Lebens zu einem einzigen grossen poeti- 
schen Kunstwerk erhoben werden. WiO' das Göttliche zur 
Kunstform herabgestiegen war, so neigte sich die Kunst dar 
Wirklichkeit entgegen, und diese hob sich zur Kunst hinauf, 
wie das Sachliche des Gottbildes zur Idee. l)er Glaube an 
die Unsterblichkeit der Seele war in Griechenland nur das 
Eügenthum einer kleinen Schaar von Eingeweihten , oder der 
düstre Traum eines nichtigen Schattenlebens. In dieser Welt 
lag für den Griechai schon die zweite. Sein Jenseits war 
die zur Kunst verklärte Wirklichkeit Lassen wir immerhin 
diese Statue des Naroissus an jdem Rande einer lebendigien 
Quelle ruhen. In dieser schwankenden Bewegung zwischen 
Kunst und Wirklichkeit ' lag ein eigenthümlicher Reiz ver- 
borgen. Es war dne Acht poetische Stimmung, welche der 
einsame Wanderer* aupfinden mochte, wenn ihn da» Bild 
des Pan in' der stiUen. Grotte überraschte,- — wo man unä 
die Stunde des Mittags den Schlummer dieses Gottes sieh 



271 



zu stören scheute, 24 oder in schattigen Hainen die Statuen 
der Hymphen, des Bacchus nnd seiner Begleiter an derselben 
Stelle entglBgentraten, wo der gläubige Grieche die Stimme 
der ländlichen Gröttinnen zu hören vermeinte,^ ihrem plötz- 
lichen Anblick zu begegnen fürchtete, und Horaz in Öich- 
teriacher Verzückung glaubte, den Baccbüs selbst gesehen 
zu haben! 2® Die goldenen Diademe und Spangen aber, die 
eingesetzten Augen, die künstlichen Farbentöne der Statue 
und was sonst noch gegen das System einer abstracten 
Plastik Verstössen mag, waren nichts als eine zarte Ver- 
mittlung des Ewigbleibenden in d^ Statue mit dem bunten 
Glänze der Erscheinung, sanfte Uebergänge aus dem geheim- 
nissvollen Tempel der Kunst in das helle Gebiet der Wirk- 
lichkeit. Sie öffneten das Kunstwerk gegen die Einbildungs- 
kraft des Beschauers, lockten auch das blödere Auge durch 
den Zauber eines bunten Sinnenscheines in die ernste Be- 
trachtung des höheren poetischen Scheines, Darum war es 
auch nur ein Anflug von Eamation ; denn vollständiges Ko- 
lorit hätte nicht in das Scheinleben der Statue, sondern in 
den Scheintod der Wachsfigur geführt. Der Einbildungskraft 
war eine Stütze geboten, an der sie sich orientiren lernte; 
— aber sie habe sich nur in der ideell^i Welt zurecht ge- 
linden, so sinkt die bunte Irisbrücke hinter ihr zusamnaen, 
und überlässt sie dem poetischen Traume der höheren poe- 
tisch-plastischen Wirklichkeit. 

Wie leicht übrigens dieser Dichtungsprocess in der Ein- 
bildungskraft des griechischen Beschau^s, disren Lebhaftig- 
keit wir uns nicht gross genug denken können, von Statten 

»* cf. Voss zu Virgil Georg. IV. 396. - 
, »* Die Stimme der Nymphen, Hom. Od. VI. v. 122. ff. — Ueberdie 
Bilder söhlafender Nymphen vergl. Visconti, Mus. Pio-Clem. m. p. 206. 7., 
wo auch in der-Anmerk. Kro. 3. das schöne Epigramm^ in welchem die 
Nymphe um Schonung ihiss ^Schlummers bittet^ au6 Gruter, thes.inscr. 
CLXXXIL 3. angeführt wird. 

*• Hör, carm. 11. 19. 



272 



gehen musste, erpbt 3ich aus der ganzen Art und Weise 
des. antiken- Lebens. Wie Religion, so Hessen auch Vater- 
landsliebe und Nationalstolz das Interesse für Werke der 
Kunst nie erkalten. In tausend Fasern war die Statu^^ init 
der griechischen Welt gleichsam verwachsen; für uns ßbet 
ist sie nur eine aus dem 2iusammenhange eines grossen 
Lebensbuches herausgerissene Stelle, ein todtes, oft unver- 
ständliches Fragment. Unberührt von einer Theorie, welche 
jed^ stoffartige Interesse als Entwürdigung der Kunst ver- 
wehrt, sah der Athenienser die Statue des Miltiades im 
I^ytaneum, schon weil es die des Miltiades war, mit ganz 
andern Augen an, ala der Moderne dessen Büste in Viö- 
conti's Ikonographie. Durch dies Interesse für den Stoff 
wurde gewissermassen das Wirkliche des Bildes, noch wirk- 
licher, der poetische Schein eben dadurch um so poetischer. 
Ein Vater mit zwei Söhnen von Schlangen umschnürt, wahr 
und lebendig dargestellt, mag an sich ein würdiger Gegen- 
stand sein, und seinen Begriff erschöpfen. Dem Griedien 
war es nicht gleichgültig, dsss dieser Vater ein gottgeweih- 
ter Priester ist, dass diese Schlangen, die ihn umstricken, 
an sdner hohen Gestalt, nicht das Bedürfniss ihr,es Bauches 
stillen, sondern ein göttliches Strafgericht vollziehen. Be- 
stimmte Namen für antike Statuen aufzusuchen ,. ist ni^^ 
immer, ßin müssiges unfruchtbar^ Spiel- der Archäologen^'^ 
Dieselbe Genauigkeit, welche in der Religion den luftigen 
Gestalten des Mythus eine f^te geographische und genealo- 
gische Unterlege gab, ;duldete auch in der Kunst k^ne Lfeb'er- 
zahl von namenlosen.Bildern. Man liebte es, wenn das Bild 

'^ Am stärksten hat sich gegen diese Sitte der Archäologen Zoega 
erklärt in seinen Bemerkungen zum Mus. Pio-CIem. S. Weckers Zeit- 
schrift p. 312. 13. Gewiss muss nicht gerade jede öri^ovöa eine Victpria 
sein. Wer würde ab^r z, B. den Splanchnoptes des Stipax nicht für eine 
blose Künstlergrille halteQ? Und. doch stellte diese. Statue eine ganz be- 
stimmte Person, einen Sclaven des Perikles vor. cf. PUn, h. h. XXXIV. 
19. p. 656. SiWtflf, eatal. art. p. 431. 279. 



273 



auch nocb in einem andern Sinne sich aoflsprach ; tue Statae 
trat dem Beschauer noch um einen Scbiitt näher, wenn sie 
des Namens nicht entbehrte, dieses Symbol eines persönli- 
chen, menschlidien Verhältnisses. — 

Die grosßen Schöpfer und Verbreiter der poetischen 
Sagen, ein Homer und andere, waren Männer des Volkes. 
Ihre Cresänge gingen von Mund zu- Mund, sie wärep tief 
iif s innerste Volksleben eingewurzelt. Ein reichier Votrath 
poetischer Ideen und Bilder ist daher in der Einbildongä- 
kraft eines jeden Griechen vorauszusetzen. Auch dies kam 
der Beseelung des plastischen Bildes zu Statten. l)er Dichter 
übte zum zweiten Male schöpferische Kriail aus. Ja, wenn 
auch eine abstracte Eunsttheorie in Griechenland vorhanden 
gewes^a. wäre, und zwischen Plastik und Poesie .wenigstens 
eine Scheidung von Tisch und Bett zu Stande gebracht hätte, 
— unwillkührlich musste das Bild des Jupiter, der Minerva, 
wie solches aus den. Gesängen des Homer geläufig war, steh 
in die Bekachtung der l^t^tuen dieser Gtötter mischen. 

Man wende nicht ein, dass ans einer Poesie, welche 
selbst plastischen Charakter blatte, in Absicht auf Beseelung, 
auf energische Leb^swärme, der bildenden Kunst kein er- 
heblicher Vortheil hätte erwachst! , und die Berührung bei- 
der Künste nichts zur- Folge haben können, als dass sie in' 
eine einzige. Eismasse zusammenschmolzen. Unter dem -pla- 
stischen Gharacter der griechischen Dichtung ist nichts anderes 
zu denken, als Anschaulichkeit aller Bilder, Bestimmiheit 
aller Gedanken , Eigenschaiteti , ohne welche das Wort, des 
Dichters so wenig in der Einbildungskraft des Hörers Ge- 
stalt gewinnt, als die ägyptische Statue fllr einen Act wahr- 
haftiger Beseelung empfänglich ist Begreift man aber darunter 
die sogenannte plastische Kälte, eine seelenlose Objektivität, 
sef s unter der Firma des Lobes oder Tadels, so heiisst dies 
die antike Dichti^unst iün Inneroten missverstehen. ^ Auch 

'' Z. 6. nCrpechenlftnd aelbet war kalt nnd ohne Oemüth. Im Ifythus^ 

■Feuerba.ch,,der vaticanische Apollo. 18 



274 



die griediisdie Poesie ist nur als ein Torso auf uns gekom- 
men, nicht blos^ weil ^n grosser' Theil des Besten verloren 
gegangen, ein anderer Theil nur verstümmelt und- leider 
auch ergänzt vor uns liegt. Wie viel von ihrer Ursprung- 
lidien Wirkung muss die antike Poesie schon idarum bei uns 
verfehlen, weil wir keine Griechen sind. Auch die Dicht- 
kunst hatten die Alten nicht so hoch in. abstracto gefasst, 
da(M der Stoff nicht zur Wirkung der Form hätte beitragen 
dürfen, dass der Grieche das Wort des Dichters nur ttls 
H{»rer hätte hören dürfen^ nicht aber zugleich als Grieche; 
als Dienar dieser Götter, als Bürger dieses Bodens. Mit 
Kampfbegierde das Zuschauende Volk erfüllt zu ha1)en, war 
der Stolz eines Aeschylus» >des tiefsinnigsten: unter den Tra- 
gikern. ^' Was ist uns ein. Götterbild im Antikensaale ? was 
ein pindarischer Lobgesang auf olympische Balgereien? — 
Zweitens kennen wir die gesanunte griechische Poesie nur 
aus der Relation des Buchstaben, und können folglidi von 
ihrer Wirkung nur so viel ahnen, als ein bioser Contur zur 
Vbrstälung ejuer Statue berechtigt Und doch beruhte das 
VTesen der griechischen Poesie auf dem lebendige Worte. 
Endlidi ^^. und damit ist .der grösste Theil ihrer Wirkung 
flir immer und unersetzlich für- uns ' verloren — erhielt die 
Poesie ihre schönste Vollendung erst durch musikalischen 
Vortn^^ durch Gesang oder Recitation^ von Zither- oder 

wo sich cti&a €temütli am ersten verräth, ist kein Zug von Wärme und 
Xiebe, lind bis Eür späten yicüimiayä^ia hin ist kalte moralische Grazie 
alles. Darum musdte dem Griechen* aus derselben Ursache^ wie ihm zu> 
erat f^id aUein (Las Epo0 glücl^, das Drama .misaglücken.» Denir hi^r 
wurde sdne epische Kälte Frost ^ Kanne: Erstb Urkunden der Ge- 
schichte I. p. 8. 

* ** 'Aüajka ftot^cig ''ÄpBpg- ^sörov — (J. ftolov;^ r— rovg iitr- ifrl 

"O d'Husdßuvag irag «v r<g dv^, i/fiöd^ Sdiog slvai, 
Worte des Aeschylus im Äristoph. ran. 1048. cf. 1053; besonders 
1056t, wo Aeschylns des* Orpheus, Jiusäuff, Hesiod und Homer gedenkt. 
Der Rohm eines jeden dieser Uidichter war: oti x^^' MSai*. 



275 

FltHenklang begleitet; also durch Beihulfe einer Kunst, welche 
mit rein magischer .Glewalt die Geflihle des Menschen be- 
herrscht, zur höchsten Begeisterung, ja zur Leidenschaft- 
lichkeit entflammt, und die Einbildungskraft zum freisten 
Schwünge befittgelt. ^ Es mag eine blose Spielerei gewesen 
aedn, wenn Demetrius die Schlangen am Bnifithamiach seiner 



276 



Etwas ähnliches, nur der Würde der Kunst noehr angejpies- 
seHes, fand tibßrajl statte wo eine andächtige Menge ^ir 
heiligen Feier, unter dem Klang der Flöten und Gesänge, 
um die Statue des Gottes versamnielt war. Zu wielcher 
Stärke. und Tiefe der Wirkung mag da das plastische Bild 
im Verein mit Dichtung, Musik und Religion sich erhoben 
haben! Hier war. noch mehr als die paradoxscheinende For- 
derüng Novalis, erfüllt, dasa man plastische Kunstwerke nie 
ohne Musik sehen, und musikajische nur in schön dekorir- 
ten Sälen hören sollte. 33 

In einem noch buchstäblicheren' Sinn endlich wurde der 
griechische Bildner in jenen Werken Dichter, welche mit 
der Schönheit und Naturyrahrheit der Form zugleich allego- 
riäche Bedeutung verbanden. Die ringenden Knaben zu 
Olympia i Eros und Anteros^,^^ jene Liebesgötter, welche 
mit 'den Waflfen des Kriegsgottes spielen, den Löwen zäh- 
men oder auf dem Rücken gebändigter Centauren rßiten, 
selbst der Kairos des Lysippus in seiner allegorisch didactisehen 
BedgutuBg, .was sind diese Werke anders als lieblich bedeut- 
same Spiele einer dichtenden Phantasie? Ein ganzes Füll- 
horn poetischer Blumen ist noch an römischen Sarkophagen 
über die Ruhestätte der Todten ausgegossen —^Ein wahr- 
haft unerschöpflicher Reichthum feinsinniger Anspielungen, 
Die bunte Reihe mythischer Bilder, wftlche hier durch den 
Ort selbst, zu dessen Schmuck sie dienen, eine neue und 
tiefere Bedeutung gewannen, lassen sich Mätirchen verglei- 
chen, womit ein gemüthvoller Dichter die Stunden des Trüb- 
sinns wegzutäuscl^en weiss. Selbst da, wo es. um reinhisto- 
rische Erinnerungen zu thun war, webte der griechische 

ypa^r^j nai o Öfpariorriq ißXicrero*, rov jtiXovg ivapyeötipav rijv f>avTciölav 
Tov ix/Sorjd-BVTog in nai ^iuXXqv aafaÖTrfiavrog. 

Aelian, var. lustor. IL ^! p. 189. ^, ed. G'ronov. 

^' Nerval i 8 Schriften n. p, 129. 

'^ PaHsan. VI. 23. 5. p. 404. 



277 



Bildner oicht selten eine Bluoje der Dicht^n^ ein. Die 
Statue des Chabrias zeigte diesen Helden in der Stellung, 
in welcher er wirklich den Sieg errungen hatte. ^^ Ander- 
wärts aber waren rühmliche Thaten in dei; Statue nicht 
historisch, wie ment es zu nennen hätte, sondern poetisch 
verewigt worden. Eine argivische Dichterin hatte die Frauen 
bewaffnet, und an ihrer ISpitze heldenqiüthig die Feinde von 
den Mauern ihrer Vaterstadt zurückgeschlagen. Ihre Bild- 
säule sah nran in einem Venustempel zu Argos. Zu -den 
Füssen der Telesilla, so hiess die Heldin, lagen weggewor- 
fene Bücher, und die Blicke der Jungfrau ruhten auf dem 
Helme, mit dem sie sich zu rüsten im Begriff war.^ Ein 
acht poetisches Sinnbild einer historischen That! — 

In Reliefs, den flgurreichen besonders^ ist die dichteri- 
sche Composition und Bedeutsamkeit zum typischen Style 
dieser Kunst geworden; Die natürlichen Dimensionen des 
Raumes ^eind willktihrlich einem inneren Bedürfnisse unter- 
geordnet, die entfernteste» Gegenstände auf eine Art zusam- 
mengerückt, wie dies nur dem Pluge der Gedanken, der 
Einbildungskraft des Dichters erlaubt ist. Statt einen einzi- 
gen Moment herauszuheben, ist oft die Handlung in einer 
ganzen epischen Reihe d6tn Auge gleichsam vorerzählt; 
Nebendinge, wie architektonische Gegenstände, sind nui: 
angedeutet,^ so wie der Dichter, statt ausführlich zu schil- 
dem, nur ein Wort zu nennen braucht, um das vollständige 
Bild einer Sache hervorzurufen. Landschaftliche Gegenstände 
erscheinen personificirt, und als theilnehmende Zuschauer; 

^^ €orn., iVep. Chabrias c. 1. 

*** Kai ßißkia ßhv ixelva ippiarai oi (Tpog roig cioöLvy avTJ Sä ig 

Pausaü, n. 20. 8."^ p. 127. 28. ' * ^ 

" Siehe Meyer zu Böttige^'s aldobraiMlimscher Hochzc^it p. 178. 
und des letztern Ideen zur Ai:chäoloffie der Malerei p. 399^be0onders auch 
noch T öl ken's Schrift über das verschiedene Verhältniss d^r antiken und 
mod^rneA llfalerei zur Poesie, 



278 



Ja die Gefühle und Motive der handelnden Pei^sonen, als 
Amorinen, als Furien aus dem Innern herausgehoben, und 
vor das Auge gestellt. Der Beschauer ist in eine durch und 
durch nach eignen innem Gesetzen ijonstruirte Welt versetzt 
Wie Homer mitten in das Gewühl der Wirklichkeit «eine 
allegorischen Gestalten einführt, oder den Gang der Erzäh- 
lung mit einem Bilde oder einer weisen Sentenz unterbricht, 
so ist dort die Wahrhaftigkeit wirklicher Personen mit alle- 
gorischen Figuren und symbolischen Andeutungen zu einer 
innern poetischen Einheit verknüpft. Auch von. dieser Seite 
hatte Phidias ausserordentliches geleistet. Denn die malerisch 
optische Wirkung war nicht der einzige und letztie Zweck 
des^ reichen Schmuckwerkes, womit er seinen olympischen 
Jupiter umgeben hatte. Die Bilder der Heroen und Victo- 
rißn , des Herkules Feldzug gegen die Amazonen , der Tod 
derJNiobiden, die kinderraubenden Sphinxe, der erst^ Kampf 
der Athener mit Barbaren, dann Himmel, Erde, uod Meer, 
von Göttern belebt, unter ihnen Venus, die aus dem Schaum 
auftaucht, und' von Anior b'egrüsst, von derPeitho bekränzt 
wird, 

„Tliaten der Männer und Götter, so Viel im Gesänge berühmt sind:" 

alle diese BiMer scheinbar i^ur darauf berechnet, die sinn- 
liche Pracht und Grösse eines erscheinenden Gottes zu ver- 
stärken, hättßn zugleich die Bestimmung, seine. Bedeutsam- 
keit zu erhöhen.. In ihren tnythischea, kosmographischen, 
und. selbst ethischen Beziehungen,, war dem Beschauer eine 
unerschöpfliche Quelle der mannichfaltigsten Bilder* und Ideen 
aufgeschlossen. Bei dem ersten Anblick von der cplossalen 
Masse des Ganzen verscMungexi , entwirrten sie sich dem 
Nähertretenden wie ein glänzendes Chaos zur halben Welt 
des Weltbeherrschers. Innerlich aber mit dem Begriflf des 
Jupitei;§ unzertrennlich verknüpft, änsserlich immer wieder 
als die untergeordneten Theile eines grösseren Gan^a sich 



279 



erweisend, erschien dieses Schmuckwerk nur als die voll- 
ständige Entwicklung einer einzigen Idee. Alles rundete 
sich in der Einbildungskraft des Beschauers zu einer kunst- 
voll gegliederten Hymne, welche dann in der Illusion der 
Gotterscheinung' selbst, zum höchsten poetischen Momente, 
zur unmittelbaren Berührung des GröttUchen sich erhob. 



280 



XIV. 

— — *0 ydp'dva^ dvo 
KoLTo TiMg fitstöt ft4Xad'pa 
TaSsf diSg yovog Aiowöoq. 
(Eurip.) 

Eft Würde zu weit führen , wenn ^un noch gezeigt wer- 
den sollte, dass der scharfe Gegensatz der modernen Philo- 
sophie zwischen bildender und redender Kunst den Alten 
eben so wenig theoretisch als praktisch geläufig war. Es 
o^ag genug sein, auf die bekannten Parallelen liinzuw^is^i, 
welche Dionys von HaMkarnass, Cicero und Quintilian gelbst 
zwischen der schönen Red^ünst und Plastik ziehen/ Auch 

^ Cicero, orator c. 18. Dumifi. HcMc. im Isaeus c. 4. Opp. ed. Kei^ 
Vol. y. p. 591. Demoitk. p. 194. — Qtänt. inst, orat XU. 10. Homer 
wird voB den Alten geradehin der grösste Maler genannt. lAidan. imag. opp. 
V. p. 144. At ejus picturam non poesin videmus. C(c. Tose. Y. 39. 
Tollten sagt: „Fast allenthalben, wo sie (die Alt^) von einer dieser. 
„Künste (der Poesie und Malerei) reden, wird auch der andern gedacht 
„Horaz eröffnet seine Dichtkunst mit einem Gleichniss, das von der Ma- 
lereihergenommen ist, und unterwirft in weltbekannten Versen mehr als 
einmal beide denselben Gesetzen. Ganz übereinstimmend äussert sich Aristo- 
„teks in der Poetik. Die Philostrate dagegen berufen sich in den Einleitungen 
„ihrer Gemäldebeschreibungen auf die Poesie. So nahe wurden Poesie und 
„Malerei zusammengerückt, dass Plutarch behaupten konnte, beide Künste 
„seien dem Zweck und den Gegenständen der Darstellung nach, ^e und 
„dieselbe, nur unterschieden durch die Mittel und Art der DiurstelluBg.^ 
lieber das verscb. Verh. der antiken tfnd mod. Malerei p. 6. 7. 



» 



n 



281 



s^ mit alle dem bisher gesagten der modernen Theorie 
keines ihrer wohlbegründeten Rechte abgesprochen. Es gibt 
Gränzlinien , welche flir den Künstler unserer l'age nicht 
scharf genug gezogen werden können. Deon es ist dieser 
durch <üe verwickelten Verhältnisse unseres Lebens, durch 
die fast- totale Verbannung der Natur ohnedies dner Menge 
von Verirrungen blos gestellt, gegen welche der Grieche 
schon, durch die eibfache,. natuigemässe G^taltung des an- 
tiken Lebens geschützt war. Die Griechen haben, wie wir 
sahen , absichtlich die Plastik nicht von malerischen Momen- 
ten frei gehalten, und doch keine beminische Schule ge- 
kannt Dafür bewegte aidb • aber auch bei jenem, hoch be- 
günstigten Volke alles Irei und ungezwungen nebeneinander 
und ii^einander. Denn — was sprech^i wir bloa von bil^ 
dender und redender Kunst? — 

Die Verehrer Homers sahen in seinen Werken den In- 
begriflf aller Künste niedergelegt. Sie hatten in gewissem 
Sinne recht gesehen, und nicht zuviel gesagt. Aber alle 
Künste, welche in jenön grossen Dichtungen, gleichsam noch 
wie Kinder um ihren Vater, versftmmeli sind, blieben sich 
auch dann noch verschwistert, alö sie mündig geworden, 
dfts väterliche Haus verlassen hätten. Wir bemerken einen 
steten geheimen Zug, sich wieder nahe zu rücken; von del* 
Bühne herab uQd aus den Tempeln reichen .sie sich die 
Hand, und der homerische Heldengesang wird mn lebendi- 
ges Epos, in welchem nun Maler und Bildner, Sänger und 
Dramaturgen die handelnd^ Helden sind. Wenn die Pla- 
stik von ihrer Schwesterkunst, der Malerei, den Schmuck 
der Farben borgte, oft durch die ganze Construction der 
Statue sich in die Fläche des Gemäldes verlor, so eignete 
sich die Materei dagegen durch Hervorheben des menschli- 
chen Organismus und fast gänzliche Ausschliessung des Liaad- 
schaftlichen, durch das reliefartige Nebeneinander derFiguren, 
den Charakter der Plastilc an. In beidai dann wieder das 



288 



sichtliche Streben, sich zur Bewegung und Bedeutsamküt 
der Poesie zu yergeistigMl Diese sucht sinnliche ümgrän- 
zung zu gewinnen und die unmittelbare G^fenwart der Pla- 
stik, während sie, auf der andern Seite, sich mit Musik 
verbindend, in das freie Gebiet der Einbildungskraft- und 
des. Gefühls entweicht. Der Musik selbst genügt ihre Ge- 
meinschaft mit der Dichtkunst nicht. Sie bewegt sich zu- 
gleich in Tane und Mimik der Plastik und Malerei entgegen. 
Es ist nicht zu verwundern, wenn bei einer so tiefber 
gründeten Wahlverwandtschaft die einzelnen Künste endlidi 
wirklich wieder zu einem unzertrennlichen Ganzen j als einer 
neuen Kunstform sich verschmelzten. Die olympischen Spiele 
führten die gesonderten Griechenstämme zur politisch reli- 
giösen Einheit zusammen; das dramatische Festspiel gleicht 
einem Wiedervereinigungsfeste der griechischen Künste. Das 
Vorbild desselben war schon in jenen Tempelfesten gegeben, 
wo die plastische Erscheinung des Gottes von: einer andäch- 
tigen Menge- mit .Tan^ ,und Gesang gefeiert wurde. Wie 
dort, so bildet, auch hier die Architektur! den Rahmen -und 
die Basis, durch welche sich die höhere poetische Sphäre 
sichtbar gegen die Wirklichkeit abschliesst. An derScenerie 
sehen wir den. Maler beschäftigt, und allen Reiz eines bunten 
Farjjenspiels in der Pracht des Costüms ausgebreitet. Dej 
Seele des Ganzen hat sich die Dichtkunst t^emächtigt, aber 
diese wieder nicht als einzelne Dichtform wie im Tempel- 
dienst z. Ö. als Hymne. Jene dem griechischen D^tuna so 
wesentlichen Berichte des Angelos und Exangelos, oder der 
handelnden Personen- selbst, führen uns in das Epos zurück. 
Die lyrische Poesie hat in den, ieidenschäftlieh.en Scenen und 
im Chor ihre Stelle, und zwar nach allen ihren Abstufungen, 
voii dem unmittelbaren Ausbruche des Gefühls in liiterjec- 
tionen, von der zartesten Blume des Liedes . an. bis zur 
Hymne und Dithyrambe hinauf." In Recitation, Gresang uDd 
Flötenspiel , und dem Taktschritte des Tanzes ist d^ Ring 



283 



noch nicht völlig geschlossen. Denn wenn die Poesie das 
inn^*ste Grundelem^it . des Dramas bildet, so tritt ihr in 
dieser ihrer, neuen Form als zweites Grundelement' und Ge" 
gengewicht die Plastik entgegen.* Letzteres ist so scharf 
ausgeprägt 5 dass bei der griechischen Tragödie gar nicht 
mehr Mos von jener Plastik die Rede sein kann, welche 
darin bestünde, dass das. Drama im Gegensatz mit dem Epos 
eine Handlung nicht blos erzählt, sondern als wirklich ge- 
schehend vergegenwärtigt. Diese natürliche Plastik der dra- 
matischen Poesie, wie man es nennen könnte, ist auf dem 
griechischen Theater zu einer neuen eigenthümlichen Form 
der ästhetischen Plastik geworden. 

So träte uns unerwartet mitten aus dem - Kranze der 
griechischen Künste das treffendste Gegenbild der Plastik 
selbst vor Augen! Wir sähen einer Plastik, welche zum 
Leben und zur Seele der Dichtkunst äu erwarmen strebte, 
eine Dichtung gegenüber, die sich ganz und gar in die Ruhe 
der Plastik versenken will. Es kann freilich nicht mehr 
unsere Absicht sein, diese Seite der Tragödie erschöpfend 
darzustellen, zumal da die plastische Hidtung des antiken 
Drama, ihren Hauptzügen. nacTi, durch die Forschungen der 
vollgültigsten Kenner des Alterthums längst in ein unzwei- 
deutiges Licht gestellt ist. Lassen wir nur einzelne flüchtig 
gezeichnete Bilder -des griechischen Theaters an uns vorüber- 
gehen. Unser Auge gewöhne sich an den' Anblick drama- 
tischer Gestalten , welchen nur noch eia Schritt weiter fehlt, 
um ein plastisches Bild im eigentlichsten Sinn des Wortes 
zu sein. Es wird dann nichts überraschendes für uns haben, 
wenn wir in der dramatischen Dichtung eine neue, und 
nächst der e{»sohe&, die ergiebigste Quelle der griechischen 
PJastik erkennen müssen, und endlich mitten 'unter ein^ 
Reihe voff Bildwerken , welche ihren Ursprung zunächst dem 
Theater danken, auch den vaticanischen- Apollo wieder finden. 

Braucht man doch- blos die Art des Stoffes in's Auge 



284 



zu fassen, welcher den dramatischen Dicjatter beschäfligt, 
um sich sogleich wieder auf den Grund und Boden der 
Plastik versetzt zu sehen. Weder der nächsten WirklicK- 
keit, oder der Geschichte entlehnt, noch viel wefliger'will- 
kührlich ersonnen, fiült die sogenannte Fabel des Stücks 
dem Urquell der plastischen Ideale , der Götter- und Heroen- 
Welt anheim. Damit ist zugleich das einzig denkbare Ver- 
höltniss des ßtoflfes zum Beschauer «in für allemal festge- 
stellt. Der. Glaube des Volkes an die Sage der Väter, die 
Hochachtung des Alterthümlichen, Nationälstolz und die Hei- 
ligkeit der .dramatischen Festzeit sichert der Tragödite schon 
von Seite des Stoffes die- Wirkung einer wesenhaften Wirk- 
lichkeit. Doch auch die Statue wa^ nicht blos dei* wirkliche 
Gott, 'sondern zugleich der Träger seiner poetischen Idee, 
und so vereitelte auf der andern Seite die vertraute Bekannt- 
schaft des Volkes mit dem factischen Gegen$tande des Dra- 
ma-'is jedes blos stoffartige Interesse. Das Drama stapd im 
Voraus schon wie der Schattenriss einer Gruppe, wie die 
Cönturen einer Statue, von Seite des Inhalts, theilweise 
selbst der Form , als ein geschlossenes Ganzes vor der: Ein- 
bildungskraft de& schaulustigen . Volkes 5 und wie dort im 
Tempel, der Genuss des Betrachtenden darin bestand, dass 
in der Dauer des Schauens -inimer klarer und in^ig^ - die 
läjsgst gekannte Idee eines Jupiter in dieser StQ,tue von Neuem 
sich c^enbjEbrte, so war das Interesse des dramatischen' iSe- 
schauers kein anderes, als. jene Umrisse sich füllen und 
runden, das Phantasie -Bild Qer Fabel in der Darstellung 
sich verkörpern zu sehen. Euripides hat den gegebenen 
Sagenstoff . theilB willkührlich genug behandelt, theils Sagen 
gewählt, welche nicht zu den gangbarsten gehörten. Weit 
entfernt aber hieraus ein^a gemeinen Vortheil zu ziehen, 
hat eip. diesen vielmiehr gleich von Vorne herein durch seine 
Prologe absichtlich vereitelt. Dies fand selbst, noch in der 
s.. g. neuen Koniödje statt, wo doch die Wirkung des Stückes, 



285 



einem grossen Theile nach , auf der Erfindung einer neuen 
künsäich yerwickeltei^ Fabel beruhen musste. Der Dichter 
hatte ala Prologus das Geschäft eihea Tempelexegeten über- 
nommen , welcher dem schaulustigen Wanderer mit seiner 
Interpretation der Kunstdenkmale über das prosaische Be- 
dürfniss der Neugierde, dm^ch schnelle BefHedigung dessel- 
ben, zum tieferen Kunstverständniss hintiberhilft. 

Mit der Fabel des Stückes waren natürlich auch, die 
handelnden Pe;*soncn für d:en Dichter ein schon Gegebenes. 
So fand d^ bildende Künstle seine Idealgestaiten schon in 
den homerischen Gesängen vor.. In der Hand des Bildners 
jedoch war die mythische Gestalt, als unter die Bedingungen 
einer fremden Kunstfü?t* versetzt, von Neuem zu erfinden, 
und gleichsam umzudichten. • Dem difamatischen Dichter 
blieb eigentlich. nur dife Aufgabe, den überlieferten Cäiarak^ 
ter weiter durchzuführen, ihn langsam als bildender Künstler 
zu vollenden. Wie die Idee der öötterstatue von einer Werk- 
stätte des Künstlers zur andern , von Epoche zu » Epoche 
wandert, um sich, in eigenthümlichejr Idealität immer fester 
abzusehliessen , ^immer gründlicher durchzubilden, bis sie 
endlich auch wohl ent^-rtet, im, Mechanismus einer blosen 
Kunstgewohnheit e^ckaltet, und in's Allgemeine verflacht: «o 
vererbten sich diö Charaktere eines 'Oedipus, eines Orest, 
von einer Hand des Draiiiaturgen in die anda-e. Sie durch- 
laufen, der Götterstatue parallel, alle Stadien eipes sich 
folgerecht i^eiter gestaltenden Kunststyls, Auch diesejstehen- 
den Charaktere dei' Bühne stellen sich nicht als abstracte 
Cl^araktertypen jäar, nicht al9 allgemeine Begriffe in blossen 
Per^onifieationen versinnlicht. Wie die Minerva eines ;^hi- 
diäß^ so ist und bleibt die Elektra des Aeschylus und So- 
phokles ein reines Individuuna, freilich ein Individuum in 
seiner Wesenhaftigkeit erfasst, und dadurch zu rednmenseh- 
lieber Bedeutung geadelt, ein. plastisches Ideal. Nur in den 
untdrgeordneten Figuren scheint Persönlichkeit mit dem 



286 



blosen Begriffe ihres Standes oder ihrer augenblieklichra Be- 
stimmung yertanscht. 80 Verhält sich der Bote zu seiner 
R«]le nury wie der Rhapsode zum Epos. Meist aber sind 
selbst die allegorischen Personificatiohen zu wirklichen .Per- 
sonen geworden, und dem Eratos bei Aeschylus ^z, B! muss 
eine ganz eingefleischte Individualität zugestanden werden^ 
wodurch es, so zu sagen, als ein innerer Beruf dieses Wesens 
erscheint, an den Thronstufen eines lyranneh Repräsentant 
seiner Gewalt zu sein. Als die Olieder ein^ grossen Ganzen 
betrachtet, treten die einzelnen Ctiai^ktere der ^echischen 
Tragödie in fester Umgränzung auseinander, ohne darum 
durch gesuchte Contraate sich malerisch zu heben, ohne sich 
zu decken und zu verschatten. Sie isoliren sich wie Statuen, 
jede gesondert auf sich selbst blühend, keine in dämmernde 
Lufkperspective sich verlierend, alle, «wich .die Nebenfiguren, 
in der. gediegensten Vollständigkeit t)ie Handlung selbst 
ist nur selten das Ergebniss verschiedener sic^ >yiderstreben- 
der Motive, der Wecliselbestimmung,- der Modification eines 
Charakters durch den andern,, sondern mäst nur eines ein- 
zelneu Entschlusses, der Vollzug eines höhern Willens , oder 
das Aus-sieb-Heraustreten. einer einzigen grossen Individua- 
lität, welcher diettbrigen wieder selbst mehr bei* als;unter- 
geordn^t sind. Im Prometheus und in den Persem des 
Aeschylus sind die Charaktere zu einer bloö gesellschaftlichen 
Statuengrnppe zusammengetreten. — 

Leiden8ch€ift und Affect haben in der griechischen Tra- 
gödie den weitesten und freiesten Spielraum. Ja , was auf 
der modernen Bühne kaum rnehr vorkommen dürfte -r' der 
Schmarz des leidenden Philoktet, des rasendefa* Herkules -— 
rührt nicht blos unser Herz, er stürmt mit sinnlicher Ge- 
walt auf unsere -fiänne' ein. '^ Die eigentlidie Seele aber der 



* Anders läset sich die Wifkung jener häufig>en volltönenden Inter- 
.jectionen nicht denken. • Dabei di^ nieht übersehen werden, daos man 



287 



leidenschaftliches Scene besteht iti einem gewissen Schwaben 
zwischen einer stricten Natupmacbahmung und rein ideeller 
Kunstumbildung. Der^ Affect ringt mit der Strenge der Kunst- 
form ^ ßr strebt ihre Schranken zu durchbi^echen , mn seine 
Gewalt in ihrer ganzen natürlichen Stärke geltend zu machen.^ 
Dagegen bietet die Kunst ihre r erdoppelte Kraft auf. Kaum 
da^ der Schmerz in jenen wilderen unmittelbaren Ausbrüchen 
sein Dasein kund gegeben hat, so berührt sie ihn mit ihrem 
Zauberstabe, und was in .der Würldichkeit sich mit der He- 
gelloßigkeit eines convujsischen Puisea folgt, wird zum Tacte 
rhythmischer:. Bewegung; ein symmetriseha: Strophenb&u 
drängt diß einzelnen Stadien der Empfindung auseinander, 
und aas der lakonischen Kürze jener Schmerzenslänte, die 
nur hiqr und dort noch wieder zum Durchbrueh kommen, 
geht die schöne Fülle einer kunstvoll verschränkten -perio- 
dischen Sprache hervor. Ein unerschöpflicher Reichthum 
klarer, festgezeichneter Bild^ vereinigt sich endlich noch 
mit einer Breite und Stetigkeit der Ausführung, der^n na- 
türii^es Resultat kein "anderes sein kann, als ein feirthin- 
gestelltes, vollständiges Bild des Aflfectes. Ja, es scheint 
d^ Affect nicht selten, einer blos abstracten Plastik anheim- 
gefallen, von. jeder Individualität losgelöst, nur die reine 
AUgeipeinbeit seines Begriffes darzustellen. Diese Breite der 
Ausführung, dieses Festhalten jedes Momentes ist überhaupt 
der antiken Tragödie eigen. Keine Saite wird angeschlagmi. 



8ie häufig schon hinter der Scene vörtöneB hörte ^ ehe die leidende Person 
selbst erschien. So Soph. Ajax v. 333. ft v. 896. ff. 

^ Man vergleiche die Klage der sophokleischen Elektro t. 825. £F. 
830. ff. niit fhretii Klagegesang im Anfang des Stückes. Sehr charakte- 
ristisch sind in dieser Beziehung die Erzählungen der Alten von Schau- 
spielern, welche die tragische Wirkung des Affectes durch die^ reine Wirk- 
lichkeit desselben zu erreichen suchten, wie denn Polus in der Rolle der 
Elektt^ den Aschenkrug sdnes eignen Sohnes umarmend -^ oj^levit mn- 
nia- non simulacris neque imitament^s sed kictn atque Jamenüs veria ei 
spirantibus. *AaL GeU, noct. Att. VII. c. 5. 



288 



welche der Dichter nicht bis znr letzten,. leise$ten Sclr^jn- 
gUDg ausbeben liesse. Manchmal ist es in^ der Hwit nicht 
anderd, als hätte die Darstellung nur eine schon gegebene 
mathematisch umsdiriebene Fläche, wie den Raum eines 
Giebelfeldes auszufüllen.^ Ueberall ist das Bestreben sicht- 
bar, der vorüberfliehenden Zeit, unter der Maske des Dauern- 
den, das Bleibende des Räumlichen anzutäuscheu , auch 
den flüchtigsten McMnent der Bewegung in die ruhige G^enc- 
wart einer plastischen Anschauung festzubannen'. So hatte 
der Bildner im Gegentheil sein ruhendes (Jebild- in die Be- 
wegung des Zeitltehen hinübergespielt Im^ Gange der dra- 
matischen Handlung selbst endlich, nirgend ein stürmischem 
Forteilen , nirgend ein "plötzliches Abceiasen des Fadens durch 
Einen entscheidenden Schlag, überall ein ruhiges Verweilen, 
zögernde Bewegung. — .- ... 

Recitation , Gesang, und Mimik müssen denselb^;! Greist 
geathmet haben. ' Eine besondere Vorrichtung der Maske 
verstärkte den Ton, und musste ihn verstärken, weBur der 
ymfang eines griechischen Theaters gefüllt werden sollte.^ 

^ Dahin gehört z. B«. die nack unsem B^priffto unnpthi^e and «gegen 
alle Walirscheinlichkeit verstodsende Umständlichkeit, mit welcher der Chor 
den Ajax oder den Oedipus sucht. — Sqp^. Ä^ax v. 665 flf. Oed. Cfkwi. 
V. 117 ff. — Die Unentschlossenheit des Chors während der Ermordung 
des AgamemMUi. Attf^, Agam. \, 1335 ff. - . : ■ 

^ Recitation und G M wa g- waren die Grandelemente des Antiken tragi- 
schen Vortrags. Letzterer bleibt den Strophen des Chors und den lyri- 
schen Monologen oder Wechselgegprächen der handelnden Personen vorbe- 
kalteiji. Doch darf auch die Recitation nicht im Sinne u^iseres dramatisdien 
Gespräehtones genommen werden.' . Sie verhält sich gewiss zu deip eigetit- 
liehen Gesänge wie unser Recitativ zur Arie- etc., wobei dann freilich nicht 
zu übersehen ist^ dass sie unsenn eigentlichen Recitativ so' ferne gfestan- 
d^ haben mass, als der griechische (^orvortnCg den gebundenen Gesang- 
parthieen unsrer Oper. Yergl. darüber Bürlhez, rech, sur )a d^amation 
tb^trale des anc. Grecs et Rom. u. Gendli 1. 1. p. 132 ff. 

* Dazu pa^ßt denn auch dei* weitgeöffnete Mund, den Lucian aa&- 
drücklich.anu^ den tragischen Masken beilegt. Iro/ua nsYfirog ttdfkfjtsyci, 
de Salt opp. IV. p. 363. In den späteren, komischeu Masken ist diese 



289 



Diese mächtig aushallenden Töne aber würden , schnell hin- 
tereinander ausgestössen, sieh verwirrt, in ein unverständ- 
liches Gemurmel sich verschlungen haben, und dem athe- 
niensischen Publikum wäre nie der Triumph geworden, eine 
falsche Wortbetonung auszuzischen. Sie . erförderten dne 
wohl abgewogene Hebung und Senkung, ein gehaltenes 
Tempo, und in gehörig vertheilten Intervallen ihre Pausen. 
Rasche Beweglichkeit der Glieder, hastige Wendungen, 
waren schon durch die langen faltenreichen Gewänder des 
Theatercosttims und durch den. Kothurn erschwert, und das 
Kleinliche, welches von Bewegungen der Art in der Regel 
unzertrennlich ist, v^trug isich weder mit der Würdie eines 
Herpen,, noch mit dem Vollgewichte eines Kolosses. Die 
Statue wiur in ihrer Nacktheit, wie der olympische Ringer, 
flir jede Bewegung empfanglich, welche die nackte, unge- 
hemmte Natur übt; die theatralische Gestalt wird durch das 
Gewicht und den ft*OBk tier Umhüllung in ein engeres 
Maass hinabgedrückt; sie sucht den festen Ruhepunkt eines 
cempacten Körperlichen mit derselben l^ntsch^enheit, mit 
welcher die Statue sich zu verflüchtigen, und der Basis zu 
entrinnen strebt. Die tragische Bewegung musste daher 
auch in einem rein künstlerischen Elemente aufgehen; sie 
gehorchte den^ Tactmaasse des Tanzes, war ruhig und be- 
stimmt, aber vom Schwünge der Musik elastisch getrag^, 
in der Leidenschaft höchst ausdrucksvoll, gewiss excenfaisch, 
und wie die Grösse des Theaters, das Gewicht des Kothurns 
Hnd ein lauthfeUender Maskenton es erheischte, weit aus- 
holend, imposant, selbst hochtrabend und gebieterisch. Schon 
das ' erste Erscheinen des Schauspielers muss ein rhyth- 
misch gemessenes, imposantes EinherschreitCEi gewesen sein, 
und das von Eüripides in den Fröschen des Aristophanes 

Bildung des Mundes absichtlich übertrieben karrikirt, zur volltönenden 

Muschel eines Tritons parodirt quem (Tritoaem) toto litore pontus 

Audit ventosa perflantem murmura concha. Lucan, I^hars. IX. 349. 
Feuerbach, der vaticaniscne Apollo. 19 



290 



bekrittelte ^x(o xcci xccxigxofie^i des äscfaylischen Orest ist 
sicherlich noch einer andern als blos philologischen Erklä- 
rung f&hig. ^ 

Sehlachten, Etimpfe und Mordscenen sind vom Schau- 
platze ausgeschlQßsen und hinter die Bühne verwiesen.. Be- 
sonders was die Mordscenen betrifft, hat man nicht erman- 
gelt, in dieser Verschleierung blutiger Greuel einen neuen 
Zug der griechischen Humanität zu erblicken, eine gewisse 
Schonung des Eunstbeschauers.^ -Damit will es aber schlecht 
zusammenstimmen, wenn in den Eumeniden der blutbefleckte 
Schatten der Ely temnestra , bet Euripides die halbzerschmet- 
terte Jammergestalt des Hippolyt auf die Bühne gebracht 
wird, und Orest in den Choephoren mit bluttriefenden Hän- 
dep von der That zurückkommt. • Ke Ausstellung von 
Leichen ist auf der griechsischen Bühne an der Tagesord- 
nung; *® und vergegenwärtigen wir uns die Wirkung, welche 
die Katastrophe im Agamemnon des AesChylus, in der Elek- 
tra des: Sophokles hervorbringen musste, so zeigt sich das 
Müderungsprincip ästhetischer oder moralischer Humanität 

^ ArÜtaph. ranae. v. 11*76 fL Die eigenthümliclie Bedentang des 
Maripyouai, wekhe Aeschykis in der bezeichnete^ Scene selbst zu seiner 
Vertheidigung anführt, ändert im wesentlichen nichts. Fast durchw^ 
wird schon der blose Moment ' des Erscheinens oder Erschienenseins fest- 
gehalten, ijxo doXi^^g rip^d xeXsvSov Siafieiipafierog, Äesd^, Prom. v. 284. 
cf. sept. 40. Choeph. 628. Mit besonderer Feierlichkeit bei de^ Göttern 
Vergl. unsere. Betrachtungen ü. Anm. 8. 

* Die erste Verlegung der Mords(5enen hinter die Bühne wird dem 
Aeschylus zugeschrteben. ro väo «fx^v^g dsro&vridiittif ittevorjö^v, &g iw^ iv 
^vipp ö^arrct, Phüostr* vita Apollon VI. 11. p. 244. ed. Olear. Und 
doch war es gerade Aeschylus, der kein Mittel unbeachtet Hess, ^ne er- 
schütternde Wirkung hervorzubringen. 

'» JBum. V. 94 ff., besonders v, 103. Hippol, v. 1327 ff. Choepk. 

V. 1045. 

*^ Versteht sich, dass es damit nicht ausschliessend blos auf Wir- 
ku^ des Schrecklichen abgesehen war^. Ct Süvern über histor. polit. 
Anspielungen des Sophokles in der Abh. der histor. philolog. Klasse. Ber- 
lin V. J. 1824. p. 29. 



291 



in seiner ganzen Niehtigkeit.. Es gilt hier so siemlich das- 
selbe, was früher über die Medea des Timomachus und 
andere Werkender bildenden und zeichnenden Kunst erinnert 
wurde. Zuverlässig musste und sollte auf der Bühne gerade 
das^ GreheimnissToUe, womit die Blutscene vor- sich ging, 
die Schauder derselben erhöhen , und wollte der Tragiker 
zum mindesten die. Steigerung bis zum Entsetzlichen ver« 
hüten, wiuiim liess er nicht das> Ang^stgeschrei der Sterben- 
den verstummen? *^ Er verhüllt das Auge, damit er um 
so sichern Erfolgea denjenigen unserer Sinne treffe, welcher 
am schneUsten, und tiefsten in die Region des lebhaftesten 
ICtgefühls, ja der peinlichsten Sympathie führt. ^^ So springt 
mit jenem Angstgestöhn gleichsam eine unbemerkte Thür 
auf, und lässt plötzlich alle Schrecknisse einer gefolterten 
EinbildungfiTkraft, wie die Schatten der Unterwelt, über die 
charonische Treppe in die klare plastische Welt der Bühne 
steigen.^* Es bedarf dann nur noch einer empörenden Herb- 

I 

*' Und auch dieses ist auf der attischen Bühne ganz an der Tages- 
ordnung. Äesch. Agam. v. 1335.^ ff. Soph. Electr. v. 1^96 ff. Eurip. 
Electr. V. 1098 ff. 

*^ Diese Eigenschaft ^ea Geh(M*sinnes war schon den Alten nicht ent- 
gangen. — jjy (r^v dxovÖTin^v äiö&ijötv) 6 Beo^^^rog ftad^riiuardTr^v 
elvai pr^ifl naöov' ovts ydq oparov aSav, are yevörovj an dttroVf iiufraöaig 
ini^ipercu nal rapa^dg xal nroiag rtjXixavragj i^XUou naraXafißdvovÖi 
rr^v ^v^ijvf nr-^fiov rivSv mal nardyov xai rjj^<9v r^ duo^ fr^ftaöinfrov. 
Plutarek, de andit. opp. ed. Xyl. n. p. 37. 38. 

'^ Ueb^rUickt man die griechische Darstellung eines blutigen Frevels^ 
in ihrem ganzen Verlaufe, so ist kein ^an, kein Kunstgriff dedkbar, 
wodurch sie an erschütternder .Wirkung hätte gewinnen können. ' Erst die 
weitausgefuhrten Vorkehrungen zur That ; dann das geheimnissvolle Dun- 
kel, in welches sie sich hüllt; endlich kommt sie in ihrenkschaudervoÜen 
Resultate, in der blutigen Leiche an 's Licht. Das haben selbst die Römer 
gefühlti Man lese die Erzählung von der Ermordung des Hiempsal im 
IM. Jugwrih. des Salhul. e* 12: Die Bande des Jug^rtha ist eingebrochen 
— dormientes alios, aTios oocursantes interficere, scrutari loca abdita, 
clausa effiringere; strepitu et tumultu omnia miscere, quum ffiempsal In- 
terim reperitur, occultan^ sese tuguriofnulieris andllae, quo initio pavi- 
dus et ignarus loci perfugerat. Nun eine Pause, die That selbst wird 



292 



heit, wie die Worte, mit welchen Elektra ihren Bruder zu 
einem zweiten Stoss ermuntert, ^^ um den äussersten Gipfd 
des Furchtbaren zu erreichen. Ausser dieser offenbaren Ten- 
denz, das Gemüth des Beschauers aufs Tiefste zu erschüt- 
tern, hat es jmit den Mordscenen dieselbe Bewandtniss, wie 
mit Eämj^en und Schl^tchten. Die Darstellung derselben 
blieb dem Bildner und Maler überlassen, IMeser -konnte 
aus dem rasch - sich drängenden Wechsel von Stellungen 
und Gelberden einen einzigen prägnanten Moment herror- 
heben, diesen dann mit voller Freiheit beherrschen, und 
d^n Cresetzen eines leichtfasslichen Xxanzen unterwerfen. Die 
Bühne aber, wo alles in seiner natürlichen Aufeinanderfolge 
Schlag auf Schlag, und ein Moment den andern verschlingend, 
hätte erfolgen müssen, würde die fluhe einer gemessenen, 
langsam fortschreitenden Statuengruppirung eingebüsst haben« 
welche in feierlichen üebergängen, Bewegung an Bewegung 
knüpfend und ijme haltend, unmerklich immer wieder zu 
einer neuen^ fest da stehenden Gruppe sich gestaltete. Auch 
ist es in Scenen so lebhafter Bewegung unmöglich, jede Ein- 
mengung des Zufalls und, der Willkür zu vermeiden^ ja 
wenn nicht alles im höchsten Grade unwahr erscheinen soll, 
so muss sogar dem Zufälligen ein gewisses Recht, ein^eräuml; 
sein. Welch ein Chaos von betäubenden Nebenumständen 
musBte in der Wirklichkeit eine That mit sich bringen, wie 
die Enjaordung einer Königin von der Hand ihres Sohnes, 
in der Mitte des> königlichen Palastes. Selten versäumt es 
der moderne Dramaturg, dergleichen Nebenumstände zu 
einer bedeutsamen Scenerie zu benutz^}. Er sucht ihnen 
künstliche' Reflexe abzugewinnen, entweder um das Schreck- 
niss zu erhöhen , und mit der rohen Gewalt des Wirl^chen 
zu wafifoen , voder um durch Zerstreuung der Aüfhierksamkeit 

verschwi^en,,. aber zum Schkiss die blutige Leiche der griechischen Bühne : 
Kumidae Caput crjus, ut jassi erant, ad Jugurtham referunt. . , 

**" llaiÖDv, el d^iveiSy ^mlpv. Sopfc,^ Electr. v. 140Q. 



293 



es 2u mildem. Der Muttermord des Orestes steht in frie- 
chisoher Nacktheit, einfach und erhaben, in der erdtehüttern- 
den Grösse einer nur auf sich selbst beruhenden Wahrheit 
da. Es geschiebt nichts., als was wesentlich ini Begriffe dar 
That selbst liegt, und die Art wie sie vollbracht wird^ dünkt 
uns, war die einzig mögliche Form, in welcher eine soldie 
That zur Verwirklichung, gelangen konnte. So wurde schon 
die Darstellung- für sich dn Symbol der unerbitflichen Schick- 
salsmacht. Eine mathematische'Nothwendigkeit hat die Gruppe 
symmetrisch geordnet, und wii: blicken schaudernd in eine 
Welt, iii welcher auch das Verbrechen nur die stille Aus- 
saat eines unermesslichen , ewigen Naturgesetzes ist. 

Dass diese Eigenheit des griechischen Theaters hie und 
dort zur Sonderbarkeit ausartete, zeigt arn deutlichsten, wie 
tiefgewurzelt die Scheu des Dichters vor dem Zufälligen war, 
welches jede poetische Idee in ihrer theatralischen Verwirk- 
lichung gefährdet. Wenn Pythia in den Eumeniden des 
Aeschylus, vom Entsetzen übe» den Anblick der Furien ge- 
lähmt und entkräftet, aus dem Tempel .zurüclckehrt, so 
ist es nicht genug, dass der Zuschauer diese Wirkung ihres 
Schreckens sieht-, Pythia selbBt begleitet sie mit schild^nden 
Worten* ^ • Jo, vom Wahnsinn und der Wuth körperlicher 
Schmerzen ergriffen , und vsdeder in die Irre hinauszustürzen 
gezwungen, schildert nicht nur ihren Wahpsinn im Augen- 
blicke des Wahnsinns selbst, sondern bemerkt sogar, däss 
sich ihre Augen wirbelnd im Kreise drehen.*^ Derselbe 
Dichter, wenn er- den Okeanos erscheinen lässt, achtet es 
nicht unter der Würde des Gottes., diesem selbst in den 
Mund ^u legen., was ein moderner Dichter den Notizen für 
Schauspieler und Maschinisten -würde vorbehalten haben, Er 

'^' Tpi'^o &ß ;^tfiv, « ffioficjÄia ömXov. v. 37.. 

'• KpaSla 6i pofip ^piva i.axri^st, •- • 

Tpo^oSivelrai S'QUfiad'' iXiySjjVi 

Prom, V, 881. 82. 



294 



läset ihn z. B. sagen, dass er angeritten komme, auf einem 
flügelschnellen Vogel, welchen zu lenken, er keines Zügels, 
sondern blos des Willefis bedürfe." So wird der Plastiker 
gleich jn die Erfindung seiner Idee dad Gewicht und die 
Mflfsse des Materials mit hinüber nehitien, um diesem nichts 
züzumuthen, was die Probe der Verwirklichung vielleicht 
nicht bestehen dürfte. Vor der Seele , des Dichters ^stehen 
vollendete plastische Bilder. Ihrer äusseren Umgränzung, 
wie der Tiefe ihrer Bedeutung nach , sucht er sie durch das 
Eunstmittel , welches ihm zu Gebot steht, durch das lebendige 
Wort, vollständig zu erschöpfen, und gedenkt so ihrer Ver- 
wirklichung die uüerschütterliehste Basis unterzulegen. Aus 
den angeführttti Beisl)ielen ergibt sich zugleich, wie sehr 
die theatralische Darstellung und die Dichtung als ein^un- 
z^trennliches Eins betrachtet wurde. 

Doch fehlt es- auch nicht an Beispielen, wo die. Dar- 
stellung der Bühne von dem Worte der Dichtung losgelöst, 
nur auf sich selbst beruhtet Dies ist namentlich bei den 
sogenannten stummen Personen der Fall. ^^ Die Bia im 
Prometheus des Aeschylus scheint wirklich nur da zu sein, 
um eine Lücke symmetrisch zu füllen. In der Elektm des 
Sophokles nimmt selbst Pylades an keinem Gespräche Theil. 
Sein Moses Dasein genügt. Manchmal hatte dieses Schwei- 
gen einen tieferen Sinn. In den Choejyhoren des. Aeschylus 
bleibt Pylades, wiewohl thätig in die Handlung verflochten, 
in den bewegtesten Scejien stumm. Ein einziges Mal bricht 
er sein geheimnissvolles Schweigen , aber gerade in dem 

Top giTtpvyox^ tivy oitüvov 

Pfxm. v. 281 ff. 
'^ Böttiger in seiner Furienmaske dachte bei diesen Personen, bei 
den eigentlichen Statisten wenigstens, Sogar an eine Vorstellung durch 
blose Puppen. Genelli ging noch weiter. Theater zu Athen, p. 103, 
yergi. jedoch Boekh, graec. trag, princ, p. 94 ff. 



295 



entscbeidendsten Augenblicke. Orestes war von ßcene zu 
Scene kraftvoll und entschieden seinem, Ziele entgegenge- 
sdiritten. Aber wie er nun wirklich an die That gehen soll, 
und seine Mutter ihm die Brust zeigt, die. ihn.gepährt hat, 
fühlt Br, das3 die menschliche Natur stärker ist, als der 
Mordbefehl eines Gottes» 

' „Pylades, was thun? soll scheuen ich der Mutter Mord?** 
sind seine Worte; und jener wird d^nn mit der Gegenfrage: 

^Und waä dann wird aus Loxias' Weissagungen?^ 

zur entscheidenden Stimme des Schicksals selbst. ^ Derselbe 
Dichter hatte in zwei andern Tragödien sogar die Haupt- 
personen schweigend auf die Bühne gebracht, dpn Achilles 
in den Phrygiem, und die Niobe in der Tragödie dieses 
Namens. Den grössten Theil des Stückes sassen sie im 
stumtnen Schmerz, beide sogar verhüllt, folglich auch ohne 
Bewegung, bis sie endlich in gewaltige erschütternde Worte 
ausbrachen. 2<J Wie in den Mordscenen die dunkle ahnungs- 
volle Welt der Einbildungskraft mit der scharfen Wirklich- 
keit einer plastischen Darstellung contrastirte, in den affect- 
voUen Scenen Natur und Kunst gegeneinander rangen, so 
waren hier die einfachen Grundelemerite des Drama's^ Plastik 
und Poesie," da§ lebendige Wort und die schweigende Ge- 
stalt auseinandergetreten, um gegenseitig eines die Wirkung 
des andern feu verstärken. Wie man sich indessen aujch den 



HYji. IR Stj-ra Xoiftd Äo^iov uavrevftara — ; v. 889. 890. 
^ HpoTiÖTM ukv ydo S^d' iva Ttv hAd^iöev iyxaXv-ipaQj 
'A^tXXia TiVj »7 Ntoßi^v^ t6 nooöosxov ov^l (^«ixvrg, 
ÜpoÖ^jj^a r^g TQay^lag, ypvijovrag ovSä tovtL 
, Arütoph, ran., v. 983. 

Cf. vit. Aesch. ab anon. consör. ^ 

Nach letzterem sprach Achilles nur im Anfange des Stückes einige 
Worte; oXlya npog 'Ep^rjv d^ioi/Sala- 



296 



Effekt solcher Scenen denken mag,^* so viel bMbt gewiss, 
dass sie nur auf einem Theat^ geduldet werden konnten, 
auf welchem das plastische Princip vorherrschend vrar. So 
würde es sich auch kein moderner Tragödien-Dichter bei- 
ko^men lassen, den ersten Heiden der Tragödie als eine 
^war beredte, aber das ganze Stück hindurch unbewegliche 
Statue reliefartig, an einen Fels zu lehnen, wie dies Aeschylus 
mit seinem Prometheus that. 

Der äussere Bau des griechischen Theaters stimmt mit 
allem diesem aufs g^aaueste .überein. Der wenig vertiefte 
Hintergrund läast keine perspektivische Gnippirung zu. Die 
Figuren ^ müssen wie die Statuen einer Gruppe neben, einan- 
der treten.^ Was die Dekorationen betrifft, so hört man 
freilich von Pfachtpalästeü, Tempeln und Strasisen, ja von 
Felsgebirgen am Meeresufer, von wüsten Inseln und blühen- 
den Hainen, und die Schilderung des Apulejus vpn derSce- 
perie einer Pantoinime klingt wfdirbaft feenartig. Erwägt 
man aber die Notizen eines Pollux, und was von Vitruv 
auf die .griechische Bühne zu beziehen ist, genauer, bedenkt 
man den, im Vergleich zum Theatron im engem Sinne des 
Wortes, sehr beschränkten Eaum der eigentlichen Bühne, 
femei: das* unverkennbare Streben der Dichter, durch den 
Mund des Schauspielers selbst auf die Bedentung der Scene 
aufmerksam zu machen, nimmt man endlich noch hinzu 
dass die Malerei selbst in ihren blühendsten Epochen das 
Landschaftliche, wenigstens nicht als einen besondem Eunst- 
zweig ciiltivirte: so geht mit ziemlicher Gewissheit hervor, 
da^s die malerische Seite des Scenenwesens auf keine male- 
rische Täuschung berechnet war. Die griechische Dekoration 
war mehr vorstellend als darstellend, mehr symbolisch als 

^\ Vielleicht — og rj rov AiaiTog iv Ne-AvlgL ötatrij uiya mal ftavrog 
r^rjXoTs^ov Xoyov. Longin. de subl. 3. 9. 

''Aug. W. Sohlegel, über dramatische Knnst und Ijiteratnr I. 
p. 100. 

• • • i 



297 



maleriseh in unserem Sinne des Wortes. Sie erscheint wie 
die Andeutungen von landschafüichen Gegenständen axif an- 
tiken Reliefs,' und verhält sich zur lebendigen Statue des 
Theaterheros wie der bedeutungsvolle harmonische Schmuck 
des Tempels zur Statue des Grottes, wie eine sinnvolle Ara- 
beskenfassung zu den Bildern des Reliefs. Eine gewisse 
symbolisch örtliche Beziehung scheint manchmal in den 
Chor gelegt zu sein. So repräsentiren die Okeaniden im 
gefesselten Prometheus das Meer, welches den Marterberg 
bespült^ und in den sogenannten satyrischen Dramen ist die 
ländliche ]!fatur zur ergötzlichsten lebendigen Scenerie ge- 
worden. . 

• Das moderqe Theater hat ganz entgegengesetzten Cha- 
rakter. . In seinen perspectivischen Femsichten, seiner feste- 
ren Umrahmung des Ganzen^ in der Gruppirung der Figiaren 
herrscht das optisch-malerische Princip, Daher hat das mo- 
derne Theater auch daß künstlich berrftete Licht als einen 
wesentlichen Theil d6s malerischen Ganzen in sich ange- 
nommen. Das antike theilt die Beleuchtung mit der Wirk- 
lichkeit, wie das plastische Kunstwerk. Für beide ist das 
licht eigentlich, gar nicht vorhanden , sondern nur eine phy- 
sische Voraussetzung, eine natürliche conditio sine qua non. 
Aber- «wie- wir sahen, dass das Werk der bildenden 
Kunst hier oder dort in die Wirklichkeit hinüberschweifte, so 
trat auch die Darstellung des Theaters nicht selteq aus die^ 
ser plastischen Abgeschlossenheit heraus, erweiterte sidi mo- 
mentan zur Wirklichkeit, oder zog diese durch eine kühne 
augenblickliche Verwandlung des Wirklichen in die Metapher 
der Kunst, mit in den Bereich ihrer ideellen Welt So wurde 
schon von andern bemerkt, dass die Anrufungen des Lichte^, 
der Sonne, in den Klagen der Elektra vcmi Sdiauspieler an 
die wirkliche Sonne, gewisse Stellen sogar an das zum Zu- 
schauen versammelte Volk gerichtet waren. ^ 

23 A. W. Schlegel 1. 1. p. 86. 



298 



Diese wenigen Ausnahmen abgerechnet^ behauptete das 
griechische Drama die strengste Abgeschlossenheit So nahe 
der Grott in der Statue den Menschen treten sollte, so hoch 
und unnahbar. baute sich das kolossale Bild des Schicksals 
in eine schwindelnde Feme empor. Dies zeigt sieh am 
deutlichsten im Chor der Tragödie.*^* Ihn und die Maske 
braucht man eigentlich blos zu n^men, um das Bild des 
griechischen Drama's als eines plastischen Granzen bis zur 
Evidenz vollendet zu sehen. Denn was ist der Chor fllr die 
Tragödie? Dasselbe, was der Beschauer für die Statue war, 
der plastische. Beschauer, nun aber in das Kunstwerk selbst 
als integrirendei: Theil desselben aufgenommen. Die innere 
nothwendige Beziehung eines beschauenden Subjecis zum 
Eunstobjekt, ist im Chore der Tragödie zur äussern Er- 
scheinung gekonmien ; der Act des Gemüths uud der Ein- 
bildungskraft sinnlich verwirklicht. Er ist keine Person, 
sondern ideale Personification, — denn der Beschauer, in 
seinem wahren Begriff gedacht, empfindet nicht .als Indivi- 
duum, sondern als poetisches Bewusstsein; — er ist die 
Masse des Volkes, als in welcher, die Kunst die Wurzel ihrer 
Bestimmung hat. In dem Dialog wird er seiner selbst «nt- 
äussert, zur Persoti verwirklicht, von der Handlung selbst 
mit fortgerissen, sympathetisch ergriffen, wie jener Beschauer 
des leidenden Philoktet. In den strophischen Gesängen kehrt 
er wieder zur Freiheit der Reflexion zurück. Seine endliche 
Bestimmung aber ist keine, andere, als daa, was in der Sta- 
tue nur scheinbar, in der Tragödie aber wirklich geworden 
war, nun wieder aus. dieser Wirklichkeit zum reinen poeti- 
schen Bilde zu erheben. . . 

Endlich die Maske ! — über ihre Vorzüge^ und Nach- 
tbeile ist viel geschrieben und gestritten worden. Längst 

2* Ueber ihn vergl. besonders Schlegel* 1. 1. p. 113 flf. Schillers 
Vorrede zur Braut von Messina und Ugen, chor. graec. tragic. opusc. varia 
philolog. 1. p. 49 flE. 



299 



an^kannt ist, daas die Maske das sieharste Mittel war, die 
erhabenen Gestalten der Sage mit idealischer Schönheit auszu- 
statten, und die Individualität des darstellenden Künstlers 
gänzlich zu vertilgen. Zu den Nacbtheilen \drd die Unmög- 
lichkeit gerechnet, den Wechsel der Empfindungen durch 
das Spiel der Mienen auszudrücken.^ Man dachte daher 
wohl an. em Vertauschen oder an Beweglichkeit der Masken. 
Beides ist unstatthaft. Der Augenblick sollte und durfte auf 
der griedüschen Bühne keine Gewalt über das menschliche 
Antlitz haben. Ausdruckslos war die Mftske darum nicht. 
Ueber alle Bilder tragischer Masken, die wir noch auf Gem- 
men und Sarkc^phagen sehen, ist ein gewisses Grauen, Furcht 
und Entsetzen ausgegossen^ oder der tiefete Schmerz in die 
Stime gefurcht. Dadurch ist die Maske gleiet^m nichts 
als die ruhige Spiegelfläche, welche immerwährend die dunkle 
Wetterwolke zeigt, die unbeweglich über den Häuptern der 
gebeugten Menschheit niederhähgt Mit dem ersten Schritte, 
mit welchem der Held auf die Bühne trat, war auch sein 
unerbittliches Schicksal mit aufgetreten. Unauslöschlich trug 
er es, wie ein Kainszeichen, auf der Stime. Ausdruckslos 
war die Maske nicht, aber der Ausdruck war in seineQi 
Extrem mit der schrofbten Einseitigkeit erfasst. Er zeigte 
Grauen, und nichts als Grauen, oder den reinen ungemisch- 
ten Schmerz. Ueber das Angesicht der Statue spielte der 
Ausdruck in seiner Manmchfaltigkeit, ein freies Feld fUr die 
weitere Fortbildung in der Seele des Beschauei's. Was dort 
nur ein Innerliches, Eingebildetes war, hat im Drama die 
Wirklichkeit des Wortes und der That gewonnen. In der 

2& Für und gegen die Masken Lacimibe, pr. de Tart. th^atr., p. 27. 
Btumoy, th^atre des Grecs. 1. p. 132. A. W. Schlegel J. I. p. 91' ff. 
Sehr treffend sagt Schlegel: „Die ganze Erscheinung der tragischen Figu- 
ren kann man sich nicht leicht schön und würdig genug denken.- Man 
wird wohlthun, sich dabei die alte JScülptur gegenwärtig zu erhalten^ 
und vielleicht ist es das treffendste Bild sich jene als belebte^ bewegliche 
Statuen im grossen Styl zu denken.^ p. 99. 




300 



Maske aber kehrt die Bewegung immer wieder zur tiefsten 
plastischen Ruhe -zurück. Sie ist es eigentlich, wdche die 
Succession mit unausweichlicher Strenge inxlen Moment ein^ 
einzigen Totalanschauung, in die Form des Raumes zusam- 
mendrängt. ' - ^ 

Die letzten Gründe aufzudecken, aus welchen diese 
eigen thümliche Stellung der Tragödie gegen die Plastik her- 
vorging, ist hier nicht der Ort.« Dem Kunstfreunde wird es 

■ 

gentigen, bemerkt zu haben, welch ein richtiges Gtefiihl den 
griechischen Eljnstler geleitet, wenn er, wo der gegebene 
StoflF ein todter war, sogleich den reinsten Gegensatz des- 
selben, Seele und Leben ergriflf, dagegen, ein an sich schon 
Belebtes der ruhigen Bestimmtheit räumlicher Formen unter- 
warf. Eine genauere Untersuchung würde freilidi noch auf 
ganz andere Beziehungen stossen. Lag nicht, um nur dies 
Eäne zu erwähnen, auch der Tragödie in ihrem ersten Ber 
gitme schon die Tendenz zu Grunde, das Göttliche in leib- 
hafter, aber belebter Gestaltung vor die Sinne zu bripgen? 
Selbst die bacchische Begeisterung, was war sie anders, als 
die Seligkeit des Gottes, in welche der Mensch sich versetzte, 
um in ihr die Seele eines betebten Götterbildes zu gewinnen, 
welches er nun nicht mehr ausser sich als ein zweites^, frem- 

» 

des-, sondern an sich slibst darstellte? — Von dieser Seite 
würde auch das vielbesprochene ovSh npog /liowaov seinea 
wahren Sinn erhalten, und die Frage sich lösen: wie das 
finsterste Bild des Lebens zum Fests^el des freudespenden- 
den , sorgenlösenden Gottes werden konnte? 

Die bacchische Begeisterung war ein Zustand der Seele, 
in welchem der Mensch am lebendigsten und klarsten zum 

w 

Bewusstsein eines unauflöslichen Zwiespaltes seines eignen 
Wesens kommen musste, zum Gefühle einer doppelten Welt, 
welche sich gegenseitig ausschlieisst, und nur in Wechsel- 
vernieliWng sich berührt. Was die erste Ausbreitung des 
Bacchusdienstes, seine Feier in Italien begleitete, war es 



301 



nicht in der That acht tragischer Art? — Die Sdigkeit des 
Gottes, deren der Mensch sich vermessen hatte, war sein 
böser Dämon geworden , der die Freiheit seines Willens ge- 
fangen nahm, jede Schranke des gewöhnlichen Lebops nie- 
derriss, alle Gesetze der Zucht und Sitte mit Füssen trat, 
und endlich, um die Fülle der frevelnden Lust ganz zu er- 
schöpfen, oder die erschöpfte zu verjüngen, die Wollust des 
Schmerzes zu Hülfe rief. Diesem realen tragischen Unfug zu 
steuern, trat in Griechenland die Kunst persönlich in's Mittel, 
indem sie den an sich nicht zu hebenden Widerspruch in den 
harmonischen Gegensätzen seines Bildes löste, oder mit ari- 
stophanischer Laune die ganze Welt in schallendes Gelächter 
zerplatzen liess. Aber die Haltung der hohen Melpomene 
musste um so ganessener sein, je ausschweifender das Thun 
der Män€^e gewesen war, an deren Stelle sie getreten, je 
ernsteren Sinnes das Geheimniss, welches sie von ihr tiber- 
kommen hatte. Der Marmor des Pygmalion durfte zum 
Leben erwarmen, aber die losgebundene Furie musste zu 
Marmor werden. — Nicht umsonst hiess Aeschylus mit Aus- 
zeichnung der Genosse des Dionysos. Schon in seiner Kind- 
heit hatte er vom erscheinenden Gotte selbst die Weihe des 
tragischen Dichters empfangen,^* und die Sage, dass er vom 
Weine berauscht sich selber unbewusst gedichtet habe, soll 
gewiss noch etwas mehr bedeuten,. ftls dass er ein Trunken- 
bold gewesen. ^< In keinem Tragiker spricht sich so feierlich 
und entschied^i die fronune Scheu gegen alles aus, was^ 
altherkömmUche Sitte geheiligt hat, gegen jede gesetzliche 

> 

Schranke. Er hatte, vom Dionysischen Geiste ergriffen, am 

*« Paus. I. 21. 2. p. 38. 39. 

'^ S. die Hauptstellen bei BvtU, annot im Aesch, von Schütz v. p. 32. 
Auch Kratinns, der kühne Dichter der alten Komödie, ein dem Aeschy- 
lus verwandter Geist — ftoit^ixiOTarog^ naraöxsvd^av elg tov Äitf^vXov 
^apanr^pa interpr. v. in Arist. nub. (comment. in Arist. ed: Beck II. 
p. XXIX.) — wird der Trunkenheit beschuldigt, v. Brunk ed. Arist. 
equit. V. 534. 



302 



deutlichsten den Punkt erkannt, welchen der Mensch nicht 
überschreitet, ohne das blinde Wericzeug dämonischer Mächte 
zu w^xien. 

Doch verlassen wir diese mystisch unheimlichen Regro- 
nen, und eilen wir zu Werken, in welchen sich tragische 
Ideen mit der klaren Bestimmtheit der bildenden Künste 
spiegeln ! 



303 



XV. 

— Tota jam ante oculos meos 
Imago caedis errat. 

(Sen. tr.) 

Auf das lebhafteste eriniiern 4ie Reliefs des älteren 
Kunststyls an Darstellungen der griechischen Bühne. "Die 
Göttergestalten namentlich haben auf jenen Werken in B^ 
wegung und Geberdenspiel durchaus etwas theatralisches. 
Es sind die Gesten sehj* markirt, und von ganz eigenthüm- 
licher Zierlichkeit, die Schritte die eines Tänzers, und be- 
sonders die Art, wie die weibliehen Figuren das Gewand 
emporziehen, oder zu weiten Schwingungen wölben, unver- 
kennbar Tanz - . oder Theaterattiltide. ^ üeberdies , sclieineü 
die Gewänder jener Götterbilder künstlich gefältelt zu sein, 
wie solches, um vollkommen und sicher zu verhüllen, zu- 
gleich um die plastische Stetigkeit der Theaterfiguren nicht 
zu stören, wohl auf der Bühne mag in Brauch gewesen sein. 
Anfänglich nur der starren Tempelpuppe zur Hülle dienend, 
erhielten diese Draperien in den dramatischen Vorstellungen 
durch den Contrast, in welchen sie hier mit einer reell^i 
Bewegijuig traten, ideelljBn Sinn, und en^pfahlen sich dem 

' iöTi di xal rd rov dp^alctv Ss^iovpyav dyaX^ara r^g nftXKiUüig 
op^r^öeog Xtit^ava, Aihen. d^pii. XIY. 23. ed. Schw. V. p. 386. 



304 



Auge des Bildners als Symbol einer festtäglichen Erscheinung./' 
Doch lässt es sich freilich nur selten entscheiden, ob der 
griechische Schauspieler Bildwerke zum Muster nahm, oder 
umgekehrt, der Bildner den Erscheinungen der Bühne' folgte. 
In gar manchem Punkte ist das Verhältniss des Dranäa zur 
Plastik, als ein Verhältniss der Wechselwirkung zu betrach- 
ten. Was das Sprechende, scharf Bezeichnende im Spiele 
der Geberden betraf, mochte der Bildner von Tragöden ler- 
nen, und diesen dafür wieder mit Linien der Schönh^t und 
Anmuth bereichem. Auch will in mehreren Fällen der Be- 
griff des Dramatischen im weitesten Sinn des Wortes gefasst 
sein, als plastische Darstellung irgend einer Handlung und 
Begebenheit, rermittelst der Person des Künstlers selbst; 
wo denn also der dramatische Bildner auch in den myste- 
riösen Götterrepräsentationen der Tempel und in den panto- 
mimischen Tänzen, wekhes alles übrigens auch äusseirlich 
durch den ganzen Apparat mit dem eigentlichen Theater in 
Verhältniss stand, das weiteste Feld vor sich hätte. 

Ausser den oben etwähnten künstlichgelegten Falten 
finden sich in der Bekleidung griechischer Figuren -noch 
andere Punkte, welche auf die Bühne zurückweisen» Wir 
erinnern nur an jene Bänder, welche kreuzweise über die 
Brust gehen, und deren aiifängliche Bestimmung gewiss 
keine andere war, als die Flügel festzuhalten, mit welchen 
die Iris und andere Flügelgestalten auf der Bühne erschie- 
nen.^ Ja die Vermuthung ist nicht zu verwerfen, dass manche 

* Die näheren Erörterungen über die Werke dea älteren Kunststyls 
in ihrem ganzen Umfang, verspare ich auf die Grel^^nheit, wo ich aus- 
führlich von den Aegineten zu sprechen gedenke. Ueber die gefältelten 
Kleider des Theaters und an Werken der bildenden Kunst siehe Qenei- 
li's Theater zu Athen p. 89 ff. Die Absichtlichkeit jener Parallelfalten 
ist augenfällig. Z. B. die drei Göttei-bilder in Welker 's Zedtsehr.t. 3.ili 
oder die Steifheit, in den Falten des Gewandes im Gegensatze mit -der 
Leichtigkeit in der Zeichnung des Nackten bei Läborde^ collection des 
vases grec. I. pl. öl. ^ 

' Böttiger's Furienmaske p. 83. 84.' 



305 



6öttergestalten erst durch den Bedarf der tfaeatraHsch€^-Bsic^*^^ 
Stellung, zu geflügelten gewordtti sind. Man fühlte die'Köfii-'^^ 
wendigkeit, wenn ein Gott mit homerischem Luftschrttte die 
Bühne betreten, oder durchschweben sollte, die Rasohfaeit der 
Bewegung durch Flügel symbolisch tozudeuten, und dem 
Auge des Beschauers gleichsam einen Stützpunkt zu geben, 
damit er die Wunderbewegung nicht blos 'auf Rechnung des 
Maschinisten schreibe.^ 

Doch blicken* wir noch einmal auf die GH^tterbilder des 
a^ten Styles ^urü(^ Die künstlich gedrehten Flechten ihrer 
Haarbü(lung entsprechen aufs genaueste der Theatermaske.*- 
Da die Maläke das ganze Haupt bedeckte, kamen die patür- 
Ikheh Locken des Schauspielers nicht zum Vorschein^ diö 
falschen Haare der Maske aber mussten künstlich geordnet 
werden, wenn sie zu dem feierlichen Ponipe des übrigen 
Kostüms passen , und nicbt jeden Helden der Bühne ,zu einem 
Spartokomes entstellen sollten. Nodi näher treten die Köpfe 
alterthümllcher Bildwerke der Theatermaske dadurch, dass 
die Haore- über deriätirne absichtlich zu einer Erhöhung zu- 
saoimengebäuscht sind, welcher datm bei ApoUobildem npch 
der Lorbeer, bei Junoköpfen das IMadem unterstützend bei-* 
gesellt ist. Wir haben hier ganz offenbar d^i Onkos der 
Theatermaske. ^ Dabin scheint selbst die eigenthümliche, so 
viel besprochene HaarUldung des' Jupiter zu gehören', diese^ 

über die Stirne sich aufwölbende r und dann zu, beide)! 

» 

* Vergl. Voss, mythologische Briefe* II. p. lb% 

^ Die üebereinBtimmung der Haarbildung' an Ma^en und Statuen l>e- 
noerkte schon Servius.: viri sicut mulieres (antiquo more) componebant ca- 
pillos; quod verum esse et statnae nonnull^e antiquoru^i docent^ et per- 
sonae, qua$ in tragoediia videmus . similes in utroque sexu , ■ quantum ad 
omatum pertinet capitis, ad tirg. Aen. X. 882. 

* In welch' eiiiem en^en Verhältnisse der Maskent3rpu8 auch zu einer 
andern Sphäre der griechischen Kunst dtand, hat Böttiger in einer Ab- 
handlung gezeigt, wo. die npr^nlg der Tempel mit dem Kotlrtirn, ihrXJiebel- 
feW mit dem Onkos verglichen viird. Tragische Masken ttnd Tettipd der 
Altöl im N«uen Teutschen Metkur. 1799. St. 11. p. 217 ff. 

Feuerbach, der vaticanische Apollo. 20 



306 



Seiten niederroUende LockeDfüUe. In det. Natur findet ne neh 
nieht, und sjmbolische Deutungen oder Hinweisungen auf 
die Mähne des königlichen Löwen reichen nicht aus. Die 
Nothwendigkeit dieser Haarbilchm«^, so trefFlich- sie zum Cha- 
rakter des Jupiter stimmt, ist nicht einzusehen. An* der 
griechischen Maske aber war der Ohkos unentbehrlich. Ohne 
ihn würde die Proportion einer durch den Kothurn erhöhten 
Gestalt missfiällig gewesen sein. Das Haupt in seinem gan- 
zen Umfang gleichmässig erhöht, war unertriiglicbe Missform. 
Auch forderte das Auge nur einen Anhaltspunkt; die blosse 
Erhöhung über der. Stirne, durch nied^rrolle&de Locken aus- 
geglichen, leistete den gewünschten Dienst Der höchste 
Onkos blieb wie der Kothurn der ersten Rolle des Stückes 
dem Gotte, dem Könige Torbehalten, und der bildende Kunst- 
ter^ an das Lnposante der Theatergestalten gew^dmt, trug 
diesen Onkos auf den König der Könige, den Protagonist^i 
des Oljmpos über. Es finden sich Jupiterköpfe, an welchen 
sogar die ganze Bildung des Gesichtes, y^bund^i mit dem 
Wurfe des Haares, sich maskenhaft darstellt^ Ein Jupiter- 
kopt in Goethe's Sammlung ^heint fiftst konisch gebildet^ 
Nooh unr^rkennbarer ist der Maskentjrpus- an der Bildung 
jener Untergottheiten ^ welche zur Umgebung des Bacchus, 
di^es I^iaren der griechischen Bühne, gehöräi. Der Kopf 
^des herrlichen Silen in Dresden ® ist die reine Silen^nmaske, 
die. wir so häufig auf Gemmen finden; wobei -dann beson- 
ders die gleichförmig künstlich gedreht^i Bartlocken nicht 
ZU: übersehen ßinid. Der Markur endlich auf altertbümlichen 



' ' %n. Terglekhen wären beiq^ielsweiBe die Zeiehnnngen: vfllä Borgh; 
port n. 2ß. St 4. 2. ihn. PiihClm. I. 1. VI. 1. Wnütehtumn, opp. IV. 
t. 1. fi. ' , 

* eiehe die Abbikimiig bei WinkehMmn.opp. IV. 4;. 5. B. 

* Äuguskum U.4. 71., vergi. Jfu«. Pio-Ckm. VH. t. 3. Mui. Nt^pö- 
hon IL t: 10. -und die Silen- oder PttnVMaske: in ddscr. of. ane. marM. n. 
t. 11. 



307 



Bildwerke ist nichts afidere^, als die Botenmaske des 
llieaters, welche tinter dem Namen Sphenopogon be- 
kannt ist. 

Eün solche Annähern an die Maskenbildung^ wird erst 
recht begreiflich , wentn man die grosse Menge von Bildwer- 
ken überblickt, in welchen die' Maske für sich selbst als 
Maske dargestellt ist Diose Masken V welche bei ausser- 
ordentlicher Mannichfaltigkeit eine eigne Künstwelt bilden, 
zeigen allein sdion, wie heimisch die aüen Künstler in den 
Darstellungen der Bühne wfuren. Wir kennen die Masken 
als ' architektonischen Schmuck, fls Arabeske )' als Symbol 
auf Sarkophagen, als Spielwerk von Auiorinen, Kindern öder 
Genien. Allein, und in den verschiedenartigstei^ Zusammen- 
stellungen kommen sie vor. Dieselbe MannichMtigkeit in 
Absicht auf Cäiarakter und Ausdruck. In einem nicht ge- 
ringen. Tbeile derselben mag man ,g^n noch die erhabenen 
Ideale der Tragödie erkennen. Andere sind bis zum schnei- 
dradstoi 'ßiCbne gegep. Form und 'Natur verzerrt, und mah- 
nen so, W^m auch nicht mehr an bestimniite Charaktere, 
doch an die schonungslose Strenge, der alten KomOdie, die 
ihre unglücklichen Schlachtopfer wohl mit. wahren Armen- 
ktodergesichtem vor ihren* Biöhterstuht mag gefordert habeoi. 
Masken da* Safyre dagegen u;nd' andere zeigen oft; ein -so 
S€lt$amea Gemisch von Scha*z und Ernst, von mutiiwilliger 
X^une und .geheimen Grauen, dass wir sie nicht ungern als 
Symbole dßs alten Satyrdrama betrachten möchten. ^^ Oft 
sind Masken zu Xändliqhen oder theatralischen Gruppen, un- 
ter dem Gegensatze votf schmerzhaftem Ernste, behaglicher 
Kühe und schalkhafter Freude, in ein anmuthiges Bild zu- 
sämmengestellt, hie und da vielleicht als Andeutungen der 

«0 Ffeilkh 8ind mcfat iiUe Maskenabbildungan gerade zum Theater- 
apparat in rechYien. Vergleiche über die sehr verschiedene Bestimmuiig 
der MaaiMii bei den Alten: Böttiger, über das Wort Maske ^m Keuen 
Tentschen Merkur. Jahrg. 1795. I. p. 337. 



308 



Hauptklassen des antiken Theatars.^^ Unter den herknlam- 
schen Gemälden finden sie sich mit scmstigem Theater«^m- 
rat zusammengereiht. *^ Sie bilden kleine Scenen der Thea- 
tergarderobe und leiten so die zahbrei(^6 Klasse von Bild- 
werken und Gemälden ein, in welchen uns das griechische 
Theater in^sein^m ganzen Umfang, selbst den Akt des Dich- 
tens und der Einübul^g nicht ausgeschlossen', vor (Se Augai 
geführt wird. Auf einem Relief, das Zoega bekannt machte, 
sitzt ein Dichter öder Schauspieler Tor einer tratschen Maske, 
in deren Anschauen er sich ganz zu vertiefen schehait. Ihr 
Anblick soll ihn isur dichterischen Weihe begeistern, oder 
im Gemüth des Schauspielers ein vollständiges Charakter- 
bild seiner Rolle erwecken. *3 Ein HhnMcher Sinn liegt j^ien 
zahlreiche Bildern unter, wo junge Mädchen^ widurs^ein- 
licli bacchiache Tänzerinnen, eine Maske beschauen. ^^ ' Eine 
förmliche Theaterprobe lässt ^ich noch auf dem BmcUstücke 
eines herkulanischen -Gemäldes erkennen. Ein Jünger Mann, 
durch die tragische Maske, welche er mit beiden Händen 
hält, als tragischer Schauspieler bezeichnet, reeitirt seine 
Rolle im Angesichte des Dichters, der mit der. Miene <}e^ 
Aufmerklsamkeit und ruhiger Prüfung vor ihm sitzt \5 Wir 
üb^Eigehen die «zahlreichen Bildet von komisch nia&kirten 
Schauspielern in Gemälden, Reliefs und kldnen Staki0n^^ 
und weisen nur noch auf ein Gemälde hin, das zu P<»*tici 



'* Siehe z. B. das Relief im August. II. t. 84. Die Maiskengruppe 
iti der demipt of anc, terracoUe p1. 31. Nro..62. Mus. Napdeon n. 2*7,' 

•' Z. B. PiUure anL iT^cotowo ly. t. 37. 

*' Zoega t bassir. L Nro. 24., vergl. die Steüe des JF^otito . über den 
Tragiker Aesopus, welche Lange 'anführt in seipen: vindü.Tragoeäiae 
romancie p. 20. ' ''. • 

'^ JlftM. FlorefU, gemm, t. 44. 2. 4. et al. 

*^'PiUwre d'ErcoUino W.-i. 41., vergl. damit das Relief bei Winkelm. 
Alte Denknfl. Nro, 192. ^ • . 

'* Fittwre d'MreöUmo^lV. t 34. 35. und die schon froher angeftthrten- 
Statuen im vaticanischen Museum: ^ ^ 



369 



gidfünden- wurde. " ■ Im langen weissen Talar, vom breiteD 
tr&gisehen Crürtel zusammeng^alteH, sitzt der Dichter auf 
eiBem Throne. In der Linken hält er^ stolz wie der olym- 
piache Zeus, den silbernen Scepter mit goldner: Spitze. Ihin 
zur Hechten kniet eine Muse, sie ist damit beschäftigt, seine 
Worte su&uze&chnen ; vor ihr die tragische Maske. Der 
Dichter ist durch dichterische Begeisterung zum . thronenden 
Gott eiiioben, gewiss zum Dionysus selbst, wie so oft auch 
der Priester auf alten (Temäld^n in die Gestalt und Tracht 
seines Gottes gehüllt ist 

Soll von eigentlichen Büh^envorstellungen , von maleri- 
scb^i und plastischen Nachbildungen theatralischer Scenen 
namhafter Dichter die Rede sein, so finden wir solche am 
höufigst^n auf Yasengemälden und auf den Reliefe der Sar- 
kophage. Die Vasen gehören schon durch ihre, muthmass- 
liehe äussere Bestimmung in den Kreis des dionysische 
Kultus. Daher denn auch die meisten derselben bacchiscbe 
Festaufzüge darstellen^ mysteriöse Scenen und Maskeraden; 
alles Gregenstände, welche wenigstens in o»ittelbarer Berühr 
rüng mit dem Theater stehen. '^ Eine nicht geringe Men^e 
von Yasenbildem enthält überdies mythische Geschichten, 
welche durch, die Nebenfigur.en -der Satyren sich sogleich 
als Nachbildungen von Satyrdramen verrathen. In andern 
begegnen uns Bilder der altdorischen oder auch der neuem 
Komödie,'* während eine dritte Klasse, wie wir gleich sehen 
werden, höchst wahrscheinlich aus Tragödien entnonmien 
ist Die ganze Behandlung der Yasenbilder, der ganze 
Vasenstyl, wenn, wir diesen Ausdruck brauchen dürfen, ist 
Theaters tyl, jede G^berde ausdrucksvoll, picht selten weit 

•' imtm d'ErcoUmo IV. t 42. 

** S.Bötti^er's Excurs in deii Ideen zur Archäologie der Malerei 
p. 175 ff. 

*» Vergl. Böttiger .1. 1. p. 201. ff. K. Otfr. Müller: die Dorer, 
Abth. II. p. 354. cf. Grysar. de Doriensium .comoedia quaest. I. p. 41 ff. 



310 



ausholend und exoenlriBob-^ die Haltcmg täneerartig. Vüx 
fttrblose oder richtiger , monochrömatisdie Zeichnungen , ffStr 
blose, mit einer symbolischen Farl)e ausgefüllte Cotitureni, 
denn dies sind die Yasengemftlde , ist nichts so sehr gerig- 
net, als die ein&che Darstellung der einfachen nackten Form. 
Nichtsdestoweniger gefoll^i ^h die Vasenfigurrä in roich- 
geschmückten, schwerfUligenGtewänd^n, und des dürftigen 
Farbentones ungeachtet, sind die bunten Stickereien der Be- 
kleidung nalt der äussersten Sorgfttlt und PünktHohkeit aus- 
geführt. In dieser Beziehung ist Torsüglich die rerschwew- 
derische Pracht merkwürdig, mit welcher das Barbarenkostüm 
z. B. der Phiygier y der Amazonen bedacht ist^ Dies mfisste 
schon im Allgemeinen auf den Flitter einer reichausgestat- 
teten Theatergarderobe deuten, wenn nicht noch ganz be- 
stinmit einzelne Stücke derselben z. B.* die langen Oiiton's 
mit breitem Gürtel, die bis zur Handwurzel reichenden 
Aermel zu erkennen wären. '^> Flügeldgürea denkt man 
sich -am liebsten nackt, oder im leichten kurzgeschün^ten 
Gewände. Auf Vasen sind sie nicht selten in sdiwernied^ 
sinkaide^ faltenreiche Gewände gehüllt, wie dies nur auf 
der Bühne unumgänglich wair.*^*^ Wir hört^ fettier, welche 
Bedeutung für' das plastische Werk der Beschauer hatte, 
und wie <iieser in der. Tragt^die unter der Maske des Chors ^ 
in das Kunstwerk selbst übergegangen war. Auf Yasenge- 
mälden finden sich oft mitten im Ereiise der bewegtesten 
Handlung, Figuren, denen sich durchaus keine andere 

ß 

^ 2. p. Tischbein ÜI. 9.\Haaearville I. 128. 

^' $. Böttiger's Farienmaske p. 39. 140. et aL und.Generii.l. 1. 
— Als Musterbild des griechisclieii Theaterpompes kann der Apollo Mnsa- 
getes gelten. Z. B. bei Tischbein IIL pl. 5. Vergl. übervdieses Coetüm 
Visconti, Mos. Pio-Clem. I. p. 159. ff. Levezow, die Familie des Lyko- 
niedes p. 46. 

22 Siehe z. B. die Eos auf der Vase bei Tischbein IV. 12. Das ge- 
flügelte. Mädchen bei Hancarville I. 3& ef. Miüin^ pänt. devasee pl. 22. 
Ldborde, collect, des vases gr. I. pl. 78., . 



3il 



BoihwendigieBestiiumaDg mitorlegen lässt, als^Zeugeq dessen 
i/ix sein^ was vorgeht Sie scheinQD- manchmal von ihrer 
Umgebung kaum berührt ;«i werden, sie sind die reine 
ruhige Beschauung oder Reflexion. Oft zeig^ sie dag^en 
das lebhafteste Mitgeftlhl, in Freude oder Sdimerz, in Furcht 
und Schrecken, ohne darum äusserlidi und thätig mit der 
Handlung selh3t verflochten zu sein;^ beides die 6n»nd- 
dem^ite^ in welchen .der (ragische Chor sich bewegte. Noch 
andere Gestalten , meist zu Büsten abbrevirt, sind ganz dem 
Sdiauplatze der Handlung entrückt, und scheinen ursprüng- 
lich bestimmt gewesen zu sein , wieder dem ideellen Be- 
schauer gegenüber, den wirklichen Zuschauer des Thieatears 
vorzustellen. '^^ Jenej^, der Chor ist . auch auf B.eliefs nicht 
zu verkennen-, und fehlte vielleicht nirgend^ wo eine wich- 
tige Handlung in der Bewegtheit mehrerer JFigüren plastisch 
dargestellt vnirde. Dies abgerechnet , liegt 4len Tbeaterscenen 

* 

auf Reliefe in der R^;el ein den Yasenbildern entgegenge- 
setztes Princip za Grunde. Nur seltene Fälle sind auszü- 

• ^ ■ ^ 

nehmen, wie z. B. jenes ReMef, welches den Hei:kulea im 



^^ Es kann dabei nicht irren, >venn diese Figuren noch engere Be- 
ziehung zu den handeUiden Personen zu haben scheinen , z. B. als Aimnen, 
Diener u. dergl. Dies fand ja andi im Chore statt. Die Beschauni^g 
bleibt das Hanptmoment , Tergleiehe die ruhigen Figuren bei Tisch'- 
bein IV. 41. Hamilton I. pl. 8§. (wahrscheinlich Hippolyt und der 
Chor). MüUn\ pdnt. de vases I. 33. Die Bacchantin in belebter bacchi- 
scher Umgebung bei Lahorde, oolLd. v. gr. I. 51. Den sinnend zuschauen- 
den Jüngling bei dem Unglück der Hekuba, Mülin 1. 1. ü. 37. Die 
schmerzlichbew^ten Figuren auf dem Raub der Cassandra bei^asseri m. 
295. bei dem Schlangen tödter Adrast — Relief in Winkelmjann's Alte 
Denkm. Nro. 63. etc. — die bei Fentheus Ermordung zuschauenden und 
mu^idrenden C^itauren. Relief aus- der gal. Giust, in Miüin, gal.. my- 
thol. ,Lin. 253., womit verglichen werden kann die >Flötenspielerin bei 
der Geburt dea Bacehus auf einer, .Fateral. 6. die Kupfer zu Creuzer's 
Symbolik t. 20. Offenbar eine Pantomime 1 >. . 

H .Verglei<5he z. B. Tisehbedn lY. pl.a pl. 36. JHfOtn, mon. ant. 
ined. U. 190. ^ - ' , 



312 



volLständigen Theaterkostüm, sogar in.d^ Maske, zeigt. ^^ 
Sonst wirft die badende Eunstr den lästigen Prunk der 
Theatergarderobe- ab. — Sie beschäftigt sich überiiaupt mehr 
mit dem poetischen StolSe des.Drama's, dem tragischen Ge- 
danken, während der Yasenmaler vorzüglich die äuss^:^ 
Erscheinung d^elben, dc^ f^igentlich theatralische in's Ange 
fasate. Daher denn letzterer sich gewöhnlich mit einer ein- 
zigen Gruppe begnügte, wie sich solche in dieser oder jener 
Scene, besonders imposant,, oder tlürch Mimik und Kostüm 
d^n Auge schmeichelnd dfkrbot, während das ^lief über 
diese Beschränkung des Momentanen hinausgeht, und auf 
rein ideelle Weise Scene für Scene in einem neuen poeti- 
schen Ganzen vorüberführt. — 

Aeschylüs hatte pin Trauerspiel unter dem Namen Pay- 
chostasie gedichtet In einer Scene desselben wog Zeus das 
Schicksal des Achill und Memnon gegeneinander ab.- Der 
kühnen Naivetät dieses Dichters gemäss^ ging diese Seelen- 
wägung auf der Bühne selbst vor sich; neben der Wage 
stimden Eos und Thetis für das Leben ihrer Si^ne flehend. 
Diese ganze abenteuerliche Scene sehen wir noch auf einem 
der schönsten Vasengemälde. ^ß Achill. und Memnon stehen 
sich im Kampfe gegenüber. Letzterer ist schon von einer 
Lanze durchbohrt in's Knie zusammengestürzt, wie diQs in 
der Tragödie vom Boten ausführlich wird erzählt "worden 
sein, üeber den Kämpfenden — wie man sich denken muss, 
auf dem Theologeion — ist Hermes vor einer Wage abge- 
t{ildet, in deren Schalen die geflügelten Todesgöttinnen, xUe 
Keren zu sehen sind; links dann Thetis mit der Miene 

^* Winkelmann, Alte Denkm. Nra. 189. 

'• na^cufti^öag (o Ai'd^vXog) Totg nlaöTty^i t» ätog ivd-sv fkhv r^v 
Siriv, ivd^v S^ ri^v *Bo, Seojiivag vctip tSvVUqv fia^opivefv., Stelle des 
Plntarel^ etc., siehe Aesch. ed. Schütz, V« p. 180 ff. Dasr Gemälde siehe 
bei MkUin, peint. de vases I. pl. 19. und Gal. myth. CLXIV. 597. — 
Eine ganz ähnliche Darstellung bei Wink'eimanrn, Alte D^km. Nro. 133. 
cf. Böttiger, Zeus p. 29. 30. und Welker's Trilogie p. 435. 



J 



313 



ruhiger Freade, rechts Eos mit den wildesten Geherden d^ 
Verzweiflung. Der prägnante Moment des Kampfes, die pa- 
thetische Stellung der zuschauenden Mütter, xlie Gleichgül- 
tigkeit, mit welcher Hermes das Schicksal blind entscheiden 
lässt , alles^ dies ist • eines äschylischen Vorbildes würdig. 
Nähere Kennzeidien theatralischer Veranlassung sind die 
Tanzattitüde der Thetis- und der hochgeschnürte Eothuxn des 
HenpeS' 

Unter den noch erhaltenen Werken des Aeschylus ist 
besonders die Orestie reich an Situationen, welche, je treuer 
im -Sinne des Dichters aufgeftusst, um so leichter in. der 
Hand eine» Künstlers 3ich 2u plastischen oder malerischen 
Compositionen gestalten. Denken "wir nur^gldch-im ersten 
Stücke an das Opfer der S^lytemuestra, den Eilzug des 
Agam^nnon und den tragisch^! Tod dieses. Königes selbst 
•Dexmjoch sind die Bildwerke, welchen auch nur die Fabel 
des Agamemnon zu Grunde läge, sdten, und kaum ein oder 
das andere dürfte in Absicht der Darstellungsweise zu einer 
Vergleichung mit Aeschylus berechtigen.'^^ Es ist, als ob 

" Doch wollen wir ein Yasengemälde bei MüHn, peint; de vases I. 
pl. 58. p. 109. und Gal. myth. CLXX^ ^15. — nicht umgehen» In stür- 
npscher Hast dringt Klytemnestra mit dem mörderischen Beile auf Aga- 
memnon ein , der schon auf ein Knie zusammengestürzt ist. Auf einem 
schmalen Streifen unter dem Gemälde sind wilde Thiere, ein Wolf, ein 
aufbrüllender Leopard und ein Eber angebracht. Man möchte hier an don 
tcagischen Bildörwitz des Aeschyhis denken, der sich in Vergleichungen 
der Klytemnestra mit allerlei. Gethier gefallt, (cf. Agam, v.'117. 1225. 
1250. Coeph,- 983. u. a.) Im Chorgesauge der Choephoreti v. 580—647 
wird" der Schrecknisse und Ungeheuer gedacht, welche das Meer hervor- 
bringt, und- dann als das Fiirchlbarste das Wagnlss des Menschen, be- 
sonders des bethörten Weibes und die Gewalt der Liebe hingestellt. Damit 
vCTgleicht sich der Revers unserer Vase (Peint. de vases pl.« 59.), er zeigt 
unläugbar das SvöpiXig yat.^Xsvfi dtteix^rov So^oig* Choeph. v. 620. Dass 
Aganoemnon auf der Vase mit Helm und Schild abgebildet ist, darf nicht 
irren. Absichtlich wird vom Dichter Gewicht auf die Schmach gelegt, 
dass Agamemnon, ein Held, von der Hand eines Weibes fallen musste. 
Gleich der angeführte Chor erwähnt die ywatyio/Sovlovg urftiSag ppsvov 
in dväpL Tev^eiS^op^. 



314 



die progressive Grösse der folgend^i Stüeke, der Choepbo- 
ren und der EumemdeD , den Künstler bei dem ersten nidit 
habe ruhig verweilen lassen. Doch war in einem Gemälde, 
welches der ältere Philostrat beschreibt , Eassandra vorge- 
stellt, wie sie im Vorgefühl des nahen unfehlbaren Todes, 
selbst sich des Priestersehmucks entkleidet.- ^^ Dieser er- 
habene Zug findet sich bei Aeschjlus wieder.^® £k ist zu- 
gleich so originell, so ganz der schroffen Grösse dieses 
Dichters gemäss, dass m^t gewiss eine Nachahmung d^r 
äschjlisehen Scene annehmen dürfen. 

Auf die -Ermordung des Agamemnon hatte Winkelmann 
ein Relief aus dem Palaste Barberini gedeutet. Heeren gab 
die richtige • Erkläaning. ^ Es stellt den Muttermord des 
Orestes .vor, und zwar in einer Eigenthümlichkeit, welche 
nicht nur im Ganzen , sondern selbst in dnzelnen feineren 
Zügen auffallend an Aeßchjlus erinnert Wir sehen hier 
die letzte Scene aus den Choephoren , an welche d^ Künst- 
ler unmittelbar den Anfang der Eumeniden gereiht hat 
Aegisth und Klytemnestra «ind gemordet. Die entblösstö 
Brust der letzteren, mahnt noch an die Worte bei Aeschylus,. 
mit welchen Klytemnestra den Orest .beschw(^t, die Brust 
zu schonen, die ihn gesäugt hat '* Hinter beiden Leichen 

^pniraöa d^' avrqg rd <fri^^ara. Phiiostr, sen. imag. X ed Joe, 
IV 70. . • 

^' Agam, 1256. ff. Euripides hat das Erhabene dieses MonieDtes 
wohl verstanden nnd nachgeahmt, doch in andenn Zusammenhang. TVood. 
V. 440 ff, 

«> Vergl. Winkelmann, Alte Denkm. Nro.^ 148. IL p. 67. Heferen 
\n der Neuen BiblioUiek der alten Liter, und Kunst m. 1 ff. VisamU, 
Mus. Pio*Clem. V, t 22. p. 161 ff. Vergl. noth GaUr. ChhuHn. Nro. 130. 
Bartdi, admir. t 52. ^hntfauc. IV. pl. 31. Ein 'drittes ganz ähnliches 
Relief aus der Villa Borghese ist abgebildet im Mns^ par Bouillon 
basr. pl. 23. bis. cf. descript des ant. du Mus^ royal. Nro. 388. p. 165. 
üeber alle diese und andere Werke des Inhalts siehe Welker' s Zeitsohr. 
p, 436* . ' - V 

'* *Esiiö^%<^t o not, rovSe' S'aJiSeöat, rinvoVf Maörov eUi. - ChO^. 
V. 886 ff. Auf dem borghesischen Refief windet sich um den Arm der 



J 



315 



siebt iirber Aegislbus Pylades , rechts über Kljtemnestra 
Oesi Ebea hat der Muttermörder seine That öffentlich gie- 
rechtfertigt; aber schon sieht er im Geiste die rächenden 
Furien ncAen, und^sinnrerwirrende Angst zwingt ihn, den 
Schreckensort zu verlassen. Die Furien, welche Aeschyhis 
in den Choephoren noch als Visionen behandelt, kamen 
gewiss bei der Aufftihrung des Stackes so wenig selbst anS 
die Bühne, als die Visionen der Kassandra im Agamemnon 
durch eine A^t von omhres chinoises dem Publikum vorge* 
gaukelt wurden. ^ Der Künstler aber , ^ wollte er * anders 
erschöpfend • sein , konnte die Fari6n nicht entbehren. Er 
lässt daher wirklich hinter Or^ zwei Furien erscheinen, 
verhüllt sie aber dem gröoerten Theile nach durch einen 
vorgezogenen Teppich, um sie als blose Visionen zu be- 
Zjeichnen. Elin neues Beispiel, .das der griechische Bildner^ 
unr nur dem poetischen Vorbilde nachzukommen, selbst das 
anschaulich auszudrücken suchte, was seinen Eünstmitteln 
direet widerspricht. ^^ IXe Schlange der ersten f\irie bäumt 
sich gegen die noch mit dem Schwert bewafihete Hand des 
Orest; denn der Chor suchte cBesen dadurch, zu beruhigen, 
dass er die Zerrüttung seiner Segele nur von dem Blute her- 
leitet, das noch an seinen Händen klebt. ^* Die ältliche 
Frau, welche sich mii EIntsetzen von dem furchtbaren Schau- 
spiele wegwendet, und dafür, wie es scheint, von Pylades 
mit einem zürnenden Blicke bestraft wird, ist die Amme 

Klytemnestra eine Schlange, nicht als Symbol der. Gewissensbisse, wie 
'der französische Erklärer meint, sondern als Anspielung auf den nun er^ 
fällten Traum der Klytemnestra, dass sie eine Schlange geboren und ge- 
säugt habe. Choej^. 522 ff. cf. 918: 

Ol *y6 tsyLaÖa rovS' cfptv idfg^dtit^v. 

" 8. Aeschyltis, Tragödien von Aug. Lafontaine I. p. Stfr. »76. 

'* So sind noch auf dem Bildwerke, welches die Apotheose des An- 
tpninus und der Faustina vorstellt, beide als verklärte Güster, nur zur 
Hälfte sichtbar; S. die Abbüdung im Jfii«. Pio-Cüm, V. t. 29. 

** ftoralviov ydp alud öoi xeQotv Ir/. v. 1045. 



316 



des Oresi Sie repräsentirt zugleich den Chor>, welcher den 
Ore»t mit Segenswünschen begleitete, als er zur That «ehritt, 
aber sidi doch des Entsetzens nicht erwehren kann , da sie 
nun wirklich gesdiehen ist» ^ Zu beiden Seiten des Reliefe 
folgt die erste Scene der Eumeniden, links drei schlafende 
Furien, rechts der Drdfuss des Apollo, den Orest noch mit 
der einen EEand berührt, während er, das gezückte Schwert 
in der andern, über ^ne schlafende Furie wegschrdtet^ um 
sich nach Athen zu flüchten. ^ > 

Wie der Maler Theodorus den Müttermord des'OrestöB 
b€ihandelt, wird nicht gealeldet. So viel scheint aus den 
Worten des Plinius hervorzugehen, dass er einen früheren 
Moment gewählt hatte, nänilich- den des Mordete selbst:^ 
Ein Relief aus dem Palast drei ist vielleicht eine Nach- 
bildung dieses Gemäldes. 38 Es stellt denselben Augenblick 
der Handlung vor, besonders auch die schreckliche Verwir- 
rung eines unterg^enden Königshauses.^ Die Furien fehlen 
hier eben sowenig, schänen aber eher zur That zu ermun- 
tern, als zu drohen; und wären sonach der personifidrte 

*^ Choeph, V. 996. 

^* Das Üelief enthält noch manches räthselhafte. So sieht man hinter 
Elytemnestra «ine kniende Figur, lyelche einen Alt(ir von seiner Basis 
aufzuheben scheint. Visconti glaubt, der Pädagog wolle hier den Haus- 
altar vor Blutbesudelung bewahrend 1. 1. p.'" 156. Welker LI. p. 434. 
erinnert an TheocMt. XXTT. 207. Vielleicht ist die Handlung symbo- 
lisch, und der weggerissene Hausaltar bedeutet den .ümdturz des Pelopi- 
den-Hauses, Sofiarog dvar^onf^. Die Furien rühmen sich: (iie<c^. Eum, 
v.'344.> 

Aiauairqv ydp eilofiav 
'Avarpofrdg , orav ^Affjg , 
Tt&cuSog 6v, pUqv ikr^. 
3^ — — ' — Ab Oreste matrem et Aegisthum interfici. Flm. h. n. 

XXXV. s. 40. p. 708. 

»• Siehe die Zeichnung im. Jli». Pfo-Ctem. V. A. V. p. 154;, auch 
bei JUttttfi, gal. myth* CLXV. Nro. -$18. 

'VLetzteres war auch in einem alten Gemälde hervorgehoben, das 
Lud an beschreibt' d-epcutelä naöa inaeft^ijyfiivoi v6 ipyavf de doma opp: 
ed. Schm. VU. p. 201. 2(». 



317 



Wahnsinn de» Wechselmordena, der misstönende Chor, der 
nimmer Tom Hanse der Atriden weicht..^ An Aeschylus 
erinnert sonst wenig mehr, wejin nicht- etwa eine verstüm- 
meUe F^ur am Rande des Rdiefs, deiQ Fragmente eines 
Bogens nach zu schliessen, Apoll ist^^ 

Mit nodi grösserer Herbheit, welche ab^ ei&es IlieiJs 
schon in der Wahl des Momentes bedingt ist, andern Theils 
yon den Dichtem selbst nicht gemieden wurde, sehen mr 
die blutige That des Orest auf etrurischen Grabdenkmalen.'*^ 
Hier beg^net uns auch, fast eben so häufig als in Yaseii- 
gemälden, die eigentliche Furienverfolgung des Ovest, dieses 
Lieblingsthema der alten Tragödie,^ und darum auch der 
Kunst. Meist erscheint Orest auf diesen Werken^ Reliefs 
und Vasen, wie er sich mit blosem Sehw^ an den Altar 
des (jielphischenN Gottes geflüchtet, oder zu den Füssen des 
Djreifusses niedergelassen hat.. Die Furien, sind bald unge^ 
flQgelt, vie bei Aeschylus, bald geflügelt, wie seit Euripi- 
des, immer abar kurzgeschürzt und- im. -Eothum, wilden. 
Jägeiinneti oder blutspürenden Hunden gleich, ihr Opfer 
verfolgend, in watausgreifisnden Schritten und Sätzen, ganz 
dM Schilderungen der l^ttgiker analog. ^^ 
^ • • • . -. • ■ - • 

' *" AXXtiXo^ovoi uavicu, Ägain< 1568. cf. 1178. u. 1478. : Ipog aiuaro^ 

^' £a ist von dieser Figur nichts, erhalten als der; eine Fuss bis ij^ber 
das Knie im lanjg^en Chiton , (also Apoll im TheateroostüQi ?) imd das« er- 
wähnte Fragment, das Visconti, seiner Zeichnung nach zu urtheilen, 
fiüdchhch für eine Guirlande^ erklärt. - 

*' Vergl. in der Ktirze:- tThden, üb«r die Todtenkisten der Etrurier 
in den Berliner Abhandjg. der histor. phllolog. Klasse 1816—17. p. 43. ff. 
Auf dem. einen/^ der hier beschriebenen . Bilder jimfasst ]f lytenmestra eiiie 
w^bliche Statue. Ist diess eine ^«og yevid^Kwq? bei Aeschylus ruft die 
bedrängte Klytemnestra : 

OvShv Öeßi^ei yavs&Xhvg ofdg, rhivov; 

*^ Agamemnonius soenia agitatus Orestes. Virg, Aen. IV. 471. 

** Cr. Böttiger's Fvrienmaske p. 40. ff. et al. Hauytbilder Han- 
car^. U. 30. Tischbein^fil. 32. Zeiga, bassir. L Nro. 38. ^. ühden, 
über die Todtenkisten der Etr. Abh. der histor. phil<^. Klasse. Bmrl. 



318 



Auf den Prologe der Eumeniden scheint in mehreren 
Punkten ein Yasengemälde bei Tischbein hinzuweiseui ^* 
Orestes sitsst am* delphischen Ihre^ss, mit der Lanze be- 
wehrt , und gegen Apollo aufschauend. Dieser neben ihm, 
nackt bis auf den Unterleib, der von einem reiehgeschmück- 
ten Mantel , nach Art der Draperie eines thronendei Jupiter, 
verhüllt ist. ^ In der Linken hält er die Leier, und mit 
der Rechten fasst er den heiligen Lorbeerbaum. Auf der 
andern Seite sieht man, dem Apollo zugewendet, eine Jung- 
frau schreiten. Die Bewegung ihrer Linken drückt Befrem- 
den aus; wahrscheinlich Pythia. 

Vielnähar schliesst sich an die OrestiiB des Aesöhylus 
eiA anderes' Vasengemälde, welches in jeder Einsieht so 
recht das G^epräge einer theatralischen Vorstellung an sidi 
trägt. *^ Alle Figuren sind mit der Pracht des reichst^! 
Theaterkostümes ausgestattet, und über der Scene selbst die 
Zuschauer des dramatischen Spieles in der gewöhnliehen 
Abla'eviatur angebracht. Das merkwütdigste bl^bi, dass in 
diese]» Gemälde andeutungfirweise alle Hauptmomente der 
Eumeniden und selbst Rückblicke auf die Choephoren in 
ein einziges Bild zusammengefiasst sind, gerade^so, wie 
man sich denken kann, dass am Schlüsse eines pantomimi- 
sehen Tanzes, welcher die Tabel der äschylischen Orestie 
darstellte, die Tänzer sich noch einmal zu einer b^eutungs- 
vpUeh Gruppe aneinanderreihten. Die Decbration ist der 
Tempel zu Delphi, mit der gewöhnlichen lakonischen Kürze 
der griechischen Kunst, nur durch Dreifuss und Lorbeerbaum 

1816-^17. p. 44. Hill in 's Oresteide ist iA\r leider nie zn Qeiäfibt ge- 
kommen. ' — 

** Tischbein, vaaes 11. pl. 16. 

Aeidi, Eumen. v. 19. 
*' VpriänflgeNac^cht votf dieser Viwe gab Böttiger in -der turie n- 
maske p. 183, t. ^. VoUstftnd. Abl^ld. bei mUm, mon. ant. ined. I. 29. 
und gal. mytb. 4DLXXL ^^. - 



319 



bezeichnet Vor dem Dreiftiss kqi^t Ore8t;.denn von hier 
aus war der Mordbefehl ergang^i. '^ Das gezückte Schwert 
erinnert an die blutige That, d;e bdden Lanzen in der 
Rechten an die Wanderung des Orest , welche in d^e Zwi- 
schenzeit der Ohoephore^ und Eumeniden fällt In der 
Furie, welche mit einer drohenden Schlange sich über ihn 
niederbeugt, hat inan an seine Vision in den Choephoren 
zu -^ denken. Als solche ist sie nur angedeutet, ^ur Büste 
Yerkürzt. ^ Dem Orest zur rechten steht Apollo, eine zweite 
Furie, welche durch vollständige Ausfuhrung als Idbhaftige 
t)ezeichnet ist , vom Tempel und von Orest abwehrend. Letz- 
terem zur linken sehen wir Minerva. Sie neigt sich freund- 
lieh zu Orestes ^nieder, welcher sein Haupt zuträuensvoU 
zu ihr emporgerichtet hat. Dort also die erste Scene der 
Eumeniden, hier die Vorbereitung der erfreulichen, EatQ.- 
strophe; das. ganze Bild ein sinnreiches Symbol d^äschy- 
lischen Oresi^e. 

Oirestes vor der Statue der Minerva, noch unverkenn- 
barer nach den Eumeniden des Aeschjlus gebildet, sehen 
wir auf eibem aridem Vasengemälde, welches schon durch 
Vortreffliohkeit der Zeichnung unsere Auftnerksamkeit fes- 



** Orestea kniet auf einem korbartigen Gefässe. Gewiss soll dies 
dasselbe sein, was man so oft bald mit, bald ohne den Dreifass des Apoll, 
immer aber mit ünläugbarer Beziehung auf das Orakel abgebildet sieht. 
Ich menge mich nicht in den neuerdings wieder angeregten Streit über 
den oXfiog, die cbrtina und den Nabel der Erde ( — vergl. Otf. MÜUer, 
de tripode 1820 und Amalthea Lp. 119. mit iBöttigers Erinnerungen 
in den Vorreden der genannten Sammlung, dazu Passow's Herkules der 
DreifüBsräuber in Bot tig er 's Arehiologie- und Kunst p. 153 > ff. — ) und 
erlaube mir nur ein Wort über die netzförmige gegitterte Ob^fläche des 
fraglichen Gegenstandes, welche übefaU sorgfältig ausgeführt, schwerlich 
ohne Bedeutung ist. Unter der TheatM^garderobe d«* Alten , wird das 
Agrenon erwähnt, ro S'fjv ttXiyfta i^ ifleiv StxrvoSig teh^ näv ro öofia^ 
o Tetpeöia ifiefidXXtro f ^ rivi dXX^ ^awi/.o. PöUüX, onom. IV. IS. p.. 418. 
Sollte in dieser Stelle nicht der Schlüssel zur Deutung^ jenes rätireelhaften 
Geräthes liegen? 



320 



selt^^ Orestes sitzt dei; Statue der Mioerva gegenüber. 
Der Petasus deutet auf seme Flucht von Delphi nach Athen. 
Um die Brust ist noch das Wehrgehäng geworfen, aber in 
der Scheide fehlt das Schw^^ zum Zeichen, dass die erste 
Sühn«mg des Mordes vollbracht ia^ 

„Der Hände Blut entschlammert- nnn und trodmet ab, ' 
„Und weggespület ist des Mnttermordes MaL^ ^ 

Orest, scheint es, hat sich vom Sitze erheben wollen, 
ist aber müde wieder zusammengesunken. Sein Haupt ist 
geneigt, das Auge nicht zur Statue aufgerichtet, sondern 
zum Oelzweige niedergeschlagen, als auf das sicherste und 
einzige Unterpfand der üahen Heilung. ^ Die Art, wie er 
diesen in der Rechten vor sich hinhält, liat etwas gedan- 
kenloses, wie die ganze Stellung die eines Müden, still Re- 
signirenden ist. ' 

„Hier bleib ich nan, zu harren auf des Richters Spruch.^ ^* 

Die Abgeschlossenheit der gerade aufgerichteten Statue^ ihr 
gegenüber der Schutzfiehende, in sich selbst zurückgesunken, 
dieses sich ferne bleiben bei jmmittelbarer Nähe^ verleiht 
der Scene eineH gewissen Ausdruck schauerlicher Stille, 
recht geeignet, den furchtbaren Fesselgesang der nun bald 
anstürmenden Furien vorzubereiten. 

Auf einem andern -Vasengemälde '^ steht Minerva, als 
Schutzgöttin von Atiien die Eule tragend, vor einer Stele, 
die mit einer Binde, vielleicht der Vitta des Schutzflehenden 
umwunden ist. Orestes, hier mit dem breiten, tragischen 
Gürtel geschmückt, -mit einepi. Reisehut und Lanze, muss 
auf der Basis der Stele als Schutzflehender gesessen haben. 

** MüUn, mön. ant. ined. n.'t. 49. gal. myth. CUÜL. 

. MfiTfoyirivov ^au^^a Sinfikvrov nii$i» 

Ewn. V. 272. 73. 
^* AvTB yfvJiaÖdov civafi4v0 riJiog Sinnig. Eum* v. 236. 
^' TUMem, vas. UI. pl. 33. 



321 



0[)en hat ^r sich erhoben, in<}em er die Stimme der Gtöttin 
veniahm, welche hie*, selbst an 'die Stelle ihrer Statue ge- 
treten ist. — Leite uns dieses Bild auf die zweite Hälftie der 
Eiunenide^i und ihre Katastroi>he. *' 

Schon Zöpyrus hätte di^ Lossprechung des Orest vor 
dem Gerichte des Äreopag auf 6inem silbernen Becher vor- 
gestellt ; ^ dieselbe Scene sehen wir noch auf detn bekannten 
Gf^Ksso, welche» im Hafen von Antiuni gefunden. ^Vnrde. ^^ 
Minerva legt eben den entscheideüden Stein in die ümfe. 
Eine' üngeflügelte Furie steht neben ihr , dann folgt Orestes. 
Sein Haupt ist gediankenvoll auf den Arm gestützt, der sinn- 
Mldliche sichtbare Ausdruck deis Schweigens^, mit welchem 
Cbestes bei ' AeschyJus dem Richterspruch enfgegenharirt 
Eine vierte Blgur^ welche hinter der Minerva auf ei^röin 
Felsen sitzt, repräsentirt: die Areopagiten. ^^ Apollo^ der 
bei d^n Dichter^ auch- während des- Gerichtes so thätig ist, 
fehlt.. Als fremder, un<f mehr nur mit willkürlicher. Gewalt 
entscheidender Gott, war er für einen Künstler entbehrlich, 
welcher die attisch-nation^e' Seite der -äsdiylischen Dichtung . 
hervorhob. DJe letzte richterliche Entscheidung ruht in der 
Hand der Minerva. . Ihr bleibt es Vorbehalten , die Furien 
nicht blös rechUich zu beschränken-, sondern menschlich m 

^» Plin, h, n, XXXlü. s. 55. p, 632. " 

^ Abgebildet und erklärt fn WiftJcelmanfi, Alte De^kIn. Nro. 51. 
vergL .opp; VIL t. 7. VI. 1. p. 205. miin, gaJ. myth. CLXXI. *024. 
üeber das Techniache dieses Werkes: Tb,ieirsc1i, Epochen III. p. -96. • 

^* Der Fels bedeutet den Areopagos^ den Hügel des Ares. Wer es 
recht, genau nimmt, mag dieTraclrt der sitzenden Figur nicht würdevoll; 
genug finden für den Repräsentanten eines Gerichtshofs, dessen Mit- 
gliedern es sogar verboten war, ein^ Komödie zu schreiben. Cf. Plut. de 
glor. Athen, opp. ed. X. II. p, 348. B. Sollte diese Figur, aber eine Frme 
bleiben, wie Winkelmami will —^1. 1. U. p. 77. 76. (sie hat übri- 
gena weder^die F^kel^ noch sonst ein Furienättribut und ihre Geberde ist 
die eines ^^^Ächsinnenden) oder Erigpne «ein , wie Miliin ghwibt , so köante 
der Steirt , auf dem sie ruht, uur den der Anklage, vß^oq bÄdeuten. X>ftnn 
mü^tfe aber Orest auf einem zweiteiT Steine stoen-— dväiSeitx^ cf. Paw. I. 
tÄ. 5..p. 55. und Ewrip. Iphig. Aul. v. ß90. 

FeuerJbach, der vaticahische Apollo. 2t 



322 



yersöhneo, und diese flnstern Mächte der Natur- auf eitiem 
Bodeti der Sittigung einzubürgern ^ auf wdch^n sie selbsft 
als die Stadtbescbirmerin heimiscb ist. Am Ende des Bechers 
finden wir wieder theilnehmende Zodchauer; Pensouificationen 
d^ Gefühle, welche der Afiblick dieses verb^ngnissVollen 
Actes erregen iDusdte. Die eine Figur, eise weibliche^ st^t 
mit yerschränkten Hftnden^ äem Zeichen tiefeter Trau^, 
noch in banger JCrwartung da. ^ Die zweite, ^in Himn, 
hat mit ilet gespanntesten Aufmerksamk^t zugeschaut, Jetzt 
sieht er den Stein "der Minerva in die Urne fallen, iind^ eilt 
in der lebhaftesten Bewegung nach dem Orte der Erlösung; 
Durch diese Gestalten wird denn auch die gmchtliche Hand» 
long zur öffentlichen, zur ^ Angelegenheit des Volkes. Mit 
einem festlichen Aufzuge^ in welchem Männei' tind Weiber 
^e Furien zu ihrem Öeiligthume geleiten, schliesst die Tra- 
gödie. — Grosse Aehnficfakeit mit diesem Bildwerk hat eirie 
G^mme bei Cajlus. ^^ Auch Minerva allein^ in derselben 
gerichtlichen Handlung begriffen, ist ein sehr häufig vor- 
kommender Gegenstand^ woraus denn auf ein ehemals sehr 
bekanntes und beliebtes (Mginal zu schliessen ist^ 

Sophokles hatte gleich&Us den Muttern^ord des Orest 
gedichtet. Mehrere Vasengem^lde und Reliefs wurden nach 
der Electra gedeutet. So glaubte man in eineip V^enge- 
mälde den Orest und Pylades mit dem Pftdagogen, wie sie 
Argos befreten, zu erkennen; 5* in einem* andern Orest und 
Electra am Orabe des Agam^panon ; w un^i das Wechselge- 
' sprach def* Elytemnestra und Electra in einem Basrelieif aus 

^ Ueber diese Geberde vergh P. £. MülleTr- im Neaen 'DBateh^Q 
Merkur 1802. I. p. 289 ff. mit Zottiger:« Bemerkungen. 

" Cayku, recueil d'antiq. ü. pl. 44. 

^ Ekhd, choix d. pierres grav. pl. 21. BßrtoL et ßdkr. lae^mae 
▼et sepulcr. JI. t. 40.. 

^* Haneatvüle, vases I. 77. II;: p. 165. 

*® Tis ebbe in II. 15., vergL tfUHn, deecription des tOAbeaux de 
Canose. pl. 12. 



3ä3 



der Villa Medicis,** Aus den sophokleisohen Tragödien eines 
andern Sagenkreises 8a.h* Winkelmann den geblendeten und 
in*s Elend wandernden Öedipus auf einem Relief ;** den- 
selben^ vie er den Eumeniden opfert, auf einem zweiten.*^ 
Mit grösserer Sidierheit, als die obenbez^chneteti W^ke, 
lässt sich ein^ nur 'leider sehr beschädigtes, Gemfflde aus 
Herkulanum nach Sophokles deuten.*^ Auf der linken Seite 
des Bildeis sehen wir einen Grseis, mit würdevollen Zügea 
und kräftigem Körperbau, halb nur in Felle ^er dürft^ 
L^mpen gehüllt: der rerbannte Oedipus. Bildung und Tracht 
^tspricht dea Worten des Eoloneers : 

1/ * ' »J)ein Antlitz zwar 

Trägt emee schwcnren Schicksals Spur^ doch edel ist's.** *^ ,. . 

Er sitzt auf einem Felsen. ** ' Hinter ihm steht eine / edle 
Frauengestalt, halb über den' Unglücklichen sich niederbeu- 
gend. fiGt der Rechten hat sief seine Schulter gefässt. Stel- 
limgund Gelierde zeigt, dass sie Worte zu ihm ^rioht, 
welche seine ganze Aufmerissamkeit erregen sollen. Es ist 
Antigene) die ihrem Vater willig in's Elend folgte. Die 
Wortö aber, welche sie eben «prachr^ 

„0 Zeus, was sag' ich? Vater, bin ich irr im Geist?" 
Und Oedipus antwortete mit- der Frage: 

«• Winkelnninn, Alte Drakm. Nro. 147. Ü.p. 72. 

«» A.lte Denkm. Nrö. 108. cf. Üt/Wn, gal. myth. CXXXVU. 606. 

9 Alte Denkm. Nro. 104. ... 

** PiUure SErcolan, I. pl.ä. Der grossen Beschädigung des Gemäl- 
de8> We^n, ist auf die. Paar Ck>nturen , welehe auf dem SchooQse 'des Ahen 
einen Kinderkopf anzudeuten* scheinen, nicht viel zu' geben. Und doch 
suchte man gerade Ton diesen aus die Bedeutung, des Gemäldes zu finden. 
Man dachte : ch' il Pittore abbia voluto representarsi Feducazion d'Achille, 
o rötcnltazion di l^ettiino, o TAriono parto de Cerere — und« Bötti* 
ger nannte das Gemälde eine historische Kioderscene. Ideen xur^Archäol. 
der Malw, p. 17^. ' . 

ffwalog, 6g iSayri, nX^v r» Scuftov^g» v. 75. j16. 
** Ov Ti^Xa fid^%^ov 'TbS' hi a^iörov nirpov. v. 19, cf.. 196. - 



324 



„Was ifll, mein Kind, Antigone?^ 

Antigene sah nämlicb eine Jungfrau zu Pferd ftnnahen , in 
welcher sie bald ihre Sdhwester Lnnene erkennt. 

„*S ist niemand sonst! erkennbar nä^er wandelnd nun, 
Trifft freuidj^eh mkh ihr Ange schon, nnd senget lant, 
' Dass 68, in Wahrheit einzig ist {smenen^s Haupt.** **. 

Ismene^.. steht, auf dem Gtomälde der eben beschn^benen 
Glruppe gegenüber, in langem Glewande, üb^ der Stirn 
ein I^adem; flie bat sich an itar Pferd gdehnt; •— * iiie 
Zügek ruhen noch in der Linken , und ihr Blick ist dem 
Alten zugewendet, dessen emporgerichtetes Haupt aufin^rk- 
san) 2u lauschen , aber böi geblendetem Auge die Stelle noch 
zu. verfehlen scheint, von woher nun bald eine zweite be- 
freundete Stimme kommen soll. .Noch ist der Baum zu her 

m 

merken , welcher sich über die linke Gruppe wölbt. Er her 
zeichnet den Hain der Eumeniden, in welchem .erst der tJe- 
s^g det Nachtigallen den. Irrenden begrüsste, und später 
die Stimme de» unterirdischen Zeus ihn zyr letzten und 
dauernden Ruhe Jadet. ß» • 

Einer veidoren gegang^en Tragödie des Söphokled ge- 
hört vieUeicht ein anderes, bis jetzt gleichfalls noch nicht 
erklärtes Gemäjde, auf einer Vase bei ^Millingen. ^? Ein 
Mädchen, in nicht utigewöhnlicher. Tracht*- mit Flügeln auf 
dem Rücken/ verfolgt -weit- ausschreitend und mit ausge- 
strecktem^ Arme einen Jüngling: Dieser sucht ihr mit ra- 
schen Schritt^ zu entrinnen , aber sein Angesicht ist zurück- 






^,S Zbv, Te Üie^; yrol pgev&v .ik^\. rfate^^; ' 
" Tl Siöti, rixvov 'Avrtyovij. v. 311. 12*. . . 

• Oyjt iifriv dXXfj' paiSpd ysv ati ofiudrov <- • • 

XtiivBi lu (tpodTei^ovda ötjficUpei S-j ort- ' " • 

. Bfovtig rif ^kfrt Sijkov 'lff^ip;ri^ »dpa. ^* 319 ff. 
^ Vor dem Alten steht noch eine Saide, oder ein Cippus, vielldcht 
um. den Ort noch näher als einen heiligen Bezirk ansHdent^^n. ^äf>ov »x 
äyvov ftaretv, v. 37. . ' _ - ^ 

^' JlÜXUngen^ peintnrcs de vases ^recs. pl. 42. . . ' 



325 



gew^det, tuid in' äiem.- Über das- Haopt gäx^e&en^ reohten 
Arme hält er «ine Isyex^ die er gegen dieVerfiolgerini-ofler 
Zur ^rde zü Weif(^n in Begriff ist EJin 'Trauerspiel des SofdKik^ 
les stellte da« «ngltickliohe Schicksal lies Thamyris^, jenes 
Sängers dar, der läckvermessen' hatte, den Musen einen 
Wettstreit anzubieteii, und- dafiir von den siegenden Göt- 
tinnen mit Blindheit ujid dem Verlust der Grabe des Ge- 
sanges bestraft, ward. 'Eine . SteHe bei Plutarch , die wahr- 
scheinlich <iem sophokleischen Stücke eptAcmmto ist, lässt 
vermutben, dasa- ThamyrTs im Zorn tAer seine Beschämung 
oder in^ ein^m Anfall .von Wahnsinn seine Leyer zerschlug."''^ 
Wahrscheinlich fUJlte dies ,die ScKlussseene der Tragödie. 
Mit zerbrocheiii^ , Uey^r wbx Thamyris wirklich in -einer 
ßtatue Wif d^ Helikfsm vorgestellt,/* ujid. mit zerrissenen 
Saitfen lag die Leyer zu seinen Füssen, auf einem Gemälde 
des .£plygnotJ3 -Am Flusse . Balyra - zeigte n»ail noch die- 
Stelle,, '^o 3er unglückliche. Sänger die Ley^r weggeworfen 
hatte.?^ Auf uneenri Vasengemälde 'Werden dte Mns^. durch 
^ne einzige repräsei^tirt; Sie haben sich zur Rache erhoben, 
und Thamyris zerbricht. seine Leyerj-wobö es uns weder 
stören kann, dass die .Muse mit. gi*oesen Flügeln ersdieint,'^ 
noch daSss.wir an.Tbainyris die Tracht dei^ thracüschen^Särigcrs 
veniHdsen; ^ , . : - - - . " 

" 'fii^yvvg ^pvöoStrbv iii4^ag'j - • >» ■ 

'Pfjyvvg dpuoviag ^opScfropov Xvpag. 

PM. de ira cohib. opp.. ed. X. II. p. 455. 

w Paus: IX. 30. % p. 619- • 

»» id. X.-30. 8. p. B95. ^ ■ " 

'* id. IV. 33. 3. p. 286. - 

^* OeWöhnlidi 'sehen wir <Jie Mii^n nur am Haupte mit den Federn 
gesditnü^kt, welche sie den Sirenen ausgerissen hatten. Tzetzes , in Ly- 
cophr. 653. Winkel mann, Alte Denkm.I. p. 2. 39. Nro. 46. Por- 
phyfiufl abel" nennt sie unter den geflügelten Gottheiten, gleich neben 
den Sirenen, der Nike -und Iris, de abstin. III. 16. p. 250. 

'** Wie solche Orphe^w trug. cf. CalUslr, Stat. VII. p. 153. Wir sehen 
d&fi Oj^eus aber auch in gewölm]icher*griech. Tracht Winkel mann, 
Alte Denkm. I. p. 44. df. Paus. X. 39. 6. p. 694. 



326 



Eine bei weitem grössere Zahl von Bildwerken , welche 
mit der tragischen Buhne in Bezidiung. stehen, schliesst sieh, 
ait Euripides. ^ Einzelne und zwar Hauptmomente seiner 
Ipbigenia in Aulis lassen sich, wie diea auch von Uhd€^ 
ge0<Aehen ist. anf dem bekanntei) Relief des Eleomenes in 
Florenz nachweisen. ^ Kalchas weiht die als Braut Bekrftnzte 
und Verschleierte zum Tode ; «' Achill umsohreitet* mit dein 
Fruchtkorb, weicht .das Opfermess^ birgt, den Altar; an. 
einer Palme steht , Agamenmon Yon dieser Scene abgewandt 
und mit .verhülltem Haupte. Kicht umsonst hat. ihm der 
Eüjistler gerade diese Stelle angewiesen. Der Baum be- 
zeichnet den Hain, in welchem •das Opfer vor sich gebeii 
sollte, und erst in dem Augenblicke, wo Iphigenia .ihn be- 
,(rat, überwältigt das YatergeTühl Agamemnons die Stimd- 
haftigkeit des Helden. 80 

In der sogenannten casa del poeta tragico ;si) Pompeji 
wurde ein Gem,älde ^tdeckt, welches sich dem Inhalte nach 
UBmittdbar dem ebengeoannten* Relief anschliesst. ^^ . V<^ 
dem alterthümlichen Bilde der Diana steht Agamemnon in 
mäniilichfester Haltung^ aber wieder d^ Angesicht verhi^Ut 
Zw^ JMener bringen .die Iphigenia sdiwd>end auf den Armen 
getragen. Dies leitet unsörn .Blick wieder auf Aeachylus 
zurück, denn gerade so wird im eri^en Chofgesang des 
Agamenmon die Opferung tler Iphigeoia geschildert Auch 



^^ Millin's descHpt. d'une mosai'que ant da miifi^£^o-Clem.,'wdche8 
Werk allein eine. ganze Reihe von Scenen nach Kuripidea enthalt^ soll, 
ist mir nicht zu Gesiebt gekommen. 

^' Uhden/Iphig. in Anliain jden Abbandl. der histor» philplog'« Cl. 
der Berl. Akad. 1816. p. 74 ff. 

^» Eur. Iphig. Aul. v. 808. cf. Iphig. Täür. v. 34^. 

«• Ewr, Iphig. Aal. v. 1397 ff. Die Buchstaben AAOC neben Talthy- 
bius erklärt Welker in seiner Trilogie p. 412. Nro. 692. für AAQC^ das 
Volk. Ich halte es nur fUc das bekannte KAAOJ. Ueber die ^edettiong 
desselben vergL besonders Böttiger' s Vasengemälde. III. p. 62^74 

•« S. Kunstblatt 1826. Nro. 8. 9. 



827 



in seinen Trauerspiele Iphigehia wird Aeschylus den Opfer- 
tod weniger von dttr rührenden als von d^r erschütternden 
Seite betrachtet haben , und Iphigenien selbst dachte er wohl 
niatkt 8& still gefasst und ergeben , wie Euripides. Auf dem 
Gemälde streckt sie die Arme empor, wie verzweiflungsroU 
nach höha-er Hülfe ringend. Durch gewaltsame Mittel wer- 
den bei Aesehylus^ die Lippen des Mädchens jeder .EHage 
verschlossen^ In unserm Bilde hält Ealchas den schon ge- 
zückten Opffflrstahl an den Mund, noch einm^,! tiefes Schwei- 
gen gebietend. Die Weihung des Opfers und Iphig^nia von 
Dienern getragen', findet sich ebenfalls auf etrurischen Todten- 
kisten,^^ nicht selten mit befremdenden Nebenumständen, 
z, B. das Ofrfer von Flöten - und Saiten - Spiel begleitet. 
Vielleicht soll Letzteres das Granze nur als ein tragisches 
oder ihimisches Spiel bezeichnen: wenn nJön es nicht lieber 
auf die Hochzeitfeier, deuten will , zu welcher Iphigenia ver* 
stellter Weise abgeholt wurde. ^* . 

Grosse Uebereinstimmung mit der taurischen Iphigenia 
desselben Dichters zeigt ein Relief des Mftrchese Accoram- 
boni. ^ In der Mitte des Bildwerkes Orest, nach dem Be- 
richte des Hirten, von der Ermattung der gewichenen fla- 
sarei zusammengesunken. Die Rechte^ hält noch das gezückte 
Schwert, mit welchem er, in der Meinung, siefi der Purien 

AUav ^ifjuu^aq vnepd-e floua 

HiftXoiöi ftepurer^y 

Havrl dv(i^ itpovcsmj 

Aaßslv dipSfjVy Örofia — ^ " 

21>g rt xaXXmptipov 

0vXaxdg xaraö^atv, ^d^yyov dpalov ohotgt 

Bie/L, ^aXtvvv r dvsLvS^ ^Uvai. Agam. v. 230 ff. - 

" Cf. ühden, i\ber die Todtenkisten der Etrusker in den Abhand- 
lungen der bißt, philolog. Cl. der Berlin. Akad. 1816— lt. p. 41. 
** avXtlrai Sä fiäv^iXa&pav. Ikr, Iphig. Taur. v. 342. 
•* Winkelmann, Alte Denkm. Nro. 149.ühden»8 Iphig. anf Tauris. 
1. 8. 1. 1812—13^ p. 85 ff. miin/g9X. myth. CLXXI. 626. 



328 



zu erwehren, die Heerden angefallen hatte. , Pyladesist.ihm 
hülfreich bdgesprungen^^ß die Furien auch, hier^em Eiiri- 
pides entsprechend, als blose Visionen, nur zur {lälfte sicht- 
bar. In einer neueq Scene und Gruppe werden beide iVeunde 
gefesselt yon Iphigenien und.eineni Scjthen^'in den Tempel 
der Diana geführt, der grauenvoll geschmückt ist, wie Eu- 
ripides ihn schildert®^ Iphigenia und der Scythe sind "beide 
mit der Machaira bewehrt, jene, um du)*ch Abschneiden der 
Stinilocke zum Tode zu weihen, dieser, um das Opfer selbst 
zu vollziehen. ö8 Wemger genau entspricht die Schlussscene 
dem. dichterischen Originale. Auf der einen Seitenwand des 
SarkQpbages jedoch sehen wir Orest und Pylädes, wie in 
der ersten. Scene der Tragödie, schüchterji das finemde Ufer 
mustßm, das sie betreten haben. ^ Auf der andern S^te 
wird durch Vorlesen des Briefes die Erkennungsscene ein- 
geleitet. ^ Orest, von der Raserei des Wahnsinns ermattet 
niedergesunken und von Pylades unterstützt, «rk;annte Win- 
kelmann auch auf einem Relief des' Marchese Rondemini.^^ 
Im Orestes deaf Eu^pides erweist Electra ihrem Brüder dieaen 
Liebesdienst 5 welche Scene Miliin auf einer Gemme nachge- 
bildet glaubt 9-^. , 

j Unzweideutiger, als die letztgenannten Werke, sind, 
auf eipem Relief aus der Villa Albani, Scenen aus der AI- 
ceste des Euripides dargestellt. ^^ Alceste hat sich ättf^ihr. 
Brautbett geworfen , das nun ihr .Sterbelagw werden Böll. ®* 



•« Iphig. Taur. v. 271 ff. 285 flf. 
«' Cf. Uhden 1. 1. p. ÖO. 
«• Iphig. Taur. v. 572 ff. 
•'• JE^r. 67. 68. Uhden 1. J. ' 

•*^iSfir. V. 714 ff. , 

y Alte Denkm. Nro. 150. U. p.. 75. - 
•V(M. myth. CL3X 62t. 

** Wi^kelmann, Alte Deolmi. Nro. 8^; Äoüga, bM»ir. I. t. 43. 
mmin, gal. mj^th. CVJH. 428. . / . * 7 

»* Eur. Ale! V. 16d ff. ' , ^ 



329 



Klagende' Diener und Ddenmnnen umgeben sie, zu ihren 
Füssen ilSte Kinder.- ^ 

„Sie warf zum andemmale nun aufs Bette sich, 
*Und am Gewand- der Mutter hing der Kinder Schaar^ 
Und weinte." '^ ' , - 

In einer zweiten Gruppe, scheint es, hat Älceste ihr Lfiger 
verlassen. Admet unterstützt sie, und seine Geberde drückt 
das Beihühen aus,. eine Fliehende zurückzuhalten.*^ Viel auf« 
fallender noch iöt die Uebereinstimmung einer andern Gruppe 
mit Euripides, mit jener Scene nämlich, wo Admpt seinem 
Vater Pheres Vorwürfe macht, dass er, ein hochbejahrter 
Greis, sein Leben für ihn nicht habe lassen wollen. Diesö 
Scene kann ganz eigentlich nur dem Euripides. angehöi^,^' 
und .da sie als blose Gesprächs- Seen©- durchaus nichts day- 
bot, was den. Bildner als solchen zu /ihrer Darstellung be- 
stimtmen. konnte, auch! zum Verstähdniss des Bildwerkes 
nicht das geringste beitrug, so verräth sie recht deutlich die 
Absicht jdes* Künstlers y, sein Werk in allen Theilen dem Vor- 
bilde des Dichters anzupassen. Auf einem antiken Gemälde 
in Dresden . zeigt das Aogösicht des Herkules jenön gut^ 
müthigen Scherz, mit welchem dieser Heroe bei Euripides 
dem ^dmet seine Grattiti zurückbringt. ^ Von einem au9- 

** Kqppi'^iv avT^v avd-ig ig -ÄOiTriv gtaX.iv. 
IlalS^q Skp fiiftXov ur^rpog i^r^orriuivoi , 
'EiiXatov. V. 182 ff. 

** Dies also, nicht die erste Gruppe, -wäre, gapz dem Euripides ge- 
treu, die eigentliche Sterbescene (vergl. besonders Ale. v. !142 ff. -Ad. 
Ti Sfag; stpoXeifftstg; AA. Xutp — Freilich ist gerade hier nach Zoöga*s 
Aussage der Marmor stark beschädigt' gewesen. • 

•^ Was man auch zu ihrer Entschuldigung beibringen mag (vergl.- 
z. B. ßrumoy, th^Ätre dös Grecs. III. p. 169.), sie konnte nipr ein€m 
Dichter *in den Sinn kommen, der sich nicht über seine entartete. Zeit 'er- 
hoben hatte^ und nur einem Publikum geboten werden, in dessen Mitte 
die Pheidippide keine Seltenheit mehr wären. ,, .\ • 

*^ Abgebildet im Augwt. U.. 02. Ich bemerke bei dieser Cfelegeiihdt 
noch, dass ich mich beim Anblicke der ersten der sogenannten herkuTa- 
naachen VestaUnnen in D^sdeä nie des Gedankens ei;we)rren konnte, dAss 



330 



führlichen Relief der Fabel der Alceste^ auf welchem auch 
Apoll und Herkules nicht fehlen, gibt das Kunstblatt Ifachricht.^ 
Die verloren gegangene Tragödie des Euripides, Prote- 
silaus, kann einem bekannten Relief im vaticanischen Mu- 
seum zum Vorbilde gedient haben. ^^ Im Prolog der Tra- 
gödie wird der Tod des Protesilaus erzählt worden 'sein, 
wahrscheinlich - durch den Mund des verstorbenen Helden 
selbst, der verhüllt als Schatten die Bühne betrat So er- 
öffnet der Sdmtten des Polydor die -Hekabiö des Euripideö. 
Der Tod des Protesilaus bildet denn auch die' Einleitung, 
die erste Gruppe des bezeichneten Reliefs; erst der Held das 
Schiff verlassend, dann sein Tod und der dem Leichnam 
entsteigende Schatten. In der sftweiten Oruppe, d^ ersten 
eigentlichen Scene der Tragödie, erscheint Protesilaus wieder 
mit der Chlamys bekleidet, wie im Leben. Seine Geberde 
hat den Ausdruck zögernder Zaghaftigkeit, und" freudiger 
Ueba-raschirng. *^* Er Yolgt dem Hermes, der ihn in seine 
ehemalige Wohnung zurückführt. Dann die Scene des Wie- 
dersehens, Protesilaus und Laodamiä in. traulichem G^präche. 
Eine neue Gruppe" zeigt Laodamien verzweiflungsvoU auf 
ihr Lager ' gestreckt, neben ihr Iphikles, des Protesilaus 
Vater, gleichfalls mit der Geberde des Leidens. ^^ Sie scheint 

diese Statue eine heimkehrende Alcestis sei. Siehe die Abbildung in dem 
ebengenannten Werke I. t. 19. 20. Der langsame Schritt, die Haltung 
der halbverhtillten Hände, das geseilkte, verschleierte Haupt mit dem Alis- 
drucke einer freundlichen Schwermuth, alles schien dafür zu sprechen. 
Zur Vergleiphung, besonders in Absicht auf Stellung undCostüme, diente 
tre£fiich die Aloestis auf einem X^remälde aus dem Grabe der Nasoaen. 
Jfetilfafieoliv ant. expl. I. p. 2. pL 130. 

»» Kunstblatt 1826. Nro. 59. ' . 

•oö Mm. PuhClein, V. pl. 18, Winkelmann, Alte Delikm. ,Npo. 123; 
Umn; gäl. myth. CLVL 561. 

•0» Die Geberde entspricht den Worten: a ^dp^iuig fiifi'fjXev auTTe^&a* 
Sofbßfv. EwrifT tr. et fjr. ed. Aug, Mtflh, IX. - p. 315. I. - Protesilaus 
ftnrchtet^^als Todter da^ Haus -zu yeronreinigen. 

'^? Zoi^ga nimmt diese Fi^ur des unedlesr Charakters wegen ffir cten 



asi 



den £ntdchluss gefasst zu haben, ihrem Qattem för* immer 
durph frdwilligen Tod äu folgen. Iphikles Buchf sie -zu 
trösten, und man wird, an die Verse des EuripWes erinnert: 

— „Er litt ja nur, was Dein und eines jeden harrt" -r 

— „„Ndn, ich verJass' den Theuem nicht, obwohl er todtP**^*^ - 

In der Schlussgruppe führt Hermes das Schattenbild des Pro- 
tesilaus in' die Unterwelt zurück, wo ihn Charon mit seinem 
Nachen schon erwartet. Wahrscheinlich begrüsste Protesiläus 
oder.Laodamia bei Euripides diesen unheimlichen Fährmann 
in einer Art von Vision."^* Alle diese Scenen sind übrigens 
noch architektonisch untei* sich verbunden. Ein "langes Ge- 
simse umgibt das Relief. An dem einen Ende senkt es sich 
auf einen Pilaster, der ein. Thor bezeichjien soll; ein zweites 
Thor ist über Charon angedeutet, und ein drittes, als Deco- 
ration der Scene des Wiedersehens, befindet sich in der 
Mitte. Letzteres, mit Giebelfeld und joniachen Säulen ge- 
schmückt, könnte wohl die porta regia der alten Bühne 
sein. ^5 . . 

Pädagogen. Anni. zum Mus, Pio-Clem. in Welk'i^r's Zeitschr. p. 4^. 
Allein der Styl des ganzen Werkes ist nur mittelmässig zu nennen — 
Visconti l.i. p. 123. — . da lässt sich denn kaum eine Vergleicl^uQg 
zwischen mehr oder weniger edlen Zügen anstellen. Ueberdiess gehörte 
an's Bett der Laodamia kein Pädagoge sondern die Amme. 
'®* Biffov&evy old 'Äai 6k yiai advT'aq Uivst. * 

Ov>i av iTpoSoifjv -Aaictep dipv^ov ^iXov. 

Eur. ed. Mam. 1. 1. fr. V. u. VII. p. 316. 
. ^ Wie die sterbende Alcestis. .£ur. Ale v. %U, 
*o^ Ueber der Laodamia ist noch eine Maske hebst Th3nrsus, Flö^n 
und Cymbeln zu sehen. Zur Ei^ärunjg^ dieses Beiwerks wird auf Heyne 
zu Vir g. Am. VII. 385. verwiesen. Dabei wäre nur, was Heyne's Er- 
klärung des Virgil betrifft, beiläufig zu erinnern, dass Amata bacehischen 
Wahnsinn iildit heuchelt, sondern sich wirklich vom Gotte beseelt glaubt 
Im V. 351. hat Virgil äbsichtlidi augedeutet, dass Sie in die Mysterira 

des Bacchus eingeweiht war -; fit tortile collo Aürum ifigens cdlu- 

ber, fit longae taenia vitae. Ueber die Schlangen als Schmuckwerk siehe 
VisconH, Mus. Piö-Clem. 1. p. lOöi 11. 319^ et al. So bergen sich — Tirg. 
.^4ffi. -IL 236. in. die. Schlangen desXaokoon unt^r der Minervenblldsäule. 



332 



Auch die Alexandra des fkiripides. ist verloren ge- 
gangen. ^^. Eine, Reihiniscenz von dieser Tragödie mag 
noch in einein herkulanisefaen. Gremälde enthalten seui.^^ 
Apollo, in reichgeschmückter Theatertracht y steht nachlässig 
an eineh Cippus gelehnt. Seineu Bogen hält -er in der 
Rechten gerade vor sich ; er scheint in Gedanken^ verloren^ 
Neben Him sitzt Kassandra, fast gauz in derselben Haltung^ 
wie jener Orest vor der Bildsäule der Minerva. Als Prie- 
st^n des Apollo trägi sie den X.orbeerkranz. Einen Lor- 
bett:^weig, auf welchen ihr Auge starr geheftet ist*, hält sie^ 
in der Rechten, als Sinnbild ihrer neugewonnenen S^herr 
gäbe. ^^ Beide, Apollo, und Kassancjra, sind i)ur mjt sich 
selbst beschäftigt; man ahnet ^ dass etwas Unheimliches vor- 
gegangen ist, oder * vorgehen wird; man glaubt ein pein- 
licheshSchweigesn zti fahlen." SicherlijDh istKassandra in dena 
Ai^genblioke vorgestellt,, wo sie zum erstenmiarl die unglück- 
lichiB Sehergabe in sich verQpJirt, deren Erwachen sich durch 
seh wermuthsvoU brütenden Trübsinn kund gibt, unter* dem. . 
Grentälde ist ein Feston angebracht, und in dessen Mitte 
eine tragische Maske. * . 

Die deppölte Rache der Mödea an 'der Verlobten des Jöaon 
und ihreu eigenen Kindern ist der Gegenstand mehrer Reliefs^ 
dei*en üebereinstimmurig- im Ganzei^t und selbst im Einzelnen 
ein gemeinsames Vorbild vermtithen lässi*^ Auch in diesen , 



Minervenstatuen hatten aber häufig Schlangen ^u ihren Füssen — ein dem 
Virgil sehr gelJiufiges Bilderspiel. — Wenn dem Kupfer bei BartoU, gli 
anUichi s^pdlcri t. 55. zu trauen, so ist die fragliche Maske eine tragische^ 
und bezeichnet das Bild als ein tragisches Spiel y was aü dnem Sarko- 
phage xecht wohl an seiner Stelle wäre. - . * r 

*o6 ^ ist hier nicht der Ort, die Gründe auseinfmder^asetzen , welche 
mich iipmer' noch die Ansicht bezweifeln lassen, dass' Euripides keine 
Tn^ödie dieses Kamens geschrieben. 
- «>» FUUire d'&CQtono U t. 18. - ^ \ 

'^ SA^v^g i^t^Xiog äj^og, Heiiad. Theog. 30.^ vergl. die Erklär. 

'.^ Ganz eigBnthümItoh.gedadit, merkwürdig durc^ die phantaetische 



333 



Werken hatte der Dichter ^die Hand des Künstlers geleitet, 
und Scene reiht sich an Scene zh dramatisch -epischer Ent- 
wicklung. Nur ein«! Blick auf das mantuanische Relieft ^^ 
Die erste Gruppe Ycrsetzt den Beschauer in den zum nahe» 
Böchzeitsfeste geschrnttel^iträ Palast des Kreon. Vor bekränz- 
ten Säulen steht Jason in h^^isctier. Tracht Er blickt' mit 
Wohlgefallen auf seine beiden Söhne nieder, welche eben 
die ^oehzeitsgescbenkß^ den Ejranz und das Gewand, um 
deren verderbliche Magie -nur die unglückselige Mutta: 
wussfe, der Neuverlobten überbringen. — Diese sitzt auf 
einem Thronoa, dem Jason gegenübto, auf welchen sie un- 
verwandt ihr Auge gerichtet hatte, bis die Kinder erschie- 
nen. ^^^ Ihre BtßUung zeigt Entrüstung; denn erst durch 
Jasons beschwichtigende Worte: . . - : 

„befreundet. sind sie,' bleib' eö finster nicht. • 

Nicht länger wende zürnend ab Bein Angesidit^ — *'* 



Pracht des Theaterkosttims sehen wir die Medea auch auf einem Vasen- 
gemälde bei MiUin, descript. des tomb. de Canose. pJ. 7. 

^*^ A^s dem Jftfb. di Jüanlov. abgebildet in Miüin, galer. mythol. 
CVfll. 426. . • - 

-' **' Ilph giev riyivov Öav ^iöiSeiv ^vvqpiSay 

Hgid^nov sl^' opifaXuov eig 'Idöova. v. 1089,. 90. 

^'^ — — Ov fii^ fvÖji9V^g töBi ^iXoig^ - 
' Uavöet Si &vfio, %ät ndXiv örpiifpstg yidpa, v. 1Q95 ff. 

Auf dem Relief Lancetotti — Winkelm^nn, Alt6 Denkm. l{ro. '9Ö 
u. 91 — ist diese Soene noch erweitert dürth - Darstellung der Yermäh- 
lungsfeier selbst in Beisein der Juno pronuba. Einige Erklärer, unter 
ihnen Visconti zum Mus, lHo-Clem,yiL t. 16., wo das Bruchstück eines 
dem mantuanischen ähnlichen Reliefs beigebjra<^t wird, wollen in der 
sitzenden ^iguf die Medea erkennen. Es ist "aber gewiss die Neuvermätilte 
des Jason. Was Visconti /von dem Ausdrucke ihrcis Gesichtes sagt, kann 
wohl auch der aaLS&v fiinfa^^d-slö' sigoSovg gehören. Die Knaben treten 
offenbar zu *ihr , um die Geschenke zu überreichen. Auf ^^n maiituani- 
scben Relief trägt sie .überdies den Brautschleier, und \m. MimtfauQim, 
ant. ezpl. h pl. 40. ist in ihrer Hand ^ ein Apfel ^u ^ehen. Vergl. über 
dieses Symbol: BoeUiger, Medea Eunpidear prol. II. ii^ UfaUkim, misoeU. 
phildlog. 1803. p. 306. Der Vorhang im Hintergrunde bezeid^net die 
rvupixovg Sofiovg.^ Med. v. 1081. Die Alte hinter der Glauke, von Viswmti 



334 



wurde Glauke bewogen ^ die Gaben anzunehm^. Eäne alle- 
goriscbe- Gestalt in der Mitte de^ Gruppe ist nicht willkttr- 
liebes Beiwerk des Künstlers. Sie fasst die Yermählongs- 
feier und ihre traurige Katastrophe in ein rührendes Sinn- 
bild zusammen. So singt der Chor, als die Kinder mit d^ 
Geschenken sieb entfenit haben, yon dinem Schmucke des 
Hades, welchen Glauke. um die .blonden Locken legen 'wird, 
von der Einkleidung einer Todtenbraut. *^ Die nächstfol- 
gende Figur kann wied^ Jason sein, schon zur Züchtigung 
der Medea^ gerüstet. In einer neuen £lcene begibt dich das 
unglückliche .Ende der Qlauke'und ihres Vaters, ftist Wort 

• " . • • 

für Wort wie bei Euripides. Flammen schlagen über dem 
^aupte der Braut zusammen : in convulsivischen Bewe- 
gungen ä^ert sich die Wuth des Giftes. Eben will die Ge- 
quälte zur Erde sinken. 

„Das lock'^ Haupt nun wirft sie bin und her, 
Den Kranz herabzuschütteln, aber dieser hält 
Die gpldnen Bande festverstrickt, und doppelhell 
Je mehr sie schüttelt, lodert hoch empor die Glut. 
Dem Schicksal endlich unterliecehcj stürzt sie hip." "* 

Ip der nächstfolgenden Scene sehen wjr Mede'a mit entblösstem 

•Medea's Amme genannt, ändert nichts. Auch in ubsrer Scene kömmt 
bei Euripides eine yepaid fi^oönoXav. vor. , ^ * 

»«3 Vei^l. liedea v. 926—936. Die Allegorische Figur des Reliefs ist^ 
jedoch nii^timi Visconti geradehin für den Geniuß des Todes zw nehmen. 
Es iet Hymen ^ wie er von Seneca beschrieben wird.' 

Et tu, qni üacibus legitimis ades 
.. Noctem discutiens auspice dexferav 

flttc iQcediB gradu marcidus ebrio, 
Praecingens rosep t^pora vinculo. 
l^edea' v: 67 ff., vergl. damit Herder: wie diö Ältfen Üen Tod 1»1- 
deten., öpp. XKVH. p. 419. Eros mit gesenkter Fackel- auf dein- Bilde: 
M^deaMn Kolqhis bei Phiioßt jun. Ym p. 121.. 
^^^ Sfim)6a ^cUttiv Tipard r dD.oT dXXodej 
^^^H^di SiJLoffdatSti^avev dXX dpa^TCjg 

""^Bide fiäXXov, Slg tqöop^ iXditsHTo, 
< -JIiTvei Siq evSaCy ^vp^ofdt vMOfi(vr). v. 1135 ff. 



335 



Schwerte zum Horde ihrer Eind^ schreiten. IMese sind 
xa ihren Füssen mit dnem Bälle spielend vorgeatellj;; ein 
Aus1i:iinftsmittel des Bildners , um das Lftehelp einer ahnungs- 
losen Unschuld, welches Medea zu entwäffiien drohte, auf 
sjnoibolischem Wege, mit' einer grösseren Bestimmtheit aus- 
zudrücken, als der beschränkte Raum dem physiognomischen 
Ausdruck gestattete. ^^ Die lliat selbst bleibt, wie bei Eu- 
ripides, den Augen des Beschauers entzogen. In der letzten 
Gruppe ist sie schon voUbrafcht, und Mbdea enteilt auf ihrem 
Drachenwagen. • . ; 

Grösser noch ist die Zahl von Reliefs und Gemälden, 
in welchen die unglückliche Leidenschatt der Phädra für 
ihren Stiefeöhn Hippölyt vorgestellt ist Mit besonderer Vor- 
liebe, mit derselben antithetischen Sdiärfe, welche dem 
ffippoljt des EuripidjBs einen so eigenthümlicben strengen 
Reiz verleiht, ist in jenen Werken immer' der G^ensatz 
zwischen** dem freien Jagdleben des keuschen Lieblings der 
Diana, und der Trostlosigkeit einer unseligen Leidenschaft 
hervorgehoben. Ganz vorzüglich schliesöfen sich diese Bild- 
werke auch dadurch an den ebengenannten Dichter, dass in 
ihnen die Amme das Geständniss der Liebe übernommen 
hat, welches Seneca der Phädra selbjst in den Mund legt*** 
— Eines der schönsten Reliefe bezeichneter Art hat Zoöga 
bekannt gemacht *^^ Lii\ks sitzt Phädra mit der Miene der 
Trostlosigkeit einer Dienerin zugewendet, die an ihren Lei- 
den lebhaften Antheilzu nehmeir scheint.' Diese repräsen- 
tirt den tragischen Chor. Eine zweite hinter dem Thronos 
der Phädra hat sich vorgebeugt, um zu erlauschen, was im 
Linern des Palastes- zwischen Hippölyt und dei: Amine heftig 
besprochen wird. **^ Neben ihr sehen wir dann -die Anime 

*'* ri fipoöyeXara tov fravvÖTaTov yiXatv; "V. 984 flP. . 
, *'f Yergl. EkheV, choix de laeires" grav. zu""pl. 33. 
»*^ Zo^ga, bassin I. t. 49, 
* *• Siehe die Scene von v. 535 an. Auf dem Relief bei Win k el m ah n 



336 



selbst mit dem Grebenftnspiel einer beschwi^renden Bitte 
gegen Hippoljt gewendet; (fiesen mit der Miene, .stan<fi)iaft^ 
Verweigerung.*** Dann Diener und' Pferde, und caidlich 
wieder Hippolyt zu Ross auf der Jagd, begriffen. Ihm ziir 
Seite Diana im raschen Schritte, die Freuden der Jagd Üiei- 
lend.-*^ So hatte sich Phödra, ^um auf den seheckigen 
Hirsch eiQzudriügen, in das Gebirg und'denWald^ gesehnt, 
„wo die Mrildmordende'n Hunde schweifen.'^***. Zwei Gemälde, 
das eine aus Herkülanum,*^^ das andere aus den Bädern 
des TitlMi,*23 stimmen im Wesentlichen gleichfalls. mit Eurl- 
pidesr üb^in. . 

Ein drittes bidier no<»h ;ncht* verstande^ies Gemälde 
endlieh, stellt eine Soene des euripideisehen Htppolyt im 
vollständigen Theaterkostüm, sogar mit Maske vor. Es findet 
sich unt^ den herkulanischen Gemälden^ *^^ liiika sehen 
Vvir eine weibliche Figur im langto Theaterchiton mit Aermeln, 

sind diese ersten Scenen anders bebandelt. Alte Denkm. Nro. 102. Hier 
scbeint ancb die Amme das Geständniss der Liebe scbriftlicb zu über- 
bringenr • ' • * . 

- . Dicere quae puduit, scribere jussit amör. 
Ovid. Heröid. Pbaedr. v. 10. Nicht anders auf dem sehr ausführ- 
liehen Relief in der. Kathedrale von G^rgenti. Vergl. ühden's Virbius 
und Hippolyt in der.Abharidl. der Berl. Akad. 1818^19. p^l89 ff. und 
Welker zu Philosh'. imag/p. 149. 

««* Cf. Hippol V. 567 tf. , 

*** XXapdv 'S dv vki^v rtop^ivcj ^vvov dei^ 

Kvölv ra^eiaig y^-^pag i^oupel ^d-ovog.j 
' 9fet^o fiporalag frpoifftiötjv ofiiXlag, .Hippol. v. 17 "ff. ' 
'''* Hifuteri fi a/g -opog' eljuu ff£fO£ vXavy . 
Kai ftapd ftstmag, « 

"ü'a &Tjpö^6voi öreiflovöi, yivve^f 
liaXlaeg iXdpoig iy^ptfihrofuvai. v. 194 ff. 
'" Pimte ä^JBfeol lü. 15. ' • • 

*^' descript des hains de Titfus Nro. 42. p. 69. Noch als VcnuB und 
AdOnis erklärt. ^ 

*** Püturii d'Ercot, L t. 5. beiläufig erwähnt, ernenne ich Phädra und 
ihre Amme auch auf einem Yasengemälde bei HancartnUe I. pl.- 26.- Die 
Amme ist •deutlichr genug durch die Haube bez^chnet. 



337 



die bis zur Handwurzel reichen. Ihr GesieKt ist Maske 
nrit edlen und tragischen Zügen, halbgeöffnetem Munde. 
Sie repräsentirt den Chor. Neben ihr eine zweite Figur, 
etwas grösser, als die erste, di^ Linke tu lebhafter Action 
gehoben. Ihre Kbpfbekleidung gibt sie als Amme zu cft. 
kennen. Eine dritte weibliche Gestalt ist als Protagonistin 
g^en die übrigen kolossal gehalten, ihre tragische Maske 
schmerzhaft verzogen, der Mund weit geöflftiet; die aufge- 
lösten Haare fallen "wild über Brust und Schultern bis-zur^ 
Mitte des Leibes nieder. Wer erkennt hier nicht das Ko- 
stüm der traurenden Phädra?*^ Die Haltung- ihres Leihes 
ist von der Amme abgewendet, doch das Haupt ihr zuge- 
kehrt, die gehobene Linke in der Geberde der Verwünschung. 

„ünserge Du! Verderberin der Deinen^ was 

^Hi^t Du gethan! dass meines Stamms Urheber, Zeus^ 

„Mit der Blitze Strahl vertilg' in Grund und Boden Dich!" — '" 

Fragt man nach freistehenden Statuen, welche dem 
Kreise der tragischen Bildwerke anzüschliessen wären, 50 
genüge es, was diejenigen betrifft, von welchen uns nur 
noch Notizen bei Plinius upd andern geblieben sind, auf 
den Philoktet des Pythagoras von Rhegium^ wie er früher 
y^ersuchsweise geschildert wurde, zurückzuweisen: Der Aus- 
druck des Kopfes, das wilde verstörte Haar, das dürftige 
Gewand, welches den leidenden Körper deckt, gehören dem 
Philoktet der tragischen .Bühne an. Pythagoras von Rhegium, 
welcher ausser diesem Philoktet auch -den Wechselmord des. 
Eteokles und Polynices gebildet hatte, war ein Zeitgenosse 
des Aeschylus , ^2^ und es ist wohl überhaupt keine Frage, 

*** Ba^v (loi 'Äey>aX^g itrtiitpavov i^eiv' 

""A^eX auairadov ßoÖTfv^ov mfiof^. HippoL v. 179. 80, 
'^' S ftayviayictSTij j yiai Siay>d'opei^ ^iXov, 
OV Blpyaöca ue. -Zevg tf* o ytvvr^TG}^ ifiog 
n^^t^ov i^TohpBiev ov-zdöag avpi. Hippoh v. 646 ff!, 
<^' Der Krotoniate Astylus, dessen Statue Pythagoras verfertigte, 
siegte Ol. LXXIII. cf. CO. Müller. Dorer II. p. 497. In derselben 
Feuerbach, der vaticanische Apollo. 22 



n 



338 



dass das Ers(^heinen dies^ Dichters auch in. der bildenden 
Kunst Epoche machte, und seit ihm die Tragödie für eine 
.ernstere pathetische Plastik eine jebenso lehrreiche Schule 
ward, als der Bingplata/^^u Olympia für die Darstellung des 
sinnlichen Lebens in s^ne^ frohsten Entwicklung. 

Unter den noch erl^ltenen Statuen sei zuerst die schöne 
Gruppe (}es Menelaos au^f /äer Villa Ludovisi genannt. ^'^ Sie 
würde auf diö verschied Astö Art gedeutet,- unter andern als 
Papicius mit seiner Mutteirlader als Phädra und Hippolyfc ^^^ 
Gegen jene Deutung müss: scljon die Seltenheit eines. aus 
römischen Familiengeschichten enüehnten Kunststoffes ge- 
rechten Zweifel erregen; gegen die zweite spricht ent- 
schieden das griechische Zartgefühl, welche^ die Darstellung 
geschlechtlicher Liebe durch freistehende Statuen nur. selten 
gestattete,*^® und um so mehr gegen die ruchlose Liebe der 
Phädra sich sträuben musste. ^^^ Die Gruppe stellt, wie 
Winkelmann zuerst einsah, die Erkennungsscene des Orest 
und der Electra vor. *^ Electra ist kenntlich an den kiirz- 
geschnittenen Haaren, dein Zeichen ihrer Trauer und Emie- 
drigung. *33 , ^Qßjj anr Haupte des Orestes fehlen die langen 
Locken der^ griechischen Jugend, und die Art, wie beide 
Figuren zur Gruppe verbunden sind, passt trefflich zu den 
Worten des Sophokles, welche Winkelmann anführt: 

Olympiade trug, nach dem Oxf. Marmor, Aeschylus den ersten tragischen 
Preis davon, cf. Stanb ad vlt. Aesch. ed. Sdiütx V. 19. 

J^ Siehe .die Abbildung bei Maffei, raccolta t. 62 u. 63. 
. *'• Ueber die verschiedenen Deutungen dieser Gruppe siehe Beck 's 
Grundriss. der 'Archäologie p, 220. 

*^ Böttiger's Andeutungen p. 164. 

*'* a^ oöiatv iparov. Hipp, v. 722. 

'» Winkelmann, opp. VI. 1. p: 242. 

^" Sie ist die tragische Maeke: xovp//^og> welche man nadh einem 
Epigranmie des Dioskorides auf dem Grabe des Sophokles £lbh, und da- 
bei an Antigone oder Elektra denken konnte. Jtnthol. ed. Joe, I. p. 252. 
Nro. 28. VII. p. 396., Auf diess Epigramm . wird apuch von Böttiger, 
bei Gel^nheit der Gruppe des Menelf^ns hingewiesen. S. Tagebuch der 
Elisa von der R^ecke II. p. 279. 



339 

„Half ich Dich wirklich?« 
n^Also sei's für immer nun!**** ••' 

Die gedrungene breitschultrige Gestalt der weiblichen Statue 
lässt recht das Heldenmädchen der sophokleischen Ti*agödie 
erkennen. Die Züge ihres Angesichtes, mit der Bildung des 
Orest reiflichen, sind, des Jugendlichen ungeachtet, matro- 
nenhaft, und machen es anschaulich ,~ dass Elektra die Stelle 
einer schirmenden und rettenden Mutter vertreten konnte, 
als ihr Bruder unmündig undr hülflos war. Das zum Ueber- 
fluss weite und faltenreiche Gewarid der.Elektra, und die 
hohen Sohlen ihrer Fussbekleidung weisen yielleicht hoch 
näher auf die Bühne zurück. Unverkennbar ist sie, als 
Protagonistinder Tragödie, als die erste Heldenrolle bezeich- 
net Ihre Dimension ist im Vergleich mit Orestes kolossal. ^^^ 
Wäre der Laokoon des Sophokles nicht verloren, so 
würde sich Niemand einen Vei^leich zwischen der yaticani- 
sehen Gruppe und der bekannten Schilderung des Virgil 
haben beikommen lassen. Gehöre die Gruppe, in welche 
Zeit sie wolle, sie hat nichts mit der römischen Epopöe, 
aber alles mit der schönsten Blüthe der griechischen Tra- 
gödie gemeib. Gross und furchtbar, aber eben so rührend 
als tief ejrscliüttem.d , bei aller Leidenschaftlichkeit noch ge- 
tragen von dem feierlichen Maasse einer rhythmischen Be- 
wegung, und weit üb^ den kalten rednerischen Ponip des 
Römers hinausgehoben , ist dieser Marmor der treueste Spie- 
gel des menscblidi-tragischen Sophokles. Wenigß unschein- 
bare Nebendinge, der Lorbeerkranz, der nun fehlt, der 

*" BA. ixo er« ;^«p<fiv; OP. og ra KM^ ix^ig aei V. 1226. 

"* Was den Ausdruck ihres Kopfes betrifft, lässt sich freilich auf 
blose 2%jchnuDgen J^ein sicheres -ürtheil bauen. Indessen läugnet Wlnkel- 
mann die -Spur »eines schalkhaften Lächelns, das du Bos zu bemerken 
glaubte. Die einmal angenommene Hypothese mu£ste täuschen. Dasselbe 
widerftihr wohl dem Vorredner zu W ebb 's Untersuchung des Schönen 
p. 70. Bei Maffei zeigt das Angesidit der Electra schwermüthige Freund- 
lichkeit. 



340 



niederrollende Priestermantei; u«d der Altar, an welchem 
der Geweihte selbst als Opfer filllt, sind benutzt, um in der 
Einbildungskraft des Beschauers die ganze Scenerie des IJn- 
glUcks aufzubauen, und ungeschmälert den vielumfassenden 
Sinn desselben zu enthüllen. Als unausweiehbar tritt ims 
das Schicksal des unseligen Priesters» vor Augen. . Noch 
ringt seine Kraft, aber die tödtliche Wunde ist geschlagen, 
und wie Oedipus, 30 scheint Laokoon sich nur immer tiefer 
in das* Netz des Verderbens verstrickt au haben, je mehr er 
sich loszuwickeln trachtet. Den Anblick eines* blosen Todes- 
kampfes hat uns der Künstler erspart, aber eben so wenig 
das Schauspiel eines- Kämpfers v/Drgeftihrt, der noch auf 
Selbsterrettung oder rühmliches Unterliegen rechnen darf. 
Die schmerzlich bewegte Gestalt ist hier nur der fixirte Mo- 
ment des Verderbens. In einem ähnlichen Sinne klammert 
sich der Unglückliche der griechischen Tragödie mit end- 
losen vergeblichen Klagen noch an das Upglück fest, wenn 
dieses längst ein unwiderrufliches geworden ist. Ein Lao- 
koon, der Priester und Vater, wenn es der heroischeDulder 
ist, welchen Einige- in dieser Statue, zu sehen' vermeinten, 
erhebt das Unvermeidliche durch stumme Resignation zur 
eignen freien That, oder schenkt die letzte Kraft den hilf- 
losen Kindern. — Gfewiss war in <ler Tragödie des Sophokles 
der Tod des Laokoon den Augen der Zuschauer entzückt -^ 
Er begab. sich wahrscheinlich im Innern des Minerven tempels. 
Aber eben so gewiss hörte man die Schmerzenslaute der 
Unglücklichen über die Bühne tönen. Der Bildner der Gruppe 
welcher sich die Aufgabe gestellt hat, plastisch zu versinn- 
lichen ^ was dort der Einbildungskraft des Beschauers aus- 
zuführen überlassen blieb, hat auch dieser Stimme Körper 
gegeben. Denn es ist keineswegs ein beklommenes Seufzen, 
wie Winkelmann glaubte; es ist der laute volltönende Wehe- 
ruf, welchen, der griechische Beschauer' von den Lippen des 
leidenden Philoktet, des rasenden Herkules, des sterbenden 



341 



Agamemnon zu Tiören gewohnt war.. Unbegreiflich, wie 
man dies je verkennen ' konnte ! In einer hocl^gewölbten 
Brust , einem gehobenen , zurückgelegten Haupte 'mit aufge- 
schlossenen Lippen, drängt sich alles gewaltsam nach Oben, 
und ringt np-ch Licht und Luft.^^B wie diese Gestalt mit 
ihren weit geöflfaeten Gliedern und blosgelegten Muskeln 
sich gleichsam zu einem klar und ruhig übersehbaren Schau- 
spiele des Leidens auseinanderlegt, ^^7 ao ist auch diese Lippe 
einem Schmerz geöffnet, welcher mit dem vollen Redite 
der geängsteten Creatur öich laut zur Sprache bringen will. 
Der giftige Zahn der Verderberin aber hat im Laokoon nicht 
blos ein sinnliches Leben verletzt. Er traf zugleich die tödt- 
liche Stelle eines der Schuld wie der Unschuld sich gleich 
lebhaft bewussten Herzens. Nur unter diesen , der griechi- 
schen Bühne analogen Voraussetzungen , ergibt sich aucli 
die Stellung des älteren Sohnes als motivirt. Dieser, eben 
noch damit beschäftigt, die Schlange loszuwickeln, die sei- 
nen Fuss umstrickte, hört plötzlich den Weheruf des Vaters. 
Er wendet sich^ sein ganzes Wesen wird seiner selbst ver- 
gessendes Mitgefühl, und was in seiner schmerzlichen Miene 
zuckt, ist nur der gedämpfte Wiederhall jener Schceckens- 
stimme. Durch* diesen rührenden Zug dei: Liebe, — ein 
Gegenbild der sopbokleischen Antigone, — wird Laokoou 
welcher mitten in der engsten schaudervollsten Verknüpfung 
mit seinem Geschlechte, sich in «die tiefste Einsamkeil der 
eigenen Qual verloren hat, in die menschliche Gemeinschaft 
zurückgeführt, und die zarte, schon zusammengeknickte Ge- 
stalt des zweiten Sohnes mahnet an die Nähe des allesver- 
söhnenden Todes. 

DIq Niobe des Aescbylus wurde s(5hon oben angeführt. 



« « 



> 

*^* So beginnen die Klagen in der Tragödie häufig mit -Anrufung des 
I/ichtes und der Luft. © Stog ai&rjp xal ra^vfirsooi nvoal etc. Aesch. 
Prom. V. 88 if. o ,y>dog dyvoVj mal yrjg idofiowog ai^p. Soph. El. v. 86. 

*" opafg d-iaua Svöd-iarov ouuaötv. Aesch. Prom. v. 69. ^ 



342 



Auch Sophokles hatt^ diese Fabel behandelt. Ab6r die tm- 
gisch^n, selbst theatralischen Momente dei^ Niobidengruppe 
in Florenz zu erschöpfen, würde eine besondere Abhand- 
lung erfordern. Von einem furchtbaren, plötzlich einbrechen- 
den Schicksal überrascht, sind alle Gestalten in der lebhaf- 
testen Bewegung, dBm Unvermeidlichen zu entrinnen;) sich 
selbst oder Bruder und Schwester zu retten. Betrachtet man 
aber die Stellungen dieser bewegten Figuren genauer, so ist 
die. der Söhn« excentrisch ina höchsten Grade, gespannt, 
ganz unverkennbar auf theatralischen Effect berechnet. Die 
Bewegung der Töchter ist massiger gehalten., anmuthsvoU, 
ihre S^^hritte aber sind rhythmisch, und die gewählte Art, 
wie sie die Gewänder emporhalten, um sich gegen die an- 
stürmenden Pfeile zu schützen, zeigt deutlich, dass der 
Künstler nicht die Sache selbst in ihrer unmittelbaren Wahr- 
heit erfasste, sondern dieses als ein schon dargestelltes über- 
kam. Die Gewänder werden auf dieselbe Weise, mit der- 
selben wohlberechneten Slierlichkeit gehalten und* geschwun- 
gen, wie wir dies auf Vasen undB^efiefs mehr oder weniget 
bei allen weiblichen Figiu'en sehen, welche in mimische 
Tanzat^tüden gebracht sind. Die Bewegung der Niobiden 
ist keine andere, als die eines tragischen Tanzes.** Melir 
noch ! — das Unglück hat eben ;erst begonnen: - Nur zvrei 
Söhne sind etst gefallen. ^^^ Alles noch in <ler lebhaftesten 
Tbatigkeit. Nochr ist Hoffnung vorhanden, dass diese' Toch- 
ter glücklich ßntrinnt, jener Sohn die Bedrängte rettet, und 

*"^ Man sehe die Stellung und Drapirung der Tochter X. und XllL 
bei Zanoni und selbst der Mutter. Damit vergleiche man auch statt allör 
andern die fliehende Juno auf der höchst merkwürdigen Agrigentiner Vase, 
welche den Gigantenkampf und «war, wie ich zuverlässig glaube, nach 
dem Vorbild eines pantomimischen Tanzes darstellt. S. Raff. Polüu la 
pugna dei Giganti. Palermo 1826. 

^^* Dass der. gefallenen Söhne zwei müssen gewesen sein, habe ich 
schon früher bemerkt: in dem Abschnitte, welcher vom vaticänischen 
Apollo^ als einem Niohidenvertilger handelt. 



343 



das jüngste Kind scheint im Schoosse der Mutter schon sicher 
geborgen. Aber während im Angesicht der Söhne sich noch 
Trotz ausspricht und Bewusstsein der Kraft, in den Mienen 
der Töchter nur Angst und zärtliches Bangen, ist im Ange- 
sicht der schuldbewussten Mutter der Knoten schon gelöst, 
das Schicksal entschieden. Auf die ruhige kalte Maske 
ihres Hauptes ist die schreckliche Gewissheit geprägt, dass 
die Rkclie des Himmels nun gesühnt ist. Für keines ihrer 
Kinder ist diese Mutter mehr vorhanden, wie keines der 
Kinder mehr für sie; ihr Schirmen des jüngsten ist nur 
bewusstlose Nöthigung der Natur, sie selbst mit ihrem em- 
porgerichteten Haupte, die schweigende versteinte Niobe des 
Aesdiylus, die durchgeführte tragische Maske. Im Pädago- 
gen, welcher durchaus nicht fehlen darf, haben wir wieder 
den theilnehmenden Beschauer, den Chor., zu erkennen. Als 
solcher ist er auch das reinste Gegenbild der Niobe. Wie 
iti dieser alles Unglück der Einzelnen zu Einem Bewusstsein 
sich concentrirt hat, ebenso in der Miene des alles über- 
schauenden Chores; nur aber dort als- Ruhe, hief als leiden- 
schafüiches Mitgefühl, und zwar mit unverkennbarer Ironie 
zur Gemeinheit karrikirt. Denn Niobe ist auf den Gipfel des 
Unglücks und der menschlichen Grösse gestellt. Ueber ihr 
gibt es keinen Standpunkt mehr, auf welchem der Beschauer 
fussen könnte. Endlich aber, damit nicht alles plastisch er- 

^ - ' 

schöpft werde, und die Einbildungskraft auf einem freieren 
Spielräume die höchste Fähigkeit erhalte, sich einer so 
grossen gedrängten Masse zu bemächtigen, sind die strafen- 
den Götter, Apoll und Diana, mit Wohlbedacht vom Künst- 
ler weggelassen worden. Das tödtliche Geschoss kommt von 
den Unsichtbaren herab, und wird dadurch nur um so uft- 
vermeidlieher. Gegea ein Unendliches, mit den Sinnen nichl; 
Erfassbares öffnet sich die Gruppe, welche^ der Wirklichkeit 
durch die Schranken. der Symmetrie verschlossen war. 



,- "1 



] 



344 



XVI. 

(Hom.) 

An die Reihe der Bildwerke, deren Grundidee wir auf 
der griechischen Bühne wurzeln sahen, schliesst sich auch 
der vaticaniscjie Apollo. • Pathetisch wie-Laokoon, wie die 
Niobiden theatralisch, in Absicht des Eunstwerths^ Jceinem 
dieser Werke untergeordnei;, gibt er, bei nicht geringerer 
Freiheit dw Behandlung, treuer als irgend ein anderes- Werk 
der bildenden Kunst, das poetische Vorbild zurück/. Er ist 
das ^sicherste und schönste Denkmal, welches PlaÄtik und 
Poesie zum Zeichen ihres innigen Wechselverhältnisses hiii- 
tertassen haben. • 

Alle früheren .Versuche, die wahre Bedeutung des vati- 
cänischen Apollo auszumittelu , waren sie nun auf histori- 
schem, mythischem oder selbst poetischem Wege angestellt, 
gewährten keine^ völlige Befriedigung. Sie geriethen in 
Widerspruch mit sich selbst, oder Hessen irgend eine Seite 
unserer Statue theils unberührt, theils zweifelhaft. Eine 
einzige Stelle des Tragikers Aeschyhis , reicht hin, um .das 
g^Dze Geheimniss dieses so viel besprochenen Kunstwerkes 
gelöst zu sehen. Sie findet sich in den Eümeniden des ge- 
nannten Dichters. 

Der Muttermörder Orestes bat sich, vom Chore der Fu- 
rien verfolgt, in den Tempel des delphischen Apoll geflüchtet. 



345 



Dort setzt er sich, die Hände noch triefend von Blut, das 
mörderische Schwert noch gezückt , an dem Altare des Got- 
tes nieder.^ Aber die Furien sind ihm auch hieher gefolgt. 
Die Blutspur des Mörders, von der sie nicht lassen können, 
die Gier, mit* welcher sie dem Verbrecher über Land- und 
Meer, ja bis in die Tiefen der Unterwelt nachsetzen, hat 
sie zu der Kühnheit verleitet, die Schwelle des Tempels zu 
betreten, und dessen Altar zu umlagern. Von der stillen 
Heiligkeit des Ortes überwältigt, versinken" sie in Stihlaf.^ 
Orest hat, dein Rathe des Apollo folgend, diesen günstigen 
Augenblick benützt, und ist nach Athen Entflohen. Dort 
wird. er die Bildsäule der Pallas umfassen, und seiner völ- 
ligen Entstlndigung entgegenharren. Aber der blutige Schat- 
ten der Klytemnestra entsteigt der Unterwelt, verräth d^ 
Schlafenden den Verlust ihrer Beute, und reizt sie zu neüei^ 
Verfolgung. Sie erwachen — stürmisch hat eine die andere 
geweckt — und wie sie nun den Orest tergebens suchen, 
heben sie ihren furchtbaren Gesang • an. Sie sehen ^ich 
schmählich gekränkt und betrogen , von einem Jüngern Gotte 
überlistet, ihre alten ewigen Rechte von willkührlich herr- 
schenden Götterneulingen geschmälert, und schllessen dro- 
hend: dem begünstigten Verbrecher soll selbst Apollo's Schutz 
nicht frommen; und wenn er unter die Erde flieht, auch 
dort wird ihn der Rächer finden. 

Apollo hat diese frevelnden Worte gehört. Er erscheint, 
und mit seinem Geschosse Tod und Verderben drohend, ver- 
scheucht er die Furien von seinem Heiligthume. 

„Hinaus, icb will's, aus diesem Heiligthume schnell 
Hebt euch hinweg, Tom Sehersitze lasset ab; 
Damit du nicht die blanke Flügelsehlang' empfahst, 
Die los von gold getriebner Bogensehne stürmt, 



' '£it' o^^ak^. Eum. V. 40. Später v. 563. Soitcov i^önog. 
^ Nach V. 714. war ihr Schlaf Betrug des Apollo. 



346 



Und dunklen Menschenblutes Schaum du dann vor Schmerz 
Ausspuckst in Klumpen, so du mordend emgeschlürft. 
Nicht diesem Heiligthume ziemt dir anzunah'n. 
Hin! wo das Haupt im Blutgerichte fällt, wo man 
Ausbohrt das Aug\ wo Schlächterei^ Verderb der Kinderfirucht , 
Entmannung wird geübet und Verstümmelung. 
Wo Steinigung, wo tiefes Mitleidsweh erregt 
Der Angespiessten Wimmerlaut I — Versteht ihr auch , 
Auswurf der Götter, welcher Art das Festgepräng\ 
Das Euch erletzt? Dein ganzes Wesen zeugte dafür. 
Des Leu'n^ des blutgenährten, wild Geklüfte mag ' 
Ein solch Gezücht bewohnen, aber nimmer soll 
Es schänden mir des Götteratisspruchs Heiligthum. 
In Wüsteneien entweichend irret hirtenlos; 
Denn nie befreundet solcher Heerde sich ein Gott.** ' 

# 

Dies die Worte, mit welchen der Delphische Gott den 
Furien entgegentritt, und in diesem bedeutsamen Momente 
ist der vaficanische Apoll gedacht. 

Mit dem entschiedenen Schritte eines raschen Ent- 
schlusses hat Apollo den Schauplatz betreten. Dem grau- 
senvollen Chore Aug in Aug gegenüber, hält er inne, docli 

* "E^Oy 'AsXivo, rovSe Soudrov rd^og 
Xootitry astaXXcuf^6(Sd-e uayrtnav uv^&v' 
M^ nal X.aßov6a trrrjVQV dpyfiÖTrjv o^iv, 
XovÖJjXdrov d'miiyyog i^op^dfuvovy 
'Av^g va dXyovg fiiXav dri dv&^cKtov <d^poVf 
'E^iov<Sa d-poußovgj ovg dpsllnvöacy poiov. 
Ovroi Sofioiöi ToitiSe ^piitnräd&ou stpiaei' 
*AJ>X ov »apaviÖT^peg o^d-aXfiiiov^oi 
AUai y' Ö<paydi tb, önipuarog r d^opS-opal 
IIoUSov, xax»J re ^kovvigy ijS* dvLpuvLay 
Aevö^iog re xal fiv^owfiv oinrtö^ov ftokvv 
^Yito pd^iv ftayiv-reg» Ap dnoverey 
OtoLg iopr'^g iör dstoArvÖroi d-eolg 
Jripyrfd'p l^ovöai; ftäg S* v^fiyslTai rpoaog 
Mopy^tjg* Aiovrog dvrpov' aiuaroppo^ov 
'OimsZv TOiavrag ehogy ov. ^priöTi^piötg 
'£v rdtöS« ^X/^tfloiöi Tplfiaöd-eu ^vöog» 
XapelT dvev fiorrjpog alnoXoviitvai. 
üoi^ivrig roiavrtjg S ovrtg «v^iX^g &eav* EuM. v, 172, ff. 



347 



nur um so lange zu verweilen, bis er die Furien von sei- 
nem Tempel verjagt, vielleicht auch von ihrem Vorsätze, 
den Orest noch weiter zu verfolgen, zurückgeschreckt hat. 
Dann gedenkt er nach Athen zu eilen , wie er dehn auch, 
wiewohl ihm vorerst nur jenes gelingt, * aufs nachdrück- 
lichste erklärend, da.ss er seinen Schützling nicht Preis geben 
werde, bald darauf mit den Worten: 

„Ich bin sein Hort, und meinen Schützling rette ich.** * 

die Bühne verlässt. Der linke Fuss ist gar nicht zum ruhi- . 
gen bleibenden Stand« nachgezogen; denn jeden Augenblick 
kann Apoll dieWuth der Furien beschwichtigt habeu, oder 
genöthigt werden,^ seine Drohung zu bethätigen. Der linke 
Arm ist. mit dem Bogen bewehrt und schon dem Feinde 
entgegengestreckt, •wiewohl noch nicht zum Schusse straff 
gespannt. Der rechte spielt in freier mimischer Bewegung, 
aber im Augenblicke bereit, den tödtlichen Pfeil aus dem 
Köcher zu holen. Wahrscheinlich behielt der Apollo des 
Theaters, Statuen gleich, die ganze &cene hindurch diese 
drohende Stellung bei. Noch am Schlüsse derselben wird 
er nur in langsamen Schritten, immer den drohenden Arm 
noch ausgestreckt, und, den. Chor entlang, einen weiten 
Kreis beschreibend, die Bühne verlassen haben. In unserer 
Stetue Behen wir den Gott erscheinen, dann, um ein ferner 
liegendes Ziel zu verfolgen, wieder verschwinden, und. der 
Zwischenmonient des Verweilens ist durch «die Spannung 
einer energischen Kraft, welche zwischen Entschluss und 
That getheilt ist, auseinandergehalten. 

Raschheit in der Bewegung des vaticanischen Apollo 
musste gejäugnet werden. Aber eine gewisse fremdartige 
Eigenthümlichkeit wurde mehrfach angedeutet. Schon an- 
dei*e haben hiebei an die griechische Orchestik gedacht. ^ 

* Eya S* dp/^^o, tov lÄirrjv re pviSo^at. v. 225. 

* Gcnelli, das Theater zu Athen p. 158^. Nrö. 5^ 



348 



Die Hypothese, dass das Vorbild des vaticanischeii Apoll 
ein schöner begeisterter Tänzer gewesen , welcher im pytbi- 
schen Nomos den Pythofödter spielte, ist von jener Seite 
betrachtet, recht der Seele unserer Statue abgelauscht.' Die 
Bewegung des Apollo ist, wie wir uns -früher schon tiber- 
zeugten , naturgemäss ; sie ist wahr in dem innersten Grunde 
ihrer Organisation , als äusserlich erscheinende jedoch, nicht 
mehr die nackte, ungeschmtickte Wahrheit selbst. Mit dem 
Schritte des Dreifussräubers auf alterthümlichen 'Werken 
verglichen, wird sie zwanglos und naiv, aber selbst der 
Diana von Versailles gegenüber, fast elegant und gewählt 
erscheinen. Nirgend dürfte sie mehr auf ihrem Platze sein, 
als im Kreise von singend schreitenden Musen, oder in der 
Mitte der Niobidengruppe. .Lassen wir den vaticanischen 
Apollo in Gedanken weiter schreiten, so wird er Schritt 
für Schritt tactmässig innehalten. JDer rechte zur Erde 
gesetzte Fuss scheint dem kräftigen Niederschlag eines mann- 
haften Rhythmus gefolgt zu sein , während die ganze Gestalt 
in demselben Maase gleichsam elastisch gehoben, von der 
Grundfläche emporstrebt. Zwischen Feierlichkeit und männ- 
licher Anmüth in der Schwebe getragen , bei grosser Belebt- 
heit ruhig und ernst, in der Bewegung jedes Gliedes spre- 
chend , und von der Zierlichkeit des zurückweichenden Fusses 
bis zur schwebenden Haltung des Rumpfes, alles in harmo- 
nischer Wechselbestimmung, — wer erkennt in dieser Statue 
nicht die leibhaftige Emmeleia, den Tact und die Harmonie 
des tmgischen Tanzes? — ' 

Der Prunk des Theaterkostümes , welches die Feierlich- 
keit der ganzen Scene, das Festliche der tragischen Tanz- 
bewegung nicht wenig erhöhen mochte , hat in der Statue 
der Schönheit des Nackten weichen müssen. Aber auch 
diese ist, schon um jener rhythmischen Bewegung willen, 
nicht die blos sich selbst überlassene harn^lose Schönheit. 

^ Thierflcli ia seiner Einleitung ;^fti Piadar I. p. 60. 



349 



Ea ist eine Schönheit, welche mit dem klaren energischen 
Bewusstsein ihrer selbst vor ein staunend überraschtes Auge 
tritt Ihr ist der Charakter jener Miene aufgedrückt, mit 
welcher der sieggewohnte Femhintreffer seinen silbernen 
Bogen ergreifen, oder als Musaget den reichgeschmückten 
Purpurmantel um die Schultern warfen mag. Wie mächtig 
quillt jede Hauptform dem freien Anblick entgegen, ohne 
der Schönheit der untergeordneten Theile ein gleich freies Er- 
scheinen zu verwehren! Wenn die reizenden Formen einer me- 
diceischen Venus sich glei^ihsam vor unsem Augen entwickeln, 
knospenartig zur volleren Blüthe sich entfalten, so wird die 
ganze Hoheit und Herrlichkeit des vaticanischen Apollo wie 
in Einem- kühnen Wurfe aufgedeckt. Ohne dctmmernde Vor- 
bereitung fällt der volle Glanz einer überirdischeiftSchönheit 
in die .Nacht der Eumeniden. — Doch wie die Söhne. der 
Niobe, neben ihren im tragischen Rhythmus bewegten Schwe- 
steril, theilweise mit weiten, schwerniedersinkenden Gewän- 
dern drapirt sind , so ist auch unserm Apollo in der kunst- 
voll geordneten Chlamys, wie in den zierlichen Sandalen 
eine Reminisoenz an die imponirende Pracht der Theater- 
garderobe geblieben. Dort bei den Niobiden hatte das Ge- 
wand die Bestimmung, die rasche Bewegtheit der Flucht 
empfindbar zu machen, und die Nichtigkeit menschlicher 
ETaft durch das Thörichte des Mittels zu versinnlichen, wo- 
durch sie sich zu schirmen vermeint. Auch in unserm Apollo 
ist der äussere Pomp der "aschylischen Scene in ihrer poeti- 
schen Bedeutung aufgegangen. Bei einem Tytbotödter war 
die Drapirung lästig, die schmnckreiche Fussbekleidung über- 
flüssig. Nun haben wir nicht niehr den abenteuerlichen 
Götterknaben, vor Augen, der in den Schluchten des Parnass 
sich umhertreibt Apollo hat schon ruhigen Besitz von dem 
Thron eines Tempels genommen, der für ihn mit aller ver- 
schwenderischen Pracht des alten Götterdienstes ausgestattet 
ist Den wüstQn Bewohnerinnen des Schattenreichs gegenüber 



:150 



vertritt er überdies eine Oötterwelt, welche auch das hei- 
tere Blendwerk der wechselnden Erscheinung an ihr ewi* 
ges Leben knüpft." Ein Blick auf diese Chlamys unterdrückt 
aber auch den leisesten Wunsch, statt eines kunstvollen 
rhythmischen Maasses in dieser an sich so naturgemäss con- 
struirten Bewegung, nichts als die harmlose Einfalt, die 
Naivetät der Natur äu sehen, welche gänzliche Nackthdt 
kaum entbehren d<\rfte. — 

Das Haupt des Apollo ist aufgerichtet, von stolzem 
Selbstgefühl und sichtbarem Vorsatze, dem Gegner zu im- 
poniren, gebieterisch gehoben. Dieser, behaupten wir<, müsse 
mit dem Ctotte auf gleicher Stufe stehen; er konnte weder 
ein riesenhafter Tityus noch ein kriechendes Gewürm sein. 
Den PuriÄ kommt die gewöhnliche ](>imension der griechi- 
sehen Götter zu. Sie sind auch sonst nicht unter der Würde 
eines zürnenden Gottes. Göttlichen Geschlechts wie Apollo, 
dürfen sie sich spgar einer älteren Herkunft rühmen,^ und 
ihr furchtbares Amt hat ihnen Moira selbst übertragen. ^ Sie 
walten über das Schicksal des Menschengeschlechtes,^" brin- 
gen Fluch oder Segen Übet ganze Völker und Länder^ ^^ 
und verfechten überdies gegi^ eine neu^ingedrung^ie Gröt- 
terdjnastie ein altes wo'hlbegründetes Recht«^^ 

^ ^ Es hctt einen tiefen Sinn, wenn die Furien gelbst von sich sagen, 
das8 sie kein^i Tischgenossen haben , und ihnen nie vergönnt ward , weisse 
Gewänder su tragen — eS4 rjg iörl 

Tov Si iiakXsvYLOv ainXov 
Alhv dfiotpog aiiXfipog irv^d-riy. 
- Eum. y. 340 ff. Man yergleiche damit s. B. Hmn^ II. I. v. ^95 ff. 
' Sie nennen sich frcüLcwysvsZg Moipag. Eum, v. 166; ypaiag S'cUiwvag 
V. 145: 

• V. 326. In der obenangefiihrten Stelle heissen sie selbst Mö^en. 
*^ ndvTa ydp avrat ra xar dvd'pciaotjg 

^Hka^ov Siinaiv» ▼. 914. 
'* Um diesen Gedanken bewegt sich die ganze Schlusssceiie der Eu- 
meniden. 

*^ Ihre wiederholte Klage: 



351 



Dieser threr erhabenen Bestimmung hält das Furchtbare^ 
ja Entsetzliche ihrer ganzen Natur da^s Gleichgewicht. Ihre 
Bildung ist Gorgonen gleich, schaudererregend und ekel- 
haft; *^ ihren Augen entträuft unsauberes Gift. ^^ Minerva 
sagt zu ihnen! 

„Und ihr, der Erdgebornen Wesen keinem gleich, * 

Von Göttern nie noch unter Göttinnen gescbatit, 

und doch der Menschen bildung auch vergleichbar nicht !" '^ 

Apollo nennt sie die von den Göttern ausgestossenen, 

„Jungfrauen längst ergrauet, denen nimmer sich 
Ein Gott je beigesellet, oder Mensch und Thier." ** 

und im höchsten Unmuthe ruft er 

„0 allverhasstes üngethüm, der Götter Gräul!" *^ 

Ihre Nähe ist sonach fiir die Götter selbst, ja gerade flir sie 
unheimlich und grauenerregend. Athene gesteht bei ihrem 
Anblick: 

„Furcht kenn' ich nicht, doch Staunen fesselt meinen Blick. ^ ** 

Ist doch den Göttern der Oberwelt ^lles, was in das son- 

nenlose Reich der Schatten gehört, wie Hades selbst, ver- 

hasst und grauenvoll, und von den Furien heisst es aus- 
drücklich: 

■ 

• ' ' llaXouag vq^ovg 

V. 764 ff. Ihr Amt ist ein yi^w; nakaiiv, v. 383. Das Recht der neuen 
Götter: ytaraöTpo^ai, viov d-sö^ii&v. v. 480. — eine Revolution. 
"- — ig To aav fiSeXvyiTpo^oi, v, 52. 
^* Ewn. b^, Chceph. 1048: heisst es: alßia SvöptX4g. 
** *Yfiäg & ofiolag ovSevi önaprov yiPeij v 

OvT iv &8alÖi fipog d-eov o^&^iivagy 

OvT ovv fiporelotg i^^egalg ^oppduaöi. Eum. v. 400 ff. 
'^ — — -^ "^ ai yiardn-TVÖTOL 'Äopai, 

rpdtai, nakatod aaZSag, alg « fiiywrou 

Seov Tigt aS* dvO-pafftog, aSi &^p ftore» v. 68 ff. 
'^ .9 ixavTouiör^ Y.voSaXay örvyij &sav. y. 630. 
'* Tapßa'fiiv aSkVy d-av/tia ^ ouuaöiv fidpa. v. 397. 



358 



Unheil ist ihres Lebens Ziel, nnbeil'ge Nacht 

Bewohnen sie, den unterirdischen Tartarus; 

Sie, gleichverhasst den Menschen und Olympiern. ** 

Darum genügt es dem delphischen Gotte unserer Scene nicht, 
nur sein HeiKgthum von diesen Ungethümen zu säubern. 
Er verschliesst ihnen den Kreis des gesammten Lebens, und 
verweist sie an die einsame Stätte des Todes, der Verbre- 
chen und ihrer blutigen Vergeltung. Apollo ist der mackel- 
lose Gott der heitersten Lebensi&rische. Auf seiner heiligen 
Insel Delos durfte kein Todter begraben . werden. ^^ Kein 
Wunder, wenn der vaticanische Apollo nur. die unmuths- 
voUe-Stime und den drohenden Arm seinem Gegner zuge- 
kehrt hat, in der Wendung des Leibes aber ihm sogar aus- 
zuweichen scheint. Der Gott hat die Furien erst nur schla- 
fend gesehen. Nun stehen sie aufgerichtet, drohend, in ihrer 
ganzen Scheusslichkeit ihm gegenüber. Von seiner eigenen 
Reinheit sie al^zuwehren, zwingt ihn ein angebomes Gefühl 
seiner göttlichen Natur. Wie fest er ihnen entgegentrat, es 
dräpgt ihn aus ihrer verpestenden Nähe immer wieder in 
die Ferne zurück. — 

Es sei blosse Täuschung, wenn wir manchmal selbst in 
den Mienen dieses Apollo einen leisen Zug verhaltenen 
Grauens zu bemerken glaubten. Der Lrrthimi wird verzeih- 
lich, wo der höchste Grad, der- Illusion durch die wesent- 
lichsten Momente des Kunstwerkes selbst bedingt ist. — 
Denn unser Apollo, nie für eine zahlreiche Gruppe, wie 
die Statue der Niobe bestimmt, durfte nicht die monotone 
Maske tragen. Sein Angesicht musste in einem energü^ch^n 
Zusamm^nstrahlen sinnreicher Gegensätze das geistige Spie- 
gelbild der Eumenidenscene werden. Dieses an Hohn 

** KaAÖv S ixan yidyivovr' iftei xaxdv _ - . 

, JS/.6tov viuovraif rdp-rapov ^' vao ^d-ovog, 
Miö^uar dvSpav nal ^aav ^Okvuaicjv. 
2« Siräbo X. 5: p. 389. ed. ster. 



353 



gränzende triumphirende Lächeln , wdches filr den Schlangen- 
tödter kiemlich, den Niobiden gegeuüber empörend war, ist 
nun der Abdruck der Sarkasmen, -nait welchen Apollo die 
trotzigen Ungethüme sein Uebergewicht und seine Verach- 
tung empfinden lässt. Tiefer Unmuth ruht auf den erhabe- 
nen Brauen, aber der Gott ist semes Gefühles Meister, er 
hat den Affetit in seiner Macht, und hält ihn wie ein dro- 
holdes Gtorgonenhaüpt den Furien entgegen. Er zürnt, ohne 
zornig zu sein. In dem stolzen Wurfe des Kinnes verräth 
sich die Willkür und der TVotz eines neuen eingedrungenen 
Herrschergeschlechts; und- in der Klarheit des Blickes erkeb- 
nen wir den Repräsentanten der „heitern Joviskinder.* Er 
feiert, nun die Herrlichkeit seines Wesens mit um so höhe- 
rem Selbstb^wusstsein, da die Ausgeburten der alten Nacht 
nicht blos durch 'die Schrecken der Unterwelt, sondern selbst 
durch* die Aegide einies ewigen Rechtes geschützt, ihren 
Schatten in den freundlichen Olymp zu -werfen drohen. ^ 

Man rufe sich die Scene des Aeschylüs vor Augen I 
Man deüke sie sich ausgestattet mit ^11 dem schauerlichen- 
Pompe, womit der Schöpfer der attischen l^gödie seine 
Bühne bereichert hatte; man versetze sich in -die Seele eines 
athenisjchen Beschauers, f&r den jene grossen Gestalten nicht 
blose hohle Masken sind, sondern die Stellvertreter wirk- 
lieh geglaubter und gefürchteter Wesen , und Jblicke dann 
auf unsere Statue! Hier die missgestaltieten Töchter der Nacht 
mit allen Schrecknissen des sonnenlosen Dunkels angetban, 
und dort der ^ischönste jugendliehe Zeus; hier die letzten, 
ab^. mächtig mahnenden Zeugen einer untergegangenen 
G^tterwelt, und dort der rüstige Verehrer der neuen;- jedes 
Qur sein Reeht verfolgenfä,' aber jehe mit widriger Gier nach 
der Blutspur eines entronnenen Mörders lechzenä,. dieser 201 
retten- und zu schirmen bereit; zwischen beiden die Kluft 
des Unnahbaren, Unversöhnlichen, 4ind unUeugsamem Trotze 
gegenüber, ein verhängnissvolles' Wott, das, schon zur 

Feuerbach, der vaticanische Apollo. 23 



354 



drohenden (Jeberde geworden, im Augenblicke als vernichten- 
der Pfeil die Brust des Gegners erreichen kann. — : Stand 
vor der Seele des Aeschylus ein bestimmtes ApoUobüd, 
konnte died eine andere Grestalt sein, als die des vaticani- 
öchen^poUo ? ** 

Die' Uebereinstimmung, welche hier statt findet, ist 
schlagend genug. Den Freunden des vaticaoischen Apollo 
mag sie um so willkommener sein, da in ihr' mit der Be- 
deutung zugleich die letzte GewÄhr für die VortreflFIichkeit 
dieser Statue gewonnen :ward. Wenn ein Werk seinen^ in- 
nern poetischen Sinn nach die vergleichende Prüfung riner 
fttöt worttreuen Uebersetzung besteht, und dennoch in (}er 
Art, wie die gegebene Idee erfasst und durchgeführt wurde, 
in eigen thümlichen, von dem Urbild unabhängigen Schön- 
heit!^, die Würde eines auf sich selbst beruhenden Kunst- 
werks behauptet, «o ist gewiss nu^hts Grewöhnliehes geleistet 
worden. Die Treue eines Abbildes, wo sie: die kleinliche 
Absaht eines vom Einzelnen ausgehenden raffinirenden Stu- 
diums ist, zersplittert sich, in Einzelheiten, und zerstört sich 
selbst^ erstickt mit der Wahrheit auch jeden Keim des Schö- 
nen, und vereitelt die Möglichkeit jener .poetischen Wirkung, 
welche wir an unserer Statue schon empfanden, noch ehe 
wir um ihre wahre Bedeutung wussten. : In solcher Gebun- 
•denheit sich frei zu bewegen, ist iiur der höchsten künst- 
leriachen Tüchtigkeit, gegeben. 

D^m, — in dieser allerdings seltenen VerUinduüg von 
Treue und Freiheit nur eine jieii?e Quellt von Zweifeln er- 
öffiiet zu hab^, besorgen wir nicht. DieScene des Aeschy- 
lus in der vajicanischen Statue ^schöpft, ist, an sich beträch- 
tet, kein grösseres Wunder, ^als ein homerischer Zeus im 
Qpld und Elfenbein des Phidias. * Sie- ist kein grösseres Wun- 
der als die künstlerische Thätigkeit selbst, in welcher die 

** ScIk)^ A. W. Sehlegel scheint dieser Ittee von £iner Seite her 
nahe gdiotninen zu sein. Yergl. über dramatische Kunst S. 149. ' 



355 



veraehiedenartigßten Kräfte ded Geistes^ sich wechselseitig 
erregend und beschränkend^ v^bünden mit allem, was Sto' 
dium und Erfahrung gesammelt hat, in Einem Punkte zu- 
sammenwirken, wo mit der W&sme der Begrtsterung der 
streiigste Ernst des- beharrlichen Fleisses, mit klarem tuhi* 
geA :$ewusstsein der blinde Drang poetischer Schöpferkraft, 
ja mit dem leichten Hauche der Idee aller Wust des Mate- 
rials oder Handwerksgezeuges gepaart wird. Wie viel Schö- 
nes und Wahres öfl&jet in jedem ächten Eunstw^ke dem 
Beschauei: eine unerschöpfliche Quelle, von deren geheimem 
ersten Ursprünge der Künstler selbst keine Rechenschaft zu 
geben weiss I In jeder glücklichen Idee liegt der Keim, eines 
unendlichen Vollgehaltes, der, wenn er nur mit concentrir- 
ter Kmft gepflegt wird, in der Stetigkeit einer organischen 
Entwicklung zu immer; neuer Schönheit und Fälle sich ent- 
faltet', so wie auf der andelm. Seite ein fehl^hafter Entwurf 
im Künstler selbst die Harmonie der Kräfte stört, in. seinem 
Werke eipe Reihe unausweichlicher Störungen nach sich 
zieht. Nicht anders verhält es sich mit allen Momenten, 
wodurch ein Kimstwerk l)edeutend ist, oder bedeutet. . Phi- 
dias erkannte jene glückliche Idee in di:ei homerischen *Ver- 
sen;. der Künstler unseres Apoll in einer 'Scene des Aeschy- 
lus: einem Dritten mochte sie die Ifatur in einer zufällig 

• - * - • 

erblicktOT Stellung oder Gruppe in die Häncje spielen. Die- 
ser gewann ein naturgetreues Naturbild, «jene, den Jupiter 
des Homer, den Apollo des Ae'schylu^. ^ ^ 

Denn also: den Apoll des A^schjlus, nicht den nach 
Aesehylus, hätten wir unsere Stsrtue nennen sollen^ 22, gje 
ist mehr als blosses Abbild des furienscheuchenden Gottes, 
sie ist iSein Bild; der reine poetische Gedanke selbst, zur 
Statue verkörpert. Unwillkürlich von den Worten des Tra- 
göde^ getroffen, und entzündet, odl3r mit der Fähigkeit begäbt, 

" So* sägte Aemilius PötuIuä, 6g rov'O^iri^QvMüt 4^ti^iai avro^ 
frXdöaiTo. Plul. Aein. PaiiK opp. ed. X. I. p. 270. B. t 



356 



sich den , Weg in dae Heiligthum der Poesie zu bahneh, 
um hi^ die Weihe eines selbstschafiFenden Dichters zu em- 
pfangep, so haben wir unsern EOnsÜer 2u denken. '^^ 

Dies^ Apollo ist so ganz die freie Frucht einer geisti- 
gen • Wiedergeburt, dass er, während er auf der einen Seite 
nur der ApoUo jener Scene ist, und nichts als ihre J^orm, 
wiewohl diQse ganz zu füllen scheint, auf der andern weit 
über die Bühne de6 Aesehylus hinausrdcht. Schon früher 
erkannten wir in dieser iStatue den yollstöndigen Charakter 
des griechischen Apoll. Eine kleifae Veränderung' in 6e- 
danken mit ihr «vorgenommen, spiegelte uns einen Sonnen- 
lenker oder den citherspielenden Apollo vor. Aber noch in 
der specÄellcn Bedeutung einer Scene des Aeschylus braucht 
es nichts^ als dass der Chor der Furien verstumme, die 
Scene wechsle, und wir sehen ^iese herrliche Gestalt dein 
weiten sonnenhellen Grebiete dei* freien griechischen BTatur, 
und der Dichtung in ihrem ganzen Umfange zurückg^eben.- — 

Den Argonauten erschien Apollo: - , - 

' — — wie von Lybien hoch er herankam, 

Fem zum bevölkerten Gau hyperbordseher Menschen < 

— goldhell, zur Seite der Wangen, . • • 

Flogen die Locken in Traubengestalt ihm, wie ei* daher ging/ 
Links bewegt er im Schwünge das Silbergeschpss, um äen Rückeii 
ffing von den Schultern der Köcher herab, ihm unter den Füssen 
Bebte das ^il^nd' rings ^ und es rauscht' am Gestade die Fluth auf. ^^ 

" Sehr richtig bemerkt schon Hirt, tien Apollo mit dem Laokoon 
vergleichend; „Ein Funken -der Seele, ein Aufflammen hoher Begeisterung 
scheint den Apollo erzeugt zu- habön. Laokoö» hingegen ist das Resultat 
einer durch lange Jahrhunderte hindureh.-gesammelten Weisheit., Jener 
hatte eine Momentalentstehung,- dieser eine successive, bei de^ ersten hat^ 
die Phantasie die Hand des Kihistlers geleitet, bei dem zweiten jschefnt 
^er' Verstand jeden Grad des physischen und' des moralischen Ausdrucks 
kalkulirt «u haben. Schiller's Hören. Jahrg. 1797. Nro. lÖ. p. 4. * 

^\ — — dvepß^ofievog AijSvr^dsv * . - 

T^Ji! in daeipova Srju.ov ' Yrtep-ßopiwv dy&pofftav , ' 
'E^eipdvri' -^pvösot Se siaphtd&y ixarapO-e 

' nXo^^oi fioTpvoevreg. itteppaovra hIovtl' • > • ! 



357 



Was fehlt dieser Schilderung, oder was der vaticanischen 
Statue, um ein und dasselbe poetische Bild zu sein? , — 
Wer sich die (Jestalt des Apoll im Belvedere fest einge- 
prägt, ja wer sie nur irgend einmal mit Theilnahme be- 
trachtet hat, wird sich dieses Bildes gar nicht mehr erweh- 
ren ^können. Wenn Apollo bei Homer mit seinem tchien- 
den Köcher der Nacht gleich vom Olymp herabsteigt oder 
in dner andern Stelle der Iliade den Aeneas scTiirmend mit 
seiner Hand bedeckt, Diomedes aber in blinder Kampfbe- 
gierde gegen ihn anstürmt — 

Dreimal erregte mit Macht den leuchten4en Schild ihm Apollon, 
Als er das viertemal anstürmte, stark wie ein Dämon, ^ 

Droht' mit schrecklichem Ruf der treffende Phöbus Apollon..'^ 

wenn wir Uns diese Situation vergegenwärtigen, eo tritt 
imversehens der vaticanische Apoll vor unsere Seele. Ein 
Bild wie dieses miisste der Homeride vor Augen hab^i^ 
wenn er des Apoll als eines Gottes gedenkt, ^ 

Den. im Palaste des Zefas nur mit Grauen die Götter erblicken. 

Alle dann springen zugMch, wie er nah' nun wandelnd herankömmt. 

Rasch von den Sitzen empor ^ wena er spannt seinen glänzenden Bogen. ^^ 

Oder hören wir Pindar von demselben Gotte singen : 

Aufbrechend ging er über Land -und Meeresfluth, . ' 

Und stand über der Gebirg' gewaltigen Warten, 

Duröh GeklüÜ auch wandelt' er, tretend der Hain' aufragend Haupt im 

* Schwung. ^'^ 

Äaty ^ dpyvpiov vdjua ßtoVj afipi Se^vorotq . 

2eUro v^Öog okr^y nkv^ev S ini xvuara ^ipö/j. ApoUon. 

' \ '. Rhoä. Argon. IL v. 674 ff. 

^* Tplg 6i oi iÖTvpiXi^e pasivijv döniS 'Anokkov- 
AXX ore Sf-To rira^rov iniödi^o, SoUuovt iöogj 
deivd S o£cox>l)J<fag ttoe^iptj ixaepyog 'AfioXXov. 

' II V. V. 437 flf. 

^^ "Ov TS d-eok nard Säfia Aioq Tfoniüvdiv iavta^ 
Kai pd T dSfotöÖovöiv imÖ^eSov ip^ouivoio 
ndvreg dtß iSpdcfv.} üre paiSiiia r^^a TircUvei* 

HytMi. in Ap, v. 2 ff. 

. ^^ KtVtjd-elg Sit^si yaiv re yiai d-dXadÖav 



358 



so glaubeil wir die Gestalt des yaticanischen Apollo zu ei> 
Idicken. Bis in*s feinste Detail er&h*eckt sich diese dichtemsche 
Wahlverwandtschirft, . und wir richten unwlllktirlich ünsef 
Auge auf das üppige sehöngeordnete Haupthaar der vatica- 
nisehen .Statue, wenn Callimachus singt: 

Nicht Salböl nur enttränft deh goldenen Locken Apollons, 
Nein, iülbeilen4e8 Nasa, und in welcher Stadt es znr Erde 
Niedei^eronnen als Th^u, schmerzlos wird jegliohes Dasein. ^' 

Selbst iö die Vorstellungen des Pythotödters oder Niobiden- 
vertilgers, wird sich auch künftig noch immer das Bifd des 
yaticanischen Apollo mischen. In gewisser Beziehung sind 
alle jene Deutungen wahr. Alles das ist wirklich der va- 

« 

ticanische Apoll, nur nicht der vaticanische Apoll im engem 
Sinne.^ 

Wer die eigentlich theatralischen Spuren ah unserer 
8tatu*e weiter verfolgen will, kann noch bemerken , dass die 
Haarbildung derselben von vorne gesehen, vollkommen dem 
Umrisse einer tragischen Maske gleicht. Wir lassen dies 
auf sich beruhen, um noch das Nöthigste über das Beiwerk 
unserer Statue zu sagen. Die Schlange ist mehreren Göt- 
tern der Alten beigeselK, am häufigsten deöjenig^n, deren 
Obhut geistiges oder körperliches Heil anvertraut war, wie 
der Hygiea, dem Aeskulap, der Minerva Medica. Apollo 
ist der Gott, der über das Verderben waltet, entw.eder utn 
es selbst zu verhäilgen, oder es abzuwehren. Unheil ab- 
wehrend^st er besonders als Arzt oder Seher, und in beiden 
Beziehungen Jst ihm die Schlange beigesellt. ^^ Aeschylus 

Kai Öxonalöi peydXßug opiov vffep I^Öta, ■ 

Kai Uv^^g SiäviÖÖBTO ßaXXouavog npr^atSog dXöiov. 

T hier seh 's Pindar ih den Fragmenten II. p. 242. 

*• 0,v litiog UiToAAovog aftoöraiovöiv i&stpaij 

'AXX avTTJv navaABidv iv dörei ^ o x«v' inetvai ' 

Mpa^ag ipa^e ftiöet^tv, ak^pia navT iyiivvtp. 

CaUim. hymn. in ÄpoU. v. 39 ff. ' 
''^ Spdviov vfio rp rpifftoSi ^d-iyyerai, ÜMC. astrol.opp^ ed Schm. IV. p. 482. 



359 



selbst hat in dem Prologe der Tragödie, welche uns beschäf- 
tigte, jene Doppeleigenschaft des Gottes und seines Sinnbildes 
in das prägnante Beiwort des Seherarztes zusammengeflEtsst.^ 
Die Wahl der Baumart an dem Stamme, welcher unserer 
Statue zur Stütze "dient, scheint in noch näherer Beziehung 
zur besprochenen Eumenidenscene zu stehen.. Ohne Bedeu- 
tung ist sie gewiss nicht, Wie schon die Sorgfalt beweist, 
nait welcher selbst dieses Nebenwerk ausgearbeitet ist. Der 
dem Apollo geheiligte Baum ist der Lorbeer, und wir hörten, 
dass namentlich der Pjthotödter dieses Attribut, kaum ent- 
behren kann. So findet sich Lorbeerstamm und Schlange 
wirklich an zwei Apollostatuen im Pariser Museum.^* Was 
BoU nun an unserer Statue die Vertauschung dieses gang- 
baren apollinischen Sinnbildes mit einem aussergewöhn- 
lichen? — Denn deutlich erkennt man. neigen dem vatica- 
nischen Apollo, daö Laub uüd die Frucht des Oelbaumes. — 
Mit einem Oelzweige kam der flöchtige Orest nach. Delphi 
und Athen. ^^ Der Odibaum ist Öjmbol des dSchutzbedürf- 
tigen, Symbol des Friedens, die Ge\^ähr der vollkommenen 
Entsündigung, die Apoll seinem Schütz^nge verheissen hatte. 

'° 'larpoußVTtg. 1..1. 8. 62. 

'* Desöript. des antiq. d. Mas. royäl. Nro. 188. p. 92. ji. Nro. .401. 
p. 170. ^ 

" iXpUag v^iyiwrirog xkaSog. Eum. v. 43. - 



360 



,-> 



xvn. 

j 

w^ - ' 

Kai Öv ßiiv ovro x^lgi) ^log xa/ Ar^Tov^ vU. 

(Homer.) 

Die Bedeutung des vaticaniachen Apoll hat uns in die 
Zdt 'des A-escHylus zurückversetzt; nichts destoweniger. müsr 
sen YQx der Meinung derjenigen beipflichten, weldie der 
Entstehung dieser Statue eine Zeit "anweisen , die mit jener 
scheinbar ausser «lleip Verhältnisse steht. 

IMe Eigenthünalichkeit zww, mit welcher in unserer 
Statue der Charakter des Apollo ausgedrückt ist, als Ideal 
nämlich tSner jugendlich männlicheji Schönhieit, welche sich 
eben so sehr zur Zartheit und Anmuth, als zur Kraft und 
Grösse nq|gt, spricht nicht entischieden für eine allzuspäte 
Kunstepoöhe* Hat es damit seine Richtigkeit, dass im Gange 
der griechischen Kunst überhaupt, ein Fortschreiten von 
schroffer Grösse zu männlicher Würde, von da zur sanf- 
teren Schalheit und Anmutb statt fand, so werden wohl 
einige Götterideale diese Stufen früher, andere später zurück- 
gelegt haben. Kaum ii^ead ein (Jott aber wurde so häufig 
und in so ununterbrochener Reilienfolge gebildet, als Apollo. 
Kein namhafter Künstler, von dessen Hand nicht wenigstens 
Ein mehr. oder weniger berühmtes Apollobild nachzuweisen 



361 



wäre.^ Der geübteste Kenner würde wahrscheinlich zwischen 
dem Apoll eines Cheirisophus oder Theodorus und unserer 
Statue kautn einen Yergleichungspunkt aufzufinden wissen. 
Noch die Apollobilder des Eanachus und Kaiamis würden 
uns als ganz fremdartige Gestalten erscheinen. Doch -dürfte 
schon der Pythoktonos des Pythagoras dem vaticanischen 
Apollo wenigstens durch die prägnante Wahl eines drama- 
tischen Momentes näher gekommen sein. In den Apollo- 

• Man übersehe folgendes Verzeichniss ; es werden wenige der bedeu- 
tendsten Künstlernamen fehlen. Aus der frühesten Zeit werden Apollobilder 
erwähnt vjon Cheirisophus — Patis. Yül. 53.'7. 8. p. 562. von Dipönus 
und Scyllis — Plin. XXXVI. s. 4. p. 724. — von Theodorus und 
Telekles — Paus, IX. 35. 3. p 620. II. 32. 5. p. 152. — von Laphaes 
id. VII. 26. 6. p. 468. — Aus unbekannter, zum Theil gleichfalls früherer 
Zeit: der* Apoll von.Peisias — Paus, I. 3. 5. p. 8. — vonAttalus — 
id. n. 19. 3. p. 124. — von Philiskus — Plin, XXXVI. 4 p. 730. — 
vonPatrokles — Paus. VI. 19. 6. p..392. — von Lysias — Plin, 1. 1. 

— von Eubulides — Paus. I. 2. 5. p. 6. Aus den Zeiten der zur Vol- 
lendung reifenden und gereiften Kunst: ein Apollo des Telephanes — 
Plin.^XXKLV. 19. p. 653. — der Apollo von Aristomedon — Paus. X. 
1. 10. p. 635. Herod. VIIL 27. p. 427. — der Apollo des Onatas — 
Paus. VIII. 42. 7. p. 545. — von Kanachus zwei Apollobilder *— 
Paus. IX. 10. 2. p. 579. Von Kaiamis der Apollo Alexikakos v. 1. s. I. 
ein Koloss für ApoUonia, den Luculi nach Rom gebracht. Strabo VII. 
p. 491. ed. ster. cf. — ein dritter Apoll — Plin. XXXIV. 5. p. 730. Von 
Phidias stand eia eherner Apollo auf der Akropolis zu Athen. — Paus. I. 
24. 8. p. 46. — Einen andern erwähnt: Clem. Atelc. adm. 9; p. 30. ed. 
Sylb. — Von Pythagoras der schon. früher erwähnte Pythotödter; von 
M y r o n ein Apoll , den August den Ephesiem zurückgab. Plin. 19. 
p. 651. Einen zweiten hatte Verres geraubt. — Cic. in Verrem IV.. c. 43. 
Von Polyklet: Apollo, Latona und Diana. — Paus. II. 24. 5. p. 135. 
von Skopas der Apollo Palatinus. Plin. XXXVI. 4. p. 727. und der 
ApoUo Smintheus — Straho XIII. 1. p. 117. Von Leochares stand 
ein Apollo neben dem Alexikakos des Kaiamis. — Paus. 1. 3. 4. p. 8. 

— Einen Apollo mit* dem Diadem erwähnt Hin. XXXIV. 19. p. 656. Von 
Praxiteles war ein Apollo zu Rom, id. XXXVI. 4. p. 727. Latona und 
ihre Kinder zu Mantinea. Paus. VIIL 9. 1.' p. 486. Diana und Latona 
in einem Tempel bei Megara — Paus. I. 44. 2. p. 86. Von Lysipp 
Apollo mit dem Hermes streitend — Paus. IX. 30. I. p. 609. Von Eu- 
phranor Latona mit Apoll und Dianen als Kindern — P(tti.; XXXIV. 
19. p. 655. ein Apollo von Timarchides — Plin, XXXVI. 4. p. 730. 



362 



StÄtuen des Phidias herrschte, wie zu vermuthen, der Char 
rakter übermenschlicher Grösse und Hoheit vor, — sie waren 
die ächten Söhne seines 2ieus zu Olympia; — in den Bildern 
des Myron eine mehr in sich concentrirte männliche Kraft ; 
aber der Apollo des Polyklet hatte vielleicht schon die leicht 
und schwebend gehaltene Stellung der vaticanischen Statue, 
ein Apollo des Lysipp ihre schlanke Proportion. Was die 
jugendlich zarte Schönheit des vaticanischen ApolT betrifft, 
dürfte diese wohl schon der Seele des Praxiteles, diesem 
Vollender der lieblichsten Ideale, der Venus und des Amor 
aufgegangen sein. Führen wir den Apollo Sauroktonos dieses 
Künstlers, wie wir ihn noch in. Copien kennen, aus dem 
Charakter des Knabenalters in Gedanken bis zur reiferen 
Stufe des vaticanischen Apollo fort, so wird eine viel zartere 
Jünglingsgestalt zum Vorschein kommen , a}s dieser ist. 
Allein alle Hypothesen der Art flihren zu k^nem sicheren 
Resultate. Wie unzuverlässig wird alles, sobald es sich um 
den muthmasslichen Styl einzelner Künstler handelt! Die 
Alten selbst war^n in Zweifel, ob die Gruppe der Niobe 
dem Skopas oder Praxiteles zuzuschreiben seL Dies ist bei 
einer so erstaunlichen Composition,' und bei zwei grossen, 
gleichberühmten Künstlern, die nicht einmal in deni engeren 
Verhältnisse eines Schülers und Meisters zueinander standen, 
auffallend genug-, und ein deutlich warnender Fingerzeig. 

Mit ziemlicher Wa"hrscheinlichkeit gibt an antiken Sta- 
tuen die Behandlung dör Haare eine frühere oder spätere 
Epoche zu erkennen. Die technische Gewandtheit, von wel- 
cher die Locken unsers Apollo zeugen, mehr noch die ma- 
lerische Anlage derselben, diese sorgfältige Vertheilung von 
Licht und Schatten, dieses Sammeln und Scheiden von 
Haupt- und Nebenparthien, das leichte Spiel der Bewegung, 
alles dies kann seiner Natur nach mir das letzte Ergebniss 
der vielfachsten Kunstübungen sein. Der Archäologe weiss 
überdies, dass die ängstliche Sorg&lt, oder systematische 



363 



Strenge der ' älteren Epoche gerade an diesem Theile des 
menschlichen Körpers am spätesten einer grösseren Freiheit 
der Behandlung Kaum gestattete.^ Eben so zuverlässig weist 
eine Draperie, wie die des vaticanischen Apoll, auf spätere 
Eunstepochen hin. Der Faltenachlag eines Gewandes ist in 
der Wirklichkeit einer so grossen Menge von ZufiUligkeiten 
unterworfen , dass die beginnende Kunst dadurch nothwendig 
in Verwirrung geräth. Ein vom heiligen Brauche dargebo- 
tenes Vorbild, wenn in ihm, wie bei den gefältelten Ge- 
wändern des Tempelidols, des mimischen Tänzers, jeder 
Schein des Zufälligen durch die Beschränkung eines Regel- 
mässigen aufgehoben ist, wird anfänglich sogar willkommen 
sein. Spät erst gelingt es der Kunst, in der Natur des Ge- 
genstandes selbst das Geheimniss seiner innem Nothwendig- 
keit zu entdecken, und dadurch zu jener wahren Freiheit 
zu gelangen, welche immer nur aus dem klaren Bewusst- 
sein des Gesetzes hervorgeht. Aber auch mit diesen Be- 
trachtungen kommen wir bei dem . vaticanischen Apoll nicht 
über eine 2eit -grosser Kunstvollendung hinaus. Höchstens 
führen sie uns in eine Epoche, wo die Kunst ihre feinsten 
und zartesten , eben darum vielleicht auch ihr© letzten Blüfchen 
trieb. Freilich aber bliebe da wieder vorerst noch die ver- 
wickelte Frage zu lösen übrig: wann diese Epoche begann, 
wann sie zu Ende ging? 

Glücklicher Weise finden wir an dem Material unserer 
Statue selbst einen Anhaltspunkt. Der Marmor, aus wel- 
chem sie gefertigt ist, galt früherhin allgemein und unbe- 
zweifelt für gnechisch, obwohl man den Ort, wo diese Gat- 
tung bricht, nicht nachzuweisen wusste. Als aus griechischem 
Marmor gefertigt, finden wir den Apollo noch von Lanzi^ 



^ Vergl. Winkelmann's KuHStgeschichte opp. IV. p. 118 ff. tratt. 
ppel. VH. 105 ff. 

^ In seiner Schrift über die Sculptur der Alten. 



364 



und Böttiger angeführt. ^ Aber schon Raphael Mengs trat 
mit .der Behauptung auf, dass der Marmor unserer Statue 
der lunensische des Plinius sei, der heutzutage unter dem 
Namen des Carrarischen bekannt ist.^ Visconti bestritt dies, 
und brachte sogar ein von einem Notar beglaubigtem Gut- 
ach tep bei, in welchem ehrenwerthe Männer aus Carram 
das Gegen theil versichern. Sie haben, wie es in jenem 
Documente heisst, den Stoff der Statue mit aller Aufmerk- 
samkeit betrachtet, selbst innerlich untersucht vermöge eines 
von der Rückseite abgestossenen Stückes, und einstimmig 
das ürtheil abgegeben^ dass der Marmor des Apollo grie- 
chischer sei, gewiss nicht Marmor von Cailrara. Deutlich 
erkannten sie dies aus dem groben Korne, aus dem grös- 
seren Glänze, aus der Farbe und andern Eigenschaften des 
Marmors, die gänzlich verschieden sind von dem Marmor 
von Carrara. ® Sie erklären , dass sie dieses- Urtheil mit 
völliger Gewissheit fällen, wegen der langen Erfährung, 
Praxis und Eenntniss, die sie, in einem Zeiträume von 30 
oder 40 Jahren, von allen Marmorgattungen erlangt haben, 
vorzüglich von der aus Carrara, ihrem gen^einschaftlichen 
Vaterlande. Indessen war Visconti selbst der erste , der die 
Wahrheit dieser gerichtlich constatirten Meinung öffentlich 
in Zweifel zog. In einem späteren Nachtrage zählt er die 
bekanntesten griechischen Marmorarten mit der Bemerkung 
auf, dass der vaticanische Apoll zuverlässig aus keiner 



* AndeutuDgen p. -21^. 

^ Ma che diremo neir ammirare U sublime Apollo di Belvedere lavo- 
rato in marmo d'Italia? Mengs lett. a Fcibroni opp. p. 360. Ma che diremo 
della piü bella delle statue antiche, che ci sonorimaste, quäl ^ quella di 
Apollo Pitio in Belvedere? La supporremo una di quelle opere, che hanno 
immortalato i loro autori? Se la foellezza ci fa credere di si; e certo 
perd, che essa ^ di marmo di Carrara^ o di Serravezza. Ib. p. 364. 

• — dalla grana grossa, dßl maggior lucido, died colore,'e da altJre 
circonstanze del marmo — etc. S. das ganze Certificat in Visconti, Mus. 
Pio-Clem. I. p. 150 ff. 



365 



— i 



derselben gefertigt sei. Er fügt die Versicherung voh Minera- 
lo^en hinzu, dass. sich zu Carrara Marmorarten finden, welche 
dem Material des Apollo gleichen. Er selbst habe in Paris 
Sculpturwerke in einem Marmor ausführen seh^i, welchen 
man für griechischen hätte halten können, während er von 
Carrara war bezogen worden. ^• 

Unter den Mineralogeh, aufweiche sich Visconti beruft, 
steht ein Mann der grössten Autorität oben an, und so lesen 
wir denn im Mus^e Napoleon ganz unumwunden die Be- 
hauptvmg: ^d'er Marmor des vaticanischen Apoll ist ganz 
gewiss carrarischer ; wie solches aus «der genauesten Unter- 
suchung von Visconti und Dolomieu hervorgeht, und dann 
von mehreren Kennern bestätigt worden.**^ 

Die ganze Art, wie dies^ Streit geführt ward, gibt zu 
mancherlei Betrachtungen Anlass. So mag Mengs Unter- 
suchung nicht frei sein von der Einmischung jenes einseiti- 
gen Wunsches, die Apollostatue. zur bjosen Copie herabzu- 
würdigen, um seinem Ideale von griechischer OriginalvoU- 
konunenheit einen um . so höhern und festem Standpunkt 
zuzusichern. In dem ersten Mittel , dessen Visconti sich zur 
Führung des Gregenbeweises ' bediente , , ist ein ähnliches, 
wenn gleich entgegengesetztes, Vorurtheil nicht zu verken- 
nen. Merkwürdig bleibt es auch, wie sehr sich die öffent- 
liche Meinung geraume Zeit hindurch gegen die Annahme 
jener Entdeckung sträubte,- wie bereitwillig jede neue Notiz 
zur Verdächtigung ihrer Gültigkeit benützt ward. »D^ 
griechische Marmor ist nicht durchaus gleich , sagt Hem^. 
Man hat Proben kommen lassen, die vom Marmor des Apollo 

' TiMcmit 1. 1. p. 150. ' 

* II res alte de. rezaxnen tr^ — exact du marbre de FApollon de 
Belvedere feit par cet habile antiquaire (Visconti) de cotfcert*avec le sa- 
vant mineralogiste Dolomieu, et v^rifi^ depuis par plusieurs connaissears, 
que ee. chef- d'oeuvre est tr^-certainement de marbre de Oarrara. ilfti«. 
l^af. I. p! 44. cf. MuUt par Bouükm. 



366 



im Korn nicht unterschieden sind. Und femer gibt es so 
zarten carrarischao, dass er mit dem besten parischen über- 
einkönynt. Und wer ist d^r übergrosse Marmorkenner, der 
von ifgend einem Stücke sagen will, gerade woher es sei, da 
dieser Stein in jedem Elima zu finden ist?'' ^ Agincourt beruft 

sich auf eine französische Marmorart, welche in Eom und 

. ' • . 

Farbe dem parischen gleichen soll, lo . 

Was das freie Urtheil jener Männer beengte, hat für- 
uns nur wenig Gewicht mehr. Die Archäologie hat schön 
so ziemlich die Grille au^egeben , die Entdeckung oder all- 
gemeine B^iützung des lunensischen Marnaorbruches für den 
Schlussstein einer Reihe von Jahrhunderten zu halten , welche 
mit lauter Originalkünstlern gesegnet waren , und dann eine 
neue Reihe von Jahrhunderten folgen zu lassen, welche 
nichts als Nachahmer und Copisten kannte. Wo kein Ver- 
gleich zwischen unbestrittenen Originalien. eines Künstlers 
und muthmasslichen Kachbildungen gestattet ist, fehlt jedes 
zuverlässige Kriterium. Das einzige Merkmal, welches zu 
einem gegründeten Zweifel an der Originalität eines Werkes 
berechtigt, ist der Widerspruch, in welchem die Ausführung 
desselben mit der Idee steht Im vaticanischen Apollo iiit 
die ganze. Behandlung niit dem Grundgedanken der Statue 
so sehr Eins, so ganz nur der .ungetheilte freie Erguss einer 
und derselben Bildungskraft, dass es der dgensinnigsten 
Kritik nicht gelinge wird, zwischen beiden auch nur den. 
feinsten Unterschied, geysiehweige einen Widerspruch zu ent- 
decken. Von dieser Seite betrachtet — and jede ahdei::e 
ist zu verwerfen — ist und ^ bleibt der Apollo ohne alle 
Widerrede Original. Die schon früher berührten Apollo- 
köpfe, welche Aehnlichkeät mit denf unserer Statue haben 
sollten, beweisen nicht das Gegentheil. Sie stehen derselben 

^ » ArcWnghello m. p. 83. 84. • - . 

'" Ägincoüri, histoire äe I'art pafr lea monumens. II. p^ 19. 12. 



367 



in Absicht ihres Styles so ferne, dass sie zwar als Zeugen 
eines yerwandten und älteren Apollotypus gelten mögen, 
aber keineswegs als einem einzelheif^ Originalbilde dieser 
einzelnen Statue zugehörig dürfen betrachtet werden. Ist 
unsere Statue iiun. auch in jeder andern Beziehung noch 
von gchthellenischem 6eisi;e. durchdrungen , gibt sich an 
diesem Apollo, in Ausdruck und Bew^igung, Ideal und Natur, 
in plastischer Bestimmtheit wie in poetischer Wirkung weiter 
nichts kund, als was auch die Tendenz der grössten grie- 
chischen Kunstheroen gewesen, warum soll diese Statue, 
wenn sie dem Materiale nach unbestreitbar auf italischem 
Boden wurzelt, nicht der schlagendste Beweis für die An- 
sicht sein, dass Griechenland, wenigstens in einzelnen Kunst- 
genien, seinen politischen Untergang überlebte, und noch 
unter der Obhut oder dem Drucke römischer Imperatoren 
sich in neuen herrlichen Schöpfungen verjüngte? 

Es ist wahr, die früheren Beweise für das italische 
Material unserer- Statue schienten immer nur auf einer ge- 
wissen Aehnlithkeit zu beruhen. Welche der Marmor der- 
selben mit einer gewissen Art oder Spielart des oarrarischen 
habe. Wir besitzen noch mehrere Statuen von Marmorartem 
deren Vaterland bis jetzt,- ünsrer erweiterten Katurkunde 
ungeachtet, noch nicht ai/szumitteln war. ^^ Die grössere 
Weisse, welche der Marmor des Apollo mit dem von Car- 
rara vor dem parischen voraus. hat, schliesst nicht nothwe^ndjg 
alle ausseritalischen und vor der römischen Kaiserzeit schon 
benutzten Marmorarten aus. Die entscheidende Stelle des 
PBnius seljbst"'^ nennt den lunensischen Marmor nur als Eine 



* * DlesB gilt z. B. von dem reinschwarzen und vom rothen Marmor, 
vergleiche Hirt: ober das Material d. A. in Bd tilge r^s Amalthea I. 
p. 228. 29. 

" oinnes — tantum candido marmore nsi sunt e Paro insula. -— 

mvXiu postea cainAidio/riSbm repertis, nuper etiam Lunenslutn in lapicidlnis, 
h. n. XXXVI. s. 4. p. 725. 



368 



von den vielen Gattangen, welche weisser seien, als der 
pansche. , Allein das ürtheil eines Dolomieu muss für uns 
entscheidend sein. Auch ist, wie es scheint, was den Mar- 
mor des Apoll betrifft, unter den Kennern unserer Tage nur 
noch Eine Stimme. Wir berufen uns unter den Ausländern 
nur auf den gelehrten, kunsterfahrnen Rrard, welcher Do- 
lomieu ohne Vorbehalt^ beipflichtet. '^ Von teutschen Ken- 
nern braucht blos Hirt genannt zu werden, der den MB^rmor 
unserer Statue schon früher und gewiss aus eigener An- 
schauung für carrarischen erklärte, und diese üeberzeugnhg 
seitdem nicht nur nicht zurücknahm , sondern bei mehr- 
facher Gelegenheit mit gewohnter Bestimmtheit \«dederholte.^* 
Der vaticanische Apoll ward also in Italien gefertigt; wahr- 
scheinlich erst in der Zeit der römisdien Imperatoren; ja 
wir wüssten nicht, was erhebliches gegen die- Meinung der- 
jenigen beizubringei;! wäre, welche die Zeit sein^er Entstehung 
noch näher, nämlich als die des Nero, bestimmen; 

Unsere Statue wurde zu Capo d'Anzo (Nettuno) dem 
alten Antium, jenem Lieblingssitze der. römischen Kaiser 
gefunden. ^^ Schon August und Tiberius hatten hier gern 
verweilt, Caligula wollte sogar den Sitz der Regierung dahin 
verlegen.'^ Keiner aber scheint* eine grössere Anhänglichkeit 

'<* — r — je qrois avec plusieurs mmeralogistes, qu'il (le marbre d. 

Ap.) appartie^nt plutöt au marbre de Luni Je ra'appuie surtout des 

temoignages de Dolomieu et de d'Azara, qui obtinreut la permission iu- 
signe de ä^tacher im petit ^chantillon de la base de cette magnifique sta,tue, 
afin de pouvoir le oomparer -au grain des autfes marbres. Brard mine- 
ralogie <ippliqude anx ärU, U. p; 271. 78. cf. p. 280. 

** Mythologisches Bilderbuch I. p. 33. u. a. 

'^ ApoUo Antii, quod postea Neptunum appellatum est, a-epertus. 
MercaH metattothec, l. l. Roma antica e modema I. , p. 98. Ueber den 
Fundort scheint kein Zweifel stattfinden zu können. Auf Behauptungen, 
wie die in Blainville's Reisebesphreibung (herausgegeben von G u t h ri e 
und Lockmann, übers, von Köhler) III. 1. p. 138., dass der Apoll 
aus d^ Schutthaufen der Bäder des Titus g^raben worden, ast nichts 
zu geben. - - 

'^ SufiUm, Calig. c. 49. • ' 



369 



fLür Antium gehabt zu haben- ald Nero. Hier wurde er selbst 
geboren, ^^ und durch die Geburt seiner Tochter , welche ihn, 
wie es heisst, mit tibermenschlicher Freude erfüDte, musste 
dieser Ort ihm doppelt theuer werden. *® In Antium ver- 
weilte er während, des Brandes, welcher Rom verwtistete,^* 
und nach seiner Rückkehr aus Griechenland beehrte er seinen 
Lieblingsort mit einem glänzenden Einzug.^ Durch eine 
neue Colonie suchte er die Bedeutung und den Wohlstand 
dieser Stadt zn heben ^ und auf seinen Befehl wurde daselbst 
mit grossem Aufwände ein Hafen angelegt ^^ Man weiss, 
wie sehr es Grewohnheit der römischen Imperatoren war, 
ihre Umgebung mit Werken der bildenden Kunst -zu ver- 
schönem* Grewiss war Antium auch in dieser Beziehung 
von Nero nicht kärglich bedacht worden. Eine zweite an- 
tike Meisterstatue, der sogenannte borghesische Fechter, ist 
gleichfalls zu Antium gefunden worden.*^ Wohl möglich, 
dass Nero einen Theil jener Kunstwerke,- welche er aus 
Griechenland herbeischleppen Uess, für seinen Lieblingssitz 
bestimmt hatte.^ Der Marmor widerspricht der Vermuthung, 
dass -unter ihnen auch der vaticaöische Apoll gewesen. Ueber- 
dies waren jene Statuen höchst wahrscheinlich sämmtlich 
von Erz; 

Allein, wenn der vatiejanische Apoll wirklich in 8ö 
späte Zeit zu setzen ist, wenn er vielleicht gar unter den 
Auspicien des Nero entstand, wird dadurch die Deutung 
nach einer Scene des Aeschylus nicht zweifelhaft? — Das Bild 

«^ id. Nero c. 6. 

*'.— ultra mortale gaudium «ocefpit. TficU, Annal. XV. c. 23^. 

•» id. c. 39. 

^ Suet. Nero. c. 25. 

'^ Antium coioniam deduddt — ubi et portum operis sumtuosissimi 
fecit. Suet Ner. c. 9. cf. TacU, Annal. XIV. c. 27. 

" Descriftion -des anUq. du musie rvyal p. 119. 
• ** üeber Nero's Kunstplünderung: siehe Völkel: über die Wegfüh- 
rung der Kunstwerke p. 95 ff. 

•Feuerbach, der vaticanische Apollo. 24 



370 



des Aescbylus , welches nocb Pausanias im Ttleater au Athen 
sah , war erst .geraume Zeit nadi dem Tode d^ Dichter^ 
aufgestellt worden. ^^ Die- Errichtung wie die Erhaltung 
desselben darf wohl als ein Sjnnbol der ungeschwäditen 
Anerkennung gelten, welche dem Yater der Tragödie fort- 
während gezollt ward. Durch ein eignes Gesetz war früher 
sogat verordnet worden, dass die Tragödien des AescStylus 
noch nach seinem Tode auf die Bühne gebracht werden 
sollten. ^ Dass die Aulßlhrung Y(m Tragödien des Aeschy- 
lus nicht blos auf die Bühne von Athen beschränkt blieb, 
lässt.sich vermuthen, mag man auch auf die sogenannten 
Theaterzettel, mit dem Namen des Aeschykis,. welche zu 
Heroulanum gefunden wurden, kein allssugrosses Grewicht 
legen, ^^ Die Tragödien des JEuripides wurden bis in die 
späteren Zeiten in den fernsten Gregenden, wohin nur die 
hellenische Sprache gedrungen war, aufgeführt.^' Wenig- 
siens erfreute man sich fortwährend an der Darstellung ein- 
zelner Scenen und Situationen. ^ Sollten nicht a^uch in die, 
dem Stoffe wie der Form nach, «a innig mit dem griedu- 
schen .Drama verwandten pantomimischen Tänze einzelne 
Motive alter Tragödien, übergegangen seiü? Dann hätte sich 
wenigstens die plastische Anschauung dieser oder jener tra- 
gischen Scene, selbst bei der Masse des grösseren- Publikums, 
immer frisch und lebendig erhalten. Neben ^11' diesen ge- 
staltete sich fort un4 fort die römische Tragödie/ fiast 

ffoiri^vai^ Paus, I. 21. 2. p. 38. 

- ^* Vita Aeschyli ab anon. conscr. mit .St anl ei 's Bemerkungen. 
Schiltz's Ausgabe des Aesebylns: Y. p. 28. 29. Quintü, Institut, orator. 
X. 1. ed. bip. p. 220. 

^•, Winkelmann, opp. II. p. 173., vergl. Neapel und Sicilien im 
Auszug von J. H. Eeerl IIF. j). 45. . 

'^ So bei den Pärthern Pluürt^, Crhaa. opp. led Xyl. I. p. 564. £. 
cf. MoeM,, graec. trag, princ. p« 328. 
** Lange, vindic. trag. rom. p. 24. 



N 



371 



ausschliessend im griechischen Fabelkreis sich bewegend , an 
griechischen Mustern heran sich bildend, in der altem Zeit 
gewiss mit bioser Uebertragung und Bearbeitung griechischer 
Tragödie:! sich begnügend. Durch ^ne Scene, wie die der 
Eumeniden , von deren erschütternder Wirkung auf der 
athenischen Bühne so wunderliche Sagen gingen , ^ den 
römischen Greschmack an imponirender furchtbarer Ghrösse 
zu befriedigen, wurde schwerlich versäumt Wir wissen, 
dasS; in einer Tragödie des Pacuvius, Orestes den Tempel 
des Apoll betrat, und als er ihn verlassen wollte, von den 
Furien angefallen ward. ^ — Doch, was bedarf es alles 
dessen? Jenes R.elief, welches das Ende der Choephoren 
und den Beginn der Shimeniden darstellt, gehört -ohne alle 
Frage in eine der späteren römischen Eunstepochen; und 
lag ihm auch, wie zu vermuthen, ein griechisches Original 
zu Grunde, so musste doch selbst der Copist auf ein allge- 
meines Verständniss äschyliscber Motive rechnen können. Die 
poetische Wirksamkeit eines Aeschylus war so wenig auf 
die scenische Darstellung seiner Productionen beschränkt, 
als die homerische Dichtung mit dem Stande der Rhapso- 
den unterginge 

EJs war eine Zeit, wo sich unter den Freunden der alt^ 
Kunst die Meinung verbreitet hatte, der vaticanische Apoll 
stelle den Kaiser Nero selbst in dc^r idealen Gestalt des' 
Apollo vor.^^ Dies war teu weit gegangen. Auch Nero hatte 



'* Es sollen nämlich, als der 50 Personen starke Furienohor die Bühne 
betrat, Kinder vor Schrecken gestorben sein, und Weiber zu früh geboren 
haben, vita Aesch. s. 1. 

^ A Pacuvio Orestes indadtur Pyladis admonitu, propter vitandas 
forias ingressus ApoUinis tempiom: nnde cum veliet exire invadebatnr a 
fdriis. Serv. ad yirg. Aen. IV. v. 473. Auch die Tragiker E^nius, Kae- 
vius und Attius hätten das Schiksai d^ Orestes auf die Bühne gebracht. 
Fäbric WA, lat. ed. Emesti lü. p. 234. 

" Heinse, Ardinghello 1. 1. p. 86. ^ vergl. Seume's Spaziergang 
nach Syrakos, opp. II. p. 357 ft. 



372 



sich in Statuen und Münzen zwar ois Apoll , aber nur als 
citherspielender , darstellen lassen.*^ Der Kopf unsa*er Sta- 
tue, ohne Vorurtheil betrachtet, verräth nicht die entfernteste 
Aehnlichkeit mit Nero, nicht einmal eine Spür von römischer 
Naöonidphysiognomie. Freilich zeigt er das sogenannte grie- 
chische Profil nicht in der höchsten Strenge. Allein dies 
blieb in der Regel nur den weiblichen Köpfen vorbehalten. 
Denn die alte Kunst erfasste das Weib nur in sinnlichem 
Liebreiz, oder in strenger heroischer Grrösse. Den tieferen 
Einbug der Nase^ die höhere Wölbung des Augenknochens, 
hat unser Apollo überdies mit den Jupiterköpfen gemein. 
Er ist der erhabenste Sohn des erhabensten Vaters. . Die 
lieblichere Fülle der Wangen, der zartere Schnitt des Mun- 
des gehört seiner Jugend an. — Mit Aehnlichkeiten hat es 
überdies eine ganz eigene Bewandniss. Die Erzeugnisse der 
Natur und die Werke der Kirnst spielen auf eine wunder- 
bare, geheimnissvolle Weise ineinander* Es wird noch heut 
zu Tage nicht an Physiognomien fehlen, welche der medi- 
ceischen Venus, der Diana von Versailles oder dem Antinous 
verwandt erscheinen. Aller Wahrscheinlichkeit nach, ver- 
stand man aber unter der neronischen Miene des vaticanischen 
Apoll nichts als das ironische Spiel um dje Lippen, jenen 
Anflug von Leidenschaftlichkeit, verbunden mit dem Impo- 
santen seiner gebieterisch drohenden Stellung. - 

Dennoch dürfte eine gewisse nöhere Beziehung unsrer 
Statue auf Nero nicht geradehin zu verwerfen sein. Nero 
war in mehr als Einem Sinne in der griechischen Tragödie, 
namentlich in der Orestie heimisch. ^ Bei seinen theatra- 

. ' ^ JStatuas sruas citharoedico habitni, qua neta etiam nuiaum percussit 
•— SwL Nero c. 25. Nero ^thmte den Apollo nach uerd rijg md-aoa^ nai 
rr^gSapvi^g' Julian, CaeB. ^. Heusing. p. V. Der Lorbeer fehlt atich. 
da nicht, wo auf Münzen des Nero der Kopf des aktischen Apollo vor- ^ 
kömmt, von Pfeil und Köcher begleitet. S. EkhH, doctn nuni. II. Vf. 

" fhilodvt^, Vita Apollon. p. 179. 80. ed. Olear. 



373 



lischen Productionen hatte er selbst den Orestes gesungen, 
er der Muttermörder ! 5* Als ein zweiter Orest und Alkmäon 
war er vom pythischen Apollo selbst bezeichnet worden, '^^ 
und den eleusinischen Mysterien beizuwohnen, verwehrte 
ihm sein schuldbeladenes Gewissen. ^ Athen zu betreten 
hatte er nie gewagt. ^^ Denn hier war es, wo die Furien 
seit jener Sühnung des Orestes, welche Aeschylus in den 
Eumeniden feiert, ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatten. 
Nicht selten waren seinen zerrütteten Sinnen die Furcht- 
baren selbst mit ihren lodernden Fackeln erschienen.^ 
Stand vielleicht der vaticanische Apollo als unheilwehrender 
Schirmgott, als Entsühner des Hauses, ^^ im Palaste des 
gekrönten Orest? Als integrirenden Theil eines architekto- 
nisdien Ganzen haben wir unsern Apoll schon früher er- 
kannt. Und wohl stimmte es zu der tief ergreifenden Wir- 
kung, welche die Stati;ie ausübt, wenn dieser drohende Arm 
einst im ernstesten Sinne in die Wirklichkeit hinüberreichte. 

^* Cantavit — Oresten matricidam. Suet. Nero c. 21. 

'* Tov Ilvd-lov TuaTaXi^avtog avrov eig rovg 'O^^örag re nai. 'Ahifiaiavag. 
Lucian, Nero 9. opp. Vm. p. 538. 39. 

^* Eleusiniis sacris, quorum initiatione impii et scelerati voce prae- 
conis submoverentur, Interesse non ausus est. Suet, ib. c 34. 

^^ Nur zwei griechische Städte hatte er vermieden , Sparta und Athen, 
letzteres Sid tov ste^l r&v 'Eptwvov JLoyov. Dio Ccus, liist. rom. TiXIIL 6. 
p. 721. ed. Leunil. 

^" Saepe confessus, exagitari se matema specie v^beribusque Furia- 
rum, ac taedis ardentibus. Suet, Nero. c. 34. 

*' Sofidrov nad-dpifiog- Aesch. Eum. v. 63. 






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