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Full text of "Drakon's Law on homicide"

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Pan 



SOKEATES 
LEBEN LEHRE UND TOD 

NACH DENZEUGNISSEN DER ALIEN 



ERNST VON LASAHIX. 



MUMCHEN, 1857. 

■'-TiacHE ASSTALt 



/^ 



3>l 



SEINER FREUNDIN MARIE GCERRES 



ERNST VON LASAULX. 



Liebe Marie ^ lebte dein seliger Vater noch, so 
hiitte ich thm diese Schrift gewidmet, tiberzeugt dass 
seine eigene Sokratische Natur sie freundlich und 
wolwoUend aufnehmen wttrde, aucb wenn einige Satze 
darin ihm weniger znsagen soUten; nun er heimge- 
gangen ist zu den anderen grossen Seligen, musst du 
sie dir gefallen lassen, um der Sache and um des 
Gebers willen, dem du ja manches nachzuselien ge- 
wo'lint bist. Denn wie unsere Eltem Freunde gewe- 
sen sind treu das ganze Leben hindurcb, so wollen 
auch wir mit Gott es bleiben. Ich habe denGegen- 
stand dieser Schrift seit vielen Jahren im Herzen ge- 
tragen, und habe ihn nun, da es micli mahnt was 
mir lieb ist bald zu thun, hier in sonniger Einsam- 
keit mit Lust und Liebe nach meiner Weise ausge- 
staltet Wer in alinlichen Dingen sich selbst ver- 
sucht hat, wird dem BUchlein wol anfUhlen, dass es 
nicht bios eine gelehrte Arbeit ist, sondem noch et- 
was anderes sein will was mir hdher steht als alle 
Gelehrsamkeit 

Grosser Manner Leben und Tod der Wahrheit 

1* 



gemass mit Liebe zu schildem, ist zu alien Zeiten 
herzerhebend ; am meisten aber dann, wenn im Kreis- 
lauf der irdischen Dinge die Sterne wieder ahnlich 
stehen wie damals als sie unter uns lebten. Wir 
empfinden dann, besser ihr Leben mit, nehmen Theil 
an ihren Freuden und Leiden, ja selbst an ihrer 
Seelengrosse, indem wir sie verstehen und lieben, die 
innere Einheit des Lebens erkennend die uns mit 
ihnen verbindet. Je seltener mir in der heutigen 
Zeit wahrhaft grosse ursprtinglicbe Menschen be- 
gegnen, um so lieber blicke ich zuriick zu den 
Heroen der Vorwelt, und lasse von ihnen mieb gern 
unterrichten , wie sie lebten und starben, und was 
sie empfunden gedacht und gehoflft haben von den 
Dingen dieser und einer anderen Welt. Ein solcher 
Heros, und der besten einer, ist Sokrates; und die 
Redelust die ihn auf Erden erfttUte, hat auch im 
Hades nicht ganz ihn verlassen : denn als ich neulich 
durch seine eigenen Zauberlieder ihn anrief und um 
einiges was mir unklar war ihn befragte, da kam er 
tiber das Mendelgebirge heriiber und gab mir, wie er 
immer gethan, mit sanftem LScheln freundliche Ant- 
wort. Ob ich die ganz richtig verstanden und der 
Wahrheit getreu wiedergegeben , wirst du aus dem 
Blichlein selbst leicht herausftthlen. Nimm es hin 
wie ichs gegeben, und erhalte mir unsere alte 
Freundschaft. 

Geschrieben in dem baierischen Stiiblein 
auf Schloss Lebenberg in Tyrol 
am 15. October 1857. 



Sokrates, der Sohn des Bildhauers Sophroniskos 
und der Hebamme Phaenarete^ ward geboren zu 
Athen am 6. Thargelion des 4. Jahres der 77. Olym- 
piade^ d. i. am 20. Mai 469 vor Chr. Da es in der 
Natur begrtindet und oft bemerkt worden ist, dass 
geistig hervorragende Manner vorztlgliche Mlitter 
haben, and dass diesen ihr Gemtlth nacbarte^: so 
verdankte gewiss auch Sokrates, wie er selbst es 
bezeugt, seine reich ausgestattete urspriingliche Natm* 
vorzugsweise seiner trefflichen Mutter. Als sein Vater 
einst, nach der Sitte der Zeit, des Sohnes wegen 
in Delphi sich einen Spruch erbat, erwiderte ihm 
die Pythia: er soUe den Knaben thun lassen was 
ibm in den Sinn komme, und keinerlei Zwang an- 
wenden, sondem nur filr ihn beten, zu Zeus und 
den Musen, und im librigen keine Sorge sich machen ; 
daseinSobn einen in sich habe, derihnbesser durchs 



^ Platon Alcib. I p. 364, 15: Stoxf^attis 6 Sanipqovianwt ntii ^a«- 
vagdifjg, nnd Sokrates selbst im Theaetetus p. 189, 11: cig ifci 
elfii viog ficUag fiaXa fBvvatiag tb nal ^loavQag, ^awaqitrig, 
VergL anten Anm. 74. 

' Plutarchus Mor. p. 717, B. Diogenes L. II, 18. 44. Aelianos 
Var. II, 25. 

' Ich erinnere an Angnstinns, an Leibnitz (Gtihrauer I, 9), an 
Gh>ethe, an Napoleon. 



6 Des Sokrates 

Leben ftllire als alle Lelirer und Paedagogen*. In 
seiner Jugend habe dann Sokrates die Kunst seines 
Vaters, der aus dem Gescblechte des Daedalos war', 
geiibt: zwei bekleidete Chariten, von ihm gebildet, 
standen noch sechshundert Jahre spater auf der Burg 
zu Atben®. Dann aber, wird erzahlt, habe Kriton 
(von da angefangen sein lebenslanglicher Freund), 
die Anmuth seiner Seele erkennend und liebend, ihn 
aus der Werkstatte weggenommen, und habe ihm, 
da er als Bildhauer wenig gelehrte Kenntnisse be- 
sessen, eine Uberale Bildung geben lassen^ Seine 



* Plutarchus Mor. p. 589, E: iglv avtov ixdkBvarev o ti ay ini 
vovp ttf ngajTBiy, xal fojdk ^laisa-d'aif fi$i6e nmi^aYBiP, all* 
iq>idvai frjv OQfi^v tov naidog, evxofuvov vneq avjov AU 
ttfoqcuif xal Movcratg, xa S' aXXa fir nolvngaYfiOvelv Ttsgi Jffi)- 
xifdrovg, tog xgetXTOva Si^nov&ev f/oyTO£> iv avra fjivQiav J«- 
daaxuXav xal naiSaydftoy r/fefi6va nqog tov ^iov. Die Sitte, 
fiir sioh oder fQr seinen Sohn einen Orakelspruch ku be^ehren, 
war eine eehr gewdhnliche ; auch die Antwort, dem eingebomen 
Genius zu folgen, ist gerade in Delphi in solchen FilUen oft ge* 
geben worden. Ganz ebenso erwiderte die Pythia dem Cicero: 
er solle seine natiirliche Neigung, nicbt aber die Meinung der 
Menge zur Fdhrerin seines Lebens erw&hkn, Tijy iav%ov ^(nv, 
ciXla fifj rrjy ttav noXXatv dofar ^fBfMva nomta'dxn tov ^iov: 
Plutarchus v. Ciceronis p. B63, A. 

* Platen Alcib. I p. 339, 10: to rjfihBQOv fivog Big JatSaXov. 

* Timaeus Fr. 100. Duris Fr. 78. Scbol. Aristopbanls Nub. 773. 
Diogends L. II, 19. Pausanias IX, 35, 2. Vergl. Porpbfrius bei 
Theodoretus De Graeo. aff. I, 27 ff. Naoh Isidorus Pelusiota 
Epist V, 331 h&tte Sokrates die Grazien nacki dargestellt, on; tov 
dd i(niv Sqyw to tag Xagitag fvfivdg xal naf^&iyovg fXvipai, 

' Demetrius Byz. bei Diogenes L. II, 20: Kgittava d' mvaar^trai 
avTOP dno tov iqfavxriqiov xai natdBvaaif t^g xatd tpvxv^ /«- 
giTog sQaa&ivja, Vergl. Suidas y. Kqitwf p. 411, 12: og xal 



I 



JugendbildvJig. fj 

liehrer aber seien gewese^ in der Mujdk Ko900s^^ 
in der Astronpmie und G^ometrie Th/eodorosf ' , in 
der Poetik Buenos ^^, in der Bereds^mkelt di&r 80^ 
phist Prodiko3 von Keos** und der Bedner Damop*^. 
Darauf bin babe dann Sokrates, nacbdem aocb er 
eine zeitlang rbetoriscben Unterricbt gegeben^^, ganz 
der Philosopbie Bicb gewidmet : den Arcbelaos **, 
Parmenides, Zenon babe er persb'nlicb gebort^^; die 
Bcbriften des Herakleitoa *• aber, der Pytbagoreer *^, 
dei9 Anaxagoras^^, und Uberbaupt die ScbStze der 

fvrfdifog Sierd&fi ngog ^axgart^v, xal rd ngog tifV /^a/ay narra 
idiSov avio. 

* Pl&ton im Eatbjdemns p. 39^ 14 nad im McnezenoB p. 380, 9 1 

* Yergl. PUtoni Theaetotai p. 182, 7 ff. Er fldbst limUe gate 
Kemitnisa^ in der MathemttUL: ^enaphoii Mem. lY, 7^ 3. 

^^ Maximus Tyrius 38, 4 wo ausserdem noch ala seine Lehrerinneii 
in der I^iejieskni^t Aspasia and Diotima genannt werden, yergL 
Theodoretus De Graec. aff. I, 17. 

'^ Sokrates selbst bei Platon im Menon p. 381, 20: nenaidevuipai 
ifd IlQoSiMog, Yergl. Cratjlos p. 4, 13 ff. Axtoohna p. 513, 1 
and p. 509, 31; ^avia da i Ufa, Ilgofiuov 4^1 %ov ao^ov 
dnfixufitatct , Reminiscensen aos dca Prpdikps Bcbale. 

" Diogenes U H, 19. 

" Idomeneus and Favorinas bei Diogenes L. II, 20: ngtSrog ^i/to- 

^^ Jon and Alexander Polybistor bei Diogenes L. II, 19. 23. Arisio- 
xenus Fr. 25. Cioero Tasc Y, 4, 10. dem^ps Alex. Btrom. I p. 352, 
23. Tbeodorefeas De Graec^ aff. U, 23. 

>^ Platon Parmenid. p. 4 f. Tbeaet p. 263. Sopbist p. 127. Dio- 
genes L. II, 18. X, 12. 

^^ Diogenes L. II, 22. IX, 11. 

>^ A. M. asch-Scbarastani B. and Pb. II. ^. 11^. 

" PUton im Pba^don p. 85, 16 fL Diog^t^os ]U> H> 19. 45. Boidas 
y. ^Jc^ftT^ p. B42. 



3 Des Sokrates natnr- 

•weisen Manner der Vorzeit habe er gemeinschaftlicli 
init seinen Freunden durcligelesen *', und also sich 
bekannt gemacht mit alien Wegen der bisherigen 
Forschung: mit der Naturphilosopbie der Jonier, mit 
der sittlicben Philosophie der Dorischen Pythagoreer, 
nnd mit der Dialektik der Eleaten. Am meisten, wie 
es scheint ftthlte er sicb angezogen von der sittlichen 
Grosse und Geistestiefe des Parmenides, und von den 
tiefsinnigen Schriften des Herakleitos. Als sein Freund 
Euripides ihm einst dessen Werk tlber die Natur 
zum lesen gegeben und dann ihn gefragt hat, wie 
es ihm gefalle, erwiderteer: was ich darin verstanden 
habe, ist vortrefflich; ich glaube darum dass auch 
dasjenige was ich nicht verstanden habe, ebenso 
sei; nur bedarf es dazu eines (ttichtigen) Delischen 
Schwimmers ^®. 

Kein Wunder darum, dass nach solchen jugend- 
licben Studien, bei dem gottlichen Drang seiner Seele 
nach Erkenntnis^*, auch er, wie er selbst gesteht, 
„als Jtingling wunderbar begierg war nach der Weis- 
heit die man Naturwissenschaft nennt Denn es schien 
mir, sagte er, tiberaus erhaben, die Ursachen von 
allem zu wissen, wodurch die Dinge entstehen, ver- 



^* Sokraten selbst bei Xenophon Mem. I, 6, 14: jfcti tovg &Tjaotv(fOVff 
xav ndXtti (TO(p(oy avdijfur, ovg ixBlvoi xfniiXvnov iv Pi^Xioig 
YQotffavTdc , dyeUttav xow^ avv totg q>iXois diiqx^f^^ 

'® Diogenes L. II, 22 und Suidas y. Jrjliov xokvfifiijjov p. 1238: 
a fABv (Tvvrjxa, fSvyaXa * olfiai Sk xal a fiy avv^xa * nXi^p Jr^Xiov 
fi tivos Seitai xoXvfi^fjrov. V«rgl. Hamann II, 12. 

*^ Parmenides in dem gleicbnamigen Dialoge Platons p. 21, 6 : xaXrj 
Hhv ovp xal -d-Bia, bv tcr&i, 17 og/n^, r^v og/aqle inl tovg Ao^ov^. 



philosopliisolie Stndien. 9 

gehen, bestehen; und oft babe iob micb bin und ber 
g^worfen zu erwagen: ob etwa, wenn das Warme 
und das Kalte in eine gewisse FSulnis geratben, sicb 
dann wie einige sagen die lebendigen Weseii erzen- 
gen ? und ob es das Blut sei, durcb welches wir den- 
ken, oder die Luft, oder das Feuer, oder ob keines 
von diesen, sondern das Gebim uns alle Empfin- 
dungen vermittele, des ho'rens, sebens, riecbens, und 
aus diesen Empfindungen (Sinneswabrnebmungen) 
dann Gedacbtnis und Vorstellungen entsteben, aus 
diesen aber, wenn sie eine gewisse Festigkeit gewon- 
nen baben, die Erkenntnis geboren werde? Wenn 
icb dann aber wieder betracbtete, wie alles dieses vcr- 
g^t, und welcben Veranderungen alles unterworfen 
ist am ffimmel und auf Erden: dann wollte es mir 
scbeinen, dass meine Natur fttr die Erforscbung dieser 
Dinge nicbt ausreiebe, ja icb kam mir ibnen gegen- 
ttber fast albern vor^^'. Weiterbin erzUblt er dann 
wie es ibm insbesondere mit der Pbilosopbie des 
Anaxagoras ergangen sei. ^Als icb eiqst aus dessen 
Bucbe vorlesen borte dass der weltbildende Verstand 
der Urbeber aller Dinge sei (coj dpa vov^ icfrip 6 bia- 



" Sokrates in Platons Pbaedon p. %^^ 3 ff. Die etwas sensualistisohe 
Erklftrong: o ifxitpaXog icrtcp 6 ra^ ala&fjtreig naffdx^^ ''^ 
dxoveiy xai Of^ny xal 6(Tq>qaivBfTd'ai , ix lovroy de fifvoiTO 
fivi^fifj xai do^a, ix de finjfirjff xai So^^s, la^ov(Trjg to iJQSjueTv, 
xard tctvid ftYVStrd'ai iniaTi^ufjv: hat sich wie anderes der- 
gleichen anch Aristoteles angeeignet, Analyt. post. II, 19 p. 100, 
A, 3: ix fiiy ovy attr&i^aeag fiyBtai fir^fitj, ix dh fiyijfirjg 
nokXdxig lov ctutov feyofidyrjg ifirreiqCa, ix Si i/nneiQiag fj ix 
nctyjog fiqBfirjfnxrtog tov xa&oXov iy tfj ^fvxH" m'/»^? ^QX^ 
xal iniiixrifiTig, YergL Metaph. 1, 1, 7 ff. 



10 ^^ Sokrates nature 

ModjucSp re nal irdptiap aJriof), freute ich midi unger 
mein einen Lehrer nach meinem Sinne gefunden zu 
haben. Beim weiterlesen aber fiel ich gar bald Yon 
dieaer wunderbaren Hoffnung wieder herunter, indem 
ich sah dass der Mann von jenem Weltverstande sehr 
wenig Gebrauch machte, sonderu beim erklaren der 
Naturerscheinungen die Liift und den Aether und das 
Wasser und alles andere eher als Ursachen annahm 
denn jenen^^^ Auch babe Anaxagoras, wie Flatou 
bemerkt, sich selbst und alles andere dadurch wieder 
verwirrt, dass er die Natur der Seele verkannt, und 
nicht eingesehen babe dass sie cUter sei alB der Leib* 
Denn statt die Weltseele als die Ursaqhe der Welt* 
bewegung zu begreifen, und anzuerkennen dass die 
Gestime beseelte Wesen seien, babe er sie flir Steine 
und Erde angesehen ; und dies sei es gewesen welches 
damals so viele Gottesleugnungen verursacht, und 
eine so grosse Abneigung gegen die Natui-philoso- 
phie hervorgerufen, und auch die Dichter veranlasst 
habe zu den bekannten Schmahungen gegen die 
Philosophic: dass diese nur ein klaflfender Hund sei 
welcher" seinen Herrn (die vaterliche Religion) anbelle, 
nur gross in der Thoren leerem Gerede, und dass die 
Philosophen nur ein armseliger Schwann seien, der 
gegen Zeus d. i. gegen Gott sich auflehne ^*. Weshalb 
auch damals schon, um das Jahr 431 vor Chr. auf 



'^ Sokrates in Platons Phaedon p. 85, 16 ff. VergL Aristoteles 
Met. 1, 3 p. 984, B, 15 ff. I, 4 p. 985, A, 10 ff. Clemens Alex. 
Strom. II, 4 p. 435, 28 ff. 

'^ PlatoB De Legg. XII p. 330, 18 ff. vergl. De Bep. X. p. 489, 
10 ff. 



philoflophiaehe Btudien. %\ 

den Yorschlag des fanatischfen Ehetors Diopeithes^^ 
der Volksbeschluss gefasst wurde: dass wer nicht aa 
die GStter glaube, oder VortrSge halte ttber die Him- 
melserscheinungen, der soUe als Staatsverbreelier an- 
geklagt werden^^. 

Im Verfolge dieser Beobachtangen und bei der 
ihm eigenthttmlichen Verinnerlichung des Geistes ge- 
langte er dann allmahlig zu der Uberzeugang, der 
Mensch sei nicht dazu berufen, die Geheimnisse der 
Gottbeit und die Gesetze der Natur und des Weltalls 
m exforscben {rd baijuovia 6K07tuvy na\ oTCiaf 6 no^-- 
juof lx^'» ^^* ri<Sip dvoynai^ enacfra yiyperai tiSp ovpa- 
viiaip)^ sondern das sei seine Bestimmung, yor allem 
flir seine Seele zu sorgen: denn yiel unseliger sei es, 
dne ungesunde, angefaulte, ungerecbte und unbeir 
lige Seele zu baben, als einen ungesunden Leib^^: 
ja nie babe es etwas gegeben, und nie werde es etwM 
geben, weder bei Menscben nocb bei Gottern, welcbes 
bo'ber zu scbatzen sei als wabre Seelenbildung^^ 



^ Arifltophancs Yesp. 380 und Aves 988 mit den Scholien. 

** Plutarchas v. Periclis p. 169, D: yj7Jq>t(Tfia Jioneld^ fygatpBy 

(iBxaqvitav diSatrxoviag, 

" Platonfl Gorgias p. 67 ff. 17 aSixia xal rj dxolaaia xal ^ akltf 
V^X^^ ^ovTjQia fi^f itTJOv ttov opTov xaxov iorxiv. p. 71, 22: 

. BvdaifAW^aronoc fih aga 6 fi^ I'/oi^ xaxiav iy tpvxfi , inetdy 
tovjo iiiyurxov ttSr xaxdv ia^avri, 73, 4: oac) dd^liMXbqov 
iirn fif^ vfLQvs (Tcifittjoe fiij vyisX ipvxi avvoixeiv, akkd aad-qqi 
xal dSiuta xai dvodlf^. 

** Platons Piiaedrus p. 30, 9: JTfV xtjg ^fvx^tS ncUdsvaiy , ^e ovte 
dy&Qciftote avTB d'eoig tj ttlfid-aiif xi/ueixBQoy avra £71*9 ovtb 
nojk IfTfOi. 



\2 Ub^rgAOg ▼on der Natnr- 

Ja er bekampfte sogar von nnn an die Naturphilo- 
sophie, indem er denendieihr nachhingenvorstellte: 
dass diese Forschungen geeignet seien das ganze Leben 
des Menschen in Ansprucli zu nehmen, und dass wer 
sich mit ihnen abgebe, leicht den Hauptzweck seines 
Lebens, sittlich besser zu werden, aus den Augen 
verliere; und ob sie denn das dem Menschen Zugang- 
liche, rd avS^piaTceiaj schon genugsam erforscht batten, 
dass sie nunmehr auch die Gesetze des Weltalls zu 
ergrttnden sucbten, die doch dem Menschen verbor- 
gen seien, so dass wer darttber nachgrttbele, nur in 
Thorheiten verfalle; auch widersprachen sich ja darin 
die Weisesten wie Wahnsinnige ^'. 

So gab er denn die Naturphilosophie volKg auf, 
und wandte sich ganz der sittlichen zu, der Ethik 
und Politik^®, und brachte also wie die Alten sich 
ausdrttckten die Philosophic vom Himmel herab auf 
die Erde, den eigentlichen Schauplatz des mensch- 
lichen Lebens^^ 



" Xenopbon Mem. I, 1, 11 ff. IV, 7, 6 in UbereinstimmuDg mit 
dei^ Flatonischen Sokrates im Theaetetus p. 255, 3 ff. and im 
Sophista p. 182, 1 ff., wie schon Theodoretus Do Gr. aff. 2, 11 
ff. and 4, 26 ff. mit Recht bemerkt hat. 

'® Aristoteles De part, animal. I, 1 p. 642, A, 28: inl Saxqaxovg 
TO ir^iBlv Tff naql (pvaeog ^rj^e, ngog dh ti^v /^i/ct/ioy dget^v 
xal rr^v noXnix^v dnixXivav ol g>iXo(ro(povvtes, Ycrgl. Metaph. 
I, 6, 3 p. 987, B, 1 ff. XIII, 4, 4 p. 1078, B, 17 ff. Sextas 
Empiricas XI, 2 und Libanias III p. 6, 17 ff. 

'* Cicero Tnsc. V, 4, 10: Socrates primus philosophiam evocavit 
e caelo, et in urbibas collocavii, et in domos etiam introduxit, 
et coegit de vita et moribns, rebosque bonis et malis qaaerere; 
und fthnlich De rep. I, 10. Acad. post. I, 4, 15. Tbemistias 
Orat 34 p. 447, 19 ff. Augustinos De ciy. dei YlII, 3. 



philosophie lur Ethik. 13 

Zuerst aber bei sich anfangend war er bemiiht 
seine eigenen Fehler kennen zu lemen und zu ver- 
bessem, iTtiyviSvai rd iavrov nana na\ dnaXkayijvai^^. 
Von Natur schwerfalKg, zommtithig, woUUstig, ar- 
beitete er so lange an sich selbst, bis er durcb die 
Kjraft seines Geistes und fortgesezte Ubung den Wi- 
derstand seiner Natur voUig gebrochen, seinen Ver- 
stand gescharft, sein Gemflth gesanftigt, und seine 
natflrlichen Triebe so gebandigt hatte, dass sein Leib 
ihm ganz ein gerechtes Organ seiner Seele geworden 
war*^. Waserfttr andere alsNonn aufgestellt batte: 
die Jugend solle Maass balten lemen, da jedes Zu- 
viel vom Ubel sei^*, und der wahre Adel bestehe in 
der guten Mischung von Seele und Leib, in der 
harmonischen Ausbildung der seelischen und der leib- 
lichen Krllfte^': das ttbte er zuerst an sicb selbst und 



** Platarchos Mor. p. 516, C. 

'' Aristoxenns Fr. 25. 27. 28 and der Phjsiognom Zopjrns bei 
Cicero De fato 5, 10: stnpidum esse Socr&tem dixit et bardHm^ 
addidit etiam mulierosam , und Toso. IV, 37, 80: qunm multa 
yitia collegisset in earn Zopyms, derisns est a ceteris, qui ilia 
in Socrate vitia non agnoscerent; ab ipso autem Socvate sable- 
yatas, qnum ilia sibi insita, sed ratione a se dejecta diceret. 
Ebenso Alexander Apbrod. De fato 6, p. 18 and Easebius Praep. 
ey. VI, 9, 22. Wie er zomlicbe Aofwallungen bekiUnpfte, berich- 
tet Bimplicius Comment, in Epictet. p. 58, 12: liifBTai, JSaxQdrrjg 
Bt TtoJB ^vfiod'eiri , ndvitag aianfp, wenn sein Qemiitb aufge- 
bracbt war, tiefes Stillschweigen za ^ben. VergL Platarohas 
Mor. p. 455, A and Seneca De ira III, 13. 

'^ Diogenes L. II, 32: iQOJrj&sig, %i df^sxtj viov^ to (itidiv afov 
alnsv. VergL Hippokrates Apbor. 2, 51 : nay to noXv tjj <pvaBi 
noXdfuop* 

^^ Stobaeus Flor. 86, 20: i^tattj&Bigy %i Bvy^Bia, svxgaaia, f<frj, 
yfvx^g Ts xcd vdfitnog. 



14 T>m Bokrates 

stellte es hier leibhafiig dar. Keiner nnter alien Men- 
schen, heisst es, war starker als er in der Selbstbe- 
herschung, sowol in Bezug auf die Geschlechtsliebe 
als auf Essen und Trinken'®; in Ertragung von Bo- 
sch werden jeglicher Art, von Hunger und Durst, 
Frost und Hitze tlbertraf er alle andem; im Felde 
ging er einst mitten im Winter barfuss tlber das Eis 
bin, so dass ibn die Kriegsmanner scheel ansaben 
als woUe er sie damit veracbten^^. Endlicb was die 
Massigkeit seiner Bedttrfnisse betrifift, batte er sieb 
so gewobnt, dass wie wenig er aucb besass, es ibm 
stets gentigte ^\ Icb glaube, pflegte er zu sagen, dass 
keine Bedttrfnisse zu haben etwas Gottliches sei, unA 
so wenig als mSglicb zu bedtirfen, dem Gottlichen 
am nacbsten komme *^. Nur bei Festgelagen wo trinken 

■-■ - - - -I 

^* Xenophon Mem. I, 2, 1: ngaStov fiev dfpqodiaiay xal yaaTQog 
ndvrav dpS-Qcinav iyxQctr^aTatog ^v: wogegen die Schmilbiiiigeii 
des Porphyrias bei Cyrillus c. Jul. p. 186 nicht in Betracht 
kommen. Plutarchus Mor. p. 512, F: ovtcj; ixoXova ti^v ditpoof, 
ovx i<piBl$ ittvjfo nuZv fisxa yvfivoKrioy, ei ^tj tov nqaxov 
ixxiati xddoy aviiLnjaafff onotg id^iirjiai Toy tov Xofov xaigov 
dpafiiveiy to ulofoy. 

*^ Platon im Symposion p. 461, 17 ff. 

'* Xenopbon Mem. I, 2, 1 : ixi de nqoc to fiixqUav deZad-ai rcBnai" 
davfiipog ovTag, diaxB ndrv fiixqd xaxtr^fiivoe ndvv f^diag 
SxBUf dqxovvia. 

^' Xenopbon Mem. I, 6, 10: ifio vofuia to /ikv /irjdBvog dha&ai 
'd'Biop alvai, ^6 Se cig iiaxitrtoVf iifpndTa tov &eiav; was 
dann aucb Antistbenes von Sokrates fLbemommen and su einer 
seiner Lebensmaximen gemacht bat: &Btuv fih tdtov elyat fn^dsvog 
dBiir&ai, jcSp dk S'BoTg ofioiav to oXCifGiv XQV^^^^'- I^iogenes 
L. VI, 105. Vergl. aucb den Aussprucb des Sokrates bei Caeci- 
lios Balbas De nngis pbilos. p. 23: nibil amittit qui nibil babet, 
minimnm eget mortalis qui minimum cnpit. 



Bittliolier Charakter. 15 

an der Ordnung war, trank aueh er hellenisch mit, 
und pflegte 3cherzend von sich zu rflhmen, dass er 
gleich geschickt sei wenig und viel zu trinken und 
darin alle zu besiegen, ohne dass je einer ihn trunken 
gcsehen^^ Mit dem fxinken, sagte er, halte auch 
ich es : denn der Wein erfrischt in der That die Seele, 
und schlafert die Sorgen ein wie der Alraun die Men- 
chen, und erwecket dagegen die Frohsinnigkeit wie 
das Oel die Flamme**. Im librigen blieb er sein 
ganzes Leben hindurh in freiwilliger Armuth^^, ob- 
gleich es ihm wenn er gewoUt hatte leicht gewesen 
ware wolhabend zu werden. Beim Tode seines Vaters 
war ihm ein Vermogen von achtzig Minen zugef alien ; 
er lieh diese einem seiner Altersgenossen der sie im 
Handel verier, und ertrug den Verlust ohne dariiber 
ein Wort zu verlieren*^. Auch spater noch scherzte 
er iiber seine Habe, die ihm wol, wenn er einen 
guten Kaufer finde, fttnf JViinen einbringen konne**. 
Also sanftmlithig und von grosser Geduld war er 
auch gegen sein Weib Xantippe. Als Antisthenes ihn 
frug warum er diese genommen habe und nicht besser 
ziehe? erwiderte er gutmtithig scherzend: weil ich 



*« Platon Sympos. p. 377, 11 f. 449 f. 462, 2 f. 

** Xenophon Conviv. 2, 24: niveiy fiiv cJ aydgeg xal i/Jiol now 

doxiX' T9 yaQ ovti 6 Oipog aqdav tug lyvxa^f tag ftkv kvnag 

toaiXBQ 6 fittpdQayoQag tovg av&Qoinovg xoifjU^ei, tag de goUo- 

(pgoavvag wtmag ilaiov <pk6ya ^^ec^fii. 
** Platarohas Mor. p. 681 ,' C: neviqt yog ififiBivai nagd nana 

Toy ^iov ixavakog, Vergl. Platon Apol. p. 118, 17 ff. Johannes 

Chrys. I p. 65, E. 
♦' Libaniufl III p. 7, 4 ff. (achteig Minen sind ohngefahr 3500 Gulden.) 
♦* Xenophon Oec. 2, 3. (ftlnf Minen = 220 G.) 



10 Des Sokrfttes 

sehe dass auch die welclie gute Belter werden wollen, 
nicht die willigsten sondern die mutliigsten Pferde 
sich nelimen. Sie denken nemlich, wenn sie die im 
Zaume hielten, wiirden sie auch mit anderen zurecfat 
kommen. Darum habe auch ich, der ich mit Menschen 
zu leben und umzugehen wilnsche, diese genommen, 
weil ich sicher weiss, dass wenn ich es bei der aus- 
halte, ich in alle andern Menschen leicht mich fin* 
den werde*', 

Auch sein Ausseres war von Natur nichts weni- 
ger als schon, vielmehr ganz unhellenisch : er hatte 
nach seiner eigenen Schilderung einen grosseren Bauch 
als sich ziemt, vorstehende Augen, dicke Lippen, eine 
eingedrttckte Nase mit weitgeoffiieten NfLstem, und auf 



** Xenophon Conviv. 2, 10. vergl. Plutftrohas Mor. p. 90, D. 461, 
D. Gellius I, 17, Johannes Chrysost. X. p. 239, D. Ubrigens 
war er wie es scheint zweimal verheirathet, mit Myrto der EnkeUn 
des Aristidea, und mit Xantippe: Aristoteles bei Atbenaeus XIII, 
2 und Diogenes L. II, 26. Bei seinem Tode hinterliess er nach 
Platens Phaedon p. 123, 14 f.. einen erwachsenen und zwei kleine 
Bohne. Yon alien wird ausdrdcklich heryorgehoben , dass sie 
ihren Mdttern fthnlicher gewesen seien als ihrem Yater, mairi 
qtiam patri 8imiliores: Seneca Epist. 104, 27. Was gans natflrlich 
ist, wenn die Sohne uberhaupt die Sohne der Matter, wie die 
Tttchter die T5chter des Yaters sind. Oder sollte Aristoteles das 
Richtige getroffen haben, wenn er Bhet II, 15 p. 1390, B, 28 ff. 
bemerkt : „dass die Sohne genialischer Mllnner gem in toUere 
Bitten ausarten, wie die des Alkibiades; die Bdhne soUder Yftter 
aber in Schwachsinn and Stampfheit, wie die des Kimon, des 
Perikles (vergl. Platens Alcib. I p. 334, 16), and des Sokrates." 
Etwa nach dem Naturgesetz, nach welchem das Bewirkte immer 
Bchwftcher ist als das Bewirkende? oder wie sonst ist diese oft 
bemerk^e Degeneration za erklftren? 



Aossere Gestalt. X7 

dem Scheitel eine kahle Glaze: knrz etwas Silenen- 
artiges, eine schlechte Scliale darin ein g5ttlicher 
Kern *®, der tiberall dtircliblickend die unsclionen Zttge 
durcli geistigen Ausdnick veredelt hat ♦^ Daza hatte 
er bei seiner nllchternen Lebensweise und der voU- 
kommenen Herschaft Aes Geistes liber den Leib, die- 
sen so wolgeordnet und wetterfest gemacht, dass er 
bei alien Pestiibeln die seine Vaterstadt verwttstet 
liaben, fast allein verschont und gesund blieb*^. 

ZvL den rftthselhaften EigenthUmlichkeiten seines 
Wesens gehSrte die Gewohnheit, dass er zuweilen, wo 
es aucb war, plSzlicb an sich hielt und, ganz in sich 
selbst versunken, stille stand, unerschUtterlicli gleich 
einem Baumstumpf, ganze Tage und Nachte hindurch, 
wie ein morgenlUndischer Heiliger*®. So begegnete 
es ihm auf dem Feldzuge gegen Potidaea, dass er zur 



*^ Xenophon Conriv. 2, 19: fitiica tov irai^ot; itji^ fatrtdQa ix^^» 
4, 19: o SaxQaTrjg xai iTvY/orye nQogefKfegrjg tovroig (rolg 
^BiXfp^oTs) tSy, 5, 5: ol ifioi aqtS-aXfiol inmolaioi, 5, 6: ol 
^IvBs ifioi uvetnhtavjai, und to <rifi6y lijs (ivog. 5, 7: naxia 
%a x^^^^' Platon Sjinpos. p. 452, 10: <pfjfii fftQ Sij ofAOioiatov 
crvToy Bivai roXg SsiXrjvoXg. 455, 9 : to (rx^fia aviov (nilrjvaides. 
TbeaetetuB p. 178, 14: nqosioixs dk aoi tiqv tb (nfi6xi}xa xai 
TO f^ti tdp 6fi/Adi(ay. Ebenso Mazimus Tyrius 7, 9. 39, 5. 
Atkenaeus V, 13. Synesius Calvit. encom. p. 69, B. Himerius 
p. 464. SchoHaflta Aristoph. Nob. 223. Lacianas Dial, mort 
20, 4. Alexander Aphrod. in Aristotelia Met. p. 240, 29. 

*"* Arrisniia Diss. lY, 11, 19: iatd^tp avtov to cfcJ^a xal inixaqi 

*^ Diogenes L. II, 25: Bviaxtoc ify rtjv diaitar ovtag, uiaTB noX- 
Xdxig *A&tivfiai Xoifjuow fBPOfiiraif ftoifog ovx ivoariCB, Glelcher- 
weise Aelianua Var. XIII, 26 and. Qellias II, I. 

♦» Vergl. SiraboB XV, 1, 60. 

2 



"J^g Das DaeiQOiiigii 

Verwunderung aller die es bemerkten, plozliich in tiefes 
Naohdenkea v^suflken; unbeweglich auf einer Steild 
stand, vom frUheu Morgea dfen gatizen Tag liber xixid 
die folgende Naoht, bis am andern Margeii die SomDJe 
aufging; wo er dann, nacbdem ihm yoUig klar ge* 
worden was er. gissucbt hatte, nocb ein Morgengebei; 
an die Sonne verrichtete, und dairn fortging**®. i 

Ebeudahin gehort die t ielbesprochene mnere Sttrrmt 
des Sokrates, sein i>atju6viQP^ £r selbsf erklart sich ^> 
iiber bei Platon also : mir ist, sagt er, von meitier Kind- 
heit an etwas begegnet (ob aucb schon qinem anderetA 
vor mir, weiss icb nicbt), eine Stimme nemliob, welcba 
wenn sie sich einstellt, jnich abhHlt yon dcm was ieh 
zu thun im Begriffe bin; angetrieben hat sie mich nie- 
mals'^*. Obgleiph hienacb diese Stimme nicht sowol 



**> Platon Sympos. p. 374, 20 und p. 462, 17 ff. Vergl. Plutarchns 
Mor. p. 580, D. Diogenes L. II, 23. Gellius II, 1: stare solitus 
Socrates dicitur pertinaci statu, perdius atque pernox a summo 
lucis ortu ad solem Alteram orientem, inconnivens, immobilis, 
iisdem in vestiglis, et ore atquc oculis in eundem locum directis 
cogitabundus , tanquam quodam secessu mentis atque ai^mi facto 
a corpore. Qnam rem cum Fayorinus, do fortitudine eios yiri at 
pleraque disserens, attigisset, nolkdx4'S^ inquit, i^ ijliov tig ijUop 

^* Platon Apol. p. 119, 15: ifioi di tovt' ^atip in nm^Sos a^{a- 
(iBvoVf qxavjq xig ftp^o/iivrj, ij oxotw fiinjtcaf ubI inoxqinBu fiB 
TovTov o III' fiilXfa Hf^xxBiVy nQfyXQ^TiBi de 9V noxB, itnd fast 
mit denselben Wortea im Tbeages p. ^7 5^, 15: iexi fU(f T4 &Biqi 
(ioiq(f naQBTiofiBvov i/nol in naidos dgSdfiBVQy daifiovwp. icxi 
Je tovTO q>(oy^, ^ oxav ^eVr^Tai osi fioi. fnj/iifipBi 6 ajr ftikko 
TiffdxxBiy f xovxov dnorgon^v, ngoXQSTiBi di ovdinoxg^ Femer 
Pbaedrus p. 32, 6 ff. dbi di /llb iniax^^ o up fiiXlta nqdxxBiv 
and De rep. VI p. 297, 1: to dai/^oynop vnfiBXot/ ^ ^ rtov Tii^i 



fiin^ siitedende ab eine abredende war, so konnte sk 
idacb. ebendanmi in alien den FKUen, in wekhen sie 
ihn nioht abbielt, wenigstehs als eine zulasseilde gel- 
ten: so dass es kein Widerspruch ist wenn XenopKott 
berichtety dieses Sai/uoviop babe dein Sokrates Vbr^ 
Micfafen gegeben, was er thnn tind was er nicht thiin 
solle*^ Er machte aber von dieser Stimnie wie er^ 
riitblt wird nicht niir fUr sicli selbst Gebraucb^ sondem 
fozeh fUr seine Freunde; so dass er anoli diesen in dem 
was sie zii nnt^rxehinen im Begriffe Btanden, tkeiU 
Rbiietb -tbeils suri^b: und wer seinem Eail^e folgte 
be^and siob wol dabei, die ihm aber nicht folgten 
batten es zn bereuen ^^. Als sein Fi*eund Simmias ihn 
einst frag, was es docb mit diesem batuopiov f(ir eine 
Bewandtnis babe, gab Bokrates darauf keine Antwort**: 
80 dajss man siebt erliabe darttber nioht gem gespjo- 
eiien , sei es nun dasa die Sache ihm selbst rlitbset 
haft, Oder dass sie ibin za hdlig war um sie einer 



aXXa ^ ovdevi rdSv ^fiTtQoa&sv fivovB. Ydrgl. Cioerd De divinat. 

: q^piper psntepjLt/iiimtiiam iBH^ltoU, i4epei' r^ 

f, "^ X^n<^phoa ¥em. IV, 8, 1: io d§^imor i^urt^ ngoa^fiaivBi^ & 
rT8 Hu^ seol tt fiij dioi nouXif, Yerg). Braadia Qrieoh. Philea. 
II p. 60. 

*' Xenopb^B Mam. I, 1, 4. Platarchna Mor. p. 5$), D. £. Wie 
Ja.aaoh im antikan TempelBchlafe ns4 Ui dem modern^ mag- 
lM!|i8<^l^ea S«Uale die 3oUafWaclieii nioht bloaa fUr aioh aelbst, 
aoadarn auob ^ andara die Heiliniitel angeben : Btvabon XIV, 
1 1 .14« Anti^a^r von Tajonis bat eine ganae 8amm)ung soleher 
Prapbecehpigea dea Bokratea veranataltot: Cicero Pe divinat. I, 
54, 123. 

** Plutaroboa Mor. p. 588, C, .: . i i 

2* 



go Pas Dftemonlon 

dialektischen Zergliederiing zu ontei^werfen. Die Aus- 
drtieke welche er gew6hnlicli von der Sache brauchte 
sind folgende: das gottliche gewohnte Zeichen, eine 
Stimme; die gewobnte prophetische Stirome der Gott^ 
heit; das mir widerfahrende gewohnte gottliche Zei^ 
chen; die durch gottliche Schickung mir zugetkeilte 
Stimme; Gottes Stimme'*. 

Dass Sokrates selbst bei dieser innern Stimme an 
wirkliche gottliche Eingebungen glaubte, ist mileag- 
bar; es verging wol kaum ein Tag seines Lebens an 
dem er sie nicht erfahren hatte. Sie aoch scheinl ea 
gewesen zu sein, die ihn wie ich oben angeftlhrt habei 
oft in seinem Gange plozlich unterbrach dass er stiller 
stand, und mitten im Reden dass er schwieg, und in 
sich versank, wie kataleptisch oder ekstatisch '^^ 

AUe modemen Versuche diese gottliche Stimme^ 
das Wort in seinem Hei*zen zu erkl^ren, sind voUig mis^ 
longen; die Philosophic wird sich etitschliessen mttssen 
auch diese OfiFenbarung Gottes, die sie nicht versteht, 
dennoch alsThatsache gelten zu lassen. Mit der ge- 
wohnlichen philologischen Kritik ist der Sache nicht 
beizukommen; vielleicht psychologisch : aber freilich 
nur mit jener objectiven Psychologic, mit der allein 
die Religionen und Mythologien der VOlker und alle 

^^ Platon im Phaedras p. 32, 6: to datfioifwv ib ntd to bUo&os 
arijuiXov xai (ptivr^ tig, Apol. p. 136, 10: t) ela&vla fiot fittvii*^ 
if Tov daifioyiov, p. 136, 16: To Tov &bov <rrjfiBtifv, Theaetetua 
p. 193, 18: TO yifyofiBvop fiOi daifioviotf, Euthydemns p. 396, 
12: TO Bta&og urifitlov to dctifiovtov Aelianas Var. VIII, 1: 
q>tiivrj oaiff rro^unjj ifXBxXru^afiimri avtff. Xenophon in der Apo- 
logie §. 12: -d'tov (pari;, 

*• F. Delbrftck, Sokratea p. 17. 23. 



dM 8okrftte». 21 

gro&sen Thatsaclien im Leben der Menschheit za be^ 
greifen sind. Die beste unter den bisherigen Erklilr- 
ttngen finde icb in folgenden Stellen des PIutarchuB: 
,,breit sind die Pfade des menschlichen Lebens, aber 
nur wenige gibt es, auf denen gute Daemonen uns 
ftlbren" '^ (klingt gan2 wie ein Saz det Mysterien- 
lebre), und weiterbin : „wie das schlagen und pocben 
der unter der Erde arbeitenden Minirer sicb nur ver- 
mittelst ebemer Scbilde wabrnebmen lUsst, indem der 
beraufkammende Scball an diese anscbUlgt, wSbrend 
er dureb alles andere unbemerkt durebfabrt'^; so aucb 
verb&lt es sicb mit den Reden der Daemonen : sie fab- 
ren bin dureb alles, tdnen aber nur in denen wieder, 
die ein rubiges Gemtith baben, und deren Seele sieb 
in vSUiger Windstille befindet, und die wir ebenda- 
rum beilige und gSttlicbe Menseben nennen"'*. In 
der Tbat, der gSttlicbe Genius begleitet uns tiberall 
bin und spricht stets zu uns als Mystagog des Lebens ^^ ; 
wir aber bSren undbeacbten seine Stimme nurdann, 
wenn die Leidenscbaft in uns scbweigt, und unsere 
Seele still ist in sicb selbst, in der beiligen Morgen- 
frtlhe und in den stillen NUcbten des Lebens. Ja icb 
glaube bemerkt zu baben, dass alle ursprilnglicben 



^^ PluUrchus Mor. p. 586, A: BVQeXai fih fag dtgotnoi ^iay, okifni 

ds , ag dcUfiopeg avd-qtanovg afovaiy. 
*• Vergl. darfiber Herodotus IV, 200 und dasu Bahr. 
^* Plutarchus Hor. p. 589, D: ovtag ol itav daifiovaw Xofoi dca 

narjtay q^tqoftBvo^ /lovoig ivTjxovtn totg dS^oqv^op y&og Mat 

njpB^w ^xovai t^v fpvx^' ovg dij xal U(^ovg xal daifioviiwg 

dr&Q^novg nakovf^Bv- 
^ Menander bei Meineke IV p. 238: dnavti deUfitup dvdqi avftna- 

qatnaxm BV&vg ftvofiivffy fAVtrxuftOfog tov ^iov. 



22 ^^ ctom SoktAtes 

M^nadhieii ein Bolchei baifxopJLOP m Aohhahefkj xmd 
dads Jcein git>a^er Matin je olme ^einen JDa^moh g^ 
wesen ist, den Gott lenkt^^ Auch ist eA mir selur 
walirscheihlicli dass, wenn ein st^rblilclier Meosch,^ s^ 
es durohMUhe nnd geistige Anstrengiing oder durch 
nattirliche Begabung, zur voUen Harnlonie seiileir 
Ejr&f);e gdlangt iBt, danti sxsAexe bis dahui linbekannM 
Krafte fiioh in ihm zu ehtwick^n beginnisn; eK> dasfei 
er vennoge der wiederedahgken Urspr Un^lichkeit s^-f 
ties Wesens ihit allem Bessereb in d^r Welt in aul>t 
gtanzieller Yerbindung steht, jikht bloas niit d<em Ge^ 
genwartigen und mit dem Yefjgangetieii, sondeni auck 
mit dem Zuktinftigen, -Welches er vorempfiiidel*^. 
Darf ioh : eine Yermuthiing ^ageti, ao steht audb 

: L_* ■■ ■• ' ' ■••..:■•; it 



1 1 



•^•Pindartift Pyih. 6, 122: Jioff t6» ro'o^ fi^i ntptgvf dciCfi^p^ 
luvd^y 'iplkmf. Dio ' DaftUioxieiilelife aei^, bdcamitilch , iirait ! uatar 
den <Jlriech6i>» dena si^ findet ucli ftcho% iq, idaL'^UeH^ W^k^ 
ihrer Poesie, in, ^en Tagewerken des ^^siodus 121 ^ wopach die 
crsten seligen Men/schen des goldpncn Weltalters nach ihrem 
Tode ^Saifioweg wnrden, gute fiber di6 Brd« waltendo Geister,' 
welche in L«ft gekleidet HberaU ombensehweifdny' xki^ JEklii Wlbfateb 
^or Measc^en ' die Obhut habe^i tll^r iliregi^^ii , n^fi b6^% Woikp^^i 

• seeli^ehe >y'e3en y ovaiai ^/ixat,- wie ;sc1ioq Thal^s pie naanle,^ 
bei Plut&rchus Mor. p. 882, B und Athenagoras Leg. pro Cbrist.' 
p. 28. Und in der That, wenn es wahr ist dass aUe Menschen eines 
Paares Kinder sind und yon dessen Leben zebren, und dass dem- 
nach in jedem Menschen seine ' ersten Eltem wiedergeborCn werden, 
ein Theil ihrer noch nicht entwickelten Urkraft: so ist unschwer 
einzusehen, dass wirklich in Jedem Individuum ausser seinem 
individaellen Ich noch ein zweites hdheres Ich gegenwftrtig sein 
milsse, welches jeden Menschen geistig umgibt wie die Platonische 
Weltseele den gesammten Kosmos. 

*' Hemsterhuis Vermischte Philosophische Schriftei^ II ,p.^ 23^ t 



eigdiiMtittlielie Iroiiie. {3 

eine dritte Wnnderliclikeit des wmiderbareh Mannes^^ 
mife den vorgenaiinten in epger Verbindung, die alt* 
bekannte Sokratische Ironie. Diese bat wie mir scheint 
ilirbn lezten Gi*und in jener inneren Bnplicitat sei- 
nes Bewitsstseitis, vermSge de^en er in sich selbst, 
neben seii^er eigenen ^ eine ziveite Stimme vernabm, 
welcber als derhtfheren erunbedingt g^orckte, nnd 
iv^lcbei' gegentlber alle nienschlichen Dinge ihm ntir 
wemg oder nichtswerth zn sein erscbienen *^, Er er^ 
lebte sonacb in sicb s^lbst besliHndig das seltsame 
Scbtiuspiel, dass ttber seinen eigenen inneren Seelen-^ 
grnnd em hi)heres Streiflicbt dabinfubr. Und gansf 
ebenso stend erselbst deinen Zeitgenossen gegenttber, 
trie eni Berg, dessen Gipfel bell im Sonnenlicbt 
glUnzt, wabrend die Menscben an seinem Fusse nocb: 
in tiefe'Sobatteii gebttllt sind; Icb weiss zwar wol 
dasd Aristoteles die Sacbe anders erklart indem er be-" 
merkt: ,,die Ironiseben, welcbe die Dinge kleiner dar- 
siellen als sie sind, emcbeinen alsMi&nner von feinet 
8hte; Denn niobt aus Gewinnsncbt sprecben sie also, 
dondem nm lillen Bcbwulst zu vermeiden; wesbalb 
iSie'M aucb vorattglicb lieben %n verleiiffneh WiiB ibnen 
zur Ebre gereicbt, wie ja aucb Sokrates tbat^®'. 



^ Platon im Sympos. p. 452, 6 : tjyy (tj/v utoniiaif, p. 465, 4 : olog 
da ovtoal fifova tjpf dtoniar av&qdnnogt und Sokrate^ selbst 
ltd Theaetehis p. 189 , 21 : %jt atortciraTog elfit xal itotna iwg 
ar&gtiTtovg anof^Blif, 

•• PUtons Apol. p. 101, 12: on 17 dv&q^nivn trotpia olifav twog 
a&tt rftrri xal ovSevog, De Rep. X, p. 488 , 19 : o^ ti twv aV- 
&g(airlrt9P afiw 01^ fisfdlifg tmovdrjg, 

«» Aristdteles Bth. Nic. fV, 13 p. 1127, B, 22: ol BtqwvBg inl to 
AoTTor HfortBg x^qukne fot phf Ttr fj&ij (peUwoPtai * dv ^o^ 



24 ^^ SokratM Bewasstsein 

Hienacli Yf'ire die Lronie etwas Reflectirtes, und hinge 
mit der stolzen Besclieidenheit znsammen, die ihres 
inneren Werthes gewiss, ebendarum es yerschm'cUit, 
denselben auch ausserlicli geltend zu maohen. Ich 
glaube aber daas die Ironie des Sokrates, die seinem 
ganzen Leben eigenthfimlich war in allem was er 
sprach und tliat®% nicht eiu Product der Reflexion, 
sondern der ungeschminkte Abdruck seiner wunder- 
bar gemischten Natur gewesen ist, der natUrliche Aus^ 
druck des neuen gcittlichen Geistes der in ihm zam 
Durchbruch gekommen war. Das fUr seine Zeitge- 
nossen Fremdartige, Seltsame, Rathselhafte seiner gan- 
zen Personlichkeit ist, wie mir scheint, im Wesen je- 
des neuen zum erstenmal durchbreclienden Principea 
gegrtindet. 

Also von Natur geartetund durch eigene Geistes^ 
arbeit geworden, gab er wie gesagt die Naturforschung 
auf, und widmete sich, etwa vom dreisigsten Lebens-* 
jahre angefangen bis zu seinem Tode, ausschliesslich 
der sittlichen Erziehung seiner Mitbttrger, insbesondere 
der edleren JUnglinge als demjenigen Theile der 
werdenden Generation, auf welchem die Hofihung 



xiqdovg eVexa doxovai XefBiy, dlXa q)Bv fovres to oyxr^QQW 
fidli(na de xal ovtoi td ivdofa dnagvovyjait olov xal Sinxqd- 

^^ Platon Sympos. p. 455, 18: slQCDrevofieyos xal naiQop ndvxa 
toy pioy nqog xovs dp&qoinovg diatslei, Cicero De off. I, 3Q, 
108: dalcem et fieicetam festiyiqae sermonis et in omni oratione 
BlQfoya Socratem accepimoa. De orat. II, 67, 270: Socratem in 
hac ironia dissimulantiaqne longe lepore et hamanitate omnibus 
praestitisse. Yergl. Bratxis 85, 292. QointiUanas IX, 2, 46: 
universa Socratis vita iroiuam habere yidebatur. 



Yon seinem g5ttlieben Bcruf. 25 

dcr Zakunfk beriihte. Ja seitdem derGott in Delphi 
geinem Jtlnger Chaerephon einst den Spruch ertheilt 
hatte: keiner unter alien Hellenen sei weiser als So- 
krates •'' : befrachtete er sich selbst als im Dienste der 
Gottheit stebend, und berufen diesen Aussprucb wahr 
zu machen dadurch, dass er alles falscbe Scheinwissen 
bek&mpfe, die bessere Wabrheit die thm klar geworden 
ancb insLeben einfllbre, und ein anf Selbsterforschung 
gegrUndetes sittlicbes Leben, wie in sich, so auch in 
anderen nach bestem Wissen begrttnde*'*; nnd dass 
et in diesem Berufe auf seinem Posten ausharren 
mttssewie ein pflicbtgetreuer Soldat, so lange esGott 
gefalle*'. Fast niemals darum verliess er Athen^®; 
und bier war sein ganzes Leben fortan ein dffentlicbes: 
am Morgen besnchte er die SpaziergKnge und die 
Ringplatze; in den Stunden wo der Markt vol! war, 
diesen ; und den tibrigen Theil des Tages war er immer 
da, wo er die meisten Menschen erwarten durfte^^ 



'^ Platon Apol. p. 96. 97, 5: r^qBto fvq dtj ef ti^ ifiov Btrj aoqita^ 
JBQog, aPBiXep ovy i/ flv&ia fitfdeva (rogooire^oy tlvai, Der Spruch 
soil Doeh den Scholiasten zu Platon p. 331 , 25 and sa Aristo- 
phanes Nnh. 144 also gclautet haben: ao<p6g 2o<poxX^g, voqaa- 
tBQoe d* Evffinidrjc 9 avdqtav di navtav J^axgaTfjs troip^ttttog. 

•* Platon Apol p. 94 ff. nnd p. 1 13 f. 

*' Platon im Phaedon p. 13 vergl. Apol. p. 113, 11 ff. 

^ Platou imKriton p. 163, 5 ff. herichtet ansddicklioh dasa Sokratea 
mehr als irgend ein anderer Athener fast immer in der Stadt 
geblieben and, seine Feldzdge ansgenommen, nor einmal auf den 
Isthmna gegangen sei. Yergl. Menon p. 346, 10 f. Nach Ari- 
stoteles bei Diogenes L. II, 23 wftre er in seiner Jagend auch 
einmal nach Samos, and sp&ter einmal nach Delphi gekommen. 

'< Xenophon Mem. I, 1, 10. Yergl. Platon Apol. p. 90, 10: Bta&a 
UfBw jcoi h dfoqqi inl wr xqwrBittv. Dion Chrjsost. Orat 54 



2e Die 

Denuy altgte er lUcheltid, ich bin Vrussbegiei^v ^^>^ 
gewtibnt zu redeoy jedem mich hingebend dar mit 
mir sprechen will ; die Felder und die Banme dlrauaseri 
wdllen mich nicbta lehren, wol aber die Menschen in det 
Btadt^^ Er sprach da mit jederiDann, mit Leuten jeded 
Standes und Alters, und wer wollte konnte zah<jren P^^ 
Als der eefate Sobn seiner Miitta* betbeuerf er aAfl4 
drUeklicby Gotthabe ihrndiePflicht auferlegt, odilea 
JUnglingen g^istige HebammeAdienste zu l^ten; bq 
dasB er niebt so wol ielbst etwaa zu erteugen, fltMLn 
dem dazu berufelnsei, anderen) yorausgesezt daaci sia 
schwanger seien, zu einer guten Qeburt zu verijelfwi^^^ 
Und er versicbert wiederholt dass zwar Viele, Wemi 
er ibnen mit seiner Geburtebelferkunst die ubbtttsa 
Aftergeburt wegnehme^ mit der sie bebaftet seieny' weil 
deren Losreissufig ftUerdingii scbmen&baft wi, ibm 6Q 
bose wUrdeUi dass sieihn gerade^u beisseb moobtailf 
^ass er aber dieses niedials aua UbelwoUen tbue, sgun 
dem nur darum, weil er eben, wie Gott ibm befoblen 



avTOp tolc PovXofieH)is ngot^tiifai xal dudifn0d-a^* triffi ib ttjv 

ifOi^v xd nolld dwt^^0tf xal §ls tag naXtUirtf^ag Bicuiv xal 

^ nqog roXs XQonHtiiSua^BiofUVQg. Ebenao LilMmins III p. 13, 12 ff. 

^' Platon im Phaodras p. 9, 14: ipUo/Mmd^e fdq Bllfm. td fiir ovv 
XOQia xai td SMfftt ovddr fg i&iXei diddihtBw, ol d^ h ttf 
m<rrBi avd-qtini^. 

'^ Xenophon Mem. I, 1, 10. 

*^ Vorgl. obdB Amn. 1 and Platons Tb^et p. 192, 18: fUa^vBfT&ai 
fi§ 6 d'BOf dwoYudiBif fBwdy di dnBxmXvaBv. p. 19i, 10} 7r^«a- 
^iq9m QVP nqd^ fi§ tig nq6g ftaiag viop mcU WtoV ftuuvtucow 
p. 322, &: fifP &i fnaieittv javnjp i^ %b uai 17 fi^VQ ^ ^bov 
iXdxQfiiP, ^ lih imp fwaiutipp ifti di nap vitBP Tf »a» fBt^aiap 
soTi oaoii KttiW. V^rgl* MMumas T^rins 16, 4* < v 



Methods dm Sokrates. 27^ 

habe^ ddrehaufinioht das Fakche ftir das Walu*e dtlrf^ 
gelten lassim^^ 

Wak idaaan seine wissenschaf^Uche Methode bie^ 
trifflt^ 80 bemerkt dartlber Aristoteles folgend^ Zwei^ 
earlei, aagt er, kann man d6tn SdkraMs geri^chter Weia^ 
beilegea: dass er, uud er zuerst, die Iudu6tioii und 
die Definition 9 als dief StStzen der Wi^en^ohaftr, iii 
die PkilDSopliiie eingefllhrthat^*. . Er t^erfulir nwalicS) 
boi lallen asinen philosopbiseh^n 'Untersuchyngen so: 
dsai er ^erstlicb ausgieng yoo einer allgenlein wiu&t^ 
kainnten Wabrheit"; dass w zw^tens daosd durcb 
ein^e fidmiralli^BeiBpiele^laiit^te; dasa er sodann^ 
oabbdem also die ;Wege geebiiet utid die Dinge vor-t 
beteitet l^aif^is^, dritte^s, ails eine g4ii3>atialoge Sacbe dAa 
emf^JkrUy urn dessen Erforschung es sich bandelte''®;^ 



*• Platon Theaet. p. 194, 18 tfl 

^^ ^istoteles Met. I, 6, 3 p. 987, B, 1: 2'a>x^aTovf nrs^i li. ij&ixd 

TOVTOif TO xa^oXov ^rjTovptog Mai neql 6qi(TfJnav inanr^Goviog 
nqtiiov trjp dinvoiav. XIII, 4, 4 p. 1078, B, l7: ^(oxQaiovg 
Ji neqi rag -^d^ixag dgetdg nqaYnainvofiivov xal ns^l tuv'toiv 
ogit^a&ai xa&olov iriiovvrog ngturov . . ixilvog ByXo^fog iiijjBi 
TO xi iaxiv' avlloYCtead'ai ^uq iii^iBi, aqxA ^^ "^^^ avXlofia^ 
^wy TO TA iaiiv. XIII, 4, 8 p. 1078, B, 27: dvo fotQ itrtiy a 
Jig ay anodoirj ^axQuxei dixaiag, xovg t* inaxnxovg koj^ovg 
xal TO oql^Ba&ai xa&6X,ov' tavxa fdg ^axiy a/igxa negl dgx^y 
inumjfufjg. 

^^ Xenophon Mera^ IV, 6, 15: osjaTe avToV Ti tcJ koya du(ioi, did 
xmy fidXurxa oiioloyovfi^yoy inoQSVBxo, ypfiiifay tavxiip Ti/y air- 
ipdXeiay tlyai Xo^ov, 

^* Dies ist iiB.Selaratische inofd^enf, dis itfaft»fii oder ihducUo, 
AjOitoicto TD^ic«:I» 12 p. 105, A, 13:. iuof^pj, ij dno xay 
xa9^ ixaaxop inl xd xad^oXov iipodog, daa Attftteigm Tom ein- 



28 Dm SokntM 

und dass er endlich, also absteigend nnd aufsteigend 
vom allgemeinen zum einzelnen und vom einzelnen 
ziim allgemeinen, viertens eine klare und feste Be- 
griffsbefitimmung oder Definition dieser Sache zu ge^ 
winnen suclite. Er hielt diese Art der Beweisftthrung 
ftir die sicherste : auszugehen von einer festen Wabr-* 
beit; unter diese an der Hand der Analogic, fthnli-* 
cbes an fibnlicbes reihend und vom kleineren zom 
gro'sseren, vom bekannten zum unbekannten fort- 
scbreitend, sodann auch den Gegenstand za gubsu-* 
miren der untersucbt werden soUte; und endlich, alle 
gewonnenen Momente zusammenfassend, zu scbliessen 
mit einer logiscb klaren Begriffebestimmung der Sacbe. 
,,Denn nur wer den ricbtigen Begriff einer Sacbe babe, 

zelncn sum allgemeinon. Diogenes L. Ill, 63 : ivri fihv fdq iita* 
yd) ft) loj'os did iivtaw dXti&nif to ofioiop ictvttf dli^d'ig obteitag 
i7[i<pd(^(oy, Cicero De invent I, 31, 51: omnia argtunentatio ant 
per inductionem tractanda est aut per ratiocinationem. Inductio 
est oratio, quae rebus non dubiis captat asscnsionem eius quieom 
instituta est: quibns assensionibus facit, ut illi dubia quaedam 
res, propter similitudinem earum rerum quibus assensit, probetur — 
was dann im folgciiden exemplificirt nnd §. 54 also zusammen- 
gcfasst wird: ita fit boc genus argumentandi tripartitum: prima 
pars ex similitudine constat una pluribusre; altera ex eo quod 
concedi volumus, cuius causa similitudines adbibitae sunt; tertia 
ex conclnsione, quae aut confirmat concessionem , aut quid ex ea 
conficiatur ostendit. Topica 10, 42: sunt similitudines, quae ex 
pluribuR collationibus perveniunt quo yolunt. Haec ex pluribus 
perreniens quo vult, appellatur inductio, Graece inafta^, qua 
plurimum est usus in sermonibus Socrates. Quintillanus Y, 11, 3: 
inafoifij, inductio ilia, qua plurimum est Socrates usus, banc 
babuit vim: cum phira interrogasset quae fateri adveraario necesse 
esset, noyissime id de quo quaerebatur inferebat, cui simile con- 
cessisset, id est inductio. 



wisflenBoIuiltUolie Met1iodo« 29 

Mi auch im Stande imdern dieaelbe klar zu macheni; 
wer aber selbst nicht klar sehe, von dem sei nicht 
«u yerwundem wenn^ er sich and andere taufsche. 
Darum war er unermttdlich, mit seinen Freuuden die 
richtigen Begriffe der Dinge zu erforschen^ ^'. Und in 
der That, wenn das was die Menschen geistig ver- 
bindet, das denken ist, alles klare denken aber ein 
denken in Begriffen ist: so lUsst sich nur auf dem 
Wegie klarer bestimmter fester BegrifGe mit eiuiger 
Sicherheit auf andere geistig einwirken, und eine ge- 
meinsame geistige Thfttigkeit, ein echt menschliches 
Geistesleben erzeugen. 

Unzertrennlich verknttpfk mit dieser inductive^ 
Methode des Sokrates, und nicht sowol ihre Folge 
ala viehnehr ihre Ursache , war die ungemeite An* 
schaulichkeit, Frische und drastische Lebendigkeit 
sein^ ganzen Lehrart, seine echt volksthUmliche Vor- 
liebe fUr Gleichnisse, Sprichworter, DichtersteUen, sein 
schonungsloser Kanvpf gegen alle sophistische Schein- 
weisheit, alien falschen Prunk, den er durch die zer* 
sUA-ende Kraft seiner Dialektik wie einen leereu Dunst 
Ton der Philosophic wegblies. Freilich hat gerade 
diese Art, fast alle Gleichnisse , Beispiele, Analogien 
von gewShnlichen Dingen herzunehmen , und das 
Hochste mit dem scheinbar Niedersten in Verbindung 
zu bringen, seinen Gegnem zu vielfachem Arger An- 



^ Xenoplion M«m. IV, 6, 1; £tiK(fdifie fuq Tovf (ih itdotag^ ti 
inairrop etij ttSr oviwff ipofiiZa ««• Ji^tg tilXBig op iffifiiad'ai 
Svpav^ai* tovg di firj §Miagj ovdir fytf ^avfittaJOP sipai, 
arhovg te atpnkUad'at, Moi alkovg 9(pullBi^' ip i'pbxa irxoTiap 
avp lots avpavai, ri Smwiop Btti vSp iptnip, av^^ot ^^f9» 



'30 IMe Theologie ' 

3a88 gegeben ; und namentlicli haben ' die Sophisteir^ 
deren Kunst zu alien Zeiten in 8ch<Jn versGhlungenea 
Phrasen bestebt, seine OleichniBse, nnd dass er immer 
80 jammerliche nnd genieine Dinge votbringe bei erha-* 
benen Fragen, ibm als Ungescbliffenheit vorgeworfenH 
Er aber blieb dabei, nicht bloss nm alles falsdiie Pa^ 
thos zu d9.mpfen, sondem weil es inimer and tlberall 
da8 Recht des Genius ist, grosse Wahrheiten in erii-^ 
facbe Worte zu kleiden. So dass auob Ptutarch mit 
Recbt bemerkt bat, Sokrates babe mebr alg irgend 
ein anderer die Pbilosopbie gleicbsatn vermensohlicht^ 
indem er in alien seinen Untersucbungen einer nnge^ 
kfinstelten Einfachbeit Bicb beflissen^ die am meisten 
der Wabrbeit befreundet spi; den Dilnkel aber als 
eirien Raueb der Pbilosopbie deii Sopbisten ttberlas^ 
sen habe®^ 

Die Hauptsaze seiner Lebre nun^ ttber die er 
itolbst nicbts geschrieben bat^^, sind nacb deii Ufai^*' 
einstimmenden Angaben seiner SchUler folgendsi 



/; 



^ Kritias bei Xeiiopbon Mem. I, 3, S7. und Pl4toiit Gdrglas p. 109^ 

18 ff. una Hippwmaj, p. 426, iflf. p. 460, 17* . , , 

^ PlutfliccW Mor. p. &80, B: Xian^ttig %i< d<p$lBff xai inlmqt&f^ 

: ttianeQ jiyd xanvov gulaaotpiag, eig tovg aoqmrxds anoaxBdaaas^ 
und p. 582, B: ZaxQatovg, dvSqog drvq^Cft xaX dtpBltitf fidl^aTdt 
Sif g>iXo&o<pimf iSay&Q(dn4fr(KyT0c. 

*' Cicero De orat. Ill, 16, 60: Soorates ipse litteram nnllam reli- 
quii. Hatnann li,. 44: Sokr«tea wnrde kain Autof , und hierin 
lianddte ^r einslimmig mit neh seUiat; er l>rautht« \ubu» Sohrif- 
teii Eu seinem QedAchtnis. Seine Philosopkie sobickta aioh fQr 
jeden Ort uud su Jedcm Fall. Der Markt, dai Feld» ein Oaatmal, 

, datf Gefttognis wi«en seine Sohulvu ^ .v ; 



des SokrfttefiL ^^ 

Vop ailem sttcbte er seiiiett Fi^tonden tiolitlge Be- 
grifie von den GrSttem beizubringen, da diese die Vor^ 
bedin^ang seien ftir alles andere rechte wissen iind 
handehi ^^. Wie im groBsen des Vsflcerlebeiis di^ Tbeo^ 
logie die eri^te und alteste aller Wissen&chaften ist, 
tind jenach tXrer Beschaffenheit ancli allem ttbrlgen 
Wisseai und Leben der Vdlker ^ren Charakter anf- 
driickt: so auch, war er tlberzeugt, mtlitee in der Bild^^- 
nng jedes £inzelnen zuerfirt dieser Anfang recht be^ 
grUndet wcrden^ ehe man welter gehen kbhnei „Die 
Weisen sagen, so lUsstPlatonifansprechen, -dassHim-^ 
mel and Erde, GUJtter und Menschen, nur durch 6e- 
meinbcbaft, Freundschaft , Ordnung, Maass, Gerech-^ 
tigkeit bestehen^ und dass nur dadurch (dass durch 
die ganze Natnr IntelUgenz v^breitet ist) dieses Welt« 
ganze einen Kosmos bilde und nicbt dn Ghaoa^^^ 
Und in gleicher Weise lasst Xemophon iiin in einto 
Uaterredung niit Euth jdetnus des kosmotheblogischeh 
Beweises sich bedienen, wonaoh wir von der zweck<^ 
mftssigen Eanrichtung der Dinge auf einen diesen 
Zweck wollenden Urheber derselben schliessen, und 



^ Xendphon Mem. lY, 3, 2: nf^ptoy fiiof d^ n6Ql &£ovsi inaiQaro 
Q9) (pjffovnts nouty Tot/p avvoyta^, VergL Cicero p^o Plai^cio 12, 
29: naiA meo Jadicio pietas fun^&iiiOAtiinK eat omnium Tirtatum. 
De ni|t. 4eor. II, 61^ 153: ex cognitioQe deorom oritar pietas, 
oui oonjuacto jastitia cat reliqaaequ^ virtates, o quUms vi^ beata 
Qxlstit par ct similis deprum. . 

^ Flaton im Qopgias p. 133, 6: ipaffi oi cro^o* xal- 0V4fay6y nal 

' fify Mtti &a^^ Kod dy^iftSnqvf Ti^ uoiwutyiay irvydx9ty nmi qnUay 

ffti n^fffioirftu moI QW^f^svmy «al iueaiortjta , Mai to olow- 

%9vio 4ia ravrd wiafioy Mahov(ny, ovm aiEO<r/i^<xr nvdi dnrnXaaiay. 

Vergl. Philebus p. 168, 11 ft > 



g|2 Die Theologie 

^ihre Werke scbaoeDd die Gotter anbeten and ver- 
ehren sollen, rd epya avtiSv optSvri 6d/3e6^ai nai riju^r 
rov^ SfotV. Bedenke doch, sagt er, dass die- Gottet 
selbst uns hiezu anleiten : denn wie die anderen GStter, 
wenn sie uns Gutes schenken, dabei nicht in die Sicht- 
barkeit treten, so auch der (eine hSchste) das ganze 
Weltall ordnende und zusammenbaltende Gott, der 
alles Sohone and Gate in sicb fasst, und es denen 
die sich dessen bedieuen wollen stets unversebrt ge* 
sund und ewig jung erhalt und, schneller als der Ge* 
dankc ist, ohne Fehl esihnen zu Hilfe sendet: auck 
dieser wird nur . in der Grosse sein^* Werke gesohaut^ 
nicht in seiner inneren Weltoekonomie ^'. Bedenke 
ferner dass aiich die alien sich tbare Sonne den Men- 
flchen nicht gestattet sie genau ins.Auge zu fassen, 
sondern wenn einer sich unterfangt sie frech anzubli- 
eken, raubt sie ihm das Gesieht Und ebenso wirst 
du auch finden^ dass die Diener der Gt>tter unsicht* 
bar sind: dass der Biitzstrahl von oben kommt und 
alles bezwingt was ihm in den Weg tritt, ist offenbar; 



*^ Xenopbon Mem. IV, 3, 13: ivroBi dk on nai avtol ol &sol 
ovTfog vTiodeixvvovaiv ' Oi tc fa(f allot tj/xtp rd dfad-d di^iftBg, 
ovdiv tovray etg tovfKpavig toftBg dtdoatriw, nai o tor olop 
xovfiov vvvjuxitip T8 nai avrix^^* ^^ V ndifxa rd nald not 
dfad-d itnty nai del fikv XQ^f^^^^S drqi^^ tb nai vfi^ nai 
dfTii^ata na^fixtiiv , &dtTov di pOTffiarog dpafjuxQXijtog im^^fi* 
Toi;yToty ovros to fiiftaia ^h itqdtjov iqdtat, idda Si otnopOfuSp 
do^arog i^filp itrtw. Ebenso CyropaedU VllI, 7, 22: ^eotf]p ft 
tovg dtl oviag nai ndvx i(pQ^wtag nai nana difvaftipovg ^ of 
nai Ti/vJa Ti^r TeJy oluip tdfip awfixox^trw dtqi^^ nai dfijffatop 
nai dpafid^tytop f nai vno ndll9vg JMri fiSf^S-ovg d^tajfiffop, 
YergL Sextus £mp. IX, 92 ff. 



des Sokratea. 33 

gesehen aber wird nicht weder wie er ankommt, 
noch wie er einsclilagt, nocli wie er weggeht. Und 
gleicherweise sehen wir auch die Winde niclit; ihre 
Wirkungen aber sind offenbar, und ihr Anwelien em- 
pfinden wir. Ja auch die Seele des Mensehen, die 
dock wenn irgend etwas Menschliches an dem Gott- 
lichen Theil hat, ist selbst nicht sichtbar; dass sie 
aber m uns hersche ist offenbar. Dieses mttssen wir 
bedenken und das Unsichtbare nicht geringschazen, 
sondero aus dem Gewordenen die tn ihm wirkende 
Macht erkennen und die Gottheit verehren* ®®. Ja er 
war so fest liberzeugt von einem objectiven Welt- 
yerstande, dass es ihm geradezu absurd erschien zu 
glauben, es sei zwar Verstand in den einzelnen Men- 
schen, in der Welt aber und in der Weltordnung sei 
keiner®^; und es war ihm ttber alien Zweifel gewiss, 
dass die Gdtter alles wissen, die Worte und die Hand- 
lungen, wie die stillen Gedanken der Menschen, und 
dass sie Uberall gegenw&rtig seien, und uns liber alle "^ 
unsere Angelegenheiten Andeutungen geben®^ Und 



'* Xenophon Mem. lY, 3, 14: a XQV ftotapoovvta /i^ MatafpQoyBiv 
wv doQOiay, ail* dtc tiov fwofiivtay ri^v dvva/np avtay xorra- 
fion^d-dyorja tifijlw lo daifAOvior. 

^^ Xenophon Mem. I, 4, 8: povy a^a fMvov ovdafiov opt a tre 
Bvtvxog nag doxsig (rvpCL(fndaeti , xal xadb to vnBf^fUfi&ri xai 
nl^&og anaiQa di ugt^oavpifp Tircf oviag otsi evtdxjag l^pfiiy; 
yergL Cicero De nat deor. II, 6, 18 and III, 11, 26:,qnAerit 
apud Xenophontem Socrates, unde animum arripuerimus, si nuUas 
fuerit in mondo ; and De legg. II, 7, 16 : neminem esse oportere 
tarn stolte arrogantem, at in se rationem et mentem patet inesse^ 

' in caelo mundoqae non patet. 

" Xenophon Mem. I, 1, 19: nupta /up 9'BOvs Bldipoh id ta lBf6~ 

3 



34 ^^ Theologie 

glaubte tr liber irgend etwas einen solchen Eath der 
Gottheit zu besitzen, so sah er in unbedingtem Ver- 
trauen darauf tiber jedes menschliche Bedenken hin- 
weg^*. ^Gott ist nieund in keiner Weise ungeredit, 
sondern im allerhochsten Grade gerecht; und nichts 
ist ihm abnliclier als wer ancb tinter uns nacb Mog« 
lichkeit gerecht ist Darin allein bestebt auch die 
wabre Grosse eines Mannes, sowie omgekebrt seine 
Nichtigkeit und Unmannlichkeit* ^^ 

Wie es nun mit dem Monotbeismus Oder Poly- 
tbeismus des Sokrates stand? Es liegt wol in der 
Natur seiner ganzen Stellung sein^m Volke und sei- 
ner Zeit gegeniiber^ und seines ausdrttcklicb aner* 
kannten Grundsazes dass man die Gottbeit nacb der 
Weise der Vater verebren solle, dass er die Entscbei- 
dung der Frage zwiscben Monotbeismus und Poly- 
tbeismus nicbt ausdriicklicb acoentuirt, sondern sich 



fiBwa xal ngatto fispa xcu ra aifij ^ovlivOfiBva, noa^ta/ov ^i. 
naf^Btyai xat ar^fiaiyeiv TOis av&qtonQis nBql TcJy atf&^ntnBiciP 
ndvtwv, Wie ja auch schon Thales lehrte: dass vor den Got- 
tern nicbt nnr die Handlungen der Menschen, sondern auch 
die Gedanken offen lAgen, so dass wir nicht bios unsere Hftnde 
sondern ancb unsere Gedanken rein bewabren sollten, flbenengt 
dass die Gottbeit aucb unserem gebeimsten denken nabe sel: 
Diogenes L. I, 36. aemens Alex. Strom. YI, 14 p. 704, 23 und 
Valerius Mazimus Yll, 2 ext. 8. 
** Xenopbon Mem. I, 3, 4: avtog ndvxa tdvd'Qtiniwa vneQati^a 
nqog xijv nuqd tmv &i(Sy S^fi^ovUop. 

^ Sokrates in Platens Tbeaetetus p. 247, 15: '^eo^ ovda/i^ ovda- 
fuSg aSixogf all* (og olov ts dixmotatog ^ xal ovx S(ni,v crtfTfjJ 
OfioioxBqov ovdhv ^ ^og dv tJ fiav av fdyi]tai 6 Tt dixaiojatog, 
nsQi TOVTov xou ij iig dhid-wg deivon^g dt^dgog xai ovdtyia Tt 
xai dvctvdifia. 



des Sokrates. 35 

damit begnttgt hat seine walire Uberzeugung gelegent- 
lich auszusprechen. Demgem'ass ist auch seine Aus- 
drucksweise fiber Gott und die Gotter schwankend; 
und ich glaube bemerkt zu haben, dass er ebendarum, 
halb instinetiv balb absichtlich, die neutrale Bezeich- 
nung Oottheit der masculiniscben Gott und Qotter 
vorzog: wie je auch wir zuweilen es lieben, um der 
unerquicklichen Controverse liber Monotheismus und 
Pantheismus auszuweichen. Seine Ausdrilcke sind: 
to S^ilov^ die Gottheit, die eine solche sei, dass sie 
zugleich alles sehe, alles hSre, ilberall gegenwartig sei, 
und alles mit ihrer Ftlrsorge umfasse**. Ganz in dem- 
selben Sinne aber braucht er auch den Ausdruck rd 
baiju6viov^% so dass auch das ihm beiwohnende baijuo- 
viov nichts anderes bezeichnet als die Stimme der 
Qottheit, das Gb'ttliche, den Gott in ihm, dieselbe Gott- 
heit welche sich auch in den verschiedenen Arten der 
Mantik offenbarf . Daneben aber bedient er sich auch 



•* Mem. I, 4, 18: fptavfi to &bXow, ot» totrovTOv xal roiovToV i(nw 
a<r&* a/Aa nayja oqfp *al navxa lixovBir xal noa^taxov na^- 
elvai xal oifia navtav iTnfiBlBia&ai. Dem nentralen d'Bioy wer- 
den bier Elrilfte and Eigenschaften lag^ohrieben, die nor einem 
persdnlichen Wesen znkommen kttnnen. Yergl. biemit Cyrop. 
Yf 4, 31 : BfiyvfU aoi rovg &bovs ol ual o^cJcrt nawta xal axov- 
ovin nayta. YIII, 7, 22 oben Anm. 85. Sympos. 4, 48: ol 
nwTa fiiv BidoxBCf nana dk dvvdfiBvoi, d-Bol ovtcj f/toi (piloi 
hUrlvy utrtB did to inifiBlBXa&ai fiov ovnotB XijS-a ovtovV «tX. 
in welcben Stollen alles wan in der ersten Ton dem S'Btoy ans- 
gesagt wird, yon den S-boI praedioirt iat, bo dass also to ^bTop 
zz al SboL 

** Mem. I, 4, 2 and lY, 3, 14. 15. 

•^ Mem. I, 1, 2 H IV, 8, 1. 5. Apol. §. 4. 13. 

3* 



36 Die Theologie 

der Ausdriicke: 6 Sfdf, der Gott^^; 6 (^ocpo^ brfjutovpyof^ 
der weise Schopfer*^; o f£ dpXV^ Ttoiciv dpSpdTtov;^ 
der ursprlinglich die Mensclien geschaffen hat ^^ ; i^ ey 
rep TcapTi q)p6vrf<ii^y inavij ajua TrdvrisdP iTtijueXiicfSai^ 
die dem Weltall inwohnende Vernunft, die ftir alles 
und jedes Sorge tragt^^: und alle diese Ausdrticke 
wechseln wieder mit der volksthtimlichen Bezeichnung 
oi 5£0£, die Gotter. Dass er, nach dem Vorbilde der 
alteren Jonischen Dorisclien und Eleatischen Philoso- 
phen*® in offenbarer Opposition gegen den nationalen 
Polytheismus einen wissenschaftlichen Monotheismus 
gelehii; habe: da von findet sich in den alteren Quell en 
bei Xenophon Platon und Aristoteles keine Spur. Wol 
aber hat nach ihm sein Schiller Antisthenes geradezu 
gelehrt : es gebe zwar viele Volksgotter, aber nur einen 
Gott der Natur, der mit unseren leiblichen Augen nicht 
geschaut, mit nichts anderem verglichen, und eben- 
darum auch nicht bildlich kSnne dargestellt werdein*^ 



•* Mem. I, 4^ 13. 17: toV tov &tov 6<p&alfi6v ddvvfxxov Btwai 
fiij aya Ttdvja oqnv, IV, 7, 6 : Bxaara 6 -d'sog firjxayutai. IV, 8, 6 : 
bI t(3 &e€S doxel §ilxiov eiyai i/ie JBlBvt^v tov ^lov tjdri Apol. 
§. 13 (wo d^BOs und to iaijioviov promiscue gebraucht werden). 

«* Mem. I, 4, 7. - ** Mem. I, 4, 6. — »' Mem. I, 4, 17. 

'• S. meine Studien p. 56 ff. 

'' Cicero De nat. deor. I, 13, 32: etiam Antisthenes in eo libro 
qni Physicus inscribitur, populares deos multos, naturalem unnm 
esse dicens tollit vim et naturam deOrum; und danacb Lactantius 
I, 5 p. 36: multos quidem esse populares deos, nnum tamen na- 
turalem id est totius summae artificem (Weltbildner). Clemens 
Alex. Strom. V, 14 p. 714, 10: ovdBvi ioixdvai (pr^al toV &B6r' 
dioTiBQ avTov ovdBig ixfiad'Bip iS bIxovoq dvvatai, Theodoretus 
De Graec. aff. I, 75: Trf^i tov d-Bov %(lv oXay^ drro Bixorog ov 
fyagiiBtai, otpd'aXfiols ovx o^crrai) Qvdtvl iotXB, dUneq uxk. 



des Sokrates. 37 

Dem Sokrates selbst war jede solclie Polemik zu- 
wider; er Bcheint in der That den uralten Grundsaz 
befolgt zn haben, dem alle Verstandigen im Alter- 
thum zu huldigen liebten: die Go'tter zu verehren 
nach der Weise der VSter, v6ju(i(> TcoXeoy^y nard rd 
Trdrptay more majorvm, wie schon Hesiodus lehrt*®®, 
und wie es ja auch von Delphi her immer als Norm 
aufgestellt wurde*^*. In seinen Gebeten pflegte er 
die Gutter schlechtweg um das was gut sei zu bitten, 
was in jedem einzelnen Falle gut sei, wUssten sie selbst 
am besten; die Opfer die er darbrachte waren klein, 
seinem VermSgen gemUss: Gottesfurcht, glaubte er, 
liebten die Gotter mehr als kostbare Gaben*^^. Es 
war bekannt, sagt Xenophon, dass er oft, sowol zu 
Hause auf seinem Hausaltare, als auf den gemeinsa- 
men Altaren der Stadt geopfert habe *^' ; und auch er 
selbst bezeugt ausdrtlcklich dass, wie jeder es habe 
sehen kSnnen, er an den gemeinsamen Festen und 
auf den Oflfentlichen Altaren sein Opfer dargebracht 



^^ Hesiodus Fr. 185: aig xs nolig (^ijjfrh yofiog d* ugx^togagnnog. 

^^^ Xenophon Mem. I, 3, 1. lY, 3, 16. Aristoteles Rhet. ad Alex. 3 
p. 1423, A, 34 ff. Cicero De legg. II, 16. Angastinus De con- 
sensu evangelistarum 1, 26: Socratis senteutia est, unumquemque 
dcum sic coli oportere, quomodo se ipse colendum esse praeceperit. 

*®* Mem. I, 3, 2: cv/eio nQcg tovf &iovg anhas rdfad-a dido- 
waif wg Tovs ^Bovg xdlUfrta tldotas onoXa dfvtd-a itnir. 'dv' 
triug di d'vap fiut^dg dno ftiM^w ovdav i^fBlxo fiBiovad'ai TcJy 
a;ro noHar xal fibfdXay nolXd xai fisfdla &v6wtay . . jovg 
&$ovs xalg na^d xtuv %vvB^%(ndxfiiv xi/totie fidlnrxa /o^^sty. 
YergL PUtons Alcib. II p. 281 und m. Studien p. 143 f. 

'^ Mem. ly 1, 2: &var ts fdff (pawegog ijy noXXdxig fih oXxoi 
ffolkdxig di Sni x»p noufiop xtjg n6X$mg fitifiwp. 



33 ^^ Sokratas 

habe ^^^ Er ging, sagt ein Sp'dterer, zom Fir&eos hinab 
urn die Gottin Bendis anzubeten, and ermahnte dazu 
auch die andem, wie denn sein ganzes Leben ein fort^ 
geseztes Gebet war^^'. Ja er stand so wenig in ein^ 
ausgesprochenen Opposition mit der offentlichen Yolks- 
religion, dass er vielmehr in alien donkelen und wich- 
tigen Fragen seinen Frennden rieth, bei dem Gotte 
in Delphi sich anzufragen *^*. 

Mit dieser seiner Lehre von Gott hing dann auch 
jene von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele 
natumothwendig zusammen. Man hat zwar ana einer 
populSren Alternative in seiner gerichtlichen Verthei- 
digungsrede bei Platon *®^ (die in treffender Weise sei- 
nen Eichtem gegentiber zeigen woUte, dass der Tod, 
wie man ihn auch betrachte, in keinem Falle etn Ubel 
sei)*^^ folgem woUen, er habe die persOnliche Fort- 
dauer der menschlichen Seele nach dem Tode mehr 
gewttnscht und gehofft als fest geglaubt Aber dieser 
Meinung widersprechen die unzweideutigsten Zeag-* 
nisse. Denn nicht erst Cicero ist es der uns berichtet, 



^^^ Xenophon Apol. §.11: d-vovid fia iv xaXg xoipaXg ioqjaXs Ktd 
inl jcSv drjfxoffiav ^{o/aatf *ai oi aXloi ol noQtnvfxap^^i^Bg 
icjQtatf xal avtog MiXifog ei i^ovXoiJO. 

^®' Mazimus Tyrias XI, 8: SaxQairjg Big IlBiQaia xatjlei nQo~ 
aevidfiewog rjj &e(^, xal jovg dXlovg v^oer^^eTOy xal ^p 6 fiiog 
SwtqdjBi fuaxog ev/17^. 

^^ Cicero de diyinat. I, 54, 123: Socrates Xenophonti consuleiiti, 
sequeretume Cjrnm, postea quam expoaitit qnao sibi ridebantnr, 
£t nostrum qnidem, inqnit, hamaimm est eonsiliuin; sed de rebns 
et obscuris et incertis ad Apollinem censeo referendum: ad quern 
etiam Atbenieases publice de mijoribus rebus sempe^ retulerunt. 

"' S. unten Anm. 275. 

^<>* Yergl. Brandis Griech. PbUos. IL p. 62. 63. 



Unsterbliehkeitslebre. 39 

Sokrates habe hestdndtg gelehrt, des Mensohen Seele 
sei unsterblich, und kehre nach demTode desLeibes 
in den Himmel zurfick; am schnellsten die Seele des 
Gnten nnd des Gerechten *°^ : sondern auch bei Platon 
und Xenophon behauptet er auf das bestimmteste, 
die meuschliche Seele lasse sich nic}it begreifen ohne 
diegSttliche Weltseele/*®, und wenn irgend etwas im 
Menschen, so sei seine Seele des Gottlicben theil* 
haftig**^ Platon femer lasstihn wiederholt ausspre* 
ohen: es sei eine alte Lehre der Friester und aller 
echten Dichter, dass die Seele des Mensohen unsterb- 
lioh sei**^; und dass keiner der nicht ganz unver- 
stftndig und unmannlieh sei, das sterben fUrchte, wol 
aber das unrechtthun: denn das sei das Srgste Ubel, 
wenn eine Seele mit vielen Sfinden belastet in den 
Hades komme^*^. Und im Axiochus endlich drttekt 
er diesen Glauben also aus: ^der Menseh, so spricht 
er, ist eine Seele, ein unsterbliches Wesen in einer 
sterblichen Behausung, in einem Wanderzelt einge- 
schlossen; so dass von diesem Leibe zu scheiden nur 



\ 



*^* Cicero De amioitia 4, 13: is qni Apollinis oraoulo sa^ientissimos 
est judicatns, idem semper dicebat, animos bominnm esse divinos, 
iisqne qtinm e corpore excessissent , reditam in caelum patere, 
optimoque et jastissimo oniqne expeditissimam. 

'^^ Sokrates bei Platon im Pbaedms p. 88, 2 ff. 

'^' Mem. IT, 3, 14: t^ av&gtanov fpvxfjf ttneff n moI alio t^w aV- 
&Qtimip(ap, Tov &bIov fierd/ei, 

^^^ Platon im Menon p. 348 f. 

"' Platon im Qorgias p. 163, 8: avto fih fdg to wto&njaxBip 
ovdels g>opBirai , 6V tc;* fii^ narrdnaatp dkofunog tt Mai awav- 
Sgdg iaxi, to di adiMBip qto^eXrai' nollmv fdg ddimifAdtar 
fifiona Ti/y ynfx^ »is AXdov dipt9id<r&ai ndnmv Ifr/orroy 
n$am¥ ivtinf. ^ 



40 i>i<» ^^"^^ 

die Vertauacliung eines Ubels gegen ein Gut ist; denn 
das weiss ich unerschfitterlich gewiss, dass jede Seele 
tmsterblicli ist^**^ 

Dass dieser Lelire von Gott und der mensch* 
lichen Seele auch seine ganze Ethik entsprochen habe, 
ist bei einem Manne wie er, dessen denken and wollen 
aus einem Gusse, nnd dessen ganzes Leben in Wahr- 
heit zur schSnsten Harmonie gestdmmt war**', natiir- 
licli. Die Ideen der Philosophie und der Tugend waren 
bei ihm vSUig verschmolzen : philosophiren sagte er 
ist nichts anderes als derTugen^ gemSss Trerkth&tig 
leben***. Weisheit und Tugend trennte er nicbt von 
einander, sondem wer das SchSne und Gute kenne 
und danacli handele, und wer wisse was unedel sei 
und sich davor htite, nur der sei weise zugleich und 
tugendhaft**^; er aber, Sokrates, babe die Aufgabe 

"* AxiocbuB p. 509, 12: ^fUts fih faq iafiBy rpvx^ (ebenso Sokra- 
tea in Platons Alcib. I p. 361, 14: ot* ^ ^XV ^^^*^ av&f^^irtos)^ 
iaop dd-ttvenov ip &vrfit^ xatHQffidPOv (pffovqicf, ware ^ rov 
(^y aTtakla^ xanov twos ifrriy eig dfa&ov fiBJa^okij, und 
p. 516, 10: TOVTO iftnidtag olda ox* ^fvx^ anaaa d&dvaxog 
(ganz wie in Platons Phaedrus p. 38, 11: tfwx^ ndtra dd'dpatog), 
Der im Verlaafe der ersten Stelle abweohselnd mit ipQov^iov Tor- 
kommende Ansdmck vx^yog, Zelt, der aus dem ftltesten Hirten- 
leben der Ydlker sieb berscbreibt and aneb in den Sobriflen der 
Pythagoreer (Timaens Locrus p. 386, 12 and Perictione bei Sto- 
baeus Flor. 85, 19) and des Democritus (Fragm. moraL 6. 22, 
128) sicb findet, erinnert lebbalt an die neatestamentlicben Stollen 
des Paulus Corintb. XT, 5, 1 : i) inifewg ijfiioy oUia tov irxijyovg, 
and des Petras II, 1, 13: iq>* oaoy bI/aI iytovxt^ ttf ampniftari. 

"* VergL Platons Laebes p. 271, 7 ff. 

^^^ Tbemistios Orat. l\ p. 37, 28: otc fi^ dlko n to <pdoiroipBiy 
itnty ij TO iifYdiBff&m d^BJijy, 

'^^ Xenopbon Mem. Ill, 9, 4: iro<pitty xDti fmt^pQOirvvigy pv Jfo^iCsy, 



dM Sokraies. ij^\ 

seines Lebens erfUllt, wenn es ihm gelungen sei di^ 
Menschen anznfenem zur Erkenntnis und Aosttbung 
der Tagend : denn wer so wait gekommen sei, dass or 
in Wahrheit nichts lieber sein wolle als ein tugend* 
hafter Mann, fUr den sei jede andere Wissenschaft 
leieht^'^ So ging er ttberall darauf aus, dass der 
ganze innere Menscli einer, em Oames sein, dass den«- 
ken nnd wollen, kennen und ko'nnen nicht zwiespaltig 
sondem einig sein soUen; und da yon diesen beiden 
das Wissen das specifisch hShere und gcittliche sei, so 
mtlsse im echten normalen Zustande das Wollen noth-* 
wendig dem Wissen, der besseren Erkenntnis auch 
das bessere Handein folgen : so dass es demnach nur 
em Gut, die rechte Erkenntnis, und nur ein Ubel, 
die Unwissenheit gebe^'^. Er selbst suchte darum im- 
mer zu erforscben, nicht die Geseze des Hiinmels, 
sondern was ftir den sittliehen Menseben Wertb hat: 
was fromm und was gottlos sei, was gut und bo'se, 
gerecht und ungerecht, was Weisheit und was Thor- 
heit, Tapferkeit und Feigheit, was der Staat und die 



alXa Toy fitr xa xcda re *al dyad'd fiytutrxovta xal /^fjcrt^si 
ttVTotg, Toy Ja ra alaxQoi Bldota teal BvXa^eTcr&ai, aoq>6w ts 
Mai troitpQOva ixQira. So emendire and verstehe ich die vielbe- 
sprocbene Stelle. 

^'" Cicero De orat I, 47, 204: Socratem solitnm ajunt dicere, per- 
fectum sibi opus esse, si qui satis esset concitatas cobortatione 
sua ad stndiam cognoscendae peroipiendaeque Tirtatis: quibns 
enim id persnasum esset at nibil mallent esse qoam bonos Tiros, 
iis reliquam facilem esse doctrinam. 

Diogenes L. II, 31: ISlsfS ir fi6v09 dfot&6v iltfeti, ri/r intirtr/' 
fitjy^ xal h fiopop utptop, Ti/y dftnBimf, VergL Brandis Grieob. 
PbiloB. II p. 87 ff. 



it» 



42 ^^ Bthik 

StaatskuDst, Herschaft und Herscherkunst sei: kurz 
alles das was die Wissenden edel und gut, iind 
die Nichtwissenden zu Sklavenseelen machtV^^ Denn 
das ja sei eines der grb'ssten Outer ftir den Menschen, 
sich tKglich tiber dieTugend zu unterreden***. Sein 
Hauptbestreben war demnach auf die sittliche Natur 
des Menschen^ auf Selbsterkenntnis und Gewisseus- 
erforschung gerichtet, urn die Menschen durck klare 
Erkenntnis des Wahren und Guten auch zur Aus^ 
fibung desselben zu bringen. AUe Menschen wollen ftlr 
gut gelten^ und keiner thut etwas anderes als wovon 
er glaubt dass es ihm gut sei^^^: wolan, sagte er, es 
gibt keinen schoneren Weg zum Bubme, als darin 
ttichtig zu sein, worin du es scheinen wilkt*". 

Die HauptsSze seiner Ethik sind demnach fol- 
gende: Das heiligste unter allem ist ein guter Menschi 



^^ Xenophon Hem. I, 1, 16: avrog di neQl rwr uv&qtimtifap ubI 
dukifBTO frxormy, xi i^ae^^g, ti aat^ig' ri kaXor, xi alvxi^* 
xldijuuovt "fi adixoy xi atxpqotrvprj ^ xi fiwfia* xi awdf^ioy x( 
SsiXia' xi noliSf xi noXiXucog* xi dgx^ dpd'Qtonap, xi dgx^og 
dp&QtunfOP' xal neql xwp dXltop, a xovg flip tidoxag f/^sixo 
xalovg xal dfa&ovg sipai, xovg di dfpoovpxag dpdqanodMeig 
dp dixcUag xexl'^a&ai. 

^'* Platon Apol. p. 132, 8: on xal xvyxdpBi iiifitrxop dfa&op op 
dp&Qwnif TovTOy ixdtrxrjg ^fi^qag negl dgex^g xovg Xofovg noi^ 
elad-at. 

'" Xenophon Mem. Ill, 9, 4 f. IV, 6, 6. AmtoteleB M. Mor. I, 29. 

^^ Mem-. I, 7, 1: ere* fdg fXtY^p, tig ovx itii xaXliap odog in 
Bvdoiiap, fj di ^g dp xig dfa&og tovto fipoixo , S xal doxBiv 
^ovloixo VergL PUton im Qorgias p. 171, 13: napxog fidllov 
dpdql fulBxr^xiop av xo doxBtp bIpoi dfa&op, dXlu to slpai xal 
Idiffk xal dfjfioain. 



dte SokratBfl. ^ 

4ind das verworfenste ein gclilechter ^^K Daa Gate abet 
Qnd das Bo'se ist nicht etwas leibliches^ sondem liegt 
in der Seele des Menschen^^^; die menschliche Seele 
aber ist eine der Weltseele analoge, eine denkende und 
erkennende *^^, die als solche, an und fUr sich selbst auf 
das wahre Sein geriehtet ist*'^. Wenn die Tugend 
demnaoh etwas in der Seele ist, so muss sie eine gewisse 
£rkenntnis, ein Wissen sein ^^\ Nimmt man der Seele 
die riehtige Erkenntnis und gibt ihr die Macht, so heisst 
das nichts anderes als jcgliche SUnde ausbreohen und 
frei laufen lassen^^'. AUe Tugenden beruhen dem* 
nach auf Erkenntnis, ja sie sind gewissermaaseen Wis* 
senschaften'^®: die Besonnenbeit ist das sich selbst er- 



"* Pkton im Menon p. 263, 18: nonwv UqmxarQv ia%w aw&^mnog 

dfadigt nal fuoQtiratQP 6 nomiQOS. 
>'* Platoni Gorgias p. 69, 14 f. p. 71, 22 fll 
^'* S. oben Anm. 110. 
^" Platons ThMGtetns p. 267, 16 f. p. 270, 12: ^ ^/v ovtiJ ua&" 

avT^y nQOffioTBVBfai ne^l td opta, Aloibiades I p. 368, 4: 

ovx ix^f*^^ bIjtbIv 6 Tt iarl x^g ^XV^ S'HotiQoy ^ tovto m^l 

o TO ttSdrw IB *al tpgarBip iTiiv. 
^'* PUtond Menon p. 365, 12: bI uqa a^Btiq ifup h tjj ^nfxji ii 

i(m, <pq6rri(ng oi/to dBl bIvcl^. 
^" PUton Alcib. I p. 372, 2 ff. und Mazimiu Tyrina 26, 7: oxcof 

fd(f tpvx^S dipdlfig fih to eiSiyai, naqnaxus ^i to Svpaa&ai, 

didug Totg ifiaqxrifiwnp imqgoi^v xai ifovaiap xal dqofiov. 

^^ Platonf Menon p. 363, 2: inmtijfiii tig if dqBt^, p. 365, 13: 
fijp difBTJ^p fpQOPfjatP bIvoh, p. 383, 9 : OTt ipq6pn<ng fiipop ^fBtxai 
tav oqdwg nqdttBiP. Protagoras p. 846. 247: mg ndpxu XQ^" 
fiaxa ivthf inioTyfAfif Mai ij duiato<rvpij xai i/ amtpqoavp^ ttal if 
dpdqia, Phaedon p. 27, 11: Tip orri unl dpdqBta moI €<a<pqO' 
m'pff ual dmaukirvpti xai (vlkiifid^ dliidijg o^vri/ futd .^^orif- 
9Bug imiP' Und ArUtotelee wiederhpU diesen Sata des Sokrates 
so oft, dass man darin mit Brandis wol die Worte dee Sokrates 



44 ^^ BUdk 

kennen"*; die FrOmmigkeit ist die richtige Erkennt- 
nis wie man zu den Go'ttern beten and ihnen opfem 
soil "' ; die Tapferkeit ist die Wisgenschaft dessen wag 
zu Airchten und nicht zu fUrchten ist*'^: wer die wahre 
Beschaffenheit einer Gefahr and die Mittel ihr zu be- 
gegnen kennt, ist gewiss stftrker ihr gegenttber, als 
wer beide niebt kennt*'*. Die sebr Gtiten sind aucb 
sebr vemtlnftig, die sebr Schlecbten aucb sebr unver- 
nttnftig***. Die Tngendaber, weil sie auf derrecbten 
£rkenntnis berubt, ist ebendiarum nar enze fUr aUe: 
es gibt niebt eine besondere Tugend desMannes and 
eine andere des Weibes, eine des Jttnglings and eine 
des Greises, sondem nar eine /Ur alle, die ricbtige 
Erkenntnis "^ ; die nur nacb den GegenstSnden anf 



yermathen darf : Eth. Nic. IIT, 11 p. 1116, B, 5: inun^/jirfP bIpqi 
Tfjp drdgeiw. VI, 13 p. 1144, B, 19: fpf^onjiTBig eJyai ndaag 
Tag dqBxdg, Magna Mor. I, 1 p. 1182, A, 16: tag dqetdg int^ 
axyfiag inoUi. Eth. Eud. I, 5 p. 1216, B, 6: innrrijfiag Bipai 
Tuxaaf tag aqtrdg. III, 1 p. 1230, A, 7: iniVTijfiriv Blrai Tijy 
dydqiap, 

''* Platons Alcib. I p. 368, 11: to di ftpwirxBiP avtop Jfcolofov- 
uBv aa<pQO(rvin^p Blvai. 

"* Platons Entyphron p. 380, 12: ini(nijfiri dqa atnitrBBig iroi 
dovBog &BoTg ij 6<n6trjg, 

"* Platons Laches p. 284, 20. 285, 11 f. 289, 1: trotpiap rivd tjJf 
dvd^Biav slvai, trjp ToTy dBiveSv xal d-aqqaliaw innrr^fitiv, und im 
Protagoras p. 245, 20: ^ aofpia dqa TcJy dBivwp xal fty dBirtiSp 
dvd\^a ifniv, 

"* Xenophon Mem. Ill, 9, 2. Conviv. 2, 13. 

*** Platons Cratylns p. 9, 8: rovg pikv ndpv /^arovff ndw q>QOPi' 
fiovg f tavg Si ndw noptjgovg ndpv aipgopag, 

**• Platons Menon p. 831, 12: 17 avrij dgBrfj ndft&v ivriv* Ari- 
stot^s Pol. I, 5, 8 p. 1260, A, 21: 7 avxrj (rwpgoirvrff pjpautog 
ntd dpdfog *tk. 



det Bakntes. 45 

welche sie gerichtet ist, eine verschiedene Form an-^ 
nimmt und als eine besondere erschemt: wie das Licht 
rich verachieden bricht je nach den Dingen auf die 
es fsQIt Nor dann aneh, wenn die Tugend ein Wis* 
ten ist, ist sie lehrbar; denn gelehrt kann nicbts wer- 
den als dieErkenntnis^^^ Es iat aber Thatsaebe dass 
alle menschlichen Tugenden sich durcb Unterricbt 
und Ubung ausbilden und vermehren las8en*'\ End- 
licb da die Erkenntniskraft des Menschen die bochste 
seiner Seele ist^ so gibt es keine stark ere Macbt in 
ibm als die recbte Erkenntnis; Weisbeit und Wissen- 
sebaft sind das beste und stKrkste unter alien menscb- 
licben Dingen*^'; alles scblecbte Handeln aber be- 
rubt auf Mangel an ricbtiger Einsiebt**^: denn keiner 
ist freiwillig, mit Wissen und Willen d. b. gegen seiu 



"^ Plaipns Menon p. 362, 363 : ovdiv alio dtdatrxBTtu aK&Qcmog 17 
inumifAipf. el di f i<ni^ inarii^ftrj ng ^ ciifBTij, d^Xop OTi didauxov 
or efr;. YergL ProUgora* p. 247, 1 fL Enthydemus p. 400, 4 ff. 

^'^ Xenpphon Mem. I, 2,- 23: ndpta fyoifi doK$X ta xalu xai tq 
afa&d wrxritd Biyai, ovx ^Miaxa di aaKpf^oavni* II, 6, 39: 
Qffcu d* iv dp&f^noig otquTol Idfovxai, (ntCfnov^Bvog tvf^ijirBig 
ndaag fia&ijaei tc xal fiMjfi avfca^ofUyag, 

"? Plutons Protagoras p. 239, 13: ao<picuf xal inwiiifiqv narttiif 
x(fdti<rtop fii^oi Tc5y apd-^onsiap nifOffidzap, p. 239, 12: 
irtiajiifiiig f/iiiSh Btwai x(fBUtor, Xenophon liaia. IV, 5, 6: 
troipiop d^ TO iiifunw dfadvp- Ariatoteles Eth. Nic. VII, 3 
p. 1145, B, 23 ff. im4 Eth. End. Vll, 13, p. 1246, B, 34: on 
Qvdtp laxvQOzeQov tpQorijaBog. 

^^ Platons Larches p. 284, 11: on xavxa dfad-og ixoffjog jfuSp, 
unB(f QOipogs d di dfiadijgf tavxa di uaxog. Protagoras p. 216, 
19: avxtj fdq fioyr^ i(rxl xaxij nQafig, inurx^fi^g axBfftjd^vai. 
Hippias H p. 218, 20: nolv fdq TOi fteliov fiB dfa&op iqfdaBi 
dfutd-iag navang x^r %fvXV^ ^ voaov to ciifia, Xenophon Mem. 
IV, 6, 7: o dqa inUnaxai ixanrogf xovxo xal uotpog ifrxiw* 



46 i>^ £<>^ 

beaseres Wiss^i hSse iind schlecht, sondem nor nn- 
fmwillig thut er das Bose und Schlechte*^'. Denn 
entsezlich ware es ja, wenn einer das rechte Wiss^i 
hfttte^ und wenn dennoch etwas anderes starker in 
Sxm wftre, und er sich wie ein Sklave fortreissen and 
beherschen liesse von der Thorheit *^^ 



^^^ Plfttonjai Hippias I p. 442, 10: xaxd di fs noXv nlBia n^iaviruf 
y tifad-a ndpjeg ay&QaTioi, d(i(nfiBroi ix naidap, xai i^afia(^' 
Ttivovaip dxovTBff, Protagoras p. 217, 19: ij^ti fdq trx^Sor xi 
oifiai TovTO, OTi ovdeis tap voifitop dpdqfop ^ftltai ovdiptt 
dpd-^nmp inopxet ifagin^xapnp ovdi ai^Xifd tb nal xcma iu9rta 
ilfYaifa&ai p all' sv t<raatp 6u ndpteg ol to aitrxf^ xai xaxd 
noiovpTtg dxopxhs noiovaip. Sophista p. 151, 11: dXXd fiyw 
ipux^p fe tfTfiSv ttxovaap ndaap nap dfpoovfrap^ De rep. IX 
p. 460, 4: ov y^q ixcip dfiaqxdpBi. Timaeus p. 180, 16: 
xaxde flip fd(f ixtav ovdUg. De legg. V p. 880, 1: on nac 
6 ddixog ovx ^*^^ ddixog, x^p fdf^ fiefi^map xnxmp wi9tlg 
ovdafto{> ovfftp ixtop xdxxfjxo dp nox8. IX p. 183, 2: a^f oi xaxol 
ndpxBff Biff ndpxa bMp dxorxBg xaxoi and Zeik 10: (vfi^fii 
dxoptBg ddixBlp ndpxug, Ebenao in der Apologle p. 107 , 8 t, 
und in dem Dialogna De jttsto p. 519, 13 nach dem bekannteii 
Dichtersprache : ovSalg ixtop novrjQog ovd* dxaav ftdxag — and 
Ariatoteles Eth. Nic. Ill, 7 p. 1113, B, 14 und Magna Mor. I, 9 
p. 1186, A, 11: cJp at qxxvloi xipig eltrip, ovx ay ixorxBC Bbjiraw 
ipetvlot. YergL den Panliniaclien Sats Bom. 7, 19: ov fd^ o 
S-iXu nom dfttS^p, dH' o ov &(!X0 irnrxoFy tovto ftQattaa. 

^*^ Aristoteles Eth. Kic. YII, 8 p. 1145, B, 21 : Supop fdq inurxijfMtic 
ipovafjg^ dig tSaxo £ax(fdxfjg, dXXo ti xffftxBtp iral 9fv^l»acy 
avxop tStrnB^ dpdqdnodw^ Aiisioteles selbst aeint (TorgL aaeh 
YI, 18 p. 1144, B, 17 if.): man kOnne dem Sokrates aHerdinga 
darin Becht geben, dass es nicbts Stftrkeres im Menseben gebe 
all die recbte Erkenntnis; aber, weiin ancb die Tngend davon 
unsertrennlicb sei , so sm sie docb nieht identSscb mit ihr ; denn 
es komme nar allxabllaiig Yor, dass einer wider besseres Wissen 
bandle: wo dann im Momente der Leidenscbaft die bestfere Er- 
kenntnis getrdbt und wie todt im Menscben seL 



des Sokrates. 47 

Man sieht^ wie gesi^^ seine ganze Ethik batte 
es auf die sittliclie Besserung der Menschen, auf die 
Reinigung und StUrkung ihrer Seele abgeselieQ. Wol 
kannte er den thatsllchliclien Widerapruch zwiBchen 
dem Wissen cind WoUen in uns; aber er wollte, wii6 
er an siob selbst esvoUzogen hatte, den Willen ganz 
der Erkenntnis unterthan macben, nnd alsa dureb 
Einignng des vemiinftigen Denkens und des sittlicben 
WoUens, di6 ursprttnglicbe Harmonie ibrer Seelen- 
krSfte den Menscben wiedergewinnen belfen. Dcgan 
sieb selbst zn besiegen , . sei unter alien Siegen der 
erste und beste; von sieb selbst besiegt zu werden, 
der scbimpflicbste und scblimmste *^'. Docb wie seb? 
aucb bienacb die Idee des Wissens seine Tugendlebre 
sn * beberscben scbien ^ ^^ : keinem lag jeder unlautere 
Wissensdiinkel femer als ibm; denn keiner war in 
sieb selbst tiefer binabgestiegen , nnd batte als lezte 
Frucbt alles Forscbens die menscbliebe Unwissenbeit 
und ScbwUcbe klarer erkannt als en Denen die sieb 
auf ibr Wissen etwas einbildeten, zeigte er dass sie 
nicbts wissen. Weise in Wahrheit ist, so wiederbolte 
er stets, nur Oott; unter den Menscben aber ist jener 
der weiseste, der weiss dass er nicbts wisse^^^: ganz 



^^' Platon Alcib. I, p. 441, 8: iXBv&Bf^oi^ xal orms ^aeilevfff aqx^f^ 
nqo^TOV tdiv ip avra, aXXa fitj davliv<atf, De legg. I p. 183, 17: 
TO vixqip avxov ot/Toy naatSv vixup ngaitri ti nak uQifnrj , to 
dk tjxjciff&eti avxop vtp' ietviov nartap ttfo'/irTor t» afia xal 
xaxiaxop, and Stobaeus Eclog. H p. 856 (p. 653 G.]: fu^itrtiip 
fikv u(fxrjp ilvai rrjv PatrilBiap, o^tori^y Si to ^ovtov a^;|fCiF. 

^^^ Yergl. F. Scbleiermachers Pbilosophisobo Sobriften II p. 300. 

^' Platens Pbaedras p. 104, 20: to /uer co^oV xmlBip fyi^ifB (lifa 
bIpm doxBi xtti &t9S fiOPt^ (vergL Paiil«9 »d .'Hiiioth. I, 1, 17) 



48 I>i« Ethik 

BO wie ein halbes Jahrtaosend nach ihm der Heiden- 
apostel Paulas seine hellenischen Freunde ermalmt 
hat: ^keiner betrttge sich selbst; wenn aber einer sich 
dfinket wdse zu sein, der werde ein Narr in dieser 
Welt, damit er weise werden moge****. 

Auch was er fiber die Gttter des Lebens lehrtei 
war damit ttbereinstimmend. Die lierschende Meinung 
und das allgemeine Btreben seiner Zeitgenossen ging 
dahin, Geld zu erwerben: vor allem ermahnten die 
VSter ihre ScShne sobald sie das Alter des denkens 
erreiebt batten, dahin zu trachten wie sie reicb wtir- 
den; denn wenn du etwas bast, bist du etwas werth, 
wenn du aber nicbts hast, bist du nicbts werth ^^^ 
Dem gegenttber lebrte Sokrates, dass alle sogenannten 
Outer des Lebens, Gesundheit ScbSnbeit Beichthum 



aqfioTfoi Kttl ififitltarif^Gis ^X^^* VergL Symposion p. 428 f. 
Apol. p. 101, 15: ovTOs aoqpOTotoV ^(ftip, otrns m^rnq Sun^" 
tfIC Sfvtinw OTi ovd$¥Q^ ufwg i<fxi tf ultiMnt n^oi cro^cav. 
Yergl Bophisia p. 153, 16. Diogenes L. 11, 32: bIO^m (dv 
fii^ir nlr^r avTo tovto. Cioero Acad. I, 4, 16: nihil se icire 
dixit nisi id ipsnm. Theodoretus De Graeo. atf. 1, 85 fUhrt als 
Sokratisohen Satz an: a(^x^ ^V^ fp^aetag tijg afpoias 17 fwna^g, 
der Anfang der rechten Erkenntnis eei, seines Nichtwissens sich 
bewosst zu sein; wie Epikaros in sagen pflegte: initinm est sa- 
latis notitia peocati: Seneca Epist 28, 9. 

'^ Paulas ad Corintli. I, 3, 18: fju^d^ig iovxop i(anaxdja' bI di 
Jif doMBl ao<pQg sZra* ip vfiZp, ip tif tUopi rovxi^ /ia»^oV fBviQ^ 
^a, ipa fip^mi aoipog. Oalat 6, 3: bI fo^ douBl ftg bIpoI h, 
ftiidh tSp, iavtop ipQBpanatf VergL Hamann 11 p. 37 f. 

^^ Erjrxias p. 550, 24: ol fovp naxif^Bg xovxl nQOxop xoig tnpBXB- 
^oig vU(n nBtifaiPovaip , iTxniidp Big xi^p ^Xutiap xdxKrxo dipi^ 
nmpxM %ov jjdif tp^opBlp, tog doxovvi axonBlp ono&BP nliwaioi 
Ivopxtu, ^g, dp (Up n ix^Sf dfiog xov s^ idp dk fi^, ovdBPog. 



des Sokratea. 49 

Macht, an und fttr sicli weder gut noch bose seien; 
sondern dieses erst wtlrden jenachdem man sie rectt 
oder schlecht gebrauche : der richtige Gebrauch aber, 
TO opS(a)f xpv^^^^y hange von dem rechten Wissen, 
von der recbten Einsicht und Weisbeit ab, wie der 
falscbe von Mangel an ricbtiger Einsicht; so dass also 
in Wabrbeit nur die Weisbeit das Gute, und die Un- 
wissenbeit das Ubel sei (rf juh (Soq^ia dyaS^op^ if be 
djuaS^ia nanop), und dass demnacb aucb diese beiden 
allein den Menscben sowol gliicklicb als unglttcklicb 
zu macben im Stande seien^*®. Der Reicbtbum na- 
mentlicb sei nur nacb dem Gebraucbe zu messen; 
denn niebt der ttbermassige Besitz sei Eeicbtbum, son- 
dern der recbte Gebraucb dessen was einer bedttrfe **'. 
Er ftir sicb, mit der ibm eigenen Ironie, lobte die 
Armutb sicb als eine gar anmutbreicbe : die sei am 
wenigsten dem Neide ausgesezt, am wenigsten dem 
Streite, sie bleibe einem aucb wenn man sie nicbt be-, 
wacbe, und je mebr man sie vernacblassige , um so 
starker werde sie*'^ Der Armutb aber zunacbst pries 



^^* Sokrates in Platons Euthydemus p. 410 414. 

^** Sokrates bei Xenoplion in Stobaei Flor. 5, 79: nXovzov fieigslr 
Xi^rifTU* ov faq eiyai jrjy vniqfiBXqov xrrjaiv nlovxop* to Sb 
oaoig TfQOSijxet XQV^^^h ^Tisira de Tovrcjy fi^ dwfiaqxdvHv nxX. 
DemgemilsB aach Xenophon selbst im Hieron 4, 8: ov fag tcj 
dgid'/iff 01/ TC TOT noXkd xQiyaxai, ovxe xd ixavd.. dXXd nqog xdg 
Xf^fj^sig. Dieselbe Lehre findet sich, wie Welcker kL Schr. IT 
p. 492 benierkt, schon von Prodikos ausgesprochen im Eryxias 
p. 552, 22: to nXovxely xoig fiiy xaXotg xdfa^oXg xtav dyd-goj- 
naif dfa&ov, xolg dk (lOX^QoXg xaxov xxX. 

'^ Sokrates bei Xenopbon im Conviv. 3, 9: i; nayia^ vtj M', Bv'xd- 
' (fuyxo¥ ngdyjua, tovto ^a^ ^i; ijxiaxa fitif initpd-ovoVf tjxiaxa de 

4 



50 I>i« Btl^k 

er echt hellenisch drei Gttter als die sclionsten : Seelen- 
reichthum *'*, Musse die Sch wester der Freiheit ^^\ imd 
Freundschaft: ein wahrer Freund, freie Musse, und 
eigener Seelenreichthum seien die besten G titer des 
Lebens **^ 

Was una am meisten anstossig ist in der Sitten- 
lehre des Sokrates, ist dads er seinen Schttlem den 
Umgang mit Hetaeren nicht unbedingt verboten, son- 
dern unter Umstanden gestattet, ja sogar gerathen 
hat. Wir lesen nemlicli bei Xenophon wortlich fol- 
gendes: »was die Knabenliebe betriflft, so rieth er auf 
das nachdrttcklichste sich aller Schonen zu enthalten; 



negifiaxfitop, xal dipvlaxjov op awiejai, xai afislovfiepop Ifrxv- 
qoxeqop fifvejau 
^^^ Hierher erlaube ich mir dM sch5ne Epigramm in der Anthologia 
PaL X, 41 zu Ziehen: nXovtog 6 Jrjg V^/^^y nlovjos (iopqp 
iatip dktf&ijg * jalla d* fx^i XvrtriP nXsiopa xtJp MtBapap, 

>*' Diogenes L. II, 31: injjpn axolijp tag xalU<rjop xjij/itdti^p. 
Aelianus Var. X, 14: ilefep on tj uqfia ddeX<p^ r^g iXeuS-effiag 
itrtip. YergL Cicero De orat. II, 6, 24: mihi liber esse non 
yidetur, qui non aliqaando nihil agit. Auch Aristoteles bemerkt: 
die Gliickseligkeit scheine in der Musse zu bestehen, denn ge- 
schftftig seien wir ja um mUssig sein zu kSnnen, wie wir Krieg 
mhren am Frieden zu haben, Eth. Nic. X, 7 p. 1177, B, 4: 
SoxbX ij svdaifiopia ip %ji oxoXji eipai xxX. und X, 8 p. 1178, 
B, 7 dass die Tollkommene Gliickseligkeit irUeUedueUe ThiUigkeit 
sei, 7 xeXaia svdaifiopia oTi ^Sdi^fixixij xig iaxip ip^fffCiot. 

"' Sokrates bei Xenophon Mem. II , 4,1: tog ndpxiap xXTjfidxar 
XQdxiaxop dp stfj <piXog (raq>^g xai dfaS-og, and ein morgenlftn- 
discher Schriftsteller bei Peiper, Siimmen aas dem Morgenlande 
p. 56: auch der weise Sokrates behauptete, dass wer alle Her- 
lichkeiten der Welt besitze, aber der Freundschaft beraubt sei, 
der bes&sse nichts; der Edelstein der Freundschaft sei unter dem 
kbstlichsteB dieser Welt das kdstlichste. 



des Sokrates. 51 

denn mit solclien sich einzulassen und bei Verstand 
zu bleiben sei nicht leicbt, man werde da aus einem 
Freien ein Sklave, und geratbe in alle Tollheiten, 
mehr noch als die von einer Giflspinne Gebissenen* *'*. 
Dann fabrt er fort: »wer aber gegen die ungeordnete 
Geschlecbtsliebe nicht fest sei, solle sich zu ihrer Be- 
friedigung solche Personen wahlen, welche ohne ein 
starkes Bedttrfnis des Leibes die Seele nicht annehmen 
wttrde, und bei denen man im Falle des Bedtlrfnis- 
ses keine Schwierigkeiten finde" ^"^^^ also offentliche 
Madchen. Diesem Rathe gem&s bekennt dann auch 
sein Schtller Antisthenes mit kynischer Aufrichtigkeit 
von sich selbst : wenn mein Leib einmal das Bedttrf- 
nis hat den Geschlechtstrieb zu befriedigen, so ge- 
nttgt mir die erste beste, die mich dann auch mit 
Freuden aufnimmt weil sonst niemand sich an sie 
macht***. Und derselben Maxime gemass gibt auch 
der Stoiker Epiktetus in seinem goldenen Handbttch- 
lein den Rath: ^in Bezug auf die Aphrodisien halte 
dich vor der Ehe nach Kraften rein (schon darum 
damit du als Brautigam ebenso rein in die Ehe ein- 
trittst^ wie du dieses von deiner Braut verlangst) ; wirst 



^^^ Xenophon Mem. I, 3, 8: atpgoditTiaif Se (sc nsgi), naQfjvBi wp 

xaXtuy laxvQiog linixBGd-ai' ov fOQ itpij ((fdiov %lvai rdSv toiov- 

joap dnxofiByop (raxpf^opBlp ktL 
^^^ Mem. I, 3, 14: rovg fiij daipahog l^foyraip nf^og d^qoSitria (Sbto 

XQfjyoi itQog toiotvra, ola firi ndrv fiiv dsofidpov tov <r(afiaTog, 

ovx dp ngogSdfaixo tj ypvx^* 
^^^ Xenophon Conviv. 4, 38 : ^p Si nqte xal d(pQodiaid(rai to trto/ia 

fwv der^&fl, ovTCJ fiot to naqop dqxBl dlaJB alg dp nqogikd'ta, 

vnB(fa(mdiopfai fiB, did to firjdipa dllop avraig id'HsiP nqog- 

Upai, 

. 4* 



52 I>id Bthik 

du aber hingerissen zu wilder Gesclilechtsliebe , so 
nimm dir nur was gesezltch nicht verboten ist Sei 
jedoch nicht gehassig gegen die weniger Enthaltsamen 
und rtthme dich nicht allzusehr deiner Massigkeit^ **^ 
AUerdings ist in diesen nichtevangelischen Rathen 
eine gewisse Nachgiebigkeit gegen die menschliche 
Bchwache und die herschenden Sitten; praktisch aber 
sind sie gewiss richtiger gegriffen als jener theore- 
tische Rigorismos der praktisch nicht beobachtet wird. 
Es war damals gerade in Athen, vielleicht in Folge 
der furchtbaren Pest (wie man ja ahnliches oft beob- 
achtet hat nach grossen Seucheu, und im Privatleben 
nach gewissen Krankheiten taglich beobachten kann) 
eine starke geschlechtliche Reizb&rkeit allgemein her« 
schend. Diese hatte sich, dem nationalen Laster des 
hellenischen Yolksstammes gemass, in gesteigertem 
Maasse auf die Enabenliebe geworfen; wie ttberall in 
den Platonischen Dialogen unzweideutig durchschim- 
mert In derselben Zeit nun war Griechenland tlber- 
haupt und insbesondere Athen auch mit Hetaeren ttber- 
schwemmt, und es war thatsachlich dahin gekommen, 
dass der edlere Theil der Jugend, die Jttnglinge eut- 
weder dem einen oder dem andern dieser beiden Ex- 
cesse anheimfielen, der Knabenliebe oder der Hetae- 
renliebe. So entstand dann ftir den Jugendlehrer die 

'^^ Epicteti Enchiridion 33, 8: ne^l aq>f)odi(rux sig dvpofiip rr^o 
fotfxov Ka^aqBvxiop * anroftipta di ap vofUfnop itrxi ftetaltjnjdop. 
fi^ fiipTOi inax^ris fipov roXg XQ'^f^'^ois, fitjdk ikefxrixog, fi^di 
noXXaxov to oti avrog ov xqH noq^q>BQB» Die eingeschaltete 
Stelle ist aiis dem Commentar des Simplicius p. 117, 38: ipa 
lyp tr^s nag^iPtttg mmip , ijp 6 dpi^q naqa x^g fVPtxixog dnai- 
Tc?, xal jj Y^prj naqd tov ctpS^og dpTiXafi^dpfj, 



des Bokrates. 53 

Frage, was hier praktisch zu thun sei? denn dass in 
solchen Fallen die blosse Theorie nicht ausreiche, ist 
eine unleugbare Thatsache. Und da entschied er sicli 
und zwar mit Recht ftir das geringere dieser Ubel, fUr 
dasjenige welches das natUrliche und das verhaltnis- 
massig weniger zerstorende ist. Wer sich rein fUhlt 
werfe einen Btein auf ihn. Gewiss die christliclie 
Ethik hat auch diese Bache tiefer aufgefasst; aber das 
Leben det christlichen Volker, ist auch dieses besser ? 

Es ist jezt noch em Theil der Lehre des Sokrates 
iibrig zu schildern, jener welcher am tiefsten in das 
oflFentliche Leben seiner Vaterstadt eingeschnitten, und 
ihm selbst das Leben gekostet hat: seine Polemik ge- 
gen die Athenische Staatsverfassung, und seine ganze 
Stellung ihr gegenllber. 

Die Athener nemlich batten unmittelbar nach 
den Perserkriegen , im VollgefUhl ihrer Thaten, die 
demokratischen Elemente ihrer Verfassung vollstandig 
zu entwickeln versucht: alle aristokratischen Bestand- 
theile wurden entfemt, und die demokratischen Prin- 
cipien bis in die lezten Consequenzen ausgebildet Alle 
StaatsbUrger sagte man seien zu jeglichem Btaatsamte 
gleich befahigt und eben danim auch gleich berechtigt; 
so dass man, um jede Parteilichkeit auszuschliessen, 
die Stellen durchs Loos vertheilen konne. Die Volks- 
versammlung war demnach der Mittelpunkt des SflFent- 
lichen Lebens, und in ihr wurden alle Btaatsangele- 
genheiten besprochen, in ihr auch alle Staatsbeamten, 
wenige ausgenommen, mittelst Abstimmung durch 
Bohnen gewahlt oder erloost. 

Diese Einrichtungen aber und die 6£fentlichen Zu- 



54 ^^^ Stellong des Bokrates 

stSnde die daraus hervorgingen, erschienen dem So- 
krates vollig verkehrt und unheilvoll, und er erlaubte 
sich liber sie und die Manner welche sie repraesen- 
tii-ten, eine allerdings schonungslose Kritik. Sokrates, 
lieisst es, hatte kein tSefallen an der Athenischen 
Staatsverfassung, denn die dortige Demokratie erschien 
ihm als eine monarchische WillkUrherschaft **®. Die 
Athener, sagte er, wenn es sich urn einen stadtischen 
Ban handelt, fragen vor allem die Bauverstandigen, 
und tlberlassen diesen die Sache; wenn aber um Staats- 
angelegenheiten , dann steht jeder auf und will mit- 
reden, Vomehme und Geringe einer wie der andere, 
und keinem fallt ein dieses zu tadeln**': wahrend es 
docb ganz albem ist zu glauben, dass die gtosste aller 
Ktinste, die einen Staat zu regieren, dem Menschen 
von selbst zufalle*^°. Ein Hand werk und jede andere 
Kunst muss gelernt werden ; nur die Staatskunst soil 
jeder ausiiben der gesunden Menschenverstand hat! 
Die Volksversammlung, bemerkt er weiter, besteht ja 
grossentheils aus Walkern, Schustern, Zimmerleuten, 
Schmieden^ Bauern, Kaufleuten und Kramem: deren 
natttrliches Dichten und Trachten nur darauf geht, 
wolfeil zu kaufen und theuer zu verkaufen *•* : und 



^*' Aelianas Var^ HI, .17: ^(oxffdjrjg tiJ fiSP 'A&r^vaiay nolirein ovx 
TiqitntBiOf ivqavvLxrjv yag xal ^ova^/txi/y iuiga rtjr SfjftoxgctHaif 



ovacnf. 



^^^ Sokrates in Platons Protagoras p. 168. 169. and dieselbe Polemik 
im Politicua p. 335 f. und Do Rep. VI p. 281 f. 

^*® Xenophon Mem. IV, 2, 2: Bvtj&sg Bit^ai to otea&ai, to ngo€<rTd~ 
vai nokeag, ndvKav iqfov /jisfiaxov ov, and Tavtofidrov naqa^ 
yifvefT&ai ToXg dy&Q(6noig. 

"1 Mem. HI, 7, 6. 



zar Athenischen Demokratie. 55 

die soUen StaatsmUnner sein? Ebenso spottete er ttber 
die Thorheit, Staatsamter durch Bohnenstiniinen zu be- 
setzen*®': das ist sagte er so, als ob man die Wett- 
kampfer oder die Steuermanner, statt sie aus denen 
zu wShlen welche die Sache verstehen, aufs gerade- 
wol erloosen wolke *". Nach der Einsicht, nicht nach 
der Menge muss beurtheilt werden, was richtig be- 
urtheilt werden soll*®^ Ja einer seiner Schttler er- 
laubte sieb den bitteren Hobn, den Athenern zu rathen, 
sie sollten ibre Esel zu Pferden emennen; was ja 
ebenso leicbt sei, als den ersten besten zum Feldherm 
zu machen"'. Aber nicbt nur die Sacben, aucb die 
Personen traf sein Tadel. Der erste Mann des Staates, 
Perikles, sagte er, babe durch seine Ack^rverloosungen, 
Scbauspielgelder und richterliche Diaeten, die er ein- 
geftibrt hatte, die Athener zu Soldlingen erniedrigt, 
und aus einem arbeitsamen Volke zu faulen feigen 
gesebwSzigen geldgierigen und genussttcbtigen Men- 
schen gemacht*^^ 



'*' Mem. 1, 2, 9: %ovg t^s noletag aqx^^^S dno xvdfiov xa&urjdvat, 
1^3 Aristoteles Rbet. II, 20 p. 1393, B, 4 ff. 

'*^ Sokrates in Platons Laches p. 263, 13: ijnexijfifj fdq^ oifjiai, 
del xgiyea^ai all* ov nXij&si to fiiXlov naltog KQi&ij<re<y&ai, 

'*^ Antistbenes bei Diogenes L. Yl, 8 : avvs^ovlevBv *A&ijvaioig rovg 
ovovg iTtnovg fff7ig)C(Taa&ai* uXofOv oe tj^ovfi^vav, dXXd fiTjv xal 
atgaxt^^oi, quial^ fpaivoyrai naff* vfiXv firjdiy /Aa&opTeg, fiorop Se 
Xuqoxomri^ivxBg, Yergl. den Sokrates selbst in Platons Phaedrus 
p. 67, U ff. 

'** Sokrates in Platons Gh)rgias p. 148. 149: HeQixXia nenoitjxdvai 
*A9i]yaiavg aQfOvg xal SeiXovg xai XdXovg xai iptXagfv^ovg, alg 
fitad-ogiOQiap n^rov xatatrxijirapTa, Vergl. Aristoteles Polit II, 
9, 3 and Platarchos t. Peridis p. 156, £. 



56 ^e> Sokrates Stellnng 

Ubrigens war es nicht seine Absicht, die JUng- 
linge von den oflfentlichen Angelegenheiten ganz und 
gar abznziehen, er lehrte vielmehr ausdriicklic}i : sie 
sollten es ntcht machen wie die meisten, die stets mit 
anderem beschaftigt, nie daran dachten sich selbst zu 
erforschen ; sondem jeder soUe zuerst sich selbst prlifen 
und auf sich acbthaben; dann aber auch den Staat 
nicht vemachlassigen, wenn er etwas zu seiner Ver- 
besserung beitragen konne *'*^. Aber sich selbst nicht 
zu kennen, und wo man nicht wisse, doch zu meinen 
dass man wisse, das grenze an Wahnsinn *^^. Ich aber 
glaube, so lasst Flaton ihn sprechen, dass ich und 
einige wenige Athener, um nicht zu sagen ich ganz 
allein, mich der wahren Staatskunst befleissige, und 
allein unter den heutigen Menschen die Staatssachen 
recht betreibe. Da ich aber ihnen nicht zur Gunst rede 
was ich rede, indem ich das beste, nicht was sie gem 
horen spreche: so ist esnatUrlich dass ich werde ver- 
urtheilt werden, wie unter den Kindem ein Arzt ver- 
urtheilt wttrde wenn der Koch ihn verklagte*^'. Und 
in der That behandelte erauch die Athener stets wie 
Kinder, in immerwahrender Ironic wie mit Gutmlithi- 
gen spielend*^°, undbezeugte seinen Richtem gegen- 



^^^ Xenophon Mem. Ill, 7, 9: oi faq nolXol laQfitjxoTeff ini to 
axoTtBly lu jd»v aklav nQUYfiocTa, ov xqinoviai ini to icnftovg 
i^Bta^eiv. utj ovy dnoQ^nd-v /aei jovtov, alia diaitivov fiallop 
nqog to aavta THiogix^iv xai ft^ d/i^lei t(Jj> t^^ noletag ml. 

'** Mem. HI, 9, 6: to Sb aYvoBip iavrov, xai d fitj olds doSd^eiP 
18 xai otsad'ai YifyxaaxBiv, iffvxdxa fianag iloj^iJ^BJo Bivai. 

*•* Platens Gorgias p. 160, 21 ff. und 161, 6: xQivovfiai yer^ tig 
iv naidioig iarqog up xglvoiro xarrj^Of^ovprog oiponoiov. 

*'*> Ariatides II p. 518. 



sar Athenischen Demokratie. 57 

fiber geradezu, class die ihm beiwohnende gottliche 
Stimme ihm ausdrllcklich verbiete, mit dem Atheni- 
schen Staatswesen sich zu befassen*^*; da, wie er 
anderswo hinzusezt, an keinem von denen die jetzt 
mit den Staatsgeschaften sich abgeben, etwas gesun- 
des sei; und dass einem gerecht und philosopbisch Ge- 
sinnten, wenn er unter diese Demokraten gerathe, zu 
Muthe sei wie einem der unter die wilden Thiere ge- 
fallen, <a<S7tep ei^ Stfpia dvS^piaTto^ ijunEddv *^^ Der 
wahre Philosoph kttmmere sich darum von Jugend 
auf weder um den Markt, noch um das Gericbtshaus, 
noch wo der Rath seine Versammlungen , noch wo 
irgend eine andere Staatsgewalt ihre Sitzungen halte; 
Geseze und VolksbeschlUsse sebe und ho're er nicht, 
nur sein Leib wohne im Staate, seine Seele anders- 
wo, die Menschen und die Natur und das Weltall 
erforschend*'''. 

Und mit derselben Oflfenheit pflegte er auch die 
ttbrigen guten und nichtguten Eigenschaften seiner 
Volksgenossen und Mitbilrger zu besprechen, tiber- 
all nach Klarheit des Urtheils sti'ebend, fUr sich wie 
flir seine Freunde. „Sorgfaltige Bildung und Weis- 
heit, sprach er, das allein ist der Rede werth bei den 
Hellenen**''^; und ebenso hob er an den Athenem 



'^^ Platon Apol. p. 119| 18: tovto (to dai/ioviov) ^atii^ 6 /uo« ipov- 
jiovtai Ta noXiTtxa itf^uxxBiv* 

"« Platon De Rep. VI p. 297, 1 ft — *'^ Platon im TheaetetuB p. 242. 

^^^ Platon im Alcib. 1 p. 344, 7: inifidlaui xal aoq>ia^ rctvxa jnopa 
afia lofov ir "EXXtj(ny, und ebenso yon Athen insbesondere 
Apol. p. 115, 16: noXeag xrjs fABfitrxris xal ivdoxifiutdtiis elg 
aoqtiap xal Itrx^^- 



58 ^^ Sokrates SteUuog 

rtthmend hervor, dass bei ihnen mehr als irgendwo 
BODst in Hellas Redefreiheit hersche '^^, dass sie mehr 
als alle anderen ehrliebend und wolwoUend (^lAori- 
judraroi ye nai q>iXoq>povi(iraroi ndpr(ov)^ und durch 
die grossen Thaten ihrer Vorfahren erhoben und zur 
Tapferkeit begeistert worden seien*^*. Aber, so wird 
anderswo bemerkt, ^scbon von Gesicht ist des gross- 
berzigen Erechtbeus Yolk, doch ausgezogen muss man 
es sehen* *'''' ; denn er wusste sehr gut ^dass in dieser 
Stadt einem jeden jedes begegnen konne *^^, und dass, 
wenn auch anderswo es leicbter sei einem b5ses zu- 
zufllgen als gutes, dies bier in Atben yorziigllch leicht 
sei* *^'. Verglicb docb aucb Isokrates, sonst der Lob- 
redner Athens, die damalige Stadt mit einer schonen 
Hetaere, deren Eeitze einen wol fesseln konnten, die 
aber keiner heirathen mo'ge. Zum vorttbergehenden 
Aufenthalte sei die Stadt unter alien die anmuth- 
reichste, zum bleibenden Aufenthalt aber biete sie zu 
jvenig Sicherheit dar *"°. Den Athenischen Demos als 
einen gerechten zu preisen, ist ganz albern; er war 
allerdings gebildeter und feinflihliger als anderswo; 



^^^ Platon im Gorgias p. 33. 34: ov t^^- 'EXXaSog nlsiffxtj i<nh 

i(ovaia tov XifBLV, 
"• Xenophon Mem. Ill, 5, 3. 
'^^ Platon im Alcib. I p. 365, 5: evngoganog fag 6 xov fiBfali^- 

tOQog drjiog ^EQex^^aag' all' dnodvvta xi^V ^^for &Bdatt<r&ai, 
"• Platon im Gorgiaa p. 160, 13: dp j^de rjj nohi ovriovv ap 6 ri 

ap TVjifOi TOVTo na&eip, Yergl. AesclilneB Epist. 3 in Bekkers 

Oratores Attici 111 p. 474: et %i ttup etud-orop 'ui&ijpfiaip ina&sp. 

'^' Platon im Menon p. 378, 5: cJ; taag fih xal iw alXfi nroXei 

^^6p itrn xttMtSg nouip ap&^novg ij ev, iv xf^dt nal ndpv. 
^*« AeUanus Var. XU, 52. 



zar Atheniflohen Demokratie. 59 

aber die Manner die das Glttck batten unter ibm za 
leben, scbildem ibn gar nicbt liebenswUrdig. Nicbt 
nur der Verfasser des Axiocbus sagt von ibm: j,der 
Demos ist ein undankbares, veranderlicbes, robes, nei- 
discbes, ungebildetes Ding, ein zusammengelaufenes 
Menscbengesindel gewalttb'atiger Sebwatzer, und wer 
sicb ibm als Freund zugesellt ist weit der unseligste 
Menscb^*®*; sondern aucb der Maler Farrbasius bat 
ibn in einem offentlicben Gem'alde ebenso darge- 
stellt*®^. Ja selbst der Komoediendicbter Aristophanes, 
der Feind des Sokrates, sagt von dem Demos : j, wir ba- 
ben einen Herm von grobem Scbrot und Korn, einen 
Bobnenfresser, jSbzoniig, das Pnyxervolk, ein sebwer 
zubefriedigendes bartbo'riges altes Mannlein^ *®'. 

Trotz dem alien aber, wie sebr er aucb iiber- 
zeugt war, dass. die offentlicben Zustande seiner Va- 
terstadt beillos verdorben seien : er selbst erflillte seine 
Btlrgerpflicbten gewissenbaft. Wabrend des pelopon- 
nesiscben Krieges macbte er drei FeldzUge mit, und 
kampfte in den Scblacbten von Potidaea (431 — 30) 
wo er dem Alkibiades, bei Delium gegen die Boeo- 



'^' Aziochus p. 512, 28: d^fiog f^q o/d^icrroy, cnpixoifOPt t^liov, 
^aaxapov, dnoUdevroy , tog ay avyrjQavifTfi^POy ix <TVfxlvd(oyog 
o/lov xal ^laiay (plvugay, 6 ds rovxa ngogsjaigi^^Ofieyog d&Xim' 
tegog fiaxgta. 

'*' Plinius XXXV, 10, 69: pinxit demon Atheniensinm argnroento 
iDgenioso. debebat Damque yarium, iracundum, iDJustum, incon- 
stantem, eundem exorabilem, clementem, misericordem, gloriosam, 
ezcelaam, humilem, ferooem fagacemqae et omnia pariter ostendere. 

^^ Aristophanes in den Equites 40: ray fdg i<ni ditmoTrjg dfgotxog 
ogfijy, xvafiOtgoiS, dxgdxoXog, dijuog nvxyiTrjg, dvgxoXoy fsgoy- 
Jiop vnon^ipoy. 



60 8okratef ak 

tier (424), wo er dem Xenophon das Leben rettete, 
und bei Ampbipolis gegen die Lakedaemonier (420), 
ak der tapferste Krieger, unerschrocken im Felde, 
wie dem Volke gegenllber^^*. In seinem 63. Lebens- 
jahre ward er Mitglied des Rathes der Fllnfhundert, 
und hatte als solcbes den Eid geschworen, die Fflich- 
ten seines Amtes den Gesezen gemHss za erftlllen. 
Und hier war es, wo er der ungesezlichen Abstim- 
mung liber die Feldherm, die nach dem Siege bei 
den Arginusen (406) nicht ftlr die Bestattang der 
Todten gesorgt batten, mannhaft sicb widersezte. Als 
nemlich das Volk, dem Geseze zuwider, jene neun 
MSnner, dieses unfreiwilligen Vergehens wegen, durch 
einmalige Abstimmung zum Tode venirtbeilen wollte, 
weigerte er sich als Epistates, der an dem Tage den 
Vorsitz hatte, die Abstimmung vorzunehmen. Zwar 
zttmten ihm deshalb, sagt Xenophon, die Menge und 
viele Machtigen; ihm aber war sein Eid heiliger als 
die Volksgunst*^'. Und mitderselben Unerschrocken- 
heit trat er zwei Jahre spater (404) als echter Repu- 
blicaner*®^ wie dem Volke so auch den dreisig Ty- 
rannen gegenttber. Als diese von ihm forderten was 
gegen die Geseze war, seine Vortrage an die Jugend 
einzustellen (roi^ vioi^ /utf biaXiyecsSai)^ gehorchte er 



^^ Platons Laches p. 256, 6. Charmides init Sympos. p. 461, 15 ff. 
und Apol. p. 113. Strabon IX, 2, 7. Vergl. AtheDaeus V, 55. 
Aelianus Var. UI, 17. Diogenes L. II, 22, 23. 

"* Xenophon Mem. I, 1, 18 und IV, 4, 2. Platon Apol. p. 120, 
9 ff. Epist. Yll p. 429 f. und Axiochus p. 512, 15 ff. Das Go- 
schichtliche bei Xenophon Hist. Gr. I, 7, 9 und Diodorus XIU, 74. 

'^* Diogenes L. II, 24: iax^^Ofvtifnap ijy xai drjfioxqarixog. 



guter Bdrger. gl 

ihnen nicht\ and als sie ausserdem ihm und vier ande- 
ren Bttrgern befohlen batten, den Leon von Salamis 
zur Hinrichtung hertiberzuliolen : da leistete er allein 
diesem schandlichen und ungerechten Befehl keine 
Folge *®^ Wie man denn nie von ihm eine den gSttli- 
chen und menschlichen Gesezen zuwiderlaufende Hand- 
lung gesehen, nie ein derartiges Wort gehSrt hat***®. 
Dass nun ein solcher Mann, der durch Wort und 
That ununterbrochen alle Thorheiten seiner Zeit be- 
kSmpft, ihre Schaden aufgedeckt, und durch die wun- 
derbare Gewalt seiner Bede, die er nur als die Kunst 
der SeelenfUhrung iibte*®*, die edlere Jugend an sich 
gezogen, und in seinem Sinne durch Beispiel und Lchre 
gebildet hat : dass der, im damaligen Athen, wo es ge- 
sezlich gestattet war, dass jeder jeden mit Nennung 
des Namens auf die Btihne bringen und jegliches von 
ihm sagen durfte *'°: dass der von den Wortfllhrern 



^" Xenophon Mem. I, 2, 31. 33. IV, 4, 3 and Hist. Gr. II, 3, 39. 
Platon Apol. p. 121, 8 ff. Cicero ad Atticum VIII, 2, 4: Socra- 
tes qnum triginta tyranni essent, pedem porta non extolit. Seneca 
Epist. 28, 8: triginta tyranni Sucratem circumsteterunt nee po- 
tuerunt animnm eius infringere. M. Aurelius Antoninus VII, 60: 
TOP £aXafiiviop xslsva&ilg uftiv, ftyvixdxBQOv iSofsp dyti^rfVai, 
Vergl. Johannes Chrysost I p. 57, D. 

^'* Xenophon Mem. I, 1, 11: ovdeig dk irtinoTB £axffatovg ovdiv 
daB^kg ovds dvoawv ovtb nqaTJortog eldePf ovtb kifortos 
rixovcBv. 

*" Sokrates in Platons Phaedms p. 69, 8: ij ^f^ro^tx^ ^rf/ny V^/a- 
ffOfia tig did lofav, und p. 90, 14: lofov dvva/Aig T«y;fay£» 
^X^T^T^^ ovaa. 

**• Cicero De rep. IV, 10: lege concessum fuit, ut quod vellet Co- 
moedia de quo veUet nominatim diceret Augustinus De civ. dei 



62 Woher die Angriffe 

des Sffentliclien Lebens unangefocliten bleiben sollte: 
das ware ganz gegen den Lauf der menschlichen Dinge 
gewesen, worin jedem der seiner Zeit widerspricht, 
von ihr anch widersprochen wird. Da die ersten 
M'dnner des Staates, die Haupter der Repnblik, Peri- 
kles***, Alkibiades*'^, Kleon*'^, in dieser Zeit einer 
zttgellosen Freiheit der Rede, es sicb mussten gefallen 
lassen, mit Nennung ihrer Namen nnd Nachbildung 
ihrer ganzen Gestalt, von den Komoediendiclitem auf 
die Bretter gebracl^t und der Lachlust des Publicums 
preisgegeben zu werden : so war es natlirlich dass die- 
selben Dichter aucb den Sokrates als einen der am 
meisten hervorragenden offentlichen Charaktere nicht 
verschont haben. War doch seine ganze PersSnlich- 
keit von der Art, dass keiner gleichgttltig gegen sie 
bleiben konnte, sondem entweder sie lieben, oder sie 
hassen musste; ja schon der blosse Eindruck von der 
geistigen Uberlegenheit und einem gewissen damit 
verkntlpften Stolze des Mannes musste ihn alien un- 
angenehm machen, die statt zu dem hSheren sicb 
emporzuheben, diesen zu sich herabzuziehen liebten. 
AUem oberflachlichen Scheinwissen Feind, nie 
etwas behauptend was er nicht wusste^^^^ pflegte er, 
wie er selbst bezeugt, im Gegensaz zu den Sophisten 



IV, 28: dando eis licentiam male triMStandi homines qaos liberet 
Snidas y. iSBixaafidvog p. 313, 14 ff. 

"* Meineke Fragm. Com. Ghr. II p. 61. 148. 

^*' Themistius Orat. VHI p. 131. Cramers Anecd^ Paris, tom. I p. 7. 

^'^ Aristophanes in den Equites. 

^'^ Platon Hipp. maj. p. 447, 2. Theaet. p. 194, 21 : alia fiot ipBv- 



gegen Sokrates. g3 

flir seinen Unterricht niemals Geld zu nehmen "'^ son- 
dem wen er als gutgeartet und geistvoU erkannte 
(ov av yv(s^ ivg)va 6vra)y den nahm er umsonst als 
Schiller an und theilte ihm mit was er gutes besass **•. 
Indem er aber behauptete, wer die Wissenschaft an 
jeden der sie woUe um Geld verkaufe, sei ein Sophist 
und wie einer der seinen Leib fUrGeld preisgebe^*^: 
miisdte er ebendadurch nothwendig die Sopbisten sich 
zu Feinden macben. Der erste allgemeine Eindruck 
ferner den seine Dialektik hervorbracbte, war der: 
dass wie er selbst in Verwirrung zu sein sebien, er 
auch andere in Verwirrung bracbte, und irre macbte 
an allem was ibnen bisber wabr schien*®®. Kein 
Wunder darum, dass man auch ihn selbst ftir einen 
Sopbisten bielt Ja indem er besser als jeder andere 



^'^ Xeoophon ApoL §. 16: na^ ovdnvoe ovtb JiJ^o ovtb ^iir&op 
dixofiau Conyiv. 1, 5. Mem. I, 2, 5 UDd 60: ovdiva ntinoJB 
fiurd'ov t^s avvoviriag iTtffdfaro, dlXd ndaiy dq)&6vaf inijQXBi 
JtSy ittvjov, and ebenso Mem. I, 6, 3. 11. Platon Apol. p. 94, 
8 f. Eutyphron p. 354, 10. Hippias maj. p. 451, 21. Sympos. 
p. 461, 10: /^i/'/iao'i noXv fidXXop drgonog ^y naviax^ V 
cidijifii 6 AXag. Wodarch tibrigeDS nicht aasgeschlossen war 
dass er bei seiner y&lligen Armuth zuweilen yon seinen Freunden, 
Ton dem ihm zug^eschickten Brod and Wein, etwas angenommen 
bat: Diogenes L. II, 20. 74. Quintilianns XII, 7, 9: et Socrati 
collatom est ad yictum, and den daranf sich beziehenden Hohn 
in Aristophanis Nub. 669. 1146 ff. 

"• Xenophon Mem. I, 6, 13. 

^'^ Mem. I, 6, 13: ttjy aofpiay toactvrag tovg /liy d(^(fiov JtS ^ov- 
Ipfiiyta nokovyjag, ao(pi<ndg cui'crrrs^ noi^yovg dnoxaXovaiy. 

^** Platon im Menon p. 345, 19 f. and p. 347, 2: ov fdq Bvnof^y 
avTog jovg dXXovg nouH dnoqBiy, dXXd nayiog /idXXoy avjog 
dnogny ov'toi xal tovg dXXovg noua dnoQBiy. 



g4 Woher die Aogxiffe 

aus den Sachen die Gedanken zu finden verstand'^', 
und dem Skiron und Antaeos vergleiclibar, keinen 
der ihm in den Wurf gekommen, losliess bis er ent- 
kleidet ihm Bede gestanden im dialektischen Ring- 
kampf^"**, und dann von ihin ttberwunden wurde : so 
erschien er jedem der nicht sein Freund als der 
gr'osste aller Sophisten. Wie ja auch Aristoteles sagt, 
in alien Beden des Sokrates sei etwas tiberscliwang- 
liches, sebr kunstvolles, ttberraschend neues and tief- 
forschendes; dass sie aber alle wahr seien, werde 
sich schwerlich behaupten lassen'*^'. Undwenn dann 
endlich er selbst in seiner ironischen Sprache be- 
hauptete: dass ilim Eros, der Gott, wolwollend die 
Liebeskunst verliehen ha be, worin er sich starker 
ftihle als alle anderen Menschen, und dass er darum 
nichts als Liebessachen treibe, der Liebe nur and 
der Philosophie sein Leben widme, ohne Falsch die 
Jiinglinge philosophisch liebe ^®^, ja durcb Liebes- 



1'^ DiogeDes L. II, 29: t^v fuq ixaifos ono jatv nQCuyfiarop jovg 
Xofovg BVifiaxBip. 

^ Platon im Theaetetus p. 232, 15 ff. 

*^^ Aristotelei} Pol. II, 3, 3 p. 1265, A, 10: to /ikv ovv Tre^iTToy 
ixovai navjBg oi tov Staxqaxovs lofQi nal to xo/apop xcd to 
xaipoxofiop xai to itjif^Jixop, xaXdjg Sb napxa taag jifoileTrdy. 

'^' Sokrates in Platons Phaednu p. 45, 6: ddoXag naiSBgatneip 
fiBxa qnXo<Toq>iag, p. 60, 20: (a q>ilB "Eqag, evfiBPi^g xai listag 
j^p iganxijp fioi rdx^^ iSaxag. p. 61, 8: SVa anldSg nqog 
"EffCiTa fiBxd (pilocoipoip Xoffap top ^iop noifjiai^ and Sympos. 
p. 379, 20: ovdip q>rj/ii alio iniinaa&M ^ to 'E^bhucu. Thea- 
ges p. 274. 275: ovdkp innnafiBPog nltjp fs ajuixqov iipog fia- 
&ijfiaTogt Jiop iqatixdSp. tovto fidptoi to fidd^jfia naff optipovv 
noiov/iai dBiPog bIpoi xai itap nqofBfOPOXiap dpd'i^n(ap xai 
jtSp pvp. 



gegni Sokrfttes. 5^ 

triink^ and Zaii})jar]t0der sie uiid die M8liner an sich zu 
ttehen yerslehe)?^^: dann konnte es nicht fehleu, dass 
grfiberen und frivolen Sinnen, die seine Sprache nicht 
veistauden^ dies aUes als Jugendverfttlirang^^, und 
er daen als Terriickt ersdiien^^*. Und bedenken wir 
nodi zadem«eine Silenengestalt, seine nicht yerstan- 
dene Armutli, nnd dass er wirklich in frfiheren Jah- 
r^n . der Natarpkikiscmhie erireben war: so haben wir 
aU Moment, nm 7e An^ff. «Hner Gegner , wie 
ntcfaftswttrdig sie anch waren, vollsttodig sm begreifen. 
Sohon d&t Komiker Eupolis , der mn das Jabr 
411 vor Ghr. gestorben ist^ griff, wie den Protagoras 
als einen der frech und prahlerisch rede ttber die Dinge 
des Hiraaaiels^*, ebenso auch den Sokratiker Chaere- 
phon**^ und deii Sokrates selbst als einen Sophisten 
an. ^Aueh icb) so schrie er, basse den Sokrates, den 
bettelhaften Scbwfttzer, der ttber alles geklttgelt bat; 



I . ■ ■ « ^ 



*®' XoDophon Mem. Ill, 11, 17: oti tovto avu arev mjHtuv ipil- 
T^«»y J8 xmi ht^fd^v nal ivffmv i(ni¥, Aeliairas Yar. II, 30: 
1^ Tov JSvxqoTove crai^^. VergL doero De osat III, 16^, 60: 
Socrates omninm teaUmomo quErn pmdentia et aouniine^ et rena- 
.state et gubtUitate^ turn tero eloqventia Taridtate oopi*, qaam 
^ oupqae in. partem d^disaet, omnium fait laoik princepa. 

*^ Xiuoianwi De domo 4 torn. lU p. 199. Sogat Chregorins Naz. I 
p. 110 ft Up. 436 sehlmte sioh iiicht in die«6 VerletimdaDg 
miteinioadnunen. 

*^^ Sokrates im Pkaedma p. 40, 9: o ^una/iepog wp mf&qwtiv(0¥ 
anovdm&fiduip^ mal nifog %^ 'dtk^ ftpfOftfrog vov&BJBltai jiiv 
vno tmp nokUh tig naqoMivmv, i¥^9v<niiw9 dk kilfi&B tovg 
nQXlo4g, 

*^ £iq>olia bei lletneke II p. 490: Sg tilaiop8V8ta$ fih, uXn^^iog, 

^^ Sokoliasta Platonia p. 331. 

5 



£0 IKeAiigriffs 

woher er aber txl ea^en nahme, daranf liat er nidbi ge^ 
dacht^^^^ U&d gan2i in deiraolben firiy!oIe& Weiie, ah 
ungezogeser Liebliiig der.Grazien^ kot der DieKter 
Aristopfaaned in den Wolken im J* 423^ und im fol*^ 
geoden Jahre in den.Wespen, nnd^ndeLwelnge Jahre 
vor dem Tode des Sokrates, in den Fnjsdbien im J« 
405 ihn ang^riffen iind verhigliat: aJs einen gotte»- 
etbHrmliclien Sdmftan nnd kimmelsifbrnienden Allien 
iaten, der die Gutter des Yolkfifi leiigne^', eisien Priester 
der feinsten Alb^mheiten^^% ^len laftwandehiden 
GestimeBinner^^'^ nnd hcdllosen So|)liisten, der die 
aehleohtere Saclie anr bessera sn loadien^ rdtr ^rrita 



.* . 



*ot £Qpo^ bei Heineke II p. 553: fi¥9tf ,d^ 4f9» xal Smiffinf^ , top 
irtdUXQy dSoleaxV^f ^S fi^la fih nefqortixBP, onoS'iv M xtna- 
qfttfitif Sxoi TQVTov xartj/idXrfXBy. Auch warf ^r ihm nach dem 
Scholiasten za AristophaneB Nnb. 96 geradesti Di6bstahl "tor. 

*^' Aristophanes Nub. 104. 365 ff. 880: Xcux^ari/c i Mijltog mH 
AnspiehiDg auf den Atheisten Diagonw von der Inael Melos. 
Vergi. 853» 

'^® Aridtopliiuiea Nab. 959: XenfKnattMf It^y U^g^ 

'^* Wie Aristophanes Nub. 225 ihn dadarch verspottet dass er ihn 
spreehen Iftsst: ckqo^vtii mil rrs^^^Oro toV ijliop^ ieh wandele 
ducch die Loft and Hberdenke die Bonne, tokd wie or Sin dem- 
gpemAss Nub. 360 oinen fU%tfaqo9oq>umfii neiint^ so be^ugt aach 
Sokrates selbst bei PIgtoii ApoL p. 91, 12: oiV £rrt^ Tir ^taxqa- 
tiff, (TO^df dyijif, Ttt 18 fitiaQa (j^onun^S xai vft wto f^g 
anopta aVaCi^Ti^xoiVy »ol tov rjttfa Xofov x^Urtti froim, nad ebenso 
p. 93, 8 ff. p. 102, 16 ff. nnd bei Xenophon Oedon. 11, 3 dass 
man ihn f&r einen ^hwHtser tmd Imftwandeter faalta, if uSoXBa- 
X^Xv 19 dontH JMti «8^/i£T^fiii^,^mid der fiyraossaaer im ConTiv. 
6, 6 dass er itiSy lUiBio^gov (p^oyiunijs sei ; wie man es ja n«ch 
dem Sohd^uisten sa Nok 96 alien Natnrpliiloiopheta naohsagte: 
xoivdy faQ iduy <piXoir6(p<ay anayi^y ifxhffta to aioXB^fHy ntffi 
itoy /ABiew^oy, 



•der Xomik/er. ^J 

XoyoP . Kpiifrava utdidp^ die Jugend . au, verftlhreii, utid 
aUe bttharige 8taatsordnung niu* zu verwirren gel- 
sekiolt sei^'^r und . der am besten geriehtet ward weniir 
man ihii Jbi&ng% oder daB Dach ihin ttb^ dem Kopfa 
aaaammenbrenn e ^ ^ ^. Ahnlieh wie aueh spftter der Sillp- 
gri^ TimoQ Ton ihm gesagt hat, er sei but ein Steia?? 
gliitter, ein Qetezefiohw'cLzer, ein Bozauberer der Hel^ 
kaen/din Spitzredjaer und naserttmpfebder Spb'tter^' 
der Attisel^ie Ironiker.^^^ 

i S(^at68 aelbsl aber behauptete gtund^zlicbr man 
mflfise mh rd«n K(>mo^diendicliteni freiwillig preisge^ 
ben: deno we6n «ie init Beebt un^ tadelten, sei man 
yerpfltchtet^s hmzanebmein und daer Getadelte m ver- 
besierii; wenn aber mit Untecht, so beriihre uns dieae^ 






"» AriBtophanw ?^i*. 98 f. 112 ff„ 882 ft 990 ff. 1038 ff. Vesp. 
1037 ff. Equit. 1375 C Ran. 1491 ff. Zeller, Die Philosophie 
der Griecben ll p. 88 f. Der yerleumderische Vorwurf, Sokrates 
habe {felehrt die' ecblecbtere Saobe als die bessere darxtistellen 

.: (rergL Diogenes L» H, SIO)) iat ganz denelbe der sdnsi den So- 
pbiatexL qiit Becbt gemaobt, nod als deren cbarakteristiscfaes Knnst- 
stflck berYorge|iQben wird bei Platon im . Protagoras p. 156| 4; 
and im Pbaedrus p. 81 , 15 ff.: Tisias and Gorgias biltten ent- 
deckt wie man macben k5nne dass das Wabrscbeinlicbe mebr 
geltc als das Wabi^e, tmd bfttten yersianden dutcb die Kraft der 
Bede das Klelne als gross and das €hx)08e als klehi erscbeinen 
sa lassen, and dem Alien das Gteprllge des Neaen ra geben and 
iimg»kekrt: ol nqo %mv aXif^p tot elMOxa ildov tis TifiTjjia 
fimlXtif, Ttf TS oJ Qfunf^ pafdkn moI id fABfdla Qfunqd qxnvBu- 
&tu noiovin Sm-^fifiP XofevxfX* VergL ao^k Aristoteles Rbet. 
II, 24 p. 1402, A, 25 ff. 

<^ Aristophanes Nob. 87a 1484 ff. 

*^^ Timoii bei Diogenes L. U, 19: Xi&o(6oe, imfOfioMax^ii, 'EXXi^yay 
inttoidog, anqi^oXofOvg dnoipijpttg, fivxt^q (ijJoi^QfivntQg , vnax- 
jinog sif oi^avr^p. 

5* 



5d SoknUot teliml die 

nicht^*'. Mich, sagt er, veriSsst leinen Angenblick 
das Bewnsstsein, selbst besser za werden and anoh 
mdne Freunde besaer za machen ^^K Damm, obgleich 
er nar selten ins Theater ging, wean nemlich £q«- 
ripides Tragoedien aaffHhren liess, da er an den Ko- 
moedien wenig Gteschniack batte; so fand er sich 4ocby 
als er hSrte dass Aristopbanes ihn aaf die Biihne 
bringe, bei der Vorstellnng ein, and lachte mit, and 
als das scbaulastige Fablicam sich neagierig nadi drai 
Originale des Zerrbildes omsah, wbob er sich von 
seinem Platze and blieb aafrecht steben, damit jeder 
soviel er woUe ihn seben and befarachten^ k5nne'^^^ 

In der Zrit zwisoben diesen Neckereien dw Ko-» 
miker and der sp%teren Anklage ward ibm wieder^ 
holt ein glanzender Anlass geboten, Athen yerlassen, 
and anderswo nach der Meinting der Menschen ge- 
ehrt and glttcklich leben za konnen, Der Makedo- 
nische Kdnig Archelaos nemlich, an desseh Hofe die 
Dichter Choerilos**®, Euripides'^% Agatbon'^*, nnd 
der Maler Zeaxis^** lebten, batte auch ihn za sich 
eingeladen, um ihn reich and glttcklich za machen: 



'*^ Diogones L. II, 37: HefB de tolg MtafUMolg Sbiv init^d^s iav%6v 

bI d^ov, ovSbv TtQog rffiaig. 
*'* Xenopbom Mem. I, 6, 9: oUi oiv ano nartrnp tovtwf rwravrffp 

&ai xal ^iXovg dfiBivo^g tnair&ai; ipi TOiVor dtaxBhi tavra 

»" Aelianus Var. II, 13. V, 8. — »*« IstroB bol Athenaeos VIIF, 35. 
'i» GeUias XY, 2%y 9. Plntarehos Mor. p. 177, A. imd die Titae 

Euripidis. 
*«> Aelianus Var. II, 21. — «" Aellaims Var. XIV y 17. 



Aatrige der Fdntea ab. 69 

er aber khnte dies ab, schon wegen der ftcbSiidlicfaen 
Ungerechtigkeiten durch welche dieser Konig auf den 
Thron gekommen war '^^, und weil es ihm , diesem 
Fttrsten gegentiber, eine Emiedrigung dttnkte, nicht 
gleiches mit gleichem vergelten d. h, die empfange- 
neta Wolthaten nicht aucb zurlickgeben za konnen. Er, 
so spricht Seneca als ein erfabrener, er, dessen Frei^ 
mfitbigkeit das freie Atben nicbt zu ertragen yer* 
mocbte, hatte am wenigsten Lust freiwillig in die Skla- 
verei eines barbarischen KOniges sicb zu begeben^''. 
Das Anerbieten, ibn reicb zu macben, erwiderte er 
fi^ der Bemerkung : dass man in Atben yier tUglicbe 
Brode fHr ^menObolos kaufen, und das besteTrink- 
Wasser umsonstbaben kSnne^^^ Und mit demselben 
Stolze wies er die gleicben AntrUge der Tbessaliscben 

"» Platonu Gk>rgia8 p. 52 ff.- 

"' Aristoteles Rhet. II, 23 p. 1398, A, 24: Jaxqdtrjg ovx i(ptj ^adi- 
(eiy tag Vl^/^JlaO' * v^^iv faq iqtri eiyai to fi^ dvvaad'ai dfivpair- 
&ai Ofioine ev na&ovja ^ansq xal xaxtis. Seneca De benef. V, 
6, 2: Archelaas rex Socratem rogayit at ad se yeniret: dixisse 
Socrates traditur nolle se ad eum yenire , a quo acciperet benefi- 
oia, cam reddere illi paria non posset §.6: qnaro ergo hoc 
Socrates dixit? yir facetus et caias per figaras sermo procedere 
Bolitas erat, derisor omniam, maxime potentiam, malnit illi nasate 
negare quam contamaciter ant superbe. §. 7: yis scire quid yere 
yolaerit? noluit ire ad yoluntariatn seryitutem is, cuius libertatem 
ciyitas libera ferre non potuit Vergl. Platens ApoL p. 131, 
9 ff. — M. Antoninus XI, 25 nennt statt des Arcbelaos den KOnig 
Perdikkas. 

^* Arrianus bei Stobaeus Flor. 97, 28: Saxqatfjc '^^jfcilaot; fisra- 
nB/iTtofiipov ttVJOP olg rtoiijaopiog nXovaiov, ixilev<r6v anaffBiXai 
avxta dtoji *j4&ijvii<n ti<r<rttQdg eltri ;|fo^yix«f TcJy aXgdiap o^oXov 
tSpuftf xai M^pai vdarog ^dmfaip, Yergl. Johannes Chrysost. I 
p. 65 , D. 



70 Wettere Ohari^kterftttife 

Ftirsten ziirttck^ des Skopas' zu Kranon and' des Eniy^ 
loclios zu Larissa^^^, uiiBekttomcirt ob der oder jeneir 
ihn deshalb ' ftir boGhmttthig halte. 

Auch das ist ein echt hellenischer Zog an > ihni, 
dass er wie Solon den Gmndsaz hattej sp&tlemen ^ei 
besser als gar nicbt lernen^^% und dass er demgemaas 
nocb in vorg^rtlcktem Alter die Leier spieleh lemto, 
mit der humoristiscben Bemeirkung, es sei nicHt tin* 
passend dass einer das leme was er nickt 'wisse^^^ 
Ja als er selbst hn Gefdngnis hocb einen ein Xiied 
des Stesicboros vortragen bdrte, wollte aucb ear dieses 
nocb lemen, urn eine Kenntnis mebr mit sidb m die 
andere Welt zu tiebmen , ut altqmd soiens dtmpKus e 
Vita discedam'^^^ . Als ganz cbarakteristiscb aber and 
etwas wabrbaft G(5ttlidi6s rttbinen Alle an ibm did 
immer gleicbe Heiterkeit und den tiefen Frieden und 
Gleicbmutb der Seele: „sein Antliz blieb sicb immer 



"5 Diogenes L. H, 25. 

^'* Sokrates bei Sextus £mp. YI, 13: on x^etiToV iajw otpifiad^ 
fiaXXoy ij dfiaSf^ dux^aXXead'ai, nnd ebenso Libanios Epist. 1212 
and Suidas y. Saxqarijg p. 845: to ^oXavag, o^pi/tad'^g fiaXXor 
fj dfitt&i^g. 

"' Diogenes L. II, 82: xcti Xv(^iisiv iftoufd-ctrBv rjdri Y^Qot^g, fitjdh 
Xiftiv dxwtoif eUai a Jig firi oidey ixfiayd'aPBiv* Sextus Emp. 
Adv. math, YI, 13: £(iiX(^tr^g xctineQ ^ad^vfriq^g ijd^ ^Sfortig 
ovx r^felio nqog Adfotdop top xi&ctqiQ'tiiP i(>ovtfop. Cioero De 
senect. 8, 26 : quum fecisse Soeratein in fidibus audircm. Yalerios 
Max. YIII, 7, 8: Socratem constat aetate proyeotum fidibua trao- 
tandis operam dare coepisse: satins judieanLem , eiu^ artis itsam 
sero quam nunqnam percipere. Qointilianus I» 10, 13: Socrates 
jam senex institoi lyra non erabesoebat, 

''* Anunianas HareeUiQUs XXYUI, 4, 15. Yergl. ^die toq .Qplon er- 
zlihlte Anekdote in meinen Studien p. 408 Anm^':139< 



" •" — *■ im I 



gleieh in alleti W^chselfaHeii d6s Lebens, inalleBsioh 
fldbiidcend wie es dem Menacheu gezieint, stets hei-> 
teren Sinnes und erhaben ilber jeglioher Trauer nnd 
Fiirdit^: wias seinen Grund nur in der klaren Er- 
kenntnis seinet objectiven Mission, und in dem sub- 
jeedv sicheren Bewusstsein seiner angemessenen Kraft 
haben konute, also in der inneren Ubereinstimmnng 
seines Geistes und seines WiUens^^'. 

> . Was nun der nacbste Anlass zu sdner fc^rmlicben 
Anklage war, ist nns nicht ttberliefert G^tragen wurde 
ne von dem natttrlichen Ingrimin aller derer, weleben 
er dn lasti^er'Vorwurfnnd ebendarum verhasstwar; 
ausgegangen aber ist sie nieht sowol von den Sophisten 
die er^zeitlebe(ns bekampft hat (diese batten ja theil- 
weise ein abnliches Scbicksal wie et^'°), als viehnehr 



"^ Xantippe bei AelUnas Var. IX, 7 und bei Stobaeas Flor. 108, 77 : 
oftotav ^p TO JStixgdtovff n(^ir<onoy, ued tti^ot^ptos in t^g oiaUag 
^ nvl inmfiitwjos olii &eiiTaa&ai. ^gfioino fog ngig Ttarta imu-* 
' nog xoi ,^y tlt^g aBl xijv dtdvoion^, xai Xvntjg vneqarei nairtjg 
xal <p6^9v MgeittoDP netpxog tou, Cicero Da off. I, 26, 90: prae- 
olara est aequabilitas in omni vita et idem semper Yoltus eadem- 
qne frons, at de Bocrate aecepimns. Tasc III, 15, 81: bic est 
ille Toltns semper idem, quern dicitur Xantippe praedioare solita 
in yiro suo ftiisse Socrate, eodem semper se vidisse exenntem 
ilium domo et revertentem. nee Tero ea frons erat, quae M. Crassi 
illins veteris, quem semel ait in omni vita risisse Lucilius; sed 
tranquilla et serena: sio enim acoepimus. jure autem erat semper 
idem Yoltus, quum mentis, a qua is fingitur, nulla fieret mutatio. 
Plinius Hist nat. VII, 19, 79: Socratem clarum sapientia eodem 
semper visum voltu nee aut hilaro magis aut turbato. 

^^ Die Scbrift des Protagoras welcbe mit den Worten anfing: „(lber 
die Gj^tter weiss icb nicbts , weder dass sie sind , nocb dass sie 
aicht tind^: wurde (^fendicb verbranni, und er selbst, als Gottes- 
leugner angeklagt, starb auf der Flucht: Platon im Tbeaet. 



72 * FSmliohe Aaklage 

von fajiatificben DeAiokrateb, die xuich desn Sturze der 
dreisig Tyrannen die alte Demokratie wiederherzn- 
stellen versachten. Aueh soil dabei die persSnliche 
Racbe eivM seiner AnklMger mitgemrkt haben; w^iig* 
stens wird glaubhaftig berichtet, der wolltistige Anytos 
babe eine unreine Liebe zn Alkibiades gehegt, und 
es weder ^esem verziehen dass er ibn zurttckgewiesen, 
nock aucb dem Sokrates dass er den schSnen gefies- 
i^t und ftlr edlere Freuden gewonnen babe^^^ That^ 
saobe ist dass zwei untw den draien die g^en ihh 
anftraten, Melitos und Anytos, en^hiedene, l^en-* 
scbaftliche Demokraten waren. Die Ankls^e selbst, 
eingebracbt bei dem Archon Basileus im Frtthling-deg 
Jahres 399 Yor Cbr., und niedergelegt im Btaatsarcbivy 
liautete wcfrilicb also : 

^Melitos des Melitos Sobn aus dem Demos Pittbos 
erbebt und bescbwort gegen Sokrates des Sophronis- 
kos Sobn aus dem Demos Alopeke die peinlicbe Klage : 
Sokrates begeht ein Verbrechen indem er nicbt an 
die G otter des Staates glaubt, sondem andere neue 
Daemonen einfiibrt; er begebt aucb ein Verbre- 



, p. 219, 6. Cicero De nat. door. I, 12. 23. Josephus Flavias c. 
Apion. II, 37. Diogenes L. IX, 52. Sextus Einpir. IX, 57. Theo- 
philus Ad Autolyc. Ill, 7 p. 384, D. Theodorotus De Or. aff. 2, 
113 p. 103. Und der Sophist Prodikos von Keos soli nach dem 
Tode des Sokrates gleichfalls als Verderber der Jagend zam 
Schierlingsbecher ▼ernrtheilt worden sein. Scholiasta Platonis 
p. 421, 17 und Suidas y. i7^oJcxof p. 422, 14: i» 'Ad^paig 
xdveiov nuav anid-avBv, dg dittip&Biguv jovg viovg. 

^^' Satyrus bei Atbenaeiu XII, 47 and Plutarchuii ▼. Alcib. p. 
193, D. 



4m fikikmtes. ^^ 

ehen indem er die Jugend verdirbt Btrafantrag: der 
Tod«^^^^ 

IJIber die besondere Betheiligang jedes der drei 
AnklSger Bind die Angaben abweichend^''* Sokra-^ 
tea selbst in seiner Vertfaeidigung sagt dass, weil er 
uUen Classen der BevSlkerung nachgewiesen bibe^ 
dass sie nicbts reebtes wUssten sondem Scbeinwisser 
seien, 00 seien ibm gerade damm die heftigsten Feind* 
schaften ebtstanden, and darum hfttten seine Arei An- 
klSger, Melitos wegen der Dicfater, Anjtos wegen der 



^^ Favorinus bei Diogenes L. II, 40: taS» ifQatpajo xal eryrcii/id- 
(roTO Milfjftos Melijiov Uit&Bvg £€9XQatBi JStatpqoyiexav 'Altt- 
nBM^B^v ddanl J^t»Mqatfiff, ovs 1^ ^ nolig pofiil^Bt &e9VC 0V 
pofUCwf , £tMf^ di utupd dttiftovia BUnifOVf$$v6g' aSu$Bt dk utd 
jovg viovs diaq>d>Biifap. ji/ti^fia ^avajog, Kiiraer bei Xenophon 
Mem. I, 1, 1: ddutBi £(ax(fd7rjg ovg fiBP i^ nolig rOfiiiBi -d'Bovg 
ov POfiitap, ijB^d di xaipd daifiovia Blgqiiq^av ddtuBl Sh ual 
j&vg ¥dovg diaip&Bl^op, und in IHatcMis Apologia p. 104, 2: if 
} drtBi^aia (j^bi nmg wSb' Sunqdrn <ptialp ddmBip tavg ta y/otijr 
^lafp^Bigwta , xal &Bovg ovg ^ nolig rofdiBi ov yo/iiiortctf 
BTBf^ Sk Saiftovia xaivd. Yergl. «nch Platons Entyphron p. #353, 
'6: MiXiJog*, iprjal fdq /mb Troii^Tr/y ftyai 'd'Btov, xal tSg xaivovg 
ftotovvttt &Bovg, JOvg J* df^x^*^^ ^ rofUiorta^ and dtnn weiter- 
bin: cli* ovw Mwvcftoftovrtog fiov itBf^l id ^Bla. 

^^' Hftxinnu TyrinB 9, 2: 2'cis^irrifr Miking fjiiv dfqd^pato , "Aw* 
tog di BigyfOfB, Avx»p di idiuxB, Libaaius III, f, 63 ^ 25: 
niiiBiMB Avxop, BUnif^Qtno Mdluog, "Apviog idUaxBP, Die An- 
gabe bei Diogenee L. Il, 38 daas der Rhetor Polykrates die An- 
klagerede gescbrieben babe, scbeint anf einer Verwcobalong an 
bemben; dieaer batte nemlicb mebrere Jahre nacb dem Tode dea 
Sokvaiea eine Anklageacbrift g^^ ibn geaobrieben: Aelianua 
Yar. XI, 10 and dam Periioniaa. Daa Kftfaere fiber die drei 
Ankliger s. bei C. F. Hermann, De Sooratia aocoaatoribaa, Goi- 
tingae 1854. 



^i We A«kur 

Qtodwerker und deif PolitikjBr, Lykoa .w^^b det Bed-i 
ner, d« h. jeder um seinen Stand zu rachen, .ihu vot 
Greiriolitr gewgen '^^ *. Wi^ die. AilklageT seljbst die bei- 
4eii:Hauptpunkte ihx& Beschuldigung : er^ob Sokmh 
tfis jkeugue di6 Gutter dds ^taijil^ Und fhhre itndere ejn^ 
un'd ^wieiten^ er yerderb^ die Jugefid: t^ahor begrtindet 
baben^ is£ leider nicht auth^ntisoh bekannt; wa4 gele^ 
gentlich: darttbe^ angefUhift wird is^t folg^eiidea; 

D^ erdte Kl^gi^unkt Weg^n d^r Gdtteri die er 
fich and^rs gedikcbt als 4ie Menge, ist ^qV iije|i^ da-- 
rum vorangestellt worden, weil er zu alien Zeiten ein 
nie fehlschlagendes Mittel war, eiuen aus anderen 
Grttnden misliebigen Mann in der Volk3ineinu]:ig zu 
verderben« Wie diese Klage gebasaiger Weiae be- 
grtindet ^erAen konnte, i«t leicfht zu errathen; ging 
man darin doch so weit , dem Sokrates einen form- 
lichen Vorwurf daraus zu machen, dass er (zuweilen) 
die ersten Dichter von Hellas, den Hasiodoa und den 
Homeros, den Theognis und den Pindaros ihrer Go't- 
terlehre wegen angegriffen und getadelf *, und dass 
er allein unter alien Athenem sichnicbt in die Eleu- 
sinien babe einweiben lassen^?^ Tbeodektes in sei- 
ner Vertheidigutig dee Weiaen halt seinen Anklagem 
die Frage entgegen: gegen welches Heiligthutn So- 
krates denn gefrevelt, welche unter den GiJtterti des 
Staates er nipht geehrt babe? worauf eine befriedi- 
gende Antwort zu geben allerdings ware schwer ge- 



"♦ Platon Ap<d. p. 103, 3 ff. — «« LibaniitB WL p. 21, 14 flf. 
'^* Lnoianus im Demoaax 11 torn. II p. 380: ou ovtb Svnuf tSfp&if 
n^noTS (eiolie dftgegen oben p. 37 t), ovra ifiVii&ij fAWs inanw 



gegen £k>krm|e8. f ^ 

wteeflot. Und weit^rhin: ihr JKic}it^ dt^t im' B^grifE^ 
ZQ tirtheilen, mcht Uber die Person des Sokrates, don* 
dem tiber seine Beschaftigung, die Fhilosophie, ob 
ei iibisrhanpt erlaubt 0^11 sblle w philo^ophiren^^^ 
Und allerdings war^ w0nn die Baehe ern/^thaft genom-' 
men wurde, dieses der Kevn deir Frttge: ob die gor 
sediich bestehtode Volksreligioli ^ti fUr allei&al ein^ 
xmbedm^ Autoritat sein , Oder ob qs er}^bt sein solle^ 
aaoh >e6 pbilotopbisch zu untersdchen, iinddann^ tv^ie 
es asdcbt andets. sein konnte, bei &llel' Sebotumg d^ 
Sfientlichen Gottesverehruqg^ doch libi^r dieselbe hior 
awtu^ahen? Ein Spaterer, Libanius, macht aufmerkf 
fiam auf den inneren Widerspruch: dafis wUbtoUd nkatt 
dem Sdkr^tes yorwerfO) er misdcbi^e und league di0 
fr&terli(ihefi Gutter, der Dejpbisqhe Apol]on, der dp^ 
cifech' *&terliche Gott der Athener, ihu ftlr den Ivei- 
serten.alJer HeUenen erklart habe'^^^ Und in der 
That, die Staiti^gOtter auf der BUhne verepotten^ wie 
Amto{diaqesi tbat; war kein Vergf^h^; sie aberin der 

»" Theodektes bei Ariatoteles Rhe^ II, 23 r. 1399, A, 8;- its noior 
Uqov ij(T6^rjxBy ; ilvag d'Btoy ov TBUfirjXBv iv ^ noXig i^ofu^Bi, 
nnd ebendat^lbst Bj 9: fidliers Si nqivhii^ ov tts^l JStkn^diov^ 
ilia naffi irw^ikvfunQgl ^ XfV 9*'^^^^'P9^^f 

f?^ libAniuf 1|I p. H, 10 .ff. Die hekajinte W^de^legang ^es^pr 
kratee selbst (in Platens Apol. p. 110, 17 ff.]: dasB wenn er, wie 
der AnklAger behaupte, an Daemonisches glaube, er auoh an 
DaenUmeny and eben danim aach an Odtter als die VJlter der 
Dkemonea glaaboa mtlise : wild auoh yon Aiiatotelea Bhot II, 23 
p. 1598, A, 15 ff. and UI, 18 p. 1419, A, 8 ff. wiedecholt an- 
gsfUhrt als nsAhafamoDgswiirdigefl Bedspiel ernes treffendaa Scharf- 
tfnaes. Nesere baben bemerkt: diisse Wendui^ aei eine 9ophiitiiche, 
' da Ufllitos Biokt bdumpte, Sokrates glatibe an keinen Qott, son- 
dem nor dass ar nicht an die Atbeni^chMi fitaatijgpttUer glaube; 



7l^ Die Anklage 

Idee mcht annehmen, ein Verbrechen ***. Weim das 
nicht nichtewttrdig ist, so hat es niemals Tartttfferie 
gegeben. 

Der zweite Punkt der Anklage, dass er die Ju- 
gend verderbe, war ganz und gar politisclier Natur, 
und bezog sich auf seine antidemokratisclie Gesin-^ 
tmng^ deren auffallender Weise Aristophanes nirgend- 
wo gedacht hat Der Anklager nemlich hob hervor: 
Sokrates maohe die Jtinglinge die mit ihm umgingen^ 
2u Ver*^htem der bestehenden Gesesse, indem er ihnen 
sage dass es eine Thorheit sei die Staatsamter dnrch 
Bohnendtimmen zu besetzen, da doch niemand Lust 
habe sich durch Bohnen einen Steuermann oder einen 
Zimmennann oder einen FlStenspieler zu wUhlen, ob- 
gleich hiebei, wenn man fehlgreife, der Schaden viel 
geringer sei als bei Staatsangelegenheiten : solche Be- 
den ^ber mttssten nothwendig dazu verleiten, die be^ 
stehenden Staatseinrichtungen yer&chtlich, und die 
Jlinglinge gewaltthatig 2u machen^^^ Zum Beweise 
hieftir berief sich der Anklager auf die Thatsache, 
dass Kritias und Alkibiades, die beide ttber den Staat 
so viel Unheil gebracht batten, LieblingsschfQer des 
Sokrates gewesen seien: yon denen der erstere, Kritias, 
zur Zeit der Oligarchie der grSsste Sffentliche Dieb, 



aber sie haben dabei yergossen, dass Sokrates, der die Tartiifferie 
der ganzen Anklage Tollkommen darchachaut hatte , ebendarum 
keinesiregs verpflicbtei war, den bOeen Btibeii ernstbaft su ant- 
worten, wol aber ToUkommen berechtigt war, ale m ibren eigenen 
Behlingen su fiingen, und abi damme Jungen eteben an &uwen. 

'^^ Tb. HeinaiuB, Sokratea naob dem Grade seiner Sobold p. 61. 

'^ XenopboB Mem. I, 2, 9. 



gtgeo Solgraies. ff 

uad d6T am tneisten GewaHthStige {irdpr<idp tiXinri- 
6tatof nal liiaioxaro^) ; der andere, Alkibiades, zur Zeit 
to Demokratie unter alien der liederlichste und liber-* 
mttihigste {navtiJOP dnparitsraro^ n nal iffpidroraro^) 
gewesen aei^^^ Wogegen aber Xenophon mit Redit 
bemerkt dass diese beiden, Kritias und Alkibiadesi 
80 lange sie mit dem Sokrates in Verbindung standen, 
nttchtem Und gemassigt, und mit seiner Hilfe stark 
genug geblieben s^ien um ihre bSsen Gelttste zu bei- 
hersdien; erst spater, nacbdem sie von Sokrates siob 
getrennt h&tten, sei der eine, Eritias, in Tbessalien, 
der andere, Alkibiades, inAthen selbst durcb lieder^ 
Uehe Weiber tind durcb das GezUcbt der Sdimetcliler 
Terdorben wOrde^: «q dass also die Fehler bdider 
wahrlicb nicbt dem Sokrates zur Last fielen ^^\ Aus- 
swdem warfen die Demokraten ibm vor, dass er stets 
das monarchische Lakedaemon und Kreta als wol- 
geordnete Staaten preise*^*; dass er die Zeiten des 
Pisistratos erhebe, lieber die Oligarchen an der Spitze 



'«< Mem. I, 2» 12. 

*«* Mem. I, 2, 18 and I, 2, 24. Ebenso Maximus TjriuB 24, 6: 
Anjtos nnd MeUtas behanpteton Sokrates Terderbo die Jngend, 
well Kritiaa eiA Tyrann and Alkibiadea iibeFmiithig geworden 
ist, OTi i^h K(fijimf itvf^mnnjeB moI on ^Ahti^iidrig tf{v|?^c{8. 
Und gleieberweiM Libanios lU p. 46, 25 ff. p. 52, 16 ffi. mit der 
riehtigea Bemerkang p. 50, 7 ff. daaa in aller, aach der besten 
Eniebong aalest die angebome Natnr wieder dorcbBcblage, wofSr 
der Lehrer nicbt verantwortliob gemaoht werden k5nno. Oder 
soil etwa anob Seneca rerantwortlieb sein flir den Nero, nnd am 
Elide ancb Cbiistos PSa den Judas der ibn verrmthen bat I 

^^' Platon im Kriton p. 164, 16: trfv AanBdaifiOwa uai rifw Kqijiriv 
iuaarotB ip^g BilpopiBXff&ai , and Sokrates im Hippias I, p. 414, 
.19: alia fi^p BVPOftog f*^ AoMB^aiftBtp. 



78 ^ Anklftg* 

des Staates i^he und, ein offenbarer Feind der Be-- 
mokratie, die gesezlich bestehende Verfassung Athens 
vor der Jugend Tdcherlich mache^*. Und dam diesea 
wirklich der Hauptvorwurf gegen ihn, und der Haupt* 
grund seiner Verurtbeilung gewesen sei, besengt narA 
seinem Tode als eine bekannte Sacbe der Bedner 
Aeschines ansdrttcklich '*'• 

Und in der That, wftre das damaHge Athen nooh 
das alte gewesen, in Glauben und Sitten, und gSbe 
tA keinen Ad^ererz Standpunkt der Beurtheihing als den 
des jeweiligen Staatsreehtes, so mtisMe man sage-* 
sfehen, Sokrates habe als Athenischer BUfrger in seiner 
Beurtheilung der Athenischen Demokratie, wenigstens 
in der Form seines Tadels Unrecht gehabt'**: gona 



"^ LibaDina III, p. 17, 13: StunQdjijs ifUau t^ ^fMOM^atimp, ««& 
Tvgayvoy ^diwg dp iiSBr'itfBaTWTa rji noliBi. p. 19, 1: fuao" 
dtifios ifrtt xal tovg cvv6v%ug nBi&Bt xr^g dfifioxgatiag Maxa^e^ 
kav . . i&ctvfiafrew dv *Inniav , ^fdffd'f] xov *'InnaQXoy , ixdXevey^ 
Bvdaifiovlav xtur 'A&fp^mr ixBtwop x6v /^Voy. 

*^ Aeschines adr. Timarchum §. 17^: vjiiBlg to 'A&iivatfn Ztntqdtifif 
fjtkv xov ao<p&axijy dnBxxBiyaxB , OTi Kgixictp itpdrrj nantetdevntig, 
Bva X€jp X(fidxorxa xiHv Toy dijfiow xatalvcdyxcBy ■ 

'** Von diesem politisohen Qesiohtspunkte aus hat schon der Utere 
Cato das bekannte Urthefl (Plntarchus t. Catonis maj. p. 350, B) 
^ch erlaubt: „Sokrates sei ein Sohwltser gewesen and ein ge- 
waltthfttiger Mensch, der aof jede mOgEcbe Weise rersacht habe 
sein Vaterland za tyrannisiren, die alten Sitten aafkuldeen and 
seine Mitbfirger sa einer geseswidrigen Denkangsart herfibenu- 
Ziehen.*' Unter den Neueren hat meines Wissena aaerst Wiggen^ 
Sokrates als Mensoh als Btlrger and als Philosoph p. 176 diese 
Anffassungsweise als relatiy berechtigt wieder herrorgehoben , in- 
dent er bemerkt: „wegen der Urtheile welche Sokrates tifeh liber 
die bestehende Athenische Verfaseang erlaabte, dflrfte er sich als 
Btlrger schwerlich gana reehtfertigen lassen. Die Art wie er dber 



ltd wi^ die clhfisdioH^ Mllrtjrrer, wenn man sie nacli 
ikttn Rehnificlieii Staatsrecfate beitrtbeilen wollte^^^ 

Dieser Klage nan gegenttber was sollte Sokrates 
&un? er, der die BiJswilligkeit seiner AnklUger voll« 
kommen ^nrolischaate, und seiner eigenen Misliebig- 



dia^bpenarohoBtea epot^te, sich <llMr die Aik^$cben VoU^fTor? 
f ammlnffgen y die beliebtesten Demagogen, karz fiber das Weseo^ 
der Athenischen Demokratie Ausserte, war 80 bescbaffen dass man 
sie einem Atbenisoben Bdrger nicbt wol nacbseben konnte. Eine 
Prfifang naob den Gesesen kann man 9\t unmSglicb nennen, d« 
die Q«0ese adiwtrllcb ^oselbe erlaQbten« Hler kann Spkrates 
nnr mit der gf^n Absicbt, die seii^em Tadel zu Qnmde lag^ 
entacbuldigt werden , da er die Uberzeagung hatte , er sei deji 
Athenem von der Gottbeit selbst zor bessernden Ziichtigung 
Abergeben worden." Diesen Gesicbtspunkt bat dann mein Frentid 
P. Forobhammer wieder anljgegtiffen^ und in der geistTeUen 
Scbrift: Bokratea udd die Atbenet: bis ins Eztiem darobzttftUirei^ 
versncbt in dem Endcesaltate p^ 74: „da8s niemabi yon einem 
gesezlicberen Grericbt ein gesezlicberes Urtbeil gesprocben worden 
sei, als dasjenige wodarcb Sokrates zuerst des Yerbrecbens des 
l^gladbens an di^ Staatsgdtter nnd der Verderbung der Jngend 
•obnldig ^kaont, and dacaof zi^in Tode yerartbeilt worde/^ Wo< 
gegea mit. Recbt Zeller^ Die Pbil. der Or. II, 102 bemerkt bat| 
dass die damaligen Atbener sa eiueip solcben Urtbeile nicht mebr 
berecbtigt waren. Wabr aber ist allerdings die Bemerknng Forcb- 
bamtners p. 57: „dass kein bisberiger Staat die freie Discussion' 
' des FHncipes seiner Yerfassiing gestattet babe.** Und allerdings, 
' wenn beote eiaer in Wien oder Berlin die Inconvenienzen und 
Ubelstftnde der bestebenden monarcbiscben Verfassung und -der 
regierenden Dynastien so aufdecken und 5ffentlich mit der Jugend 
besprecben wollte, wie Sokrates dieses mit der Demokratie in 
dem demokratiscben Atben getban bat: so wfirde er nicbt erst 

< Bicb Decennieni sondem im ersten Jabre seiner LebrthHtigkeit 
extra Hahtm nooentU geseat, nnd wenn auob nicbt bitigericbtet, 
MAnfiills Zeiilebens eingesperrt werden. 

*^' VergL m. Sobrift fiber den Untergang des HeSenismns p. 7 ff. 



keit bei vielen seinerMitbfirg^rklaraichbewtuBst war; 
er, der wie Platon von sicli sagen konnte: er aei ssa 
gpat in seinem Vaterlande geboren wordeu, denn er 
habe aeinVolk Bdion gealtert gdEtindeii, nud an gains 
andere Dinge gewohnt als was er ihm zu raihen liatte^^^ 
Was hatte er ernsthaft zu seiner Vertheidigung vor- 
bringen soUen? seine wahre Uberzengong yenengnen, 
abschwSren, seine Richter nm Gnade bitten? Un- 
moglich, so wenig als Cliristus in Uhnlichem Falle ge- 
tban hat 

^Obgleich es gesezlich yerboten war (so bezeogt 
sein SchUler Xenophon), war es doch thatslichlieh 
Sitte, die Richter um Gnade zu bitten und ihnen zu 
schmeicheln; und vtele sind daraufhin freigesprochen 
worden. Sokrates aber, so leicht es ihm auch ge- 
wesen ware von den Richtem freigegeben zu werden, 
wenn er sich der herschenden Sitte auch nur ein we- 
nig hatte ftlgen woUen : Sokrates zog es vor den Ge- 
sezen gehorsam zu sterben, als durch eine ungesez- 
liche Handlung sein Leben sich zu erkaufen* '**• 
Und weiterhin berichtet derselbe Zeuge: ^weisst du 
nicht Sokrates (so habe Hermokrates zu ihm gespro- 
chen), dass die Athenischen Richter sich oft durch 
ein Wort bestimmen lassen, unschuldig Angeklagte 
zum Tode zu verurtheilen, und Schuldige freizugeben ? 
Bei Gott, das weiss ich, erwiderte Sokrates^ und ich 



»•• Plftton EpiBt V p. 422, 16 flf. 

*** Xenophon Mem. IV, 4, 4: (^^*W£ or ttq>B&8ic vno tup drnwrtrnv^ 
si ftal ^ttqisas xi TovT«>y inol^cBf nr^oa^rra fioHw toig POfiOis 
ifi/Aipav ano&awBiif ^ naqwn^fimp i^p. VergL Platpiui ApoL 
p. 125, 3 fL 



: det Boltrates. i 91' 

lurtte aaoH schoxi Mtt ^iiie Vertlieidtgaiig gedaehit, ab 
miF wamend memgater Daemon entgegentrat (f^r^xi^- 

Ed war alsd zunlU^st ein religioder Grand der 
ilm yon aller rbetoriscken Vertheidigang abhielt; und* 
nieiiiand ist bereohtigt diese ausdrttckliche Ven^iche^ 
vtuig in Zweifel zn ziehcm^^^ Die Angabe ist wie 
irgend erne ecH und kami nieht erfanden &ein. Der 
Aiitttrliche sitinliche Menseh ^^erhttlt sich dem Tade 
gegenttber, der wie Arisibteles sagt sila das Ende voii 
allem das farcklbarste ist"^^^^ nothwendig Bcbwankend: 
hat docb ein Orosserer noch als Sokrates war, in 
solcben Molnenten tief anfgeseufzt^^^; der innere ho- 
hereMensch aber bleibt asbeirrt und klaminert sich 
BttT fester nooh an den Genins an, demer bisher ge^ 
folgt ist Ja gerade dadnrch mnterscheiden sich die 
hdheren vpr den gewo'hnliohen Menschen, dass die 
lesteren in solchen MonliexiteQ klein sind, die ersteren' 
aber ak gross sich bewahren; dass die einen ganze, 
wu4diche Helden dnd, w&hrend die andern nur erne 



*»• Mem. IV, 8, 5. 

'^* Wiggers, Sokratas p. 140: Sokrates sah sioli. an ala einen ron 
der Qottheit bestimmten aUgemeiiien Volkdebrec, der nan ab ein 
Ofkx Hack dem WiUen derselben fiel; Beinen Tod betraohtete er 
als eine ron der Gottbeit verbuigte Huldignng ibter Befeble. 
Unatreitig eine interessanie Seite, die inan nor sa ifebr an fiber- 
■eben pflegt. 

*M AnatoteleB Stb. Nio. Ill, 9, p. 1115, A^ ^6: ipo^MQwtatQM od^a- 

^Ti noMov alvau 

*«"> Mattbaena 36, 37 t 27, 46. 5a Marcot 14, 33 £1 15, 34. 37. 
Jobannea 12, 27. 

6 



82 ^^ YartMdiffeBg 

aingelemte BoUe spielen, and diese daan ebendanm^ 
der wirkliohen G^efabu: gegenttber, wieder vergeaseiu 
Die ^nen praepariren sich auf alle GefalireD , und 
bedtehen sie T^iekt; den anderen gibt es der Genius 
ein im Momente wo 810 dessen bedttrfien« Weahalb' 
auch Christos seinen Jttngem geradesu befdhkn hat: 
si^ soUlen nicht zam vorans bedadit sdn was sie za 
den Leuten reden woUten, es werde ihnen scbott ein- 
gegeben werden im rechten Augenblioke ^^^. Nicbt 
das Eingeilemte, Reflectirte b&lt wider in solehen Mo* 
menten, sondem nur die wabre ursprfingliebe inneze 
Stimnie; niebt was einer gelemtbat, sondem was er tsL 
Ah darum demSokrates der Eedner Lysias^ der 
grossten einer unter den daoaaligen Meistem im Scbreiri 
ben ^^', eine scbriftlicb ansgearbeite sehr beredte Ver*^ 
tlieidigangsrede gebracht hatte, deren er sich tot Ge- 
ricfat bedienen konne: las er dieselbe mit gewohnter 
Gbtmttthigkeit nnd lobte sie; lehnte es jedooh ab ron. 
ihr Gebrauch zu machen^ da sie zwar sckiin nnd red^ 
nerisch, aber nicht mfinnlich nnd ihm^ dem SokrateSr 
nicht angemessen sei^**. Sein ganzes bisheriges Le- 



9^^ MftttUeiis 10, 19 f. Mareu 13, 11. Lqcm 12, 11 f. Kiclit das 
subjectiye loh, sondem der objeotire Gelst Gotlee ist es, der in 
Sokrates wie in den Aposteln in sololien erregtea Momenten ge- 
sprocben bat. 

*^* Nacb Platens Urtbeil im Pbaedms p. 4, 16: deMtatoc iiSp tmw 

*^ Cicero De orat. I, 54, 231: qunm oi scilptam orationem diser- 
tissimns orator Ljslas attnlisset, qnam si ei Tideretar edisoeret, 
nt ea pro se in judioio uteretnr, non inritns legit et commode 
BCiiptam esse dixit: sed, inqoit, ut si mihi calceos Sieyonios attn* 
lisses, non ukerer, quamyis essent babiles et a^ ad pedem, quia 



det Sokrates. 33 

ten, glanbte er, enttalte eine hinlftngliohe Verthei* 
dignng gegen die Anklage: er kSnne darnm es ge- 
trost den Athenem tiberlassen , ganz nach Belieben 
fiber ihn zu urtheilen ; denn viel lieber woUte er von 
der Mehrzahl seiner Zeitgenossen verkannt, anf die 
noch ttbrigen Lebenstage verzicbten als, sicb selbst 
nntreu, sein ganzes bisheriges Leben tmd die Bewiin^ 
demng d^r besten aller zaktinftigen Geschlechter 
preiageben ''^ Am liebsten bSUte er dartim wol, tro!S 
seiner sonstigen Redelust, ganz geschwiegen vor Qe- 
richt, wie Oiristus^'®; da jedocb dieses gegen alien 
und jeden Branch vor Grericht'**, nnd thmsis ein nn- 
ertrUglicher Hocbmnth wSre ansgelegt worden: so ent- 
sehloss er sicb zn der Art von Vertibeidignng, die 
selkem CCarakter nnd seiner Lage entsprecbend war. 
Er tffotlte, mit Wissen nnd Willen, in den lezten An- 
genblicken seines Lebens nicht anders erscbeinen akr 
er wUhrend seines ganzen Lebens gewesen war; nnd 
da dnrcb dieses ganze Leben eine von seinem Wesen 



ion eoMnt Tirilefl; sio illam orationem' dise^m jnhi «t oratotiam 
Tidbriy fortem et Tirilem son riderL 

*^^ Quintilianns XI, 1, 10: maluit enim qaod superesBot e Tita t^i 
perire qaam quad psaeterisset et quando ab hominibus sui tem- 
poris param intelligebatur , posteroram se jadiciis reserravit, 
breri detriinento jam nltimae sen^tatts aemm saecalorutn omniuni 
eonaeotttni. Vergl. Hamaim II, 14: maii fibamiodet leieht daa* 

'. fUg^pelte Hefaelaid ron aakiein ZeitgenosBen niohi T^ntendeu and 
dafttr mishandalt an werden, darob dfoa GhoBchmaok an ien Krftf- 
ten einer besseren Nacbwelt. 

"* MattbaeuB 26, 68. 27, 12 ff. MasonB 14, 61. 15, 5. Lacaf 28, 9. 
'** Bokratea in PlatonB ApoL p. 93, 2: t<^ vofif^ netaiiop xmi cmo- 

6* 



34 ^« y«rth€idigmig 

unzertrennliche ideale Ironie sich hindurchisiehty und 
dies seltsame LlU^heln, jenem der Daedalischen. Gdt^ 
terbilder vergleichbar, so vielen seiner Mitbtlrger im- 
mer unangenehm war: so konnte dieses, welches nadi 
der Natur der Sache hier nur sch&rfer noch hervor- 
treten rrmsste, der Mehrzahl seiner Bichteryeej nnmfig- 
lich angenehmer sein^ als es ihnen hisher gewesea 
war. Ohne Zweifel afoer wttrden ihn die Athen^achen 
SchwurmSnner, die ihn ja seit Jahrzehnten hatten 
gewahren lassen, auch aus diesem Handel nngekrankt 
endassen haben, wenn er sich wie Xenophon sagt 
ihren Sitten nur em wenig hStte beqnemen wollen. 

Das aber that tx dank seinem Daemon nicht, nnd 
welches innerlich grosse GemUth h&tte sich in ein^oEi 
solchen Momente, solchen Richtem gegeniiber, und 
dem Tode und der Nachwelt, jemals dasu entschlossen? 
Wer vermochte es sich selbst untreu zu werden in dem 
grossten Momente seines Lebens, Menschen zuliebe 
die unter ihm stehen, oder um irgend welcher &us- 
seren Giiter willen? Wahrhaftig wer den Sokrates 
deshalb tadelt, der hat nie einen Blick gethan in die 
Seele eines grossen Mannes, und ist nie sich bewusst 
geworden seiner eigenen Kraft. 

Als darum der Process vor den Heliasten, einem 
Volksgerichte von fast sechshundert Geschworenen, in 
der Konigshalle^^^ geftOirt wurde, redete Sokrates mit 
festem Herzen, und mit dem ganzen Stolze seines sitt- 
lichen Bewusstseins^'*, mehr als der Befehlshaber sei- 



»^ Platons Theaet. p. 322, 9. 

"^ PUttons Apol. p. 130, 10: a7fav&€tdii6fA$POC^ Xaaophoitt Apol. 
§. 1 : naviBs Srv/ov x^g fiBfod^OQiag ovtov. Diogoaet L. II, 24 : 



4m Sokrfttot. ^ 

nerRichter d^in als ihr Angeklagter^^^. Auf die por 
litisoheB Beschuldigungen erwiderte er kein Wort, 
Bondem erklarte mit der ihm eigenen Ironie seincD 
Richtem ins Angasicht warum er so viele Feinde habe ? 
Nemlich urn demGotte in Delphi zu folgen, der ihn 
fOx den weisesten nnter alien erklart, habe er stdi 
bemfen geftihlt Staatsmanner, Redner, Diehter, Elin8t>- 
ler und Handwerker, and wer immer sich weise dUnke, 
zn prttfen, und ihnen darznthun dass sie nichts wissen ; 
sich selbst aber babe er nur darin als weiser denn 
andere erkannt, dass er wisse dass er nichts wisse, fern 
yon aller SelbstfiberschSzang, seines Nichtwissens sieb 
bewusst sei: damm batten ibn die Uberwnndenen ge- 
basst, und weil sie geseben dass ibm die Jtinglinge, 
der reichsten Manner Sdhne anbingen und mitzab5rten 
wie er die sicb weise Dttnkenden ihrer Unwissenbeit 
tlberftibre, und weil aucb diese Jtlnglinge dann an- 
fingen andere zu ttberflibren: darum sage man dass 
er die Jtlnglinge verderbe^*'. Bei seinen Untersucb- 
ungen babe sicb femer die Meinung gebildet, als 
wisse er selbst Besseres, indem er die andem des 
Nicbtwissens ttberfllbre; und so sei er fllr einen Weisen 
ausgegeben worden, wie die anderen Pbilosopben 
welcbe so genannt werden ; und da nun dtese alsUn- 
glaubige und Neuerer in gottlicben Dingen bekannt 



ijy Sk laxvffOfpd/nar, Cicero Tosc I, 29, 71: adhibuit libenun 
contumaouun a magnitadine animi dactam, non a superbia. 

**' Cioero De orat I, 54, 231: Socrates iU in judido capitis pro se 
ipae dixit, at non snpplex ant reus, sed magister ant dominus 
▼ideretnr esae Judicom ; and danaoh Hamann II, 48. 

*** Platona ApoL p. 102, 4 ff. 



^ Dk V«ft]ieidigang 

Beien, so habe man atch &n itlr emm solchen aa9- 
gegeben^^^ „Was ioli nun, so fahtt er fdrt, bexieits 
im^Vorigen gesagt babe, dassicb bei Vtelen sehr ¥er- 
basst bin, das ist wabr: und das ist es auch, 4em ii^ 
unterliegen werde, nicbt mehien Anklagern Bondem 
dem Hasse derMenge, defm sohon viele andere treffr 
liobe Msinner unterlegen sind, and audi kUnftig nocb 
nnterliegen werden'*'. Ich aber, so vendcbert er, bin 
each ihr Atbener zwar i^ogethan and freandlicb ge- 
sinnt; geborchen aberwerde icb dem Gotte mebr als 
each den Menschen ^^^ Denn dieses befiehlt mir der 
Gott, and ich glaabe dass noch niemals ein grSsseres 
Got each za TheU geworden ist in diesei^ Stadt, als 
dieser Dienst den ich dem Gotte erwiesea habe*^*^ 
£ine Mehrheit von sechs Stimmen erkannte ihn 
dann schaldig^^^. Melitos hatte aaf Todesstrafe an<- 
getragen; nan soUte anch er selbst siob eine Strafe 
zuerkennen. Es war nemlich ein beneidensw^ther 
Oerichtsgebraaeh za Athen , dass in solchen FUUen 
der Anklager seiner beschworenen Klage aach einen 



»«* Ibid. p. 96 ff. — »«* Ibid. p. 112. 

'*• Ibid. p. 115, 11: iyto Vfioig, J avdqBS 'AS'iivaToi, dana^Ofiai 
^iv xal (fiXa, neieofiai de ftaXXov T(J &e(3 ^ vfiip. 

**' lb. p. 116, 8: TflfVTo ^dg MsXevei 6 dsog, ev tare, xal iya oto^ 
fitti ovdiv 71(0 ^fitp fiBiior dftt&oy fevdad-ai iv rjj noXet ij ti/v 
ififjv t(^ d-Bi^ vntjifecriar- Vorgl. p. 117, 118. 

'^' Die Zahl der Heliasten in diesem Processe hat man auf 556 b^ 
recbnet: gegen ibn stimmten 281, fflr seine Freisprecbang 275: 
80 dass wenn noch drei Btimmen flir ihn geweaen wftren, die Zahl 
der Verdammenden und der Loaspreohenden gleioh gewvaen, and 
er dann frei aoagegangen wJlre: Platon 4poL p. 128| 11 and 
Diogenes L. II, 41. 



8tra£ratrag beiftlgto, und dasii dann der Ai^eklagte, 
wenn er gchuldig befonden, geriohtlich aufgefordert 
wurde, der Strafsch&mng des KlKgers seine Gegfen- 
Bchazung gegenttberzastellen , damit die Richter zwi- 
schen beiden wftlilen k{5nnten^*^. Es solhe dadnrch 
ercrtlicb der Beklagte selbst seine Sditild anerkennen, 
tind zwdtens wenn er selbst sie geringer sdiftze, den 
Richtem die mildere Strafe anbeimgeben. Was tbut 
nan aber Sokrates? Seine stolze, aber auf die Wahr* 
belt gegrtindete Antwortwar: fUr seine denAthenern 
nneigennUzig geleisteten Dienste verdiene er dieSpei* 
sang im Prytaneion (die ebrenvoUste Belohnung fttr 
tiocbverdiente Biirger). Solle er aber Geld geben, 
dies bielt er ftir keine Strafe, so woUe er ^ne Mine 
sahlen, als wie viel sein Verm6gen gestatte, oder, 
nacb dem Wnnscbe und mit Unterstfizung seiner 
Freunde, dreisig Minen^^^ Daranf wurde er zum 
Tode veriirtbeilt oder, wie es in der damaligen Ge- 
riehtsspracbe biess, yemrtheilt den Eilfmftnnem (zur 



*** Die Schftsnng des KlAgers hiess xi/Aiifitt^ die Gegensohftznng des 
Beklagten dmtifida&ai oder vnQtifidc&an Platon ApoL p. 1^8, 
18 t Xenophon ApoL |. 23. PoUnx VllI, 150. Cicero De orat 
I, 54, 231 : erat enim Athenis reo damxiftto, si fraos capitalis non 
esset, quasi poenae aestimatio. 

^^ Platens ApoL p. 133. Dieser Angabe scheint Xenophon ApoL 
§. 28 ca widersprechen , indem er berichtet Sokrates habe jede 
Gegensoblzong yerweigert, well darin eine Anerkennong seiner 
Scbnld Uge; doch ist die Ton Platon erwftbnte Sebftznng eine 
so angensoheinlSohe Ironie, dass sie als eine Oegenscbftumg im 
Sinne des Qeseies gar nicbt gelten kann. Wie denn ancb gerade 
dieie Gegenscblsung es war, welcbe einen Theil der Geschworenen 
bewog nnnmebr dem Strafkntrage des AnkUgers beiznireten. 



]gg Di» y«rikBi4igiiiig 

Yollnditixig des Straferkehntniases) tiber^bea sa wer* 
den ^^^ : w«lchem Aussprudbe a^hteig Bicbter, die ihrn 
vorlier ^ uaschnldig erklart batten, jeel^ erzHrat 
tlber seine GegenschHtzung, beitraten^^^ 

Nach seiner Vernrtheilung sprach er mit der 8ee- 
ienrnhe eines edhiten Weisen zu seinen Richt^m nn- 
ter anderem nocli folgendes: y^ick bin jezt vm euch des 
Tddes schuldig erklS.rt; ihr aber sdld von der Wahr- 
Jieit schuldig erklSrt der Schlechtigkeit nnd Unge* 
rechtigkeit Und sowol ich babe die$e mir suerkannte 
f^afe anzanebmen als aucfa thri wie deiin vieU^ehit 
heides so komqaen musste. Was aber naeh diesem 
Jkommen wird, geliistet mich jezt eucb zu weissagen; 
denn ieb stehe ja schon da wo die Mensohen zu weis- 
sagen pflegen, wenn sie nemlicb im Begriffe zu.sterbea 
sind. Ich si^e euch also ihr M&nner, wahrlich es 
wird sogleich naoh ni^inem Tode eine viel schwerere 
Strafe iiber etich kommen, als die ist, welche ihr fiber 
mich verhlUiget habt Denn es werden alidere komr 
men, die JRechenschaft von euch verlangen werden 
fiber euer Leben, und eine viel strengere als tch von 
euch verlangt habe"^^^ 

Darauf richtete er noch ein vertrauliches Wort 
an diejenigen unter den Richtem, die fllr seine Frei- 



"^ PlatarchiLS Mor. p. 834, A; toc^ Mexn naf^adoS^yctu 
'^' Xenophon ApoL §. 32: Sax^arrfS dk Siu x6 ftSfoXvptu^ iavxoy 
iy Tijj dixaaim^^t g>&6yov inafofisyog, fiaikloy Kctjcnfni^irair&ai 
iaviov inoiijcB xavg dutafFtdgf and Cioero De ormt. I, 54, 232: 
cuius reaponso sio judicet exanerunt, ut cupitU homiuMn inno- 
centissimum condemnareat. 
»" Platens Apol, p. 134, 20. ff. 



lassuffg gestinnnt batten. ^Das gewohnte Zeieben, M 
Bpriicli er, die innere Stimme, welcbie mir to oft ich 
im Leben etwas Verkebrtes zu tbun im Begriffe war, 
«tet8 widerstanden und mich zurttckgebalten bat, die^ 
isea Zeieben Grottea widerstand mir Jieute niemals, weder 
sis iob morgens von Hanse ging, nocb als ich bier 
die GericbtsstStte betrat, nocb irgendwo in allem wan 
icb getban und gesprocben babe: woraufi icb scbliesse, . 
dass icb selbst Becbt getban und dass aucb das was 
tnir widerfabren ist, kein Ubel ftir micb sondem ein 
Gut sei^^*. Das Todtsein nemlicb, fuTir er fort, ist 
lilies von beiden : entweder soviel als nicbt sein ; oder 
es ist, wie man ancb sagt, eine Versetzung und ein 
Umzug der Seele von binnen an einen anderen Ort 
Im ersteren Falle wttre der Tod wie ein Seblaf, so tief 
und fest, dass er nicht einmal von TrKumen gestSrt 
wflrde, also ein wunderbarer Gewinn ; im anderen Falle 
fiber, wenn der Tod eine Auswanderung ist von bin- 
nen an einen anderen Ort, wo alle Verstorbenen sind: 
was fttr ein gr&sseres Gut kSnnte es dann geben als 
dieses ? zusammenzukommen mit den wabren Ricbtem 
Minos, Rbadamantbys, Aeakos, Triptolemos, und mit 
Orpbeus unizugeben und Musaeos, mit Hesiodos und 
Homeros, und mit den alten Helden Palamedes und 
Ajax und wer sonst nocb durcb unrecbten Sprucb 
gestorben ist^'''. Also mttsset aucb ibr Ricbter gute 
HoflFnung baben in Absicbt des Todes, und das eine 
Wabre im Gemtttbefestbalten: dass es ftir den guten 
Mann kein Ubel gibt, weder im Leben nocb im Tode, 



"♦ ^bid. p. 136, 10 ff. — "* lb. p. 137, 8 ff. 



00 ^^ ^^'^^ LeWMtage 

and d486 seine Sadie niemak von den GSttem y^- 
nacblftssigt wird* Aach die meinige hiat jezt nicht yon 
ohngefiLhr dieseti Auagang geiioHunen; sondem es isk 
n^irklar, daassterben und allerMtthen eniledigt wer- 
den, Bchon das Beste ftlr mich war. An meinen S^h- 
nen aber wenn sie erwachsen sind, nebmt euere Rache 
ihr M&nner, nnd qnalt sie ebenso wie ich ench ge- 
qu&lt babe , wenn ibr sebet dass sie urn Beicbthnm 
oder sonstetwas mebr sicb bemtiben als umTug^id; 
and wenn sie sicb dfinken etwas za sein, sind aber 
nicbts. Jedocb es isrt Zeit dass wir geben, i<^ otn 
stt sterben, ibr um weiter zu leben : wer aber yon ons 
beiden dem besseren Theile entgegen gebt^ daa kt 
alien y^rborgen ausser Gott**^^, 

Hierauf ging er mit grosser Heiterkrit in das 
GefUngnis wo er sterben sollte^^^ Alles an ihm ent- 
spracb yoUkommen seinen Worten, beiter war sein 
Bliok, seine Haltung, sein Gang^^^; und als einer sei- 
ner Freonde, Apollodoros, bitterlicb weinte, da er ibn 
jezt so unscbuldig miisse sterben seben: streiebelte w 
ibm mit der Hand ttber den Kopf und spracb lacbelnd) 
mScbtest du denn lieber scbuldig mich sterben seben 
als unscbuldig?27» 



"• Ibid. p. 139, 10 ff. 

""^ SenecA CSonsol. ad Heir. 13, 4: Socrates eodem lllo Toltu, quo 
triginta tyrannos »olaB aliqaando in ordinem redegerat, caroarem 
intrayit ignominiam ipsi loco detracturns. 

'^* Xenophon Apol. §. 27 : slmop dk TavTO fAoXa OfioXofOVfiiviag dij 

(pcudQog, 
'^' Xenophon ApoL §. 28. yergl. Platons Phaedon p. 69, d ff. 



Seine hsMn Lebeiuitage im Gref^gnia verli9&^ 
Mbr fiiedlicji, and bewiesQu dass ee niBnsoblioIi ge^ 
i^prpchen damals wie je^t immerhin beaaer war, in 
die Hande derDemdkraten zuAthen ssu fallen aUin 
jene der PharisSer zii Jerusalem ^^^ Es traf sicli nem* 
lich dafis gerade einen Tag vor der entscbeidenden 
Gerichtfisizang ein eigenthttmliclies Fest eingefallen 
Wfir. Die Athener batten in alter Zeit alle neun Jafare 
eineii OpferzoU von sieben Jtlnglingen and aiebe^ 
Jungfraaen an den Minotauros in Kreta za entricbten^ 
¥on welobem sie erst darcb Tbeseas waren befrei^ 
worden; and damals bei jener Fabrt des Tbeseus war 
gelobt worden, dass wenn er sie von dem Blutzinse 
befreie, so wollten sie ftir ewige Zeiten alljabrig eine 
beilige Theorie d. i. eine feierlicbe Wallfabrt zu dem 
Apollonstempel in Delos senden. Und sobald nun die* 
ses Fest begonnen and der Fiiester des ApoUon das 
Sdiiff bekranzt batte, welcbes die Wallfabrer fUbrte, 
dorfte bis zu dessen BUckkebr die Stadt in keiner 
Weise veranreinigt, and insbesondere niemand von 
3taatswegen bingericbtet werden. Daber verliefen 
diesmal zwiscben der Verurtbeiluag des Sokrates und 
seinem Tode voile dreisig Tage^^'; wabrend welcber 
er regelmSUuug ^e Besucbe seiner Freunde empfangen^ 
and mit ibnen in gewobnter Weise seine pbiloso- 
pbiscben Gespracbe fortsetzen konnte. Einer dieser 
Freunde, £[riton, batte alle Anordnungen getroffen, 



**o VtrgL Platona PoUiicus p. 845. 846. 

"^ Pkton im Phftedon p. 4 vad dazii WjrttenbAoh p. 125. Lips. 

Xenophon Mem. IV, 8, 2. Seneca Epist 70, 9. Diodorns IV, 61. 

ual €. F. Hennatm De tbeoria Deliaoa, Gottiiigae 1846. 



^ Die lest«a Lebenstage 

dass Sokrates wenn er nor woltte, richer hStte ent- 
fliehen nnd dem ungerechten Urtheilsspruche sicli ent- 
sdehen kOnnen^^', Er aber lehnte dies ab, ^da es 
Bich Yor allem nicht darum handle, nur zu leben, son- 
dem darum, gut und BchSn und gerecht zu leben*^*; 
man dflrfe auf keine Weise Unrecht thun, auch dann 
nicht weiin man selbst Unrecht erlitten habe*®^:er, 
Sokrates, sei nach den Gesezen Athens rechtskrUftig 
verurtheilt, und demgemass als guter Bttrger verpflich- 
tet diesem Spruche, auch wenn er nach seiner Mei- 
nung ein ungerechter, freiwillig sich zu unterwerfen; 
wer anders handle, zerst^re das Ansehn der Geseze 
und gef&hrde so yiel an ihm liege den Bestand des 
Staates, welchem er doch seine ganze Existenz, die 
leibliche wie die geistige, zu verdanken habe ^^. Wenn 
Bchon gegen Vater und Mutter Grewalt zu brauchen 
ein Frevel sei, um wie viel mehr gegen das Vaterland, 
welches jedem woldenkenden Menschen n&chst den 
GOttem das heiligste und ehrwttrdigste sein mlisse**^. 
Seine Freunde, einheimische und fremde, deren keiner 
ihn verliess, flihlten sich ihm gegentlber, wie stand* 
haft und edel er endete (c^Jf aifcof nai ytvvam^ irtXtvra)^ 
wunderbar erhoben und in einer Gemllthsstimung die 
aus Lust zugleich und aus Schmerz gemischt war 



"* PUtons Kriton p. 146 ff. 

'^ Kriton p. 154, 10: otc ov to Kji^ nBql nUiatov noufftipp dllm 
10 Bv ifjp xttl xaXtag xai dutcUotg. 

"^ Kriton p. 155, 21 : ovdewl t^ott^ tpa/ih ixovtag ddtmjt^op ihen 
und p. 156, 17: avde ddiMwifurop d(f€t dnctSiuBZp, und ebenso 
p. 167, 16 flf. 

«« Kriton p. 158, 12 ft — "• Kriton p. 160, 18 ff. 161, 9 ff. 



{np^t^ djto t$ tffs yjbovif^ dvyunpajujuiviif djuov Hae 
r:^^ XvTttfi): deon keiner konBte zwei&ln dass es dexa 
Sobrates, wenn je einem anderen, aiich im Hades wol- 
ergehen iBttsse^^^ Mit ungetrlibter Seelenrulie si^gta 
er allea lefoewol) Weib und Kindem und Freonden ; 
«rst aid er auoh den Gef^ngniswarter, der ihm deq 
Gifttrank btachte, beim Weggehen weinen sah, gri£F 
ed ihm ans Herz uvA er sprach: aueh da lebe wol;r 
fliehe wie fein der Mensch ist^ so ist er immei: mit 
mir umgegangen und war der beste Mensch, and nun; 
wie aufrichtig er micli beweintl^®® 

In der emstesten Stande seines Lebens, karz vor 
aetnem Tode sagte er noch : ^ich weisa dass mir das^ 
Zeugnis dereinst wird gegeben werden, dass icb kei*; 
Bern Menschen Unrecbt gethan, keineti schlechter 
gemacht, wol aber stets micb bemttht babe, meine 
Freunde besser zu machen^ ^®^ Als er den Gifttrank. 
g^iomm^Q nndsobon die.Krafte des Gesundbrumiensr 
in seinen GKedem fUhlte^'^ and ganz kalt war, sagte er, 
and das waren seine lezten Worte, zu seinem Freunde 
Kriton: »o Kriton, wir sind dem Asklepios einen 



"' Phaadon p. 5, 16 ffi — «" Phaedou p. 124, 10 ff. 

'^' PUton ApoL p. 130, 11: nine ta fiat if a iiroir bIpm ftufdira ddi" 
MBl¥ U¥9^(fmnti9. Xenophon Mem. IV, 8, 10: old a fa(f a^ lAuq- 
%v(fijaB<rd'€d fiQif ou ifto lidirniaa fih ovdha noinoxB «r^^- 
natf ovdi x^Hf^ inoiijaa, ^elriavg da nouZtf inMtqmfiniv orci xitvg 
ifiol awortag, und ApoL §. 26: old* on uai iftol fioQtvQijtrBTM 
vnd K u>€ inionog «oi vno xov na^lijlv d-orog /^oi^pvy on 
fjdimjaa fikp ovdiva ncinoTS ovdi nonjQOxagop inoitjira, 9v9^i' 
%ovp di xovg ifiol dudefOfUrovg, nQolua diddoxttv 6 xi idwfO" 
fitp^ ofQ&ov. YergL oben Annu 216. 



%4t I>^ Tod 

Hahn Bcliuldig, entriclitet ihm den tind versKumet es 
Ilicht^•^ Er wollte damit, getren der Ironie seines 
gan^en Lebeng, andeuten dass der Tod die lezte Ge- 
nesung sei von der Krankheit dieses Lebens^^^ ' 

Also trank er umgeben von seinen Jttngem den 
Freundschafisbecher der Atbener**', ^fen Sdiierlings* 
trank, und ging im Alter von melir als siebenKig Jab- 
ren^^ , wie ein leichter Fussgttnger heiter aus der Wek 
und arm wie er gekommen war, im ersten Jahre Aet 
fftnfundneunziggten Olympiade^'^, 399 Jahre vor der 
Geburt Jesu Christi, desscn wabrhaftiger echter Vor- 
iHufer unter den Hellenen er gewesen ist Und es 
wird einstimmig anerkannt, sagen Xenopbon Piaton 
mid Aristoteles, dass Sokrates durchans k^nem Men-* 
scben Ubnlicb sei, weder nnter den alten nocb unter 
dem jetzigen, und dass nie, seit Menscbengedenken, 
einer mit scbOnerem Gleicbmutb der Seele den Tod er- 
tragen babe, als Sokrates'^*, Icb finde dies alles so 



'^^ PhaedoB p. 127, 16: J Kqiwp, Ifnj, r^ *Awnliinuf oipaiXofor 
aXaxrgvopa, dXX' dnodotu xtd firj dfiBlijaiin, 

''* Die Sobolien des Olympiodoros ta der Stelle des Phaedon bei 
Wyttenbach p. 319. 

'" Aelianus I, 16: Tfjv if 'A&7]yai(0P <ptloi7j<yiap nal to tov goc^- 
/MtxMOv ncSfia. Scheint eine sprichwdrtliche AthenUclie Ironie ge- 
wesen zu sein , da derflelbd Aelianus XII , 49 enr&hnt dass auoli 
Pholcion, nachdem er den Scliierling gettanken, seinen Bobn noch 
dringend ermahnt babe, nicbt auf Sache zu sinnen dieses Freund- 
scbaftiHiiecbers wegen. 

"* Platens ApoL p. 90, 14: h^ j'SfOfwV nXtl& i^dtfitptovfti* 

••' Marmor Parium 80 und Diogenes L. II, 55. 

*•• Platoh Sympos. p. 464, 19 : ^ijSBrl wd'f^umtdv Ojnoiop bIpih, fii^B 
top naXauov fn^xe rtop pvp ortap und p. 465, 5 : ov^* iffvg dp 
Bvgoi tiff irjttuPf ovtt tfSp PVP ovts TcJy naXauop. Und X«bopbon 



hifierhch grom and doeli so ec^t tnensciilich, da$0 
ieh glanbe ea wird kemen wolgeart&teti M^uMhenge^ 
ben, der anoh heute, !naeh mehr aid zwei Jahrtaa^ 
senden, den Platonischen Phaedon lesen kans, ohne 
mch im Innensten ergriffen, ergchflttert, geretnigt, er- 
hoben und gestHrkt zu fttblen. Wahrhaftrg er starb^ 
wid einbeiligerMenMh: alser fast sehon den Todes* 
becher in der Hand hielt, spracb er noeb ^o^ dasat 
er nicbt smm Tode sondem empor in den Bixmoiel^ 
gefbhrt zn werden gchien**^ 

Eanm aber war Bokrates in den Tod gegangen, 
als die Atbener bereuten was sie ihm zugeAigt batten, 
nnd zum Zeicben allgemeiner Traner die Palaestren 
tmd Oymnaaien schlossen^^^ Ja es wird erz&blt dass, 
ab in ^ieser Zeit der Enripideigcbe Palamedes aa& 
geftibrt wurde (das Scbioksal eines Helden, anf wel-^ 
<^as als dem seinigen Shnlicb Sokrates selbst rot sei- 



Mem. lY, 8, 2: o/jtolofsXtai fd(f ovdiva mino%% tap fi»nfiov9\to-^ 
Hhi»p mf^qdnvp xalkiop ^wai&v ivsfUBlPf and Mienso Aristo- 
tries Analytioa post II, 13 p. 97, B, 21 f., welcher es als di« 
charakteristisehe Eigenscbaft euias boohheraig^n Manaes beirachtet, 
dass er wie Sokrates im Gliloke wie im Unglfloke den GHeichmnth 
der Beele bewahre. Yergl. Caeeilias Balbus De nogis pbil<>sopho- 
mm 8 p. 14: Sociates negat sapientem posse oflbndi, sed adver- 
sos oinnem fortunam robore viitntis sttae manere immobilem : boo 
enim est praeoipnnm, erigere anlmnm super minas et proAiissa et 
forCuita. YergL Diogenes L. YI^ 11. 

"^ Cicero Tnse. f, 29, 7l: qunm paene in mantf Jam mortiferam 
^ud t^eret pocttlnm, loontiis iili est Hi aon nd Tkorteik trudi, 

▼eram ia caeltim Tideretar asoendere. 
**^ Dlodofrns XIY, SI. Diogenes L. II, 48: o ^ ow if tir^qmnop 

fjp, *A&jp^aZoi d* Bv&vg fMTdfPOiHyap, man itXetiftti xtd naXtoUfrxQae 

Mtti fVfiPttina. 



nen' Biohtern Bioh berufen hatte)^'% uiifl in dieaeii 
Tragoedie : diar Ckor die Verse iangi ^getSdtet hal>C 
ihr, gefi>dtet ihr Danaer ^ wahvhaft Weise scIiuMf' 
lose Nachtigall der Musen, den besteii der HelleDeit 
(indviTB indpsre rdv itav^oqK^v, o5 Mavaoi^ rdv ovtep^ 
dXyvpov6av difbowa Mov<fdpf r^v ^JE^Xdv^aP top dpiA 
6r{>v): da hStten Alle dies^ Worte auf deti 6okrate» 
gedeutet, und sei die ganze VersaiQixilung in Thranett 
dosgebrooheai ^^^ Auoh wird glaubhaftig ttns berich- 
tet, dass die Anklager des SokrateSi veraehtet und 
verflncht von aUeh, zulezt sich selbst erhenkt hHt- 
tcn^°*. Dem Sokrates aber wurde zwei Menschen-^ 
alter i^ater eine yon Lysippos gemaehte Erzstatoe jer- 
richtet^^S- ja nbeh ixH yierten Jabrhuridert unsa-er 
Aera zeigte man in Atheri eine SokratecK^pelle (SoMipdr. 
ritbj^) undin ihrerNahe eine frische Wajaaerquellis^^^ 
Ein mubanunedaniscber Tbeolbge des Mlttelai- 



"» S. oben Ann. 275. 

^ EoripidU Palamedes Fr. 8 p. 249 Matth. \m PhUo«trfttiU Heroica 
p. 718, Tcetzes su LykophrQn 884 p. 47 Potter, Diogenes L. II, 
44 nnd die GrieohiBohe Hypotheffis bu Isocratis Boolris p. 247 
Bekker. YergL Boeckh De Graecae trag. princ. p. 185 nud Wel- 
ckera Griech. Tragoedien p. 505 ff. Eine Anfl|nelang auf Jene 
Nachtigall, daren Stimme yerstummt aei, findet sioli auoh bei Li- 
baniiu III p. 63, 16: S^fioy to aa%v %^s iuaiviw ^r^g tSana^ 
tiPQf drjdivog. 

*^^ PlatarcbuB Mor. p. 538, A. YergL Diodoms XIV, 37. XenophonB 
Hist Gn I, 7, 35 and Themistiiis Orat XX p. 293, 22 ^. 

3o> Diogenes h. II» 43. Da Sokratea im J. 399 starb, LyaUpptts aber 
nach PUnius 34, 8, 51 ia der 113; Olympiade («m 238 tot Cbr.) 
bltibt^^ 8b kaiiA die Statne erst awei Mennchenalter nacb Sokratea 
Tode erricbtet worden aein. 

*^ Marinas y. ProcU 10. 



die Nftohwelt 97 

I 

I 

tevB schreibt detn Sokrates selbst folgended sinnreiclxe 
Gleichnis zu: als die Athener ihn zum Tode verur- 
theilt, habe er zu ihnen gesprocben, j^tch bin wie in 
einem Wasserkruge, und e^ch ist nur die Macht ge- 
geben, denKrug zu zerbrecben; ihrwerdet das thun, 
und das Wasser wird dann zum Meere heimkehren^ ^®*, 
meine Seele zu Gott Icb mocbte das Gleichnis nocb 
dabin erweitern dass, als die Athener den Krug zer- 
brochen, sie dadurch nichts gewonnen haben als dass 
nun das Wasser ihnen selbst ttber die Hande lief d. h. 
dass sein Blut, sein entbundener Geist liber sie selbst 
gekommen ist: indem sie die Form, dad irdische Ge- 
fdss zerbrachen, machteu sie dadurch den gottlichen 
Inhalt nur freier, selbst mitwirkend zu dem was sie 
selbst verhindem woUten. Das Leben ausgezeichneter 
Menschen beschrankt sich nicht auf die Tage in denen 
sie athmen, sondern umfasst die Zeit in welcher sie 
wirken ; und so dai*f man sagen , dass von des So- 
krates Leben der schonere und bessere Theil mit sei- 
nem Tode anfangt'^*, Ja das ist, wie Hegel sagt, die 
Stellung der Heroen in der Weltgeschichte llberhaupt: 
sie erschetnen als gewaltsam die Geseze verlezend, und 
finden individuell ihren Untergang; das Princip selbst 
aber welches sie erfElUt, dringt wenn gleich in an- 
derer Gestalt dennoch durch, untergrabt die vorhan- 
dene, und erzeugt aus ihren Trilmmern eine bessere 
G^talt des Lebens^^^ Sokrates hat die Ethik nicht 



'^ A. M. aieh-SoharMtani, Beliglonsparteien and PhiloBoplienschttlen 

II p. lU. 
30S p^ Delbrfick, Sokrates p. 88. 
'<^ Hegel, Qesohiobte der Philosophie II p. 120. 

7 



93 8okrat68 nnd die Kftcbwelt. 

bloss in die Philosophie '®^, sondem in das Leben ein- 
gefdhrt und ist fUr sie gestorben; er musste fallen 
durch das Athenische Staatsgesez ; er soUte aber auch 
fallen nach dem hocbsten und weisesten Willen des 
Weltenlenkers, und das ist unsere Beruhigung'^®. Aller- 
dings ist er mit Wissen und Willen ttber sein Volk 
und seine Zeit hinausgegangen, und hat die sittlicben 
Principien die er an sich selbst dargestellt batte, auch 
ftlr andere geltend gemacht : Ideen, die theilweise zu 
verwirklichen erst einer viel spateren Zeit vorbehalten 
war; denn voUstandig realisirt im Leben der Men- 
schen sind sie auch heutenoch ntcht. Sokrates selbst 
bezeichnete sich darum geme als einen Weltbttrger, 
Kotfjuio^f mundanus: er sei nicht sowol ein Athener, 
ja nicht einmal ein Grieche, sondem ein Weltbttrger '••• 
Hiemit hatte er die Schranken des Griechenthums 
durchbrochen, und durch seinen Tod ftlr immer be- 
siegelt, dass der Mensch i]i>er dem Bttrger stehe, und 
dass des Menschen Geist seiner Natur nach firei sei 
von aller nationalen und zeitlichen BeschrSnknng. Die 
Reden seiner Gegner, der bewunderten Sophisten, sind 
lUngst verklungen und kaum ihreNamen sind erhal- 
ten ; die Reden des Sokrates aber sind geblieben und 
^wcrden bleiben flir alle Zeiten, obgleich er selbst nichts 
geschrieben, nichts hinterlassen hat, keine Schrifl, 

3<^^ Diogenes L. Ill, 56. Sextus Emp. XI, 2. 

^^ Tb. H^insius, Sokrates nach dem Orade seiner Scbnld p. 59. 

'®' Cicero Tnsc V, 37, 108: Socrates qnam rogaretor, caiatem ae 
esse dieeret, Mundanam, inquit. totins eaim numdi se iacolam et 
ciyem arbitrabator. Platarobas Mor. p. 600, F: o Sernqox^Sf 
ov» 'A&rpfuXos avdk "ElXnp dXka noafuog $hai (j^ijirag, and ebenso 
Arrianas Epiet. I, 9, 1. 



Sokimtes und CbristuB. 99 

kein Testament^^^, auaser dem seines Lebens: zum 
unwidersprechlichen Beweise dass nichts untergeht 
was seiner Natur nach ewig, aus dem Urbom des 
menschlichen Geistes geboren^ ein ewiges Besizthum 
der Menschheit ist 



Indem ich es nunmehr untemehme, nach So- 
kratischer Weise die Rede von neuem beginnend er- 
g'slnzend und abschliessend, den Heros den ich ge- 
schildert niit dem hochsten aller Heroen, mit Jesus 
Christus zu vergleichen, bin ich mir wol bewusst dass 
ich damit manchen meiner Zeitgenossen vielleicht ein 
Argernis gebe. Mcigen sie mich wenn sie konnen 
mit Ernst und Strenge widerlegen; gegen die Pfeile 
des tJnverstandes, des Neides und Hasses bin ioh 
abgehartet. Die Christen der ersten Jahrhunderte, die 
Vater der Kirche, waren in solchen Vergleichungen 
tmbefangener, auch einige unter den Neuem, und 
ihnen werde ich folgen^*^ 



'*® Dion CbrysoBt. Orat 54 p. 281, 35: dlka drj itav flip ^avfia" 
iofiivciv inBivwv frocpitnoy ixliXoinainp ol Xofot, xal ovSh 17 
TO ipo fiotui ftdrw itnip' ol di %ov £nM(faTovff ovm old' ontag 
duifiipoifff* JMti dutfuvovat tow anama xqopov tovtov fih tMOv 
fi^dkp fqa^fanos 1} ntnaUnortoSt ovtb ovffQa/ifia ovt8 dwtd^uag. 

'^* JusUniiB Martyr Apol. I, 46. II, 8. 10. 13, womit su rergL Aagu- 
Btinns De cir. dei XVIII, 47. Buch des Kabos 28 p. 602; unter 
den Neaeren Mareilias Fioinus Op. I, 667: Socrates Christnm 
ritae auotorem adombratiooe praesignavit Symphorianos Ohamp^ 
rius, ReligionlB cliri<itianae ex gentUiam argumentis oomprobatio 
foL 8: Sooratea eooipliira quae ChrUto postea orenerant, adtim- 
bratione qoadam praesignayit , et raticinio inimper ingenito est 
Tatioinatos. Femer Hamann II p. 17. 42. 49. F. Delbrack, So- 

7* 



100 Boknttes nnd 

Es versteht sich von selbst dass es hiebei niclit 
meine Absicht sein kcinne, den Menschen Sokrates 
dem Gottmenschen Christos, die gdttliehe Stimme in 
dem einen dem gottlichen Logos im andem, den Sohn 
des Sophroniskos dem Sohne Gottes gleichstellen zu 
wollen. Auch ich glaube dass das Verhaltnis der gott- 
lichen Stimme zu der menschlichen Seele des Sokrates 
ein formell weniger klares und ein substanziell weniger 
inniges gewesen ist, als jenes des gcfttlichen Logos 
zu dem menschliclien Geiste in Christus. Wol aber 
ist es erlaubt, ja aufs unzweideutigste indicirt, den 
Sohn der Phaenarete mit dem Sohne der Maria, den 
Menschen Sokrates mit dem Menschen Jesus Christus ^'' 
emsthaft zu vergleichen, und zu zeigen: dass wenn 
das System der typischen Theologie d. h. die Lehre 
dass es vorbildliche Personlichkeiten zu der hochsten 
des Menschensohnes gebe, ttberhaupt zulassig ist, hier 
wenn irgendwo ein echtes Vorbild Christi klar erkenn- 
bai^ ist. Ich meinestheils bezweifele auch nicht dass, 
wie die ganze Vergangenheit ihrer Natur nach eine 
Vorerscheinung der Gegenwart, und diese der Zu- 
kunft ist: es ebendarum auch in der Vergangenheit 
Personlichkeiten geben mlisse, welche als Vorerschein- 
ungen kflnftiger Personen aufgefasst werden konnen ; 
um so mehr da alle in lezter Instanz Kinder eines 
Vaters, also substanziell verwandt sind. 

Was nun zuerst die Jugendgeschichte beider MSn* 
ner betriffi;, so wissen wirleider von der desHeilan- 

krates p. 14. Chr. Banr, Das ChrUtliohe des Platonisrans, Tfi- 
bingen 1837. 
'" Paulas Ad Timotheum I, 2, 5. 



Obriatvs. XOI 

des viel za wenig, als dass in Bezug auf sie eine Ver- 
gleichung sich durchftihren liesse. Einige Anhalts- 
punkte jedoch finden sich. Der eine war eines Bild- 
hauers Sohn, der andere gait ftir den eines Zimmer* 
mannes, beide gehorten sonach von Geburt nicht dem 
Stande der Gelehrten, sohdern dem der Kfinstler und 
Handwerker an. Der Name des Sokrates, Sianpartff:, 
hat dieselbe Wurzel wie (fcoT^p, und bezeichnet einen 
HeWcraftigen: ganz wie der Name Jesus, ^ItjtSov^^ mit 
latSi^ Heilung zusammenhSngt ^ * ^ Beide Manner tra- 
gen sonacli ihren Charakter und ihre Bedeutung in 
ihrem Namen. Bei der Geburt Christi sind Magier 
aus dem Morgenlande gekommen ihn anzubeten "^ ' ^ ; 
dem Sokrates soil ein Magier, der aus Sjrrien nach 
Athen gekommen war^ seinen gewaltsamen Tod vor- 
aosgesagt haben'*'. Auch die Art wie beide ihre Jtin- 
ger beriefen, zeigt auffallende Ahnlichkeiten. Als Je- 
sus zum Galilaeischen Meere kam, fand er zwei Brfi- 
der, Simon und Andreas, die ihre Netze auswarfen 
umFischezu fangen, undsprach zuihnen: folgetm^r 
nach, ich will euch zu Menschenfischern machen ; und 
alsbald verliessen sie ihre Netze und folgten ihm 



'*' Die Adjeotire coog, uiiogt utog heil gesund, nnd l^Xog der heUende^ 
sittd Beinamen des Heilgottes ApoUon: Macrobios SaL I, 17. 
Yergl. meine Stadien p. 256 and p. 491 f. 

^'^ Mattliaeas 2, 1. 

'*' Diogenes L. H, 45: tpriijl d* 'AqifrtotiXrig fiafov Xipd il&opra $x 
J^v(fiag elg *A&iJ¥ag toI ts aXXa xarapfcSvat lov Soxqajovg xal 
dy *ai ^iatoy idBdd'at iriv TBXevTipf ovtcJ. Auch beim Tode 
Platens waren sofUlig Magier in Athen und opferten ihm, da sie 
ihn fftr tin ftbermenschliches Wesen hielten: Seneoa Epist 58, 31. 



102 Sokratef mid 

iiacli^'\ AlsSokratea einstdnrcli die Strassen Athens 
ging, und in einer engen Gasse den Xenophon be- 
gegnete, versperrte er diesem durch Vorhaltung seines 
Stockes den Weg mit der Frage, wo hier diese und 
jene gute Lebensmlttel zu kanfen waren ? und als ihm 
Xenophon dieses beantwortet hatte, frug er ihn weiter : 
weisst du aucbwo hieredele und guteMenschen ge- 
bildet werden? Und als dem JUnglinge hierauf das 
Blut in die Wangen stieg, sagte Sokrates: folge mir 
und leme es^ inov roivvv na\ judpSave. Und von der 
Stunde an ward Xenophon sein treuer ZuhOrer'^^ 
Und ebenso auflFallend erinnert Nikodemus der aus 
Menscheniurcht Nachts zu Christus kam um den 
Meister zu horen'*^, an Eukleides der mit Lebensge- 
fahr zur Nachtzeit von Megara nach Athen ging um 
den Sokrates zu hb'ren'*'. Ja auch das offentliche Auf- 
treten und die ganze volksthtlmliche Lehrart beider 
stehen einander sehr nahe. Wie Christus am See, am 
Jakobsbrunnen, im Tempel und in der Halle Salomons 
lehrte^^°, so Sokrates auf dem Markte, im Lykeion, 
im Kynosarges, in der Halle Zeus des Befreiers (Zev^ 
^eXevSipio^)^^^ : beide in den einfachsten Gleichnisden 
und Sinnspr lichen die grossten Wahrheiten lehrend; 
wie es ja tiberall das sicherste Zeichen des Genius 
ist, das Erhabenste als etwas ihm homogenes einfach 
darzustellen. Beide Manner waren ebendarum auch 



'»• Matthaeu« 4, 18 ff. Johannes 1, 37 ff. — '" Diogen«i L. II, 48. 
"* Johannes 3, 1. 19, 39. — '»» GelUus VI, 10. 
»~ Johannes 10, 23. 18, 20. — 

''* Platon im Euthyderans init and im Bymposion extr.; Aziochos 
p. 507, 1. 516, 22; Theages init. und Eryxias p. 545, 1. 



Christu. X()3 

Freunde der Kinder und liebten es selbst mit ihuen 
zu spielen, der eine freilich im eigenen Haose '^^, der 
andere in dem grosseren seines Vaters, als Freand 
und Lehrer von alien '^'. ' 

Und ebenso haben gleicherweise beide mebr nock 
durch ihr Lehen als durch ihre Lehre gewirkt, vor- 
zugsweise auf sittliche Besserung dringend, und was 
sie lehrten auch ttbend, strenger gegen sich selbst als 
gegen andere ^^^. Sokrates sagte wiederholt, er lehre 
nicht sowol durch Worte als vielmehr durch Werke^'*; 
und bei Christus waren ja im praegnantesten Sinne 
Leben Lehre und Werke identisch. Beide lehrten 
durch Wort und That dass man die reine Wahrheit 
nur mit reiner Seele zu begreifen vermcige, indem es 
dem Nicht -Beinen durchans nicht gestattet sei das 
Beine zu erfassen'^^; so dass wer sich zu dem Gott^ 
lichen erheben und die UrgrUnde der Dinge erken- 
nen wolle, zuerst und vor allem seine Seele reinigen 
mflsse von den Leidenschaften ''^ Wie ja ttberhaupt 

'** Aelianas Var. XII, 15. Seneca De tranq. 17, 4. Valerias Mazi- 
mns VIII, 8 ext 1 und aos ilim Johannes Saresberienais im Po- 
licratiou^ VIII, 12 p. 516. 517. 

^^^ Mattliaeafl 19, 13 ff. Marcus 10, 13 ff. 

"^ Socrates bei Caecilius Balbus De nugis pbilos. p. 18: alteri saepe 
ignoscito, tibi nunquam. minus dicito quam fiioias. 

""^ Xenophon Mem. I, 5, 6: louMvxa Xdftov, Sxt ^fMqatSaiBqov totg 
({ffois ij tolff lofotg iavTov ineSeixrvep, IV, 4, 10: ov loftf 
a'ili* fi^9 dnoSBixwfun* Seneca Epist. 6, 6: Plato plus ex mori- 
bu8 quam ex verbis Socratis traxit 

''* Platons Phaedon p. 23, 7 und daraus Synesius p. 50, A: fiij 
nad-aqtf fag na&ctifov iipdnxetrd'ai nrj ov d'Bfiitop, MattbaeuB 
5, 8: fianagioi oi ua^aqol %j xagdi^' ot( ctvjol jor d'Boy otpoPtM. 

^'^ Augustinus C. D. VIII, 3: causas remm pximas atque summas 



104 Sokrates 

alle echten Weisen aller Zeiten an die Spitze aller 
ilbrigen die grosse Wahrheit stellen : ^durch Herzens- 
reinheit erhebe dich, durch Reinheit erwirb dir das 
Eeine, denn das rechte Handeln ist die Vorstufe zu 
der rechten Erkenntnis^ ^*'^*, Wunderkraftig , in dem 
Sinne wie Christus, war Bokrates allerdings nicht; aber 
etwas von den magischen Kr^ften die jenem natttrlich 
waren, findet sich in denkwtlrdiger Weise auch bei 
diesem. Von Christus wird erzShlt, ein krankes blut- 
flUssiges Weib babe einst den Sanm seines Kleides 
bertlhrt und sei genesen, indem eine Kraft vx)n ibm 
ansging dureb die Bertthrung '^* ; und von Sokrates 
bezeugt Aristides folgendes: gelemt, sagt er, babe 
icb niemals etwas von ibm, innere Fortschritte aber 
babe ich gemacht so oft icb bei ibm gewesen bin, 
wenn auch nur in einem Hause mit ihm, mehr aber 
wenn aucb in einem Zimmer, noch mehr wenn ich 
ihn ansah, und am meisten und besten ftlhlte icb mich 
gefbrdert, wenn ich neben ihm sass und ihn be^ 
rtthrte^^^ Ebenso haben beide Manner gegen die her- 
schende Sitte zuweilen mit Personen verkehrt, deren 
ganze Sinnesart der ihrigen sehr fremd war, Wie 
Christus einst mit einer buhlerischen Samaritanerin 



nonnisi mnndata mente posse comprehendi. Vergl. die Worte 
Christi bei Matthacus 5, 8 und Johannes 7, 17 und meine Stu- 
dien p. 472. 

»" Gregorius Naz. Or. IV, 113 p. 140, A. XX, 12 p. 383, C. D: 
dia nokitsiag (vergl. fiber diesen Sprachgebrauoh des Wortea 
noXiteia = integritas viUe Orat. IV, 114 p. 140, C) aveX&e, dw 
xad-dgaBtog xii^trai to xad-agop., ngafig fnq ini^aaig d'smgia;, 

"» Marcus 5 , 25 ff. Lucas 6 , 19. 8 , 43 ff. 

**• Platon im Theages p. 279 f. VcrgL Symposlon p. 875 f. 



and Christns. 105 

am Jakobsbrunnen aich unterredet und ihr seine giJtt- 
liche Natiir enthtillt hat*'*: so besuchte Sokrates einst 
die schone Hetaere Theodota, und lehrte sie mit ge- 
wohnter Ironic wie sie am besten dieMttnner gewin- 
nen kSnne''^ Wird doch aucb die Sonne dadurch 
nicht befleckt dass sie fiber Gate mid B($se/ ttber i-eine 
nud unreine Wasser scbeinet. 

Anch in den Lebren beider findet sich einiges 
was ilberrascbend 'clbnlich ist Dem Sokrates wird 
im Gegensaz zu der Maxime des ganzen Altertbums: 
dasB es gereebt sei jedem zu geben was ihm gebtlhre, 
dem Freunde Gutes, dem Feinde BSses'"; die Feinde 
im scbaden, die Freunde im woltbun zu iibertref- 
fen*^*: einstimmig der Saz zugeschrieben: den Freun- 
den Gutes zu thun, und die Feinde zu Freunden zu 
macben^''^; Heber Unrecbt zu leiden als Unrecht zu 



^'* Johannes 4, 5 ff. 

^* Xenophon Mem. Ill, 11. Diese Yergleichang verdanke ich Zeller, 
Die rhilosophie der Chriechen U p. 38. 

3" Hesiodns Op. 353 ff. 709 if. Archilochua Fr. 67. Solon Fr. 13, 
5 f. Theognis 363 f. 1089 f. Simonides Ceos Fr. 191. Pindarus 
Pjrtli. 2, 83 f. Istbin. 3, 66. Aeschylus Prom. 1045 f. Fr. 362. 
Sophocles Aj. 79. Oed. C. 228 f. 953. Antig. 641 ff. Euripides im 
Jon 1046 f. nnd Fr. inc. 102 Mth. 66 Dind. PUton im Menon 
p. 327, 20. De rep. 1 p. 17. 18. Xenophon Ages. 11, 12. Mem. 
II, 6, 35. Isocratcs ad Demonicum §. 26. Welcker kleine Schr. 
11 p. 432 f. 

^^ Xenophon Mem. H, 3, 14. 

"* Plutarchus Mor. p. 218, A und Themistius Orat. VII p. 113: ^ 
tovg fih qdXovg eveQfBreiPt tov^ dk ^/i^^oi/f q>iXovg noieXy: 
ein Bpmoh der fibrigens auch dem Lindi^r Kleobulos bei Suidas 
T. KXio^ovlog p. 278, 14 f. und dem PTthagoras bei Diogenes 
L. Ylil, 23 Bugeschricben wird. VergL anch den angebliohen 



lOQ Sokratoi und 

thun^^^) ja lezteres unter keiner yoraus8e2aLng , anch 
denen nicht von welchen man selbst Unrecht erlitten 
bat'^'. Noch em Schritt waiter, oder vielmehr nur 
die Consequenz dieses Sazes gezogen, und wir sind 
bei der Feindesliebe die Christus befiehlt*^^ Ebenso 
gprachen beide Manner fast mit denselben Worten die. 
grosse Wahrheit aus und bewUhrten sie durch ihr Le- 
ben: man mfisse im Conflicte verschiedenartiger An- 
forderungen und Fflichten Gott mehr geborcben ak 
den Menschen, auch wenn die Erflillung dieses Grund- 
sazes das zeitliche Leben koste^^^. Und ebenso las- 
sen eine ganze Reihe von Aussprttchen Cbristi sich 
auch auf Sokrates anwenden. Wie Christus von sich 
sagte: die Welt basset mich, weil ich yon ihr zeuge 



Sprach des HermeB bei A. M. asch - Scharastani R. and Pb. II 

p. 66: zu den TorzOglicbsten Handlungen der Weisen geb5ren 

dreierlei: die Umwandelung des Fcindes in einen Freund, des 

Unwissenden in einen Wissenden, des Gottlosen in einen Gottes- 

f^rchtigen. 
"« Platon im Gorgias p. 49, 15 ff. 135, 1 ff. 171, 11: wV tvXa^ii- 

xiov itrtl to adixetp fiaXXop tj to ddueeXcd'cu, Vergl. Epist. VII 

p. 448, 6 ff. 
"' Platon im Kriton p. 156, 17 ff. 157, 7 oben Anm. 284. 
^^* Matthaeus 5, 44. Lucas 6, 85. Anob in Holtzmanns Indiscben 

Sagen I p. 266 begegnet der Spracb: „die Gnten lieben aucb, wo 

sie ibn treffen, ibren Feind.'^ 
'" Platon Apol. p. 115, 12: neitrofiai dk /laXXov Tq) d'6(^ ij vftU, 

De rep. X p. 467 , 5 (angefiihrt aucb yon Justinus Martyr Apol. 

II, 3 p. 91, B): oAil* ov faq nqo fB xrjs dXtf&Biag Tifjuftiog uvijQf 

niemals mfisse man einen Menscben mebr ebren als die Wabrbeit. 

Vergl. auob Sopbocles Antig. 450 ff. and dazu Pbilostratos v. 

ApolL IV , 38 und den bekannten neuiest. . AuBspmcb Cbristi 

durcb den Hand der Apostel Petrus und Jobannes in der Apostel- 

gesobicbte 4, 19. 5, 29. 



Ghfiftas. X07 

dass ihre W^ke bOse sind^^^; so konnte auch Sokratea 
Ton den Athenem sagen : ihr basset micb well ieb eucb 
bew^se dass euer ganzes Staatswesen thSricht ist'^^ 
Wie Christas bezeugte, er suche nicbt seme Ehre, 
sondem die EbreGottes der ihn gesandt babe'^^; so 
dnrfte aacb Sokrates sagen, er suche nicbt seine Ebre, 
sondem die des Apollon, dessen Wort er wabrmacben 
mflsse ^^\ Ancb er konnte sagen, dass er die Wabr- 
beit erkannt nnd dass diese Erkenntnis ibn fi*ei ge- 
macbt babe'^^; dass die Atbener dagegen seine Spracbe 
nicbt verstanden baben, und ebendarum aucb seine 
Worte nicbt zu erb-s^en vermocbten'". 

Ja aacb die ganze Macbt der Persdnlicbkeit bei- 
der Mllnner una ibre unwidersteblicbe Redekraft wird 
fast mit denselben Worten bezeugt. Aristoxenos ver^- 
sicbert, es sei ibm niemals einer vorgekommen der eine 
solcbe Uberredungskrafl besessen babe wie Sokrates^ 
und der an Stimme und Mund und in der ganzen Er- 
scbeinung und Eigentbttmlicbkeit seines Wesens ibm 
gleicbgekommen ware, besonders wenn er rubig und 
nicbt zornig gewesen^^^; und ebenso bezeugt Alkibiades 
bei Platon: „der ganze Menscb sei wie eine zum auf^ 
scbliessen gemacbte Silenosstatue, von auasen unscbdn 
und raub, yon innen aber das gerade Gegentbeil, in 
einer scblecbten Scbale der edelste Kern. Aucb seine 
Reden erscbienen anfangs fast lacberlicb und gemein^ 



"« Johannes 7,7.— '♦« 8. obwi p. 64 ff. — »♦« Jolumnes 7, 18. 
'♦' Platon Apol. p. 97 ff. besonders p. 99, 10 ff. 
•♦♦ Johannes 8, 32. — '♦* Johannes 8, 43. 

*♦• Aristoxenns Ft. 28 bei Cyrillus c. Julian. VI p. 185, C fmd bei 
Theodoretns De Qr. aff. 12, 62. 



108 Sokraies mid 

wie in ein Satjrrfell eingehttUt; wer aher das Inwen- 
dige betrachte, der finde dass ste allem Vemunft in 
sich habeu und ganz gottlich seien (vovv ix^^^^^i 
Ivbov juovovf evprf(J€i nai S^eiordrov^Y^^ : ganz wie aucfa 
Christus im Gegensaz za den Pharisaem lehrt, nicht 
das Auswendige sondem das Inwendige sei beim Men- 
schen und in alien Dingen die Hauptsaclie, and nicht 
in Aosserlichkeiten sondern nnr im Innem des Men- 
schen sei das Reich Gottes zu finden^^^ Im reden 
femer sagt Alkibiades bei Platon von Sokrates, 6e- 
9tegt er aUe Menschen (vtK<Zvra iv Xoyoi^ ^dvra; ay- 
Spoiyrov^y^^ J ja bei seinen Reden pocht mirdasHerz 
und sie pressen mir Thranen aus, und ich glaube es 
lohne sich nicht zu leben wenn ich so bliebe wie ich 
bin d. h. wenn ich ihnen nicht folge (if re napbia 
^ffboi nal bdnpva inx^iTai wto r<5v Xoyoav r(Sp rovrov. 
(Of re juoi 66S,ai jut} I3i(s>rdv eivai ix^^'^ ^f ^X^)'*^J 
ganz wie von Christus seine Jttnger sagen: er habe 
Worte des ewigen Lebens^'*, darin eine g()ttliche Kraft 
sei, die jeden der sie vernehme machtig ergreife'*^; ja 
unser Herz brannte in uns da er mit uns redete, 
rf napbia tfjuiSp Kaiojuivtf ifv iv rfjuiv (B)f iXaXu tfjuiv^^. 
Haben doch selbst die Knechte der PharisHer und 
Hohenpriester von ihm gesagt ^kein Mensch habe je 
so geredet wie dieser^ ovbiytore iXaXr)6ev ofJrwf av- 
^p(07to^ (if ovrof 6 avSpcdTtof^^^. Die Ahnlichkeit die- 



'♦' Flaton Sympos. p. 465, 10 ff. 

♦• MatthaeuB 23, 25 ff. Lucas 11, 39 f. 17, 20 f. 

'♦* Platon Sympos. p. 449, 16. — ^«> Sympos. p. 453, 16 ff. 

'^1 Johannes 6, 63. 68. - "< Matthaeos 7, 28 f. Marcos 1, 22. 

'" Lucas 24, 32. 45. — "♦ Johannes 7, 46. 



Christufl. 109 

ser Stellen ifit so auffallend, class man fast Termathen 
sollte, Lucas und Johannes haben den Platon gelesen. 
Auch die yielbesprochene Ironie des Sokrates bil- 
det hdchst merkwlirdig sowol einen Gegensaz als eine 
Parallele za dem heiligen Ernste ChristL Dieser war 
selbst der HeUige, darum spracb er auch von dem 
Heiligen wie von etwas ihm natiirlichen '** ; Sokrates 
aber unterschied sehr wol sich selbst von der ihm 
beiwohnenden gottlichen Stimme, und konnte darum 
wenn er sprach, nicht anders sprechen als mit einer 
gewissen Ironie; die eben aus 6inem solchen VerhSlt- 
nis der inneren Duplicitilt des Bewusstseins nothwen- 
dig hervorgeht ^^^. Ich will dies an einem Beispiele 
zeigen welches , obgleich eine Kleinigkeit, den Un- 
terschied beider charakteristiseh darthut Sokrates be- 
kam einmal von einem unverschamten Menschen auf 
offiener Strasse eine Ohrfeige, imd erwiderte darauf 
ironisoh: ^es sei argerlich dass der Mensch nicht wisse 
wann er mit einem Helme versehen ausgehen solle l^ 
wbzu Seneca die Bemerkung macht, dass es bei sol- 
chen Unbilden nicht darauf ankomme wie sie b^^- 
gen, sondem wie sie ertragen wttrden"^. Als Chri- 
stos etwas lUmliches erfiihr^ erwiderte er nicht ironisch 



'*' Act. 3, 14: o aYiog xal dixaiog, Tergl. Pascal, Pe&s^ pref. 

p. 27 f. II, 10, 4 p. 92. 
"• VergL oben p. 23 f. 

'^^ Seneca De ira HI, 11, 2: Socratem aiant colaplio perciueain nihil 
amplius disdase qnam „moleiitam ease, quod nesoirent homines, 
qaando cum galea prodire deberent.^ Non quemadmodam fiusta 
sit injuria refert, sed qaemadmodum lata. VergL BaslUos torn. II 
p. 179, B uad Caesarius DiaL IV, 192 bei GaUandi IV p. 145, A. 



\1Q SoknUas und 

gondem mit heiligem Emste: ^wenn ioh flbel gere- 
det habe, so beweise es; habe ich aber recht geredet, 
warum schVagst du mich?*^*® Ganz aber fehlt die 
Ironie, die bei Sokrates so stark hervortritt) auch bei 
Christns nicht; die Apokryphen enthalten dar fiber 
manches, was mir Yollkommen echt erscheint. Arar 
bische Scbrifitsteller fhhren als Aussprach Christi fol- 
gendes an: ^ich habe Blinde sebend und Aussazige 
gesund gemacht; die Dummen aber zu heilen war ich 
nicht im Stande^ '*' : was ganz an die Sokratische Lehre 
▼on der Ausbildang der rechten Erkenntnis, and dass 
alles Bose auf Unwissenheit beruhe, erinnert'^^ Eine 
von Johannes erzS.hlte Unterredung Christi mit Pi- 
latus lautet also: ^da sprach Pilatos zn ihm: so bist 
du dennoch ein Ko'nig? Jesus antwortete: du sagst 
eS) ich bin ein Kdnig, dazu geboren und in die Welt 
gekommen, der Wahrheit Zeugnis zu geb^i ; wer aus 
der Wahrheit ist, der hb'rt meine Stimme. Spriebt 
Pilatus zu ihm: was ist Wahrheit? und wandte skdi 
um und ging hinaus^***. In den apokryphiaehen 
Acten des Pilatus aber wird der Schluss dieser Un- 
terredung also berichtet: ^spricht Pilatus was ist 
Wahrheit? Jesus aber antwortete ihm: die Wahrheit 
ist vom Himmel. Darauf jener: also ist auf Erden 
keine Wahrheit? antwortet Jesus: ich bin die Wahr- 
heit, und du siehst wie diese auf Erden verurtheilt 



3^* Joluumes 18, 23. 

'^ OrelIi*s Opascala Tetenim senteniioM U p. 518: dictam Meosiaa 
filii Mariae: curavi oaecos et leprosos sanavi^ sed stnltis moden- 
dSs impar foi. 

^ Vergl obcn p. 45 f. — "> Johannes 18, 87 f. 



ChrutUA. Ill 

wird von denen die hier Gewalt hiaben* ^^\ Das ist 
echt Sokratische Ironie, die gewiss anch Christus nidit 
fremd war; obgleich sie in den abgekiirzten Erzilh- 
Inngen unserer Eyangelien Ubergangen wird, als nicht 
zu den kirclilichen Zwecken pass^nd ftir welche sie 
geschrieben sind. 

Am wnnderbarsten aber tritt nns diese Ahnlicb- 
keit beider MUnner in alien dera entgegen, was sich 
auf ihre lezten Leb^nschicksale bezieht: hier entspre- 
ehen sich fast Zng ftir Zug. 

Wie Christus in Jerusalem von den PharisSem 
verfolgt nnd ang^lagt wurde, den heiichleriscben Ze- 
loten ftir das altglUubige Jadenthum ; so Sokrates von 
den Demokrateu Athens, welohe in ahnlicher Weise 
ftir die alte Volksreligion und Staatsverfassung eifer- 
ten : wie die einen dem Herm vorwarfen, er verftihre 
das Volk'**, so die andem dem Sokrates, er verderbe 
die Jugend: hier wie dort und zu alien Zeiten sind 
es die Gesezeseiferer, welche den Tiiigem der nenen 
besseren Lehre feindselig sich widersezen^^^ Und 
ebenso ISsst sich das von Platon geschilderte Sjm- 
posion mit dem Liebesmahle Christi und seiner Jtin- 



'*' Acta Pilati in Tisohendorfr ErangeliA apocrypha p. 219. 278: 
XdfBi 6 Udttjoe Ti itrup j dlij&sia; duBxqidmi 6 'Ii^aovg 'H 
aXri^BiCL ianv ix tujp ovqavfay. Jleyti o UiXatog *Ep t^ fjj di 
ovx ffTTip ttltj&ei.ttf Xifii 6 XgioTog *£^fij elfu tj alij&eta' xal 
nftg ip tjj fjj XQiPBttti 17 ttktj&tici naga rtSp ixopxtiP ftjipfp^ 
ifovaiop; nnd p. 828: dicit ei Pilatiui Quid eit Teritas? diclt 
Jesus Veritas de coelo est dicit Pilatus In terris Teritas non est? 
dicit Jesus Pilato Intende veritatem dicentes quomodo judicantur 
ab his qui potestatem habent in terris. 

^ Johannes 7, 12. — '*^ VergL PUtons PoUticui p. 827, 9 ff. 



112 Sokcat^ xmd 

ger vergleichen. Wie hier der Lieblingsjttnger das 
Hen*n, Johannes an der Brust Christi ruht ^^^ : so sisst 
dort Alkibiades an der Seite des Sokrates^^^. Der 
Gegensaz ^wiachen dem sinnlich Schonen und Lie- 
derlichen und dem geistig SchSnen und JungfrSuli- 
chen ist allerdings charakteristisch, aber ganz der bei- 
derseitigen Situation entsprechend. Sokratea wird dort 
geschildert im Glanze eines helleniscben Festmahles, 
von der Liebe begeistert und il^re Geheimnisse leh- 
rend, dass wie sie selbst daemonischer N^tur, aus 
Gottlichem und Menschlicbem gemiscbt ist, nur durch 
sie auch unsere sterbliche Natur an der Unsterblieb- 
keit theilnimmt; wahrend das Liebesmahl Christi ein 
Abscbiedsmahl ist, bei welchem der Meisfer in einem 
ganz anderen heiligen Kelche der Liebe das Blut der 
Bebe zu seinem eigenen weiht, und zu seinem Ge- 
d'achtnis einsezt, bis sie alle dereinst im Hause des 
Vaters das ^ewige Gastmahl feiem wflrden^*^ Der 
Phaedon d^nn ist, wie mit Recbt bemerkt wurde, die 
Ergan;mng des Symposion: wie in diesem der Lebena- 
becher unter den Freunden kreiste, so steht dort dw 
Todesbecber im Hintergrunde, und d6r sobeidende 
Weise zeigt mit derselben Heiterkeit seinen trauem- 
den Freunden, dass das wahre Wesen des Menscben,^ 
seine Seele, unsterblich ist^'^: ganz wie auch Chris- 
tus in den Abschiedsreden bei Johannes seinen Jttn- 
gem alles wiederholt was er als feste ewige Wahr- 
heit in ihnen zurttcklassen m(5chte: „glaubet an Gott 

'** Johannes 13, 23 ff. ^ ^^^ Platons Symposion p. 448. 
'^^ Matthaeas 26, 29. — Lucas 22, 29 £ 
>>• S. oben Anm. 112. 114. 



i^id an i^id^y. bleibet in niir wie. idti ina ea<;^^ ich bin 
jdjer Weinstpck ihr ' seid die Beben ; wer . meine Ge- 
l^ote hXjijty ifiv ist 68 dqr micli Uebet: zneincA Frie- 

Mh weitere augensdieinlipbe Farallelen bietm sid^ 
)iar: daas' Christua yon einem trealosen Sobttler f]Hr 
4reiftig Silberlinge rerrathen und verkauft wurde^'^: 
wahr^qd den Sokrates a^ine treoen 3^iil^ ^ dreisiig 
Min^n loskaufexi wpUten'^'; und dass wip deir Vep- 
ji^ther J;iida£ iiioh erhenk^e (an^y^Jaro)^^ jmi moh 
Pilftto^, der den Heryn de$ Iieben^ zum Tod^^ y^pirr 
llieil^, aich apai^ selb^t d^ Todgegeb^n^^f: gf^ne 
.dbeuaQ : atuih die AnklKger di^g Sokratei^i i yeorachtet 
nnd verfiackt yon aH^n^ ,zalej^ fioh selbsl; erbea^tep 
•(dnfiff£ja»r6) ^^^ j wie es ja ojffc bjBmerkt wordfin iat, da«p 
.grouse Miss^ater zulezt d^s Leben b^sg^ xofi^ i\m 
jdorcb eigenip Hand bu e^tfliebei^ f!|UQllen'^^ Folge^ 
tWir, waiter dem Grange ibrer Scbioks^la, so zcfig^;. aicb 
da88 aucb ihren Ricbtern gegenttber Sokrates und 
Gbristus gans dieselbe Haltung batten: an dem einen 
hebt CScero den unerscbrockenen Preinmtb, Itberam 
conift^TwociaTn^^*; an dem atidem Origenes die gross- 



TT 



'••^^ Jbluumte 14, 1. 21. 27. 15, 4 f. Die yergleicdmiig r^tdanke ioh 

Chr. Baor, Das Christliohe des Platonismus p. 109; 116' fL 
"• Matthaeos 26, 15. — "> Platens ApoL p. 133. 
*? Matthadiis 27, 5. — "' Basebius Hist, eccks. II, 7. 
"^ Plutarchus Mor. p. 538, A. Vergl. oben p. 96. ' ^ 

'^ Aristoteles Eth. Nic. IX, 4 p. 1166, B, II: otg dk itolla x(d 
diivd ninqoKxai did ttjy fioxd'riqiav , fuaoval ts nal <pBVfOv<ri 
TO }irjv xai dvaii^ovaw iavrove. yergL meine Studien p. 240. 

"• Cioero Tnso, I, 29, 71. vergL Da jorat. I, 54. 

8 



114 SokratH tmd 

imflthige Verachtang hervor, fteyoXo^viSi ihrepcoipa- 
KEvat Toii( Koxi)y6pov^"''. Beide fcezengen im Ange- 
"Bichte des Todea dnss sie als MKrtyrer der Wahrheit 
fallen. „Was anderen Menschen ftlr Efare ^Qt, sagt 
6ol:rates, das lasse ich gem fahren, nnd will der 
Wahrheit folgend, die mir Hber alles geht, in do- 
That Teranchen sla der beste zu leben and zn sterben, 
und auch alh anderen Menschen soviel ich vermag, 
hiezu ermahnen*""; ganz wie Christns von rich sagte: 
„dazu bin ich geboren und dazn in die Welt gekom- 
men, dass ich der WahAeit Zeognia gebe'". TTnd 
beide bezengen dann lant, dass ihre Yerfolger gi<k 
seSfst&m meisten schadeten. Sokrates sagt: „nicht mir 
iflt dieser Tod, aondem ench iat er eine Bchande**, 
nicht mir fHget ihr Schaden zu, aondem euch selbat" "'; 
tind GhnstOB spricht: „ihr anohet mioh za tddten, mich 
-einen Menschen der die Wahrheit za ench geepro- 
chen, die ich von Gott gehSrt habe"'; ihr aber, ihr 



' Origcnei Adt. Celnm pru£ |. 3 bun. I p. S16, A. 

* PUtoDB ApoL p. 109, 10 ff. 115, 12 ff. and SokiMM im Qorgiai 
p. 99, 1 f. Had p. 170, II: X"^*' ^*''' iotrae Tag ii/tdg laf 
iwr itokl^av av^t/^nar. Tip' al^^uof oxatmr, nit^airo^ai i^ 
ot^i off aw ivna/iai ^iktuFtts tur nal Zfi' lai inn8a» im- 
tfyijirxw Koo^p^ntw. nofimaim di ««1 tovV JUovc xortof ay- 

" Johaune* 16, 37. 

* Xenopham Apol. g. S6: ov faf tftal, aiii tote Sttfopovin 
TOVTO ataxfo" ivrt. 

' FUton ApoL p. 117, 8: ov'x ifii fuOia ^laipm ^ vftag ovtmif 
stl. VergL PlaUrchna Mor. p. 475, E wo Sokrates ugt: af 
aTtoxttlrai /lir 'Ayvtot nal MiUioe dvrartat, ^iay^at di ow 

" JoluuiQM 8. 40. — '** LncM 23, S8. 



L 



TSchter van Jerusalem, weineit uiolit fiber miqh, son* 
dem weinet ttber eudi selbst und euere Bander*' ^®^ 
Ja wie Ghristus selbst vor seinem Tode liber Jeru- 
salem geweint und ihm vorausgeiEiagt bat dass^ weil 
es die dargebptene Gnade yerkannl: xmd was zu sei^ 
nem Frieden gedient, Yon ^icb gestossen, eszur Strafe 
daMr in kurzi^r Zeit von Fepxd^ ^mxingelt ufid dem 
Erdboden werde gleichgemacbt wf9i:d^n'®^: ganz so 
bat auoh Sokrateg, die Kritfte der Zvkjxait vorem- 
pfindend'^'y den Atbenem geweiasagt, es werde sot 
gleieh naeb seinem Tode die Sti^afe Uber sie kommen^ 
und eine viel strengere Recbenscbaft von ibnen ge- 
£(>rdert w^^en aU er von ibnen verlangt babe^^^ 
Und das Makedoniscbe und das Romisdie Scbwert bat 
die Worte beider vollstreckt Femer, wie Cbristas 
vor seiner Kreuzigung von jttdiscben und barbari. 
sfd^exi Knecbtetn gegeisselt und verspottet wurde^^; 
so auob Sokrates, zwar nicbt rob und materiell^ son<- 
dern wie unter Atbenem, fein und geistreicb. durcb die 
KJomoediensebreiber; deren Stttdce, obgleicb lange vor 
seinem Tode gegeben, docb wie er selbst bezeugt, zu 
seiner Verurtbeilung wesentlicb mitgewirkt baben^^^ 
Auob das eigentbtlmlicbe Fest welcbes nacb der 



n4 ■ I 



^ LncM 19, 41 ft 21 , 5 ft Bfatdilieaa 83, 87 ff. 24, 1 It and 

HarovA IS, If. 
'** VergL Hebr. 6, 5: ftvaa/iBvog dwafimg fUXXortog tdtSpog. 
•" PUton ApoL p. 135, 6 ff. 
'«' Matthaeos 26, 67. 27, 27 ff. Marons 14, 65. 15, 17 ff. Lnoas 

22, 63 ff. 23, 11. 35 ff. Johannes 19, 2 f. 

'** PJatoa ApoL p. 93, 13 ff. £« war mein onTergeasUober Lebier 
Schellingy der miob einsi anf |dlB8e Abii)liobkait aufmorksaia maohta. 

8» 



]^X^ Sokratea vnd 

Verurtheiltihg beider Mttnher^ in Athen wie in Je- 
nisalem eintrat , ist irie so vieles in dieser Wnnder- 
geschichte, ein fiberraschend Shnlicher ZufalL Dem 
Bokrates gab die dadurch herbeigeftlhrte VesrzSger- 
trag seiner Hmriclitung, Qelegenheit mit seinen Freun- 
den bis ium lezten Hanclie sich nnterreden zu k«n- 
hen: TJnd auch was hier verging hat seine Paral- 

lele in den Abschiedsreden ChristL 

_ (I , 

Als Bokrates an seinem Sterbetage in GksprS- 
chen tiber die Unsterblichkeit der Seele den Gredan* 
ken ansgesprochen, nunmehr bald von alien mensch- 
lichen Ubelh erlSst zn werden (chtffXKdx^i rtiv dp- 
Bp(syitip(op Han(Sv)] und dann zwei der Anwesenden, 
Bittimias nhd Kebes, immer wieder auf das jezige Un- 
gltlck (rrfv ^apov6av Ev/mqiopdv) zurUekkamen , in 
welches er gerathen sel, da erwiderte er mit wehmll- 
Ihigem Lacheln : „wehe Bimmias, wahrlich es wird mir 
fichwer werden die an(f eren Menschen zu ttberzeugen 
dass ich mein jeziges Gdschick nicht fflr eiti Unglttck 
halte; da ich ja nicht einmal euch, meine Freunde, 
davon ttberzeugen kann, sondem auch ihr zu 'ftirch- 
ten scheint, ich sei jezt weniger zufrieden und mehr 
gebrochen als in meinem fruheren Leben^ ^•. Ganz 
wie auch die Jttnger Christi seine Abschiedsreden, in 
denen' er von seinem Heimgange sprach, mit tranri- 
gem Herzen aufnahmen'^^, und, die ideale Auffas- 



'*' Platon im Phaedon p. 59, 18: ^a^ai, (o Si/ifiia' 17 nov /otiUTrwf 
av rove aXXovg nsifraifii uv&(f(6navg (Jg ov (vfitpogdy r^fovfuti 
tijp itaqovaap Tv/i^y, ore ^b firjd^ vfiag dvvafiai nBi&BiP, aXXd 
q>o^Bi<T&B fiTf dvgnokciiBQOv Ti vv^ didxBifiott ^ fy T^ nqoQ- 
&B¥ ^{0, — '"• Johannes 16, 5 ff. 



' ehriato*. ' HI 

sung ihres Meisters wenig verstehend, ganz die ir- 
disclie geltend machten; so dass auch er mit Weh- 
inuth einst zu einem der Seinigen sprach: ^so lange 
Zeit nun bin ich bei euch, und du kennst midi nicbt, 
Philippus *•*?** Und gleicherweise entspricht eine an- 
dere Stelle Platons fast wGrtKcb einer Johannekdieni 
Den Schtllem des Sokrates die bis ans Ende bei ihm 
busbarrteh) wisir zU Muthe „als wenn sie nun des 
Vaters beraubt das fibrige Leben als Waise hinbrin^ 
gen nrttssten (drex^^^ ifyovju^oi oi^ ^np irtarpo^ (fn^ 
pTfS^ivrt^ bidE^iivdipqiavoi rov intira /?ioi')^*'; und um 
das^lbe Gtefiihl des Verlassenseins zu beschwlohtigen^ 
sagte Jesus zu seinen Jtlngern: ^icb werdeeudh nidht 
als Waise zurttcklassen, ovn dg)fj^o> vjud^ oppavdv^^^K 
Wie femer der RcJmisehe Centurio bei der Kreiizig-^ 
ting Cbristi, als er den Unschuldigen sferben gesehen 
iind seine lezten Worte vemommen hatte (-Vater in 
deine HSnde befehle ich meinen Qeist*), ersdbttttert 
von der inneren GrSsse dessen der hier Susserlich 
unterlag, mit soMatischem Freimuth offen bekatinte: 
^wahrlich dieser Merisch ist Goftes Bohn gewesen*' ••^; 
ganz ebenso bezeugte dei* GefUnghiswarter und Die- 
ner der ESlfinSniier von dem sterbeuden Sokrates: 
^dass er der bocbberzigste sanfteste undbeste unter 
alien Mensehen gewQsen sei, die er je gekannt babe* ^''. 



''> Jolumnes 14, 9. yergl. Matthaeus 16, 21 ff. 

»»« Platon hn Phaedon p. 128, 12. — »" Johannes 14, 18* 

3*^ Matthaeils 27, 64. Marous 15, 89. Lueas 28, 47. 

'*^ FlatoBf Phaedon p. 124, A: (n iipttana iv xovt^ t^ X^^^ f^^' 
vaioratop Mai ngaoTarot^ arai agitnop ortet xmv tn^noxB dtvqo 



W$ Sokrftten mid 

Und damit niohts felile au der YolktanieLigeii Faral- 
Ide iffwischen beiden, bo wird, der Auferstehung ChriBti 
gegenttber) auch von Sokrates bezeugt, dass er mcht 
nur geistig in seinen Jlingera auferstanden sei — Be« 
weis hiefUr die ^hriften Platons, die fUr immer phi- 
Josophisclie Evangelien bleiben — sondem es wird 
ausdrttcklich bericbtet, dass Sokrates Bach seineim Tode 
deni Cbier Kyrsas erscbienen sei) der um ibn xa sehen 
oach Atben gekommen, ibn nicbt mekr aw I^ebea 
faod, und sich dann in der Nabe seines Grabea nie- 
d€irgesezt hatte und eii^escbliafen war^'^ Ja aelbst 
lange nacb ibrem Heimgange sind beide Manner aucb 
yon ibren Scbillem in ganz abnlicber Weise verschie- 
den aufgefasst worden. Beide b^ben bekanntlicb selbst 
nicbts gescbrieben (sie wollten ibre Lebre nicbt auf 
die Haut der Tbiere, sondem in die Herzen der Meur 
fiOben eingraben)^«^ sondem erst ibren Jttngem ver- 
danken wir was uns von ibnen bekannt ist^^®: uud aucb 
biet entspricbt die doppelte Auffassung des Sokrates, 
die realistiscbe durcb Xenopbon und die ideaUstisebje 
durcb Platon , ganz und gar der zwijelacben Auffas- 
sung Gbristi in den somatiscben Evangelien der Sjn- 
optiker und in dem pnemnatiscben Evi^i^lium des 
Jobannes'^. 



3'* Saidas r. J^mxQaxtjg p. 845, 17 ff. Vergl. Libanius III p. 63, 1 ff. 
and die Epistolae Socraticae 17. 

'*' Wle otto Friaingensis U, 19 roQ Sokrates beriehtet: malo in 
cordibuft hommom qtiam in pellibos mortuomm animaliom scribere. 

'** GUdenoa torn. XV p. 68. Plutarohas Mor. p. 328, A« AngnatinuB 

De eonsensu evangeliatarnm l^ 12. 
'" Eusebius Hist eccles. VI, 14. 



CbriBttis. 119 

Ein cbarakteristischer Unterscbied beider, dei* uns 
in einem denkwtirdigen Selbstbekenntnis entgegen- 
trift, ist folgender: Soktates sagte, mcbts gewShre dem 
Menscbeti eine so grosde il^reude als das Bewusstsein, 
selbst besser zu^erden und anch seine Freunde bei- 
ser za machen : dieses Bewusstsein verlasse ihn keinen 
Angenblick, ^nnd icb weiss dass mir die Nacbweh 
einst dasZeugnis geben wird, dass icb keinem Men- 
Bchen Unrecht gethan, keinen schlechter gema<5ht, wol 
aber stets mich bemtlht habe, meine Freunde besser 
zu machen^ ^•^ Christus dagegen durfte an sdiw 
Widersa6l\er kttlin die Frage richten : ^wer unter euch 
kann midi einer Sttnde zeiben*^**^ ? Den Sokrates 
hit das Del{)hische Orakel ftlr den Weisesten seineis 
Volkfes erklUrt *^: von Christus aber wird g^agt: 
ill ihm seien verborgen alte Seh&tze der Weisheit 
nnd der Erkenntnis; denn in ihm wohne leibhaftig 
die ganze FttUe def Oottheit*»^ Alle und jede Re- 
ligion, auch die christliche nicht attsgenommen, ter- 



^ Xeiiopboa Mem. I, 6, 9. IV, 8) tO. ApoL %. 26, obaa Aniu 
2ia. 289. 

^^ Johannes 8, 46. Vergl. Th. HeinsinA, Sokrates p. 63: einer va0- 
hammenen Tagend hat er selbst sich nie gerilhmt; nnr Einer 
konnte in seiner Heiligkeit ausrufen : wer kann mich einer Sfinde 
eeihen! Aber in der heidnischen Welt steht keiner so hoch wie 
er, an Einsicht und an Seelengrfisse; keiner kommt ihm gleich 
an Selbstbeherschang, freiwilliger Entsagang and Demuth, keiner 
an Ergebung and Ruhe in der Sterbestunde. 

♦•» S. oben Anm. 67. 

♦•* Panlas Ad Colosst. 2, 3; ip if $lin npirteg ol -dTiffavQol trje ao* 
^img Mml Ti^ fpm^H^ dnon^ipot, and Vers 9: 6u iv t^r^ ffft- 
Toixet nuv to nXijf^afia j^g ^sot^to^ a^funuuSg, 



IQO Bokntes nnd 

mj^g ihren Bekennem nichts hSheres zu geben als 
^inen dei^ Tod liberwindenden Glauben : dem Sokrates 
igtTod und Leben gleich, lebenist ihm sterben, und 
gterben ist ihm leben^^^; Christas aber hi selbst der 
.Uber winder des Todeg, er ^st die Auferstehung mid 

,4a» Leben ^°'v 

Der alteste unter den uns erbaltenen Apologeten 
dea Christenthunis, Justiniis Martyr, vor seiner Bei- 
fk^brung Platoniker, bebauptet mit Becbt: ^daas der 
Same des gottlicbep Logos alien Menschen, der gap- 
ssen M^scbheit eingeboren sex, und dasa war diesem 
Logos gemass lebe, ein Christ sei, auch wenn seine 
Zei^enossen ihn fUr einen Atheisten hielten; 'wie unter 
d^n Hellenen Herakjejitps und Sokrates gewesen, und 
:alle die ihii^n ahnlich seien: depn aucbBokrates babe 
Ohristttin tbeilweise yorauserkannt" *®^ 1st ja docb 
ttberboupt die Logodebre des Johannes (der ai^ dem- 
selben Orte lebte und lehrte wo sechs Jabrhunderte 
.yor ihm Herakleitos geliabt und philosopbirt hat) ohiie 
die Lehre des Herakleitos und des platonischen So- 
krates von dem das Weltall durchdringenden gStt- 
lichen Logos ^^^, gar nicht verstandlich. Auch hat 

♦<>♦ PUtona Phaedon p. 14 ff. 24. 30 f. Gorgias p. 99. 100. 

♦•* Johannes 11, 25. 

*^ Justinns Martyr ApoL I, 46 p. 73, B: xoi' Xgitnop ni^oToroMOp 
Tov S-80V Mtvai i^iddx^fiBv xal nqosfirjyvvafiBP Aofoy orrcsy ov 
nap fivos dv^qionov fiStiaxB' »ai ol fiBjd Xo^ov ^uavartBg 
XQKniatfoi elai, nq^v d&eol ivofiiadTjQov , olov iv "EXliiin fiew 
SiaxQUTrjg xal 'H(^dxXBnog xal ol Ofioioi avroTg. II, 10 p. 99, C : 
Xqietif de t(j> xal vno Soxqdtovg dno (id^ovg fvft^ijd'ini (Ad- 
fOg fdg ijy xai itniv 6 iv ^avrl (Sp xtL). 

^' S. meine Abhandlang ftber die theologl«6he Omndlage sUer phi- 
losophiflclien Systeme p. 2. 3* 



ChrirtuB. 121 

Sokrates selbst ausdrilcklicli und wiederholt bekannt: 
wenn bei dem jezigen Weltzustande etwas soUe ge- 
bessert werden, so konne dies nur durch Vermittelung 
eines himmlischen , gottlichen Wesens geschehen^^®; 
er selbst bezeichnet dann anderswo dieses hohere We- 
sen als einen go'ttlichen Logos, Aoyof ri^ Sefoj, auf 
dem als einem festen Schiflfe man sicher und gefahrlos 
durch die Fluthen des Lebens sich wagen konne *°'. 
Und als Ideal eines wabrhaft Gerechten stellt er dann 
einen solchen auf, „der ohne selbsfe.% irgend ein Un- 
recht zu thun, den grossten Schein der Ungerechtig- 
keit babe, damit er ganz in der Gerechtigkeit sich 
bewahre, und der dann gefesselt, gegeisselt, gefoltert, 
mit gltlhenden Eisen geblendet an beiden Augen, und 
nachdem er alle Leiden erduldet, zulezt noch gekreu- 
zigt werde"^*^ 

Wer nunmehr den Sokrates unter denPropheten 
nicht leiden will, den muss man mitHamann^** fra- 
gen : wer der Propheten Vater sei ? und ob sich unser 
Gott nicht einen Gott der Heiden genannt und er- 
wiesen hat?^*^ „der in vergangenen Zeiten alle Hei- 
den ihre eigenen Wege hat wandeln lassen, die Zei- 
ten der XJnwissenheit tibersehend, wiewol er sich unter 
ihnen nicht unbezeugt gelassen hat"**^. 

♦<»* Platons Apol. p. 117. 118 und De rep. IV p. 179. 309. 

♦<>» Platons Phaedon p. 61, 10 ft 

^^^ Platon De Rep. 11 p. 65. 66. Der wahre HeiUge und Oereehte 
der hier wie in einer Vision bescfarieben wird, ist Christns : Mat- 
thaeus 27, 19. Act 3, 14. 7, 52. 22, 14. Johannes Epist. I, 2, 1. 
Jakobus 5, 6. 

♦" Hamann II, 42. — ♦" Panlus ad Rom. 3, 29. 

^" Paulas in der Apostelgeschichte 14, 16 f. 17, 30. 

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l-ii Sukrates and Chmtus. 

Ich nehme daniin kemen Anstand offen and zu- 
versichtlich zu beliaupten, dasakeine unter alleu a!t- 
teetamentlichen PersoulicUkeiten ein so voJlstKudi^cs 
Voi-bild Christ! ist als derGrieche Sokrates; und «ls-^ 
ebenao unzweifelhaft das Beste der chmtlichen Le- 
benslehre dem Hellenismtis ungleich naher stebt iU 
dem Judaismvis.