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LIBRARY ofthe 

UNIVERSITY OF TORONTO 

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H.F. JANSON 



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Neuausgabe des XI. Bandes der Statuen deutscher Kultur 
C. II. Beck'eche Buclidmckerei in Nördlingen 



Zur Einfährung 



Im Weltall geht kein Stoff verloren, verschwindet keine 
Kraft. — Dieses Gesetz scheint mir auch in der Geschichte 
alles geistigen Lebens, in der Literatur zu gelten. Es gibt 
eine große gleichmäßige Potenz des Geistes und der schöpfe- 
rischen Kraft, die sich immer verhältnismäßig gleichstark 
äußert, nur in stets wechselnder Form, an stets wechselnden 
Eruptionsherden: Jetzt blüht die Kunst, wird reif und welkt. 
Das gesellschaftliche Leben, die Kultur eines edlen Verkehrs 
übernimmt den Erfolg. Geist, Mut und Tatkraft entzünden 
sich in den Gehirnen. Die Kriege erzählen von Helden; alle 
Energie entlädt sich in großen Taten. Staatsweisheit und 
Wissenschaft wachsen an zu Triumphen der Menschheit — Die 
Bogen überspannen sich; die Kunst erlöst. Wie Kinder, 
die immer wieder ihres Spielzeugs überdrüssig werden, sind 
die Gehirne. — Mit schwerer Arbeit und Not brechen die 
Einzelnen, Frühgereiften Bahn; andere schreiten freier nach; 
eine gewisse Höhe und Aussicht eröffnet den Blick zu allen 
goldenen Möglichkeiten; schwindlig geworden treibt die 
Menge das Gute zum Unsinn, tritt sie die Wiesen und Ge- 
büsche und Hügel platt. — Die Einzelnen aber sind längst auf 

1* 



ZUR EINFÜHRUNG 



anderen Pfaden, überdrüssig der Straßen, da nun die Herden 
ziehn. So rollt alle Entwicklung, und alles ist gut und not- 
wendig. Darum ist es eine Torheit diese oder jene Zeit zu 
tadeln, als hätte sie ihren Zweck verfehlt. Der erste Schritt 
zu einem Ziel ist nötiger als der letzte, gewagter und größer 
ist er auch, wenn er auch nicht so zielsicher ist. Wir aber, 
die wir im Kulminationspunkt des großen Rades schweben, 
haben uns gewöhnt diesen unsern Standpunkt als den 
höchsten zu preisen und herabzusehen auf alle, die „unter" 
uns sind. 

Mit beinahe fanatischer Konsequenz — seltene Ausnahmen 
selbstverständhch — fällt diese Verachtung „edlerer Enkel" 
besonders auf jene Zeit, deren lyrische Schöpfungen ich 
hier in einer kleinen Auswahl mit schüchternstem Versuche 
zusammenstellte. Natürlich man läßt die „galanten Ge- 
dichte" gelten, indem man mit dem stofflich Angenehmen, 
das, was sprachlich und künstlerisch Verächtlich erscheint, 
entschuldigt. Ich möchte aber, daß man in der ganzen Barok- 
kunst keine „Entartung" sondern einen ebenso berechtigten 
Ausdruck künstlerischen Empfindens sähe, wie nur in der 
Antike, der Renaissance oder was solche Buchbegriffe mehr 
sind. Es ist freilich leicht durch banale Zusammenstellung 
„komischer Ausdrücke" die Barokdichter lächerlich zu machen; 
beinahe jeder Literarhistoriker ist denn auch darauf gekommen. 
Wer aber bedenkt, daß unsere so bildfähige, symbolreiche 
Sprache nur die größere Tradition und Gewöhnung vor jenen 
voraushat? 



ZUR EINFÜHRUNG 



Die deutsche Sprache des 14., des 15., auch des 16. Jahr- 
hunderts war eine Kleinstaaterei von Dialekten, die ausnahms- 
los unbeholfen und ärmlich geworden waren; einzig die 
Schriften der Mystiker bewahrten eine alte, vornehme Tradition. 
Die Gebildeten bedienten sich des Lateinischen. So hat diese 
Zeit eine bedeutende lateinische Literatur, und eine ärmliche 
deutsche. Es bestand Gefahr, daß es der deutschen Sprache 
gehen würde, wie es den jetzt romanischen allen gegangen, 
daß sie von der lateinischen zerfetzt, durchsetzt und völlig 
romanisiert würde. Die Humanisten vom Anfang des 16. Jahr- 
hunderts taten was sie konnten zu diesem Schritt. Aber so 
gerne der Deutsche von dem Fremden nimmt, es gibt stets 
eine starke Partei, die dafür sorgt, daß das Eigene die Ober- 
hand behält, daß das Fremde in ihm untergeht. So erhoben 
sich mehr und mehr Stimmen für die bedrohte Sprache. 
Fischart war einer der ersten. — Luther, sagt man, hatte schon 
die Rettung gebracht. — Sicher hat er die großen Fähigkeiten 
der Sprache nachgewiesen, das Volk einheitlicher zusammen- 
gefaßt, aber damit war keine neue, deutsche Schriftsprache ge- 
schaffen. Seine Bibel war deutsch in den einzelnen Worten, 
aber in den Bildern, in den Formen, im Tonfall, in allem 
fast war sie eben biblisch. Abgesehen von den Kanzelrednern 
war Herder eigentlich der erste, der in Luthers Sprache schrieb. 
Lessing ist ohne Luther derselbe, ebenso die Anakreontiker 
und alle, hier bis auf Opitz, dort bis auf Thomasius zurück. 
Goethe vereinigt auch hier. 
In der Wissenschaft blieb ja nach Luther noch bis in die 



ZUR EINFÜHRUNG 



Mitte des 17. Jahrhunderts das bequeme, ausdrucksfähige 
Latein Schriftsprache, überhaupt blieb die Prosa allgemein 
lateinisch und wo einer deutsch schrieb, fiel es jämmerlich 
genug aus, einzelne Werke ausgenommen, die in naiver Un- 
befangenheit sich volkstümlich hielten, wie der „Simplizissi- 
mus". Eine ganz eigenartige und bedeutende Entwicklung 
aber nahm die Lyrik. Auch sie war in den Händen der 
„Gelehrten", auch sie wurde vielfach überhäuft von dem 
Schutte schlechtverstandener oder schlecht verarbeiteter Re- 
naissance-Errungenschaften. Aber die Lyrik ist die Kunst, 
die dem Herzen am nächsten wohnt, in der am ersten die 
Sehnsucht und die Absichten einer Zeit reinen Ausdruck er- 
reichen, wenn die Vernunft denselben Ausdruck auch ver- 
geblich sucht und unbeholfen verfehlt. 
Gegen das Ende des 16. Jahrhunderts war die volkstüm- 
liche Lyrik wie die Kunst der Meistersinger dadurch unerträg- 
lich geworden, daß sich mit der entweder spielerischen, ge- 
zwungenen oder glatten, formlosen Art der Reimereien eine 
anmaßende und dummstolze Gelehrsamkeit verband, die ihren 
besten Ausdruck in dem „Saalbader" Jakob Vogel findet, 
einer guten Seele, der nur die Leichtigkeit des Versemachens 
und die Fülle der gelehrten Ausdrücke den Kopf verwirrten. 
Vogel trägt gewißermaßen als Enkel der ganzen Meistersinger- 
und Volksdichterzunft den Fluch, den die zunftmäßige „Pflege 
der Kunst", diese Künstelei auf der einen, die konservative 
Zufriedenheit mit den althergebrachten Tönen und Themen 
auf der anderen Seite, schließlich mit sich bringen mußte. 



ZUR EINFÜHRUNG 



Um dieselbe Zeit erfaßte, von Italien ausgehend, eine 
wachsende Vorliebe für Musik und kunstmäßigen Gesang alle 
bürgerlichen Kreise in Deutschland. Zahlreiche Liederbücher 
mit alten und neuen Texten und Kompositionen kamen dieser 
Mode entgegen. Diesen Liederbüchern verdankt das so- 
genannte Gesellschaftslied seine Entstehung, das oft von den 
Komponisten selbst gedichtet wurde, sich meist an alte Ge- 
dichte anlehnte, aber dennoch eine neue eigenartige Färbung 
trug, der auf italienischen Einfluß zurückzuführen ist. Die 
antike Welt und ihre Götter tauchen auf. Durchaus verwandt 
mit den Gesellschaftsliedern sind Weckherlins und auch noch 
Opitzens Verse. Ich weiß, daß Opitz außerdem noch das 
Verdienst hat, als erster auf einen natürlichen sprachgemäßen 
Fluß des Verses gedrungen zu haben, und daß er auf den 
Unterschied zwischen deutscher und lateinischer Betonung 
hingewiesen hat, aber die Feststellung dieser an sich sehr 
wichtigen Tatsache lag in der Luft, und andere fanden sie 
neben ihm und unabhängig von ihm. Dort wo er neue 
Wege geht, erreicht er nur wenig, seine ganze Begabung 
blieb im Konventionellen, in der Tradition stecken. Dagegen 
scheint er eine agitatorische Persönlichkeit gewesen zu sein, 
bestechend in Worten und Versen. Zunächst zu seinem 
eigenen Nutzen natürlich, aber indirekt war es für alle 
Künstler und die Kunst selbst nützlich, daß Opitz Mäcene 
zu erwecken wußte, daß er die Dichter neben oder gar über 
die Gelehrten zu stellen verstand. Mit der wachsenden 
Achtung vor dem Dichter ging auch ein größerer Drang zur 



ZUR EINFÜHRUNG 



geistigen, zur künstlerischen Tätigkeit durch das Volk. Die 
Bewegung äußerte sich unbeholfen, aber war trotzdem ebenso 
wichtig wie segensreich. Den Sprachgesellschaften, die sich 
zur Pflege der deutschen Sprache gründeten, verdanken wir 
die schnelle Überwindung der Vorherrschaft, die das Lateinische 
ausgeübt hatte. Jetzt erst konnte auch ein deutsch schreiben- 
der Dichter die Poetenkrone erwerben. 
Schlesien und Meissen stehen im Kernpunkte der neuen 
Bewegung, doch bleibt diese nicht auf jene Gegenden be- 
schränkt. Überall entstehen Dichter- und Sprachgesellschaften. 
Harsdörfer gründet den Pegiiitzorden in Nürnberg. Um Dach 
sammeln sich im fernen Königsberg Gelehrte und Poeten. 
Fleming findet selbst unter den Deutschen Rußlands Kenner 
und Liebhaber der neusten deutschen Literatur. Mit Holland, 
dann mit Frankreich und Italien entstehen enge Zusammen- 
hänge, vorübergehend auch zum Nachteil der Deutschen: 
War Flemings Kunst bei aller Grazie und Feinheit der 
Form noch schwer und stabil gewesen, so verführte die eben 
errungene Gewandtheit einige bald zu Versuchen, es den 
Italienern an Anmut und Leichtigkeit gleichzutun, obgleich 
die Vorbedingung zu Raffinements, eine alte Kultur, ihnen 
vollständig fehlte: Bauern, die die Schäferspiele alter edler 
Geschlechter nachahmen. Aber auch hier sind diese Hars- 
dörfer, Schirmer, Stieler, Greflinger Anfänge, die noch das 
Jahrhundert selbst vollendete. Ernste gründliche Naturen, — 
Gryphius ist der Vollkommenste — binden das flatterhafte 
Spiel, stellen höhere Ziele vor, stützen sich auf solidere 



ZUR EINFÜHRUNG 



Vorbilder, machen wirklich eigene, erste, prüfende, breit- 
beinige Schritte, werden persönlich. Es hat etwas Rührendes 
und Erschütterndes. Neben ihnen schon steht, der künstle- 
rischste Geist des Jahrhunderts, der erste Genius unserer 
neueren Literaturepoche, Hoffmann von Hoffmannswaldau, 
wesensverwandt einem späteren Günther, und dem jungen 
Goethe, in Sprache, Suggestion und persönlicher Inbrunst. — 
Die wenigen Gedichte, die ich noch anhängte: von Weise, 
dem verdienstvollen, liebenswürdigen Neukirch und einigen 
unbekannten Dichtern mögen den Eindruck vervollkommnen, 
daß das 17. Jahrhundert sogut seinen lyrischen Ausdruck ge- 
funden hat, wie nur ein anderes, und daß jene Zeit, wenn 
ihr große Genien versagt blieben, dennoch nicht arm zu 
nennen ist, und daß von ihrem Anfange her eine ununter- 
brochene ansteigende Linie in das 18. Jahrhundert hinüber- 
weist. Vor allem liegt mir bei dieser Auswahl an einer Ret- 
tung Hoffmannswaldaus, auf dem in fast allen Literatur- 
geschichten und in der landläufigen Meinung der Vorwurf 
ruht, daß seine Werke schwülstig, schlüpfrig und banal seien. 
Das einzige Gedicht: Wo sind die Stunden der süßen Zeit — 
sollte allen Kritikern Respekt einflößen von einer so außer- 
ordentlichen und frühen Begabung. 



München, Oktober 1906. Will Vesper 



Tanzlied 



Tanzen und Springen, 

Singen und Klingen, 

Lauten und Geigen 

solin auch nicht schweigen! 

Zu musizieren 

und jubiheren 

steht mir all mein Sinn. 



Schöne Jungfrauen 
in grüner Auen, 
mit ihn spatzieren 
und conversieren, 
freundlich zu scherzen 
freut mich im Herzen 
für Silber und Gold. 



GESELLSCHAFTSLIEDER 11 

Ein Maienlob 

Der edle Mai ist kommen, 

das hab ich wahrgenommen: 

die Blümlein zart in voller Blühe stehen, 

Gras, Laub und Bäume sind lieblich anzusehen. 

Die Zeit des edlen Maien 

thut alle Welt erfreuen: 

da hört man die Waldvöglein lieblich singen, 

daß in den Bergen und Thalen thut erklingen. 

Die Maienzeit ich preise 

gleich einem Paradeise: 

da können sich im Grünen fein ergetzen 

zwei junge Lieblein und mit einander schwätzen. 

Abendständchen 

Eim Turteltäubelein 
vergleicht das Herze mein, 
weil es so gar allein 
von seinem Lieb muß sein; 



12 GESELLSCHAFTSLIEDER 

nicht fröhlich kann es werden, 
weil es verlassen ist. 
O schönes Lieb, kehr wieder bald, 
eh denn mein junges Herz erkalt, 
bei Leben mich erhalt. 

Auf einem dürren Ast 
einsam ich traure fast, 
hab weder Ruh noch Rast, 
unträglich ist die Last, 
ich muß melanchoHeren 
all Augenblick und Stund. 
O auserwählte schönste Zier, 
gesell dich wieder bald zu mir, 
nach dir steht mein Begier. 

Kein klares Wässerlein 

trinkt ein solch Täubelein, 

mit seinen Füßelein 

muß zvor getrübet sein; 

thut mir auch nicht mehr schmecken 

wedr Essen oder Trinken wol, 

durchs Wasser in den Augen mein, 

muß auch zuvor getrübet sein, 

weh der großen Pein! 



GESELLSCHAFTSLIEDER 13 

Solch meine Einsamkeit 

erweck, Herzlieb, bei Zeit, 

begieb dich nicht zu weit, 

damit ich werd erfreut, 

thu mich ganz nicht verlassen, 

ich wart dein alle Stund, 

wünsch dir viel tausend guter Nacht; 

dies Liedlein dir zu Ehren erdacht, 

laß ja nicht aus der Acht! 



GEORG RUDOLF WECKHERLIN 

geboren am 15. September 1584 zu Stuttgart, stand als Sekretär 
erst in württembergischen, dann in pfälzischen und endlich in 
englischen Diensten und starb in London am 13. Februar 1653. 



Seiner Liebsten Lob 



Viel schöner, dan der Sonnenglanz, 
viel süßer, dan ein Blumenkranz 
ist meine Myrta anzuschauen; 
sie ist ein Tag selbs voll Klarheit, 
sie ist der Ruhm selbs der Schönheit, 
die schönste unter den Jungfrauen. 

So seind ihr Augen Amors Brand, 
so ist ihr Wesen voll Wolstand, 
so ist ihr Leben nichts dan Tugend; 
und wie an ihrem Leib kein Fehl, 
so ist voll Ehren ihre Seel, 
sie ist ein Wunder aller Jugend. 



Küße 



GEORG RUDOLF WECKHERLIN 15 

Also nu diese Sonn und Blum, 
und dieser Tag und Schönheit Ruhm, 
und diese Augen und Geberden, 
und diese Tugend, Wunder, Ehr, 
und diese Myrt lieb ich so sehr, 
daß sie mein Himmel hie auf Erden. 



Einig süßes Mündelein, 

röter dan ein Röselein, 

das die Sonn durch ihr Ansehen 

macht aufgehen; 

Lippen übertreffend weit 

den Thau, so die Erden netzet, 

und mit Fruchtbarkeit ergetzet 

in der süßen Frühlingszeit. 

Mein liebreiches Schätzelein, 
gib mir so viel Schmätzelein, 
so viel du gibst meinem Herzen 
Pein und Schmerzen, 



16 GEORG RUDOLF WECKHERLIN 

so viel Pfeil der fliegend Gott 
wider mein Herz abgeschossen, 
so viel ich leid unverdrossen 
Jamer, Trübsal, Angst und Spott. 

So viel man wol Körnlein Sands 

am Ufer des Morenlands, 

so viel Gras in dem Feld stehen 

man kann sehen; 

so viel Tropfen in dem Meer, 

so viel Fisch die Wasser bringen, 

Vögel durch die Luft sich schwingen 

und so viel der Herbst Weinbeer. 

So viel schöne Lieblichkeit, 
schmollende HoldseHgkeit, 
so viel Höflichkeit und Lachen 
lieblich machen 
deinen theuren Purpurmund; 
wie viel Rosen deine Wangen, 
wie viel Lilien machen prangen 
deinen Busen steif und rund. 

So oft küß mich, Nymfelein, 

so oft schmatz mich Schimpfelein, 



GEORG RUDOLF WECKHERLIN 17 

laß uns mit einander scherzen 

und uns herzen, 

bis ich sag: „Mein Frid, mein Freid, 

ich kan nicht mehr, laß mich gehen!" 

so solt du ein Weil abstehen, 

daß ich seufzend halb verscheid. 

Darnach küß mich widerum, 

daß noch größer wird die Summ, 

stüpf mich auch mit deiner Zungen 

ungezwungen, 

die so süß als Honig ist: 

also laß uns Kurzweil führen 

damit wir ja nicht verlieren 

der Jugend einige Frist. 

Laß uns nach der Lieb Willkur 
wandlen auf der Jugend Spur, 
bis das Alter krum gebogen 
kommt gezogen 

mit Kalt, Zittern, Forcht und Graus, 
welches mit sich auf dem Rucken 
viel Leids bringet, uns zu drucken, 
bis es uns macht den Garaus. 

Statuen Deutscher Kultur. XI. 2 



MARTIN OPITZ 

geboren am 23. Dezember 1597 zu Bunzlau in Schlesien, brachte 
es durch eine außergewöhnliche Gelehrsamkeit, seine Dichtkunst 
und sein geschmeidiges Wesen schon in jungen Jahren zu hohen 
Ehren. Der Kaiser adelte ihn als „von Boberfeld' ; der König 
von Polen zahlte ihm einen Ehrensold. Am 20. August 1639 starb 
er in Danzig an der Fest. 



Abendlied 



Jetzund körnt die Nacht herbei, 
Vieh und Menschen werden frei, 
die gewünschte Ruh geht an, 
meine Sorge körnt heran. 

Schöne glänzt der Mondenschein 
und die güldnen Sternelein; 
froh ist alles weit und breit, 
ich nur bin in Traurigkeit. 

Zweene mangeln überall 

an der schönen Sternen Zahl; 



MARTIN OPITZ 19 



diese Sterne, die ich mein, 
ist der Liebsten Augenschein 

Nach dem Monden frag ich nicht, 
tunkel ist der Sterne Licht, 
weil sich von mir weggewendt 
Asteris, mein Firmament. 

Wenn sich aber neigt zu mir 

dieser meiner Sonnen Zier, 

acht ich es das beste sein, 

daß kein Stern noch Monde schein. 



Nachtklage 



Jetzt bhcken durch des Himmels Saal 
die güldnen Sterne allzumal, 
ich bin ohn Hoffnung ganz allein, 
ich wach, und andre schlafen ein. 

Du, Jungfrau, liegest in der Ruh 
und hast die stolzen Augen zu; 



20 MARTIN OPITZ 



du denkest nicht an meine Noth, 
noch an den süßen Liebesgott. 

Ich lieg an deiner tauben Thür, 
ob ich doch möge kommen für 
und diesen unbewegten Sinn 
durch meine Bitte zu mir ziehn. 

Was sonst bei Tag irrt hin und her, 
die schnellen Fisch und auch ihr Meer 
sind sicher, geben sich zu Ruh, 
ich bringe nur kein Auge zu. 

Ein jeglichs Ding hat seine Zeit; 
wann es gefroren und geschneit, 
macht sich der Westwind auf die Bahn, 
legt allem neue Kleider an. 

Das eine fällt, das andre steht; 
wenn Phöbus auf die Wache geht, 
weicht Luna weg; will sie entstehn, 
muß Phöbus dann zu Bette gehn. 

Es geht doch alles nach Gebühr; 
zwei Dinge bleiben für und für: 



MARTIN OPITZ 21 



dein harter Sinn und meine Pein, 
die müssen ganz unendlich sein. 

Ich bin kein Schiff nicht in der See, 
das nach des Windes Wellen geh; 
ich halt allein bei dir fest an 
mit Glauben, der nicht wanken kan. 

Gehab dich wol, ich scheid jetzt ab, 
gehab dich wol, ich eil ins Grab; 
nimm meine Seel allein und bloß 
zu dir in deine zarte Schooß. 

Ich gehe nun und laß allhier 
die heißen Thränen vor der Thür; 
doch sol ich fort, denk auch vorhin, 
ob ich des Todes schuldig bin. 



Fast nach dem Holländischen 

Ich empfinde fast ein Grauen, 
daß ich, Plato, für und für 
bin gesessen über dir; 
es ist Zeit hinaus zu schauen 



22 MARTIN OPITZ 



und sich bei den frischen Quellen 
in dem Grünen zu ergehn, 
wo die schönen Blumen stehn, 
und die Fischer Netze stellen. 

Wozu dienet das Studieren 
als zu lauter Ungemach? 
Unter dessen lauft die Bach 
unsers Lebens, das wir führen, 
ehe wir es inne werden 
auf ihr letztes Ende hin; 
dann körnt ohne Geist und Sinn 
dieses alles in die Erden. 

Hola, Junger, geh und frage, 
wo der beste Trunk mag sein, 
nimm den Krug und fülle Wein. 
Alles Trauren, Leid und Klage, 
wie wir Menschen täglich haben, 
eh uns Clotho fortgerafft, 
will ich in den süßen Saft, 
den die Traube gibt, vergraben. 

Kaufe gleichfalls auch Melonen 
und vergiß des Zuckers nicht; 



MARTIN OPITZ 23 



schaue nur, daß nichts gebricht. 
Jener mag der Heller schonen, 
der bei seinen Gold und Schätzen 
tolle sich zu krenken pflegt 
und nicht satt zu Bette legt; 
ich wil weil ich kan mich letzen. 

Bitte meine guten Brüder 

auf die Musik und ein Glas; 

nichts schickt sich, dünkt mich, nichts baß, 

als gut Trank und gute Lieder. 

Laß ich gleich nicht viel zu erben, 

ei, so hab ich edlen Wein; 

wil mit andern lustig sein, 

muß ich gleich alleine sterben. 



SIMON DACH 

geboren am 29. Juli 1605, studierte und lebte in Königsberg, zu- 
letzt als .Professor der Poesie" an der dortigen Universität und 
starb am 15. April 1659. 



Die Sonne rennt mit Prangen 
durch ihre Frühlings-Bahn, 
und lacht mit ihren Wangen 
den runden Erdkreis an. 

Der West-Wind lest sich hören. 
Die Flora seine Braut, 
kömt auch uns zu verehren 
mit Blumen, Graß und Kraut. 

Die Vögel kommen nisten 
aus fremden Ländern her, 
und hengen nach den Lüsten. 
Die Schiffe gehn ins Meer. 



SIMON DACH 25 



Der Schäfer hebt zu singen 
von seiner Phyllis an, 
die Welt geht wie im Springen, 
es freut sich was nur kan. 

Drumb wer anitzt zum Lieben 
ein gutes Mittel hat, 
der flieh es aufzuschieben 
und folge gutem Rat; 

weil alles, was sich reget 
in dem es sich verliebt 
und zu seinsgleichen leget, 
hiezu uns Anlaß giebt. 



FRIEDRICH VON LOGAU 

geboren im Juni 1604 auf Dürr-Brockut bei Nimpsch in Schlesien, 

stand als Jurist in Diensten der Herzöge von Brieg und starb 

am 24. Juli 1655. 



Zehn Sinngedichte 



Jungfern, wenn des Liebsten Mund 
sich zu Eurem Munde schicket — 
haltet still! Es ist der Grund, 
drauf die Lieb ihr Siegel drücket. 



Weder Schatz, wie groß er sei, 
ist uns Männern so ersprießlich, 
weder Freund, wie gut er sei, 
ist uns Männern so genießlich, 
als die uns in Armen schlief; 
denn die angetraute Treu 
herrschet über Leid und Zeit, 
wird durch Altsein immer neu. 



FRIEDRICH VON LOGAU 27 

Die süße Näscherei 
ein lieblich Mündleinkuß 
macht zwar niemanden fett, 
stillt aber viel Verdruß. 



Wie willst du weiße Lilien 
zu rothen Rosen machen? 
Küß eine weiße Galathee: 
sie wird erröthend lachen. 



Dieser Monat ist ein Kuß, 
den der Himmel giebt der Erde, 
daß sie jetzund seine Braut, 
künftig eine Mutter werde. 



Ein Mühlstein und ein Menschenherz 
wird stets herumgetrieben; 
wo Beides Nichts zu reiben hat, 
wird Beides selbst zerrieben. 



28 FRIEDRICH VON LOGAU 

Ein Reis vom Narrenbaum 
trägt Jeder an sich bei; 
der Eine deckt es zu, 
der Andre trägt es frei. 

An wird gehen alle Lust, 
auf wird hören alles Klagen, 
wann die Uhren in der Welt 
alle werden gleiche schlagen. 

Weißt du, was in dieser Welt 
mir am meisten wohlgefällt? 
Daß die Zeit sich selbst verzehret 
und die Welt nicht ewig währet. 

Ein Kind vergißt sich selbst; 
ein Knabe kennt sich nicht; 
ein Jüngling acht sich schlecht; 
ein Mann hat immer Pflicht; 
ein Alter nimmt Verdruß; 
ein Greis wird wieder Kind — 
was meinst du, was doch dies 
für Herrlichkeiten sind! 



PAUL FLEMING 

geboren am 5. Oktober 1609 zu Hartenstein im Vogtlande, erwarb 
wie Opitz schon in jungen Jahren hohe dichterische Ehren, machte 
als Arzt die Reise einer holsteinischen Gesandtschaft nach Persien 
mit und starb ein Jahr nach seiner Rückkehr am 2. April 1640 
in Hamburg. 



Nach dem Regen 



Die Luft hat ausgeweint, der Himmel läßt den Flor 
der schwarzen Wolken ab, der Sturm, der ist vorüber, 
der West befällt den Wald mit einem sanften Fieber, 
die hohe Sonne hebt ihr schönes Haupt empor 
und führet mit sich auf der Blumen ganzen Chor. 
Die Lust ist lustiger, die Liebe selbst scheint lieber. 



Tanzlied 



Laßt uns tanzen, laßt uns springen! 
Denn die Sterne, gleich den Freiern, 
prangen in den lichten Schleiern! 



30 PAUL FLEMING 



Was die lauten Zirkel klingen, 
nach dem tanzen sie am Himmel 
mit unsäglichem Getümmel. 

Laßt uns tanzen, laßt uns springen! 

Denn der Wolken schneller Lauf 

steht mit dunkelm Morgen auf. 

Ob sie gleich sind schwarz und trübe, 

dennoch tanzen sie mit Liebe 

nach der Regenwinde Singen. 

Laßt uns tanzen, laßt uns springen! 
Denn der bunten Blumen Schar, 
wenn auf ihr betautes Haar 
die veriiebten Weste dringen, 
geben einen lieben Schein, 
gleich als seitens Tänze sein! 

Laßt uns tanzen, laßt uns springen! 
laßt uns laufen für und für! 
Denn durch Tanzen lernen wir 
eine Kunst von schönen Dingen! 



PAUL FLEMING 31 



Für eine Jungfrau 



Der Mai, der kömmt gegangen 
und hat die schönen Wangen 
mit Blumen ausgemalt. 
Das Leid der langen Fröste 
wird durch die warmen Weste 
mit Wollust reich bezahlt. 

Auch euer Tag, der liebe, 
will ganz nicht sehen trübe, 
stellt sich erfreuter ein, 
und Alles, was wir fragen, 
das sagt in einem Sagen: 
Ihr sollt gebunden sein! 

Drum wills auch mir gebühren, 
daß ich euch helfe zieren. 
Nehmt dieses schlechte Band! 
Ihr Wünsche, die ich schicke, 
habt mehr, als ich, Gelücke 
und schlingts ihm um die Hand! 



32 PAUL FLEMING 



Ich bitte seinetwegen 
von Gott ihm so viel Segen, 
als Stern am Himmel stehn, 
als Zweige sind in Wäldern, 
als Kräuter auf den Feldern, 
als Fisch im Meere gehn. 



An Basilenen, nachdem er von ihr gereiset war 



Ist mein Glücke gleich gesonnen 
mich zu führen weit von dir, 
o du Sonne meiner Wonnen, 
so verbleibst du doch in mir. 
Du in mir und ich in dir 
sind beisammen für und für. 

Überstehe diese Stunden, 
Schwester, und sei unverwandt. 
Ich verbleibe dir verbunden 



PAUL FLEMING 33 



und du bist mein festes Band; 
meines Herzens Trost bist du 
und mein Herze selbst darzu. 

Ihr, ihr Träume, sollt indessen 

unter uns das Beste tun. 

Kein Schlaf, der soll ihr vergessen, 

ohne mich soll sie nicht ruhn, 

daß die süße Nacht ersetzt, 

was der trübe Tag verletzt. 



Hodaeitslied 



Die warme Frühlingsluft macht ihren Himmel klar, 
seht, wie das güldne Licht der Sonnen heller blicket. 
Der Felder schwangre Schoß ist zur Geburt geschicket. 
Die grüne See geht auf. Die Quellen springen gar 

aus ihren Adern auf. Der Blumen bunte Schar 

malt ihre Gärten aus. Die Felsen stehn erquicket, 

die Täler aufgeputzt, die Auen ausgeschmücket. 

Der Berge Zierat glänzt. Den Wäldern wächst ihr Haar. 

Statuen Deutscher Kultur. XI. 3 



34 PAUL FLEMING 



Seh ich dies alles an, so acht ich unvonnöten 

daß auf dies Hochzeitsfest die emsigen Poeten 

so ernstlich sein bemüht. Ihr balde Frau und Mann, 

erkennt des Glückes Gunst! Luft, Himmel, Sonne, Felder, 
See, Quellen, Gärten, Fels, Tal, Auen, Berge, Wälder, 
die stimmen auch jetzund ein süßes Brautlied an. 



An einen Ring 



So reise denn auch du, du freundUcher Smaragd, 

zu meiner Freundin hin und lasse dir behagen, 

daß eine solche Hand dich fürderhin soll tragen, 

die auch, wie keusch du bist, dich doch noch keuscher macht. 

Sei um sie, wenn sie schläft, sei um sie, wenn sie wacht. 
Oft wird sie dich von mir und meiner Liebe fragen. 
Halt andrer Steine Brauch, die nichts nicht wieder sagen; 
schweig, was du siehst und hörst und nimm dich selbst in Acht. 



PAUL FLEMING 35 



Geschieht es etwan denn, daß sie dir in Gedanken 
ein feuchtes Küßlein reicht, so heb es auf für mich 
bis morgen gegen Nacht. Und wollten etwan sich 

die Lüfte, die es sehn, hierüber mit dir zanken 
und mir es bringen eh, als ich mich stellet ein, 
so send es mir durch sie und laß es heimlich sein. 



An ihren Mund, als er sie umfangen hatte 



Itzt hab ich was ich will, und was ich werde wollen, 
du Wohnhaus meines Geists, der als zu einer Thür 
itzt ein, itzt aus hier geht; ihr güldnen Pforten ihr, 
die auch die Götter selbst um Schöne neiden sollen, 

ihr hohen Lippen ihr, die ihr so hoch geschwollen 
von feuchter Süße seid, itzt hab ich eure Zier, 
das Wesen, das man selbst dem Leben setzet für, 
dem täglich wir ein Teil von unserm Leben zollen. 

3* 



36 PAUL FLEMING 



Ihr Bienen, die ihr liegt an Hyblens süßen Brüsten 
und saugt die edle Milch, den Honigreif mit Lüsten, 
hier, hier ist mein Hymet. Komt fliegt zu mir herein. 

Seht wie das hohe Tun, das treffliche, das starke, 

das der Mund meinem gibt, sich regt in Seel und Marke. 

Ach! daß mein ganzer Leib, doch nichts als Mund sollt sein. 



GEORG PHILIPP HARSDÖRFER 

geboren am I. November 1607 zu Nürnberg, lebte als Jurist und Mit- 
glied des Rates in seiner Vaterstadt und starb am 19. September 1658 



Nun der übermüde Tag 
mehr zu wachen nicht vermag 
schleicht der süße Schlaf herein 
legend aller Sorgen Klag 
in den finstern Schattenschrein. 

Alles liegt in sanfter Ruh. 
Vieler Augen schließet nu 
mancher vorverübte Traum, 
blühend bis an Morgen zu 
gleich dem edlen Mandelbaum. 

Wie dann, daß die Liebe wacht 

und mit Schmerzen sich beklagt 

über Angst und Herzeleid, 

bis die Sonne wieder tagt 

und sich von dem Meere scheidt? 



JOHANN GEORG GREFLINGER 

um 1620 geboren zu Regensburg, vagierte durch ganz Deutsch- 
land, war zuletzt Notar in Hamburg und starb dort um 1677. 



Lasset uns schertzen 
blühende Hertzen. 
Lasset uns lieben 
ohne Verschieben. 
Lauten und Geigen 
sollen nicht schweigen. 
Kommet zum Danze, 
pflücket vom Cranze. 

Drücket die Hände 
reizet zum Ende. 
Holet euch Küsse, 
tretet die Füße. 
Machet euch fröhlich. 
Machet euch ehlich. 
Lasset die Narren 
länger verharren. 



JOHANN GEORG GREFLINGER 39 

Ehlich zu werden 
dienet der Erden. 
Ledige Leute 
mangeln der Freude. 
Jeder muß sterben, 
machet euch Erben, 
euerem Blute, 
Namen und Gute. 

Lasset die Grauen 
murren und schauen; 
Raten und Wissen 
wenig ersprießen. 
Eben sie selber 
waren auch Kälber. 
Blühende Hertzen 
lasset uns schertzen. 



ANDREAS ORYPHIUS 

geboren am 11. Oktober 1616 zu Glogau. Einer der größten Ge- 
lehrten seiner Zeit, verstand acht Sprachen, machte große Reisen 
durch Holland, Frankreich und Italien. Er starb in Glogau am 
16. Juli 1664. 



Vanitas! Vanitatum Vanitas! 



Die Herrlichkeit der Erden 

muß Rauch und Aschen werden, 

kein Fels, kein Erz kan stehn. 

Dies was uns kan ergetzen, 

was wir für ewig schätzen, 

wird als ein leichter Traum vergehn. 

Was sind doch alle Sachen, 
die uns hier eitel machen, 
als schlechte Nichtigkeit? 
Was ist des Menschen Leben, 
der immer um muß schweben, 
als eine Phantasie der Zeit? 



ANDREAS GRYPHIUS 41 

Es hilft kein weises Wissen, 

wir werden hingerissen 

ohn einen Unterscheid. 

Was nützt der Schlösser Menge? 

Dem hie die Welt zu enge, 

dem wird ein enges Grab zu weit. 

Was pocht man auf die Throne, 

da keine Macht noch Krone 

kan unvergänglich seyn? 

Es mag vom Totenreyen 

kein Szepter dich befreyen, 

kein Purpur, Gold, noch edler Stein. 

Wie eine Rose blühet, 

wenn man die Sonne siehet 

begrüßen diese Welt, 

die eh der Tag sich neiget, 

eh sich der Abend zeiget, 

verwelkt und unversehns abfällt, 

so wachsen wir auf Erden 
und hoffen, groß zu werden 
und schmerz- und sorgen-frey, 



42 ANDREAS GR^THIUS 

doch eh wir zugenommen 

und recht zur Blüte kommen, 

bricht uns des Todes Sturm entzwey. 

Wir rechnen Jahr auf Jahre, 
indessen wird die Bahre 
uns für die Tür gebracht; 
drauf müssen wir von hinnen, 
und eh wir uns besinnen, 
der Erden sagen gute Nacht. 

Wie viel sind schon vergangen! 
Wie viel liebreicher Wangen 
sind diesen Tag erblaßt, 
die lange Rechnung machten 
und nicht einmal bedachten, 
daß ihn ihr Recht so kurz verfaßt! 

Auf, Hertz! wach und bedencke, 

daß dieser Zelt Geschencke, 

den Augenbhck nur dein! 

Was du zuvor genossen, 

ist als ein Strom verschossen, 

was künftig — wessen wird es seyn? 



ANDREAS GRYPHIUS 43 



Hochzeit im Winter 



Ob gleich der weiße Schnee itzt Thal und Berge decket, 
und manch geschwinder Fluß in einen Harnisch fährt, 
indem er sich des Zorns der grimmen Kalt erwehrt, 
von welcher jeder Baum bis in den Tod erschrecket, 

ob gleich der bleiche Frost, die scharfe Sens ausstrecket 
und alle Blumen fällt, die Chloris hat begehrt, 
hat doch der Liebe Glut euch süßre Zeit beschert, 
als wol die Sonne selbst und Hitz und Lust erwecket, 

Sie hat, zu Sturm und Schnee die schöne Rose bracht, 

bey der ihr Frühling habt und aller Winter lacht. 

Wol euch und mehr denn wol! was mögt ihr noch erdencken? 

Wol euch und mehr denn wol! Wenn diese rauhe Zeit 

so schöne Blumen gibt und solche Lust bereit, 

was wird euch nicht der Herbst für süße Früchte schenken? 



44 ANDREAS GRYPHIUS 



An die Sternen 



Ihr Lichter, die ich nicht auf Erden satt kan schauen, 
ihr Fackeln, die ihr Nacht und schwarze Wolcken trennt, 
als Diamante spielt und ohn Aufhören brennt, 
ihr Blumen, die ihr schmückt des großen Himmels Auen, 

ihr Wächter, die als Gott die Welt auf wollte bauen, 
sein Wort, die Weisheit selbst, mit rechtem Namen nennt, 
die Gott allein recht mißt, die Gott allein recht kennt, 
(wir Winden SterbHchen! was wollen wir uns trauen!) 

ihr Bürgen meiner Lust! wie manche schöne Nacht 
hab ich, indem ich euch betrachtete, gewacht? 
Herolden dieser Zeit! wenn wird es doch geschehen, 

daß ich, der eurer nicht allhier vergessen kan, 
euch, deren Liebe mir steckt Herz und Geister an, 
von andern Sorgen frey werd unter mir besehen? 



ANDREAS GRYPHIUS 45 



Fünf Sonette auf die Vergänglichkeit 



Der schnelle Tag ist hin; die Nacht schwingt ihre Fahn 
und führt die Sternen auf. Der Menschen müde Scharen 
verlassen Feld und Werck; wo Thier und Vögel waren, 
traurt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit vertan! 

Dem Port naht mehr und mehr der wildbewegte Kahn. 
Gleich wie dies Licht verfiel, so wird in wenig Jahren 
ich, du, und was man hat, und was man sieht, hinfahren. 
Dies Leben kömmt mir vor als eine Renne-Bahn. 

Laß, höchster Gott! mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten! 
Laß mich nicht Schmerz, nicht Pracht, nicht Lust, nicht Angst 

verleiten! 
Dein ewigheller Glantz sey vor und neben mir! 

Laß, wenn der müde Leib entschläft, die Seele wachen, 
und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen, 
so reiß mich aus dem Thal der Finsternis zu Dir! 



46 ANDREAS GRYPHIUS 



Der Mensch, das Spiel der Zeit, spielt weil er allhie lebt 
im Schauplatz dieser Welt; er sitzt, und doch nicht feste. 
Der steigt und jener fällt, der suchet die Palläste, 
und der ein schlechtes Dach; der herrscht und jener webt; 

was gestern war, ist hin; was itzt das Glück erhebt, 
wird morgen untergehn; die vordem grünen Äste 
sind nunmehr dürr und tot; wir Armen sind nur Gäste, 
ob denen ein scharf Schwert an zarter Seide schwebt. 

Wir sind zwar gleich am Fleisch, doch nicht vom gleichem 

Stande; 
der trägt ein Purpurkleid, und jener gräbt im Sande, 
bis nach entraubtem Schmuck der Tod uns gleiche macht. 

Spielt denn dies ernste Spiel, weil es die Zeit noch leidet 
und lernt, daß wenn man vom Bancket des Lebens scheidet, 
Cron, Weisheit, Stärck und Gut sei eine leere Pracht! 



ANDREAS GRYPHIUS 47 



Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden. 
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein; 
wo jetzundt Städte stehn, wird eine Wiese seyn, 
auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden. 

Was jetzundt prächtig blüht, soll bald zertreten werden; 
was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein; 
nichts ist, das ewig sey, kein Erz, kein Marmorstein. 
letzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden. 

Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein Traum vergehn, 
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch bestehn? 
Ach, was ist alles dies, was wir vor köstlich achten, 

als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind, 
als eine Wiesenblum, die man nicht wieder findt! 
Noch will, was ewig ist, kein einig Mensch betrachten. 



48 ANDREAS GRYPHIUS 



Was sind wir Menschen doch? ein Wohnhaus grimmer 

Schmertzen, 
ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit, 
ein Schauplatz herber Angst, und Widerwärtigkeit, 
ein bald verschmeltzter Schnee und abgebrannte Kertzen. 

Dies Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Schertzen. 

Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid 

und in das Totenbuch der großen Sterblichkeit 

längst eingeschrieben sind, sind uns aus Sinn und Hertzen. 

Gleich wie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt 
und wie ein Strom verschießt, den keine Macht aufhält, 
so muß auch unser Nam, Lob, Ehr und Ruhm verschwinden. 

Was itzund Athem holt, muß mit der Luft entfhehn, 

was nach uns kommen wird, wird uns ins Grab nachziehn. 

Was sag ich? Wir vergehn, wie Rauch vor starcken Winden. 



ANDREAS GRYPHIUS 49 



Mein oft bestürmtes Schiff, der grimmen Winde Spiel, 
der frechen Wellen Ball, das schier die Flut getrennet, 
das wie ein schneller Pfeil nach seinem Ziele rennet, 
kommt vor der Zeit an Port, den meine Seele will. 

Oft, wenn uns schwarze Nacht im Mittag überfiel, 
Hat der geschwinde Blitz die Segel schier verbrennet. 
Wie oft hab ich den Wind und Nord und Süd verkennet! 
Wie schadhaft ist der Mast, Steur, Ruder, Schwert und Kiel! 

Steig aus du müder Geist! steig aus! wir sind am Lande. 
Was graut dir für dem Port? itzt wirst du aller Bande 
und Angst und herber Pein und schwerer Schmerzen los. 

Ade, verfluchte Welt! du See voll rauher Stürme! 
Glück zu mein Vaterland! das stete Ruh im Schirme 
und Schutz und Frieden hält, du ewig lichtes Schloß! 

Statuen Deutscher Kultur. XI. 4 



ANQELUS SILESIUS 

eigentlich Johann Scheffler, geboren 1624 zu Breslau, erwarb in 
Padua die medizinische und philosophische Doktorwürde, wurde 
1653 katholisch (hierbei änderte er seinen Namen), trat 1661 in 
den Minoritenorden und empfing die Priesterweihe. Er starb in 
Breslau am 9. Juli 1677. 



Ich weiß nicht was ich bin, ich bin nicht was ich weiß: 
ein Ding und nicht ein Ding, ein Pünktchen und ein Kreis. 



Nichts ist, was dich bewegt, du selber bist das Rad, 
das aus sich selbsten läuft und keine Ruhe hat. 



Ich lieb ein einzig Ding und weiß nicht was es ist, 
und weil ich es nicht weiß, drum hab ich es erkiest. 



Geh hin, wo du nicht kannst, sieh, wo du siebest nicht, 
hör, wo nichts schallt noch klingt — so bist du, wo Gott spricht. 



ANGELUS SILESIUS 51 

Gott ist nur eigentlich, er liebt und lebet nicht, 

wie man von mir und dir und andren Dingen spricht. 



Die Ros ist ohn Warum, sie blühet, weil sie blühet; 
sie acht nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet. 



Man sagt, Gott mangelt nichts, er darf nicht unsrer Gaben: 
ists wahr — was will er dann mein armes Herze haben? 



Ich bin nicht außer Gott, und Gott nicht außer mir; 
ich bin sein Glanz und Licht, und er ist meine Zier. 



Gott ist in mir das Feur — und ich in ihm der Schein; 
sind wir einander nicht ganz inniglich gemein? 



Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben: 
werd ich zu nicht — er muß vor Noth den Geist aufgeben. 

4* 



52 ANGELUS SILESIUS 



Nichts ist als ich und du — und wenn wir zwei nicht sein, 
so ist Gott nicht mehr Gott und fällt der Himmel ein. 



Halt an! Wo laufst du hin? der Himmel ist in dir. 
Suchst du Gott anderswo, fehlst du ihn für und für. 



Die Sonn erregt das All, macht alle Sterne tanzen — 
wirst du nicht auch bewegt, gehörst du nicht zum Ganzen. 



Ich selbst muß Sonne sein, ich muß mit meinen Strahlen 
das farbenlose Meer der ganzen Gottheit malen! 



Wir beten: es gescheh mein Herr und Gott, dein Wille 
und sieh: er hat nich Will, er ist ein ewge Stille. 



Die Rose, welche hier dein äußres Auge sieht, 
die hat von Ewigkeit in Gott also geblüht. 



ANGELUS SILESIUS 53 



Mensch, Gott gedenket nichts, ja, warn in ihm Gedanken, 
so könnt er hin und her — was ihm nicht zusteht — wanken. 



Gott hat sich nie bemüht, auch nie geruht, das merk 
sein Wirken ist sein Ruhn und seine Ruh sein Werk. 



Meinst du, o armer Mensch, daß deines Munds Geschrei 
der rechte Lobgesang der stillen Gottheit sei? 



Mensch, wann du noch nach Gott Begier hast und Verlangen, 
so bist du noch von ihm nicht ganz und gar umfangen. 



Ist deine Seele Magd und wie Maria rein, 

so muß sie Augenblicks von Gotte schwanger sein. 



Die Liebe geht zu Gott unangesagt hinein — 
Verstand und hoher Witz muß lang im Vorhof sein. 



54 ANGELUS SILESIUS 



Ein Herze, das zu Grund Gott still ist, wie er will, 
wird gern von ihm berührt — es ist sein Lautenspiel, 



Die Liebe, wenn sie neu, braust wie ein junger Wein: 
je mehr sie alt und klar, je stiller wird sie sein. 



Ein Narr ist viel bemüht — des Weisen ganzes Thun, 
das zehnmal edler ist, heißt Lieben, Schauen, Ruhn. 



Gott sind die Werke gleich: der Heiige, wann er trinkt, 
gefället ihm so wohl, als wann er bet und singt. 



Die Braut verdient sich mehr mit einem Kuß -um Gott, 
als alle Miethlinge mit Arbeit bis in Tod. 



Der Schlaf ist dreierlei: Der Sünder schläft im Tod, 
der Müd in der Natur, und der Verliebt in Gott. 



ANGELUS SILESIUS 55 



Wer sich nur einen Blick kann über sich erschwingen, 
der kann das Gloria mit Gottes Engeln singen. 



Hier fließ ich noch in Gott, als eine Bach der Zeit 
dort bin ich selbst das Meer der ewgen Seligkeit. 



Die Welt ist mir zu eng, der Himmel ist zu klein: 
wo wird doch noch ein Raum für meine Seele sein? 



Ich bin — o Majestät — ein Sohn der Ewigkeit, 
ein König von Natur, ein Thron der Herrlichkeit. 



Ich glaube keinen Tod — sterb ich gleich alle Stunden, 
so hab ich jedesmal ein besser Leben funden. 



Mein höchster Adel ist, daß ich noch auf der Erden 
ein König, Kaiser, Gott, und was ich will, kann werden. 



56 ANGELUS SILESIUS 



Mensch, was du liebst, in das wirst du verwandelt werden; 
Gott wirst du, liebst du Gott, und Erde, liebst du Erden. 



Die Schönheit kommt von Lieb, auch Gottes Angesicht 
hat seine Lieblichkeit von ihr, sonst glänzt es nicht. 



Die Schönheit Heb ich sehr: doch nenn ich sie kaum schön, 
im Fall ich sie nicht stets seh unter Dornen stehn. 



Blüh auf gefrorner Christ, der Mai ist für der Thür. 
Du bleibest ewig todt, blühst du nicht jetzt und hier. 



Freund, so du etwas bist, so bleib doch ja nicht stehn; 
man muß aus einem Licht fort in das andre gehn. 



Freund, es ist nun genug. Im Fall du mehr willst lesen, 
so geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen. 



CHRISTOPH VON GRIMMELSHAUSEN 

der Verfasser des „Simplizissimus" , geboren um 1625 zu Geln- 
hausen; nach einem sehr bewegten Leben war er zuletzt Schult- 
heiß zu Renchen im Schwarzwald und starb dort am 17. August 1676. 



Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall! 

Laß deine Stimm mit Freudenschall 

aufs lieblichste erklingen; 

komm, komm und lob den Schöpfer dein, 

weil andre Vögel schlafen fein 

und nicht mehr mögen singen; 

laß dein Stimmlein 

laut erschallen, denn vor allen 

kannst du loben 

Gott im Himmel, hoch dort oben. 

Obschon ist hin der Sonnenschein 
und wir im Finstern müssen sein, 
so können wir doch singen 
von Gottes Gut und seiner Macht, 
weil uns kann hindern keine Nacht, 



58 CHRISTOPH VON GRIMMEI^HAUSEN 

sein Loben zu vollbringen. 

Drum dein Stimmlein 

laß erschallen, denn vor allen 

kannst du loben 

Gott im Himmel, hoch dort oben. 

Echo, der wilde Widerhall, 

will sein bei diesem Freudenschall 

und lasset sich auch hören; 

verweist uns alle Müdigkeit, 

der wir ergeben allezeit, 

lehrt uns den Schlaf bethören. 

Drum dein Stimmlein 

laß erschallen, denn vor allen 

kannst du loben 

Gott im Himmel, hoch dort oben. 

Die Sterne, so am Himmel stehn, 
sich lassen Gott zum Lobe sehn 
und Ehre ihm beweisen; 
die Eul auch, die nicht singen kann, 
zeigt doch mit ihrem Heulen an, 
daß sie auch Gott tu preisen. 



CHRISTOPH VON GRIMMELSHAUSEN 59 

Drum dein Stimmlein 

laß erschallen, denn vor allen 

kannst du loben 

Gott im Himmel, hoch dort oben. 

Nur her, mein liebstes Vögelein, 

wir wollen nicht die faulsten sein 

und schlafen liegen bleiben, 

vielmehr bis daß die Morgenrot 

erfreuet diese Wälderöd, 

in Gottes Lob vertreiben; 

laß dein Stimmlein 

laut erschallen, denn vor allen 

kannst du loben 

Gott im Himmel, hoch dort oben. 



DAVID SCHIRMER 

Geburtsjahr unbekannt, stammt aus der Nähe von Freiberg, war 
Bibliothekar in Dresden und starb 1683. 



Sie soll der Jugend brauchen 



Komm, Liebste, laß uns Rosen brechen, 
weil sie noch voll und farbig seyn! 
Laß andre, was sie wollen, sprechen, 
die Flucht schleicht sich den Jahren ein. 

Wir müssen unverwendet schauen, 
wie uns dies alles folgen muß. 
Die Jugend trägt sich durch die Auen 
geschwind mit unvermercktem Fuß. 

Das Haar, der Mund und diese Wangen, 
vergehen oft in kurzer Zeit. 
Der Augenlichter göldne Spangen 
seyn für dem Tode nicht befreyt. 



DAVID SCHIRMER 61 



Die edle Schönheit der Geberden, 
die meiner Liebe Mutter ist, 
kann durch den Wind verwehet werden, 
komm Liebste, weil du jung noch bist. 

Wer holt den Mayen unsrer Tage, 
ist er bereits einmal vorbei? 
Häuft sich des Winters Leid und Plage, 
so sind wir aller Liebe frei. 

Wie sich ein Regenstrom behende 
von Bergen in die Thäler geust: 
so reißen wir uns selbst zum Ende, 
das uns itzund schon eilen heist. 

Sind wir in dürren Sand geleget, 
so werden wir, und bleiben bleich. 
Ein Stock, der keine Zweige traget, 
ist keiner frischen Myrte gleich. 

Drum laß uns lieben, wie es gehet, 
eh noch der Abendstern anbricht. 
Wer in der Liebe nichts verstehet, 
der braucht der edlen Jugend nicht. 



62 DAVID SCHIRMER 



An die Sterne, als Er nidit bei Marnien war 



Ihr Kinder süßer Nacht, ihr feuervollen Brüder, 
du kleines Heer der Luft, du Himmels Bürgerey, 
die du durchs blaue Feld nach reiner Melodey 
erhebest deinen Tanz und deine schönen GHeder, 

wenn jetzt der träge Schlaf die müden Augenlieder 
durch einen leichten Sieg, wie Flügel leget bey, 
damit kein Wachen mehr an uns zu spüren sey. 
Ihr Kinder süßer Nacht, legt eure Fackeln nieder. 

Was steht ihr, wie zuvor, und lacht den Weltkreis an? 
Lauft durch das göldne Haus, verlaßt die Fensterscheiben. 
Geht rückwärts, wie ihr solt. Ich will euch rückwärts treiben. 

Geht rückwärts wieder hin die alte finstre Bahn. 

Geht Kinder, wie ihr sollt, flieht Lichter, flieht von mir. 

Mein Licht, mein Augenstern, mein Lieb ist nicht allhier. 



DAVID SCHIRMER 63 



Über ihre Augen 



Wenn deiner Augen Glanz hin nach dem Himmel sieht, 
so freuet sich der Pol mit seinen lichten Sternen. 
Wenn du die Erde schaust, so muß sie brennen lernen, 
daß um ihr buntes Haupt ein jedes Kräutlein blüht. 
Thustu die Augen auf, so siehet mein Gemüth 
der Venus Sterne an. Gehst du dich zu entfernen, 
zeuchst deine Kleider ab, dich nacket zu entkernen, 
und tust die Augen zu, so seh ich den Cupid. 



KASPAR STIELER 

geboren am 1. März 1632 zu Erfurt, gestorben daselbst am 
24. Juni 1707, war schwarzburgischer Kammersekretär. Seine 
Gedichtsammlung „die geharnischte Venus" hat man bis vor 
wenigen Jahren zu Unrecht dem Jakob Schwieger zugeschrieben. 



Wer küßt die greisen Haare 



Laß uns, Kind, der Jugend brauchen, 
weil uns noch die Schönheit blüht: 
Wenn die Geister einst verrauchen 
und die Todtenfarb umzieht 
unser runzlichtes Gesichte: 
Wer begehrt dann unsern Kuß? 
Nimm sie an der Rosen Früchte, 
eh ihr Blatt verwelken muß. 

Die besüßten Frühlingstage 
laufen flügelschnelle fort, 
dann so hilft uns keine Klage 
kein erseufzend Bittewort; 



KASPAR STIELER 65 



sie gedenken nie zurücke. 
Was hin ist, das bleibet hin. 
Dies beruht auf einem Blicke, 
daß ich froh und traurig bin. 

Drum so brauch, mein Kind, der Zeiten, 

weil die Zeiten grünend sein. 

Was uns bleibt sind Traurigkeiten, 

gehn uns diese Zeiten ein. 

Ey wie plötzlich kömmt die Stunde, 

daß uns Kloto in der Eil 

schießt die Rosen von dem Munde 

durch des Todes Frevel-Pfeil. 

Gib zwey Küßchen, gib mir eines, 
soll es ja kein mehrers sein, 
gib, mein Schatz mir nur nicht keines, 
wiltu mich dem Todtenschrein 
auf ein wenigs noch ersparen. 
Was nuzzt dann ein kalter Kuß, 
wenn ich auf der Leichenbaaren 
deiner Reu erst warten muß. 



Statuen Deutscher Kultur. XI. 



CHRISTIAN HOFFMANN VON 

HOFFMANNSWALDAU 

geboren am 25. Dezember 1617 zu Breslau, studierte in Leyden, 
machte eine große Reise durch Europa, wurde nach seiner Rück- 
kehr Ratsherr seiner Vaterstadt, später kaiserlicher Rat und 
Präsident des Rates. Er starb am 18. April 1679. 



Wo sind die Stunden 

der süßen Zeit, 

da ich zuerst empfunden, 

wie deine Lieblichkeit, 

mich dir verbunden? 

Sie sind verrauscht, es bleibet doch dabey 

daß alle Lust vergänglich sey. 

Ich schwamm in Freude. 

Der Liebe Hand 

spann mir ein Kleid von Seide, 

das Blatt hat sich gewand, 

ich geh im Leide, 

ich wein itzund, daß Lieb und Sonnenschein 

stets voller Angst und Wolcken seyn. 



HOFFMANNSWALDAU 67 



Qedancken bey aufgehender Morgenröte 



Aurora deine Rosen blicken, 

der Purpur trieft aus deiner Hand, 

du suchst durch dieses reine Pfand 

die Welt und alles zu erquicken, 

und machst die Bahn von Gold und Nectar voll, 

darauf dein Phöbus laufen soll. 

Ein jedes Blatt bey meinen Füßen, 

ein jeder Vogel über mir, 

verehret dich und opfert dir; 

und giebet uns mit Lust zu wissen, 

wie itzt dein Glanz und deiner Wunder Pracht 

verjagt das Leid und dämpft die Nacht. 

Du heißt den Unmuth von uns scheiden; 

die Blumen weinen dir vor Lust; 

du öffnest deine bunte Brust, 

in wilden Büschen, Thal und Heiden. 

Nur die, so dir fast gleichen Zierrat führt 

wird nicht durch deine Pracht gerührt. 

5* 



68 HOFFMANNSWALDAU 

Corinne läßt sich nicht bewegen, 

du fällst ihr Wüten nicht dahin, 

sie weiß den kalten Tigersinn 

nicht abzuthun, nicht weg zu legen, 

sie speiset mich mit Angst und bleichem Leid, 

wie du die Welt mit Lieblichkeit. 

Ihr harter Geist weiß nicht zu biegen, 

ihr Haß der geht nicht mehr zu Ruh, 

er will stets munter seyn wie du, 

und gegen mich zu Felde liegen; 

sie macht, daß mir dein angenehmer Schein 

den Blitzen ähnUch dünkt zu seyn. 

Aurora brich doch diese Sinnen, 
und lege diesen hohen Muth, 
so dir nur Schimpf, mir Unrecht thut. 
Komm, tilge ferner ihr Beginnen. 
Legstu mir nun dergleichen Kleinod zu, 
so werd ich wieder roth wie du. 

Du mußt den kalten Schnee vertreiben, 
so unter warmen Bergen ist, 
und mich zu martern hat erkiest. 



HOFFMANNSWALDAU 69 

sonst kann und weiß ich nicht zu bleiben — 
Aurora willst du wie Corinne seyn? 
Du läufst und läßt mich hier allein! 



Sein Herz in ihrer Hand 

Du kennst mein treues Herze, 
es lieget ja in deiner Hand, 
als meiner Liebe treues Pfand, 
so dich bedient in Ernst und Scherze. 
Kein Garten blüht mir ohne dich, 
du schöne Blume meiner Sinnen, 
wie sollte doch mein Auge sich 
von dir entfernt ergetzen können? 

Kein Amber will mir schmecken, 
wann du nicht kannst Gefährtin seyn. 
Der Morgenröthe Purpur-Schein 
verkehrt sich mir in trübe Decken, 
wenn deiner Augen Sonnen-Pracht 
die güldnen Strahlen mir entziehen, 
und dieses, was dich englisch macht, 
von meiner Seite denkt zu fHehen. 



70 HOFFMANNSWALDAU 

Ich küsse noch die Stunde, 
da ich den ersten Liebes-Kuß, 
aus keuscher Freundschaft-Überfluß, 
genoß aus deinem süßen Munde: 
Das reine Siegel, so von dir 
auf meine Lippen ward gedrücket, 
hat auch die Seele selbst aus mir 
in süße Bande hingerücket. 

Doch furcht ich das Gelücke, 
so nicht beständig Farbe hält, 
und mir auf tausend Wege stellt, 
braucht gegen mich auch seine Tücke; 
mich däucht, daß eine fremde Hand 
um deine Rosen sich läßt spüren, 
und dich, in einen andern Stand 
aus meinen Augen will entführen. 

Mir aber muß belieben, 

was endlich dein Beheben heißt; 

es scheint, daß mein verstrickter Geist 

nach deinem Willen wird getrieben. 

Dein Wohlseyn pflanzt auch meine Lust, 

ich acht es über alle Schätze, 



HOFFMANNSWALDAU 71 

ich tadle niemals was du thust, 
dein Willen bleibet mein Gesetze. 

Denn dir zu widerstreben, 
war eine höllen-harte Schuld, 
ich denke nur, daß Ungeduld 
uns wenig wieder weiß zu geben; 
mich stell ich dir gehorsam ein, 
was du begehrst aus mir zu machen. 
Doch kannstu auf den Rosen seyn, 
so muß ich auf den Dornen lachen. 



Heimlicher Liebe Leid 



Niemand weiß wie schwer mirs fällt, 
Flammen in der Brust zu hegen; 
und sie dennoch für die Welt, 
nicht ans freye Licht zu legen. 
Feuer last nicht verhelen; 
denn sein Glanz ist allzu klar, 
und die Glut verliebter Seelen, 
macht sich selber offenbar. 



72 HOFFMANNSWALDAU 

Hundert Augen die von Neid 
und von lauter Argwohn brennen, 
sind auf mich zu sehn bereit, 
ob sie was vermercken können. 
Noch verberg ich meine Schmerzen, 
daß man keine Funken sieht, 
da die Liebe doch im Herzen 
wie ein andrer Aetna glüht. 

Dieses ist der Liebe Kunst, 
Amor suchet Finsternissen, 
und von seiner stillen Brunst, 
muß der helle Tag nichts wissen. 
Venus bricht mit ihrem Sterne 
erst bey dunkler Nacht herein, 
daß die zarte Jugend lerne 
in der Liebe heimlich seyn. 

Drum gewöhne dich mein Mut, 
deine Flammen zu verschweigen 
laß von der verborgnen Glut 
weder Mund noch Auge zeugen. 
Mußt du dich gleich etwas zwingen, 
ist gleich die Verstellung schwer; 



HOFFMANNSWALDAU 73 



aus den allerschwersten Dingen 
kommt die größte Lust oft her. 

Perlen liegen eingeschrenckt 
in den harten Muschel-Häusern. 
Wer auf frische Rosen denckt, 
sucht sie in den Dornen-Reisern. 
Honig ist nicht ohne Bienen. 
Wer in Canaan will stehn, 
muß erst in Egypten dienen, 
und durch Meer und Wüsten gehn. 

Vielleicht wird des Himmels Gunst 
mir das Glück noch künftig gönnen, 
daß die Kohlen meiner Brunst 
offenbarlich brennen können. 
Itzo schreib ich meinem Herzen 
diesen wahren Denck-Spruch ein: 
Feuers-Glut und Liebes-Schmerzen 
müssen wohl bewahret seyn. 



An die Sternen 



Ihr bleichen Buhler schwarzer Zeit, 
die ihr die Nächte zieret, 



74 HOFFMANNSWALDAU 



und Flammen voller Lieblichkeit 

durch trübe Wolken führet, 

werft einen Strahl 

von eurem Saal, 

und schaut, ob meine Schmerzen 

sich gleichen euren Kerzen. 

Die ganze Welt sinckt jetzt zur Ruh, 

nur meine Seufzer wachen. 

Die Sonne drückt ihr Auge zu, 

mir meines aufzumachen. 

Dort euer Schein, 

hier meine Pein, 

die geben zu verstehen, 

daß sie nicht schlafen gehen. 

Ihr Fackeln seyd itzt hochgestellt, 

ich lieg im Leid begraben: 

Euch rühmt der weite Kreyß der Welt, 

ich weiß kein Lob zu haben. 

Ihr kennt kein Joch, 

mich drückt es noch; 

ihr könnt die Flammen zeigen, 

und ich muß sie verschweigen. 



HOFFMANNSWALDAU 75 

Mein Sinn ist wie ein grünes Land, 

da Hoffnungs-Blüten prangen, 

die doch des Glückes falsche Hand 

läßt keine Frucht erlangen. 

Des Geistes Glut, 

der Augen Flut, 

der Pein in meinem Herzen, 

ist mehr als eurer Kerzen. 

Ich bin ein Schiff der Liebes-See, 

das Wind und Wetter plaget, 

dem Unglück, Hoffnung, Furcht und Weh, 

durch Mast und Segel jaget. 

Hier zeiget sich 

kein Port für mich, 

dieweil ich itzt muß meiden 

den Leitstern meiner Freuden. 

Ich weiß, wann mich die Not bekriegt 

an mehr als tausend Enden, 

daß Amaranthe ruhig liegt 

in Morpheus süßen Händen, 

daß ihre Brust 

nicht ohne Lust 



76 HOFFMANNSWALDAU 

wird auf und nieder reisen, 
da mich die Tiiränen speisen. 

Ilir Sterne laßt das blaue Dach 
und senket euch hernieder, 
erfüllt ihr kühles Schlafgemach 
erwecket ihre Glieder, 
verschweigt ihr nicht, 
wie meine Pflicht 
mehr Thränen hier vergossen, 
als sie der Lust genossen. 

Zeigt ihr was Polydorus macht, 
der in dem Feuer lebet, 
wie alle Not bei ihm erwacht 
und Schrecken um ihn schwebet, 
wie Furcht und Pein 
hier Schwestern sein 
und dieses ihn betrübet, 
was er zu treu geUebet. 

Ruft ihr in meinem Namen zu, 
daß Polydorus wachet, 
wann Amaranthe in der Ruh 
der süßen Träume lachet. 



HOFFMANNSWALDAU 77 



Es scheint, mein Herz 
läßt solchen Schmerz 
so reichlich hier entsprießen, 
weil Thränen mich begießen. 

An Doris über Vergänglichkeit 

Was willtu Doris machen, 
brich deinen stolzen Geist; 
dies was du Schönheit heißt, 
sind blumengleiche Sachen, 
die unbeständig sind, 
und fhehen wie der Wind. 

Es wird auf deinen Wangen 
nicht steter Frühling seyn — 
es weicht der Sternen Schein, 
als wie der Blumen Prangen. 
Die Zeit so alles bricht, 
schont auch des Leibes nicht. 

Was ist der Schönheit Glänzen, 
als ein geschwinder Blitz? 



78 HOFFMANNSWALDAU. 

Sein zubereiter Sitz 
besteht in engen Gränzen. 
Kein Fluß verrauscht so bald, 
als Schönheit und Gestalt. 

Was heute Purpur traget, 
und Alabaster führt: 
was sich mit Rosen ziert, 
wird morgen hingeleget, 
und ruhet ungeacht 
in seiner Todesnacht. 

Nun Doris lerne kennen, 
was falscher Hochmut sey, 
bleib nicht alleine frey, 
laß deine Jugend brennen, 
und laß der Liebe Glut 
durchwandern Herz und Blut. 

Gebrauche deine Schätze, 
weil Blut und Blüte siegt, 
wann dich die Zeit betriegt, 
so trennet auch das Netze, 
so vormals um dich hing, 
und manche Seele fing. 



HOFFMANNSWALDAU. 79 

So du dich selbst kannst lieben, 
so nimm die Warnung an, 
die ich dir itzt gethan. 
Ich werde mich betrüben, 
so diese Rose stirbt 
und ohne Lust verdirbt. 



Er sähe sie über Feld gehen. 

Es ging die Lesbia in einem Schäfer-Kleide 
pIs Hirtin, wie es schien, der Seelen, über Feld, 
es schaute sie mit Lust das Auge dieser Welt, 
es neigte sich vor ihr das trächtige Getreide; 

es kriegte meine Lust auch wieder neue Weyde 
von wegen dieser Brust, da Venus Wache hält, 
der Schultern, wo sich zeigt der Lieblichkeit Behält; 
und dann der Schönen Schoos, des Hafens aller Freude. 

Ich sprach: ach Lesbia! wie zierlich geht dein Fuß, 
daß Juno, wie mich deucht, sich selbst entfärben muß, 
und Phöbus dich zu sehn, verjüngt die alte Kerze; 



80 HOFFMANNSWALDAU. 

Nicht glaube Lesbia, daß du den Boden rührst, 

und den geschwinden Fuß auf Graß und Blumen führst, 

es geht ein jeder Tritt auf mein verwundtes Herze. 



Auf ihre Ohren-Gehänge 

Zwey Kronen zeigten sich an meiner Liebsten Ohren, 
von Westen kam ihr Gold, von Ost ihr Diamant; 
dies alles war vermählt durch eine kluge Hand, 
und für die Lesbia zu einem Schmuck erkoren. 

Ich weiß nicht wie mir war Gelegenheit geboren, 
daß ich das Götterbild in einem Garten fand, 
als Flora neben ihr, Pomona vor ihr stand, 
so hab ich dieses Wort, so diesem folgt, verloren: 

Gekrönte Königin, von mehr als tausend Herzen. 

die kräftig sind entbrannt von deiner Augen Kerzen, 

du bist des Himmels Kind, und führst des Himmels Schein. 

Was sag ich, Königin? o Göttin! sollen Kronen 
die Liebes-Märtyrer, die du gemacht, belohnen, 
so müsten ihrer mehr denn tausend tausend seyn. 



HOFFMANNSWALDAU. 81 



An Amaranthen, über sein 
an sie geschicktes Bildnis 



Mein Bildnis hast du hier auf dünnes Glas geleget, 
es scheint, daß zwischen Mensch und Glas Verwandtnis sey, 
denn die Gebrechlichkeit ist Beyden eingepräget, 
sie seyn von dem Verderb fast keine Stunde frey. 
So bald ein Glas zerbricht, kann auch ein Mensch vergehen. 
Das Glas zerbricht der Mensch, den Menschen Gottes Hand; 
es können beyde nicht die Länge recht bestehen, 
ihr End und Anfang ist fast nichts als Asch und Sand. 
Zerfällt das schönste Glas, wer achtet dessen Stücke? 
Man stößt es schändlich hin, als schlechten Ziegel-Grauß: 
Die Menschen sparen nicht den Menschen ihre Tücke, 
man hat uns kaum verscharrt, so ist die Freundschaft aus. 
Ruhm, Nähme und Gestalt ist allzubald verschwunden, 
wenn man uns nach Gebrauch das letzte Hemde giebt. 
Wo hat man dieser Zeit wohl einen Freund gefunden, 
so an das Grab gedenckt, und nach dem Tode liebt? — 
Hier ist das dünne Glas, willst du es bald zerbrechen, 
so nehm ich es von dir vor keine Feindschaft an; 
denn Amaranthen weiß ich nicht zu widersprechen, 
indem mich ihre Hand in nichts verletzen kann. 

Statuen Deutscher Kultur. XI. 6 



82 HOFFMANNSWALDAU 



Abbildung der Liebe 



Der Liebe Rosenblatt hat Dörner zu Gefährten, 
aus welchen nach der Lust, der Unlust Früchte blühn. 
Sie hebt ihr Haupt empor, als wie auf Zaubergerten, 
und kann durch einen Blick uns ins Gehege ziehn. 
Dann stößt der Freyheit Schiff an ungeheure Klippen, 
es bleibt, eh wirs vermeynt, auf einer Sand-Banck stehn, 
und lacht kein Trost uns an von rosenlichten Lippen; 
so heißts: O Himmel hilf? wir müssen hier vergehn. 
Da stimmt das Herze an: „Verlasse mich, o Liebe!" 
Dann heißts: „Entfernet euch, die ihr ans Lieben denckt, 
durch Lieben wird uns nur der Wohlfahrts-Himmel trübe, 
nichts ist, was unsre Brust mehr als die Liebe kränkt" — 
doch, sind die Dornen weg, so greift man nach den Rosen, 
es gibt die bessre Zeit uns andre Sinnen ein, 
dann können wir vergnügt in den Gedancken losen, 
auf welcher Seite wir am liebsten wollen seyn. 
Und so verlieren wir die kurzen Lebens-Zeiten, 
das Schiff des Lebens lauft dem Hafen näher zu, 
bis uns der Winter pflegt in so ein Land zu leiten, 
wo man der Liebe Baum mit Erde decket zu. 



HOFFMANNSWALDAU 83 



Antwort-Schreiben an die Frau Gr. A. v. A. 



Sobald ich dich und deinen Einschluß las, 

wertes Blatt, von schönster Hand geschrieben, 

da wurd ich der, der seiner selbst vergaß, 

weil ich mich sah von der beständig lieben, 

die auf der Welt, in Wahrheit, in der That, 

an Redlichkeit, an Treu, Verstand und Güte, 

an schönem Leib, noch schönerem Gemüthe 

an Tugend selbst, nicht ihresgleichen hat. 

Wer bin ich doch und mein Verdienst mit mir, 

mich solcher Gunst und Liebe werth zu schätzen? 

Das heißt sich selbst zu tief herunter setzen, 

wenn man ein Nichts zieht vielem Etwas für. 

Wer Kieselsteinen vor Demanten kiest, 

wer Kohlen gräbt und läßt den Gold-Klump liegen, 

wem Kleinigkeit sein großes Wesen ist, 

und kann mit Witz sich doch dabey vergnügen: 

den zwingt fürwahr der Himmel selbst darzu 

durch ein Gerüst von sehr verborgnen Stricken, 

das heimlich wirckt, und läßt uns keine Ruh, 

bis man sich muß in sein Verhängnis schicken. 

Man fühlt den Trieb und merckt doch keinen Zwang, 

6- 



84 HOFFMANNSWALDAU 

die Reden sind samt ihrer Kraft verborgen; 
ein Weiß-nicht-was, durch unsichtbaren Gang, 
verwickelt uns in weiß nicht was für Sorgen. 
Da hört man nichts von klugem Unterscheid, 
da hebt sich auf, was wert und unwert machet, 
der sitzt im Schooß, und jener stirbt vor Neid; 
der wird geliebt, ein andrer wird verlachet. 

Hier seht Ihr Euch leibhaftig vorgestellt, 
mein ander Ich! mein einziges Vergnügen! 
Ich bin das Nichts, Ihr mir die ganze Welt; 
anstatt ich sollt zu Euren Füßen liegen, 
so hebt Ihr mich, und zwar mit höchster Treu, 
mit Reinigkeit den Engeln gleich zu schätzen; 
mit keuscher Brunst, die immer kann ergetzen, 
und ohne Schuld wird alle Morgen neu. 
Fahrt fort, mein Schatz, mein allerhöchstes Gut, 
durch dieses Band uns ewig zu verbinden, 
in meiner Brust soll sich kein Ende finden, 
das schwör ich euch bey unsrer schönen Glut. 
So lange sich mein Blut in Adern regt, 
und meinem Leib Empfindlichkeit wird geben: 
so lange noch mein Herz zur Lincken schlägt; 
so lange seyd auch ihr mein liebstes Leben. 



HOFFMANNSWALDAU 85 



Die Augen schloß ich traurig zu, 

die Hände deckten meine Stirne, 

ich war entblöst von Lust und Ruh, 

der Kummer füllte das Gehirne, 

bald wacht ich auf, bald schlief ich ein. 

bald wolt ich tod und Asche seyn, 

bald wünscht ich weit von hier zu leben; 

und daß ja nichts sey unbekannt, 

so hat die Thorheit meiner Hand 

Papier und Feder übergeben: 



Unum discamus mori 



Wenn wir die ganze Welt in unsern Kopf gefaßt, 

des Himmels Lauf gesehn, der Erde Ziel gemessen, 

bey frühem Morgenlicht und auch bey Nacht gesessen 

und alles durchgesucht, so kommt ein fremder Gast, 

weist uns das Stunden-Glas, und spricht: Mensch lerne sterben, 

wo du nicht ewig willst an Leib und Seel verderben. 

Ach wundervolle Kunst, und unergründtes Werck! 

Die Weißheit, so zuvor ein ganzes Land geehret, 

wird da zum Kinder-Spiel. Was Plato hat gelehret, 

was Socrates gesagt, und was der Künste Berg 

von Klugheit bey sich hat, das wird allhier zum Thoren. 

Wer nicht recht sterben lernt, ist ewiglich verloren. 



86 HOFFMANNSWALDAU 

Und weil ich denn gewiß, daß Tag und Nacht bezeuget, 
wie stets der arme Mensch zu seinem Grabe steiget; 
so mach ich mich bereit, und trachte brünstighch 
in dieser höchsten Kunst nur dieses zu begreifen, 
wie meine Seele mög in Tods-Gedancken reifen. 



Die Welt 



Was ist die Lust der Welt? nichts als ein Fastnachtsspiel, 

so lange Zeit gehofft, in kurzer Zeit verschwindet, 

da unsre Masken uns nicht haften, wie man will 

und da der Anschlag nicht den Ausschlag recht empfindet. 

Es gehet uns wie dem, der Feuerwercke macht, 

ein Augenblick verzehrt oft eines Jahres Sorgen; 

man schaut wie unser Fleiß von Kindern wird verlacht, 

der Abend tadelt oft den Mittag und den Morgen. 

Wir fluchen oft auf dies was gestern war gethan, 

und was man heute küßt, muß morgen ekel heißen. 

Die Reimen die ich itzt geduldig lesen kan, 

die werd ich wohl vielleicht zur Morgenzeit zerreißen. 



HOFFMANNSWALDAU 87 



Das menschliche Leben 



Wie dürftig scheint dem Menschen das Gelücke. 

Die Dornen pflastern seine Bahn, 

Er spürt mehr Blitz als Sonnenblicke 

und rührt gar selten Rosen an. 

Die Wiege blüht nicht ohne heiße Thränen. 

Die Jugend lernt mit Fallen gehn. 

Sie muß sich halb verbrennen, halb versehnen 

und zwischen Sturm und wilden Klippen stehn. 

Man suchet oft in leichtzerrissnen Winden 

und in den Nesseln seine Lust. 

Man reist durch Disteln zu den Sünden 

und speiset sich mit falscher Kost. 

Man scherzt beherzt auf gäher Berge Spitzen, 

und die Gefahr heißt Zeitvertreib. 

Man lehnet sich auf halb verfaulte Stützen, 

die fähig sind zu stürzen Seel und Leib. 

Die Wollust selbst verweist uns zu den Schmerzen, 

Wir schauen selten Freudenthal, 

oft leuchten uns die Hochzeitskerzen 

zu Klagenfurt in Trauersaal. 



HOFFMANNSWALDAU 



Der Kummerkoch versalzt uns alle Speisen 
und streut für Zucker Wermuth ein. 
Die Lippe lacht, der Mund singt Freudenweisen, 
wann unser Herz in Flor gehüllt will sein. 

Wir betten uns auf Dornen und auf Spitzen 

und stören unsre Ruh und Lust. 

Läßt uns der Feind gleich sicher sitzen, 

so tobt der Feind in unsrer Brust. 

Die größte Not wächst uns aus eignen Händen. 

Wir stürmen unser Herz und Haus, 

und will uns gleich ein Fremder nicht verblenden, 

so stechen wir uns selbst die Augen aus. 

So taumeln wir als trunken aus dem Leben 

gar reich an Wollust, arm an Gut, 

bis wir den Zoll dem Tode geben, 

der uns erschüttert Fleisch und Blut. 

Dann schauet man der Menschen Pracht verschwinden. 

Der Fürnis fällt. Sein Grund entweicht. 

Auch unser Grab ist endlich nicht zu finden, 

wenn Heucheley nicht dessen Stein bestreicht. 



HOFFMANNSWALDAU 89 



Trost 



Getrost mein Geist, wenn Wind und Wetter krachen. 
Lust und Verdruß, Gewollt und Sonnenschein, 
die schauet man in stetem Wechsel seyn. 
Ein jeder Sturm versenkt nicht unsern Nachen. 
Wer Rosen ohne Dorn ihm vor die Augen stellt, 
der kennet noch nicht recht den Garten dieser Welt. 



Morgenlied 



Das Licht so sich verborgen, 
macht itzt den neuen Morgen, 
es sinckt die trübe Nacht, 
die bleichen Sternen weichen, 
der Monde will verstreichen, 
und ich bin aufgewacht. 



90 HOFFMANNSWALDAU 

Daß ich mich kann bewegen, 
daß Hand und Fuß sich regen, 
daß ich noch leben kann: 
Daß Auge, Mund und Ohren 
nicht ihre Kraft verloren, 
hast Du, o Herr, getan. 

Dies hab ich aus Genaden, 
ich, der ich bin beladen, 
mit überhäufter Schuld, 
es scheint du willst die Flecken 
mit Deinem Mantel decken, 
und hast mit mir Geduld. 

Herr laß mit reinem Herzen 

mich schauen diese Kerzen, 

die Erd und Himmel ziert: 

Laß doch den Schnee der Sünden, 

für diesem Strahl verschwinden, 

den Du hast aufgeführt. 

Bewege Hand und Sinnen, 
treib selber mein Beginnen, 
sey meines Geistes Licht: 



HOFFMANNSWALDAU 91 



Wie kann mein Fuß bestehen, 
und oline Straucheln gehen, 
wenn mir Dein Trieb gebricht. 

Verschleuß des Geistes Schrancken, 

für nichtigen Gedanken, 

für Dornen böser Lust, 

für Disteln vieler Plagen, 

die gute Kräuter jagen 

aus der verwirrten Brust. 

Ich bin in einer Wüste 

voll tausend böser Lüste, 

Herr reiche mir die Hand, 

ich kann heraus nicht schreiten, 

wird mich Dein Wort nicht leiten 

in ein bebauter Land. 

Ich will mich zwar bemühen, 
den Glanz der Welt zu fliehen, 
darinn ich bin verhafft: 
Doch weil auf allen Seiten 
so leichthch ist zu gleiten, 
so gib mir neue Kraft. 



92 HOFFMANNSWALDAU 

Herr lencke mein Gesichte 
hin zu dem rechten Lichte 
und zu dem rechten Schein; 
heb Du des Geistes Schwingen, 
die Wolken zu durchdringen, 
so kann ich Adler seyn. 



Geistliche Ode 



Kann ich mit einem Tone, 

der schwer von Erden ist, 

mich schwingen zu dem Throne, 

den Du Dir hast erkiest; 

kann ich die schnöden Flecken 

der sündlichen Begier 

mit Zuversicht entdecken, 

o reines Wesen! Dir. 

Ich fühle zwar mit Schmerzen, 
wie Fleisch und Sünde drückt, 
die Hoffnung von dem Herzen 
den Sinn vom Himmel rückt. 



HOFFMANNSWALDAU 93 

Doch hoff ich zu gewinnen 
vermittelst Deiner Hand, 
die stärken kann die Sinnen 
und trennen falsches Band. 

Ich liebte bloß das Glänzen, 

die Eitelkeit der Welt: 

Die Lust vergaß der Grenzen, 

so man ihr vor gestellt. 

Mein Auge war ein Spiegel, 

der alle Formen fing, 

der frey von Zaum und Zügel 

durch geile Felder ging. 

Ich hörte Deine Worte 
mit tauben Ohren an: 
Und stund ich an dem Orte, 
der uns erbauen kann, 
so waren meine Sinnen 
auf Sünden stets gelenkt, 
auf nichtiges Beginnen, 
so deine Gottheit kränckt. 

Ich hörte kein Gesetze, 
die Lüste dieser Welt, 



94 HOFFMANNSWALDAU 



die waren meine Schätze, 
hier war mein Ziel gestellt, 
den Himmel zu erkiesen, 
da war ich allzu blind, 
ich habe mich erwiesen 
oft schlechter als ein Kind. 

Doch kann ein Kind erlangen 

des Vaters alte Gunst: 

So komm ich auch gegangen, 

und hoffe nicht umsonst, 

ich lasse meine Thränen 

mit reichen Strömen aus, 

ich weiß Du kennst mein Sehnen 

und nimmst mich in Dein Haus. 



CHRISTIAN WEISE 

geboren am 10. April 1642 in Zittau, später Rektor des Gymnasiums 
in seiner Vaterstadt, starb dort am 21. Oktober 1708. 



Nachsprang zum Hochzeitstanz 

Lustig ihr Mädgen die Hochzeit ist aus, 
wandert mit euren Bedienten hinaus, 
lasset euch aber beileibe nicht herzen, 
gehet fein leise, die Mutter die wacht, 
lasset die Kerlen ein andermal scherzen 
hätten sie vormals sich lustig gemacht. 

Gehet geschwinder ihr Kinderchen ihr, 
leget euch nieder und schlafet darfür, 
sehet die armen verliebeten Schafe, 
sind sie nicht truncken, sie stehen gar kaum, 
springet inzwischen und tanzet im Schlafe, 
morgen erzehlet den lustigen Traum. 

Gehet und leget euch immer zur Ruh. 
Hört ihr noch lange den Ständigen zu? 
Sehet die Mutter die legt sich ans Fenster, 
nehmet euch besser im Finstern in acht: 
Wünschet ihr niedlichen Gassengespenster 
allerseits eine geruhige Nacht. 



BENJAMIN NEUKIRCH 

geboren am 27. März 1665 zu Reinke in Schlesien, war Hof- 
meister des Erbprinzen und Hof rat in Ansbach, starb dort am 
15. März 1729. Nur das erste Gedicht ist von ihm selbst, die 
übrigen von unbekannten Dichtern aus Neukirchs Sammlung: 
Des Herrn von Hoffmannswaldau und anderer Deutschen Gedichte 
(1691—1722). 



Auf die Liebe 

Ach! was wird durch Amors Hand 

nicht auf Erden ausgericht? 

Man vergißt das Vaterland, 

aber seine Liebste nicht. 

Man verlasset Hof und Haus, 

man versäumet Freund und Schmaus, 

aber seine Liebste nicht. 



Als er von ihr reisete 

Ich reise weit von meiner Sonne weg. 
Wie find ich aber Weg und Steg? 
Kann man auch reisen ohne Herze? 
Geht man auch sicher ohne Kerze? 



AUS NEUKIRCHS SAMMLUNG 97 

Doch Amor tritt an meines Herzens Statt, 

sein Feuer l<ann mich schon bewegen, 

und seine Fackel ist ein Licht auf meinen Wegen, 

der kommt wohl sicher fort, der diesen Leitstern hat. 



Madrigal auf das menschliche Leben 



Die Zeit der Jahre rauscht vorbey, 

eh wir den Frühling recht genossen 

ist seiner Blumen Gold verschossen. 

Die bunten Felder sind nicht frey. 

Wenn sie die kalte Luft bestrichen, 

fällt ihre Schönheit hin. 

So wird auch unser Sinn 

gar oft mit Schaden hinterschhchen. 

Eh wir zu leben angefangen, 

holt uns der Tod schon wieder ab, 

und schleppt uns unreif in das Grab. 

Das Blättchen kann sich leicht verdrehen, 

daß Särge bey der Wiege stehen. 

Statuen Deutscher Kultur. XI. 7 



98 AUS NEUKIRCHS SAMMLUNG 

Ihr Auen! Bach und Büsche! 
Du stille Felder-Ruh! 
Und auch ihr stummen Fische! 
Hört meiner Freude zu. 

Ich saß vor wenig Tagen 
bei meiner Cynthia, 
was ich nur konte fragen, 
war bey ihr alles ja. 

Ihr Mund lag auf dem meinen, 
durch sie selbst angelegt, 
und ihre Brust ließ scheinen, 
was sie verborgen trägt. 

Sie schloß mich ganz gebunden 
in ihre Armen ein; 
ach daß der süßen Stunden 
noch solten tausend seyn! 

Sie stellte mir das Küssen 
und beste Lieben frey; 
doch niemand solte wissen, 
daß ich ihr Liebster sey. 



AUS NEUKIRCHS SAMMLUNG 99 

dies will ich euch vertrauen, 
ihr Auen weit und breit! 
Ihr aber müsset schauen, 
daß ihr verschwiegen seyd. 

Drum sagt, was ich getrieben 
den stummen Felsen an; 
die gröste Kunst im Lieben 
ist, daß man schweigen kann. 



Auf den anbrechenden Morgen 



Sonne wirf den Purpur-Schein 
auf die halb erstorbnen Felder. 
Siehe, wie die frischen Wälder 
schon erweckt und munter seyn. 

Höre doch den lauten Gruß, 
den sie mit verliebten Blicken, 
durch die Luft einander schicken, 
komm mit deinem Morgen-Kuß. 

7* 



100 AUS NEUKIRCHS SAMMLUNG 

Steig in Springen aus dem Meer, 
wickle dich aus deinen Schalen, 
sammle die gewärmten Strahlen, 
stell dein Freuden-Feuer her. 

Dopple den geschwinden Lauf, 
lecke durch das nasse Thauen, 
silber-gleich gefärbten Auen, 
weck die Welt von Träumen auf. 

Schatten macht die Lüfte frey! 
Bleicher Mond geh von der Wache, 
daß der Himmel wieder lache, 
und nicht mehr erschrecklich sey. 

Komme, du gewünschtes Licht! 
speise, nähre, das Gemüthe 
durch den ganzen Tag mit Friede, 
bis Gott guten Abend spricht. 



UNBEKANNTE DICHTER 

Die folgenden Gedichte charakterisieren den Ton der Volkslieder 

aus der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Das letzte Gedicht ist 

übrigens nicht von Bach, wie die Legende behauptet. 



Liegst du schon in sanfter Ruh 

und tust dein schwarzbraun Äuglein zu 

und die zarte Gliederlein 

wohl in ein Federbett gewickelt ein. 

Wälder, Felder schweigen still 

und niemand ist, der mit mir sprechen will, 

alle Fluß haben ihren Lauf 

und niemand ist, der mit mir bleibet auf. 

Heute hab ich die Wach allhier, 
Schönste, vor deiner verschlossenen Thür. 
Sonn und Mond dazu das Firmament 
schaun, wie mein junges Herz vor Liebe brennt. 

Harfenklang und Saitenspiel 
hab ich lassen spielen so oft und viel, 
ich hab es lassen spielen so oft und viel, 
so daß mir keine Saite mehr klingen will. 



102 UNBEKANNTE DICHTER 

Gute Nacht! Gute Nacht! Frau Nachtigall 
in dem Tal, tausendmal, überall, 
grüße sie aus meinem Herzensgrund 
aus meinem Herzen, mit deinem Mund. 



Abendsegen 



Der Tag hat seinen Schmuck 

auf heute weggetan, 

es ziehet nun die Nacht 

die braunen Kleider an 

und deckt die Welt in angenehmer Ruh 

mit ihrem Schatten zu. 

Nun, dir befehl ich mich, 

du angenehme Nacht, 

und wenn das Morgengold 

am frühen Himmel lacht, 

so werde doch dem Herzen das geschenkt, 

woran es schlafend denkt. 



UNBEKANNTE DICHTER 103 



Willst Du Dein Herz mir schenken, so fang es heimlich an 
daß unser beider Denken niemand erraten kann. 
Die Liebe muß bei beiden allzeit verschwiegen sein, 
drum schließ die größten Freuden in Deinem Herzen ein. 

Behutsam sei und schweige und traue keiner Wand, 
lieb innerlich und zeige Dich außen unbekannt. 
Kein Argwohn mußt Du geben, Verstellung nötig ist, 
genug, daß Du, mein Leben, der Treu versichert bist. 

Begehre keine Blicke von meiner Liebe nicht. 
Der Neid hat viele Tücke auf unsern Bund gericht. 
Du mußt die Brust verschließen, halt Deine Neigung ein, 
die Lust, die wir genießen, muß ein Geheimnis sein. 

Zu frei sein, sich ergehen, hat oft Gefahr gebracht. 
Man muß sich wohl verstehen, weil ein falsch Auge wacht. 
Du mußt den Spruch bedenken, den ich vorher getan: 
Willst Du Dein Herz mir schenken, so fang es heimlich an. 



INHALT 



Zur Einführung 



Gesellschaftslieder 

Abendständchen 

Ein Maienlob 

Tanzlied . . . . 

Georg Rudolf Weckherlin 

Küße 

Seiner Liebsten Lob 
Martin Opitz 

Abendlied . . . . 

Fast nach dem Holländischen 

Nachtklänge . . . . 
Simon Dach 

Die Sonne rennt mit Prangen 
Friedrich von Logau 

Zehn Sinngedichte 
Paul Fleming 

An Basilenen 

An einen Ring 

An ihren Mund 

Für eine Jungfrau 

Hochzeitslied 

Nach dem Regen 

Tanzlied 



11 
10 
10 

14 

15 

18 
21 
19 

24 

26—28 

32 
34 
35 
31 
33 
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INHALT 



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Georg Philipp Harsdörfer 

Nun der übermüde Tag 
Johann Georg Greflinger 

Laßet uns schertzen .... 
Andreas Gryphius 

An die Sternen 

Fünf Sonette auf die Vergänglichkeit . 

Hochzeit im Winter .... 

Vanitas! Vanitatum Vanitas . 
Angelus Silesius 

Vierzig Sprüche aus dem cherubinischen 

Wandersmann 

Christoph von Grimmeishausen 

Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall! 
David Schirmer 

An die Sterne 

Sie soll der Jugend brauchen 

Über ihre Augen 

Kaspar Stieler 

Wer küßt die greisen Haare 
Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau 

Abbildung der Liebe .... 

An Amaranthen über sein Bildnis 

An Doris über Vergänglichkeit 

An die Sternen 

Antwortschreiben an die Frau Gr. A. v, A. 

Auf ihre Ohrengehänge 

Das menschliche Leben 

Die Augen schloß ich traurig zu . 



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INHALT 



Die Welt 

Er sähe sie über Feld gehen 

Gedanken bei aufgehender Morgenröte 

Geistliche Ode 

Heimlicher Liebe Leid . 

Morgenlied . 

"Sein Herz in ihrer Hand 

Trost .... 

Unum discamus mori . 

Wo sind die Stunden . 
Christian Weise 

Nachsprung zum Hochzeitstanz 
Benjamin Neukirchs Sammlung 

Als er von ihr reisete . 

Auf den anbrechenden Morgen . 

Auf die Liebe .... 

Ihr Auen, Bach und Büsche 

Madrigal auf das menschliche Leben 
Unbekannte Dichter 

Abendsegen 

Liegst du schon in sanfter Ruh . 

Willst du dein Herz mir schenken 



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