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Full text of "Deutsche geographische blätter .."

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Herausgegeben von der 



Ereograplii^lieii Gesellscliaft lu Bremen 



durch Dr. M. Lindem au. 



Band XII. 



Diese Zeitschrift erscheint vierteljährlich. 
' Abonnements-Preis 8 Mark jährlich. 




BREMEN. 

Kommissions- Verlag von G. A. v. Halem. 

1889. 



*• • • 



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• • ••• 

• • • 



15. Zur Entdeckungsgeschichte und Landeskunde in Neu-Guinea. I. Von 

A. Oppel 297 

16. Ober Landwirtschaft und Kolonisation im nördlichen Japan. Von 
Paul Grahner 313 

17. Die Republik Chile im Jahre 1889. Von Dr. H. Polakowsky 320 

18. Salanga. Von Ernst Hai-tert 352 

19. Erinnerungen aus Grönland. Von Signe Rink 357 






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Gröfsere Aufsätze: seit«. 

1. über die Aufgaben zoologischer Forschung im nördlichen Eismeere. 
Von Dr. Kükenthal 1 

2. Die amerikanischen Unternehmungen der Augsburger Welser, 1525 — 1547. 
Nach Vorträgen von Hermann A. Schumacher 5 

3. Die Entwürfe zur Trockenlegung der Zuiderzee in Holland. Von 

P. A. van Buuren. Mit einer Tafel, Figur 1 — 10 21 

4. Die Südbahn in Rio Grande do Sul. Von Paul Langhans. Mit einer 
Karte 48 

5. Der vulkanische See Tritriva auf Madagaskar. Von James Sibree .... 55 

6. Die von der Bremer geographischen Gesellschaft veranstaltete zoologische 
Forschungsreise in das europäische Eismeer (Dr. Kükenthal und Dr. Walter) 81 

7. Terrain und Landschaft, Arbeiten und Pläne des Nicaragua-SchifTskanals. 
Von R. E. Peary. Mit einer Tafel 89 

8. Kurze Geschichte der Panamakanalgesellschaft (1879 — 1889). Von 

Dr. H. Polakowsky 107 

9. Das afrikanische Elfenbein und sein Handel. Von Paul Reichard. Mit 
einer Karte 132 

10. Der VQI. deutsche Geographentag in Berlin. Von Dr. W. Wolkenhauer. 169 

11. Die von der Geographischen Gesellschaft in Bremen veranstaltete 
Forschungsreise in das europäische Eismeer. IL Reiseberichte des 

Dr. Kükenthal 205 

12. Der Odenwald. Von Geh. Oberforstrat Wilbrand. (Mit Karte) 216 

13. Die Geographie auf der Pariser Allgemeinen Ausstellung 1889. Von 

Dr. A. Oppel 238 

14. Die dänische Expedition nach Ostgrönland 1883 — 85. Von H. Rink . . . 260 

Kleinere Mitteilungen: 

1) Aus der geographischen Gesellschaft, 64, 181, 284, 365. 2) Polar- 
regionen, 64, 182, 367. 3) Miklucho-Maclay, 68. 4) Die Kolanufs, 68. 5) Beginn 
der Arbeiten am Nicaragua - Schiffskanal, 181. 6) Die Andamanen -Inseln, 184. 
7) Die Kongo-Eisenbahn, 185. 8) Buchans meteorologische Karten, 185. 9) Staats- 
unterstützung für die geographische Gesellschaft in Hamburg, 186. 10) Gold- 
gewinnung in Neuseeland, 284. 11) Eskimo-Sagen, 285. 12) Französische 
Weine, 289. 13) Die Anden-Eisenbahn, 291. 14) Goldgewinnung in Alaska, 291. 
15) Vogelleben auf den ostfriesischen Inseln, 368. 16) Die Arii-Iw&^VoL^ ^<^. 
17) Die Amur-Fischereien. 371. 18) Henseii'a 'P\aTLVV.o\i-"^Ti.^^^^VAö\\., *^^ 



Geographische Litteratur: Seite. 

69j 187, 291, 372. 
Verzeichniss der noch zur Besprechung vorliegenden Werke 204 

Karten : 

Tafel 1: Die gntwürfe zur Trockenlegung der Zuidersee, Figur 1 — 10. 
Tafel 2: Die Sudbahn in Rio Grande do Sul. Von Paul Langhans. 
Tafel 3: Pläne und Profile des Nicaragua-Schiffskanals. Von R. E. Peary. 
Tafel 4: Karte der verschiedenen Elfenbein -Arten und -Handelsgebiete in 

Afrika. Von Paul Reichard. 
Tafel 5: Die Waldungen des Odenwalds. Mafsstab: 1:225,000. 

Anlage: 

X. Bericht des Vorstandes der geographischen Gesellschaft in Bremen. Vor- 
gelegt in der Versammlung der Gesellschaft am 31. Mai 1889. 



»"« *• Deutsche »*°* ™- 

Geographische Blätter. 

Herausgegeben von der 

Geographischen Gesellschaft in Bremen. 

Beiträge und sonstige Sendungen an die Redaktion werden unter der Adresse : 
Dr* M. Lindeman^ Bremen, Mendestrasse 8, erbeten. 

Der Abdruck der Original-Aufsätze, sowie die Nachbildung von Karten 
und Illustrationen dieser Zeitschrift ist nur nach Verständigung mit 

der Redaktion gestattet. 

Über die Aufgaben zoologischer Forschung 

im nördlichen Eismeere. 



Welchen riesigen Aufschwung die Naturwissenschaften in den 
letzten Dezennien genommen haben, dies zeigt sich am besten an den 
Anforderungen, denen die modernen naturwissenschaftlichen Reisenden 
genügen müssen, wenn sie etwas Erspriefsliches leisten wollen. Als 
in der Zoologie noch die Systematik der alten Schule dominierte, da 
genügte es, wenn eine Anzahl von Tierspezies von der Reise mitge- 
bracht wurde, von denen im glücklichsten Falle einige für die 
Wissenschaft neu waren; sie wurden bestimmt und in das System 
imd eine Sammlung eingereiht. Das Sammeln war damals Selbst- 
zweck. Heute ist dies ganz anders geworden, die Erkenntnis des 
genetischen Zusammenhanges aller organischen Formen bedeutet eine 
ungeheure Erweiterung unsres Gesichtskreises. Alles, was sich in 
unsren Tagen mit zoologischer Forschung befafst, -arbeitet mittelbar 
oder unmittelbar, bewufst oder unbewufst an der Lösung der Frage : 
Welcher Art sind die verwandtschaftlichen Bande, welche die ein- 
zelnen Tiere mit einander verknüpfen. 

Die Wege, diese Frage im einzelnen zu lösen, sind zweierlei 
Art, der eine führt in die Studierstube, wo mit dem Messer und 
dem Mikroskop die Körper und ihre Teile in entwickeltem und un- 
entwickeltem Zustand verglichen werden, der andre hinaus in die 
freie Natur, wo direkte Beobachtung uns dazu verhelfen kann, die 
mannigfachen äufseren Einwirkungen und deren Folgen an tierischen 
Organismen zu studieren; beide Richtungen aber arbeiten Hand in 
Hand. 

QeographiBche Blätter. Bremen 1889, "^ 



Damit ist. für den wissenschaftlichen Reisenden die Methode 
gegeben, welche er zu befolgen hat. An Ort und Stelle hat er 
Beobachtungen anzustellen, ferner aber auch Material für spätere 
Studien zu sammeln. 

Die Wahl der Forschungsgebiete für den Zoologen ist vorläufig 
noch eine unbegrenzte. Überall, selbst in der Heimat, bietet sich 
dem findigen Auge genug des Neuen; unter die Zahl der besonders 
interessanten Teile des Erdballes gehört indessen fraglos in erster 
Reihe das arktische Gebiet. Wenn bis jetzt an den Polen, mit wenigen 
Ausnahmen, eine verhältnismäfsig geringe zoologische Thätigkeit 
entfaltet und die Zahl der ungelöst gelassenen Probleme besonders 
grofs geblieben ist, so ist dies in erster Linie den Schwierigkeiten 
zuzuschreiben, welche die Natur dem Forschungsreisenden in den 
Weg legt. Anderseits drängen sich kaum in einem andern Gebiet 
so viele wichtige Fragen auf, wie in diesem. 

Die Fauna des Eismeeres ist aus zwei verschiedenen Kategorien 
von Tieren zusammengesetzt. Die eine enthält die echten, arktischen 
Formen, die in ihrem Habitus, wie bekannt, den Formen der Tiefsee 
entsprechen, die andre besteht aus Eindringlingen in das polare 
Gebiet. Diese Einwanderer sind hier ganz andern Lebensbedingungen 
unterworfen, als in ihrer ursprünglichen Heimat. Um sich denselben 
anzupassen, mufsten sie mannigfache Veränderungen erleiden, wenn 
sie ihre Existenz behaupten wollten, und in der That lassen sich 
derartige Veränderungen an einzelnen Formen Schritt für Schritt 
verfolgen. Die Neubildung der Arten ist also hier direkt nachweis- 
bar, und damit auch der genetische Zusammenhang einzelner Formen. 
Die Erkenntnis der Formveränderungen führt uns gleichzeitig zu der 
Erkenntnis ihrer Ursachen. Wie auf dem Kontinente die Zugstrafsen 
der Vögel verfolgbar sind, so sind im Meere die Bahnen aufzufinden, 
auf welchem einzelne niedere Formen in neue Wohngebiete vordran- 
gen. Da sind es vor allem die Meeresströmungen, welche aktive 
und passive Wanderungen zustande bringen; auch das Ende der 
Strafse und die seitliche Ausbreitung läfst sich feststellen. Fast 
jeder Form folgen andre, die auf sie in ihrer Existenz angewiesen 
sind, seien es Parasiten oder Symbionten, d. h. im Freundschafts- 
verhältnis lebende, oder aber, wie in der Mehrzahl der Fälle, solche, 
welche dieser niederen als Nahrung bedürfen. So ziehen die niedersten 
Formen immer höhere mit sich. 

Selbst unter den gröfsten imd ökonomisch wichtigen Tieren 
hat eine erhebliche Zahl ihren früher südlicheren Wohnsitz infolge 
unablässiger Nachstellungen von selten des Menschen mit den nörd- 



liebsten Teilen des polaren Gebietes vertauscben müssen, so z. B. 
das Walrofs, welcbes früber an der Nordküste Europas vorkam 
(siebe die Weltbescbreibung des Orosius), in den zwanziger Jabren 
dieses Jabrbunderts von Keilbau auf der Bäreninsel gefunden wurde, 
und sieb jetzt in fast unzugängliebe Eisregionen zurüekgezogen 
bat. In vielen Fällen waren solebe Wanderungen nur dadureb mög- 
lieb, dafs aueb die Näbrtiere dureb Strömungen u. a. in diese Gebiete 
gelangt waren, denn je böber der Organismus entwiekelt ist, desto 
sebwerer pafst er sieb neuen Bedingungen, besonders Nabrungsver- 
bältnissen an. Die betreffenden Tiere wären der Verfolgung bereits 
gänzlicb unterlegen, wenn nicbt dieser Ausweg ibnen ermöglicbt wäre. 

Es ist also vor allem eine mögliebst sorgfältige systematisebe 
Faunistik zu erstreben. Eine solebe setzt in den Stand, arktisebe 
und antarktisebe Meere einmal erseböpfend gegeneinander zu balten, 
und, mit dem Parallelvergleieb aller pbysikaliseben Daten, die Gründe 
für diese Faunenuntersebiede endgültig zu siebern. Es würden sieb 
dabei fraglos unter den Wirbellosen äbnliebe oder vielleiebt besser 
noeb illustrierende Ersebeinungen als unter den Vertebraten für sub- 
stituirende Formen ergeben, d. b. Formen, die ganz entspreebende 
Ausbildung und viele Sondereigenbeiten aufweisen, obgleieb sie im 
arktiseben und antarktiseben Gebiete ganz andern Gruppen angeboren. 
Diese Vikare liefern aber den besten Fingerzeig für die Herkunft 
und Entstebung der beiderseitigen Faunen, wie für Eintritt und Aus- 
tritt von Formen in und aus dem gutbegrenzten Gebiete. 

Von gleieb bobem Interesse wie die des Polarmeeres ist die 
Faima arktiseber Inseln. Die Verbältnisse liegen* bier teilweise sogar 
einfaeber, so dafs wir weitere und leiebter erreiebbare Aufseblüsse 
zum Vergleieb der zeitlieben Umbildungen um den Nordpol erbalten. 
Vor allem ist zu untersueben, ob sieb niebt ein Untersebied zwiseben 
früberer und beutiger Wirbeltierfauna aufweisen läfst, wie dies an 
der sibiriseben Küste und den ibr benaebbarten Inseln der Fall ist. 
Man denke nur daran, dass u. a. die neusibiriseben Inseln an 
Fossilien neben Ovibos mosebatus noeb zwei Wildoebsen, eebte 
Hirsebe u. a. in Knoebenresten lieferten. Maneberlei Art sind die 
Beziebungen, welebe das Inselleben zu dem benaebbarten Festlande 
darbietet. Alle Formen, welebe ursprünglieb von dortber stammen, 
baben ein abweiebendes Gepräge empfangen, und die Vergleiebung 
lebrt uns neue ürsaeben der Umwandlung der Arten erkennen. 

Hoebwiebtig ist ferner die so äufserst dürftige Inseklenwelt 
des boben Nordens. Die Weebselbeziebungen zwiseben Pflanzen und 
Insekten baben mit der Abänderung der ersteren^ ^\ß>\Ä^^ '«»^iö. 



Umwandlungen der letzteren hervorgerufen. In dieser Hinsicht hat 
vom botanischen Standpunkt aus Professor Warming bereits wunder- 
schöne Arbeiten über die Beziehungen zwischen der phanerogamen 
Pflanzenwelt und den Insekten auf Grönland geliefert. 

Eine Fülle von Detailuntersuchungen läfst sich an diese Frage 
allgemeiner Natur anknüpfen, wir wollen uns indessen jetzt dem 
zweiten Teil der Aufgabe eines zoologischen Reisenden zuwenden, 
nämlich Material zu sammeln für entwickelungsgeschichtliche und 
anatomische Studien. Auch in dieser Hinsicht haben sich die Zeiten 
geändert; das Material wurde früher in Spiritus geworfen, dann be- 
stimmt und in die Sammlung eingereiht. Heutzutage wissen wir 
eine bessere Verwendung dafür. Indem ein jedes Objekt bis in seine 
feinsten Teile untersucht wird, beschreiten wir den zweiten Weg, 
um zur Erkenntnis des genetischen Zusammenhangs der Formen zu 
gelangen. Freilich stellt dafür auch die Wissenschaft andre An- 
forderungen an das zu bearbeitende Material. Es soll nicht allein 
der äufsere Habitus eines Tieres, sondern auch seine innere Organi- 
sation bis zur kleinsten Zelle erhalten bleiben, und diesen Anfor- 
derungen ist Genüge zu leisten. Leider herrscht in bezug auf die 
beste Art und Weise der Konservierung einzelner Organismen vielfach 
eine kleinliche Geheimniskrämerei unter den Zoologen, und manches, 
was anderen bereits bekannt ist, mufs man selbst erst nach zeit- 
raubenden Versuchen herausfinden, es hat sich indessen dennoch 
bereits eine Anzahl von Methoden gefunden, die Allgemeingut ge- 
worden sind, und zufriedenstellende Resultate geben. Auf diese 
Weise kann ein reiches, hochinteressantes Material gesammelt wer- 
den, welches vielen Spezialforschern wichtige Dienste zu leisten im 
Stande ist. 

Ganz kurz möchte ich zum Schlüsse noch auf die Resultate 
hinweisen, welche eines Forschers harren, der sich mit den grofsen 
arktischen Säugern beschäftigt. Im hohen Norden sind ja die klassischen 
Fangplätze der Wale und wie nirgends sonst hat man hier Gelegen- 
heit Material für entwicklungsgeschichtliche und anatomische Studien 
an diesen noch wenig bekannten Tieren zu sammehi. Ein gleiches 
gilt von den Robben und Walrossen. 

Schon aus diesem Grunde allein würde eine arktische Reise 
reiche Früchte zeitigen. 

Jena, den 16. Januar 1889. 

Dr. Kükenthal. 



Die amerikanischen Unternelimungen der Augsburger 

Weiser, 1525— i547. 

Nach Vorträgen von Hermann A* Schnmacher* 



Der bremischen Geographischen Gesellschaft hat ihr Ehren- 
mitglied, Herr Ministerresident z. D. Schumacher, kürzlich in fünf 
Sitzungen (November 19, 23, 26 und 30, sowie Dezember 3) deutsche 
Kolonialbestrebungen und Entdeckungsreisen früherer Zeiten ge- 
schildert, welche heutzutage, trotz der deutsch und spanisch vor- 
liegenden Berichte, fast ganz vergessen oder doch wenig verstanden 
sind. Waren schon diese Vorträge Auszüge aus lang angesammelten 
und kritisch verarbeitetem Material, so sind die über sie vorHegenden 
Berichte wieder nur Auszüge von Auszügen. Ob eine Wiedergabe 
so verkleinerter Bruchstücke sich verlohnen würde, könnte als fraglich 
erscheinen; aber einenteils treffen wir bereits in den kurzen Über- 
sichten so viele neue imd wichtige Thatsachen, dafs eine Bekannt- 
gabe angezeigt ist; andemteils erfahren wir, dafs eine vollständige 
Bearbeitung des überreichen Stoffes noch ausgedehnte, in Augsburg, 
Madrid und London vorzunehmende Studien erfordert, deren Abschlufs 
sich gar nicht vo^raussehen läfst; denn die neueste, diese Dinge be- 
handelnde Publikation: von Langegg, El Dorado, gerade jetzt, und 
zwar nach jenen Vorträgen, herausgegeben, scheint ims die geogra- 
phisch-historischen Fragen noch nicht genügend zu fördern. 

Jene beiden Bücksichten haben die Redaktion veranlafst, mit 
Genehmigung des Herrn Dr. Schumacher die Inhaltsangaben der 
fünf Vorträge zu veröffentlichen. 



Erste deutsche Faktorei m Amerika. Zu Augsburg findet sich 
an einem alten Steinbau der Carolinenstrafse eine Inschrift, die etwa 
lautet: „Hier stand ehedem die Wechselbank der Welser, welche 
Schiffe nach Indien schickten und in Amerika das Weiserland be- 
safsen." Während der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts waren 
Bartholmä und Anton Welser die bedeutendsten Träger der grofsen, 
selbst mit den Fuggem wetteifernden Augsburger Kaufmannsfirma, 
welche nicht blofs ihrer Bankgeschäfte halber, sondern auch wegen 
ihres kraftvollen Eingreifens in Schiffahrt, Industrie und Bergbau 
denkwürdig ist. Damals hatten die Gebrüder Welser seit Jahren 
bedeutende Verbindungen in den französischen und italienischen 
Städten; sie betrieben grofsartig den Levantehandel und zählten 
zugleich zu ihren Kontoren eine sehr thätige Aivt^^-t^^^ÄX ^-^^^^ 



Als das Geschäft nach dem alten Indien, nach Asien, das sie von 
Lissabon aus gleich nach der Entdeckung des Seeweges begonnen 
hatten, immer mehr durch die portugiesischen Behörden sich beein- 
trächtigt sah, wurde in dem neuen Indien, in Amerika, mutvoll 
eine Faktorei begründet, so dafs nun die überseeischen Unter- 
nehmungen nicht mehr ostwärts, sondern westwärts schauten. 
Anno 1525 errichteten zwei bewährte Vertreter der Augsburger, 
Ambros Dalfinger und Georg Ehinger, in dem damaligen Mittel- 
punkte des europäisch-amerikanischen Verkehrs, in Santo-Domingo, 
der Hauptstadt von Hispaniola, ein V^elserkontor, welches mit dem 
grofsen Indienhause von Sevilla in direkter Verbindung stand. Es 
war natürlich, dafs in der bereits organisierten spanischen Kolonie 
diese fremdländische Gründung nur langsam zu nachhaltigen Erfolgen 
kommen konnte. Die ihr zugehenden europäischen Frachten um- 
fafsten freilich sämtliche Lebens- und Kulturbedürfnisse; die durch 
besondere Verträge geregelte Zufuhr von Negersklaven sollte Plan- 
tagen- und Minenwirtschaft auf der noch für reich geltenden Insel 
fördern; den welserischen Zuckerrohrpflanzungen in Maguana schlofs 
sich Baumwollekultur an, ihren Goldwäschereien in San Cristoval 
mühsamer Bau auf Kupfer, für welchen deutsche Bergleute in Menge 
angeworben wurden; die Unkosten des Zwischenverkehrs im grofsen 
Golfe, dem „indischen Mittelmeer", wollte man durch Zucht von 
europäischen Haustieren decken, besonders durch die von Pferden, 
und durch Transport von indischen Leibeigenen, die ebenso be- 
handelt wurden, wie die afrikanischen — allein die Verhältnisse 
jener Insel wurden sehr schnell viel zu eng und zu klein. 

Erwerb am Festlande, Von Dalfinger wurde schon 1526 ein 
Teil des riesigen, Santo-Domingo gegenüber liegenden Kontinents 
ins Auge gefafst, nämlich das an der atlantischen Seite zwischen 
zwei längstbekannten Schififerzeichen, den Vorgebirgen der Hinter- 
trosse (Codera) und des Segels (Vela), beginnende, dann durch noch 
vöUig unerforschte Gegenden ins Innere sich erstreckende imd 
irgendwo an das neue V^eltmeer, die Südsee, reichende Land. Von 
diesem Gebiete war damals kaum mehr bekannt, als der kleine Ort 
Coro (d. h. Seebrise), in welchem einige Europäer kürzUch sich nieder- 
gelassen hatten, und das grofse Gewässer von Venezuela (d. h. Klein- 
Venedig), welches seinen auf das adriatische Meer hinweisenden 
Namen schon 1490 durch den klugen Seefahrer Juan de la Cosa 
erlangt hatte. Solch ungeheures Gebiet „von dem einen ViTeltmeer 
bis zum andern", also fast der ganze Norden Südamerikas, wurde 
den Herren B. imd A. V^elser infolge der Bemühungen ihrer spa- 



Bischen Agenten, Heinrich Ehinger in Madrid und Hieronymus Sailler 
in Sevilla, von Karl V. als kastilischem Köni^, nicht als deutschem 
Kaiser, zu Lehn vergeben, keineswegs blöfs als Pfand oder dergleichen, 
sondern in noch günstigerer Form, als andern überseeischen Be- 
lehnungeneigen war; erhielten doch die Welser den Vorzug, die Landes- 
hauptmannschaft selbst zu besetzen. Bedurften auch die von ihnen 
Ernannten der Kronbestätigung, so empfingen sie dafür seitens der 
Krone Gehalt, Hofrang, Gefolge von Militärs, GeistUchen, Beamten 
u. a. Analog war es mit dem Generalkapitän und dem Gerichts- 
herm, sowie mit etwaigen Festungskommandanten. Jeder der mit 
allerlei Freiheiten ausgestatteten welserischen Leute bekam Anbau- 
plätze mit einer Bodenfläche von 400 zu 200 Fufs zugesichert, 
die Firma selber sollte aufser ihren ünterlehnsrechten zwölf Quadrat- 
meilen Grundbesitz als Privateigentum sich aussuchen dürfen imd 
im Handelsverkehr allen nationalen Unternehmungen vollständig 
gleichgestellt werden. Ihr Lehn wurde zuerst das welserische Indien 
oder Deutsch-Indien genannt; später kam mehr und mehr die Be- 
zeichnung „Insel Venezuela" auf; denn man glaubte an insulare 
Lage wegen der Durchfahrten vom atlantischen zum austraUschen 
Ozean, die immer noch gesucht wurden. 

Besitzergreifung vom Weiser-Lande. Zum ersten Landeshaupt- 
mann in ihrem Lehngebiete ernannnten B. Welser & Co. den höchst 
energischen Dalfinger, ihren bisherigen Faktor in Santo-Domingo, 
der seine dortige Stelle an Sebastian Rentz übergab. Die Ausfahrt 
begann Ende 1527 auf vier Schiffen. Eines derselben besetzten 
Kronbeamte und Missionare, unter denen Antonio de Montesinos, 
der schon jenseits des Meeres bewanderte Geistliche, hervorragte, 
sowie Leute für die seit einigen Jahren notdürftig bestehende 
Gubemation Santa-Marta, deren Lehnträger Diego Garcia, einer der 
letzten Günstlinge des schon verbHchenen Columbischen Hofstaats, 
ein nachbarliches Schutz- und Trutzbündnis abgeschlossen hatte. 
Die drei andern Schiffe trugen die wirklich welserischen Mann- 
schaften, deren Ausrüstung nach den neuesten Tropenerfahrungen 
erfolgt war; es fehlten aber Feuerwaffen und Bluthunde. Die Teil- 
nehmer dieser Fahrt, ausschliefslich rüstige, zum Abverdienen ihres 
Kostenanteils fähige Männer, gehörten den verschiedensten Volks- 
elementen an. Für die Reiterei war Casimir von Nürnberg da; als 
Arzt diente Meister Anton von Bilboa ; besonders war auch der Hand- 
werkerstand vertreten. Das welserische Geschwader besuchte zuerst 
Santo-Domingo, dann Santa-Marta und kam nach ümseglung der 
Halbinseln Cocibacoa und Paraguanä am 24. F^\vt\5ÄS. "SSfÄ i^ssss. 



— 8 — 

überaus ärmlichen Coro mit nicht weniger als 400 Mann und 80 
meist auf Hispaniola beschafften Pferden. Nun wurde dort unver- 
züglich „dem Meister Ambros als Gubernatoren und Generalkapitän 
aus gegebener Gewalt Kaiserlicher Majestät vom Kriegsvolk und 
von allen Einwohnern mit Eid gehuldigt und unterthäniget." Aus 
den meist falsch beschriebenen oder falsch verstandenen Verhältnissen 
ergaben sich zuerst Schwierigkeiten aller Art: des Landes und des 
Klimas, der Bevölkerung und der Naturmittel. Trotzdem begann 
alsbald Ansiedlung und Kirchengründung in jener Corianagegend, 
welche von den Zaquitiern bewohnt wurde, einem ehemals grofsen 
Volke, das aber schon durch die im nahen Berglande hausenden, 
fremden Stämme sehr zerrissen war. Es lag nahe, dafs letztere 
sofort von den Christen für Cariben, d. h. Menschenfresser, erklärt 
wurden, für Vogelfreie, die zu Sklaven gemacht werden dürften. 
Schon die ersten nach Santo-Domingo zurückfahrenden drei welse- 
rischen Schiffe hatten solche aus dem trotzigen Caribengebirge herbei- 
geschaffte Sklavenfracht an Bord. 

Vorläufige Kundschaftsreisen. Den Zügen in das vom Meeres- 
ufer bis tief ins Innere reichende Bergland folgte der Besuch des 
kleinvenetianischen Sees, zu dessen Beschiffung eigene Fahrzeuge 
erbaut werden mufsten. Der an seiner oberen Seite, im Lande der 
Onoter, belegene alte Mefsplatz Maracaibo wurde zum zweiten Stütz- 
punkt der Weiserischen ausersehen. Von da aus begann die mühe- 
volle Durchforschung des amerikanischen Adriameeres, von deren 
vielen Einzelnheiten zwei besonders interessant sind: erstlich eine 
Expedition zur Herbeischaffang des berühmten Balsams, der unter 
Anrufung der Dreieinigkeit alle sonst so gefährlichen Pfeilgift- 
wxmden unschädlich machen sollte — ein Dechant des in Panama 
neuerrichteten Domkapitels war der Sachverständige — zweitens die 
Anlage einer grofsen Mais- und Kassaveplantage in dem heifs- 
feuchten, von ganz nackt gehenden Pemenern bewohnten Axuduara- 
Lande, d. h. im Mündungsgebiete des Flusses Motatän — Steffen 
Martin war zuerst Geschäftsführer dieses Anbaus. Vom See aus ging 
dann ein Zug, den Pedro de Limpias, ein schon gedienter Pfadfinder, 
führte, nordwärts nach der Meeresküste und zwar auf heute noch 
bestehendem Wege durch das Gebiet der Cocinaer, d. h. Cocibacoa, 
bis zum Segelvorgebirge, wo europäische Wrackstücke gefunden 
wurden, und von da weiter bis zur Siturma-Gegend, einem alten 
Kulturlande am Fufse des Schneegebirges von Santa-Marta. Dalfinger 
selbst suchte am Motatänflusse entlang zur Wasserscheide zu kom- 
jzien, da die Gebirgswasser, Steilschluchten und Waldgewirre grofse 



— 9 — 

Hindernisse bereiteten, ohne Pferde ; er ging zuerst durchs Land der 
Quiriquier und kam dann ins Gebiet der Jiraharer bis zu den kalten 
Bergsteppen, den undurchdringlichen Hochmooren und dem kahlen 
Fufs der Schneegebirge. Auf diesem Zuge zeigte sich zuerst das 
plötzliche Verschwinden ganzer Bevölkerungen, das seitdem von den 
Weiserischen so gefürchtete „Sichverhausen" der Eingeborenen; der 
Ort der Umkehr hiefs noch lange das Thal des heiligen Ambrosius. 
Als der Landeshauptmann am 3. Mai 1530 wieder nach Coro kam, 
hatte er „viel zuvor unbekannte Lande durchreist, von deren Volk, 
Sitten und Bräuchen manches sich erzählen liefs." Er war halb- 
krank und niedergeschlagen; es fand sich aber in Coro^ein starker 
Nachschub der Augsburger Handelsherren vor; den hatten jüngst 
drei welserische Agenten gebracht: Georg Ehinger mit dem ersten 
Schiff Januar 14, Nicolaus Federmann mit zwei Schiffen März 8 
und Hans Seifsenhofer mit dreien April 18. Dalfinger begab sich 
nach der Santo-Domingoer Faktorei, zu Rentz, dem bereits in Asien 
und Afrika erprobten Kaufmann, der ihm viel neues mitteilte, be- 
sonders auch den Plan der Fugger, unterhalb des kürzlich von 
Francisco Pizarro in Besitz genommenen Silberlandes Peru einen 
grofsen üferstrich des australischen Weltmeeres zu erwerben. 

Planmä/sige Steche der Südsee-Küste, Vom kleinvenetianischen 
Gewässer sollte nach dem andern Ozean ein ziemlich kurzer Über- 
gang führen, ein Gebirgsweg, der mit dem von Vasco Nuöez de 
Baiboa vor etwa 17 Jahren zurückgelegten einige Ähnlichkeit haben 
mochte. So drang im September 1530 Federmann, Dalfingers Ver- 
treter in der Landeshauptmannschaft, durch jenes sehr zerklüftete, 
oft dichten Wald, oft kahle Einöden darbietende Caribengebirge, 
in welchem Stämme von sehr verschiedener Sprache, Gestaltung und 
Kleidung bei einander safsen, von denen einige das Waffengift 
kannten. Als er jenseits des Tocuyo-Flusses die Wasserscheide zwischen 
jenem See und den südwärts ziehenden Strömen hinter sich hatte, 
kam er zu dem meist auf dürrem Boden mit Kakteen bestandenen 
Gebiete von Bariquicimeto (d. h. Aschenlande), wo „das Gebirge ein 
Ende hat und das ebenste und schönste Land beginnt, das im neuen 
Indien zu finden ist" . Dort stimmte mit der Nachricht von unabseh- 
baren Gewässern der erste verheifsungsvolle Blick auf die Llanos, 
welcher alle die Kämpfe zu belohnen schien, die vorher in dem Hoch- 
gebirge mit Ayamaern, Cayonaern, Jä-Aguaem, Cuibaern und andern 
Horden zu bestehen gewesen waren. Glücklich drang man durch 
die einzige dortige Kordillerenöffiiung nach Süden. Aus dieser Lücke 
hervortretend, kam Federmann über Acaxiga^ m ^\w^ ^gol!^ \ä;sä^^^^ 



— 10 — 

Mulde der ungeheuren Grassteppen ; am Cuaheri (Coheres)-Flusse sah 
er einen biederen europäischen Haushahn nebst Hennen. Im Hitivana- 
lande hörte er sogar von bärtigen und bekleideten Männern, welche 
kürzlich im Süden mit einem schwimmenden Hause gesehen worden 
seien ; das waren Leute der grofsen Orinokofahrt des Diego de Ordaz 
gewesen, aber weder die des jetzt vielgenannten Pizarro, noch die 
des unverstandenen Sebastian Cabot. Bald darauf, zu Curahamara, 
im Lande der Guayacarier, zeigte sich wirklich ein grofses Meer; 
dies Gewässer war überschwemmtes Hochgras der fast endlosen 
Steppen; dazwischen inselähnliche Erhöhungen, darüber wogende 
Wolken- und Nebelgebilde. Nach solcher Enttäuschung wurde 
umgekehrt : erstUch nach der öden Bariquicimeto-Gegend, dann durch 
das wahrhaft erquickende, wald- und wiesenfrische Vararidathal, ent- 
lang am rheinähnlichen Yaracuy und zurück zum alten Ozean ; schliefslich 
gings meist auf der Höhe der Steilküste bis nach Coro. Dort konnte 
der Landeshauptmann am 17. Mai 1531 den Bericht von Federmann 
entgegennehmen. Jener war währenddem persönlich am Segelvor- 
gebirge gewesen, um eine Niederlassung zu versuchen, für die jedoch 
das zerrissene, fast nur Disteln und Dornen tragende Terrain so un- 
günstig zu sein schien, dafs die einzige Frucht der Bemühungen in 
der Kunde von einem grofsen und gut bewohnten, unfern der Meeres- 
küste liegenden, nach Süden streichenden Gebiete bestand: dem Eupari- 
(Upar)-Thale, in welchem besonders die Pacabuyeer grofse Schätze 
besitzen sollten, scheinbar der Südsee nahe Leute, deren Ruf schon 
vor Jahrzehnten bisweilen verschollen war. Am 7. Juli 1531 brach 
Dalfinger von Coro nach dem kleinvenetianischen See auf, um Mara- 
caibo durch einen besseren Hafenort zu ersetzen : dafür war die Macomiti- 
Mündung (Sinamaica) ausersehen, allein auch diese Stelle wurde mit 
Recht als unbrauchbar befunden. Dann rüsteten die Weiserischen im 
September zum Eindringen in jenes offenbar auf die Südsee hinweisende 
Euparithal. Sie durchzogen deshalb die Gebiete der nackten Buburer 
und Bureder, trafen dann die mit Decken und Mützen bekleideten Coa- 
naoer, die tätowierten liriguaner und endlich auch jene Pacabuyeer; diese 
erklärten Feinde der grimmigen, in schneebedecktem Gebirge hausen- 
den Arhuacoer bewohnten das Tiefland des Jiriri- (Caesar)-Flusses in 
gröfseren Ortschaften, z. B. in Paujoto, wo Inigo de Vascufta mit der 
ersten erheblichen Goldbeute zurückgesandt wurde, oder in Tamala, 
wo nicht weniger als 1000 gute Wohnungen bei einander gesundes 
Quartier darboten. Darauf kam der Zond-Aguaer mit seinen Ort- 
schaften Compachay und Zomico, wo ein alter, reicher Begräbnisplatz 
sieh zeigte. Bald bemach öf&ieten sich immer mehr Seen, bis dafs 



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endUch das grofse Wasser erreicht war, in welches der Jiriri mit all 
seinen Verzweigungen und Nebenflüssen einmündete; es war aber keines- 
wegs der australische Ozean, sondern der Juma- (Magdalena)-Strom. 
Als Vascuna nichts von sich hören liefs — er ging zu Grunde mit 
all seinem Golde in den Wildnissen der Sierra Herrera (Negra) und 
deren feuchtheifsen, bis zum kleinvenetianischen Gewässer sich er- 
streckenden Niederzügen — da wurde Steffen Martin nach der 
atlantischen Küste zurückgeschickt, um Menschen und Geräte für 
Schiffs- und Hausbau nach dem Juma-Üfer zu schaffen; denn dort 
sollte eine Niederlassung begründet werden; er kam erst im 
September 1632 wieder und nur mit ungenügender Ausrüstung. 

Erster Ztig über Schneesteppen. Gedrängt von seiner bisher fast 
ganz ohne Gewinn gebliebenen Umgebung, gab Dalfinger den An- 
siedlungsplan zeitweiUg auf und folgte allerlei verführerischen Gerüchten 
an dem rechten Ufer des Juma, meist in Sumpfdickicht stromauf- 
wärts weiter ziehend; dann stieg er, als die immer neuen Bedräng- 
nisse des Thalgrundes gar zu furchtbar wurden, an dem später nach 
Antonio de Lebrija genannten Nebenflusse zum Gebirge hinauf und 
endlich entlang an schwindligen Bergabhängen in Schritt für Schritt 
gefährlichen Gängen bis zu eisigen Kuppen hinan. Es wurde 
die von bekleideten Menschen bewohnte Hochsteppe von Cachiri 
erklommen, wo Salzproben wieder trügerische Hofhungen auf ein 
nahes Meer erweckten. Durch ein rauhes, zerrissenes Hochgebirge 
führte ein langer Marsch, welcher alle bisher von Europäern unter 
den Tropen erduldeten Drangsale übertraf, und mit der Wildheit der 
Natur wuchs auch die der Bewohner; harte Kämpfe mit Wilden, 
die zum Arhuacoerstamme gehörten, mit den Corbagoern, deren 
Hauptort Mene (d. h. Erdpech) hiefs, waren unvermeidlich; in einer von 
schneeweifsen Bergriesen umstandenen Öde kam es sogar zu schweren 
Verlusten und unter den Toten war auch Casimir von Nürnberg. 
Auf die vegetationslose Hochsteppe von Cirivitä folgte endlich wieder be- 
wachsenes Land, aber endlos scheinender Wald: die Behausung der 
Chitarerer. Von den zahllosen Schluchten trug eine den Namen 
Ghinäxsota; da empfing Dalfinger bei einem. Kundschafterritt 
früh morgens an Seite des wackeren Steffen die Todeswunde durch 
vergifteten Pfeil. Die Waldgegend hiefs noch zu Anfang unsres 
Jahrhunderts das Ambrosiusthal und der Baum, unter dem Dalfinger 
begraben worden, wurde noch 1626 von dem Franziskaner-Provinzialen 
Pedro Simon besucht. Der deutsche Fährtensucher starb nach 
empfangener letzter Ölung; denn er war ein guter KathoHk und 
kein lutherischer Ketzer, wie später DommAkax^^Ti \i^^M:^VÄ^» V^'^sv^ 



— 12 — 

das Andenken der deutschen Unternehmungen zu verdunkehi. Dal- 
fingers Leute zogen dann abwärts mit dem wüsten Wasser des Zulia- 
stromes. Nachdem am Chamafluss unter den Wilden ein Versprengter 
des Vascuiiaschen Zuges aufgefunden worden war, wurde am 
29. August 1633 endlich der Anbauplatz Axuduara erreicht; von da 
fuhr ein Teil der Schwerheimgesuchten nach Maracaibo hinüber, 
während ein andrer nach Coro ging, wo, es war im November 1633, 
nur noch wenige Reste einer geordneten Kolonie sich zeigten. Einige 
Monate später, Juni 1534, erschien dort der neuernannte Bischof 
von Coro, Rodrigo de Bastidas, um in spanischer Weise das Be- 
gonnene weiter zu fördern, aber ohne die erforderliche Bevoll- 
mächtigung seitens der Herren Welser in Augsburg und auch ohne 
Einvernehmen mit ihrer Faktorei in Santo-Domingo. 

Gründung einer Seestadt. Etwa zur selbigen Zeit, als die 
spanische Regierung von Hispaniola im Weiserlande sich einmischte 
(Juni 1634), beschlossen die deutschen Unternehmer durch die bis- 
herigen Mifserfolge sich nicht abschrecken zu lassen. Der genannte 
Federmann sollte als Landeshauptmann wieder übers Meer gehen; 
aber, wie die Kronbestätigung verweigert wurde, trat ein andrer 
an seine Stelle: Georg Hohermuth, aus Memmingen gebürtig, der 
Speirer genannt. Dieser soUte mit vier Schiffen direkt nach Deutsch- 
Indien fahren, während Federmann zuerst in der Faktorei von His- 
paniola als neue Agenten Hans Vöhlin und Jakob Remboldt einsetzen 
und dann den vom spanischen Indienamte inmier wieder verlangten 
Versuch einer neuen Küstenansiedelung vornehmen sollte. Feder- 
manns Schiffe fuhren Ende Oktober von Europa ab und suchten von 
Santo-Domingo aus das Segel-Kap auf, in dessen Nähe kürzlich Perlen 
gefunden waren; zwischen diesem Vorgebirge und dem Axtflufs 
(Rio de la Hacha) erfolgte am 17. Februar 1537 die obrig- 
keitlich gewünschte Stadtgründung. Der drückendsten Tropenhitze 
zum Hohn wurde die Stätte „Mutter-Gottes zum Schnee" ge- 
tauft. Ihre Blockhütten fafsten Jahre lang keinen festen Boden; 
sie rückten von einer Stelle zur andern und erst spät wurde aus 
diesem wandelnden Anbau der jetzige Ort Rio-Hacha, dessen Kom- 
munalverwaltung viele lange Jahre hindurch ganz eigenartig geblie- 
ben ist, nannte man doch ihre beispiellose Selbständigkeit vielfach 
eine „hansische". Irgend welche nennenswerte Blüte hat, wie schon 
Dalfinger vorausgesehen, kein Platz am Cocibacoa-Ufer erreichen 
können. 

Erste Durchforschung der Llanos. Der neue Landeshauptmann 
i/er Weiser, Georg Hohermuth, war nach einem Besuch auf Gran- 



— 13 — 

Canaria, wo der für Santa-Marta neuernannte Gubernator Pedro de 
Lugo zur Abreise sich rüstete, und nach einer Landung auf Puerto- 
ßico, wo Bischof Bastidas ihn begrüfste, am 6. Februar 1535 wohl- 
behalten in Coro angekommen, mit ihm eine grofse Anzahl von Flam- 
ländern, Sachsen, Schwaben und andern mitteleuropäischen Stämmen; 
auch Griechen, Albanesen und Italiener fehlten nicht, selbst nicht 
Kanarier. Die gewichtigsten Persönlichkeiten seiner Umgebung waren 
sein Hausmeister Andreas Gundelfinger aus Nürnberg, sein Säckel- 
meister Franz Lebzelter aus Ulm und sein Adjutant Junker Philipp 
von Hütten aus Birkenfeld. Nachdem jene Federmannsche Ansiedlung 
scheinbar gesichert und auch im Corianalande eine von dem Bischof 
unabhängige Regierung wieder hergesteUt war, hatte ein schwieriges, 
an den Federmannschen Kundschafterzug von 1530 sich anschliefsen- 
des Unternehmen begonnen, schon am 13. Mai 1535. Es galt der 
weiteren Durchforschung des grofsen Orinoko-Stromgebietes, dessen 
Grenzen noch vollständig im Dunkel lagen. Dies Vordringen wurde 
zuerst durch die bei allen Eingeborenen ausgebrochene Unruhe un- 
gemein erschwert: überall Streit und Kampf, Verhausung oder was 
sonst als Friedensbruch erschien. Jenseits von Bariquicimeto wurden 
zuerst noch bekannte Orte berührt : auf Acarigua folgte das im Be- 
reich der Cuyoner belegene Masparro, dann im Hitivanalande Coativa, 
wo eine Krankenstation errichtet werden mufste, welcher Gundelfinger 
vorstand, bald ein Opfer des Fiebers. Von da aus begann völlig 
neue Fahrt. Sie ist dadurch ausgezeichnet, dafs sie zuerst Europäer 
gezwungen hat, im tropischen Tieflande Regenzeitquartiere zu be- 
ziehen : kummervolle, Krankheit und Hunger erzeugende Aufenthalte, 
aber zeitweilig brauchbare Lager, bisweilen sogar spätere Weg- 
stationen, immer nur kurzlebige Gründungen, die viel früher wieder 
verschwanden, als der Ruf ihrer dem Festkalender, der Jagdbeute, 
der Geschirrerneuerung und andren Dingen entnommenen Namen. So 
mühsamer Marsch arbeitete sich zunächst in dichtem Buschwalde 
weiter, am Fufse der M^rida-Cordillere, einer gewaltigen, meist die 
gewöhnlichen Wolkenschichten überragenden Bergmasse, die von 
ihren beschneiten Kuppen fast zu jeder Jahreszeit feuchte Dünste ins 
glühende Tiefland hinabschickt. Bald zog kein Strom mehr nach 
Süden; alle Wasser flössen ausnahmelos nach Osten, den Reisenden 
entgegen. Sie konnten also jenseits der Bergscheide kaum noch den 
Venezuela -See vermuten; aber sie wufsten nicht, dafs zu ihrer 
Rechten bereits das Juma-Gebiet begonnen habe : das Flufssystem des 
Magdalenastromes, obwohl mehrere von ihnen, z. B. Steffen Martin, 
bis dicht an den Todesort von Dalfinger gelaa^xv. "Otä ^^^^s^^ässsä. 



— 14 — 

in welche sie einzudringen suchten, war von Arhuacoern bewohnt, 
die hier ebenso kriegstrotzig waren , wie in der Nachbarschaft 
des Euparithales. Im heifsen, noch ziemlich bewaldeten und über- 
aus wasserreichen Tieflande wurde am 5. Februar 1536 der Apuri 
überschritten, dann am 16. der Dacari^ am 2. März der Arauca und am 14. 
der Casanari, endlich der Caroni, lauter breite und reifsende Gewässer, 
deren tiefe Betten meist baumlose Grassteppen durchbrachen. Beim 
Pautostrome traf man auf bearbeitetes Gold, auch auf einen Häupt- 
ling, der von glänzenden Metallen, von Tempeln und von lasttra- 
genden Schafen (Lamas) erzählte. „Jetzt schien der Weg durch die 
grause Wildnis so leicht zu werden, wie eine Heerstrafse zwischen 
Valladolid und Medina del Campo." Der CarabofluTs trennte die 
Guayacarier von den Macoern. Darauf begann jenseits des Thia das 
Land der überaus wehrhaften Guaypier (Vaupes); der dieses durch- 
ziehende Opiaflufs war nicht zu bewältigen, so dafs ein Lager bezogen 
werden mufste, welches alsbald die den Llanos eigentümlichen 
Schrecknisse der Regenzeit zeigte: das Einbrechen der mit den 
Wassern kämpfenden Tiere. Hohermuth zählte, als er im September 
1536 Musterung hielt, statt 150 Mann 140, statt 49 Pferde 44; 
am 1. Dezember gelang endlich der Durchgang durch den weit 
ausgetretenen, mächtigen Strom; bald darauf wurden der ümea und 
der Guatiqina überschritten. Dann erfolgten zur Zeit der Jahres- 
wende drei wichtige Entdeckungen. Als Weihnachtsgabe bot sich 
in Guasuriba die Auffindung der ganz einsamen Quellen des längst 
berühmt gewordenen, aber noch immer nicht erforschten Meta- 
stromes; dazu kam das Erbeuten von Proben 22 karätigen Goldes, 
und endlich ein Fund von europäischen Sachen (Pferdegeschirr und 
Kommandopfeife), von Resten der in der Wildnis fast ganz vernich* 
teten Expedition von Alonso de Herrera, welche kürzlich von dem 
einen Nachbarlande des welserischen Indiens ausgezogen war. Am 
2. Februar 1537 wurde im Lande der Guaypier ein neues Lager 
durch das Maria-Lichtmefs-Fest eingeweiht. „Da liefs der Guber- 
nator erstlich eine Messe mit Solemnität feiern, auch mit Prozession; 
dann afsen mit ihm am Tisch 102 Christen; endlich gelobten wir 
alle fortan keinen Sonntag oder Feiertag zu ziehen." Der Ort 
dieses in der Maruachara-Gegend belegenen Lagers, in dem auch ein 
tempelähnliches Haus von 200 Fufs Länge sich fand, hiefs noch 
lange „Unsere Liebe Frau der Guaypier" und wurde zu einem Haupt- 
punkt für spätere Züge. Nach kurzem Weitermarsch liefs Hoher- 
muth die Sonnenhöhe nehmen und sein Arzt, Diego de Montes, fand, 
dafs man 2^8 Grad vom Äquator entfernt sei. Dann wurde ohne 



— 15 — 

Unfall der an beiden Ufern starkbewohnte Guaviari überschritten, 
ferner der Papamene, wo es hiefs, gegen Süden wohnten Weiber- 
völker,, die ohne dauernde Gemeinschaft mit Männern lebten, auf 
der andern Seite, im Gebirge Menschen, die niemals stürben; un- 
verstanden blieben diese Nachrichten von behaarten Stämmen, deren 
weibliche Genossen streitbarer wären als die Männer, ebenso die 
von alten Kulturvölkern, die niemals sterbende Priesterkönige kannten. 
Die Weiserischen zogen weiter bis zum Putumayo, wo Montes er- 
mittelte, dafs der Äquator nur noch einen Grad südlicher sei, und 
abermals eine Kunde von dem Lande der lasttragenden Schafe er- 
langt wurde, jedoch mit dem Zusatz, dafs dazwischen noch die 
Choquer hausten, die schlimmsten unter allen Menschenfressern. 
Hier, an einem roten Flusse, schickte Hohermuth zum Wegesuchen 
den Steffen Martin ab und zwar mit 50 Fufsknechten, weil alles 
umher Wald und Gehölz war, so dafs Pferde nicht durchkommen 
konnten; den überrannnten nun die Heiden. Sie töteten zwei 
Spanier und verwundeten viele, namentlich Martin selber, der im 
Lager nach 20 Tagen starb. Das brachte schweren Schrecken ins 
Volk ; denn „Martin war derjenige, der nach dem General das Ganze 
regierte: ein Mann, daran viel gelegen war, den man an solchen 
Orten um grofses Gut kaufen sollte, da er mit den Indiern um- 
zugehen wufste". Trotz solchen Schlages zog die Expedition noch 
viele Tage weiter, endlich wurde der Rückmarsch verlangt. Eine 
zweite Regenzeit drohte, es waren aber „kaum noch 60 fähig sich 
zu vertheidigen ; Hunde und Pferde wurden gegessen, allerlei Häute, 
selbst Ungeziefer und sogar im Geheimen auch Menschenfleisch. 
Von so bösem, unkräftigem und unnatürlichem Essen, auch von so 
langer Anstrengung, vom Liegen in Regen und Wind, von all dem 
Elend, sind wir so verschmachtet, dafs uns Gott mit der Rückkehr 
nicht geringe Gnade erwies." Diese Rückkehr begann August 23. 
1537 am roten Flufs und schlofs Mai 27. 1538 in Coro: Freude 
herrschte aber erst beim Ende der unglaublich beschwerlichen Reise. 
Am Opiastrom war Weihnachten gefeiert worden; am Darari hatte 
man von einem neuen welserischen Zuge 'gehört und am Apuri er- 
kannt, dafs dessen Führer kein andrer sein werde, als Federmann, 
der Begründer der Hafenstadt beim Segelvorgebirge. Sofort war 
Hütten der noch erkennbaren Fährte nachgegangen: allein er hatte 
den Apuri nicht zu bewältigen vermocht. Zu solchen Enttäuschungen 
kam noch die, dafs jetzt in Coriana dicht bei einander Freunde und 
Feinde safsen und gar keine Ordnung herrschte, so dafs die Kirche 
schon als Kastell benutzt war. 



— 16 — 

Zweite detdsche Faktorei in Amerika, Als die Welser beschlossen, 
Federmann zu einer Stadtgründung und Holiermuth zu einer neuen 
Entdeckungsfahrt auszusenden, hatten sie bereits erkannt, dafs in 
dem hergebrachten Ausgangspunkte ihres amerikanischen Lehns, im 
armseligen Coro, ein Geschäftskontor errichtet werden müsse. Diesem 
stand seit 1536 Heinrich Eemboldt vor, der jedoch kein gesundes 
kaufmännisches Getriebe auszubilden vermochte, weil in Coro 
selbst, einer von allen Hülfsmitteln entblöfsten Stelle, europäisches 
Wesen sich nicht einbürgern liefs und Zwischenstationen für den 
Verkehr mit dem Innern noch fehlten ; die Eingeborenen des Coriana- 
landes hatten bialpl^r mit den Weifsen sich vertragen, aber sie 
schwanden dahin, bedürfnislos und erwerbsunfähig. Ein Tauschhandel 
entwickelte sich nicht; die Suche nach Metallen blieb weit und 
breit erfolglos, wie denn noch heute die Umgebung des Venezuela- 
sees den oftversuchten Bergbau nur ganz selten befriedigt hat. 
Remboldt hatte blofs die früheren Anlagen vor vollständigem Ver- 
fall bewahren und den Besitzstand der Kolonie gegen die neuen 
Eindringlinge verteidigen können, d. h. gegen europäische Nachbarn, 
denen es noch schlimmer ging, als den Weiserischen. Sein Nach- 
folger in der Faktorei war Melchior Grubel, dessen Name über ein 
Jahrhundert lang im Welserlande sich erhalten hat, zuletzt als der 
einzige deutsche in dem zum Tokuyogebiete gehörenden Quibor. 

Zweiter Ztig über Schneesteppen, Federmannstand, wieHoher- 
muth getäuscht zurückkehrte, bereits als erfolgreicher Mann da. 
Er hatte in der That, als dieser auf dem Rückmarsch sich befand, 
seine junge Stadtanlage an der Cocibacoaküste verlassen und war 
nach sehr geschickter Überschiffiing des kleinvenetianischen Sees 
weiter nach Süden vorgedrungen, auf ähnlichem Pfade, wie vor 
sechs Jahren. Im Dezember 1536 hatte er Bariquicimeto verlassen 
und nach langem Irren, bald am Fufse der unwirtlichen Bergmassen 
tastend, bald die endlosen Grassteppen weiter durchziehend, im 
Februar 1538 jenen Platz der Guaypier erreicht, der ein Jahr 
zuvor von Hohermuth nach dem Maria -Lichtmefs -Feste benannt 
worden war. Von dort zog er auf Rat des merkwürdigen Pfad- 
finders Pedro de Limpias nicht an dem zur Rechten aufsteigenden 
Gebirge weiter, sondern unerschrocken hinein in diese unermefslich 
ausgedehnte und unermefslich sich erhebende Bergwildnis. Sie 
zeigte sich zuerst als ganz unbewohnt ; ein Waldbrand mufste durch 
Gegenfeuer bekämpft werden; bald gab es keinen Baumwuchs mehr ; 
auf dem gefrorenen Boden liefsen sich die Jagd- oder Kriegspfade 
der Eingeborenen nicht mehr erkennen; die Krüppelvegetation bot 



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natürlich gar keine Nahrung, nur eine ungezählte Kaninchenmenge 
bewahrte vor Verhungern. 23 schreckliche Morgen sah man die 
Bergkuppen beschneit; endlich zeigte sich das elende Dorf Fosca. 
Da erscholl die Kunde von ganz nahen Wohnstätten bekleideter 
Menschen, von glänzenden Tempeln und uralten Gottesdiensten. 
Die Weiserischen drangen jetzt leichteren Mutes weiter durchs 
Hochgebirge, erhielten dann aber in den einsamen Hütten von 
Pascua aus spanischem Munde die Nachricht, dafs die sehr bald sich 
öffnende schöne Hochebene bereits von Europäern betreten sei ; diese 
hätten von einem Orte Bogota Besitz ergriffen und nenneten das 
flache, kühle, bergumrahmte Land der vielen kleinen gutgearbeiteten 
Anbaue der Eingeborenen wegen „das Thal der Burgfesten." Diese 
Konkurrenten von Federmann waren von Santa-Marta im Auftrage 
jenes Lugo und unter der Führung von Jimenez de Quesada aus- 
gezogen; zugleich mit den Weiserischen kamen dahin Männer von 
der vergebens ersehnten Südsee unter dem Kommando von Sebastian 
de Belalcazar, dem Vertreter Pizarros. Eine Verständigung wurde 
notwendig; von den Weiserischen blieben die meisten an Ort und 
Stelle, namentlich auch ihr Geistlicher Juan Verdejo mit seiner 
glücklich geretteten Hühnerzucht. Schnell entstanden nun drei An- 
siedlungen: zwei in den alten Ortschaften Bogota und Tunja, die 
dritte in der neuen Militärstation V61ez. Gemeinsam mit den 
Führern der beiden andern Expeditionen schiffte sich Federmann 
Mai 12. 1539 auf dem Juma-Strome zu Guataqui ein, reich an 
Schätzen, namentlich an Smaragden. Voll neuer Pläne verliefs er 
Juni 8. in dem erst kürzlich begründeten Cartagena de Indias die 
atlantische Küste und ging nach Jamaica, nicht nach Santa-Do- 
mingo, von da nach Antwerpen, nicht nach Sevilla. In Augsburg 
wurden die Herren Welser ob solchen Verfahrens mifstrauisch, und 
Federmann starb, ohne mit ihnen sich auseinandergesetzt zu haben, 
zu Gent. Sein Tod begrub die beste Kunde von dem wunderreichen 
Binnenlande, das jetzt Neugranada genannt wurde und offenbar in 
die Grenzen des welserischen Lehns fiel. 

Zweite Durehf(yi^schung der Llanos, Als Federmann in der 
Fremde starb, war Hohermuth auf der jetzt von Franciso Davila 
verwalteten welserischen Faktorei in Santo-Domingo, um kräftigst 
eine neue Expedition nach dem Süden auszurüsten. Ihm gelang 
alles, obwohl er für die Anschaffungen persönlich eintreten mufste, 
da aus Augsburg keine Aufträge eingegangen waren. Basch wurde 
in Coro die Ordnung wieder hergestellt, so dafs für die dortige 
Faktorei einige Aussichten sich darboten — aber plöt-züsJa. ^^^^^bö. 

Geographische Blätter. Bremen 1889. ^ 



— 18 — 

den tüchtigen Mann Fieber und Tod und die kleine feste Kirche 
von Coro mufste ihm im November 1540 die letzte Ruhestätte ge- 
währen; Juan Robledo, der treffliche Dechant, segnete sie mit 
Worten, die noch lange Jahre hindurch unvergessen blieben. Nun 
war das Welserlehn abermals verwaist und wiederum erschien im 
Namen der spanischen Regierung von Hispaniola Bischof Bastidas 
als Landpfleger ; wiederum versuchte dieser in seiner Weise die bis- 
herigen Ansiedelungsversuche in Gang zu halten. Als man in Augs- 
burg endlich die Sache übersehen konnte, erfolgten neue, überaus 
energische Schritte. Am 10. März 1541 schrieb der vom Bischof 
zum Generalkapitän ernannte Philipp von Hütten : „Vor kurzen Tagen 
ist hier des Herrn Bartholmä Welsers Sohn angekommen, ein ver- 
ständiger junger Gesell, über dessen Ankunft alle grofse Freude 
hegen; ich habe keinen Zweifel, dafs die Herren Welser ihn zum 
Landeshauptmann machen, da Gott ihn zu solcher Zeit geschickt 
hat." Die Augsburger Firma sandte zur Durchführung ihres grofsen 
Planes keinen Geringeren übers Meer als den ältesten Sohn ihres 
Chefs, den 28jährigen Bartholmä Welser, der zunächst mit Land 
und Leuten sich bekannt machen und dann, praktisch ausgebildet, 
die Landeshauptmannschaft übernehmen sollte; mittlerweile empfing 
Hütten die Kronbestätigung als Generalkapitän, wie er sich aus- 
drückte „von kaiserlicher Majestät". Mit doppeltem Nachdruck suchte 
er nun Hohermuths Pläne zu verwirkHchen ; wie er denn auch, nachdem 
Franz Lebzelter, um allerlei falsche Gerüchte zu beseitigen, heim- 
wärts geschickt war, August 11. 1541 von Coro aufbrach, nicht 
blofs mit dem Segen des Bischofs versehen, sondern auch mit aus- 
führlicher Weisung über den einzuschlagenden Weg und das Benehmen 
gegen andre etwa aufstofsende Europäer. Sein Zug ging zunächst 
wieder nach Bariquicimeto, aber nicht durch das Caribengebirge 
und über die Wasserscheide beim Tokuyoflufs, sondern an der Küste 
entlang bis zur Mündung des Yracuystromes, wo als Ersatz für 
die am kleinvenetianischen See und beim Segelvorgebirge aufgege- 
benen Positionen eine ständige Niederlassung in einem alten Küstenorte 
der Burburer begründet werden sollte. Dieser Marsch war viel 
schwieriger als man gedacht hatte, so dafs Bariquicimeto erst nach 
Monaten erreicht wurde, erst nachdem ein vorausgesandter Trupp 
bereits auf eigenem Wege die Fahrt nach Federmanns neuem Granada 
begonnen hatte; ein Vetter des Santa-Martaer Landeshauptmanns 
war der Anstifter dieser Desertion: Montalvo de Lugo. Obwohl 
durch sie viele Pferde entführt wurden, setzte Hütten seinen Weg 
Ms ins Land der Guaypier ziemlich ungestört fort; in dem dortigen 



— 19 — 

Standlager erfuhr er aber, dafs kürzlich andre Christen durchgezogen 
seien; die hätten einen güldenen Prinzen gesucht. Die Nachricht 
von einem täglich neu mit Goldstaub sich schmückenden Häuptling 
war noch viel verlockender als die von einem Lande lasttragender 
Schafe. El Dorado klang noch schöner als El Peru! Die erste 
Doradofahrt hatte Gonzalo Pizarro, der Bruder des peruanischen 
Landeshauptmanns, Ende Februar 1541 von Quito aus, dem Napo- 
strome nachgehend, erfolglos begonnen, die zweite von Tunja aus 
Anfang September desselben Jahres, Perez de Quesada, der Bruder 
des Entdeckers von Neugranada, zuerst in der Richtung auf jenen 
Maria -Lichtmefs 1537 eingeweihten Platz des Guaypier und dann 
weiter südwärts, wie es schien, ebenfalls ohne Erfolg. Den Spuren 
dieser Expedition folgte Hütten und mit ihm der junge Welser, 
der nicht blofs als unerschrockener Mann, sondern sehr bald auch 
als Fährtenfinder sich hervorthat. Das welserische Lager empfing 
im Lande der Guaypier als Huldigungszeichen Silber- und Gold- 
kugeln. Silber war eine durchaus neue Erscheinung, es stanmite 
offenbar aus einem grofsen, reichen, jenseits der immer höher 
aufsteigenden Gebirge liegenden Lande. Um dieses endUch zu er- 
reichen, wurden Monate hindurch die gröfsten Anstrengungen gemacht, 
wenngleich der ExpeditionsgeistUche Juan Fructos de Tudela feststellte, 
dafs der Äquator bereits im Rücken liege. Nach langen Gebirgs- 
märschen wurde 1543 auf einer vereinzelten Erhöhung, der Punta 
de Perdaos, das schwerste Winterlager durchgemacht, das die Weiseri- 
schen bisher hatten ausstehen müssen: ein erschrecklicher Aufenthalt, 
dessen beste Nahrung zuletzt in Ameisen bestand. Ein Zurück- 
gehen auf jenes Standquartier bei den Guaypiern wurde notwendig ; 
aber sehr schnell erfolgte wieder um so rüstigeres Vorwärtsdringen. 
Der breite Montoaflufs wurde überschritten und das Land der Co- 
Aguaer, die zu den Choquern gehören sollten, mühevoll durchzogen. 
Mehr und mehr ward nun das Weiterkommen unmöglich ; der Ver- 
proviantierung halber trennte sich Hütten von Limpias Monate lang. 
Jener kam freilich in das Land der am Amazonasstrom hausenden 
Hom-Aguaer, deren Ruf schon früher bis nach Coro gedrungen war : 
allein es zeigte sich kein güldener Prinz und kein Silberland, sondern 
nur Täuschung der aufgeregten Sinne : schien es doch einmal, als 
winkte eine Stadt mit Tempeln und Zinnen, während nur das von 
Wildbächen zerklüftete, baumlose Terrain am Fufse der Berge den 
Formen menschlicher Bauwerke ähnelte. Fast drei Jahre dauerte 
der Vormarsch, der endlich aufgegeben werden mufste, mehr als ein 
Jahr, die Rückkehr von Standlager zu Standlager. UnvergleickUabL 



— 20 — 

grofse, bisher unbekannte Gebiete waren durchzogen; auf Grassteppen 
war dichter Wald gefolgt, auf feuchtheifsen Sümpfen kaltödes Gebirge 
— aber die eingeschlagene Richtung hätte immer nur weiter führen 
können in die undurchdringlichen Wildnisse der Amazonas-Quell- 
ströme, noch heute fast unbekannte Teile des inneren Südamerikas. 
Erst Anfang 1546 zogen Hütten und Welser mit den Resten ihrer 
Expedition auf der schon bekannten Fährte vom Apuriübergang 
nach der Cuaherimulde und diese hinauf in die Bariquicimetogegend. 
Aufgebung des Unternehmens. Die 1541 begonnene Welserfahrt 
dauerte infolge der Nachricht vom güldenen Prinzen viel länger, als 
vorausgesehen werden konnte und die Abwesenheit der besten 
Kräfte erschien der Faktorei in Coro als noch viel, viel länger ; Melchior 
Grubel wurde von allen Seiten bedrängt. Zum dritten Male hatte 
sigh die königliche Behörde von Hispaniola in die Verhältnisse des 
Weiserlandes gemischt, nunmehr nicht blofs durch Bevollmächtigung 
des Bischofs, sondern durch die Ernennung eines weltlichen Land- 
pflegers. Juan de Caravajal und sein Adjutant Juan de Villegas 
machten jenseits Bariquicimeto, im Tokuyothale, als Vertreter jener 
Regierung den Weiserischen den Durchzug streitig. Es kam zwischen 
ihnen, Hütten und Welser, zu einem Turnier, das abgebrochen werden 
mufste, weil die Pferde der Deutschen von der endlosen Reise zu 
sehr mitgenommen waren; eine Vereinbarung wurde getroffen und 
namentlich frei Geleit bis Coro bedungen; fast die ganze waffen- 
fähige Mannschaft unterzeichnete die Urkunde. Die Weiserischen 
zogen weiter, wurden aber bei Quibor von ihren Gegnern jählings 
überfallen und zur Waffenstreckung genötigt; ihre Führer wurden 
in Ketten gelegt und die vier bedeutendsten derselben in der Ort- 
schaft Tokuyo hingerichtet: Hütten, der junge Welser und zwei 
Spanier. Dieser Blutakt geschah in der Karwoche 1546 (18. — 25. 
April) auf eine so erniedrigende und geradezu scheufsliche Weise, 
dafs über ihn noch Jahrzehnte lang mit höchster Entrüstung ge- 
schrieben und gesprochen wurde; die betreffenden Berichte von jenem 
Juan Fructos und andern Weiserischen lebten in der Erinnerung der 
späteren Geschlechter weiter und brandmarkten jene Gewaltthat als 
die verruchteste Ausschreitung der blutigen Konquistadorenzeit. Von 
ihr erfuhr man in Augsburg erst in Jahresfrist; denn er hatte alle 
Geschäftsverbindungen durchrissen; die erste Nachricht kam dahin 
nur auf privatem Wege durch Hans, den Kistler von Geldern, 
der nach Jerusalem pilgern wollte, um alle die Greuel des Tropenlebens 
zu vergessen und zu verbüfsen. Freilich liefs Karl V. den Justizmord von 
Geriehtswegen sühnen ; freilich wurde jener Caravajal in Tokuyo am 



— 21 — 

Platze der Hinrichtung Welsers und Huttens auf das Abschreckendste 
vom Leben zum Tode gebracht, mit Strang, Schleifung und Vierteilung, 
freilich erhielten B. und A. Welser ihre Privilegien bestätigt mit 
der dringenden Ermahnung an den Indienrat energisch auf Recht 
und Gerechtigkeit zu sehen: die indischen Lehen waren seit 1647 
den Augsburger Herren so gründlich verleidet, dafs sie nur noch 
hier und da auf Rettung von Anlagekapitalien dachten, aber bald 
das Welserland ebenso, wie die Faktoreien in Coro und Santo- 
Domingo, verliefsen. Das ungerechte Ende des jungen Bartholmä 
Welser, dieses viel versprechenden energischen Erben eines grofsen 
Namens, war nicht zu verwinden; solch ein Opfer liefs sich durch 
keinerlei Erfolge wieder gut machen und mit ihm enden die 
welserischen Unternehmungen in Amerika. 



Vorstehende Lihaltsübersichten geben eine Probe aus der über- 
reichen Mär vom deutschen Indien, die auch viel erzählt von 
deutscher Recken Wagnis und Drangsal und hoffentlich bald in allen 
ihren dramatischen Bewegungen und interessanten Einzelheiten dar- 
gestellt werden wird. 



zur Trockenlegung der ^^Zuiderzee^^ 
in Holland. 



Hierzu Tafel I: Figur 1—10. 

Einleitung. — Der Kampf gegen das Wasser in Holland. — Mutmafsliche 
Vorteile einer Trockenlegung der Zuiderzee. — Jetztger Zustand der Zaider- 
zee. A. Zar See abfliefsende Gewässer. B. Einströmendes Meerwasser. C. Geo- 
logische Beschaffenheit des Meeresgrundes. — Übersicht der verschiedenen Entwürfe 
zur Eindeichung der Zuiderzee. — Schlufswort. 

Der Holländer ist auferwachsen in dem festen Glauben, sein 
Boden sei von den Vätern den Wellen entrungen; von der Wiege 
an steht kein Glaubensartikel ihm fester als dieser. 

Ein Vergleich des heutigen Zustandes mit dem früheren zeigt 
uns überall die Spuren des Kampfes gegen das Wasser. Fast ganz 
Nordholland, ausgedehnte Gegenden in Südholland sind trocken- 
gelegte Moore und Seen; in Seeland, Groningen und Friesland sind 
ganze Länderstrecken im Laufe der Jahrhunderte dem Meere ent- 
zogen und bildeten nach ihrer Eindeichung die äufserst fruchtbaren 
Meexpolder. Auch die jetzige Generation sah das .ftR^xV<«!Oss^K«!^^^ ^ 



— 22 — 

die Polder im ehemaligen Y, und die Polder in der Umgegend von 
Rotterdam als Wasseroberflächen verschwinden und ihre Verwandlung 
in bebaute und bevölkerte Gegenden. 

Eine, in dieser Beziehung bemerkenswerte Schrift wurde 1887 
von Herrn Ä, Ä, Beekman, Gynmasiallehrer in Zütphen, unter dem 
Titel „Stryd om het Bestaan^ (Streit ums Dasein) herausgegeben; 
darin setzt uns der Verfasser in eingehender Weise davon in Kenntnis, 
was seit den frühesten Zeiten geschehen ist, um den holländischen 
Boden den Wellen zu entringen und ihn trocken zu erhalten. 

Indessen hat die Karte von Holland noch eine grofse Bucht 
aufzuweisen, die, Nordholland von den östlichen Provinzen trennend, 
die Meereswellen tief landeinwärts dringen läfst. Die „Zuiderzee" 
war vor vielen Jahrhunderten festes Land und auf diesem Gebiete 
hat der Mensch in seinem Streite mit dem Erbfeind des Kürzeren 
gezogen, ohne dafs es bis jetzt gelang, ihn aus seiner Eroberung 
wieder zu vertreiben. 

Es liegt auf der Hand, dafs nach der gut gelungenen Aus- 
trocknung von vielen Tausenden Hektaren vorzüglichen Baugrundes 
sich das Augenmerk auch auf die Zuiderzee lenkte und die Frage 
aufgeworfen wurde, ob es nicht möglich sei, dieses Gebiet als 
zwölfte Provinz auf friedlichem Wege zu annektieren. 

Es versteht sich von selbst, dafs man bei einem so riesenhaften 
Unternehmen aufs genaueste untersucht, ob die finanziellen Opfer, 
welche es erheischen wird, zu entsprechendem Vorteil und Gewinn 
führen. In mancher Hinsicht sind die Vorteile eines solchen Unter- 
nehmens bedeutend gröfser als gerade der reine Gewinn in klingender 
Münze. Wenn wir in nachstehendem die Nützlichkeitsargumente 
darlegen, welche man zu Gunsten des Unternehmens von mehreren 
Seiten geltend gemacht hat, so wird man daraus sehen, dafs der 
reine Geldgewinn nicht allein in Betracht kommen darf, sondern 
dafs man sich von der Trockenlegung des Meerbusens noch andre 
Vorteile versprechen darf. 

1) Gewinn an Grund und Boden für Land- und Äckerbau. 
Es kann hier auch nicht einmal annähernd die Flächenausdehnung 
dieses Areals angeführt werden, weil solche bei den verschiedenen 
Projekten sich sehr verschieden stellt. 

JSl) Ersparnis an Kosten für Seedeiche, Die Zuiderzee ist fast 
in ihrer ganzen Ausdehnung von sehr kostspieligen Deichen umgeben, 
weil die Dünen, die unschätzbare natürliche Landwehr gegen die 
Nordsee, hier gänzlich fehlen. Hauptsächlich die Deiche an der 
Westkäste von Friesland, ausgesetzt den hochgehenden und zwischen 



— 23 — 

den Inseln kräftig sich aufstatienden Meereswellen, müssen fortwährend 
mit bedeutendem Aufwand von Geld, Arbeit und Mühe in Stand gehalten 
werden. Sei es nun der Staat, die Provinz oder die Grundbesitzer 
innerhalb der Deiche, die das Geld dafür auszulegen haben, bezahlt 
mufs es werden, und mit vollem Rechte sieht man in der Trocken- 
legung der Zuiderzee ein Unternehmen, das in dieser Richtung ent- 
schieden Erleichterung bringen wird. 

Je nördlicher man den Abschliefsungsdamm anbringt, desto 
vorteilhafter wird es in dieser Beziehung sein, um so mehr, als der 
südUche Teil der Wucht der direkt einströmenden Wassermassen 
weniger ausgesetzt ist. 

3) Geringere Gefahr der Überschwemmung. Ein ausschlag- 
gebender Grund, weshalb man in Holland so viele Wasserflächen 
trocken gelegt hat, ist der von diesen ihrer Umgegend zugefügte 
Schaden. Unter dem Einflufs starker Winde bröckelte das Land an 
den Ufern ab, und jagten die Wellen tief ins Land hinein. So war 
es z. B. bei dem „Harlemmermeer", welches zum Schrecken der 
Umgegend immer drohender um sich griff und förmlich die Küsten 
ausfrafs. Auch bei der Zuiderzee droht dieselbe Gefahr. Durch- 
bruch oder Überstürzung der Deiche wäre eine Katastrophe, deren 
Folgen vielleicht nie wieder ganz zu beseitigen sein würden. 

4) Verkehr der nördlichen Provinzen mit Amsterdam, Der 
Verkehr mit Schiffen wird öfters auf der beweglichen und hoch- 
welligen Zuiderzee gestört und gefährdet. Nach Austrocknung der- 
selben wäre eine direkte Eisenbahn möglich, während die wichtigsten 
Städte mittelst neu zu grabender Kanäle unter einander zu ver- 
binden wären. 

5) ErhaUmig des fruchtbaren Flufsschlamms. Alljährlich führt 
die Yssel an 200000 cbm Schlamm ins Meer, wo er ohne Nutzen 
hegen bleibt ; würde die Zuiderzee blofs abgedämmt, d. h. von ihrer 
Verbindung mit der Nordsee abgeschlossen, dann könnte man über 
diese Masse Schlamm verfügen zur Düngung und Ausbesserung 
trockener und unergiebiger Gründe, wie das häufig in den Moor- 
kolonien und in Heidegegenden stattfindet.^) 

6) Beschirmung der Nordseeinseln. Jahraus jahrein wird Ab- 
schlag und Landverlust an den friesischen Inseln von Texel bis Borkum 
konstatiert, der Art, dafs immer mit grofsem Kostenaufwand an diesen 
Küsten gearbeitet werden mufs. Das Meer erweitert die Ofi&iungen 
zwischen den Inseln immerfort und mancher Einwohner der nörd- 



') Vergleiche Bd. X. Heft IV. dieser Zeitschrift, ^a.?,, ^9A. 



— 24 — 

liehen Provinzen hat schon gewünscht, man möge doch die Insekeihe 
durch Dämme mit einander verbinden, damit sie nicht länger der 
verheerenden Wirkung der Wellen ausgesetzt blieben. 

Nicht bei allen Entwürfen kommen die genannten Hoffnungen 
in gleichem Mafse zur Geltung. Öfters gab man bei dem einen 
Entwürfe Vorteile auf, die bei dem andern gerade hervorgehoben 
wurden, um eben diesen mit Wärme zu empfehlen. Was hier an- 
geführt wurde, ist nur ein Resume von einigem, was dazu gedient 
hat und noch dazu dient, um die Gemüter für das grofse Unter- 
nehmen zu begeistern. 

Ob es angebracht sei, die Ausbreitung des zu bebauenden Bodens 
auf diesem Wege zu suchen, während noch 71 000 ha Moor und 
Heidegrund des Spatens harren, ob es zu verteidigen, Arbeit zu 
schaffen, um viele intellektuelle und physische Kiäfte zu beschäftigen, 
von alledem ist hier nicht die Rede. Die Idee der Trockenlegung 
liegt nun einmal in der Luft, die Pläne sind entworfen, und es wäre 
möglich,, dafs das gegenwärtige Geschlecht noch den Anfang dieses 
grofsen Werkes sieht. 

Wir beabsichtigen nun eine Übersicht zu geben von dem, was 
bis jetzt in der Sache gearbeitet und gedacht worden ist, und in 
gedrängter Form die heutige Lage der Sache darzustellen. Auf 
technische Details wollen wir dabei nicht eingehen und ebenso- 
wenig wollen wir scharfe Ejitik üben an Leistungen so vieler tüch- 
tiger Techniker. 

I. 
Die Zniderzee in ihrem gegenwärtigen Znstande. 

A. Zur See abfliefsende Gewässer. 

Der in Rede stehende Meerbusen ist nicht nur als solcher zu 
betrachten, vielmehr mufs man im Auge behalten, dafs die Zuiderzee 
fortwährend eine grofse Menge süfsen Wassers in sich aufiiimmt. 

Aus den Karten ergiebt sich, dafs der Nordseeküste entlang 
von Ymuiden bis Helder keine einzige Schleuse in die Nordsee aus- 
wässert; an der Ostküste Nordhollands, der Küste entlang von 
Helder über Enkhuizen bis Amsterdam, bringen nicht weniger als 
34 Auswässerungsschleusen das Wasser aus den Poldern in die 
See, wobei 8 Dampfmaschinen aufs kräftigste mitarbeiten. Das 
Regenwasser, welches auf die Oberfläche Nordhollands fällt, und 
nicht vom Boden eingesogen wird, mufs, sehr verschiedenen Wegen 
folgend, doch schliefslich durch eine dieser Schleusen fortgeschafft 
und in das Meer geführt werden. Man darf nicht verwundert sein, 



— 25 — 

dafs dieser Thatsache Rechnung getragen wird. Eine einfache Be- 
zifferung wird beweisen, dafs der Betrag sehr bedeutend sein kann. 

Wenn in 24 Stunden nur 1 mm mehr Regen fällt als ver- 
dunsten kann, so beträgt die überflüssige Wassermenge auf einen 
Hektar schon 10 cbm und diese 10 cbm können bei Regenwetter 
täglich um denselben Betrag verstärkt werden. Gelänge es nicht, 
das Wasser regelmäfsig abzuführen, so würde es mehr und mehr in 
den Gräben steigen und bald das ganze Ackerland überströmen ; man 
gedenke dabei, dafs von natürHchem, selbstthätigem Abfliefsen des 
Wassers nicht die Rede sein kann, da die Gründe unter dem täg- 
lichen Stand der Meeresfläche liegen. 

Nun ist Nordholland zwischen Amsterdam und Helder 
160 000 ha grofs und also, bei der ausgesprochenen Voraussetzung, 
der tägliche Betrag des abzuführenden Wassers 1,6 Millionen cbm, 
oder nahezu 20 cbm in der Sekunde. 

Die Voraussetzung von 1 mm Unterschied des gefallenen und 
verdunsteten Wassers ist aber äufserst gering. Vielfach sind die 
Beispiele, dafs Tage hintereinander 10 bis 15 mm Regen nicht ver- 
dunsten konnten und also auf künstlichem Wege, durch Wasser- 
mühlen oder Dampfmaschinen, fortgeschafft werd^en mufsten; somit 
kann man feststellen, dafs tagtäglich viele Millionen Kubikmeter 
durch die Schleusen in die Zuiderzee abgeführt werden. 

Die genannte Gegend ist jedoch nicht die einzige, welche ihr 
Regen- und Polderwasser zur Zuiderzee abläfst. Zwei Neuntel des 
Gebiets von Rynland^) bringen ihr überflüssiges Wasser durch 
Schleusen bei Schellingwoude dorthin, das ausgedehnte Poldergebiet 
der Vechte entlang, ganz Amstelland, welches fast ausschliefslich aus 
Poldern und niedrigem Land besteht, die Moorgebiete in Over-Yssel 
und nahezu ^/s des Poldergebietes von Friesland machen es ebenso. 
Eine Berechnung darüber wäre hier zu weitläufig, aber man wird 
einsehen, dafs schon bei ganz gewöhnlichem Zustande die Mengen 
süfsen Wassers, welche jede Sekunde in die Zuiderzee abgeführt 
werden, viele Tausende Kubikmeter in der Sekunde betragen müssen. 

Dazu kommt nun noch eine sehr beträchtliche Menge von 
Flufswasser. Kleinere Flüsse wie Eem, Tjonger und Zwarte Water 
bei ZwoUe nur erwähnend, finden vm: bei Kampen die Mündung der 
Yssel. Dieselbe mufs ^/s des unverteilten Rheines abführen, sowie er 
bei Lobith die niederländische Grenze überschreitet, folglich einen 
Betrag von: 

^ Vergleiche Petermanns Mitteilangen 1884. Band 30 über „Rynland 
und dessen Entwässerang.'' 



5? 5? 



— 26 — 

pro Sekunde 190 cbm bei niedrigem Wasserstand, 

260 „ „ mittlerem Stand, 
400 „ „ einem Stand von 1 m über M. R.^) 

Sobald jedoch der Rhein über den zuletzt erwähnten Stand 
anschwillt, wird die von der Yssel abgeführte Masse bedeutend 
gröfser als V», und erhöht sich bis 1300 zu 1500 cbm in der Sekunde. 
In ihrem weiteren Laufe nimmt die Yssel mehrere Bäche und kleinere 
Flüsse auf, deren jeder das Wasser von ziemlich ausgedehnten Ge- 
bieten abwärts führt, ja bei lang anhaltendem Regenwetter aus seinen 
ufern tritt. Direkt oder indirekt, oft auf ziemlich langem Wege, 
konmit zuletzt das abgeführte Wasser wieder in die Yssel, und 
ohne im geringsten zu übertreiben kann man behaupten, dafs in 
wasserreichen Perioden (z, B. November und Mai) die Yssel bei 
Kampen jede Sekunde bis 2500 cbm Wasser ins Meer ergiefst. 

Für einige kleinere Flüsse, die schon oben genannt, kann man 
ein Maximum von 400 cbm in Anschlag bringen, und somit für 
sämtliches Flufswasser 3000 cbm in der Sekunde feststellen. Selbst- 
redend mufs man bei eventueller Austrocknung mit diesen Umständen 
rechnen, weil die Interessen von sehr ausgedehnten, gut bebauten 
und reich bevölkerten Gegenden aufs engste mit einer regelmäfsigen 
und gesicherten Wasserabfuhr verknüpft sind. 

Auch ist es unerläfslich, Rücksicht zu nehmen auf die Abfuhr 
des Eises, das sich im Winter in den Flüssen bildet, und schon 
jetzt, bei offenen Flüssen, oft zu bedenklichem Steigen des Wassers 
führen kann. 

B. Einströmendes Meerwasser, 

Hauptsächlich durch drei Öf&iungen zwischen den Inseln strömt 
das Wasser aus dem offenen Meere in den Busen hinein, und zwar 
durch den Texelstrom oder das Texelsche Gat (ÖfEnung) ; das Eierland- 
sche Gat; den Vliestrom (siehe Tafel I Fig. 1). Die zweite ist von 
geringerer Bedeutung, aber die beiden andern sind über 20 m tiefe, 
breite Mündungen, durch welche bei Flut jedesmal Millionen Kubik- 
meter Wasser eindringen und gewaltig gegen die Küsten Frieslands 
heranwallen. 

Der Unterschied zwischen hohem und niedrigem Wasser (Flut- 
und Ebbestand) ist an den holländischen Küsten am geringsten bei 
Helder, und steigert sich nord- und südwärts, wie aus nachstehender 
Übersicht zu entnehmen ist: 



*) M. R. Mittlerer Stand; Durchschnittshöhe in den 6 Sommermonaten 
während der Jahre 1871—1880 inkl. 



— 27 — 

Calais 6 m 

Vlissingen . . 3,5 „ 

Mündung der Maas. . . 2 „ 

Helder 1,14 „ 

Vliestrom , . . 1,68 „ 

Borkum .... 1,90 ,, 

Mündung der Weser. .3 „ 

Sobald das hereingedrängte Flutwasser in den Raum zwischen den 
Inseln und Friesland gelangt, kann es nicht mehr regelmäfsig durch- 
strömen, sondern stürzt gegen die Küsten; daraus ergiebt sich auch 
eine schwächere Differenz von Flut- und Ebbestand, wie aus folgenden 
Ziffern zu ersehen ist: 

Westliche Küste: Östliche Küste: 



Insel Wieringen .... 0,85 m 

Enkhuizen .... 0,55 „ 

Hoom 0,36 „ 

Insel Marken 0,30 „ 

Schellingwoude 0,38 „ 



Harlingen 1,36 m 

Workum 0,67 „ 

Stavoren 0,52 „ 

Lemmer 0,10 „ 

Blokzyl 0,05 „ 

Elburg 0,23,, 



Zu dieser raschen Abnahme trägt auch die sich bei Lemmer jäh er- 
weiternde Form des Beckens bei. Bei den Mündungen der Yssel 
ist also nur ein geringer Einflufs der Tiden wahrzunehmen und diese 
Geringfügigkeit ist für die Auswässerung des Flusses ein wesentlicher 
Nachteil. Bekanntlich sind die Ströme, welche an ihren Mündungen 
grofse Differenzen im Wasserstand haben, in der günstigsten Lage, 
um die Mündungen in bedeutenden Tiefen zu erhalten. Als Belege 
für diese Wahrheit kann man anführen, das z. B. Themse und 
Scheide tief bleiben, während Nil und Mississippi, deren Wasser- 
abfuhr viele Male gröfser ist, an ihren Mündungen versanden und 
Deltas absetzen. Deswegen hat man auch Yssel und Zwarte Water 
durch überaus lange Stromleitungen, Dänmie aus Reisig und Steinen 
bis in genügend tiefes Wasser geleiten müssen, um Sandansetzungen 
in den Mündungen selber zu verhindern. 

Das hineingestaute Flutwasser füllt nur allmählich das ganze 
Becken des Meeres, und weil ein südlicher Ausgang fehlt, ist der 
Lauf der Flutwelle äufserst träge. Wenn z. B. bei Helder der höchste 
Stand erreicht ist (also nach Beendigung der Flut) 7 Uhr vormittags, 
dann werden die höchsten und die niedrigsten Stände an verschiedenen 
Punkten erreicht, wie hier folgt: 



— 28 — 

Flutstand Ebbestand 

Helder 7 Uhr — Min. 1 Uhr — Min. 

Insel Vlieland 8„ — „ 2„ 7„ 

Insel Terschelling ..8„ 7„ 2„ 7„ 

Insel Wieringen. ... 8 „ 18 „ 2 „ 20 „ 

Medemblick 9 „ 34 „ 2 „ 46 „ 

Insel ürk 12 „ — „ 5 „ 30 „ 

Yssehnündung 12 „ 27 „ 6 „ 30 „ 

Insel Marken 12 „ 27 „ 6 „ 27 „ 

Schellingwoude .... 1 „ 10 „ 6 „ 45 „ 

Die Flutwelle braucht also ungefähr 6 Stunden, um bis zum 
südlichen Band des Beckens zu gelangen. Weil aber niedriges Wasser 
(Ebbestand) bei Helder ungefähr zusammenfällt mit hohem Wasser 
(Flutstand) bei Schellingwoude, begegnet das zurücklaufende Ebbe- 
wasser die hereinströmende Welle der folgenden Flut in der Mitte 
und zwar im weitesten Teil; dieser Umstand trägt wesentlich zum 
geringen Einflufs der Tiden bei, der, wie schon erwähnt, bis zu 
wenigen Zentimetern herabsinkt. 

Jedoch glaube man nicht, die Gewässer der Zuiderzee zeigten 
sich immer so ruhig und regelmäfsig, als obige Vorstellung glauben 
läfst. Bei Stürmen, zumal wenn diese mit Springflut zusammen- 
fallen, kommt in der Zuiderzee ein ganz eigener Vorgang zur Ent- 
wickelung, nämlich das Aufwehen des Wassers. Während z. B. bis- 
weilen das Wasser von der Süd- und Westseite bis zu 2 m unter dem 
gewöhnlichen Stand abweht, steigt es an der Ostküste bis zu 
2 ä 2,50 m über den Mittelstand, treibt die Gewässer der Flufsmün- 
dungen zurück und überschwemmt die Küstenlande, insoweit sie nicht 
von soliden Deichen imigeben sind. Die Strafsen der Städte ZwoUe 
und Kampen sind öfters auf kurze Zeit so überschwemmt, dafs man 
mit Kähnen darin fahren könnte. 

Die Begel ist, dafs Stürme aus dem Südwesten herankommen 
und, indem der Wind sich allmählich hebt, durch West nach Nord- 
west drehen. Die aufgewehten Gewäfser, welche anfangs schon hoch 
gegen die Küsten von Friesland und Overyssel aufgejagt sind, werden 
nun nicht nur gehindert, nach Nord abzufliefsen, sondern auch neue 
Massen Werden durch die Öffnungen zwischen den Inseln herein- 
gedrängt, wobei die Küsten und Deiche oftmals schwer auszuhalten 
haben und manchmal hart mitgenommen werden. Hieraus erklärt 
sich, warum zumal die Provinz Friesland mit so schwerem Geld und 
so mühseliger Arbeit noch immer den Streit ums Dasein hat führen 
mässen. 



— 29 — 

Aus dieser Darstellung ergiebt sich, dafs man bei den ver- 
schiedenen Entwürfen zur Abdämmung sich fragen mufs, ob vielleicht 
der Einflufs des anzulegenden Dammes auf die Meereshöhe im nicht 
abgeschlossenen nördlichen Teil, Nachteile für die Küsten mit sich 
bringt, ob es möglich ist, durch zweckmäfsige Abschliefsung die 
Differenz zwischen Flut- und Ebbestand zu erhöhen und somit der 
Yssel eine kräftige und mehr gesicherte Abströmung zu gewähren. 

C. Geologische Beschaffenheit des Meerbodens. 

Hierzu Tafel I Fig. 2. 

In bezug auf die Art und Weise, wie die Zuiderzee entstanden 
ist, giebt es sehr verschiedene Meinungen, die jedoch bei einer Über- 
sicht der Pläne zur Trockenlegung nicht eingehend besprochen zu 
werden brauchen. Unzweifelhaft steht fest, dafs die Formation des 
Hügellandes in Gelderland, welche unter dem Namen Veluwe*) bekannt 
ist, sich, wiewohl immer tiefer hinabsinkend, noch weit nach Westen 
ausdehnt, und dafs dieser Diluvialboden sich zuletzt unter den Moor- 
gründen von Nordholland verliert. 

Vor vielen Jahrhunderten durchströmten wahrscheinlich zwei 
Rheinarme diese Gegend und trugen ihren Schlick auf; hier wuchsen 
nachher ausgedehnte Wälder, die, den bekannten Prozefs einhaltend, 
nach abermals vielen Pflanzengenerationen, durch Absterben und 
Vergehen der Pflanzen das Waldmoor bildeten. 

Bekanntlich hat das Waldmoor wenig Zusammenhang, in der 
Weise, dafs es vom Wellenschlag bald gelöst und auseinander- 
geschlagen wird. Nachdem das Meer einmal die Inselreihe an der 
Nordküste durchbrochen hatte, schlug es allmählich das Waldmoor 
weg und breitete sich nach allen Seiten aus, bis es den Bewohnern 
gelang, durch Deiche und Dämme den verheerenden Wirkungen 
Mafs und Ziel zu setzen. 

Durch diesen Vorgang kam der uralte Kleiboden wieder an die 
Oberfläche und die Flüsse Vecht, Eem und Yssel fuhren inuner fort 
ihren fruchtbaren Schlamm hinzuzufügen; es läfst sich daher schon 
im Voraus erwarten, dafs im südlichen Teil des Busens eine 
beträchtliche Menge Klei (Flufsschlamm) angehäuft liegt. Im nörd- 
lichen Teil, der immer bedeckt von Wasser in starker Bewegung, 
und der in unmittelbarer Berührung mit den Wellen des offenen 
Meeres steht, läfst sich dagegen mehr Sand vermuten. 



*) Veluwe = Vale ouw = Schlechter Grund liegt zwischen der Yssel und 
der Zuidersee. Betuwe = Bat ouw = liegt zwischen den beiden Rheinarmen 
Bhein und Waal 



— 30 — 

In den Jahren 1868 — 70 fand eine sehr merkwürdige Unter- 
suchung des Meerbodens statt. Der Ingenieur Stieltjes bohrte auf 
134 Punkten Grundcylinder auf, jeden zu 1,5 m hoch; er benutzte 
dazu ein Werkzeug, das gestattete, die Grundcylinder ohne die na- 
türliche Lage der Schichten zu zerstören, an die Oberfläche des 
Wassers zu bringen, und bekam also von jeder der 134 angebohrten 
Stellen eine Musterkarte nicht nur der obersten Schichten, sondern 
von allem, was bis zu 1,5 m Tiefe unter dem Meerboden zu 
finden war. 

Es ergab sich dabei, dafs im ganzen südlichen Teil fast überall 
Klei an der Oberfläche lag, meistenteils zu 1 — 1,5 m mächtig.^) In 
der Nähe der Linie Enkhuizen - Kampen wurde die Kleischicht 
dünner und war mehr mit Sand durchmischt, während weiter nach 
Norden der Sand entschieden das Übergewicht bekam. 

Hier und dort fand man Veen mit einer dünnen Kleischichte 
bedeckt ; an einzelnen Stellen wurde das alte Veen an der Oberfläche 
gefunden. Nordwestlich von Elburg wurde ein Muster versauertes 
Veen aufgebohrt, enthaltend Schwefelsäure-Eisenoxydul ; dieser Grund 
wurde als giftig und für Pflanzenkultur absolut ungeeignet an- 
gemerkt.®) 

Die Bohrungen von Stieltjes stellten dar, dafs ungefähr 75®/o 
des Bodens aus gutem Kleigrund bestand und eine Untersuchung der 
aufgebohrten Muster auf ihre chemischen Eigenschaften leitete zu 
der Hofi&iung, dafs der Kleigrund für Land- und Ackerbau den besten 
Bodenarten gleich zu stellen sein würde. 

15®/o der aufgebohrten Muster enthielten im Obergrund mehr 
oder weniger Sand mit Klei oder Veen gemischt. Dergleichen Gründe 
sind bekanntlich mit vielem Fleifs und Sachkenntnis fruchtbar zu 
machen, sind aber nicht ohne weiteres zu verwenden; Heide und 
Veengründe hat man in Holland jedoch so viel, dafs man für die 



°) Die Untersuchung beschränkte sich auf den Teil südlich der Linie 
von Enkhuizen über die Insel ürk bis zur Mündung der Yssel. 

•) Genauere Aufgaben über die Bohrungen sind folgende: In 50 Boh- 
rungen guter, fetter Klei in dem ganzen Cylinder, also wenigstens 1,5 Meter; 
in 31 Bohrungen weniger schwerer Klei, 1 m dick, darunter Veen oder sand- 
artige Grundsorten; in 5 Bohrungen leichter Klei, darunter Sand; in 24 Boh- 
rungen Meersand an der Oberfläche ; bei mehreren Bohrungen Meersand in der 
zweiten und dritten Schicht; in 5 Bohrungen diluvialer Sand an der Ober- 
fläche, gleichartig mit den Sandsorten der Veluwe; in 17 Bohrungen wurde 
derselbe Sand in tieferen Schichten vorgefunden, woraus man auf die schon 
erwähnte Fortsetzung des diluvialen Sandes unter dem Meerboden schliefsen 
ikönnte. 



— 31 — 

Eroberung solcherlei Länderstrecken nicht nötig hat die Trocken- 
legung der Zuiderzee, über die gut konstatierten Kleigebiete hin- 
aus zu unternehmen. 

In den Jahren 1873 — 77 sind noch von offizieller Seite an 
500 Bohrungen vorgenommen worden. Es wäre wahrscheinlich zu 
weitläufig, auch von diesen ausführlicher zu sprechen. Im all- 
gemeinen kann man sagen, dafs das früher von Stieltjes gefundene 
Resultat sich auch bei den späteren Untersuchungen als richtig heraus- 
gestellt hat. Von 157000 ha südwärts von der Linie Enkhuizen- 
Yssel wurden damals 108 000 ha als Klei und für den Landbau 
geeignet beurteilt, also Iff oder nahezu 68 Prozent. 

m 

n. 

Übersicht der verschiedenen Entwürfe zur Eindeichung 

der Zuiderzee. 

Nicht immer sind es die Fachleute, die zu grofsen technischen 
Arbeiten den Hauptanstofs geben, vielmehr sehr oft Dilettanten, die, 
wiewohl in Form und Wesen noch fehlerhaft, den richtigen Weg 
zeigen, und auf deren Grundidee später die Fachleute fortarbeiten. 

So hat z. B. Niederland unter seinen früheren Fürsten einen 
aufzuweisen, der, obschon kein Techniker, den richtigen und hohen 
Blick hatte für die Verbesserung grofser Verkehrswege. Es war 
König Wilhelm I. (1815 — 40), der mit einem Bleistift auf der Karte 
die Linie zeichnete, wo, seiner Meinung nach, der Kanal von 
Amsterdam nach der Nordsee liegen sollte. Die damaligen Ingenieure 
hatten nicht den Mut, um in dieser Weise den Meereswellen den 
Eintritt zum Herzen des Landes zu öffnen; sie tracierten einen viel 
längeren, buchtigen und kostspieligen Kanal von Helder bis Amsterdam. 
Fünfzig Jahre später gab die Geschichte dem Königlichen Dilettanten 
das vollste Recht ; der von ihm tracierte Kanal wurde gegraben, und 
die gröfsten Dampfböte kommen heute mit voller Ladung in 3 Stunden 
aus dem offenen Meere nach Amsterdam. 

So wurde auch die Trockenlegung der Zuiderzee zuerst von 
zwei Dilettanten besprochen und zwar im Jahre 1848. Ihre Grund- 
idee ist nachher Gegenstand scharfer und berechtigter Kritik geworden, 
aber sie haben das Verdienst, zum ersten Male die Aufmerksamkeit 
auf die Sache gelenkt zu haben. 

Sie wollten die ganze Inselreihe von Texel bis zur Ems durch 
Dänmie mit einander verbinden, und für die Yssel ein ganz neues 
Bett schaffen und zwar mittelst eines Kanals von Arnheim bis Muiden, 
an der Südküste der Zuiderzee. Weiter würde von Amsterdam ein 



- 32 — 

neuer Kanal mit dem obengenannten verbunden, direkt in die Nordsee 
fahren. Nachher müfste ein Deich von Enkhuizen bis Stavoren den 
südlichen Teil vom nördlichen trennen, und beide Teile nach einander 
ausgeschöpft und trocken gelegt werden. Die Idee war riesenhaft. 
Nicht nur dafs im offenen Meere an 100 km Deich anzulegen wären, 
sondern einem FluTs wie die Yssel einen ganz neuen Lauf zu schaffen, 
das war eine Idee, über die selbst die tüchtigsten Techniker staunten 
und vor der sie zurückschreckten. Berechnungen und Resultate 
einer positiven Untersuchung an Ort und Stelle, aus denen die 
MögUchkeit der Ausführung hervorleuchten mufste, fehlten bei dem 
Entwürfe, und mit Recht ist den Herren Projektmachern vorgeworfen, 
dafs sie wohl sagten, was sie wollten, aber nicht angaben; wie sie 
sich die Ausführung vorstellten. 

Im Jahre 1849 wurde vom Hauptingenieur Van Diggelen, 
einem sehr tüchtigen Techniker, ein Projekt veröffentUcht, welches 
man in Fig. 3 in Hauptlinien dargestellt findet. Der Verfasser ent- 
warf für das Polder- imd Flufswasser, welches zum Meere abzuführen, 
breite Strombahnen, dem Lauf der Küsten folgend, d. h. er dachte 
sich in 100 bis 150 m Entfernung von den Küsten Deiche, die mit 
der gegenwärtigen Küste eine Art neuen Flufs bilden würden. Die 
Strombahnen würden auswässern bei Terschelling und an der Nordsee- 
küste; für die westUche Strombahn wurde ein ganz neuer Aus- 
wässerungskanal gedacht, etwa von Hoorn nach Petten. Mächtige 
Schleusen bei Hoorn, Petten und Terschelling dienten zur Ent- 
wässerung. 

Die kräftigen Tideströmungen, der Tesselstrom und der Vliestrom, 
blieben erhalten und fielen so zu sagen in einander, indem Deiche 
von Helder nach Terschelling, und von der Ostseite von Texel bis 
der Ostküste von Vlieland faktisch die Abschliefsung des Busens 
von dem offenen Meere darstellten. 

In den Strombahnen wurden nun die ViTassermassen von 
wenigstens 8 Millionen Hektaren Landes angesammelt und mufsten 
weiter durch die Schleusen abgeführt werden. Der Pegel dieser 
Strombahnen war gedacht auf 1 m unter A. P.') Weil nun aber 
der Meeresstand bei TerschelHng und bei Petten fast immer höher 
ist (mittlere Flut bei Terschelling + 0,45 m, mittlere Ebbe daselbst 
— 1,12 m) war es notwendig, durch Dampfmaschinen nachzuhelfen ; 
man findet auch auf der Skizze 3 eine Anzahl dieser Maschinen be- 



^ A. P. Allgemeine Vergleichungsebene für Niederland. Bezeichnet: 
Amslerdamsch Peil (Pegel) und stimmt genau mit der deutschen NormalnuU 
überein. 



— 33 — 

zeichnet, die fast immer thätig sein würden, um das Wasser der 
Strombahnen gegen das höhere Meereswasser aufzupnmpen. Dem 
Verfasser entging auch diese Schwierigkeit nicht und deswegen ent- 
warf er auch einen ganz neuen Kanal zur Abführung des Wassers von 
Zwarte Water und der darin einströmenden kleineren Flüsse. 

Aber auch nach dieser Entlastung der Strombahnen blieb noch 
das fortwährende Aufpumpen des Wassers, das nie endende Auf- 
führen von wenigstens ^/s von allem Bheinwasser eine so mühselige 
Arbeit und leitete zu solchen unberechenbaren finanziellen Ausgaben, 
dafs man den Plan nie für ausführbar gehalten hat. Auch blieb.es 
zweifelhaft, ob es je gelingen würde, die geplanten Dämme hinter 
den Inseln entlang durchzuführen, weil sie in sehr bewegtem Wasser 
und sehr starken Strömungen errichtet werden mufsten. 

Es war ganz natürlich, dafs die grofse Länge der Abschliefsungs- 
deiche des van Diggelen manchem als der Hauptübelstand derartiger 
Pläne erschien und dafs man bald die Aufmerksamkeit auf die 
Meeresenge zwischen Stavoren und Enkhuizen heftete. Im Jahre 
1862 wurde die Frage aufgeworfen, ob es nicht angebracht sei, die 
Abschlief sung in diese Richtung zu bringen. Allerdings knüpfte 
sich an diese Idee sofort die Frage, was mit der Yssel anzufangen 
sei. Eine Antwort blieb nicht aus, und dieser Antwort verdankt 
man einen Entwurf, dessen Verfasser bis jetzt unbekannt blieb. Er 
plante wieder einen ganz neuen Lauf für die Yssel und zwar durch 
zwei Paralleldeiche, welche von der heutigen Mündung anfangend, 
südwärts nach Amsterdam umbiegend, die Yssel bis dorthin geleiten 
würden. Weiter würde der schon früher erwähnte Kanal von Amster- 
dam nach der Nordsee ohne Schleusen^ und dessen Deiche mit den 
so eben genannten verbunden gedacht. In der Weise führte man 
die Yssel an Amsterdam vorbei ins Meer und hofite also vor der 
Hauptstadt einen ins Meer abströmenden Flufs darzustellen. Sobald 
das erreicht und in derselben Zeit der Damm Stavoren-Enkhuizen 
fertig gebracht war, könnte alles Wasser zwischen den genannten 
Deichen ausgepumpt und zu Land gemacht werden. 

Eine Variation dieses Plans zielte darauf hin, die kostspielige 
Ysselleitung noch entbehren zu können. Wenn man doch, so argu- 
mentierte der Verfasser des neuen Projekts, nur den Damm zwischen 
Enkhuizen und Stavoren darstellt, und zu gleicher Zeit Holland bei 
Velsen zur Breite von 200 bis 300 m durchgräbt, dann wird sich 
das Wasser der Yssel durch diese neue Mündung ins Meer werfen 
und die Zuiderzee wird wirklich eine Binnensee, wodurch ein Flufs 
strömt, gleichartig mit dem Bodensee, welchen dftt BJcäsox ^cssxÄör 

Geographische Blätter. Bremen 1889. ^ 



— 35 — 

Bekanntlich ist die Durchgrabung von „Holland qp sijn Smalst", 
d. h. an der Landenge, wo vormals Nordholland mit dem Rest 
des Landes verbunden war, in den Jahren 1864 — 76 ausgeführt 
worden. Ein Kanal von damals genügender Breite und Tiefe läuft 
nun von Amsterdam zur Nordsee. Die Art der Ausführung fand in 
Herrn Hüet stets einen heftigen Gegner, weil seiner Ansicht nach 
die Breite ungenügend ist und die Schleusen an dem östlichen und 
westlichen Ausgang des Kanals Übelstände sind. Er hatte den Kanal 
breiter und gan^ ohne Schleusen gewünscht; die Deiche, welche bei 
einer derartigen offenen Durchgrabung jedenfalls unerläfslich waren, 
biegen sich nun, der Idee des Herrn Hüet zufolge, nördlich ab und 
zwar, die nördliche nach Enkhuizen, die südliche nach einem Punkt 
westlich von der Insel Urk, weiter über diese Insel nach der Mündung 
der Yssel. Die Insel Schokland wurde durch zwei Dämme mit dem 
Festlande verbunden, und nördlich vom Zwarte Water ein neuer 
Damm nach der Südküste Frieslands angelegt. Aus der Skizze er- 
sieht man, dafs auf diese Weise vier ganz von einander unabhängige 
Teile entstehen, die jede für sich auszupumpen und trocken zu legen 
wären. Der Yssel wird nicht gewaltsam ein neuer Lauf vorgeschrieben, 
sie stürzt sich frei ins Meer, bekommt aber durch die offene Durch- 
grabung und deren nördliche Verlängerung eine doppelte Mündung, 
durch welche noch immer (den Zeitunterschied in Flut und Ebbe 
bei Ymuiden und Helder beachtet) Wasser abfliefsen könnte, wenn 
das vielleicht bei Helder durch höheren Meerstand unmöglich wäre. 

Mit wie grofsem Geschick und warmer Überzeugung der Verfasser 
diesen Plan empfohlen hat (noch vor wenigen Wochen, Ende 1888, 
ist in einer Brochüre der Plan wieder von ihm besprochen worden), 
so hat er doch die Idee nicht weiter als zu einem Gegenstand des 
Studiums bringen können, und sie ist auch nie einer ofßzieUen 
Untersuchung unterzogen worden. 

Es versteht sich, dafs die Schiffahrtsinteressen der Städte von 
Nordholland nicht übersehen werden dürften; daher sind auch, wie 
aus der Skizze zu ersehen ist, einige Verbindungskanäle entworfen 
und es ist durch einen Bingkanal und Entwässerimgskanäle für die 
Wasserabfuhr der umliegenden Gegenden gesorgt. 

Die Entwürfe, von welchen bis jetzt die Bede war, sind von 
den Verfassern in privaten Broschüren und Denkschriften veröffentlicht ; 
sie zielten mehr darauf hin, im allgemeinen die Idee und Richtung 
anzugeben, als wohl einen sogenannten technischen Rapport da: 
stellen. Wir kommen jetzt zu einem Projekte, das von pf 3r 
Seite ins Leben gerufen und auch von Seiten der 
offizielle technische Arbeit anexkamit wvxtdL^. 



— 36 — 

Im Jahre 1865 wurde der Hauptingenieur Beyerinck vom 
damaligen Minister des Innern beauftragt, ein Projekt zu entwerfen, 
unter Hinzufägung aller erforderUchen Berechnungen und Schätzung 
der Kosten, damit die Regierung die Arbeit selber in die Hand 
nehmen könnte. 

Der genannte Techniker, der schon bei vielen Trockenlegungen 
unwidersprechliche Beweise für seine Tüchtigkeit in diesen Arbeiten 
gegeben hatte, war eben der Mann, um mit scharfem Blick eine 
Wahf aus dem schon vorhandenen Material schriftstellerischer Arbeit 
zu treffen, und diese an Ort und Stelle zu vergleichen. Es stand 
bei ihm fest, dafs die Mündung der Yssel unter keinem Vorwand 
innerhalb der AbschUefsung gebracht werden dürfte. Jede Pfuscherei 
an Flüssen war ihm zuwider; „die lassen sich nun einmal nicht 
mafsregeln*' , meinte er. 

In dieser Überzeugung entwarf er den Hauptdeich, die eigentUche 
Abschliefsung von Enkhuizen über Urk nach der südlichen Yssel- 
mündung ; alles was sich südlich befand, sollte leer gepumpt werden. 
(Fig. 4). 

Vier grofse Hauptkanäle, wie sie in der Skizze angegeben sind, 
würden Polder« und Flufswasser aus den kleineren Strömen auf- 
nehmen und zu den Schleusen führen, die an drei Punkten die Ver- 
bindung mit dem Meere darstellen würden. Ein Bingkanal war mit 
der Yssel verbunden; mehrere gradlinige Kanäle teilten die ganze 
„Droogmakery^ in Polders von 15000 ha ab, und führten das aas- 
geworfene Polderwasser den Hauptkanälen zu. Jeder Polder bekam 
eine eigene Dampfmaschine. 

Der gewöhnliche Pegel des Wassers in sämtlichen Haupt- und 
JBiwgfkanälen war festgestellt auf 0,5 m unter A. P. (N. N.) und war 
also gleich mit dem Pegel des schon mehrmals besprochenen, damals 
in Ausführung begriffenen Nordseekanals. Nicht weniger als 63 Dampf- 
maschinen, jede zu 150 Pferdekräften (nom.) muTsten zu der Aos- 
pumpung in Betrieb gesetzt werden, und würden auch teilweise 
nach beendigter Arbeit zur Trockenerhaltung beibehalten bleiben. 
Der Pegel in den Polderkanälen war auf 2,5 m — A. P. gedacht^. 

Der Deich zur Abschliefsung läuft durch eine mittlere Tiefe 
von 4 m — A. P. und bekommt eine Höhe von 3,5 m + A. P. Der 
höchste Stand bei Sturmflut war angenommen auf + 3 m.^) Würde 



^ 2,5 m — A P bedeutet 2,5 m unter Normal Null. 3 m + A E bedeutet 
3 m oberhalb Normal Null. 

*) Vergleiche Figur 9 obschon mit abgeänderten Ziffern. Die Ziffern in 
äi^sfir Figur gehören zu einem nachher zu erwähnenden Projekte, skizziert in Fig. 6. 



— 37 — 

dieser Stand wirklich erreicht, dann sollte der Deich im ganzen 
7 m Wasser kehren, und der Entwerfer befürchtete, ein so kolossaler 
Druck möchte zu schwer sein und zu Deichsenkungen oder ander- 
weitigen Schaden leiten. Er zog es darum vor, den Wasserdruck 
durch Anlage eines Kanals innerhalb des Deiches zu verteilen, dessen 
Pegel auf 0,5 m — A. P. gedacht wurde. Der Druck von 7 m aufser- 
halb erfuhr dadurch an der Innenseite einen Gegendruck von 3,5 m, 
und der einwärtige Deich des besagten Kanals kehrte den Rest, 
ebenso zu 3,5 m. Diese so einfache und ingeniöse Grundidee wurde 
bei allen weiteren Plänen in bezug auf die Deiche beibehalten. 

Die Länge der Abschliefsung war 40 km, wofür an zu 
gewinnendem Lande 180000 ha gerechnet wurde, also ein sehr 
günstiges Verhältnis, da auf jede 5 ha Land nur 1 m Deich zu unter- 
halten war. Von den 180000 ha waren annähernd 108 000 ha, 
also 60 ®/o, für Ackergrund geeignet. 

Diese offizielle Arbeit wurde der amtlichen Prüfung seitens 
eines Reichskomitees unterworfen. Es fehlte bei den Berichten 
dieses Komitees nicht an mehr oder weniger gerechter Kritik und 
in mehreren Hinsichten meinte das Komitee von der Ausführung 
des Planes abraten zu müssen. Hauptsächlich waren es drei Übel- 
stande, an denen, der Meinung des Komitees nach, der Plan scheitern 
müfste, und zwar: 

1) Die Kosten waren zu niedrig geschätzt. Der Entwerfer 
kam mit seinen Berechnungen auf 84 Millionen Gulden, das Komitee 
berechnete 115 Gulden. ^^) 

2) Die Höhe des Deiches erschien dem Komitee ungenügend 
und sollte auf 5 m + A. P. gebracht werden. 

3) Die Gröfse des Busens, d. h. die Gesamtoberfiäche der 
Kanäle innerhalb der Abschliefsung, welche bei Beyerinck */2oo 
der ganzen „Droogmakery* betrug, war zu gering und sollte wenigstens 
^/25 des auszutrocknenden Landes betragen. 

^^) Vorübergehend sei hier bemerkt, dafs die Gröfse des 
Busens in engster Verbindung steht mit der Möglichkeit der Trocken- 
erhaltung. Bekanntlich mufs der Busen das ausgemahlene Regen- 
wasser aufnehmen, bis ein niedriger Stand des Meeres gestattet, das 



^0) 1 Gnlden = 1,6 Mark oder 100 Mark = 60 Gulden. 

^^) Bei Poldern versteht man unter Basen (holländisch Boezem) die samt- 
lichen Kanäle und andern Gewässer in die das Regenwasser aus den Gräben 
aofgepnmpt wird und aufbewahrt bleibt bis der Busen bei niedrigen Stand 
des Meeres diese Wassermenge abführen kann. Gröfse Busen sind darum für 
die Polder vorteilhaft, weil sie viel Wasser zeitweilig autt^ViTCÄ^v V<jrss^^^ 



— 38 — 

Wasser des Busens abzuführen. Der Busen ist somit ein Reser- 
voir zur vorläufigen Aufbewahrung des Wassers, welches man auf 
dem Ackerlande nicht behalten kann. Je kleiner dieses Beservoir, 
desto gröfser die Gefahr, die gefallene Quantität nicht rechtzeitig 
von dem Lande entfernen zu können; es ergiebt sich daraus, dafs 

1 /-. .• . Busenoberfläche . . ..vi _., ij. . -■ 

der Quotient p . , ^.. , so grofs wie möglich gewünscht wird. 

Umstände, die für den deutschen Leser von geringem Interesse, 
veranlafsten den Ingenieur Stieltjes in 1870 in Verbindung mit dem 
Herrn Beyerinck, den genannten Plan so umzuarbeiten, dafs die 
Hauptübelstände beseitigt wurden. Die Umrisse des Projekts Beye- 
rinck sind in Fig. 5 (Skizze des Planes Stieltjes) unschwer zu 
entdecken. Ins Auge fallen zuerst zwei absichtlich geformte Seen 
A und B bei Enkhuizen und bei Urk. Diese beiden waren ent- 
worfen an Stellen, die wahrscheinlich zu dem weniger guten Boden 
gerechnet werden mufsten, und dienten zur Vergröfserung des Busens ; 
die Haupt- und Nebenkanäle waren breiter und erhöhten, mit den 
Seen zusammen genommen, den Busen auf einen Gesamtbetrag von 
7300 ha, ungefähr ^/23 der ganzen Landesoberfläche. 

Die Richtungen der Kanäle waren einigermafsen abgeändert, 
damit die Polder nicht so methodisch rechtwinklig und von gleicher 
Gröfse ausfielen; dadurch könnte man den Höhenunterschied des 
Landes besser ausnützen, und jedem Polder einen Wasserstand und 
eine Entwässerung durch Maschinen gewähren, welche für den be- 
treffenden Polder am meisten geeignet war. 

Der Deich wurde auf die gewünschte Höhe von 5 m + A. P. 
gebracht. Über die Einrichtung des Deiches, die Breite des dahinter 
befindhchen Kanals, die Böschungen, die Pegel u. a. giebt Fig. 9 
einige Auskunft. Zwei Eisenbahnen wurden projektiert zur Ver- 
bindung der nördlichen Provinzen mit Amsterdam. 

Die Entwässerungspunkte waren bei Enkhuizen mit 24, bei 
Urk mit 88 und bei Ymuiden mit 28 m Schleusenbreite und zwei 
Dampfmaschinen zu beziehungsweise 800 und 350 Pferdekräfte (nom.) 
sollten bei der Entwässerung kräftig mitarbeiten. Man berechnet, dafs 
von den Maschinen in den Poldern täglich bis 23 Millionen cbm in den 
Busen abgeführt, und die Hälfte davon auf natürlichem Wege 
(d. h. durch die Schleusen), die andre Hälfte durch die Maschinen 
fortgeschafft werden könnte. 

Dieser Entwurf wurde von der Regierung mit einer geringen 
Abänderung übernommen und im Jahre 1877 den Generalstaaten 
{Kammern) vorgelegt. Ein Ministerwechsel jedoch verursachte^ 



n n 



— 39 — 

dafs der Plan weder in Behandlung genommen noch ausgeführt 
wurde. 

Bis jetzt ist letztgenannter Entwurf der einzige, der ganz aus- 
gearbeitet und bei dem alle erforderlichen Nebenarbeiten möglichst 
genau festgestellt und geschätzt worden sind. Es erscheint daher 
am meisten geeignet, gerade von diesem Plan einiges über die an- 
geblichen Kosten mitzuteilen. Jedoch ist hierbei zu beachten, dafs 
der Kostenaufwand von dergleichen Arbeiten in den meisten Fällen 
die Schätzung bedeutend überragt und dafs auch die Preise von 
Materialien und Arbeitslöhnen von einem Jahrzehnt bis zum andern 
stark abweichen können. 

Es wurden in 1873 geschätzt: 

Abschhefsungsdeich auf 26 Millionen Gulden 

Ringkanäle um die „Droogmakery* „ 13 

Arbeiten bei und auf der Insel ürk „ 1,5 

Arbeiten für die Entwässerung Nordhollands » 4 

Arbeiten an der Ysselmündung „ 0,5 

Dampfmaschinen zur Trockenlegung „ 17 

Trockenlegung und Trockenerhaltung während 

der Arbeit „ 8 » „ 

Schleusen , Dämme und Wasserkehrungen, 
welche auch nach beendigter Arbeit 

beibehalten werden „ 39 „ „ 

Dampfmaschinen innerhalb der Deiche „ 1,5 „ „ 

Instandhaltung während des Werkes » 4 „ „ 

Administration, Beaufsichtigung u. a „ 8,5 ,, „ 

Total 777! 123 MUlionen Gulden 
oder nahezu 200 Millionen Mark. 

Zerlegt man die Summe in Kosten für die Hauptabteilungen 
der Arbeit, so findet man in Prozentzahlen des Ganzen für den Ab- 
schhefsungsdeich 21®/o, für die Trockenlegung und Trockenerhaltung 
59 ®/o, für Nebenarbeiten u. a. 20 ®/o. Man sieht, dafs die 
Schätzung des Reichskomitees wieder um einige Millionen erhöht 
worden war. Teilweise hatte diese Erhöhung ihren Grund in dem 
Umfang der Arbeiten, so wie sie das Projekt Stieltjes mit sich 
brachte, teilweise in erhöhten Preisen von Material und Arbeitslöhnen. 
Es schien, als ob die vielen Streit- und Denkschriften für und 
wider den Regierüngsplan, die Erörterungen über nicht weniger als 
18 Privatpläne, zeitweilig das Interesse an der Sache völhg erschöpft 
hätten; wenigstens von 1877 bis 1882 wurde das ganze Unternehmen 
nur vorübergehend erwähnt. Von Thaten war keine Spur. 



— 40 — 

Im Jahre 1882 yerö£Eentlichte Herr A. Buma, Mitglied des 
Abgeordnetenhauses für die Provinz Friesland, eine Schrift, in der 
er behauptete, die beste Lösung der Frage sei die gänzliche Ab- 
dämmung der Zuiderzee der Inselnreihe an der Nordkäste entlang. 
Unter Beigabe einer Karte, welcher wir in Fig. 7 der Hauptsache 
nach gefolgt sind, stellte er nachfolgendes Projekt auf. 

Zuerst wird ein Damm von Helder nach Texel mit Beibehaltung 
eines tiefen und geräumigen Bassins für die Schiffahrt erbaut. Dann 
folgt ein durchgehender Damm von Nieuwediep (südUch von Helder) 
hinter den Inseln Texel, Vlieland und Terschelling bis nach Ameland, 
und zuletzt ist die Verbindung der Inseln unter einander durch 
Dämme zu bewerkstelligen. Nachdem in dieser Weise die Abschliefsong 
faktisch dargestellt war (der Damm von Ameland nach der frie* 
sischen Küste ist schon seit vielen Jahren vorhanden), würde die 
Trockenlegung anfangen. Natürlicherweise kam die alte, aber iamier 
neue Frage der Yssel wieder aufs Tapet. Bekanntlich sind Linien 
auf dem Papier weit schneller und billiger zu beschaffen als die 
VerwirkUchung dieser Linien auf dem Terrain, hier m dem Meere. 
Der Entwerfer hat das Publikum, dieser Billigkeit wegen, mit genügend 
vielen Linien auf dem Papier abgespeist, wie aus der Karte 7 zu ent- 
nehmen ist. Yssel, Eem und'Yechte werden durch Kanäle abgeleitet, 
und, damit diese Kanäle nicht zeitweilig mit zu vielem Wasser be- 
schwert werden, ist, wie schon bei dem Entwürfe Stieltjes erwähnt 
wurde, ein Sanunelbecken oder Binnensee bei der Insel Wieringen 
geplant. Schleusen werden „in genügender Zahl und Gröfse^, sagt der 
Entwerfer, auf und zwischen den Inseln, bei Helder und Wieringen, 
gebaut. Die friesischen und holländischen Städte, welche am Meere 
gelegen, bekommen Kanäle für Schiffahrt und Entwässerung; nach 
Abzug des dafür nötigen Landes bleiben noch 200000 ha Land 
übrig, die dem Landbau zu gute kommen würden. 

Es ist geradezu unmöglich, in wenigen Zeilen die UnausfÜhr- 
barkeit dieses Entwurfes gehörig ins Licht zu stellen. Wir müssen 
daher nur kurz den Hauptfehler hervorheben, durch welchen der Plan 
mit einem Male ins Reich der Fantasie gebannt wird. 

In Fig. 8 sind einige Querprofile gezeichnet über Punkte, wo, 
dem Plane zufolge, [Dämme oder Deiche gemacht werden sollten, 
während man in derselben Figur in gleichem Mafstabe den Durch- 
schnitt findet der gröfeten Tiefe, worin in Holland ein Querdamm 
gut gelungen ist, nämlich über einen Arm der Scheide in Seeland. 
Vergleicht man nun Breite und Tiefe, dann staunt man über den 
Obermuth, der dazu gehört, die Idee eines solchen Unternehmens an die 



— 41 — 

Öffentlichkeit zu bringen. Und wie ist die Beschaffenheit der Öffiiungen 
Z¥rischen den Inseln ! Nicht nnr eine Tiefe von 30 bis 40 m in einer 
Breite von 6000 bis 9000 m ist hier auszufüllen, sondern es geht 
ein fliegender Strom in diesen öffiiungen; wenn nnr mäfsiger Wind 
sich erhebt, ist der ganze Baum von kurzen, hochgehenden Wellen 
überdeckt und eine schäumende Brandung ist die unmittelbare Folge 
der schroff abfallenden Sandansetzungen in den tiefen Meeres- 
strömungen. Und in diesem hochbewegten Wasser wären nicht nur 
Deiche zu legen, sondern auch Schleusen zu bauen, deren Schlag- 
schwellen 4 m unter dem mittleren Meerestand liegen würden! 

Der Herr Verfasser hat nicht berechnet, ¥rie viele Schleusen zu 
bauen wären. Ein holländischer Ingenieur hat versucht, diese 
Berechnung annähernd auszuführen, und konunt zu dem Ergebnis, 
dafs wenigstens 1500 m Schleusenweite und 15000 Pferdekräfte 
(nom.) an Dampfkraft erforderlich sind, um tagtäglich das über- 
flüssige Flufs- und Regenwasser fortzuschaffen. Mit vollem Rechte 
fragt auch dieser Ingenieur in einem von ihm gehaltenen Vortrag'') 
„ob es einen Ingenieur unter den Anwesenden gäbe, der selbst mit 
unbeschränkten Geldmitteln versehen, es auf sich nehmen dürfe, 
diese Schleusenweite in den zerfliegenden Wellen, in den zerstiebenden 
Sand, darzustellen.^ 

Nun bedenke man noch dazu, dafs eine solche Riesenarbeit, 
falls sie mogUch, nur dazu dienen kann, neben aimähemd 200 000 ha 
Eleiland, auch noch 160000 ha undankbaren, harten Meersand 
trocken zu legen, und man wird leicht einsehen, dafs von allen 
Entwürfen der jüngste wohl am allerwenigsten zur Ausführung ge- 
langen wird. 

Die Liste der Pläne, deren Beleuchtung wir vornehmen wollten, 
wäre hiermit abgeschlossen, und es erübrigt uns noch, einiges mit- 
zuteilen über die Bestrebungen in den letzten zwei Jahren, um das 
Interesse an der Sache rege zu erhalten. 

In 1886 bildete sich in Amsterdam eine . Gesellschaft, welche 
sich den Namen „Zuiderjuee Veremiging^^ beilegte; sie beabsichtigte 
auf breiter Grundlage die ganze Sache mit allen in Verbindung 
stehenden Fragen von neuem einer eingehenden Untersuchung zu 
unterziehen, und namentlich die Frage zu beantworten, ob nicht 
eine Abschliefsung, weiter nördlich als der Deich von 1877, mögUch 
sei. Ohne Vorliebe für einen oder andern der schon bestehenden 



") Ingenieur Weicker. Vortrag gehalten im Königlichen Insti 
Ingenieuren. Oktober 1883. 



— 42 — 

Entwürfe, ohne eine vorher getroffene Wahl oder Voraussetzung, 
stellte der Verein sich auf ganz objectiven Standpunkt, und ernannte 
zu seinem technischen Ratgeber einen der tüchtigsten holländischen 
Ingenieure, Herrn C. Lely. 

Seit zwei Jahren gelangen von Zeit zu Zeit dessen sehr eingehende 
und sachverständige technische Rapporte in die Öffentlichkeit, und 
es möge nun die Trockenlegung zu stände kommen oder nicht, 
immer werden diese Rapporte ein Muster bleiben eines gründlichen 
umfassenden Studiums. 

Aus diesen Rapporten, von denen jetzt drei zur Verfügung stehen j 
entnehmen wir einige der Ergebnisse, zu welchen der Herr Verfasser 
gelangte. Ein tieferes Eingehen wäre vielleicht für diese Zeitschrift 
weniger geeignet, und es wäre schade, die genannten technischen 
Rapporte zerstückelt und daher so unvollkommen wiederzugeben, 
dafs der logische Gang der Gedanken nicht im vollen Lichte erschiene. 
Wir ziehen es darum vor, nur in kurzen Sätzen zu vermelden, zu 
welchen Ergebnissen der Herr Lely am Ende seiner drei Rapporte 
gekommen ist. (Siehe Fig. 10.) 

1) Der Boden des Meeres zwischen Wieringen (Insel) und der 
friesischen Küste besteht aus Sand und kann als eine feste und gute 
Unterlage zum Bau eines Deiches betrachtet werden. 

2) In dem Dreieck Blokzijl-Ürk-Zwartsluis ist sehr guter lüei- 
grund in einer Schichte von 0,5 bis 1,5 m Mächtigkeit gefunden. 

3) Die Abdämmung darf unter keinen umständen den Texel- 
ström oder den Vliestrom durchschreiten, deren Abdämmung wahr- 
scheinUch technisch, und unzweifelhaft finanziell unmöglich ist. 

4) Es ist in bezug auf die Yssel möglich, den Damm nord- 
wärts der Mündung zu legen, aber man mufs die Idee, den Flufs 
durch Dämme ins Meer zu geleiten, bestimmt aufgeben. Man führe 
die Yssel in ein Wasserbecken, einen Flufssee, der sich zwischen 
Wieringen und der östlichen Küste in einer Gröfse von 80000 ha 
ausdehnen wird. 

5) Eine solche See kann vom Schlamme der Yssel nicht schnell 
in dem Mafse ausgefüllt werden, dafs Verkleinerung des Wasser- 
beckens zu befürchten wäre. Die jährliche Erhöhung des Seebodens 
wird voraussichthch ^U mm betragen. ^^) 

6) Bei einer Abschliefsung von Nordholland über die Insel 
Wieringen nach Piaam (in Friesland) wird eine gesamte Schleusen- 
breite von 300 m genügen, mit der Schlagschwelle auf 4,4 m — A. P. 

'^ Es wird angenommen, dafs alljährlieh 200 000 cbm Schlamm von der 
FsseJ abgeführt werden. 



— 43 — 

und bei dieser Einrichtung wird wahrscheinlich nie mehr als 20 cm 
über den festzustellenden Normalpegel auf dem gedachten Flufssee 
zu erwarten sein. 

7) Nach Ausführung der erwähnten Abschliefsung wird bei 
Sturm der Stand auf dem Flufssee nie über 1,60 m + A. P. steigen, 
und es ist keine Ursache anzuführen, durch welche der Stand auf 
dem nicht abgeschlossenen Teil höher als bis jetzt, d. h. etwa 
3 m + A. P. steigen wird.^*) 

Wie schon gesagt wurde, ist die Untersuchung noch bei weitem 
nicht beendigt. Mehrere technische Rapporte stehen noch in Aus- 
sicht, und es wäre unbescheiden und vorschnell, schon jetzt Kon- 
klusionen zu ziehen oder Anschauungen zu geben über die weiteren 
Stadien, welche die Unternehmung durchlaufen wird. Die Unter- 
suchungen und Berechnungen des Herrn Lely lassen noch viele sehr 
merkwürdige Erläuterungen erwarten, von denen vielleicht nachher 
eine miehr vollkommene Übersicht geboten werden kann. 

Indessen ist jetzt schon festzustellen, dafs die Untersuchungen 
des Zuiderzeevereins zu einer Art Vorprojekt geleitet haben, welches 
sich gestaltet wie in Figur 10 angegeben ist. Sehr möglich jedoch, 
dafs die weiteren Erforschungen noch zu andern Resultaten führen, 
denn man darf bei dem sehr objektiven Standpunkte, auf den der 
Verein sich stellte, am allerwenigsten erwarten, dafs er peinlich auf 
der einmal aufgefafsten Meinung beharren wird. 

HI. 
Schlafsbetrachtimgen. 

Es ist oftmals die Frage aufgeworfen worden, ob das Werk 
der Austrocknung der Zuiderzee von der Regierung unternommen 
werden mufs, oder ob es besser den Privatunternehmungen zu über- 
lassen wäre. 

Die Beantwortung dieser Frage ist mit Kosten und Dauer 
der gesamten Arbeiten sehr verknüpft, und einige Erörterungen über 
diese Hauptelemente der Sache dürfen hier nicht fehlen. 

Wenn eine Gesellschaft oder ein industrieller Verein derartige 
Arbeiten unternehmen will, versteht es sich von selbst, dafs haupt- 
sächlich die finanzielle Seite des Unternehmens ins Auge gefafst und 
in erster Linie gefragt wird, ob Gewinn an Geld sich daraus vorher- 
sehen läfst, d. h. ob die zur Verfügung gestellten Kapitalien inner- 
halb einer gewissen Zeit mit den Zinsen durch den Verkauf der 



^*) Die jüngste technische Note ist von September 18!^, 



— 44 — 

Ländereien zurückerwartet werden können. Sind noch andre Vor- 
teile zu erhoffen, wie deren schon im Anfange dieses Aufsatzes 
genannt wurden, dann nimmt zwar eine Privatgesellschaft solche 
gern mit in den Kauf, aber der Hauptzweck bleibt doch immer 
vorteilhafte Kapitalanlage. 

Nun sind, wie schon erwähnt, bei einer Trockenlegung der 
Zuidersee nicht nur viele Millionen Kapitals erforderlich, sondern es 
kommen auch die Interessen sehr vieler Provinzen, Städte, Polder 
und zahlreicher Personen mit derselben in nächster Berührung; es ist 
unerläfslich, dafs diese Interessen aufs genaueste gewährleistet werden. 
In der Konzession, die allerdings notwendig ist, kann man ja einiges 
voraussehen, man kann in dieselbe viele Bedingungen aufiiehmen und 
Geldstrafen u. a. auferlegen gegen ungenügende Befolgung dieser 
Bedingungen. 

Es ist aber rein unmöglich, alles vorauszusehen, und sehr oft 
wird es dem Konzessionär möglich sein, sich den Bedingungen, welche 
ihm atn schwersten faUen, zu entziehen, wenigstens wird er das oft 
versuchen. Daraus folgen dann gerichtUche Untersuchungen und 
Aussprachen, die oft lange Zeit erfordern, währenddem die Arbeit 
teilweise stille steht oder doch unregelmäfsig fortgesetzt wird. 

Der mit der Trockenlegung beauftragte Ingenieur hat nicht 
was man nennt »Carte blanche", so wie es der Fall sein würde, wenn 
er in einer unbewohnten Gegend eine Lache zu entfernen hätte. 
Jeder Zentimeter Wasser, den er zu viel in Polder und angelegenen 
Busen schafft, führt Konflikte mit den Eigentümern der um- 
liegenden Gegenden herbei; dagegen ist Verringerung der Wasser- 
tiefe in Kanälen und Flüssen, sei es auch nur zeitweiUg, eine. Ur- 
sache von Schwierigkeiten mit der Schiffahrt u. a. Man sieht 
leicht ein, dafs es nicht möglich, in dieser Hinsicht alles voraus- 
zusehen und gesetzlich festzustellen und somit mufs vieles an Ort 
und Stelle während der Arbeit nach Umständen geordnet werden. 
Schreitet man in streng gehaltener Weise zur Anwendung von Geld- 
strafen vor, dann könnte dieses zu ungelegener Zeit zur Einstellung 
der Arbeit und somit zu unberechenbarem Wirrsal in technischer und 
finanzieller Hinsicht führen. 

Ist dagegen das Reich der Unternehmer, dann darf man er- 
warten, dafs hier der Satz gelten wird: 

„Mit gleicher Liebe lieb' ich meine Kinder**. 

Der Staat wird weder die Interessen seiner Provinzen und 

Poldergegenden, noch die Bedürfnisse der Schiffahrt bei seiner Unter- 

nebmung bintametzenj er vergegenwärtigt vielmehr die sämtlichen 



— 45 — 

Interessen des ganzen Staatswesens; es läfst sich also hoffen, dafs, 
wenn auch vielleicht unter nicht unbeträchtlicher Erhöhung der 
Kosten, den verschiedenen Interessen Bechnung getragen wird. Der 
Staat kann das, auch in finanzieller Beziehung, weit besser als 
besondere Gesellschaften es thim können, weil der Staat etwas 
Dauerndes ist, und alle Vorteile von der Unternehmung nachher in 
die Staatskasse flieCsen, sei es in der Form von Ersparnissen an 
Deichkosten, sei es in der Form von Grundsteuern und dergleichen 
mehr. 

Es erscheint aus den angeführten Gründen am meisten 
wünschenswert, dafs das Beich selber die Unternehmung in die 
Hand nimmt ; wäre es auch denkbar, dafs vielleicht das Beich etwas 
langsamer arbeitet wie eine Gesellschaft, die nur darauf hinzielt, am 
schnellsten ihr Kapital zurück zu erlangen, so bliebe doch das 
Unternehmen und die vielen damit verknüpften Interessen durch 
Staatsarbeit am besten gesichert und garantiert. 

Wie lange Zeit wird die Arbeit in Anspruch nehmen? Selbst- 
verständlich kann darauf nur annähernd eine Antwort gegeben 
werden, weil man mit sehr vielen Unterabteilungen der Arbeit Glück 
oder Widerwärtigkeiten haben kann; die betreffenden Schätzungen 
sind denn auch nur gegründet auf gleichartige Arbeiten, von denen 
man im Laufe vieler Jahre des letzteren Jahrhunderts Kenntnis 
erhalten hat. 

Der Herr Ingenieur Beyerinck schätzte die Zeit für die Anlage 
des Abschlielsungsdeiches in seinem Entwürfe (40 Km) auf 8 Jahre 
und für die eigentUche Trockenlegung, mit den weiteren Kanal-, 
Deich- und Schleusenarbeiten innerhalb des Deiches, auf abermals 
8 Jähre; somit würde in 16 Jahren die Arbeit des Ingenieurs 
beendet sein. 

Es ist aber nicht daran zu denken, dafs nach diesen 16 Jahren 
die Ländereien sofort für den L^mdbau bereit liegen würden; sehr 
vieles bleibt nun der Landwirtschaft überlassen. Zuerst ist zu 
beachten, dals das Land während vieler Jahrhunderte unter salzigem 
Wasser gelegen hat; lange Zeit mufs es dem Einflüsse von Luft 
und Begen ausgesetzt bleiben, bevor es den Salzgehalt insoweit 
verloren hat, um als • gewöhnlicher Baugrund behandelt werden zu 
können. Die Gräben im schlaffen kotigen Boden fallen dicht und 
müssen fortwährend wieder aufgegraben werden; die Gemeinschaft 
der Äcker mit den angelegten Hauptwegen und Hauptkanälen, ob- 
schon im groben und ganzen schon bei der Trockenlegung aus- 
geführt, muls noch in mancher Hinsicht ausgebessert und m^\:^^&- 



~ 46 -^ 

kommnet werden, bewohnte Orte müssen auf irgend eine Weise 
dargestellt werden u. a. Das alles erfordert viel Zeit, viel 
Kapital, obendrein eine grofse landwirtschaftliche Kenntnis und uner- 
schöpfliche Aosdauer. 

Im allgemeinen besteht bei der landbauenden Bevölkerung in 
Holland geringe Neigung nach andern Orten umzuziehen. Als Beleg 
hierfür kann beigebracht werden, dafs der Polder Anna Paulovnia 
in Nordholland so ungefähr 30 Jahre nach dem Anfang der Trocken- 
legung bevölkert zu werden anfing. Und doch waren die Verhält- 
nisse dieses Polders weit günstigere, als die der Zuiderzee sein 
würden, denn in der Mitte dieses weiten Beckens giebt es Stellen, 
die wenigstens 40 km von den nächstliegenden bewohnten Ort^i 
entfernt sein werden, und wohin mit sehr vieler Mühe und Kosten 
die ersten Lebensbedür&iisse gebracht werden müssen. Schulen, 
Kirchen, Läden, Postanstalten und dergleichen mehr werden sich 
nur nach und nach bilden, aber während der ersten Zeit wird der 
Mangel an diesen Anstalten sich lebhaft fühlbar machen und un- 
zweifelhaft einen nachteiUgen Einfiufs auf die Einwanderung in dem 
neuen Lande ausüben. 

Die Käufer der neuen Ländereien werden dieser Schwierigkeit 
Rechnung tragen und darauf bedacht sein müssen, dafs sie im 
Anfang gröCsere Arbeitslöhne auszulegen und Vorkehrungen zu treffen 
haben für die Anfuhr von allem, was der Landbau erfordert. In- 
dessen kommen die Steuer und Beiträge zur Trockenhaltung noch 
zu den notwendigen Produktionskosten, so daGs man mit Gewilsheit 
sagen kann, die nächstliegende Zukunft der neuen Polder sei nicht 
frei von Schwierigkeiten vielerlei Art. 

Die hervorgehobenen Umstände bleiben nicht ohne Einfiufs auf 
die Preise der zu verkaufenden Gründe, und eine Gesellschaft, die 
sich vorrechnete, die neuen Länder schon sofort nach dem 16. Jahre 
für Durchschnittspreise verkaufen zu können, würde sehr wahr- 
scheinlich ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. 

Nimmt der Staat die Arbeit in die Hand, dann bleiben die 
Schmerigkeiten in bezug auf die Landpreise zwar bestehen, aber 
der permanente Staat ist an sofortigen Verkauf weniger gebunden 
als eine Gesellschaft, die das Kapital auf irgend eine Weise hat 
flüssig machen müssen und Zinsen vom Kapital zahlen mufs. 

Erfahrungsgemäfs darf man die Kaufsummen der neuen aus- 
getrockneten Gründe nicht hoch anschlagen; erst in zweiter und 
vielleicht dritter Hand kommen die Preise so ungefähr auf Nomud- 
höhe. Die Polder Anna Paidowna bei Helder galten 10 Jahre nach 



^ 47 ^ 

dem Anfang der Trockenlegung 100 Gulden für den Hektar, während 
damals Mittelpreise für gewöhnliche, gute Ländereien zwischen 1800 
und 2500 Gulden für den Hektar schwankten. 

Im Harlemmermeer wurden 15 Jahre nach dem Beginn der 
Trockenlegung mehrere Hektare sehr guten Baugrundes für 400 bis 
500 Gulden für den Hektar erkauft; 25 Jahre später bezahlte man 
diese Teile mit 2000 Gulden. 

Eine Ausnahme von dieser Regel bildeten z. B. die ausge- 
trockneten Polder im ehemaligen Y bei Amsterdam, welche schon 
im zweiten Jahre 2000 bis 3000 Gulden für den Hektar einbrachten. 
Hier ist aber nicht zu übersehen, dafs die QuaUtät dieser Gründe 
vorzüglich war, und dafs sie sehr glücklich gelegen waren in der 
Nähe von zwei Eisenbahnen, von 7 gröi£«re^andJkJ[ei2lerellX}rtschaften, 
dafs endlich ein sorgfältig gewähltes Netz von Land- und Wasser- 
wegen sehr viel dazu beitrug, die Zufuhr von Bedarfsgegenständen 
und die Abfuhr von Produkten nach allen Teilen des Landes zu 
erleichtern. Im allgemeinen werden die Polder in der Zuiderzee 
nicht in so günstiger Lage sich befinden; sie sind höchstens mit 
der Lage des Harlemmermeeres einigermafsen zu vergleichen. 

Der Begierungsentwurf (1877) war geschätzt auf rund 120 Mil- 
lionen Gulden, mit Verlust an 2^insen auf ungefähr 150 Millionen, 
indem auf rund 150 000 ha gut verkäuflichen Baugrund gerechnet 
wurde. Somit kostet der Hektar nach Beendigung der Arbeit 
1000 Gulden. Nach obigen Beispielen ist es fraglich, ob man diesen 
Preis erwarten darf, und das umsomehr, wenn innerhalb weniger 
Jahre eine so riesige Menge Land angeboten wird, als hier der Fall 
sein würde. In Holland wenigstens wäre eine so plötzliche Ver- 
grölserung der zum Verkauf anzubietenden Ländereien etwas nie- 
dagewesenes. 

Das früher genannte Beichskomitee, dals sich auch darüb^ 
auszusprechen hatte, ob eine Ausführung durch eine Privatgesellschaft 
Empfehlung verdiene, meinte dann auch, dafs die Konzessionierung 
solcher Gesellschaften unter keinen Umständen anzuraten sei, weil 
die Sache keinen finanziellen Ertrag verspreche, dafs vielmehr zu 
befürchten sei, dafs entweder untaugliche Arbeit geliefert würde 
oder Einstellung der halbvollendeten Arbeit in Aussicht stände. 

Welcher Weg nun auch in der Zukunft eingeschlagen Werden 
mag, es ziemt sich jedenfalls hier ein ehrendes und anerkennendes 
Wort den zahlreichen Männern auszusprechen, welche^ jeder auf 
seine Weise, die Sache so gründlich untersucht und zu einem Gegen- 
stand eingehenden Studiums gemacht haben. Wenn iemak xxvx. k»&- 



— 48 — 

führung geschritten wird, kann man nicht umhin, der talentvollen 
Ingenieure van Diggelen, Beyerinck, Stieltjes, Hüet und 
Lely zu gedenken, und ihre Namen in irgend einem Kanal, einer 
Dampfinaschine oder einer anzulegenden Ortschaft zu verewigen. 

Wir hoffen sehr, dafs noch einmal die grofse Bucht der Zttider- 
zee innerhalb unsrer Landgrenzen zu bescheidenerer Ausdehntmg 
zurückgebracht werde. 

Herzogenbusch, P. A. van Buuren, 

26. Dezember 1888. Hauptmann bei der Infanterie. 



Die sudbahn in Rio Grande do Sul. 

(Mit 1 Karte auf Tafel H.) 
Von Paul Langhaus« 



Die brasilische Provinz Rio Grande do Sul ist mit einem seltenen 
Reichtum an schiffbaren Gewässern gesegnet; mit nicht erheblichen 
Kosten Uefsen sich Wasserstrafsen schaffen, welche den Verkehr bis 
tief in das Innere des Landes gestatten würden. Da trat vor un- 
gefähr 12 Jahren eine wahre Eisenbahnbauepidemie auf, welche sich 
in den seltsamsten Projekten kundgab. Man baute zunächst eine 
Bahn von Porto Alegre, der Hauptstadt der Provinz, nach Nen-^ 
Hamburg, welche sich noch heutzutage ganz einfach deswegen nickt 
rentiert, weil ihr zur Seite ein guter V\rasserweg, der Rio dos Sinos, 
läuft, welcher den Frachtverkehr viel bilUger vermittelt, als es eine 
Eisenbahn jemals thun kann. Dann kam das unsinnige Bahnprojekt 
nach der Nachbarprovinz Santa Catharina, eine Lieblingsidee Kaiser 
Dom Pedros; seit mehreren Jahren ist bereits eine Eisenbahnlinie 
längs des Hauptstromes der Provinz, des Jacuhy, im Betrieb und 
zwar vom rechten Ufer des Taquary bis Santa Maria da Boca do 
Monte. Glücklicherweise ist die Ausführung der Bahn bis Porto 
Alegre unterblieben. Gebaut wird femer noch an der Strecke Santa 
Maria bis Gacequy, projektiert ist die Bahn quer durch das Land 
bis Uruguayana am Uruguay. Die sogenannte Quarahim - Bahn ist 
zum Teil, d. h. auf Strecke Uruguayana-Quarahim provisorisch er- 
öfinet. Auch sonst wimmelt es von Eisenbahnprojekten, darunter 
ganz aussichtsreichen, wie die Taquarybahn (die Konzession ist aller- 
dings von der Regierung wegen Nichtinnehaltung des Kontraktes 
wieder annulliert) und die Bahn nach der deutschen Kolonie Santa 



— 49 — 

Cruz als Zweigbahn der Staatsbahn. Andre weniger gelungene sind 
die Bahnen von Rio Pardo nach Sao Feliciano, von einem Punkte 
gegenüber Porto Alegre über Santa Louren9o nach Pelotas, von 
Maria Gomes nach Jaguaräo. Eine der zukunftsreichsten, zum Teil 
bereits im Betrieb befindlichen Eisenbahnen in Bio Grande ist die 
sogenannte Südbahn, welche von dem einzigen Hafen der Provinz 
Bio Grande do Sul den Süden des Landes durchzieht, um die Quer- 
staatsbahn etwa in der Mitte derselben bei Cacequy zu treffen. 
Dieser Eisenbahn sollen die folgenden Zeilen gewidmet sein.^) 

Bereits Mitte der 60er Jahre traten Projekte auf, im Süden 
der Provinz eine Eisenbahn zu bauen. Den Anlafs dazu gab die 
Entdeckung und Untersuchung der Steinkohlenlager im Becken von 
Candiöta, westlich von Bag6; man beabsichtigte zur Ausbeutung 
derselben einen Schienenstrang bis zur Küste herzustellen, nur war 
man sich nicht recht einig, welchen Weg die neue Bahn nehmen 
sollte. Zuerst wollte man dieselbe von Bio Grande über Santa 
Izabel am Gon9alokanal nach Bag^ und von dort dann über Dom 
Pedrito, Bosario und Alegrete nach Uruguayana führen. Später 
bewarben sich die kleinen Orte Cangussu und Piratinim lebhaft um 
die Bahn, auch wollte man gern den ziemUch bedeutenden Handels- 
ort Säo Gabriel dem Bahnnetze anschliefsen, kurz eine Masse von 
Projekten. Endlich erteilte die Begierung 1874 die Konzession für 
den Bau einer Eisenbahn Bio Grande-Alegrete mid zwar durch das 
Thal des Piratiny (Piratinim) über Bag^. Der Streit, ob die Fort- 
setzung der Bahn über Sao Gabriel oder über Bosario zu erfolgen 
hätte, wurde bald zu Gunsten der ersteren Linie entschieden, welche 
in die Staatsbahn bei dem neugeschaffenen Orte Cacequy münden 
soll. Die Bahn von Bio Grande bis Bag^ ist bereits in Betrieb, für 
die Fortsetzung bis Cacequy hat die Begierung 1887 den Kredit 
bewilligt. Die Trace der seiner Zeit projektierten Bahn Bag4-Alegrete 
ist auf beigegebener Karte noch verzeichnet. 

Zur leichteren Übersicht wollen wir die Südbahn in drei Strecken 
zerlegen : Bio Grande-Pelotas, Pelotas-Bagö und Bag^Cacequy. Der 
erste und kleinste Teil ist von untergeordneter Bedeutung: die 
Gegend, durch welche derselbe führt, ist fast ganz unproduktiv, meist 
Sandebene. Dazu der von den Dampfern und Segelschiffen vielfach 
und regelmäfsig benutzte Wasserweg, welcher der Eisenbahn erheb- 



*) Memoria Justificativa sobre os estudos definitivos para a estrado de 
ferro do Rio Grande do Snlao entroncamento do Cacequy. Rio 1876. (Nicht 
im Buchhandel.) 

Geographieche Blätter, llremen 1S89. \. 



— 50 — 

liehe Konkurrenz macht.^) Hier liegen nur die Haltestellen Vieira 
und Povo Novo von untergeordneter Bedeutung. Die Bahn über- 
schreitet eine Reihe kleinerer Bäche und dann auf grofser Brücke 
den Kanal Sao Gon9alo,'^) um in die Hauptstation Pelotas einzulaufen. 
Diese Stadt von etwa 30 000 Einwohnern, darunter zahlreiche Deutsche, 
ist in jeder Hinsicht der bedeutendste von der Südbahn berührte 
Ort und giebt einen vorzügUchen Stützpunkt für die Eisenbahn ab. 
Hier befinden sich auch die Werkstätten und Magazine derselben. 
Von Pelotas aus wendet die Bahn sich westwärts und überschreitet 
die Arroios do Capäo do Leao und das Pedras in der Nähe der 
gleichnamigen Stationen. Der Bio Piratiny oder Santa Maria wird 
jenseits der Station Maria Gomes überbrückt. Letztere wird in 
Zukunft wahrscheinlich einige Wichtigkeit erlangen; hier treffen 
nämlich die Strafsen von Santa Izabel, Arroio Grande, Herval und 
Jaguarao zusammen; eine etwa später zu bauende Eisenbahn nach 
Jaguarao müTste gleichfalls an diesem Punkte Änschlufs an die Süd- 
bahn erreichen. Bedingungen für eine gröfsere Bevölkerung sind 
vorhanden, besonders auch Wasser und Holz, zwei sonst in diesen 
Gegenden nicht allzureichlich anzutreffende Artikel. Vom Übergang 
über den Piratiny folgt der Schienenstrang dem rechten Ufer des- 
selben bis jenseits der Station Serro, wo der Piratiny zum zweiten 
Male überschritten wird. Dort, wo der Weg von Herval die Bahn 
kreuzt, am Ursprung des Piratiny, liegt die kleine Station Nascente. 
Die Bahn ersteigt jetzt die Coxilha das Pedras Altas, wo die gleich- 
namige Station; auf der andern Seite des Höhenzuges überschreitet 
sie den Arroio das Taquaras und tritt somit in das Becken von 
Candiöta ein. Hier liegt am Passo real da Candiöta die Station, 
welche durch den Steinkohlenreichtum der Gegend wohl noch eine 
grofse Rolle spielen wird; die Station Lucas ist minder bedeutend. 
Nachdem die Arroios do Ferro und Jaguarao passiert sind, steigt 
die Bahn über wohlbebaute Felder an schönen Geländen vorbei auf 
die Coxilha Grande, an deren westlicher Seite, an einem Strafsen- 
knotenpunkt, die Station Rio Negro liegt. Es läfst sich überhaupt 
nicht verkennen, dafs die Wahl der Punkte für die Stationen, auch 
für die kleineren, im grofsen und ganzen mit steter Rücksichtnahme 



') Über die BinneuschifFahrt in dieser Provinz, welche bei der Beurteilung 
der Wichtigkeit der Eisenbahnen nicht übersehen werden darf, siehe meinen 
Aufsatz in der ,, Deutschen Rundschau für Geographie und Statistik ^^^ Vm., 
Heft 12 (mit Karte). 



■) Siehe auch meine Karte in Petermanns Geogr. Mitt. 1887, X. 



^ 51 — 

auf die bestehenden Wegeverhältnisse der Gegend getroffen ist. Im 
allgemeinen kann man die Auswahl der Stationen wohl als eine 
glückliche bezeichnen. Die Bäche dieser Gegend führen auch zur 
Trockenzeit Wasser, so dafs ihre Ufer eine beständige Vegetation auf- 
weisen. Nach Überschreitung mehrerer kleinerer Bäche läuft die 
Bahn in Bage ein, wo die Strafsen von Säo Gabriel (von Norden), 
von Cerro Largo in Uruguay (von Süden), von Sant' Anna do 
Livramento (im Westen) und von Pelotas (im Osten) zusammenlaufen. 
Die Strecke Pelotas-Bage ist wohl die aussichtsreichste der 
Südbahn. Schon jetzt entwickelt sich hier ein ziemlich bedeutender 
Verkehr. Von Maria Gomes werden jährlich ungefähr 500- bis 
550000 Stück Rindvieh nach Pelotas getrieben, von denen etwa 15000 
den Bedarf der Stadt an Fleisch decken, während die übrigen in 
den zahlreichen (34) Exportschlachtereien (Xarqueadas) „verarbeitet" 
werden, um das in Nordbrasilien vielbegehrte „Xarque", Dörrfleisch, 
den Hauptausfuhrartikel dieser Gegend, zu liefern. Vor Eröffnung 
der Eisenbahn verkehrten zwischen den beiden Städten Pelotas und 
Bage zwei Personenposten, welche jährlich an 1600 Personen be- 
förderten; an 40000 Reiter belebten in demselben Zeitraum die 
Saumpfade dieser Strecke. Allerdings ist diese Gegend nicht stark 
bevölkert: weite Grasebenen mit vereinzelten Weilern und Hütten, 
keine eigentliche geschlossene Ortschaft, nur Bauern und gröfsere 
Grundeigentümer nutzen die Fruchtbarkeit des Landes aas. Da- 
gegen sind die Bedingungen für eine dichtere Bevölkerung vorhanden: 
gutes Wasser, fruchtbarer Boden, sehr gesundes Klima und auch aus- 
reichend Holz, woran es sonst vielfach auf den brasilischen Campos 
mangelt. Besonders fruchtbar sind die Campos zwischen Pelotas 
und Maria Gomes, die Campanha von Pelotas ; diejenigen von Orqueta, 
südlich von den vorigen, eignen sich besonders für die Pferdezucht; 
in diesem rings von Höhenzügen eingeschlossenen Becken wurde die 
gegen Oribe, Rosas und Solano Lopes kämpfende brasilische Reiterei 
organisiert. Auf beiden Seiten des Santa Maria sind die Ländereien 
mit Fazenden besetzt ; jetzt wird hier nur Viehzucht getrieben, doch 
in absehbarer Zeit wird sich sicher der Ackerbau des Bodens be- 
mächtigen.*) Die Hügel an beiden Seiten des Flusses sind zum Teil 
mit einer Schicht von gemischtem Granit und Humus bedeckt, 
welche mit der sie überwuchernden Grasdecke vielen Tausend Stück 

■ 

Vieh Nahrung gewährt. Die Bevölkerung zu beiden Seiten der Bahn 

*) Über die von der Eisenbahn durchschnittenen Teile des Monizips, siehe 
auch Petermanns Geogr. Mitt 1887 p. 332 ff. in „Das südliche KolonietL^<&\^\&V 
von Rio Grande do Sul von Dr. H. v. Ihering und P . l»wi^«öa^ 



— 52 — 

ist nur schwach; für den Handel ist diese Bahnstrecke nur von 
wenig Bedeutung; bis zum kleinen Orte Säo Joao do Herval wird 
das hügelige Land ganz von Estancias eingenommen. Die Anzahl 
der Anwohner dieses Teiles der Südbahn mag ungefähr 6000 be- 
tragen. Das Becken von Candiöta zwischen der Coxilha das Pedras 
Altas und der Coxilha Grande ist für den Ackerbau sehr geeignet. 
Dies schöne Land produzierte früher auch viel Weizen, wie überhaupt 
der südliche Teil von Rio Grande do Sul. Heute hat der Weizenbau 
aufgehört; bedeutende Viehzucht ist an Stelle desselben getreten. 
Was aber dem Becken von Candiota so hohe Bedeutung verleiht, 
das sind seina Mineralschätze. Auf einem Gebiete von mehr als 24 Dkm 
befindet sich hier besonders Steinkohle in zahlreichen Schichten in 
jeder Einsenkung des Terrains. Der Engländer Robert Hunt erklärte 
die Kohle für good old coal. An vielen Stellen liegt die Steinkohle 
offen zu Tage oder ist durch den Eisenbahnbau freigelegt worden. Bei 
Candiota finden sich auch Marmorbrüche. Die mineralischen Boden- 
schätze dieser Gegend werden jedenfalls in Zukunft bei energischer 
Ausbeutung einen wohlthätigen EinfluTs auf den Frachtverkehr der 
Bahn ausüben. Trotz dieses Reichtums des Bodens hat die Gegend 
nur wenige in Estancias zerstreute Bewohner, nur beim Arroio 
Candiota findet sich ein mehr bevölkertes Zentrum. Die Candiöta- 
kohle ist jedenfalls ebensowohl wie die bei Santa Jeronymo geförderte 
zum Heizen von Maschinen zu gebrauchen und daher ausfuhrfähig. 
Die Gegend von Candiota bis Bage ist für Ackerbau sehr geeignet: 
die Ebene des Rio Negro enthält den schönsten Boden an der 
ganzen Linie, aber nichts ist bebaut, alles von einer kleinen Baumart, 
„Xirca**, bedeckt. Von der Umgebung des Arroio das Taquaras bis 
vor die Thore von Bage verschwindet der Granit gänzlich. 

Bage, die einzige Stadt der Campanha, welche vor Eröffnung 
der Eisenbahn regelmäfsige Fahrposten besafs, die nach allen 
Richtungen ins Land gehen, ist heute eine wichtige Bahnstation 
geworden. Der Ort ist überhaupt ein wichtiges Verkehrszentrum 
des Südens der Provinz : von üruguayana und Alegrete fahren Posten 
nach Sant' Anna do Livramento, und diese vereinigen sich mit der 
nach Bage gehenden, so dafs alle, welche aus dem westlichen Teile 
der Provinz nach Pelotas u. s. w. wollen, über Bage müssen. Da in 
der Campanha die Wege auf dem Rücken der Höhenzüge (Coxilhas) 
laufen, ist Bage sehr günstig gelegen, denn in seiner Nähe stbfsen 
diese Höhenrücken fast zusammen. Die Wege laufen deshalb auf 
den letzteren, um die Bäche und Sümpfe zu vermeiden, denn 
Brücken gehören in Südbrasilien zu den Luxusartikeln. Bag6 ist 



_ 53 — 

auch in militärischer Hinsicht von Bedeutung: nahe der Grenze 
gelegen, ist es ein wichtiges Kriegsdepöt. 

Von Bage aus folgt die Südbahn der Coxilha, die die Wasser 
des Arroio de Bage von denen des Pirahysinho trennt, welchen 
letzteren sie in zwei Bogen von je 10 m Weite überschreitet, um auf 
dem Höhenrücken zwischen Pirahy und Ibirä die Station Rodeio 
Colorado zu erreichen. Dieselbe liegt nahe am Kreuzungspunkte 
der Estrada do Rodeio Colorado, wo sich die Wege von Pedrito und 
Santa Anna treffen, doch ist dieselbe wie die nächste, Jaguary, nur 
von untergeordneter Bedeutung. Die Station Jaguary soll den Ver- 
kehr auf der Estrada do Coxilha, von Lavras und Ca9apava auf- 
nehmen. In die Thalebene von Jaguary hinabsteigend überbrückt 
die Bahn denselben in einem Bogen von 20 m Weite unterhalb des 
Passo do Camargo, sowie mehrere Zuflüsse desselben, welche auf 
der Coxilha entspringen, die die Estrada geral trägt, darunter den 
Arroio Salso. Längs eines Bergabhanges erreicht die Eisenbahn die 
Station Suspiro am Serro da Suspiro für die Bewohner der Gegend 
zwischen der Estrada do cima und de beixo, sowie die Anwohner der 
Ufer des Rio Santa Maria und Ibicuhy da Armada. Nach Durch- 
brechung der Coxilha de Pao Fincado überschreitet die Bahn zweimal 
den Rio Vaccacahy, das erste Mal bei der Estancia v. D. Maria 
da Gloria, dann beim Passo Geral zwischen dem Karchhof uud der 
Stadt Sao Gabriel. Diese, werkthätig und bedeutenden Handel 
treibend, ist als Zentrum militärischer Operationen bei Kriegszeiten 
zu betrachten, deshalb von kriegspolitischer Bedeutung. Die einzige 
Station zwischen Sao Gabriel und Cacequy ist Inhatium, ungefähr 
auf halbem Wege zwischen beiden; dieselbe dient den Orten 
Rosario und Saicon als Verkehrspunkt. Cacequy selbst ist als Station 
der Nordbahn zu betrachten und als solche nur Einmündungspunkt der 
Südbahn, wird aber in Zukunft vielleicht das Eisenbahnzentrum der 
Provinz werden. Die gröfste Höhe erreicht die Südbahn auf der 
letzten Strecke am Jaguary mit 400,40 m, die geringste am 
Entroncamento do Cacequy mit 88,40 m. Die Deklination in Bage 
betrug 1878: 6® 20' 0. Folgende gröfsere Brücken waren auf der 
Strecke Bage-Cacequy zu bauen: 

Anzahl Bogenweite 

Gewässer: der Bogen: in Metern: 

Pirahyzinho 2 10 

Jaguary 1 20 

Arr. Salso 1 20 

Übertrag : 3 Brücken von 4 Bogen mit 50 rsv S^^sMw^^^iw^ 



— 56 — 

äufsersten Norden in einer Ausdehnung von 680 miles, und wahr- 
scheinlich würde eine sorgfältigere Nachforschung noch andre Glieder 
zeigen, welche die jetzt als isolierte Gruppen erloschener Krater 
erscheinenden vulkanischen Erhebungen in engeren Zusammenhang 
bringen. In den mittleren Provinzen Madagaskars finden sich zwei 
grofse Haufen alter vulkanischer Kegel und Öffiiungen. Der eine 
derselben liegt etwa in derselben Breite wie die Hauptstadt (19 
Grad S.) aber 50 — 70 miles weiter westwärts davon in der Nähe 
des Sees Itäsy, der andre liegt in dem Väkinankäratra genannten 
Distrikt, etwa 80 miles Südsüdwest von Antananarivo, südwestlich 
der grofsen Gebirgsmasse von Ankäratra. 

Diese zweite vulkanische Region erstreckt sich 20 — 30 miles 
von Antskabe westwärts nachBetäfo und noch weiter hin, sie ent- 
hält zahlreiche hohe erloschene Krater, darunter denlvöko, latsifitra, 
Vöhitra, Tritriva und viele andre. Einige derselben wurden in 
malerischen Schilderungen des verstorbenen Dr. MuUens in seinen 
„Twelve Months in Madagascar" (S. 214 — 219) beschrieben. Er 
zählte in dieser südlichen Gruppe etwa 60 Kegel und Krater. 

In dieser Väkinankäratraregion befinden sich auch viele heifse 
Quellen, die bekanntesten derselben sind diejenigen von Antskabe. 
Eine der Quellen von Antsirabe führt grofse Mengen Kalk mit sich. 
Dieser Kalk hat sich in einem kleinen flachen Thale, welches etwa 
20 F. unter die Höhe der Umgegend des Dorfes hinabgesunken ist, 
in grofser Menge abgelagert. Seit langer Zeit hat diese Stelle fast 
allen Kalk geliefert, der in der Hauptstadt und in der zentralen 
Provinz Imerina für Bauzwecke gebraucht wurde. Aufser dieser Ab- 
lagerung, die sich über den ganzen Thalboden erstreckt, zeigt sich 
noch eine kompakte, bergrückenförmig gelagerte Kalkmasse von 
70 F. Länge und 18—20 F. Breite. Dieselbe ist etwa 15 F. hoch. 
AUes dies ist durch die Quelle abgelagert worden, welche einen 
Durchgang durch den Kalk offen hielt. Seit den letzten 8 oder 10 
Jahren ist aber die Quelle aufgegraben und zwar durch Absenkung 
eines Schachtes von geringer Tiefe einige Yards weiter nördlich, 
über welchem von der norwegischen Lutherischen Mission ein grofses 
Badehäus errichtet ist; hierher kommen viele Besucher, um in dem 
heifsen Mineralwasser zu baden, welches als sehr wohlthätig bei rheu- 
matischen und andern Beschwerden befunden wurde. In geringer Ent- 
fernung weiter südwestlich ist noch eine Quelle, die jedoch nicht 
heifs, sondern milchwarm ist, das Wasser derselben wird von denen 
getrunken, die in der andern Quelle baden. Dieses Wasser hat sich 
in Bezug auf seine chemischen Bestandteile fast identisch mit dem 



— 57 — 

berühmten französischen Vichyvvasser erwiesen. In dem ganzen 
Thale kommt an verschiedenen Stellen das Wasser zu Tage, und 
etwa eine halbe Mile weiter nördlich sind einige fernere Quellen, 
die noch etwas heifser sind als die eben erwähnte, und die von den 
Eingeborenen viel zu Heilbädern benutzt werden. 

Während der behufs Grundlegung des Badehauses vorge- 
nommenen Ausgrabung entdeckte man die Skelette verschiedener 
Arten einer ausgestorbenen Hippopotamusgattung, die Schädel und 
Hauzähne derselben sind vollkommen erhalten. Einige derselben 
sind jetzt im Museum in Berlin, das schönste Exemplar wurde an 
das Universitätsmuseum zu Christiania gesandt. Dieses Hippopotamus 
von Madagaskar war eine kleinere Gattung als die jetzt in Afrika 
lebende und ist wahrscheinlich nahe verwandt, wenn nicht identisch 
mit einem andren Hippopotamus (H. Lemerlei), von welchem im 
Jahre 1868 Herr Grandidier in den Ebenen der Südwestküste Über- 
bleibsel fand. Ich erfuhr von dem Volke, dafs überall, wo man in 
diesen Thälern den schwarzen Schlamm bis zu einer Tiefe von 3 
oder 4 Fufs aufgräbt, Knochen zu finden sind. Eine Reihe von 
Ausgrabungen würde wahrscheinlich die Üeberbleibsel von Tieren, 
Vögeln und Reptilien zu Tage fördern, die früher in Madagaskar 
lebten. Aus der inneren Struktur der Zähne und Knochen der 
Hippopotamusse, welche in Antsirabe entdeckt sind und an denen 
noch Spuren des Knochenleims sichtbar, geht deutlich hervor, dafs 
die Tiere in einer noch nicht lange verflossenen Zeitepoche lebten. 
Gelegentlich wurden unbestimmte Gerüchte laut von der Existenz 
eines grofsen Tieres in den südlichen Teilen der Insel. Möglicher- 
weise ist das Hippopotamus doch nicht ganz ausgestorben, und 
vielleicht sind die halb mythischen Erzählungen vom Songömby, 
Tökandia, Lälomena und andern wunderbaren Geschöpfen, welche 
unter den Bewohnern im Umlauf sind, Traditionen aus der Periode, 
wo diese riesigen Pachydermen noch in den Seen und Sümpfen 
Madagaskars zu sehen waren. 

Wenige Meilen von Antsirabe sind zwei Kraterseen. Der nähere 
und gröfsere derselben heifst Andväikiba und liegt etwa 4 miles gerade 
nach Westen. Es ist dies ein hübsches Wasserbecken, blau wie der 
Hinmiel und an Gestalt ein unregelmäfsiges Viereck, mit runder 
Krümmung nach Nordwesten, wo es immer seichter wird und sich 
zuletzt in einen Sumpf verflacht, der schliefslich in Reisfelder über- 
geht. Der See soll sehr tief sein, aber die ihn umgebenden Berge sind 
nicht sehr hoch, sie erheben sich nur bis zu 200 F. über die 
Oberfläche des Wassers und fallen steil iw d^.%^^V(^^ XsassS^, ^\^<^^ 



— 58 — 

und Wasser vögel, wie auch Krokodile sollen sehr reichlich in und auf 
seinen Wassern sein. 

Die interessanteste Naturmerkwtirdigkeit, welche in der Nähe 
von Ants\rabö zu sehen, ist der Kratersee von Tritriva. Er liegt 
etwa 10 miles südwestlich und ist in einer ailgenehmen zwei- 
stündigen Palankintour zu erreichen. Man schlägt zuerst eine west- 
liche Richtung ein, dann wendet sich der Weg mehr nach Südwest 
und läuft am südlichen Fufse des alten schon erwähnten Vulkans 
Vöhitra hin. Nachdem man eine oder 2 miles südlich auf dem 
hohen Terrain, welches die südlichen Gestade des Andräikibasees 
umgiebt, gewandert ist, steigt der Berg allmählich zu einer hohem 
Landfläche hinauf, und in Zeit von etwa IV2 Stunden befindet man 
sich ungefähr in der Höhe der Spitze des Vöhitra, wahrscheinlich 
etwa 600 Fufs hoch. Sobald wir einen zwischen zwei gröfseren 
Bergen sich hindurchziehenden Gebirgsrücken erreichen, sehen wir 
zum ersten Male den Tritiva, welcher jetzt etwa 2 — 3 miles ent- 
fernt vor uns liegt. Von hier aus erscheint er sehr deutlich als ein 
ovalftr Hügel, dessen längster Durchmesser von Norden nach Süden 
vorläuft und der in der Mitte eine starke Senkung hat; die nord- 
rt»tli(ihe Kante des Kraterwalls ist der niedrigste Teil desselben, 
und von da aus erhebt er sich allmählich nach Süden und Westen ; 
(llti wt^htUche Kante ist in der Mitte 2—3 mal so hoch wie die 
^^NÜIciht^ Seite. Nördlich liegen zwei viel kleinere becherförmige 
llUgel, welche so aussehen, als ob die vulkanischen Kräfte, nachdem 
d«r Hauptkrater gebildet war, schwächer und so unfähig geworden 
wären, sich länger durch den alten Ausweg zu ergiefsen und des- 
halb zwei kleinere niedrigere Auswege gebildet hätten. 

Wenn man von dem eben erwähnten Rücken ein wenig herab- 
steigt, überschreitet man ein Thal mit ziemlich vielen zerstreuten 
Dörfchen, und in weniger als ^/2 Stunde ist man am Fufse des 
Hügels. Nachdem man einige Minuten einen ziemlich sanften Ab- 
hang von vielleicht 200 F. Höhe hinaufgestiegen ist, kommt man 
zum Gipfel an der niedrigsten Stelle des Kraterrandes, und nachdem 
man den Bergrücken erreicht hat, liegt der Krater des alten 
Vulkans und sein See vor, oder vielmehr unter uns. Die Landschaft 
ist jedenfalls auTsergewöhnlich und einzig in ihrer Art. Die innern 
Kraterabhänge steigen von allen Seiten sehr steil in einen tiefen 
Schlund hinab, und hier befindet sich, durch senkrechte Klippen 
rundherum — mit Ausnahme der südlichen Spitze — scharf ab- 
gegrenzt, tief unter uns ein eigentümlich aussehender, dunkelgrüner 
See, Der Spiegel desselben liegt wahrscheinlich 200 — 300 F. 



— 59 — 

tiefer als der Punkt, auf dem man steht, also auch tiefer als 
das umgebende Land. Der See, welcher unmittelbar durch die 
Klippen des ihn umgebenden Kraters eingeschlofsen ist, hat keine 
blaue Farbe, wie der Andraikiba, obwohl er unter einem hellen 
wolkenlosen Himmel liegt, sondern ein tiefes und etwas schwärz- 
liches Grün. Unter einem stürmischen Himmel oder im Abend- 
schatten mufs er wie Tinte aussehen. 

Wir setzen uns nieder, um auszuruhen und alle Einzelheiten 
dieses neuen Bildes in uns aufzunehmen. Es ist unzweifelhaft ein 
alter Vulkan, in den wir jetzt hinabsehen. Der Platz, auf welchem 
wir ausruhen, ist nur wenige FuTs breit, und wir können sehen, 
dafs diese schmale, messerscharfe Kante sich um den ganzen Krater 
herum gleich bleibt. AuTserhalb derselben ist der Abhang ziemlich 
sanft, innen aber steigt er steil, hier und da fast senkrecht zu dem 
Klippensaum, welcher die gegenwärtige Öf&iung und ebenso scharf 
den See, welchen die Klippen einschliefsen, begrenzt. Blicken 
wir nach Süden, so steigt die Kraterkante allmählich auf, indem 
sie sich um die südliche Seite herumwindet und an der westlichen, 
gegenüber liegenden Seite, wo der Kraterwall sich 200 — 300 F. 
höher, sls auf der östlichen Seite, auftürmt, so weit man sehen 
kann, fortwährend steigt. Der See ist nach unsrer Schätzung etwa 
800—900 F. lang und 200—250 F. breit und büdet ein längliches 
Oval mit spitz zulaufenden Enden. Die ihn einschliefsenden Klippen 
scheinen 40 — 50 F. hoch zu sein, sie sind von weifslicher Farbe, 
jedoch da, wo der mit Kohlensäure durchtränkte Regen reichlicher 
heruntergeflossen ist, mit schwarzen Streifen versehen. Diese Klippen 
sind vertikal, ragen an einigen Stellen über das Wasser und bestehen 
in ihrer augenscheinlich horizontalen Schichtung ohne Zweifel aus 
Gneis. Als ich den Berg heraufkam, bemerkte ich einige kleine 
Klumpen Gneis unter den basaltischen Lavakieseln. Die gröfste 
Eigentümlichkeit des Tritriva ist die scharf bezeichnete vertikale 
Offiiung des Ausgangs, welche aussieht, als ob die Felsen mit einem 
riesigen Meifsel sauber durchschnitten wären, und als ob sie unter den 
düstern grünen Wassern sich in unergründliche Tiefen hinabsenken 
müfsten, was ohne Zweifel auch der Fall ist. Am nördlichen Ende 
des Sees ist ein tiefer Schlund oder Spalt, teilweise mit Gebüsch 
oder Pflanzen gefüllt. Südlich davon, an der östlichen Seite, sind 
die Klippen noch hoch und ragen über das Wasser, aber nach etwa 
einem Drittel der Länge des Sees nehmen sie allmählich an Höhe 
ab, und am südlichen Punkte senken sie sich bis zur Oberfläche des 
Sees hinab, so dafs man sich nur hier dem Wasser xv^Jäätsv Väjksv. 



— 60 — 

An der Westseite halten sich die Klippen in einer ziemlich gleich- 
bleibenden Höhe in der ganzen Länge des Sees. 

Der innere Abhang des Kraterwalls ist so steil, dafs wir ein 
etwas luftiges Gefühl empfanden, als wir den an der Kante hin- 
laufenden Fufsweg dahingingen, denn nur sehr wenige Fufs davon 
würde ein Fehltritt einen zum Hinabrollen bringen, und man würde 
dann ohne Unterbrechung zu der Klippenkante und darauf in die 
tiefen Wasser unten geraten. Und doch hatte die Szene einen eigen- 
tümlichen Zauber, und die Mannigfaltigkeit, der Kontrast wie die 
Tiefe der Farben würde den Titrivasee und seine Umsäumung zu 
einem eindrucksvollen Vorwurf für ein Gemälde machen. Als wir 
ankamen — es war noch 1^/2 Stunde vor Mittag — hellte die Sonne 
die grauweifsen Felsen der westlichen Klippen auf, aber die Schatten 
wurden mit jeder Minute, wie die Sonne sich dem fast vertikalen 
Stande näherte, stärker. Weit unten war der tiefgrüne ovale See, 
darüber die geschichteten Gneisklippen mit ihren schwarzen Streifen, 
hier und da durch Flecken grünglänzenden Gebüsches unterbrochen. 
Von ihren Kanten schiefsen dann wieder die graugrünen Abhänge 
des Kraters in die Höhe, welche in dem hohen westlichen Rücken 
uns gegenüber ihren höchsten Punkt erreichen, und über allem der 
blaue mit Federwolken gefleckte Himmel, — es ist in der That eine 
Szenerie, wie ich sie nie anderwärts in Madagaskur noch in irgend 
einem andern Lande gefunden habe. 

Nachdem wir uns den Anblick von Nordosten aus eingeprägt 
hatten, gingen wir auf dem Kraterrande weiter nach Süden zu dem 
höheren südöstlichen Teile, von wo der Ausblick ebenso überraschend 
ist; die Tiefe der grofsen Kluft scheint hier noch unergründlicher. 
Wir verweilten hier einige Zeit, während der gröfsere Teil unsrer 
Leute zu einem der Dörfer im östlichen Teile der Ebene hinabstieg, 
um sein Mahl einzunehmen. Dieses Verlangen wurde den Leuten 
aber nur ungenügend erfüllt. Auf unsern Wunsch, das Wasser des 
Tritriva zu schmecken, nahm einer unsrer Träger ein Glas und ging 
einen halsbrechenden Pfad hinab, um etwas Wasser aus dem See 
zu holen. Er blieb so lange aus, dafs wir schon unruhig wurden, 
aber nach einer Viertelstunde erschien er wieder mit dem Wasser, 
welches ganz süTs und gut schmeckte. Er unterhielt uns auch mit 
einigen der Legenden, welche an einem so wild aussehenden Orte 
notwendig entstehen mufsten. Indem er auf zwei oder drei kleine 
Büsche hinwies, die auf den Klippen nahe dem Nordpunkt des Sees 
standen, erzählte er uns, dafs dieselben in Wirklichkeit ein junger 
Bursche und ein Mädchen wären, die sich ineinander verliebt hatten. 



— 61 — 

Da aber die hartherzigen Eltern des Mädchens mit der Heirat nicht 
einverstanden waren, nahm der Jüngling sein Lendentuch, band es 
um seine Geliebte und sich und stürzte sich mit ihr in das dunkle 
Wasser. Sie wurden, so wird erzählt, in zwei nebeneinander stehende 
Bäume verwandelt, und haben nun Nachkommenschaft, denn ein 
junger Baum wächst in ihrer Nähe auf, und zum Beweise der Wahr- 
heit dieser Geschichte sagte er, dafs, wenn man die Zweige dieser 
Bäume drückt oder bricht, anstatt des Saftes Blut herausschwitzt! 
Er schien vollständig an die Wahrheit dieser Geschichte zu glauben. 

Er erzählte mis auch, dafs die Bewohner eines Klans mit 
Namen Zänatsara, welche in der Nachbarschaft wohnen, einige be- 
sondere Rechte an den Titrivasee beanspruchen, und wenn einer aus 
ihrer Mitte krank ist, schicken sie jemand um nachzusehen, ob das 
gewöhnlich klare Dunkelgrün des Sees braun und trübe wird. Wenn 
dies der Fall ist, so glauben sie, dafs das eine Vorhersage für den 
Tod des Kranken ist. 

Eine andre Sage macht den See zur früheren Heimat der 
mythischen Ungeheuer des madagassischen Folk-lore, der Lanänim- 
pito-löha oder „siebenköpfigen Schlange". Aus irgend einem Grunde 
wurde dies Ungeheuer seiner Wohnung überdrüssig und siedelte zu 
den geräumigeren und glänzenderen Wohnungen für siebenköpfige 
Geschöpfe über, welche der andre vulkanische See, der Andräikiba, 
bietet. 

Derselbe Träger versicherte uns, dafs in der Regenzeit — im 
Gegensatz zu dem, was man vermuten sollte — das Wasser des 
Sees sich vermindert, und dafs es in der trockenen Jahreszeit sich 
wieder vermehrt. Er erzählte uns ferner, dafs es einen Ausweg für 
das Wasser giebt, welcher im Norden des Berges eine Quelle speist. 
Ich entdeckte etwa einen oder zwei FuTs über der Oberfläche des 
Wassers rund um den Fufs der Klippen herum eine weifse Linie, 
welche auf eine höhere Durchschnittshöhe des Wassers als sie augen- 
blicklich war, schliefsen läfst. Der See ist ohne Zweifel sehr tief. 
Man erzählte mir, dafs vor einigen Jahren M. J. Parrett ihn mit 
einer 500 Fufs langen Leine auspeilte, in dieser Tiefe aber noch 
keinen Grund antraf. 

Wenn man zu dem südlichen Ende des Kraterrandes herumgeht, 
so hat der See, welcher hier verkürzt ist, eine ziemlich grofse 
Ähnlichkeit im äufseren Umrifs mit dem galiläischen Meer, wie es 
auf den Karten dargestellt wird, aber ich mufs bekennen, dafs der 
erste Blick in seine tiefe Kluft mich viel mehr an den andern See 
in Palästina erinnerte, das tote Meer in seinem tiefen SchlsssBL^^ 



— 62 — 

zwischen den Hügeln von Judäa und dem moabitischen Hochlande. 
Nachdem ich eine oder zwei flüchtige Bleistiftskizzen genommen 
hatte, ging ich weiter den viel höheren eingesattelten Bergrücken 
auf der westlichen Seite hinauf. Hier scheint der See in seiner 
Gröfse bedeutend vermindert zu sein und tief unten in einem schauer- 
lichen Abgrunde zu liegen^ Man gewinnt hier einen prächtigen und 
weiten Ausblick auf die Umgegend : die langen flachgipfligen Hügel- 
linien, die im Osten sich viele miles von Nord nach Süd erstrecken 
und in gerader östlicher Linie von zwei regelmäfsigen Kegeln (alten 
Vulkanen, Vötovörona und Ihankiana) überragt werden, der gespitzte 
und gezackte Höhenrücken Völombörona im Südosten, die riesige 
Masse des Ibity im Süden, und dann im Westen eine flache von 
schroff aufsteigenden Hügeln durchsetzte Gegend. Im Nordwesten 
liegen die dichtbevölkerten Thäler gegen Betäfo, mit vielen becher- 
förmigen Hügeln und Bergen, welche alte vulkanische Ausbruch- 
wege bezeichnen, jenseits davon ist eine hohe Landmasse mit gegen 
den Himmel sich zackenförmig abhebenden Umrissen, welche den 
Distrikt Vävaväto und die Piaks von lävohäika erkennen lassen, 
und endlich gerade im Norden die mannigfaltige Gruppierung der 
Hügel, welche das südliche Ende der zentralen Bergmasse von 
Ankäratra bilden. Zwischen diesen und den eben erwähnten Hügeln liegt 
die ausgedehnte Ebene von Antsirabe, mit den weifsen Mauern und 
Giebeln der Kirche und der massigen Häuser im hellen Sonnenschein 
deutlich sichtbar, obwohl 10 oder 11 miles entfernt. Alles das bildet 
zusammen ein Panorama, dessen man sich lange erinnert. Von diesem 
Punkte aus erkennt man auch klar die Bedeutung und Geeignetheit 
des Namens, den man dem alten Vulkan gegeben hat: Tritriva ist 
eine Zusammensetzung von tritri — einem Worte, welches zur Be- 
zeichnung der Erhöhung auf dem Rücken des Chamäleon oder eines 
Fisches benutzt wird — und iva-niedrig, tief, so dafs der Name eine 
treffende Bezeichnung des langen steilen westlichen Bergrückens oder 
Kraterwalls und der von ihm hinabschiefsenden tiefen Kluft ist. 

Es sei noch erwähnt, dafs sowohl die äufseren wie die inneren 
Abhänge des Kraters mit Rasen bedeckt sind, welcher auf einem 
dunkelbraunen vulkanischen Erdreich wächst, das mit gerundeten 
Kieseln grünlicher oder purpurner Lava gemischt ist, die sehr 
kompakt und von dichter Struktur ist und sparsam zerstreute kleine 
Kristalle enthält. Ganze Blöcke dieser Lava findet man ab und zu 
um den Rand des Kraterwalls, und derselbe Fels tritt an vielen 
Stellen an den steilen inneren Abhängen zu Tage. Bläschen- oder 
SchJackenlava fand ich nicht, und ich war überrascht, an einem 



— 63 — 

kleinen Wohnsitz unweit des nordöstlichen Fufses des Tritriva den 
hädy oder Graben bis 12 oder 14 F. tief fast nur durch den roten 
Lehm oder Erde gegraben zu finden, der in den zentralen Regionen 
der Insel überall angetroffen wird. Der dunkelbraune vulkanische 
Boden, dessen Durchschnitt man hier sieht, schien nur etwa 18 F. 
tief zu sein. Er ist mit Lagern kleiner Kiesel untermischt. Der 
Auswurf des vulkanischen Staubes und der Asche scheint sich dem- 
nach bis zu einer geringen Entfernung vom Berge erstreckt zu haben, 
wenigstens scheint die Ablagerungsschicht sehr dünn gewesen zu 
sein, wenn nicht in der Folge eine starke Abtragung stattgefunden hat. 
Es ist aber dabei zu berücksichtigen, dafs dieser Punkt an der dem 
Winde zugekehrten Seite des Hügels liegt; im Westen des Vulkans 
ist der vulkanische Grund wahrscheinlich tiefer. Die weit bedeuten- 
dere Höhe des westlichen Kraterwalls ist ohne Zweifel eine Folge 
der vorherrschenden östlichen Winde, welche die Hauptmasse des 
Auswurfs nach Westen führten und sie doppelt bis dreifach so hoch 
wie an der Ostseite aufhäuften. Nachdem ich die Menge von 
Gneisfels gesehen hatte, welche aus dem Kraterloche ausgeworfen 
sein mufs, erwarteteich viel bedeutendere Mengen und gröfsere Blöcke 
davon zu finden, traf aber nur wenige und kleine Bruchstücke an 
den äufseren Abhängen. Der gröfsere Teil liegt indessen wahrschein- 
lich unter den Mengen von vulkanischem Staub und lapillis verdeckt, 
welche später ausgeworfen wurden. 

Aus dieser kleinen Skizze wird man entnehmen, dafs der 
Tritriva für Freunde der Geologie und physikalischen Geographie 
ein sehr interessanter Gegenstand ist, während seine eigentmnliche 
und etwas schauerliche Schönheit ihn eines Besuches des Künstlers 
und Liebhabers des Pittoresken ebenso würdig macht. Jedenfalls 
haftet seine Szenerie in unserm Gedächtnis so scharf, dafs sein Bild 
für lange Zeit unserm Geiste vorschwebt. 

Antananarivo, den 22. Mai 1888. 

James Sibree jun. 



— 64 — 
Kleinere Mitteilungen. 

§ Ans der Geogrraphisclien Gesellncliaft in Bremen« Za unserer 
Freude können wir mitteilen, dafs unsere Gesellschaft durch die Opferwilligkeit 
Ton einer Anzahl Mitglieder in den Si and gesetzt ist, dieses Jahr wiederum eine 
Forschungsreise in die Polarregionen zu veranstalten. Herr Privat- 
dosent Dr. W. Kükenthal aus Jena, Mitglied unserer Gesellschaft, wird Anfang 
März sich nach dem nördlichen Norwegen begeben, um von dort aus eine 
von unserer Gesellschaft ausgerüstete Expedition zu zoologisch-geographischen 
Zwecken auszuführen. Das Ziel der Reise ist das nördliche Eismeer, insbesondere 
der Norden und Nordosten Spitzbergens. An der Expedition nimmt Herr 
Dr. Alfred Walter aus Jena teil. Welche Aufgaben im einzelnen zu lösen, ergiebt 
der in diesem Heft enthaltene Aufsatz des Herrn Dr. Kükenthal. 

Auch in diesem Winter veranstaltet die Gesellschaft in bisheriger Weise 
Vorträge. Der Hauptinhalt der Vorträge, welche Herr Ministerresident Dr. 
Schumacher im November und Dezember v. J. im Kreise der Gesellschaft 
kielt, ist in dem bezüglichen Aufsatze dieses Heftes wiedergegeben. 

Am 2. November v. J. hielt in einer gemeinschaftlichen Versammlung der 
Geographischen Gesellschaft und der Bremischen Abteilung der Deutschen 
Kolonialgesellschaft Herr Hauptmann Wifsmann einen Vortrag über die Araber 
in Ostafrika. 

Polarregrioiieii* Die beiden Briefe, welche der Norweger Nansen und 
Min Reisegeföhrte Sverdrup über ihre Reise über das grönländische 
Binneneis nach Europa sandten, enthalten, obwohl sie, um eine Verspätung 
au vermeiden, in aller Hast hingeworfen wurden, so viel bemerkenswertes, daüs 
lie hier wörtlich folgen mögen. Nansen meldet unterm 4. Oktober aus Godthaab 
(Westküste von Grönland) an Herrn Augustin GamM in Kopenhagen — der 
einen Teil der Kosten des Unternehmens hergegeben — , dafs er nur in Eile einige 
Zeilen hinwerfen könne, die von Kajak- (Grönlands-Einrudererboot) Leuten nach 
Ivigtut, von wo gerade ein Dampfer mit Kryolith nach Kopenhagen abgehe, 
gebracht würden. Er schildert sodann die grofsen Schwierigkeiten, welche die 
Expedition zu bestehen hatte. Am 17. Juli verliefs Nansen mit seinen Gefährten 
in zwei Böten den Dampfer „Jason", voll Hoffnung, die Ostküste von Grönland 
auf 65V«* n. B- z^ erreichen. Statt dessen \\'urden die Böte von dem an der 
Küste herabgehenden Treibeisstrom erfafst, Rudern war unmöglich, ebenso 
wenig konnten die Böte über die Schollen geschleppt werden. Ein Boot wurde 
halb eingedrückt, konnte aber glücklicherweise wieder hergestellt werden. 
12 Tage hindurch trieben die Böte im Eis mit der Schnelligkeit von V'i See- 
meilen in der Stunde, oft in Maelströmen. Einmal waren die Böte nahe daran, 
mitten in den Eispressungen zerquetscht zu werden. Endlich gelang es, bei 
der Insel Anoretok auf 61* und einige Minuten n. B. nahe unter die Küste zu 
kommen. Nun wurde längs der Küste gerudert und Umivik, von 
wo am 15. August die Reise über das Binneneis begann, erreicht. Zunächst 
wurde die Richtung auf Christianshaab an der Westküste genommen. Schwere 
Schneestürme und harter Grund. Um nun noch zu rechter Zeit an die West- 
küste zu gelangen, wurde der Kurs auf das um mehr als 4® n. B. südlicher 
als Christianshaab gelegene Godthaab genommen. Die Expedition erreichte die 
Höhe von 10 000 Fufs ü. M. und die Lufttemperatur war zu Zeiten 40— 50° C. 



— 65 — 

unter Nall! Während mehrerer Wochen war die Expedition in einer Höhe 
von mehr als 9000 Fufs ü. M. Das Fortkommen war oft, wegen schrecklicher 
Stürme und losen Neuschnees, furchtbar schwer. Endlich, Ende September, 
wurde die Westseite, über Godthaab, erreicht. Der Abstieg über zerklüftetes 
Eis war gefährlich, doch gelangte die Expedition wohlbehalten an den Ameralik- 
Fjord. Aus dem Fufsboden des Zeltes, den Kisten, Barabusstöcken und Weiden- 
zweigen wurde eine Art Boot gezimmert. In diesem gebrechlichen Fahrzeug 
gingen Nansen und Sverdrup zu Wasser und erreichten glücklich Godthaab 
am 3. Oktober. Die vier andern Mitglieder der Expedition wurden am Fjord 
mit etwas Proviant zurückgelassen, um später von Godthaab aus abgeholt zu 
werden. Sverdrup giebt in dem kurzen Brief an seinen Vater an, dafs die 
Reise über das Inlandseis von Ost zu West 46 Tage dauerte. Die Landung 
an der Ostküste erfolgte 300 miles südlicher als beabsichtigt. Der Aufstieg von 
der Ostküste zum Eis hinauf war verhältnismäfsig leicht. 4 Tage lang safs 
die Expedition im Schnee fest. Nachdem der Abstieg vom Binneneis an der 
Westküste gelungen war, hatte die Expedition eine Strecke von 90 miles öden 
Landes, dessen Hälfte an einem Fjord lag, vor sich. Die Fahrt vom Ufer des 
Ameralik-Fjords nach Godthaab währte vier Tage. In Godthaab wurde den 
kühnen Reisenden von der ganzen Kolonie der herzlichste Empfang zu teil. 
Zwei Böte gingen sogleich nach dem Fjord, um die dort Zurückgelassenen zu 
holen. Sverdrup schreibt seinem Vater, dafs er auf der ganzen, an Gefahren 
und Anstrengungen reichen Reise sich stets ausgezeichnet wohl befunden habe. 
Diese Briefe wurden mit Kajak, wie gemeldet, nach Ivigtut — 300 miles Ent- 
fernung — gebracht, um von da mit dem Dampfer „Fox" nach Kopenhagen 
befördert zu werden. Der Kapitän konnte nicht warten, um die Reisenden 
noch mitzunehmen. Bemerkenswert ist, dafs dieser Dampfer „Fox** dasselbe 
Schiff ist, welches den berühmten Polarfahrer M'Clintock vor 30 Jahren auf 
seinen Entdeckungsreisen getragen hat. Es ist noch jetzt in der Polarfahrt 
und zwar für die Dänische Kryolith-Kompanie. Der Güte des Herrn Dr. R i n k , 
Ehrenmitgliedes unsrer Gesellschaft, verdanken wir nachstehenden Auszug aus 
seinem den Gegenstand betreffenden Aufsatz im 1. Heft 1889 der Zeitschrift 
der Königl. dänischen geographischen Gesellschaft. 

,,Bei der Betrachtung der Resultate, die von Dr. Nansens Grönlandsreise 
zu erwarten sind, dürfte es am nächsten liegen, die Bedeutung derselben für 
die neuesten dänischen Untersuchungen in Erwägung zu ziehen. Eine 
Hauptaufgabe der letztern war Erforschung des Binneneises, die Bestimmung 
seines Randes und die Messungen der aufserordentlichen Bewegungen, mit 
welchen derselbe in die Eisfjorde hinausgeschoben wird und welche Kräfte 
Yoraussetzen, die vom Innern ausgehend sich auf diesen Punkt kon- 
zentrieren. Diese weitläuftige Arbeit hat für die ganze Ausdehnung 
des Randes von 67** n. B. auf der Ostküste bis 75^ n. B. auf dei* Westküste 
im Jahre 1887 einen vorläufigen AbschluXs gefunden. Um aber die genannten 
Wirkungen bis auf ihren Ursprung zurück zu verfolgen, muTste noch wo- 
möglich die Wasserscheide im Innern des Randes erreicht werden. Hierher 
hatte noch Niemand seinen Fufs gesetzt, und seit dem Bestehen der alten 
Kolonien bis jetzt waren diese unbekannten Regionen ein Feld verschiedener 
Vermutungen gewesen. Die Mittellinie Grönlands, also auch die Wasserscheide, 
ist ja denn nun überschritten, allerdings nur im südlichen, (schmaleren ToiV\ 
aber doch innerhalb des Bereiches wirklicher EiaQotdft xitlÖl ^\^ '^"wö;:^\.^^^'^^'^> 

Geographiaehe Blätter. Bremen 1889. ^ 



_ 66 -- 

ZU welchen diese Veranlassung geben, dt^rften wohl jetzt durch die von Nansen 
gewonnenen Erfahrungen beantwortet werden können. 

Erst nach einer äuTserst gefahrvollen Bootsreise glückte es der Expedition 
liand zu erreichen und am 15. August die eigentliche Wanderung anzutreten. 
Vom grönländischen Sommer war dann nur noch V« zurück, und um sich 
einen Begriff von diesem Sommer und den darauf folgenden Herbsttagen 
zu bilden, genügt es zu erfahren, dafs die ganze Wanderung 46 Tage dauerte 
und dafs man in 3 Wochen sich in einer Höhe von 9 bis 10000 Fufs befand 
und oft eine Temperatur von -r 45 bis -f- 50 • C. observierte. Man wird hieraus, 
und besonders durch Vergleiche mit den gleichzeitigen Observationen in der 
Kolonie Godthaab gewiTs interessante und für die arktische Meteorologie wichtige 
Schlüsse ziehen können, auch wird die genauere Form der Oberfläche dieses 
Tafellandes von grofsem Interesse für die Gletscherkunde sein. Die bisherigen 
Berichte sind zu spärlich und unsicher, um weitere Schlüsse zu ziehen. Jeden- 
falls ist das Resultat aber genügend, um diese Wanderung zu einer der 
merkwürdigsten in der Reihe der arktischen Thaten zu machen, besonders 
wenn man den Abschlufs derselben, die fast unglaublich scheinende Befahrung 
des Ameralik-Fjordes mit dem, an einem Tage gebauten Boote aus Segeltuch 
mit in Rechnung bringt. 

Wenn beim Vergleich der Expedition mit früheren Versuchen, so weit wie 
möglich ins Innere vorzudringen, auch die vom Kapitän Jensen 1878 geleitete 
genannt wird, beruht dieses auf einem Mifsverständnis, da dieselbe für diesen 
Zweck weder bestimmt noch ausgeführt war. Wenn man femer Nansen und 
seine Begleiter als die ersten „Europäer", oder die ersten, welche „in neuerer 
Zeit* Grönland überschritten haben, bezeichnet, können diese Zusätze ohne 
Bedenken ausgelassen werden. Man darf mit Sicherheit behaupten, dafs weder 
die eskimoischen, noch die alten skandinavischen Einwohner Grönlands diese 
Wanderung ausgeführt haben." 

Unterm 20. Dezember v. J. brachte die dänische Zeitung „Dannevirke*' 
folgende Mitteilung: „Die unschätzbare Bedeutung der Konserven für 
l|angere Reisen in den arktischen Gegenden geht offenbar aufs 
neue in hervortretender Weise bei der Grönlandsfahrt des Dr. Nansen hervor. 
Man weifs jetzt, dafs er Proviant für zwei Monate mit sich geführt hat, und 
dafs dieser Proviant wesentlich aus Fleischkuchen, konzentrierter Suppe, Fleisch- 
extrakt, Leberpastete, Pemmikan (Dörrfleisch) und Chokolade bestand. Die 
Expedition hat aufserdem einen vorzüglichen Kochapparat und 20 Pott Sprit 
gehabt. Der Kochapparat enthielt zwei Abteilungen, die untere für das Kochen 
des Fleisches und der Suppe, die obere zum Schmelzen des Schnees. Da die 
Expedition etwa 2V« Monate unterwegs gewesen ist, hatte sie, nach erfolgter 
Landbesteigung im südlichen Grönland, während des Marsches in nördlicher 
Richtung längs der Ostküste wesentlich von Wild und Eiern, die dort im Juli 
zahlreich gefunden werden, gelebt, um den mitgenommenen Proviant aufzusparen. 
Dennoch mufs es augenscheinlich notwendig gewesen sein, beim Marsche im 
Innern Grönlands die Rationen abzuknappen. Wäre der Proviant durch ein 
unglückliches Ereignis, z. B. durch Hinunterrutschen der Schlitten in einen 
Abgrund, zu jener Zeit verloren gegangen, als die Expedition ungefähr vierzig 
geographische Meilen von der nächsten Wohnung oder eskimoischen Erdhütte 
entfernt war, würde sie verloren gewesen sein, denn alle vorhandenen Berichte 
aber das Innere Grönlands stimmen darüber überein, dafs in einer Entfernung 



^ 67 — . 

von ungefähr 10 Meilen von der Küste weder Vögel noch Sängetiere gesehen 
worden sind. Es wird interessant sein, im nächsten Sommer zu erfahren, 
welche Gefühle hei Dr. Nansen und seineu Gefährten entstanden sind, als sie sich 
mit knappem Proviant in ihnen gänzlich unbekannten, an jedem Pflanzen- und Tier- 
leben baren Alpenregionen befanden und eine Temperatur ertragen mufsten, welche 
selbst den Lappländern in der 6 Monate langen Wintemacht im Nordlande und 
Finnmarken ungewohnt ist. Die vor kurzem heimgekehrten Europäer, welche 
sich im verwichenen Sommer in Godthaab aufgehalten haben und darunter 
namentlich der dänische Maler Riis Carstensen, haben Mitteilungen über die 
Reihe von Expeditionen gemacht, welche namentlich Ende August und Anfang 
September von den dänischen Kolonien ausgesandt wurden, um der Nansenschen 
Expedition auf die Spur zu kommen. Es geht ferner aus diesen Mitteilungen 
hervor, dafs Dr. Nansen in Godthaab wahrscheinlich beim dortigen dänischen 
Inspektor, J. P. Rydberg, die andern Mitglieder der Expedition in den andern 
dort vorhandenen vier europäischen Häusern Unterkunft gefunden haben. Das 
Leben in Godthaab ist verhältnismäfsig billig, wenn man die Ausgaben für 
Kolonialwaren, Butter und Wein ausnimmt. Fische und Wild liefern die Eskimos 
zu sehr geringen Preisen. Ein grofser Dorsch kostet zur Zeit in Godthaab 
4 Ore (5 Pfennige), ein grofser Lachs 12 Ore, ein Schneehuhn 6 — 8 Ore, ein 
Rentierbraten 12 Ore. An Nahrungsmitteln wird es somit nicht gebrochen 
haben und Steinkohlen sowie auch Holz sind reichlich vorhanden. Die Kolonie 
Godthaab hat gegenwärtig 496 Einwohner und darunter 32 Europäer^. 

Im Sommer 1888 bereiste der durch seine Forschungen in Lappland be- 
kannte französische Geograph Rabot die Westküste von Grönland. Nach einem 
kurzen Bericht, der in dem Compte rendu No. 14, 1888, der französischen geo- 
graphischen Gesellschaft veröffentlicht, besuchte er als Passagier auf dem der 
dänischen Grönlandskompanie gehörenden Dampfer „Hvidbjörn'^ die Kolonien 
Godhavn, Jakobshavn, Egedesminde und Sukkertoppen. Von Jakobshavn be- 
suchte er den in den gleichnamigen Fjord mündenden Gletscher und brachte 
auf verschiedenen Landausfiügen naturwissenschaftliche Objekte mancherlei Art 
zusammen. Das genannte, von Kapt. Jensen, dem bekannten Grönlandsforscher, 
befehligte Schiff soll in diesem Frühjahr so zeitig als möglich nach Godthaab 
gesandt werden, um Nansen und seine Gefährten heimzubringen. 

Auch im vorigen Sommer wurde noch ein Versuch gemacht, die Jenissej- 
Mündung durch das Kara-Meer zu erreichen. Anfang August traf Dampfer 
^Labrador" in Vardoe ein und fuhr zum Kara-Meer. Letzteres war jedoch 
wegen Eises unpassierbar und so kehrte jenes von Kapt. Wiggins geführte 
Schiff unverrichteter Sache nach Norwegen und England zurück. 

Im Eismeer nördlich der Beringstrafse war der Walfang der Amerikaner 
im vorigen Sommer sehr ergiebig. Die Zahl der bis Oktober gefangenen Wale 
wird auf 256 angegeben, welche 48000 Pfund, Barten und ebensoviel Barrel 
Thran liefern dürften. Die amerikanische Regierung plant die Errichtung von 
Hülfs- und Rettungsstationen an geeigneten Punkten der Küsten, 
welche in der Nähe der Fanggebiete der den arktischen Ozean befahrenden 
amerikanischen Walerflotte gelegen. 



^^ 



— 68 — 

Nacliträgliclies zu ^^Nicolaus Yon Miklucho - Maclay^s^ Reisen und 

_ • 

Wirken**« Von Dr. 0. Fi n seh. Der Güte dcH Herrn Barons von Osten-Sacken 
in St. Petersburg verdanke ich einige briefliche Mitteilungen über den Reisenden, 
die leider für die Publikation (Heft 3 u. 4 dieser Zeitschrift, Bd. XI. 1888, 
S. 270 — 309) zu spät kamen und zur Vervollständigung nachträglich Platz finden 
mögen, v. Miklucho-Maclay starb am 14. April (n. St.) 1888 nach langen, schweren 
Leiden — „beständige Fieber und gänzlicher Kräfteschwund" — in der Klinik 
des Baronets Wylie in St. Petersburg im Alter von 42 Jahren und wurde am 
19. April auf dem Wolkowokirchhof zur Ruhe bestattet. Einige wenige 
Freunde und Bekannte, darunter hervorragende Gönner, wie Geheimrat P. von 
Szemenow, Vizeadmiral Kopytow und Kontreadmiral Nasimow, sowie mehrere 
Professoren der militärisch-medizinischen Akademie folgten dem Sarge, welcher 
mit Kränzen geschmückt war. Einer der letztern trug die Inschrift „Dem 
unvergefslichen Nikolaus Miklucho-Maclay, dem Menschenfreunde, von seinen 
Freunden und Verehrern". Am Grabe hielt ein Professor eine Rede, in welcher 
das humane Verfahren des Entschlafenen gegenüber den Eingeborenen (Wilden), 
zugleich aber auch betont wurde, „dafs M. es war, der die russische Fahne 
hoch hielt an einer Küste, welche den Europäern ganz fremd war und von 
welcher in der letzten Zeit, sehr entgegen den Bemühungen des Verstorbenen, 
die Deutschen Besitz ergriffen". 

Meine Befürchtung, dafs durch den Tod des Reisenden die so lange 
verzögerte Herausgabe seiner Werke überhaupt in Frage gestellt werden könne, 
hat sich glücklicherweise nicht bestätigt. „Der erste Band seiner Forschungen 
ist druckfertig und befindet sich in der Geographischen Gesellschaft", schreibt 
mir Baron von Osten-Sacken und nach einer andern Quelle „ist auch der 
zweite Band im grofsen und ganzen durchgearbeitet". Ober den Inhalt der- 
selben verlautet bisher nichts; die wissenschaftliche Welt wird daher der end- 
lichen Publikation mit um so gröfserer Spannung entgegensehen. 

Von den „nicht unbedeutenden" Sammlungen ist ein Drittel (Ethno- 
graphie) in Besitz der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften gelangt, zwei 
Drittel (Ethnographie und Anthropologie) sind der Kaiserl. Geographischen Ge« 
Seilschaft übergeben worden. Der Bruder des Verstorbenen ist gegenwärtig 
beschäftigt, über diese Sammlungen einen Katalog zusammenzustellen unter 
Benutzung der nachgelassenen Notizen des Reisenden, eine Arbeit, die ohne 
Zweifel vielen willkonmien sein und das beste Bild über v. Ms. Thätigkeit als 
wissenschaftlicher Sammler geben wird. 

Die Beweise Kaiserlicuer Huld, welche dem Verstorbenen wiederholt zu 
teil wurden, sind in hochherziger Weise auch auf dessen Witwe übertragen 
worden, indem ihr der Kaiser eine lebenslängliche Pension bewilligte. 



Die Kolana fs. Ein Artikel in der Genfer Zeitschrift: Les archives des 
sciences physiques et naturelles, Band 19, über die Kolanufs stellt eine baldige 
Veröffentlichung eines Verfahrens in Aussicht, um aus der Kolanufs ein den 
besseren Kakaosorten vergleichbares Nahrungsmittel darzustellen. Zugleich 
werden Analysen mitgeteilt von Benue-Kola und Kamerun-Kola, welche sowohl 
untereinander als auch von bereits bekannten Befunden hinsichtlich des Ge- 
baltes an Cellnlose ahweichen. Wir finden Benue-Kola mit nur 8.67 ^ o. Kamerun- 



— 69 — 

Kola mit 15,14 *^/o verzeichnet ; ältere Befunde haben 20 % und 29,8 °/o. Da der 
Verwendbarkeit der Kola als Genufsmittel im Vergleiche mit Kakao hauptsächlich 
ihr hoher Cellulosegehalt im Wege steht, so wäre es von Wichtigkeit fest- 
zustellen, durch welche Umstände solche enorme Differenzen in der Zusammen- 
setzung bedingt werden. Dr. H. 



Geographische Litteratur. 

Europa. 

Das Erzgebirge. Eine orometrisch-anthropogeographische Studie 
von Dr. Johannes Burgkhardt. Mit einer Karte. Stuttgart, J. Engelhorn. 
1888. (Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde, im Auftrage der 
Zentralkommission für wissenschaftliche Landeskunde von Deutschland, her- 
ausgegeben von Professor Kirchhoff in Halle. Dritter Band. Heft 3.) Man nimmt 
allgemein an, dafs sich in einem Gebirge die Zahl der Menschen, sowohl 
die absolute als auch die relative, gleich derjenigen aller andern organischen 
Wesen mit der Höhe über dem Meeresspiegel vermindere. Bisher hat man sich 
nur mit der Feststellung der Thatsache dieser Bevölkerungsabnahme eines 
Gebirges begnügt, aber noch nicht versucht, einen genauen Nachweis derselben, 
also einen ziffermäfsigen Ausdruck für die Dichte der menschlichen Ansiedelungen, 
für die Zahl und Gröfse der Ortschaften u. a. in verschiedener Höhe zu 
geben und so die Wirkung jener die Existenz des Menschen, je höher, desto 
mehr erschwerenden Einflüsse durch Zahlen nachzuweisen. In der vorliegenden 
Arbeit ist nun versucht worden, die Bevölkerung des Erzgebirges nach der 
Höhe ihrer Wohnorte auf Höhenschichten zu verteilen, weil gerade dieses Ge- 
birge allgemein als das stärkstbevölkerte angesehen und in vielen Lehrbüchern 
der Geographie als solches bezeichnet wird. Die Arbeit zerfällt in einen oro- 
metrischen und einen anthropogeographischen Teil. Im ersteren wird die 
mittlere Kammhöhe nach Karl von Sonklar^s Methode bestimmt und der 
Flächeninhalt der Höhenschichten (Jsohypsen von 100 m) und damit zugleich 
der des ganzen Gebirges gesucht, endlich auch das Volumen des Gebirges und 
die Höhe seines ausgeebneten Plateaus ermittelt, während im zweiten die 
Verteilung der Bevölkerung und ihrer Wohnorte auf diese Schichten und ihr 
gegenseitiges Verhältnis betrachtet werden. Die Tabellen unterscheiden 11 Höhen- 
schichten von 200—1300 m. Die dritte Höhenschicht (300—500 m) ist auf 
beiden Seiten des Gebirges dem Flächeninhalt nach am ausgedehntesten. Mit 
gröfstem Interesse liest man die in einer Reihe Tabellen und Erläuterungen zu 
denselben dargestellten Ermittelungen bezüglich der Bewohnung an der Nord- 
west- und an der Südostscite; leider können wir nicht näher hierauf eingehen, 
doch wollen wir hier beispielsweise die folgenden Ergebnisse verzeichnen. Die 
Anhäufung der Menschen und ihrer Ansiedlungcn ist in der mittleren Höhe 
des Gebirgsfufses (391 m) am stärksten. Auf den ihm benachbarten Höhen- 
stufen, also der zweiten und dritten, wohnen 59,5t •/o sämtlicher Gebirgs- 
bewohner und liegen 53.3? ^'o aller Ortschaften ; von den Städten gehören 56,« •/« 
den beiden Stufen an. Der Flächeninhalt der Nordwestscite ist 76,6«, der der 
Südostseite 23,4* •>; 8G,8r ^'o der Bevölkerung kommen ^\xl \«^^, \Ä,\^^\^ 



— 70 — 

auf diese. Die Zahl der Ortschaften in Prozenten ist dort 7d,o4, hier 26^9« V«* 
Darch die starke Bevölkerung der Nordwest- im Gegensatz zu der dünneren 
der Südostseite wird eine mittlere Dichtigkeit für das ganze Oebirge erzengt, 
welche derjenigen des Königreichs Sachsen sehr nahe kommt, die des Thüringer- 
waldes jedoch weit überragt. Bezüglich der Dichtigkeit der Bevölkerung des 
Oebirges mufs man einen oberen und unteren Teil, welche durch die 700 m 
Isohypse getrennt wird, unterscheiden; beide verhalten sich hinsichtlich der 
Dichte ihrer Bevölkerung wie 1 : 9,ii, in Bezug auf Flächenraum wie 1 : 3,s. 
Die höchste geschlossene Ortschaft des Erzgebirges liegt zwischen 10 — 1100 m 
und ist merkwürdigerweise eine Stadt, nämlich das böhmische Oottesgab mit 
1225 Einwohnern. Sachsens höchster bewohnbarer Punkt ist ein „Neues Haus* 
genanntes Oebäude in der Höhe von 1080 m am Fichtelberg. 

Die Kurische Nehrung und ihre Bewohner, von Dr. Ad albert 
Betzenberger, Professor an der Universität zu Königsberg inPr. Mit einer 
Karte und acht Textillustrationen. Stuttgart, Verlag von J. Engelhom, 1889. 
(Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde, im Auftrage der Zentral- 
kommission für wissenschaftliche Landeskunde von Deutschland herausgegeben 
von Dr. A. KirchhofT, Professor der Erdkunde an der Universität Halle. Dritter 
Band, Heft 4.) Die vorliegende wertvolle Arbeit über jenes merkwürdige, 
abgelegene und öde Stück deutscher Küste und ihre Bewohner wäre wohl 
schwerlich ohne die dem deutschen Geographentage zu dankende Förderung der 
deutschen Landeskunde zu Stande gekommen. Mit grölster Teilnahme haben 
wir die Schrift gelesen. Nachdem uns der Verfasser ein geographisches 
Gesamtbild der 96,976 km langen Kurischen Nehrung gegeben, geht er näher 
auf die geologische Entwickelung, auf die Dünen, deren Entstehung, Wanderungen 
und künstliche Befestigung, auf die Bewaldung und die Ursachen der Versandung, 
auf die Dörfer und Ortschaften wie deren Geschichte, endlich auf die Bewohner» 
deren Abstammung, Sitten, Sprache und Erwerb ein. Die Bevölkerung der 
11 Ortschaften der Nehrung beträgt noch nicht 3000 Seelen; die geringen 
Steuererträge zeigen, dafs hier das Leben im vollsten Sinne des Worts nur ein 
Kampf ums Dasein ist. Die Familiensprache ist teils deutsch, teils lettisch, teils 
litauisch. Die Angaben über den Erwerb sind im wesentlichen nur statistisch» 
Fischerei ist die Hauptsache, neben ihr treten Landbau, Jagd, Handel zurück. 
Die Bemsteingewinnung ist Regal, sie liefert allein von Schwarzort jährlich 
JL 200000. Der Verkehr auf der Nehrung scheint gleich Null zu sein, eine 
früher kursirende Personenpost ist eingegangen, Boten und die Memel-Kranzer- 
Dampfer befördern postalische Sendungen. Das liebevolle, auf sorgfaltigsten 
Studien beruhende Eingehen des Verfassers auf alle Seiten des Themas berührt 
wohlthuend, nur die Erwerbsverhältnisse hätten eine ausführlichere Darstellung 
verdient. 

Das Mittelmeer. Von A. Freiherr von Schweiger-Lerchen- 
feld. Mit 55 Illustrationen und einer Karte, (ülustrirte Bibliothek der Länder- 
und Völkerkunde.) Freiburg i. B. Herdersche Buchhandlung 1888. Der Verfasser 
wurde, wie er im Vorwort bemerkt, zu dieser Arbeit durch die groCse 
geschichtliche und kulturgeschichtliche Bedeutung des Mittelmeers und seiner 
Uferländer angeregt. Er behandelt sein Thema historisch-geographisch. Im 
1. Abschnitt werden die physikalischen Verhältnisse, die vorgeschichtliche 



— 71 — 

Qestaltong des Mittelmeerbeckens, die Umwandlung der Küstenumrisse in 
geschichtlicher Zeit, Hydrographie, Klima und Yegetationsverhältnisse dargelegt. 
Der 2. Abschnitt ist den Völkerbewegungen gewidmet, er führt uns von der 
Eroberung des Mittelmeers durch die Phöniker zu der Hellenen-, Römer- 
und Araberherrschaft, zu den Kreuzzügen und bis in die letzten Jahrhunderte. 
Der 3. Abschnitt bietet eine Oberschau über die heutigen Völker am Mittelmeer. 
Der 4. Abschnitt fahrt uns Charakterlandschaften der europäischen, asiatischen 
und afrikanischen Küsten vor. Der 5. Abschnitt endlich entrollt ein Bild des 
Handels und Verkehrs, welcher sich am Mittelmeer entwickelte, von den Zeiten 
der Phöniker an bis auf den modernen Verkehr, wie er sich infolge der 
europäischen Kulturfortschritte mit der DampfschifiEfahrt und der Eröffnung 
des Suez-Kanals entwickelt hat. Neben den zahlreichen Holzschnitt-Illustrationen 
gewährt das den Verkehr im Mittelmeer darstellende, mit Plänen wichtiger 
Verkehrshäfen ausgestattete Kärtchen ein gutes Bild von der heutigen Benutzung 
des Mittelmeers für die Handels- und Verkehrsbeziehungen Europas, des Orients, 
Nordafrikas und weiter Indiens und Ostasiens. 



Afrika. 

— Vicomte Ch. de Foucauld, Reconnaissance au Maroc, 1883 bis 
1884. Ouvrage illustr6 de 4 Photogravures et de 101 dessins, d'apr^s les croquis de 
Tauteur. Atlas. Paris, Challamel etCie., Sditeurs. 1888. Der Verfasser trat seine Reise 
am 31. Juni 1883 von Tanger aus an. Über Tetuan kam er nach Fes (Fas) , 
von hier zog er über Meknas in die von wilden Stämmen bewohnte Region 
Tadla. Durch den mittleren erreichte er den grofsen Atlas und stieg den süd- 
lichen Abhang des letztern hinab in den oberen Teil des Wad Dra. Über den 
kleinen Atlas gelangte er in die Sahara, einige Oasen der letztern im Norden 
des Wad Dra besuchte er und kam in 20 Tagen nach Mogador, wo er sich 
über IVs Monate, nämlich bis zum 14. März 1884 aufhielt. Von da zog er 
wieder in die Sahara; nachdem er nochmals den kleinen und grofsen Atlas 
durchkreuzt, und weitere Streifzüge gemacht, betrat er in LallaMarnia, einem 
Grenzort der Provinz Algerien, französischen Boden. Im Gebiet des Sultans 
von Fes reist der Europäer ziemUch sicher, das ist aber nur ein Fünftel dessen, 
was auf den Karten als Kaisertum Marokko dargestellt wird. Die vier Fünftel 
werden bekanntlich von wilden unabhängigen Stämmen bewohnt, die in mon- 
archischer oder republikanischer Verfassung lebend, die gröfsten Verschieden- 
heiten in Sprache, Sitten und Gewohnheiten zeigen. In diesen Gebieten kann 
der Europäer nur verkleidet und mit gröfster Lebensgefahr reisen. Wird er 
erkannt, so droht ihm als einem Spion der Tod. Schon von Tanger an reiste F. in 
Verkleidung und zwar als marokkanischer Israelit unter dem Namen Rabbi 
Joseph. Er betete und sang in den Synagogen, oft von Eltern angefleht, ihre 
Kinder zu segnen. Den Marokkanern gegenüber stellte er sich als ein bettelnder 
Rabbi dar, während er den Juden erzählte, dafs er weither, von Jerusalem 
komme, um seine Glaubensgenossen aufzusuchen. So mufste er denn barfufs 
die Städte durchwandern, oft von Scheltworten, Flüchen und selbst Steinwürfen 
verfolgt. Der Verkehr mit den verachteten marokkanischen Juden brachte ihn 
in die mifslichsten Lagen; immerhin war es ihm weit leichter als Jude denn 
als Muselmann, die Zwecke seiner Reise zu verfolgen. Vor allem koimte er nur 
als Jude allein oder in Gesollschaft eines andern Juden reisen. Mit (i^l-^Icct 



— 72 — 

seines Lebens machte er eine ganze Reihe astronomischer Beobachtungen, 
ebenso war die Entwerfung zahlreicher Skizzen, mit denen das Werk geschmückt 
ist, mit den gröfstcn Schwierigkeiten verbunden. Der dem Werke beigegebene 
Atlas enthält eine Übersichtskarte und in einer Reihe von Blättern das Itinerar 
des Verfassers. 

— Das Klima des anfsertropischen Südafrika, mit Be- 
rücksichtigung der geographischen und wirtschaftlichen Be- 
ziehungen nach klimatischen Provinzen dargestellt von Dr. 
Karl D V 0. Mit drei Kartenbeilagen. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht. 
18H8. Im Vorwort sagt der Verfasser, ein Enkel des berühmten Meteorologen, 
u. a. folgendes: „Zu den aufsereuropäischen Ländern, in welchen im Laufe der 
Iftt/AtfU boidon Jahrzehnte ein umfangreiches meteorologisches Beobachtungs- 
fnatftfial govammelt wurde, gehört auch das südliche Afrika. Es schien mir 
lohnondo Aufgabe, dasselbe in einem klimato-geographischen Bilde gröfseren 
K rf^iftou zugänglich zu machen, zumal seit eine erfolgreiche überseeische Politik 
df^tii deutHchon Volke einen nicht unbeträchtlichen Anteil an jenen weiten Ge- 
h\viiM\ gesichert hat. Auch in den englischen Kolonien und in den Republiken 
dor Doorou haben sich zahlreiche Deutsche dem Handel und dem Ackerbau 
gewidmet.'' Doves Arbeit verfolgt nächst der wissenschaftlichen Darstellung des 
NÜdafrikauischen Klimas den praktischen Zweck, dem Leser vor Augen zu 
fiihrnn, wie dasselbe noch eine bedeutende Entwickelung dieser beiden Zweige 
mensclilicher Thätigkeit begünstigt. In der ersten, der allgemeinen Abteilung, 
worden die allgemeinen meteorologischen Verhältnisse Südafrikas auf Grund 
düH vorliegenden Beobachtungsmaterials erörtert und beleuchtet. Dieser Ab- 
teilung ist eine Karte der Jahresisothermen beigegeben. Der Verlauf der 
lii( Thermen ergicbt, dafs im westlichen Südafrika die Temperatur der Küste 
eine relativ kühle ist und dafs die Wärme schnell in der Richtung nach dem 
Innern zunimmt. In der Mitte des Gebiets reichen, dem kontinentalen Charakter 
des Landes entsprechend, die Linien gleicher jährlicher Wärme am weitesten 
nach Süden, besonders in den von Karoolandschaften erfüllten Gegenden. Die 
zweite Abteilung ist bezeichnet: die klimatischen Provinzen des subtropischen 
Afrika. Die Grandlage für die Einteilung in solche Provinzen giebt die Ver- 
teilung des Regens auf die Jahreszeiten ab. So unterscheidet der Verfasser 
in diesem Abschnitt, dem ebenfalls eine Karte beigegeben ist, folgende klima- 
tische Provinzen des subtropischen Südafrika: A. Gebiet der Winterregen. 
I. die Südwestprovinz, II. die westliche Karoo und Klein-Namaqualand. B. Über- 
gangsgebiet mit vorwiegenden Frühlings- und Herbstregen. IQ. die Südküste. 
IV. die Südkaroo. V. die Nordkaroo. VI. das südöstliche Bergland. C. Gebiet 
intensiver Sommerregen: VH. der Osten, VIQ. das Hochland des obem Oranje. 
IX. Nordtransvaal. X. Kalahari. XI. Grofs-Namaqua und Damaraland. D. Xü. 
die Westküste. In der dritten Abteilung wird die wirtschaftliche Entwickelung 
und Kulturfähigkeit Südafrikas auf Grund klimatischer Bedingungen erörtert. 
Zu letzteren gehört zunächst die Wärme. Der Verfasser unterscheidet in dieser 
Beziehung zwei Regionen, die eine begreift alle Landschaften in sich, welche 
mindestens sieben Monate des Jahres eine mittlere Temperatur von weniger 
als 20^ besitzen, neben dieser gemäfsigten hat die halbtropische Region 
mindestens 6 Monate im Jahr eine Mittelwärme von 20 und mehr Grad. Für 
die Kultur der Dattelpalme und ihren mutmafsUchen Erfolg in Südafrika, be- 



— 73 — 

sonders auch in unsern südwestafrikanischen Schutzgebieten, ist trockene 
Hitze und eine möglichst geringe relative Feuchtigkeit der Luft Haupt- 
bedingung, der Erfolg ist dann gewährleistet. Eine zweite klimatische Be- 
dingung für die wirtschaftliche Entwickelung ist die jährliche Regenmenge. 
Hierzu gehört die dritte Karte, welche die Linien gleicher jährlicher Regen- 
mengen veranschaulicht. Der Verfasser unterscheidet 1. das Steppengebiet mit 
weniger als 300 mm Regenhöhe (für Schafzucht geeignet) ; 2. das Gebiet mit 
300 bis 600 mm Regenhöhe (Grasebenen für Rinder-, Pferde- und Schafzucht) 
3. Gebiet mit mehr als 600 mm Regenhöhe (Regenwälder, Getreidebau ohne 
künstliche Bewässerung). Schlief slich wird die Austrocknungsfrage erörtert. 
Eine Verschlechterung des südafrikanischen Klimas ist unleugbar. Zwar ist 
es nicht erwiesen, dafs jetzt weniger Regen fällt, als früher, aber die zunehmende 
Unregelmäfsigkeit der Niederschläge übt böse Folgen. Die heillose Entwaldung 
hat diese Unregelmäfsigkeit bewirkt. Als Gegenmittel bezeichnet der Verfasser 
die Wiederbewaldung von Bergen und die Anlage künstlicher Wasserreservoirs. 

Afrika. 

AuCongo et au Kassa i. Conferences donn^es a la societe beige 
des ing^nieurs et des industriels par M. le capitaine Thys, avec trois cartes. 
Bruxelles, P. Weifsenbruch, 1888. Der Verfasser wurde von der Compagnie du 
Congo pour le commerce et Tindustrie im Januar 1887 nach dem Congo ge- 
sandt, um die Eisenbahnfrage, sowie die mit derselben zusammenhängenden 
Verhältnisse des Verkehrs und der Produktion zu studieren und darüber einen 
Bericht zu geben, welcher nun hier gedruckt vorliegt. Alles in allem ist 
Kapitän Thys, der den Congo bis Bangala und den Kassai bis Luebo bereiste, 
ein warmer Freund des grossen Unternehmens des Königs der Belgier, er glaubt 
an eine zukünftige reiche Entwicklung des Congostaates und sucht im ein- 
zelnen die Bedingungen solchen Gedeihens, die Ausführbarkeit der bereits in 
Angriff genommenen oder geplanten Mafsregeln zur Hebung des Verkehrs, der 
Produktion und der Ausfuhr, besonders auch der Eisenbahn, welche unter Um- 
gehung der Kataraktenregion den Wasserverkehr auf dem unteren und oberen 
Congo verbinden soll, nachzuweisen. Seit der Veröffentlichung dieses Buchs 
erschien im Mouvement geographique der Bericht des Ingenieurs J. Cambier, 
welcher über die Recognoscirung behufs Anlage der Eisenbahn am Südufer 
des Congo zwischen Vivi und Stanley-Pool detaillirte Nachweise enthält. Neben drei 
eingehefteten Karten ist beigegeben : Karte vom Kassai von Kwamouth bis 
Luebo nach den Aufnahmen des Kapitän Thys an Bord des Dampfers „Stanley". 
Verlag des Institut national de geographie in Brüssel, 1888. 

Amerika. 

Guatemala. Vor kurzem hat das statistische Bureau von Guatemala 
seinen Bericht für das Jahr 1887 veröffentlicht unter dem Titel „Informe de la 
Direccion General de Estadistica**. 

Den Eingang des 300 Seiten starken Bandes bilden kurze Angaben über 
Geschichte, Produkte, Tier- und Pflanzenwelt und die physikalische Beschaffen- 
heit der Republik. Es folgen dann Daten über die politischen Einrichtungen, 
sowie ein Auszug aus der Konstitution, von welcher der folgende, mit Dekret 
vom Oktober 1885 neuerdings sanctionierte Artikel 5 besonderes Interesse für 
Ausländer beanspruchen dürfte: Staatsangehörige sind alle P^x^oitvfc^^ ^'^^'^ 



— 74 — 

anf dem Gebiet der Republik geboren sind oder noch geboren werden, welches 
immer die Nationalität ihres Vaters sei, mit Ausnahme der Eünder der 
diplomatischen Beamten.'' Diesen einleitenden Bemerkungen über das ganze 
Land schliessen sich die detaillierten statistischen Angaben über die einzelnen 
Departemente des Landes (zur Zeit 22) an, welche aufser der allgemeinen 
Schilderung der Beschaffenheit und Produktion der einzelnen Bezirke die ta- 
bellarischen Zusammenstellungen über die Schulen, die Bevölkerungsbewegung, die 
Staats- und Gemeindesteuern, sowie den Konsum an Fleisch, Mehl und Branntwein 
enthalten. Unter dem Titel „Resümenes" sind den Detailangaben 61 (nicht 
paginierte) zusammenfassende Übersichtstabellen (Cuadros) beigeheftet und ein 
Katalog der Bibliotek des statistischen Bureaus von Guatemala schlief st,nach Ländern 
geordnet, die Arbeit ab. Den „Resümenes" entnehmen wir folgende Angaben: Der 
Bevölkerungszuwachs geschah im Berichtsjahr in einer Proportion von 1: 38, so dafs 
die gegenwärtige Gesamtbevölkerung Guatemalas sich auf 1 394 233 Köpfe be- 
ziffert. Ehen wurde blofs 5337 (1 : 255 Einw.) geschlossen, wovon fast *ls auf 
die übrigens auch numerisch stärkere indianische Bevölkerung fallen. Die 
Mehrzahl der Männer heiratete zwischen 20 — 30 Jahren, die Mehrzahl der Frauen 
zwischen 15 und 20 Jahren. — Die Geburten ergaben die Proportion von 1 ; 23. 
In der Kriminalstatistik, welche übrigens für einzelne Departements unvoll- 
ständig ist, weisen, wie gewöhnlich, die Verbrechen gegen die Person (Ver- 
wundungen im "Streit, Todtschlag), gegen die Sittlichkeit, das Eigentum und 
die Ehre die grössten Ziffern auf. Charakteristisch für die Leichtigkeit, mit 
der auch der arme einheimische Mann bei gutem Willen in Guatemala sein 
Auskommen finden und seine Bedürfnisse an Hunger und Liebe befriedigen 
kann, ist der Umstand, dafs als einziger Fall von Selbstmord das Conamen 
suicidii eines 25 — 30jährigen Indianers verzeichnet ist, der noch dazu im Zustand 
der Trunkenheit handelte. 

Die Staatseinnahmen betrugen $ 6 398 727 

Die Staatsausgaben betrugen $ 6 320 705 

Saldo $ 78022 

Die innere Schuld beträgt $ 7 659 396 

Die äufsere Schuld beträgt $ 4 541 460 

Gesamtschuld $ 12 200856 

Eine sehr ins einzelne gehende Statistik ist dem wichtigsten Landesprodukt 
Guatemala^s, dem Kaffee, gewidmet, aus welcher hervorgeht, dafs im Berichts- 
jahr 665.075 quintales Kaffee produziert wurden. Unter den Ausfuhrprodukten 
stehen die folgenden obenan: 



Rehhäute mit $ 12 782 
Wollstoffe . „ „ 12031 
ZarzapaiTilla , 10536 
Cochenille ... 10 376 



Kaffee .. mit $ 8 137 479 
Zucker . . „ „ 303 387 
Rindshäute „ „ 240813 

Kautschuk „ „ 129 366 ^^ ^. . „ 

Bananen . . „ „ 65 213 
Die übrigen Produkte, wie Kakao, Pferdehaar, Zigarren, Kokusnüsse, 
Schildpatt, Homer, Mahagoni (Caoba), Bohnen (Frijoles), Wolle, Schnitzereien, 
Tabak bewegen sich blofs in Wertziffem von $ 100—2500. Der Export hat 
gegen das Vorjahr erheblich zugenommen. Die Werte betrugen 

im Jahre 1886 $ 6 719 503 

im Jahre 1887 $ 9 039 391 



— 75 — 

In bescheidenerem Mafse hat sich auch der Import gehoben. Er betrug 

im Jahre 1886 $ 3537 399 

im Jahre 1887 $ 4 241 407 

Die gröfste Schiffs- und Güterbewegung hat, wie immer, San Jos6, der 
Hafenplatz für die Landeshauptstadt, aufzuweisen. Dann folgt Champerico, der 
Hafenplatz für die zweite Hauptstadt des Landes, Quezaltenango und die 
Kaffeeländereien des nordwestlichen Gebirgsabhanges, femer Livingston, der 
einzige Hafen für die atlantische Seite des Landes, und endlich Ocos, der neu- 
gegründete Hafen für die pacifischen Grenzgebiete im Norden. Es ist klar, dafs die 
Statistik eines Landes wie Guatemala, dessen innere Verhältnisse sich so vielfach von 
denjenigen europäischer Länder unterscheiden, zur Zeit noch nicht von ganz erheb- 
lichenFehlerquellen frei sein kann. Angesichts der grofsen Schwierigkeiten, zuver- 
lässiges statistisches Material in einem Lande zu gewinnen, dessen Bewohner 
zu mehr als der Hälfte Indianer sind, müssen daher die Bemühungen der 
mit der Ausarbeitung des „Informe'' betrauten Beamten um so rückhaltloser 
anerkannt werden. 0. St. 

E. W. Nelson: Report upon Natural History collections 
made in Alaska 187 7 — 1881, zugleich No. IH. der „Arctic Series of 
Publications", die von dem U. S. Signal Service ausgegeben werden. — 
Die Hauptaufgabe des Vei*f assers während seines vierjährigen Aufenthalts in 
Saint Michaels (Noi-ton Sund, Alaska) bestand darin, als Beamter des U. S. 
Signal Service eine ununterbrochene Reihe von meteorologischen Beobachtungen 
zu Stande zu bringen und erst in zweiter Linie Sammlungen und Beobachtungen 
betreffend die Geographie, Ethnologie und Zoologie des Landes zu machen. 
Dafs dies letztere dem Verfasser in dem reichen Mafse, von welchem der stattliche 
vorliegende Band Zeugnis ablegt, gelungen ist, verdankt er besonders dem 
bereitwilligen Entgegenkommen von Seiten der Händler und Beamten der in 
Saint Michaels etablierten Handelsgesellschaften, die ihn für kürzere oder 
längere Zeit bei der Austeilung der täglichen Beobachtungen vertraten. — 
Während auf drei grösseren, oft äusserst beschwerlichen Schlittenexpeditionen 
nach dem Kuskoquim, nach dem mittleren Jukon und nach der Nordwestküste 
des Norton-Sundes hauptsächlich geographische und ethnographische Zwecke 
verfolgt wurden, galt ein vierter Ausflug nach dem Delta des Jukon namentlich 
dem Studium der Vogelwelt. Die bekannte Kreuze des „Corvin" unter Kapt. 
Hooper, die der Verfasser nach Beendigung seiner Aufgabe in Saint Michaels 
als Naturforscher mitmachte, verschaffte ihm erwünschte Gelegenheit, den Kreis 
seiner Beobachtungen und Sammlungen zu erweitern ; ebenso hatte er während 
eines kürzeren Aufenthalts auf den Aleuten jede sich darbietende Gelegenheit 
in demselben Sinne ausgenutzt. 

Der erste von Nelson selbst (teilweise mit Unterstützung von H. W. 
Henshaw) bearbeitete Teil des vorliegenden Berichtes enthält auf S. 21 — 226 
nicht blos eine Beschreibung der vom Verfasser mit besonderer Vorliebe 
gemachten ornithologischen Sammlungen, sondern ist in der That eine möglichst 
vollständige Omis von Alaska, in der die Arbeiten seiner Vorgänger volle 
Berücksichtigung finden. Saint Michaels ist eine interessante Lokalität für den 
Omithologen und der Verfasser hat die Vorteile eines mehrjährigen Aufenthaltes 
daselbst aufs beste auszunutzen verstanden. — Bedeutend weniger umfangreich, 
aber durch die Masse der von Nelson gelieferten zuverlässigen Beobachtungen 
über Lebensweise und Vorkommen ebenfalls sehr viwVnq^ *\^V ^^"c tw^^^«^ 



— 76 — 

Über die Säugetiere des nördlichen Alaska von F. W. True (S. 229 — 293). 
Der dritte Teil über die von Nelson gesammelten Fische von T. H. Bean 
(S. 299—322) und der vierte über die Lepidopteren von W. H. Edwards 
(S. 327 — 330) bringen ebenfalls manchen schätzenswerten Beitrag zur Kenntnis 
der arktischen Fauna. Eine Reihe von 21 vorzüglich ausgeführten zum Teil 
kolorierten Tafeln veranschaulichen bemerkenswerte oder neue Formen der 
Vögel und Fische. A. K. 

— Turner, L. M. Contributions to the Natural History 
o f Alaska. Results of investigations made chiefly in the Yukon District and 
the Aleutian Islands. Nr. II, Arctic Series of publications issued in connection 
with the Signal Service, ü. S. Army. With 26 Plates. Washington Gov. Print. 
Off. 1886, 4**, 226 p. Diese Mitteilungen sind Ergebnisse der Beobachtungs- 
thätigkeit des Verfassers aus den Jahren 1874 — 1881. In der Stellung eines 
Signal-Officers hielt er sich von 1874 — 1877 im Yukon Distrikt, vorzugsweise 
in St. Michaels auf, in gleicher Stellung von 1878 — 1881 an verschiedenen 
Punkten der aleutischen Inseln. Nach einigen allgemeinen Bemerkungen über 
die Natur des Landes giebt der Verfasser zunächst einen Auszug aus den 
meteorologischen Beobachtungen ; dann folgt eine Aufzählung der Pflanzen nach 
Rothrocks Sketch of the Flora of Alaska mit Einfügung der von Turner neu 
beobachteten, gröfstenteils von Asa Gray bestimmten Formen. Von der Tier- 
welt werden zunächst die Fische aufgeführt. Einige neue Arten werden be- 
schrieben und durch Abbildungen erläutert, aufserdem über Vorkommnisse, 
Lebensweise, Fang verschiedene Mitteilungen gemacht. Den gröfsten Teil des 
Werkes nimmt die Aufzählung der Vögel ein; eine Anzahl hübsch kolorierter 
Tafeln veranschaulichen einige der bemerkenswerten Formen. Den Schlufs 
bildet eine kurze Obersicht über die Säugetierfauna. A. K. 

— Geological and Natural History Survey of Canada. Aiinual Report. 
New Series Vol. II 1886. Montreal, 1887. Auch dieser starke Band legt wie 
seine Vorgänger von dem rüstigen Fortschritt in der Erkemitnis der Boden- 
beschaffenheit Kanadas ein rühmliches Zeugnis ab. Er enthält 13 besonders 
paginierte Abhandlungen, welche als Broschüren mit den begleitenden Karten 
und Illustrationen auch einzeln erschienen sind. Im ersten Bericht giebt 
Selwyn eine Obersicht über die während des Jahres 1886 ausgeführten 
Arbeiten, wobei er auch der Ergebnisse der Londoner Kolonialausstellung ge- 
denkt, welche zu mehrfachen Anknüpfungen in gewerblicher Beziehung geführt 
hat. Es folgt dann eine Arbeit von Dawson über eine geologische Unter- 
suchung des nördlichen Teiles der Vancouver-Insel und des anliegenden Fest- 
landes, in der namentlich die der Kreidoperiode angehörigen Kohlenlager eine 
eingehende Besprechung finden. McConnell beschreibt einen geologischen 
Durchschnitt durch die Rocky Mountains in der Nachbarschaft der kanadischen 
Pacificbahn; Tyrrell giebt einen 172 Seiten langen Bericht über einen Teil 
des Nordwestterritoriums (zwischen 51 und 54 Grad nördl. Breite und von 
110** bis 115° 15' westlicher Länge), welcher die hohe Kulturfähigkeit dieses 
Gebiets hervorhebt. Low berichtet über eine Erforschung des Landes zwischen 
Winnipegsee und der Hudson-Bai, Bell über eine Untersuchung der Flufs- 
läufe des At-Ta-Wa-Pish-Ka und Albany, Ells über die Geologie einiger öst- 
licher Grafschaften. In einer Arbeit über die Oberflächengeologie des nörd- 
7yt7Äßo JVfJizbraunschweig und südöstlichen Quebeck beschreibt Ch almers die in 



— 77 — 

diesem Gebiete auftretenden Glacialcrscheinungen. Über geologische ünter- 
sucfiungen in Noubraiinschweig berichten ferner Bailey und Mein n es, über 
Forschungen in Neuschottland Fletcher und Faribault. — Dawson ver- 
öffentlicht eine geologische Obersichtskarte von dem nördlichen Teil von 
Kanada östlich vom Felsengebirge mit ausführlicher Darlegung der für die 
Konstruktion derselben vorhandenen Materialien. Coste giebt eine lehrreiche 
Zusammenstellung der nutzbaren Mineralien Kanadas, der wir entnehmen, dafs 
die Gesamtproduktion im Jahre 1886 einen Wert von 10 V« Millionen Dollars 
hatte, darunter Kohle mit 5 Millionen, Gold mit Via Millionen. — Den Schlufs 
bildet ein von G. C. Hoff manu abgefafster Bericht über die chemische Unter- 
suchung verschiedener Mineralproben. A. K. 

Brasilianische Reiseskizzen aus dem Jahre 1887 von Moritz 
Schanz. Leipzig, Rofsberg, 1889. Der Verfasser lebt als Kaufmann in Rio 
and bereiste das Innere des grofsen Reichs, in dem Wunsche es näher kennen 
zu lernen, als es durch den Aufenthalt in Rio und Umgebung möglich, und 
zwar besuchte er die Provinz Rio und sodann die Südprovinzen Paranä, Santa 
Catarina und Rio grande do Sul, besonders die von Deutschen bewohnten 
Gegenden. Er veröffentlichte darüber Berichte in der Deutschen „Rio-Post", 
welche in der brasilianischen Hauptstadt erscheint, und diese sind es, welche 
hier in Buchform vorliegen. Das mufs man dem Verfasser Dank wissen, denn 
überall tritt uns ein kundiger, gut beobachtender, unbefangen urteilender Mann 
entgegen, dem es darum zu thun ist, Menschen und Verhältnisse so darzustellen 
wie sie sind, ohne Schönfärberei oder Schwarzmalerei und frei von Interesse 
für irgend welche Kolonialbestrebungen. 

Australien und Polynesia. 

gSamoafahrten. Reisen in Kaiser Wilhelms-Land und Englisch-Neu- 
Goinea in den Jahren 1884 und 1885 an Bord des deutschen Dampfers „Samoa*' 
von Dr. Otto Finsch. Mit 85 Abiidungen nach Originalskizzen von Dr. Finsch, ge- 
zeichnet von W. Hoffmann und A. von Roessler und 6 Kartenskizzen. Leipzig, 
Ferdinand Hirt & Sohn 1888. Der Verfasser war schon lange durch tüchtige geo- 
graphische und naturwissenschaftliche Arbeiten, besonders auf dem Gebiete der Or- 
nithologie, Anthropologie, Ergebnisse des Selbststudiums und ausgedehnter Reisen 
nach Nordamerika, Sibirien und der Südsee bekannt, als er von einem BerUner 
Finanzmann dem Geheimen Kommerzienrat Adolph von Hansemann und einigen 
gleichgesinnten Männern in Berlin den Auftrag erhielt, eine Untersuchungsfahrt nach 
dem östlichen Teil von Neu-Guinea zu unternehmen und dort womöglich 
Land als deutsche Kolonie oder wie es später genannt wurde, deutsches Schutz- 
gebiet zu erwerben. Bekanntlich gelang dem Dr. Finsch die Lösung der inmier- 
hin schwierigen Aufgabe in vollem Mafse und wir haben bereits in Band VIII, 
188Öy nach den vorläufigen Berichten eine jener von Dr. Finsch ausgeführten 
ergebnisreichen Entdeckungsfahrten, welche er damals längs der Nord- und 
Nordostküste Neu-Guineas unternahm, unter Beigabe einer Karte schildern 
können. Der in Sydney gekaufte, unter Führung des Kapitäns Dallmann aus 
Bltimenthal bei Bremen gestellte und überhaupt mit einer Ausnahme, mit 
deutschen Seeleuten besetzte Dampfer „Samoa'' ging im September 1884 von Sydney 
nach Mioko, um sich von dort aus der Lösung seiner Aufgabe zu widmen, welche 
Dr. Finsch in folgenden Worten zusammenfafst : „Untersuchung d«t x5cc&is?BÄSss!i«s«^ 



— 78 — 

oder weniger bekannten Küsten Neu-Britanniens, sowie der Nordküste Neu-» 
Guineas bis zum 141. Meridian, um Häfen ausfindig zu machen, mit den Ein- 
geborenen freundlichsten Verkehr anzuknüpfen und Land im weitesten Umfang 
zu erwerben.*' In Zeit von neun Monaten wurden sechs Reisen nach Neu-Guinea 
unternommen, die Nord- und Südküste Neu-Britanniens, sowie Neu-Irland wieder- 
holt besucht. Von den nahezu 1000 Meilen Küste, welche die „Samoa'' in Neu-Guinea 
besuchte, gehörten nur 260 Meilen zu den besser bekannten. Eine fast ebenso 
lange Strecke konnte als zugänglich für die Schiffahrt nachgewiesen werden. 
Sieben Häfen und ein schiffbarer Strom wurden entdeckt, ferner ausgedehnte 
Striche fruchtbaren Landes für Kulturen, Viehzucht, wie für Ansiedlung 
überhaupt geeignet befunden, zum Teil gleichzeitig erworben und überall mit 
den Eingeborenen friedlicher und freundlicher Verkehr eröffnet. Als das deutsche 
Kriegsschiff anfangs NoTember 1884 im Archipel von Neu-Britannien im Namen 
Seiner Majestät des deutschen Kaisers die Reichsflagge hifste, konnte es diesen 
Akt auch gleich in Neu-Guinea vollziehen. Die nach Verständigung zwischen Grofis- 
britannien und dem deutschen Reich über die beiderseitigen Grenzen dem 
letzteren zugewiesenen, in Verwaltung und Besitz der Neu-Guinena-Kompagnie 
in Berlin übergegangenen Schutzgebiete umfafsen als „Kaiser Wilhelms-Land'' und 
als „Bismarck-Archipel" 231,427 Dkm (= 4203,i3 d. g. DMeilen). Als Zweck 
seines Buchs bezeichnet Dr. Finsch : die Erlebnisse, Ergebnisse und Entdeckungen, 
welche er auf seinen Reisen mit dem D. „Samoa" bestanden und erzielt, in 
zusammenhängender Form durch Wort und Bild zu schildern. „Es wird", so 
äufsert sich Dr. Finsch in der Einleitung, „nach den unmittelbaren Eindrücken 
und Beobachtungen, wie ich sie an Ort und Stelle niederschrieb, ausgearbeitet, 
zum ersten Male über Land und Leute längs wenig bekannter, zum Teil neu 
erschlossener Küsten eingehendere Kunde bringen, und so manches Stück ernsten 
und heitern Südseelebens kennen lehren.'* „Wenn," sagt Dr. Finsch weiter, „die 
Rekognoszierungsfahrten der „Samoa" somit wesentliche Lücken der Kenntnis 
Neu-Guineas ausfüllen helfen und schon dadurch allgemeines Interesse bieten, 
so im besonderen für Deutschland, das bisher über die drittgröfste Insel der 
Welt und ihr dortiges Besitztum kein Originalwerk besafs." Dem ist voll- 
ständig beizupflichten. Die Schilderungen der Natur, besonders der Küsten- 
szenerien, des Lebens und Treibens der Eingeborenen, der Beschäftigungen, 
Sitten und Gebräuche der verschiedenen Stämme, an sich lebhaft und an- 
sprechend, werden durch die beigegebenen trefflichen Illustrationen noch gehoben ; 
besonders wohlthuend berührt es, wie schnell sich Dr. Finsch mit den Ein- 
geborenen auf freundschaftlichen FuTs zu stellen wufste. Trotz der Kleinheit 
des Dampfers und der geringen Zahl der Bemannung hat keine feindliche Be- 
gegnung stattgefunden, selbst nicht in der Humboldt-Bai, deren Anwohner von 
früheren Besuchern als hinterlistig und verräterisch geschildert werden. Finschs 
Reisewerk wird gewissermafsen das Stammwerk für das deutsch gewordene Neu- 
Guinea bilden; die Erforschung desselben im Dienste der Neu-Guinea-Kompagnie 
hat inzwischen immer weitere Fortschritte gemacht, und es wäre daher für eine 
neue Auflage des Werks die Beigabe eines reicheren Kartenmaterials erwünscht. 
Die Entdeckungsgeschichte von ganz Neu-Guinea und die Kunde seiner Bewohner 
ist bekanntlich von Dr. Finsch schon vor 20 Jahren bearbeitet worden. Bei den 
grofsen Fortschritten, welche seitdem durch zahlreiche Reisen und Forschungen an 
fast allen Punkten der grofsen Insel gemacht, wäre eine Neubearbeitung dieses 
Stoffs, sowie eine neue Karte der ganzen Insel recht erwünscht. 



^ 79 — 

Ethnologrie« 

Ferdinand Hirt's geographische Bildertafeln, herausgegeben 
unter Mitwirkung zahlreicher Fachgelehrten von Dr. Alwin Oppel (Bremen) 
und Arnold Ludwig (Leipzig). Dritter Teil: Völkerkunde. Dritte Abteilung: 
Völkerkunde von Afrika und Amerika mit 311 Holzschnitten und einem General- 
register. Breslau, F. Hirt. 

Mit dieser dritten Abteilung gelangt das bereits früher (Band X dieser 
Zeitschrift S. 360 u. 361) von uns besprochene Werk zum Abschlufs. Die dort 
ausgesprochene Anerkennung können wir mit bezug anf den vorliegenden Band 
nur wiederholen. Im wesentlichen ist der früher beobachtete Plan auch bei 
diesem Bande festgehalten worden. Einige Abweichungen in Einzeltieiten waren 
durch die besonderen Verhältnisse begründet, welche jeder Erdteil aufweist; 
der Grundgedanke des Werkes, von den so zahlreichen und verschiedenartigen 
Erscheinungsformen der Erde und ihrer Bewohner nur das Wesentliche, 
Charakteristische und Typische auf einem bestimmten Raum durch Bild und 
Wort zur Darstellung zu bringen, ist auch in diesem Bande vollständig zur 
Geltung gekommen. Der erläuternde Text des vorliegenden Bandes ist aus- 
schlielslich von Herrn Dr. Oppel verfafst, der es sich hat angelegen sein lassen, 
Knappheit des Textes mit sorgfältiger Benutzung der besten Quellen zu verbinden. 
Von den Illustrationen, die bewährten Kräften anvertraut waren, ist nur rühm- 
liches zu sagen. Das beigegebene Generalregister erleichtert die Benutzung des 
lehrreichen Werkes sehr. 

Inf ernationales Archiv für Ethnographie, herausgegeben 
von Bahnsen in Kopenhagen, Cora in Turin, Dozy in Noordwijk, Petri in St 
Petersburg, Schmeltz und Serrurier in Leiden. Redaktion von Schmeltz 
Konservator am ethnographischen Reichsmuseum in Leiden. Verlag von F. 
M. Trap in Leiden. Band I Heft H — VI. Diese im Text reichhaltigen, durch 
die trefflichsten meist in Farbendruck ausgeführten Illustrationen ausgestatteten 
5 Hefte treten dem seiner Zeit von uns eingehend (Band XI, Heft I, Seite 101) 
besprochenen Heft I würdig an die Seite. Von den vielen bedeutenderen 
Arbeiten, welche uns liier geboten werden, heben wir die folgenden hervor : Die 
Eingebornen von Liberia, von Büttikofer; Opfergebräuche in Borneo, von 
Grabowsky; das Betelkaucn bei den malayischen Völkern, von demselben; 
über Pfeile aus der Torresstrasse, von ühle ; Waffe, Signalrohr oder Tabakspfeife, 
von Joest; Beiträge zur Ethnographie Mexiko^s, von von Breker; Einiges 
über die Bewohner der Mentawei-Inseln, von von Rosenberg ; Ethnographie der 
Bewohner der Umgegend am Finschhafen von Schellong; Ethnographie von 
Surinam, von ten Kate; das geistige Leben der Pfahlbautenbewohner, von 
Messikomer u. a. Nächstens erscheint als Supplement zu Bandl: Dr. 0. Stoll, 
Ethnographie der Indianer von Guatemala. Wiederholt sei diese wertvolle 
Zeitschrift der allgemeinen Beachtung empfohlen. 

Verschiedenes. 
§ Die Verkehrswege im Dienste des Welthandels. Eine hi- 
storisch-geographische Untersuchung samt einer Einleitung für eine Wissenschaft 
von den geographischen Entfernungen. Von Dr. Wilh. Götz, Dozent an der 
technischen Hochschule München, mit fünf Karten in Farbendruck. Stuttgart, 
F. Enke. 1888. In gründlichster Weise behandelt der Verfasser in diesem, 800 
Seiten umfassenden und mit 5 Karten in Farbendruck a\iÄ%<fc^l%.V\.^\«ö. ^«^^ 



- 80 — 

die Geschichte der Eutwickelaug des internationalen Verkehrs. Wie nmfassend 
es angelegt ist, auf welche Fülle von Thatsachon es sich stützt, wird am besten 
aus einer Obersicht des Inhalts klar: Nach einer theoretischen EUnleitnng, in 
welcher der Verfasser die Forderung einer „ geographischen Entfemungs- 
wissenschaft' begründet, behandelt er seinen Stoff, die Verkehrswege im Welt- 
handel, nach sechs Entwickelungsphasen, die jede für sich beleuchtet und in 
ihren Ergebnissen dargelegt werden, nämlich: 1. Periode, 3000 — 3Ö0 v. Chr., 
die Lander mit der frühesten Förderung des Verkehrslebens und: östliche 
KoHurheimstätten. Die 2. Periode, 850 — 264 v. Chr. umfafst die assyrischen 
und babylonischen Gebiete, die Länder des Perserreichs und Alexanders d. Gr., 
den arabischen Küsten- und Binnenverkehr, Phönike, die Länder des Nilgebiets, 
die Gebiete am Ägäischen Meer, das punische Afrika, Italien und seine Nachbar- 
gebiete in NW. und N., den Verkehr nach Mitteleuropa, China und Indien. 
Die 3. Periode, 264 v. Chr. bis 400 n. Chr. betrifft die Handelsgebiete des 
römischen Reichs und zwar sowohl den Festlands- wie den Seeverkehr, Indien, 
China und Innerasien. Die 4. Periode, 400 — 1493 n. Chr. zerfallt in folgende 
Abschnitte: L Europa (Mittel-, Nord- und Osteuropa), 11. die Länder des Mittel- 
meers (Binnen- und Seeverkehr), in. den Verkehr vom Rothen Meere und 
Euphrat zum Grofsen Ozean (Vorderasien, Seeverkehr im Indischen Ozean und 
mit China, China und Innerasien). Die 5. Periode. 1493 — 1819 behandelt: L 
Amerika, IL Ozeanschiffahrt, IIL Asien, IV. Afrika, V. Europa. Endlich 6. die 
Periode 1819 — 1887 giebt eine Darstellung der Entwickelung des modernen Welt- 
verkehrs in folgenden Abschnitten : Europa, Asien, Afrika, Amerika, Australien. 
Während die früheren Perioden eine staunenswerte Fülle an Stoff wohlgeordnet 
und kritisch beleuchtet darbieten, scheint uns die Entwickelung des modernen 
Seeverkehrs (6. Periode) nicht ausführlich genug behandelt, freilich ist 
das Material teilweise schwierig zu erlangen und an sich lückenhaft. Alles in 
allem ist das Werk von Götz eine auTserordentlich fleifsige und tüchtige Arbeit. 
Die jeder einzelnen Periode beigegebenen Verkehrskarten (Isohemerenskizzen) 
sind originell erdacht und instruktiv. Die Ausstattung des Buchs ist tadellos. 



Zur Besprechung liegen femer vor: 

Boguslawski, Handbuch der Ozeanographie, Band U. Stuttgart, Engelhom. 

W. Marschall, die Tiefsee und ihr Leben. Leipzig, F. Hirt & Sohn. 

F. Borsari, Geografia «tnologica e storica della Tripolitania Cirenaica e Fezzan. 
Turin, Neapel und Palermo, bei E. Loescher, L. Pierro und L. Pedone-LaurieL 

A. Burdo, am Niger und Benue. Deutsche Ausgabe von P. Haichen. Leipzig, 
B. Bauer. 

V. Wislocki, Sitte und Brauch der Siebenbürger Sachsen, 

£. Paul, das russische Asien und seine wirtschaftliche Bedeutung. 

£. Hammer, Nullmeridian und Weltzeit, drei Broschüren, erschienen in der 
Verlagsanstalt und Druckerei A. G. (vormals J. F. Richter). Hamburg, 1888. 

Reise S. M. Schiffes .Albatros^ nach Süd-Amerika, dem Kaplande und West- 
Afrika 1885 — 86, verfafst von Freiherm J. von Benko, k. k. Korvetten- 
Kapitän. Pola, C. Gerolds Sohn 1889. 

P. Schwatka, the Chfldren of the Cold. Newvork. Cassel & Co. 



-j 

Dmck Ton Carl Schünemann. Bremen. 



Heft 2. Ti ± V. Band Xn. 

Deutsche 

Geographische Blätter. 

Herausgegeben von der 

Geographischen Gesellschaft in Bremen. 

Beiträge und sonstige Sendungen an die Redaktion werden unter der Adresse : 
Dr. M« Lindeman, Bremen, Mendestrasse 8, erbeten. 

Der Abdruck der Original-Aufsätze, sowie die Nachbildung von Karten 
und Illustrationen dieser Zeitschrift ist nur nach Verständigung mit 

der Redaktion gestattet. 

Die von der Bremer geographischen Gesellschaft 
veranstaltete zoologische Forschungsreise in das 

nördliche Eismeer. 

(Dr. Kükenthal und Dr. Walter.) 

I. Torbereitangen und Abreise. Aufenthalt in Norwegen und 
an der Murmanküste. Abfahrt von Tromsö ins Eismeer. 

Bereits im 1. diesjährigen Heft dieser Zeitschrift konnten wir 
mitteilen, dafs unsre Gesellschaft durch die Opferwilligkeit einer 
Anzahl ihrer Mitglieder in den Stand gesetzt worden ist, in diesem 
Jahre die von ihr stets verfolgte und gepflegte Polarforschung 
wiederum dadurch zu fördern, dafs auf Kosten der Gesellschaft in 
diesem Sommer eine zoologische Forschungsreise in das nördliche 
Eismeer unternommen wird. 

Die Ausführung der jetzigen Expedition wurde unserm Mit- 
gliede Herrn Privatdozenten Dr. W. Kükenthal in Jena übertragen 
und nimmt an derselben ferner Herr Dr. Alfred Walter aus Jena Teil. 

Am 27. Februar abends waren die Freunde und Förderer des 
Unternehmens im gastlichen Kreise eines unsrer verehrten Vorstands- 
mitglieder mit den beiden Herren zusammen und sprachen den 
Scheidenden die besten Wünsche des Erfolgs der Forschungsreise 
für die Wissenschaft, wie insbesondere für unsre Gesellschaft aus. 
Welche Aufgaben die Expedition sich stellt, darüber hat sich Herr 
Dr. Kükenthal in seinem in Heft 1 veröffentlichten Aufsatze: über 
die Aufgaben zoologischer Forschung im nördlichen Eismeere, und 
femer in einem am 27. Februar gehaltenem Vortrage eingehend 
ausgesprochen und sei hierauf verwiesen. 

Hier sollen nun die von Herrn Dr. Kükenthal bis zur Abreise 
der Herren ins Eismeer, welche von Tromsö am 2, Mai ^-Ä^^^^ 
eingegangenen Nachrichten ihrem Hauptml[ia\txiac\iTDÖL\.%^^<s^ ^r««.^««^^ 

Qeoßraphiache Biätter. Bremen 1889. 



— 82 — 

Vorab mag daran erinnert werden, dafs unsre Gesellschaft, 
damals unter dem Namen Komitee, beziehungsweise Verein für 
die deutsche Nordpolarfahrt, einen hervorragenden Anteil an der 
Ausführung der deutschen Ostgrönlandexpedition, 1869/70, besonders 
auch an der Bearbeitung und wissenschaftlichen Verwertung der Er- 
gebnisse derselben gehabt hat, und dafs sie seitdem zwei weitere 
wissenschaftliche Eeisen veranstaltete, nämlich 1876 nach West- 
sibirien (die Herren Dr. Finsch, Dr. Brehm und Graf Waldburg-Zeil) 
und 1881/82 nach der Tschuktschen-Halbinsel und dem südlichen 
Teil von Alaska (die Herren Gebrüder Dr. Arthur und Aurel Krause). 

Die Herren Dr. Kükenthal und Dr. Walter verliefsen Hamburg 
am 1. März. 

Herr Dr. Kükenthal schreibt: 

An Bord des „Olaf Kyrre". 

Bergen, den 6. März 1889. 

Anbei folgt die versprochene Liste der Ausrüstungsgegenstände, 
die indes noch durchaus nicht vollständig ist. 

Unsre Reise ging bis jetzt glatt von statten. An der Eib- 
mündung lag noch ziemlich viel Treibeis und die Nordsee zeigte sich 
von einer sehr unliebenswürdigen Seite. Jede Sturzsee, die über 
Deck kam, überzog dasselbe mit einer neuen Eiskruste, und machte 
im Verein mit ziemlicher Kälte den Aufenthalt auf Deck ungemütlich. 
Desto schöner verlief bis jetzt die Küstenfahrt. Das Land ist fast 
schneefrei, die vereinzelten Massen, welche sich noch vorfanden, sind 
durch den Einfiufs der feuchten Seewinde in klares Eis verwandelt 
worden, welches in dem hellen Sonnenscheine, den wir ununter- 
brochen gehabt haben, prächtig glitzert. 

Seit gestern liegen wir im Hafen von Bergen vor Anker um 
zu löschen und neue Ladung einzunehmen. Diese Zeit habe ich 
benutzt, um das reichhaltige Material des hiesigen Museums, besonders 
an Walfischpräparaten, kennen zu lernen und bin von diesen Studien 
sehr befriedigt. 



A. Wissenschaftliche Ausrüstung. 



I. Physikalisch -meteorologische 
Untersuchunoen. 

1 Aräometer 
1 Maximamthermometer 
1 Minimumthermometer 
1 Lufttbermometer 
1 Wasserthermometer 



1 Aneroidbarometer 
Diverse Lote mit 1000 m Lotleinen 
(Sextant, Chronometer u. a. werden vom 
Schiffe ans gestellt.) 

2. Zoologische Untersuchungen. 

a. Fangapparate. 
\ 5 Schiepißii^ti^ "q^t^Ooi^^^ivQt ^x^^ 



83 



8 Schwebenetze von 40—80 cm Durch- 
messer, mit Reservenetzen 

1 Schliefsnetz neuester Konstruktion 
(nach Professor Thuns Angaben.) 

600 m starkes Tau 
Reservenetze für Schleppnetze 
Beutel für das Schliefsnetz nebst um- 
gebendem Fischemetz 
Fischemetze für Dredgen 
Drahtsiebe 
Glasröhren. 

b. Konserviergefäfse. 

30 Blechkisten bis etwa 60 1 Inhalt, 

mit Deckeln 
3 Zinkkästen 

2 Lötkolben 

3 Lote 

Salmiak, Salzsäure, Zink 
1 kleine Schmiede 

1 Sack Holzkohlen 

Für grössere Präparate dienen Tonnen 

und Holzkisten 

2 Porzellanschalen 

3 Spirituslampen 
700 Glastuben 

150 Gläser mit Körken und Gummikitt 
2 Standgläser 

2 Einmachegläser mit Patentverschlufs 
Meiszylinder, Glasnäpfe, Uhr- 

schälchen u. a. 
Pergamentpapier, Gummischläuche 
1'/« Ries Pfianzenpapier u. a. 

c. Instrumente. 

1 grofses Präparierbesteck für anatomi- 
sche Untersuchungen an Walen, Wal- 
rossen u. a. mit Sägen, Knochen- 
zangen u. a., nach eigenen Angaben 
angefertigt 

1 kleineres Präparierbesteck für ge- 
wöhnliche zoologische Untersuchungen 



1 kleines Besteck für anatomische 
Untersuchungen 

Diverse grobe Instrumente 

Mikroskop von Zeifs mit sämtlichem 
Zubehör 

2 Präparierlupen. 

d. Chemikalien. 

1 kg Chromsäure 
1 kg Sublimat 
100 gr Sublimat 

3 kg Alaun 
Aethyläther 
Essigsäure 
Osmiumsäure 
Chloroform 
Chloralhydrat 
Jod in Jodkali 
Carbolsäure 
Benzin 

Vt kg Kali bichromicum 
15 kg Kali bichromicum 

1 S Naphtalin 
Va S Tannin 
Picrinsäure 
Schwefelsäure 

2 kg Glycerin 
Knochenöl 
Vaselinöl 

8 U Arsenikseife 

96 1 Alkohol in Blechkanistern 

136 1 Alkohol im Fafs 



e. Karten. 

1 grofse englische Admiralitätskarte 
1 Karte von Spitzbergen 
Geologische Karte von Spitzbergen, 

mit Instruktionen von Professor Kal- 

kowsky, Jena. 



B. Jagdaasrüstung. 



2 Lancasterbüchsfiinten von J. MefTert 
in Suhl nach eigenen Angaben gebaut 

1 Lancasterjagdgewehr 

Doppelte Reservetheile 

Munition nebst sämmtlichem Zubehör 
mir Anfertigung von P&tronen 



20 8* neues MiUtärschiefspulver 
Patronengürtel 
Tyroler Rucksäcke 
Blei, Schrot u. a. 



^«^ 



84 



C. Persönl 

I. Reiseapotheke. 

Sublimatpastillen 

Morphiamsolution 

Opiumtinktar 

Sassaparillepillen 

Jodoform 

Verbandwatte 

Zinksalbe 

Heftpflaster 

Vaseline 

1 8* Zitronensäure 

2. Proviant. 

25 Büchsen Erbsen 

30 Büchsen Schnittbohnen 

20 8* Kakao 

Snppentafeln 

25 U Pflaumen 

25 8* getrocknete Äpfel 

1 Fafs Multebeeren 

Der übrige Proviant wird vom 
SchifT aus gestellt. 



iche Ausrüstung. 

3. Kleidung. 

2 Paar Oelkleider mit Südwester 

2 Paar Seestiefeln 

2 Paar Komager (Lappenschuhe) 

Jagdschuhe,gewöhnlichesSchuhwerka.a. 

2 Paar dicke Leder- Wollenschuhe 

2 Paar dickste Jagdwollstrümpfe 
26 Paar Wollstrümpfe 
7 Paar gestrickte Wollkappen 
Wollenes Unterzeug (Jäger-Normalkleid) 
Wollene Kleidung 
6 Paar dicke Handschuhe 

1 Strohsack 

3 dicke Wolldecken 

4. Zeichenutensiiien. 

2 grofse Skizzenbücher für Aquarelle 
1 kleineres für zoologische Zwecke 
1 Kasten mit feuchten Aquarellfarben 
Buntstifte, Bleistifte 

4 Tagebücher in Segeltuch 
Federhalter, Federn, Tintenfösser n. a. 



Tromsö, den 25. März 1889. 

Obwohl wir schon vor einigen Tagen hier angelangt sind, habe 
ich doch noch etwas gezögert Ihnen zu schreiben, da ich erst meine 
Dispositionen den Verhältnissen gemäfs treffen mufste. 

Der Beiseplan ist folgender: Heute Abend begeben wir uns 
mit einem Teil unsrer Ausrüstung an Bord des Dampfers „Lofoten**, 
mit welchem wir nach Vardö reisen. In Vardö bleiben wir einige 
Tage, teils um Studien an Walen zu treiben, teils um den Dorsch- 
fang genauer kennen zu lernen, und womöglich selbst mit dabei zu 
sein, da beim Heraufholen der Angelschnüre oft die seltensten Sachen 
an das Tageslicht gebracht werden. Dann begeben wir uns weiter 
ostwärts an die Murmanküste. Der Direktor eines russischen Wal- 
etablissements hat uns nämlich dringend eingeladen, ihn zu besuchen 
imd wir haben auf diese Weise die beste Gelegenheit, die äufserst 
interessante, bis jetzt noch wenig bekannte Fauna dieses Küsten- 
streifes kennen zu lernen. Die einzige Schwierigkeit ist nur dorthin 
zu gelangen, da keinerlei Schiffsverbindung besteht. Entweder werden 
wir auf einem Walfänger dorthin fahren oder Rentierschlitten be- 
nützen. Ende April kehren wir nach Tromsö zurück, um sofort die 
Spitzbergenfahrt anzutreten. Der Vertrag mit Schiffer Nils Johnson 
ist abgeschlossen. Auf seiner Jacht „Bemtine^ begeben wir una 
entweder zunächst an die Ostküste , oder g\^\e\i ä^^lsi 6i<^ Westküste 



— 85 — 

Spitzbergens entlang nach Norden. Bis Juli werden wir wahrscheinlich 
an der Nordküste liegen, dann wird der Versuch gemacht, um das 
Nordkap Spitzbergens herum das Nordostland zu erreichen, vielleicht 
auch die „syv 0er ne** zu besuchen. Kommen wir zum Nordostlande, 
so ist Johnson sicher, einen guten Fang an Walrossen zu machen, 
wir eine ausgezeichnete wissenschaftliche Ausbeute zu erhalten. 
Jedenfalls werden wir auch die Hinlopenstrasse besuchen. Die 
Erreichung des Nordostlandes und eventuell der östlich davon ge- 
legenen noch fast unbekannten Inselgruppen ist keineswegs leicht. 
Selbst wenn wir günstige Eisverhältnisse antreffen, so ist doch die 
Eückkehr eine unter Umständen sehr schwierige, da die enge Passage 
zwischen den sieben Inseln und dem Nordkap in kurzer Zeit sich 
wieder verschliefsen kann, so dafs wir alsdann gefangen wären. In 
diesem Falle müfste versucht werden, die Ostküste zu umsegeln, und 
vielleicht die Hinlopenstrafse wieder hinauf zu fahren. Indessen ist 
keine grofse Hoffnung vorhanden, diesen Plan auszuführen. 

Doch das wollen wir der Zukunft überlassen. Sie ersehen 
jedenfalls hieraus, dafs insofern die Verhältnisse sich glücklich ge- 
fügt haben, als unser Schiffer die feste Absicht hat, möglichst weit 
nach Nordosten vorzudringen. Wie weit wir kommen werden, das 
hängt natürlich vom Eise ab. 

Unsre Reise bis Tromsö hinauf war eine ganz angenehme, 
ein paarmal hatten wir hohen Seegang, auf den Lofoten starke 
Schneeböen und kaltes Wetter, sonst aber bei einigen Graden Kälte 
Sonnenschein, und günstige Aussichten auf Meer und Gebirge. Die 
Zeit in Tromsö haben wir hauptsächlich zur Vollendung unsrer 
Ausrüstung benutzt. Die Kleidungsstücke, welche wir angeschafft 
haben, sind meist solche, wie sie die Lappen im Winter tragen, 
namentlich das Schuhwerk, welches für derartige Beisen besonders 
sorgfältig gewählt werden mufs. Vielfach war unsre Zeit auch durch 
gesellschaftliche Verbindlichkeiten in Anspruch genommen worden, 
schon durch frühere Beziehungen war ich genötigt, beim deutschen 
und beim österreichischen Konsul, sowie bei einigen andern Herren 
Besuche zu machen, und wir fanden überall eine ungemein herzliche 
Au6iahme, besonders da wir nun als Vertreter einer Bremer wissen- 
schaftlichen Expedition "auftreten können. 

Gestern unternahmen wir einen sehr interessanten Ausflug auf 
Schneeschuhen in die Berge hinein. Der Schnee liegt durchschnittlich 
6 — 7 F. tief, an manchen Stellen aber noch bedeutend tiefer, so 
dafs Schneeschuhe das einzige Mittel sind, vorwärts zu kommen. 
Es ist auch durchaus nicht so schwer, als es ausai^kt.^ t^Os>l ^\sl 
paar Standen ging es schon ganz leidlich. Mau \w:^ksäJöX. \ckKt. ^Sa. 



— 86 — 

gewöhnlich ganz lange (bis 10 F. lange) Schneeschuhe aus 
elastischem Holz, und nur bei weichem Schnee kürzere, breitere, mit 
Seehundsfell beschlagene. 

Hammerfest, den 27. März 1889. Wir sind auf dem Wege 
zur Murmanküste. Das Wetter ist prächtig, mäfsig kalt, und 
Sonnenschein. Eine treffliche Statistik des Eismeerfanges erhielt 
ich durch die Liebenswürdigkeit des Herrn Konsuls Aagard. Nun 
leben Sie wohl ! Herzliche Grüfse von Walter und Ihrem ganz erge- 
benen Eükenthal. 

Port Vladimir, 13. Aprü 1889. 

Da morgen der Dampfer, von Vardö kommend, unsre Station 
berührt, so benütze ich die Gelegenheit Ihnen Nachricht zukommen 
zu lassen. Schon über acht Tage geniefsen wir die Gastfreundschaft 
des Direktors des hiesigen Waletablissements, der uns mit der 
gröfsten Liebenswürdigkeit aufgenommen hat. 

Von Tromsö reisten wir früh am Morgen des 26. März ab, 
nachdem alle die Spitzbergenfahrt betreffenden Anordnungen ge- 
troffen waren, und kamen bereits am andern Morgen in dem Hafen 
von Hammerfest an. Ein paar Stunden Spazierengehens machten 
uns mit dem Städtchen bekannt. An einem niedrigen, aber steilen 
Felsrücken entlang zieht sich die Hauptstrafse, auf der Landseite 
zu begrenzt von kleinen, sauberen Holzhäusern, auf der andern von 
Speichern, aus deren Innerm unbeschreibliche Gerüche von ge- 
trocknetem Fisch quellen. Die Weiterreise war ziemlich eintönig, 
nur der riesige Vogelberg Sveerholtklubben gewährte willkonmiene 
Abwechslung. Eine hineingefeuerte Rakete liefs die ungeheuren 
Mövenscharen herausschwärmen, aus allen Schluchten und Bissen 
quollen dichte Schaaren hervor, die buchstäblich den Himmel ver- 
dunkelten. Fast jede Nacht hatten wir Nordlicht in den verschie- 
densten Modifikationen, fast immer begann es als gelbgrünlicher 
Lichtstreifen, der sich von West nach Ost durch den Zenith hin- 
durchzog ; aus demselben entwickelten sich allmählich breite Bänder, 
die in wallende Bewegung gerieten, sich aufrollten und verschwanden. 
Stundenlang dauerte dieses wechselvolle prächtige Schauspiel. In 
der Nacht zum 30. März kamen wir in Vardö an. Die Stadt 
zeichnet sich besonders durch einen guten geräumigen Hafen aus, 
in dem auch eine ziemliche Anzahl Schiffe lagen. Die Häuser selbst, 
durchgängig von Holz gebaut, sind meist klein und unansehnlich, 
eine Ausnahme macht allein das Gebäude der Branntweinverkaufs- 
gesellscbatt, in dessen Parterre grofse Verkaufsräume, sowie eine Art 
Bodega, in dessen erstem Stock "MLagislx^W mtA ^«tvOc&sScrosÄaÄis 



— 87 — 

sich befinden. Es wird in Vardö wohl ebensoviel rassisch als 
norwegisch gesprochen, auch finnische, lappische, schwedische Laute 
sind sehr häufig. Dafs man sich an der Grenze befindet, merkt 
man aufserdem an dem Vorhandensein einer Festung, die indes 
wohl kaum praktische Bedeutung besitzt. Auf den Rasenwällen, 
die einige kleine Häuser umschliefsen, liegen einige Kanonen von 
recht verschiedenem Kaliber. Die Besatzung besteht aus Komman- 
dant, Leutnant und 16 Mann, und selbst dann, wenn im Falle 
eines Krieges „Vardöhuus" eine Besatzung von 500 Mann vom Süden 
herbekäme, wie man mir mitteilte, würde sie kaum den modernen 
Schiffsgeschützen ernstlich widerstehen können. Schon am ersten 
Tage unsrer Ankunft unternahmen wir, nachdem wir am Vormittage 
ein paar Besuche gemacht hatten, eine Bootfahrt auf zwei gegen- 
überliegende Inseln zu. Aus den grofsen Vogelscharen, welche diese 
vom offenen Meer umspülten Inseln bewohnen, schössen wir zwei 
Kormorane, eine Alca torda, eine Uria grylle, sowie von Möven 
Larus Tridactylus, marinus, argentatus und glaucus heraus. Derartige 
Ausflüge machten wir mehrere, so auch einen zu einem benachbarten 
Waletablissement, dessen Einrichtung uns von dem Direktor bereit- 
willigst gezeigt wurde. Der Walfang hat eben begonnen, es sind 
aber erst zwei Finnwale bis jetzt erlegt worden. Am Morgen des 
2. April begaben wir uns an Bord des russischen Dampfers „Tschit- 
schoff", der uns nach zwei Tagen Fahrt hierher nach „Port Vladimir*, 
oder „Jeredike" brachte. Die Küste ist entsetzlich öde, nur nackte 
Klippen, von Stürmen reingefegt, selten einmal ein paar Fischer- 
hütten dazwischen. Die Dampferfahrt war überdies nicht sehr be- 
haglich dadurch, dafs es ein Transportschiff war und mit uns gegen 
300 russische Fischer fuhren; wir waren froh, als wir am 4. April 
an das Ziel unsrer Reise kamen und von Kapitän Hörn herzlich 
bewillkommt wurden. Der Aufenthalt hier ist in jeder Hinsicht 
lohnend zu nennen. Schon ein paar Tage nach unsrer Ankunft 
wurde ein mächtiger Finnwal (Balaenoptera Musculus) heranbugsiert, 
an dem ich, bereitwillig von der Mannschaft unterstützt, meine 
Studien machen konnte. Es war für uns sehr interessant zu sehen, 
in welcher Weise ein solcher Wal nutzbar gemacht wird, in diesem 
Sommer wird sogar eine Leimfabrik eingerichtet werden. Das 
schöne, verhältnismäfsig milde Wetter gestattete uns gegen zwanzig 
Mal zu dredgen, wobei wir eine Fülle interessanter Tiere erhielten ; 
leider ist seit gestern die Kälte so intensiv geworden, dafs das 
Seewasser in den Gefäfsen sofort gefriert, so dafs wir diese Arbeit 
vorläufig aufgeben müssen und uns auf Jagda\\s&^^<&iv «vs\ ^^^ ^^^ 
der Vogelfauna machen. Sehr interessant iür d\^ \j[\^%\^^ Qtsää \^ 



— 88 — 

das Vorkommen von MergtQus alle, von dem wir zwei Stück schössen, 
(die finnische Expedition an diese Küste hatte, nach Mitteilung des 
Ornithologen Kapitän S0strand, den wir hier kennen lernten, kein 
Exemplar von hier erhalten können), femer haben wir eine seltene 
Anthusart, sowie manches andre erbeutet. Am 17. denken wir 
über Vardö nach Tromsö zurückzukehren, um unverzüglich unsre 
Eismeerfahrt anzutreten. Ich werde von dort aus noch einmal 
berichten. 

Tromsö, den 1. Mai 1889. 

Hiermit erhalten Sie die letzte Nachricht vor unsrer Abreise. 
Morgen segeln wir ab. Die Verzögerung ist dadurch entstanden, 
dafs zwei von unsrer Mannschaft mit dem erhaltenen VorschuTs das 
Weite gesucht haben. Die Leute werden schon im Herbst geheuert, 
erhalten einen oft beträchtlichen VorschuTs, sind aber trotzdem häufig 
kontraktbrüchig. Dieses Jahr ist es eine wahre Kalamität. So liegt 
ein Schiff noch immer im Hafen, welches am 10. April aussegeln 
sollte, weil ein Teil des geheuerten Fangsvolkes nicht gekommen ist. 
Meinen letzten Brief von Port Vladimir haben Sie hoffentlich erhalten. 
Die Rückreise nach Tromsö war von gutem Wetter begleitet. Am 
Nordkyn angelten wir vom Dampfer aus in einer Stunde 90 Dorsche. 
Die meisten bissen gar nicht an, sondern wurden einfach durch die 
starke Angel erfafst und heraufgerissen. Der Tierreichtum in Finn- 
marken ist ein enormer. So sahen wir zwischen Vardö und Vadsö 
einen Zug von Eiderenten, der nicht nach Tausenden, sondern nach 
Hunderttausenden zählte, darunter unzählige Prachteider (Somateria 
spectabilis). In Tromsö angekommen, haben wir unsre Ausrüstung 
vollendet und behielten so viel Zeit übrig, gröfsere Ausflüge, teils 
zu Fufs, teils zu Boot, zu machen. Von den erbeuteten Vögeln 
erregte unser Interesse besonders die Lerche (Alauda arvensis), von 
der wir drei Exemplare schössen. Dieselbe ist 1876 einmal hier 
beobachtet worden, sonst nicht. Der Vogelzug beginnt allmählich, 
freilich ist der Artenreichtum nicht grofs; Gänse, FuUgulaarten, 
Harelda glacialis, Numenius, Austerfischer und einiges mehr. Die 
weiten Fjorde sind bevölkert von Eidervögeln und Möven. Das 
Wetter ist köstlich, die Luft weich und mild, ununterbrochener 
Sonnenschein, um Mitternacht nur leichte Dämmerung; ringsherum, 
so weit das Auge reicht, ein prächtiges, alpines Panorama. Doch 
schmilzt der Schnee nur langsam weg. Vor neuen Schneefällen ist 
man indes keineswegs sicher. Die Tromsöer haben im vorigen Jahr 
am Johannistag noch grofses Schneeschuhwettlaufen gehabt, ja der 
Schnee bat bis in den Juli hinein in Massen gelegen. 



— so- 
was nun die Ausbeute bis jetzt betrifft, so kann ich sehr zu- 
frieden sein. Meine Anwesenheit in Finnmarken trägt mir bereits 
Früchte, da ich von dem Direktor eines Vardöer Waletablissements 
einen prächtigen kleinen Finnwalembryo bekommen habe, dem bald 
mehrere nachfolgen werden. In einem andern Etablissement wird 
ebenfalls für mich gesammelt und präpariert, so dafs ich wohl sagen 
kann, dafs meine Erwartungen noch übertroffen wurden. Unsre 
Aufnahme war überhaupt während der ganzen Reise eine sehr herz- 
liche. Wohin wir auch kamen, überall trat uns die weitgehendste 
Gastfreundschaft entgegen, alles wetteiferte, uns behülflich zu sein. 
Die Wissenschaft steht hier bei diesen einfachen Leuten im höchsten 
Ansehen. Nils Johnson wird versuchen, von vornherein die Nord- 
küste Spitzbergens zu erreichen, was uns natürlich nur recht sein kann. 



Terrain und Landschaft, Arbeiten und Pläne des 

Nicaragua - Schiffskanais. 

Von B. £. Peary, Ingenieur der Vereinigten Staaten Kriegsmarine. 
Hierzu Tafel 3: Pläne und Längenprofile des Nicaragua-Schiffskanals. 



Obschon die nachfolgende Beschreibung einen geographischen 
Charakter trägt, so dürfte es doch am Platze sein, einen kurzen 
geschichtlichen Ahrifs vorauszuschicken. 

Unmittelbar nach der Entdeckung von Amerika hat Nicaragua, 
wegen seines grofsen Inlandsees und anderer physikalischer Merk- 
würdigkeiten und mit seinen natürlichen Vorzügen, die Aufmerksam- 
keit von Männern mit weiter Umsicht und hellem Scharfblick ange- 
zogen und gefesselt, namentlich da es grofse Vorteile für eine 
Wasserverbindung zwischen zwei grofsen Ozeanen darbietet. — Die 
spanischen Entdecker, vom Stillen Ozean zu diesem grofsen Inland- 
see kommend, bemerkten eine Hebung und Senkung seines Niveaus, 
welche durch die Wirkung des Windes auf seine ausgedehnte Wasser- 
fläche erzeugt ward, und nahmen fälschlicherweise an, dafs diese 
Schwankungen das Ergebnis von Ebbe und Flut seien, sie glaubten 
sicher, dafs eine unterirdische Wasserstrafse diesen See mit dem 
Nordmeere verbinde. Als später Machuca den grofsen Flufs, den 
Ansflufs dieses Sees, entdeckt hatte, und das ruhelose Forschen 
andrer Endeckungsreisender jeden Einlafs und jede Bucht zu 
beiden Seiten des amerikanischen Isthmus axjia^^^sxsoA^^^d^^ ^"^ciks^^^ 



— 88 — 

das Vorkommen von MergtQus alle, von dem wir zwei Stück schössen, 
(die finnische Expedition an diese Küste hatte, nach Mitteilung des 
Ornithologen Kapitän S0strand, den wir hier kennen lernten, kein 
Exemplar von hier erhalten können), ferner haben wir eine seltene 
Anthusart, sowie manches andre erbeutet. Am 17. denken wir 
über Vardö nach Tromsö zurückzukehren, um unverzüglich nnsre 
Eismeerfahrt anzutreten. Ich werde von dort aus noch einmal 
berichten. 

Tromsö, den 1. Mai 1889. 

Hiermit erhalten Sie die letzte Nachricht vor unsrer Abreise. 
Morgen segeln wir ab. Die Verzögerung ist dadurch entstanden, 
dafs zwei von unsrer Mannschaft mit dem erhaltenen Vorschufs das 
Weite gesucht haben. Die Leute werden schon im Herbst geheuert, 
erhalten einen oft beträchtlichen Vorschufs, sind aber trotzdem häufig 
kontraktbrüchig. Dieses Jahr ist es eine wahre Kalamität. So liegt 
ein Schiff noch immer im Hafen, welches am 10. April aussegeln 
sollte, weil ein Teil des geheuerten Fangsvolkes nicht gekommen ist. 
Meinen letzten Brief von Port Vladimir haben Sie hoffentlich erhalten. 
Die Rückreise nach Tromsö war von gutem Wetter begleitet. Am 
Nordkyn angelten wir vom Dampfer aus in einer Stunde 90 Dorsche. 
Die meisten bissen gar nicht an, sondern wurden einfach durch die 
starke Angel erfafst und heraufgerissen. Der Tierreichtum in Finn- 
marken ist ein enormer. So sahen wir zwischen Vardö und Vadsö 
einen Zug von Eiderenten, der nicht nach Tausenden, sondern nach 
Hunderttausenden zählte, darunter unzählige Prachteider (Somateria 
spectabilis). In Tromsö angekommen, haben wir unsre Ausrüstung 
vollendet und behielten so viel Zeit übrig, gröfsere Ausflüge, teils 
zu FuTs, teils zu Boot, zu machen. Von den erbeuteten Vögeln 
erregte unser Interesse besonders die Lerche (Alauda arvensis), von 
der wir drei Exemplare schössen. Dieselbe ist 1876 einmal hier 
beobachtet worden, sonst nicht. Der Vogelzug beginnt allmählich, 
freilich ist der Artenreichtum nicht grofs; Gänse, FuUgulaarten, 
Harelda glacialis, Numenius, Austerfischer und einiges mehr. Die 
weiten Fjorde sind bevölkert von Eidervögeln und Möven. Das 
Wetter ist köstlich, die Luft weich und mild, ununterbrochener 
Sonnenschein, um Mitternacht nur leichte Dämmerung; ringsherum, 
so weit das Auge reicht, ein prächtiges, alpines Panorama. Doch 
schmilzt der Schnee nur langsam weg. Vor neuen Schneefällen ist 
man indes keineswegs sicher. Die Tromsöer haben im vorigen Jahr 
am Johannistag noch grofses Schneeschuhwettlaufen gehabt, ja der 
Schnee hat bis in den Juli hinein in "MLaÄS^n %^\^%^\i. 



— so- 
was nun die Ausbeute bis jetzt betriifft, so kann ich sehr zu- 
frieden sein. Meine Anwesenheit in Finnmarken trägt mir bereits 
Früchte, da ich von dem Direktor eines Vardöer Waletablissements 
einen prächtigen kleinen Finnwalembryo bekommen habe, dem bald 
mehrere nachfolgen werden. In einem andern Etablissement wird 
ebenfalls für mich gesammelt und präpariert, so dafs ich wohl sagen 
kann, dafs meine Erwartungen noch übertroffen wurden. Unsre 
Aufnahme war überhaupt während der ganzen Reise eine sehr herz- 
liche. Wohin wir auch kamen, überall trat uns die weitgehendste 
Gastfreundschaft entgegen, alles wetteiferte, uns behülflich zu sein. 
Die Wissenschaft steht hier bei diesen einfachen Leuten im höchsten 
Ansehen. Nils Johnson wird versuchen, von vornherein die Nord- 
küste Spitzbergens zu erreichen, was uns natürlich nur recht sein kann. 



Terrain und Landschaft, Arbeiten und Pläne des 

Nicaragua - Schiffskanais. 

Von B« £. Peary^ Ingenieur der Vereinigten Staaten Kriegsmarine. 
Hierzu Tafel 3: Pläne und Längenprofile des Nicaragua-Schiffskanals. 

Obschon die nachfolgende Beschreibung einen geographischen 
Charakter trägt, so dürfte es doch am Platze sein, einen kurzen 
geschichtlichen Ahrifs vorauszuschicken. 

Unmittelbar nach der Entdeckung von Amerika hat Nicaragua, 
wegen seines grofsen Inlandsees und anderer physikalischer Merk- 
würdigkeiten und mit seinen natürlichen Vorzügen, die Aufmerksam- 
keit von Männern mit weiter Umsicht und hellem Scharfblick ange- 
zogen und gefesselt, namentlich da es grofse Vorteile für eine 
Wasserverbindung zwischen zwei grofsen Ozeanen darbietet. — Die 
spanischen Entdecker, vom Stillen Ozean zu diesem grofsen Inland- 
see kommend, bemerkten eine Hebung und Senkung seines Niveaus, 
welche durch die Wirkung des Windes auf seine ausgedehnte Wasser- 
fläche erzeugt ward, imd nahmen fälschlicherweise an, dafs diese 
Schwankungen das Ergebnis von Ebbe und Flut seien, sie glaubten 
sicher, dafs eine unterirdische Wasserstrafse diesen See mit dem 
Nordmeere verbinde. Als später Machuca den grofsen Flufs, den 
Ausfluls dieses Sees, entdeckt hatte, und das ruhelose Forschen 
andrer Endeckungsreisender jeden Einlafa wnA. ^^öä ^xvsävÄ» t»^ 
beiden Seiten des amerikanischen IsthmuB awsg^xxxvÖÄÖKv^^^^» ^^^^^ 



— 90 — 

verlöschte für immer das ignis fatuus (das Geheimnis des Engpasses). 

Gomara bezeichnete diese Gegend als eine der günstigsten 
Lokalitäten für eine Verbindung zwischen dem Nord- und Südmeere. 
Indessen erst im Jahre 1851 wurde eine genaue und wissenschaft- 
liche Vermessung für die Boute eines Schiffskanals gemacht (von 
dem Obersten 0. W. Chields). 

Diese Vermessung, welche ergab, dafs der See Nicaragua nur 
107 Fufs über der Meeresiläche liege und dafs die Maximalerhöhung 
zwischen dem See und dem Stillen Meere nur 41 Fufs betrage, legt 
die Vorzüge dieser Linie in so unwiderlegbarer Weise dar, dafs es 
bis jetzt nicht möglich gewesen ist, sie unbeachtet zu lassen. 

Im Jahre 1870, unter der Verwaltung des Präsidenten General 
Orant, begann die Vereinigte Staaten Regierung eine Reihe syste- 
matiHch durchgeführter Vermessungen aller Routen über den ameri- 
kaninchen Isthmus, und zwar von Tehuantepec bis zu dem oberen 
Tftil der Gewässer des Rio Strato, und 6 Jahre später unterzog 
eine Kommission, bestehend aus dem Oberingenieur der ünions- 
armee, dem Superintendenten der Küstenvermessung und dem Chef 
des Bureaus für Schiffahrt in der Vereinigten Staaten Marine, die 
angefertigten Pläne und Resultate aller dieser vermessenen Linien 
einer unparteiischen Kritik; sie gab ihre Entscheidung zu gunsten 
der Nicaragua-Route ab. 

Dem Internationalen Kanalkongrefs , welcher in Paris im 
Jahre 1879 abgehalten wurde, lagen so überzeugende Beweise von 
den Vorzügen der Nicaraguaroute vor, dafs er trotz aller sich 
geltend machenden Vorurteile genötigt war, offen zuzugestehen, 
dafs die Vorzüge der Nicaraguaroute für die Anlage eines Schleusen- 
kanals allen andern Routen über den amerikanischen Isthmus vor- 
zuziehen sei. Sowohl im Jahre 1876 wie auch im Jahre 1880 hat Zivil- 
ingenieur A. G. Menocal von der Vereinigten Staaten Marine, welcher 
der Oberingenieur der vorher erwähnten Vermessungen der Regierung 
war, einzelne Teile dieser Route von neuem vermessen und revidiert, 
und im Jahre 1885 hat derselbe Ingenieur mit dem Schreiber dieses 
als Assistenten, eine ganz neue Linie an der caraibischen Seite und 
zwar von Greytown bis zu dem San Juanflufs, nahe der Mündung 
des San Carlosflusses in denselben, gemessen. Diese Vermessungen 
an der östlichen Seite des Nicaraguasees waren meistenteils gänz- 
lich auf den San Juanflufs selbst und seine unmittelbaren Ufer be- 
schränkt, während die Gegenden an der andren Seite, jenseits dieser 
schmalen Grenze, bis zum Jahre 1885 gänzlich unbekannt waren. 
Es waren jene Gegenden, wo scharfspitzige, vulkanische Hügel und 
scbmale Bergrücken^ bedeckt von lioYieii ^\^acvi öä«.^^^^^.^ ^di 



— 91 — 

erheben, wo breite, flache Thäler sich öffiien, tiberzogen mit ver- 
schiedenartig schattiertem Grün, das hier und da im Frühling von 
scharlachroten Massen des blühenden Ibo durchsetzt wird; die leb- 
haft grünen saccato- Wiesen und Lagunen werden oft von Vögeln 
besucht, die sich im Glanz der Tropensonne wiegen. 

In jenem Jahre 1885, in welchem der Schreiber dieses ein 
thätiger Teilnehmer war, wurde eine ziemlich direkte Linie über die 
Gegend, von einem Punkte am San Juanflusse, nahezu 3 miles 
unterhalb der Mündung des Rio San Carlos, bis Greytown, eine 
Entfernung von 31 miles, vermessen. Vergleicht man diese Linie mit 
den beiden andern und zwar zuerst mit der den Flufs entlang ge- 
nommenen, welche 56 miles, und derjenigen der früher projektierten 
Eanallinie, welche 42 miles beträgt, so ergiebt sich, dafs die Erstere 
vorzuziehen ist. 

Die Pläne für einen Schiffshanal^ welche das Ergebnis dieser 
letzten Vermessungen bildeten, waren so befriedigend vollständig 
und dabei ökonomisch, und auf so sorgfältige Ermittelungen gestützt, 
dafs sie sofort die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zogen. 
Nachdem eine Konzession von der Regierung von Nicaragua erlangt, 
wurde der Schreiber dieses als Chef mit einer endgültigen Ver- 
messung betraut und begab sich derselbe mit einigen 40 Ingenieuren 
und Assistenten und 150 Arbeitern von Newyork aus zu solcher 
Nachvermessung und endgültigen Aussteckung des Kanals, der Vor- 
bereitung für den Bau selbst, nach Nicaragua. 

Die Kenntnis von dem Lande, welche ich durch eigene An- 
schauung und Erfahrung bei den vorhergehenden Vermessungen 

erworben hatte, ermöglichten es mir, ohne viel Zeitverlust die ver- 

« 

schiedenen Teile der letzten Aufnahme sofort aufzufinden, dieselben 
in der vorteilhaftesten Weise zusammenzustellen, und so die Arbeiten, 
soweit es sich mit der Genauigkeit vertrug, rasch zu fördern. 

Die Expedition nahm die Linien der früheren Vermessungen 
vorläufig wieder auf, mafs und nivellierte dieselben nochmals sorg- 
faltig nach; Seitenlinien wurden gelegt und gemessen, die lokalen 
Verhältnisse, welche man dabei kennen lernte, wurden dabei fest- 
gestellt; die Linien wurden weiter ausgedehnt und auf dem Terrain 
abgesteckt. Querprofile von 300 F. Länge an jeder Seite wurden 
so gelegt, dafs dieselben über die äufsersten Böschungen des Kanals 
sich erstreckten und zwar waren dieselben 100 F. von einander 
entfernt. Häufige Bohrungen zur Untersuchung des Bodens innerhalb 
dieser Profillinien wurden vorgenommen und alle Flüsse ausgemesaen. 
Das Ergebnis aller dieser Arbeiten, welches a.\xX. äOääxI Yöto^^^^^^^^ 
Daten beruhte, die durch die angewandleu \iv&\.txwcÄ^^ ^^^^sssässö. 



— 92 — 

wurden, sowie detaillierte Karten und Profile, welche die ganze 
Linie von Greytown bis Brito umfafsten, konnte am Ende des achten 
Monats nach Newyork versandt werden, wo die Berechnungen der 
Quantitäten und der Kosten vorgenommen wurden. 

Die erste grofse natürliche Formation von Nicaragua, welche 
die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, ist der grofse See, Dieser See 
mit einem Flächeninhalt von über 3000 Quadrat miles und einem 
Entwässerungsgebiet von über 8000 Quadrat miles löfst nicht nur 
gleich von vorn herein die Frage der Wasserversorgung für den 
Kanal, sondern ist einzig in seiner Art in dem Gröfsenverhältnis 
seines eigenen Flächeninhaltes zu demjenigen seines Entwässerungs- 
gebiots. 

Das Verhältnis erhellt sofort in den sehr allmählichen Ver- 
ändorung(ui dos Niveaus des Sees, Veränderungen, die auf sehr 
enge» (Jronaou boschränkt sind. Der Unterschied des Niveaus des 
SooM am Sohlufs eines ausnahmsweise trockenen und eines unge- 
wHhnlioh nassen Jahres beträgt nicht mehr als 10 Fufs und das 
gowOlmliohi^ jährliche Steigen und Fallen ist nahezu 5 Fufs. 

Dlo nächsten Tatsachen, welche die Aufmerksamkeit anregen, 
Nittd (lor m\it schmale Streifen von Land zwischen dem westlichen 
tlft^t* Am Süos und dem Stillen Ozean, und das gänzliche Fehlen 
V(m Ntutlichen Zuflüssen irgend welcher Bedeutung in der oberen 
Itülftn des San Juanflusses. Dieser Flufs ist in der That das, was 
tif ursprünglich genannt wurde, einfach der Desaguadero, d. h. der 
Abloitungsflufs des Sees. Die Länge dieses Flusses ist vom See 
bli zum Garaibischen Meere 120 miles und sein gesamtes Gefälle 
Mwischen 100 und 110 F. Er ist von der Natur in zwei nahezu 
gleiche Teile zerlegt, welche einen scharf ausgeprägten verschiedenen 
Charakter haben. 

Von dem See bis zur Einmündung des San Carlosflusses, eine 
Entfernung von 61 miles, eine Strecke, in welcher verschiedene 
Stromschnellen vorkommen, ist das gesamte über diese Länge sehr 
ungleichmäfsig verteilte Gefälle 50 F. Die Geschwindigkeit des 
Abflusses an der Oberfläche wechselt deshalb; so dafs auf einer 
kurzen Strecke, in den Stromschnellen von Castillo, dieselbe 
83,88 Zoll auf die mile beträgt, während diejenige unterhalb der 
Machucastromschnellen durch die Agua Muerte oder das tote Wasser 
nur 0,9 Zoll auf die mile ist. 

Die durchschnittliche Weite des Flusses im oberen Teil ist 

700 F., seine geringste Weite 420 F. ; die durchschnittliche Tiefe bei 

niedrigem Wasserstand ist 17 F. In gewissen Teilen der Agua Muerte 

beträgt die Tiefe bO F., ja an manchen S\Ä\!L«ti äo%%.x IQ ^ . \sl 



— 93 — 

diesem Teile des Flusses sind sehr wenige Inseln; seine Ufer sind 
mit hohen Bäumen bewachsen, welche durch Schling- und Lauf- 
pflanzen scheinbar zu einem Ganzen verbunden sind. Durch die 
ganze untere Hälfte dieses Teiles von den Toro-Stromschnellen 
bis zur Einmündung des San Carlos ist der Flufs zwischen steilen 
Hügehi und Bergen eingezwängt. Da in diesem TeUe, wie bereits 
bemerkt wurde, erhebliche Zuflüsse fehlen, so ist das Steigen und 
Fallen des Stromes nahezu gleich dem des Sees, es findet folglich 
wie in diesem allmählich statt und ist in seinem Umfang beschränkt. 

Der geringste Abflufs des Stromes (das Mittiöl von 6 Messungen, 
welche am Ende eines ausnahmsweise trockenen Jahres vorgenommen 
wurden) betrug 12.286 Kubikfufs in der Sekunde. 

Der gröfste Abflufs ist sehr verschieden gefunden worden, dürfte 
aber wohl nicht weniger als 20.000 Kubikfufs in der Sekunde sein 
und würde demnach mit dem Geringsten in dem Verhältnisse von 
1 : 1.63 stehen. Der San Juan-Flufs ändert seinen Charakter unter- 
halb des San Carlos-Flusses gänzlich. Seine durchschnittliche Breite 
ist 1250 F. und seine durchschnittliche Tiefe im Thalweg beträgt 
8 F. bei niedrigem Wasserstande. Sein Boden ist sandig. Er 
hat zahlreiche Inseln, und sein Fall, welcher beinahe gleichmäfsig 
ist, beträgt einen Fufs auf die mile. Der Zuflufs in diesem Teil, 
von den beiden grofsen Nebenflüssen San Carlos und Sarapiqui, 
welche von den steilen Abhängen der Costa Rica Vulkane herab- 
kommen, verursacht ein weit rascheres und beträchtlicheres Steigen 
und Fallen des Niveaus, als in den oberen Teilen dieses Flufses. . 
Nach den gemachten Aufzeichnungen betrug der Unterschied zwischen 
dem niedrigsten und gröfsten Wasserstand, unterhalb der Mündung 
des Sarapiqui 25 F. Zwischen diesen beiden Extremen lag ein 
Zeitraum von 15 Jahren. 

Der Wechsel vom niedrigen Stand zu einem hohen und um- 
gekehrt wird schwerlich 15 F. übertreffen, wenn überhaupt diese 
DifEerenz erreicht wird; das plötzliche Steigen und Fallen, 
welches in einem Zeitraum von 24 Stunden vorkommt, überschreitet 
kaum 6 F. Der geringste Abflufs in diesem Teile des Stromes 
ist beinahe 16,770 Kubikfufs in der Sekunde und der gröfste Ab- 
flufs ist nicht weniger als 54,000 Kubikfufs in der Sekunde, ein 
Verhältnis wie 1 : 3.22. 

Alle diejenigen, die mit dem Klima der tropischen Länder ver- 
traut sind, können sich leicht vorstellen, dafs die Ausführung einer 
Vermessung in diesen Gegenden eine mit grofsen SchwierigkeitA\\. 
verbundene Arbeit ist. Die Erlebnisse der lagemevÄ^ \i^%\ÄXÄföö. -»»ä 
einer Beibenfolge von Überraschungen, welche gfeN^^\fl^'^ ^ÄÄXi%«wäD^ 



— 94 — 

waren, und welche immer unerwartet kamen. In keinem andern 
Lande des Erdballs findet der Reisende, der Naturforscher und der 
Ingenieur solche fortwährend wechselnde Schwierigkeiten seiner 
Unternehmungen, als hier. Nur durch Übung, Kenntnis und bestän- 
dige unermüdliche Energie, gestützt aufserdem auf Monate lange Er- 
fahrung, kann der Chef einer Abteilung eine Linie von einer Mile- 
Länge als von seiner Partei in einem Tage vermessen bezeichnen. 
Jeder topographische Charakterzug dieses Landes ist versteckt unter 
tropischem Wuchs grofser Bäume, welche so dicht mit ('em Unter- 
holz verwachsen sind, dafs es eben für einen Mann, der mit weiter 
nichts als seiner Büchse versehen ist, unmöglich wird, seinen Weg 
durchzuzwingen ; er mufs sich mit einem kurzen und schweren Messer 
oder Schwert den Weg durchhauen. Unter solchen Umständen 
wird oftmals der kundigste Jäger und routinierteste Ingenieur auf 
100 Schritte am Fufs eines beträchtlichen Hügels passieren, ohne die 
entfernteste Ahnung von dessen Vorhandensein zu haben; an einer 
andern Stelle wird er vielleicht vom Rande eines Abhangs entfernt 
sein, an dessen Fufse ein bedeutender Flufs sich befindet, von dessen 
Nähe er nichts wissen konnte. 

Unter schwierigen Verhältnissen mufste die Topographie dieses 
Landes ausgefunden werden; es war eine ähnUche Aufgabe, wie, 
wenn sich jemand in der Dunkelheit mit der Ausstaffierung eines ihm 
fremden Zimmers genau bekannt machen wollte. In Rekognoszierungs- 
und Vorbereitungsarbeiten wird der erfahrene Ingenieur in vielen 
Fällen fähig sein, Hindernissen aus dem Wege zu gehen, ohne dadurcli 
das Resultat seiner Arbeit zu beeinträchtigen, allein in der endlichen 
Bestimmung der Grenzen, der vollständigen Aussteckimg von Kurven 
und in der Weiterführung der Tangenten, welche tausende von Fufsen 
das Land durchkreuzen, ist kein Ausweichen oder Umgehen möglich. 
Auf den Bergen und erhöhtem Terrain kann der Ingenieur, vergleichs- 
weise, sehr bequem fertig werden, weil seine hauptsächlichste Plage 
einesteils der unebene Charakter des Bodens ist, welcher ihn nötigt, 
sein Instrument öfter aufzustellen, und er andernteils hier und da ge- 
zwungen wird, einige Riesenbäume, die ihm in den Weg treten, aus dem 
Wege zu schaffen. In den Thälern und niedrigen Landstrichen ist 
ein beständiger Wechsel von Hindernissen. Die Linie mag manchesmal 
auf einige Entfernung über ziemlich wagerechten Grund gehen, mit 
verhältnismäfsig offenem Gebüsch ; da mit einem Male, ohne vorheriges 
Anzeichen, liegt der Rumpf eines gefallenen Baumes im Weg, und 
Stunden vergehen, bevor ein Weg über die gebrochenen Äste und 
den in Stücke zerfallenen Rumpf, ein durch Ranken und Schling- 
gewäcbae vereinigtea Ganze, gebahnt weid^ii Yasfli, ^\ä ^\sv vrenig 



— 95 — 

weiter und man durchkreuzt einen Flufs, welcher vielleicht innerhalb 
der nächsten tausend Fufs vier- bis fünfmal dieselben Hindernisse 
bildet. Der Ingenieur mufs entweder steile Hügel hinabsteigen, da 
die Flüsse sich gewöhnlich tief in dem harten Lehme dieser Thäler 
durchgegraben haben, dann hat er den Flufs zu überschreiten und, 
auf der andern Seite angekommen, wieder den Hügel hinaufzuklettern, 
oder er mufs einen Baum über den Flufs von Ufer zu Ufer legen 
und dann auf diesem schlüpfrigen Rumpf, oft 20 bis 25 Fufs über 
dem Wasser gelegen, das jenseitige Ufer zu erreichen suchen. Ent- 
weder in der unmittelbaren Nähe des Ufers oder nicht weit vom 
Flusse entfernt, kann man fast immer sicher sein, auf eine saccate, 
ein abgeholztes Stück Land, zu stofsen. Dieses mag entweder nur 
ein- oder zweihundert Fufs, oder es kann auch eine halbe mile 
breit sein ; im ersteren Falle ist das Gras der saccate 10 bis 15 Fufs 
hoch und so verwickelt und gleichsam verwoben mit Schlinggewächsen 
und Domsträuchem, dafs man, ähnlich wie durch eine Hecke, einen 
Tunnel durchhauen mufs. 

Wenn diese saccate grofs, so ist man genötigt, einen Weg 
durch das zähe drahtartige Gras, ^yelches nicht höher als Mannes- 
höhe ist, durchzuhauen. Die Sonne, welche senkrecht in diesen 
durchgehauenen Weg scheint, erhitzt denselben so fürchterlich, dafs 
die Klingen der Machetes, welche zum Durchhauen benutzt werden, 
fast glühend werden und nicht mehr in den Händen gehalten werden 
können. 

Aber weit schrecklicher als alles, was bis jetzt erwähnt wurde, 
sind die „Silico" oder schwarzen Palmemümpfe. Einige derselben, 
in den gröfseren Thälern und nahe der Küste gelegen, haben eine 
Ausdehnung von mehreren miles. Diese Sümpfe, welche aus- 
schliefslich von niedrigen Silicopalmen eingenommen werden, sind in 
der Regenzeit vollkommen unpassierbar, ausgenommen für Affen 
und Alligatoren; und sogar am Ende der trockenen Jahreszeit 
betritt der Ligenieur einen solchen Sumpf mit gesunkener 
Stimmung, nein mit sinkenden Füfsen, und müde und abgespannt 
am ganzen Körper verläfst er ihn wieder. Es ist hier mit den 
gröfsten Schwierigkeiten verbunden, einen Platz für die Aufstellung 
eines Instrumentes zu finden. Gewöhnlich sucht man eine Erhöhung, 
die aus einer Gruppe Wurzeln dieser Palmen gebildet wird; so 
gehend von einem Punkt zu dem andern, ist man gezwungen, bis 
zum Knie, oder gar bis Schulterhöhe in den schwarzen Morast oder 
auch im Wasser zu waten. Sogar allgemeine Rekognoszierungen, 
welche von hohen Bäumen aus auf erhöhtem Tetx^AiL NOt^^CLWcmÄö^ 
werden^ und welche einfach genug in Theorie eiadcievxiea, «oAm «oä^o^ 



— 96 — 

Lande, das so verborgen und geheimnisvoll ist, wie dieses, bei weitem 
nicht so leicht; noch sind deren Resultate, ohne den Aufwand von 
Zeit, Arbeit und Geduld, zuverlässig. Auf ebenem oder allmählich sich 
abflachendem Terrain sind die Gipfel der Bäume, obgleich 150 F., 
von dem Grund entfernt, hoch, so eben, wie der obere Teil einer 
verschnittenen Hecke. Sogar ein vereinzelter Berg, rund in seiner 
Grundform, bietet schwerlich gröfsere Erleichterungen, weil die Bäume 
an dem Fufse und den Seiten, in ihrem Bestreben dem-6onnenlichte 
näher zu kommen, gröfseren Wuchs haben, denn jene, die auf der 
Kuppe stehen, und es existiert in Wirklichkeit kein einziger Baum, 
der die andern beherrschte. 

Wenn immer ein isolierter Berg von einigen hundert Fufc 
Höhe gefunden wird, so werden seine verlängerten Seiten in eine 
scharfe Spitze endigen. Drei oder vier kräftige mit Beilen versehene 
Männer, welche die nahestehenden Bäume aus dem Weg zu räumen 
haben, werden mit einer Tagesarbeit den Weg bahnen, der fär ein 
Studium der allgemeinen Erhebung ui'd Ortsbestimmung des an- 
Hegenden Terrains hinreicht. Wenn der Beobachter glaubt, nachdem 
diese Vorbereitungen vollendet siad, dafs er nur den Baum zu er- 
klettern und zu verzeichnen braucht, was er von da aus sieht, um 
zuverlässige Kenntnis des umhegenden Terrains zu bekommen, so 
wird er oft auf die unangenehmste Weise überrascht. 

Wenn er die Besteigung um Mittag macht, so wird er, nachdem 
er sich von der erschöpfenden Anstrengung ausgeruht und abgekühlt 
hat, vor sich eine schimmernde Landschaft ausgebreitet sehen, in 
welcher der einförmig grüne Teppich, verbunden mit dem Strahlen- 
lichte der vertikalen Sonne, alle Unterschiede, mit Ausnahme der 
hervorragenden Ungleichheiten des Terrains, verwischt und Berge 
und Gebirgsketten, von welchen die eine oft mehrere miles hinter 
der andern Hegt, zu einem Ganzen verschmolzen erscheinen, von 
dem sich nur das Profil im Luftraum abhebt. 

Unter solchen Umständen können natürlich Schätzungen der 
Entfernungen nur innerhalb einer Wahrheitsgrenze von 100 ®/o liegen. 
Es sind zwei Wege, um zuverlässige Auskunft dieser Bekognoszierungen, 
welche von den Gipfeln der Bäume aus gemacht werden, zu gewinnen. 
Wenn dieselben in der Regenzeit vorgenommen werden, so mofs der 
Beobachter für die Arbeit eines ganzen Tages, den er zur Benutzung 
auserkoren, vorbereitet seia, und wenn er des Morgens den Baum 
besteigt, nimmt er eine leichte Schnur mit sich hinauf, mit der er 
seinen Kaffee und das Essen nach Bedarf hinaufziehen hann. ünter- 
stützt durch die auf einander folgenden Regengüsse, welche über die 
Landschaft streichen und die T\iä\ei YimaxÄ %«\^.^ n^^xärpcl^ die Ober- 



— 97 - 

reste in den Hohlwegen zurücklassen und die verschiedenen Berg- 
ketten mit grauen Wänden umkleiden, ist die erste Errungenschaft 
dieser und dann jener Richtung der Sektion durch Schätzung gemacht 
und eine ziemlich akkurate Skizze kann nach und nach angefertigt 
werden. Die Übergangszeit eines solchen Regengusses von einer 
Bergspitze zur andern, oder nach dem Beobachter hin, mag ebenfalls 
als ein nicht zu unterschätzender Hinweis für die Bestimmung von 
Entfernungen» verwertet werden. In der trockenen Jahreszeit kann 
der Beobachter von der Zeit vor Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang 
auf seiner Vogelposition auf dem Baume bleiben, oder er kann zwei- 
mal den Baum erklettern ; thut er das Letztere, so hat er das erste 
Mal sehr früh des Morgens und das andere Mal des Nachmittags den 
Weg zum Gipfel zu machen. In diesem Falle werden die am Morgen 
langsam sich verziehenden und die beim Sonnenuntergang allmählich 
sich sanmielnden Nebel zusammen mit dem sich immer verändernden 
Licht und Schatten bei Sonnenauf- und Untergang das Relief des 
Terrains herausheben, indem diese Veränderungen die entfernten 
Bergketten und den Lauf der gröfseren Flüsse in hellerem Lichte 
darstellen. Diese Arbeit kann nicht einem jeden übertragen werden, 
da aufser der anstrengenden Leistung, die durch das Besteigen der 
höchsten Bäume bedingt ist, auch andre ernstliche Beschwerden 
damit verbunden sind. Der Besteiger des Baumes kann beinahe 
mit Gewifsheit darauf rechnen, dafs ein giftiges Insekt, welches er 
gestört hat, sich durch einen grausamen Stich, den er ruhig erdulden 
mufs, revanchieren wird. Oder er wird an einigen dornigen Schling- 
pflanzen seine Kleider zerreifsen und seine Haut verletzen ; oder eine 
andere Schlingpflanze, die er in seiner Kletterarbeit gequetscht hat, 
wird durch ihren Saft ihn auf eine lange Zeit tättowieren. Es mag 
sonderbar erscheinen, dafs weder eine Fliege, Moskito noch auch 
andre Insekten am Fufse des Berges sich aufhalten, während um 
den Gipfel desselben Myriaden von winzig kleinen schwarzen Fliegen, 
welche Hände und Gesicht gleichsam bedecken und äufserst belästi- 
gend sind, kreisen. 

Anderseits mag der Beobachter durch den Wohlgeruch einiger 
prächtiger Orchideen, die in einem ihm nahe schwebenden Aste blühen, 
und wodurch seine Geruchsorgane mit Wohlbehagen erfüllt werden, ent- 
schädigt werden ; auch seinen Blicken bieten sich Genüsse, wenn er die 
Regengüsse verfolgt, wie sie über die grünen Teppiche dahinfliegen. 
Lauschend vernimmt er das Getöse, mit welchem die grofsen Regen- 
tropfen auf die Baumwipfel einfallen; und wenn endlich der Regen 
den Baum erreicht hat, auf welchem sich der Beobachter befindet^ 
gieht er, wie die Zweige des alten Riesen. xm^atTCÖCkfexiA.^ \i^^ \i^Ä.^ 

GeograpbiBcbe Blätter. Bremen 1889. 1 



— 98 — 

bald her geworfen werden, schwindelig schwankend mit ihm bald 
vor-, bald rückwärts, mit den blendenden Schaumgebilden, die weit 
Überhängen. 

Die Arbeiten, welche dem Schreiber persönlich zufielen, waren 
durchweg Rekognoszierungen, bestehend in der Untersuchung (mittelst 
eines kleinen Bootes) aller derjißnigen Flüsse, die in der Umgebung 
der projektierten Kanallinie lagen, d. h» der Bestimmung ihrer Quellen, 
des Charakters ihrer Thäler und der ungefähren Wasserscheide; so- 
dann galt es, mit Kompafs und Aneroid schnell gerade Linien zu 
verfolgen, die einen Flufs oder den obersten Teil eines Thaies mit 
einander verbanden, und welche dann eine Basis für einen allgemeinen 
Skizzenplan dieses Thaies bildeten ; und endlich handelte es sich um 
das Erforschen weiter gelegenen Terrains von hohen Baumwipfeln aus. 
Das Letztere ist bereits beschrieben worden, bei der andern Aufgabe war 
das Verfahren sehr ähnlich demjenigen der Partie, welche die Haupt- 
linien vermafs. Bei dieser Gelegenheit begleiteten mich drei oder 
vier abgehärtete „huleros" (Gummijäger), von denen zwei die wol- 
lenen Decken, die Moskitonetze und den Proviant für einige Tage 
zu tragen hatten, während einer oder zwei den am leichtesten 
und brauchbarsten Weg durchzuhauen und dabei sich auszeichnende 
Bäume zu markieren hatten. Bei einem solchen Tagesmarsch von 
fünf bis acht miles Enfernung — das war die höchste Tagesleistung 
selbst einer so leichten, rastlos thätigen und erfahrenen Partie — 
wurde alle mögliche oder unmögliche Art des Vordringens versucht 
und allmählich fanden gänzlich ermüdete Männer in ihren harten und 
engen Betten Ruhe. 

Die Rekognoszierungen mit kleinen Böten waren angenehmer, 
doch waren auch einige recht unangenehme Eindrücke mit genuls- 
reichen verbunden. Das Durchfahren der unteren Abteilungen der 
seitlichen Nebenflüsse des San Juan, obschon weniger mühsam als 
dasjenige nahe an ihren Quellen, gehört, abgesehen von ausnahms- 
weise günstigen Verhältnissen, nicht zu den Annehmlichkeiten. Die 
unzähligen Stämme umgefallener Bäume, welche den Flufs versperren, 
und über oder durch welche das Boot in Wirklichkeit gehoben 
werden mufs, sodann das geradezu unvermeidliche Umstürzen des 
Bootes früher oder später, ferner die monotonen roten Ufer zu 
beiden Seiten und die Notwendigkeit, des Nachts sich in einem Bett 
niederzulegen, welches die Herden der diese Thäler bewohnenden 
wilden Schweine in den lehmigen Boden niedergetreten haben, gehören 
nicht zu den angenehmen Vorkommnissen. Von da aus, wo die 
Schiffahrt der kleinen Böte in diesen Nebenflüssen aufhört, bis zu 
deren Quellen ist der Charakter deraeüöen ^tozXiek xou dem ujiteni 



— 99 — 

Teile verschieden, der Schreiber dieses hat sowohl im Jahre 1888, 
als auch früher in 1885 dieselben weit hinauf bis auf die Kuppe 
der Berge verfolgt und ihre Schönheit lebt noch frisch in seinem 
Gedächtnis, als wäre es erst gestern gewesen. 

Die Bemannung des Bootes bei diesen Rekognoszierungen be- 
stand gewöhnlich aus drei auserlesenen Leuten, und nachdem das 
Boot, soweit als es der Flufs gestattete, stromaufwärts gefahren 
war, wurden zwei von ihnen bei dem Boote gelassen, während der 
dritte und beste, nachdem derselbe die Decken, die Stangen, ein 
wenig Kaffee, Zucker und Milch auf seinen Rücken geladen hatte, 
dem Schreiber dieses folgte. Watend durch das niedrige Wasser 
aufwärts in der Thalsohle des Flusses, und während ich die Lage 
des Landes skizzierte und Entfernungen schätzte, war mein „hulero" 
auf der Wacht, einige schlaftrunkene Fische in dem klaren Wasser 
zu erschlagen. Die Quelle des Flusses wurde gewöhnlich nach Ab- 
lauf des Tages erreicht. — Wir trafen niemals Vorbereitungen, um 
in einem Bett zu schlafen, dieses lieferte vielmehr der reinliche gelbe 
Sand, der in Zeiten der Überschwemmungen vom Flusse ausgewaschen 
wurde; aber was ich zu beschaffen hatte, war ein fetter Truthahn, 
welcher von meinem Gürtel herabhing, während mein Gefährte ein 
bis zwei Bündel der schönsten Fische zur Zubereitung niederlegte. 

Der grofse See, welcher die Quelle des San Juanflusses bildet, und 
derjenige Teil von Nicaragua, welcher westlich des Sees liegt, sind 
vermutlich hinreichend bekannt, und ich werde meine Mitteilungen 
deshalb hauptsächlich auf die nach dem Caraibischen Meere zu gelegenen 
Gegenden beschränken, d. h. die Region, welche sich von Osten nach 
Westen bis zurück zu der Bergkette erstreckt, durch welche der 
San Juanflufs sich seinen Weg gebahnt hat, bevor er sich mit dem 
San Carlosflusse vereinigt, und diese Regionen bilden eben jene un- 
bekannten Strecken, deren Topographie bei den beiden letzten Ex- 
peditionen ermittelt worden ist. Beinahe 3 miles unterhalb der 
Mündung des San Carlosflusses in den San Juanflufs tritt der Caüo 
Machado in den San Juanflufs ein, und zwar am nördlichen Ufer 
desselben. Dieser Flufs, beinahe 100 F. breit und 8 — 10 F. tief, 
ist der letzte der reifsenden Bergnebenflüsse, die in den San Juan- 
flufs fliefsen. — Man kann kaum sagen, dafs der Flufs ein Thal hat, 
er nimmt vielmehr als sein Bett eine unebene Kluft ein, welche sich 
einige miles nördlich und nordwestlich in die östliche Flanke der 
Gordillera erstreckt. Alle Arten von durch vulkanische Bildung 
erzeugten Felsarten kann man in dem Bett dieses Flusses finden, 
von dem leichten porösen Bimstein bis zu dem dicht ^jCÄ'^'JiSadckfeTL 
grünlich-schwarzen Basalt. Achate sind geviÖVixKi^ NOfÄ^axAsö. ^xsÄ. 

1* 



— 100 — 

häufig Massen von Jaspis. Weiter hinauf kommen Ausbrüche von 
Trapp im Liegenden vor, an einigen Stellen mit unzähligen Adern 
von Achaten durchzogen. 

Zwölf miles unterhalb des Machado fliefst der San Frcmdsco 
in den San Juan. Dieser Flufs entwässert mit seinen Nebenflüssen 
ein grofses sumpfiges Thal, in welchem in unregelmäfsiger Verteilung 
kleine Anhöhen und Hügel hervortreten. Mehrere miles aufwärts 
vom San Juan ist es ein zwischen schlüpfrigen Ufern langsam 
fliefsender trüber Flufs; dann wird das Flufsbett allmählich kiesig, 
darauf felsig und endlich verwandelt es sich in tiefe, mit mächtigen 
Steinblöcken gefüllte Schluchten. Der Hauptarm des San Francisco 
kommt von NW. Ein grofser Nebenflufs indessen entspringt östlich 
in einem Höhenzug, welcher das Flufsgebiet des San Francisco von 
der caraibischen Wasserscheide trennt. Ungleich dem schon be- 
schriebenen besteht dieser Höhenzug aus einer ununterbrochenen Masse 
von dichtem, homogenen Hypersthen-Andesit, und Trapp tritt sowohl 
auf seinem östUchen als auf seinem westlichen Abhang nur fragmen- 
tarisch auf. Dieser Höhenzug endigt an der Tamborcitobiegung 
des San Juan, vier miles unterhalb der Mündung des San Francisco; 
es ist der letzte östliche Ausläufer von dem Hauptgebirge im Innern. 
Zwischen denselben und der Küste sind Gebirgsmassen von gleicher 
und auch von gröfserer Erhebung, insbesondere der 1500 F. hohe 
El Gigante und der SiUcoberg ; dies sind isoliert stehende Berge, deren 
unzählige Ausläufer entweder in Sümpfen oder am Flufsufer endigen, 
Die Gewässer, welche den östlichen Abhang dieses Höhenzuges 
hinabfliefsen, sind von ihren Quellen bis zur Niederung von beinahe 
idyllischer Schönheit : im Anfange kleine rauschende Bäche, die über 
schwarzen Felsen in V förmigen Schluchten hinunter schäumen, ge- 
winnen sie rasch an Stärke und fliefsen in einem in schwarzem 
Trapp glatt eingeschnittenen Bette dahin, hin und wieder Wasser- 
fälle von 20 bis 25 Fufs Höhe, auch hier und da tiefe grüne Weiher 
bildend, um endlich, am Fufse angelangt, auf breiten und flachen, 
aus gelbem Kies bestehenden Lagern dahinzugleiten. Das Wasser 
dieser Flüsse ist kühl, klar und schäumend, wie das eines Alpen- 
flusses ; die Insektenplage der Tropen ist in den hochgelegenen Teilen 
der Thäler dieser Gewässer unbekannt, wie ich denn mehr als 
einmal am Ufer eines dieser Flüfschen 300 F. hoch über dem 
Meere, ohne den Schutz eines Moskitonetzes sanft und süfs geschlafen 
habe, eingewiegt von dem Murmeln des Baches, mit welchem sich 
das Bauschen der Baumwipfel im Passatwinde, und der leise, durch 
diesen beraufgetühite Widerhall der fernen Brandung des Caraibischen 
Meeres mischte. 



— 101 — 

Der Boden dieses Höhenzuges besteht bis zu einer Tiefe von 
10 bis 40 F. aus verschiedenen Arten Thon, worunter der rote 
vorherrscht. In den Thälern ist dieser Thon beinahe stets von sehr 
dichter Beschaffenheit und tief roter Farbe. Von dem FuTs des 
Höhenzuges bis zur Küste erstreckt sich in einer Ausdehnung von 
12 miles eine flache hier und da von Lagunen und Sümpfen unter- 
brochene Niederung.. In der Nähe der Berge, wo die Höhe des 
Bodens über dem Meere 15 F. beträgt, besteht derselbe beinahe 
ganz aus jenem roten Thon, und hier und da finden sich kleine Er- 
höhungen desselben Materials. Etwa 6 miles von der Küste ver- 
schwindet der Thon allmählich unter einer Sanddecke, welche wiederum 
von einer mehrere Fufs mächtigen Humusschicht bedeckt ist. Von hier 
bis zur Küste ist die durchschnittliche Erhebung ungefähr 5 F. 
über dem Meere und nur Sand und Humus werden hier angetroffen. 
Nicht weit von der Küste verschwindet auch der letztere, und es 
bleibt nur der in unbekannte Tiefe reichende und sich in das Meer 
hinaus erstreckende Sand. 

Viel ist über das Klima von Nicaragua und über seinen Ein- 
flufs auf die hieher kommenden Bewohner nördlicher Länder gesagt 
worden ; es scheint, dafs man diese Frage angesichts der zahlreichen 
Expeditionen der Vereinigten Staaten und der Berichte der denselben 
zugeteilten Ärzte nunmehr als endgültig erledigt betrachten kann. 
Selbst für jene hartnäckigen Zweifler, welche nicht begreifen können, 
dafs zwei einander so nahe liegende Landstriche wie Panama und 
Nicaragua dennoch ein grundverschiedenes Klima haben können, 
selbst für diese Zweifler müssen die Erfahrungen der jüngsten Ver- 
messungsexpedition überzeugend sein. 

Nur fünf der Mitglieder dieser Expedition waren je vorher in 
einem tropischen Klima gewesen; die Kettenzieher und sonstigen 
Gehülfen waren junge Leute, welche eben die Universität verlassen 
hatten und weder je vorher Handarbeit verrichtet, noch auch eine 
Nacht im Freien geschlafen hatten. In Greytown noch während der 
Regenzeit angekommen, bestand ihre erste Arbeit darin, Vorräte und 
Ausrüstung an die Stelle der verschiedenen Lagerplätze zu schaffen. 
Dies mufste mit kleinen Böten geschehen und zwar auf Flüssen, 
welche vielfach durch gefallene Bäume gesperrt waren. Einige Partien 
brauchten eine Woche zur Erreichung ihres Bestimmungsortes, bei 
Tage wateten und schwammen sie, schoben und trugen dabei ihre 
Böte über Hindernisse, bei Nacht schliefen sie auf dem Boden unter 
freiem Himmel. Eine Partie arbeitete 6 Monate in der sumpfigen 
Region gerade hinter Greytown und mehrei^ axv&t^ ^^^^ä^äw ^<sö. 
80 lange in den ebenso unangenehmen Sräcipt^Tv ^^% ^^^ ^xw^^^a^^- 



— 102 — 

thales. Mehrere der Teilnehmer dieser Arbeiten sind noch jetzt 
dort so gesund und frisch wie jemals. Bei Gelegenheit seiner In- 
spektionstouren hat der Schreiber dieses verschiedentlich mehrere 
auf einander folgende Tage und Nächte in den Wäldern zugebracht, 
und zwar mit der unausbleiblichen Zugabe von Sümpfen und Regen, 
des Nachts lag er dabei in seine Decke gewickelt auf dem Boden 
des Bootes. Ungeachtet aller solcher Strapazen ist nicht nur kein 
Todesfall, sondern sogar kein einziger ernstUcher Krankheitsfall vor- 
gekommen und die bis jetzt zurückgekehrten Mitglieder der Expedition 
erfreuen sich der besten Gesundheit! 

Natürlich war die Ausrüstung und Versorgung mit Proviant 
und sonstigen Bedarfsgegenständen ohne Rücksicht auf den Kosten- 
punkt die denkbar beste, und es wurde streng auf die Innehaltung 
gewisser sanitärer Vorschriften gehalten, namentUch in bezug auf 
den Morgenkaffee, auf das gehörige Baden, auf trockene Nacht- 
wäsche, Moskitonetze u. a. ; dennoch ist das ausgezeichnete ge- 
sundheitliche Resultat zweifellos im wesentlichen dem vorzüglichen 
Klima zuzuschreiben. 

In den Wäldern giebt es überall viel Wild^ und jede Partie, 
welche einen guten Schützen unter ihren Mitgliedern zählte, konnte 
auf immerwährenden Vorrat von wilden Schweinen (Dicotyles 
tajassu),*) wilden Truthähnen (Crax globiura), **) Wachteln, Schnepfen, 
Hirschfleisch u. a. sicher rechnen. Für die Eingeborenen waren 
Affen, Jaguars u. a. in Fülle vorhanden. 

Die Partien in den unteren Gebieten der verschiedenen Flüsse 
hatten zwei oder drei Arten sehr schmackhafter Fische als fernere 
Bereicherung ihrer Tafel; selten wurden die Fische übrigens mit 
der Angel gefangen, vielmehr entweder geschossen oder durch einen 
gewandten Eingeborenen aufgespiefst. Diese Partien fanden auch 
zuweilen einen „danta" (tapir) oder ein manati. — Femer wurden 
auch mitunter Enten geschossen. 

Die verschiedenen Formen des pflanzlichen Lehens wurden 
noch zahkeicher gefunden als jene des tierischen. Der Eindruck 
dieser wunderbaren Wälder ist unbeschreiblich und obgleich schon 
so mancher Schriftsteller eine Schilderung derselben versucht hat, 
so habe ich doch noch keine gelesen, welche dem Gegenstand voll- 
ständig gerecht wird. Hier soll nur einfach versucht werden, dar- 
zulegen, aus welchen Bäumen und überhaupt Pflanzen ein solcher 
nicaraguanischer Wald besteht. 



*) Das Bisamachwem Südamerikas, vrei£&&cbiLauzig, in giolsen Rudehu 
**) Höckerbuhn, Hokko in Südamerika, 1''\%Y, ^tqV&. 



— 103 — 

Die grofse Masse des Waldes besteht aus mächtigen Ahnendro, 
Havilan, guachipilin, cortes, Zedern, Cottonwood (BaumwoUbaum, 
Bombax ceiba), palo de leche-Bäumen (Kuhbaum, Galaktodendron 
americanum) und andern, welche 150 bis 200 F. in den leuchten- 
den Sonnenschein emporragen. Das ganze Blattwerk dieser Bäume 
ist oben, ihre mächtigen Stämme stehen säulengleich 100 und mehr 
Fufs in die Höhe empor ohne Zweig und ohne Blatt. Einige stehen 
gerade, glatt und senkrecht wie wirkliche Säulen, andre senden 
dünne tiefreichende Stützen aus, wieder andre erinnern an den 
muskulösen Arm eines Titanen, der mit weitgreifenden Fingern in 
den Erdboden hineinpackt. 

Aber wie immer auch die Form der Stämime sein mag, — die 
dünne Erddecke auf den Hügeln und der sumpfige Boden der 
Niederungen hat, wenn man so sagen darf, ihnen allen gelehrt, 
dafs ein weites und breites Fundament mehr Sicherheit gewährt als 
ein tief eindringendes und so sehen wir denn beinahe ausnahmslos 
eine grofse Ausbreitung der Wurzeln an oder nahe der Oberfläche. 
Unter dem schützenden Dache dieser Waldespatriarchen gedeihen 
zahlreiche Arten von Palmen, manche, die eines Tages selbst Riesen 
sein, andre, die nie eine bedeutende Grofse erreichen werden, heute 
aber alle gleichmässig geschützt wie in einem Gewächshause, vor 
brennender Sonne sowohl als vor brausenden Winden. 

Noch weiter hinunter finden wir kleinere Palmen, Farrn, 
dichtes Unterholz und zahllose Schlingpflanzen. Die letzteren be- 
schränken sich aber keineswegs auf das Unterholz, sondern viele 
von ihnen klettern in die Gipfel der höchsten Bäume, schlingen 
sich um ihre Stämme, verbinden sie mit andern Bäumen und be- 
decken auch den Boden mit zähen und unzerreifsbaren Banken. 
Mit wenigen Ausnahmen sind diese Schlingpflanzen für den Reisen- 
den äufserst lästig, da gerade sie dem Tropenwald seine sprich- 
wörtliche Undurchdringlichkeit verleihen. Von allen Gröfsen und 
80 zähe wie Hanfstricke kriechen sie am Boden dahin und fängt 
sich der Fufs des Reisenden in dem untentwirrbaren Labyrinth ihrer 
Maschen, so kann nur das Messer ihn befreien. Sie binden und 
weben das Unterholz zu einer zähen elastischen Matte zusammen, 
welche beim Durchpassieren hinter jeden hervorragenden Teil der 
Kleidung und Ausrüstung hakt, den Revolver aus dem Gürtel 
schleudert, die Büchse aus der Hand, den Hut vom Kopfe reifst. 

Eine der oben erwähnten Ausnahmen ist der „Bejuco de agua" 
oder Wasserpflanze. Dieses Rankengewächs, welches wie ein altes 
abgenutztes Manillaseil aussieht, hängt von fast jedeiDL ^ofe»<5w^«xxssÄ 
auf höher gelegenem Boden herab und bietet ÖLßta xe^T^idösßa^dc^^ö^^^ 



— 104 — 

Reisenden einen köstlichen, kühlen und klaren Trunk. Aus dem 
abgehauenen Ende fliefst nämlich sogleich ein Strahl klaren und ge- 
schmackfreien Wassers, den ma'h in einem untergehaltenen Gefafs, 
oder noch einfacher mit dem Munde auffangen kann. Ein Stück von 
3 F. Länge und 2 Zoll im Durchmesser liefert wenigstens ein halbes 
Quart Wasser. Das Stück mufs in der Weise abgetrennt werden, dafs 
man zuerst den untern, dann den obem Schnitt macht. Geschieht 
dies nicht, so wird sich kein Wasser in dem abgetrennten Stück 
finden. 

Es ist fast unmöglich, das Alter der beschriebenen Waldes- 
riesen abzuschätzen. Voll eigener innerer Kraft und aufserdem noch 
durch die zahlreichen Schlinggewächse mit ihren Nachbarn zu einem 
wind- und sturmfesten Ganzen verbunden, haben ihre mächtigen 
Stämme eigentlich nur das eigene Gewicht zu tragen und so fallen 
sie selten, ehe die letzten Stadien des Vermorschens erreicht sind. 
Dann mag ein tropisches Regenschauer, oder der Sprung eines 
Tigers, oder der eilende Durchzug einer Affenschar zu viel für einen 
der morschen Aste sein und ihn unter der Last seiner Parasiten 
und Schlinggewächse zu Falle bringen. Dabei wird dann das Netz 
der letzteren vielfach zerrissen und der altersschwache Baum so 
seiner Stützen beraubt» Das Gewicht der noch stehenden Äste zieht 
ihn nach ihrer Seite hinüber, die noch gebliebenen SchUnggewächse 
sind dem Ungeheuern Zug nicht gewachsen und reifsen, und unter 
donnerndem weithin vernehmbaren Getöse stürzt der Riese des 
Urwaldes. Ein Stücklein blauer Himmel oben und ein unentwirrbarer 
Trümmerhaufen unten werden noch jahrelang sein Grab bezeichnen. 
Zuweilen stürzen die Bäume in den Flufs und bilden dann ein 
Hindernis, durch welches man sich mit oft stundenlanger Arbeit nur 
schwer hindurch arbeitet. 

Was die Insekten- und jRep^iüien-Plage anbelangt, so geht des 
Schreibers Erfahrung dahin, dafs darüber viel Übertriebenes gesagt 
und geschrieben worden ist. Es giebt Moskitos, Fliegen verschie- 
dener Gröfse, Wespen und stechende Ameisen, die ersteren stellen- 
weise in grofser Zahl; aber für einen einigermafsen abgehärteten 
Menschen sind es keine Schrecknisse, sondern nur kleine Unannehm- 
lichkeiten. In unserem Hauptlager auf der Insel San Francisco 
hatten wir von Sonnenaufgang zu Sonnenuntergang keine Moskitos, 
und selbst nach Sonnenuntergang waren sie nicht besonders zahlreich. 
In einem andern einige miles entfernten Lager waren nur schwarze 
Fliegen, dagegen keine Moskitos, in einem dritten waren beide 
Arten Insekten, während in den in den Hügeln gelegenen Lagern 
überhaupt keine derartige Plagen voikameu. 



— 105 — 

Nur in den nassen Niederungen und in der Nähe von Sümpfen 
wurde diese Insektenplage unerträglich und selbst hier litten nur 
diejenigen am meisten, welche im Lager blieben, während die Leute 
im dichten Unterholz wenig belästigt wurden. 

Die Gefahr, von Schlangen gebissen zu werden, ist äufserst 
gering. Von den mehreren hundert Leuten, welche an Expeditionen 
nach Nicaragua teilgenommen haben, ist keiner gebissen worden, 
und der Schreiber, der hunderte von miles weit die Wälder des 
Landes, teilweise allein, teilweise in Begleitung von Eingeborenen, 
durchstreifte, hat nie an eine solche Gefahr gedacht. Die Giftschlangen 
sind alle träge, und wenn sie überhaupt eine Bewegung machen, 
wird es stets ein Fluchtversuch sein, es sei denn, man habe auf sie 
getreten. Die einzige agressiv veranlagte Schlange ist nach des 
Schreibers Erfahrung eine lange, schwarze, nicht giftige Schlange, 
welche einem Eindringling zuweilen mit aufgerichtetem Kopfe ent- 
gegengeht. 

Der Blumenschmuck der Wälder ist darnach angethan, jene 
zu enttäuschen, welche denselben nur aus Büchern kennen. Hier und 
da eine Passionsblume, die wohlriechende Flor del Toro, einige un- 
bedeutende aber wohlriechende Sträucher; und nahe den Flufsufern 
wilde Kallas, — das ist ungefähr alles^ was der nicht botanisch ge- 
bildete Wanderer im tiefen Walde findet, unter dessen dichten Wipfeln 
nicht genug Licht für Blumen ist; diese suchen deshalb gleich den 
kleinen Vögeln die Spitzen der Bäume und die Ufer der Flüsse, wo 
sie Sonnenlicht und Luft finden. 

In den Baumwipfeln treiben die Orchideen und andere blühende 
Parasiten ihr Wesen. Viele der Bäume tragen selbst farbenreiche 
Blüten; und wenn man im März oder April auf die Wipfel eines 
Waldthals hinabblickt, so sieht man die grüne Fläche belebt durch 
glänzende Flecken von Rot, Gelb, Purpur, Rosa und Weifs. An den 
Flufsufern findet man vorzüglich die blühenden Schlinggewächse und 
dort bilden sie grofse von den Bäumen hinabhängende farbige Gardinen, 
glänzend in Gelb, Rot und Weifs gemustert. Die rasenbedeckten 
Ufer und Inseln, sowie die flachen, sandigen Zungen sind der Wohn- 
ort unzähliger Arten von Wasserpflanzen. 

Anhang. 

Im Zusammenhange mit den beigegebenen Plänen und Profilen 
mögen die nachstehenden kurzen Erläuterungen von Interesse sein. 

Das Querprofil des Nicaraguakanals, wie es projektiert ist, variiert 
von 2 400 Quadratfufs bis 5000 Quadratiufe. T^\^ ^e\Aföxv^^\v ^^x^«^^ 
zwischen den Scbleusenthoren gemessen, 6bO Y . \"a."vv^ ^^^^-^ ^^^^ 



— 106 — 

eine lichte Weite von 70 F. erhalten und sind dieselben alle auf 
solidem Felsen fundiert. 

Die Wasserversorgung ist bei weitem mehr denn hinreichend. 
In seinem niedrigsten Wasserstande am Ende der trockenen Jahres- 
zeit fliefsen aus dem See durch den San Juanflufs 984 000 000 Kubik- 
fafs Wasser in einem Tage. Dieses repräsentiert beinahe das achtfache 
von demjenigen, welches als Maximum von den Schleusen verbraucht 
wird. Es ist ein Überflufs des prächtigsten Konstruktionsmaterials 
längs der Linie des Kanals, bestehend aus Bauholz aller Art, 
Kalkstein, Sand, Kies, Lehm und Steinen für Stampfmauerwerk u. a. 
vorhanden. Die Kapazität des Kanals wird sicher nicht weniger als 
20 000 000 Tonnen des Jahres sein. Die veranschlagten Kosten 
belaufen sich in runder Sunrnie auf 66 000 000 Dollars. Diese 
Summe schUefst die 25 Prozent der unvorhergesehenen Ausgaben 
ein und wurde basiert auf eine vollständige und akkurat ausgeführte 
Vermessung mit den besten Instrumenten, aufserdem fanden über 
400 Bohrversuche statt. Obige Summe schliefst ferner ein : 

Die Beleuchtung des Kanals durch elektrisches Licht, die 
Bojen fiir den See, den Flufs und die Häfen, die Eisenbahn für die 
Konstruktionsarbeiten, die Telegraphen und alle die notwendig 
werdenden Hülfsmaschinen, welche für ein so grofses Werk gebraucht 
werden. Der Umfang des Verkehrs, welcher den Kanal benatzen 
wird, und der aus zuverlässigen Statistiken entnommen wurde, kann, 
sobald der Kanal offen ist, auf mindestens 6 000 000 Tonnen jährlich 
angenommen werden. Die Erfahrung, welche wir durch den Suez- 
und St. Maryskanal gemacht haben, unterstützt uns, wenn wir 
uns eine Vorstellung von der Zunahme des Verkehrs machen wollen. 

Das jährliche Tonnenmafs, welches durch den Suezkanal im 
Jahre 1870 ging, war weniger als eine halbe Million, während im 
Jahre 1883 dasselbe nahezu 6 000000 betrug. 

Das Tonnenmafs, welches durch den St. Maryskanal im 
Jahr 1881 befördert wurde, betrug 1 500 000 Tonnen, während es 
im Jahre 1887 5 500 000 Tonnen betrug. 



107 



Kurze Geschichte der Panamäkanal-Gesellschaft. 

(1879—1889.) 
Von Dr. H, Polakowsky. 



Eine 1880 gebildete, internationale (heute fast rein französische) 
Gesellschaft, an deren Spitze bis zum Zusammenbruche der berühmte 
Erbauer des Suezkanales, Herr Graf Ferdinand von Lesseps, stand, 
arbeitet bekanntlich seit 1881 an der Durchstechung des Isthmus von 
Panama. Alle deutsche Zeitungen haben seit dieser Zeit mehr oder 
weniger ausführhche Angaben über den Stand der Arbeiten, die 
finanzielle Lage u. a. gebracht, welche Artikel und Notizen zwar oft 
unrichtig und voller Widersprüche, aber im allgemeinen dem unter- 
nehmen und speziell Herrn von Lesseps günstig, wohlwollend ent- 
gegenkamen. 

Heute, wo die „Gompagnie Universelle du Canal Interoc^anique 
de Panama" bankerott und Herr von Lesseps von der Leitung der 
eventuellen Fortsetzung des Eanalbaues hofiTentlich definitiv zurück- 
getreten ist, wo die Arbeiten auf dem Isthmus eingestellt sind, scheint 
es mir angezeigt, einen kurzen AbriTs der Geschichte der mehr als 
achtjährigen Thätigkeit der „Compagnie Universelle du Canal Inter- 
oc^anique de Panama'^ zu geben. 

Man glaubte seit Ende der sechsziger Jahre dieses Jahrhunderts 
in immer weitern Kreisen (besonders in Frankreich), dafs die 2ieit 
gekommen sei, wo die Interessen des Welthandels und Weltverkehrs 
die Durchstechung des Isthmus von Amerika — von welcher bekanntlich 
seit der Entdeckung desselben gesprochen und geschrieben worden 
ist — gebieterisch fordern und fordern können, da die sicher zu 
erwartenden Zolleinnahmen zur Verzinsung der Kosten genügen 
dürften. Im Jahre 1876 bildete sich in Paris ein internationales 
Komitee zur Prüfung der Kanalfrage. An die Spitze desselben wurde 
von Lesseps gestellt. Zur selben Zeit entstand in Paris die „Societe 
civile internationale du Canal Interoc^anique". (Präsident: General 
tt Türr), welche 1876—1878 zwei Expeditionen unter Luc. N.-B. 
Wyse und Arm. Beclus nach Darien und dem Isthmus von Panama 
sandte. Durch diese Expeditionen ist die Losvm% öäx ^^Äosifea.^ 
wenig gefordert, wobl aber unsre Kennlma evue^^ ^«Äs nox^. \i^^ssv 



— 108 ~ 

und seiner Bewohner vermehrt worden. ^) Verschiedene Darienprojekte 
wurden für wertlos erklärt und die nur sehr flüchtig besuchte Panama" 
route wurde als die beste aller möglichen Routen von Herrn Wyse 
empfohlen. Das wertvollste Resultat dieser Expeditionen war der 
Kontrakt, welchen Herr Wyse im Namen der genannten Society 
civile am 20. März 1878 mit dem colombianischen Minister Enst. 
Salgar abschlofs, welcher Kontrakt am 18. Mai desselben Jahres 
vom Kongresse Colombias genehmigt und als Gesetz publiziert wurde. 

Herr von Lesseps und das genannte „Comitö fran9ais pour 
l'etude du per9ement d'un Canal Interocöanique", dessen Mitglieder 
waren : de la Ronciere- le Noury, Meurand, Daubröe, Levasseur, 
Delesue, Foucher de Careil, Malte-Brun, Cotard, Maunoir, Hertz und 
Bionne, bestimmten nun die Geographische Gesellschaft in Paris, zum 
Mai 1879 einen Internationalen Kongrefs nach der Hauptstadt Frank- 
reichs zu berufen, welcher die verschiedenen Kanalprojekte kritisch 
prüfen und das beste Projekt bezeichnen sollte. Auf dem Kongresse, 
der am 15. Mai eröffiiet wurde, dominierte das französische Elenient 
und besonders machte sich eine Herrn von Lesseps unbedingt er- 
gebene Gruppe in auffallender Weise bemerkbar. Wyse und Reclus 
traten für das Panamaprojekt ein. Das Material, welches sie der 
technischen Kommission vorlegen konnten, war sehr dürftig. Sie 
änderten während der Verhandlungen und auch gleich nach SchluGs 
derselben ihren Kostenanschlag. ^) Die Kosten des Niveaukanales 
(mit 7200 m langem Tunnel) schätzten Wyse und Reclus auf 475 
Millionen Franks, der Kongrefs aber auf 1050 Millionen (bei einem 
6 km langen Tunnel). 

Die wichtigsten Resultate der sehr eingehenden Verhandlungen 
des grofsen Kanalkongresses sind folgende. Es zeigte sich, dafs nur 
überhaupt vier Projekte als brauchbar zu betrachten sind. Es sind 
dies die Nicaraguaroute, die von Panama, die von San Blas und die 
von Selfridge empfohlene Linie Atrato-Napipi-Chirichiri. Das letztere 
Projekt ist als das wertloseste zuerst auszuscheiden, da hier mindestens 
4 Schleusen und aufserdem ein 3 km langer Tunnel erbaut werden 
mufs. Die Gesamtlänge des Kanales würde 290 km betragen, die 

^) Die wichtigste Litteratur über diese Expedition ist : B. Wyse, Rapport sur 
les 6tudes faites en 1876—1877. Paris, 1877. Chaix et Comp. B. Wyse, Reclus 
et Sosa, Rapport etc. en 1877 — 1878. Paris, 1879. Lahure. Arm. Reclus, Panami 
et Danen. Voyages d'exploration. Paris, 1881. Luc. N. — B. Wyse, Le Canal 
de Panama. Paris, 1886. 

^) In einem „Devis rectifie". der gleich nach Schlufs des Kongresses 
gedruckt nnd nur in wenigen Exemplaren verteilt wurde, berechnen Wyse und 
Reclna die Kosten des Niveaukanales oYine Tuim^\ ^ev ft,^ m Tiefe und 22 m 
Sohlenbreite) auf 780 Millionen Franks. 



— 109 — 

Kosten wurden auf über 1500 Millionen Franks geschätzt. Dabei 
ist der Hafen an der pacifischen Seite sehr schlecht, das zu durch- 
stechende Terrain sumpfig, völlig unbewohnt, mit überaus dichter 
Vegetation bedeckt und sehr ungesund. 

Die San Blasroute bietet viele Vorteile, würde aber einen 
12 bis 16 km langen Tunnel erfordern. Da die Natur, die Trag- 
fähigkeit des Gebirges nicht genügend bekannt, wurde dies Projekt 
verworfen. Die Kosten wurden auch auf über 2 Milliarden geschätzt. 
Der Nicaraguakanal, für welchen besonders die Amerikaner mit Eifer 
eintraten, wurde unbedingt als der beste aller Schleusenkanäle er- 
kannt und die Panamaroute als die einzige Stelle bezeichnet, wo es 
möglich sei zu erträglichen Kosten einen Kanal ohne Schleusen und 
ohne Tunnel zu erbauen. 

Der Kongrefs entschied sich mit 78 Stimmen gegen 8 für die 
Erbauung eines Niveaukanals zwischen der Limonbai und Panama 
mit einem 6 km langen Tunnel. 12 der bedeutendsten Mitglieder 
des Kongresses (darunter Ammen, Campuzano, de Garay, Menocal) 
enthielten sich der Abstimmung, 19 andre verliefsen den Saal vor 
derselben. Die Mehrzahl der Kongrefsmitglieder (besonders die See- 
leute) war entschieden gegen jeden Schleusenkanal. *) Ganz be- 
sonders eiferte Herr von Lesseps gegen denselben. Es scheint mir 
angezeigt, heute und an dieser Stelle an einen Brief von Marius 
Fontane, Generalsekretär der Suezkanalgesellschaft, vom 17. Mai 1879 
zu erinnern, welcher damals durch viele Zeitungen und Zeitschriften 
ging. Der berühmte Autor spricht darin seine feste Überzeugung 
aus, dafs ein jährlicher Transit von 6 Millionen Tons und darüber 
nur in einem Kanäle möglich sei, den 50 Schiffe pro Tag passieren 
können. Das sei selbst bei einer Schleuse nicht mögUch. 

Die sonstigen Momente, welche zur Annahme der Panamäroute 
bestimmten, waren: die relativ geringe Erhebung der Gebirgsmassen 
(bis 1(X) m) auf der Landenge von Panama^), die Nähe der Panama- 
bahn, die Kürze der Linie (73 km), die Gröfse der Baien an beiden 
Enden, in denen leicht gute Häfen geschaffien werden können, die 
verhältnismäfsige Erschlossenheit und Kultur eines Teiles des Isthmus 
und die Hilfsmittel, welche die Stadt Panama selbst und durch ihren 
Verkehr mit allen Hafenplätzen der Welt bietet. Dazu kam der 



^) Siehe Congres International d'feudes du Canal InterocSanique. Compte 
rendu des Seances. Paris, 1879. 668 pag. 4* 

*) Über die geologischen Verhältnisse auf dem Isthmus siehe : M. Wagner^ 
Petermanns Geographische Mitteilungen, Ergänzungakfeft 5 ^^^V^ wsA*.'^.^^'^««. 
Naturwissenschafifeliclie Reisen im tropischen A.iiienliLSi,. ^tvxil^'wc^., \^^» 



— 112 — 

ist. Es ist widerwärtig, alle die weitern „Ersparnisse" durchzugehen 
und begnüge ich mich damit anzuführen, dafs er nur 658 Millionen 
für die Gesamtarbeitskosten herausrechnet. — Dafs Herr von Lesseps 
das Gutachten der kompetenten Personen, abgegeben auf dem Kon- 
gresse von 1879 und durch die Kommission von 1880, so einfach 
beiseite schob, seine Laienansicht als unbedingt richtig dekretierte, 
war sein Fehler, der sich schwer an dem Unternehmen und am Rufe 
des Herrn von Lesseps rächen mufste und — seit Ende 1888 rächt ! 
Dabei beliebt es Herrn von Lesseps, sich noch heute als Opfer seiner 
Feinde, seiner Neider zu gerieren ! Dafs ihm mindestens ein grofser 
Teil der Gesamtschuld an dem schrecklichen Fiasko zufällt, sieht er 
nicht ein, obgleich es französische Zeitungen aller Art und aller 
Parteien ihm seit Jahren klar gemacht haben. „Le grand fran9ais" 
wird „le grand mangeur" genannt! Die Finanzwissenschaft und die 
Technik (die Ingenieure) sind am Zusammenbruche des Panamä- 
unternehmens nicht Schuld ! Beide haben die Situation von Anfang an 
richtig erkannt und gewarnt, von Lesseps hat in unverantwortlicher Ver- 
blendung und Überhebung die Wahrheit nicht hören und sehen wollen! 

Auf der ersten Generalversammlung vom 31. Januar 1881 sagt 
Herr von Lesseps: Eine Summe von 600 Millionen Franks wird 
notwendig sein, um in spätestens 7 oder 8 Jahren die Eröf&iung 
des Panamakanals für die grofse Schiffahrt zu erreichen. Schon 
hier begann Herr von Lesseps seine vertrauensseligen Zuhörer und 
Anhänger mit der Geschichte des Suezkanales zu unterhalten. Dafe 
er zu Beginn des Panamäunternehmens auf den Erfolg des Suez- 
kanales mit Genugthuung hinwies, war gewifs berechtigt, dafs er 
aber bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit vom Suez- 
kanale statt von dem von Panama redete und schrieb, auf allen 
Generalversammlungen das verlockende Bild der Erträge des Suez- 
kanales ausmalte, wurde bald komisch und zuletzt direkt widerwärtig. 
Welcher fundamentale Unterschied zwischen dem Kanäle von Suez 
(der nur 330 Millionen Franks gekostet) und dem von Panama 
besteht, brauche ich den Lesern nicht zu sagen. 

Auf der zweiten Generalversammlung (3. März 1881) wurde die 
Gesellschaft endgültig begründet und Herr von Lesseps erklärte, dafs 
das Werk sicher im Jahre 1888 vollendet sein werdet Das Problem 
der Durchstechung des amerikanischen Isthmus wird weiter als 
verhältnismäfsig einfach geschildert. Die Gesamtkosten bis zur Voll- 
endung und Eröffnung des Kanales für den Weltverkehr seien „von 
den Herren Couvreux und Hersent und kompetenten Personen" auf 
Ö12 Millionen Franks geschätzt. Die Arbeiten hätten am 1. Februar 
1881 begonnen. Ea war also Hexin votil^^^ae^^ Ivict G^^ld und gute 



— 113 — 

Worte gelungen, ein Paar „Ingenieure und Unternehmer*' zu finden, 
welche nicht erröteten, einen noch billigeren Kostenanschlag zu 
machen. Alle anständigen und kompetenten Leute, die über das 
Panamäunternehmen geschrieben, verurteilen diesen Koup auf das 
Schärfste. Die Folgen desselben fielen schwer auf die Gesellschaft 
und auf die Urheber zurück. 

Auf der Generalversammlung vom 29. Juni 1882 erklärte Herr 
von Lesseps, dafs sich die Lage in günstiger Weise geklärt habe, 
da die Erdschicht, welche die Felsen bedecke und leicht durch Erd- 
scharrer zu entfernen sei, stärker sei, als man zuerst angenommen 
habe. — Das ist für mehrere Stellen der Tra9e richtig, dafür stellte 
sich aber heraus, dafs die Felsen viel härter waren, als man zuerst 
angenommen hatte. — Der vierte grofse Fehler war, dafs man die 
Arbeit viel zu früh, mit ungenügenden Bohrversuchen und nicht 
definitiv abgesteckter Tra9e begann und dann die leitenden Ingenieure 
und Arbeitspläne (bis Ende 1885) oft wechselte. Dadurch sind etwa 
2 Jahre und über 200 MilHonen Franks vergeudet worden. Auch 
wurde das Geld auf dem Isthmus in sündhafter Weise für Luxus- 
wohnungen der Ingenieure u. a. verausgabt. - — Über den Gesundheits- 
zustand der Arbeiter wurden sehr günstige Angaben gemacht und 
die Ausgabe von 250 000 Obligationen beantragt, um 68 475 von 
den 70 000 Aktien der Panamäeisenbahn, die zum Preise von je 250 
Dollar angekauft seien, zu bezahlen. Begeistert stimmte die Ver- 
sammlung allen Vorschlägen des grofsen Mannes zu. ^) 

Vierte Generalversammlung vom 17. Juli 1883. Bis zum 30. Juni 
1882 waren verausgabt 58 731 651 Franks. Die Einnahme (zwei 
Raten des Aktienkapitals und Zinserträge) betrugen 150 662 025 Franks. 
Die zwei Jahre der Organisation seien abgelaufen, die Herren Couvreux 
und Hersent hätten erklärt, dafs sich verschiedene Unternehmer zur 
Ausführung der Arbeiten auf verschiedenen Abschnitten der Tra9e 
gemeldet haben und hätten Couvreux und Hersent ihren so wertvollen 
Rat im Interesse der Gesellschaft (?) beim Abschlüsse der bezeich- 
neten Verträge mit diesen Unternehmern erteilt. Was die Herren 
Couvreux und Hersent thatsächlich geleistet haben, wird nicht näher 
angegeben und ebenso schweigt der Bericht über die Summe, welche 
dieselben für ihre Leistungen erhielten. Selbst die französische Re- 
gierung hat nie in dieser Sache klar sehen können. Die glücklichen 
und schnellen Wirkungen der Neuerung, dafs verschiedene Unter- 
nehmer an die Stelle der Herren Couvreux und Hersent getreten 



^ Hier ist zu bemerken, dafs — wie L. Wyse in seinem 1886 erschienenen 
Buche überzeugend nachweist — diese Aktien früher viel bvlVv^fex XsäXXätv ^t^w^^^ 
werden können. 

Oeograpbiscbe Blätter. Bremen 1889. ^ 



— 114 — 

seien, werden gerühmt und abermals versichert von Lesseps, dafs 
der Kanal 1888 vollendet sein werde. (Es ist hier natürlich immer 
der Niveaukanal ohne Tunnel gemeint.) Vom Januar bis April 1888 
hätten 4901 — 6312 Mann am Kanal gearbeitet und nur 60 seien 
gestorben. — Die 250 000 Obligationen (5 ®/o) seien dreifach über- 
zeichnet; die Erdarbeiten seien an 23 Stellen der Route in Angrifi 
genonmien worden. Über die voraussichtlichen Kosten des Werkes 
wird nichts gesagt. 

Fünfte Generalversammlung vom 23. Juli 1884«®) Herr vonLesseps 
spricht seine Genugthuung über die Ruhe und das Vertrauen aus, 
welche die Aktionäre den verschiedenen gegen das Unternehmen 
gerichteten Angriffen entgegengesetzt hätten. Zugleich lobt er die 
französische Presse, welche es unterlassen, die falschen Nachrichten 
über den Stand der Arbeiten weiter zu verbreiten. Abermals wird 
versichert, dafs der Vollendung des Kanals bis Januar 1888 nichts 
entgegenstehe. Bis zum 30. Juni 1883 waren für die eigentlichen 
Arbeiten 108 418 097 Franks und für Materialien und Immobilien, 
für den Ankauf der 68 534 Aktien der Panamäbahn und für ver- 
schiedene einmalige Ausgaben 120 291 228 Franks ausgegeben. Die 
Einnahmen betrugen 416 655 760 Franks. Inzwischen sei „dem 
Programm gemäfs" und mit vollständigem Erfolge eine neue Anleihe 
(3 ®/o Obligationen) gemacht worden. Es arbeiteten vom Januar bis 
Mai 1884 14 608 bis 19 063 Mann am Kanal und es starben in 
dieser Zeit 334. Die auszuhebenden Erd- und Felsmassen schätzt 
Herr von Lesseps jetzt auf Grund eines Gutachtens der Oberaufsichts- 
kommission, der ein Bericht von Dingler vorgelegt worden, auf 
120 Millionen Kubikmeter (wobei nur 10 Millionen Kubikmeter auf 
die Ableitung der Flüsse kommen). Zum Schlüsse führt Herr von 
Lesseps spezieller aus, wie durch die Maschinen die Arbeit bis Ende 
1888 bewältigt werden könne. — Die Berichte über den Stand der 
Arbeiten auf dem Isthmus, welche das „Bulletin" alle Monat publi- 
zierte, übergehe ich hier, da dieselben den Stempel des unerlaubten 
Optimismus (ganz gelinde gesagt) an der Stirn tragen. Die ameri- 
kanischen bis zu dieser Zeit publizierten Berichte verfielen wieder 
in das Gegenteil, waren meist vom Hasse gegen das französische 
Unternehmen diktiert und übertrieben pessimistisch gehalten. 

Sechste Generalversammlung von 29. Juli 1885. Hier erklärte 
Herr von Lesseps — da es wohl doch nicht mehr opportun schien, 
die Wahrheit ganz zu verhüllen — dafs mit den 600 MilUonen, von 

®) Siehe znr Ergänzung and zum Verständnisse der folgenden Auszüge 
aas den Oeneralberichten meine gröfseie Arbeit über ^Zentralamerika und der 
Panam&kanal'' in Eevae Colon. Internat. kmaieiÖLam \^Ä^. T^m. \5l» 



— 115 — 

denen er 1881 gesprochen, nur die eigentlichen Arbeiten bezahlt 
werden könnten und dafs für Zinsen, Amortisationen, Ankauf von 
Grundstücken, Gebäude, Verwaltung u. a. andre 600 Millionen not- 
wendig seien. Er klagt jetzt bitter über die Angriffe und Verleum- 
dungen, unter denen das Unternehmen zu leiden habe und stellt fest, 
dafs dieselben meist in Frankreich ihren Ursprung haben. ^) (Von 
dieser Zeit an schwieg das Bulletin jede unbequeme, noch so wohl- 
wollende und objektive Kritik tot.) Es starben vom April 1885 bis 
einschliesslich März 1885 1145 am Kanalbaue beschäftigte Personen, 
darunter 323 Europäer. Im April 1884 waren über 17 000, vom 
Oktober 1884 bis März 1885 über 20 000 Arbeiter am Kanal thätig. 
Die verschiedenen am Kanäle thätigen Unternehmer hätten sich ver- 
pflichtet, über 62^/2 Millionen Kubikmeter für 220 Millionen Franks 
auszuheben. Hierzu kommen 480 Millionen, welche die zwei Unter- 
nehmer erhalten sollen, die die Vollendung des Kanals (auf 9 m 
Tiefe und 22 m Sohlenbreite) übernommen haben. Die reinen Arbeits- 
kosten werden hier also bereits auf 700 Millionen Franks geschätzt. 
Eine neue Anleihe von 387 387 Obligationen (zu 4 ^/o) war gemacht, 
aber nur 318 245 waren faktisch gezeichnet worden. 

Weiter teilte Herr von Lesseps mit, dafs er unter dem 27. Mai 
1885 ein Schreiben an den Minister des Innern gerichtet habe, in 
dem er um die Genehmigung zur Ausgabe von Lotterieobligationen 
in Höhe von 600 Millionen Franks ersucht. In diesem Briefe wird 
konstatiert, dafs 102 116 der Aktionäre und 217 623 der Obhgationen- 
inhaber Franzosen seien. 

Die siebente Generalversammlung (vom 29. Juli 1886) ist als der 
Wendepunkt, als die Ankündigung des unvermeidlichen Zusammen- 
bruches zu betrachten. In einem offenen Schreiben vom 9. Juli, 
gerichtet an die Aktionäre und Obligationeninhaber, hatte Herr von 
Lesseps gesagt: „Ich persönlich glaube, dafs mit den 600 Millionen der 
Lotterieobligationen die Vollendung des Kanals vor Ende des 
Jahres 1889 gesichert ist." — Verausgabt waren bis zum 30. Juni 1885 
471 132 816, eingenommen dagegen 713 104 368 Franks. 

Auf den Brief des Herrn von Lesseps vom 27. Mai 1885 ^^) war 
bis zum November keine Antwort eingegangen. Da richteten zahl- 
reiche französische Aktionäre eine Petition an die Deputiertenkammer, 
in welcher sie um Bewilligung des Gesuches ihres Präsidenten baten. 
Eine Petition prüfte die Kommission und sprach sich für Annahme der 
selben aus. Die französische Regierung hatte inzwischen Herrn 



•) Sehr natürlich, denn das Ausland nahm schon damals kein Inteteaa^ 
an der Sache mehr. 

'^) Siebe Bulletin du Canal Interoc^anique pag. \^^ i. 



— 116 — 

Rousseau nach dem Isthmus geschickt und nach Emgang der Berichte 
dieses bedeutenden Ingenieurs legte die Begierung der Deputierten- 
kammer am 17. Juni 1886 einen Gesetzentwurf vor, welcher die Er- 
laubnis zur Ausgabe von 600 Millionen Franks in Lotterieobligationen 
erteilen sollte. ^^) Eine neue Kommission wurde zur Prüfung dieses 
Gesetzes ernannt und diese beschlofs, die Entscheidung bis zum 
Oktober oder November (nach den Ferien des Parlaments) aufzu- 
schieben. Jetzt zog Herr von Lesseps sein Gesuch zurück ^^) und 
dekretierte (alles ohne die Aktionäre zu fragen) die Ausgabe von 
500 000 Obligationen (Obligations Nouv. I. Serie), auf welche je 440 
Franks eingezahlt wurden, die mit 6 ^/o verzinst und in 42 Jahren 
mit 1000 Franks zurückgezahlt werden sollen. Trotz dieser abnorm 
günstigen Bedingungen (über 9^2 ^/o für Zinsen und Amortisation) 
wurden von den aufgelegten 500 000 Obligationen nur 458 802 
gezeichnet. Der Kredit der Compagnie Universelle war erschöpft. 
Was später noch aufgetrieben wurde, ist den letzten Anstrengungen 
der unglücklichen Aktionäre und Obligationsinhaber zu verdanken, 
welche ihre Ersparnisse retten wollten. 

Der vierte grofse Fehler (rect. Unrecht) des Herrn von Lesseps 
war die oben angedeutete intime Verbindung mit den Herren Couvreux 
imd Hersent, der fünfte die Ausgabe dieser Obligationen Nouv. mit 
den ruinösen Bedingungen und der sechste die von dieser Zeit an 
mit aller Macht betriebene Verschleierung der wahren Sachlage. 

Herr von Lesseps sagt in seinem Bericht vor der siebenteu General- 
versammlung weiter: „Ich, Ihr Präsident, glaube heute mehr als je, 
dafs das auf dem Isthmus aufgestellte Material nach einem Jahre seine 
Macht in einer solchen Weise dokumentieren wird, dafs auch nicht mehr 
der geringste Zweifel über die Möglichkeit der Erbauung des Niveau- 
kanals in der festgesetzten Zeit und mit den veranschlagten Kosten 
(also 1 200 000 000 Franks) existieren wird. " Zum Schlüsse werden aber 
bereits dunkle Andeutungen gemacht, dafs der Kanal eventuell 
1889 mit geringerer Tiefe oder mit sonstigen Modifikationen dem 
Verkehr übergeben werden solle. Ausgehoben waren pro Monat: 
1882 = 16 245 kbm, 1883 = 215 300 kbm, 1884 = 617 054 kbm, 
1885 = 658 708 und in den ersten sechs Monaten von 1886 = 
1 079 737 kbm. Seinen vertrauensseligen Zuhörern macht nun Herr 
von Lesseps klar, dafs im Jahre 1887 je zwei Millionen kbm und 
im Jahre 1888 und 1889 je drei Millionen kbm pro Monat aus- 
gehoben werden müfsten, um den Kanal bis zum 1. Juli 1889 fertig 

") Siehe Bulletin du Canal Interoc^aniqoe, pag. 1547 f. 
^5^ Brief vom 9. Juli 1886. Abgedr. Bulletin du Canal Interoc6aniqae 
pa^. 1668. 



— 117 — 

za stellen. Die „Gläubigkeit" der Aktionäre u. a., welche alle 
derartige „Berechnungen" mit begeistertem Beifalle begrüfste, erregte 
mehr und mehr die Heiterkeit und das Mitleiden der verständigen 
und unabhängigen Presse Frankreichs. Einzelne Opponenten wurden 
auf den Versammlungen niedergeschrieen und gepfiffen; der offizielle 
Bericht schwieg derartige unangenehme Zwischenfalle einfach tot, 
alle Anträge wurden nach dem Bulletin angenommen. 

An dieser Stelle will ich kurz auf einige Berichte über den 
Stand der Arbeiten auf dem Isthmus hinweisen, da näheres Eingehen 
mir der Baum nicht gestattet. Vom 17. Februar bis 3. März 1886 
war Herr von Lesseps mit verschiedenen Ingenieuren auf dem Isthmus 
zur Besichtigung der Arbeiten. In seiner Begleitung befand sich 
auch Herr Wasserbauinspektor (jetzt Baurat) Pescheck, technischer 
Attache der deutschen Botschaft in Paris. Die Berichte desselben 
datieren vom 13. und 16. April und 21. Mai 1886 und sind dieselben 
an den preufsischen Minister der öffentlichen Arbeiten^^) gerichtet. 
Gleichfalls sehr interessant ist der Bericht von Boux, Abgesandter 
der Handelskammer von Marseille*^). Über das ganz unverständliche 
Benehmen des Herrn von Lesseps gegen den Minister und die 
Deputiertenkammer im Juli 1886 giebt ein weiterer Bericht des Herrn 
Pescheck (vom 14. August 1886) Aufschlufs. — Herr von Lesseps 
und die ihm ergebene Presse warfen der betreffenden Kommission 
Mangel an Patriotismus u. a. vor. Darauf antworteten die Mitglieder 
derselben und schreibt Herr Pescheck: „Der AusschuTs der Abge- 
ordnetenkammer habe sich deshalb (das heifst um klar sehen und 
urteilen zu können) nochmals an die Gesellschaft gewandt, mit dem 
Ersuchen um Aushändigung: 1. der laufenden Unternehmerverträge; 
2. des alten Vertrags mit dem Unternehmerhause Couvreux und 
Hersent ; 3. der Abrechnung mit denjenigen Unternehmern, an deren 
Stelle die jetzigen grofsen Unternehmer getreten sind ; 4. der Recht- 
fertigung der Berufung derjenigen Generalversammlung, welche für 
die Losobligationen gestimmt hat; 5. des Bechnimgsabschlusses 
der Gesellschaft für den 30. Juni 1886". 

„Auf diese Forderungen habe Herr von Lesseps mit demjenigen 
Schreiben geantwortet, in welchem er die Zurückziehimg seines 
Antrags anzeigt. — Der Ausschufs erklärt weiter, dafs er deshalb 
auf die Vorlage der Regierung nicht antworten konnte, und dafs 



'") Eingehend behandelt in meiner Arbeit: Zentralamerika nnd der 
Panamakanal in Revue Colon. Internat. 1886 n. pag. 181, 304, 372, 481. 

^^) Roax, Le Canal de Panama en 1886. Mit «ixx^t '^L^tX.^. l!k»x%«^^^ 
188ßs — Bulletin du Canal Interoceanique No, 163. 



— 118 — 

der Vorwurf, er habe absichtlich die Abgabe seiner Entscheidung 
aufgehoben, nicht genau sei." 

In dem 1886 erschienenen bereits zitierten Buche von Wyse 
und in den Berichten von Pescheck und Roux findet der Leser 
spezielle Angaben über die Arbeiten auf dem Isthmus, das Leben 
und den Verdienst der Arbeiter, die angewandten Maschinen u. a. — 
Bis Ende 1886 hatte sich weiter gezeigt, dafs ein Niveaukanal 
wegen der Beschaffenheit des Gesteins der zu durchstechenden 
Gebirgsmassen unmöglich, respektive ungeheuer kostsjpielig sein würde! 

Die Durchstiche (Seitenwände) erreichen nämlich auf etwa 
500 m eine Höhe von über 80 m und auf einer Strecke von 5 km 
eine solche von 50 — 80 m. Man hatte angenommen, dafs das 
Gestein feststehend sei und waren deshalb sehr steile Wände 
projektiert und in Rechnung gesetzt. Aber schon 1885/86, als die 
Einschnitte erst eine mäfsige Höhe erlangt hatten, zeigte es sich, 
dafs das Gebirge zum Rutschen neige! Wyse schreibt hierüber: 
„Bis jetzt (Oktober 1885) kann man nur an zwei Stellen, in der 
Nähe des oberen Laufes des Rio Grande und bei der pazifischen 
Ablenkung der Eisenbahn, gröfsere Erdrutsche vorher sagen ; aber an 
andern Stellen sind zerfliefsende Thone, welche durch richtige 
Ableitungsgräben und Drainage von dem sich an der Oberfläche 
ansammelnden Wasser befreit werden müssen, um Infiltrationen und 
ihre vernichtenden Folgen zu vermeiden." 

Durch die Arbeiten ist der Lauf vieler Flüsse und Bäche ab- 
geleitet und unterbrochen, sie haben sich neue Wege gesucht und 
haben sich Pfützen und kleine Seen an vielen Stellen gebildet. 
Wyse tadelt es, dafs für Ableitung dieser stehenden Wasser und 
eine vorläufige Regulierung des Chagres und seiner Nebenflüsse, 
zum Schutze der Arbeitsplätze in der Regenzeit so wenig geschehen 
sei. Schwer hat sich diese Unterlassung im Dezember 1888 bei 
den starken Regengüssen gerächt, durch welche grofse Strecken 
der Tra^e überschwemmt und ungeheuerer Schaden angerichtet worden 
ist. — Leutnant Rogers war im Januar 1887 im Auftrage des 
Marineministers der Vereinigten Staaten auf dem Isthmus zur Besich- 
tigung der Kanalarbeiten. Er schreibt (und verschiedene andre 
Berichte bestätigen dies) : „Im letzten Jahre sind etwa 78 000 kfam 
Erdmassen in den Kanal gerutscht (fliefsendes Gebirge) und es ist 
als sicher anzunehmen, dafs sich derartige Rutschungen wiederholen 
werden." — Pescheck schreibt in seinem Bericht vom April 1886: 
;, Von dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein gefahrlicher 
BatschHächen könnte das Schicksa\ öl^x ^^?M»«tv ^-auTi^i^aK^TS^^ 



— 119 — 

abhängen." — Doch kehren wir zur Geschichte der Kanalgesellschaft, 
an der Hand der Berichte des Herrn von Lesseps, zurück. 

Achte Generalversammlung vom 21. Juli 1887. Bis zum 
30. Juni 1886 waren 601 726 410 Franks verausgabt. Die Einnahmen 
betrugen 734 098 628 Franks. Eine zweite Serie von Obligations 
Nouv. sollte am 26. Juli zur Ausgabe gelangen, von Lesseps meint, 
dafs die Angriffe gegen sein Werk und seine Leitung nur bezweckten, 
den Kurs der Aktien herabzudrücken, damit die Feinde und Ver- 
leumder billig in den Besitz derselben gelangen könnten. Man wolle 
die französische Gesellschaft stürzen und auf ihren Ruinen irgend- 
welche kosmopolitische Gesellschaft errichten. Er giebt endlich zu, 
dafs es nicht gelungen sei, die notwendige Anzahl von Arbeitern 
zu beschaffen und dafs es nicht gelingen werde, wie berechnet war, 
im Jahre 1887 24 Millionen Kubikmeter auszuheben. Durch Nacht- 
arbeit bei elektrischem Lichte und Einstellung einer gröfseren Anzahl 
von Maschinen solle die Arbeit beschleunigt werden, auch solle die Tiefe 
des Kanals vorerst eine geringere sein, um die Eröffnung desselben 
im Jahre 1889 zu ermöglichen. Zum Schlüsse wird gesagt, dafs 
ein Gutachten der Oberaufsichtskommission über verschiedene Pro- 
jekte zu einem Schleusenkanale eingeholt worden sei. Dieser even- 
tuelle Schleusenkanal solle aber auf alle Fälle nur ein provisorischer 
sein und allmählich in einen Niveaukanal umgeändert werden. 

Vorläufig solle der Bau, um die Kosten zu sparen und die 
Eröffiiung zu beschleunigen, vereinfacht werden. Zunächst solle die 
Flutschleuse bei Panama fortfallen. F. von Lesseps, der überhaupt 
oft andre Ansichten als die Fachmänner, welche die technische 
Oberaufsichtskommission bilden, hat, und — wie aus den Berichten 
von Rousseau und Pescheck heraus zu lesen ist — die Forderungen 
derselben nicht immer beachtet, war stets ein Gegner dieser Schleuse. 
Die Flutschwankungen in beiden Ozeanen sind sehr verschieden und 
dürften die daraus resultierenden Strömungen den Verkehr sehr 
erschweren. Herr von Lesseps legte diese Frage der Academie des 
Sciences vor und Bouquet de la Grye erstattete am 31. Mai 1887 
vor derselben Bericht^^). V\feiter soll die 5 km lange Erweiterung 
des Kanales in seiner Mitte (um das Ausweichen zu ermöglichen) 
fortfallen. Die Hafenanlagen auf beiden Enden sollen auf das not- 
wendigste beschränkt werden. Der Damm von Gämboa soll kleiner 
als ursprünglich geplant angelegt werden. Die Tiefe des Kanals 
soll nur 6 — 8 m betragen. Mit den Überschüssen der Einnahmen 
dieses halbfertigen Kanales (welche Überschüsse nur in der Phan- 

") Comptes rendus des s6ances de rAcademie de^ ^<i\ft,XiR,^'&. lorss^.. ^^1?^ « 
Siehe auch „Zentralbhü der Bau Verwaltung" Jahigaa^ ^TL., "^^^ ^^- 



— 120 — 

tasie des Grafen von Lesseps existieren) solle dann der Kanal ver- 
tieft, erweitert, verbessert werden. 

Charles A. de Lesseps, der älteste Sohn des Grafen Ferdinand 
von Lesseps, hatte im Frühjahre 1887 den Isthmus in Begleitung 
der Herren CoUu und Hutin (Chefingenieur das Kanalbaues) besucht. 
Charles de Lesseps erstattete hierüber vor dem Verwaltungsrate 
am 6. Mai 1887 einen sehr optimistisch gehaltenen Bericht^^. — 
Von den ausgelegten 500,000 Obligations Nouv. 2. Serie wurden 
trotz aller Anstrengungen nur 258,887 Franks gezeichnet. 

Neunte auTser ordentliche Generalversammlung vom 1. März 1888. 
Über die Hälfte der Berichte erfüllen Anklagen gerichtet gegen die 
Gegner und Verleumder der Kompanie. Nur diese hätten es ver- 
schuldet, dafs es nicht gelungen sei, 1200 Millionen Franks zu 5 bis 
6 ^/o einschliefslich Amortisation aufzutreiben. Mit dieser Summe wäre 
der Kanal „dem Programm gemäfs" erbaut worden. Das Gesuch 
um Bewilligung der Ausgabe von Lotterieobligationen sei erneuert ^^ 
und durch zahlreiche Petitionen, gerichtet an viele Mitglieder der 
Deputirtenkammer, unterstützt worden. Die geringen Arbeitserträge 
des Jahres 1887 werden durch den Arbeitermangel, abnorme Regen- 
fälle, Mangel an Vertrauen und Energie verschiedener Unternehmer 
u. a. erklärt^®). 

Am 25. September 1887 seien dem technischen Oberaufsichts- 
rate folgende zwei Fragen vorgelegt : 1) Ist es möglich im zentralen 
Gebirgsstocke ein Scheitelbecken anzulegen, welches die Fortsetzung 
der Arbeiten am Niveaukanale durch Baggerung gestatten würde? 
2) Wird es möglich sein, ohne Unterbrechung der Vertiefungsarbeiten 
den maritimen Verkehr zwischen beiden Ozeanen zu eröffnen? 

Herr von Lesseps behauptet, der Aufsichtsrat habe beide 
Fragen einstimmig bejaht. Ich habe dagegen die Zeugnisse einer 
ganzen Beihe der tüchtigsten Ingenieure publiziert gefunden, welche 
die praktische Durchführung dieser Idee für unmöglich halten. 
Selbst Eififel, der Erbauer des Schleusenkanals, ist der festen Über- 



^*) Nach den offiziellen Angaben der Compagnie Universelle wurden bis zum 
1. August 1887 ausgehoben etwa 38,000,000 kbm meist Erde, Sand, Schlanun.nnd 
wenig hartes Feld. Für den ursprünglich geplanten Kanal wären also noch 
mindestens 82, wahrscheinlich (nach unsrer heutigen Kenntnis der Gebirge, der 
zahlreichen, unbedingt notwendigen Abzugsgräben für die Flüsse) aber bis 100 kbm 
auszuheben gewesen. Genaue offizielle Daten über die Arbeitsleistungen bis 
Ende 1887 fehlen. Dieselben betragen nicht eine Million Kubikmeter pro Monat. 
Vom Januar bis August 1888 wurden je l,o bis 1,8 Millionen Kubikmeter pro 
Monat ausgehoben. 

^9 Balletin du Canal Interoc^anique No. 203. 
^9 Einen Auszug bringt das BuUetm, ^^%, AÄW xiikÖL \^% l. 



— 121 — 

Zeugung, dafs derselbe als definitiv zu betrachten sei, eine Tiefer- 
legung enorme Kosten erfordern und den Verkehr im Kanäle unter- 
brechen würde *^). 

Die erste Schleuse solle bei km 22,? (vom Atlantischen Ozean an 
gerechnet) liegen. Zwei Schleusen mit Gefälle von je 8 m und drei 
Schleusen mit Gefälle von je 11 m führen zum Scheitelbecken 
empor. Dasselbe liegt 52 m über dem Niveau der Ozeane zur Zeit 
der Ebbe. Nach der pazifischen Seite steigt der Kanal durch vier 
Schleusen mit je 11 m und eine Schleuse mit 8 m Gefälle herab. 
Für diesen Kanal seien nur noch 34 Millionen Kubikmeter auszu- 
heben und könne der Kanal bis zum 1. Juli 1890 fertig sein. Die 
Möglichkeit der Tieferlegung des Scheitelbeckens und der Fort- 
lassung der beiden obersten Schleusen wird bereits angedeutet. Die 
Kosten für diesen Kanal (einschl. Zinsen und Amortisation) werden auf 
654 Millionen Franks berechnet. 

Zur Deckung dieser Ausgaben und der Verzinsung der neuen 
Lotterieobligationen seien vorhanden 110 Millionen, über welche die 
Gesellschaft am 1. Januar 1888 zu disponieren hatte, und — 600 
Millionen Franks als Ertrag der Ausgabe der „Obligations ä lots" ^®). 
Bei einem Transit von 7,5 Millionen Tons (Zollgebühr 15 Franks 
pro Ton) würde dieser Kanal rentieren, einen Üeberschufs von 
21 Millionen Franks bringen. — Durch einen Brief von 15. November 
1887 ^*) hatte Herr von Lesseps den Gründern, Aktionären u. a. der 
Compagnie Universelle angezeigt, dafs er am selben Tage mit Herrn 
Eiffel den Vertrag zur Erbauung des Schleusenkanals unterzeichnet 
habe. Das „Journal Officiel" vom 9. Juni 1888 veröfientlicht das 
vom Senate und der Deputiertenkammer angenommene und vom 
Präsidenten Carnot genehmigte Gesetz, welches die Compagnie 
Universelle, du Canal Interoceanique de Panama autorisiert, bis zu 
720 Millionen Franks Lotterieobligationen auszugebend^). 

Da es schon vorher an Geld fehlte, hatte die neunte General- 
versammlung die Genehmigung zur Ausgabe einer 3. Serie von 
Obligat. Nouv. erteilt. Der Erfolg dieser Anleihe war ein überaus 



**) Siehe Paponot, Achevement du Canal de Panama. Paris, 1888. — 
Zentralblatt der Bauverwaltung, 1888, No. 48. — „Deutsche Bauzeitung ", 1888, 
No. 60. Hier finden sich auch nähere Angaben und Pläne über die geplanten 
Schleusen. 

^) Für Zinsen und Amortisation der Aktien der drei Serien alter 
Obligationen und der zwei Serien Obligations Nouv. mufste die Gesellschaft 
Ende 1887 bereits 72 Millionen Franks pro Jahr ausgeben. 

'*) Bulletin du Canal Interoceanique 15 o. 1%. 

'^ Siebe Bulletin du Canal Interoceanique "SÄo. ^VÄ. 



— 122 — 

kläglicher. Das Bulletin macht keine bestimmten Angaben. Der 
Kredit der Gesellschaft war eben vollständig erschöpft. Die Stücke 
der Obligat. Nouv. 3. Serie konnten später gegen Obligat, ä lots 
umgetauscht werden. Von diesen wurden am 26. Juni 1888 2 Millionen 
Stück zur Zeichnung ausgelegt. 

Zehnte Generalversammlung vom 1. August 1888. Herr von 
Lesseps sagt, dafs die Kassen der Gesellschaft vor Publikation des 
Gesetzes vom 8. Juni 1888 (über die Lotterieobligationen), leer 
waren. Eine kleine Gesellschaft von „patriotischen und ausdauernden 
Freunden" schofs in dieser Not 30 Millionen Franks vor, und die- 
selben Herren halfen wieder, als der Erfolg der Ausgabe der Lotterie- 
obligationen ein ungünstiger war und die vom Gesetze geforderte 
Kaution nicht eingezahlt werden konnte. Die Gesamtausgaben be- 
trugen bis zum Juni 1887 = 799,666,436 Franks, die Einnahmen 
über 957,6 Millionen Franks. Die voraussichtlichen Ausgaben bis 
zum 1. Juli 1890 (vom 1. Juli 1888 an), wo der famose Schleusen- 
kanal fertig sein soll, werden auf 607,200,000 Franks berechnet, 
wovon 333,6 Millionen auf die Arbeiten, 24 Millionen auf die Ver- 
waltung auf dem Isthmus, 4 Millionen auf die in Paris, 203 Millio- 
nen auf Verzinsung und Amortisation gerechnet werden. 

Mit wahrhaft verblüffender Kühnheit, um nicht einen andern, 
richtigem Ausdruck zu gebrauchen, wird dann gesagt: Woraus 
resultiert, dafs mit dem Produkte der Anleihe vom 26. Juni (Lotterie- 
obligationen) und dem disponiblen Kapitale von 157,9 Millionen 
Franks, die am 30. Juni 1887 baar vorhanden waren oder noch 
ausstanden, der Zeitpunkt der Eröffiiung des Seekanals, der 1. Juli 1890, 
erreicht werden kann, und alle Ausgaben bis dahin bestritten werden 
können. Womit sollen die Ausgaben vom 1. Juli 1887 bis 1. Juli 1888, 
die mindestens 220 Millionen betragen, gedeckt werden? 

über den Stand der Arbeiten zum Schleusenkanale werden 
folgende Angaben gemacht. Die erste Sektion der Kanaltra9e be- 
ginnt bei der neuen Stadt Christophe Colomb beim alten Colon 
(Aspinwall) an der Limonbai und geht bis 22,5 km. Hier werden 
die Erd- und Schlammmassen fast ausschliefslich durch Bagger aus- 
gehoben. Die „American Contracting and Dredging Company" hat 
diese Arbeiten in Entreprise und hatte dieselbe am 1. Januar 1888 
noch 7,290,000 kbm auszuheben; die „Entreprise Jacob", welche 
gleichfalls einen Teil dieser Sektion übernommen hat, hatte noch 
1,8 Million kbm fortzuräumen. Etwa 18 km dieser Sektion waren 
mit einer Tiefe von 7 — 8 m schon Mitte 1888 fertig. Die zweite 
Sektion geht bis 26,35 km. ünteinehmer : Artigue und Sonderegger. 
-Es waren nur noch 675,000 k\)m tax >ö^^*^\a%%\i ^QascBjfiaL am 



— 123 — 

1. Januar 1888 gemeint). Dritte Sektion bis 44 km. Unternehmer: 
Vignaud, Barbaud, Blauleuil & Compagnie. Es waren noch 7,884,000 kbm 
auszuheben. Die Unternehmer sind kontraktlich verpflichtet, vom 
1. März 1888 an pro Monat 400,000 kbm auszuheben und erklärt 
Herr von Lesseps hier und an verschiedenen andern Stellen seines 
Berichts, dafs die Gesellschaft streng auf Erfüllung der Kontrakte 
halten und die Unternehmer für alle Verzögerungen verantwortlich 
machen würde (durch Verlust der gestellten Kautionen). 

Vierte Sektion bis 53,6 km. Unternehmer: „Societe de Traveaux 
publics et Constructions". Es waren noch 4,800,000 kbm aus- 
zuheben. Hier — und in der folgenden, kürzesten, bis 55,45 km 
reichenden Sektion — sind nur Felsen fortzuräumen. Diese werden 
erst durch Minen (Dynamit mit Pulver gemischt) oder Steinbohrer 
zertrümmert und dann in Terrassen abgebaut. Unternehmer der 
fünften Sektion sind die Herren Artigue und Sonderegger. Es waren 
noch etwa 6,000,000 kbm fortzuräumen. Hier liegt im Cerro de la 
Culebra der Scheitelpunkt der Route in über 100 m. Sechste und 
siebente Sektion gehen bis 62,2 km und sind in denselben Händen wie 
Sektion fünf. In der sechsten Sektion waren noch 450,000 kbm, 
in der siebenten noch 1,550,000 kbm fortzuräumen. Achte Sektion 
bis 68,1 km ist den Herren Baratoux, Letellier & Compagnie über- 
tragen und waren hier noch 3,050,000 kbm fortzuräumen. Die sechs 
letzten Kilometer des Kanals im Pazificozean selbst werden von der 
Compagnie Universelle durch Bagger hergestellt. 2,i km waren 
bereits bis auf 8 m (zur Zeit der Ebbe) ausgehoben. Herr Eiffel 
hat sich verpflichtet, die Schleusen bis zum 30. Juni 1890 her- 
zustellen und wird seit Februar 1888 mit grofsem Eifer an denselben 
gearbeitet. 

September bis November 1888 bereisten die Herren Ferdinand 
und Charles A. de Lesseps einen grofsen Teil Frankreichs, obgleich 
die physischen und geistigen Kräfte des ersteren seit Anfang 1888 
eine merkliche Erschlaffung zeigten. Charles de Lesseps hielt 
überall Vorträge über den Stand der Arbeiten, die RentabiHtät des 
Kanals u. a. und — forderte zur Zeichnung von Lotterieobligationen 
auf! Aber alle Mühe war umsonst, die Sparbüchsen der Aktionäre 
und Obligationsinhaber waren leer. Es gelang nur 800 000 der 
Loosobligationen unterzubringen. 

Unter dem 29. November richtete von Lesseps ein überaus 
phrasenreiches Schreiben an die Union der Aktionäre und ObUgations- 
inhaber, worin er den Wunsch derselben, sich an die Spitze der 
„Union" zu stellen, erfüllt. Weiter erklärt er^. da.fe ^t \^^^<^^ 
der mcht gezeichneten Lotterieobligationeiv avxsX^^'^^ xxnv ^^ tvx^'®^^'«^ 



— 124 — 

ohne Unterbrechung fortsetzen zu können. Zugleich kündigt er die 
Absicht an, die früheren Anleihen mit ihrer drückenden Zinsenlast 
zu konvertieren. 

In einem Briefe vom 14. Dezember 1888 zeigte Herr v. Lesseps 
den Aktionären u. a. an, dafs das von ihm angegebene Minimum 
von 400 000 Lotterieobligationen (11. Emission) nicht gezeichnet 
sei^^), und stelle er deshalb die eingezahlten Gelder wieder zur Ver- 
fügung. Zugleich wird bekannt gemacht, dafs vom 14. Dezember 1888 
ab die Zahlung der Coupons und die Büelcaahlung der ausgeloosten 
ObligcUionen eingestellt tverde! Nur die Verzinsung und Tilgung der 
ObligcUionen Nouv, 3. Serie und der Obligationen ä lots, garantiert 
durch ein Depositum in französischer Rente, sollten fortgesetzt 
werden. Der Anfang vom Ende, vom Zusammenbruche der Compagnie 
Universelle beginnt hier. Sehen wir nun zunächst, welches die 
faktischen Einnahmen der Gesellschaft waren, wie dieselben ver- 
wendet worden und worin die heutigen Aktiva derselben bestehen. 

Die Compagnie Universelle du Canal Interoceanique de Panama 
nahm ein aus: 

I. Aktienkapital; 580 000 Aktien ä 500 Frks., 

eingezahlt in vier Raten, die letzte am 

30. September 1886. Während der Bauzeit 

mit 5 ®/o verzinst. Brachten ein 290 000 000 Frks. 

IL 250 000 Obligationen; ausgegeben Septbr. 

1882, Nennwert 500, verzinst mit 5^/o, 

brachten ä 437 109 375 000 „ 

III. 600 000 Obligationen; ausgegeben Oktbr. 

1883, Nennwert 500, verzinst mit 3®/o, 

brachten ä 285 171 000 000 „ 

IV. 458 277 Obligationen; ausgegeben Septbr. 

1884, Nennwert 500, verzinst mit 4 ^/o, 

brachten ä 333 144819000 „ 

V. 458 802 Obligationen Nouv. 1. Serie; aus- 
gegeben 1886, Nennwert 1000, verzinst mit 
30 Franks, brachten ä 450 206 460000 „ 

VI. 258 887 Obligationen Nouv. 2. Serie; aus- 
gegeben 1887, Nennwert 1000, verzinst mit 
30 Franks, brachten ä 440 110 000 000 „ 

VII. Obhgationen Nouv. 3. Serie; ausgegeben 
1888. Fehlen alle genauen Daten. Zum 

Transport 1 031 654 000 Frks. 
^ Es waren nur gegen 200 000 gezeichnet. 



— 125 — 

Übertrag 1 031 654 000 Frks. 
gröfsten Teile gegen Obligationen ä lots 
umgetauscht. 
Vin. 800 000 Obligationen ä lots; ausgegeben 
Juni 1888. Bringen 15 Franks Zinsen und 
werden durch Gewinne(500 000 bis 1000 Frks.) 
oder zu je 400 Franks zurückgezahlt. 
Brachten ä 350 Franks 280 000 000 Frks. 

Totalsumme der Einnahme : 1 311 654 000 Frks. 

Dabei waren von VIII bei Eintritt des Zusammenbruches, der 
Zahlungseinstellung, erst drei Raten, also etwa die Hälfte des Kapitals, 
eingezahlt. Zur Disposition der Compagnie Universelle haben also 
faktisch nur gestanden : 1 171 654 000 Franks. Als ganz unkontrollierbar 
sind hierbei die Einnahmen nicht in Rechnung gesetzt, welche für 
die Gesellschaft aus der Anlage der vorhandenen Kapitalien (vor 
definitiver Ausgabe derselben) erwuchsen. Dieselben können etwa 
auf 100 Millionen gerechnet werden. Wir hätten also den Verbleib 
von 1 271 654 000 Franks zu kontrolieren. 

Nach der letzten offiziellen Abrechnung, vorgelegt der zehnten 
Generalversammlung, bestanden die Aktiva in: 

1. Palais der Compagnie Universelle in Paris mit 

Möbeln und Büreaueinrichtung 2 025 072 Frks. 

2. Immobilien, Ländereien und Gebäude auf dem 

Isthmus 37 811 450 „ 

3. Möbel und Büreaueinrichtung 523 318 „ 

4. Maschinen und sonstige Werkzeuge und Mate- 
rialien 90 068 153 , 

5. Vorräte und Proviant 6 855 466 „ 

6. Aktien der Panamaeisenbahn 93 878 225 „ 

7. 255 000 ha Urland, von denen 125000 in Darien liegen, und 
zwar 100000 zwischen dem Rio Paya und Rio Mangle und zwischen 
dem Rio Marca und Rio Pirri, und 25 000 zwischen dem Rio 
Yape und Rio Pucro. Die restierenden 130 000 ha liegen in 
zwei Komplexen in Chiriqui, der eine zwischen dem Rio Sigsola 
und dem Rio Robalo, der andre zwischen dem Rio Catabella und 
dem Rio San Pedro. ^^) 

8. Die ausgehobenen Erd- und Felsmassen. Dieselben betrugen bis 
Ende 1887 etwa 42 Millionen kbm. Dazu kommen pro 1888 
12 695 107. Summa : 54 695 107 kbm. 

'^) Hier ist zu bemerken, dais der Rio Sigsola ganz in unzweif&lk^^ 
costaricanischem Gebiete und weit vom Rio Robalo U^^l. C»o^W^vi.^ \3äK. wköo. 
heraus gegen diese Bestimmung^ die übrigens nocli mc\it ^fe^saHxH *\^\., \ftö^sÄ^5Äx\. 



— 126 — 

Wieviel hiervon auf den eigentlichen Kanal und auf notwendige 
FluTsableitungen, und wieviel auf zwecklose, durch mangelnde Ordnung 
und das Fehlen klarer Pläne während der ersten Jahre verschuldete 
FortschaflFung und Hin- und Herförderung von Boden kommt, l&fst 
sich nicht angeben. 

Die Aktien der Panamabahn sind zum teil verpfändet, das 
Material (Eisenbahnen, Lokomotiven, Erdwagen und Karren, Bagger, 
Erdbohrer u. a.) verliert enorm an Wert, sobald es unbenutzt bleibt. 
Schon bis Ende 1888 waren viele der unbenutzten, unbrauchbaren, 
oder einer auf dem Isthmus nicht ausführbaren Reparatur zu unter- 
werfenden Maschinen verrostet und verkommen, im Schlamme ver- 
sunken. Da bisher jede Abrechnung über die Zeit von Mitte 1887 
an fehlt, überhaupt auch nie spezielle Daten über die Gehalte der 
höheren und höchsten Leiter publiziert sind, so ist eine Kontrolle der 
Geldverwertung unmöglich. 

Wenn man bedenkt, dafs Urland in Colombia fast keinen Wert 
hat, überall (®/io des ganzen Gebiets sind noch Staatsbesitz) zum 
Preise von 5 bis 10 Franks pro Manzana (= 10 000 Qdr. Varas 
ä 0,8 m) zu haben ist und vergebens angeboten wird, so erschrickt 
man vor dem geringen Werte der faktisch vorhandenen Aktiva. 
Doch kehren wir zur Geschichte des Zusammenbruches zurück. 

Bereits am 14. Dezember 1888 legte der Finanzminister Peytral 
der Deputiertenkammer einen Gesetzentwurf vor, für welchen er die 
Dringlichkeit forderte und welcher besagt: Die Compagnie Universelle 
du Canal Interoceanique de Panama ist autorisiert, vom 14. Dezember 
1888 an ihre Zahlungen, auch die der Koupons der Aktien und 
Obligationen und der Amortisation der letzteren, für drei Monate ein- 
zustellen. Die Lotterieobligationen, ausgegeben auf Grund des Gesetzes 
vom 8. Juni 1888, sind hierbei nicht eingeschlossen. ^^) Die Kammer 
nahm die Dringlichkeit an und ernannte eine Kommission von 22 Mit- 
gliedern zur Prüfung des Gesetzentwurfs. Diese beantragte Ablehnung, 
und am 15. Dezember beschlofs die Deputiertenkammer mit 256 gegen 
181 Stimmen, nicht in die Beratung zu treten. 

Graf Ferdinand von Lesseps und die Mitglieder des Aufsichts- 
rats legten am 14. Dezember ihr Amt nieder und beantragten beim 
Präsidenten des Zivilgerichts des Departements der Seine die Er- 
nennung von provisorischen Administratoren, um die Rechte der 
Aktionäre und Obligationsinhaber zu wahren und die Fortsetzung 
der Arbeiten zu sichern. Der Präsident ernannte sofort zu Admini- 



^^ An dieser Stelle sei bemerkt, dafs Regierung und Parlament Frank- 

reicha der Compagnie Universelle stets das giöl&te Wohlwollen bezeigt haben 

ohne sieb und den Staat zu kompromittieren sich mc\it '«eilet em\iflkS^OQATiVstsä(«& 



— 127 — 

stratoren mit den weitgehendsten Vollmachten die Herren Denormandie, 
früherer Direktor der Bank von Frankreich, Baudelot, früherer Prä- 
sident des Handelsgerichts der Seine, und Hue. Die am 15. Dezember 
gezogenen Lose der Obhgations Nouvelles, Serie 1 wurden nicht 
mehr ausgezahlt. 

Elfte Generalversammlung vom 26. Januar 1889. Der Bericht 
der Administratoren, verlesen von Herrn Baudelot, zeigt vorsichtige 
Ruhe und trägt den Stempel der Wahrheit. Er sticht also überaus 
wohlthuend gegen alle vorige Berichte ab. 

Zuerst gaben die Administratoren näher die ihnen vom Gerichte 
erteilten Vollmachten an und hoben hervor, welche ungeheure Ver- 
antwortung nach dem Beschlüsse der Deputiertenkammer vom 
15. Dezember auf ihren Schultern geruht habe. Sie hätten den 
Premierminister — als am 16. und 18. Dezember alarmierende 
Depeschen vom Isthmus ankamen — ersucht, sofort einige Kriegs- 
schiffe nach Panama und Colon zu dirigieren. Um die Fortsetzung 
der Arbeiten wenigstens für die nächste Zeit zu sichern, suchten die 
Administratoren eine Anleihe zu machen. Sie waren nicht kompetent 
in der Frage der Bildung einer mit der Vollendung des Kanales 
betrauten Gesellschaft. Die vergeblichen Verhandlungen, um eine 
Anleihe zu Stande zu bringen, werden geschildert. Sie scheiterten 
daran, dafs die grofsen, im Prinzipe zur Hilfe bereiten französischen 
Bankhäuser und Kreditinstitute verlangten, eine von ihnen ernannte 
Konmiission von Ingenieuren und Kaufleuten solle nach dem Isthmus 
gehen und genauen Bericht über den Stand der Arbeiten erteilen. 
Hierfür verlangten sie sechs Monat Zeit und verpflichteten sich während 
derselben, um die Arbeiten nicht ganz abzubrechen, pro Monat 
2 Millionen Franks vorzuschiefsen. 

Die Administratoren antworteten auf diese Vorschläge: Es sei 
dies eine viel zu geringe Summe für eine Gesellschaft, welche (Ende 
1888) allein 90 Millionen Franks für Zinsen und Amortisation zu 
zahlen habe. Aufserdem verlangten die Darleiher, dafs ihnen für 
diese 12 Millionen das ganze bewegliche und verkäufliche Besitztum 
der Gesellschaft verpfändet werde. Wenn nach Ablauf der sechs Monate 
die neue Gesellschaft zur Vollendung des Kanals nicht gebildet sei, 
trete die Compagnie Universelle wieder in ihre vollen Rechte ein. 
Die Gegenvorschläge der Administratoren wurden nicht angenommen. 
Endlich gelang es denselben durch direkte Verhandlungen mit den 
Unternehmern die Fortsetzung der Arbeiten bis zum 15. Februar 1889 
zu sichern. Zur Beschaffung der hierfür notwendigen G^VAst tksä^^xw 



— 128 — 

33,500 der Aktien der Panamäbahn deponiert und verpfändet werden^^. 

Da die Versammlung nicht genügend besucht und also nach 
dem Statute nicht beschlufsfähig war, konnte sie nur Beschlüsse in 
Form von Ratschlägen erteilen. Sie konnte also nicht (wie beab- 
sichtigt) die Auflösung der Compagnie Universelle bestimmen, Liqui- 
datoren ernennen und diesen die Vollmacht zur Übertragung des 
ganzen Besitzes der alten Gesellschaft oder eines Teiles desselben 
an die neue erteilen. 

Hierauf nahm Herr von Lesseps das Wort. Seine Bede ist 
phrasenreicher und mehr mit Widersprüchen und trostlosen Angaben 
gespickt, als alle vorhergehenden. Er teilt mit, dafs er die Bildung 
einer neuen Gesellschaft zur Vollendung des Kanals in die Hand 
genommen habe. Bereits am 20. Januar war ein provisorisches 
Abkommen zwischen den Administratoren, den Präsidenten der alten 
Gesellschaft und Herrn Werbrouck im Namen der Banque Parisienne 
getroffen worden. — Frühere Verhandlungen mit dem Credit Poncier, 
Credit Lyonnais, Comptoir d'Escompte und andern grofsen Finanz- 
instituten, unternommen vor Ankündigung der Zahlungseinstellung, 
blieben resultatlos, trotz des besten Willens dieser Institute, da 
dieselben zunächst einen genauen Bericht unabhängiger Ingenieure 
über den faktischen Stand der Arbeiten verlangten. 

Die Bedingungen der neuen Anleihe, respektive bei der Bildung 
der neuen Gesellschaft, waren folgende : Das Aktienkapital derselben 
(„Compagnie Universelle pour l'achevement et l'exploitation du 
Canal Interoc6anique de Panama") ist auf 30 Millionen in Aktien 
ä 500 Franks festgesetzt, kann aber bis auf 60 Millionen Franks erhöht 
werden. Die Einzahlung geschieht in drei Raten innerhalb fänf 
Wochen. Während der Bauzeit erhalten diese Aktien 5*^/o Zinsen. — 
Nach Eröffnung des Kanals sollen die Einnahmen dienen: Zur Bezahlung 
der kontraktlichen Rate an die Regierung von Colombia, zur Ver- 
waltung des Kanals, zur Verzinsung der Anleihen der neuen Gesell- 
schaft und zur Verzinsung der Aktien derselben (mit 5®/o). Von 
dem dann verbleibenden Ueberschusse erhält die alte Gesellschaft 
(Compagnie Universelle du Canal Interoceanique de Panama) 80 ®/o, 
die neue Gesellschaft 20 ^/o, von denen 16 ^/o als Dividende an die 
Aktionäre verteilt werden. Wie man sieht, ist von Verwendung der 
Ueberschusse zur Vertiefung des Kanals, zur Umwandlung desselben 
in einen Niveaukanal, gar nicht mehr die Rede ! Die Listen für diese 
neue Zeichnung sollten bis zum 2. Februar 1889 ausliegen. 



^') 7. Lesseps und Genossen traten also erst zurück, als die Kassen gans 
geleert, der Kredit völlig erschöpft, aWea ^erVor^a, mcNiV^ m^x T^i'K^VsiOLwarl 



— 129 — 

Die 60 Millionen waren übrigens eine lächerlich geringe Summe, 
durch welche nur die ersten, dringendsten Ausgaben hätten gedeckt 
werden können. Auch war es thöricht, zu dieser zweiten Gesell- 
schaft einzuladen, ehe das Schicksal der alten entschieden war. Es 
wurde weniger gezeichnet, als selbst die gröfsten Pessimisten erwartet 
hatten. Man stiefs sich am Namen des Leiters und Machers der 
neuen Gesellschaft. Aber selbst die Realisierung aller Pläne des 
Herrn von Lesseps und Genossen mit Werbrouck, d. h. Unterbrin- 
gung beider Aktienserien und der noch nicht plazierten 1 200 000 
Obligationen ä lots, hätten nur 360 Millionen Franks eingebracht. 
Davon hätten höchstens 300 Millionen Franks für die Arbeiten ver- 
wendet werden können, was völlig ungenügend. Zahbeiche franzö- 
sische Zeitungen tadelten es ganz offen, dafs man den Mann und 
seine Clique, welche den vollständigen Ruin der Compagnie Univer- 
selle verschuldet hätten, wieder an die Spitze stelle. 

Weiter sagte Herr von Lesseps in seiner letzten Rede, dafs 
noch 450 Millionen Franks für die Fertigstellung des Schleusen- 
kanales notwendig seien, die beiden obersten Schleusen fortfallen 
sollten und noch 35 Millionen Kubikmeter auszuheben seien. Selbst- 
verständlich wird die Fertigstellung des Kanales für das folgende 
Jahr zugesagt und versichert, dafs dieser Schleusenkanal nur als 
Provisorium zu betrachten sei. Lauter Beifall belohnte diesen 
„Bericht". Ein Aktionär bat danach ums Wort und versuchte ver- 
nünftige Ansichten zu vertreten. Er bemerkte, dafs, wenn der Kanal 
nach diesem neuen Anschlage wirklich fertiggestellt würde, er vom 
ersten Jahre an mit einem Defizit von mindestens 24 Millionen 

m 

arbeiten müfste. Beim Worte „Defizit" wurde der Unglückliche 
durch wütenden Lärm, Pfeifen und Zischen der fanatisierten oder 
bezahlten Zuhörer oder unverbesserlichen Optimisten unterbrochen, 
ihm das Wort entzogen. Die Aktien der alten Gesellschaft können nach 
dieser Generalversammlung als ziemlich wertlos betrachtet werden. 
Sie standen Ende Februar und Anfang März etwa 50, während sie 
am 15, Januar noch mit 115, am 30. November 1888 mit 230 ver- 
zeichnet waren. Ausgehoben waren im November 773 486 kbm, von 
denen über 80 000 auf die Schleusen kamen, an denen Herr Eiffel 
mit grofser Energie arbeiten Uefs. 

In der letzten Nummer des Bulletin du Canal Literoceanique 
vom 2. Februar wird bekannt gemacht, dafs von jetzt ab diejenigen 
Nummern der Obligationen ä lots, die gezogen aber nicht abgesetzt 
(gezeichnet) seien, nicht wie bisher wieder in die Trommel geworfen 
würden, sondern dafs diese Gewinne der Compagnie Univet^eUfe t»^ 
gute kämen. Durch Gerichtsbefehl der ZmWLamm^x öäx 'Si^soiÄ ^wsv 

QeographiBcbe Bl&iier. Bremen 1889. ^ 



— 130 — 

29. Januar wurde Herr Hue zum Sequestrator der Compagnie Uni- 
verselle ernannt und forderte er auf, die weiteren Einzahlungen auf 
die Obligationen ä lots an von ihm errichtete (und bezeichnete) 
Kassen zu leisten. Viele französische Zeitungen rieten energisch 
hiervon ab, da die Gesellschaft bereits bankerott sei. 

Wie unabhängige, kompetente Männer über die Sachlage 
dachten, zeigt ein Artikel des berühmten Nationalökonomen Leroy- 
Beaulieu im Economiste fran9ais vom 28. Januar 1888. Herr Leroy- 
Beaulieu ist ein Anhänger des Panamäkanals und wurden seine 
Urteile früher oft vom „Bulletin" zitiert. Es schreibt: Der Panamä- 
kanal drohe Frankreich so viel als die an Deutschland gezahlte 
Kriegsentschädigung zu kosten, ohne irgend welche Chancen ernst- 
hafter Erträge und Verzinsung dieses Kapitals zu bieten. Die ein- 
zige ökonomische Folge dieser Geldausgabe würde für Frankreich 
sein, dafs die amerikanischen Fabrikate an den vom Pacific be- 
spülten Küsten einen Vorteil über die französischen erlangen würden. 
Leroy-Beaulieu erinnert an die früheren Versicherungen des Herrn 
von Lesseps und seine Proteste gegen jeden Schleusenkanal. Die 
Lotterieobligationen hält er nur für eine Erfindung, um Regierung 
und Parlament mit der ganzen Angelegenheit zu beschäftigen. Die 
Erträge dieser Losausgabe würden gering sein und würde die Ge- 
sellschaft immer zur Ausgabe von Anleihen zu 8 — 9% ihre Zuflucht 
nehmen müssen. Der Schleusenkanal würde noch fünf Jahre und 
1^/2 Milliarden erfordern. Bis Ende Januar 1888 habe die Gesellschaft 
etwa 42,000,000 kbm fortgeräumt und dafür 867 Millionen aus- 
gegeben, = 20,6 Franks pro kbm im Durchschnitt. Die noch zu 
bewältigenden 40,000,000 kbm würden also 800 Millionen kosten. 
Die Arbeit sei jetzt besser organisiert und also billiger wie zu Be- 
ginn des Baues, dafür seien aber auch fast nur noch Felsen aus- 
zuheben. Ein Schleusenkanal werde nie einen Transit von über 
6 Millionen Tons bewältigen können. 

Am 10. Februar 1889 brachte die Zeitung „Le Temps" einen 
Brief des Herrn von Lesseps vom 9. Februar, worin er den Zeichnern 
der Aktien vom 2. Februar anzeigt, dafs er jetzt nicht im stände 
sei, die neue Gesellschaft für die Vollendung des Panamäkanals zu 
gründen, da das Gesetz für die Konstituierung der Gesellschaft die 
Einzahlung des vierten Teils der ganzen ausgegebenen Aktien fordere, 
welche Bedingung nicht erfüllt werden konnte. Er stellt deshalb 
den Zeichnern die eingezahlten Summen zur Verfügung und verweist 
die Interessenten an den Liquidator. 

Die Bankerotterklärung der Compagnie Universelle wäre die 
einzige Möglichkeit^ einen Teil der GeVdex ÖL\xie\i 'S ^xVwi 4«t Aktiva 



— 131 — 

(Einlösung der verpfändeten Aktien der Panamäbahn) zu retten, 
Auflösung der Gesellschaft und Ernennung eines Liquidators kann 
die Sache nur verzögern und durch neue, nutzlose finanzielle Operationen 
verschlechtern. Auf dem Isthmus erlahmte die Energie der Unter- 
nehmer seit August 1888, als es bekannt wurde, dafs der Kredit der 
Compagnie Universelle erschöpft sei. Viele Arbeiter wurden entlassen, 
einige Unternehmer setzten die Löhne herab. Überschwemmungen 
zerstörten im Dezember viel Materialien und einen Teil der Bauten, 
Dämme und Gräben. Die chilenischen und costaricanischen Arbeiter 
sind bereits auf Kosten ihrer respektiven Regierungen in ihre Heimat 
befördert worden. Anfang Februar kam auch ein Beamter der Re- 
gierung von Jamaica nach Colon, um die Rückreise der Jamaicaneger, 
welche etwa ^/s aller Arbeiter bilden, zu ordnen und Unruhen und 
Blutvergiefsen zu vermeiden. Mitte März wurden die Arbeiten voll- 
ständig eingestellt, Herrn Eififel forderte die Compagnie selbst hierzu auf. 

Durch Urteil des Appellationshofes vom 8. März 1889 wur 
der unerquickliche Kompetenzkonflikt zwischen dem Zivil- und 
Handelsgerichte definitiv dahin entschieden, dafs die Panamäkanal- 
gesellschaft als Zivilgesellschaft zu betrachten sei und also nicht 
vom Handelsgerichte in Konkurs erklärt werden könne. Die Liqui- 
dation der Gesellschaft (gerichtlicher Liquidator Advokat Brunes, 
früherer Unterrichtsminister) nimmt also ihren Fortgang. 

In der Deputiertenkammer schwiegen die Vertreter der Regierung, 
als am 7. März der Antrag von einem Deputierten gestellt wurde : die 
Regierung möge der Gesellschaft zu Hilfe kommen. Diese Interpellation 
vnirde durch einfache Tagesordnung erledigt. Auf dem Isthmus sind 
die Arbeiten seit dem 15. März völlig eingestellt. Die Magazine sind 
verschlossen, die Zahl der Wächter und Soldaten, welche zum Schutze 
der Materialien auf der Linie zurückgelassen worden, scheint ungenügend 
zu sein, hört man doch bereits von verschiedenen Diebstählen. 

Bleiben die Arbeiten sechs Monate lang ganz ruhen, so hat die 
Regierung von Colombia das Recht (Artikel 22 Absatz 5 des Ver- 
trages vom 18. Mai 1878), den Vertrag mit der Compagnie Universelle 
zu lösen. Sie würde dann wahrscheinlich zunächst mit amerikanischen 
Kapitalisten in Verhandlung treten. Diese halten sich bisher sehr zurück, 
warten den Erfolg der Nicaragua Compagnie ab. Jede Hoffnung auf 
Beschaffang neuer Kapitalien in Frankreich ist heute als eitel zu be- 
trachten. Die Initiative zur Fortführung und Vollendung des Panamä- 
kanals liegt bei der Regierung von Colombia oder bei den Regierungen 
der europäischen Seemächte. Einer Vereinigung dieser gegenüber würde 
die Eifersucht der Vereinigten Staaten sich als olaiffl[va.c)cÄ;\% ^t^n^kv^^t^. 
Abgeschlossen Ende April 1889. 



132 



Das afrikanische Elfenbein und sein Handel. 

Hierzu Tafel 4: Karte der verschiedenen Elfenbein-Arten und -Handelsgebiete. 

Von Panl Beichard« 



Inhalt: Herkunft des Elfenbeins. Zusammensetzung. Gewicht. Arten des 
Elfenbeins : weich, hart, halbhart. Verbreitungsgebiet. Die Hauptausfuhrhäfen des 
Elfenbeins und die Handelsgebiete. Gefundenes Bein. Die Elefantenjagd. Vor- 
bereitung, Zaubermittel, Ausrüstung. Das Jagen. Jägergebräuche. Die Zähne. Das 
Fleisch des Elefanten. Jagdgesetze und Reclitsgrundsätze. Beschädigte Zähne. 
Rückkehr. Kostüm und Tänze. Matumera. Handel. Geschichtliches. Verwendung. 
Betrieb des Handels an der Ostküste. Der frühere Handel. Wanjamuesi. Der 
Mdäwa. Karawanenüberfälle. Ankunft an der Küste. Gebräuche dort. Die Inder. 
Umständlicher Handel, Tauschwaaren. Rückkehr der Wanjamuesi. Eindringen der 
Araber. Tabora. Arabische Emigranten. Ihre Handelszüge weiter ins Innere. 
Ugogo. Politische Verhältnisse dort. Handelsabschlüsse mit den Eingebomen. 
Handel am Nyassa, in Massai und an der Kapkolonie. Westküste. Tauschwaaren. 
Elfenbeinmärkte. Gesamtausfuhr und Wert. Schlufs. 

Im folgenden sollen keineswegs statistische oder kommerzielle 
Betrachtungen angestellt werden, sondern es ist die Absicht, die 
Herkunft des kostbaren Elfenbeins, die Art der Erbeutung und des 
Handelsbetriebes mehr vom ethnographischen Standpunkte aus zu 
behandeln. 

Das Elfenbein bildet bekanntlich die grofsen Stofszähne des 
Elefanten (Elefas afrik. L). Da diese Zähne ihren Sitz in dem 
Zwischenkieferknochen haben, so entsprechen sie den Schneidezähnen, 
nicht Eckzähnen, der Säugetiere. Sehr häufig hört man, so unglaublich 
es auch kHngen mag, die Ansicht aussprechen, dafs der Elefant 
seine Stofszähne öfters abwerfe, etwa so wie der Hirsch jährlich sein 
Geweih. Das ist keineswegs der Fall, sondern der wurzellose Zahn 
wächst ununterbrochen, so lange das Tier lebt und wird von einer 
sehr grofsen Pulpa aus ernährt. Von der Alveola ausgehend, füllt 
sie die spitz zulaufende Zahnholung in einem drittel bis halber, selbst 
dreiviertel Länge aus. Es kommen aufser den nur nach Gramm 
abzuwiegenden kleinen Milchzähnen, welche gewechselt werden, 
Zähne in jedem Gewicht bis zu 50, 60, selbst 80 und 90 kg vor. 
Das Elfenbein des Elefanten hat keinen Schmelz, sondern besteht 
nur aus dem Zahnbein und Zement und enthält höchstens 50 — 60 ®/o 
Mineralsubstanz. Das übrige ist Leimsubstanz als Bindemittel. 

Der europäische Elfenbeinhändler unterscheidet nach Aussehen 
und Eigenschaften drei Arten von Efenbein : das weiche, das harte oder 
transparente und das halbweiche Elfenbein, während der afrikanische 
diese Unterscheidung nicht kennt. Chemisch unterscheiden sich dieselben 
wohl nach dem Prozentsatze der Mineral- und Leimbestandteile. 
Etwaige chemische Untersuchungen darüber sind dem Verfasser nicht 
bekannt gewoiden und wahrschein^cVi ii\i%^xÄs y^^"^^^* 



— 133 — 

Über das Aussehen und die Eigenschaften, wodurch sich die ver- 
schiedenen Arten unterscheiden und was die Benutzung betrifft, läfst 
sich im allgemeinen folgendes sagen : Das weiche Elfenbein hat eine 
milchweifse Farbe, ist nicht durchscheinend, weniger spröde und 
hat ein spezifisches Gewicht von 1,75. Es wird hauptsächlich zu 
Klaviaturbelegen und zerschnitten am teuersten bezahlt. Das harte 
oder transparente Elfenbein ist vor allem schwach durchscheinend 
und hat in sehr leichtem Schimmer einen warmen gelblichen, rötlichen 
oder grünlichen Ton und macht es dadurch besonders zu Schnitzereien 
geeignet. Aufserdem findet es zu Messerheften Verwendung. Das 
spezifische Gewicht des harten Elfenbeins beträgt 1,85. 

Das halbharte Bein steht bezüglich aller Punkte zwischen den 
beiden ersteren. Aus dünnen schlanken Zähnen aller drei Arten 
von Elfenbein werden Billardbälle auf gewöhnUchen Handdrehbänken 
von sehr geübten Drechslern ausgestochen. Man nimmt zu Billard- 
bällen nur die dünnen Zähne, da dabei am wenigsten Material 
verloren geht. Diese verschiedenen Elfenbeinsorten entstammen 
derselben Elefantenart, werden aber von verschieden scharf abgegrenzten 
Lokalitäten produziert. Es liefern so diejenigen Elefanten das weiche 
Elfenbein, welche Länder Afrikas bewohnen, deren Flora dem 
sogenannten Pori oder der lichten trockenen Waldregion und den 
Savannen mit niederem Graswuchs und Knüppelhölzern angehören. 
Die Elefanten mit hartem Elfenbein bewohnen ausschliefslich die 
Eegionen der feuchten Urwälder und Savannen mit hohem Graswuchs. 

Das halbharte Elfenbein wird von solchen Elefanten produziert, 
welche Gegenden durchziehen, deren Flora beide obengenannte 
Vegetationsformationen gemischt aufweisen. 

Man kann also den Schlufs ziehen, dafs die Nahrung des 
Elefanten von direktem Einflufs auf die Substanzbildung seiner 
Stofszähne ist, da er in den aufgeführten Gebieten verschiedene 
Nährpfianzen aufnehmen mufs. 

Das Verbreitungsgebiet des Elefanten ist ein sehr grofses. 
Der Riese der Tierwelt kommt in ganz Afrika südlich der Sahara- 
gebiete vor, früher bis zum Kap. Jetzt ist er in dem Küstengebiet 
auf einem Gürtel, dessen Breite zwischen 50 und 200 km wechselt, 
vollständig ausgerottet, ebenso in der Kapkolonie. Auf der beige- 
gebenen Karte ist dieses Gebiet farblos gelassen. Ferner zieht 
sich von der Ostküste gegenüber Sansibar ein Streifen von wech- 
selnder Breite quer durch den Kontinent, innerhalb dessen auf der 
Karte ebenfalls weifs gelassener Fläche das edle Tier so gut wie 
ausgerottet ist, so dafs nur einzelne Exemplare od^t y^vcÄ ^'st.^^s^ 
dort eilig durchziehen, nie sich aber auftiaU^iv Yöxov'evv.^ öä. tcäsn. ^^ 



— 134 — 

mit der Feuerwaffe sofort vertreibt. Bei Witu an der Ostküste 
kommt es dann zuweilen noch vor, dafs sich Elefanten bis an die 
Küste verirren. Die Gebiete des harten und weichen Elfenbeins 
sind ziemlich scharf getrennt durch einen mächtigen Bogen, welcher 
sich von der Westküste unterm 15. ^ südl. Br. flach bis zum 2. oder 
3.^ nördl. Br. in die Nähe des 24. — 25.® östlich von Greenwich 
nach Osten dehnt, dann annäherend steil bis zum 10.® nördl. Br. 
erstreckt, von da in scharfem Knie nach W. bis zum südlichen 
Tsadsee, von da in flachem Bogen in ungefährer westlicher Richtung 
und mehreren grofsen Krümmungen nach der Westküste zu verläuft. 

Das Gebiet östlich dieser Grenzlinie gehört dem weichen, 
das westlich liegende dem harten Elfenbein an. Nördlich vom Gebiet 
des harten Elfenbeins etwa zwischen dem 15 ® östlich von Greenwich 
bis 5 ® westlich von Greenwich in einer annähernden Breite von 
20 Breitengraden, zwischen dem Tsadsee und Timbuktu südlich von 
der Wüste, findet sich ein Streifen Gebietes mit halbhartem Elfen- 
bein, und zwischen dem 1.® westlich von Greenwich und dem 5.® 
von Greenwich, dem 5.® und 10.® nördl. Br., um Akra herum, 
ein inselartiger zweiter Komplex halbharten Beines. 

Wie schon erwähnt, werden durch diese Grenzlinien zugleich 
Vegetationsformationsgrenzen gezogen. Selbstredend sind die Grenzen 
nur annähernd damit gegeben. Die ungefähre Dichtigkeit des Vor- 
kommens der Elefanten ist auf der Karte durch Farbenabtönung 
dargestellt derart, dafs die dunkelsten Stellen die elefantenreichsten 
angeben. 

Die meisten Elefanten kommen vor östlich und nordöstlich 
vom Victoria Nianza nach den Somali-, Galla- und Massailändetn zu, 
dann an einem kleinen Fleck zwischen Tanganika und Bangueolosee 
und im Norden des grofsen Kongobogens, in den noch gänzlich 
unerforschten Ländern. 

Sehen wir nun die grofsen Ausfuhrhäfen rings an der afrika- 
nischen Küste an, so werden wir finden, dafs das dort exportierte 
Elfenbein genau die vorausgegangenen Ausführungen bestätigt. 

Beginnen wir mit Mogador an der Nordwestküste. Das dort 
vorkommende Elfenbein ist nur halbhartes, das von Timbuktu her 
durch die Wüste direkt nach Mogador kommt aus dem Gebiet 
nördlich des harten Beins. Über dies hinaus geht das Handelsgebiet 
von Timbuktu nicht. 

Tripolis mit halbhartem aus dessen Gebiet am Tsadsee und 

etwas wenigem weichen aus dem Bar el Gasalgebiet, auch einiges 

aus den Haussaländern, wohin das Handelsgebiet von Tripolis sich 

ausgedehnt hat Nach Alexandria komml ias\> ivxvt \q^\ricÄ^ xrod sehr 



— 135 — 

wenig hartes Bein. Das Handelsgebiet der ägyptischen Elfenbein- 
händler im Innern ist sehr ausgedehnt und wurde vor den Unruhen 
und Kämpfen im Sudan und Wadelei von ihnen bereist. Das ganze 
Gebiet des Bar el Gasal bis zum Tsadsee, das ganze Nilquellgebiet 
mit Ausnahme von Abessinien bis zum Mutansige und Victoria Nianza. 
Der Karawanenweg für dieses Elfenbein führt den Nil hinunter. 

Alles Elfenbein, welches nach Mogador, Tripolis und Alexandria 
kommt, ist stark gerissen und zwar, weil es auf den langen Wüsten- 
reisen schutzlos den glühenden Sonnenstrahlen während des Tages 
und der oft unter Null herabsinkenden nächtlichen Temperatur aus- 
gesetzt ist. 

Abessinien produziert nur weiches Bein, welches bis zum Aus- 
bruch der abessinischen Wirren von Massaua aus exportiert wurde. 
Die Somaliländer exportieren gar kein Elfenbein, trotzdem sie, 
besonders gegen den Victoria Nianza hin, neben den unerforschten 
Nordcongoländern vielleicht die elefantenreichsten Länder sind. 

Den Hauptelfenbeinhafen ganz Afrikas bildet Sansibar mit 
hauptsächlich weichem und wenig hartem Bein. Das Handelsgebiet 
Sansibars erstreckt sich weit nach allen Seiten über sämtliche inner- 
afrikanische Seen, den Victoria Nianza, Mutansige, Tanganika, Meru 
und Bangueolosee, sowie die nördliche Hälfte des Nyassasees ; ferner 
zieht es sich über das Congoquellgebiet und den mittlem Congo. Im 
Norden greift es zum Teil zwischen Victoria Nianza und Mutansige 
in das Gebiet der ägyptischen Händler, im Süden in das vonMosam- 
bique und Ealimani, somit in das Sambesigebiet, selbst in die 
Kapregionen. Alles Elfenbein des Sansibargebietes kommt im 
Innern in Tabora zusammen. Die am meisten begangenen Karawanen- 
wege führen von Niangue über Ujiji nach Tabora und aus Uganda 
ebendahin. Dort müssen nämlich neue Träger angeworben werden, 
um das Elfenbein zur Küste zu bringen und zwar nach Mombas, 
Fangani, Bagamoio und Dar es Salam. Nur das von Nyassa 
kommende wird direkt nach der Küste bei Mosambique transportiert. 
Mosambique und Kilimani an der Sambesimündung weisen nur 
weiches Bein auf. In Mosambique kommt hier und da, wenn auch 
selten, einiges hartes zur Küste. Das portugiesische Handelsgebiet 
bei der Hafenecke greift im Norden in das der Araber von Sansibar, 
im Westen in das der Westküstenhändler und im Süden in das 
Kaphandelsgebiet ein. 

Nun folgen die beiden Ausfuhrplätze Port Natal an der Ost- 
küste und Kapstadt an der Westküste. Beide liefern nur weiches 
Bein von sehr schöner weifser Farbe und sehr gesuchter Quali.tä.t». 
Die Zähne dieses sogenannten Kapbeines amöi ^Ä.^ ^V-a^i^K. ^^Jkcqskss!^^ 



— 136 — 

Das Handelsgebiet umfafst die nördlichen Kapländer, die Ealahari- 
wüste und die Ngamiseeregionen. 

Die grofse Strecke zwischen Kapstadt und Benguela ist ohne 
Ausfuhrhafen für Elfenbein. Von hier beginnt mit der Angolaküste 
die Region des harten Beines. 

Benguela liefert meist hartes und noch einiges weiche Elfen- 
bein, welches dem portugiesischen und Sansibar-Handelsgebiete 
entstanmit. 

Daran schliefsen sich San Paolo de Loanda und Ambrize mit 
nur hartem Bein. Der Handel in den drei letztgenannten Orten 
liegt hauptsächlich in den Händen der Portugiesen. Das Handels- 
gebiet reicht weit nach dem Innern, besonders da der Elefant hier 
bis weit landeinwärts ganz ausgerottet ist. Für dieses Handelsgebiet 
spielt die jeweilige Residenz des Muata Jamvo dieselbe Rolle, wie 
Tabora an der Ostküste, dort strömen alle Elfenbeinvorräte des 
Innern zusammen, um von da aus nach Benguela, Loanda und 
Ambrize dirigiert zu werden. 

Die Congomündung hat erst in jüngster Zeit begonnen eine 
Rolle als Elfenbeinplatz zu spielen und wird der Handel dort ent- 
schieden stets wachsen, wie die Vermehrung der Waffen- und Mu- 
nitionseinfuhr beweisen dürfte. Die ausserordentlich optimistischen An- 
gaben Stanleys von dem ungeheuren Elfenbeinreichtum sind ent- 
schieden übertrieben. Die Araber des Congo haben begonnen ihr 
Elfenbein an Händler von der Westküste zu verkaufen, denn sie sind 
dieser jetzt näher gerückt wie der Ostküste. 

Der Westküste weiter folgend konmit Gabun an der Gabun- 
mündung mit besonders schönem Schnitzbein und zwar nur hartem, 
dann Kamerun mit ebenfalls nur hartem Elfenbein. Die Handek- 
gebiete dieser beiden Häfen dehnen sich über die unmittelbar da- 
hinter liegenden Länder und wahrscheinlich nicht sehr weit nach 
dem Innern. Der Handel wird nur durch schwarze Händler ver- 
mittelt, welche eifersüchtig ihr Monopol wahren. Das Elfenbein 
des Niger -Benue wird auf der Wasserstrafse zur Nigermündung 
gebracht und ist nur hartes mit einigem halbharten. Nach Lagos 
kommt nur hartes Elfenbein, während Akra ausschliefslich halb- 
hartes ausführt, umschlossen von dem inselartigen Gebiet des halb- 
harten Beines. 

Die Senegalmündung exportiert nur hartes Bein, welches zum 

Teil auch auf dem Transport zur Küste Risse bekommt, dieses ist der 

letzte Ausfuhrhafen und halten wir damit unsern Rundgang vollendet. 

Kleinere Ausfuhrplätze, wie Liberia und Monrovia an der 

Westkäste, kommen wenig in Betracht xmöi ÖL\ft\öa^'^Ä^^ ^<^ \kks1i 



— 137 — 

zu nennen ist, und welche dasselbe Elfenbein wie Tripolis ausführt, 
ist eigentlich mehr eine Zwischenstation, wie denn überhaupt nur 
die bedeutendsten Häfen genannt wurden. 

Von allen den grofsen Quantitäten Elfenbein, welche aus Afrika 
ausgeführt werden, ist der verbreiteten Ansicht entgegen nur ein 
ganz verschwindend kleiner Prozentsatz gefundenes und dies erklärt 
sich sehr leicht. Ist ein Elefant verendet, so werden die Fleisch- 
teile in der kürzesten Zeit durch Raubtiere und Raubvögel verzehrt 
sein. Die Knochen und Zähne werden dann vom Grase überwuchert. 
Dieses trocknet im Mai und Juni vollständig aus und dann ziehen, 
Ende Juli bis August, durch ganz Afrika die durch die Schwarzen 
angelegten Grasbrände hindurch, natürlich auch über die Knochen- 
reste des Elefanten. Ein einziger solcher Brand des nicht allzu 
mäfsigen Grases genügt vollkommen, die sehr leicht zerstörbare 
Masse des Elfenbeins bis auf einen schwachen Kern zu kalcinieren 
und der im nächsten Jahr sich wiederholende Grasbrand zerstört 
den Zahn vollständig, so dafs er nach einigen Regengüssen total 
zerfällt und vielleicht nur ein weifser Streifen die Stelle bezeichnet, 
wo das Werk der Vernichtung vor sich gegangen ist. Das dritte 
Jahr hat dann alle Spuren verwischt. 

Dabei kann es nun vorkommen, dafs der eine Zahn des stürzenden 
Tieres unter Umständen in regendurchweichten Boden eingedrückt 
oder durch Regengüsse in Erde und Sand eingebettet wurde. Diesem 
können die Grasbrände vorläufig nichts anhaben und erst, wenn der 
Schädel durch Feuer und Witterungseinflüsse zerstört wurde, wird 
der nun blofsgelegte Teil des Zahnes ebenfalls zerstört. Die geschützten 
Teile dagegen bleiben wohl erhalten, und derartig halb eingebettete, 
halb verbrannte Zähne sind es auch, welche in der That gefunden 
werden. 

Wird ein solcher Zahn aber durch Wasser mit Erde und Sand 
ganz verschüttet, oder zufällig vielleicht beim Kampf der Raubtiere 
um den Kadaver aus der Kinnlade gelöst und verschleppt und eben- 
falls verschüttet, so bleibt der Zahn, in letzterm Fall vollständig, 
erhalten, ist aber ganz und gar verloren, da er dem menschlichen 
Auge unsichtbar, nicht gefunden werden kann und nur durch Erosion, 
die Hacke eines Eingeborenen und in spätem Zeiten vielleicht durch 
den Pflug eines Kolonisten wieder zu Tage gefördert werden könnte. 

Ist ein Elefant im feuchten Urwald eingegangen, wo Grasbrände 
niemals durchziehen, so werden die Überreste bald von abfallenden 
Blättern begraben sein oder dieselben versinken allmählich im Schlamm 
und selten nur werden solch versunkene Zä\vive öixxtdsv Tjx&aÄ. «xä 
Licht kommen. 



— 138 — 

Nur in einem Falle bleiben die Zähne sicher an der Erdober- 
fläche erhalten ; wenn nämlich das Tier in einem trocknen Urwald- 
streifen der Flufsuferwälder lichter Waldregionen verendet. Dorthin 
dringen weder Grasbrände, noch vermag der Schädel mit den Zähnen 
zu versinken. 

Die Neger, welche jetzt in allen Teilen Afrikas, wo Elfenbein- 
händler hinkommen, die Wälder fortwährend nach allen Seiten durch- 
streifen, lassen übrigens kaum jemals einen kranken Elefanten dazu 
kommen, eines natürlichen Todes zu sterben und aus diesem Grunde 
allein kommt es jetzt selten vor, dafs Elfenbein gefunden wird. 

Als der Wilde den Elefanten nur um seines Fleisches willen 
jagte, liefs er die Zähne meist liegen, da er keine Verwendung dafür 
kannte. Höchstens verarbeitete er kleinere Zähne zu Trompeten oder 
Mehlstampfern. Mit dem Eindringen der das Elfenbein begehrenden 
Händler dagegen erinnerte man sich, früher da und dort einen Ele- 
fanten getötet zu haben und holte die Zähne, um sie zu verkaufen, 
soweit sie noch aufzufinden waren. So kam es auch, dafs, als vor 
10 bis 15 Jahren die mittlem Congogebiete dem Elfenbeinhandel 
erschlossen wurden, noch vielfach gefundenes Elfenbein auf den 
Markt kam. Dies dürfte jetzt aber fast ganz aufgehört haben. 

Heutzutage wird der Elefant wohl nur noch in den un- 
erforschten Ländern im Norden des grofsen Congobogens aus- 
schliefsUch um seines Fleisches willen gejagt, während man im 
ganzen übrigen Afrika eifrigst bemüht ist, das edle Wild um seiner 
Zähne willen auszurotten. 

Vor Einführung der Feuerwaffen wurde der Elefant allgemein 
mit dem Speere oder vergifteten Pfeilen gejagt. Livingstone war 
noch Zeuge solcher mit Speeren ausgeführten Jagden im südlichen 
Seengebiete, wo jetzt nur noch mit dem Gewehr durch die Ein- 
geborenen gejagt wird. Mit vergifteten Pfeilen jagen die Warua, 
die Neger der Congowälder und an der Ostküste der Jägerstanun 
der Wandorobo. Die Massai gehen den mächtigen Tieren mit blanker 
Waffe zu Fufs zu Leibe, indem sie dieselben stellen und zu 20 bis 
30 mit Schwert und Lanze töten, wobei ihnen ihre grofse Fertigkeit 
in andauerndem Schnelllaufen sehr zu statten kommt. 

Die Somali, Galla und Abessinier jagen zu Pferd und durch- 
hauen mit einem Hieb mittels breiter arabischer Schwerter die 
Achillessehne des Tieres, welches sich auf drei Beinen nicht bewegen 
kann. Die Haussa jagen den Elefanten mit vergifteten Pfeilen, 
welche sie aus Gewehren schiefsen. Einige Niassastämme jagen den 
Elefanten mit gioken Hundemeuten, welche die Tiere einzeln stellen 
and werden sie dann von den Jägern m\l LaivLcrv xäA^I^^^ti ^\&^8t 



— 139 — 

In sehr alten Zeiten sollen sie auch in Fallgruben gefangen 
worden sein. Doch scheint dies nirgends mehr gebräuchlich und 
wird der vorsichtige Elefant sich schwer so fangen lassen. 

Für den afrikanischen Jäger erfordert die Jagd auf Elefanten 
eine Menge Vorbereitungen. Er betreibt übrigens diese wie alle 
Jagden durchaus nicht als Sport, sondern als eine Arbeit, und nur 
um der Beute willen. Wie sollte auch der fortwährend mit der 
Natur in engster Berührung stehende und mit ihr im Kampfe liegende 
Wilde gerade in einer dieser Xampfarten ein Vergnügen finden und 
als Erholung betrachten, was ihm anderweitig überall als eine Wider- 
wärtigkeit erscheint! 

Die Haupt Vorbereitungen für die Jagd beziehen sich auf Amulette 
und Fetische. Alle alten erfahreneu Elefantenjäger verstehen sich 
auf Herstellung derselben. Es wird unter anderm ein Absud von 
Kräutern mit geheimnifsvoUen Zaubermitteln gemischt und diese in 
Hauteinschnitte des Körpers hineingerieben, also eingeimpft und zwar 
an Körperteilen, welche beim Gebrauch der Wafifen am meisten in 
Mitleidenschaft gezogen werden: der Fundi (Meister) ritzt vier- bis 
fünfmal dem betreffenden Jäger die Haut der Schläfe in der Nähe der 
Augen und bringt die Uganga (Kiunjamuesi) Dana (Kisuaheli) in die 
Wunde, um dem Auge'Schärfe zu geben. Dann werden eben solche 
Impfungen an der Aufsenseite des Unterarms und besonders in die 
Haut, welche sich auf der äufsern Hand über das dritte Daumen- 
und Zeigefingerglied spannt und zwar an beiden Händen vorgenommen, 
um diesen möglichste Sicherheit bei Handhabung der Waffen zu geben. 
Auf diese Impfungen wird bei Elefantenjagden ein grofser Wert 
gelegt und niemand würde es wagen, ohne solche Vorbereitungen 
einen Jagdzug zu unternehmen, zumal diese Uganga (Zaubermittel) 
nicht nur Erfolge sichert, sondern auch den Jäger vor den Gefahren 
der Elefantenjagd schützt. 

Der Verfasser hat in allen von ihm bis zu dem Congoquell- 
gebiet durchreisten Ländern dieselbe Sitte gefunden. Über dies- 
bezügliche Gebräuche andrer Stämme ist noch nichts bekannt ge- 
geben worden. Die auf Jagd bezüglichen Sitten entstammen wahr- 
scheinlich meist den Makoa von Lufidji, welche mit Ausnahme der 
Wandorobo als die besten Elephantenjäger gelten können und welche 
allenthalben bis über die Seen nach Westen hinaus diesem Hand- 
werk obliegen, so dafs Makoa und Elefantenjäger synonyme Worte 
geworden sind. Nur der Elefantenjäger als solcher besitzt die Mittel 
zur Herstellung dieser angeblich äufserst wirksamen Zaubermedizin. 

Der Jägermeister verkauft nun das eben ai^^^iöJatk.^ \s!K^\xs^j^'^ 
entweder, oder aber er impft es seinen GeYiüVteiv waöi ^^'täöxXÄTö. «av. 



— 140 — 

nur um sichern Beistand zu haben. In ersterem Falle gehört die 
Jagdbeute dem Käufer der Medizin, doch mufs er dem Verkäufer 
einen grofsen Teil der ersten mittelst der Zaubermittel errungenen 
Beute abtreten, da man den Hersteller selbst nach dem .Verkauf in 
einem gewissen geheimnisvollen Zusanmienhang mit seinem Mittel 
glaubt. Die Bedingung wird stets erfüllt, da man im andern Falle 
auf seinen Jagden für sein Leben besorgt sein mufs, oder vom Fundi 
einen Waidmann gesteckt bekommt und so nicht mehr im stände ist, 
etwas zu schiefsen. Etwaiger Verantwortung für die Wirkung seiner 
Mittel entzieht sich der Verkäufer sehr schlau dadurch, dafs er stets 
irgend einen Grund aufzufinden weifs, welcher ihn entschuldigt, z. B. 
ungenaue Befolgung seiner Instruktionen oder das Verschulden eines 
andern, der durch sein Verhalten die Wirkung der Medizin aufhebt. 
Ein ziemlich unentbehrlicher Gegenstand für den Elefantenjäger 
ist auch die Kimanda: die Schwanzquaste einer Antilope, am besten 
vom Oreas, Kiunjamuesi Nimba, wird an der kurz behaarten Seite 
auf 20 — 30 cm Länge durch häkelwerkartiges Umspinnen mit weifsen 
Baumwollfäden mit einem handlichen Griff versehen und in diesen 
das Hörnchen irgend einer Zwergantilopenart mit der Spitze ein- 
gefügt. Die Höhlung füllt der Fundi entweder mit einer Mischung 
aus Rufs, Wachs, Rizinusöl und geheimgehaltenen Zaubermitteln, 
oder statt des Rufses mit rotem geriebenen Holz. Die Kimanda wird 
vom Jäger mittelst eines dünnen Riemens am Handgelenk getragen 
und dient zugleich zum Abwehren der Mücken und Stechfliegen. 

Um den Hals auf der Brust trägt der Jäger ein Amulett, 
welches in ein Stückchen dünnen Felles oder in ein Baumwollstoff- 
päckchen eingenäht ist, an welchem seitwärts halbmondartig nach 
unten gekrümmt zwei Löwen- oder Panterklauen befestigt sind. Als 
kostbarstes Jagdamulett für den Jäger gilt ein vom Löwen her- 
stammendes. Es geht nämlich die Sage, dafs sich der Löwe auf 
seinen Streifzügen ebenfalls der Amulette bedienen müsse und er 
infolge seines Lebenswandels eine grofse Praxis in der Herstellung 
wirksamer Zaubermittel erlangt habe. Merkwürdigerweise mufs er 
aber, ehe er ein Wild annimmt, gerade dieses sein Jagdamulett 
irgendwo ablegen, da ihn mit dem Amulett am Körper selbst die 
kleinste Zwergantilope bewältigen könnte. Wohl dem nun, der ein 
solches auf kurze Zeit abgelegtes Amulett findet, er wird damit auf 
der Jagd ein eminentes Glück haben. Ein solches kostbares Löwen- 
amulett fand einst einer der schwarzen Begleiter des Verfassers. Es 
war weiter nichts als ein abgefallener verfilzter Haarklumpen aus 
der Mähne des Königs der Tiere. 

Doch nicht nur der Körper des 3*ag>«ta \ä^ t^w ^öcääjiätl ^wad 



— 141 — 

gegen Gefahren zu feien, auch die Waffe selbst, sei sie Lanze, 
Bogen oder Gewehr, mufs mit einer üganga (Medizin) versehen 
werden und zwar meist in Gestalt zweier dicht neben einander 
gereihter kleiner Holzzylinder von höchstens Bleistiftdicke und 
1 — 1^/2 cm Länge vom Holze eines durch den Blitz getroffenen 
Baumes. Auf der Schnur sind noch weifse Perlen oder Kauri- 
muscheln aufgereiht und diese am Schaft der Lanze, des Gewehres 
oder am Bogen befestigt. Einige Tage vor Antritt des Jagdzuges 
mufs sich der Jäger allen geschlechtlichen Umganges mit Weibern 
enthalten, welche auch hierbei, wie überall, eine wichtige Rolle 
spielen. Sie dürfen übrigens den Jäger nicht auf seinem Jagdzuge 
begleiten. Untreue des Weibes während der Dauer des Jagdzuges 
giebt dem angeschossenen Elefanten Gewalt über seinen Verfolger 
und dieser wird entweder getötet oder schwer verwundet. Sobald 
daher der Elefantenjäger Kunde von der Untreue seines Weibes 
erhält, zieht er heimwärts, selbst die vielversprechendsten Jagdgründe 
verlassend. Der Verfasser lernte im Lande Ugunda in Unjamuesi 
einen Elefantenjäger vom Stamme der Makoa kennen, welcher sich 
während des Aufenthaltes des Verfassers auf einen Jagdzug auf 
Elefanten begeben hatte und nicht zu Schufs kommen konnte. Als 
ihm ein Sklave die Nachricht von der Untreue seiner im Heimats- 
dorfe zurückgelassenen Weiber hinterbrachte, trat er sofort den 
Rückweg an. Während desselben wollte er sein Gewehr durch 
Ausbrennen mit Pulver reinigen. Durch eine übermäfsige Pulver- 
menge brachte er dabei die Waffe zum Springen und zerschmetterte 
sich den Daumen. Auch dieses Unglück setzte er auf Rechnung 
seiner untreuen Weiber und verstümmelte, zu Hause angelangt, zwei 
derselben auf solch bestialische Weise, dafs sie kurz danach den 
Geist aufgaben. 

Die Ausrüstung des Jägers besteht neben den Waffen aus 
Lebensmitteln in Gestalt von Mehl, so viel jeder zu tragen vermag, 
einem Kochtopfe, einer Matte zum Schlafen und einigen eisernen 
Hacken zum Einkauf von Lebensmitteln. Bekleidet ist er mit zwei 
kleinen Wildkatzenfellen zur Bedeckung der Blöfsen und höchstens 
noch mit einem grofsen weichen Baumwollstoff zum Schutz gegen 
nächtliche Kälte. 

Die Waffen bestehen in langen Feuersteingewehren, andrer' 
bedient sich der Jäger nicht, da er bei dem grofsen Kaliber 
derselben sehr starke Pulverladung verwenden kann. Als Geschofs 
verwendet er eiserne selbstgeschmiedete Kugeln, welche etwa drei- 
viertel des Kalibers stark hergestellt werden, also den L^.\ii \Asakv- 
rollen. Es werden stets drei bis vier ILxigeViv %Äa.ÖÄ\i \aA T.^'Kt 



— 142 — 

ganz lose, denn das Feststampfen der Ladung ist dem Neger unbe- 
kannt und unbequem. Die Güte des Laufes erkennt der Neger mit 
Recht daraus, ob er im stände ist, denselben mit seinen Zähnen 
anzugreifen. Im andern Fall ist das Metall spröde und reifst oder 
zerspringt leicht bei den ungeheuren Ladungen. Das Pulver wird 
in den kleinen Fässern, in welchen es importiert wird, mitgeschleppt. 

Zur Jagd mit Bogen und Pfeil bedient man sich der in dem 
betreffenden Stamme allgemein gebräuchlichen. Die Lanzen för 
Elefantenjagd sind abweichend von den Kriegswaffen gestaltet. Die 
2^/2 Finger breite myrtenblattförmige Klinge ist in ein ^(2 bis 
^U m langes und rundes Eisen von Kleinfingerdicke ausge- 
schmiedet und steckt in einem 1^/2 m langen Schaft aus zähem 
Holz von über Daumendicke. Das untere Ende ist in etwa 30 cm 
Länge faustdick verstärkt, als Gegengewicht der schweren Klinge. 
Als Zwinge für diese dient ein Stück Büffel- oder Antilopen- 
schwanzhaut, welches ohne Naht aufgezogen, getrocknet, das Auf- 
reifsen des Schaftes verhindert. Die Lanze hat eine ziemliche 
Schwere, 8 bis 10 Pfund. 

Wenn alle Vorbereitungen getroffen sind, wird ein Medizin- 
mann befragt wegen eines günstigen Tages, denn nicht jeder ist 
glückbringend. Ist ein solcher mit Sicherheit ermittelt, durch ganz 
kindische Manipulationen, so mufs dem Jagdmsimu (Fetisch) ein 
Opfer gebracht werden in Gestalt von einigen Prisen Mehl und 
Pombe, das ist Bier, welch letzteres die Weiber in grofsen Quanti- 
täten zu diesem Zwecke brauen müssen. Das Bieropfer besteht jedoch 
darin, dafs dem armen Msimu eine ganz winzige Kalabasse voll 
Bieres, vom Inhalte etwa eines Weinglases, vorgesetzt wird, während 
das übrige Bier in grofsen Quantitäten in den durstigen Kehlen und 
weiten Mägen der Jäger, deren Genossen, Anverwandten und Weibern 
verschwindet. 

Als die Elefanten noch zahlreicher in den Wäldern hausten, 
brauchte man nur wenige Tagereisen vom Dorfe aus zu marschieren, 
um gute Jagdgründe zu erreichen, tötete zuweilen sogar Elefanten 
in den Feldern der Dörfer, wo sie eingebrochen waren. Damals war 
es noch mögUch die Jagd mit dem Speer zu betreiben und oblagen 
besonders die Wagalla, ein Mjamuesistamm, der etwa 14 Tagereisen 
östlich vom Tanganika sitzt, dieser Jagd und zwar noch vor etwa 
15 bis 20 Jahren. 

Der Jagdzug, aus 20 — 30 Mann bestehend, von denen etwa 

10 — 15 mit je zwei oder drei der schweren Jagdspeeren ausgerüstet waren, 

folgte einer frischen Elefantenfährte *, die mächtigen Tiere pflegen im 

Gänsemarsch ziemlich dicht hinteTeinandex z\x TCi-ax^ÖDAst^Ti xosÄ oo 



— 143 — 

entsteht, wenn nur drei bis vier Elefanten einander folgen, ein etwa 
30 — 40 cm breiter Pfad, auf dem, wenn die Herde grofs war, noch 
nach Jahrzehnten kein Gras spriefst. 

Leise, mit schnurrendem Geräusch,- wie auf Zehen schleichend, 
ziehen die Tiere durch den lichten Wald, hier und da einen Ast ab- 
reifsend oder mit den Stofszähnen die Bastrinde eines Baumes 
ablösendy um diese zu verzehren. Meist sind sie während der Nacht 
unterwegs und ruhen am Tage im Schatten vom üferurwald oder in 
Urwaldregionen an einer beliebigen Stelle. Es ist anzunehmen, dafs 
die Elefanten meist im Stehen schlafen, denn nur sehr selten findet 
man eine Stelle, wo ein liegender Elefant einen Abdruck hinterlassen 
hat. Der Verfasser fand auf seinen zahlreichen Jagdstreifereien 
immer nur Ruheplätze, nach welchen man hätte annehmen müssen, 
dafs die Tiere während des Schlafes teilweise im Wasser gelegen 
haben. An trockenen Stellen fanden sich niemals Anzeichen, dafs 
ein Elefant auf der Erde liegend geruht hätte, während solche vom 
Rhinozeros sehr zahlreich zu finden sind und diese Tiere oft im 
Schlaf liegend getötet werden. Selbst die Eingeborenen wissen 
nichts von liegend schlafenden Elefanten zu berichten und nur höchst 
selten soll man solche gesehen haben. Der Betreffende, welcher 
einen schlafenden Elefanten gesehen hat, mufs dann ungesäumt 
die Hülfe eines Fetischmanns in Anspruch nehmen, wenn er nicht 
nach dem Aberglauben eines elenden Todes sterben will. Ist eine 
Jagdgesellschaft in die Nähe einer Herde gelangt, so postiert sich 
ein Teil mit den Lanzen auf Bäumen in 2 — 4 m Höhe, während 
die andern die Tiere durch kaum hörbares Anklopfen an Bäume 
und leises Astknicken auf die auf den Bäumen Lauernden zutreiben, 
ohne dafs die Tiere merken dürfen, dafs man sie treibt. Von den 
hohen Sitzen herab schleudern dann die Jäger dem unten vorbei- 
ziehenden Tiere die haarscharfe Lanze in den Körper, so dafs oft 
schon ein Stich genügt, eine tötliche Verletzung herbeizuführen. 
Zuletzt verblutet der Riese, von allen Seiten mit leichteren Speeren 
beworfen. 

Wird der Elefant mit vergifteten Pfeilen beschossen, so genügt 
ein einziger gut sitzender Schufs, um bald den Tod eintreten zu 
lassen und warten die Jäger einfach die Wirkung ab. 

Bei der Jagd mit Feuerwaffen folgen die Jäger in geringer 
Anzahl, oft nur zu drei oder vier, manchmal tagelang den immer 
seltener werdenden Elefantenherden unter unsäglichen Anstrengungen 
im Eilmarsche, denn die Tiere marschieren ohne die geringste An- 
strengung sehr schnell. 

Auf höchstens 10—20 Schritte schleicht Ä\Äi d.^x ^OdSäjiä ^tj. 



— 144 — 

das Tier und giebt mit festangelegtem Gewehr, dabei den linken Arm 
gewaltsam nach vorne streckend, den mit ungeheurer Pulverladung 
versehenen Schufs ab. Man zielt dabei entweder auf das Blatt, die 
Ohren oder ein Bein, die Knochen sind sehr spröde und daher 
der letztere Schufs ein ziemlich guter. Wie schon früher erwähnt, 
vermag das schwere Tier nicht auf drei Beinen zu marschieren. 
Der Schufs ins Auge wird ungern angebracht, weil dadurch leicht 
der bis an die Nähe desselben reichende Zahn beschädigt und auf- 
gerissen werden kann, ebenso vermeidet man den Schufs spitz von 
vorne, die Kugel ricochettiert meist am zurücktretenden Schädel oder 
verliert ihre Kraft, wenn sie den Rüssel passieren mufs. Ist das Tier 
nicht im Feuer gestürzt, so mufs es oft auf grofse Strecken hin verfolgt 
werden. Mit weitern Kugeln wird es dann abgefangen. Die Jagd ist 
immer sehr gefährlich, da der Elefant, wenn er nicht sehr krank ge- 
schossen oder n!it Speeren schwer verwundet ist, fast immer den Jäger 
annimmt und ihn zu töten sucht, sich dabei aber nie seiner Stofs- 
zähne bedient, sondern ihm einen Rüsselhieb versetzt und dann zertritt. 
Diejenigen, welche noch keinen toten Elefanten oder überhaupt noch 
keinen gesehen haben, dürfen sich bei den Elefantenjägern Ostafirikas 
nur mit einem grünen Zweig in der Hand dem toten Tiere nähern, weil, 
wie sie sagen, „der Elefant ein grofses Tier ist." Es dürfte die 
Sitte also als eine Ehrfurchtsbezeugung aufzufassen sein. Derjenige, 
welcher zum ersten Male einen Elefanten erlegt hat, wird von den 
andern feierUch auf den Kadaver hinauf gehoben (Kisuaheli knpan- 
discha temboni) und mufs dort einen Kriegstanz auffuhren (Kutammba). 
Die Erlaubnis, wieder herabsteigen zu dürfen, erkauft er sich mit 
einem Geschenk oder dem Versprechen, Bier für die Jagdgenossen 
zu kaufen. Die Jagdgenossen, welche zur Stelle sind, besteigen dann 
ebenfalls den Kadaver, wie auch nochmals der Jäger und machen 
sich dann jeder einige kleine Einschnitte in die Zehen, um die Wunde 
dann mit Pulver einzureiben. Die Bedeutung dieser Zeremonie ist, 
um etwaigen bösen Zauber, der vom Elefanten ausgeht, zu paraly- 
sieren und dann auch, um dieselbe Fähigkeit im Laufen wie der 
Elefant zu erlangen. Man nimmt an, dafs derselbe im Besitze starker 
Zaubermittel ist und auch eine Art bösen Blickes habe, denn es ist 
miko (schlecht mit mysteriöser Nebenbedeutung), wenn man von einem 
Elefanten, der die Front zukehrt, angeblickt wird. Die Erklärung 
dafür dürfte einfach die sein, dafs dann fast immer Lebensgefahr vor- 
handen ist, weil der Elefant bei seinem schlechten Gesicht schon ziem- 
lich nahe sein mufs, um jemanden zu erblicken. 

Der glückliche Schütze schneidet nun die Schwanzquaste ab, 
als Beleg, dah das Tier wirklich eT\egt \a\> xvaöi 7ÄSL^^\a\i ^vaen Au»- 



— 145 — 

weis über die Anzahl der erlegten Elefanten zu haben. Aus einigen 
der stricknadeldicken Schwanzhaare legt er sich einige- Ringe um 
den Hals, um dieselben im Lager zu vermehren und dort mit kunst- 
gerechten Knoten zu schliefsen, und um die Knöchel ebenfalls einige 
zu legen. 

Nun geht es an das Ausbrechen der Zähne, welcher Prozedur 
nur zünftige Jäger zuschauen dürfen. Diese Arbeit erfordert grofse 
Vorsicht und Geschick. Zunächst wird das den Zugang zur Kinn- 
lade versperrende Muskelfleisch weggeschnitten und dann mit Beilen 
die Knochen sorgfältig und behutsam weggehauen, damit der Zahn 
nicht verletzt wird. Die Pulpa wird sodann herausgenommen und 
vergraben und duldet besonders hierbei der Elefantenjäger keinen 
unberufenen Zuschauer. Den Grund des Geheimhaltens der Pulpa 
konnte der Verfasser nicht ausfindig machen. 

Die Zahnhölung wird mit frischem Mist des Tieres ausgefüllt, um 
ein langsames Trocknen herbeizuführen und ein Einreifsen des Zahnes 
an den Höhlungsrändern und im Innern zu verhindern. Sonst werden 
keine Vorsichtsmafsregeln getroffen und nur die Haussa der Westküste 
nähen die Zähne zum Schutze gegen Witterungseinflüsse in Häute. 

Der Rüssel mit dem besten Fleisch gehört dem Jäger und dörrt 
sich die Jagdgesellschaft so viel Fleisch wie möglich, um es zu 
verkaufen und selbst zu verzehren. Den Rest des Kadavers verkauft 
man an Eingeborene und schenkt dem Häuptling des Landes einen 
Teil des gerösteten Fleisches. 

Die Haut der riesigen Ohren wird sorgfältig abpräpariert und 
werden damit Trommeln überzogen, die einen sehr lauten hellen 
Klang geben. Aus dem Zwergfell bereitet sich der Jäger einen 
Mantel und aus der Harnblase mehr des Spafses halber eine Mütze. 
Die Warna schneiden aus der oft drei fingerdicken ovalen Fufssohle 
feine flache Riemen, die sie, zu vier bis sechs nebeneinandergesetzt, 
zu Gürteln verwenden. Es bleibt also vom Elefanten aufser den 
Knochen und Kauzähnen nichts unbenutzt. 

Es gilt nun der Grundsatz, dafs die Zähne demjenigen gehören, 
der Pulver und Gewehr geliefert hat. Als die Elefanten noch zahl- 
reich waren und gemeinsam Jagd gemacht wurde, gehörten sie dem 
Stammes- oder Ortshäuptling. Ferner, dafs demjenigen Häuptling, 
auf dessen Gebiet der Elefant verendet, der Zahn gehört, welcher 
die Erde berührt, der andre dem Jäger. Dasjenige Gebiet, in 
welchem er nur angeschossen wurde, kommt nicht in Betracht. 
In dem seltenen Fall, wo der Elefant zusammengebrochen ist, 
ohne auf die Seite gefallen zu sein und die Jäger nicht vermochten 
ihn umzuwerfen, so dafs vielleicht beide Zahxiö öiexi 'äoöä\i \i^'r5^K:t«^^ 

Geograph lache Blatter. Bremen 1889. ^^ 



— 146 — 

beansprucht er auch beide und nimmt sie in Empfang, wenn er in 
der Lage ist, seine Ansprüche durchzusetzen. Im andern Fall, wo 
durch einen Zufall keiner der Zähne den Boden berührt, beanspruchen 
die Jäger beide. Sehr oft entstehen Kriege erlegter Elefanten und 
des Elfenbeins wegen, besonders da, wo keine festgelegten Landes- 
grenzen bestehen. 

Die Häuptlinge haben das Monopol des Elfenbeinhandels ziemlich 
an sich gerissen, seitdem es von Händlern so sehr begehrt wurde 
und seitdem ein lebhafter Waffen- und Munitionsimport begonnen 
hat. Es bedarf für einen Freien oder emporgekommenen Sklaven 
schon eines sehr bedeutenden Einflusses und geradezu einer Macht- 
stellung, um es wagen zu können, selbst Elfenbein zu erwerben, zu 
jagen und dann zu verkaufen. Der in Afrika allenthalben herr- 
schenden Unsicherheit wegen wird das Elfenbein, welches dort die 
Rolle des Goldes spielt, aus Furcht vor der Habgier des lieben 
Nächsten und aus Furcht vor Diebstahl aufs sorgfältigste versteckt. 

Das im Kriege erbeute Elfenbein gehört immer und unter allen 
Umständen dem kriegführenden Häuptling und wird mit seltener 
Gewissenhaftigkeit abgeliefert und zwar deshalb mit so grofser 
Gewissenhaftigkeit, weil auf Veruntreuung derselben Todesstrafe steht 
und man es anderseits nicht zu verkaufen vermöchte, ohne dafs es 
sofort allgemein bekannt würde. 

Westlich vom Tanganika im Gebiete der feuchten Urwälder 
pflegt man es allgemein im Schlamm von stagnierenden Gewässern 
oder sonst in Gewässern zu verstecken, welche nicht von fliefsendem 
Wasser berührt werden. Das von dort stammende Elfenbein nimmt 
von dem schwarzen beizenden Schlamm oder dem eisenhaltigen Wasser 
eine dunkelbraune bis schwarze Farbe an, welche jedoch nicht in 
den Zahn eindringt. In Gegenden mit sehr eisenhaltigem Wasser 
scheinen sich die Zähne auch schon am lebenden Tiere dunkel zu 
färben. 

Ostlich von Tanganika, wo solche Wasserplätze selten sind 
und zu oft besucht werden, gräbt man die Zähne ein. Entweder 
in der Hütte oder im Walde ganz versteckt werden tiefe Gruben in der 
Nacht ausgehoben. Am Boden derselben werden Holzgabeln angebracht, 
so dafs ein Zahn auf zwei Gabeln aufliegend frei in der Luft schwebt 
und sich ausgezeichnet konserviert. Quer gelegte, mit feinen Zweigen 
und Blättern bedeckte Hölzer verhindern das Eindringen der Erde 
und das sorgfältige Verwischen aller Spuren läfst das Elfenbein un- 
auffindbar machen. Nur der Besitzer oder höchstens sein Haupt- 
lieblingsweib wissen darum. 

Als im Jahre 1882 der bexücVitig^e Ti:a\iXi^x\v^\r^\\\^^ Simba in 



— 147 — 

Ukonongo im Lande ünjamuesi von dem ebenso berüchtigten Häupt- 
ling Mirambo geschlagen wurde, gelang es ihm mit Hülfe seines 
Hauptweibes und einiger Sklaven seine Elfenbeinvorräte zu retten 
und im Walde zu vergraben. Um aufser dem Weibe keine Mit- 
wisser zu haben, tötete er einen der Sklaven nach dem andern. 
Nur der ganz mächtige Häuptling, welcher äufsere Feinde nicht zu 
fürchten hat, pflegt es nicht zu vergraben oder ins Wasser zu ver- 
senken, hält es aber dennoch für geraten, den Ort der Aufbewahrung 
zweifelhaft erscheinen zu lassen. 

Die Raubkriege, welche in Afrika immer wüten, seien sie unter 
den Eingeborenen oder durch Araber unternommen, werden immer 
in allererster Linie wegen des Elfenbeins ausgeführt und erst in 
zweiter Linie kommt die Absicht auf Sklaven. Mancher Tropfen 
Menschenblutes klebt so an dem Elfenbein. Doch nicht nur Menschen 
stellen demselben nach; es wird auch vielfach von einem grofsen 
Nager zerstört, wahrscheinlich nur zum Abnützen der übermäfsig 
schnell wachsenden Nagezähne. Die Spuren an dem zernagten Bein 
weisen immer auf dasselbe Tier. Wahrscheinlich ist es Cricetomys 
gambianus, Waterhouse. Diese riesige Ratte kommt vom Tanganika 
bis zur Westküste häufig vor. Der Verfasser sah in den Gebieten 
östlich des Tanganika nie zernagte Zähne, der Nager scheint dort 
nicht vorzukommen. In Ugunda am Victoria Nianza soll die Ratte 
auch vorkommen. 

Das Elfenbein weist auch neben Rissen oder Beschädigung durch 
Brand, oder von Ratten zernagten abgebrochenen Zähnen Stellen 
krankhafter Entartung auf. 

Der Zahn ist seiner ganzen Länge nach vom sogenannten Kern 
durchwachsen d. i. die bis zur Spitze reichende Pulpa, welche vom 
Hohlungsende nach der Spitze zu beim normalen Zahn fadendünn 
beginnt, verläuft immer feiner als schwarze Linie, verschwindet zu- 
letzt entweder ganz in der Struktur oder ist bis zur Spitze als 
feine schwarze Linie sichtbar. Bei kranken Zähnen kann es vor- 
kommen, dafs der Kern als kleinfingerdicke Höhlung bis zur Spitze 
läuft oder aber, dafs der Kern bis zur Spitze von sogenannten 
Pocken durchschossen ist. Es sind dies dicht aneinander und 
nebeneinander gereihte runde Knollen mit maseriger Struktur von 
gelblicher und bräunlicher Färbung, Stecknadel- bis erbsengrofs. 
Auch kommen tiefe Längsfurchen vor oder das Bein ist durch die 
eisernen Kugeln stellenweise beschädigt, dabei kommt es vor, dafs 
solche Kugeln mitten in das gesunde Bein eingewachsen, voll- 
ständig unsichtbar werden. Alles dies verringert Ti'aiöa\\dö. öätl^^^V 
des Zahnes, 



— 148 — 

Die Massai pflegen Elfenbein einfach in der Erde zu vergraben 
und gehören die Zähne dort immer dem Jäger, d. h. demjenigen, der 
dem Tier den ersten Schwerthieb oder Lanzenstich versetzt hat. 
Häuptlinge erkennen die Massai bekanntlich nicht an. 

Ist die Unsicherheit in den Ländern, welche man mit dem 
Elfenbein zu durchziehen hat, zu grofs, so vergräbt man es im Walde 
und überbringt vorläufig nur die Schwänze als Beleg dem Eigentümer. 
Ist dieser ein Häuptling, so wird er zuerst begrüfst, im andern Falle 
der Jagdfetisch, vor welchem man einige Fleischstückchen opfert 
und dem Mfumu des Fetischs eine gröfsere Quantität überreicht. 
Zuweilen auch hängt man dort die Schwanzquasten auf und hier 
und da die mächtige Kniescheibe eines Elefanten. Mit Freuden- 
schüssen und unter Trommelklang rücken die Jäger ein und wenn die 
Weiber das Bier in den nächsten Tagen gebraut haben, beginnt ein 
grofses Trinkgelage, welches wiederum mit einem minimalen Opfer 
für den Msimu eingeleitet wird. Die Elefantenjäger sind bei einiger 
Übung sehr leicht aus der Masse des Volkes herauszufinden, da sie 
ein sehr charakteristisches Aussehen haben. Es widmen sich dem 
gefährlichen mühevollen Handwerk nur energische willenskräftige 
Männer, und diese Eigenschaften prägen sich dem Gesichte auf. Die 
blitzenden Augen entsprechen gut den ernsten Zügen und die scharf 
vortretende Muskulatur der meist schlanken Gestalt machen den 
Eindruck von Kraft und Ausdauer. Es ist eine bis zum Congo- 
quellgebiet ziemlich allgemein verbreitete Sitte, dafs die Elefanten- 
jäger ihre Haare zu beiden Seiten des Schädels wegrasieren und nur 
einen drei fingerbreiten Streifen Haare stehen lassen, der, von der 
Stirn nach dem Nacken ziehend, allmählich schmäler wird und so 
genau wie die Helmraupe des alten bayrischen Helms aussieht. Um 
den Hals und die Knöchel einen dicken Wulst jener aus Elefanten- 
schwanzhaaren hergestellten Ringe, um die Lenden den zweimal den 
Leib umziehenden Gürtel mit Patronentaschen und dem hinten be- 
festigten Pulverhorn, vorne und hinten ein kleines FeU irgend einer 
wilden Katzenart, das lange Feuersteingewehr und die Kimanda in 
der Hand, erscheint frisch am ganzen Körper geölt die dunkelbraune 
Gestalt des Jägers beim Zechgelage, welches schon am Morgen be- 
ginnt. Am Nachmittage werden dann ganz eigne Elefantenjägertanze 
ausgeführt, zu Ehren der Fetischs, zum Schalle kleiner Tronuneln, 
die aus zwei Kegeln bestehen mit einander zugekehrter Spitze, und 
aus einem Holze gehöhlt sind. Mit Elefantenohrhaut überzogen, 
geben sie zu drei und vier abgestimmt, eigentümlichen Ton von sich, 
wenn sie in wahnsinniger Begeisterung von dem einen Teil der Jftger 
zwischen den Knieen gehalten, mit der ?LacJ[i«u^^.xA m \Ädös!L ^äi^gsBr 



— 149 — 

tümlichem Takte bearbeitet werden. Der andre sehr tanzkundige Teil 
der Jäger führt unter den tollsten Arm- und Beinverrenkungen und 
kreisförmigen Bewegungen der Schulterblätter und des Unterleibs 
merkwürdige Tänze auf, bei denen die gröfste Ausdauer von dem 
Publikum mit den meisten Perlen, dünnen Kupfer- und Eisenringen, 
oder hier und da einem Tuchfetzen belohnt wird. Die Tänze werden 
stundenlang ohne Unterbrechung von denselben schweifstriefenden 
Gestalten ausgeführt. Das Fest endet meist mit einem grofsen Rausch 
der Beteiligten und oft findet die aufgehende Sonne noch die Zecher 
trunken in ihren Hütten. 

Die Erfolge der Elefantenjagden hängen selbstverständlich von 
der Geschicklichkeit des Jägers und vom Elefantenreichtum ab, der 
bei dem allgemein geführten Vernichtungskrieg immer geringer wird. 

Als in Ostafrika vor etwa 20 — 25 Jahren noch zahlreiche Ele- 
fantenheerden die lichten Wälder durchzogen und bewohnten, waren 
es vor allem die Makoa von Lufidji, welche der edlen Jagd in grofsem 
Mafsstabe oblagen. Drei und vier, selbst zehn und zwölf Elefanten 
fielen an einem Tage den Jägern zur Beute. Unter diesen war es 
besonders einer Namens Matumera, der so reich geworden war, dafs 
er ein Gefolge von etwa 1000 Gewehren hatte. Wenn er nicht selbst 
dem Waidwerk oblag, so thronte er in seiner ambulanten Lager- 
residenz wie ein König, angethan mit den kostbarsten golddurch- 
wirkten arabischen Seidenstoffen und reichgesticktem Tuchkaftan. 
Er trug nur Hemden vom feinsten Batist. Die arabischen Händler 
versorgten ihn mit den auserlesensten Leckerbissen ihrer Heimat und 
fortwährend hielt er öffentliche Gastmahle, bei denen jeder willkom- 
men war. Kaffee und Datteln waren auf der Veranda stets für den 
Fremdling bereit. 

Seine Heeresmacht liefs ihn Krieg und Frieden diktieren und 
da, wo er erschien, war er unumschränkter Herr und Gebieter, der 
nicht nach Häuptling und landläufigem Gesetz fragte. 

Als aber die Elefanten immer seltener wurden, besonders in 
Uhäha, wo er die Tiere fast ausrottete, sank sein Ansehen und 
seine Macht, da er alles, was er eingenommen, sofort wieder ver- 
prafst hatte. Als ihn der Verfasser im Jahre 1882 kennen lernte, 
war der einst so reiche Jäger ganz in Schulden geraten und als 
alter Mann lebte er von der Gastfreundschaft der Araber mit seinem 
kleinen Gefolge. 

Die arabischen Händler kamen zu diesen Makoajägern und 
jetzt noch zu den Elfenbein besitzenden Häuptlingen, um dort die ZäibsNi^ 
axdzakauten und so wären wir bei dem zwevl^iv T^SX. \3CftÄ\^x ^Jäcäsät 



— 150 — 

lung angelangt, dem Elfenbeinhandel selbst. Es wäre wohl nicht 
uninteressant, mit dem Beginn desselben anzufangen. 

An der Ostküste Afrikas trieben die Araber schon seit den 
allerältesten Zeiten Handel. So wurde um das Jahr 1000 v. Chr., 
wahrscheinlich unter arabischer Führung, auf Salomos und Hiriams 
Befehl, das Goldland Ophir, vermutlich Sofala, von hebräisch syrischen 
Schiffen besucht. 

Die erste ümschiffung Afrikas fand auf Befehl des ägyptischen 
Königs Nechos zwischen 617 — 601 v. Chr. statt und zwar durch 
phönikische Seefahrer. Die Nachrichten über das dem Altertum 
bekannte Afrika wurden immer spärlicher und versiegten ganz, bis 
Mohammeds Lehre sich verbreitete und von da an durch die Araber 
genauere und etwas regelmäfsigere Aufzeichnungen gemacht wurden. 
Die Araber trieben unter Benützung der Monsume, welche 47 n. Chr. 
entdeckt wurden, einen regelmäfsigen Handel mit der Ostküste. 

Die Westküste blieb nach wie vor unbekannt und erst als 
Bartolomeo Diaz 1486 — 87 das Kap umschiffte , breitete sich die 
portugiesische Herrschaft an den afrikanischen Küsten aus, bis im 
Laufe der Jahrhunderte die heutige Gebietsverteilung herbeigeführt 
wurde. 

Der Handel an der Ostküste in den Händen der Inder und 
Araber hatte in früheren Jahrhunderten ein Hauptaugenmerk auf 
das Gold der Ostküste gerichtet und hatten arabische Livasionen 
auch vielfach aus politischen Gründen stattgefunden. Elfenbein wurde 
natürlich ebenfalls gekauft, doch war der Verbrauch wohl nicht 
nennenswert und beschränkte sich in Europa auf die Elfenbeinschnitz- 
waren, Pulverhörner und Waffengriffe. Indien und China konsumier- 
ten schon von altersher Elfenbein, Indien hauptsächlich för Arm- 
ringe und China für seine tausenderlei Schnitzwaren. Der Handel 
wurde durch Araber über Bombay von der afrikanischen Ostkütse 
aus vermittelt. Der Elfenbeinbedarf wurde für Europa erst erheblich, 
als das im 16. Jahrhundert in ItaHen erfundene Billard zu Ende 
des 17. Jahrhunderts und nach den französischen Kriegen zu Anfang 
unseres Jahrhunderts von Frankreich aus allgemeinere Verbreitung &nd. 
Besonders noch steigerte sich der Elfenbeinbedarf, als an Stelle des im 
17. Jahrhundert erfundenen Klaviers, das im Anfang des 18. Jahr- 
hunderts erfundene Fortepiano mit seiner grofsen Klaviatur trat. 

Die immer allgemeiner werdende Verbreitung von Billard und 
Fortepiano verlangte immer mehr Elfenbein für die Billardbälle und 
die Tastenbeläge. 

Die Ostkäste war und blieb bis h^ute für den Elfenbeinhandel 
äjn bedeutendsten und liefert doppelt so xAsX'E&.^t&^YDL ^% ^os^'V^A- 



— 151 — 

küste. Letztere erschlofs ihre Küstenplätze erst im Anfang unseres 
Jahrhunderts in ausgedehnter Weise dem Elfenbeinhandel. So wurde 
z. B. der schifibare Eingang in den Niger erst in den 20er Jahren 
unseres Jahrhunderts entdeckt und erst 30 Jahre später legte man 
dort die ersten Faktoreien an. In den 40er Jahren fuhren die ersten 
englischen Rheder den Niger hinauf. 

Über die Art des Betriebes des Elfenbeinhandels in Afrika und 
die dabei vorkommenden Manipulation ist noch nirgends eingehenderes 
berichtet, sind noch keine Details bekannt gegeben worden und soll 
daher grade über dieses gesprochen werden. Der Verfasser hat eigene 
Beobachtungen in dieser Beziehung vielfach gemacht und ist er mit 
Elfenbeinhändlern der Ostküste und im Zentrum Afrikas mit Westküst- 
händlern in Berührung gekommen. Bei allen fand er die fast genau 
gleiche Geschäftsgebarung und diese Gleichmäfsigkeit entspringt der 
Gleichmäfsigkeit des Negercharakters. Was in ziemlich ausführlicher 
Weise über die Geschäftsmanipulationen der Händler der Ostküste 
im Folgenden gesagt werden soll, dürfte daher ein ziemlich anschau- 
liches Bild geben, welches sich in grofsen allgemeinen Zügen allent- 
halben wieder so zeigen dürfte. 

Vor 80 — 90 Jahren bewohnte der Elefant noch die Küsten- 
gebiete bis fast zum Meere und fanden Elefantenjagden noch allent- 
halben dort statt. Besonders jagte man den Elefanten an der Ost- 
küste Afrikas. Die Araber unternahmen Reisen von nur wenigen 
Tagen in den Küstenländern, um Zähne einzuhandeln. Das meiste 
damals in den Handel vorkommende Elfenbein brachten jedoch die 
Eingeborenen selbst aus dem Innern, die Wagogo, Wahähä und ganz 
besonders die Wanjamuesi, der grofse Stamm, welcher westlich 
des mittleren Tanganika ein Gebiet so grofs wie Bayern bewohnt. 
Besonders waren es Angehörige des letzgenannten Stammes, welche 
alljährlich noch bis vor 50 — 40 Jahren in grofsen Karawanen das 
Elfenbein zur Küste brachten. Inder und Araber zahlten es schlecht 
und dies hatte zur Folge, dafs es im Innern für den Besitzer nicht 
den hohen Wert besafs wie jetzt allenthalben. Es konnte damals 
noch der freie unabhängige Mann Elfenbein im Innern erwerben 
und verkaufen, ohne vom Häuptling gleich das Schlimmste befürch- 
ten zu müssen. 

Die Elfenbeinbesitzer, Häuptlinge oder der Freier zogen damals ent- 
weder selbst zur Küste, die Zähne von ihren Sklaven tragen lassend, 
oder sie vertrauten sie einem sogenannten Mdäwa an. Der Mdäwa 
war ebenfalls ein Freier, welcher oft mehrere Dörfer besafs. Er mufste 
sich als Karawanenführer durch grofse Ehrlichkeit a\is7iei\c.\vcÄTv. \»A 
da er als Besitzender stets Garantien bot, so \i^ÖL\xtl\,^ ^"^ \i^^ '"isa^ 



— 152 — 

nur der Kaltblütigkeit, Besonnenheit und diplomatischer Grabe, um zu 
dem schwierigen Amt eines Mdäwa befähigt zu sein. Seinen Mit- 
bürgern, wie auch dem Häuptling gegenüber, besafs er EinfluTs und 
ein gutes Gedächnis ermöglichten ihm, sich all der zahlreichen Auf- 
träge zu entledigen, welche man ihm gegeben hatte und die er 
neben dem Verkauf seines eigenen Elfenbeins besorgte. 

Die Zeit der Wanderung zur Küste war abhängig vom Feld- 
bau, welchen die Wanjamuesi mit grofsem Eifer betrieben. Waren 
die Feldarbeiten Anfang April beendet und die Maisernte eingebracht 
so dafs die Instandhaltung der Durrafelder den Weibern überlassen 
werden konnte, so war der Zeitpunkt der Abreise gekommen. Zu- 
nächst mufsten Träger angeworben werden, welche alle, selbst im 
Falle sie Sklaven waren, bezahlt sein wollten. Die ungeheure Wan- 
derlust der Wanjamuesi erleichterte diese Arbeit sehr und nachdem 
man sich mit Mehlvorräten für etwa 10 — 15 Tage, ebenso mit 
eisernen Hacken, welche zum Eintausch von Lebensmitteln unterwegs 
sowohl als zu Tributentrichtungen an die Wagogo dienten, versehen 
hatte, wurde das Abschiedspombe (Bier) gebraut und eine winzig 
kleine Quantität dem Msimu (Fetisch) des Hauses geopfert, nebst 
etwas Mehl. Zuletzt befragte man den Mganga (Zauberer) wegen 
eines günstigen Tages und zog dann die Karawane, im Falle alle 
Leute glücklich beisammen waren, ab. 

Der Führer der Karawane mufste ein wegekundiger Mann sein, 
der genau den Verlauf der nur fufsbreiten Pfade kannte. Er war 
immer ein kräftiger Mann, der eine sehr schwere Last zu tragen 
vermochte, 90 bis 100, selbst 120 Pfund; er erhielt dann doppelte 
Ration und doppelten Lohn. Oft waren es drei bis vier solcher 
Führer, Kirangosi genannt. 

Sämtliche Führer trugen grofse rote Umhängetücher, eine 
Kimanda, dasselbe Instrument wie schon vom Elefantenjäger beschrie- 
ben. Die Führer hatten noch für die Beschaffung des Karawanen- 
hahnes zu sorgen, welcher sorgfältig von Mganga ausgewählt wurde 
und der die Aufgabe hatte, des Morgens das Nahen des Tages durch 
Krähen zu verkünden. Auf sein Benehmen wurde in kritischen Lagen 
besonders geachtet und Schlüsse bezüglich des Schicksals gezogen. 
Der vorderste Führer band ihn an einem Beine fest, so dafs er 
auf der Last sitzend mitgetragen wurde. 

Dem Führer voraus gingen einige Leute mit eisernen im Lande 

selbst gefertigten Doppelglocken, Kigerengere, die ein ähnliches Geläute 

wie Schweizer Kuhglocken ertönen liefsen. Später wurden diese 

ganz und gar durch die aus Uganda kommewdeu Tronmieln, inganda 

genannt, verdrängt und sind die jelzi ^)\%«mam %^\%?sxääfiiäeKSS& 



— 153 — 

Fahnen an der Ostküste durch Araber eingeführt. Neben Glocken 
sorgten Trompeten aus Antilopenhörnern für Hervorbringung möglichst 
grofsen Lärms. 

Der Mdäwa sowohl wie die Führer mufsten aufser dem Ver- 
lauf der Pfade noch genau die Wasserplätze kennen, unterrichtet 
sein über die Sicherheit des zu durchziehenden Gebietes und ob auf 
der gewählten Route genügende Lebensmittel vorhanden waren. In 
langen Reihen zogen so die Träger, einer hinter dem andern, belastet 
mit Elfenbein von 20 — 80 fi einher. Grofse Zähne wurden einzeln, 
kleine zu Bündeln mittels Häuten zusammengeschnürt. Zuletzt 
marschirten Weiber, welche stets zahlreich die Karawanen begleiteten 
und den Schlufs bildete der Mdäwa mit seinem Gefolge, würdevoll 
einherschreitend. 

Bewaffiiete begleiteten die Züge zum Schutz der sehr wertvollen 
Karawanen nie, sondern die Träger waren dem gröfsten Teil nach 
mit Lanze, Bogen und Pfeil, einige wenige mit Feuersteingewehren 
bewaffnet. Streitigkeiten mit den Eingeborenen vermied man aufs 
sorgsfältigste aus Rücksicht auf den Zweck der Reise und erkaufte 
sich den Frieden mehr wie einmal durch Abgaben, wobei anderseits 
die Eingeborenen, welche an der regelmäfsigen Karawanenroute wohn- 
ten, ebenfalls klug genug waren, die Vorteile, welche ihnen die all- 
jährlich auf dem Hin- und Rückwege begriffenen Handelszüge brachten, 
zu wahren. 

Bei Überfällen, welche meist an denselben Orten stattfanden, 
z. B. der Marenga makali, einer unbewohnten Wildnis, warf man 
die Lasten zusammen und verteidigte sich, so gut es gelang. Oder 
die Träger entflohen, wenn sie sich einer Übermacht gegenüber 
sahen, ihre Lasten preisgebend. Es kamen übrigens verhältnis- 
mäfsig selten Überfälle vor, bei denen ganze Karawanen verloren 
gingen. Meist begnügten sich die Räuber damit, ermüdete Nachzüg- 
ler auszurauben. 

In ügogo mufste an die einzelnen Häuptlinge Tribut bezahlt 
werden und zwar auf dem Wege zur Küste in Gestalt von eisernen 
Hacken, welche hauptsächlich in Usukuma, im Süden des Victoria, 
von den Eingeborenen aus Rasen eisenstein hergestellt wurden und 
noch werden. 

Hatte die Karawane Ugogo durchschritten, so harrten derselben 
in üsagara am Wege Abgesandte von Indern mit Geschenken. Auf 
dem Arm ausgebreitet trugen sie bunte Stoffe in grellen Farben, 
Schirme, Messer, Mützen, Zucker, und versuchten den Mdäwa oder 
kleinere Elfenbeinbesitzer zur Annahme dieser G^^cNi^tJkä txjl ^^A^'^^'^^ 
sie zu überreden, als Gast bei ihrem Heiin emz.xxk'^x^Tv« ^^ ^^x^^ 



— 154 — 

sie gut aufnehmen und für ihren Unterhalt in dem betreffenden 
Küstenplatze sorgen, welcher das Ziel der Karawanen war, damals 
meist Sadani oder Dar es salam. Bagamoio (auf Deutsch wörtlich 
„beruhige das Herz"), welches heute der Hauptkarawanenort ist, 
war früher noch ein unbedeutender Ort. Der Mdäwa hatte nun 
schon meist seinen Gastgeber, bei dem er einkehrte, aber trotzdem 
versuchte es jedesmal die Konkurrenz, den Mdäwa zu sich hinüber 
zu ziehen, was ihr auch hier und da gelang. 

Das Verabreichen von Geschenken und Anbieten der Gast- 
freundschaft an Leute, welche man meist nicht kannte und denen 
man auf 10 — 14 Tagereisen entgegen zog, entsprang jedoch nicht 
etwa den idealen Bestrebungen, den Schwarzen ein gutes angenehmes 
Unterkommen zu schaffen, sondern dem reinsten Geschäftsinteresse. 
Hatte ein Elfenbeinbesitzer oder Mdäwa nämlich das sogenannte 
Geschenk angenommen, so war er dem Geber verpflichtet, d. h. 
geradezu verkauft, indem der Nehmer damit eine Schuld konstrahiert 
hatte. Wollte sich der „Hereingefallene" den unangenehmen Kon- 
sequenzen entziehen, welche die Annahme des Geschenkes nach sich 
zog, so konnte er dies unter keinen Umständen, selbst nicht durch 
Zurückgabe des Geschenkes, dessen Wiederannahme man unter den 
nichtigsten Vorwänden verweigerte. Man wies z. B. irgend einen 
Fehler oder Flecken nach, der dem Stoff oder einer sonstigen Gabe 
schon immer angehaftet haben mochte und behauptete, dafs es nun 
nicht mehr derselbe Gegenstand sei, welchen man gegeben. — Hatte 
der Nehmer schon etwas verbraucht z. B. Zucker, so konnte von 
Rückgabe überhaupt nicht die Rede sein, selbst wenn das Doppelte 
des Wertes geboten wurde. Bei Streitfällen aus solchem Anlafs 
waren alle Inder solidarisch und die arabischen Gouverneure 
gekauft, so dafs demjenigen, der unterwegs Geschenke angenommen 
hatte, nichts übrig blieb, als sich dem edlen Gastfreund auf Gnade 
oder Ungnade zu ergeben. Der Zweck dieser sonderbaren Geschäftts- 
manipulation war der, den Elfenbeinbesitzer dazu zu bestimmen, als 
Gast bei dem Geber einzukehren, d. h. sein Elfenbein in seinem 
Hause bis zum Verkauf aufzuheben und ihn dann noch neben der 
Annahme der Geschenke dadurch ganz und gar haftbar zu machen^ 
dafs man ihm und seinem Gefolge täglich einige Kupfermünzen zum 
Unterhalte auszahlte. Die Leute kamen immer hungrig an der Küste 
an und waren daher sehr leicht zur Annahme des Geldes zu bewegen. 
Dem Mdäwa, der mit grofsen Vorräten an Elfenbein kam, wurde 
ein -s-cieunenartiges Haus für sich und seine Weiber angewiesen, ihm 
eine Mahlzeit bereitet aus Reis und Z\e.»exÄd§»dv \ixid das Elfenbem 
sicher unter Verschlufs gebracht. 



— 155 — 

Die Elfenbeinkarawanen wurden jedoch nicht ohne weiteres 
in die Orte an der Küste eingelassen, wo sie ihr Elfenbein zu verkaufen 
beabsichtigten. Die Ansprüche der zahlreichen „Jumbe", wie die 
Häuptlinge dort genannt werden, mufsten vorher befriedigt werden. 
Der Karawanenführer mufste eine Abgabe an diese Jumbe entrichten 
und zwar zunächst für die Erlaubnis, das Land überhaupt betreten 
zu dürfen, dann dafür Holz zu sammeln und Feuer anzuzünden. 
Ferner mufste die Erlaubnis erkauft werden, Bedürfnisse auf dem 
betreffenden Grund und Boden zu verrichten. Allen diesen Anfor- 
derungen vermochte aber der Neger, aus dem Innern kommend, nicht 
zu genügen, der sich lieber eine Hand würde haben abhacken lassen, 
als von seinem Elfenbein für solche Abgaben auch nur den klein- 
sten Zahn zu geben und wie auch sollte er den Tribut bezahlen, 
wenn er z. B. nur einen grofsen Zahn besafs. Wer von der grofsen 
Karawane sollte die Zahlung leisten, der Jumbe verlangte nur die 
besten Stoffe und rote Perlen, welche letzteren noch heute in San- 
sibar selbst auf dem Markte als Zahlung genommen werden; das 
alles besafs der Schwarze aus dem Innern nicht und so mufste der 
Inder, der edle Gastfreund, für ihn einspringen. Die Karawanen 
mufsten daher so lange an der Grenze der betrefienden Orte lagern, 
bis die Jumbe, deren stets mehrere in einem Orte wohnten, befrie- 
digt waren. Dem Eingeborenen aus dem Innern war also von vorne 
herein die Möglichkeit genommen, selbständig und unabhängig 
seine Geschäfte abzuwickeln. Den Klauen der sanften Inder konnte 
er niemals entkommen, mochte er sich drehen und wenden wie er 
wollte. 

Der Inder beeilte sich keineswegs die Geschäfte schnell abzu- 
wickeln und liefs er seinen Gast 8 — 10 Tage warten, ehe er sich auch 
in ein Gespräch wegen des Elfenbeins einliefs. Jeder Versuch des 
Besitzers, das Thema darauf hinzuleiten, wurde mit einem kurzen 
„kescho", morgen, abgebrochen. Merkte man, dafs der Mann etwas 
mürbe geworden war, so fragte man den Eingeborenen, was er für 
sein Elfenbein verlangte, nachdem es der Inder zuvor genau ange- 
sehen hatte. Der Besitzer nannte dann immer einen ungeheuerlichen 
Preis, indem er sich einbildete, mit seinem Elfenbein die Welt kau- 
fen zu können. 

Der Handel mit dem schwarzen Elfenbeinbesitzer aus dem Innern, 
an und für sich sehr schwer wegen des Charakters der Schwarzen, 
wurde nun dadurch ganz besonders erschwert, dafs er sich oft mo- 
nate-, selbst jahrelang vorher alles ausgedacht, wie viel und welche 
Arten von Tauschwaren er für sein Elfenbem, öia^ %t %o \vö05\ \J<öföt- 
Bchätzte, verlangen sollte. Für eine Waiengattvaift ü^evsi YjqtkssX» 



— 156 — 

man ihm nie etwas abkaufen. Vor allen stand sein Sinn nach Gewehr 
und Pulver. Dann kommen weifse und blaue Baumwollstoffe, Perlen, 
Messingdraht, bunte Taschentücher und buntgewobene arabische und 
indische Tücher oder Imitationen derselben. 

Jeder verlangte andre Muster, immer aber mufste von allem 
etwas dabei sein und dies komplizierte den Handel sehr. Gegen- 
stände jedoch, wie falschen Schmuck, Spielzeug, nicht gangbare Perlen 
oder Dinge, welche der Eingeborene nicht wieder als Zahlung geben 
konnte, nahm er nur als Geschenk. 

Alle obengenannten Tauschwaren wurden und werden auch 
heute zum grosfen Teil aus England importiert. Aus Deutschland 
kommt nur Pulver, jetzt einige Steingutwaren und in letzter Zeit 
leider auch Branntwein aus Hamburg. Dieser bisherigen Nichteinfnhr 
von Schnaps an der Ostküste hatte man zum guten Teil die erträg- 
lichen Zustände zu danken, welche Mifsstände, wie sie an der West- 
küste vielfach auftreten, nicht einreifsen liefs. 

Aus Deutschland kommen noch Perlen aus Nürnberg hinzu. 
Imitationen von arabischen und indischen Stoffen werden in der 
Schweiz und in letzter Zeit auch in Fürth in Bayern fabriziert. 

Es beginnt nun ein Feilschen und Schachern, von dem sich der 
europäische Kaufmann gar keinen Begriff zu machen im stände ist. 
Der Inder betrügt dabei den Schwarzen am Gewicht und dieser hat 
in die Höhlung des Zahnes Erde, Baumrinde oder Eisenstücke fest- 
gekeilt oder Kupfer und Blei hineingegossen um das Gewicht zu 
erhöhen. Der Inder findet Risse im Innern und will der Neger die för 
das Elfenbein dadurch herbeigeführte Wertherabminderung nicht an- 
erkennen. Der Schwarze verlangt das zwanzigfache vom Werte des Elfen- 
beins in Europa. Die Qualität des vorgezeigten Stoffes sagt ihm 
nicht zu oder er wünscht ein Muster, welches schon seit Jahren 
nicht mehr fabriziert wird. Die Verhandlungen sind schon dem Ab- 
schlüsse nahe, als plötzlich der Neger mehr verlangt wie zuvor. Nun 
geht der Inder seinerseits unter sein erstes Gebot. Der Neger droht 
es wieder mit ins Innere zu nehmen, worauf der Inder seine Auslagen 
zurückfordert. 

Der Eingeborene versucht nun, sein Elfenbein bei einem andern 
Inder zu verkaufen, indem er das Mafs der Zähne, Länge und um- 
fang, mit zwei Strohhalmen mifst und das angebliche Gewicht vom 
Gastfreunde erfahren hatte. Da aber das Elfenbein in sicherm Ge- 
wahrsam des edlen Gastgebers ist, so läfst sich niemand auf den 
Handel ein oder jeder Versuch wird dadurch einfach abgewiesen, 
dafs man unter allen Umständen mehi löi^leiv würde wie ein etwaiger 
andrer Liebhaber. 



— 157 — 

Endlich ist man handelseinig geworden, was die Quantität der 
zu gebenden Tauschwaren betriflPt. Aber es entstehen bezüglich der 
Qualität neue Schwierigkeiten. Alles ist zu schlecht, die Muster 
gefallen nicht, das taugt nichts, das Gewehr ist zu alt, die Pulver- 
fäfschen sind zu leicht. So geht es Tage und Wochen lang. Ist 
ein Zahn klein unter einem Frassila = 35 Pfund englisch, so geht 
es schneller, ist der Zahn 70 bis 80 und mehr Pfunde schwer, so 
kann der Handel monatelang dauern. Es kam sogar vor, dafs aus- 
nehmend grofse Zähne, welche von zwei Leuten geschleppt werden 
müssen, 160 bis 180 Pfund englisch, bei einem Inder deponiert wurden 
und der Handel erst im folgenden Jahre perfekt gemacht wurde. 
Jedenfalls aber könnte ein Europäer krank durch die Aufregung und 
den Arger werden. Läuft doch selbst dem geduldigen Inder die 
Galle manchmal über. 

Endlich glaubt der Inder sein Ziel erreicht zu haben und er 
beginnt dem Verkäufer seine Tauschwaren zu übergeben, als dieser 
plötzlich erklärt, vielleicht aufgestachelt durch einen andern, mehr 
haben zu wollen und verweigert den Handschlag, welcher den Kauf 
besiegeln soll. Neues Schachern beginnt, neues Streiten, Trotzen, 
Schmollen, neuer unsäglicher Ärger auf beiden Seiten, neue Beratung 
der Schwarzen unter sich. Alles hilft nicht, keiner will nachgeben, 
das Geschäft droht ganz in die Brüche zu gehen, bis zuletzt der 
Inder mehr bewilligt, was er ganz gut kann, da er so wie so keinen 
zu hohen Preis bezahlte. 

Ist jetzt alles geordnet, so wird der Kauf unwiderruflich ab- 
geschlossen. Der Inder hat das Elfenbein definitiv an sich genommen. 
Schreckliche Abrechnung wird nun gehalten. Der Inder erklärt: 
„Ich habe Dir Geschenke bei Deiner Ankunft übergeben, macht so 
und so viel, nicht zu vergessen des Tributs, den ich für Euch an 
den Jumbe bezahlte, und Du verfluchter Heide wirst doch nicht 
glauben, dafs ich Dich mit Deiner ganzen Gesellschaft während 
mehrerer Monate umsonst beköstige." Dies alles geht vom Kaufpreis 
ab und erstaunt, enttäuscht, wütend sieht der nunmehrige Tausch- 
warenbesitzer ein Stück nach dem andern verschwinden von dem 
nicht allzugrofsen Tauschwarenhaufen, der den Kaufpreis seines 
Elfenbeins ausmachte, so dafs er bedeutend kleiner wird. Doch der 
redegewandte Inder weifs schliefslich alles plausibel zu machen 
und versüfst die Bitterkeit und Enttäuschung dadurch, dafs er die 
geforderten Geschenke für den Verkäufer und dessen ViTeiber in 
Gestalt eines Kastens, einiger bunter Perlen und Stoffe bewilligt. 

Der Inder hatte es so ganz in der Hand^ \Aaiet\voSo ^^^wsassKt 
Grenzen den Preis fär das Elfenbein seööst z\x \i^^^v£OMÄXL. ^^sÄa^^- 



— 158 — 

gewöhnlich billige Preise liefsen sich aber dennoch nicht erzielen, 
da man sich trotz aller Solidarität dem Schwarzen gegenüber dennoch 
gegenseitig kontrollierte und allzu grofsen Gewinn nicht gegönnt 
hätte. 

War alles Elfenbein verkauft, so brachen die Karawanen späte- 
stens Ende August nach dem Innern auf, um zu Beginn der Begenzeit, 
Ende Oktober und Anfang November, das Feld wieder zu bestellen. 

Mit dem neuen bunten Fetzen behangen, knallend und singend 
zogen sie von der Küste ab und durchschritten wieder die Küsten- 
landschaften. In Ugogo mufste dann Tribut in Stoffen, Perlen und 
Pulver bezahlt werden und die Träger, welche diesmal in Stoffen 
ausgelohnt wurden, verzehrten meist alles bis auf den letzten Faden 
in Ugogo, wo immer Überflufs herrscht, und kamen ebenso arm in 
der Heimat an, wie sie ausgezogen. 

Der Mdäwa lieferte zu Hause die eingetauschten Waren, 
soweit sie nicht ihm gehörten, an die respektiven Besitzer ab. Bei 
einem grofsen Pombe- (Bier-) gelage feiert man alsdann fröhliche 
Rückkehr. 

Doch nicht alle, welche ausgezogen, sahen die Heimat wieder. 
Blattern und Dysenterie rafften alljährlich eine Menge von Trägern 
dahin. In Ugogo wurden viele von den blutgierigen Wagogo 
ermordet und notorisch frafsen sich dort alljährlich 1 — 2®/o buch- 
stäblich zu Tode und mancher, der ermüdet als Nachzügler der 
Karawane folgte, wurde aus dem Hinterhalte niedergemacht. All 
dies sind übrigens Zustände, welche sich bis auf den heutigen Tag 
erhalten haben. 

Während noch die Eingeborenen selbst das Elfenbein zur Küste 
brachten, waren die Elefanten an den Küstenregionen immer seltener 
geworden. Die Araber hatten ihre Züge immer weiter ausdehnen 
müssen und aus Unjamuesi flofs immer weniger Elfenbein zur Küste. 
Bis dahin waren es meist Inder, welche sich mit Elfenbeinhandel 
abgaben, da sie die kapitalkräftigen waren. Die Araber betrieben 
Plantagenbau. In den zwanziger Jahren unsers Jahrhunderts wurde 
auf Sansibar die Gewürznelkenkultur eingeführt und deckten nun 
die Küstenlandschaften den erhöhten Sklavenbedarf nicht mehr. 
Die Araber sahen sich genötigt, weiter ins Innere einzudringen. Im 
ungastlichen Ugogo mit seinem rauhen Klima und räuberischen 
Bewohnern waren die Elefanten auch fast ausgerottet und so fand 
man erst in Unjanjembe einen geeigneten Platz, eine dauernde 
Niederlassung zu gründen, zumal dort auch Sklaven in grofiser 
Menge sieb vorfanden. Die ersten Araber erschienen in Unjaigembe 
vor 60 — 70 Jahren und gründeten den \9i\nk. NetÄdtL^xsßÄKOfisfiL Ost 



— 159 — 

Käse, in dessen Nähe das heutige Tabora angelegt wurde. Be- 
sonders kam dieser Gegend zu gut, dafs sie von einem eifrig acker- 
bautreibenden Volksstamm bewohnt wurde, der bei grofser Reise- 
und Wanderlust den beschwerlichen Trägerberuf mit einer Art 
Passion betrieb. Den Arabern gelang es bald, mit dem ihnen 
eigenen Geschick eine derartig einflufsreiche Stellung einzunehmen, 
dafs die einheimischen Häuptlinge von Unjanjembe sich dem ara- 
bischen Gouverneur unterordneten. 

Die Eingeborenen gewöhnten sich allmählich daran, ihre 
Elfenbeinvorräte in Unjanjembe zu verkaufen, so dafs der Handel 
mit diesem Artikel in den Händen einiger grofser Araber bald 
solchen Aufschwung nahm, dafs der reiche Gewinn immer mehr 
Araber nach Unjanjembe lockte. Besonders stark wurden die Züge 
dorthin, als im Jahre 1863 der Sklavenhandel an der Küste auf 
Pression Englands hin aufgehoben wurde und die Plantagenbesitzer 
Sansibars aus nun eintretendem Arbeitermangel allmählich zu Grunde 
gingen. Am schnellsten wurden die Sklavenhändler ruiniert. Der 
Araber, der fatalistisch in den Tag hineinlebt, vermag kein Kapital 
zu erwerben und es nutzbringend anzulegen, besonders da er nach 
Koranvorschriften Zinsen weder geben noch nehmen darf. Als daher 
die Quelle seines Reichtums, der mittelst zahlreicher billig erwor- 
bener Sklaven betriebene Gewürznelkenbau nicht möglich war, 
mufsten sich die Araber anderweitig einen Lebensunterhalt suchen 
und verfielen naturgemäfs auf Elfenbeinhandel. Die einsichtsvolleren 
derselben hatten sich, noch im Besitz des baren Geldes, sogleich 
nach dem Innern aufgemacht und gelang es ihnen, nach der damals 
so günstigen Lage, wohlhabend zu werden. Sie waren es auch, 
welche dem Handel mit Elfenbein einen so hohen Aufschwung gaben, 
so dafs immer mehr Araber in Unjanjembe erschienen. Die meisten 
derselben besafsen kein eignes Kapital und entliehen solches bei den 
Indern oder Banianen Sansibars. Zuletzt kamen alljährlich mit dem 
Nordostmonsum zahlreiche Araber aus Maskat, welche sich entschlossen 
hatten, in Afrika Handel zu treiben. Mit wenigen Ausnahmen waren 
es Leute, welche in ihrer Heimat infolge zu grofsen Aufwandes in 
Schulden geraten waren. Durch Vermittlung ihrer Freunde in 
Unjanjembe entliehen sie ebenfalls bei Indern und Banianen Kapital, 
welche dabei einea ganz unerhörten Wucher treiben. Sagen wir, 
der Inder oder Banian strecke dem Araber ein Kapital von 4000 
Dollar vor. Davon erhält der Araber höchstens 2 — 300 Dollar in 
bar ausgezahlt, den Rest in Stoffen, wobei diese dem Araber mit 
einem Aufschlage von etwa 100 ^/o angerechnet werden.^ und dföt 
Bedingung, eine bestimmte Quantität E\£exi\>«vii^ \xv ÖÄfc^^-ojL ^'Äi^^ 



— 160 — 

80 Frassila ä 35 Pfund engl, zu liefern. Der Inder rechnet sich dabei 
das Frassila durchschnittlich mit 50 Dollar an, während es in 
Sansibar 70 — 100 wert ist. Träger sind für ein solches Unternehmen 
bei einem Kapital von 4000 Dollar etwa 20 — 30 notwendig k 
20— 25 Dollar, welche der Inder ebenfalls anwirbt. Diese kosten 
ihm vielleicht pr. Mann 8—10 Dollar. Den Gegenwert nimmt er 
von den Tauschwaaren des Arabers zuiück, wobei er dieselben für 
höchstens die Hälfte des angerechneten Wertes berechnet und auf 
diese Weise dem Araber eigentlich nur der vierte Teil des gelieferten 
Kapitals zur Verfügung steht. Aufserdem sichert sich der Inder 
sein Kapital wenn möglich durch Schuldverschreibungen auf Liegen- 
schaften. 

Im Falle des Gelingens der Expedition verdient der Inder 
300 — 400 ®/o. Liefert der Araber nur den vierten Teil des bedun- 
genen Quantums, so verdient der Wucherer immer noch wenigstens 
100 o/o. 

Der gewöhnliche Verlauf derartiger Unternehmungen ist aber 
folgender : Der Araber zieht nach dem Innern und kommt in Tabora 
an. Hier erholt er sich zunächst von den ungewohnten Reise- 
anstrengungen und giebt mehr Stoffe aus, als es sein Vorrat erlaubt. 
Entweder handelt er für den Rest gleich in Tabora Elfenbein ein 
und ist dann der Klügere : er wird wenigstens in der Lage sein, 
seine Schuld mit geringem Nutzen zu decken, oder aber er dringt 
weiter ins Innere vor und handelt das Elfenbein ein. In den meisten 
Fällen ist es ihm nicht möglich, das bedungene Quantum zu er- 
langen. Er mufs sogar oft auf dem Rückwege in Tabora Elfenbein 
verkaufen, um die Küste zu erreichen. Hierbei gewinnt er zwar, 
aber sein Elfenbein, welches er dem Gewicht nach liefern muls, 
wird weniger. 

In Sansibar ist er genötigt, wiederum Geld bei seinen Gläubigem 
zu entnehmen, um seine Schulden abtragen zu können und zwar 
zu den früheren Bedingungen. Mit geringeren Mitteln zieht er zum 
zweiten Male aus, oft mit demselben Erfolg wie früher, oft gelingt 
es ihm, durch Erfahrung klüger gemacht, seine Schulden zu tilgen. — 
Ein andrer Teil der Araber jedoch vermag den Verlockungen eines 
üppigen, ausschweifenden Lebens im Innern nicht zu widerstehen 
und gelangt auf den Punkt, eines Tages dem Nichts gegenüber zu 
stehen, ohne einen einzigen Zahn gekauft zu haben. Vorläufig 
kann er nicht daran denken, seine Gläubiger in Sansibar zu befrie- 
digen, und hat nun die Wahl, sich dort ins Schuldgefangnis werfen 
2;u lassen oder im Innern zu bleiben. Natürlich zieht er letzteres vor. 
In Tabora leiht er nun bei emem. kt^iX^^T ^\TVb Y^^xeli^ Summe, 



- 161 - 

kauft sicli in der Umgegend einige Sklaven und bebaut etwas Feld, 
dessen Erträge er an die Araber oder durchziehende Karawanen 
verkauft. Gelingt es ihm, ein kleines Kapital zu ersparen, so kauft 
er Elfenbein und arbeitet sich vielleicht wieder in die Höhe. Oft 
aber gerät er auch in Tabora so tief in Schulden, dafs dort seines 
Bleibens nicht länger ist, und dann zieht er sich nach Ujiji zurück, 
wo er dasselbe Manöver wiederholt und schliefslich wandert er nach 
Nyangwe in Manjema, wo er sich oft mit Leib und Seele einem 
grofsen Araber verkauft, d. h. dieser übernimmt seine Schulden 
wenigstens zum Teil. Solche Expeditionen verlaufen folgendermafsen : 
Der Inder wirbt die Träger an, welche jetzt auch noch alljährlich 
zur Küste kommen unter Führung eines Mdäwa, entweder ohne 
Lasten oder mit Elfenbein beladen. Dies Elfenbein gehört jetzt aber 
immer Arabern, welche vollständig an Stelle der Eingeborenen aus 
dem Innern getreten sind, indem sie ausschliefslich die eingehandelten 
Zähne der Küste zuführen. Der Mdäwa ist heutzutage nichts weiter mehr 
als ein Trägerführer, welcher durch Geschenke verpflichtet wird, 
dem Inder seine Leute zur Verfügung zu stellen und höchstens 
hier und da Tauschwaren im Dienste eines Arabers oder Inders 
ins Innere bringt. Diese Träger, ganz in Händen der Inder, vermag 
der Araber nicht anzuwerben und wegen der grofsen Umständlichkeit 
und Unannehmlichkeiten überläfst selbst der reiseerfahrenste Araber 
gern dem Inder das Zusammenstellen der Karawane. Die Träger 
aus dem Innern kommen niemals nach der Insel herüber. Aufser 
diesen Trägern aus dem Innern machen jetzt immer mehr frühere 
Sklaven von Arabern auf Sansibar die Reisen als Träger und besonders 
als Askari (Bedeckungsmannschaften) mit. 

Die Träger begeben sich truppweise, so wie sie angeworben 
wurden, mit ihrer Last ein bis zwei Tagereisen weit zu einem Rendezvous- 
platz voraus und hat sich der Araber mit seinen Sklaven und 
schwarzen Weibern endlich entschlossen aufzubrechen, so zieht die 
Karawane langsam in kleinen Tagemärschen, jeden zweiten oder dritten 
Tag Rast haltend, weiter ; da die Träger immer nur im Mai und Juni zur 
Küste kommen, so brechen naturgemäfs alle die zahlreichen Karawanen 
zu derselben Zeit auf, marschieren jedoch durch die Küstenländer Ukami 
und Usagara getrennt, um sich nicht gegenseitig die Lebensmittel 
durch zu grofse plötzliche Nachfrage zu verteuern. An der Grenze 
Ugogos vereinigen sich die kleinen Karawanen zu 2000 und 
3000 Kopfstärke, einmal der von da bis Tabora herrschenden Un- 
sicherheit halber und dann auch, um die Tributangelegenheiten 
gemeinsam zu ordnen, indem die Händler vereinigt den Hon^o (Jl^^kw^ 
aji die zahlreichen ifänptlinge entricliteTi xxtvöl äLaxav xäääx i\öö. "sööt 

GßographiBch« Bl&tUr, Bremen 1889. ^^ 



-^ 162 — 

rechnen. Zum Durchzug durch Ugogo, welches von Briefboten in 
8 — 10 Tagen durcheilt wird, brauchen Karawanen der Tribut- 
entrichtungen wegen 1 — 1^/2 Monate. Die Wagogo stellten in den 
letzten Jahren immer höhere Forderungen an die Araber, so dafs die 
Händler dort oft 10 — 20 ®/o ihrer Tauschwaaren einbüfsten. Sie 
konnten solche unverschämte Forderungen leicht durchsetzen, da sie 
nach Lage der Verhältnisse stets im Vorteil waren, und die Araber 
nicht wagten, gewaltsam Abhülfe zu schaffen, welches ihnen, wenn 
nur die Machtfrage in Rechnung zu ziehen gewesen wäre, den 
Wagogo gegenüber ein leichtes gewesen wäre. Von der Ostgrenze 
Ugogos bis nach Tabora ist eine Wegestrecke von 20 — 30 Tagen. 
Von dieser Strecke ist das Land von der Westgrenze Ugogos bis 
nach Unjanjembe eine menschenleere Wildnis, welche aufserdem noch 
im August, September und Oktober fast wasserlos ist. Ein Krieg 
mit den Wagogo würde unter allen Umständen den Weg nach dem 
Innern verlegen. Verliefe er erfolglos, d. h. zu Ungunsten der Araber, 
so würden die Wagogo den Durchzug entweder gar nicht mehr oder 
unter noch ungünstigeren Umständen gestatten. Endete er mit der 
Unterwerfung der Wagogo, so würde das Land vollständig entvölkert 
werden und dann eine menschenleere Wildnis von Usagara bis 
Tabora geschaffen sein, welche Strecke als Wildnis ihrer Ausdehnung 
wegen für Trägerkarawanen vollständig unpassierbar wäre. Oder es 
fänden vom Süden her Invasionen statt in die entvölkerte Gegend durch 
Wahähä oder von Norden durch Massai, zwei wilde Volksstänime, 
welche Ugogo ebenfalls unpassierbar gemacht hätten. Die Stärke 
der Wagogo basiert auf der Würdigung dieser Verhältnisse. Said 
Bargasch, der verstorbene Sultan von Sansibar, hatte den Versuch 
gemacht, durch allmähliches Vordringen von Westen nach Osten die 
Wagogo zu unterwerfen und setzte an die Westgrenze des Landes 
einen Gouverneur. Derselbe vermochte jedoch keine Erfolge zu 
erzielen und machte von der Erlaubnis seines Herrn, ebenfalls einen 
Durchgangszoll erheben zu dürfen, so umfassenden Gebrauch, dafs 
es die arabischen Karawanen vorzogen, seinen Sitz ganz zu meiden 
und den Bestrebungen Said Bargaschs in dieser Richtung gar keinen 
Vorschub leisteten. Sie zahlten lieber an die Wagogo, als in Zukunft 
an arabische Gouverneure noch höhere Zölle. Von Tabora aus 
breiteten sich arabische Handelsbeziehungen nach allen Richtungen, 
zuerst nach dem Südende des Tanganika vor 20 — 30 Jahren. Dann 
um dieselbe Zeit nach Uganda am Victoria Nianza und erst vor 
10 — 15 Jahren drangen die Araber in die mittleren Congoregionen. 
Die Handelsabschliisse mit den Eingeborenen im Innern ver- 
laufen ähnlich wie früher an der Küste. \u "I^Jö^t^ ^^%<i^<^TSsE!&sstt^ 



— 163 — 

mufs der Händler neue Träger anwerben, da diese niemals weiter 
wie bis Unjamuesi von der Küste aus ziehen. In der Regenzeit 
während des Feldbaues hält dies natürlich schwerer, als während 
der Trockenperiode. Sind die Träger angeworben, so zieht man, 
wie auch an der Küste, von einem Rendezvousplatze zuerst langsam 
und dann in grofsen Märschen dem Ziele zu. Bei dem elfenbein- 
besitzenden Häuptling wird Standquartier aufgeschlagen und erhält 
der Araber, wenn die Karawane nicht allzu grofs, d. h. etwa 40 — 50 
Mann stark ist, bereitwilligst Unterkunft in den Hütten des Dorfes. 
Der Handel wickelt sich niemals sofort ab. Der Häuptling betrachtet 
den Araber als seinen Gast, doch mufs er dem Gastgeber zuerst ein 
Geschenk verabfolgen, um diesen zu veranlassen, dafs er seinen 
Unterthanen die Erlaubnis erteilt, Lebensmittel an die Karawane zu 
verkaufen. Ein weiteres Geschenk erwidert der Häuptling mit einem 
Huhn, einer Ziege, oder auch nur Mehl. Unter allerlei Ausflüchten, 
dafs z. B. der Araber erst ausruhen müsse, oder er, der Häuptling, 
dringende Regierungsgeschäfte zu erledigen habe, wird der Händler 
hingehalten, bis der Häuptling seine Habgier doch nicht mehr zu 
zügeln im stände ist. Der Häuptling verkauft sein Elfenbein nie 
öffentlich aus Furcht vor mächtigen Nachbarn und auch um seine 
Leute nicht zu Betteleien nach abgeschlossenem Kauf zu reizen. 
Geheimnisvoll kommt ein Abgesandter des Häuptlings des Nachts 
in das Zelt des Arabers und überbringt diesem zwei Strohhalme, 
deren einer die Länge und deren andrer den Umfang des Zahnes 
an der dicksten Stelle bedeuten. Man versucht den Araber nach 
diesen Mafsen zum Kauf zu bewegen. Der Zahn sei zu weit vom 
Ort vergraben, und da man nicht wisse, ob der Kauf zum Abschlufs 
komme, wolle man sich der mühsamen Arbeit des Ausgrabens nicht 
unterziehen. Der Araber kann auf solches Ansinnen nicht eingehen 
und in der nächsten Nacht entbietet der Häuptling den Händler in 
seine Hütte, wo man ihm den zu verkaufenden Zahn zeigt. Der 
Araber unterwirft ihn genauer Prüfung. Er ist übrigens ein schlechter 
Elfenbeinkenner und taxiert den Wert nach sehr allgemein gehaltenen 
Wertbemessungen. Nach der Besichtigung wird das Elfenbein wieder 
sorgfältig verborgen und bringt der Häuptling alsdann ein Bündel 
kurzer Strohhalme von verschiedener Länge in den schwachen 
Schimmer des glimmenden Feuers und legt sie neben einander auf 
den Boden. Diese etwa fingerlangen Halme repräsentieren gewisser- 
mafsen die Buchführung des Häuptlings oder das Inventar seines 
Elfenbeinreichtums, wobei er aber immer den Fehler begeht, sein 
Besitztum zu hoch aufzunehmen. Im Laufe öict Ti^\\. \svsääX. ^«t 
Elfenbeinbesitzer immer mehr StroliliälmcbLeTi zAXÄaTMftfe^vxMx^^^wfi^^^^s^ 



^ 164 — 

in solcher imaginären Weise seinen Reichtum. Jeder der abgeschnittene^ 
Hahne hat nach verschiedener Länge verschiedene Bedeuttlng. Die 
kürzesten bedeuten weifse und blaue Baumwollstoffe. Als Einheit 
wird dabei im Innern die „Armlänge" vom Ellbogengelenk bis zur 
Spitze des ausgestreckten Mittelfingers angenommen. Andre längere 
Stücke bedeuten bunte Taschentücher, einige Perlen, die gröfseren 
bunt gewebte Stoffe, die noch gröfseren Gewehr, Pulver, Feuerirtein 
und jetzt Zündhütchen. Die grofse Anzahl der Strohhalme, d. h. 
des eingebildeten Reichtums, bleibt aber immer nur ein fromnier 
Wunsch, welcher meist nur zum dritten Teil erfüllt wird. Die For- 
derungen sind oft von solch unverschämter Höhe, dafs selbst dem 
in Geschäftssachen sehr geduldigen Araber die Galle überläuft und 
er für den Moment allen Ernstes an den Abbruch der Unterhand- 
lungen denkt. Andernfalls beginnt dasselbe Manöver , wie es 
früher schon bei dem Elfenbeinverkauf an der Küste geschildert 
wurde, und dauert der Handel hier ebenso lang, oft länger, da der 
Häuptling gar keinen Grund zur Eile hat, es sei denn, er benötige 
Pulver für Krieg. Der Abschlufs wird überhaupt nur dadurch herbei- 
geführt, dafs es dem Araber gelingt, dem Häuptling andre Begriffe 
vom Werte der Tauschwaren geläufig zu machen. Er wird schneller 
zum Ziel gelangen, wenn er die Hauptbetonung auf den hohen Wert 
seiner Artikel legt und nicht den Wert des Elfenbeins herabzusetzen 
versucht. 

Eine ausschlaggebende Rolle beim Handel spielen hierbei die 
Weiber, deren unabwendbare Einmischung den Abschlufs des Geschäfts 
sehr in die Länge zieht und deren Begierde mit jedem Zugeständnis 
nur noch mehr gereizt wird. Der Häuptling wagt erst durch Hand- 
schlag den Kauf zum Abschlufs zu bringen, wenn er der Zustinuniing 
seines Lieblingsweibes sicher ist. Wie denn überhaupt der Neger 
der denkbar gröfste Pantoffelheld ist. 

Sind bei einem Häuptling die Geschäfte abgeschlossen, so werden 
noch einige Geschenke für diesen und dessen Weiber verabreicht. 
Der Häuptling erwidert dieselben natürlich minderwertig in Natu- 
ralien, Geflügel, Kleinvieh oder eisernen Hacken. Ebenso werden 
die beiderseitigen Wanjampara (Hauptleute, Ratgeber) beschenkt und 
nachdem sich der Händler mit Lebensmitteln versehen hat, zieht 
die arabische Karawane weiter, um anderweitig Elfenbein zu kaufi^, 
für den Fall die Tauschwaren noch in genügender Menge vorhändmi 
sind. Zuweilen schliefsen der Händler und der Häuptling Blutsbrüder- 
schaft, jeder in der stillen Hoffiiung, dadurch gröfsere Vorteile vom 
andern zu erlangen. Da aber diese ^oftwvxiv^'e^ v^^%en der fekeheA 
Voraussetzung nie verwirklicht werden, so \vä.\> xr»». ^^St^vSäaäbJ 



— 165 — 

den auch nicht immer zweifellosen Vorteil, Yon seinem Blutsbruder 
Feindseligkeiten nicht befürchten zu brauchen. 

- Ein Araber, Abdalla bin Nasib, der von Unjanjembe nach dem 
damals noch sehr elefantenreichen Ugalla gezogen war, hatte mit 
dem damaligen Häuptling Taka, welcher sehr viel Elfenbein besafs, 
Blutsbrüderschaft geschlossen. Er liefs hierauf durch einen seiner 
Leute Streit mit den Eingeborenen provozieren, rief dann seinen 
neuen Blutsbruder zu sich ins Zelt und schofs ihn nieder, unter 
dem Vorwande, da£s Taka die Blutsbrüderschaft durch den Streit 
seines Untertanen mit des Arabers Trägern gebrochen habe. Der 
Blutsbruder ist verantwortlich für die Thaten seiner Leute. 
Abdalla bin Nasib bemächtigte sich sodann des Elfenbeins seines 
ermordeten Blutsbruders. Die Folge war eine ungeheure Erbitterung 
der Wagalla und durfte es während 10 bis 15 Jahren kein Araber 
wagen, Ugalla zu betreten. Der ehrenwerte Abdalla bin Nasib 
wurde später Gouverneur von Tabora, um dann durch Said Bargasch 
vergiftet zu werden. 

Hat der arabische Händler auf seinem Zuge die Tauschwaren- 
yorräte gegen Elfenbein eingehandelt, so zieht er mit einem kleinen 
Best derselben, welcher zum Einkauf des Unterhalts auf dem Rück- 
wege dienen mufs, heimwärts. Oft hat er noch einige Sklaven ein- 
gehandelt, welche an der Stelle entlaufener Träger Lasten schleppen 
müssen. Häufig kommt es vor, dafs die ganze Karawane, selbst der 
^Händler inbegriffen, auf dem Rückwege Hunger leiden mufs. 

Zuweilen ist der Araber genötigt, unterwegs Zähne mit Ver- 
lust zu verkaufen, um Lebensmittel einzuhandeln. 

Die Händler, welche voii Unjanjembe nach Uganda am Victoria 
Nianza ziehen, müssen dort oft lange warten, manchmal 50 bis 100 
an der Zahl, bis dem Häuptling von Uganda Lust und Laune an- 
wandelt, Geschäfte abzuschliefsen. 

In Tabora kaufen es zuweilen andre Araber auf, oder der 
Araber zieht selbst zur Küste, um es seinen Gläubigern abzukaufen. 
Der Durchgangszoll in Ugogo wird für Elfenbeinkarawanen in eisernen 
Hacken erlegt, welche in Tabora von Wasukama verkauft werden. 
Von Kiloa aus ziehen alljährlich ebenfalls viele arabische Händler 
nach dem Nyassa, um westlich desselben Elfenbein zu kaufen. Diese 
kehren, ohne Unjanjembe zu berühren, nach der Küste zurück. Sie 
treiben Elfenbeinhandel mehr als Nebenzweig des Sklavenhandels. 
Den Elfenbeinhandel mit den Massailändern vermitteln aus- 
schliefslich Wasuaheli von Pangani. Träger und Führer stammen aus 
Pangani und Umgebung. Sie haben es bis heute verataxvdftxs.^ ^^ 
Emdringen der Araber zu verhindern. V^\^A.e>i\Lo\\Ä ^^^^^^s2ö& ^^^os. 



— 166 — 

Araber, selbst dort Elfenbein zu kaufen, mifsglückten, da dieselben 
als hellfarbige bärtige Menschen zu grofsen Mifshandlungen durch 
die Massai ausgesetzt waren. Die Strapazen und Gefahren, welchen 
die Panganihändler sich dort aussetzen, sind allerdings sehr grofs, 
werden jedoch in Erzählungen vielfach übertrieben, um andre Unter- 
nehmungslustige abzuhalten, und ist es nicht unmöglich, dafs die 
Mifshandlungen der Araber durch die schwarzen Händler veranlaCst 
wurden. 

Es kommt häufig vor, dafs ein Massai einen Kauflustigen weg- 
führt und zwar allein zu einem angeblich eingegrabenen Zahn, um 
ihn dann aus reiner Mordlust niederzustechen. Die Massai erkennen 
keinen Häuptling an und jeder der einen Zahn findet und einen Ele- 
fanten erlegt, kann frei über das Elfenbein verfügen. 

Als Tauschwaren haben dort nur Wert einige wenige 
blaue Baumwollstoffe, welche um den Hals gewickelt getragen 
werden, und hauptsächlich Eisen und Messingdraht. Pulver und 
Gewehre kauft der Massai gar nicht, da er nur blanke Waffen fuhrt, 
Speere, Schwerter, Schild und Wurfkeulen. Der Massai verkauft 
sein Elfenbein ganz offen, hält es aber für unter seiner Würde, den 
Zahn selbst zu berühren. Er läfst ihn von einem Sklaven eingraben 
und vom Händler selbst ausgraben und ins Lager schleppen. Ist 
der Handel abgeschlossen, so spucken beide Teile auf Elfenbein und 
Tauschwaren und jeder Widerruf ist ausgeschlossen. Das Kapbein 
wird von weifsen Jägern gejagt und nach Port Natal und Kapstadt 
gebracht. Manche der Jäger sind reich geworden. 

Von Benguela und Loanda an der Westküste aus ziehen 
schwarze Elfenbeinhändler oder Mischlinge nach dem Innern, welche 
von Portugiesen Kapital entleihen, oder mit eignem Kapital arbeiten. 
Da die Elefanten dort aber bis weit landeinwärts, wie auf der Karte 
angegeben ist, ausgerottet sind, so sind sie jetzt genötigt, weit zu 
reisen und zwar in das Lundareich des Muata Jamvo nach dessen 
jeweiliger Residenz. Die Reise dorthin dauert drei bis vier Monate. 
Der Muata Jamvo des Lundareiches gestattet den Küstenhändlern 
nicht, über seine Residenz hinaus zu ziehen imd Elfenbein zu kaufen, 
da er selbst nach allen Richtungen hin durch seine Untergebenen 
Elfenbein aufkaufen läfst. Diese seine Leute dringen selbst bis zum 
Merusee vor, woher sich auch erklärt, dafs weiches Elfenbein in 
Benguela und Loanda an die Küste kommt. Aus Furcht, sein 
Handelsmonopol zu verlieren, wollte Muata Jamvo, wie der jeweihge 
Herrscher von Lunda heifst, selbst Forschungsreisende, Dr. Buchner 
und Dr. Pogge, nicht weiter nordwärts dringen lassen. 

Den Handel in. Ambrize veximtleVn. väa ^.\xK\i ^^ öät Q^^i&Ar 



— 167 — 

und Sklavenküste ausnahmslos schwarze Zwischenhändler, Angehörige 
von Stämmen, welche entweder unmittelbar an der Küste oder dicht 
dahinter sitzen. Sie haben den Handel vollständig in Händen imd 
es bis heute verstanden, jedem Händler oder Forschungsreisenden 
das Eindringen unmöglich zu machen. Die Ursachen aller Streitig- 
keiten imd Kämpfe an der Westküste sind auf die Intriguen jener 
Zwischenliändler zurückzuführen. 

Auf kleinen oder grofsen Handelsexpeditionen kaufen sie das 
Elfenbein auf, um es dann an deutsche, englische, französische, 
holländische und auch portugiesische Faktoreien abzulassen. 

An der Westküste werden als Tauschwaren eingeführt: Glas- 
perlen aus Nürnberg und Venedig, Baumwollstoffe aller Art fast 
ausschliefslich aus England, welches viel billiger wie Deutschland 
produziert. Pulver und Branntwein hauptsächUch aus Deutschland, 
wie auch Solinger und westfälische Stahlwaren. Steingut und Glas- 
waren aus Deutschland und England, Tabak aus Bremen, Gewehre 
aus Deutschland, England und Belgien. 

An der ganzen Gold- und Sklavenküste werden aufserdem 
Kaurimuscheln in sehr grofsen Mengen eingeführt. Hamburger und 
französische Schiffe bringen sie auf der Rückkehr nach Europa aus 
Sansibar dorthin. 

Die Händler aus den nördlichen Häfen ziehen durch die Wüste 
und kaufen Elfenbein am Südrand der Sahara von Händlern ein. Die 
ägyptischen fahren den Nil hinauf und kommen selbst bis Uganda. 

Doch nicht allein auf dem friedlichen Wege des Handels wird 
Elfenbein im Innern erworben. Die Häuptlinge führen erbitterte 
Kiiege zur Erlangung desselben und die Araber fallen mit Kriegs- 
macht über die Eingeborenen her, um ihnen das Elfenbein abzu- 
nehmen. Oft werden sie dabei von eingeborenen Häuptlingen unter- 
stützt, welche die Hülfe der Araber in ihren Fehden in Anspruch 
nehmen. 

Von den verschiedenen Ostküstenplätzen kommt das Elfenbein 
nach Sansibar, wo an den Sultan ein Zoll von 12 Dollar per 36 Pfund 
englisch gezahlt wird. Dieser Zoll war bisher an Inder verpachtet. 
Er sollte an der Küste im vorigen Jahre in die Hände der ost- 
afrikanischen Gesellschaft übergehen und fühlte dies bekanntlich zum 
Ausbruch der Unruhen. 

Die Inder Sansibars verkaufen das Elfenbein zum grossen Teil 
an deutsche oder amerikanische Häuser oder aber es geht nach 
Bombay. Von dort gelangt der gröfste Teil auf die Märkte von 
London, den bedeutendsten Elfenbeinmarkt der W^lt, "S^^^q^^^ ^^^^ 
nach Amsterdam und Hamburg. Indien, selbst koxvsxxnmX* ^^^ ^\<ä^^>&s5ö.- 



— 168 — 

bein. Es wird hauptsächlich zu Armringen filr die Eingebomen 
dort verarbeitet. Eine grofse Quantität Hohlungstücke, welche auf 
der ganzen Länge den entsprechenden Durchmesser haben, gehen 
von Europa nach Indien zurück, um dort ebenfalls zu Ringen ver- 
arbeitet zu werden. Der groXse Konsum von Armringen erklart sich 
daher, dafs dieselben nach dem Tode des Trägers zerschlagen werden. 
Von Sansibar gehen jährlich sehr grofse Quantitäten nach Bombay, 
von dort nach Europa und hielt man früher dieses Bein für indisches. 

China kauft sehr viel minderwertiges Elfenbein, welches schon 
in Sansibar von den Indern zu diesem Zweck aussortirt wird. Dar- 
unter hauptsächlich das angebrannte und stark verwitterte Bein. 

Das Elfenbein hält alljährlich hundert- und aber hundertausend 
Menschen in Atem, es werden Kriege um seinetwillen geführt, 
Menschen getödet, gefahrvolle mühsame Reisen zur Erlangung des- 
selben unternommen, Geld aufs Spiel gesetzt, Schiffe befrachtet, 
Existenzen hängen davon ab, so dafs man glauben könnte, es handle 
sich dabei um ungeheure Werte und doch beträgt nach Westendatp 
die jährliche Ausfuhr aus ganz Afrika mit seinem unermefslichen von 
Elephanten bewohnten Gebiete nur 848000 kg im Werte von 
15 — 17 000000 Mark, ein jedenfalls verschwindend kleines Quantum 
von verschwindendem Werte im Vergleich zu dem unendliche 
Aufwand an Arbeit und Mühe. Es wäre lächerUch im Hinblick 
auf jene Werte das Elfenbein als treibenden Faktor bei kolonialeii 
Unternehmungen in Rechnung zu ziehen. Zu bedauern iist nur dßß 
nicht aufzuhaltende Aussterben, der Elephanten. Westendarp nimmt 
das durchschnittliche Gewicht eines Zahnes zu 13 kg an und würden 
darnach jährUch 65 000 der edlen Tiere hingeschlachtet. Diese 
jährlich getöteten Elephanten repräsentieren, nutzbar gemacht, eine 
ganz ungeheure Arbeitskraft und einen ungleich höhern Wert wie 
das gewonnene Elfenbein , bei welchem die zu seiner Erlangung 
aufgewendete Mühe in gar keinem Verhältnis zu dem gewonnenen 
Resultate steht. 

Die Elfenbeinausfuhr wird sich vielleicht innerhalb der nächsteü 
40 — 50 Jahre stetig langsam steigern, um dann immeji^ melur ^ 
sinken und die Zeit, wo in Afrika der letzte Elephant nieder- 
geschossen wird oder elend in irgend einem zoologischen Garten au 
Grunde geht, dürfte nicht weiter wie 150 — 200 Jahre vor uns lieg«i, 
wenn es nicht möglich gemacht wird, durch Jagdgesetze sein Aus- 
sterben hinzuziehen öder den Elefanten nutzbar zu machen. Dok^ 
sind dazu leider sehr wenig Aussichten. 



169 



Der Ylll. deutsche Geographentag in Berlin 

Von Dr. W. Wolkenhaner« 



Nach Beschlufs des VII. Geographentages in Karlsruhe zu 
Ostern 1887 sollte die nächste Versammlung in der Osterwoche des 
Jahres 1888 in Berlin stattfinden. Die tiefeingreifenden Ereignisse, 
welche zu dieser Zeit ganz Deutschland schwer betrafen, veranlafsten 
jedoch das Organisationskomitee, die Abhaltung des VIII. Geographen- 
tages auf das Jahr 1889 zu verlegen. In der Osterwoche, am 24., 
25. und 26. April, hat derselbe nun in der deutschen Reichshaupt- 
stadt Berlin in hergebrachter Weise getagt und es soll über den 
Verlauf desselben hier in Kürze berichtet werden. 

Die Zahl der Teilnehmer an der diesjährigen Versammlung 
betrug nach der Präsenzliste, die allerdings leider nicht vollständig 
ist, 476; die Mehrzahl stellte natürlich auch hier der Versammlungsort, 
Berlin selbst, nämlich 309; 167 Teilnehmer ware^ von auswärts 
{aus 89 verschiedenen Orten nach meiner Zählung) gekommen. 
Hiemäch wäre die Zahl der Teilnehmer an den Geograf)heh- 
tagen in Frankfurt mit 504 und Hamburg mit 633 Besuchern eine 
stärkere als in Berlin gewesen. Dafs die Beteiligung trotz des 
diesmaligen schönen Frühlingswetters und der Anziehungskraft, die 
man doch von der Reichshauptstadt erwarten durfte, nicht gröfser 
gewesen ist, mag wohl einen Hauptgrund in dem bereits einge- 
tretenen Schlufs der Osterferien an den meisten höheren Lehranstalten 
to Reiche gehabt haben. Städte, die aufser Berlin durch wenigstens 
drei Teilnehmer vertreten waren, sind: Halle a. S., Hamburg, Wien, 
Gotha, Bonn, Potsdam, Leipzig, Königsberg, Rostock, Stettin, Weimar, 
Stralsund, Breslau, Dresden, Greifswald, Magdeburg, Hannover, 
Bremen, Braunschweig, Weimar, Marburg, München, Prag. Das 
Ausland, die Schweiz, Holland, besonders aber Österreich-Ungarn, 
war diesmal wie auf den meisten der früheren Geographentagen 
vertreten. Da die deutsche meteorologische Gesellschaft ebenfalls, 
wie schon vorher in Karlsruhe, ihre Hauptversammlung in Berlin 
zu gleicher Zeit abhielt — die dritte Sitzung des Geographentages war 
sogar eine gemeinsame mit dieser — , so nahmen die meisten der 
Mitglieder auch am Geographentage teil ', in dct lA\\.^\ftftÄt&!^^ %s!Äss«^ 
wir deshalb auch die Namen der bekannten '^ft\.^oto\o%%w^\x:^^'^^^^^ 



— 170 " 

V. Bezold, Neumayer, v. Bebber, Asmann, Hellmann, Sprung, 
Schreiber u. a. Es würde zu weit führen, die Namen der auf 
geographischem Gebiete bekannteren Teilnehmer alle aufzufuhren, 
es genüge einige zu nennen. Die deutschen Hochschulen waren 
diesmal besonders zahlreich vertreten; es waren gegenwärtig: 
V. Richthofen-Berlin, Kirchhoff-Halle, Wagner-Göttingen, Rein-Bonn, 
Hahn-Königsberg, Fischer - Marburg, Günther - München, Lehmann- 
Münster, Credner-Greifswald und eine gröfsere Anzahl Privatdozenten 
und angehende Geographen ; das Gothaer Institut hatte Prof. Supan, 
H. Wichmann, Dr. Hassenstein, C. Vogel und H. Habenicht gesandt ; 
aus Wien war Professor Penck, aus Graz Professor Richter und aus 
Prag Professor Lenz erschienen. Der Lehrerstand ^) war ebenfalls 
durch eine Reihe auf geographischem Gebiete bekannter Schukäte, 
Direktoren und Lehrer vertreten. Von den anwesenden bekannteren 
Reisenden seien genannt : Professor Bastian, Dr. von den Steinen, Dr. Paul 
Güfsfeldt, Hofrat Gerhard Rohlfs, Paul Reichard, Missionsinspektor 
Büttner, Dr. v. Danckelman, Dr. W. Joest. Einen besonderen Glanz 
erhielt die diesjährige Versammlung dadurch, dafs eine gröfsere Zahl 
hoher Staatsbeamten und Offiziere und eine Reihe von hervorragenden 
Gelehrten, deren Wissenschaftsgebiete der Geographie nahe stehen, 
vielfach den Verhandlungen und geselligen Zusammenkünften bei- 
wohnten. Das Ehrenpräsidium der Versammlung hatte der preufsische 
Unterrichtsminister Dr. von Gofsler selbst in entgegenkommender 
Weise übernommen. 

Wir geben nun zunächst eine kurze Übersicht über den Gang 
der Verhandlungen, den Inhalt der Vorträge können wir dabei selbst- 
verständlich nur hier und da andeuten^). An den drei Versammlungs- 
tagen wurden in 6 Sitzungen aufser den Einleitungsreden und geschäft- 
lichen Verhandlungen 17 Vorträge gehalten. Diese betrafen haupt- 
sächlich Fragen der physikalischen Erdkunde; einer gehörte der 
Völkerkunde an, zwei behandelten die geographische Litteratur, einer 
die wissenschaftliche Landeskunde und zwei pädagogische Fragen. 
Eine eigentliche Diskussion schlofs sich nur an wenige Vorträge an. 

Die Verhandlimgen wurden am Mittwoch Vormittag einhalb elf Uhr 
in dem schönen Philharmoniesaale in Gegenwart einer stattlichen 
Versammlung von Ehrengästen, aus Gelehrten, hohen Staatsbeamten, 
Militärs und Marineofffizieren bestehend, durch eine nach Inhalt und 



*) Von den 167 auswärtigen Teilnehmern gehörten gegen 80, soweit dies 
festzustellen war, diesem an. 

^ Bekanntlich ei*scheinen die Verhandlungen der Geographentage im 
Verlug von D. Reimer in Berlin im Druck; mv vi^\s^Ti ^^ l?Y^\mde der Geographie 
beJ dieser Gelegenheit noch besonders aui Oaea^Wj^u \iml. 



— 171 — 

Form vortreffliche Ansprache des Ehrenpräsidenten, des Herrn 
Kultusminister Dr. von Gofsler, eröffnet. Dieselbe bekundete vor 
allem in hocherfreulicher Weise, dafs man den Bestrebungen der 
deutschen Geographentage an leitender Stelle ein tiefes Verständnis 
entgegenbringt. Ganz besonders wies der Minister auf die Beziehungen 
des Geographentages zur Entwickelung des geographischen Unter- 
richts hin. „Nicht allein die auf Anschauung und Zeichnen ge- 
gründeten Methoden und die aus Ihrem Kreise hervorgegangenen 
Lehrbücher haben Einzug in die preuTsischen Schulen gehalten, vor 
allem die Heranbildung der Lehrer in einer ihren Vorschlägen ent- 
gegenkommenden Weise ist im Laufe des letzten Jahrzehnts gesichert. 
Jede preufsische Universität erfreut sich eines eigenen Lehrstuhles 
für Geographie, ihre Vertreter sind als gleichberechtigte Mitglieder 
in die wissenschaftlichen Prüfungskommission eingetreten, bei der 
Prüfung ist die Geographie als selbständiges Lehrfach anerkannt und 
Fürsorge getroffen, dafs selbst der geringste Grad von Lehrbefähigung 
nicht ohne ein gewisses Mafs zuverlässiger Kenntnisse in der 
physischen und mathematischen Geographie gewonnen werden kann. 
Indem die Geographie in der Prüfung als ein Hauptfach sowohl mit 
den sprachlich-geschichtlichen, wie mit den naturwissenschaftlich- 
mathematischen Fächern sich verbinden läfst, ist sie in den Unter- 
richtsplan unserer höheren Lehranstalten als ein Bindeglied zwischen 
die beiden grofsen Gruppen der Disziplinen gestellt worden, erfüllt 
mit der hohen Aufgabe, in bevorzugtestem Mafse an der harmonischen 
Ausbildung unserer Jugend mitzuwirken und in dem jugendlichen Geiste 
die Einheit des Wissens zu vermitteln." Nachdem hierauf Geh. Rat 
Dr. Hardeck (Karlsruhe) die Teilnehmer und Ehrengäste des Geographen- 
tages im Namen des Zentralausschusses und Professor Freiherr von 
Richthofen dieselben im Namen des Ortskomitees in einer längeren Rede 
begrüfst hatte und das Bureau für die Tagung gewählt war, hielt Herr 
Dr. von den Steimn (Berlin), der bekannte Brasilienreisende, einen mit 
reichem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Erfahrungen zur Ent- 
wickelung der Völkergedanken". Es war dieser Vortrag der einzige, 
der für einen weiteren Kreis von allgemeinem Interesse war, alle übrigen 
Vorträge waren fast ausschliefslich fachwissenschaftlicher Natur. So 
der Vortrag vom Geh. Admiralitätsrat Dr. Neumayer (Hamburg), 
der unter Vorlegung von ihm bearbeiteter Karten „über das gegen- 
wärtig vorliegende Material für erd- und weltmagnetische Forschung" 
berichtete. Nach einem Überblick über die zahlreichen Reisen, 
welche in der letzten Zeit gerade diesen Teil der Wissenschaft 
gefördert haben, führte er an der Hand des \oi\Ä%'ewiÄ\v "^^«»s^^ 
am, dafs die bisherigen, von Gauts, Weber xaväL^Eisasi^Ä 



— 172 — 

Theorien übör Isogonen, Isoklinen und Isodynamen mit deh 
24 Gaufs'schen Konstanten nicht ganz in Einklang zu bringen- Beien^ 
und dafs an der Hand neuen Materials diese Theorien zu prüfen sei^a. 

In der zweiten Sitzung, Mittwoch Nachmittag, machte, Prof essor 
V. Bichtho/en zunächst nähere Mitteilungen über ein DenkmaJ 
för Dr. Gustav Nachtigal. Bekanntlich sollte ein solches auf Kap 
Palmas errichtet werden, doch nahm man davon Abstand, als die 
Gebeine Nachtigals nach Kamerun überfährt wurden. Von den in 
Berlin vorhandenen Geldern im Betrage von rund 12 000 Jt>. will 
man nun 7600 A für eine durch den Bildhauer Büchting anzu- 
fertigende Büste Nachtigals verwenden, die in der afrikanischen 
Abteilung des Völkermuseums aufgestellt werden soll. Femer soll 
die Stadt Stendal, der Geburtsort Nachtigals, welche bisher 8000 Jd, 
für ein dortiges Nachtigaldenkmal bereit hat^ den noch zur Errichtung 
dieses Denkmals fehlenden Teil erhalten und der dann ver- 
bleibende Rest soll zur Herausgabe eines die nordafrikanischen 
Sprachen behandelnden litterarischen Nachlasses von Dr. Nachtigal 
durch seinen Neffen Dr. Prietze benutzt werden. Der Geographentag 
stimmte diesem Antrage in einer späteren Sitzung zu. 

Hierauf erstattete Professor jfiTircMojf (Halle) den alljährlichen 
(diesmal für die letzten 2 Jahre) Bericht über die Thätigkeit der 
„Zentralkommission für wissenschaftUche Landeskunde von Deutsch- 
land^. Die Arbeiten haben hiernach infolge erfreulicher Unterstfttzimg 
des preufsischen Unterrichtsministeriums einen eben so b^nedigenden 
als finanziell gesicherten Verlauf genommen. In ununterbrochenem 
Fortgange sind die bibliographischen Zusammenstellungen zur Landes- 
und Volkskunde von Mitteleuropa. Von den „Forschungen*^ sind 
bereits mehrere Hefte des HL Bandes erschienen; von der „Bibliothek 
der Handbücher zur deutschen Landes- und Volkskunde" ist kürzlich 
die vortreffliche „Anleitung zur Landes- und Volksforschnng im 
aufseralpinen Deutschland" ausgegeben, welche der unmittelbar«! 
Anregung zu werkthätiger Anteilschaft an der Heimatsforschung dienen 
soll. Die Kommission hat ferner jetzt eine systematische Zusammen- 
stellung aller auf das heutige deutsche Reich bezüglichen Bücher und 
Karten durch Bibliothekar Küster (Dresden) in Angriff genommen. Eine 
sehr bedeutsame Arbeit ist auf Anregung der Zentralkommiasion durch 
Herrn Dr. Eschenhagen in der erdmagnetischen ErforscHung und 
Kartierung des Harzgebirges ausgeführt worden, und die deutsche 
Admiralität hat darauf hin die Ausdehnung derselben Messunga- 
arbeiten auf das west- und ostdeutsche Küstengebiet angeordnet. 
Die gute Verwaltung ihrer besc\iiänkteiv Geldmittel ermöglichte: üs 
der Zexiiralkommission, sogar diieVAÄ G^Ä^xsÄW^^&aBOÄagaek .i 



173 

Förderung heimatkundlicher Arbeiten zu bewilligen; sie konnte zwei 
jungen Forschem Stipendien für geophysikalische Aufnahmen (Unter- 
suchungen über die hinterpommerschen und ostpreufsischen Seen) ver- 
leihen. Ferner beabsichtigt die Kommission, sich als Ratgeber an der 
kartographischen Aufnahme der deutschen Länder durch die deutsche 
Militärbehörde in der Weise zu beteiligen, dafs sie ihre Mitwirkung 
bei der Feststellung der Ortsnamen auf der Generalstabskarte zur 
Verfügung stellt. Es soll daher das gemeinsame Bemühen dahin 
gehen, eine einheitliche, wissenschaftlich begründete Namens- 
schreibung herbeizuführen, und die Zentralkommission hat für die 
beste Arbeit auf diesem Gebiet, welche bis zum 1. Mai 1890 ein- 
geliefert wird, einen Preis von 400 Jk. ausgesetzt. 

Herr Professor Dr. Supan aus Gotha sprach hierauf „über spezial- 
geographische (landeskundliche) Litteratur". Er beklagte vor allem 
die Yernfichlässigung der speziellen Geographie gegenüber den ein- 
seitigen Fortschritten der physischen und allgemeinen. Man hat die 
Spezialgeographie nicht nur in litterarischer Hinsicht stiefmütterlich 
behandelt, sondern man hat auch ihre Stellung in der Wissenschaft 
verschoben ; sie ist nicht mehr die ebenbürtige Schwester der allge- 
meinen Geographie, sondern ihre Dienerin. Diese Erscheinung findet 
in der naturwissenschaftlichen Richtung unsrer Zeit ihre Erklärung. 
Ein weiterer Grund ist in der Verschiedenheit der wissenschaftlichen 
Thätigkeit selbst zu suchen, welche sich in die lehrende und in die 
fördernde teilt. Die Spezialgeographie ist in erster Linie eine lehrende 
und sofern sie sich nicht auf die kartographische Darstellung eines 
Landes beschränkt eine wesentlich kritische Wissenschaft, die jede 
Theorie, wenn sie nicht auf dem Boden eigner, sicherer Beob- 
achtung steht, rasch beseitigt. Der Redner erörterte sodann umständlich 
das Verhältnis der Spezialgeographie zur allgemeinen Geographie und 
trat mit lebhaften Worten für die bessere Pflege und den sorgfältigeren 
Anbau dieser lehrenden Spezialgeographie ein, die an wissenschaftlichem 
Reiz allerdings der physischen Geographie nachsteht, die aber sehr 
wohl den Rang einer vollen Wissenschaft nach wie vor be- 
haupten wird. 

Den Schlufs der Sitzung bildete ein Vortrag von Professor 
Dr. Richter (Graz) über eine sachgemäfse Stoff- und Arbeitsteilung 
unter den deutschen geographischen Zeitschriften. Er beklagte nicht 
sowohl den Mangel, sondern vielmehr die zu grofse Fülle an geo-- 
graphischen Zeitschriften. Aber nach der Ansicht des Redners liegt 
der hauptsächliche Fehler in der allzugrofsen Zerstreutheit des 
Materials, in ihrem Stoffgemenge und StoffgejXÄSÄx^ \«A ^^ ^%:t^ 
äßher eine grötaexe Zusammenfassung der \\ttÄt«iX\^dtL«^ ^^sl^^^^^ 



— 174 "-^ 

sehr zu wünschen; auch findet sich in ihnen allzuviel Bekanntes, 
zum Teil aus den Tagesblättern Nachgedrucktes vor. Hierin kann 
also eine Besserung erzielt werden, wenn die Zeitschriften sich eine 
gröfsere Beschränkung auferlegen und hierzu könnten, nach des Redners 
Meinung, 'die geographischen Gesellschaften schon ziemlich viel bei- 
tragen, wenn sie das Gebiet der Forschung unter sich verteilten, so 
dafs jede einzelne ein abgeschlossenes Gebiet für sich erhält. Der 
Redner schlägt die Annahme einer Resolution des Inhaltes vor, 
dafs der Geographentag eine zweckmäfsigere Stoffverteilung in den 
geographischen Zeitschriften für notwendig hält. Nach einer längeren 
Debatte, in der die Schwierigkeiten hervorgehoben wurden, in dieser 
Richtung eme Änderung herbeizufuhren, zog der Vortragende seinen 
Antrag zurück. 

Die dritte Sitzung am Donnerstag Vormittag, den 25. April, 
begann mit einem Vortrage des Professors Dr. A. Penck (Wien) 
über das Endziel von Erosion und Denudation, der wegen der 
Exemplifikationen auf Rhein und Weichsel zum Teil von allgemeinem 
Interesse war. 

Die weiteren Vorträge behandelten sämtlich die Frage der 
Klimaschwankungen und der Abnahme des Wassers. Professor 
Dr. Brueckner (Bern) erörterte zunächst, inwieweit das heutige 
Klima beständig sei. Er zeigte, dafs der Wasserstand im Schwarzen 
und Kaspischen Meer, in der Ostsee u. a. Schwankungen unterworfen 
sei, welche denen der Gletscher, der Regenfälle entsprechen, und diese 
Schwankungen müfsten nach umfang und Charakter nicht als solche 
der Witterung, sondern des Klimas bezeichnet werden. Die gleich- 
zeitigen Schwankungen des Regenfalls, der Temperatur und der Zeit 
der Weinernte hatte der Vortragende auf einer grofsen Karte graphisch 
in Form von chronologisch geordneten Kurven dargestellt, welche 
den Hörern seine Ausführungen deutlich veranschaulichten. In Zu- 
sammenhang stehen diese Schwankungen mit denen des Luftdruckes, 
welcher sich in trockenen Jahren verschärft und die ozeanische 
feuchte Luft nicht vordringen läfst. Im einzelnen sind die Er- 
scheinungen verschieden; im ganzen aber gilt für den Erdball das 
Gesetz, dafs das Klima schwankt und mit ihm Seen, Flüsse und 
Gletscher, Jedenfalls sind diese Klimaschwankungen von hoher 
praktischer Bedeutung, denn mit dem Steigen und Sinken der Flüsse 
und Seen, mit Regenarmut und Regenreichtum hängen Handel und 
Verkehr, Hungersnot und üppiger Ertrag eng zusammen. — Professor 
Dr. Part seh (Breslau) sprach sodann „über Klimaschwankungen in 
den Mittelmeerländem^ , Redner exöTtiett^ ^ dÄ.Cß zur Erforschung 
dieses Gegenstandes die modernen meileoxo\o^\Ä^^%\v ^Oöwäofe««^^ 



— 175 — 

nicht ausreichen, da sie sich über einen zu kurzen Zeitraum er- 
strecken. Als Ersatz müssen demnach historische Aufzeichnungen 
dienen, die für die Mittelländer Jahrtausende umspannen ; doch dürfen 
auch diese Zeugnisse nur mit gröfster Vorsicht benutzt werden. 
Sicherer ist die Kunde, die wir aus eigentümlichen Vorkommnis- 
änderungen von Pflanzen und Tieren ableiten können. Wichtig für 
Beantwortung der vorliegenden Frage ist, dafs der Ölbaum, die 
Dattelpalme und der Weinstock, drei uralte Kulturgewächse, noch 
heute genau dieselben Verbreitungsgrenzen haben wie vor zweitausend 
Jahren. Im allgemeinen ist es also unwahrscheinlich, dafs in 
historischer Zeit eine klimatische Veränderung in den Mittelmeer- 
ländern stattgefunden hat, doch tausend Jahre sind in der Geschichte 
der Erde ein Tag. Dr. Götz (München) führte noch kurz in seinem 
Vortrage „über die dauernde Abnahme fliefsenden Wassers auf dem 
Festlande" aus, dafs eine sehr langsame aber stetige Abnahme des 
Wassers stattfinde. Atmosphärische Gründe, wie zum Beispiel 
stärker gewordene Verdunstung, austrocknendere Wirkung der Luft- 
strömungen, ferner die Verschiebung der Baumgrenze und endlich 
oft auch die Kulturarbeit des Menschen, dessen Wohlbeackerte Felder 
immer mehr Feuchtigkeit brauchen, bewirken eine Verringerung der 
Bäche und Quellen. Unsere Bäche werden schwächer, unsere Quellen 
minder zahlreich, minder perennierend; aber die Erdoberfläche hält 
von dem aufgenommenen Wasser eine hinreichende Menge fest, dafs 
die Gefahr, wir könnten austrocknen, auf Jahrtausende hinaus noch 
fernliegt. 

Die am Nachmittag desselben Tages stattfindende vierte Sitzung 
ward sodann vorwiegend den mit den grofsen Veränderungen des 
Klimas in enger Verbindung stehenden Erscheinungen der Eiszeit 
gewidmet. Dr. Wahnschaffe (Berlin) behandelte „die Bedeutung des 
Baltischen Höhenrückens für die Eiszeit", Dr. A. Sclienh schilderte 
Glacialerscheinungen in Südafrika und Dr. van Drygalski (Berlin) 
sprach über die Bewegungen der Kontine zur Eiszeit und ihren Zu- 
sammenhang mit den Wärmeschwankungen der Erdrinde. Die beiden 
letzten Vorträge behandelten pädagogische Fragen. Dr. Hotz-Linder aus 
Basel sprach über „Verwertung der Schulausflüge". Wie der Zoolog und 
Botaniker, soll auch der Geograph mit seinen Schülern „Exkursionen" 
unternehmen. In der Schweiz gebe es Stiftungen für Schülerausflüge. 
Dort ziehe öfter ein Lehrer mit den Schülern für 8 bis 14 Tage auf den 
Gipfel einer Alpe, wo man Wirtschaft führe, von Milch und Brod lebe und 
Ausflüge unternehme. Doch auch in bescheidenerem Mafsstabe lasse 
sich viel erreichen. Auf Spaziergängen a\\!c\v m mvsA<Kt ^o^ ^«^ 
Natur hegänatigten Gegenden könne der Lehret ^u ^\\>Sä&x&Kö. ^^«^ 



an Berg und Thal, an Seen und Sümpfen seinen Schülern das in ^ 
klemem Mafsstabe zeigen, was sich in der Natur oft in so gewaltigen . 
Kräften äufsert. Wegen vorgerückter Zeit konnte sich leider an. 
diesen Vortrag keine Besprechung knüpfen. 

Hierauf sprach noch Professor Penck (Wien) über die Not-^ 
wendigkeit geographischer Bildersammlungen, wobei er die von. 
Professor Friedr. Simony in Wien ausgeführten und zu einem Atlas 
vereinigten Photolithographien, Lichtdrucke und Phototypien geo- 
graphisch interessanter Ansichten des Dachssteingebietes vorlegte 
und den Wunsch aussprach, dafs diese Publikation den Anfang einer 
Reihe ähnlicher Werke bilden möge, bis das endgiltige Ziel erreicht 
sei, nämlich die Vollendung eines geographischen Bildermuseums, 
auf welches sich der Lehrer der Erdkunde ebenso stützen könne, 
wie der der Naturkunde auf die bestehenden naturhistorischen 
Museen. 

Die fünfte Sitzung am Freitag Vormittag beschäftigte sich 
mit Vorträgen über Geologie und Höhenmessung. Herr Professor 
Beyer (Wien) sprach über die einfachsten Typen der Eruptivmassen 
und Gebirgstypen und erläuterte an zahlreichen Modellen und 
Experimentfiguren, wie man die in der Natur vorkommenden 
Quetschungen, Zerreifsungen und Faltungen der Gebirgsmassen durch 
Experimente versinnbildlichen kann. Als Arbeitsmaterial für diese 
Modelle hatte er dünnbreiige Seifenmasse benutzt, die durch Elin- 
mengung verschiedener Chemikalien und Farben zur Eruption 
gebracht wurden bezw. nach der Erstarrung die Schichtung der 
Lagen in deutlichster Weise illustrierten. An diesen Vortrag knüpfte 
Oberberghauptmann Dr. Hnyssen (Berlin) Mitteilungen über die von 
der preufsischen Bergverwaltung seit 20 Jahren angestellten Versuche 
zur Erforschung der inneren Erdwärme, die manche der bisherigen 
Annahmen richtig gestellt haben.^) Zunächst ist konstatiert worden, 
dafs die Zunahme der Wärme in einer gewissen Tiefe nicht 
aufhöre, wie man bisher glaubte. Als vorläufiges Besultat der 
Untersuchungen ist femer anzunehmen, dafs die durchschnittliche 
Temperaturzunahme um 1 ^/o R. nicht in Tiefen von je 40, sondern 
von je 46 m stattfindet. Eine allgemeine Formel aber für die, wie 
sich erwiesen hat, stetige Zunahme zu finden, ist nicht gelungen. 
Professor Dr. Jordan (Hannover) sprach sodann „über die Methoden 
und Ziele der verschiedenen Arten von Höhenmessung^. Das 
Nivellement, die trigonometrische und die barometrische Methode 
wurden nach ihrer Entwickelung, nach ihren Vorzügen und Naeh- 

') Angefahrt sei hierbei, da(s das BoVucYocb. in Sperenberg b«i B«rim 
Jetzt 1273 m, das in Seckenwitz 1338 m, das *m ^cYAa^<i>öaOa.Vl^m'^MAÄ\Mil. 



teilen ausfohrlich geschildert, und mannigfache Beispiele von in 
Deutschland ausgeführten Vermessungen wurden zur Verdeutlichung 
der Ziele der verschiedenen Arten der Höhenmessung heran- 
gezogen. In der anschliefsenden Erörterung äufserte Professor 
Wagner verschiedene Wünsche, u. a., dafs auf unsern sonst so 
vortrefHichen Karten, z. B. im Stielerschen Handatlas, bei Städten 
u. s. w. auch die Höhenlage durch Zahlen angegeben werden niöge, 
und erklärte, dafs die ganze Angelegenheit einer besonderen Sitzui^ 
während des nächsten Geographentages wert sei. 

Im Anschlufs an eine Einladung zum Besuche der Zentral- 
betriebsstation (am Stadtbahnhof Börse gelegen) der Gesellschaft 
zur einheitlichen R^elung der Uhren erklärte Professor Fersten* 
(Berlin), dafs demnächst, dank der durch die ReichspostverwaLtuug 
gestatteten Benutzung des Telephonnetzes, in ganz Deutschland eime 
einheitliche Regelung der Zeit zu erhoffen sei. Diese Angelegenheit 
stehe in Verbindung mit der Frage der Weltzeit, welche hoffefitlicii 
auf die Tagesordnung des nächsten Geographentages kommen werde. 

Den letzten Vortrag hielt sodann Dr. Böhm (Wien) über die 
Genauigkeit orometrischer Mafsberechnungen. 

Damit war die wissenschaftliche Tagesordnung erledigt. Die 
Teilnehmer des Geographentages begaben sich nunmehr nach dem 
Museum für Völkerkunde unter Führung des G«h. Rat Prof. Bastian 
und des Direktors Vofs. Die Museumverwaltung hatte in entgegen- 
kommender Weise für die Gäste einen speziellen, mit Karten aus- 
gestatteten übersichtUchen Abrifs der Sammlungen drucken lassen. 
Viele Besucher dieses in seiner Art einzigen Museums werden mit 
dem Berichterstatter nur lebhaft bedauern, dafs ihnen zur ein- 
gehenden Betrachtung der hier in vorzüglichster Weise aufgestapelten 
Schätze leider die Zeit zu kurz war. Einen Bremer mufste es aber 
bei dieser Gelegenheit mit grofser Befriedigung erfüllen, die von unsrem 
Dr. Finsch gesammelten reichen Schätze zu betrachten und dieselben 
von Professor Bastian (bekanntlich ein Bremer!) rühmen zu hören. 

Die Schlufssitzung am Freitag Nachmittag war lediglich geschäft- 
lichen Angelegenheiten gewidmet. Zunächst wurde betreffs des 
Nachtigaldenkmals, wie oben schon erwähnt, beschlossen, eine Büste des 
grofsen Afrikareisenden in einem der Säle des Museums für Völker- 
kunde aufzustellen und ein öffentliches Denkmal in der Vaterstadt 
des Verstorbenen, in Stendal, zu errichten. In das Ausführunga- 
komitee wurden die Herren Bastian, Bütow, Güfsfeldt, v. Richthofen 
gewählt. Langwierige Beratungen wurden durch die eingebrachten 
Anträge auf Statutenänderungen veranlafst. D\ft R^xm^V's^äc^«».^^^ 
]Bß in der Erörterung der Frage, ob xegÄraÄfajv^ ^\äöÄfiö.%^^^ 

Geographische BlätUr, Br«men 1889. ^^ * 



— 178 — 

bisher, Geographentage abgehalten werden sollten oder nicht. Man 
einigte sich zuletzt dahin, einen zweijährigen Turnus einzuführen, 
indessen dem Ausschusse, der das Recht der Selbstergänzung haben 
solle, anheimzugeben, erforderlichen Falls auch wieder einmal zwei 
Geographentage alljährlich aufeinander folgen zu lassen. Im kommenden 
Jahre fällt jedoch derselbe aus, und im Jahre 1891 wird der 
Geographentag einer Einladung nach Wien folgen. Für die schul- 
geographischen Verhandlungen soll in Zukunft mindestens eine der 
Nachmittagssitzungen ausschliefslich anberaumt werden. Ferner wurde 
der Ausschufs ermächtigt, der Zentralkommission für wissenschaft- 
liche Landeskunde jeden etwaigen Überschufs aus den laufenden 
Jahreseinnahmen behufs Vollendung seiner umfassenden bibliogra- 
phischen Arbeiten zu überweisen. Endlich wurde auch infolge eines 
Antrages dem Ausschusse aufgegeben, die nötigen Vorarbeiten zur 
einheitlichen Rechtschreibung aller fremdsprachlichen geographischen 
Bezeichnungen zu treflfen. 

Da Berlin an und für sich des Sehenswerten für den Fremden 
in reichem Mafse bietet, so hatte das Ortskomitee von einer geo- 
graphischen Fachausstellung für diesmal mit Recht abgesehen, doch 
hatte dasselbe in dankenswertester Weise in einem Saale des Völker- 
museums eine Sonderausstellung veranstaltet, welche sich auf die 
Ausführungen von Höhenmessungen, sowie auf deren Verwertung bei 
graphischen und plastischen Darstellungen bezog. Das von den 
Herren v. Danckelman und Hellmann besorgte Verzeichnis zählte 
153 Nummern. Die erste Abteilung umfafste Instrumente zur 
Höhenmessung auf Reisen (ReisetheodoUte, Tachymeter, Aneroide, 
Nivellirinstrumente, Hypsothermometer u. a.), die zweite Niveau- 
karten bez. Originalaufnahmen, die dritte Höhenschichtenkarten, 
Profile und Reliefs und die vierte endlich Schriften über Höhen- 
messungen. 

Von besonderem Interesse waren die beiden diesmal mit dem 

Geographentage verbundenen Ausflüge, die gesellige und vor allem 

geographisch-geologische Anregung in hohem Mafse boten. Am 

Sonnabend, den 27. April, vereinigten sich etwa 150 Teilnehmer 

(darunter auch etwa 30 Damen) unter Leitung des Landesgeologen 

Dr. Wahnschaffe (Berlin) und des Bergrates von der Decken (Rüders- 

dorf) zu einem Ausfluge in die etwa 30 km östlich von Berlin 

belegenen Kalkberge von Rüdersdorf. Die Dampferfahrt über den 

Flaken- und Kalksee bis in den Rüdersdorfer Kalkbruch, die 

Besichügung des Bruchs, wobei ein ansehnlicher Bergsturz, wie er 

woIiJ kaum von einem der TeilnelimeT ^e^ g^aehen war, vorgef&hft 

wurde, sowie die Wanderung über den ^ö\i«tmx%^ xxni ^ ^Stt^aale 



— 179 — 

erscheinungen im Alvenslebenbruche zu besichtigen, das gemeinsame 
Mittagsessen im Garten des Gasthofes „Zur goldenen Traube" werden 
den Teilnehmern dieses vom schönsten Frühlingswetter begünstigten 
Ausfluges gewifs eine der angenehmsten Erinnerungen an den Berliner 
Geographentag bleiben. Am Sonntag, den 29. April, ist dann noch 
unter Führung des Landesgeologen Professor Dr. Berendt ein Ausflug, 
an dem sich etwa 100 Personen beteiligt haben, nach der End- 
moräne bei Chorin und Joachimsthal ausgeführt. Da ich an dem- 
selben nicht teilnehmen konnte, so kann ich darüber nur nach einem 
Zeitungsbericht mitteilen, dafs auch dieser Ausflug zur hohen Zu- 
friedenheit der Teilnehmer ausgefallen sein soll. 

Zum Schlufs noch ein kurzes Wort über die geselUgen 
Zusammenkünfte, die zur Erleichterung und Anbahnung des persön- 
lichen Verkehrs der Teilnehmer unter einander nicht nur eine an- 
genehme Zugabe, sondern für viele, insbesondere die ständigen Teil- 
nehmer, ein wichtiger Bestandteil des Geographentages sind. Schon 
am Vorabend des Eröffnungstages, Dienstag, den 23. April, trafen 
sich viele Teilnehmer im „Frankenbräu", Unter den Linden Nr. 27, 
und auch an den folgenden Abenden fanden sich die Teilnehmer 
hier meist zum geselligen Zusammensein ein. Natürlich zogen auch 
viele der sehenswerten reichshauptstädtischen Bierpaläste die 
fremden Teilnehmer oft noch zu später Abendstunde zum Kemien- 
lernen an. Der Abend des zweiten Sitzungstages versammelte 
eine grofse Zahl der Teilnehmer (etwa 250) zu einem Festmahl 
im Hotel Imperial, Unter den Linden No. 44, an dem unter 
andern hohen Staatsbeamten auch der Kultusminister Dr. von Gofsler 
und aufser drei andern Mitgliedern unsrer Bremer Geographischen 
Gesellschaft auch Herr Konsul H. H. Meier teilnahmen. Lebhaft 
zu bedauern bleibt nur, dafs diesmal die Präsenzliste erst so spät 
(am späten Abend des zweiten Sitzungstages) erschien; für das 
gegenseitige Finden solcher Teilnehmer, die sich auf dem Geographen- 
tage persönlich kennen lernen wollen, ist eine möglichst frühe 
Ausgabe derselben für die Zukunft dringend erwünscht. ! 

Als vor acht Jahren, in der Pfingstwoche 1881, in Berlin 
Vertreter der geographischen Gesellschaften, Lehrer und Freunde 
der Erdkunde unter Gustav Nachtigals Vorgehen zum ersten Geo- 
graphentage zusammentraten, war die Zahl der Stifter klein, unsicher 
der Anfang. Aber wie der Sohn der Erde in der hellenischen Sage, 
wie der Kultusminister Dr. v. Gofsler in seiner Einleitungsrede 
treffend ausführte, so haben auch die deutschen Geographen durch 
ihre Berührung mit der Erde immer neue KiäÄÄ %<k^^"«s\k^ ^«Ä. 
h&mtene Jünger der Wissenschaft, wie waimeYxevjjvÖÄ wj^'siSL^t^^^^ 



18Ö — 

der Gebildeten haben sich auf den Geographentagen immet mehr und 
mehr eingefunden. Die Gunst der Umstände, eigene ernste Arbeit mit 
neugesteckten Zielen, die Änderungen auf dem Gebiete des höhten 
Unterrichtswesens, haben den geographischen Bestrebungen Nahrimg, 
Richtung und Erfolg verliehen. Und so darf denn insonderheit die 
Gesellschaft für Erdkunde in Berlin, aus deren Mitte heraus der erste 
und achte deutsche Geographentag vorbereitet wurden, mit Genüge 
thuung auf ein wohlgelungenes Werk zurückblicken. Den Teä- 
nehmern des diesjährigen Geographentages aber werden die anregeiulen 
und schönen Tage noch lange eine angenehme Erinnenmg bleiben! 



181 



Kleinere Mitteilungen. 



Befiiui der Arbeiten am Nicarasrua-Schiffskanal. Mit Bezug auf den 
in diesem Heffc enthaltenen Aufsatz des Marineingenieurs Peary wird folgende 
briefliche Mitteilung, welche uns kurz vor Abschlu{s dieses Heftes zuging, von 
Interesse sein: Philadelphia, den 23. Mai 1889. Zu der Zeit, zu welcher Sie 
diesen Brief erhalten, wird der Bau des Nicaragua-Schiffskanals bereits in 
Angriff genommen sein. Die erste Flotille mit Arbeitern und Baumaterial geht 
morgen von Newyork in See. Die Kompagnie hat vom Kongrefs Korporations- 
rechte erlangt und besteht die zuversichtliche Erwartung, dafs der gesamte 
Bau in 5 Jahren vollendet werden wird. 



§ Ans der ipeoffFaiüiisolieii Oesellschaft in Bremen« Der Bericht des 
Vorstandes über die Wirksamkeit unsrer Gesellschaft ini vorigen 
Jahre liegt diesem Heft bei, i|i demselben si^id alle über unsre Gesellschaft zu 
gebende Nachrichten enthalten und wir besphränkep uns daher hier nur noch auf 
ein Referat über den am 27. Februar d. J. im Kreise der Gesellschaft gehaltenen 
Vortrag des Herrn Dr. Kükenthal über zoologische Forschungs- 
reisen in den Polarregionen. In der Anleitung verglich der Redner die 
früheren und die heutigen Methoden naturwissenschaftlicher, besonders zoolo- 
giseher Forschung. Es komoie jetzt auf das Sti;dium der verwandtschaftlichen 
Beziehungen und überhaupt der Lebonsbedingiuigen der einzelnen Tierarten 
an ; besonders wichtig sei das Stadium des höheren und niederen Tierlebens, in 
Rücksicht anf die Veränderungen, welchen dasselbe im Laufe der ^eit unterlegen, 
m der Folarwelt. In erster Linie stehen die verschied^en Walarten, die Robben 
nnd die Walrosse. Die an sich einfache Fanna des Nordens sei nach älteren 
nnd neueingewMiderten Formen zu unterscheiden ; dabei kommen die durch die 
Mearessirönmngen bedingten Zugstrafsen in Betracht. Für das Studium der 
sogenannten Symbionten, der im Freundschaftsverhältnis zu einander lebenden 
Tiere, führte der Redner ein interessantes Beispiel an. Eine Krebsart trägt 
anf ikrem lUioken eine Seerose, die dem Tiere Schutz gewährt, anderseits durch 
das Wandern des Siebses in neue Nahrungsgebiete gebracht wird. Den niederen 
Tierf(Mrmen folgen höhere. Der Redner legt die zahlreichen wichtigen Aufgaben, 
deren Lösnng der J^ojoge in den arktischen Gebieten zu suchen habe, mit 
Rücksicht anf die Funde von Resten ausgestorbener Tiere, auf die Fauna der 
arktischen Inseln and auf die Vogelwelt näher dar und ging dann zu einer 
Besehreibnng der Apparate zum Fang der niederen Meerestiere in verschiedenen 
Tiefen, des Sehwebe-, des Seharmetzes u. a. ein. Die vor 2 Jahren von ihm 
ausgeführte und hier in einem Vortrage im November 1887 geschilderte Reise 
nach Spitzbergen habe ihm gezeigt, welche reiche Ausbeute dort den Zoologen 
ervarte, da ungefähr 40 pCt. allein von einer Tiergruppe neue Formen waren, 
vie 4ie inzwischen eiiolgte Bestimmung der mitgejarachten Objekte ergab. 
Zum Schlufs ging Redner näher auf die jetzt von ihm anszufühi-ende arktische 
Reise 9UL £r gedenke sich Ebide April auf einem der Fangschiffe, die von 
Tromsö aiiegehen, ins Eismer zu begeben. Von dem Kur^«, ^^\&VkK^ \^6& %<(^^ks& 
einschJa^e^ irerde es abhängen, in welchen Gö\i\^\«Ä \ie^ ^^\\a\i«t^j!cw ^^ 'ossN. 



— 182 — 

seinem Reisegefährten Dr. Walter seine Forsclinngen anstelle. Einige dieser 
Schiffe gehen nach Spitzbergen, wo die Leute die Rentierjagd betreiben, sowie 
Holz nnd Eier sammeln. Andre gehen nach Nowaja Semlja, ins Karische 
Meer oder in die Gewässer vor Ostgrönland. Wieder andre, die kühnsten, 
gehen tief ins Treibeis hinein, um Walrosse zu töten. Die Führer dieser 
Schiffe kennen die Verhältnisse des Eismeeres aus eigener langjähriger Erfahrung. 
Eine reiche zoologische Ausbeute sei gewifs, ob auch geographische Resultate 
erzielt werden, werde davon abhängen, ob die Eis- und Fangverhältnisse ein 
Vordringen östlich von Spitzbergen gestatten. Im Oktober hofft Redner zurück- 
zukehren und dann in der Gesellschaft Bericht über seine Reise zu geben. 



§ Folarregionen. Am 21. Mai dieses Jahres trafen Dr. Nansen und 
seine fünf Gefährten mit dem Dampfer „Vidbjömen*' aus Grönland in Kopenhagen 
ein und wurden enthusiastisch begrüTst, sie waren dort die Gäste des bekannten 
Förderers skandinavischer Polarforschung, des Etatsrats Gam^l. In Heft 1, 
S. 61 und 65 dieser Zeitschrift haben wir den Hauptinhalt der Briefe mitgeteilt, 
welche die Reisenden im vorigen Herbst nach glücklich vollbrachter Reise durch 
Grönland an Herrn Gam^l richteten. Vergleicht man damit das, was jetzt 
Kopenhagener Zeitungen aus den mündlichen Mitteilungen Nansens berichten, 
sowie einen von Nansen in der „Times" vom 25. Mai veröffentlichten Brief 
über seine Reise, so ergiebt sich, dafs vorläufig nur noch das Folgende nachzu- 
tragen ist. 

Am 10. August vorigen Jahres erreichte die Expedition, zu Boot längs der 
Ostküste Grönlands fahrend, ümivik; von hier zog sie mit fünf Schlitten am 
15. August von einem hohen Gletscher landeinwärts. Vier Schlitten waren jeder mit 
reichlich 200 Pfund Gepäck, der fünfte mit doppelt so viel beladen. Nach 
zwei Tagen mufste man wegen heftigen Regens und Nordsturms drei Tage im 
Zelt liegen. Sodann machte man gute Fortschritte bei härter werdendem 
Schnee; am Tage, wo es im Anfang sehr heifs war, wurde geruht. Später 
wurde der Schnee massenhaft und am 27. August wurde beschlossen, nicht 
das weitere Christianshaab, sondern Godthaab zum Ziel zu nehmen. Die Ex- 
pedition befand sich zu dieser Zeit 40 miles von der Ostküste in einer Meeres- 
höhe von 7 000 F. Der veränderte Kurs gestattete während drei Tagrai die 
Schlitten mit Segel vorwärts zu bringen. Anfang September erreichte 
man ein 8 — 9000 F. hohes, nach Norden dem Anschein nach, 
noch bedeutend ansteigendes ausgedehntes Plateau, das 
einem gefrorenen Ozean glich. Die nächtliche Kälte auf dem Plateau schätzt 
Nansen auf 45—50 ^ C. Am 19. September trat wieder sehr günstiger 
Segelwind ein, die Berge der Westküste zeigten sich von Feme; nun ging es 
rasch vorwärts. Am 26. September war das innere Ende des AmeralikQordes 
erreicht. Die auf dem Inlandeis zurückgelegte Strecke schätzt Nansen auf 
260 miles. 

Am 24. Juni wird Nansen auf erfolgte Einladung in der Londoner 
geographischen Gesellschaft einen ausführlichen Vortrag über seine Reise und 
deren wissenschaftliche Ergebnisse halten. 

Der Empfang Nansens in Christiania war ein grofsartiger. In seiner An- 
spracbe druckte Nansen die Hof&xung aus, da£« Norwegen demnächst eine 
gröfsere Polarexpedition aussenden werde. 



— 183 — 

unter der Überschrift : „Lappland nnd Sibirien anf dem Seewege" enthält 
das Aprilheft der stets sehr inhaltreichen Zeitschrift der Königlichen schottischen 
Geographischen Gesellschaft: „The Scottish Geographical Magazine" einen im 
Februar d. J. in dieser Gesellschaft gehaltenen Vortrag von Philip Sewell, einem 
der Teilnehmer der im vorigen Sommer, wie wir bereits in Heft 1 S. 67 mel- 
deten, unter Führung des Kapitäns Wiggins unternommenen Fahrt des 
Dampfers „Labrador". Dieses von der Phönix-Company in London aus- 
gesandte Schiff sollte Güter, hauptsächlich englische Manufakturwaren, nach der 
Mündung des Jenissej bringen, dort auf einem Dampfer den Flufs herabgebrachte 
sibirische Güter in Empfang nehmen und sie nach England führen. Dampfer 
„Labrador", in Begriff, den norwegischen Hafen Yardö zur Fahrt nach dem 
Jenissej zu verlassen, wurde durch ein aus England eintreffendes Telegramm 
zurückgehalten, wonach der Dampfer „Phoenix", welcher die sibirischen Güter 
auf dem Jenissej zu dessen Mündung bringen solle, an Grund gerathen sei und 
deshalb nicht rechtzeitig werde bei dem Seedampfer anlangen können. Die 
engUsche Kompagnie sandte nun eiUg einen neuen Flufsdampfer aus , der mit 
Dampfer „Labrador" die Jenissejmündung erreichen und von hier die europäischen 
Güter stromaufwärts bringen sollte. Darüber verging kostbare Zeit, beide 
Dampfer gingen endlich von Vardö aus, verloren sich aber im Sturm. Der 
Flufsdampfer und, da er denselben verloren hatte, auch Dampfer „Labrador" 
kehrten nach Vardö unverrichteter Sache zurück. Bei der Rückkehr nach 
England fanden sie die Nachricht vor, dafs der Jenissej dampf er „Phoenix" bald 
wieder flott geworden und doch noch — nun vergeblich — die Flufsmünduiig 
erreicht habe. Dampfer „Phoenix" kehrte wohlbehalten nach seinem Winter- 
quartier in Jenisseisk zurück. Über die Eisverhältnisse in der Karasee berichtete 
der Redner, dafs es dem Kapitän Wiggins glückte, das in südwestlicher Richtung 
sich erstreckende Packeis zu umfahren. Leute von einem schiffbrüchigen nor- 
wegischen Walrofsfänger, welche der Dampfer „Labrador" aufnahm, erzählten, sie 
seien bis auf 75 ® nördl. Br. gewesen und hätten offenes Wasser jenseits des 
losen Packeises angetroffen, dessen östliche Grenzen der Dampfer „Labrador" 
antraf. 

DieEisverhältnissederKara-See waren am 8. Mai in der Königlich 
schottischen geographischen Gesellschaft in Edinburgh Gegenstand eines Vortrags, 
welchen der dänische Marineleutnant Hovgaard hielt. Bekanntlich brachte 
Ho Vgaard, Befehlshaber der „Dymphna", den Winter 1882/83 zwischen den Eis- 
schollen der Kara-See treibend beziehungsweise besetzt, zu. Nach der Auffassung 
Hovgaai'ds ist die Kara-See thatsächlich vom nördlichen Ozean isoliert, alles Eis, 
das sich darin bildet, schmilzt auch daselbst. Die Bewegungen des Eises sind 
vom Winde abhängig. Sehr oft findet sich im Sommer mitten in der Kara-See 
und der Waigatschstrasse eine Anhäufung von Eis, während die Kara-See sonst 
besonders in der Nähe der asiatischen Küste eisfrei ist. um einige Sicherheit 
in das rechtzeitige Passieren der Kara-See durch Schiffe zu bringen, hält der 
Redner die Legung eines Telegraphenkabels von der Karastralse nach Archangel 
für notwendig. Wenn ein Schiff einmal eine der beiden Strafsen passiert habe, 
sei die Schifffahrt nach Sibirien ungehindert. (Dieser Behauptung steht jedoch 
die Erfahrung einzeker friiherer Reisen entgegen. D. Red.) In Übereinstimmung 
mit seinem für die damalige „Dymphna"-Reise aufgestellten Plan hält Hovgaard 
an der Meinung fest, dafs von dem sibirischen Kap Tscheljuskin der beste Weg 
zur Erreichung des Nordpols sei. Ein von jenem Kap aus VQYdxm%<ssväÄ^ "^Oöä. 
wmäe gewissermahen die Trift der Yerunglückieix ^^^^.Xkfc^X.^'*^-'^'«:^^^^'^^ "^ssA. ^<«k 



— 184 — 

ans den sibirischen Flüssen kommenden (bekanntlich anch an den Küsten Ost- 
Qrönlands angetroffenen) Treibholzes fortsetzen. 

Während der Robbenfang bei Labrador, welcher durch Ton Nen- 
Fondland and Schottland aasgegangene Dampfer in diesem Frühjahr betrieben 
warde, günstige Ergebnisse geliefei-t hat, ist die darch einige Dampfer aus Dundee 
betriebene Jagd auf jange Robben aaf dem Treibeis bei Jan Mayen mifsglückt. 
Sie begann am 3. April, war aber schon nach wenigen Tagen vorüber. Die 
Mannschaften der Schiffe machten dann Jagd aaf alte Robben and wollen später 
noch den Bottlenos- und Black-Walfang betreiben. 



§ Dit Andamanen-Inseln. Ober diese im Indischen Ozean südwestlich 
von der südlichen Spitze Hinderindiens zwischen dem 10. and 15. ^ nördl. 6r. 
belegene Inselgrappe, welche unter britischer Hoheit steht und als Strafkolonie 
dicQit, machte kürzlich Oberst Cadell, längere Zeit Chief Commissioner der 
Inseln, in der Schottischen geographischen Gesellschaft einige Mitteilungen, denen 
das Folgende entnommen ist. Er begann damit, die Reize und Anmut der 
UndBchafÜichen Szenerie, welche sich dem zwischen den Inseln Hindurchsegelnden 
erschliefsen, zu schildern. Dieselben seien nicht zu beschreiben : Das Wasser tief 
und klar wie Krystall, auf beiden Seiten der Küste erjieben sich stolze Bäume 
bis zur Höhe von 200 F., einige dieser Baumarten ragen kerzengerade mit 
silberweifsen, von einem schirmartigen Blätterdach gekrönten Stämmen auf; 
aadre Bäume sind vom Fufs an mit Schlinggewächsen umwoben, die sie wie 
FestoBS zieren. Prächtige Palmenarten heben sich besonders hervor. Aus dem 
Qrunde des Meeres scheinen in den wunderbarsten Formen und Gestalten reiche 
Korallengebilde herauf. Die Bevölkerung der Inseln ist leider in der Abnahme 
begriffen, das ist im Lauf der Jahre, in denen Herr Cadell auf den Inseln weilte, 
unzweifelhaffc festgestellt. Die Ursache sind verheerende Krankheiten, haupt^ 
sächlich Syphilis und Lungenleiden. Unter zwölf Frauen gebar nur eine Kinder, 
und unter den Kindern herrscht dazu eine grofse Sterblichkeit. So ma£s man 
voraussehen, dafs in 25 bis 30 Jahren die Bevölkerung der Inseln ausgestorben 
sein wird, abgesehen von der Insel Klein-Andaman , deren Bevölkerung sich 
bisher noch frei von den verhängnisvollen Einflüssen der Zivilisation erhalten 
hat. Die Berührung mit der letztern ist für die harmlose liebenswürdige Be- 
völkerung der Inseln nachteilig gewesen. Ursprünglich waren die Insulaner auf- 
richtig und ehrlich, gut gesinnt und selbst aufopferungsfähig. Die See und der 
Wald lieferte ihnen, was sie brauchten : der letztere efsbare Wurzeln und Früchte, 
die Fleischnahrung bestand aus Fledermäusen, Ratten, fliegenden Füchsen, 
Eidechsen, Käfern, Schlangen, Mollusken, wilden Schweinen und Schildkröten. In 
Port Blair, an der Ostküste der Insel Süd-Andaman, ist die Strafkolonie, 
vielleicht die gröfste der Welt, denn im Durchschnitt beträgt die Zahl der hier 
detinierten Strafgefangenen 12,000. Drei Vieriel der Gefangenen sind für das 
ganze Leben hierher verbannt, die übrigen für sieben Jahre und länger. 65 */o der 
Strafgefangenen sind Hindus, 25 ®/o Muhamedaner und die übrigen meist Bad- 
dhisten von Birma. Aus allen Teilen Indiens und Birmas kommt hier der Ab- 
Bchanm von 250 Millionen Menschen zusammen! In der Verschiedenheit der 
Kasten, Naiionalitäten und Sprachen liegt d\^ BicVkÄt^V,^ Bu\^schaft gegen eine 
aJJgemeine Fenscliwörung. 



— 185 — 

g Die Kongro-Eisenbahn. Es scheint, als ob der Bau der Eisenbahn, welche 
am linken Ufer des Congo von dem Endpnnkt der Schiffbarkeit des untern 
Stromes bis zum Stanleypool, wo die Schiffbarkeit des oberen Stromes beginnt, 
gefahrt werden soll, gesichert sei. Die zunächst erforderlichen Mittel -^ 25 MiUionen 
Franks — sollen beschafft sein und werden, wie man berichtet, die Arbeiten noch 
im September dieses Jahres beginnen. Die Bahn beginnt Vivi gegenüber bei 
Matadi. Der Bahnbau bietet wegen der Oberbrückung einer Reihe von Zuflüssen 
des Congo grofse Schwierigkeiten und hat die Bestimmung der Route viele 
Untersuchungen und Studien erfordert. Die Arbeiten soUen mit dem Beginn 
der trockenen Jahreszeit begonnen werden. Schwierigkeiten wird hierbei die 
Beschaffung der Arbeiter verursachen ; hauptsächlich sollen die intelligenten und 
geschickten Bangalas, doch auch Piemontesen und chinesische Kulis, besonders 
für die Erdarbeiten, verwendet werden. Zur Leitung des Bahnbaues, der Erd- 
arbeiten, Maurerarbeiten u. a. sind zahlreiche Weifse erforderlich; die Er- 
richtung der grofsen Brücken erheischt die Anstellung vieler Facharbeiter. Im 
Übrigen sind auch umfassende Anordnungen zur Sicherung der Gesundheit der 
Weissen zu treffen, da das an sich schon gefahrvolle Congoklima durch die aus 
den £rdau{igrabungen aufsteigenden Dünste noch reichlichere Veranlassung zu 
Fieberanfallen geben dürfte. Trotz aller Schwierigkeiten scheint die Congo- 
regierung entschlossen zu sein, das geplante Unternehmen mit Nachdruck zu 
verfolgen, um durch dasselbe die Lebensfähigkeit des jungen Staates thunlichst 
zu kräftigen. Von wie grofser Wichtigkeit die Bahn für die Handelsinteressen 
des Landes, sowie überhaupt für die innere Entwickelung desselben ist, kann 
schon daraus entnommen werden, dafs die Zurücklegung der 420 km langen 
Strecke zwischen Matadi am Untercongo und Stanleypool am Obercongo auf 
dem Karawanenwege etwa 17 Tage erfordert, während die Bahnstrecke, selbst 
bei Verwendung von Lokomotiven von verhältnismäfsig geringer Leistungs- 
fähigkeit, binnen 18 bis 20 Stunden durchfahren werden kann. 



§ Bnchans meteorologische Karten. Am 6. Mai hielt in einer Vei- 
sammlung der Königlichen Gesellschaft von Edinburg Dr. Buchan, Sekretär der 
meteorologischen Gesellschaft von Schottland, einen Vortrag über die meteorolo- 
gischen Ergebnisse der Challengerexpedition, indem er zugleich eine Reihe von 
ihm entworfener Karten vorlegte, in welchen die Linien gleicher Lufttemperatur 
(Isothermen) und gleichen Luftdrucks (Isobaren) für die ganze Erde eingetragen 
waren, im ganzen 52 Karten (zwei Paar Karten für jeden Monat und zwei Paar 
für die mittleren Jahreswerte). Jedes Paar Karten besteht aus einer modifi- 
zierten Mercatorkarte für die heifse und für die gemäfsigte Zone und einer 
Karte der arktischen und subarktischen Region mit dem Nordpol in der Mitte. 
Die Beobachtungen für die entsprechende Südpolarkarte fehlen zur Zeit noch. 
Seit Doves vor etwa 50 Jahren veröffentlichten Karten ist dies das bedeutendste 
Werk dieser Art. Es entstand aus den Beobachtungen [der Challengerexpedition 
und wird in dem Werke über die Ergebnisse dieser grofsen Unternehmung ver- 
öffentlicht werden. So weit es sich um die wichtigeren meteorologischen Elemente 
der Lufttemperatur und des Luftdrucks handelt, kann die Arbeit Buchans, an 
welcher als Gehülfen seine Nichte Fräulein Buchan und Herr Dixon teilnahmen, 
als eine graphische Darstellung der meteorologischen Verhältnisse der ^tSÄXw». 
Welt bezeichnet werden. Eine der interessantesUii '^\v^\ä%.Oräiv ^ ^^OtsA ^^ 
Karten ergehen, besteht in der Existenz eiaex B.%^\oTi VoVsää \isxVÄ3csvs3«Ä \ssv 



— 186 — 

Westen eines jeden Kontinents während der heifsen Jahreszeit. Dies tritt 
besonders im Westen von Südamerika, Südafrika und Australien hervor; es 
sind Stiltenregionen, welche die Schiffahii gewohnheitsmäfsig meidet, für welche 
daher Beobachtungen dringend notwendig wären. In dieser wie in jeder andern 
Beziehung sind die Kurven völlig abhängig von der gegenwärtigen Verteilung 
von Land und Wasser auf der Erde. Zwölf Karten zeigen die monatlichen 
Veränderungen des Luftdrucks durch die einfache Verwendung von zwei Farben. 
Der Vollendung dieses Werkes werden die meteorologischen Kreise aller Nationen 
mit lebhaftem Interesse entgegensehen. 

Edinburg, den 14. Mai 1889. Dr. C. 



§ Staatsantersttttzang^ f är die Geogrraphisclie Gesellschaft in Hamliiirgr. 

Der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg hat unterm 12. Mai an die 
dortige Bürgerschaft folgenden Antrag gerichtet : „Die Geographische Gesellschaft 
hierselbst hat für den von ihr verfolgten Zweck, die geographische Wissenschaft 
zu fördern und das Interesse für dieselbe zu beleben, bisher keine andern Geld- 
mittel zui* Verfügung gehabt, als die zur Zeit gegen JL 5800 betragenden Jahres- 
beiträge ihrer Mitglieder. Trotzdem hat sie während ihres sechzehnjährigen 
Bestehens nicht nur durch regelmäfsig wiederkehrende, mit wissenschaftlichen 
Vorträgen verbundene Versammlungen und durch Publikation wissenschaftlicher 
Abhandlungen ihrer Mitglieder, sondern auch durch materielle Unterstützung 
geographischer Entdeckungsreisen ihre Aufgabe in anerkennenswerter Weise zu 
lösen gesucht. Durch die Opferwilligkeit einzelner Mitglieder haben sogar zwei- 
mal selbständige wissenschaftliche Expeditionen von hier aus in überseeische 
Länder entsendet werden können. Die Erfolge waren nur dadurch zu erreichen, 
dafs einzelne Mitglieder nicht nur ihre Jahresbeiträge weit übersteigende 
pekuniäre Zuschüsse leisteten, sondern auch die umfangreichen Geschäfte und 
Arbeiten der Gesellschaft ohne jegliches Entgelt durch Mitglieder derselben 
erledigt wurden. Der Vorstand erachtet es jedoch für unumgänglich, dafs die 
Gesellschaft in die Lage versetzt werde, einer für die Führung der umfangreichen 
Sekretariats- und Redaktionsgeschäfte geeigneten Kraft ein angemessenes Honorar 
aussetzen, und gleichzeitig auf selbständige wissenschaftliche Arbeiten und Ent- 
deckungsreisen mehr regelmäfsige Geldmittel als bisher verwenden zu können. 
Die Gesellschaft hat bei dem Senat daher eine staatliche Unterstützung zunächst 
auf fünf Jahre erbeten. Der Senat ist bereit, auf diesen Antrag einzugehen und 
indem er einen Jahresbeitrag von JL 5000 als angemessen erachtet, beantragt 
er, die Bürgerschaft wolle es mitgenehmigen, dafs der hiesigen Geographischen 
Gesellschaft für die nächsten fünf Jahre eine jährliche Unterstützung von U4 5000 
aus Staatsmitteln bewilligt und die erste Jahresrate nachträglich in das Aus- 
gabenbudget für 1889 eingestellt und der aus Überschüssen früherer Jahre zu 
entnehmende eventuelle Fehlbetrag des Jahres 1889 um Ji 5000 erhöht werde.^ 
Die Zustimmung der Bürgerschaft zu diesem Antrage ist zur Zeit, das wir dies 
schreiben, noch nicht definitiv erfolgt, die Annahme des Antrags in erster 
Lesung mit einer nur kleinen Mehrheit bedingte eine zweite Lesung. 



■ ♦ ■ 



187 



Litteratur. 



Europa. 

§ Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde. 
Im Auftrage der Zentralkommission für wissenschaftliche Landeskunde von 
Deutschland herausgegeben von Professor Dr. A. Kirchhoff. Stuttgart, 
J. Engelhorn. Dritter Band, Heft 1 : Die Verbreitung und wirtschaftliche 
Bedeutung der wichtigeren Waldbaumarten innerhalb Deutschlands. Von Ober- 
forstmeister Dr. Borggreve in Münden. In einer Einleitung begründet der 
Verfasser die GUederung seines Themas in: I. AUgemeines über Verbreitung der 
Pflanzen und Bildung natürlicher Pflanzengemeinden, ü. natürUche geographische 
Verbreitung der Waldbäume, III. natürliche örtliche Verbreitung derselben, 
IV. thatsächliche Verbreitung derselben in Deutschland, V. Waldgebiete Deutsch- 
lands, VI. wiiischaftliche Bedeutung der deutschen Waldbäume. Der Verfasser 
unterscheidet in seiner klar und mit grofser Sachkenntnis geschriebenen Schrift 
folgende deutsche Waldgebiete: 1. das nordostdeutsche Kieferngebiet, 2. das 
norddeutsche Heidegebiet, 3 das niederrheinisch-westfälische Eichengebiet, 4. das 
westdeutsche Buchengebiet, 5. das mitteldeutsche Fichtengebiet, 6. das süd- 
deutsche Tannen- und Fichtengebiet, 7. das pfälzische Buchen- und Kieferngebiet 
8. das Aue-Laubwaldgebiet im Oberschwemmungsterrain der Weichsel, Oder, 
Elbe, Weser, Donau, wie des Rheines und ihrer Nebenflüsse, soweit dasselbe 
überhaupt bewaldet geblieben. Dem Abschnitt 6 : über die Wirtschaftliche 
Bedeutung der deutschen Waldbäume, auf den wir besonders verweisen, ent- 
nehmen wir, dafs nach der Reichsstatistik von 1884 von der Gesamtfläche 
Deutschlands 25,78 °/o mit Wald bestanden sind und zwar entfallen von diesem 
Wald 65,5 °/o auf Nadel- und 34,5 **/o auf Laubholz. Mehr als die gesamte 
Waldfläche Preulsens, fast die Hälfte derjenigen Deutschlands, nimmt die Kiefer 
ein, namhafte Prozente der Fläche beherrschen in reinen Beständen die Buche, 
die Tanne und die Fichte. Fast überall kommen, auf kleineren Flächen wenig- 
stens, noch herrschend, meistens nur eingesprengt, vor : die Eiche, Hainbuche, 
Birke und Espe. 

Dritter Band, Heft 2: Das Meifsnerland von Dr. Max Jäschke. 
Mit einer Figurentafel. Als innere Charakterzüge für das von ihm nach dem 
beherrschenden Berge, dem Meifsner, das Meifsnerland genannte Stück des 
hessischen Berglandes, welches zwischen der Werra- und Fuldaebene von 
Seulingswalde bis Münden reicht, hebt der Verfasser in dieser seiner geologischen 
Abhandlung zunächst hei*vor, dafs nirgends mehr in Hessen eine solche Anzahl 
verschiedener geologischer Formationen von gröfserem Umfang zusammen- 
gmppiert liegen. Dadurch werde ein mannigfacher Wechsel in den Oberflächen- 
typen bedingt. Auch hydrographisch bilde das Gebiet durch die Werra und 
Fulda eine geschlossene Einheit. Nach einer allgemeinen geologischen Skizze 
werden die einzelnen orographischen Glieder des Meifsnerlandes : Die Hoch- 
fläche von Lichtenau, der Kauffunger Wald, die Söhre, die Spangenberger 
Hügelketten, das Richelsdorfer und Sontraer Zechsteingebirge, der Ringgau, das 
paläozoische Werragebirge, der Meifsner und Hirschberg, das Fulda- und das 
Werrathal, endlich die Wasserscheide zwischen Werra und Fulda, eineahawl 
behandelt. Die Figurentafel veranschaulicht Qxxet- \>^i.\^\i^3C!\%«^«^sÄ V&äj^^'^^^Sä 
rersciuedener Oebirgs- beziehungsweise Tenaixia\)&0[»ÄU«. 



— 188 — 

Dritter Band, Heft 5: Die deutsche Besiedlung der östlichen Alpen- 
lände r ^ insbesondere Steiermarks, Kärntens und Krains, nach ihren geschicht- 
lichen und örtlichen Verhältnissen von Dr. Franz von Krön es, ordentlicher 
österreichischer Professor an der Universität Graz. Als zeitschriftliche Monographie 
angelegt, hätte diese — der Verfasser sagt es selbst und wir stimmen ihm bei — 
mühselige, redlich gemeinte Arbeit durch den angesammelten reichen Stoff ein 
umfangreiches Werk werden können. Immerhin bietet das an 150 Seiten starke 
Heft einen wesentlichen und wertvollen Beitrag zur Geschichte deutscher Be- 
siedlung des Ostalpenlandes. „Das weitaus gröfsere Gebiet der Ostalpen von der 
Drau im Süden bis nordwärts zum Donaustrome, von den Enns- und Drauquellen 
bis zur ungaiischen Ebene hat der Deutsche auf friedlichem Wege durch Kultur- 
arbeit zu seinem Eigentum gemacht und auch im Süden, zwischen der Drau, 
Save und Kulpa, in Südkärnten, in Krain und in der windischen Mark Herr- 
schaften gegründet, gröfsere G(emeinwesen und Ansiedlungen geschaffen. Selbst 
im Lande des Isonzo, des Tagliamento, der Livenza, Piave und Brenta, im 
Görzischen und in Oberitalien vererbte er unvertilgbare Gedenkzeichep seines 
geschichtlichen Daseins. 

Der Grundcharakter dieses deutschen Ansiedlungswesens ist und bleibt 
der bayrische, denn das, was an schwäbischen, fränkischen und sächsischen 
Stammelementen in die Kolonisation einflofs, konnte sich in scharfer Geschieden- 
heit und Ausprägung nicht behaupten. 

Anderseits erlebte aber dieses deutsche Volkstum eine wesentliche Ein- 
wirkung nicht blofs durch die mächtigen Einflüsse des GebirgsbodeiiK, dtr 
Atmosphäre und des Wassers, der von ihm bedingten Arbeits- mid jSr9äl^:QI^;8- 
verhältnisse, eine Einwirkung, deren öiiliche Nachteile für die physische «nd 
geistige Entwickehmg der deutschen Alpenbewohner nicht unterschätzt werden 
dürfen, sondern auch durch das früher sefshafte, mit ihm gemischte, in ih|s 
aufgegangene, oder neben ihm noch bestehende Slowenentum, wie sieh 4im 
besonders im körperlichen Typus, in der Sprache und Namenbildqjag dw 
Deutschkärntners und Deutschkrainers noch bis auf den heutigen Tag )u}ii4giBbt.^ 

§ Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich. Q^aqs- 
gegeben vom Kaiserlichen Statistischen Amt. Neunter Jahrgang 1888. Berlin 
1888. Puttkammer & Mühlbrecht. Als neue Gegenstände der Beichsstatifltik 
erscheinen zum ersten Male die Unfallversicherung und die öffentliche Armen- 
pflege. Der Gesamtinhalt des Bandes gliedei*t sich in folgende Abselnitle : 
I. Flächeninlialt , Stand der Bevölkerung. Hier erscheinen zum ersten Male 
Nachweisnngen über die Vei'schiedenheit der Berufsverhältnisse der Bevölkenmg 
verschiedener Orts-Gröfsenklassen. II. Bewegung der Bevölkerung. IH. Bodmi- 
benutzung und Ernten. IV. Viehstand. Hier erscheinen zum ersten Male Naeh- 
weisungen über den Verkaufswei-t von Pferden und Rindvieh in den Staat^i bbA 
gröfseren Landesteilen des Reichs nach der Schätzung filr die Viehzähbuig vom 
Jahre 1883. V. Bergwerks-, Salinen- und Hüttenbetrieb. VI. Gewerbe. Hier 
erscheinen zum ersten Male Nachweisungen über die Anzahl der gewerbthätigea 
Personen in Klein-, Mittel- und Grofsbetrieben, sowie über die Benutzung ▼©» 
Motoren nach der Aufnahme vom 5. Juni 1882. VU. Handel des Deutseheii 
Zollgebiets. VHI. Verkehr und Verkehrsstrafsen. Hier wird zum ersten Male 
eine Nachweisung über den Güterverkehr auf den deutschen EisenbiJuien (1886) 
gegeben. IX. Geld- und Kreditwesen und Preise. X. VerbrauehsberechnuyilgeB. 
XI, Die Wahlen zum Deutschen Reichstag l^v ^^ ^i^b^u. Le^slatacperiodiMi. 
XII. Justizweaen. XJH. Medizinal^reBen, TLran^wi- \jjsA \iTÄa3ö««wäfcL««aiit 12H» 



'-^ m — 

ttriegsw«sett. XV. Finanzwesen. XVI. Öffentliche Armenpflege. Dem Jahrbuch 
sind dieses Mal sehr instruktive kartographische Darstellungen betreffend die 
Statistik der öffentlichen Armenpflege im Jahre 1885 beigegeben. Die eine dieser 
Karten veranschaulicht in 9 Farbentönen die Zahlen der in den verschiedenen 
Teilen des Deutschen Reichs von den Ortsarmenverbänden unterstützten Personen 
(von 0,77 bis 12,io auf 100 Einwohner), Selbst- und Mitunterstützte zusammen. 
Die andre stellt in 9 Farbentönen den verschiedenen Aufwand der Ortsarmen- 
verb&nde von 0,n bis 7,i5 M. auf einen Einwohner dar. In der ersten Karte 
finden wir die ungünstigsten Verhältnisse im Butjadingerland, bei Lübeck und 
im benachbarten Teil des Grofsherzogtums Schwerin, in Mecklenburg-Strelitz, 
in Schlesien zwischen der sächsischen Grenze und Liegnitz, in den den Boden- 
see begrenzenden Teilen des Grofsherzogtums Baden, im westlichen Teile von 
Lothringen, am linken Ufer des Niederrheins bei Düsseldorf und in Westfalen 
westlich und südwestlich von Münster. Die höchsten Unterstützungen auf je 100 
Einwohner fallen nur zum Teil auf dieselben Gegenden. 

Länderkunde von Europa. Herausgegeben unter fachmännischer 
Mitwirkung von Alfred Kirchhoff. Erster Teil, zweite Hälfte. Wien und 
Prag: F. Tempsky; Leipzig: G. Fi-eitag. 1889. Der erste dieser auf zwei 
Teile berechneten Länderkunde von Europa, der seit Ende des Jahres 1886 in 
66 Lieferungen erschien, liegt seit kurzem vollendet vor. Die erste Hälfte (Band) 
des Werkes enthält bekanntlich eine Einleitung über Europa im allgemeinen 
von Professor A. Kirchhoff und eine Darstellung des deutschen Reiches von 
Proffessor A. Penck, auf die wir schon früher an dieser Stelle empfehlend hin- 
wieisen. Die zweite vorliegende Hälfte (Band) bietet eine eingehende L^derkunde 
der Österreich-Ungarischen Monarchie von Professor A. Supsm, der Schweiz von 
Professor J. Egli und der Königreiche der Niederlande (mit Luxemburg) und 
Belgien von Professolr A. Penck. Bekanntlich beabsichtigt diese Länderkunde 
nicht nui* für den Geographen von Fach, sondern, wie wir hier besonders betonen 
wollen, auch für den weiten Kreis der Gebildeten unsren Erdteil nach der 
Mallhigfaltigkeit seiner Ländergestalten, umrifsweise, doch streng wissenschaftlich 
zu äcMldern, wobei am meisten das Beispiel von der in ihrer Art so vorzüg- 
lichen „Geographie universelle ** von Elis^e Reclus vorschwebte. Selbsverständlich 
steht das Werk in allen Teilen auf der Höhe der Wissenschaft und tritt uns 
in der Darstellungsweise überall die Auffassung der modernen Erdkunde ent- 
g^g^n. J^des dör Länder ist dabei von einem kundigen Beobachter bearbeitet 
worden, der es aus eigener Anschauung kennen gelernt hat. Was dem Werke 
dabei Unvermeidlich an einer gewissen Einheitlichkeit mangelt, kommt ihm durch 
die Verläfslichkeit und Lebendigkeit seiner nicht auf blofsem Bücherstudium 
beruhenden Schilderung wiedet zu gute. Zur Erleichterung des Vetständnisses 
dient eine reichliche Beigabe von Karten, Ansichten, Profilen, Tabellen u. a. 
Die Ausstattung des ganzen Werkes ist eine elegante. Natürlich hat ein solches 
Unternehmen die Unterstützung von seiten des gebildeten Teils der Nation nötig ; 
es ist deshalb gewifs zu hoffen, daüs diese Kirchhoffsche Länderkunde auch in 
dem Kreise unsrer Bremer Handelshen*en recht viele Abnehmer finden möge. 

W. W. 
Asien. 

-^ GalNuel Bonvalot, du Caucase aux Indes k travers le P ami r, ouvrage 
oni4 de 860 desflins et croquis par Albert P^pin, avec une carte intin^raire du 
Töt^g«. Pwfis, E. Plön, Nonrrit & Comp. Da» uAöCtWÄ t«v<^ xöA NxvSSasäö., 
MmentUch durch höchst charakt^nsüaclik« l)a»U\^x>B% ^qiil'^^^^ 



— 190 — 

und Standestypen illustrierte, anziehend geschriebene Werk enthält die Dar- 
stellung einer kühnen an Widerwärtigkeiten, Anstrengungen und Entbehrungen nicht 
armen Reise, welche der Verfasser und seine zu Zeiten zahlreiche und wiederum 
auf wenige zusammenschmelzende Begleitung zunächst zu Schiff von Marseille 
nach Batum, dann durch den Kaukasus und die ethnographisch interessanten Gebiete 
von Lenkoran und Talich durch das nördliche Persien (Rescht, Teheran, Mesched) 
über Merw durch die Turkmenenwüste nach Buchara fühi*te. Von da dringt 
er ostwärts noch bis weit über Kokan hinaus, aber die weitere Reise durch 
Zentralasien wird ihm durch unüberwindliche Hindemisse versperrt. So ent- 
schliefst er sich zur Reise südwärts im Winter über das Pamir-Plateau und 
durch die schwierigen Gebirgspässe des Hindu-Kusch; wohlbehalten erreicht er 
endlich das britisch-indische Gebiet und Rawal Pindi, eine Station der von 
Labore nach Peschawur führenden Eisenbahn. Bonvalot versteht zu schildern, 
mit dramatischer Lebendigkeit weifs er uns seine Reiseszenen vorzufuhren. 
Unter den 15 Kapiteln sind die vier, welche die winterliche Reise über das 
Pamir-Plateau behandeln, mit die interessantesten. In Ferganah wird ihm von allen 
Seiten der Versuch einer winterlichen Überschreitung des „Dachs der Welt," 
des Pamir-Plateaus, schon wegen der zu erwartenden ungeheuren Schneemassen, 
als gewisser Tod bezeichnet, nur ein paar höhere russische Beamte halten das 
Unternehmen für ausführbar. Von den drei Pässen über den Pamir wird 
der Taldikpafs gewählt, nachdem verschiedene Khans der Kara-Kirghisen 
Mannschaften und sonstige Hülfe zugesagt. Zur Ausrüstung werden Bergpferde, 
ein Winterzelt, Proviant, Spiritus und Petroleum zur Feuerung, Kleidungsstoffe, 
Thee und Zucker als Geld u. a. angeschafft. Anfang März setzt sich die Kara- 
wane zu Pferde in Bewegung. Von nun an gleicht die Reise einer Nordpol- 
expedition mit ihren Reizen: der winterlichen Schneelandschaft, den sich auf- 
türmenden Eisgebirgen, der durchsichtigen Luft, dem auf Schneefeldem glitzernden 
Sonnenschein, aber auch mit ihren düstern Seiten: den Schneewehen and 
Schneestürmen, der unendlichen Schwierigkeit des Vorwärtsdringens, der be- 
sonders im nächtlichen Zeltlager empfundeneu strengen Kälte, der Schneeblind- 
heit u. a. ; nur der Unterschied besteht, dafs in den höher gelegenen Teilen des 
Gebirges flüchtige Herden Bergschafe, in den niederen einzelne versprengte 
Kirgisen erscheinen. 78 Tage währt die eigentliche Gebirgswanderung; der 
Hindu-Kusch wird ohne Führer passiert, in Guilquil, das im Quellgebiet eines 
der Zuflüsse des Indus gelegen, werden sie von den Tschatrals 49 Tage ge- 
fangen gehalten, bis sie endlich eine Botschaft des britischen Vizekönigs aus 
Simla befreit und Schutz und Geleit gewährt zur Rückkehr über Indien. 

— Indische Reiseskizzen von Richard Garbe. Berlin, Gebrüder 
Paetel. 1889. Der Verfasser machte mit Unterstützung des Preufsischen Staats 
zum Zweck von Studien indischer Sprachen eine Reise nach Indien ; er verweilte 
in Bombay, besuchte die indischen Prachtstädte und blieb ein ganzes Jahr 
in dem Mittelpunkt des Hindutums, Benares ; auch eine Sommerfrische im 
Himalaya und eine Erholungsreise nach Ceylon war mit einbegriffen. Von diesen 
letztern Glanzpunkten seiner Reise entwirft er ein lebhaftes Bild, andrerseits, r-r 
und dies wissen wir ihm in Rücksicht auf manche andre optimistisch gefärbte 
Schilderungen besonders Dank, — führt er uns auch die Beschwerden des 
Lebens in Indien und viele Schattenseiten in grofser Objektivität vor. Hoch- 
interessant sind besonders die Mitteilungen aus dem längeren zum teil intimen 
Verkehr, welchen der Verfasser geraume Zeit mit gelehrten Bramanen pflegte; 
hlnsJcbilich des Buddhismus und der B.eAig>oivsp\ö\oÄO^V\fe ^«t ^voj^iocL. klSrt 
er uns über manchea bisher Verworxeiie gründUc^i wai. 



— 191 — 

§ unter deutscher Flagge quer durch Afrika von West nach Ost von 
1880 bis 1883, Reisen von Paul Pogge und Hermann Wifsmann. Mit 
einem Titelbilde und vielen Abbildungen nach den Skizzen Hermann Wifsmanns, 
ausgeführt von Rudolf Hellgrewe. 4. Auflage. Berlin 1889. Walther & Apolant. 

Erst 5 Jahre nach Beendigung dieser Reise, der ersten deutschen Durch- 
kreuzung Äquatorialafrikas von West nach Ost, erscheint Wifsmanns Werk über 
dieselbe. In der Zwischenzeit machte er zwei neue Reisen in Afrika, es waren dies 
die Erforschung des südlichen Congobeckens 1883 — 85 und die Reise von der 
Mündung des Congo zum Zambesi 1886 — 87. Als Wifsmann zu dieser seiner dritten 
Reise aufbrach, waren seine Begleiter auf jener Forschungsreise im südUchen Congo- 
becken bereits nach Deutschland zurückgekehrt und hatten die Bearbeitxmg der 
gemeinsamen Beobachtungen und Erfahrungen begonnen. So entstand zunächst 
das Werk über die zweite und dritte Reise unter dem Titel „Im Innern Afrikas" *) 
und erst später das vorliegende. Dasselbe zerfallt in zwei Teile; der erste ent- 
hält in 9 Kapiteln die Schilderung der gemeinschaftlichen Reise Wifsmanns und 
Pogges von Loanda bis Nyangwe, wo sie sich trennten und Pogge wieder west- 
wärts zog, ferner die an Ereignissen und Erlebnissen so reiche weitere Reise 
Wifsmanns bis zur Ostküste, welche Ende 1883 glücklich erreicht wurde. Der 
zweite Teil enthält Pogges Rückreise, sein Leben in der Station am Lulua u. a. ^ 
bis zu seinem am 17. März 1884 in Loanda erfolgten Tod, zum Teil auf Grund 
der an die Deutsche afrikanische Gesellschaft in Berlin erstatteten Berichte, zum 
Teil nach den Tagebüchern des Reisenden von Dr. v. Danckelman in Berlin 
bearbeitet. Als Anhang sind beigegeben : 1. Praktische Winke zum Reisen und 
Aufenthalt im äquatorialen Afrika (mit Skizze). 2. Meteorologische Beob- 
achtungen. 3. Höhenmessungen. 4. Astronomische Beobachtungen. Am Schlufs 
finden wir zwei Karten: 1. ünsre Kenntnis von Zentralafrika nach Stanleys 
Reise 1874—77 und vor der Wifsmannschen Expedition. Mafsstab 1 : 10000000. 
2. Karte der ersten deutschen Durchkreuzung von Äquatorialafrika. Nach den 
Aufnahmen von Hauptmann Wifsmann. Mafsstab 1:5000000. Das Werk ist 
sehr reich durch Vollbilder, Lichtdrucke nach Ölgemälden, Photochemigraphien 
und Autotypien, sowie durch zahlreiche Textbilder illustriert. Wifsmann, der 
jetzige Kommissar des Deutschen Reichs in Ostafrika, ist wohl der populärste 
Afrikareisende; gerade diese Reise, eine Leistung ersten Ranges, hat den Grund 
zu seiner Berühmtheit gelegt und bei der Darstellungsgabe, welche Wifsmann 
eigen, ist es kein Wunder, dafs das Werk, welches er pietätvoll dem Andenken 
seines Reisegefähi'ten und Freundes Paul Pogge gewidmet hat, bereits mehrere 
Auflagen erlebte. Ein Wunsch mag der Verlagshandlung oder Redaktipn für 
etwaige fernere Auflagen ausgesprochen werden: der häufige Mangel der Bei- 
fügung der Monats- und Jahreszahlen bei den zitierten Daten erschwert die 
Obersicht und könnte leicht beseitigt werden. 

§ImHerzenderHaussa-Länder. Reise im westlichen Sudan nebst 
Bericht über den Verlauf der deutschen Niger-Benue-Expedition, sowie Abhand- 
lungen über klimatische, naturwissenschaftliche und ethnographische Beobachtungen 
in den eigentlichen Haussaländern von Paul Staudinger, Überbringer der 
Briefe und Geschenke S. M. des hochseligen Kaisers Wilhelm I. an die Sultane 
von Sokoto und Gandu. Mit einer Karte. Berlin 1889. Adolph Landsberger. 
Ein sehr umfangreicher Reisebericht aus dem Niger- und Benuegebiet, wie aus 
den Haussaländern, der um so willkommener ist, als der uns leider durch den 
Tod entrissene deutsche Afrikareisende Robert Flegel nicht da.7.^3L %<i\LWfissÄ^S^^ 

*) Leipzig bei Brockhaas 1888. 



die Ergebnisse seiner Reisen in einem zusammenhängenden Werke niederzulegen» 
Der Schwerpunkt des Staudingerschen Werkes liegt in der ausführlichen Sc)iilderang 
und Darlegung der Verhältnisse der Haussaländer. Nach Erkrankung oder ander- 
weiter Verhinderung der ursprünglich dazu bestimmten Mitglieder jener letzten 
unglücklich verlaufenen Expedition von Flegel fiel Staudinger und Hartert die 
Aufgabe zu, die Geschenke unsres Kaisers an die Sultane von Sokoto und Qaadu 
zu überbringen. Die so gebotene Gelegenheit, die Haussaländer kennen zn 
lernen, benützte Staudinger gründlich und gewissenhaft, dabei begünstigt Ton 
einem kräftigen Körper, der die unvermeidlichen Fieberanf alle meist rasch über- 
wand. Man könnte meinen, daXs die eigentliche Reiseerzählung, — gegen 500 
Druckseiten in zwölf Kapiteln, — fast zu ausführlich gehalten sei, dem ist 
jedoch nicht so, bei der Spärlichkeit unsrer deutschen Reiselitteratur, welche 
die von dem Verfasser bereisten Gebiete zum Gegenstand hat, wissen wir dem 
Verfasser für seine Ausführlichkeit Dank. Der, welcher sich nur für die aUge- 
meinen Verhältnisse interessiert, findet im zweiten Teil, in den „wissenschafÜidim 
Ergelmissen*', reichen Stoff, der, an 150 Druckseiten umfassend, die klimatischen 
und geograplnschen Verhältnisse der Haussaländer, die Ethnographie in viel- 
seitigstem Sinne des Worts, Botanik und Zoologie bekifiPt. Die beigegeben«, im 
Mafsfftab von 1 : 1,000,000 nach den Tagebüchern der Reisenden von Wfflielm 
Erman konstruierte und gezeichnete Karte enthält die Ronte Staodingers 
und Harterts von Loko am Benue nach Kano, Sokoto und Gandn. Noch 
möchten wir bemerken, dafs die von dem bescheidenen Verfasser gescluridi>eme 
Vorrede manches Beherzigenswerte über Afrikareisen enthalt. 

Am Niger und Benue. .Sechs Monate im Hinterlande von Kanoenm. 
Von Adolph Burdo. Deutsche Ausgabe von Paul Heichen. Leipzig 1886. B. 
Bauer. Das Schriftchen verhält sich zu dem vorstehend erwähnten Werk wie 
ein ZeitungsfeuiUeton, es ist gut und lebendig geschrieben. Der V^rfosser, em 
Belgier, bereiste im Auftrag der Internationalen afrikanischen Gesellschaft den 
unteren und mittleren Niger, sowie einige üfergegenden des unteren Bemie. 

Dr. Wilhehn Junkers Reisen in Afrika 1875—1886. Wien ond 
Olmütz, Eduard Hölzel. Während die rein wissenschaftlichen Ergebnisee von 
Dr. Junkers Reisen gegenwärtig als Ergänzungshefte zu Petermanns Hitteihui|i^n 
erscheinen, wird in olHgem Verlage ein alle Reisen Junkers in Afrika nmfiMseades 
Werk herausgegeben, das den bezeichneten Titel führt und von Dr. Junker unter 
der Mitwirkung von Richard Buchta verfafst wird. Es ist auf 3 Bände oder 
etwa 50 Lieferungen berechnet. Nach den im Prospekt gegebenen Proben und 
den uns vorliegenden ersten acht Lieferungen zu urteilen, ist die Awstathmg 
des Werks mit Originalillustrationen eine aufsergewöhnlich reiciie und auch 
qualitativ ganz vorzügHche, dieselben stammen von Ludwig Thomas Fischer, 
Richard Buchta, Professor Schweinfurth, F. Rheinfelder u. a. Selbstverständlich 
werden auch zahlreiche Originalkarten beigegeben. Die rühmlichst bekannte 
Verlagshandlung hat überhaupt keine Mittel gescheut, um das Werk nach dem 
heutigen Standpunkte der Technik in bester Weise auszustatten. Der Preis 
einer Lieferung ist 50 Pfennige und so ist eine grofse Verlnreitung des Wevks 
nicht allein zu wünschen^ sondern zu erwarten. 

Was nun den Inhalt der vorliegenden acht Lieferungen betrifft, so 

werden uns hier folgende Reisen geschildert : in die Libysche Wüste während der 

JiSonsite November und Dezember 1875, in das südlich von Suakin sich er- 

äUhende Bärakatbal bis Kassala im Maxz IST^ \md ein Teil von Junkers 

allster grofser bis 1878 wähi'ender SudanxeVae, \iSimeik\>2ki(^ ^ "^«asa "amSii ^»a 



- 19ä - 

blauen Nil and nach Chartum und diejenige nach Seunar und dem Sobat. 
Die anziehende Erzählungsweise, die lebhafte reizvolle Schilderung mufs noch 
besonders hervorgehoben werden: so wird die Lektüre des Werkes zu einem 
wahren Vergnügen, während die langweilige, trockene Darstellung früherer 
Werke berühmter Deutscher Afrikareisender das Durchlesen zu einer wahren 
Arbeit machte. Dem Text stehen wie gesagt unterstützend die trefflichen 
Illustrationen zur Seite, manche derselben sind wahre Kunstwerke. Die vor- 
liegenden 8 Lieferungen enthalten folgende Karten: 1. über die Reise in der 
Libyschen Wüste, 2. über die Reise nach Kassala, 3. Obersichtskarte von Junkers 
Reisen in Nord- und Zentralafrika im Mafsstab von 1 : 20 000 000, 4. Plan von 
Chartum und Umgebung 1876; sämtlich von Dr. B. Hassenstein gezeichnet. 

§ The Story of the Uganda-Mission and the Church Missionary 
society's work in Eastern Equatorial Africa. With 21 Illustrations and a map. 
London 1889, Church Missionary House. Für die Entdeckungsgeschichte des 
Gebiets um die grofsen ostafrikanischen Seen ist eine historische Darstellung 
des Missionswerks der Church Missionary Society von Wert; dieselbe wird uns 
hier von ihrem Beginn bis zur Austreibung und Gefangennahme der Missionare 
durch arabische Händler im Februar d. J. geboten. Unsern deutschen Lands- 
leuten, den Württembergern Krapf und Rebmann, — bekanntUch die Pioniere der 
schottischen Mission in Ostafrika, — wird hier volle Ehre und Anerkennung ihres 
Wirkens zu teil. 

§ F. Borsari, Geografia etnologica e storica della Tripolitauia, Cirenaica 
e Fezzan. Con cenni sulla storia di queste regioni e sul silvio della Cirenaica. 
Napoli, 1888. Pierro. Der Verfasser hat den zwischen dem Mittelmeer und 
der Sahara, Tunis und Ägypten gelegenen Teil Nordafrikas zum Gegenstand 
seiner besonderen Studien gewählt, in der Voraussicht, dafs früher oder später 
eine Zeit kommen werde, wo Italien, sei es in Rücksicht auf seine geographische 
Stellung, sei es aus maritimen, kommerziellen oder politischen Gründen, in 
irgend welcher Weise einen zivilisatorischen Einflufs dort ausüben werde. Im vor- 
liegenden Heft behandelt der Verfasser unter, wie es scheint, gründlicher 
Benutzung der einschlägigen freilich ziemlich lückenhaften Litteratur die Ethno- 
graphie und Geschichte; eine Darstellung der geographischen und wirtschaft- 
lichen Verhältnisse behält er sich für später vor. 

Amerika. 

K. Martin, Bericht über eine Reise nach Niederländisch 
West in dien und darauf gegründete Studien. II. Geologie. 
1. Lieferung: Cura^ao, Aruba und Bonaire. 140 S. gr. ^ Mit 3 kol. 
Karten, 2 Tafebi und 36 Holzschnitten. Leiden (G. J. Brill) 1887. 

Der Verfasser giebt nach Aufzählung der wenigen geologischen Litteratur- 
uotizen aus früherer Zeit zunächst an der Hand eines Holzschnittes eine oro- 
graphische Übersicht von C u r a 9 a o , dessen bis 376 m hoher westlicher Teil 
von dem nur bis etwa 100 m ansteigenden östlichen durch einen kaum 
*/i geogr. Meile breiten, nur bis 78 m hohen Landstrich getrennt ist; dieser 
wird als eine Art von ovalem Kesselthal bezeichnet, in welches jene Küsten- 
gebirge, von wenigen, kurzen, engen Querthälern zerlegt, steile Abstürze bilden, 
wie auch nach dem Meere hin. Westcura^ao enthält die Gipfel: ChristofPel 
(376 m) im NW., Antonieberg im SO. und St. Hieronimo (218 m) zwischen 
jenen beiden in Ostcura^ao ist Ostseinpost der höchste Gipfel, ^^w Ht^VOöKov wis^ 
südöstlich, an der Fuikbai, sich eine größere ¥»\^eii.e \^x\^\.. 

J5i 18 Tagen konnte die nur im W. teWvvfeiae Öl\c\\V^u ^'^äxoä^^^ 
haltende Jmel gröktenteih genauer geologiscYi vmV^tsueW >K«t^^^- ^^>^^.' 



cura^ao ist körniger Diabas, wahrscheinlich deckenförmig vorherrschend, 
mit schwach geneigten Oberflächenformen und gelbbrauner Zersetzungsdecke; 
im S. und 0. wird er überlagert von quartären Diabaskonglomeraten und Ko- 
rallenkalken, welche den erwähnten Steilabsturz des „Gebirges* bedingen. Im 
N. und W. ist noch Kreide in geringer Mächtigkeit zwischengelagert. 

Letztere ist dagegen bedeutend in Westcuragao, mit Rudistenkalken von 
etwa 20 m Stärke und mächtigen unterlagemden Kieselschiefem teilweise von 
Linsenstruktur, welche den Christoffelberg bilden, und Sandsteinen mit Fora- 
miniferen, sowie Konglomeraten. Von Wichtigkeit und weiterem auch geo- 
graphischen Interesse ist aber die mitgeteilte Thatsache, dafs diese Schichten 
stark gefaltet sind, was im Verein mit ähnlichen Verhältnissen in Venezuela und 
Jamaika u. a. lehrt, dafs parallele, postkretacische, geotektonische Hebungs- 
linien jene Punkte durchziehen, welchen also zunächst die Inseln ihr Dasein 
verdanken. 

Der Diabas auf Westcuragao ist teilweise quarz- und kupferhaltig und 
geht bis zu 207 m Höhe; auch Diorit kommt vor. 

Die Insel Aruba hat keine Höhenkette, sondern einen Stock an der 
Nordostküste, mit dem Jamanota (183 m) und Ariekok (167 m) als höchsten 
Hügeln, an welchen im W. ein niedriges Plateau, von einem Felsenmeer bedeckt, 
grenzt; SW. von diesem liegt der Kegel des Hooiberges (175 m). Ein ähn- 
liches Plateau zieht sich nach der Südostecke Arubas. Eine zehntägige geo- 
logische Untersuchung des gröfsten Teiles der Insel, welcher nicht durch Ge- 
strüpp schwer zugänglich ist, lieferte folgendes : 

Das Hauptgestein ist ein oft augithaltiger kömiger Quarzdiorit, welcher 
die Felsenmeere bildet, stellenweise reich an Homblendekonkretionen, ist be- 
sonders am Hooiberg und an der Küste zu grofsen Blöcken mit Höhlen aus- 
gewaschen; auch Gabbro kommt vor. Diabas wie auf Cura^ao, mit untcor- 
geordnetem Konglomerat bildet vorzugsweise den erwähnten „Gebirgsstock*^ 
von Aruba und hat auch hier den Ureinwohnern als Material für Steinwerk- 
zeuge gedient. Mit dem Diabas stehen steil aufgerichtete Grünschiefer in 
Konnex, welche Martin für archaeisch hält; Granitgänge treten in demQoarz- 
diorit auf. 

Pyrithaitigen Quarzgängen der Grünsteine gegen 200 an der Zahl in 
allen Richtungen der Windrose, entstammte das bekannte Arubagold, das be- 
sonders als Waschgold gewonnen wurde und noch jetzt eine „Aruba Company'^ 
in wenig lohnender Thätigkeit hält. 

Bonaire ist seinem bergigen Teil nach, welchem sich im 0. ein 
meridional gerichteter ebener anschlielst, von NW. nach SO. gestreckt, wie 
Cura^ao und Aruba ; in ersterem reicht der steile Braudarisberg von dem Meer 
aus mit seinem unteren Teil, einem Kegelstumpf bis 177 m, mit seiner auf 
letzteren aufgesetzten Spitze 254 m Höhe, südöstlich davon sind der Juwa und 
Makaku gegen 200 m hoch. Diese und viele kleinere Gipfel im NW. einer an 
das Siebengebirge erinnernden Form bestehen aus säulig abgesondertem Glimmfir- 
porphyrit und Orthoklasporphyr, mit welchen Tuffe postkretacischen 
Charakters verbunden sind; das niedrigere Land enthält, wie auf Curare, 
Diabase und Kieselschiefer, Sandsteine und Mergel der Kreide. 

Den drei Inseln Cura^ao, Aruba und Bonaire gemeinsame £r- 
scheinungen bebandelt ein besonderer Abschnitt: die älteren, von Martin itr 
unterpUstocaen gehaltenen Korallenbauten, d\xtc\iäc!\Dc^l\)iiODL^mTcd^^ haben 
teilweise geneigte Lagerung, der ursprungAicliWi «a^-a^T^ODiWi^, xjä^ ^3MA»afi^^ 
»usbeifsend, keilförmiges Profil; die mchügeu PYloä^^iotvX.^, XäJw^ä^j^ wä" 



— 195 — 

morphose von Riffkalken durch Guano entstanden und reich an Mollusken- und 
auch Wirbeltierresten, sind weit verbreitet und oft viele Meter mächtig. Es 
giebt marine und Höhlenphosphate. 

Solche Höhlen, 2 — 4 m hoch und bis etwa 90 m lang, sind besonders 
zwischen Diabas und hangendem Riffkalk auf Bonaire häufig und eine sehr be- 
merkenswerte Wirkung mariner Erosion; grofse Flächen sind in dieser Weise 
untergraben. Gehobene Strandlinien, bis zu 3 an der Zahl regelmäfsig über- 
einander, sind am ausgedehntesten auf Cura^ao zu finden; auch an seltsamen 
durch Meereserosion isolierten Felsgestalten fehlt es nicht. 

Regen und Quellen sind spärlich auf den Inseln, wolkenbruchartige Nieder- 
schläge sind äuTserst selten; gleichwohl wird das Innere des Landes durch die 
Atmosphäiilien in langen Zeiträumen mehr und mehr weggeschwemmt, während 
die Küsten durch Anschwemmungen sich erweitem, besonders durch die 
Korallenbauten und die letzteren emporbringenden positiven Bodenbewegungen ; 
letztere betragen seit Beginn der plistocaenen Zeit mindestens 218 m Höhe, 
wie aus der jetzigen Lage älterer Riffkalke zu entnehmen ist. Die neueren 
Anschwemmungen und Riffbildungen der Küste bedingen die Häufigkeit von 
Lagunen oder Haffs an den Inseln, von welchen die älteren, weit landeinwärts 
sich erstreckenden „Binnenwaters" zu unterscheiden sind; in letzteren wird 
Salz in Pfannen bereitet und können teilweise keine Organismen mehr leben. 
Die jüngeren Korallenriffe sind nur durch das niedrigere Niveau von den 
älteren zu unterscheiden und enthalten gleich diesen viele Konchylien luid 
Kalkalgen. Auch eine 6 m dicke Süfswasserablagerung mit Landschnecken und 
vereinzelte Dünenbildungen sind vorhanden. 

Der durch gute Holzschnitte, teilweise nach Photographien, erläuterten 
Beschreibung sind eine Liste der untersuchten Gesteine, 2 Tafeln mit Figuren 
von Vertebraten- und Korallenresten und 3 geologische Kartenskizzen im Mafs- 
stab 1 : 150 000 beziehungsweise 1 : 100 000, je mit entsprechendem Profil, bei- 
gegeben. Dr. Pohlig. 

— K. Martin, geologische Studien über Niederländisch 
Westindien auf Grund eigener üntersuchungsreisen. 2. Lieferung: 
Holländisch Guyana. 105 S. gr. ®. Mit 1 kol. Karte und Titelbild. Leiden, 
G.J. Brill, 1888 (Separatausgabe des 2. Teiles der vorher besprochenen Schrift). 
Nachdem in einer kurzen Litteraturübersicht das Verdienst von F. V o 1 1 z 
um die Geologie Surinams betont ist, wird das Ergebnis einer zwanzigtägigen 
Bergfahrt Martins auf dem Surinamflufs darlegt. Nahe der Mündung sind 
die Ufer flach, teilweise von Laterit bedeckt. Weiter aufwärts kommen fein- 
und grobkörnige Granite, Gneisgranite, aufgerichtete Gneise, dunkle Glimmer- 
schiefer mit kleinen Granaten und Quarzitschiefer vor, mit nordöstlich ge- 
richteten Strichen eine Strombarriere bildend, — sowie die Zersetzungsprodukte 
jener Gesteine; auch Diabas tritt auf, welcher weiter oberhalb, bei Bergendaal, 
gröfsere Verbreitung hat, Quarzgänge und Zersetzungsprodukte von der Be- 
schaffenheit des Latentes enthält. Landeinwärts folgen grüne chloritische von 
Martin für archaeisch gehaltene Massen. 

Bei Brokopondo zeigen sich die ersten Strudellöcher und Stromschnellen 
von Bedeutung, deren eine auf dem Titelbild dargestellt ist, verursacht durch 
quer den Strom durchsetzende aufgerichtete Bänke archaeischer Schiefer, die 
teilweise etwa meridional streichen. Der grünliche Glimmerschiefer hat gold- 
führende Quarzgänge; auch Muskovitschiefer, dem Itacobimit ^\ssäxOsv^ tk^. 
Qnarzitbänken^ ist vertreten, ferner porphyroidiacYiw Qi\\TMKi«t^OBx^"lföt «Ä^'bx ^xä>& 
Strahlsiemschiefer und Chioritschiefer, mit ^oxvi\eg,«QÄ. »i<cv^"^\.Qit\^«a^ ^\x«sRfes? 



i^. 



— 196 — 

Oberhalb von Sarakreek hören die archaeischen Schichten, als Hom- 
blendegesteine entwickelt, bald auf und grauer Granit mit Obergängen in Diorit 
und mit Amphibolitschlieren tritt in zahllosen Rundhöckem in und an dem 
Flusse allein auf. Weiter oberhalb sind wieder Diabase verbreitet, welche den 
Granit durchbrochen haben. 

Bedeutend sind die lehmartigen Flutablagerungen des Surinam, mit 
welchen mehrfach goldführende Geröllstreifen wechsellagern; erstere werden 
durch die weit landeinwärts dringende Flutwelle des Meeres gestaut und bilden 
an den Ufern senkrechte Wände bis zu 8 m Höhe über dem Wasser. Sehr 
verbreitet sind Stromschlingenbildungen. 

Aus den von Martin im Auszug mitgeteilten Briefen von Voltz erhellt, 
dafs auch am Maroni, Coppename, Nickerie und an der Wayombo, wie am 
Surinam granitische Gesteine vorherrschend sind und mehrfach ebenfalls mit 
granatführendem Gneis und Glimmerschiefer, mit Grünstein und Quarzit u. a. 
abwechseln. Die Schiefer betrachtet M. als huronisch und als Spender der 
erwähnten Goldvorkommnisse. 

Den Surinam gliedert M. zusammenfassend in einen Unterlauf bis 
Gelderland, mit flachen Alluvialufern, in den Mittellauf bis zum Sarakreek, 
mit geringem Gefälle, wenigen Inseln und schmalem Bett in Diabas- und Schiefer- 
gebiet, — und in den Oberlauf im Granitgebiet mit vielen KUppen und 
Stromschnellen, ähnliche Verhältnisse sind wahrscheinlich auch an den übrigen 
Flüssen des Landes entwickelt, nur dafs die Granite im Süden mehr der Küste 
genähert sind und die Schiefer und Grünsteine im Norden jener einen breiten, 
OW. ziehenden Strich bilden. Dementsprechend hat das Alluvium umgekehrt 
im N. die weiteste Oberflächenverbreitung zwischen der Schieferzone und 
der Küste. 

Entsprechend den Erscheinungen auf Curatjao u. a. hat auch Surinam 
seine gehobenen Strandlinien mit Molluskenresten recenter Arten, deren 
Bänke selten mehr als 12 m stark werden und die Stadt Paramaribo gröfsten- 
teils tragen. 

Soweit die dürftige Litteratur über Britisch und Französisch Guyana 
nach Martin erkennen läfst, haben diese eine ganz ähnliche geologische Zusammen- 
setzung wie Surinam, nur dafs letzterem die wahrscheinlich cretarische Sand- 
steinbildung der englischen Besitzung zu fehlen scheint. In einem Rückblick 
auf die Inseln Cura^ao, Aruba und Bonaire weist schliefslich Martin auf die Ähn- 
lichkeit dieser in dem geologischen Aufbau mit Venezuela, vielleicht auch mit 
Guyana hin, und erklärt erstere als abgelöste Splitter des südamerikanischen 
Kontinents. 

Ein Anhang giebt die Liste der aufgefundenen Gesteine und der auf den 
Inseln, sowie in Surinam von Martin vorgenommenen Höhenmessungen^ welchen 
noch eine Notiz über eine bis zu mehr als 30 m gehobene Muschelbank mit 
Resten recenter Arten an den archaeischen Klippen von Kap Blanco in 
Venezuela folgt. Dr. Po hl ig. 

§ Reise S. M. Schiffes „Albatros" unter Kommando des K. K. Fre- 
gattenkapitäns Arthur Müldner nach Südamerika , dem Caplande und 
Westafrika. 1885 — 86. Auf Befehl des K. K. Reichskriegsministeriums, Manne- 
sektion, unter Zugrundelegung der Berichte des K. K. Schiffskommandos, verfiafst 
von J. Freiherrn von Benko. Herausgegeben von der Redaktion der „Mitthei* 
langen ans dem Gebiete des Seewesens". Mit einer orientierenden Reiseskizze. " 
PoJa, Kommissionsverl&g von Carl Gerolds ^o\m m '^*\«w. \^Äa. ^^^ä*. lOAlifizii 
JO Jabrea besieht in der österreicbiBcliQiv ILnegam^ma ^^ val ^voK^Q^fiMak. 



— 197 — 

Befehl fufsende Einrichtung, dafs aUjährlich im Herbst ein entsprechend grofses 
Schiff der Flotte eigens zu dem Zweck in Dienst gestellt wird, um mit den 
eben aus der K. K. Marineakademie als Seekadetten ausgetretenen Zöglingen 
eine auf die Dauer eines Jahres berechnete überozeanische Reise zu vollführen. 
Mit dieser jährlichen Instruktionsreise wird jedesmal nach Einholung der etwaigen 
besonderen Wünsche der beiden Handelsministerien auch der Zweck verfolgt, 
die kommerziellen Interessen der österreichischen Monarchie zu fördern. Im 
Herbst 1885 wurden in dieser Weise die Korvetten „Zrinyi'* nach Westindien, 
^Frundsberg'' nach Ostindien und das Kanonenboot „Albatros" nach dem östlichen 
Südamerika, dem Kaplande und der Westküste Afrikas entsendet. Der Bericht 
über die Reisen der „Zrinyi" in den Jahren 1885 und 1886 erschien schon vor 
einiger Zeit und haben wir denselben in Band X d. Zeitschr., S. 346 und 347, 
näher besprochen. Auch der vorliegende Bericht ist sehr inhaltreich. Auf der 
über 15 Monate währenden Reise wurden folgende Länder beziehungsweise 
Häfen besucht und dort kürzere oder längere Zeit verweilt: Marokko (Tanger, 
Mogador), im Ozean Santa Cruz de Teneriffa und Madeira, BrasiUen (Pernam- 
buco, Bahia, Rio de Janeiro, Paranaguä und Antooiua), Uruguay (Montevideo), 
Ai'gentinien (Buenos-Aires), Kapland (Kapstadt), Westafrika (Portugiesisch Nieder- 
Ouinea, Congomündung, Sierra Leone); von einzelnen Punkten machte der 
Schiffskommandeur kürzere oder längere Ausflüge ins Land, so besuchte er 
z. B. die europäischen Kolonien in den brasilianischen Südprovinzen. Die 
Heimkehr von Westafrika erfolgte über Dakkar, Funchal, Tanger, Gibraltar 
und Palermo. 

Polar regionen. 
— J. A. D. Jensen: „Om Indlandsisen i Grönland.'* Verlags- 
bürcau in Kopenhagen 1888. Unter diesem Titel hat der durch seine 
vielen grönländischen Reisen rühmlich bekannte Kapitän in der dänischen 
Flotte, Jensen, eine mit vielen sehr guten Bildern ausgestattete kurze 
Beschreibung von Grönland, vornehmlich aber von dem Inlandseise 
herausgegeben. Das Buch ist in drei Abschnitte geteilt. In dem ersten 
findet man eine kurze Beschreibung der eisfreien Küstenstrecke, deren 
Gröfse der Verfasser an 10,000 geographische Quadratmeilen anschlägt. Aul 
dieser Strecke lebt eine Bevölkerung von 10,122 Menschen (1. Januar 1888). 
Der eigentümliche Charakter des Landes ist in Jensens Buch sehr lebhaft ge- 
schildert; man merkt, der Verfasser beschreibt, was er selbst gesehen hat. 
Jensen tritt entschieden gegen die Vermutung auf, dafs die in den letzten 
Dezennien starke Verminderung der Rentiere dadurch zu erklären sei, dafs 
diese Tiere sich nach vermuteten Oasen in dem Inlandseise zurückgezogen 
haben. Der Grund ist vielmehr nach der Meinung Jensens ganz einfach darin 
zu suchen, dafs, nachdem die meisten Grönländer mit Stutzen versehen worden 
sind, die Jagd aufserordentlich rücksichtslos getrieben wird. Jensen hat oft 
getötete Tiere gefunden, von denen man nur das Fell abgezogen hatte, während 
das Fleisch den Füchsen und Raubvögeln überlassen wurde. In der zweiten 
Abteilung ist eine Übersicht unsres Wissens von dem Inlandseise gegeben. 
Der Verfasser giebt hier eine kurze Übersicht von seinen Arbeiten und von den 
Reisen, die auf dem Eise gemacht sind. Wie bekannt ist Jensen selbst Leiter 
einer solchen gewesen. Diese Abteilung ist mit manchen sehr interessanten 
Abbildungen versehen, von denen die meisten von des Verfassers Eisreise her- 
rühren. Alles, was von besonderem Interesse ist, wvtd \v\fe\ ^mxOcl ^^?J«^^»sssi?3«». 
illustriert, so z. B. die Eisbrunnen, die SpaVteiv d^^ ^v&^ä, ^v'b ^^xxOkv^^^^^^^^'^ 
rerarsacbten Löcher u. a. Alle diese l\\ufti£a\\oti«SL «oA \i»J^ ^"^"^ ^^^«s^ 



— 198 — 

gezeichnet. Der dritte Abschnitt ist Dr. Nansen und seiner Expedition gewidmet. 
Eigentlich Neues von Nansens Expedition kann man natürlich nicht hier finden, 
da bisher kein Mensch, seitdem das Dampfschiff ,,Fox*' Nachrichten über den 
glücklichen Erfolg der Expedition Nansens brachte, Nachrichten aus Grönland be- 
kommen haben kann. Man findet in dieser Abteilung lUnstrationen von den 
Gegenden an der Ostküste, wo die Expedition nach ihi*em Treiben der Küste 
entlang endlich das Land erreichte, so wie auch von dem Punkte, wo die Be- 
steigung des Inlandseises anfing. 

Das Buch Kapitän Jensens empfiehlt sich einem jeden, der eine kurze 
und klare Darstellung der Eigentümlichkeiten Grönlands zu lesen beabsichtigt. 

Geschrieben im Februar 1889. A. P. 

— Charts showing the monthly and annual Temperaturen 
of Hudson^s Bay region and eastern Canada, by Andrew R. 
Gordon. September 1884 bis October 1885 und October 1885 bis September 
1886. Mortimer & Co., lith. Ottawa. Die beiden vorliegenden Hefte einer 
längeren Reihe von Temperaturbeobachtungen aus dem Nordosten Nordamerikas 
zeigen den Verlauf der Isothermen für die Zeit von September 1884 bis Sep- 
tember 1886, und zwar sowohl deren Verlauf für die einzelnen Monate als auch 
die Jahresisothermen der beiden behandelten Jahre. Jedes System ist auf einer 
besonderen grofsen Karte dargestellt und man erhält auf diese Weise eine recht 
anschauliche Übersicht der Lagerung der in jene Gegenden fallenden Temperatur- 
minima. Wenn auch die beiden behandelten Jahre an und für sich ziemliche 
Abweichungen untereinander zeigen — die zweite Jahresperiode erscheint im 
allgemeinen erheblich wärmer und gleichmäfsiger bezüglich der räumlichen 
Temperaturverteilung gewesen zu sein — so stimmt doch der Verlauf der Monats- 
isothermen sehr gut mit der physikalischen Beschaffenheit der Labradorhalb- 
insel, wie sie von den verschiedenen Reisenden geschildert wird, nämlich mit 
der völligen Verglctscherung der nicht direkt an der Küste gelegenen Teile des 
Landes. Eine Vergleichung mit den Beobachtungen während der Epoche 1882/83 
(Internationale Polarforschung) zeigt eine nahe Übereinstimmung in den in Be- 
tracht kommenden Orten Nain, Hoffenthai, Rama, Zoar, Okak und Hebron, 
welche allerdings ausschlieXslich an der Ostküste Labradors gelegen sind. — 
Die Wärmeverteilung ist den Karten zufolge nur in den Monaten August und 
September eine einigermafsen gleichmäfsige, während in den Wintermonaten 
die Isothermen schon nahe der Küste stark nach Süden abfallen und in den 
Sommermonaten nach Norden ansteigen. — Über die Grundlagen und die 
Stationen, auf deren Beobachtungen die Karten beruhen, ist leider aus den 
letzteren selbst so gut wie nichts zu ersehen; es wäre daher ein wenn auch 
ganz kurz gehaltener Text wünschenswert gewesen. L. A.' 

Report of the Select Committee of the Senate appointed 
to inquire into the resources of the Great Mackenzie Basin. 
Session 1888. Ottawa. Es ist dies der dritte Bericht einer aus 24 Mitgliedern 
bestehenden Senatskommission, welche mit der Untersuchung der Hülfequellen 
des Mackenziebeckens beauftragt war. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Unter- 
suchung sind in einem kurzen Bericht des Vorsitzenden, John Schultz, voran- 
gestellt. Das ganze Gebiet wird auf 1 260 000 D -Meilen geschätzt, von diesen 
werden 860000 als Acker- oder Weideland bezeichnet, 400000 D -Meilen als 
„harren grounds". Es wird auf die grofse Ausdehnung schiffbarer Seen und 
Flufsläufe hingewiesen, welche mit nur zwei Unterbrechungen eine znsammen« 
hängende Fahrstrafse von 6500 Meilen Lang^ \>Mft\i. Tiwt Yv^<3tvxfeViVi\im der 
Gewässer dürfte in Zukunft von Bedeuinng weiden. \ä ^e^w^ w>i ^^u^^^i^^wpr 



..^ 199 -- 

tina Walfischfang an den Küsten wird vorgeschlagen, Mafsregeln zu treffen, durck 
welche der Betrieb geregelt und die fremden Walfischfänger von der Hudson- 
Bai, Boothia-Bai und andern Busen und Kanälen fem gehalten würden. Grofse 
Hoffnungen werden auf den Reichtum des Gebietes an Erdöl gesetzt. Der 
Bericht befürwortet 40000 D -Meilen der Petroleumländereien vorläufig vom 
Verkaufe auszuschliefsen, um erst ihren Wert feststellen zu lassen. — Das gold- 
führende Gebiet an den Quellfiüssen des Peace-, Liard- und Peal-Bivers wird 
150 000—200000 n -Meilen grofs geschätzt. Den gröfsten Teil des 310 Seiten 
langen Berichtes nehmen die mündlichen oder schriftlichen Aussagen der ver- 
schiedenen von der Kommission befragten Personen ein. Es ist ein buntes Durch- 
einander von zuverlässigen und unzuverlässigen, wertvollen und minder wert- 
vollen Nachrichten, aus denen allein man schwerlich ein klares Bild von der 
wahren Natur des Gebietes erhält. Immerhin mögen sie bei kritischer Benutzung 
ein schätzbares Material darbieten. Der Bericht wird begleitet von einer Karte 
des nordwestlichen Canada und Alaska mit den eingezeichneten Routen von 
McClure, Dease & Simpson, des Plover, Kapt. Collins und John Franklin, femer 
vier Skizzen des Mackenziebeckens mit Angabe der schiffbaren Flufs- und See- 
strecken, der Kulturfähigkeit des Bodens, der Verbreitung der Pelztiere und der 
nutzbaren Mineralien. A. K. 

Den 08tgr0nlandske Expedition, udf0rt i Aarene 1883 — 85 
under Ledelse af G. Holm. Kopenhagen, Königliche Hof buchdruckerei 
von Bianco Lunos (F. Dreyer). Unter diesem Titel ist der vollständige Bericht 
der letzten dänischen üntersuchungsreise nach Ostgrönland in 3 Bänden er- 
schienen, indem diese zugleich Band IX nebst dem Doppelbande X der „Meddelelser 
om Grönland" ausmachen. Der erste B and ** enthält folgende Abschnitte: 
1. Ober die 0sterbygd von K. J. V. Steenstrup; dieser, die Lage der 
Kolonien nach alten Urkunden und Karten besprechende Teil war schon früher 
als ein Separatabdruck erschienen, dessen Inhalt in dieser Zeitschrift Heft 3, 
Band IX, 1886, Seite 245 mitgeteilt wurde. 2. Der Reisebericht von 
Holm und Garde, dessen Hauptinhalt ja auch schon aus verschiedenen Zeit- 
schriften bekannt ist. 3. Holm und Garde: Ober die geographischen 
Verhältnisse des dänischen Ostgrönlands. Die Küste ist bekanntlich ärmer 
an Pflanzenleben und reicher an Schnee und Eis als die Westküste zwischen den- 
selben Breitengraden. Bei diesem öden Charakter bietet sie auch verhältnismäfsig 
nur wenig Abwechselung dar. Doch haben unsre Reisenden, indem sie dieselbe 
ihrer Natur nach in fünf Gebiete teilen, es verstanden, ein recht anschauliches 
Bild des Ganzen zu entwerfen. Von Süden ausgehend, bilden die Teile 1, 3 und 
5 einen entschiedenen Gegensatz zu den dazwischen liegenden Teilen 2 und 4. 
Der Hauptunterschied wird durch die Höhe der Gebirge, die Tiefe der Einschnitte 
des Meeres und die Entfernung des Binneneises bedingt. In den Gebieten 1, 
3 und 5 sind die Fjorde länger und zugleich von höheren Bergen umgeben. 
Die Gebirgsrücken, von 5 bis 7000 F. Höhe, bilden einen Wall gegen das Vor- 
dringen des Binneneises, welches nur durch schmale Thäler seine Arme ins 
Innere der Fjorde ausbreiten kann ; dabei findet sich doch unter den Berglehnen 
etwas niedriges Vorland, auf welchem ein, den Umständen nach üppiger Pflanzen- 
wuchs hat gedeihen können. Auch giebt es hier häufiger Inseln und der 
Strand ist reicher an guten Landungsplätzen. Von hohen Punkten aus betrachtet, 
bilden diese Fjorde grofsartige malerische Landschaften. An den Stränden d^r 
beiden nördlichen Gruppen derselben, näinVic\i Asi^ic^^^^^^ ^"cÄl '\\a.^pa55:t\sisss^., 
Uogen auch flämtliche Wohnplätze der ieingftu ^Vsiv^oW« '«Ät^^^'^'^^^ "^"^^ ^^^^ 
tüdUcbsten, dem Lindenowgord, findet bIc^ die ömÄs,^\A%\^^'i^'^^'^^»=^^^ "^ 



^ ^00 -- 

kuine auf der Ostküste; von demselben aus hat man nur eine Wanderung Vöil 
Vji bis 2^2 Meilen zu den beiden südlichsten Fjorden der Westküste. Im Gegen- 
satz zu den hier beschriebenen Gegenden findet sich in den Abteilungen 2 und 
4 fast alles Ungemach vereinigt, welches die Ostküste in so reichem Mafse dar- 
bietet. Hier hat das Binneneis sich über die Halbinseln hinaus bis an die Seiten 
der Fjorde, teilweise auch bis an die offene Meeresküste fortgewälzt und sendet 
mit wenigen Unterbrechungen seine Gletscher halb oder ganz bis in die See 
herab. Freilich sind denn auch die Küstenberge hier niedriger, allein zugleich 
häufig mit steilen unzugänglichen Wänden aiA Meere endigend. Da es femer 
auch an schützenden Inseln fehlt, haben Reisende in ihren ärmlichen Fellböten, 
einerseits von dem Treibeise der See, anderseits von überhängenden Gletschern 
oder jedenfalls Schnee- und Eismassen der Uferkante bedroht, häufig viele Meilen 
weit keinen Flecken, um den Fufs ans Land setzen zu können. Das schlimmste 
Stück dieser gefährlichen Strecken war für die Expedition der IkersuakQord, 
das letzte, ehe sie ihr Ziel für den Winter, Angmagsalik, erreichten. Dasselbe 
war auch das Hindernis, welches Kapitän Graah zum Umkehren zwang, und 
häufig hat es reisende Eingeborene genötigt zu überwintern, ehe sie ihren 
Heimatsort erreichen konnten. 

Nach diesen Hauptabschnitten enthält der erste Band noch: 4. Über 
die geologischen Verhältnisse, vonKnutsen undEberlin. Die 
ganze Küste bietet dasselbe Urgebirge dar wie das südliche Westgrönland, den- 
selben, mehr oder weniger Hornblende enthaltenden Gneifs, der einerseits 
schiefrige Struktur annimmt, anderseits in massigen Granit übergeht. Dabei 
giebt es zahlreiche, sehr verschiedenartige Gänge und eruptives, syenitisches 
Gestein in gröfseren Ansammlungen. Die südliche Hälfte der Küste hat am 
besten untersucht werden können, weil sie von beiden genannten Forschem 
zusammen bereist wurde. Die Beobachtungen sind deshalb auch hier von 
Eberlin durch Signaturen auf der Karte angedeutet. 5. Bemerkungen über 
die eingesammelten? flanzen, von Johann Lange. Dieser Botaniker 
hat die, von Knutsen und Eberlin mitgebrachten Sammlungen bestimmt, und 
mit dem früher bekannten Material von der Ostküste verglichen. 6. Meteo- 
rologische Observationen. Diese sind nach der Rückkehr an das meteo- 
rologische Institut abgeliefert, von dem Unterdirektor desselben, W. Jantzen, 
berechnet und mit gleichzeitigen Observationen auf Island und in Westgrönland 
verglichen worden. Seine Resultate werden hier mitgeteilt. 7. Magnetische 
Beobachtungen, nebst denen über Nordlicht und Wasserstand. 
8. Liste über Ortsnamen im dänischen Ostgrönland. 

Der zweite Band handelt von den Einwohnern Ostgrönlands. Es ist 
für die arktische Ethnographie ein günstiges Zusammentreffen der Umstände 
gewesen, dafs die Angmagsaliker einen Winter hindurch so scharfe und fieissige 
Beobachter, wie unsre Reisenden, gehabt haben, während sie sonst noch von 
fremdem Einflufs so gut wie unberührt waren. In Westgrönland existieren aller- 
dings die alten Fanggerätschaften und Reisemittel, Fellböte u. a. noch, ganz 
einfach aus dem Grunde, weil die Zivilisation ihnen nichts besseres hat bieten 
können als diese uralten Erfindungen, von denen ihr unmittelbarer Lebensunter- 
halt abhängig ist ; aber in allen andern Beziehungen sind die halbzivilisierten 
Westgrönländer von den Sitten ihrer Vorväter mehr oder weniger abgewichen. 
Auch ßnden wir ja allerdings bei Egede und Cranz ziemlich vollständige Be- 
Schreibungen der Grönländer in ihrem \irap\'\L\i^c\v«vi XxxsUÄde, aüein diese 
Berichte können sich nicht mit der umstäudWciViöu ^c\Äöi«t\ia% \s«Ä&«ft., ^fS»^^ 
^olm uns in diesem Bandß bietet. FolgeuaieÄ NÄTx<t\OQaai% ^«^ \söbä^sä ^ 



— 201 — 

zeigen, dals kein Zweig der Ethnographie dabei unberührt blieb. 1. Beitrag 
ziirAnthropologie der Ostgi'önl ander, nach den Sammlungen und Messungen, 
welche die Expedition geliefert hat, ausgefühi*t von Sören Hansen. 2. „Ethno- 
logische Skizze" der Angmagsaliker, von G. Holm, wie folgt: Be- 
schaffenheit und Produkte ihres Landes im allgemeinen. Name, Gestalt, Kleidung, 
Wohnung, Gerätschaften und Erwerb — Soziale Verhältnisse, häusliches Leben, 
Geburt, Kindheit, Ehe, Todesfall — Glaube, Geister, Amulete, Zauberformeln, 
Angakoks, llisitsoks — Astronomie, Geographie, Geschicklichkeit, Kunstsinn, Trom- 
melspiel und Tanz — Gasterei, Wintervorrat, Hungersnot — Verhalten der Ang- 
magsaliker gegen die Reisenden, Züge ihres Charakters. — 3. Liste der Be- 
wohner der Ostküste 1884 — 1885, vom eingeborenen Katecheten Johannes 
Hansen verfafsfc und von Holm mit Anmerkungen versehen. 4. Der ostgrön- 
ländische Dialekt, nach Johannes Hansens Bemerkungen zu Kleinschmidts 
Wörtei'buch, zusammengestellt von H. Rink. 5. Sagen und Erzählungen 
von Angmagsalik, gesammelt von G. Holm, mit einigen Bemerkungen ver- 
sehen von H. Rink. 6. Verzeichnis der ethnographischen Samm- 
lung aus Angmagsalik. 

Der dritte Band endlich enthält 41 Tafeln mit Illustrationen und eine 
Karte, speziell als Zulage zum zweiten Bande. Allein auch aufserdem sind die 
beiden ersten Bände reichlich mit Illustrationen und Karten versehen. Darunter 
finden sich die zwei Hauptkarton, die des nördlichen und die des südlichen 
Teils, und 7 Tafeln mit Kopien alter Karten von Grönland, zu Steenstrups : 
„0sterbygd". Wie alle Teile der „Meddelelser" sind auch diese mit einem 
französischen Rcsume von Johnstnip versehen. Dr. Rink. 

Meereskunde. 

§ DieTiefsee und ihr Leben. Nach den neuesten Quellen gemein- 
fafslich dargestellt von William Marshall, Professor an der Universität 
Leipzig. Mit 4 Tontafeln und 116 Abbildungen im Text. Leipzig, Ferdinand 
Hirt & Sohn. Die treffliche Arbeit des in weiteren Kreisen durch seine erfolg- 
reiche Mitarbeit an Berghaus' physikalischem Atlas bekannten Verfassers kommt 
gerade zur rechten Zeit. Denn in diesem Sommer wird, nachdem S. M. Kaiser 
Wilhelm H. und die Humboldtstiftung die erforderlichen Mittel dargeboten, eine 
grofse deutsche Tiefseeforschungsexpedition in den nordatlantischen Ozean aus- 
gesandt werden, an welcher sich neben Professor Hansen als Leiter, eine Reihe 
namhafter deutscher Gelehrter, nämlich Professor Krümel, die Zoologen Professor 
K. Brandt und F. Dahl und als Botaniker Dr. F. Schutt beteiligen werden. 
Schon lange aber hat sich die deutsche Wissenschaft um die zuerst von den 
Amerikanern und Engländern begonnene Tiefseeforschung grofse Verdienste er- 
worben. Ohne Namen einzelner Gelehrter zu nennen, erinnern wir nur an die 
Kieler Kommission, die von ihr veranstalteten Fahrten (mit der „Pommerania") und 
herausgegebene Arbeiten, an die trefflichen Leistungen unsrer Kriegsmarine 
bezüglich Ermittelung der hydrographischen Verhältnisse, namentlich der Nord- 
see, an die „Gazellen" reise unter Vizeadmiral Freiherrn von Schleinitz, an die 
deutschen Polarexpeditionen u. a. Nicht viele Gebiete des menschlichen Wissens 
haben, wie im Vorwort des vorüegenden Werkes gesagt wird, in den letzten 
20 Jahren eine so grofsartige Bereicherung erfahren wie die Naturgeschichte 
des Meeres. Durch die Tiefseeforschungen ist eine neue wunderbare Welt, be- 
völkert mit neuen wunderbaren Gestalten, dem staunenden Auge der Menschheit 
erschlossen worden, eine Welt, die wohl im stände ist, e\\i^\i. \^^^\!l ^ssj^'soää^ 
Menschen anregend zu interessieren und dauernd zxi I^^^^tl. '^^'s» "^^ Vssr^^«^- 
Ij'cbe und geistige Kraft von hunderten tücVili^et Utoxi^Tt , ^^^ ^Os^Oo^kq. 



— 202 — 

Matrosen bis zur Koryphäe der Wissenschaft, mit mühseliger Arbeit und auf- 
opferndem Fleifse der geheimnisvollen Tiefe abgerungen hat, das gebildeten 
Landsleuten übersichtlich vorzuführen, ist gewifs eine lohnende Aufgabe. Popu- 
läre Werke dieser Art sind in Frankreich, Amerika, England erschienen, wir er- 
innern nur an Wyville Thomsons schon vor 16 Jahren herausgegebenes Werk: 
„theDepths of theSea", welches vorzugsweise die Ergebnisse der ersten englischen 
Tiefseeforschungsreisen, der Schiffe „Lightning" und „Porcupine" darlegte. 
Bei uns in Deutschland, wo doch in Wahrheit das Interesse für Naturwissen- 
schaften nicht minder grofs ist als in irgend einem andern Kulturlande, fehlte 
bisher ein Werk, das die überraschenden und wichtigen Erfolge der unterseeischen 
Forschungen dem gebildeten Laienpublikum, das gewifs ein Recht auf Belehrung 
auch in dieser Hinsicht hat, in gedrängter Kürze und ausgestattet mit den un- 
erläfslich nötigen erläuternden Abbildungen übermittelte. Diesen Mangel l>e- 
seitigt das vorliegende Werk in würdiger und vollkommener Weise. Es zerfällt 
in zwei Teile. Im allgemeinen Teil, Tiefseekunde, werden die Tiefen, Boden- 
beschaffenheiten und Druck Verhältnisse, die Chemie des Tiefseewassers, die Ein- 
wirkung des Lichtes auf letzteres, endlich die Lotapparate erörtert. Der zweite ' 
Teil behandelt in 11 Kapiteln das so reiche und mannigfaltige Tierleben der 
Tiefsee. Besonders anzuerkennen ist, dafs der Verleger keine Schwierigkeiten 
gemacht hat, eine so grofse Zahl von Abbildungen, die zwar kostspielig aber für 
das Verständnis durchaus notwendig, zu geben. Sonach dürfte der Leserkreis 
des anziehenden Werkes ein zahlreicher sein. 

Lehrbücher. 

Professor H. C. E. Martus, Direktor des Sophien-Realgymnasiums 
in Berlin: Astronomische Geographie. Ein Lehrbuch angewandter 
Mathematik. Mit 100 Figuren im Text. Zweite Auflage. Mit vielen Zusätzen. 
Leipzig, 1888. C. .A. Kochs Verlagsbuchhandlung. In dem uns vorliegenden 
Werke hat Professor Martus es versucht, die hauptsächlichsten Lehren und 
Resultate der Astronomie darzulegen, soweit dieselben auf die Kenntnis unsrer Erde 
direkt oder indirekt Bezug haben, auf Grund der in den oberen Klassen eines Real- 
gymnasiums vorzutragenden mathematischen Disziplinen. Es ist das ein recht 
erfreuliches Vorgehen, namentlich wenn es mit so grofser Sachkenntnis geschieht, 
wie im vorliegenden Falle. Die uns vielfach so nahe berührenden Fragen über 
Gestalt, Gröfse und andei*^'eitige Beschaffenheit unsres Wohnplatzes im grofsen 
Weltgebäude bieten für jeden, der sich nur einigermafsen für solche Dinge 
interessiert oder dessen Interesse dafür geweckt werden soll, so viel des Be- 
merkenswerten und damit einen so reichen Stoff für die Anwendung des mathe- 
matischen Kalküls, dafs kaum ein geeigneteres Thema für die Verwendung 
des an sich immerhin, vornehmlich in dem in Rede stehenden Stadium, etwas 
trockenen theoretischen Formel- und Lehrsatzsystems sich darzubieten scheint. 

Der Verfasser war gezwungen, etwas weit auszuholen, um überhaupt erst 
eine Reihe von Begriffen definieren zu können, die er bei den Schülern der 
oberen Klassen höherer Lehranstalten nicht von vom herein als bekannt voraus- 
setzen durfte. 

Deshalb ist der erste Abschnitt zunächst den rein astronomischen Betrach- 
tungen gewidmet, und es wird dort nach Erläuterung der gebräuchlichen Ein- 
teilungen des Sternenhimmels auf die Methoden eingegangen, durch die mau 
einen Ort am Himmel festzulegen pflegt, sowie die dazu benutzten kleinereu 
Insti-umente und. deren Prinzip kurz beschrieben. 

Hieran knüpft sich die geograpliiscVie 0T\&\i^Ä\.\\svm\3ji^ ^\)i dat Erde and 
die Einteilung der Zeit nach den in der A8txoiioixn^\OTVQmm^TL^«ü.^^TÄÖDa.^«M^ 



— 203 — 

Jahren, Tagen, Standen u. a. Eine kurze Theorie der Refraktion ist mit einge- 
flochten. Der zweite, bei weitem umfangreichere Abschnitt beschäftigt sich mit 
der Erde selbst und zerfällt in vier Kapitel. Das erste Kapitel behandelt die 
Kugelgestalt der Erde. Der Verfasser zeigt, wie man zu der Annahme der 
Kugelgestalt durch die verschiedensten Gründe gezwungen wird und versucht 
dieselben überall durch rechnerische Beispiele, wie sie meist dem gewöhnlichen 
Leben entnommen werden können, zu erläutern und zu belegen. Daran schliefst 
sich die Beschreibung der praktischen Ausführung einer geographischen Orts- 
bestimmung nach Länge und Breite auf der Erde (Beispiel: Länge zwischen 
Göttingen und Berlin) mit den dabei in Betracht kommenden Fragen über 
persönliche Gleichung u. a. Den Schlufs dieses Kapitels bildet die Verwertung 
der so erlangten Resultate zur bildlichen Darstellung der Erdoberfläche auf 
geographischen Karten in den verschiedenen üblichen Projektionsarten. Kapitel 11. 
enthält in seiner Gesamtheit alles, was sich auf die Bestimmung der Gröfse der 
Erde bezieht, also Erläuterung der sogenannten Gradmessungsarbeiten. In 
besonderer Ausführliclikeit ist hier die praktische Anordnung der betreffenden 
Operationen besprochen, da sich dieser Gegenstand ganz ausnehmend gut zur 
rechnerischen Behan<jlung in den ins Auge gefafsten Klassen behandeln läfst 
und demnach sofort zu greifbaren Resultaten von beträchtlicher Schärfe führen 
kann. Nach allen möglichen Richtungen sind sodann die gewonnenen Sätze 
auf praktische Beispiele angewandt. Zuletzt ist auch an der Hand astrono- 
mischer Messungen noch gezeigt, wie mit Hülfe der Kenntnis der Dimensionen 
der Erde die Entfernung der uns nahe kommenden Planeten und namentlich 
die des Mondes gefunden werden kann. 

Das ÜL Kapitel handelt von der Bewegung der Erde und zwar erstens 
von der Drehung um ihre Axe und sodann von derjenigen, welche sie bei ihrem 
Umlauf um die Sonne ausführt. Für erstere Bewegung sind die verschiedenen 
Beweise angegeben und durch rechnerische Beispiele, welche meist den Original- 
werken entlehnt worden, erläutert. Anhangsweise wird die Rotation der 
Sonne um ihre Axe besprochen und auf die Dauer derselben, wie sie aus der 
Beobachtung der Sonnenflecke sich ergiebt, etwas näher eingegangen. 

Die Paragraphen, welche der Revolution der Erde gewidmet wird, beginnen 
mit den Angaben über Form, Lage und andre Eigentümlichkeiten der Bahn, und 
erst die folgenden beschäftigen sich mit den Beweisen für das Vorhandensein 
einer solchen Bewegung. Hier wäre vielleicht eine uixigekehrte Reihenfolge 
das Natürlichere gewesen; aber es thut diese Umstellung der Sache an sich 
keinerlei Eintrag. Von der Erde selbst geht der Verfasser auf die übrigen 
Planeten des Sonnensystems ein, um an der Hand der so gewonnenen An- 
schauungen die mathematischen Prinzipien der Planetenbewegung behandeln zu 
können. Die Ableitung, (soweit elementar möglich) der drei Keplei-schen Gesetze 
mit ihren Folgerungen und weiterhin die Bestimmung der Entfernung der Erde 
von der Sonne und die des Mondes von der Erde, sowie die durch denselben 
bei seinem Umlauf um die Erde hervorgerufenen Phenomene, als Sonnen- und 
Mondfinstemisse, bilden den Schlufs dieses Kapitels. 

Li einem eigenen Kapitel, dem IV., geht der Verfasser noch besonders auf die 
Abweichung der Erdoberfläche von der Kugelgestalt ein und erläutert die 
damit im Zusammenhang stehenden Erscheinungen und Thatsachen. Die ver- 
schiedenen Arten der Gradmessungsarbeiten werden nochmals im Speziellen 
behandelt und auf ihre Verwertung zur Bestimmung, d.«t ^^^Vö^Jl ^'irt '^^^^ ^^«ss^ 
dnrchgenommeo, und in ihrem ZableniiiateTia\, sovjevX. i^^q^jäv^Xs^t^Ovä^^^ ^«^- 
getragen. Nach verschiedenen praktischen ^c\i\xxUlo\^'5rc^3-^%«^ ^"^^ ei\sÄ^^ 



— 204 — 

Messungen geht der Verfasser zu den namentlich in neuerer Zeit wieder in 
Aufnahme gekommenen Pendelbeobachtungen und zu deren Benutzung zur 
Bestimmung der Erdgestalt über. Nach ausführlicher Besprechung der Methoden 
und der erlangten Resultate wird in einem Schlufsparagraphen noch der Begriff 
der Lotablenkung und deren Bedeutung für die Kenntnis der genauen Oberflächen- 
beschaffenheit unsrer Erde durch Behandlung mehi*f acher Beispiele vor Augen 
geführt. In seiner Gesamtheit kann das Werk nur als eine sehr beachtenswerte 
Erscheinung auf dem Gebiete der Lehrbücherlitteratur bezeichnet werden ; aber 
auch noch darüber hinaus gewährt es vielfaches Interesse durch die reichen 
Literaturangaben und die häufigen Mitteilungen aus den Originalwerken und 
biographischen Daten, so dafs es nicht nur dem Lernenden, sondern auch dem 
Lehrenden die mannigfaltigste Anregung in der behandelten Disziplin bietet. 

. L. A. 
Schulgeograp'hic. Coordes, G., Schulgeographisches Namenbuch. 
Obersetzung und Begründung der wichtigsten Namen und Bezeichnungen. 144 S. 
Metz 1888. Verlag von Georg Lang. Seitdem die geographischen Eigennamen 
im Schulunterricht nicht mehr als ein „leerer Schall" gelten, mehren sich auch 
die Hülfsmittel zu ihrer Erklärung. Auch die vorliegende fleilsige Arbeit des 
Casseler Schulgeographen bietet sich zur Förderung und zur Belebung des 
geographischen üntemchts in dieser Richtung an und sei sowohl den Lehrern 
als den Freunden der Geographie bestens empfohlen. Die beiden Anhänge: 
Namen der vorzüglichsten Sterne und Sternbilder und das vollständige biblisch- 
geographische Namenbuch werden gewifs ebenfalls manchem Leser erwünscht sein. 

W. W. 



Der Redaktion sind ferner folgende Bücher zugegangen, deren Be- 
sprechung in einem der nächsten Hefte erscheinen wird: 
Essays relating to Indo-China (Trübners Oriental Series). London, Trübner & Co. 

1886 und 1887. 
F. Engel, die Sierra Nevada de Merida. Hamburg 1884. Verlagsanstalt und 

Druckerei. A. G. 
H. von Wlislocki, Sitte und Brauch der Siebenbürger Sachsen. Derselbe Verlag. 
E. Paul, das russische Asien und seine wirtschaftliche Bedeutung. Derselbe Verlag. 
Aus See nach Bremen-Stadt. Wegweiser für Schiffsführer. Herausgegeben auf 

Veranlassung der Handelskammer zu Bremen. Nebst zwei Blatt Karten 

und Plänen. Bremen, C. Schünemann, 1889. 
C. Hefsler, die deutschen Kolonien. Metz 1889. G. Lang. 
Hamburgs Handel und Verkehr. Exporthandbuch der Börsenhalle 1888/90. 

Hamburg 1889. Verlag der Actiengesellschaft „Neue Börsenhalle." 
Internationales Archiv für Ethnographie. Herausgegeben unter Redaktion von 

J. D. E. Schmelz. Band II, Heft I und II und Supplement Band I, die 

Ethnologie der Indianerstämme von Guatemala, von Dr. 0. Stell. 

Leiden, 1889. Verlag von P. Trag. 
Statisticis of the Colony of New Zealand, for 1887. London, Eyrek and Spottiswoode. 
0. Baumann, Karte des mittleren Congo, Mafsstab 1 : 400000. Nebst er- 
läuternden Bemerkungen. 
Bogulawski-Krümmel, Handbuch der Ozeanographie. 2 Bände. Stuttgart, 

J. EiJgelhorn, 1887. 



="" '■ Deutsche «"»"» ™- 

Geographische Blätter. 

Herausgegeben von der 

Geographischen Gesellschaft in Bremen. 

Beiträge und sonstige Sendungen an die Redaktion werden unter der Adresse : 
Dr. M« Lindeman^ Bremen, Mendestrasse 8, erbeten. 

Der Abdruck der Original-Aufsätze, sowie die Nachbildung von Karten 
und Illustrationen dieser Zeitschrift ist nur nach Verständigung mit 

der Redaktion gestattet. 



Die von der Geographischen Gesellschaft in Bremen 
veranstaltete Forschungsreise in das europäische 

Eismeer. 

(Dr. Kttkenthal und Dr. Walter.)*) 



n. 

Brief des Herrn Dr. Kükenthal aus Spitzbergen. Nachricht über die Strandung der 
.Berntine", durch Telegramm aus Tromsö bestätigt. Fortsetzung der Reise auf der 
Jacht »Cecilie Malene". Rückkekr der Herren Dr. Kükenthal und Dr. Walter 
nach Tromsö. Berichte des Herrn Dr. Kükenthal über den weiteren Verlauf seiner 

Reise und insbesondere über die König Karls-Inseln. 

„Whales Point (Stans Foreland), 29. Mai 1889.**) 

Vielleicht gelangen diese Zeilen in Ihre Hände. Wir liegen 
mit fünf andern Fahrzeugen fest eingeschlossen im Eise an der West- 
seite von Stans Foreland, denken jedoch bald loszukommen. Von 
Tromsö konnten wir erst am 7. Mai aussegeln, da wir zuerst nicht 
volle Besatzung bekommen konnten, und ferner, weil in der ersten 
Maiwoche absolute Windstille herrschte. Am 13. Mai kam die Bären- 
insel in Sicht, die wir von Osten her an der Nordküste entlang 
umsegeln konnten. Festes Eis trafen wir erst auf 75 ® N. 23 ® 
0. V. Gr., es erstreckte sich von Südost nach Nordwest. Ein heftiger 
Sturm trieb uns zwischen die Untiefen des Südkaps von Spitzbergen, 
wir segelten indessen heil hinaus und setzten unsre Fahrt der West- 
küste entlang fort. Das bis dahin kalte, stürmische Wetter schlug 
um, wir hatten einige Tage lang herrliche Fahrt. Eis war fast gar 
nicht' zu sehen, bis auf einige unbedeutende Treibeisstreifen, welche 



*) Nr. I s. in Heft 2, S. 81 u. fP. 

**) Angekommen in Bremen den 26. Jimi 1^^. 

G0ogr, Blätter, Bremen, 1889. '^ 



— 206 — 

wir leicht durchbrachen. Am 21. kam starker Sturm aus Nord, wir 
mufsten deshalb in der Magdalenabai vor Anker gehen (79® 36' N.). 
Am nächsten Tage kam ein Segelfahrzeug in Sicht, die englische 
Flagge am Top liefs keinen Zweifel, dafs wir die Jagdexpedition des 
Mr. Pike vor uns hatten, der mit einigen Mann auf Danskoen über- 
wintert hat. Die Leute erzählten uns, dafs sie einen abnorm milden 
Winter gehabt hätten, um Weihnachten herum hatte es gethant, 
die strengste Kälte ist — 28 ® R. gewesen. Starke Nordstürme haben 
zuletzt vorgeherrscht. Das Eis, ungewöhnlich starkes Packeis, liegt 
bereits dicht an Amsterdamoen, 79® 50', gänzlich undurchdringlich. 
Ihre Ausbeute war äufserst gering, nur acht Bären und ein WalroCs, 
sowie einige Robben. Wir sahen bald, dafs ein weiteres Vordringen 
nutzlos war, denn am nächsten Tage segelten wir nordwärts und 
fanden das Eis „dicht wie eine Wand", wie unsre Leute sich aus- 
drückten. Die folgenden vier Tage trieben wir in Sturm und Schnee- 
treiben zwischen den Eismassen herum. Dann entschlossen wir uns 
zur Rückreise, um die Ostküste zu versuchen. In diesen vier Tagen 
hatte das Eis infolge des Nordwindes eine Fahrt bis zum Nordkap 
von Prince Charles Foreland gemacht, wo wir einen schmalen, aber 
dichten Streifen durchbrechen mufsten. Am Südkap hatten wir, wie 
es dort gewöhnlich ist, Sturm, dann aber prächtige Fahrt nordost- 
wärts. Eis trafen wir erst neun Meilen von Stans Foreland, wir 
konnten hindurchsegeln und befanden uns am Abend des 27. Mai 
unter Land in der Deeviebai. Hier erlegten unsre Harpuniere zwei 
Walrosse; einen Bären, der sich an der Küste zeigte, konnten wir 
nicht bekommen, da ein furchtbares Unwetter aus Süd hereinbrach. 
Wir gewannen einen kleinen Hafen nördlich von Whales Point. 
Heute früh wurde der Wind westlich und bei dem heftigen Sturme 
rückten die Eismassen mit furchtbarer Geschwindigkeit heran. Es 
war eine bewegte Szene heute Morgen, als die sechs Fahrzeuge bei 
dem starken Seegang und dem heranstürmenden Eis sich zu bergen 
suchten, es kamen mehrere Kollisionen vor. Unser Heckboot wurde 
eingedrückt, das Boot des Engländers zwischen Schiff und Eis wie 
ein Strohhalm zerknickt, dann gewannen vmr aber Schutz hinter 
drei mächtigen, auf den Strand geratenen Eisblöcken. Glücklicher- 
weise war helles Wetter, sonst wäre die Sache nicht so gut abge- 
laufen. Von da aus sah man kein Wasser, nur festgekeilte Eis- 
massen. Bei hellem Sonnenschein unternahm ich darauf mit Walter 
eine Tour ans Land, das hier eine ziemliche Strecke weit iSach ist; 
vmr schössen 11 Renntiere, noch im Winterkleide, und wollen ver- 
süchen, ein paar FeMe zum Ausstopfen mitzubringen, da in Deutsch- 



— 207 — 

land wohl kaum ein Museum derartige Exemplare besitzt, ünsre 
wissenschaftliche Ausbeute ist natürlich noch nicht grofs, wir haben 
viermal dredgen können und prächtige Sachen erhalten. Die Wasser- 
temperatur ist aber noch sehr niedrig, wir hatten ein paarmal — 3 ^ R. 
Walter hat schöne ornithologische Studien gemacht. Im Juli gehen 
wir wieder an die Nordküste. Mit Kapitän und Mannschaft sehr 
zufrieden! Beide gesund und guter Dinge. Herzliche Grüfse von 
Ihrem ergebenen Kükenthal." 

Dies der einzige Brief, den Herr Dr. Kükenthal während seiner 
Reise hat befördern können. Anfang August lief folgendes aus 
Christiania, den 3. August datiertes Telegramm durch die Zeitungen : 

„Aus Tromsö wird telegraphiert, dafs das norwegische Schiff 
„Berentine", auf dem sich zwei ungarische (sie!) Forschungsreisende 
befanden, an der Westseite Spitzbergens gestrandet ist. Alle an 
Bord befindlichen Personen wurden gerettet." Die Gesellschaft hatte 
von einem ihr bekannten Herrn in Tromsö die Zusage erhalten, dafs 
ihr etwaige wichtige Vorfälle im Eismeer, die dort zur Kunde kämen, 
gemeldet werden sollten. Da indessen eine solche Meldung nicht 
eintraf und obiges Telegramm mit weiteren offenbar unrichtigen Zu- 
sätzen durch die Zeitungen des In- und Auslandes lief, telegraphierte 
der Vorstand am 22. August um Auskunft an den ihr befreundeten 
Herrn Zollinspektor Pettersen in Tromsö und erhielt am 23. folgendes 
die Strandung der „Berentine" bestätigende Antwortstelegramm: 
„Dr. Kükenthal von dem Fangschiff „Cecilie Malene" aufgenommen. 
Alles gerettet. Pettersen." Ein von demselben Tage datiertes 
Schreiben des Herrn Pettersen traf am 3. September bei der Gesell- 
schaft ein, es lautete dahin : „In bezug auf die Strandung der Jacht 
„Berentine", Kapitän Johnson, meldete ich Ihnen telegraphisch, dafs 
die Herren Dr. Kükenthal und Dr. Walter von der Jacht „Cecilie 
Malene", Kapitän Arnesen, aufgenommen wurden und dafs sie alles 
gerettet haben. Ich habe nun heute hierüber nähere Mitteilungen 
vom Schiffer Olsen, der die Nachricht von der Strandung der 
„Berentine" mitbrachte, erhalten. Es ergiebt sich daraus das fol- 
gende : Die „Berentine" strandete am 12. Juni bei den Rus-Inseln, 
welche südlich vor der Deeviebai, Stans Foreland, liegen. Dr. Küken- 
thal rettete, wie bemerkt, alles, ausgenommen etwas Spiritus. Von 
der „Cecilie Malene" aufgenommen, wird er in dieser Jacht seine 
Forschungen bestens fortsetzen können. In den ersten Tagen des 
Juli sperrte das Eis bei den Norske 0er (den Norweger Inseln) die 
Passage ostwärts, dagegen war das Fahrwasser vom Südkap ostwärts 
bis König Karls-Land ziemUch eisfrei. Am, 1. oöäx %• ^xiÄ. ^rxssää ^^ 



— 208 — 

„Cecilie Malene" mit der deutschen Expedition an Bord im Fahr- 
wasser zwischen den Ryk-Ys-Inseln und Kong Karls-Land observiert. 
Mit besten Grufs hochachtungsvoll Karl Pettersen." 

Diesen hocherfreulichen Mitteilungen folgte am 7. September 
nachstehendes Telegramm des Herrn Dr. Kükenthal aus Tromsö an 
die Gesellschaft: „Beide zurück. Erfreuliche Resultate." 

Am 16. September morgens trafen bei der Gesellschaft die 
nachfolgenden vom 17. August und 6. September datierten Berichte 
des Herrn Dr. Kükenthal ein: 

Deeviebai, am 17. August 1889. 
Südostküste von Stans Foreland (Spitzbergen Gruppe.) 

Da ich wohl annehmen darf, dafs Sie meinen Brief aus der 
Whalespointbucht erhalten haben, so will ich den weiteren Reise- 
bericht daran anknüpfen. Unsre Gefangenschaft im Eise dauerte 
11 Tage, bis zum 8. Juni. Wir benutzten diese Zeit, um Streifzüge 
in das Land zu unternehmen und mancherlei zu erbeuten. Am 
Abend des 8. Juni hatte sich das Eis so weit verteilt, dafs wir in 
den Stor-Fjord hinaussegeln konnten. Die beiden Pfingstfeiertage 
hatten wir dichten Nebel, der am 11. Juni von einem Sturme abge- 
löst wurde, wie ich noch keinen im Eismeer erlebt habe; als der 
Klüver zerrifs, mufsten wir vor den in der Deeviebai gelegenen 
Russoernen (den King Louis-Inseln der englischen Karte) vor Anker 
gehen. Am nächsten Morgen erschien ein nicht breiter aber dichter 
Streifen schweren Eises, der, von der starken Strömung getrieben, 
überaus schnell heranrückte, und im Verein mit hoher Dünung aus 
Südwest unser Schifif auf Steinklippen trieb. Bald darauf trat Ebbe 
ein und das Fahrzeug fiel um. Alle Anstrengungen, mit der nächsten 
Flut loszukommen, waren vergeblich ; mit Eisblöcken beladene Sturz- 
seen brausten unaufhörlich über Deck, und bald war unsre prächtige 
„Berentine" wrack. Über die treibenden Eismassen hinweg erreichten 
wir das Land, nur mit dem All ernotwendigsten versehen. Die kleine 
felsige tisel, auf welche wir nun angewiesen waren, war noch fast 
gänzlich schneebedeckt. Von lebenden W^esen fanden wir drei Eis- 
bären vor, die wir erlegten, sowie viele Eidervögel und Gänse. 
Glücklicherweise hatte sich mit Eintreten der nächsten Ebbe durch 
Einschieben einer Reihe von Eisblöcken zwischen W^rack und L:isel 
vorübergehend eine Brücke gebildet, so dafs wir dasselbe erreichen 
und noch vieles bergen konnten. Kapitän Nils Johnson war vor 
allem bemüht, unsre Ausrüstung zu retten, und zeigte sich auch bei 
dieser Gelegenheit als ein wahrhaftet Ehrenmann. Wir erhielten so 



— 209 — 

ziemlich alles, nur das Spiritusfafs war aus dem mit Eisblöcken und 
Wasser angefüllten Schififsraum nicht herauszubringen (einige Tage 
später erhielten wir auch dieses) und die bis dahin gesammelten 
Vogelbälge, welche von Dr. Walter mit grofser Sorgfalt präpariert 
worden, waren durch das auch unsre Kajüte erfüllende Seewasser 
vernichtet worden. Leider mufsten wir infolge unsres Schiff- 
bruches die metereologischen Observationen 4 Tage lang unterbrechen. 

Bereits am Nachmittag des 14. Juni erschienen drei Fahrzeuge, 
deren Kapitäne uns aufsuchten. Indem mir nun die Wahl gelassen 
wurde, entweder auf der Insel zu leben, auf welcher Johnson mit 
einem Teil seiner Leute bis zum Herbst zu verbleiben gedachte und 
durch Bootsreisen das Gebiet um die Deeviebai herum genauer zu 
erforschen (Kapitän Johnson hatte für diesen Fall seine Mannschaft 
sowie ein Fangsboot zu unsrer freien Verfügung gestellt) oder aber 
mit einem der drei Fangsschiffe von neuem das Glück zu versuchen, 
wählte ich das letztere und Kapitän Magnus Arnesen, Jacht „Cecilie 
Malene" von Tromsö übernahm uns unter denselben Bedingungen, 
welche wir mit Johnson abgemacht hatten. 

Waren wir bis dahin vom Unglück verfolgt worden, so wurden 
wir durch die nachfolgende Fahrt reichlich entschädigt, dieselbe ist 
ohne Übertreibung als einzig dastehende in diesen Gebieten zu 
bezeichnen, zumal wenn man die Jahreszeit berücksichtigt, in welcher 
wir die Hauptresultate erreichten. Eine eingehendere Darstellung 
derselben will ich mir bis zu unsrer Ankunft in Bremen aufsparen, 
und nur einen kurzen Auszug aus meinem Tagebuch geben. 

Am 19. Juni begannen wir der Südostküste von Stans Fore- 
land entlang zu segeln. Am 21. Juni trafen wir Eis an den Ryk 
Ys-Inseln, denen wir uns auf ^k Meile näherten. 

Am 24. Juni segelten wir über die Olgastrafse zum Osteis und 
bekamen die Ostküste der König Karls-Inseln (von den Fangsleuten 
fälschlicherweise als „Gillisland" bezeichnet), in 5 bis 6 Meilen Abstand 
in der Richtung nach Nord zu in Sicht. In den nächsten Tagen 
folgten wir der 3 bis 4 Meilen breiten Festeiskante der spitzbergischen 
Ostküste, lagen am 26. Juni in Ost von der Walter Thymenstrafse, 
am 27. Juni vor der ünicornebai, und stiegen am Abend desselben 
Tages auf einer der nach Ost vorgeschobenen Bastians-Inseln an 
Land. Damit hatten wir den Schauplatz der Thätigkeit der ersten 
deutschen Nordpolexpedition vom Jahre 1868 von Osten her erreicht, 
eine Thätigkeit, die wir an der aufserordentlich zuverlässigen 
Kartierung merken konnten. — Die Gegend wimmelte von E\«Jä^xä^^ 
auf einer Jagd auf dem Festeise zahVl^ icYi Yl ^^\vd^. ^sö. \äk&& 



— 210 — 

weniger Wochen hatten wir 18 geschossen, zwei Junge lebend gefangen. 
Am 1. Juli waren wir vor der Ulvebai in einer observierten Breite von 
79 ® 7 ' dicht unter dem Nordostlande, dessen Südküste nach unsem 
Beobachtungen einige Minuten südlicher liegt. Wir folgten am nächsten 
Tage der Küste dieses Landes, welches hier einen einzigen unge- 
heuren Gletscher bildet, nach Ost und befanden uns bald darauf unterm 
Kap Mohn, von wo aus wir nach den König Karls-Inseln segelten. 
(Näheres darüber siehe den unten folgenden Bericht.) Am 6. Juli 
befanden wir uns dicht unter der Süd- und Siidostküste dieser Inseln. 

Bis zum 11. Juli kreuzten wir an der Südmündung der Hin- 
lopenstrafse. Am 12. Juli segelten wir nach Nord, die Hinlopen- 
strafse hinauf und drangen durch verteiltes Eis bis unter die 
Foster-Inseln vor , eine Breite von 79 ® 31 ' erreichend. Nur wenige 
Meilen um Verlegenhook herum zur Amsterdam-Insel fehlten uns an 
einer vollständigen ümsegelung Spitzbergens, da wir uns bereits am 
22. Mai vor Amsterdam befunden hatten. Die nun folgenden Wochen 
wurden zu einer möglichst gründlichen Untersuchung der Olgastrafse 
und ihrer Küsten benutzt. Gegen hundertmal dredgten wir in 
diesem, bisher noch unerforschten Meere, dessen Tiefenverhältnisse 
wir durch eine gröfsere Anzahl Lotungen ziemlich genau kennen 
lernten. Die gröfste Tiefe von 266 m erreichten wir im Süd der 
König Karls -Inseln, 6 Meilen vom Ostkap derselben entfernt. Die 
Küstenkonturen wurden, soweit es uns möglich war, aufgenommen 
und Landschaftsskizzen von allen Gegenden angefertigt, darunter 
einige von den König Karls - Inseln. Ein wichtiges Resultat scheint 
uns die Entdeckung eines starken Meeresstromes zu sein, der die ge- 
samte Olgastrafse in der Richtung von Nord nach Süd, unter den 
König Karls -Inseln nach Südost abbiegend, durchströmt, von Mitte 
Juli bis Mitte August war er aufserordentlich stark. Die Ober- 
fläche des Stromwassers hatte Ende Juni eine Mitteltemperatur von 
+ 1,5 ö C, un Juli bis Mitte August + 2,6 » C. In der Tiefe nahm 
die Wasserwärme rasch ab, am 26. Juli z. B. betrug sie mitten in 
der Olgastrafse an der Oberfläche + 3,2^ C, in 40 m Tiefe aber 
nur noch + 0.3^ C. Diesen Strom beobachteten wir überall und 
zu jeder Zeit von Nordostland an bis zu den Ryk Ys- und König 
Karls-Inseln, nur an den flachen Küsten wurde er durch die Gezeitfen- 
ströme gestört. 

Am 30. Juli waren wir auf den Ryk Ys- Inseln. Wir fanden 

nur 3 kleine Inseln vor, von den drei weiteren grofsen zusammen 

über 3 Meilen langen Inseln, welche auf den Karten verzeichnet 

stehen, war nichts zu sehen. üi^seWieiv sind nicht vor- 



— 211 — 

banden. Die Vegetation war aufserordentlich ärmlich, es fand sich 
nicht eine einzige Blütenpflanze vor. Interessant war das Vor- 
kommen von Rentierspuren; die Tiere müssen jedenfalls sehr weite 
Wanderungen über das Festeis unternehmen. Die Ostküste des 
Barentslandes untersuchten wir am 5. August, und fanden sie gleich- 
falls in bezug auf Vegetation und Tierleben im höchsten Grade 
ärmlich. In rein geographischer Hinsicht ergebnisreich war auch 
die Fahrt längs der eisfreien Ostküste von Stans Foreland. Der 
gewaltige König Johanns-Gletscher, welcher den gröfsten Teil der 
Südostküste bildet, endet nicht mit Stone Foreland, sondern setzt 
sich weiter nach Norden und Nordwest fort, um dann plötzlich 
scharf westlich und westsüdwestlich umzubiegen. Er bildet dadurch 
den Südrand einer Bai, welche an Breite etwa der Deeviebai gleich- 
kommt. Sich verlierende blaue Berge, welche sich an der Nord- 
westseite tiefer in das Land ziehen, brachten diesem Küstenstrich 
von Seiten der Fangsleute den Namen „Blaa-Fjorden" ein. Beim 
Näherkommen erwies sich aber, dafs von einem Fjord keine Rede 
ist, die Berge begrenzen ein tief einschneidendes Thal, die Küste 
selbst wird von ödem, schlammigem Flachland gebildet, welches sich 
bogenförmig zum Ende des König Johann -Gletschers zieht. Ein 
mächtiger steiler Berg von der gleichen Form, wie der Black Point 
der Südküste, bildet den nördlichen Thorpfeiler der neuen Bai, er 
liegt ein paar Meilen südlich vom Kap Heuglin. 

Am 12. August waren wir zum vierten und letztenmale unter 
den König Karls-Inseln und wandten uns dann südwärts, da unab- 
sehbare dichte Packeismassen von Norden und Osten vordrangen. 
Zugleich schlug das bis dahin ausgezeichnete Wetter um, und da 
fast ununterbrochener Nebel eintrat, verliefsen wir die Olgastrafse 
und segelten dicht der Küste folgend nach der Deeviebai. 

Über die Lufttemperaturen, welche wir im Osten Spitzbergens, 
also in der Olgastrafse, gemessen haben, möchte ich folgende An- 
gaben machen: 

Mitteltemperatur Maximum Minimum 

(27. Juni, 8 ühr Ab.) (25, Juni, 8 Uhr Ab.) 

Jum 20-30 ^ j 50 c. + 40 C. - 1,2« C. 

(23. Juli, 12 ühr Mitt.) (18. Juli, 4 ühr Morg.) 

^^ + 2,1« C. + 50 C. — 0,70 C. 

(6. Aug., 12 ühr Mitt.) (4. Aug., 4 ühr Morg.) 

August 1-15 ^ 2 go c. + 4,30 C. + 1^ C. 

Diese auch für einen arktischen Sommer sehr niedrigen Tempera- 
turen stehen im grellen Gegensatz vx d^ü^üL öäx. ^^'^öeÄ^^ "^^s^s. 



— 212 — 

Stans Foreland, wo wir einmal, am 19. August, das Maximum von 
11,1 ® C. erreichten. Nachdem wir die Olgastrafse verlassen hatten, 
brachten wir drei Tage mit Untersuchungen am Lande, bei Whales 
Point zu, blieben noch einige Zeit in Deeviebai, deren reiches Tier- 
leben uns viel Material bot und segelten am 24. August nach Tromsö 
zurück. 

Tromsö, 6. September. 

Am 2. September erreichten wir Land zwischen Hammerfest 
und Tromsö, mufsten vor Sturm im Kvänangen-Fjord Schutz suchen 
und konnten erst heute Abend nach langwierigen Kreuzen hier 
anlangen. 

Anfang Oktober gedenken wir in Bremen einzutreffen, und 
werden Ihnen noch genauere Nachricht geben. 

Kurzer Bericht über die König Karls-Inseln. 

Die erste sichere Kunde von dem Vorhandensein eines Landes 
östlich von Spitzbergen lieferte die dritte schwedische Expedition 
vom Jahre 1864. Von dem zwischen Hinlopenstrafse und Helissund 
gelegenen weifsen Berge aus hatten die Forscher ein hohes Bergland 
mit 2 besonders hervorragenden, abgerundeten Berggipfeln gesehen, 
und dasselbe als das etwas sagenhafte Gillisland aufgefafst. Die 
Entfernung wurde auf etwa 150 km geschätzt. Li den Karten er- 
schien es unter dem Namen „Schwedisches Vorland". 

Verschiedene Angaben, hauptsächlich von Fangsschiffern her- 
rührend, können wir übergehen, da dieselben weder Sicheres noch 
Neues bringen und wenden uns der nächsten etwas ausführUcheren 
Mitteilung aus dem Jahre 1870 zu, welche von Heuglin und Graf 
Zeil herrührt. Von dem an der Walter Thymenstrafse gelegenen 
Middendorfberge aus erbHcken sie ein gebirgiges Land mit zahlreichen 
scharfen Spitzen, welches in einer ungefähren Entfernung von 66 km 
gelegen, sich vom 78® bis zum 79®, vielleicht bis zum 80® nördl. 
Br. erstrecken sollte. Petermann gab diesem Lande den Namen 
„König Karls-Land". Man zweifelte nicht, dafs dieses Land mit dem 
Schwedischen Vorland in Zusammenhang stand. 

.Bestimmtere Mitteilungen wurden erst im Jahre 1872 von 
norwegischen Fangsschiffern gemacht, welche in diese Gebiete vor- 
drangen. Der Hanmierfester Kapitän Altmann behauptete, dafs 
König Karls-Land aus drei grofsen und einigen kleinen Inseln bestehe, 
während Kapitän Nils Johnson aus Tromsö der Ansicht war, dafs 
König Karls-Land ein einheitliches Ganzes sei, die vermeintlichen Liseln 
seien durch Flachland verbunden. 



— 213 — 

Auf Grund hauptsächlich dieser Mitteilungen wurde die Karte 
von König Karls-Land entworfen, wie sie jetzt vorliegt. Eine weitere 
Bereicherung erhielt dieses Meeresgebiet durch zwei Inseln, welche 
im Jahre 1884 von den Fangschiffern Kapt. Johannesen und Kapt. 
Hemming Andreasen im Osten von König Karls-Land entdeckt wurden, 
die sich bis ungefähr 79® 20' nördl. Br. und 38 bis 39« östl. Länge 
nach Ost oder Ostnordost verschieben sollen. Weitere Angaben liegen 
bis jetzt nicht vor. Auf den Karten ist König Karls-Land als zusammen- 
hängendes Land dargestellt, östlich davon die beiden Inseln, deren 
Nordostpunkt von Schwedisch Vorland etwa 35 geographische Meilen 
entfernt liegt. Da wir in diesem Jahre mit der Tromsöer Yacht 
„Cecilie Malene", Kapitän Magnus Arnesen, viermal unter den König 
Karls-Inseln gewesen sind, so sind wir in den Stand gesetzt, von dem 
Bisherigen recht abweichende Mitteilungen machen zu können. 

Unsre vier Fahrten nach diesen Inseln verteilen sich auf 
folgende Tage. Den ersten Vorstofs machten wir von den Ryk 
Ys-Inseln aus und befanden uns an der Eiskante 5 bis 6 Meilen südlich 
vom östlichen Punkt der Inseln am 24. Juni. Am 3. Juli segelten 
wir, vom Nordostland kommend, mit südwestlichem Kurse auf die 
Inseln zu. Bei dem aufserordentlich klaren Wetter vermochten wir 
die gesamte Inselgruppe vollkommen zu überschauen. Im Laufe des 
Tages kamen wir dicht heran und segelten nun, 3 bis 4 km von dem 
teilweise eisfreien Lande entfernt, die Westküste (dem „Schwedisch 
Vorland" entsprechend) entlang nach Süd, wo wir gröfsere Massen 
Eis antrafen. Am Abend waren wir etwa 5 bis 6 Meilen von den 
Inseln entfernt, im Süden derselben, die klare Luft liefs uns den 
Inselkomplex auch von dieser Seite überschauen. Eine dritte Fahrt 
unternahmen wir ein paar Tage später von Barents-Land aus. Am 
6. Juli erreichten wir die Südwestküste und segelten in durch- 
schnittlich 4 bis 5 Kilometer Abstand zwischen verteiltem Eis nach 
Ost, wodurch uns Gelegenheit wurde, Süd- und Südostküste genauer 
kennen zn lernen. Da indes Schneegestöber uud Nebel eintrat und 
die Eismassen weiter im Osten dichter wurden, kehrten wir um. 
Ein viertes Mal segelten wir über die Olgastrafse am 11. August, 
und kamen am Morgen des 12. August wiederum nahe an die West- 
küste heran, welcher wir südwärts folgten. Diesmal war die Küste 
von einem bis 3 km breiten dichten Packeisgürtel blockiert. Tagelang 
andauernde Nebel, sowie die Gefahr, von den aus Ost und Nord 
vordringenden Massen schweren Packeises eingeschlossen zu werden, 
bestimmten uns zur Rückkehr nach Spitzbergen, so da.t% ^\s. ^^ 
Ostküste der Inselgruppe nicht eixeicYit \ia\i«iv, t^xxvXi^^HÄXv. q^vs^j^^^vjsö. 



— 214 — 

wir uns über die West- und Südküste, Nord- und Südostküste 
konnten wir wenigstens gut überschauen. Wenn wir das Besultat 
ixnsrer Beobachtungen zusammenfassen, so ergiebt sich folgendes: 
Von etwa 26^ 20' östl. Länge bis höchstens 30® östl. Länge 
in einer Breite von 78® 30' bis höchstens 78® 57' nördl. Br. liegt 
eine Inselgruppe, bestehend aus mindestens zwei, wahrscheinlich 
aber drei Inseln. Die westliche dieser Inseln erstreckt sich in ihrer 
Längsrichtung von Nordwest nach Südost, das Nordkap liegt zwischen 
78® 50' und 78® 51' nördl. Br., das Südkap auf etwa 78® 30' nördl. 
Br. Ihre gröfste Längsausdehnung beträgt etwa 6^/2 Meilen, an der 
Nordküste ist sie etwa 1 Meile, an der Südküste 2 Meilen breit. 
Die Nordküste wird eingenommen von einem mächtigen vierkantigen 
Berge mit steilem Felsaufsatz, dessen Gipfel ein von Nord nach 
Süd sich etwas neigendes Hochplateau darstellt; die Höhe mag 
etwa 1200 Fufs betragen. Dieses isoliert dastehende Bergmassiv ist auf 
weite Entfernungen hin wahrzunehmen, man sieht es noch, wenn 
die sich daran schliefsende Küste bereits verschwunden ist. Ein 
schmales Thal trennt es von dem nun folgenden Hochplateau, 
welches den ganzen Binnenraum der Insel einnimmt, eine mittlere 
Höhe von 500 bis 600 Fufs besitzt und an der Nordseite sowie an 
einzelnen vorspringenden Punkten der Westküste etwas ansteigt. 
Eine bedeutendere Höhe erreicht es erst im Süden, die 2 Meilen 
breite Südostküste wird von dem Steilabfall des hier über 1000 Fufs 
hohen Plateaus gebildet. Dem Abfall des Hochplateaus ist an der 
Westküste bis zum Südkap ein Flachland vorgelagert, welches über 
eine Meile Breite erreichen kann. Dieses Flachland fehlt der Süd- 
ostküste vollkommen, an der Nordküste ist es sehr schmal und 
etwas höher. Wir bemerkten auf diesen meist terrassenförmig sanft 
ansteigenden Küstenstrecken grofse Massen von Treibholz. Es steht 
dieses Vorkommen im Einklang mit dem Vorhandensein eines starken 
von Norden kommenden Meeresstromes, den wir im ganzen Bereich 
der Olgastrafse vom Nordostland an konstatieren konnten, und über 
dessen spezielleres Verhalten wir später berichten werden. Am 
Südkap war das vorliegende Land vor dem Fjeldabsturz bedeutend 
erhöht, ein mächtiger, ganz vereinzeilt dastehender schwarzer Fels- 
block ragte hier hoch auf, einer Kirche nicht unähnlich, schon von 
weitem ein gutes Merkzeichen abgebend. Der einzige Gletscher, 
welchen wir vorfanden, befand sich an der Südostküste, etwa ^/s Meile 
vom Südkap entfernt, er war unbedeutend und besafs einen steilen 
Abfall. Meeresbuchten waren drei vorhanden, zwei flache an der 
Westseite, durch das weit hervoispimg^nöift Süiw^^tkap getrennt, 



— 215 — 

und eine kleinere aber tiefere an der Südostküste von etwa 1 Meile 
Breite und 1 Meile Tiefe, deren Westufer von den nach Norden 
umbiegenden Bergabstürzen des Hochlandes, das Ostufer von dem 
niedrigen aber steil abfallenden Ostkap gebildet wird. Von der 
Ostküste dieser Insel vermögen wir nur über deren nördlichen Teil 
etwas auszusagen. Von dem Nordberge streckt sich nach Ostnordost 
eine flache Landzunge. Auch die darauf folgende Küste ist Flachland. 

Das Gestein, aus welchem die Insel bestand, war im Norden 
von rotbrauner Farbe, im Westen und Süden mehr graubraun. Die 
gesamte Architektonik war dieselbe wie an der Ost- und Südküste 
von Stans Foreland. Nahe an der Küste angestellte Dredgen 
brachten ebenfalls dasselbe Gestein, grauen Thonsandstein und 
„Hyperit" zu Tage. 

Die Vegetation war, soweit wir sie beurteilen konnten, eine 
sehr spärliche ; Rentiere konnten wir nicht beobachten, das einzige 
Säugetier, welches wir auf der Insel sahen, war ein Eisbär. Noch 
am 12. August waren die Bergabhänge fast vollständig, das vor- 
liegende Flachland zum guten Teil schneebedeckt. 

Der Sund, welcher diese Insel von dem östlich davon gelegenen 
Lande trennt, ist an seiner Nordmündung gegen drei Meilen breit. 
Die Richtung der Nordküste dieses Landes ist eine ostnordöstliche, 
der dem Sunde zugewandten Küste eine südsüdwestliche. Das 
Westkap liegt auf 78 ^ 51 ' nördl. Br., das Nordkap auf etwa 
78 ^ 57 ' nördl. Br. Ein Bergplateau von etwa der gleichen Höhe 
wie das der Westinsel bildet die Westspitze dieses Landes, es fällt 
überall steil ins Meer herab. An der Nordküste lassen sich drei 
aufeinander folgende Bergvorsprünge bemerken. Es folgt auf dieses 
Fjeld nach Osten zu ein breiter schneebedeckter Abhang, der mit 
einem schmalen hoch heraufziehenden Felsgrat endigt. In bezug 
auf ein darauf folgendes, mehr von Nord nach Süd streichendes 
schneebedecktes Küstengebiet, war es uns nicht möglich, zu ent- 
scheiden, ob dasselbe mit dem vorhergehenden zusammenhing, oder 
durch eine Bucht oder einen Sund getrennt war, ein breites Berg- 
plateau begrenzt es im Osten. An dieses schliefst sich flach an- 
steigendes Land an, welches von dem Nordostkap, einem Berg mit 
abgerundetem Gipfel, begrenzt wird. Östlich von diesem Berge, 
den wir noch mit vielen Details erkennen konnten, war nichts mehr 
zu sehen. Die Süd- und Südostküste dieses Landes erblickten wir, 
als wir am Abend des 3. Juli in Südwest vom Südka.^ 4j«. ^^^- 
insel lagen. Bei unsrer Weiterfaliit ivaciVi Sv)A \>x^X> ^'«e^^^^ ^sös^ks. 



— 216 — 

und mehr hervor, wir vermochten deutlich zu erkennen, dafs sie 
von den Abhängen eines Hochplateaus gebildet wird. 

So ungefähr ist das Bild, welches wir auf Grund unsrer Beob- 
achtungen von dieser Inselgruppe erhalten haben; wir denken es 
später durch eine Kartenskizze und einige Aquarelle der Landschaft, 
die wir zu entwerfen Gelegenheit hatten, zu vervollständigen. 
Unsre Angaben über diese Gruppe mit den bereits vorhandenen zu 
vermischen, getrauen wir uns nicht zu übernehmen und wollen dies 
gern Berufeneren überlassen. 

Vielleicht ist es uns aber gestattet, unsre eigne persönliche 
Meinung in einem Hauptpunkte dieser Frage zu äufsern. Aus ver- 
schiedenen und, wie wir glauben, schwerwiegenden Gründen, die 
hier zu entwickeln indes zu weit führen würde, glauben wir in dem 
von uns gesehenen Inselkomplex das auf den Karten verzeichnete 
König Karls-Land inklusive der von Johannesen und Andreasen im 
Jahre 1884 entdeckten neuen Inseln zu erkennen. Wir sind über- 
zeugt, dafs Kapt. Johnson im Jahre 1872 auf dem östlichsten 
Punkte der östlichsten Insel gelandet ist und dafs man die Aus- 
dehnung der Inseln nach Ostnordost um mindestens 8 Längen- 
grade verringern mufs, um der Wahrheit näher zu kommen. 

Tromsö, 6. September. Dr. W. Kükenthal. 



Der Odenwald/) 

Von Geh. Oberforstrat Wilbrand in Dannstadt. 
Hierza Tafel 5: Karte der Bewaldung des Odenwaldes. 



Landschaftliches. Eisenbahnen und Strafsen. Erklärung des Namens. Geschicht- 
liches. Anbauverhältnisse. Forstwirtschaft: Waldarten, Holzarten, Eigentumsverhält- 
nisse, Kultivierung, Röderbetrieb, Eichenschälwald- und Hackwald-Betrieb, Erträge. 
Jagd und Wilderer. Fischerei. Mineralische Bodenschätze. Wohnweise und Tracht 

der Bevölkerung Landwirtschaft und Industrie. 

Der Odenwald ist das Bergland zwischen Rhein, Main und 
Neckar oder, da dasselbe sich noch etwas über den Neckar hinüber 
erstreckt, genauer, das Bergland zwischen Aschafifenburg, Darmstadt, 
Heidelberg, Nufsloch, Mosbach, Walldürn, Wertheim und dem Main 
zwischen Wertheim und Aschafifenburg. 



*) Wir vei*weiseu hierbei auf die früher in dieser Zeitschrift erschienenen 
Darstellungen andrer deutscher Waldgebiete, namentlich des Spessarts in 
Band IV, des bayrischen Waldes in Band VI und VIII und des Schwarzwaldes 
za Band XI, "ö\^ '^^^"öJbüq^i. 



— 217 — 

Das Gebirge gehört zwei wesentlich verschiedenen geologischen 
Formationen an, die denn auch auf die Gestaltung der Landschaft, 
auf die Fruchtbarkeit des Bodens, wie auf Wohlstand und Lebens- 
weise der Bewohner von mafsgebendem Einflüsse sind. Der nord- 
westliche Teil ist Urgebirge, krystallinisches Gestein, vorzugsweise 
Granit, Syenit und Gneis. Der südöstliche Teil gehört der Bunt- 
sandsteinformation an. Die Bergwand, auf deren Scheitel die Grenze 
zwischen den beiden Formationen liegt, folgt ungefähr der Richtung 
einer von Heidelberg nach Aschafifenburg gezogenen Linie. Ihr parallel 
ziehen die Hauptwasserläufe des Odenwalds : auf ihrer Nordwestseite 
die Weschnitz und die Gersprenz, jene in südwestlicher Richtung dem 
Rhein, diese in nördlicher Richtung dem Main zufliefsend; auf der 
Südostseite der Bergwand flielst die Mümling in gleicher Richtung 
wie die Gersprenz. 

Die Quellen von Weschnitz und Gersprenz liegen nahe bei- 
sammen, die Wasserscheide zwischen beiden wird nur durch einen 
flachen Rücken gebildet. Die beiden Flüsse trennen den Odenwald 
gleichsam in zwei Teile, der nordwestliche gehört lediglich dem Ur- 
gebirge an. 

Von diesem letzteren Teile unsres Gebirges ist der schönste 
und wohlhabendste die sogenannte Bergstrafse, das ist die Bergkette 
zwischen Darmstadt und Heidelberg, welche steil abfallend einen scharf 
markierten Abschlufs des Odenwaldes nach der Rheinebene bildet. 

Am Fufse der Bergstrafse liegen Dörfer und Städte dicht an- 
einander gereiht, den unteren Hang nehmen Weinberge ein, welche 
reichlich mit Mandel- und Pfirsichbäumen durchpflanzt sind. Die 
Höhen der mit Schlössern und Burgen der Vorzeit reich geschmückten 
Berge prangen im Schmucke üppigen Laubwalds. Hervorragend schön 
ist der Rundblick von den Höhen der Bergstrafse, insbesondere von 
ihrem nördlichsten Vorsprung, dem bei Station Eberstadt der Main- 
Neckar-Bahn steil aufsteigenden Waldrücken, welchem die Ruine 
Frankenstein den Namen gegeben hat. Von den Zinnen der Burg- 
ruine schweifen die BUcke über den wogenden Buchenwald in nörd- 
licher Richtung über Darmstadt und Frankfurt hinüber, nach den 
lichtblauen Taunusbergen, deren ganze Kette von der Wetterau bis 
zum Rheingau aneinander gegliedert liegt. Wo sie im Süden endigt, 
schliefst der Hundsrück an, das turmreiche Mainz ist bei heller 
Witterung deutlich sichtbar. Drüben im Westen steigt der stattliche 
Donnersberg in der bayerischen Rheinpfalz auf und weiter nach Süden 
grenzen die malerischen Formen des Hardtgebirgs das breite Thal ab^ 
aus dessen Mitte hinter sammetdunkelnKieieiiiN<i«\ÖÄTCL\^^^ ^^^ ^s^ 



— 218 — 

berne Band des Rheinstroms herüberblitzt. Auf der Jenseite des Flusses 
ist die alte Stadt Worms leicht erkennbar und weiter nach Süden 
hinter den Wäldern und Feldern, den Wiesen und Ortschaften bildet 
in lichter Ferne der Speyrer Dom dem Auge einen Ruhepunkt. Dann 
aber wird dasselbe von unserm Gebirge selbst angezogen und ge- 
fesselt, zunächst von dem Wahrzeichen der Bergstrafse, dem am 
Rande des Rheinthals steil aufsteigenden turmgekrönten Melibok;as 
(im Volksmund „Malchen"). Ostlich von ihm, in der Luftlinie 5 km 
entfernt,* liegt der fast gleich hohe Felsberg mit dem sogenannten 
Felsenmeer. Auf der Südostseite dieses Berges nahe an seinem 
Scheitel liegen wild zusammengeworfen die mächtigsten Felsblöcke, 
von welchen viele noch Bearbeitung aus der Römerzeit aufweisen. 
Am interessantesten ist die über 9 m lange und über 1 m im Durch- 
messer haltende Riesensäule. 

Etwas nördlich vom Felsberg steigt der stattliche Bergstock 
der Neunkircher Höhe auf, leicht kenntlich an dem fast auf dem 
Kamme liegenden Pfarrdorf mit der hellen Kirche, in welche neun 
Gemeinden aus den Thälern ringsum eingepfarrt sind. Auf einem 
Hügel nördlich der Neunkircher Höhe ragt das alte hessische Land- 
grafenschlofs Lichtenberg hervor und gerade im Osten auf einem 
Basaltkegel die Veste Otzberg. Die Berge nördlich von Otzberg ge- 
hören dem Spessart und die noch etwas weiter nördlich und weiter 
zurückgelegenen dem Vogelsberg in Oberhessen an. 

Um nun auch zu schauen, wie es im Innern des dem Ur- 
gebirge angehörigen nordwestlichen Odenwalds aussieht, treten wir 
bei Weinheim an der Bergstrafse in denselben ein. Malerisch über- 
ragt von der Ruine Windeck und den Türmen des Schlosses des 
Herrn von Berckheim zieht sich das Städtchen, welches seines milden 
Klimas wegen das deutsche Nizza genannt wird, am Hange herunter, 
gegen Nord- und Ostwinde durch die Berge geschützt. Die Strafse 
in das Innere des Odenwalds schmiegt sich dicht an den Lauf der 
Weschnitz, denn eng eingeschnitten in die Granitfelsen ist das 
romantische Birkenauer Thal, durch welches das frische von Erlen 
umsäumte Gebirgswasser über des harte Gerolle hüpfend, der breiten 
Rheinebene zueilt. Allmählich treten die Bergwände zurück und 
baucht sich das Thal zu einem weiten Kessel aus, in dessen Mittel- 
punkt das Städtchen Fürth unweit der Weschnitzquellen gelegen ist. 
Von hier läuft noch eine zweite gute Fahrstrafse durch das sogenannte 
Kirschhäuser Thal nach der Bergstrafse aus, welche bei Heppenheim 
in das Rheinthal einmündet. Nördlich von Fürth ragt am Rande 
das Tbalkesaeh auf dem Grate einer stattlichen Gebirgsrippe das 



— 219 — 

reizende Lindenfels, die Perle des Odenwaldes, die traute Erholungs- 
stätte vieler. Ihm ist verliehen, was der Mensch zur Erholung 
bedarf, schöner Wald, romantische Erinnerung an die alte Zeit 
durch die mächtigen mit der Stadt eng verbundenen Burgruinen und 
vor allem der erquickende Blick hinunter in die lachenden Thäler 
der Weschnitz und der Gersprenz und hinüber auf die zahllosen 
Waldberge, welche die Thäler umsäumen; gute und billige Wirts- 
häuser sorgen für des Leibes Notdurft. 

Wie bereits bemerkt wurde, ist das Thal der Gersprenz hier 
nur durch eine mäfsige Höhe vom Weschnitzthal geschieden. Die 
Quellen beider Flüsse liegen nahe bei einander. Eine gute Strafse 
führt über die Wasserscheide, so dafs der Übergang vom Weschnitz- 
thal in das Gersprenzthal sehr mühelos zu bewerkstelligen ist. Bei 
dem Eintritt in das Gersprenzthal rufen die ersten Ortschaften, 
welche zu passieren sind, Gersprenz, Pfafifenbeerfurth und Reichels- 
heim, die Erinnerung an die Scheffeischen Rodensteinslieder in uns 
wach, unweit dieser Orte liegt, im Waldesdickicht versteckt, die 
verfallene Stammburg, von welcher der wilde Ritter bei Lebzeiten 
zu seinen Saufgelagen ausgezogen ist und von wo er, nach der 
Volkssage, mit seiner Geisterschar über das Thal hinüber nach dem 
Schnellerts zieht, wenn Krieg droht. Überraschend wirkt es, hier 
bei Reicheisheim im Herzen des Odenwalds an der Wasserscheide 
seiner Hauptflüsse, Weinberge anzutreffen und zu vernehmen, daf» 
dieselben guten Ertrag liefern und in der Neuzeit vergröfsert werden. 

Gegen den Ausgang des Gebirgs hin erweitert sich das Ger- 
sprenzthal zu einer breiten fruchtbaren Bucht, in deren Ortschaften 
ein tüchtiger Bauernschlag wirtschaftet. Auf hohem Basaltkegel 
ragt am Rande des Gebirgs die Veste Otzberg, welche ehemals den 
Zugang zum Gersprenzthal beherrschen mochte. Jetzt wohnt an 
Stelle des Kommandanten ein Forstwart droben, welchem der Schutz 
der angrenzenden Waldungen übertragen ist. 

Ln Buntsandstein- Odenwald sind die wichtigsten Gebiete die 
Thäler der Mümling und des Neckars, Die Mümling entspringt bei 
dem Städtchen Beerfelden an einer Hochebene, welche nach dem 
Neckar hin steil abfällt. An dem Flüfschen liegt Erbach, der Sitz 
des alten Geschlechts der Grafen von Erbach-Erbach. In dem 
Schlosse befinden sich interessante, der gräflichen Familie gehörige 
Sammlungen. Etwas flufsabwärts folgt Michelstadt mit Fürstenau, 
dem Wohnsitz der Grafen von Erbach-Fürstenau. In beiden Orten 
haben Staatsbeamte und gräfliche Beamte ihren Sitz und kö^sss»^ 
dieselben als die eigentlichen Zentialoitö Ölöä Göätl^äöä ^xv^^'e^^^^s«^ 



— 220 — 

werden. Das Mümlingthal ist im allgemeinen nicht breit, die Sohle 
wird von Wiesen eingenommen, die nicht sehr hohen, das Thal 
umsäumenden Berge sind zumeist bis an den Fufs bewaldet. 

Landschaftlich weit hervorragender als das Mümlingthal ist das 
Neckarthal. Hier liegt der höchste Berg des ganzen Odenwalds, der 
628 m hohe Katzenbuckel, zu dessen Füfsen die gewerbreiche badische 
Stadt Eberbach sich am Neckar ausbreitet. In vielen Krümmungen 
zwängt sich der Neckar zwischen den ansehnlichen Bergen hindurch, 
vorüber an den malerisch gelegenen Städtchen Hirschhorn, Neckar- 
steinach und Neckargemünd, bis der Sohn der Schwarzwaldberge 
„Altheidelberg die feine, die Stadt an Ehren reich" bespült und 
dann hinaus eilt ins Freie, um sich mit dem Rhein zu vereinigen. 

Im Süden geht der Odenwald allmählich in ein wellenförmiges 
Plateau, das sogenannte Bauland über. Im Nordosten, am Abfall 
des Gebirgs nach dem Main, sind namentlich die Städte Amorbach 
und Miltenberg von bedeutender landschaftlicher Wirkung. 

Durch Eisenbahnen ist der Odenwald gut aufgeschlossen. Die 
Main-Neckar-Bahn, Frankfurt-Darmstadt-Heidelberg, läuft nahe an 
der Bergstrafse her, die hervorragenden Orte längs derselben sind 
sämtlich Stationen dieser Bahnlinie. Von Heidelberg führt die dem 
Laufe des Neckars folgende badische Staatsbahn nach Eberbach, 
wo dann wieder die sogenannte Odenwaldbahn einmündet. Letztere, 
schlägt von Darmstadt, wo sie beginnt, zunächst östliche Richtung 
ein, überschreitet bei Reinheim das Gersprenzthal, vereinigt sich bei 
Heubach-Wiebelsbach mit einer von Hanau kommenden Bahnlinie, 
durchsetzt in einem Tunnel die Bergwand, welche das Gersprenz- 
von dem Mümlingthal trennt und folgt nach ihrem Eintritt in das 
letztere der Mümling, bis zu ihrem Urspirung in der Nähe von Beer- 
felden. Mittelst des nächst dem Gotthardstunnel längsten Tunnels, 
welchen Europa aufzuweisen hat, wird sie durch das breite Hoch- 
plateau durchgeführt, um bei Eberbach im Neckarthal zu endigen. 

Bei Reinheim, wo die Odenwaldbahn das Gersprenzthal über- 
schreitet, schliefst eine Nebenbahn Reinheim-Reichelsheim an, welche 
dem Gersprenzthal bis fast zu den Quellen des Flüfschens folgt. 
Es dürfte wohl nicht lange mehr währen, bis auch im Weschnitzthal 
eine Bahn hergestellt wird. Ein Projekt zur Herstellung einer 
Bahn von Heppenheim an der Bergstrafse nach Fürth im Weschnitz- 
thal ist der hessischen Ständekammer von der Regierung bereits 
vorgelegt worden. Sobald diese letztere Bahn ausgebaut ist, kann 
jeder wichtigere Ort des Odenwalds von einer Bahnstation aus 
Jeicht erreicht irerdeji« 



— 221 — 

Die Nordostseite des Gebirgs wird durch die von Aschafienburg 
über Miltenberg nach Amorbach führende, dem Laufe des Mains 
folgende Bahn zugänglich gemacht. 

Auch durch Strafsen ist der Odenwald gut erschlossen. 
Abgesehen von den Staatsstrafsen längs der Flufsthäler führt von 
dem Weschnitzthal und dem Gersprenzthal je eine Staatsstrafse über 
den Hauptgebirgskamm, die erstere von Fürth aus über Wald- 
Michelbach nach Hirschhorn an den Neckar, die letztere von dem 
Dorfe Gersprenz nach Michelstadt im Mümlingthal. Aufserdem 
verbindet eine dritte, unweit der Weschnitz- und Gersprenzquellen 
die Bergwand überschreitende Staatsstrafse, die Städte Fürth im 
Weschnitzthal und Erbach im Mümlingthal mit einander. . Die 
einzelnen Ortschaften in den Seitenthälern stehen durch Kreisstrafsen 
in Zusammenhang und sind durch solche Strafsen an die Staats- 
strafsen angegliedert. 

Wie der Namen Odenwald zu erklären sei, steht nicht ganz 
sicher. In der Urkunde, durch welche im Jahr 628 der Franken- 
könig Dagobert den zum Lobdengau gehörigen Teil des Gebirgs dem 
Bistum Worms geschenkt hat, heifst er „Otenwald". Einhart, der 
Biograph Carls des Grofsen, nennt unsre Landschaft „Odanwald". 
In einer Urkunde Ludwigs des Frommen heifst dieselbe „Odunawald". 
Am nächstliegenden ist die Erklärung als ,,öder Wald" (ahd. odi 
mhd. oedo ode = unangebaut, unbewohnt). Verständlich wird diese 
Bezeichnung durch eine Schilderung des römischen Schriftstellers 
Ammianus Marcellinus, welcher im vierten Jahrhundert unser Gebirge 
nennt: silvam squalore tenebrarum horrendam, einen durch schreck- 
liche Finsternis Schauder erregenden Wald (vergl. Dr. Georg Windhaus, 
Führer durch den Odenwald und die Bergstrafse). 

Die Geschickte des Odenwalds beginnt mit der Periode, als 
derselbe ein Teil des römischen Reichs gewesen ist. Welches Volk 
vor der Römerzeit den Odenwald bewohnt hat, darüber giebt es 
keine schriftliche Quellen, nur die Gräberfunde können uns in dieser 
Hinsicht Aufklärung bringen. Nach allgemeiner Annahme war das 
Land in der ältesten Zeit von Kelten bewohnt. Von den römischen 
Feldherrn ist Cäsar der erste gewesen, welcher mit den rechts- 
rheinischen Germanen zusammentraf. Die Markomannen wurden 
geschlagen und zogen nach Böhmen ab. In dem verlassenen Gebiete, 
den agri decumates, dem Zehntland, wie es nach der von den 
Römern vorgenommenen Ackerteilung benannt wurde, siedelten sich 
römische Veteranen und Gallier an. Nach der Bea\iiÄ^'^^^&»ss% 
durch die Römer wurde das Land dvrtcYi Öl^tv ^cää^sö. '^^"ä^^^'ä«:^^^ 

Geogr, Blätter. Bremen, 1889. ^^ 



— 222 — 

umgeben, welcher vom Kaiser Domitian (81 — 96 nach Christus) 
angelegt und unter Kaiser Trajan (98 — 117) beendigt wurde. Der 
Pfahlgraben zieht aus dem Württembergischen in gerader Linie bis 
vor Walldürn am südöstlichen Odenwald, geht über den Main hinüber 
und schliefst dann dei Miltenberg an den Main wieder an. Von 
hier bis zum Austritt aus dem Odenwald bildete der Flufs die Grenze 
des Römerreichs. 

Hinter dem Pfahlgraben zog sich eine Reihe von Befestigungen 
her, welche am Neckar bei Neckarburken beginnt und sich auf den 
Höhen des rechten Mümlingufers fortsetzt. Diese Anlage stellt sich 
als eine Signallinie dar, die aus einer Reihe von Kastellen und 
dazwischen liegenden Signaltürmen gebildet wird. Das nördlichste 
Kastell liegt bei Lützelbach, dann folgen in der Richtung nach 
Süden die Kastelle von Vielbrunn, . Eulbach, Würzberg, Hesselbach, 
Schlofsau. Zwischen den Kastellen befanden sich in Abständen von 
etwa 1000 Schritten Signalstationen aus Trünunerhügeln bestehend. 

Innerhalb des vom Pfahlgraben umzogenen Gebiets herrschte 
römisches Recht und römische Sitte. Überall finden sich römische 
Grabstätten. Von römischer Kunstthätigkeit geben die bereits 
erwähnten Steinbrüche auf dem Felsberg Zeugnis. 

Ungefähr ein Jahrhundert ruhte der Angriff der germanischen 
Stämme auf das Decumatenland. Ums Jahr 213 erschienen die 
Alemannen. Sie wurden zwar von Caracalla geschlagen, aber dem 
erneuerten Ansturm unterlag Rom und ums Jahr 250 fiel das ganze 
Gebiet in die Hände der Deutschen. 

In der Periode der Völkerwanderung wurden die Alemannen 
durch die Burgunden verdrängt, die unter dem König Gundihari 
(dem Günther des Niebelungenlieds) das Land eroberten und Worms 
zur Hauptstadt machten. 

Hier möge es gestattet sein, auf die Beziehungen hinzudeuten, 

in welchen unser Gebirge zu den Vorgängen steht, die das grofse 

Nationalepos schildert. In der Simrockschen Übersetzung des 

Niebelungenlieds heifst es im fünfzehnten Abenteuer: 

„Da wir uns der Heerfahrt so entledigt selm, 
So lafst uns nun Bären und Schweine jagen gehn 
Nach dem Odenwalde, wie ich oft gethan''. 
Geraten hatte Hagen das, dieser ungetreue Mann. 

In den Odenwald ritten die Helden von Worms aus zur Jagd, die 
so verderblich werden sollte. 

Der Lindelbrunnen bei Hüttenthal (südwestlich von Erbach) 
^'Jt als die Stätte, wo Siegfried vom. gnmm.«iift^.%«Ä. dftuTodesstofe 



— 223 — 

erhtt. Die nahe gelegene, zu Hiltersklingen gehörige Hardt, wird 
schon 795 als „3urgundhart" bezeichnet. Der eine Stunde westlich 
von Hüttenthal inj Gras-Ellenbacher Wald gelegene „Spessartskopf" 
mag die Stelle sein, von der es im achtzehnten Abenteuer des 
Niebelungenlieds hei&t: 

. Da sprach von Tronje Hagen : „Lieber Herre mein, 
Ich wähnte, das Birschen sollte heute sein 
Fern im Spechtsharte: den Wein hinsandt ich dort. 
Heute gieht es nichts zu trinken, doch vermeid^ ich es hinfort/ 

Als Attila 436 das burgundische Reich vernichtete, verliefsen 
die Burgiinden das Land. Zweifelhaft ist es, wer nun in das Gebiet 
zwischeij. Neckar, M^in und Rhein einrückte, nach Rieger waren es 
die Chatten (Hessen), welche als Bestandteil und unter dem Namen 
der Franken dasselbe in Besitz nahmen. 

Nach manGheorlei Wandlungen gehört jetzt der weitaus gröfsere 
Teil des Odenwalds zu Hessen, der südliche und südöstliche ist 
badis(Ch, der nordöstliche bayerisch. 

Wie sich die Fläche des Gebirgs auf diese drei Staaten ver- 
teilt und wie die Anbauverhältnisse in jedem der drei Staaten liegen, 
ergiebt sich aus nachstehender Zusammenstellung: 



Des 
Odenwalds 


Oed- 

und 

Unland 


Weide 

und 

Hutungen 


Sonstige 
landwirt- 
schaftlich 
genatzte 
Fläche 


Wald 


Sonstige 
Fläche 


Gesamt- 
Äreal 




ha 


ha 


ha 


ha 


ha 


ha 


Hessischer Teil 
Badischer „ 
Bayerischer „ 


209 
177 
200 


305 
258 
111 


70687 

27588 
9158 


66348 
45777 
14028 


5464 

1775 

810 


143013 
75575 
24307 


Summa 


586 


674 


107433 


126153 


8049 


242895 



Unser Gebirge nimmt hiernach eine Fläche von 2429 qkm ein. 
Hiervon entfallen rund 1262 qkm auf den Wald, 1074 qkm auf 
Äcker, Gärten, Wiesen und Weinberge, 80 qkm auf Häuser, Hof- 
räume, Strafsen, Wege und Gewässer. Der Wald nimmt nahezu 
52 ^/o des gesamten Areals ein, die gröfsere Hälfte des Gebirgs ist 
sonach mit Wald bedeckt (siehe die zugehörige Karte). 

Wie sich der Wald auf die grofsen Betriebsgruppen Hochwald, 
Mittelwald und Niederwald verteilt und in welchem Mafsstabe die 
einzelnen Holzarten an dieser Gruppenbildung teilnehmen, ist aus der 
umstehenden Tabelle ersichtlich. 



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Die Waldungen des 
Odenwalds setzen sich 
hiernach zusammen aus 
26113 ha Niederwald 
(Stockausschlag), 8887 
ha Mittelwald (Oberholz 
über Stockausschlag) 
und 91 153 ha Hoch- 
wald. Der Hochwald 
besteht wieder aus 
38 686 ha Laubwald 
und 52 467 ha Nadel- 
wald. 

Im Besitze des Staats 
befinden sich 11 734 ha, 
im Besitze der Gemein- 
den und Körperschaften 
55 909 ha , und in 
demjenigen der Privaten 
58 510 ha. 

Von dem Privatbe- 
sitze gehören in Hessen 
15 814 ha , in Baden 
8556 ha den Stan- 
desherren , zusammen 
24 370 ha. 

Das Klima setzt der 
Waldwirtschaft in kei- 
nem Teil des Odenwalds 
erhebliche Schwierig- 
keit entgegen. Der 
Wald gedeiht bis auf 
die Gipfel der Berge, 
von denen im ürgebirge 
die Neunkircher Höhe 
mit 590 m, die Tromm 
mit 566 m, die Seiden- 
bucher Höhe mit 598 m, 
der Melibokus mit 519 
m und der Felsberg mit 
516 TEL ^<ft bemerkens* 



— 225 — 

wertesten sind. Höher sind die Berge im Buntsandsteingebiet und 
sind hier der Katzenbuckel mit 628 m und der Hardberg mit 
592 m die hervorragendsten, ersterer ist der höchste Berg im badi- 
schen, letzterer der höchste Berg im hessischen Odenwald. 

Die Domanialwaldungen und die Standesherrlichen Waldungen 
werden konservativ bewirtschaftet. Streuabgaben finden in ihnen 
nur in Notjahren statt. Auch die Waldungen der Gemeinden sind 
der Bewirtschaftung durch die Staatsforstbehörden unterstellt, sie 
finden sich infolgedessen ebenfalls in gepflegtem Zustande. Freilich 
sind die Ansprüche, welche an die Gemeindewaldungen gestellt 
werden, weit stärker, wie die Ansprüche an die Domanialwaldungen. 
Jedes Gesetz, welches der Gemeindekasse Lasten auferlegt, spürt 
der Wald. Sei ein Gemeindeschulhaus zu bauen, oder sei eine 
Strafse zu chaussieren, der Wald, die grofse Sparkasse der Ge- 
meinde, mufs in der Regel die aufsergewöhnlichen Kosten decken. 
Auch die Ansprüche auf Streuabgaben sind hier umfassender. Wohl 
der Gemeinde, wenn ihr Wald sich infolge tüchtiger und konser- 
vativer Bewirtschaftung in solchem Zustande befindet, dafs, er, wenn es 
Not thut, neben der regelmäfsigen Jahresfällung zuweilen noch einen 
Extrahieb vertragen und so die Mittel für eine Extraausgabe 
liefern kann! Leider sind nun, in einer jetzt weit hinter uns 
liegenden Zeit, in einem Teile des Odenwalds die Gemeinde- 
waldungen unter die einzelnen Gemeindeglieder geteilt worden und 
ist dies die Ursache, weshalb namentlich im südöstlichen Teile des 
Gebirgs eine so bedeutende Waldfläche sich im Besitze von Privaten 
befindet. Den Unsegen, welchen eine solche verkehrte volkswirt- 
schaftliche Mafsregel zur Folge hat, kann man in jenem Teile des 
Odenwalds recht gründlich kennen lernen. Ist schon im Gemeinde- 
wald die kräftige Hand der Staatsgewalt erforderlich, um über- 
triebene Ansprüche an seine Leistungsfähigkeit fern zu halten, so 
kann man sich denken, wie es dem Privatwald ergeht, der sich im 
kleinbäuerlichen Besitze befindet. Der Privatwald ist der freien 
Bewirtschaftung des Besitzers überlassen. Lediglich die gänzliche 
Ausstockung ohne Zustimmung der Staatsforstbehörden ist verboten. 
Befindet sich nun ein solcher Gutsbesitzer in Geldverlegenheit — 
und bei wie vielen Landwirten ist diese chronisch — so mufs 
natürlich der Wald herhalten, die Sorge zu beseitigen. Es wird 
Holz gefällt, so lange es geht, die Umtriebszeit wird mehr und 
mehr erniedrigt, Niederwaldbetrieb tritt an Stelle des Hochwald- 
betriebs. Der kleine Waldbesitzer überredet sich so gerne, die Streu 
sei dem Wald entbehrlich, erst wird uxxt m'^oNi;^'a!öt^Tv'Si\x^\i. ^^x^'ö^^ 



— 226 — 

dann alljährlich. Wo etwas Humus angesammelt ist, wandert diese 
Erde als Dünger auf den Acker. Das Holzwachstum verschlechtert 
sich, kultivirt wird auch nicht mehr, die Schändung des Waldfes ist 
gründlich durchgeführt und wenn dieser Zeitpunkt gekommen ist, 
dann bricht als Strafe für diesen Frevel die ganze Wirtschaft zu- 
sammen. Wie hier geschildert, so sieht es nicht überall, aber so 
sieht es leider in sehr vielen der kleinen Wirtschaften aus. Eine 
Durch Wanderung des südöstlichen Odenwalds erteilt die unzweifelhaft 
richtige volkswirtschaftliche Lehre, dafs der Wald nur in der kapital- 
kräftigsten stärksten Hand gesichert ist. Diese hat in erster Linie 
der Staat, nach ihm die Gemeinde und Standesherrschaft. Es sollte 
Grundsatz sein, dafs der Staat ständig an der Arbeit ist, um die 
zersplitterten heruntergekommenen Privatwaldungen zu erwerben. 
Erfreulich ist es beifügen zu können, dafs namentlich in Hesden 
demgemäfs verfahren und der käufliche Waldbesitz für die Domäne 
erworben wird. Unter schlecht geführter Privatwaldwirtschaft leidet 
übrigens der betreffende untüchtige Wirtschafter nicht allein, sondern 
sie wird auch zum Unsegen für die weitere Umgebung. Der Oden- 
wald ist von Natur ein so schön geformtes Gebirge, mit so lieblichen 
geschützten Thälern, dafs er bei der Nähe so vieler Städte, wie Hanau, 
Offenbach, Frankfurt, Mainz, Darmstadt, Worms, Ludwigshafen und 
Heidelberg das naturgemäfse Erholungsgebiet für deren Bewohner 
sein müfste und gewifslich auch sein würde, wenn die Waldungen 
lockende wären. Aber verhauene, ausgeschundene Bauernwaldungen 
verunzieren die Berge und bieten dem Erholungsbedürftigen nicht 
die Waldesfrische, die er sucht. Hierin wird der Grund zu suchen 
sein, weshalb die Zahl der Plätze, die zur Sommerfrische aufgesucht 
werden, eine so geringe ist. 

Die Umtriebszeit in den Hochwaldungen des Staats und der 
Standesherren ist im Laubwald vorwiegend die 120jährige, im 
Nadelwald die 100jährige. In den Waldungen der Gemeinden ist 
im Laubwald meist die 100jährige, im Nadelwald die SQjährige 
eingeführt. 

Im Niederwald ist die Umtriebszeit im Grofsgrundbesitz vor- 
wiegend die 15jährige. Der Private ist vielfach schon bis zur 
11jährigen, ja selbst bis zur 10jährigen heruntergegangen. 

Die Buchenhochwaldungen werden auf natürlichem Wege ver- 
jüngt, d. h. einige Zeit vor Eintritt des Haubarkeitsalters wird der 
Bestand durchhauen, um die verbleibenden Bäume durch Einflufs 
der stärkeren Lichteinwirkung zum Samentragen anzuregen. Gleich- 
zeitig mit dieser Durchhauung findet die k^n^öidva Einsprengung 



— 227 — 

der wertvolleren Holzarten, insbesondere von Eiche, Esche, Ahorn 
auf die für sie geeigneten Plätze statt, um diesen edlen Hölzern 
einen Vorsprung vor der aus dem Samenabfall erwachsenden Buche 
zu gewähren. Ist ein Mastjahr gut angeschlagen und der Buchen- 
jungwuchs entsprechend entwickelt, so findet allmählicher Abtrieb 
der Mutterbäume statt. Auf die beim Aushieb der letzteren sich 
bildenden und auf die sonst noch vorhandenen Lücken des Jung- 
bestandes werden Nadelhölzer: Fichte, Weifstanne, Kiefer und 
Lärche eingepflanzt und wird so der Grund zu einem Mischwald gelegt, 
in welchem dem Wirtschafter die Aufgabe zufällt, denjenigen Holz- 
arten und denjenigen Baumindividuen in dem dicht aufquillenden 
Bestand im Kampfe ums Dasein mit Axt, Säge und Schere zu 
Hilfe zu kommen, deren Erhaltung aus finanziellen oder sonstigen 
Gründen besonders geboten ist. 

Im Nadelwald findet Kahlhieb statt und Vollanbau der Hiebsfläche. 

Eine für den Odenwald charakteristische Wirtschaftsform ist 
der sogenannte Böderbetrieb, welcher namentlich die Gunst der Privaten 
besitzt. Ist ein Hochwaldbestand abgetrieben, so wird das nach 
Verwertung und Entfernung der besseren Sortimente zurückgebliebene 
Reisig mit dem Bodenüberzug zusammen auf Haufen gesetzt und 
geschmort, die Asche über die Fläche gebreitet und diese dann 
umgehackt, um ein oder zwei Jahre landwirtschaftlich benutzt zu 
werden. Nach Aufgabe der landwirtschaftlichen Nutzung wird die 
Fläche mittelst Saat oder Pflanzung wieder zu Wald angelegt. 

Von besonderer Bedeutung für den Odenwald ist die Nieder- 
Waldwirtschaft^ deren Tendenz dort, wo dieselbe rationell betrieben 
wird, auf Erzeugung eines möglichst grofsen Quantums wertvollster 
Eichenlohrinde gerichtet ist. Für die finanziell vorteilhafteste üm- 
triebszeit gilt die 15jährige. Bei einer niedrigeren Umtriebszeit als 
diese wird zu wenig Rinde und auch zu schwaches Holz geerntet, 
bei höherer Umtriebszeit verliert die Rinde ihr glattes Äufsere, sie 
wird rissig und minder wertvoll für die Gerberei. 

Die Ernte beginnt, wenn der Saft in lebhaftem Aufsteigen be- 
griffen ist und die Blattentwickelung beginnt. In der Regel fällt 
dies in die erste Woche des Monats Mai. Rechtzeitig müssen 
die Übernehmer der Rindenemte für die erforderlichen Arbeitskräfte 
sorgen. In den Gegenden, in welchen die Niederwaldungen gröfsere 
Ausdehnung haben, wie z. B. in den Bergen am Neckar, reichen die 
in der nächsten Nachbarschaft zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte 
nicht aus, es findet dann Zuzug von ausvräxi% ^\.^\.\,. 



— 228 — 

Männer hauen mit der Axt die Eichenlohden über dem Wurzel- 
stock ab und zerhauen dieselben in 125 cm lange Stücke. Burschen 
und Mädchen legen je ein solches Stück auf die Stirnfläche eines in 
den Boden gerammten Holztrumms von 1 m Höhe, halten dasselbe 
mit der linken Hand fest und klopfen mit dem Rücken eines kleinen 
Beils den Eichenprügel so lange, bis die Rinde auf einer Seite in 
möglichst grader Linie aufgesprungen ist, dann wird die Rinde mit 
der Hand abgezogen. Zum trocknen wird dieselbe in Böcke gelegt, 
welche leicht aus je zwei Paar in einem Abstand von 1 m von ein- 
ander entfernten kreuzweise in die Erde gesteckten Eichenschälprügeln 
hergestellt werden. In jeden solcher Böcke wird ein kräftiger Arm 
voll Rinde zum trocknen eingelegt. Sobald die Rinde getrocknet ist, 
was sich dadurch erkennen läfst, dafs sie nicht mehr zäh ist, sondern 
beim Biegen bricht, wird sie zusammengebunden, gewogen und dem 
Käufer zum Einscheuern überwiesen. In gröfseren Niederwaldkomplexen 
dauert die Schälarbeit meist bis Mitte Juni. Für. die mit der Schäl- 
arbeit Beschäftigten ist es die froheste Zeit im Jahr. Die Arbeit in 
den Waldbergen mit der prächtigen Fernsicht während der schönsten 
Jahreszeit ist lohnend und nicht gerade schwer. 

Mit der Niederwaldwirtschaft ist im gröfseren Teile des Oden- 
waldes zugleich der Hackwaldbetrieb verbunden. Sobald Holz und 
Rinde von der Abtriebsfläche entfernt ist, wird das zurückgebliebene 
feinere Reisig nebst dem Bodenüberzug an der am höchsten gelegenen 
Stelle der Fläche angezündet. Das Feuer läuft langsam über den 
ganzen Abtrieb herunter und verwandelt die auf der Fläche liegenden 
organischen Substanzen mehr oder weniger in Asche. Grofse Vor- 
sicht ist erforderlich, um zu verhüten, dafs das Feuer in an- 
grenzendes noch stehendes Holz überlaufe und dort Unheil stifte. 
Nach dem Brennen wird die Asche untergehackt, der freie Boden- 
raum zwischen den Wurzelstöcken wird mit Winterkorn oder Heide- 
korn übersäet. Als Regel gilt, dafs das Brennen vor Johanni statt- 
finden mufs, damit die neuen Eichentriebe vor Winter noch ge- 
nügend verholzen können. Die Ausbesserung der Schläge findet in 
dem auf den Abtrieb folgenden Frühjahr vorzugsweise mit Eichen- 
stummelpflanzen statt, die dann in die Frucht eingesetzt werden. 

Der Hackwaldbetrieb ist ein sehr alter, wohl auf ein Jahrtausend 
zurückreichender Betrieb. Er entsprang dem Bedürfnisse der in engen 
Thälern gelegenen Höfe und Ortschaften nach Heranziehung des 
Waldbodens zur Anzucht der unentbehrlichen Brodfrucht, sowie von 
Stroh zur Einstreu, welche das beschränkte Feldgelände in aus- 
reichendem Matse nicht zu gewähren vermochte. Heute, wo der 



— 229 — 

Arbeitslohn hoch steht und das Brot billig ist, auch die Kommunikations- 
mittel der Art smd, dafs Getreide und Mehl um mäfsigen Preis über- 
all hin geliefert werden, liegt die Frage nahe, ob der Fruchtbau im 
Walde, der bei harter Handarbeit nur geringe Erträge liefert, noch 
am Platze ist und ob die Arbeitskraft der l»eute nicht in nutz- 
bringenderer Weise zu verwerten wäre. Dem Holzwuchse bringt die 
Hackarbeit den Vorteil de;- Bodenlockerung und der Reinigung von 
Unkraut, aber auch den Nachteil, dafs an steilen Hängen der ge- 
lockerte Boden leicht von Wasser abgeschwemmt wird. Durch das 
Brennen werden organische Stoffe vernichtet, auch werden in den 
entstehenden Wirbelwinden die leichteren Aschenbestandteile entführt. 
Ein plötzliches Aufgeben des Hackwaldbetriebs, mit welchem die Be- 
völkerung verwachsen ist, wäre übrigens ganz unthunlich. Nicht 
unwahrscheinlich ist es aber, dafs die Anzucht von Feldfrucht im 
Niederwald mehr und mehr nachlassen wird und ganz aufhört, wenn 
die Industrie sich mehr ausbreitet und der überschüssigen Volkskraft 
lohnenderen Verdienst bietet. 

Von alters her sind die Niederwaldbestände gemischt. Neben 
Eichen finden sich Hainbuchen, Haseln und andre Holzarten. Die 
Tendenz des rationellen Wirtschafters geht dahin, reine ungemischte 
Eichenbestände herzustellen. Um dies zu erreichen, werden schon im 
fünften Jahre nach dem Abtrieb sämtliche Stockausschläge, welche 
nicht von Eichen stammen, weggehauen und wird diese Mafsregel, 
wenn nötig, drei Jahre später nochmals vorgenommen. Es hat sich 
ergeben, dafs wenn dieses Zurückschneiden der Triebe der Nicht- 
eichen, das ist der sogenannten Raumhölzer, durch drei ümtriebszeiten 
hindurch energisch durchgeführt wird, die Raumholzstöcke, deren Aus- 
rodung in dem steinigen Boden zu hohe Kosten verursachen würde, 
absterben und bei fleifsiger Nachpflanzung von Eichen reine Eichen- 
bestände erzielt werden. 

Die Walderträge sind sehr verschieden. Hochwald liefert im 
Naturdlertrag mehr als Niederwald, Nadelholzhochwald mehr als 
Laubhochwald. Während in Waldungen auf Urgebirgsboden des nord- 
westlichen Odenwalds jährliche Durchschnittserträge von nahezu 
acht Festmetern pro ha entfallen und das jährliche Gesamtdurch- 
schnittsergebnis aus dem Teile des Odenwalds, welcher dem Ur- 
gebirge angehört, sich auf 6^/4 Festmeter pro ha und Jahr stellt, 
ergeben die Waldungen des Buntsandsteingebiets im Gesamtdurch- 
schnitt nur 2V4 Festmeter Holzmasse pro ha. 

Minder ungünstig stellen sich die Eeinerlöse aus Holz im Bvss^- 
sandsteingebiet. Während sich der B,^met\ö^ «».ws. ^cJsa. ^^^ ^^ 



— 230 — 

in den hessischen Domanialwaldungen auf Urgebirgsboden im Jahre 
1884 — 85 auf 34 Mark stellte, belief sich in demselben Jahre der 
Reinerlös aus den in dem Buntsandsteingebiet gelegenen hessischen 
Domanialwaldungen auf 31 Mark. 

Veranlafst ist ditse relativ bedeutende Höhe der Waldgelderträge 
im Buntsandsteingebiet durch die hier im Domanialbesitz befindlichen 
gut bestockten Eichenschälwaldungen. Die Eichenschälwaldungen des 
Odenwalds liefern den Zentralplätzen der deutschen Lederindustrie, 
insbesondere Worms und Heilbronn, ganz vorzugsweise die für 
bestimmte Lederarten unentbehrliche Lohrinde erster Qualität. Der 
Odenwald ist das wichtigste Produktionsgebiet für deutsche Lohrinde, 
die Odenwalder Rinde gilt neben der Rinde von der Mosel für die 
allerbeste Ware. 

Die Verwertung derselben findet auf dem alljährlich in Hirsch- 
horn, Heidelberg und Erbach stattfindenden Rindenmärkten statt. 
Im Jahre 1888 kamen in Hirschhorn 49 795 Zentner, in Heidelberg 
17 665 und in Erbach 10349 Zentner, zusammen 77 809 Zentner 
zum Ausgebot und wurden hierfür 455 631 Mark erlöst. Diese Rinden, 
welche öffentlich versteigert werden, stammen aus den Staats-, Gemeinde-, 
den Standesherrlichen und einigen wenigen andren Privatwaldungen. 
Der kleine Private versteigert in der Regel seine Rinde nicht, sondern 
wohnt den Versteigerungen als Zuhörer bei und verwertet dann, 
nachdem er sich den Preisstand gemerkt hat, seine Rinde nach 
Mafsgabe desselben aus der Hand. 

Jene 77 809 Zentner sind der durchschnittliche Ertrag einer 

Eichenschälwaldfläche von ungefähr 15350 ha. Bei Unterstellung 

einer 15jährigen Umtriebszeit beträgt die jährlich zum Hieb kommende 

15350 
Fläche — tr~ = 1023 ha. Es werden sonach im Durchschnitt pro ha 

ungefähr ^r— — - = 76 Zentner geerntet. 

Da nach der oben mitgeteilten Zusammenstellung die Eichen- 
schälwaldfläche des Odenwalds 22 880 ha grofs ist, so könnten bei 
Annahme gleichen Durchschnittsertags und bei Annahme einer 
15jährigen Umtriebszeit auf der jährlichen Schlagfläche von 

^^^ = 1525 ha, jährlich 1525X76 = 115 900 Zentner Eichenrinde 

geerntet werden. Das wirklich anfallende Quantum wird sich in- 
dessen erheblich niedriger stellen, da in den 7530 ha Eichenschäl- 
waldungen, welche sich im kleinen Privatbesitze befinden, mit Rück- 
sicht auf die meist niedrigere Umtnebsz^it wxvd die schlechtere Be- 



— 231 — 

schaffenheit dieser Waldungen die Produktion wohl nicht höher als 

auf durchschnittlich 40 Zentner Rinde auf einer der 11jährigen Um- 

7530 
triebszeit entsprechenden jährlichen Hiebfläche von . = 685 ha 

veranschlagt werden kann, so dafs das jährliche Ergebnis aus den 
kleinen Privatwaldungen auf 685X40=27 400 Zentner Und die 
thatsächlich durschschnittlich jährlich aus dem Odenwald zum 
Verkauf gelangende Rindenmenge auf 77 809+27 400 = rund 105 000 
Zentner veranschlagt werden kann. 

Von Interesse ist es, die Frage zu beantworten, bis zu welcher 
Höhe sich durch tüchtige Bewirtschaftung die Lohrindenproduktion 
des Odenwalds ohne Vergröfserung der Schälwaldfläche wohl steigern 
liefse. Es ist hierbei nicht zu übersehen, dafs auch in den Staats-, 
Gemeinde- und Standesherrlichen Waldungen der normale Ertrag 
bei weitem noch nicht erreicht ist. Die rationelle Forstwirtschaft 
ist noch zu jung, als dafs die Ziele, welche sie sich im Eichenschäl- 
waldbetrieb gesteckt hat, bereits erreicht sein könnten. In hessischen 
Domanialwaldungen werden in guten Lagen bei 15jähriger ümtriebs- 
zeit nicht selten Erträge von 160 Zentnern Rinde pro ha ge- 
emtet. Ist dieser Ertrag als die obere Grenze des Erreichbaren an- 
zusehen, so wird es doch möglich sein, den durchschnittlichen ßinden- 
ertrag pro ha Hiebsfläche auf 100 Zentner zu bringen. Es würde 
dies bei der jährlichen Hiebsfläche von 1525 ha, einen Ertrag von 
152 500 Zentnern ausmachen oder ein Mehrergebnis von etwa 
47 000 Zentnern mit einem Geldwert von 262000 Mark gegenüber 
dem seitherigen Ertrage. 

Erwähnt möge noch sein, dafs der Erlös für Rinde im all- 
gemeinen als der Reinertrag des Schälwalds angesehen werden kann, 
indem der Wert des Schälholzes die Kosten deckt. 

Die Jagdbestände sollten im Odenwald besser sein. In jenem 
Teil des Gebirgs, wo der Waldbesitz zersplittert ist, vermag sich 
ein guter Wildstand nicht zu entwickeln und zu halten. Auf 
gröfseren Hubengütem gehört dem Besitzer des Hofs auch das Jagd- 
recht. Es ist darum nicht zu verwundern, wenn jedes Stück Wild; 
welches sich auf ein solches Jagdgebiet verirrt, als gute Beute an- 
gesehen und wo möglich schon beim Überwechseln über die Grenze 
auf dem Anstand erlegt wird. Ähnlich ergeht es, wenn die Gemeinde- 
jagden in zu kleine Jagdbezirke eingeteilt sind, was häufig vor- 
kommt. Der Stand an Rehen und Hasen ist denn auch im gröfseren 
Teile des Odenwalds kein guter. Dagegen beherbergt der 0^%^^ 
des Mümlingthals gelegene Teil des G^\>\t%a, m YiÄdtievs^ ^'st ^cös.- 



— 232 — 

gedehnte standesherrliche Besitz dem Wilde genügenden Schutz ge- 
währt und insbesondere das nach dem Neckar hin liegende Wald- 
land, einen stattlichen Rotwildstand. Unter dem Vordringen von 
Sauen hat der Odenwald bis jetzt nicht zu leiden, auch wird ihm 
diese Plage wohl erspart bleiben, da es an ausgedehnten Fichten- 
und Tannendickungen fehlt, welche den Sauen unzugängliche Schlupf- 
winkel bieten. 

Dem Gedeihen einer andern Wildart ist gerade der schlecht 
bestockte Bauernwald sehr zusagend. Es ist dies das Birkwild, 
welches am liebsten seinen Stand an den verlichteten, durch Streu- 
rechen geschwächten, verheideten Waldbergen nimmt und im Bunt- 
sandsteingebiet des Odenwalds überall dort vorkommt, wo ihm der- 
artige Distrikte geboten werden. Auch der Auerhahn hat sich im 
Odenwald noch erhalten und hat sich im allgemeinen in der Neuzeit 
vermehrt. Insbesondere hat derselbe seinen Stand auf dem Gebirgs- 
rücken zwischen Weschnitz und Gersprenz einerseits und Mümling 
andrerseits. 

Raubzeug kommt überall vor, der Dachs an manchen Orten 
in solcher Menge, dafs seine Hegzeit häufig aufgehoben werden mufs, 
um seinen Schaden in den Kartoffelfeldern, sowie in Weinbergen und 
Maisäckern mehr einzuschränken. 

Dafs die Wilderei keine in den Vordergrund tretende Rolle bei 
solchen Jagdverhältnissen spielen wird, ergiebt sich von selbst. Die 
gefährlichen gewerbsmäfsigen Wilderer bilden sich nur aus bei reichem 
Wildstand, insbesondere von Rotwild, Damwild und Rehen. Keines- 
wegs soll aber damit gesagt werden, dafs es im Odenwald an Jagd- 
frevlern mangele. Das einsam gelegene Bauerngehöft mag häufig 
die Versuchung bieten, beim Frühpürschgang , wenn das Wild zu 
Holze zieht, in dem nahe gelegenen Buschwald einen Braten zu 
ergattern. 

Für die Fischerei sind die Bäche und Flüfschen des Odenwalds 
sehr geeignet. Insbesondere ist es die Forelle und die Asche, welche 
dieselben bevölkern. Nachdem die Fischerei allzulange Stiefkind ge- 
wesen ist, nimmt sich die neuere Gesetzgebung derselben an, durch 
Verleihung von Prämien für Vertilgung von Fischottern und Fisch- 
reihern wird auf Minderung der Fischfeinde hingewirkt, gesetzliche 
Schonzeiten sorgen dafür, dafs die Edelfische beim Laichen nicht 
gestört werden, das Verderben der Fisch wasser durch schädliche 
Abflüsse aus Fabriken ist verboten, künstliche Fischzuchtanstalten 
sorgen für Bevölkerung der Wasserläufe. Das Interesse für Fisch- 



— 233 — 

zucht ist bei den beteiligten Staaten erwacht, der gute Erfolg wird 
nicht ausbleiben. 

An mineralischen Bodenschätzen ist unser Gebirge reich. Die 
Gewinnung von ^Erzen spielt zwar keine hervorragende Rolle im 
Odenwald, wennschon auTser an andern Orten bei Pfaffenbeerfurth 
Mangan- und Eisenerze in einem gegen 400 Arbeiter beschäftigenden 
Bergwerk zu Tage gefördert werden. Wichtiger ist der Gewinn, 
welcher durch Ausnutzung des Felsenmaterials, des Syenits, Granits 
und Sandsteins erzielt wird. 

Die ältesten Sandsteinbrüche befinden sich' längs des Neckars, 
wo der billige Wassertransport die Verfrachtung nach den rheinischen 
Städtenleicht^ermöglichte. Mit dem Ausbau des^Strafsennetzes und 
der Bahnen drangen die Steinbrecher weiter in das Innere des Ge- 
birgs vor und legten dort Brüche an, wo der Stein besonders gute 
Eigenschaften" zeigte. Die Steine werden an^Ort und Stelle in den 
Brüchen meist so zugehauen, wie sie zu Ornamenten, Baikonen, 
Fenster- und Thürfassungen , Pfosten]^ u. a. im Plane der Bau- 
meister]^vorgesehen sind. Wo ein solcher^Bruch^eröflnet wird, da 
kommt neues Leben in die Gegend. Unsre aufblühenden Städte 
haben grofsen Bedarf, die Bestellungen gehen nicht aus. Wer Ge- 
schick hat in den nächstgelegenen Ortschaften, bildet sich zum 
Steinbrecher und Steinhauer aus.'^:_Fremde tüchtige^Arbeiter siedeln 
sich an und dienen als Lehrmeister,^ es werden^'in der Nähe der 
Brüche Neubauten errichtet, die Geschäftsleute der Stadt kommen 
und gehen, der Wohlstand hebt sich. 

Während die Sandsteine' des^ Odenwalds schon'Ivon' alter Zeit 
her in Benutzung genommen wurden,'^hat sich die Industrie erst in 
den letzten Jahren in ausgedehnterem Mafse der Ausbeutung der 
Granite und^Syenite zugewendet^ und J zwar sofort in einem solchen 
Grade, dafs von einem grassierenden Granitfieber gesprochen werden 
konnte.'* .^Die'^ hellen^Granite'^ werden vorzugsweise nur zu Pflaster- 
steinen und Randsteinen an Trottoirs verarbeitet, die [dunkelen Syenite 
aber,^wie^sie[^sich namentlich in der^^Gegend^von'^Lindenfels finden, 
werden geschliffen und sind,^, wenn fehlerfrei, zu [den prachtvollsten 
Denkmälern verwendbar. Leider sind tadellose Felsen, d. h. solche 
von gleichmäfsig dunkler Färbung ohne helle Adern, recht selten, 
so dafs auch der Preis fehlerfreier Felsstücke ein sehr hoher ist. 
Derartige Felsstücke werden, um sie besser auszunutzen, jetzt viel- 
fach in Tafeln gesägt und nur zu äufseren Verkleidungen verwendet, 
ähnlich wie die edlen Hölzer nicht massiv, sondern nur als Fourniere 
Verwendung finden. Dem aufmerksamen Besucher unsrer Industrie- 



— 234 — 

ausstellungen dürften die prächtigen geschliffenen Odenwälder Syenit- 
tafehi, welche dem schönsten dunkeln Marmor vergleichbaar sind, 
diesen aber in der Dauer unendlich übertreffen, wohl niqht ent- 
gangen sein. 

Wo Steinbrüche angelegt und die Felsen an Ort nnd Stelle 
verarbeitet werden, da fällt dem Besitzer des Grund und Bodens, 
dem Steinbruchunternehmer, den Arbeitern und den Fuhrleuten 
lohnender Verdienst zu. Wir wollen unserm Gebirge wünschen, 
dafs diese an den Odenwälder Grund und Boden gebundene Industrie, 
bei welcher der Arbeiter in seinem heimischen Dorfe sefshaft bleibt, 
diese naturgemäfse Verbindung ajwischen Landwirtschaft und Industrie, 
bei welcher die Familie dem Hauptgewerbe, dem Ackerbau, treu 
bleibt und nur die überschüs$ige männliche Arbeitskraft ap die 
Industrie abgiebt, zum Segen des Odenwalds auch in Zukunft ei» 
gutes Gedeihen haben möge. 

Für den Betrieb der Landuiirtschaft ist wie in so manpher 
andern Beziehung, die geologische Formation von der eingreifendsten 
Bedeutung. Im Urgebirgsboden des nordwestlichen Odenwalds ist 
der Boden im allgemeinen kräftig und frisch und liefert bei v^r-^ 
ständigem Bau gute Erträge. Im Gersprenzthal und an der Berg- 
strafse wird, wie bereits oben bemerkt wurde, Weinbau getrieben. 
An den untern Hängen und insbesondere auch in den SeitentlpLälern 
gedeiht das Obst vortrefflich. Dem Kernobst aus diesen, Lagen 
wird nachgerühmt, dafs es sich weit besser über Winter konserviere, 
wie das Obst aus der wärmeren. Rheinebene. Hopfen, Tabak, rn^cj 
Zuckerrüben werden nur in geringem Mafse angebaut, die Anzucht 
von Futtergewächsen und Körnerfrüchten steht im Vordergru^cJ, 
Weizen gedeiht auch noch in den höheren Lagen. 

Schwieriger ist der Betrieb der Landwirtschaft im BunisaAdr 
steingebiet. Der Boden ist matter und trockener und, bedarf starker 
Düngung. Der sandige Boden ist leicht beweglich. Der Düpger, 
welcher unter schwerer Anstrengung der Zugtiere auf deu Acker 
am Berge&hang geschafft worden ist, wird durch den Regen, wieder 
abgeschwemmt, die Besserung geht verloren. Weizen und Handels- 
ge Wächte gedeihe» nicht mehr, als wichtigste Halmfrucht tritt der 
Hafer in den Vordergrund. Die Ernten sind gering, der Betrieb 
des Ackerbaus schafft Sorge um Sorge und wenig Gewinn. Selbst 
Bauern mit grofsem Grundbesitz, die fleifsig bei der Arbeit sind, 
kommen finanziell nicht recht vorwärts. Häufig wird der Fehler 
gemacht, dafs der Viehstand im Verhältnis zur Wirtschaft zu zahl- 
reicJi ist Überhaupt ist nicht zu verkennen^ dafs maneheß besser 



— 235 — 

stehen könnte, wenn besser gewirtschaftet würde. Was bei richtiger 
Behandlung sichere Erträge liefert, das ist die Wiese und der Wald. 
Wo ein Wasser rieselt, da sollte mit Fleifs und Umsicht das Wasser 
zur Bewässerung ausgenutzt und eine Wiese hergerichtet werden. 
Der Wald des Bauern müfste pfleglich behandelt werden, statt dafs 
er ausgeraubt wird. Der Viehstand dürfte nicht übertrieben sein, 
sondern im richtigen Verhältnis zur Futterproduktion stehen. Das 
Hauptgewicht wäre auf die Anzucht von Jungvieh zu legen, welches 
in die Bauernhöfe der Rheinebene leicht Absatz findet, da in dieser 
letzteren die Anzucht von Jungvieh nicht ratsam ist, während Ein- 
stellen von Milchvieh, das nach dem Abmelken gemästet wird, am 
besten rentiert. Der eigentliche Ackerbau müfste von den höheren 
und steileren Bergen, wohin er nicht mehr gehört, sich wieder zu- 
rückziehen und auf ein thunlichst kleines Mafs beschränken. Gegen- 
wärtig ist er zu extensiv betrieben. An seine Stelle könnte in 
vielen Lagen der Obstbau auf Grasland treten, dem fleifsig künst- 
licher Dünger zuzuwenden wäre. Andre Flächen wären dem Walde 
wieder zuzuweisen, der allzusehr zurückgedrängt wurde. Um 
Wandel zu schaffen, ist es hohe Zeit, denn die Bauern sind in 
diesem Gebirgsteile in schwieriger Lage, grofs ist die Zahl der dem 
Verkauf ausgesetzten Güter und ihr Preis beim Übergang in andre 
Hand nicht hoch. 

In dem nordwestlichen Teile des Odenwalds sind die Wohn- 
stääen meist zu geschlossenen Dörfern zusammengedrängt, während 
die isolierten Höfe seltener sind, im südöstlichen Teil ist die Hof- 
wirtschaft stärker vertreten. Zahlreich sind hier noch die sogenannten 
Hubengüter. In dem Thalgrund liegen die Gebäude, an diese stofsen 
die Wiesen längs der Wasserläufe an. Den untern Teil der Hänge 
nehmen die Äcker ein, die am weitesten abgelegenen Teile deckt 
der Wald des Hubenbauern. Eine Reihe solcher Höfe bildet zu- 
sammen eine Ortschaft, welche dann eine bedeutende räumliche Aus- 
dehnung gewinnen kann. So bilden die beiden in einem Seitenthale 
der Mümling nahe bei Erbach gelegenen Dörfer Ober- und ünter- 
Mossau, welche zusammen aus 139 bewohnten Häusern bestehen und 
990 Einwohner haben, eine zusammenhängende Dorfschaft von 
10 Kilometern Länge. 

Die Hofraithen der gröfseren Bauern bestehen vielfach aus 
stattlichen Wohnhäusern mit prächtigen Wirtschaftsgebäuden, deren 
Dächer nach der Hofseite hin weit überstehen. Das Wohnhaus wird 
mit Vorliebe von Stein gebaut. Ebenso der untere Teil dft% ^xdr 
schaftBgebäudes bis zur Stalldecke, wahiexifli öiet Oö^x^ '^HöOs. %»ä 



— 236 — 

Holz und Fachwerk aufgeführt ist. Nicht selten aber zeigen auch 
die Hofgebäude des Grofsbauern Vernachlässigung und deuten den 
Rückgang im- Wohlstand des Bewohners an. Der kleine Mann, der 
Kleinbauer und Taglöhner, erbaut sich gern ein Haus, welches Wohn- 
und Wirtschaftsraum unter einem Dache um schliefst. Der untere 
Stock enthält ebener Erde einen Stall und daneben noch einen zum 
Aufbewahren von Wirtschaftsprodukten geeigneten Raum. In die 
darüber gelegenen Wohnräume der Familie führt von aufsen eine 
untermauerte Steintreppe ohne Geländer, welche sich mit der einen 
Längsseite an die Front des Hauses anlehnt. Dieselbe endigt oben 
in einer gröfseren Sandsteinplatte, von der man durch die Thüre in 
den Wohnraum eintritt. Unter dieser Platte befindet sich der Eingang 
in den Stall. Schwer zu verstehen ist es, wie die Kinder über die 
Fährlichkeiten einer solchen Bauanlage glücklich hinüberkommen, 
ohne bei den ersten Geh- und Kletterversuchen von der Plattform 
der Treppe herabzustürzen und Schaden zu erleiden. Auch bei diesen 
Häusern der kleinen Leute ist der untere Stock von Stein gebaut, 
der darüber befindliche, die Wohnräume der Familie umschliefsende, 
ist von Holz und Fachwerk ausgeführt. Dafs die Familie über dem 
Stalle im Winter warm wohnt, ist begreiflich, aber ebenso, dafs diese 
Wohnräume im Sommer von ungezählten Fliegen bevölkert sind. 

Die alte Kleidertracht des Odenwälders ist in raschem Ver- 
schwinden begriffen. Noch vor wenigen Dezennien trug der Mann 
schwarze Jacke mit Kniehosen und grofsem aufgeknöpftem Schlapp- 
hut von Filz oder pelzverbrämter Mütze. Die Frauentracht bestand 
in dunkelen halblangen Röcken mit schwarzen Brusttüchern und 
einem meist schwarzen anliegenden Käppchen, welches frischen 
Gesichtern gut stand. Nun hat auch im Odenwald die AUerwelts- 
mode ihren siegreichen Einzug gehalten und bald werden die letzten 
Reste einer originellen Volkstracht verschwunden sein. 

Die eigentliche gröfsere Fabrikindustrie ist im Odenwald noch 
nicht sehr entwickelt, ja vielleicht in einzelnen Zweigen gegen früher 
zurückgegangen. Eine Anzahl Fabriken im Mümlingthale fertigten 
Tuche von unverwüstlicher Dauer. Der Zug der Neuzeit, welcher 
mehr darauf gerichtet ist, billige und moderne als teure und dauer- 
hafte Kleiderstoffe zu beziehen, scheint dieser Industrie nicht günstig 
gewesen zu sein. 

Eine bedeutende Holzindustrie vermochte sich im Odenwald 

nicht zu entwickeln. Einesteils nimmt die Buche, welche vorzugs- 

welse nur dem Bremiholzbedarf dient, ein zu grofses Gebiet ein, 



— 237 — 

andernteils ist der Niederwald, welcher der Holzindustrie kein 
Material liefert, zu sehr verbreitet. Aber auch der Umstand, dafs 
so grofse Waldflächen im kleinen Privatbesitze befindlich sind und 
der Staat nur geringen Anteil an dem Waldbesitze hat, steht hindernd 
im Wege. Denn während der Staat nach dem Prinzip des höchsten 
Waldreinertrags wirtschaftet, welches Prinzip ihn bei der Hochwald- 
wirtschaft zur Anzucht von Nutzholz und insbesondere zur Anzucht 
wertvoller Starkhölzer führt, wie sie die Holzindustrie bedarf, wirt- 
schaftet der Private nach Mafsgabe des augenblicklichen Bedürfnisses 
seines Geldbeutels und kommt dabei naturgemäfs nicht leicht zur 
Anzucht starker Bäume. Der Odenwald sieht auf den beiden ihn 
bespülenden Flüssen, dem Neckar und dem Main, zahlreiche mit Holz- 
produkten beladene Flöfse vorübertreiben, er selbst aber liefert ver- 
hältnismäfsig wenig Holzprodukte zur Weiterverfrachtung. Die beiden 
wichtigsten Holzprodukte, welche ausgeführt werden, sind das sogenannte 
Hobelholz, d. h. meterlange etwa 20 cm starke Rundstücke zur Fabri- 
kation von Zündhölzern und sogenanntes Pfählholz, das ist ins Schicht- 
mafs gesetztes Scheit- und Knüppelholz^ aus welchem Wingertspfähle 
gerissen werden. Beide Produkte liefert die Kiefer im 60 — 80jährigen 
Umtrieb. Das junge Kiefernholz, welches zu Wingertspfählen weniger 
geeignet ist, weil es gedreht gewachsen ist und nicht gerade gerissen 
werden kann, findet als Grubenholz (sogenanntes Stempelholz) nach 
den Kohlenrevieren an der Saar seinen Abgang. 

Aufserdem sind noch einige Fabriken zu erwähnen, welche 
Holzwolle produzieren. Es ist dies jenes aus ganz feinen Hobelspähnen 
bestehende Material, welches zur Verpackung von getrockneten 
Früchten und dergleichen Verwendung findet. 

Ein Triftsystem ist im Odenwald nirgends vorhanden. Recht 
entwickelt ist an einzelnen Orten die Hausindustrie, Vor allem ge- 
niefst die Elfenbeinschnitzerei in Erbach mit Recht einen guten Ruf. 
Sie liefert zugleich den Beweis, dafs der Odenwälder zur Ausübung 
des Kunsthandwerks Befähigung besitzt. Sodann finden sich in ver- 
schiedenen Orten Spielwarenschnitzer, Horndreher, Schmiede und 
andre Handwerker, die ihre Produkte nach auswärts verkaufen. 
Auch Zigarrenfabrikation bildet hier und da eine Hausindustrie. 
Der Verfertiger der Zigarren sucht seine Produkte thunlichst direkt 
an den Konsumenten zu verkaufen. 

Nicht unerwähnt darf bleiben, dafs der Odenwälder einen leb- 
haften Sinn für den Handel hat und dafs selbst aus dfe\!ö.\svxv<£«v ^^'^ 
G^birgs die Märkte der zunächst geVegexv^iv S^XäÖl^.^ Va ^«^ '^^«ä^».- 

Qeogr, Blätter. Bremen, 1889. ^ 



- 238 — 

und Mainebene mit den landwirtschaftlichen zum Marktverkauf ge- 
eigneten Produkten ganz regelmäfsig befahren werden. 



Dem Vorstehenden soll sich in einem der nächsten Hefte eine 
geologische Skizze über den Odenwald anschliefsen , die auf die 
neuesten Arbeiten in geologischer Beziehung sich stützt und die 
Beziehungen zwischen dem geologischen Boden und den Vegetations- 
verhältnissen berücksichtigen wird. 



Die Geographie auf der Pariser Allgemeinen 

Ausstellung 1889. 

Von A. Oppel. 



Wir leben in einem Zeitalter der Ausstellungen und der Kon- 
gresse. Staaten und Städte, Erdteile und Länder, Gesellschaften, 
Vereine und einzelne Personen veranstalten solche. Wer alle diese 
Schöpfungen zählen wollte, dessen Aufmerksamkeit wäre das ganze 
Jahr hindurch in Anspruch genommen, und wer nur die in sein 
Fach einschlagenden alle besuchen wollte, der müfste nicht nur das 
ganze Jahr auf Reisen sein, die ihn durch alle Teile der zivilisierten 
und halbzivilisierten Welt führen würden, sondern er wäre auch 
gezvningen sich zu teilen und seine körperlichen und geistigen 
Kräfte in das Ungemessene zu vervielfältigen. Unter diesen Um- 
ständen nimmt es nur wunder, dafs nicht schon längst eine Fach- 
zeitung entstanden ist, die sich ausschliefslich mit den Ausstellungen 
und dem Ausstellungswesen beschäftigt. 

Mit der mehr und mehr veraltenden und aussterbenden Form 
der Märkte und Messen in ursächlichem Zusammenhange stehend, 
haben die Ausstellungen für Gewerbe und Industrie den Reigen er- 
öi&iet und allmählich alle diejenigen Zweige und Fächer mensch- 
licher Thätigkeit nach sich gezogen, welche über ausstellbare, d. h. 
körperliche Gegenstände verfügen, fähig, die Augen zu beschäftigen 
und zu fesseln. 

Gemäfs ihrer Entstehung dienen die gewerblichen und indu- 
striellen Ausstellungen dem Zwecke, die verschiedenen Erzeugnisse 
in rorteilhaftestcr Weise bekannt zu machen, die Kauflust zu be- 
leben und anzuspornen, die gescliäftiidie T\ia.\iv%\LÄ\t vx heben und 



— 239 — 

immer lohnender zu gestalten. Das ist das unmittelbare Ziel. Aber 
um dies möglichst vollständig zu erreichen, begnügte man sich nicht 
damit, die betrefifenden Gegenstände aufzustellen und vorzuführen, 
sondern man ging einen Schritt weiter und suchte durch die Art 
der Anordnung und der Aufstellung selbst sowie durch anderweitige 
Veranstaltungen, die an sich den rein fachmäfsigen Gesichtspunkten 
fern stehen, das Interesse in immer weitere Kreise zu tragen und 
immer gröfsere Menschenmengen anzulocken. Der Gedanke, auf das 
Vergnügungsbedürfnis und den angenehmen Zeitvertreib der Menschen 
einzuwirken, war es, der das Ausstellungswesen populär gemacht 
und zu seiner Ausbreitung in viel höherm Mafse beigetragen hat, 
als es die ursprünglichen Absichten zu thun vermochten. So 
sind die Ausstellungen mit ihren verschiedenartigen nebensächlichen 
Veranstaltungen und Anhängseln zu Volksvergnügungen, und wenn 
man will, sogar zu Nationalfesten geworden. Dafs dies Urteil das 
richtige trifft, beweist vielleicht keine Ausstellung mehr als die dies- 
jährige „Exposition Universelle" in Paris. Denn von den Millionen, 
welche im Laufe dieser Sommermonate das JVIarsfeld und die Inva- 
lidenesplanade besucht haben und noch besuchen werden, mögen 
sie aus Frankreich oder aus dem Auslande kommen, liefs sich die 
Mehrzahl von dem Verlangen nach Abwechselung, nach Zerstreuung, 
nach Zeitvertreib leiten. Bei den Franzosen speziell ist es aufser- 
dem das Bedürfnis nach patriotischer Aufmunterung und Selbst- 
verherrlichung, das immer neue Scharen, Meereswogen gleich, durch 
die gewaltigen Räume dieses nationalen Schaustückes führt. Und 
anderswo dürfte es kaum anders sein. Denn das Vergnügungs- 
bedürfnis hat in dem Menschen ebenso starke Wurzeln wie der 
Drang des Lebens überhaupt. 

Aber es wäre falsch und ungerecht zugleich, diese Seite des 
Ausstellungswesens, weil sie das Bedürfnis der Menge zu befriedigen 
sucht, als die wesentliche zu bezeichnen oder gar ihre Richtung als 
eine verfehlte anzusehen. Denn es unterliegt keinem Zweifel, dafs 
die modernen Ausstellungen, namentlich diejenigen gröfsern Stils, 
vermöge ihres Inhalts wie ihrer Form auch tiefer wirken, nicht nur 
das Auge beschäftigen, sondern auch bilden, nicht nur die Zeit 
vertreiben, sondern auch den Beobachtungssinn kräftigen, neue 
Begriffe und Vorstellungen anregen und dadurch mittelbar zur Volks- 
bildung beitragen. Und damit greift das Ausstellungswesen in das 
Gebiet der höheren geistigen Thätigkeit, in die Gefilde der Kunst 
und Wissenschaft über. Dafs solchgestaltete wiikl\^\vfe ^'<>rt^<5txas% 
nur eineai Bruchteil der Besucher zu tei\ vraöi^ N^t^ÄJl^^S^ \sssäci^ 



— 240 — 

und thut der Sache selbst keinen Eintrag. Denn auch hier kann 
man sagen: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt". 

Fassen wir den allgemein belehrenden Zweck der Ausstellungen 
etwas näher ins Auge, so dürfen wir die Frage aufwerfen, welchen 
Wissenszweigen kommen sie zunächst zu gute? Die Antwort 
lautet: In erster Linie der Wirtschaftskunde und der Kultur- 
geschichte. Das läfst sich nicht bestreiten, zumal gegenüber 
dem Wesen der grofsen, oder der Weltausstellungen. Wer es sich 
zum Ziele gesetzt hat, das wirtschaftliche Leben der Völker, diesen 
zwar jungen, aber äufserst bedeutungsvollen und zukunftsreichen 
Zweig der modernen Wissenschaft, kennen zu lernen und in seinen 
Wurzeln und Verzweigungen zu verstehen, dem kann gar keine 
günstigere Gelegenheit geboten werden, als eine allgemeine Aus- 
stellung, auf der die verschiedensten Erzeugnisse der verschiedensten 
Länder neben einander gereiht, den gegenseitigen Vergleich heraus- 
fordern. Zur Wirtschaftskunde aber verhält sich die Kulturgeschichte 
wie zur Praxis die Theorie oder vielleicht wie zur Thätigkeit die 
reflektierende Betrachtung. Kein Zweifel: eine vollständige Welt- 
ausstellung ist ein fast vollständiges Bild der gegenwärtigen Kultur. 
Wirtschaftskunde und Kulturgeschichte aber stehen in naher 
Beziehung zur Geographie, ja, sie sind, wenn wir diesen Begriff in 
seiner weitesten Ausdehnung als Kenntnis der Erde und der Mensch- 
heit, sowie ihrer gegenseitigen Bedingtheit auffassen, in ihr ent-» 
halten, sie gehen in ihr auf. Und gerade die Wirtschaftskunde ist 
es, welche uns den Menschen in seinen unmittelbarsten Beziehungen 
zur Erdrinde zeigt, denn es giebt keinen Stoff, den er ihr nicht 
entnähme, der nicht die Grundlage seines materiellen Lebens an 
seinem Teile ausmachte. 

So sind ohne Frage die grofsen Ausstellungen von dem Stile 
der „Exposition Universelle" in Paris auch der Geographie, insbesondere 
ihrer grofsen Spezialabteilung, der Länder- und Völkerkunde, von 
Nutzen. Aber die Geographie ist nicht nur der empfangende Teil, 
sie ist auch ein gebender. Denn die heutigen Ausstellungen, eben 
weil sie auch belehrend wirken wollen, bedienen sich in immer er- 
höhtem Mafsstabe derjenigen Darstellungsmittel, welche die Geo- 
graphie zu eigenen Zwecken entweder selbst ausgebildet oder andern 
Fächern entlehnt und in ihrer Weise verwendet hat. Ich meine 
körperliche Nachbildungen in Form von Oberflächenreliefs und mensch- 
lichen Figuren, Karten, Bilder, Photographien, Schriftwerke, stati- 
stische Eeihen und Diagramme u. a. Auf keiner Ausstellung hat 
man sieb meines Wissens dieser geogiap\i\sc»\i«u Da.tatellungs- und 



— 241 — 

Anschauungsmittel in ausgedehnterm Mafsstabe und in wirksamerer 
Weise bedient als grade bei der „Exposition Universelle" in Paris. 
Die Verwendung dieser Mittel ist zwar kein ganz neuer Gesichts- 
punkt, aber der vielfältige und fast systematisch durchgeführte Ge- 
brauch bildet einen durchaus bezeichnenden Charakterzug der Pariser 
Ausstellung. Das Streben, belehrend zu wirken, drängt sich in 
einzelnen Fällen dermafsen in den Vordergrund, dafs man sich ver- 
sucht fühlen könnte, die betreffenden Teile als Ausstellung für 
Landeskunde, nicht aber für Gewerbe und Industrie zu bezeichnen. 

Diese beiden scharf ausgeprägten Eigenschaften, einerseits die 
Absicht, über Land und Volk zu belehren, anderseits die naturgemäfs 
sich ergebende Anwendung zahlreicher geographischen Darstellungs- 
mittel, sind es, welche der „Exposition Universelle" einen gewissen 
Grad wissenschaftlich-geographischen Wertes sichern, auch wenn 
nicht noch besondere Veranstaltungen getroffen worden wären, welche 
unmittelbar oder fast unmittelbar in das Fach der Länder- und 
Völkerkunde einschlagen. Die Gesamtheit aller der im vorstehenden 
angedeuteten Gesichtspunkte dürfte es daher rechtfertigen, wenn im 
folgenden, auf Anregung der Redaktion, die Stellung unsrer geo- 
graphischen Wissenschaft zum Gegenstande einer Besprechung ge- 
macht wird. Dafs diese nur in Form einer Übersicht über die 
wesentlichen Erscheinungen gehalten sein kann, ohne die Einzel- 
heiten anzuführen, das legt der dafür in Anspruch genommene 
Raum von selbst nahe. 

Die Pariser Allgemeine Ausstellung hatte bei dem Mangel eines 
völlig ausreichenden einheitlichen Raumes, wie bekannt, auf vier 
verschiedene Plätze, das Marsfeld, die Invalidenesplanade, den beide 
Teile verbindenden Abschnitt des Orsaykais und den Garten unter- 
halb des Trocaderopalastes verteilt werden müssen. 

Diese für die Besucher sehr fühlbare Trennung der in ihren 
äufsersten Diagonalenden fast stundenweit auseinander gezogenen 
Anlagen, deren räumliche Entfernungen zwar teilweise durch die 
Decauvillebahn gemindert, aber doch wieder durch die zahlreichen 
Strafsenüberführungen (hohe Brücken) vermehrt werden, hatte eine 
einheitliche und systematische Aufstellung der zusammengehörigen 
oder verwandten Gegenstände vereitelt. Zwar ist die Gewerbe- und 
Industrieabteilung, zumal diejenige für Frankreich, in dem Haupt- 
palaste auf dem Marsfelde vereinigt, und in demselben haben auch 
die meisten europäischen Länder sowie einige aufsereuropäische 
Platz gefunden. Im übrigen aber sind die für den Geographen be- 
sonders anziehenden Länder und SonderausstelUxiv^'eiv xjfe^x -«Sä, ^^s5t 



— 242 — 

Plätze verstreut. Dies gilt auch von denjenigen Ministerien, welche 
in ihren Räumen die Geographie berücksichtigt haben. So hat 
das Ministerium für öffentliche Arbeiten sein Gebäude im Trocadero- 
garten untergebracht, das Ackerbauministerium auf dem Orsaykai, 
das Kriegsministerium auf der Invalidenesplanade, das Unterrichts- 
ministerium und das Ministerium des Innern im Palais des arts 
liberaux auf dem Marsfelde, das Ministerium für Kolonien auf der 
Invalidenesplanade und das Marineministerium teils im Palais des 
arts liberaux, teils auf der Invalidenesplanade. Diese bei dem Besuch 
recht zeitraubende Anordnung verbietet es selbstredend, bei der 
nachfolgenden Übersicht die einzelnen Ausstellungen nach ihrer 
räumlichen Lage zu beschreiben, und gebietet die in Betracht kom- 
menden Gegenstände nach sachlichen Kategorien zusammenzufassen. 

Solcher Kategorien möchte ich drei bezeichnen. Unmittelbar 
auf die Geographie bezügliche Gegenstände umfafst die erste Gruppe; 
zur zweiten gehören diejenigen, welche in sehr nahen Beziehungen 
zur Geographie stehen und zur dritten sind jene zu rechnen, welche 
nur mittelbar dafür in Betracht kommen. 

Als eigentlich geographische Gegenstände sind 1. der y^Globe 
terrestre"^ 2. die Ausstellung für Geographie und Kosmographie, 
Anthropologie, Urgeschichte und Ethnographie, 3. die daran sich an- 
schliefsende Schweizerische Gruppe, sowie 4. die fachmäfsig geord- 
neten kartographischen und statistischen Zusammenstellungen einiger 
Ministerien zu bezeichnen. 

Der Globe terrestre, ein Privatunternehmen der Herren Villard 
und Cottard, ist in einem nahe dem Palais des arts liberaux be- 
findlichen Gebäude aufgestellt, das den Grundrifs eines Vielecks und 
ein konisches Lichtdach hat. An den Binnenwänden dieses Gebäudes 
sind vorwiegend hölzerne Gallerien angebracht, welche von einer 
bestimmten Höhe an allmählich nach unten führen. Da von der 
obersten Gallerie eine Treppe nach einer mitten über dem Globus 
befindlichen ringsum freien Terrasse geht, so kann man* folglich vom 
Nordpole bis zum Südpole alle Teile dieser um das millionenfache 
verkleinerten Erdkugel mit völliger Mufse betrachten. Man kann 
sich also nicht blofs seitlich aufserhalb der Erdoberfläche stellen, 
sondern auch seinen Standpunkt über oder unter dem Pole nehmen. 
Für das Verständnis gewisser Kartenprojektionen ist das sehr lehr- 
reich, zumal sich auch von Zeit zu Zeit die seitliche Perspektive 
verändert, wenn der Globus durch eine am Südpol befindliche Kurbel 
in langsame Drehung versetzt wird. Das technische Hauptproblem, 
die Kugeigestalt herzustellen, ist dadurch gelöst worden, dafs eine 



— 243 — 

Reihe von Parallelkreisen und Meridianen aus Eisenreifen in gegen- 
seitige Verbindung gebracht und dies Gestell mit entsprechend 
untereinander zusammengesetzten Deckstücken aus bemalter Lein- 
wand, 586 an Zahl, überzogen worden ist. Während nun die 
Rundung des Globus nichts zu wünschen übrig läfat, ist die 
Zusanmienfügung der einzelnen Deckstücke nicht ganz gelungen, 
denn man kann die Verbindungsstellen nicht nur deutlich erkennen, 
sondern diese zeigen auch verschiedentliche Risse und Brüche. 

Gemäfs des Mafsstabeö 1 : 1 Million beträgt der Äquator des Globus 
40 m, der Durchmesser, den man für alle Teile gleich gemacht hat, 
12,7 m. Wie bereits angedeutet, ist die Oberfläche nicht in Relief 
ausgebildet, sondern es sind die meisten Bezeichnungen mittels Ölfarben 
aufgetragen. Das Meer erscheint wie gewöhnlich blau, und zwar 
in fünf Schattierungen nach den fünf Tiefenstufen (0 — 2000, 
2000—4000, 4000—6000, 6000—8000 und über 8000 m) vom 
Hellen zum Dunkeln abgetönt. Diese Stufenleiter zeugt nicht von 
glücklicher Wahl und richtigem Verständnis für das Relief der 
Tiefsee. Denn es giebt, um nur eines anzuführen, einige Meere, 
welche nur einige hundert Meter tief sind und deren charakteristische 
Stellung als Randmeere durch Einbeziehung in die Tiefenklasse bis 
2000 m vollständig verwischt wird. Die Landoberfläche ist im 
allgemeinen mit einem hellbraunen Tone überzogen, aus dem die 
Gebirge, in geschickter Weise nach Reliefmanier gemalt, sich deutlich 
hervorheben, ebenso die durch weifsliche Färbung bezeichneten 
Gletscher- und Eisverhältnisse. Die Vulkane sind durch rote Punkte, 
die Flüsse durch blaue Linien angedeutet. Aufser den Oberflächen- 
erscheinungen sind auch politische und wirtschaftHche Verhältnisse 
berücksichtigt worden, als politische Grenzen durch schwarze Kreuze, 
Eisenbahnen durch rote Linien, Telegraphen durch vergoldete Linien, 
die grofsen Seeverkehrsrouten durch verschiedenfarbige Linien (Eng- 
land blau, Frankreich rot, Deutschland schwarz u. a.), die 
wichtigsten Forschungsreisen ebenfalls durch Linien mit verschiedenen 
Farben je nach der Nationalität der Reisenden, endlich die Mineral- 
lager durch verschiedenfarbige Knöpfe, z. B. die Kohlenlager durch 
schwarze, das Eisen durch rote, das Silber durch silberfarbige, das 
Gold durch vergoldete u. a. Endlich findet man an den Wänden 
und auf den Gallerien des Gebäudes eine Ausstellung von Globen- 
karten verschiedener Art, statistische Tabellen u. a. 

Die geographische Fachausstellung ist in dem mittleren Teile 
des sogenannten Palais des arts liberaux untergebracht. Sie zerfällt 
in zwei deutlich unterschiedene Teile. Der ^m^ Aet^^«^ \sss&ü5>^ 



— 244 — 

die Geographie und Kosmographie und ist in einer Doppelreihe von 
zimmer artigen Nischen oder Kojen angeordnet, welche den beiden 
Seitenwänden des Gebäudes entlang laufen. Als Aussteller finden 
sich hier die Ministerien der Marine und des Innern, der französische 
Alpenklub, mehrere französische geographische Gesellschaften (von 
Paris, Lille, Bordeaux u. a.) und endlich eine grofse Zahl Buch- 
händlerfirmen, Kartographen, Lithographen und Privatgelehrte. Die 
ausgestellten Gegenstände bestehen aus Globen, kosmographischen 
Darstellungs- und Unterrichtsmitteln, plastischen Reliefs in Gyps 
und Papiermache, Karten des verschiedensten Mafsstabes und mannig- 
faltigen Zwecken dienend, Atlanten für Hand- und Schulgebrauch, 
zahlreichen Büchern für alle möglichen Richtungen, Ölbildern, Zeich- 
nungen und Photographien, endlich aus statistischen Tabellen und 
Diagrammen. 

Systematische Gesichtspunkte sind bei dieser Fachstellung nicht 
mafsgebend gewesen, sondern man hat die Auswahl der Gegenstände 
den einzelnen Ausstellern überlassen. Daher bietet sie ein ebenso 
buntes und mannigfaltiges, wie unregelmäfsiges Bild und es kommt 
mehr als einmal vor, dafs ein und derselbe Gegenstand mehrfach 
vertreten ist. Die geologische Karte von Frankreich z. B. ist vier 
mal vorgeführt, nämlich von dem Ministerium des Innern, von dem 
Kartenzeichner, von dem Lithographen und von der betreffenden 
Verlagsfirma. Mir erscheint dies Verfahren als ein Nachteil ; da der 
zur Verfügung stehende Raum ohnehin nicht übermäfsig grofs ist, 
so hätte es sich vielmehr empfohlen, die Wiederholungen zu ver- 
meiden und etwa ein systematisches Bild von der Entwickelung der 
einzelnen Zweige der Geographie und ihrer Darstellungsmittel zu 
entrollen. In dem einen Raum hätten beispielsweise die Original- 
aufnahmen, in einem andern die stufenweisen Reduktionen, be- 
ziehentlich die verschiedenen Arten der Karten aufgestellt werden 
können, in andern die Atlanten, die schulgeographischen Sachen, 
die Reliefs u. a. Dieser Vorschlag findet seine Begründung in 
dem Umstände, dafs, da die Aussteller dieser Abteilung ausschliefslich 
Franzosen sind, die von ihnen vorgeführten Gegenstände sich vor- 
zugsweise auf Frankreich und seine auswärtigen Besitzungen beziehen, 
andre Teile der Erde aber nur in geringem Mafse berücksichtigt 
sind, soweit es sich nicht um Darstellung allgemeiner Verhältnisse 
handelt. Man hätte dadurch auch die Einfügung von minderwertigen 
oder recht mittelmäfsigen Sachen, an denen es durchaus nicht fehlt, 
vermeiden können. 

Ist es nun gestattet die Fachausstellung für Geographie und 



— 245 — 

Kosmographie als Ausdruck der Leistungsfähigkeit der Franzosen 
auf dem Gebiete der Wissenschaft und der Technik zu betrachten 
und einen vergleichenden kritischen Mafsstab anzulegen, so möchte 
ich im allgemeinen sagen, dafs nicht in allen Teilen den höchsten 
Forderungen entsprochen wird. Die aufgestellten Reliefs z. B. sind 
fast durchweg mäfsige, ja teilweise minderwertige Leistungen und 
können den Vergleich mit den Darbietungen andrer Länder, 
insonderheit denen der Schweiz, nicht aushalten. Dasselbe gilt von 
den Handatlanten, die, mit Ausnahme des noch nicht vollendeten 
Atlas von Vivien St. Martin, in Zeichnung, Kolorit und Druck für 
veraltet gelten können und weit hinter unserm Stieler, ja selbst 
hinter dem so billigen Andree zurückstehen. Dies Gefühl werden 
die Franzosen selbst haben und deshalb hat sich die berühmte 
Firma Hachette & Co. entschlossen, noch vor Vollendung des aller- 
dings vorzüglichen und äuTsert sorgfältig gezeichneten Vivien einen 
Handatlas von mäfsiger Gröfse herstellen zu lassen, von dem bereits 
zwei Lieferungen vorliegen. Dieser Atlas, unter Leitung der Herren 
Schrader, F. Prudent und E. Anthoine erscheinend (fertig 20 Frcs.), 
macht, nach den Probeblättern zu urteilen, einen guten Eindruck 
und wird bei gleichmäfsiger Arbeit ohne Zweifel alle übrigen 
französischen Werke gleicher Art weit übertreffen. Das ist auch 
die Absicht der Verlagsfirma, die sich in der Ankündigung unter 
anderm wie folgt äufsert: „Wir bemühen uns der französischen 
Kartographie den hohen Rang wiederzugeben, welchen sie im letzten 
Jahrhunderte einnahm." Mittelmäfsig sind auch sämtliche aus- 
gestellte Schulatlanten, von denen keiner auch nur im entferntesten 
unsem bessern Leistungen, etwa denen von E. Debes oder H. Wagner 
an die Seite gestellt werden kann. 

Doch genug der Einwendungen! Die Gerechtigkeit fordert, 
dafs auch das Bessere erwähnt werde. Dahin gehören besonders 
einige gröfsere Karten, auf denen durch eine Art Terrainmalerei die 
Gebirgsbildung sehr gut hervortritt, die meisten Globen und kosmo- 
graphischen Anschauungsmittel, die schönen geologischen und topo- 
graphischen Karten und vor allem auch die sehr umfangreichen und 
eingehenden Darstellungen über französische Statistik, welche Herrn 
Turquan, den Leiter der Statistik im Ministerium des Innern, zum 
Verfasser haben. Endlich können auch die allerdings älteren Reliefs 
von Levasseur und Fräulein Kleinhans als gute Arbeiten bezeichnet 
werden. 

In der Mitte des Palais des arts liberaux und durch breite 
Gänge von den Kojen für Geographie und Ro^xivo^x^^^^'^ ^^Hx^^ös^- 



— 246 — 

erhebt sich ein Aufbau aus Holz, der zu ebener Erde und im ersten 
Stock die Ausstellung für Anthropologie, Urgeschichte und Völker- 
kunde enthält. Bei der Ausführung dieses recht anziehenden Teils 
hat man im Gegensatze zu der vorher besprochenen Gruppe sich 
teilweise von systematischen Gesichtspunkten leiten lassen. Die 
Aufsenwände sind teils mit grofsen farbigen Bildern, mehrere Völker- 
typen darstellend, mit ethnographischen und vorgeschichtlichen 
Gegenständen, zu hübschen Gruppen angeordnet, sowie mit darauf 
bezüglichen Photographien versehen. Betritt man das Innere, so 
teilt sich dieser in einen grofsen Mittelraum und in, denselben um- 
gebende, halboffene Gallerien. Die Hauptanziehungskraft üben hier 
eine Reihe von Gruppen, die, aus bekleideten lebensgrofsen Figuren 
bestehend, die Vertreter mehrer vorgeschichtlteher und moderner 
Völker in charakteristischen Beschäftigungen darstellen. Man be- 
merkt da u. a. ein Samojedenlager (mit Zelt, SchUtten, Ren- 
tier u. a.), Negerschmiede aus dem Sudan, chinesische Metall- 
arbeiter, Rennjäger in der Steinzeit, altgriechische Töpfer, alt- 
ägyptische Weber u. a., meist gute Gruppen, an die sich weiterhin 
Darstellungen zur Geschichte der Arbeit anschliefsen. Den übrigen 
Raum zu ebener Erde nehmen anthropologische, urgeschichtliche und 
ethnographische Darstellungen und Sammlungen ein. Den besten 
Eindruck macht hier die von Dänemark angeordnete Gruppe, welche 
sich einerseits auf die Urgeschichte dieses Landes, anderseits auf 
die Völkerkunde Grönlands bezieht. Die urgeschichtlich-ethno- 
graphische Ausstellung ist auf dem ersten Stock des Mittelbaues 
weiter fortgesetzt und ausgeführt. Man findet da besonders die 
Darstellung anthropologischer Messungsmethoden, mehrere ethno- 
graphische Karten, zahlreiche Photographien von Völkertypen u. a., 
die trefflichen Sammlungen des Prinzen Roland Bonaparte, farbige 
Gesichtsmasken von Völkertypen und eine grofse und sehr reich- 
haltige Kollektivsammlung älterer kunstgewerblicher Arbeiten aus 
China und Japan. Auch an diese schliefst sich, ohne deutliche 
Trennung, die Ausstellung zur Geschichte der Arbeit. 

Die Darbietungen dieser ersten Etage rühren ausschliefslich 
von Privatpersonen her; unter ihnen befinden sich auch zwei 
Deutsche, nämlich Professor Schafhausen in Bonn, der seine anthro- 
pologische Messungsmethode in anschaulicher Weise dargestellt hat, 
und unser Dr. Otto Finsch, der eine gröfsere Zahl seiner bekannten 
Völkermasken nach Paris sandte. 

Dürfen wir auch über die anthropologisch-ethnographische Ab- 
teilung ein kurzes Urteil fällen, so kann dies im allgemeinen nur 



— 247 — 

günstig lauten; denn sie ist reichhaltig und gut aufgestellt. In 
richtiger Würdigung der Art der Besucher hat man nach eindrucks- 
voller Anschaulichkeit gestrebt, welcher Richtung vor allem die oben 
erwähnten Figurengruppen entsprechen, ohne dabei die Forderungen 
der etwaigen wissenschaftlichen Besucher aus dem Auge zu verlieren. 
Letztere könnten allerdings der Organisation eine schwere Einwen- 
dung machen. Diese betrifft einerseits den Mangel einer Unter- 
scheidung zwischen den beiden benachbarten Abteilungen (für Anthro- 
pologie-Völkerkunde und für Geschichte der Arbeit), anderseits das 
Vermengen der Vorgeschichte mit der modernen Völkerkunde, das 
zumal auf das gewöhnliche Publikum nur verwirrend wirken kann. 

In geringer Entfernung von den eben beschriebenen Räumen 
befindet sich die geographische Gruppe der Schweiz, die sich teils 
aus offiziellen Einsendungen, teils aus Gegenständen von Privatbesitz 
(Buchhändlerfirmen , Kartographen , Privatpersonen) zusammensetzt 
und einen recht stattlichen Raum füllt. Wir finden da an den 
Wänden die topographische (Dufour) und die geologische Karte der 
ganzen Schweiz, jede im Mafsstabe 1 : 100000, zusammengestellt und 
in Rahmen eingefafst, femer die Blätter des sogenannten Siegfried- 
atlas, 1 : 25000 beziehungsweise 50000 und zahlreiche andre Karten, 
Schulatlanten, Bücher, Photographien, Ölgemälde und vor allem eine 
Reihe plastischer und farbiger Reliefs, unter ihnen die ausgezeich- 
neten Darstellungen der Jungfraugruppe von Ingenieur Simon und der 
Monterosagruppe von Ingenieur Imfeid. Letztere, zwar nicht ganz neu, 
stellt wohl das beste dar, was heutzutage auf dem Gebiete der geo- 
graphischen Reliefs gearbeitet worden ist, eine wahre Muster- und 
Meisterleistung. Überhaupt mufs jeder Geograph und jeder Alpen- 
freund an der Schweizerischen Gruppe seine wahre und aufrichtige 
Freude haben und niemand, der sie gesehen, wird anstehen, ihr von 
allen geographischen Darbietungen die Palme zuzuerkennen; sie ist 
verdient sowohl* durch die meist vorzügliche Beschaffenheit der aus- 
gestellten Gegenstände, wie durch die Planmäfsigkeit der Anordnung. 
Frankreich hätte sich ganz entschieden des gleichen Verfahrens be- 
dienen sollen, dann hätte auch das grofse Publikum seine Abteilung 
mehr gewürdigt, als dies thatsächlich geschieht; denn seine Kojen 
machen meist einen etwas vereinsamten Eindruck. 

Die Ministerialausstellungen bieten dadurch ein speziell geo- 
graphisches Interesse, weil in denselben die Originalaufnahmen und 
die Karten grofsen Mafsstabes teils für das ganze Frankreich, teils 
für einzelne Gebiete und einige auswärtige Besitzungen vorgeführt 
werden. Der Preis von allen beteiligten Mm\s»i^\.\fcTL ^ox^^ ^^so^ 



— 248 — 

Kriegsministeritim zuzuerkennen sein, welches in mehreren Räumen 
nicht nur seine gegenwärtig gültigen Karten ausgestellt, sondern auch 
solche aus früherer Zeit der allgemeinen Besichtigung zu teil werden 
läfst. Dadurch wird vor allem der allmähliche Fortschritt in der 
Herstellung der sogenannten Generalstabskarten, der cartes ä 
grande echelle, wie sie die Franzosen mit Vorliebe nennen, vor Augen 
geführt. Die gegenwärtigen Karten des französischen Generalstabs 
— le Service geographique de l'Armee — sind ohne Zweifel tüchtige 
und schöne Leistungen, aber ich möchte doch Bedenken tragen, sie 
als solche unbedingt ersten Ranges zu bezeichnen und zwar zunächst 
mit Hinblick auf die Schweizer Karten gleichen Mafsstabes, die be- 
züglich der Plastizität der Gebirge über den französischen stehen. 
In demselben Pavillon wie das Ki-iegsministerium hat auch das 
Marineministerium — service hydrographique de la marine — seine 
Seekarten, die sich, in verschiedenen Mafsstäben, auf alle Teile der 
Welt beziehen, zur Schau gestellt, einen Teil derselben aber auch 
in einer der Nischen des Palais des arts liberaux untergebracht. 
An verschiedenen Stellen des letzteren sind die Aufnahmen und 
Karten des Ministeriums des Innern zu sehen, unter diesen vor allem 
eine grofse Karte im Mafsstabe 1 : 100000, deren meiste Blätter vom 
„Service vicinal" unter der Oberleitung des Herrn Anthoine bei den 
Gebrüdern Erhard ausgeführt, fertig vorliegen; etwa ein Achtel des 
Ganzen, das südwestliche Frankreich umfassend, befindet sich zur 
Zeit noch in Arbeit. Nach dem Muster topographischer Karten an- 
gelegt, berücksichtigt dies grofse Unternehmen aufser den gewöhn- 
lichen Verhältnissen auch die Verbreitung von Wald- und Kulturland, 
welches durch grüne Farbe bezeichnet wird. Der Pavillon des 
Ministeriums für öffentliche Arbeiten, im Trocaderogarten, enthält 
eine Anzahl wichtiger Karten und Aufnahmen; beispielsweise das 
Nivellement von Frankreich (etat d'avancement du Reseau fondamental), 
zahlreiche Blätter der genauen geologischen Karte von Frankreich, 
1 : 80 000, und mehrere Karten aus dem Gebiete der wirtschaftlichen 
Statistik, z. B, über die Mineralproduktion der Erde und Frankreichs. 
Das Ministerium für Ackerbau hat es sich angelegen sein lassen, 
die in sein Fach schlagenden Gesichtspunkte durch Karten zu er- 
läutern; darunter verdienen diejenigen, welche die Verbreitung des 
Weinbaues zum Gegenstande haben, besondere Beachtung. Über die 
Anstrengungen des Kolonialministeriums werde ich nachher sprechen. 
Diesen Abschnitt beende ich mit der Bemerkung, dafs auch das 
Unterrichtsministerium etwas für die Geographie gethan hat, insofern 
es in seiner weitverzweigten Abteilung nicht nur das Unterrichts- 



— 249 — 

wesen der Geographie, sondern auch die von ihm veranlafsten wissen- 
schaftlichen Reisen, soweit das im Bereiche der Möglichkeit liegt, 
zur Anschauung brachte. Bezüglich der ausgestellten Unterrichts- 
mittel mufs allerdings bemerkt werden, dafs sich sehr viel in ver- 
schlossenen Glasschränken befand, so dafs man nur die Titel sah. 

Damit ist die Betrachtung der unmittelbar in das Fach der 
Geographie einschlagenden Gegenstände beendet. Zu der zweiten 
Kategorie, die sich wieder in mehrere Unterabteilungen zerlegen liefse, 
gehört streng genommen die ganze übrige Ausstellung, insofern 
kein Land oder Gebiet es verschmäht hat, die geographischen Aus- 
stellungsmittel zu benutzen, um die Besucher über die allgemeinen 
Verhältnisse zu unterrichten, in einzelnen Fällen sogar geographische 
Arbeiten als Ausstellungsgegenstände auftreten. Das Studium dieser 
Kategorie ist mit noch mehr Mühe und Zeitverlust verknüpft als das 
der ersten, weil alle Räume, mit Ausnahme des Palais des beaux arts 
und der Maschinenhalle, durchsucht werden müssen. Daher kann es, 
trotz des eifrigsten Nachforschens, geschehen sein, dafs ich den einen 
oder andern Gegenstand übersehen habe. Bei einer ziemlich grofsen Zahl 
war übrigens eine genaue Besichtigung unmöglich oder sehr erschwert, 
weil sie in ungünstiger Weise — meist zu hoch oder in schlechtem 
Lichte — untergebracht sind. 

Immerhin aber darf die darauf verw'endete Mühe noch als 
eine lohnende bezeichnet werden, nicht nur, weil die in unser Fach 
gehörenden Gegenstände sehr zahlreich und in grofser Mannigfaltigkeit 
vertreten sind, sondern auch, weil sie zur Veranschaulichung der 
gröfseren Hälfte der bekannten Erdoberfläche beitragen. Und das 
ist bei der heutigen Zersprengtheit der geographischen Werke, haupt- 
sächlich der Originalkarten, von nicht zu unterschätzendem Belang. 
Denn wer nicht in einem der grofsen geographischen Zentren, etwa 
in Gotha, Berlin, Paris oder London lebt, für den hält es schwer, 
das Material in einer solchen Ausdehnung zu beschaffen, wie es die 
Pariser Ausstellung bietet, ganz zu schweigen von den verhandenen 
Vertretern auswärtiger Volkstypen, den zahllosen Erzeugnissen des 
Bodens und des Gewerbfleifses. 

Ich sagte schon, dafs die gröfsere Hälfte der bekannten Erd- 
oberfläche — allerdings in keineswegs gleichartigem Mafse — ver- 
treten sei. Und das ist richtig. Denn von den europäischen Staaten 
fehlt nur das deutsche Reich, Schweden, die Türkei, Bulgarien und 
Montenegro. Streng genommen müfsten unter den fehlenden auch 
Andorra und Lichtenstein genannt werden, da nämlich die beidftxs. 
Staaten kleinster Gröfse ; San Marino \md^oxia.GO.>m\i^'a.cstÄföt^\^.^^- 



— 250 — 

teilungen ausgestellt haben. Fast vollständig erscheint der Erdteil 
Amerika, denn von diesem haben sich nur Kanada und Costarica, 
und in gewissem Sinne auch die niederländischen und englischen 
Tropenbesitzungen ausgeschlossen. Dasselbe gilt auch von dem 
Erdteil Asien, von dem nur Arabien, Turkestan und die türkischen 
Besitzungen vermifst werden. Allerdings darf nicht unerwähnt 
bleiben, dafs grofse und darunter sehr leistungsfähige Gebiete in sehr 
mangelhafter Weise erscheinen; Indien und China zeigen sich nur 
in Form von Kaufbazars, Kaukasien und Sibirien aber sind in der 
russischen Abteilung eben nur angedeutet. Was Afrika anbetrifft, 
so fehlt von den ausstellungsfähigen selbständigen Ländern der 
Orangefreistaat und der Congofreistaat ; die älteren Kolonialländer 
aber haben die Ausstellung sämtlich beschickt. Australien hat sich 
teilweise tüchtig angestrengt, besonders die Kolonien Viktoria und 
Neuseeland. Aus der Südsee endlich findet man noch Tahiti, Hawaii, 
Neukaledonien und die neuen Hebriden. 

Die Zahl der Gegenstände von geographischem Interesse, welche 
die vertretenen Länder nach Paris geschickt haben, ist selbstredend 
eine aufserordentlich grofse, und wer sie nach Inhalt und Form 
gründlich durchstudieren und sich geistig zu eigen machen wollte, 
der müfste während der ganzen Ausstellungsdauer emsig arbeiten. 
Auch ist kein inhaltlicher oder formeller Zweig im Prinzip unver- 
treten geblieben, wenn sich auch fast in jedem Falle die Ausdehnung 
der geographischen Objekte verschieden gestaltet. Von Darstellungs- 
mitteln sind Reliefs, Karten des verschiedensten Mafsstabes, darunter 
viele in Manuskript, Atlanten, Gemälde, Zeichnungen, Photographien, 
statistische Tabellen und Diagramme, Broschüren und Bücher vor- 
geführt. Von Naturprodukten sind Mineralsammlungen, Tiere und 
Pflanzen, teils in getrocknetem, teils lebendem Zustande zu sehen. 
Besonders reichhaltig ist die Völkerkunde bedacht. Denn man kann 
nicht nur bekleidete Modellfiguren, Volkstrachten und ethnologische 
Sammlungen in Augenschein nehmen, sondern was weit belehrender 
und amüsanter ist, man hat auch zahlreiche lebende Vertreter aus- 
wärtiger Völkerrassen vor Augen. Da giebt es Japaner, Chinesen, 
Indier, Perser, Anamiten, Tonkinesen, Javaner, Neukaledonier, Ägypter, 
Berber, Mauren, nordafrikanische Araber und Juden, Neger vom 
Senegal, vom Gabun und Congo, Mulatten von den französischen 
Antillen und aus Brasilien u. a. Ein wahres lebendes Völker- 
museum, in dem keine der Hauptrassen mit Ausnahme der Eskimo, 
der Buschmänner und der Dravida vermifst wird. Und sie treten 
einem nicht nur in leiblicher Gestall \md oii^m^Aftt Kleidung ent- 



— 251 — 

gegen, sondern wohnen teilweise auch in ihren charakteristischen 
Hütten, Zelten oder Häusern, betreiben da ihre heimischen Ge- 
werbe und Hantierungen und sind von ihren eigenen Geräten, Waffen 
u. a. umgeben. Aber wo dies nicht unmittelbar der Fall ist, 
kann man doch an andern Stellen die Leistungen fremder Völker 
in Gewerbe und Industrie vielfach mit Mufse betrachten. Mit einem 
Worte, für das Studium der modernen Völker- und Kulturkunde ist 
in Paris ein Material geboten, das zwar nicht allumfassend genannt 
werden kann, aber doch so vieles und so vielseitiges bietet, wie es 
sich sobald, und dem Zentraleuropäer so bequem erreichbar, nicht 
wieder bieten dürfte. 

Wie schon mehrfach angedeutet, ist das von den beteiligten 
Ländern beobachtete Verfahren ein sehr verschiedenes. Einige, wie 
Grofsbritannien, Rufsland, Portugal, Italien, Österreich-Ungarn, Bel- 
gien und Rumänien haben die geographischen Darstellungs- und Lock- 
mittel in sehr geringem Umfange angewendet; andre, wie Griechenland, 
Dänemark, Norwegen, die Vereinigten Staaten und Serbien haben etwas 
mehr gethan und wieder andre endlich haben sich darin entschieden 
Mühe gegeben. Von europäischen Ländern gehören dahin die kleineren 
Gebiete, wie Luxemburg, Finnland, San Marino und Monaco, denen 
es offenbar darauf ankam, Aufmerksamkeit zu erregen und sich 
bekannt zu machen. Luxemburg hat besonders zahlreiche Karten, 
meist in sehr grofsem Mafsstabe, physikalischen, geologischen und 
wirtschaftlichen Charakters dargeboten ; Finnland hat durch mannig- 
fache Karten und zahlreiche Photographien das Land mit seinen 
eigenartigen Naturverhältnissen und landschaftlichen Schönheiten, 
das Volk nach Typus und Tracht erläutert, San Marino hat durch 
grofse Ölgemälde die Lage seines Hauptortes veranschaulicht und 
Monaco sich durch eine prachtvolle Sammlung von Photographien 
und lebenden Pflanzen der Mittelmeerflora bemerklich gemacht. Die 
amerikanischen Republiken spanischer Zunge sind mit Ausnahme 
Costarica» vollzählig in Paris erschienen, das sie ja doch als ihr 
Kulturvorbild betrachten. Ihre Leistungen sind verschiedenartig ; 
einige, wie Kolumbia und Peru, haben sich nicht sehr angestrengt; 
andre haben wenigstens versucht, ein Bild von ihrem Land und 
seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zu geben; wieder andre 
haben in stattlichen Gebäuden umfangreiche Sammlungen der ver- 
schiedensten Art vereinigt. Bei fast allen aber tritt das Streben 
hervor, die Besucher mit ihrem Lande bekannt zu machen und seine 
Vorzüge in das beste Licht zu setzen. Die Palme gebührt -^^^Jci. 
MeidkO; fast gleichwertig erscheinen AigeTitm\^xi xxxvÖl C\ä&. ^^si^sö. 



— 252 — 

diese drei tritt Brasilien ganz entschieden zurück. Von den asia- 
tischen selbständigen Ländern verdient vor allem Japan genannt zu 
werden, das sowohl durch seine rein geographischen Anschauungs- 
mittel und Produkte, als auch besonders durch die geradezu glänzende 
Beschickung mit kunstgewerblichen Artikeln, als Bronzen, Porzellan- * 
Sachen, Stickereien und Lackarbeiten ungeteilten Beifall, für manches 
unbedingte Bewunderung erntet. Lehrreich und anziehend ist auch 
der neuerdings am Trocadero angelegte japanische Garten des Herrn 
Casavara. Im Vergleich zu Japan spielen Persien und Siam eine 
bescheidene Rolle, immerhin aber sind die Möbel und Hauseinrichtungs- 
gegenstände aus Siam der Beachtung wert. 

Von den selbständigen afrikanischen Ländern hat Ägypten 
stofflich das meiste dargeboten; vor allem durch die rekonstruierte 
Strafse aus Kairo mit ihren eingeborenen Insassen und den bekannten 
Eseltreibern und Tänzerinnen. Den Schulgeographen konnten die 
Proben der von ägyptischen Schülern hergestellten Karten inter- 
essieren. Neben Ägypten wäre noch Marokko mit gewerblichen 
Artikeln, als Teppichen, Waffen, Sattlerarbeiten und Porzellan, aufser- 
dem der Transvaalstaat besonders mit Mineralien und ethnologischen 
Gegenständen der eingeborenen Bevölkerung zu bemerken. 

Der fünfte Erdteil hatte bezüglich selbständiger Staaten nur 
Hawaii aufzuweisen, das durch Reliefs, Karten und Bilder die 
eminente vulkanische Thätigkeit seiner Inseln, durch Produkte und 
Handfertigkeitsartikel die Leistungsfähigkeit seines Bodens und seiner 
Bewohner darthut. 

Wie die einzelnen europäischen auswärtigen Staaten, so sind 
auch die auswärtigen Besitzungen der europäischen Kolonialmächte 
in verschiedenem Grade für die Belehrung der Besucher thätig ge- 
wesen. Am wenigsten haben sich die spanischen und britischen 
Besitzungen angestrengt. Erstere haben sich fast nur auf den Tabak 
beschränkt, von letzteren aber haben nur die australischen Kolonien 
gesondert ausgestellt. Das australische Festland hat z. B. neben 
zahlreichen Mineralien, Bodenprodukten und Karten eine herrliche 
Gruppe von Farren herstellen lassen, die durch die reizvolle Ge- 
staltung ihrer Wedel einen ebenso seltenen wie entzückenden An- 
blick gewähren. Die physikalischen und wirtschaftlichen Verhält- 
nisse von Neuseeland werden durch eine stattliche Reihe sorgfältig 
ausgeführter Karten, der Typus und die Lebensweise der Maori 
durch Modellgruppen und Bilder erläutert. Portugal und die Nieder- 
lande haben zwar nicht viel Raum für ihre überseeischen Länder 
in Anspruch genommen, aber beide, zwmal Holland^ erzielen durch 



— 253 — 

ein^ gefällige Anordnung von Naturprodukten und ethnographischen 
Gegenständen eine gute Wirkung. 

Die weitaus gröfste Anstrengung unter allen vertretenen 
Kolonialmächten hat natürlich Frankreich gemacht, offenbar mit der 
Absicht, für seine Kolonialpolitik Stimmung im eigenen Lande zu 
machen. Zunächst nimmt die französische Kolonialausstellung, mit 
allem was drum und dran hängt, einen sehr umfangreichen Raum 
ein, nämlich fast die volle (östliche) Hälfte der Esplanade des 
Invalides. Zugleich hat man sich Mühe gegeben, durch Errichtung 
eigenartiger Gebäude, meist im Stile der betreffenden Kolonien und 
Anlage von einheimischen Dörfern und Zeltgruppen, gleich von aufsen 
einen exotischen Eindruck hervorzurufen. Dafs diese Baulichkeiten 
auch von den betreffenden Eingeborenen bewohnt sind, ist schon ge- 
sagt; wo dies aber nicht der Fall ist, hat man wenigstens durch 
Aufstellung von Wachtposten der bunt zusammengewürfelten Kolonial- 
truppe den allgemeinen Charakter der Fremdartigkeit zu wahren 
gesucht. Prächtige Gestalten in teilweise malerischer Tracht sind 
da zu sehen; besonders Algerien und Tunesien hat treffliche Ver- 
treter gesandt. 

Mustern wir ein wenig die so färben- und formenreiche Kolonial- 
abteilung^ so treffen wir gleich links vom östlichen Eingang der 
Esplanade ein marokkanisches Zeltlager; weiterhin folgen Kabylen- 
häuser, ein Congodorf aus sorgfältig gebauten Hütten von Pflanzen- 
stoffen, eine Senegalniederlassung mit Häusern halb aus Lehm und 
halb aus Pflanzenstoffen, fernerhin einige neukaledonische Hütten 
mit den betreffenden Insassen und mancherlei Idolen, dann eine 
anamitische Hausgruppe mit zahlreichen Handwerken und endlich 
ein javanisches Dorf mit den bekannten Tänzerinnen und Musikern. 
Vor und zwischen diesen Anlagen, die sich längs der Ostseite der 
Esplanade hinziehen, sind die Gebäude der einzelnen Kolonien und 
Koloniegruppen errichtet. Dem Quai d'Orsay zunächst steht der 
Pavillon für Algerien, von dessen drei Departements jeder einen 
besonders abgeteilten Raum einnimmt. Die Ausstellung selbst ist 
halb geographisch, halb gewerblich. Dann folgt Tunesien mit einem 
sehr hübschen Pavillon und daran sich anschliefsenden Verkaufs- 
räumen. Ihnen benachbart sind Madagaskar und das farbenprächtige 
Gebäude für Anam und Tonking mit zahlreichen eigenartigen Indu- 
strieleistungen. Daran stöfst, von kleinen Baulichkeiten abgesehen, 
der Kolonialpalast, der, die kleineren Kolonien umschliefsend, vorzugs- 
weise mit Naturprodukten und ethnologischen Sammlungen ^efülli 
ist; doch kommen auch solche Sachen voi, öaö Ä^x^xi^^^i^ö'CKcws^ ^vsS. 

Qeogr, Blätter. Bremen, 1880. V^ 



— 254 — 

das Marsfeld oder auf den Quai d'Orsay gehört hätten. An den 
Kolonialpalast schliefst sich erst ein weiteres Gebäude für Kambod- 
scha und Kochinchina und daran die Nachahmung eines Teils der 
grofsen Tempelruine von Angkor, ein seltsames Bauwerk, dessen In- 
neres eine kleine ethnologische Sammlung birgt. Hinter der Pagode 
von Angkor liegt ein kleines Gebäude für Guadeloupe und Martinique 
und weiter rückwärts ein solches für Guiana. In eine kritisch ab- 
wägende Einzelbeurteilung der in diesen Baulichkeiten zusammen- 
getragenen zahllosen Gegenstände können wir hier nicht eintreten; 
nur das eine mag gesagt sein, dafs es, zumal im Kolonialpalast, 
etwas an Übersichtlichkeit und Einheitlichkeit fehlt. Der Gegen- 
stände sind gar zu viele und unter ihnen sind manche, die entweder 
in die Einzelpavillons der betreffenden Kolonien oder in die Industrie- 
oder Ackerbauräume hätten verwiesen werden sollen. Weniger wäre 
hier also mehr gewesen. 

Dem Ende der Übersicht über den geographischen Teil der 
Pariser Ausstellung nahe gekommen, möchte ich nicht schUefsen, 
ohne als zur dritten Kategorie gehörend noch zweier Veranstaltungen 
zu gedenken, die mit unserm Fache in Beziehung stehen. Die eine 
ist die Reihe von Baulichkeiten, welche der Architekt Ch, Garnier, 
der Erbauer der Grofsen Oper, auf dem Marsfeld nahe dem Seine- 
ufer errichtet und als ,jGeschichte der menschlichen Wohnungen^ be- 
zeichnet hat. Diese Reihe von einigen 40 Anlagen, die in der 
Richtung von Ost nach West angeordnet sind, hat in der Pariser 
Presse mancherlei Einwendungen hervorgerufen, gegen die sich 
Garnier verteidigt teils durch die Versicherung, dafs er sich bei 
der Konstruktion und Rekonstruktion der besten Quellen bedient 
habe, teils mit Hinweis auf die Mangelhaftigkeit der ihm zur Ver- 
fügung gestellten Geldmittel. Damit giebt er indirekt zu, dafs die 
Sache nicht so gut ausgefallen ist, wie es hätte geschehen können 
und ich mufs gestehen, dafs ich bei aller Anerkennung der eigen- 
artigen Schwierigkeiten keinen günstigen Eindruck davon bekommen 
habe. Zunächst stört der unverkennbare Eindruck der Neuheit; 
dann stehen die einzelnen Baulichkeiten meist so dicht neben einander, 
dafs sie kaum individuell hervortreten, sondern eher wie eine Strafse 
aussehen. Der Umstand endlich, dafs in den meisten der Gebäude 
Verkäufer sich eingerichtet haben, deren Typus und Beschäftigung, 
von einzelnen Fällen abgesehen, mit dem Charakter der betreffenden 
Zeiten und Völker nicht übereinstimmen, trägt auch dazu bei, die 
Wirkung zu beeinträchtigen. 

Ch. Garnier teilt seine „Geschichte der Wohnung" in zwei 



— 255 — 

Hauptabschnitte : den vorgeschichtlichen und den geschichtlichen. 
Ersterer zerfällt wieder in zwei doppelt gegliederte Abteilungen — 
Abris naturels en plein air, dans les grottes — habitations construites 
sur l'eau, sur terre. Der geschichtliche Hauptabschnitt hat zunächst 
drei Unterteile : primitive, arische und üiodern-primitive Zivilisationen. 
Zu den primitiven rechnet Garnier die Ägypter, die Assyrier, die 
Phönikier, die Hebräer, die Pelasger und die Etrusker. Als Vertreter 
der arischen Kultur führt er zunächst die Hindu, die Perser, die 
Germanen, die Gallier, die Griechen und Römer mit gewissen zeit- 
lichen Beschränkungen — meist bis zum Beginn des Mittelalters — 
vor und schliefst Baulichkeiten der Hunnen, der Galloromanen, der 
Skandinavier, der Slaven, Russen, Araber und Sudanesen an. Der 
modern-primitiven Zivilisation entsprechen altchinesische und alt- 
japanesische Wohnungen und solche der Eskimo, Lappen, Indianer, 
Azteken, Inkas und der afrikanischen Völker. Auch gegen diese 
Einteilung lassen sich schwere Einwendungen erheben. Zunächst 
scheint das Einteilungsprinzip falsch zu sein, denn ob geschichtlich 
oder vorgeschichtlich, spielt keine Rolle; es kommt bei dem Hause 
nicht auf das Alter, sondern auf die Form an. Daher hätte man 
nicht historische Gesichtspunkte, sondern konstruktive anwenden 
und die verschiedenen Grundformen nach ihrer Entwickelung darstellen 
müssen. Dann hätte man das bunte Durcheinander, das sich jetzt 
darbietet, vermieden. 

Die zweite Veranstaltung, die noch erwähnt werden sollte, ist 
die Ausstellung der französischen HandelsJcammern, Dieselben haben 
in einem an der Seine gelegenen Pavillon durch grofse Reliefs, 
Karten, Pläne, Bilder u. a. eine sehr gelungene Darstellung der 
Kanalhäfen gegeben, die zunächst wohl für Seeleute berechnet, auch 
dem Geographen gute Dienste leistet, indem sie ihm von den be- 
kannten Hafenplätzen des Kanals: Boulogne, Calais, Dünkirchen, 
Dieppe, le Havre und Ronen eine eindrucksvolle Anschauung gewährt, 
förderlich auch für den, der jene Orte selbst gesehen hat. 

Soweit über die Ausstellung selbst ! Aber damit sind die Dar- 
bietungen von unmittelbar oder mittelbar geographischem Interesse 
noch nicht sämtlich aufgeführt, sondern ich mufs noch dreier Kon- 
gresse gedenken, welche ihre Entstehung der Ausstellung verdanken. 
Nach der zeitlichen Reihenfolge genannt sind es der „Congres colonial 
international" vom 30. Juli bis zum 3. August, der „Congres inter- 
national des sciences geographiques" vom 5. bis 10. August und 
der „Congrös international de l'intervention des pouvoirs publics 
dwH rEmigration et l'Immigration" vom 12. bis 15. August. 



^ 256 — 

Der geographische Kongrefs, wie wir ihn kurz nennen wollen, 
war von der Geographischen Gesellschaft in Paris durch in alle 
Welt gesandte Einladungen berufen und unter Leitung der Herren 
Graf von Bizemont und Ch. Gauthiot vorbereitet worden. Die 
Sitzungen, welche jeden Tag in dem eigenen Hause der Geographischen 
Gesellschaft stattfanden, zerfielen in allgemeine und Gruppensitzungen. 
Man hatte sieben Gruppen unterschieden, deren Namen und Beschäf- 
tigungen unten mitgeteilt werden sollen. Die Teilnahme an dem 
Kongresse war eine umfangreiche und bedeutungsvolle. Denn dem 
Organisationskomitee hatte sich nicht nur eine grofse Zahl hervor- 
ragender Vertreter der Geographie und ihrer Hilfswissenschaften aus 
Frankreich zur Verfügung gestellt, insonderheit auch aus den geogra- 
phischen Abteilungen der beteiligten Ministerien, sondern auch aus dem 
Auslande war eine stattliche Zahl von Abgeordneten von Gesellschaften 
und Staaten wie von Privatgelehrten erschienen, so dafs der Kongrefs 
in der That dem Namen eines internationalen entsprach. Offiziell 
vertreten waren nach meinen vielleicht nicht vollständigen Beob- 
achtungen von Europa die Länder Grofsbritannien, Rufsland, Belgien, 
die Niederlande, die Schweiz, Spanien, Portugal, Oesterreich-Ungarn, 
Italien, Dänemark und Schweden, von Amerika Mexiko, Brasilien, 
Argentinien, Nicaragua und Paraguay, aufserdem Ägypten und Japan. 
Das Organisationskomitee hatte dafür gesorgt, dafs es den all- 
gemeinen und Gruppenvereinigungen an Stoff und Beschäftigung 
nicht fehle. Für erstere waren die Tagesordnungen, für die 
Nachmittage, mit den zu behandelnden Gegenständen von vornherein 
festgestellt. Was die Gruppen anbelangt, so waren, mit einer Aus- 
nahme, für jede derselben eine Reihe von Fragen formuliert worden 
und zwar in so bedeutender Zahl, dafs dieselben nicht bewältigt 
werden konnten, zumal zu dem ursprünglichen Programm nach und 
nach viele Gegenstände beigefügt worden waren. Die Verhandlungen 
selbst wurden ausschliefslich in französischer Sprache geführt. 

Besprechen wir zuerst den Inhalt der allgemeinen Versamm- 
lungen, soweit er wissenschaftlicher Natur ist. Die erste derselben 
bildete die feierliche Eröffnung, bei welcher der Ehrenpräsident, Herr 
von Lesseps, die Aufgaben des Kongresses wie der einzelnen Gruppen 
kurz bezeichnete und die Teilnehmer willkommen hiefs. Am 6. August 
besuchte man die Ausstellung, am 7. August wurden die Veränderungen 
des Oxusbettes und die Frage der unterirdischen Höhlen behandelt, 
am 8. August Mitteilungen über F. Nansens Grönlandsreise und 
Lumholtz australische Reise gemacht; am 9. August J. Boreliis 
Beriebt über seine Reise im Lande der Galla und M. von Dechys 



— 257 — 

Darstellung des zentralen Teiles des Kaukasus entgegengenommen; 
am 10. August Höhneis Vortrag über seine Reise nach dem Kili- 
mandscharo und Crampels Beschreibung über seine Reise im Innern 
des Ogowegebiets angehört. Den Schlufs bildeten eine vom Grafen 
von Bizemont vorgetragene Übersicht über die Arbeiten des Kon- 
gresses und die Abscljiedsrede des Präsidenten Daubree. 

Die Sitzungen der sieben Gruppen fanden in gesonderten Räumen 
jeden Vormittag nach 9 Uhr statt. Die erste Gruppe, mathematische 
Geographie (Geodaesie, Topographie, Hydrographie und Kartographie), 
behandelte teils in Vorträgen, teils in Diskussionen und kürzeren 
Bemerkungen eine grofse Reihe von Gegenständen, die ich nur kurz 
erwähne. Es waren die Methoden der Breitenbestimmung, die 
Herstellung der Generalstabskarten und die Wichtigkeit photo- 
graphischer Aufnahmen, die Frage des Nivellements in Gebirgs- 
ländern, die Bestimmung des mittleren Meeresniveaus, die Methoden 
zur Bestimmung der Anziehungskraft der Erde und seismische 
Beobachtungen, die Tiefseeforschung, meteorologische Beobachtungen 
an Bord von Schiffen und Tondinis Vorschlag, den Meridian von 
Jerusalem als allgemeinen Anfangsmeridian anzunehmen. 

Die zweite Gruppe, physische Geographie (allgemeine Geographie, 
Pflanzen- und Tiergeographie, Meteorologie, Klimatologie und 
medizinische Geographie) behandelte folgende Gegenstände : Pestepide- 
mien, geologische Beschaffenheit der Vogesen und der Alpen, seismolo- 
gische Arbeiten in Japan, neue Theorie von der Entstehung der 
Kontinente, Niveau- und Klimaschwankungeu an der westafrikanischen 
Küste, Erosion und Denudation der Gebirge, Beziehungen zwischen 
Bodenfeuchtigkeit und Versumpfung in Soukh-el-Arba. 

Die dritte Gruppe (wirtschaftliche und statistische Geo- 
graphie) erörterte die Auswanderung nach den Plataländem, besonders 
nach Argentinien, die Frage der Fremden in Frankreich, die Beein- 
flussung der Wanderungen seitens der Regierungen, die Angelegenheit 
der Entwaldung und Wiederbewaldung, die Binnenschiffahrt und das 
Kanalwesen in Frankreich, die Saharaeisenbahn und die Stellung 
der wirtschaftUchen Geographie überhaupt. 

Die vierte Gruppe, welche sich mit geschichtlichen Fragen 
zu befassen hatte, empfing Mitteilungen über zahkeiche einzelne 
Gegenstände; ich hebe daraus hervor die Ethnographie und Geo- 
graphie des Golfes von Gabes, die kartographischen Arbeiten der 
Jesuiten in China, die Beziehungen der alten Ägypter zu den 
sogenannten Kuschiten, die Reisen der G^\itüÖL^x Ta^tvö \^a.öö. ^^ssos. 



— 258 — 

Norden, die geographischen Mafse der Alten, die Beziehungen der 
Chinesen zu den Völkern des klassischen Altertums und diejenigen 
der älteren Mittelmeervölker zu den Nordeuropäern. Endlich sprach 
die Gruppe den Wunsch aus, dafs jedes Land ein biographisches 
Lexikon seiner Forschungsreisenden herstellen lassen möge. 

Die fünfte Gruppe, für Schulgeographie, behandelte den für die 
verschiedenen Unterrichtsstufen in Betracht kommenden Lehrstoff, 
die Lehrmittel und Lehrmethode, die Frage der Einführung der 
Ethnographie in den höheren Unterricht, die Beziehungen zwischen 
allgemeiner Erdkunde und spezieller Länderkunde und sprach u. a. 
den Wunsch aus, dafs die Geographie an den höheren Unterrichts- 
anstalten durch einen besonderen Fachmann vertreten sein solle; 
man strebt also auch in Frankreich die Trennung der bisher ver- 
einigten Fächer Geschichte und Geographie an. 

Der sechsten Gruppe für Beisen und Erforschungen wurden 
vorzugsweise Berichte über neue Beisen, Entdeckungen und Beob- 
achtungen dargeboten, so über die Tuareg, über den Flufs 
Paramanema in Brasilien, die Monumente in Samarkand, über die 
Verkehrswege in den portugiesischen Kolonien, Anthropophagen- 
stämme in Brasilien und eine neue französische Mission im oberen 
Laosgebiete. Aufserdem sprach man sich über die Benennung bei 
neuen Entdeckungen und die beste Methode zur Sammlung von 
Kartenmaterial aus. 

Die siebente Gruppe endlich für Anthropologie, Völker- und 
Sprachenkunde hörte Mitteilungen über die Bewohner der Insel 
Rote (Sundainseln), Hamy und de la Croixs Reise zu den Bewohnern 
des südlichen Tunesien, Rabots Vortrag über die Finnen und Lappen, 
Grodekoffs Werk über die Kirgisen u. a. 

Der internationale Kolonialkongre/s, dessen wir noch eben ge- 
denken wollen, war auf Veranlassung des Handelsministers veranstaltet, 
aber von den beteiligten Kolonialmächten nur unvolkommen beschickt 
worden ; England z. B. war gar nicht vertreten. Auch hier zerfielen 
die Sitzungen in allgemeine und solche der (fünf) Gruppen oder 
Sektionen. 

Die allgemeinen Versammlungen wurden durch eine längere 
Rede des Präsidenten Barbey eröffuet, der sich über die Geschichte 
des europäischen Kolonialwesens in sehr guter Weise verbreitet«. 
In den übrigen Versammlungen kamen drei Hauptsachen zur Sprache, 
nämlich der Einflufs der europäischen Bildung auf die Eingeborenen, 
d/e Strafkolonisation und die Reorganisation des französischen 



_ 259 — 

Kolonialwesens. Letzterer Gegenstand führte zu lebhaften Ausein- 
andersetzungen, die schliefslich der Vorsitzende mit dem Hinweise 
abschnitt, dafs der Kongrefs ein internationaler sei und sich nicht 
auf intern französische Sachen beziehen dürfe. 

In den fünf SeMione^i wurde mancherlei behandelt, aber nichts 
in gründlicher und abschliefsender Weise. Die erste Sektion: 
Population et Produits des Colonies, nahm Mitteilungen über die 
Eingeborenen einiger französischer Kolonien (Algerien, Guiana, Ogowe, 
Südseevölker) entgegen, erörterte die Frage des Unterrichts der 
Eingeborenen und beschäftigte sich vorübergehend mit der Akklimati- 
sation. In der zweiten Sektion: Kolonisation, kamen die Regelung 
des Grundbesitzes, die Strafkolonisation und die afrikanische Ein- 
wanderung zur Frage. Die dritte Sektion : Organisation des Colonies, 
erörterte einige allgemeine Gesichtspunkte (Stellung der Kolonie zum 
Mutterlande) und einzelne Reformvorschläge. In der vierten Sektion : 
Colonisation francaise, wurde über die Landeskunde und Kolonisations- 
fähigkeit einiger Gebiete wie Guiana, Senegambien, Algerien und 
Reunion vorgetragen. Die letzte (fünfte) Sektion endlich: Coloni- 
sation etrangfere, bot Berichte über die niederländischen und portu- 
giesischen Kolonien sowie über den Congofreistaat. 

Vergleicht man die beiden einander nahestehenden Kongresse 
bezüglich ihrer Leistungen miteinander, so hat der geographische 
Kongrefs jedenfalls dem Wesen einer internationalen Vereinigung viel 
besser entsprochen als der koloniale. Die Behandlung der einzelnen 
Gegenstände auf dem ersteren war durchaus ruhig, sachgemäfs und 
mitunter auch gründlich, auf dem zweiten vielfach erregt und meist 
oberflächlich. Die Franzosen geben das selbst zu. Ich las z. B. 
eine Äufserung Henri Magers, des Verfassers des Atlas Colonial, der 
den Kolonialkongrefs sehr scharf ins Gebet nimmt und seine 
Leistungen als wertlos bezeichnet. Er betont die Notwendigkeit, 
demnächst einen Congres colonial national zu berufen, auf dem die 
schwebenden Reformfragen gründlich und schonungslos besprochen 
werden müfsten. 



— 260 — 

Die dänische Expedition nach Ostgrönland 1883—85. 

Von H. Rink. 



Einleitung. Reisebericht. Allgemeine Geographie des Landes. Geologische Verhältnisse. 
Glaciale Bildungen. Meteorologische und magnetische Beobachtungen. Wasserstands- 
messungen. Meeresströme. Ethnographie : Körpermessungen, Lebensunterhalt, soziale 
Verhältnisse , Kunstsinn. Religiöse Begriffe. Geisterbeschwörung. Statistik der Be- 
wohner Ostgrönlands. Dialekt und Sagen. 

Nachdem die Bearbeitung der Ergebnisse dieser Expedition 
vollendet, finden sich in den jüngst erschienenen Bänden ES und X 
(nebst Illustrationsband) der „Meddelser om Grönland'' alle die- 
selbe betreffenden Berichte und Mitteilungen vereinigt. Indem ich, 
dem Wunsche der Redaktion dieser Zeitschrift gemäfs, einen Auszug 
aus diesen umfangreichen Bänden zu geben suche, schicke ich die 
Bemerkung voraus, dafs verschiedenes vom Inhalte derselben den 
Lesern der „Deutschen geographischen Blätter" teils in einer Anzeige, 
Bd. X, Heft 2, teils in den Bänden VIII und IX mitgeteilt wurde und 
deshalb hier übergangen werden konnte. Es ist dies namentlich mit 
dem ersten Abschnitte „Om Osterbygden", von Steenstrup, der Fall; 
selbiger war damals aus einem Sonderabdrucke bekannt, jetzt er- 
scheint er, um Karten in 7 Tafeln bereichert. Auch aus dem nächsten 
Abschnitte, dem eigentlichen Reiseberichte, wurde früher schon 
mehreres mitgeteilt. Man wird sich erinnern, dafs Holm mit Garde, 
Knutsen und Eberlin 1883 in Westgrönland ankamen, noch in dem- 
selben Sommer nach Ostgrönland gingen, ein Depot niederlegten und 
darauf in Nanortalik auf der Westküste überwinterten. Im Frühjahr 
1884 wurde die eigentliche Reise mit 4 Böten angetreten, und später 
teilte die Gesellschaft sich, indem Garde und Eberlin nach Nanortalik 
zurückkehrten, wogegen Holm und Knutsen Angmagsalik erreichten 
und dort bei den heidnischen Grönländern überwinterten. Im Sommer 
188B kehrten letztere zurück, während Garde und Eberlin mit neuem 
Vorrat versehen ihnen entgegenreisten und auf der Mitte des Weges 
begegneten. 

Reisebericht. Als Vorgesetzter der grönländischen Besatzung 
und zugleich als Steuerer wurde der Katechet Johannes Hansen, 
auch Hanserak genannt, angenommen. Er ist ein Sohnestochters- 
sohn des dänischen Gründers der Kolonie Julianehaab, konnte aber 
als Halbgrönländer doch kein Dänisch reden. Er besafs die guten 
Eigenschaften eines Grönländers vereinigt mit einem hohen Grade 
von Willenskraft. Obgleich verheiratet und Vater von vielen Kindern, 
beschlofs er doch, auf IV2 Jahr nach der Ostküste zu gehen und 
dort die Heiden etwas vom Christentxmi \iöi^iv v\ lassen» 



— 261 — 

Die Reisegesellschaft bestand aus: 4 Steurem, 20 Ruderinnen, 
7 Kajakmännern, 2 Dolmetschen und Gehilfen (Hendrik und Johan 
Petersen, Halbgrönländer, aber europäisch erzogen) und den 4 euro- 
päischen Reisenden. Die Abreise erfolgte am B. Mai, doch wurde 
die Expedition schon im Ikek-Sund, der um die Südspitze nach der 
Ostküste führt, für den Rest des Monats durch Eis aufgehalten. 
An den hier während des langsamen Vorrückens benutzten Zelt- 
plätzen fand man eine steinerne Lanzenspitze, drei Stückchen Bronze 
mit feinen Ornamenten, ähnlich denen vom Jüngern Eisenzeitalter, 
und grofse ovale Glasperlen, die wahrscheinlich auch altnordischen, 
nicht holländischen Ursprungs sind. 

Nachdem man Anoritok passiert, traf man viele, ebenfalls 
reisende Eingeborene; diese gesellten sich zur Expedition, so dafs 
das ganze Gefolge am 6. Juli etwa aus 9 Böten und 20 Eajaken, 
mit im ganzen 119 Personen bestand. Am 18. Juli wurde das eine 
Boot verabschiedet und nach Nanortalik zurückgesandt, und als man 
am 28. Tingmiarmiut erreicht hatte, traten Garde und Eberlin mit 
einem Boote und zwei Kajaken dem Plane gemäfs ebenfalls die 
Rückreise an. Die Hauptexpedition bestand nun aus Holm, Knutsen, 
Johan Petersen, Johannes Hansen, dem Kajakmanne Samuel und 
6 Ruderinnen in 2 Böten. Sie waren für 1 Jahr proviantiert und 
die Rationen so festgestellt : ^/s Pfd. Schiffsbrot oder ^U Pfd. Fleisch- 
zwieback täglich, ^/s Kanne (1 Kanne = ungefähr 2 Liter) Erbsen, 
Graupen oder Reis jeden zweiten Tag, 1 Lot Kaffee und VU Lot 
(Europäer 2^/3) Zucker täglich für die Person. Dazu kam 1 Pfd. 
Butter wöchentlich für jeden der Europäer. Wenn wir hier hinzu- 
fügen, dafs diese Rationen später noch verringert wurden, wird der 
Leser vielleicht die Zulänglichkeit einer solchen Ernährung für 
kräftige Menschen bei anstrengenden Leistungen in einem kalten 
lüima in Zweifel ziehen. Es ist jedoch zu bemerken, dafs die 
Expedition darauf rechnete, teils durch eigenen Erwerb, teils durch 
Kauf von den Einwohnern, sich Nahrungsmittel, und zwar fette 
animalische verschaffen zu können, und wir werden sehen, dafs 
dieses auch nach Wunsch glückte. Wenn man aber bedenkt, dafs 
der Fang ungewifs ist, dafs ab und zu Hungersnot unter den Ein- 
wohnern herrscht, so bleibt ja immerhin eine Reise in Fellböten 
nach so fernen öden und unbekannten Gegenden auch schon aus 
diesem Grunde ein gewagtes Unternehmen. Ein Verzeichnis der 
Ladung, welche die Reisenden in den zwei Böten mit sich führten, 
dürfte von einigem Interesse sein; sie bestand aus; 7Qft ^^^. 
Schiffsbrot, 600 Ptd. FJeischzwieback, n5)E.^.xfli^xiG^tw.^«v^,\^^^^^^^^ 



Sfii. 



— 262 — 

Erbsen, 20 Kannen Reis, 125 Pfd. Kaffee, 230 Pfd. Zucker, 
320 Pfd. Pemmikan (gedörrtes Fleisch), 160 Pfd. Fleisch (hermetisch 
verschlossen), 150 Pfd. Butter, 10 Dosen Melange d'equipage, 
7 Dosen trockner Zwiebeln, 40 Pfd. trockner Äpfel, 20 Pfd. trockner 
Kartoffeln, 30 Pfd. Chokolade, 50 Dosen konzentrierter Suppe, 9 Kruken 
Liebigs Fleischextrakt, 5 Pfd. Thee, 50 Flakons Kaffeeessenz, 12 
Flaschen Zitronensaft, 12 Flaschen Portwein, 5 Kannen Salz, 25 Pfd. 
Seife, 60 Pfd. Licht, 5 Kannen Essig, 16 Kannen Spiritus, 26 Kannen 
Spirituosen, 70 Pfd. Tabak, 60 Pfd. Pulver, 200 Pfd. Blei, 75 Pfd. 
Schrot. 

Als Kolli für diese Waren dienten 28 Kisten, 20 wasserdichte 
Säcke und 17 Fustagen oder Halbanker. Ferner wurden mitgeführt: 
12 Kisten mit Waren zum Tausch, Instrumenten, Büchern, Chemi- 
kalien, Kleidern u. a. ; endlich kamen hinzu Zelte, Schlafsäcke, 
Stiefelsäcke, Kochgeschirr. Das Ganze betrug 100 gröfsere und 
viele kleinere Kolli, nach Gewicht 6500 Pfd. 

Am 20. August wurde die Dannebrogs-Insel erreicht. Hier 
war es, wo Graah nach ausgestandener grofser Mühe und Beschwerde 
endlich umkehren mufste.*) Die schlimmste Strecke des ganzen 
Weges längs der jetzt bekannten Küste fängt hier in der That erst 
an. Es ist schon früher beschrieben worden, wie unsre Reisenden 
diese gefährliche Stelle, den Ikersuak-Sund passierten. Alles Ungemach 
fand sich hier vereinigt : steile Küste mit Gletscherwänden und ohne 
Landungsplatz, Eisberge und Kalbeis von der Landseite, Grofseis 
und dennoch Seegang von der Meeresseite, endlich heftiger Nord- 
wind mit Schneegestöber, während man wegen des Wellenschlages 
den Kompafs nicht benutzen konnte. Kein Wunder war es, dafs, 
als endlich das Gebiet von Angmagsalik durch Anwendung der 
letzten Kräfte der Ruderinnen erreicht war, der übrige Teil der 
ReisCj die noch über einen Monat fortgesetzt wurde, ihnen nur zum 
Vergnügen veranstaltet zu sein schien. Hier erreichte man denn 
auch den Wohnplatz Tasiusarsuk kitdlek, wo ganz in der Nähe des 
Grönländerhauses die Ruine eines ähnlichen Hauses als äufserst 
dienlich für die Erbauung der Winterwohnung ausersehen wurde. 
Sie bildete gleichsam ein Loch in der Erde, welches mit Leichtigkeit 
vollständig ausgegraben werden konnte. Mit Rasen und Steinen, 
nebst Treibholz, welches hier reichlich vorhanden, wurde dann das 
Gebäude bald vollendet. 



*) Vergl Deutsche geographische Blattei "Band \1, S.. 215, 



— 263 — 

Wir übergehen den Ausflug in diesem Jahre noch, nach Erik des 
Roten Insel, dem äufsersten Ziel der Expedition, womit eine Rund- 
reise in den Fjorden und nach den zerstreuten Wohnplätzen ver- 
bunden war. Überall wurde man aufs freudigste empfangen. Am 
30. September kamen sie nach Tasiusarsuk zurück, und am 
9. Oktober wurde die letzte Bootfahrt ausgeführt, nämlich nach 
dem verlassenen Hause auf der Insel Nunakitit, um Brennholz zu 
sammeln. Daselbst hatte im Winter 1881/82 Hungersnot geherrscht, 
der mehrere Menschen zum Opfer fielen. Man fand Leichen teils 
im, teils aufsen vor dem Hause. 

Im Laufe des Winters war der Nordostwind der vorherrschende 
und heftigste. Die längste Zeit, in der das Treibeis des Meeres 
zusammengefroren ruhig liegen blieb, war im ersten Monat, nämlich 
Februar, währenddessen das Wetter sich klar und still bei — 10 
bis — 26 ^ C. hielt. Am 27. Februar verschwand es, kam aber 
später wieder und hielt sich dann am Lande, bis Ende Juni ein 
Nordwestföhn es von der Küste entfernte. 

Die obenerwähnte Hoffnung, durch grönländische Produkte die 
etwaigen Mängel der Proviantierung ersetzen zu können, ging auf 
eine glänzende Weise in Erfüllung. Für den Wintervorrat konnten 
eingekauft werden: 13 Säcke Seehundspeck, 12 Bündel getrocknetes 
Fleisch (jedes von einem ganzen Seehunde) und 12 unaufgeschnittene 
Seehunde, aufser mehrerem, das erst später geliefert wurde. Dann 
aber fing der eigene Kajakmann der Expedition, Samuel, im Laufe 
des Winters 40 Seehunde, so dafs sogar die Einwohner des Ortes 
sich gelegentlich Mahlzeiten bei ihm holten, wenn ihr Fang mifslang. 
Dennoch mufs man sich über den aufserordentlichen Verbrauch, den 
das kalte Klima erfordert, wundern ; denn zu den Lampen allein können 
kaum die 13 Säcke Speck verbraucht worden sein, das übrige, 
nebst den vielen Seehunden und dabei die reglementsmäfsige Ration, 
mufs alles zur Nahrung gedient haben! 

Dafs hauptsächlich die ethnographischen und anthropologischen 
Arbeiten die Zeit der Reisenden den Winter über vollständig in 
Anspruch nehmen konnten, wird aus den jetzt veröffentlichten 
Ergebnissen derselben einleuchten. Zu ihrem grofsen Bedauern 
konnte die Expedition aus der Fahrt mit Hundeschlitten keinen 
Nutzen ziehen wegen der unter den Hunden ausgebrochenen Seuche. 
Am 5. Mai wurde freilich eine Schlittenfahrt versucht, sie mifslang 
aber vollständig, die Reisenden wurden nur mit Not vor dem Ein- 
sinken durchs mürbe Eis gerettet. Am 9. Juni brachen sie auf 
und verliefsen ihr Winterquartier. Sie 'h.^Aieiv «vdö. ^'^XaK. «sS. ^^ 



— 264 — 

Benutzung des einen Bootes beschränkt; dafs sie in diesem ihre 
sämtlichen Bedürfnisse nebst den grofsen Sammlungen mit sich 
führen konnten, bleibt bewundernswert. Nur mit grofser Mühe 
arbeiteten sie sich zwischen dem Treibeis vorwärts, bis endlich am 
30. Juni ein orkanartiger Föhn das Fahrwasser längs der Küste 
reinigte. Am 4. Juli verliefsen sie den südlichsten Wohnort der 
Angmagsalikker und eilten nun erwartungsvoll ihrer Hilfsexpedition 
entgegen. Wie es dieser inzwischen ergangen war, wollen wir hier 
in aller Kürze berichten. 

Als Garde und Eberlin das vorige Jahr am 30. Juli von ihren 
Gefährten verlassen worden waren, begaben sie sich zunächst in 
den Tingmiarmiut-Fjord, unter anderm um eine angebliche Inschrift 
zu untersuchen. Das Resultat war aber in letzterer Beziehung eine 
vollständige Täuschung. Man trat denn jetzt die Reise längs der 
Küste nach Süden an, um unterwegs womöglich Abstecher zur 
Untersuchung der Fjorde zu machen. Das erste wurde, trotz der 
gewöhnlichen Hindernisse, von den grönländischen Gefährten mit 
frohem Mute ausgeführt, das zweite erregte aber jedesmal ihr 
offenbares Bedenken. Wenn man aber frühere Erfahrungen in Er- 
wägung zieht, nach denen eine Überwinterung auf dieser öden 
Küste sich ja als eine nicht weit entfernte Möglichkeit notwendig 
ihrer Phantasie vorspiegeln mufste, kann man sich ja denken, dafs 
jenachdem die Jahreszeit fortschritt, diese Versuche, in die Fjorde 
einzudringen, ihnen zuletzt zum Schrecken wurden, besonders da 
das Kalbeis zusammenzufrieren und ihnen den Rückweg abzu- 
schneiden drohte. Am 8. August hatten sie schon 2^ Kälte, und 
am folgenden Morgen wurden sie durch in der Nacht gebildetes 
Dünneis aufgehalten, passierten aber am 10. glücklich den berüch- 
tigten Puisortok-Gletscher. Mehr oder weniger hatten sie doch fort- 
während das grofse Treibeis nahe um sich her vor Augen gehabt; 
es erwartete sie deshalb ein höchst überraschender Anblick, als sie 
am 19. Kap Tordenskjold bestiegen. Statt des ununterbrochenen 
weifsen Randes, der den Horizont bisher begrenzt hatte, schwebte 
jetzt ein grauer Schein über dem Meere. Erst meinte man, es sei 
Nebel, bald aber konnte nicht mehr gezweifelt werden — es war 
offenes Wasser, von einem frischen Winde gekräuselt. Damit trat 
denn aber auch ein Übelstand ein, indem man in den folgenden 
Tagen mit Seegang zu kämpfen hatte. Vom 23. bis 27. wurden 
die zwei letzten Fjorde, Igutat und Kangerdluluk, besucht; hier 
war man so glücklich 3 Seehunde zu fangen, deren fettes Fleisch 
un^er dieser Verzögerung den Rudexinneiv em^w TCiächti^en Trost 



— 265 — 

gewährte. Ihre Geduld sollte aber noch weiter auf die Probe 
gestellt werden. Bald merkte man, dafs es mit der guten Jahres- 
zeit aus war, auch fand das Grofseis sich wieder ein. Man hatte 
jetzt viel mit Sturm und Kälte zu kämpfen, bald wurde man durch 
Seegang, bald durch Eis, sowohl Treibeis als frisch gefrorenes, auf- 
gehalten, und so konnte man erst am 27. September das ersehnte 
Winterquartier, Nanortalik, auf der Westküste erreichen. 

Am 18. Mai des folgenden Jahres begab dieselbe Expedition 
sich wieder auf den Weg nach der Ostküste. Sie bestand nun 
aus 2 Böten und 4 Kajaken, mit 7 Grönländern, 9 Grönländerinnen, 
dem Dolmetscher und den beiden Europäern besetzt. Auf eine sehr 
erfreuliche Weise fanden sie die Regel bestätigt, dafs der Nordwest- 
wind auf der Westküste, nahe der Südspitze des Landes auf der 
Ostküste als westlicher Föhn weht. Ein solcher hatte nämlich eben 
jetzt das Eis vom Lande getrieben und ihnen eine eisfreie Rinne 
gebahnt. 

Li fünf Tagen erreichten sie Kekertatsiak, nördlich von Aluk — 
eine Reise, die im vorigen Jahre 37 Tage erfordert hatte. Dafs 
alles hier vorzugsweise auf Glück beruht, erfuhr man auch wieder 
auf Kekertatsiak, wo der Nordwind, Schnee und Eismassen mit sich 
führend, die Reisenden zwanzig Tage lang gefangen hielt. Dennoch 
kamen sie am 8. Juli in Tingmiarmiut an, nach einer Reise von 
Nanortalik aus in 52, statt im vorigen Jahre in 83 Tagen. Als 
sie tags darauf in Umanak anlangten, wo sie mit Holm zusammen- 
treffen sollten, von diesem aber noch nichts gehört war, begaben 
sie sich am 12. auf eine Exkursion in den Ümanak-Fjord, um eine, 
nach Aussage der Grönländer dort vorkommende Ruine zu unter- 
suchen: ihr Zweifel an dem Werte dieser Aussage zeigte sich ge- 
gründet, denn die Ruine beschränkte sich auf einen kreisrunden 
Wall, 7 Fufs im Durchmesser und 2 bis 3 Fufs hoch, an und für 
sich recht interessant, aber ohne die geringste Andeutung irgend 
einer Beziehung zu den alten Skandinaven. Nach ihrer Rückkehr 
von diesem Ausfluge war es denn, am 16. Juli, dafs das glückliche 
Zusammentreffen mit der Hauptexpedition stattfand, in deren Gesell- 
schaft sie die Rückreise antraten und am 15. August den südlich- 
sten Handelsplatz auf der Westküste, Pamiagdluk, erreichten. 

Zur allgemeinen Geographie des Landes. Der bezügliche Ab- 
schnitt ist von Holm und Garde gemeinschaftlich ausgearbeitet. Zu 
den beigegebenen, vorzüglich ausgeführten Karten bemerkt ersterer: 
Der Ausgangspunkt, das Winterquatier auf Tasiusarsuk, ist nach 
12 Breitenbestimmungen berechnet. DieaeWi^ii gctoÄÄXv «vövi V^^'^ "«sä^ 



— 266 — 

12 bis 20 Sonnenhöhen, 10 bis 15 Minuten vor, und ebenso vielen 
nach Mittag und gleich vielen Messungen des obern und des untern 
Randes. Mit besonderer Sorgfalt hat dabei die Refraktion unter- 
sucht und in Berechnung gezogen werden müssen. Die direkt ob- 
servierten Längen sind für die nördliche Karte nur benutzt, wenn 
keine andre Ortsbestimmungen von Angmagsalik aus durch Breite 
und Azimut vorhanden waren. Die südliche Karte ist durch Breite 
und Azimut von Aluk aus (dessen Lage Holm 1881 bestimmte) 
nach Norden konstruiert. Die Azimute von Norden und Süden 
begegnen einander bei Umanak. Im übrigen sind die Karten wie 
diejenige von 1881 aufgenommen; dabei ist nur zu bemerken, dafs 
bei der Bestimmung der Entfernungen sehr häufig die Methode an- 
gewandt ist, welche darin besteht, den Depressionswinkel zum Meeres- 
niveau mit einem kleinen Theodolit und Stamphers Nivellierinstrument 
zu messen. Garde fügt hinzu, dafs auch er auf der von ihm speziell 
übernommenen Strecke die von Holm beschriebene Methode befolgt 
hat, nur dafs wohl noch häufiger die Entfernung des Depressions- 
winkels von barometrisch und trigonometrisch gemessenen Höhen 
aus bestimmt worden ist. Der leider stark variirende Refraktions- 
faktor wurde zu ^/lo angesetzt. Ferner wurden nur relative Längen- 
bestimmungen, durch genaue Breiten mit Azimuten zu vorher be- 
stimmten, deutlichen Berggipfeln angewandt. Als dieselben bei 
Umanak durch Zusammenfügung mit den von Holm konstruierten 
kontrolliert wurden, stimmten sie ungefähr bis auf eine Bogenminute. 
Ihrem allgemeinen Charakter zufolge zerfällt die von der Expe- 
dition bereiste Ostküste in fünf Abteilungen: 1) vom Südende bis 
Anarkat in 61 ® 15 ', 2) von da bis Ilcermiut in 62 ® 15 ', 3) von 
da bis Igdloluarsuk in 63 ® 32 ', 4) von da bis Inigsalik in 65 ® 30 'j 
5) von da ostwärts bis ans Ende in 66 ® nördl. Br. — Es unter- 
scheiden sich diese Abteilungen von einander in Beziehung auf die 
Höhe ihrer Berge und die Lage, durch welche die höchsten der- 
selben im stände sind, als Wälle gegen das, vom Innern nach der 
Küste hin sich vordrängende Binneneis zu dienen. Die Strecken 
1, 3 und 5 zeichnen sich durch tiefere Fjorde aus, deren Inneres 
von 6 bis 7000 Fufs hohen Bergen umgeben ist, zwischen denen es 
freilich Klüfte oder schmale Thäler giebt, durch welche das Eis sich 
ins Meer ergiefsen kann, während sie aber anderseits die Halb- 
inseln zwischen den Fjorden vor Eisbedeckung schützen. In den 
Abteilungen 2 und 4 dagegen breitet sich das Binneneis in dem 
Grade nach aufsen, dafs es fast überall vom Meere aus sichtbar ist, 
an zahlreichen /Stelien die Küste bis an den Meeresrand bedeckt 



— 267 — 

und diese ganz unzugänglich macht. Daneben bestehen noch andre 
Umstände, welche das Reisen hier erschweren, nämlich dafs die 
äufsere Küste auch aufserdem schon an und für sich steil, und wenig 
oder gar nicht durch Inseln geschützt ist. Anders verhält es sich 
mit den Abteilungen 1, 3 und 5, wo es vor den Mündungen der 
Fjorde Inseln und Landungsplätze giebt, und im Innern derselben 
die Berglehnen und Thäler mehr oder weniger mit Vegetation be- 
deckt sind. Dieses ist ja denn besonders mit der ersten und süd- 
lichsten der Fall. Hier findet sich der, schon auf frühern Reisen 
besuchte Kangerdlugsuatsiak oder Lindenow-Fjord , in welchem die 
zuerst von Brodbeck beschriebene skandinavische Ruine, die einzige 
auf der Ostküste gefundene, sich befindet. Selbige wurde jetzt ge- 
nauer untersucht; sie war 28 Fufs lang, 19 Fufs breit, die Mauern 
3 Fufs dick. Sehr schöne Partien befinden sich im Innern, beson- 
ders im Tiningnertok, mit üppiger Vegetation und von den höchsten 
der gemessenen Berge (7150 und 7340 Fufs) umgeben. Grönland 
ist hier auch nur schmal, eine Wanderung von 1^/2 bis 2^/2 Meile 
(geographische Meilen, 15 auf einen Breitengrad) über eine Höhe von 
3000 Fufs soll zu den nächsten Fjorden auf der Westküste führen. 
Weiter längs der Küste nach Norden reisend kommt man an 
3 kleineren Fjorden vorüber und erreicht die 2640 Fufs hohe Insel 
Iluilek*), deren Gipfel eine prachtvolle Aussicht darbietet, teils nach 
Aluk im Süden und Kap Tordenskjold im Norden, teils nach dem 
Innern, wo ein, von hohem Gebirge umschlossener, wenigstens 6^/2 
Meile tiefer Fjord sich öffnet, der jedoch jetzt wegen Kalbeis unzugäng- 
lich schien. Man meint, dafs dieses der von Daneil im Jahre 1652 
entdeckte Fjord sei : er wurde deshalb nach demselben genannt. Der 
nächste Fjord ist Kangerdluluk , 6 Meilen lang. Etwa 2 Meilen 
von der Mündung ist er zwischen zwei mächtigen Bergpartien ein- 
geengt. Die nördliche bietet eine, in weiter Ferne durch rötliche 
Schichten kennbare Felswand dar, deren Fufs mit einer Vegetation 
geschmückt war, die alles andre, was man der Art auf der Ost 
küste gesehen, übertraf, hier fanden sich auch alte Hausruinen. 
Weiter nach innen sah man aber mehr Schnee und Eis und zu 
innerst einen mächtigen Gletscher, der sich zwischen 4 bis 6000 
Fufs hohen Felsen in den Fjord ergofs. Sämtliche Fjorde in dieser 
südlichsten Abteilung und die nächsten in der folgenden zeichnen 
sich durch einen merkwürdigen Parallelismus aus ; ihre Richtung ist 



*) Yergl. die Beschreibung dieser Insel im erzählenden Teil des Werks 
über die zweite deutsche Nordpolarfahrt S. 11^ un^ 1^^« 



— 268 — 

0. z. S. ^U S. und wird wiederum von den Seitenarmen und Thälem 
in S. z. 0. ^k 0. überschnitten. 

Das mit steilen Felswänden ins Meer hinausragende Kap Trolle 
entspricht durch seinen öden Anblick ganz dem Charakter der fol- 
genden Abteilung der Küste, die damit ihren Anfang macht. Das 
Binneneis, welches überhaupt wohl nicht weiter als zu 61 ^ nördl. Br. 
nach Süden reicht, zeigt sich hier fast bis zur Aufsenküste ver- 
breitet. Der Fjord Anoritok, 4 Meilen lang, hat acht grofse Gletscher 
und ist sehr mit Kalbeis und Eisbergen angefüllt. Vor 50 Jahren 
war hier noch ein stark bewohnter Platz, auch finden sich hin 
und wieder grüne Plätze. Dieses ist aber nicht an dem nächsten 
Fjord, Napasorsuak, der Fall, in diesem findet sich fast nur 
Schnee und Eis. Darauf folgt der oft genannte Puisortokgletscher 
und zuletzt der 5 Meilen lange, ebenfalls sehr eisige Mögen Heinesens- 
Fjord, mit welchem dann diese unwirtbare Küstenstrecke endigt. 

Der Anfang der dritten Abteilung ist durch die fortlaufende 
Reihe von Inseln (Skjaergaard) bezeichnet, welche von hier an die 
Küste schützen, und hinter welchen gröfsere Fjorde, namentlich die 
von Tingmiarmiut und ümanak ins Land einschneiden. So wie es 
hier überall bequeme Landungsplätze giebt, trifft man auch hier die 
ersten der jetzigen Bewohner der Ostküste. Die Berge des Innern 
erheben sich bis zu 6000 Fufs; von der Naturschönheit dieser 
Gegenden gilt, was schon oben im allgemeinen gesagt ist. Auf den 
Inseln zerstreut trifft man viele Hausruinen. Nördlich von Umanak 
liegt hier auch Graahs Winterquartier, „Nukarfik", dessen eigent- 
licher Name jedoch Imarsivik ist. 

Nördlich vom 1470 Fufs hohen Kap Mösting fängt der vierte 
Hauptdistrikt an. Hier liegen einige niedrige Inseln, die mit dem 
dazu gehörenden festen Lande zusammen Igdloluarsuk genannt 
werden. Es ist dieses die nördlichste von den südlichen Ostländern 
bewohnte Strecke. Hier soll es eine gute Bärenjagd geben, und 
man sagt, dafs noch die Reste einer alten Bärenfalle vorgefunden 
werden. Mit demselben nimmt das Land wieder den beschriebenen 
öden Charakter an: grofse Binneneisgletscher reichen bis zum 
Meere hinaus, darunter besonders die sogenannte Kolberger Heide, 
aber auch mehrere andre in der Umgebung der Fjorde Umivik und 
Pikiutdlek. Hier trifft man auch mehrere vormalige Wohnplätze, 
die von den nördlichen Ostländern zum Überwintern benutzt worden 
sind, wenn sie von Handelsreisen nach Süden zurückkehrend durch 
die kalte Jahreszeit überrascht wurden. Recht bezeichnend ist es 
äaSür, dafs diese Häuser aus Stein allein, ohne Rasen aufgeführt 



— 269 — 

worden sind, da nämlich der Boden gefroren war und sie statt der 
Erde eine äufsere Mauer von Schnee zur Dichtung haben anwenden 
müssen. EndUch erreichen wir Graahs äuTsersten Punkt, die Danne- 
brogs-Insel; auf derselben befinden sich Zeltplätze, die in ähnlicher 
Weise benutzt worden sind, nämlich um den günstigen Zeitpunkt 
für die Fahrt über den Ikersuak-Eisfjord abzuwarten, denn dieser 
bildet die letzte und gefährlichste Schranke, die man zu überschreiten 
hat, um zu den hochgepriesenen Wohnsitzen der Angmagsaliker 
zu gelangen. 

Beim Eintritt in den fünften Hauptdistrikt sehen wir wieder 
das Binneneis sich verlieren; nur an einer einzelnen Stelle ist es 
noch zur äufseren Küste vorgeschoben, aber dann doch durch eine 
Endmoräne vom Meere getrennt. Vor der Küste liegen Inseln von 
abgerundeten Formen und verhältnismäfsig gut mit Vegetation 
bedeckt. Diese Gegend heifst Inigsalik und wird häufig von den 
Angmagsalikern des guten Fanges wegen besucht. Der grofse Eis- 
Qord Sermilik geht NO. z. 0.^/4 0. 15 Meilen ins Land hinein. Er 
teilt sich in zwei Arme, beide mit kalbenden Binneneisgletschern. 
Er ist stets so mit Eisbergen und Kalbeis gefüllt, dafs noch niemand 
das Innerste erreicht hat. Holm kam da bis 66® 68' nördl. Br., hat 
aber vom Angmagsalik-Fjord aus in 66® 8' nördl. Br. und 1890 Fufs 
Höhe den Depressionswinkel zum Innern gemessen. Um Sermilik 
herum wohnten im Winter 1884 — 85 auf vier Plätzen 174 Menschen. 
Der Sund Ikerasarsuak führt von da nach dem Angmagsalik-Fjord; 
dieser geht erst 4 Meilen NNO., dann 5 Meilen NNW. ins Land 
hinein, in zwei Arme sich verzweigend, die beide nicht weit von 
Sermilik endigen. Das Innerste, Kingorsuak, ist von einer wilden 
Gebirgslandschaft mit mehreren Höhen von 6000 Fufs umgeben, hat 
recht üppige Vegetation und ist in malerischer Schönheit das beste, 
was Holm auf der Reise gesehen hat. Im Winter 1884—85 fanden 
sich 225 Menschen auf 7 Wohnplätzen um diesen Fjord herum 
verteilt; aufserdem gab es 40 verlassene Wohnplätze. Mehrere 
Sunde, darunter der von 2 — 3000 Fufs hohen Seitenwänden ein- 
geschlossene Ikerasak, führen zum dritten und letzten Fjord 
Sermiligak. Hier war nur ein bewohnter Platz mit 14 Menschen. 
An der äufseren Ostseite des Fjords liegen 2000 Fufs hohe, steile 
Inseln ohne alle Vegetation. Holm hat die beiden gröfsten Erik 
des Roten und Leifs-Insel genannt und auf denselben Warten gebaut, 
in welchen Berichte niedergelegt wurden von der Besitznahme des 
Landes im Namen des Königs von Dänemark und von dft«Ä<K«w ^^- 
nennung nach König Christian dem IX. 

Geogr. Blätter. Bremen, 1889. ^^ 



Obgleich die Reise dei Expedition hier endigte, ist doch eine 
Karte von der nächsten Küste, 66^ — ßSVe^ nördl. Br., hinzugefügt. 
Aufser den Messungen, die man hierzu noch aus der Entfernung hat 
anstellen können, ist diese Karte nach den Berichten der Eingeborenen 
entworfen, indem zugleich das Material der deutschen Hansa-Expe- 
dition und des dänischen Kriegsschiffes „Ingolf" benutzt wurde. 
Zwei Berge sind sowohl von Holm als vom „Ingolf" aus gemessen, 
nämlich „Ingolfs Fjeld" und der 2290 Fufs hohe Berg auf Leifs 
Insel. Die Eingeborenen haben ihre Berichte durch Karten erläutert, 
welche auch wiedergegeben sind, nämlich von Kunak eine und von 
Kutuluk eine im Herbst und eine neue vier Monate später. Die Ent- 
fernungen sind nach Tagereisen so wie durch Vergleich mit Ent- 
fernungen zwischen bekannten Punkten auf der Ostküste bestimmt. 
Die so beschriebene Küste hat grofse Fjorde mit davor gelagerten 
bedeutenden Inseln. Nur ein gefährlicher Eisfjord, Ikersuak, ist zu 
passieren bis zum Kangerdlugsuak, der die nördliche Grenze bildet. 
Die früheren Bewohner dieser jetzt unbewohnten Küste lebten mehr 
von Narwalen und Bären als von Seehunden, da jene das ganze 
Jahr hindurch zu haben waren. Es wird erzählt, dafs eines noch 
lebenden Mannes Vater einmal bis Kangerdlugsuak gereist sei; er 
fand hier ein verlassenes Haus und frische Schlittenspuren nach 
Norden hin. Er legte sich im Hause schlafen, wurde aber plötzlich 
durch einen Messerstich geweckt und reiste sogleich eiligst von 
dannen, ohne Menschen gesehen zu haben. Der Fjord Nigertusok 
soll so starken Nordostwind haben, dafs Steine von einem Kubikfufs 
Gröfse durch den Wind fortgeführt worden sind. Die letzten dortigen 
Bewohner froren zu Tode, da das Dach von ihrem Hause abgeweht 
wurde. Es scheint jedoch, als ob diese Berichte etwas vom Charakter 
der Sagenerzählung und der in solchen hervortretenden Neigung zum 
Übertreiben angenommen haben. Der kleine Fjord Tugtulik hat 
seinen Namen nach dem Vorkommen der Rentiere, die früher 
hier häufig gewesen sind. Es soll hier Lachse von fabelhafter Gröfse 
geben; auch von einer Bärenfalle, die dem Sagenhelden Kasagsik 
zugeschrieben wird, ist hier die Rede. 

In 66® 50' nördl. Br. ist ein wenigstens 8 Meilen langer Fjord, 
Kialinek, dessen Mündung mit der „Schreckensbucht" der Hansa- 
männer zusammenzufallen scheint. Das Vorgebirge Sivinganek 
auf der Nordseite würde dann das Kap Hegemann sein. Hier ist 
besonders der Narwalfang sehr ergiebig, um dessentwillen auch 
hauptsächlich auf der Halbinsel Itivsalik überwintert worden ist. 
Sieben Tagereisen von Sermiligak liegt dielti^d k^M^K^.^^ ^<^ ä3ä Sonne 



— 271 — 

im Sommer nicht untergeht, also wahrscheinlich im 68^ nördl. Br. 
Dieser ist der letzte von den Angmagsalikern besuchte Ort ; nördlich 
von demselben kommt der breite Kangerdlugsuak-Fjord, der viele 
grofse Eisberge aussendet. Weiter nach Norden ist das Land völlig 
unbekannt. 

Die geologischen Verhältnisse im dänischen Ostgrmland bieten 
bei ihrer grofsen Gleichförmigkeit nur weniges von besonderem 
Interesse dar, wenn wir die glazialen Bildungen ausnehmen, welche 
deshalb im folgenden für sich besonders erwähnt werden sollen. 
Die Schwierigkeiten, mit denen die Expedition zu kämpfen hatte, 
um ihre Hauptaufgabe zn lösen, liefsen auch nur wenig Zeit und 
Ruhe zur Verfolgung geologischer Zwecke übrig. Es war daher sehr 
vorteilhaft, dafs aufser Knutsen auch Eberlin an dieser Arbeit teil- 
nehmen konnte, weshalb auch der südliche Teil am vollständigsten 
behandelt werden konnte. Sie haben jeder für sich ihren Bericht 
abgegeben. 

Knutsen bemerkt, dafs durchgehends Gneis, Granit und Granit- 
breccie, dazu im Süden noch Syenit die gewöhnlichen Gebirgsarten 
sind und dafs Diabas und Diorit eben so allgemein als Gänge auf- 
treten. Er unterscheidet 3 Teile der bereisten Küste: 1) von Aluk 
bis Iluilek, 2) Iluilek bis Umanak, 3) Umanak bis Sermiligak. Die 
Grenze zwischen Gneis und Granit ist schwer zu bestimmen; im 
Südlichen dürfte man vielleicht annehmen, dafs zu unterst Granit 
liegt, dann Gneisbreccie, Gneis und oben Syenit folgt. Von Süden 
an gewahrt man: Granit mit Granaten, gestreiften Granit, Gneis 
über Granit in 6 bis 800 Fufs Höhe, über letzterem wiederum 
Syenit; dann folgen Berge ausschliefslich aus Syenit bestehend bis 
über Aluk hinaus. Die Syenitberge zeichnen sich durch senkrechte 
Seiten und stark verwitterte Spitzen aus. Weiter nach Norden ver- 
schwindet der Syenit. Der Gneis ist sehr gekrollt und verschoben. 
Streichen und Fall sind schwer anzugeben, Fragmente von Gneis- 
breccie findet man im Granit. Zur Abwechselung kommen braune 
Diabasgänge in grofser Menge vor. Ein merkwürdiges Verhältnis 
besteht zwischen der Fjord- und Thalrichtung und den mit eruptivem 
Gestein gefüllten Spalten. Die Diaklase scheinen mit den Syenit- 
ausbrüchen übereinstimmend zu sein. Man findet auch Gänge von 
Pegmatit und feinkörnigem Granit im Gneis. Was die zweite Ab- 
teilung, von Duilek bis Umanak betrifft, so wird auf Eberlins Bericht 
hingewiesen. In der dritten und letzten Hauptpartie treffen wir horn- 
blendereichen Gneis mit 4 " mächtigen, prismatiadv cj^^Kt xe^s^SiS^^'s^ 
Gi^stemgängen. Weiter nordwärts txiSt m^xi ^\^ ^%Tv%^\^^xÄiw5^ 



— 272 — 

gewöimlichen Gebirgsarten. Der Granit ist häaüg voller Brachstücke, 
der Gneis sehr gebrochen und gefaltet, auch in feinkörnigen, 
quarzreichen Homblendeschiefer übergehend. In den Dioritgängen 
kommt Kupfererz vor. Zuletzt, um Sermiligak herum, sieht man 
Gneis tmd sehr zerquetsche Gneisbreccie in schwebenden Schichten, 
dabei Diabas- und Pegmatitgänge, letztere besonders mächtig. 

Eberlin umfafst in seinem Bericht die Südspitze Grönlands bis 
60^ 45' auf der West- und 63® 15' auf der Ostküste und hat für 
diese ganze Strecke die Karte mit geologischen Signaturen versehen. 
Er glaubt auf diesem Gebiet eine nördliche imd eine südliche 
Granitzone und dazwischen eine Gneiszone als quer durchs Land 
gehend beobachtet zu haben. Der nördliche Granit ist feinkörnig, 
hat häufig Hornblende, mitunter Titanit, und zeigte auf einei? Stelle 
Avanturinfeldspat. Der Übergang zum Gneis ist ganz eben, der 
Gneis ist grau, mit Hornblende und Magneteisen, an einigen Stellen 
Dichroit. Der südliche Granit ist reich an Granaten und grobkörnig. 
AuTser diesen Zonen, die ineinander übergehen, fanden sich noch 
schärfer abgesonderte Partien von Granit und Syenit, die eruptiver 
Natur sein müssen. Besonders hervortretend ist der Syenit im 
Lindenow-Fjord, wo derselbe den 4000 FuTs hohen Gneis durchdringt 
und über demselben bis zu 7300 Fufs Höhe reichende Kuppen bildet. 
Gewöhnliche Granitgänge, bis zu 150 Fufs mächtig, sind sehr zahl- 
reich; man findet in denselben Granat, Orthit, Andalusit, Turmalin, 
Arsenkins, Titanit, Yttrotitanit, Magneteisen, Beryll, Zirkow und 
Polymignit. Diabas- und Dioritgänge sind die mächtigsten und 
sehr regelmäfsig. Wo sie mit Granitgängen zusammentreffen, über- 
schneiden sie dieselben. 

Glixciale Bildungen, Diese und besonders das Binneneis tmd 
die Eisfjorde sind von den Reisenden an verschiedenen Stellen in 
ihren Berichten erwähnt. Sie haben sich, jeder für sich, der Haupt- 
sache nach folgendermafsen darüber ausgesprochen: 

Holm bemerkt, dafs es auf der Ostküste bis 66 ^ nördl. Br. 
im ganzen 4, vielleicht 5 Eisfjorde giebt, welche gröfsere Eisberge 
produzieren, nämlich Sermilik, Ikersuak, Pikiutdlek, Igdloluarsuk 
und möglicherweise Anoritok. Die Gletscher überhaupt aber, die 
ins Meer tauchen, und von denen manche Kalbeis oder kleinere 
Eisberge abgeben, sind so häufig, dafs es unmöglich wäre, auch nur 
annähernd ihre Zahl anzugeben. Zu den wenigst produktiven tmter 
diesen gehören aber die von Graah hervorgehobenen: Puisortok, 
Colberger Heide und Puisoitut (K.ag,^ox\,oV^^ d\ft nur wegen ihrer 
Lage den Eeisenden gefährlich smA. 



— 273 — 

Knutsen hat beobachtet, dafs die vom Binneneise entfernteren 
Gegenden sich durch alpine, scharfe, auf Verwitterung deutende 
Bergformen und grofse Anhäufungen von Schutt oder Geröll aus- 
zeichnen. Näher dem Binneneise deuten aber glatte und gescheuerte 
Oberflächen darauf hin, dafs das Eis sie früher bedeckte, sich jetzt 
aber zurückgezogen hat. Was die Eisfjorde betrifft, so führt er an, 
dafs es nach Aussage der Eingeborenen im ganzen 4 bis 5 Fjorde 
giebt, welche Eisberge aussenden, nämlich Sermilik, Ikersuak, 
Pikiutdlek, Igdloluarsuk und vielleicht einen südlichen. Selbst 
hatte die Expedition nur Gelegenheit einige der Eisberge abgebenden 
Gletscher in diesen Fjorden von der Ferne aus zu sehen. 

Garde hat Gelegenheit gehabt, den Puisortokgletscher, welchen 
doch auch er zu den unbedeutendem rechnet, genauer zu beobachten, 
und war dabei auch so glücklich, eine gröfsere Kalbung zu sehen. 
Dieser Gletscherarm ist 16 500 Fufs breit und hat eine Neigung 
von 12 ^. Nach dem äufsern Rande zu urteilen, kann seine Mächtigkeit 
kaum mehr als 100 bis 200 Fufs betragen. Die stärkste Bewegung 
war kaum 2 Fufs in 24 Stunden, wobei jedoch bemerkt wird, dafs 
die Bewegung dieser Gletscher überhaupt gewifs nicht gleichmäfsig, 
sondern stofsweise vor sich geht und deshalb, um sicherer bestimmt 
werden zu können, ohne Zweifel mehrere Wochen lange Beobachtung 
erfordern würde. Anderswo in Grönland gemachte Erfahrungen 
deuten auf dasselbe. Die Kalbung wurde in V* Meile Entfernung 
gesehen. Von der ganzen Breite löste etwa ^/e sich ab und stürzte 
herabgleitend ins Meer. Das gröfste unter den zahllosen Stücken, 
in die es zerfiel, zeigte eine Höhe von 35 Fufs über dem Wasser 
und als gröfste Länge 150 Fufs. Die EisQorde betreffend schreibt 
Garde etwas abweichend, dafs allein im Süden von 63 ® 7 ' nördl. Br. 
60 bis 70 gröfsere, wenigstens V4 Meile breite, und 100 kleinere 
münden. Gegen die Hälfte derselben stehen mit dem Binneneise in 
Verbindung und geben Eisberge, wenn auch nur von mittlerer Höhe. 
Geht man bis zu 66 ^ nördl. Br., so hat man 6 Eisfjorde erster 
Klasse: Sermilik, Ikersuak, Pikiutdlek, Igdloluarsuk, Tingmiarmiut 
und Anoritok. Die meisten Eisberge der Ostküste treiben auf den 
Grund und werden aufgelöst, ehe sie um Kap Farwell kommen 
können. 

Eberlin fügt in seinem geologischen Berichte hinzu, dafs der 
allersüdlichste Teil Grönlands, etwa bis zu 60 ^ 45 ' nördl. Br., nie 
vom Binneneise bedeckt gewesen ist. Längs der übrigen Küste ist 
es früher überall weiter nach dem Meere hin ausgebreitet gewesen. 
So gut wie keine Spur einer postglacialen H^bxxxv^ \&\. ^xfi. ^^^ ^^~ 



— 274 — 

küste bemerkt. Es giebt keinen Grund anzunehmen, dafs das Eis 
überhaupt seit dem Bestehen der alten Kolonien zugenommen hat. 
Das Treibeis, das Grofseis, sowie Eisberge, Alles trägt, im Gegensatz 
zu dem, was von andern behauptet worden ist, dazu bei, Lehm, Schutt 
und Steine zu transportieren. 

Meteorologische Beobachtungen in Nanortalik und Ängmagsalik 
verglicJien mit denen von andern Stationen (von V. W. Jantzen, Unter- 
direktor des meteorologischen Instituts). Diese Beobachtungen hatten 
besonderes Interesse durch Vergleich mit denen von Stykkisholm 
auf Island. Man wufste nach vieljähriger Erfahrung hier, dafs 
Winddrehungen von Ost nach Süd und West mit häufigen Stürmen 
auf Barometerminima deuteten, welche die Dänemarkstrafse hinauf- 
wanderten, aber nicht in Westgrönland bemerkbar waren, dafs also 
dieser Sund einen Abzugskanal für diese Störungen bildete. Man 
hat jetzt Beobachtungen von Nanortalik in den zwei Wintern 1883 
bis 1885, und von Ängmagsalik für Oktober 1884 bis Mai 1885. 
Es hat sich dabei gezeigt, dafs Nanortalik nahe bei der Bahn jener 
wandernden Minima liegt. Im Winter 1883 — 84 gab es in 6 Monaten 
66 Sturmtage. In beiden Wintern, also zusammen in 12 Monaten 
wehten 80 «/o aller Winde aus NO., N., NW. und W. Nach dem 
bekannten Verhältnisse der Windrichtung zum Barometerminimum 
mufsten also die atmosphärischen Störungen Osten um Nanortalik 
gehen und häufig Sturm verursachen. 

Nach den Beobachtungen von Oktober bis Mai in Ängmagsalik 
variirte das Thermometer in den 8 Monaten zwischen +9 ** und 
-7-25 ® C. Die strengste Kälte herrschte anfangs und Ende Februar 
(-rl5 — r25). In der Temperatur der verschiedenen Winde war 
nur wenig Unterschied ; die stärksten waren 2 ® — 3 ® wärmer als die 
schwachen. Das Barometer bewegte sich zwischen 779 und 707 mm, 
oft mit plötzlichen Veränderungen, ganz wie bei Nanortalik. Die 
Winde aus NO. und 0. waren die häufigsten, 57 ^/o von allen. Die 
8 Monate hatten 56 Sturmtage. 

Wenn wir nun den Vergleich mit Stykkisholm anstellen und 
den Monat Februar 1885 als scheinbar abnorm ausschliefsen, so 
haben in den 7 Monaten 45 von 64 Minima, oder 70 ^/o der auf 
dem Atlantischen Meere im Süden von Grönland entstehenden 
Minima den Weg zwischen Island und Grönland genommen, dagegen 
nur 19 südlich von Island nach Osten. 

Grönland bildet demnach eine Art Mauer zwischen Ost und 

West, welche die atmosphärischen Störungen in der Regel nicht 

überschreiten. ' Föhn wurde in Ängmagsalik aiv 21 Tagen beobachtet. 



— 275 — 

überwiegend aus N. und NO. (hier über Gebirge kommend), oft bis 
zu Sturm steigend, höchste Temperatur +5 ®, relative Feuchtigkeit 
der Luft 58 ^/o. Es wird selbstf olglich dabei vorausgesetzt, dafs 
dieser Föhn durch Abbiegung des in der Dänemarkstrafse wehenden 
Ost- oder Südostwindes entsteht. 

Magmtische Beobachtungen sind bei Nanortalik von Garde aus- 
geführt worden. Von den vorläufigen Ergebnissen bei der Berechnung 
derselben dürfte hier folgendes hervorzuheben sein. 

Die magnetischen Konstanten waren am 1. Januar 1885: De- 
klination 48® 0.'5 westlich; die Horizontalintensität 0.117 (C. G. S.)} 
die Deklination 78« 0'. 

Die Deklination nimmt jetzt mit 14 ' jährlich ab. Der normale 
tägliche Gang derselben zeigt eine periodische Schwingung mit zwei 
gleich grofsen westlichen Minima, 6 Uhr morgens und 6 ühr nach- 
mittags, und ein Hauptmaximum 12 ühr mittags. Die tägliche 
normale Amplitude ist in den Wintermonaten 5^/2'. Die Pertur- 
bationen sind am häufigsten und gröfsten in den Zeiten von 12 mittags 
bis 5 nachmittags, und 7 nachmittags bis 1 morgens. Der tägliche 
normale Gang der Horizontalintensität zeigt ein Maximum um 6 ühr 
nachmittags. Die Perturbationen sind durchgehends negativ des 
Nachts, mit Maxima in Zahl und Gröfse um 4 bis 6 ühr morgens, 
und positiv des Tages mit Maximum 2 bis 6 ühr nachmittags. 

Das Nordlicht ist bei Nanortalik von Garde, und bei Ang- 
magsahk von Holm beobachtet worden. 

Bei Nanortalik wurde bemerkt, dafs starke Unruhe des Erd- 
magnetismus und schnell wechselnde Nordlichter gerne mit einander 
wechselten, weshalb oft zwei Beobachter erforderlich waren. 

In den 6 Monaten November-April 1883 — 84 war die Zahl 
der ganz bedeckten Nächte 60, und der Nächte mit Nordlicht 105. 
Im Winter 1884 — 85 waren diese Zahlen 58 und 104. In den ein- 
zelnen Monaten wechselt die Zahl der Nordlichtnächte von 14 bis 24. 
In beiden Wintern erschienen die Nordlichter überwiegend am nörd- 
lichen Himmel, jedoch häufig auch auf dem übrigen, Nanortalik 
scheint demnach südlich von der Zone zu liegen, in welcher Nord- 
lichter in allen Richtungen gleich häufig sind. Besonders interessant 
sind die Messungen der absoluten Höhe des Nordlichts, die Garde 
1885 mittels zweier grofser TheodoHte anstellte, welche er für diesen 
Zweck im Jahre 1884 erhalten hatte. Nur einigermafsen ruhige 
Nordlichter von bestimmter Form eignet^iv ^\c\\ ^ ÖÄfc^<b ^^st^s?^^^. 



— 276 — 

Am 10. Februar zwischen T'^ 57™ und S'^ 33*" wechselte die Höhe 
wie folgt: 

Kilometer: 7—15—5—8—2. 

Am 11. Februar zwischen 6^ 52*" und 7^ 27™ ebenso: 

Kilometer: 2—5—4—3—5—6—7—8—13—8. 

Holm hat in Angmagsalik die Nordlichter nach der von Wey- 
precht vorgeschlagenen Methode beobachtet und tabellarisch dar- 
gestellt. Ihrer Form nach werden sie dabei klassifiziert als I. un- 
bestimmter Lichtschein, II. Lichtwolke, lll. Bogen, IV. Bänder, 

V. Draperie (Teppich oder Vorhang), VI. Krone, VII. Rauchsäule, 
VIII. Strahlenbündel. — In den 7 Monaten Oktober bis April war die 
Zahl der Nächte mit beobachtetem Nordlicht 90, der Stunden mit 
demselben 366, der ganz bedeckten Nächte 46, der Nordlichte 586. — 
Die letzteren sind so verteilt: I. 106, H. 57, HI. 126, IV. 33, V. 127, 

VI. 21, VII. 20, Vin. 96, im ganzen 586. Unter den Monaten war der 
Februar der an Nordlicht reichste. Eine Tabelle giebt die Lage, 
Richtung des mittelsten oder höchsten Punktes und die AmpUtude 
der deutlich bestimmbaren Bogen, Bänder und Draperien an. Es 
zeigt sich, dafs die Richtung des mittelsten Punktes SO. z. S. und 
SSO. war, während die Amplitude zwischen 126 ® und 162 ® varürte. 

In Angmagsalik fehlten die notwendigen Mittel zur Messung 
der absoluten Höhe. Doch bemerkt Holm rücksichtlich derselben: 
Wir haben mehrmals Wolken hinter dem Nordlichte bemerkt. Zu 
wiederholten Malen haben wir Draperien und Bänder vom südlichen 
Horizont aufkommen und scheinbar nahe über unsern Köpfen mit 
grofser Schnelligkeit passieren gesehen, so dafs sie darauf ihre andre, 
der ersten entgegengesetzte Seite uns zukehrten. Der allgemeine 
Eindruck und besonders die grofse Schnelligkeit deutet darauf hin, 
dafs das Nordlicht nicht weit von der Erdoberfläche entfernt 
sein kann. 

Wasserstand-Messungen sind ebenfalls bei Nanortalik, sowie bei 
Angmagsalik vorgenommen. Die Ergebnisse derselben sollen in einer 
andern Schrift veröffentlicht werden, nur einige kurze Bemerkungen 
werden vorläufig mitgeteilt. Bei Nanortalik wurden zwei Reihen von 
Beobachtungen, jede ein halbes Jahr umfassend, angestellt. Nach 
der letzten sind folgende Gröfsen berechnet: Gewöhnliche Hafenzeit 
Qd 5 h 57*°; durchschnittliche Zwischenzeit von der Kulmination des 
Mondes bis zum Hochwasser 0*^ 5^ 37™; Verzögerung der Springflut 
1 ^ 12 ^ 13™ ; Unterschied zwischen höchstem und niedrigstem Wasser- 
stand: bei Springäut 2.50 m, bei Nippftxit 1.10 vol\ gröfste halb- 



— 277 — 

monatliche Abweichung in der Zeit (Durchschnittswert) 0^ 47™; 
mittlerer Wasserstand 1.50 m. 

Als Beitrag zur Erforschung der Meeresströnie düi'fte hier 
vielleicht eingeschaltet werden, dafs nach Holms Bericht in den 
letzten Jahren folgende Gegenstände bei Angmagsalik auf dem Meere 
treibend oder gestrandet gefunden sind : eine gequetschte Schaluppe, 
ein paar Bootshaken und einige grofse Ruder, das Stück eines 
Schiffswracks, eine Flasche mit öligem Inhalt, zwei Fischerkugeln 
aus grünem Glase, eine Kokusnufs, die noch ganz und mit Kern 
versehen w^ar, ein Bambustock mit einem Tau, der Körper eines 
Moschusochsen, von dem noch etwas Fleisch efsbar gefunden wurde, 
endlich ein totes Rentier. Häufig kommen Seehundekörper vor, deren 
Speck und Fell abgezogen sind und in denen man Kugeln findet. 

Botanische Untersuchungen, Zwei Pflanzensammlungen sind von 
der Expedition mitgebracht und an Professor J. Lange abgeliefert, 
der dieselben näher untersucht hat. Die eine, durch Eberlin zu- 
sammengebrachte, enthielt 130, die andre, von Knutsen, 36 Arten, jene 
in BOO, diese in 88 Exemplaren. Beide waren sehr wohl erhalten 
und mit Angabe der Standorte und deren Höhe über dem Meere 
versehen. Die Untersuchung derselben ergab 6 Abarten als neu für 
Grönland, 18 Arten und Abarten als zum ersten Mal von der Ost- 
küste gebracht. Obgleich die meisten Pflanzen auf der Westküste 
in weit bedeutenderen Höhen gefunden sind, als auf der Ostküste, 
hat Eberlin doch 11 Arten höher auf der Ostküste gefunden, und 
für 17 Arten überhaupt zum ersten Mal in Grönland die Höhen 
angegeben. 

Was die ganze Ostküste Grönlands im allgemeinen betrifft, so 
beruht ja unsre Kenntnis derselben auf den Sammlungen: Vahls von 
60** — 62® nördl. Br., der deutschen Expedition 1869 — 70 im äufsersten 
Norden, Nordenskjölds von einem einzelnen Punkte in 65® 35 ' nördl. Br., 
tmd endlich der jetzt hier in Rede stehenden. Obgleich dieses ganze 
Material zu spärlich ist, um einen entscheidenden Vergleich zwischen 
der Ost- und Westküste darauf zu gründen, dürfte doch ein solcher 
Vergleich in einzelnen Punkten schon jetzt von Interesse sein. Es hat 
sich dabei unter anderm gezeigt, dafs nur folgende 7 Arten allein im 
Osten und nicht im Westen gefunden sind, darunter die ntit * be- 
zeichneten 5 Arten nur im äufsersten Norden: Ranunculus glacialis, 
* Saxifraga hieracifolia, * S. hirculus, * Arabis peträa, * Draba altaica, 
*Polemonium humile, Campanula groenlandica. 

Dagegen giebt es eine grofse Anzahl Arten, die auf der West- 
küste weit verbreitet und sehr aWgemeiTv, ^^x ^\>i "^Ä-t ^"^Cj^ä^^ 



— 278 — 

doch teils noch nicht gefunden worden, teils sehr selten sind, uiid 
einige,, auf der Westküste sehr artenreiche Geschlechter sind auf 
der Ostküste nur durch wenige Arten vertreten (die niedern 
Kryptogamen sind hier gar nicht mit inbegriffen). 

Ethnographie. Der Band X der Meddelser umfafst in sechs 
Abschnitten (358 Seiten) die sämtlichen Forschungen der Expedition, 
die Einwohner betreffend, Abbildungen folgen dazu in einem Supple- 
mentbande. Der wichtigste Abschnitt ist der zweite, der den be- 
scheidenen Namen einer „ethnologischen Skizze" trägt, er ist von 
Holm ausgearbeitet, indem dieser zugleich ausdrücklich die bedeu- 
tende Hilfe hervorhebt, welche er dabei von Knutsen und Petersen 
gehabt hat. Schon im Band IX Heft 3 dieser Zeitschrift ist aus den 
ethnographischen Beobachtungen mehreres mitgeteilt; wir ergänzen 
hier nun jene früheren Auszüge durch weitere Mitteilungen. 

Der erste Abschnitt ist der anthropologische, Holm und Garde 
haben eine Reihe von Messungen an etwa 100 Individuen angestellt ; 
Knutsen hat eine grofse Sammlung schöner Photographien geUefert, 
während Eberlin hauptsächhch die Einsammlung der Kranien und 
Skeletteile besorgt hat. Das ganze Material ist nach der Rückkehr 
dem Anthropologen Dr. Sören Hansen überliefert, welcher dasselbe 
bearbeitet hat. Die Bevölkerung der Ostküste bestand aus 245 
männlichen und 303 weiblichen Individuen. Dieser Unterschied der 
Geschlechter entstammt mehr einer Rasseneigenheit, als den Lebens- 
bedingungen, er stimmt auch mit den älteren Berichten über die 
noch ungemischte Bevölkerung der Westküste. Die durchschnittUche 
Körperlänge war im Norden 1647 mm für Männer, 1551 mm für 
Frauen, im Süden ebenso, 1604 und 1529. Die Arme sind kräftiger 
entwickelt als die Beine. Der Breitenindex des Kopfes ist an 136 
Lebenden und 15 Kranien untersucht, jene zeigten durchschnittlich 
76,4 (mesaticephal), diese 72,1 (dolichocephal). Die auf der deut- 
schen Nordpolexpedition gesammelten Kranien gaben 73,3. Das 
Endergebnis ist demnach: Mesaticephalie mit Tendenz zur Dolicho- 
cephalie. Die untere Hälfte des Gesichts ist breit (Index facialis 
inferior 85,4), das ganze Gesicht eigentlich mehr elliptisch als oval. 
Der Raumgehalt des Kraniums ist zwischen 1655 und 1165, 
durchschnittlich 1446 cbcm. Die Hautfarbe des Gesichts ist 
gelbbraun, die des Körpers hell olivenfarben. Bei der Geburt zeigt 
sich ein in den ersten Lebensjahren sich verlierender blauschwarzer 
Flecken über dem Rücken. Bei den Japanern soll ähnliches vor- 
kommen ; allein danach darf man doch nicht auf asiatische Herkunft 
schhefsen. Ah Hauptresultat stellt sich heraus, dafs die Ost- 



— 279 — 

grönländer einen reinen Eskimostamm bilden, ohne fremdes Blut, 
und kräftiger entwickelt als die Westgrönländer und die meisten 
andern östlichen Eskimostämme. Auch Dr. Pansch hat schon aus 
den Kranien geschlossen, dafs hier keine normannische Beimischung 
zu spüren sei. 

Als Einleitung zur ethnologischen Skizze dienen einige Bemer- 
kungen über die natürlichen Bedingungen für den Lebensmiterhalt 
Das Klima ist im ganzen milder als an der Westküste. Von efs- 
baren Pflanzen giebt es aufser 4 Seegrasarten noch 10 andre 
Pflanzen, von denen teils die Beeren, teils die Wurzeln, Stengel 
oder Blätter gegessen werden. Die Seehunde sind dieselben wie an 
der Westküste, nur das Phoca barbata und vitulina an der Ostküste 
etwas häufiger sind; dieses ist auch mit dem Narwal der Fall, 
welcher die Fjorde im Frühjahr besucht. Die Bären finden sich 
mit dem Grofseise ein, von Vögeln und Fischen giebt es verhältnis- 
mäfsig nur wenige. Es wurden früher öfters Reisen nach Norden 
gemacht, um Bären und Narwale zu jagen ; im Jahre 1882 begaben 
sich 30 Menschen in 2 Böten dahin, kehrten aber nicht zurück, 
man fürchtete, dafs sie Hungers gestorben sind. Ein drittes Boot 
kam zurück, weil der Fang im Sommer nur schlecht gewesen. 

Was Kleidung und Schmuck betrifft, so sind die Frauen fast 
alle tättowiert, nämlich mit kurzen Strichen bei den Augenbraunen 
und ein wenig unterhalb der Nasenwurzel, so wie auch ein paar 
kurzen Strichen am Kinn. Die Hauptkleidung der Männer ist ein 
langer Seehundsfellpelz, mit der Haarseite nach innen (Anorak), 
darüber im Kajak oder bei Regen ein Darmpelz. Im Kajak und 
auf Reisen tragen sie ordentliche Beinkleider, auf dem Wohnplatze 
aber statt deren die sogenannten Natit, welche eigentlich nur die 
Geschlechtsteile bedecken. Kajakpelz und Halbpelz sind gewöhnlich 
schön gestickt. Im Sommer tragen sie elegante Mützen aus Fuchs- 
pelz mit hinten herabhängendem Schwänze; reich ornamentierte 
Augenschirme dienen als Schneebrillen. Die Frauen gebrauchen 
Natit wie die Männer, jedoch auch andre Beinkleider, die aber so 
kurz sind, dafs sie nicht einmal die Oberschenkel bedecken, weshalb 
diese nötigenfalls mit Fell umwickelt werden. Die Amulette tragen 
sie nicht, wie die Männer, in Brustriemen, sondern im Haarwulst 
oder am Pelze. Perlen wurden früher aus äufserst kleinen Fisch- 
wirbeln und aus Zähnen verfertigt. 

Die Küperarbeit der Ostgrönländer ist vorzüglich und zugleich 
originell, indem die Dauben nicht durch Reifen, sondern durch 
schräge eingefügte Holznägel zusammengehalteiv y?^\Ä^«vv^ xäAtäs^^^^^ 



--- 280 — 

der obere Rand mit Knochen beschlagen wird. Die Wasserkübel 
dürften wohl etwa V2 Tonne fassen können. Das Trinkwasser wird 
im Winter aus Schnee gewonnen. Ältere Leute können sich noch 
den Gebrauch der Steinmesser erinnern, von denen auch noch einige 
vorhanden sind. 

Ein grofses Boot ist 26V2 Fufs lang, am Boden 2^/4, und oben 
4V2 Fufs breit, 2V4 Fufs hoch. Die Schlitten sind öVe Fufs lang, 
1 V2 Fufs breit und ^U bis ^U Fufs hoch. Die Hunde werden bartarisch 
behandelt ; unter anderm wurde ein bissiger Hund erst halb erstickt, 
worauf ihm mit einem Stein die Spitzen der Zähne abgehauen 
wurden. 

Viele, meistens mit Aberglauben verbundene Gebräuche werden 
beim Seehundsfange beobachtet, während zugleich mehr gesetz- 
mäfsige Regeln für die Teilnahme an einem gemeinschaftlichen 
Fange und andre das Eigentumsrecht berührende Fragen gelten. 
Wenn ein Mann seinen ersten Klappmützseehund vor dem Ausziehen 
aus dem Winterhafen gefangen hat, darf von diesem nicht vor dem 
drittfolgenden Tage gegessen werden, selbst nicht, wenn Hungersnot 
herrscht. Der Seehund darf auch nicht vor Ablauf einiger 
Tage ins Zelt gebracht werden, wenn dieses nicht aus ganz neuen 
Fellen besteht. Die Eingeborenen durften nie einen Seehund an die 
Reisenden verkaufen, ohne ein Stückchen und besonders von der 
Schnautze zu behalten, öfters wurden die Käufer gebeten, die 
Köpfe der gegessenen Seehunde wieder ins Meer zu werfen. Der 
Tradition gemäfs hat man früher Seehunde in Netzen aus Fischbein 
gefangen. Übrigens wird der Seehundfang sowohl im offenen 
Wasser als auf dem Eise ganz wie nach alter Sitte auf der West- 
küste getrieben. 

Die meisten Bären werden gefangen, wenn sie sich in ihre 
Schneehöhle für den Winterschlaf begeben, oder wieder aus derselben 
hervorkommen. Man läfst die Hunde auf den Bären los und hält 
ihn dadurch auf, bis der Jäger kommen kann, um ihn mit der 
Lanze zu stechen. Bisweilen kann der Bär aber doch den Jäger an- 
greifen und zu Boden schlagen, ihm dann aber nur kleine Bisse oder 
Risse zufügen. Alte Bären können indessen gefährlich werden; vor 
30 Jahren frafs ein solcher einen Mann, die Gefährten mufsten zu- 
sehen, ohne helfen zu können. Als ein Mann den Winter vorher 
im Kampfe mit einem Bären seine Lanze zerbrochen hatte, er- 
drosselte er denselben mit seinem Riemen. Bisweilen fängt man 
den Bären in seiner Höhle, indem man das Dach mit der Lanze 
duTchhohit, ohne dafs der Bär deshalb zu entfliehen versucht. 



— 281 — 

Früher fing man Bären in Fallen, drei solche sind noch bekannt 
und werden, als von gewissen Sagenhelden herstammend, erwähnt. 
Der Ursprung einer oft besprochenen rätselhaften Ruine bei Nugsuak 
an der Westküste kann dadurch recht einfach erklärt werden. 

Haifische werden zu Löchern auf dem Eise gelockt und har- 
puniert. Ebenso werden Lachse in den Flüssen durch Steindämme 
abgesperrt und gestochen ; der Gebrauch der Fischangel ist dagegen 
unbekannt. Walfische wurden früher von Böten aus, wie bei andern 
Eskimostämmen, gejagt. Früher gab es auch Jagd auf Moschus- 
ochsen und Rentiere, diese sind aber gänzlich verschwunden. 

Die socialen Verhältmsse sind schon in einem früheren Hefte 
berührt. Wenn eine Geburt bevorsteht, gehen alle Männer und 
gröfseren Kinder aus dem Hause, die zurückbleibenden Leute 
nehmen ihre gewöhnlichen Plätze ein, die Gebärende liegt auf 
Hände und Füfse gestützt. Die Nabelschnur wird mit einer Muschel 
abgeschnitten oder von der Mutter durchgebissen. Das Kind wird 
im Urinkübel gewaschen, worauf die Mutter ihren Finger in Wasser 
taucht und es damit um den Mund streicht, zugleich die Namen 
der Verstorbenen aussprechend, nach denen es genannt werden soll. 
Diese Namen werden jedoch später nicht genannt, sondern im täg- 
lichen Gebrauch durch einen andern ersetzt. Die Zeremonie wird 
etwas verschieden für Knaben und für Mädchen ausgeführt, um auf 
die Bestimmung der erstem als Erwerber hinzudeuten. 

Es hängt vom Wohlstand der Eltern ab, in welchem Alter der 
Knabe einen Kajak bekommen kann; gewöhnlich ist es im 12. Jahre. 
Ein ISjähriger Knabe hatte schon 30 Seehunde, freilich die 
meisten derselben im Frühjahre auf dem Eise, gefangen. Sein Vater, 
ein mäfsiger Fänger, hatte 2 Frauen und 7 Kinder zu ernähren; 
man behauptete, dafs er für jenen Sohn einen Kajak auf einem 
andern Wohnplatze gestohlen hatte. Im Hause und Zelte gehen die 
Kinder vollständig nackt, bis ihnen, etwa erst im 16. Jahr, die 
Natit zum Anziehen gegeben werden. 

Die Männer heiraten mitunter schon, ehe sie erwachsen sind, 
wenn sie nämlich eine Frau ernähren können, die ihr Hauswesen 
besorgen kann. Sie haben mitunter Frauen, die ihre Mütter sein 
könnten. Diese frühen Ehen führen oft zu Ehescheidungen. Die 
Männer können oft drei bis viermal heiraten, ehe ihnen Nach- 
kommenschaft erwächst, und erst dann tritt ein festeres Verhältnis 
ein. Nahe Verwandte, wie z. B. Geschwisterkinder, heiraten ein- 
ander nicht, deshalb sind die Mitglieder einer Familie über viele 
Plätze zerstreut. Tüchtige Fanget lia\ieii ol\. 'ksn^v ^^'ösoä^« ^^^ 



— 282 — 

Beschreibung zweier herrschenden Gebräuche: des Frauentausches 
und des Lampenlöschungspiels, stellen leider den sittlichen Zustand 
der Ostgrönländer in ein ungünstiges Licht. 

Von dem merkwürdigen Kunstsinne, den die Ostgrönländer in 
der Ornamentierung ihrer Gerätschaften und Kleider an den Tag 
legen, ist schon in einem früheren Artikel die Rede gewesen. 

Die religiösen Begriffe stimmen der Hauptsache nach mit 
denen, die wir aus den älteren Beschreibungen und den Sagen von 
der Westküste her kennen, überein. Wenn jemand stirbt, wird die 
Leiche, in ihre besten Kleider gekleidet, durch den Ausgang oder 
durchs Fenster hinausgeschleift. Nur ein oder zwei der aller- 
nächsten Verwandten besorgen dieses, da solche dadurch „unrein" 
werden für lange Zeit, während welcher sie besondere Regeln zu 
beobachten haben. Das Meer wird als der schönste Begräbnisplatz 
angesehen ; es wurden Beispiele erzählt von Personen, die sich selbst 
ins Meer stürzten, als sie dem Sterben nahe waren. Wenn einer 
der Vorväter eines Toten im Meere umgekommen ist — und dieses 
ist ja das gewöhnlichste — so wird auch die Leiche des Nach- 
kommen dem Meere übergeben; die wichtigsten Gerätschaften des 
Verstorbenen müssen dabei mitfolgen. Auch die übrigen Haus- 
genossen und Verwandte, aufser denen, welche die Leiche berührten, 
haben viele Trauersitten zu befolgen. 

Holm giebt eine interessante Beschreibung einer Geister- 
heschwörung des Angakoks Sanimuinak, welcher er beiwohnte. 
Während einer langen Wartezeit lag der Angakok auf der Pritsche 
ruhig bis alles geordnet war. Endlich kam er hervoi wie ein 
Träumer und legte seine Trommel auf einen flachen Stein auf den 
Fufsboden. Ein Mann kam mit einem langen Riemen und schnürte 
ihm die Hände bis zum Ellbogen scharf an den Rücken, so dafs die 
Hände blau wurden, wobei er stöhnte und atmete, als unterläge er 
einer schweren Macht. Darauf wurden alle Lampen gelöscht. Bald 
darauf hörte man: „Goi, Goi, Goi!" wie von Geisterstimmen teils 
oberhalb, teils von einer andern Seite des Hauses gerufen, während 
der Angakok heftig stöhnte. Plötzlich begann ein Fellvorhang vor 
dem Ausgange wie vom Winde bewegt zu rasseln. Die Trommel 
wurde gerührt, erst langsam, dann schneller. Jetzt folgte ein Lärmen 
aller Art, es rasselte, sauste und klapperte, bald wie von Maschinen, 
bald wie von grofsen fliegenden Wesen. Pritschen und Fenster 
zitterten. Bald hörte man den Angakok einer Macht unterliegen, 
er stöhnte, klagte, schrie, flüsterte und lispelte schwach pfeifend. 
OÄ mischte sich ein teuflisches schiiaiieiiA^a Ho\mg<ölächter darin. 



— 28a — 

Stimmen von allen Seiten „Hoi, Hoi, Hoi!" wie in einen fernen 
Abgrund sich verlierend. Zugleich wurde die Trommel mit ungemeiner 
Fertigkeit gerührt, als schwebte sie im Hause herum, über dem 
Kopfe der Zuhörer weilend; dazu erklang ein gedämpfter, wie von 
der Unterwelt herrührender Gesang. Endlich wurde es plötzlich still 
und der gefürchtete Geist Amortortok kam herein. Dieses Ungeheuer 
soll schwarze Arme haben, und der, den es berührt, wird schwarz 
und mufs sterben. Es ging mit schweren Schritten herum und rief: 
„a — mo, a — mo!" — alle Zuhörer drängten sich in die Ecken. 
Darauf kam ein Geist, der wie ein Fuchs schrie. Ein Tartok (Schutz- 
geist des Angakok) sagte: „es riecht hier nach Europäern" und 
fragte näher nach uns. — Endlich, nach mehreren Formalitäten, 
wurde diese Vorstellung geschlossen, und als die Lampen wieder 
angezündet waren, sals der Angakok noch da ganz wie vorhin, nur 
war er in Schweifs gebadet, und die noch auf dem Rücken gedundenen 
Hände waren etwas loser. 

An die ethnologische Skizze schliefst sich eine Liste sämtlicher 
Einwohner der dänischen Ostküste im Herbste 1884, von Johannes 
Hansen, mit Bemerkungen von Holm. Nach derselben gab es: 





1 


g 
'S 


§ 




•5" 






Südliche 

Nördliche 


29 
117 


23 
76 


46 
129 


37 
91 


32 
119 


7 

28 


12 
37 


Zusammen . . 


146 


99 


175 


128 


151 


35 


49 



Seit 1822 sind 609 Personen nach der Westküste ausgewandert 
und in die Gemeinde Friederichsthal aufgenommen. 

Der vierte Abschnitt des zweiten Bandes (Bd. X der „Meddel- 
ser") handelt vom ostgrönländiscJien Dialekt und ist vom Verfasser 
dieses Artikels nach den Notizen Johannes Hansens zu Kleinschmidts 
Wörterbuch zusammengestellt. Der fünfte Band enthält die, schon 
in dieser Zeitschrift Bd. IX, S. 238 besprochenen Sagen, Den Schlufs 
endlich bildet das Verzeichnis der ethnographischen Sammlung und 
die in einem besonderen Bande vereinigten 41 vorzüglichen Tafeln 
mit Illustrationen und einer Karte. Diese Tafeln geben, in Ver- 
bindung mit den in den Text gedruckten Holzschnitten, das voll- 
ständigste Bild jener Sammlung sowie der Einwohner selbst, die 
durch Photographien von zahbeichen Individuen in verschieden- 
artigsten Stellungen vertreten sind. 



— 284 — 

Kleinere Mitteilungen. 

Aus der geographischen Gesellschaft in Bremen. £inem Briefe des 
Herrn Dr. Kükenthal aus Tromsö den 13. September zufolge gedachten 
die Herren Dr. Kükenthal und Dr. Walter am 16. September von dort ab- 
zufahren und auf der Rückreise nach Jena spätestens am 2. October in Bremen 
einzutreffen. Es wird sodann zur Begrüfsung der Herren eine Versammlung 
des Vorstandes unserer Gesellschaft und später eine gesellige Zusammen- 
kunft im Rathskeller stattfinden. Der eingehende Vortrag des Herrn Dr. 
Kükenthal über seine Reise und deren Ergebnisse ist für November oder 
Dezember in Aussicht genommen. 

Im Laufe dieses Winters sollen wiederum, wie früher, Vorträge 
gehalten werden. Ein Cyklus von Vorträgen des Vorstandsmitgliedes Herrn 
Dr. Oppel wird eine Reihe von handelsgeographischen Thematen behandeln, 
namentlich : 1. Welthandel und Weltwirtschaft, 2. Reis, 3. Baumwolle, 4. Wolle, 
5. Taback. 

Goldgewinnung in Neuseeland. (Privatbrief Juli 1889.) Auf meiner 
letzten Reise besuchte ich Charleston, Westküste der Südinsel, einen alten 
Goldplatz, wo einige hundert Leute wohnen, welche ein wahrhaft sorgenloses 
und idylUsches Leben führen, wie man es bei Goldsucheransiedelungen zu finden 
nicht gewohnt ist. Ein jeder besitzt einige hundert Schritte Seeküste, was 
seinen claim konstituiert. Hier wu'd sein Glück ihm täglich von der See 
zugeworfen. Alles, was er zu thun hat, ist, wenn die Ebbe eintritt, den Sand 
umzuschaufeln und ihn in die künstlich angelegten kleinen hölzernen Kanäle 
zu werfen, deren Boden mit Quecksilberplatten belegt ist und worüber ein 
beständiger Wasserstrom geleitet wird. Die Goldkörner bleiben dann an den 
Platten haften. Frauen und Kinder kommen dann und wann von den unmittelbar 
herrlich am Strand gelegenen Wohnungen und nehmen die Platten mit nach 
Hause, wo sie abgeschabt werden. Das Gold wird der Bank übergeben, diese 
schmelzt es auf chemischem Wege und formiert es zu Stangen, in welcher Form 
es dann verschifft wird. Der Bankmauager zeigte mir eine solche Stange von 
1000 £ Wert. Wenn er zwei bis drei solcher hat, sattelt er Pferd und Wagen, 
steckt den Revolver in die Tasche, bringt seinen Besitz nach dem 18 englische 
Meilen entfernten Westport und liefert ihn seinem Chef, den Manager der Bank 
an diesem Platz, ab. Diese „Diggers at Charleston'' sind alle wohl auf und haben 
Geld. Sie verdienen drei bis vier hundert Pfund per Jahr bei einfachem 
Schaufeln vor der Thüre ihrer Wohnung. Diese sind schön gebaut, enthalten 
6 — 8 Räume, von hübsch angelegten Gärten umgeben, inwendig modernes 
Mobiliar, nicht selten mit Pianino und dergleichen, in der Einöde seltener Luxus. 
Die Leute sind mit ihren Familien ein Bild der Gesundheit, da sie immer in 
freier Natur sind und stets die frische Seeluft athmen. Die Zeiten, in denen 
diese Leute ihr Geld am Wirtshaustisch vergeudeten, sind längst vorbei. 
Charleston besitzt vier Hotels, ein Hospital, einen Arzt, einen Pfarrer, eine 
Schule mit Lehrer, drei oder vier Kaufläden, Schlachter und Bäcker. Diese 
kleine Welt für sich macht einen ungemein wohlthuenden Eindruck, hier ist 
wahres Glück und Zufriedenheit einem jeden auf dem Gesichte zu lesen. Fast 
beneidete ich den Bankmanager, in dessen Familie ich einige angenehme Abende 



— 285 — , 

verlebte. Er ist ein noch junger Mann von dreifsig Jahren, hat Frau und 
Kinder, alle sind sehr musikalisch. In Pantoffeln tritt er aus der Wohnstube 
in sein Kontor, (Stiefel zieht er nur an, wenn er auf Reisen geht) wenn er von 
seinem Clerk gerufen wird. Er hat wenig zu thun, dann und wann seinen 
Namen zu zeichnen, bezieht ein gutes Salair, das zu verausgaben er keine 
Gelegenheit hat. Wagen und Pferd hat er frei, so lebt er am Strand der freien 
weiten See zu Charleston. Mein Doktor, ein musikalisches Genie, (Schreiber 
reist als Travelling- Agent für Lebensversicherungsgesellschaften stets in Begleitung 
eines Arztes) der Charlestoner Doktor und meine Wenigkeit bildeten, so lange 
ich dort war, eine heitere Abendgesellschaft in jenem glücklichsten aller glück- 
lichen Häuser. Mein Aufenthalt dauerte indes nur fünf Tage ; diese werden mir 
stets eine angenehme Erinnerung sein. 

Wohin meine nächste Reise geht, steht noch nicht fest, wahrscheinlich 
aber wieder nach der Westcoast via Westport nach Reeftown, ebenfalls einem 
Goldplatz, aber im Lande gelegen. Hier wird noch Gold gegraben in langen 
Tunnels mit grolsartigen Maschinenanlagen, ähnlich wie in Kohlenbergwerken. 
Darüber ein andermal mehr. F. 



Eskinio-Sagren. Die Herren H. Rink und F. Boas veröffentlichen im 
Journal of American Folk-Lore eine Reihe der Gesänge und S a g en, welche 
der letztere während seines Aufenthaltes unter den Eskimos des Baffin- 
landes gesammelt hat. 

Wir geben im folgenden den Inhalt der Sagen nach der englischen Über- 
setzung und verweisen hinsichtlich des Urtextes und der Melodie auf den Original- 
artikel. Um in das eigenartige Wesen dieser Erzählungen einzudringen, mufs 
man sie vom Erzähler im Schneehause selber hören, wo die Umgebung ihren 
Reiz erhöht und das Verständnis erleichtert. Die Lampen brennen niedrig. 
Der Erzähler streift sein Oberkleid ab und zieht sich in den erhöhten Teil der 
Hütte zurück, wo er sich, das Gesicht gegen die Aufsenwand gekehrt, nieder- 
lälst. Er zieht die Kapuze über den Kopf, begräbt seme Hände in die 
Winterhandschuhe und beginnt nun mit einem leisen Singen, zuerst langsam, 
dann mit wachsender Geschwindigkeit in eintönigem Redegesang, bis er in einen 
der Gesänge übergeht, welche häufig in die Erzählungen eingestreut sind. Diese 
sind schwieriger wiederzugeben, da die Sätze abgebrochen sind und die Worte 
vielfach in übertragenem Sinne gebraucht werden. Der Vortragende setzt zudem 
bei der Zuhörerschaft voraus, dafs sie mit dem Gegenstande des Gesanges ver- 
traut und deshalb im stände sei, den gröfseren Teil des Inhalts zu ergänzen. 

Wo es Wohlklang und Tonfall erfordern, sind die Worte bisweilen zu 
blolsen Ausrufen abgekürzt oder durch veraltete Affixe verlängert, deren Sinn 
der gegenwärtigen Generation unverständlich ist, während gelegentlich auch 
Worte der besonderen Angekoksprache oder Zaubersprüche eingefügt sind. Es 
ist begreiflich, dafs hierdurch der wörtlichen Übersetzung viele Schwierigkeiten 
erwachsen und zwar in den weniger bekannten Dialekten noch mehr als im 
Grönländischen. 

Die nachfolgende Erzählung rührt von einem alten Eskimo, namens 
Pakak, aus dem Cumberlandgolfe her. Der Gesang ist zweifellos von beträcht- 
lichem Alter, insbesonder der Schlufs, welcher sich fast mit denselben Worten 
bei den Eskimos in Grönland wiederfindet. 

TJuügumissuitok heiratete einen Hund. "Eonea 'ä^c^Vä nixxx^^ ^^a «qI^«^- 
halb der Hätte bei dem Hunde schlafend gebunden. ^\^ ^^^^^"^ "^^"^^ ^{Jff^.^«^^ 

Geogr. Blätter. Bremen, 1889. 



— 286 — 

die eine Hälfte waren Hunde, die andre Adlet. Die Kinder wuchsen auf. Sobald 
ihr Grofsvater einen Seehund gefangen hatte, lud. er ihn auf seinen Kajak und 
trug ihn zu ihnen. Seine Enkel waren sehr gefräfsig, daher erwählte er eine 
Insel zu ihrem Aufenthalte und trug sie hinüber, seine Tochter, den Hund und 
die Kinder. 

Ihr Vater, der Hund, schwamm täglich zur Hütte des alten Mannes hin- 
über und holte Fleisch in einem Paar Stiefeln, welche er über seinen Nacken 
hing. Eines Tags füllte sie der Vater mit Steinen anstatt mit Fleisch und so 
zogen sie den Hund in die Tiefe. Nachdem er ertrunken war, fuhr der Grofs- 
vater fort den Kindern Nahrung zu senden. Die Mutter sagte indessen zu ihren 
Kindern: „Pafst eurem Grofsvater auf, wenn er in seinem Kajak ausfährt und 
greift ihn an.'' Sie töteten ihn. Dann suchte sie ihre Kinder auf, und nachdem 
sie für sich eine Schuhsohle geschnitten hatte, verwandelte sie selbige schnell 
in ein Boot und befahl ihnen, darin über den Ozean zu fahren. Sie sang: 
„Angnaijaja. Wenn ihr auf die andre Seite gekommen seid, werdet ihr viele 
kleine Dinge machen. Angnaija.'^ 

Nachstehend lassen wir eine ausführlichere Erzählung desselben Gegen- 
standes folgen: 

Savikong (d. i. der Messermann), ein alter Mann, lebte allein mit seiner 
Tochter. Ihr Name war Niviarsiang (d. i. das Mädchen), da sie aber keinen 
Gatten nehmen wollte, wurde sie auch Uinigumissuitung (d. h. die welche keinen 
Gatten zu nehmen wünscht) genannt. Sie wies alle Freier zurück, doch zuletzt 
gewann ein weifs und rot gefleckter Hund, dessen Name Ijikang (das mächtige 
Auge) war, ihre Neigung und sie heiratete ihn. 

Sie hatten zehn Kinder, von denen fünf „Adlets" und fünf Hunde waren. 
Die Beine der Adleten waren Hundebeine und mit Ausnahme der Fufssohlen 
überall behaart, der obere Teil ihrer Körper war menschlich gestaltet. Als die 
Kinder aufwuchsen, wurden sie sehr gefräfsig, und da der Hund Ijikang niemals 
jagte, sondern seinen Schwiegervater für die ganze Familie sorgen liefs, hatte 
Savikong viel Mühe sie zu füttern. Aulserdem machten die Kinder viel Lärm 
und Unruhe, so dafs schliefslich der Grofsvater, der beständigen Plagereien und 
Unruhe müde, die ganze Familie in sein Boot nahm und sie auf einer kleinen 
Insel absetzte. Er gab Ijikang den Auftrag alle Tage zu kommen, um Fleisch 
zu holen. 

Niviarsiang hing ein Paar Stiefel über seinen Nacken und er durchschwamm 
den schmalen Kanal, welcher die Insel vom Festland trennte. Aber Savikong, 
anstatt ihm Fleisch zu geben, füllte die Stiefel mit schweren Steinen, welche 
Ijikang ertränkten, als er versuchte zur Insel zurückzukehren. 

Niviarsiang gedachte den Tod ihres Gatten zu rächen. Sie sandte die 
jungen Hunde nach des Vaters Hütte und hiefs sie, seine Hände und Füfse ab- 
nagen. Zur Vergeltung warf Savikong seine Tochter über Bord, als sie zufällig 
in seinem Boote war, und schnitt ihr die Finger ab, als sie sich verzweifelnd 
ans Boot klammerte. Als diese ins Meer fielen wurden sie in Seehunde und 
Wale verwandelt. Zuletzt gestattete er ihr, wieder ins Boot zu klettern. 

Fürchtend, ihr Vater möchte beabsichtigen, ihre Kinder zu töten oder 

zu verstümmeln, befahl sie den Adleten ins Binnenland zu gehen, wo sie die 

Begründer eines zahlreichen Volkes wurden. Für die jungen Hunde machte sie 

ein Boot, indem sie zwei Stöckchen in die Sohle eines ihrer Stiefel befestigte, 

damit sandte sie die Tiere über das Meer. Sie sang ^Angnaijaja. Wenn ihr 

aaf der andern Seite angelangt seid, werdet iVit VieVft Wcwi^ ^^0[i^\i ^wI«x\K%'8sol 

Angnaija. ^ 



— 287 — 

In Grönland und dem nördlichen Teile von Baffinland werden die Kinder, 
welche in unsrer Erzählung Adlet heifsen, Erkigdlit genannt. Es ist von Inter- 
esse zu wissen, dafs die Labrador-Eskimo die Indianer des Innern Adlet nennen, 
während sie bei den Stämmen der Westküste der Hudsonbai Erkigdlit heifsen. 
In Baffinland und Grönland ist die historische Bedeutung des Ausdruckes voll- 
ständig verschwunden, er bedeutet jedoch einen fabelhaften Stamm mit Hunde- 
beinen und einem menschlichen Körper. Es ist schwierig. Gründe für die An- 
wendung jener verschiedenen Ausdrücke für beide, die Indianer und die erwähnten 
Fabelwesen anzugeben. 

Rink giebt einen Abrifs der Sage, wie er sie in West-Grönland hörte 
(Rink „Tales and Traditions of the Eskimo, S. 471) : 

„Eine Frau, die mit einem Hunde verheiratet war, gebar zehn Kinder. 
Als sie gröfser geworden waren, befahl sie ihnen, ihren (der Mutter) Vater zu 
zerreifsen, worauf sie die Kinder in zwei Teile sonderte und sie von Hause fort- 
sandte, damit sie hinfort ihren Unterhalt sich selber suchten. Fünf von ihnen, 
die ins Land gesandt waren, wurden Erkileks, den fünf übrigen gab sie die 
Sohle eines alten Stiefels und setzte sie auf das Meer, wo sie sich schnell aus- 
dehnte und ein Schiff wurde, in welchem sie abfuhren, worauf sie Europäer 
wurden." 

J. Murdoch berichtet ein Bruchstück derselben Sage von Point Barrow, 
Alaska. Er sagt (American Naturalist, 1866 S. 594): „Vor langer Zeit wurde 
ein Hund, Aselu, an einen Stock gebunden, er zerbifs den Stock und lief in 
das Haus, wo er Gemeinschaft mit einer Frau machte, welche darauf Menschen 
und Hunde gebar". 

Auffallend ist, dafs nach Petitot (Monographie des Esquimaux Tschiglit, 
S. 24) die Mackenzie-Eskimos eine von den obigen gänzlich verschiedene Dar- 
stellung dieses Gegenstandes besitzen sollen. Er teilt folgende Überlieferung 
mit : Im fernen Westen auf einer grofsen Insel erschuf der Biber zwei Menschen. 
Auf der Jagd nach Schneehühnern kamen diese an das Ufer eines Flusses. Sie 
gerieten in Streit über die Schneehühner und trennten sich. Der eine wurde 
der Stammvater der Eskimos, der andere der der Seetiere, welche wiederum 
die Stammväter der Europäer sind. Die Erkigdlit sind nach seiner Erzählung 
aus den Eiern der Läuse hervorgegangen. 

Wahrscheinlich ist dieses nur ein sehr unvollkommenes Bruchstück der 
vollständigen Sage, wie sie bei den Mackenzie-Stämmen erzählt wird. 

Der Vollständigkeit halber fügen wir hier, die in manchen Einzelheiten 
abweichende Darstellung der Sage ein, welche Holm von Angmagsalikern an 
der Ostküste Grönlands mitgebracht hat (Holm, den ostgronlandske Expe- 
dition. 1888). 

In alten Zeiten lebte hier ein Ehepaar, welches eine Tochter hatte. Diese 
hatte viele Männer gehabt, aber da sie keinen Mann lange haben konnte, sagte 
der Vater zu ihr: Du kannst keinen Mann behalten, daher ist es besser, dafs 
Du Dir den Hund zum Gatten nimmst. Als sie eines Tages erwachten, sahen 
sie, dafs der Hund losgekommen war und beim Hausgange lag. Sie banden 
ihn wieder fest aber am nachten Morgen war der Hund abermals los und ins 
innere des Ganges gekommen. Sie legten ihn wieder an^s Seil. Es wurde Abend 
und wieder Morgen und da sahen sie "den Hund im Hause neben dem Eingange 
sitzen. Am Abend seizten sie ihn wieder fest und da sie am. w^^\ä\ät!l "\L<5ft^5s^ 
erwachten^ sahen sie den Hund neben der SchVafeleW^ «vVl^ti, N^Sä^««^ ^^Ä.^<ik ^ss. 
gebunden und ab sie am nächsten Morgen exvjacYiUTi, \a^ öäy ^xmsA ^'^^'^ ^'^'^ 



— 288 — 

Mädchen, die keinen Mann behalten konnte. Der Hund wurde nochmals ange- 
bunden, aber als es Abend wurde und die Lampen ausgelöscht waren, hörten 
sie etwas rascheln und jemanden schreien und zündeten die Lampe an. Da 
sahen sie, dafs der Hund das schreiende Mädchen aus dem Hause schleppte. 

Die Tochter wurde schwanger und gebar eine ganze Menge Kinder auf 
einmal. Da es den Eltern schien, dafs die Kinder gar zu viel äfsen, setzte der 
Vater das Mädchen und alle Kinder auf einer Lisel aus, wohin er ihnen Essen 
brachte. Wenn er dieses that, hatte er den ganzen Kajak vorne und hinten 
beladen und die Kinder kamen zum Strande nieder und holten alles vom 
Kajak herunter. Wenn der Grofsvater nicht zu ihnen kommen konnte, kam der 
Hund mit ein Paar Stiefeln geschwommen, die mit Speck, Fleisch und andern 
Lebensmitteln gefüllt wurden. 

Als der Hund dergestalt eines Tages zu ihnen hinüber kam, waren Steine 
in die Stiefel zwischen die Lebensmittel gelegt worden. Es fehlte daher nicht 
viel, so wäre er nicht hinübergekommen, aber mit Hilfe eines Zauberwortes 
glückte es ihm. Er sagte den Kindern: „Wenn euer Grofsvater das nächste 
Mal kommt, sollt ihr ihn auffressen, weil er mir Steine zwischen die Speisen 
gethan hat." 

Als der Grofsvater das nächste Mal mit Speisen zu ihnen herüber kam, 
gingen die Kinder zum Kajak hinunter und nahmen sie entgegen. Er sagte: 
„Ihr Elenden seid wohl hungrig?" Die Mutter hatte ihnen gesagt, sie sollten 
den Grofsvater fressen. Als die Kinder die Speisen verzehrt hatten beleckten 
sie den Kajak und frafsen den auch. Darauf packten sie den Grofsvater an 
und verspeisten ihn ebenfalls, worauf die Mutter sie in die Welt hinaus senden 
wollte, damit sie sich selbst versorgten. Sie nahm eine Stiefelsohle, setzte 
einige Kinder hinein, schob sie ins Meer hinaus und sagte: „Euer Vater kann 
nichts für Euch thun, deshalb müfst ihr lernen Euch selbst zu versorgen." Diese 
wurden Kavdlunak^er. Die anderen Kinder setzte sie auf das Blatt eines Pfeiles, 
das auf dem Wasser lag, und schofs ihn in's Land hinein. Diese kamen in das 
Innere des Landes wo kein Wasser ist und wurden Timersek'er und Erkilik'er. 

Die Kavdlunak'er kamen in ein Land, wo sie sich selbst Eisen, Schiffe 
und Holz bereiten lernten. Sie konnten Alles. Die Timersek'er kommen im 
Herbst zum Meere nieder um Seehunde zu fangen. Die Leute können sie dann 
pfeifen und donnerh hören und rufen ihnen zu: „Ihr müfst Euern Vettern 
nichts Böses thun." 

Als die Kavdlunaker hierher wollten, konnten sie wegen des Eises nicht 
herankommen. Das Eisen kommt deshalb von Süden her. Sie bereiten das 
Eisen in grofsen mit Thran gefüllten Töpfen, in denen sie Menschen auskochen. 
Zuerst werden sie weifs, dann rot, hernach schwarz nnd so werden sie zu Eisen 
und Klingen. Das Eisen kam zuerst hierher, als das Land in Stücke zerissen 
war und so blieb wie es jetzt ist. 

Vieles von den abweichenden Einzelheiten dieser verschiedenen Dar- 
stellungen derselben Sage wird man ohne Zweifel auf Rechnung des jeweiligen 
eingebornen Erzählers setzen müssen. Der Kern der Legende ist jedenfalls am 
reinsten in dem von Boas übermittelten Gesänge der Baffin-Eskimos enthalten, 
schon weil das feste Gefüge eines Liedes willkürlichen Änderungen am ersten 
Widerstand leistet. Es ist eine interessante Thatsache, sagt Boas, dafs die 
Eskimos von Grönland bis zum Mackenzie denselben Ausdruck Kavdlunaker für 
die Weifsen anwenden, mit denen sie verhältuifemäCsig spät bekannt worden, 
and dafs sie über ihren Ursprung eine Legeii^^ \i^?>\l7.^\i, ^\^ l^^ä^w^ ^^-^ 



— 289 — 

hohem Alter ist. Es bieten sich hierfür zwei Erklärungen dar, entweder ent- 
stand die Sage erst nach Berührung der Eskimos mit Weifsen, oder eine ältere 
Sage wurde auf die Weifsen angewendet, nachdem die Eskimos sie zuerst kennen 
gelernt hatten. Das letztere ist das wahrscheinlichere und scheint auch darin 
Bestätigung zu finden, dafs der ursprüngliche Gesang nicht direkt auf die 
Weifsen hinzeigt, obgleich der Schlufs leicht dahin gedeutet werden kann. 

Der ausführlichere zweite Bericht unsrer Erzählung zeigt eine bemerkens- 
werte Übereinstimmung mit der Sedna-Sage, welche Boas in Petermanns Mit- 
teilungen 1887 veröffentlichte. Die Verwandlung der abgeschlagenen Finger in 
Seetiere i.st in beiden dieselbe. Auch Petitots Erzählung deutet eine Beziehung 
zwischen den Seetieren und den Weifsen an. 

Es würde von Interesse sein zu erfahren, wie dieselbe Legende in Alaska 
erzählt wird. Man würde hierdurch vielleicht Aufschlufs über ihre Geschichte 
bekommen. 

Des weiteren veröffentlicht Herr Boas eine Art Fabel, Gespräch zwischen 
Rabe, Möve und Eskimo, deren Wert — der Inhalt hat wenig Bedeutung — 
nur im rythmischen Vortrage zum Ausdruck kommt, wobei durch geschickt ge- 
wählte Worte die Stimmen der Tiere nachgeahmt werden. 

Zwei kurze Lieder sind nach Boas Ansicht erst in neuerer Zeit entstanden, 
das eine behandelt den Aufbruch zur Sommerreise an den Nettiling See, das 
andi*e die Sehnsucht der Frau nach ihrem von der Jagd zurückerwarteten 
Manne und einer guten Mahlzeit. H. A. 



Französische Weine. Mit Unterstützung des K. K. österreichischen 
Ackerbauministeriums unternahm der Ökonomierat Hermann Göthe im Sommer 
des Jahres 1888 eine Reise nach Frankreich, um den dortigen Weinbau kennen 
zu lernen. Dem über diese Reise erstatteten, bei Carl Gerold in Wien erschienenen 
Bericht entnehmen wir folgende über den französischen Weinbau und besonders 
die Beziehungen zwischen Bodenbeschaffenheit und Güte der Weine Aufschlufs 
gebende Stellen: Die weltberühmte edelste Rotweintraube, die man bei uns 
„Burgunder" nennt, heifst in der Bourgogne „Pinot" ; sie wird vorzugsweise an 
den Abhängen der Hügelkette der Cote d'Or gepflanzt, die sich 60 km lang von 
Dijon über Gevrey, Nuits und Beaune bis nach Santenay hinzieht — im Mittel 
450 m breit und 250 m über dem Meere. Die Güte der dort erzeugten Weine 
wird dem Lande zu einer wahren Goldquelle, wie auch der Name Cote d'Or 
besagt. In den ebenen Lagen der Bourgogne pflanzt man vorzugsweise die 
Gamaytraube, von geringerer Güte zwar, aber auch von gröfserer Ertrags- 
fähigkeit. Die ganze Bourgogne hat etwa 36 000 ha Weingärten, von denen 
3500 ha mit Pinot, die übrigen mit Gamay bepflanzt sind; innerhalb der 
Bourgogne hat das Arrondissement Beaune mit 18 000 ha die gröfste Weinbau- 
fläche. Von den Weingärten der Bourgogne sind bereits 4000 ha durch die 
Reblaus zerstört, weitere 18 000 fangen an, in der Ertragsfähigkeit zurückzugehen. 
An die Cote d'Or schliefst sich nach Süden die Weinlandschaft „Beaujolais" an 
(Name von dem Orte Beaujeu), welche die östlichen Abhänge und Thäler des 
CharoUais-Gebirges von Macon an über Belleville bis Villefranche umfafst. Klima 
und Boden sind verschieden von dem der Bourgogne; das Klima ist rauher 
wegen der mehr gebirgigen Natur des Bezirks, der Boden wird durch Ablagerungen 
von verwittertem Granit, Gneis und Porphyr, dem Grundstock des ChavoUssi^- 
gebirges, gebildet, während in der Bovirgogne ^a\V}ooÖL«ö. m\\. ^^O^^^^Äfc^^^^^- 
mengnngen von Thon, Mergel, Kies, Eise» u. a. ^ox\^ftTttÄc\v\.. \av ^^^xv^^^s»^ 



— 290 — 

pflanzt man auch den Pinot nur vereinzelt, die vorherrschende Rebe ist der 
Gamay mit seinen verschiedenen Spielarten. Infolgedessen sind die Weine des 
Beaujolais billiger, aber auch gerade wegen ihi*er Billigkeit sehr geschätzt — 
man braucht nur an den Macon zu erinnern. In der Landschaft „Lyonnais", 
deren Berge sich bis zu 1500 m erheben, ist ein bestimmter Weinbaucharakter 
nicht mehr zu finden. Grofse zusammenhängende Weinbergflächen giebt es nicht, 
vielmehr wechseln die Weingärten beständig mit Feldern andrer Bepflanzung. 
Das grofsartigste Weingebiet Frankreichs ist die grofse, 150000 ha Weingärten 
umfassende Ebene an der Südwestküste, von der Garonne durchflössen. Die 
ganze Ebene erhebt sich nur sehr wenig und sehr allmählich über die Meeres- 
oberfläche. Dies gilt besonders von dem Landstriche zwischen Garonne und 
Ozean, das Medoc genannt, wo die kostbarsten Bordeauxweine erzeugt werden. 
Sein Boden ist reiner Alluvialboden aus Sand oder sandigem Thon, gemischt 
mit Kieselgeröll auf einer festem Kies- oder Schotterunterlage; die Bewohner 
nennen den Boden „palus". Darin befinden sich etliche etwa 15 m hohe 
hervorragende Anschwemmungen, die Schlösser und Weingärten tragen — so 
Chäteau-Lafitte, Chäteau-Margaux, Chäteau-Latour sowie Saint Julien, Saint 
Estephe u. a. — bekanntlich die Marken der edelsten Medocweine. Herr 
Göthe schreibt die Vortrefflichkeit der im Medoc auf ärmlichem Boden erzeugten 
Weine vorzugsweise dem eigentümlich milden und gleichmäfsigen Klima, in 
zweiter Linie dem Festhalten an nur wenigen von alters her gebräuchlichen 
Traubensorten zu ; die „Lage" kann hier bei der allgemeinen geringen Erhebung 
über die Meeresfläche kaum in Betracht kommen. Auf dem rechten Ufer der 
Garonne zieht sich von Langon bis Blaye eine Hügelkette aus Lehm- oder 
Kalkboden (letzterer z. B. bei Saint Emilion) hin, „Cotes" genannt und ebenfalls 
mit Wein bepflanzt. Die Weine der Cotes stehen zwar den edelsten Medoc- 
weinen an Güte nach, übertreffen sie aber manchmal im Alkoholgehalte. Aufser 
dem üblichen Rotwein erzeugen die Cotes auch edle Weifsweine, so bei Cadillac, 
Barsac, Sauternes u. a. Gegenüber auf dem linken Ufer der Garonne 
erstreckt sich von Langon bis Bordeaux eine ziemlich flache Niederung auf 
sehr schotterigem Untergrunde, die den Namen „Graves" führt und sehr kräftige 
dunkelfarbige Rotweine erzeugt. In der Giionde wurde man zum erstenmal, 
und zwar schon im Jahre 1869 auf die grofse Widerstandskraft amerikanischer 
Reben gegen die Reblaus aufmerksam, und seitdem befafst sich besonders 
Professor A. MiUardet in Bordeaux mit der Züchtung und Veredlung ameri- 
kanischer Reben. Zum Schlüsse noch eine statistische Bemerkung. Frankreich 
hat in den letzten zehn Jahren von den 2 346 000 ha Weinland, die es noch 
1877 besafs, über 400000 ha durch die Reblaus verloren; davon sind aber jetzt 
bereits 166 517 ha mit amerikanischen Reben neu angepflanzt. 



Die Anden-Eisenbahn. Ober den Stand dieses Unternehmens wird das 
folgende berichtet: Der Plan einer südamerikanischen Oberlandbahn zwischen 
Buenos Aires und Valparaiso war schon vor mehr als 20 Jahren aufgetaucht. 
Auf argentinischer Seite sind bereits 1030 km von 5 ' 6 " (1676 mm) Spurweite 
in Betrieb und auf chilenischer Seite wurden 133 km mit einer Spurweite von 
4 ' 8V2 " (1435 mm) durch die Regierung ausgeführt. Das zwischen Mendoza 
und Santa Rosa noch fehlende Glied von etwa 240 km, die eigentliche Anden- 
bahn, wird jetzt, wie die Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen 
mitteilt, von der Firma Clark & Comp, in Londoiv mil M^^iets^ur gebaut. Die 
ersten 90 km sind nahezu vollendet; auf 40 km Aie^t ^c\\ot^ ^^"a ^^\«\s^, "Sxä 



— 291 — 

die weitere Strecke wurde der frühere, mit einem Steigungsmaximüm von nahezu 
4 °/o bearbeitete Plan aufgegeben, dagegen aus Gründen der Ersparnis und der 
Sicherheit das wiederholt ausgeführte und vom Verein deutscher Eisenbalm- 
verwaltungen prämiirte System Abt anzuwenden beschlossen. Bei einem Minimal- 
radius von 122 m soll die Steigung auf den Adhäsionsstrecken 2,5 <*/o und auf 
den Zahnstrecken 8 **/o nicht überschreiten. Die zur Verwendung kommende 
Zalinschiene erhält drei Lamellen mit der bekannten verschränkten Zahnung. 
Die Lieferung derselben wurde der Firma Rinecker, Abt und Comp, in Würz- 
burg übertragen. Das Gebirge wird unter dem Uspallatapafs (auch Cumbre- 
pafs genannt) mit einem etwa 5 km langen Tunnel auf 3185 m Meereshöhe 
durchbrochen. Dieser Pafs, welcher schon seit Jahrhunderten einem hoch- 
entwickelten Verkehr dient, liegt 3967 m über Meer, südlich von dem 6834 m 
hohen Aconcagua, nördlich von dem 6178 m hohen Tupungato, auf ungefähr 
33 Grad südlicher Breite. Im Vergleich hiermit sind die Erhebunngen unserer 
Alpenbahnen verhältnismäfsig gering; der Gotthardtunnel liegt auf 1154,55 m, 
auch die Rigibahn erreicht nur 1753,66 m über Meer. Die Vollendung der 
ganzen Bahn ist bis zum Jahre 1892 zu erwarten. 



Goldgrewinnung in Alaska« Nach einem von der Weser - Zeitung, 
No. 15330, gebrachten Artikel scheint die Goldgewinnung im südöstlichen Alaska 
einer erheblichen Steigerung entgegenzugehen. Li dem vergangenen Jahr hat 
sich in Portland, Oregon, die Alaska Gold-Kompanie gebildet, welche mit be- 
deutenden Mitteln die Ausbeutung der auf der Douglas-Lisel im Gastineau-Canal 
entdeckten Goldlagerstätten unternehmen will. Von dem Ertrage der Minen 
verspricht man sich ausserordentliches, da sie sowohl was Ausdehnung und 
Reichhaltigkeit des Quarzes anlangt, wie hinsichtlich der Leichtigkeit imd Billig- 
keit der Bearbeitung desselben alle anderen Goldgraben der Welt übertreffen 
sollen (?). Als besondere Vorzüge werden gerühmt: ihre Lage unmittelbar am 
tiefen Wasser, billige und reichliche natürliche Betriebskraft, gute und billige 
einheimische Arbeitskraft und ein gemässigtes Klima, welches auf 340 Arbeits- 
tage im Jahre rechnen lässt. Letztere Angabe dürfte jedoch nur mit wesent- 
lichen Einschränkungen Gültigkeit haben, da die Winter in diesem Teil von 
Alaska, wenn auch im ganzen mild, so doch langdauernd und reich an Nieder- 
schlägen sind. A. K. 

Geographische Litteratur. 

Europa. 

Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde, herausgegeben von 
Prof. Kirchhoff. Band 4, Heft 1: Haus, Hof, Mark und Gemeinde Nordwest- 
falens im historischen Überblick, von J. B. Nord hoff, Professor an der 
Königlichen Akademie zu Münster. Stuttgart, J. Engelhardt, 1889. 

„Der lange Nordweststrich Westfalens, welcher sich von der Lippe bis 
zur Hunte und den friesischen Grenzmooren, im ganzen zwischen alten Heide- 
zonen, Mooren oder Niederungen hinzieht, stellt wie in seiner Lage so auch in 
seiner Geschichte, in dem Charakter der Bewohner, der germanischen ürtüm- 
lichkeit, dem Mehrteile des Bodens und der Ai*t des Anbaues eine nähero 
Zusammengehörigkeit dar und demgemäfs einen deutlichen Gegensatz gegen 
die südlichen und östlichen Quartiere des Landes. Einst ging dea&^w H.^d?^\.- 
masse in das Fürstentum Münster auf, und zviai ^et ^e\OMi"aA£^^^^^^^''C'^ 
bßzirk in das Hocbatift, das Emsland und ^e BüdYiaXiV^ ö.^^ ^^q^^^^vlc^^^^^ 



— 282 — 

Beschreibung zweier herrschenden Gebräuche: des Frauentausches 
und des Lampenlöschungspiels, stellen leider den sittlichen Zustand 
der Ostgrönländer in ein ungünstiges Licht. 

Von dem merkwürdigen Kunstsinne, den die Ostgrönländer in 
der Ornamentierung ihrer Gerätschaften und Kleider an den Tag 
legen, ist schon in einem früheren Artikel die Rede gewesen. 

Die religiösen Begriffe stimmen der Hauptsache nach mit 
denen, die wir aus den älteren Beschreibungen und den Sagen von 
der Westküste her kennen, überein. Wenn jemand stirbt, wird die 
Leiche, in ihre besten Kleider gekleidet, durch den Ausgang oder 
durchs Fenster hinausgeschleift. Nur ein oder zwei der aller- 
nächsten Verwandten besorgen dieses, da solche dadurch „unrein" 
werden für lange Zeit, während welcher sie besondere Regeln zu 
beobachten haben. Das Meer wird als der schönste Begräbnisplatz 
angesehen ; es wurden Beispiele erzählt von Personen, die sich selbst 
ins Meer stürzten, als sie dem Sterben nahe waren. Wenn einer 
der Vorväter eines Toten im Meere umgekommen ist — und dieses 
ist ja das gewöhnlichste — so wird auch die Leiche des Nach- 
kommen dem Meere übergeben; die wichtigsten Gerätschaften des 
Verstorbenen müssen dabei mitfolgen. Auch die übrigen Haus- 
genossen und Verwandte, aufser denen, welche die Leiche berührten, 
haben viele Trauersitten zu befolgen. 

Holm giebt eine interessante Beschreibung einer Geister- 
beschwörung des Angakoks Sanimuinak, welcher er beiwohnte. 
Während einer langen Wartezeit lag der Angakok auf der Pritsche 
ruhig bis alles geordnet war. Endlich kam er hervor wie ein 
Träumer und legte seine Trommel auf einen flachen Stein auf den 
Fufsboden. Ein Mann kam mit einem langen Riemen und schnürte 
ihm die Hände bis zum Ellbogen scharf an den Rücken, so dafs die 
Hände blau wurden, wobei er stöhnte und atmete, als unterläge er 
einer schweren Macht. Darauf wurden alle Lampen gelöscht. Bald 
darauf hörte man: „Goi, Goi, Goi!" wie von Geisterstimmen teils 
oberhalb, teils von einer andern Seite des Hauses gerufen, während 
der Angakok heftig stöhnte. Plötzlich begann ein Fellvorhang vor 
dem Ausgange wie vom Winde bewegt zu rasseln. Die Trommel 
wurde gerührt, erst langsam, dann schneller. Jetzt folgte ein Lärmen 
aller Art, es rasselte, sauste und klapperte, bald wie von Maschinen, 
bald wie von grofsen fliegenden Wesen. Pritschen und Fenster 
zitterten. Bald hörte man den Angakok einer Macht unterliegen, 
er stöhnte, klagte, schrie, flüsterte und lispelte schwach pfeifend. 
O/i mischte sieb ein teuflisches schiiaiieiiA^a Ho\mg<ölächter darin. ' 



— 28a — 

Stimmen von allen Seiten „Hoi, Hoi, Hoi!" wie in einen fernen 
Abgrund sich verlierend. Zugleich wurde die Trommel mit ungemeiner 
Fertigkeit gerührt, als schwebte sie im Hause herum, über dem 
Kopfe der Zuhörer weilend; dazu erklang ein gedämpfter, wie von 
der Unterwelt herrührender Gesang. Endlich wurde es plötzlich still 
und der gefürchtete Geist Amortortok kam herein. Dieses Ungeheuer 
soll schwarze Arme haben, und der, den es berührt, wird schwarz 
und mufs sterben. Es ging mit schweren Schritten herum und rief: 
„a — mo, a — mo!" — alle Zuhörer drängten sich in die Ecken. 
Darauf kam ein Geist, der wie ein Fuchs schrie. Ein Tartok (Schutz- 
geist des Angakok) sagte: „es riecht hier nach Europäern" und 
fragte näher nach uns. — Endlich, nach mehreren Formalitäten, 
wurde diese Vorstellung geschlossen, und als die Lampen wieder 
angezündet waren, sals der Angakok noch da ganz wie vorhin, nur 
war er in Schweifs gebadet, und die noch auf dem Rücken gedundenen 
Hände waren etwas loser. 

An die ethnologische Skizze schliefst sich eine Liste sämtlicher 
Einwohier der dänischen OstMste im Herbste 1884, von Johannes 
Hansen, mit Bemerkungen von Holm. Nach derselben gab es: 














es 






Rüdliche 

Nördliche 


29 
117 


23 
76 


46 
129 


37 
91 


32 

119 


7 

28 


12 
37 


Zusammen . . 


146 


99 


175 


128 


151 


35 


49 



Seit 1822 sind 609 Personen nach der Westküste ausgewandert 
und in die Gemeinde Friederichsthal aufgenommen. 

Der vierte Abschnitt des zweiten Bandes (Bd. X der „Meddel- 
ser") handelt vom ostgrönländischen Dialekt und ist vom Verfasser 
dieses Artikels nach den Notizen Johannes Hansens zu Kleinschmidts 
Wörterbuch zusammengestellt. Der. fünfte Band enthält die, schon 
in dieser Zeitschrift Bd. IX, S. 238 besprochenen Sagen, Den Schlufs 
endlich bildet das Verzeichnis der ethnographischen Sammlung und 
die in einem besonderen Bande vereinigten 41 vorzüglichen Tafeln 
mit Illustrationen und einer Karte. Diese Tafeln geben, in Ver- 
bindung mit den in den Text gedruckten Holzschnitten, das voll- 
ständigste Bild jener Sammlung sowie der Einwohner selbst, die 
durch Photographien von zahbeichen Individuen in verschieden- 
artigsten Stellungen vertreten sind. 



— 294 — 

darunter 4500 Chinesen und 41 900 Maoris. Ende 1887 wurde sie auf 645 330 
Personen geschätzt, welche zumeist auf der Nord- und der Mittel-Insel, ungefähr 
zu gleichen Teilen, wohnen. Abgesehen von der Maoris-Bevölkerung war das 
Zahlenverhältnis der Frauen zu den Männern wie 85,9o : 100, ein ähnliches 
Mehr in der Zahl der Männer zu den Frauen besteht in allf^n australischen 
Kolonien. Etwas über die Hälfte der Bevölkerung von 1886 war in der Kolonie 
geboren. Dem Religionsbekenntnis nach überwiegen die Angehörigen der Kirche 
von England, der Presbyterianer, der Wesleyanischen Methodisten und der 
Katholiken ; Juden giebt es nur 1550. Im Jahr 1886 waren von den 307 000 männ- 
lichen Weifsen der Bevölkerung 70 **/o und von den Frauen 64V2*^/o unverheiratet. 
Die Fruchtbarkeit der Ehen — 5,3i Kinder auf eine Ehe — ist die gröfste in 
den englisch-australischen Kolonien, dagegen war die Geburtsziffer im Jahre 1887 
erheblich niedriger als im Jahre 1880 und niedriger auch als in England und 
Schottland während der letzten 35 Jahre. Grölsere städtische Mittelpunkte wie 
in den andern englisch-australischen Kolonien giebt es in Neu-Seeland nicht, 
die bedeutendsten Städte sind Auckland, welches mit Vorstädten 57 000 Ein- 
wohner zählt, Wellington 30 000, Christchurch mit Vorstädten 45 000, Dunedin 
mit Vorstädten 46 000 Einwohner. Die Gesamtzahl der Einwanderung 1876 
bis 1887 betrug 161 000 Personen, die Mehrzahl kam aus England und den 
englisch-australischen Kolonien. Bemerkenswert ist, dafs unter den Ziffern der 
Fremden, welche sich in dem Zeitabschnitt 1878 — 87 in Neu-Seeland haben 
naturalisieren lassen, diejenigen der Deutschen die gröfste ist, nämlich 659; 
Schweden wurden 211, Dänen 336, Norweger 156, Chinesen 140 naturalisiert, 
die Ziffern aller übrigen Nationen blieben unter 100. Die Zahl der Maoris ist 
in steter Abnahme, die Geburtsziffer niedrig, die Sterblichkeit im jugendlichen 
Alter grofs. Dies ist umsomehr zu bedauern, als, wie der Bericht ausdrücklich 
ausspricht, die Maoris, körperlich wie geistig begabt, sich schnell in die Zivili- 
sation einleben. In der Schiffahrt nach und von der Kolonie überwiegt natürlich 
bei weitem die britische Flagge, 29 °/o, nach der Zahl der Schiffe waren englische, 
73^0 englisch-australisch-koloniale, nur 10 ^o w^aren fremde Schiffe. Unter 
diesen letzteren überwiegen die amerikanische, deutsche, norwegische und 
schwedische Flagge. Bemerkenswert ist die Steigerung der direkten Einfuhr 
aus Deutschland von einem Wert im Betrage von 44 549 £ 1886 auf 68 532 £ 
1887. Die wichtigsten Ausfuhrartikel der Kolonie sind Wolle (1887 für 
3 321 000 £), Gold (in der Abnahme, 1887 für 747 000 £), Hafer (1887 für 
279 000 £), gefrorenes Fleisch (1887 für 455 000 £) Kauri Gummi (Harz von 
der Kaurifichte, 1887 362 000 £) und bearbeitetes Holz (1887 für 127 108 £). 
Dagegen wurde von dem berühmten neuseeländischen Flachs nur für 25 000 £ 
im Jahre 1887 ausgeführt. Die Länge der 1887/88 in Betrieb befindlichen 
Eisenbahnen war 1753 miles, die Zahl der Passagiere 3 451 000. — Die in 
einem Anhang gegebene chronologische Übersicht der wichtigsten Ereignisse in 
der Kolonie ist ein guter Nachweis. 

Meereskunde. 

R. Handbuch der Ozeanographie. Band IL Die Bewegungen 

des Meers. Von Dr. Otto Krümm eL Stuttgart. Verlag von J. Engelhom. 1887. 

Vor fünf Jahren erschien der erste Teil dieses Handbuchs. Der Verfasser, Prof. 

Georg von Boguslawski, Sektionsvorstand im Hydrographischen Amt der 

Admiralität and Eedakteur der „Annalen der Hydrographie'', hatte damals ange- 

kündigt, dafs der zweite Teil binnen Jahtesimt iv«k.Ci\\iQ\^«vi ^qI\ä. Allein bald 

darauf erlag Bognslawaki dem schweren Leiden, vieXcYi^^ '^^flv ^^\\. >asi^«t^ Isä^ 



— 295 — 

heimgesucht hatte. An seiner Stelle übernahm zunächst Professor Zöppritz die 
l^eiterführung des begonnenen Werks, und als auch dieser im März 1885 starb, 
wurde sie dem Professor Krümmel in Kiel übertragen und von diesem glücklich 
zum Abschlufs gebracht. Während der erste Band die räumliche, physikalische 
und chemische Beschaffenheit der Ozeane, ihre Einteilung, Gliederung und 
Bodengestaltung; den Salzgehalt und das spezifische Gewicht des Seewassers; 
die Farbe, das Leuchten und die Durchsichtigkeit ; endhch die maritime Meteoro- 
logie und die Temperaturverteilung in den Meeren zum Gegenstande hatte, 
behandelt der zweite Band in vier Kapiteln die Bewegungen des Meers. Die 
beiden ersten Kapitel sind den schwingenden Beilegungen, den Wellen und den 
Gezeiten gewidmet, das dritte der Vertikalzirkulation der Ozeane, das vierte 
den Meeresströmungen. Nur ein kleiner Teil dieses Stoffs, nämlich das 
Kapitel |,über die Vertikalzirkulation und die Einleitung zu den Gezeiten, 
im Ganzen etwa 60 Seiten, ist noch von Zöppritz bearbeitet. Alles Übrige 
rührt von Krümmel her. Von einer Besprechung dieser fleifsigen Arbeit in ihren 
Einzelheiten müssen wir absehen, sie würde zu weit führen, wenn man sich 
nicht auf willkürliches Herausgreifen des einen oder des andern Punktes be- 
schränken wollte. Im ganzen kann das ürteü über diesen Band nur günstig 
lauten. Die Literatur, namentlich die neuere, ist eingehend berücksichtigt, soweit 
sie überhaupt Berücksichtigung verdient. Die Anordnung ist übersichtlich. Die 
geschichtlichen Einleitungen zu jedem Abschnitt enthalten alles wesentliche. 
Die Darstellung der verschiedenen Theorien ist ausführlich und verständlich, 
ihre Kritik gröfstenteils überzeugend und doch mit Mals und Vorsicht gegeben. 
Rätsel und „ungelöste Probleme" bleiben allerdings noch überall, und der 
Verfasser hätte einen überschriebenen Abschnitt jedem Kapitel hinzufügen 
können, wie er es bei den Gezeiten gethan hat. Das Lob einer fleiCsigen, nach 
Möglichkeit vollständigen Gelehrtenarbeit, welches der zweite Band beanspruchen 
kann, gebührte auch dem von Boguslawski verfafsten ersten Bande. Aber bei 
diesem musste man damit, wie wir früher an einer andern Stelle hervorgehoben 
haben, nicht unerhebliche Mängel in den Kauf nehmen. Den ersten Band zu 
lesen, war gerade kein Genufs. Unter der Menge von Einzelheiten litt die Über- 
sicht. Zahlreiche Bausteine waren zusammen getragen, aber nicht in einander 
gefügt, und es entstand kein Bau vor dem Auge des Lesers. Die Anhäufung 
von Zahlen und Daten wirkte stellenweise geradezu ermüdend. Erläuternde 
Figuren und graphische Darstellungen fehlten fast ganz. Dabei litten 
Satzbildung und Schreibweise an einer, gelinde gesagt, starken ünbeholfen- 
heit, besonders unleidlich wirkte die Angewohnheit, die Titel der citirten 
Schriften nicht unter den Text zu stellen, sondern sie in Klammern gefafst in 
denselben und zwar zuweilen mitten in die ohnehin schon langen Sätze zu 
schieben. Von diesen Mängeln ist der zweite Band fast ganz frei. Vielleicht 
hätte manches noch etwas zusammengedrängt und kürzer gefafst werden können, 
indessen soll damit kein Vorwurf erhoben werden. Das alphabetische Sach- und 
Namenregister, das dem ersten Bande fehlte, ist auch für diesen jetzt nach- 
geholt. Der Plan des ganzen Werks war ursprünglich umfassender. Aufser dem, 
was dasselbe jetzt bringt, sollten noch das Tier- und Pflanzenleben im Meere, 
femer der Einflufs der neueren ozeanischen Forschungen auf das Kulturleben 
der Menschheit, endlich die ozeanographischen Institute behandelt werden. 
Krümmel hat diese Gegenstände ausgeschieden, weil er einerseits niclal -^^s^Si^ 
die volle Sachkunde und Erfahrung für ihre BekwoÄVxxxi^ ^ö^-säI-ä, \sä.^ ^'^^ ^'^* 
selben anderseits schon in anderen Teilen des SaiMXie\^«t\Ä^oTL\SxOD5a^^ 



— 296 — 

männern bearbeitet worden waren. Man kann sieb damit einverstanden erklären, 

obgleich einzelnes davon wohl zu einer vollständigen Ozeanographie gebort. 

Eine Bearbeitung dieser Kapitel in gleicher Ausführlichkeit würde übrigens einen 

dritten Band von annähernd demselben Umfange wie die vorliegenden ausgefüllt 

haben. Das Feld maritimer Forschungen ist von Deutschland erst spät betreten 

worden. Die Verhältnisse, welche dem in früherer Zeit entgegenstanden, sind 

zu bekannt, um hier noch einmal erörtert zu werden. Auch die Literatur, 

welche sich mit dem Meere befafst, konnte sich mit der anderer Nationen nicht 

messen, denen wir sonst in der Pflege und Förderung der Wissenschaften 

mindestens gleich standen. Das ist nun besser geworden, und seit Deutschland 

in die Arbeit auf der See mit eintrat, ist mit Eifer geschafft und schon vieles 

beschafft, wenn auch nicht alles von gleichem Werte. Es ist erfreulich zu 

sehen, wie oft in dem vorliegenden Handbuch auf neuere deutsche Arbeiten, 

sowohl auf dem theoretischen Gebiet, wie auf dem der Beobachtung und Samm- 

Ixmg von Thatsachen. Bezug genommen worden ist. Das wird hoffentlich so 

weiter gehen, damit wir auch auf diesem Gebiete in die Reihe einrücken und 

einen gleichen Rang mit den übrigen seefahrenden Nationen beanspruchen 

dürfen. 

Ethnologie. 

Internationales Archiv für Ethnographie, unter Mitwirkung 
bedeutender Fachgelehrter herausgegeben von J. D. E. Schmeltz, Konservator am 
ethnographischen Reichsmuseum in Leiden. Verlag von P. W. M. Trap in Leiden. 
Von dieser so inhaltsreichen mit wertvollen Illustrationen ausgestatteten Zeit- 
schrift liegen uns wieder mehrere umfängliche Hefte vor, welche an grölseren 
Aufsätzen enthalten : Band II, Heft I und H : v. Luschan, das türkische Schatten- 
spiel, mit Tafel I — IV. Schurtz, das Wurfmesser der Neger, mit Tafel V und 
Abbildungen im Text. Parkinson, Beiträge zur Ethnologie der Gilbert-Insulaner, 
mit Abbildungen im Text. Heft IH : Fortsetzung des Aufsatzes von v. Luschau 
und' Schlufs des Aufsatzes von Parkinson und F. Driessen, Tie and Dye work 
at Semarang, mit Abbildungen. Heft IV : Schlufs des Aufeatzes von v. Luschan 
und: Dr. Schellong, das Barlumfest der Gegend vom Finschhafen, mit einer Tafel. 
Neben den gröfseren Aufsätzen ist der Inhalt der sechs anderen Rubriken: 
Notizen und Briefwechsel, Sprechsal, bibliographische Übersicht, Museen und 
Sammlungen, Bücherschau, endlich Reisen und Reisende, Ernennungen und 
Nekrologe durchweg sehr mannichfaltig. Hochbedeutend für die Ethnographie 
der mittelamerikanischen Indianer ist das mit Illustrationen ausgestattete um- 
fangreiche Supplementheft des ersten Bandes : die Ethnologie der Indianerstämme 
von Guatemala von Dr. Otto StoU, der wohl wie wenige andere vor ihm, durch 
seinen längeren Aufenthalt in der Republik und durch seinen Beruf als Arzt, 
Gelegenheit hatte, die Indianer Guatemalas zu studieren. Das Werk, welches 
dem deutschen Altmeister der Völkerkunde, unserem jetzt wieder auf einer 
Forschungsreise begriffenen Landsmanne Geheimen Rat Professor Bastian in 
Berlin gewidmet ist, hat folgenden Inhalt : Voi-wort, Aussprache der indianischen 
Worte, Litteratur, Einleitung, soziale Organisation, die Religion, das Kriegswesen, 
Technologie, Handel. Dem im 1. Heft des 2. Bandes seitens der Redaktion 
ausgesprochenen Dankeswort an alle Mitwirkenden möchten wir unsrerseits 
Worte der Anerkennung für die bisherigen trefflichen Leistungen und der Er- 
mutigung zum Fortschreiten auf der erfolgreich betretenen Bahn hinzufügen. 
Andrerseits] ist eine kräiügQ Unterstützung des Verlegers der kostspieligen 
Zeitschrift durch ein zahlreiches Abonnement dxmgenöieÄ 'Sitl^iTt^^TDi?», ^«scs^ 
anders das Unternehmen gedeihen und sicli vjeitet a.uaÖLe\Äiexi ^o^. 



«*« *• Deutsche »*"* ™- 

Geographische Blätter. 

Herausgegeben von der 

Geographischen Gesellschaft in Bremen. 

Beiträge und sonstige Sendungen an die Redaktion werden unter der Adresse : 
Dr. M. Lindeman^ Bremen, Mendestrasse 8, erbeten. 

Der Abdruck der Original-Aufsätze, sowie die Nachbildung von Karten 
und Illustrationen dieser Zeitschrift ist nur nach Verständigung mit 

der Redaktion gestattet. 



Zur Entdeckungsgeschichte und Landeskunde 

in Neuguinea. 

Von A. Oppel. 



I. 

Die langsame Erschliefsung Neuguineas ist bedingt durch die Natur der Sache und 
die Eigenart der Eingeborenen. I. Zur Entdeckungsgeschichte. 1. Das Niederländische 
Neuguinea. Der Bochussenflufs. Arimoa-Inseln. Wandammenküste. Mac Cluergolf. 
Die Südküste. 2. Das britische Neuguinea. Der Chesterflufs. Der Maikafsa. Der 
Flyriver. Der Airdriver. Hallsund. St. Josephsflufs. Das Owen Stanleygebirge. 
Der Kemp Welshflufs. Die Wilnebai. Die d'Entrecasteaux- und Luisiaden-Inseln. 

Neuguinea, eine der gröfsten Inseln der Erde, ist zwar schon 
seit dem Anfange des 17. Jahrhunderts sowohl seiner Lage nach als 
auch in seiner Eigenschaft als Insel bekannt, gehört aber doch bis auf 
den heutigen Tag zu den wenigen Teilen der bewohnten Erdober- 
fläche, die den verschiedenen Versuchen der Kulturvölker, das Land 
zu erforschen und mit den Eingeborenen in dauernde Beziehungen 
zu treten, den hartnäckigsten Widerstand entgegengesetzt haben. 
Denn noch vor wenigen Jahrzehnten hatte man erst die Küsten 
kennen gelernt, und auch diese vielfach nur flüchtig oder von weitem 
gesehen. Und abgesehen von einigen schwachen Anfangs versuchen 
seitens der Holländer, hatten die beiden Mitpioniere in der Er- 
schliefsung fremder Länder, der Handel und die Mission, sich von 
Neuguinea ferngehalten, geschweige denn, dafs es einer europäischen 
Macht eingefallen wäre, die Hand nach diesem später begehrenswert 
gewordenen Gute auszustrecken. 

Auf den ersten Blick will es wunder nehmen, dafs Neuguinea 
so lange sich wie eine uneingenommene Feste behaupten konnte. 
Denn die grofse und fruchtbare Insel befixvd^^. «vöa. m 9s«v^^ V^sää.'^- 

Oeogr. Blätter, Bremen, 1889. ^^ 



■ — 298 — 

wegs entlegenen Weltgegend, sie ist vielmehr von mehreren Seiten 
aus ohne besondere Schwierigkeit zu erreichen, und in der That 
wurde sie ja auch früher als manche andre. Insel der Südsee entdeckt, 
weil man von den südostasiatischen Inseln oder von Australien her- 
kommend, unbedingt auf sie stofsen mufste. 

Sieht man aber näher zu, so wird man bald finden, dafs sowohl 
für die langsame und schwerfällige Aufhellung und Feststellung der 
Küstenlinien als auch für die lange Unnahbarkeit des Innern, deren 
Bann erst vor wenigen Jahren gebrochen ist, schwerwiegende Gründe 
vorliegen. Diese werden sowohl aus der Natur des Landes als aus 
der Eigenart und der Kulturstufe der Eingeborenen ersichtlich. 

Was zunächst den Verlauf der Küstenlinie anbelangt, so bietet 
diese nach den neueren und neusten Untersuchungen wohl zahlreiche 
gröfsere und kleinere Buchten dar, aber diese sind sowohl im Süden 
als im Norden vielfach von Korallengebilden umsäumt, welche in 
früherer Zeit von den Seefahrern mehr gemieden wurden, als dies 
jetzt, wo man ihre verhältnismäfsige Unschädlichkeit kennt, der 
Fall ist. Die älteren Seefahrer hielten sich daher bei ihren For- 
schungen in einer gewissen respektvollen Entfernung von der Küste 
und konnten also die zahlreichen Mündungen gröfserer Flüsse, die 
thatsächlich vorhanden sind, nicht auffinden. Damit war ihnen die 
Möglichkeit, in das Innere einzudringen, abgeschnitten. Den Land- 
weg aber einzuschlagen, war einerseits durch den Umstand, dafs die 
älteren Forschungen zur See gemacht wurden, anderseits durch die 
hohen Küstengebirge oder durch sumpfige Beschaffenheit sowie die 
dichten Wälder der mit jenen abwechselnden Tieflandstrecken aus- 
geschlossen. 

Ein weiteres Hindernis schien das Klima zu bieten. Denn 
wenn dies auch, wie man jetzt weifs, im Durchschnitt den Weifsen 
nicht gefährlicher ist, als das andrer längst von Europäern be- 
wohnter Tropengegenden, so waren doch die Besiedelungsversuche 
der Holländer z. B. an der Westküste fehlgeschlagen und dieser 
Mifserfolg genügte, um weitere Anstrengungen zu unterlassen. Dazu 
kommt, dafs Neuguineas Natur in der That wenige Lockmittel enthält. 
Gold ist wohl vorhanden, aber die Gegenden, wo es sich findet, 
enthalten es entweder in nicht bedeutender Menge oder sind sehr 
entlegen. Ferner bieten die riesigen Wälder wohl ungeheuren Reich- 
tum an nutzbaren Hölzern dar, aber solche konnte und kann man 
sich auch aus andern Gegenden und in bequemerer Weise verschaffen. 
Nutzpflanzen aber von besonderer Eigenart, die anderswo nicht zu 
ßnden wären, bat Neuguinea nicht aufz\iw^\aftii. Die Tierwelt endlich 



— 299 — 

zeichnet sich zwar durch gewisse Spezialitäten, namentlich unter 
den Vögeln aus, aber um diese zu erhalten, bedurfte es nicht unbedingt 
langwieriger, kostspieliger und mühevoller Reisen in das Innere. 

Nicht geringer war das Hemmnis, welches von den Einge- 
borenen ausging. Diese sind zwar vermöge des Umstandes, dafs sie 
bis in unsre Zeit auf der Kulturstufe der Steinzeit verharrt haben, 
ein ungewöhnlich anziehender Gegenstand des Studiums und ein 
unentbehrliches Requisit der modernen Völkerkunde, aber gerade 
wegen ihrer Zurückgebliebenheit konnten sie auf den Handel, zumal 
dieser lange Zeit nur die Holländer nach der Insel führte, wenig 
Anziehungskraft ausüben. Zudem standen sie in dem — allerdings 
nicht begründeten — Rufe, die schlimmsten Kannibalen zu sein. 
Letzteren hatten sie sich dadurch erworben, dafs sie sich den mehr- 
maligen Annäherungsversuchen besonders der Holländer, an einigen 
Stellen wenigstens, sehr wenig zugänglich, anderwärts geradezu feind- 
selig und mordlustig bewiesen. 

Die neueren Forschungen und Erfahrungen haben nun zwar 
gelehrt, dafs der Charakter der Papuas lange nicht so schlimm ist, 
wie man früher annahm, aber die mit ihrer Kulturstufe verknüpften 
Unzuträglichkeiten im Hinblick auf Entdeckung und Erforschung 
bleiben doch bestehen. Dafür nur wenige Andeutungen ! Das Steinbeil, 
das Hauptwerkzeug der Papua Neuguineas genügt wohl, um kleinere 
Urwaldflecken zu lichten und für den Plantagenbau zu klären, aber es 
reicht nicht hin, um wirkliche Verkehrswege durch die weiten Strecken 
des Innern zu bahnen. Zudem ist die Bevölkerung an sich schwach 
und auf enge Gebiete verteilt. Die einzelnen kleinen Gruppen, auf 
sich beschränkt, haben kaum Verkehr mit ihren unmittelbaren Nach- 
barn, geschweige denn, dafs sie mit ferner wohnenden Stämmen in 
Beziehungen getreten wären. Die Folge dieser Vereinsamung oder 
vielleicht auch die Ursache derselben, ist eine aufserordentliche Zer- 
splitterung der Sprachen. In der That giebt es kein zweites Beispiel 
dafür, dafs ein Volksstamm, der nach Körperbildung, Kulturstufe und 
geistigem Charakter ein untrennbares Ganze bildet, sich in sprach- 
licher Beziehung in solchem Mafse zerteilt erwiese, wie dies bei den 
Papua von Neuguinea der Fall ist. In Kaiser Wilhelmsland z. B. 
hat man beobachtet, dafs fast jedes Dorf seine eigne, durch besondern 
Wortschatz charakterisierte Sprache hat und dafs die verbreitetsten 
Idiome sich höchstens auf eine Entfernung von 25 km ausdehnen. 

Infolge des unentwickelten Verkehrs und der sprachlichen Zer- 
splitterung können aber die Eingeborenen den Fotack\xxv%^x<sva«^^^^ 
weder aJs Fährer noch als Dolmetsclier neiiXieu^N^et\.^T^\fcXÄ\Ä\^'N&*^^^ 



— 300 — 

und da die Leute durch Ackerbau, Fischfang und Jagd nicht mehr an 
Lebensmitteln gewinnen, als sie selbst brauchen, so giebt es auch 
keine irgendwie beträchtlichen Vorräte, die den Fremden abgetreten 
werden können; die letzteren müssen also bei ihren Vorstöfsen fast 
allen Proviant mit sich führen. Die Fortbewegung dieser und andrer 
Ausrüstungsgegenstände bietet aber wiederum die gröfsten Schwierig- 
keiten, weil es für Landreisen an entsprechenden Transportmitteln 
fehlt. Denn die Eingeborenen selbst sind nicht gewöhnt, auf längere 
Zeit schwere Lasten zu tragen. Tiere aber, die sich hierfür ver- 
wenden liefsen, giebt es in Neuguinea nicht, da sich die Viehzucht 
der Papua nur auf Schweine, Hunde und Hühner bezieht. 

Diese wenigen Andeutungen mögen genügen, um darzuthun, 
weshalb es so lange nicht gelingen wollte, in das Innere der Lisel 
einzudringen, oder richtiger gesagt, weshalb man Jahrhunderte hin- 
durch gar nicht den Versuch dazu machte. Erst als man die 
Mündungen einiger grofser Flüsse gefunden hatte, wurde es möglich, 
den Bann zu brechen. Von epochemachender Bedeutung war hierfür 
die Entdeckung des an der Südküste mündenden Flyriver, dessen 
Wasserstrafse, zuerst von dem Italiener d'Albertis und von englischen 
Missionären verfolgt, tief in das Herz der Insel führt. Aber dieser 
vom Standpunkte einer ersten Entdeckung unzweifelhaft grofse Erfolg 
hat doch nicht diejenigen Folgen nach sich gezogen, die man davon 
erwarten durfte. Denn die Fahrten der ersten Reisenden sind wohl 
wiederholt worden, aber sie haben zur weiteren Aufschliefsung der 
Binnengebiete bisher wenig beigetragen, da eben keine Ausflüge in 
das Land gemacht wurden. 

Ahnlich steht es auf der Nordseite. Hier wurde der ansehn- 
liche Kaiserin Augustaflufs von deutschen Reisenden gefunden und 
tief in das Innere verfolgt. Aber auch in diesem Falle mufste man 
sich darauf beschränken, die neue Wasserstrafse mit ihrer unmittel- 
baren Umgebung zu beobachten und zu untersuchen, weiterreichende 
Vorstöfse dagegen unterbUeben. In weit geringerem Mafse hat der 
ebenfalls der Nordküste angehörende Rochussenflufs zu Aufschlüssen 
^ber das Innere geführt. 

Während aber die grofsen Flüsse der Erforschung des Innern 

noch nicht diejenigen Dienste geleistet haben, die man davon 

unstreitig erwarten darf, sind neuerdings in den Küstengebirgen 

zwei ansehnliche Erfolge errungen worden, welche einigermafsen für 

jene Enttäuschung entschädigen. Ich meine die Bereisung des Fini- 

sterregebirgea durch Herrn H. ZöUer und (ieüo^^^w und die nach 



— 301 — 

vielen vergeblichen Versuchen geglückte Besteigung des Owen Stanley- 
gebirges durch Sir William Mac Gregor. 

Diese erfreulichen Ereignisse legen es nahe, einen Rückblick 
auf die Bemühungen um Neuguinea zu werfen und die dadurch ge- 
wonnenen Ergebnisse zu überschauen. Wenn ich mich nun, einer 
Anregung der Redaktion folgend, dieser Aufgabe unterziehe, so sei im 
Voraus bemerkt, dafs die nachstehenden Seiten nicht den Zweck 
haben, eine erschöpfende und in alle Einzelheiten gehende Darstellung 
von der Entdeckungsgeschichte und von der Landeskunde Neuguineas 
zu geben. Dazu würde der zur Verfügung stehende Raum nicht 
ausreichen. Sodann ist der Verlauf der Entdeckungen bereits von 
andrer Seite verfolgt und in leicht zugänglicher Weise dargestellt worden; 
ich erinnere beispielsweise an den Aufsatz von C. R. Markham, Pro- 
grefs of discovery on the coasts of New Guinea with bibliographical 
Appendix by E. C. Rye (Supplementary Paper of Royal Geogr. Soc. 
London , Vol. L part. 2) und an eine ähnliche Arbeit von 0. Bau- 
mann in den Mitteilungen der Wiener Geogr. Ges. (Jahrg. 1882). 
Wer genauere Mitteilungen wünscht, als Markham und Baumann 
bieten, der sei auf zwei holländische Werke verwiesen, die zwar in 
erster Linie die Reisen der Niederländer berücksichtigen, aber doch 
auch diejenigen der Forscher andrer Nationalität, mit in Betracht 
ziehen. Diese Werke sind: P. A. Leupe, de Reizen der Nederlanders 
naar Nieuw Guinea en de Papoeschen eilanden in de 17de en 18de 
ceuw ('sGravenhage, M. Nyhoff, 1875) und A. Haga, Nederlandsch 
Nieuw Guinea en de Papoeschen eilanden. Historische Bydrage. 
'sHage, 1884. Eerste Deel 1500—1817. Tweede Deel 1818—1883. 

Ferner gedenke ich auch über die Reisen und Forschungen 
unsrer deutschen Landsleute nicht ausführlich zu berichten, denn 
einerseits sind diese als bekannt vorauszusetzen, anderseits haben 
die Deutschen Geographischen Blätter bereits öfter kürzere und 
längere Mitteilungen darüber gebracht. Aufserdem ist das Original- 
material, in den Veröffentlichungen der Neuguineagesellschaft enthalten, 
leicht zugänglich, ebenso wie die anderwärts niedergelegten Berichte 
der betreffenden Forscher. 

Was mir zu thun übrig bleibt, besteht bezüglich der Ent- 
deckungsgeschichte in einer übersichtlichen Zusammenstellung der- 
jenigen Reisen, welche seit 1883, wo die oben genannten Schriften 
abschliefsen, in den nichtdeutsclien Teilen von Neuguinea gemacht 
worden sind. An diese Übersicht will ich dann einige Bemerkungen 
knüpfen, welche sich auf die Fortschritte in den einzelnen Zwei^^^w 
der Landeskunde sowie auf die Anfange dei ILoXom'a^XAöTi \kcä^ ^m«- 



— 302 — 

Mission beziehen. Diese Auseinandersetzungen werden aber nicht nur 
die Anteile der Niederländer und der Engländer, sondern das ganze 
Neuguinea berücksichtigen. Als Grundlage kann die beizugebende 
Karte von Neuguinea dienen, die mit Benutzung des besten mir 
zugänglichen Quellenmaterials zusammengestellt worden ist**) 

I. Zur Entdecknngsgeschichte. 

Vorbemerkung. Wie allgemein bekannt, ist durch diplomatische 
Abmachungen seitens der drei beteiligten Mächte England, Nieder- 
land und Deutschland die Insel Neuguinea in drei Bezirke oder 
Interessensphären geteilt worden. Dem Königreich der Niederlande 
fällt der ganze Westen mit den daran sich schliefsenden Inseln zu. 
Die Grenzlinie, im allgemeinen dem 141 ® W. L. Gr. entlang laufend, 
beginnt im Norden bei dem Kap Bonpland — nach Hagas Karte 
bei 140^ 48' — und endet an der Südküste mit einem „Wapenbord" 
genau auf 141®. Nach der planimetrischen Berechnung von 
B. Trognitz in Gotha umfafst der niederländische Anteil 382 140 qkm 
oder 48,6 ®/o der ganzen Insel, während auf den englischen Teil 
28,3 ®/o, auf den deutschen aber 23,i ®/o kommen. 

1. Das Niederländische Neuguinea. 

Seit dem Erscheinen des für die Entdeckungsgeschichte des 
niederländischen Anteils grundlegendem Werke von A. Haga ist auf 
diesem Gebiete nicht viel Bemerkenswertes geschehen, und also der 
Stand der Kenntnisse nicht wesentlich über den des Jahres* 1883 hin- 
ausgerückt worden.**) Die Unternehmungen, über die ich zu berichten 
habe, bewegen sich sämtlich an der Küste, deren Verlauf, wie Hagas 
Karte zeigt, noch an verschiedenen Stellen näher untersucht und 
festgestellt werden mufste. Solches geschah auch. Dagegen verlautet 
nichts von einem tief ins Innere reichenden Vorstofse. 

Und doch wäre ein solcher an einer bestimmten Stelle von 
besonderem Interesse gewesen. Nahe der Nordspitze des eigentlichen 
Rumpfes von Neuguinea, d. h. bei Kap D'Urville, hatte nämlich der 



*) Da einige für die Herstellung der Karte wichtige Materialien, wie z. B. 
über das Finisterregebirge und das Owen Stanleygebirge, jetzt noch nicht zu- 
gänglich siiid, so wird dieselbe erst dem zweiten Teile dieses Aufsatzes beige- 
geben werden. 

**) Wie mir mitgeteilt wird, machte man vor einigen Jahren in den 

Niederlanden den Versuch, die Mittel zu einer gröfseren Expedition, welche das 

niederländische Neuguinea erforschen sollte, zusammenzubringen, aber da keine 

genügende Summe einkam, so verwandte man das gesammelte Geld zu Forschungen 

im malayiscben Archipel. 



— 303 — 

französische Seefahrer Dumont d'Urville die Mündung eines grofsen 
Flusses entdeckt, der sich in mehreren Armen in das Meer ergiefst. 
Dieser, ursprünglich Amberno genannt, wurde später zu Ehren des 
Gouverneurs von Niederländisch-Indien Rochussen mit dessen Namen 
belegt. Der erste Versuch, den Rochussen stromaufwärts zu fahren, 
war im Jahre 1871 von den Niederländern P. van der Grab und 
J. E. Teysman gemacht worden. Vier Jahre später kam von A. J. Lange- 
veldt van Hemert an dieselbe Stelle, aber es gelang ihm ebensowenig 
wie seinen Vorgängern, eine wesentliche Aufklärung über den Rochussen- 
flufs mit nach Hause zu bringen. Etwas günstigeren Erfolg hatte 
die Reise des Residenten von Ternate, D. F. van Braam Morris, mit 
dem Dampfer „Havik" im Jahre 1883. Unter seiner Leitung wurde 
zunächst festgestellt, dafs der Rochussen unter 137® 55' 53" östl. 
L. Gr. und 1^ 25' 30" s. Br. mündet. Darauf ging der „Havik" 
stromaufwärts, mufste aber wegen zu reifsender Strömung die Fahrt 
schon bei 2 ® 20' einstellen, so dafs in gerader Richtung von der Küste 
landeinwärts nur eine Entfernung von etwa 100 km zurückgelegt 
wurde. Bei der Havik-Insel, dem südlichst erreichten Punkte, war 
der Rochussen oder wie ihn die Eingeborenen nennen, der „Mamberan" 
zwischen 400 und 500 m breit. Da sich der Flufs hier schon in 
einem gebirgigen Lande bewegt, so hat man es ohne Zweifel mit 
einer Wasserader zu thun, die sich den beiden bekannten Haupt- 
flüssen Neuguineas, dem Flyriver und dem Kaiserin Augustaflusse 
in würdiger Weise anreiht. Um so mehr ist zu bedauern, dafs zur 
Aufklärung seines Laufes nichts weiter geschehen ist, seitdem van 
Braam Morris an Ort und Stelle war. Ja, selbst die Mündungs- 
verhältnisse sind noch nicht genügend aufgeklärt. Dafs der Maraberan 
vor der Mündung sich teilt, ist wohl gewifs. Aber ob, wie die 
älteren Karten annehmen, alle die in den Seitengebieten des Kap 
D'Urville mündenden Wasseradern als Zweige des Mamberandeltas 
aufzufassen seien, scheint doch recht zweifelhaft. 

Die Küstenstrecke östlich des Mamberandeltas wurde im Herbst 
1887 von dem niederländischen Residenten F. S. A. de Clercq be- 
endet und die betreffende Fahrt bis zu den Arimoa- oder Kumamba- 
Inseln ausgedehnt, die etwa 100 km östlich von Kap D'Urville 
liegen. Am 21. Oktober ging er an Land und wurde von den 
Eingeborenen freundlich aufgenommen. Nach den Angaben derselben 
heifsen die drei Inseln Liki, Lansutu und Armofin, also wesentlich 
anders als bisher auf den Karten gelesen wird. 

Auf der gleichen Reise hatte de Clercq noch einige andx^ 
Küßtengegenden besucht; es waren besoiiÖLCt^ öaä ^xväSvöcÄT^ kaar 



— 304 — 

buchtungen der Geelvinkbai, die, bisher nur teilweise genügend be- 
kannt, genauer untersucht worden. Zuerst wandte sich de Clercq 
nach der Wandammenküste, welche den südlichen Saum einer zwischen 
dem Ostende des Macluergolf und 'der Insel ßoon tief einschneidenden 
bisher unbenannten Bucht bildet. Darauf begab er sich zu der 
östlich der Insel Roon gelegenen, noch tiefer als die erste ein- 
schneidenden Bucht, und landete auf dem Teile der Küste, welche 
als Jauer oder Ja-oer bezeichnet wird. Jauer gegenüber, auf der 
andern Seite der Bucht, befindet sich die kleine Insel Moor. Diese, 
bei den Eingeborenen Nuto Rutumordjo genannt, zählt, nach de Clercqs 
Bericht, in neun Kampongs etwa 2000 Einwohner. Die benachbarten 
Eilande dagegen, ßatewo, Utaina und die Harlem-Insel wurden unbe- 
wohnt gefunden. 

Gegenüber der mehrfach erwähnten Insel Roon schneidet von 
Westen her der Macluergolf oder Telok Berau tief in den westlichen 
Teil von Neuguinea und spaltet diesen dermafsen in zwei Halbinseln 
von ungleicher Gröfse, dafs sie nur durch eine schmale scharnier- 
artige Landenge mit einander zusammenhängen. Die Landenge war 
durch die mehrmaligen Reisewege unsres Landsmannes A. B. Meyer 
an einigen Stellen besucht worden. Da wurde vor mehreren Jahren 
von dem Kapt. John Strachan, der sich seit 1856 mit der Unter- 
suchung der Westküste Neuguineas befafst hatte, die Behauptung 
aufgestellt, er habe eine Wasserstrafse gefunden, welche den Macluer- 
golf mit der Geelvinkbai verbinde, demnach müsse die bisherige 
Halbinsel des äufsersten Nordwestens als Insel von dem Hauptkörper 
Neuguineas abgelöst werden. Da Strachan die Stelle, wo er jene 
Strafse entdeckt haben wollte, nicht genauer bezeichnet hatte, so 
mufste man sich einweilen mit seiner Angabe zufrieden geben oder 
abzufinden suchen. Die Möglichkeit der von ihm behaupteten Ab- 
sonderung war ja nicht unbedingt ausgeschlossen, da Meyer seiner 
Zeit wohl den nördlichen Teil der Landenge, aber nicht deren Süden, 
zumal in der Richtung auf die Wandammenküste, untersucht hatte. 
Bald aber wurde von mehreren Seiten Strachans Aufstellung scharf 
angegriffen und zuletzt als unhaltbar nachgewiesen. Aber diese 
Mühe war eigentlich nicht nötig gewesen, denn es stellte sich heraus, 
dafs Strachan gar nicht an Ort und Stelle gewesen war. Er hatte 
eben nur eine Vermutung ausgesprochen, diese aber in die Form 
einer thatsächlichen Beobachtung gekleidet. 

Die Südwestküste Neuguineas, welche sich von der Südspitze 

der Halhinsel Kowiai bis zur Prinz Friedrich Heinrich-Insel erstreckt, 

jst meines Wissens in den letzten Jahien x\ikv Tiv^^eNsÄ ^Ss^^tL^c^lÄft- 



— 305 — 

lieber Erforschung nicht besucht worden. Dagegen war dies bei 
der Südkäste der Fall, welche von der genannten Insel bis zum 
141 ^ ö. L. Gr. reicht. Während nämlich der niederländische Kon- 
troleur J. van Oldenburgh mit dem Dampfer „Batavia", von Westen 
her kommend, Ende 1880 und Anfang 1881 die ganze südliche 
Strecke befahren und kartographisch aufgenommen hatte, führte der 
Australier Robert Drew aus Sydney im Jahre 1883 dieselbe Reise 
in umgekehrter Richtung aus. Nachdem er bei dieser Gelegenheit 
auf englischem Gebiete den Chesterflufs entdeckt und 25 miles weit 
verfolgt hatte, fand er bei 8 ^ 10' s. B. eine Insel, die er Discovery- 
Island taufte. Dieselbe liegt 130 miles westlich von Deliverance-Insel. 

2. Das britische Neuguinea. 

Vorbemerkung. Das britische Gebiet auf Neuguinea ist durch 
Königliche Verordnung vom 27. Oktober 1888 als Kronbesitzung 
erklärt und zugleich in drei Bezirke geteilt worden. Der westliche 
Bezirk, welcher unter die Kontrolle des Mr. Milman, des britischen 
Residenten auf Thursday Island (Torresstrafse) gestellt ist, erstreckt 
sich von dem niederländischen Wapenbord bis zum Airdriver unter 
7® 45' s. Br. und 144^ 15'' ö. L. Gr. Der mittlere Bezirk reicht 
vom Airdriver bis zur Toulon-Insel unter 10^ 26' s. Br. und 149® 
12* ö. L. Gr. nahe der Amazonbai. Der bekannteste runkt ist 
hier Port Moresby. Der östliche Bezirk endlich umfafst die Ost- 
spitze mit den benachbarten Inseln, den Luisiaden und den 
d'Entrecasteaux. 

Innerhalb des von mir zu besprechenden Zeitraumes ist das 
britische Neuguinea viel häufiger der Gegenstand von Reisen und 
Forschungen gewesen als der viel gröfsere niederländische Anteil. 
Dafür giebt es mehrere Gründe. Zunächst entfaltet hier die Londoner 
Mission, welche seit einer längeren Reihe von Jahren die Arbeit an 
der Südküste begonnen hat, ehe jemand an deren Besitzergreifung 
dachte, eine ziemlich lebhafte Thätigkeit. Leute wie Chalmers, 
Macfarlane, Beswick u. a. haben sich grofse Verdienste um die Auf- 
klärung der sehr launisch ausgezackten Küstenlinie erworben. 
Aufserdem ist zu der englischen Mission noch eine französische hin- 
zugekommen, die sich ebenfalls bemüht, das Wissen über Land und 
Leute zu bereichem. Aber das lebhafteste Interesse für Südn^fu- 
guinea wurde doch durch gewisse politisch-nationale Strömungen in 
Australien wach gerufen. Die junge Kolonie Queensland wünschte 
nämlich ihr ohnehin so grofses Gebiet auf Neuguinea a\3ÄT»ÄfiJK»s£«s.^ 
und aJs die Erfolge der deutschen ?ie\xgvimfta%^^^^d^^l\.n ^sstO^ ^^ 



— 306 — 

Expedition von Finsch, laut wurden, verbreitete sich der Eifer über 
das übrige Australien. Die Folge war die Aussendung einer ziemlich 
grofsen Zahl von Reisenden, . die sich meist nicht lange in dem 
fremden Lande aufhielten, so dafs die Ergebnisse in keinem rechten 
Verhältnisse zu der Zahl der Expeditionen steht. Immerhin sind 
aber durch das Zusammengreifen der Missionen, der australischen 
und englischen Reisenden einige Fortschritte zu verzeichnen, die 
abgesehen von der endlich gelungenen Ersteigung des Owen Stanley- 
berges hauptsächlich in der Aufklärung über die Mündungsverhält- 
nisse der vorhandenen Flüsse bestehen. 

Beginnen wir die im Laufe der letzten Jahre gewonnenen 
Fortschritte vom äufsersten Westen des britischen Anteils zu mustern, 
so ist zunächst noch einmal Robert Drews zu gedenken, der von 
der Torresstrafse kommend 30 miles westlich von der Mündung des 
Maikassa (Baxter) einen ansehnlichen Flufs entdeckte, denselben 
Chesterriver benannte und auf eine Strecke von 25 miles strom- 
aufwärts verfolgte. 

Was den eben erwähnten Maikassa anbetrifft, so hat derselbe 
zu mehrfachen Besprechungen und Vermutungen Anlafs gegeben, 
insbesondere wegen seines Verhältnisses zu dem Flyriver. Von 
Macfarlane und Octavius Stone im J. 1875 bei 9® 8' s. Br. und 
142^ 12' ö. L. Gr. gefunden, wurde er zugleich von seinen Ent- 
deckern 91 miles weit ins Innere verfolgt und als Baxterriver be-^ 
zeichnet. Man vermutete in ihm einen nach Süden gerichteten 
Mündungsarm des Flyriver. Nachdem das Problem mehrere Jahre 
geruht, wurde es von dem Kapt. Strachan 1884 im Auftrage der 
Melbourner Zeitung „Age" wieder in Angriff genommen. Sirachan, 
derselbe, der später den ominösen Verbindungskanal zwischen dem 
Macluergolfe und der Geelvinkbai entdeckt haben wollte, machte zwei 
Reisen. Nach seinen Berichten befuhr er auf der ersten den Mai- 
kassa 120 miles stromaufwärts und sah eine Reihe beträchtlicher 
Nebenflüsse, mufste sich aber wegen der feindseligen Haltung der 
Eingeborenen wieder zurückziehen. Dann, mit zwei Landsleuten, 
Namens Kerry und Poett, an den Baxter zurückgekehrt, untersuchte 
er die vorher entdeckten Zuflüsse, besonders den von ihm als Prince 
Leopoldriver bezeichneten, auf dem er auch den Thalweg nach der 
Seeküste einschlug. Dieser dann in östlicher Richtung folgend, fand 
er die Mündungen fünf kleiner Flüsse, deren Verlauf und Umgebungen 
näher erforscht wurden. 

Strachan fafste die gewonnenen Ergebnisse dahin zusammen, 
dafs der Prince Leopoldriver eine Abzweigung des Maikassa und 



— 307 — 

. folglich einer von dessen Mündungsarmen sei. Prince Leopoldriver 
und Maikassa umschliefsen eine, wahrscheinlich von vielen Kanälen 
durchschnittene Insel, Strachan-Island, und nehmen zahlreiche Zu- 
flüsse auf, von denen einige mit dem Flyriver in Verbindung stehen. 

Strachans Aufstellungen begegneten aber bald lebhaften Zweifeln. 
Insbesondere war es der damalige Spezialkommissär des britischen 
Gebietes, welcher Strachans Angaben über den Maikassa als sehr 
unzuverlässig erklärte ; eine Verbindung dieses Flusses existiere nicht. 
Daher wird die Maikassafrage so lange eine offene bleiben, bis es 
gelingt, die mafsgebenden Wasserläufe südlich der Flymündung bis 
zu ihrem Ursprünge zu verfolgen. 

Der Flyriver selbst ist seit den epochemachenden Fahrten von 
d'Albertis zwar einige Male wieder besucht worden, aber die dabei 
gewonnenen Ergebnisse nehmen sich recht bescheiden aus. Der 
Missionär Macfarlane erschien 1883 im Mündungsgebiete, aber nur um 
farbige Glaubenssendlinge, sogenannte teachers, in Kiwai und an einigen 
andern Punkten unterzubringen. Im Jahre 1885 kam eine austra- 
lische Expedition, die sich eigentlich nach dem Airdriver hatte 
l3egeben sollen, aber dort wegen ungünstiger Windverhältnisse nicht 
einlaufen konnte, mit dem Deutschen Haacke und fuhr den Flufs 
aufwärts unter Kapitän Everill bis zur Einmündung des Bonito bis 
7 ® 35' s. Br. und 140® 50' ö. Länge. Darauf ging sie auf diesen 
über und folgte ihm bis 6® 30', während ein Boot noch bei 5® 
35' Br. bei 141 ^ 40' L. hinaufging. 

Seitdem ist, meines Wissens, auf und am Fly nichts weiter 
geschehen. Betrachtet man auf der Karte das Verhältnis der beiden 
Hauptflüsse Neuguineas, des Fly und des Kaiserin Augusta, so liegt 
es nahe, anzunehmen, dafs eine den letzteren hinaufgehende Expe- 
dition die Wasserscheide bald erreichen werde. Aber die Aussichten, 
dafs eine solche Unternehmung in nächster Zeit vom deutschen 
Gebiete aus unternommen werde, sind so gering wie möglich, da 
die Neuguineagesellschaft den Entschlufs gefafst hat, die wissen- 
schaftliche Erforschung bis auf weiteres einzustellen, um alle Kräfte 
auf die wirtschaftliche Nutzbarmachung ihres Besitzes zu verwenden. 

Während also der Fly etwas vernachlässigt wurde, wandte 
sich eine grofse Aufmerksamkeit dem eigenartigen Mündungssystem 
des Airdriver zu. Das Astuarium desselben ist schon lange be- 
kannt, es wurde nämlich von Kapt. Blackwood und seinem Begleiter, 
dem Naturforscher Yukes, auf der mit dem Schiffe „Fly" unter- 
nommenen Reise, wobei der danach benannte Flufs entdeckt wurde, 
aufgefunden, aber trotz mancher Versuche vj^x tdätv X^w'^'^ TjK^X. ^o^^et 



— 308 — 

die Umgebung der Küste nicht vorgedrungen. Auch der um die * 
Kenntnis von Südostneuguinea so verdiente Missionär J. Chalmers, 
welcher seit 1874 die Missionshauptstation in Port Moresby leitete, 
konnte auf seinen zahlreichen bis zur Ostspitze ausgedehnten Fahrten 
nicht tiefer eindringen als seine Vorgänger. 

Erst dem im Auftrage einer Sydneyer Firma hinausgehenden 
Th. Bevan war es beschieden, 150 km in direkter Entfernung 
von der Küste landeinwärts zurückzulegen. Er fand heraus, dafs 
der sogenannte Airdriver kein selbständiger Flufs, sondern nur 
eine Verzweigung eines gröfseren Flusses sei. Dieser, als Douglas- 
' river bezeichnet, war es, den Bevan 150 km stromaufwärts fuhr 
und bis an den dort hervortretenden Gebirgsrand schiffbar fand. 
Auf dem Oberlaufe des Douglas, dem Philpriver, wurde der nörd- 
lichste Punkt bei 6« 39' Br. und 144 ^ 11' ö. L. erreicht. Auf 
der Rückfahrt, die, in einer anderen Verzweigung ausgeführt, den 
Reisenden bis zur Deceptionbai brachte, zeigte sich in der Nähe 
von Bald Head ein neuer grofser Flufs, der zu Ehren des fünfzig- 
jährigen Regierungsjubiläums der Königin Viktoria den Namen „Jubilee- 
river" erhielt. Nachdem Th. Beva^ diesen auf eine Strecke von 
200 km verfolgt hatte, stiefs er abermals auf eine Wasserader, die 
er „Stanhoperiver" taufte. Der Stanhoperiver aber bildet mit 
dem Jubileeriver ein gemeinsames Delta. Endlich aber macht es 
den Eindruck, dafs alle die vorhergenannten Wasseradern nur Teile 
eines gemeinsamen grofsen Deltas sind, das den Küstensaum zwischen 
dem 144® und 145® ö. L. einnimmt. 

Diese Wahrnehmung wird übrigens, auf Grund einer Be- 
obachtungsfahrt, auch von Chalmers und J. M. Hennesy im grofsen 
und ganzen bestätigt. Sie meinen, dafs die Küsten des Papuagolfes 
von einer zusammenhängenden Deltalandschaft gebildet werden, zu 
der nach Chalmers auch der Wickhamflufs zu rechnen ist. 

Nachdem Th. Bevan die oben mitgeteilten ansehnlichen Erfolge 
errungen, rüstete er sich Ende 1887 zu einer neuen Fahrt, die ihn 
auf dem Jubileeriver weiter landeinwärts als das erste Mal führte. 
Daran knüpften sich genaue Untersuchungen an der jenen Flüssen 
entsprechenden Küste. Durch diese konnten die früheren Beobach- 
tungenln der Weise präzisiert werden, dafs das ausgedehnte Delta 
sich von Orokolo, 145® 10' ö. L., nach Osten jedenfalls bis Mitchell 
Land, bei 144 o 10', vielleicht sogar bis zum Delta des Flyriver 
erstreckt. Eine stark gebirgige Insel, welche in den Aird Hills bis 
400 m ansteigt, wird von den Armen des Douglas umschlossen. 



— 309 — 

Eine weitere Reise, welche Th. Bevan ausführte, ergab die 
Entdeckung mehrerer neuer Wasseradern, so des Aiwairiver (im 
Jubileeriversystem), des Merewetherriver und des Georgeriver, doch 
unterliefs es Bevan, die letzteren zwei landeinwärts zu verfolgen. 
Dagegen wurden unter Beihilfe von Hemmy an der Küste karto- 
graphische Aufnahmen gemacht. 

Ostlich von dem grofsen Delta treten die gebirgigen, zum teil 
ziemlich hohen Erhebimgen des Innern näher an die Küste heran 
und, da überhaupt die Breite der Insel nach Osten hin abnimmt, 
so darf man gröfsere Flüsse nicht mehr erwarten. Dagegen beweist 
sich die Küstenlinie selbst als reich bewegt, mit vielen Landvor- 
sprüngen und Meereseinbuchtungen ausgestattet. Eine der beträcht- 
licheren Baien ist der sogenannte trichterartige Hall Sund, in dessen 
breitem Eingange die kleine Yule-Insel lagert. Auf dieser haben sich 
französische Missionäre festgesetzt. Dafs in den Hall Sund zwei kleine 
Wasserläufe, Hilda und Ethel genannt, münden, ist schon länger 
bekannt. Dagegen entdeckten die Missionäre einen ansehnlichen 
Flufs, der, bei den Eingeborenen Paimono heifst, von ihnen aber als 
St. Josephsflufs bezeichnet vnirde. Die Missionäre Verius und Couppe 
verfolgten ihn nach Norden bis zu 8^ 32'; sie bemerkten, dafs der 
sehr mündungsreiche St. Joseph, dessen Ursprung an dem Mount 
Yule liegen soll, mit den obenerwähnten Flüssen Hilda und Ethel 
ein gemeinsames Delta bilde. Das Land am St. Joseph ist gut be- 
völkert; die Missionäre begegneten auf ihrer Reise 15 Dörfern mit 
etwa 2000 Einwohnern. 

Vom Hall Sund der Küste weiter nach Osten folgend, erreichen 
wir Port Moresby, das, bekannt als Hauptstation der Londoner Mission, 
überhaupt wohl der am häufigsten besuchte Teil des ganzen britischen 
Neuguinea und zugleich der Ausgangspunkt für die Touren nach dem 
Owen Stanleygebirge ist. Diese stattliche Gebirgskette wurde von 
dem englischen Kapitän Owen Stanley, als er im Jahre 1849 in 
Begleitung des Naturforschers Macgillivray der Südostküste mit 
den Schififen „Rattlesnake" und „Bramble" entlang fuhr, zuerst ge- 
sehen und nach seinem Entdecker benannt. Zugleich wurde die 
Höhe der von den Schiffen aus sichtbaren Gipfel bestimmt, unter 
ihnen der hauptsächlichste zu 12 800 F. engl. 

Dafs das Owen Stanleygebirge eine grofse Anziehungskraft auf 
die Reisenden ausüben werde, war vorauszusehen. Denn es vereinigt 
eine ansehnliche Höhe mit einer für Neuguinea verhältnismäfsig be- 
quemen Küstennähe. Daher hat es auch eine ziemliche Reihe von 
Leuten verschiedener Art, als Touristen, Nat\M:a\\«v\a^TCLTc^5St.jQ^^^^ 



— 310 — 

und wirkliche Forscher, angelockt. Der Umstand aber, dafs man 
genau 40 Jahre brauchte, um die höchste Spitze zu erklimmen, zeigt 
wiedenmi auf das deutlichste , mit welchen Schwierigkeiten und 
Hemmnissen die nach dem Innern Neuguineas gerichteten Unter- 
nehmungen verknüpft sind. Denn die direkte Entfernung von Port 
Moresby, in der Luftlinie gemessen, beträgt kaum mehr als 100 km. 

Der erste Europäer, welcher von der Küste in das Innere vor- 
drang, war der Naturaliensammler Andreas Goldie, der im Jahre 1879 
auf dem bekannten Missionsschiff „Ellengowan*', zugleich mit Rev. 
W. Lawes nach Port Moresby gekommen war. Doch bewegte sich 
Goldie vorzugsweise in den Umgebungen der Küste, eifrig mit 
Sammeln beschäftigt. Unter seinen Entdeckungen spielt neben der 
Auffindung des nach ihm benannten Goldieriver, der in die Reds- 
carbai mündet, der Nachweis von goldhaltigem Quarz und von 
Alluvialgold insofern eine Rolle, als daraufhin eine Truppe Gold- 
gräber sich unter einem gewissen Borston nach Port Moresby auf- 
machte, ohne aber die gehofften Schätze bergen zu können. 

Nach A. Goldie bewegten sich die Missionäre J. Chalmers und 
Lawes mehrfach im Hinterlande von Port Moresby. J. Chalmers 
verfolgte 1879 den Laioki oder Goldie eine Strecke weit. Mit Lawes 
zusammen bestieg er die Veriataberge, welche eine herrliche Aussicht 
auf das Laiokibecken gewähren. Bald aber mehrten sich die Unter- 
nehmungen. Im Jahre 1883 kam, im Auftrage der Melbourner Zeitung 
„Argus", William E. Armit mit seinem Begleiter Denton. Der letztere 
starb bald. Armit selbst vermochte nicht viel auszurichten. Die 
von ihm hergestellte Karte stellt zunächst den Weg von Port Moresby 
am Laioki entlang bis Narianuma dar. Ferner erreichte er die 
Wasserscheide zwischen dem Laioki und den Quellbächen des Kemp 
Welshflusses in einer Höhe von 553 m. Armits Nachfolger waren 
G. E. Morrison und H. 0. Forbes, ihre Erfolge unbedeutend. Morrison, 
bekannt durch seine Parforcewanderung durch den australischen 
Kontinent vom Karpentariagolfe bis nach Melbourne, wollte 1883 
die östliche Halbinsel durchqueren, legte aber nur 100 miles land- 
einwärts zurück und kehrte dann um, weil er, mit den Eingeborenen 
in Streit geraten, von diesen verwundet worden war. Der Natur- 
forscher H. 0. Forbes, im Spätherbste 1885 nach Port Moresby ge- 
langt, kam von da aus nur bis an den Fufs des Gebirges, wo er, 
aus Mangel an Geldmitteln, die Weiterreise einstellte. 

Etwas mehr Erfolg hatte der von der Geographischen Gesellschaft 

in Melbourne ausgesendete W. R. Cuthbertson. Dieser erstieg 1887 den 

Mount Obree und iestimmte mittels KocVittieTmom^t^tÄ dessen Höhe 



— 3ii — 

zu 2300, während man dieselbe früher zu 3223 m angenommen 
hatte. Sein Nachfolger, D. Livesay, wollte wie Morrison quer durch 
das Land gehend, die Nordostküste erreichen. Aber nachdem er 
vom Veinouriflusse (Redscarbai) aus in nordwestlicher Richtung vor- 
dringend die Wasserscheide bei einer Höhe von 1800 — 2100 m ge- 
wonnen und, wie er glaubte, auch einen brauchbaren Weg nach 
Osten gefunden hatte, schlug er diesen nicht ein, sondern kehrte 
nach Port Moresby zurück. 

Nach so viel fehlgeschlagenen Versuchen ist es nur erfreulich 
zu berichten, dafs schliefslich die Ersteigung der höchsten Spitze 
des Owen Stanleygebirges in diesem Jahre (1889) gelang. Der der- 
zeitige Administrator des britischen Gebiets, Sir William Mac Gregor, 
errang diesen Erfolg. Am 19. April 1889 von Port Moresby in 
Begleitung seines Sekretärs, Cameron, und 14 Farbigen aufbrechend, 
fuhr er zunächst den Vanapaflufs aufwärts, wobei mehrfach Strom- 
schnellen überwunden werden mufsten. Als die Bootreise nicht weiter 
fortgesetzt werden konnte, holte Cameron, nach Port Moresby 
zurückkehrend, Verstärkungsmannschaften und Proviant nach. Und 
als diese angekommen, begann Mac Gregor nach afrikanischer Weise, 
das heifst durch Verteilung der Lasten auf die Begleitmannschaft, 
am 17. Mai zu Fufse vorwärts zu gehen. Er kreuzte den Mount 
Gleason, den Mount Gunbar und Mount Beiford, beim St. Josephs- 
flusse, und schlug bei Mount Musgrave sein Lager auf. Hier liefs 
er den gröfseren Teil seiner Leute zurück, um mit 11 Mann dem 
Hauptberge zuzustreben. Nachdem er den Mount Musgrave bis 
7000 F. engl., sowie die Mount Knutsford Range erstiegen, wandte 
er sich nach Westen und hatte am 9. Juli den Fufs des Owen 
Stanleygebirges erreicht, dessen Spitze am 11. und 12. Juni erklommen 
wurde. Der Rückweg nach Port Moresby wurde in 13 Tagen ausge- 
führt. Die Reise war in gesundheitlicher Hinsicht ziemlich begünstigt, 
denn von der ganzen Kolonne starb nur ein Eingeborener. 

Von den Ergebnissen dieser jedenfalls interessatiten Tour ist 
bisher nur wenig bekannt geworden. Danach ist der Hauptberg 
13 121 F. hoch. Nördlich davon wurde ein fast ebenbürtiger Gipfel 
gesehen, zu 12 500 F. hoch bestimmt und als Mount Albert be- 
zeichnet. Die von Mac Gregor durchreisten Landstriche sind durchaus 
von Bergen erfüllt, ebene Flächen aber ausgeschlossen. In geologischer 
Beziehung fand sich viel zersetzter Schiefer, Granit und Quarz, aber 
keine Spur von Gold. Eingeborene wurden an zwei Stellen ange- 
troffen, sie benahmen sich „aufserordentlich freundlich". Es waren 
wohlgebaute starke Männer, aber keine Ftauew öäJö^x» \^\^\äq^ 



— 312 — 

waren unbewaffiiet und mit sorgfältigen Haarfrisoren versehen, die 
dazu verwendeten Muscheln stammen nach Mac Gregor von der 
Ostküste, woraus hervorgehen würde, dafs zwischen der Küstenbe- 
völkerung und den Gebirgsbewohnern Tauschverkehr stattfindet. 
Die Plantagen, denen die Expedition begegnete, waren eingehegt 
und trugen Yams, Kartoffeln, Zuckerrohr und Tabak in Fülle. 
Was die Flora und die Fauna anbetrifft, so konnte Mac Gregor 
mehrere neue und interessante Arten mitbringen, z, B. mehrere 
schöne gelbe Rhododendronarten, eine Zahl Gräser, und mehrere 
neue Tiere, darunter eine Art Bär. 

Bei Gelegenheit der Owen Stanleyunternehmungen war des 
Kemp Welshflusses Erwähnung gethan. Dieser, in die Hoodbai 
mündend, war schon 1880 von Rev. Thomas Beswick 18 miles 
landeinwärts verfolgt. Im Jahre 1886 erforschten dann Dr. Clarkson 
und Hunter das Gebiet an seinem Oberlaufe bis in die Gegend des 
Mount Obree. Die Wasserscheide in der Höhe dieses Berges wurde 
im folgenden Jahre, von Port Moresby aus, von Harding und Hunter 
bei 1500—1800 m Höhe erreicht. 

Damit sind die wichtigeren Leistungen im britischen Neu- 
guinea zur Kenntnis gebracht, es wäre höchstens noch zu sagen, 
dafs an der Milnebai einige kleine Funde iu Form von zwei Flüfschen, 
Davadava und Hadava, gemacht sind und zwar von dem seitdem 
verstorbenen P. Scratchley. 

Aus unsrer Übersicht geht hervor, dafs die Nordostküste, das 
heifst von der Milnebai bis zum Mitrafels, seit Finsch Zeiten, welcher 
der unmittelbare Nachfolger J. Moresbys war, nicht wieder besucht 
worden ist. Dagegen war dies neuerdings bei den nahe der Küste 
befindlichen d'Entrecasteaux-Inseln der Fall seitens des Herrn Basil 
Thomson, der in Begleitung des britischen Kommissärs von den 
Luisiaden herkommend, sich einige Zeit auf der Gruppe aufhielt, 
um hauptsächlich geologische und ethnographische Studien zu machen ; 
doch findet sich unter seinen Beobachtungen — soweit diese ver- 
öffentlicht sind, — wenig Neues. 



313 



Über Landwirtschaft und Kolonisation im 

nördlichen Japan. 



Von Paul Grahner. 



Die ersten Bemühungen der japanischen Regierung zur Kolonisation von Hokkaido. 
Versachsfarm. Einführung von Vieh und Saatgut. Fabrikanlagen. Einwanderung. 
Bodenbeschaffenheit. Fruchtbäumc. Seidenraupenzucht. Pferdezucht. Landwirt- 
schaftliche Schule. Farmsoldaten. Hanfbau. Die Ainos. Zuckerrübenbau bei 
Monbetsu. Anbau von Indigo, Gerste, Mais, Hirsearten, Buchweizen, Bohnen, Bataten, 

Raps. Arbeiterverhältnisse. 

Monbetsu*), den 28. August 1889. 

Hokkaido ist die nördlichste Insel von Japan, fast gänzlich 
unkultiviert; mein Bericht wird hauptsächlich eine Beschreibung 
der verschiedenen Unternehmungen und Anlagen der japanischen 
Regierung zu Gunsten der Landwirtschaft seit der Wiederaufrichtung 
des Reiches unter dem jetzigen Kaiser, enthalten. 

Obgleich auch vor jener Zeit die Insel Jesso unter der Herrschaft 
der japanischen Regierung war, so war diese doch weit entfernt 
einige Versuche zu machen, das Land zu kultivieren und aufzu- 
schliefsen. Nur die alten Bewohner in der Nähe von Hokodate, der 
südlichsten Hafenstadt von Hokkaido, bauten so viel Gemüse, als für 
den Ortsbedarf erforderlich war. Mit diesen Ausnahmen waren Fisch- 
fang und Gewinnung von efsbarem Seegras die einzigen Gewerbe, 
welche betrieben wurden. 

Am Ende des Jahres 1869 wurde die Abteilung für Kolonisation 
errichtet, nicht nur zum Zwecke die Landwirtschaft zu befördern, 
sondern auch Ansiedler zu veranlassen, nach der Insel zu kommen, 
um verschiedene Gewerbe und Handel zu betreiben. Ein ganzes 
Kontingent von Angehörigen verschiedener ehemaliger Feudalherren, 
in Gemeinschaft mit Bauern und Handwerkern, wurde übergeführt 
und an verschiedenen Plätzen angesiedelt. Zur damaligen Zeit war 
die Insel weder vermessen noch kartographiert. Durch eine Kaiserliche 
Bestimmung vom Jahre 1869 wurde der Name der Insel, „Jesso", in 
Hokkaido verändert, sie wurde in Provinzen und 86 Bezirke ein- 
geteilt. 

Im Jahre 1869 wurde die Abteilung für Kolonisation eingesetzt 
und ein Bureau für die Aufschliefsung von Hokkaido in Tokio er- 



*) Monbetsu ist ein kleiner Hafenort an der Nordküste der Insel Hok- 
kaido (Jesso). Er ist von hohen Bergen umgeben, anmutig an einem Meer- 
busen des Grofsen Ozeans gelegen und zählt etwa 1000 Einwohner. 

Geographische Bl&tter. Bremen, 1889. '^ 



— 314 — 

öffiiet; in demselben Jahre wurden Filialen in Hokodate und Nemuro 
errichtet. Graf Kuroda, der erste Gouverneur von Hokkaido, wurde 
vom Kaiser beauftragt, die Art und Weise der Landwirtschaft in 
Amerika und Europa zu studieren. 

1871 wurde die Abteilung ,für Kolonisation in Sapporo er- 
richtet, welches zu gleicher Zeit der Sitz der Provinzialregierung 
wurde. In demselben Jahre engagierte Graf Kuroda den General 
Capron, Vorsteher der landwirtschaftlichen Schule zu Washington 
und drei andre Herren, auch kaufte er landvm-tschaftliche Maschinen, 
Bäume, Pflanzen und alle möglichen Sorten Samen. 

General Capron wurde als erster Ratgeber angestellt, ver- 
schiedene andre wurden mit Vermessung der Insel, mit der Aus- 
wahl von Land und mit Erteilung von Anweisungen im Gebrauch 
von Maschinen betraut. Im Jahre 1871 wurde eine Versuchsfarm 
in Tokio errichtet, wohin alle fremden Viehrassen, Samen und 
Pflanzen geschickt wurden, um festzustellen, ob dieselben sich in 
Japan beziehungsweise Hokkaido akklimatisieren lassen. Nachher 
wurden sie auf den Farmen Nanay bei Hokodate und bei Sapporo 
verwendet. Ebenfalls wurden in Tokio junge Leute in der Hand- 
habung der Viehzucht, in der Art und Weise wie in fremden Ländern 
Landwirtschaft betrieben wird, unterrichtet. Sodann wurden diese 
jungen Leute nach Hokkaido geschickt. 1873 sandte die Behörde 
einen Viehstand, bestehend aus Pferden, Rindvieh, Schafen, Schweinen 
und verschiedenem Saatgut , ferner eine Anzahl der in Tokio einge- 
übten Schüler nach Nanay, wo die Regierung eine Musterwirtschaft 
errichtete. 1874 wurde Graf Kuroda Vorsteher der Kolonisations- 
abteilung und dann wurde keine Änderung eher wieder getroffen 
als im Jahre 1882, wo die Kolonisationsabteilung aufgehoben und 
statt dessen drei Präfekturen in Sapporo, Hokodate, Nemuro errichtet 
wurden. Die Einrichtungen . in Tokio wurden dann dem Kaiserlichen 
Hausministerium überwiesen und die Farmen in Nanay und Sapporo, 
die landwirtschaftliche Schule, Mehlmühle, sowie alle andern Unter- 
nehmungen und Fabrikanlagen dem Ministerium für Handel und 
Landwirtschaft unterstellt. 

Im Jahre 1886 wurden die drei Präfekturen von Sapporo, Hoko- 
date und Nemuro wieder abgeschafft und eine neue Verwaltung unter 
dem Namen einer Provinzialregierung in Hokkaido eingerichtet, die 
Farmen sowie alle Unternehmungen wurden der Provinzialregierung 
von Hokkaido unterstellt. 

Jedoch übergab man die Mehlmühlen, Eisengiefserei, Maschinen- 
fahnk an Privatpersonen oder Aktiengesellschaften. — Vor der Er- 



— 315 — 

richtung der Kolonisationsabteilung waren sehr wenige Städte oder 
Dörfer auf der Insel, ausgenommen Hokodate, Tukujama, Esaschi 
und die ursprünglichen Niederlassungen der Ainos. 

1886 wurde die erste Sendung von mehreren Hunderten von 
Einwanderern (Japaner) in Tokio versammelt und auf Kosten der 
Regierung in die Umgegenden von Hokodate, Nemuro und Soja ge- 
bracht ; seit dieser Zeit sind mehrmals gröfsere Kontingente von Ein- 
wanderern nach der Insel geschafft und an verschiedenen Orten an- 
gesiedelt worden. In den letzten Jahren wanderte eine bedeutende 
Anzahl Einwanderer auf ihre eignen Kosten ein, auch mehrere frühere 
Feudalherren erwarben sich als Pacht oder Eigentum grofse Flächen 
Landes. — Vor der Einsetzung der Kolonisationsabteilung war sehr 
wenig Land unter Kultur auf der Insel: ungefähr 290 ha Reisland 
und 680 ha pflügbares Land, zusammen 970 ha. Dieses kultivierte 
Land war nur in der Umgebung von Hokodate. Alles mögliche wurde 
versucht, um das brauchbare Land unter Kultur zu bringen ; während 
des 13jährigen Bestehens der Kolonisationsabteilung wurden 9777 ha 
Land kultiviert und auf der ganzen Insel bebaut. In den letzten 
Jahren ist sehr viel Land kultiviert worden, so dafs alles zusammen 
sich auf etwa 17 393 ha beläuft. Dieses Ackerland befindet sich 
hauptsächlich in der Nähe von Sapporo und Monbetsu. Ganz Hok- 
kaido, die umliegenden kleinen Inseln mit einbegriffen, mifst ungefähr 
36 882 englische Quadratmeilen, etwa der vierte Teil des Flächeninhalts 
von ganz Japan. Es sind bis jetzt etwa 349 englische Quadrat- 
meilen, alle grofsen Weideplätze mit einbegriffen, in Kultur gebracht, 
also weniger wie 1^/q des ganzen Flächeninhaltes. — Die Boden- 
verhältnisse sind zum grofsen Teil sehr gut, von landwirtschaftlichen 
Produkten, die auf Hokkaido am besten gedeihen, werden alle Weizen- 
sorten, Gerste, Hafer, verschiedene Sorten Bohnen, Hirse, Hanf, 
Buchweizen und Mais, ferner Kartoffeln und verschiedene Sorten 
Rüben, seit kurzem auch Zuckerrüben angebaut und ist das Resultat 
ein zufriedenstellende's gewesen, ferner werden mancherlei Garten- 
pflanzen, verschiedene Sorten Gemüse in genügender Anzahl für den 
Lokalbedarf erzeugt. Die Farmen wurden meistens nur mit der Hand 
bearbeitet, Pflüge und andre landwirtschaftlichen Geräte sind bis 
jetzt sehr wenig in Gebrauch gewesen, die Pferde wurden nur zum 
Lasttragen verwendet. Als Dung werden hauptsächlich nur mensch- 
liche Exkremente und Pferdemist angewendet. Auch Fischguano 
wird verwendet, jedoch nur in geringer Menge. Früher gab es sehr 
wenig Fruchtbäume auf Hokkaido, nun importierte die Kolonisations- 
abteilung eine grofse Anzahl Fruchtbä.\itne notsv^^xx^^'WÄäxxsnS^^^'«:^ 



— 316 — 

Auslande; von diesen gedeihen Äpfel und Weinreben am besten 
und werden von den Einwohnern am meisten geschätzt. Man dachte 
der Lackbaum würde so hoch im Norden nicht gedeihen und die 
wenigen Bäume, welche zuerst gepflanzt worden waren, sind wieder 
zu Grunde gegangen. Jedoch im letzten Jahre wurden junge Lack- 
bäume angezapft und der Ertrag war ganz zufriedenstellend. Die 
Menge des Saftes ist freilich geringer als die, welche die im Süden 
gedeihenden Bäume liefern. 

Seidenraupenzucht war ein ferneres Unternehmen der Regierung 
und Einrichtungen zur Brut von Seidenraupen wurden in Sapporo, 
Nanay und Nemuro ins Leben gerufen, auch eine Seidenweberei 
wurde in Sapporo errichtet. Die Seide ist von guter Beschaffenheit, 
ja sie ist im Vergleich zu der, welche im Süden Japans gewonnen 
wird, vorzüglich und einige Probeposten sind im letzten Jahre aus- 
geführt worden; deshalb vermehrt sich die Seidenraupenzucht ganz 
beträchtlich. Es wird beabsichtigt, diesen so wichtigen Industriezweig 
auch ferner zu fördern. — Die Maulbeerbäume, auf welchen die 
Seidenraupen gezüchtet werden, findet man wild wachsend auf der 
ganzen Insel, jedoch sind dieselben nicht von so guter Beschaffenheit 
wie diejenigen im Hauptlande. Es wurden Bäume vom Hauptlande 
und aus China importiert, aber nach 4 oder 5 Jahren waren sie bereits 
sämtlich eingegangen, weil das Klima ihnen nicht zusagt. Deshalb 
bemüht man sich jetzt, die einheimischen Bäume durch bessere 
Pflege und entsprechende Düngung zu verbessern. 

Die ersten Versuche, die Pferdezucht auf der Insel zu heben, 
wurden im Jahre 1872 gemacht und verschiedene Stationen errichtet, 
welche mit amerikanischen und ausgesuchten japanischen Pferden 
besetzt wurden. Die Resultate sind zufriedenstellende gewesen. Im 
vorigen Jahre wurden die Farmen für Pferde-, Rindvieh- und Schweine- 
zucht in Makomanei, Isari, Nanay und Nemuro errichtet, wo die 
besten japanischen Viehstämme mit fremden gekreuzt wurden. Den 
Bauern wurde die unentgeltliche Benutzung der Hengste, Bullen und 
Eber freigestellt, auch wurden in den verschiedenen abgelegenen 
Distrikten Deckhengste und Bullen zum unentgeltlichen Gebrauch 
stationiert. 

Eine landwirtschaftliche Schule wurde in Sapporo errichtet; vor 

dieser Zeit war eine landwirtschaftliche Schule in Tokio, in welcher 

zwar Landwirtschaft das hauptsächlichste Lehrfach war, jedoch 

auch Unterricht in der englischen, deutschen, französischen und 

rassischen Sprache erteilt wurde. 



— 317 — 

Zuerst wurden zwei amerikanische Professoren engagiert, 
späterhin wirkten an dieser Schule sieben fremde Lehrer ver- 
schiedener Nationalitäten. Die Schule war von ungefähr 100 Schülern 
besucht, welche unter der Bedingung von der Regierung unterhalten 
wurden, dafs sie noch 5 oder 10 Jahre in Hokkaido als Beamte 
thätig seien, nachdem sie ihre Studien vollendet hatten. Nach der 
Fertigstellung der landwirtschaftlichen Schule in Sapporo wurden 
die besten Schüler ausgewählt und dorthin, zu gleicher Zeit mit den 
Professoren, versetzt. Mit dieser Schule ist eine Farm von etwa 
60 ha verbunden, auf welcher die Schüler praktischen Unterricht in 
allen Fächern der Landwirtschaft erhalten. 

Sogenannte Farmsoldaten wurden zuerst im Jahre 1873 nach 
der Insel versetzt und zwar 198 Familien aus den verschiedenen 
Provinzen des Hauptlandes nach Kotoni, nicht weit von Sapporo 
und bis 1880 wurden 3 fernere Gesellschaften, bestehend aus 311 
Familien nach der Insel gebracht und an verschiedenen Orten ange- 
siedelt. Im Jahre 1884 wurden 78 Soldaten, 1885 213 Soldaten, 
1886 345 und 1887 256 Soldaten, sämtlich mit Familien, nach der 
Insel gebracht. Die Mannschaften sind in Regimenter, bestehend 
aus 2 oder 4 Kompanien geteilt , jede Kompanie ist 160 — 230 
Mann stark. Bis jetzt sind 1401 Mann mit ihren Familien in sechs 
verschiedenen Ortschaften angesiedelt, dieselben werden von 74 Offi- 
zieren und 54 Unteroffizieren befehligt. Jeden Monat werden die- 
selben mehrere Male zum Exerzieren eingezogen. Die übrige Zeit 
wird dem Ackerbau und der Landwirtschaft gewidmet. Diese Mann- 
schaften und ihre Familien werden gänzlich auf Kosten der Re- 
gierung nach der Insel gebracht, jedes Familienhaupt erhält ein 
Haus, sowie die notwendigen Möbel, Hausgerätschaften, landwirt- 
schaftliche Geräte, Sämereien und eine Anzahl von Maulbeerbaum- 
Schöfslingen und Obstbäumen. Die notwendigen Pferde zum Betrieb 
der Landwirtschaft wurden ihnen überwiesen, die daraus ent- 
stehenden Kosten haben sie nach und nach abzahlen müssen. 
Zwei Anstalten sind errichtet worden, in welchen der rohe Hanf 
marktfertig bereitet wird. Hanfbau und Seidenraupenzucht sind 
augenscheinlich die hauptsächlichsten Produkte , jedoch werden, 
wie gesagt, aufser diesen alle Cerealien und verschiedene Gemüse- 
arten angebaut. Der Versuch der Regierung, diese Farmsoldaten auf 
der Insel anzusiedeln, hat sich entschieden als erfolgreich erwiesen. 

Die ursprünglichen Bewohner, der Volksstamm der Aino, lebte 
hauptsächlich von der Jagd und vom Fischfang; die Regierung hat 
sich nun bemüht, dieselben zur Bodenkultur zxi x^T^xÄaÄ'sfcw. "^^a 



— 318 — 

sie ah Kleinigkeiten besafsen, hatten sie gegen Felle von den Japanern 
eingetauscht oder von letzteren als Lohnzahlung erhalten, wenn sie 
zum Fischen sich an japanische Kaufleute verdungen hatten. Nach 
1869 wurden sie jedoch durch den Einflufs der Japaner von ihren 
Fisch- und Jagdbesitzungen verdrängt und gerieten oftmals in groCse 
Not. Während der Zeit der Präfekturen von 1882 — 1886 wurde 
ihnen mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Sie wurden mit Geld unter- 
stützt, um ihr Elend zu mildern. Mehrere Schulen wurden einge- 
richtet, in welchen den Kindern Schreiben und Lesen der ja- 
panischen Sprache gelehrt wurde, sie selbst haben keine eigene 
Schriftsprache ; auch wurde ihnen Anweisung im Ackerbau erteilt. 

Im Jahre 1886 ßei der Einsetzung der Provinziabegierung von 
Hokkaido wurde die Unterstützung der Ainos mit Geld eingestellt, 
jedoch fuhr man fort, sie mehr und mehr mit dem Ackerbau be- 
kannt zu machen; am Ende des Jahres waren die Ainos in 11 Distrikte 
eingeteilt und von ihnen 305 ha Land kultiviert, auf welchem Weizen, 
Hirse, Bohnen und verschiedene Gemüsearten angebaut wurden. 
Die Bemühungen, die Ainos zur Bodenkultur anzuhalten, währen fort. 
Ende 1886 betrug die Zahl der Ainohäuser auf der ganzen Insel 
3600, genaue Zahlen der Einwohner sind nicht zu erlangen. Nimmt 
man durchschnittlich für jeden Haushalt vier Personen, so würde die 
Gesamtzahl der Ainobevölkerung 14400 Köpfe betragen. Alle früheren 
Versuche einer Volkszählung werden als ganz unzuverlässig bezeichnet, 
jedoch der allgemeine Eindruck ist der, dafs sie allmählich verschwinden. 

Mein Aufenthaltsort ist Monbetsu, welches im Osten am Stillen 
Ozean gelegen ist. Meine Aufgabe ist hier, deutschen Zuckerrübenbau 
einzuführen. Monbetsu mit umliegenden Ortschaften hat ein Areal von 
etwa 6000 ha und zwar vorzüglichen Boden, gröfstenteils ist es milder 
tiefgründiger Lehm und milder humoser Thonboden. Da die hiesigen 
Bauern sich bis jetzt auf die Bodendüngung noch nicht verstanden 
haben, so befindet sich das Land gröfstenteils in einem sehr hungrigen 
Zustande. Das geerntete Stroh wurde verbrannt, die Pferde während 
des Winters in den Wald gejagt, wo sie unter dem Schnee sich das 
Futter suchen mufsten und wenn im Frühjahr das Arbeiten auf dem 
Felde begann, so wurden sie wieder eingefangen. Doch gewifs sehr 
traurige Zustände. Pflüge sind gröfsenteils erst seit vorigem Jahr 
eingeführt, Eggen und Walzen, auch Kühe wurden im vorigen Jahre 
vom Hauptlande hierhergebracht und von der Regierung den Bauern 
zum teil geborgt, zum teil geschenkt. 

Die Zuckerrüben sind sehr gut gediehen, auch die klimatischen 
Verbältnisse eignen sich trefflich zum Rübenbau^ qualitativ lassen 



— 319 — 

die Rüben infolge des hungrigen Bodens noch etwas zu wünschen 
übrig, doch glaube ich bestimmt, dafs die Qualität sich nach und 
nach bessern wird. Indigo wird hier in einem sehr grofsen Mafs- 
stabe gebaut, im letzten Jahre 400 ha, aufserdem baut man hier 
Gerste, die auf Hokkaido als Brotgetreide nach dem Reis eine grofse 
Rolle, namentlich bei der ärmeren Bevölkerung, spielt. Die Gerste 
wird meist durch Stampfen in eine Art Grütze verwandelt und für 
sich allein oder mit andern Halmfrüchten, wie Reis oder Hirse, zu- 
sammen gekocht und zur täglichen Nahrung gebraucht. Roggen 
und Hafer haben bis jetzt hier gänzlich gefehlt und sind seit vorigem 
Jahre von mir eingeführt worden. Weizen wird wenig angebaut, 
da er nicht wie in Europa als Brotfrucht dient. Vielerlei Hirse- 
sorten werden angebaut, z. B. Kolbenhirse, gewöhnliche Rispenhirse, 
Hahnenfufshirse u. a., sie dienen als Nahrung. Mais ist eine sehr 
verbreitete Frucht und wird überall angebaut, aber stets in be- 
schränktem Mafsstabe. Die japanischen Maisarten sind kleinkörnig 
und haben gelbe und dunkelrote Färbung. Der grofskörnige Mais 
ist aus Amerika eingeführt worden. Die Fruchtkolben werden, im 
halbreifen Zustande entweder mit Wasser gedämpft oder auf Holz- 
kohle geröstet, gegessen, die reifen Körner gemahlen und zu ver- 
schiedenen Zwecken benutzt. Buchweizen ist ziemlich verbreitet, 
seine Aussaat fällt in den August und die Ernte auf Oktober. Die 
Körner werden zur Grütze, besonders aber zu Nudeln verwandt, 
letztere werden in Japan in grofsem Mafse verzehrt. Sojabohne, 
unter den Hülsenfrüchten die verbreitetste , dient in verschiedener 
Zubereitung als Nahrungsmittel. Sie wird in allen japanischen Haus- 
haltungen ohne Ausnahme in Form von trockenem Gemüse, in Form 
von Sauce, von weifsepa Käse (Tofu) und aufserdem meist zu jeder 
Mahlzeit genossen. Ich glaube noch niemals eine japanische Mahl- 
zeit gehabt zu haben , bei welcher die Sojabohne in Form von 
weifsem Käse (Tofu) gefehlt hätte. Buschbohne wird besonders hier 
in Monbetsu in sehr ausgedehntem Mafse angebaut und grofse Schiffs- 
ladungen gehen von hier nach dem Hauptlande, sie ist von roter 
Farbe und wird zur Bereitung von Kuchen verwandt. 

Batate ist von den Knollengewächsen das beliebteste Nahrungs- 
mittel des japanischen Volkes. 

Die Kartoffel ist erst in neuerer Zeit nach Japan eingeführt 
worden ; sie wird nicht in so grofser Ausdehnung angebaut wie die 
Batate. 

Von Ölfrüchten wird hier nur Raps angebaut, derselbe gedeiht 
sehr gut. 



— 320 — 

Futterbau fehlt gänzlich und habe ich es mir als eine Haupt- 
aufgabe gestellt, denselben hier einzuführen, Klee und alle Grasarten 
werden ganz vorzüglich gedeihen. Die Arbeitskräfte, die zum Ackerbau 
gebraucht werden, bestehen in der Regel aus den Familienmitgliedern. 
Landwirtschaftliche Lohnarbeiter, welche ihr Leben durch ihrer Hände 
Arbeit fristen, giebt es auf dem Lande fast gar nicht, da die hiesigen 
Wirtschaften fast alle nur aus kleinen Parzellen bestehen. 

Die Lohnarbeiter, welche keinen eignen Grund und Boden be- 
sitzen und nur von ihrer Hände Arbeit leben, gehen in die Nähe 
der Städte, wo sie Arbeit finden. Diese Leute sind geschickt und 
können zu technischen Arbeiten ebenso gut gebraucht werden wie 
zu landwirtschaftlichen, doch sind sie sehr träge und dabei schlau 
und richten ihre Leistungen nach dem Arbeitgeber ein. Versteht 
derselbe nichts von seiner Arbeit, so leisten sie auch wenig, im ent- 
gegengesetzten Fall sind auch die Arbeitsleistungen besser. Der 
Bildungsgrad dieser Leute ist kein geringer ; die Leistungsfähigkeit 
ist im ganzen im Verhältnis zu derjenigen deutscher Arbeiter gering, 
doch mufs man dabei den verschiedenen Körperbau berücksichtigen. 
In der Genügsamkeit übertreffen die japanischen Arbeiter die deutschen 
bei weitem. 



Die Republik Chile im Jahre 1889. 

Von Dr, !!• Polakowsky« 

Allgemeine geographische Verhältnisse von Chile. Vier Zonen. Zensus. Die neueste 
Botschaft des Präsidenten der Republik. Die sogenannten freien Einwanderer. 
Ministeriaiberichte. Kupfer und Salpeter. Wanderlust der Chilenen. Kriegswesen. 
Öffentliche Werke. Die Handelsflotte.' Justiz- und Unterrichts wesen. Schulwesen. 
Finanzen. Grund und Boden. Handelsverkehr. Ausfuhr- und Einfuhrgegenstände. 
Eisenbahnen. Landwirtschaft. Telegraphen. Gesundheitspflege. Neue Ansiedlungen, 

besonders in Araukanien. Deutsche Kolonisten. 

Infolge des Pacifischen Krieges (in Deutschland meist Salpeter- 
krieg genannt) von 1879 — 83^), welcher Krieg Chile aufgezwungen 
wurde und den dasselbe siegreich gegen Peru und Bolivia führte, 
reicht das Gebiet Chiles vom Kap Hom (55^ 59' s. Br.) bis zu 
17 ^47 's. Er. Von Inseln gehören zu Chile aufser den in der Nähe 
der Küste belegenen zahlreichen Archipelen und einzelnen Eilanden 
noch alle im Süden der Magellansstrafse und des Feuerlandes ge- 
legenen. Von der grofsen Feuerland-Insel gehört die westliche Hälfte 

*) Man lese über diesen Krieg: Diego Barros Arana, Eist, de la Guerre 
da Pacifiqne. Paris, Dumaine. 2 Bde. 1881 and 1882, und: FaTsc. Ahuma- 
da Moreno^ Guerra del Pacifico. Valparaiso, Impr. del Progreso. Bisher sind 
von 1884—88 5 Bde. (in Folio) erschienen. 



— 321 — 

zu Chile. Der südlichste Punkt des ganzen Gebietes der Republik 
sind die kleinen Jslas de Diego Ramirez. Von ferner gelegenen 
Inseln sind die von Juan Femandez, die von San Felix und die 
Oster-Inseln (Hs. de Pascua) zu nennen. (Man vergleiche hier und 
für die folgenden Angaben die Blätter 92 und 94 der neuesten Aus- 
gabe von Stielers Handatlas, Gotha, Justus Perthes. Diese Blätter, 
gezeichnet von 0. Koffmahn, sind 1888 neu bearbeitet.) 

Nach dem Friedensvertrage mit Peru (20. Oktober 1883), welcher 
am 28. März 1884 ratifiziert wurde, gehört die ganze Provinz von 
Tarapacä, vom Thale und Rio de Camarones bis zum Rio Loa, de- 
finitiv zu Chile, und die peruanischen Provinzen Tacna und Arica 
bis zum Rio Sama, von seiner Quelle bis zur Mündung (unter 
17** 57' s. Br.), stehen bis zum März 1894 unter chilenischer Ver- 
waltung. Dann findet ein Plebiszit der Bewohner dieser Provinzen 
statt und entscheidet dieses, ob die Provinzen bei Chile bleiben, 
oder an Peru zurückfallen werden. Es ist anzunehmen, dafs das 
erstere der Fall sein wird. 

Durch den am 24. November 1884 ratifizierten Waffenstillstands- 
vertrag von unbestimmter Dauer, welcher einem Friedensvertrage 
gleich zu achten ist, imtersteht das frühere Bolivianische Küstenland 
(Antofagasta) südlich vom Vulkan Tüa und dem Rio Loa bis zum 
23** s. Br. der politischen Verwaltung Chiles. Man kann dieses 
Gebiet heute als einen integrierenden Teil Chiles bezeichnen, da es 
diese Provinzen sicher nie herausgeben wird. 

Die Lage und die Konfiguration des Landes ist die denkbar 
günstigste, alle Klimate sind vorhanden. Die mit zahlreichen Gipfeln 
(meist vulkanischer Natur) gekrönten Andes halten wie eine Riesen- 
mauer auswärtige Feinde, Seuchen und die Heuschrecken von Chile 
fern. Wie wenig indessen die chilenischen Andes bis heute wirklich 
genau durchforscht sind, zeigt die Reise Paul Güfsfeldts.^) Auffallend 
ist, dafs man die Resultate dieser Reise in Chile selbst noch wenig 
kennt, sie selbst in offiziellen Publikationen ignoriert. So bringt 
die so wertvolle neueste statistische Synopsis^), erschienen Mitte 1889, 
noch gerade wie die Mitte 1887 erschienene als Höhenangaben für 
den Pico de Aconcagua 6835 und für den Volcan de Maipo 5947 m. 



*) P. Güfsfeldt, Reise in den Andes von Chile und Argentinien. Berlin, 
Gebr. Paetel, 1888. 

^) Synopsis estadistica y geogräfica de Chile en 1888. Santiago» 1889. 
unverständlich ist es, wie auf der „Neueste Karte von Amerika" von C. F. Baur 
Chile als nur bis Antofagasta reichend gezeichnet werden koi\3a.tÄ. ^^«^ "^s^ 
dies entschieden. 



— 322 — 

Bekanntlich ist die Höhe dieser Berggipfel von Güfsfeldt auf 6970 
beziehungsweise 5313 m festgestellt worden. Viel besser steht es 
um unsre genaue geographische Kenntnis der Küsten und Archipele 
des Landes, Dank der Thätigkeit des Hydrographischen Amtes Chiles, 
an dessen Spitze noch immer Dr. Francisco Vidal Gormaz steht. 
In dem Anuario Hidrografico de la Marina de Chile, von dem bis 
jetzt 13 Bände mit zahlreichen Karten erschienen sind, ist eine 
Fülle des besten geographischen, historischen und rein nautischen 
Materials aufgestapelt. 

Nur ein kleiner Teil des Territoriums ist genau vermessen, 
die in der folgenden Tabelle enthaltenen Gröfsenangaben der ver- 
schiedenen Provinzen sind also nur als Schätzungen zu betrachten. 
Bei der Bevölkerungsangabe ist der letzte Zensus vom 26. No- 
vember 1885 zu Grunde gelegt und ist die durchschnittliche jährliche 
Bevölkerungszunahme (zwischen dem Zensus von 1875 und 1885) 
für drei Jahre hinzugerechnet worden. 
Territorium von Magallanes. . . .195 000 qkm, 2 641 Einwohner 

Provinz Chiloe 10 340 „ 76 482 

„ Llanquihue ... 20 260 „ 68 580 

Valdivia 21536 „ 62 090 

Cautin 8100 „ 34 292 

Malleco 7 400 „ 61277 

Bio-Bio 10 769 „ 114 345 „ 

„ Arauco 11000 „ 75 867 „ 

„ Concepcion ... 9 155 „ 204 645 „ 

Nuble 9 210 „ 154 367 

Maule 7 591 „ 126 048 

„ Linares 9 036 „ 113 670 

„ Talca 9 527 „ 137 476 

Curicö 7 545 „ 102 510 

Colchagua 9 829 „ 158 332 

O'Higgins .... 6 537 „ 90 270 

Santiago 13 527 „ 358 449 

„ Valparaiso 4 297 „ 212 810 „ 

„ Aconcagua ... 16 126 „ 149 460 „ 

„ Coquimbo.... 33 423 „ 184 256 

Atacama 73 500 „ 66 067 

„ Antofagasta ... 187 000 „ 34 645 

„ Tarapacä 50 000 „ 46 439 

Tacna . . . . ...22500 „ 30408 

Im ganzen 753216 c^km, 'i?^^^^^^ ¥.\\mohner. 



»1 






9? 



— 323 — 

Die reinen Araukanen, die nicht mitgezählt wurden, werden 
auf 50 000 geschätzt ; den Teil der Bevölkerung, der sich der Zählung 
auf irgend eine Weise entzogen hat, berechnet das Statistische Amt 
auf 15 ^/o der Gesamtbevölkerung. Rechnet man diese Zahlen hinzu, 
so erhält man für Ende 1888 eine Bevölkerung von 3 115 815. 

Das lange Küstenland kann nach seinen natürlichen Reich- 
tümern und seiner Industrie in vier Zonen oder Regionen geteilt 
werden: 1) Die Bergbauzone umfafst die Provinzen Tacna, Tara- 
paca, Antofagasta und die Nordhälfte von Atacama. Hier finden 
sich Guanolager an der Küste, ungeheure Lager von Salpeter (sal- 
petersaures Natron) und Borax mit Jodsalzen durchsetzt auf den 
Hochebenen, sodann Kupfer-, Silber- und Goldminen in den Gebirgen, 
besonders in der südlichen Hälfte. 2) Die Bergbau- und Ackerbau- 
zone umfafst den südlichen Teil von Atacama und die Provinzen 
Coquimbo und Aconcagua. Der Bergbau herrscht hier noch vor, 
es finden sich reiche Lager von Kupfer-, Silber-, Eisen-, Mangan- 
und Bleierzen, Zinnober, Quarz, Lapis Läzuli u. a. In den bewässerten 
Teilen gedeiht der Ackerbau. 3) Die Ackerbauzone reicht von der 
Provinz Valparaiso bis zum nördlichen Teile von Chiloe. Hier herrscht 
Überflufs an Wasser und Holz, das Klima ist sehr gesund und für den 
Ackerbau günstig; kultiviert werden Getreide und alle europäischen 
Gemüse. Auch guter Rotwein wird im nördlichen Teile erzeugt. Stein- 
kohlenlager sind an der Küste von Arauco und Concepcion und werden 
dieselben seit kurzer Zeit in von Jahr zu Jahr steigendem umfange 
abgebaut. 4) Die Wälder- und Fischfangszone reicht von 43® 30' 
bis zur Südspitze des Landes. Aufserordentliche Reichtümer sind 
hier noch zu heben.*) Weite Ebenen im südlichen Teile eignen sich 
vorzüglich zur Vieh-, besonders zur Schafzucht. 

Nach dem Zensus von 1885 konnten 355 183 Männer und 
279 444 Frauen lesen und schreiben ; nur lesen konnten 45 332 Männer 
und 51 304 Frauen. Von den 600 634 Kindern unter 13 Jahren 
konnten 177 562 lesen, 142 003 schreiben. Die Schulen besuchten 
94 890. Wie schon die obige Tabelle zeigt, verteilt sich die Be- 
völkerung sehr ungleichmäfsig über das Land. In dem kalten, mit 
dichten Wäldern bedeckten Magellansterritorium kommen 0,01 Be- 
wohner auf den qkm (die 2000 Feuerländer sind dabei nicht berück- 
sichtigt), und in den Vegetation«- und wasserlosen Hochebenen von 
Antofagasta 0,13. Die dichteste Bevölkerung findet sich in der 



*) Siehe meine Arbeit: Das Magellansterritorium in Revue GoIq^^^ \3ßL- 
temationale. 1887. Tom. II. 



— 324 — 

Provinz Valparaiso, wo 272,2 auf den qkm kommen. Die gröfste 
Anzahl der Fremden wohnt in den beiden nördlichsten Provinzen 
und in den Provinzen Valparaiso (8623), Antofagasta (6519), Atacama 
(6321) und Santiago (5265). Von Angehörigen fremdet Rassen wohnten 
1885 in Chile nur vier Afrikaner, 1164 Chinesen (fast sämtlich in 
dem früher peruanischen Tacna) und 51 Japaner. Unter den Fremden 
finden sich : 34 901 Peruaner, 13 146 Bolivianer, 9835 Argentiner, 
6808 Deutsche, 5303 Engländer, 4198 Franzosen, 4114 Italiener, 
2508 Spanier, 1275 Schweizer, Summa der fremden Bevölkerung: 
87 077 gegen 26 752 im Jahre 1875. Diese enorme Zunahme er- 
klärt sich durch die Annexion der drei Nordprovinzen, wo 51 880 
Fremde wohnen. Was das Wachstum der verschiedenen Kolonien 
der europäischen Grofsmächte in Chile seit 1875 betrifft, so nimmt 
Deutschland die vierte Stelle , hinter Italien , Spanien und Oster- 
reich ein. 

Chile hat von 1881 an, wo die der Unabhängigkeit folgenden 
furchtbaren Bürgerkriege ein Ende nahmen, durch seinen Mangel 
an Revolutionen, seine ehrlichen und meist hochbegabten Präsidenten 
und Minister, seine unabhängige Justiz und seine weise Organisation 
und Administration eine bevorzugte Stellung unter den Republiken 
des früheren spanischen Amerika eingenommen. Auch heute gilt 
Chile als das Modell einer Republik, als der Beweis, dafs die His- 
panoamerikaner bereits reif zur Selbstregierung sind. Rechnet man 
hierzu die Fruchtbarkeit und den Reichtum des Landes, die schönen 
Transportmittel und die Tapferkeit der chilenischen Soldaten, so 
erklärt sich die Blüte dieses Landes. Die heutigen inneren Zu- 
stände und der in den letzten Jahren erlangte gewaltige Fortschritt 
des Landes ergiebt sich aus der letzten Botschaft des Präsidenten 
der Republik, D. Manuel Balmaceda, und aus den amtlichen Be- 
richten, welche die Minister dem Kongresse von 1889 vorlegten. 
Alle diese Berichte füllen stattliche Bände von 500 — 800 Seiten mit 
reichem statistischen Material. 

Der Präsident teilt mit, dafs Chile und Argentinien im letzten 
Jahre einen Auslieferungsvertrag abgeschlossen und eine Übereinkunft 
bezüglich der praktischen Durchführung des Grenzvertrages von 
1881 getroffen hätten. Noch sei es notwendig einen auf dem Prinzipe 
der Gleichberechtigung ruhenden Handelsvertrag mit Argentinien ab- 
zuschliefsen und sei die Regierung des Nachbarstaates bereitwilHg 
auf diese Idee und Anregung Chiles eingegangen. Die Einladung zu 
dem amerikanischen Kongresse in Washington (w:elcher im Oktober 
1889 eröffnet wurde) habe Chile aiigeTvomm^iv, doch sagt der Prä- 



— 325 — 

sident, dafs die Regierung Chiles der Regierung von Washington 
erklärt habe, dafs die Vertreter Chiles sich nur an der Diskussion 
von Handelsangelegenheiten und ökonomischen Fragen beteiligen 
würden.^) Ein grofser Teil der Presse Chiles und der Argentina 
spricht sich nicht günstig über den genannten Kongrefs aus, man 
erkennt, dafs der Hauptzweck desselben ist: den Exporthandel der 
Union nach den Ländern des spanischen Amerika auf Kosten des 
europäischen Handels zu heben ; Chile und die Argentina werden sich 
aber keine Vorschriften machen lassen, woher sie ihre Waren be- 
ziehen sollen. 

Das bereits angedeutete Abkommen mit der Regierung der 
Argentina bezweckt die definitive Feststellung der Grenze vom 
52 ° s. Br. an bis etwa zum 44 ®. Beide Regierungen haben beschlossen, 
gemäfs Artikel 1 und 4 des Grenzvertrages von 1881 wissenschaftliche 
Kommissionen zu ernennen, welche die Grenze an Ort und Stelle 
definitiv markieren sollen. Zu Vorarbeiten für diese für die Geographie 
hochwichtigen Studien sind dem Präsidenten vom Kongresse Chiles 
Fonds bis zur Höhe von 50 000 Pesos zur Verfügung gestellt worden 
und hat derselbe zunächst den durch seine Arbeiten im Anuario Hi- 
drografico de la Marina de Chile rühmlichst bekannten Fregatten- 
kapitän D. Ramon Serrano Montaner ausgesandt. Herr Serrano hat 
das besonders schwierige Gebiet zwischen dem 51 und 52° s. Br. 
bereist, nachdem er vorher alles bisher von chilenischen und argen- 
tinischen Reisenden über diese Gegend publizierte Material gesam- 
melt hatte. Er hat verschiedene in den Pacifischen Ozean mündende 
Flüsse bis zu ihrer Quelle verfolgt, dieselben entspringen aus Seen, 
welche zwischen den Vorbergen des Ostabhanges der Anden liegen. 
Augenblicklich ist Herr Serrano mit der Herstellung einer Spezial- 
karte dieses Gebietes beschäftigt. 

Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten berichtet weiter 
ausführlich über den im August 1888 in Montevideo eröffneten Süd- 
amerikanischen Kongrefs. Derselbe beriet über Internationales Pri- 
vatrecht und war von Brasilien, Chile, Argentinien, Peru, Bolivia, 
Paraguay und Uruguay beschickt. Der Kongrefs arbeitete bis Fe- 
bruar 1889. Man einigte sich über ein gemeinsames Handelsrecht, 
Gesetze über das litterarische uud Kunsteigentum, die Prozefsordnung, 
über Bestimmungen bezüglich der Handels- und Fabrikmarken und 
über eine Patentordnung. Dagegen konnten die Vertreter Chiles 



^) Bekanntlich soll auch über die Beilegung eventueller Differenzen zwiackeiL 
den einzelnen Staaten durch Schiedsspruch ^eihaii^^X. ^^t\«<cl. 



— 326 — 

dem vereinbarten Zivilrechte, dem Strafrechte und dem Gesetze über 
die Ausübung der freien Gewerbe ihre Zustimmung nicht erteilen, 
da dieselben sehr von den bisher in Chile gültigen bewährten Ge- 
setzen abwichen. Die vereinbarten Gesetze, die übrigens zur faktischen 
Einführung noch von den Kongressen der betreffenden Staaten an- 
genommen werden müssen, sind mit einer interessanten Denkschrift 
der beiden Vertreter Chiles auf S. LXXIII bis CCXIV der Memoria 
de Relacion. Exterior. abgedruckt. Durch Gesetz vom 12. Juli 1888 
wurde das Territorium von Antofagasta zur Provinz erhoben.®) Den 
Protest Bolivias wies Chile mit Recht zurück, da nach dem ge- 
nannten Vertrage von 1884 (1. c. p q XXIV) das früher bolivianische 
Küstenland „dem politischen und administrativen Regimente, welches 
das chilenische Gesetz feststellt, unterworfen bleibt." 

Die auf die neuen Kolonien in Araukanien bezüglichen Angaben 
des Ministers werde ich zum Schlüsse bei eingehenderer Betrachtung 
dieser Kolonien verwerten. Hier nur einige Worte über die soge- 
nannten „freien Einwanderer", Handwerker und Fabrikarbeiter, denen 
gegenüber die Regierung keinerlei Verpflichtungen eingeht. Dieselben 
geniefsen nur den Vorteil, die Reise nach Chile ungefähr für die Hälfte 
des gewöhnlichen Fahrpreises machen zu können und dürfen sie 
in Chile bis zu ihrer definitiven Plazierung die Staatsbahnen gratis 
benutzen. Iri den ersten fünf Monaten des Jahres 1889 sind über 
2000 dieser „freien Einwanderer" angekommen und fanden dieselben 
bald und leicht Arbeit. Wie ich aus den Zeitungen ersehen habe, 
bestand die grofse Mehrzahl derselben aus Italienern, Franzosen und 
Spaniern. — Die Regierung will diesen Zuflufs in gewissen Zwischen- 
räumen hemmen, damit keine wesentliche Herabminderung der landes- 
üblichen Arbeitslöhne eintrete. Als ein interessantes und für die 
Zukunft der „freien Einwanderung" durchaus nicht günstiges Er- 
eignis ist die Thatsache zu betrachten, dafs sich bereits im Juli 1889 
Schriftsetzer und Buchdrucker aus Valparaiso und Santiago direkt 
und persönlich an den Präsidenten der Republik wandten mit der 
Beschwerde, dafs ihnen durch die „freien Einwanderer" eine sie 
ruinierende Konkurrenz gemacht werde, da dieselben billiger arbeiteten 
als die Chilenen. Die Leute erbaten den Schutz des Präsidenten 
gegen ihre neuen Konkurrenten und dieser versprach ihnen — die 

') Alle Gesetze und Dekrete, welche sich auf die Umgrenzung aller Pro- 
vinzen, Departements und Subdelegationen des ganzen Landes beziehen, sind in 
einem sehr interessanten und auch für den Geographen wichtigen zweibändigen 
Werke des Herrn Annibal Echevenria y Reyes: Geografia Politica de Chile. 
Santiago, Impr. Nacion. 1889, abgedruckt. 



— 327 — 

Sache im Ministerrate zur Sprache zu bringen! Die Regierung hat 
überhaupt den völlig unberechtigten Ansprüchen der arbeitenden 
Klassen in Chile gegenüber in neuester Zeit grofse Schwäche be- 
wiesen. Man spürt die Vorboten einer sozialen Revolution und sucht 
nach den richtigen Mitteln zur Bekämpfung derselben. Können die 
chilenischen Handwerker und Arbeiter die Konkurrenz mit ihren eu- 
ropäischen Kollegen nicht ertragen, will man die Herstellung billigerer 
und besserer Ware nicht, so hätte man die ganze „freie Einwanderung" 
nicht anregen sollen. Hoffentlich wird die Regierung mit Umsicht 
und Energie wenigstens die seit Mitte 1888 eingewanderten Hand- 
werker und Fabrikarbeiter gegen den Brodneid und Fremdenhafs der 
chilenischen Kollegen schützen. Von weiterer Auswanderung deutscher 
Handwerker nach Chile ist vorläufig abzuraten. 

Den „Geistlichen Angelegenheiten" widmet der 558 Seiten starke 
Bericht des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten, zu dessen 
Ressort auch Kultus und Kolonien gehören (eine ganz sonderbare 
Zusammenstellung), nur eine halbe Seite. Es wird darin gesagt, dafs 
die Verhandlungen mit dem Kardinalstaatssekretär des Papstes über 
Amtshandlungen der Priester auf den Friedhöfen (die nach den neuen 
Gesetzen verboten sind) noch nicht zum Abschlüsse gelangt seien. 
Von den 250 000 Pesos,') welche das Budget für Neubau und Re- 
paraturen von Earchen festsetzt, sind bis zum 1. Juni 219 000 aus- 
gegeben worden. Dies der ganze Bericht. Um die Interna der 
Kirche kümmert sich der Staat gar nicht. 

Dem grofsen Berichte des Ministers sind die an denselben ge- 
richteten Jahresberichte der verschiedenen Gesandten Chiles beigelegt. 
Der Gesandte in Paris, D. Cdrlos Antunez, sagt in seinem so wert- 
vollen und umfangreichen Berichte, dafs das Buch von Charles 
Wiener : Chili et Chiliens ®) mit Subvention der chilenischen Regierung 
erschienen sei, um Propaganda für das Land zu machen. Er erklärt 
weiter, dafs grofse Summen zur Bezahlung der Dienste, welche die 
Presse und andre Mittel der Publikation leisten können, für den- 
selben Zweck notwendig seien. — Ich halte dies für überflüssig und 
hochbedenklich. Geachtet sind in wissenschaftlichen und mafsge- 
benden Kreisen nur absolut unabhängige und dabei kompetente 
Federn. Die bezahlten Ergüsse andrer Federn werden nicht be- 
achtet oder von der Wissenschaft und den Behörden bekämpft, be- 



') 1 Peso = 4 Jt 

^) Siehe meine Besprechung in Petermanns Mitteilungen 1889. Litteratur- 
bericht S. 98 Nr. 1676. 



— 328. — 

sonders wenn dieselben zur Auswanderang von Menschen und Ka-^ 
pital (unter Verbreitung falscher, oder übertrieben optimistischer, 
oder einseitiger Angaben) dienen sollen! Aus einer Stelle des Be- 
richtes von Don Guillermo Matta, zur Zeit Gesandter Chiles in 
Buenos Aires (früher in Berlin) , geht hervor , dafe dieser Diplomat 
ungefähr dieselbe Ansicht von dem Werte derartiger bezahlter Pu- 
blikationen hat. Chile hat eine solche Art der Agitation aber 
faktisch nicht nötig. Es ist viel, viel mehr Gutes als Schlechtes 
über das heutige Chile zu sagen und wenn man das Schlechte be- 
rührt, unangenehme Wahrheiten sagt, müssen sich die Herren nicht 
wie verzogene Kinder gebärden.^) 

Acht Ärzte, sieben Architekten und Ingenieure, neun Maler, 
Bildhauer und Musiker und zwei Politiker studierten auf Kosten der 
Regierung in Europa und zahlte diese hierfür eine jährliche Sub- 
vention von im ganzen 29 100 Pesos. 

Interessant sind die Angaben im Berichte des Herrn Autunez 
über das jüngste Schwanken der Kupferpreise und den berüchtigten 
Pariser „Kupferkrach''. Das chilenische Kupfer war im August 1887 
auf den nie dagewesenen niedrigen Preis von 38 & 10 sh, pro Ton 
gesunken und war deshalb der Export Chiles von 40 875 (im Jahre 
1878) auf 26 733 Tons (1887) zui-ückgegangen. Vom September 1887 
an stieg der Preis des Kupfers und wurden im September 1888 pro 
Ton 100 £ gezahlt, was gleichfalls nie vorher der Fall gewesen war. 
Der Export stieg auf 30 000 Tons. Bis zum 20. März 1889 ging 
der Preis aber wieder auf 40—41 £ zurück. Diese starken Preis- 
schwankungen, unter denen natürlich Konsumenten und Produzenten 
gleich litten, waren die Folge der Operationen des „Kupferringes". 
Vor 35 Jahren betrug die jährliche Kupferproduktion der Erde 
durchschnittlich 45 000 Tons, davon kamen ^/s auf Chile. Heute 
werden etwa 220 000 Tons produziert und kommen davon nur 12 ®/o 
auf Chile. Diese enorme Produktion rührte von den Minen in Nord- 
amerika und am Bio Tinto (Spanien) her. 

Die Ausfuhr des Chilesalpeters ist durch den stets wachsenden 
Konsum geregelt und wurden im letzten Jahre 760 000 Tons expor- 
tiert und 700 000 Tons konsumiert. Mitte 1889 lagerten in Europa 
etwa 81000 Tons. Es konsumierten im Jahre 1888: 

Deutschland und Holland 282 100 Tons 

Frankreich 156 500 „ 

England 104 100 „ 

*) Man lese meine Arbeit : Zur Kolonisation und Kartographie von Chile 
im „Qlobua% 1889. Nr. 18 und 19. 



— 329 — 

Belgien 83 800 Tons 

Vereinigten Staaten 65 000 „ 

Wiederausfuhr nach andern Ländern 8 500 „ 

Der Preis betrug 1888 = 11 bis IIV2 £ und Mitte 1889 = 
10 £ 15 sh, und 2 d. pro Ton. Der gröfste Teil des Salpeters, 
etwa 65 000 Tons, lagerte Mitte 1889 in Hamburg. Die Salpeterlager 
Chiles werden fast ausschliefslich von 15 Gesellschaften bearbeitet, 
die sämtlich ihren Sitz in England haben. Diese Gesellschaften und 
drei Banken, die nur in Salpeter arbeiten, und die Salpeterbahnen 
Tarapacas besafsen ein Betriebskapital von 8 570 000 £, Die Aktien 
und Obligationen dieser Institute repräsentieren heute zusammen 
einen Wert von 14 294 000 £, Da die Gesellschaften aber ihre 
guten Einnahmen bisher nur für hohe Dividenden und nicht zur 
Amortisation des Anlagekapitals verwerten, so ist ein Rückgang des 
Wertes der Aktien zu befürchten und unvermeidlich, wenn nicht 
Produktion und Konsum von Jahr zu Jahr steigen. Trotzdem ist 
es zu beklagen, dafs deutsches Kapital fast gar nicht an dieser In- 
dustrie beteiligt ist.*) Die Salpeterpapiere sind fast sämtlich in Händen 
von Engländern. Der chilenische Fiskus ist noch Besitzer von 
67 Salpetergruben und von grofsen salpeterhaltigen Terrains. 

Zur Vermehrung der schon ansehnlichen Kriegsflotte sind im 
Jahre 1888 in Bau gegeben worden: in Frankreich ein Panzerschiff 
von 7000 Tons und 12 500 Pferdekräften und zwei Kreuzer von je 
2080 Tons und 5400 Pferdekräften. In England werden zwei 
Torpedofänger von je 700 Tons und 4500 Pferdekräften gebaut. 
Weiter ist kürzlich der Bau von zwei Küstenwachtschiffen an eine 
französische Gesellschaft vergeben worden. 

Einigen auf die Auswanderung der Chilenen bezüglichen Be- 
trachtungen im Berichte des Gesandten Chiles in Buenos Aires 
mufs ich noch einige Worte widmen. Don Guillermo Matta meint, 
dafs die Wanderlust der Chilenen zum Teil durch die Konfiguration 
des Landes bedingt sei. Der Blick und Sinn des durch die Berge 
und den Ozean eingeengten Bewohners sehnen sich nach dem 
Aufenthalte in freien, weiten Ebenen und gingen deshalb viele Chilenen 
nach der Argentina. Herr Matta konstatiert nun, dafs der Chilene 
dort mit dem französischen, italienischen und deutschen Arbeiter 
nicht konkurrieren könne, da letztere von Jugend an durch Schule 



'*') Diese Bemerkung des geehrten Herrn Verfassers beruht auf einem 
Irrtum, da bekanntlich ein bremisches Handelshaus, J. Gildemeister und Kom- 
pagnie in Iquique, in sehr bedeutendem Umfang an der Ausbeutung der 
chilenischen Salpetergruben beteiligt ist. \^\<^ ^<&\*d2s^jv.^\s.. 

Geogr. Blätter, Bremen^ 1889. '^\. 



— 330 — 

und Haus an Sparsamkeit und Ordnung gewöhnt seien und der 
Chilene viel gröfsere Ansprüche an das Leben stelle. Was er ver- 
diene, gebe er aus und er kehre so arm nach Chile zurück, wie er 
sein Vaterland verlassen. Matta bezeichnet als das beste Mittel zur 
Bekämpfung der für Chile sehr nachteiligen Wanderlust der chi- 
lenischen Arbeiter die Aufklärung über Lohn-, Arbeits- und Be- 
köstigungsverhältnisse in den Nachbarländern. Und zwar müsse 
diese Aufklärung in besonderen Unterrichtsstunden in den Elementar- 
schulen erteilt werden, damit die heranwachsende Generation er- 
kenne, dafs die Existenzbedingungen für einen Chilenen in Peru, 
Bolivia und Argentina nicht besser (oft viel schlechter) als in Chile 
seien. — Diese Ideen verdienen auch für Deutschland Beachtung. 
Nur durch derartigen Unterricht in den Elementarschulen ist die oft 
erschreckliche Unwissenheit unsrer auswandernden beziehungsweise 
auswanderungslustigen Bevölkerung zu bekämpfen. 

Aus dem Berichte des Ejriegsministers hebe ich nur folgende 
Daten hervor. Durch Gesetz vom 31. Dezember 1888 wurde die 
Höhe des stehenden Heeres auf 5885 Mann festgesetzt. Faktisch 
zählte das Heer am 1. April 1889 aber nur 4789 Mann. Die Sol- 
daten werden in Chile auf eine bestimmte Zeit angeworben und hält 
es schwer, die erwünschte Anzahl zu gewinnen. Das Pionierbataillon 
hat im Jahre 1888 fleifsig an dem Bau der Eisenbahnen in Arau- 
kanien mitgearbeitet. Die kleine Friedensarmee soll als Stamm zur 
Ausbildung eines gröfseren Heeres im Kriegsfp.lle dienen. Daher ist 
auch die Anzahl der Offiziere grofs. Es giebt : 9 Generale, 26 Oberste, 
85 Oberstleutnants, 136 Majors, 291 Hauptleute, 163 Leutnants und 
233 Unterleutnants. — Starke Strandbatterien werden im Eingange 
verschiedener Häfen errichtet. Die schweren Geschütze für diese 
Strandbatterien sind bei Fdr. Krupp bestellt worden. 

Zur Nationalgarde, die im Kriegsfalle durch Beschlufs des 
Kongresses ganz oder teilweise mobil gemacht wird, gehören alle 
waffenfähigen Chilenen, die nicht durch Spezialgesetz vom Militär- 
dienste befreit sind. Die Zahl dieser Mannschaften betrug Ende 1888 : 
7800 Mann Artillerie, 39 000 Mann Infanterie und 1730 Mann Kavallerie. 

Nach dem Berichte des Marineministers zählte die Kriegsflotte 
des Landes 123 Ejriegsoffiziere , 140 Verwaltungsoffiziere und 1285 
Matrosen, Maschinisten u. a. Der Minister führt aus, dafs diese Anzahl 
von Mannschaften viel zu gering sei: da die meisten Leute sich nur für 
ein Jahr anwerben lassen und noch viele in dieser Zeit desertieren, 
so fehlt es an tüchtig ausgebildeter Mannschaft. 68 ®/o der Leute 
wurden im letzten Jahre neu angeworben. Am 1. Juni 1889 bestand 



— 331 — 

die Flotte aus 3 Panzerschiffen, 3 Korvetten, 2 Kanonenböten, 
2 Kreuzern, 1 Küstenwacht schiff, 2* Schulschiffen, 3 Rekognoszier- 
schiffen, 3 Pontons und 10 Torpedoböten. In dem zu erweiternden 
und durch einen Wellenbrecher zu schützenden Hafen von Talcahuano 
wird seit Oktober vorigen Jahres an einem Trockendock (für die 
gröfsten Kriegsschiffe ausreichend) gearbeitet. Die Kosten sind auf 
488 000 £ geschätzt und ist die Arbeit an Herrn Luis Dufsaud 
als Unternehmer vergeben. 

Die Laguna de Yichuquen (etwa unter 34^ 50' s. Br.) soll 
mit dem Meere durch einen Kanal verbunden und zu einem ge- 
waltigen Kriegshafen (der aber auch Handelsschiffen in Friedens- 
zeiten geöffnet sein soll) umgeschaffen werden. Der Eingang zu 
diesem Hafen, der durch mächtige Forts gedeckt werden soll, liegt 
bei dem kleinen Hafen Llico. Die Kosten sind auf 7 388 123 Pesos 
chilenisches Papiergeld (ä 26 pence engl.) geschätzt. Llico wird 
auTserdem mit der Stadt Curicö durch eine 130 km lange Eisenbahn 
verbunden, deren Kosten auf 432 000 £ geschätzt sind.^®) Durch 
diese Bahn und den neuen Hafen wird ein Stück der neutralen Hoch- 
ebene des Landes in direkte Verbindung mit der Küste gebracht. 
Der Mangel eines guten Hafens auf der weiten Strecke zwischen 
Valparaiso und Talcahuano machte sich schon längst und in unan- 
genehmer Weise bemerkbar. — Für die Kriegsflotte war der Besitz 
eines solchen Hafens, wo dieselbe jederzeit Schutz finden und von 
wo sie Ausfälle machen kann, dringend notwendig, wie der Präsident 
in seiner Botschaft näher ausführt. Er kündigt weiter an, dafs zur 
Sicherheit und Belebung der Schiffahrt an der chilenischen Küste 
noch weitere 60 — 70 Leuchttürme errichtet werden sollen. Zur 
Verstärkung der Mannschaft soll der Sold erhöht und die Anzahl der 
Schüler in der Marine- und Matrosenschule vermehrt werden. 

Die Handelsflotte zählte 1888 = 39 Dampfer und 150 Segel- 
schiffe von zusammen 86 412 Tons. Die Tonszahl hat sich in den 
letzten 10 Jahren verdoppelt. — Die Gestalt des Landes bedingt 
einen gewaltigen Seeverkehr. Es liefen im Jahre 1888 in die Häfen 
der Republik 10 371 Schiffe von in Summa 9 070 851 Tons ein. 
Im Kriegsfalle wird es der Regierung nicht an Mannschaften fehlen, 
da die Handelsflotte und ein grofser Teil der Fischer ihre Arbeit 



^^) Genaue Beschreibung (mit zahhreichen Karten, Profilen u. a.) des ge- 
planten Kriegshafens bei Llico findet sich im 13. Band des Anuario Hidrografico 
und besonders im Boletin del Ministerio de Industria y Obras publicas^ 
Anno m, Mayo de 1889. Santiago. 



— 332 — 

einstellen mufs. Die Leute sind aber nicht für den eigentlichen 
Kriegsdienst ausgebildet und fügen sich schwer der Disziplin. 

Der Minister der Justiz und des öffentlichen Unterrichts teilt 
mit, dafs das Bergwerksgesetz in dem Sinne abgeändert sei, dafs 
das Recht der Ausbeutung der Minen gegen Zahlung einer bestimmten 
Summe erteilt wird. Besitzer der Minen bleibt inmier der Staat. 
Auch im Zivilrecht ist eine wesentliche Reform beabsichtigt. Bisher 
sprachen Friedensrichter, die keine Juristen waren, gratis Recht in 
Streitsachen bis zu 200 Pesos. Die Parteien waren gezwungen sich 
an diese Friedensrichter zu wenden. Jetzt sollen diese Ämter durch 
ganz unabhängige, etwas rechtskundige Personen bekleidet werden. 
Der Präsident sagte in seiner letzten Botschaft, dafs die Regierung 
beabsichtige, die Standesbeamten zu Friedensrichtern zu ernennen 
und Gehalt und Anzahl derselben vermehren wolle. 

Die gegen die Standesämter und die Zivilehe gerichtete, 
von der klerikalen Partei zuerst mit grofser Heftigkeit betrie- 
bene Opposition hat sich im letzten Jahre weniger bemerkbar 
gemacht. Das Gesetz über die Zivilehe in Chile leidet aber an 
einem grofsen Mangel. Die Priester sind berechtigt Trauungen vor- 
zunehmen, ohne vorherige Ziviltrauung. Der Staat dagegen erkennt 
nur die vor dem Standesamte geschlossenen Ehen als giltig an. Es 
giebt nun noch immer Paare, die sich nur von dem Priester trauen 
lassen und ist dann zuweilen der Fall vorgekommen, dafs einer dieser 
Ehegatten eine andre Ehe vor dem Standesbeamten einging. Die Ge- 
setze erlauben in diesem Falle die Bestrafung wegen Bigamie nicht. 

An der Universität von Santiago waren 1889 immatrikuliert: 
570 Studenten der Jurisprudenz, 321 Mediziner, 80 Mathematiker, 
158 Studenten der schönen Künste und 46 Pharmazeuten, im ganzen 
1175. Die Theologen werden in Seminaren ausgebildet, die allein 
unter Aufsicht der Bischöfe stehen. Die Juristen müssen fünf und 
die Mediziner sechs Jahre studieren, ehe sie zur Prüfung zugelassen 
werden. Der gesamte Unterricht an allen Staatsschulen, auch an 
der Universität, ist unentgeltlich. Das als Musterinstitut in ganz 
Südamerika bekannte Instituto Nacional (unsern Gymnasien ent- 
sprechend) war 1889 von 1200 Schülern besucht. Die Schüler, die 
bei ihrer Aufnahme schon den Elementarunterricht absolviert haben 
müssen, brauchen sechs Jahre, um dieses Institut, oder die übrigen 
gleichartigen Lehranstalten (Lyceen) des Landes, durchzumachen. 
Die übrigen 25 Lyceen wurden zusammen von 3866 Schülern be- 
sucht. — Aufserdem existieren 20 Privatinstitute für den höheren 
Unterriebt Die Mehrzahl derselben wird von Geistlichen geleitet 



— 333 — 

und steht unter Aufsicht der römischen Kirche. An den Staats- 
schulen wird kein Religionsunterricht erteilt, was bedenklich und 
nur zur Stärkung und Verbitterung der klerikalen Partei beizu- 
tragen scheint. 

Für den öffentlichen Unterricht wurden 1888 verausgabt 
4 957 436 p. Im Jahre 1878 belief sich diese Ausgabe auf nur 
1 083 944 p. und ist dieselbe seitdem von Jahr zu Jahr gestiegen. 
Die Gesamtzahl der Schulen betrug 1509, darunter waren 1029 
Staatsschulen. 

Von der Gesamtbevölkerung Chiles wohnen 1 062 544 in 
Städten mit Staatsschulen, 1 464 775 auf dem Lande, wo die Ent- 
fernungen bis zur nächsten Staatsschule oft grofs sind. Der Minister 
fuhrt dies an, um zu zeigen, dafs es wohl möglich und sehr heilsam 
wäre, den Schulunterricht für die Stadtbevölkerung obgliatorisch zu 
machen. An den Mittel- und Elementarschulen des Staates wirkten 
1888 540 Lehrer und 984 Lehrerinnen. Viele dieser Schulen — 
besonders auf dem Lande — dienen für beide Geschlechter. (Ge- 
mischte Schulen.) 

Die Privatschulen (an denen natürlich Schulgeld bezahlt werden 
mufs) waren von 26 051 Kindern besucht. Merkwürdig und für 
uns unverständlich ist die grofse Differenz zwischen der Anzahl der 
an den Staatsschulen angemeldeten und dort eingeschriebenen Kinder 
und der Zahl der dem Unterricht faktisch leidlich regelmäfsig bei- 
wohnenden. Die erstere Zahl betrug 51 609, die letztere nur 35 540. 
Bei den gemischten Staatsschulen waren aufserdem eingeschrieben 
32 776 Kinder, es kamen aber faktisch nur 22 012 zum Unterrichte. 
Günstige Wirkung von den grofsen Opfern, welche die Regierung 
und die reichen gebildeten Leute (die oft auf ihre Kosten ganze 
Schulen einrichten und erhalten) seit zehn Jahren für Hebung des 
Unterrichtes bringen, kann Chile erst haben, wenn der Schulbesuch 
an allen Orten, wo eine Staatsschule vorhanden ist (und für einen 
bestimmten Umkreis, etwa von 3 km), obligatorisch wird. Dafs 
das im spanischen Amerika durchführbar ist, zeigt das Beispiel 
der Republik Costarica. Leider widerstrebt der falsche Freiheits- 
drang der Chilenen jedem noch so heilsamen Zwange. Zudem macht 
die klerikale Partei, welche den herrschenden Liberalen keine Erfolge 
gönnt, prinzipiell jedem Vorschlag der Regierung Opposition. Die 
Verhandlungen der chilenischen Deputirtenkanmier, die früher für 
den Politiker und Gesetzgeber hochinteressant zu lesen waren.^ sinkeri 
seit 1883 mehr und mehr zu ödem G^ZÄiik.^ wxA ns^'^ät^'^^^^I^^ 



„ 334 — 

persönlichen Angriffen, wodurch kostbare Zeit verloren geht, herab.") 
Die Regierung wird hier nur dadurch Wandel schaffen können, dafs 
sie einem Teile der mehr oder weniger berechtigten Forderungen 
der Klerikalen zustinmit. Zudem sind die Liberalen unter sich 
gespalten und bekämpft ein Teil derselben die heutige Regierung 
mit derselben Erbitterng, mit der sie die von D. Domingo Santa Maria 
(1881—86) bekämpft hat. ^2) 

Die finanzielle Lage des Landes ist sehr günstig. Die Gesamt- 
einnahmen des Staates betrugen 1888=50 182 614, die Ausgaben 
46116 329 p., es blieb also ein Überschufs von 4 066 284 p. 
Obgleich in den letzten Jahren einige bedeutende Unterschleife bei 
der Marine und dem Zollamte von Valparaiso nachgewiesen worden 
sind, ist die Finanzverwaltung des Landes doch im ganzen als eine 
vorzügliche und durchaus ehrenhafte zu bezeichnen. Von den Ein- 
nahmen kommen auf: Einfuhrzölle 13 040 338 p., Zuschlag auf die- 
selben 6167 818 p., Salpeterausfuhrzoll 12 548 000 p., Zuschlag 
auf denselben 5 290 989 p., Jodexportzoll 54 186 p., Zuschlag auf 
denselben 24130 p., Lagerzoll 163 546 p., Hafenzoll 69 691 p., 
Eisenbahnen 6 694 750 p., Münze 74 598 p., Verkauf von Briefmarken 
476 581p., Verkauf von Telegraphenmarken 127149 p., Verkauf von 
Nationaleigentum 714870 p., Besitzsteuer 461873 p., Erbschaftssteuer 
Ü15811 p., Landwirtschaftssteuer 1 139612 p., Stempelsteuer 503173p., 
Guanoverkauf 115 222 p., Zinsen und Wechseldiskont 558 757 p. 

Am 31. Dezember 1887 fanden sich in den Staatskassen 
22 277 710 p., wovon 16 492 905 in Papier; am 31. Dezember 1888 
= 28 767 773 p., davon über 27V3 Million Papier. — Die Gesamt- 
einnahmen in den ersten vier Monaten des Jahres 1889 betrugen 
16 087 680 p., die aufserordentUchen Ausgaben 1888 = 15 498 665 p. 

Die ordentlichen Einnahmen werden für 1889 auf 52 180 000 p. 
geschätzt ; die Ausgaben auf 59 561 885 p. und zwar verteilen sich 
dieselben in folgender Weise. 



") In letzterer Zeit ist durch eine Einführung einer etwas verständigeren 
Geschäftsordnung einige Abhülfe geschaffen. 

**) Chile ist seit Jahren eifrig bemüht, sein ünterrichtswesen nach deutschem 
Muster zu organisieren. Es sind zu diesem Zwecke zahlreiche deutsche Lehrer 
für die Universität, die neu errichteten Seminare und verschiedene Fachschulen 
angestellt worden, worüber die Berichte des chilenischen Gesandten in Berlin 
Auskunft geben. Von Chilenen, welche die deutschen ünterrichtsverhälinisse 
mit Eifer und Verständnis und sicher zum grofsen Vorteile ihres Landes studiert 
haben, nenne ich : D. Valentin Letelier (Las Escuelas de Berlin. Santiago, 1885. — 
La Instrucc. secund. y üniversit. en Berlin. Santiago, 1885) und Claudio Matte 
{Nnevo M^todo para la ensenanza simultänea de la Lectura y Escritura para 
Jas escuelas de Chile. Leipzig, Brockhaua, IBBft.^ 



7) 7) 



— 335 — 

Ordentliche AoTserordentliche 

Ausgaben Ausgaben 

Ministerium des Innern 3 817 411 p. ^3) 601 918 p. 

Auswärtigen u. a. . . . 1 212 361 „ 300 000 „ 

der Justiz und Unterrichts 5 829 943 „ 3 420 000 „ 

„ Finanzen 4 585 578 „ 8 108 120 „ 

des Krieges 5 774 710 „ 2 337 000 „ 

der Marine 4 342 403 „ 1 800 000 „ 

„ Industrie und Bauten 1 914 997 „ 8 846 027 „ 

Zusammen 27 487 404 p. 25 413 066 p. 

Dazu kommen für Post und Telegraphie 1 008 685 und für 
Eisenbahnen 5 652 828 p. — Die Einnahmen für 1890 werden auf 
nahezu 56 Millionen geschätzt, die Ausgaben (nach der Botschaft 
des Präsidenten) auf 64 Millionen. Es erklärt sich dieses Defizit 
durch die grofsen Kosten, welche die Wasserbauten bei Llico und 
Talcahuano (siehe oben) und die neuen Eisenbahnen erfordern. Der 
Präsident sagte in seiner Botschaft über die Finanzlage des Landes : 
„Die innere Schuld des Landes ist auf 23 834 180 p. herabgemindert, 
von denen 2 600 125 mit 3 °/o verzinst werden und 3 696 700 p. 
mit 6 ^/o. Der Rest von 17 537 355 p. wird durch uneinlösbare 
Rentenbriefe (censos irredimibles) repräsentiert. An Papiergeld des 
Staates befinden sich 23 065 916 p. im Umlaufe und sollen von den- 
selben in jedem Monat 125 000 verbrannt und dafür 100 000 in 
Silberpesos geschlagen oder in Silberbarren deponiert werden. Die 
auswärtige Schuld beträgt 39 748 000 p." 

„In Ausübung der Ermächtigung, welche der Kongrefs am 
8. Januar 1888 zum Abschlüsse einer Anleihe von 3 Millionen Jß 
erteilte, ist die Ausgabe von IV2 Million £ unter den günstigsten 
Bedingungen, welche die Republik bisher erlangt hat, durchgeführt 
worden. Diese 1^/2 Millionen werden, dem Plane der öffentlichen 
Bauten gemäfs, zur Bezahlung der Materialien benutzt, welche aus 
dem Auslande für die Erbauung der Eisenbahnen eingeführt werden." 

„Mit den l^/a Millionen £ der genannten Anleihe und mit den 
25 Millionen p. , welche in den Staatskassen verfügbar sind, 
können alle angefangenen Arbeiten vollendet und die Kosten 
der neuen Kriegsschiffe, Küstenbefestigungen und der Waffen für 
das Heer bezahlt werden. Auch können die Bahnen von Melipilla 
(in der Provinz Santiago) nach Quilpu6 (dicht bei Valparaiso) und 
nach San Antonio (einem kleinen Hafenort) und der Kriegshafen 



") Die Centavos lasse ich in den einzelneii knfi$\i«vi ^ws». 



— 336 — 

von Llico dafür erbaut werden. — Die einzigen wichtigen öffent- 
lichen Bauten, die durch diese Anleihe nicht vollendet werden können, 
sind die Eisenbahnen von Cabildo nach San Marcos und von la 
Serena nach Tarapacä. (San Marcos liegt in der Provinz Coquimbo, 
Cabildo in Aconcagua.) Aber das Produkt des Salpeterverkaufes 
wird die völlig genügenden Geldmittel zur Ausführung auch dieses 
Werkes des Fortschrittes und der nationalen Sicherheit liefern. 

Zur Ergänzung dieser Angaben in der Botschaft führe ich 
einige speziellere Daten aus dem Berichte des Finanzministers an. 
Es zirkulierten am 31. Dezember 1888 = 23 687 916 p. in Papier- 
geld des Staates, daneben aber noch 17 671 686 p. in Papiergeld 
der Banken und 4 634 286 p. in kleineren Silbermünzen und Scheide- 
münze. Das Staatspapiergeld hat sich seit 1882 um 3 552 084 p. 
vermindert, dagegen ist das der Privatbanken um 5 784 845 p. ver- 
mehrt worden. — Ehe nicht die Ausgabe von Papiergeld beschränkt 
und mehr Metallgeld geschlagen wird, ist an eine Hebung des Kurses 
des Papierpeso (dessen Wert im Auslande in den letzten Monaten 
zwischen 2 sh, 3 d. und 2 sh. 6 d, schwankte) nicht zu denken. 
Bis Ende 1888 sind 4 312 084 p. Staatspapiergeld verbrannt worden. 
Die Metallvorräte der Regierung repräsentieren einen Wert von 
2^/2 Millionen in Papier. Trotz der Yergröfserung dieses Baarbe- 
standes sei — wie der Minister sagt — der Kurs des chilenischen 
Papieres im Auslande nicht gestiegen. Er erhofft eine Besserung 
nur von einer Zunahme des Exportes oder von einer Preissteigerung 
der chilenischen Exportartikel auf dem europäischen Markte. In 
ähnlichem Sinne spricht sich der Präsident in seiner Botschaft aus, 
er fügt hinzu, dafs die kleine Wertsteigerung des chilenischen 
Papiergeldes, welche sich im Jahre 1887 bemerkbar machte, durch 
den Rückgang der Kupferpreise und die schlechte Ernte des letzten 
Jahres (1888/89) wieder geschwunden sei. 

Das Staatseigentum wurde Ende 1888 zu einem Werte von 
125 801 571 p. geschätzt. Davon kommen auf Eisenbahnen 
40 385 876 p., auf das rollende Material derselben 7 372 308 p. und 
auf Grundbesitz 67 260 253 p. 

Das dem Fiskus gehörige Urland war bisher in grofsen Par- 
zellen und ohne Kosten an die Nachsuchenden abgetreten worden. 
Viele der Inhaber dieser Ländereien (besonders in den Salpeter- 
distrikten) verpachteten nun einzelne Parzellen an kleine Industrielle, 
welche den Boden auszubeuten suchten, und erzielten so hohe Ein- 
jiahmen. Nach dem neuen Gesetze vom 22. August 1888 mufs für 
Staatsländereien eine ihrem umfange eivtepxeeVvcvvöi^ ^swckoä ^^a-Lahlt 



— 337 — 

werden und werden dieselben nur immer auf neun Jahr zur Benutzung 
oder Verpachtung abgetreten. Diese Konzessionen können nach Ab- 
lauf der neun Jahre, und zwar für denselben Inhaber, erneuert werden. 
Auch alle vor dem August 1888 erteilten Konzessionen sollen nur 
für neun Jahre Giltigkeit haben. 

In der Münze wurden 1888 geschlagen : 43 170 p. in Gold 
(Coudores ä 10 p.) zum Feingehalte von 9/10 und 128 574,6 p. in 
Silber (und Scheidemünze^*) zum Feingehalt von 500/1000.) — Diese 
Summen sind, wie jeder einsehen wird, lächerlich gering. 

Der Handelsverkehr des Landes hat 1888 wieder einen be- 
deutenden Aufschwung genommen. Derselbe betrug (Export und 
Import zusammengenommen) in Summa 133 807 633 p. gegen 
108 180 820 p. im Jahre 1887. — Davon kommen 60 717 698 p. 
auf den Import und 73 089 935 p. auf den Export. Hier ist zu 
bemerken, dafs der faktische Import entschieden bedeutender als der 
in der offiziellen Statistik angegebene ist. Was durch Schleich- 
handel und Bestechung der Zollbeamten importiert wird, kann natür- 
lich in der Handelsstatistik nicht aufgeführt werden. In Valparaiso 
ist der Sitz des Departements für Handelsstatistik. Diese Handels- 
abteilung des grofsen statistischen Amtes der Republik giebt alle 
Jahre, eine sehr sorgfältig und durchaus wissenschaftlich aus- 
gearbeitete Estadistica Comercial de la Republica de Chile heraus. 

Von dem Totalhandel des Jahres 1888 gingen über 55^/4 
Millionen p. über Valparaiso, über 25 Millionen über Iquique, über 
15^/2 Millionen über Pisagua, über 9^/4 Millionen über Coquimbo. 
Am unbedeutendsten ist der über Ancud (24 862 p.) und Melipulli 
oder Puerto Montt (14 802 p.) gehende Handel. — 43 509 940 p. 
des Imports gingen allein über Valparaiso. Die wichtigsten Import- 
artikel pro 1888 waren: Rindvieh 3 954 490 p. , Steinkohlen 
3 387 633 p., raffinirter Zucker 3 430 099 p., Rohzucker 1 878 971 p., 
Kasimir 1 572 221 p., leere Säcke 1 617 814 p., weifse Baumwoll- 
gewebe 1 867 627 p., geblümte Baumwollgewebe 1 894 821 p. 

Von den Exportartikeln kamen auf: Produkte des Bergbaues 
63 206 930 p., Produkte des Ackerbaues 8 784 363 p., Manufaktur- 
waren 48 812 p., verschiedene Artikel 110031 p., Baar- (Metall-) 
Geld 300 875 p. 

Unter den Produkten des Bergbaues, die zum Exporte gelangten, 
smd zu nennen : Salpeter (33 866 196 p.), Kupfer in Barren (13 878 439 p.), 



**) Die Scheidemünze besteht aus Nicke\ wn^ Y^u^l«^ \öA 'l\:^\^^'^'!sö^ 
Stücke von 2'/t, 2 und 1 Centavo. 



— 338 — 

Steinkohlen (1 314 259 p.), Silberkuchen und Silberbarren (7 723957 p.) 
und Golderze (1 213 834 p.) — Der Weizenexport ging von 5 663333 
im Jahre 1887 auf 4 548 829 p. im Jahre 1888 zurück. AuTserdem 
wurden exportiert: Gerste für 773 477 p., Sohlleder für 1 122 624 p., 
Bohnen für 60 658 p., Rohwolle für 436 212 p., Weizenmehl für 
235 496 p. und Honig für 99 616 p. Vom Exporte gingen fast 
20 Millionen über Iquique, 14^/2 Millionen über Pisagua und 
12^/3 Millionen über Valparaiso. 

Die Zolleinnahmen betrugen 37 592 143 p. Davon kommt die 
eine Hälfte auf Import-, die andre auf Exportzölle, die nur noch 
von Salpeter und Jod erhoben werden. Von den inArica erhobenen 
Zöllen erhält Chile — dem Waffenstillstandsvertrage mit Bolivia 
gemäfs — nur 25 ^/o. Von dem Reste erhält Bolivia 35 ®/o (es 
betrug dies von 1885 — 88 inklusive 1 823 308 p.) und der Rest von 
40 ^/o wird zur Tilgung einer Anleihe benutzt, welche Bolivia vor 
vielen Jahren in Chile machte und für welche nie ein Centavo Zinsen 
oder Amortisation gezahlt worden ist. Chile benutzte seine 
kriegerischen Erfolge, um seinen Landsleuten auf diese Weise wieder 
zu ihrem Gelde zu verhelfen, was entschieden so verständig wie 
gerecht ist. 

Zur Hebung der Provinz Tacna empfiehlt der Minister den 
Bau einer Eisenbahn nach Corocoro und weiter nach La Paz und 
Oruro. Es dürfte dieser Schienenweg auch die beste und billigste 
Art der Verbindung des zentralen Bolivia mit dem Ozeane sein. 
Die Provinz kann aufserdem zu einem Zentrum tropischen Acker- 
baues durch Bewässerungsanlagen gemacht werden und zwar kann 
man dazu den Rio Mauri benutzen: es würden so heute öde und 
wertlose Landstriche, die so ausgedehnt wie fruchtbar und wasser- 
arm sind, durch Ausgabe von 2 bis 3 Millionen Pesos in Zuckerrohr- 
und Baumwollfelder verwandelt werden können. Chile würde dann 
auch Tropenkultur betreiben und — wie kein andres Land — 
fast alle Produkte der Welt, sowohl aus dem Mineral- wie Pflanzen- 
reiche, selbst erzeugen. 

Der Handelsminister führt eingehend aus, dafs die Zukunft 
beziehungsweise die baldige Tilgung aller Schulden Chiles, von einer 
Steigerung des Exports und Konsums des Salpeters, dessen Lager 
fast unerschöpflich sind,^^) abhänge. Wird mehr produziert als 
konsumiert, so sinken die Preise. Es soll deshalb eifrig Propaganda 



'^ S. Quill. E. BilJinghurst, Ealudio aobie la Geografia de Tarapacä, 
Santiago, El Progreso, 1886. 



— 339 — 

gemacht werden, um den Salpeter als Düngmittel in China einzu- 
führen und auch den Absatz desselben in Europa zu vermehren. 
Zur Erleichterung der Produktion beziehungsweise des Transports 
des Salpeters nach den Häfen, sollen noch einige Eisenbahnen in 
den Salpetergegenden erbaut werden. An Guano wurden im letzten 
Jahre 55 922 000 kg von den Lagern bei Pabellon de Pica, Punta 
de Lobos und Islas de Lobos de Afuera verladen, nachdem der 
Export die sechszehn vorhergegangenen Monate der niedrigen Preise 
wegen fast ganz unterbrochen war. Im Jahre 1889 steigerte sich der 
Export und werden nach den mit einer englischen und einer fran- 
zösischen Gesellschaft abgeschlossenen Verträgen alle Vierteljahr 
28 000 t ausgeführt. Jede Tonne Guano brachte dem Staate 1886 
einen Reingewinn von 3 £ 1 sh, 9 d.] im Jahre 1888 betrug der- 
selbe 2 £ 12 sk 10 d. 

Die durchschnittliche jährUche Produktion Chiles an Getreide 
wird von der Synopsis estadictica auf 10 Millionen hl Weizen und 
3 Millionen hl Gerste und Hafer geschätzt. Vom Weizen werden 
etwa 2 MilKonen hl (ein Teil als Weizenmehl) exportiert. Von den 
verschiedenen Weinarten gelangen jährlich 300000 1 zum Export. 
Alle Jahre werden im Lande über 500 000 Kälber und gegen 2 Millionen 
Schafe und Ziegen geboren. Unter den Weizen exportierenden Ländern 
der Welt nimmt Chile die fünfte Stelle ein. Der Bergbau produziert jähr- 
lich ungefähr 800 000 Ztr. Kupfer, 160 000 kg Silber, 500 kg Gold, 
20 Millionen t Steinkohlen und 12 Millionen Ztr. Salpeter. — 
Der Fabrikbetrieb ist dagegen noch wenig entwickelt. ^^) Es giebt 
nur drei Zuckerraffinerien und drei Zuckerfabriken im Lande. Zahl- 
reiche und nach den neuesten Fortschritten der Technik eingerichtete 
Brauereien und Eisfabriken finden sich an verschiedenen Stellen 
des Landes. In Santiago ist eine Tuchfabrik, welche rein wollene 
Waren erzeugt, eine andre befindet sich in Tome. Fabriken für 
Halbporzellan und feine Tonwaren giebt es in Penco und Lota. 
Fabrikbesitzer, welche neue Erfindungen ausnutzen oder bisher im 
Lande unbekannte Industrien einführen, erhalten leicht das aus- 
schliefsliche Privilegium für das ganze Land. 

Vom Importe kamen im Jahre 1887 (die speziellen Zahlen für 
1888 sind noch nicht publiziert) auf Nahrungsmittel über 10 Millionen, 
auf Gewebe aus Seide, Leinfaser, Baumwolle und Wolle fast 



*•) Sehr eiDgehende Angaben über den Stand der Fabriken finden sich in 
der wertvollen Zeitschrift: „Boletin de la Sociedv^d d^ YQT£i«o\.^ "^iJöT^ ^ ^^^^ 
welcher je^^ der 6. Band erscheint. 



— 340 — 

11^/2 Millionen, auf Rohmaterialien, Tiere und Pflanzen nahezu 
6^/4 Millionen, auf Kleider, Schmucksachen und Gegenstände für den 
persönlichen Gebrauch über 2^/2 Millionen, auf Instrumente und Werk- 
zeuge für Industrie und Handwerk über 5^/2 Millionen. Vom Importe 
kamen 1887 aus England für 20 463 B84, aus Deutschland für 11 631 891, 
aus Frankreich für 5 500 949 p. Es folgen weiter der Bedeutung 
nach: Die Vereinigten Staaten mit etwa 3^/* Millionen, Peru, 
Argentinien, Brasilien, Italien u. a. Gegen 1886 zeigt der deutsche 
Import die stärkste Zunahme von allen europäischen Staaten, nämlich 
39,3 ®/o. Der Englands nahm um 21,6 ®/o zu, der Frankreichs nahm 
um B,o®/o ab. 

Exportiert wurden nach England für 56 898 407 p., (fast 
12 Millionen mehr als im Jahre 1886), nach Deutschland für 
4 751 990 p. (319 242 p. weniger als im Vorjahre) und nach Frank- 
reich für 4 295 055 p. (982 832 p. mehr als im Vorjahre). Der 
deutsche Handel ist seit etwa sieben Jahren stetig auf Kosten des 
französischen gewachsen. In neuester Zeit werden aber von Franzosen 
und einflufsreichen Chilenen Anstrengungen zur Hebung des fran- 
zösischen Imports gemacht und mufs der deutsche Handel und die 
deutsche Industrie bestrebt sein, durch gute und prompte Lieferung 
seine hervorragende Stellung zu behaupten. 

Das Ministerium für Industrie und öffentliche Bauten giebt 
alle Monate ein starkes Heft seines Boletin heraus und scheint also 
ein spezieller Bericht dieses Ministers dem Kongresse nicht mehr 
vorgelegt zu werden. Chile hat in den letzten zehn Jahren gewaltige 
Summen für Eisenbahnen ausgegeben und soll dies auch, wie aus 
dem obigen Bericht des Finanzministers zu ersehen, für die nächsten 
Jahre geschehen. Es liefse sich darüber streiten, ob die Regierung 
nicht richtiger gehandelt hätte, die grof^en Überschüsse des Staates, 
welche Überschüsse eine Folge der natürlichen Reichtümer des 
Landes und der ehrenvollen Verwaltung der Staatsgelder sind, zunächst 
zur Tilgung der ganzen inneren Schuld und des gröfsten Teils des 
Papiergeldes zu benutzen, statt eine neue Anleihe zur Erbauung 
neuer Eisenbahnen zu machen. Bedenklich ist aber auch der von 
der Regierung beliebte Modus durchaus nicht, da der Weit der 
Staatsbahnen allein viel gröfser als die ganze äufsere Schuld ist. 
Die Regierung glaubt — und sicher mit Recht — dafs die neuen 
Bahnen zur wesentlichen Hebung des Exports des Landes beitragen 
werden und so der Wert des chilenischen Papiergeldes im Auslande 
steigen wird. Im Lande selbst gilt bekanntlich Zwangskurs für 
das Papiergeld. 



— 341 — 

Von Staatsbahnen waren Anfang 1889 im Betriebe zehn Haupt- 
linien und zwei Zweigbahnen, deren Gesamtlänge 1198 */io km 
betrug. Aufserdem sind 1558 km Privatbahnen im Betrieb, von 
denen besonders die 440 km lange von Antofagasta über Calama 
nach den Boraxlagem von Ascotan und der bolivianischen Grenze 
und über diese hinaus nach den reichen Silberminen von Huanchaca 
hervorgehoben zu werden verdient. — Wegen des Baues von zehn 
neuen Linien schlofs die Regierung 1888 mit einer amerikanischen 
Gesellschaft einen Vertrag ab (der auch vom Kongrefs genehmigt wurde); 
darnach verpflichtete sich diese Gesellschaft, die Bahnen für 
£ 3 542 000 zu erbauen. Wie die Leser aus den Zeitungen ersehen 
haben werden, stellte sich diese amerikanische Gesellschaft, die noch auf 
keine nennenswerte selbständige Leistung sich stützen konnte, bald als 
zahlungs- und leistungsunfähig heraus und brach im August 1889 
zusanmien. Es ist völlig unverständlich, wie die Regierung sich 
mit solcher Gesellschaft bei einem solchen Riesenwerke einlassen 
konnte! Ein neuer Vertrag mit Herrn Jul. Bernstein und einem 
Konsortium wird jetzt verhandelt. Die im Bau begriffenen zehn neuen 
Bahnen haben zusammen eine Länge von 982 km. 

Die Nationalgesellschaft für den Ackerbau unterstützt die 
Regierung mit 20 000 p. jährlich. In Santiago giebt es eine land- 
wirtschaftliche Hochschule und aufserdem praktische Ackerbauschulen 
in sieben verschiedenen Städten. Für diese Schulen giebt der Staat 
im Jahre 1889 100000 p. aus und aufserdem sind 6000 p. zur 
Hebung der Fischzucht bestimmt; praktische Bergmannsschulen bestehen 
in Copiapo, Serena und Santiago. 

Nach dem Bericht des Ministers des Innern gab es Anfang 
1889 = 496 Postämter; expediert wurden 40 656 860 Briefe, Postkarten, 
Drucksachen u. a. In den Postämtern werden Spareinlagen ange- 
nommen und auch von Chilenen geschriebene und in Chile gedruckte 
Bücher verkauft. 

Zahlreiche neue Telegraphenlinien sind im Bau oder projektirt, 
viele ältere sollen einer gründlichen Reparatur unterworfen werden. 
Südwärts gehen die Telegraphenleitungen zur Zeit nur bis zur Stadt 
Castro; im Interesse der Schiffahrt soll aber ein Kabel von Punta 
Arenas in der Magellansstrafse nach Puerto Montt mit mehreren 
Zwischenstationen gelegt werden. 

Es giebt 160 Telegraphenstationen; die Länge der Telegraphen- 
linien beträgt 10 657 885 m, der Wert dieaei Lim^xi \%\. ^x&^«Ä^^Si ^, 



— 342 — 

geschätzt. Bezahlte Telegramme wurden 1888 463 934 befördert, 
daneben 77 099 der Regierung gratis. Durch starke Regen und 
Überschwemmungen waren mehrere Linien unterbrochen. Die Ein- 
nahmen betrugen 136 473 p., die Ausgaben 259 919 p. für Personal 
und Lokale und 122 77B für Reparaturen, Apparate und neue Linien. 
Die West Coast Telephone Company hat die Konzession für den 
Bau einer Telegraphen- und Telephonleitung zwischen Valparaiso 
und Santiago erhalten. Verschiedene andre Privatgesellschaften 
sind um die Konzession zur Erbauung weiterer Linien eingekommen. 
Am 8. Februar 1889 ist die Linie Arica-La Paz (Bolivia) dem 
Verkehr übergeben worden. Diese über 400 km lange Leitung 
übersteigt die Andes in einer Höhe von 14 500 F. Mit Argentinien 
besteht nur eine telegraphische Verbindung durch den Pafs von 
Uspallata. — Post und Telegraphen sollen in Zukunft einer gemein- 
samen Behörde unterstellt werden. 

Durch Gesetz vom 11. Januar übernahm der Staat die 
Schulden aller Munizipalitäten der Republik mit Ausnahme der 
von Valparaiso und Santiago. Die Regierung zahlte für diese 
Schulden der kleinen Städte 1 441 035 p., dieselben so vollständig 
tilgend. Der erste Band des grofsen Zensus (der alle zehn Jahre 
aufgenommen wird) soll bald ^scheinen. Durch Gesetz vom 12. Juli 
1888 wurde die Provinz Antofagasta aus den Departements Anto- 
fagasta, Tocopilla und Taltal geschaffen, von denen das letztere von 
der FtOYinz Atacama abgezweigt wurde. 

50 000 p. sind im Budget für 1889 zur Gründung zweier 
neuer Ortschaften an der Südküste der Republik bestimmt. Die 
erste soll auf der Isla de los Leones an der Mündung des Stromes 
Buta Palena errichtet werden. Genannter Strom wurde 1885 von 
Ramön Serrano Montaner untersucht (Anuar. Hidrogr. de la Marina 
de Chile Tom. XI) und weiter und spezieller 1886 und im Jahre 1887. 
Das Ergebnis dieser Untersuchungen ist in zwei schönen Karten 
niedergelegt, welche dem Berichte des Ministers beigegeben sind. 
Die Kordillere der Andes teilt sich in dieser Gegend in drei grofse 
Züge, welche der genannte Strom durchbricht, zwischen dem neutralen 
und dem östlichen Gebirgszuge liegt ein sehr ausgedehntes Längs- 
thal, welches sich weit nach Nord und Süd über den See hinaus 
fortsetzt, aus welchem der Rio Buta Palena entspringt. Dieses Thal 
eignet sich vorzüglich zur Viehzucht und zum Ackerbau. Die 
Wälder an der Seite des Stromes sind verschieden von denen der 
Küste. Die Mehrzahl der Bäume ist sehr ähnlich der amerikanischen 
Fichte oder der Cypresse und liefert ein vorzügliches und leichtes Bau- 



— 343 — 

holz. ^') Der Transport wird dadurch erleichtert, dafs das Holz flöfsbar ist. 
Hinter den ersten Stromschnellen wird die Schiffahrt auf dem 
Strome schwierig, besonders weiter im Innern, wo er den Namen 
Carrileuf führt; da indessen das Terrain eben ist, können leicht 
Wege zu beiden Seiten des Stromes angelegt werden. Das Thal 
liegt 400 — 500 m über dem Ozeane; das Klima ist gemäfsigt und 
wenig regenreich, wesentlich von dem der Küste verschieden. Die 
Kolonisten erhalten einen Bauplatz, ein kleines Terrain auf der Insel 
und ein gröfseres im Thale im Innern des Landes. Beim Inten- 
danten von Llanquihue sind bereits viele Gesuche uin diese Kolonie- 
loose eingelaufen. 

Die zweite Ortschaft soll auf der Halbinsel Tierra del 
Rey Guillermo begründet werden und den Namen Muüoz Gamero 
erhalten, auch soll dieser Name auf die ganze Halbinsel übertragen 
werden. Es ist dies die einzige ebene, zu einer Kolonie passende 
Gegend an der Westküste Patagoniens südlich von Taitao. Hier 
kann Viehzucht in grofsem Umfange getrieben werden. Die Teilung 
des Mstgellansterritoriums in zwei Departements (Punta Arenas 
und Palena) wird angeregt. 

Vier der von Privatgesellschaften in Bau genommenen Privat- 
bahnen sind von der Regierung garantiert und werden dieselben sub- 
ventioniert. Es findet sich darunter die Bahn von Pampa Alta nach 
der Grenze von Bohvia, für welche die Regierung 6®/o Zinsen auf 
20 Jahre für ein Kapital von 3 472 000 p. garantiert hat. Da der 
Frachtverkehr auf dieser seit 1888 fertigen Bahn aber ganz gewaltig 
ist, rentiert dieselbe an sich und braucht die Regierung keine Sub- 
vention (Zinsen) zu zahlen. Weiter ist die transandinische Bahn (vom 
Städtchen los Andes nach Mendoza) zu nennen, deren Bau Juan 
Clark & Company übernommen haben. Hier hat die Regierung 
5 ®/o für 20 Jahre für eine Summe von 5 Milüonen p. über den 
Voranschlag der Kosten des Riesenbaues übernommen. Die Arbeiten 
auf dieser Bahn (chilenische Seite) begannen am 5. April 1889. 

Sieben neue Hospitäler in kleineren Städten sind im Bau und die 
Pläne zu acht weiteren sind in Arbeit. Die Pockenimpfung ist noch 
nicht obligatorisch. Da aber die Zahl der Personen, welche sich impfen 
lassen, von Jahr zu Jahr zunimmt, so vermindert sich auch die Zahl 
der Todsfälle durch Pockenkrankheit. Im Interesse der öffentlichen 
Hygiene, für die bisher wenig Aufmerksamkeit und Verständnis vor- 



^^) Vielleicht handelt es sich um den Libocedrus chilensis. Endl. S. Anuar. 
Hidrogr. Tom. XI. 



— 344 — 

handen war, ist in den letzten drei Jahren — infolge der furcht- 
baren Choleraepidemien — viel geschehen. In Santiago besteht ein 
Oberaufsichtsrat der öffentlichen Hygiene und in den Hauptstädten 
der Provinzen sind Provinzialräte derselben Art eingerichtet. Im 
letzten Jahre ist kein einziger Cholerafall vorgekommen, dagegen 
fordert die Trunksucht, welche in Chile (auch in den höheren Gesell- 
schaftskreisen) mehr und mehr um sich greift, viele Opfer. Sie hat 
die kräftige Bevölkerung Araukaniens dezimiert, so klagt der Minister. 
Der Alkoholgenufs soll durch Gesetze eingeschränkt werden. Zur 
Verbesserung des Trinkwassers verschiedener Städte sind im letzten 
Jahre 1 Million p. verausgabt worden. 

Ich schhefse hiermit meinen Auszug aus dem hochinteressanten 
Berichte des Ministers D. Ramön Barros Luco vom 1. Juni 1889, 
der als ein litterarisches Meisterwerk zu bezeichnen ist. 

Wir gehen jetzt zur spezielleren Betrachtung der neuen 
Kolonien in Araukanien über. Es ist zunächst als eine falsche 
Annahme zu bezeichnen, dafs Chile nicht genügend Raum für einen 
gröfseren Zuflufs von Einwanderern biete. Chile ist viel gröfser als 
das deutsche Reich, und in dem schmalen Küstenlande ist noch 
reichlich Platz für mindestens 10 Millionen Menschen. Grofs und 
mannigfaltig sind die Vorteile, welche Chile und seine Regierung 
dem neuen Einwanderer bietet: die Regierung schenkt ihm ein 
relativ grofses und wertvolles (siehe die Ergebnisse der letzten 
Subhastationen im Kolonialgebiete) Landgut, der Boden ist durch- 
schnittlich als guter Mittelboden zu bezeichnen, die Landgüter sind 
so abgeteilt, dafs es keinem an Wasser und Holz gebricht. Ver- 
kehrswege sind heute als gut zu bezeichnen, die Absatzverhältnisse 
sind durch die neuen Eisenbahnen vorzügliche geworden. Das 
Klima ist angenehm und sehr gesund, der Ansiedler kann dieselben 
Kulturen wie in Europa betreiben. — Die Regierung und der gröfste 
Teil der einflufsreichen und wahrhaft gebildeten Männer des Landes 
interessiert sich lebhaft für die neuen Kolonien und sucht die 
europäische Einwanderung in jeder Weise zu fördern. Leider finden 
sich diese Gesinnungen bei der Mehrzahl der mittleren und unteren 
Hassen nicht, dieselben erblicken in den Kolonisten nur „Fremde" 
und mit Unrecht von der Regierung protegierte Eindringlinge und 
Konkurrenten. 

Als Mängel dieser neuen Kolonie waren bisher zu bezeichnen: 

die Unsicherheit für Person und Eigentum und die ungenügende 

Anzahl von Schulen , Lehrern , Kirchen , Priestern , Ärzten und 

Hospitälern im Kolonialgebiete', in dieser Beziehung hat sich aber 



— 345 — 

seit Mitte 1888 viel geändert und gebessert, und ist als sicher 
anzunehmen, dafs diese Mängel bald völlig beseitigt und überwunden 
sein werden. — Auf den noch immer in vollem Umfange ausgeübten 
grofsen Einflufs des Kolonialdirektors, der seine fast unbegrenzte 
Macht oft mifsbraucht, und dadurch die Existenz der Kolonisten 
und der Kolonien schwer schädigt, ja in Frage stellt, komme ich 
noch zum Schlüsse zu sprechen. 

Die Versuche der chilenischen Regierung, europäische Kolonisten 
anzusiedeln sind sehr alt. 1842 trat die Regierung einem Engländer 

A. Dow 250000 Quadrat-Cuadras (ä 125,0 m) im damals noch wenig 
durchforschten und nicht vermessenen Gebiete von Valdivia unter 
der Bedingung ab, dort 10 000 Einwanderer anzusiedeln. Dieses 
Unternehmen scheiterte, da die Verbindung zwischen Europa und 
Chile damals eine sehr ungenügende war und der Unternehmer 
aufserdem von den Kolonisten verlangte, dafs dieselben ihm für 
50 Jahre einen Teil ihrer Ernte überliefsen. — Durch Gesetz vom 
18. November 1845 wurde der Präsident der Bepublik ermächtigt, 
6000 Quadrat-Cuadras der Staatsländereien an Einheimische und Fremde 
zu überlassen, welche sich daselbst ansiedeln und ein nutzbringendes 
Gewerbe betreiben wollten. Zugleich erhielt die Regierung das 
Recht, diese Kolonisten durch Werkzeuge und Sämereien im Land- 
baue zu unterstützen und sie zugleich im ersten Jahr zu unterhalten. 

Auf Grund dieses Gesetzes interessierte sich ein deutscher 
Ingenieur, Bernhard Philippi, für die Einführung deutscher Kolonisten. 

B. Philippi war einige Zeit hindurch Gouverneur des Magellans- 
territoriums gewesen, sodann nach Deutschland zurückgekehrt und 
1848 ernannte ihn die Regierung zu ihrem Einwanderungsagenten, 
sie beauftragte ihn, 200 katholische Familien mit für das Land 
nutzbringenden Kenntnissen nach Chile zu bringen. Diese ersten 
Kolonisationsversuche stiefsen auf grofse Schwierigkeiten, da das 
Besitztum der damals in und um Valdivia ansässigen Chilenen nicht 
gehörig begrenzt und die Staatsländereien nicht vermessen waren. 
Die Chilenen präsentierten von den Eingeborenen ausgestellte Besitz- 
titel und konnte so die Regierung den Kolonisten nur wenige und 
meist sehr schlechte Ländereien anweisen ; bessere mufsten dieselben 
den Chilenen abkaufen. Es wurde deshalb in Deutschland dringend 
(und mit Recht) vor der Auswanderung nach Chile gewarnt. Der 
erste Transport deutscher Kolonisten: 70 Männer, 10 Frauen und 
5 Bander, kam erst 1850 im Hafen von Corral (bei Valdivia) an. 
Die denselben vom Agenten Phihppi in Deutschland gemachten Ver- 
sprechungen konnten nicht gehalten werdew \xw4. \%5ü — %k^ Nx'äxä- 

Geogr. Blätter. Bremen, 1889. ^ 



— 346 — 

portierte die Regierung den gröfsten Teil dieser Kolonisten nach dem 
Gebiete am Golfe von Reloncavi, wo heute Puerto Montt steht. Hier 
besiegten deutscher Fleifs und deutsche Geduld die unendlichen 
Schwierigkeiten, welche die dichten Urwälder den Kolonisten ent- 
gegenstellten. 

Diese kurzen Daten über die Ansiedlung der ersten deutschen 
Kolonisten zeigen, dafs das Gros der Chilenen — wie noch heute — 
den Ansiedlem feindlich gesonnen, die Regierung aber nach Kräften 
bemüht war, den Leuten zu helfen und die ihnen gemachten Zusagen 
zu halten. Bis zum Jahre 1872 gab die Regierung für die Kolonisten 
in Llanquihue 129 300 p. aus, es waren 196 deutsche Familien fest 
angesiedelt. Der Handel dieser Kolonien betrug 1865 — 71 über 
2 ^/s Millionen p., welche dem Staate 258 865 p. einbrachten. Vor- 
her waren diese Küsten und Gebiete fast unbewohnt, der Handels- 
verkehr gleich Null. In den Jahren 1882 — 86 betrug der über 
den Hafen von Melipulli (Puerto Montt) gehende Handel etwa 
6 200 000 p., heute zählt die Provinz Llanquihue 62 000 Einwohner. 

Auch Valdivia verdankt seinen Aufschwung den deutschen 
Kolonisten, wie die chilenischen Minister amtlich anerkannt haben. 
Die Deutschen schufen erst Handwerk und Lidustrie daselbst, und der 
Handel, der 1850 gleich Null war, betrug 1872: 586 764 p. in 
Produkten und Waren, die von andern Häfen Chiles nach Valdivia 
kamen ; für 550 730 p. Waren und Produkte wurden nach andern 
Häfen Chiles exportiert ; für 46 154 p. kamen vom Auslande, und 
für 151 558 p. wurden nach dem Auslande ausgeführt. Nach der 
amtlichen Handelsstatistik Chiles betrug die Einfuhr ausländischer 
Waren in Valdivia 1884 = 318 546 p., davon kamen für 309 945 p. 
aus Deutschland. Nach dem Ende 1888 erschienenen Bande der 
genannten Statistik wurden 1887 in Valdivia für 359 029 p. Waren 
eingeführt und kamen diese Waren sämtlich aus Deutschland. Ein 
besserer Beweis für die Behauptung, dafs die deutschen Kolonien 
in Chile nicht nur diesem Lande, sondern auch Deutschland grofsen 
Nutzen gebracht haben, ist wohl nicht denkbar. — Der Gesamt- 
handel (mit dem In- und Auslande) Valdivias betrug in den Jahren 
1882—1886 über 28 Millionen p. „Dies zeigt die Gröfse der kommer- 
ziellen Macht der deutschen Kolonie von Valdivia" , schreibt der 
Chilene J. Perez Canto in einer sehr wertvollen Arbeit „Studien über 
Einwanderung und Kolonisation".^®) 



»' 



^ Im Boletin de la Sociedad de Fomento Fabrü, Santiago de Ch. 
JWo, K 1888, 



— 347 — 

Zunächst will ich nun einige Angaben über den heutigen Stand 
der neuen Kolonien in Araukanien nach dem Berichte des General- 
inspektors derselben, Herrn Drouilly, vom 27. April 1888 geben. 
Herr Drouilly erklärt, dafs die Cholera, welche Chile 1886 — 87 
schwer heimsuchte, und der Wechsel des Generalagenten in Europa 
die Ursache gewesen seien, dafs 1887 nur 49 Familien nach den 
chilenischen Kolonien gingen. — In den zehn Kolonien waren 830 
Familien mit 3716 Personen angesiedelt und hatten dieselben 1887 
ausgesät: 6172 Fanegas (ä 137 hl) Weizen, 3522 F. KartoflPeb, 
1180 F. Hülsenfrüchte und 328 F. Gerste. Geemtet wurden im Februar 
und März 1889 = 71 078 F. Weizen, 23 000 F. Kartoffek, 7412 F. 
Hülsenfrüchte und 2556 F. Gerste. Die Kolonisten besafsen 2500 
Ochsen, 1640 Kühe, 1884 Kälber, 897 Pferde, 3280 Schweine, 
682 Schafe und 21 154 Hühner, Enten U; a. Das bestellte Terrain 
war 4946 ha grofs. — Wenn diese Angaben auch sicher etwas op- 
timistisch sind, so zeugen sie doch für die Fruchtbarkeit *des 
Bodens und den Fleifs der Kolonisten. 

Den Hektoliter Weizen können die Kolonisten jederzeit mit 
3 p. in der nächsten Stadt verkaufen und repräsentiert die ganze 
Ernte, einschliefslich des verkauften Viehes und der Erträge der 
Handwerke und Industrien, welche verschiedene Kolonisten betreiben, 
eine Gesamteinnahme derselben für das letzte Jahr von etwa 
400000 p. 

Über die heutige Lage der neuen Kolonien ist nach den letzten 
amtlichen Berichten folgendes zu melden. Die an die Kolonien an- 
grenzenden Ländereien waren bisher in grofsen Parzellen öffentlich 
an den Meistbietenden verkauft worden. Es war dadurch die An- 
siedelung ärmerer Chilenen unmöglich gemacht, wenigstens konnten 
dieselben nicht unabhängige Grundbesitzer in Araukanien werden. 
Die Regierung hat nun endlich begonnen kleinere Landstücke zum 
Verkaufe zu stellen. Nach dem Berichte des Ministers waren Mitte 
1888 344 kleinere Landgüter, deren Wert auf zusammen 105 876 p. 
geschätzt worden, vermessen und wurden dieselben später versteigert. 
Sie hatten zusammen einen Umfang von 11093 ha; von diesen 
wurden faktisch 325 verkauft (10 578 ha) und erzielten einen Preis 
von 767 767 p., also die enorm hohe Summe von 72 p. 58 cent. 
pro ha. Die Regierung hatte bisher die freie und unentgeltliche 
Bebauung der Staatsländereien im Kolonialgebiete den Chilenen 
gestattet, durch Ministererlafs vom 8. März 1889 wurde aber allen 
Beamten der Regierung untersagt, auf Staatsländereien Rq,\!l t»^ 
schlagen oder Aussaaten zu machen. 



— 348 — 

Nach dem Berichte des Generaldirektors, Herrn Drouilly, kamen 
in der Zeit von April 1888 bis April 1889 == 331 Familien (sämtlich 
Europäer), aus 1589 Personen bestehend, an. Darunter waren nur 
6 deutsche, aber 159 englische, 100 französische, 39 spanische und 
13 schweizer Familien. Die neuen Kolonisten wurden zum teil über 
die alten Kolonien verteilt, wo sie in erster Linie die von früheren 
Kolonisten verlassenen Landgüter erhielten. Aufserdem wurden zwei 
neue Kolonien Lautaro und Imperial (in der Nähe der Ruinen des 
alten Imperial) begründet. 

In Summa gab es am 30. April 1889 in den neuen Kolonien 
1037 Familien (4967 Personen), die sich in verschiedener Weise 
verteilen. Alle Jahre wird eine durchaus vertrauenswürdige 
Statistik über Aussaat und Ernte aller Kolonisten und ihren Besitz 
an Vieh publiziert. Danach wrörde im September/Oktober 1888 aus- 
gesjit: 6369 Fanegas (ä 137 hl) Weizen, 3834 F. Kartoffehi, 
1697 F. Hülsenfrüchte und 263 F. Gerste. Geerntet wurde: 
67 853 F. Weizen, 27 652 F. Kartoffehi, 7118 F. Hülsenfrüchte und 
1967 F. Gerste. Die Kolonisten besafsen 3066 Ochsen, 2213 Kühe, 
2541 Kälber, 1354 Pferde, 3653 Schweine und 1356 Schafe. 
Aufserdem erwachsen den Kolonisten Einnahmen durch Verkauf von 
Nutz- und Brennholz, Holzkohlen, Gemüse u. a. 

Die Kolonisten haben in Summa 56 300 ha erhalten und zwar 
vollständig gratis! Sie bilden im Departement Traiguen, wo fast 
die Hälfte aller Kolonisten lebt, den 15. Teil der Gesamtbevölkerung. 
Herr Drouilly führt dies in seinem Berichte aus, um zu zeigen, wie 
ungerecht die Eifersucht weiter Kreise in Chile gegen die „fremden 
Kolonisten" ist. Man hat überhaupt fast ^allgemein eine wahrhaft 
kindische Angst, keine „fremden Zentren" im Lande entstehen zu 
lassen. Deshalb werden in jeder Kolonie Leute verschiedener 
Nationalität angesiedelt, zu Beamten werden nur Chilenen ernannt, 
den Kolonisten wird keine Spur von Selbstverwaltung gelassen; 
dadurch wird die erste Einrichtung derselben sehr erschwert. In 
Viktoria ist jetzt ein katholischer Priester, und ein Ordensbruder 
besucht regelmäfsig einige der übrigen Kolonien, ein evangelischer 
Prediger besucht die Kolonien, um die notwendigsten Amtshandlungen 
zu besorgen. Schulen sind jetzt genügend vorhanden, leider fehlt 
es aber noch an Lehrern. Weder chilenische Ärzte noch Lehrer 
sind für das einsame Leben in den Kolonien zu haben, was von 
geringem Interesse und VerstSlidnis für die seitens der Regierung 
voll gewürdigte Wichtigkeit dieser Kolonien zeugt. 



— 349 — 

Die Sicherheit für Personen und Eigentum der Kolonisten, die 
sich von 1884 — 88 verschlechterte, hat sich im letzten Jahre 
gebessert: Polizei und Gerichte sind vermehrt und sind energischer 
eingeschritten. Leider wird die Thätigkeit der Beamten dadurch 
erschwert, dafs die Chilenen selten gegen ihre Landsleute vor Gericht 
Zeugnis ablegen und falsche Zeugnisse leicht zu haben sind. Vier 
Mitglieder einer Räuberbande, die mehrere Kolonisten ermordet 
hatten, sind endlich ergriffen und zum Tode verurteilt worden. 

Der Sitz des Generaldirektors ist seit Ende 1888 Traiguen. 
Ausgegeben wurden für die Kolonien im letzten Jahre 142 484 p. 
Davon kommen 72 801 auf Verwaltungskosten, Vermessungen, Trans- 
port u. a. und 69 682 p. auf Auslagen (Ochsen, Saatgut, Nägel, 
Bretter, Ackergerät und Subvention während des ersten Jahres) für 
die Kolonisten. Letztere müssen in fünf Jahi*en zurückerstattet werden, 
ehe die Kolonisten den Besitztitel für ihr Landgut erhalten; in den 
ersten drei Jahren nach ihrer Niederlassung brauchen dieselben keine 
Rückzahlung zu machen. Zinsen sind für diese Vorschüsse nicht 
zu zahlen. Jetzt sollen die Besitztitel schon an solche Kolonisten 
erteilt werden, die fünf Jahre ansässig sind und zwei der fünf Raten 
zurückbezahlt .haben. Der Rest der Vorschüsse wird als Hypothek 
auf das Landgut eingetragen. Jeder Kolonist erhielt für sich 40 ha 
und 20 ha für jeden erwachsenen Sohn. 

362 Kolonisten, die meist unverheiratet und keine Landbauern 
waren, haben die Kolonien (seit 1883) wieder verlassen und sich 
meist in den benachbarten Städten angesiedelt. 18 742 ha sind an 
Eingeborene definitiv übergeben, welche die besten Ländereien seit 
längerer Zeit bewohnen und bebauen, und 5159 ha sind an solche 
Araukanen überwiesen, die sich, zur festen Ansiedelung entschlossen, 
bei der Regierung gemeldet haben. Es sind auf solche Weise 
7590 Araukanen (3659 Männer und 3931 Frauen) auf dem Gebiete 
nördlich von Cautin angesiedelt worden. Dieselben wohnen in fünf 
gröfseren Gruppen vereinigt, deren Lage auf einer dem Berichte des 
Ministers beigegebenen Karte genau bezeichnet ist. 

Leider erlauben sich einige Chilenen Vergewaltigung der Arau- 
kanen, indem sie das denselben zugewiesene Land bestellen. Die 
Behörden sind nach Kräften bemüht, die Eingeborenen hiergegen zu 
schützen. Dieselben haben sich den Bestimmungen der Behörden 
und der mit der Verteilung des Landes betrauten Kommission ohne 
Widerstand und ohne Protest gefügt. — Es hat böses Blut gemacht, 
dafs auch durch die letzten Versteigerungen nicht für ärmere Chi- 
lenen gesorgt worden ist. Reiche Stadt\)^vjo\ixv^T ^ünö^^'vv \»^'s.^tä^^'^ 



— 350 — 

die in der Nähe der Stadt Traiguen belegenen Landloose in die Höhe 
und die Armen gingen leer aus. Viele Chilenen müssen als Knechte 
bei Kolonisten arbeiten, die nichts von der Landwirtschaft verstehen 
und trotzdem ein reiches Landgut von der Regierung geschenkt 
bekommen haben. Ich führe dies zur teilweisen Erklärung der 
Erbitterung der im Kolonialgebiete wohnenden Chilenen gegen die 
Regierung, die Kolonisten und Herrn Drouilly an. 

Dafs die Regierung Herrn Drouilly nicht bereits längst (wenig- 
stens interimistisch) von seinem Posten abberufen und eine spezielle 
und strenge Untersuchung seiner Amtsthätigkeit angeordnet hat, ist 
sehr zu tadeln. Die Klagen über Herrn Drouilly waren Mitte dieses 
Jahres ganz allgemein. 

Der Minister hatte die Kolonien Anfang März 1889 besucht. 
Er sagt in einer amtlichen und publizierten Note: „Ich fand, dafs 
die Beamten und Agenten des Fiskus in jenen Gegenden, zum grofsen 
Schaden der administrativen Moralität und mit ernsthcher Schädi- 
gung unsres Interesses für die Kolonisation, Handel trieben." Mit 
Recht tadelt es die „Epoca" (vom 22. März 1889), dafs der Minister 
diese Thatsachen nur tadelnd konstatiert und nicht bestimmt, dafs die 
Schuldigen bestraft oder wenigstens aus ihren Stellungen entfernt 
werden sollen. 

Zwanzig aus den Kolonien fliehende europäische Familien kamen 
im April 1889 in Santiago an. Auch ihre Klagen waren furchtbar. 
Die Zeitungen aller Parteien forderten eine energische Untersuchung. 
Seitdem ist es aber ganz still m der chilenischen Presse über die 
so hochwichtige Angelegenheit der tyrannischen und willkürlichen 
Herrschaft des Herrn Drouilly geworden. Derselbe ist noch im Amte 
und von einer gegen denselben eingeleiteten Untersuchung verlautet 
nichts. 

In einer gröfseren in der „Deutschen Kolonial-Zeitung" Jahrgang 
1886 Seite 377 abgedruckten Arbeit: „Die Kolonisation von Arau- 
kanien", habe ich die Geschichte der ersten Jahre dieser neuen 
Kolonien gegeben und auch die Bedingungen angeführt, welche Chile 
den Kolonisten bis März 1886 stellte. Das bisher gratis überlassene 
Land sollten die Kolonisten bezahlen. Es heifst in der Anzeige 
No. B der Generalagentur der Regierung von Chile vom 1. März 
1886 : „2. Abtretung von 20 oder 40 ha guten Kulturlandes in den 
Kolonien, für welche der Preis nächstens von der Regierung fest- 
gesetzt werden wird, oder Gratiskonzession für bewaldetes, noch 
urbar zu machendes Land." Ich schrieb damals: „Im Interesse 
Chiles und der deutschen Auswandexei vfäx^ zxx vj^^clien.^ dafs die 



— 351 — 

Regierung von Chile auf diese Forderungen und Ansichten des Herrn 
Davila-Larrain nicht eingeht, sondern die früher festgestellten Be- 
dingungen weiter gelten läfst (d. h. das Land unbedingt gratis 
übergiebt)." 

Dieser Wunsch ging bald in Erfüllung. Bereits in Anzeige 7 
aus Basel vom 5. Juli 1886 offeriert derselbe Herr Davila-Larrain: 
„Gratis-Konzessionen von 40 ha guten Kulturlandes in den Kolonien." 
und in der Anzeige No. 1 des neuen Generalagenten D. Isid. 
Erräzuriz aus Paris vom 15. Juni 1887 wird den Kolonisten geboten : 
„Einräumung von 40 ha guten Kulturlandes für einen FamiUenvater 
und 20 ha extra für jeden seiner Söhne, welcher das 12. Altersjahr 
überschritten hat." — Dieser fortwährende Wechsel in dieser 
wichtigsten Bedingung kann nicht scharf genug getadelt werden. 
Er erregt geradezu Mifstrauen! 

In der Anzeige vom 12. Juni 1887 wird auTserdem gesagt: 
„Das Land, welches die Kolonien von Chili umgiebt, hat beim letzten 
Verkaufe im Dezember 1885 einen Durchschnittspreis von 192 Frcs. 
10 cm. pro ha erreicht. Die Loose von 40 ha, welche die Regierung 
von Chile den Kolonisten schenkt, besitzen demnach einen Wert 
von wenigstens 7684 Frcs. Um eine solche Konzession bewirtschaften 
zu können, ist es unumgänglich notwendig, dafs der Kolonist in 
landwirtschaftlichen Arbeiten wohl bewandert ist, und aufserdem die 
nötigen Hilfsmittel, welche auf mindestens 1000 Frcs. zu schätzen 
sind^ mit sich nimmt. Wir sind daher entschlossen, die Aufnahme 
als Kolonisten von nicht Ackerbau treibenden Leuten oder auch von 
solchen, welche den Ackerbau kennen, jedoch nicht genügend Kapital 
besitzen — zu verweigern." 

Freie Auswanderer bezahlen den vollen Preis der Reise von 
Liverpool oder Bordeaux nach Valparaiso = 252 Jfe. pro Platz 
ni. Hasse. Kolonisten zahlen nur 200 Jk. Passage für die er- 
wachsene Person, und zwar nur die Hälfte bar und sofort bei der 
Einschiffung. Die andre Hälfte brauchen die Kolonisten erst nach 
drei Jahren mit den übrigen Vorschüssen zurückzuzahlen. — Diese 
Bedingungen galten bis Juli 1888. Da erhtten dieselben in dem 
Texte der von Herrn Opitz und mir herausgegebenen Generalkarte 
Chilis^^ eine kleine Abänderung. Es wird darin gefordert, dafs der 



^') Mapa de la Bepublica de Chile dibuj. y pnblic. segun los mapas, datos 
i publicac. de A. Pissis, A. Fetermann, C. Martin u. a. por C. Opitz y 
Dr. H. Polakowsky, Leipzig, 1888. 1 : 2 500 000. — Die Ka-vt^ \&i w>l ^'^'«iv^sö. 
der Begienmg von Chile herausgegeben und deaha\Jö mOoX. "üql Ya.\3&K0u 



— 352 — 

Kolonist „aufserdem die nötigen Hilfsmittel, welche mindestens auf 
einige hundert Mark zu schätzen sind, mit sich nimmt." 

Was die heute giltigen Bedingungen betrifft, so werden keine 
Kolonisten mehr angenommen. Handwerker, Ackerbauer und Arbeiter 
köimen als „freie Einwanderer" nach Chile gehen und zahlen die- 
selben 10 £ pro erwachsene Person Passage, welche Gelder ihnen 
die Agentui' eventuell vorstreckt. 

Die Periode der Errichtung der europäischen Ackerbaukolonien 
im alten Araukanien ist also bereits abgeschlossen. — Die armen 
Ackerbauer, die jetzt nach Chile gehen, müssen als Tagelöhner bei 
den grofsen Haziendenbesitzern arbeiten. Derartige Stellungen finden 
sie sehr leicht, doch begeben sie sich in eine Abhängigkeit, da die 
Grofsgrundbesitzer mit diesen Leuten meist Verträge abschliefsen, 
welche an die berüchtigten brasilianischen Parceriaverträge erinnern. 



Salanga. 

Von Ernst Hartert. 



Die Kulieinwanderang. Die Chinesen bilden die Melirzahl der Bevölkerung von 
Salanga. Die siamesische Verwaltung von Salanga. Ein Deutscher als Verwalter 
der Insel. Seeräuber. Fahrt von Pcnang nach Salanga. Kwala Muda. Inseln 
über Inseln. Leuchtende Algen. Die Bucht von Salanga. Kapitän Weber. 
Beschreibung der Insel. Die Haupstadt Tongkah. Die Gewinnung des Zinns. 

Vegetation. Die Vogelwelt. 

Ungefähr wöchentlich geht von Penang ein von einem ma- 
layischen Kapitän geführter kleiner Dampfer ab, der an der Ma- 
lakkaküste hinauf nach der kleinen Insel Salanga, auf Seekarten 
auch als Junh Ceylon bezeichnet, fährt, um mit Zinn beladen zurück- 
zukehren. Reiche Zinnminen birgt der südliche Teil dieser Insel, 
und jeder Dampfer bringt eine Menge chinesischer Kuhs dorthin, 
deren mancher bei der anstrengenden Arbeit in dem feuchtheifsen 
Thale und bei den nicht gerade seltenen Choleraepidemien sein Leben 
läfst. Noch gröfsere Menschenmassen werden fortwährend in die 
Minendistrikte von Perak auf der Halbinsel Malakka und in die 
Tabaksgegenden Ostsumatras eingeführt und in beiden Gegenden 
zeugen die vielen Gräberfelder von der Sterblichkeit, in Sumatra zu- 
mal auf neu eröiGEneten Pflanzungen. Trotz dieser Thatsachen schätzen 
sich die Chinesen glücklich, aus ihrem entsetzlich übervölkerten 
Vaterlande fort sein und arbeiten zu können — mit Ausnahme der- 
jenigen Leute, die durch falsche Vorspiegelungen von Agenten ver- 
Jockt werden (wie dies ja auch bei uns g^sdoi^YÄ)^ o^^x nqvi Schulden- 



— 353 — 

last gedrückt, sich förmlich verkauft hatten — und ihre Ein- 
wanderung wird auch von den Europäern begünstigt und veranlafst, 
da sie die einzigen sind, die dort . überhaupt arbeiten, denn die 
Malayen sind jeder tüchtigen Arbeit abhold. In Salanga freilich 
haben die Chinesen meist selbst die Minen in Händen, müssen aber 
hohe Abgaben an die siamesische Regierung zahlen. Die eingeborene 
Bevölkerung ist hier fast ganz siamesisch gewesen, nur an den 
Küsten wohnten einzelne Malayen. Nunmehr sind eine solche Menge 
Chinesen hingezogen, dafs schon vor 6 Jahren ihre Zahl 40500 
betrug, die der Siamesen nur noch etwa 1 500 und die der Ma- 
layen 500, ein Verhältnis, das sich noch mehr zu Gunsten der 
Chinesen geändert hat. Über die erste Einwanderung der Chinesen 
ist mir nichts bekannt geworden, aber es ist mir nicht unwahr- 
scheinlich, dafs sie auch hier gewaltsam, wie in Perak eindrangen, 
denn ein eigentlich freundliches Verhältnis zmschen ihnen und 
den ruhigen im Innern der Insel lebenden, anscheinend sehr gut- 
artigen Siamesen besteht keineswegs. Mancher Seeraub, gar manche 
blutige Greuel haben auf der Insel stattgefunden, aber die reichen 
Einkünfte aus den Zinnminen machen die Insel zu einem Edelstein 
in der Krone des Königs von Siam und lenkten die Aufmerksamkeit 
seiner Beamten auf sich. So wurde denn schon vor vielen Jahren 
eine geordnete Verv/altung eingeführt, eine Polizeitruppe aus Ben- 
galen, Siamesen und Malayen stationiert und ein Kriegsschiff in der 
Bucht von Tongkah vor Anker gelegt. 

Der eigentliche siamesische Name der Insel ist Puket, wovon 
auch der Gouverneur, der Rajah, seinen Titel „Phya Puket" erhalten 
hat. Dieser ist meistens nicht zu Hause, sondern lebt ruhig und 
üppig genug in Penang, die Verwaltung der Insel aber hat that- 
sächlich sein Beamter, ein Deutscher, Kapt. Joh. Weber, in Händen, 
der einzige Europäer, der die Insel bewohnt. Ohne von dem ziem- 
lich ungesunden Klima irgendwie zu leiden, lebt er mit seiner Frau, 
einer Engländerin, und seinen Kindern seit etwa 15 Jahren in 
seinem Reiche, wo er die Macht eines Königs hat und derartig 
stramm und erfolgreich gebietet, dafs vor wenigen Jahren der König 
von Siam es wagen konnte, der früher übel berüchtigten Seeräuber- 
insel seinen Besuch zu machen. Nur im vorigen Jahre nahmen die 
Seeräuber wieder zu und vier Piraten wurden gefangen und in Kedah 
hingerichtet. — Überaus lieblich ist die Fahrt von Penang nach 
Salanga. Entlang dampfend an der von Kokospalmen umsäumten 
Malakkaküste passiert man die waldumschlosÄ^w^ ^&&ft&sisv% ^^% 
Mudi^usses, Kwala Muda, •— der Mund des Mxxda, öi^ii'^^^'^«^^ -*- ^^^^^ 



— 354 — 

deutlicher, verschwommener werden die sonnigen Hügel des lieblichen 
Pulu Pinang, klarer treten die wenig bekannten Berge in Kedah 
hervor, um bald wieder zu verschwinden. — Zahllose, dicht be- 
waldete, unerforschte Eilande, abwechselnd mit felsigen Klippen, 
treten in den Gesichtskreis, verschwinden wieder und über dem 
tiefblauen Meere, in dem man hier und da wohl eine kleine, bunt- 
farbige, giftige Seeschlange und zartgefärbte Quallen erblickt, brennt 
die heifse tropische Sonne. 

Aber wie prächtig erst die Nacht! In dem angenehmen Ge- 
fühle einer wohlthuenden Temperatur kann man Stunde auf Stunde 
daliegen, ohne die Augen zu schliefsen, versunken in den Anblick 
des reichen Sternenhinunels. Noch immer passiert man Inseln, die 
schwarzen Ungetümen gleich im Meere stehen. 

Überall zieht der Dampfer eine leuchtende Bahn in die Flut, 
wie fast stets in diesen Gewässern, aber in der Nähe der Felsen 
ist das ganze Meer von zahllosen grünen Algen erfüllt, die ein 
wunderbares, grünlich - phosphorisches Leuchten hervorbringen , so 
dafs der Felsen oft umgürtet ist von einem glänzenden Kranze, und 
das dann wieder verschwindet und dem gewöhnlichen allabend- 
lichen Leuchten Platz macht, sobald jene Algen mit der Nähe der 
Felsen verschwinden. Dafs diese Algen, wie der biedere braune 
Kapitän behauptete, mit dem Fucus saccharinus, dem agar-agar 
(auch akka-akka) der Malayen identisch sei, woraus man an Stelle der 
Gelatine die trefiFlichsten Puddings und Gelees bereitet, dürfte trotz 
der Behauptung der Eingeborenen, „die es doch wissen müfsten", 
irrtümlich sein. Dieser Fucus saccharinus ist allerdings an diesen 
Felsen, besonders bei Salanga, Pulo Pangkor und Dinding bei Perak 
sehr häufig und wird nicht nur von Siamesen, Chinesen, Malayen 
und Europäern vielfach benutzt, sondern auch nach China aus- 
geführt. 

Auch die schöne tropische Nacht entschwindet und bald ist 
unser Ziel erreicht. Ungemein lieblich ist die Einfahrt in die Bucht 
von Tongkah, der Zinnminenstadt. An einer waldigen, mit Kokos- 
palmen umsäumten Insel dahindampfend, blickt man in eine von 
Mangrovewald umsäumte Bucht, hinter der sich hohe Berge erheben, 
eine ruhige, sonnige, von kleinen Böten belebte und mit einem 
stolzen Kriegsdampfer geschmückte Bucht. Bald schiefst hinter den 
Böten und Dschunken ein grofses europäisches Boot hervor, in dem 
wir unter schattendem Segeldach einen Europäer gewahren, den 
Kapitän Webei^ der uns in seinem Reich willkommen heifst und in 
sein gastfreies Haus abholt. 



— 355 — 

Da wo die Malakka-Halbinsel das Knie macht und statt ihrer 
bisherigen Richtung von N. nach S. nach SO. zu verläuft, sendet sie 
noch einige Trümmer in das Meer, einen kleinen Inselarchipel, dessen 
gröfste Insel Salanga ist, unter 98^ 24' ö. L. und 7^ 50' 12" n. Br. Gr. 
gelegen. Sie ist von N. nach S. etwa 7 Meilen lang und von ver- 
schiedener, bis zu 3V4 Meilen betragender Breite. Tongkah ist in 
jeder Hinsicht die Hauptstadt der Insel, wie sich denn überhaupt 
die Bevölkerung der Hauptsache nach ganz nach dem südlichen, 
zinnreichen Teile der Insel hingezogen hat. Die Küsten zeigen 
auTserordentlich verschiedene Formation, hier zerrissene, senkrecht 
ins Meer abstürzende Felsenwände , da sandige Dünenberge und 
dort Mangrovesümpfe. Im allgemeinen ist die Westküste felsig, 
hier und da mit Sanddünen abwechselnd, während der gröfsere Teil 
der Ost- und Südküste sich flach ins Meer senkt und mit unzugäng- 
lichem Mangrovesümpfe bedeckt ist. Während natürlich die hohen 
Ufer bei Flut und Ebbe fast das gleiche Ansehen haben, werden an 
den Flachufern weite Watten bei der Ebbe frei, welche von zahl- 
reichen Chinesen wimmeln, die in ihrer bekannten Liebhaberei für 
im Wasser lebendes Getier hier eine reiche Ernte für die Tafel 
halten. Scharen von Sumpf- und Wasservögeln, zumal im Winter 
viele Wanderer aus Nordostasien, teilen sich mit ihnen in den Raub. 

Das Innere der Insel ist flach und vielfach sumpfig, mehrere 
ungefähr von Nord nach Süd verlaufende Hügelketten durchziehen 
sie, meist nicht über 100 bis 150 m, im Kau Maitoo Sibsong aber, 
wie angegeben Avird, etwa 550 m erreichend. Die Bergpartien 
waren früher alle gut bewaldet, aber in neuer Zeit sind sie, in den 
südlichen Teilen zumal, durch Axt und Feuer vernichtet und die 
Gegend bietet in den trockenen Monaten ein ödes, armseliges 
Büd dar. 

AuTser dem Zinn ist mir kein nennenswertes Produkt der Insel 
bekannt. 

Die Gewinnung des Zinns geschieht auf dieselbe einfache Art 
wie in Larut und Perak auf der Halbinsel Malakka. Die zinn- 
fohrende Schicht liegt auf einer Unterlage von fettem Thon und ist 
von sehr verschiedener Mächtigkeit, ebenso wie die überlagernde 
noch spätere Alluvialschicht. 

Zuerst wird nun mit einfachen breiten Hacken die überlagernde 
Erde gelockert und fortgetragen und aus den so entstandenen meist 
5 bis 25 Fufs und noch tieferen Löchern wird die zinnführende 
Sandmasse heraufbefördert und ausgewaschen. Det Tx^xis^^^^ ^- 
schieht aof die aiiereinfachste Art. übet dex S>di\3Jii«t ^\xätl^^^»sv 



— 356 — 

oder eine Art Joch, das aber immer etwas elastisch ist, woran (wie 
bei uns in den Marschen die Milcheimer) flache Körbe hängen, auf 
denen die schwere Erde liegt, läuft der Kuli in einem Halbtrabe 
auf langen hühnersteigartig behauenen Stämmen oder Laufbrettern 
hinauf und wirft die Zinnerde in breite hölzerne Rinnen, in denen 
sie vom Wasser überströmt wird. Da der Zinnsand über doppelt 
so schwer ist, als die beigemischten Thon- und Mergelteile, so 
bleibt er in den Rinnen zurück , während jene fortgeschwemmt 
werden. Das Wasser wird durch chinesische, höchst sinnreich kon- 
struierte Wasserräder und unendlich lange Kettenpumpen herauf- 
befördert. 

Das Ausschmelzen des so gewonnenen Zinnsandes geschieht in 
grofsen Windöfen mit Holzkohlen. Grofse Blasebälge helfen die 
Glut schüren. Die magische Beleuchtung des glühenden Metalls, die 
infernalische Hitze und die schweifstriefenden, gelbbraunen Gestalten 
vor dem Feuer bringen ein Bild hervor, das lebhaft an einen Be- 
such in der Unterwelt erinnert. Das geschmolzene Zinn wird in 
gleichgrofse Formen gegossen, die den Transport und das Abwiegen 
ungemein erleichtern. Alles Zinn von Tongkah geht zunächst nach 
Penang. 

Der Boden der Insel ist keineswegs unfruchtbar. Kokos- und 
Arekapalmen gedeihen gut, eme Art in der Reife grünschaüger, sehr 
saftiger Orangen wird in grofsen Gärten gezogen, die Chinesen 
bauen mit einigem Fleifse und reichlicher ürindüngung ihre Lieb- 
lingsgemüse. Zahlreiche Rotans geben ein ganz vortreffliches Material 
zu Stöcken, Bamburohr gedeiht in seltener Pracht. Vergeblich 
habe ich mich nach dem König der malayischen Fruchtbäume, dem 
Durio zibethinus, umgesehen. In den tiefgelegenen Strichen wird 
auch Reis in nassen Kulturen und etwas Zuckerrohr gepflanzt. 

Im Innern der Insel fielen mir viele Bäume von Morinda citri- 
folia auf, auch sah ich die Jangus und Amra der Malayen, erstere 
von höchst sonderbarem, scharfem Geschmack, letztere sauer und 
zum Reis gekocht genossen. 

Eine gewisse Bekanntschaft mit dem Namen der Insel ist bei 
den Ornithologen zu finden. Wiederholt ist die Insel von Omi- 
thologen besucht worden und im Jahrgang 1882 des Journals für 
Ornithologie befindet sich eine von Dr. Müller verfafste, eingehende 
Arbeit über die Vögel von Salange, auf den sehr reichhaltigen 
Sammlungen Kapitän Webers basiert, der auch zugleich ein tüchtiger 
Jäger und Naturfreund ist. Es werden dort nicht weniger als 155 Arten 
von Vögeln aufgezählt. Ein besoiiÖL^i^^ \öi^x^%^^ \i\^\.%\. iia Tier- 



— 357 — 

weit aus dem Grunde dar, weil die Insel am Grenzgebiete der von 
Wallace aufgestellten „indo - malayischen Subregion" liegt. Zu 
den im Journal für Ornithologie aufgezählten Vögeln beob- 
achtete ich bei flüchtigem Besuche auf der Insel noch Leptoptilus 
argala, Leptoptilus javanicus, Otogyps calvus, Corvus macrorhynchus, 
Phalacrocorax carbo et pygmaeus, Plotus melanogaster , Ardea 
purpurea, Totanus calidris, Numenius phaeopus und Gallinago stenura. 
Ein Specht, Gecinus Weberi, ward bisher noch nirgend anders ge- 
funden. 

Die Tierwelt ist in neuester Zeit bei weitem nicht mehr so 
reich wie früher. Durch die schon erwähnten Waldverwüstungen 
und die zahlreichen Brände haben die Vögel sich mehr zurück- 
gezogen, einzelne Arten, wie die prachtvolle Irena, war früher gemein 
und jetzt ist sie eine Seltenheit, mehr noch zeigt sich dies bei den 
Insekten. 

Eine Zukunft wird Salanga so lange haben, wie die Zinnlager 
reichen Ertrag liefern und die Zinnpreise hoch genug bleiben, um 
daran stark zu verdienen. Sollten einmal die Zinnlager plötzlich 
ausgebeutet sein, so würde die Insel der Vergessenheit anheimfallen, 
was wir dem freundlichen Eilande nicht wünschen möchten. 



Erinnerungen aus Grönland. 

Von Signe Rink.*) 



1. Der Grönländer von der Wiege bis zum Grabe. 

Die Wiege des Grönländers ist die eigentümliche Amaut, worin 
das Kind von der Mutter oder von andern auf dem Rücken getragen 
wird. Wenn das neugeborene Kind, hermetisch eingepackt, wie ein 
kleines Bündel in der Seehundsamaute liegt, sieht es auf dem 
Rücken der Mutter aus wie ein veritabler kleiner Seehund. Die 
Amaut ist eine Bekleidung für den Oberkörper aus Seehunds- oder 
Rentierfell, reich gestickt mit Leder und Perlen; sie schliefst sich 
an den Vorderkörper der Trägerin fest an, ist aber auf dem Rücken 
so übermäfsig weit, dafs dort Platz für das Kind bleibt. Um die 



*) Diese Mitteilungen dürften mit Interesse gelesen werden, weil sie auf 
langer sorgfältiger Beobachtung beruhen; die Verfasserin brachte einen Teil 
ihres Lebens in den dänisch-grönländischen Kolomei^ tax. "^V^ ^^\\J^\wn., 



— 358 — 

Taille der Mutter wird über die Amaut ein Gärtel geschnürt, welcher 
dem Kinde zur Pufsstütze dient, da es sonst hindurch fallen würde. 
Die Amaut ist ein bequemes und kleidsames Gewand, worin 
das Kind an die Luft getragen wird, wenn die Mutter sich öffentlich 
zeigt, welches in der Regel schon in den ersten Wochen nach 
ihrer Niederkunft geschieht, falls sie nicht durch Krankheit daran 
verhindert wird. 

Nach und nach, wenn das Kind wächst und Kopf und Hände 
aus der Offiiung am Halse herausstreckt, bildet es zusammen mit 
der Mutter eine ganz andre Figur, als vorhin; die Art und Weise 
das Umganges der Beiden wird auch eine ganz andre; — durch 
einen kleinen Fulsstofs in den Rücken der Mutter giebt das Kind zu 
erkennen, dals es ihre besondere Aufmerksamkeit wünscht, — sei 
es nun, dafs es ihr Gesicht sehen, ihre Stimme hören, oder ihre 
Hand fühlen möchte. Die Mutter gehorcht sofort dem kleinsten 
Wink, sie reicht sogleich ihren blofsen Arm mit dem weifsen Ellen- 
bogenärmel und dem rotbunten Muffchen ihrem kleinen Schatze hin 
und wendet ihr freundliches Antlitz um zu einer Unterhaltung, 
welche beiden Teilen gleich viel Vergnügen macht. 

Man sagt, die Grönländer werden weifs geboren mit einem 
kleinen braunen Fleck auf dem Rücken, welcher schnell dem ganzen 
Körper die braune Farbe mitteilt. Von der angeborenen Wei&e 
ist aber doch nicht viel zu sehen. 

Die kleinen braunen, oft sehr fetten Beine sind die Glieder, 
welche zuerst mit dem Nationalkostüm beehrt werden, (sogar viel 
früher, als das lange Kleid von europäischem Schnitt und Stoff 
abgelegt zu werden pflegt) und man sieht häufig, dafs die stolze 
Mutter diese mit Lederstickerei verzierten Körperteile, zur Unter- 
haltung der übrigen Hausgenossen oder der zufällig anwesenden 
Gäste, vorzeigt. Bis das Haar so weit gewachsen ist, dafs es in den 
kleinen chinesischen (um nicht zu sagen grönländischen) Zopf auf dem 
Scheitel zusammen gebunden werden kann, ist es Mode, auf dem 
Zopfe des Kindes allen erdenklichen Luxus von Rüchen, Schleifen, 
Rosetten, Mützen und Tüchern — eins über das andre — aufzu- 
türmen; aber dies kleidet diesen kleinen flachen und, in der Regel, 
ausdruckslosen Gesichtern nicht übel. 

Die Kinder bekommen oft bis ins dritte und vierte Jahr die 
Brust, und es ist daher nicht ungewöhnlich, dafs das neugeborene 
Kind seine Kost mit einer älteren Schwester oder einem Bruder 
teilen mufs, welche auf ihren eigenen Beinen angelaufen kommen 
und sieb zu ihrer Ration melden. 



— 359 — 

Im jüngeren Alter sind die Grönländerkinder eigensinnig, 
launisch und unartig. Fällt es z. B. einem kleinen Kinde, welches 
angefangen hat auf eigene Hand auszugehen, ein, dafs es nun 
keinen Schritt weiter gehen will, wenn nicht seine eigene Mutter 
kommt, so wird kein Lockmittel es zur Vernunft bringen; es hat 
sich vorgenommen liegen zu bleiben, mit Füfsen und Händen um 
sich schlagend, und wenn es auch eine ganze Stunde währen sollte, 
hält es an zu schreien „anänaga" — „anänagu" — „meine Mutter, 
meine Mutter soll kommen" bis es dem Ersticken nahe ist. Bis- 
weilen schreit der kleine Laban sich in den Schlaf. (Laban ist ein 
sehr gewöhnlicher Name in Grönland.) Doch werden Kinder ver- 
hältnismäfsig früh artig und besonders unbedingt gehorsam, eine 
Eigenschaft, welche sie durchs ganze Leben behalten, vereint mit 
grofsem Respekt vor Älteren und Vorgesetzten. Die grönländischen 
Kinder erziehen sich selbst und üben sich fast unbewufst in den 
Fertigkeiten, welche später, bei Ausbildung ihres ernsten Berufes, 
von ihnen gefordert werden: die Knaben, indem sie Steine und 
Pfeile werfen, laufen, kämpfen und sowohl auf leblose Gegenstände, 
als auf kleine Vögel zielen, welche oft als Beute durch den Spielzeug- 
pfeil des fünf- oder sechsjährigen Jägers fallen. 

Kleine Mädchen waschen Zeug am Bache, nähen Häute und 
Lappen, schneiden kleine Tiere auf und reinigen sie, z. B. Kaul- 
quappen, Dorsche oder irgend einen Vogel; es fällt keiner sechs- 
jährigen Grönländerin ein, ihr „uUo" (das krumme Messer der Frauen) 
oder andre Gerätschaften anders zu handhaben, als die sechzehn- 
jährige, ohne dafs diese ihr je Anweisung darin gegeben hat. 

Spiele heifsen „ögapuk" und in dieser egapuks-Periode fangen 
Kinder, besonders kleine Mädchen, schon an, sehr liebenswürdig zu 
werden. 

Etwa im Alter von acht Jahren wird der Knabe besonders in 
den von der grönländischen Kolonie entfernter liegenden Grönländer- 
plätzen zu seinem Fängerberuf auf der See erzogen. Der Vater 
hat für den kleinen Sohn ein Miniaturkajak verfertigt, worin er 
ihn zur Probe auf die See mitnimmt; zuerst rudern sie nur in der 
Bucht umher, später wagen sie sich um die nächste Klippe herum, 
und schliefslich geht es ganz hinaus in die See, bis sie das Land 
aus dem Gesichte verlieren. Und der Miniaturmann, der schon 
durch die instinktive Selbsterziehung jede Bewegung kennt, die er 
zu machen hat, findet sich gleich zurecht, selbst wenn er die 
ersten Male auch fühlt, dafs ein Steinkajak, welches er sich selbst 
auf dem Lande baute und das von keiner Welle bew^^ ^woxÄfe^ 



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etwas andres ist, als das kleine Boot aus Fellen, welches die 
geringste Bewegung der Brandung umwerfen würde, kennte nicht 
er, der kleine Mann, schon ein wenig die Kunst, die Zunge grade 
im Munde zu halten, oder hätte er nicht den Vater zur Seite, um 
ihn den Rest der Balancierkunst zu lehren. 

Der Kleine ist in allen Stücken ausgerüstet wie der erwachsene 
Mann und es fällt ihm auch nicht einen Augenblick ein, sich nicht 
für einen Erwachsenen anzusehen, den der Ernst kennzeichnet. 
Aber wenn er nach beendigtem Exerzitium an der Seite seines 
Lehrers und Meisters von der zuströmenden Welle ans Land gesetzt 
ist, so ist es auch sofort vorbei mit der Mannhaftigkeit. Wohl 
hebt er sich mit echtem Kajakmann-Gestus aus seinem Fahrzeug 
empor, steckt mit ernster Miene den Arm in die ÖJBFnung desselben, 
um das Kajak über die Wassergrenze hinüber zu bringen, wo der 
Alte für das Übrige sorgt, wenn aber dann die Mutter, welche 
vom Hause aus diesen Augenblick erwartet hat, herbeigelaufen 
kommt und vor „ihrem Stolz" — dem künftigen grofsen Fänger — 
niederkniet, oder, sich niederhockend, ihm ihren Rücken anbietet, 
um darauf nach Hause zu reiten, so bedenkt sich das Naturkind 
keinen Augenblick, das Anerbieten anzunehmen. Und in der 
nächsten Stunde, wenn die Kajakkleider abgelegt sind, sieht man 
den „ernsten Mann" wieder ganz erfüllt vom Kinderspiel. Das eine 
ist ihm ebenso natürlich wie das andre, und die Schmeichelreden 
der Alten haben keinen sonderlichen Eindruck gemacht. Es hat in 
der Hütte nämlich Komplimente über ihn geregnet. 

Die kleinen Mädchen, welche inzwischen neugierig umher- 
standen und ihren Kameraden kichernd bewunderten, fühlen 
sich selbst nicht weniger erwachsen, indem sie ihren Vorbildern 
„neviarsiakkeme", den jungen Mädchen nachahmen. Sie sind jetzt 
auch ganz so gekleidet wie diese; und da die Tracht von nun an, 
ganz geringe Modifikationen ungerechnet, nicht verändert wird, 
verdient sie wenigstens eine flüchtige Beschreibung. 

Zuerst die Frisur! Das Haar der Grönländerinnen, welches 
in der Jugend stark und glänzend, in der Regel schwarz ist, wird 
von allen Seiten emporgekämmt zu einer Spitze auf dem Scheitel 
und dort von Mädchen mit einem roten Bande, von Frauen mit 
einem blauen und von Witwen mit einem schwarzen oder weifsen 
Bande umwunden. Diese Sitte, welche sich über das ganze Land 
verbreitet hat, ist von den Herrnhutern eingeführt, deren Damen 
sich durch die Farbe ihrer Haubenbänder zu kennzeichnen pflegen. 



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Dann kommt der Anorak! Nimmt man die jetzt gebräuch- 
lichen Jersey-Damenjacken, welche über den Kopf zu ziehen sind, 
fafst sie mit buntem Bande unten, an dem Hals und an den Händen 
ein und befestigt im Nacken lieber noch eine kleine Kapuze daran, 
so hat man den Anorak, die Bekleidung des Oberkörpers. Reich 
bestickte Beinkleider bedecken die Beine von der Hüfte bis ans 
Knie, wö die langen, auch reich bestickten, weifsen, blauen oder 
roten Pelzstiefel, welche sich dem Beine anschmiegen, die Toilette 
vollenden. 

Der Mann trägt auch den Anorak, aber mit einer Kappe im 
Nacken, welche grofs genug ist, um über den Kqpf gezogen zu 
werden, wenn das dicke und struppige Haar, welches immer um 
die Ohren und über die Stirn herabhängt, gegen Sturm und Kälte 
nicht Schutz genug gewährt. Seine Beinkleider sind länger, seine 
Stiefel kürzer und seine ganze Person ist weniger bestickt. 

In der vorher beschriebenen Weise verfliefst die Zeit während 
der Periode des Schulbesuchs bis zur Konfirmation, nur dafs die 
Knaben mehr .und mehr vom Jäger- und Fischerleben in Anspruch 
genommen werden. 

Die Konfirmation wird nach europäischer Sitte an den von 
der Kolonie isolierten Plätzen durch einen Katecheten vorbereitet, 
bis die Kinder eine Zeitlang vor dem festlichen Tage nach der 
Kolonie kommen, um zum Schlufs mit ihren Kameraden Unterricht 
von dem dänischen Prediger zu empfangen. Die heilige Handlung 
wird unter den gewöhnlichen Zeremonien in der Kirche vollzogen 
und die Konfirmanden sind geputzt wie bei uns. Besonders die 
Mädchen nehmen sich hübsch aus in ihren weifsen Festpelzen von 
etwas andrem Schnitt, als der des Anoraks, da jene gestickt und 
mit langen PerKransen besetzt sind. 

Die Konfirmation ist eine Grenzscheide des Lebens. Nun ist 
man erwachsen. Man spielt nicht mehr wie lünder, aber man 
setzt die intime Bekanntschaft fort ; man trifft sich täglich auf dem 
„Koloniewege" und am Hafen, wenn Kajaks und Frauenböte ans 
Land legen; man spaziert zusammen im Mondschein, singt und 
tanzt auf den Felsen so lange, bis eines schönen Tages geflüstert 
wird, dafs Mads und Else nun „nulliagsiaret" (auf dem Wege, eins 
zu werden), mit andren Worten, verlobt sind. Hat dann Mads 
erst einige Seehunde gefangen, so wird es eines Tages heifsen: 
„Mads und Else sollen kalipukkes" (vereint werden). Und hat das 
Gerücht wahr gesprochen, was es sicherlich hat, so wissen wir 
(denn wir bekommen es nicht zu sehen, meiQa.wd Vi^'ötKßcii* ^'s. i»w 

Oeogr. Blätter, Bremen, 1889. ^^ 



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sehen), dafs Elses Eigentum, d. h. ihre Spanschachtel mit Nähsachen 
und einigen wenigen Luxusgegenständen, ihr Kopfkissen, ihr Krumm- 
messer und vielleicht ein Anzug aus der Hütte ihrer Eltern in die 
hrer Schwiegereltern gebracht \vird, bei denen der Sohn gern bleibt, 
bis er so wohlhabend wird, dafs er sich ein eigenes Haus bauen kann. 
Die Schwiegermutter überläfst oft — doch nicht immer — 
ihren Platz der jungen Frau, früher unter gemssen Formalitäten, 
welche jedoch jetzt nicht mehr beobachtet werden. Dies thut sie 
als Zeichen ihrer Zufriedenheit damit, dafs der Sohn eine „Wahl*' 
getrojßfen hat. Und, mag es nun aus dem Herzen kommen, oder 
nur ein Geb]:auch sein, nun wird die neue Tochter vom Morgen 
bis zum Abend gepriesen in Redensarten und Aussprüchen, wie : „Ja, 
nun brauche ich mich nicht mehr um meines Sohnes Zeug zu be- 
kümmern, denn Else ist ungewöhnlich tüchtig mit der Nadel" oder 
„Ich komme wahrlich nie mehr an den Bach, denn der Eimer ist 
kaum leer, so hat Else ihn schon wieder gefüllt" , oder auch : „Else 
brennt vorzüglich KaJBFeebohnen". Im ganzen ist die junge Frau, die 
nun ihr rotes Band mit dem blauen vertauscht hat, eine Zeitlang 
Gegenstand der höchsten Bewunderung aller, besonders der Jungen, 
„kussannavigpuk" (wie reizend sie sich ausninmit) heifst es gern. 

Die Grönländerinnen haben selten weniger als vier und selten 
mehr als sechs Eander. In der ersten Zeit der Ehe ist die Frau 
sehr aufmerksam und sorgt besonders dafür, ihres Mannes Garderobe 
(sowohl das Kajak- als das Hauszeug) in bester Ordnung zu halten, 
und sie versorgt ihn auch, so lange sie nicht zu sehr durch Kinder 
in Anspruch genommen ist, mit verschiedenen Luxusgegenständen 
in Form von Stiefel- und Pelzstickereien. Aber hierauf mufs er 
später meistens verzichten. Überhaupt erschlafit die Grönländerin 
verhältnismäfsig früh in ihrem Beruf, wodurch auch der Mut des 
Mannes allmählich geknickt wird, obgleich er selten oder nie seinen 
Erwerb ganz aufgiebt, ehe Krankheit ihn auf das Lager oder ein 
Sturm ihn auf den Grund des Meeres legt. Wird er vom Lager 
weggetragen, so geht der Weg nach dem Kirchhof,' wo er dann 
niedergesenkt wird in das oft mit unglaublichen Anstirengungen 
gegrabene Grab. Auf den entlegenen Grönländeransiedlungen wird 
noch oft die alte Sitte befolgt, in der harten Frostzeit die Toten 
unter Steinhaufen am Fufse eines Felsen zu begraben; aber in der 
Kolonie, wo der Pastor selbst zugegen ist, bietet er alles auf, um 
die zu Stein gefrorene Erde zu einem ordentlichen Grabe aushauen 
zu lassen. Die Grönländer halten ihre Gräber nicht sichtbar in 
Ehren, wohl aber im stillen ; sie werden rasend, wenn daran gerührt 



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wird (z. B. von fremden Naturforschern, welche sich in der Hinsicht 
mitunter Freiheiten nehmen, um Altertümer zu suchen), aber sie 
pflegen und schmücken die Gräber nie, und ein grönländischer 
Kirchhof ist daher ein strenges und scharfes Bild der Vergänglichkeit 
und des Vergessens. 

2. Ber Kajakmanii. 

Wenn eine grönländische Mutter einen Sohn geboren, weifs sie, 
dafs sie der Welt einen Kajakmann geschenkt hat und deshalb 
beginnt sie instinktmäfsig sogleich ihn für seinen Beruf zu erziehen — 
ihn zu dressieren. Ihr Schofs stellt ein Kajak vor, worin sie das 
Kind übt in Stellungen, die es beizeiten gelenkig und geschmeidig 
machen sollen. 

Betrachtet den einjährigen Wicht, die Striche seiner kleinen 
Haube tief über die Stirn niederhängend, den die Mutter, indem sie 
sein Händchen nach hinten zieht, schon in den Ruderbewegungen 
übt, während sie selber aufmerksam den Erzählungen der heute 
erlebten Seeabenteuer seines Vaters lauscht! 

Dieser Kleine ist der Kajakmann. 

Seht dann den sechsjährigen Knaben in der Bucht, wie 
gewandt er den Kaminstock seiner Mutter als Ruder hantiert, oder 
sein zugespitztes Stückchen Schwimmholz als Pfeil über die Scheeren 
hinaussend