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Deutfclies Archiv
für die ^ h'iaj/-(rrr>l €j [-
PHYSIOLOGIE.
In Verbindung
mit den
Herrn Albers, Autenrieth, Blumenbach, Döllinger,
Dzonili, Emmert, Erman , Harles, Horkel,
Jacobfon, Kaftner, Kielmeyer, Meyer, A. Mpckel,
Naffe, Nitzfch, Piaff, KofenftiüUer, Sigwart,
Sprengel, Tidemann, Tilefuis, Weinhold
herausgegeben
J. F. M j:.-C K E L.
'Mr^M
Erster Band. Erstes Heft.
Mit zwei Kupfer tafeln.
*-»000'3»3OCOCryjC/:x>C^>O0<QOrx
Halle und Berlin,
in den Buclihandlungen des hallifchen WaiTenhauTes,
I 8 I S
■ -D.
e.
XJer Zweck und Plan der Zeitfchrift, deren erftes
Heft ich hiermit dem Publicum vorlege, ift in det
Anzeige derfelben fo deutlich ausgefprochen , dafs ich
mich nur felbft wiederholen würde, wenn ich mich
von Neuem darüber ausliefse. Ich bemerke daher'
nur, dafs fie vorzüglich der Beobachtung und dem
Verfuche gewidmet ift, indem ich feft überzeugt bin,
dafs nur auf diefem Wege die Wiffenfchaft gewinnen
und dauernd weiter gefördert werden kann : eine
Ueberzeugung, die man endlich wieder frei und offen,
ohne Gefahr zu laufen, für einen Obfcuranten zu gel*
ten, an den Tag legen kann, und die hoffentliclr
bald auch unter uns fo allgemein werden wird, dafs
wir den Spott unfrer Zeitgenoffen und der Nachwelt
nicht mehr verdienen werden.
Ich hoffe, meine Anficht der wahren Naturfor-
fchung hinlänglich durch die That erklärt zu haben,
nm hier nicht mifsverftanden zu werden, und eiit-'
halte mich daher einer jeden nähern Erläuterung.
.Man kann den ^Lfsbrauch der Speculationen verwcr-
fen , ohne deshalb denen beizutreten , die unaufhörlich
nach Erfahrungen rufen, ohne die Fähigkeit zu ha-
ben, eine einzige richtige zu machen und, was doch
der einzige Zvveck der Erfahrung ift, aus hundertea
ein einziges richtiges Refultat zu ziehen, oder auch
nur ein Refultat richtig zu beurtheilen und deren
Lob fo gleichgültig als ihr Tadel, ja oft widriger ift! -
Natürlich kann nur dann die Wiffenfchaft auf
dem angegebenen Wege gründlich gefördert werden,
wenn jeder vorzugsweife eine Seite derfelben auffafst.
Theils Neigung, theils zufällige Verhültniffe haben
mir vorzüglich die organifche Form zum Gegenftaude
meiner Nachforfchungen gemacht, ein Gegenftand,
der noch vor wenig Jahren zu denen zu gehören
fchien, über welche die Bücher gefchloffen find. Ich
darf vielleicht lagen, dafs ich einigermafsen dazu bei-
getragen habe, zu beweifen, dafs dem nicht fo fey,
felbft wenn von der menfchlichen Form die Rede ift,
Dafs die vergleichende Anatomie noch weit weniger
vollendet ift, als die menfchliche, bedarf keiner Er-
wähnung.
In der menfchlichen Anatomie ift vorzüglich die
Gefchichte der periodifchen Verfchiedenheiten noch
fo unvollkommen bearbeitet, dafs hier befonders noch
viel zu leiften ift. Seit WrUbeigs trefflichen Beiträ-
gen zur Gefchiehte des Embryo war bis auf unfere
Zeiten über diefen Gegenftand , aufser der unbedeu-
tendeu Compilation von Danz imd des geiftreichen
Autenrieilis Supplementen, die fich aber vorzüglich
mit der äufsern Form befcbäftigten, wenig erfchienen.
Seit dem Jahre Igpö, wo ich meine Abhandhmgen
herausgab, welchen einige Jahre fpäter in meinen Bei-
trägen die Unterfuchungen noch früherer Embryonen
folgten, ift diefer Gegenftand von mehrern Seiten mit
iolcliem Eifer bearbeitet worden, dafs die Bildongsge-
Icliichte mehrerer Organe bedeutende Fortfehritte ge-
macht hat. Für jetzt werde ich dif fen Gegenftand, einen
meiner Lieblingsgegenftände, in einzelnen Auffätzen,
in diefem Archiv vorzugsweife bearbeiten, fo dafs nach
eioander in demfelben die EntvvicklungsgefchichLe
.vorzClglich der in d^^ifer Hinficht noch weniger. ibe-
kanntcn Theile folgen wird. Es vcrfteht fich indef-
fen von felbft, dafs auch die Betrachtung der voll-
kommnen Form keiuesweges nusgefchloffen feyh wird,
und. dafs ich vorzüglich Beiträge zur Kenntnifs von
diefer mit Dank annehmen v/erde. Eben fo werden
mir befonders Beitrage., zur KenntniijS der Enl;wic;l<-
lungsgefchichte fokher Thiere fehr angenehm feynj
welche nur zufällig Aem Forfcher zu Theil werden.
Die menfcbliche Entwickjungsgefchichte felbft be-
arbeiten zu können, bin ich, theiis durch den An-
kauf der fehr reichen Sammlung unfers leider verftor-
benen Nolde, an dem ich einen, in jeder HinGcht fchätz-
baren und würdigen Collegen verlor, theils vorzüglich
durch die Unterftützung einiger freundlich und wiffen"-
Ichaftlich gefinnter Männer, im Stande, unter denen'
ich hier die Herrn Doctoren Ulrich zu Halle, Raeh zu
Nordhaul'en, Brunn zu Köthen, Keßler zu Magdeburg
und Georgiades zu Halle um fo lieber mit dem verbind-
lichften Danke nenne, als ihre Gefälligkeit im Vergleich
mit der unwiffenfchaftlichen Ungefälligkeit und zum
Theil Undankbarkeit andrer in einem defto hellem
Lichte erfcheint. Icli- verdanke ihnen defto mehr, da
ich, von jeder öffentlichen Unterftützung entblöfst, nur
durch Privatanftrengungen für diefen Theil der Wif-
fenfchaft etwas leiften kann. Ein unangenehmes, aber
leider nur allzuwahres Geftändnifs, welches mich für
manche Mängel Entfchuldigung hoffen läfst.
Kaum zu bemerken brauche ich übrigens, dafs
keinesweges die organifche Form der einzige oder
auch nur Hauptgegenftand diefer Zeitfchrift feyn folL
Sbivohl der Titel als die Anzeige derfelben und der ■
Ihhalt diefes Heftes beweifen hinlänglich das Gegen-
iheil. Eben fo werden die folgenden Hefte nur zum
kleinern Tlieile anatomilche Auffätze enthalten und
grofsentheils Unterfuchungen über Thätigkeitsäufse-
iimgen des Organismus gewidmet feyn.
VIl
Der frühern Anzeige gemäfs foll das Archiv, '
aufser den gröfsern und voUftändigen Auffätzen , ii;i
einem Intelligenzblatte zugleich kurze Anzeigen , feyeii
es nun Auszüge oder urfprüngliche kurze Notizen,
enthalten, um fo zugleich ein vollftändiges und fort-
laufendes Repertorium der neuften und wichtigften
phytiologifchen Thatfachen zu werden. Die noch
nicht völlig hergeftellten Verhältniffe des englifchen
Buchhandels, fo wie die neuften Ereigniffe, haben
es mir unmöglich gemacht, mich fchon jetzt in den
Befitz aller Quellen zu fetzen ; indeffen hoffe ich fchon
bei den nächften Heften reichere Beiträge liefern zu
köimen, die man dann künftig nach einem beftimni-
ten Plane in einzelnen Rubriken finden wird.
Endlich erlaube ich mir noch zwei Bemerkun-
gen. Das höchft Unangenehme einer blofsen Ge-
fchäftscorrefpondenz und der Eröffnung einer Bekannt-
fchaft mit einer Bitte irgend einer Art , enthielte fie
auch einen Beweis von Hochachtung, hat mich abge-
halten , aufser der allgemeinen Anzeige , einzelne Auf-
forderungen um Theilnahme an mir nicht perfönlich
bekannte oder auf eine andere Weife früher verbun-
dene Gelehrte zu erlaffen. Keinesweges ift aber hier-
durch erklärt, dafs ich nicht die Theilnahme mehre-
rer geachteter Pliyfiologen auf das lebhaftefte wünfche:
im Gegentheil werde ich diefelbe mit dem gröfslen
Danke erkennen, indem nur durch djs vereinte Stre-
ben mehrerer der Zweck des Unternehmens völlig er-
reicht werden kann.
Dann erlaube ich mir die Wiederholung der,
gleichfalls fchon in der Anzeige gethanenen, Bitte an
diejenigen , welche mich bei diefer Arbeit unterftiitzen,
iheils nur eigne Auffätze, theils denfelben Auffatz
nicht zugleich in andere Zeitfchriften zu liefern, eine
Bitte, von der ich glauiie, dafs fie mir niemand ver-
argen wird, indem das doppelte Erfcheinin eines und
deffelben Aufiatzes nur den Fortgang der ünterneh-
munsr untergraben würde.
Halle, den 2. März Igl?-
,-i
Meckel.
I.
V e r f u c h
einer Eotwicklungsgefchichte
der
Centralbheile des Nervenfyfiems
in den Säugthieren.
Von
J. F. Meckel.
§. 1.
Das Nervenleben ift fo fehr der Grund alles Lebens^
dafs eine Schrift , welche die Bedingungen des Lebens
2um Gegenftande hat, fchwerlich zvveckmäfsiger als
mit einer Unterfuchung über eine Seite des Nerven-
fyftems, vorzüghch aber über die Entwicklungsge-
fchichte deffelben eröffnet werden kann. Zwar ift die-
fer Gegenftand ganz kürzlich theils allein , theils in
Verbindung mit Unterfuchungen über das Nervenfyftem
überhaupt, namentlich erfteres durch die Herrn Dol-
linger ') und Wenzel '), letzeres durch die Herrn
I) Beicrige zur Entwicklungsgefchicbt« des menfchlichen Oe-
birni. Fraoki. a. M. 18 14.
•) Prodromut eiacf Werkt (Ibn du Oehira dtiMtoTchea vnd iit
SSugtbiert. Tabingea i%q6.
K. 4. Archiv. I. I. A
Ackermann ') und Cariis ') bearbeitet worden, indef-
fen, da ich, bei einer genauen Vergleichung meiner, un-
abhängig von den ihrigen und früher, wenigftens als
die Schriften der Herrn Ackermann , Döllinger und
Cariis und das grüfsere Werk der Herrn Wenzel erfchien,
angeitelltenUnterfuchungen mit den ihrigen, fand, dafs
durch fie die Bekanntmachung jener nicht geradezu
überflüffig gemacht wurde, fo glaubte ich auch fie als
einen Beitrag zur Aufhellung des über der Entwick-
lungsgefchichte überhaupt und der des Nervenfyftems
insbefondere ichwebenden Dunkels , ■ liefern zu dürfen.
Ich habe bemerkt, dafs meine Arbeiten unabhängig
von denen der genannten Gelehrten xmd früher als die
ihrigen entftanden, nicht um ihnen auf irgend eine
Weife zu nahe zu treten , fondern nur um von mir den
Verdacht des Gegentheils abzuwenden. Dafs meine
Verficherung mit der Wahrheit iibereinitimmt, wird in''
fo fern hoffentlich Glauben iindcn , als zum Glück das
Publikum längft durch eine öffentliche Erklärung des
verewigten Re'd ') weifs, dafs ich bei unferer gemein-
fchaftlich zu fordernden Bearbeitung des Nervenfyftems
mir vorzvigswcjfe dielen Theil der Arbeit gewählt hatte.
Es war dem Plane gemäfs , dafs erft der vollkommne
Zuftand völlig erörtert feyn follte, ehe die unvollkom-
menen vorübergehenden dargeftellt würden. Theils da
her, theils, weil fowohl das Herbeifchaffen, als dii
Bearbeitung des Herbeigefchafften hier mehr Schwierig
1) De iiervei fjTtematis pilinordiis. Manliemii et Heidelb. 1813
2) Verfucli einer Darltelluug des Nei'teniyhcms. Leipz. 1814.
3) Reih Archiv für die PhylloJ. Bd. «. H. i. S. 5.
, keiten hatte als fich bei irgend einem andern Organe fin-
den, theils endlich durch die Ereigniffe der letzten
Jahre verzögerte fich die Bekanntmachung diefer Unter-
fuchungen. Gern geftehe ich auf der andern Seite,
dafs ich , da ich keine Gelegenheit verfäumte , diefelben
zu vervollftändigen , die WVrke vorzüglich einiger der
genannten Gelehrten befragt habe, und namentlich wird
man finden, dafs diefer ganze Auffatz mit beftändiger
Rückficht auf diefelben abgefafst worden ift. Ich habe
fogar den Zuftand der Kenntniffe jedes Theiles bis zu
dein Augenbhcke, wo er erfchien, jedesmal kurz an-
gegeben und genau bemerkt, was ein jeder zur Herbei-
führung deffelben beigetragen, fo dafs fich hoffentlich
niemand , wie es hie und da wohl mit Recht gefchehen
könnte, befchweren wird, dafs feine Entdeckunt^en
und Anfichten benutzt werden , ohne feines Namens zu
gedenken.
Ungeachtet des frühem und völlig unabhängigen
Entftehens meiner Arbeit wurde ich fie indeffen unbe-
denklich nicht bekannt gemacht haben, wenn fie nichts
anders als die erwähnten enthielte. Von dem Gegen-
theil wird fich ein jeder Lefer leicht überzeugen. Un-
ter den angeführten Schriftftellern haben fich nur die
Herrn Ackprmaun und Carus mit Unterfuchungen über
die Bildungsgefchichte des ganzen Nervenfyftems biv
fchiiftigt: die Herrn Düllinger und Wenzel dagegen
hlofs die des Gehirns zum Gegenftande ihres Forfchens
gewaiilt. Die /Icknnneini/khe Darftellung des Gegen-
Itandes beruht auf keiner einzigen Beobachtung um!
Htir A'ki-nnann felbft wird, wenn er fiel» gleich getjea
A 2
ttiejenigen heftig erklärte, welche Probleine durch
bJofse Spiele der Phantafie zu lofen fuchen '), fchvver-
lich iäugnen können, dafs fie etwas anders als eine, nicht
einmahl wahrfcheinliche Hypothefe ift. Herr Cariis
hat, wie es mir fcheint, ungeachtet er beobachtete,
doch theils nicht hinlänglich frühe Perioden unter-
fucht, theils wenigftens nicht überall hinlänglich voll-
ftändige Darftellungcn geliefert, höchft wahrfcheinlich,
weil befonders des letzten Verfahren aufser feinem
Plane lag, da er nicht b/ofs eine Entwickliuigsgefchich-
te des Nervenfyftems fchrieb. Doch hat er zur Bil-
dungsgefchichte des menfchlichen Gehirns wichtigere
Beiträge als zu der des Säugthiergehirns geliefert. Da
zur genauen und vielfachen Unterfuchung fehr zeitiger
Embryonen gröfsrer Säugthiergehirne fich im Ganzen
feltner Gelegenheit findet , auch die Unterfuchung fol-
cher fehr zeitiger Embryonen mit mehrerern Schwierig-
keiten verbunden ift, fo wählte er lieber fpütere , aber
aus ^^i^er« Gattungen , und wegen iler Wichtigkeit meh-
rerer dadurch dargebotener phyfiologifcher Refultate
faß reife Mäufeembryonen , durch deren Befchrei-
bung er die frühefteGellaltung des Gehirns in derClalfe
der Säugthiere geliel'ert zu haben glaubt, vermuthlich
in der Ueberzeugung , dafs diefe auch noch in fpätern
Perioden niedrige Formen darbieten ').
Abgerechnet, dafs die Herrn Wenzel und Dölli/i- >
ger fich blofs auf das Gehirn befchränkten , fo hatten
i) A. a. O. S. 15,
3) A. *. 0. S. 3?«.
t,
auch fie, wie es fcheint, nicht Gelegenheit, die frühem
Perioden deffelben zu unterfuchen , und vorziighch be-
ziehen fich ihre Abbildungen nur auf fpätere Perioden.
Icli habe daher theils vorzüglich diefe Werke durcl»
genaue Darfteilung der frühen Perioden zu vervollftändi-
gen und durch Befchreibung und Abbildung derfelben
ein deutliches Bild der allmähligen Entfaltung des edel-
ften Organs zu entwerfen verfucht; theils, fowohl we-
gen der genauen Beziehung zwifchen den Centraltheileu
des Nervenfyftertis und den knöchernen Behältern, wel»
che fie umgeben, dem Schädel und der Wirbelfäule
überhaupt, als weil ich fchon feit geraumer Zeit nicht
ganz ungleichgültige Beiträge zur Kenntnifs der Bil«
dungsgefchichte der Wirbel -und Schädelbeine gefam-
hielt, diefen Unterfuchungen die Refultate meiner Ar-
beiten über den letztern Gegenftand beigefügt. Wenn
man erwägt, (was ein jeder, der gründUch unterfucht,
leicht als richtig finden wird), dafs , feit Albiii feine un-
fterblichen' /co///'j ofjium fornus herausgab, doch die
Kenntnifs der Bildungsgefchichte der Knochen, unge*
achtet manches hinzuzufügen war, fo gut als gar nicht
vorgerückt ilt, fo wird man fich nicht wundern, man-
cnes hier zu finden', was auch die neueften |Arbeiten
eher diefen Gegenftand nicht erwarten liefsen.
Da ich über die Bildungsgefchichte des Vogelge-
hirns und Uückenmarkes noch einige Beobachtungen an-
zuftellea wünfche, fo habe ich blufs das Säugthierge-
hirn zum Gegcnftande diefes Auffatzes gewälilt. Aller-
dings liat dies den Nachtheil, dafs der frühefteii Perioden
hier noch nicht Erwähnung gefchchcn kann, allein, da
die Entwicklungsgefchichte diefer Organe im Vogel baltl
folgen wird , fo ift diefer Nachtheil um fo geringer , als
ich mich durch den Mangel an Beobachtungen nicht
▼erleiten laffen werde, Hypothefen an die Stelle von
Beobachtungen zu fetzen. Ueberdies wird man leicht
bemerken, dafs ich weit frühere Embryonen ünterfuchte,
oder wenigftens vorzugsweife befchricb und abbildete,
als die übrigen Schrifrfteller. Da ich felbft die Schwie-
rigkeiten aller Art fehr wohl kenne, womit die Herbei-
fchaffung tauglicher Gegenftände zur- Bearbeitung der
Entwiclvlungsgefchichte verknüpft ift, fo verfteht es
fich von felbft, dafs diefe Benleirkungeii keinesweges
tlifefen achtungswerthen Männern zum Vorwurfe gerei-
chen foU. Uie Erbärmlichkeiten aller Arten, wodurch
eine folche Arbeit faft unmöglich gemacht wird, find
fo empörend < dafs ich den Namen derer, welche
fich dadurch entehi-en , Luft hätte, ein ähnliches Denk-
mal zu fetzen , als es von Reil bei einer ähnlichen Ge«
legenheit gefchahe, wenn nicht der Raum durch jedes
andre Wort beffer ausgefüllt würde. '
Dies ift der Grund, warum ich die Gefchichte des
nienfchlichen Gehirns noch nicht fo vollftändig lieferji
kann, als ich wünfchte: indeffen hoffe ich allmählig
die Reihe zu vervollftändigen. Auch fo wird man, wo
ich nicht irre, die meiften Beobachtungen hinlänglich
früh und manchen nicht imwichtisren Beitrag finden.
••"Die' weif VoHftändigere Reihe von Schafsembrjo-
nen •ergänzt. Was dbrt fehlt , und beweift zugleich, dafs
die Lücken nicht grofs find.
Aufser diefen habe ich noch einige Beobachtungen
an Kuh - , Schweins - und Kanincheneinhryonen gehefert,
welche die an jenen gemachten beftätigen.
§. 2.
Die befte Art, den Gegenftand zu bearbeiten,
{chien mir die , zuerft den ganzen Gentrahheü des Ner-
venfvftems in den verfchiedenen Perioden imZufammen-
hange zu befchreiben, dadurch gewiffermafsen den Le-
fer felbft in den Stand zu fetzen , allgemeine Refultate
zu ziehen , und darauf diefe Refultate , fo weit fie fich
mir zu ergeben fchienen , felbft zu hefern.
§. 3.
Alle Embryonen, die ich zu unteciuchen hatte,
waren fo weit in der Entwicklung vorgerückt, dafs die
wichtigften Lebensorgane und alle Haupttlieile des Ner-
venfvfteins gebildet waren.
Es fragt fich aber zuerft, ehe ich zu der einzelnen
Befchreibung übergehe, ob nicht auch vielleicht eine
Zeitfolge in der Eiilftehung Statt findet, und, wenn diefs
der Fall ift, welcher Theil des Nervenfyftems fich am fril-
beften bilde. Dafs (ich die Nerven fpät entftehenderThei-
ie niclit früher entwickeln, als die der Urtheile, alfo
die Extremitätennerven z. B. fpäter entftehen, als die
Stammnerven, wäre kaum des Anfiihrens werth, wenn
uicltt Herr Cariis auf dicfe Entdeckung einen befondern
Werth zu legen fchiene '), Von dergleichen Ver-
A. a. O. p. 77. 80. If.
fchiedenheiten der Zeit der Entftehung kann daher
nicht die Rede feyn.
§. 4.
Dagegen verdient Herrn Ackermanri's neuerlich
vorgetragene Darftellung der Bildungsgefchichte des
Nervenfyftems eine nähere Prüfung. Diefer zu Folge
„geht das Nervenfyftem aus dem Blutfyftem hervor, in-
„dem zufammengehäufte und ftärker oxydirte Blutkfi-
„ gelchen die Nervenfubftanz, und die Häute derGefäfse,
„ das Neurilem bilden. Nothwendig mufs daher der
„erfte Nervenzweig in dem Organ zuerft entftehen,
„welches unter allen die meifte Energie hat. Diefes
„ aber ift das Herz. Man mufs fagen, dafs fie aus diefem
„ entftehen, i4cht aber, dafs fie zu ihm gehen, wenn man
„den neuen Anflehten, denen zu Folge der fympathifche
„Nerv ein eignes, das vegetative, Nervenfyftem bildet»
„folgt. Daher find auch die Herznerven fo klein, durch-
„ fichtig, weich, fo fehr mit der Herzfubftanz verwebt.
^ „ Wie fie aus dem Herzen hervorgehen, kann man freilich
„ nicht mit leiblichen Augen fehen , allein das geiftige
„Auge fleht es folgendermafsen fehr hell. Durch die
„ Zufammenziehimgen des Herzens werden die, aus den
„Lungen, im hohen Grade oxydirt, in feine Höhlen ge»
„langenden Blutkilgelchen, durch die Schichten , wor-
„aus es befteht, nach aufsen durchgefeiht, wo fie fich in
„der LängenrichtUBg anreihen, und diefe Kugelreihen
„find die erften Anfänge des Nervenfyftems. Von hier
j, aus kriechen die Nerven längs den Gefäfsen zum Hälfe
„ und dem Schädel, und endigen fich hier in den untern,
„mittlem und obern Halsknoten, welche aus ihnea
», entftehen und von wo aus fie mit den Rückenmarks«
,, nen-en zufammenfliefsen '3.
„Auf dem Nervenfyftem des organifchen Lebens
„wurzelt das animalifche. Zuerft geht aus ihm das
„ kleine Gehirn , vermittelft der Verbindung des obern
j, Halsknoten mit dem fünften Nerven hervor , indem
„durch diefe Nervenwurzel die Thätigkeit des Blutes
„ der Vertebralarterie fo gefteigert wird, dafsAbfatz von
„Nervenfubftanz, welche eben zum kleinen Gehirn
„wird, entfteht. So wie das kleine Gehirn aus der
„Wirbelarterie, entwickelt fich das grofse aus der in-
„nern Kopfpulsader. Aus dem grofsen und kleinen
„Gehirn entftehen auf jeder Seite fechs Faferbündel,
„welche zum verlängerten Marke zufammenfliefsen und
„ aus diefem geht endlich das Rückenmark hervor, wor-
„aus die meiften wilikührlichen Nerven entfproffen" *).
„Zuerft alfo entfteht der fympathifche Nerv, dann
„das kleine, hierauf das grofse Gehirn, unter allen zu-
„ letzt das Rückenmark."
§. 5.
Leider findet fich auch nicht eine einzige Beobach-
tung, auf welche fich diefe Darfteilung gründete. Herr
Ackermann führt zwar als Gründe für feine Meinung
l) die Entwicklung des Nervenfyftems in der Thier-
I) A. a. O. p. 77. «0. 11.
a) A. ». O, f. 10».
HO
i-rihe ') und 2) die Entwicklung der verfchiednen Sub
fianien des Nervenfyftems an ^). ' " • : :
Durch die erfte Bedingung glaubt er in fo fern feine
Mpipupg zu begründen,, als er es für unumftöfslich ge-
W'^fsliält, dafs das Nervenfyftem der wirbellofen Thiere
nichts anders als der fympathifche Nerv fey; allein ich
weifs-in der That nicht, woher er und andere diefe
Ueberzeugung mit einer folchen Beftinimtheit haben;
Offenbar kann man höchftens nur fagen, dafs das ani-
inalifcbe und organifche Nervenfyftem in den wirbel-
loiea Thieren noch nicht fo deutlich von einander ge-
fchieden find, als in den hohem und dafs das Nerven-
f vftem in einigen von jenen , den Molhiskeit , mehr die
Geftal): des fympathifchen Nerven , in andern , den /«-'
fcktea und vielen Würmern , mehr die des animalifchen
Nervenfyftems habe '). Ja auch dies ift nicht einmal
ganz richtig, da bei mehrern, vielleicht allen Infekten,'
fich auf dem Darmkanal eigne Knoten finden , aus wel-
c^^etfi feine'NerVen'entfpringen, und- da bei allen Mol-
Icisken^fich eigne Knoten finden, aus welchen vorzugs-
weife die Eingeweidenerven entftehen. Dies ift felbft
bei deriAcephalen der Fall, und gewifs ift der vonMa«-
i)^ A. a. O. p. 10?.
»)' A. a. O. p. 107.
5) Weit riclitiger Tagt, daher Herr WaUhsr (Pliyf. B. 3. {. 5«),
S. 246.) ijdaTs die knotigen Riickennerven der untern Thier«
eben fowolil als ein knotiges Rückenmark, denn als fym-
„pathiTcher Nerv betrachtet werden können, da fie aueli in
einzelnen Klaffen , z. B. bei den Infekten , offenbar mehr ein
knotiges Rückenmark, bei d«a Mollasken aber mehr fym-
„pathifche Nerven find." >
gj/i entdeckte Nerveriknoten , aus "welchem die Einge-
weide ihre Nerven erhalten, «Icht, wofür ei- ihn hält(
rtas Gehirn , fondern derMittelpunkt des fymfäthifchen
Nerven. : -i
-'Sit i Dafs das Neirverifvfteni der' wirbeliofen Thiere ge-
mcinfchaftüches animaJifches und övganifches -Nerven-'
frftem ift, ergiebt fich auch ^ meines Erachtens, fehr
ticutlich aus der ■ Vertheilung'deffelben, fofem die auä
dErtKnotert'CRtftehenden Fäden gleichmäfsig an die will--
kdhrlichen Muskeln und diejenigen Organe gehen, wel-
flie*t>ei denWirbelthieTen ganz .oder vorzugsweife durch
tlBÄ Tympathifchen Nerven verfehen, werden. Diefen
Ef)i(\vurF fucht iz war Herr Atkennunn fehr finnreich
durch' feine Darftellung" d4s: ürfpriings' der 'Rüclcen»
ftiarksncrven ■zu enthülleni, der'zii, Folge diefe-mit ftiner
doppelten WuT7.eli aus dem organifoHenrnnd denl anirnac
lifclien Ncrvenfyftem^entfteheb;; indeffen ift doch wohl
kwin' Grund vorbaradeinV die von den Zwifchenrippen-i
knoten zu/ de« fi'iickenTnarksnerven gehendenFäden füd
Wurzeln und' hicht vielmehr ftVr Verbindungsfäden izwK
fi»hBU dem Rü'ckeftmnrk und-den .Knoten zn halten, n j
i'AÄch Herr £ärus fofaeint-^s l?4ervenfyft«n dec
Wirbteilofen Thiere ^r deii Iritercoftalnerven zu halten j
«renn er gleich niciJi glaubt, dafsbeätn Embryo derfelbe
'rflher als das Gehirn und Rückenmark entftehe, inderfi
;r von demfelbehfogt, dafs erLeii» CangUenfyfietnioyi
ivdlches auch noch indenhöh(jtlÄTl*»drkJaffen befteha.?)j
\ls Orönde für dicfe Bchaupturig fchoint er niir i)i.'tUö
_^^.^_ ' .üöilm-jh
iz
Form diefes Nervenfyftems und 2) eine höchft merk-
würdige Annahme zu haben , dafs das RiickengefiiTs
der Infekten dem Rückenmarke der liOhern Thiere
entfpreche.
In Beziehung auf den erften Grund kann man be-
merken, dafs die Bildung diefes Nervenfyftems dus ein-
zelnen Knoten mit der Zufanimenfetzung des ganzen
Körpers aus Ringen und mit dem Mangel an Einheits-
ftreben zufammenhiinge, welchen die ganze Organifation
der niedern Thiere beurkundet. Die Anordnung die-
fer Nervenfyfteme felbftaber giebt, wenn man fie näher
betrachtet , einen , wo ich nicht ganz irre , nicht un-
wichtigen Grund gegen die Annahme ab , dafs das Ner- j
venfyftem diefer Thiere Intercoftalnerv fey. Bei den I
meiften Infekten nämlich ift die centrale Knotenreihe fo
angeordnet, dafs die graue Subftanz überall , befonders
aber feitlich , von weifslicherer Markfubftanz umgeben,
in diefelbe eingefenkt ift. Bei mehrern gehen die
beiden weifslichern longitudinalen Fäden , welche die
Knoten verbinden, und mit den feitlich abgehenden Fä-
den in unmittelbarem Zufammenhange ftehen, ununter-
brochen unter den Knoten fort und die graue Ganglien-
fubitanz erfclieint auf die Markftränge aufgefetzt. Ganz
vorzüglich deutlich ift dies beim Krebs, Hier ift die
Aehnlichkeit nutder heini.Rückenmark derhöhernThie-
re Statt findenden Anordnung , wo auch graue Subftanz
von- weifser umgeben ift, nicht zu verkennen. Die
letetetwähnte Bildung ift faft noch merkwürdiger, in-
dem fie an das Verhältnifs der Anhäufungen von grauei
Subftanz zu den Markfträngen erinnert, welches das
Gehirn der höhern Thiere darbietet, infofern fie bei
(liefen völlig auf ähnliche Weife auf den Schenkeln auf-
iitzen.
Dafs diefe Darfteilung mit der Natur überein-
ftimmt, haben mich meine Unterfiichungen mit Be-
ftimmtheit gelehrt. Herr C«n/.5 hat zwar meine frühem
Bemerkungen, dafs in den Nervenknoten der Infekten
(iberall eine graue und welfse Subftanz deutlich fey '),
für eine optifcheTäufchung oder Folge der Einwirkung
des Weingeiftes erklärt '), allein letzteres war nicht
der Fall , da ich die Theile immer frifch unterfuchte,
und erfteres ift eben fo wenig gültig, da die graue und
weifse Subftanz theils viel zu deutlich abgefetzt war,
theiJsman, wie bemerkt, unter der grauen Subftanz
oft die Markftränge vorlaufen fleht, wie es auch Herr
Carus aus dem Krebfe richtig abgebildet, nur falfch er-
klärt hat , wenn er fagt , dafs die Markftränge über
den Knoten weglaufen 3). Uebrigens war meine frü-
here Angabe fo geftellt, dafs ich in der That nicht be-
greife, wie jemand, der nur einmal das Rückenmark
eines wirbellofen Thieres mit Sorgfalt betrachtet hat,
nur den geringften Anftofs daran nehmen könne.
Für den zweiten Grund, die merkwürdige Be-
hauptung, ilafs das Rückengefäfs der Infekten dem
Kilckeniiiark der höiicrn Thiere entfpreche, eine Vor-
bedeutung von ihrn fey, bringt Herr Carus nicht nur.
I) Cuvier Vorl. (Ib. vergl. Anit. Bi. II. 8. 49.
a) A. a. O. S. 67.
i) A. a. O. Taf. 1. Fig. in.
was doch fehr zu wünfchen gewefeu wäre , keine befon-
dern Beweife bei , foudern, was man ajler.falls dafür an-
fehenkann, fcheint geradezu feine Anficht zu wider-
legen. Wenigftens ift es mir etwas fchwer einzufehen,
wie man auf der einen Seite ganz richtig , wie bisher
immer gefchehen, das Riickengefäfs der Infekten mit den
veräftelten Saftgefäfsen der Würmer vergleichen, und es
doch auf der andern als ein unvollkommenes Rückenmark
anfehen, und hieraus folgern kann, „ dafs die Periode ia
„ der Bildung des Nerven , wo er noch als Gefäfs er-
„ fcheint, gleich fo vielen andern Entwicklungsftufen,
„in gewiffen tieferftehenden Tliiergefchlechtern , fixirt
„und zur beharrenden Nervenbildung erhoben ift" ').
Wahrlich, wenn man keine beffern Gründe für das
Harvey'khe Entwicklpngsgefetz hätte, fo möchte es
■wohl mit Recht und mit Nutzen für die wahre Natur-
forfchung fo lange gefchlafen haben. Als einzigen
Einwurf gegen diefe Behauptung fcheint Herr Carus
den Umftand anzufehen, dafs aufser diefem Rückenmark
ja bei den Infekten noch ein anderes Nervenfyfteni vor-
handen fey. Ober diefen durch die kurze Bemerkung,
d.ifs diel'es ein Ganglienfyftemfey, welches auch bei hö-
heren Thieren bel'tehe , entkräftet hat, laffe ich, nach
clemavfden vorigen Seiten angeführten, dahin geftellt
feyn. So viel fcheint mir mit Beftimmtheit erwiefen,
dafs, wäre das Rückengefäfs wirklich, wofür es Herr
Carus hält, es fich in 'der Thierreihe nicht zum Gefafs-
fyftem, fondern zum Nervenfyfteni entwickeln müfste.
i) A. a. O. S. 75. u. 76.
— 45
Ueberhaupt beweifen auch Legallois's Verfuchc
wohl unwiderfprechlich , dafs Bichat und feine Nach-
folger die Gränze zwifchen dem Nerveniyftem des orga-
nifchen und des animalifchen Lebens viel zu fcliiirt' ge-
zogen , und den fympathifchen Nerven für viel zu i'elbft-
ftändig und vom Rückenmarke unabhängig angelehen
haben, da Zerftörung des letztern augenblicklich den
Tod des fympathifchen Nerven zur Folge hat.
Hieraus könnte man vielleicht mit Recht fchliefsen,
dafs der fympathifche Nerve, der hiei-nach nur als un-
tergeordneter Theil des ganzen Nervenryftems erfcheint,
durchaus nicht früher entftehen könne, als der, voa
welchem er abhangig erfcheint; doch glaube ich nicht,
tlafs jene Erfcheinung geradezu diefes Gewicht hat, in-
dem eine Menge von Erfcheinungen im Organisnms be.
weifen, dafs fehr wohl Theile, welche entweder frü-
her entftanden als andere, oder wenigftens diefelben bei
weitem an Grofse und Wichtigkeit überwogen, fpäter
bedeutend zurückfinken, felbft ganz aus der Reihe der
Organe verfchwinden können.
§. 6.
Als zweiten Grund führt Herr Ackpimaiin don
Uinftand an, dafs die graue Subftanz früher als die
weifse und namentlich aus dem Blute entftehe, diefe
erft aus jener hervorgehe, es mithin wahrfcheinlicher
fey, dafs fich erft die graue Subftanz des grofsen und
^leinen Gehirns bilde, tiann aus ditkc die JVlarki'ub-
ftanz entwickle und als verlängertes und Rückenmark
licrvorwaclile.
16
Diefer Grund fcheint eben fo wenig Gewicht zu
haben als der vorige. Denn wäre auch das Hervorge-
hen des Nervenfyftems aus dem BJutfyftem fo erwiefen,
als es wirklich nicht ift, fo ift doch fo viel gewifs, dafs
fich am verlängerten und Rückenmark völlig diefelbea
Bedingungen zur Entftehung der Nervenmafie aus dem
Elutfyftem finden , als am grofsen und kleinen Gehirn.
Uebrigens ift es bekannt , dafs fich nicht nur beftändig
im Innern des verlängerten und Rückenmarkes graue
Subftanz in Menge findet, fondern anfangs das ganze
Nervenfyftem gleichmäfsig grau ift, und dafs fich der
Unterfchied zwifchen grauer und weifser Subftanz nur
im Rückenmark , dem verlängerten Mark und den un-
■tern Theilen des Gehirns früher entwickelt, ds in den
ober n des Gehirns und in diefem Theile des Nerven fyftems
überhaupt , Bedingungen , woraus man gewifs nicht
ganz mit Unrecht auf die frühere Anwefenheit des Rü-
ckenmarkes fchliefsen darf, zumal da diefes auch in Hin-
ficht auf Härte und Ausbildung überhaupt früher voll-
kommen erfcheint als das Gehirn.
Für die Entftehung des Rückenmarkes vor dem
Gehirn in demfelben Organismus fpricht auch wohl die
allmählige Entwicklung diefer Organe in der Thierreihe.
Bei den niedrigen Wirbelthieren kann über die Bedeu-
tung der Haupttheile des Nervenfyftems kein Streit ent-
ftehen und hier fieht man fehr deutlich von den Fifchen
aufwärts das Gehirn allmählig fich auf Koften des Rü-
ckenmarkes entwickeln. Die vordere Centralmaffe,
aus welcher bei den wirbellofen Thieren die Kopf- und
Sinnesnerven entftehen, entfpricht durch Lage und
mehr
■17
niehr oder weniger auch durch Anordnung dem Ge-
hirn der Wirbelthiere fo fehr, dafs man fie wohl mit
keinem andetn Namen belegen kann. Zwifchen diefen»
und dem übrigen Nervenfyl'tem aber nimmt das Mifs-
verhältnifs bei den wirbellofen Thieren noch mehr zu
als bei den niedrigen Wirbelthieren, und man fcheint
daher auch durch diefe Stufenfolge berechtigt, den
gröfsten Theil des Nervenfyftems derfeiben mehr für
ein Analogon des animahfchen Nervenfyftems, als des
organifchen anzufehen und zu verniuthen, dafs das
Rückenmark nicht blofs vor dem Gehirn, fondern
auch vor dem fympathifchen Nerven entftehe.
Diefe Vermuthung wird noch durch die Entwick-
lung des fympathifchen Nerven in den Wirbelthieren
bekräftigt, indem diefer von den Säugiliieren abwärts
kleiner, unvollkommner und ärmer an Knoten wird
ftatt dafs, wenn das Nervcnfyftem der wirbellofen
Thiere diefen Nerven darftellte, wahrfcheinhch doch
wohl das Gegentheil Statt finden wurde,
§■ 7.
Ueberdies wird auch die Ackermann'khe Darftel-
lung der Entftehungsweife des Nervenfyftems durch di-
recte Beobachtungen vor der Hand wenigftens fehr un-
wahrfcheinlich. Nach MulpigliVs und Wolfs Beobach-
tungen am bebrüteten Hühnchen ift es nämlich das
Oehirn und das Rückenmark , welche fich zuerft bil-
den. Der kahnförmig gebogne Stamm, die Carina, und
der Kopf find die erften fichtharen Theile. Schon um
die zwölfte Stunde fahe Malpighi Spuren des Kopfes
und die Bläschen (ler Wirbel auf beiden Seiten der Ca-
N. d. Archio. 1.1. B
i8 ^ —
rina , innerhalb der beiden Seitenhälften diefer letztem
fchon gegen das Ende des erften Tages das Rückenmark
und an deffeu vorderm Ende die Hirnblafen, erft um
die dreifsigfte Stunde mit Gewifsheit das Herz ' ).
„DasSyftem, welches zuerft erzeugt wird, zu-
„erft feine beftimmte, eigenthiimliche Geftalt an-
„ nimmt, fagt Wolf ausdrücklich, il't das Nervenfyftem.
„Ift diefes vollendet, fo bildet iich nach demfelben
„Typus die Fleifchmafie, welche eigentlich den Em-
„bryo ausmacht. Darauf erfcheint ein drittes, das
„Gefäfsfyftem u. f. w." ').
Angaben, womit auch meine Beobachtungen über-
einftimmen.
Dafs der Entftehung des Nervenfyftems nicht noth-
wendlg die des Gefäfsfyftems vorangehe und jenes ver-
mittelft des Durchfickenis der Blutkügelchen durch die
Herzfubftanz gebildet werde, beweift wohl das Beifpiel
der Infekten fehr deutlich, wo, ohne eine Spur von
Gefäfsen, fich ein fehr entwickeltes Nervenfyftem findet. -
Auch Herr Tiedemuiin ') ift der Meinung, dafs
das Nervenfyftem fich aus dem Gefäfsfyftem bilde, in-
dem, nach Harvpfs , Malpiglus und Haller's Beobach-
tungen, die Hirnblafen erft nach dem Herzen entfte-
hen; allein ich weifs feine Beweisftellen weder mit den
von mir angeführten, noch mit dem, was ich felbft am
1) De format. pulli. Lond. 1669. p. 4. AppenJ. ib. 1675. V' i\
2) Ueber die Elldung des Darmkaiials im bebrüteten HUhncIien.
Ueberf. von Meckel. S. 149.
?) lieber die kopUofen Mifsgeburten. S. 94. ,
19
Vogelembryo gefehen habe, zu reimen. Gewifs alfo
ift'nach eueren die Acephalie nicht aus dem Mangel des
Herzens zu erklären, wie Herr Tiedemann glaubt,
%enQ er fagt:'
„Wenn das Gehirn, wie auch Ackermann an-
|,"Hirnmt, das Produkt des Gefäfsfyftems ift, fo kann es
'yitias nicht v'iinflern , dafs fich in den kopflofen Mifs-
„geburten kein Gehirn gebildet hat, weil diejenigen
„ Gefäfse , die Karotiden , fehlten , durch die das Ge-
„hirn hätte gebildet werden feilen."
" 'Noch aus einem andern Grunde aber eritftäit die
Acephalie nicht aus dem Mangel des Herzens. Habeii
gleich die meiften wahren Acephalen kein Herz , fo be-
weifen doch die Fälle von Fogli*') und Gilibert '), viel-
leicht auch von Zagoisky '), dafs das Herz bisweilen,
teifd rogai" fehr regelmäfsig, ohne Gehirn vorhandeil
ift. Herr Tiedemann leitet die Hemicephalie aus derfel-
ben Ouellc als die wahre Acephalie. Sehr wenige Fallet
die von Marrlgues •♦), von Brodle *) und von Lawren-
. ■ *), ausgenommen, hatten aber meines Wiffens alle bis
jetzt bekannten Hemlcephalen völlig regelmäfsig ent-
%Vickelte Herzen. Unftreitig ift alfo nicht der Mangel
de* Herzens Urfache des Gehirnmangels, fondern beide
fljefsen aus einer Quelle.
i) Vallitneri v. i. Erzeugung. S. 94.
1) AUverf. med. pr. p. CXXII.
, ?) N. act. Petrop. T. XV. p. 45.
" 4) Mim. pris. T. IV. p. II5.
.-5) Piiil.Tj-aoiiacc. igop.No.VlI.Accountofcliedirfcctionofahunita
(oeiiii in wliicli the circuUtion wa» canied on witboutiiheart.
■•«) Me<Uco • Chirurg, tr. V<(1. V. p. rCg." '" '
20
§. 8.
Aus den angeführten Bedingungen glaube ich mit
Recht fchliefsen zu können:
l) dafs das Nervenfyftem nicht aus dem Gefäfisfyftero
entfteht ;
S) dafs nicht der fympathifche Nerv, fondern das
Ri'ckenmark und das Gehirn die UrtheiJe desNer-
venfyftems find.
§. 9.
Es fragt lieh nun, ob Rückenmark und Gehirn
gleichzeitig, oder eines nach dem andern entftehen
und, wenn das letztere Statt findet, in welcher Ord-
nung fie erfcheinen?
Schon fo eben habe ich mehrere Gründe für die
Annahme aufgeftellt , dafs das Riickenmark früher als
das Gehirn entftehe, namentlich die frühere Ausbilduns
des erftern in der Thierreihe und im Fütus.
Noch andere Gründe find 1) die Bemerkung, dafs
beim Embryo, wenn auch überhaupt und während des
gröfsten Theiles des Fötuszuftandes das Gehirn und det
Kopf verhältnifsmäfsig zum Rückenmark und dem übri-
gen Körper weit grüfser find , als in fpätern Perioden,
dennoch in den allererften Lebensperioden diefes Ver-
hältnifs weniger zu Gunften des Gehirns ift, als in den
darauf folgenden;
2)fprechen für diefe Vermuthung die kopßo/en Miß-
geburten. Nichts weniger als feiten ift die Entwicklung :
des Rückenmarkes und der VVirbelfäule nach oben der-
geftalt gehemmt, dafs keine Spur vQnGelüra uadScbä-
del vorhanden ift, und dennoch ift der vorhandene Theil
des Rückenmarkes normal; dagegen ift mir kein ßei-
fyiel einer Mifsgeburt bekannt, wo nur der Schädel
nebft dem Gehirn entwickelt gewefen wär& Homers
Doppelkopf ift der einzige Fall diefer Art, den man
vielleicht hierher ziehen könnte, allein hier fafs der
rzweite, mit dem erften im Sclieitel verbundene Kop£ auf
einem vollftändig entwickelten Körper. Herr Acker'
mann hat zwar diefcn Grund durch die Behauptung
völlig zu entkräften gefucht, dafs die Acephalie durch-
aus keine urfpriingliche Bildungsabweichung, föndern
immer nur Folge einer Zerftörung des vorher normal
gebildeten Schädels und Gehirns durch Wafferfuthtfey;
allein er hat auch hier nur behauptet, nicht bewiefen.
§■ 10.
Zwar bin ich weit geneigter, fiir die falfche Ace-
phalie oder Hemlcephcdie diefe Erklärung anzuneh-
men , als denen beizutreten , welche , wie z. B. Söm-
merrlng '), Prociuiska '), und neuerlich Gall ') und
Ttedeinann *) fie für urfprünglich halten, indem die
Gründe, welche für diefe Meinung angeführt werden,
' durchaus nicht erweifend find.
Die vorziigjichften Gründe für diefe Meinung fmd
ungefähr folgende :
«•>--■ ,;,
i) Abbililiingen und nefchrelb. einiget Mirsgtburten. Mainz 1791.
S Uli
l) Annijt. anad. fasc. 3. p. It2 ff.
7) Recliercbei fnr le fyf eme nerveux. k Parii I809. p. i6 ff;
4^ Anal, der ko^iüuien Mifageb. Landsii. lil), S, 93 f&
BS
l) Die Aehnlichkeit diefer Mifsgeburten ');
a) die Vergefellfchaftung des Schädel- und Hirn-
mangels mit andern Bildungsfehlern ');
3"! die Unmöglichkeit, dafs, nach einer folchen Zer-
ftöruug des Gehirns , das Leben noch fortgefetzt
werden könne ');
4) der ümftand, dafs nie ein Fötus mit frifchen
Spuren einer folchen Zerreifsung geboren xverde,
was doch öfters gefcheheu müfste, da Krankheit
und Tod deffelben meiftens Frühgeburten veran-
laffen 4),-
5) :die unverletzte Befchaffenbeit fo weicher Theile
als der Nerven bei diefer Mirsbi]dung^')j
6) der Mangel an Spuren geheilter Wunden oder
zerfreflener Knochenränder, die vielmehr ganz
glatt und rund find *) ;
7) Jafs VVafferkopf nie Zerftörung des Gehirns, fon-
dern immer nur Hirnbruch veranlaffen könne ^).
$. II.
Allein hiergegen läfst fich bemerken:
1) Die Aehnlichkeit diefer Mifsgeburten unter ein-
ander erklärt fich eben fo gut, wenn man eine und
i) Sömmerruig.
s) Sortimening, Tiedemwa.
,%j Procliaska,
4) GjU a a. O.
5) Call ebendaf.
6) Galt ebendaf.
7) Oall.
^^ 23
diefelbe Veranlaffung für alle, 'Wafferanhäufung
im Innern des Schädels, annimmt.
Dafs diefe Veranlaffung wirklich Statt finde,
wird noch wahrfcheinlicher durch die Aehnlich-
keit , welche zwifchen den hirnlofen Mifsgebur-
ten «nd den Wafferkopfen Statt findet, indem bei
beiden das Augenhöhlendach ftark herabgedriickt
ift, woraus fich das Vorliegen der Augen der
hirnlofen Mifsgeburten fehr wohl erklärt.
3) Die VergefelU'chaftung diefer Verunftaltung mit an-
dern Biklwngsabweicjhungen fpricht nur gegen die
Enlftehung des Hirnmangels durch eine äufsere
Gewalt, nicht gegei;* die Entftehung durch Waffer-
anhäufung im Innern des Schädels. Entweder find
diefe ßildungsabweichungen Fehler derfelben Art,
oder fie 'gehören in die entgegengefetzte Klaffe.
Erfterer Art find die von Herrn Sömmerring und
Tiedemann angeführten, Hafenfcharte, Nabel-
brück, Wirbßlf palte , Halsmangel, Dannanhang.,
mangelkafce Entwicklung des Darmkanals über-
haupt, denen man noch eine Menge andrer fehr
leicht zufetze.n könnte. Da der Wafferkopf felbfr,
wie ich in ineiner pathologifchen Anatomie ') be-:
wiefen habe, nur ein regelwidriges Fort wachfen de^
.Gehirns .naph; qinem frühem Typus ift, fo ift e^
nicht auffallend, dafs mit ihn» und vielleicht durch
.^.- . ihn und die darauf folgende- Zeiftiirung und Ver-
j.., r nichtung des Gehirns ähnliche liildungsabweichun-
Mi-
1} Bd. I, Itl3. S. 160. [f.
gen in andern Organen vorkommen. Eben fo kön-
nen entgegengefetzte Bildungsabweichungen, Dop-
peltwerden, auf diefelbe Weife zu einem fol-
chen Fortwachfen des Gehirns nach einem frü-
■' ■ liern Bildungstypus Gelegenheit geben, wie jede
Erhöhung der Thätigkeit eines Organs mehr oder
weniger mit Sinken derfelben in einem andern
— ^^_:^- verbunden ift. Vorzüglich tritt aber wohl ein
folches Verharren auf dem Fötustypus da ein, wo
doppelleibige Mifsgeburten im Kopfe verwachfen
find, indem ein Verfuch zur Hervorbringung
neuer Gombinationen , wie er in den Verwach-
fungsfl eilen immer gemäoht werden rnnfs, fchwe-
rer zu gelingen fcheint, als das blofse Doppelt-
<J'-" \verden,' weshalb ''auch Doppeltmifsgeburten' z. B.
•' ' häufiger find, als die umgekehrte Lage 'der Ein-
' geweide. Es giebt alfo, ungeachtÄ Herr Jiede-
jnann dies nicht findet '), wohl einen urfächlichen
ZufamrtieiAaög'ZWifchen diefen 'Bildungsfehlera
' und einer frtiher etwa vorhandeii' gewefenen Kopf-
'■■ wafferfucht. ■• •
,i!u!j)j^ Wirbelfpalte'' folke übrigens, beiläufig zu be-
ni^rkeri, gar nicht aliGrund für oder gegen irgend eine
Erklarungsweife diefer Mifsgeburten erwähnt werden,
da es einleuchtet, dafs fie mit derti Hirn -und Schädel-
loangel völlig daffelbeifw' ^^ ■•' .'n(ijl.j,;..s ..;. .:
" 3*) Die Unmöglichkeit, nach"feiner'i'ol(!feen Zerftö-
■••'' 'rung noch zu leben, gilt für den Fötus, befonders
den frühern , durchaus gar nicht , da -niau weifs,
l) A. a.O.S.92-
wie lange manche Thiere, mit Jenen er in den erften
Perioden ganz übereinkommt, felbft weit bedeuten-
dere Zerftörungen ertragen. Uebrigens könnte man
beinahe^fagen, dafs, wenn der Fötus ohne Gehirn
reifen und fich vollkommen entwickeln kann , er
auch wohl die Zerftörung deffelben ertragen kön-
nen muffe. Ich fage mit Bedacht; beinalw, indem
beides natürlich nioht: daffelbe, und eins um des
andern willen nicht nothwendjg ift. Vielmehr bin
ich überzeugt, dafs eine folche Zerftörung des Ge-
hirns nur in fehr frühen Perioden ertragen wer-
den könne, hier aber gewifs.
4) Der vierte Grund ift zuvörderft felir wenig envei-
fend, demi
u) ift Krankheit und Tod des Fötus gewifs nicht
die häufigfte VeranJaffung zum Frühgebären;
L~) ift doch wohl Schailelmangel keine kleine
Krankheit. Wird nun durch diefen an und
für fich das Frühgebüren nicht veranlafst, fo
lieht man nicht ein , waruHi nicht auch früher
Wafferkopf ohne eine folche Folge Statt gefuii-
. den haben folle?
t) Dafs nie ein Fötus mit frifchea Spuren eirter fol-
cheu Zen-eifsufig geboren werde, beweift nur,
<lafs die Zerreifsung immer fehr fiüh entlieht, wit>
fchon fo eben Ijemorkt wurde.
5) Die unverletzte Befcliaffenheit iler welchen Ner-
ven bewejft eben fo wenig, da man bei tler Hirn-
wafferfucht gk-idifalls die Nerven anwefend, und
doch die Knochen des Schadeis fehr iinvoUkon»'
26
jnen entwickelt, kaum knorplig findet. Uebri-
gens find die Nerven an ihren Urfpriingen beim
Hirnmangel gewöhnlich auf diefelbe Weife
alienirt, als bei der HjrnwaiTerf ucht , dünn,
weich, marklos.
6) Dafs keine Spuren geheilter Wunden, die
Knochenrander nicht zerfreffen, fondern glatt find,
ift theils nicht ganz- richtig, theils leicht zu er-
klären. Wie will man beweifen^ dafs die Ver-
bindungsftelle der Rückenmarks- und Hirnhäute
mit den allgemeinen Bedeckungen nicht eine
Narbe ift? Dafs ein allmählig zerftörender
Druck die Knochen glatt abfchleift, ift aus den
Veränderungen, welche diefe beim Aneurysma,
' dem Hirnfchwamm und felbft der Hirnweiffer-
fuchc erleiden, fo bekannt, dafs man fich in der
That über diefen Grund wundern mufs, da er
vielmehr für als. gegen diefe Annahme fpricht.
7) Ganz unerwiefen ift es, dafs Wafferkopf nie
Zerftörung des Gehirns, fondern nur Hirnbruch
hervorbringen könne, indem man nicht einfieht,
•warum nicht eine übermafsige Ausdehnung des
■weichen Gehirns und Schädels durch Waffer eben
fo gut Zerreifsung diefer Theile als Hervordrin-
gen derfelben veranlaffen könne. Höchft wahr-
fcheinlich hängt die Verfchiedenheit des Erfolges
doch wohl nur von zufälligen Umftänden, dem
Grade der Wafferanhäufung, der Fertigkeit des
Gehirns und des Schädels, der Zeit, worin die
Wafferanhäufung eintritt , u. f. w. ab.
§. 12.
Es wäre alfo hiermit io viel erwiefen, dafs der
Streit über die Entftehung des Hirnmangels noch nicht
zu Gunften derer entfchieden fey , welche ihn für iir-
fpriinglich anfahen. Man kann aber, glaube ich, dreift
weiter gehen und der Meinung, dafs er wirklich eine
Folge von W'afferanhäufung fey, beitreten. Denn:
1) bei der VVirbeJfpaite , vvpjche von den Verfech-
tern jener Meinung felbft als derfelbe Zuftand betrach-
tet wird, und häufig mit Hirnwafferfucht oder Schä-
delmangel vereinigt ift, liegt ein folcher urfächlicher
Zufammenhang hinlänglich am Tage. Hier fchliefseri
fich durch uiunerkliche Zwifchenftufen die Fälle, wo,
•mit unverletzten allgemeinen Bedeckungen das in der
Wirbelfäule angehäufte VVaffer an einer Stelle derfelben
als eine Gefchwulft hervordringt, welche mit dem
Wafferkopf übereinkommt, an diejenigen an, wo die
Wirbelfäule offen ift, die allgemeinen Bedeckungen
völlig im Umfange diefer Stelle fehlen, und eben fo
wenig vom Rückenmark an derfelben eine Spur vor-
handen ift. Seilift nach der Geburt fieht man ja all-
mählig diefe Erfcheinungen in demfelben Subject pach
«inander folgen.
2) Die Befchaffenheit der Hemicephalie felbft bie-
tet Bedingungen dar, welche diefer Meinung fehr das
• Wort reden. Dafs die Augenhöhlen höchft wahr-
£cheialich durcii eine von innen nach aufsen drilcken-
,de Laft verengt und dailurch die Augen vorgedrängt
'wui '-n, habe ich fchon bemerkt. Gar nicht feiten
aber linJ j^ewohnlich lehr giolse häutige, am ilinter-
haupte hängende , i'erfchloffene oder zerriffene Beutel .
mit Hinimangel und dem völligen Habitus der Hemi-
cephalie vergefclli'cliaftet.
Waker ') hat, auf den Mangel oder die Anw&
fenheit eines folchen , durch die Hirnhäute und die all-
gemeinen Bedeckungen gebildeten Sackes geftützt, die
fogenannten Katzenköpfe daher in zwei Arten abg»-
theilt, von denen die erftere, wa das Gehirn entweder
ganz fehlt, oder w"Snigftens frei da liegt, feltner als
die letztei^ ift. In dem häutigen Sack ift dann gleich- ^
falls entweder kein oder nur ein fbhr unvollkomnuies
Gehirn enthalten.
Hier fleht man den Uebergang vom WafCerkopfe
zu der Hemicephalie fehr deutlich. Eben fo einleuch-
tend ift es, dafs der Hirnbrucli nur eine Varietät der
letzten Bildung, am richtigften wohl eine Zwifchenftufe
zwifchen ihr und dem gewöhnlichen VVafferkopfe ift,
welche darin begründet ift, dafs das Gehirn und die in
feinem Umfange angehäufte Fliiffigkeit nur an einer
kleinen Stelle hervorgedrungen ift, gerade, wie auch
die Grade der Oeffnung im hintern Umfange der Wir-
belfäule diefelben Verfchiedenheiten darbieten.
$• 15.
Mit diefer Annahme ift aber keinesweges gerade-
zu gefugt, dafs das Gehirn bei diefen Mifsgeburtea
früher normal gebildet und erft fpäterhin durch VVaf-
ferfucht zerftört worden fey, wie mehrere Schriftfteiler,
i) Mi's, anat. p. I. it.
29
ZiB.Morg<ißni unJ Herr ^c^e^vnanre glauben. Vielmehr
habe ich fchon frnher die Meinung wahrfcheiiilich zu-
machen gefacht, dafs tlie HirnhöhlenwafferJucht in den
meiften Fällen nur ein Fortwachfen des Gehirns nach dem
ffühften Typus fey, und nach mir hat Herr Tiedemann
für Ce diefelben Gründe angeführt '). Dies ift aber
ganz gleichgültig, denn immer ift darnm der Hirn-
oder Schädelmangel nicht urfprünglicher Zuftand , fon-
dern nur Folge eines andern , der Hirnwafferfucht,
gleichviel , auf welche Weife diefe entftanden fey.
§• 14-
Ungeachtet ich aber annehme, dafs die Hemi-
cephalie kein urfprünglicher Zuftand ift, fondern durch
die regelwidrige Anhäufung im Innern des Schädels,
fie finde nun zwifchen dem Hirn und <!effen Häuten,
oder in den Höhlen des erften Statt — beides in den
frohen Fütusperioden normal — veranlafst wird, fo
glaube ich inich doch dadurch nicht zu der Beliauptune
berechtigt, dafs auch die fogenannlen wahren Acepha-
Jen auf diefe Weife entflehen. Zwar habe ich felbfr.
vor geraumer Zeit in einem Auffatzc über diefe Bil-
dungsabweichung diefe und die hirnlofen Mifsgebm-ten
als verfcliiedene Glieder einer Pvcihe zufammcngeftellt ' ),
allein weder damals noch in einer fpätern Bearbeitung
deffelben Gegenftandes ') mit Beftimmtheit diefe Zufam-
xnenftellung auf etwas anders als die äufsere Form be-
l) A a. 0. p. 91,.
3) Beitr nd I. H. I. ISO«. No. VII.
i) Patbol. Aut. Bi. I. S. 19}. i<i\.
30
zogen und am allerwenigften je die Meinung gehegt,
dafs diefe wahren Acephdlen ehemaiige W;ifferköpf»
feyn könnten. Ungeachtet der Uebergang von ihnen
zu den Hemicephalen fehr allmählig gefchieht, unge*
achtet gar nicht feiten am Obertheile diefer Mifsgebur-
ten fich mehr oder weniger grofse und zahlreiche Waf-
ferblafen befinden, reichen doch diefe Erfcheinungen
keinesweges zu Begründung der Annahme hin, dafs
Gehirn und Schädel hier jedesmal vorhanden gewefen-
wären. Vielmehr halte ich jene Blafen nur für unge-
lungene Verfuche zur Bildung eines Gehirns, welche»
fich nie über feinen früheften Zuftand erhob, um wel-
ches fich kein Kopf anbiklete , das nur durch die Haut
bedeckt wurde, und nie einen folchen Umfang erreich-
te, dafs dadurch Einrifs und Zerftörung erfolgt wäre.
Dies ift der niedrigfte Zuftand, der Wafferkopf
der höhere , weniger vom Normal entfernte , die Hirn-
lofigkeit eine zufällige Folge des letztern. Wo hier
nur ein kleiner Theil des Schädels und Hirns fehlt,
oder diefes ganz, aber, wenn auch dies nicht immer,
zu klein, vorhanden ift, da war höchft wahrfchein-
Jich das Waffer an feiner äufsern Fläche angehäuft und
die UnVollkommenheit und Kleinheit oder Nacktheit
des Gehirns Folge der Zerftörung der Schädelknochen
durch daffelbe.
§• 15-
Die wahren Acephalen fprechen alfo vollkommen
für den Satz, dafs das Rückenmark vor dem Gehirn
entftehe, wenn gleich die Hemkepimlen ihn nicht
geradezu erweifen. Dafs übrigens Herrn Ackermann's
Ausfpruch: „Efttale aflertiim (adeffe meclullani fpina-
„lem, cerebnim autein non effe evolutum) omnino le-
„gibus naturae organicae contrarium, in qua partes
„omnes in toto funt et uiiaquaeque pars totuni re-
„praefentat; " der zwar nur bei Gelegenheit der He-
miceplinlen gethan wird , aber offenbar für jeden
Mangel eines Theiles gilt, kein Grund gegen diefe
Anficht ift, brauche ich nicht zu bemerken, da es für
jedes felilende Organ etwas i'chvver feyn mochte, zu
heweifen, dafs es vorhanden gewefen, aber nur zer-
fiOrt worden fey.
§■ 16-
Ich glaube daher drittens feftfetzen zu können,
dafs das Rückenmark früher als das Gehirn entiteht.
Uni'treiüg hat diele Bedingung, wie jede Erfcheinung,
ihren Grund, nur möchte ich mich nicht enlreiitcn,
ihn geradezu aufzufinden. Herr Cartis hat ihn zwar
leicht und mit Gewifsheit ausgeiniltelt '). Das
Hückenmarl^ mufs fich nach ihm nothwcndig zuerft
bilden , weil es dem Herzen gegenüber liegt. Schade
nur, dafs bei fo vielen Thieren ein Nervenfyftem ohne
Gefäfsfyftem, oder ein Gefäfsfyftem ohne Nervenfyfteni
vorlvonimt, dafs nach den genauüften Beobachtungen
das Nervenfyftem beim Embryo früher als das Ge-
fM lyftem entfteht, unti dafs die meiftcn kopfJofen
.M f^eburten kein Herz haben, ungeaciilet i'icli ein
Rückenmark liudet, alles Gründe, welche Herr Cu-
I) A. a. o. S. 7%.
ri/s gegen Herrn AckeiTnann''s Meinuug anführt, da
es ihm doch wohl hätte bgifalJen follen , dafs man fie
eben fo gut gegen ihn felbft anwenden könne. Eigent-
lich fcheint zwar Herr Cciriis dem Herzen eben fo gut
das Gelürn als das Rückenmark entgegenzufetzen, in-
dem er die anf'unghch lo hohe Lage des Herzens beim
Embrvo und bei den Fifchen daher erklärt und die
Geftalt beider Theile parallelifirt, und er könnte alfo
gegen den von den Acephalen hergenommenen Grund
einwenden, dafs das Ruckenmark nur den Nabelge-
fäfsen entfpräche, allein, abgerechnet, dafs er fich doch
etwas widerfpräche, fo behalten die übrigen Gründe
ihre Kraft; es kommt noch i) der neue hinzu, dafs
bei einer Menge iMollusken zwifchen der Lage und An-
ordnirag des Gehirns und des Herzens durchaus nicht
diefelben Beziehungen Statt finden, und s) gelten dann
gegen ihn- die fchon oben angeführten Beifpiele von
vollkommner Herzentwicklung mit giinzhchem Hirn-
niangel.
Als wahrfcheinlicher kann man daher unftreitig
wohl die von Lawrence neuerlichft geäufserte Meinung
anfehen , dafs das Rückenmark die Bedingung der Ent-
ftehung des Herzens fey, wofür er i) den Umftand,
dafs, nach Brodle s und Le Gallols's Verfuchen, die
Quelle der Bewegungen des Herzens das Rückenmark ift,.
und 2) den anführt, dafs bei allen bis jetzt bekannten
Mifsgebtirten nie Mangel des Rückenmarks mit Anwe-
fenheit des Herzens verbunden gewefen fey ').
In
1) Medioo • clünirg. transacc. vol. V. p. 3 £3.
I
In der That fehlt oft, wie fchon oben ') be-
merkt wurde , das Herz mit Anwefenheit des Rücken-
markes , allein von den entgegengefetzten Bedingungen
find auch mir keine Beifpiele bekannt. Zwar könnte
man dagegen die Fälle von vollkommenem Rücken-
marksm;ingel bei Rückenfpalte mit Anwefenheit eines
normalen Herzens anführen; allein, da hier wahrfchein-
lich das Rückenmark ehemals vorhanden war, nur fich
nicht über die frühel'ten Bildungsftufen erhob, und eben
durch das regelwidrige Fortwachfen nach dem embryo-
nifchen Typus zerftört w^urde, fo beweifen diefe nichts.
Ein befferer Grund gegen diefe Anficht wäre die
Anwefenheit von Gefäfsen ohne Nerven in der Thier-
reihe, wovon die Medufen und die .verwandten Ge-
fchlechter, bei denen fich der Darm gefäfsartig durch
die Subftanz des Körpers verzweigt, die Holothurien
Afierlen, Meerlgel , bei denen deutliche Gefäfse Vor-
handen find, ohne dafs man mit: Gewifsheit Nerven
■wahrnähme '), Beifpiele darbieten.
$■ 17.
Das Nervenfyftem bildet ein ununterbrochnes
Ganze: einige Theile deffelben entftehen offenbar frü-
her als andre, namentlich, nach den angegebenen Grün-
den , das Rückenmark früher als das Gehirn, und, fo
i; 8. 19.
9) 6. aufser Cuvier Vorl. lib. vergl. Anatomie Tli. 2. IiieiCfber
Konrad de artrriüriim tu Urica. Halae 18 14.
N. d Archiv. I. 1. C
viel die Beobachtung lehrt , weit früher als tlie Nerven.
Man kann daher nicht ohne Grund fagen , dafs die fpä-
ter vorhandenen Theile aus den frühern hervorwach-
feu , ausfproffen , von diefen gezeugt werden , wie
der junge Polyp von dem alten. Gegen diefe Anficht
^ann offenbar nicht eingewandt werden : „ dafs die
„einzelnen Theile der nervigen Centralmaffe wohl im
„Gegenfatze zu einander und zu dem Gefäfsfyftem , al-
„lein nicht ai^i einander entftehen, fondern an dem Ort«
„ gebildet werden , wo wir fie vorfinden" *). Niemand
wird behaupten , liais das Gehirn etwa erft im Rücken-
mark verborgen gcwefen und aus demfelben hervorge-
fchoben worden fey, wie hier zu verftehen gegeben,
wird. Eben fo wenig wirtt man läugnen , dafs eine all-
gemeine Flfiffigkeit vorhanden feyn muffe, aus welcher
fich daffelbe bildet, dafs alfo das Gefäfsfyftem , nach-
^lem es fich entwickelt hat, in fo fern Bedingung zut.
Entftehung fey: allein dennoch kann man mit Recht
Xagen, dafs von dem Rückenmarke aus, in ununter*,
brochnem Zufammenhange mit diefem das Gehirn ent-
Itehe, dafs die Entftehung des erftern der des letztero
nothwendig vorangehen mfiffe, eine eben fo wefentliche
Bedingung zum Möglichwerden derfelben fey, als die
Anwefenheit der Nahrungsflüffigkeit; diefe Anficht alf«
nicht blofs, wie Herr Carus glaubt, zum Behuf d^f
Demonßraüonen etiva zu eiitfchuldigen ife, fondera
vollkommen als mit der wirklichen Bildungsge-
fchichte übereinßiinmend betrachtet werden kann.
t) Carus a. a, 0, S, 28S.
§. 18-
Uebrigens wird es für jetzt zweckmäTsiger feyn,
zu beobachten, als Gefetze zu geben; und ich gehe da-
lier zunächft zur Darftelhmg der Entwicklungsge-
fchichte des Rückenmarkes und des Gehirrjs nach dem
oben angegebnen Plane über. Da ich von Thiercnibryo-
nen eine vollftändigere Reihe zu unterfucben Gelegen-
heit hatte, als von menfchljchen , und unter jenen die
Huninclienembryonen in den friihften Perioden unter-
fuchen konnte, fo werde ich diele um fo mehr zucrft
betrachten, als fie auch im volikommnen Zuftande un-
ter den übrigen Säugthieren ftehen, deren Nerven-
fyftem ich in Hinficht auf ihre Entwicklung beobachten
kounte.
I. Kaninclienembryonen.
Taf. I, Fig. I — 15.
$• 19-
Der kleinfte Embryo ') ift drei Linien lang,
noch völlig ohne Spuren von Extremitäten, ganz von
der Geftalt eines Wurmes, der Kopf verhältnifsmäfsia
kleiner zum Körper als in fpätern Perioden. Etwas
1 berhalb der Mitte ties Körpers bemerkt man zwei
Ijcr einander liegende, längliche ßlafen , welche auf
i\em Uückenmarke, das auf jeder Seite als ein Streif
I) Taf. I. FIe. I.
C 2
effcheint, auffitzen, von oben nach unten am Viöchften
find und von welchen die obere etwas gröfser und
rundlicher als die untere ift. Auf die obere Blafe folgt
eine dritte mehr rundliche, die von vorn nach hinten
am langften ift und die höchfte Stelle einnimmt. Vor
diefer liegt eine fchräg abfteigende , hinten engere, vorn
und unten fich runtilich erweiternde Blafe, unter allen
bei weitem die gröi'ste, auf welcher feitlich nach vorn,
nicht weit über ihrem vordem Ende, gegen ihren obern
Umfang , das Auge dicht aufQtzt.
Die Bedeutung diefer Blafen ift nicht für alle leicht
auszumitteln. Die dritte ftellt unftreitig, wie fich
aus der weitern Entwicklung ergiebt, die Vierhügel
(Eminentia quadrigeniina) dar: die vordere ift das
Rudiment der Hirnganglien und Hemifpliären, die
hier nur noch eine einfache Maffe ausmachen. Die
erfte Blafe ift höchft wahrfcheinlich das verlängerte
Rückenmarf: die zweite die Hirnjchenkel , oder we-
nigftens der hinlere Theil detfelben.
$. 20-
Bei einem nicht völlig doppelt fo grofsen Em»
bryo ')> an dem beide Extremitäten deutlich, doch
noch ungefingert find, hat fich die Anordnung bedeu-
tend geändert. Das PiLickenmark, weiches gleichfalls
aus zwei Seitenfträngen befteht, wird an feinem obern
Ende bedeutend breiter und biegt fich unter einem rech-
ten Winkel nach vorn. Diefe umgebogeue, nach vorn
i) Tig. 3.
immer ftärker anfchwellende und breiter werdende
Stelle ift das verlängerte, oben ganz offene, Mark.
Hierauf folgt ein einfacher, mehr zufammengezogener,
fehr länglicher, nach vorn gewölbter, nach hinten con-
caverTheil, der fehr fchräg von hinten nach vorn ab-
fteigt, hinten etwas angefchwollen ift, und in feiner
vordem Fläche eine deutliche Längenfpalte zu haben
fcheint, indena er hier durchfichtig ift. Der hintere
Theil feines obern Umfangs fteht etwas hüher als der
obere Theil des vordem Endes des verlängerten Mar-
kesj, ohne ihn aber nach hinten zu überragen. Dies ift
der Vierhiigcl, der in den auf ihn nach unten folgen-
den Theil mit feinem untern zufammengezogenen Ende
allmähliger als beim erften Embryo übergeht. Diefer
vorderfte, unterfte Theil hat feine Geftalt bedeutend
geändert, indem man auf beiden Seiten neben und vor
feinem untern Ende eine fehr länglichte, nach vom ge-
wölbte, nach hinten ausgehöhlte Blafe, unter allen
Hirntheilen den klcinften , herabfteigen fieht.
Die einzelnen Hirntheile gehen alfo in diefem Ge-
hirn ununterbrochner in einander über, das blafige
Anfehen der einzelnen Maffen ift verfchwunden, und
die vorher einfache vordere Maffe hat fich in Hirn-
gan^Hen un<l Hemifphäreii deutlich gefchieden und ift
verhältnifsmäfsig gröfser geworden.
$■ 21.
Ein dritter etwas älterer Embryo ') von unge-
fähr fieben Linien, der nach Angabe Aes Wärters eilf
F«. J - J-
38 -"
Tage alt war, ift zum Theil bedeutend weiter ent-
wickelt. Das Rückenmark ift auf diefelbe Weife an-
geordnet, doch liegen die beiden Seitenhä'Iften diclitei:
an einander, wenn fie gleich ileullich faft in ihrer
ganzen Dicke von einander getrennt und nur vorn
vereinigt find. Auch hier aber verlauft in der ganze»
Länge eine dünne Stelle, die rann wenigftens fehr leicht
in eine, fich nur hier bildende Sp;ilte mit glatten Rän-
dern verwandeln kann. Oben biegt fich das Rücken-
mark unter einem rechten Winkel zum verlängerten
Marke um , das fich von hinten nach vorn beträchtlich
ausbreitet. Die Seitenhälften des Rückenmarkes legen
fich zugleich fo nach aufsen um, dafs die inneren Flä-
chen zu oberen werden, und nur in dem kleinl'teii
äufsern Theile ein fchmaler, nach oben gerichtetng.
In diefem Zurückweichen ift wahrfcheinlich eine
derfelben parallele Wölbung des untern Endes diefes
Theiles nach hinten begründet. Noch genauer kann
man den vordem und den hintern Theil völlig von
einander trennen. Der hintere Theil, welcher be-
deutend gröfser ift, fitzt vorn mit einem plötzliche«
45
Abfatze auf, hinten geht er unter einem fehr l'pitzen
Winkel plötzlich in den vordem über. Die hintere
%\^and des vordem untern fteigt fenkrecht, die vor-
dere etwas fchräg herab, und geht in die vordere Wand
der fogleich zu befchrcibemlen vorderften Anfchwellung
über. Aus der Seite diefes untern vordem Theiles
tritt ein anfehnlicher Nerv, der .SW/7/^7ij , hervor, auf
welchem das Auge, wie auf einem kurzen StieJe fitzt.
Vor dem vordem Abfchnilte des mittlem Theiles, ge-
nau in der vorher erwähnten Vertiefung, nur etwas
auf der Seite derfelben liegt eine erweiterte Stelle,
die von einer Seite zur andern am breitl'ten, von
vorn nach hinten am fchmalften ift, und nach beiden
Seiten die mittlere Stelle etwas überragt, oben etwas
breiter als unten ift, nicht weiter naoh unten als das
untere Ende des mittlem Theiles, allein um ihre
ganze Tiefe weiter nach vom ragt. Sie hat die Ge-
ftalt einer rundhchen, in der Mitte an ihrer vordem
Fläche von oben nach unten etwas eingedrückten und
dadurch , indeffen fehr undeutlich und unvollkommen,
der Länge nach in zwei getheilten Blafe, die äufserlich
überall fcharf von dem mittlem Theile abgegränzt ift.
Das Gehirn befteht daher aus vier Abfchnitten.
Der liinterfte, gröfste ift das verlängerte Mark und die
den vordem Theil deffelben bedeckende Platte höchft
wahrfcheinlich das kleine Gehirn, der vordere höch-
fte , etwas kleinere , fmd die l^ierhiigel ; der vor diefen
liegende, noch kleinere die Hirnganglien, oder
die ■iehhügel ; der kleinfte vorderfte endlich die He-
mil'phüren des gro/sert Gclürns.
46
Oeffnet man die Heinifphären fo, dafs von bei-
den ein Theil ihres äufsern Umfangs weggenommen
wird, fo lieht man l) dafs üe aus aufserft dünnen
Wänden gebildet find; a) dafs fie durch eine von oben
nach unten verlaufende runde, fehr weite Oeffnung,
welche die ganze Höhe und Tiefe der Blafe einnimmt,
communiciren , fo dafs die Blafe wirklich nur eine
Einfache, auch im Innern nur unbedeutend einge-
fchnürte flöhle darfteilt; eine Bildung, die man un-
ftreitig jedestnal, fo oft man Embryonen diefes Alters,
wohl in Weingeift erhärtet, unterfucht, genau he-
ftätigt finden wird; 3) dafä von der Innern Fläche der
vordefn Wand , etwas unterhalb ihrer Mitte , fich ein
querer Vorfprung nach hinten begiebt, der dicker
als die Wände felbft , daher wahrfcheinlich eine
Falte ift, von der man aber äufseriich nichts wahr-
nimmt. Er reicht faft bis in die Mitte der Höhle und
ift, wo ich mich nicht durchaus täufche, die erfte
Andeutung der Scheidewand zwifchen beiden Hirn-
hälften. . Vom Ccfüßgpjlecht findet fich keine Spur.
$■ 26-
Diefem zunächft fteht ein Schafsfötus, deffen
Länge gerade einen Parifer Zoll betr.igt '). Hier
haben fich die Formen und Verhältniife der Hirntheile
fehr bedeutend, doch nicht fo geändert, dafs man
nicht noch leicht die urfprünglicheji erkennte. Das
Rückenmark verläuft faft durcli die ganze Länge der
1) Fig. 30 — 3«.
Wirbelfaule und hört, allmählig zugefpitzt erft ai Li-
nien über dem Ende des Schwanzes auf. Es fchinimert
gleichfalls deutlich durch die dünnen hintern Wände
des VVirbelkanales durch, nur fleht man einen etwas
geringern umfang, indem diefe fich nach hinten et-
was mehr verdickt haben. Die hintere Furche ift
überall , vorzüglich aber im Lenden - und Heiligbcin-
theile fichtbar; hier breiter und deutlicher als in dem
ganzen übrigen Verlaufe. Hier findet , den Extremitä-
ten gegenüber, eine kleine Verftärkung Statt. Die
Geftalt ift weniger breit als beim erften Embryo.
Querdurchfchnitte be weifen, clafs die Höhle noch fehr
grofs ift, nur ift die mittlere vor Jere Vereinigungsftelle
der beiden Seitenhälften des Rückenmarkes etwas
dicker geworden, und überhaupt hat fich nach aufsen
und innen mehr Markfubftanz gebildet, wodurch die
Spalte fowohl von vorn nach hinten als von einer Seite
zur andern verkleinert worden ift. Sie endigt fich
jetzt nach vorn nicht, wie früher, mit einer Spitze,
fondern breit, indem Jene Stelle verwachfen ift. Ob
tlie Hohle jetzt hinten gefchJoffcn ift, läfst fich fchwer
mit Gewifsheit beflimmen. Die fehr deuthcli mit dem
blofsen Auge wahrnehmb.ire Spalte ift dagegen, die
mikroskopifchc Unterfuchung dafür, indem man deut-
lich überall hinten einen fchmalen, die Höhle fchlie-
fsenden Streifen ficht; doch hat diefer eine von der
il>ri!.'cn Maffe vcrl'chiedcne Structur und ii't vielleicht
die Gefäfshaut, was unten in der Lenden- und Hciiig-
b'ringegend fehr dcutlicii fcheint, wo von diefem Strei-
t<.'ii nach innen ein kleiner Fortl'atz in die Höhlo reicht.
48
Das verlängerte Mark macht einen ganz geraden
Winkel mit dem Riitkenniarke. Seine Höhle ift noch
in ihrem gröfsern Theile ganz offen, indem die bei-
den RückcnmarkshäJften fchief von innen und unten
nach aufsen und oben aus einander weichen und lieh
einander gar nicht , wie im Rückenmarke , entgegen-
wölben. Doch ift die Höhle weniger länglich und
verhältnifsmiilsig mehr bedeckt, erfteres, weil das ver-
längerte Mark felbft weniger lang ausgezogen ift,
dieles , weil fich das fclion beim vorigen Embryo
fjchtbare Blatt, welches ihren vordem Theil bedeckt,
verändert hat. Die Hir/ijchenkel find nämlich verhält-
jiifsmäfsig jetzt kürzer und das erwähnte Blatt ift des-
/■halb tiefer herabgerückt und nach hinten gefchoben,
Bm Ib mehr, da es fich auch etwas vergröfsert hat.
Diefes Blatt, das kleine Gehirn befteht ganz deutlich
aus einer rechten und Unken Hälfte, die in der Mitte
von einander durch eine, die ganze Tiefe des Blattes
einnehmende Längenfpalte getrennt find , und zufam-
raen einen doppelt gewölbten Kancl haben. Diefes
Blatt hat längs feinem hintern freien Rande an der
obern Fläche einen fehr deutlichen VV^ulft, der im vo-
rigen Embryo fehlte, und erfcheint daher nach oben
aufgeworfen.
Durch eine ftärker eingefchnürte unil verhältnifs-
mäfsig längere Stelle il"t diefes BJalt von dem darauf
folgenden Theile, der es etwas überragt, getrennt.
Diefer Theil, die Vierhügel, fteigt etwas we-
niger fteil herab und ift verhältnifsmäfsig zu den übri-
gen Theilen des Geliirns kleiner. Sehr deutlich ver-
läuft,
— — ^ 49
Jäuft, wie man fowohl im frifchen Zuftande, als in
dem durch Alkohol erhärteten Gehirne fieht, auch
durch ihn, in der Mitte der ganzen Länge feiner obern
Fläche ein durchfichtiger, fcharf begränzter Streif,
der nach aufsen eine wahre Spalte ift und durch von
einander Biegen der beiden Seitenhälften erweitert
werden kann.
Die HirngangUen find etwas ftärker von den I/ier'
hageln abgefetzt , etwas gröfser , au ihrer obern Hälfte
deutlich verfchloffen.
Die bedeutendfte Veränderung bieten die He-
mifphüren dar. Sie haben nicht mehr die rund-
liche Geftalt, ftellen nicht mehr, wie im vorigen
Embryo, eine einfache, in der Mitte nur fchwach
eingefchnürte Erhabenheit dar, fondern find ganz deut-
lich zwei dreieckige, mit einem obern und einem hin-
tern etwas gewölbten, einem untern, dem längften , et-
was ausgehöhlten Rande verfehene, durch die Sichel der
Mirnhaut in dem gröfsten Theile ihrer Höhe von einan-
der getrennte, hinten durch die ftarken Sehhügel von
einander entfernte , nach vorn ftark convergirende
Höhlen. Ihre Wände find durchaus glatt, keine Spur
einer Windung oder einer Abtheilung in Lappen vor-
handen. Nimmt man die Hirnfichel weg und biegt
die Hemifphären aus einander, fo fieht man, dafs fie
nicht in ihrer ganzen Höhe von einander getrennt,
fondern gegen ihren untern Rand durch einen Ifthnius
verbunden find, der aber viel kürzer als die beim vori-
gen Embryo nur leicht eingedrückte Stelle ift. Ueber-
all findet man die Hemifphären als Blafen, welche von
N. d. Archiv. I. I. D
dem vordem Ende und dem vordem Theile der Seiten- ,
fläche der Hirnganglien abgehen. Geöffnet erfcheint die
Hohle derfelben aufserordentlich grofs und in ihrer
innern Fläche eben fo glatt als an. der äufsern. Von
dem beim vorigen Embryo deutlich fichtbaren, fehr gro-
fsen Querwulfte der vordem Wand ift keine Spur vor-
handen; dagegen erfcheint der geftreifte Körper als ein
nicht unanfehnlicher, vom etwas dickerer, länglicher
Wulft, der ungefähr die Hälfte des Bodens der Hirn-
höhlen einnimmt und fich nach hinten etwas weiter
als nach vorn erftreckt.
Üeber und neben dem geftreiften Körper etwas
flach innen, liegt das kleine, verhältnifsmäfsig zur
Höhle noch fehr unbedeutende Gefäfsgeßecht ^plexus
choroideus).
$• 27-
Bei einem dritten Schafsfotus '), deffen Längp
ji Zoll beträgt, hat das Rückenmark Uiefelbe Länge,
allein es ift verhältnifsmäfsig: ?uni. Körpe«, un^.d^
Gehirn weit kleiner. .:..■; '. ,,.,: /.J ,--i"-'V '':^ -m
Seine Geftiilt ift mehr rundligh,. fcine Anfchwel-
lungen im Verhältnifs zu ..^emizufanimengezogenen
Theile find ani'ehnlicher. . , ', .
Die Höhle ift zwar noch anfehnlich , aber auEsefp
ordentlich viel kleiner, mehr rundlich, docb von
vorn nach hinten etwas breiter als von einer Seile
zur^ andern und liegt genau in der lMittp_, fo da^s ^^
der apfangs dünnere Streifen, welcher,^e beini.,>;9fi>-
rig. ?7 — 45-
gen Embryo vielleicht von hinten verfcliliefst, viel
breiter geworden ift. Von ihrem obern Ende geht
bisweilen eine dünne Spalte nach hinten, ein Ueber-
bleibfel der ehemaligen vollkommnen Spaltung. Sie
erfcheint aber jetzt durchaus überall in ihrem ganzen
Umfange verfchloffen.
Das verlängerte Mark biegt fich unter einena et-
was weniger rechten , mehr ftumpfen Winkel vom
obern Ende des Rückenmarkes nach vorn ab, -hat
auch eine geringere verhältnifsmäßige Länge, ift aber
etwas hoher. Der vordere Theil deffelben ift vom
hintern an der untern Fläche durch eine kleine Ein-
fchnürung unterfchieden , was von der am vordem
anfangenden Bildung des Hirnknoten herrührt. Der
hierauf folgende obere Theil, welcher fich in die
Schenkel des grofsen Gehirns umwandelt, fteigt
fenkrecht in die Höhe, .und wölbt fich nicht erft,
\vie beim vorigen Embryo, ftark nach vorn, um fich
höher oben nach hinten zurückzubeugen, was theils
von der geringern Länge des verlängerten Markes,
theils von dem Zufammendrängen diefer Gegend von
oben nach unten herrührt. In der That ift der Raum
von dem untern Rande des vordem Endes des ver-
längerlen Markes bis zu dem Anfange der Vierhügel
kleiner als beim vorigen Embryo.
Hinten nimmt diefen ganzen Raum das kleine Ge-
hirn ein, welches nicht fchief von oben und vorn nach
unten und hinten abfteigt , fondern wagerecht liegt,
nicht mehr als eine dünne einfache Platte, fondern
tUs ein vorn dickerer, hinten etwas ddunercr, zu bei-
D a
52 ^^ ^
den Seiten rundlich geencligter Streifen erfcheint, der
unter dem hintern Ende der Vierhiigel fo liegt, dafs
er noch von jlenfelben nicht nur von oben bedeckt,
londern auch nach hinten überragt wird und von
einer Seite zur andern etwas breiter als fie ift. Un-
geachtet des letztern Umftandes ift doch die Höhle,
welche fich zwifchen ihm imd den unter und vor
ihm auffteigenden Hirnfchenkeln befindet, von einer
Seite zur andern fchmaler als früher, weil feine
Maffe dicker ift und es iich daher früher an die Sei-
tenränder der Hirnfchenkel heftet. Vom hintern Ran-
de des obern , tlickern Theiles fchlägt fich nach vorn
und innen eine weit dünnere Falte , die nur ungefähr
halb fo weit nach vorn reicht, fich darauf unter ei-
nem fehr fpitzen Winkel gegen fich felbft umbiegt,
und, etwas weiter nach hinten reichend, mit einem
freien Rande endigt.
Der auf das kleine Gehirn folgende Theil, die
Vierhägel, nimmt noch die höchfte Stelle ein, fteigt
fogar mehr fenkrecht als bisher in die Höhe , ift aber
-verhältnifsmäfsig kleiner als bisher. Seine fenkrechte
Stellung rührt davon her, dafs er weiter nach hinten
gefchoben ift. Schon äufserlich ift gegen das hintere
Ende diefes Theiles auf beiden Seiten eine Vertiefung
fichtbar. Theilt man durch einen ienkrechten Schnitt
das Gehirn in zwei Hälften , fo erfcheint die Abfon-
derung der bei den vorigen Embryonen noch einfachen
Hohle in zwei, die Bildung einer wirklich vierhiige-
iigeii Erhabenheit. Der vordere Theil der Höhle,
welcher den vordem Vierhiigeln entfpricht, ift weit
— 53
gröfser als der hintere, welcher fich zwifcheii
zwei Blättern, einem obern und einem untern befin-
det, die fich hinten unter einem fehr fpitzen Winkel
vereinigen und in ihrem Verlaufe beinahe berühren.
So verhält es fich bei einigen Embryonen aus diefer
Periode, während andere eine etwas verfchiedene An-
ordnung darbieten ' ). Die Vierhügel find nämlich äu-
fserlich mit mchrern flachen , querverlaufenden Windun-
gen und Furchen verfehen , welche nach Oeffnung ihrer
Höhle an der inwendigen Fläche noch deutlicher und
ftärker entwickelt erfcheinen und fich beinahe durch
die ganze Breite der Vierhiigel erftrecken. Bei drei
Embryonen, wo ich tliefe Bildung finde, verhält fie
lieh genau auf diefelbe Weife. Es finden fich zwei
nacl) innen vorragende, ungefähr gleich breite Quer-
wQlfte, aufser dem Vorfprunge, wodurch das hintero
Vierhiigelpaar anfängt, welche unter ftumpfern Winkeln
in einander übergehen, als diefes mit dem vordem.
Das untere Blatt der Vierhügel biegt fich
nach hinten wieder untec einem fehr fpitzen Winkel
in den dicht darunter liegenden obern Theil des klei-
nen Gehirns um , io dafs fich jetzt , ungeachtet die
Stelle der Sylvifclien Wafferleitung durch Verengung
der gemeinfchaftJichen Hirnhühle angedeutet ilt, noch
keine grofse Hirnklappe findet. Ihre Stelle wird in
der That jetzt durch den gröfsern obern Theil des
kleinen Gehirns eingenommen, welches, wie fchou
bemerkt , vvagerecht liegend , von hinten den aufftei-
geiiden HiruCchenkeln entfpricht.
54
Von einer Seite zur andern findet ßch keine
Spur einer Trennung der noch fehr anfehnlichen Vier-
hiigelhöhle in zwei Hälften. Sie wird von hinten nach
vorn allmahlig von einer Seite zur andern enger,, von
beiden Enden zur Mitte dagegen bedeutend höher.
Unter den Vierhügein fclilagen fich unter einem
fehr fpitzen VVinke] die Hiriifchenkel fenkrecht ab-
fteigend gegen fich felljft um und verlaufen dicht vor
dem auffteigenden Theiie eben fo hoch als er auf-
ftieg , herab.
Vor ihnen liegen die Hir/iganglien, völlig
von einander getrennt, mit glatten, geraden Flä-
chen einander entgegengewandt, viel weiter in die
Höhle hineinragend, als deren dickere Wände fie vor-
her nur erfchienen. Zwifchen diefen und dem vor-
dem abfteigenden Theiie der Hirnfchenkel bilden die
Seitenwände des Gehirns eine flache Vertiefung, wel-
che mit der Höhle der Vierhögel nach oben , mit dem
Trichter nach unten, mit den beiden Seitenhöhlen an
den Sehhiigeln nach vorn zufaramenhängt, die dritte
Hirnhöhle, welche hier wegen der völligen Trennung
der Hirnganglien gröfser als fpäterhin ift. Nach oben ift
fie verfchloffen, indem, ungeachtet die Hirnganglien von
einander ganz getrennt find , fich doch die obere Wand
der Vierhiigel über fie fo fortfetzt, dafs zwifchen ihr
und ihrem obern Rande eine kleine Vertiefung bleibt,
eine Fortfetzung, wockirch die Seitenhälften des Ge-
hirns zufammenfliefsen. Die Stelle zwifchen der drit-
ten und der Vierhiigelhöhle, welche bei den vorigen
Embrvonen fehr weit war, ift hier bedeutend zufam-
— 55
niengezogen. Eben fo il't die dritte Höhle von einer
Seite zur andern beträchtlich verengt, weil die Hirn-
ganglieu fich nach allen Richtungen bedeutend ver-
gröfsert haben ; doch find diefe noch von einer Seite
zur andern fchmaler als die Vierhügel.
Sehr bedeutend haben fich auch die Hemifpliäreii,
verändert. Sie fteigen nicht mehr fchief von hinten
herab, fondern liegen beinahe fenkrecht. Zugleich
find fie im Verhältnifs zu ihrer Länge beträchtlich
höher, alfo weniger länglich, rundlicher. Ihr vor-
derer Rand wölbt fich beträchtlich über den Riech-
nerven weg, der nicht mehr aus ihrer runden Spitze
entfteht. Ihre Wände find noch fehr dünn, fowohl
inwendig als auswendig glatt; nur an der Innern
Wand und dem Boden finden fich zwei über einan-
der liegende Erhabenheiten, die beide nach oben ge-
wölbt, nach unten concav find. Die obere, gröfsere
nimmt die ganze Länge der Innern Wand ein , ift
in ihrem hintern Theile weit höher und anfehnlicher
als im vordem , wo fie auch von oben nach unten
zweimal durch Vertiefungen unterbrochen wird. Sehr
deutlich ift diefe Erhabenheit, wenigftens in ihrem
gröfsten liinteru Theile, mit welchem fie bis zum hin-
tern unicrn Ende der Hirnhöhle reicht, Amwnnshoni.
Ueberall ift diefe obere Erhabenheit hohl, iniiem an.
der äufsern Fläche der innern Wand ihr in ihrem gan-
zen Verlaufe eine Verlief ung entfpricht. Eben fo deut-
lich wird der gröfsere hintere Theil di».rch den, ilie
innere Wand etwas nach aufsen drängenden Selihilgel
gebildet: iodem mau die innere Wand der Hemifphä-
S6
ren von deinfelben abtrennen kann, und dann die Ver-
tiefung an derfelben genau feiner Wölbung entfpre-
chend findet. Die zweite untere Erhabenheit ift der
gefireifie Körper, der verhältnifsmäfsig wenig gröfser
als beim zweiten Embryo, und noch deutlicher mit
feinem vordem, dickern Endein zwei Schenkel, wo-
von der innere weit kürzer als der äulsere, und nach in-
nen und unten gebogen ilt, ausläuft. Beide Erhaben-
heiten werden durch das fehr grofse Gefäfsgeflecht be-
deckt. Die grofsen Seitenhöhlen find durchaus ein-
fach. Der innere vordere Schenkel des geftreiften
Körpers, welcher dicht vor dem Sehhügel herabfteigt,
fcheint , wenigftens feinem innern Theile nach , Bogen
zu werden.
Von einer Vereinigung der beiden Seitenhälften
des grofsen Gehirns durch Commiffuren findet fich
■ keine Spur. Die innern Wände find in ihrer ganzen
Höhe von einander getrennt und gehen nur vor der
Monro'fchen Oeffnung in der ganzen Höhe derfelben
in einander über. Diefes Markblatt fetzt fich in das
fort, welches oberhalb der ohern Ränder der Sehhü-
gel die beiden Hirnhälften unter einander vereinigt
und die Hemifphären find nur eine Fortfetzung des
fich von diefer Stelle nach allen Seiten hin entfalten-
den Markblattes.
$• 28.
Bei Schafsfötus von ungefähr 3" 6'" Länge ')
hat fich die Bildung io mehrerer Hinficht vervoll-
1) T»£. V. Fig, 4« — 5.
57
kommnet. Die Höhle des Rückenmarkes ift verhält-
nifsmäfsig enger, überall gefchloffen.
Der Winkel, unter welchem das Rückenmark in
das verlängerte Mark übergeht, ift bedeutend ftum-
pfer geworden, indem das letztere weit mehr fchräg
auffteigt als bisher. Zugleich ift es ftark nach unten
gewölbt, von oben nach unten beträchtlich dick, von
einer Seite zur andern aber mehr zufamniengezogen,
feine Höhle oben beinahe ganz verfchloffen.
Das kleine Gehirn hat fich ftärker entwickelt.
Es ift an beiden Seiten angefchwollen , in der Mitte
etwas von oben nach unten eingefchnürt. Am hin-
tern Umfange erfcheinen in der Mitte neben einander
liegend, zwei Paar kleinere Erhabenheiten : an den Sei-
ten ein querer Einfchiiitt, wodurch eine obere, grö-
fsere Hälfte von der untern getheilt wird, und der
gegen die Mitte verfchwindet.
Die obere Fläche des von vorn nach hinten ver»
hältnifsmäCsig breitern kleinen Gehirns, das in diefer
Richtung doppelt fo dick als von oben nach un-
ten ift, erfcheint durch zwei Querfurchen in drei
quere Erhabenheiten abgetheilt. Die hintere Fläche
des kleinen Gehirns ift jetzt von dem kleinen, nach
hinten abgehenden Blatte deutlich abgefchnürt, ftatt
dafs fie vorhin unmerklich in daffelbe überging. Auch
ift diefes jetzt kleiner. Die beiden untern Blätter des
vorigen Embryo erfcheinen zu einem einfachen dicken
Wulfte verwachfen.
Der auf- und abtteigencle Theil der Hirnfilienkel
ift bedeutend niedriger geworden und beide liegen we-
niger dicht an einander.
Die rierhügel find verhältnifsmäfsig weit kleiner,
ragen nicht mehr über die Halbkugeln des Gehirns
empor, foiidern find bedeutend niedriger, als fie,
reichen auch kaum bis zum hintern Umfange des klei-
nen Gehirns, auf welchem fie ilbrigeos noch unmittel-
bar mit ihrer untern Fläche aufliegen , und welches
Ce faft ganz bedecken. Ihre Wände find, befonders
Vorn, um vieles dicker geworden und find, die Ab-
theilung in vorderes und hinteres Paar ausgenommen,
einfach. Die Höhle des hintern Paares ift etwas wei-
ter. Die ganze Hohle ift viel enger, theils wegen
Verkleinerung der Vierhügel in allen Richtungen,
theils wegen Verdickung ihrer Wände. Deutlich fieht
man die grofse Klappe als ein fenkrechtes Blatt, die'
Wafferleitung von hinten bedeckend, von dem vor-
dem Ende der untern Wand der Vierhügel herabftei-
gen. Das kleine Geliirn liegt dicht hinter der Klappe.
Die Hirngangüi'ii fiuii verhältnifsmäfsig gröfser.
Oben findet fich deutlich die Vereinigung beider und
an diefer Stelle eine ftarke markige mittlere Erhaben-
heit, Avelche von vorn nach hinten verläuft und fich
Ober die übrige Oberfläche der Sehhiigel deutlich ab-
gefetzt erhebt. Sie find an ihren iiinern Flächen ganz
gerade, aber völlig von einander getrennt. Von aufsen
nach innen find fie einander auch noch in ihrehi hin-
tern Theile beträchtlich entgegen gewachfen, fo dafs
hier zwifchen dem abfteigenden Theile der Hirnfchen-
69
kel und ihnen kein Kanal mehr übrig bleibt, ße
find daher folider geworden. Zugleich ragen fie jetzt
nach aufsen eben fo weit als die Vierhiigel.
Die Halbkugehi des grofsen Gehirns weichen,
anfehnlichere verhältnifsmäTsige Gröfse und etwas
flärkeres und mehr eckiges Hervortreten des hintern
und untern Winkels abgerechnet, in ihrer äufsern
Geftalt wenig von der frühern ab. Sie find äufser-
lich noch ganz glatt, ohne Spur von Windungen,
im Verhältnifs zu ihrer Länge anfehnlich hoch, von
aufsen nach innen, eben fo daher auch die grofsen
Seitenhöhlen, wenig breit, fenkrecht gelagert, und in
ihrem hintern Ende durch die anfehnlichen , zwifchen
ihnen liegenden Sehhügel von einander getrennt.
Spuren einer Vereinigung iler Hemifphüren über
die Sehhügel hinweg, in einer anfehnlichen Höhe,
alfo eines Balkens, einer Scheidewand, eines Bogens,
finden fich noch nicht, wenn gleich nach unten und
vorn das Markblatt, welches von der äufsern Fläche
der Sehhügel heb über den obern Rand derfelben hin-
wegv/irft, nach unten herabfteigt und von der Innern
'• Fläche der einen Hemifphäre zu der andern , fenkrecht
vor der Monro'fchen Oeffnung herabfteigend , reicht.
Die Wände der Hemifphären find vcrhältnifsmäfsig et-
was dicker als bisher. Der geftreifte Körper und die
über ihm liegende Erhabenheit, welche einander auf-
fallend nachahmen, find verhältnifsinäfsig gröfser. Dlc-
fer ift weifser, jene mehr grau. Beide find nach oben
gewölbt, nach unten ausgehöhlt , vorn ftuiiipf, dick,
tiintCQ düoner und die obere Erhiibcnheit reicht weiter
nach hinten , bis zum hintern Ende der Hirnganglien,"
die untere weiter nach vorn. Beide find durchaus von
einander getrennt. Die obere ift blofs die einwärts drin-
gende innere Wand, und ihr entfpricht daher an der
von der Höhle abgewandten Innern Fläche eine eben
fo geftaltete Vertiefung.
Dagegen ift der gefcreiße Körper in feiner gan-
zen Höhe von der innern Wand getrennt, fitzt nur
mit feiner untern Fläche auf dem Boden der Hirn-
höhle auf. Aufserdem hängt er in der Mitte des
untern Randes feiner innern Fläche mit dem, unter
jener obem Falte und dem Hirnganglion feitwärts vor-
tretenden Hirnfchenkel zufammen. Die Endigung in
zwei vordere Schenkel ift weniger deutlich als bis-
her. Bei näherer Unterfuchung ergiebt es fich indef-
fen, dafs beide noch vorhanden, nur weniger von ein-
ander abgefchnürt find. Der innere, kürzere, wendet
fich unter einem rechten Winkel von der innern Fläche
des geftreiften Körpers , kurz vor der Mitte deffelben,
nach innen , und heftet fich , vor der Afow/o'fchen
Oeffnung , an die innere Wand ; der vordere fliefst ■
auch mit diefer, fich etwas einwärts beugend, zufam-
men. Die kleinere vordere Hälfte der innern WanJ,
wie alle übrigen , ift ganz glatt.
f 29-
Bei etwas über vier Zoll langen Embryonen ') hat
fich die Bildung aller Theile fehr bedeutend vervoll-
kommnet,
Fig. 5J — 57. and Fig. i« — 6i.
'- 61
Die Höhle des verlängerten Markes fchliefst fieh
immer mehr , indem fich theils das kleine Gehirn ver-
gröfsert, theils von hinten und von der Seite die
Wände derfelben fich verdicken. Man unterfcheidet
fehr deutlich zunächft zu beiden Seiten der noch vor-
handenen obern Spalte zwei länglichrundiiche, weifs-
liche VViilfte , die nach hinten zufammenfliefsen.
Unter und neben diefen liegen zwei breitere, grö?
• fsere, aber niedrigere, welche bis zu den Seitenränr
dern des verlängerten Markes reichen.
Das klei/iii Gehirn ift jetzt bedeutend höher un4
ragt über die Vierhiigel hinweg. In der Mitte ift es'
nur wenig ftärker zufammengezogen als an den Sei-
ten , ragt aber dort am ftärkften nach hinten vor.
Deutlich fondert fich der mittlere Theil von den feit-»
liehen ab. In feiner Mitte bildet er einen ftarken,
queren Vorfprung, über welchem fich zwei, darunter
eine Querfurche befinden. Die rundlichen Seiten»
theile find von oben und hinten nach unten und vorn
tief eingekerbt und gehen fehr deutlich in den Hirnkno-
ten Ober. Ein fenkrechter Durchfchnitt durch das klei-
ne Gehirn zeigt die Veränderungen diefes Theiles noch
deutlicher. Es befteht aus einer obern, weit gröfsern,
und einer untern, weit kleinern dünnern Hälfte,
zwifchen welchen eine tiefe Höhle bis faft zur hintern
Flüche dringt. Der obere befteht aus fieben, durch
eben fo viele Quereinfclmitte von einander getrennten
Lappen, und ift fehr tlick : der untere, viel dünnere,
ift hinten, wo er fich an dem obern nach vorn auf-
biegt, dicker als hinten, wo er fit!) njit einem fchar-
62 ^^^^^
fen Rande endigt. Die HirnWappe fteigt ziemlich
fenkrecht herab. Das kleine Gehirn zeigt, quer
durchgefchnitten, fchon eine gi-ofse Annäherung an die
vollendete Form.
Die yierhiigel liegen noch gröfstentheils frei,
nur fangen fie an, in ihrem vorden Theile von
den Hemifphären etwas bedeckt zu werden. Das
hintere Paar ift von dem vordem noch deutlicher ab-
gefetzt. Das vordere ift in feiner ganzen Länge deut-
licher als bei irgend einem frühem Embryo der Länge
nach eingefchnitten : das hintere nur in der Mitte fei-
nes hintern Randes, wovon fich fchon beim vorigen
Embryo eine Spur fand. Die Höhle des hintern Vier-
hiigelpaares iü. verhältnifsmäfsig zur vordem noch grö-
fser als bisher. Diefe ift, wegen Verkleinerung des
Vierhiigelpaares , Verdickung der Wände und tieferm
Herabreichen einer, der äufsern Furche entfprechen-
den, Scheidewand, enger als bisher.
Die Hirnfchenkel fteigen ziemlich fenkrecht in
die Höhe, find aber verhältnifsmäfsig noch niedriger
als bisher.
Die HiriigavgUen find oben vollkommen , oufser-
dem nirgends verwachfen. Diefe Vervvachlungsftelle
ift das Gewölbe. Zwifchen ihnen und den Vierhu-
geln nimmt man eine deutliche Lücke wahr. Sie
überragen diefe jetzt etwas nach aufsen, indem fie
mehr in die Breite gewachfen find.
Die Hemifphären find verhältnifsmäfsig gröfser
und länglicher, noch ganz glatt; ihre Wände aber
bedeutend dicker.
&3
Von den beiden Erhabenheiten, die noch eben
fo ftark als bei dem vorigen Embryo von einander ge-
trennt find, ift der geftreifte Körper nicht bedeutend
verändert: die obere hintere ragt ftärker hervor, ift
ganz hohl und mehr nach hinten gedrängt.
Zwifchen ihrem vordem Ende und dem vordera
Theile des geftreiften Körpers bildet der untere Theil
der innern Wand der Hemifphäre einen kleinen, von
dem übrigen gröfsern Theile derfelben abgefonder-
ten, nicht fehr beträchtlichen , viereckigen Vorfprung
hinter welchem fich die Monro'fche Oeffnung be-
findet. Unftreitig entfpricht diefe Stelle dem vor-
dem Theile des Bogens und der durchfichtigen Schei«
dewand.
Von ihrem obern, rundlichen Rande geht eiii
düntter Markftreifen , der Balken , der hier ganz quet
Tiegt', deffen Lange nur | der ganzen Länge der He-
inirpliSre beträgt, der' auch die Hirnganglicn gar nicht
llerteckt , zu derfclbt-n Stelle der entgegengefetzten He-
Ipliäie. Unter ihm liegt die längliche Hühle det
'durclifichtigcn Scheidewand. Diefe ift nach vorii ge-
fetiloOen, durch ihr hinteres Ende aber fcheint fie fich
'in ilie Monro'fche Oeffnung einzumünden,' und da-
Aurcri mit der dritten Ilirniiöhle zu commuuicircn.
ISach unten gehl von ihrem untern Rande ein cngnr
ICang ab, 'der fich nach voin wenddt und hier zu üff-
Sife'h fcheint. Vor und hinter diefem find. die Hira-
hälftcn zu einer verwachfen.
64
§. 30-
Bei etwas gröfsern, ungefähr 6 Zoll langen Em-
bryonen ') find folgende Veränderungen eingetreten.
Das Rückenmark ift verhältnifsmäfsig noch dün-
ner geworden.
Der Winkel zwifchen dem verlängerten Marke
und dem Rückenmarke ift noch ftumpfer, die hintere
Fläche beider hat faft diefelbe Richtung, doch find
beide ftark von einander abgefetzt, indem das verlän-
gerte Mark bedeutend angefchwollen ift. Von vorn
jiach hinten ift es in det Mitte unten am wenigften
vorfpringend , weit mehr hinten und vorn. Der vor-
dere Vorfprung wird durch den Hirnknoten bewirkt.
Das kleine Gehirn hat fich unter allen Theilen
am bedeutendften vervollkommnet. In der Breite ift
ps wenig, defto mehr aber in der Höhe gewachfen,
fo dafs es die hintern Vierhügel etwas von hinten be-
deckt. Der mittlere Theil ift bedeutend höher ak
die Seitentheile, und läuft nach oben und unten in
eine ftumpfe Spitze aus. Beide find durch eine gro-
fse Menge von Querfurchen ungleich, indem fich
die anfangs in geringer Anzahl vorhandenen, durch
eine Menge Einfchnitte Inder fonft glatten ' Fläche b»-
deutend vermehrt haben, und hängen durch eine et-
was eingefchnürte Stelle zufammen. Man unterfchej-
det bei einem fenkrechten Durchfchnitte fehr deutlich
drei Hauptlappen, einen, vordem, einen aiittlern un(jf
einen
i) Fig. «3 — <?•
65
einen hinleren, welche fchräg von hinten und unten
nach vorn und oben gerichtet, und fowohl durch
fenkrechte, als durch quere, weniger tiefe Einfchnitte
an ihrer hintern und vordem Fläche, unten in meh-
rere kleine abgetheilt find. Von dem untern Ende des
hintern Lappens biegt fich ei^ dünnes Markblatt nach
vorn. Zwifchen ihm und dem, ohne Vergleich gröfsern,
obern Theile des kleinen Gehirns verläuft beinahe
horizontal , doch etwas nach oben und hinten gerich-
tet, die Verlängerung der vierten Hirnhöhle in das
kleine Gehirn.
Die Hirnfclienkel find fehr niedrig und fteigen zu-
gleich fehr fchief in die Höhe , fenken fich auch nicht
wieder herab. Die früher als ihr vorderer, herabftei-
gender Theil erfcheinende Stelle erfcheint jetzt deut-
lich als ein mittlerer, unpaarer, vorn izwifchen ihnen
liegender Theil, der Boden der dritten Hirnhöhle.
Die Vierhiigpl find noch kleiner, jetzt ungefähr
eben fo grofs als das kleine Gehirn , vorn noch wei-
ter von den Hemifphären bedeckt, doch gröfstentiieils
;noch frei. Die hintern find verhältnifsniäfsig bedeu-
tend gröfser, machen beinahe ein Viertheil der gan-
zen Maffe aus, find von den obern ftiiiker abge-
fchnOrt und weit rundlicher als bisher. Die Furche
zwifchen den beiden Hälften der vordem Erliabenlieit
ift weit tiefer als bisher: die hintern find foi^ür noch
weiter von einander getrennt und erfcheinen nur
durch eine kleine Commiffur unter einander verbun-
den. Die Höhle der V'erhügel ift noch bedeutender
X. d. Archiv. Li. J-
66
^rerkleinert und die Scheidewand noch tiefer. Auch
die Höhle des hintern Paares ift kleiner geworden.
Die Hemifphäreti des grofsen Gehirns find be-
deutend vergröfsert. Jetzt erfcheinen zuerft Spuren
der Windungen diefes Theiles als fehr flache, oben
breite, der Länge nach fich erftreckende Eindrücke,
von welchen einer oder zwei an der obern, ein an-
derer an der äufsern Wand verlaufen. Die innere
Wand ift völlig glatt. Der letztere Eindruck fondert
den obern Theil der äufsern Fläche von dem untern
ab, wrelcher plötzlich weit ftärker zurückfpringt , die
erfte Andeutung einer Abtheilung des grofsen Ge-
hirns in einen vordem und hintern Lappen.
Der Balken ift fehr deutlich markig, nimmt un-
gefähr das zweite Viertheil der ganzen Länge der
Hemifphären ein und hat eine anfehnliche Dicke.
Unter ihm liegt die mehr dreieckige Höhle der Schei-
dewand, die nach hinten noch durch einen kleinen
Kanal mit der dritten Hirnhöhle zufammenzuhängen
fcheint, nach unten aber gefchloffen ift. Ueber dem
Balken befindet fich, aufser der Vertiefung, welche
durch das Ueberragen der Innern Wand der Hemi-
fphäre nach innen entfteht , allein dicht über derfelben
eine kleinere , längere, parallellaufende, viel flachere,
kaum merkliche. Uebrigens ift die ganze innere
Wand, wie fchon bemerkt, glatt. Die Wände find
bedeutend dicker, an ihrer Innern Fläche ift von den
äufsern Ungleichheiten keine Spur wahrzunehmen.
Bei näherer. Unterfuchung der zunächft über dem Bal-
ken befindlichen Vertiefung findet man hier eine.
67
nur durch die Gefäfshaut bedeckte Lücke in der in-
nern Wand, die Höhle alfo hier in der That offen.
Der obere Theil der Scheidewandhöhle ift zwar be-
deutend tief, hängt aber nicht mit den Seitenhöhlea
zufamnien, fondern von ihm rührt die auch hier deut-
liche Protuberanz der innern Wand nach innen, dicht
vor der Monro'fchen Oeffnung her.
' Die Hiriiganglien find vom Balken ganz unbe-
deckt. Zwifchen beiden findet fich eine anfehnliche
Lücke, durch welche das Gefäfsgeflecht in die Hirn-
höhlen tritt. Oben hängen fie in einer kurzen Strecke
mitteift einer viereckigen Platte zufammen, die vorn
zwei, mit ihren hintern Enden vereinigte Markerha-
benheiten, hinten einen queren Streif zeigt, in der
Mitte ein kleines rundes Knöpfchen, die Zirbel^
trägt. Zwifchen dem hintern Rande diefer Commiffur
und dem vordem Ende der Vierhügel befindet fich
eine dreieckige Lücke. Die Zirbel ift, wie ein fenk-
rechter Durchfchnitt zeigt, hohl, und jene Lücke nur
fcheinbar , indem von dem hintern Rande der Com-
»nilTur eine kleine Klappe zu den Vierhügeln herab-
fteigt. Die Hirngangüen überragen jetzt die Vier-
hügel nach aufsen bedeutend.
$. 31.
Von nun an geht die Vollendung der Bildung
mit rafchen Schritten vorwärts.
Bei ungefähr fieben Zoll langen Embryonem ')
ift die Höhle des verlängerten Markes von oben durch
I) Fij. (t — 7».
E 3
68
das kleine Gehirn ganz bedeckt. Dies hat Cch in fei-
nem mittlem Theile noch bedeutender entwickelt,
während die Seitentheile zurückgeblieben find. Der
mittlere Theil reicht daher bis zu dem hintern Ende
der vordem Vierhiigel, da er früher nur die hintern
berührt.
Die Vierhiigel find bedeutend kleiner, und fo-
wohl vom grofsen als kleinen Gehirne grofsentheils be-
deckt, fo dafs nur der mittlere Theil frei ift. Da
das kleine Gehirn durch die Art, wie es fich ent-
wickelt, indem es fich von hinten nach vorn allmäh-
lig hebt und vyendet, fich zwifchen die hintern Vier-
hügel drängt, fo find diefe noch weiter aus einander
gerückt und die Commiffur zwifchen ihnen ift brei-
ter, aber dünner geworden. Die vordem ragen da-
.her auch, weil jene mehr auf die Seite gedrängt er-
fcheinen, nach innen gegen die Mitte etwas über fie hin-
weg nach hinten. Die Trennungsfurche zwifchen dem'
rechten und linken vordem Vierhügel ift noch tiefer
und beide find daher noch rundlicher.
Die Schenkel des grofsen Gehirns verlaufen faft
gerade nach vom , biegen fich nur von ihrem hintern
Ende an unmerklich etwas nach oben , aber durchaus
nicht wieder abwärts.
Die mittlere Erhabenheit, der Boden der drit-
ten Hirnhöhle, ift verhältnifsmäfsig viel kleiner und
die, nachher immer einfache zitzenförmige Erhaben-
heit deutlich an ihrem hintern Ende in eine rechte
und linke feitliche Spitze getheilt.
69'
Das grofse Gehirn ift noch gröfser, länglicher
und von einer Seite zur andern beträchtlich breiter.
Die Furchen find bedeutend gröfser und zahlreicher.
Auf der obern Fläche verlaufen drei ziemlich gerade
Längefurchen. Die äufsere, welche die längfte und
höchftc ift, liegt ungefähr in der Mitte und reicht
nach hinten ungefähr fo weit als nach vorn. Die der
Länge nach mittlere liegt am meiften nach hinten und
innen, reicht mit ihrem hintern Ende faft bis zum
hintern Ende der Hemifphären, mit ihrem vordem
nicht völlig bis zur Mitte der obern Fläche. Die
vordere ift die kleinfte, reicht bis zum vordem Ende
herab und liegt weniger weit nach aufsen , als die äu-
fsere, weiter dagegen nach aufsen als die innere, und
würde fich daher zwifchen beide erftrecken, wenn fie
Cch fo weit nach hinten fortfetzte. Sie hört indeffen
'nicht weit vor der äufsern auf.
Die Furche an der äufsern Seitenfläche ift jetzt
»och tiefer, ftärker nach oben gewölbt und fetzt fich
bis zum hintern Ende der Hemifphären fort. Diefe
find daher jcM zt oljen lang ausgezogen , endigen Cch
fpitz, nicht rundliclj unil bedecken daher einen an-
lehnlirlien Theil der Vierhügel. Auch fpringt der
obirre Tlivil nach aufsen ftark vor und überragt den
untrrn, welcher den hintern Lappen bildet.
Sehr deutlich fteigt längs dem untern Theile der
Seitenfläche des grofsen Lappens, längs dem vordem
Rande des kleinen hintern, bis ungefähr zur Mitte
diefer Seit'^nfurche die ftarke Wurzel des Riechnerven
berauf, zwifchen welcher und dem vordem Theile
70
der Seitenfurche ein eigner, ihr paralleler, länglicher
Wulft verläuft.
An der jnnern Fläche verläuft eine Furche, Avelche
unter allen die längfte ift, indem fie faft bis zum hin-
tern Ende upd vorn weiter als die innere , an der obern
Fläche fichtbare, reicht. Sie liegt ungefähr in der
Mitte der Höhe der innern Fläche und ift daher fchwer-
lich für die in der vorigen Periode fichtbare zu hal-
ten, an welcher Stelle fich jetzt die Seitenhöhle ge-
fchloffen hat. Doch find die Wände hier noch äu-
fserft dünn.
Der Balken hat fich bedeutend vergröfsert. Seine
Länge beträgt ungefähr ein Dnttheil der ganzen Länge
der Hemifphären. Er hat fich befonders nach hinten
etwas verlängert.
Die Wände der Hemifphären find beträchtlich
dick, die Capacität der Seitenhöhlen hat fich daher
beträchtlich vermindert.
Die gefireiften Körper erfcheinen kleiner, verhält-
liifsmäfsig zu ihrer Höhe breiter, erheben fich weit
weniger als bisher. Der vordere Theil ihres innern
Bandes bildet drei Spitzen, eine vordere, eine mitt-
lere und eine hintere. Die beiden letztern fchliefsen
den Theil der innern Wand ein , welcher der Scheide-
wand und dem Bogen entfpricht. Die hintere liegt
tmten dicht vor der Monro'fchen Oeffnung.
An der innern Fläche der innern Wand befindet
fich ein ftarker, länglicher, der Vertiefung an der
äufsern entfprechender, dicht über der dünnen Stelle
liegender Vorfpruog, der nach vorn und hinten fich-.
71
endigt, ohne in die Seitenerhabenheiten überzugehen.
Die hintere Erhabenheit, deutlich das grofse Am-
monshorn, ift viel weiter nach hinten und unten ge-
rückt, protuberjrt fehr ftark, befonders in der Mitte
ihres Verlaufes, ,wo fie fich, nachdem fie in ihrem
obern Theile von vorn nach hinten und aufsen ver-
laufen war, umbiegt, und fich etwas nach vorn, un-
ten und innen wendet. Daher an diefer Stelle der
fehr ftarke Vorfprung der Hemifphären. Vor ihr
fteigt der fehr deuthche Saum herab.
Die , ganz von den Hemifphären bedeckten Hirti'
gnngüen find oben nirgends mehr verwachfen, Dia
VerwachfungsfteHe erfcheint aber noch als ein längs
dem innern Rande ihrer obern Fläche verlaufender
Wulft, als der Hornßreif (ftria cornea) und geht nach
hinten in die Schenkel der Zirbel über. Diefe ift
etwas gröfser, Jiber noch verhältnifsmäfsig bedeutend
klein, fehr weit nach hinten gerückt, fo dafs fie jetzt
auf dem hintern Ende der Hirnganglien auffitzt. Sie
Jft jetzt nicht mehr, wrie bei den vorigen Embryonen,
hohl. Zwifchen beiden Hirnganglien vereinigen fich
vor ihr fchon ihre Schenkel. Die Hirnganglien über-
ragen die Fterhügel nach aufsen noch weit bedeuten-
der als bisher.
$• 3i2.
Von nun an treten nur unbedeutende Veränderun-
gen ein, die fich vorzilglich nur auf die verhältnif&<
mäfsige Gröfse der Theile beziehen. Das kleine Ge-
hirn vergröfsert fich , das grofse finkt dagegen zurück.
Da die Entwicklung der Hirnganglien mit der Ent-
wicklung der Hemifphären parallel läuft , fo tritt zvvi-
fchen ihnen und den Vierhügeln fpäter ein Verhältnifs
ein, welches dem frühern ähnlicher ift als das jetzt
beftehende. Zugleich bleibt die Oberfläche de«- Hirn-
ganglien nicht mehr rundlich, fondern wird hinten
ungleich, und es entwickeln fich allmählig die Cor-
pora geniculata an ihr. Die Furchen und Windun-
gen des grofsen und kleinen Gehirns werden von nun
an nicht fowohl zahlreicher als tiefer ').
III.. Schweinsembryonen.
§• 33-
Die Entwicklung der Centraltheile des Nerven»
fyflems konnte ich beim Schweine nicht beobachten,
indem ich zu diefem Behuf nur Embryonen aus rei-
fern Perioden unterfuchen konnte. Doch find diefe
nicht unwichtig, fofern fie zur Verallgemeinerung der
Biidungsgefetze beitragen ').
Die Länge diefer Embryonen beträgt von der
Spitze der Schnauze bis, zur Schwanzfpitze i^ Zoll.
Das verlängerte Mark biegt fich unter einem
ftumpfen Winkel vom Rückenmarke nach oben und
vorn ab. Es ift beträchtlich dicker und breiter und
l) S. Fig. 71 — 75, welche die Geftalt des Gehirns aus einem
ungefähr 9 Zoll langen Fötus darfiellen.
») Fig. 16 — »o.
75
wird letzteres von hinten nach vorn allmähhg mehr.
Am diclvften ift es an feinem hintern Ende und die Di-
menfion der Breite fcheint daher auf Koften der Dicke
zu gewinnen. Die untere Fläche ift gewölbt iind zer-
fällt in zwei Vorfprünge, einen vordem und einen hin-
tern, von denen jener de« Anfchwellungen für die
Ner\'enurfprünge und die Pyramiden, diefer dem
Hirnknoten entfpricht. Die Höhle des verlängerten
Markes ift faft ganz verfchloffen,
Das kleine Gehirn biegt ficii zu beiden Seiten
etwas über den Anfang des verlängerten Markes weg.
Es ftellt eine mehr breite als lange und niedrige, hin-
tenrundlich geendigte, völhg glatte Platte dar, die
an den feitlichen Enden etwas angefchwollen ift und
Cch von diefer Stelle aus fo nach innen gegen fich
felbft und, von den Wänden des verlängerten Markes
umichlägt, dafs dadurch eine, nach hinten und innen
offene Höhle entfteht. In der Mitte entdeckt man
eine deutliche Längenfpalte in ihr. Durchfchnitten
fieht man, dafs es eine .anfehpliche Dicke hat, von
vorn nach hinten allmählig dünner wird, völlig
folic ift, und dafs von dem hintern Rande fich
ein« kleine, viel dünnere Platte nach vorn umbiegt,
welche in die Seitentheile übergeht.
Die Ilirnfclienkel fteigen von item vordem Ende
des verlängerten Markes fenkrecht in anfehnlicher Höhe
auf und fchlagen Cch dann eben fo weit nach unten
henb.
Die höchften Stellen des Gehirns nehmen die t^ier'
hug-l ein, die ziemlich fenkrecht in die Höhe fteigen.
74 -^-^
Ihr hinteres Ende reicht faft fo weit nach hinten,
als das kleine Gehirn , welches nur wenig breiter als
fie ift, und von dem fie durch eine deutliche Ein-
fchnürung- getrennt find.
Man nimmt deutlich eine Trennung in zwei Sei-
tenhälften und in ein oberes und unteres Paar wahr.
Als erftere erkennt man eine dünne Stelle, die in der
ganzen Länge der hintern Fläche verläuft und gegen
ihr vorderes und unteres Ende, ohne jedoch beide
zu erreichen, fogar eine deutliche Spalte wird. . Qfeben
diefer Spalte und dünnen Stelle vertauft auf jeder Seite
ein anfehnlicher Wulft. Wo diefe Spalte hinten und
unten aufhört, laufen zugleich nach beiden Seiten zwei
anfehnliche Vertiefungen, doch nur in einer kurzen
Strecke aus, wodurch die obere weit gröfsere Hälfte
der Erhabenheit von der untern getrennt wird.
Beim Durchfchnitte ficht man, dafsfie, befonders
nach hinten , aus fehr dünnen Wänden gebildet find,
mithin eine anfehnliche Höhle enthalten. An der
Stelle, wo fie auswendig eingefchnürt find, bildet
ihre obere Wand nach innen einen ftarken Vorfprung.
Diefer hintere Theil der Höhle ift bedeutend enger
als der übrige, indem Cch die hintere Wand unter ■
einem fehr fpitzen Winkel nach vorn umbiegt. Diafe
liintere Wand fetzt fich gegen die untere wagerecht
verlaufend, weiter nach vorn fort als die Umbeugung
und geht hier in das kleine Gehirn über.
Die Hirnganglien find anfehnlich, aber e:was
kleiner als die Vierhügel, von denen fie etwas ?bge-
fchnürt find. Sie fteigen fchräg von oben und hinten
75
nach unten und vorn herab. Ihre Wände find viel
dicker als die der Vierhügel und reichen faft bis zur
Mitte des Gehirns, doch find fie ganz glatt und durch-
aus nicht mit einander verwachfen. Der hintere und
obere Theil ihres obern Randes verbinden fich mit
einander durch eine kleine, dünne, wagerechte Brücke.
Hinter ihnen fteigt diefe erft herab, dann wieder auf-
wärts und geht dann in das vordere Ende der Vier-
hügel über. Offenbar ift dies die hintere Commiffur und
die noch hohle Zirbel. Der gröfste Theil des obern und
vordem Randes derfelben ift nicht verwachfen. Neben
ihm verläuft aber der Länge nach ein Wulft, die
ftria Cornea, welche in jene Klappe übergeht. Hier
tritt die Gefäfshaut zwifchen die Hirnganglien herab.
Vor ihnen communiciren beide Seitenhöhlen durch
eine grofse längliche Lücke, durch welche das Gefäfs-
geflecht eintritt.
Die Hcmifphüren find beinahe eben fo hoch als
breit, nach aufsen gewölbt, vorn ftumpf zugefpitzt,
an der äufsern Fläche ohne Spur einer Windung oder
Ungleichheit irgend einer Art. Ihre Wände find äu-
fserft dünn. Geöffnet erfcheint die Höhle /"ehr anfehn-'
lieh. Am Boden liegt der anfehnliche geftreifte Kör-
per nach oben gewölbt, nach unten gerade, vorn dick,
in zwei ftumpfe Spitzen, eine kürzere innere, eine
längere untere, auslaufend, nach hinten allmählig zu-
gefpitzt , faft die ganze Länge der Hölile einnehmend.
Uebor ihnen ift beinahe die ganze innere Fläche derHe-
mifpliüre zu einer concentrifchen, hinten weit hohem,
aber nicht fo ftark vorragenden , vorn fchmalern, aber
76 ^^^^^
ftärker vorfpringenden Erhabenheit aufgeworfen, wel-
cher an der äufsern 'Fläche diefer Wand eine genau
verhältnifsmäfsig vorn tiefere, aber engere, hinten
flachere aber breitere Falte entfpricht. Der hintere,
flachere aber breitere Theil liegt gerade auf den Hirn-
ganglien auf. Von den Hirnganglien lind die geftreif-
ten Körper in ihrer ganzen Höhe getrennt, und man
fieht fehr deutlich den Hirnichenkel ungefähr mitten
unter jenen hervor und hineindringen. .Die innera
Flächen der Hemifphären find nirgends verbunden
als am Boden der vierten Hirnhöhle. An der Mon-
ro'khea Spalte find fie zwar in einem viereckigen
Räume in Berührung mit einander, indem die Flächen
hier glatt und gerade find, aber durchaus nicht mit
einander verwachfen. Diefe Stelle entfpricht unftrei-
tig der Scheidewand und dem Bogen. Ueber diefer
Stelle fängt fogleich die einwärts gerichtete Falte an,
welche fchräg von unten und vorn nach hinten und
oben auffteigt.
IV. Menfchliche Embryonen.
§. 34-
Der kleinfte menfchliche Embryo, den ich in diefer
Hinficht zu unterfuchen Gelegenheit hatte , war unge-
fähr aus der fechften Schwangerfchaftswoche '). Seine
i) Taf. a. Fig. l — *.
Länge beträgt acht Linien, beide Extremitäten find weit
hervorgebrochen, allein ftatt der Finger und Zehen nur
noch von einem rundlichen, fcharf abgefetzten , einför-
migen Rande umgeben. Das Gehirn und Rückenmark
waren nicht vollkommen wohl erhalten, weil der
Embryo zu lange in nicht hinlänglich ftarkem Brant-
weine aufbewahrt worden war. Doch fahe ich deut-
lich folgendes , was auch die Abbildungen erläutern.
Das verlängerte Mark biegt fich vom Rücken-
marke unter einem rechten Winkel nach vorn um,
und bildet den längften , dickften und breiteften Theil
des .Gehirns. Nach unten und vorn ift es ftark ge-
wölbt. Ueber dem vordem Theile der Höhle des
verlängerten Markes liegt eine breite, quere, etwas
fchief von vorn nach hinten abfteigende Platte , welche
in der Mitte deutlich durch eine Längenfpalte in zwei
gleiche feitliche Hälften getheilt ift. Hierauf folgt
nach oben und vorn eine um die Hälfte fchmalere,
einfache, länghch rundliche, nach oben gewölbte
Stelle. Vor diefer liegt eine etwas breitere, fie da-
her nach beiden Seiten überragende, in der Mitte et-
was eingefchnürte Anfchwellung , die von der Seite
betrachtet viereckig, vorn zugefpitzt ift.
Der vordere und obere fenkrechte Theil des ver-
längerten Markes find die Hirnfchenkcl, die Platte
das kleine Gehirn, die darüber liegende einfache Er-
habenheit die VieriiOgeJ , die vorderfce das grofie
Gehirn.
Zur Unterfuchung der jiinern Anordnung waren
die Theile zu bröcklich.
78
§• 35.
Bei zwei ungefähr fieben wöchentlichen Embryo-
nen war die Anordnung der Theile etwas von der
angegebenen verfchieden, und auch nicht bei beiden
völlig diefelbe.
Bei dem etwas kleinern '), weit beffer erhalte-
nen konnte fowohl die äufsere als innere Form deut-
lich erkannt werden.
Das fehr dicke Rückenmark reichte bis zum Ende
des Heiligbeins, wo es fich mit einer ftumpfen , zwei-
getheilten Spitze endigte. Man unterfcheidet deutlich
an ihm eine obere und eine untere Anfchwellung, von
denen die obere unbedeutend ftärker als die untere
jft, die fich aber von dem obern, mittlem und un-
tern Theile, die mehr zufammengezogen find, weni-
ger als in fpätern Perioden unterfcheiden.
Von vorn nach hinten verläuft im Innern deS
Rückenmarkes eine beträchtliche Lücke, die in der
Mitte weiter ift, gegen die Enden fich aber beträcht-
lich verengt. Vorn fcheint fie überall gefchloffen ; al-
lein nach hinten , wenigftens in der Lendengegend, of-
fen. Auf jeden Fall ift hier die hintere Wand fehr dünn,
wie überhaupt fowohl der vordere als hintere Theil der
Rückenmarks wände weit dünner als die feitlichen find.
Das verlängerte Mark biegt fich unter einem
rechten Winkel von dem Rückenmarke ab, ift mehr
als doppelt fo breit , in dem bei weitem gröfsten Theile
feiner Länge oben offen, und es fcheint als fchlUgen
f* i — "•
fich hier die beiden Seitenhälften' des Rückenmarkes
fo nach aufsen um , dafs die innere Fläche zur obern,
fogar zur äufsern wird.
Die untere Fläche bildet nicht mehr ■ eine ein-
förmige Wölbung, fondern ift durch einen queren
Einfchnitt in einen vordem, kleinern, ftärker nach
unten vorragenden, und einen hintern, gröfsern, we-
niger gewölbten Theil abgefchieden , von denen jener,
eine Spur des Hirnknotens zu feyn fcheint. Auch
geht der untere Theil in den obern mehr unter einem
rechten Winkel Ober und die fenkrecht auffteigenden
Schenkel find daher deutlicher von dem verlängerten
Marke unterfchieden. Diefe ziehen fich oben etwas zu-
famraen. Von ihrem obern Ende und ihren Seiten geht
nach hinten eine, befonders in ihrem obern, etwas zu-
Dunmengezogenen Theile, faft fenkrechte Platte nach
hinten herab. Von dem untern Ende diefer Platte
fteigt eine zweite in die Höhe, die von aufsen nach
innen allmählig höher wird , auf beiden Seiten in ihrer
ganzen Höhe üebenmal fehr deutlich eingekerbt, wie
beim früheften Embryo in der Mitte der Länge nach
gefpalten ift, eng an der erften anliegt, fich aber mit
einem völlig freien Rande oben endigt. Höchft wahr-
fcheinlich ift die fenkrechte, aufwärts gekehrte Stel-
lung diefer Platte nur zufällig und fie liegt im normalen
Zuftaniie wagerecht. Daher ift hier die Höhle des ver-
längerten Markes beinaiie ganz offen, während fie beim
vorjgen Embryo oben faft ganz verfchloffen war.
Das kleine Gehirn erfcheint jetzt alfo nicht mehr
aus einer wagerechten, foudern einer weit kleinern
80 --
fenkrechten, und einer gröfsern wagerechteh Platte
zufammengefetzt, welche zufammen die grofse Hirn-
klappe, jene den zwifchen den Vierhiigeln und dem
kleinen Gehirn, diefe den unter dem letztern liegen-
den Theil derfelben bilden.
Ueber diefer Klappe liegt wieder das mehr zu*
fammengezogene einfache Vierhü gel paar , welches über
den oberften Theil derfelben etwas nach hinten ragt,
ohne doch bis völlig zum hintern Rande diefer ganzer»
Hirnabtheilung zu reichen. Es nimmt, wie beim vo-
rigen Embryo, die höchfte Stelle ein, ift verhältnifs-
mäfsig zum kleinen Gehirn fchmaler , nach oben ftark
gewölbt. Vorn ift es etwas eingefchnürt, und von
hier an fteigen die Hirnfchenkel und die ganze Hirn-
maffe jähe wieder herab, fo dafs fie, dicht an dem
auffteigenden Theile verlaufend, eben fo tief als der
Hirnknoten herabreichen. Wo diefer niederfteigende
Theil anhebt, fmd die Vierhiigel eingefchnürt und er
entfpricht unftreitig den Hirnganglien und der drit-
ten Hirnhöhle. Unten und vorn ift diefer Theil durch
die dreiekigen , fenkrecht herabfteigenden , vorn zuge-
fpilzten , mehr länglichen Hemiiphären des grofsen Ge-
hirns bedeckt, die tiefer herabreichen und aus deren vor-
derm Ende, oder wenigftens nur dicht unter demfelben
der Riechnerv tritt. Die Wände der Hemifphären find
ganz glatt: eine kleine, der Länge nach verlaufende
Vertiefung in der Nähe des hintern Randes abge-
rechnet, die vielleicht fchon eine unvollkommene An-
deutung der Theilung der Hemifphiiren in den vor-
dem
clern und hintern Lappen ift. Jede Hemifjjhäre ift
wenig gröfser als der Vierhiigel oder Sehhügel.
Die llerhiigel , die Hbngaiigüen und tlie Ue-
mlfphüren find ganz verfchloll'en , und, wenn gJeiq}x
diefe deutlich von einander getrennt find, fo findet
fich doch eine mit der obern Fläche der Hirnganghera
in eias verlaufende dünne Bracke, welche pngefähr
}n der Mitte der Hohe die innere Flache der Hemi-.
fphären mit einander verbindet. Wenigftens fcheint
hier eine Verwachfung Statt zu finden, ungeachtet jejS
i^hch ift, dafs die Verljindung nur durch die Ge-
fäfshaut gefchieht. Dies ift in fo fern nicht unwahr-
fcheinJich, als fie in ihrem gröfsten vordem TheJle
fich fehr leicht, im obern nur fchwer trennen läfst.
Längs dem grüfsten vordem Theile des obern ^Randes
verlauft auf beiden Seiten ein breiter Wulft, der ia
die hintere Vervvachfungsftelle übergeht.
Geöffnet ift die Befchaffenheit der Theile fol-
gende. ■ Das verlängerte Mark und die Hirnfchenkel
in ihrem auffteigenilen Thoile find beträchtlich dick.
Eben fo hat auch der gröl'stc Theil des kleinen Gehirns,
nSmlicii der untere und hintere Theil der abfteigen»
den Platte deffelben eine fehr anfehnliche Dicke. Da-
' gegen ift der umgefchlagene Theil deffelben fehr dünn.
Sein oberer Theil oder die Hirnklappe, die Vierhügel
Und die oBftre Wand der Vierhügcl , fo wie der Hemi-
fphären find gleichfalls dOnn : dieSeitftnwände der Vier-
llDgel un Hirnganglien dagegen find ilick, nach innen
angefchwollen. Die Hemifphären enthalten einen klei-
V. d. Arcliiv. 1.1. F
82 — ^
nen, von oben nach unten gerichteten, nach vorn
gewölbten Höcker, der fich auf ihrem hintern Rande,
dem Boden erhebt, aufserdem auf dem, unter dem Hirn-
ganghon hervortretenden und fich nach aufsen und
Vorn fchlagenden Hirnfchenkel auffitzt, unftreitig der
geftreifte Körper. Vom Gefäfsnetze findet fich keine
Spur.
Bei dem etwas gröfsern , aber aufserdem durch-
aus nicht voUkommner entwickelten Embryo ift die
Anordnung etwas, doch unbedeutend, verfchieden.
Bas verlängerte Mark geht unter einem ftumpfefrn
Winkel in das Rückenmark über, dieHirnbrüeke fpringt
etwas ftärker hervor. Das kleine Gehirn fcheint we-
niger deutlich von den Vierhiigeln abgefetzt. Diefe
bilden zwar die höchfte Stelle des Gehirns , find aber
weniger ftark gewölbt. Die Hirnfchenkel fteigen we-
higer fteil auf und ab. Die Hirnganglien find rund-
licher , die Hemifphären mehr von einander getrennt,
und liegen mit ihrem gröfsten Durchmefler von vorn
nach hinten, nicht von oben nach unten. An ihrer
üafis liegt der etwas gröfsere , ihren ganzen unter'a 1
Hand einnehmende geftreifte Körper, der, weit von
dem Hirnganglion getrennt , auf dem unter diefem 1
hervortretenden Hirnfchenkel auffitzt.
$. 36-
Bei einem ungefähr neunwöchentlichen Embryo]
hdt fich die Geftalt der Theile hedeiitend verändert ').
1) Flg. 15 — 19.
83
Das verlängerte Mark ift verbaltnifsmüfsig weit
]<leiner. Das kleine Gehirn ift dicker, höher, über-
ragt das verJängerte Mark. Sein hinterer Rand ift
noch in der Mitte eingefchnitten. Die Vierhügel ftei-
gen^ fenkrecht in die Höhe, bilden aber nicht mehr
die höchfte Stelle des Gehirns. Sie find noch völlig
einfach und enthalten, da fie aus fehr dünnen Wän-
den beftehen , eine fehr grofse Höhle. Küher als fie
liegen die Hirnganglien, die etwas rundlicher gewor-
den find und nicht mehr abwärts fteigen. ßefonders
haben fich die. HemiJ'phüren bedeutend vergröfsert. Sie
bedecken nach hinten nicht nur die Hirnganglien
ganz, fondern auch einen Theil der Vierhügel. Sie
Legen gerade, find im Verhältniis zu ihrer Länge be-
deutend hoch. Ganz deutlich unterfcheidet man einen
vordem, gröfsem und einen hintern, kleinern Lap-
pen, die durch eine anfehnliche, fchief nach vorn ab-
fteigende Furche von einander getrennt find. Aufser-
-dem gehen von dem ganzen obern gewölbten Rande,
fein vortleres und hinteres Ende ausgenommen, eine
Menge nicht fehr tiefe, einfache, aber fehr deutliche,
quere Vertiefungen, zwifchen welchen fich eben fo
viele quere Wüll'te befinden und welchen abwechfelnd
Erhalienheiten und Vertiefungen an der Innern Flächa
der Hirn wand entfprechen , nach aufsen. Von dem
hintern Ende des untern Randes des vordem Hirn-
lappens entfpringt der Kiecl)nerv.
Die Wände find fehr dünn; die Seitenhöhlen
einfach; doch nimmt man fchon die Abtheilung in ein
vorderes und hinteres ilurn deutlicher wahr, indem
F a
84 —
fich in der Mitte der Grundfläche die Hirnfubftanz
bedeutend verdickt, wodurch vorn und hinten eine
bedeutende Vertiefung entfteht. Die an der innern
und der Grundfläche befindlichen Theile werden durch
ein fehr ahfehnliches Gefäfsgeflecht , welches nach
oben gewölbt, nach unten höhl ilt und beinahe von
deni vordem bis zum hintern Ende der Höhle reicht,
bedeckt. An der Grundfläche' liegtr der geftreifte Korr
per, der auf der verdickten Stelle auffitzt oder lie
vielmehr bildet. Er ift ftark gewölbt, vorn und hin-
ten, dort aber ftärker, angeicfa wallen , jedoch im
Verhältnifs zu feinem mittlem Theile an beiden En-
den nur fchwach verdickt. Der hintere Theil biegt
lieh etwas nach vorn und fpitzt fich hier wieder zu.
Nach Wegnahme des Gefäfsgeflechts erfcheint ein,
dem geftreiften Körper concentrifchcr, dicht über ihm
liegender, ihn zu beiden Seiten überragender Vor-
fpriing. aa der innern Fläche , der fich in dem grofs-
ten Theile feines Verlaufs , namentlich dem obern und
hintern, über ihn weg krümmt, vorn ihn nicht völlig
begleitet, fondern fich erft auf, dann unter einem fpitzcn
Winkel wieder abwärts beugt und fo einige Linien,
über dem vordem Ende deffelben aufliurt. Die vordere
Hälfte aller diefer Theile liegt im vordem, die hintere
im hintern Hörn. Der letztbefchriebene ift offenbar
das Ammonshorn, Von einem dritten Hörne der Sei-
tenhöhle ift noch keine Spur vorhanden.
Die übrige Anordnung der Theile ift wegen der
bröckJichen Befchaffenheit des Gehirns nicht deutlich
au erkennen.
. S5
§■ 57.
Weit beffer eignete fich zu einer voUftändigen
Befchreibung das Rückenmark und Gehirn eines un-
gefähr eilf wöchentlichen Embryo ').
Hier ift das immer ftärkere Ueberwiegen des
Gehirns über das Rückenmark und am erftern das
Ueberwiegen des grofsen Gehirns über die übrigen
Theile noch weit deutlicher. Das Rückenmark reicht
«war noch bis zum Ende des Heiligbeins, es findet
fich mithin kein Pferdefchweif, allein es ift dünner:
die obere und untere Anfchwellung find verhältnifs-
tnäfsig dicker und kürzer. Die obere übertrifft die
tintere bedeutender als bisher an Dicke. Seine Höhle
ift fehr deutlich, fcheint aber überall, höchftens die
Lendengegend ausgenommen, nach hinten eben fowohl
als nach vorn , völlig gefchloffen zu feyn. Indeffen
zeigt fie überall noch fehr deutliche Spuren der frü-
hem Bildung, indem fie vorn rundlicher, viel weiter
jft und fich nach hinten zu einem fclimalern, mehr
langen Streif verengt, der aber, wie bemerkt, nicht
bis zur Mitte des hintern Umfangs reicht. Beide
Spalten find deutlich : die vordere aber viel be-
trächtlicher : beide, vorzüglich die vordere, von der
Höhle deutlich unterfcliieden. - In der Lendengegenil
ift es zum Theil ungewifs, ob fich nicht doch noch
die hintere Spalte in die Höhle fügt.
Das verläirgerte Mark biegt fich unter einem
ftumpfen Winkel vom Rückenmarke nach oben alj.
Ij I-JJ. 20 — 31.
-Zugleich fpringt es ftärker vor clemfelben vor, un-
ftreitig, weil ficli die Pyramiden und Oliven mehr ent-
wickelt haben. Der Hirnknoten ift daher hier faft
weniger deutlich als bei frühem Embryonen, zumal
da er überdies fchmal und flach ifi. In der Mitte ift
er fehr ftark von vorn nach hinten vertieft. Dia
vierte HirnhöhlS ift mehr als bisher verfchloffen, theils,
weil ßch das kleine Gehirn ftärker entwickelt hat, theils^
weil die Seitenwände fich nicht mehr nach aufsen biegen,
fondern nach innen gewachfen und dicker geworden find.
Hinter derfelben fieht man auf der obern Fläche des ver-
längerten Markes drei Paare von Erhabenheiten , wel-
che nach hinten convergiren, von innen nach aufsen
und von vorn nach hinten auf einander folgen und
von welchen die beiden äufsern in zwei Markftreifen
übergehen, welche neben einander auf beiden Seilen
neben der hintern Rflckenmarksfurche längs der er-
ften Hälfte der hintern Fläche des Rückenmarkes
verlaufen , fo dafs die Innern etwas früher aufhören.
Unl'treitig gehören fie zu den ftrangförmigen Körpern
und ihre Entwicklung fleht mit dem ftäfkern Wachs-
thum des kleinen Gehirns in Beziehung.
Das k!ei/ic Gehirn überragt das verlängerte Mark
anf beiden Seiten bedeutend. Es ift beträchtlich mehr
breit als lang, von oben nach tmten am niedrigften.
Seine hintere Fläche ift in der Mitte etwas vertieft: die
Seitentheile find auch aufserdem etwas angefchwollen.
Es i't beträchtlich dick, ganz folide und völlig glatt.
Von feinem hintern Rande biegt fich ein kurzes, dün-
nes Blatt nach hinten.
Die Hirnfclienkel fteigen fchräg in die Höhe und
find im Vergleich mit den frühein Verhältniffen fehr
niedrig, biegen fich bald nach vorn.
Die Vierhiigel find fehr anfehnlich, und zeigen
zuerft eine Andeutung einer Spaltung in eine rechts
lind linke Hälfte, durch eine fchwache, ihren gröfs-
ten obern Theil einnehmende Längenvertiefüng , fo
■wie in ein vorderes und hinteres Paar dadurch, dafs
ihr unterer Theil nicht in derfelben Richtung mit
dem übrigen verläuft, fondern unter einem ftumpfea
WinUel von demfelben abgebogen ift. Er ragt vinge-'
fähr fo weit nach hinten, als das kleine Gehirn, be-
deckt daffelbe daher.
Die Höhle der Vierhügel ift noch anfehnlich,
doch wegen vermehrter Dicke der Wände bedeu-
tend kleiner als in frühem Perioden. Der Boden
wölbt fich beträchtlich nach oben, gerade wie man
es bei den Vierhügeln der Vögel findet. Am engften
ift der hintere Theil der Höhle, welcher dem hintern
Vierhügelpaare entfpricht, luigeachtet hier die Wände,
hefonders die untern, am dünnften find, indem fig
fich hier unter einem fehr fpitzen Winkel gegen ein-
ander umfchlagen, dafs lieh ihre innern Flächen
faft berühren. Von dem vordem Ende geht die
Hirnklappc ab. Diefe ift nicht gerade, fondern bil-
det nach hinten einen Vorfprung. Es fcheint entwe-
der, als werde fie durch die dicker werdende Platte
des kleinen Gehirns in die Höhe gedrängt, oder als
falte fie fich, weil fie für den gegenwärtigen Raum zu
SS . — -- — —
grofs ift, und doch fpäterhin einer nicht unbedeuten«
den Ausdehnung gewachfen feyn mufs.
Die Hirnfchenkel fteigen unter den Vierhügeln
empor, find aber verhältnifsmäfsig weit niedriger als
früher. Von ihnen rührt die anfehnliche Anfchwel-
lung am Boden der Vierhügelhöhle her.
Vor den Flerhügeln liegen die Hirnganglien , die
jetzt fehr rundlich und etwas hölier als fie, find.
Längs ihren obern Rändern liegt auf ihrer obern Flä-
che' ein aufgeworfenes, vorn dickeres, nach hinten
allmählig dünner werdendes Blatt, welches fich nach
hinten in eine kleine Klap})e fortfetzt, die erft ab-
fteigt, dann auffteigt und in die vordere Wand der
Vierhügel übergeht. Diefes aufgeworfene Blatt ift der
Hornftreif, der nach hinten in die Schenkel der Zir-
bel übergeht: diefe wird durch jene kleine Klappe
. angedeutet. Die Innern Flächen der Hirnganglien find
" ganz gerade, glatt, zeigen durchaus keine Spur einer
Vereinigung. Ueber und unter ihnen verläuft ein
enger Kanal aus der Vierhiigelhölile zu der dritten
Hirnhöhle. Vor ihnen befindet fich die weite Monro-
fche Oeffnung.
Die Heinifphüren haben ungefähr diefelbe Geftalt
als beim vorigen Embryo. Doch find fie etwas weni-
ges länglicher. Diefelbe fehr tiefe Theilung in einen
vordem und einen hintern Lappen. Eben fo finden fich
aiich Windungen, doch ift ihre Zahl verringert; dage-
gen find fie beträchtlich tiefer und breiter. Sie finden
fich in gleicher Menge auf dem hinlern und vordem
Lappen und überall find da, wo fie vorhanden find, , die
^^ ^ 89
Wände der Hirnhdhlen gefaltet , fo dafs fie an der in-
nern Fläche eben fo gut wahrgenommen werden , als
an der äufsern. Vorzüglich tief find die an der in-
nern Wand verlaufenden. Hier verläuft vom vordem
bis zum hintern Ende eine anfehnliche, tiefe Längen-
fiirche, von welcher aus nach oben und hinten, an
mehrem Stellen lehr regelmafsige Fortfätze abgehen,
dicht über dem untern Piande der innern Wand.
Ihre Höhle ift ftark nach oben gerichtet.
Die Seitenhöhlen zeigen noch keine Spur eines
dritten Hernes, wenn man nicht den grofsen hintern
Theil der Höhle dafür halten will. Die aufsere Wand
ift in dem Thcile, welcher der untern vordem Hälfte
des Lappens entfpricht, gegen fich felbft fehr ftark
nach innen und hinten umgefchlagen , fo dafs hier eine
weite, fackförmige Falte entfteht, welclie nach in-
nen ragt.
DieGränze des vordem und hintern Lappens trifft
■die Mitte des geflreiften Körpers. An diefer Stelle ift
der Boden der Hirnhöhle ftark nach oben gewölbt.
Diefelbe Richtung hat auch der geftreifte Körper, der
ftark hufeifenförmig gekrümmt ift, vorn und hinten
deutlich, doch nicht fehr ftark angefchwollen, hier
zuletzt wieder zugcfpitzt, dort an feiner obern Fläche
nach vorn und innen tief gefurcht ift, fo dafs er in
zwei frumpfe Spitzen ausläuft. Er ift durch eine tiefe
Lücke Vom Sehhügel gelrennt.
Uel>er ihm liegt die oben erwähnte, an der innern
Wand verlaufende Falte, welche ftark nach innen und
oben vorfpringt, und ihm concentrifch vi läuft. la
90
ihrem mittlem Theile ift fie einfach. Vorn fteigen
von ihr fünf Falten ab, zwei nach oben, drei, welche
von jenen etwas abgefondert liegen , nach unten und
vorn. Wo Ce fich nach hinten umbiegt, fpaltet fie
fich in vier Schenkel. Der eine geht nach oben, der
zweite nach hinten und aufsen, die beiden übrigen
nach unten und vorn. Der zweite ift unftreitig das
hintere Ammonshorn, der dritte die eminentiu coUa-
teraüs , der vierte, längfte, nach vorn und unten ge-
bogene, das grofse Ammonshorn.
Das innere Blatt diefer Falte biegt fich im mitt-
lem Theile derfelben nach unten und innen dem der
entgegengefetzten Seite entgegen, und fcheint mit_
ihm in der Mitte, vor und über dem Hirnganglion
zu einer dünnen Brücke zufammen zu fliefsen. Diefe
Brücke ift , wenn fie wirklich vorhanden ift , unftreitig
der Balken. Allein es ift möglich, dafs die Verbin-
dung nur durch die Gefäfshaut gefchloffen ift, weil
fpätere Embryonen und mehrere thierifche auf eine
andere Entwicklungsweife diefer Gegend hinzudeuten
fcheinen. Doch ift der ganze Rand diefer Stelle rauh,
und es fcheint daher deutlich, als finde hier eine
wirkliche Markverbindung Statt. So weit diefe
reicht, findet fich unter ihr eine longitudinale, abftei-
gende OelTnung, durch welche die beiden Seitenhöh-
len mit einander communiciren. Wo fich diefe Oeff-
nung unten fchliefst, liegt die fehr deutliche vordere
Comroiffur. Hinter diefer Oeffnung fteigt, vor der vor-
dem Fläche des Hirnganglions, allein durch die lange
MoEro'fche Oeffnung von ihm getrennt, der nach innen
umgebogene innere vordere Schenkel des geftreiften
Körpers nach oben. Diefer iftvon dem der entgegenge-
fetzten Seite völlig getrennt, fliefst eben fo wenig nach
oben mit dem, was man für Balken halten kann, zu-
fammen , fondern zwifchen ihm und dem Balken be-
fin.let Geh die vordere, oben angegebene, Lücke.
Höchft wahrfcheinlich alfo wird diefer innere Theil
des geftreiften Körpers ganz oder wenigftens zum Theil
(letzteres ift wahrfcheiniicher, weil er wieder der
Länge nach durch eine kleine Furche in einen äufserri
und innern Theil abgegränzt ift), zum vordem Theil
des Bogens und jetzt hängen entweder beide Hirn-
hohlen an der Stelle, wo fich nachher die fenkrechte
Scheidewand und ihre Höhle findet, zufammen, oder
diefe Oeffnung wird durch die Gefäfshaut verfchloffen.
Indeffen findet fich doch eine Stelle, welche
höchft wahrfcheinlich Andeutung der fenkrechten
Scheidewand ift. Der untere und vordere Theil
nämlich der innern Wand der Hemifphären, der un-
terhalb jener Falte liegt, fteigt fenkrecht, gerade her-
ab, und liegt dem der entgegengefetzten Seite fehr
nahe. Er fliefst nach hinten in den innerften Theil
des geftreiften Körpers, den ich für den Bogen halte,
über. Nach innen ragt er ftark angefchwollen empor.
Diefer Theil ftellt für jetzt den erften Anfatz zur
Bildung <ler Scheidewand dar, wenn gleich die bei-
f den Blätter noch nicht an einander liegen, auch die
^, Verwachfung der beiden Seiten hälften, welche nie/-
lekht durch den innern Rand des untern Faltenblat-
les gefchieht, nicht fo weit herabreicht , und dahei; jetzt
die Scheidewandhöhle gewifs nach allen Richtungen
offen . ift oder noch gar nicht exiftirt.
§• 38.
Das folgende Gehirn und Rückenmark ift von ei-
nem ungefähr vierzehnwüchentlichen Embryo '), def-
fen Länge von dem Scheitel bis zu den Zehenfpitzen
fünf Parifer Zoll beträgt.
Das Rückenmark ift etwas kleiner geworden, in-
dem es weniger lang und dünner ift.
Vorzüghch ift eine, wenn gleich fehr kleine, An-
deutung der Trennung der oberften von der raittlern,
der Armanfchwellung , entftanden.
Der mittlere zufamniengezogene Rückentheü ift
rerhaltnifsniäfsig etwas dünner und länger.
Die untere Anfchwellung nimmt zwar noch den
ganzen Lendentheil ein, zieht ßch aber fchon in der
untern Hälfte deffelben beträchtlich zufammen, und
geht fchon auf dem zweiten Heiligbeinwirbel in den
Faden über. '
Die obere Anfchwellung ift zwar kürzer, aher
deutlich dicker als die untere.
Die hintere Furche ift beträchtlich tief, die Ober-
fläche des Rückenmarkes gleichförmiger, indem die beim
vorigen Embryo deutlichen Liingenerhabenheiten längs
der hintern Furche niedriger find.
Das verlängerte Mark ift kleiner, das kleine Ge-
hirn dagegen verhältnifsmäfsig gröfser , fteht fchief
«) Piß. 32 — 34-
von oben und hinten nach vorn und unten. Es be-
Üeht deutlich. aus zwei Seitenhälften und einem mitt-
lem Theile. Diefer ift aber verbältnifsmafsig weit
niedriger als vorher. Auch ift er weit dünner von
vorn nach hinten, wogegen die Seitentheile rundlich
angefchwollen find. Der obere Rand der ganzea
Maffe ift ftark concav, in der Mitte fcharf, an den
Seitentheilen ansrefchwollen , rundlich. Der untere
Rand ift gerade.
Vom gnnzen untern Rande geht nach hinten eine
dOnne Platte ab. Diefe fchlägt fich an den Seiten
und vielleicht auch hinten gegen fich felbft um und
heftet fich an die Seitentheile und die hintere Gegend
der ftrangförmigen Korper, fo dafs fie wie eine Brücke
über den hintern Theil der vierten Hirnhöhle weg;
geht. Auf beiden Seiten aber findet fich , auch wenn
hinten, zwifchen der auf diefe Weife doppelten Platte
ein Zufammenhang vorhanden feyn follte, eine Lücke,
durch welche das Adernetz der vordem Hirnhöhle,
dicht auf diefer Briiclce liegend, eindringt. Das ganze
kleine Gehirn ift glatt, mit Ausnahme des mittlem
Theilcs, der etwas oberhalb der Mitte feiner hintern
Fläche eine tiefe Ouerfurche, und fowohl über als
unter diefer eine flachere hat, die fich nicht auf die
Seitentheile erftrecken.
Es ift völlig folide, mit Ausnahme der Stellen,'.
wo fich, an den Seiten beftimmt, die untere Platte
get;en fich felbft umfchlj^t und hier eine nicht un-
beträchtliche Höhle bildet, welche mit der vierten
Hirnhühle zufammenhängt.
l
■94 — ~
Die vierte Hirnhöhle reicht nur in einer fehr
kleinen Strecke von unten und vorn nach oben und
hinten in daffelbe.
Die Vierhügel find ganz zwifchen ihm und dem
hintern Theile des grofsen Gehirns verborgen. Die
Höhle derfelben ift noch anfehnlich, da ihre Wände dün-
jier lind ; doch iit fie befonders mehr hoch und hat nur
eine geringe Breite, weil die Wände von aufseu nach
innen fich beträchtlicher verdickt haben. Die Höhle
des hintern Paares ift fehr kurz und eng.
Das grofse Gehirn hat eine etwas länglichere Ge-
ftalt als bisher.
Die Hirnganglien find bedeutend gröfser als die
Vierhiigel: mit glatten, geraden innern Flächen ein-
ander entgegengewandt, aber nirgends verwachfen.
Vor ihnen liegt die weite Monro'fche Oeffniing.
Darauf folgt eine Stelle, an welcher die Hirnhälften
verwachfen find, und welche dem Bogen, der Schei-
dewand und dem Balken entfpricht. Sie ift dreieckig,
aber ftumpf, unten zugefpitzt. Diefe Stelle liegt vorn
und unten , ift breit und kurz und hat mit der
beim vorigen Embryo bemerkten Anordnung nichts
gemein. Hinter ihrem untern Ende liegt die fehr
deutliche vordere Commiffur.
Der innere vordere Schenkel des geftreiften Kör-
pers ift verhältnifsmäfsig kleiner geworden, und es
hat fich eine deutliche Scheidewand zwifchen den bei-
den Seitenhöhlen gebildet, deren hinterer wulftiger
95
Rand der innerfte vordere Theil des geftreiften Kör-
pers zu feyn ichejnt, der mit dem der entgegenge-
fetzten Seite zufaramengefloffen ift, ftatt dafs beim vo-
rigen Emijryo beide getrennt waren. Die geftreiften
Körper beider Seiten hängen mittelft deffelben zu-
fammen, allein dagegen erftreckt fich die Vereinigung
der innern Fläche des geftreiften Körpers mit diefem
Theile, welcher dem Bogen entfpricht, weniger weit
nach oben , ftatt dafs er bei dem vorigen Embryo faft
die ganze Höhe des geftreiften Körpers hatte. Dort
erfchien er alfo als ein Theil diefes Körpers , hier als
ein eigner, von demfelben getrennter, der lieh in dem
Maal'se von demfelben abfontlert, als er zur Bildung
der Scheidewand beiträgt. Vor diefem Theile liegt
ein breites Blatt, die durchCchtige Scheidewand; vor
und darüber der Balken. Diefer ift aber jetzt weit
kürzer als die Brücke beim vorigen Embryo und
fchejnt nur feinem vordem Theile nach vorhanden
zu feyn.
Die Falten an der innern Wand der .Hemifphä-
Ten find bedeutend verftrichen. X)ie von dem hinte-
ren Theile abgehenden Fortfätze find beinahe deut-
licher als diefer. Jener fcheint zur Bildung des ab-
fteigenden Blattes, welches die Scheidewand zwifchen
den beiden Seitenhöhlen jetzt bildet, verwandt und
in demfelben Maafse der früher längere Balken hinten
verfchwunden zu feyn. An iler äul'sern Fläche des gro-
feen Gehirns finden fich noch, wie beim vorigen Em-
bryo, quere Furchen, doch find fie niedriger, flehen
96 ^^
weiter auseinander und, was fehr merkwürdig ift, ße
find zu verfchwinden bereit, indem in fie neue Hirn-
fubftanz von der Gefafshaut abgefetzt wird, welche,
•wenn man djefe abzieht, an ihr feftfitzen bleibt, wo
4]ann die Windungen erft zuni V^orfchein kommen.
lAuf diefelbe Weife verichwindet auch die tiefe Furche
zwifchen dem vordem und hintern Lappen.
Bei Eröffnung der Seitenhohlen findet man die
Hervorragungen wie beim vorigen Embryp; nur fprin-
gen alle, befonders aber der mittlere Theil der Län-
genfalte, etwas weniger ftark hervor.
Sehr deutlich erkennt man an der obern Hälfte
des vordem, hohleh Randes des grofsen Amnionshorns,
welches iu feinem ganzen Verlaufe hohl und unteii
nicht angefchwollen, fondern ftumpffpitzig • geendigt
ift , den liiarkigen Saum , an welchem das Gefäfsge-
flecht auffitzt. Der beträchtliche Eindruck am vor-
dem untern Ende des hintern Horns ift verfchwun-
den und fcheint fich nach aufsen gewandt zu liaben.
Daher erftreckt fich diefes unten beträchtlich weiter
nach vorn. Eine Folge hievon fcheint zugleich^ eine
vorher nicht bemerkbare tjuere Vertiefung, die vom
hintern Rande des hintern Horns zu deffen untern;
vordem Ende verläuft, zu feyn.
Der geferelße Körper ift in feinem vordem Ende
beträchtlich dicker als in feinem übrigen Verlaufe , mit
einer glatten Oberfläche verfehen und in feiner ganzea
Höhe von dem Hirnganglion getrennt.
$. 39-
§• 39-
. Bei einem Ejnbryo von ungefähr fechszehn bis
achtzehn Wochen '), cleffen Länge vom Scheitel bis
zu den Zehenfpilzen fieben Parifer ZolJ beträgt, ift der
mittlere oder Rückentheil des Rückenmarkes ver-
hältnifsmäfsig bedeutend fchmaler, indem er fogar ab-
folut nicht dicker jlt als beim vorigen Embryo. Da-
gegen find die Anfchwellungen dicker. Die mittlere ift
hier verhältnifsmäfsig zur untern etwas tbcker als
beim vorigen Embryo, zieht fich fchon hoher oben
zufammen und hurt auf dem erften Heiligbeinvvirbel
auf, wo fie in den Faden übergeht. Deutlich ent-
fpringt das letzte Heiligbeinnervenpnar etwas hoher als
der letzte Lendenwirbel.
Verfchiedenheiten des Gehirns find vorzüglich
folgende :
1) .Sind die Pyramiden und Oliven verhältnifsmä-
fsig beträchtlicher;
2) der Hirnknoten ift von vorn nach hinten be-
trächtlich breiter und etwas dicker, daher ftär-
ker von jenen Erhabenheiten abgefetzt.
3) Das kleine Gehirn ift, befonders in der Mitte,
tiefer und vielfacher gefurcht, die Seitentheile
find ftärker angefchwollen , aber in ihrem hintern
und äufsern Theile nocli durchaus nicht gefurclit.
Das ganze ift verhältnifsmäfsig gröfser und höher.
Das kleine Gehirn zerfällt auf jeder Seite in
vier Theile, die von einander durch tiefe Fur-
I) Fi« ?5 — »?•
N, d. Archiv. I. I. G
,^
eben aljgegränzt find. Der vorderfte, höchl'it;
und anfehnlichfte ift quergefurclit. Er entfpriclu
dem vordem Lappen. Der zweite, hintere, bei-
nahe eben fo grofse, ift gar nicht gefurcht, glatt.
Er entfpricht dem hintern obern , hintern untern
und viereckigen Lappen, die durchaus noch nicht
von einander getrennt find. Hierauf folgt eiu
weit kleinerer, der nach aufsen etwas weiter
reicht, als der vorige, hinten ihn unbedeutend
überragt, aber nicht, überhaupt nirgends, von ihm
bedeckt wird, gleichfalls glatt ift , und den Man-
%leln entfpricht. Der vierte, unterfte Theil ragt
am weiteften nach aufsen. Er bildet ein dünnes,
aber breites Blatt, welches in feinem äuf§ern
Theile breiter , aber dünner , in der Mitte fchnia-
1er , aber dicker , überall ungefähr horizontal ift.
Die nähere Unterfuchung diefer Thjeile zeigt,
dafs hier zwei Platten , eine obere und eine un-
tere , über einander liegen. Die obere ift weit
dicker und anfehnlicher. Sie ftellt die Seiten-
läppclien nebft dem Marhfcgel und dem K/iöi-
fhen dar. Die untere Platte, unter welcher auf
der Seite der Homer v austritt, heftet fich mit
ihrem vordem Rande an den Innern und obern
Rand der ftrangförmigen Körper und überhaupt
den hintern Rand der vierten Hirnhöhle an und
iliefst jnit der gleiclinamigen der entgegengefetz-
ten Seite znfammen. Diefe beiden Platten gehen
an ihren hintern Rändern höchft wahrfcheinliöh in
ilirer ganzen Länge iif einander, über, fcblage»
ßch unter einem fpitzen Winkel in einander um.
Wenigftens finde ich ftellenweife und namentlich
an den Seiten , diefe Vereinigung beftimnit fehr
deutlich, -und da, wo fie fehlt, fmd die Ränder
ungleich.
4) Die Wände der Vierhügel find dicker, die ganze
Erhabenheit kleiner, daher die Holile bedeutend
nach allen Riclitungen verengt.
5) Die Hirnganglien zeigen keine Spur von Ver-
wachfung. Sie fmd bedeutend gryfser als djs
Vierhügel.
6") Die Hemifphären find bedeutend mehr länglich,
alle Vertiefungen weit niedriger, die äul'sere
Fläche ganz glatt, kaum eine fchwache Andeu-
tung der Abtheilung in den vordem und hin-
tern Lappen, Die Längenfurche an der innera
Wand ift beinahe ganz verwifcht, nur die vor-
dem und hintern Fortfätze derfelben find noch
beträchtlich tief. Die Hirnfchwiele ift anfehn-
lich lang, dick, liegt ziemlich horizontal, die
Scheidewand und ihre Höhle, fo wie der Bogen,
find vollkommen entwickelt und hängen deut-
lich mit dem Balken zufammen. Der Bogen ift
ganz von dem geftreiften Körper getreimt und
geht zwifchen ihm und dem Hirnganglion in das
Ammonshorn über. Der geftreifte Körper und
das Hirnganglion find in ihrer ganzen Höhe voa
einander getrennt.
Die Wände des grofsen Gehirns haben fich, be-
foBders die obern, verhältnifsmäfsig zur Gröfse des
G 7
100
Gehirns, aiifserordentlich verdickt, die Hohlen find
daher enger geworden. Zugleich ift die obere Wand
derfelben völlig glatt, indem die früher ftatt finden-
den Erhabenheiten und V^ertiefungen verfchwunden
find. Auch die innere Fläche der Innern Wand ift
beinahe ganz glatt. Die Ungleichheiten im vordem
Hörne find weit breiter und niedriger: die hintern noch
fehr anfehnlich. Man erkennt fie jetzt ganz deutlich
als grofses und kleines Ammonshorn und Seitenerha-
benheit. Der Saum ift bedeutend breiter und fteigt
tiefer herab. Das Ammonshorn wendet fich weiter
nach vorn und fchwillt an feinem vordem Ende rund-
lich an. Ueber dem hintern Ammonshorne, welches
als einfache Falte, die bis zum hintern Ende der
Höhle reicht, erfcheint, findet fich eine, mit ihm an
derfelben Stelle abgehende, mehr nach oben gerich-
tete , kürzere Falte. Das hintere Hörn erfcheint noch
nicht von dem vordem abgefchnürt, fondern nur als das
hintere Ende eines gemeinfchaftlichen weiten Sacke«.
§• 40.
Bei einem tingefähr fünfmonatlichen , acht Zoll
langen Embryo ift di» Anordnung allei" Th'eile bei-
nahe ganz diefelbe ').
Das Rückenmark hört fchon im letzten Lenden-
^virbel auf und fängt fchon dem dritten gegenüber an.
l) Von djefem iind den folgenden Embryonen habe ich keine
Abbildungen geliefert,' weil die fehr treuen Abbildungen von
Döllinger und Girw daritbar hmlängnchen AufWilHli gebeti.
fioh fehr beträchtlich zufammenzuziehen. Die obere
Aiifchwellung fängt etwas höher an, und der mittlere
Theil des Rückenmarkes ift daher etwas kürzer, übri-
gens nicht verhältnifsmäfsig dßnaer zufammengezogen
als beim vorigen Embryo.
Das kleine Gehirn ift im VVefentlichen noch nach
demfelben Typus gebildet: doch ift es verhältnifsmäfsig
etwas gröfser. Die zweite von den vier Abtheilun-
gen, welche beim vorigen Embryo bemerkt wurden,
ift noch durchaus ohne Furchen, aber die dritte liegt
noch überall zu Tage, ift aber, vorzüghch nach vorn
und an den Seiten, merklich fchmaler; die vierte,
verhältnifsmäfsig etwas gröfsere, hat noch diefelbe
Geftalt.
^ Die Wände der Vierhügel find noch dicker als
beim vorigen Embryo, fie felbft verhältnifsmäfsig klei-
ner, dia Halbkugel n noch länglicher, die Theilung in
einen vordem und hintern Lappen wieder etwas merk-
licher, die Falten an der innern Fläche noch fchwächer,
die innere Wand und das vordere Hörn beinahe ganz
glatt, noch kein eignes hinteres Hörn vorhanden, die
Seiteiihuhlen aber nach hinten fackförmig fehr bedeu-
tend entwickelt , das vordere und hintere Ammons-
horn und die dritte, hintere Erhabenheit find vorhan-
den, jenes vorn noch beträchtlich angefchwoUen,
jalle hohl, die Nebenerhabenheit fchwächer.
$• 41.
Bei einem ungefähr fechsmönatlichen Embryo
reicht das Rückpumurk nur bis in die Gegend des
'''!i|en Lendenwirbels.
403 •*—
Die Höhle in der Mitte des 'Röckenmarkes ift
felir deutlich, aber äufserft eng, fo dafs man fie mit
dem unbewaffneten Auge kaum fieht.
Die Halsanfchwellung ift faft um ein Dritttheil
breiter als die untere. Diefe ift noch etwas kürzer
als beim vorigen Embryo.
Das kleine Gehirn ift verhältnifsmiifsig unbedeu-
tend gröfser. Der hintere obere Lappen enthält an
feiner obern Fläche und feinem innern Theüe einigö
tiefe Eindrücke, erfte Spuren der Abfonderung in die
grofsen Hauptabtheilungen, aufserdem keine Anzeige
eines blättrigen Baues. Er ragt ftärker nach aufsen
«Is bisher, und verdeckt den feitlichen Theil der un-
ter ihm liegenden dritten Abtheilung, der Mandeln,
ganz. Diefe ift überdies in ihrem äufsern Theile, auch
abfolut, äufserft gefch wunden, wenn gleich diefer
Theil noch vorhanden ift und beim Aufheben des äu-
fsern Theiles des zweiten Lappens, erfcheint. In
demfelben Maafse als diefe dritte Abtheilung, die Man-
deln , nach aufsen fchwinden , entwickeln fie fich ftär-
ker nach innen und erfcheinen hier jetzt gegen die
Mitte zuerft rundlich.
Die vierte Abtheilung, die Seitenläppchen, ift
gleichfalls bedeutend verändert. Hier ift der äufser»
Theil dicker und rundlich geworden , und fpringt,
wenn gleich nicht fo fehr als fonft, doch noch be-
trächtlich hervor; der innere ift kürzer und dicker,
weniger plattenartig geworden und ganz unter dem
Zweiten und dritten verborgen. Ln Ganzen hat er
jetzt fchon ganz die Geftalt die er fpäter behält , doch
find die Seitenläppclien noch glatt und das Markfegel
ift verhältnifsmäfsig, ja abfolut, weit dicker als fpäter-
hin. Zugleich ift jetzt die untere Platte bedeutend
verkleinert. Ihr äufserer Theil ift ganz verfchwun-
den ; ihr Zufammenhang mit den Seitenläppchen und
dem Markfegel ganz vernichtet, und fie erfcheint nur
noch als eine dünne Brücke, die fich, über den liin-
terften Theil, der vierten Hirnhöhle weg, von dem in-
nern Rande des einen ftrangförmige Körpers zum an-
dern als ein zartes Markblatt, welches dicht unter dem
Adergeflechte der vierten Hirnhöhle liegt , erftreckt.
' Das kleine Gehirn zeigt fehr deutlich auf dein
fenkrechten Durchfchnitte die Theilung in die gewöhn-
liche Anzahl von Lappen; nur find die Einfchnitte
derfelben noch weit weniger tief als in fpätern Perio-
den, und die Veraffjung ift auch in Hinficht auf die
Zahl der Zweige weit unvollkommner.
Die Vierhiigel find verhältnifsmäfsig etwas klei-
ner, doch ift ihre Höhle voa oben nach unten immer
noch anfelmlich.
Die Hirnganglicn find faft in ihrer ganzen innern
Fläche unter einander verwachfen. Die Zirbel er-
fcheint noch als- eine blofse Falte zwifchen ihnen und
den Vierhügeln , deren vordere und hintere Wand abgr
weit dichter an einander liegen als bisher.
Die Oeflalt der Hemifpliüren fäiit;! an bedeu^
ff n I rundlicher zu werden als in den letzten Perioden.
Die inneren, einander zugekehrten Flächen der In-
nern Hemifpliäreni-ändcr find faft gariz glatt. Dicht
tlber den» lialken erfcheiut i\er Eindruck, welcher
104 •*— — »■—
durch das Ueberragen des untern Randes der Hemi-
fphären über feine Seitentheile das ganze Lebeä hin-
durch bewirkt wird. Ueber demfelben verläuft, un-
gefähr in der Mitte der Höhe diefe Wand eine kurze,
fehr flache Längenvertiefung, wahrfcheinlich ein Ueber-
bleibfel der niehrern, früher vorhandnen fenkrechten,
weit anfehnUcheren Vertiefungen. Gegen das vordere
Ende liegen eigne , etwas beträchtlichere , nach vorn
gewölbte Furchen, gegen das hintere Ende, über den
Balken hinaus eine I'enkrechte, eine beinahe horizon-
tale und, weiter nach vorn, unter dem Balken am
hintern Lappen eine von oben und hinten nach vorn
und unten abfteigende. Jener vorderen Furche ent-
fpritht in der HöUlenfläche der innern Wand keine
Erhabenheit : diefen die drei fchon bekannten , das
grofse und kleine Amnionshorn und die obere mitt-
lere Erhabenheit, welche aber beinahe ganz verftri-
chen ift, fo wie auch die ihr entfprechende Furche
die geringfte Ausdehnung hat.
Das vordere und hintere Amnionshorn fliefsen
nicht mehr zu einem zufammen, fonderri find durch
eine kleine, wenn gleich flache Einfchnürung von ein-
ander getrennt. Das hintere Hörn ift zwar noch weit
und fackförmig, allein doch mehr länglich und er-
fchaint mehr als bisher als eine eigne Erweiterung.
Beide find ganz glatt, aufser ihnen fintlet fich , die
deutliche Mafkjeifte ausgenommen, keine Spur der
früher vorhandenen Erhabenheiten und namentlich der
eminenüa collaterahs.
105
Der Balken ift beinahe fo lang als beim Erwach-
fenen : allein noch äufserft dünn. Senkrecht tlurch-
fchiiiiten bietet er das von Herrn Carus angegebene
wellenförmige Anfehen dar.
Die S,:heldeivand. und der Bogen find anfehnlicb,
die Schenkel des letztern breiter, weiter auseinander
ftehend als fpäterhin. Die Hohle der Scheidewand
ift weit anfehnlicher in allen Richtungen als fpäter
und da, wo ihr unterer Rand in den hintern über-
geht, fcheint fie fehr deutlich nicht verfchloffen, fon-
dern mit dem untern Ende der Monro'fchen Oeffnung
zufammenzufliefsen, fo dafs alfo auch hierdurch eine
anfängliche Communication aller Hirnhöhlen wahr-
£cheinlich würde.
Der Riechnerv ift zwar noch deutlich hohl, doch
ift feine Höhle bticleutend kleiner und nach hinten
blind geendigt, fo dafs alfo kein Zufammenhang zwi-
fchen ihr und der grofsen Seitenhöhle mehr ftatt-
findet. Der Hergang der Entwicklung deffelben ift
alfo, wenn -iiefes beftändige Bedingung ift, derfelbe,
als bei der Sctedewand , indem bei beiden eine Höhle,
die anfänglich mr ein Anhang der grofsen Hirnhöhle
war, fich alliTiJliiig von ihr fo abfchnürt, dafs fie
felbft offen bleibt, und fich ihr gegen die grofse
Höhle gewandtis Ende verfchliefst , nur mit <.\tm Un-
terfchietle, dafs die Höhle der Scheidewand das ganze
Leben hindurch befteht, während die Riechnerven-
I. ,ide fclion friii verfchwindet. Ganz ähnlich ift der
V.ilauf der Obiteration der Verbimlungsröhre zwi-
fchen dem üauchell und der Sclieidenhaul des Hoden.
106
§• 43.
Das Rückenmark eines ungefähr fiebenrtonatlichen
Fötus bietet keine wefentlichen Verfchiedenheiten dar,
nur ift es noch etwas kürzer, weil das untere Ende
der untern Anfchwellimg etwas höher heraufge-
rückt ift. Sehr deutlich find immer noch auf der
hintern Fläche zwei Stränge, welche fowohl von deii
Seitentheilen des Rückenmarkes, als unter einander,
letzteres noch ftärker, durch eine longitudinale Furche
abgefondert find und deutlich bis zur Mitte des Rü-
ckenmarkes wahrgenommen werden. Von hier an
werden fie allmählig breiter, die Furche zwifchen ih-
nen tiefer. Endlich fchwellen fie oben, dem hintern
Ende der Oliven gegenüber, beträchtlich an und bilden
ein Paar nach vorn divergirende, länglichrunde Erha-
benheiten , welche den Innern Theil der hintern Wand
der Hirnhöhle bilden und vor welchen die Querbrücke,
das Ueberbleibfel der unterften Platte des kleinen Ge-
hirns, liegt. Die hintere Furche zwifchen ihnen
dringt aber dennoch nicht bis zur Höhle des Rücken'
niarks. Nach aiifsen von diefer Erhabeiheit liegt eine
zweite, gröfsere, die der Länge nach wieder einmal
in zwei Hälften, von denen die inner? weit kleiner
als die äufsere ift, zerfällt. Zu diefer Erhabenheit
fchwillt der zwifchen dem äufsern Jande des eben
befchriebenen Stranges und der Infertbn der hintern
Wurzeln der Rückenmarksnerven befindiche Theil der
hintern Rückenmarkhälfte an.
Eine dritte liegt mehr zur Seite md nach unten*
zwifchen djefer und dem bintern Thele der Pyrami-
407
den, hinter dem Olivenkörper. Sie hängt unmittel-
barer mit dem zwifchen den Reihen beider Wurzeln
der Riickenmarksnerven befindlichen Theile des Rü-
ckenmarkes zufammen. Die Pyramiden felbft erfchei-
nen vorzüglich als der ängefchwollene mittlere und
untere Tl»eil des untern Rückenmarksftranges.
Am kleinen Gehirn, deflen verhältnifsmäfsige
Grüfse ungefähr diefelbe .nls beim vorigen Fötus ift,
find jetzt, mit Ausnahme der Mandeln, alle fpäter
mit einer ungleichen Oberfläche verfehenen Theile, auch
die Seitenläppchen , gefurcht. Das Markfegel ift jetzt
verhältuifsniafsig dünner und breiter, fo dafs die halb-
mondförmigen JClappen nun die Geftalt haben, welche
fie befiändig zeigen. Der äufsere, fchon beim vorigen
Fötus dünner gewordene Theil der Mandeln ift ganz
verfchwunden. Die Seitenläppchen und die Mandeln
find yerliältnifsmäfsig kleiner und weniger ftark her-
vorragend als früher, wenn fie gleich noch verhält-
ziifsmufsig gröfser find und freier liegen, als in fpä-
tern Perioden.
Die hintere obere Hälfte des Seit^theiles des klei-
nen Gehirns liat fich befonJers ftark nach hinten und
aufsen entwickelt; doch ift immer noch der mittlere
Theil verhältnifsmäfsig länger und höher als bei vol-
lendeter Entwicklung, daher der hintere Einfchniti
zwifrhen beiden Seitenhälften breiter und flacher als
nachher. Eben fo ift das kleine Gehirn verhältnifs-
mäfsig zu feiner Breite von vorn nach hioteTn länger
als fpäterhin.
108 ^
■ Die Hemiffhären find verhältnifsmäfsig mehr hoch
als lang. Der hintere Lappen reicht unten etwas wei-
ter nach vorn und ift etwas ftärker von dem vordem
abgefetzt. Eben fo ift der unterfte kleine Theil des
vordem Lappens , welcher das grofse vordere Hirn»
ganglion bildet, von dem obern dadurch ftärker ge-
fondert, dafs diefer jetzt nicht mehr allmählig, und
durch eine von vorn nach hinten aufiteigende Ab-
dachung in ihn übergeht, fondern lieh hier ein recht-
winkliger, nach innen umgefchlagener Wulft, ein
plötzlicher Abfatz, findet, eine beftändige Bedingung,
die fich fpäterhin immer ftärker entwickelt, fo dafs
endlich diefer untere Theil durch das Vorwärtswachfen
des vordem Endes des hintern Lappens and das Her-
abwachfen des obern und vordem Theiles des obern
ganz verdeckt wird.
Die Zahl und Tiefe der Windungen hat fich nur
unbedeutend vermehrt. Die Anordnung des ganzen
grofsen Gehirns ift überhaupt faft völlig diefelbe als
im vorigen Fötus. Die Dicke der Wände und die
Weite der Höhlen ift faft diefelbe; nur ift das hintere
Ammonshorn verhältnifsmäfsig weit fchwächer.
Hiermit fchliefse ich die einzelne Befchreibung
der Gehirne aus verfchiedenen Perioden, um im fol- "
senden Hette nach den hier gelieferten Thatfachen die
Darfteilung der Entwicklung der verfchiedenen Theile
für fich zu liefern.
i
109
II.
Verfuche
über das Blut,
Von
J o h n D a V y *").
(£inein Bruder des berühmten Humphry Davy),
Erfter Abfchnitt.
vUeber den Grad der Wärme und der
Wärmecapacität des arteriöfen und
venöfen Blutes.
Um die Phyfiologie weiter zu bringen, kommt es
fehr viel darauf an, das Verhältnifs der Wärme und
der Wärmecapacität des arteriöfen und venüfen Blti-
tes zu unterfuchen und auszumitteln, weil hierauf
die Theorie der thierifchen Wärme beruht ').
Im Allgemeinen nimmt man keinen bedeutenden
Uiiterfchied zwifchen dem Wärmegrade des arteriöfen
•; Tenumen experlmentale quaedam de fiinguine complecteni,
qu'id prn gradii doctoris fiimmisque in medicina honoribus ao
privilegiit eruditorum examini fubjicit Ioarin«9 Davy, Anglo-
Corniibiehfii Soc. reg. lond. fod. Soc. reg. med. edin. foc. ex-
traord. ei ejiisdem niiper praefe.i annuus. Ediribiirgi 1814,
Ollem«« «n riirpemled inimatlbn. An melirern Stellen.
und des %'enöfen Blutes an und glaubt, nach den Ver-
fuchen von Coleman, und Cooper, tiafs, wenn fich ein
Unterfchied findet, das venöfe Blut wärmer fey als '
das arteriöfe.
Eben fo hält man auch die fpecififche Wärme des ,
arteriöfen Blutes filr gröfser als die des Venenblutes
und des VVaffers. Die Craivford'lchea Verfuche, aus
welchen er folgerte, dafs, wenn das VVaffer 2u i.oo
angenommen wird, das venöfe Blut o. 8928, das Ar-
terienblut dagegen l. 0300 fey, fiml hinlänglich be-
kannt und bedürfen hier keiner weitem Aujeinander-
fetzung.
Die Verfuche diefer berühmten Männer habe ich
mit der grüfsten Sorgfalt wiederholt, immer aber
verfchiedene Refultate erhalten. Die linke Kammer
fand ich wärmer als die rechte, das arteriöfe Blut
wärmer als das venöfe, das venöfe Blut von dem ar-
teriöfen, in Hinficlit auf die fpecififche Wärme ent-
weder gar nicht, oder nur dann, aber auch fo äufserft
wenig verfchieden, wenn das arteriöfe etwas mehr
Wafl'er als das venöfe enthielt.^
Alle diefe wichtigen Gegenftände hier genau zu
betrachten, würde zu viel Raum erfordern und ift
um fo weniger nöthig, da ich darüber weitläuftig in
jeinem, der Gefellfchaft zu London vorgelegten Auf-
fatze gehandelt habe; ich werde daher hier hauptfäch-
lich nur die Refultate einiger au Thieren , namentlich
Ochfen, Schafen und Länjmern angeftellten Verfuche
niittheilen und vorzüglich das Verhältnifs der Wärm^
des arteriöfen und venöXen Blutes berückiichtigen.
iit
Bei jedem Verfuche wurde die Droffelader i^nd
die Kopfpulsader etwas entblöfst, ein fehr empfinde
liches Fahrenheitifches Tliermometer, ungefähr einen
Zoll weit, in die geöffnete Vene eingebracht, in den
Strahl des arteriofen Blutes dagegen nur eingetaucht.
Die Refultate einiger Verfuche enthält die folgende
Tabelle. Die atmosphärifche Wärme fchwankte zwi-
fchen 60 — 70° Fahrenheit.
I. Lamm.
Verfuch i. VeuöfesBlut loa. 5. Arteriöfes Blut 104.0.
2.
—
—
104.0.
— 3-
—
—
104. 0.
— 4.
—
—
103.5.
— 5-
—
—
104.0.
II.
Scha
Verfuch i.
—
—
103.5.
— 2.
—
—
102.5.
— 3-
—
—
103.0.
III
. Och
Verfuch i.
—
—
100.0.
— a.
—
— .
101. 0.
105.
o.
105-
0.
105
0.
105-
0.
104
5.
104.9.
104
0.
101
5-
lOI
0.
Ferner liefere ich hier einige Beobachtungen über
das Verliällnifi zwifchen der Wärme beider Herzliälf-
ten. Die Verfuche wurden felir fchnell nach dtm
Tode des Thiefes angeftellt, ib dafs liäufig die Voi-
hüfe fich noch zufanunenzogcn. Durch einen kleinen
Einfclitiitt wurde das Thermometer in die Kammern,
Jiclit an der Grundfläche derfelbeo, und 9n defioihcu
112 —
Stelle eingebracht, zugleich der Wärmegrad cfes Maft-
darnis unterfucht. Das Refultat dreier, an Lämmern,
dia ungefähr vier Monate alt waren , angeftellter Ver-
fuche ift folgendes.
1.
Wärme des Maftdarms 104.0»
Wärme der rechten Kammer 105.5.
Wärme der linken Kammer 106. 0.
Wärme des Maftdarms 105.0.
Wärme der rechten Kammer 105.0.
Wärme der linken Kammer 106.0.
3-
Wärme des Maftdarms 105.0.
Wärme der rechten Kammer 105. 5.
Wärme der linken Kammer 106 o.
Diefe Verfuche wiederholte ich ai^ mehrern Thie-
ren und immer mit demfelben Erfolge. Der Wider-
fpruch zwifchen ihnen uud denen von Coleman und
Cooper ift fchvver, ja unmöglich auszugleichen unä
ich mag es daher lieber gar nicht verfuchen.
Wir gehen jetzt zur Betrachtung der fpeciEfchen
Wärme des Venen -und Arterienblutes über.
Man hat zwei Methoden um die fpecififche Wär-
me der Fläfsigkeiten zu erfahren, die eine ift von
Herrn Meyer, die andere vom Doctor Crawford,
Bey jener, der einfachem und genauem, beobachtet
man di» Zeit, in welcher gleiche Maffen von einem
höhern
(
1
höhern zu einem niedern Wärmegrade abgekühlt wer-
den und dividirt diefe Zeit mit der Zahl der fpecifi*
fchen Schwere. Diefe befteht darin , dafs man gleiche
Maffen einer FlüifigUeit, aber von verfchiedener \Var->
me unter einander mifcht, und nun den fogleich ge-
fundenen Wärmegrad mit der Zahl der fpecififchen
Schwere dividirt.
Ich habe beide Methoden verfucht, obgleich ich
die erfte für die beffere halte und deshalb die durch
fie erhaltenen Refultate jetzt zuerft anführen Wsnle.
Eine dünne Fiafche, die ungefähr 300Ö Gratl
Wa£fer faffen konnte, wurde abwechfelnd mit Venen -
und Arterienblute, das aus der Halsvene Und Carotis
genommen war, angefüllt. Als das BJut geronnen
war. Wurde das Gefafs in Waffer von 140 Grad
Wärme getaucht und fo lange darin fteheu gelaffen»
bis ein, durch die wenig geöffnete Mündung einge-
brachtes Thermometer auf iäo° Ttieg; dann fchnell
ttbgewifcht und mitten im Zimmer aufgehängt, WO
die Temperatur der Luft 69° war.
1. Die Wärme des Waffers fank Von iäö auf
go* in 118 Minuten.
2. Die des Arterienblüts in tig»
3- Die des Venenbluls in 112 Minuieili
Die fpecififche Schwere des Arlerienblutes Wät
1049, des Venenbluts 1051 lind daher (jedoch ohne
Rückficht auf die Fiafche , weil diefu kaum einen Un-
Urfchied von einem Grade machen komite und auch
tat beide diefelbe war) die fpecififche VVüi'me des Er*
fiiern 91, des Letztern 901
N, d. Archiv, I. I^ II
114 — '
Bei Wieclerliolung diefes Verfiichs nach Crawfoi'ds
Methode wurden völlig gleiche Thejle Blut und Waf-
fer, von jedem 5 Unzen in einem Maafse vermifcht.
Das Blut war von einem Lamme und der gläferne,
zur Vermifchung beftimmte Behalter fo dünn, dafs er
der Flüffigkeit nur einen Grad Wärme raubte, wi©
man aus folgendem lieh f.
i.
Temperatur des WafTers . . . 66.
— des ■warmen VV'aflers . 12 t.
— der Mifchung l'ogleich . 92.
— nach einer Minute , 90.
r>_
Warme des Waffers . . 581O.
des Venenbluts . . . 101,5.
der Alifchung fogleich . . SijO-
nach einer Miimte . . 80,0.
3-
Wärme des Waffers . . 5%,o.
des Arterienbluts . . 106,5.
der Mifchung fogleich . , 8I-.0.
nach einer Minute . • 80,0.
Da das Blut nach der erften Minute fchon zu
gerinnen anfing , fo beobachtete ich den Fortgang der
iVI-ikiililung nicht weiter. Die fpecififche Schwere,
des Venenbluts war 1050, des Arterienbluts 1049.
Ich ziehe einen Grad Wurme auf Rechnung des
Gefäfses ab, und halte die Wärme - Capacitat bei je-.
nem = 93, bei diefem = 9 4. Hier g^ftehe ich^
. 115
(lufs diefe Refultate, durch eine etwas unvollkommene
I^Iethode zu experimentiren aufgefunden, der Wahr-
heit nur nahe kommen und dafs dies ficher der Fall
fey, lehrte mich die häufige Wiederholung der Ver-
fuche. W^enn ich aufgefordert würde, die Wärme -
Capacitäten des Arterien - und Venenbluts anzugeben,
fo würde ich die erftern, richtiger fcheinenden als faft,
wo nicht völhg, wahr aufftellen, und diefen Glauben
bekräftigt eine nicht geringe Anzahl von Verfuchen.
Doch es fchien mir immer, als fey nicht die vollkom-
men genaue Beftimmung der Wärme - Capacität über-
haupt der wichtigfte Punct, und als niiiffe man
die£e beabfichtigen ; fondern ich halte es für weit
nothwendiger, die relativen Wärme - Capacitäten , als
Grundlagen der Theorie des Doctor Crawford von
der thierifchen Wärme, aufzufinden, denn diefe ftiitzt
fich ganz auf die höhere Capacität des Arterien- als
des Venenbluts, und deshalb ftürzt fie, wie ich
meine, und wie es nicht nur die befcliriebenen , fon-
dern auch noch lehr viele andere Verfuche zu bewei-
fen fcheinen, nothwendig ziifanimen.
Statt mehrerer Verfuche urtd vieler Crfmde ver-
weife ich die Lefer auf die fchon angeführte Abhand-
lung. Hier will icli nur die aus ihr hervorgehenden
allgemeinen Refultate zufammenftellen.
1) Das Arterien - und Venenblut haben gleiche
Wärme- Capacität.
2) Die Wärme der linken Herzkammer ift um r
oder 3 Grade liulicr als die der rechten.
H 3
3) Die Wärme der Carotis ift immer um einen
oder mehrere Grade höher als die der Halsvene. '
4) Die Wärme der Theile nimmt ab, je weiter fie
fich vom Herzen entfernen.
Was folgt aus diefen Sätzen? Offenbar ftreiten'
fie geradezu gegen die fo deutliche und feine Hypo-
thefe des Doctor Crawford, und wenn nun noch die
. Verfuche von Andern wiederholt und mit den mei-
nigen übereinftimmend befunden würden , fo weils ich
nicht , ob fie dann nicht mit Recht als vöUig vernich-
tet anzufeheu wäre. Wohl ftimmen fie fehr gut mit
der vom berühmten Black aufgeftellten Theorie zu»
fammen; diefer fcheinen aber andere, vorzüglich die
von Herrn Bfodie angeftellten neuen Verfuche ent-
gegen zu feyn. Noch ift das Wefen des Ganzen fehr
dunkel, und es muffen noch neue und gewählte Ver-
fuche angeftellt werden, ehe man eine vollkommene
Theorie feftfetzen kann. So lange das Ganze noch
nicht ficher fteht, glaube ich weaigftens fo viel als
gewifs annehmen und aus meinen Verfuchen herleiten
zu können, dafs die thierifche Warme vorzüglich dem
Arterien - Blute anhäpge, ihr Uriprung fey nun auch
welcher er wolle, fie mag in den Lungen durch die
Bildung der Kohlenfäure oder im ganzen Körper durch
die LcbensthäUgkeit felbft entftehen.
Zweiter Abfchnitt.
Ueber die Gerinnung des Bluts.
Die Gerinnung des Bluts ift feine Haupteigen-
Ichaft, die zwar fclion viele Unterfuchungen und Ver-
inuthungen erregt hat, die aber dennoch wenig ver-
ftanden wird. Die Veränderung fehen wir, aber ihre
Urfache wiffcn wir nicht. Die Veränderung ift der
Uehergang des Faferftoffs aus dem ilüfiigen Zuftandö
in den feften (aus dem Zuftande der Verbreitung w
ilem der Sammlung und Annäherung).
BeiiTi üebergnnge der Fliiffigkeiten in feftere
Formen ift Wärme -Erzeugung eine allgemeine Erfchei-
nung. Man kann alfo von vorn hereia bei der Ge-
rinnung des Bluts vermehrte Wärme erwarten; auch
giebt wirklich Fourcroy an, er habe dies felbft bis
auf viele Grade' am Tliermometer beobachtet. Doch
leiteten den John Ht/nter, dielen forgfältigen Beob-
acliter der Natur und trefflichen Phyfiologen, feine
am Blute der IVIeer- Schildkröte (eines kaltblütigen,
alfo dazu fchr paffenden Thieres) angeftellten Ver-
fuche zu einem ganz andern ^efidtatc, und er fagt '}
„bei der Gerinnung des Bluts enhvickelt fich keine
„Wärme." Die Doctorcn Thom/fw und Gordon, , wie
ich in den geiftreichcn phyfiolijgifchen Vorlefungen
des letztern gehört habe, fchlicfsen nach einigen Ver-
fuchen, in welchen fie den Fortgang der Abkühlung
während des Gerinnen« verzögert und felb(t völlig
i) J. Htinitr on the Blood R. 2g.
118
ftillftehend fahen, gegen Hunter auf Wärme- Er-
zeugung.
Die aus eueren Abweichungen der Schriftfteller
entftehende Ungewifsheit bewog mich, die Sache von
Neuem zu betrachten, und ich will einige der ange.
fteliten Verfuche jetzt anführen. Zur Unterfuchung
diente mir das Blut von Lämmern. Dies that ich in
eine dünne 8.5 Unzen Waffer faffende Flafche, welche
ich, fobald fie voll war, fchlofs, nachdem ich ein
empfindliches Therniomeler hinein gehängt hatte.
1-
Wärme des eingefüllten Blutes fogleicb 104,0.
Nach I Minute ^ Anfang der ^0^.5.
- 2 - \ Gerinnung 102.5.
- 3 - — — — 102.5.
- 4 - — — — 102.5.
5 - — — — 102.0.
- 6 - — — — IOI-75-
- 7' - — — — 101.5.
8 - — — — loi.o.
- 9 - — — — 100.5.
- 10 - — — — 100. o.
■ 15 - — — — 97-5-
- 20 - — — — 95.0.
Diefer Verfuch wurde im Schatten unter freiem
Himmel an einem ruhigen heitern Tage bei 67° Wär-
me der Luft angeftellt. Zu derfelben Zeit machte
ich auch den folgenden, welcher nur darin von jenem
abwich, dafs das Thermometer in den obern Theil des
jetzt geöffneten Geräfses gehängt wurde.
119
Wärme des Bluts — • — — 103.00.
Nach I Minute — — — 103.00.
2 - ?
3 - 5
Anfang cl. Gerinnung 103.00.
4 - — — — 103.00.
5 - — — ■ — 102.75-
6 - — — — 102.50.
.7 - — — — 102.00.
- 12 - — — — 99.00.
. 17 - — — - — 96.50.
Auf den erften Blick fcheint der fo lange Still-
ftand des Thermometers eine die Wirkung der Ab-
kühlung aufhebende Wärme - Erzeugung zu beweifen.
Doch eine forgfältige Erwägung aller der Urfachen,
■welche diefe Erfcheinung veranlaffen können, zeigt
an , dafs diefe nicht notliwendig fey. Deshalb wieder-
holte ich aufs Genauefte die erftern Verfuche, nahm
aber ftatt des Blutes Waffer, und fchlofs nun fo: ift
der Erfolg der Verfuche derfelbe, dann hängt der
Stillftand des Thermometers offenbar von einer andern
Urfache als der Gerinnung des Blutes ab; finde ich
clagegen das Sinken des Thermometers regelmäfsig,
dann kann ich den Stillftand ficher aus der erzeugten
Wärme herleiten.
1.
Wärme des Waffers — .— — 102.0.
Nach I Minute — — . — 102.0.
2 - — ^ — 102,0.
3 - — — — loi-S-
4 - .— . — — 101. o.
. 9 . — — «_ ^g.o.
12Q ^^-^-^^
Wärme des Waffers — .— , „^ 106.5.
Nach I Minute — — — 106.5.
i r — — — 106.25.
- 3 - _ _ — 105.75.
4 - _ _ _ 125.25.
5 - —• — — ie4'75-
o-
Jetzt ftleg bei übrigens gleichen Umftänclen das
im Mittelpunkte 100 zeigende Tiiermometer fogleich
quf 102, wenn ich es fchnell nach unten hinabfenkte,
Hieraus wird es klar, dafs die für Wärme- Er-
zeugung bei Gerinnung des Bluts aufgefuchten Grün-
de für fchwach oder nichtig zu halten feyen. Wahr-
fcheinlicher ift es, dafs der Stillft^nd des Thermome-
ters hauptfächlich , wo nicht ganz , von der Wärme
ebhing, welche aus dem heifsen Grunde der Flafche
■ vxid der Tiefe des Waffers nach oben hinauffteigt,
In der Hoffnung, alle Dunkelheit ?u entfernen,
piachte ich noch folgende Verfuche:
Da die Haupt- Schwierigkeit in der (vorzüglich
durch die Luft verurfachten) ?,u fchnellen Abkühlung
beftand, fo wickelte ich die Flafche in viele lockere
Wolle, als einen fehr fehlechten Wärmeleiter, ein,
bedeckte fle mit einen Deckel aus Kork, brachte
durch ein Loch in deffen Mitte das Thermometer ein,
und füllte dgs Gefäfg mit Waffer von io§° Wärme.
Sobald dann das Rlut zu fljefsen anfing, leerte ich
die Flafche und füllta fie fchaell nnt Arterjenblut vom
I
121
Lamm. Sogleich ftieg das Thermometer auf 104.5,
ftand auf diefem Punkte 5 Minuten lang, alfo weit
über die Zeit der Gerinnung hinaus, und erft nach
10 Minuten fank es um einen halben Grad. '
Sicher glaube ich aus diefem allen folgern zu
können, dafs bei der Gerinnung des Bluts fehr wenig
oder gar keine Wärme entwickelt werde. Fragt man,
ob dies eine Ausnahme von dem allgemeinen, oben
angeführten Gefetze fey? fo fage ich uein. Schon
lange weifs man, dafs die fogenannte Gerinnung des
Bluts blos eine Gerinnung des Faferftoffs fey, diefer
ift aber unter den 4 Theilen, aus denen das Blut be-
fteht, der kleinfte und im Blute des Lammes nur
^twa -5% der ganzen Maffe, wie ich durch Verfucha
weifs. Ferner, obgleich die Gerinnung fchnell ge-
fchieht, fo ift doch jene vom Zufammentreten der
Theile abhängende Zufammenziehung oder Verdich-
tung träge und erfordert viele Stunden zu ihrer Vol-
lendung. Wie gering mufs alfo demnach der Wärme-
grad feyn, der Geh nach dem Qefetze entwickeln kann?
Gewifs für unfrc Werkzeuge zu fchwach, und es
wäre ein Wunder, wenn mau ihn auffände.
Weil derfelbe Faferftoff im Arterien -wie im Venen-
blute befindlicli ift, fo find auch die aus dem Vorigen
gezogenen Schlaffe auf beide gleich anwendbar. Uebrj-
gens ftelle ich noch folgende Fragen auf: ift die Ge-
rinnung in Ijcideii äl)nlich? erfolgt fie in gleicher
/ it? ift der Grad der Zufammenziehung derfelbe?
y.iir Löfimg ilicfer Fragen find eigne Verfuche nöthig
uud ich habe fie folgendermafsen angeftellt;
Unfer erftes Augenmerk fey die Zeit der Ge-
' rinnung. Das Blut der Lämmer diente wieder zu den
Verfuchen, und zwar beide Arten deffelben aus Einem
Thiere, aus der Halsvene das Venen-, aus der Carotis-
das Arterieubliit. Beide wurden in d'emfelben dün-
nen, drei Unzen faffenden Glafe aufgefangen. Das
Thermometer ftand unter freiem Himmel, im Schat-
ten (wo ich alle Verfuche machte) auf 70.
1-
Nach 4, Minuten fing die Gerinnung des Venen-
bluts deutlich an, und nach 6 Minuten war fie vol-
lendet und feft.
Nach ji Minute fing die Gerinnung des Arte-
rienbluts an, nach zweien war es mäfsig feft, nach
dreien erfchien fchon Blutwaffer.
2-
Nach 2 Minuten fing das Venenblut an dicht z«
werden, und nach 2^ war es feft.
Das Arterienblut fing fogleicl» an und war nach
einer Minute feft.
3-
Das Venenblut war nach s Minuten leicht ge-
ronnen, das Arterienblut nach einer Minute fchon
feft.
Nach diefen und andern Verfuchen, welche ich
der Kürze wegen übergehe, fcheint das Arterienblut
fchneller als das Venenblut zu gerinnen.
Ueber den Grad der Zufammenziehung eines je-
den habe ich zwar keine ausgefuchten Verfuche ge-
1
macht, fondern ihn nur nach dem Augenmaafse be-
ftimmt, doch ift l'oviel gewifs, dafs jedesmal nach
mehrern Stunden das Venenblut weicher und weniaer
o
zufammengezogen befunden wurde.
Da ich von den Verfchiedenheiten des Artferien -
und Venenbluts rede; fo halte ich dies für den Ort,
noch eine andere Erfcheinuiig zu erwähnen, nämlich
die gröfcere Flüffigkeit oder D:innheit des Arterien-
bluts. Diefe ift ganz augenfcheinlich und auch fchon
früher von Dr. Craufoid beobachtet worden; wahr-
fcheinlich hängt fie vorzüglich von der gröfsern Schnel-
Jigkeit diefes Bluts, im Vergleich mit dem Venen-
bJute ab.
Die Gerinnung des Bluts zeigt mancherlei Ver-
fchiedenheiten nach dem Alter nml Gel'unLlheitszuftande
des Thiers, wie auch nach dem Einfluffe und der
Wärme der Luft. Fourcroy bemerkte, dafs der Fa-
ferftoff im Blute des Fötus fich nicht gänzlich abfetze
und feft vereine; ingleichen^ dafs das Verh.iltnifs die-
fes Theils fteige und feine eigen thümlichen Eigenfchaf-
ten fich vervollkommnen, wenn fich das Thier der
M.'innbarkeit nähert. Etwas Aehnliches habe ich ain
Blute des Lammes gefehen ; nämlich der Faferftoff
ift in geringerer Menge vorhanden und weicher als
im erwachfenen Schafe. Sehr merkwürdig find die
Veränderungen des Faferftpffs als Wirkungen von
Krankheiten, und bel'onders der völlige Mangel an
Gerinnbarkeit, wie dies bei zu Tode gejagten oder
durch den Blitz oder elektrifchen Funken getüdteten
Thicren bekannt ift ; oder eine viel langfauiere und
124 ^^^^^
fchwierigere Gerinnung, wie bei heftigen EnUiinJnn-
gen, wo fie zuweilen (wie der treffliche, leider der
Wiffenfchaft zu früh entriffene Hewfon beobachtet hat)
über eine Stuncfe Zeit erforderte, und fo , indem fich,
wie er meint, ^vegen diefer langfamen Gerinnung die
rothen Theilchen fenken , die den Aerzten fo bekannte
lederartige Oberfläche erzeugte. Die Gerinnung des
Faferftoffs fcheint, nach Hewfons Verfuchen, auch
durch die Kälte und viele Salze verzögert, im
Gcgenthejl durch Wärme, Luft, mehrere Salze und
Säuren befchleunigt zu werden '). Doch gerinnt es,
nach John Hunter,, im luftleeren Räume fchneller
als in freier Luft ').
Wohl weifs ich, dafs es in Edinburg einige fahr
achtungswerthe Phyfiologen giebt, welche gegen diefen
von Hewfon angegebenen Grund Einwürfe gemacht
haben. Sie fagen: es gebe Fälle der Art, wo die Ge-
rinnung nicht nur fchnell, fondern felbft fchneller
als gewöhnlich gewefen fey. Dies ift zwar unwahr-
fcheinlich, aber ich läugne es nicht, denn wir lernen
^a alles aus der Erfahrung, und die Bekanntmachung
folcher Beobachtungen mit der vollftändigen Befchrei-
bung des Falles ift fehr zu wünfchen und, um zu über-
zeugen, nothwendig. Doch zugegeben, dafs es fo fey,
was folgt daraus? Gewifs nicht, dafs diefe Erfchei-
rung niemals gleichfaul mechanifch durch langfame
Gerinnung entftehen liömue.
l) Htwftn on tlie Blood part. I. p. 77.
3) Hnnttr on the Blood p. 22.
— — -^^ 125
Hewfon beoBachlete auch, dafs bei einem ge*
fchlachteten Thiere das zuletzt ausfliefsende Blut früher
als das zuerft gefloffene gerinne '). Hey läugti'ete dies
und verficherte das Gegentheil gefehen zu haben ').
Meine an Lämmern und Schafen angeftellten
Verfuche ftimmen völUg mit denen des Erftern übei-
ein. Ich werde hier von einigen den Erfolg angeben.
Cläferne Gefäfse nahm ich wie oben. Die Wärme dar
Luft war 68°- In «^eni einen Gefäfse fing ich das
zuerft, im andern das kurz vor dem Tode fliefsende
Blut auf.
1.
Beim Schafe war nach 2 Minuten das erftere
Blut faft geronnen , das letztere eben fo feft fchon in
i* Minute.
2- 3- lind 4-
Diefe drei Verfuche an Lämmern geben faft
gleiche Refultate. Die erfte Blutmaffe gerann in ei-
ner Minute, die letztere in einer halben Minute.
Diefe und Hewfons Verfuche fcheinen eben fo
. wie die von Herrn Hey angeftellten entfcheidend. Die
Urfache der Verftliiedcnheit lunn ich nicht nennen ;
aljer welche fie auch feyn mag, ich fchreibe fie lieber
auf Rechnung des wahren Unterfcliieds im Blute der
Thiere, als auf falfche Beobachtungen.
Aus den befchriebenen und vielen andern über
die Gerinnung des Bluts bekannten Erfclieinungen geht,
i) Hev/fin p. 62,
a) Ho »Q the Blooj p. iC-
126 ■
iph geftehe es , noch kein Licht über die Urfache clie-
£er geheimnifsvollen Eigenfchaft, hervor, doch maa-
verzweiE^ nicht, denn wahrfcheinlich läfst fich die
Finfternifs durch neue Verfache und neue, forgfälti-
gere und mauaigfaltigere Unterfuchungen aufklären.
Dritter Abfchnitt.
von der fpecififchen Schwere des Bluts
und feiner Beftandtheile.
Die fpecilifclie Schwere des Bluts aufzufinden,
jft ein wichtiger Punkt,, denn Ce giebt uns dasVer-
hältnifs der feften Stoffe; aber wichtig ift es auch,
die fpecififchen Schweren feiner Theiie zu entdecken,
nicht nur, weil es anziehend ift,. fondern auch, um
einige Abweichungen diefer Fliiffigkeit zu erklären.
Diefen Gegenftancl haben, wie wir im zweiten Theiie.
Von Hallers element. phyCol. fehen, viele bearbeitet,
wenige gefordert; augenfcheinlich herrfcht die g^'üfste
Uneinigkeit dabei, die nieil'ten Verfuche widerfpre-,
eben einander und erlauben keine Jlchern Schlöffe.,'
Einigermafsen hängen diefe Abweichungen gewifs
von ;der wahren Verrch(edenheit der Pfiffigkeiten
ab, indeffen entftehen fie auch noch wahrfcheinlicher ■
aus einer andern ürfaclje, nämlich der rohen und
unvorfichtigen Art, wie die Verfuche angeftellt.
werden.
Folgende Methode, deren ich mich immer be-
diente, ift einfach und ficher, und die jetzt g«-
^ — -127
wöhnliclie', um die fpecififche Schwere anderer FJiif-
figkeiten aufziifuchen. Ich befitze mehrere hierzu ver-
fertigte dünne Flafchen , die aoo bis 400 Gran Waf-
fer fallen. Jede Flafche hat einen gläfernen Deckel mit
einem kleinen Loche, damit die Flüfligkeit nicht aus-
laufe und man die Gefäl'se immer genau füllen könne.
Nun fucht man der Reihe nach das Gewicht der Flafche,
des deftillirten Waffers und der zu prüfenden Flüffig-
keit welche Ce fafst; und findet deren fpecififche
tjchwere durch DiviCon ihres Gewichts mit dem Ge-
wichte der gleichen Menge AVafTers.
Uebcr die fpecififclie Schwere des Bluts und feiner Be-
i ftandtheile kann man viele fehr wichtige Fragen zurUn-
terfuchung aufftellen, von denen ich folgende anführe:
' l) Findet ein Unterfchied ftatt zwifchen der
fpecififchen Schwere tles Arterien - und Venenbluls ?
Welches wäre dann feine Urfaclie? Giebt es auch
I einen ähnlichen Unterfchied im Blutwaffef der Arte-
rien und Venen?
2) Giebt CS einen vom Alter der Thiere ab-
hängigen Uuterfchied?
3) Ift das Blut verfchicdener Thiergaltungen
von gleicher oder verl'i.hiedener Dichtigkeit? Im letz-
tem Falle, wie verhält fjch die Dichtigkeit des Bluts
2Dm Wijfen der Thiere?
4) Giebt CS einen Unterfchied im zujerft und zu-
letzt ausfliefscnden Blute eines gefchlachtetenThieresf'
5) Wie zeigt fich dia fpecififche Schwere des.
Bluts iii Krankheiten?
128
Noch viele eben fo wiclitige Fragen könnte man'
aufftellen ; doch glaube ich für jetzt init der genauen'
Beantwortung det genannten völlig zufrieden feyn zir
muffen. Ich fange daher fogleich an und beftrebe mich'
etwas zu thun, wenn auch nicht zu vollenden.
Um viele Worte zu vermeiden und den Ueber-
blick der Verfuche deutlicher zu machen, habe ich
folgende, die Refultate angebende Tafel verfertigt.
Allemal habe ich das Blut aus der Carotis und Hals-
vene genommen. Die Wärme der Luft fchwankte in
den verfchiedenen Zeiten der Verfuche zwifchen 6o
und 70**. Vor dem Wägen war das Blut immer
erkaltet und die Leere im Hälfe der Flafche (als Folge
der Abkühlung) mit Blutvvaffer gefüllt.
Specififclie Schwere.
Thiere.
Lamm
Schaf I.
2.
3-
4-
I.
2.
3-
4-
5-
Ocbfe
Kalb
Hund
Zebia
Schwein
Truthahn
Lachs
Alter.
6 Jahr.
16 Hionat.
eben fo
1 1 Wochen,
eben fo
eben fo
eben fo
eben fo
Art. Bl.
Ven.Bl.
Arter.
ferum.
10506
10566
10259
1057
1058
1030
1C49
1051
1047
1,050
10525
10552
1027
1046
1057
1024
1054
1054
1024
1050
IOS3
1024
1047
1050
10S8
1061
1027
1040
1046
1022
1048
1053
1053
1060
1022
1061
1051
10209
Venen»
ferum*
10279
IÖ30
X028
1024
1024
1024
1029
1023
1023
1027
I03I
Di«
Die au die'en Verfuchen angewandten Thiere wa-
ren, im Ganzen genommen, offenbar kräftig und ge-
fuod , nur das Zebra litt an einer langwierigen Ge-
fch\yulft in der Gegend der Naie und ftarb wenige
Wochen nachher.
Erwagt man die Refujtate der Tabelle, fo izeigt fich
deutlich das Arterienblut an fpecififcher Schwere vom
Venenblute etwas verlchieJen, und eben i"o das Arterien*
ferum vom Venen -ferum. Die Zahl der aus allen Ver-
fuchen entlehnten mittlem Dichtigkeit des Arterienbluts,
iftl0503, des Venenbluts 1 0549, des Arterien -ferums
10257, des Venen- ferums endlich 10264. Woher
rührt nun die gröfsere Dichtigkeit des Venenbluts?
Aus dem gröfsern Verhältniffe des Walfers ini
Arterienblute darf man fie nicht allein herleiten wol-
len, denn derUnterfchied betrifft eben fowohl die ganze
Maffe des Bluts als das Serum allein: — vielmehr
fcheint fie auf der einen Seite durch Ueberfchufs des
Waffers, auf der andern durch Ueberfchufs der feften
Materie zu entftehen; aber n^ch ift die Befohaffenheit
diefer Materie unbekannt und bleibt zu beftimmen
übrig. Ift es die Subftanz der rothen Tlieilchen?
oder Faferftoff, oder irgend etwas Amleres, wie etwa
feine Kohle, deren Vorherrfchen im Venenblute viele
Gründe wahrfcheinlich, aber keiner bis jetzt gewifs
macht. Da aus dem ArterienbJute im gefunden Kor-
per fehr viele Aus -und Abfondernngen von geringer
Dichtigkeit gefchehen, fo begreift man ohne Schwie-
rigkeit die gröfsere fpecififihe Schwere iles Venen-
ferum's, nur die grulsere Dichtigkeit des Blull^uchens
K d Archiv. I, I. I
und der Grund diefer Erfcheinung ift uns dunkel. Doch
genug vom Dunkeln, zumal da viele behaupten, eskon''
ne wegen der Schnelligkeit des Kreislaufs kein Unter-
fchied in der Dichtigkeit des Arterien -und Venentiluts
Statt finden, wenn auch diefer Beweis a priori ausgeht,
und die Schnelligkeit des Kreislaufs doch nicht die
Wirkung der faft eben fo l'chnellen Abfonderungeii
aufheben kann.
Die Zahl der Verfuche über die Dichtigkeit des
Blutes und Serums der Thiere von verfchiedenen Al-
tern reicht kaum hin, nm einen feiten Schlufs dar-
aus zu ziehen; jedoch berechtigen fie einigermafsen zu j
der Vermuthung, dafs das Blut von Erwachfenen
dichter als das von Jüngern l'ey; wie auch fchon längft
<ier berühmte Bryaii Robiii/on , faft der letzte ~ unter
den ärztlichen Mathematikern und gewifs ' einer der
erfahrenften , aus feinen Verfuchen liergeleitet hat ').
Wahrfcheinlich war es, wie auch die Tabelle
zeigt, dafs auch die Dichtigkeit des Serums und Blut-
kuchens bey gefunden Thieren abwechfele; gewifs,
kann fie Cch faft in jeder Stunde des Tages nach man-,
oherlei Umftändcn, als, - genoffenen feften und flülfigeu
• Sachen, Wiirme und Trockenheit der Luft und den
zahlreichen Abftufungen in der Thätigkeit der Seele
und des Körpers verändern, und auch der gelehrte,
Br^an Robinfoii lagt: „.das fpecififche Gewicht des
„Serums mag ohne veranlaffende Krankheiten vom.
l) Aniinal Oeconomy p. 4;;,
151
„lojoo bis 10321 fteigen" ' ). Oder mit hoch be-
ftimmtein Worten; „ohne dafs dies Steigen mit Krank-
j, holten Zufainmenhnng habe."
Dafe das Blut von vprfchiedenen Thiergattungeu
verfchieden fey, zeigt die TalielJe ganz offenbar; doch
ift es fchwer, aber den Verkehr der Dichtigkeit des
Bluts mit den Eigenfchaften der Thiere Rechenfcliaft
zu geben. Wenn die Dichtigkeit des Bluts vprzjig-
lich yon der Menge der rolhen Theilchen abhängt,
und wenn der Nutzen tliefer Theilchen ficli nach,
Jokr^ Humer '), mehr auf die Bewegung als auf Er-
näiirung bezieht; fo ift wahrfcheinlich das Blut der
Vögel das dichtefte; ihm zunächft das der Säugthi^re^
(in verfchiedenon Abftufungen nach der Kiaft und,
Wildheit eines jeden), dann tias der Amphibien, Fifche.
und endlich das der weifsbliiligen Thierklaffen. Fiir.
diefe Meinung fjirechen, wie ich meine, die meiften
bekannten Thatfachen, indeffcn find zu ihrer Deut■^
Ijchmachung noch viele V'erfuche übrig.
Um den vielleicht Statt findenden Unterfchied in dei?
Dichtigkeit des aus einei;n gefchlacjiteten Thiere zuerft
l}nd zuletzt ausiliefsenden Blutes auszumitteln, habe ich
die in folgender Tabelle dargelegten Verfuche angeftellt:
Specififche Schwere.
Thiere.
iftes
itea
ilte«
5tej
Art. Blut.
An. I'.l.it.
Secum,
Se^uffl.
Scbaf I.
1049
1048
10:4
1023
a.
1050
1044
1027
1022
Lanun i.
1049
1046
1034
toao
3:
1051
104s
1024
1018
Oehfe
1058
1051
1027
loat
1) 1. c. p. 43'-
-; On th» ßlood. (
^.^6.
1 a
133 -^-'- — —
Nach allen diefen Refiiltaten. fchdnt das zuletzt
iljefsende Blut die wenigfte fefte Materie zu enthal-
ten. Auch könnte es, da der Unterfchied in der gan-
zen Blutmaffe derfelbe als im Serum allein ift, fchei-
nen , als ob die Abnahme der Dichtigkeit des letztern
Blutes von der Zunahme der wäfferigten Theile ab-
hinge, und dann niüfste man fragen, woher rührt
nun diefe Zunahme des Waffers? etwa von der vei-
mehrten Kraft der einfaugeiiden Gefäfse während der
zunehmenden Ermattung der äufserften Enden der ab-
foBdernden Arterien , oder blos von der Schwäche
diefer und der fich gleich bleibenden oder doch'
nur wenig abnehmenden Kraft jener? Meiner Mei-
nung nach ift der letzte Grund der wahrfcheinlich-
fte, und mit der Pathologie und Therapie verträg-
lichfte. Ich weifa wohl, dafs der berühmte Hey dem
Anfcheine nach ganz andere Refultate erhalten hat?
nach feinen Verfuchen befitzen die zuletzt fliefsenden
Theile des Bluts weniger Serum als die erften, itn
Vsrhältnifs von 28 8 zu 55,8 ')• Da er aber nicht
die fpecififchen Schweren , fondern nur die jedesmalige
Maffe des Serum's aufgefunden hat, fo erfcheinea
feine Verfuche mangelhaft. Der Blutkuchen beftehti
wie alle neuern Schriftfteller wiffen , aus rothen Theil-
.cben, Blutwaffer und Faferftoff, und da das Serum
öur in den Zwifchenräumen des Faferftoffs wie in ei^
nem Schwämme enthalten ift; fo enthalt er noth wen-
dig defto mehr Serum, je weicher und lockerer der
1) Hey an the Blood p, aS,
133
Faferftoff ift. Wenn die Verfuclie von Hey Be-
weifc feiner Meinung feyn foJJen, fo läfst iich
auch ]eicht dartliun, clafs BJut, welchem man vor
der Gerinnung eine gleiche Menge Waffer beimifcht
'(und fo das Vohimen des Geronnenen verrnehrt) we-
niger Waffer enthält, als daffelbe Blut ohne hin-
zugegoffenes Waffer. Dafs dies abgefchmackt fey,
liegt am Tage.
Ehe ich die letzte Frage, über die Veränderung
der Dichtigkeit des Blutes, als Wirkung von Krank-
heiten, beantwortea kann, mufs ich nothwendig erft
die fpecififche Schwere des gefunden Bluts und def-
fen mit der Gefundheit verträgliche Veränderungen
auffinden, worüber leider noch gar keine Beobachtun-
gen vorbanden find. Die mittlere Dichtigkeit des ge-
funden Bluts wurde 105 27 gefchätzt '), und nach
einigen Verfuchen zeigte der Dr. Boßock die mittlere
Dichtigkeit des vom gefunden Blute gefchiedenen Se-
rum's gleich 102 3 '). Bryan Rob'mfoii ftellte, wie
ich fchon oben fagte, das Mittel des gefunden Serum's
zwifchen 10300 und 10321; ich glaube aber, dafs
dies die hüchften Zahlen find , und diefer Irrthum
findet fich nicht allein bei ihm, fondern er ift allge-
tnein, fchon von den Zeiten des berühmten 5oj/e her,
welcher nach feinen Verfuchen das Serum ftir fchwe-
rer erklärte, als den Blutkuchen, faft bis auf unfre
Zeit. Diefer Irrihuni mag aus mehreren Urfachen
l) Htlleri Eltmcnt. Phyfiol. 11, 41.
»■) Medioo ■ Chirurg. Tran«. Tom. 2.
134
entfprungen feyn, vorzüglich aus einer, welche ich
jetzt bemerken mufs, niimlich aus der Verclünftung
des VVafi'ers, wenn man das Blut 12 oder 24 Stun-
den lang in einem flachen Gefäfse der Einwirkung rler
Luft ausfetzt. Um dem Irrtliume zu entgehen, mufs
man das Blut in verfchloffenen Gefäfsen aufbewahren,
und fo habe ich das Serum bei meinen Verfüchen im-
mer gefammelt. Ich bedaure, dafs ich nie zahlrei-
chere Verfuche anftellen konnte, um die Dichtigkeit
des gefunden Bluts ficher zu beftimmen, da es an glaub-
würdigen Verfüchen noch fo fehr fehlt.
Nun wollen wir die Betrachtung des Bluts der
Kranl<'en , welches ich vorziiglich nnterfucht habe,
beginnen, und für jetzt nur einige Veränderungen fei- j
ner Dichtigkeit angeben. In jedem diefer Fälle nahrp
ich das Venenblut aus dem Arme. Die Erfolge habe
ich in zwei Tabellen zufammengeftellt; die eine vom
Blute der Frauen , die andre von dem der Männer,
und in der Kiir^e dabei die Zeichen der Krankheiteq
bemerkt,
Tafel I,
Ifoin Bluce der Frauen,
Alter.
30.
Zeichen dej Krankheit.
G^linues Fieber — Seiten-
fchmerz — . Dyspnoe — -
Kein.' Entzündungshuit.
— . Ausgang; tödtliche
Schwindlught,
Specififclie
Schwere des
Bluts.
1054
SneciEroli9
Schwere
des
Sernm's.
1037
135
Aiut.
Zeichen der Kvankheit.
SpecinrcVie
Scm^'ere des
SpeciRfche
Sch-\vere
des
t'
Bluts.
Serum's.
25-
Gelinde LutT^eiiL-ntziiiKlu 112;.
1023
24.
Schwerer Catarrh — ■ Star-
'■■
,kes Fieber.
I06I
io;j8
" 22.
Pleuritis — Geringe Ent-
ziini.lungsliaut.
1058
1026
26.
JjeichtöS Fieber — Wenii;
Soitenfclii7ierz — Hel'ti-
ger Kopffchinerz.
.1056
lojr
40.
Hetniplegie.
1026
27-
Ausbleiben des Monatsfluf-
fes.
IO518
1028
Diefelbe in der Genefung.
1029
17-
ßleiclii"ucVit — Gaiines Se-
/
rum.
1055
1027
;«o,
Etwas Hüften und Seiten
-
fchmerx — Kein Fieber.
1059
1026
Tafel II.
l'om Blute der Muriner.
Alter.
T.t\K:\itn der Krankheit
Spocififclie
Schvere des
tUuti.
Specifircfea
Sch^v ro
des _
20.
Heftiger KopiTchrnerz von
Hit/e — Kein Fieber.
1062
1026
33-
Heftii^er KoplTcbmcrz —
V<-ifi Fi ber genefon.l.
io6i
1027
23-
Pneumonie — Wenig Ent-
/'
zilndunf'shaut.
loöo
1025
23-
P'in Neger — Gelinde Pneu-
monie.
1061
1033
136
Alter.
Ztichen de» Krankheit.
SpeciRfche
Schwere des
SpecjEfche
Schwere
des
Bluts.
Sprum's.
19,
Lungenfchwindfticht. Nicht
lange vor dem Tode.
I04S
4»-
•^Hrnruhr.
I06I
1030
19-
Daffelbe. Das Blut gegen
Abend gelalfen.
1060
1025
Des Morgens — —
1062
1026
Am Abend — Milchigtes
Serum — —
1058
1026
Des Morgens — —
1050
1023
Die hier gcfammelten Fälle find nicht zahlreich
genug und zu dunkel , um fichere Schlüffe daraus zie-
hen zu können ; doch wird es wahrfcheinlich , dafs
bei Krankheiten, die als entzündlich bekannt find,
das Verhältnifs der feften Theile des Bluts zunimmt,
wie auch, dafs die Dichtigkeit des Bluts der Weiber
geringer fey als die des Bluts der Männer, Die
erftere Folgerung ftimmt mit den Erfahrungen berühm-
ter Männer als : Robinfon , Tabor und Langrifh
überein", die zwar unvollkommen, aber doch zur Ver-
gleiohung glaubwürdig genug find. In den meiften
Fällen fand man nichts Ungewöhnliches im Aeufseni
des Bluts; fo oft aber eine Entzündungshaut auf dem
Blute war, zeigte fich der untei;-e Theil des Kuchens
viel lockerer als im natür'ichen Zuftande, wie vom
Mangel des Faferftoffs, ^erk\vürdig fcheint nur die
grüne Farbe des Serum's bey Jer bleichfüchtigen Frau.
Die Urfache diefer Erfcheinung kenne jch nicht , doch
fehlten djie Anzeigen, welche auf Galle hingewiefen
-•'•*~*'*-r 437
hätten. Das Blut der diabetifchen Männer gerann faft
immer weniger feft als dasgefunde, und zweimal war
auch das Serum des letztern Bluts von milchigtem
Anfehn, und diefe Farbe foll, wie ich aus den
Vorlefungen des Doctor Home weifs, in diei'er Krank-
heit fehr häufig feyn. Das Serum diefes Bluts habe
ich nach des berühmten Dr. WoUaßon Methode oft
unterfucht, jedoch ohne Erfolg, denn nie habe ich
eine Spur von Zucker entdeckt; dennoch fcheint,
nach der Dichtigkeit zu fchliefsen , die thierifche Ma-
terie offenbar darin vermehrt. Durch Aderläffe, wel-
che im letztern Falle andertägig wiederholt wurden,
vermintlerte fich die Dichtigkeit des Seruni's beträcht-
lich- Zwifchen dem Blute und Urine zeigte fich hier
einige Beziehung. Die fpecififche Schwere des Urins
war am Morgen immer beträchtlicher , immer tlber
1040, ein Mal 1051, übrigens aber war er dem gefun-
den Zuftande fehr ähnlich, enthielt eine grofse Menge
Harnftoff, faft gar keine Spuren von Zucker; am
Abend hingegen, wo er am wenigften dicht war, hielt
er die Mitte zwifchen 1030 und 1040, der Harn-
ftoff ftand dem Zucker nach , jener wich und diefer
Tertrat feine Stelle. Auch das Blut erreichte am Mor-
gen die hochfte Dichtigkeit und war des Abends am
flüffigften.
Nachdem wir die erften Fragen befeitigt haben,
wenden wir uns zu andern faft eben fa wenig untec-
fachten Gcgenitänden.
138. M--.— ->-r—
Dafs dem Faferftoffe zunächft die rothen Theil-
clien die dichteften, das Serum aber der am wenigftea
dichte Theil fey, ift durch Dr. Huiiters einfache und
entfcheidende Verfuche klnr erwiefen. Die einzige
Unterfuchung diefes ThejJs des Blutes ia Rcicldioht
der fpecififchen Schwere verdanken wir, fb viel ich
\veifs, dem berühmten Dr. Jurin; da er aber feine
Berechnung auf verfchiedene und ungewiffe Momente
ftützte, welche nur durch Verfuche ausgemittelt wer-
den können , nämlich die Befchaffenheit des Blut-
kuchens, die Geftalt der rothen Theilchen und das
Verbältnifs des Serums; fo ift es klar, dafs der Erfolg
(nämlich die gleich 1126 gefundene Dichtigkeit) un-
fern Beifall nicht erlangen konnte. Deshalb waren
direktere Verfuche gewifs nothwendig, um der Wahr-
heit näher zukommen, und folgende, \'on denen ich
nur wünfchte, dafs Ce weniger mangelhaft wären, habe
ich angeftellt.
1-
40 Gran Blutwaffer vom Menfchen (fpecififche
Schwere;i029) wurden in einem abgewogenen porcella-
nerien Gefäfse (vafe murrino) im Wafferbade verdünftet,
und durch vollendetes Austrocknen, da nämlich das
Gewicht durch Einwirkung der Wärme nicht mehr
abnahm, auf 3,7. Gran reducirt.
^ Hiernach fcheinen 100 Theile Serum zu befte-
hen aus
9.25 getrockneter Materie
90. 75 Wjffer
100. 00
159
2. «.
Zu diefem Verfuche nahm ich die EntTiündungs-
haut einer an Ophthalmie leidenden Frau , welche mir
Dr. Gordon verfchaffte. Ich \vlifch fie im Serum bis"
^ Ca vülDg weifs war; drückte fie dann leicht zwifchen
Lüfchpapier und wog fie foglcich, noch feucht, in de-
ftillirtem Waffer; die fpecififche Schwere fand fich
gleich 1079. Das zur Uaterfuchiing genommene
Stück wog 24 Gr.
B.
■ '■- Jenes Stück wurde, um es vom Serum zu be-
" freien , eingewaffert, imd dann im Bade ausgetrock-
net; darauf wog es 3. 5 Gr.
\
y-
Das zum Abwafchen des Serums angewandte
\''i''affer wurde zur Trocknifs abgedampft und «ab
o. 8 Gr. trocknes Serum.
Nun zeigen o. g Gr. getrocknetes Serum 8-4 Gr.
iliUTiges an, und 1 1. 3 Gran, die gleich von 24 Grgn
S'-rum (lurcli Vcrdünftung verloren gehen find für
Waffer zu halten. Demnach fcheinen loo Theilo de;-
feuchten ßntzCmduogshaut zu befteheu aus
38- 3. lliiffigem Serum
47. 1. Waffor
14. 6. trorkneniFaferftoff
100 o.
Da die Dichtigkeit im umgekehrten Verhältniffe
piit (li;r Maffe fteht; fo fcheint die fpeeiiifche Schwere
«lv:r trocknen und l'cfien Materie des Serums, nach
140
dem erften Verfuche beftimmt, gleich 1305, und die
Dichtigkeit des trocknen Faferftoffs , wie fie der zwei-
te Verfuch angiebt, gleich 1370 izu feyn.
5-
Ein Stück vom Blutkuchen eines gefunden Meny
fchen wurde durch Löfchpapier vom anhängenden Se-
rum befreiet und in drei gleiche Theile , jeden vo»
35 Gran getheilt.
»•
Ein Theil in deftillirtem Waffer gewogen zeigte
die fpecififche Schwere gleich 1078.
ß.
Derfelbe Theil im Bade bis zur völligen Tro-
ckenheit und Pulverform abgedampft wog' nur 15. 6
Gran. Demnach befteht der feuchte Blutkuchea aus
71. 64 Waffer
28-36 trockner Materie
100. 00.
Da nun 15. 6 Gran des trocknen gleich find
56 Gran des feuchten Blutkuchens fo ift die fpecifi-
fche Schwere des letztern gleich 1077, des erftern
gleich 1270.
7-
Das zweite Stück wurde, um das Serum gerin-
nen zu laffen, in ein gläfernes mit Waffer von 161"
Wärme gefülltes Gefäfs einige Augenblicke eingetaucht,
dann dies Stück fo lange in kaltem Waffer abgefpOhlt,
bis dies nicht mehr geröthet wurde; dann im Bade
abgetrocknet und wog nun 3, 4 Gran. Demnach fchei-
nen 100 Theile vom frifchen Blutkuchen 6. ig Theile
fefte Malle des Faferftoffs und Serums zu enthalten.
l
Das dritte Stück wurde gleich fo lange in kal«
tem Waffer abgefpühlt, bis der übrig bleibende Fafer-
ßoff weifslich war. Diefer wog völlig ausgetrocknet
I. 8 Gran. Es enthalten alfo 100 Theile des feuch-
ten Blutkuchens 2. 36 Theile trocknen Faferftoff.
Nach den Erfolgen aller jetzt aufgeführten Ver-
fuche fcheint der frifche Blutkuchen zu enthalten:
2. 36 Faferftoff
3, 82 Serum
B2. igrothe Theilchen
71. 64 VVaffer
100. 00.
Oder wenn man jedem Theile fein verhältnifs-
mäfsiges Waffer zurechnet, befteht der frifche Blut-
kuchen aus
41.2 flüffigein Serum
II. 4 feuchtem Faferftoff
47. 4 rothcn Theilchen
100. 00.
Diefe und alle vorhergehenden Zahlen dürfen
offenbar nur als der Wahrheit nahe kommend ange»
fehen werden; denn einige jener Verfuche find offen-
bar von der Art, dafs fie fchwerlich imjner gleiche
Erfolge geben können. ■ • .
Nach dem Verfuche « im zweiten und a Jni
dritten Falle erl'cheint - die fpecififche Schwere des
Blutkuchens und der Entzündungshaut faft gleich;
da nun der elftere mehr Serum enthält, fo folgt dar-
aus, dafs die grOfsere Dichtigkeit mehr die rothen
Theilchen als den feuchten Faferftoff betreffe. ' Dem-
nächft folgt 'auch, dafs die trockne Materie des Se-
rums und Faferftoffs fäft von gleicher Dichtigkeit'
fey, jene 1305', diefe 13 70, beide aber dichter ali
der trockne Elutkuchen, welcher 1270 zeigt. Ertd-
lich mufs, da der Blutkuchen aufser den rothen Theil-
chen aijs Serum und Faffirftoff befteht, der Unter?;
fchied der Dichtigkeit Zwilchen diefen beiden und je-
nen Theilchen gröfser feyn als der zwifchen den ro-
then Theilchen und: dem Blutkuchen, obgleich er,
dennoch kaum merkbar ift; und der Erfolg, welcher
für die fpecififche Schwere der trocknen rothen Theil-
chen 1270, für die der feuchten etwa 1130 angiebt,
ftinimt folglich mit dem vom gelehrten Jurin ange-
gebenen wunderbar überein.
S c h 1 u f s.
Wir haben das Ende der Verfuche erreicht und
eine, gewifs nicht ilberflDfßge Wiederholung der Er-
folge foU diefe Abhandlung befchliefsen.
1^ Die Wärme- Capacität ties Arterien- und Venen-
bluts ift faft gleich; der zuweilen vorkommende
geringe Unterfchied liäiigt vielleicht von der
gröfsern Menge Waffer in jenem als in diefem ab.
2) Das Blut der linken Herzkammer ift um einen
oder zwei Grad wärmer als das der rechten,
eben fp das der, parotis, wärmer als der Hals-
\'ene.
3) Die Wärme der Theile nimmt mit der Entfer-
nung vom Herzen ab.
4) Bei der Gerinnung des BIuls entwickelt fich
keine bemerkbare Wärme.
5) Das Arterienblut gerinnt fchneller als das Ve-
nenblut. - - -
6) Das zuletzt fliefsende Blut gerinnt bei einem ge-
fchlachteten Thiere fchneller als das zuerft flie-
£sende; jenes ift fpecififch leichter als diefes.
7) Das iVenenblut und fein Serum ift etwas dichter
als das der Arterien.
8) Das BJut der VVeiber ift etwas dünner als das
männliche.
9) Vermehrte Dichtigkeit des Bluts begleitet viel-
leicht auch die entzündlichen Krankheiten.
'io) Die Dichtigkeit der rothen TheiJcben zum
WaCfer ift ungefähr 1130: looo.
144
Erklärung der Kupfertafeln^
Erfte Tafel
Behirn und Rückenmark von Säugthier- Embryonen.
I*ig. I — 15. Kaninchen -Embryonen.
Fig. I. Drei Linien langer, ftark vergröfserter Embryo.
Fig. 2. Fünf Linien langer Embryo, etwas vergrpfsert.
Fig. 3 — 5. Etwas gröfserer, Heben Linien langer.
Fig. 3. Von der Seite. Fig. 4. Von olien und hin-
ten. Fig. 5. Das veHängette Mark und ein TheU
der Vierhügel , von oben geöffnet.
Fig. 6 — : 9. Neun Linien langer Embryo.
Fig. 6. Von der Seite. Fig. 7. Von oben und
hinten. Fig. 8- Senkrecht durchfchnitten. Fig. 9.
Linke Hemifphäre, von aufsen geöffnet.
Fig. 10 — 12. Zwölf Linien langer Embryo.
Fig. 10. Von der Seite. Fig. 1 1. Senkrecht durch-
fchnitten. Fig. 12. Linke Hemifphäre geöffnet.
Fig. 13 — 15. Drittehalb Zoll langer Embryo.
Fig. 13. Von der Seite. Fig. 14. Senkrecht durch-
fchnitten. Fig._15. Hemifphäre geöffnet.
Fig. 16 — 2 0. Schweins - Embryo von l" 6'" Länge.
Fig. 16. Von der Seite. Fig. I7. Von oben. Fig. 18.
Senkrecht durchfchnitten. Fig. 19. und 20. Hemi-
fpäre von aufsen geöffnet, in Fig. 19. der geftreifte
145
Korrier nach uriteil uingefchlageii , um feine beiden
\ordetti Schenkel 2u zeigen.
Fig. 21 -J— 75. Schafs -Embryonen.
Fig. ;2t. Gehirn und Piückenmaik, Schädel Üind' Wir-
belfäule eines fünf Linien langen Embrj-D , ftark
vergröfsert von hinleri und oben»
Fig. 22 — 29. Sechs Linien langer Schafs - Embryo.
Fig. 22. Gchii-n von der Seit?. Fig. 23» Daffelbe
ftark vergrofsert. Fig. 24. Daffeibe von vorn.
Fig. 25. Stark vergrüfseri. Fig. 26. Gehirn fenk-
recht durchfchnitten. Fig. 26 a, Daffelbe ftark ver-
grofsert. Fig. 27. Hemifphare fenkrecht durchfchnit-
ten, etwas nach aufsen, um den Vorfpnmg an der
vordem Wand zu zeigen, pig- 28. Daffelbe ftark
vergrofsert. Fig. 29. Q(ierdurckfchnitt de? Rücken-
marks, um deffen Spalte zu zeigen.
Fig. 30 -^ 36. Einen Zoll langer Embryo.
Fig. 30. Von der Seite. Figi 31. Von vorne, linke
Hemifphare geöffnet. Fig. 32. Senkrecht durch*
fchnitten. Fig. 33. Von hinten. Fig. 34 — 36. Quer-
durchfchnitie des Bückenmarks. Fig. 34, Rücken-
theU. Fig. 35. Halstheil. Fig. 36. LendentheiJ«:
Fig. 37. — 45. Anderthalb Zoll langer Embryoi'i
"Fig. 3 7. Von der Seite. Fig. 38. ' Senkrecht durch-
fchnitten. Fig. 39. Hemifphare geöffnet. Fig. 40.
Hemifphare weggenommen, um den geftreiften Kör-
per und die Hirnganglien zii zei;;en. Fig. 41t. Hemi-
fphare und Sehhügel v6n ÖbeiV, e^ft^re geöffnet.
Fig. 43. Hirnganglien und geüßnete Sehhügcl, um
die Ungleichheit in der innei n Fläche der leiztiern
zu zeigen. Fig. 43. Quihdurchfchnitt des Halslheils.
Fig. 44. ile^ Bückcrtthifiij; Fig. 45. des Lendcn-
theils des Kückenmat'lu;&
N, d, Anhiv. I. I. K
146 —
Fig. 46 — 52. Drei Zoll fechs Linien langer Embfyo.
Fig. 46. Von der Seite. Fig. 47. Von hinten und
oben. Fig. 48. Von oben. Die Heinifphäie aus
einander gezogen, um die Verbindung der Hirn-
ganglien in ilirem obern Rande zu zeigen. Fig. 51,
Senkrecht idurchfchnitten. Fig. 52. Linke Hemi-
fphäre geöfFnet.
Fig. 53 — 57- Etwas über vier Zoll langer Embryo.
Fig. 53. Von der Seite. Fig. 54. Von oben und
hinten. Fig. 55. Senkrecht durchfchnitten. Fig. 56.
Linke Hemifphäre geöffnet und zur Hälfte nach
oben, zur Hälfte nach unten gefchlagen, um die Ge-
ftalt des geftreiften Körpers und das VerhältnlTs Zwi-
lchen Ammonshorn und Hirnganglion zu zeigen.
Fig. 57. Linke Hemifphäre geöffnet.
Fig. 58 — 62. Etwas gröfserer nicht befchriebener
Embryo.
Fig- 58- Von dar Seite. Fig. 59. Von unten.
Fig 60. Von oben die rechte Hemifphäre geöffnet,
um die Gröfse des Adernetzes zu zeigen. Fig 6r.
Senkrecht durchfchnitten. Fig. 62. Rechte Hemi-
Iphire geöffnet, das Adernetz weggenommen.
Fig. 63 — 67. Sechs Zoll langer Embryo. S. 64.
Fig. 63. Von der Seite. Fig. 64. Senkrecht durch-
fchnitten. Fig. 65. Von oben. Fig. 66. und 67.
Rechte Hemifphäre geöffnet, in Fig. 67. der geftreifte
Körper heruntergefchlagen.
Pig_ 6g — ji. Sieben Zoll langer Emhryo.
Fig. 68. Von oben. Fig. 69. Von unten. Fig. 70,
Von der Seite. Fig. 7X. Senkrecht durchfchnitten.
pjg. ■J2 — 75. Neun Zoll langer Embryo.
Fig. 72. Von oben. Fig. 73. Von unten. Fig. 74.
Von der Seite. Fig. 75. Senkrecht durchfchnitten.
I
147
ZweiteTafel»
Gehirn und Rückenmark menfchlicher Embryonen.
Fig. I. und 2. Gehirn eines 5 — 6 wöchentlichen
Embryo.
Fig. I. Von der Seite. Fig. 2. Von. hinten und oben.«
Fig. 3 — 12. Gehirn und Rückentnark eines 7 — 8
wöchentlichen Embryo.
Fig. 3. Diefe Theile von der linken Seite. Fig. 4. Von
vom und oben. Fig. 5. Von oben und hinten.
Fig. 6. Das Geliirn von vom. Fig. 7. Gehirn und
oberer Theil des Rückenmarkes von der Seife , die
Hemifphären herabgefchlagen und geöffnet, um die
Hirnganglien und den geftreiften Körper zu zeigen.
Fig. 8. Das Gehirn fenlcrecht durclifchnitten.
Fig. 9. Die ganze Centraimaffe von hinten. Fig. 10.
Gehirn und oberer Theil des Rückenmarks von un-
ten. Fig. II. u. 12. Querdurciifchnitte des Rücken-
markes; Fig. ir. Halstheil; 12. Rüclceiuheil.
Fig. 13. u. 14. Gehirn eines etwas altern Embryo.
Fig. 13. Von der Seite unverletzt, Fig. 14. Die linke
. HeraiCphäre geöffnet.
Fig. I5 — 19. Gehirn eines 9 — 10 wöchentlichen
Embryo.
Fig. 15. Von der Seite. Fig. 16. Linke Hemifphäre
geöffnet , die Dicke der Wände der geftreiften Kör-
per und das Adel'nelz zu zeigen. Fig. 17. Eben
das, die HirnFalte von der innern Wand zu zeigen.
Fig. Ig. Oehim von der Seile, die Hirngangiien
und die Sehhügel zu zeigen. Fig. 19. Oeliirn von
hinten.
K 3
^48 '-^
Fig. 20 — ji. Gehirn und Rückenmark eines lo —
1 1 wöchentlichen Embryo.
Fig. 20. Gehirn und Rückenmark von der Saite und
von aufsen. Fig. 21. Von liinten. Fig. 22. Von
' unten. Fig. 23. ^as Gehiin fenlcr6cht durdifchnit-
ten, um die reclite HäJfte des Gehinis.von innen,
•• um die äufs^Ä F]ä6he der. Innern Waiid.ider He-
r mlfpliUren und, die innerq Anordnung der hintern
Himthelle zu zeigen. Fig. 24, Der gröfste Theil
der linken Hemilphären weggenonimeh , tun den
'■'' gefweiften. I^orper, Selihügel u. f. w. ^u zeigen.
■'■' Fig. 25. 'Voidel-es umgefchJagenes' Ende ides hintern
'' Hirnlappen. Fig. 26. Gehirn fenlcrecht durchfehnit-
"" ' ten, von der rechten Seite, Fig. 27. Linke Hemi-
"" tphäre H'oii obeii geöffnet. ' Fig. 2S. linlie Hemi-
fphäre von ' der Seite geöffnet. 'Fig. 29. Querer
Duichfchnitt des Halstheils; Fig. 30. des Rücken,
theils; Figl^I. des Lendentheils des RiJcken-
■-' ■ marlcs. "; ' ,' '
Fjg. 32 — it4' ,Gehira eines 3S monathchen Em-
bryo.
Fig. 32. Die rechte Hälfte des Gehirns von aufsen und
•' • • Von der Seite.' Fig. 33. Das Gehirn fenkrecht
durchfchnltten, die linke Seite. Fig! 34. Die rechte
jfj Henpdfphäte^geaTfnet und von der Seite gelehen.
Fig- 35 — 39- Gehirn eines viermonatlichen Em-
bryo. „; -, .,•„;. .. ,::i
Fig. 35. Reclita Hälfte des Gehivris von aufsen. Fig. 36.
i • Gehirn von unten. Fig. 3*. Von oben. Fig. 38.
Gehirn fenkrecht durclifclmitten ; die rechte- Seite
von iniien. Fig. 39. Rechte Hemifphäre geöffnet.
Gemeijifchaftli,qlje Zeichen.
a. Hemifpliären.
b. Geftreifte Körper.
c. Innerer unterer Schenkel deffelben.
d. Hiriiganglifrv.,
e. Vicrhügel.
/. Kleines Gehirn.
Xi' .Yerlängcrles Mark.
h. HirnfL-henkel.
«. Balken,
k. Scheidewand oder Stelle deirfelbenv
/. Bogen.
m. Gang zwifchen. der Scheidewand und dritten
Hohle.
II. Orofse Falte an der innern Wand»
0. Windungen,
p. Ainmonshom,
^. Vogelklaue,
r. Ademetz.
1. Hlrnknoten.
/. Markkiigclchen,
u. Riechnerv.
i;. Sehnerv.
w. Hömerv.
150
*. Rückenrnavlc.
y. Senkrecht durckfclitiittnes Rückeninairk.
*. Höhle.
M, UmgefcWagenes vorderes Ende des hintern
Lappen.
ß. MonroTche Oeffnung.
y. Zirbel.
S. Schenkel derfelben und Hoi-nftreif.
t. Vordere Commidur.
S. Himanhang.
>j. Mittlerer Vorlprung in den Hemifphären zu
Fig. «7- 28.
151
Inbell ige Jizhlatt,
I. Verfuche welche ilie, von einigen bezweifelte Ein-
faugung durch die Haut zu beweifen fcheinen.
Von ]. Bradner Stuart von Albaiiy ').
Die von dem \'eif affer vorzüglich in Beziehung auf
die Kouffeaufchen (Heils Archiv Bd. 8.) angeftelUen
Verfuche find vorzüglich folgende.
I) Um 4^ Uhr Nachmittags, nachdem er urinirt
hatte , begab er fich in ein Bad aus einem fehr gefättig-
ten Aufgufs von Färberolhe, worin er 2-' Stunde lang
blieb. J Die Temperatur der Atmofpbäre war 34° Faliren-
heit, die des Bades fchwankte von 82 — 90°. Er harnlo
I1 3i 81 '3) 15, l8» 26 und 37 Stunden nachdem er
' das Bad verlaffen hatte. Der erfte Tlieil des Harns war
fehr blafs , die IMenge wie gewöhnlich. Der übrige,
vorzüglich der beim 2ten , 3ten , 4ten und 5ten Mal ge-
laffene, waren dunkler als Madera gefärbt. Kohlen-
faures Kali, dem vor dem Eintritt in das Bad und eine
Stunda nacliher gelaffenen Harne beigemifcht, verur-
lachte keine Faibenanderung in demfelben ; dagegen
wurde der Übrige, mit Ausnahme des letzten Theiles,
dadurch lebhaft rotk gefärbt, am rOtheften der, acht
I) A. d. New. York med. repofitory. Hex. III. Vol. 1 — Hl.
Ilio— itll. Bd. %,
152 —
Stunden nacH dem Austritt aus dem Bade gelaffene. AJle
diele veifcliiedenen Paitieen von Harn, in welchen der
Zufatz von (i^olilenfauiem Kali eine FarbenTeränderung
bewirkte, fetzten acht Stunden nachdem fie gelalfen wa-
ren ein lehr reichliches weifses Präcipitat ab.
2) Um au erfahran, ob die Rötliung des Harns durch
die Poltafche von der Farberröthe herrührte , wurde dem
vor dem Eintritt in das Bad gelafCenen Harne ein Auf-
gufs der^felben zugefetzt, wodurcli er die Farbe des nach
dem Austritt gelaCfenen erliielt. Der Zufatz einer Kali,
auflöfung brachte diefelbe lebhafte rothe Farbe liervor,
und eben diefe entfiand durch den Zufatz von Kali zu
einer Mifcliung aus 'W'affer und "einem fchwachen Auf;
gufs von. Farberröthe,
' i() Um 9; Uhr Morgens ging ein Freund des Ver-
faffers, nachdem er geharnt hatte , in ein Bad aus eineiM
Aufgufs von Rliabarber und blieb 25 Stunden darin,
Die Temperatur der Atinöfphäre war 41°, des Bades
war . 84-^ 95''- Der Harn wurde, nach dem Austritt
aus dein Bade, über die 2te, 4te, öle, Ute, aifte, softe
und 39fte Stunde gelaffen. Alle diefe verfchiedenen
Antlieile, mit Ausnahme des erften und des letzten,
waren fehr dunkel gefärbt und rötheten iiclj durch Zu-
satz von koldenfaurem Kali lebhaft, vorziiglich der vier
Stunden, nach dem Austritte aus dem Bade gelciffene.
Aller Harn , deffen Farbe durch den Zufatz des kohlen^
tsuren Kali verändert , wurde , fetzte in 24 Stunden ei»
v^icldiclics Präcipitat ab, vorzüglich aber der um die 9te
und 1 Ite Stunde gelaflene,
,.» 4) Durch einen dem zweiten ähnlichen Verfuch
überzeugte fich dei-, Verfaffer, dafs die färbende Sub-,
ftanz des Rhabarbers in den Harn übergegangen war.
5) Nsphdem «r 2j Stunden in einer ftarken Kuv-
kumeeauHöfung geblieben war, war der Harn, den er
153
zu Terfchiedenen Malen von 2 — 34 Stunden, nach dem
Bade liefs, weit dunkler gefäibt . als gewöhnlich und
wurde, wenn gleich viel foliwächer, als in den vorigen
Verfuchen, durch den ZuTatz von kohlenfaurem Kali
gerothet.
6) Ein dem 2ten und 4ten Vcrfuchc ähnlicher gab
diefelbea Kelultate.
7) Um vier Uhr Nachmittags liefs ficli der Verf.,
nachdem er verniitldft eines , durch ein Fenfter nach
aufsen geleitcleu l'ohies, und durch Klebpflafter um
Mund und 2>.ale eine Vorrichtung einj^erichtet hatt*, wo
durch das Athmeiv «"■•f, jedem andern Wege als aufdJe-
fem unmöglicli gemacht wurde , Pflafter aus jKnoblauch
unter die Achfeln , an die innere Fläche der Schinkel
und die Knücbcl legen. Diefe wurden , nachdeui Jic
I5 Stunden gelegen hauen, als fie Schmerzen zu ver-
m-fachen anfin;|en , weggenommen und die Stellen, wo
fie gelegen hatten, forgfaltig mehrmals uiit Seifenwaffer
gewafchen. | Stunden nach Wegnalune des Knoljlauchfi-
pHafters bekam der Athera einen fehr ftarken Knoblauch-
gerucli, der einigen Anwefenden auffiel und zwei Stun-
den nachher nicht nur ihnen , fondern allen Perfonen,
die hell ihm näherten, äufserft r.nangonchui wurJc.
Am folgenden Morgen, vierzehn Stunden nach dem
Verfucbe, hatte der Alliem den Knoblauchsgeruch ver-
loren. Uer Harn wurde in diefer Zeit mehrmals gef
iaffen. Der in den erften zwei Stunden nach Weg-
nahme der Pflafter gelaffene halte weder liefondcrn Ge-
ruch noch Farbe. Dagegen hatte der um die fünfte und
Tierzehnie Stunde gelaffene einen ftarken und unange-
nehmen, wenn gleich nicht knoblauchsartigen Geruch,
der 26 Stunden anhielt.
8) Ujn Cch zu überzeugen, qb der in den Magen
eingenommene Knoblauch den Harn firbc, afs ein Freund
des VerfaflJei-s Ijei'riücliternem Magen eine mäfsige Menge
davon. Von dem Havn, der in den folgenden 36 Stun-
den zu verfehiedenen Malen gelalfan wurde , zeigte der
zivei Stunden nachher gelaffene nichts befonderes , da-
gegen hatte der um die 4te, I2te und 24fte Stunde ge-
laffene einen älinlichen Geruch als im vorigen Verfuche.
II, Unterfuchungen, welche zu beweifen fcheinen, dafs
der Fötus das Schafwaffer athmet. Von Leclardt
Vorfteher der anatomifchen Arbeiten an der me-
dicinifchen Facultät zu Paris ').
Oeffnet man vorfichtig die fchwangere Gebärmutter
eines Säugthierweibchens , fo fieht man durch die Häute
des Hirns und das Schafwaffer fehr deutlich , dafs d»a:
Fötus die mechanifchen Athmungsbewegungen , nur
langfaraer als nach der Geburt, vollzieht. Jede Ein-
athmung wird durch das Oeffnen des Mundes, die Ver-
gröfserung der Nafenlöcher, das Heben der Wände der
Brufthöhle bezeichnet. Diefe Bewegungen werden in.
dem I\Iaafse fchneller und ftärker, als durch die Zufam-
menziehung der Gebärmutter der Kreislauf zwifchen
Mutter und Fötus unvoliliommner wird. Oeffnet man
die fchwangere Gebärmutter und unterbindet den Hals
des noch lebenden Fötus , fo findet man in der geöff-
neten Luftröhre eine dem Scha^\^'affer völlig analoge
FlüffigReit. Spritzt man eine gefärbte Flüfligkeit durch
eine lileine Oeffnung in das Schafwaffer, fo ift die in
den Luftröhrenäften enthaltene auf diefelbe Weife ga-
färbt. Bei den todtgebomen menfchlichen Fötus ift im-
1) A. d. Bulletia de la facultä de med. de Paris, an. ijj). Ns,
■6 — S
155
mer die Luftröhre toI! Schafwaffer. Der VerfaTfer fand
(\vie Üfiander) mit Chau/fier im Kindspech eines reifen
Fötus die Seidenhaare, in einem andern FaHe, wo der
Dannkanal an einer Stelle verfchloffen war, nur ober-
halb der Verfchliefsung Kindspech, unterhalb derfelben
einen füfslichen, farbelofen Schleim.
III. Beiträge zur Kenntnifs der Structur des Auges.
Von Edwards ').
Der Verf. unterfacht zuerft die Haut der wäfferigcn
Feuchtigkeit in Beziehung auf Lage, Veihreitung, Grun-
zen und Eigenfchaften. Beim Fiitus bildet fie, fo lange
die Pupillarmembran befteht, einen Sack ohne Oeff-
nung, der die vordere Kammer auskleidet, mitliin die
hintere Fläche der Hornhaut, fo wie die vordere der
Iris und der Pupillarmembran bedeckt. In di'efer Zeit
enthält die vordere Kammer keine watferige Flüfligkeit.
Diefe^Vlembran dringt nicht, wie man [e\t Demours glaul)-
! tj , in die hintere Kammer. Beim Menfchen und den
Vierfüfsem gehört fie unter die feröfen Häute. Auch bei
I den Vögeln und Flfchen findet fich eine , in Hinficht
1 auf Lage ähnliche , aber in Hinllcht auf ihr Gewebe ver-
) fchiedene Membran. Beim Menfchen und den Säugthie-
ren Xcheint lie keinen bedeutenden Antheil an der Ab-
fonderung der wäfferigen Feuchtigkeit zu haben.
Die Blendung befteht nach dem Verf. beim Menfchen
I jnd den Vierfüfsem, aus mehrern Schichten, nämlich
( l) einer mittlem, faferigen , welche das eigenthümliche
l Gewebe derfelben bildet; 2) eineiri Theile der Aderliaut,
'welche die hintere Fläche der Blendung bildet, und
A. d. Bulletin i» U (bc. plulom. Igl^. S. U.
156 ^— --^
die Tilnbenhaut ift; 3) eineiit andern .Theile 'der Aderr
haut, welcher die vonlere Fläche des eigenthümlichen
Gewebes bekleidet; 4) einem Theile der feröfen Haut
der wäfferigen Feuchtigkeit, welche diele vordere Ab-
theilung der Adevhaut bekleidet und die vorderft^ Schicht
der Blendung bildet.
Die Pupillarmembran befteht wenigfiens aus zxvei
Blättern, einem vordem, einer Fortfetzung der Haut
der wäCferigen Feuchtigkeit, einer liintern, einer Fort-
fetzung der Aderhaut, welche die Blendung bekleidet.
Ol) das eigenthuriilicheGewebQ der Iris auch in fie dringt,
iionnte er nicht beftiinmen.
Das innere und das [äufsere Blatt der Aderhaut hat
eine unabhängige Exiftenz, indem fie in der Blendung
durch das cigenthümliche Gewebe devfelbcn von einan-
der getrennt find. Die Piuylchifche Haut trägt zur Bil.
dimg der Ciliaifortfälze bei und bekleidet als Trauben-
- haut die hintere Fläche des eigenthümlichen Gewebes.
Das äufsere Blatt der Aderhaut bedeckt die vordere
Fläche deflelben.
Als Quelle der wäfferigen Feuchtigkeit fieht er die
CiliaV'fortlaize an und Ijeraerkt, dafs man die Pulsader
der Liitfe und der Glasfeuchtigkeit ohne Injection fehen
kann ').
iV. Ueber einige Punkte aus der Gefchichte der Höl-
len des Fötus ').
Herr Dütrochet, der fchon früher ') merkwürdige Re-
iuUate feiner Unterfuchungen über das Ei der Viper
1) Dies ift wolil beim Fötus fchon larige kein Geheimnifs mehr.
2) Analyfe des travaux de la claffe des fcii^nces mathematiques et
jibyfifjues de l'iaftitut, pendaui l'dn. ISlt- Part, phyfujue. p.J4
5) Ebendaf. Jahrg. 18 J2.
aiiFgertellt hatfej'delmte Mne Arbeiten feitdem Übe»- die
Fötusluillen Sberhaupt aus und theUte dem^lnftitut die
jlefultate derl'elben in einem eignen Auffawe mit , wflir
aus hier, einige 54t?e Biitgetheilt werden.
Der Embryo hat in den irlihen Perioden eine Oefi>
nung in feinen Unterleibswlnden und der Schnfliaut,
durch welche ein Fortf^tz der Blafe dringt, welche die
Gefäfshaut und die mittlere Ha\it bUdet, fo dafs die
Jiibelgcfafse nur Fortfätze der BlafengefäTse wären.
Das Ei der Reptilien enthält kein Eiweus , Tondem
belteht blofs aus Dotier.
Bei der Viper verfchwindet die fehr dünne Haut der
Schale ura die Mitte der Trächtigkeit, worauf iich die <3i^-
fäfbhaut mit dem Eierftocke verbindet, olme deshalb e5nb
wirkliche Placenta zu bilden. Diefe Schalenliaut würde
alTo der hinfaUig^n Haut den Säugthiere entfprechen.
/ Die Frofchlarven werfen bei der Verwandlung ihre
Haut nicht ab, fondern die Vorderfüfse dringen durch
diefe, die Kiefern zerreifsen fie gleichfalls und die Oeff-
Tiungen vernarben.
Das Ei der Frofche und der Batrachier überhaupt
ift ein Dotter, deffen Flüffigkeit anfangs im Darm ent-
halten ift, der anfangs rundlich ift, fich aber allmahlig
: 4n einen- fpiralförmigen Kanal verwandelt.
\f'- Die Kiemen der Frofchlarven befinden ficli' uiV'tler
"l^aultienhühle.
"V- Ueber die Refpirationsorgane der Onisken, Von
l Lcureille ').
Ungeachlet es, wegen der Aelinlichkcit dieferTliierg
mit den krubsaitigen, lehr walirfcbeinlicli war, dals diu
i) HbeiiJdr. S, 34. ]f,
158 ^ r-
unter ihrem Schwänze befindlichen Platten 2un> Athuien
dienten, fo war diefe Vermuthung doch nicht ei-wielen
und es mu[ste an ihrer Oberfläche oder in ihrem Innern
ein, zu Vollziehung diefer Function, tauglicher Apparat
aufgefunden werden. Diefs ift durch LatreUle gefehehen,
indem er auf vier von den erwähnten Platten einen
Ideinen gelblichen, von einer Oeffnung durchbohrten .
Tlieil nachgewiefen hat, der melirere kleine Faden ent-
hält, die, wenn lie gleich eine verfchiedene Stelle ha-
ben, doch durch ihren Bau, und alfo wahifcheinlich
durch ihre Functionen mit ähnlichen Theilen bei den
Spinnen upd Scorpionen übereinkommen.
Aufserclem hat er ein fadenfpinnendes Organ bei
den Onisken gefunden , fo dafs lie aJfo durch beide Be-
dingungen fich fehr den Arachniden näliern; indeffen
läfst LatreUle fie , wegen der Aehnlichkeit ihrer Structut,
bei den Kruftaceen. *
VI. Ueber die ürfache der rothen Farbe des Blutes ').
Keine Thatfache fcheint jetzt fefter zu ftchen , alg
dafs die rothe Farbe des Blutes von rothem tifenoxyd
herrührt: dagegen geben mehrere Phyliologen von glei-
cher Autorität mit denen, welche diefer IVieinung Und,
nicht zu, dafs lie völlig erwiefen fey.
Folgender Verfuch und die beigefügte Bemerkung
BMg zur Auflclärung der Ungewü'sheit über diefen Puqkt
beitragen.
Durch wiederholtes Auswafchen des Blutkuchen«
%vurde eine Quantität des rothen Theiles des menfchliehen
klutes gewonnen , von diefem nachher der Faferftolf ge-
trennt und fo der färbende Theil, der iich im Waffer
niedergefchlagen hatte, erhalten. Erwog HO (jran. In
einem Platlnatigel verbrannt, gab er eine halbÜüflige
traune gefchmacklofe Subftanz , 25 Gran an Gewicht.
Sie wurde mit Salzfäure gekocht und dadurch zum Theil
aufgeloft. Die gehörig verdünftete Auflöfung hatte kei-
neil ftyptifchen GefchmacU. Durch einen Zufatz von
Galläpteltinctur wurde ile fchwärzlich. Blaufaures Kali
\) A. d. Edinb. med. and fuif. Journal, Vol. VII. I811. p. «4.
^- ^ 159
brachte einen dunkelblauen Niederfchlag Iiervor, welcher
aber calcinirt, nicht über | Gran eines roihbrauiien
Pulvers gab. Nach einer ungefähren Schätzung wurde
diefer halbe Gran aus Io,O0O oder 20 Unzen Blut ge-
wonnen. Ift es alfo wohl wahrfcheinlich , dafs diefe
Blutmenge ilirc Farbe von einem halben Gran üilen
erhält? '
Erhitzt man Blut um das Walfer von ihm zu tren-
nen , fo verwandelt lieh feine Farbe, fobald es heifs
wird, aus fchwarz oder roth in braun oder grau. Ilt
es wahrfcheinlich, dafs diefe Umwandlung aus roth oder
fclnvarz in braun vorkonunen würde, wenn Eifeno^yd
die färbende Subftanz wäre?
1^
VII- Ueber eine unvollkommene Bildung der Finger
Von Rellie '). '-
In einer Familie ift fclion feit zehn fehr zahlreichen
Generationen nur der Daumen voliftändig, von den
übrigen Fingern fehlen entweder beide vordere Gelenke
oder wenigftens der Daumen. Nur die Frauen pflan-
zen diefe Mifsbildung fort. Sehr feiten wird ein Kind
mit regelmäfsig gebildeten Fingern geboren.
Die Veranlaffung foll eine Wirkung der Einbil-
dungskraft einer fclnvangern Vorfahrin gewefen feyn
weither ihr Mann im Zorn angewünfcht hatte, dafs
ihr Kind ohne Finger geboren werden möchte.
Als Beitrag zur Lehre von den Wirkungen der
Einbildungskraft der Schwangern und dem Einfluffe
der bridcn Aeltcrn auf Bildung merkwürdig.
■) Ebeiidaf. Vol. IV. p. i^i.
160
In der Verlagslianäluiig 3lefes Archivs liK'fö' ebeti
erfchienen; ••j'/i • ir
L F. ME;& C K E L
DUPLICITATE MONSTROSA
commen'tarius.
ACCEDUNT TABULAE Vnii;.AE.KEAE.
H ALAE I8IS. ''''■" •
Der Herr Verf. hat In «iieter ÄbhaTidlurig il\jer Aas
inonftröfi ^-^-^ ^^eltwerden. theils die allgemeinen Bedin-
gungen diefer Abweichung yom INoimal, theils die^bev-
Ib'ndierii i\rfen derfelben volirtändig auseinander gefetzt.
Der Plan ift derfelbe, den er in Hinficht auf die Hem-
jnungsbildvingeli im erftcn Bande feiner 'palliöl.ogifchen
Anatomie befolgte, ,fo dafs tliefes Werk als Gegeuftuclt
eu denafelben betrachtet werden kann. Ungijaclitet er
ßch vorzüglich auf die menfcUicbe Specles l>pfchränkt
iat^. indem in diefer beinahe alle möglichen Arten des
Doppeltwerdens vorkommen, fo liat er docli jnehrer,e
luei'kWiirdige einzelne Falle von Thierbildiingen d'efcr
Art.aua fe'uier reichen anatomifchen Sammlung voUftan-
dig bcfchrieben. Dem Werke find ^^ckt von Hopfer
gezeichnet^, von Glaiback geflochene treffliche Tafeln
beigefügt, ^vclche eine merk vviirdige Doppel tmifsgelnirt,
die. .fich vollftändig in der Sammlung des Vfs. bei<ind,^ti,
darf eilen. . i !>
Der Name des Vfs. bürgt für den Gewinn, welchen
■ die Wiffenfcliaft von diefem Werke zu erwarten hat , und
wir dürfen um fo mehr das gelehrte Publikuin auf daffelbe
aufmeiUam machen, als es die erfte vollfiändige Abhand-
lung über diefe Art von Bildungsajjweichungen iftw
Buchhandlung des Waifenhaufes.
1
/,v^ /UL/,/-/
'/f./. 6^.2. .-^.vf.
j^r '_^r7
^.'Z^.
-r /O. ^ //
V i
>J^6.Jl
,f -r
'.r. f(a,/i/'/-.
Deutfehes Archiv
P H Y S I OL G IE.
Erster Band. Zweites Heft.
I ...
I.
Beobachtungen
über
das Nervenfyfte
7n
und
die fenfiblen Erfclieinungen der Seefter
Von
Friedrich Tiedemann '\
ne.
Im Jahre ig II hielt ich mich längere Zeit an den
Küften des adriatifchen Meeres auf, um die von dem
franzöfifchen Inftitut aufgefte]lte Preisfrage: „ob in den
Seefternen, Seeigeln und HcJotiiurien ein Kreislauf
des Bluts Statt finde," durch Unterfuchungen und
Daf. die von Herrn Spix jn der kleinen Afterias rubens in den
Anndlei du Mufeiim d'liiftoire natureiie T. 13. p, 435, befchre
benen und Tab. Jl f. ,. b. abgebildeten Fiden, keine Nerven'
fondern felmenartige Faden find , werde icli in meiner Schrift
.«ber den Bau der Seefterne. der Seeigel und Holudiurien dar-
M. ä. Archiv. /, 2. I4
161 -^ ■
Beobachtungen an lebenden Thieren zu beantworten.
Da ich ftets viele diefer Thiere lebend, in grofsen
hölzernen Gefäfsen mit MeerwalTer gefüllt in meiner
Wohnung aufbewahrte, fo hatte ich oft Gelegenheit
Beobachtungen über ihren hohen Grad von Empfind-
lichkeit anzuftellen.
Einige an dem grofsen pomeranzfarbenen Seeftern
(Afterias aurantiaca L.) gemachte Beobachtungen will
ich hier niittheilen. Ich habe mehrere Thiere der
Art lebend gefehen, welche von der Spitze eines
Strahls bis zur Spitze des entgegengefetzten 15 bis 18
Z&ll ini Durchmeffer hatten.
Seefterne, welche fo eben aus dem Meere ge-
nommen wurden, bewegten die an der untern Fläche
der Strahlen in zwei Reihen liegenden turgefcirenden
Tentakeln . fehr lebhaft, und krümmten fie in man-
cherlei Richtungen. Wenn ich dieselben berührte, fo
contrahirten fie fich, und das Thier zog fie gegen
die Rinne des Strahls an. Diefe Tentakeln, welclie
man auch Füfschen nennen kann, weil fie zugleicl)
Organe der Ortsbewegung find, haben eine cylindrii«
fche Geftalt und werden gegen ihr unteres freies End^
allmählig kegelförmig. Das Ende felbft nimmt die
Geftalt eines Saugnäpfchens oder Tellerchens an^
wenn fich das Thier beim Fortfehreiten mittelft
derfelben an Gegenftände anhängt. Jedes Tcnta-
culum fetzt fich durch ein Loch zwzfchen den Quer-
fortfätzen zweier Wirbel eines Strahls in die Höhle
des Strahls fort und bildet hier zwei abgerundete
ovale Bläschen, welche an der Seite des Wirbels liegen.
Wenn man daher die Höhle eines Strahls von oben öffnet,
und die beiden mit dem Magen in Verbindung flehen-
den Blinddärme, welche in neuerer Zeit lehr irrig
für Leberlappen gehalten worden find, wegnimmt, fo
erfcheinen vier Reihen paarweife neben einander lie-
gender, röthlich weifser, ovaler Bläschen, welche,
kleiner werdend, fich bis zur Spitze des Strahls erftre-
cken , und den zwei Pveihen der an der untern Fläche
jedes Strahls liegenden Tentakeln angehören. Die
Tentakeln und Bläschen find hohl und enthalten eine
helle, durchfichtige Flüffigkeit, welche durch die
Zweige eines befondern , von mir entdeckten Gefäfs-
fyftems in die Höhle der Tentakeln zugeführt wird.
Dietes höchft merkwürdige Gefäfsfyftem , welches den
Seefternen, Seeigeln und Hololliurien eigenthümiich
ift, und von dem ebenfalls in dielen Thiereu vorkom-.
meuden Gefäfsfyftem des Kreislaufs des Bluts durch-
aus verichieden ift, werde ich in meinem grölsern
Werke über den Bau der eben genannten Tliiere
ausführlich befchreiben. Die Wände der Tenta-
keln und Bläschen find mit deutlichen blafsrothen
und zirkeiförmigen Muskelfafern verfehen. An den
Tentakeln nimmt man auch noch eine Lage von Län-
genfafern wahr. Die im Leben felir empfindlichen
und contractilen Tentakeln und Bläschen flehen in
einem Antagonismus ; reizt man nämlich die Bläschen
mittelft fcharfer Inftrumonte oder durch Befeuchten
mit Weingeift, fo contrahiren iie fich und treiben die
in ihnen enthaltene Flüliigkcit in die hohlen lejita-
L 2
kein , cliefe verlängern fich nun und erjgiren fich durch
die in fie eingetriebene Flüffigkeit. Reizt man dage-
gen die Tentakeln zilr Contraction, fo ftrömt die in
ihnen enthaltene Flüffigkeit in die Bläschen zurück,
welche nun expandirt und mit Flüffigkeit angefüllt
■werden. Durch cliefen Antagonismus in der Expan-
fion und Contraction, welcher zwifchen den Tenta-
keln und Bläschen Statt findet, bringen die Seefterne
die Ortsbewegung hervor. Beim Gehen und Fort-
fchreiten der Seefterne lind die Tentakeln expandirt,
mit Flüffigkeit angefüllt, und alfo im Zuftande der
Erection; dagegen aber find dann die Bläschen con-
trahirt und leer. Bewegen fich die Seefterne nicht
und find die Füfschen in 'die Hinnen der Strahlen ein-
gezogen, fo find die Bläschen expandirt und mit Flüf-
figkeit angefüllt. Die Bewegung der Tentakeln nach-
vorn, nach hinten und überhaupt nach allen Seiten^
wird durch die Action der Muskelfafern bewirkt,'
Bei Afterias rubens , und equeftris , fo wie bei Aftro-*
pecten mefodifons Linkii habe ich denfelben Bau der'
Tentakeln und Bläschen gefunden , auch habe ich'
beobachtet , dafs fie diefelbe Function wie beim pome**
ranzenfarbenen Seeftern haben. Die Zahl der Ten-*
takeln an jedem Strahl ift bei letzterem Seeftern ver»
fchieden nach der Gröfse derfelben. An einem fehr-
a;rofsen pomeranzfarbenen Seeftern zählte ich in einer'
Reihe eines Strahls vier und achtzig Tentakeln, alfo
an einem Strahl hundert und acht und fechzig, und
an allen fünf Strahlen achthundert und vierzig Ten.
takeln. Da jedes Tentaculum fich mit zwei Bläschen
165
endigt, fo" betrug alfo die Zahl alJer Bläschen fech-
zehn hundert und achtzig.
Nach diefer Digrefüon über den Bau der Tenta-
keln kehre ich zur Erzählung der Beobachtungen an
lebenden Seefternen zurück. Die aus dem Meer ee-
nommenen Seefterne zogen beim Berühren die Ten-
takeln in die Rinnen der Strahlen zurück. Die nach
oben die Strahlen deckende und fchliefsende Haut
contrahirte fich, und die auf diefer Haut anCtzendeii
Piefpirations - Röhrchen fpritzten das in ihnen enthal-
tene Waffer aus. Legte ich die Seefterne in ein mit
JVleerwaffer gefülltes Gefafs, fo fingen fie nach und
nach an, die Tentakeln auszuftrecken und zu bewe-
gen; auch die Haut dehnte, fich aus und erhob fich
etwas. An Seefternen, welche ich in ein flaches Ge-
föfs gelegt hatte, und deren Oberfläche nur in einer
Hohe von einem halben 2jpIIe mit Waffer bedeclct
\var, habe ich öfters bemerkt, dafs fich die Haut lang-
fam ausdehnte und wieder zufammenzog, und dafs
hierbei das Waffer in eine wirbelnde Bewegung ge-
rjeth, befonders an denjenigen Stellen der Haut, wo
fich die zuvor genannten Refpirations- Röhrchen be-
finden. Es ift mir fehr wahrfcheinlich , dafs bei die-
fen abwechfelnden Expanfionen und Gontractionen der
Haut Waffer durch die Röhrchen aufgenommen und.
Mrieder ausgeftofsen werde , und dafs demnach jene
wirbelnde Bewegung des Waffers vom Ein- und Aus-
ftrömen de» Walfers durch die Höhrchen herrühre.
üie in die mit Meerwaffer gefüllten Gefäl'se ge-
legten Seefterne begonnen gewöhnlich fehr bald auf
i66 -^—^—i -—
äea Boden der Gefäfse fortzufchreiten. Hiei-bei ift
die in der Mitte der untern FJäciie liegende Mund-^
Öffnung nach unten gerichtet, und alle ausgeftreckten
und im Zuftand der Turgefcenz oder Erection befihd-
lichen Tentakeln find in Bewegung. Ein Theil der-
felben wird nach vorn bewegt, in der Richtung näm-
lich, in welcher das Thier fortfchreiten will; die/aa
der Spitze der Tentakeln befindlichen Saugnäpfchea
oder' Tellerchen faugen fich an die Gegenftände feft,
und ziehen den Korper des Thieres nach;- ein aadejr
rer Tiieii der Tentakeln wird angezogen, um nach
vorn bewegt zu werden ; und fo erfolgt das A^nziehen,
das Vorwiirtsbewegen und das Anfangen der Tenta-
, kein abwechTelnil , in fchneller oder langfamer FoJgCf
je nachdem das Tliier fchnell oder langfam fortfchreir
tet. Auf einer ebnen Fläche bewegten fich die Se^
fterne ziemlich fchnelj; ihre Bewegungen aber wur-
den langfam, wenn ich auf den Boden des Gefäfses
einige Steine gelegt hatte, über welche fie fortfchreir
ten mufsten. Beim Gehen ficht unbeftimnit bald die
Spitze des einen, bald die Spitze des andern Strahls
nach der Richtung, in welcher fie fich fortbewegen.
Mittelft der beim Fortfchreiten nach vorn be-
wegten Tentakeln exploriren die Seefterne den Weg,
den fie einfchlagen, fo wie die Gegenftände, welche
ihnen aufftofsen ; gleich Blinden , welche beim Gehon
einen Stab ausftrecken und mittelft deffelben herum-
taften. Wenn ich mehrere Seefterne in einem grofsen
Geläfse hatte, worin fie fich frei bewegen konnten,
fo habe ich fehr oft ihren zarten Taftfinn bewundern
im
monen, denn niemals rannten oder ftjefsen fie gegeri
einander an, londern mittfüft der TenlakeJn , durch
deren. zartes Berühren fie fich einander wahrnehmen,
weichen fie behutfam aus. Befonders vorfichtig waren
£e in ihren Bewegungen, wenn fich Seeigel in demfel-
ben Gefäfs befanden.
Die Seefteme. können die Strahlen willlüihrlicli
einander naher bringen oder von einander entfernen,
fo dafs folghch die Winkel zwifchen den Strahlen bald
fpitzer bald, ftumpfer werden. Die Bewegung tier
Strahlen , -welche durch die ftellenweifen Zufammeti'-
Ziehungen der contractilen Haut bewirkt wird, rich-
tet fich nach den Umgebungen , zwifclien welchen die
Seef'jerne gehen. So habe ich mehrmals gefehen, dafs
Seefterne in einem Gefäfs, in das ich einige gröfse
Steine gelegt halte, welche die ganze Ausbreitung des
Körpers beim Fortfehreiten hinderten, zwei Strahlen
nach vorn bewegten und gegen einander anzogen,
während fie die übrigen Strahlen nach hinteil beweg-
ten und einander näher brachten. Auf diefe V\''eife
fchmaler geworden , konnten die Thiere nach mehre-
ren Verfuchen den engen Raum paffiren. Die Sec''
fterne können auch wilikührlich die Strahlen nach
oben bewegen und aufrichten, ja felbft nach oben
und innen umbeugen. Dies gefchah ebenfalls häufig,
wenn fie ficii zwifchen grofsen Steinen fortbewegten.
Uebrigens kriechen und gehen diefe Thiere nicht allein
auf horizontalen und fchiefen Flächen, fonclern felbft
auf fenkrechten Flächen, denn die Seefterne, welche
ich aufbewahrt habe, krochen oft an den Wunden des
tm
Gefäfses Vierauf , wobei die an. den Spitzen der Ten-
takeln befindlichen Saugniqofchen oder Saugwärzchen
den Körper an dar Wand des Gefäfses befeftigten» - -
Legt man Seefterne. auf die oberfe Fläche oder
auf dem Rücken, fo, dafs alfo die- Mundöffnung und
die Tentakeln nach oben gerichtet find , fo bleiben fie
liicht' Idage- in diefer Xage, fondern fie ftülpen den
ganzen Körper wieder auf folgende Art : fie krümmen
die Spitze eines ödes? zweier «eben einander liegen*
der Strahlen j.nach unten gegen -d^n Boden des. Ge-
fäfses um , fangen fich mit den Tentakeln an den Bo-
den des Gefäfses an, richten den Köi-per nach und
nachauf, und legen ihn- dann allmäblig um, fo,- dafis
die.Muodöffnung und die Tentakeln wieder nach nn»'
ten gerichtet werden. Ich habe'diefen Verfuch mehr-
mals mit gleichem Erfolge wiederholt. Der pome-
ranzfarbene Seeftern, der rothe und der ftachelige
Sepftern. körtnen nicht fchwiminen, wenigftens hahe
ich diefe Bewegung niemals beobachtet.
Die Tentakeln, zeigten eine grofse Empfindlich-,
keit für den galvdhifchen i Reiz. Wenn ich den einen.
Pol einör nur aus vierzehn Platten -Paaren (nämlich
Zinn -und Kupferplatten) gebildeten galvanifchen Säule
an die Tentakeln , den an
über
die Wirkungsärt
und
chemifche Zufammenretzung der Gifte. .
Von
Dr. Emmertf dem Aeltern.
öcVion meine früheren Unterfuchungen über die Wir-
kungsart der Gifte leiteten mich auf die zwei wich-
tigen Refultate, dafs weder die Nerven, noch die eim
laugenden Gefäfse Antheil an der Verbreitung ihrer
fchädlichen Wirkung von den Theilen , an welche Ca
applicirt worden , über den ganzen Körper nehmen,
fondern dafs diefes durch unmittelbares Eindringen der-»
felben in die Blutgefäfse und mit Hülfe des Kreislaufs
durch directe Einwirkung auf das Rückenmark ge-
fchieht, dafs fomit alle Vergiftungsfymptome blofse
Folgen von der Affection des Rückenmarks und eben
deswegen , etwa bis auf die Nervenzufälle , zu den ver-
fchiedenen Arten von Vergiftungen nicht nothwendig
find.
177
find. In neueren Zeiten habe ich vorzügL'ch mit der
Anguftura virofa eine Reihe von Verfuchen ange-
fteilt, welche diefes mit ailer Beftimmtheit ausfagen
und noch überdies wenigftens einige nähere Auskunft
über die Natur der vegetabililchen Gifte geben. Ehe
ich diefe Verfuche hier ihreo Haaptrefultaten nach
bekannt mache, bemerke ich zuvor, dafs fich die oft-
indifche Anguftura gegen die einzelnen Theile des
thierifchen Körpers ähnlich, wie die übrigen ftärkern
Gifte verhält. Sie tödtet nämlich nicht allein von
den Blutgefäfsen und den reichlich damit verfehenen
Theilen aus, fondern auch von den Häuten, welche
ihre gröfsern Stämme als eine dünne Schicht be-
decken, wie dem Bauchfelle und den Pleuren, .wäh-
rend fie von den Sehnen und Nerven keinen' folchen
nachtheiligen Einflufs auf den Körper äufsert. Da-
bey erregt fie befchwerliches, anfangs befchleunigtes
Athmen, häufigen, krampfhaften Puls, vermintlerte
Willkühr der Muskeln, befonders von den hintern
Extremitäten, krampfhaftes Erftarren der Glieder, ein
fchreckhaftes Wefen, gleichfam eine Art von Panta-
phobie, oder einen hohen Grad von hyfterifchem Zu-
ftand, welcher fich durch Zittern, ein der electrifchen
Erfchntterung ähnliches Zucken und Zufammenfahren,
vorzüglich längs der ganzen Wirbelfäule und Anfälle
von Starrkrampf, meiftens in Geflalt von Üpiftho-
tonus offenbart; Zufälle, weiche theils von ielbft,
thcils auf jede Anftrengung und jeden unbedeutenden
äoCsern Eindruck, wie z. B. leifes Geräufch, Berührung
der Haare des Körpers durch eine Fliege u. f. w. eiiure-
Af. d. ArMo. I. 2. M
'tenv'fie tocitet meTftens in wenigen Minuten, felbft wenn
man die Refpiraticm , welche in den Anfällen von Starr-
krampf gänzlich unterdrückt und nach denfelben fehr
^geftört ift, kiinftlich unterhält und hinterläCst in keinem
Theile des. Körpers eine bemerkliche Veränderung.
'• ' In meinen Verfuchen mit diefer Subftanz fand
?ch nun
i) dafs, wenn man das Decoct davon entweder
ganz allein, oder in Verbindung mit Kali phlogiftica-
tum auf die unverletzte Haut in fehr grofser Menge
'•bringt, es durchaus keine Zufälle erregt, wievvohl der
^Harn dadnvch die Eigenlchaft erhält, mit Eifenfalzen
'itii erftern 'Falle einen duukelgriinen, uncl;im letztern
"'^inen 'berlinerblauen Niederfchlag abzufetzen;
a) dafs, wenn man die Aorta abdominalis un-
lerliindet und in eine Wunde des einen Schen-
kels Kali phlogifticatuni , in eine andere des
-zweiten den bittern Anguftura- Abfud in reichlicher
'Menge, und wiederholt applicirt , durchaus keine von
'den erwähnten Vergiftungszufällen eintreten, wiewohl
der nach der- Anbringung der Anguftura virofa und
des blaiifauern Kali nbgefonderte Harn mit Eifenfalzen
•vermifcht eine grofse Menge von Berlinerblau abfetzt.
<' Hieraus folgt, dafs unter den angegebenen Um-
ftänden jenes Gifl?in die einfaugenden Gefäfse wirk-
lich aufgenommen, aber durch fie fo affimilirt wird,
dafs es nicht mehr als folches wirkt: eine Erfchei-
nung, welche ich bei 'allen in diefer Hinficht unter-
fuchten Giften wahrgenoBimen habe. Ich möchte des-
wegen als gemein fchaftlichen Character von den Gif-
^ 179
ten die Eigenrchaft aufftellen, mit Hülfe der Anzie-
hungskraft von dem Blute die damit angefüJlten Ve-
nen zu durchdringen, wenn üe nicht auch andern
nicht giftigen , fogar unfchädlichen Materien , vfie /.. B,
der atmosphärifchen Luft, zukäme und fie dagegen
einigen andern Giften zu fehlen fchiene.
Bei dem letztern Verfuche fcheinen mir noch
zwei Urnftiinde bemerkenswerth : ijgmlich ' • '
a) dafs die Eiufaugung noch längere Zeit nach gänz-
licher Unterbrechung des Kreislaufs fortdauerte.
b) Dafs fich unter diefen Umftänden die Irritabili-
tät der Muskeln und ein gewiffer Grad von Em-
pfindlichkeit in diefen Organen und der Haut
erhielt, ohngeachtet beide Schenkel bald nach
Unterbindung der Aorta die Tempei-atur von
13° R. des Zimmers annahmen. Noch auffal-
lender war die Permanenz des Lebens in einem
andern Verfuctie der Art, welchen ich mit der
.Blaufäure anfteilte, denn hier kehrte, etwa 70
Stunden nach gänzlicher Unterbrechung des
Kreislaufs in den hintern Extremitäten, als ich
• die ;Ligntur von der Aorta abdominalis wieder
entfernte, die ^V'ärme allmuhlig in die Fiifse zu-
rück, und etwa ^ Stunde nach Aufiöfung der
Unterbindung ftellten fich alle Zufälle der Blau-
fäure ein, welche ich einige Zeil vorher in eine
Wunde des Schenkels gegofl'en hatte.
Diefen Erfcheinungen nach kann man nicht an-
ders, als eine belebende Ausftrömung von den Cen-
tralpuiiclen des Nervenfyftems , namentlich von dem
180
Rückenmark, in die Organe annthmen , in welche ihre
Nerven übergehen.
Auf der andern Seite findet aber auch von fol-
chen Theilen aus, welche bis auf den Zufammenhang
ihrer Nerven mit dem Rückenmark von dem übrigen
- Körper gänzlich getrennt find, noch eine Rückwirkung
auf den übrigen Körper ftatt, weil nicht blofs Gifte,
fondern alle andre Reize, welche man in folche, bis
auf das Nervenfyftem vom übrigen Körper gänzlich
iiblirte, Glieder bringt, den Tod diefer Thiere be-
fchleunigt, ohne andre als die gewöhnlichen Reizzu- .
fälle hervorzubringen.
3) Fand ich in Anfehung des Einfluffes der Gifte
auf das Rückenmark:
a) dafs, wenn man das Lendenmark zu oberft zer-
fchneidet, und in eine Wunde der hintern Ex-
tremitäten das Anguitura - Abfud applicirt, die
Hinterfüfse ebenfalls, aber nicht gleichzeitig mit
dem vordem Theile des Körpers, fondern einige
Zeit nachher, von der tetanifchen Erftarrung und
Ausftreckung befallen wurden,
i) Dafs, wenn man die MeduUa oblongata entweder
völlig oder bis auf einen dünnen Markftreifen
an jeder Seite derfelben in die Quere zerfchnei-
det, die Refpiration kdnftlich unterhält und die
bittre Anguftura, innerlich oder äufserlich, ap-
plickt, fie ganz fo wie bei unverletztem Rü-
ckenmark, nur mit dem Unterfchiede wirkt, dafs
der Körper unendlich gröfsere Dolen davon ver-
trägt und ihrer Wirkung Stundenlang wider-
l'teht, wahrend er fonft von dem fechften bis ach-
ten Theile des Giftes, felbft wenn man die Re»
fpiration küofüich unterhält, in wenigen Minuten
ftirbt.
c) Endlich, dafs, wenn man nach Eintritt der Ver-
giftungszufälle mit den eben(i) erwähnten Um-
ftänden das Rückenmark zerftört, diefe Zu-
fälle plötzlich verfchwinden, wiewohl die ent-
blöfsten Carotiden noch 2 bis 3 Minuten hin-
durch pulGren.
Woraus fich nun wohl mit ziemlicher Gewifsheit
ergiebt , daCs diefcs Gift wirklich das Rückenmark auf
eine für den flbrigen Körper höchft nachtheilige Weife
afficirt und hierdurch auf den übrigen Körper feinen
zerfrörenden Einflufs äufsert.
Bei diefen letztern Verfuchen zeigten fich folgende
merkwürdige Erfcheinungen. Gleich nach Zerfchnei-
dung des verlängerten Marks, unmittelbar unter dem
Hinterhauptsbeine fterben das Auge und der gröfste
Theil des Kopfes für immer, hingegen im übrigen
Körper kehrte das Leben mit der Nachahmung der
Refpiration zurück, und die äufserlich oder innerlich
appÜcirte bittre Anguftura beförderte diefe Rückkehr
des Lebens und fteigerte es offenbar. Bleibt auf jeder
Seite des verlängerten Marks ein fchmaler Streif un-
zertrennt, fo dafs dadurch die Verbindung des Gehirns,
und Rückenmarks noch unterhalten wird, fo kehrt
unter den eben erwähnten Umftänden ein höherer
Grad von Leben zurUck, d. h. die Bewegungen des
Rumpfes und feiner GUeder find lebhafter und fUr-
18i2
ker, und die Empfindlichkeit deffelben gröfser, als in
dem Falle, wo die Medulla oblongata völlig zerfchnit-
ten wird; auch ftellen fich alsdann Refpirations-Ver-
fuche ein, nämlich ein periodifches Vorwärtsbeugen
des Kopfes, ein Anfpannen der Bauchmuskeln und
ein fchwaches Austreiben von Luft aus dem Munde.
Einige Zeit nach der Application von der Anguftu-
ra virofa entfteben auf gröbere und fchwächere Reize,
fogar auf blofses Berühren der Haare Zuckungen und
Starrkrämpfe, an denen aber der Kopf keinen andern
Antheil nimmt, als dafs er durch die Nackenmuskeln
rückwärts gezogen wird, und in einigen Füllen/ die
Augenfpalte, wie auch die Pupille fich während des
Opifthotonus zu erweitern fchien. Eben fo vermogte.
kein Theil des Kopfes, felbft wenn man die ftärkften
Reize an ilni applicirte, jene Zuckungen und Starr-
krämpfe zu erwecken, als das äufsere Ohr und
nach einigen Beobachtungen die Haut am Hinterhaupte.
Alle Arten von mechanifcher Verletzung der Lippen,
der Zunge und der Haut desGeßchtes, heftiges Prel-
fen der Augen, Kitzeln in der Nafe, Applicirung von
fchwefligten Dämpfen und cauftifchem Salmiakgeift an
die innere Nafenhaut, heftiges Schreien, Annähern einer
Flamme an das Auge, felbft Zerfchneiden der bei-
den untern Aefte des Gefichtsnerven (N. durus) wa-
ren unfähig, fowohi in diefen Organen felbft, als
in dem übrigen Körper eine Reaction hervorzubrin-
gen , wiewohl das Zerfchneiden des Gefichtsnerven
Zuckungen der Lippen und Verletzung der Gefichts-
muskeln - lebhafte Contractionen derfelben erregte.
Dagegen veranlafste jede Reizung des Rumpfes und
der Extremitäten, eben fü der äufsern Ohren, allge-
meine Zuckungen und Krämpfe. Reizung der Haut
war ungleich wirkfamer, als die der Muskeln, eben
£o Reizung des Rumpfes und der Extremitäten , als
die der Ohren , jene Zufälle zu wecken. Spricht
diefes nicht für die Behauptung, dafs das Rücken-
mark alle confenfuellen Erfcheinungen vermittelt? dafs
der vom Rumpfe losgetrennte Kopf, (woin die Los-
trennung dicht unter dem Hinterliaupt gefchähe, was
freilich wohl feiten der Fall feyn möchte) der Em-
pfindung und des Bewufstfeyns beraubt ift? Ferner,
dafs der Impuls zum Alhmen unabhängig von dem ve-
nüfen und arteriöfen Blute von dem verlängerten Pvii-
ckenniark ausgeht? Endlich, dafs das Gehirn wenig
oder keinen Antheil an Hervorbringung der Vergif-
tungszufälle hat?
In diefen Verfuchen zeigte fich übrigens gleich nach
Trennung des verlängerten Rückenmarks die Stärke
des Kreislaufs und der Bewegung des Herzens fehr
vermindert, befonders in dem Falle, wo der Zufam-
menhang des Gehirns und Rückenmarks gänzlich un-
terbrochen wurde. Die entbldfsten Carotiden pulllr-
ten zwar lebhaft, allein der Herzfchlag war nicht
fühlbar, und wenn ein Arterienftamni zerfchnitten
wurde, fo trieb er das Blut weder in der Menge,
nocli auf die Entfernung hin, wie unter den gewöhn-
lichen Umftänden, aus fich heraus, überdies hörte
meiltens die Blutung auf, wenn man das zerfchnillene
GefäCs einige Secunden lang mit den Fingern zul.un-
184 — — —
mendrückte. Die Umwandlung des venöfen Blutes in
arteriöfes und des letztern in das erftere dauerte , wie
bei der natürlichen Refpiration, fort, (fo weit fich die-
fes aus der Farbe der Gefäfse und des aus ihnen her-
ausgelaffenen Blutes beurtheilen läfst), ohngeachtet iie
nicht mit Hülfe eines Blafebalgs , fondern durch Ein-
blafen der Luft mit dem Munde und dem Tubulus
nachgeahmt wurde. Die thierifche Wärme nahm ab,
aber langfamer, als in Brodle's Verfuchen: in einem
Falle nur um 3° R. in 74 Minuten, bei einer Stu-
bentemperatur von i2-|° R. (Diefe Abweichung von
den Beobachtungen von Brodle rührte wahrfcheinlich
daher, dafs er fich in feinen Verfuchen zur künftlichen
Unterhaltung des Athmens des Blafebalgs bediente).
Allein diefe Verminderung der thierifchen Wärme be-
rechtiget, wie ich glaube, uns nicht, eine unmittel-
bare Abhängigkeit ihrer Erzeugung von dem Gehirne
anzunehmen, weil unter den erwähnten Umftänden
die Energie des Kreislaufs fichtbar gefchwächt war,
und die künftliche Refpiration die natürliche nie
völlig erfetzen kann , denn ich fand immer in den
Leichen von den Thieren, deren Refpiration ich eine
Zeitlang kUnftlich unterhalten hatte, die Lungen
emphyfematös und mit ausgetretenem Blute infiltrirt,
Ueberdies wurde unter jenen Umftänden wirklich
Wärme erzeugt, fofern die des Körpers von diefen
Thieren weder fo fchnell, noch fo beträchtlich ab-
nahm, als in den hintern Extremitäten von den Ka-
ninchen, denen die Aorta abdominalis unterbunden
worden war.
185
In Anfehung des giftigen Bitterftoffs machte ich
die Beobachtung, dafs, wenn man aiis der oftindifchen
Angultura die ihr, mit den übrigen giftigen amaris
genieinfchafthche Materie, welche mit den Eifenfalzen
einen grünen Niederfchlag imd eine grüne Auflöfung
giebt, herausfcheidet, üe ihre giftige Wirkung nicht
verliert; ferner, dafs jener grüne Niederfchlag, wel-
cher, wie das Berlinerblau, wirklich Eifen enthält,
keinen nachtheihgen Einflufs auf den thierifchen Kör-
per äufsert. Ohnftrcitig hat das Verhalten der bittern
Gifte gegen Eifenfalze einige Aehnlichkeit mit dem
der Blaufäure. Sollte nicht auch eine der Blaufäure
ähnliche Verbindung den Grund der giftigen und
bittern Eigenfchaftcn jener Materien enthalten?
Die bittern Mandeln verdanken ihrem Blauffiure
enthaltenden Oehle nicht allein die Giftigkeit, fondern
auch Bitterkeit, denn mit Entziehung deffelben ver-
lieren fie diefe beiilen characteriftifchen Eigenfchaften;
ein bitterer Extractivftoff , welchen Herr Profeffor
Pfaff in feiner vortrefflichen Materia medica ihnen
zufchreibt, läfst fich daraus nicht abfcheiden. Auch
find jene giftigen amara, ^ wie überhaupt die meiften
vegetabilifchen Gifte) reich an Stickftoff. Zwar kann
man aus <\iim grünen Niederfchlage, welchen der Auf-
gufs und Abfud der bittern Anguftura mit den Eifen-
fiilzen abfetzt, keine Blaufäure abfcheiden, allein
die floffige Blaufäure ift ebenfalls von anderer Be-
fchaffenheit als die im Kali phlogifticatum enthaltene,
denn mit Eifenful/en giebt fie keinen berlinerblauen,
fondera einen dunkelgrünen Niederfchlag und mit Kali
185, .
gemifcht verliert fie ihre giftigen Eigenfchaften nicht,
während das Kali phlogifticatum , feJbft in den gröfs-
ten'Dofen, keine Spur davon aufsert. Deswegen ift
nun auch das Kali weder gegen Blaufiiure, noch
gegen das ätherifche Oehl der bittern Mandeln,
ctem Prunus Laurocerafus und Pr. Padus (welches
wie die Blaufäure wirkt) Gegengift, wiewohl diefes
fchon Schcaib und in neuern Zeiten wieder Ittner
behauptet haben. Ueherdies erhält man ja durch
Behandlung von thiariichen und diefen ähnlichen ve-
getabilifchen Theilen, wie Indigo, einen bittern Kör-
per, jenes höchft merkwürdige Amere von Welter
(Annales de Cbimie T. XXIX.)- Da diefem verpuf-
fenden Korper eine der Blaufäure ähnliche Mifchung
zukömmt, fo war ich fehr begierig, feine Wirkung
auf den thierifchen Körper zu prüfen. Zu diefem
Ende gab ich kleine Quantitäten davon einigen Eidech-
fen und Vögeln zu verfchlucken, und applicirte ihn
auch diefen Thieren in Wunden : in beiden Fällen
ftarben die Thiere in kurzer Zeit mit allen Zufällen
der Anguftura virofa.
Bemerkenswerth ift noch in diefer Hinficht, dafs
die Krähenaugen, die Ignatiusbohnen und das Upas
nicht allein in Aniehung des bittern Gefchmacks, fon-
dern auch ihrer giftigen Wirkung mit der Anguftura
völlig übereinftimmen ; ferner, daffelbe Pfeilgift (auch
das Opium) bitter fchmecken — dafs nach den vor-
trefflichen Unterfuchungen von Magen die und Delile
in der Differtation des letztern zwar alle bitter fchme-
ckenden Strychnos - Arten giftig fmd , aber die nicht
— , ^ 187
bittern , wie Str. Potatorum und Vontac imfchäcllich
find. Ferner, clafs nach Lefchenaiih das Innre von
der Wurzel des Strvchnos tieute gefchmacklos und
ohne alle nnchtheilige Wirkung ift, während die
aufsere bittere Rinde derfelben das heftigfte Upasgift
giebt. Endlich find manche Sorten der Quaffia amara,
namentlich folche, die mit Eifenfalzen einen ftahl-
grauen Niederfchlag abfetzen , für Fliegen, Eidechfen
und Vögel, gegen welche Thiere ich fie bisher allein
verflicht habe, Gift.
Noch füge ich diefem , wegen einer meiner frü-
hem, in das Publicum gekommenen Anficht die Be-
merkung bei, dafs in Anfehung der Wirkungsart der
Gifte auf die einzelnen Theile des thierifchen Kör-
pers doch eine Verfchietlenheit Statt zu finden fcheint,
fofern ich in meinen bisherigen Verfuchen mit dem
Stechapfel, tier Belladonna, dem Fingerhut, Giftlattig
und dem Aconitum keine giftige Wirkimg wahrneh-
men konnte, wenn ich fie äufserlich in Wunden, oder
auch als CIvfticr beibrachte.
188
iir.
Eine
phyfiologifch ■ optifche Beobachtung.
Von dem
im Jahr 1814 verftorbenen.
D o c t o r l e g e n s J. T. Sachs,
ordentl. MitgUede der pbynkal. med. Societdt.
Mirgetheilt
vom Geh. Hofr. u. Prof. Harles.
Unter die merkwürdigften , zugleich aber unter die
am wenigften beachteten Varietäten und Abnormitäten
des Gefichtsfinnes gehören wohl diejenigen, welche
fich in der V\rahrnehmung der Farben gefehener äufse-
rer Gegenftände zeigen. Nicht von den momentanen,
durch äufsere oder innere Reize erzeugten , Farben-
erfcheinungen (Augengefpenftern), noch weniger von
den durch Trübung oder Färbung der durchfichtigen
Häute und Feuchtigkeiten des Auges öfters entftehen-
den farbigten Flecken vor den Augen, auch nicht von
den aus ähnlicher Quelle entfpringenden Veränderun-
gen des Farbtons des ganzen Gefichtsfeldes ift hier
die Rede, fondern von den in dynamifchen Verhält-
lüffen des Sehorgans begründeten permanenteren Ver-
.~-— 189
fchiedenheiten der Farbenempfindung, wfelcheein und
flaffeJbe Object unter gleichen äufsern Umftänden bey
verfchiedenen Menfchen, oder auch bey ein und dem-
felben Menfchen zu verfchiedenen Zeiten erregt.
So giebt es nicht wenige Menfchen , welche ge-
wiffe Farben nicht von einander unterfcheiden kön-
nen , oder wenigftens v nicht einen fo beträchtlichen
Unterfchied , wie Andere, zwifchen denfelben finden.
Diefe Erfcheinung kommt befonders auch als ein
Symptom der Akvanoblepjle vor, d, h. derjenigen Be-
£.;haffenheit des Sehorgans, bei welcher es alles B/ciu,
fowohl an fich, als in der Vermifchung mit andern
Farben nicht, oder nicht als Blau, wahrnimmt, fo
dafs ihm ftatt des reinen Blau eine Art von Roth oder
(wenn ich blofs auf eine theoretifche Anficht hin eine
Vermuthung wagen darf) vielleicht vielmehr ein Grau,
als blofser Ausdruck des cy.n^ü, was im Blauen ift,
in dem Violetten nur das Kothe, in dem Grünen
nur das Gelbe erfcheint. Solche Augen fcheinen über-
haupt für dj-n Pol der Farbenpolarität, welcher in
der blauen Farbenreihe, oder beffer auf der blauen
Seite des Farbenkreifes herrfcht, in gewiffem Grade,
oder auch abfolut, unempfindlich zu feyn; und ilie
■Erwägung des Umftandes, dafs die Akyanoblepfie
meift mit einiger Schwäche des Auges verbunden ift,
dürfte vielleicht zur Entfcheidung der Frage, ob der
blaue Pol als der pofitive oder negative zu betrachten
fey, etwas beitragen.
Manche Mtnfchen, die, bei etwas fchwacher Sei»,-
kraft, die Formen der Gegenltinde ganz deutlicii leben.
490 —
find ddbey doch beinahe oder'gänzlibh unfähig, die
Farben derfelben anders als in Rückficht ihrer ver-
hältnifsmäfsigen Heiligkeit oder Dunkelheit zu unter-
fcheiden^ fo dafs .ihnen alle Oegenftiinde nur wie mit
Tufche gezeichnet erfcheinen. Solche JVIenfchen fchei-
nen zwar das quanntaiive Verhältnifs der beiden jede
Farbe producirenden Factoren, des Lichts und der Fin-
fternifs, keineswegs aber das qualitative , zni vitichein
der polare Gegenfatz des Gelben und Blauen beruht,
und welcher-. die Farbe erft vollendet, zu empfinden.
Diefe Abweichungen des Sehorgans find ohne Zwei-
fel häufiger als man glaubt, und aufser ihnen kom-
men wahrfcheinlich manche andere öfter vor. Einige
Erfcheiniingea bey hj-pochondrifchen und hyfterifchea "
Menfchen dürften wohl zu ihnen gerechnet \yerden.
Meiitens aber fcheinen fie auf eine urfprüngliche per-
mauente Befchaffenheit des Sehorgans begründet, den,
an welchem fi«? fich finden, durch das ganze Leben Z|ij
begleiten und. da diefer, indem er nicht weifs, wie
die Farben Andern erfcheinen, nie, oder nur durch
gewiff« begünftigende Umftände, die nicht gar häufig
zufammentreffen ,» ' die Verfchiedenheit feiner Empfin-
dung voll der der andern Menfchen gewahr wird,
fo wird es erklärlich, warum man fo wenige Beobr
achtungen von diefen Abweichungen hat. Diefe könr
nen, wie diefes manche beobachtete Fälle wirkhch
zeigen, mit einer übrigens ganz fehlerfreien Befchaf-
fenheit des Auges und des ganzen Körpers beftehen, ■.
auch, an fich betrachtet, noch innerhalb der Gränze
des gefunden Zuftandes ihren Platz finden, wo ile dann
fchwerer wahrgenommen werden. .Ueberhaupt kön-
nen wir nicht wiffen, ob eine und diefelbe Farbe bei
lins Allen auf einerlei Weife gefehen wird. Es ift
ja wohl ausgemacht, dafs alle Erfcheinungen , welche
uns die finnlichen Gegenftande darbieten , nicht blo^s
von einer einfeitigen Einwirkung der Objecte auf blofs
leiilend lieh verhaltende Sinnorgane abhängen, fandern
von der Einwirkung der Objecte auf den empfinden-
den Organismus und von der ihr entgegenkoinmendeil
Seibftthätigkeit des letztern gemeinfchaftlich, wie. von
zwei Factoren, hervorgebracht werden. Es wird deui-
nach, auch wenn der objective Factor einer und der-
felbe bleibt, bei Verfchiedenheit oder Veränderung
des fubjectiven Factors die Erfcheinuiig,- die aus der
Wechfel Wirkung beider hervorgeht, verfchieden aus-
fallen. So kann ein und daffelbe Naturding, fo kön-
■nen mehrere Naturdinge, in denen die Befchaffenheit,
welche tias objective. Cauffalmoment ihrer Farbe ent-
hält, diefelbe ift, in den Augen verfchiedener Perfo-
nen verfchiedene Empfindungen von Farbe hervorbrin-
gen. Und da dies im ganzen bei allen Naturdingen
in einerlei Verhühniffe gefchehen mufs,; fo bleibt das
•Verhältnifs der Farben unter einander daffelbe, die
Farl)e, welche zu den übrigen einerlei Verhältniffe
■2eigt , werden wir alle mit einerlei Namen ; belegen,
obgleich jeder von uns vielleicht eine andere Vorftel-
lung von ihr hat. Aber auch da,, wo das Verhält-
nifs der Farben unter einander, fo wie fie verfchie-
denen Individuen erfcheinen, ein verfchiedenes ift,
wo nur eine oder nur einige Farben dem Einen anders
erfoheinen als den Uebrigen, wird der gradus und mo-
dus des Unterfchiedes fcluver genau zu beftimnien
fayn , weil den Individuen , die ihre Farbenempfindun-
gen mit einander vergleichen wollen , ein gemeinfchaft-
licher Maasftab dazu durchaus fehlt.
Es wäre meines Erachtens wohl der Mühe wertli,
und konnte für die Optik fowohl als für die Phyfio-
logie und Patliologie des menfchlichen Auges fehr
erfpriefslich werden, wenn die Verfchiedenheit , in
welcher den Menfchen einerlei Farben erfcheinen, von
Naturforfchern und Aerzten mehr, als bisher gefche-
hen, beachtet und forgfältiger iinterfucht würde.
Die Gelegenheit zu folchen Beobachtungen dürfte wohl
dem, der fie auffuchte, häufiger, als man glaubt, ent-
gegen kommen. Indeffen bleibt es doch aus den oben '
angeführten Gründen immer fchwer, folche Beobach-
tungen in hinlänglicher Menge rein und genau genug
aufzufaffen, das Beobachtete zu vergleichen, und ohne
Gefahr eines Mifsverftändniffes mitzutheilen , noch
fchwerer aber mit den Unterfuchungen über dielea '
Gegenftand ins Allgemeine zu gehen.
Ich erlaube mir, dem Publicum eine Beobach-
tung mitzutheilen, welche hierher zu gehören fcheint,
jedoch etwas an fich hat, weshalb man diefes bezwei-
feln könnte und flberlaff« das Urtheil hierüber den
Phyfiologen.
Es ift bekannt, dafs, wenn Licht und Schatten
neben einander durch ein Glasprisma (oder ein ande-
res nicht paralleles Mittel) fallen, oder ein dunkles und
ein heiles ßild, (z. B. ein Fenfterftab und der Himmel •
vom
193
vom Innern des Zimmers aus) nebeneinander durch
ein folches betrachtet werden , an der Gränze zwjfchen
Licht und Schatten', oder zwifchen dem hellen und
dunkeln Bilde, wenn lie nicht auf der Axe des Pris-
nia fenkrecht ift, eine farbige Erfcheinung entfteht.
Und zwar kommt in dem erften F'alle, den wir mit
den ueuern Optikern den objectiven nennen wollen,
da, wo der Schatten gegen den brechenden Winkel,
das Licht gegen die diefem Winkel gegeniiberftehende
Fläche des Prisma zu liegen kommt ( bei der gewöhn-
lichen Lage des Prisma an der untern Gränze des
Lichtes) ein gelber, da hingegen, wo das Licht ge'gen
den brechentlen Winkel, der Schatten gegen die die-
fem gegeniiberftehende Fläche des Prisma liegt (ge-
wöhnlich an der obern Gränze des Lichtes) ein blauer
Rand vor. In dem zweiton Falle, den man den ßibjec-
tiveii nennt, ift dies umgekehrt. In dem gelben Rande
unterfcheiden die Phyfiker zwei in einander überflief-
fende Farben: gelb und (gelb) roth , oder drei:
gflb, orange und (gelb-) roih, in dem blauen eben-
falls zwei: bluu und vio/ec, oder drei: azur, indigo
und violft. Wenn ein gelber und ein blauer Rjnd
einander fo nahe kommen, dafs das (eigentliche) Gelb
des einen und das Azur des andern fich decken, er-
fcheint an der Stelle diefer Vereinigung Grün; fo wie,
wenn beiderlei Ränder auf der andern Seite mit ihrem
Roth und Violet in einander tibergreifen, dar Purpur
fich zeiget. So werden die Farben des Prisma (nur
mit Ausnahme des Purpurs, deffen einige nicht er-
wähnen) fo viel mir bekannt, o/Z^'^Tna« angegeben.
Af, d. Archiv l. 2. N
194
Es war mir daher feit der Zeit, da ich anfing,
mich ernfthaft mit optifchen Verfuchen zu befchafti-
gen, auffallend, dafs ich in dem prismatifchen Farben-
bild und auch fonft, wo Farben durcli Refraclion er-
fchienen, nie ein reines Azur, fondern imhier ftatt
deffen ein entfchiedenes Blaiigrüii zu fehen bekam,
und zwar im objectiveu fowohl, als im fubjectiven
Fall.
Diefes Blaugriin nähert fich auf der Seite gegen
das Violette hin allmählig dem Blau, und zwar einem
etwas dunklerem Blau. Dies zeigt fich befonders in
dem objectiven Fall, wenn der blaue und rothe Rand
eines Lichtftreifens von beirüchtücher Breite zum In-
einandergreifen gebracht werden, welches hier nur in
einer bedeutenden Entfernung der auffangenden Flache
vom Prisma möglich ift , bei welcher zugleich die far-
bigen Ränder fehr breit, und dadurch zur Unterfchei-
dung der verfchiedenen Nuancen ihrer Farben taug-
licher werden. Nachdem hier der mehr ins Grüne
fallende Theil jenes Blaugrüns, welches ich ftatt des
von andern an deffen Stelle beobachteten Azurs fehe,
von dem (eigentlichen) Gelb des gegenüberftehenden
gelben Randes gedeckt und fo zur Erzeugung des ge-
wöhnlichen, bekannten, prismatil'chen Grüns ver-
wandt worden, crfcheint der übrige Theil deffelben
dem Atüi ähnlicher, und ift vielmehr ein Grünblau
als ein Blaugriin zu nennen.
Um zu fehen, wie viel etwa die Nachbarfchaft
des von Gelb und Azur erzeugten reinen, lebhaften
Grüns etwas dazu beitrage, den grünen Schein des
195
tiberWeibencfen Azurs zu fchwiichen, verdeckte ich
das reine Grün mit der vor das Auge gehaltenen
Hand : aber das Grünblau biieb unverändert.
Diefes Grünblau geht, immer dunkler werdend,
in allen Fällen faft unmittelbar in das Violette über:
fo dafs ich auch das Indigo, wenn man darunter
nicht Rothblau, fondern ein indifferentes, d. i. weder
gegen Grün noch gegen (Purpur-) Roth fioh hinnei-
gendes Dunkelblau verfteht, nicht, oder wenigftens
nicht deutlich, beflimmt und unbezweifeJt, am aller-
wenigften in einer beträchtlichen Breite, im prisma-
tifchen Farbenbilde wahrnehme.
Man könnte mir den Einwurf machen: das Blau-
gtüa und Grünblau, was ich ftatt des Azurs, fehe,
fev der Vermifchung des reinen Azurs, mit dem Gelb
eines etwas blafsgelben Farbcurandes, der im objecti-
ven Falle durch ungleiche Durchfichtigkeit des Pris-
ma oder der andern Medien, durch welche der Licht-
ftreif gefallen, im fubjpcüveri durch ungleiche Hel-
ligkeit und Färbung des betrachteten hellen Bildes in
der Nähe des beobachteten blauen Farbenrandes, ohne
dafs ich es gewahr geworden , entftanden feyn konnte,
2uzufchreiben. Im objectiven Falle konnte ich ziwar
folche Nebenränder nie ganz vermeiden, da es mir
noch nicht gelungen ift, eines vollkommen reinen
Glasprjsma's habhaft zu werden (das grofse Waffcr- ,
prisma, deffen ich mich bei einigen Verfüchen bediente,
ift zwar von Blafen und Streifen ziemlicli frei, aljcr
wegen eines unten anzuführeixlea Umftandcs etwas
N 2
196
verdächtig): es zeigte fich aber da, wo diefelben ihr
Gelb mit dem von andern beobachteten Azur (oder
meinem Blaugrün) des blauen Randes vejmifchten,
nur das gewöhnliche, reliiu , indifferente prismatifche
Grün, das zwar blaffer war, als wo es durch die Zu-
fammenkunft hochgefärbter Hauptränder entfteht, aber
von dem mehrerwähnten Blaugrün fich deutlich und
beftimmt, nicht blofs feiner Helligkeit, fonelern auch'
(lern Modus feiner Farbe nach, unterfchied. Eben
diefs beobachtete ich, wenn im fubjectiven Falle gelbe
Nebenränder dem blauen Räude zu nahe kommen,
welches ich aber hiur vollkommen zu vermeiden oft
genug in meiner Gewalt hatte. Im Gegentheil er-'
fchien hier das Blaugrün nie entfchiedener und fchö-
ner, als wenn ich die Fenftcrftäbe vor einem ganz
gleichförmig grauem Himmel durch das Prisma be-
trachtete.
Auch vor dem Einwurfe: dafs vielleicht grüne
Farbe des Prisma felbft das Blau in das Grüne hin-
über gezogen habe, fühle ich mich ficher. Denn ob-
gleich eins von den von mir bei diefen Verfuchen.
gebrauchten GJasprismen eine grünliche, das oben er-
wähnte Wafferprisma fogar eine gelbgrüne Farbe hat,.
fo hatte ich doch Gelegenheit genug, den Veifuch
mit ganz farbenlofen Prismen und andern hierzu brauch-
baren gelchliffenen Gläi'ern zu machen, wo es denn
imm^r die oben befchrjebenen Erfolge gab. Und felbft
durch jene grünen Prismen erfchien mein Blaugrün
immer deutlich von dem andern, allgemein aner-
kannten, Grün verfchieden.
-197
Ueberhaupt aber glaube ich mich durch die con-
ftante Identität des befchriebenen Erfolgs bei den un-
zähligen Verfuchen, welche ich bald abfichtlich zur
Prüfung deffelben , bald zu andern Zwecken unter
den verfchiedenften Bedingungen und Umftänden an-
geftellt habe, vor aller Täufchung in diefer Sache
hinlänghch gefiebert halten zu dürfen.
Wenn nicht diefe Erzählung felbft fchon eine
Kenntnifs des Unterfchiedes zwifchen Azur und Blau-
grün bei mir vorausfetzte, fo foUte man nach derfel-
ben wohl glauben: dafs ich überhaupt alles, was An-
dere Azurfarben nennen, blaugrün fehe. Aber das
ift eben das Sonderbare, dafs diefes, fo viel ich bis-
her bemerken konnte, nur bei dem dioptrifchen Blau
der Fall ift, dafs ich die befagten Farben, wo fie (als
chemifche Farben nach Götlie) permanent an der Ober-
fläche der Körper haften , fo deutlich , beftimmt und
leicht von einander unterfcheide , dafs ich mir es gar
nicht möglich denken kann, fie mit einander zu ver-
vvechfeln , es mofste denn bei Kerzen- oder Lampen-
lichte gefchehen, welches alles Blau leicht etwas in
das Grüne herüber zieht, und überhaupt dem Aug«
die Unterfcheidung zwifchen nahverwandten Farben
erfchwert '). Auch in der Wahrnehmung und Un-
l) Ob ich auch unter den katoptrifchen , paroptrifcben und epop-
trifcjhen Farben Grünblau oder Blaugriin ftactBlau fehe, darauf
habe ich noch nicht geachtet, auch wird hierüber, wegen det
geringen Breite, in welcher hier alle Farben meiXteni erfeliei-
ncn , ftinverer , als bei den dioptrilclien Farben eine befliuunw
Bitobachiuug zu machea feyn.
198
terfcbeidung der Gbrigen Farben konnte ich bisher
keine Abweichung von andern Menfcheh bei mir
beobachten.
Eben der Umftand , dafs mir der Azur nur unter
einer gewilfen objectiveii Bedingung als Blaugrün und
Grünblau erfcheint, hat in mir den fchon oben ge«
äufserten Zweifel erregt, ob dies wirklich in einer
befondern Befchaffenheit meines Gefichtsorgans feinen
Grund finde; und ich würde auch nicht einen Augeix-
blick diefem letztern Gedanken Platz gegönnt haben,
wenn ich mir es möglich hätte denken können , dafs
fo viele forgfältige Beobachter , welche die dioptrifchen
Farben fchon betrachtet und unterfucht haben, eine
Erfcheinung, welche, unter äufsern Bedingungen, die
(weil fie doch meine Verfuche beftändig begleiteten)
häufig genug eintreten muffen, bei folchen Befchäfti-
gungen einem Jeden fich zeigen könnte, Such nicht
einmal feilten bemerkt, oder, wenn fie fie bemerkt
hätten, nicht follten aufgezeichnet; oder dafs alle
Optiker fich mit einander foLlten verfchworen haben,
das, was fie wirklich blaugrün fahen, azurfarb zu nen>
nen. Und wäre auch der Grund jener Erfcheinung
rein objectiv, und wäre ihrer, ohne dafs ichs wüfste,
in den optifchen Schriften irgend Erwähnung gethan,
fo fcheint fie mir doch auch in diefem Falle würdig,
mehr beachtet zu werden, als es gefchehen ift, und
wäre es auch nur zur Beftimmung der beftändisjen
und veränderlichen in den dioptrifchen Farbenerfchei-
nungen oder zur mehrerer Feftftellung der Farben«
nomenclatur.
199
Wenn aber gleich nicht zu verkennen ift, dafs
die befchriebene Abweichung von der gewohnlichen
Erfcheinung der dioptrifclien Farben eine objective
Uf fache habe, fo fchliefst doch diefe die Mitwirkung
einer fubjectiven, im Sehorgane des Beobachters lie-
genden Urfache, keineswegs aus.
Wenn man fich das Verhältnifs der letztern zu
der erftern fo denkt, wie das einer prädisponirenden
^u einer Gelegenheitsurfache, fo begreift fichs leicht,
warum, ungeachtet die Eefchaffenheit des individuellen
Sehorgans, welche die fubjective Urfache davon ent-
hält, in einem Individuum beftändig vorhanden ift,
daffelbe doch nicht immer Blaugrün ftatt Azurblau
fieht, fondern nur dann, wenn die objective Urfache,
die in einer Eigenthiinilichkeit der Eni ftehungs weife
der dioptrifchen Farben (zweiten Klaffe, nacli Göthe}
liegen mag, dazu kommt.
Man iieht , dafs , um mit diefer Sache mehr ins
Reine zu kommen, zahlreiche vergleichende Verfucho
mit andern Menfchen erforderlich wären. Mit eini-
gen Menfchen habe ich folche bereits vor Ihngere»:
Zeit angefiellt, und bedaure nur, dufs ich tlie Reful-
late davon nicht fogleich aufgezeichnet habe, unil mein
Gedüchtnifs mein Vertrauen hier getäufcht hat. In
meinen Papieren über Optik finde ich blofs die gele-
genheitliche unbeftimmte Bemerkung: dais_ aufser mir
auch Andere ftatt Blau blaugrün gefchen haben. Kürz-
lich habe ich die Verfucho mit mehrerer und müg-
lichft grufscr Sorgfalt mit einigen meiner Bekannten
wiederholt. Diefe faben Jeu Azur m«, jedoch im
200
objectiven Fall zwifchen diefem und dem übrig geblie-
benen Weifs des Lichtftreifens etwas weniges reines,
indifferentes Grün, welches ohne Zweifel durch die
oben von der Unreinheit des Prisma abgeleiteten far-
bigen Nebenränder entftanden war. Nur Einer von
ihnen fah im objectiven Falle den Azur blaugrün oder
grünblau, und im fubjectiven äufserte er auf meine
wiederholten Fragen: was er am blauen Rande fehe;
dafs er nicht wiffe, ob er die Farbe deffelben blau
oder grün nennen folle, wie er denn überhaupt die
benachbarten Farben des Farbengefpenftes fchwerer,
als ich und Andere zu unterfcheiden fehlen. Ich ge-
denke diefe vergleichenden Verfuche gelegentlich fort-
zufetzen, befonders auch fie mit meiner jüngfteii
Schwefter, der Albine, voi-zunehmen , um auszumit-
teln, ob die fubjective Urfache der hier befchriebenen
Abweichung etwa mit dem Mangel an Pigment oder
einer andern Eigenthümlichkeit des albinifchen Auges
in Zufammenhang ftehe ').
l) Leider hat ein früher und unverrnntheter am f. hnjus eines
typliös- entzündlichen Fiebers, in Folge einer heftigen Erkäl-
tung bei erhitztem Körper, erfolgter Tod des Verfaffers die
Ausführung diefer Vorfätze vereitelt, und iiberlia pt mehrere
Früchte phyfiologifcher und mathematifch - phyfikalifcher Ar-
beiten , die von den Talenten und dem Fleifs dlefes trefflichen
und auch als Menfch liebenswerthen jungen Mannes zu er^var-
ten waren . mit ins Grab genommen. Der verftorbene Sacht,
in Kärnthen geboren (feine Eltern waren jedoch aus dem Bai-
reuthLfchen"^, war ein voUkommner -^/^tifio oder Lencaethiops ge-
wefen mit ganz rother (von der Seite angefehen melir ins Blaue
oder vielmehr Violette fpielender) Iris, und beftändig zittern-
der Bewegung derfelben, fo wie des Augapfels, mit lichtfcheue
Nyktalopie, dann mit ganz weifsen feidenaxtigen Haaren und
^ 201
einer fclineeweilsen Farbe und fammtartigan Weichheit der
Hautdecken. Merkwürdig \Viir es, dafs er und eine jüngere
(noch lebende) Schwefter die beiden einzigen Albinos in einer
ramilie waren, deren Vater, Mutter und die übrigen drei Kin-
der duroh Farbe der Augen, Haare und der Haue zu den ent-
fchi- denen Brünetten gehör'-n. Der feiige Vac/u hat eine äufserft
genaue und intereffanteBefchreibung von fich undfeinerSch^ve-
fter, die befondcrs in Bezug auf die ungemein genau detaillir-
ten optifhen VerhältniCfe der Leucaethinpen zu andern Men-
fchen fehr l hrr^ich ift, in feiner Inaugural -Differtatlon : Hi-
fcoria Duorum Leucaethiopum, auctoris ipiius, et fororis ejus,
(^auch als befondere Schritt in de« Buchhandel gekommen, Sulz-
bach 1812) gt-geben, in welclier rr den Reichthiim feiner opti-
fchen Kenntnifle rühmlich beurkundete. Auffallend war es,
.ddfs diefer Albino, der bei Tage nur mit halbverfchloffenenj
blinzelnden und beft^ndig hin und her rollenden Augen Perfo-
nen und andere Gegenftände anfehen konnte, in fternenhelleu
Nächten ohne alle Angenbefch^v^rden und olme beträchtliches
Zittern und Bewegung der Augen fov/ohl ohne Glas als auch
durch rernröhre die Geftirne beobachten, und felbft in der
Aftronomie und Aftrognofie, mit der er fich mit befonderer
Vorliebe befohäftigte, praktifchen Unterricht beim fogenanncea
rceiUtim Gehen ertheilen konnte.
Harlesy D.
9Ö2:
IV.
Bemerkungen
über
einige Gegenftände
der
t h i e r i f c h e n Chemie,
Von
Tit. Sigwart zu Tübingea.
Jöei meinen chemifchen Unterfuchungen , welche ich
bei Gelegenheit meiner Vorlefungen anftelle, bin ich
auf i\efultate gekommen, welche, wie ich glaube, für
phyfiologifclie Unterfuchungen von einiger Wichtigkeit
Avercicn können , und die ich deshalb dem Publicum
verlegen zu dürfen glaube.
Für diesmal einige Bemerkungen , welche das
llefultat einer Unterluchung des Bluts find, wozp ich
inich des Bluts von Ochfen, von Menfchen und von
Hühnern, endlich des Eiweifses aus Hühnereiern zur
Vergleichung mit ilem Blutvvaffer von ebendenfelben
Thieren bediente. Aufser dem rothen eiweifsftoff-
artigen Pigment fand ich zwei extractivftoffartige Pig-
mente in Awii Blut, ein braunes, grün abfärbendes,
von einem eigenen, hinten nach bittern Gefchmack,
1
^ 203
im Blulkuchen; und ein gelbes im Blutwaffer, das
cteiiifelben die gelbe Farbe ertheilt. Beide werden vom
Alkohol aufgelöft und vom Gerbeftoff gefüllt. Die
braune Subftanz zieht, die Feuchtigkeit aus- der Luft
an, was vielleicht nicht fowohl vom Pigment felbft,
als von beigeniifchten Salzen herrührt; nach dem Ver-
dampfen des Alkohols, wodurch man fie aufgelöft
hat, ftellt fie eine glänzende, harzähnliche Maffe.dar,
die aber im Waöer vollkommen wieder auflöslich ift,
Sie ift in der aus dem durch Wärme, im Wafferbad,
geronnenen rothen Theil des Blutkuc^ens, aiisgeprefs-
ten Flüifigkeit fchon ganz ihren ausgezeichneten Ei-
gcnfchaften nach vorhanden , und kann aus derfelben
nach Verdampfung der wäfferigten Theile durch blo-
fses Schütteln mit kaltem Alkohol erhalten werden.
Eben fo verhält fich die gelbe Subftanz im Blutwaffer,
fie ift in der aus dem geronnenen Serum ausgeprefs-
tcn Flüffigkeit enthalten, und durch Auskochen des
Geronnenen mit Waffer kann fie vollends gänzlich da-
von ubgefoiidert werden, fo dafs die letzte Spur der
gelblichen Farbe deffelben verloren geht. Sie wird
voirt kalten Alkohol- rieht fo leicht ausgezogen , als
die braune Suiiftanz, und wenn man fie nach dem
Vordampfen des Alkohols mit Waffer vermifcht, fo
bildet fie mit demfelbcn eine milchigte Flüffigkeit;
diefe Charaktere fcheinen indefl'en von der Beimifchung
einer feltwachsartigen iMaterie herzukommen, die mau
durch Gryftallifation abfondcrn kann. Diefe Materie
fclieidct fich aus der alkoholii'chen Auflofung nach
tlom Erkalten in Geftalt feiner, wcifscr, fetlglänzen-
t04 —
der Nadeln aus ; überdies enthält diefe gelbe Subftanz
wahifcheinlich noch einiges im Alkol«3l auflösliches
Salz, von welchem fie zu trennen eben fo fchwierig
feyn würde, als bekanntlich es fchwierig ift, dea
Harnftoff von allen Salzen frei darzuftellen. Man
könnte zwar leicht den Extractivftoff von den Salzen
trennen, durch Niederfchlagung mit Gerbeftoff, aber
nicht umgekehrt. Nach Abfonderung des gelben Ex-
tractivftoffs und der fettwachsartigen Materie entdeckte
ich in dem Rückftand der Serofität eine gallertartige
Materie, die in Alkohol und kaltem Waffer unauf-
löslich ift, vom kochenden Waffer aber aufgelöft,
tom Gerbeftoff gefällt wird. Endlich enthält die aus
dem geronnenen Serum ausgeprefste Flüffigkeit noch
eine eigene thierifche Subftanz, welche beim Erhitzen
derfelben nicht coagulirt, aber beim Verdampfen der-
felben Häute bildet, und welche, nach Abfonderung
der im Waffer und Alkohol auflöslichen Stoffe in die-
fe'n beiden Flüffigkeiten ganz unauflöslich ift. Diefe
Subftanz fcheint eben fo eigenthiimüch zu feyn, als
der Faferftoff, der Eiweifsftoff und der rothe Stoff
des Bluts, es felilt aber noch an hinlätiglichen Ver-
fuchen zu einer unterfcheidenden Charakteriftik der-
felben. Es fcheint übrigens nach dem, was ich bis-
her vom Blut angeführt habe, das etwas Analoges
von allen den Stoffen, welche verfchiedene fefte und
flüffige Theile imfers Körpers auszeichnen , im Blut
vorhanden fey. Analoge von Gallenftoff, Harnftoff,
Fett, Gallert und Schleim. Ob aber diefe verfchie-
denen Subftanzen in dem Blutfyftem felbft erzeugt
205
werden , oder aus den verfchiedenen Theilen des Kör-
pers zurückgeführt werden, darüber dürfte wohl eine
chemifche Unterfuchung des lytnphatifchen Syftems
Auffchlufs geben. Die erftere V^orausfetzung fcheint
jiideffen, wenigftens zum Theil, die richtigere zu feyn,
weil die Analoga im BJut mehr den Charakter un-
zerfetzter thierifcher Materien an fich tragen , als die
fecernirten Materien. Man könnte auch glauben , jene
Materien feven blofs in unferem chemifchen Prozefs,
aus den längft bekannten Beftandtheilen des Bluts er-
zeugt worden, das wäre fehr interel'fant, weil wir
alsdann Hoffnung hätten , die Productionsweife der
Narur felbft auszuforfchen; allein unl'ere Verfuche be-
rechtigen uns noch wenig zu diefer Hoffnung, denn
wenn jene Materien auf die angezeigte Weife einmal
aus dem Blut abgefchieden find , fo ift es durchaus
unmöglich, wenigftens auf dem nämlichen Wege, fie
aus dem Eiweifsftoff , dem Faferftoff oder dem rothen
Stoff des Bluts felbft zu erzeugen. Dies gilt nicht
allein von dem braunen und gelben Extractivftoff,
fondern auch von der fettwachsartigen Materie, von
welcher Herr Prof. BerzeUiis behauptete , dafs fie fich
aus jenen Stoffen durch Alkohol erzeugen laffe.
Man mufs diefe Behauptung in Zweifel ziehen , wenn
gefunden ift, dafs von Natur fchon ähnliche Materien
mit jenen Stoffen verbunden find. Dies kommt mir
aber fehr wahrfcheinlich vor, weil ich aus Eiweifsltoff
lind Faferftoff, die ich mit kaltem defoliirten Walfer
£ehr lange ausgewafchen, dann fechs Stunden lang
mit deftillirtem Walfer ausgekocht halte, durcli drei-
ftündiges Kochen mit Alkohol von einem fpecififchea
Gewicht r=: 0,8 lo keine Spur einer fettwachsartigen
Materie erhielt. Das nämliche gilt von der gallertartigen
Materie, die derfelbe Chemiker für ein Kunftproduct
hält. Hiermit fcheinen auch die Verfuche eines mei-
ner Zuhörer, des Herrn I^r. Wienltoli , an denen ich
indeffen keinen Antheil hatte, über ein/(deffcn DiUer-
tatio fiftens analyfui organorum corporis humani prae-
cipue fecernentium in partes conftituentes propjores,
praefide I. H. F. de Aineiirleth. Tiibingae 181 5-)
Er bemerkte, dafs der Alkohol im Ueberflufs und
wiederholt angewandt, doch nur eine beftimmte Menge
geiftiges Extract, bßi verfchiedenen Organen eine ver-
fchieden grofse Menge ausziehe, und folgert daraus,
dafs jene Meinung des Herrn Prof. BerzeVuis grüfs-
tentheils falfch fey. Er machte auch die interel'fante
Bemerkung, dafs das des Gelatinifirens unfähige wäf-
ferigte Extract aus den Muskeln das Gelatinifiren
zeigte, nachdem der Extracfivftoff durch Alkohol da-
von getrennt war. Die Refultate feiner Unterluchung,
die er am Ende der Abhandlung tabellarifch aufge-
führt hat, find in der am Ende beigefügten Tabelle
Etifammengeftellt.
Aus diefer Ueberficht der Refultate feiner Vef-
fuche ergiebt fich nach den Beiijerkungen des Ver-
fafiers folgendes: Haut und Zellgewebe zeichnen fich
durch die grofse Menge Fiber und wäfferigten Ex-
tractes; dagegen Herz und Lungen, Hoden, zottigte
Haut des Darmkanals, Milz, Niere, Bauchfpeichel-
drüfe, Leber, BJul aus der untern Hohlader durch
die gvofse Menge Albumens und geiftigen Extractes
aus, und überhaupt feyen die auf der Oberfläche ge-
legenen Organe durch die Menge der Fiber, und die
im Innern gelegenen Organe der Eingeweide durch
di« Menge des Albumens ausgezeichnet. Die Mus-
keln zeigen die grüfste Uebereinftiinmmig iu ihren
Beftandtheilen mit dem Herzen, hingegen zeige fich
doch in dem 2ur unwillkührlichen Bewegung Bfel'timm-
ten Herzen eine weit gröfsere Menge Fiber, als in
den willkührlich zu bewegenden Muskeln. In allen
Organen des Unterleibs, fo wie bekanntlich im Kopf
habe das Albumen das Ueberge wicht, in denen der
Bruft und der Extremitäten die Fiber.
Zum Verftändnifs der tabellarifchen Ueberficht,
und zur Beurllieilung dieler Folgerungen ift folgendes
zu bemerken : Er zog die Subftanzen erfc mit kaltem,
fodann mit heifsem Wafl'er aus, und kochte zu dem
Ende zwei Stunden lang. Zur geiftigen Extraction be-
diente er fich eines Alkohols von 0,809 fpec. Gewichts,
und kochte die Subftanzen mit dem fechzehnfachen ihres
Gewichts von (.liefern Alkohol eine halbe Stunde lang.
Unter dem fettwachsartigen Extractivftoff verficht eir
das, was fich beim Erkalten der heifsen Aufiöfung
präcipitirte, und wahrfcheinlich in wenigen Fällen
wirkliches Fett enthielt; unter wahrem Extractivftoff
das, was nocli beim Vcijilampfen der geiftigen Flaffitr.
keit zurückblieb, unter Albumen, was fich aus den
wäfferigten Auszugsfluffigkeitcn durch Warme coagu-
liren liefs, und aifo aucli das, was fich von fufpen-
dirten Materien mit toagulirle; daher enthielt icin AI-
208
bumen noch im Alkohol auflösliche Materien; end-
lich verfteht er unter Fiber alles das, was nach dem
Auswafchen und Auskochen der Subftanzen niit Waf-
fer zurückbleibt, alfo auch von Natur geronnener
Eiweifsftoff, erhärteter Schleim und andere im VVaf-
fer unauflösliche Materien, tragen hier den gemein-
fchaftlichen Namen der Fiber, und die Folgerun-
gen, die der V'erfaffer gemacht hat, ftehen daher noch
nicht hinlänglich feft begründet j fo plaufibel fie fonft
fcheinen mögen. Seine fogenannte Fiber möchte
vielleicht bei einer nähern Unterfuchung von der ver-
fchiedenften Natur, fie könnte felbft Eiweifsftoff feyn.
Aber bisher kannte man kein Mittel, den Faferftoff
und Eiweifsftoff im geronnenen Zuftand zu unter-
fcheiden. Ich glaube fo glücklich gewefen zu feyn,
einen Weg gefunden zu haben, diefe Stoffe felbft im
geronnenen Zuftande zu unterfcheiden und zu trennen.
In diefem Zuftande löfe ich fie in cauftifchera
Ammonium auf, verjage durch Kochen das überflüf-
fige Ammonium , fo dafs die Flüffigkeit- nicht mehr
alkalifch reagirt, während ich von Zeit zu Zeit Waf-
fer zufetze; die wäfferigten Flüffigkeiten dampfe ich
nun fo lange ab, bis fich der Faferftoff oder der Ei-
•weifsftoff auszufcheiden anfangen , d. i. bis die wäf-
ferigten Auflöfungen gefättigt find, hierauf fetze ich
eine Auflöfung von ätzendem falzfauren Queckfilber
zu. Beide Stoffe geben einen flockigten weifsen Nie-
derfchlag, aber der Niederfchlag des Eiweifsftoffes
wird von concentrirter Satzfäüre wieder aufgelöft,
dei; des Faferftoff s nicht. Wenn die Auflöfungen auf
die
die eben erwähnte Art gefättigt find , fo kann man
anftatt des ätzenden falzfauren Queckfilbers auch blofs
Salzfäure in geringer Menge, oder irgend eine andere
Säure in gehörigem Verhältnifs anwenden, mehrere
Säuren aber, namentlich Effiglaure, löfen, im Uebermafs
angewandt , beide Niederfchläge wieder auf. Andere,
namentlich die Salpeterfäure , löfen, im Uebermafs an-
gewandt, keinen von beiden auf. Die nämlichen Er-
fcheinungen zeigen fich bei frifchem, blofs kalt aus-
gewafchenem Eiweifsftoff und Faferftoff, und nach
dem Auskochen derfelben mit Waffer und mit Alko-
hol. Der Eiweifsftoff von Hühnereiern zeigt eine An-
näherung zum Faferftoff des Bluts, indem das durch
Säuren aus dem Eiweifs Geronnene durch Schütteln
mit überflüffiger Salzfäure nur Jangfam wieder aufge-
löft wird, das Geronnene aus dem Blutwaffer eben
diefer Thiere augenblicklich. Der rothe Stoff des
Bluts verhält fich ebenfalls wie Eiweifsftoff, er zeigt
aber eine ftärkere Annäherung zum Faferftoff. Um
ihn vom Eiweifsftoff des Bluts, wenn er mit ihm ver-
mengt ift, zu trennen, fand ich folgenden Weg: man
löft ße in überflijfliger concentrirter Salzfäure durch
blofses Schütteln auf; zu der Auflöfung fetzt man
hierauf tropfenweis Waffer, fo lange als ein brauner
Niederfchlag erfolgt. Diefer rührt von dem rothen
Stoff her: fetzt man fodann mehr Waffer hinzu, fo
entfteht ein weifser Niederfchlag des Eiweifsftoffs.
Ungeachtet es folchergeftalt beftimnite Unterfcheiuungs-
merkmale diefer drei Sloffe und fogar chemifche Tren-
nungsmiitel derfelbea giebt, fo erheilt doch fchon aus
M. d. Archiv, i, 2. O
210 — ' •■
dem bisherigen , dafs fie fich fehr ähnlich find. Jen«
Merkpiale und Trenniingsmittei beruhen blofs auf
einem quantitativen Unterfchied, denn mit Hülfe der
Wärme und mit der Länge der Zeit löft Cch auch
der weronnene Faferftoff in concentrirter Salzfäure
auf, aber eben die Beftimmung der quantitativen Ver-
fchiedenheiten ift in der Chemie der thierifchen Kör-
per Von der gröfsten Wichtigkeit, denn alle thierifche
Materien ftellen beinahe nur verfchiedene Modifica-
tionen einer Materie dar; jene drei kommen jedoch
zunächft unter lieh, und vielleicht noch mit allen
denen, die unter dem Namen des Eiweifsftoffs und
des Faferftoffs anderer Organe vorkommen, überein.
Sie befitzen in der That noch gemeinfchaftliche Eigen-
fchaften , die man bisher nicht kannte.
Der Faferftoff wie der Eiweifsftoff gerinnt von
allen Säuren, fällt den Galläpfelaufgufs und metalli-
fche Salze, z. B. effigfaures Blei, falzfaures Queckfil-
ber, fchwefelfaures Silber. Da aber einige Säuren,
wieEfßgfäure, Phosphoriäure und Weinfteinfäure, fchon
in geringer Menge das Geronnene wieder auflöfen , fo
darf man oft äufserft w^nig von der Säure zufetzen,
um das Gerinnen zu bßmerken. Wenn man in die auf
obige Weife bereiteten gefättigten wälTerigten Auflöfun-
gen des Faferftoffs und Eiweifsftoffs trocknes, mit Effig-
fäure oder irgend einer andern Säure geröthetes Lac-
muspapier eintaucht, fo wird man weifse Wolken ent-
ftehen fehen. Zwanzig Tropfen der Faferftoffauflü-
fung gerannen 'von einem eines Stecknadelknopfs gro-
fsen Stückchen Löfchpapier, das in concentrirte Effig-
faure eingetaucht und wieder ausgeprefst war, voll-
kommen , es bildeten fich fchnell eine Menge grobe,
feferigte Flocken. Eben fo viel von der Eiweifsftoff-
auflöfung zeigte durch das nämliche Mittel die Er-
fcheinung undeutlicher, aber vollkommen, als noch
ein gleiches Stückchen Papier hinzugefetzt wurde.
Einer meiner Freunde, Herr Schlüpfer, konnte den
geronnenen Faferftoff von dem geronnenen Eiweifs«
ftoff fogleich unterfcheiden , fo wie aber die Coagula-
tion fich vollendete, war der Unterfchied nicht mehit
deutlich. Verfuche mit Blutwaffer und mit Eiweifs
zeigen ähnliche Erfcheinungen. Fünf Tropfen Blut-
waffer von einem Huhn mit zwei Tropfen concentrir-
ter Salzfäure vermifcht gerannen ftark, beim Schüt-
teln mit zehn Tropfen derfelben Säure löfte fich das
Geronnene fogleich wieder auf. Durch effigfaures Blei
mit Ueberfchufs von Säure geben beide Stoffe einen
weifsen flockigten Niederfchlag ; fetzt man aber mehr
von dem eCfigfaurem Blei hinzu , fo wird der Nieder-
fchlag beim Schütteln fogleich wieder aufgelöft. Mit
fchwefelfaurem Silber geben beide einen weifsen flockig-
ten Niederfchlag, der aber allmählig orangegelb wird,
und in Effigfäure vollkommen auflüslich Ift. Durch
langes Kochen des geronnenen Faferftoffs mit WaiTer
wird feine Auflöslichkeit in Effigfäure vermindert,
aber nicht, wie Herr Prof. BerzelUis fagt, aufgeho-
ben; durch das Kochen fchrupipft der Faferftoff fehr
zufamnien, fein Zufammenhang vermehrt fich, und
auch andere AuflOfungsmiltel zeigen nur eine ge-
rjagere Wirkung auf ihn, z. B. das Amnioniutn.
O *
t
Der Eiweifsfioff und der rothe Stoff des Bluts ver«
halten fich eben fo. Kocht man jetzt aber den fechs
Stunden im Waffer gekochten Faferftoff gehörig lange
in concentrirter Efligfäure, fo erhält man immer noch
eine Aiiflöfung , die vom Gerbeftoff und vom Ammo-
nium gefällt und coaguljrt wird. Wenn ich hierin,
fo wie in Abficht auf das Verhalten dipfer Stoffe
gegen die Säuren überhaupt, dem Herrn Prof. Berze-
lius , ungeachtet meiner grofsen Hochachtung für die-
fen Chemiker, zu widerfprechen wage, fo gefchieht
diefes nicht aliein, weil ich diefe Verfuche öfters wie-
derholt und das nämliche gefehen habe , fondern auch,
weil meine Verfuche nicht fowohl feinen Verfuchen
als den daraus gezogenen Refultaten widerfprechen.
Die Zoochemie des Herrn Prof. Berzelius, der
wir in Deutfchland fchon längft mit Begierde entge-
genfehen , wird nun vom Herrn Prof. Pßijf in Nürn-
berg überfetzt werden. Der Inhalt derfelben, wie er
mir vom Herrn Prof. Gehlen in München mitgetheilt
worden, ift folgender:
Inhalt der Berzeliits''lchen Zoochemie.
§. I. 2. 3. Leben. Lebenskraft. 4. 5. Lebens-
erfcheinungen : Gefundheit; Krankheit. $. 6. Phyfio-
logie, ihre Eintheilung. 7. 8- Finchtiger Blick auf
die Gefchichte der Zoochemie. 9. Entfernte Beftand-
theile des thierifchen Körpers. , 10. Nähere Beftand-
theile. 1 1. Nähere unorganifcheBeftandtheile: o) Waf-
fer, b) Natron, c) Kali, d) Ammonium mit ihren
fakigten Verbindungen, e) Kalk, phosphorfaurer Kalk,
faurer phosphorfaurer Kalk, /) kaikerdigte Salze,
g) Eifenfalze. 12. Befchreibung der von unorgani-
™— 215
fch^n Stoffen auf thierifche Körper iin Allgemeinea
hervorgebrachten Veränderungen : a) der Wärme —
DeftilJationsproducte, brenzlichtes VVaffer, zoonifche
Säure, fubJimirtes Salz (kohlenfaiires Ammonium),
brenzlichtes Oel, Gasarten, Kohle; 6) atmofphärifcher
Luft; c) einiger amlerer Gasarten; cf) des VVaffers;
e) der Säuren ; _/") der Alkalien ; g) der Salze und iMe-
talloxyde; K) vegetabiiifche Stoffe; /) Einbalfamirung
der Egypter und fpätere. 13. Tod, allgemeiner und
lokaler. 14. Fäulnifs mit ihren Erfcheinungen.
15. Gasarten, die ficlx in derfelben entwickeln. 16. Räu-
cherung mit Säuren. 17. Allgemeine phyfifche Kigen-
fchaften der thierifchen Stoffe, als lebendige betrach-
tet. 18- Nächfte organifche Beftandtheile des thieri-
fchen Körpers. '19. Nervenfyftera. 20. Gehirn.
ai. Seine Geftalt, Verrichtungen. 22. Hirnwaf-
fer. 23. Nerven, Nervenhäute, Nervenmark, Ner-
venknoten, Verrichtungen der Nerven. 24. Medicin,
als ein Theil der Zoochemie betrachtet (aus dem zoo-
chemifchen Gefichtspunct vielmehr G.); ilue Theorie,
Heilmittel. 25. Organifche Inftrumente (Gefäfse).
26. A. Gefäfse für den Umlauf der Fliiffigkeiten.
27. ü) Blulgeläl'se. 28. Blut, riechender Stoff , Blut-
waffer, Leim, Eiweifsltolf , Biutkuchen, Faferftoff,
Färbeftoff, Verhalten des Bluts aufserhalb des Kör-
pers, arteriöfes und venöfes Blut, im kranken Zu-
ftand, iD verfchiedenen Thierklaflen. 29. Nähere Be-
fchreibung der Gefäfse für den Blutumlauf, Herz,
Pulsadern, deren innere Häute, falenge Haut, Ver-
theilung, Haargefäfse, Venen, ihre eigenthüin liehe
Haut. 30. Mechanik des Umlaufs, der grofse Um-
lauf, Puls. 31. Umlauf in den Haargefäfsen , Repro-
ductionsprocefs, Ausililnftung. 32. Secretion und
Excretion. 33. Entzündung, Gangrän. 34. Der
kleine Umlauf, Lungenathemholen , Veränderung des
Ä14
Bluts und der Luft, Einathmung tSdtlicher Gasarten,
des oxydirten Stickgafes, Erftickung ; über einige
Einwürfe gegen die Theorie des Athmens, Verfchie-
denheit des Athmens in verfchiedenem Alter, Mutter-
kuchen, Athmen der Thiere, ' Winterfchlaf einiger.
36) 6) Saugadern. 37. Flüffigkeit in derfelben , Lym-
phe. 38- 39- Thierifche Wärme. 40. Cellulofa.
41. Eiter. 42. Vernarbung der VVuntlen. „Granula-
tion nach Birhat." 43. Wildes Fleifch, Polypen,
Balggefchwiilfte. 44. Fiiiffigkeiten in den Zwifcheo-
räumen der Cellulofa. 45. Fett. 46. Deffen chemi-
fches Verhalten, Fettfä'ure. 47. Unguent. hydrarg.
fimpl. Axungia oxygenata. Unguent. mercur. compof-
48. Verfchiedenheit des Fetts bei verfchiedenen Thier-
klaflen. 49. B, Werkzeuge für die Blutbildung.
50. Schleimhaute (membranae mucofae) ihre Ausbrei-
tung, Gewebe und Papillen, Schleim. 51. Membra-
nae ferofae. 52. Mund und Feuchtigkeiten deffelben,
Speiche], Steine in den Speicljelgängen , Weinftein»
53. Speiferöhre. 54, Magen. 55. Magenfaft. 56. Ver-
richtungen des Mundes und Magens. 57. Netzhaut,
Mefenterium. 5g. Pancreas. 59. Leber. 60. Galla
und Gallenblafe, Gallenfteine. 61. Milchfaft. 62. Ge-
därme. 63. Chylificationsprocefs, krankhafte Erfchei-
nungen deffelben: Winde, Durchlauf, Verftopfung.
64. Koth, Analyfe deffelben. Verfchiedenheit bei ver-
fchiedenen Thieren. 65. Kurze Wiederholung des che-
mifchen Verlaufs des Chylificationsproceffes. 66. Cby-
lus. 67. Nahrungsmittel, Hunger und Dürft. 68- C.
Werkzeuge zur Bewegung. 69. Knochen. 70. Ana-
lyfe der Knochen. 71. Olßffication. 72. Krankheiten
der Knochen. 73. Zähne. . 74. Offa fefamoidea.
75. Mifchung der Knochen in den übrigen Thierklaf-
fen. 76. Mark. 77. Knorpel. 78. Knochen -und Knor-
pelbaut. 79. Gelenke und Gelenkfchmiere. go- Muskel.
215
8l. Analyfe ctes Fleifches. 82- Verfchiedenheiten zwi-
fchen der Feuchtigkeit des Fleifches und dem Blute.
83. Veränderung des Floifches durch Kochen, Braten,
Räuchern, Einfalzen. 84. Muskelbewegung. 8s-Ver-
ichietlenheit der Muskeln in verfchieiJenen Altern und
verfchiedenen Thierklaffen. 86. Krankheiten tler Mus-
keln.' 87- iJie faferigen Häute der Pulsadern find
nicht muskelartig, weder der Form, noch der chemi-
fchen Befchaffenheit nach. 88- Sehnen. 89. Aponeu-
rofen. 90. D. Sinnwerkzeiige. 91. Augen, Scle-
rotica, Choroidea, Pigment, Cornea, Iris. 92. Feuch-
tigkeiten des Auges, wäff-^rigte Feuchtigkeit, Cryftall-
körper, Glasfeuchtigkeit. 93. DasSehen. 94.Thränen.
95. Organ des Geruchs, Nafenfchleim. 96. Ohr, Oh-
renfchmalz. 97. £. Abfonderungswerkzeuge. 98. Haut,
Corium, Malpigh's Netz, Epidermis, Verhalten, Fär-
bung durch verfchiedene Metallfalze, die Zeichnun-
gen der Wilden nicht in der Epidermis, fondeni
mecUanifche Abfetzung im Schleimnetz , fettiger Ueber-
7ug der Haut. 99. Hautabforplion, loo. Ausdiin-
ftung. loi. Krankheiten der Haut. 102. Nägel und
Hörn. 103. Haare. 104. Nieren und Harn. los.Harn-
ftoff , Säuregehalt des Harns. lo6. Gehalt von phos-
phorüiiirem Kalk. 107. Salzigte Bel'tandiheile. log- Zu-
fällige und bleibende Beftandtheile des Harns. 109. Ver-
änderungen des Harns durch andere Stoffe. 1 10. Ver-
fchiedenheiten nach dem Alter, der Jahrs- und Tages»
zeit, in Krankheiten u. f. w., diabetes mellitus, in. Ge-
danken zur chemifchen Analyfe des Harns. II2. Harn
\'erfchiedcner Thiere. 113. Technifche Anwendungen
des Harns. 1 14. Harnfteinc, Harnconcrenicnte. 115. Be-
ftandtheilc. 116. Eintheilung. 1 17. Entfrehung. Vor-
fchläge zur Heilung. 118. Steine bpi <.\en Thieren.
119. Gichtknoten. 120. F. Gefchlochts - Orgarw;.
lai. Männliche Geburtstheile. 123. Saamcnfcuch->.
216 — ^^
tigkeit. 193. Weibljche Geburtstheile, Empfängnifs.
124. Ernährung der Frucht im Mutterleibe. 125. Am-
niosflüffigkeit, Ailantoisflüfßgkeit, Amniosfäure, Kincls-
pech. 126. Vergleichung des Zeugungsproceffes bei
verfchiedenen Thieren. Eier der Vögel und ihre Be-
fchaffenheit. 127. Briifte. 128- Milch, Rahm , Käfe,
Butter, Molken, Milchzucker, Milchfäure, merkwür-
idige milchfäure Salze. 129. Verhalten der Milch
im Allgemeinen; faure Milch. 130. Verfchiedenhei-
ten der Milch nach Verfchiedenheit des Alters der
Thiere, der Nahrungsmittel und anderer Umftändei
krankhafte Befchaffenheiten. 131. Solleine Mutter
ihr Kind felbft ftillenV
Anhang von verfchiedenen ehierijchen Stoffen , die im
Forigen nicht be/ch rieben werden konnten.
1. Elfenbein. 2. Hirfchhorn. 3. Hörn. 4. Mo-
fchus. 5. Bibergeil. 6. Zibeth. 7. Ambra. 8- Wallrath.
9. Bezoare. lo. Federn. 1 1. Schlangengift. 12. Hau-
fenbJafe. 13. Fifchfchuppen. 14. Spanifche Fliegen.
15. Maiwürmer. i6. Cochenille. i7.Kermes. i8-Seide.
19. Wachs und Honig. 20. Ameifenfäure. 21. Spinnen-
weben. 22. Kellerwärmer. 23. Farbe des Dintenfifches.
24. Krehsfteine. 25. Perlen.
Bei diefer Ueberficht von dem Inhalt der Berze-
liiis'ichen Zoochemie wir4 man bemerken, dafs man-
che Gegenftände in derfelben aufgenommen fmd, die
nicht eigentlich hierher gehören. Die Abhandlung
von Leben und Organifation der Thiere, Geftalt und
Function ihrer Organe gehört höchftens in eine Ein-
leitung in die Zoochemie, und mufs nicht mit dem
wefentlichen Inhalt vermengt werden. Eben fo we-
nig gehören die verfchiedene Anwendungen hierher,
welche von der Zoochemie in der Medicin und an-
S17
derwärts gemacht werden, wie das Capitel über die
Frage, ob eine Mutter ihr Kind felbft ftilJen foll?
Diefe Anwendungen der Zoochemie gehören nicht in
eine vviffenfchaftliche Abhandlung derfeiben , fondern
in diejenige VVitTenfchaft , welche die Anwendung zu.
machen genöthigt ift; fuum cuique. Dagegen finden
■wir in dem Anhang Gegenftände, die zum wefent-,
liehen Inhalt gehören. Die Gegenftände find nicht
fowohl aus einem zoochemifchen , als aus einem ana-
tomifch- phyfiologifchen Gefichtspunct gewählt. End-
lich find wichtige Capitel , z. B. über die Vertheilung
der Stoffe in der thierifchen Organifation , über die
Art, wie die Mifchung in den thierifchen Organis-
men überhaupt gefchieht u. a. ganz übergangen. Was
die Anordnung des Inhalts betrifft, fo vermifst man
dieVoranftellung der allgemeinen Refultate der Zooche^
mie, welche fchicklicher als jene allgemeinen phyfio-
logifchen Bemerkungen , an der Spitze des Werks und
feiner Hauptabtheilungen ftehen würden. Die Producte
und die Productionsweifen werden untereinander vei>
mengt vorgetragen , allein erft nach einer volUtändigen
Kenntnifs der Producte insgefammt kann eine freie, ung»-
faioderte Betrachtung und ein verftändlicher Vortrag der
Productionsweifen Statt finden. Folgender Plan einer
Zoochemie Icheint mir daher zweckmäfsiger zu fevn:
Die thierifchen Organismen haben chemifche Wir-
kungen , die von Leben und Organifation abhängen,
und die wir unter dem Namen: chemifcher Lebens-
procefs — zufammenfaffen, ungefähr ähnlich dem Gal-
vanisnius oder den chemifchen Wirkungen der Volta'-
218 —
fchen Säule, welche von der Electridtät und von den»
Bau der Siule abhängen. Diefe chcinifchen Wirkungen
der thierifchen Organismen oder der thierifch - chemifche
Lebensprocefs machen den Gegenftand der Zoochemie
aus. Sie betrachtet i) die Producte diefes chemiichen
LebensprocelTes, in Abficlit auf ihre chemilche Befchaf-
fenheii. . 2) Die Produntioiisweifen , die Genefis jener
Producte, in Abficht auf den chemifchen Vorgang.
Die Wirkungen des chemifchen Lebensproceffes
äufsern ilch aber einmal in Abficht auf die eigene Sub-
72«/z3 der thierifchen Organismen; 2) auf andere Mate-
rien, a.ui' fremde SeoJ-j'e, die mit den thierifchen Orga-
nismen und mit der eben beVührten eigenen Subftanz
derfelben in eine chemifche Wechfel\virl<.ung kommen.
Die Betrachtung fällt daher zuerft auf die eigene
Subftanz der thierifchen Organismen j Charakteriftik
der thierifchen Materie überhaupt, und der befondern
thierifchen Materie, entfernte und nähere Beftandtheilej
unörganifche Geniifche des Thierreichs und tbierifche
Materien im engern Sinne, Verbindung und Verthei-
lung diefer Materien in den thierifchen Organifatio-
nen, fpecielle Betrachtung der chemifchen Zujanuneii-
fetzung der verfchiedenen Organifationen und ihrer
Organe und der Producte derfelben in den verfchi
le-
denen Entwicklungsftadien, unter verfchiedenen Uni'
fanden., Modificationen der Mifchung durch Klima
und Jahreszeit u. f. vv. , pathologifche Producte,
Producte der Zerftörung der thierifchen Organismen,
zu welchen die Producte, die blofs durch eine Ver-
wandlung der eigenen Subftanz gebildet werden,
. 219
den Uebergang machen. Ich machfe bei der fpe-
cielien Betrachtung der thierifch - chemifchen Producte
mit den ernährenden plofiijchen Fliijßgkeiten, Blut,
Chylus und Lymphe den Anfang; fodanii betrachte
ich die Organe., die ans diel'er FJiiffigkeit abgefontlert
und gebildet werden ; darauf die ab gefon eierten Fliif-
ßgkeueti , die aus jenen Organen abgefondert werden,
und endlich die Producte, die aus diefeii abgefonder-
ten Fliißigkeueii und den fremden Stoffen, wie z. B.
den Speifcn, womit fie zufammenkommen, entffehen.
Diefe Ordnung i'cheint mir natürlich, einfach und
zweckmäfsig. Ich glaube, dafs es ihr nicht zum Vor-
wurf gereicht, das ich f;ift mit dem nämlichen Gegen-
ftande anfangen und aufliören niiifs, denn dies liegt
in der Natur des Organismus.
Was die Productionsweifen betrifft, fo kann zuerft
von der Art, wie die thierijbhe Mijhhung überhaupt
gefcldeht, die Rede feyn. Animahfation, Stoffwech-
£el, Entwicklung und Verwandlung der thierifchen
Materie, Desorganifation und Verwefung derfeiben.
Sodann von der Genejis aller einzelnen, vorhin be'
trachteten thierifchen Producte, hierin ift Verdai-.ang
und Refpiration, Chylificalion , Sanguification und Er-
zeugung der thierifchen Wärme, find die chemifchen
Wirkungen aller Organe und ihrer Functionen, die
chemifchen Wirkungen der Entwicklungsveränderun.
gen, der Krankheiten, der Aufsenverhäitniffc begrif-
fen. Die Wirkungen der verfcliiedenen Organe ge-
hören nur in foweit hierher als fie chemifche find;
als folche aber haben fie ein chemifches Product und
220 -^-
gehört ihre Betrachtung zur Betrachtung der Pro-
ductionsweifen. Auf die nämliche Art find die Gegen-
wirkungen fremder Stoffe in der Betrachtung der
Productionsweifen begriffen. Endlich find noch die
Schickfale der fremden Stoffe felbft durch die chemi-
fchen Wirkungen der thierifchen Organismen zu be-
trachten übrig. Die Veränderungen und Wanderun-
gen der Arzneien u. f. w. durch den thierifchen Kör-
per, Abfatz an gewiffe Organe, Ausfcheidung durch
andere, Affimilation der affimilirbaren Materien, wel-
ches uns wieder auf das Capitel der Animalifation zu-
rückführt, womit angefangen worden.
Aufgemuntert durch Herrn Prof. Gehlen und
einige Freunde, denen ich meine Ideen mittheilte, habe
ich es felbft unternommen, eine Zoochemie nach die-
feni Plan auszuarbeiten, und in diefem Winter den
erften Theil derfelben vorzutragen. Die grofsen
Lücken aber, die ich in dem Gegebenen fand, und
die unGchere Grundlage in .illen zoochemifchen Unter-
suchungen, nöthigeu mich eigene Unterfuchungen zu
machen , ehe ich an die Vollendung diefer Arbeit den-
ken darf. Sobald ich eine genügende Gharakteriftik
und Einficht in die Natur der verfchiedenen gerinn-
baren Materien des Bluts erlangt habe, wovon wir
aber leider noch weit entfernt find, fo foll meine
nächfte Arbeit eine vergleichende Unterfuchung der
fogenannten Fiber der verfchiedenen Organe feyn , de-
ren Unterfuchung uns gewifs in der Zoochemie einen
guten Schritt weiter bringen wird.
Zu'p. 220.
volilichen Körpers *).
l
geben Nlederfcliläge mit
A
100 Tlieile der tr^
t
A
( folgender Th"
Salzfdurem
Salpeter-
Erfigfau-
liehen Körper^^
Gerbeftoff.
Queck-
filberoxyd.
füurem
Queekfil-
rem Eley.
beroxydul.
Zellgewebe
_
—
—
—
Kai les wälferigtes
33
—
—
27
Warmes
7»
44
80
22
Haut
Kaltes wöTferigtes
= 8
—
17
Warmes .
236
unwägbar
71
unwägbar
Hen . .
—
—
Lungen
—
—
—
—
Wäfferigtes Extra
58
18
78
33
Muskel .
Fiber deffelben
—
—
—
—
Albiiinen
—
Wäfferigtes Fxtra
55
20
59
24
Zottigte Haut d
Zottigte Haut .
—
—
—
Wiiffei igies Extra
52
—
19
Zottigte Haut a
Hoden
Wafferigies Extr;
31
—
19
hJiere
Wäfferigtes Extr;
blnfs
Milchigt-
werdeii.
unwägbar
68
46
Bauthfpeiche/dr
—
^^m
Kaltes wdfferigte
33
17
84
'7
Warmes .
62
18
Milz . .
—
.
,
Wäfferigtes Extr.
59
15
83
27
Leber .
■"■'
__
•
—^
Wäfferigtes Extr;
49
26
73
34
Blut au! der Pj
—
—
Blut aus der ui
—
—
Waffel Jf^ies Kxiri
37
—
—
31
Btut aus der l.
~~~
—
•) S. Diffprt.itWte« conftituente» prnplorei etc, qii»m Praefide
7. //. f // Bnmams.
",
T n b e l l £
von den nähern Beftandtheilen der Organe des menfdiliclien Körpers *).
Zu-p. 230.
100 Theile der trockenen SuLftanz
(folgender Theile des menfch-
lichen Körpers)
Zellgewebe , , . ,
Kaltes walferigles Extract deHelben
Warmes . , .
Haut
Kaltes wiiHerigtes Extract derfelben
VVarmes .....
Hen
hangen ....
Wafferigtes Extract derfelben .
Mushel
Filjer deflelben
Alijuuien ... ,
'Wärferigtes Extract .
Zottigte Haut des leeren Darms
Zottigte Haut des Magens .
Waffel igtes Extract .
Zottigte Haut des Crimmdarms
Hoden . . . , .
Wafferigtes Extract derfelben
Niere .....
Wafferigtes Extract derfelben
Bauchfpeiiheldräfe .
Kaltes wafferigtes Extract
Warities .
Wiiffeiigtes Extract .
Leber
Wafferigtes Extract .
Blut aus der Pfortader
Blut aus der untern Hohlader
Wafferigtes Extract deffclben .
Blut aus der linken HerzJiohle
befteben aus
enthalten
A
und find
verbunden
geben NiederfcMäge mit
f
Geiftiges Extract
/
\
Fiber.
Albumen,
Wafferigtes
Extract,
befteliend aus
wahrem fettwaclis-
im natnr-
lieh feuch-
ten Zuftand
mit Waffer.
Geibertoff.
Salzfaurem
Queck-
Salpeter-
faurem
Erfigfan-
rem Bley.
geiftigen
t-Ntraetiv-
artigen
Extractiv-
lilberoxyd.
Queckfil-
ftoff.
ftoff.
beroxydul.
83.67
4,08
12,24
10
I
380,07
— •
—
—
—
■ —
—
—
—
—
—
33
—
—
27
—
—
—
—
—
—
71
44
80
22
78,08
3.69
18,24
8
2
138,20
28
236
—
17
unwägba
—
—
—
(8
(2
—
unwägbar
71
42,86
40,82
16,33
14
I
375.28
—
—
—
28,57
61,87
9.55
13
I
419.24
—
—
—
—
—
—
—
—
—
—
58
18
78
33
27.71
57.74
14,52
15
3
309,16
■ —
—
—
—
—
—
—
f 4
5;
—
■ —
—
—
"^
—
—
—
< 12
C30
25
20
3
7
—
55
20
59
24
21,87
65,00
13.13
533.33
—
—
—
—
■ —
—
—
. —
—
52
—
—
19
—
18
4
—
—
—
—
—
17,01
64,04
19,26
20
3
605,71
—
—
—
—
---
—
1
—
31
—
—
19
16,00
72,00
12,00
20
455.19
— ■
—
—
—
—
—
__
blofs
Milchigt-
werden.
unwägbar
68'
46
12,29
2,95
84,74
26
7
523,44
—
—
—
—
—
(45
(5
—
33
17
84
17
—
—
—
—
62
—
—
18
10,24
7°.05
19,69
20
5
330,47
—
—
—
—
—
— '
—
—
59
15
83
27
9.67
80,74
4,62 u.
fettwaclis-
artige Mat.
40
14
193,25
26
—
—
—
—
—
—
49
73
34
__
10
—
—
—
—
3,20
96,00
0,80
8
unwägbai
268,32
—
—
—
—
—
—
37
—
31
—
—
—
5
unwägbai
—
—
—
__.
I
•) S. Differtatio mauguralis fiftens analyfin organorum corporis liiSmani praecipue fecernentium in partes conftituent« propiorei etc. quam Piaefide
% H. f. ät AHltmitlh etc. publico examini fubmittit menfe Aprüis 1815, Auetor Danist Wimholl Brimmr,
22(
V.
Beitrag zur Gefchichte
der
Bildungsfehler des Herzens
welche
die Bildung des rothen Blutes hindern.
Von
./. F. M e c k e l.
^eit man angefangen hat, die Bedeutung der meifteii
MiCsbildungen einzufehen, und den Gefetzen nachzu-
forfchen, nach weichen fie entftehen, ift das Studium
derfelben nicht mehr Gegenftand der Neugierde oder
Spiel mit Seltenheiten , iondern von hohem wiffen-
fchaftlichen Werthe. Viele erregen zwar vorzüglich nur
in Ig fern Intereffe, als fie aufserdem auch die normalen
Bildungsgeletze trefflich erläutern, indem fie llieils Ver-
anlaffung zu Nachforfchungen der normalen Entwick-
lung geben, theils Refultate, welche durch diefe ge-
funden wurden, aber, tier Kleinheit des Gegenl'tan
des und anderer Uriachen wegen, nicht völlig gewifi
waren, beftätigen oder berichtigen; andere aber find
aufserdciri auch für die Phyfiologie in fo fern äufserlt
wiclilig, als fie Ober Functionen, welche durcii djc mifs-
333 ^ '
gebildeten Organe mittelbar oder unmittelbar gefchehen,
Auffchlufs geben. In allen diefen Hinfichten find un-
ftreitig die Bildungsfehler keines Organs wichtiger
als die des Herzens und der grofsen Gefäfsftänime,
wie dies, aufser mehrern einzelnen Beobachtungen,,
die Arbeiten von Autenrieth '), Biinis ') und Naß
je '), denen ich vielleicht auch die meinigea 4) 2,\x-
fügen darf, -hinlänglich beweifen.
Seitderii die Bildungsfehler des Herzens wegen
der Störungen der Functionen, die fie veranlaffen,
auch für die Pathologie höchft wiclitig geworden find,
haben zwar nicht die deutfchen Praktiker, defto mehr
aber die englifchen , Vorbilder, die nicht genug zur
Nachahmung empfohlen werden können, unermüdlich
Beiträge zur Vervollftändigung diefer Lehre geliefert,
und als Rel'ultat derfeJben ift fo eben ein höchft in-
tereffantes kleines Werk von Faire *) erfchienen,
welches nicht blofs neue Fälle fchon bekannter Ab-
l) Pfleiiertr de dyspliagia luforia. in Rdh Archiv Bd. VII.
S) Ueber die wchtigfcen Herzkrankheiten. Lemgo 1815.
3) Ueber den Einflufs des rothen BLuces auF die Ennvicklung und
die Verrichtungen des menfchliohen Kürpers. RsiU Arclii»
Bd. 10. S. 213 — =97.
4') Ueber die Eildiingsfehler des Herzens. Ebdf. Ed. 6. S. 549 ff.
Pathül. Anat, Bd. i. S. 413— 475.
5) Pathnlogical Refearches. Effay I. Malform.itions of the hu.
man he^rt iUuftraced by numeroiis cafes and five plates, con-
taining fiuirteeii hgures and preceded by fomeobfervationson the
niethüd ot improving the diagnoftic part of medicine. Lon-
dun, 18I4'
Weichlingen, fondern felbft fogar ganz neue, bisher
völlig unbekannte Biklangsfehler und aulserdeni in-
tereffante Bemerkungen genug enthält, um hier, fo-
weit es diejenigen Bildungsfehler angeht, welche die
Function des Athmens zunächft und vorzugsweife fto-
ren, die Grundlage allgemeiner Betrachtungen abgeben
zu können, welche fich an die frühem, theils in lifUs
Archiv, theils an andern Ortea enthaltenen anfchlie-
fsen können.
Von der unvollkommenften Form des Herzens,
wo fich nur eine Vorkammer und eine Kammer fin-
det '), hat der Verf. einen neue«, von ihm felbft beob-
achteten Fall. Bei einem reifen Knaben kam der Lun-
genkreislauf erft nach Ablauf der erften halben Stunde
völlig zu Stande. Das Athmen war befchwerlich und
eine Menge Schleim im Kehlkopf angehäuft. Das
Geficht war anfangs fehr blafs, wurde nachher bläu-
lich. Nachdem Kreislauf und Athmen völlig zu Stande
gekommen waren, fehlen das Kind in den erften 48
Stunden völlig gefund, indem das Geficht lebhaft,
heiter, die Haut warm, der Schlaf, die Excrctionen und
«ler Appetit regelmäfsig, das Saugen kraftvoll waren.
Nach Ablauf diefer Zeit wurde das Athmen fehr
befchleunigt , doch blieb die Wärme und Farbe der
Haut normal, und es fehlen kein Schmerz Statt zu
l) Zwar ift die Anwcfenlieit einer «inrigen Hiilile nncli nnvdU-
iujininner, itidtfCen wurde li<^ biü j^rtv.t jiur in fo liüclift iinvull-
komniencn Mirit^;ebiirli:fi bcohaciilet, ilali aucli aus andsiti
Orüntien 'Iji Lebtii uiirnüglich war.
234
finden. Bei näherer Befichtigung erfchien die Bewe;
gung des Zwerchfells ungewöhnlich , fofern es bei jeder
Contraction das Briiftbein ftark nach innen zog. Zu-
gleich fchlug das Herz heftig. Bald fielite fich ein
fahr heftiger Anfall ein, wobei die angeführten Zu-
fälle fich bedeutend vermehrten, der Puls am Arm
verfchwand, die Haut bleich und kalt wurde. Ein
warmes Bad ftellte den Kreislauf und die Wärme her.
Anfüllung des Magens fchien feinen Zuftand zu ver-
fchlinimern , denn diefer Anfall war fogleich nach dem
Saugen eingetreten. Nach dem Bade wurde die Haut
zwar nicht wieder bleich, blieb aber etwas kalt und
bläulich. Die Muskelkräfte fanken und der Knabe ma-
gerte ab. Statt dafs er vor dem Eintritt der Refpirations-
befchwerden ungewöhnlich ftark gewefen war, hatte
er jetzt nicht Kraft genug um die ßurftwarze zu faf-
fen. Allmählig erlofch die Thätigkeit des Zwerch-
fells, das Athmen wurde fchwächer, die Hirnthätig-
keit verfchwand in den letzten Stunden und endlich
erfolgte der Tod, 79 Stunden nach der Geburt, 30
nach dem Eintritt der Refpirationsbefchwerden.
Das Herz lag normal , war aber ungeheuer von
Blut ausgedehnt. Eben fo ftrotzten die Lungen und
der Herzbeutel von Blut. -
Es beftand aus einem einzigen Vorhof und einer
Kammer, aus welcher ein einziger Arterienftamm trat.
Der Vorhof war durch eine Scheidewand ftärker als
gewöhnlich von feinem Anhange abgeiondert. In den
Vorhof felbft öffneten fich die Hohlvenen , in den An-
hang
hang die Lungenvenen '). Es fand fich nur eine
einzige venöfe Oeffnung, deren Klappe weder völlig
mit der dreizipftigen , noch mit der niützenförniigen
übereinkam; jener aber mehr als diefiir ähnelte. Der
Arterienftamm war die Aorta. Ihre beiden erften
fehr grofsen Aefte waren die, dicht neben einander
entfpringenden, Lungenpulsadern. Ein dritter, gröl'se-
rer, aus ihr unter einem rechten Winkel entfpringen-
der Aft theilte üch in die drei, gewöhnlich aus dem
Aortenbogen entfpringenden Gefäfse und gab aufser-
dem eine einfache Kranzarterie des Herzens ab.
Diefem Grade der Mifsbiklung zunächft freht ein
anderer, den der Verf. bei Herrn Laze;/-e«ce fahe. Aa
der Stelle der Vorhoffcheidewand fand fich nur, ein
dünner Muskelftreif , wodurch ein grofses, klappen-
lofes, eirundes Loch entftand. Der Vorhof konnte
für einfach gelten, doch fanden fich zwei Anhänge,
und die Hohl- und Lungenvenen öffneten fich, wie ge-
wöhnlich, von einander getrennt. Die Kammerfchei-
dewand fehlte ganz, fo dafs die Kammer durch eine
einfache, mit einer Klappe umgebene Mündung mit
den Vorhöfen zufammenmündete. Die Aorte und
Lungenarterie, von denen diefe etwas verengt ift,
entftehen dicht neben einander aus dem Unken Theila
der Kammer.
l) In der That war alTo in VorlioF, wenn |;lelcli unvollkommen,
doppele, wi« Tic-h aacii ans der BefciireibLing ergiebt, indern
der Verf. autdriicklicli fdgt, dals aus der Vorkammer in di'ii
Anban); eine grofie, milteu in der Sciieidewaiid befindliche
Oeffnung fdlirte.
M. d. Archiv, l. 3. P
Ungefähr auf derfelben, oder wenigftens nur ei.
ner etwas höhern Stufe ftand das Herz in einem aw
dem, von dem Verf. , Herrn Hodgfon und Leadam un«
terfuchten Falle, der auch aufserdem in mehr als ei-
ner Hinficht merkwürdig ift.
Der Gegenftand der Beobachtung war ein Menfch
von 22 Jahren. Er hatte in dielem Alter nur die
Länge von 4. Fufs 3 Zoll; aber eine verhältnifsmäfsig
weite Bruft - und Unterleibshöhle , doch kleine und
magere Gliedmafsen. Die Züge waren unentwickelt,
durchaus keine Spuren von Pubertät vorhanden. Das
Geficht aufgedunfen und mehr einem Neger als einem-
Eurofiäer ähnlich. Der Körper hatte mit Ausnahme
der Füfse, die fich kalt anfühlten, die natürliche Wär-
me. Die Farbe des GeCchts, fo wie überhaupt des
Körpers, dunkel violett, die oberflächlichen Venen,
wie man felbft an den Augenliedern fahe, und die
Zunge dunkel purpurfarben, rein und feucht. Auch
die Bindehaut der Augen dunkel. Im Allgemeinen
war die Efsluft und der Stuhlgang regelmäfsig, der
Urin dunkel, übelriechend, trübe. Der Athem war
leicht, doch etwas fchnell. In ziemlich regelmäfsigen
Perioden erfolgte bisweilen eine fehr tiefe Einathmung.
Das Muskelvermögen war immer fchwach und geringe
Anftrengungen del'felben veranlafsten Dyspnoen und Hü-
ften: bei Bewegungen wurden vorzüglich die Refpira-
tionsmuskeln in hohem Grade angeftrengt. In den
letzten Wochen des Lebens war er nicht mehr im
Stand^ 2u gehen. Der Herzfchlag verbreitete fich
über eine anfelinliche Strecke der linken Seite der
227
ßruft. Bei jeder Zufammenziehiing des Herzens
fchwollen die DroffeJadern beträchtlich an. Der Puls
war fchneller als im Normalzuftande, allein weder un-
regelmäfsig, noch ausfetzend. Die Haut war gewif-
fermafsen fchmierig, mit Ausnahme der Finger, die
fehr rauh, mit warzigen Auswüchfen befetzt und aa
den Spitzen ungewöhnlich dick waren. Die untern
Extremitäten fchmerzten bisweilen und fchwollen an
den Knöcheln auf. Bisweilen ftellte fich Schwindel
ein. Die Augen waren ftark vorftehend, trübe, die
Pupille zog fich im Lichte langfam zufammen, doch
war das Sehvermögen, fo wie überhaupt alle Sinne»
normal. Er war fehr furchtfam, fo dafs er weinte,
als thermometrifche Unterfuchungen mit ihm ange-
ftellt werden follten. Ueberhaupt der Geift, wie der
Körper, unentwickelt, doch nicht einfältig. Das
Queckfilber erhob fich in der Hand langfam auf 9g
Grad F., nicht höher. Unter der Zunge, bei ver-
fchloffenen Lippen ftieg es. fchnell etwas über loo Grad,
während die Temperatur des Zimmers 76 Grad war.
Unter der Zunge des Verf. blieb es beftändig auf 9g
Grad, erhob fich dagegen, bei Wiederiiolung des Ver»
fuchs, bei dem Kranken beftändig um 2 bis 3 Grad
Ober die gewöhnliche Temperatur.
Ungefähr 3 Wochen vor dem Tode ftellte fich
einige Tage lang ein häufiger Schweifs ein, der aber
in den letzten Tagen Verfchwand. In den letzten
Wochen waren die Hände oft kalt. Der Puls jf.nd.
der Athem waren befchleunigt, wie fich aus der bei-
kommenden Tabelle ergiebt.
P a
228
Juni 26. Puls 114-. Athem 29.
- 27. - 100. - 28-
- 28. - log. - 29. /
- 30. - 120. - 29.
Auguft 2. - 100. - 26.
Am 3. Auguft 18 14 ftarb der Kranke.
Die Hautfarbe war, mit Ausnahme des Geßchts,
weniger dunkel als im Leben. Der grofse Zehe des
einen Ful'ses war etwas entfärbt, wie beim anfangen-
den Brande. In diefeni Theile hatte der Kranke
einige Tage vor feinem Tode heftige Schmerzen ge-
habt.
Bei der Leichenöffnung waren, durch allgemein©
Adhäfion des Bruftfells, die Unterleibseingeweide zu
einer Maffe verfchmolzen. Die Lungen frei von Kno-
ten, aber, wie die rechten Herzhälften imd die gro«
fsen Venenftämme und die Kranzvenen des Herzens,
fehr mit Blut angefüllt. Am Herzen war die Eufta-
chifche Klappe gröfser als gewöhnlich. Das eirunde
Loch war nicht verwachfen, konnte aber durch leine
Klappe verfchloffen werden. Die Vorhöfe hatten ihre
normale Grofse ; ihre Oeffnungen in die Kammer aber
waren beträchtlich verengt, die des rechten weniger
als die des linken. Die dreizipflige Klappe an zwei,
die mützenfürmige nur an einen Warzenmuskel gehef-
tet. Die Scheidewand der Kammer fehlte ; doch war
in der Gegend des linken Vorhofs die einfache. Kam-
mer, in welche fich beide Vorhöfe öffneten, und die
2Ücht blofs weiter, fondern auch dickwandiger als ge-
vröhulich war, in einen, gegen den linken Vorhof '
^^^^^ 229
terfcbloffenen Sack ausgezogen. Aus cfiefem enlftand
die Aorta; die Liingenarterie dagegen aus der rech-
ten Kammer, aber nicht aus dem obern , fondern aus
dem initlJern Theile derfelben. Die Mündung der
Lungenarterie war fehr verengt, ihre Wände hier be-
trächtlich verdickt. - Die halbmondförmigen Klappen
durch einen warzenartigen Auswuchs , der von ihnen
ausfprofste, und die Mündung bis zum Durchmeffer
einer kleinen Sonde verengte, beinahe ganz verdeckt.
Dagegen hatten die Lungenarterien in ihrem übrigen
Verlauf ihre normale Weite. Der arteriöfe Gang war
verfchloffen. Die linke Wirbelarterie enlfprang un-
mittelbar aus dem Aortenbogen , zwifchen der linken
Kopf- und Schlüfl'elpulsader.
Ueber den Zuftand der Bronchialarterien konnte
man fich- nicht gehörig unterrichten, doch ergab fich
aus der Unterfuchung der, mit dem Herzen heraus-
genommenen abfteigenden Aorte, dafs, bis zur fiinftMi
Zwifchenrippenpulsader, kein anfchnlicher Aft ent-
fprang. Alle Eingeweide des Unterleibes waren dua-
kelroth, die Leber, wie überhaujit alle Eingeweide,
mit Blut angefüllt und angefchwüllen, die Milz dop-
pelt fo grofs als gewöhnlich.
Hierauf folgt die Perforation der Kammerfcheide-
wand, wovon der Verf. gleichfalls mehrere neuere
Fälle von Cooper, Ring und Lawrence- befchreibt.
Im Coo^prfchen Falle war der Knabe anfangs ge-
fund , und die dunklere Farbe trat erft einige Monate
nach der Geburt ein. Als er 2^- Jahr alt war, be-
merkte man deutUch, dafs die blaue Farbe durch Ge-
230
müthsbewegungen und Kälte fich erhöhte, Bewegung,
vorzüglich in der Kälte, hatte denfelben Erfolg. Be-
ftändig waren feine Fiifse und Hände, überhaupt die
ganze äufsere Fläche des Körpers kalt. Noch ehe er
drei Jahr alt war, verlor er den Gebrauch feiner un-
tern Extremitäten , erlangte aber denfelben, fo wie feine
ganze vorige Gefundheit, in wenigen Wochen wieder.
Sobald er im Stande war, feine Gefühle zu bezeich-
ren, beklagte er fich über häufigen Ekel und heftige
Kopffch merzen, Zufälle, die fich durch die angeführ-
ten Urfachen vermehrten und um das fünfte Jahr ha- '
bituell wurden. Zuletzt fehlen er durch die gering-
ften Anftrengungen fehr zu leiden. Der Stuhlgang
war im Allgemeinen regelmäfsig , nie verftopft. la
einem Alter von neun Jahren fünf Monaten verlor er
den Gebrauch des linken Daumens, bei welcher Ge-
legenheit er, da fein Bau zwar zart und fchwächlich,
feine Gefundheit aber wie gewöhnlich war, blofs ein
gelindes Abführungsmittel bekam. Zwei Tage nach
diefem Zufalle aber wurde die linke Seite gelähmt,
und zugleich ftellten fich kurzdauernde Krämpfe, hef-
tige Kopffchmerzen , ftarke Hitze der Haut, belegte
Zunge und häufiges Uebelfeyn ein. Die Pupille war
etwas ausgedehnt und der Puls kani auf i20 Schläge,
Ungeachtet der ungünftigften Prognofe wurden Blut-
igel an die Schläfe, ein Blafenpflafter in den Nacken,
eine Gabe Kalomel und fchwefelfaure Bittererde ver-
ordnet^ Am folgenden Tage hatte der Puls 124
Schläge, war zitternd und unregelmäfsig, die Krämpfe
wurden heftiger und anhaltender. Die Medicjn be-
— 23 t
wirkte einen dreimaligen Abgang von dunklem untj
übelriechendem Koth. Der Harn war hochroth und
Iparfam. Am fünften Tage fank der Puls auf 86
Schläge, wurde fchwach und unregelmäisig, in bei-
den Annen ungefähr gleich , die Kräfte fanken fchnell,
die Haut war mit einem feuchten untl warmen Schvveifse
bedeckt. Am fechften Tage kam der PuJs auf 66 bis
70 Schläge herab, wurde fehr fchwach und zitternd,
die Pupille fehr erweitert. Am Abend ftarb er. Sechs
Tage vor feinem Ende war er mit dem Kopfe hart
auf die Erde gefallen.
Bei der Leichenöffnung fand fich In der rechten
Hemifphäre ein Abfcefs, der ungefähr i^ Unzen eines
dicken dunkeigefärbten fehr übelriechenden Eiters ent-
hielt. Im Herzen fand fich an der Wurzel der Aorte
eine Oeffnung in der Scheidewand, wodurch beide
Kammern communicirten. Die Klappen der Lungen-
arterien waren zu einem fehr engen Kreife zufam-
mengezogen , der Boiallifche Gang verfchloffen; die
Lungenarterien alfo konnten nur eine geringe Menge
Blut zu den Lungen führen , und die Aorte entfprang
aus beiden Kamnicrn zugleich.
In dem Riii gkhen Falle fehlte, aufser diefer
Oeffnung in der Scheidewand der Kammer, die Schei-
dewand der Vorhöfe. In jeden Vorhof fcnkte fich
eine obere Hohlvene, in den linken die untere. Jeder
Vorhof hatte feinen Ohranhang. Das Kind, ein Mäd-
chen , wurde gerade ein Jahr alt. Sie war immer
mehr oder weniger blau und ihr Athem fehr befchwer-
lieh. Jeden Tag hatte fie zweimal , jedesmal mehrere
233
Stunden lang Anfälle"' von heftigem Schreien , die fich
bedeutend verfchlimmerten. Sie war aufserordentlich
abgemattet und in den letzten vierzehn Tagen ganz
unempfindlich. Einen dritten beobachtete Herr Farre
mit Herrn Weßon. Das Kind, ein Mädchen, wurde
fünf Wochen alt. Die beftändige blaue Farbe der Haut
wurde faft fchwarz, fo oft das Kind weinte, was je-
desmal gefchah, fo oft es bewegt wurde. Bei gehö-
riger Belileidung war die Wärme normal; doch war
es fchwer, diefelbe gehörig zu erhalten. Der Athem
war kurz, aber nicht fehr befchwerlich. Der Nabel "
ulcerirt und der benachbarte Theil der Haut entzün-
det. Unter einem Arme befand fich ein brandiges '
Gefchwür. Das Kind litt an einem beftändigen Durch-
fall. Die Kammerfcheidewand war durchbohrt, die
aus beiden Kammern zugleich entfpringende Aorte er-
^weitert, die Lungenarterie dagegen bis zu ihrer Thei-
lung verfchloffen , fo dafs fie ihr Blut von der Aorte
aus durch den arteriöfen Gang erhielt. Die rechte
Seite des Herzens war weiter als die linke.
In einem vierten Falle, den Herr Lawrence auf-
bewahrt, ift die Scheidewand der Vorhöfe vollkom-
men, und das eirunde Loch ganz verfchloffen. Beide
Kammern find gleich dick und die Klappen normal.
Die mit beiden communicirende Aorte hat den ge-
wöhnlichen Durchmeffer. Aus der rechten Kammer
führen zwei Oeffnungen zu einer fehr kleinen dritten,
aus welcher die völlig normale Lungenarterie ent-
fpringt. Der Gröfse des Herzens nach zu fchliefsen
gehörte es einem vierzehnjährigen Menfchen.
— 255
Einen fünfter Fall diefer Art befchreibt der Verf.
nicht genauer, weil der Wundarzt, bei dem er ihn
fahe, ihn felbft befchreiben wollte. Ungeachtet die
Aorte aus beiden Kammern entfprang, wurde der Kran«
ke über 40 Jahr alt. So viel er ßch erinnert, war
auch hier die Lungenarterie weiter als ße es gewöhn-
lich bei diefem Bildungsfehler des Herzens ift, und
alfo vielleicht darin der Grund des länscern Lebens
enthalten.
Ein fechfter, kürzlich beobachteter Fall eben die-
fes Grades der Mifsbildung findet fich von Howßilp
hl dem vortrefflichen Edinburger Journal verzeichnet ').
Das Kind, ein Mädchen,' war anfangs gefund; nach
Ende der zweiten Woche aber wurde die Haut oft
dunkel purpurfarben oder blaulich. Doch faugte das
Kind gut, und, wenn gleich die Vermuthung ent-
ftand, dafs die angefcihrte Erfcheinung in einem Herz-
fehler begründet fey , fo waren doch keine lebensge-
fährlichen Zeichen vorhanden. Nach Ablauf des er-
ften Monats fing die Gefundheit des Kindes, wenn
gleich langfani , zu finken an. Im zweiten , dritten
and vierten Monat nahm das Kind die Bruft, aber
durchaus keine andere Nahrung. Es nahm bedeutend
ab und fchien nicht Kraft genug zu befitzen , um fich
aufrecht zu erhalten. So oft ihm diefe Stellung ge-
gi-iiffi wurde, wurde die dunkle Farbe der Lippen
und Nägel bedeutend fchwärzer. Die einzige Stellung,
ia der es fich wohl befand , war die beim Saugen.
Jili'g. 18U. VoL IX. No. iC. III. p. 39sff.
334
Jede Muskelanftrengung brachte die dunkle Färbung
hervor , eine Veränderung , die beftändig mit vollftän-
digem Aufhören der Willkiihr verknüpft war. Zu-
gleich magerte das Kind in demfelben Maafse ab.
Jede zufällige Störung der Lungenfunctionen wac^
mit Veränderung der Hautfarbe verknüpft. Wena
das Kind fchrie oder huftete, fo wurde die Haut in
demfelben Verhältnifs dunkler. Als das Kind gerade
fünf Monate alt war, wunle die Mutter durch ein
fürchterliches Schreien dcffelben geweckt. In der
Meinung, dafs das Kind im Schlaf erfchrocken fey,
nahm Ce es auf und fuchte es zu lüften: indeffen
dauerte der Anfall von Sclireicn eine lialbe Stunde,
und in diefer Zeit wurde die Haut dunkler als je ge-
färbt. Nachher fchlief das Kind bis zum folgenden
Morgen ruhig. Am folgenden Tage war die Farbe
weniger dunkel als gewöhnlich, das Athmen aber be-
fchwerhcher. Die Nacht darauf kehrte der Anfall
weit heftiger, fo dafs Erftickung drohte, wieder: in-
deffen erholte fich das Kind. Von nun an wurde
das Athmen nicht wieder regelmäfsig, fondern war
häufig feufzcnd , als werde die Bruft beklemmt. Diefa
Beklemmung fehlen bis um die Stunde des letzten An-
falls zuzunehmen, als das Kind, ohne die geringfte
Neigung zu Convulfionen, allmählig fchwächer wur-
de und bald darauf ftarb.
Bei der Leichenöffnung wurde das Herz weit
gröfser als gewöhnlich undltrotzend von Blut gefunden.
Auch der Stnriim und Bogen der Aorte waren weiter
als gewöhnlich , lüe Lungenarterie aber erft nach Weg-
235
nähme des Herzbeutels fichtbar und fo klein und ihre
Häute fo dünn, dafs fie nur fchwer von dem über fie
weg^efchlagenen Herzbeutel unterfchieden werden
konnte. Beide Kammern üt'fnetcn ficli in die Aorte :
die Lungenarterie entftand zwar an der gewöhnlichen
Stelle, war aber gegen das Herz völlig verfchloffen,
indem fie fich gegen die Stelle ihres Urlprungs in einen
blinden $ack endigte. Das eirunde Loch war nicht
völlig verfchloffen, eben fo der arteriöfe Gang offen.
Einen fechften Fall unterfuchte Herr Faire mit
Herrn Travers. Der Gegenftand der Betrachtung war
ein vierzehnjähriger Knabe, der für fein Alter grofs,
aber immer mager und fchwa'chlich gewefen war. Die
Nafenflügel waren breit, die Unterlippe dick, vorra-
gend , in der Mitte gefpalten , die Zunge zu grofs für
den Mund, fehr uneben, fo dafs die Räntler wie zer-
fchnitten ausfaben, das Zahnfleifch fchwammig, der
Athem fehr übelriechend, die Extremitäten fehr mager,
befonders die Finger und Zehen , beide an ihren En-
den angefch wollen und mit ftarken Nägeln bedeckt,
die Haut fehr weich, immer feucht, überall beftändig
dunkelblau, faft purpurfarben, der Mund beftändig
etwas offen, der Kopf zwifchen den Schultern fteliend.
Seine Gefundheit war zart, aber im Allgemeinen nicht
geftört. Grofse Empfindlichkeit für Kälte, fo dafs er
oft felbft im heifseften Wetter darüber klagte. Das
Athmen wurde durch mäfsige Anftrengung erfchwert,
blieb oft aus, doch konnte er laut und ftark, jedoch
nur in Abfätzen, pfeifen; häufiges Gähnen. Durch Lau-
fen oder fchnelles Treppenfteigen wurde heftiger Hu-
ften veranlafst. Im Zuftande der Ruhe heftiger, aber
regelmäfsiger Herzfchlag, der durch fortgefetzte An-
ftrengung in Herzklopfen überging. Der Puls regel-
mäfsig, 80 Schläge in der Minute, aber fchwach und
leicht befchleunigt. Bisweilen fchneidende Schmerzen
im Umfange der Bruft und ein Gefühl von Brennen
in den Knöcheln, wenn er im Bette lag. Oefteres
Auffchrecken im Schlaf und Aufwachen mit einem
Gefühl von Erftickung. Die Efsluft mäfsig, gewöhn-
lich ftarker Dürft. Schwache Geifteskräfte. Eben fo
das Geficht fchwach, vorzüglich in der letzten Zeit.
Die thierifche Wärme in den innern Theilen um zwei
Grad höher, als in den äufsern. Der Tod erfolgte
plötzlich mit einem heftigen Blutfturz aus den Lun-
gen, nachdem er vorher eine Zeitlang fehr an ftar-
kem Hüften, Uebelkeiten und grofser Schwäche ge-
litten hatte.
Bei der Leichenöffnung wurde das Bruftbein fehr
ftark vorftehend, die Rippen fehr fchief, die linke Seite
etwas vorragend gefunden. Das rechte Herz ftrotzte
von Blut. Alles Blut, mit Ausnahme eines im eirun-
den Loche befindlichen faferigen Klumpens, flüfsig.
Der Darmkanal dunkel, eben fo die Leber, vorzüg-
lich an der Oberfläche. Das Herz gröfser, vorzüglich
die rechte Kammer, deren Wände eben fo dick als
die der linken waren. Die Lungenarterie fo eng, dafs
der kleine Finger nicht eingebracht werden konnte.
Die ganze linke Hälfte des Herzens fehr eng, die
Aorte dagegen weiter als gewöhnlich. An der Bafis
der Scheidewand eine weite Oeffnung, wodmch beide
Kammern zufammenhingen. Zwifchen der Lungen-
arterie und Aorte kein Zufammenhang, indem der
arteriöfe Gang verfchloffen war. Die Klappe des eirun-
den Loches in ihrem untern Theile unvollkommen,
und die Oeffnung, wenn fie ausgedehnt wurde, drei
Linien weit. Die Lungen adhärirten nur ftellenvveis,
aber fehr feft, waren voller Tuberkeln und enthielten
ulcerirte, mit geronnenem Blute angefüllte Höhlen, die
aber nicht das Anfehn von Vomicis hatten. Auch ent-
hielten fie keinen Eiter, und eben fo wenjg war im
Leben Eiter ausgeworfen worden.
Statt dafs in diefen Fällen auf die weit gewöhn-
lichere Weife die Aorte aus beiden Kammern entfprang,
fahe Herr Cooper zweimal bei unvollkommner Schlie-
fsung der Kammerfcheidewand nicht Ce, fondern die
Lungenarterie auf diofe Weife mit beiden Kammern
zufammenhängen, eine feltuc und unftreitig auch, mei-
nes Wiffens, vorher noch gar niclit bekannte Bildung.
Der erfte Fall ift in mehr als einer Hinficht merk-
würdig. Die Herzfehler fchienen in der Familie ein-_
heimifcb. Von zwölf Kindern blieben nur vier ani
Leben, und jnclirere hatten Zeiclicn von Herzkrank-
heiten. Zwei von den geftorbenen Kindern wurden
nach dem Tode unlerfucht, und die Urfache ihrer
Krankheit in einem Herzfehler gefunden. Das eine
dicfer Kinder, ein Mädchen, wurde drei Monate, das
andere, ein Knabe, von dem es merkwürdig ift, dafs
er ein Zwilling war, nur fünf Tage alt. Das Alh-
men des letztern war beftändig fehr befchleunigt, keu-
chend , ilie Haut lieftandig dunkel purpurfarben. Der
238 ^ —
Tod erfolgte unter Zuckungen, nachdem er neun bis
zehn heftige Anfälle gehabt hatte. Das warme Bad
war fehr heilfam, befonclers dem Mädchen, die auf
deffen fortgefetzten Gebrauch beträchtlich zunahm, im-
mer aber fehr ftill und unbelebt war. Das Bruftbein
des Knaben ragte mehr hervor als gewöhnlich , das
Herz war grofs, die rechte Kammer gewölbter, ge-
räumiger und aus dickern Wänden gebildet als fonft.
Die Lungenarterie entfprang aus der rechten Kammer,
communicirte aber mit der linken und bildete, aufser
den Lungenäften , die abfteigende Aorle. Die normale
Aorte endigte fjch, nach Abgabe der gewöhnlichen '
drei grofsen, aus ihrem Bogen entfpringenden Stämme»
in einen fehr kleinen Alt, der nur in einem Theil fei-
nes Verlaufs zur abfteigenden Aorte offen War. Die
Klappe des eirunden Loches war unvollkommen.
Der Gegenftand der zweiten Beobachtung, ein
Knabe, war in den erften zwei Wochen gefund, fing
aber nach Ablauf derfelben beträchtlich fchnell, drei-
mal fchneller als gewöhnlich, zu athmen und abzu-
magern an. Hüften fand fich nicht. Die Herzfchläge
waren ftark und häufig und der Bruftkaften hob fich
beträchtlich. Die Haut immer aufserordentiich bleich,
Hände und Füfsekalt: doch war es, die untern Glied-
ma&en ausgenommen, nicht nöthig, das lünd wär-
mer als gewöhnlich zu kleiden. Nach einiger Zeit
ftellte fich ödematöfe Gefchwulft der letztern, biswei-
len auch des Gefichts, Verftopfung, bisweilen auch
Erbrechen ein. Ungeachtet der Appetit gut war, ma-
gerte das Kind doch von Tage zu Tage mehr ab. Itn
fechften Monate wurde es entwöhnt: was ihm anfangs,
aber nur kurze Zeit, gut bekam. Immer fehlen es
fich unwohl und beängftigt zu fühlen, indem es nie
lächelte. Im achten Monate ftarb es plötzlich, ohne
Krämpfe. Der Bruftkaften ragte ftark hervor. In den
Bruftfellfäcken und dem Herzbeutel befand fich über
vier Unzen Serum. Das Herz war grofs und vier-
eckig , feine Gefäfse fehr grofs , das eirunde Loch er-
weitert, die Lungenarterie weitet als die Aorte, und
entfprang aus beiden Kammern , doch mehr aus der
rechten. Auch hier zog fich die Aorte nach Abgabe
der drei grofsen Stämme zu einem kleinen Afte zu-
fammen, der fich in die abfteigende Aorte öffnete, die,
als ein Aft der Lungenarterie, in der Richtung des
arteriöfen Ganges verlief, und nach ihrer Verbindung
mit der auffteigenden fich zu ihrem gewöhnüchea
Durchmefler erweiterte.
Die Reihe der den Refpirationsprocefs ftürenden
Bildungsfchler des Herzens, welche in einer unvol-
lendeten Entwicklung deffelben begründet find, be-
fchiiefsen mehrere neue Fälle von Offenbleiben des
eirunden Luches , mit oder ohne Offenbleiben des ar-
teriöfen Ganges und der Lungenax-terie.
Zufammenfetzung der Verfchliefsung der Lungen-
arterie mit Offenbleiben des eirundun Loches und
des arteriöfen Ganges ift am weiteften vom Normal-
zuftandc entfernt, fteht mithin den bislier betrachteten
BÜdungsfchlern am nächflen. liier ift gewöhnlich die
ganze rechte Seile des Herzens fehr unvollkommen
entwickelt und klein. In einem , von Hodgfoit ilein
240
Verf. mitgelheilten Falle , ift die Klappe des eimnden
Loches fehr unvollkommen, diefe Oeffnung daher
fehr weit. In der Scheidewand des Herzens fehlea
mehrere Muskelfafern und die innere, die linke Kanv-i
iner bekleidende Membran hat drei Oeffnungen, wo«
durch fie ein fiebförmigcs Anfehen erhält. Ein ganü
folider Faden, welcher die Stelle der Lungenarterie ver-
tritt , hängt mit einem weiten arteriofen Gange zufam-
anen, der von der Aorte zu den Lungenäften führt,
viel weiter als ein gewöhnlicher arteriöfer Gang, aber
enger als eine gewöhnliche Lungenarterie il't. In die-
fem Falle färbte fich bald nach der Geburt die Haut
dunkel purpurfarben, es entftanden Refpirationsbe-
Ichwerden und Zuckungen, allein die Temperatur des
Körpers war regelmäfsig. Der Tod erfolgte am fie-
banten Tage.
Zwei ahnliche FäUe fahe Herr Farre bei Herrn
Lanoftaff. Der eine wurde in einem neugebornen,
der andre in einem fechsmonatlichen Kinde gefunrienj
Die Temperatur des letzten war niedriger als gewöhn-i
lieh, die Farbe dunkelpurpurn, beinahe fchwarz; die
Anfälle erfchienen täglich. Der arteriofe Gang wac -
kurz und eng. Zugleich war die Scheidewand der
Kammern beträchtlich durchbohrt. Aufser diefen Fäl- '
len fahe er noch zwei andre, die er aber nicht wei-
ter befchreibt.
Ein Fall von Verbindung regelwidriger Gröfse des
eirunden Loches und des aneriöfeii Ganges wurde
Herrn Farre durch Herrn Fnglijh mitgetheilt. Bei
der Geburt des Kindes, eines Mädchens, wurden,
aufser
nA
41
aufser einiger Schwäche und gelber Farbe der Haut
und Augen, nichts erhebliches bemerkt, bald aber
ftelJten fich Erftickungszufälle beim Saugen, unge-
wöhnliche Stille und beftändige Betäubung ein. Zu
diefen Symptomen gefeilten fich in der zweiten Woche
Anfälle von heftigem Schreien, und zugleich wurde das
Athmen abnorm. Es erfolgte nämlich dann und wann
eine fehr tiefe Einathmung, während der das Kind
zwei- bis dreimal fchluchzte und darauf fehr fchnell
athmete. Dann erfolgten kurze Einathmungen, die mit
ungewöhnlich langen Ausathmungen wechfelten, bis fich
das Kind mit einer Art von krampfhaftem Schluchzen»
das von einem fchwachen, krähenden Geräufch begleitet
war, ermunterte, Zugleich zeigten fich diefe eigen-
thümUchen Erfcheinungen nach dem Saugen und Wei-
nen. Nachdem der Anfall vorbei war, fchlief es ein,
athmete ruhig, vielleicht etwas fchneller als gewöhn-
lich, fuhr aber häufig auf. Am Ende der zweitem
Woche erfolgte ein ftärkerer Anfall von Schreien, als;
frilherhin, das Athmen wurde einige Augenblicke lang
unterbrochen, die Lippen färbten fich fchwarz, bis
das Leben durch eine heftige krampfhafte Auftrengung
mit einem tiefen Seufzer wieder hergefteJJt wurde.
Dies hielt eine Stunde lang an, die Nacht aber war
ruhig. Während des fünfzehnten und feclizehnten Ta-
ges wurde das Athmen noch unordentlicher. Der
Anfall, der am Gebzehnten Abend erfolgte, war etwas
fchwäciier als die frühem, die Nacht belTer. Am acht-
zehnten Morgens faugte das Kind leichter als bisher»
Da die Haut und Augen gelb, der Stuhlgang unge«
M, d. Ar Mo La. Q
färbt blieb, wurden am Nachmittage ein Gran Kalo- •
mel und ein Gran Rhabarber gegeben. Nachdem das
Kind hierauf eine Stunde gefchlafen hatte, erwachte
es, brach einen Theil des Pulvers aus und fchien hef-
tige Schmerzen zu empfinden. In diefeni Anfalle flockte
das Athmen über eine Minute lang, die Lippen waren
fchwarz, die Augen ftarr. Am Abend fand der Arzt
die Extremitäten kalt, das Geficht iMchenhaft, die
Lippen fchwarz, das Athmen aus kurzen krampfhaften
Einathmungen und langen Ausathmungen,- zwifchen
denen dann und wann ein Seufzen erfolgte , beftehend.
In einem warmen Bade befferte fich das Athmen auf-
fällend , vorzüglich wenn das Ausathnien durch einen
gelinden Druck des Unterleibs und der Rippen unter-
ftützt wurde. Nachdem diefe Behandlung eine halbe
Stunde fortgefetzt worden war, wurde fie in warmen
Flanell gewickelt, fchien eine Stunde lang zu fohla-
fen , nach deren Verlauf aber ein neuer heftiger An-
fall wiederkehrte. Das warme Bad wurde mit dem-
felben glücklichen Erfolge angewandt als vorher; als'
aber das Kind herausgenoninien worden war, hörte
fie fogleich auf, eigenmächtig zu athmen. Durch be-
ftändige Unterftützung des Ausathmens mittelft der
um die Bruft und den Unterleib gelegten Hände wurde
das Leben noch ungefähr zwei Stunden lang erhalten.
Bisweilen lag fie zehn Minuten lang ohne Lebenszei-
chen , bis durch einen heftigen Krampf aller Bruft- und
Unterleibsmuskeln mit einem tiefen Seufzer den Anfall
geendigt und der Kreislauf wieder hergeftellt wurden
wo fich denn die Lippen färbten , die Glieder geftreckt
—- — — ^ 043
und die Augen geöffnet wurden. Der letzte Anfall
diefer Art erfolgte eine Viertelftunde nachdem man
das Kind fchon für todt gehalten hatte. Die Herz-
fchläge konnten nie gefühlt werden, die Railialarte-
rien beider Arme aber fchlugen fynchronifch.
Bei der Leichenöffnung wurde die Lage und Ge-
ftalt des Herzens regelmafsig, aber die Klappe des
eirunden Loches fo unvollkommen gefunden, dafs
zwifchen den Vorhöfen ein freier Zufammenhang Statt
fand. Der arteriöfe Gang war offen und weiter als
gewöhnlich. Aufser einer Anhäufung von Blutwaffer
im Herzbeutel, beträchtlicher Anfüllung der Leber mit
Blut und Zufammenziehung der Gallenwege fand Cch
in der Bruft und dem Unterleibe keine Abweichung.
Drei Fälle von nicht verfihlofjenem eiriindctt
Loche t welche Herr Furre felbft befitzt, fo Wie einer,
den ihm Herr ^, Cooper, undtein anderer, den iiim
Herr Langfiaff mittheilte, kommen zu den vielen
fchon bekannten , welche beweifen , dafs die gewöhn-
lichfte Anordnung, wo, wegen vollkommner Ent-
wicklung der Klappe das eirunde Loch mehr eineit
(chiefcn Kanal bildet, der durch Andrücken der Klappe
mittelft des im linken Vorhof enthaltenen Blutes an
die Scheidewand verfchloffert wird , ohne Nachtheil
für die Gefunriheit ift. Ich habe felbft fogar ein fehr
weites, ganz klappenlofes eirundes Loch aus einem
fiechzigjährigen Weibe fchon früher befchrieben ') und
ein beinahe eben fo weites in einem faft eben fo altea
1) Ptüi. An.it. Dd. I. S. 45J.
Ü44-
noch kiirzlicli gefuiiJen, wo gleichfalls vollkommene
Gefiindheit Statt gefunden hatte.
Aufser diefen in einer Hemmung auf frühern Bil-
dungsftufen begründeten Abweichungen der Bildung
des Herzens •,' -Wodurch die Umwandlung des venöfen
Blutes in arterlüfes gehindert wird, hat BtdUie zuerft
einen feltneren qualitativen Bildungsfeliler, der diefelbe
Wirkung im höchfteh Grade hervorbringt, beobachtet,
die Vertaufchung des Urfprungs der Lungenarterie
und Aorte, während die Endigungen der Venen fich
Mxi die gewöhnliche Weife verhalten. Seitdem finct
in England und , fo viel ich weifs , blofs hier , zwei
ähnliche Fälle verzeichnet, welche Herr Farre hier
anführt. In dem einen, von Langßaff beobachteten,
färbte fich bei einem männlichen Kinde fogleich nach
der Geburt die ganze Haut blau. Ungeachtet das Wet-
ter fehr warm war und das Kind beftändig in Flanell-
eingewickelt wurde, war doch feine Temperatur weit
niedriger als bei einem fechs wöchentlichen Kinde, das
fich in demfelben Zimmer befand. In den erften drei
Wochen fanden Ikh nur leichte "Tvefpirationsbefchwer-
den, aufser beim Saugen; diefe aber ftiegen allmählig
zu einer bedeutenden Hohe, und es erfolgten Anfälle,
während deren die Haut dunkler wurde und die Tem-
peratur fauk. In einem Alter von zehn Wochen ftarb
das Kind in einem folchen Anfalle plötzlich. Der
Puls war immer l'chwacli und klein, bisweilen kaum
fühlbar, der Darmkanal in Unordnung.
Der rechte Vorhof war fo fehr erweitert, dafs
ff beinahe die Gröfse des übrigen Herzens hatte, di«
245
rechte Kammer normal. Die Wände der linlcen wa-
ren nicht dicker als die der rechten , die Hühle klei-
ner; Die Lungenarterie und Aorte hingen durch den
arteriöfen Gang , der völlig die normale Weite hatte,
zufammen.
Den zweiten Fall heobachtete Herr Farre felbft.
Das Kind war gleichfalls männlich und wurde fünf
Monate alt. Sogleich nach der Geburt ftellte fich ein
äufserft heftiger Hüften ein. Beftändig war das Ath-
njen, und dadurch auch das Saugen, erichwert. lu
der Herzgrube ein heftiges Klopfen. Die Haut be-
ftändig bLiu und fehr kalt. Häufig wiederkehrender
Hüften, der durch jede Veränderung der Stellung ver-
dnlafst wurde, ausgenommen, wenn das Kind auf der
rechten Seite lag. Es niufste beftändig in Flanell ge-
wickelt werden, indem die geringfte Entblofsung, felbft
-einer Hand oder eines Theiles des Gefichts, Schau-
dern veiurfachte. Es fchien fich nur wohl zu befin-
den, wenn es auf der rechten Seite lag, und liinläng-
liche äufsere Wärme angewandt wurde, um Ausdün-
ftung hervor zu bringen. Im zweiten bis dritten Mo-
nate traten einige An.*'älle ein, die durch warme Bäder
gemindert wurden. Durchfall, woran es litt, wurde
durch ftärkende Arzcnei gehoben. Im fünften Mo-
nate bekam es die Pocken. Das Ausbruchsfjeber kün-
digte fich nur durch erlkjhte Temperatur des Kopfes
an, während die «brigen Tbeile kalt büeben. Als die
Pocken fich aeigten, trat ein Anfall ein, in welchem
das Kind , ungeachtet es in ein warmes Bad gefetzt
wurde, ftarb. Die rechte Kammer, aus welchcx die
246
Aorte entrpfang, war fo dick als fonft die linke: die
linke dünner; die Aorte normal, die Lungenarterie
dagegen fo eng, dafs felbft der Knopf einer gewöhn-
lichen Sonde nicht eingebracht werden konnte ; das
eirunde Loch unvollkommen verfchloffen , indem die
Klappe durchbohrt war; der arteriöfe^Gang verengt;
die Lunge normal,
Diefe zwei und zwanzig neuen Fälle, welche ich
beinahe ganz fo gegeben habe , wie fie das Original ent-
hält, indem auch der flejfsigfte Auszug oft Puncte aus-
läfst, welche entweder dem Verfertiger felbft fpäter,
oder dem Lefer fchon jetzt wichtig wären, enthalteil
mehrere Bedingungen , welche für die Gefchichte der
blauei\ Krankheit im Allgemeinen wichtig find.
Betrachtet man zunächft den Einflufs folcher Zu-
ftände des Herzens und der Lungen , welche die voll-
ftändige Bildung des arteriöfen Blutes unmöglich ma-
chen, auf die verfchiedenen Lebensäufserungen und
unter diefen zuerft auf die des bildenden. Lebens ■, fo
findet man, dafs die verfchiedenen Perioden der Bil-
dung neuer organifcher Subftanz, die Verdauung-, die
Bhitbildung , das Acbmen , die Abfonderungen unil die
Gejtalciing nicht auf gleiche vVejfe und nicht in allen
Fällen auf diefelbe Art vom Normal abweichen.
Dafs im Allgemeinen die Verdauung geftärt ift,
und dafs diefe Störung derfelben von OxygenmangeJ
herrühre , beweifeu aufser den früher voa NaJJe ' ) an-
l) Archiv ä. a. O, S. S7fiV
-— — 247
geführten Fällen mehrere der neuern. Der von Farre
beobachtete 22jährige Menfch ftarb plötzlich, nachdem
er eine reichlichere Mahlzeit genoffen hatte, als gewöhn-
lich '). In einem Kinde, das am vierten Tage ftarb,
verfchlimmerten fich die Zufälle jedesmal, fo oft es
Nahrung zu fich genommen hatte '), offenbar wegen
des zum Behuf der Verdauung gröfsern Oxygenbe-
diirfniffes. Selbft die Art der Nahrungsmittel fcheint
von Einflufs zu feyn, der höchft wahrfcheinlich von
der gröfsern oder geringern Menge von Oxygen be-
dingt ift, welches fie felbft enthalten oder das im Ge-
gentheil zu ihrer Affimilation verwendet wird. VVe-
nigftens hat Naßif mehrere Beobachtungen zufammen-
geflellt, welche Verfchlimmerung der Zufälle, befon-
ders durch ftick- und wafferftoffhaltige Subftanzen
nachweifen und l'alols bemerkt ausdrücklich, dafs der
Appetit feiner Kranken vorzugsweife auf Pflanzenfpei-
fen gerichtet war 5).
Die Efsluft ift indeffen im Allgemeinen gut: ebeii
fo ift auch der Stuhlgang nicht nothwendig vom Nor-
mal abweichend, wenn gleich in mehrern der erwähn-
ten Fälle Durrh/alf, oder yerfiopfung Statt fand.
Vielleicht ift es nicht unraerk würdig, dafs in einem
Falle, bei einem fünfjährigen Knaben, deffen Appetit
nnregelmäfsig war, der Stuhlgang einen äufserft libeln
(ieruch und eine dunklere Farbe als gewöhnlich
1) ObPn S. 52Ä,
9) Oben S. U4.
3) Htrltt JaUiblicb. i. teutrchen Med. II, i. S. ttf.
248
hatte '), indem hierdurch ein Vikarüren der Thä-
tigkeit der Leber für die der Lungen angedeutet zu
werden fcheiot. '
Das Athmen ift im Allgemeinen mehr oder we-
niger unregelmäisig. Nur in fehr v/enigen Fällen wird
es regelmäfsig angegeben, und diefe wenigen Fälle be-
treffen Kinder, die in den erften Lebenswochen ftar-
ben. Faft immer war es mehr oder weniger befchwert,
fchnell, kurz, keichend, vorzüglich immer das Bedürf-
nifs zu fehr tiefen Einathmungen vorhanden, alles
unft reitig Zeichen eines nie gehörig befriedigtea
Oxygenbedürfnifies.
Das VVefen der blauen Krankheit ift Unvollkora-
menheit der nächften Wirkung des Athmens, der
Umwandlung des venöfen in arterielles Blut, indem
entweder das Herz oder die grofsen Gefäfsc oder die
Lungen fo angeordnet find, dafs die hierzu nothwen-
dige Wechfelwirkung zwifchen Blut und Luft nicht
voHftändig zu Stande kommt.
Das im Körper kreifende Blut ift daher meht
oder weniger venös. Beweisftellen früherer Beobach-
ter hat Najj'e zufammengeftellt ' ). Auch die fpätera
Beobachtungen, welche Farre zufammengeftellt hat,
erwähnen nieiftens einer ungewöhnlichen Menge eines
Jehr ßüjßgen , dunkeln Blutes.
Mit der Venofität des Blutes hängt auch die
grofse Neigung zu Blutilüffen, und ein mehr oder
I) Farrt S. 9«.
5) Axchi» & ä«5.
249
weniger deutlich entwickelter fcorbutifcher Zuftand
znfammen. Farre's vierzehnjähriger Knabe hatte
fchwammiges Zahnfleifch und äufserft übelriechenden
Athem. Haaß's und Tacconi's Kraoke waren fehr zu
filutflüilen geneigt. Cailliot's dreijähriger Knabe blutete
häufig aus dem Zahnfleifch und ftarb an einer Blutung
aus dem Munde. Der eilfjährige bekam im fünften
Jahre heftiges, faft nicht zu ftillendes NafenbJuten.
Sowohl von der anfehnlichen Menge als der Ve-^
nofität des Blutes, beides Bedingungen, welche an den
Zuftand des Embryo und folcher Säugthiere erinnern,
die fich häufig in einem Zuftande von unterbrochner
Refpiration befinden, rührt die blaue oder fohwärz-
liche Farbe der Haut her, von der ich nicht zu be-
merken brauche, dafs fie in einem höhern oder gerin- '
gern Grade allgemein ift, und fich vorzüglich an dün-
nen und durchfichtigen Stellen zeigt. Nur in einem
Falle von Cooper ') wird nicht der Bläue, foudern
der ungewöhnlichen Bläue der Haut eines achtmonat-
lichen Kindes Erwähnung gethan.
Sehr intereffant würde auch die Unterfuchung der
an die Betrachtung des Lungenkreislaufs und der Blut-
bUdung Geh anfchliefsenden Frage feyn : ob die Umwand-
lung der Luft durch das Athmen vom Normal abweiche?
Hierüber aber fehlen, fo höchft wahrfcheinlich auch
eine bejahende Antwort ift, die Verfuche durchaus:
ja, bis auf Farre ') hat fogar noch niemand auf die-
l) Oben S. 3)g.
a) A. ». O. & )t.
fen Punct ,aufmerkf.im gemacht. Da fie mit einiger
VoIJftändigkeit nur an Erwachfenen angeftellt wer-
(Jen können, fo ift freilich nicht bald hierübei" Be-
lehrung zu erwarten. In einem Falle diefer Art, der
(ich fehr wohl dazu geeignet hätte , ftai-b der Kranlie,
ehe der Apparat im Stande war '). Den bis jetzt über
<len Einflufs der eingeatbineten Sauerltoffmenge auf die
Bildung der Kohlenfaure durch das Alhmen angeftell-
ten Verfuchen nach zu fchliefsen würde die Quantität
derfelben weit geringer als im normalen Zuftande feyri.
Hieran i'chliefst fich die Frage über die Tempei'a-
tur der Blaufiichtigcn , die man lo allgemein iiiit dem
Athmen in die näclii'te Beziehung fetzt.
Ganz allgeniein iit die Angabe, dafs die Wärme
der hlaufüchtigen Kranken vermindert ley. Es fragt
fich indeffen fahr, ob blofs das Wärmegefühl oder die
wirkliche Wärmebiklung iich unter dem gewöhnlichen
Standpunct befinde. Wie fehr beide Bedingungen ver-
Tchieden find , ift aus der geringen Erhöhung der Tem-
peratur in der heftigften Fieberhitze, aus dem fürch-
terlichen Gefühl von Kälte bei Nervenzufällen und,
.noch ganz neuerlich, aus den merkwürdigen Beob-
achlungen bekannt, wo bei völliger Unempfindlich-
keit kaltes VVaffer gerade Wärmeempfiridung verur-
.fachte, und umgekehrt '). Auch fanden daher fchoji
ältere Beobachter, z. B. Hahn bei Saiidijort, felbft da
die Temperatur ihrem Gefiihl nach normal, wo der
Kranke über die heftigfte Kälte klagte.
i) Oben S. 256.
9) Medice - chirurgical traosactions Vot, II. Ebendaf. VoL 111.
•^ 251
Nur Naffe hat bisher ') einige thermometrifche
Beobachtungen an einer blaufüchtigen Kranken ange-
ftellt, aus denen Cch, nach ihm, ergiebt, dafs die Tem-
peratur der äufsern Theile 2i GradReaum., alfo bedeu-
tend, die der innern, im Munde und felbft unter dea
AchfelhühJen, wenig oder gar nicht geringer als unter
jiormalea Bedingungen ift. Leider fagt auch noch
Farre mit Recht: „in den früher bekannten Fällen
„ fovvohl , als in den meiften von denen , die ich jetzt
,, mitgetheilt habe, ift, wie verabredetermaafsen , der
„wichtige (und man kann hinzufetzen: der fo leichte)
„Verfuch der thermometrildjen Meffung ganz vernach-
„läffigt worden." Ungeachtet faft in allen von ihm
erwähnten Fällen nicht nur des Kältegefühls des Kran-
ken, fondern auch der Umftehenden in den Extremi-
täten gedacht wird, fo wurde doch nur in zweien
das Therniometcr angewandt. Den einen diefer Fälle
habe ich noch nicht angeführt, weil der Kranke zur
Zeit der Verläffung des Auffatzes noch lebte: er ift
aber in mehrerer Hiuficht merkwürdig. Der Gegen-
ftaiid der. Beoliachtung war ein fünfjähriger Knabe.
In einem gewöhnlichen Thermotneter flieg das Queck-
filber , nachdem die Kugel beträchtlich lange in der
üaud gelialten worden war, nicht hoher als 85 Grad
lahrenh. , da es Geh bei einem gefunden in viel kür-
zerer Zeit auf 98 Grad eihob. Unter der Zunge da-
gegen l'tieg CS hei beiden auf 98 und beharrle darauf.
Die Tem|)eratur des Ziiiuners war 63 Grad, die Jalt-
1} AicbiT. S. 215. S«.
25-2
reszeit Sommer. Dagegen flieg das Queckßlbef eines
fehr empfindlichen, blofs zur Meffung der thierifchen
Wärme gefertigten Thermometers in der Hand auf
985 unter der Zunge auf 99 Grad, wahrend die
Temperatur des Zimmers nur um 3 Grad höher als
vorher war. Die folgende Tabelle über die mit diefena
ICranken angeftellten Verfuche, beweift noch mehr,
dafs die innere Temperatur fehr beftändig ift, wenn
gleich die äufsere bisweilen und nicht unbeträcht-
lich, linkt.
Temperatur
Datum.
der
änfsern
Luft
des
mers.
70
59
69
61
der
Hunde.
98
74
96
92
der
Füfse.
97
unter
der
Zunge.
Puls. I Athmen.
23. Aug.
13. Sept.
17. Sept.
IJO. Sept.
Inde£fen war fie doch auch hier nicht viel nie-
driger als in den innern Theiien, den einzelnen Fall,
wo ße auf 79 Grad herabfank, ausgenommen.
In dem einen f arre'fchen Falle, bei einem 33jährigen
Menfchen , der aber gerade aus dem Schlafe erwachte,
imd fich in einer heftigen Ausdünftung befand, blieb
das Thermometer in der Hand auf 98 Grad, hob fich
dagegen im Munde bei wiederholten Verfuchen be-
ftändig fogar über 100 Grad, fo dafs alfo die Tempe-
ratur fogar einige Grade höher als im normalen Zu-
lande ftieg.
Dafs diefe unvollkommene Bildung noch weni-
ger ein Gefühl erhöhter Temperatur ausfchliefee, wäre
253
falt überflöfeig zn bemerken, wenn nicht das Gegen-
theil fo beftändig angegeben würde. Denn ein voa
Cooper befchriebener Fall beweift es mit ßeftimmtheit,
indem hier einige Tage vor dem Tode ein Gefühl voa
heftiger Hitze in der Haut entftand.
Ob die bedeutend niedrige Temperatur der Ex-
tremitäten für zufällig oder wefentlich zu halten fey,
ift wohl nicht leicht zu entfcheiden. NaJJe und Farre
fahen es nur einmal : weit bäußger fand fich gar keine
oder eine weit geringere Differenz von der innern und
der Temperatur in den Extremitäten gefunder Per-
fonen. Indeffen fand Cooper in einem Fälle, wo ein
Frauenzimmer plötzlich blau wurde und blieb, und
als Grund diefer Erfcheinung eine Verletzung der
Herzfcheidewand angefehen wurde, die innere Tem-
peratur zwar loo Grad, die Extremitäten dagegen
merklich kälter als gewöhnlich ').
Aus den angeführten Verfuchen und allen ange-
gebenen Erfcheinungen, dem Fröfteln , der Nothwen-
digkeit, fchlechte Wärmeleiter anzuwenden , der Mög-
lichkeit aber auch, dadurch das Kältegefühl zu ver-
treiben, fcheint fo viel hervorzugehn , dafs zwar auch
bei dem unvollkommenften Athinen eben fo viel Wär-
me ah unter normalen Bedingungen erzeugt, aber weit
leichter zerftreut wird, oder dafs zwar die innern,
nicht aber immer die äufsern Theile die Fähigkeit zur
normalen Wärmebildung haben.
Damit fteht unftreitig die aufserordentliche Heil-
famkeit des häutigen Gebrauches der warmen Bäder,
I) Farrt S. 74.
254
weiche Fdrre'), Cooper ^) und Engll/h 5), felbft
des oft wiederholten Wafcbens der Hände mit warmen
Waffer, welche Farre fahe, im Zufanimenhange.
■■ Auch der Einflufs der Jahreszeit fcheint hier-
durch bedingt zu werden. Schon Naffe hat die Be-
merkung gemacht, dafs fich die Zufälle in mehrern
Fällen im Winter verfchlimmerten. In den von Farre
gefammelten Fallen ift es bei weitem nicht immer an-
gegeben, in welcher Jahreszeit der Tod erfolgte. Auch
muffen wohl die Kranken erft^ ein gewiffes Alter er-
reicht haben, ehe man über den Einflufs der Jahres-
zeit einigermafsen beftimmte Vermuthungen äufsera
darf, indem fonft der Tod dem Umftande, dafs über-
haupt die meiften in zarter Kindheit fterben, zuge-
fchrieben werden kann. Indeffen ift es freilich auf
der andern Seite möglich, dafs, wäre das Kind, das
im Winter, bald nach der Geburt, ftaib, in einer gün-
ftigern Jahreszeit geboren worden , der Tod fpäter
el-folgt feyn würde. Gegen diefe Anficht liefse fich
vielleicht nur der Umftand geltend machen, dafs im
Allgemeinen das Kind vor der Winfeikälte hinlänglich
gefchützt ift , um nicht durch ihi-en Einflufs 2u leiden.
Die Normalität der Temperatur, auch bei fo
äulserft unvollkommenem Athmen, als es bei Blau-
füchtigen Statt findet, beweift aber unftreitig auffal-
lend , dafs im Refpirationsprocefs nicht unmittelbar die
1) Oben S.224.
2) Oben S. 3}«.
3) Oben S. 342.
255
Quelle der thierjfchen Wärme zu fuchen fey, und be-
tätigt daher die Kefultate der neuen Brodie'ichen , im
zwölften Bande des ReU'khen Archivs mitgetheilten
Verfuche auffallend. Zugleich aber ergiebt fich auch
hieraus, dafs, wenn auch das Nervenfyftem , wie an
allen, fo auch an diefer Bildungserfcheinung, gewifs
einen vorzüglichen Antheil hat, dennoch hierzu kein
Zutritt von rothem Blut an daffelbe erfordert wird.
In wiefern vielleicht die Function der Haut und
andrer Organe, namentlich der Leber und der Fötus-
organe für die Lungen vicariirt, läfst fich, nach den
jetzt bekannten Beobachtungen, nicht mit Beftimmt-
heit ausfagen. Die allgemein beobachtete aufseror-
dentliche Schwärze des VenenbJutes fcheint aber nur
fehr wenig für einen bedeutenden Antheil derfelbeii
zu fprechen. Vergleichende Unterfuchungen derHaut-
ausdunftungsinaterie blaul'üchiiger und gefunder, in
Hinficht auf Quantität und Qualität mtifste hierüber
entfchciden.
Mehrere Beobachter, namentlich Farre in eini-
gen Fällen, geben indcffen eine beftändige Neigung zu
reichlicher Transfpiration an, unri diefe konnte, in
Verbindung mit Neigung zu venüfen Biutflül'fen, fehr
übelriechendem dunkeln Stuhlgange, fahr übelriechen-
dem und dunklem Harn vielleicht als, wenn gleich
unvoUkomnines, Erfatzmittel des Athmens angefehen
werden.
lieber den Einflufs der unvollkommenen Blut-
biiJung auf die Ernährung Uad die Meinungen gc-
theilt. Uflt und /tutenrii-tk iahen Kleinheit und Ma-
256
gerkeit als nothwendige Folge davon an, während
Najfe, auf mehrere Erfahrungen geftützt, das Gegen-
theil annimmt.
In mehrern der neuen Fälle wird- hierüber nichts
beftimmtes angegeben , fo dafs alfo wohl keine bedeu-
tende Abweichung Statt finden mochte. Incleflen wird
doch in mehrern, und namentlich in neun Fällen,
denen von Haafe, Howfliip, fieben von Farre, dem
von Palois , mehr oder weniger Magerkeit , vorzüg-
lich der Extremitäten, -angegeben. In zwei Fällea
war das Wachsthum in die Länge zugleich vermindert.
Auf geringer Energie der bildenden Thätigkeit
fcheint auch der Umftand begründet, dafs in einem
von Farre beobachteten Falle mehrere äufsere Theile,
die Nafe, Kinn, Finger und Zehen empfindlicher als
bei andern Kindern waren , fo dafs oft ein geringer
Druck oder ,Stofs deri'elben heftige Schmerzen verur«
fachte. Dies fcheint mit der geringen Fähigkeit der«
felben , Wärme zu erzeugen , zufammenzuhängen.
Naffe fowohl als ich haben auf die eigenthiim-
Ijche Geftalt der Finger und Zehen , deren letztes
Glied ungewöhnlich grofs und dick ift, aufmerkfam
gemacht. Diefe wird zwar nicht in allen Fällen an-
gegeben; indeffen möchte ich faft annehmen, dafs
hieran nur Mangel an genauer Beobachtung Schuld
gewefen fey; denn aufser den von Nqße und mir an-
geführten Fällen fahen fie Palois , Haafe , Hodgfon,
Meyer und Farre: der letztere zweimal, indem einen
Falle bei einem vierzehnjährigen, in dem andern fchon
bei einem fünfjährigen Knaben, ein, wegen der voll-
komm-
-^ 257
kommnen Uebereinkunft diefer Bildung mit der eni-
bryouifchen fehr merkwürdiger Umftand, den ich aber
keinesvveges aus einem unabhängigen Leben diefes Glie-
des erklaren möchte. Auch hier beftätigt (ich NaiTe's
Vermuthung über das Urfächliche diefer Anfch\Vel-
lung, dafs fie weniger in einer V^ergrofsüruno- Jes
Knochens, als einer Anhäufung von venofem Blute be-
gnlndet fey '). Wenigftens fand Palois die Finger
und Zehen vorn angeßlitvoUen und weich. •
Uebrigens weicht nicht blofs das letzte FinTcr-
und Zehenglied auf diefe- Weife vom Normal ab, fon-
dern die Finger und Zehen find zugleich bisweilen
länger und dünner als gewohnlich. Wenigftens be-
merken dies Pahis und Faire (S. 34.) ausdrücklich zu-
gleich mit Anfchwellung der vordem Enden der Fin-
ger und Zehen. Wahrfcheinlich ift diele Abweichunff
nicht blofs auf diefe üegend eingeichra'nkt. In dein
einen, mir vom Herrn Dr. iWpjp;- zu Berlin mitgetheilteii
Falle waren zugleich alle Röhrenknochen in der Mitte
fo äufserft dünn, dafs fie leicht zerbrochen wurden, und
Jl'wheraiid und Leniin geben ungewöhnliche Länne
der obern Extremitäten an, alles embryonifche Bil-
dungen.
Ueber die Mifchung und die Textur der Kno-
chen werden wir leider durch keine Beobachtung be-
lehrt.
Auf das BilJung<:gefch;ift erfcheint die vermin-
derte Arlerialifation des Blutes in fofern nicht feiten
I 1) Archiv S. 37».
i M. d. Archiv. I. 2. R
r
258
von nachtheiligem Einflulfe , als die Zähne lieh unvoll-
kommen entwickeln. Das eine Kind von Cailliot hatte
im achtzehnten Monate erft. zwei Zähne, im Palois'-
fchen Falle erfolgte das Zahngefchäft fpät und langfani.
Eben fo gehört hierher unftreitig die, wie es
fcheint, nicht feiten zugleich vorkommende Vereini-
gung diefer Abweichung mit unvollkommner Entwick-
lung des Gehirns, namentlich mit VVafferkopf, die in
den Fällen von Haafe, Trauer und Thiebault Statt
fand.
Wie verhält ficli die EniwicMung der Gefchlechts-
fuuclioiien bei Blcaißichiigejt ? Ueber diefen Punct
herrfcht gänzliches StilUchweigen auch da, wo die
Kranken alt genug waren, um zur Aufmerkfamkeit
darauf zu leiten. Man könnte um fo mehr geneigt
feyn, wenigftens keine Störung derfelben anzunehmen,
. da bei Rei'pirationsbefchwerden häufig fogar erhöhter
Gefchlechtstrieb vorhanden ift; allein die Erfahrung
fcheint zu beweifen, dafs diefe Function durch die
Fötusähnlichkeit des Lebensproceffes in der That ge-
hindert wird, zum Auftritt zu kommen. Tacco/n's
ICranke war im vierzehnten, Spry's im fiebzehntea
Jahre noch nicht menftruirt, iind bei Farre's Kran-
ken waren die Züge nicht nur kindifch, fondern durch-
aus keine Spur von Mannbarkeit vorhanden.
Ganz allgemein ift die Bemerkung, dafs die Tnl-
tahiluät bei diefen Bildungsfehlern des Herzens um
der blauen Krankheit überhaupt äufserft fchwach ifi.
Auch auf diefe Bedingung ift früher von Naße und
mir aufmerkfam gemacht worden. Sie fpricht ficIi
l) unftreitig durcli gewiffe Bedingungen der Magerkeit,
welche beobachtet wurde, aus. Es wird in mciirera
Fällen nicht nur beflimmt gelagt, dafs vorzüglich die
Extremitäten abgemagert gewefen feyen, fundern in
einem Falle fagt Farre von einem vierzehnjährigen
Knaben ausdrücklich, dafs er an den Extremitäten
fehr fchwache Muskeln gehabt habe '). Dies kommt
mit der Hunter'ich&n Angabe fehr iiberein.
2) Erhellt diefe Schwäche des Muskelfyftems aus
der Art der Thätigkeitsäufserungen deffelben. Bei
Farre's zwei und zwanzigjährigem Kranken war die
Muskelkraft in den letzten Wochen feines Lebens fo
gefunken, dafs er nicht zu gehen im Stande war.
So lange er Geh noch bis zu diefer Zeit bewegen
konnte, reichten geringe Anftrengungen hin, um Hü-
ften und Dyspnoe hervorzubringen. Der fünfjährige
Knabe war immer fchwächer als die übrigen Kinder
gewefen. Von feiner Geburt an M'ar er zu keiner
fchnellen Bewegung fähig, und im fünften Jahre ent-
ftand fogleich bei der geringften Bewegung Schwäche
in den Knieen und Lendenfchmerzen. Selbft wenn ec
nur quer durch die Stube lief, war er dem Umfinkera
nahe. Im dritten Lebensjahre hatte er fogar ftürkere
Muskelkräfte gehabt als fpätcr. Haafe's Kranke
wankte beim Gehen , konnte die Arme nicht feflhalten,
und einige Gänge durch die Stube matteten fie fo ab
dafs fie fich niederfetztn muisle und fogJeicli An-
wandlungen von Ohnmacht eintraten, Uowjlüp's Kjud
I) S. H.
R 3
2(50 -»^«.-^M-
war fehwächer als andere Kinder cleffelben Alters und
jeder Verfuch zu einer Anftrengung veranlafste augen-
blicklich dunkle Farbe mit gänzlichem Verluft der
Willensäufserungen. Bei dem einen Kranken von
Cooper tral fogar im dritten Jahre Lähmung der un-
tern Extremitäten ein, die fich indefs bald wieder ver-
lor. Im zehnten Jahre aber verlor er einige Tage vor
feinem Tode den Gebrauch des linken Daumens, wo-
zu fich bald Lähmung der linken Extremität gefeilte.
Die Irritabilität der unwillkührlichen Muskeln,
namentlich des Gefäfsfyftcms, eifcheint gleichfalls mehr
oder weniger gelunken. In fait allen den oben ange-
führten Fällen wird Kleinheit , Schwäche, bisweilen
Häufigkeit des Pulfes bemerkt. Der Herzfchlag ift
zwar bisweilen ftark , allein dies rührt unftreitig \on
der Schwierigkeit, das Blut aus dem Herzen zu trei-
ben, und aufserdem von der damit zufammenhängen-
den, gewöhnlich vorkommenden Vergröfserung des
Herzens her. Diefe Umftände begründen auch das
nicht ungewöhnliche Herzklopfen und die Verbreitung
des Herzfchlages über eine beträchtliche Strecke der
Brufthöhle. Dagegen ift der Puls im Allgemeinen re-
gelmäfsig, nur fpäter, bei Zunahme der Krankheit aus-
l'etzend.
Dafs die geißigen Erfcheinungen oft unter diefen
Bedingungen normal, fogar vorzüglich find, haben
fowohl ich als Naffe bemerkt. Auch'ih Farre's fünf-
jährigem Knaben verhielt es fich fo, indem er gut
I«rnte und behielt. Der langfame Verftand eines von '
ihm beobachteten vierzehnjalirigen war daher vielleicht
nur zufällig.
Iiideffen find doch häufig die Functionen des Ner-
venfyftenis mehr oder weniger geftört. In Haafe's
Kranken war das Geficht und das Gehör ftumpf : eben
fo in einem von Feine behandelten vierzehnjährigen
das Geficht trübe. Heftige Kopffchmei-zeu, Schwin-
del und Uebelkeüen wurden faft von allen Kranken,
die ihre Gefühle ausdrücken konnten, angegeben.
Im Hao/e'fclien Falle war fogar innerer Wafferkopf zu-
i^leich vorhanden. Unftreitig war dies auch beim Thie-
haiiWichen Knaben der Fall , deffen Kopf um ein Drjt-
theil zu grofs war, und der an Epilepfie und Schlaf-
lucht litt.
Ueberhaupt rührt wohl die Depreffion der Mus-
kelthuligkeit grofsentheils , vielleicht ganz von einem
regelwidrigen Zuftande des Nervenfyftems her, der
in der unvollkommnen ArterialiCation des Blutes be-
gründet ift. Wenigftens wird dies durch LegalloisVei-
fuche über den- Einflufs des Rückenmarkes auf die
Bewegungen des Herzens äufserft wahrfcheinlich. Der
nachlheilige Einflufs, welchen Gemüthsbewegungen ha-
ben, fofern ße als die häufigften Gelegenheitsurfacheii
der Anfälle der blauen Krankheit erfcheinen, beftä-
tigt unftreitig diefe Vermuthung.
Sowohl ich als Nalfdiabea auf die merkwürdige
Erfcheinung aufmerkfam gemacht, dafs die Krank.-
heitserfcheinungen bei diefen Bildiuigsabweichungen
des Herzens häufig nicht fchon bei der. Geburt vor-
handen find, oft erft lange nacliher eintreten, und
263
diefelbe aus der Fötusartigkeit des kindlichen Lebens-
proceffes und des geringen Oxygenbecliirfniffes, welches
in diefen- Perioden Statt findet, erklärt. Ungeachtet
in einigen der von arre angeführten Fälle, nament-
lich dem von Englifh (S. 12), einem von Cooper(S. 14),
■von Hodgßn (S. 19), von Langfiaff (S. 28), von
Tarre (S. 29), auch in dem von hacife (a. a. O. S. 7)
und von Palois, die Symptome faft mit der Geburt
eintraten, fo war doch die Gefundheit in andern zwei,
(^Farre S. l) und mehrere Tage (Schuler p. 12-14),
felbft vierzehn (Farre und Howfhip S. i 5) Tage, einige
Monate (Cooper he:i Farre S. 24) lang normal.
In dem von Fleifchmann befchriebeiien Falle war
das Kind beinahe immer gefund und litt nur in den
beiden letzten Lebenswochen an leichtem Hüften, am
letzten Tage an afthmatifchen Befchwerden und Con-
vulfionen.
Offenbar wurden aber in diefen Fällen die krank-
haften Erfcheinungen öfter unmittelbar nach der Geburt
bemerkt als ipäter, imd nach Angabe der beigefügten
Tabelle in ungefähr fechzehn Fällen fchon bei der Ge-
burt oder in den erften Tagen , in ungefähr acht,
nach einigen Wochen oder Monaten, felbft fpäter als
. nach einem Jahre. Es ift daher höchft wahrfcheinlich,
dafs in den meiften Fällen, wo das letztere bemerkt
wird, doch wirklich, wenn auch nur in einem leich-
ten Grade, das erfte Statt fand. Die Art der Bil-
dungsabweichung Scheint nicht geradezu von Einflufe
auf das frühere oder fpätere Erfcheinen der Krankheits-
zufälle zu feyn. Wenigftens erfcliieaen in dem Jtiodg-
/ö«'fchen Falle , wo das eirunde Loch weit offen, die
Scheidewand der Kammern durchbohrt, die Lungen-
arterie verfchloffen war, die Zufälle gleich nach der
Geburt, da fie fich in den Howfhip'[chen und Cooper'-
fchen Fällen unter ungefähr denfelben Bedingungen
erft nach einigen Wochen einftellten. Doch kann
man wohl im Allgemeinen annehmen, dafsfieda, wo
die Umwandlung des venOfen Blutes in arteriöfes we-
gen der Anordnung des Herzens ganz oder faft
ganz unmöglich ift, unter übrigens gleichen Umftän-
den früher eintreten, als wo dies nicht der Fall ift.
Wenigftens ift es in diefer Hinficht merkwürdig, dafs
in allen Fällen von Transpofition der Aorte und Lun-
genarterie die Zufälle fogleich eintraten, während fie
unter allen übrigen Bedingungen fich bisweilen erft
einiae Zeit nach der Geburt äufserten.
Nicht weniger merkwürdig ift es, dafs das Le-
ben bei diefer Milsbildung überhaupt nicht nur einige
Minuten oder Stunden, fondern fogar mehrere, im
Green ichen Falle fogar aclitzig Jahre lang, möglich
ift, eine Bedingung, welche nur durch die Annahme
erklärlich wird, dafs die Fötus - und Reptilienartigkeit
des Lebensproceffes eben durch die Andauer deffelben,
vermöge jener Anordnung des Herzens, welche dazu
Veranlaffung giebt, unterhalten und möglich gemacht
wird.
In wie fern hierzu die erhöhte Thätigkeit andrer
Organe vicariirend mitwirkt, läfst fich nicht mit Ge- •
wifsh<'il t>cfiimmen. Zu den frühern Beobaclitungen,
264
über Vergröfserung der Fötusorgane ' ) kann man noch
die anfehnliche Gröfse der GalJenblafe und die An-
füllung derfelben mit fchwarzer Galle, welche Haafe
fand, fo wie die fehr beträchtliche, von Palois be-
merkte' Vergröfserung der Leber fetzen, wodurch in
derThat eine folcheVVechfelbeziehung, wenn auch nicht
als beftändig vorkommend, erwiefen zu feyn fcheint.
Aiifserdem hat NaJJe fehr fcharffinnig auf meh-
rere Perioden aufmerkfam gemacht, in welchen diefe
abweichenden Herzbiklungen entweder zuerft Krank-
heitsziifälle veranlaffen oder Vorzugs weife tödtlich wer-
den. Nach ihm find dies vorzüglich i) das Ende der
zweiten Woche; 2) das Ende des zweiten Monats;
3) der Eintritt des erften Zahnausbruchs; 4) die Pe-
riode , wo fich die Organe der Bruft vollkommen ent-
wickeln, beim männlichen Gefchlecht das iite bisiste;
beim weiblichen das istebis igte Jahr. Nach diefen
Perioden icheint das Leben durch zweckmäfsige Be-
handlung unentfchieden lange gelViftet werden zu kön-
nen. Die Periode Zwilchen dem iitenbis igten Jahre
ift nach feinen Berechnungen die gefährlichfte, indem
von zwanzig Blaufüchtigen, deren Sterbejahre ihm be-
kannt wurden, acht vor dem di'itten Jahre, keiner
2wifchen dem dritten und eilften, eilf zvvifchen die-
fem und dem achtzehnten ftarben. In jenen Perioden
erfolgte der Tod untsr Verfchlimmerung der Zufälle
höchft wahrfcheinlich nur, weil in denfelben das Oxy-
l) Fathol. Anat. Bü, i, S. 444. Ntjfi a> a. 0. S, »62.
265
genhedürfnifs plötzlich, der normalen Entwicklung ge-
uiiiTs , erhöht wird.
iSIit diefen Eeftimmungen kommen meine Berech-
nungen zum Theil iiberein, zum Theil aber weichen
fic auch nicht unbedeutend davon ab. Dafs im Allge-
meinen erft lun das Ende der zweiten Woche ein fo
hohes Oxygenbedürfnifs eintrete, dafs fich erft dann
die blaue Krankheit ausbilde, ift mir, wie ich fchon
bemerkt habe, in fo fern nicht ganz wahrfcheinlich,
als doch in den meiften Fällen fchon in den erften
Lebenstagen die Gefundheit mehr oder weniger ge-
frört war. Noch mehr werde ich in diefem Zweifel
durch die Bemerkung beftätigt, dafs, der beigefügten
TabelTe nach, in den erften zwei Wochen der achte
Theil der Blaufüchtigen, acht, flarben. Die gefährlich-
fte Periode ift nacli Nojj'e die zwifchen dem eilften
und achtzehnten Jahre. Zwar zeigt auch meine Ta-
belle, dafs diefe höchft gefährlich ift, denn in diefer
ftarben eilf, alfo beinahe der fec'iftc Theil und, Avenn
man will, kann man hierzu noch das eine Caillioi'fche
Kind rechnen, das im neunten Jahre noch lebte; allein
offenbar ift die frühfte Lebensperiode gefährlicher,
denn hier ftarl)cn allein vom vierten Tage nach der
Geburt an bis zum Ende des dritten Jahres fechs und
zwanzig, alfo beinahe die Hälfle der Blaufüchtigen.
Dagegen hat es feine völlige Richtigkeit, dafs zwifchen
dem dritten und eilften Jahre die Krankheit wenig
töillicli ift. Niißf- fand nur einen Todesfall in die-
ler Periode: ich nur fünf, und unter diefen ift der
Coojjei'iche, der Jlaafa'khe, i'«/o/i'fthe , Meyer iche
266 -^ ^—
und Wrisherg'tche , wie auch NaJJe von diefem fchon
richtig bemerkt hat, vielleicht kaum zu beriickfichtigen.'
Die vier übrigen find erft nach Nctße's Unterfuchungen
beobachtet worden; er hatte alfo zu der Zeit, wo er
fchrieb, vollkommen Recht, und diefe wenigen Fälle
beftätigen feine Anlicht nicht nur durch ihre geringe
Zahl, fondern auch durch die Zeit, in welcher fie
«intraten, indem der Coope/'khe und Hanfe'khe nahe
an das Ende diefer Periode fallen. Die Falle von Pa-
lois und Meyer fcheinen zu beweifen , dafs auch die
Periode des Zahnwechfelns von nachtheihgemEinflufsift.
Der von Naffe angenommene Gefchlechtsunter-
fchied in HinCcht auf die Zeit des Todes zwifchen
dem eilften und achtzehnten Jahre wird vielleicht durch
die fpätern Beobachtungen beftätigt, fo fern ich den
von Najje bemerkten männlichen Todesfällen, welche
zwifchen dem eilften und fünfzehnten Jahre erfolgten,
drei männliche, keine weiblichen zufetzen konnte, und
ich würde der von ihm gegebenen Erklärungsart die-
fer Verfchiedenheit überhaupt beitreten , wenn mich
nicht das bedeutende Mifsverhältnifs zwifchen den
männlichen und weiblichen Blaufüchtigen etwas ab-
hielte.
Schiller ') hat fchon die Vermuthung aufgeftellt,
dafs diefe Biklungsfehler des Herzens beim männlichen
Gefchlecht häufiger vorkommen mögen, als beim weib-
licheil , und Naffe ') ift derfelben beigetreten. In der
j) De morbo coeruleo. Oeniponte ijio.
2) Bei linnu S. 390.
^ 267
That ergiebt fich dies Refultat aus einer Vergleichung
der bisher bekannt gewordenen Krankheitszufälle auf
eine fogar weit auffallendere Weife, als es jene allge-
nieine Ausfage erwarten liefs. Ueber die grofsere oder
geringere Häufigkeit des unbedeutenden OJfenhleibens
des eirunden Loches in dem einen oder dem andern
Gefchlecht läfst fich wohl nichts mit Gewifsheit fagen.
Meinen Unterfuchungen nach findet hierin keine Ver-
fchiedenheit Statt. Dagegen ift fie, wie gefagt, bei
bedeutenden- Abweichungen der Herzbildung fehr grofs;
denn, wenn ich von fünf und ßebzig ') mir be-
kannten Fällen, wo das Herz, (ohne Rückficht auf
die Folgen, indem ich zu diefer Berechnung auch
mehrere Fötus gezogen habe) auf eine oder die andre
Art fo vom Normal abwich, dafs dadurch regelwidrige
Verrnifchung des arteriöfen und venöfen Blutes ver-
anlafst wurde, achtzehn, in welchen leider das Ge-
fchlecht entweder urfprüngljch , oder wenigftens in den
Auszügen, die ich von den Originalen vor mir habe,
nicht angegeben wurde, nämlich einen Fall von Oie-
luineau , von Mery, von Hunlcr, von Juilne, von
Abernetky, von BuiUie, von Siaiidert, von CaUlioc, von
Obpc, von Huet, von Wilfaii, von Hodgfon^ zwei Fälle
von Lari^ftaß', zwei andere von Faire und voa Lawren-
ce , abrechne , fo bleiben doch noch vierzig männliche
und nur ßebzehn weibliclie Fälle übrig. Demnach
würde das Verhältnifs höher als a :i feyn; eine Ab-
weichung von dem, was imAlJgemeinen für die relative
1} S. die beigefügte Tabelle.
268
Häufigkeit der Bilclungsfeliler beim männlichen und
weiblichen Gefchlecht gilt, die fo merkwürcüg ift, dafs
fie offenbar eine tiefe pliyfiologifche Bedeutung haben
mufs. Erwägt man, dafs auf der andern Seite die
Henimungsbildiingen des Gehirns und Rückenmarkes,
die fich als mit Wirbel- und Schädelfpake verbundene
unvollkommene Entwicklung des Rückenmarkes und
des Gehirns ausfprechen, dagegen beim weiblichen Ge-
fchlechte weit häufiger vorkommen als beim männ-
lichen, fo fühlt man fich unftreitig mit Recht zu der
Vermuthung gedrängt, dafs diefe beiden Verfchieden-
heiten in der Verfchiedenheit des männlichen und weib-
lichen I.ebensproceffes begründet feyen, da offenbar
5a jenqni das Blutfyftem, in diefem das Nervenfyftem
vorwaltet. Gerade der relativ gröfsern Thätigkeit des
Herzens und des Gehirns in den beiden Gefchlechtern
ift es wohl unftreitig zuzufchreiben, dafs die Bildung
jedes diefer Organe in dem Gefchlechte, wo es zu
, einer höhern Entwicklung (die fich ja gerade nicht
grob finnhch auszufprechen braucht, ungeachtet fo
fchon die verfchiedene verliähiiifsmüßige Gröfsp der«
felbcn in beiden Gefchlechtern wichtig genug ift), ge-
langen mufs, als in dem andern, am leichteften fehl-
fchlägt, ungefähr vvie nothwendig bei höhern Thieren,
die in ihrer Entwicklung eine gröfsere Menge von
Perioden durchlaufen, auch in demfelben Maafse eine
gröfsere Menge von Bildungsabweichungen möglich
ift, als in niedrigem, welche regelmäfsig beftändig
auf jenen Stufen beharren.
Dagegen ergiebt fich aus diefer Tabelle , dafs die
friihfien. Todesfälle bebii münnUchen Gefdikchte eiii'
treten. Der frühfte Tod eines weiblichen blaiifiichti-
gen Kindes erfolgte am Ende der dritten Woche, da
der eine Far;e'fche Knabe am vierten, der eine Cooper'-
fche am neunten und der eine Hunier'khe am drei-
zehnten. Tage geftorben waren. Diefelbe abweichen-
de Bildung veranlafste auch von zwei Kindern derfelben
Mutter bei einem weiblichen den Tod erft im dritten
Monate, bei einem Knaben fchon am neunten Tage.
Aus diefen beiden Bedingungen fcheint fich un-
gezwungen zu ergeben, dafs das weibliche Gefchlecht
ein geringeres Oxygenbediirfnifs befitze als das mann-?
hche, und dafs aus diefer Verfchiedenheit des Lebens-
proceffes beider Gefchlecliter eben jene beiden Ver-
fchiedenheiten hervorgehen, DiefeVermulhung fcheint
indeffen auf den erften Anblick durch einen andern
Umftand, den diele Tabelle darbietet, widerlegt zu
■werden. In diefer reichen nämlich die weiblichen
Fälle nur, einen ausgenommen, bis zum liebzehntea
Jahre; die männlichen dagegen in nicht ganz feltner
Anzahl bis zum zwei und vierzigften, und es könnte
daher fcheinen , als fey der Mann im Stande die un-
vollkommene Bildung des arteriellen Blutes länger za
ertragen als das Weib; allein, näher betrachtet, findet
doch wohl das Gegentlieil Statt. In diefer Tabelle
felbft ift doch in der That der ältefte Fall ein weib-
licher und, rechnet man tiazu noch die Fälle von weit
oj'j'nem c'irund/tn Loche, die mehrere Beobachter fallen,
fo findet man dadurch jenen Satz vielmehr bcftäli^t.
270 -^^-^
Nach Naffe's Unterfuchungen ftarben bis zum
eijften Jahre fogar blofs männliche Kranke ' ), inclel'fen
weifen die fpätern Beobachtungen ] wenigftens fieben
weibliche Fälle, nanientlich den von Englifh, Farre,
Cooper , Howßilp, Ri"g, Meyer und Haafe nach,
wo der Tod vor dem eilf'ten Jahre erfolgte.
In welchem Verhältniffe fteht diefer regelwidrige
Zuftand der Blutbildung zu äufsern Einflüffen?
In diefer HinCcht läfst fich i) nicht blofs ver-
muthen, fondern aus uiehrera Beobachtungen fchlie-
fsen, dafs die Abliängigkeit des Organismus von den
regelmäfsig und zufällig eintretenden periodifchen Ver-
änderungen fich auch hier offenbare.
Im Allgemeinen fcheint befonders Kälte einen
nachtheiligen Einflufs auf Blaufüchtige zu äufsern. Dies
läfst fich aus dem beltändigen Kältegefühl der Blau-
füchügen im Voraus erwarten und 'die Verfchlimme-
rung der Zufälle, fo wie der befonders häufig im
Winter erfolgende Tod derfelben beflätigt diefe Ver-
muthung nidht wenig. Naffe hat fchon auf die Ver-
fchlimmerung der Zufälle der Sandlfon'ichta und Toc-
coTji'fchen Kranken im Winter, auf den Tod der
Obei'ichen, T/ower'fchen, iVeüira'fchen, Sandifort'i.chen
und Seiler'ichea Kranken imjWinter aufmerkfam ge-
macht. Hier^u kann man noch bemerken, dafs auch
in drei von Farre's Fällen der Tod in Wintermo-
nate, namentlich in dem einen in den October , in
zweien in den Fei/wa^ fiel, Haafe's Kranke im März,
I) A. a. O. S. 244.
271
der von Burns im Winter , die Kranken von Marcet
unil Corvifan im April ftarben. Auch Howfliip's
Fall, wo der-Tod im Mai erfolgte, kann man wohJ,
nicht ohne Grund, des Climas wegen, hierher rechnen.
Leider find nur feiten die Todeszeiten angegeben : in-
delfen ßnde ich doch, dafs nur in zwei Fällen der
Tod in Sommermonate fiel, im Palois'ichen, wo der
Kranke im Juli, in dem einen Fn/veTchen , wo er im
Augiift ftarb, fo dafs alfo bis jetzt das Verhältnifs
der in den kältern Monaten eingetretenen Todesfalle
zu denen , wo der Tod in den wärmern erfolgte , wie
6: I, mithin bedeutend genug ift, um nicht für zu-
fällig, fondern in dsm Wechfelverhältnifs zwifchen
dem individuellen und allgemeinen Organismus noth-
wenclig begründet gehalten werden zu können.
Eben fo verfchlimmerten fich auch in den Fällen
von Hodgfon , Cooper und Marcet in der Kälte die
Krankheitszufälle bedeutend.
Doch fclieint befonders eine milde mittlere Tem-
peratur den Kranken am heilfamften, wenigftens be-
merken Seiler und Piilois ausdrücklich , dafs Hitze
und Kälte gleich nachtheilig einwirkten.
In wiefern auch die kürzeren, monatlichen imd
täglichen Perioden Einflufs haben, läfst fich weniger
genau beftimmen.
In dem ArtxVi'fchen Falle erfolgten die Exacerba-
tionen regelmäfsig am Morgen ; dagegen erfcliiencn fie
in (lor Mehrzahl der Fälle am Nachmittage oder Abend.
Wenigftens l)emerken dies Hanfe und Eiiglifk au-.-
dnicklich, und Qtuimferus Kranke war des Morgens
272
weifser als gewohnlich. Auch kommt diefes Verhält-
nifs der Anfäll« zu den Tageszeiten mehr mit dem
allgemeinen Typus flberein, felbft in Nevlns Falle er-
fchienen die Anfälle zuletzt auch während der Nacht
und waren dann am heftigften.
Indeffen erfchienen in dem von Ring beobach-
teten Falle die Anfälle täglich zweimal; dagegen, au-,
fser den fchon angeführten , bei Kranken von Lang-
ftaff täglich einmal. Im Ahernethficii&w Falle er-
fchienen fie anfangs um den andern Tag, nachher
täglich.
Ein regelmäfsiger Typus läfst fich indeffen fchwer-
lich für diefe Krankheit annehmen, indem höclift wahr-
fchejnlich die, in Hinficht auf die Zahl der Anfälle
Statt findenden Verfchiedenheiten nur individuell find
und wenigftens zum Theil von zufälligen Umftänden
abhängen.
Die Anfälle der Krankheit felbft find übrigens
Erftickungszu fälle, deren Grad und Häufigkeit von
verfchiedenen Bedingungen, vorzüglich von der Art
des Bildüngsfehlers des Gefäfsfyftems , in welchem fie
überhaupt im Allgemeinen begründet find, abhängt, und
die man wohl fchwerlich mit Recht als ein Mittel zur
Erhaltung des Lebens, das im Gegentheil während der-
felben im höchften Grade gefährdet ift , anfehen kann.
Bei weitem am gewöhnlichften ift regelwidrige
Bildii/ig des Gefüßßfiems Veranlaffung zur blauen
Krankheit. Unter fieben und lechzig Fällen , (die acht
Fötusfälle von der ganzen Anzahl abgerechnet) wurde
diefe
■^ ' 273
diefe nur in dreien, de., von Lentin, von Troner
und von Marcet, vermifst.
Die regelwidrige Anordnung des Gefäfsryfte„,s
felbft aber, wodurch diefe Krankheit begründet wird
ift äufserft verfchiec(en. '
Im Allgemeinen kann man fage„. dak ße ent-
weder von der Art ift, dafs dadurch Vermifchung des
rothen und fchwarzen Blutes bewirkt, oder die Um
Wandlung des letztem in das erftere völlig gehindert'
w,rd Bedingungen, welche auf «mehrfache w2
möghch werden. "«lo
erfolgy'™'^'^""^ '^^ ''''"'^'" ""'* "'''°^^« B^"te^
durch regelwidrige Communication bejder Vor
kämmen,, indem die Scheidewand entweder . an J
fehlt oder nur n^ehr oder weniger unvollkom-
Dien ift; '
2) durch Oeffnung der untern Hohlvene oder der
Kranzvene des Herzens in den linken Vorhof •
3) durch unvollkommene Bildung der Scheidewand
der Kammern , die fehr verfchiedene Grade hat ■
4) durch Offenbleiben des arteriofen Ganges- '
''derLt ""^'^^""^ '-' ^-.enpulsade; .„,
I) durch Verfchliefsung der L.u,genpulsader •
.) durch Veruufchung des Urfprungs der Lungen-
pulsader und der Aorte. wahrend Ae Vefen
jnfcrtionen Cch normal verhaltea.
M. i. Archio. I. 2. ' ,S
274 -'-^
Man fielit leicht, dafs diefe Biklungsabweichun-
gen nicht blofs dem Grade, fondern auch der Art
nach bedeutend verfchieden find.
Die regelwidrige Gommunication der beiden Herz-
hälften und des arteriöfen und venöfen Blutes über-
haupt, fo wie die Verfchliefsung der Lungenarterie,
gehört in die Klaffe der quantitativen Bildungsabwei-
chungen , die Umtaufchung des Urfprungs der Aorte
und Lungenarterie in die der quahtativen.
Die erftern find mehr oder weniger deutliche
Hemmungsbiklungen.
Meiftens fetzen fich mehrere diefer Abweichungen
auf mehr oder weniger uiannichfache Weife unter ein-
ander zufaiiimen.
Vorzüglich kommt die Enge oder Verfchliefsung
der Lungenpulsader mit den übdgen Bildungsabwei-
chungen äufserft häufig vereinigt vor. So verhielt es
lieh in fechs und dreifsig Fällen, und man ift daher
ganz allgemein Zu der Annahme geneigt, dafs diefe
Bedingung den Grund der übrigen Bildungsfehler des
Herzens enthalte, indem, wegen diefes Hinderniffes
für den Durchgang des Blutes durch die Lungen-
pulsader zu den Lungen entweder das eirunde Locli
offen erhalten , oder eine regelwidrige Gommuni-
cation beider Kammern in der Scheidewand derl'el-
ben gebildet werde, eine Vermuthung, die auch noch
durch die Fälle, 'wo zwar die Lungenpulsader vor-
handen ift, aber aus der Aorte entfpringt, beftätigt
wird , indem man hier gleichfalls ein Hindernifs für
den kleinen Kreislauf um fo mehr annehmen kann,
-^^ 275
als auch hier meiftentheils die Lungengefäfse weit enger
als im normalen Zuftaade find.
Indeffen ift doch wohl diefe mechanifche Erklä-
rungsweife aus mehreren Gründen nicht wohl zu ge-
ftatten.
r) Ift nicht ganz feiten die Lungen23ulsader nor-
mal weit, felbft weiter als gewöhnlich. So verhielt
es fich in einem Falle von Faire, einem andern von
Richerand, einem von Lawrence uad Corvifait , vier
von mir und aufserdem mehreren andern. Sind gleich
diefe Fälle ungleich feitner als die, wo die Lungen-
pulsader verengt war, l'o reichen fie doch hin, um
zu beweifen, dafs jener Zuftand derfelben eben fowohl
für eine Folge als für die Urfache der Perforation
angefehen werden kann.
2) Spricht dagegen die Uebereinkunft der ver-
fchiedenen Grade von ßildungsabweichungen des Her-
zens mit normalen Bildungen deffelben bei mehrern
Thieren, die unmöghch zufällig feyn kann.
Sehr merkwürdig ift die Verl'chiedenheit diefer
mannichfachen Abweichungen in HinGcht auf Häufig-
keit ihres Vorkommens.
Unter allen ift die Vertaufchung des Urfprungs
der Aorte und Lungenpulsader bei weitem die felten-
fte, bis jetzt nur dreimal beobachtet.
Bei weitem die allgemeinfte dagegen ift die im-
vollkonimene Bildung der Scheidewand der Kammern.
Unter vier und fechzig Fällen von Herzabweichung wa-
ren in zwei und vierzig die Kammern, und meiftens fie
aliein , mehr oder weniger unvolJkommeu entwickelt.
S 2
276 •
Indeffen xaals hier fehr wohl bemerkt werden,
dafs, wenn zwar diefe regelwidrige Communication
der Kammern die häufigfte Veranlaffung zur Ent-
ftehung der blauen Krankheit enthält , fie dennoch kei-
nesweges als die häufigfte Abweichung vom Norroal
anzufeheu ift. Bei weitem häufiger ift die Vorkam-
merl'cheidewand unvollkommen entwickelt, und wenn
diele Unvollkommenheit feltner nachtheilige Folgen
hat, fo dafs unter den Fällen von blauer Krankheit
nur ungefähr in zehn die Oeffnung des eirunden Loches
allein als Veranlaffung zur Krankheit angefehen wer-
den konnte, fo war doch theils in vielen unvoUkom-
mene Bildung der Vorkammerfcheidewand mit der der
Kammern vergefellfchaftet , theils rührt der feltner
nachtheihge Einfiufs der unvollftändigen Verfchliefr
fung der Vorkammerfcheidewand von der Verfchie-
denheit der Stellung und der Verhältniffe der Oeff-
nung in der Scheidewand her, je nachdem fie fich in
der Scheidewand der Vorkammern oder der Kam-
mern befindet. Unter übrigens normalen Bedingun-
gen kann felbft ein fehr weites eirundes Loch ohne
o
Nachtheil für die Gefundheit ertragen werden , indem
felbft die Blutföulen des rechten und des linken Vor-
hofes einander fo das Gleichgewicht halten, dafs wenig-
ftens keine bedeutende Vermifchung erfolgt : dagegen ift
dies bei Perforation der Kammerfcheidewand fchon des-
halb unmöglich, weil iich die Oeffnung hier an derBafis
des Herzens , dicht unter den grofsen Gefäfsen befindet,
eins von beiden aus beiden Kammern zugleich ent-
fpringt und gewöluilich das eine verfchloffen ift.
Am häufigften entfpringt die Aorte aus beiden
Kammern zugleich ; weit feltner t'ie Lungeiipulsaderir
ja bis auf Farre's Werk war diefe Abweichung gar
picht bekannt, und auch er führt nur zwei Fälle da-
von an.
Diefe Anordnung felbft an und für fich ift nicht
nothwendig Urfache der blauen Krankheit, indem da-
durch nur Eintritt •ian arteriofem Blute in die Lungen-
pulsader bewirkt , alfo arteriöfes Blut zum zweitenmal
zu den Lungen geführt wird , wie in den von Huber
wnA Maugnrs befchriebenen Fällen , wo die abfteigende
Aorte bedeutende Aefte zu den Lungen gab; allein
in den Fällen, wo diefe Abweichung beobachtet wurde,
entftand diefe dennoch, indem in beiden die Lungen-
pulsader allein die abfteigende Aorte bildete, weil der
untere Theil des Aortenbogens verfchloffen war, alfo
im grofsten Theil des Körpers gar nicht vülL'g arte-
rielles Blut circulirte.
Diefe Bildung kam daher mit einer von. Sieidele
beobachteten überein, unterfchied fich aber von ihr
in fo fern, als durch den gemeinfchaftlichen Urfprung
der Lungenpulsader aus beiden Kammern in den
FflT^'fchen Fallen die letztere, welche den grofs-
ten Theil des Körpers verfah, nicht blofs, wie im
normalen Zuftande, venüfes, fondern auch arteriöfes
Blut erhielt, während fie in Steidele's Falle wegen
(formaler Anordnung der Herzkammern, blofs venö-
fea aufnahm. Daher wahrfcheinlich der frühe Tod
des Stei<lj-Ir'{chea Kindes.
278 •
Eine Annäherung an diefe Bildung fand fich in
dem Falle von Haafe, wo die Aorte mehr ans der
rechten als aus der linken Kammer entftaiid. Auch
im Abernethy'ichea Falle entfprang fie aus der rechten.
Diefe Bildungen kann man daher auch als Andeutungen
der Vertaufchung des Aorten- und Lungenpulsaderur-
fpfungs anfehen.
So wie übrigens der gemeinfchaftliche Urfprung
der Aorte aus beiden Ventrikeln Reptilienähnlif hkeit
iTt, fo' gilt dies noch weit mehr für diefe Anordnung
der LungenpuJsacler, indem diefe dadurch noch weit
deutlicher als bei normaler Bildung der Kammerfchei-
dewand als die zweite Aorte der Reptilien eifcheint.
Merkwürdig ift der Urfprung der Aorte aus der
rechten Kammer, fie finde mit Transpofition, oder
mit normaler Anordnung , oder mit gänzlichem Mangel
aeif Lungenpulsader Statt, vorzüglich deshalb, weil bei
den Rfeptilien ein folches Wandern derfelben nach der
rechten Seite fehr deutlich ift , fofern fie bei mehrern
weiter nach rechts als die Lungenpulsader entfpringt.
Damit hängt auch wohl unflreitig die Befchaf-
fenheit des bisweilen regelwidrig vorkommenden ein-
kgmmerigen Herzens ab, fofern fich die einfache
Kammer gerade im rechten Theile des Herzens findet,
der linke dagegen folide ift, Diefe Bildung beobach-
teten wenigftens Fleifchmann. und Farre bei dem zwei
un4 zwanzig Jahre alten Blaufüchtigen.
Sie ift in fo fern höchft bemerkenswerth , als
fie offenbar eine genaue Wiederholung der Anord-
nung des Reptilienherzens ift, wo die Höhle fich
auf iliefelbe Weife mehr rechterfeits befindet, der
Jiiike TheiJ des Herzens dagegen eine fcfte Maffe dar-
fteJJt. Nicht richtig ift es wohl, hier anzunehmen,
clafs lieh die rechte Kammer, nicht aber die linke ge-
bildet habe, da die einfache vielmehr durch Verfchie-
denheit der Dicke der Wände und durch die Com-
munication mit beiden Ohren, beiden Kammern, durch
den Urfprung der Aorte mehr der linken entfprach.
Bei den ab weichendften Anordnungen der Arteri«*-
weichen übrigens die Venen gewöhnlich durchaus njht
vom Normal ab , und eben fo find auch die Kamr^errt
weit häufiger bedeutend unvollkommner entwick-'t ^is
die Vorhüfe. Merkwürdig ift, dafs in dem vo*- ^i"S
beobachteten Falle die untere Hohlvene, und '"' dieje,
fich unmittelbar in den linken Vorhof öffr<te> weil
dadurch die Wolffißh - Sahacler'iche Därftell "S «'er Ent-
wicklung des Herzens, welche ich duroaus richtig
gefunden habe, auffallend b»itätigt wiv- ,;
Findet vielleicht zwifchen der Beiclaffenheit dec
organifchen Fehler unr.' den Krankbeitsafcheinungen,
fowohl in Hillficht Juf die Zeit des Eiitritts derielt
ben als den Grad ihrer Heftigkeit ein bd'tiiumtes Ver-
bältnifs Statt."
Diefe Frage ift fowohl. von Naßi ') als von
Farre ') aufgeworfen und bejahend beattwortet wor-
den: auch ich habe früher diefelbe Meinung geäulsert']^.
l) Archiv S. an ff.
s) A. a. O. S. }i. ;],
)) P*th. Anat. Bd. I. S. 4f ). Oben S. aii, 6).
S80
In der That find auch die meiften der Fälle, wo
die Kranken ein ziemlich hohes Alter erreichten,
folche, wo das eirunde Loch offen war, und
höchft wahrfcheinlich könnte man noch mehrere Beob-
achtungen von anfehnKcher Weite des eirunden Loches
bei Perfonen , die ein mehr oder weniger hohes Alter
erreichten , hierher zählen , welche ich , weil keine da«
(urch veranlafste Krankheit zu meiner Kenntnifs kam,
Hebt in der angehängten Tabelle aufgeführt habe.
Da , wo vermöge der Anordnung des Gefäfsfy-
ftem. nothwendig eine bedeutende Vermifchung des
arteriifen und venöfen Blutes erfolgte, namentlich in
den Fäien, wo die Lungenarterie ein Aft der Aorte
Vrar', fielet man gleichfalls die Heftigkeit der Zu-
fälle durc. die Gröfse- der Lungenpulsader bedingt.
In dem erf^o Falle von Farre (Oben 8.224), wo die
Lungen pulsa<ergrofs war, fand nicht einmal blaue
■ Farbe Statt. 7af(elbe gJt för den einen , von Cooper
beobachteten Fall' (Oben 2> ajS)» wo die Lungenar-
terie aus beicen Vöntrikeln eatfprang und die abftei-
gende Aorte »reeu^e.
' Doch iü ein folches Verhältnife zwifchen dem
Baue des Herzens und den Krankheitierfcheinungen
nicht durchais nothwendig und beftimmt. Bei Ricke-
rand's und Farr'e's vierzigjährigen Kranken war die
Scheidewand der Kammern durchbohrt. Bei Farre's
zwei und zwanzigjährigem Kranken fand fich fogar nur
eine Kammer, und zugleich war das eirunde Loch offen.
Auch der fieben und zwanzigjährige Kranke von Pozzis
foll nur ein einkammeriges Herz gehabt haben.
281
Es giebt keiji ungünftigeres Verhältnifs als die
V'ertaul'chung des Urfprungs der Lungenarterie und
der Aorte, und dennoch wurden Kranke diefer Art
zwei, fünf, felbft acht Monate alt.
Dagegen ftarben die Kinder, deren Lungenpuls-
ader ein Aft der Aorte ift, fpätftens am zehnten Tage,
tingeachtet offenbar hier ein mehr arterielles Bhit als
dort kreifte, und unter ihnen das S/andert'iche Kind,
bei dem das Verhältnifs der Lungenarterie zur Aorte
am ungünftigften war, fpäter als alle übrigen.
Dafs indeffnn ' doch im Allgemeinen die Anord-
nung des Herzens und der grofsen Gefäfse einen fehr
bedeutenden Einflufs auf den Grad der Ivrankheit hat,
fcheint wohl die Beziehung zwifchen der Befchaffen-
heit der Lungenpulsader und diefem zu verrathen.
Wenigftens war diefe in keinem der Fälle, wo das
Leben unter diefer Bedingung höher als vierzig Jahre
gebracht wurde, verengt, und höchft wahricheiniich
ift ihre Verengung oder Verfchliefsung die Bedingung,
■welche ganz vorzüglich die übrigen Bildiingsfehler zu
Krankheitsurfachen macht. Dafs dennoch in nicht felt-
nen Fällen das Leben bei Unwcgfamkeit der Lungen-
pulsader nicht unbedeutend hoch gebracht wurde, hat
feinen Grund, aufser der Gewöhnung und dein Vica-
riiren anderer Organe höchft wahrfcheinlich in der
VergröCserung der Bronchialgefäfse, deren Zuftand lei-
der nie unterfucht wurde, fo wichtig er auch wäre.
Uebrigens hat der Bau des Gefäfsfyftenis nicht
blofs auf den Grad, fondern auch auf die Art der
dadurch hervorgebrachten Krankheit ohne Zweifel
Einflufs.
Am allgemeinften ift die Anordnung fo, dafs ein
aus arteriellem und venöfem gemifchtes Blut in die
Aorta gelangt und zu den Organen geführt wird, eine
Bedingung, welche überdies vorzüglich durch die ge-
wöhnlich Statt findende Verfchliel'sung der Lungen-
pulsader begünftigt wird. Bisweilen aber gelangt im
Gegentheü arterielles Blut aus der linken Hälfte des
Herzens in die rechte, vermifcht fich hier mit dem
yenofen und durchkreift zum zweitenmal die Lungen,
geht dagegen vor der linken Kammer vorbei. Diefe,
weit feltuere, Bedingung mufs man wohl da vermuthen,
wo die Lungenpulsader und die ganze rechte Hälfte
des Herzens ungewöhnlich weit, cüe Aorte dagegen
und die' linke eng find. Sowohl die Perforation der
Vorkammer - als der Kammeri'cheidewand kann hierzu
Veranlagung geben, wenn fich vielleicht ein Hinder-
nifs in der Aorte oder der venöfen Mündung der lin-
ken Kammer findp,t, oder die Richtung der regelwi-
drigen Oeffnung von der Art ift, dafs fie gerade einen
folchen Weg des Blutes begünftigt. Nothwendig wird
dann auch das Blut, wegen Ueberfalliing der rechten
Hälfte des Herzens, in den Venen des Körpers zurück-
gehalten werden; allein die dadurch entftehende ftär-
kere Fäfbung der Haut wird nicht fo dunkel als in
dem entgegengefetzten gewöhnlichem Falle feyn , vor-
züglich da, wo die Luugenarterie aus beiden Kam-
mern zugleich entfpringt. Fälle diefer Art find un-
ftreitig der eins von Corvifart, fo wie der von Ricke-
— 283
rand enSMte, wie fiir den erften fchon ich, für den
letztern NaiJ'e bemerkt haben. Wo ich nicht fahr
trre, gehört hierher auch der Fall des vierzehnjähri-
gen Knaben, deffen Herz ich vor mir habe, indem
die Euftacliifche Klappe fehlt, die rechte Herzhälfte
lind die Lungenarterie fehr ausgedehnt und verdünnt,
die linke Herzliälfie und die Aorte fehr eng find.
Sollte nicht in dieler Verfchiedenheit der Grund des
längern Lebens mancher Menfchen, die an bedeuten-
den Herzfehlern liiefer Art leiden, entboten feyn?
Offenbar ift wenigftefls die vingewöhnlichere Anord-
nung, wo das Blut aus der linken Herzhälfte in die
rtchte tritt, in fo fern dem Leben weniger gefähr-
lich, als die Arterialifation des Blutes nicht dadurch
gehindert, fondern nur der Zutritt des Blutes zu den
Organen geftört wird, und die Abweichung von der
normalen Slruclur kommt mehr mit einer gewöhn-
lieberen Verengung der Aorten- oder Mützenklappen,
ohne Communication der rechten und linken Herz-
hälfte übercin.
Der letzte Fall von Fane und der von Bums
befchriebene befiätigcn diefe Vermuthung, indem die-
fer der Belciiaffenheit der Lungenpulsader nicht er-
wähnt, jener ausdrücklich die anfi.hnliclie Weite der-
felben bemerkt. Uebrigens ergiebt fich fchon aus den
Fallen von Lcniiii , Trott fr unil Metrcet, dafs die blaue
Krankheit nicht nothwendig in einem urfprüngliclien
liijdungsfehler des Herzens begründet zu feyn braucht,
fondern durch jedes andere Hindcrnifs der vollkomm-
nen Arteriulifation des Blutes, dies Gnde ficb nun ia
den Lungen oder im Herzen , in jeder Periode . des
Lebens, gefetzt werden kann, eine Bemerkung, die
auch fchon Butns ' ) gemacht hat. Ja in einem Falle
von Cooper '), wo plötzlich eine bleibende blaue Farbe
enti'tand, war fogar wahrlcheinlich erft fpäter die Herz-
fcheidewand zerriffen.
Dafs indeffen die letztere Anordnung nur höchft
feiten zufällig iai Leben eintritt , fondern , wenn- auch
die Symptome nicht unmittelbar bei der Geburt vor-
handen find, doch insmer Fehler der Urbildung ift,
jjlaube ich fchon früher hinlänglich erwiefen zu ha-
ben, wenn- es gleich nicht geradehin unmöglich ift,
dafs die Verfchlimmerung der Krankheitserfcheinun-
cen von einer, während des Lebens Statt findende«
VerTöfserung der Abweichung der Herz- und Gefäfs-
bildung vom Normal, zu einem gröfsern oder gerin
gern Theile abliängen mag.
A. a. O. S. sj.
3) Bei firre S. H-
'
belle
Q b e r -
ilie wiclitigftcn Bedingungen der blauen Kiüjfkheit und der abweicheudea Eildungen des G efilsTyrtems
welcie fie veranla f f e n.
Beobtehtct.
Gerdl-^bt.
EinoUl det
Zurolle,
KinfluT. i"
Jjb reift
F..nHi>r< der
'Typ"'-
LebeniiioOT
Ailimen.
Tempeiäiui.
nloanircliiirg
udJ Fiibe
KieuUur.
IrnubiÜüi.
SeoGbJLUi.
VerJjuoni;.
Etnairunä- En(*-ickliing
Leielianbcfunj.
I. Si...[i.(i in Accliir
Tnm 1. p, sx>
wekbijch
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K,.n,me.trt.eiae.v,nddLird)bohti_ Luos.u.ilwi« (ehr «ag. Aurw
.uibeidtnl^mmero. Kein «Miuiler Giof.
3. Merv W.n, de Fu
17<». HJt. r w.
.mlKfrimm
t.,J(g, borrn
Weiie Co-nm,.n<4i,on iivifiihen rechiir und lmk»t HertbüHw. >r>
der llut DUi „„ VoiUF. Linke. unvnUkoinmene K.mmcr
kleiner al> .berwhit A.i. iener die Lunjenmen« und Aor«.
3. S..d,fort obt «..
p..h. L, III. c 1.
minnlid.
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Hon rund. KioiD.erfol,eiil.i,v5ind fbffi d..r.:l.bob.< . Aurtt .a. Lei-
ini£iweyK.tjp|,a. °
4. Hunic. med ntr .,n
uiiu.r. V«l. VI. B.,11.
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5. Mcek»! Reir« Aldi..
Bd ?. H. t.
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O^J S V ■>" K.,nme,l.:;.eirtmv«>d. Aor« lu. beiden Kjm-
mrni. KlirpF-n anvollk^mmen. L..n;cn«.erie 10 klein, imc
fpiu.r;end.
6. Mtckel EberJ.i£
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Kimmeifibeidewind dutebbobrt.
7. Meckel Ebendir.
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Kjmmeifchfid^wind in der Mit« (u.e v"«ne Oelrnune. Ttiluod«
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Lurrgenveuen lun den Ki.liK-entt. ECcrcnoI.
II Cnoper Itl fat.e.
S. la Obrn S. :i7.
ra^üinlicJi
beiCebuti
5 T^s«
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hciditii^
roon.clrend. bildet die .btteicendo A...IC. A-iifi-ifi'nde uniet-
13. W.ir^-t Pl«l innl-
Hl. Vnl, tt. Rea'. Ar-
chiv Dd. i.
unbeft.mmt
liebedciiLund
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Eine Kamme.. Euie Vo.lammer- Lunsenirice an. der Aori«.
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„.oe.Jouro.Wll- 1.
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IJ. H....,e...^
mlin.>1>al>
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Untere HnhK-rne in dM.l(HkcnVorl>nf. .
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„. bogen liivnrßru AbTteignude Auiu lediii. Luiei nclKcm
35. Obet Bullet, dci l
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dqwind oben dm, libolin. Ante uuJ beiden Kjnu>.«rn. Ann«
weit, Ungei,.ro.c M- eng. ArwrLftfer Ging !C*v*» oüen.
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bcgent »uverii.1. Sehr groÜ« Thymo».
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lündei Lotli et^vu uEfen. Her» Wir gtot..
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Kitundei Lncli 3" 've,i im UmFjns.-, ArceriüEer Oiiij; nlEcn,
Hen und Leber fe).r ^r..b.
63. Sätidi: H,iid.L.ia'
....u.nl>th
-:bl LmiaTun
Jnl.i«
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64- Miicci Edmb, mid.
aud lurg. joucn. VoJ. 1.
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ben>,,Iue
m WintK Iw
rtäiidige B.-
[pL»L>onibB-
rcKi,», Ap.il.
Tod i>n iliwi
Jülire
Wir enpbVU-
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Herannrmal. etwa. grOter. Lunge etivai rcftor . ilbct..lUuf djp
«lEfie vervvMhfen.
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65- Sa-»e S. }7. ül"'
S. -.li.
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'rlihl.cu'"
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O.foi.Irrl.t,
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r^^lir iinvolf
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Eiroudr. l.-xll <.ll<u. Ri.tuilll. Kl.ppDffl" fru(. Ke,.,- K
n.r,fi.he»lrv...."l, doch cuie blu.d^ Ve[U,>.-,«.,. 4,r Kammer
de<iiei die In.he an Beide en,-- '*n'ilc Otrfnü.men Euhr«,! in
^.e reJite ICm.ncr. a«, ,ve1cber d.e .\o,ie. lungen.inene
66. Mev.r lt.. münJU
ili« M.iihcJiuiB-
wobl^h
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Miit«dct.lin
r'n Knorbcn
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Eiiundu L..c!i x%e.i >i[fen.
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U fu. du C"«"t.
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71. iitit S. 1«.
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Rammerfgbei.)e>vjnd durdiüührt. AüitP liii beiden Kammern
L.inj;e.u.ter,e fehr >veil.
7^. Richetjnd N, Lui-
de pl.yf. V«l. 1.
11 J.hr
rj.-v„
Il3.II Hau.
P0I1 niir-pel
rci.vvjci.
it;te
lObcte (llieJ
in..f...„j„-,^e
Kam merfoheide wand durchbohrt Lungenhen nnd Lunfenarterie
";■ Rotnt HniliMiikli
Umgo 111). ä. 11.
-
imlicnjjlic
ic de Lebtn
r-lir knnk
4: Jib.
EjuolIu Loeh und aitei^iifer Gaoj weit offen.
74. Corvitiil Mal. Oft
--
loHrticJali
(CnlchSchU
;
(01,1a
Hiiit putpnr
Hctzklo[.[«i
■»-•■
Eirunde» Loeh eme.i Zoll im DutchmeDcr. Be.do Voihi-lEo. lecl.ia
Kammer mid Lunge 11 arleriB lehr w«it, linke Kammer und Aonc
du cueut.
fehr enj.
''\n'"'»(V ^'"'■'"'""
vv..l,l>^h
iOjllit
kr .nk
l.ch.
1
Eirundet Loch I Zoll im UuicIimcOu.
:r,. r,,., s.-Q.
«.<}^umm
unUriimm
unbernmmt
l.nchfi
«ihr
fcheinlic
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1 1
Loch 10 erof'- Arterilifcr Gao; ottto. "'unue.
77. i-*T.C tUlidif,
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285
Intelligenzblatt.
I. Ueber den Verlauf der Arterien und Venen.
Von J. F. Meckel.
Uas Gefetz, dafs die Venen einen weit imlieftändigem
Verlauf Laben als die Arterien, ift fo allgemein ange-
nommen, dafs man kaum einen Einfprucli dagegen er-
warten und wagen kann; dennoch glaube ich, £o alt
es auch ift, und fo fehr man fogar neuerlich die Noth-
y»endigkeit deffelben aus der hühern Potenzirung u. f. w.
der Arterien darthun zu können geglaubt hat, gerade
den entgegengefetzten Satz aufftellen und ei-weifen zu
können.
Die Hauptgründe für meine Meinung find folgende :
I) Giebt man die Anordnung der Arterien als bei
weitem zu beft.indig an. Dies gilt für alle Thelle
des Arterienfyftems. Malier will unter 40O Korr
pern nicht einen einzigen gefehen haben in wel-
chem der Urfprung der Stämme des Aortenbogens
Tom Normal abwich. Die nieiften Anatomen hal-
ten die höher als gewöhnlich bcfiehende Theilung
der Armpulsader fiir eine grofse Seltenheit. Dage-
gen fpricht indeUen nicht nur meine, auf vielfache
Unierfuchungen gegründete Erfahrung, fonderu die
Aut«liiiten von Sämmerring, Menro, iiurni und
Barclay.
286
3) Hält man im Gegentheil die Verbreitung 3er Venen
für viel zu unregelmäfsig. Man verglfst liier ganz
befonders, dafs, fowohl wegen der gröfserh Zahl
der Venen, als -vorzüglich wegen ihrer gröfsern
Weite die Gelegenheit zu Abweichungen bedeutend
vermehrt und die vorkommenden Aljweichungen
weit deutlicher find, dies um fo iiieiir, weil die
Venen meiftens freier liegen , und nach dem Tode
mit Blut angefüllt find, fo dafs deshallj im Leben
und im Tode auch ohne vorgängige Injection ihr
Verlauf weit deutlicher als der Verlauf der Puls-
adern ilt.
Vergleicht man beide Syfteme in diefer Hinficht nur
einigermaafsen genau mit einander, fo wird man fich,
glaube ich , leicht von der llichtigkeit des Gefagten über,
zeuoen. Vorzüglich ftütze ich mich auf folgende he-
fondere Thatfachen.
l) Die obere Hohlvene wird durch den Zufammen-
Witt der beiden Schlüftelvenen gebildet. Die einzige,
mir bekannte Abweichung, welche fie darbietet, ift die
Is'ichtvereinigung der heidenSchUiffelvenen, wo lieh dann
die linke, an der untern Fläche des Herzens in der
Kreisfurche verlaufend, in den rechten Vorhof einlenkt.
Eine fohr feltne Abweichung, die ich nur zweimal vor
niir habe, nie felbft fand, und von der auch nur äu-
fserft wenig Beifpiele bekannt find.
Die innere Droilel- und die Armblutadern habe ich
eben fo immer an der gevvühnüchen Stelle entfpringen,
immer die linke Schlüffelpulsader weit länger als die
rechte, die obere Holilvene auf der rechten Seite und
auch die untergeordncien Stämme , z. B. die Wirbel - und
die innern Bruftblutadern lieh an dem ge^völlnlichen Orte
einfenken fehen.
Wie verfchieden von diefem Bilde ift die Anord-
nung der Stämme des Aortenbogens !
287
Statt jener einen bekannten Abweichung giebt es
vielleicht zwanzig! Entweder ift I) die Aorte von ih-
rem Anfange an bis zu ihrem abfteigenden TlieiJe ge-
fpalten , (^Malacarne) oder 2) diefe Spaltung tritt in ei-
niger Entfernung vom Herzen ein QHominel') , oder 3) die
Aorte fchlägt lieh um den rechten , nicht den linken
Luftiöhrenaft (_Cailliot, ich zweimal), oder die drei Stam-
me des Bogens zerfallen auf verfchiedene Weife in mehrere
andere , indem entweder 4) die rechte Schlüllelpulsader
an der gewöhnlichen Stelle entfpringt, oder 5) zvvifchen
die beiden Carotiden geruckt ift , oder 6) zwifchen der
linken Carotis und Scldüffelpulsader, oder endlich 7) un-
terhalb diefer entfteht. Mit diefem Zerfallen des unge-
nannten Stammes und dem Wandern der rechten Sclilüf-
folpulsader lind eine Menge andere Abweichungen häu-
fig zufaramengefetzt, indem einer oder mehrere der ge-
wöhnlich gelheilten Stämme verfchmelzen , wodurch
eine Menge neuer Combinatioiien entftehen.
Aeufserft liäuiig ift 8) die linke Wirbelpudsader oder
0) die untere SchilddrUfenpulsader , oder lo) die in-
nere Bruftpulsader ein eigner Stamm. Auch diefe Ab-
weichungen kommen bisweilen vereinigt vor. Biswei-
len findet man II) den ungenannten Stamm zerfallen,
auf beiden Seiten die Wirbelpulsader als einen eignen
Stamm.
Auf entgegengefetzte Weife bilden bisweilen 12) die
beiden Carotiden mit der rechten Schlülfelpulsader einen
ungenannten Stamjn, eine Abweichung, die lieh 13) uiit
dem unmittelbaren Urfprunge der Wirbelpulsader aus
der Aorte fehr häufig zufammunfetzt ; oder 14) die bei-
den (..arotiden bilden einen Stamm; oder 15) fclion bei
ihrem Urfprunge thcilt lieh die Aorte in den aufftoi-
gendun und abfteigenden Tiicil ; oder 16) auch die linke
Kopf- und SchlLilteJpuliader emfptingen auk einem gc-
288 >.>~>-^~>— ■
meinTchaftliclien Stamme ; oder 17) der ungenannte Stamm
Endet ficli auf der linken, der getheilte Urlpiimg der
Kopf- und Schlülfelpulsader auf der rechten Seite ; oder
Ig) aus dem linlcen ungenannten Stamme entftelit zu-
gleich die rechte Kopfpulsader ; oder 19) die linke Schlüf-
felpulsader entfpringt, wenn fich der Stamm der Aorte
um den rechten Luftröhrenaft an die VVirbelfäule Ichlägt,
tief unter den übrigen und Ichlägt ilch hinter der Spei-
feröhre an die Extremität ihrer Seite.
Mehrere dieler Abweichungen find fehr häufig, die
meiften habe ich felbft gefunden und ich nehme kei-
nen Anftand, zu behaupten, dafs höckftens unter acht
Leichen eine von ihnen vorkommt.
Aehnliche find dagegen im Venenfyftem fehr fel-
teii und namentlich zeigten in allen von mir gefehenen
Fällen die Venen durchaus keine Spur einer Abwei-
chung vom Normal, ungeachtet ich fie in diefer HinGcht
genau unterfuchte. Gerade diefer Umftand leitete mich
auf die Vermuthang, dafs die gewöhnliche Meinung
nicht ganz richtig fey.
Die unter l6 bis 19 angeführten abweichenden Bil-
düngen find, ihrem Wefen nach , partielle Umkehrun-
gendes Aortenfyftems , die gröfstentheils von mehrern
Anatomen beobachtet wurden. Aehnlichn Erfcheinungen,,^
welche die obere Hohlvene darbiete , find mir dagegen
durchaus nicht bekannt. Die Infertion der unpaarigen
Vene in die linke Schlüffelvene gehört indeflen hiei--
her; allein fie ift aufserordentlich leiten. Aufser fVris-
ierg , der fie nur ein einzigesmal fahe , kenne ich , eine
von mir felbft gemachte Beobachtung ausgenommen,
keine einzige.
Der Urfprung, die öröfse und der Verlauf der
Aefte derKopf-und Schlüffelpulsadern bietet fo viele Ver-
fchiedenheiten dar, daf» man In der That kaum eine
' Regel
— 289
Regel aufftellen kann, und dafs es geradezu unmöglich
ift, in den Venen giöfsere Abweichungen zu finden.
Für die Geftifse der Extremitäten gilt darfelbe. Welche
Unbeftändigkeit in der Theilung und dem Verlaufe der
Armptilsader, die ich nur im verfloffenen Winter unter
höchTtcns fechzehn in diefer Hinlicht unterfuchten Fäl-
len achtmal weit 'höher als gewöhnlich getheilt fahe,
«röhrend die Venen völlig wie gewöhnlich verliefen!
Wie verfchieden verhält lieh der Urfprung der Finger-
pulsadern 1
Für die Anordnung der innern und äufsern Hüft-
pulsader läfit iicll in der That gar kein Gefetz auf-
ftellon, indem der Urfprung der Hüft- und Lenden-
pulsader, der Gefufs-und Schampulsader, der Hüft-
beinlochpulsaJcr faft in keiner Leiche derfelbe ift.
Vorzüglich weicht die letzte fo bedeutend, durch ver-
fchiedene Grade des AVandcrns nach aufsen, vom jN^or.
mal ab, dafs ich nicht hegreife, wie Herr Heffelback
kürzlich das Gegentheil behaupten konnte!
Ift gleich die Schenkelpulsadcr in Hinficht auf die
Stelle der Tiieilung in die Unterfchcnkelpulsadern weit
bef tändiger als die Armpulsader, fo finden doch in an-
derer Beziehung auch hier die gröfsten Verfchledenhei-
ten Statt, indem die Kranzpulsadern bald aus der tie-
fen, bald aus der olterflächlichen Schenkelpulsadcr ent-
fpringen, eine der drei Unterfchcnkelpulsadern oft ganz
fehlt, die Aefte der einen von der andern cniftehen
und umgekehrt, die Zehenpulsadera bald aus dem Soh-
lenbogen, bald aus den obern durchbohrenden Pulsader«
entfpringcn u. f. w. "
Unter allen dicfen Bedingungen find die Venen
normal, oder weichen liöchftens zugleich ab.
Die Bruft- und Vnterteibiaorte ift vorzüglich in dem
^^i.^fstcii Theile ihres Veriauls zur Beftäligung der 2wei-
M. d. Archiv, l. a. JC*
fei an der gewöhnlichen Meinung geeignet. Welche
Verfchiedenheiten in der Anordnung der Luft- und
Speiferöhrpulsadern und der ZwirchenrippenäCte I Hier
wird man vielleicht die oft vorkommende Duplicität der
unpaarigen Vene anführen, allein diefe ift eine höchft
unbedeutende Abweichung, die lieh blofs darauf grün-
det , dafs einige anaftomofirende Aefte zwifchen der
halbunpaarigen Vene und der unpaarigen lieh verklei-
nern, andre zwifchen jener und der obern linken Zwi-
fcbenrippenblutader, die nie fehlt, lieh vergröfsern.
Eben fo bieten die Zwerchfellspulsadern, die Ein-
geweide- und Gekröspulsader, die allerverfchiedenften
Formen dar, fo fern lieh ihre Aefte bald ganz, bald
zum Theil in unmittelbar aus der Aorte entfpringende
Stämme verwandeln, häutig ein Aft der Eingeweide-
pulsader ganz oder zum Theil aus der obern Gekrös-
pulsader entfpringt , oder die obere Gekrös - und die
Eingeweidepulsader mit einem gemeinfchaftlichen Stamm
entftehen u. f. w.
Die Pfortader dagegen bietet keine ähnlichen Er-
fcheinungen dar, und es ift mir kein Fall bekannt,
wo üch ihre untergeordneten Stämme nicht vor ilireui
Eintritt in die Leber zu einem vereinigt hätten.
Zwar ift ihre unmittelbare Inferlion in die untere
Hohlader eine fehr bedeutende Abweichung vom Nor-
mal ; allein fie ift fo feiten , dafs fie bis jetzt erft zwei-
mal beobachtet wurde, und überdies Stehenbleiben auf
einer frühern BUdungsftufe , aifo keine vom normalen
Typus abweichende , ganz neue Bildung.
Vergleicht man die Nierenpulsadern mit den Nie-
renvenen , fo erhält man befonders unumftüfsliche Be-
weife für diefe Anlicht, indem man die Nierenpuls-
aderii weit häufiger als die Venen, oft jene in dera-
felben Körper ohne diefe, diefe dagegen faft nie allein,.
in Hinficht auf Zahl und Lage abweichend findet, auch
gewöhnlich die Abweichung in der Pulsader weit be-
deutender ift. Dies haben auch mehrere Analomen,
z.B. Halter, Sommer ring, Bicliat, bemerkt, aber nur als
Ausnahme von der Regel aufgeftellt, was gerade als
eins der vorzüglichften Argumente für diefelbe hätte an-
gegeben werden follen.
Ganz befonders wird die Unrichtigkeit der gewöhn-
lichen Meinung noch durch die Betrachtung folcher Ab-
weichungen des Gefäfsfyftems vom Normal erwiefen,
welche eine regelwidrige Vermirdiung des rothen und
fcliwai'zen Blutes bewirken , und daher Urfache der
blauen Krankheit werden. Hier kann man fich leicht
ülierzeugen, dafs bei weitem in dem meiften Fällen dip
Arterien fo vom jVormal abweichen , dafs jene regel-
wi<lrige Vermifchung des rothen und fchwarzen Blutes
bewirkt wird.
Aeufserft feiten find die venöfen Tlieile des Her-
zens, die Vorkammern, fo regelwidrig angeordnet, dafs
diefes Refuhat entfteht. Ift gleich ihre Scheidewand
nicht feiten unvollfländig, fo ift fie es theils doch feiten
in dem Grade, theils feiten diefe Abweichung derge-
ftalt mit anderweitiger regelwidriger Anordnung der ve-
nöfen Tlieile des Herzens verbunden, dafs der Blut-
lauf dadurch geftört würde. Dagegen ift Perl'oration der
Scheidewand der Kammern und gemeinfchaltlicher Ur-
fprung der Aorte aus beiden bei weitem die gewohn-
licbfte Veranlaflung zur blauen Krankheit.
Die Lungenpulsadern entfpringen weit häufiger
aus der Aorte, als fich die Lungenvenen in die HohJ-
adern fenken. In dcmfelben Herzen, wo fich die erfte
Biidungsabweichung findet, find gewöhnlich die Venen-
urfpriinge normal. Wo fich nur eine Kammer ündet,
lind doch die Vorkammern gewöhnlich regclmäfsig. Moch
T s
293
iTt kein Fall von Infertion der Hohlvenen In ^en lin-
ken, der Lnngenvenen in den rechten Vorhof bekannt,
fchon drei gewau befchriebne Fälle dagegen von völliger
Transpofition der Lungenarterie und der Aorte.
Sollten nicht die angeführten ThatTachen hinläng-
lich den Beweis fuhren, dafs das gewöhnlich angenom-
mene Gefetz, wie fo manches attdere, nicht wohl länger
befiehen kann?.
Wo ich nicht irre, fo wird diefe Meinung fehr auf-
fallend noch durch die Bemerkung beftätigt, dafs auch
in der Thierreihe das Venenfyftem gan?. auf diefelbe
VV'eife nach einem weit einförraigex'n Plane gebildet ift
als das Ärterienfyftem. Welche Verfchiedenheiten bie-
,tet nicht fchon bei den Säugthieren der Urfprung der
Stämme des Aortenbogens und die Verbreitung der ab-
und auffteigenden Aorte dar, da die Hohlvenen lieh
höchftens , wie beim Menfchen, durch Vereinigung oder .
Nichtvereinigung beider Schi üffelvenen unterfcheiden.
Für alle übrige Klaffen gilt völlig daffelbe, ja die beim
Menfchen nachgewiefene Verfchiedenlieit beider Syftemtf
in Hinficht auf Beftändigkeit der BDdung, fchelnt mit
dlefer, durch die Thierreihe herrfchenden , aus derfel-"
ben Quelle zu fliefsen, indem die Abweichungen des
Arterienfyftems beim Menfchen faft nur mehr oder we-
lliger vollkommne Wiederholungen normaler Thierbil-
dungen find. Dies werde ich für alle mehr oder we-
niger leicht näcliftens an einem andern Ort nachweifen,
und bemerke hier nur fo viel , dafs iich auf diefelbe
Weife in der Tliieneihe der venöfe Herzdieil weit früher
als der arteriüfe vervollkommnet, ^vie beim Menfchen
in diefem regelwidrigen Bildungen jeder Art weit häu-
figer, als in jenem lind. •■
293
i .•. Erwagt man dies, [o wird man aiicli vielleicht zu
Ausfindung der Urfache diefer Veifohiedenheit zwifclien
beiden Syfteinen geleitet. .-
Sollte man fie nicht in der Fntftehung der Venen
vor den Arterien aufzufuchen haben? Die grofse Con^
ftanz des Typus des Nei-venfyfLems macht diefe \^er-
niuthung , wo ich nicht irre , deüo wahrfcheiivlicher, da
die Erfahrung beweift, dafs der Bildungstypus in deni
IVlaafse unbeftändiger ift, als ein Thell fpäier entfteht;
So läfst fich für die Biklungsgefchichte des Bruftbeins
faft keiri Gefetz aufftellen, während die der, Wirbel
liiiclift regelmäfsig ift. Bedeutende Abweichungen im
SliiskclfyfteuJ kommen vorzüglich an der yordern Wand
des Stammes tmd den -untern Abfchnitten der Glied-
maaffcA vor. Köln Organ bietet hätiffg^re und viel-
Eadiere JBeifpie]^ von Unbeftäiidigli,?i,t d,eir Bildung dar^
als das Han>fyfiein.
ij. Beilrag zur Entwicklungsgefcliiclite des Darin-
kanals. Von J. F. Meckel. ,
Unter mehrern Tbatfachön, welche in mir die Ver-i
»Äithun*; erzeugten, dafs, wenn zwifchen der Höhle der^
Nalwltyiafeund des Darmkanals ein Zufammenhang dürcfe
einen offnen Gang Statt ündet, die Verbindungsftellef
Miclit' der Anfang des Dickdarms , fondern das Endftüclc
des Krummdarms feyn möchte, befanden fiel» auch dia
Falle, wo vom Darmkanal aus ein offner, meiftens von
den Nahelgekrösgefäfsen begleiteter Gang iich ziir vor-
dem Fläclie des Unterleibes erftrcckte -'i). Diefe fchie-
^ - ,.v/ .,, ■.
i, Uebor «lie Divertikel in Rti'üf Archiv Bd. 9. II. i. Ptthol. Ana«.
li<L I. S. 57». . i . .
nen mir in fo fem für diefe Anficht zu fprcchen, als
bei weitem in den meiften Fällen, unter ellf Fällen in
neun mit Gewifsheit, der erwälmte Gang zum Krumm-
darm führte , in dem einen der beiden übrigen der Kör-
per nicht geuffnet wurde.
Kürzlich habe ich zwei andere Fälle gefunden , von
welchen der eine wenigftens diefelbe Bedingung dar-
bietet. Beide befinden fich im Edinburgcr Journal ').'
Der eine, nicht geradezu beweifende ,^ indetfen in an-
derer Hinficht fehr merkwürdige ift folgender. Bei einem
reifen Kinde , \velches drei Tage nach der Geburt ftarb,'
äufserfi fchwächlich und fchlaff war, -vollkommne Klump»
füfse und in der Lendengegend eine anfehnliche Wir-
belfpalte hatte, lag der Nabel tiefer und mehr rechter-
feits als gewöhnlich, über und. unter ihm befand fich
eine anfehnliche Erhabenheit. Der After fehlte durch-
aus. Ungefähr in der Mitte zwifchen dem Nabel und
der Schamljeinfuge dagegen ragte ein Theil des Darm-
kanals, den der Verf., Herr Conqueft , für den Maftdarm
hält, drei Zoll wejt hervor, war aber überall von der
Haut bedeckt. Die periftaltifche Bewegung fand beftän^
dig Statt und bewirkte den -Ausfritt des Kindspechs.
Der vorliegende Theil war weit dicker als der Maft-
darm eines Krwachfenen, und fehlen von einem ftarken,
dtorch feine Zufammenziehung die Höhle ganz verfchJifr.
Isenden Muskel umgeben. Der Charakter der Gefchlechts,
thelle war völlig unbeftimmt. Der für den Hodenfack
zu haltende Theil war beträchtlich gröfser als gewöhn-
lich und erftveckte fich , glatt und ohne Spur einer
Nath, bis über die Schamgegend. Von den Hoden fand
fich keine Spur, der ganze Hodenfack war mit Zell-
gewebe angefüllt. Wegen feiner Gröfse und des gänz-
i) Bd. 7. H. 2;. No, 6 und IJ.
295
Mchen Mangels jeder Spur von Veiwachfung fchien die-"
fer Theil nicht die verwaclifenen Schamlippen zu feyn.
In der obern Gegend deffelhen befand- fich eine kleine,-
von einer äulserft feinen Spalte durchbohi te Hervorragung
ohne Vorhaut oder anderweitige Aehnlichlieit mit der
Ruihe. Die Spalte war die Oeffnung der Harnröhre,-
ivelche durch das weiche Zellgewebe der Gefchwulft bis
2ur Schambeinfuge dargeftellt werden konnte, und aus
welcher der Harn beftindig tröpfelte. Die Schambeinfuge
war normal. Leider konnte die Seciion nicht gemacht
werden und es ift daher uhgewifs, ob diefer Fall zu
denen gehurt, wo der dünne Dann fich an der vordem.
Unterleibs wand oftneie , oder ob fich iibeihaupt die vor-"
dere ^\"and des Darinkanals nicht gebildet hatte. Con-
que/i £agt ewar, es fey der MaTtdarm gewefen, allein)
er vermuthet dies offenbar nur, weil der After an dei"
gewöhnlichen Stelle fehlte, und ähnliche Fälle machen
es vielmehr höchft wahrfcheinlich, dafs der vorliegende
Theil, wenn nicht der Dünndarm, doch vielmehr der
nicht verfchloffene Grimmdarm als der jyiafldarin war,
der fich an einer abnormen Stelle geöffnet hatte, ').
Auf das merkwürdige Zufammentraffen der Foniv
nach verfchiedener, aber ihrem Wefen nacli identifcher,
einander gcgenfeitig erläuternder Bildungsfehler, der
Wirbelfpahe, Unterleibs- und Darmfpalle, unvoll-
koinmner Entwicklung der Gefchlechtstheile und der
FiiCse in demfelben Korper brauche ich kaum aufmerk-
lain zu machen. Befonders interellant ift vorzüglich
das ZufammentrefFen der Bauch- und Dar^ufpalte mit
der Lendenfpalte, fofern es auf die polarifche Correfpon-
denz Zwilchen der vorder» und hintern Kürperfläche
l) 8. i'vei Fdlle diefer Art in f/tifikmami de vitiis congenitis circ»
thoiaeem et abdomen. £rl. p. )t. . .' •
296 ^ — --^
tinweift, welche auch clurch BildungsaWeicJhungen er-
läutert wird , wovon ich auch anderwärts einige Beifpiele
zurammengeftellt habe ') und deren Zahl lieh leicht durch
mehrere vergrofsern lälst. ,
Der zweite Fall wurde von Peake heobachteti Ein
reifer, neugeborner Knabe, der nicht völlig drei Tage
alt wiirde, hatte am Naber eine^ Gefchwullt von der
Gröfse einer AVallnufs , über die fich die allgeuieincn
Bedeckungen, ungclähr -J Zoll weit erftreckten, und über
deren obern Tlieile die , dem Anfchein nadi ganz von,
ihr verfchiedenen Nabelgefifse austraten. Sie hatte das
Anfehn eines, iir den NabeJftrang vorgefallncn Darm-
ftUtkes, und an üirem untern Ende befand lieh eine
Spalte, ans welcher das Kindspech trat. Bald nach der.
©eburt traten Erbrechen und häutige Krämpfe ein. i AH»
SpeiTen wurden entweder durch den Mund ausgeworfen,
oder traten aus der erwähnten Spalte aus. Durch den
After wurde nichts excernirti, nur kurr. vor dem Tod»
erfolgte hier Abgang xon. etwas Kindspech und Sclilein).
Bei der Unteffuchung fand fich der Darmkanal
vom Mage'iit bis zum angefüllten Darmfliicke normal,
ein Theil des Krummdarths vorgefallen und offen, Zwi-
lchen diefer Stelle und dem übrigen Darmkanal zwar
ein luiunterbtochner Zufaimnenhang, allein diefer wurde
durch einen engen Gang vermittelt und die Oeffnung
deffelben in den untern Theil des Darms war eng,i
befand fich' fan de* Seile deffelben , tind überdies 'WandÜB!
ficli diefer fo fchnell nach unten, dals der Durchgang
des Darminhalts fehr erfchwert war. Daher war der
■Wanze unterhalb diefer -Stelle befindliche Theil des Darm-
o
kaflals, naÄenilich der ganae Griinrüdavin , weit erger
als der- dünne Darm.
I) Fath. Anat. BL x. p. J^p und 75$.
• ^^ — .^ 297
III. Blafe für den Saft des Pankreas. Von
A. C. MaypT, Profector am anatomifchea
Theater zu Bern.
Einer halbenvachlJEnen Katze iviir^e das Lpben durch
ein. Experiment geraubt. T^s ich ihi: die Bauchhöhle
öffnete und die untere Fläche der Leber unterfuchte,
bemerlcte ich ein weifsliches , rundes und von FlLifsigkeit
ftrozendes Bläschen, das in feiner Gröfse einer Hafel-
nufs gleich kam. Es ruhte auf der rechten Sejte der
Gallenblafc auf dem Hälfe derfelben und war an den
letztern durch Zellgewebe angeheftet. Ich hielt es für
eine Hydatis , dertn man nicht feiten bei Tliieren auf
der Leber lindct '), und öffnete ße unverzüglich. E^
Öofs eiiie&rauliche Flüffigkeitj in welcher hch weifsliche
Flocken präcipitirt hatten', heraus, und von einerTänia
w-ar keine Spur zu entdecken. Als ich daher die um-
gebenden Theile näher ins Auge fafste, bemerkte ich,
dafs von dem Bläschen ein Gang, welcher anfanglich
mit dem Ductus cyfticus und im weitern Verlauf mit;
dem Ductus cholcdochus parallel lief, mit dem letztern _
oeaen das Duodenum hin fich erfnecktc. Ich nahiu da-
her das umgebende Zellgewebe forgfältig weg und prä-
parirte die Pfottader, den lebergallengang, und die
zwei Wurzeln des aus dem bei diefen Thieien gedop-
pehen Pankreas Ivonunenden ductus pancreaticus. Zu-
gleich trennte ich den von dem genannten Bläschen
kommenden Gang von dem Ductus cholcdochus und ver-
folgte beide bis zwiffhen die Häute des Zwölffingerdarms,
Auf diefe Unierfucbung zeigte es fich nun, d?fs die
zwei Wurzeln des ductus pancreaticus, nachdem iie fich
l) Auch auf der Oberfljche in Milz eines an den Folgen eine»
fugeruniicen Pfoa» ■ Abfcefles verftorbciien Mannes i'iuid icb
jüiigfuiin «uie Hydiiiii nuc ihrem Jüewuiioer,
298
{"egenfeirig zu einem Kanai vereint hatten, fich nun mit
tlem Gang des Bläschens zu einem gemeinfchaftlichen
5ilainiiie in der Nähe des Zwölffingerdarms verbanden.
l!)er Gang des Bläschens hatte , ehe dlefe Infertion ge-
fchah, fchon die Linge von ly Zoll erreicht, war
fömit im Verhältiiifs mit dem ductus cyfticus der Gal-
lenblafe fehr giofs , - und übertraf diefen noch einmal
an Länge. Jener gemeinfchaftliche Gang, den man
etwa Ductus fialodochus nennen könnte, trat nun mit
dem Ductus eholedochus fogleicli zufammen , und der ge-
meinfchaftliche Stamm endete im Zwölffingerdarm, in
deffen HöWe man die einzige Einmündung diefes Stam-
mes fall. Wurde Luft oder Waffer in den Gang die-
fes Bläschens eingetrieben, fo drang beides fowohl in
die Zweige des Ductus paricreaticus als auch durch die
Mündung im Duodenum heraus. Es war fomit diefes
Bläschen eine wahre Cyftis fucci pancreatici und ver-
hielt üch zum ductus pancreaticus wie die Gallenblafe
zum Ductus hepaticus. Würde diefe Abnormität bei die-
fen Thieren wieder vorkommen, fo wäre dadurch die
Möglichkeit, den pankreatifchen Saft zu zerlegen, endlich
get^leben, und ich will durch diefe Beobachtung die Pliy-
fioliogen auf einen folchen möglichen Weg, den pankrea-
tlfclien Saft in ziemlicher Bienge zu erhalten, aufmerk-
fam gemacht haben. Merkwürdig ift hierbei die Annähe-
rung diefes Bläschens an die Gallenblafe, wodurch auch
fein. Gang fo in die Länge ausgedehnt werden mufste.
tV. Hornbildungen im Allgemeinen und insbefon-
dere an der menfchlichen Eichel. Von /. F.
Meckel. (Hierzu Fig. 2. 3.)
1;. . Sowohl die Abweichungen der äufsern als der Innern.
Gcßalt oder des Gewebes der Organe find in phyüologi-
299
fchcr Hinficht äufserft intereffant, und ihre nähere Un-
terlucliung leitet zu den fruchtbarften Refultaten.
Mit den urfprünglichen Abweichungen der Form
habe ich mich theils in Reils Arcliiv , theils in eignen
Werken vorzugsweife befcbäftigt und glaube das Meiniga
beigetragen zu haben, um diefen hochft interelfanten
Gegenftand in dem Lichte darzuftellen , welches ihm ge-
ziemt und namentlich um zu beweifen, dafs IVJifsbildun-
gen nicht blofs als Curioütäten zu betrachten find. Es
kann wohl keiner Frage unterliegen , dafs fie in der
Tbat einen weit höhern iviffenfchafttichen Werth haben,
als die erworbenen ForBaabweichungen , die in der That
nur in technifcher Hinlicht Reiz haben. Dera wiffenfchaft-
liehen Forfcher und dagegen auch die Texturabweichungen
bei weitem wichtiger als diefe und ich werde es mir in
dem unter der Preffe befindlichen zweiten Bande meiner
palhologifcben Anatomie zur angenehmen Pflicht machen,
auch diefen. tiegenftand, feinem Interelfe gemäfs, ab-
zuhandeln. L\
■'■ Diefe Texturveränderungen, die man auch neue Bil-
dungen, nennen kann, fofern iie gewöhnlich erft zufällig
entflohen, wenn die normalen Theile fchon längft gebil-
dietfind, zerfallen in zwei grofse Häuptklaffen, in lolclia
Bildungen, welche dem Körper durchaus fremd find,
und in andere, welche zwar aiich in die normale Zufani-
menfetzungdeffelben eingehen, Wiederholungen norma.
)ier Gebilde, alltiin durch die Stelle, an welcher' Iie fich
bilden, regelwidrig find.
Es giebt beinahe keinen Theil , der fich nich^ regel-
widrig im Körper wiederholte. Am häufigften gilt dies
für dat Knochenfyftein, welchem das fcröfe zunachft
fleht. Vielleicht könnte man vor beiden Syftemen noch
dem Schleinifyftem den Vorzug geben , indem jcd*r Ab-
fcefii und jeder Fiftelgang Bildung einer vorübergehenden
500 — ► -
ScMeimliaut ift. • Auf.tliefe Theile folgen die Oberhaut-
ähuliclien, Maare vWil Zähne. Von regelwidriger Haar -
lind Zahnbildtmg \verde jcli im näcliften Hefta ein von
mir kürzlich gefundenes, merkwürdiges Eeifpiel befchrei-
ben und abbilden ; jetzt mag die Beobacbtung einer ver-
wandten, höchft merkwürdigen Bildung, der HornbiU
äung hier Itehen. Sie. Wurde von Caldaai ')gemaclit und
iff wegeA den ungewöhnlichen Steife, welche das Hörn
einnahm, njfrkvvürdig. .-_
■'■■ ■ Ein fietizigjäliriger Mann, der bef tändig vollkom-
itiengeCund'^ewefen war, ■empfand plötzlich ein ävd'serft
heftigss Jacken an djer äufsern Seite des rechten ,'variöä-
fen Unterfclienkels , • fo. dafs er fich bis zum Blüten zu
itr^tzen genöthigtwar. Hierauf entstanden Rofe, Oedetn
and :Gefohwihre, die baiid, hier, bald dort aufbi-achen, biS
endlich nach - zwei Jahren vollftandige Heilung erfolgte.
Jüald darauf •eritftand ein heftiges Jucken ?.\rifclien- Eichel
und rVoKhaut, welchcser, we^n angeborner Phiinofis
durch fo heftiges Reiben der Vorhaut zu lindern fuchte,
d^s •;B}Ht. aus d?y Qeffijtvng derfelben /lofs,' Nach eini-
gen Monaten evfchiea -ein weiolipr.,: mit ungleicher Ober»
fläche vßifehener , eineK Eichel ähnljöhqr.j. äiifserft em-)
pfiddJielievilSprpgBAa dgf Vqrhautoß'ivjng, der üch vi,
ei»iget».i.T*gen: v^Kg^^ifsert«.;: IJji ,vv^e\^ .der Enge d«r
V/jrhÄVt-ider -.Sitz deffelben nicht aiusgeniittblt, werdeu
Ji1>»ftli?»i'fo wurde- dijBfß ?ufgeCol)litzt,-'und es ergab dch,
daf? .fliAtt, krebsartige! Gefchwulft von ihrer iiineifa
Fläcli« hervorwuchs und aul^erdem „einen i Itlein^of
Thejil ^er-EicJiel ayigegriffan hatte. Dip ^i>ze Vorhaut
wurde weggenommen und die ^Vunde vernarbte in einem
jyionatel. Doch zeigte üch fchon am dritten Tage nach
1^ Offerv. anat. pathol. Ott XIII. in Mem. dcllä foc. italiaiia. To-
... maXVi. P. i,pa5.,i2+fJ:. .
501
der Operation an derv^TindenStelle der Eichel eine kleine,
etwas harte Hervorragung , die am vierten und fünften
Tage mit dem glühenden Eifen berührt winde. Sie ver-
fcliM'and hierauf, allein am achtzehnten Tage erfchienen
zwei andere etwas erhabene Stellen an demfelben One.
Diefe und ein dritter, ungewöhnlicher Auswuchs, der
einigeTage fpäter erfchien , wurden gleichfalls weggeätzt,
fo dafs der Kranke das Hofpital in kurzer Zeit völlig ge-
heilt verliefs. Fünf Tage naciiher aber erhob lieh. in der
jMitte der Narbe einweifser, harter und unempfindlicher
Korper , der in der Breite und Länge bald lo beträchtlicli
Avuclis , dafs er in zehn Monaten die Grüfse errelclite,
welche die Abbildung angiebt. Zugleich erhärtete er zu
einer hornartigen Subftanz und Icrümmte ficli nach der
Concavitdt der Eicliel fo, dafs fein Ende der Eichel-
üfFnung gegenüber gelangte.
Des Übeln Ausgangs eines ähnlichen Falles, wo fich.
gleichfalls Nägel und hornanige Auswüchfe auf der Eichel
bildeten, des, Alters und der vorangegangenen Krankhell
wegen wurde keine Operation vorgenommen.
Das zweite , auf der Tafel abgebildefe Hö rn war an
einc'r gewöhnlichem Stelle entftanden. ' Eine Frau voiT"
36 Jahren erhielt von einem Wagen fo biträchtliche Stöfse
am Kopfe , dafs fünf bis fechs lange Gefchw ülflc entftan-
den , von welchen fich die grüfsle in der Niilie des linken
Schenkels der Lambdanath befand. In zehn Jahren er-
reichte diefe die Grüfse eines Taubeneies, erweichte lieh
und ergofs , nachdem lie durch einen Stofs zufällig geöff-
net worden war, ein Jahr lang eine Menge Flüfli^keit.
Hierauf flofs Blut und Eiter heraus, fpäter bildete lick
ein welcher Auswuchs, der ungefähr die Länge eines hal-
ben Zolles liBtie und auf dcffcn Spitze im heben und vi« r-
zigfien Jahre ein gekrümmtes Horu cnlfiand. Dicles
erreiclite binnen zwei Jidiren die Länge von drei Zollen.
503
In feinem Umfange fehlten die Haare und an ihrer
Stelle fanden lieh einige harte Erhabenheiten. Das Hörn
wurde weggenommen , allein nach vier Wochen bildete
fich an derfelben Stelle ein harter Schwamm, welcher,
nachdem er die Höhe einer Linie erreicht hatte , fich zu
einer Art von Fächer ausbreitete , der ungefähr drei Li-
nien im Durchmeffer hielt, eine ungleiche Oberfläche
hatte, mit einer fchwärzlichen Borke bedeckt, gegen
den geringften Druck äufserft empfindlich war , und fich
in ein neues, auf einein dünnen Stiele fitzendes . Hörn
umwandelte, welches, nachdem es ungefähr die Länge
eines Zolles erreicht Jiatte, zufällig abging.
Die Hornbildungen find im Allgemeinen als regelwi-
drige Wiederholungen theils der Hernbildungen am
nienfchlichen Körper , der Nägel , theils der bei mehreru
Tliieren vorkoirmienden , mit welchen fie noch gröfsero
Aehnlichkeit haben , merkwürdig.
Der zweite hier befchriebene Fall ift gewöhnlicher als
der erfte, indem die Hornbildungen theils an den nicht
umgefchlagenen Stellen der Haut, theils befonders am
Kopfe am häufigften vorkommen. Auch die Entftehungs-
weife diefes Horns ift die gewöhnliche, indem fich diefo
Eildungen im Allgemeinen in Bälgen , nach Art der mei-
ften regelmäfsigen und regelwidrigen , erzeugen.
Das erfte bietet dagegen in allen dielen Hinfichten
ungewöhnlichere Bedingungen dar und ift daher merk-
würdiger. Nicht unintereffant ift vielleicht gerade die
Stelle , an welcher es entftand , und wo auch in zwei
andern Fällen von. Reghellini und Bonvioli Hörner ge-
Tehen wnrden , weU fie an die hörnernen Spitzen an der
Eichel einer Menge von Säugthieren vorzüglich aus den
Ordnungen der Ferae und Glires erinnern.
303
V. Ueber einige krankhafte Mifchungszuftände des
Harns. Von Th. Brande '). •
Die Mifchung des Harns ift im Allgemeinen , befon-
ders aber in Krankheiten, fo veränderlich und diefe Ver-
änderungen find unter der letztem Bedingung fo deut-
lich, dafs fie dann befonders unfere Aufmerkfamkeit er-
regen. Schon im gefunden Zufiande, noch weit mehr
aber im kranken ift die Unterfuchung des Harns fchwie-
rJg, weil hier mehrere neue S üb f tanzen in demfelben er-
zeugt werden. Dazu kommt Tioch die, oft faft im Augen-
blicke der Ausleerung eintretende Fäiilnifs delfelben.
Dennoch kann man fowohl in Hinficht auf ihn , als auf
andre thierifche Fliifiigkeiten manche nützliche That-
fachen ausmitteln.
Der Gegenftand des gegenwärtigen Auffatzes ift
keine genaue Angabe der Unterfuchung des Harns über-
haupt, fondern Ijlofs des Harns zweier wafferfüchtiger
Kranlcen, den mir Herr Baillie mitthellte. Die erfte Por-
tion gehört einem Mann von 77 Jahren an, der lange an
Hüften mit vielem fchleimigen Auswurf gelitten, und def-
fen Haut üch feit einigen Wochen fchwach gelb gefärbt
hatte. Zugleich waren die Knöchel angefchwollen und
die Harnraengc hatte lieh beträchtlich vermindert.
Der Harn war gelbgrün, fehr trübe, und faft fo
dick und klebrig als Haferfclileim. Bei der chemifchen
Pnterfuchung ergab fich, dafs er
1) die blaue Farbe des Lakmuspapiers, welches durch
WeineDig geröthet worden war, herftellte;
ö durch Zufatz von falpeterfaurem Silber einen reich-
lichen Kiederfchlag von falzfaureni Silber bildete;
1) Ai denTian^actions of <i fociety for tlie iinprovement of m«d.
auidiu. knowUdjje. Vul, 111. Loiidon UIJ. i<o. XVI.
504
3) Jurnli Ammonium kein. Nietieirfchlag von pliosphoA
faurem Kali erfolgte;
4) durch Ideefaures Ammonium ein fchwaches Wölk-
chen entftand ;
5) die Auflöfung von Gerheftoff einen reichlichen, un-
auflöslichen Niederfchlag erzeugte ;
6) durch Schwefelfäure^ eine flockige Suhftanz ahge-
fondert wurde, welche alle Eigenfchaften von ge-
ronnenen Eiwcifs hefafs , fo daTs der, durch den
Gerbeftoff gebildete Niederfchlag nicht Gallert, fon-
dern vorzüglich Eiweifs war.
Durch die Anwendung der gewöhnlichen Methode,
um Harnftoff zu erhalten, ^vurde nur eine geringe Menge
deffelben ausgemittelt.
Hatte der Harn einige Stunden lang ruhig geftandew,
fo erfolgte ein weilsllcher Bodenfatz, der, in einem Fil-
num gefammelt und getrocknet, ganz .das Anfehn des
gewöhnlichen ziegelfarbnen Bodenfatzes, der aus Harn-
fäure und thierifcher Subftanz befteljt, zu haben fehlen,
durch Zufatz von Salpeterfiure aber nicht die rofenfar.
bige Suljftanz, welche die H.arnfäure fo beftimmt bezelch.-;
liet, hervorbrachte. Dagegen nahm die fllil'chung beftän-
£ig eine fchmutzigrothe Farbe an, fo dafs lie Praufls ro-
fenfarbJge Säure zu feyn fehlen. Audi war lie leichteu
auflöslich als die Hanifaure und bildete beinahe den gan- -
2en Niederfchlag.
Die vorzüglichften Kennzeichen diefes Harns wareA
daher die reichliche IVlenge von Eiweifs , der Mangel de»
HarnftofFs und die Anwefenheit von Froufts rofenfarbig/r
Säuie.
Gefunder Harn enthält keinen merklichen Antieil
von Eiweifs, dagegen weit mehr Harnfioff, weiche der
allgemeinen Annahme nach \% der feften Subftanz lldet,
die man durch Verdunften. des Harns erhält.
Die
m^tt^^0^^^^^^^
305
' Die atidot-e Quantität Hatn, welche unteifucht wurde,
war von einem 65 jährigen Manne, der feit einigen luona-
ten an LeberzufaJlen litt, zu welchen lieh endlich t cuich-
wafferfucht gefeilte. Die Menge des abgefonderten Harns
War fehr gering , er war etwas trübe und fah wie Fleifch-
walTer aus.
Von dem vorigen unterfchied er lieh
I) durcli eine weit anfehnlichere Menge vonHarnTtoff }
B) dadurch, dafs er Lakmuspapier rottete ;
3) kein Zeichen von Eiweifs gab, ungeachtet durch
den Gerbeltoff lieh ein reichlicher Niederfchlag bil.
dete, der daher Gallert feyn mufste;
4) lieh beinahe keine Spur von Hamfäure oder rofen«
farbner Säure präcipitirte.
Diefer Harn war alfo normaler gemifcht als der vorige»
da er freie Phosphorfäure und eine anfehnliche Mengö
Ton Hamftoff enthielt. Der Harn waflerfüchtiger Kran-
ker ift daher nicht inuner gleichmäfsig gemifcht und ent»
hält nicht boftändig feKife Beftandtheile.
Noch fuge ich «inen Fall bei, wo deif Harn eine«
Steinkranken unterfucht wurde. Der Harn wurde oft,
aber immer in fehr geringer Menge gelaffen, und gab im.
mer eine grofsere oder geringere Menge eines weifsen,
pulverartigen Niederfchlages , der aus harnfaurem Amuio»
nium befiand und auf den reichlichen Gebrauch von Al-
kalien heinahe völlig verfchwand. Ungefähr zwei Monatd
nachher ftarb der Kranke an einer andern Krankheit.
Bei der Unterfuchung wurde ein Stein von drei
Drachmen in der Blafe gefunden, der, mit Ausnalime
des Kerns, aus phosphorfaurer Bittererde und Ammonium
mit thlerifcher Subftanz beftand. Der fehr kleine Kern
tvar Harufäure.
Hier befand fich alfo eine Art von Stein in der
Harnblafe und eine andere Art ging mit dem Harn ab/
M, d. ArMi; i. a. U
306 ■'-
Auf jenen konrtie das Kali durchaus keinen Einflufs ha-
ben un'^eachtct es -.valirfoheinlich auf das harnfauveAin-
monilim eimvirkte, oder wenigftens die fernere Bildung-
deffelben hinderte, ijugjeich ergiebt fich aus diefem Falle'
die Unmf)gliclil«:tt, durch den Harn oder felbft durch den-
abgehenden Gries mit Gewifsheit die Mifchung der Bla-'
fenfteine mit Cicnauigkeit auszumitteln. Die Auflöfungs-
mittel des in diefem Falle in der Blafe gefundenen Steins
waren Säuren, deren Anwendung aber durch dieBefchaf-
fenheit des Nlederfchlages offenbar contraindicirt war.
VL Einige Bomerkungen über den. Hajrn wafferfüch-
tiger KrankSiT. Von IVells ')..
Dlefe Bejncüliungen. beziehen fich vorzüglich auf die'
Beimengung ^'oii BhitwasCfecund färbender Sübftanz zum'
Harn von Wafferüichtigen- überhaupt und insbefondere'
bei der VVafferfucht nach dem Scharlach. ''
Unter der letztern Bedingung enthält der Harn hei-
iialie immer Blutv\'affer und nicht feiten auch den fär-'
henden Beftandtheil des Blutes. ' ' '"" '"
, . , ■ r flis L,
Anfangs wird der Har;ti in geringer Menge gelaffen
lind ift faft immer trübe. Läfst man ihij einige Stunden
lang ruhig flehen , fo findet fich am Boden des Gefäfses .
eine fehr weifse, flockige Sübftanz und darüber eine
weifsliche , etwas trübe FlüDigkeit ; das Ganze ficht einer
i\iifchung von Rahm und Molken ähnlich , wenn in den
Mollien fehr Weine Theilchen \on Rahm fchwlramen.
Bald vermehrt lieh indeffen die Menge des Harns, bleibe
,-«*Ll^->-
X") AlU den Tiansact. bf a fociety for the ünpxov, oi med. an4
chuiiaonsL Vol.UI. Na. XV.4r.'XV«.- ' '*
307
aTj«rnoch, wegen vielet' kleiner , in demfelben fchwim-
mender Flocken, trübe. Läfst man ihn einige Stunden
lang ruhig ftehen, fo fallen die Flocken zu Boden, und
die darüber flehende Fllifligkeit ward hell. Nach einiger!
Wochen l)ekDmmt der Harn oft eine hellrolhe Farbe und
hat mit Fleifchwafl'ei' viel Aehnlichkeit. Auch dann ift
der fo eben gelaffene Harn trübe, wird abef durch das
Stehen hell.
Allmähiig verliert der Harn feine Röthe, doch bleibt
der frifchgelaffene Harn immer noch einige Wochen lang
trübe. Ift die rothe Farbe einmal verfchwoinden , fo kehrt
fie feiten oder nie vieder. Die Kranken, bei welchen
lieh diefer rothe Harn Andet, genefen weit langfamef
als andere.
Da diefer Harn genau dlefelbe Farbe als Harn, worin
der rothe Theil des Blutes aufgelöft ift, hat, fo war es
wahrfcbeinlich , dafs fie in der That davon abliing. Da-
her wurde ein Theil deffelben der Hitze des kochen-
den Waffers ausgefetzt, worauf lieh eine Menge Floclfen
Ton einer fchmutzigbraunen Farbe bildeten, die zu Boden
fielen , worauf der Harn liell wurde und die Farbe des
gewöhnlichen blaffen Harns bekam. Gewifs rührt alfu
wohl die ungewöhnliche rothe Farbe von der Eeiiueu«
gung des rothen Bluttheiles her.
Art Boden von Gefäfsen , Welche H.im diefei' Al't
enthielten, fanden fich auch kleine fcliwaizS KorncWiefi.'
Diefe wurden herau.i!genomnicn und Wafier auf ße ge-
göffen, welches darlurch fchnell gerüthet wurde. Als
dit Infulion der Hitze des liedendeiv Waffers ausgefetzt
WMr4e, entftandcn äimliche Flocken, durch d^/eri Nie-
dörfchlagung die Flriffigkcil ganz farbealos erfchirtii.
Auc;h diofo K'irnchcrt mufsten daher die lothe Farbii
des Blutes eniliäk(!ti haben. Dl^fe Art von Hai"!! württe
U a
308
nie in. einer andern Krankheit beineikt. BisweDen
jft der Harn unter diefen Uniftanden auch, kurz vor
und kurz nach dem Rothwerden, braun. Wird er dann
der Hitze ausgefetzt , fo bUdet fich ein brauner Nieder-
fchiag und der Hani wird hell. Am Boden diefes Harns
Ceht man kleine, braune Körner. Diefe wurden einmal
in Wafier aufgelöft, die Auflöfung gekocht, und diefe
dadurch in einen braunen Bodenfatz und eine farben-
lofe Flüfßgkeit gcfchieden.
Noch weil häufiger, un-d , nur fehr leichte Fälle aus-
genommen immer, kommt unter diefen Umftänden
EiweLCs im Harn vor, indem lieh iinfber aus dem, der
Siedehitze ausgefetzten Harn eine flockige Subftanz bil-
det, welche, wenn er nicht roth ift, eine weifse Farba
hat. Nach dlefer Entdeckung kann es nicht weiter be-
fremden , dafs von dlefer Krankheit Genefende mit gu-
tem Appetit effen, gut fchlafen, dem Anfchein nach
keine aufserordentliche Ausleerung haben, und doob
lange Zeit fehr fchwach bleiben.
So häufig der rothe Bluttheil bei der Walferfuclit
nach dem Scharlach im Harn in nicht unbeträchtlicher
Menge vorkommt, fo feiten ift dies bei andern Waffer-
fuchten der Fall, fo dafs es der Verf. nur dreimal fahe.
Dagegen kommt das Blutferum äufserft häufig vor und
wurde unter 130 Fällen in 78 gefunden. In -J von die-
fen war die Bienge deffelben gering, indem es ungefähr
nur ~s, felbft nur -^ des Harns betiug. In 5 wurde
der Harn , der Siedehitze ausgefetzt , ganz feft ; in 7 et>
was weniger. In einem von diefen Fällen erlitt der
Harn 6 Wochen hindurch beftändig diefe Veränderung;
in den übrigen II wurde er bisweilen nur beträchtlich
trübe.- Der Harn wafferfüchtiger Kranker, welcher Se-
i-una enthidt, wird oft in grofserer Menge- als im gefun-
— 309
den Zuftaiide gelaufen, fo dafs feine Menge in einem
Falle täglich auf zehn Nöfsel flieg. Bisweilen kann
man den ferumhaltigen Harn nicht vom gefunden unter-
fcheidcn : bisweilen aher zeichnet er fich duicli beträcht-
liche Bläffe, Trübheit beim Erkalten und piolken ähnliche
.Farbe aus. Ift er in geringer Menge vorhanden , fo ent-
fteht beim Erkalten ein Niederfchlag , der faft immer
wmts , rahmfarben oder grau ift. Findet Jich ein Nieder-
fchlag, fo ift die darüber flehende Flüffigkeit meiftens
etwas trübe. Nur in zwei Fällen kam in ferumhaltigem
Harn ein röthlicher Niederfchlag vor. Der Gefchmack
ift gewöhnlich der normale, doch bisweilen fchwächer.
Harn diefer Art wurde einina! , nachdem durch Sledeliitz«
das Serum getrennt war, fauer, einige Tage nachher
jber Faulte der Harn derfelben Perfon unter eben diefen
UuiftändiBn. Die verhöltuifsmäfsige täglich vorkom-
mende Menge des Serums vermindert lieh feiten plötzlich.
Die Efsluft ift beträchtlich, oft ftärker als bei Gefunden.
Bei vielem Serumgelialt ift die Haut fehr bleich, Aeufsere
Waffergefchwülfte verändern unter diefen Umftänden
leichter ihre Stellen als da , wo der Harn kein Serum ent-
hält. 'Häufiger als bei andern Wafferfuchten entfiehen
lilutflüffe. Der Speichel von Wafferfüchtigen , deren
flarn Serum enthält, fcheint bisweilen gleichfalls mehr
Eiweifs als gewöhnlich zu enthalten. Die Menge des
Serums hält gewöhnlich gleichen Schritt mit dem Grad
der Anhäufung von Waffer. Bisweilen verfchwindet es
vor dem Tode plötzlich. Die Wafferfucht fcheint unter
diefer Bedingung nicht fchneller todlich zu feyn, alf
wo £ch kein Bluiwaffer im Hani £ndec.
VU. Verfcliimmelüng (Mucedo) im lebenden Kör-
per. Von A. C. Mayer, Profector am anatomi-
fchen Theater zu Bern.
Ein Holzhelier (Corvus glandarius) ftarb neulich in
der Nacht ini Zimmer und wurde am Morgen fchon ziem-
lich fteif gefunden. Da die Todeserfiairung fich noch
nicht völlig ent\vickelt hatte , fo mochte er nicht über
ein Paar Stunden todt feyn. Er eilte fo dem Tode des
Verfuches, zu welchem er beftimmt war, voraus. Ich
bemerkte , dafs er den Tag vorher traurig , fchwer ath-
meiid und mit zwifchen die Schultern eingezognem
Kopfe dafafs. Als wir, Herr Prof. Emmert und ich, ihn
öffneten, fahen wir zu unfcrm Erftaunen auf der rech-
ten Lunge einen wahren Schimmel , ^velcher dem Brod-
fchimmel ähnlich war, auffitzen. Alle Eingeweide der
Bauch- und Bruflhohle, fo wie auch das Gehirn, waren
natürlich bcfchaflen. Als die Lunrjen näher betrachtet
wurden , fand fich , dafs an beitlen fich ein Byfsus
aTtigefetzt hatte. Er ging auf beiden' von dem mittlem
Luftlocli, wodurch die Lunge mit einem der feitlichen
Bauchluftfäcke in Verbindung fteht, aus, und ragte auf
der linken Lunge nur wenig über den Stand diefes Luft-
loches heraus, dehnte fich aber auf der nach unten gegen
das Abdomen gekehrten Oberfläche der rechten Lunge
yier Linien in dje Länge und zwei Linien in die Breite
aus. Die Subftanz der Lunge fchien äufserlich gefund.
Als ioh diefe aber von den Rippen losfchälte, und hie
und da Einfchnltte in felbige machte , fand fich , dafs
fie an mehreren Stellen, befanders am obern Lappen,
xuxA fodann da, wo der Byfsus auffafs , im Ganzen faft
zur Hälfte i in eine braune fpeckige Maffe degenerirt
war , die zwar noch das zellige und liebfürmige Anfehen,
wie die noch gcfxmdon Theile hatte, aber mehr der
Lcberfubftana a« Farbe und Härte glich. In diefer
511
{Waffe lagwti moch- liie und da welfse kieideuartige Knöt-
chen zerftreut. Als ich die Bronchien öft'nete, bemerk-
ten wir, dafs dei- Byfsus da begann, wo der Bronchus
lieh in die Lunge eirtfenkte^ und bei beiden Lungen lieh
in die Tiefe und zum Theil in jene brkune fpeckige
Mafle ^verbreitete, fo zwar, dafs er blofs in der Höh-
le der Aefte des Bronchus und mit diefem fich ver-
zweigte. Bei der rechten Lunge erftreckte er fich, wie
aefaat . auch durch das Luftloch auf die Oberfläche der-
felben hinaus. Jedoch war feine Gränze auch die der
fpeckigten Maffe, fo dafs er nicht auf gefunden Stellen
der Lunge M'urzel fchlug. Diefer Theil des Byfsus war
haaricht und man bemerkte an den Enden derfelben
AnXchwellungen mit der Loupe. Im Innern der Lunge
erfchien er nicht haaricht , fondern als Kürnchen ohne
Stiel und fomit mehr einem Mucor ähnlich. Er erhielt
ilch drei Tage lang ohne an Gröfse zu- oder abzuneh-
men und verdarb mir dann, als ich ihn befeuchtete.
Diefer Umftand , die Kürze der Zeit in welcher der
Schimmel entftanden feyn mufste, und die Verbreitung
cleffelben in der Richtung des einftrömenden Luftzuges
l>eim Athmen , machen es wahrfcheinlich , dafs er fchon
im Leben heranwuchs und mit Urfache der Kränklich-
keit des Thieres war. .Sein eigenlhümlicher Saaraenboden
fcheint die degenerirle Lungenfubftanz gewefen zu feyn,
weil er fich nur da entwickelte , wo die Lunge fo krank-
haft afficirt war, und die Luft fcheint Bedingung der
Entwicklung gewefen zu feyn, weil er lieh nicht über-
all auf diefer entarteten Subftanz zeigte, fondern nur
da, wo die Luft fie berührte, auffafs, u^d in dem Pa-
renchyraa derfelben blofs in den Acften der Bronchien
fich zeigte. Da die Krfcheinung des Byfsus immer von
einem fauren üährungsprocefs oder eincui Procefs vege-
tabilifcher Finlmfs begleitet ifl, fo hat man in diii-
312
fein genannten Falle anzunehmen , dafs ein ähnliche*'
Gährungsprocefs während des Lebens in dem Secretuni
der Brochien Statt gefunden habe. Es ift mir weder be-
kannt, dafs fich ein Schimmel bei animaüTcher Faul,
nifs erzeugt habe, noch dafs ein folcher im lebenden
Körper eines Thieres beobachtet worden wäre.
Vin. Einige Bemerkungen über die Phyfiologie des
Eies. Von Paris ').
Die Eier der Vögel, deren Gerchichte alles enthält,
was aus der Gefchichte der Keime niedrigerer Thiere
wichtig ift , beftehen l) aus dem Dotter mit feiner Haut
und der Narbe; 2) dem doppelten Eiweifs mit feinen Hül-
len; 3) dem Hagel; 4) dem Luftfacke; 5) den gemei'/i««
Hüllen; 6) den iiufsern Hüllen oder der Schale.
Der Hauptnutzen des Eiweifses ift unftreitig die
Verforgung des Embryo mit NahruIlg^fubftanz, Behufs
feines VVachsthuins und feiner Entwicklung; doch hat
es aufserdem wahrfcheinlich noch eine andere Beftim-
mung. Nirgends findet man die Natur forgfamer für
die Erhaltung ihrer neuen Schöpfungen , nirgends weifere
Anftalten getroffen, als um dem Fötus eine gleichmäfsige
Temperatur zu verfchaffen, indem diefe eine zur Ent-
Wicklung des Thieres fo nothwendige Bedingung ift,
dafs die geringfte Abweichung das feine Gleichgewicht
z\^'i^chen den verfchiedenen Thäti^keiten, durch welche
er wird und reift, flört und verderbliche Wirkungen
hervorbringt.
1) Aus den Transactlons ot the Linnesn fociety. VoL X. p. II.
London Igll. pag, 304 ff.
313
Das Ejn»e//> fchemt ein grofses Verhindeningsmittel
(liefes Nachtheils zu feyn. Indem der Hagel die Nartt
in der Nähe der Wärmequelle feff erhält, beagt er dem
Schaden vor, welcher durch beftändigen Wechfel der
Lage entftehen würde, das Eiwc'fs aber verzögert, als
fclilechier Wärmeleiter, das Entweichen der Wärme,
hindert jeden plötzlichen Temperaturwechfel und wen-
det dadu'.ch die hochCt fchädliche Erkaltung ab , welche
durch die gelegentliche Unterbrechung des Brütens lonft
entftehen würde. Um den Nutzen und die Wichtig-
keit einer folchen Anordnung zu erläutern , kann man
bemerken , dafs Fifche , welche lieh lange ohne Nachtheil
aufser dem Walfer liefinden können , wie Aale und
Schleihen, eine fohleimige und klebrige FlüTfigkeit ab-
fondem, wodurch fie ihren Körper einhüllen. Höchft
walirfcheinlich aber wirkt diefe wie das Eiweifs und
ift in fo fem die vorzüglichfte Urfache ihrer Lebens-
tena'cität, als fie die Verdünftung an der Oberfläche
des Thieres und den dadurch entftehenden Teuiperjtur-
weclifel verhütet.
Hier mufs man aber bemerken, dafs die Schädlich-
keit des Temperatui-wechfels mit der Höhe der Lebens-
thätigkeit des im Ei enthaltenen Embryo im geraden
V'erhälmifs fteht, Keime von niedrigeren Thieren daher
nicht blofs die Wechfel von Kälte und Wärme ohne
Schaden ertragen , fondern auch durch eine weniger be-
Aimmte Temperatur lieh vollkommen entwickeln. Die
Vorrichtungen zur Erhaltung eines beflimmten Wärme-
grades verichwinden daher in dem Maafse mehr als
man in der Ueihe der Eierlegendeii Thiere tiefer herab
fteigt.
Offenbar ift die Befcliaffenheit des Luftfackes am ftum»
pfeA Ende des Eies noch nicht in dem MaaTse unter-
314 — ^ •>■-■«'•
fucht, als es feine Wichtigkeit erfordert. Die Wände
feiner Höhle werden durch die äufsere Schaale und die
innere ße bekleidende Haut gebildet. Iin unbebrüteten
Hühnereie ift lie kaum gröfser als das Auge eines klei-
nen Vogels , vergröfsert lieh aber während der Bebrü-
tung beträchtlich. Unftreitig ift fie ^vohl vorzüglich zur
Oxygenation des Blutes beftiuunt ; um indeffen die Rich-
tigkeit diefer Anficht völlig zu erweifen, mufs man die
Befchaffenheit der in ihr enthaltenen Luft ausniitteln,
was bis jetzt noch nicht gefchehen ift ').
Nach Bü/fons Meinung geht fie aus der Gährung
der verfchiedenen Theile des Eies hervor, wäre daher
irrefpirabel und könnte nicht den angegebenen Nutzen
haijen. Um hierüber im Allgemeinen und über die Ver-
änderungen diefer Luft durch die Bebrütung Auffchlufs
2u erhalten, f teilte ich folgende Verfuche an:
1. Ein und zwanzig frlfch gelegte Hühnereier gaben
an ihren ftumpfen Enden ungefähr nur ein Cubikzoll
Gas, welches aufgefangen und, mit dem Prießley'lchen
Eudlometer unterfucht , als reine atmofphärifche Luft ge-
funden wurde.
2. Zwei Eier, die nach zwanzigtägiger Bebrütung
unter Waffer geöffnet wurden, gaben 1 Cubikzoll Gas,
welches gleichfalls atuiosphärifche , durch einen geringen
Antheil kolilenfaures Gas verunreinigte Luft war. EHe-
fes kohlenfaure Gas flammte vermuthlich von dem ve-
nöfen Blnire des Küchleins, wodurch auf eine interef-
fante Weife dlefe Oxygenation dem Athmen nach der
Geburt analog erfcheint.
l) Doch in einer zu Tübingen erfchienenen Difrertation von Hehl
ObfeiT. de natura et afu iuris ovis avium iaclufi. M.
"- 315
Hieraus fcheinen fich folgende Sätze zu ergeben:
1) Der Luftbalg enthält vor dem Bebrüten atmofphä-
rifche Luft,
2) Es gehen keine andern chemifchen Veränderungen
in der in ihm enthaltenen Luft vor als die Erzeu-
gung einer geringen Menge von Kohlenfäure.
3) Durch die Bebrütung vermehrt fie lieh beinahe in
dem Vcrhiltnifs wie 1 : IQ,
Die Vermehrung diefer Luftmenge geht nicht in allen
Perioden gleichraäfsig vor fich, fondern in den fpätern
Perioden der Bebnitung weit fchneller als in den frü-
hem , fcheint aber einige Tage vor dem Auskriechen des
Hühnchens ihre höchfte Stufe erreicht zu haben.
In den Eiern der niedern Thiere fcheint kein eig-
ner Apparat zur Oxygenirung des Embryo vorlianden
zu feyn, fondern er erhält, wie das vollkommne Thier,
die Luft durch Luftlöcher, welche über feine aufserq
Hülle verbreitet find.
Die gegebene Befchreibung des iuftbalges ift vom
Hühnerei entlehnt. Alle Eier enthalten einen ähnlichen,
mit dertelben Luftart angefüllten Sack, feine Capacität
aller fcheint fich nicht im geraden Verhältnifs mit der
(irfifse des Eies oder des Vogels, fondern nach einem
andern, fehr merkwürdigen Gefelze zu verändern. Ich
hal)e nämlich allgemein gefunden, dafs der Luftfack in
den Vögeln, welche ihre Nefter (auf der Erde bauen
und deren Junge fchon gefiedert und -zu Bewegungen
flihig auskriechen, griifser ift als in denen, welche ihrei
Nefter auf Bäumen anlegen, und deren Junge blind und
fehr unentwickelt find. Die Liififäcke der Eier von
Hühnern , Rebhuhnern und fVafferhühnera find fc.lir grofs,
während die von den Eiern der KrShen, Sperlinge und
516 —
Tauben äufserft klein find. Das KücWein der Hühner
und Rebhühner aber hat vvahrfcheinlich darum ein weit
vollkommneres Geüeder und ift zu Bewegungen ge-
fchickter als die kahle Brut der Tauben und Sperlinge:
eine um fo wahrfcheinlichere Vermuthung, da ähn-
liche Thatfachen den' Einflufs der Oxygenation auf die
Muskelkraft bewelfen. So find dia Jungen der Wie-
derkäuer weit vollkommner entM-ickelt und kräftiger,
als die der Fleil'chfreffer , bei jenen aber ftehen die Ei-
häute durch die zahlreichen Kotyledonen an einer weit
gröfsern Oberfläche mit der Gebärmutter in Verbindung,
«Is bei diefen. Die Weite der Bruft fteht auf diefelbe
Weife mit der Muskelkraft in geradem Verhältnifs und
die aufserordentlicheMuskelkraft, welche iich beim Fluge
der Vögel entfaltet, ift eine Folge der grofsen Aus-
breitung ihrer Luftbehälter. Wahrfcheinlich ift wohl
das Seufzen ermüdeter Perfonen ein inftinktmäfsiges
Bemühen, eine gröfsere Oxygenmenge aufzunehmen,
■um dadurch die Muskelkraft zu erneuern.
Bemerkenswerth ift noch, dafs die Verletzung des
Luftfackes durch die feinfle Nadel den Bildungsprocefs
völlig hemmt und das Ei wie ein Windei ftirbt. Sollte
■ jiefe merkwürdige Erfclieinung durch die Annahme er.
klärt werden, dafs der beftändige Zutritt frifcher Luft
'7.U ftark erregt? Eine ähnliche Erfcheinung an Pflanzen
macht dies wahrfcheinlich, indem junge und zarte Pflan-
zen , ehe fie Wurzel treiben , oft , wenn die atmafphä-
rifche Luft zu freien Zutritt zu ihnen hat, durch Er-
fchöpfung abfterben. Deshalb werden fie mit Glas-
glocken bedeckt ura dadurch den Umfang ihrer Atmo-
fphäre, mithin ihr Athmen, ihre Ausdünftung und die
unregelmäfsigen Thätigkeiten , welche der Pflanze fchäd-
lipb werden würden, zu belchränken.
317
2uletzt noci einige BemerTcutigen über die Bildung
der Schale. Hier werden durch denfelben Vorgang
2wei höchft wachtige Zwecke erreicht , zugleich die Zer-
ftörung des Individuums abgewandt und die Art erhal-
ten: denn, indem dadurch die KalkTubftanz , vermittelft
deren Anhäufung der Vogel zum Fluge und zu Erreichung
der Hauptzwecke feines Dafeyns unfähig werden wür-
de , vermindert wird , giebt fie dem Keimg des künftigen
Thieres ein ftarkes und zweckmäfsiges Schutzmittel.
Der bisweilen vorkommende Mangel der Schale hängt
wohl von einer nicht gleichmäfsig mit der Bildung der
Flüffigkeiten vorfchreitenden Abfonderung von Kalk-
crde ab, weshalb man diefe Abweichung häufiger bei
flarken Vögeln und im Herbft, bei reichlicherem und
kräftigerm Futter bemerkt. Fourcraf!, Sai Vau^uelins
Verfuche, welche beweifen, dafs die Kalkerde in den
Eierfchalen die Menge der eingenommenen überfteJge,
geftützte Meinung, daTs brütende Vügel Kalk freuen
müTCen, und die Eier, wenn dies nicht gefchieht, keine
Schale erhalten, ift nicht wahrfcheinlich, indem miTero
KenntnilTe der entfernten Beftandtheile der Körper
viel zu unvollkommen find, als daTs lie uns über den
Urfpruiig der Subftanzen im thierifclien Körper und die
Reibe der erlittenen Veränderungen belehren könnten.
Unftreitig bringen wohl vielmehr die ovganifchen Kör-
per die ihnen nothwendigen Beftandtheile felhft her.
vor. Niemand wird 'läugnen, dafs Mangel von Kalk-
fubflanz im Körper die Urfache des Schalenniangels
enthalt, dafs aber diefer von einem Innern Zuftande,
und nicht von der blofscn Kalkenrziehung hcniihit,
ergicbt lieh aus folgender merkwürdigen Beobachtung.
Einem Huhn wurde das Schenkelbein zerbrochen
nd fonjl'iltig ijefcliifnt. Drei Tage darauf wurden
3iar
meirere , aber blofs fchaTenlofe Eier gefändeit'): die- nur
Ton diefer Henne ftammen konnten. ■ ■•'^
.Vermudilich wurde daher aller zur Bildung dei"
Schale beftimmter Raik nun zur Wieder'erzeugung des
Knochens verwandt, was um fo wahrfcheinlicher Lft,
da auch andere ähnliche Erfcheinungen dafür fprechen,
ijidem Knocheiibrüche oft wälirend der Schwangerfchaft.
nicht heilen und der Hirfch durch Zevbrechung feines
Geweihes in der Brunftzeit zur Fortpflanzung feines Ge-
fchlechts unfähig wird.
319
Erkläru7ig der KupfertafeL
Fig. I. Die untere Fläche des pomeranzfarbenen
Seefterns. Zu Seite i6li '. ■
Ä
a, a. a. Der den Hlund umgebende Nervenring.,
b. b. Fäden , welche durch das erfte Loch der Wirbel
in das Innere des Körpers gehen.
«. c. Ein zwifchen den hier abgefchnitten daifgeftell-
ten, Tentakeln verlaufender. Faden.
Fig. 2. und 3. Hornauswüchfe. Zu S. 298 ff.
Fig. 2. Hornauswuchs an der Eichel eines Mannes.
Fig. 3. Hornauswuchs am Kopfe einer Frau.
Fig. 4. Blafe der Bauchfpeicheldrüfe. Zu S. 297.
A. Zwölffingerdarm.
a. Anfang deffelben, wo er Tom Pylorus getrennt ift,
B. Pankreas.
b. OI>crcr Lappen.
L'iitei'^r Luppen deffelben
330
C. C. C. Leber. :::~:r
(Sie ifi von links nach vechts hinüber gelegt , fo claTs ihre
concave Fläche Achtbar wird.)
rf. Veiia poitarum. . . .*^
e. GallenblaTe.
/. Ductus cyfticus.
g. Ductut hepaticus.
k. Ductus choledochus. ^
{'. Bläschen für den p^nkreatiTchen Safr.
il. Gang deHelben.
t l. Gedoppelte Wurzeln des Ductus pancreaticus.'
m. Gemelnfchaftlicher Stan>in von beiden.
R. Vereinter Gang von k und m oder Ductus fialo»
dochus.
•. Zulamtnentrltt deffelben mit dem Ductus choledo-
chus und gemeinfehaftliches Ende im Duodenum.
. r.-^^'/f/^.'/"- .'•
■/ai.M.
X^MivAf ..«
Deutfehes Archiv
für die
PHYSIOLOGIE,
' Erster Band. Drittes Heft.
I.
Ueber
die Knock en/iücAe
im \
Kiefergerüft der Vögel.
Von
Dr. Chr. L. Nits/ch,
FrofeCTor der Naturgefchiclite 2u Wittenberg.
Obgleich die Analogie der Säugthiere und .inderer '
Rückgraththiere tlieVermuthung zu begi'mftigcnfcheint,'
dafs die Kiefer der Vögel urfprilnglich von vorn her
durch eine Mittelnath in gepaarte Stiicl^e getrennt
feyen, und diefes auch neuerlich ganz beftimmt
behauptet worden ift , fo haben doch 'eigene Un-
terfuchungen mich vom Gegentheil fiberzeugt. Um
zuvördeiit bei dem Obcikiffrr ftehen zu bleiben, fo
^(♦ird zwar gefagt: man könne bei Vögeln, welche
eben das Ei verlaübn haben, die Trennimg der bei-
den Zu'ifcJienkiefi'i keine an der Spitze des Schnaliels
crliennen; allein, wenn irh nicht nur in diefvr Periodij
M, <L Archiv, l. l, X
nicht, fonderii picht einmal im embryonifchen Zuftamle
der Vögel, nicht einmal bejin Anfang cl^r ölfefcenüäf
des Schnabels, eine Spur der angelilichen Trennung
wahrnehmen koiinte , To ' mufs ich glauben, diifs jener
Behauptung entweder Täufchuag odpr eine blofse Ver-
muthung zum Grunde liege. Ich bin vielmehr durch
liaüfige"~und genaue Beobaclitiing^cfer'jiingrten VOgel-
fchädel überzeugt worden, dafi der grofse Intenna-
xillarknoeheii diefer T/iiere vou; einem einzigen Punct,
von der JCi/tala:d^fpli:ze aus , ßch bildet, und^dafs er
folglich urj'prünghch und immer ein ungepaartes eini-
ges Slück iß.
Eine andere Eigenheit der Vögel ift der Mangel
heß)nderer Nafenknochen. Die beiden langen, fchma-
len , auf dem Schnabelrücken bis zur Stirn neben ein-
ander hinlaufenden Knochenftreifen, welche man mit
jenem Namen belegt, find nichts als Fortfätze des
eben er\vxilmten einfachen Zwifchenkieferbeins. Siej
find vonx Schnabelende aus nach der Stirn hinaufge-
wachfen, keineswegs von einem , eignen Punct aus of-j
fefcirt und dann erft mit dem latermaxillarftüpk v.^fi-
fclunolzen, wie auch wieder neuerlich unrichtig an-
genomnien worden ift. Dabei bleiben jedocli diefe ;
fortfätze die wfahren Analoga der Nafenbeine (eben fq^
gut, als der Quadratknochen nicht aufhört der Ge--
.lenktheil des Schlafbeins zu feyn), ob fie gleich voj^^
ihrem, , in den Säugthieren yorliandenen Simile in
mancher Hinficht, befonders durch den gänzlichen
Mangel des freien Endes , fich entfernen.
Wenn fonach ein vermeintes Knochenpaar ries
Vogelfchädels auf ein ungepaartes Stück rediicirt, ein
anderes aber ganz aus der Zahl der befondern Kno-
chenftiicke ausgeftrichen werden mufs, fo find da-
für andere in Rechnung zu bringen, die man bisher
überfah.
Nur ein einziges Knochenpaar ift feither als dem
der eigentlichen ObennaxUlarknoclie?i der Säugthiere
cntfprechend bei den Vögeln angenommen und be»
fchrieben worden ; allein alle jungen Vögel haben de-
ren zweij nämlich i) die Jocltkicjerbeiiie (offa jugo-
maxillar'ui) 2) die Nafenkicferbeine (ojja iiajb' niaxil'
laria).
Das Jochkieferhein jeder Seite entfprieht dem
grö£sten Theil des eigentlichen Obermaxillarbeins der
Säugtliiere. An ihm find die Gaumenjläclie des An-
triiin Highmori, der Jochfortfatz und auch wolü die
Cejiciußäche des letztgenannten Knochens deutlich
nachz u weifen ; nur der Piocpjßis tiajalis fehlt, als:
welcher durch das Os nafo- inaxillare dargeftellt wird.
Es verbindet fich diefef Knorhen; i) mit dem Inter'
maxillarftücke , in welches er vorn gräthenartig ein-
gefchoben ift; a) mit dem Gaumenknoeken , der gleich
unter ihm fich in das Zwifchenkieferbein einfchiebt;
3) mit dem Nafenkiejerbein, das ihn zum Theil
oberwärts und feitwärts verdeckt; 4 untl 5) durch
einen, meift langen und dünnen Fortfatz (den P/o-
ceß'us zygomaticus) mit dem Jochbeine fowohl , als
mit dem (Juadratjochbeine. Bei einigen Vögeln, z. B.
beim Stonh uad der £nte verbindet er fich auch awh
X a
mit dem gleiclinamigen Knochen der andern Seite.
Es ift der Jochkieferknochen niclit nur in allen Jün-
gern Vögeln lungere oder kürzere Zeit ei/t völlig nii-
rerfchiedeiies , gepaartes Stück, fondern er bleibe es
cnicJl in einigen Hühnern , namentlich beim Auerliahn
befiündig. Von feiner Gröfse \md Form läfst fich im
Allgemeinen wenig fagen. In einigen Vögeln, wie
z. B. in den Hühnern , ift tx ziemlich klein , fchmal
und gräthenartig , und es ift von der Kapfei, welche
die Higlimorshühle bildet, faft keine Spur da; bei
andern al)er , wie ganz ^■orzüglich iDeim Storch , bei
den Raub- imd vielen Schu/immvögeln , ift er von be-
trächtlicher Gröfse und bildet einen grofsen, oder den
gröfsten Theil des Oberfchnabels , deflen gröfseren, In-
nern , pneuniatifchen Räume ihm immer iuigehören. ■
Das ebenfalls gepaarte NaJ'enkieferbein flellfj
wie gefagt , die Nnfalportion der Süugthierkiefer- •
hebte dar, Diefer Knochen allein ift bisher von den'
Anatomen als eigentliches Oberkieferbein der Vögel .
befr:hrieben worden. Man kann derifelben nach feiner'
Figur mit einer Gabel füglich vergleichen, und wenn
rnan diefen Vergleich gelten läfst, fo liegt der breite,
flache Griff der Gabel mit leiner ünterfläche auf der
horizontalen Platte des Siebbeins und einem beträcht''
liehen Theil des Stirnbeins feiner Seite auf; nacK
aufsen legt er fich an das Thränenbein , nach innen'
aber an ein fogenanntes Nafenbein an; die obere Zadke'
der Gabel begleitet in derfelben Richtung nach vorn
das Nafenbein , tlie andere aber fteigt nach unten und
»lann nach vorn, und fchjebt fich awifchen dön Sei*
525
(enfortfat^ des latennavUlarfiücks unti den Köriier
des Os ji/go - maxUlare eiti. Mit dem Zygoina fteht
f tiefer Knochen in gar keiner Verbinc[ung, nicht ein-
mal mit dem Jochfortfatz des Jochlcieferbeins. Bei
den meiften Vögeln verwiichft er zwar früher oder
fpäter mit allen , oder den meiften ihn berührenden
Knochen, allein bei den Hiihnern bleibt er, bis auf
die Verbindung niit den Stirnbeinen, mehrentheils
frei. Niemals aller habe ich bemerkt, dafs das Os na-
fo-maxiUare und jugo- maxUlare mit einander früher
als mit den übrigen Stücken zufammenwiiclifen , fo
dafs alfo in keiner Hinficht die liisherig? Annahme
eines einfachen Oberkifjerkiiochenpaares in tien Vögeln
gerechtfertigt werden kann.
Dafs die Gaumenknochen, die Verb'mdiingsheine
und die Quadrat- oder Gelenkbeine fämmtlich eigne
Knochenpaare find , ift hinlänglich Ijekannt ,, vcnd ich
habe über diefelben hier nichts weiter za fagen.
Eben fo mangelhaft aber, als die Unterfuchung
der Oberkieferbeine, ift die der Jochbögen, bisher ge-
blieben. Alle Anatomen nehmen an, dafs jeder Joch-
bogen ein einziges Stück fey, welclies mit feinem hin-
tern Ende am Quadratknochen arliculire, mit feinem
vordem aber dem Oberlvieferbein (worunter das Na-
fenkieferbein irrig verftanden wird) einwachfe. AUeio
ich habe an allen Jüngern Vogelfchädeln Acw Joch-
bogen mit leichter Mühe in mehrere Siücke trennen
können und gefunden, dafs die Zufammenfetzung
deff'.'lben bei tIen Vögeln und Säugtliieren im Wefent-
lichen völlig übereinftimmt. Bei den Vögeln wird
326 •
das Zygoma gebildet i) aus dem Jochfonfatz des
oben befchriebenen Jochkieferbeins ; 2) aus dem eigent-
lichen Jochbein (Os zygomaticum) und 3) aus dem
Quadratjoclibein {Os quadrato- jugale ). Gerade fo
ift es bei den Säugthieren , denn der erft genannte
Fortfatz entfpricht dem Jochfortfatz ihres Oberkiefer-
beins und das Os qiiadrcuo- jiigale dem Jochfortfatz
ihres Schlaf beins , welcher hier , fo wie andere Theile
deffelben Knochens , zu einem befondern Stück gewor-
den ift.
Die Art aber, wie diefe drei, fämmtlich dün-
nen , gräthenartigen Stücke bei den Vögeln zum Jociv
•bogen verbunden werden , ift eigenthümlich. Das Os
qiiadrato - jiigale , welches als der hinterfte Theil des
ganzen Jochbogens von dem Quadratknochen, mit
dem es articulirt, herkommt, verbindet Cch, ohne
Dazwifchentreten des Jochbeins, unmittelbar mit dem,
von vorn her ihm entgegenkommenden, Fortfatz des
Jochkieferbeins j indem fich beide oft fo weit überein-
ander fclxieben , dafs jedes den gröfsten Theil der
liänge des andern ausmifst. Auf diefe Weife wäre
der Jochbogen fchon gebildet, ohne dafs das Hinzu-
kommen des Jochbeins nöthig wäre. Diefes aber legt
fich nun noch von oben an jene beiden zufamnienge-
fetzten oberen Theile, als eine an beiden Enden zu-
gefchärfte Gr.ithe, an, und verftärkt fo oine ziemliche
Strecke weit den Jochbogen. Demnaclt kommen in
der Mitte alle drei befchriebenen St/icke über einander
zu, liegen, und ein verticaler Durchfchnitt des Bogens
Würde fie fämmtlich auf einmal durchfchneiden, Sa
. 327
verfchieden übrigens clie relative Länge des eigentlichen
Jochbeins bei verfchiedenen Vögelarten feyn mag, fo
erreicht e? doch gewöhnlich weder den Körper des
Jochkiff'iihwchetis , noch den Quadratknocheii , eher
ileri erften als den letzten. Das Getrenntfeyn iämm\-
lirher Stücke dauert weiiigftens bis zum Fliiggewer-
rleii der Vögel, oft viel länger; bei einigen Hühnern
wohl lebenslang. Ich habe Schädel von jungen, aber
längft ausgeflogenen StörcJien und Uhus vor mir, an
welchen fie noch ganz unverwachfen find , und aji
völlig ausgewachfenen PJ^iu - und Auerhahnköpfen,
finde ich blofs das Jochbein mit dem Quadratjochbein
eiiiiiS Theils vereinigt.
Was endlich die Unterkinnlade der Vögel betrifft,
fo ift fchon von Cuvier gewifs richtig bemerkt wor-
flen , dafs fie wohl feitwärts in ihren Aeften , aber nie
vorn im Vcreinigungswinkel derfelben , oder an der
Schnabelfpitze, NütheXvabe. Weder im embryonifcheu
Zuftande, noch in fpätern Altersperioden der Vögel
konnte icli jemals an dem bezeichneten vordem Schna-
belftdck eine Theilungsnath erkennen, und es offefcirt
ilalTellje ganz unftreitig eben fo, wie der Intennaxil-
larknochen im Oberkiefer, von einem ungepaarten,
nittlern Punct aus von vorn oder, der Spitze her
nach beiden Seiten hin , und ift folglich urfpriiiigUch
iingepaari und einfach. Zwar fagt der verdienftvolle
Meckel in einer Anmerkung zu feiner Ueberfetzung
von Cwi)iers Vorlefungen (111. Th. S. 13): „Anfäng-
lich fchejnen auch beim Fötus der Vogel die beiden
leitlichen Hälften des Unterkiefers getraint und an
52S ^* — ^^
ihrem vordem Ende durch Knorpel vereinigt zu feyn ;
fo fcheint es wenigftens in einer Abbildung vom Un-
terldefer eines Straufsfötus , wielche Geoffroy (Mus.
d'hift, nat. T. XX. 27 f. 29) giebt;« allein, ob ich
gleich den Unterluefer des Straufsfötus \veder in^der
Natur, noch in der angeführten Abbildung fehen
konnte, und alfo bei Ermangelung eigener Anficht
das vermuthete Verhältnifs geradezu weder läugnen,
noch beftätigen kann, fo mufs ich doch daCfelbe fo
lange bezweifeln , als es mir in der Natur noch nicht
beftimmt nachgewiefen ift. In dem Falle aber, dafs
diefes gefchehe, meine ich doch, dafs vom Straufs
kein richtiger Schlufs auf die übrigen Vögel gemacht
werden könne, da der Straufs in fo manchen andern
Puncten Geh von den Vögeln entfernen imd den Säug-
thieren nähern konnte.
Uebrigens ift , der Unterkiefer aller Vögel ur-
fpriinglich aus mehrern Stücken zufammengefetzt.
Ciivier fagt: aus dreien; nämlich aus dem vordem,
iingepaanen, welches allein das Schnabelende des
Kiefers bildet und zwei Jeltlichen, welche die Aefte
nach liinten fortfetzen. Dies find auch ganz ausge-
macht bei allen Vögeln, felbft diejenigen nicht aus-
genommen, wo Ciivier ') gar keine Trennung anzu-
nehmen geneigt ift , die Hauptftücke des Unterloefers.
l) Dans la plupart des paffireaux , dans les fia , la plupan des
oiseaux de proie diiirnes, on ne voit aucune trace de future,
et la mächoire inferienre ne paroit formee que d*une piece.
Chi;. Ltf. li'nn. comp. T. III. p. 14. — Näthe find freilich an der
Kinnlade vieler, Telbft gaaa junger Vögel, v/o doch die Stücke
329
Allein bei den meiften, wo nicht bei allen Vögeln,
kommen noch zweierlei gepaarte Nebeiißiicke hiiizw.
Das eine iit eine Ulli gliche, bisweilen dreieckige, dün-
ne Knochenplatte , ivekhe fich an die innere Fläclie
jedes Kieferaftes gewöhnlich fo anlegt, dafs fie fowohl
das vordere Hauptftück, als dafs hintere ihrer Seite
berührt. Diefe Platte findet fich nicht nur beim Ka-
fuar , an dem fie fchon Merkel ff. die angef . Anmerk.)
deutlich beobachtet hat, fondern vermuthlich bei allen
Vögeln. Wenigftens fand ich diefelbs am Unterlvie-
fer der Falken , der Eulen, des Kiikkiiks , der Raben,
der Tauben, des Huhns , Puters, Auerhahns , des
Storchs , der Bläfslinge (Fulica) und des Sieißfi/fses,
und noch habe ich diefe Lamelle bei keiner A^ ver-
tnifst, deren Unterkinnlade in ihrer fri'ihern Bildung
von mir miterfucht wurde. Auch an längfh ausge-
wachfenen Schädeln ift fie oft noch an üiren geblie-
benen Umriffen zu erkennen. Das andere , noch hin-
zukommende Stück befindet fich am hintern Ende d'^r
Unterkieferäfte , und bildet da den bekannten Innern.
Seitenfortfaiz , den Herijj'ant den griffelförmigett
(apophyfe ftyloide) nennt. Denn dafs diefer Fortfatz
aus einem eigenen Knochenkern gebildet wird , und
dafs er bei mehrern Vögeln ziemllcli lange blofs durch
Knorpel mit feinem Unterkieferäfte vereinigt ift, habe
ich am Weihen, am Uhu, am gemeinen Huhn und
leu:lit von t\n,inin geTien , niclit zu bemerken , indem fich i\a
Stünke mit felir zugefehdrften und Mt angelegten £nd«n über-
eiuaiidar Ichieben,
I
33p ^ -~
andern, wider alles Ve'rrtiuthen , wahrgenommen. Ob
Indeffen bei allen Vögeln und insbefondeie bei den
Waffen ö gel n 1 derfelbe Fall ift, wage ich nicht zu
beftimmen; ich bezweifle es faft, da ich an jungen
Storchkopfen, an denen die andern Kieferftilcke fämmt-
lich noch völlig unverwachfen find , niclits davon be-
merken kann. Im Gegentheil ift der befagte Fortfatz
am Storch, fo \vie an den meiften Sumpfvögeln und
manchen Schwimmvögeln , fo kurz und fo wenig an
dem dicken Kieferaftende ausgezeichnet , dafs er wirk-
lich kein befonderer Knochen gewefen , und von dem
hintern Stück umnittelbar hervorgewachfen zu feyn
fcheint. Da aber, wo er anfänglich ein eigenes Stück
ift j^^rwächft diefes doch früher mit dem Hinterende
des Aftes, als die übrigen Stücke des Unterkiefers.
Der Unterkiefer befteht alfo , wie im vorigen ge-
zeigt ift, bei vielen und höchft wahrfcheinlich bei
allen Vögeln urfprünglich wenigftens aus fünf Kno-
clien, nämlich: i) aus dem imgepaarten VorcLerftUck
(Os mandibulae fiircatum), 2 und 3) aus den beiden
l'erlängerungsftiicken , welche die Aefte des vorigen
Stücks fortfetzen (Offa prolongantiaj, 4 und 5) aus
tien beiden Innern Seitenlamellen (OQa lamelliformia).
Bei vielen aber befteht er gar aus ßeben , nämlich
noch : 6 und 7) au« den beiden Fortfatzknochen (Offa
upophyfeos).
Unter diefen viererlei Stücken find doch, wie
oben gefagt, das vordeifte und die Ferlüngerungs-
ftücke immer als die Haupttheile anzufeilen. Die Zu-
fammenfetzung des Unterkiefers aus diefen Haupt-
ftiicken aber cntfpricht vortrefflich Oken\ fch arf finniger
Idee, clafs die lüefer am Schädel, als der Wiederholung
des Rumpfs , gleich den Fufspaaren feyen ; einer Idee,
die fich auch fonft durch unzählige, bei Vergleichung
rler verfchiedenen Wirbelthierformen findbare That-
fachen insbefonclere beftätigt. Fehlt auch diefer Pa-
rallele in einem Falle ein fonft gewöhnliches Moment,
fo bietet fich dafür ein anderes dar, was aufserdem
vermifst wiixi. So ift es hier. Die vordere Mittel-
nath des Unterkiefers, welche die Säugthiere und
andere haben, und welche nöthig fcheint, um die
Kinnlade zu einem Gliederpaar zu machen , fehlt zwar
den Vögeln, aber dafür ift in den feitlichen Aeften
eine Trennung , deren die Säugthicro ermangeln- und
die das Knie der Hinterfüfse darfteilt. Diefes I^nie
der Kieferäfte wird zw^r gewöhnlich nach gerade wie-
der obliterirt, und es war auch vorher kein wahres
Gelenk ; ein folches aber ift es und bleibe es immer
beim Tagf'hlofer (Caprimulgiis) deffcn merkwiirdiges
Kieferaftgelcnk fchon an einem andern Orte ') von
<
l) In meinen ofitographifchm Beiträgen cur Naiurgefchkhie der Vo-
gel. Leipzig iSii. Ein Recenfent diefer Schrift ftellt die vor-
eilige Vermiitluin;; auf; dafs ioli bei der ßefcbreibung der Kinn-
lade des Caprimulgus Ktij>fe junger Vilgel vor mir gehabt haben
möge, und will damit, weil er eigener Beobachtung ermangelte,
feinen Unglauben an die Permanenz des da befcbriebenen Kniea
der Kieferäfte zu erkennen geben. Allein alle fechs Individuen
diefes mfrkwiirdigen Vfigels, v'elclie ich bis jezt habe unter-
fuchen können , waren alt , mehrentlieils gleich nach ilirem
Rilck/iig« im Friibjahr gefchoffen; eins war brütend auf de»
Nefte gefangen. Ich mnfs alfo im Gegcntheil beklagen, daf»
ich K.iiife junget Tagfchlöfer zo beobachten noch g«r keine Ge-
legenheit fand.
333 V
jnjr ausführlich befchrieben ! und durch Abbildungen
dargeftellt worden ift. Bei andern Vögeln biegen fich
die Aefte etwa nur mehr oder weniger nach aufsen
^der innen, ohne dafs die Stücke an ihren Vereini-
jrungsflächen fich im mindeften bewegten oder ver-
fchöben, was fchon in Hinficht der Art, wie
diefe Stücke da einander berühren, und noch mehr
in Hinficht der gewöhnlich bald eintretenden völligen
Synoftofe derfelben fchlechtert[ings unmöglich ift. Ich
jnufs mich daher geradezu gegen die von Geoffroy
und Mecite/ (am angef. Ort S. 62) gegebene Anficht
erklären; als trage die Zidammenfetzung der Kiefer-
äfte zu einer Bewegung , die in einer blofsen Biegung
der genannten Aefte befteht, und deren die Unter-
kinnlade der mehreften Vögel nicht einmal fällig ift,
etwas bei; und ich verfichere nochmals, dafs unter
der grofsen Menge Vögel, die ich in obiger Rück-
ficht unterfucht habe, der Caprimulgus der einzige
ift bei dem das vordere Gabelftück des Unterkiefers
mit den Verlängerungsknochen wirklich anicuäre.
Die Hauptrefultate , welche fich aus diefer Be-
trachtung der Knochenftücke des Kiefergerüftes der
Vögel ergeben, und nach welchen das, was Tiede-
mann im zweiten Bande feiner Zoologie über denfel-
ben Gegenftand fagt, durchgängig berichtigt und er-
gänzt werden mufs, find überfichtlich folgende:
l) Der Intermaxillarhiochen der Vögel ift immer
ein einfaches, imgepaartes Stück.
333
s) Die Nafenknochen d. V- ImcTblofse Foftfatze des
I n tennaxillarkiiochens .
3) Die Oberkieferbeine der Säugtliiere werden durch
zwei difdncte KnocJien paare in den Vögeln dar-
geftellt, durch a) die Jochkieferbeine, i) die
Nafenkieferbeine.
4) Der Jochbogeii jeder Seite befteht aus drei
Theilen, welche find a) der Fortfatz des Waw
genkieferbeins , i) das elgetuüche Jochbein:,
c) das Quadraijochbeiii.
5) Die Unterkinnlade d. V. hat vorn keine Nath
und befteht aus fieben Knochenftücken. Diefe
find nämlicli a) das vordere uagepaarte Gabel-
ftilck , b und c) füe beiden Verlüngerungsfiacke,
d u. die beiden Lamellenknochen , / u. g) die
beiden Foii fatzknochen .
334:
II.
V e r f u c h
einer Entwicklungsgefchiclite
der
Centraltheile des Nervejijyfbems
in den Säugthieren.
Von
J. F. M e c k e I.
(Fottfetzung des im iXten Heft abgebtoclinen AuITatzes.}
Die im Vorigen gegebenen Befclneibungen einzelner
Centraltheile des Nervenfyftems in verfchiedenen Le-
bensperioden machen es möglich, einen Verfuch zn
einer allgemeinen Darftellung der allmähligen Ent-
wicklung diefer Organe zu machen.
Ich werde Ce nach den verfchiedenen Momenten,
welche fie darbieten, in der Zeitfolge, in welcher
fie entftehen und fich ausbilden,! betrachten, und mach«
daher mit dem Rückenmark den Anfang.
I. Rückenmark.
§• 43.
Wie entßeht das Rückenmark ? Schon vor ga-
raumev Zelt habe ich die Vermuthung geäufsert, dafs
das Rückenmark anfänglich entweder aus einer , oder
335,
■ aus zwei nebea, einander liegenden, queren Platten be-
ftehe , die ück entweder , wenn die letztere Meinung^
richtig ift, prft vorn, ; dann liinten verbinden, oder,
wenn die erftere die wjjhre ift » . blpfs hinten anfangs
■einander entgegen biegen, dann verej^gen '),
Für diefe Meinung beftimmte niich danj^s vor-
züglich die genaue Unterfuchung einiger fehr früher
Kaninchenembry oiien , wo .ich I?ei, mikroskopifcher
Betrachtung querer Durchfchnjtjje de^ Rückenmarkes
fehr deutlich die hintere Fvr,che fich .Ipis in die
Höhle des Rückenmarkes fori,fetzend und diefe io-
anfehnlich und fich fo weit nach.vqrn eiftreckend
fand , dafs ich ungewifs war , ob nicht vielleiclit das,
Ritckenniark auch hier gefpalten.JJay , mithin aus zwei
Hälften beftehe. ,.
Ein ferneres Argument war mir, die bei den Tö-
gebt und S(:hildkrüitn an beftimmten Stellen Statt
findende Aufrollung, das j^useinanderweichen der
beiden Seilenhalf tcu des Rückenmarkes an der hinter^
Fläche. ly .-.^yj.^
Aufserdern fjiricht für tliefe Meinung die Entfte-
hungsweife des Riickenmarkes in der Thierreihe, in-
dem es bei mehrern Infecten und Cruftaceen , ganj
deutlich aus zwei feitlichen, oft ftellenweife weit aus
einafliler. weichenden Strängen bcfteht. Hier ajfckönnt«
man fich das Ruckenmark aiif der nipdrigften .Stpfc
flehend itenken, wo fich die beiden longitudinale^ Plat-
ten wenigftens. noch nicht (ibcrall in der Mittellinie
l) GtvMT ver^l. Anit. Ueberf. Bi. 3. S. lil-
iZ6 Jr^^^
2u einer verfchmolzeii , ' vrel weniger iliire gferädeGfeii
ffelt in '^iäe gewölbte verwandelt und ÖSaäder eijt-'
gegengebogen Hätten', fo dafs ein Axifätz zu der Höhle,
welche fich tei allen Wirbelthieren , bis jetzt, fo viel'
ich weift, nurmiit Ausnahme des Menfchen^ dtaGhitn-
völlüorrtninen Zidtande als normale Bilcking findet,
noch durchaus nicht vorhanden wäre. '
Dazu kommt,' dafs auch das Gehirn, iind diefes.
weit langer als das Rückenmark, anfänglich aas zwei
■weit vollkoinmner voÄ" 'einander gefrennten, Seiten-
hälften befteht, als fpäterhin, wo lieh diefe durch
örft entftehende Gommiffuren unter einander ver-
binden.
Ferner kann mai fich, nach fo vielen Gründen '
auch der bei Bildungsabweichimgen , deren Wefen ein!
Stehenbleiben auf einer frühem Bildungsftufe ift, nicht
ganz feiten , namentlich von Zacchias , Mariget, Graf'
hiiis y Hüll, Mcilacarne und Mohrenheiin heobachtetea-
'fheilung des Rückenmarkes in zwei feitliche Stränge '
fehr wohl als eines Halfsgrundes bedienen.
•' -■' -$. 44.
Gegeii diefe 'Anfleht hat fich neuerlich Herr (7a« '
rus •) in feiner mit aufserordentlich vielem Fleifs und
Geift verfafsten Darfteilung des Nervenfyftems erklärt^
weil das Rückenmaik anfangs immer ein , mit einer
Flüfßgkeit angefüllter Kanal fey. ;•■
Dafs fich diefe Ueberzeugnng auf Unterfuchuir- '
gen von Säugthierembryonen gründe , findet man nir-'
geüds;
'l>S. 3Ig u, ai9.
gends; fie fcheint vielmehr nur von, befonclers Nico-
lai's, Beobachtungen am bebrüteten Hiihnchen entlehnt
zu feyn. Indeffen will ich fehr gern annehmen , clafs
der Schlafs vom Vogel auf das Säugthier feine Rieh-
tigkeit hat, da es in der Sache nichts ändert. Es
fragt fich Äämlich immer , was ift denn diefer Kanal ?
Höchft walu:fcheinlicli find es doch wohl die Hüllen
des Rückenmarkes, das Schleimgewebe, aus welchem
fie fich bilden. Dies mag immerhin die Geftalt eines
Kanals haben, ohne dafs daraus folgte, dafs in der darin
enthaltenen FlüCfiglieit nicht die Nervenfafern in Geftalt
\'on Platten anfchiefsen, welche erft gerade find, dann
fich wölben und in der Mitte zufammenfchlagen.
Herr Carus glaubt, man miiffe vielmehr theils
aus der Beobachtung des fich bildenden Rückenmar-
kes , theils durch Analogie , aus der Betrachtung der
verfchiedenen Formen deffelben in der Stufenfolge der
Thierklaffen, fchliefsen, dafs das erfte beftimmtere Ge-
bilde deffelben der Kanal fey, dafs darauf, der fich in
ihn einfenkenden Gefäfse wegen, die an diefeni Kanal
fich anfetzende Nervenmaffe wieder in zwei feitlicha
Stränge zerfalle, deren jeder abermals gewifferniafsea
die Urform des Rückenmarkes wiederholt.
Allein rlas wichtigfte , die Beobachtung der Ent-
wricldung des Rückenmarkes im Embryo , fehlt gerade
indem ich unmöglich die von Herrn Carus gegebene
Darftellung der Bildungsgefchichte deffelben im Hühn-
chen, als genügend anfehen kann. Die Entwicklung
des Rückenmarkes in der Thierreihe fpricht, folita
oion denken , gerade gegen die Annahm« diefes fcliwf •
M. d. ^re/Uo I. 3. Y
338
finnigen Gelehrten ; wenigftens halten mich für jetzt die
oben ' ) angeführten Gründe noch ab , mit ihm das Rü-
ckengefäfs der Infekten für das erfte Rudiment des Rü-
ckenmarkes in der Tliierreihe anzufehen '), da daffelbe
durch feine weitere Ausbildung in höhern Thieren fo
deutlich als Rudiment des Gefäfsfyftems erfcheint.
Und, was find denn, näher betrachtet, die zwei
feitlichen Stränge anders als Platten? Lehrt nicht
die Beobachtung am Hühnchen, dafs die Bildung der
Nerven fubf tanz des Rückenmarkes ziierft an der iin-
lern , den VVirbelkörpern zugewantlten Fläche anfängt
und von hier aus fortfchreitet ?
Ueberdies haben mich fowohl fruhere, als in die-
fem Augenblicke noch an fehr jungen menfchlichen
und Schafsembryonen wiederholte Beobachtungen in
fo fern von der Richtigkeit meiner Anficht überzeugt,
als ich dadurch abermals mit der gröfsten Beftimmt-
heit belehrt worden bin, dafs das Rückenmark an-
fangs eine hohle Platte darftellt, deren beide Enden,
an welchen fie dünner als in ihrem übrigen Verlauf
ift, zwar hinten in der Mittellinie nahe an einander
liegen, allein durchaus nicht mit einander verbunden
find. Ich fehe namentlich bei dem , katun fünf Linien
langen Schafsembryo, mit bewaffnetem und unbe-
waffnetem Auge, in der Mitte der ganzen Länge der
liintern Rückenmarfafläche eine deutliche , verliültnjifs-
mäfsig fehr anfehnliche Furche verlaufen.
i) H. I. S. n ff.
i) A. a. O. S. 76-
339
Querclurchfchnitte , durch das ROckenmark und
die Höhle , worin es fich befindet , geführt , zeigen
zwar eine äufsere Höhle ; allein dies find offenbar die
umgebenden Theile, welche fpäter in die Haut, dia
Wirbel und die Rückenmaikshiillen zerfallen. Ganz
von diefen getrennt erfcheint das Rückenmark felbft
nach dem angegebenen Typus gebiltlet. Faft in feiner
ganzen Höhe ift es durch eine , vorzüglich etwas iiber
der Mitte fehr weite, im Ganzen rautenförmige Fur-
che, in zwei Hälften getrennt. Nur unten, gegen
die Wirbelkörper, fcheint diefe Furche zu fehlen.
Doch ift diefer untere, unpaare , mittlere Theil des
Rückenmai-kes fehr dünn, weit dünner als die zu-
nächft liegenden Abfchnitte der Seitentheile , und es
wäre daher felir wohl möglich, dafs beim noch frü-
hem Embryo anfänglich auch hier eine Trennung
Statt fände. Die beiden, in diefer Periode, wie es
fcheint, unten in der Mitte verwachfenen Seitenhälf-
ten zerfallen fchon jetzt in fich felbft wieder in eine
untere, fowohl höhere als breitei'e und eine obere,
kleinere Hälfte, wodurch die Abtheilung in zwei vor-
dere und zwei hintere Stränge fchon angedeutet ift.
Im Ganzen ift jede Seitenhälfte nach auCsen gewölbt,
nach innen ausgehöhlt, etwas über ihrer Mitte aber,
beim Anfange des obem Stranges, nach aufsen be-
trächtlich eingefchniirt , wie fie auch in ihrem Innern
Umfange plötzUcli hier ftärker ausgehöhlt wird. Ueber
diefer Stelle biegen fich die obern Theile der beiden
Seitenhälften einander beträchtlich entgegen , find aber,
irrie gef<igt, durchau« von einander getrennt.
Y a
340
Beim iTienfchlichen Embryo liabe 'ich zwar diefc
Bildung noch nicht gefehen , indeffen beweift dies nicht
geradezu , clafs fie fich hier nicht in frühem Perioden
wirklich finde. Theils war der jiingfte, von mir un-
terfuchte menfchliche Embryo doppelt fo grofs .ils der
kleinfte Schafsembryo, theils durchläuft bekanntlich
jeder Embryo die niedern Bildungsftufen defto fchnel-
1er , je höher feine Klaffe fleht ; alfo könnte man fehr
wohl felbft bei viel kleinern menfchlichen Embryo-
nen diefe Bildung nicht finden, ohne deshalb zu dem
Schlaffe berechtigt zu feyn , dafs fie in frühern Pe.
rioden nicht dennoch Statt fände.
Wirklich aber ift das Rückenmark beim fieben-
wochentlichen menfclilichen Embryo fo angetordnet,
dafs dieie Vermuthung auffallend beftätigt wird. Auch
hier verläuft mitten durch das Piückenmark ia der
Richtung von der Rücken- zur Uuterleibsfläche ■ eine
anfehnliche Lücke, die fich gegen ilire beiden Ende»
allmählig zufpitzt. Diefe Lücke habe ich zwar nicht
überall, als Stücke aus den verfcliiedenen Gegenden
des Rückenmarkes unterfucht wurden, bis zum Um-
fange des Rückenmarks mit Beftimmtheit dringen
fehen, allein fehr deutlich bemerkt, dafs i) in der
Mitte der Bauch- und der Rückenfläche des Rücken-
markes die Subftanz weit diurchlichtiger als auf den
Seiten war; a) die Spalte fich nach dem Rücken viel
weiter als nach vorn fortfetzte. In einigen Abfchnit-
ten aus der Lendeugegend verlief fogar beftimnit hier
eine fehr feine Spalte bis zur Mitte der hintern Hälft«
des Rückennaarkes , fo dafs hier diefelbe Bildung,
34 t
welche fich bei dem jungen Sclinfsfiitus auch in an-
dern Gegenden findet, vorhanden war.
Herr Carus vermuthet, dafs meine Meinung aus
der Tiefe der liintern Spalte des Rückenmarkes im
Fötus, befonders dem der Nagethiere, entftanden fey.
^Vahrfcheilllich glaubt er daher, dafs ich entweder
diele Spalte für die Höhle angefehen, oder fie wenig-
ftens bis in die wahre Höhle verlängert habe; allein^
diefer Vermuthung liegt eine nicht völlig richtige
Anficht der ßikUing diefer Spalte zu Grimde, eine
Bemerkung, tlie fich auch auf die vordere anwen-
di-n läfst.
Nach Herrn Carus Darftellung nämlich fcheint
es, als feyen diefe Spalten defto tiefer, je näher der
Organismus feiueni Entftchen ift, imlem er in der
Lehre von der Bildung des Riickemnarkes der Säug-
thiere (a. a. O. S- ai?-) angiebt, dafs die hintere Spalte
der Nugpihierfötus befonders tief, beim Kalbe be-
trächtlicher als beim Ochfen fey, bei der Entwick-
iuiigsgefchichte des menfchlichen Rückenmarkes gleich-
falls der befondern Tiefe derfelben in der Schulter -
und Lendcnaufchwellung erwähnt (a.a.O. S. 265.); al-
lein, ungeachtet diefe Angaben richtig find, wenn fpä-
tere Embryonen mit dem Erwachfenen verglichen
werden, fo muffen fie doch eingefchränkt werden,
wenn auf die frühem Entwickluiigsperioden Rück-
licht genommen wird. Hier fehlt in der That fo-
wohl die vordere als die hintere Spalte durchaus.
Beide bilden fich erft lange nachdem fich die Rilcken-
marksluihie fehr beträclitlich verkleinert hat , die vor-
dere weit früher als die hintere. Jene ift in dem
Mafse flacher und breiter, erfcheint mehr als ein längs
der vordem Fläche des Riickenniarkes verlaufender
flacher Eindruck, je jünger der Embryo ift und wan-
delt fich erft allmählig in eine Spalte um. Lange
nachdem diefe Veränderung an der vordem Fläche
gefchehen ift, fehlt durchaus noch jede Spur einer
Spalte an der hintern und die Rjickenmarkshöhle er-
fcheint als eine fcharf abgegränzte runde Oeffnung.
Dies habe ich an menfchlichen und Schafsembryo-
nen mit der grüfsten Beftimmtheit mehrmals beob-
achtet. Da alfo in der Zeit, wo die Höhle im In-
nern des Rückenmarkes noch eine longitudinale Lücke
ift, fich noch gar keine hintere Spalte findet, fo fällt
natürlich die von Herrn Carus angenommene Veran-
laffung zu Entftehung meiner Meinung weg und, wenn
ich mich in der Annahme , dafs die Höhle anfänglich
eine, wenigftens nach hinten, offne Spalte fey , irre,
fo kann der Irrthum nur dadurch entftehen, dafs-
die fehr weite longitudinale Lücke durch Einreifsen
der höchft dünnen , fie von hinten fchliefsenden (aber
durchaus nicht vertieften) Marklage in eine völlige
Spalte verwandelt wird. Dies ift möglich, indeffen
mufs gewifs diefe hintere Marklage anfänglich aufser-
ordentlich dünn feyn.
Nach meiner Anficht findet fich alfo anfänglicli
eine nach hinten offne Spalte, welche faft durch die'
ganze Dicke des Rückenmarkes reicht, indem fich vom
nur eine fehr kleine Lage von Nervenfubftanz findet,
die auch vielleicht anfänglich ganz fehlt. Diefe Spalte
- fcliliefst ficli, im Fall fie nur hinten offen ift, von
aufsen nach innen fo, dafs fie zuletzt beim Menfchen
ganz verfchwindet , und bei den Saugtliieren und den
übrigen Klaffen nur eine rundliche, überall von Mark-
fubftanz umgebene Höhle übrig bleibt. Während die-
fer Verkleinerung und Verwandlung der Spalte in
eine Hohle vertieft fich erft die vordere , dann auch
die hintere Wand des Rückenmarkes zu der vordem
und hintern Spulte , die aber mit dem Kanal durch-
aus nie communiciren und eben fo wenig mit der an-
fänglichen grol'sen Spalte etwas gemein haben.
Für die Rfchtigkeit diefer Darftellung ftehe ich.
Diefer Entwicklungsgang ift in fo fern höchft wichtig,
als er völlig nach denfelben Gefetzen mit der Ent-
wicklung des Gehirns gefchieht, wo gleichfalls frü-
her die fpäter getrennten Seitenhälften, namentlich
das grofse und kleine Gehirn, die Vierhügel und die
Sehhiigel nicht in der Mitte durch eine Längenver-
tiefung getrennt find , etwas fpäter aber diefe longitu-
dinaicn Trennungsfurchen deutlicher und tiefer fincf
als in den folgenden Lebensperioden, fie, wie in den
allerfrüheften Perloden höchft wahrfcheinlich auch die
Höhlen des Gehirns oben nicht verfchloffen waren,
wovon weiter unten die Rede feyn wird.
Wichtig ift auch der anfängliche Mangel der
vordem und hintern Rückenmarksfpalte in fo fern,
als er mit der anfänglichen Glätte und Windungslofig-
keit der OberAäclie der Hirntheile zuTammen zu fal-
len fcheint.
Ich halte daher für jetzt den Satz: „dafs das
fy Rückenmark anfänglich ans zwei, nur in. ihrem
„ untern Theile an einer fchnialen Stelle vereinigten,
„in noch frühem Perioden vielleicht auch hier ge-
iftrennten, und auch da, wo die untere Bereinigung
„Statt findet, faß in ihrer ganzen übrigen Hö/ie,
„alfo auch jetzt noch faft gar niciu mit einander ver-
„hundnen Strängen beftehe, welche fich von beiden'
„ Seiten durch vermehrten Anfatz von Nervenfuhftanz
„ einander , mit Verminderung der Capacitüt der zwi-
„fchen ihnen befindlichen Lücken dergeftalt nähern,
„daß fie zuerft in der Miitellinie zu einem ver-
„fchmelzen^" mehr als je für völlig erwiefen.
§• 45.
Die Unterfuchung etwas älterer Embryonen dient
zur Beftätigung cliefer Anficht und belehrt über die
Art der weitern Entwicklung des Rückenmarkes.
Später nämlich verwandele fich die anfangs vor-
handene Spalte in eine durch die ganze Länge des
Rückenmarkes verlaufende Höhle. ^
Diefe ift anfangs bedeutenrl grüfser als in fpätem
Perioden, ftellt eine von vorn nach hinten verlaufende,
in der Mitte angefchwollene Lücke dar, die fich bald
gegen ihre beiden Enden beträchtlich zugefpitzt, und
in eine rundliche, ziemlich in der Mitte, doch mehr
nach unten liegende Hohle verwandelt, die in dem
Mafse enger ift, als der Fötus reift.
Indeffen ift fie immer noch beim reifen Fötus
und höchft wahrfcheinlich noch in den erften Momen-
ten nach der Geburt vorhanden. Wenigftens habe ich
345
fie in den erften drei Monaten nach der Geburt, fpäter
dagegen nicht immer gefunden. Herr Tiedeniann
fclieint fie zwar nur bis zur zwölften Schwanger-
fchat'tswoche anzunehmen '), allein ich fand fie in
der That bis zur angegebenen Periode, und auch Herr,
Cariis fcheint durch feine Unterfuchungen auf daf-
felbe Refultat geleitet worden zu feyn, indem er aus-
drücklich bemerkt, dafs er fie bei allen Embryonen
gefunden habe ').
Ob fich vielleicht cliefe Höhle an einer Stelle
früher als an der andern verfchliefst, kann ich nicht
beftijnmen , da ich fie in allen Perioden , wo ich fie
fand , durch das ganze Rückenmark verlaufen fahe.
Indeffcn ift es nicht unwalirfcheinJich, dafs, wenn fie
fich an einer Stelle früher als an der andern ver-
fchliefst, dies im Brufttheile gefchehen werde, theils,
weil der obere TJieil mit der vierten Hirnhöhle am
nächften in Verbindung fteht, theils, weil fich in der
Lendengegend die in den frühern Perioden vorhandene
Spalte am fpäteften fchliefst, und hier am häufigften
die Bildung des Rückenmarkes fich nicht auf den nor-
malen Grad erhelit.
So gcwifs nnu nach diefen Unterfuchungen,
welche mit denen von Herrn Carus übereinftimmen,
und einander, um fo mehr, da fie unter einander völlig
unabhängig fiud , gegenfeitig beftatigen , die Anwelen-
l.(;it einer Hohle im Ruckenmarjk im Fötuszuftande ift.
I) Zonl. Bd. j. S. «4^.
a) A. ». U. S. s<5.
346 — ^
fo gewifs ift, auf der andern Seite, diefe Höhle nur
einfach, und ich habe, trotz der forgfältigften Unter-
iuchiing, die ich in alJen Lebensperioden am Rücken-
mark des Menfchen und mehrerer Säugthiere anftelJte,
die von Gull aufgeftellte Behauptung , dafs in jedem
Strange, fogar beim Erwachfenen, ein Kanal verlaufe '),
fo wenig als früher beftätigt gefunden ').
§. 46.
Das Rückenmark unterfcheidet fich in den frühem
Lebensperioden von lieh felbft in fpätern auch durch
verhältnifsmäfsig anfehnlichere Gröfse, fofern es anfangs
ibwohl länger als dicker ift. Schon Wrisberg hat
diefe Bemerkung in Beziehung auf die Länge deffel-
ben gemacht ').
Auch habe ich diefe Beobachtung fchon' vor ei-
niger Zeit, fowohl bei einer Darfteilung der Parallele
z\vifchen dem Embryo und permanenten niedern Bil-
dungen 4), als bei der Erklärung der meiften Mifsbil-
dungen aus einer Hemmung auf Durchgangsbildun-
gen benutzt 0.
Indeffen fcheint Wrisberg diefe Anordnung des
Rückenmarkes nur durch die Bedeckungen erkannt,
nicht nach Wegnahme derfelben näher unterfucht zu
haben, und feine Beobachtung könnte daher, vorzüg-
1) Anat. u. Phyt des NervenX Paris Igio. S. 141 ff.
2) Beitr. zur vergl. Anat. Bd. 2. H. I.
3) Defcr. anat. embr. p. 2j. Bei einem zelinwöchentl. Embryo.
4) Beitr. zur vergl. Anat. E. 2. H. I. S. }0.
5) FathoL anac. Bd. i. S. 355.
347
]ich da er gar nichts näheres darüber, und nament-
lich nichts über das Verhältnifs der Nerven zu dem
Rückenmark fagt, defto ungenügender fcheinen, da
er bei den übrigen Embryonen, die er unterfuchte,
zwar einiges über das Gehirn ; über das Rückenmark
tiagegen gar nichts bemerkt.
An den angeführten Stellen habe ich zugleich
bemerkt, dafs ich bei mehrern Säugthierembryonea
das Rückenmark regejmäfsig durch die ganze Wirbel«
föule verlaufen gefehen ; allein , da ich fpater fahe,
tlafs es fich auch im vollkommnen Zuftande bei meh^
rern Thieren diefer Klaffe viel tiefer herab erftreckt
als beim Menfchen '), fo würden auch die von mir
an Säugthierembryonen gemachten Beobachtungen nicht
geradezu darthun, dafs beim menfchlichen Embryo
«liefe Bildung vorkommt.
Die Analogie mit dem vollkommnen Zuftande
diefes Organs bei niedrigem Thieren , namentlich den
Vögeln, mehrern Reptilien, den meiften. Fijchen, In-
fecten und Würmern, ift zwar gleichfalls ein Grund
fOr diefe Anficht; allein theils darf man fich diefer
gerade in der Entwicklungsgefchichte nur mit der äu-
fserften Vorficht bedienen, theils bietet gerade die Form,
des Nervenfyftems in diefer Hinficht zu viele Abwei-
chungen von der Regel dar, indem bei mehrern Fifchen
und Rrptdien , und fehr vielen Infecten das Rücken-
mark fich bei weitem nicht durch die ganze Länge
des Körpers erftreckt.
i) Arl^ky de plfc, cerebro. Hil. itl). 'p. 4.
5*4$
-1' Es war daher befonders noth wendig , diefen Ge-
genftand am menfchlichen Embryo zu prüfen. Die
Unterfuchung mehrerer Embryonen von der fiebenten
Schwangerfchaftswoche an hat mir mit Beftimmtheit
dargethan, tlüfs das Rückenmark wirklich anfangs die
ganze Länge der Wirbelfäule, bis zu den Schwanz-
belnen, einnimmt. ^
Beim fiebenwöchentlichen Embryo hat es völlig
diefe Länge und ift fogar bis an das Ende beträcht-
lich dick. Auch beim eilfwöchentlichen reicht es noch
fo weit, und wird früher etwas dünner als dort. Nach
fpätera Unterfuchungen kann ich mit Beftimmtheit
feftfetzen, dafs das Rückenmark bis in den dritten
Monat die ganze Länge der Wirbelfäule einninmit.
Schon in diefem aber fängt das Marls in dem untern
Theile deflelbcn beträchtlich zu fchwinden an, und
der um die Unterfuchung des Nervenfyftems fo wohl
verdiente Carus fcheint mir daher die Periode, in wel-
cher das Rückenmark beim menfchlichen Embryo die
ganze Länge des Wirbelkanals einnimmt, etwas zu lang
enzmiehmen, wenn er lagt, dafs fie bis zur Hälfte
der Schwangerfchaft daure ').
Das Rückenmark ift alfo wirklich anfangs be-
trächtlich lüi7ger als in fpätern Perioden.
Eben fo ift es anfänglich auch bedeutend dicker^
fowohl im Verhältnifs zum Gehirn als zum ganzen ^
Körper: eine Behauptung, von welcher keines der von
mir unterfuchten Säugthiere eine Ausnalime macht.
A. a.O. S. JÄJ.
~'— 549
Es ift alfo in der That in frühem Perioden gröfser^
Beim Menfchen unterfcheidet es fich auch in diefer
HinGcht, vorzüglich aber in Beziehung auf feine
Lunge, von fich felbft in den verfchiedenen Lebens-
perioden bedeutender als bei den übrigen Siiuglhieren,
weil es bei diefen das ganze Leben hindurch weit tie-
fer als bei ihm herabreicht.
Nach Herrn Cariis findet fich in Hinficht auf
das VerhäJtnifs der Maße des Rückenmarkes 2U der
des Gehirns nur eine fehr unbedeutende Verlchieden-
heit zwifchen dem Fötus und dem Erwachfenen '3.
Dies bezieht er vorzüglich auf die Dicke, indem er
f«lbft anführt, dafs die Länge deffelben bis zur Mitte
der Schwangerfphaft der des ganzen Wirbelkanals ent>
fpricht. Doch führt er felbft auch mehrere That-
iachen an , welche beweii'en , dafs das Rückenmark an-
fangs verhältnifsmäfsig dicker ift.
§. 47-
Die Betrachtung der verhältnifsmäfsigen Dicke des
enibryonifchen Rückenmarkes führt zunächlt zu Un-
tcrfuchungen über das Verhältnifs, welches in diefer
Hinficht zwifchen den verfchiedenen Gegenden deffel-
ben Statt findet. Das Rückenmark des Erwachfenen
5ft bekanntlich in der Mitte am dünnften und fchwillj
an feinem untern und obern Ende, an diefem bei wei-
tem am ftüfkften, an. Diefe Anfchwellungen ftehcn
mit der grofsern Stärke der an diefen Stellen aus ihm
tretenden Nerven der Extremitäten in Bezieliung. Es
A. d. U. S. U2.
350
fragt fich , ob de fich fchon in frühen Lebensperioden, .
auch in den früheften , finden , und eben fo fich gegen-
feitig zu einander und zu dem dünnem Theile immer
auf diefelbe Weife verhalten? Das Rückenmark ift
im vollkommnen Zuftande fo verfchiedenartig befchrie-
ben worden, dafs man kaum erwarten kann, diefe
Frage von allen Beobachtern gleichmäfsig beantwortet
zu fehen. Bei meinen Unterfuchungen fand ich, wie
fich faft mit G«wifsheit voraus fagen liefs , den Unter-
fchied zvvifchen den angefchwollenen und der einge-
zogenen Stelle defto geringer, je näher der Embryo
feiner Entftehung war, unftreitig wohl wegen der
um fo geringern Entwicklung der Gliedmafsen und
ihrer Nerven und der überhaupt verhältnifsmäfsig an-
fehnlicheren Dicke des Rückenmarkes. Sobald diefe
fich aber etwas bedeutend entwickelt haben , wird der
Unterfchied äufserft auffallend. Man vergleiche zu
diefem Behuf z. B. die 9te mit der aiften und saften
Abbildung auf Taf. 2.
Ift aber das Verhältnifs zwifchen der obern und
untern Anfch wellung in allen Lebensperioden daffelbe?
Diefe Frage kann einen doppelten Sinn haben. Sie
kann blofs heifsen: ift die obere A^^fch wellung in
allen Lebensperioden ungleich viel dicker als die un-
tere? Sie kann aber auch meinen: ift die obere An-
fchwellung immer dicker als die untere, oder ift fie
nicht vielleicht früher dünner als fie, oder ihr wenig-
ftens gleich? Die erfte kann natürlich nur nach die-
fer beantwortet werden.
Herr CarusJazt in Bezug auf die Anfchwellun-
gen des Rückenmarkes den Satz aufgeftellt: „dafs
„fich das Rückenmark beim menfchlichen Fötus be-
„ fonders in fo fern unterfcheide, als hier die untere
„in der Lendengegend befindliche die den obern Ex-
„tremitäten entfprechende eben fo fehr überwiegt als
„im Erwachfenen die letztere die untere übertriff t.^^
Zugleich hat er hierin eine unverkennbare Analo-
gie mit niedrigen Thiergattungen gefunden und er-
klärt, warum nothwendig erit die untere, dann die
obere dicker feyn müjfe. Die anfänglich gröfsere
Dicke der untern foll mit der gröfsern Stärke der
Nerven der untern Extremitäten und der anfehnlichern
Mafle diefer letztern überhaupt, die fpäter entftehende
der obern , ungeachtet der gröfsern Feinheit der Ner-
ven der obern Extremitäten, mit der vollkommnern
Entwicklung und gröfsern Agilität der obern Extre-
mitäten im geraden Verhält nifs ftehen ').
So fmnreich diefes Räfonnement auch ift, fo fcheint
mir doch die Thatfache, zu deren Erklärung es an-
geftellt wird, nicht ganz richtig zu feyn; denn ich
habe in der That, den fehr frühen Zuftand ausgenom-
men, wo, wie beim fiebenwöchentiichen Embryo, fo
gut als gar keine Verfchiedenheit wahrzunehmen ift,
immer die obere Anfchwellung feltr deutlich fcürker
als die untere gefunden.
$. 48.
Nach Herrn Carus hören die obern Rdckenmarks-
ftränge beim menfchlichen Fotus früher auf als die
I) fi. i<5.
353 — ^— —
untern, hierdurch kommt die graua Subftanz zu Tage
und das Rückenmark fcheint fich daher mit einen
Knötchen zu endigen *). Ungeachtet forgfältiger Un-
terfuchung habe ich doch bis in den fechften Monat
nichts diefem ähnliches mit Beftimmtheit wahrnehmen
'können, und auch von diefer Periode an finde ich
nicht fowohl, dafs die hinlern Märkftränge früher auf-
hören als die untern, als dafs fie gegen das untere
Ende des Rückenmarkes nach Art des Lendentheiles
im Rückenmark der Vögel aus einander weichen.
Dagegen bildet der obere und hintere Theil der
obern oder hintern Rückenmarksltränge anfangs im
ganzen Verlauf des Rückenmarkes einen beträchtlichen
fchmalen V^orfprung über den untern , fo dafs diefer
Theil nur auf den untern aufgefetzt fcheint. Allmäh-
!ig verfchwindet diefes Anfehen, indeffen fiodet fich
noch beim reifen Fötus im obern Theile des Rücken-
markes ein folcher, wenn gleich weniger merklicher,
Vorfprung.
Diefe Bildung findet fich bei deu Fifchen , fo wie
das Auseinanderweichen der Stränge im untern Theile
an das Vorkommen derfelben Anordnung im Lenden-
theile des Rückenmarkes der Vögel und an die gerade
hier am häufigften erfcheinende Rückenmarksfpalte
arinnert.
§. 49-
Das Rückenmark der Säugthiere durchläuft daher
alle bleibenden, unter ihnen flehenden Thierftufen.
In
i) S. 364.
56'3
■ In den fn'iheften Perioden , wo es aus zwei Sei-
tenhälften beftelu, tlie wenigftens hinten nicht gelchlor-
fen find, entfpricht es dem Rückenmark der InjekteA
und Krvfienthieie. Bei niehrern Reptilien, nament-
lich deh Schildkröten, vereinigen fichtke beiden Hälf-
ten hinten in der Gegend der Arm - 'utid Schenkel-
anfchwellungen , bei den Vögeln nur in der letztern
nicht. Damit hängt es wahrfcheinlich zufamraen, dafs
auch bei tien Säugthjeren diefe Vereinigung hier am
fpäteften zu gefcliehen fcheint.
Nachdem diefe Vereinigung gefchehen ift beftelit
bei den Süiigthieren das ganze Leben hindurch die
dadurch gebildete Höhle, verengt fich aber allmählig
bedeutend. Die gröfsere Weite der Höhle ftellt das
Säugthier in feinen frühem Lebensperioden den Fifchen^
Reptilien und rögeln ') parallel. '
• Beim Menfchen verfchliefst fich fchon im erhen
Lebensjahre der RQckenmarkskanal nnS nur als
regelwidriges Verweilen auf einer friiliern Eiklungs-
ftufe bleibt er bisweilen in eiiier grüfsern oder kur-
zem Strecke.
Klien fo entfpricht das frühere Verliältnifs des
Rückenmarkes zum Gehirn und Körper in Hinficht
ij Njch Herrn Ticiemmn fcheint zv/ar das Rackenmark der Vö-
gel nur in den fr heften Zeiten einen, mit einer klaren lympha-
tifclien Fliiffigkeit angeliiUten Kanal zu enthalten (A. a. O.
S. C^\)^ Allein ich habe bei allen meinen Unterfuchungcii die
iRicliii;;l<eit der Anp;abe von Citn , dafs bei; den yiigctn ilaa
RUckenm irk beftändig einen folchen Kanil enthalte (A, a. U.
S. l^oj befuiiigt ijefuiuleii.
M. d. Archiv, l. J. Z
354
auf Maffe clefto niedrigem Bildungen, je jünger der
Embryo ift. Doch findet in Hinficht auf die Längn
fies Rückenmarkes bei den meiften Tlueren fahr grofse
Aehnlichkeit in fo fern Statt, als es faft bei allen die
ganze Länge, der Wirbelfäide einnimmt, und der voll-
kommen entvRicl^elte Zuftand des Menfchen unteifcheir-
det fich durch die Kürze feines Rückenmarkes faft von
dem aller unter ihm flehender Thiere. Ich fuge mit
gedacht, faß aller, denn, .ungeachtet ich bei meh-
rern Nagethiereii , Wiederkauern und Zehengeherit
das Rückenmark durch die ganze Lendengegend fort-
gefetzt fand '), und fchon früher bemerkte *), dafs
bei den Fugelii imd Fifclien fich daffelbe durch die
ganze Wirbelfäule erftreckt, auch bei mehrern Repti-
lien fich ein ähnliches Verhältnifs findet, und Herr
Carus ') die Anfüllung der ganzen Wirbelfäule durch
das Rückenmark als allgemeinen Säugthiertypus auf-
ftellt, wovon hüchftens die menfchenähnlichen Säug-
\hiere eine Ausnahme machen dürften, fo bemerkte
ich doch fchon früher, dafs einige Fifche von meiner
frühem Regel eine'Ausnahme machen ■*) und, indem
ich dies fchreibe, bietet mir der Igel unter den Säug-
thieren eine nicht weniger merkwürdige Ausnahme
dar, indem bei diefem das Rückenmark nicht einmal
bis zum Ende des Brufttheils der Wirbelfäule reiclii^-
1) Arraky de piTciom ceiebro. Halae 1815. p. 4.
2) CHVier Vorl. a. d. vergl. Anat. Bd. 2. S. IJJ.
3) A. a. O. S. 215.
4) Arfaky a. a. 0. p. 4 und 5.
355
fondern fclion rfer fiebenten Rippe gegenüber aufhört,
alfo kaum den vierten Theil der ganzen Wirbell'äulei
vom Aüas bis zum Ende derfelben, einnimmt. Ob an*
dere, namentlich durch ihren übrigen Bau verwandta
Säugthiere diefelbe Bedingung darbieten , weifs ich bis
jetzt noch nicht. Bei den Mardern ift es nicht der
Fall , ind6m auch hier das Rückenmark bis zum Becken
reicht. Dagegen findet fich bei den Fledermäufen,
namentlich l^espertUio auri^s , die ich gerade vor mir
habe, ungefähr diefelbe Bildung. Eine Abweichung
von dem Gewöhnlichen, die unftreitig intereffant ge-
nug ift, um weitere Nachforfchungen zum Auffinden des
Gefel-zes, nach welchem Ce fich richtet, zu veranlagen.
II. Verlängertes Mark.
$. 50-
Das verlün gelte Mark bildet, in den friiheften
Perioden, in Verbindung mit den Vierhiigeln, den gröCs-
ten Theil des Gehirns. Es biegt fich unter einem
defto mehr rechten Winkel vom obern Ende des 'Rü-
ckenmarks nach vorn ab, je jünger der Embryo ift,
und ift in demfelben Verliällnifs länger, breiter, ..urtd
weiter offen, theils, weil das kleine Gehirn, das feina
Höhle von oben bedeckt, in gleichem Maafse kleiner
iff, weniger weit nach hinten reicht, theils, weil feino
Wände nach hinten in einer gröfsern Strecke von
tinander getrennt find. Die Strange, woraus es be»
fteht, find anfänglich niedriger, aber verhältniismäfsig'
kreitier, Aveudca ücU aber mit der Zeit nacli jMicn
Z a
356 " ^^^^-.
lind ' verdicken fich , wodurch gleichfalls die Höhlö
verengt . vvird. Allmählig bilden fich von hinten naclv
vorn mehrere, in der Richtung von vorn nach binteu
convergirende Anfchwellungen zu beiden- Seiten der
Höhle an, welche fie noch mehr verfchliefsen. Bei
den Schafen finden fich zwei Paare, ein inneres, hö-
heres, dickeres, aber fchmaleres, ein äufseres mehr
breites, aber zugleich niedrigeres. Hinter beiden Paa-
re» liegt bisweilen' eine unpaare, quere, etwas breites
^Erhabenheit, wovon fich bei mehrern Fifchen etwas
ähnliches findet. Hochft vvahrfcheinlich findet fich
dibfeiö] frühern Perioden immer, Avenigftens fehe ich fo
ebdUä einemi" 4'" langen nienfchljchen Embryo fein-
deutlich die hintere Wand des verlängerten Markes nach
oben bis zum kleinen Gehirn in die Höhe ragen und
zwifchen Tieiden'die Gefäfshaut in diö vierte "Hirnhöhlr
treten. Diefe hintere Wand verfch windet bald, allein
noi3h lange erhalten fich an dea Seiten der vierten
Hirnhöhle anfehnliche, nach innen gewMdte, fich von
den ftrangförmigen Körpern erhebende Falten, wovon
man noch beim reifen Fötus fehr deuthche Spuren
findet. Beim menfchlichen Embryo finde ich drei
Wein^ .Paare, , von denen die beiden äufsera und er-
habenen Stränga in die vorher erwähnten, die auf
der hintern Fläche des Rückenmarkes verlaufen , über-
gehen, Diefe Erhabenheiten find die hintern Schen-
kel des kleinen Gehirns oder die ftrickförmigen Kör-
per. Die Pyramiden , und Olivenkorper werden ecft
fpät deutlich, fpringen aber dann , befonders die letz-
ten.^, beim Menfchen ungefähr vom fünften Monate
-~ 557
an, ftärker an iler untern Fläche hervor und haben
eine mehr längliche Geitalt.
Diefe Anordnung des verlängerten Markes ift be-
fonders der Aehnlichkeit mit niedern Thierbildungeb
vegen merkwürdig, indem dies genau auf diefelbe Weife
fleh vergrofsert, leine Höhle in einer längern Strecke
vom kleinen Gehirn nicht bedeckt ift, als das Thier
niedriger fteht. Auch die Gröfse der ftrangförmigen
Körper ift offenbar eine Fifchähnlichkeit, indem bei
mehrern Fifchen diefe äufserft anfehnlich find.
Die Brücke oder Erhabenheit, welche in dea
frühem Perioden von dem einen ftrangförmigen Kör-
per zum andern gellt und die vierte Hirnhöhle von
hinten Ichliefst, ift befonders infofern fchr merk- .
würdig, als diefe Bildung ganz der bei mehrern Fi-
fchen und auch der bei den Vögeln vorkommenden
entfpricht. Bei den erftern find anfehulichc Knoten,
welche lünter dem kleinen Geliirn liegen, und die
uoftreitig jenen feitiichen Falten entfprechen , durch
eine fehr deutliche Briicko unter einander verbun-
den, tlurch deren Durchfchneidung die vierte Hirn-
bühle geöffnet wird '). Auch bei den Vögeln wird
der hintere Theil der vierten Hirnhöhle durch eine
dQnnc, dreieckige, fehr deutlich markige Brücke ver-
fchlollen, die bei den Säugthieren und auch beim Meu-
fchen im vollkommnen Zuftaiide nur aus Gefäfshaut
gebildet ift.
I; ArlJky a. a. 0. S. 17.
358
III. Kleines Gehirn,
§• 51-
Das Meine Gehirn ift vielleicht unter allen Tliei-
len des Nervenfyftems in den verfchiedenen Bildungs-
ftufen, -welche es durchläuft, am meiften von fich
felbft verfchieden. Unftreitig gehört es zu den am
fpäteften entftehenden Theilen der Centralorgane des
Nervenfyftems. Bei den früheften Schafsembryoneitf
wo ich die übrigen Hirntheile fchon angedeutet linde,
fehe ich doch von ihm noch kefne beftimmte Spur.
Bei dem einen kann man höchftens eine von dem hin-
tern Ende der Vierhiigel etwas abgefetzte, kleine, quere
Platte, welche den vordem, bei weitem kleinfteu Theil
der Höhle des verlängerten Markes bedeckt, dafür an-
feilen. In der That ift dies,! wie fpätere Embryonen
beweifen, das erfte Rudiment des kleinen Gehirns, wel-
ches fich alfo zuerft als eine, hinter den Vierhiigeln lie-
gende, in fie übergehend« quere Platte bildet. Diefe
quere Platte geht zugleich zu beiden Seiten in die Sei-
tenftränge des verlängerten Markes über. Sowohl bei
Schafs- als Kaninchen-, Kuh- und Menfchenembryo-
Tien lieht man deutlich, dafs diefe Platte aus zwei Sei-
tenhälften entfteht , welche fich anfänglich erft nähern,
dann aber über einander fchieben, ohne noch verwach-
fen zu feyn. Den erften Grad zeigt der frühefte Schafs-
embryo: den zweiten der ei Iftägige iCn?^(/7c/^l?/7/ofMJ.
Bei fpätern Schafs- und menfchlicken Embryonen
fieht man noch fehr deutlich eine Längenfpalte und
findet den hintern Rand auf beiden Seiten gewölbt,
in der Mitte vertieft ausgefchnitten.
359
Anfangs gelit cliefe quere, wagrechte Platte un-
inittelbar von dem hintern Ende der Vierhügel ab:
bald aber, und noch ehe ihre beiden Hälften völlig
mit einander verwachfen, wird fie von denfelben etwas
mehr abgefondert. Die Vierhiigel nämlich rücken
weiter nach hinten, und mit ihrem hintern, anfäng«
lieh mehr obcrn Ende ptwas weiter herab, wodurch
diefes über die Platie des kleinen Gehirns etwas hin-
ansgefchoben wird. Zugleich erfcheint eine Spur der
Hirnklappe, indem fich zwifchen jenem wagrechten
Blatte und den Vierhügeln ein kleines fenkrechtes
Blatt bildet. Dies ift anfangs fehr klein und kaum
von dem friiheften wagerechten zu unterfcheiden , geht
auch unter einem mehr ftumpfen Winkel in daffelbe
und die untere Flüche der Vierhügel über. Allmäh'
4ig aber vergröfsert es fich in demfelben Maafte als
fich das wagerechte Blatt verdickt, hüchft wahrlchein-
lich mechanifch und auf Koften des hintern Endes der
Vierhügel, die in demfelben Maafse verkürzt werden,
fo dafs die Hjrnklappe auf Koften der letztern dadurch
gebildet zu werden folieint, dafs das kleine Gehirn
(ich von unten nach oben zwifchen ihr und den Vier-
hügeln entwickelt.
Die wagerechte Klappe ift anfänglich von oben
nach unten bei weitem am dünnften, von vorn nach
hinten beträchtlicher, allein von einer Seite zur an-
dern am anfehnlichften ; hat alfo eine geringe Dicke
und bedeutend mehr Breite als Länge.
Sie verdickt fioh ailinählig von oben nach unten,
Ift aber in der Mitte noch lange am niedrigften, an
beiden Seiten rundlich angefchwollen. Ihr hinterer
dünner Rand biegt fich, ftatt dafs fie vorher gerade
■und einfach war, gegen fich felbft vim, wodurch eine
Vertiefung entfteht, welche nach unten in die Höhle
des verlängerten Markes, unter die vierte Hirnhühle,
geöffnet ift. Später noch wird die obere Fläche die-
fer Platte durch quer verlaufende Vertiefungen un-
gleich. Diefe find anfangs in geringer Menge vorhan-
den und flach, vermehren und verzweigen fich aber
bald bedeutend. Zugleich erhebt fich allmählig der
mittlere Theil, der Wurm, beträchtlfch über die Sei-
tentheile und hängt mit ihnen fpäter durch eine etwas
eingefchnürte Stelle zufammen. Bei diefer V^ergröfse-
rung wendet fich das kleine Gehirn zugleich mit der
Spitze ftärker nach vorn , ftatt dafs diefe anfangs nach
hinten , dann gerade nach oben gerichtet war. Da-
durch wird die Vertiefung, welche erft nach hinten,
dann nach oben gewandt war, allmählig etwas nach
vorn gerichtet, die Hirnklappe immer ftärker verlän-
gert, ausgedehnt, mithin dünner,, herabgezogen, zu-
gleich den Hirnfchenkeln genähert, mithin die Waf-
ferleitung verengt, auch die hintern Vierhügel aus-
einander gedrängt.
Die innere fehr unbedeutende Verlängerung der
vierten Höhle in das kleine Gehirn abgerechnet, er-
fcheint daffelbe durchaus nie hohl. Die Entwicklung
deffelben fcheint daher nicht nach Art des grofsen
Gehirns zu gefchehen, wo fich anfänglich eine weite
Höhle findet, die allmählig fteUen weife einfinkt, fon-
dern eine dicke, foiide, einfache Maffe fpaltet fich
561
allmähLg und treibt, wenn ich fo fagen darf, Aefte
und Zweige von innen nach aufsen.
!( Zuerlt erfolgt diefe Spaltung und Furchenbil-
diing im mittlem Theile des kleinen Gehirns, darauf
an den Seitenhälften und namentlich im vordem Theile
derfelben. Früher erfcheinen die Spalten, wodurch
die Hauptabtheiliingen von einander abgefondert wer-
den, als die kleinern, welche die einzelnen Blättchen
bilden. Jene grofsen Spalten find daher in frühern
Perioden merklicher, und das kleine Gehirn hat daher
dann Aehnlichkeit mit der von iCe/c/j ') beim Erwach-
fenen gefehenen regelwidrigen Bildung deffelben, wo
die obere von der untern Hälfte durch einen bis zur
Mitte dringenden Einfchnitt abgefondert war.
Die Flocken find noch lange verhältnifsmäfsig be-<
trächtlich gröfser und liegen freier als bei vollkomm-
ner Entwicklung, eine Bedingung, welche auf eine
intereffante Weile gleichfalls an eine von Kelch ge-
fehene Bildungsabweichung «rinnert, wo bei einem
fünfzigjährigen Manne auf beiden Seiten an der untern
Fläche des Gehirns, da, wo die Antlitz- und Gehör-
nerven zum Vorfchein kommen , ein aus grauer und
Markfubftanz beftehender, windungslofer Anhang von
'der Grtjfse einer weifchen Nu fs gefunden wurde, der
mittelft eines markigen Fadens an den Schenkeln zur
BrQcke hing ').
Das kleinf! Gehirn durchläuft alfo fehr verfchie-
dene Perioden, und, was bul'onJers merkwürdig il't.
l) Oeicr. zur path. Aoat, ltl|. S. 90,
3) A. a. 0. 6. »0,
563 ^ —
es erfcheint fich' felbfl in fpätern uad frühern in man-
cher Hinficht ähnlicher als in mittlem ; denn offen-
bar ift feine Theilung in zwei SeitenhäJften bis zum
dritten Monate deutlicher als fpäterhin, wo fich der
rnittlere Theil vorherrfchend entwickelt, und diefes
Vorherrfchen des mittlem Theiles nimmt bei voll-
kommnerer Entwicklung wieder ab.
Diefe Bedingungen fcheinen wohl in dem Um-
ftande begründet zu feyn, dafs der zuerft vorhandene
Theil des kleinen Gehirns hauptfächlich dem untern
Theile deffelben, vorzüglich den Flocken und dem
Markfegel , entfpricnt imd fich auf diefem erft die übri-
gen Theile anbilden. Durch diefe Annahme laffen
lieh die anfangs widerfprechenden Erfcheinungen ver*
«iuigen, wovon weiter unten.
§. 52.
Aus einer Zufammenftellung diefer Angaben mit
dem, was ich bei meinen Unteriuchungen fand, er-
sieht fich zunächft die Beftätigung der von Herrn
Cnrtis gegebenen Darftgllung, dafs das kleine Gehirn
zuerft als eine kleine, den vordem Xheil der vierten
Hirnhohle bedeckende, PJatte erfcheint.
Dagegen glaube ich kaum Herrn DöUinger's An-
ficht völlig beitreten zu können, der zu Folge das
kleine Gehirn die Theilung in zwei Hälften defto we-
niger, je jünger der Embryo ift und in den früheften
.Perioden noch gar nicht zeigt. Er ftützt fich hiebeij
wie es fcheint, vorzüglich auf eine AutenrietJitche
Beobachtung; allein unftrtitig wurden hier die Vier-
363
Jiiigel für das kleine Geliirn angefehen. Wirklich ift,
wie ich fchon bemerkt habe, die Platte anfanglich in
zwei Seitenhälflen getrennt und Spuren diefer Bildung
finden fich auch noch fpäter, fofern fie noch langein
der Mitte am dünnften und niedrigften ift.
Eben fo wenig ift die Angabe der Herrn Wenzel
richtig, dafs das kleine Gehirn des IVIenfchen in allen
Lebensperioden mehr lang als breit fey. Das Gegen-
theil bcweifen fowohl des Herrn Carus als meine Un«
teri'uchungen. Indeffen beweift die Angabe der vöoi
Alter abhängigen Verfchiedeiiheit des Verhaltniffes bei-
der Dimenfionen , welche die Herrn Wenzel liefern,
dafs fie dem Auffinden der Wahrheit fehr nalie waren.
Eine Höhle an der Stqlle des rautenförmigen Kör-
pers, welche Herr Caiiis beim dreimonatlichen Em-
brvo fand, habe ich nicht mit Gewifsheit gefehen,
'vielleicht weil ich keinen Embryo aus der Periode un-
terfuchte, in welcher er fie fand. Höchft wahrfchein-
lich aber ftammt fie aus der Periode, in welcher das
Weine Gehirn noch eine Querfalte ift, wf.lche fich
an den Seiten umfchlä'gt, indem diefe umgefchlage-
nen Theile hohl find und fich nach innen öffnen.
Diefe Bemerkung ift aber infufern fehr intereifant und
einer nähern Unterfuchung werth, als /lp/c/i bei einem
Erwachfcnen einmal im kleineu Gehirn an der Stelle,
•wo es den linken Olivenkörper berührt, eine kleine,
nberall verfchloffene Höhle von der Gröfse einer Ha-
felnufs fand ').
i) A. a. O. S. 3g4. If.
564 -^
§■ 53-
Die Entwicklungsgefchichte des kleinen Gehirns
ift in inehrerer Hinficht merkwürdig.
Deutlich erkennt man i) Annäherung feiner frü-
heften Form an niedrige Bildungen. Die quere Platte,
■welche es zuerft darfteilt , und die fich an den Seiten
fpäter gegen fich felbft fo urafchlägt , dafs dadurch
auf jeder Seite eine Höhle eiitfteht , welche nach hin-
ten offen ift und mit der vierten zufaninienhängt , fin-
det man fehr deuthch bei vielen und vermuthlich bei
allen Fifchen. ^
Hier liegt indelTen freilich noch über diefer Platte
ein Theil , der mit! dem kleinen Gehirn der höhern
Thiere eine grüfsere Aehnlichkeit hat, bei den nie-
drigem Fifchen, wie beim frühem Embryo das Weine
Gehirn, glatt und faft folide , bei den höhern KnorpelT
fifchen , wie bei dem fpätern Embryo der höhern
Thiere in mehrere Lappen getheilt ift, deren Zahl und
Verzweigung nach Verfchiedenheit der Arten variirt,
fo dafs alfo' auch hier wieder gradweife Verfchieden-
heiten einander entfprechen.
Uebrigens hat beim Frofch, wie Herr Carns rich-
tig bemerkt hat, das kleine Gehirn noch ganz die Ge?
ftalt einer einfachen Platte.
Folgt nicht aus diefen Thatfachen zunächft, dafs
das, was zuerft an der Stelle des kleinen Gehirns
vorhanden ift, nichts anders fey, als die grofse Hirn-
Ulappe , aber in ihrem ganzen Umfange , d. h. mit dem
Markfegel, und dafs fich erft auf diefem die übrigen,
fie fpäter fo bedeutend überwiegenden Theile des klei-
365
nen Geliirns nach oben entwickeln? In dem Maafse
als dies gefchieht, wird der hintere Theil der Hirn-
klappe nach hinten gedrängt und fchlägt üch voa
hier nach vorn vm , oder iie verdickt lieh nach oben
und der hintere, dünne, umgefchlagene Theil ift eine
neue Bildung. Doch ift mir das erftere wahrfcheiü-
licher.
Darf man aber nicht auch ferner, weiter fchlie-
fsen , dafs das kleine Gehirn und die Vierhiigel we-
fentlich zu einem Ganzen gehören, unter einander in
einer nähern Beziehung flehen als mit dem grofsen
Gehirn? Wenigftens fclieint für diele Vermuthung,
tler hei den Grätenfifchen mit weit weniger entwickel-
tein kleinem Gehirn vorkommende zul'animengefetztere.
Bau der Vierhiigel zu fprechen, wogegen bei den
KDorpelfifchen die Vierhiigel weit kleiner und unvoli-
koramner find. Die Richtigkeit diefer Anficht wäre
befonders infofern fehr wünfchenswerth , als dadurch
die grofse Veifchiedenheit, welche in Hinlicht auf die
Entwicklung des kleinen Gehirns zwifchen dem Em-
bryo der Säugthiere und der Thierreihe Statt findet,
einigeriTiafsen ausgeglichen würde.
Die Entwicklung des kleinen Gehirns in der
Thierreihe bietet aufserdem noch eine Schwierigkeit
dar. Bei den Fifchen ift diefes Organ fehr vollkom-
men ausgebildet; auffallend ift daher feine geringe
Entwicklung bei den Reptilien. Hier erfcheint es beim
I Frojik in der unvollkornnjenften , einfachflen Geftalt
|die es beim frühoften Embryo der höhern Tliierc hat,
da es doch bei dcß Filtiien , vorzüglich den Rochen
566
und Hayen , fo ganz vogelähtilich entwickelt ift, und
auch bei den höhern Reptilien erhebt es fich nicht zu
dem Grade der Ausbildung, welchen die letztern dar-
bieten, eine wirklich fo auffallende Erfcheinungj dafs
ich dadurch lange verfuclit gevvefen bin, das kleine
Gehirn der Fifche gar nicht dafür, fondern für die
Vierhiigel zu halten. Mit diefer Annahme würden
fich mehrere Bedingungen fehr wohl vereinigen laffen,
vorzüglich die anfehnliqhe Gröfse diefes Theiles, feine
Einfachheit, feine Geft'alt und Lage überhaupt j wo-
durch er fich auffallend dem Vierhiigel des Säugthier-
embryo nähert, wenn er nicht auf der andern Seite
durch andere Bedingungen fowohl bei den Fifchen als
{Jen Reptilien zu deutlich mit derii kleinen Geliirn der
Köhern Thiere übereinkäme.
Man inufs daher hier, wie bei mancher andern
Gelegenheit geftehen , dafs , wenn gleich die Analogie
zwifchen der Entwicklung des Embryo und der Thier-
reihe fehr grofs ift, fie dennoch nicht vollftändig ift
und' dafs oft Thiere aus einer höhern Klaffe in maa~
eher Hinficht fich auf einer niedrigem Stufe befinden,
als unter ihnen flehende Klalfen. Ein Verfuch, Er-»
fcheinungen diefer Art zu erklären, könnte vielleicht
durch die Annahme gemacht werden, dafs ein Organ
fich nur von einzelnen Stellen aus vervollkommnet.
Namentlich würde dies für das Gehirn gelten, und
auf den vorliegenden Fall anwendbar feyn. Das grofse
Göhirn ift bei den Fifchen fehr unvollkommen ent-
wickelt. Dagegen erfcheinen das kleine und die Vier-
hiigel bedeutend grofs und auch in andrer Hinficht
367
vollkommen. Bei den Reptilien wird auf einmal die
Bildung des grofsen Gehiiiis weit vollkommner, in.
dem nicht blols Höhlen, fondewi auch geftreifte Kör-
per erfcheinen, ein Grad der Ausbildung, der aber
anr auf Koften der Entwicklung des kleinen Gehirns
erreiclit zu werden fcheint, weshalb diefes unter die
Stufe herabfinkt, auf welcher es bei den Fifchen Iteht.i.
Diefe Anficht ift defto wahrfcheinlicher, da, wie fchon'
bemerkt, die Ausliildung ties kleinen Gehirns und der
Vierhiigel bei den Fifchen in einem entgegengefetztea'
VerhäJtnifs fteht.
Uebrigens bietet die Klaffe der Reptilien eine>
Menge andrer Belege für diefes Gefetz dar. So ift
offenbar das Syftem des Kreislaufs und des Athmens,
hier unvollkommner als bei den Fifchen und felbft,
den Mollusken, eine Erfcheinung, welche höchft wahr-j
fcheinHch daraus zu erklären ift, dafs bei ihnen ^zuerft;
unter den Wirbelthieren theils die Luftrelpiratioa undi
ein in allen Theilen doppeltes Herz zum Auftritt
kommt, theils die übrige Organifation, vorzüglich
' Knochen - und Muskelfyftem, fich plötzlich vervoU-..
konimnet.
Die Platte, welche das kleine Gehirn der Fro/c/i«:
i und des früheften Embryo allein bildete, enlfpricht
1 hftchft wahrfcheinlich dem untern Thcile defleiöen bei
den hohem Tliieren, und bei weiter vorgefclirittner
Entwicklung -, namentlicli den Flocken und dem
Markfegel. Die anfangs grofse Breite, geringe Höhe,
und wagerechte Stellung reimen -fich fehr wohl
I mit diefcr AnliciTl. Auch kommt mit diei'er fuhr
368
wohl die Anordnung diefer Theile hei den Fifchen
ilberein, deren feitljche Knoten des kleinen Gehirns,
nebft der obern Brücke ich als diefeii Theilen entfpre-
chend anfehen zu können glaube.
Darauf bildet fich das Gehirn weiter nach oben
aus, und nun tritt eine. Periode ein, worin der mitt-
lere Theil die Seiientheile überwiegt, wie es hei den
Saugthieren und Vögeln der Fall ift.. Diefe Periode
Ipricht ßch durch geringere Abfonderung der Seiten-
hälften , rundliche Geftalt des Gehirns und fchoa
früher durch den Uniftand aus, dafs im mittlera Theile
die erften Furchen erfcheinen.' •
Die Entwicklungsweife des kleinen Gehirns ift
auch für die Lehre von den ab\veichänden Bildun-
gen wichtig, fofern fie z. B. erklärt, weshalb auch
bei fehr groi'ser angeboriler HirnhölUenwarierfucht.
das kleine Gehirn faft nie ausgedehnt, fondern im-
mer normal ift. Zugleich wird fie ein Grund mehr
für die Annahme, daCs die Hirnhöhlenwafferfucht faft;
immer ein Stehenbleiben des Gehirns! a^f: einer frühem.
Bildungsftufe fey. . , ., ,, , - , ,;
Die geringe Höhe des kleinen Gehirns in d^n-
frühern Lebensperioden erhält fich , bei unvoUkomni-
ner Entwicklung des Gehirns, bisweilen das ganze.
Leben hindurch. So fand es iC/ei« ') bei einem zehn-
jährigen Knaben mit äufserft kleinem Schädel nicht ge-,
wölbt, auf beiden Seiten in die Aushöhlungen des Hin-
terhauptbeins gedrückt, fchmal, luerenförmig, keine
. Spur
i) Sitiolis Journal für Gebumh, nj.w, fid, i,St,2. 5.274. ^j.
Spur des Wurmes und des Einfchnittes zwilciien bei-
den Lappen.
IV. Die Vierhügel.
$• 54.
Die Vierhügel haben in den früheften Periorten'
cles Embryo ein fo bedeutendes Uebergewicht c^hex
alle übrigen Theile des Gehirns , dafs es unbegreifl-ch'
fcheint, wie ein in fpäterer Zeit fo unbefleutender
Theil einft die Hemifphären an Maffe bei weitend
übertreffen konnte. '
Hierauf haben fchon die Herrn Wenzel einigerma-
fsen aufmerkfam gemacht '). Sie fanden fie beim drei-
monatlichen menfchlichen Fmbryo 4^'" lang, 3*"'breit,
da das grofse Gehirn nur i" 2'" lang, 1'' 1 '" breit,
das kleine nur 4 '" lang und 7 '" breit war. Beim neu-
gebornen Fötus find fie nur 5|"' lang, die vordem
6, die hintern 7'" breit, wahrend die Länge des gro-
ßen Geliirns 4" 2'", feine Breite 4" 7'" beträgt.
Herr Carus hat diefe -Entdeckung weiter verfolgt
und richtig bemerkt, dafs die Vierhiigel beim drei-
monatlichen Embryo von den Hemifphären nicht völ-
lig bedeckt find, eine einfache Erhabenheit bilden,
welche eine anfehnliclie Hohle enthält und den Gan-
glien der Hemifphären an Oröfse gleich kcnmien^
aber fchon im vierten und fünften Monat nicht mehr'
an der äuCsern Oberfläche des Gehirns fichtbar find und
an Oröfse von nun an fehr unbedeutend zunehmen.
1) De penitiori fcr. cctelri, Tjl.. I,
M. d. Arcliw. I. 3. A .1
Da die Herrn Wenzel nur der 'anfchnliclien Gröfüe
der Vierhügel beim frühen Embryo und aus der fpii-
tern Periode nur der feitiichen und untern Grübchen
im Kanäle unter den Vierhiigeln Erwähnung thun,
fo wird es mir erlaubt feyn , hier auf das aufmerkfaiu
ZU machen, was fchon mehrere Jahre vor Herrn Cn-
rus ein Schüler von mir über diefen, Gegenftand be-
merkte »).
Dafs es fich beim menfclilichen Emiu-yo eben fo
verhalten würde, liefs fich von felbft erwarten, in-
deffen bemerkte ich erft fpäter *), nadidem ich es
wirklich fo gefunden hatte, dafs die JFcnse/'fchen
Grübchen unftreitig Ueberbleibfel jener anfänglichen
Höhlenbildung feyen, was nachher voji Herrn Carus
gleichfalls vermuthet worden ift »^. ^
§• 55.
Bei Unterfuchung des Ganges der Entwickkng
der Vierhügel fragt es fich zuerft, ob fie immer die
Geftalt einer Höhle hatten , oder nicht vielloiclit auch
ihre SeitenhälFten anfänglich oben nicht verfchloffen
waren? Zu diefer Vermuthung berechtigt ihre Ge-
ftalt bei dem früheften Schafsembryo *), wo fie an
ihrer •obern Fläche fehr deutlich offen waren, die
obern und Innern Ränder ihrer Seitenwände weit von
leinander abftanden. Auch bei viel fpätern verläuft
t) Atfah de piTcinm ceTebro. Halle lltj. p. jj,
S) Ärfak) a. a. O. S. J7. 98.
3) A. a. O. p. 2S». Note ■™*^.
4) Taf. I, Fig. ai.
571
hier der Länge nach eine zwar fchmalere, aber doch
noch fehr deutliche, ganz durchfichtige Stelle ' ), de-
ren Dünne man felbft bei Embryoneu wahrnimmt, die
lange in Weingeift gelegen haben. Ganz ähnliche Ec-
fcheinungen bieten auch die Vierhügel des Kaninchen-
lämbryo noch bis beinahe zur Mitte der Trächtigkeit
dar. Sehr deutlich verläuft hier in der Mitte voa
vorn nach hinten eine, von hinten nach vorn allmäh'
lig fich verengernde, fo dünne Stelle» dafs man fie wohl
für eine Lücke halten kann. Beim menfchlichen Em-
bryo habe ich nichts ähnliches gefehen, eine longitu-
dirale Vertiefung ausgenommen, welche fich an der»
felben Stelltf^an den Vierhiigeln eines ungefähr zehn^
wöchentUchen Embryo findet, die aber höchft wahr»
fcheinhch diefelbe Bedeutung hat.
Bei den frühern Embryonen fehlt diefe Spur, ver-
muthlich, weil fie fchon zu lange in Weingeift auf»
behalten waren.
Die Vierhügel bilden anfangs die höchfte Stelle
des Gehirns und ftellen eine völlig einfache, läng-
liche, nach oben gewölbte, nach unten vertiefte, hohle
Erhabenheit dar, welche auf dem obern Theil der Hiril'
fchenkel auffitzt, fo dafs man fie, wie bei den Vögeln»
Rcptihen und Fifchen anfänglich beim Säugthierembrro
richtiger Zwei - als l^ierhügel nennen kann.
Ihre Wände find anfänghch überall äufserft dünn»
überall gleichmäfsig gewölbt und maa »jjnmt Keine
I) Taf. 1. Fig. >v ih
Aa a
572 ^ ■
Spur einer Abthciluiig, weder in ein vorderes tincl
hinteres Paar, iiocii in eine rechte und linke Sciten-
hälfte wahr. Die Scheidung iiu eine rechte und linke
Hälfte entwickelt fich etwas früher als die Abtheilung
in ein vorderes und hinteres Paar. Die Wände der
Vierhiigel verdicken fich allmihlig , bel'onders vorn
und in ihrem mittlem Theile. Der hintere Theil
bleibt lange weit clüinier, luid fowohl feine äuisere
als feine innere Fläche erfcheint daher etwas abgefetzt
von dem grofsern vordem, feine Höhle verhältnlts-
mäfsig zu feinen Wänden gröfser, wenn gleich diö
Wände ßch an ihren iiinern Flächen faft berühren!
Dailurch entfteht die Abtheilung des anfangs einfachen
Vier-, oder eigentlich Zweihügelpaares in eine vordere
und eine hintere Hälfte. Diefe bleibt auch äufJer-
lich, wenn man auch, wegen Verdickung und Zu-
fanmienziehung der Wände, keine Spür einer Hülüa
wahrnimmt.
Die Vierhügel werden allniählig verhältnifsmäfsig
zu ihrer Länge bedeutend breit, theils, weil fie in
der' erften Richtung ftärker wachfen , theils , weil Cij,
befonders das hintere Paar, durch das fich ftärker
entwickelnde kleine Gehirn weiter aus einander ge^
drängt werden.
§■ 56,
Die Bedingimgen, welche die F.ntwicklungsge-
fchichte der Vierhügel beim Embryo der höhern Thiere
daibietet, find befonders infofern hiichft wichtig, als
fie wie'der einen Beitrag zu der Clei'-hung zwifchen
— — -^-^-" 375
dev Entwicidung des letztern und der Thierreibe
abgeben. Dafs die Theüe des Fifchgehinis 'velche
Ciivier für die Hemifphären hält , nicht diefen,
fondem den Vierhügeln entfpr^chen , hat fchon ein
Schüler von mir, Herr Arjaky, aus ihrer Geftalt
und Lage, ihrem Verhältnifs zum Sehnerven imd zu
den Vierhiigeln des Embryo gefchloffen '), und nach
ihm hat Herr Cariis diefe Anficht vorzüglich zur Be-
ftimmung der Tlieiie des Keptiliengehirns benutzt ').
Wie beim frühefteu Embryo find bei vielen Fi-
fclien die Vierhi'igel nur eine grofse , einfache , in der
Mitte gar nicht in eine rechte und linke, und noch
weit weniger nach hinten in eine vordere und hintere
Hälfte getrennte Hohle, die von vorn nach hinten
beträchtlich länger als breit ift, hocliftens einen der
jLänge nach verlaufenden Einl'chnitt zeigt, aus fehr
dünnen Wänden gebildet ift, und die vordem und
hintern Tlieile des Gehirns bedeutend an Maffe und
Ausbildung überwiegt.
Bei den höhern Fifchen, den Rochen und Mayen
verkleinert fich diefe Maffe bedeutend und zugleich
verdicken fich ihre Wände beträchtlich, fo dafs auch
die Höhle fich fehr verringert, gerade, we auf die-
felbe Weife auch beim Embryo der Säugthiere all-
iiiählig die Vierhiigel cinfinken.
Bei den Vögeln haben diefe Thcülo völlig diefell)C
Geftalt, daffelbe Verhältnifs der Dicke ihrer Wänje
O A. a. O. S. ;«.
») A. ». 0. S. 174 ff-
574 ^■— — '
zu der in il^en enthaltenen Höhle als hei den höhern
Fifchen. Eben fo wenig find fie hier in eine vordere
und hintere Hälfte abgetheilt, wenn fie gleir;h mehr
auf die Seite geworfen find und nur durch eine dün--
nere Markbrücke unter einand9r zufainnienhängen.
Bei den Säiigthieren find fie zwar nicht mehr
hohl, allein ihre, im Verhältnifs zu den übrigen Hirn-
thejlen, anfehnliche Gröfse ftellt doch offenbar die
fpätern Perioden des nienfchliohen Embryo dar, wo
fie genau diefelben Bedingungen darbieten.
Auch hier alfo find die verfchiedenen Bildungs-
ftufen in iem Maafse niedern Thierbildungen ähn-
licher als fie früher find.
Die mejften Flfohe unterfcheiden fich von den
"höhern Rochen und Haren , und eben fo von den Rep-'
tilien und l^ögeln nicht blofs durch geringern Umfang
der Zweihügel und beträchtlichere Dicke ihrer Wände
bei diefen, fondern auch durch die Einfachheit ihres
Innern Baues , indem fie , eine Hervorragung an ilirer
»intern Fläche abgerechnet, völlig glatt und leer find,
während fie bei den meiften Fifchen mehrere Windun-
gen, welche fich von ihrem hintern Ende nach vor»
erftrecken , enthalten. In diefer Hinficht find fie alfo
defta zufammengefetzter, je niedriger das Tlüer fteht.
Beim Embryo der Süugthiere findet fich von jener
Jiiedrigern Bildung keine Spur, und nur die geringe
Dicke der Wände iu>d der anfehnliche Umfang diefer
Abtheilung des Gehirns erinnert an die niedrigere
Thierbildung, Die Windungen , welche ich biswei-
len bei Schafsenxbryouen ao der obero Fläche be>
375
?«erkte '), gehören höchft wahrfcheinlich nicht hier-
her, fondern muffen wohl richtiger far zufällige, durch
tue Einwirkung des Alkohols bewirkte Veränderun-
gen angefehen werden, da lie thoils. nicht bei allen
Einljrvonen aus derfelben Periode wahrgenommen wer-
den, theils bei fpätern fich gar nichts ähnliches findet.
Ueberdies ift die Stelle nkht völlig, cliefelbe, indem
bei den Fifchen diefe Windungen von hinten nach
vorn dringen, Verlängenuigen und Einwärtsfakungen
des hintern Ende>s liod,^ dagegen bei dea Säugthier-
embryonen die obere Wand einnehmen..
Doch bemerkt man fie freilich im hintern Theile
<ler obern Fläche bei de» Säugthierembryonen am
Itärkften.
TudeÜ'eii ifc doch nicht zu läugnen, dafs fich eine
eotftTute Andeutung jener Bildung fmdet. Wenn
gleich nämlich anfangs die Höhle der Vierhügel völlig
cLofack ift,. fo wird fie doch nachher etwas zufammen»
gefetzter als Ce fpäterhin wieder erfcheint, durclx dea
neu entftebenden hintern Abfchnitt , welcher dem hin-
tern Hügelpaare cnlfpricht und der nachher wieder
verfchwindet , uncf namentlich in dem Maafse ver-
fchwindct, als fich das kleine Gehirn fiärker ent'
wickelt. Diefe Anficht wird durch die Bemerkung
gerechtfertigt, dafs auf ganz ähnliche Weife auch ia
der Thierreihe das kleine Gehirn in dem Maafse voU-
kommner vwrd, als fich die Gröfse und Znfammen-
fetzung der Vifirhügel vermiadept. Dies khit na-
i) Siebe »ben 8. 5}.
375
' «nentlich die Vergleichung der Structur beider Theile
in den niedrigem Fifchen mit der, welche fie bei den
höhern und den Vögeln zeigen. Dort geringere
Gröfse, Mangel an Windungen, Glätte im kleinen
Gehirn mit anfehnlicherer Gröfse und Windungen in
den Vierhügeln, hier anfehnlicha Entwicklung, viel-
fache Faltung und Veräftelung des kleinen Gehirns
mif Dicke iler Wände, geringerem Umfange und Klein-
heit der Höhle der Vierhügel, Es fcheint daher faft
als gehörten die in das Innere der Vierhügelhöhle
bei den niedrigem Fifchen dringenden Falten dein klei-
aaen Gehirn an , als würden fie bei den höhern Fifchen
rmr gewiÜennjfsen hervorgezogen, und entweder zur
Bildung der Maffe dcffelbezi verwandt, oder wenig-
ftens gerade geftreckt, wie beim Embryo die Hiin-
klappe ausgezogen wird, welche natürlich in dem
■Maafse ftärker geftreckt wird, als lieh das kleine Ge-
hirn vergröfsert und nach oben zwifchen die Vierhügel
dringt.
y, Grofses Gehirn.
§• 57.
Ä. Hirn gan glien.
Die ..Hirnganglien habea anfäiiglich bei weitem
nicht die anfehnliche verliältnifsmäfsige Gröfse als
fpät§rliin ; doch ift es keine Frage, dafs fie an-
fänglich im Verhiütnils zu den Hemifphär.ej» und den
geftreiiten Körpern gröfser find als in fpätern Perioden.
Sie bilden anfangs den vordem und untern ^ ab-
fteigenden Theil einer grofsen, hufeifenfOrniigen Krüm-
mung, deren hintern und obem die Vierhiigel dar-
fteilen und mit diefen zufammen eine einfache Höh'f;
mit dünnen Wänden. AUmählig, und ziemlich früh
verdicken fich aber die Wände cliefer Höhle von au-
fsen nach innen in ihrem gröfsern untern Tlieile und
S^achfen einander entgegen. Ihre innern, einander
entgegen gewandten Flachen werden fo crft gerade,
glatt, dann etwas hervorragend imd verwaclifen zu-
letzt in der Mitte mit einander. Lange vorher aber
find ihre obern Ränder mit einander durch eine dünne
Brücke, von, wie es wenigftens fehr häufig den An-
fchein hat, wahrer Nervenfubftanz verbunden. Diefo
geht nach hinten in die Wände der Vierhügel, nach
TTorn in die Brücke zwifchen den beiden Hemifphj-
ren über, aus welcher fich Balken, Scheidewand und
Bogen entwickeln. Zwifchen dem mittlem , von ilen
Seiten nach innen vorfpringenricn Theile dv.r Hirn-
«anglien, fobald diefe fich hinlänglich venückt haben,
nn einen folchen Vorfprung zu bilden, und diefer
dünnen Br.icke nach oben, fo wie dem Boden der
dritten Hinihöhle nach unten, findet fich immer eine
deutlicliL- Lücke, zwei Kanäle, die über und unter
rfem mittlem Theile der Hirnganglien weg, durch die
dritte Hirnhiihle von der Hohle der VierhOgel zu den
grofsen Seitenhölden führen.
Die obere Brücke ift in den frühem -Verleiden
weit vollfiäiiiliL'er als in etwas fpätern. Sie verf-,/iwin-
f<<et hier allmalilig von vorn nach hinten, erfchcint als
aufgeworfner Hornftreifen (Stria Cornea) son hintern
Theile des obecn Randes eines jeden Sehhiigels, die
jetzt hier durchaus nicht mehr verwacl^fen fin^l und
geht in die ßildung^ der Zirbeldriife ein. Die, hintere
Commiffur ift gewifs ein Ueberbleihfel von ihr. Dm-cU
die Lücke tritt das Adergeflecht in die Seitenhölilen.
>!s giebt alfo gewifs, nach i mehrem Beobachtungen
zu fchljefsen, eine Periode, wo die Hirnganglien in
ihrem obern Theile in einer weit gröfsern Strecke
verbunden find als fpäterhin. Dafs diefe Anordnung
die noch frühere gänzliche Trennung derfelben nicht
ausfchliefst, brauche ich nicht zu bemerken. In den
fehr frühen Schafs - und Kaninchenembryonen reicht
die Spalte bis völlig nach vorn, und es ift daher Jfo»
gar wahrfcheinlich , dafs audi in diefem Theile des
Gehirns die Seitenhälften einander anfänglich nicht
mit ihrem innern Rande erreichen.
Hierzu kommt noch die Bildung des Gehirns
der Hajßjche und Rochen in der , diefer Stelle ent-
fpreohenden Gegend. Die Vierhügel find bei ihnen
durch eine nicht unbedeutende Strecke von den He-
mifphären getrennt, die nur hinten durch eine nervige
Commiffur verfchloffen , dagegen in ihrem gröfsern
vordem Theile offen, nur durch die Gefäfshaut vef-
ichloffen und überhaupt aus dünnem Wänden als d;ie
Hemifphären gebildet ift, aber zu beiden Seiten eine
kleine Erhabenheit auf ihrem Boden hat, alfo wohl
unftreitig der dritten Hirnhöhle, ihren Wänden nach
den HirngangUen entfpricht. Eben fo find bei de»
-— - 379
Vagfiln die Himgangüen in ihrer ganzen Hohe von
einander getrennt.
Vergleicht man cUefe Darftellung mit den neuo-
ften Angaben über den Znftand der Hirnganghen beim
Fötus, fo findet man mehrere Verfchiedenheiten , de-
reji Gründe leicht erhellen.
Herr Wenzel fand ße in zwei dreimonatlichen,
zwei viermonatlichen und einem fünfmonatlichen Em-
bryo gar nicht mit einander verbunden, und nirgends
eine Spur einer Erhabenheit oder Rauhigkeit an ihren
innern Flächen, welche auf eine frühere Verbindung
hingedeutet hätte. Eben dies fahe er auch beim rei-
fen Fötus bisweilen.
Da er auch bei Erwachfenen einigemal die Seh-
ihügel völlig von einander getreimt fand , fo glaubt er
fich zu der Annahme berechtigt, dafs in jenen Fällen
die Trennung wirklich urfprünglich gevvefen fey,
wn4 dies um fo melir, weil er bei andern Embryo-
pen, jedoch nur vom fünften Monate an, die Seh-
liügel fehr deutlich und fogar ftärker yerwachfen fand,
als in fpätern Perioden.
Aus cliefem letzten Grunde fcheint er daher aus
den Beobachtungen elfterer Art nur den Scljufs zu
«iehen, dufs, wenn gleich fJde SelihügeJ beim Men-
(ch«a mciftentlwijs mit einajider an ihrer inneru Fläche
Terbunden find, fie dennoch in allen Lebensperioden
' bisweilen voq einander getrennt gefunden werden ').
t) A. a. O. 3. IIa ii.
380
Herr D.öUinger nimmt an, clafs die Sehhügel
beim Fötus nur feiten und, wo cÜes der Fall ift, in
einem gröfsern Umfange als beim Erwachfenen , mit
einander verwachfenfeyen, bemerkt, dafs er diefe Ver-
bindung nur einmal gefehen habe und fügt hinzu,
dafs er fie weder ,in frühen noch fpätern Perioden
des Fötuslebens hohl zu finden im Stande gewefen
fey •).
Nach Herrn Can/s find diefe Theile an ihrer in-
nern Fläche beim Fötus überhaupt fefter als beim
Erwachfenen, mit einander verwachfen ').
Unftreitig fmd diefe verfchiedenen Angaben zu
der Annahme zu vereinigen, dafs anfänglich die Hirn-
gangUen , den obern Rand ausgenommen (worauf aber
keiner der frühem Schriftftellcr bei Unterfuchüng die-
fer Frage' Rückficht genommen hat) , immer von ein-
ander getrennt find, und nur allmahlig in der Mitte
zufammenfliefsen, diefe Vereinigung fich aber allmäh-
Ijg in fpätern Perioden wieder etwas vermindert. Da-
her fand auch Herr Wenzel fie vor dem fünften Mo-
nat immer getrennt, und wenn Herr Carus nicht blofs
diefen Theil der ffeßie/Tchen Beobachtungen benutzt
hätte , fo wi'irde er unftreitig nicht einen , der Wahr-
heit fo ganz zuwider laufenden Satz, von welchem
die Herrn Wenzel und noch mehr Herr Döllinger
fchon vor ihm fo richtig das Gegentheil feftgefetzt
havien, aufgeftellt haben.
1^ A. a. O. S. 5.
ä) f. SSi-
381
Eben fo ift auch woU Herrn Döllingers Meinung
über die beftäridige Solidität der Selihiigel zu modi-
■ficiren. Offehbar nämlich enthalten zwar die Seh-
hügel nicht, wie Gull ganz falfch angegeben hat ')
in ihrem Innern eine, etwa mit den Hirnfchenkeln
und der angeblichen Rückenmarkshöhle zufammen-
fliefsende Höhle; allein eben fo deutlich ift es, dafs
fie anfangs völlig auf diefelbe Weife hohl find als die
Sehhiigel , indem fie zuerft aus dünnen Wänden ge-
bildet erfcheinen , welche fich , allmählig nach innen
wachfend, verdicken.
$• SS-
Merkwürdig ift die Gleichung zwifchen der Ent-
wicklung der Hirnganglien beim Emijryo der Säug-
thiere und in der Thierreihe. Die frühefte Eildung,
wo fie gewifferinafsen nur al? vorderer Theil der
Vierhiigelhöhle erfcheinen und aus fehr dünnen Wän-
»len gebildet find, entfpricht offenbar der Bildung der
Hay/ifcite und Roche/t. Darauf folgt die Stufe, welche
der l^ogelbildung entfpricht, wo fich die Wände die-
fer HOlile durch Anhäufung von grauer Subftanz zu
Ganglien geftaltet haben, die aber noch nicht in der
Nitte vereinigt find.
Wir)\li';b aber find fie bei den Vögeln^ in ili ''-
ganzen Höhe getrennt und nicht, wie Herr Cariis *)
angicijt , verwachfen : eine Uefchreibung der Anord-
1^ Aiut, u. Phyf. det Nerrenr. P.irW 1810. Bd. i. S. 144.
a) A. a. O. S. IS9.
383 '»■■* - ^-- —
nung diefer Theile , die beinahe eben fo unrichtig als
die Angabe über ihre Bedeutung ift, welche, ihm zu
Folge, bisher faft von allen Zootomen gänzlich vert
kannt worden ilt '). Da er die, welche diefer Aiis-
fpruch trifft, wörtlich anführt, fo ift es fchwer zu
errathen, warum er die Namen derer verfchweigt,
welche die wahre Bedeutung derfelben enthüllten.
Dies gefchah fchon lange durch Gall *), welcher fia
aus der Lage , Subftanz und Geftalt derfelben abzog.
Cuvier nahm 3), durch diefe Gründe bewogen, feine
frühere Erklärung, dafs diefen Theilen nichts im
menfchlichen Gehirn entfpreche , zurück , und ich trat
diefer Anficht gleichfalls fchon lange öffentlich bei *).
Auf diefe Stufe folgt die, wo die Hirnganglien
ftärker als fpäterhin an ihren innern Flächen ver-
wachfen find und welche der bei den Säugthieren im
vollkommnen Zuftande Statt findenden Bildung ent-
fpricht.
Die Verwachfuug der Himganglien ift übrigens
auch beim Menfchen Attribut der normalen vollende-
len Bildung. Ich habe durchaus bei vielfältiger Uh-
lerfuchung nie die weiche Commiffur fehlen gefehen,
\Vo fie aber von guten Beobachtern vermifst wurde,
ift unftreitig der Mangel deri'elbcii für ein Stehenblei«
ben auf einer frühem Bildungsitufe zu halten , fo virie
l) Ebendaf. S. tjg.
;) Rech, lax le fj-fteme nerveux. Paris t8o9. p. fj).
3) Uebeif. des ang. Werkes S. 219.
4) CMVitt Vorl. über Vergl. Aatt. UtbtrL fid, 3. & 1)0 u. IJ*.
-^ — 383
die, von Morgagni, Wenzel und auch von mir einige-
mal beobachteten Fälle von Duplicität derfelben viel-
leicht ein UeberWeibfel der fpätern Durcbgangsbil-
duug find.
§• 59-
B. Geft reifte Körper.
Die geftreiften Körper find anfänghch gar nicht
vorhanden, indem die Hemifphären durchaus nur als
einfache, dünnwandige Höhlen erfcheinen. Doch ent-
wickeln fie fich fehr früh, und erfcheinen dann weit
deutlicher als in fpätern Perioden von den Wänden
der HJrnhöhlen fowohl als von den Hirnganglien ab-
gefetzt und durch tiefe Furchen von ihnen getrennt.
Sie laufen nach vorn in zwei Spitzen aus, die lieh
allinählig weiter von einander entfernen, und deren
hintere Geh nach innen biegt. Unftreitig fliefst diefe
mit der gleichnamigen der entgegengefetzten Seite zu-
fammen und ift die vordere CominiJJhr.
Die geftreiften Körper find, nachdem fie entftaii-
den, verhältnifsmäfsig defto gröfser zu den Hemifphä-
ren, je jünger der Embryo ift, indem die Wände der
letztern in dcmfelben Verhältnifs dünner find. Nie
enthalten fie in ihrem Innern eine gefchJoffene Höhlt:
und eben fo wenig entftehen fie, wenigfiens fo weit
bis jetzt meine Beobachtungen reichen, durch Ein-
wärtsfchlagen des untern Theiles der Hirnhöhlen-
wände, nach Art einer Windung, die nachher vcr
wQchfe, fondem blofs durch allmählige Verdickung
dir untern Wand der Hecnifphäre.
Wie wenig allgemeine Gültigkeit die durch Herrn
Carus gegebene Darftellung des Fcjtusverhältniffes die-
fer Theile habe , ergiebt fich hieraus leicht. Er lagt
über diefelbe nur: „Anlangend die geftreiften Körper,
„ib erfcheinen diefelben im Fötus blofs als wulftige,
„den äufsern Rand der Ganglien der Hemifphären
„ umkreifende Erhabenheiten , fie gehen nach aufsen
^,fairt unmerkhch in die' Wände der Hirnhöhleri über,
„find nach innen nur durch eine ßhitader von den
„Ganglien für die Hemifphären getrennt" ').
Richtiger fagten die Herrn Wenzel fchon früher:
„ Eam corporum ftriatorum maffae partem , colliculis
„opticiS fuperimpofitam, cultri manubrio elevari poffe
„facile eft, quo facto prope verum, corpora ftriata
„inter et colliculos opticos, terminum nitida quae-
„dam animadvertitur linea, quae poftero tempore
„ftria Cornea exiftit" ^).
Noch beffer Herr DöU'mger : „Ueberhaupt ift
„der geftreifte Körper in feiner ganzen Ausbreitung
„und Lage viel deutlicher, in feinen Umriffen be-
„fiimmrei beim Fötus als beim Erwachfenen, wo er
„mit dem anftofsenden Sehhügel inniger verwachfen
„und zwifchen diefen und der Maffe des grofsen Hirn-
„ wulftes (den Hemifphären) gleichfam eingekeilt ift."
j,Bei fortfchreitender Ausbildung verbinden fich
.,tli« Sehenervenhügel und geftreiften Körper immer
»inniger
l) A. a. O. S. 39ü.
a) A. a. O. S. JOC.
585
„inniger mit einander: die Grube zwifchen ihnen ver-
„fchwindet, und es bleibt nur noch eine obeifläch-
„ liehe Furche Übrig , in welcher eine von der innern
3, Hirnhaut bedeckte Vene verläuft, wodurch die Tae-
„nia femiclrmlaris entfteht ..."
„Im Embryonenzuftande find die Seknervenhiigel
„noch mehr von den geiöeiften Körpern getrennt '\"
$. 60.
C. Entwicklung d^r Scheidewand, der Windungen
und Hohlen des grojsen Gehirns.
Ueber die frühfte Form des grofsen Gehii'ns , fo-
wohl beim menfchlichen Embryo, als dem der übriten
Säuglhiere und felbft dem der Vögel ift bis jetzt noch
fo gut als gar nichts bekannt und man weifs nur,
und dies fchon feit langer Zeit, dafs die Hemifphären
anfangs dünnhäutige windungslofe Blafen find.
Schon früher ') habe ich die Vermuthung ge-
Sufsert, dafs diefe Blafe anfänglich einfach feyn möchte,
indem Malpighl und ich beim bebriiteten Hühnchen
Erfcheiriungen gefehen halten, welche diefer Meinung
das Wort redeten Und Ivrankhafte Bildungen dieleJbe
hdchft wahrfcheinlicli machten. Den früher angeführ-
ten pathologifchen Fällen kann man noch, wo ich
nicht fehr irre, die angeborne Uirnwafferfucht int
Allgemeinen und ilie Abweichungen des Gehirns bei-
fügen, welche man mit fehr unvollkommner Entwick-
jung des Schädels und GeGchtes da findet, wo fich
A. 4. o. s. 4 u- ?•
1) Vi\.\i. Aiae. Bd. I. S. i99.
I Af. d, Archiu r. 3. B b
386 —
entweder kein oder nur ein Auge, und oft weder
Nafe norh Mund finden, das grofse Gehirn aber nur
ein« einfache, dünnhäutige lilafe darftellt.
Herr DöUinger ') hält diefe Meinung nicht für
wahrfcheinhch , indem er fchon beim fechswöchcnt-
iichen menfchhchen Embryo das grofse Gehirn fcharf
in zwei Hä'lften getheilt fahe.
Auch ich geftehe, dafs ich in meiner Vorflelluiig,
theils durch diefe Angabe eines fo glücklichen For-
fchers, theils durch das, was ich felbft, nachdem ich
jene Vermuthung vorgetragen hatte, fowohl in n^enfch-
lichen als thierifchen Embryonen fahe, irre wurde,
bis ich fie in den frühften Kaninchenembryojien und
Schafsembryonen, wo mich nicht alles täufcht, voll-
kommen beftätigt fand. Denn offenbar ift hier das-
grofse Gehirn nur eine einfache, bei den Kaiünclien-
embryonen s,-nv nicht, bei den letztern in der Mitte
äufserft wenig eingefchniirte Blafc, und von Innern
Wänden findet fich ,eben fo wenig eine Spur als von
einer Scheidewand. Ilöchftens kann man den kleinen
Vorlprung ain xuitern Theile der vordem Wand, den
ich bei den frühften Schafsembryonen fand, dafür an-
fehen, der aber liier noch fo unbedeutend ift, dafs
man wohl um fo mehr zu der Annahme: er fey frü-
lier noch gar nicht vorhanden gewefen , und auch die
mittlere , unbedeutende Einfchnürung zwifchcn den
beiden Hälften des grofsen Gehirns habe fich erft
fpäter gebildet, berechtigt ift, als bei din jungfton
i) A. t. O. S. 23.
387
Kaninchenembryonen , die offenbar aus einer frühem
Periode find, Iceine Spur davon wahrzunehmen ift.
Diefe einfache Blafe ift aber jetzt in der Mittö
an der eingefchniii'ten Stelle deutlich von oben ver-
fchloffen. Wofür ift diefe mittlere Stelle zu halten ?
Ift fie Gefäfshaut oder wahre Nervenfubftanz ? Ln
letztern Falle ift fie offenbar Balken oder ein Theil,
der die Stelle der verfchiedenen Gebilde, welche im
vollkommnen Zuftande Baiken, Bogen und Scheide*
wand darftellen, vertritt.
Allein Wenzel fagt , auf mehrere Beobachtungen
an drei bis viermonatlichen Embryonen geftützt, wenn
gleich fahr Vorfichtig, doch fehr beftimmt: „Nulli
„ideo harum reruiii (dafs er nämlich mehrmals den
Balken nur vorn und immer in dem Maafse in einer
geringen Strecke verwachfen gefunden habe» als det
Embryo jttnger gewefen fey, und die Ränder det
Spalte immer glatt und fcharf begränzt erfchienen
feven) „obfervatori malam in partem verti debere cen-
fjfurimas, fi ex prolatis hucusque concludat: corpus
„callofum nonnili fub ieptimum graviditatis menfem
),unain maffam formarc, ante hoc tempus in dnas (if-
♦,fum effe partes, ab anteriori ad pofterius dircctas
■tjliarum partium coalefcentiam auterius inchoari,
,, l)(jfti;rius terminari ')."•
Auch Herr DölUnger nimmt an, dafs anfänglich
" beiden Hemifphüren getrennt feyen, d« Balken
i. durch, um den fünften Monat beim nwnfeWJchen
\, |{* ptatt. cer. firuct. p. 30).
Bb a
388 -^
Embryo fchon gefcheViene, Verwachfung eines Theiles
der Innern Wände der Hemilphären bilde , hält es f lir
möglich, dafs cliefe Verwachiung von vorn nach hin-
ten gefchehe, indem hier die vordere Conimiffur an-
fänglich als alleiniges Verbindungsmittel der lieiden
Hälften vorhanden fey und glaubt, dafs die^Scheide-
wandhühle daher anfänglich, ehe der Balken fich
durch jene Verwachfung gebildet hat, nach oben
offen fey ')•
Herr Carus ftellt hierüber , hei Angabe der Ent-
wicklungsgefchichte des menfchlichen Embryo, nur all-
gemeine Betrachtungen an, bemerkt, dafs die fpätere
Entftehung der Commiffuren im Gehirn dem .einfachen
Gange aller Naturbildungen voUkommen angemeflcn
und als alleiniger Unterfchied derfelbea im Fötuszu-
ftande von den Bedingungen, welche fie nach vollende-
ter Entwicklung darbieten, ihre gröfsere Zartheit anzii-
fehen fey, indem ihm aufserdem keine befonders wich-
tige Abweichung von -der bekannten Form, fowohl
rilcldichtlich der vordem Commiffur , als des Balkens, /
des Gewölbes und der durchfichtigen Scheidewand be-
kannt geworden fey ').
Dafs in der Entwicklungsgefchichte des Säug-
thiergehirns liierüber nichts vorkommen werdej liels
fich im voraus erwarten. .
Ich habe zwar gleichfalls den Bialken im /Allge-
meinen in dem Maafse (jeaeo erften. Zuftand ausge-
l) A a. O. S. 10. II
p) A. «. O. S. 39«.
— 389
nommen) kleiner gefunden als der Embryo junger
war, glaube mich indeffen doch kaum zu der An-
nahme berechtigt, dafs in den frülil"ten Perioden die
Hemifphären völlig von einander getrennt feyen, da
offenbar jene dünne Brücke über der eingefchniirten
Stelle eine Verbindung vermittelt. Möglich aber,
und, aus der Befchaffenlieit vieler gut erhaltener fpä-
tcrer Hirne fogar wahrfcheinlich iCt es, dafs bei wei-
terer Entwicklung diefe Brücke und ziigleicli die Ver-
bindungsftelle des obern Randes der Hirnganglien ver-
fchwindet, eijireifst. Dann lind die Heniifphifren ganz
getrennt und durch die Lücke drängt fich die Ge-
fäfshaut nach innen, wächft hier zum Aderiietz an,
welches man in der frühften Periode nicht findet»
Nachdem diefe Trennung eine Zeitlang gedauert hat,
nicken einander die Hemifphären niiher vnd verwach-
ii'ti von unten nach oben. Am frühften wird die Ver-
einigung unftreitig blofs durch die vordere Commif-
fur gebildet. Diefe crfcheir.t da, wo noch keine be-
ftimirite Spur von anderweitiger Verbindung vorhan-
den ift, als ein locker eingelegter markiger Streif*
(ter quer die untern Theile der beiden geftreifte»
Körpev nach vorn mit einander verbindet.
Zur Bildung des Gewölbes trägt wahrfcheinlich
der geftreifte Körper bei , indem von der innern Flache
feines vordem Endes fich ein Theil ajlmählig los-
trennt und gegen die IVIitte fich dem entgegengefetz-
'tcn in demfelben Verhältni£s mehr nähert. Dies lind
vorzügLch die Säulchen des Gewölbes > welche nach
39Q ^^^^^
oben mit dem Ammonshorn und dem Balken zufam-
XH&n fliefsen,
Diefer fcheint fich allmählig von unten nach obeii
Z\i entwickeln, und in demfelben Maafse wird die
falte der Innern Fläche fchwächer und verfchwindet
endlich faft ganz, Sie fcheint alfo zum Theil auf
die Bildung des Balkens berechnet.
Da fich keine Spur einer Scheidewand findet , fo
ift natürlich auch von keiner Scheidewandhöhle die
Rede, Doch wird höchft wahrfcheinlich ein Theil der
grofsen mittlern Oeffnung zur Scheidewandhöble, ver^
wandelt fich nicht ganz in die Communicationsöff-
nung zwifchen den beiden Seitenhöhlen , und man kann
daher gewiffeimafsen fagen, dafs jetzt alle Höhlen
noch eine ausmaclien.
Schon die Herrn Wenzel haben vermuthet, dafs
die Scheidewandhöhle mit den übrigen und nament-
lich mit der dritten Hirnhöhle durch einen fehr fci^
neii Gang zufammenhänge, der von einer Erweiterung,
jp welche die Scheidewaudhöhle fich vorn zu ^ncUgen
fcheint, rückwärts verlaufe und fich höchft wahr-
fcheinlich zwifchen der vordem Commiffur und den
Schenkeln des Bogens in jene Höhle öffne ' ),
Diefen Gang habe ich gleichfalls einigemal bein;j
Erwachfenen auf ähnliche Weife verlaufen gefehen,
und mehrere der oben angeführten Beobachtu^en.
(chöinen fehr deutlich für die anfänglich weit anfehn-.
Sichere Gröfse diefes Kanals zu fprechen.
») t, «• p. 7+ %■«
^'- 391
Die verfchiedenen Formen, welche diefe Gegend
durchläuft, fcheinen folgende zu feyn: .
Anfänglich find Monro'fche Oeffnung und Schei-
dewandhöhle eins , und an ihrer Stelle findet fich eine
jjrofse Oeffnung, die anfangs gar nicht, allmälilig nur
wenig eingefchnürt wird.
Darauf fondern fich beide allmählig von einander
ab, indem von oben nach unten und von unten
nach oben Fortfätze der Hirnfubftanz einander entge-
genwachfen, und es findet nur ein Zjifammenhang
durch einen engen , von vorn nach hinten verlaufen-
den , anfangs weitem , allmählig fich verengenden
Gang zwifchen ihnen Statt. Hierher gehört uuftrei-
tig der kleine Wulft an der vordem Fläche der He-
jnifphäi-en beim erltcn Schafsembryo. Ob diefe Fort-
fätze einander je fo völUg erreichen , dafs dadurch der
vordere grrtfsere Theil der Oeffnung von dem hintern
abgefondcTt wird, läfst ficli nach meinen Beobach-
tungen eben fo wenig als nach den Wenzel'ichea für
jetzt mit Gewifsheit beftimmcn.
In eine Höhle verwandelt fich der vordere Theil
jener Oeffnung, indem zu ihren beiden Seiten fich
jene Fortfätze erheben.
Anfänglich find die feitliclien Wände derfelbea
\. eil er von einander entfernt, als fpätor, ragen daher
etwas wulftig ia die grofsen Seitenhöhlen hinein und
die Scheidewandhöhle hat daher, vorziiglich in ihrem
obera 'l'heile, eine beträchtliche Breite.
Diefe Darftelluug der Entwidmung der Sei-
tenhöhlen, nebft der Scheidevvandhöhle und allen
ö93
r,
Hirnhöhlen überhaupt, ift, wo ich nicht irre, wohl
infofern in.tereffant, als fie einen Beitrag mehr zu
der Gleichung zwifchen Gehirn und Herz abgiebt,
eine Parallele, welche ich fchon vor einiger Zeit ge-
zogen und fpäter von Herrn Cariis angenommen
finde '). Anfangs eine grofse, einfache, dünnwan-
dige Höhle, wie beim Herzen des Embryo und der
niedern Thiere, darauf Verengung und; Abüieilung
derfelben in mehrere Zellen , welche durch engere
Oeffnungen zufammenhängen , endlich felbft gänzliche
Abfchnürung eines Theiles derfelbea von dem übrigen,
■wie fich die rechte und linke Hälfte des Herzens von
einander durch die Scheidewand abiondern.
Die Wände des grolsen Gehirns find anfänglich
fiberall ganz glatt und die Ungleichheiten, welche fie
darbieten, find Produkte einer fpäten Bildung. Alle
entftehen erft nachdem fich die geftreiften Körper ent-
%vickelt haben. Die Ungleichheiten der Hirnwände
find von mehrfacher Art und es fragt fich daher zu-
erft, ob alle auf diefelbe Weife und ?.u derfelben Zeit
entftehen. Vom geftreiften Korper ift hier fo wenig
die Rede als von den Hirnganglien, fondern nur von
denen, welche darin mit einander übereinkommen,
dafs fie als Falten der anfangs glatten Hirrfvvände er-
fcheinen. Die hierher gehörigen Ungleichheiten find
die Windungen und Wülfie des Gehirns mit den Zwi-
lchen ihnen befindlichen Furchen, von welchen jene
l) ReUt Arcliiv Bd. XI. H. 3. i8u. üeber Zwitterbildungen im
Anfang. Ctns A, a. O, S, ;rg 11, sie.
593
an der äufsern Fläche als Vorfprünge fichtbar find,
und die Theile, welche an der innern Fläche der
grofsen Höhle als Vorfpriinge erfcheinen, alfo das
Ammonshorn mit leinen Anhängen , dem Saum und
der Nebenerhabenheit (eminentia collateralis) itn m'm-
lern, die Vogelklaue oder das yiein^ Amrnonshom im
hintern Home.
GewöhnUch fieht man diefe Theile als gleichbo.
deutend aji.
Schon Vicq d'Azyr fchlofs aus der Befchaffenheit
des Ammonshorns im vollkomninen Zul'taiide, dafs
es eine Hirnwindung fey, die fich in einer nach au-
- fsen von dem Sehhügel und dem geflreiften Körper
liegenden Vertiefung befinde, deren gewülijter Theii
durch Markl'ubftanz gebildet fey und die fich von den
übrigen Hirnwindungen nur zufällig durch ihre Ge-
ftalt unterfcheide , fo dafs die beiden Subftan-ieii,
woraus fic belitht, ohne Unterbrechung mit denen
des mittlem Lappens, der fie umgiebt, zufammen-
hängen ').
Nachher hat Herr Wenzel diefelbe Meinung, theils
auf den Zufland der Theile im erwachfeaon Zuflaiide,
theils auf die Befchaffenheit derlcibeu beim Fötus,
theils auf krankhafte Bedingungen geflülüt, angcnoni-
men und erklärt:
Hippocampus ergo manifefte nihil aliud eft, r/iil
continuatio fuperficiei cerebri iutro flexa , five in unam
l) Recli>!rcl:cs Tut la ftructuie du cerve*a eto. in m^iii. de Paris,
»n. i7ili. p. ^JO.
394 — ^-^^
iateralium ventriculoiiiin partem: five liippocampus
nihil aliud eft, nifi unus gyrorum in cerebri fuper-
ficie fitorum in interius cerebri, fjve in quamdam Ja-
teralium venticulorum partern prolongatio '). Beim
Ivleinen Ammonshorn ift es auch im vollkommnen
Zuftande noch leichter nachzuweifen , dafs es eine
nach innen gefchlagene Hirnwindung ift, indem es ver-
fchwindet, wenn die Gefäfshaut weggenommen ift.
Befonders merkwürdig ift , dafs die pathologifchen Zu-
ftande diefer Theile, welche Wenzel fand, Kleinheit
oder Mangel derfelben , mit Geiftesverwirrung vorka-
men, und dafs in dem einen Falle, wo das kleine
Hörn fehlte, die hintern Hirnwindungen äufserl't
■ivenig entwickelt waren,
Herr Carus tritt diefer Anficht gleichfalls bei,
indem er, auf die Autorität der Herrn Wenzel geftiitzt,
die Ammonshörner aus den an der innern Fläche des
Gehirns verlaufenden Falten herleitet, diefe mit den
übrigen Windungen in eine Klaffe fetzt, und bemerkt,
dafs fie fich von den übrigen nur durch frühzeitige-
res Erfcheinen unterfcheiden.
Dagegen find nach Herrn DölUnger diefe Theile
durchaus keine Hirnwindungen, wenn fie gleich durch
Faltung der Hirnwände entftehen. Er unterfcheidet
die Falten, woraus nicht nur das Ammonshorn, fon-
dern auch der Balken , die Scheidewand und der Bo-
gen hervorgehen, von den Windungen, und bemerkt,
dafs jene urfprünglich vorhanden find, diefe dagegen
L. e. p. i+i.
595
nicht und ihr faltenartiger Bau im Hirn des Erwach-
fenen nicht dargei'tellt werden könne. Jene groise
Hirnfalte liegt an der innern _Wand , biegt fich nach
innen und wieder rückwärts nach aufsen, um in
den äufsern Umfang des Gehirns überzugehen. So
weit fich die Hemifphären berühren , verwächft fie,
und fo entflohen der Balken, die Scheidewand und
der Bogen. Hinten, wo fie aus einander weichen, fin-
det kejne Verwachfung Statt : hier entftehen durch
diefe Falten die Arnmonshörner,
So viel ift auf jeden Fall gewifs, dafs die von
Herrn Dölli/iger angegebene urfprüngliche Falte wirk-
lich vorbanden ift und mit der Entftehung der in die
Mittellinie fallenden Hirntheile, des Ammonshoins untl
der yugelklaue in Beziehung fleht,
Sie findet fich fehr bald nach dem SichtbarY^er-
den des geftrtiften Korpers , weit früher als irgend eine
Windung an der übrigen Oberfläche des Gehirns ficht-
bar ift, bei allen von mir unterfuchten Säuglhier-
embryonen und liat eine defto gröfsere Ausdehnung,
-je jünger der Embryo ift. Sie bildet einen nach oben
gewölbten, nach unten concayen , dem geftreiften Kor-
per concenlrifchen Bogen , der an der innern Fläclie
ftark vorfpringt, den geftreiften Körper beträchilich
Cberragt und vom vordern Ende der Hemifphäre bis
•zum hinlern reicht. Er ilt bei Thierembryonen fchwu-
cher und einfacher als beim menfchlichen. Hier hat
fie /war gleichfalls bei ihrem erften Enlftehen diefelbe
GeftaJt als beim thiehfclien Embryo, die eines ein-
bclien Uugens, allein bald nachher gehen aus ihreni
vordem und hintern Ende fovvohl als nach oben Fort-
fälle ab, welche eben fo ftark in das Innere der
Höhle vorfpringen. Allmählig verfchwindet erft der
mittlere, dann der vordere Theil und es bleibt nur
der hintere übrig. Diefer ift bei den meiften Säug-
thieren einfach und fteigt nach unten und vorn: er
ift das AmmonshoTn. Beim Menfchen aber fpaltet fchon
lehr früh das hintere Ende des fenkrechten Theiles
der Falte Mi in mehrere Erhabenheiten, zuerft eine
unlere, grofse, das Aminonsliorn, und eine hintere,
gleichfalls anfehnhche, die Fogp/klaue: darauf in meh-
rere, eine obere, v\relche fpäter zu der kleinen Falle
verflrichen wird, welche fich über der Vogelklaue
findet und eine unlere , die Nebenerhabenheit , die
oewöhnlich nicht fo tief herabreicht. Allmählig ent-
wickelt fich auch vor dem Ammonshorn- von oben
nach unten der kleine markige Vorfprung,, der Saum.
Alle diefe Wülfte find anfänghch, ja das ganze
I'ötusleben hindurch und noch in den erften Jahren
der Kindheit ganz hohl. Allmählig wird erft der
Einsang ihrer Höhle enger, dann, indem fich immer
mehr folide Subftanz in ihrem Innern anhäuft, diefe
beim Menfchen, nicht aber beim Thiere verfcUoffen.
Indeffen zeigt doch immer noch ein ijuerer Durch-
l'chnitt ihr Wefen deutlich.
Diefe Falten finden fich auch bei Säugthierge-
hirnen deutlich, die durchaus keine andern Windua- •
gen haben, z. B- bei den Nagern.
Der Grund ihrer Entftehuog ift wohl fchwer aus- .
ziunitteln. Vielleicht darf man annehmen , dafs fie ja
Folge des Auseiiianderweichens der anfänglich ver-
bundenen Hemifpljären entftehen, fofern die Wände
derfelben bei dem Auseinanderweichen angefpannt und
dadurch verhältnifsmäfsig zu grofs werden. Der hin-
tere Theil, welcher 'iium Animonshorn wird, ent-
fpricht überall fo genau den Sehhügeln , dafs maa
kaum die Vermuthung unterdrücken kann, dafs diefe
an feiner Beftehung Antheil haben, indem fie an diefer
Stelle die innere Wand nach aufsen drängen. Bei
den Säugthieren liegt das, das ganze Leben hindurch
hohle, Ammonshorn immer auf diefen Theilen auf
und bleibt vielleicht eben darum hohl. So könnte
vielleicht diefer Theil die Veranlaffung zur Eni-
ftehung der ganzen Falte feyn , indem er anfangs wei-
ter nach vorn ragt. Merkwürdig ift in diefer Bezie-
hung auch der Mangel des Ammonshorns mit äufserli
unbedeutender Entwicklung des Sehhiigels bei den
Vögeln.
Doch verfteht es fich von fclbft, dafs hiermit
nicht geradezu ein Caufalnexus behauptet wird, in-
dem beide Bedingungen fehr v^ohl Wirkungen einer
Urfache feyn könneji.
Mit ihnen zugleich findet fich beim menfchhchen
F.mbryo die fehr tiefe Spaltung des Gelürns in einen
vordem und einen hintern Lappen, die hier ftärkeV
als in irgend einer Lebensperiode ift.
Aufserdem aber bemerkt man noch FaJten und
Windungen an der obern Fläche, welche, anfanolirh
zahlreicher, aber niedriger und kürzer, nur vom obern
Kande auslaufen, mit der grofsen F#ilto mehr oder
398 -* ■■
weniger deutlich zufammenliangen , fpäter an Zahl
abnebmen , aber tiefer wei den , und von deirfelben ge-
trennt an der äufsern und obern Flache des Gehirns
erfcheinen. Zugleich ift das vordere Ende des hintern
Lappens ftai''v nach hinten und innen gefchlagen. Eben
io biegt fich hinten der Theil, welcher fpäter hinteres
Hörn wird, nach innen nnd vorn, woher fowohl die
verhältnifsmäfsig geringere Länge als die deutliche
Trennung des vordem und hintern Lappens wenig-
ftens zum Theil rührt. Alle Erhabenheiten und Ver-
tiefungen erfcheinen jetzt, doch in entgegengefetzter
Ordnung, an der änfsern und innern Fläche des Ge-
hirns zugleich als fehr deutliche Falten, deren innere
Wände durchaus nicht zufammengehalten werden,
über welche die Gefäfshaut glatt weggeht und die man
fehr leicht aus einander ziehen kann. Zugleich find
die Wände äufserft dünn.
Alle diefe Windungen und Furchen, mit Aus*
nähme' des Ammonshoru und der Vogelklaue aber
verfchwinden , oder werden wenigftens höchft undent>
lieh, zugleich verdicken fich die Wände auffallend
und plötzlich und werden wieder glatt. Von einer
Abtheilung in vordem und hintern Lappen , die vor-
her fo deutlich war, fieht man kaum eine Spur. Def
Hergang diefer merkwürdigen Veränderung foheint
darin begründet ZU feyn, dafs -von aufsen und 'Vört
innen zwifchen die Windungen Hirnfubftanz Von
dftf Gefäfshaut abgefetzt wird. W'enigftens folgte böf
einem viermonatlichen Embryo, deffen Hirnfläche auf
den erften Anblick glatt erl'chien, die Hirnfubftana
•— 399
aus den Vertiefungen zwifchen den Windungen, und
nur hier, der Gefafshaut und erfchien mit derfelben
feft verbunden, und eben fo drang das Adernetz
welches vorher glatt ift, zwifchen die Windungen ein
und erfchien nach ihnen gefaltet. Hier waren die
Wände noch auffallend dünn, bei darauf folgenden,
etwas altern Embryonen dagegen unverhältnifsinäfsig
dick, wenige fchwache Furchen am vordem Lappen
ausgenommen, völlig glatt und erft allmählig ent-
ftehen von nun an fchwache Einriffe, die erft flach
feicht find, dann tiefer werden, und nie an der in-
iiern Flache fichtbar find.
Hierdurch läfst fich die Verfchiedenheit , welche
zwifchen meinen und meiner Vorgänger Beobachtungen
Statt findet, ausgleichen.
Naclj Söinmerring ') und Wenzel ') fehlen die
Windungen beim menfchüchen Embryo bis zum vier-
ten Monate gänzlich, aufscr, wenn das Gehirn in ftar.
ken Weingeift gelegt wird. Beim dreimonatlichen
Embryo finden lieh nach Wenzel unter letzterer Be-
dingung nur wenige und fchwache Piinnen in der Nähe
des innern und obern Randes der Hemifphäreii, die
man als Spuren künftiger Furchen anfehen kann, die
ganze obere Fläche aber ift durchaus glatt. Auch
beim fünfmonatlichen Embryo fieht man nur in der
Mitte der Überfläche des grofsen Lappens einige Ein-
Ichnitte. Nach dem fdchften Monate findet fich eine
l) Nervenlelire ^. ij.
a) Oe [lenii. Immmi oerebri fcructura p. tgS (£.
•400 -^ ^
glatte Furclie in der Gegend der Sylvifchen Orube.
Im fiebenteu Monate find die Furchen und Wülfte
deutlich. ,j
Auch nach Herrn DöHingej' find beim fünfmo-
natlichen Embryo nur hier und da Riffe, aber noch
keine Furchen und Windungen vorhanden. Die zuerft
erfcheinenden find die liefften und bringen niclit fo-
vvohl Windungen als Hauptlappen hervor ').
Eben fo erfcheinen auch nacli Herrn Canis die
Windungen an der aufseni Fläche des Gehirns erft
im fünften Monat, früher am vordem als am hintera
Lappen ').
Meine Beobachtungen geben zum Theil daffelbe
Refultat, entfernen fjch aber zugleich bedeutend von
diefen Angaben.
Es ift nämlich keine Frage, dafs die Oberfläche
des grofsen Gehirns wemgfiens bis zuni fünften Schwan-
gerfchaftsmonate ganz glatt ift und dafs in diefer Zeit
die Einwirkung des Weingeiftes nur lehr leichte und
wenige Vertiefungen hervorbringt.
Allein ganz anders verhält es fich in frühern Pe-
rioden. Denn, ungeachtet ich das Gehirn beim fechs-
bis Cebenwöclientlichen Embryo gaJiz gl^tt fimle, fo
fcheinen fich doch beftändig um die achte bis neunte
Woche die noch fehr dünnen Wunde der Seiten-
höhlen zu äufserft vielfachen und liefen Windungen Xind
furchen zu geftalten, wie fich aus der Befclireibung
des
s) A. a. O. S. iS.
I) A. a. 0. S. SJJ.
401
fies grofsen Gehirns aus neun - und zehnwöohentlichen
Embryonen ergiebt. Diefe Windungen und Furchen
find bei dem etwas frühen Embryo niedriger als bei
den fpätern , hier aber tiefer und breiter. Bei beiden
find die Windungen und Furchen an der innern FJäche
der Höhlenwände überall eben fo deutlich fichtbar als
an der äufsern und die Wände erfcheinen daher durch-
aus nur als vollkommen hohle Falten der Hirnfub«
ftanz. Die fpäter im fünften iVIonate zuerft durch
Einwirkung des Weingeiftes entftehenden, kaum merk-
lichen Erhabenheiten und Vertiefungen laffen fich gar
nicht mit diefen vergleichen, indem diefe fcharf be-
gränzt, fehr tief, eng, jene flach und breit find und
unmerklich in einander übergehen.
Wie lafst fich diefe Abweichung von den gewöhn-
lichen Angaben und die noch viel fchwerer zu er-
klärende Verfchiedenheit der frühern und fpätern For-
men begreifen?
Der erftc Verfuch zu einer Erklärung ift die An-
nahme, dafs jene frühern Windungen durch die Ein-
wirkung des Weingeifts hervorgebracht feyen, eine
Annahme, welche das für fich zu haben fcheint, dafs
fpäter nach der Angabe andrer Schriftfteller und mei-
ner eignen Erfahrung Windungen auch da, wo im
frifchen Zuftande keine vorhanden find, entftehen,
woran fich auch die oben angeführten Beobachtungen
der Windungen an den Viarhügeln von Schafsembryo-
nen fchJiefsen. Ich kann hierüber zwar infofern nicht
mit Beftimmtheit abfprechen, als ich gerade jene Em-
bryonen, l)üi welchen ich fie fand, nicht ini frifchen
M. d. Anhiv. /. 3, C c
Zuftande, fondern erft, nachdem fie eine Zeitlang in
Alkohol gelegen hatten, erhielt und unterfuchte, alfo
nicht weifs, wie fich das Gehirn im frifchen Zuftande
verhielt. Allein ich geftehe, dafs mir diefe Ver-
muthung unftatthaft fcheint und zwar aus folgenden
Gründen :
j) Waren die Gehirne der Embryonen in den
unverletzten Schädeln enthalten und füllten diefelben
ganz an, was unftreitig nicht der Fall gewefen feyn
würde , wenn fie früher nicht vorhanden gewefen wä-
ren, indem dann nothwendig, vorzüglich wegen der
fahr bedeutenden Zufammenfaltung, eine fehr anfehn-
liche Lücke zwifchen der Schädel- und Hirnhöhle ent-
ftanden feyn würde.
2) Bei Schafsembryonen , wo ich in einer fehr
vollftändigen Reihe die allmähligen Veränderungen des
Gehirns und die Befchaffenheit deffelben im frifchen
imd dem durch den VVeingeift hervorgebrachten Zu-
ftande vergleichen konnte, habe ich nie etwas ähn-
liches bemerkt. Zwar bringt hier der VVeingeift , wie
hei den fpätern menfchlichen Embryonen , in gewiffen
Perioden auch da Windungen hervor, wo fich im
frifchen Zuftande keine, oder wenigftens nur fchwä-
chere wahrnehmen laffen; allein diefe find ohne Ver-
gleich kleiner, flacher, unmerklicher, in weit gerin-
gerer Anzahl vorhanden als in fpätern Perioden und ■
zugleich bildet fich dann ei»e verhältnifsmäfsige Lücke
zwifchen Schädel und Gehirn.
3) In frühern Perioden finde ich fie unter keiner
Bedingung bei irgend einem Embryo, ungeachtet die
403
Wände tfOnner und die Höhle geräumiger ift, mithin
die Veranla£fung zu ihrer Entftehung weit leichter ge-
wefea wäre. Eben fo wenig entftehen an den dünnen
Hirnwänden der Reptilien und Fifche durch die Ein-
wirkung des- VVeingeil'tes ähnliche Ungleichheiten.
Grund genug, wie es mir fcheint, um diefe An-
nahme zu verwerfen und die Meinung aufzufteJlen,
dafs diefe Windungen urfprüngliche Bildungen und
in die Entwicklung des Gehirns nothwendig verwebe
find. Ift diefe gegründet, fo giebt es alfo in der Bil-
dungsgefchichte des Gehirns, wenigftens des menfch-
lichen, eine Periode, wo fich die dünnen Gehirnwände
zu zahlreichen und tiefen Windungen zufammenfalten,
deren innere Wände zwar dicht an einander liegen,
allein nicht mit einander verwachfen find, in welche
fich daher die Höhlen erftrecken. Auf diefe Period«
aber folgt eine andere, in welcher diefe Windungen,
fowohl an ihrer äufsern als innern Fläche dergeftalt ,
mit einander verwachfen , dafs die Oberfläche des Ge-
hirns, fowohl inwendig als auswendig, von neuem
glatt wird. Erft nach mehrern Monaten tritt wieder
eine zweite, jener frühen ähnliche Periode, eine
zweite Bildung von Windungen und Furchen ein, die
fich aber von der erften durch den merkwürdigen
Umfland unterfcheidet , dafs nur äufsere, keine in-
neren Furchen erfcheinen und die Windungen nur
an ihren äufsern Flächen von einander getrennt, va,
ihrem Innern dagegen folide find und lieh die Seilen-
I höhlen durcliaus nicht iu £e forlfetzen.
Cc 3
Jene erfte Periode wäre demnach ein Mittel zur
Verdickung der AVände und zur Vermehrung der
Markfubftanz : eine Anficht, welche durch die be-
kannte Bedingung, dafs fich bei keinem Thiere die fo-
genannte ungeformte Markfubftanz im grofsen Gehirn
in fo anfehnlicher Menge findet, als beim Menfchen
vielen Schein erhält. ,
Wahrfcheinhch tritt daher auch nur bei ihm jene
erfte Periode der Bildung von Windungen, ein, bei
den übrigen Thieren fallen beide zufammen. Dies
wird wenigften's durch den in diefer Hinficht ganz ver-
fchiedenen Gang der Entwicklung des menfchlichen
und des Schafsgehirns höchft wahrfcheinlich , indem
hier offenbar die zuerft erfcheinenden Windungen fich
allmählig, aber ununterbrochen vergröfsern und verviel-
fachen, dort dagegen ganz verfchwinden, und fich erft
l'päter neue bilden.
Ich halte -diefe Erfcheinungen um fo weniger für
zufällig und felbft nicht einmal für blofs individuell,
da die Entwicklung anderer Theile ganz ähnliche
darbietet. Hierher gehört offenbar die Bildung des Hin-
terhauptbeines aus mehrern, völlig ähnlichen, nachein-
ander erfcheinenden Paaren von Knochenkernen, welche
unter einander verwachfen und fich über einander entwi-
ckeln, das gliederweife Hervorwachfen der Extremitäten.
Die fpätern vind das ganze Leben hindurch blei-
benden Windungen entftehen zuerft an der obern Fläche
des vordem Lappens und verlaufen der Länge nach.
Anfangs finden fich, bei dem Schafe wenigftens, nur
awei, welche eine kleine der Länge nach verlaufende
405
Erhabenheit, die weiter nach innen liegt, von der
übrigen Oberfläche des Gehirns abfondern. Darauf
vergröfsert fich die Zahl und Tiefe der Windungen
ziemlich fchnell, es fliefsen mehrere zufammen, fie
veräfteln fich, ftatt dafs fie vorher getrennt und ein-
facher waren.
Die Wände der Hirnhühlen find anfänglich äu^
feerft dünn und der Raum, welchen fie einfchliefsen,
verhältnifsmäfsig fehr grofs, dies uni fo mehr, da an-
fänglich weder geftreifte Körper noch Windungen vor-
handen find, wodurch er verengt würde. Dafs fich
anfänglich nur eine grofse vordere Höhle findet, glaube
ich fchon oben (S. 385-) wenigftens fehr wahr-
fcheinlich gemacht zu haben. Die Höhle wird all-
inählig auf die gleichfalls angegebene Weife in zwei
getrennt, die nur durch die anfangs eine fehr weite,
von oben nach unten abfteigende Lücke, nachher nur
«inen Idcinen Zwifchenraum clarftellende Monro'fche
Oeffnung verbunden werden, immer aber durch dieffc
lind längs des ganzen vordem Randes des Ammons-
horns nach hinten offen find, fo dafs hier die innere
Fläche des Gehirns in die äufsere übergeht. Die Thei-
limg derfelben in mehrere Hörner wird zuerft durch
das Emporvvachfen des geftreiften Körpers an der un-
tern Fläche bewirkt, wodurch das vordere von dem
mittlem Hörn gefchicden wird. Diefe Abgränzung
geftliicht fehr früh : weit fpäter die Abfondcrung des
initllern vom hintern Hörne, welche dadurch bewirkt
wird, dafs die hintere fackförmige Erweiterung der
aufangs einfachen Höhle fich allmähUg von dem Am'
monshom abfondert, mit dem fie anfänglich zufam-
menhing.
In Beziehung auf die Seitenhöhlen des Gehirns
hat Herr Carvs feftgefetzt, dafs der menfchliche Em-
bryo fchon fehrfriih durch' anfehnliche Weite derfelben
fich vor den übrigen Säugthieren auszeichne. Dies ift
richtig: indeffen ift in derlelben Periode, wo der üu-
üsere Umfang der Hemifphären auch beim raenfchlichen
Embryo verhältnilsma'fsig nicht giöfser als heim Säug-
thierembryo ift , auch feine Höhle nicht geräumiger.
Ob feine Meinung, dafs die beträchtliche Hüll-
lenbildung nicht allein bei menfchlichen Embryo , fon-
dern beim Embryo überhaupt, von dem Gefäfsgeflecht
hernihre und dafs die beim Embryo zu bemerkende
anfehnliche Gröfse deffelben damit in Beziehung ftehe,
völlig richtig fey, wage Ich nicht geradehin zu ent-
fcheiden^ doch ift fi& nicht als beftimmt erwiefen an-
zufchen und ich glaube fie fogar bezweifeln zu können.
Es ift nämlich zwar richtig, dafs das Gefäfsgeflecht in
frühem Perioden weit anfehnlicher als in fpätern ift,
allein in der allerfroheften Periode, wo die Höhle ver-
hältnifsmäfsig zu den Wänden am anfehnlichften ift,
fehlt es erft ganz und ift in etwas fpätern verhältnifs»
mäfsig kleiner als in darauf folgenden , wo die Wände,
befonders durch Entwicklung des geftreiften Körpers,
etwas an Dicke zunehmen : wo die Urwindungen zu-
fammenfallen, faltet es fich zwifchen ihnen. Ich möchte
daher vielmehr annehmen, dafs das Gefäfsgeflecht nicht
fowohl mit der Höhlenbildung, als mit der Bildung
fefter Nervenfubftanz in uriachlicher Beziehung ftehe.
Herr Carm hat im Allgempinen das Gefetz auf-
gefte]]t, dafs der Nerv im Gegenfatz zum Gefäfs ent-
ftehe, felbft anfangs Gefäfs fey, und dem zu Folge
auf feiner höchften Stufe die Gefäfsform wiederhole,
hohl werden muffe, da ftets, die höhern und fpiitera
Formationen die niedrigem und frühern wiederholen.
Die CentralmaCfe als edelfte Form der Nervenmaffe
muffe demnach hohl , und je höher ihr Typus fteige,
defto bedeutender ihre Höhlenbildung feyn ').
Ift dies wirklich richtig? Zwar ift es keine
Frage, dafs Höhlenbildung im Nervenfyftem erft bei
den Wirbelthieren vorkommt, dafs die Abtheilungen
des Fifchgehirns , welche nach meiner, auch von
Herrn Carus angenommenen Anficht den Hemifphä-
ren entfprechen , beinahe überaU folide find , dafs die
Vierhiigel da, wo die Sehnerven und der Gefichtsfinn
am ftärkften entwickelt find , bei den Vögeln diefelbe
Bedingung darbieten , dafs die Höhle des menfchlichen
Gehirns durch die Anwefenheit eines dritten hintern
Horns geräumiger als bei den übrigen Säugthieren
erfcheint; allein, wo ich nicht fehr irre, fo ftimmt
dennoch das aus diefen und andern Thatfachen abge-
zogene Gefetz nicht mit der Wahrheit überein. Die
einfache Bemerkung, dafs, mit Ausnahme vielleicht
des kleinen Gehirns, die Höhle eines jeden Theiles
des Nervenfyftems, und die der Hemifphären wenig-
ftens eben fo fehr als die irgend eines andern, in dem
Maafse gröfser ift, als der Embryo feiner Entftehung nä-
i) A. a. O, p. icC.
408
her ift, reicht, dünkt mich, hin, um bedeutende Zweifel
an demfelben zu erwecken. Höchft wahrfcheinlich ift
das richtigere Gefetz das, dafs Gröfse der Höhle und
Verhäknifs derfelben zur foliden Nervenfubftanz im
geraden Widerfpruch mit der Vollkommenheit der Ent-
wicklung flehen und dafs, wo anfcheinend bedeutende
Höhlenbildung erfcheint, dies nur im Verhältnifs zu
dem bedeutenden Umfange des refpectiven Theiles Statt
findet. Die Seitenhöhlen des grofsen Gehirns find nur
darum beim Menfchen gröfser, weil die Maffe des
grofsen Gehins verhältnifsmäfsig fo bedeutend anfehn-
licher ift als bei allen übrigen Thieren. Im Verhält-
nifs zur Menge der Gehirnfubftanz find dennoch beim
Menfchen ganz unftreitig die Höhlen kleiner als bei
den Thieren. Aus demfelben Grunde find die Seli-
hfigel der Vögel hohl. Der vollkommne Zuftand ift;
immer der Zuftand des Uebergewichts der foliden
Subftanz über die Flüffigkeit , der Wände über die
Höhle. Wäre das Entgegengefetzte richtig, fo läfst
fich nicht einfehen , warum man nicht die Hirnhöldea-
wafferfucht für den höcbften anfehen dürfte.
§. 61.
Aus einer allgemeinen Betrachtung der Entwidv-
Jung der gefireiften Körper, der Höhlen, der Schei-
dewand und der Oberfläche der Hemifphären und
einer Vergleichung derfelben mit der Entwicldung Ja
der Thierreihe ergiebt fich Folgendes:
Ungeachtet bei den meiften Fifchen der Theil,
•welcher dem grofsen Gehirn entfpricht, folide ift.
ungeachtet die wirbellofen Thiere cljefelbe Bedingung
darbieten, fo entwickelt ßch doch das grofse Gehira
bei den Säugthieren nicht auf ähnliche Weife aus einer
jnnern foliden Maffe, in welcher fich etwa allmiihlig
eine Höhle bildete , oder vonn welcher aus fich nach
einer oder mehrern Piichtungen dünne Wände entfal-
teten, we man im Allgemeinen, ohne jedoch dadurch
den Gang der Bildung angeben zu wollen, das Ver-
hältnifs der Wände der grofsen HirnhOhlen zu dea
geftreiften Körpern belchreibt.
Tndeffen ift es möglich, dafs vielleicht in frühern
Perioden das grofse Gehirn doch wirklich eine folide
Maffe ift, in welcher fich erft allniählig eine Höhle
entwickelt, oder dafs, eine Vermuthung, welche mit
der Bildungsgefchichte der übrigen Theile, wenigftens
des Rückenmarkes, des kleinen Gehirns, der Vier-
hfigel näher iibereinzuftimmen fcheint, fich erft der
Boden bildet und dann von diefem aus auf beider»
Seiten fich Wände erheben, die in der Mitte zufam-
men fliefsen.
Hieröbcr muffen Beobachtungen aus frühern Pa-
rioden entfcheiden.
Sehr merkwürdig ift, fowohl an und für fich,
als in diefer Beziehung, die Entwiclvlung der Hemi-
fphären in der Pieihe der Fifche felbft, indem ich
diefc bei den Hayßfchen und Rochen nicht folide, fon-
dern hohl, und ihre Höhle in einer ununterbroche-
nen Verbindung mit der Höhle der Iliechxierven ge-
funden habe.
410 — ^—
Das grofse 'Gehirn cliefer höhern Fifche ent-
fpricht alfo wenigftens fehr beftiinmt einer fehr frü-
hen Bildungsftufe deffelben beim Embryo der höhern
Thiei^e ; denn ganz imverkennbar ift die Aehnlichkeit
zwifchen der Form der Hemifphären des Hayfijchge-
hirns ' ) mit der Bildung derfelben beim frühen Schafs-
embryo, wo fich gleichfalls vorn und unten ein an-
fehnlicher Vorfprung befindet, der eine, nach hinten
unvollkommne Scheidewand darftellt , und die Höhle
in der Mitte zu einer Communicationsöffnung ver-
engt ').
Hier find fowohl beini Embryo der höhern Thiere
als bei niedern Thieren , deren Hirnbildung der fei-
nigen entfpricht , keine geftreiften Körper vorhanden.
Auf einer etwas höhern Stufe finden fich diefe
beim Embryo fowohl als beim Frojchie. Bei diefeni ■
fliefsen vorn die Hemifphären noch auf ähnliche Weife
zufammen, allein es haben fich weiter hinten, in ih-
rer Länge verlaufende geftreifte Körper gebildet. Da-
gegen fehlt hier der vordere, nach hinten verlaufende
Vorfprung, der fich beim Hayjifch findet, und die
Hemifphären und Seitenhöhlen Aas Frofches haben,
vej'elichen mit denen des Hayfifclies , das Anfehen,
als Virären diefe allmählig fo , erft in gerader Richtung,
imd dann mit ihren äufsern Enden nach hinten ge-
zogen worden, dafs der vordere Vorfprung, hin-
ter welchem beide communiciren , zur Bildung der
l) Arßli} >.». O. Taf. III. Fig. J,
s) Taf. I. Fig. 2T. 2%.
^ 411
vordem Wand verwendet worden und nur die Ver-
bindungsoffnung übrig geblieben fey.
Hierauf folgt die Bildung, welche bei liöliern
Reptilien und den Vögeln den vollkommnen Zuftand
bezeichnet. Die Hemifphären find ganz von einander
getrennt und hängen nur hinten und unten durch
die Hirnfchenkel und durch kleine Commiffuren zu-
fainmen. Bei diefen Thieren find die Innern Wunde
der, von den Hirnganglien völlig getrennten Hemi-
fphären ganz glatt, wie bei dem Embryo der Säug-
thiere, nachdem die oben angegebene Trennung ein-
getreten ift, und fich die Falten an ihrer Innern Fläche
noch nicht gebildet haben.
Bei den Vögeln find fie fehr dünn , inwendig mit
einer markigen Schicht bedeckt, die aus auffteigen-
den, von unten nach oben divcrgirenden Strahlen, be-
Iteht. Diefe Schicht hat man fehr verfcbiedentlich
gedeutet. Haller hält fie für den Bogen, Franke für
die Scheidewand, die Lücke zwifchen der rechten und
linken für die Scheideivandhöhle.
Nach Cuvier haben die Vögel weder Balken
noch Bogen, noch durchjlch/ige Scheidewand; das
dünne Blatt ift die innere Wand der grofsen Hirn-
höhlen. Wo ich nicht fehr irre, fo ift cUefe Mark-
fchicht das Rudiment diefer drei Theile. Die innern
Flächen deffelben find fehr genau durch Zellgewebe
und Gefäfse an einander geheftet, weit genauer, als
die beiden Blätter der Scheidewand: nur im untern
Theile, vor den Hirnganglien , ift die Verbindung
lockerer. An der innern Fläche diefes untern Thei-
412 ^^^^^
les Endet ficli, auf den, von den Selihügelnentfpnm-
gencn , und unter den Hirnganglien hervortretenden
Schenkeln der Strahlenausbreitung auffitzend und der
Seitenhöhle zugewandt, eine deutliche Anhäufung von
grauer Subftani;, das vordere Paar der beiden Erha-
benheiten, Virelche Cuvier richtig angiebt, und wovon
dis Hirnganglien die hintern bilden, welches aber
durchaus nicht, wie Herr Cariis gethan hat, zu den
letztern gezogen werden darf. Hüchft wahrfcheinlich
entfpricht diefer fpecielle Theil der Scheidewand der
Säugthiere, die markige Ausbreitung an der innern-
Fläche dagegen ift eine Andeutung des Balkens, die
Subftanz , aus welcher er fich bei den Säugthieren
bildet.
Hierauf folgt die Stufe der mejften Säugthiere,
bei welchen die Höhle der Scheidewand geräumiger,
der Balken kleiner ift als beim Menfchen.
Glätte der Wände kommt den meiften Fifchen
und Reptilien zu. Auch bei den Vögeln und mehrern
Säugthieren bieten fich diefelben Erfcheinungen dar.
Die Ungleichheiten , welche fich bei diefen finden,
entfprechen genau den crften bleibenden Windungeni
die fich beim Schafe bilden.
Eben fo find die Wände bei allen übrigen Thie-
ren verhältnifsmäfsig zu der Höhle dünner als beim
Menfchen und dies in dem Maafse mehr als fie fich
weiter von ihm entfernen.
Das hintere Hörn der Höhle findet fich nur bei
den, dem Menfchen am nächften flehenden Affen, fehlt
allen übrigen Thieren , wie es fich auch beim menfch-
hchen Fötus nur fehr allmählig bildet.
Eben fo fehlt auch bei den Vögeln , deren Ge-
hirn einen grofsen geftreiften Körper enthält, jede
Spur eines Aminonshorns , das auch beim Menfchen
und dem Süu gtliierembryo fpäter entfteht als der ge-
ftreifte Körper, und die Vogelklaue, welche allen
Säugthieren abgeht, kommt beim menfchlichen Em-
bryo fpäter zum Auftritt als das Ammonshorn.
§. 62.
In Beziehung auf che Gröfse des grofsen Gehirns
kann man bemerken, dafs fie anfänglich, im Verhält-
nifs zu allen übrigen Theilen des Gehirns, mit Aus-
nahme des kleinen, und zum Rückenmark, bei allea
Säugthieren ohne Ausnahme, weit luibedeutender als
in fpätern Perioden ift. Die Hemifphären und anfangs
kaum fo grofs, felbft kleiner, als Theile, die fie fpäter-
hin mehr als hundertmal an Grüfse fibertreffen. Hier-
von macht der menfchliche Embryo keine Ausnahme,
fo fehr auch im vollkommnen Zuftanile die Hemi-
fphären die übrigen Abfchnitte der Centraltheile das
Nervenfyftems überwiegen.
Schon früher habe ich als imterfcheidenden Cha-
rakter der liöhern und niedern Biklungen das höhere
E'inheitsftrpben. bei den erftern aufgeftellt '). Jetles
Syftem liefert zu dieleni Gefetze Belege. Aus denen.
l) Beitr. zur vergl. Anat. E. 2. H. I. Ueber den Uncerfehied zv. i-
Ichrn hühern und nicUcrn Blldungeu.
414
welche das Nervenfyftem darbietet, ergiebt fich, dafs
das grofse Geliirn allmählig die Oberherrfchaft über
das übrige Nervenfyftem gewinnt und als Mittelpunkt
des Lebens erfcheint. In feinem bedeutenden Ueber-
gewicht über die übrigen Theile des Nervenfyftems,
und namentlich des Rückenmarkes ift eins der Haupt-
merkmale der menfchlichen Bildung enthalten. Es fragt
fich aber , ob diefe Bedingungen dem menfchlichen Ner-
venfyftem in allen Perioden des Lebens zukommen, oder
obfie, wie ich eben bemerkte, erft fpäterhin eintreten?
Der erftern Meinung fcheint Herr Cariis zu
feyn. „ Anlangend , fagt er , das Verhiiltnifs der Maffe
„des Rückenmarkes zu der des Hirns, fo ift gerade
„in diefer Hinficht die wenigfte Verfchiedenheit zwi-
„ fchen dem Rückenmark des menfchlichen Fötus und
„dem des Erwachfenen fichtbar •).« Als Grund hiervon
giebt er i) die bei jedem Fötus fehr ftarke Entwick-
lung des Kopfes im Verhältnifs zum Körper an und
2) dai's der Begriff der Wiederholung niederer Thier-
klaCfen in den vorübergehenden Bildungsftufen höherer
Thiere nicht zu weit ausgedehnt werden miiffe , indem
es natürlich an fich unmöglich fey, dafs der menfch-
liche Embryo erft etwa als ausgebildetes Mollusk,
dann als Fifch, darauf als Amphibium u. f. w. er-
fcheinen könne. Vielmelir feyen die Thierähnlicli-
keiten, welche er in feiner Entwicklung darbietet,
nur Anklänge niederer Bildungen , die nie von der
Art feyn könnten , dafs fie mit dem eigentlich inenfch-
1; A. a. 0. S. sfiä.
415
I'' liehen Typus im voUkommnen Wiclerfprucli ftänden,
zu deffen Erreichung man fchon in den früheften Pe-
rioden ein Streben bemeike. „Eben fo, Tagt er,
„fteht das Uebergewicht der übrigen Theile des Ge-
„hirns über die Hemifphären, welches bei vielen Fi-
„fchen Statt findet, mit dem der menfchlichen Gat-
„tung eigenthiimlichen Charakter der nervigen Gen-
„tralmaffen, welcher eben in vollkommner AUein-
„herrfchaft des Geliirns überhaupt und der Hemifphä-
„ren insbefondere begründet ift, im directen Wider-
„fpruch," und fügt hinzu, „dafs der nienfchliche
„ Embryo folche Bildungen nicht wiederholen könne,
„es daher nicht befremden könne, die Hemifphären
„fchon in fehr frühen Perioden, fowohl durch ihre
„Gröfse, vorzüglich aber durch ihre aufserordentlich
„ entwickelte Höhlenl^ildung ihre Beftimmung auf das
„ tieutlichfte beurkunden , und nur in weniger wefent-
„licher Rückficht Anklänge niederer Organifationen
„darbieten zu fehen ')."
Ich glaube zwar, dafs Herr Cariis vollkommen
Recht hat, wenn er fich gegen das überwitzige Spiel
mit der merkwürdigen Gleichung zvvifchen der Ent-
wicklung des menfchlichen Embryo und der Entwick-
lung der Organifationen erklärt , halte aber doch die-
feibe für weiter ausdehnbar als er und Herr Bartels zu
glauben fcheint, der die von Herrn Wahher ') gegeben*^
Durcliführung des Embryo durch alle ThierWalTen für
I) Ebendaf. S. 391.
3) Ph^fiul. Bd. J. l «4?.
416
fo eut hält, als Ge bei Jer unvoUkommnen Analogie
überhaupt müglich fey ' ). Offenbar nämlich erfcheint
diefe Analogie in dem Maafse weniger deutlich, als
man den Embryo fpäter unterfucht. Auch verweift
Herr Carus ausdrücklich zu Beftätigung feines Satzes
auf feine Abbildungen des Hirns und Rückenmarkes
eines menlchlichen Embryo von fünf bis fechs Mo-
naten *\ Unterfucht man aber den menfchlichen
Embryo in hinlänglich frühen Perioden, fo findet man
leicht, dafs er fowohl im Allgemeinen als in Bezie-
hung auf das Nervenfyftem insbefonclere weit nie-
drigere Formen durchläuft als es nach jenen Aeufse-
run<^en wahrfcheinlich ift und höchftens findet man
das Gefetz beftätigt, dafs die niedrigem Formen in dem
Maafse fchneller durchlaufen werden als das Thier
im voUkommnen Zuftande höher fteht '). Natürlich
werden auch bald beim menfchlichen Embryo die He-
niifphären verhältnifsmäfsig gröfser als bei andern Em-
bryonen, indem gerade diefes Uebergewicht derfelben
entfcheidendes Merkmal des menfchhchen Gehirns ift :
allein es gicbt eine Periode, wo fie verhältnifsmäfsig
zu den übrigen Hirntheilen, und das ganze Gehirn
zum Fiückenmark auch beim menfchlichen Embryo fo
Idfiin find, dafs fich offenbar das menfchliche Gehirn
oar nicht von dem Embryogehirn des niedrigften
Säugthiers unterfcheidet. Nur, wie gefagt, dauert
beim
l) Phyfiol. p. 39?.
i) A. a.O. S. 163.
3) Meekels Beltr. iur vergl. Anat. Bd. i. H. I. S. J.
^- 417
beim Siiugthier jene Periode fchon danun länger,
weil fich das Gehirn des Säugthiers auch im voll-
konimnen Zuftande nicht aber eine Bildung erhebt,
die beim Menfchen nur einem vorübergehenden Zu»
ftande zukommt.
§. 63.
Aufser den verfchiedenen Formen, welche das
Jfervenfyftem durchläuft, bietet auch das innere Ge-
webe deffelben fehr bedeutende Entwcklungsverfchie-
denheiten dar. Bekannt ift die Bemerkung, dafs es,
wie alle Gebilde, anfangs felir weich ift, und nur all-
mählig erhärtet.
Eben fo entwickelt fich auch der Unterfchied
zwifclfen grauer und Markfubftanz nur mit der Zeit.
In den erften Monaten befteht das Gehirn blofs
aus einer einfachen, perlfarbeiien , grauröthlichen oder
gelblichen, halbdurchfichtigen Maffe , die fehr deutlich
aus Kügelchen zufammengefetzt ift. Nach dem drit-
ten Monat ficht man durch Erhärten im Weingeift
diefe Kilgclcheii faft deutlicher als in fpätern Lebens-
perioden 2U Fafern zufammengeftelit, die vorzüg-
lich im grpfsen Gehirn auf den Wänden der Höhl«
fenkreclit ftehcnd , fich nach allen Riclitungen gegen
die Oberfläche hin entfalten. Bei mehrern meiifch-
Jichen Embryonengehirnen aus dem vierten bis fechs-
ten Monat habe ich aufserdem die Bemerkung gemacht,
daEs die Oberfläche des Gehirns aus einer grofsen
Mengeideiner, rundlich- eckiger Abtheilungen belteht,
welche die Grundflächen eben fo vieler Kegel fcheiaen,
M. d. Archiu. J. 3. Dd
416
auf den Hühlenwäntien auffitzen. Vorzüglich war
dies der Fall bei Geliirneii, die entweder nicht fo-
gleich, oder in nicht hinlänglich ftarken Weingeift
gethan und nicht gehörig erhärtet waren. Demnach
fchiene auch die Gehirnfubftanz, fo wie die mehrerer
andrer Organe, z.B. der Lungen, Leber, Nieren aus
niehrern Läppchen zufamniengefetzt, die anfänglich
lockerer mit einander verbunden wären undfpäter auf
diefelbe. Weife; genauer mit einander verfclunölzen.
Mit der Angabe, dafs in den frühem Perioden
noch kein Unlerlchied zwifchen grauer unrt weilser
Sui&ftanz wahrnehmbar ift, kommen aucli die Beobach-
tungen der Herrn Wenzel überein. Univerfum, fagea
fie, circa omnia, quae hunc in linem interfpeximus,
embryonum cerebra dicendum eft, nulJam adhuc in
iis diftingui cineritiem et medullam. . . . Certius iftud
a medulla difcrimen poft partum non fcmper pari con-'
fpicitur temporis fpatio, i'eufim tanlum fenfimque cor-
tex in grifeum abit , medulla in album. Dann be-
merken fie, dafs fie einigen, aber fch wachen , Unter-
l'chied bei einem achtmonatlichen Knaben , bei einem
neugeb'ornen Kinde das Mark nicht weifs, fondern
wegen der Menge feiner Blutgefäfse hochroth, die
Rinde fehr bleich gefunden haben •). Damit kom-
men auch Sümnienings '} und meine Beobachtungea
im Allgemeinen überein.
t) L. c. p. 299- 300.
a) NerVeulehre J. 57.
> 419
Bei den fibpr die Zeit der Entftehung diefes Un-
terfchiedes (iberhaupt und die Zeitfolge, in Welcher
fich derfclbe entwickelt, angeftelJten Unterfuchungea
insbefondere bemerkte icli folgendes.
Beini neugebornen Kinde ift er im Rückenmark
im Allgemeinen fchon vollkommen fo deutlich ent-
wickelt , als fpäterhin : nur findet fich hier jetzt noch
(wie liberall, jedocli hier verhältnifsmäfsig weniger)^
weit mehr graue Subftanz als beim Erwachfenen, und
gegen den hintern Umfang liegt auf beiden Seiten
die graue Subftanz zu Tage, indem fjoh ihre Schen-
kel bis zur hintern Fläche fortfetzen. Der untere
Theil des Rückenmarkes befteht ganz aus grauer
Subftanz.
Im Schädel unterfcheidcn fich das grofse und
kleine Gehirn in diefer Periode, und noch mehr nach
Ablauf der erften Lebenswochen bedeutend von ein-
ander. Das kleine kommt mehr .mit dem Rücken-
mark überein; indem der Unterfchied zwifchen grauer
urid weifser Subftanz wegen ftärkerer Dunkelheit der
erfteren und hellerer Färbung der letzteren viel deut-
licher als im grofsen Gehirn ift, wo man beide, vor-
züglich wegen des grofsen Gefäfsreichthums der Mark-
fubftanz, kaum unterfcheidet. An den Gränzen fcheint
fich der Unterfch'cd zuerft zu entwickeln, denn in der
Mitte ift die Markfubftanz durch eine anfehnlicheMeaige
Ton Blutgefäfsen grauroth, darauf folgt eine etwas
weifsere Schicht, zuletzt die fehr hellgraue Rinde.
Um die achte und zehnte Woche nach der Ge*
burt ift der Unterfchied zwifchen grauer und weifser
Dd a
420
Subftanz im Geliirii weit cleutlicber entwickelt; dtit
ift verhältnifsmäfsig immer noeli bei weitem mehr
graue als weifse vorhanden. Auch hier ift im klei-
nen Gehirn die Rinde v.'eit dunkler, das Mark viel
weifser als im grofsen: doch find die feinften Ver-
zweigungen des Lebensbaumes noch nicht markig,
auch ift das corpus ciliare verhältnifsmäfsig gtöfser
als fpäterhin. In den Hemifphären gelangt man erft
durch Spalten von der Tiefe eines Zolles zu völlig
weifser Subftanz. Gewöhnlich liegt aufserdem zwi-
fchen ihr und der an fich fchon breiten Rinde noch
eis breiterer, ftnrkgerötheter Streif. Bisweilen ift
der Balken nocii ganz grau, bisweilen fchon ganz
weifs. Grau fand ich ihn bei einem zehnwöchent-
lichen Mädchen, da er bei einem achtwöchent-
lichen Knaben fchon weifs war. Alle in den Höhlen
befindlichen Theile, auch die Markkügelchen am Bo-
den der dritten Hirnhöhle find noch ganz grau. Bei
dem erwähnten Knaben war auch das Gewölbe grau,
•ungeachtet der Balken fchon aus vollkommner Mark-
fiibftanz beftand. Uie vordere Commiffur ift da , wo
die übrigen mittk-ru Theile grau find, etwas heller
als fie, doch fchwächer und weniger weit als in fpä-
tern Perioden zu verfolgen. Die hintere ift gewöhn-
lich vollkommen weifs, vielleicht weil fie früher ent-
fteht. Die Hirnfchenkel find an ihrem untern Um-
fange und in der Mitte ganz weifs, übrigens gröfs-
tentheils dunkelgrau , doch verläuft auch an dem I
obern imd äufsern Theile ihres Umfangs ein \veifser|
Streif, ia welchen fich dje Pyramiden fehr deutlich |
fortfetzen. Der Hirnknoten ciitli'Ot mir an feiner
äufsern untern FJJclie deutliches Mark und Ouerftrei-
fen, die inwendig undeutlich und nur in felir gerin-
' ger Menge vorhanden find. In den geftreiften Kör-
pern dnä die graue und weifse Sabftanz fo deutlich,
bisweilen fogar noch deutlicher als fpäler von einan-
der verfchiiden.
Um den fechften Monat nach der Gehurt habe
ich gewöhnlich graue und Markfubftanz ganz in dem-
felben V^erhältnifs zu einander gefunden , welches das
Wanze Leben bcfteht.
Auch dicfer allmählig erft entftehende Unter-
fchied zwJfchen grauer und Mai-kfubftanz ift befon-
ders wegen des Zufammsnfallens der Entwicklung des
Embryo mit der EntwiclUung der Thierrcilie nierk-
■»vürdig.
§. 64-
Unterfcheidon Geh vielleicht 'höhere und niedere
Säugthicre von einander dadurch , dafs bei jenen die
(Central ihcile des Nervcnfyftems fich früher zum voll-
kommncn Zuftande erheben oder wenigftens die frü-
hern Periode fchneller durchlaufen, als bei diefen?
Herr Carus fcheint dies bei Gelegenheit der Bil-
ngsgcfchichtc desSäugthiergehirns anzudeuten; doch
i_.aube ich wenigftens nicht, dafs diefes Gefetz ohne
Einfchriinkung für das Erreichen aller hohem Bil-
ilungsftufen gilt. Wo ich mich bei der vergleichen^
den Betrachtung der Kaninchen- , Schaf- und manfcli-
licjien Einbrjiiue/t nicht fehr geirrt habe, fo tritt zwar
bei diefen letztern früher als bei clea übrigen ein von
dem frühem abweichendes 'Gröfseverhältnifs der ver-
fchiedenen Theile ein, namentlich bekommen die He-
mifphären früher ein bedeutendes Uebergewicht; allein
die innere Ausbildung der Theile fcheint nicht früher
anzufangen und fchneller fortzufchreiten. Das kleine
Gehirn vergrößert und furcht fich keinesweges fchnel-
ler, die Wände der Vierhiigel verdicken fich, die
Hirnganglien verwachfen unter einander nicht früher
als bei den übrigen Säugthieren, und die Höhle des
Rückenmarkes fchliefst fich erft nach der Geburt.
(Der BefcIiluTs folgt im nüclirten Hefte.)
42-5
l ji t e l l i g e n z h l a b t.
I. Ueber die Entwicklung der TeicVihornfchnecken
,• (Limneus i'tagnalis). Vom Dr. Siiebel ').
JJie Begattung dev Teiclihonifchnecken gefcKleht im
März, in den Zimmern auch fchon im Februar. Hier
verficht, _ ungeachtet in jedem Individuum beide Ge-
rrhlechlstheile gleich entwlclcelt find , das eine die männ-
liche, das andere die weibliche Function. Die eine
Schnecke, welche die Rolle des Männchens übernimmt,
luclit ficli mit erigirter Ruhe eine andere weibliclie aus,
fchmeiclielt ihr durch Berühren mit den Fühlliörnern,
fetzt ficIi an die rechte Seite derfelbeii und bringt nun
die Ruthc ein. Das Männchen verhält fich von nun
an ganz luliig, «las Weibchen aber macht mehrere wol-
lüflige Bewegungen. Nach beendigter Begattung flieht
das .Mannchen das Weibchen auf das fchleunigfte und
beide TbciJe fitzen traurig da. Beim Blannchea findet
man bald nach der Begattung den Hoden gekrümmt,
gewilfermafsen krampfhaft zufammengezogcn, eben
fo die Saamenblafc, ducli diefe nicht ganz leer von
Saamen, die weiblichen Zeugungstheile klein. Die
Sclielde und Gebärmutter des Weibchens enthalten Saa-
l) Limnei ftagnalis anatome DiCT. inaug. quam pro fummis in
mcdicina et cliiriirgia lioni>ribiis rite aifeciuemiisedidic S. Slititl.
.MueiKi-lrancolurunus. Gotlingae 181$.
424
men, die ScUeimdrüre iTt angefchwollen, , die männ-
lichen Theile find Idein. Die Eier fcheinen im Eier-
gange befruchtet zu werden, indem es nicht wahrfchein-
lich ift, dals der Saame durch den gewundenen Eier-
gang in den Eierftock gelange, in der Gebärmutter aber
find die Eier mit Schleim umhüllt, weshalb fie der Saame
nicht berühren kann.
Zwei Tage nach der Begattung werden die Eier
gelegt. Blan findet fie in Haufen, bis auf 50 an der
Zahl, von Schleim überzogen, in welchem fie ohne
hefiimmte Ordnung liegen und der fie au das Rohr
heftet.
Die fruchtbaren find oval , die unbefruchteten mehr
rundlich und enthalten keinen gelben Punct, womit jene
verfehen find , und der die erfte Spur des neuen Thle-
res ift. Das Ei behält bei weiterer Entwicklung deffel-
"ben immer diefelbe Geftalt und mit blofsen Augen nimmt
man auch im erften Rudiment keine Veränderungen
wahr. Diefes liegt immer an dem einen Ende des
Eies.. Zwillinge enthalten zwei. Anfangs erfcheint es
als eine ungeformte Waffe. Vier bis fünf Tage nach
dem Eierlegen nimmt man die erften Veränderungen,
wahr. Es erfcheint an dem gelben Puncte ein fchwar-
zer, der es in Kopf und Schwanz zu theilen fclreint.
Zugleich entfteht nun die erfte Bewegung, indjpm der
gelbe Punct fich, in der Sonne fchneller als im Schat-
ten , um den fchwarzen beftändig dreht. Um den fechs-
ten bis fiebenten Tag erfcheint er aus vier Lappen ge-
bildet und die Bewegung wird nun zufammengefetzter,
indem fich zu der Rotationsbewegung auch eine Orls-
vevänderung, eine Bewegung im Umfange des Eies ge-
lellt. Am zehnten Tage erfcheuien regellofe Gefäfse,
aber noch kein Puls. Das Rudiment hat jetzt genau
die G«fta]t der Leber des vollkommnen Thieres, io
435
dafs alles aus der Leber, dem giofstcii Ni.iritionsorgan,
hervorzugehen fcbeint. Arn zwölften Tage unterfchel-
det man deutlich den Kopf vom Schwänze, doch und
beide äufserlich durch eine Art von Band vereinigt.
Die mehr entv-ickelten Gefäfse ftreben nach einem
Puncte zufammen, doch bemerkt man noch keine Be-
wegung des Herzens. Ein Gefiifs, welches Itävker als
die übrigen ift, Ichelnt die Geftalt des Darmkanals an-
zunehmen. Die Bewegung ift willkührhcher, indem
die Ortsbewegung nicht mehr To genau in derfelben
Richtung gefchieht, der Kopf geftiecki wird, wenngleich
die Achfenbewegung noch fortdauert. Am vierzehnten
Tage find die Gefäfse zahlreicher und mehr vereinigt,
der Magen deutlich, aber kein Herzfchlag wahrnehmbar.
Der Fufs fängt an fich zu bilden, von der Schale aber
findet fich keine Spur. Die erfte Bewegung des Her-
zens nimmt man am fechszehntcn Tage wahr, wo auch
die diiune Schale, die Augen, Fühlhörner, und die
Form des Kopfes deutlich erfcheinen. Das Herz fchlägt
funfzigmal in der Jlinute , beim gebornen Thier nin
über zwanzig. Zwifchen dem zu-anzigften und dreifsig
flen Tage kriecht das Thier aus, in der Warme früher
als in der Kälte. Die Geftalt Icommt mit der des er-
wachfcnen ülicreiu, nur ift die Schale fehr dünn und
die 'Zahl ihrer Windungen geringer, nur vier bis fünf.
Diefc Eniwicklungsweife ift vorzüglich aus drei
Gründen intereffant:
1) wegen der Aehnllchkeit der Bewegung des r.ndi-
mentes mit der Bewegung der Planeten, fo dafs He
gewiffcrmafsen ein Uebergang aus der ui^organifchen
in die organlfche Natur ift;
2) weil die Leber das zuerft gebildete Organ zu feyn
- fcbeint, aus -.velchem alle übrigen Theile hervor-.
426
gehen, was auch beim Embryo der höhern Thiere
der Fall zu feyn fcheint ;
3) weil das Herz, als die Blüte und vollkommenfte
Entwicklung des Gefärsfyftems , zuletzt in diefena
Syltem erfcheint.
II. Verfuche und Beobachtungen über den Einfliifs des
herumfehweifenden Nerven auf die Abfonderungs-
thätigkeit des Magens. Von B. C. Brodle ').
In einem, der Gefelirchaft fchon früher durch
Herrn E. Home mitgetheilten und feitdem im Jahre 1809
in ihren Verhandlungen bekannt gemachten Auffalze ^)
lind einige Thatfachen aufgeftellt, «eiche es wahrfdieiu-
lich machen, dafs die thierifchen Aljfonderungen von
dem Einfluffe des Nervenfyftems abhängen, eine An-
lliht, welche durch fpäter von mir angeftellte Ver-
fuche, in welchen nach Zerftorung des Gehirns, unge-
achtet die Thäligkeit des Herzens und der Kreislauf
wie gewöhnlich beftand , dennoch die Verrichtung) der
abfondernden Organe ohne Untei-fchied aufliörten, noch
mehr beftätigt ^vurde.
Schon früher haben die Phyfiologen den Grad der
Nothwendigkeit der Nerven zur Abfonderung zu be-
ftimmen verfucht, allein diefe Unterfuchung ift mit be-
trächtlichen Schwierigkeiten verknüpft und von den bis
jetzt angeftellten Verfuchen fcheint keiner viel Licht
über den Gegenftand zu verbreiten. Das einzige Mit-
tel, um durch directe Verfuche auszumachen , ob die
Nerren wirklich ziu- Abfonderung nothwendig und, ift
l) A. den pliiU transact. 1814. part. I,
s) Ueberf, von Naße in Reils Archiv Bd. 12. H. 3.
427
fl!e DurcTifclineiflung der Nervenäfle, welche zu den
Drüfen gehen. Diefer Verfuch aber kann bei den mei-
ften Drüfen gar nicht angeftellt werden und ift da, wp
er möglich ift, ineiftentheils mit fo bedeutender Stö-
rung und Verletzung anderer Theile verknüpft, dafs
er nur äufserft fchwer zu beftimmten Refultaten führt.
Künftige Unterfuchungen mögen vielleicht manche Ura-
ftände enthüllen , wodurch wir zu • einer genügenden
Entfcheidung einer fo wichtigen phyliologifchen Frage
geleitet werden. Bis dahin verdient, da die bisherigen
Arbeiten der Phj'ßologen fo wenig dazu beigetragen ha-
ben , jede Thatfache , welche zu Erörterung derfelben
beitragen kann, bemerkt zu werden, und ich lege da-
her der Gefellfchaft die folgenden Verfuche vor, welche
wenigftens für eine Secrelion die Abhängigkeit von den
Nerven erweifen.
Der iVIagen erhält feine Nerven vom herumfchwei-
fenden Nerven , und eben diefer trägt , da er an der
Bildung des Sonnengeflechtes Antheil hat, zu Verfor-
gung des übrigen Thelles des Darmkanals , vorzüglich
der dünnen Därme, bei.
Bei einer frühem Unterfuchung, welche die Functio-
nen des Magens zum Gegenftande hatte , durchfchnitt
ich dicfe Nerven am Hälfe , um ihren Einilufs auf die
Abfonderung des Magenfafles auszumitteln, wurde aber
in meiner Erwartung getäufcht, indem die Thiere be-
fiändig wegen der, durch die Zerfchneidung des Ner-
ven veranlafste Störung der Refpiration früher ftarben.
Ms die Wirkung derfelben auf das Verdauungsgefchält
au^gemlttelt werden konnte.
Früher hatte ich mich überzeugt , dafs bei Arfenik-
vergiftungen eine betrachtliche Menge Schleim und wäf-
ferige Fliifligkeit von der Schleimhaut des Magens und
des Darmkanals abgefoiulert wird, welche eine äufserft
beträolitliolie Ausdehnung diefer Tliejle nach dem ToJe
zur Folge hat. Hierdurch wurde ich auf die Vermuthung '[
geleitet, dafs, wenn Hch auch der Einfiufs der Duich-
fchneidung des Iienunfchweifenden Nerven auf die noi-
niale Secretion des Magens nicht ausmitteln liefse, dies
doch vielleicht für eine künltliche diefer Art möglick
wäre.
In diefer Abficht wurden die folgenden Verfuche
angeftellt :
l) Augenhlicklich nach Durchfchneidung des Hals-
ftückes der hcrumfchweifenden und fympathifchen Ner-
ven hei einem Hunde wurden zehn Gran Arfenik in.
eine'AVunde am Schenlcel gehracht. Das Athraen wurde,
ivie gewohnlich nach Durchfchneidung diefer Nerven,
Tjcfohwerlich und fpäter traten die bei Aifenikvergiftun-
cen gewohnlichen 'Zufälle, doch mit dem Unterfchiede
ein,, dafs weder aus dem Magen, nocli dem Darmkanal
Fliiffigkeitien ausgeleert wurden. Nach 3} Stunden ftarb
das Thier. Der Magen und Darmkanal enthielten blofs
Speifen und Koth, durchaus aber keine Spur von der
bei Vergiftungen diefer Art gewoh^ilich anwefenden
Flüffigkeit. Die Schleimhaut des Magens und des Darm,
kanals war beträchtlich entzündet.
2) Ein anderer Hund, bei welchem derfelbe \'er-
luch wifdeiholt wurde , ftarb "nach 9 Stunden. Auch
hier ^^'ar die Schleimhaut entzündet , allein keine Spur
von wräfferiger oder fchleimiger Flüfhgkeit im Darm-
kanal; '
3) Sogleich nach Durclifchneidung derfelben Ner-
ven am Hälfe wurden einem Hunde zwei Unzen einer
gefättigten Auflöfung von weifsem Arfenikoxjd in Wal-
ler eingegeben. Nach 3 Stunden ftarb er. Die Schleim-
haut war etwas entzündet , der Darm aber enthielt we-
der fctleiauge noch wälfeiige Flüfligkeir.
Bei diefen. V'erfiiclien ftarben ctiefe Tliiere clurch
Sie Anwendung des Arfeniks und unter den gewöhn-
lich dadurch veranlafstert ZuFällen, mit Ausnahme der
reicliHchen Sclileimalifonderung, welche fonft auf der
Schleimhaut des Magens und Daruikanals Statt Kndet.
Natürlich läfst lieh hieraus fchlieCsen, dafs diefe Abfon-
denina durch die Unterbrechung des Nerveneinfluffes,
niillelft Durchfchneidung des herumfchweirenden Ner^
ven, gehemint wurde. Da aber durch diefe auch immer
das Athmen geftört und erfchwert wird, fo raufste na-
türlich der Antheil diefes Umftandes an Hervorhrin-
gtmg jener Wirkung ausgemittelt werden. Daher wurde
diefer Verfuch mit der Abänderimg wiederholt, dafs
die Nerven ohne Störung der Function der Luiieen
durchfchnitten wurden.
4) Zu djefem Behuf wurde bei einem Hunde dicht
unter den falfchcn Rippen ein Einfchnitt in den Un-
terleib gemarht und die Nervenftränge des heriunfchwei-
fenden Nerven, welche fich zum Magen begeben, dicht
unter dem obern Magenmunde durchfchnitten , hierauf
die Wunde zugenäht. Das Atlimen wurde durchau.s
nicht geftört, fondern gcfchahe fo fchnell und fo frei
als unter gewöhnlichen Bedingungen. Hierauf wurde
weifses Arfenikoxyd in den Schenkel gebracht, worauf
das Tliier wenig Stunden nachher "unter den gewöhn-
lichen Zufällen , allein wieder ohne flUflige Ausleeruu-
gen aus dem Magen und Darinltanal , ftarb.
Bei der Oeffnung wurde die Schleimhaut des Ma-
gens und Darmkanals entzündet, in diefen Theilen wc-
der fchleimige noch wäfferige Fliifligkcit, nur eine ge-
ringe Menge Schleim im dicken Darm gefunden.
Da diefer Verfuch mit den vorigen daffelbe Refnl-
tat gab, fo *ft man wohl zu dem Schluffe berechtigt,
dafs bei allen die Unterdrückung der Ablbndcrungen
430
Wofs "(Ter Durchfchneidurg der Nerven zuzufchreiben
ift, und die Abfonderungsthätigkeit des Magens und
Darmkanals felir unter dem Einfluffe des Nerv^nfyftems
fteht. Zwar kann man aus ihnen keine beftimmte Fol-
gerung über die Notliwendigkeit des NerveneinfluJIes
auf die Abfondei-ungen überhaupt herleiten ; allein , fo-
fern fie ein Glied' in der Kette einer wichtigen, aber
fehr Ichwierigen phyfiologifchen Unterfiichung bilden,
haben die angeführten Umftände vielleicht einigen
Werth und verdienen aufgezeichnet zu werden,'
Ich füge noch hinzu, dafs ich die Unterfuchung
fortzufetzen verlacht hahe, um den EinHufs auszumit-
teln , welchen Durchfchneidung der Magennerven ober-
halb des obeni Magenmundes auf das Verdauungsgefchäft
bat-, allein verfchiedene Umftände, deren Aufzählung
unnöthig ift, haben mich in meinen Forfchungen un-
terbrochen und fcheinen es faft unmöglich zu machen,
je über diefen Gegenftand befriedigende Beobachtungen
anzuf teilen.
III. Ueber die Dauer der Pupillarmembran. Von
/. F. Meckel.
Man weifs fchon lange, dafs die Pupillarmembran
beim Menfchen und den meiften Thieren fchon vor er-
laneter Reife des Fötus verfcKwindet. Im Allgemeinen
nimmt man wohl an, dafs dies Gefetz für alle gut;
wenigftens fagt noch ganz neuerlich der berühmte Blu-
vienbach (Handb. der vergl. Anat. 2te Ausg. iglS- S. 518.
519): „Im übrigen, fo viel nämlich bisher darüber an-
gemerkt worden , wie z. B. in der memljrana pupilla-
ris u. f. w. fcheinen fie (die Säugthicre) mit dem un-
gebornen Kinde iin ganzen meift übeicin zu kommen."
Indeffen hatte fchon fVriiberg (De inetabrana foetus pu-
r. 431
pillari in nov. comm. foc. reg. fc. Gotling. T. II. rec,
in ejus Comment. foc. reg. obl. fy]]. Vol. I. p. g.) be-
merkt, dafs er bei einer zweitägigen Katze auf beiden
Augen die Pupillaruiembran vgllkounnen deutlich gefun-
den habe und gefragt , ob dies vielleicht bei allen Tliie-
ren, deren Augen eine etwas beträchtliche Zeit nach
der Geburt verfchloffen bleiben, der Fall fey? Da ich
gerade jetzt Behufs andrer Gegenftände fechs neugeborne
Katzen unterfuchte , erinnerte ich mich an diefe Stelle,
unterfuchte die Augen von allen , nachdem drei davon
injicirt worden waien und fand bei allen die Pupillar-
membran fo derb und gefäfsreicli , vuie ich fie beim menj'ch'
liehen Ejnbryo kaum tur Zeit der huchften Blüthe fahe.
Zugleich war die Centralarterie der Marldiaut und ihra
Verbreitung auf der liintern Fläche der Linfenkapfel
deutlicher als in gleich grofsen menfchlichen Augen.
Jene Vermuthung Wrisbergs fcheint alfo wenigftens
für die Katze völlig gegründet zu feyn und es läfst ßch
wohl nicht ohne Grund vermuthen dafs auch die übri-
gen mit verklebten Augenliedern gebornenThierediefclbe
Anordnung darbieten werden. Sobald ich Gelegenheit
habe, neugeborne Hunde und Kaninchen zu unterfuchen,
werde ich diefon Gegenltand beiückfichtigen und den
Befund anzeigen.
Offenbar ift diefe Uebereinfiimmung der Entwick-
lung der äufsern und innern Theile des Auges höchft
merkwürdig und nicht ohne Intereffe ift es , dafs gerade
bei denfeiben ThierSn fich auch andere Theile, die bei
andern, deren Pupillarmembran weit früher verfchwin-
det, auch fchon lauge vor der Geburt nicht mehr be-
ftchen, z. U. die Nabelblafe und die iNabelgekrosgofäfse
fich bis zur Reife erhalten.
So wie Jich in diefer Hinficht der Fötus einiger
SUiigthierarteii von denen andrer bedeutend unterlchei"
433
<3et, fo läfstjficli aucli für andre Organe claTTelbe Ga-
feiz aiifftellen. 'Ganz vorzüglich gehören hierher die
Nebennieren, die bei faft allen Säiigthieven in Hinficht
auf Grcifse ein , dem menfchlichen ganz entgegetigefetz-
tes VerhältniXs darbieten, unJ^ wo man gewifs nicht
Tagen kann, dafs die Säugthlere mit dem Menfchen ira
Ganzen niciftens übereinftimmen. Viehnehr fcheint es
mir allgemeines Gefelz , dafs die Nebennieren bei den
Säuglhieren in allen Lebensp^rioden zu den Nieren daf-
felbe Verhältnifs haben, wo fie nicht in den früliern
fogar bedeutend kleiner find. Wo ich nicht irre, fo liegt
der Grund diefer Verfcbiedenheit in der Verfchiedenheit
fler vcrhältnlfsmäLigcn Gröfse der Innern Gefchlechts-
theile, iiamentlicli der Organe und Hoden beim Men-
fchen und den Säugthieren. Bei diefen findet fich zwi-
fchen jenen und den Ausfiihrungsgängen eine äufserfc
aViCehnliche Maffe, welche urfprünglich die ganzen
Gefchlechtstheile darftellt, alle übrigen Abtheilungen
derfell>en bei weitem überwiegt, wovon dagegen beim
menfchlichen Fmb'ryo kaum eine Spur vorhanden ift.
Hochft waluiciieinlich hängt mit der ftärkern Entwick-
lung diefer Gegend, die fchwichere der Kebenniereu
zufammeu ").
IV. Ueber einige ungewöhnliche Erfcheinungen an
Leberknoten. Von /. F. Meckel.
Kürzlich fand ich in der Leiche einer ungefähr 40
.lahr alten Frau eine, mit Knoten durchaus befäete Le-
J)er. Sie gehören zu der Art, welche Baillie (Anat.
des kraiikh. Baues, überf. v. Sommerring 8.131.) gmfse,
weifse
l) Sleiie hierüber □mrij'ndliclier Miller de geniCiLium tvolution;.
Hake 181;.
. 455
weifte Knoten der Leber nannte , und die von ihm (En-
gravings Fafc. V. PI. 3. F. 2. 3.) , noch beffei- alieV yoii
Farre (Morbid anat. oi the liver Fafc. I. PI. i.) abgebiU
det worden find.
Die Anzahl der Knoten belief fich wenigftens auf
fechzig. Ihre Gröfse variirte beträchtlich. Me klein-
ften ivaren nicht gröfser als eine Erbfe, die gröfsten an-
fehnlicher als eine welfche Nufs. Das charakteriftifche
Kennzeichen derfelben, ein Eindruck an dem nach
aufsen vorragenden Theile ihres ümfangs, fand lieh
hier, fo Mae in allen von mir gefehenen Fällen diefer Art.
Eben Ig bemerkte ich auch hier, wie in allen frühern,
dafs es nur an denen voikommt, welche fich an der
Oberfläche befinden, die im Innern der Leber liegen-
den zeigten es nie. Uebrigens waren faft alle diefe
Knoten genau nach demfelben Typus gebildet ; nur we-
nige unterfchieden fich von den übrigen, diefe aber auf
eine merkwürdige Weife.
Statt dafs nämlich bei weitem die meiften , wie
die erfte Figur zeigt, eine gleichförmige weifsliche Farba
hatten , (wobei ich bemerke , dafs ich diefe Knoten , un,
geachtet ich zehn bis zwölf Fälle davon gefehen habe
nie fo gelb fand, als fie Farre a. a. O. abbildet), und
namentlich keine Spuren von Blut oder Gefäfsen zeig-
ten, wechfelten bei diefen rothe, höchft regelmäfsig Ge-
bildete Ringe mit der weifsen Subftanz. ' Die Anord-
nung war nicht überall völlig diefelbe, fondern ich fand
folgende Verfchiedenheiten. Bei einigen einen weifsen
mittlem TheU, liierauf einen fchmalen roihen Rin«,
darauf wieder einen breitern weifsen, welcher den .aufser.
ften Thcil des Knoten bildete. Diefe Anordnung ftellt
die zweite Figur dar. Andere, welche die dritte Figur
liefert, unterfchieden fich von diefen durch die Ani-
•.refenheit eines mittlem rothen Punctes izn inncrn gelb»
Af. i. Areliiv. 2. j. E e
iveifsen Kerne. " Eine vierte, noch zufammengerelztere
Bildung endlich ftellt die vierte Abbildung dar, vi^o Tich
innerhalb des bei der eben befchviebenen kleinen rothen
Kernes , der hier in demfelben Verhältnifs beträchtlicher
ift, ein .l^leiner vyeifser Punct befindet, fo dafs alfo ficli
l^ier fünf verfchiedene Lagen, drei weifsliche und zwei
rpthe finden. Einen höhern Grad von Zufammenfetzung
Jcpnnte ich, trotz der genaueften und forgfältigften Un-
terfuchung und DurchTchneidung aller Knoten, nicht
finden.
" ■ Die weifsliche Subftanz unterfchied fich in tlle-
feii Varietäten durch nichts von der in den ganz dar-
aus gebildeten Knoten. Eben fo wenig ftand diefe An-
ordnung mit der Gröfse derfelben in Beziehung, in-
dem die übrigen Knoten, die entweder eben fo grofs,
gt'öfser oder kleiner waren, durchaus keine Spur davon
^eisten. Die Knoten felbft , an welchen ich diefe fand,
gehörten irAixi 2u den mittlem.
Aufserdem fand ficheine, aber wreit feltnere , nur
fiji. zwei Stellen vorkommende Verfchiedenheit der Kno-
ten, i!> Hinficht auf Conllftenz. In dem einen näm-
lich lag in der Mitte der übrigen weifsen homogenen, mit
den übrigen übereinkommenden Subflapz eiii Ideiner,
mehr gelber, weit härterer, trockner, zerreiblicher
Kern , der zunächft von einem fchmalen , regelmäfsigen,
rothen Kreife umgeben war. Diefe Knoten findet man
in der fünft«n Abbildung. Die fechfte dagegen ftellt ein^
Andere Form dar, wo der harte, bröckliche^ geibgriui-
liche Kern bei weitem den gröfsten Theil des Knotens
einnahm , und nur von einem fchmalen hellen Streifen,
der auch etwas härter und trockner als die gewohnliche
gelbweifse Subftanz war, mehr die BefchafFenheit eines
Balges hatte , umgeben fchien
435
Diefe Erfcheinungen erregten meine Aufmerkfanrikelf,
weil ich fie weder früher gefehen hatte, noch mich er-
innerte, fie von andern Anatomen angeführt gefunden
zu haben. Baillie Tagt zwar (a. a. O. S. 131.): „diefe
„ Knoten fcheinen zuerft rings um die Blutgefäfse der
„ Leber gebildet zu werden , wie man wahrnimmt , wenn
„man die Leber in diefem Zuftande durclifchneidet ; "
allein diefe Ausfage fcheint mir theils wenig gegründet,
theils auch mit der gegenwärtigen Erfcheinung in kei-
ner Beziehung zu flehen.
Farre bildet an der äufsern Oberfläche einiger die-
fer Knoten rothe Stellen ab und fagt auch (a. a. O. S. 5.) :
„ihre vorragende Fläche werde durch Blutgefäfse etwas
flecltig," erwähnt aber der von mir befchrieljenen Er-
fcheinungen eben fo wenig, als er fie in der Abbildung
auf irgend eine Weife andeutet. Monro , der eine ge-
naue Befchreibung diefer Art von Gefchwülften liefert,
(Morbid anat. of the human gullet u. f. w. Edinb. I8lt.
p.219 — 22I.)fag': ausdrücklich: „I never have beenable»
„to obferve bloodveffels within the fubftance of tu-
„mours." Eben fo wenig hat Voigtel da, wo er von
diefen Knoten handelt (Path. Anat. Bd. 3. S. 38.) diefe
Erfcheinungen bemerkt und fie verdienten daher fchott
ihrer Seltenheit wegen eine befondeie Envähnung.
Aufserdem aber fcheinen fie mir in Hinficht auf ihr*
Bedeutung merkwürdig. Wo ich nicht fahr irre, fo find
die verfchiedenen Formen , welche ich fand , verfehle-
dcne Bildungsftufen derfelben regelwidrigen Textur. Die
m«iften, wenig confifteten, homogenen, weifsen, blm-
lofen Knoten ftehen auf der niedrigftcn Stufe der Ent-
wicklung, über welche fie fich wohl im Allgemeinen
nur feiten erheben. F^ine vollkommiie Fliuwicklung
Hellen diejenigen dar, wo blutige Krelfe mit der frülier
vurhandenen Subltanz wechfeln. Der Grad der Voll«
£e 1
436
kommenlieit fchemt hier durch die gröfsere Zalil der
»othen Gefäfskreife angedeutet zu feyn, die auch mit
der Gröfse der Knoten wächft. Endlich ift die dritte,
feltenfte Fort« die Stufe , welche einen gefunkenen Zu-
ftand , die Periode der Abnahme der Vegetation des re-
gelwidrig entftandcnen Gewebes andeutet. Sehr fchön
zeigt die fünfte Figur den Uebergang von dem Zuftande
der höchften Blüte zur gänzlichen Abnahme, dem Ab-
fterben, welches die fechlte bezeichnet. Die Entftehung
von Gefäfsen , welche bei weitem nicht überall eintritt,
Icheint, nrich dem in der fünften Figur abgebildeten
Knoten der Erhärtung der weilslichen Subftanz noth-
wendig vorauszugehen,
Vergleicht man diefe ErTcheinungen mit andern,
häufiger im Organismus vorkommenden, fo findet man,
dafs lie mit den Exanthemen und den Veränderungen
des bthrüteten Eies, alfo mit der Entftehung neuer Or-
ganifatienen überhaupt übereinliommen.
Die weifsliche Subftanz düFerencürt lieh auf ähn-
liche Weile, als es bei Bildung der Halonen in der
Haut des Dotters gefchieht , denn fie ift nicht durcli-
aus homogen , fondern es finden fich dunklere und hel-
lere, zum Theil mehr oder weniger concehtriChe Stel-
len. Diefe Dißerencürung erreicht nach innen den höcji-
ften Grad und hierdurch bildet fich eine Area vafeulofa
von gröfserer oder geringerer Zufammenfetzung, welche
das Mittel zur Entftehung neuer Subftanz zu u'erden
fcheiiu, innerhalb deren fie fich dann felbft mehr oder
weniger wiederholt. Doch wird dadurch nie etwas Höhe-
res als -das urfprünglich Vorhandene hervorgebracht, fo
wie auch die fich völlig auf diefelbe Weife nach innen
wiederholende Hydatide immer nur ein Produkt er-
«eugt, dat mit einer Eihülle Aehnlichkeit hat. Die
437
EritTteiiung der harten, bröckUchen Subftanz fcheint
nicht unpallentl mit der Bildung des Schor/es ver-
glichen werden zu konnen.-
V. Ueher. den Zuftand der Blutgefäfse bei der Ent-
zündnng ').
Bei Unterfuchiungen über den Zuftand entzündeter
Gefilfse kam ich auf die Vertmithung, dafs die Erre-
gung von Entzündung in durchlichtigen Tlieilen und
die Beobachtung derfelben einiges Licht über den Ge-
genftand verbreiten könnte. Zwar war ich im Auffin-
den des Urfprungs und des Fortgangs diefer Erfchei-
nungen nicht ganz fo glücklich als ich gewünfcht hätte,
indeHen boten fich mir doch dabei Gegenftände dar,
auf welche früher gar nicht oder weiiigftpus nur an-
vollkomrnen aufmsrkfam gemacht worden war. Eine
genaue Darftellung der Schwierigkeilen , welche ich fand,
wird vielleicht andere in den Stand fetzen, fie künftig
2u vermeiden, oder wenigftens abhalten, zu viel Ver^
trauen auf die Berechnungen und Scblüffe folcher Pa«
lliologen zu felzen, di>! darüber fpeculirt, aber nicht
die Schwierigkelten des Geger.fundes durch die Erfah»
aung kennen gelernt haben.
Ehe ich Entzündung zu veranlaffen und zu beob-
achten fuchte , bemühte ich mich , die normalen Er-
fcbeinungen des -Kreislaufs in denfelben Theilen genau
auszumitteln. Kaltblütige Thiere eignen ilch bekannt-
lich hierzu am heften. Halltr wählte dazu die Gekrös-
I) Aui den vortrerflichen Lectures on infUmmation exhibitlng
a vie^v vi ihe geneial ductrines pathological and practical ot
medical furgery by J. Thmißti. Edinb. 1813. S. 75 — W-
438 .*^,-.^-
gefäfse des Frofclies; allein durch das Freilegen diefejr
Membran werden die Gefäfse gezerrt und in eine regel-
widrige Lage gebracht und der Tod des Thieres ift die Folge
des Verfuches. Ich zog daher die Gefäfse der Schwimm-
haut des Frofches vor, die zwar nicht fo vollkommen als
das Gekröfe , aber doch hinlänglich durchfichtig find, um
bei hellem Lichte eine deutliche Beobachtung des Blutlaufes
zuzulaufen, und ohne viele Schmerzen und den geringften
Blutverluft dargelegt werden können. Wird der Fufs aus-
gefpannt und die Spitzen von zwei bis drei Zehen an
die Oeffnungen der Vertiefung befeftigt, in welcher das
Glied liegt, fo Uann man zu jeder Zeit den Zuftand des
Kreislaufs ai\ den entgegengefetzten Seiten der mittlen»
Zehen beobachten , ein , bei folchen Verfuchen wichtiger
Uinftand, wo verfchiedenartige Subftanzen an die Ge-
fäfse gebracht werden, indem die Zehe die an die Ge-
fäfse ihrer einen Seite gebrachten Subftanzen fich auszu-
breiten und den Kreislauf auf der andern Seite umzu-
ändern hindert.
Mit blofsem Auge oder einem gewöhnlichen Ver-
gröfserungsglafe betrachtet zeigt die Schwinimhaut kleine
Blutgefäfse, yon welchen die gröfsern in der Nähe und
längs der Zehen verlaufen und Zweige abfchiclven , die
lieh auf ,der Schwimmhaut verzweigen und frei zufam-
jnenmiinden. Der unmittelbare Uebergang der Arterien
und Venen ift an den Enden der Schwimmhaut am
deutlichften. Die Haargefäfse fcheinen hier befonders
lehr feine Venenzweige zu feyn und ein Gewebe zu
bilden, welches an arteriöfe und venöfe Gefäfse gehef-
tet ift und von ihnen aus gefüllt werden kann. In
diefeh 'drei Ordnungen von Gefäfsen , den Arterien, Ve-
«en und Haargefäfsen geht der Kreislauf ununterbrochen
fort. Man lieht deutlich die Blutkügelchen in den
Haargefäfsen und Venen, allein, fo lange der Kreis-
439
Uuf ungcfiört ift , bemerkt man keine Spur von Antrieli
oder zitternder Bewegung. Nur wenn das Thier fich be-
wegt, nimmt man im Allgemeinen Unregelmkfsigkeit
und Störung ivair , wo denn das Blut fowohl in den
Arterien als Venen auf kurze Zeit flockt. Docli hört
diefe Stockung augenblicklich auf, die Bewegungen des
'l'hieres jnüfsten denn lehr heftig oder lange dauernd
feyn, und irgendwo einen Druck auf das Gefäfsfyften^
veranlalfen.
Durch vielfältige Verfuche habe ich mich über-
zeugt, dafs durch veifchiedene Grade von Druck auf
die Bruft oder den Schenkel , die Blutbewegung in der
Schwimmhaut ganz geliemmt, fcliwankend gemacht,
oder hl eine flofsweife verwandelt werden kann. Ein
flarker Druck bringt gänzliche Störung , ein fchwäche-
rer fchwankende, ein noch leiferer ftofs weife Bewegung
hervor, wobei das Blut nicht, wie bei der fchwanken-
den, zurückfallt. Der fchwächfte Druck hemmt die
Blutbewegung in allen den Haaigefäfsen', die nicht
unmittelbar von Arterien entfpringen. Selbft Berüh-
rung des Thieres mit der Fingerfpitze bringt eine
augenblickliche Störung hervor, die aber vorzüglich,
wo nicht ganz, "von dem Beftreben herrührt, einer
unbekannten, plötzlich eintretenden Gefahr zu ent-
gehen, indem fie nach ein - oder mehrmaliger Wieder-
holung befonders einer fcHwachen Berührung ge-
wöbnlith nicht wieder eintrtit und nicht andauert,
wenn die Berührung fortgefetzt wird, "wenn fie gleich
bisweilen auch in dem Augenblicke, wo der Finger
weggenommen wird, eintritt. Hemmt man durch
Eh-uck auf ein Glied den Blutlauf in den Arterien
einige Secundeti lang, fo fleht man das Blut von dem'
Augenblick an, wo der Druck aufhört, beträchtlich zu-'
rückweichen. Kurz, immer fcheint jedem Beftreben zur'
440 -^.-^v,.
Bewegung eine Hemmung oder beträchtliches Zurück-
weichen des Blutes vorauszugehen.
J'''- Da fich durch E>ruck die Schnelligkeit des Blutes
fö fehr vermindert, dafs die Blutkügelchen in den Ar-
terien und Venen fichtbar werden, fo verfuchte ich
die Schnelligkeit der Bewegung delfelben zu meffcn,
fand es aber durchaus unmöglich , indem ich bei gefun-
dcm und regelmäfsigem Kreislauf diefelben Kügelchen
nie in einer hinreichenden Strecke im Gefichtsfelde ver-
folgen konnte. Hierüber wunderte ich mich defto'melir,
da Haies bei feinen Verfuchen ' keine Schwierigkeit in
Beftimmung der verhältnifsmäCsigen Sgbnelligkeit der
Blutbewegiing in den Lungen und den Muskeln des
Frofches gefunden zu haben fcheint, indem er fie in
jenen drei und vierzignial fchneller als in diefen anglebt.
Aus feinen Angaben indeffen, dafs die Blutbewegung
bei jeder Zufammenziehung des Herzens überall fichtbar
befcbleunigt wurde , möchte ich fchliefsfln , dafs bei fei-
nen Verfuchen die Blutbewegung durch die Lungen
nicht völlig fo frei gewefen fey, als er glaubte, indem
lichtbare Befchleunigung derfelben in den Haaigefäfsen
bei keinexn meiner Veifuche eintrat, wo nicht beträcht-
liche Schwäche oder zufälliger Druck vorhanden war.
Die Befchleunigungen , welche Haies als Zeichen von
Freiheit der Blutbewegung anfahe, traten nur bei ge-
ftörtem, gehemmtem oder gehindertem Kreislaufe ein.
In den Venen find fie im Allgemeinen deutlicher als in
den Arterien, die fchwankenden Bewegungen dagegen
hjer fiehtbar merklicher als dort. Eben fo wenig kann
icJi mir cililären, wie Haller und Sfullanzani die Blut-
bewegung in den Arterien dreimal fchneller als in
den begleitenden Venen finden konnten, indem ich
weder elnfehe, wie die Vergleichung angeftellt, noch
das Verhältnifs ausgemittelt werden kann. Auch geben
.^^.^.^^ 441
Ce die angewandten Mittel nicht an, was immer da
fahr zu wünfchen wäre, wo Zahlen, MaaTse und Ver-
hältnirfe Ijeftiinmt, oder bei phyfiTchen Unterfuchungen
2u Grundlagen von Speculationen und Schlüffen ange-
nommen werden follen. In den gröfsern Gefäfsen
fleht man die Blutkügelchen nie beim regelmäfsi-
gen xmd gefunden Kreislauf, nur in den Haargefäfsen
werden fie lichtbar, und hier ift der Blutlauf fo un-
regehnäfsig und die Anaftomofen lind fo zahlreich , dafs
es äufserft fchwierig ift, die Bewegung eines Kügel-
chens in einer merklichen Strecke zu verfolgen. Uebri-
gens ift wohl unbedenklich die Blulbewegung in den
Arterien fchneller als in den Venen, iveil diefe weiter
find. Auch ergiebt lieh dies fchon daraus, dafs man
in dielen bei normaler Bewegung die Kügelchen erkenT
nen kann , in jenen nicht.
Die Irritabilität der Ideinern oder Haargefäfse ift
feit langer Zeit aus den Functionen derfelben erfehlof-
fen worden, wenn man gleich bemerken mufs, dafs
die directen Beweife für diefelbe weder fo zahlreich,
noch fo bündig find, als man es aus der häufigen Be-
zugnahine auf diefell)e bei mediciiiifchen Speculationen
fchliefsen follte. Haller ^vurde bekanntlich durch feine
Verfuche zum gänzlichen Läugnen derfelben in den grö-
Isern Arterienftämmen veranlafst; aUemVerJchuirs Beob-
achtungen fchliefsen jeden Zweifel an der Exiftejiz der-
felben aus. Meine fogleich anzufiellenden Verfuche wer-
den, hoffe ich, mit Beftimmtheit darthun, dafs lie in
den kleinen Gefäfsen auch l^altblütiger Thiere wenig.
ftens eben fo, und vielleicht noch deutlicher, erweis-
lich ift.
Bei meinen Verfuchen fand ich, dafs die kleinen
Arterien bei Hemmung der Blutbewegung fich beträchl-
licb verengten, ja bisweilen fo fehr verfcblolfen, dafS
44i3
fie ganz verfchwanden. Zuweilen, doch fehr feiten , ge-
fchah dies auch ohne eine folclie Hemmung des Blutlau-
fes durth Bewegung des TMeres. Bald verengten fich
auf diefe Weife' alle , bald ' nuV einige Gefäfse der
Schwimmhaut. ' Ein einziger Aft verfchwindet fogar bis-
weilen völlig , während die benachbarten gar keine Ver.
änderung erleiden öder fich ervVreitern, Veränderungen,
die j man bisweilen fögar mit dem blofse'n Auge bemerkt,
und die, theils wegen des Widet^fpruches zwifchen ihnen
und den Angaben voh Halter und) Spallansani , theils
wegen der Beftätigung, welche lie der Meinung meh-
rerer Ph^vfiologen, dafs die kleinern Arterien reizbarer
als die gröfseren feyen , gewähren , meine Aufmerkfam-
keit natürlich im hohen Grade reizten,' und mich zur
Anwendung folcher Mittel auf die kleinen Gefäfse ver^
anlafsten, welche die Zufammenziehungen gröfserer am
leichteften erzeugen.
■ ''Ich -brachte' daher mit der Spitze eines feinen
Pinfels fchwachen und ftarken Weingeift an die kleinen
Arterien- der Schwimmhaut von acht bis neun verfchie-
deneil Fvöfehen' ah, bemerkte aber keine Veränderung
in der Blutbewegung in ihnen, ungeachtet diefe in der
Schwimmhaut überhaupt dadurch befchleunigt zu werden
fiihien. Opiumtinctur hatte denfelben Erfolg und durch
fie fchienen die Fröfche, fie mochte an den Stamm oder
das Glied gebracht werden, 'nach ihrer heftigen Bewe*
guhg zu fchliefsen, unangenehm aflicirt zu werden. '
Durch die auf diefelbe Weife bewirkte Anbringung
von fchwachem Athmoniüm entftanden jedesmal deut-
liche , bisweilen vOllftändige ZuTammenziehungen in den
nicht uniüittelbar Berührten Arterien. In mehr als hun-
dert Verfuchen trat die Zufammenziehung in weniger
als zwei Minuten ein. In dreizehn nach dreien, nur
lü'drei bis tier Frälchen erfolgte lie nicht, ein äufserft
geringes Verhältnifs zwifchen Gelingen und f ehlfchla-
gen , wenn man es mit dem vergleicht , welches bei ähnr
liehen Verfuchen mit den gröfsern Arterien warmbliitiger
Thiere Statt findet. In einem der letztern vier Fällfe
wurde das Ammonium viermal in ZwLfchenräunjen von
yier bis fünf Minuten vergeblich angewandt; doch ent-
ftanden in demfelben Thiere lebhafte Zufammenziehun-
gen der Pulsadern der entgegengefetzten Seite ■derfel-
ben Zehe. Die Zufammenziehung der Pulsadern durch
Ammonium konnte in fünfzehn iVlinuten diei bis vier-
mal hervorgebracht werden. Einigemal entftanden fie
in einer Stunde acht bis neunmal , und zuweilen fehlen
lieh unmittelbar nach der Anwendung des Ammoniums
der ganze Kreislauf mehr oder weniger meiklich zu be-
fchleunigen. Der erfte und deutlichfte Erfolg der Be-
rührung mit Ammonium aber war immer eine VerminJ
derung der Schnelligkeit der Bewegung in den mit
den berührten und fich zufatnmenziehenden Arterien
zufammenhiingenden Haargefäfsen , die, wenn die
Zufammenziehung vollftändig ift, bis zur gänzlichen
Stockung in denfelben geht und oft den Anfang der
ZuDunmenziehung andeutet, noch ehe diefe felbft ficht-
bar wird, Aufserdem ift die Zufammenziehung der
Arterien gewöhnlich mit deutlicher Verengung der be-
gleitenden Venen verijunden. Am ftärkften ift Jie
an den unmittelbar berührten Stellen, erftreckt lieh
aber Immer mehr oder weniger weit auf- und abwärts
Ton denfelben. Ift fie fchwach, fo wird fie oft durch
die auf die flruubende Bewegung des Thieres folgende
Befchleunigung des Kreislaufs überwunden. Bei theil-
weifer und eine kurze Strecke einnehmender Zufammen-
ziehung ift die gröfsere Schnelligkeit der Blutbewegung
in dem zufammengezogenen als dem ausgedehnteren
Tiieile derfclben Pulsader oft Cehr deutlicb , einebydraue
444
lifclie Eifcheinung , dei-en Wahrnetinung diwcli die An«
wefenheit der Blutkügelchen fehr erleichtert wird. Bei
allen Verfuchen , wo blofs Ammonium angewandt wurd<,
»rat eher Bläffe als Röthung der Scliwimmhaut ein , ver-
fchwand aber immer bald.
Reizung der kleinen Arterien mit einer Nadel
verurfaclite immer fo heftige Schmerzen und Bewegun-
gen , dafs die dadurch veranlaTsten Veränderungen nicht
%vahrgenommen werden konnten ; doch brachte ich in
drei Fällen durch fortgefetzte , aber fchwache Reizung
diefer Arterien vollftändige Zufammenziehung hervor.
Immer wurde hier der allgemeine Kreislauf in der
Schwimmhaut durch diefes Mittel mehr oder weniger
deutlich befchleunigt , doch war es fchwer zu beftimmen,
ob diefe Erfcheinung eine Folge des örtlicbeh Reizes
oder des Sträubens war.
Aus den angeführten Verfuchen ergiebt fich wohl
ohne Zweifel die Irritabilität der kleinern Arterien kalt-
blütiger Thlere, mithin die Möglichkeit einer vom Her-
ren unabhängigen unregelmäfsigen Vertheilung des Blu.
tes in gewiffen Theilen des Körpers durch die lebendige
Kraft der kleinften Arterienzweige.
Als ich mit der Spitze eines Pinfels eine gefättigte
Auflörung von falzfaurem Natrum an die Arterien der
Schwimmhaut eines Frofches brachte , bemerkte ich zii
meinem gröfstenErftaunen, dafs fieli diefelben nicht nur
nicht zufammenzogen , fondern deutlich und merldichi
erweiterten. Der barührte Theil der Schwimmhaut wurde
deutlich roth , diefe , dem blofsen Auge lichtbare Roths
bielt fünf Minuten und länger an , und erfchien durch-
aus als Entzündung. Durch die Leichtigkeit, vermit-
telft des Salzes einen, die Entzündung fo vollkommen
darfteilenden Zuftand darzuftellen , wurde ich zu der
Hoffnung TeranlaEst, etwas mit Gevvifsheit über die Ver-
445
fchiedeiUieit in der Schnelligkeit der Blutbewegung in
entzündeten, und gefunden Gefälsen ausmitteln zu kön-
nen ; indelfen fand ich atich dies nicht fo leicht , indem •
die, durch die Anwendung des Salzes dem Anfchein
nach veranlafsten Schmerzen heftige » ftörende Bewegun«
gen hervorbringen.
Eine ganz allgemeine Wirkung des Salzes ift eia
weilsliches Anfehen der Oberfläche der Schwimmhaut,
wodurch lie mehr oder weniger undurchfichtig , mithin
die Blutbewegung weniger deutlich wird; das Haupt-
hindemifs aber für die Ausmittelung der verfchiedene«
und verhältnifsmäfsigen Schnelligkeit derfelben in nor-
malen und dem Anfchein nach entzündeten Theilen
ift die Ungleichförmigkeit der Wirkung des Salzes in
■ ■verfchicdenen Thieren und in demfelben Thiere un-
ter verfchiedenen Uiuftänden. Alle, die Verfchiedenhei-
ten in der Schnelligkeit der Blutbewegung nach Anbrin-
gung des Salzes betreffende Erfcheinungen, die ich be-
merkte, können unter folgende drei Hauptpuncte ge-
bracht werden:
1) Vermehrte Schnelligkeit der Bewegung in den
erweiterten gröfsern und kleinern Arterien und Haar-
gefäfsen, an welche es unmittelbar angebracht wurde.
Bei neun Verfuchen , deren Refultate genau aufgezeichnet
wurden, war die Anwendung des Salzes nicht blofs
von einer dem blofsen Auge fichtbaren , glänzend rothen
Farbe, und einer lichtbaren Erweiterung der arteriöfen
und venOfen Aefte , fondern deutlich von vermehrter
Schnelligkeit der Blutbewegung in den Haargefafsen be-
gleitet. Die Kügelchen wurden , und dies offenbar durch
die vermehrte Schnelligkeit, weniger deutlich unter-
fcheidbar als im unetitzundeten Theile der Schwimmhaut
deffelben Thiores. Dagegen war die wiederiiulte An-
wendung der Einwirkung des SdJzet auf dicfelben. <ie-
'446
fäfse immei' von Erlangfamung oder felbft gänzlicHer
Stockung des HaargefäTskreisIaufes begleitet.
2) In andern Fällen war eine fehr «llgemeinp
Folge der Eiiiwiikung des Salzes Vermehrung der Schnel-
ligkeit der Blutbewegung in Arterien und Venen mit
Verminderung devfelben in den'Haargefäfsen. Die Ver-
minderung der Schnelligkeit in den Haargefäfsen fcheint
immer von einer Abnahme der bewegenden Kräfte her-
zurühren, und ift meiftentheils das erfte fichtbare Zei-
chen der verminderten Schnelligkeit in den gröfsem
Gefäfsen, fchien aber doch in einigen Fällen mit ver-
mehrter Schnelligkeit der Bewegung in diefen verge-
felMchaftet zu feyn, wo fich dann wahrfcheinlich das
Arterienblut durch Nebengef'äfse bewegte. Nie konnte
ich während des augenblicklichen Eintritts des Blutes
in eine Arterie eine Erweiterung ihrer Höhle bemerken.
3) Das häufigfte Refultat war verminderte Schnel-
ligkeit der Blutbewegung in Arterlen , Venen und Haar.
gefäXsen. In fiebzehn, gleichfalls genau bemerkten Ver-
Tuchen wurde unter Anwendung des Salzes die Bewe-
gung fo langfam, dafs Ce in den Haargefäfsen ganr
. flockte und diefe Stocltung, die gewöhnlich nach eini-
gen Minuten I verfchwindet , hielt In einigen Fällen meh-
rere Stunden an. Die Erweiterung und Ausdehnung
aller Gefäfse ift fehr beträchtlich, und die Röthe bei
erlangfamter und ftockender Bewegung etwas dunkler
als die , welche eine Begleiterin des vermehrten Haar,
gefäfskreislaufes ift. .
Bei allen Verfuchen mit Salz , die Schnelligkeit der
Bewegung mochte fich vermehren , vermindern oder
gänzliche Stockung eintreten, waren die Gefäfse gleich-
förmig erweitert, und diefe Erweiterung hielt an, bis
die Röthe von felbft -verfchwand. Diefe Erfcheinung
547
ift unftrekig die mei-kwürdigfte und, wie man fielit,
gerade der die Einwirkung des Ammoniums begleiten-
den entgegengefetzt.
Der, durch die Einwirkung des Salzes hervorge-
'fcrachte Zuftand Iiatte den Anfchein von Entzündung,
ungeachtet er in raehrern Fällen, wie das Erröthen, fehr
fchnell verfchwand , doch variirte feine Dauer in ver-
fchiedenen Fröfchen und in demfelben unter verfchie-
denen Umftänden bedeutend. Im Allgemeinen hielt fie
(lefto länger an, je fchwächer das Thiev war und je öfter
die Einwirkung des Salzes wiederholt wurde. In der
Vorausfetzung , dafs der dadurch in den Gefäfsen der
Schwimmhaut gefetzte Zuftand der Entzündung 4iht-
fpricht, möchte ich aus den angeführten Verfuchen fol-
gende Refultate ziehen:
l) Die Sclineliigkeit der Blutbewegung in entzün-
deten Gefäfsen ift durchaus nicht vermindert, fonderxi
■vermehrt, vorzüglich im Anfange der Entzündung und
diefe Vermehritng der Schnelligkeit der Bewegung kann
in den Haargrfäfsen vom Anfange bis zum Ende dJe-
fes Zuftandes dauern. Hüchfi wahrfcheinlich kommt
diefe vermehrte Schnelligkeit der Bewegung in einem
höhern oder geringem Grade in dem Zuftande vor,
den man activ» Entzündung nennt.
a) Minderung der Schnelligkeit der Bljitbewegung
in den «nt/.ündeten Haargefäfsen tritt bisweilen im
Anfang der Entzündung ein, und kann lieh wahrend
der Zunahme und überhaupt der {ganzen Dauer dcr-
felben erlialten.
3) Diefe Minderung der Schnelligkeit der Blutljc-
wegung in den Haargefäfsen tritt indcflen bei gefunden
und fiarken Menfchen häufiger im Fortgange als ii:i
Anfange der Entzündung ein, und ift hüchft wahrfcliein'-
Jieh dis VV'efen der pajjiven EnliünUung, Diefe Annahme
448
fcKeint mir durch' den Uniftand gerechtfertigt zu wei»
den, dafs die Bewegung theils bei fchwachen Thieren,
theils nach öfterer Wiederholung der Berührung mit Salz
erlangfjmt.
Sind diefe Anflehten vom Zuftande der Blutbe-
wegimg in entzündeten Gefäfsen richtig, fo folgt, wo
ich nicht irre , dafs Entzündung bisweilen von verjnehrtery
bisweilen von verminderter Schnelligkeit der Blutbewegung
durch die Haargefäfse des entzündeten Theiles begleitet
iß, mithin keiner von beiden Zußänden in die Definition
der Entzündung aufgenommen werden foilte.
VI. lieber den Zuftand der Blutgefäfse beim Brande »).
EKe Anfiillung der Blutgefäfse abgeftorbener Glie-
der mit geronnenem Blute ift eine fo häuüge Erfchei-
nung, dafs man üe für eine allgemeine, nothwendige
und beftändige Begleiterin diefes Zuftandes, und die
Urfache des Mangels Ton Blutung bei dem, felbft durch
den lebenden Theil geführten Schnitt anfehen zu kön-
nen geglaubt hat. Befonders hat hierauf Petit (Mem.
de l'ac. des fc. 1732.) aufmerkfam gemacht. Ich felbft
Iahe die Schenkelpulsader beim Brande des Unterfchen-
kels über vier Zoll hoch über dem Brande durch ge-
ronnenes Blut angefüllt, und in einem Falle, wo der
Brand im Oberfchenkel anfing, erftreckte fich die Ge-
rinnung des Blutes von der äufsem Hüftpulsader bis
zu ihrem Urfprunge aus der Aorte. Dennoch ift jene
Meinung nicht ganz richtig, indem ich jetzt mehrere
Fälle gefehen habe , wo brandige Glieder ohne Blutflufs
1) Aui dem oben ingtfühninWetk« ro& Tbtn^m S. )5> ff>
449
ans den durch die Natur getreniifen Gefiifsen alifielen,
ungeachtet bei der genaueften Unterfuchung der Gefäfse
des Stumpfes auch nicht eine Spur von geronnenem Blut
oder Lymphe gefunden ivurde. In diefen Fällen hatte
fleh die adhäihe Eniziindung, welche auf der Tren-
nimgslinie zwifchen dem Todten und Leidenden entfteht,
zu den Blutgcfäfsen ausgebreitet und durch Entzündung
und Ausfchwätzung an der Innern Fläche und den von
der Gefchwulft veranlaTsten äul'sern Druck war die
Hiilde derfelben inwendig völlig verlchlollen. Die An-
fiillung einer Arterie mit Blut ift nicht, wie Himly
(Ueber den Brand, Göttingen 1800) glaubt, ein Beweis
des Todes der Arterie , fondern gerade das Gegentheil,
denn lie kann nur durch Vei'fchiiefsung der feinen
Aefte vermittelft adhäliver Entzündung und im Blute
entftehender Neigung zur Gerinnung entftehen, die
eine Folge der Abfonderung von gerinnbarer Lymphe
an der Oberfläche der entzündeten Pulsader ift. Die
Gerinnung des Blutes , oder , mit andern Worten , die
Verfchliefsung der Arterie erftreckt fich fo weit als die
Entzündung, fchwerlich reicht fie weiier.
Sowohl beim Brande, wo die abgeftorbenen Theile
durch ulcerative Einfaugung abgeliofsen werden, als
hei gewülijdichcr Amputation wegen anderer Krankhei-
ten kann in den Arterien ein Blutpfropf vorkom-
men, der ficli bis, feilen alier höher als die erften
anaftomolirenden Aefie der getrennten Gefäfse erftreckt ;
allein in vielen Fallen, felbfl von uTfprünglichem Brande,
kommt, meiner feften Uel)erzeugung nacli, diefe Ge-
rinnung des Blutes gar niclit vor. In einem Falle von
idiopathifchem, chronifchem, trocknem Brande, der zu-
gleich alle Finger und Zehen derfelben Perfon ergi'LfF,
und wo vor dem Tode die Trennung der weichen
Theile des Fufses im Fufsgclenkc zu Stande kam, uu-
M. d. Archw. I. 3. l'i
450 , —
terfuclite ich die Pulsadern des Stumpfes nacli dem Tode
und fand die vordere Schienbeinpulsader auf der rede-
ten Seite noch völlig offen. Doch war diefe Oeffnung
fehr klein, indem ile zwar grobe Iiijectionsmaffe , aber
iu einem fo feinen Strahle als eineSchweinsborfte, durch-
liefs. Die hintere Scliieiibeinpulsader war durch adhä-
sive Entzündung verfchlofCen und enthielt einen klei-
nen Pfropf von geronnener Lymphe, nicht von Blut.
Am linken Unterfchenkel war die vordeie Schienbein-
pulsader gegen ihre Endigung in der gerinnbaren , die
überfläclie des Stumpfes bedeckenden Lymphe zufammen-
gezogen und enthielt gleichfalls einen l4 Zoll langen
Pfropf. Die hintere theilte lieh ungefähr | Zoll üljev
der Oberfliche des Stumpfes in z\vei Aefte , wovon der
eine völlig offen war und die Injecilonsinalfe durchliefs,
der ande>-e dagegen lieh durch die adhälive Entzündung
verfchloffen hatte.
Aus diefer und andern, theils früher, theils fpä-
ler von mir und Andern angeftcllten Unterfuchungen,
wo die Pulsadern nach dem Tode offen gefunden wur-
den, bin ich zu dem Sehluffe geneigt, dafs felbft da,
4VO die Arterien nicht durch adhafive Entzündung voll-
fl.indig verfchloffen waren, nicht immer nothwendig
Blutung während des Lebens eintritt, und dafs diefe
Gerinnung des Blutes beim Brande feltner eintritt, als
mehrere neuere Schriftftellcr, namentlich i/«rt<er , ange-
nommen haben.
VII. Ueber die Verfchieclenheiten zwifchen der rech-
ten lind linken Körperhäifte in Hinficht auf die
veihälinifsmäfsige Giöfse tler Arterien und Ve-
nen. Von J. F. Meckel.
Der verdienftvolle Autenrietk hat den Satz aufgeftellt^
dafs auf der reclitcn Seite die Venolltät, auf der linken
»lie Arteiiofität voi-walte, in Bezug auf die GefäTse des
Kopfes aber befonders bemerkt, dafs hier die Aazielumg
der politiven Knochen und Muskeln und die des ne-
gaiiveii Hirns einander ftören, fo dafs, wenn diefe
Störung von gleicher Stärke ift, die Gefäfse gleich weit,
im Gegentheil , bei überwiegender Stärke der Anzie-
hung der Wände die Venen der rechten Seite enger,
hei überwiegender Stärke der Anziehung des Gehirns
^veller als die der linken Seite fejTi werden. Im All-
gemeinen, nimmt er an, überwiege das Gehirn die
Wände des Schädels und beim Weilie, wo Venofuät und
Nerventhätigkeit vorfchlägt, werde diefe Anziehung noch
ftärker feyn, mithin hier die Hirnvenen der rechten
Seite die der linken noch mehr überwiegen.
Da das geriffene Loch, fofern es die grüfsten Hirn-
venen durcliläfst, einen guten Maai'sftab ihrer Capacität
abgiebt, fo kann man diefes ilStt ihrer fetzen und es
wird daher nach diefer Anlicht der Stamm der rechten
Droffelvcne und das geriffene Loch auf derfelben Seite
beim Weibe griifser , als auf der linken Seite feyn; beim
Manne dagegen wird das Gegentheil Statt finden. Diefe
Verfchiedenheit wird, wegen des Vorwaltens der Ve-
noütät, beim Weibe Ae/rü/irfi'g Statt finden; beim Manne
dagegen wird zwar, wenn eine Verfchiedenheit Statt
ündet, diefe zu Gunften der linken Seite, allein nicht
beftändig vorkommen, fondem öfters in Gleichheit auf
beiden Seiten übergehen ').
Da mich eine genaue Unterfuchung einer leHr an-
fehnlichen Menge mehr oder weniger voUftändiger Schä-
del in den Stand fetzte , die Richtigkeit diefer Angaben,
welche Herr Autenrieth durch die Vergleichung von 25
Schädeln, worunter lieh 10 weibliche, 13 männliche.
Rtilt und Aiittmiilht Arehiv für die Phyliel. Bd. f. S. iCi.
Ff 3
453 —
3 unbeülmmte befanden , beftätigte, zu prüfen, fo ftellte
ich zu diefem Behuf 226, worunter I13 nicht völlig
beftimmten Gefchlechtes , 52 weibliche und 61 männ-^
liehe, zufäinmen und fand die Autenrieth' [che Angabe
wenigftens zum Theil beftätigt.
Es ergab ficli nämlich-, dafs unter den 52 weib-
lichen bei 35 das rechte geriffene Loch meiftens be-
deutend gröfser als das linke; bei 9 diefes gröfser als
jenes , bei 8 beide gleich weit waren.
Dagegen war unter den 61 männlichen das rechte
Loch nur bei 33, das linke dagegen bei 19 weiterund
Oleichlieit fand fich nur bei den übristen 9. Unter
den unbeftimmten H3 ') war bei 74 das rechte, nur bei
15 das linke weiter, dagegen bei 24 beide gleich grofs.
Vergleicht man diefe Refultate mit den Autenrieth-
Tchen, fo ergiebt fich
1) dafs wirldich beim Weibe das rechte geriffene Loch
weiter ift als das linke. Dagegen
2) dafs auch beim Manne jene Anoi-dnüng weit häu-
' . hger fey,
' 3) dafs beim Weibe verhältnifSmäfsig viel häufiger als
beixn Manne das rechte geriffene Loch weiter ift
als das liiike, dort wie 4:1; hier nicht einmal wie
4) dafs beim Blanne verhältnifsmäfsig häufiger als
beim Weibe die geriffenen Locher beider Seiten
.•),
\y Um MiTäverrtdadiuile zu vermeiden, bemerke idi hier, dafs
von «liefen 115 Schädeln nicht etwa die 74, hei welchen d^s
rechte geriTfene Loch grüfser war, \veibUche, die übrigen
männliche und , fondern dafs bei den meiften die Gefchlechts-
charaktere hinlänglich deutlich ausgefprociien iind, um mit
Beftimmtheit annehmen zu können, dafs das Verhältnifs ^ve■
nigftens mit dem unter No. I. und ;. angegebenen üHerem-
flimmeu würde.
gleicli weit, die Anordnung alfo unryinmelrlfcher
als gewolinliclj ilt, indem lieh bei den weiblichen
Schädeln die Zahl derer, wo das rechte oder linke
gröfser war, gegen die, wo beide gleich waren,
wie 44:8, alfo ungefähr wie 5|:I, bei den männ-
lichen wie 52:9, alfo wie 6:1 verhielt;
5) dafs, wie auch Herr Autenrieth nach frühem rich-
tigem Angaben , denen überhaupt alle beffem Ana-
tomen beitreten, feftgefetzt hat, im Allgemeinen
weit häufiger das rechte geriffene Loch weiter ift
als das linke. Denn 1) bringt man unter jenen 226
Schädeln, olnre Unterfchied des Gefclilechtes , die
Fälle, wo das rechte Loch; 2) die, wo das linke
weiter war, 3) die, wo beide denfelben Durchmef-
fer hatten, zufanmien, fo erhält man fiir die erfte
Klaffe 113, alfo gerade die Hälfte, Rir die zweite
43, die dritte 41, alfo für jede der beiden letztem
ungefähr gleich viel, fo dafs lieh alfo im Ganzen die
Menge der erften zu jeder der beiden letzten wie
2 : 1 verhielte.
Auleiirieths Angabe mufs dalier dahin Inodificirt
werden, dafs beim JManne zwar, wie beim Weibe, das
rechte geriffene Loch gröfser als das linke ift , dafs aber
häufiger bei ihm als bei dlefem das entgegengefetzte Ver-
hältnifs Statt findet.
Wo ich aber nicht fehr ine, fo ift diefe Verfchie-
denhcit nur aus der gröfsern Stärke der icchten Kiir-
uerhälfte zu erklären, und fliefst mit dem gemeinfchaft-
llchen Urfprunge der rechten Kopf- und Scldüffelpuls-
ader aus derfelbcn Quelle.
Warum aber beim Manne verhiiltnifsmäfsig weit
häufiger als beim Weibe das linke geriffene Loch weiter
fey, moclite nicht ganz leicht zu erklären feyn. Mit
dem allgemeinen Gefetze, dafs Bildungsabweichungen
beim weibliclien Gefchlecht häufiger als beim männlichen
find, der männliche Typus alfo beftändiger als der weib-
liche ift , läfst fleh diefe Erfcheinung nicht wohl zufani-
menreimen , indem man nach diefem eher das Gegen-
theil erwarten follte. Vielleicht erklärt fie fich eher aus
der Bemerkung, dafs beim Weibe das venöfe, beim
Manne das arteriöfe Syftem überwiegt, jenes oft dort
einen hohem Grad von Vollkommenheit, der fich viel-
leicht durch gröfsere Beftändigkeit der Bildung ausfpricht,
befilzt. Oder ift es erlaubt, auf eine entgegengefetzle
Weife diefes häufigere Erfcheinen der gröfsern Weile
des linken geriffenen Loches beim Manne als beim Weibe
aus einem , durch das ganze männliche Gefchlecht ficli
erflreckenden Streben nach gröfserer Symmetiie im Baue
zu erklären, fo dafs, wenn die beiden Gefchlechtsfamm-
lungen der Art als zwei Individuen angefehen würden,
dann das männliche fowohl fymmeuifcher als beftändi-
ger gdjildet erfchiene?
VIII. Ueber die Concretionen im menfchlichen Darm-
kana]. Von J. F. Merkel.
Ungeachtet wir über die Concretionen im Darm-
kanal mehrerer Thiere, befonders mehrerer Wieder-
liäuer, wegen ihrer Häufigkeit und Gröfse erfchöpfende
Unterfuchungen ') belilzen, fo fehlen i diefe doch bis
jetzt über ähnliche Produkte im menfchlichen Darmkanal
durchaus. Die neueften Werke über Chemie im Allge-
meinen und auch über thierifche Chemie enthalten nichts
hierher Gehöriges, und auch Herr Profeffor John ftihrt
l) Siehe eine fehr putcZufammenftelluBg der vorzüglichften hier-
über bekannten Unterfuchungen in Jahns ehemifchen Tabellen
des Thieireichs. Berlin 1814. S. 97 — loi.
an feinen Tabellen '-) nur UnteiTuchnngen von Vauqtie-
Ha ') und Theitard ?) an, welche offenbar nur zufällig
in den Darmkanal gelangte Gallenfteine zum Gegen-
Itandc hatten.
Zufällig find gerade kürzlich melirere Unterfucliun-
gen diefer krankliaften Productioncn erfchienen, duicli
deren Zufammenftellung diefe Li'icke in der Lehre von
der kranken thierlfchen JVlifchung wenigftens zum Theil
ausgefüllt werden kann, namentlich von Alonro und
Thomfon *), Copeland und Marcet '), Robiquet ') , Ru-
binii'') Penada '). Vorzüglich enthalten die Auffälze der
drei erftern beflimmle Thatfachen.
Aus einer Zufammenftellung dorfelben ergiebt fich
in Hinficht auf die wichtigften Puncte, namentlich l) den
Sitz, 2) ihr Vtrhältnifs i.um Darmkanal , 3) die Cr'öfse,
4) die Zahl, 5) die äußere Geftalt, 6) die Conßflenz, 7) die
innere Form, oder Zufammenfelzung überhaupt, 8) die
i) A. a. O. S. 50.
2) Ann. de chimie T. gl. igis. p. 138-
3) .Ann. de cliimie T. g;. Journal für Chemie und Fhyfik, Bd, 4.
S. ?5g.
+) A. Monro the morbid anatomy of the human guUet, ftomach
and intefcines. Edinb. ig II. of obftruetion of the alimentary
caoal occaiioned by calciilnus concretions. pag. 35 — 73.
^) Hiftory of a cafe in which a Calcnlus ^vas vuided from a
Tumour in the tiroin. in medico - Chirurgie, trjnsactions Lon-
don igiJ. Vol. III. XIV. pag. i';i — 19g.
6) Chemifche IJnterfucliung einiger DarmfteLiie. Ans Corvifirts
Journal de Medecine eh. T. 2g. p. 391. im London medical etc.
repofiiory. Vol. II. igl^. p. 423 — 25.
7) Penfieri fuUa varia origlne • natura de' corpi calcolofi che ven-
pono talvolta efj>ulfi dal tubo gaftrico. In memorie della focieta
Ualiana. Tomo XIV. Igoj. p. 59 — 91.
8) Calcolo di fpezie fingolare ritrovato nel centro di un tumoj-e
efterno. kbdC VoU XVI. p. 2. pa;;. 141 — 159.
Farbe, <)) ä'ie Mi/chung, l6) A\e. Entftehungsweife , II) dio
dadurch veranlaßten Zufälle und die Unterfcheidungszei-
eben derfelbeti von Galleiifteinen , vovzüglicli Folgendes :
, I) Sitz. Der Sitz diefcr Concretionen ift nicht
immer derfelbe , und es läfst fich nicht mit Beftimmtheic
ausmitteln, ob fie fich an den Stellen, wo fie gefunden
wurden , wirklich bildeten , da fie nur zufällig daliin ge-
langt feyn konnten.
Portal fand im Magen eine folche Conoretion von
der Gröfse eines Taubeneies , die in ihrem Innern einige
andere, welche im Feuer knifterten, enthielt, gelblich,
hitter und völlig galligter Befchaft'enheit war '). In
einem andern Falle fahe er eine im Darmkanal ').
Die letztere hatte die Eigenlchaften der pankreatifchen
Concretionen, die erftere war unftreitig ein Gallenftcin.
In dem von Copeland befchriebenen Falle trat der
Stein durch einen Abfcefs , der fich in der rechten Lei-
ftengegend gebildet hatte, hervor, und zugleich flofs Kotli
aus. Unftreitig hatte diefer feinen Sitz im Anfange des
dicken Darmes.
Motiro fand fie im Krummdarm '), im Grimm-
darm *). In andern Fallen gingen fie durch denAfler
ab, oder wurden hervorgezogen.
2) Ihr Verhültnifs zum Darmkanal varlirt. Am fc-
vvöhnlichften find fie frei, doch bisweilen, unftreitig
feltner, fitzen fie an den Wänden des Darmkanals feft
und incruftiren diefelben.
3) Ihre Grefse ift nicht iinraer diefelbe. Sie variirt
von dem Umfange einer Gartenerbfe bis zu dem einer
l) Anat. med. T. V. p. 193
s) EbeiidaC. p. 259.
3") A. a. O. S. 39. 67-
4) A. a. O. S. 60. ?3.
457
Orange. Eine von Monro im Griinmdann gefundene
wog vier Pfund ').
4) Für die Zahl gilt dalfelbe. Gewöhnlicli findet
fich nur ein Darmfteln. So rerliielt es fich in den mei-
ften von Monro befchriebenen Füllen, in dem von Co-
peland; doch fcheint Robiquet nicluere zugleich in dem-
felben Körper gefundene analyfirt zu haben, und in
einem von Monro befchriebenen Falle °) gingen bei
einem Knaben zwölf Steine diefer Art ab.
5) In Hinficht auf die äufsere Geßalt unterfcheL-
den fich die grüfsem Concretionen von den kleinern,
nach Monro '), durch Unregelmäfsigkeit und Rauhig^
Ueit , die von einer bei diefen fehlenden äufsern Schicht
herrührt. Doch war unter den von Robiquet unterfuch-
ten die gröfsere glatt, die kleinem fehr rauh und den
Maulbeerfteinen ähnlich. Meiftens find Cie rundlich oder
eifirmig, wo mehrere zugleich vorhanden find, abge-
plattet, liin und wieder ^vie abgefchliffen, bisweilen
vielfach durchlöchert.
6) Ihre Confiftens fcheint immer, nach Monro *)
lind Robiquet, diefelbe zu feyn. Sie find wenig feft,
leicht zerbrechlich, bröcklich, grofs und fchwammigi
Auch Cadet fand eine lolclie Concretiou fehr leicht, et-
was fchmicrig ').
7) Für die Textur gilt daffelbe. Unterm Vergrö-
fseruiigsglafe fchcinen fie aus vielen felir feinen, genau
und filzartig unter einander verwebten Fafern zu be-
I) A. a. O. S. %o.
i) A. a. O. S. ii.
3) A. t. O. 6. jo.
4) A. a. O. S. ?;.
5; Mcm. de racad.de Chirurgie ä Paris. Tome III. hifc. p. l^
458
f^ehen , deren. Zwrchenräuine durch erdige Subftanz an-
gefüllt find.
Bisweilen beftelien fie aus inehrern Schichten , felt-
ner find fie einförmig. Manro falie das letztere nur vier
bis fünfmal , Robiquet in allen feinen Steinen diefen la-
mellöfen Bau. Eben io Cadet in einem von ihm unter-
luchten ').
Die Schiclilen unterfcheiden fich durch ihre Farbe
von einander, indem einige hell-, die andern dunkel-
braun lind. Bleiftentheils fetzen fie fich durch die ganze
Concretion fort, ohne jedoch ununterbrochen zufammen-
zuhängen, wie in den Gallen- und Harnfteinen, find
auch l)is\veilen plötzlich abgefetzt und unterbrochen.
Ihre Dicke beträgt nicht über zwei Linien. Zwifchen
den Schichten befindet fich bisweilen Kothmaffe und in .
demfelben Verhältniffe find dann die Schichten dün-
ner '). Die Geftalt der Schichten pflegt mit der Geftalt
des Steines genau zu correfpondiren, fo dafs die Schich-
ten glatter Steine gerade, die der gezackten unregel-
mäfsig find.
Die äufsereLage der gröfsern Concretionen ift dicker
als die der Schichten, betragt aber doch feiten über
zwei bis drei Linien und befteht wieder aus dünnen
Schichten. Gelrocknet ift fie zerreiblich und fpringt
leicht ab.
Im Innern findet man im Allgemeinen einen von
der übrigen Subftanz verfchiedenen Ivörper als Kern.
So verhielt es fich wenigftens in faft allen von Monro
gefehenen Fällen , wo der Kern bald ein kleiner Kno-
chen, ein Gallenftein, ein Pflaumen- oder Kirfchkern
war. In einigen wurden auch Ideine , durch Fafern zu-
1) A. a. O. S. i^.
s) RtbiiHtt S. 43 }•
459
fammengehefiele Sandkörner im Innern des Steines ge-
funden.
In einein von Monro gefundenen befanden lieh
im obern Theile mehrere glänzendwcifse Kryftalle.
In den von Robiquet unterfucliten fand fich kein
von den Sclüchten verfchiedener Kern, wenn gleich
die an dem einen Ende zwifchen den Schichten ange-
häufte Kotlifubfianz etwas ähnliches ift.
8) Die Farbe der Steine ift nicht immer diefelbe.
Vorzüglich hängt der Unterfchied von der Gröfse ab,
je nachdem fie dann eine äufsere Lage haben oder nicht.
Die kleineren und die innere Subftanz der gröfsern find
faft immer gelbbraun , wenigftens verhielt es fich fo in.
35 von Monro aufljewahrten Steinen '). Die Schicht,
welche die gröfsern umgiebt, hat dagegen nicht immer
diefelbe Farbe, indem lie bald weifsJich, bald dunkel-
braun, bald purpurfarben ift. Cadet fand in einem
'durch den After abgegangenen Steine einige Schichten
afchfarbig, die andern wcifslicli.
9) Mij'cliung. Bis auf die neueften Zeiten hat man
fo gut als gar keine Analyfen diefer Concretionen. Die
einzige frühere , mir bekannte , die von Cadet ') ift felir
unvollkommen. Auf Kohlen geworfen, fchwoll die Sub-
ftanz an , l)]ählc ficli auf und verbreitete einen ihieri-
fcheh Geruch. Die erfte Flüfligkeit, die bei der Deftil-
lation von einer halben Unze überging, war ein brenz.
liches Gel, delfen Gewicht zwölf Gran betrug, die zweite
hatte einen fehr durchdringenden Geruch von flüch-
tigem Alkali und betrug zehn Gran. Bei weiter fort-
gefetzter Deftillalion erhielt man drei Drachmen eines
rothen , hellen und übelriechenden Oels , welches durch
l) EbPnrtaf. S. ??.
i) Eben(Ur. S. I^.
,460 ~
Erkalten eine butterälmliche Confiftenz bekam. Der
kolilige Rückftand gab durch Einäfcherung eine erdigte
SuWtanz.
Man fight, dafs llcli aus diefer Unterfuchung fo
gut als gar nichts über die jVatur diefer Concretionen
ergieljt. Weit befriedigender find die neuern.
Marcet ') fand die von ihm unterfucliten fchmelz-
bar, durch Feuer unzerfiörbar und in ihren allgemeinen
Eigenfchafien genau mit den aus phosphorfaurem Kalk
und pliosphorfaurem Ammonium und Magnefia gebUdeten
Harafteinen übereinkommend.
Noch genauer find die Aiigaben von Robiquet und
Thoinjon. Der erftere fand das durch Zerreiben der
aneiften Schichten feiner Steine gebildete Pulver grau,
fpccififch leichler ah Waffer. Erhitzt gab es Dämpfe,
»leren Geruch mit dem von erhitztem Fett übereinkam.
Mit etwas deftillirtem Waffer gerieben und auf Lakmus-
papier ausgebreitet brachte es keine Farbenveränderun"
liervor. Wit kauftifchem Kali in Wechfehvirkun« ge-
letzt, entwickelte fich weder Ammonium noch erfolgte
Gewichtsverluft. Kochendes Waffer brachte keine merk-
liche Veränderung hervor. Durch Alkohol aber wurde
es zum TheU aufgelüft und nachdem die Auflofun" vei-
dunftet war, blieben blättrige glimraerartige Kryftallo
zurück , welche denen von auf diefelbe Art behandelten
Oallenfteinen ähnelten. Der nicht in Alkohol auflöfsliche
Theil \\urde in Salpeterfaure aufgelüft, diefe Auflöfunc
in mehrere Theile gefondcrt und verfchiedenen Reagen-
lien ausgefetzt, woraus fich Folgendes ergab:
Effigfaures Blei bildete einen weifsen Niederfchlag,
der, gefammelt und getrocknet, nicht durch Hitze zer-
fetzt wurde, zum Beiveife, dafs er keine Verbindung
l) A. a. 0. S. 157.
^.^w 461
von tliierifcher Subftanz mit Blei War. Da der Umfang
der durcli das Schmelzen deffelben vor dem Löthrolir
gebildeten Kugel eine Menge kleiner Flächen hatte, f»
ergab üch, dafs er phosphovfaures Blei war, der un-
tcrfuchte Stein mithin Phosphorfäure entliielt.
Kleefaures Ainmonium bewirkte einen körnigfeii
Kiedei-fchlag in diefer Auflüfung, der nicht fchnell dm ch
Buhe gerann und alle EigenTchai'ten von kleefauiein
.Kalk hatte.
Hieraus ergab fich alfo, dafs diefe Steine phosplwr-
fauren Kalk enthielten. Um zu erfahren, ob diefer^ wie
es bei den Harnfteinen häufig der Fall ift, von phos-
phorfaurer Magnefia begleitet wäre, wurde einem andern
Theile der .AuflOfung in Salpeterfäure , welche diefe im
Uebermaafs enthielt, Ammonium zugcfetzt, indem be-
kanntlich eine Verbindung von diefem mit einer Säure
auch 31agnelia zu enthalten, oder eine dreifache Ver-
hindung zu bilden fähig ift. Beim vorigen Verfuch wurde
daher nur der pliosphorfaure Kalk medergefchlagen'.
Kachdem dicfer durcli Durchfelhung abgefondert Und
etwas K3lk^vaffer zu der Üllrirten Auflöfung zugc'-
ffetzt und nun diefe gekocht worden war, fo bildete
fich nur eine äufserft geringe Menge kleiner, heller
Flocken.
Ffieraus ergiebt ficli freilich nicht mit Gewöfshelr,
dafs.diefc Steine keine Bitlereide emlialten, indem häufig
hei Zerfelzungen eine Subftanz, vorzüglich wenn fie im
Uebermaafs yorlianden ift, in dem Augenblicke der
Trennung einen Theil einer mit ihr verbundenen oder
lelbft diefe ganz mit lieh fortrcifst; allein die Menge der
Subftanz, an welcher die Vorfuche gemacht wurden,
wa»ati gering, um durch Wiederholung des Vciiuches
hierüber Gewlfsheit zu erhalten, ,.
463
Aus diefen Verfuclien von Robiquet ergiebt fich im
Allgemeinen fo viel , dafs diefe Steine an der Natur der
Gallen- und BlaXenfteivie zugleich Antheil haben.
Die geringe Veränderung, welche durch deftillir-
tes Waffer in ihnen vorging, bevyies, dafs Iie kein
Pikromel enthielten.
Ihre Unauflöslichkeit in Waffer und die Nichtver-
anderung des Lakmus durch he zeigte, dafs fie wenig-
ftens keine freie Harnfäurej enthielten und da durch Zu-
fatz von kauftifchera Kali fich kein Ammonium entband,
fo kann man eben fowohl fchliefsen , dafs fie weder
liarnfaures Ammonium , noch phosphorfaure Ammoniak-
Magnefia enthielten,
Hochft Avahrfcheinlich beftehen fie alfo aus Wall-
rath, phosphorfaurem Kalk und einer fehr geringen
Menge thierifcher Subftanz.
Ungeachtet der geringen Menge der zu unterfuchen-
den Subftanz \vurde doch ein Verfuch zu Beftimmung
der verhaltnlfsmäfsigen Menge der verfchiedenen Be-
ft^ndtheile gemacht. Fünf Steine wurden mit kochen-
dem Alkohol fo lange behandelt, bis fich nichts mehr
auflüfte. Der unauflösliche, mit der gröfsten Sorgfalt
getrocknete Rückftand wog noch | ; mithin waren \
■wallrathartiger Maffe aufgelüft. Die übrigen ^ wurden
mit fchwacher Salzfäure behandelt. Der durch Am-
monium bewirkte Niederfchlag enthielt ^V phosphorfau-
ren Kalk.
Der unbeträchtliche Rückftand verbrannte voll-
kommen und verbreitete dabei einen Geruch wie ver-
branntes Hörn.
Aus diefen Refultaten erglebt fich , dafs 100 Theile
diefer Concretion bcftauden aus
463
fettiger, wallrathähnliclier MaTfe 0,6
phospliorfaureni Kalk . . 0,3
tliierifclier Subftanz . . 0,08
Verluft 0,02
1,00.
Mit diefen Angaben ftimmen die Refultate der
ThomJ'on'tchen Verfuche griifstentheils überein, find in-
delTen noch genauer.
Die Steine fcliwimmen zwar in der Tbat im Wafler,
indeffen riihrt dies nur von ihrer giofsen Porofität her,
indem fie bald zu Boden finken. Ihre fpecififche Schwere
variirt von 1.376 zu I.540, ift im DurchTchnitt I.400.
Kaltes Waffer färben fie fehr bald bräunlich und bei
näherer Unterfuchung Kndet man im Waller, worein
man fie gelegt hatte, folgende Subftanzen :
1) Eiweifs, welches durch Kochen des Waffers Ijj
weifse Flocken niedergefchlagen wurde und in eini-
gen Fällen -jV des Ganzen bildete.
2) Eine braune, eigenthümliche Subftanz. Sie löfte
fich erft in Waffer auf, wurde aber durch lang-
lame Verdünftung deffelbcn faft g.anzlich unauf.
löslich. In Alkohol lüfte fie fich auf. Durch ihre
Eigenfchaften näherte fie ficli dem Pflanzenextractiv-
fioff aufserordentlich, konnte aber wegen ihrer fehc
geringen Menge nicht genauer unterfucht weiden.
3) Salzfaures Isatrum , welches fich nach Verdünftung
de« Waffers in offnen Gefäfsen liryftallifirte.
4) Phosphorfauren Kalk, der durch Ammonium nieder-
gefclilageii wurde, und in zwei Steinen etwas über
die Hälfte der ganzen IMaCfe bildete.
5) Schwefel faures Natrum in fehr geringer Menge.
6) Vielleicht auch fchwefelfauren Kalk, aber dann
aufserft wenig.
464 -^^^^
AlkoTiol löfte die braune Subftanz und einige Salze
auf, extraliivte aber keine eigne Subftanz.
Kalilauge fonderte das Eiweifs , die braune Subftanz
und vielleicht einige Salze ab.
Salzfäure fchied eine anfeiinliche Menge phosphor-
fauren Kalk ab.
Nach Einwirkung aller diefer Reagentien blieb
eine eigne Subftanz von der Farbe und dem Gewebe
der Concretion zurück. Zehn Gran der Concretion lie-
£sen 1.2 Gran von diefer übrig. Sie war fehr leicht,
Ichwainm- oder korkartig, beftand aus fehr kurzen Fä-
den ,: war gefclimacldos und unauflöslich in Waffer , Al-
kohol, Kalilauge vind Salzfäure. Schwefelfäure wurde
dadurch gefchwärzt, lofte fie auf und verkohlte iie zum
Theil. In Salpeterfaure wird fie fehr langfam , nur in
der Hitze und faft ganz ohne Aufbraufen aufgelöft. Die
zur Trocknifs abgedampfte Auflüfung läfst einen weifs-
lichen RücldTtaiid^ übrig. Durch Salpeterfäule wii'd fie,
auch wenn fie irfehrmals damit digerirt ift, in keine
Pflanzenfäure umgewandelt. Sie brennt mit fchwacher
Flcimme, mehr wie ein vegetabilLfcher , als thierifcher
ICurper und ift unbedenklich von allen bisher bekann-
ten, organifclien Produkten völlig verfchieden. Durch
iliie Unauflöslichkeit iii Kalilauge ünterfcheidet fie lieh
leicht vom Holz und koinmt mit keiner thierifchen Sub-
ftanz ttberein.
Die Steine beftehen wefentllch aus abweclifelndeii
Schichten diefer Subftanz und phosphorfauren Kalkes.
Bisweilen find auch diefe beiden Beftandtheile nicht in
Schichten angelagert, fondern innig gemengt. Das Ei-
weifs Tind die braune Subftanz fcheinen den Kitt zu
bilden. • Die übrigen Siibftanzcn find in fehr geringer
Menge vorhanden.
Die
* ~ — ^55
Die äufsere Binde einiger Steine befteht aus einer
Mifchung von phosplioifauiem Kalk und braunei Subftanz.
In einigen; Steinen, dies aber nur leiten, befand
fich an den äuTsem Flächen (phosphorraure Ammoniak -
J^JagneCa. ■ ,
Durch lalzfaure Piatina liefs ßch kein Kali etfit'
decken, und ebeia fo wenig fand fich A'nmonium lyid
Uohlenfaurer Kalk, Harnfäure oder HarnltoIF. • :ri
, Es ergiebt fich daher, dafs diele von Tlwmfon unter-
fuchten Concretionen von allen bisher bekannten durch-.
aus verfchieden, bei welteni unauflöslicher, als Harnliicine
find und die Aufiöfungsöiitiel fo fcharf find, dafs/iC«;
iin Leben nicht angewandt werden können. • .-
Eine Vergleichung der Angaben von Marcet , Ro.
biquet und Thomfon beweift, wie lieh aus der Aualcia
anderer Concretionen , befonders der Gallen - und Harn-
fteine , im Voraus erwarten liefs , dafs lie nicht alle voa
deilelben Befchalfenheit find, und phosphorfaurer Kallc
die einzige, in allen bisher unteifuchten gleichmäi^ig
vorkommende Subftanz ift.
10. In Hinlicht auf ihre Entßehungsweife lehrten
die angeführten Unicrfuchungen, dafs keinesweges die
Bicnfchlichen Darmftelnc , wie mehrere glaubten , ent-
weder zufällig aus der Gallenblafe in ihr gelangte Gal-
lenfteine oder verhärteter Koth find '). Gewohnlich,
aber nicht immer, giebt ein frciiider Körper Veranlaf-
fung zu Entftehung dcrfelben und es ilt mir, der Ana-
logie mit andern Concvelionen nach zu fchliefsen, höchCt
wahrfcheinlich, dafs fie vielmehr eine Folge einer krank-
haften Thätigkeit der Schleimhaut des Darmkanals find.
I) Morgagni de c. «t f. Ep. 37. Portal. Anat. medic. Tom. V.
LaffHi patliol. Chirurg. Tom. 11. p. 5(16. Hicheiaiid nofogrdpbie
cliirurg. Tom. III, p. ^^3. Callifin Syft. cbir. bod. Vol. 3
p. 674.
M. d, Archiv I. 3. G g
466 — "
II. Die -durch die Darmconci'etionen Teranlafsten
Zufälle find uTiftreitig fchwer auszumittdn, indem fie iii-
den melften Fällen keine andern als die von inechanl-
fchen Hinderniffen des Fortgangs der in ihm enthalte-
nen Subltanzen entftehenden find ; alfo Verftopfunj,
Schmerz, der bald feftfitzt, bald die Stelle verändert,
Störung der Verdauung. Eine einigeriliafsen fichere
Diagnofe ergiebt fich nur aus der Entdeckung des Steins
durch das Gefühl, vvO er als eine harte, rundliche
Gefchivulft meiftens im Laufe des dicken Darms erfcheint,
die man nur fchwer aus der Stelle be^vegen kann. In-
deffen verändern fie felbft ihre Stelle und gehen ge-
wöhnlich durch den After ab, oder lenken fich we-
nigftens in den Blaftdarm , wo fie bei ihrem Eintritt in
das Becken die heftigften Schmerzen verurfachen. Ha-
ben fie fich aber beträchtlich an einer Stelle vergröfsert,
fo verändern fie diefe nicht, um fi> mehr, da die Häule
des Darmkanals dadurch beträchtlich ausgedehnt und
crfchlafft Virerden. Finden fich mehrere zugleich, fo'
kann man, wenn fie nahe bei einander liegen, ein
durch ihre gegenfeitige Berührung veranlafstes Geräufch
Üs Zeichen benutzen. Alle Zufälle find natürlich nach
der Gröfse des Steins verfchleden. Sobald man fich
mit Gewifsheit von der Anwefenheit eines Steins über-
zeugt hat, würde er, im Fall er zu grofs wäre, um
fortgeftofsen zu werden, wegen der unvermeidlichen
Tödtlichkeit des Erfolgs durch einen Einfchnitt her.
auszubefördern feyn.
Uebrigens gehen fie bisweilen auch von felbft
entweder durch den After oder durch den Mund , oder,
wie in dem Marcef'fchen und höchft wahrfcheinlich auch'
im Penot/a'fchen Falle , durch ein im Darmkanal entftan-
denes Gefchwür nach aufsen ab.
— 467
IX. üeber die Zeugung der Regenwürmen Von
J. F. Meckel.
Bei Gelegenheit der Zeuguiigstheile der Regenwür-
mer ( Lumbrjcus terreftris) bemerkte ich '), dafs fich die
Eier beim Regenwurn zwifchen Haut und Eingeweiden.
frei, vorzüglich aber am hintern Ende des Körpers fän-
den, und machte auf die Merkwürdigkeit diefer Er-
fcheinung aufmerklam, da die Zeugungstheile fich gegen
das vordere Ende des Körpers beKnden und die Eier,
um an die angegebene Stelle zu gelangen, die im ge.
wohnlichen Zuftande verfehl offenen Querfcheidewände,
welche fich vom Darmkanal 2ur Haut begeben, durch-
bohren muffen. Herr Prof. Jörg bemerkt hierzu, dafs
das Factum richtig fej'n möge, die Eier aber nicht auf
natürlichem Wege an die angegebene Stelle gelangen
können'), weshalb er meine Beobachtung anführt, damit
man fehen könne, wie wenig man noch über diefe
Thiere wiffe.
Ich will fehr gern einräumen, dafs es mit der
letztem Angabe feine völlige Richtigkeit hat; allein, was
diefen Punkt betrifft , fo , fürchte ich , wird Herr Jörg
feine Behauptung, dafs die Eier nicht auf natürlichem
IVege hierher gelangt feyn könnten , zurücknehmen
inüffen.
In der That hätte er, wenn er nur den Text,
wozu ich meine Note machte, gelefen, wohl auf die
Vermmhung kommen können , dafs jene Erfchei-
nung der natürliche Hergang fey, indem Cuvier hier
ausdrücklich vom Sandwurm (Lumbricus marinus) fagt:
es fcheine, als fchlüpften die Eier bei diefem Thiere
l) Cuvier Votl. über vergl. Aimt. fid. 4. S. 581. Note.
3) Die Zeu^pg d«i Menfcben und der Thiere. Leipzig tSif.
Gg a
468 ^^^^^
aus den an derfelben Stelle als beim Regenwurm liei
genden beutelfümiigen Organen, worin He anfangs ent-
halten iind , um ficli im ganzen Korper zu verbrei-
ten, indem man dielen bisweilen ganz damit angefüllt
linde.
Aufser diefen Autoritäten kann man noch eine
un verwerf liebe, die yon Pallas, fiir eine andere Art die-
l'es Gefcblechts, (Lumbricus ecbiurus) anführen, wo es
ausdrücklich heifst: „In einigen Wüi-mern, die ich im
November zu öffnen Gelegenheit hatte , fand ich in dem
trüben Bauchwaffer, womit felbige angefüllt zu leyn
pflegen , eine grofse Menge weifser , frei fchwimmender
Kügelchen, die wohl für nichts anders als Eier gehal-
ten werden können. Statt der zwei Paare Mllchgefäfsc
(die fich am vordem Ende des Köipeis befinden und
im November und noch mehr im December mit einer
fchneeweifsen Feuchtigkeit angefüllt, einen Zoll lang
und einen Strolihalm dick find) , waren in dergleichen
Würmern nur ganz kleine, eiförmige, mit durchhch-
tiger Feuchtigkeit angefüllte Bläschen übrig. Gegen den
Febniar waren diefe Bläschen nur drei bis vier Linien
lang und mit weifstrüber, halbdurchlichtiger Flüffigkeit
angefüllt, dagegen ein Paar gelbliche, zum After ge-
hende Gefäfse grüfser als gewöhnlich, halb mit Feuch-
tigkeit aufgetrieben und an ihrer Oberfläche wie mit
Puncten befetzt •')."
Da völlig veifchledene Beobachter diefe Erfchei-
nung in drei verfchiedenen Arten deffelben Gefchlech-
tes fanden, fo glaube ich nicht zu irren, wenn ich den
Satz aufftelle, dafs diefe Entwicklungs weife der Eier
dem Gefchlechte Lumbricus und huchft wahrfcheinlich
l) Naturgefchichte merkwürdiger Thiere. Zehnte SanimlHng.
Leipzig 1778. p. 8.
469
mehrern Terwandlen als normal zukommt, um fo itielir,
Ja diefe Mteinüng durch ganz neuerlich am Regenwurm
an^cftellte Unterfuchungen von Montegre ') noch mehr
beftätigt whd , denen zu Folge die Embryoneii zuerft in
den bekannten Zeugungsorganen , die iich gegen das
vordere Ende des Körpers finden , vorkommen , dann
aber zwifchen dem Darmkanal und den iiufsern Muskeln
bis tu einem, in der Subftanz. des Schwanzes enthaltenen
Behälter fchlüpfen , ivo man ße vollkommen lebendig findet.
Demnach wären alfo, wovon auch Herr/örg njit zu
vieler Beftimmtheit das Gegentheil Tagt, die Regenwür-
mer lebendig gebarend, nicht Eier legend.
Aufserdem bemerkt Montegre , dafs die Begattung
vorzüglich im Juli gefchieht, die Regen^\iirmer fich durch
den Gürtel fehr eng an einander heften, allein keine
ImmifTion von Zeugungstheilen Statt findet.
X. Ueber das Riickengefiifs der Infekten. Von
/. F. Meckel.
Seit man das Rückcngefäfs der Infekten kennt,
iiat man fich in Vermuthungen über die Bedeutung def-
lelben erfchopft , die zum Theil fchon deshalb nicht rich-
tig feyn konnten, weil die Angabe über den Bau diefes
Theils nicht mit der Natur übereinftimmte. Unrichtig
ift Malpighi's und Swammerdam's Befchreibung deffelben
als eines aus mehrern Anfchwellungen und Erweiterun-
gen zufammengefetzten Kanals, in welchem fich eine
Flüfligkeit hüchft unregelmUfsig bewegen follte, wenn
Swatnmerdam gleich richtig den gänzlichen Mangel von
aus ihm tretenden Aeften bemerkt.
i) MUlin magazin ertcyclopidique. 1814. Tom. i. p. 96. 97-
470 -»- ^
Am unvichtigften aber ift Comparetti's neuefte Dar-
ftellung der Anordnung diefes Organs, fofern er ohne
Bedenken ein doppeltes Gefäfsfyftem in den Infekten
annimmt , welches fich nach ihm in alle Theile verbrei-
tet, vorzüglich aber mit dem Muskelfyftera in Beziehung
fteht. Nach ihm hängen diefe Gefäfse mit dem Rücken-
gefäfse zufammen, die in diefem enthaltene Flüffigkeit
bewegt fich vom vordem zum hintern Ende des Kör-
pers und die Ausdehnungen und Zufamraenziehungen
deffelben find nicht in feiner ganzen Länge gleich ftark.
Die von dem Rückengefäfse abgehenden Zweige zeigen
fehr deutliche Ausdehnungen und Zufammenziehungen.
Indeffen find unftreitig die Gefäfse, welche Comparetti
für Anhänge des Rückengefäfses anficht, nur Luftge-
fäfse, und die von ihm gefehenen Bewegungen gingen
in den Quermuskeln , nicht in diefen Gefäfsen vor.
Comparetti befchreibt die Anordnung und die Bewe-
gungen der fogenannten Gefäfse aus mehretn Dipteren,
Hymenopteren und Orthopteren; indeffen habe ich, wie
Herr Serres '), mehrmals nicht nur bei diefen, fondern
auch bei mehrern andern Arten , die Unterfuchungen
auf das genauefte wiederholt, und immer mit ilun das Re-
fultat der L^onraef'fchen und Cuuier'fchen Beobachtungen
beftätigt gefunden, dafs das Rückengefäfs der Infekten
völlig ohne Aefte , vielmehr blofs ein einfacher , an bei-
den Enden etwas zugefpitzter Kanal ift, und alle an.
geblichen andern Gefäfse nur Luft - oder Gallengefäfse
Tind. Die Wände deffelben find immer fehr dünn und
l) Obfervations far les ufages du vaifieau äorfal ovi für l'infliience
I que le coeur exerce dans l'organifation des animaux articiiles
et fnr les changemens que cette organifation eprouve , lürsque
le coenr ou Torgane circulatoire celfe d'exifter; par M. Marcel
äe Serres, In Millm's Magazin encycl"pidi(jiie. An. 1814. Tome
111. p. 107 — 145. und S80— 3J8. und Tc.ii. V. p. 93 — 190.
Uiitirifra pus einei" .doppelten Schicht, «iner äiifsevn ?el-
ligen, einer inneru nniskulöfen gebildet. Wahrfchein-
lich wird die erftere durch die Veizweigung einer Menge
von Luftgefafsen , deren Stämme das , Rückengefäfs in
feiner Lage erhalten, gebildet, indem man bei einigen
Arien, z. B. der Raupe des grofsen Pfauenauges (Bom-
t>yx pavonia major) das Rückengefäfs wie aus mehrern
weifslichen Läntienftreifen zufammeneefetzt findet, die
bei nälierer Unterfuchung nichts als ein durch die Luft;
gefäfsverzweigungen gebildetes Netz find.
Sein Durchmeller ift im Larvenzuftande allgemein
weit gleichmclfsiger als beim vollkommnen Infekt, was
tvenigftens nicht ganz von der geringen Tiefe der Ein-
fehnüruiigen, wodurch der Körper derfelben in Ringe
al)getheilt wird, abhängt, fondern vielmelir mit der grö-
fsein oder geringem IMenge von Fett, die fich in den
verfchiedenen Gegenden des Körpers befindet, in Be-
ziehung fteht, indem immer das RückengsfäTs in den
vollkommnen Infekten vorn, wo fich wenig Fett findet,
■^*eit enger als in feinem übrigen Verlauf, bei den Lar-
ven dagegen das Fett duixh den ganzen Körper ziem-
lich gleichiiiäfsig angehäuft ift.
Die Nerven und Luftgefäfse des Rückengefäfses
ßnd fehr anfehnlich, die letztem, befonders am hin-
tern Theile deffelben, ftark entwickelt.
In feiner Lage wird es durch dreieckige Muskeln-
liUndel befeftigt, zwifchen deren, aus fehr feinen und
dicht an einander ftehenden Querahfchnitten gebildeten
Fafern lieh indeffen eine Menge Fettkügelchen befin-
den, welche in einer fehr ausdehnbaren Zellhaut ent-
halten find, deren Farlje immer mit der Farbe derFlüffig-
keit des Rückengefäfses, nicht immer mit der des mehr
aniinalifirten, welches das Bauchfell enthält, überein-
kommt. Diefe letztere kann man infofern für anima-
472 —
lifiStfei'lialfen, als fie durch ihre EigenTchaften mehr dem
FÄtte der liöhern Tliiere ähnelt.
In Hinficht auf die Bewegungen diefes Gefäfses
kanji man bemerken, dafs fie l) im hintern Theile def-
felbep. bei weitem am ftärkrten entwickelt find, was
unfn-eitig mit der grörsern Menge von Luftgefäfsen,
welche fich zu diefem begeben, zufammenhängt ; 2) aber
fchelnt.ihre Zahl und Starke fehr bedeutend durch das
Alter des Thiers abgeändert zu werden. Die Ausdeh-
nungen und Erweiterungen find in der That in den
L'atven weit ßärker lAid deutlicher , dagegen weit feltner
als in den voll Ubmmnen liifektert. Bei der Raupe des
grofseh Tracht f/duenauges wurden nur 3^ ir* einer Mi-
ittite, bei den Loca/Ven dagegen über 90, beim Bremur
terreßris übel* 140 in derfelben Zeit gefehen. Dagegen
fihd fie bei der Raupe fo ftark, dafs fich im zufam-
mengezogetien Zuftande die Wände beriiliren und die
ganze Peritonealhaut erfchüttert wird. Bei den Locuften
verengt fich das Gefäfs nur mn den vierten Theil , beim
Bremus''vfax dieJBewegung mehr ein Ijeftändiges Klopfen,
als -ein regelmäfsiger Wechfel von Ausdehnung und Zu-
lammenziehung.
'' Die in ilim enthaltene Flüffi'gkeit ift nicht bei
allen Arten diefelbe , kommt aber iinraer genau mit der
Befchailenheit des Fettes überein, welches das Paicken-
gefäfs zUnächft umgiebt. Bei den meiften Käfern, ift fie
dunkelljVaun, bei melirern Orthopteren grünlich, beim
Seidenwurm gelb, bei der Weidenraupe orange, bei der
llaupe des grofsen Nac/np/auenai/ges durchlichtig, bei
den nieifien Lepidnpteren wenig dunicelgefärbt. Unterm
]Vlilirofl«)p betrachtet, ferfcheint fie aus einer anfehn-
lichen Menge von Kügelchen zufammengefetzt , deren
Durchfiel) tigkeit von der Färbe der FÜifligkeit felbft ab-
hängt, die mit dem Waüer leicht mifchbar ift, durch
^ 475
das Verdunfien erhärtet und in. dicfem Ziiftande mit
dem Harz die melfLe Aeliniichkeit hat,
Höchft wahrfcheinlich ift, nach Herrn Serres , die
Function des Rücken gefäTses die Fettbereitung. Die gänsf-
liche Umwandlung, welche die meiften Infekten wäh-
rend ihres Lehens erleiden, die Schnelligkeit, womit
diefe und iilierhaupt ihr Wachsthiini erfolgen, macht
einen Abfatz eines Theils der allgemeine Nahrungs-
iliifligkeit, welche durch die Wände des DarmkanalS
zwifchen die Organe dringt, durchaus nöthig, damit
aus ihr die zu einer fo plötzlichen Entwickelung erfor-
derlichen Ulaterlalien gefchopft werden können. Diefe
niedergelegte ISahrungsfubftanz ift das Fett, welches
zwar auch beim Tollkommnen Infekt, nie aber in fo
grofser Menge als bei den Larven vorkommt,, dahep
auch hei den Infekten, die fich nur unvollltommen ver-
wandeln, in weit geringerer i\lenge, bei den Apte-
ren beinahe gar nicht mehr vorlianden ift und, bei
den Arachniden ganz fehlt. Auch giebt es daher keinen
Tlieil im Körper der Infekten, der nicht durch Fafern
piit dem Fettgewebe zufammenhinge , und alle fcheinen
daher aus ihta ihre Nahrung zu fchöpfen.
Dafs nun der, durch die Wände des Darmkanals ans
der Hohle doflelben dringend« Chylus von demKückenge-
fafse aufgenommen und durch diefes die Umwandlung def-
l'eJben angefangen, nachher aber im. Fettgewebe , in wel-
ches er aus dem I'äickengefafse gelangt, erft vollendet wer-
de, wird aus folgenden Urafländen fehr wahrfcheinlich:
1) Bei den Larven, durch deren ganzen Körper
das Fettgewebe in anfehnlicher Menge ungefähr gleich-
mäfsig verbreitet ift, ift das Rückcngefäfs allgemein viel
weiter als beim voUkommnen InfeUt.
2) Bei allen, ohne Ausnahme, kommt die in ih-
nen ejithaltcne Flüfligkeit durch ihre Färbt und ihre
474 ■ '^'^
übrigen Eigenfohaften mit der Farlie des , das Rückcn-
gefafs umgeljenden Fettgewebes überein. Diefelben Rea-
gentien , durch welche das Fett gerinnt , bringen auch
.die Flüffigkeit des Riickengefäfses zum Geiinnen.
3) Bei den Larven, wo das Fett durch den ganzen
Körper ungefähr gleichmäfsig angelläuft ift, hat das
Kückengefäfs ülierall diefelbe Weite, bei den volUcomm-
nen Inlekten ift es im Uiilerleibe, wo iich das meifte
Fett ündet, viel weiter als im Tharox, wo es faft ganz
fehlt, und in demfelben Verhältniffe lind die Bewegun-
■getl des hintern Tlieils des Riiclvengefäfses bei weitein
am ftärltlten.
Das RückengefäCs ift alfo nach diefer Anficht nicht
Hailptbewegungsorgan der allgemeinen Kahrungsflüfllg-
Iteit, fondern Secretionsorgan, allein das wichtigfte un-
ter allen Secretionsorganen , das indelfen nicht unmit-
telbar zur Erhaltung des Lebens nothwendig ift, indem
diefes auch nach Wegnalime deffeiben nicht aufliört,
felbft nicht einmal die wichtigClen Functionen, z.B. das
Athmen, dadurch merklich geftört werden.
Diefe Arificht'war mir hefonders ' angenehrp , ^veil
He im Wefentlichen gaM mit der raeinigen, welche ich
in meinen Vorlefungen fchon feit mehrern Jahren vor-
getragen habe , vtljereinßimmt und diefelbe durch neue
Thatfachen unterftülzt. Das Rückengefäfs der Infek-
-ten fchien mir immer nicht blofs Bewegungs- fondertl
■zugleich Bildungsorgan. Ich nahm an, dafs die in ihm
weiter umzuwandelnde FlüOigkeit vorzüglich dinch die
■Rückenwand des Darmkanals, auf dem es Hegt, in feine
Höhle komme, und erft nachdem fie hier, vorzüglich un-
ter Einwirkung der reichlich zu ilim tiefenden Luftge-
fäfse, zu vollkommner Nalnungsflüfllgkeit hinaufgeläutert
worden, aus derfelben hervor und zwifchen die Organe
dringe. Deshalb aber braucht man keinesweaes die
Vorftellung, dafs dieCes Organ zugleich Gefäfs und Ana-
logon des Herzens fey, aufzugeben. Vielmehr erfcheiiit
auF eine höchft merkwürdige Weife hier noch in einen
hohlen Schlauch rereinigt, was bei höherer Vervoll-
kommnung Lymph- und Blutfyftem wird, und die völlige
Vollendung der Nahiungsflüfligkeit die bei den höhern
Thieren in verfchiedene Gegenden des Gefäfsfyftems,
■das Lymph -und das Lungengefäfsfyftem vertbeilt ift, ger
fchieht hier glelchmäfsig an allen Stellen des Rückeiige-
fäfses. Intereffant ift es zugleich, zu fehen, wie hier das
Gefifsfyftem, fowohl der Form als Function nach, brl
feinem erften Entftehen viel mehr als bei weilerer Ausr
hildung eine Wiederholung des Darmkanals, und befoiv
ders eine unvollkommne Wiederholung deffelben, ein e!i-
■f acher, gerader, an beiden Enden blinder Kanal ift. Dies
ift die eine Art der Entftehung des Gefäfsfyftems aus dein
Darmlcanal , der anfänglich aliein und nur als die in-
nere Fläclic des Rohres, welches die polypenartigen
'Filiere darftellen, vorhanden ift. Eine zweite Art ift
die :Spaltung des bei den Hydren einfachen Darmfackes
in mehrere, vielfach durch die Subflanz des Körpers
verzweigte , mit Nahrungsflüffigkeit angefüllte Gänge,
%vo das Gefifsfyftem in der That nur der verzweigte
Darm ift, der in inuner kleinere Aefte zerfällt, deren
Stämme aber unmittelbar aus ihm entftehen, wolirend
l>ei den hohem Thieren fich lieide Syfteme von einan-
der abfundern, und die höhere Individualität des Ge-
fäfsfyftems durch den Urfprung defi'clbcn miitelft viel-
fach in ihm wurzelnder Zweige ausgefprochen ift.
Dafs die Bewegungen des Rückengefäfses nicht
blofs mit Bildung, fondem auch mit Forttreiben der
Nahrungsfliiffigkeit in Beziehung ftelien, läfst fich wohl
Ichwerllch bezweifeln, indem es /caum möglich ift, dafs
dadurch die Flufügkeit nicht aus der Huhle deffelben
476 — ^-.— .-w-
getrieben werden folUe. Höchft wahvfclieinlich ift dife
der Nalirungsflufß'gkcit, welche 7. vvifclien die Organe er-
goITen ilt, dadurch mitgetheilte Erfchiitterung wohl ein
Beförderungsmittel der Aufnahme derfelben in die Sub-
fianz der Organe, vorzüglich fofern iie als gelinder
Reiz auf ihre Wände wirkt.
Auf jeden Fall aber hat wohl Serres unrecht , wenn
er fa. a. O. Tora. V. p. I45-) aus dem Mangel vom Kücken-
gefäfs abgehender Gefiifszweige fchliefst, dafs es auf
Iceine Weife mit den Organen der Saftbewegung der übri-
gen Gliederthiere verglichen werden könne, indem diefe
Bedingung nur die UnvoUkommenheit der Ent\^'icklung
beweift, keines^veges darthut, dafs nicht das Rücken-
gefäfs das Analognn der Gefäfse und namentlich des
Herzens derfelben fey. Vielmehr ift der allmählige Ueber.
gang von dem Rückengefafs der Infekten durch das
Herz der wirklichen Arachniden und der Branchiopo-
den unter den Kruftenthieren zu den höher entwickel-
ten zehnfüfsigen Kruftenthieren in Hinficht auf Geftalt,
Lage und verhältnifsmäfsige Länge fo deutlich, dafs man
unmöglich die Richtigkeit der Meinung verkennen kann,
jiach welcher das Rückengefafs der erfte ungelungene
Verfuch eines Saftbewegungsfyftems ift.
Dafs ich nach allem Gefagten nicht wohl der neue-
ften Meinung von Herrn Carus '), über die Bedeutung
diefes Theils, der zu Folge er das erfte Rudiment des
Kückenmarkes ift, beitreten kann, brauche ich nicht
zu bemerken. Die Angabe der Art, wie aus diefem
Rückengefafs Herz und Gefäfsfyftem. hervorgehen, ift um
fo mehr eine hinlängliche Widerlegung derfelben, da
Slructur und Thätigkeitsäufserungen in beiden fo völli"
verfchieden find.
l) Auat. und Phyfiol, des Nervenryftemi. 1814. S. 75'. 76.
477
XI. Ueber die Menftruation ').
Die Tendenz des Gal/ini'[chei\ Auffatzes ift, zu
iieweifeu, dafs diefelbe Uifaclie, welche bei dem
Weibchen der Säiigthieie zur Brunftzeit einen blutigen
AnsHuls aus den Geichleclitstheilen bewirkt , beim
mcnfchlichen Weibe die Menftruation hervorbringt.
Die Wärme ift das Hauptagens bei aller Bildung,
fowohl der im fchon vorhandenen Organismus. Ijeftän-
dig vor fich gehenden, als der zu Hervorbringung neuer
Organismen thritigen. Bei der elnfachften Zeugung i eicht
die Wärme der Atmofphäre in einer beftiuunlen Jahres-
zeit hin, die Organe, deren Gefchaft die Hervorbrin-.
gung und Vergrüfserung des Keimes ift , nicht nur in
die zum Sichtbar^verden , fondern auch in die zum Ab-
treten deffelben voii dem alten Organismus und zum
Anfange eines eignen , felbftftändigen Lebens erforder-
liche Thätlgkeit zu verfetzen. Hierher gehören die Pflan-
zen , deren Saamen nur in die Erde gelegt zu werden
braucht, um lieh in einer beftimmten Temperatur zu ent-
wickeln , befonders die Bäume , deren , durch Entwick-
lung liervorgebrochne Aefte getrennt in die Erde gepflanzt,
oder auf andre gepfropft und fo zu vollkommnen Bäu-
men werden können. Auf diefelbe Weife zeugen die
Polypen und Actinien zu gewiffen Jahreszeiten, indem
lieh Knofpen bilden und trennen. Bei der zufammen-
gefeizleren 'Zeugung ift vielleicht zur Trennung des Kei-
mes, geuuifs zu der Ausbildung deffelben, welche ihn
zu eignem felbfiftändigen Leben fähig macht, aufser der
Temperatur der Atmofphäre der Zutritt einer befruch-
tenden FlüfilgUeit erforderlicli. Dies findet bei den
Zwinerpflanzen und den Monociften, den kopflolen Mol-
lusken und den fvchinodermen Statt, die lieh felbft be-
fruchten, und wo' die befruchtende FUifllgkeit fowohl
ein Mittel zur Bildung neuer thicrifcher Subftanz , als
zur Hervorbringung und Erhaltung eines, den der äu-
fsern Medien überueflenden Temperaturgrades ift.
i) Im Auszüge i\it Gatlini fnpra la legge dell' organismo animale
da cui (le^iendonu i meltrui deLIe donne in Memorie deUa tociQtk
lulüiiia. X. XVI. p. 3. an. 1S13. pag, I — I7.
Bei det noch zufdinmengefetzleren Zeugiingsweife,
wo Begattung erforderlich ift, wird durch den Act der-
felben die innere Temperatur durch die höhere Thätig-
keic felbft, in welche die Zeiigungsorgane durch den-
felben gerathen, vermehrt und trägt, in Verbindung
mit den übrigen Urfachen , zu Hervorbringung des An-
ftofses bei, wodurch der Keim getrennt und in die, zu
leiner Entwicklung erfoiderlicIieThätigkeit verfetzt ivird.
Si) verfchieden auch in den verfchiedenen Klaffen, wo
Begattung zu Hervorlningung eines neuen Organismus
erforderlich ift, die Bedingungen find, unter welchen
der Zutritt der befruchtenden Flüfligkeit des Mannes
zum weiblichen Keime erfolgt, fo wird die Befruchtung
doch immer durch Erhöhung der innern Temperatur
über die äufsere begünftigt. Bei der voDlcommenften
Zeugung, welche bei den Säugthieren und dera Blenfchen
Statt findet, können die Zeugungsorgane faft in allen
Jahreszeiten in die Thätigkeit gerathen, durch welche die
zu Erfcheinung, Trennung und Entwicklung des Keimes
erforderliche Temperaturerhöhung hervorgebracht wird.
Diefe Verfchiedenheit der Säugihiere von den übri-
gen Thieren hangt unltreitig von der Menge von Blot
und andern Flüfllgkeiten ab, welche zu den Ovarien
treten , und die Vergröfserung und Lostrennung der
Keime begünftigen. Daher find die Weibchen der Säug-
thiere, in Hinücht auf Zeugungsfähigkeit fo unabhängig
von der äufsern Temperatur, vielmehr von dem grö-
fsern oder geringern Zuflufs von Blut zu den Zeugungs-
iheilen abhängig, und die Fähiglceit, in den zur Begat-
tung tnid dai auf folgenden Zeugung nöthigen Grad von
Keizung zu gerathen, ftelit mit dem Grade des Blutzu-
fluffes im directen VerhältniTs.
Die Verfchiedenlieit zwifchen eierlegenden und
lebendiggebährenden Thieren gründet licli gleichfalls auf
die gröfsere oder geringere Fähigkeit zu Erzeugung eines
liöliern Temperaturgrades, delfen der neuentftehende
(Jrganismus zu feiner Ausbildung bedarf. Daher find die
Weibchen der Saugthiere fo organilirt, dafs nach dem
Eintritte der Pubertät das übertlüflig erzeugte Blut in
gröfserer Menge zur Gebärmutter i'trömt. Diefes Zu-
Iiromen des Blutes findet beim uienfchlichen Weibe in
479
b'iliei-em Grade Statt als bei den übrigen ?ä»gthienveiTv
eben, und ift theils die Urfaclie der zu allen Zeiten
Statt findenden Fähigkeit defl'elben zur Begattung und'
Empfangnifs , tlieils der Menftrualion.
Da diele während der Schwangerfchaft niclit Statt
ündet, io ift fie wahrfclieinlich zunächft darin begiiin-
det, dafs die bis zu einem gewiffen Grade angefüllten
und erregten GefäTse der Gebannulter den Widerfiand
der fie unierfiiiizenden Membran überwinden, und das
Blut durch die Seitenoffiiungen ihrer Wände austreiben,-
wodurch dann die Erregung gemindert wird , und die
Menfiruation aufhört, bis jene durch das neu hinzu
ftröniende Blut von neuem eintritt. Während derSchwan-
^erfcliaft findet fie niclit Statt, weil das Blut zur Hervor-
bringung der jetzt in der Gebärmutier eintretenden Ver-
Snderungen und der Ernährung des Fütus verwandt wird.
Diefe Anheilt der Urfachen der Menftrnation wird
durch eine Vergleichung des menfchlichen Weibes mit
denen der Säugthiere noch wahrfcheinlicher. Bei dielen
ift der Andrang des Bluis zu den Zeugungstheilen be-
ftimmt geringer und macht fie feltncr zur Befruchtung
fähig. Allein auch bei ihnen deliut das Blut, vorzüg-
lich in dem Maafse als fie der menfchlichen Species
näher flehen, wenn der Zultufs dcffelbon einen gewif-
fen Punct erreicht hat , die übrigen Umftände die Er-
regung der Gefchlechtstheile begünftigen, und lie im
Brunfizuftande find, die Gebärmutter aus, und es ent-
lieht dann ein AusHufs von fchleimiger und blutiger
Flüfiigkeit, welche der Menfiruation des menfchlichen
Weibes enifpricht.
Ungeachtet alfo diefe beim menfchlichen Weibe
monatlich, bei den Säuglhierweibchen nur zur Briinft-
zeit, und auch hier in geringerer Menge eintritt, fo
fcheint doch daffelbe Gefetz diefe Erfcheinungen zu
regeln. Das nach dem Eintritte der Pubertät iiberflüfiige
Blut mufs in grüfserer Menge zu den Genitalien ftrii-
men, um vorzüglich die zur Entwicklung und Vergiiifse-
rung des Fötus erforderliche Temperatur der Gebär-
mutter zu erhalten und zu erhöhen. Das reichlicliei«
Zufirümcn des Blutes beim menfchlichen Weibe marlit
dicfes in allen Lebensperioden zur Begattung' und Be-
fruchtung fähig , «vuhrend dies bei den ülirigen Säug-
tliieiweibchen, nui; feltiier Statt findet. Bei diefen geht
das Blut gewöhnlicli durch die Venen zurück, beim Weibe
und den Weibchen der verwandten Saugthiere tritt es aus
den GefäTsen , dort monatlich , hier nur zur Brunftzeit.
Das Gefetz alfo, welches alle dlefe verfchiedenen
Phänomene in den verfchiedenen Arten derlebendiggebäh-
renden Thiere beftimmt, fliefst aus der beftändigenThat-
fache , dafs , da der neue Organismus fich innerhalb des
alten fo weit entwickelt, bis er ein felbfiftändiges Leben
führen kann, die Gebärmutter durch einen lieftändig
wechfelnden Zuflufs von Blut fähig wird, die zur Entwick-
lung und Vergröfserung des Keimes nothwendige Tempe-
raturerhöhung hervorzubringen. Unftreitig ift das Weib,
wenn es gleich in allen Perioden beinahe gleich fähig zum
fruchtbaren Beifchlafe ift, docli in den erften Tagen
nachdem die Menftruation zu fliefsen aufgehört hat , am
fälijoften, indem jetzt die Erregung der Gebärmutter und
der Zuflufs von Blut von neuem ihren Anfang nehmen.
ErTiläru7ig der KupfertafeL
l'ic. I bis 6. Leberknoten von verfchiedener Be-
fchaffenheit , zu .... Seite 43a
Fig. 7« Eine Concretion aus dem Grimmdarm
eines Mannes.
Fig. 8. Eine Concretion aus dem Darmkanal
eines zwölfjährigen Knaben, die einen Kno-
ten zum Kerne hat.^
Beide aus Monro's moilbid anatomy of the human
pullet. Edinb. 1811. Taf. i. und 2.
(
J^f.X
Deutfehes Archiv
für die
PHYSIOLOGIE.
Erster Band. Viertes Heft.
Bemerkungen
über
die Thymusdrüfe des Murmelthiers
während des Win terf chlafs.
Von
Dr. Friedlich Tiedemann.
(Mit einer Nachfchrift des Herausgebers.^
iJie Anatomen und Phyfiologen, welche fich mit
dem Bau und den Lebensäufseruiigen der einen Win«
terfchlaf haltenden Säugthiere bcfchäftigten , nament-
licli //. Reove '), G. Mangili '), Saijjy 3) und Pru-
i) De animalibus hyeme fopitis. London tgOJ. An Effay on tlie
Toq>idity of animals. London 1809.
2) Saggio di Offeryaziom per fcrvire alla ftoria dei Mammiferi
fofgetti al periodico letargo. Milane 1807. J. Memoire für la
Uibargie pvriodique de (quelques niammifcrcs. in d.jnnales da
Mufce d'hift. natur. T. 10. p4)4- l^cils Arcliiv Pd. 8. II.),
3^ Keclierche« exp^riinentales, anotorniques, cliiiniques etc. fiir
U phyfi'ine d«9 aniinaux inammiCcres iiyberiuns eti'. Fa-
rii 1808. 8' lleiU Atieliiv Bd. I^,
M U. Anhiu. 1, 4. H h
483 .
nelle '), lu;ben ein Organ iiberfelien , welches Jodi
einige Berückfichtigung bei ihren ünterfuchungeu ver-
dient hätte, weil daffelbe merkliche Veränderungen
während des Winterfchlafs erleidet; dies Organ ift
cRe Bruft- oder Thymusdrüfe. 9chon das conftantiü
Vorhandenfe.yn der Thymusdrüfe während der gan.
zen Lebensdauer bei deif einen WihtelTchlaf" hallen-
den Nagelhieren '), fo wie beim Igel und den Fledcr-
mäufen '), hätte die Aufmerkfamkeit der eben ge-
nannten Männer auf diefes Organ ziehen follen , wenn
fie anders nicht ihre Unterfuchungen und Beobach-
tungen begonnen , ehe fie noch den Bau diefer Thiei"e
kannten. Um Naturforfcher, welche Gelegenheit ha-
ben , Unterfuchungen über den VVinterfchlaf der Thiere
»nzuftellen , auf die Thymusdrüfe aufmerkfam zu ma-
chen, theile ich meine Beobachtungen über die Thy-
musdrüfe zweier Murmelthiere mit, von denen ich
eins während und das andere aufser der Zeit des
Winterfchlafs zergliedert habe.
Im Monat November des Jahres 1811 erhielt
ich ein weibliches Murmelthier aus Salzburg, welches
in einem Kiflchen mit Heu angefüllt fchlafend ankam.
Das Thier halte eine zufadimengerollte Lage, der
kurze Schwanz bedeckte das Antlitz, die Augended^el
l) Recheiches für les pheiiomenes et für les caiifes du fomniell
hivernal des quelcjues mamniiferes m d. aiinales du Mufce.
T. 18. p. 20.
a) J. Pallas novae fpecies quadiupedum e gUnum oidine.
3) .f. F. Mechd Abhandlungen aus der meafcliUcnen und ver-
gleichenden AnacoinLe und Phyllologie. Halle iSsfi. i. S. 198.
und der Mund waren gefchloffen. Es war ganz kalt
anzufühlen und fchien todt zu feyn. Nur beim Stechen
und Reizen gab es einige Zeichen von Bewe:;ung von
fich. VVenn ich es mit Gewalt auseinander rollte,
lo zog es fich gleich wieder Zufamnien. D;inn und
wann nahm ich ein langfames und fchwaches Aus-
dehnen und Zufammenfallen der Seiten des Körpers
und des Bauches wahr, als fchwache vSpuren des Ath-
mens. Beim Auseinanderziehen der AugenJieder fah
ich die Bindehaut fchwarz geftrbt, auch erblickte icli
die erweiterte Pupille. Die Iris fchien für die Ein-
wirkung des Lichts unempfindlich zu feyn, weil fich
die Pupille nicht verengte. Starkes Gen.ufch iiatte
durchaus keinen bemerkbaren Einflufs auf das Thier.
Riechbare Subftanzen an die Nafe gebracht fcbicn es
nicht zu empfinden. So blieb das Thier den ganzen
Winter über in einem erftarrien, cmpfiadungslofen
Zuftande, ohne alle Aeufserungen des liöheren unima-
lifclien Lebens, das fcii wache, feltene, oft kaum be-
merkl)are Athmen abgerechnet, in feinem Kiftohert
mit Heu liegen, welches ich in ein Zimmer geftellt
hatte, worin die Temperatur der Luft niemals über
einige Grade unter Null fiel. Im Monat Uecember
traten einige warme Tage ein, wiihrend diefer Zeit
mufs das Thier einmal erwacht feyn, weil es feine
Lage verändert hatte.
Naclidcm ich mehrere Verfuclie liber die Tem-
peratur des Körpers, über das Aliicmholen u. f. w,
nngeltfJlt halte, die ich aber der Kiirzo wegeir liier
nicht angeben will, weil fie zu dan bekanntun , voil
Hh a
■484
Mtuitiili-, PruiieHe «. ;i. aufgeftelUeii RerulUilen fiilir-
teo; fo befchlofs ich das Tliier im Winterfchlaf zu
tOdten , um feinen Bau zu unterfuchen. Am fiinft'en
März Morgens zehn Ühr nahm ich das erftarrte Muf- '
melthjer aus feinem Itiftchen und trug es in ein mafsig
erwärmtes Zimmer um es hier zu tödtcn. Beim Ein-
fchnitt'in die Haut des Halfes äufserte es nur' fehr
fchvvache Bewegungen' in dem Hautmuskel, doch er-
wachte PS rieht. Icli «lurchfchnitt die Droffch-eneri
und' clie' Kopf fchLigadern, das fchwarzrothe Ijhit flofs
kalt über die Hand. Die Temperatur des ausgeflof-
fenen Bluts betrug zwei Grad über Null nach dem
Reaumurff-hen Thermorneter. Der Unterfchied zwi-
fcheri dem arteriellen und venöfen Blut, in Hinficht
der 'Fai-be,' war kaum bemerkbar. Das aus den Go-
fäfsen a'usgefloffene Blut fchied fich in ein helles BluK
waffer und in einen wenig dichten Blutkuchen. Beim
Durchfchneiden des StJmmnervens und des fympalhi-
fchen Nerveiis äufserte cLis Thier Bewegiuigen in den
Beugemuskeln des Rumpfes, der etwas ge'kriimm't
wiu-de. Da ich die .Spitze des Meflers hi das'Riicken-
juark zwifchen dem Hinlerhauptbein und dem erfteit
Halswirbel oinfenkte, entftanden fchwache Convulfici-
nen. Das Herz contrahirte fich langfam untl iijeh
das Blut ftofsweife aus den durchfchnittenen CarotiJcn
heraus. Die Eingeweide der geöffneten Bruft - und
Bauchhöhle waren kalt anzufithlen. Leider mufslo
ich diefen Morgen meine Unlerfuchungon einftellen,
weil ich zu einem Qefchäfte abgerufen wurde. Ich
fchlug die Haut um die gemachten Einfchniite unj
.i85
legte. r!js Tlüer in ein kaltes Ziiniiier, worin lÜe
Temperatur iler Luft ein Grad filjer Null betrug.
Am foJgeiitlcnTage fetzte ich in tierfelben Stunde,
in der ich goftcrn das Thier getudtet hatte, die Un-
terfuchuiigen fort. Nachdem ich die Haut zuriick-
gefghlagen hatte und das noch mit allen Gefäfsftämr
nien in Verbindung ftehentle Herz mit der Spitze
eines Meffers reizte, fo contrahirte fich, zu meiner
grofsen Verwunderimg, der rechte Venenfack. Die
Aeufserungen der Reizbarkeit diefes Venenfacks er-
lofchen crft nach vier Stunden. Hätte ich gerade
eine galvanifche Siiule zur Hand gehabt, fo hätte ich
gewifs noch längere Zeit Aeufserungen der Reizbar-
keit hervorrufen können.
Der ganze vordere und' hintere Raum zwifchen
den Bruftfellfucken und dem Herzbeutel war mit der
Thymusdrüfe angejiillt. ,Sie zog fieh fflbft an den
Gefäfsftämmen lies Herzens aus der Brul'thöhle her-
auf, erftreckte fich neben der Luftrohre bis nahe an
dun Unterlviefer hin, ferner breitete fie fich oberhalb
der Schliiffelbeine am Hälfe aus , und begab fich felbft
unter ilen Sciilüffelbeinen und unter den grofsen
Bruftmuskeln bis zu den Achfeihöhlen hin. Die un-
gemein grofse Driife hatte eine rüthlich weifse Farbe,
und befland aus mehrern durch Zellgewebe und Ge-
iafszweige verbuntlenen Lappen , die abermals aus meh-
reren kleineren Läppchen gebildet waren. Jedes Läpp-
chen war aus vielen rundlichen, mit einer grauweifsen,
chylusartigen Flüffjgkeit angefüllten Bläschen zu am-
nieugefeL^t, auf welchen fich Gefäfsnelze verzweigten.
486 ^^.^^^
Die Bläschen hatten eine halbe bis ganze Linie ini
Durchmeffei-. Alle Bläschen eines Läppchens ftanden
niit einander in Verbindung, denn wenn ich eins der-
felben mit dem Meffer öffnete, fo konnte ich bei ge^
lindem Druck durch die gemachte Oeffnnng die chy-
lusartige Fliifligkeit aus allen Bläschen oder Zellchen
eines kleinen Lappens herauspreffen. Brachte ich das
Stahlröhrchen eines mit Queckfilber gefüllten Glas-
cylinders in die Oeffung einer Zelle ein, fo drang
das Queckfilber in die benachbarten Zellchen ein und
füllte diefe an. Aufser den reichlich vorhandenen Ar-
terien- und Venenzweigen, die zarte Gefäfsnetze auf
den Wäntien der Bläschen bildeten , fah ich auch
mehrere Saugaderdriifen, die an den Gefäfsen lagen,
und eine fchwärzliche FhifGgkeit enthielten. Einen
etwanigen Aiisfiihrungsgang liabe ich nirgends an der
Drüfe finden köniien, Ich mufs geftehen, dafs ich
hier die erfte deutliche und richtige Vorftellung über
den Bau der Tliymusclrüfe erhalten habe. Die ganze
Mafi'e der aus der ßrufthOhle herausgenommenen und
von ^llen benachbarten Theilen losgetrennten Thy-
rnusdrüfe wog eine Un7,e einen und einen halben Scru-
pel Medizinalgewichts. Das ganze Thier wog, ehe
ich es tödtete, fünfundzwanzig Unzen, zwei Drach-
men und einen Scrupel. Demnach machte die Thy-
musdrüfe ohngefähr den vier tind zwanzigften Theil
der ganzen' Maffe des Tliieres aus, Anfangs ver-
muthete ich, dafs die Schikldriife ebenfalls fehr ver-
grüfs'irt feyn möchte, allein darin irrte ich mich,
denn diefe Drüfe war fehr klein und wog nur eilf
— ^-^^ 487
Gl an. Auch die Nebennieren waren felir Klein, fie
wogen zufammen nur drei Gran.
In Hinficht der übrigen Organe vercfient folgen-
des noch bemerkt zu werden:
Die im Vcrhähnifs zur Grofse des Thieres fehr
kleinen Lungen waren ganz zufaminengefallen und
enthielten nur fehr wenig Luft, dagegen waren die
Gefäfse um fo mehr mit Blut angefüllt. Auch das
Herz war verhältnifsmäfsig fehr klein , denn es war
im blutleeren Zuftand nur einen Zoll vier Linien (des
Parifer Maafsftabs) lang, luid neun Linien breit. , Es
wog, von feinen Gefä'fsftämmen getrennt, zwei Drach«
imen und einen Scrupel. Die bedeutend grofse, braun-
roth und gelblich marmorirte Leber, deren Gefäfse
viel Blut enthielten, wog eine Unze zwei Drachmen
und fünf unil zwanzig Gran. Die längliche birnfoc-
mige Gallenblafe war mit einer braungriinen Galle an-
gefüllt, die wenig Bitterkeit zeigte. Die lange,
ichmale und braunrothe Milz wog einen Scrupel. Der
Magen enthielt eine fchlcimige weifsliche Flüffigkeit,
übrigens durchaus nichts von Nahrung. In den dün-
nen Gedärmen fand ich eine geringe Quantität eines
weifshchen, etwas röthlichcn und mit Galle vermifch-
len Dannfchleims. Der ßlinddai'm war ganz »lit ei-
ner gräulicligellien .fchleimigen Flüffigkeit angef illt,
in der einige Haare des Thieres befindlich waren.
Auch der Maftdarm war mit einer gräulichbraunen,
zähen und fchleimige^;! Flüffigkeit angefüllt, welche
ganz dem Meconium glich.
488 .
Im Sommer des Jahres i8ij tödtele ich ein,
ein Pfund zehn Unzen und fünf Drachmen fchweres,
wohlgenährtes, weibhches Murmelthier, um zu unter-
fuchen ob Cch nicht etwa Verfchiedenheiten in dem
Bau der Murmelthiere nach den Jahreszeiten vorfän-
den. Vor allen richtete ich meine Aufmerkfamkeit
auf die Thymusdrtiie. Nachdem ich die Haut an dem
Halle und an der Bruft eingefchnitten und zuräckge-
fchiagen hatte, kam die ganz fchlaffe, welke und zu-
fammengefallene Thyniusdrüfe zum Vorfchein. Ich
konnte durchaus keine Bläschen und Zellchen erken-
nen , weil fio keine chylusartige Flilffigkeit enthiel-
ten , und folglich leer auf fich felblt zufammengezo-
gen waren.. Auch die Blulgefäfse waren in fehr ge-
ringer Anzahl vorhanden. Elien fo welk und gefäls-
arm war dasjenige Stück diefer Drilfe befchaffen, wel-
ches in der Brufthöhle zwifchen den Bruftfellfäcken
lag. Die ganze Drilfe wog nur drei Drachmen und
einen Skrupel. Weiche auffallende V erfchiedenheit
in Hinlicht der Thyniusdrüfe, mit der jenes während
des VVinterfchlafs getöilteteb Munnelthiers! Bei jenem
machte die Thyniusdrüfe den vier bis fünf und zwan-
zigften Theil der ganzen Mafle iles Körpers aus, imd
bei diefem ungefähr nur den hundert und fechzig-
ften Theil.
Aus diefen Unterfuchungen geht alfo offenbar
hervor, dafs die Thymusdrüfe wahrend des VVinter-
fchlafs fehr bedeutend vergröfsert und in ihrer Maffe
vermehrt wird. Diefe Vergröfserung fcheint theils
von dem grölseren Einiiufs des ßiutSj und theils von
489
der Abfonderung einer chylusartigen Fliiffigkeit in die
Zellchen und Bläschen der Dnife herzurühren. Nach
dem Winterfchlat' nimmt die Thymusdrüfe fehr merk-
lich an Gröfse ab, diefes fcheint von einem geringe-
ren Einflufs des Bluts und von dem Verlchwinden
der chylusartigen Fiüffigkeit abzuhängen. Da die Thy-
musdrüfe keinen vVusführungsgang hat, fo kann die
in ihren Zellchen wahrend des Winterfchlafs abgcfon-
derte chylusartige Flil£figkeit nur durch Auffaugun^,
alfo durch die Thätigkeit von Saugadern \viec(er auf-
genommen werden. Es entfteht jetzt die Frage : warum
während des Winterfchlafs eine chylusartige Fliiffig-
keit aus dem Blute in die Zellchen der Thymusdrüfe
abgefondert werden möge? Diefe Frage möchte durch
Folgendes beantwortet werden: Wahrend des Win-
terfchlafs geht der Athmungsprocefs ungemein lang-
fam von Statten , ja er fcheint in manchen Fällen ganz
fuspendirt zu feyn , wie aus den von Saiffy angeftell-
ten Verfuchen erhellet. Durch die Abfonderung einer
chylusartigen und folglich wenig oder gar nicht oxy-
dirten Fiülfigkeit aus dem Blute in die Zellclien der
Thymusdrüfe mufs alfo der oxydirte Theil des Bluts
relativ an Mafle zunehmen. Ein überhaupt fehr we-
nig oxydirtes Blut unterhiflt den während des Winter-
fchlafs fehr langfiun und trag von Statten gehenden
Vitalitätsproccfs diefej- Thiere. Wenn im Friihjahr
der Atlnnuiigsprocefs beim Erwachen der Thiere wie-
der feine vollkommene Energie erhält, fo wird die
in die Zeilen der Thymusdrüfe abgefonderte cliylus'-
artige FlOffiijkeit wietler eiugcfaugt und dem Blute zir«
gemifcht, um bei dem Kreislauf durch die Lungen
oxydirt und in Blut verwandelt zu werden. So wird
denn auch die chylusartige Fliiffigkeit die erfte Quelle
der Ernährung für die aus dem VVinterfchlafe erwach-
ten Thiere , welche gleich bei dem Erwachen feiten
Nahrung finden.
Ich mufs hier auch bemerken , dafs ich die Thy.
musdriife bei dem Igel unti bei den Fledermäufen con-
ftant zu jeder Zeit gefunden habe, und dafs diefe
Drüfe während des Winterfchlafs ebenfalls um mehr
als das Doppelte an Gröfse zunimmt und eine chy-
lusartige Fliiffigkeit enthält, welche ich im Sommer
nicht wahrgenommen habe. Desgleichen ift die Thy-
musdriife in einigen Wafferthieren vorhanden; denn
ich fand fie in ■ der Fifchotter und im Bieber. In
einer fiebeii Pfund fchweren und ganz ausgewachfe-
nen Fifchotter, welche ich am 24. April 1814 zer-
gliederte, war die von oben nach luiten platt gedrückte
Thymusdrüfe drei Zoll lang, ein und einen halb Zoll
breit und ihr Gewicht betrug eine und eine halbe
Drachme und fiebzehn Gran. Sie beftand aus vielen
Lappen imd hatte eine rüthliche, fchmutzig weifse
Farbe. Die verhältnifsmäfsig fehr kleine Schilddrüfe
bildete zwei Lappen, wie bei den meiften Raubthie-
ren, weil kein verbindender mittlerer Theil vorhanden
war. In einem dreifsig Pfund fchweren und drei Fufs
drei Zoll langen Bieber, welchen ich am 14. Decem-
ber 18 II unterfuchte, fand ich eine ungemein grofse
Thymusdrüfe, die aus der Brufthöhle herausftieg und
halbmondförmig die Luftröhre und den Hals umgab.
^ — - — ^ 491
Aiisgeftreckt war fie tier Zoll und zwei Linien laiig.
Sie beftanci aus vielen Läppchen und hatte eine rüth-
fich weifse Farbe. Ihr Gewicht betrug zwei und eine
halbe Unze ein Drachme und einen Scrupel. Auch
hier war die Schikldriife klein. Ob fich bei diefea
Thieren eine Verfchiedenheit in Hinficht der Gröfse
der Thymusdrüfe nach den Jahreszeiten findet, kam
ich nicht angeben. Doch ift es mir wahrfcheinlich,
dafs die Drüfe im Winter vergröfsert werde, weil die
eben genannten Thjere im Winter feiten ihre Höblori
verlaflen und meiftens fchlafend in der lehr verdui-
benen Luft der Hohlen zubringen. Auch bei diefeii
Thieren möchte die Function der Tliymusdrül'e die
zuvor beim Murnielthiere angegebene feyn.
Uebrigens ift es auffallend, dafs eine fo grofse
Aehclichkeit in den Lebensäufserungen der Thiere
Während des Winterfchlafs mit den Lebensäufserun-
gen des Fötus Statt findet; 7a ich möchte daher den
Winterfchlaf ein wahres periodifches Zuriickfinken der
Thiere in den Fötuszuftand nennen. Man erlaube
mir nur einige Bemerl<ungen beizufügen, wodurch
diefe dem Anfcheiii nacli fonderbare Ausfage gerecht-
fertigt wird. Wie beim Fötus der Thiere iiiierhaupt
keine Aeufserungeu des höheren animalifclien Lebens,
nämlich keine höhere Empfindung, keine Action der
Sinnesorgane und keine freiwilligen Bewegungen Stau
finden, lo fehlen fie auch bei den Thieren während
des Winterfchlafs. Wie beim Fötus nur die Organe
des niederen animalifchen oder vegetativen Lebens
thäiig find , fo auch bei den Winterlclilüfern, Beim
493 HT-..
Fötus findet nur ein geringer , kaum' merklicher Un-
terfchie4 zwifchen c|em arteriellen und venöfen Blut
Statt, daffelbe ift fiuch der Fall bei dem Blute der
Thiere während des Winterfchlafs. Das Blut des Fö-
tus befteht aus viel Serum imd wenig Blutkuchen,^
fo auch das Blut der Winterfchläfer. Der Kreislauf
des Bluts geht im Fötus fehr langfam von Statten, fo
auch bei den winterfchlafenden Thieren ; das Herz
contrahirt fich kaum acht bis zehnmal in einer Mi-
nute. Die Temperatur des Bluts und des ganzen
Körpers ift beim Fötus gering, dies ift auch der Fall
bei den Thieren während des Winterfchlafs, denn die
Temperatur ihres Bluts beträgt kaum *drei Grad über
Null. Im Fötus ift die Thymusdriife fehr grofs und
enthält eine chylusartige Flüffigkeit, fo auch in den
Winterfchläfern. Im Fötus hat die Lebet eine fehr
bedeutende Gröfse, daffelbe findet auch in einem auf-
fallenden Grade bei den winterfchlafenden Thiea-en Statt.
Die Leber des Fötus fondert Galle ab, welche mit
dem Darmfchleim vermifcht dasMeconimn bildet; auch
während des Winterfchlafs dauert die Gallenabfonde-
rung fort, und man findet in dem Daimkanal diefer
Thiere eine dem Meconium vollkommen ähnhche Flüf-
figkeit.
Ich endige hier diefe Bemerkungen, die, wie
ich glaube , meine Meinung rechtfertigen , dafs die Le-
bensäufserungen der winterfchlafenden Thiere eine
grofse Aehnlichkeit mit den Lebensäufserungen des
Fötus haben. Die gelegentliche Mittheilung meiner
Verfuche und Beobachtungea über den Winterfchlaf
der AmpTiibiÖn werden diefe Meinung noch mehr be-
ftätigen.
Nachfchrift des Herausgebers.
Die vorftehenden vortrefflichen Unterfuchungen
meines verehrten Collegen find, aufser ihrer Genauig-
keit und dem hohen Intereffe des Gegenftandes, vor-
züghch infofern wichtig, als fie frühere Anflehten und
Beobt -htungen beftätigen.
In erfterer Hinficht verdient bemerkt zu werden,
dafs fchoa der • ehrwürdige Pallas '), wie ich bei
einer' anderri Gelegenheit fchon bemerkte '), den Win-
itBrfchlaf ausdrücklich mit dem Fötuszuftande ver-
glich, indem er fagte: „ Largior thynuis atque glandu-
„ larum tliymo analogaruiu apparatufe in Omnibus,
„ quaß fopiuntur , animalibus obfervabilis , atque 'hyeme
„magis floridus, ufuni earum in fubigendo humores
„confiftere, eo magis probabile reddunt, [/uuni lethar-
„gus iße anhnaluan ex parte ftatid foetus in utero
„f/uain maxime compaiabUis vldeaei/r., foetusque pa-
„ricer iliyintis in iiniverjuiiißoreatijfima reperiatur.^'-
und beinahe eben fo Prunelle an der von Herrn Tiede-
manii angeführten Steile fagt 3); „Je pourrois eu
„comparant la vie letliargi^ue du foetus avec celle de la
l) Novje fpec>£< ciuadrupedum e gliiium ordine. £vlangae 177g.
p. II«.
3) AUlundl. aus der menfclil. und vergl. Anatomie. Halle igod
S. 2,J. .
]) r<eclierchei für let phinomenes et fnr les paufes du fommell
biveriial de quelques lYiamrtifiwj In Ann. du muftüm. Tome
XVm. 18II. p. j:i.
494. ^^^^^
„marmotte faire voir -que la pveifliere tjent ä peii </e
„chofe pres aux meines circonftances que la fecpiide.".
In letzterer Hinficht find Herrn Tiedemann's
Beobachtungen ein fchätzenswerther Beitrag zu den
Refuitaten der Unterfuchungem von Pallas, . Prunelle
und mir, indem \vir die Thymus bei den winterfchln-
/enden Nagetideren, dem Igel und den Fledermaufen
keinesvveges blofs das ganze Leben hindurch beftehend
fahen, fondern auch ausdrücklich die Vergröfserung
derfelben im Winterfchlaf anzeigten.
Dafs Pallas diefe Erfcheinung bekannt war, bfc-
weifen feine oben angeführten Worte. Ebea ,fo habe
ich fchon vor mehrern Jahren bemerkt, dafs ich beim
Igel kurz nach dem Erwachen aus dem Winterfchlafe
die Hals- und Rückenthymus weit dicker, angefchwoll-
ner, faftiger, röther, gefälsreicher als kurz vor dem
Eintritte derfelben fand ').
Dafs Prunelle keinesweges unter die Naturfor-
fcher gehört , welche die Thymus in den winterfchla-
fenden Thieren iiberfahen, beweift die Stelle, wo er
ausdrücklich fo von ihr handelt '):
Die Thymus, welche bei den Winterfchläfern
im Allgemeinen ziemlich entwickelt ift , liegt beim
Isel im obern Theile der Bruft auf dem Herzen.
.Xur gegen den Winter wird fie bei den Winterfchlä-
fern etwas grofs : im Frühjahr und Somrner ift fie fo
dünn, dafs fie bei den Fledermaufen nur einem Biin-
l) Cuvicr Vorlef. über vergl. Anat. Bd. 4. S. 720
3) A. 1. O. S.jo» — 311.
.495
dei xöthlicher FäJeii gleicht. Beim Igel ift fie deut-
licher, nocb mehr beim Miirmelthier, wo fie weniger
das Anfehnieiner einzelnen Drüfe als mehrerer, durch
fehr lockeres Zellgewebe vereinigter driifiger Punkte
hat. Diefe -Beobachtungen beftritigten fich als beftäa-
dig in zwei Fledermäufen , vier Igeln und fieben Mur-
melthieren , welche zwifchen dem April und Auguft
■untei'fucht wurden. ■■ ■•.
Im Herbfte aber erleiden die in der Brufthühle
enthaltenen Organe fichtbare Veränderungett. . 'Uija'
diefe Zeit häuft fich eine anfehnliche iNIenge fehr feften
Fettes unter dem Bruftbein , fowohl in der Mitte ak
im ganzan Umfange des Herzbeutels und der grofsen
Gefäfse .und beiden Mittelf eilen an. Jetzt nimmt cüe
Thymus der Flederniäufe falt die Hälfte der Bruft-
-höhle ein, und ihre Anhänge erftrecltcn fich über de^
Herzbeutel weg zwifchen die grofsen Gefäfse: Ebeti
• fo V€rgröfsert fich auch beim Igel die Thymus be-
trächtlich, verlängert fich bis unter den Aortenbogen
und breitet fich längs dem obera Rande des Schul- -I
-terblalte«! bii zum hintern Thcile <les Halles aus.
Beim Murmelilüere vijrgiöfsert lieh diefe Drille
noch bedeutender. Bei eihem im December igo6
unterfuchccn fand ich tUe Lungonfubftanz feiir fett;
beim Durchfchneideii llofb fo viel Fett aps, dafs es of-
fenbar die Blutbewegung hindern mufste. Eben fo
ftrotzte auch die Thymus von Feit. Sie fi'dite ilcii
ganzen vordem Raum der BruflliOhle, voij den ScliJ/if-
fclbeiu'-n bis zur HerzgruniUläche an, umfafüte jiio
Aorte bei ihrem Austritt aus dem Herzbeutel tmd
496
fchien fie zufiiuinien zu drücken. Verlängerungen von
ihr begleiteten die abfteigende Aorte bis zu ihrer
Theilung in die Hiiftpulsadern und ■umiJchloffen fit
eng. Bei Murmelthieren, die im Laufe deffelben Win-
ters, am 25. Februar, am 7., 15. und 25. März un-
terfucht wurden , waren diefe Verlängerungen ia dem-
felben Verhältnifs als die Jahrszeit vorgefchritten war,
immer kleiner und fchon beim zweiten Thiere etwas
von der Aorte entfernt, bei einem am 15. Mai fe-
cirten kaum merklich, eben fo wenig bei andern, ge-
zähmten, nicht in den Winterfchlaf verfallenden, welche
im folgenden Winter geöffnet wurden. . Eine grofse
Menge von Blutgefäfsen , die fich nach allen Richtim-
sen kreuzen, verbreitet fich in den Verlängerungen
der Thymus. Sie entfpringen von den Zwifchenrip-
penpulsadern , die der Thymus felbft von der untern
Schilddriifenpulsader. Die rechte und linke Schliif-
felpulsader und die linke gemeinfchaftliche Carotis
•waren von dem Körper der Drüfe felbft bedeckt.
Alle diefe Gefäfse, fo wie die Bruft-und Unterleibs-
eefäfse find bei den Winterfchläfern fehr ftark ent-
wickelt. Bei demfelben Thiere finden fich zwei an-
dere, in ihrem Bau der Thymus fehr ähnliche, nur
weniger gefäfsreiche Dnifen, welche unter dem gan-
zen crofsen Bruftmuskel liegen. Aehnliche, fehr an-
fehnliche Driifen liegen vorn und an der Seite des
Halfes. Alle fchicken Fortfätze zu den Unterachi'el-
drüfeu, die fich wieder mit denen der Thyinu;
fo vereinigen, dafs dadurch eine einzige dnifige
Malfe gebildet wird. Eine folche Thymusmaffe fimlei
man
497
man bfi den Fledermäufen , dem Igel, der Hafelmaus
und dem Murmelthiere, niclit aber bei den nicht»
,fchlafenden Mä'ufen. Die fie ZufammenfetzeiKlen Drü-
fen und vorzüglich die eigentliche Thymus eihaltert
eine anfehnliche Nervenmenge. Das Lungengefiecht ift
fehr klein , dagegen find die vom Stimmnerven zur Bil-
dung des Herzgeflechtes abgehenden Aefte fehr grofs.
Der Zwerchfellsnerv des Igels, der vom vierten und
fünften Halsnervenpaare entfpringt, ift äufserft dick.
Mittelft des befchriebenen , im Frühjahr gewöhn-
lich fehr unmerklichen Drüfenapparates werden die
Lungen in den hintern Theil der ßruft gedrängt, wo
fie fo zurammengedrückt find, dafs fie durch Aufbla-
fen kaum ein Drittheil ihrer gewöhnlichen Grufse er-
halten. Das Herz und die grofsen Gefäfse, eben fo
die Gefäfse des Unterleibes, ftrotzen von, dem An-
fehn nach beinahe ftockenden Blute. Dagegen find
die verhältnifsmäfsig fehr kleinen Hirngefäfse nie fo be-
deutend angefüllt. Der Igel und die Flederm.iufe un-
terfcheiden fich von den Murmelthieren durch die Or-
ganifation der Brufthühle, fofern bei ihnen die Thy-
musfortfätze fehlen; allein ihr VVinterfchJaf ift auch
viel kürzer und weniger tief als beim Murmelthier.
So vollftändig diefe Befclireibung von Prunelle
•ift, fo wenig befriedigend ift, meines Dafürhaltens,
fovvohl feine Angabc des erften Entdeckers der Crüfso
der Thymusrlrüfe bei den vVinterfchliifcrij , als feine
Erklärung der Beziehung, worin dicfelbe jnit dem
Winterfchlafe fteht,
Af. d. Archiv. /. 4. 1 i
498 — r-' —
In erfterer Hinficht ift es fjft lacheriicltt d-ils
er Cvvier zu FoJge einer aus clelTen Elemens d' hi-
ftoire naturelle citirten Stelle, worin es heifst, dafs
die Thymus und andere Drüfen die Brufthühle der
Winterfchläfer beengen, als den Urheber diefer Idee
nennt, da fie niclit nur fchon Pallas allen Winter'
fchläfern in der angeführten Stelle zugefchrieben , fon-
dern auch mehrere ältere Anatomen , z. B. Sckeitch-
zer und Härder fchon ähnliche Bemerkungen gemacht
hatten.
Die Beziehung der vergröfserten Thymus zum
Entftehen des Winterfchlafes hiilt er für ganz mecha-
nifch und leitet fie aus Atm Drucke derfelben auf die
Lungen und die grofsen Gefäfse her, wodurch theils
die normale Ausdehnung der Lunge, theils der Ein-
tritt des Blutes in diefes Organ und das Gehirn ge-
hindert wird. Das in der Subftanz der Lungen und
im ganzen Korper angehäufte Fett, die vergröfserte
Leber, wirken nach ihm auf diefelbe Weife, blofs
mechanifch, den Raum der Brufthöhle verengend.
Es lafst fich nun freilich nicht geradezu bewei-
fen, dafs diefe mechanifche Erklärung, welche fich
natürlich fehr leicht voUftändig durchführen läfst und
auch von Prunelle gut durchgeführt worden ift, un-
richtig ift; allein dafs fie höchft unwahrfcheinlich ift,
läfst fich ohne grofse Schwierigkeit darthun.
Schon der Uuifland , dafs fich ein eigenthüni-
liehes Organ, nicht blofs Fett, ■i\elclies doch fouft
499
allein fich an der Stelle unthätiger Theile bildet , fo
bedeutend entwickelt, fpricht gegen diefe Anficht und
erweckt die Vermuthung , dafs eine dyiiamifche Be-
ziehung zwifchen den! Wjnterfchlafe und der \'er-
gröfserung der Thymus, diefeni Organ und den Lun-
gen obwaltet. Diefe habe ich daher fchon längft da
ausgefprochen, wo ich von der Function der Thynius
überhaupt handelte '), und freue mich, zu fehen,
dafs Ce durch Herrn Tiedemanns Beitritt eine neue
Stütze erhält. ,
i) CiLvicr Vorl. über vergl. Anat. BJ. ^. S. 7JJ,
li a
500
II.
r f u c
über die
Jf^ärfnefaffiiJigskrcifte der Galley
der Milch und des Harns.
Von Naffe.
Crleiche Cewichtstheile frifcher, noch lebenswarmer
Rinilsgalle von 2ii°R. Wärme und deftillirtes Waf-
fer von 12° Wärme zeigten, bei 12° äufserer Wär-
me in einem hölzernen Gefäfse, das die Luftwärme
hatte, zufammengegoffen, gleich nach dem Zufam-
mengiefsen 17°, und fechs Minuten darauf i6|;° W.
Bei gleichem Verfahren zeigten
Vertuch
frifche
Galle von
mit WalXer
von
bei äufserer
Wärme
3.
22°
nl°
I4i°
3-
20|°
12°
12°
4-
20^° *)
10°
12°
5-
19°
53°
12°
6.
38° ♦*)
11°
12°
gleich
nach dem
Zulammen-
giefsen
I8i:°
i6°
16°
35°
35 *>
fechs Minu-
ten darauf
I7|°
I5|°
I5l°
/
*) Diefe Galle war ungewöhnlich dick.
•*3 Bis zu welchem Onde die Galle über Kohlen etwäimt wsi.
d«B war.
1
501
Es ver]
or demnach
Dagegen gewann
das
die
GalJe:
Wafler:
Verf. 1.
41"
5°
1,11
- 2.
31°
4|° :;
1,36
- 3-
4i°
4° ::
0,94
- 4-
4^°
6° ::
i>4i
- 6.
13°
14° ::
1,08
Es
gewann die
Galle:
Es verlor das
Waffer:
Verf. 5-
i6°
18» ::
I,
I>IS
Verfuche mit frifcher Kuhmilch beftatigten, was
bereits Crawford ') über die Wärmefaffungskraft die-
fer Flüffigkeit angegeben hat. Einmal fand ich beim
Zufammengiefsen von gleichen Gewichtstheilen überge-
triebenem (deftill.) Waffers von 11° und frifcher noch
lebenswarmer Milch von 23°, bei 1O5 ° Wärme der
Umgebungen, den Wärmegrad der zufainmengegoffe-
nen Flüffigkeitea eine Minute nach dem Zufammen-
giefsen 165°, und fechs Minuten nachher 165°; das
zweitemal, wo die Wärme der Milch 13!°, die des
Waffers und der Umgebungen 11° war , in der Mi-
fchung eine Minute na-rh dem Zufammengiefsen 'i^\'^^
und fechs Minuten nachher 17 ".
Es verlor alfo die Und das Waffer
!Milch : gewann :
Verf. I. 61» 5|» :: I, : 0,9s
- 2. 6i° 6i° :: I, : 1.04
was im Mittel i : 0,98 giebl.
1) Verfuche u. Eeobaclitungen Ober die WSrme der Thiere. Leip-
zig »799. S. 10« u. Jgi. Er fand djs Verhjltnifs der Wär.r.^fal-
fuagskraft von Irilcher KuluiuJch zu der des Wiffers wie o,9<»9
z« l,oco.
Gleiche Gewiclitstheile kurz vorher gelaffenen
Menfchenurins von 223° Lebenswärme und deftillirten
Waffers von ii** Wärme zeigten, bei II-® äufserer
Wärme in einenv hölzernen Gefäfse von demfelbeu
Wärmegrade zufammengegoffen , gleich nach dem Zu-
fammengiefsen 16^°, und fechs Minuten darauf
1 5| ° Wärme,
Verf. 2. Gleiche Gewiohtstheile frifcher Morjien-
urin von 275"* natfirhcher Wärme und übergetriebe-
nes Wafler von 16 j" gaben gleich nach dem Zufam-
mengiefsen eine Wärme von 2l|°.
Verf- 3- Frifcher Mittagsiirin von 24^° natür-
licher Wärme unti übergetriebenes Waffer von 1 1 *>,
zeigten lici 11° äufserer Wärme zu gleichen Gewichts-
theilen zufammengegoffen, gleich nachdem dies ge-
fchehen, 17!:°, und fechs Minuten darauf i6i° W.
Verf. 4. Da in allen bisher erzählten Verfuchen
immer etwas Wärme an die umgebende Luft und an
das Mifchungsgefäfs verloren gegangen war , fo wurde,
damit diefe Irrthumsquelle bei einer Meffung fo viel
als müdich befchiänkt werden möge, von den beiden
zufammenzubringenden Fliiffigkeiten, die eine, vermit-
telft einer Umgebung von Schnee in einem benach-
barten Zimmer nahe fo weit unter den Wärmegrad
des Verfuchszimmers und des gläfernen Mifchuiigsge-
fäfses erkältet, als die andere, zufolge ihrer natür.
liehen Wärme diefen Grad überftieg. Hier zeigten
nun übertriebenes Waffer von 4^ ° R. (die Meffungen
gefcliahen durch ein Thermometer mit FahrenheitS
M'ial'sftah, daher die Neuntel von Graden), und frifcher
Morgemiiin von 2 7^°, bei i6° Wanne des Zimmers
und Gefäfses zu gleirhen GewichtstheiJen ziifammen-
gegoffen, gleich nach dem Zufammengiefsen 15^'°
Wärme, und eben fo viel noch fünf Minuten nachher.
Es verlor rlemnach Während das Wafl'er
der Urin : gewann :
VevLi.
I.
5i°
5|°
: : 0,
0,96
2.
6°
S*"
:: 0,
0,83
3-
7°
6i»
: 0,
0,93
4-
iif'
11*°
: I,
1,02
Und fo iinterfcheidet fich denn, gerade dem ge-
fiaueften Verfiiche zufolge, der Urin nur fehr wenig
von dem Waffer an Wärmef;iffungskraft ; und eben fo
verhält fich die Milch. Eine müfsig dünne Galle
kommt dem Waffer ebenfalls an Wärmefaffungskraft
nahe; eine dicke fcheint daffelbe hingegen, dem eben
erzählten V'erfuche zufolge, um 0,3 bis 0,4 an folcher
Kraft zu übertreffen.
Da wir keinen Grund haben anzunehmen, dafs
Galle, Milch oder Harn, mit reinem Waffer zufam-
mengebraeht, eine Zerfetzung erleiden, fo ift auch
wohl nicht zu vermuthen: es fey in den hier erzähl-
ten Verfuchen auf diefem Wege freie Wärme gebun-
den, oder gebundene frei geworden , und es laffe fich
deshalb nach tlenfclben die Wärmefaffungskraft der un-
terfuchten FldffigUeilen nicht beftimmen.
Sind aber jene Meffungen richtig , fo ergiebt fich
daraus die Unrichtigkeit von P. F. IValihers Beliaup-
tuDg '): es fey eine Wärmequelle für den Körper
1) Phyllologie Bd. 2. S. 234»
60-* >*..^-^_»-.^ I
•warmblütiger Thiere, dafs in demfelben FlüfGgkeite«
abgel'onclert würden, die dem Blute an Wärmefaffungs-
kraft nachftändeu : bei welcher Behauptung Crawfords
Erfahrung über die Warmefaffungskraft der Milch
nicht berürkGchtigt zu feyn fcheint. -J. Davys ')Un-
terfuchungen zeigen, dafs das Blut, befonders das aus
den Schlagadern , in der Faffungskraft für Wärme dem
Waffer gleich komme; hiernach kann alfo wenigftens
bei der Abfonderung von Galle, JVlilch und Harn
keine Wärme für das Blut gewonnen werden. Nun
find zwar Galle, Milch und Harn nur einige von den
tropfbaren Fliiffigkeiten, die im Körper abgefondert
werden ; aber wir haben keinen Grund anzunehmen,
dafs andere, Speichel, Magenfaft, Darmfchleim u. f. w.
fich anders verhalten, und auf ^edeiu Fall find fie dio
am reichlich ften abgefonderten '),
Eben l'o wenig, wie bei den Abfonderungen
tropfbarer FlülTigkoiten, dürfte bei der Aufnahme fol-
cher Flüffigkeiten in den Speifekanal Wärme durch
Aenderung der Wärmefaffungskräfte für den Körper
gewonnen werden. Mehrere Getränke, die ich unter-
fuehte , verhietlen lieh in Hinficht diefer Faffungskraft
J) Diefes Archiv Heft I. S. in und II4. Aach PhilofophicU
transactioiis for Igt^, p. ^93.
2) In ein Paar phyfiologifchen Handbüclirrn ^vird behauptet, auch
durch die Abfonderung elaftifch - flüfii^er Stoffe werde für den
Körper Warme ge-wonnea, was aber mit dem bekannten phyii-
kalifchen Gt- fetze , beim Uebergang eines Körpers aus dem
tropfbarflüfiigen Zuftand in den elaftifch • flüfiigen werde im-«
m« Wärme gebunden, ni«ht wohl verträglich feyn dürfte.
505
dem Waffer nahe gleich. Auf 3f ° R. erkältetes dün-
nes braunes Bier und übergetnebenes Waffer von 25-^**
zeigten bei 13^° Wärme des Verfuchszimmers und
Mifchungsgefäfses zu gleichen Gewichtstheilen zufam.
mengegoffen 15°; Metioc von 4f ° und übergetriebe-
nes WaCfer von 25^° (bei I5-|° äufserer Wärme)
ebenfalls 15°; weifser junger Rheinwein von 4^<*
und übergetriebenes Waffer von 29-^° (bei i6| ° äufse-
rer Wärme) i6f °.
Sie viel ich weifs, ift aufser Crawfoid und /.
Davy, Dalton ') der einzige Naturforfcher , der die
Wärmefaffungskraft einer thierifchen Flüffigkeit be-
ftimmt hat. Er fand die Faffungskraft der Milch zu
der des Waffers durch Vergleichung der Abkühlungs-
zeiten wie 0,98 zu 1,00. So wie ich Bier, Medoc
und jungen Rheinwein in Hinficht ihrer Wärmefaf-
fungskräfte dem VVaffer beinahe gleich fand, fo be-
reits Dalton den gemeinen Weineffig. Merkwür-
dig ift in Dalcons Tabelle der Wärmefaffungkräfte
die geringe Faffungskraft der vorzugsweife Wafferftoff
und Kohlenftoff enthaltenden Flüffigkeilen , wenn man
fie mit dem Erfolg der eben erzählten Verfuche über
die Faffungskraft der Galle vergleicht.
1) Syftem des ehem. Theils der Naturwiffeiirchaft, Th.l. S. 7t.
506
III.
Unterfuchung
einiger
thier ifc hen Fl üffi gJiei t en.
Vom
Profeffor Dr. /. F. John.
X, Chemifche Zergliederung der Gelenkfchmiere eines
Pferdes.
Die Gelenkfchmiere ift eine von denjenigen thierifchen
Flüfügkeiten , deren Unterfuchung bis jetzt noch fehr
vernachlafsigt ift. Die vorziiglichften Thatfachen rüh-
ren von Margueron her, denen einige von Fourcroy,
iindere in Rückficht der falzigen Theiie von Hatchett
hinzuzufügen find. Man fehe meine chemifchen Ta-
bellen des Tliierreichs. Berlin 1814. T. I. A. und
IL p. 74.
Margueron zeigte, dafs 288 Theiie der Gelenk-
fchmiere von einem Ochfen aus 34 modificirten Ei-
weifsftoffs, 13 gewohnlichen Eiweifsftoffs , 5 Koch-
falzes, a kohlenfauren Natrums, i bis 2 phosphor-
fauren Kalks und 232 Theiie VVaffers beftehen, und
auf die Unterfuchung der Gelenkfchmiere des Ochfen
feefchränken üch auch die andern Chemiker.
^— . 507
Da ohne Zweifel die Befchaffenheit diefer Fliif-
figkeit für die thierifche Oekouomie von fehr grofser
Wichtigkeit ift, iiifofern eine veränderte Mifchung der-
felben dieBiklung des arthritifchen Tophus verurfachen
kann , fo bleibt die chemifche Unterfuchiing diefer Ma-
terie, nicht allein in ihrem gefunden, fondern auch im
kranken Zuftande, von fehr grofsem Nutzen. Ich war
daher erfreut, aus der Königl. Thierarzneifchule durch
die gefällige Mittheilung des Herrn Profeffor Renner
aus Moskau von einem an einer Stichwunde erkrank-
ten Pferde diefe zu erhalten , und will gleich zeigen,
wie ergiebig das Refnltat ausgefiillen ift. Die Fluffigkeit
aus tiem kranken Gelenke hatte nicht allein eine ganz
andere äufsere, fondern auch eine verfchiedene che-
mifche Befchaffenheit, als diejenige der Synovialfcheiden
der Beugefehnen eines und eben deffelben Pferdes.
Letztere enthielt ein freies All<ali, jene eine Säure.
Seit Tenant, (Neffen Verluft jetzt die Wiffen-
fchaft betrauert, die Entdeckung gemacht hat, dafs
der arthritifrhe Tophus aus blafenfteinfaurem Natrum
znfammengefet/.t fey, liat der Chemiker einen neuen
Fingerzeig erhalten , bei leinen Analyfen vieler thie-
rifclien Subftanzen auch hierauf fein Augenmerk zu
richten. Schon Foii rcioy , der vielleicht die Syno-
via nur ganz oberflächlich geprüft hat, fchlofs aus
Mcirgtierons Analyfe, dafs die Materie, welche diefer
für eine Modification Aes Albumens gehalten habe,
walirfcheinlich Harnfäure fey; aliein es ift kaum einzu-
fehen, wi ■ ''in folclier Schlufs aus den von Margueron
augefiellten Verfuchen gezogen werden könne.
508 ^— '
Ich habe aus cliefen Gründen mehrere Wege ein-
gefchlagen , um ciie Gegenwart der Blafenfteinfäure in
der Synovia des Pferdes darzuthiin; allein ich war
nicht vermögend, felbft nicht in derjenigen, welche
ungebundene Säure in ihre Mifchung aufnahm , eine
Spur davon mit Gewifsheit aufzufinden. Wichtig
ift jedoch die Unterfuchung der menfchlichen Syno-
via, weil im menfchlichen Harn die Harnfäure nie
fehlen darf.
Ueberhaupt fcheint mir das Vorkommen der
Blafenfteinfäure in den Gelenken arthritifcher Menfchen
noch immer von Chemikern, die aus der Natur und
Erfahrung, nicht aber den Irrthilmern Anderer fcl^pfen,
einer Beftätigung zu bedürfen. Wenigftens kann ich
verfichern, im wahren, ächten, arthritifchen Tophus
diefe Säure nie gefunden zu haben. Damit will ich
aber keinesweges die durch den berühmten Tenant
io Umlauf gebrachte Meinung zu widerlegen fuchen;
wohl aber beweifen, dafs, wenu jene gegründet ift,
die Knoten aus blafenfteinfaurem Natrum ungleich
feltner feyen , als diejenigen aus phosphorfaurem Kalk,
deren Vorkommen feit einer Reihe von Jahren ganz
beftritten wurde.
Die Synovia ift, ihrer Natur nach , als eine lyra-
phatifche oder feröfe Fliiffigkeit zu betrachten , welche,
fo lange keine Gerinnung derfelben Statt findet, die
Gelenke fchlüpfrig erhält. Die Ungereimtheit der
"alten Meinung, dafs fie eine fettige Materie fey, die
einzige fogar mit dem Theere, welches zum Schlüpf-
rigmachea der Wagenachfen gebraucht wird, ver-
^0*^^^^*^^^0^
609
glichen, ift fchon feit Marguervn's Unterfuchung
dargethan.
2. Normale Synovia aus der Synoviaifcheide ').
Das Gelenkwaffer hatte eine helJgelbliche ins
Röthhche fchielenfle Farbe, war klar und durch-
fichtig, faft fo düniitlüffig als Milch, und hatte ein
fpecififches Gjewicht vop 1,029. Der Geruch war
wenig ausgezeichnet. Das rothe Lackmuspapier wurde
davon blau gefärbt. .Mit gebranntem Kalk zufammen-
gerieben zeigten Säuren darin die Gegenwart dgs Atn>
moniums an (^). ^ ,,
Mit Metallauflöfungen, Säuren, Weingeift ,, Gal-
lusinfuQon gab es Gerinnungen,! oder Niederfchläge. , ^
2 50 Gran Gelenliwaffer \Yurden aufgekocht, pie
Flüffigkeit geftarrte zu einem gleichförmigen Kucherj,
von dem fich keine Spur Feuchtigkeit abfonderte.
Ich erwärmte das Ganze mit deftillirtem Waffel- und ^
filtrirte es. Das Filtrat wurde etwas verdunftet unct
die zurückgebliebene,' farbcnlofe Flöffigkeit fich felbft
Ubcrlaffen. •'
Die fehr aufgequollene Bläfe, welche einem Eier-
kuchen vergleichbar war, wurde ausgetrocknet, wor-
auf fie 16 Gran wog und alle Eigenfchaften des AJ-
buraeiis befafs.
l) Dler« Synovia war, wie bemerkt, von demfelbcn Pferde , vnn
-welchem ich die kranke erhielt, und iie hatte ganz diefelb«
BefciiaXfeniieit , \velclie /ie bei vültig {gefunden Pi'erdeii zeige,
äiificr daß ß» Ji«h in ungliiili großer Menge abgejonjcri
haue.
610
Diefes Albumen liefs fich nicht ichwer einäfchern
und hinterliefe 5 Gran einer weifsen Afche,, welche
freies Alkali, phosphorfaures , falzfaures und Spuren
fchwefelfauren K.ili's, nebft etw^s phosphorfaurem
Kalk (wahrfcheiiiüch mit lalk verbunden) enthielt.
Die oben erwähnte farbenlofe Flüfßgkeit, welcHe
Von äem filtrirtert 'Altiumeii abgetrocknet war , kryftal-
lifirte zu dünnen kubifchen Kryftallen. In der Wärnie
trocknete das Ganze aus, ohne zu verwittern, und
in der Luft zerflofs wieder der ausgetrocknete Theil.
Die Kryftalle gaben mit fchwefelfaurem Silber, nicht
aber mit Barytauflofung, einen Niederfchlag. Die
ganze Maffe, welche gegen if Gran wog, beftand aus
etwas thierifcher, in der Hitze verbrennlicher Materie;-
kohlenfäurem und' eitier gröfseren Mengö falzfaurem
FJatrum.
Um über die Salze noch nähere Auffchlüffe zu
erhalten , verbrannte; ich einige Drachmen Synovia,
welche zur Trocknits abgeraucht war. Die weifs^-
Alche hinterliefs Spuren phosphor- und kohlenfauren
Kalks. Vielleicht enthält die Synovia daher ein ver-
brennliches Kalkfalj, vielleicht aber rührt der kohlenf
faure Kalk auch nur von einem Theile zerfetzten phos-
phorfauren Kalks her. Die Lauge wurde fich fglbft
uberlaffen, worauf fie zu kleinen, würflichen Kryftal-
len nebft einem andern, efflorefcirenden und an der
Luft ftets trocken bleibenden Salze anfchofs, deren
Menge kaum i Gran betrug. Ich fättigte das freie
Alkali mit Salpeterfäure und erhielt dann durch Kry-
— 511
fullifation das fchönfte falz- und falpeterfaure Natrum.
Keine Spur von Kalifalz.
500 Theile Synovia würden demnach enthalten:
Albumeu im trocknen Zuftande 32, oder imZiiftande
des geronnenen
Eiweifses
75
phosphorfauren Kalks (viel-
leiclit mit Spuren Tallcs) . 0,50 bis 75-
Thierifcher verbrenniicher
Materie
falzfauren Natrums
Spuren phosphorf. Katruras
kohlenfauren Natrums
pliosphorfauren Kallts
Wäffrigkeit . . . 464 . . 42 r
500 . ,. 500
3.00
3. Krankhafte Synovia aus dem Gelenke des Carpns.
Sie hatte die rothe Farbe der Muskeln , war trübe
und von der Confiftenz eines dünnen Liniments.
Ilir Geruch war nicht eben ausgezeichnet und
gar nicht ftinkend.
Sie färbte , im Gegentheil von der normalen , das
blaue Lackuiuspapier roth.
Uebrigens wurde fie durch alle die Reagentien
gefället, wodurch die vorhergehende zerletzt wurde.
Durch Filtration liefs fich davon eine muskulüfe,
fchlammartige Materie trennen , die fich zu Salpeter-
fäure, Alkali('n u. f. w. wie Eiweifsftoff in einem
modilicirten Zuftaodc verhielt; allein andere Eigen-
513 ^.^^^^-^
fchaften zeichneten fie wieder davon aus. Es ift fehr
wahrfcheinlich , dafs fich diefe Materie aus dem auf-
löslichen Eiweifsftöffe, der fich gerinnend abfondert,
bildet.,
Die filtrirte Fliiffigkeit hatte eine verdünnte blut-
röthe Farlje, war klar, vollkommen diirchfichtig und
röthete das Lackmiispapier ftark. Sie wurde mit de-
ftillirtem Waffer verniifcht und dann bis zum Koch-
punkte erhitzt, worauf fich ein fleifchrother Eiweifs-
kuchen abfonclerte , der ebenfalls von der FiCifligkeit
durch ein Filtrum gefchieden wurde.
Das concentrirte Filtrat röthete gleichfalls das
Lackmuspapier und gab mit Blei - und Queckfilber-
auflöfungen ftarke Niederfchläge, die fich in Salpeter-
fäure -wieder auflöften. Ammonium fällte Spuren
phosphorfauren Kalks; aber durch ßarytaufJöfung
wurde ße nicht verändert. Das Kalkwaffer veränderte
fie im erften Augenblick gar nicht, bald darauf abee-
erzeugte fich , und zwar nicht auf der Oberfläche , eine
Wolke. Demnach kann die freie Säure keine andere,
als Phosphorfäure feyn, welche etwas phosphorfauren
Kalk aufgelöft enthielt.
Eine alliuminös - fibrofe Materie,
Albumen,
Freie Phosphorfäure und
die verfchiedenen Salze der normalen Synovia
find demnach die Beftandtheile der Gelenkfchraiere aus
dem verwundeten Gliede des Pferdes.
Hieraus läfst fich die Biklung des Callus und der,
Gelenkl<:noten bei den Pferden fehr gej^ügend erklären,
dena
— 513
denn wenn die letzteren gleich nie nnterfiicljt find,
fo ift es kaum zu bezweifeln, dafs ihre Milchung
Phosphorfaure und Kalk fey.
4. Chemifche Zergliederung einer artliritifchen Con-
cretiou ans dem Anngelenk einer Leiche.
Ich will die Analyfe einer Art Concretionen
noch hinzufügen, um einen directen Beweis von derti
in der vorhergehenden Abhandlung erörterten Gegen-
ftande zu geben.
Diefe Concretionen fand der Director der Königl.
Anatomie, Herr Prof. Rudolplii, und durch deffen ge-
fällige Mittheilung erhielt ich einige derfelben.
Sie befanden fich , an der Zahl 3 oder 4 Stück,
in dem Armgelenke einer Leiche , verbunden mit einer
Anzahl von Verknocherungen , die ganz das Anfehen
des Knorpels hatten , durchfcheinend waren und fich
einer planconvexen , dreifeitigen , gedrückten Figur
näherten.
Aeufsere Kennzeichen.
Farbe : Schneeweifs und gelblichweifs.
Ceßalt : Eine einzige war dreiflächig und glatt ; eine
andere rundlich, iiufserlich warzenartig oder fta-
laktitifch ; die iibiigen waren rauh , uneben, ganz
unregehnäfsig und zum Theil angefreflen.
• • Glanz : Matt und fchimmernd , von Fettglanz. ■'^"^
Brunli: Erdig. '*ih
Durchßchtigkcit : Undurchfichtig.
M. d. Archiv. /. 4. K k
514
Härte: Hart." Sie liefsen fich fchwer zerfcWageii,
wobei fich das Pulver zufanimenballte.
Allfühlen : Sie fühlen fich , befonders im gepulvei-
ten Zuftande, etwas fettig an.
Aeufserlich find fie mit einem dünnen Häutchen
belUeidet.
Analyfe.
A. Die fchwache Salpeterföure fcheint in der
Kälte nicht merklich darauf zu wirken. Erwärmt
man aber etwas Concretionspulver mit diefer Säurei
fo wird der gröfste TheiJ unter Aufbraufen aufge-
löft. Nur allein die fchleimigen und membanöfen
Theile bleiben zurück. Die falpeterfaure Auflöfung
verhält fich in der Wärme gerade wie Kalk mit Phos-
phorfäure verbunden und es giebt fich auf keine Weife"
die Gegenwart der Blafenfteinfäure zu erkennen.
Sauerkleefäure fällt aus der falpeterfauren Auf-
löfung Kalk, Ammonium, phosphorfauren Kalk und
ätzendes Kali ; aus der mit Ammonium zerfetzten
Flüffigkeit Kalk ohne Phosphorfäure.
B. 4 Gran des arthritifchen Tophus wurden
der Hitze ausgefetzt. Sie erweichten fich , bläheten
fich auf, verkohlten fich und nach erfolgter Einäfche-
rung blieben nur ij Gran Rückftand. Letzterer
wurde zerrieben und mit Waffer ausgekocht. Das
Filtrat färbte das rothe Lackmuspapier blau. Nach
freiwilliger Verdunftung blieb eine fehr geringe Menge
einer kryftallinifchen, glänzenden Salzrinde zurück,
die aus Alkali, phosphor- und fchwefelfaurem Alkali
beftand.
• 515
Der in Waffer ttnauflösliche Afchentheil löfte fich
braufend in Salpeterfäure auf und es blieb nur eine
Spur Kohle zurück. Ainmonium fällte i^ Gran plios-
phorfauren Kalk mit Spuren kolilenfauren Talks, und
Kali ^ Gran kohlenfauren Kalks.
C. Eine andere kleine Portion der Concretion
wurde mit Alkohol digerirt. Das Filtrat blieb nach
dem Erkalten völlig klar; allein bei der Vermifchung
mit Wafier wurde die Auflöfung durch das gefällte
Fett milchicl^t.
Wir fehen hieraus , dafs 4 Gran des arthritifchen
Tophus zerlegt find, in
thierifcher, verbrennlicher Materie mit '
Spuren eines talgigen Fetts mid etwas
Feuchtigkeit . . . • 2| Gran,
phosphorfauren Kalks . . . 'r "
kohlenfauren Kalks mit Spuren kohlen-
fauren Talks .... J .
kohlenfauren-, phosphor- und fchwefel-
fauren Alkali's nebft Verluft . i
4 Gran.
Hieraus folgt, dafs, wenn es Knoten aus harn-
faurem Natrum giebt, diejenigen aus phosphorfaureni
. Kalk u. f. w. keineswegs ausgefchloffen werden, fou-
dern dafs die früheren Verfuche Fourcroj's und Guy-
ton Morvfiau's ') allen Glauben verdienen. Diefe
Concretionen bilden fich ohne Zweifel nach Art der
Knochen , mit deren Mifchung fie wenigftens qualitativ
l) Meine chemifchcn Tabellen des Thlerreichs, T. I. C. p. 49.
Kk a'
516 —
identifch find. Es entfteht zuerft in den Gelenken
eine knorpelartige Verhärtung, die dann durch die
Aufnahme der Knochenerde, welche fich aus den aus-
hauchenden Arterienveräftlungen ergiefst, verknöchert,
und nach und nach durch neue Anfchwellungen im-
mer gröfser und gröfser wird.
5. Bemerkungen über eine exfndirte Materie }••■
Peritonaeuin einer Kuh, die am vierten Tage
nach einer gewahfamen Geburt fcarb.
Die Aerzte haben bekanntlich feit langer Zeit djt
Beobachtung gemacht, dafs fich im Peritonaeum der
Kindbett- Fieberkranken eine Flüffigkeit, welche mehr
oder weniger die äui'sere ßefchalfeiiheit der Milch
hat, anfanimele, und dafs fich bei der Obduction fol-
cher Toclten die Theile der Eingeweide im Unterleibe
mit einer käfeartigen Materie überzogen finden.
Seile-, welcher im iften, aten uiul 3ten Theil fei-
ner neuen Beiträge zur Natur - und Arzneiwiffen-
fchaft Berlin 1784 — 86 > eine grofse Anzahl eigener
Erfahrungen über diefe Krankheit anführt, ift der
Meinung , dafs diefe Flüffigkeit wahre Milch fev,
die ihren Urfprung aus den Milch- und Lymphge-
fäfsen habe, und er betrachtet fie.als die materielle
Urfache des Kindbett- Fiebers, der Entzündung des
Bauchfelles, der Gedärme, der Gebärmutter u. f. w.
Um feine Meinung von der milchartigen Natur diefer
Flüffigkeit aufser allen Zweifel zu fetzen, veranlafste
er Herrn Hermbßüdc zur Anfertigung einer AnaJyfe
derfelben und cliefer beftätiget es in einem Briefe (a.
a. O. T. 3.)> worin er anzeigt, flüchtiges Ammonium,
buttrichte und käGchle TheiJe in jener Flüffigkeit ge-
funden zu haben.
Herr Prof. Renner beobachtete diefelbe milchichte
Flüffigkeit bei Pferden, und er theilte mir kürzlich
eine Quantität der concreten Materie , welche fich auf
die Oberfläche des Peritonaeum abfetzt, zu einer Ana-
lyfe mit. Die Flüffigkeit felbft, deren abfolute Menge
gegen 24 Quart betragen konnte, Avar zufällig aus-
gelaufen.
Diefe Materie hat eine gelblichweifse Farbe, ift
weich und zähe und gleicht gewiffermafsen einer
grofsen , zelligen , continuirenden Membran.
Das Waffer löfet durch Kochen eine fehr ge-
ringe Menge Mucus daraus auf, das Uebrige fcheint
fich aber weder zu verhärten noch zu erweichen.
Der Alkohol wirkt ebenfalls nur fchwach dar-
auf; er löfet jedoch bei Anwendung der Warme
ein wenig nicht kryftallifirbares Fett daraus auf,
welches fich in der Kälte wieder ausfcheidet und die
wnauflosliche Materie zieht fich nach Art albuminöfer
Subftanzen zufammen. Kauftifche Lauge löfet das
Ganze leicht auf und Säuren fällen daffelbe daraus in
aufgequollenen Maffen.
Nach dem Verbrennen hinterläfst diefe Materie
eine fchwarze Kohle, welche ungemein fchwer einzu-
ifchern ift. Dem ungeachtet ift in der Kohle keine
freie Pliosphorfäure bemerkbar. Die endlich zurück-
518 — ^
bleibende Afche ift eine Spur zu nennen , welche
gröfstentheik aus phosphorfaurem Kalk befteht.
Aus meinen Verfuchen, welche zeigen, dafs die
albuminöfe Materie, welche fich auf die Oberfläche
des Peritonaeum abfetzt, aus
. Einer eigenthümlichen, thierifchen Materie , welche
Zwilchen Faferftoff und thierifchem Eiweifsftoff
fteht, und eine auffallend organifche Structur hat,
lehr wenig Fett und
niucöfen Theilen nebft
Spuren von phosphorfaurem Kalk und
andern Salzen
beftehe, 'läfst fich keineswegs ein für Seilers, des ge-
lehrten Arztes, Meinung günftiges Refultat ziehen, vor-
ausgefetzt, dafs die Erfcheinungen , welche fich bei
der Kuh zeigten, mit denjenigen der Kindbett -Fieber-
kranken identifch feyen. Es fcheint vielmehr , dafs
diefe Materie als ein Produkt der veränderten Orga-
nifition , ein Secretum des entzündeten Peritonaeums
zu betrachten fey.
Genaue Unterfuchungen, die vergleichend mib
diefer Flüffigkeit von Frauen und Thieren anzuftellew
wären , dürften hierüber indefs mehr Licht verbreiten.
519
IV.
Ueber regelwidrige
Jrl aar • und Z a h n b i l d un g e tz.
Von
/. F. M e c k e l.
Im Sommer 1814 fand ich im Becken der Leic'he
eines unverheiratheten Frauenzimmers von ungefähr
40 Jahren rechterfeits neben der Gebärmutter eine
anfehnhche, ihre Verbindung mit der Gebärmutter
ausgenommen, vüJlig freiliegende, harte, prall anzu-
föhlende rundliche Gefchwulft, (Taf. V. Fig. i. 2.)
die nach allen Richtungen ungefähr drei Zoll im
Durchmeffer hatte, und oben und rechterfeits drei
kleinere, freiftehende, gleichfalls rundliche (Ebdf. e e ^)
trug. Sie hing durch das breite Band (Fig. i. f.
Fig. 2. i.) mit der Gebärmutter zufammen, zu ihr
verlief die , regelniäfsig angeordnete, rechte Trompete
und traten von oben die Saamengefäfse (Fig. i. g.
Fig. 2. h.).
D'e geöffnete Gefchwulft fand ich gröfstentheils
mit Fett und völlig frei liegenden Haaren (Fig. i und
2. b.) angefüllt und aus einem an beiden Seiten glatteiv
Balge, der ungefähr die Dicke einer halben Linie hatle,
gebildet. Rechterfeits und oben befand fich ip der
520
Dicke ihrer Wände ein unregelmäfsiger Knochen ( c ),
der mit einer dünnen, gefalteten, fchleimartigen Haut
bekleidet war und auf einem rundlichen Fortfatze einen
volikommnen Zahn («. ) trug, der in Hinficht auf
Grofse und Geftalt am meiften mit dem vordem Milch-
backzahne übereinkam, und frei in die grofse, mit
Fett angpfiillte Höhle ragte. Die Haare waren nur
einige Zoll lang, braun, von der Farbe der Kopf-
haare, mit deutlichen Wurzeln verfehen.
Von den Bälgen enthielt der kleinfte nur eine
dicke, gallertahnliche, weifshche Feuchtigkeit, der
in den Zahnfäcken vor und während der Bildung der
Zähne enthaltenen ähnlich, die beiden übrigen aufser-
deni unregelmäfsige, an dem einen Theile ihi-es Um-
fangs mit einer breiten Grundfläche auffitzende Kno-
chen (k.k.)> die an ihrer freien Oberfläche mit einer
weichen erdigten , leicht von ihnen trennbaren , durch
das Trocknen erhärtenden Subftanz , genau wie die
Knochenfubftanz der Zähne, ehe noch der Schmelz
feine vollkommene Entwicklung erlangt hat, beklei-
det waren. Aufserdem hatte noch der oberfte, gröfste
diefer drei Bälge zwei kleine Nebenbälge, welche
aber gleichfalls blofs mit einer gallertähnlichen Feuch-
tigkeit angefüllt waren.
Diefe Bälge waren überall völlig verfchloflen und
auch die in ihnen enthaltenen Knochen , die man wohl
für unvollkommene Zahnrudimente halten darf, ftan-
den in keinem Zufammenhange mit dem gvöfsern,
den vollUommnen Zahn tragenden Knochen.
521
Offenbar war diefe Sammlung von Balgen nichts
als der rechte Eierftock , von dem fich aufserdem keine
Spur fand. Der linke war völlig normal.
Die Gebärmutter hatte völlig die Geftalt und
Grüfse einer jungfräulichen. Daffelbe Anfehn hatte
der Muttermund und die gerunzelte Scheide. Da-
gegen war die Scheiden klappe zerftört und durch die
myrthenförmigen Warzen erfetzt.
Aufserdem war die Perfon feit länger als zwan-
zig Jahren auf beiden Augen blind, und feit noch
längerer Zeit in einem halbblödfinnigen Zuftande ge-
wefen.
Da mich fchon feit langer Zeit das Vorkommen
von Haaren und Zähnen im Eierftocke lebhaft inte,-
refürt hatte, fo war mir diefer Fund im hohen Grade
erfreulich, dies um fo mehr, da ich in meiner Samm-
lung zwar fchon vier Fälle von Fett- und Haarbil-
dung, noch keinen aber von Zahnbildung in diefem
Organ halle. Das ganze Gefchlechts- und Harnfyftem.
wurde daher fogleich zweckmäfsig in Weingeift auf-
geftellt, um alle Bedingungen des merkwürdigen Fal-
les deutlich darfteilen zu können , und nicht durch
das blofse Aufbewahren der Knochen, Zähne und
Haare nur ein höchft dürftiges Bild, deffen wichtigfte
Züge, die Angabe der Stelle, das Ortsverhältnifs der
verfchiedenen Bildungen zu einander, immer durch
mündliche Zufätze gegeben werden mfiffen, zu erhalten.
Zugleich aber zog mich der felbftgefundene Fall
von Neuem lebhaft zu dem fchon lange mit befonde-
rer Vorliebe betrachteten Gegenftande und veranlafste
5ii3 '
mich zu einer Vergleichung, erft der bisher bekannt
gewordenen Fälle von Haar- und Zahnbildung im Eiei-
ftocke , dann zu einer allgemeinen Betrachtung des
regelwidrigen Vorkommens derfelben liberhaupt, auch
in andern Gegenden des Körpers, und fo entftand dei
vorliegende Auffat^, in welchem ich kein bedeuten-
des Moment diefer für die Phyßologie, befondeis
aber für die Lehre von der Zeugung höchft wicliiJ-
gen Erfcheinung unbeachtet zu laffen gefucht habe.
Die wichtigften Momente find i) die Angaben der
Stellen, an welchen fich die abnormen Bildungen
entwickeln; 2) die Eigenthümlichkeiten derfelben in
Hinficht auf Geftalt und die Veränderungen, welcln;
fie während ihrer Exiftenz erleiden; 3) die Bedingun-
gen unter welchen, die Urfachen, durch welche fio
entftehen; 4) der Einflufs welchen fie auf die Gefund-
heit haben.
Haare und Zähne kommen bald einzeln , bald ge-
trennt an ungewöhnlichen Stellen vor. Da befonders
jene ohne diefe gefunden werden, und weit häufiger
als fie find, fo ift es am zweckmäfsigften , beide Bil-
(kin<^en erft einzeln zu betrachten und erft nachher
die beiden gemeinfamen Bedingungen zu unterfuchen.
I . Haare.
Den Uebergang zu den völlig regelwidrigen
Haaren macht die ungewöhnliche Verlängerung von
gewohnlich kurzen Hauthaaren , die ich aber hier
nicht näher betrachte. Unmittelbarer führt dagegen zu
den regelwidrig entftehenden Haaren die Entvricklung
deifelben an den Stellen, wo der äufsere Theil deg
Hautfyftems, oder die allgemeinen Bedeckungen, ia
den innern, oder die Schleimhänte übergeht. Hier-
von find mehrere Beobachtungen bekannt.
So fand Tubarrani ') zx^eimal an der innern
Fläche beider Scbamitppen Haare , welche mit dea
Scha^haaren völlig überein kämmen.
Hierher gehören auch anfehnliche Haare, die fich
bisweilen im innern Augenwinkel ') oder im Gehör-
gange ') entwickeln.
Ueberhaupt fcheinen fich, die Fälle , wo fich eigne
Bälge bilden, ausgenommen, am häufigften auf den
Sclileimhüuten, Haare zu entwickeln, unftreitig wegen
der Aehnlichkeit der Structur derfelben mit der Haut.
So fand Ford "♦) im Rachen eines neugebornea
Kindes eine der Schilddrüfenfubftanz ähnliche, über'
all mit kurzen Haares befetzte Gefchwulft. Amatus
Liißianus will auf der Zunge eines Mannes Haare ge-
funden haben, die, ausgerufen, fich wieder erzeugten f ).
Bichcie fahe mehrmals Zolilange Haare auf der
iimern Fläche der Gallenblaß *^.
Von Haaren, die entweder durch den After ab-
gingen, oder an verfchiedenen Stellen des Darmkanals
l) Obferv. anat. p. 7^.
3) Albin. amiot. acail. lib.
J) Riedlin Eph. 11. c. Dec. 111. a. U. obf. 1«?.
♦) Med. commun.-Vol. 1. No. XXXt.
5) Curat, med. Cent. VI. obf. 65.
6) AUg Anat. Bd 4. S. )oi.
gefunden wnirden, finden fich zum Theil merkwürdi,
Beifpiele verzeichnet von Baudametnt '), Wood '
Mermet d'Haiiteville 3), Riedlin ■♦), Blankaart *
Harriip *), Platner ^), Martin '); allein von denff
meiften derfelben ift es gewifs, dafs fie verfchluckt
worden waren, und da man ße nie feftfitzend fand,
fo lafst fich von mehrern, wo djefe Gewißheit fehlt,
•vrenigftens nicht mit Beftimmtheit angeben, ob um
jno fie fich im Darmkanal gebildet hatten.
Nicht ganz feiten entwickeln fich auch Haare in
der Harnblafe, wovon Schenk '), Horß »°), Fabriz
von Hilden "), Tulp "), Powell '3), Riviere"^),
Hamelin '0» merkwürdige Fälle anführen. Indeffen
ift es faft in keinem diefer Fälle durch die Leichen.,; i
Öffnung mit Beftimmtheit erwiefen, dafs fich wirklichl.
I) Mem. dela foo. de med. a. 1777. 7g. Hift. p. afij. Tab. i. s.
3) Sin.mons med. fact. Vol. VIU. p. IJJ.
3) Sc'dillot j. de med. T. 48. oct.
4) Eph. n. c. Dec. III. a. 3. o. 169.
5) Hüll. Jahrreg. Cent. 1. obf. Js.
6") London med. Journal. Vol. I. p. 254.
•f) Mantiffa obferv. Tel. Bafil. i680. obf. 10.
8) Scdillot '). de med. No. IJ7.
9) Obr. med. L. III. fect. U. o. J24.
10) Opp. med. T. II. p. 249.
II) Obf. med. Cent. V. o. 30. ;
Ij) Obf. med. d. II. c. 52.
l}) Powell in phil. transact. in Leske's Abh, a. d. pli. Tr. Bd. 9<
S. i;i.
14) J. de mÄd. T. 1759.
15) Dict. des fc. med. T. VII. p. 47, a. d. Bullet, ie U fac. de
medec. ann, i$ot. n, IV. p. ;g.
[r
525
* die Haare in der Harnblafe oder auch nur in den
"' Harn Werkzeugen gebildet hatten. Viehnehr ift es in
'1 dem PowelPichen, Riviere'khen und Hamelin'khen Falle
I -wahrrcheinlicher , dafs fie fich in der Gebärmutter oder
im Umfange derfelben gebildet hatten , und nur durch
ein Gefchwür in die Harnblafe gelangt waren. Sie
waren immer in Schleim eingehüllt. In dem von Tula
befchriebenen Falle erfolgte der Abgang periodifch,
aller vierzehn Tage. In dem Falle von Fubiiz waren
die Haare fteif und fehr lang , im Tulp'icheia. höchfteps
von der Länge eines Fingers.
Auch in der Gebärmutter entwickeln fich bis-
weilen Haare , alfo wieder in einem mit einer Schleim-
haut bekleideten Orgaue. Fälle diefer Art führen Fa-
briz von Hilden ') und Vicq d' Azyr ') an. Im erften
war die Gebärmutter fo beträchtlich vergröfsert , dafs
fie über 80 Pfund wog. Sie enthielt in der Mitte
von gelber Jauche luid fettiger Subftanz gelbliche,
j wollartige Haare.
Im Vicq d' Azyr'ichen Falle bildeten-fie eine Maffe
i von der Grüfse eines Gänfeeies, dig an dem untern
Theile der iunern Fläche der Gebärmutter auffafs.
W.ihrfcheinlich gehören hierher die Fälle von
R'ivihe und Hameün. Im erften war während des
Lebens ein Blafengefchwür vorhanden gewefen: bei der
Unterfuchung fand fich die G.bärmutler verknöchert,
in der ßlafe Knochen und kraufe Ha.ire. Im zweite«
1) Cent. V. o.
3) Mem. de la foc. de medec. \T26. p, 7oo. Ed. ia 4.
ftarb eine i'unge Frau am Kindbettfieber. In der hran,-
riigen Blafe fand fich eine knöcherne Gefchwulft, hirn-
inarkähnliche Subftanz und Haare.
Indeffen find dies vielleicht Fälle , wo fich die
Haare in eineni eigenen, in der Subl'tanz des Orgaus
eiithaltnen Balge bildeten.
Hierher gehört auch die von Rhodhis bemerkte
Entwicklung von Haaren in der Scheide '').
Aufser den Schleimhäuten will man auch an an-
dern Stellen , namenlJich auf feröfen Häuten Haare
entwickelt gefunden haben. So will Feratä ') viele
verwickelte, wurzellofe Haare in den Hirnhöhlen einer
apoplel<tifch geftorbenen Frau unter einer Menge •Ge-
ronnenen Blutes mit untermengten weifslichen Kör-
pern, deren Natur man nicht beflimmen konnte,
gefunden haben. Diefe Beobaclitung ift vielleicht zwei-
felhaft, indem, was für Haare gehalten wurde, wahr-
fcheinlich geronnener Faferftoff war.
Briffeau 5) fahe an der äufsern Fläche der Ge-
därme nicht feiten Haare.
Auf der Hornhaut fahe Gazelies ein Haar, wel-
ches, fo oft es ausgerifien wurde, immer wieder
■wuchs 4).
Die Haare am Herzen, die man früher nicht fei- i
(en gefunden haben will, lind wohl unftreitig blofs
geronnener Faferftoff.
l) MiCc. nat, cur. D. II. a. V. app. obf S:. J
3) Comm. Gunoii. \oI. II. p. I. p. ig^. 1
^} Six obf. im Anhange an Pa//j-i:s Amt, T. II.
4) Ji-'Uiii. de nietl.T. 24, S. iJ3.
Die Beobachtungen von Haaren, die fich an fe-
rOfen und Schleimhäuten bilden, führen zu der ge-
wöhnlicheren regelwidrigen Entftehung derfelben in
eignen neu entftandenen Bälgen.
Diefe entwickeln fich an mehrern Stellen, vor-
Zugsweife aber am häufigften in den Eierftöcken , nächft
(liefen am gewöhnlichften unter der Haue, aufserden»
aber auch in mehrern andern Theilen.
So fand Ruyjch ') bei einer Frau, die lange wafr
ferfiichtig gewefen war, im Netz, das überall die Dicke
eines Fingers hatte und feft mit dem Bauchfelle ver«
wachfen war, eine fauftgrofse, mit einer weifsen, brei-
ähnlichen Maffe und kraufen verwirrten Haaren ange-
füllte Gefchwulft.
Winßiip ') fand im Unterleibe einer Frau von
34 Jahren drei beträchtlich grofse Säcke. Der gröf.ste
reichte vom Rande des Beckens I)is in die Magenge-
gend, fehlen aus geronnener Lymphe gebildet und be-
ftand aus anderthalb Zoll dicken Wänden. Er ent-
kielt eine Menge Hydatiden und mehrere Quart einer
übelriechenden Fiüffigkeit. Zwifchen der Gebärmuttei?
und dem Maftdarm befand fich ein zweiter Sack von
der Gröfse eines Kincfskopfes, der oben eine eiter-
ähnliche Fiüffigkeit , unten eine fteatomalöfe , mit Haa-
ren, deren Länge anderthalb Fufs betrug, vermifchte
Maffe enthielt. Dicht neben diefem fand fich ein drit-
ter, der nur halb fo grofs war, aber völlig diefelbei
1} Obf. an. chir. obf. ig. p. 3).
3) Mtm. of tb* London m«d. fociety. Vol. II, p, Jit.
528 ' —
Subftanzen entliielt. Aufserdem war die innere Flache
deffelben mit Knochenplatten bedeckt. Die Farbe der
Haare in dielen beiden Säcken war hellroth, die
der Kopf- und Schamhaare dagegen fchwarz. Die
Gebärmutter befand fich durchaus im ungefchwänger-
ten. Zuftande.
Am merkwiirdigften aber find die Bildungen von
Haarenbälgen in . inneni Theiien beim männlichen G«-
fchlechte.
So fand man bei einem wafferfüchtigen Manne an
der Leber einen Beutel, deffen Umfang zwei Ellea
betrug. Er war mit einer brei- und fettähnlichen
Maffe angefüllt und unten mit Haaren dicht befetzt.
Zugleich enthielt er zwey Gevvächfe, wovon das eine
die Gröfse einer geballten Hand hatte, knorplich und
mit kleinen Gelenken angefüllt war,> die fich in einea
fpitzen Anfatz von der Gröfse eines kleinen Fingers
endigten '). Hier alfo hatten fich Knochen und Haare
gebildet.
Auch bei Tldereii bilden fich Bälge diefer
Art nicht ganz feiten. Immer entfpricht, wie es
fcheiut, ihr Inhalt der Art des Thieres. So enthal-
tenvfie bei Schafen Wolle, bei Kühen Kuhhaare, bei
Vögeln Federn. Bailiie und Hunter beobachteten bei
den erften Thieren an weit von der Haut entfernten
Stellen des Körpers Bälge diefer Art.
Einen interel'fanten Fall, wo fich bei einer jungen
Eni/; ein Federbalg gebildet hatte, befchrieb kürzlich
fena-
O F«nk. SatamL Ei. 3- S. (6.
Penada '). Er befand fich rechts und vorn am Her-
leu, und hing fo herab, dafs dadurch das Herz auf
den erften Anblick zwei Spitzen zu haben fehlen.
Von der Bafis des Herzens kamen, neben der Lun-
genarterie, aus dem dicken, den Urfprung der Ge-
fäfee umgebenden Fette, ungefähr zehn einander pa-
rallele, dicke Federn, die, mit ihren Spitzen abwärts
geneigt, die mittlere Gegend des Herzens einnahmen.
Ein zweites Bündel dichterer, feinerer und in zwei
Ordnungen getheUter Federn, die, ai an der Z.h),
gleichfalls alle im Fette fafsen und an ihren Spitzen
mit einander verwachfen waren , befand fich unter die-
fem. Beide waren von einem Balge umfchloffen, der
etwas feiner als der Her2beutel war.
Einen ähnlichen Fall hat auch Gifeler} doch fafsen
die Federbündel hier in der Nähe des Afters ').
Das merkwürdigfte Phänomen ift die Bildung
von Haaren auf einem Blafenftein, deren Bicliat ') ge-
denkt. Waren diefe Haare nicht in der Schleimhaut
der Blafe gebildet, fo kann ich mir ihre Entftehung
nur durch Organifirung des zähen Schleimes erklären»
den ich mehrmals überall die Biafeiil'teine nicht nur
umgebend , fondern auch in ihr Inneres dringend fand»
und der unftreitig das Vehikel der Verwachfung zwi'
fchen ihnen und der Hnrnblafe wird.
I) Saggio di ofltrvatlooi e memoiie. Vo). It. Padova Ueoi Noi 4>
p. 59. 70.
j) Eph. n. c. Dec. I. a. a. obf. Sc p. H5.
)) A. a. O. S. )ol.
M, d. Archiv, i. 4. LI
530 — -—
In einem von Ruyfcli und einem angeblich an-
dern , von Tüejßnk befchriebenen Falle fand fich ein
Balg mit Haaren am Magen, Falle, die wegen dei:
Zufammenfetzung der Haar- und Zahnbildung weiter
unten befchrieben werden.
Fälle von- mit Haaren angefüllten, unter der
Haut liegenden Bälgen fahen Hoff mann »), Wepffer '),
Hunter '), P'ueC *), und Ruyfch falie fich Bälge die-
fer Art in den Zwifchenräumen der Muskeln ent-
wickeln ').
Morgagni fand bei einem fchädellofen Fötus in der
Subftanz des Hirnzeltes , alfo in einem ßhräfen Theile,
eine fettartige Slibftanz und in diefer einen feften,
mit Haaren angefüllten Balg *).
Vorzüglich häufig aber entwickeln lieh Bälge mit
Haaren an oder in den Eierftöcken. Fälle diefer Art^
wo fich hlois Haare, oder höchftens zugleich /Cßoc7i(?«
(in dem Falle von Lanzweerde) entwickelt hatteir^
Iahen Chir.ac '')> Saviard *), Menghitü *), Targipni • °>
l) B;ph. n. e. Dec. IT. a. V. c. äio. p. 4??-
:) Paeon. et Pythag. ex. an. XI. p. <J.
3) Batllic in ph. tr. vol. 79. p. 77.
4.) Bullet, del'ec de mid an. Xlll. XIV. p. 235.
5) Thef. anat. VI. Tab. VI. f. 5. 6-
6) Ep. an. XX. 58. Voigtel (_path. Anat. Bd. ». S. I+.) hält g?.
wifs fehr mit Unreelit die Haare in diefer ßeobaclitung ffii» Fa-
- Terftoff. Theils fahe Morgagni den Fall , theils befehreibt er
ihn viel zu genau.
?)■ Hift. de 1' ac. de Montpellier. I. p. lOJ.
8) Mem. de chir. p. 51?.
9) Comm. ßonon Vol. U. p. I, p. \%%.
10) Ptinia riocolta di off. med. Firenze 175:. p. 46.
551
Tiimiali '), Verriid^'), Retteawne i") , Thiebauh ^'),
Merriman *), Fabriz von Hilden *), Bofe ?), Scha-
cher^), Budeus*^, Schamberg ' °'), Limsweerde '.''),
Ludwig "), Malier '3), Wienholt '4), Baiihi,, • J),
Saxcorph ' *), Warren '7), Hörn ' 8), ich felbft vier-
mal, zum Beweife, clafs Ander/an ' *) nicht ganz rich-
tig glaubt, Haare und Zähne fänden ßch immer g-ZeJr/i»
zeitig im Eierftocke.
Fälle, Wo fie ßch mit Knochen imd Zähnfen zu-
gleich fanden, werde ich weiter unten anführen.
, t) Su un amaCfo di rapegli trovati Hell utero ■ due donne Oppi
, fcelt.XX.p. 217 if.
S")'Bei Targioni a. a. O.
\, j) MÄm. de Paris 1700. hift. no.V.'
4') Ortefchi giorn. di medicina. T. VII. p. 40?«
•j. 5) Medice - Chirurg, tr. Vol. III. p. 52. ,
6) Obf. med. Cent. V.
7^ De praetern. pilcr. prov. Lipf. 1776. Aüsz. iil Waiz tii Ausgi
a. DiTT. Bd. 9. S. 78 ff.
8) De ovarii tumorepllofo programma. Lipf. i?}^. reciaHallert
coli. diir. pract. Vol. IV, p. +77 ff. Abbild.
^ 5) MiTc. berol. 11. obf. a. p. 16 ff. Abbild.
A lo)Nabothdefteril.mul. red.inHallericoU.dill.aiiat. V0I.V1p.244.
11) De molis. c. It. p. 15.
-» I2) Adv. med. pract. III. p. 706.
D) Opafc. path. obf. 42. Abbild.
14) Heilkr. des thier. Magn. I. S. 48} ff.
15) Boneti fepulcr. L, III. S. 53. p. 49.
1'.) Act. foc. med. Hafii, II. XVIII.
17) Mem. of the ameiican. acad. Vol. I. p. 5^;,
.. 18) Arch. f. med. Erf. 1815. Jan. Febr. .S. C7.
19) Ediftb. med, and chirurg. jourA. Vol. :. p. il*.
Li a
Ob wirldich in einem einzigen, mk bekannten
Falle fich in einer knöchernen Subftanz, welche die
Mitte eines verhärteten Hoden einnahm , Haare fan-
den , oder nicht vielmehr blofs Saamengänge dafür ge-
halten wurden, Jaffe ich dahin geftellt feyn '). ^
Die merkwürdigften Bedingungen, welche diefe regel-
widrige Ejitwicklung der Haare überhaupt und im Eier-
ftocke insbefondere darbietet, find ungefälir folgende:
i) Sie kommen immer mit einer fettartigen oder
wanhsariigen , bald flüffigen, bald härtern Subftanz vor,
von welcher fie umgeben find. Dies gut nicht blofs
für die Haare im Eierftocke, fondern für alle regel-
widrigen , in Bälgen entwickelten Haare , wie mehrerei
der vorher angeführten Beifpiele beweifen. So fand
auch Wepffer in dem unter der Haut gefundenen Balge
Fett und Haare. Eine fehr merkwürdige Bedingung,
weil auch die normalen Haare im Hautfett wurzeln.
2) Nach einigen Beobachtern follen fie keine Wurzel
haben und nicht im Ovarium feftfitzen. Diefer Meinung
ift z. B. Blumenbach und Anderfon ■'''). Allein fie ift
in der That ungegründet; denn ungeachtet mehrere
Beobachter, z. B. Aaderfon, Ludwig, keine Wurzeln
fanden , fo wurden fie doch von andern gefehen.
Gooch ') bemerkt ausdrücklich, dafs das Mikro-
fkop xa dem von ihm beobachteten Falle an den Haa-
ren Wurzeln zeigte.
i) Schumackfr in Schaar/chmidts med. u. clilrurg. Nacktiohteii.
Jahipang III. St. 12.
2) Edinb. jouin. Vol. a. p. 180.
3) Med. and c!ür. obferv. London 177}. p. jij.
Warren ') fand wollige Haare, die aus einer,
bald nach der Geburt des dritten Kindes entftandenen»
fahr fchmerzhaften und endlich geüffneten Gefchwulft
nebft einem Nöfsel einer wäfferigen Feuchtigkeit und
einer feifenartigen , vier Pfund fchweren Maffe kamen,
mit einer Zwiebel und einer Spitze, j genau wie ge-
wöhnliche Haare, verfehen.
In dem von Timlad befchriebenen Falle war
gleichfalls das eine Ende der Haare fpitz, das andere
bildete eine fefte, ovale, weißliche Wurzel, die von
einer feinen , nur über die Zwiebel weggehenden Haut
bekleidet war. Diefe bildete einen kleinen Sack, der
die Zwiebel, die nicht oval, fondern cylindrifch war,
enthielt. Zwifchen diefer und dem Sacke befanti fich
eine fettige dünne Feuchtigkeit. Aufser dem Sacke
war die Zwiebel noch mit einer dünnen Membran,
dein Ende einer, das ganze Haar bekieJdenden Scheide
überzogen. Ja die Wurzeln waren fogar grüfser als
gewöhnlich, daher die Theile, woraus fie beftehen,
deutlicher. Eben fo Bofe, Coley, Scfiacher.
Auch in drei von den vier Fällen, die ich vor
mir habe, find die Wurzeln der Haare fehr deutlich.
In einem Falle ützen die einzelnen und kurzen Haare
faft in den Wanden des Sackes. DaHelbe fahen auch
Baittie, Blumeabach, Murray ^y.
Wenn daher Ander fon und Somis ä) alle Haare
ohne Wurzeln und lofe liegesd fanden, fo ift diefe
l) Me«. of the americ. aciid. Vol. T. p. {53.
1) Blumenhauh med. Bibl. Bi. 1. S. 151.
5) Opp. fcelti di MiUino.T. 30. p. 126:
534
BecUngung fo wenig allgemein, dafs fie vielmehr nur
confecutiv zu feyn fcheirit. Wahrfcheinlich fitzen
wohl die Haare anfangs immer im Balge feft, löfen
fich erft allmählig ab und ihre Wurzeln bleiben im
Balge fitzen oder werden ^erftört.
Doch ift es möghch, dafs ße fich auch in der
J"ettmaffe felbft entwickeln, Wenigfteiis fand 5ax-
toiph ') in der talgähnlichen Subftanz, welche die
Haare enthielt, viele mit Blut angefüllte Gefafse und
Manfredi ') fahe in der Mitte einer folchen Gefchwulft
einen Kern , aus dem viele Gefäfse in die talgähnliche
Subftanz drangen, Gooch bemerkt, dafs einige der
Haare, welche die fcliweinefettähnliche Maffe umga.
ben , in dem Mittelpunkte derfelben, andere in ver-
fchieclener Entfernung von ihrem Umfange eingewur-
zelt waren, wie mau durch in verfchiedenen Richtun-
gen geführte Schnitte fahe,
5) Oie Länge der Haare variirt beträchtlich,
Im Saxtorph'ichen Falle waren fie kurz. War-
ren fand fie, ungeachtet fie vollftändig waren, nur
neun Linien lang, Titmiad einige von der Länge einer
Hand , andere kürzer , ßaillle zwei bis drei Zoll lang.
Chirac fahe fie aufserordentlich lang. Im Thie-
iauh'lchen Falle waren fie zwanzig Zoll lang; im
MengJuni'ichen lang und verwickelt. Gooch fand einige
länger alsi einen Fufs, Die meiften umgaben diQ
fettige Maffe, mehrere w^ren auch Zu einem lam-
?j Efh, n, ?, Dec. n, a, 9, Obf. ufii
535
gen Weichfelzopfe zufammengedreht. Im Tyfoii'khen
Falle waren einige Haare fogar zwei Fufs und drei
Zoll lang. Alle, die ich vor mir habe, find kurz.
4) Die Haare fcheinen gewöhnlich mit Kopfhaa-
ren die meifte Aehnlichkeit zu haben. Tumiati fand
die aus mehrern , leicht trennbaren Fäden zufammen-
gefetzten Haare durch ihre cylindrifche Form nicht
den platten Schamhaaren, fondern den Kopfhaaren
ähnlich. Auch Clegliorn fand lie kopfhaarähnlich.
So finde ich fie auch in meinen Fällen. Auch ihre
häufig beobachtete Länge deutet darauf hin. Doch
fanden Mofti und Gambini nicht blofs Kopf- fondern
auch Kürperhaare. Auch Autpnrieth ') fand fie ftei-
fer als die Kopfhaare des Leichnams, gekrümmt, ohne
eigentlich gekräufelt zu feyn und mehr den Haaren
der Gefchlechtstheile ähnlich.
Die letztere Aehnlichkeit ift infofern intereffant
als die Schamhaare fich gleichfalls, wenn gleich nor-
mal , doch fpäter als die Kopfhaare erzeugen ; die
erftere, welche doch die gewöhnlichl'te zu feyn fcheint,
infofern als die Kopfhaare die zuerft gebildeten find,
alfo auch bei jedem Anfatz zu einer neuen Bildung
wahrfcheinlich gewöhnlich Haare nach djefem Typus
gebildet werden,
5) Nicht immer haben alle im Balge enthaltenen
Haare diefelbe Farbe und eben fo wenig kommen fie
mit den Haaren der Mutter immer überein.
l) Reih Archiv 83. 7. S. 2*0.
So fand fie Tyfon bei einer jungen Frtu lilber'
färben.
Durch Herrn Hofrath Himfy zu Göetingen er-
fuhr ich mündlich , dafs er in einem andern Falle eine
ähnliche Bemerkung gemacht habe. Auch Autenrieeh
fand fie etwas heller als die Kopfhaare.
Der erftere Punkt ift faft noch merkwürdiger
nnd gleichfalls durch gute Beobachter beftätigt, Wepffer
Z, B. fand in einem Balge unter der Haut rolhe,
fchwarze und braune Haare. Eben fo fand Sampfon ' )
an dem linken Ovarium einer Frau zwei grofse, mit
einer dicken, fehr gefäfsreichen Membran bedeckte
Ballen. Der kleinere, der die Gröfse einer Kokos-
pufs hatte, enthielt in der Mitte einer gelblichen, fetten
Flüffigkeit gelbes Haar. Die andere Gefchwulft, welche
zwei Zoll weit von diefer entfernt, imd durch eine
fefte Membran mit dem Eierftocke verbunden war,
enthielt ein weifses, fliiffiges Fett, das aber in der
Mitte fo dick als jenes war und in dem lieh zwei
weichfelzopfähnliche Haarballen von fchwarzbrauner
Farbe befanden, die zum Theil fehr lang waren und
«US der innern Oberfläche des Ballens hervorwuchfen,
6) Entwickeln fich vielleicht die Haare vorzugs-
weife häufig in dem Eierftocke einer Seite? Nach
Bofe ift dies vorztl glich der linke, Indeffen kann ich
mich nicht völlig von der Wahrheit diefes Satzes über«
zeugen. Unter den oben von mir angeführten Fällen
ift in denen von Schacher, Lan^iweerde und Merri-
l) Ph. tiansact. No. 2. p. 0.
«*'«-'^--^ 557
man die Seite von den Beobachtern felbft nicht ange-
geben. Im Tumiati'ichen Falle läfst üch die Stelle, wo
fich eigentlich die Haare fanden, nicht mit Beftimmt-
heit ausmitteln. In dem Schemberg'ichen waren beide
Ovarien mit Haaren angefüllt. Die Seite , auf welcher
Chirac die Haare fand , habe ich in meinen Excerpten
anziunerken vergefTen, da ich leider den gröfsten Theil
tneiner Citate, um nicht blofs, fo häufig dies auch ge-
fchieht, Abfchreiher Anderer zu feyn, nicht hier fammeln
konnte, allein unter den übrigen fünfzehn Beobachtun-
gen enthielt in denen von Haller , Menghini , Bauhin,
Ludwig, Fabriz, Buddetis, Wienholc, Saxcorph, Re-
neaume und Hörn, das rechte, nur in denen von Mofti,
Wepffer^ Veronici, Bofe , Menghini, Saviard und Thi-
fcau/f das linke Ovarium Haare; alfo war die Zahl der
Fälle auf der rechten Seite um drei gröfser, und ich
trete daher Morgagni ') und Treviranus ') völlig bei,
trenn fie die Richtigkeit der Meinung, dafs vorzüglich auf
der linken Seite diefe Bildungen vorkämen, bezweifeln.
7) Weit feltner entwickeln fich in beiden Ovarien
Haare, wenn gleich nicht feiten beide Ovarien zu-
gleich degenerirt, vergröfsert fuid und andere regel-
fvidrige Bildungen enthalten,
a. Z äh n e.
Seltner als Haare entwickeln fich Zähne regel-
t»idrig im Körper. Auch fie bilden fich am häufig-
D« c. et £ed. ep. XXXIX.
t) Biol. Bd. ]. S. 301.
538
ften in den Eierfiöcken , indeffen nicht blofs in diefen.
So wie die Haare , wenn fie nicht an diefer Stelle
vorkommen, fich am liebften unter der Haut oder auf
den Schleimhäuten zu entwickeln fcheinen, fo ift es
merkwürdig, dafs regelwidrig entftehende Zähne fich
vorzugsweife in der Nähe des Mundes zu bilden
fcheinen.
Am wenigften vom Normal entfernt find die über'
zühügen Zähne, die fich entweder in oder mehr oder
weniger aufser der Reihe bilden.
Hierauf folgen Zähne, die fich nicht in den Kie-
fern , wohl aber in der Mundhöhle entwickeln. Einen
merkwirdigen Fall diefer Art theilte mir kürzlich
ein glaubwürdiger Mann, Herr Doctor Schill zu
Schneeberg , mit. Bei einem fünfzigjährigen Manne
entftanden binnen drei Monaten nach einander in der
Mundhöhle unter der Zunge, aber durchaus nicht in
der Kinnlade , in eignen Bälgen drei vollkommen ent-
wickelte Zähne, eine Erfclieinung, die man für eine
Aehnlichkeit mit den Knorpelfifcheii halten möchte.
Etwas weiter von der gewöhnlichen Stelle ent-
fernt ift die A ugenhöhle , in welcher kürzlich Barnes
einen Zahn fand ').
Bei einem jungen Manne von fiebzehn Jahren
war ein anfehnlicherTheil der linken Augenhöhle durch
eine, unter dem Auge liegende anfehnliche Gefchwulft
ausgefüllt, die das Auge faft ganz verdrängt hatte.
i) Med. chi»» tt4n»a«t< Vol. IV. No. XVIll. p. 3I( — 3«.
539
und nach hinten und vorn fich beträchtlich weit er-
ftreckte, vorn von der Bindehaut bedeckt war, aber
nur locker mit ihr zufammenhing. Sie hatte fich fchon
in früher Kindheit zu entwickeln angefangen, wo fie
aber nur die Gröfse einer Erbfe hatte. Bis zum drei-
zehnten Jnhre wuchs fie langfain , von diefer Zeit an
aber nahm fie ral'ch zu. Bei der Operation, durch
welche fie weggenommen wurde, fand man fie grofs-
tentheils frei, und einen beträchtlichem Theil der Au-
genhöhle anfüllend als das Auge felbft, fo dafs die-
felbe, um cÜefes nicht zu verletzen, durch einen
Einftich geöffnet werden mufste, um einen Theil der *
in ihr enthaltenen Flüffigkeit austreten zu laffen. Hier-
bei ergab fich, dafs die Gefchwulft aus einem, mit einer
Feuchtigkeit angefüllten Balge beftand, der durch
eine quere V^ertiefung in eine vordere und eine hin-
tere Hälfte getheilt war. Die voj-dere war dünner
und weniger gefäfsreich als die hintere, die innere
Fläche der erftern rauh, hie und da mit einer kalk-
artigen Subftanz beWeidet und enthielt eine fefte,
gelbe, fpeckartige Subftanz. Die innere Fläche des
hintern Sacks dagegen war glatt , einen kleinen Theil /
ihres Umfangs ausgenommen, wo fie das Anfehen
einer groben, fchr poröfen Haut hatte. An diefer Stelle
fafs ein fpitzer, deutlich mit vollkommenem Schmelz
bekleideter, nach oben gerichteter 2ahn, deffen kurze,
zum Durchgänge von Bliitgefäfscn durchbohrte Wurzel
aufserh.ilb des Balges vorragte, und hiermit der Bein-
liaut der Augenhöhle, hinten ani innern Rande des
Bodens derfelben, etwas beweglich befeftigt gewefeu
war. Aufserdem enthielt der Sack eine molkenartige
und eine zweite gelbliche, geronnene Flüffigkeit. Der
Zahn war völlig überzählig.
Noch weiter entfernt, und der Stelle, wo die
regelwidrig fich bildenden Zähne am gewöhnlichften
entftehen, näher, wurden fie bei einem Manne in einem
Balge gefunden, der dicht auf dem Zwerchfelle fafs
und Fett, ein und zwanzig Knochenftücke, vier Zähne
und einen Büfchel Haare enthielt ').
In einem andern Falle fand man fie fogar unter
dem Zwerchfell, am Magen. In dem einen von
Huyfch ' ) befcbriebenen wurde im Magen eines Man-
nes eine Breigefch^vulft mit einem unförmlichen Kno-
chen , vier Backzähnen und einem Bündel Haare ge-
funden. Zwei der Zähne waren verwachfen, die zwei
andern von einander abgefondert.
Tuefl'ink erzählt unftreitig neuerlich nur den-
felben Fall wieder, ungeachtet er es wahrfchein-
lich zu machen fucht, dafs es ein anderer als der
von Ru^fch befchriebene fey. Nicht nur copirt er ihn
nach einem alten Manufcript, von dem er freilich
glaubt, dafs es Ruyfch unbekannt gewefen fey, fon-
dern alle Umftände find auch fo genau diefelben , dafs
man die Fälle unmöglich für verfchieden halten kann.
Dies gilt nicht blofs für die Zahl und Anordnung der
Zähne und übrigen Theile, fondern auch fürdieVer-
l) Berl. Samml. Bd. 3. S. 164.
3) Ruyfck hift. anat, med. Dec. III. No. I. p. a.
541
anlaffung des Todes, ein nach aufsen geöffnetes Ge-
fchwiir ').
Endlich fand Schützer bei einem fünfzehnjährigen
Mädchen den Eierftöcken noch näher eine anfehnlicha
Gefchwulft von der Gröfse eines Kindskopfs im Ge-
kröfe auf den untern Rücken - und den obern Lenden-
wirbeln. Sie enthielt zwei Schneidezähne, eben fo
viel Hundszähne und acht Backzähne , aufserdem noch
zwei Schneidezähne in einem kieferähnlichen Knochen,
ferner mehrere Knochen , die eine entfernte Aehnlich-
keit mit menfchlichen hatten, und mehrere, frei lie-
gende Haare ').
Mit diefeöi Falle kommt ein von Scortigagntt
kürzlich befchriebener und abgebildeter nahe überein ' ).
Bei einer feit ungefähr neun Jahren verheiratheten , ge-
funden Frau verfchwand während eines Quartanfiebers
die Menftruation , ftellte fich nach anderthalb Jahren
zwar wieder, aber nur fehr unvollkommen ein. Bald
erfchienen Zeichen eines Nabelbruches , hierauf heftige
Schmerzen im Unterleibe, bis ßch endlich neben dem
Nabel ein Gefchwür bildete, welches aufbrach unct
aus dem ein fieifchartiger Körper, der einen Schneide-
zahn trug, hervorwuchs. Fünf Jahr nach dem erfteii
Eintritt der Zufälle ftarb die Kranke. Bei der Lei-
3) Bull, de» fc. med. jn. igll. in Brera giorn. di medicina pratr
F. II. p. J«i.
a) Abb. der fchwed. .Mud. Bd. 20. S. 17? fi',
}) Memoria della gravidanza qniriqiiei)iie della madre d'un'fiio
moftriioro afiinialogacefalu in Mein, della focicta icaliana di \c
runa. T. XIV. p. II. p,ij 305 — 329.
543
chenoffnung wurde in ihrem Unfeiieibe ein , mit allen
Eingevveiden vefwachfener, nach aufsen geöffneter Sack
und in diefem ein , mit jener hervorgewachfenen Sub-
itanz, zufammenhängender , fehr unregelmäfsiger Kör-
per gefunden, der ungefähr einen halben Fufs Länge
hatte. Er war vorzuglich aus drei Lappen zufammen-
gefetzt, äufserlich mit einer hautähnlichen Schicht be-
lileidet, hie und da mit Zähnen aller Ordnungen und
mit Haaren befetzt, und beftand in feinem Innfemtheils
aus mit hellen Flüffigkeiten angefüllten Bälgen , theils
aus Anhäufungen einer hirnmarkartigen und einer fett-
artigen Subftanz , von welchen die letztere eine Menge
Haare ohne Wurzeln enthielt, theils aus unförm-
lichen Knochen, von welchen einige mit Kiefern eine
entfernte Aehnlichkeit hatten, und die gleichfalls Zähne
verfchiedener Art trugen , welche meiftentheils ohne
Wurzeln und nur locker mit den Knochen verbun-
den waren.
Auch in der Gebärmutter entwickeln fich bis-
weilen Zähne.
^x Dahingehört Zuerft ein von Sampfon, Birch vind
Tyfon ') beobachteter Fall, Nach einem todten Kinde
wurde eine unförmliche Alafl'e geboren , die aus Kno-
chen , Haaren und Zähnen beftand. In ihrem obern
Theile befand fich ein rundlicher Knochen, der ji
Zoll im Umfange hielt, und mit einer dicken, flei-
fchigen Haut und kurzen Haaren befetzt war. An
feiner Spitze ftand ein Kreis von acht regelmäfsig ge-
Pliil- w. No. ifö.
bildeten Backzähnen , der eine blinde Vertiefung um-
gab. An dem erften Knochen war ein zweiter be-
I feftigt, in dem fic-h, etwas tiefer, fünf andere Back-
Zähne befanden , von denen vier eine Reihe bildeten,
der fünfte aber aufser derfelben ftand. Die ganze
Maffe war in einem grofsen , mit Schleim angefüllten
I Balge, der auswendig glatt und roth war und die
I Dicke des Hodenfackes hatte, enthalten. Aus diefem
I Balge fprofste, etwas unterhalb der Knochen, eine grofse
' braune Haarlocke , die mit einer Menge gelben Haares
i zufammenhing , das lockig und lang an der, dem Kno»
chen gegenüberftehenden Seite des Sackes auffafs.
In einem andern Falle kam bei einer fchweren Ge-
burt vor einem todten Kinde eine Maffe von der Grofse
eines Kindskopfes zum Vorfcliein , die mehr als zwei
Maafs einer weichen käfeartigen Fluffigkeit und in diefer
eine Menge Fäden entliielt, die unter dem Mikrofkop
deutlich für Haare erkannt !wurden, fo lang als ein
Finger und dünn und weich wie Wolle waren ').
Endlich bewahrt OJiander ') einen häutigen Sack
auf, der einem Kinde nachfolgte, und, aufser einer
Menge Fett, einen unförmlichen, einem Unterkiefer
ähnlichen Knochen mit fönf Zähnen und langen Haa-
ren enthielt.
Wahrfcheinlicli gehören hierher auch die Fälle
von Riviere und Hamelin (S. oben S. 525.)
Bei weitem häutiger aber kommen die Zähne in
Bälgen vor, die Cch in den Ovarien entwickeln.
1) M«a. Sil. firtyr. fp«. VII. Obf. <i.
i) Epigr- '" cbiiipl. .Mufti anat. let. No. XX. p. i$.
544 -^
Fälle von cliefer Erfcheinung fallen Tyfon '),
Needham*'). Sampfon i), Nicholls ^), Rujfch f),
Ortefehl*), Chefion Browne ^'j, Cocchi*), Mofd'),
Ballard '°), Baillie zweimal "), Nyfien "), Cleg-
hörn '3), Blumenbach "»), Laßize ' ?), Riche ' *),
€ooch ' '), Mery ' »), Dumas ' »), Ploucquee und ^m-
tenrieth'^), Grambs "), Murray "), Schützen-
kränz °'), Corvinus '*), iWedsre/- zweimal * »), ££•
l) Phil, transact. No. 11. p. II.
a) Bei Tyjon citirt.
}■) Phil. tr. No. 11. p. 49.
4) Ebendaf. p. ?09.
5) Adv. anat. Oec. I. p. 6. und Dec. III. p. I. abgeb. ia Thef.
Anat. 1.
6^ Giorn. di medicina. Vol. X. p. gl.
j) Pathol. inquir. p. 4.7 ff.
J) Bei Targioni prima racc. di otf. med. Vit. 17fa. p. ig,
9) Bei Targioni Opufc. pratt. T. VII. p. 19.
— 10) Corvifart journ. de med. T. 1;. p. 13).
It) Morbid anat. p. i6i. und phil. transact. V. 7J. S. 7t — 7t.
ti) Corvifart j. de mtd, an XI. Brumaite.
1}) Transact. of the Irith acad. Vol. I. p. 71 — Sgl
14) De niTu formativo in comm. foc. Gott. T. VII.
15) Bacher j. de mid. Juillet 179;. p. 30I.
16) Mim. de Paris 174I. hift. p. u.
17) Med. and chir. obferv. London, p. HO Ef.
lg) Hift.de l'ac. des fc. de Paris 1695. P- ä45-
10) Fourcroy med. eclairee par les fc. T, II.
30) P'Cih Archiv. Bd. 7. S. S55 ff.
Sl) Anat. Befchr. eines monftr. GewäcMes. Frankf. 17J8.
J2) Bei Bhimenbach med. Bibl. Bd. I. S. 151. 52.
sj) Bei Voigtel path. Anat. Bd. }. S. 545 citpt.
24) Deconc. tubar. Argent. 178O. in neuen Samml. d.auterl. AVn.
f. Wundärzte. St. 17- S. 19« ff.
2;) Bei Blumenbaeh in Comm. foc. G«tt. Vol. VII.
~ 545
eker^"), loung^"), Baiidelocf/ue'), Meniman^), An-
derfori f), Milman, Coley^) und ich felbft kürzlich.
Die vorzöghchften Bedingungen diefer regelwi-
drigen Zahnbildung im Allgemeinen und der häufig-
ften , im Eierftocke vorkommenden insbefondere find
ungefähr folgende.
• ''' l) Die Zähne entwickeln ßcli im WefentUchen
nach denfelben Gefet^^en als die normalen. Sie ent-
feehen
a) wie diefe in , mit. einer gallertartigen F/üf/ig'
keit angefüllten , einzelnen Kapfein. In dem Falle,
•welchen ich unterfuchte , fand fich in der Höhle des
grofsen Balges ein kleiner, fehr entwickelter Backzahn,
aufserdem aber drei Kapfein von verfchiedener Gröfse,
von denen zwei blofs Flüffigkeit, die dritte einen ein-
fachen , nicht verknöcherten Zahnkeim enthielt.
j fc) Wie bei den normalen Zähnen entftehen die
I Kronen vor den Wurzeln. Baillie fetzt fogar feft '),
I dafs die Wurzeln bei diefen Zähnen immer fehlen:
lallein, ift dies gleich oft der Fall, fo finden fie fich
I doch in der That häufig. So fieht man fie an meh-
I fern Zähnen des Blumenbach'lchen Falles. Coniinus
l) Waarnceming u. f. ^v. in Starks Archiv für die Geburtshülfe,
Bd. 6. S. 574-
X 3) Med. and pliyr. elX. oF Edinb. II. No. ij.
)} Tr. des accouch. ^. 19(13. 1964.
4) Med.cliir. cransacc. Vol. III. pag. 5;.
„ 5) Edinb. m. and furg, joarnal. Vol. II. No. VIII
^ () Edinb. m. and furg, jouru. Vol. VI. No.V.
7) Morb. anat. p. aCC.
M. d. Archiv. /. 4. Mm
fand in einem kieferähnlichen, im weilen Ende der
Trompete liegenden Knochen zwei Backzähne mif
deutlichen Wurzeln. Chghorn bemerkt in feinem Falle
ausdrücklich, dafs die Zähne ganz vollfiändig und
mehrere mit ihren Wurzeln verwachi'en waren. Ploiic-
quet und Aucmriech fanden die ungeheure Menge von
Zähnen, welche fie fahen, grüfstentlieils mit Wurzeln
verfehen. Auch in dem Falle von Scortigagna hat-
ten die meiften Zähne Wurzeln.
Ich glaube daher unbedenklich annehmen zu kön-
nen , dafs der Mangel einer Wurzel nur in die frühem
Perioden diefer Zahnbildung gehört.
Wahrfcheinlich ift auch die Bemerkung von Rii-
dolplii, dafs die Höhle des Körpers und der Wurzel
der Eierftockzähne verhältnifsmäfsig weiter als ge-
wöhnlich fey , und fie daher mit Milchzähnen über-
einkämen '), zu allgemein, da mehrere Beobachter,
z.B. Cleghorn , Anderfon , Laßize, ausdrücklich, wie
fich nachher ergeben wircl , bemerken , dafs einige die-
fer Zähne völlig mit bleibenden übereinkamen.
c) Meiftentheils ift auch die Bildungsftelle diefer
regelwidrigen Zähne diefelbe als die der normalen :
die Bälge in welchen fie fich entwickeln , fitzen in
Knochen oder Knorpel feft. So fmtle ich es in dem
von mir unterluchten Falle. Daffelbe fahen Gooc/i,
Bcdllie, Ploucquet, Autenrieth, Tt/p« , OrtescJä, Che-
fion Browne, Mofti, Ballard, Cleghorn, Schützer,
Nyfien.
i) Tesmer dilT. anat. Crcens obferv. ofteolog. Berol. 1812. p, 12.
547
Diefe Knochen erfcheinen I)is\veilen nur a]s ver-
härtete Stellen des ßiiiges, in welchen üch die regel-
widrigen Productionen befinden, bisweilen aber auch
als eigne, mit Zahnhöhlen verfehene Knocheiiftiicke,
die auf den Wänden des Balges auffitzen und fogar, z.B.
in den von Cleglion?, N)ßprt, Schützer, Granibs, Oßaii-
der, TyJ'un , Mofti , Schüizenkraiiz und Laßize beob*
achteten Fällen Aehnlichkeit mit Kieferknochen haben.
Man kann alfo wahrfcheiiilich mit Recht in allea
den Fällen , wo fich Haare und Knochen zugleich fan-
den , annehmen, dal's ein Streben zur Zahnbildung
vorhanden war, das nur nicht erreicht wurde. Fälle,
wo blofs Knochen und Haare fich im Eierftock ent-
wickelten, fahen z. B. Stalpart van der Wiel ') und
hanzweerde ').
Indeffen entwickeln fich die Zähne nicht noth-
wendig in Knochenftücken. Vielmehr ^ bemerken die
Beobachter, welche mehrere Zähne fahen, gewöhn-
Jich ausdrücklich , dafs fich einige derfelben blofs in
den nicht verknöcherten Wänden des Sackes entwickelt
hatten und bisweilen fehlen die Knochen ganz, z. B.
in den beiden Bail/iekhen Fällen.
d) Die Zühne fcheinen nicht bloß durch ihre
Entwicklung mit den nonnalen Zähnen übereinzukom-
men , fondern caich in Hinficht auf Ordnung und Zeit
der Entfteliung und •Dauer den normalen Typus zu
befolgen.
1) Obferv. rarior. C. II. 0. ■)?.
a) Ut moKi. p. i{.
Mm 3
548 ^^^^^
Sie entftehen höchft wahrfcheinlich niclit alle
zugleich. Einige find kleiner und unvollkommner als
die andern. An einigen der von Ploucqitet und Au-
tenrleth gefundenen Zähne war die Verknöcherung
eben erft angefangen und die Krone fnfs in zackigen
^5cherben auf dem Keime. Hier und da erfchien ab-
gefonderte Schmelzfubftanz in kleinen , perlenartigen
Körnern auf den Sclierbchen. Andere hatten voll-
liändige Wurzeln. Von drei Zähnen, welche Goock
fand, war der eine unvollkommen, die andern beiden
vollkommen entwickelt. Daffelbe findet auf eine höchft
merkwürdige Weife in meinen Fiillen Statt. In Scor-
teggiana's Falle haben einige Wurzeln, andere nicht.
•Von 44 Zähnen, welche Cleghoin fand, 'waren meh-
rere Milchzähne, die ineiften aber fchienen einem funf-
zehnjahrigen Menfchen anzugehören, fo dafs alfo auch
durch diefes Verhältnifs, fofern die Zahl der Milcli-
zähne , wie bei den normalen Zähnen , die geringere
war, der regelmäfsige Typus befolgt erfcheint.
Ja, die zuerft entftandenen Milchzähne fcheinen
fogar bisweilen auszufallen und dann durch neue, die
mit bleibenden übereinkommen, erfetzt zu werden. In
dem von Ander fon befchriebenen Falle, wo fich drei
Zähne fanden, lagen zwei kleinere, deutlich Milch-
zähne, lofe in der Höhle des Balges, der dritte, ein
bleibender, fafs feft. Die erftenErfcheinungen, welche
auf eine regelwidrige Bildung fchliefsen laffen -konn-
ten, hatten fich fchon vor ungefähr zehn Jahren ein.
syftellt, fo dafs alfo die Periode, wo gewöhnlich der
Z.ihnwechfcl Statt findet, vvixklich eingetreten war.
Aohnliche ßeilingungen bietet auch der Coley'iche
Fiill dar. Ein 2 3iähriges Frauenzimmer verlor ihre
ilMenftruation, beltam eine Gefchwulft in der rechten
Seile des Unterleibes und magerte aufserordentlich ab.
Zwei Jahr nachher ftellten fich ftiirke ßJutfliifse durclj
den Maftdarmein, die fich aber mit völliger Genefung
endigten. Fünf Jahre nach dem erften Erfcheinen von
Zufallen ftarb fie. Man fand das zur Grofse eines
Kindskopfes angefchwollene, in einen Balg verwandelte,
rechte Ovarium in die Höhle des Darms geöffnet.
Aufser Fett und Haaren wuchfen aus feiner innern
Flache vier Zähne hervor. Von diefen hatte der eine,
vollkommen entvvickelte, die Gteftalt eines Milchback-
zahns, die drei übrigen, noch in der Bildung begriff-
nen , welche in einer Reihe in einem kieferähnlichen
Knochen ftanden, waren Schneidezähne. Einer von
ihnen fchien den Milchbackzahn aus feiner Stelle ver-
drangt zu haben , doch war die Wurzel des letztern
nicht angegriffen. Wahrfcheinlich hatte fich auch hier
der Milchbackzahn fünf Jahr vor dem Tode gebildet
und würde vielleicht einige Jahr fpäter entweder von
felbft ausgefallen, oder durch die nachrückenden blei-
benden Zahne verdrängt worden feyn, um fo mehr,
da der eine fchon diefen Einflufs auf ihn gehabt zu
haben fchien.
Indeffcn ift es nicht geradezu nothwendig anzu-
nehmen , dafs die Zähne zu ihrer Ausbildung diefelbe
Zeit als die normalen erfordern. Wenigftens fcheint
fich dies aus den Fällen fchliefsen zu laffen, wo Zwi-
lchen (ioin erften Erfcheinen von Zufällen und der
550
Entdeckung fehr entwickelter Zähne ein fehr kurzer
Zeitraum verflofs. Hierher gehört z. B. der von La-
ßize beobachtete Fall.
Ein 1 8 jähriges Mädchen, die feit vier Monaten
regelmäfsig menftruirt gewefen war, bekam am Un-
terleibe , zwifchen dem vordem Darmbeinftachel und
den letzten falfchen Rippen eine fchmerzhafte Ge-
fchvvulft. Nach drei Monaten hatte fie die Gröfse
einer Fauft erreicht, wurde geöffnet und ergofs ein
Nüfsel feröfen Eiters mit einer honig- luid fettartigen
Subftanz vermifcht. In der Tiefe von fechs Zollen
fühlte man einen Körper von der Grüfse eines Eies,
der zur Wunde geführt wurde und als ein Knäuel
Haare erfcliien. Täglich wurden noch einige fehr
lange Haare herausgezogen , während deffen der Ei-
ter immer fchwärzer und fchärfer wurde. Neunzehn
Tage nach dem erften Einfchnilte zog man durch Er-
weiterung deffelben einen unregelmäfsig abgerundeten
Körper von 2 bis 3 Zoll Breite und 3 bis 4 Zoll
Länge hervor. Diefer enthielt in der Mitte einen knö-
chernen, dem Oberkieferknochen ähnlichen Kern und
war an feinem obern Theile mit Haut und Haaren und
weichem fchwamraigen Fieifche bedeckt. Unten hatte
er Aehnlichkeit mit dem Zahnhöhlenrande und Gau-
mentheile. Hier war er auf der einen Seite zur Hälfte
mit einer Art von Zahnfleifch umgeben, hing aber
auf der andern Seite vermittelft eines Stieles an. An
dem Umfange der Gaumenfläche ftanden acht Zähne,
fechs Backzähne, ein Hundszahn und ein Schneide-
zahn , die völlig die Gröfse der bleibenden Zähne eines
551
Erwacbfenen hatten. Aufserdem ragte ein junger Back-
und Schneidezahn kaum hervor ').
2) In Hin ficht auf die Form der Zähne kann
man im Allgemeinen bemerken, dafs jle der Form.
derer , welche der Speries zukommen , entfprechen,
tind dafs irmn Zähne aller Ordnungen findet. Aufser
der Aebnlichkeit der regelwirlrig entftehenden Zähne
mit den normalen menfchlichen Zähnen überhaupt ift
befonders auch die Uebereinkunft mit denfelben , in
Hinficht auf gleichzeitige Anwefenheit von Zähnen
aus mehrern Ordnungen , ferner auf die vcrhältnifs-
mäfsige Menge und auf die Stellung der veri'chiede-
nen Ordnungen merkwürdig.
Gewöhnlich finden fich Zähne aus mehrern Ord-
fiungen zugleich. Dies war namentlich der Fall in
den Beobachtungen von Gt-ambs , Cleghorn, Schützer,
Baillie, Laßize, Baiidelocque , Murray, Bhtmenbach,
Scorieggiana.
Zwar kommen nicht immer Zähne aus allen drei
Ordnungen zugleich vor, gewöhnlich aber doch aus
zweien. • So verhielt es fich z. B. in den Fällen von
Coley, Nyften, Toung.
Im normalen Zuftande erfchöinen zuerft di«
Schneidezähne, darauf die Backzähne, zuletzt die Eck-
zähne, wenigftens diefe fpäter als die hinteren Back-
zähne. Bisweilen beobachten auch die regelwidrig ent-
flehenden Zähne eine ähnliche Folge durch die Art
der Zufariimenfetiung mehrerer Ordnungen.
I) Laflizt in Bacher Journ. de mid. 1793. Juillec. p, ?oi.
So fanden fich in dem roung'ichea Falle ein
Schneidezahn und Backzähne.
Nicht immer aber findet diefes Verhältnifs Statt.
So fahen Gooch, Coley Schneidezähne und Hunds-
zähne , Njfien Back - und Hundszähne.
Auch wo fich bisweilen nur eine Art findet, ift
dies nicht immer die, welche zuerft erscheint. So
z. B. fahen Ckefion Browne, Ballard, 'Orteschi, blofs
Hundszähne; Tvfon einigemal blofs ßaqkzähne. Da-
gegen fand Cocchi blofs Schneidezahne. In meinem
Falle findet fich nur ein Backzahn.
In den Fällen,: wo gewöhnlich fpäter als andere
entftehende Zähne ohne diefe früher entftehenden vor-
handen waren, kann man vielleicht annehmen, dafs
diefe ausgefallen waren. IndefCen bedarf es diefer
Annalime auch gar nicht, da ja die Entwicklungsweife
auch der normalen Zahne fo viele Abweichungen dar-
bietet, diefe daher bei ganz regelwidriger Entftehung
DQoh weit leichter. eintiefen werden. Ueberdies pflegt
ja auch der Hundszahn zwar fpäter als der vordere,
allein früher als der {untere Backzahn zu entftehen.
Ziemlich allgemein fcheinen die Zähne derfelben
Ordnung neben, einander , oder wenigftens näher als
an den cibrigen zu fteheni, und überhaupt, wo nur
Zähne von zwei Qrdnungep fich finden, dies immer
folche zu feyn, die auch in den Kiel'ern neben. ein?
ander ftehen, Hundszähne und Backzähne, Hunds-
zähne und Schneidezähne zugleich, nicht aber Schnei-
de - und Backzähne zugleich vorzukommen, oder we-
nigftens feltner und, wo dies Statt findet, die der
einen Art oft bleibende, die der andern Milchzähne
zu feyn , wie z. B. in dem Falle von Coley.
Dafs die verwandten Zähne häußg zufammea
flehen, beweifen mehrere Beobachtungen. Che/ton
lagt ausdrücklich, dafs er Zähne derfelben Art mei-
ftens zuüiiTimenftehend und felbft an ihren VVurzoln
verwachfen gefunden habe. In dem Bosteeirkhea Falle
ftehen che beiden Backzähne dicht neben einander, von
ihnen entfernt der Schneidezahn. Der Backzahn und
der. Schneidezahn berühren einander dagegen beinahe
in dem Falle von Gooch. In dem Falle von Grainbs
finden fich zwei Gruppen von Backzähnen, eine dritte
von Schneide- und Huntlszähnen, eine vierte vonBack-
ünd Schneidezähne^.
i' -Die verhältnifsmäfsige Menge der verfchiedenen
Ordnungen von Zähnen zeigt gleichfalls Annäherung,
an die normalen Beilingungen, fofern gewöhnlich Back-
zitine in gröfster, die übrigen in weit geringerer und
Wieder unter ihnen die Eckzähne in geringfter Menge
vorhanden find.
So fand Toung drei Backzähne und einen Schnei-
dezahn; La/Z/se fieben Backzähne, einen Hundszahn
lind zwei Schneidezähne ; Grambs unter achtzehn Zäh-'
nen, die in verfchiedenen Knochen fafsen, zwölf Back-
zähne, drei Hundszähne, drei Schneidezähne und wie-
der findet fich zwifchen den verfchiedenen Gruppen
von Zähnen daffelbe Verhällnifs, fofern in dem einen
Knochen vier Backzähne, zwei Schneidezähne und eia
Hundszahn zufammen ftehen, während die übrigen
Gruppen blofs aus Zähnen derfelben Ordnung gebil-
det find. Targioni fand unter zelin Zäbnen acht Back-
zahne; Schülzer acht Backzähne, vier Schneidezähne
und zwei Hundszähne, a]fo faft ganz das normale
Verhältnifs; auf diefelbe Weife Cleghorn unter vier
tuid vierzig Zälinen fechzehn grofse, vier kleine Back-
lähue, drei Eckzähne , acht Schneidezähne. Die mei--
ften Zähne, Avelche Ptoiii:quet und Aiitenrieth in einem
fehr merkwürdigen Falle fanden, waren Backzähne,
freilich vordere. In dem Blumenbarh'khen Falle
überwiegt die Zahl der Backzähne die der übrigen
bedeutend. In dem Falle von Scorteggiana waren die
meiften Zähne Schneide- und Backzähne, nur ungefähr
vier Eckzähne.
Auch da, wo fleh nur eine oder wenigftens nicht
alle Ordnungen von Zähnen finden, erfcheint doch
eine Annäherung an den normalen Zuftand, fofern
auch hier die Zahl der Zähne mit der, welche diefen
im normalen Zuftande zukommt, ungefähr überein-
kommt.
So fand Gooch blofs einen Hundszahn und einen
Schneidezahn; Tyfon gleichfalls nur einen Himdszahn ;
C.orchi nur drei Schneidezähne; Orteschi drei Hunds->
zahne; Chefton Browne nur einen Hundszahn ; Coley
drei Schneidezähne und einen Backzahn ; Niederer ein-
mal zwei Schneidezähne , in einem andern Falle einen
Hundszahn, Tyfon dagegen einmal dreizehn Backzähne.
Zwar bemerkt man bisweilen Ausnahmen. So
2. B. fand BailUe einmal zwei Schneidezähne, einen
Eckzahn und einen Backzahn. Allein diefe Verfchie-
denheit läfst fich leicht durch die Annahme ausglei-
chen, dafs hier der zweite Backzahn nur noch nicht
gebildet war, wo dann- gerade diefer Fall die nor-
malfte Entwicklung, und die eine Hälfte der MiJch-
zahnreihe darfteilt, dies um fo eher, da noch ein
Rudiment eines fünften Zahnes vorhanden und einige
Zähne voUkommner entwickelt waren als die andern.
Die Zahl der regelwidrigen Zähne variirc im
Ganzen /ehr. Indeffen findet man doch auch in die-
fer Hinficht häufig eine Annäherung an die normalen
Zuftände, entweder an die Zahl aller Zähne in bei-
den Kiefern, oder nur eines Kiefers, oder endlich
einer Kieferhälfte , fey es nun der Milchzähne oder
der bleibenden. Bisweilen auch kommt die Zahl der
Zähne mit der Zahl der Milch -und bleibenden Zähne
in einer gewiffen Periode iiberein.
Die letztere Bedingung fahe, wie fchon bemerkt,
Cleghorn, indem er vier und vierzig Zähne, meiftens
bleibende, fand. Blumenbach fand vier und zwanzig.
Eben fo viel fahe Scorteggiaiia. So viel aber finden
fich gerade im fiebenten Jahre in allen Kiefern ausgebro-
chen. Grambs fahe achtzehn, alfo ungefähr die Zahl
a\ler Milchzähne. ScfefV/^^^r fand vierzehn Zähne ; Ty-
fon einmal theizelin, ungefähr die Zahl der Zähne
eines Kiefers beim Erwachfcnen. Mnßi , Lajlize und
Targioin zehn , die Zahl der Milchzähne eines Kiefers ;
Tyfon und Boswell vier, beinahe die Zalil der Milch-
zähne einer Kieferhälfte.
Indeffen ift hier fchon infofern nur ungefähr
Aetinlichkeit, als die verlialtnifsmäfsige Menge der
556 —
verfchiedenen Zähne nicht ganz die normale ift, bis-
weilen felbft viele Zähne, wie z. B. in dem Tyfontchc.n
Falle von dreizehn, blofs zu einer Klaffe gehören. In
folchen Fällen abex' fcheint, wie fchon oben beincrl^t,
ein Streben vorhanden, alle Zähne derfelben Ordnung
wieder entweder aus allen Kiefern, oder nur aus einem,
oder einer Hälfte hervorzubringen.
Im Allgemeinen kann man bemerken , dafs {ich
häufiger nur wenig als viele Zähne, indeffen doch
häufiger einige, zwei bis drei, finden, als nur ein
einziger.
Indeffen kommen , ungeachtet der angegebnen
Uebereinkunftspunkte der regelwidrig entftehenden
Zähne mit den normalen, doch bedeutende, wenn
gleich untergeordnete und Aveniger wefentliche Ver-
Ichiedenheiten vor.
So haben fie oft durchaus nicht völlig riiefelbe
Form als diefe und entfprechen keiner Ordnung der-
felben. Unter den vier und vierzig Zähnen , welche
Cleghorn. fahe, waren zwar die meiften regelmäfsig,
einige aber ganz un regelmäfsig. Eben fo waren unter
den von Antenrieth gefehenen Zähnen die meiften, in
Hinficht auf Geftalt undGröfse, menfchenähnlich, bei
niehrern aber war, wenn gleich die Krone abwich,
doch die Wurzel fehr entftellt und viele in allen ih-
ren Theilen weder menfchen- noch thierähnlich. Auch
nach Tesmers Zeugnifs war in zwei , aber fehr un-
vollftändig angeführten Fällen die Geftalt mehrerer
Eierftockzähne fehr unregelmäfsig , wenn gleich die*
557
fo eben aiigefülirten Stellen beweifen, clafs fchon An-
dere vor ihm diefe Bemerkung gemacht hatten.
Eben fo wenig zeigt die Zahl im Ganzen oder
im Einzelneu faft irgend einmal das völlig normale
Verhältnifs. Wo fich weniger als gewöhnlich finden,
jft dies nicht auffallend, da gewöhnlich regelwidrig
enlfteheiide Theile lieh nur einfach oder wenigftens
in geringer Zahl bilden , wie die überzähligen Finger
und die überzähligen Zähne felbft beweifen ; weit felt-
ner und auffallender aber ift das Ueberfteigen der ge-
wöhnlichen Zahl, belonders wenn es bedeutend ift.
Ein bis jetzt einziger Fall diefer Art ift der von
Ploucqiiet und Aiitenriech beobachtete, wo bei einer
a ajährigen unfruchtbaren Frau der über zwanzig Pfund
l'chwere Eierftock aufser einer Menge regellos gebil-
deter, zackiger, theils in Knorpelkernen, theils in
gefäfsreichen Häuten befindlicher Knochen mehr als
dreihundert Zähne enthielt.
Kommen Zähne gewöhnlicher allein. , oder in Ver-
bindung mit andern Theilen , namentlich Knochen,
Haaren und Fett vor?
Die Fälle ausgenommen, wo fich Zähne in der
Nähe der normalen , z. B. in der Mundhöhle, Inder
Augenhöhle, wie in den Fällen von Schill und Barnes
(f. oben S. 538-) entwickeln, erlchoinen fie weit häu-
figer in Verbindung mit diefen Theilen, vorziiglich
mit Fett und Haaren, als allein. Es giebt faft kein
BeJfpiel vom Gegentheil, wenn gleich die Haare (fieho
•bell S. 5 30. ff.) nicht feiten ohne Zähne vorkommen.
558
Dies gilt nicht blofs für die in den Ovarien, fondern
auch für die in den übrigen Theilen, oberhalb und
unterhalb des Zwerchfells vorkommenden Zähne , in-
dem es in den Fällen von Engel, Riijfdi , Tliueßlnk,
Schützer ausdrücklich erwähnt wird.
Von den Zähnen im Ovarium und der Gebär-
mutter bemerken es ausdrücklich faft alle Beobachter,
namentlich Tyfon, Sampfon, Nicholls, Rurfch, Blu-
menbach, Cheßon, Cleghoni, Murray, Dumas, Riche,
Baillie in beiden Fällen, Coley , Anderfon, Bicker,
Gooch, Merrbnan, Cocclii, Mofü, Needham, Ortes-
chi, Targionl, Ballard, Lajlize, Autenrieth und ich.
Nur BosweWs Fall fcheint eine merkwürdige Aus-
nahme von der Regel zu machen, indem er durch-
aus keiner Haare erwähnt. Eben fo erwähnt Mery
in feinem Falle nur der Zähne, fagf dagegen nichts
von Haaren.
Ift der regelwidrigen Eiitioickhing von Zähnen
vielleicht eine Seite des Körpers vorzugsweife unter-
worfen ? Wenn dies der Fall ift , fo gilt auch daf-
i'elbe für die Entwicklung der Haare, indem es fich
fo eben ergab, dafs Zähne faft nie ohne Haare vor-
kommen. Es fcheint wohl aus einer genauen Ver-
gleichung der mir hiervon bekannt gewordenen Fälle
fich wenigftens zu ergeben, dals nicht nur kein
Uebergewicht der linken über die rechte Seite Statt
findet, londern im Gegentheil diefe Bildungen häufiger
hier als auf der linken Seite vorkommen. Dies be-
w«ift folgende Tabelle.
559
Rechte Seite.
. Tyfon.
NichoUs.
Orteschi.
Chefton.
Murray.
Dumas.
Cleghüin.
Linke Seite. Unbeftimmt.
Sampt'on. Tyfon.
Mofti. Merriman.
Ballard. Baudelocque.
Biumenbacli. Ruyfch.
Gooch. Merv.
Bicker. Baillie.
Nyften. Needham.
Coley. -^ Coccbi.
Anderfon. Laflize.
Young.
Baillie.
Mederer.
Corvinus.
Grambs.
Stalpart v. d. VViel.
Riebe. Riche.
Autenrietli.
Ich.
Hieraus ergiebt fich, dafs in fiebzehn Fällen die
Zähne oder Knochen mit Fett und Haaren auf der
rechten Seite allein vorkamen , in fieben nur auf der
Laken. In dem Falle von Riclie fanden fich auf beiden
Seiten Knochen; es ift aber nicht beftimmt, ob auf
der rechten Seite fich auch Zähne entwickelt hatten.
Von den neun Fällen, wo die Seite unbeftimmt ge-
lailen ift, geben die Beobachter der fechs erften
fie nicht an, von den beiden letzten habe ich fie
vielleicht nur anzumerken vergeflen. Nimmt man
aber auch an, dafs die Hälfte hier auf der rechten,
560 ^^0-^^-^
die Hälfte auf der linken Seite voikomme, fo wiirdis
Cch doch immer ein V^rhältnifs wie 20: 11, alfo un-
gefähr wie 2 : 1 zum V^ortheil der rechten Seite erge-
ben. Rechnet man hierzu noch ungefähr für jede Ab-
theilung (f. oben S. 5 3 o. 3 1 .) zehn Fälle, wo blofs Haare
und Fett vorkommen , fo würde fich doch immer ein
Verhältnifs wie etwa 3 : 2 ergeben und immer die rechte
Seite bedeutend häufiger afficirt feyn als die linke.
Dies fcheint auch mit der gröfsern Siürhc der
rechten Seite übereinzuftimmen.
Aus der Vergleichung aller Fälle von regelwidri-
gen Haar- und Zahnbildungen im Eierftocke ergiebt
fich aber fo viel mit Beftimmtheit , dafs ße nur fehr
feiten auf beiden Seiten zugleich vorkonunen , indem
unter mehr als fünfzig hier verglichenen Fällen dies
nur dreimal der FaU war.
Unterfutht man die Stellen, an welchen fich diefe
regelwidrigen Produkte entwickeln, näher, fo findet
man , dafs fie fich nicht nothwendig in der Subftanz
des Eierfiockes,' fondern auch, und dies vieileich-t
häufiger, im Umfange deffelben bilden.
So fand Lauzweerde , wie er ausdrücklich be-
merkt, die ungeheure, fünfzehn Pfund wiegende Ge-
fchwulft durch einen dünnen Stiel am Eierftocke be-
feftigt. Im Sampfon' [c\\en Falle hingen gleichfalls, niit-
telft eines feften Bandes, am hnken Eierftocke zwei
grofse BäJge, die zwei Zoll weit von einander ent-
fernt waren. Im Wienholt'ichen Falle fand fich au-
fser dsn beiden Bälgen, welche die Stelle des rechten
Eier-
—'™ 551
Eierftockes einnahmen , zwifchen der Gebärmutter und
dem Maftdarm ein aufehnliches, rundliches Haargeflecht.
Auch die Falle von Grambs und Tumiati gehö-
ren deutlich hierher und machen den Uebergang zu
der von Schützer befchriebenen Lage der Haare und
Zähne im Gekröfe.
Hieraus ergiebt fich wenigftens to viel mit Ge-
wifsheit, dafs nichts weniger als jedesmal die Bälge,
in welchen diefe Theile entftehen, regelwidrig ver-
gröDserte Graaffche Bläschen, fondern ganz neue Bil-
dungen find, wie fich befonders Wafferbälge häufig
nicht nur im Eierftocke, fondern im Umfange def-
felben entwickeln.
Es fragt fich ferner, unter welchen Bedingungen
in Hinficht auf a) Gefchleche, b) Alter, c) vorange-
gangene Begattung, d) anderweitige Erfcheinungen
im Körper, fich diefe regelwidrigen Bildungen ent-
wickeln ?
a) Wenn von Bildung der Haare und Zähne in
den innern Gefchlechtstheilen die Rede ift, fo ergiebt
fich unbedenklich, dafs diefe vorzugsweife beim weib-
lichen Gefchlechte vorkommt. Gegen beinahe fechzig
Fälle, wo fie in den Eierftöcken, den Trompeten
und der Gebärmutter vorkam, nur einer, wo inj
mänohchen Hoden Haare gefunden wurden! In den
ebrigen Theilen ereignet fie fich eben fo häufig, ja
vielleicht häufiger beim männlichen als beim weiblichen
Gefchlechte.
b) Die Entwicklung der Haaie und Zahne, fo-
wohl in den Gefchlechtstheilen als andern Stellen,
M, d. ArMv. l. 4. N n
563
fcheint in allen Lebensperioden Statt zu finden , in-
tlem fie bei fehr jungen und febr betagten Perfonen
gefunden wurde.
c) Sammelt man die Zahl der Fälle wo , vor
(ohne zu beftimmen ob zum Behuf) der Entftehung
diefer Aftergebilde Begattung Statt gefunden hatte,
fo finde ich , dafs in den Fällen von Tyfon. , Sampfon,
ronge, Oßander , Coley, Grambs , Cleghorn., Young,
Gooch, Aucenrieth, Anderfon, Mofti, Chefion, Bal-
lard, Coruinus , Baudelocque, Ortescld, Saxtorph,
Warren , Sontis , Merriman , Bofi , Schacher , Fabriz
von Hilden , Ludwig , Buddeus , diefelbe gewifs Statt
gefunden hatte, indem die Perfonen mehr oder we-
niger verheirathet , oder Freudenmädchen, zum Theil
felbft fchwanger und kurz nach der Niederkunft ge-
ftorben waren oder die regelwidrigen Subftanzen von
fich gegeben hatten. Bei mehrern andern ift es nicht
gewifs, ob Beifchlaf vorangegangen war, indem fi«
nicht verheirathet waren, und die Befchaffenheit der
Genitalien entweder von den Beobachtern , oder in den
kurzen Anzeigen der Beobachtung nicht angegeben
wird, ungeachtet das Alter und oft der Stand der
Perfonen die Vermuthung erlaubt, dafs wirklich Bei-
fchlaf Statt gefunden hatte. Hierher gehören z. B.
die Fälle von Haller, Murray, Menghini, Tumlati,
Ruyfch , Buddeus , Bauhin, In den Fällen von Schü-
tzer, Baillie , Nyften, Slalpart van der Wlel, La-
ßize , Schmucker, Lanzweerde aber kann man mit
vieler Wahrfcheinlichkeit annehmen, dafs dies nicht
der Fall gewefen war.
563
In dem Falle von Lanzweerde war das Mäd-
chen eilf, im Schmurker'ichcn und dem einen Bail-
iie'fchen Falle, wo fünf Zähne gefmiden wurden,
zwölf bis dreizehn Jahr, in dem Nyfcen'fchen drei-
zehn, in dem Schützer'£cheii und Wiel'lchen fünf-
zehn Jahr alt. In allen war die Gebärmutter klein
»md hart, in dem Baillie'khen fogar kleiner als bei
einem neugebornen Mädchen. In allen hatten die
äufsern Gefchlechtstheile gleichfalls alle Zeichen der
phyrifchen Jungfräulichkeit, die Scheidenklappe war
völlig unverletzt. In dem Falle von Stalpare van der
Wiel wird ausdrücklich bemerkt, dafs nie Menftrua-
tion Statt gefunden hatte.
Eben fo war auch in dem anderen Baillie'khea
Falle, ungeachtet das Mädchen achtzehn Jahr alt war»
die Scheidenklappe unverletzt, fahr eng, die Gebär-
mutter fogar kleiner als gewöhnlich und völlig un-
verändert. Von demfelben Alter war das Mädchen
von Laßize, allein fie hatte regelmäfsig menftruirt.
In melirern diefer Falle waren die Zufälle überdies
fchon mehrere Jahre alt, namentlich im Schmucker-
fcben , dem Schützer'khen und dem von Lanzweerde.
Man kann indeffen wohl nicht ohne Grund an-
nehmen , dafs fich diefe Gebilde in deu meiften Fällen
in Perfonen entwickelten, bei welchen die JBegattung
vollzogen worden war.
d) Anderweitige, zugleich State ßndende Ver-
änderungen im Körper betreffen die allgemeine Ce-
fundheit oder die Affeciwnen anderer Organe.
N n a
56-1
Hierüber läfst fich wenig Allgemeines fagen. Man
kann indelTen bemerken, dafs diefe Bildungen niclit
als Folgen eines allgemeinen Leidens angefehen wer-
den können, und dafs fie eben fo wenig weder die
allgemeine Gefundheit, noch die der Organe in und
an denen üe fich entwickeln, nothwendig und ihrer
Natur nach ftören und das Leben gefährden, indem
fie häufig während des Lebens kaum oder gar nicht
geahndet wurden.
So verhielt es fich in dem von mir unterfuchten
Falle, wo bei dem vierzigjährigen Frauenzimmer,
deren rechtes Ovarium ich entartet fand, die Gefund-
heit völlig regelmäfsig war. CJeghorns Frau lebte
drei und zwanzig Jahre nach dem erften Erfcheinen
tler Zufälle und wurde während diefer Zeit für fchwan-
ger gehalten. Im Ballard'ichta Falle hatte eine fünf
und fünfzigjährige Frau die Gelchwulft feit zwei und
zwanzig Jahren getragen. Onesclu's Frau war fiebzig,
die von Mojil fechzig Jahre alt.
Auch die Gefchlechtsfunction wird nicht notli-
wendig durch die Entwicklung diefer Subftanzen gc-
ftört. In dem Falle von Sontis wurden bei einer
Paracenthefe des Unterleibes Haare ausgezogen.
Hierauf )\am die Frau zweimal nieder, ungeachtet
der Leib in den Zwifchenzeiten nie völlig fank, und
fpäter noch ähnliche Subftanzen wahrgenommen,
auch nach dem Tode ein Balg mit Haaren und Zäh-
nen gefunden wurde. Die Frau von Anderjon kam
mehrmals nieder, ungeachtet fich die Haare und Zähne
wahrfcheinlich fchon in der zweiten Schwangerfchafi
^ 565
entwickelt hatten. Moft'Cs fechzigjährige Frau war
tlie Mutter melirerer lünder. In den Fällen von
Gooch und Culey fand Schwangerfchaft Statt, unge-
achtet die Zufälle, welche auf die Entftehung diefer
Bildungen fchliefsen liefsen, fchon mehrere Jahre vor-
her Statt gefunden hatten, alfo nicht, wie vielleicht
in mehrern andern Fällen, als das Produkt deffelben
Zeugungsactes angefehen werden konnten.
Indeffen können diefe regelwidrigen Bildungen,
fo gut als jede regelwidrige Vegetation, auf mehr als
eine Weife nachtheiligen Einflufs auf die Gefundheit,
tmd felbft unter gewiffen Umftänden auf das Leben
derer haben, in deren Körper fie fich entwickeln,
dies, im Allgemeinen im geraden Verhältnifs mit
ihrer Gröfse, wobei aber immer auf die Conftitution
des Körpers, in welchem fie vorkommen und andern,
in der Afterbildung felbft enthaltnen Bedingungen
Rilckficht genommen werden mufs.
2) Zunächlt mechanifch, wegen der Stelle, aa
welcher fie fich entwickeln.
Sie können hier durch ihre Schwere die Lage
der Gebärmutter regelwidrig verrücken oder die Ge-
hurt bedeutend erfchweren, oder die Schwangerfchaft
ftOren.
Den erften Erfolg Cihe Saxtorpli bei einer Frau,
der Mutter mehrerer Kinder, bei welcher ein Gebär-
muttervorfall durch eine, das ganze Becken einneh-
mende Gefchwulft von Fett und Haaren im Eierftocke
Veranlafst wurde. Diefelbe Beobachtung machte Coley.
Den zweiten fahen Baudrlonque und Meniman.
566 —
In dem von ICoung befchriebenen Falle, war die
Degeneration des Ovariums Urfache des Todes einer
im fünften Monat Schwangern , indem es durch feinen
Druck auf die fchwangere Gebärmutter Entzündung
und Brand derfelben hervorbrachte.
Durch die Gröfse diefer Afterbildungen , fo wie
durch zufällige Bedingung derfelben, z. B. zackige
Geftalt der Zähne oder Knochen , verbunden mit einem
hohen Grade von Receptivität des Körpers, in wel-
chem fie fich bilden, können fie Gefchwüre verur-
fachen, die fich entweder unmittelbar an der Oberfläche
des Körpers, oder in die nahe gelegenen Höhlen, na-
mentlich den Maftdarm, die Harnblafe, die Gebär-
mutter öffnen, wo dann während des Lebens die re-
gelwidrig erzeugten Bildungen entweder von felbft ab-
gehen, oder weggenommen werden.
Fälle diefer Art find z. B. die von BriJJeau,
Schimicker , Schützer, Warren ^ LajUze, Coley beob-
achteten.
Auch dann aber erfolgt Genefung, fobald die
fremden Körper völlig weggenommen find. So na-
mentlich in den Fällen von Warren und Laßize.
Anfehnliche Gröfse diefer Bildungen kann auch
natürlich, fo gut wie jede regelwidrige Vegetation,
durch die Concentration der bildenden Thätigkeit auf
einen Punct, den Ernährungsprocefs im Ganzen ftören,
und daher fogar endlich tödten.
Zwilchen der Entwicklung diefer Subftanzen in
den Eierftöcken und dem Gefundheitszuftande eines
Organs, des Gehirns, fcheint indeffen bisweilen eine
— 567
nähere Beziehung obzuwalten, fofern die Geiftes-
functionen dabei mehr oder weniger geftört find. Die
Perfon, bei welcher ich Haare und Zähne im Eier-
ftocke fand, war fchon lange blödfinnig gewefen.
Buddeus und Ludwig machten ihre Beobachtungen an
Wahnfinnigen, die gleichfalls mehr oder weniger lange
ihres Verftandes beraubt gewefen waren.
Indeffen ift auch diefe Beziehung vielleicht nicht
wefentlicher als die Affectionen des Gehirns, welche
überhaupt die Entftehung von Degenerationen der
Cefchlechtstheile begleiten. Wichtig wäre es aber
künftig den Geifteszuftand folcher Perfonen genau zu
berückfichtigen , um vielleicht auszumitteln , ob fich
die fo merkwürdige Beziehung zwifchen Gehirn und
Genitalien , die im gefunden und krankhaften Zuftande
fich^ in allen Perioden deffelben Organismus und in
der Thierreihe fo deutlich ausfpricht, nicht vielleicht
auch- unter diefen Bedingungen auf;, eine beftändige
Weife durch vorzugsweife Störung der Hirnfunctio-
nen bei fo hochgefteigerter eigenmächtiger Thätigkeit
der GefchlechtstheiJe ausfpricht.
Es fragt Cell endlich, wie diefe regelwidrigen
Haar • und Zahiibilduii gen entfiehen ? Diefe Frage
ift äufserft verfchiedenllich beantwortet worden.
Da die Neigung, Haare zu verfchlucken nicht
ganz feiten ift, fo haben einige um fo mehr an-
genommen, dafs diefe Theile auf diefem Wege von
aufsen in den Körper gekommen feyn möchten, als
es ihnen befondcrs fchwer fiel, fich die Entftehung
von Zähnen im Körper auf eine befriedigende Weile
568 -^
zu erkläi'en. Dies glaubt z. B. Chefton Browne von
dem von ihm gefundenen 7.dhn& im rechten Eier-
ftocke , während er von den Haaren annimmt , dafs .
fie fich an der Stelle, wo fie gefunden vsrurden, ge-
bildet hätten. Cleghorn glaubt, dafs auch in dem von
Rujfch befchrjebenen Falle, deffen Authenticität Söm-
merring fogar bezweifelt, die Haare und Zähne ver-
fchluckt worden feyen.
Indeffen hat diefe Meinung fo äufserft wenig
Schein , dafs fie faft von niemand angenommen wor-
den ift. Man begreift i) nicht, warum nicht eben
fo gut Zähne als Haare und andere Theile an einer
ungewöhnlichen Stelle entftehen können , 2) wie dann
fo gewöhnlich beide zugleich vorkommen , und 3) fpre-
chen gegen • diefe Meinung nicht blofs das nicht ganz
feltne Vorkommen diefer Abnormität, fondern alle
die Gründe , welche gegen mehrere der gewöhnlichen
Anflehten der Entftehungsweife diefer Theile fogleich
anzuführen find.
Es ift vielmehr als gewifs anzufehen, dafs diefe
Theile iich wirklich an den Stellen bildeten, wo fie
gefunden wurden und es fragt fich nur, auf welche
Veranlaffung fie entftanden?
Auch hierüber find die Meinungen fehr getheüt.
Nach einigen Schriftftellern find diefe Subftanzen
überfchüffige Theile, welche durch denfelben Zeu-
gungsact, welcher den Körper fchuf, in welchem fie
gefunden werden, hervorgebracht wurden, die fich
im Innern deffelben entwickelten. Diefe Körper wä-
ren aUb Doppeltmifsgeburten und die Falle diefer Art
569
gehörten zu dem zeugungsartigen Doppeltwerden
(r. meine patli. Anat. B. 2. S. 68. ff-)- Diefer Meinung ift
z. B. Tumiaü '), vorzüglich, weil die normgemäfse
Structur diefer Theile beweife, dafs fie fich nicht krank-
haft und zufällig entwickeln könnten , fondern aus ur-
fprfinglich vorhandenen Keimen entftanden feyn müfsten.
In der That läfst fich diefe Meinung, fo wenig
Allgemeinheit fie auch erhalten hat, nicht geradezu
verwerfen , um fo mehr , da in mehrern Fällen diefer
Art, wie z. B. im Schützer'lchQxi , fchon von der Ge-
burt an mehr oder weniger deutliche Zeichen vorhan-
den gewefen waren und fich viele Fälle , z. B. der von
Schmucker, der von Schützer und überhaupt alle die,
wo fich in jungen Perfonen diefe regelwidrigen Ge-
bilde erzeugten, an manche Fälle des zeugungs-
artigen Doppelt Werdens, z. B. den von Lentin, fehr
genau anfchliefsen, fo dafs diefelben Gründe, welche
für die Entftehung des innem Fötus beim zeugungs-
artigen Doppeltwerden durch einen gewöhnlichen
Zeugungsact fprechen , auch für diefe Meinung ange-
fahrt werden können. Indeffen fprechen, aufser den
gegen jene Meinung über die Entftehung des innern
Fötus durch gleichzeitigen Zeugungsact angeführten
Gründen noch andere wider diefe Meinung, nament-
lich i) die Stelle, an welcher diefe Theile gewöhn-
lich gefunden werden , die innern weiblichen Zeu-
gungstlieile , nanientUch die Eierftöcke; 2) das beinahe
alleinige Vorkommen derfelben beim weiblichen Ge-
i) A. a. O. p. :i3.
fchlecht, Zu gefchweigen , clafs 3) TumiatVs Haupt-
grund, die Regelmäfsigkeit diefer Bildungen, nicht in
einem folchen Grade Statt findet, lun für diefe An-
ficht angefilhrt werden zu können. Die regelwidrig
vorkommenden Theile bieten zwar im Wefentlichen
diefelben Bedingungen als die an den normalen Stel-
len vorkommenden gleichnamigen dar, allein, wie
fchon oben bemerkt wurde, alle, vorzüglich die Kno-
chen, auch fo äufserft viele Abweichungen, dafs man
fie im Allgemeinen mit keinem normalen vergleichen
kann.
Man kann daher wohl kaum annehmen, dafs
diefe Meinung für alle Fälle anwendbar fey.
' Es bleibt daher nur noch eine dritte Meinung
übrig, die Annahme, dafs diefe regelwidrigen Bildun-
gen in einem fchon gebildeten Organismus Cch ent-
wickeln. Diefe wird, indeffen verfchiedentlich modi-
ficirt, von den meiften Schriftftellern angenommen.
Einige glauben, dafs die Veranlaffung zu ihrer
Entftehung eine gewöhnliche Begattung der Perfon
fey, in welcher diefe Bildungen gefunden werden,
und fehen diefe als nothwendig zu ihrem Hervor-
gehen an, halten alfo diefe Abnormitäten, wo fie fich
in den Ovarien finden, für Extrauterinalfchwanger-
fchaften , weichen aber durch ihre Anficht von der
Art, auf welche die fo gezeugten Theile in den Zu-
ftand gelangten, in welchem man fie findet, von ein-
ander ab.
Mehrere nämlich find der Meinung, dafs fie Ueber-
bleibfei eines regelmäfsig gebildeten Fötus feyen.
671
Hierher gehören namentlich Cleghorn, Sontis,
farnier. Haller.
Für fie fpricht i) die Erfahrung, dafs fich nicht
feiten aufserhaJb der Gebärmutter und namentlich im
Ovarium Fötus entwickeln , und dafs man an denfel-
ben Stellen, wo bei Extrauterinalfchwangerfchaften
Fötus gefunden werden, auch diefe regelwidrigen Pro-
ductionen fand, im Ovarium, in den Trompeten, an
der Gebärmutter und in der Unterleibshöhle^; 3) der
Umftand , dafs in den meiften Fällen diefe Bildungen
fich unter Bedingungen entwickeln, wo Begattung
Statt gefunden hatte, alfo diefe Organe durch Zeu-
gung entftanden feyn konnten.
Allein gegen diefe Anficht, dafs diefe Tlieile
Ueberbleibfel eines regelmäfsigen Fötus feyen , fprechen
fehr wichtige Gründe, und zwar 1) in den meiften
Fällen zu fehr die Befchaffenheit der regelwidrig vor-
handenen Theile, namentlich ihre, fchon oben be-
merkte, oft geringe Regelmüfsigkeic in Hinficht auf
Gejlalt und Zahl. Wie können mehr als dreihundert
Zähne als Ueberbleibfel eines regelmäfsigen Fötus an-
gefehen werden? Die Fälle, wo die vorhandenen
Theile fehr unregelmäfsig waren, kömite man durch
die Annahme erklären, dafs fie allmählig nur durch
Druck und andre nachtheilige Einwirkungen ihre
urfpriinglich normale Geftalt verloren hätten; allein,
davon abgefehen , dafs die Difformität hier doch immer
zu grofs wäre, fo fpricht gegen diefe Meinung der
Umftand, dafs Extrauterinalfötus durch iltfe Lage in
der Regel weder in ihrer Entwicklung gehemmt , noch
fpäterhin verunftaltet werden.
Die oft anfehnliche Gröfse diefer Theile, die
Verfchiedenheit der Färbung der Haare, die zugleich
vorkommen , fprechen eben fo fahr gegen diefe Ver-
rnuthung.
2) Der Umfiand, dafs nur Theile gewiffer Are
ßch bilden. Man findet fich die Bildung nie über Fett,
Haare, Knochen und Zähne erheben.
Will man hier annehmen, dafs die übrigen Theile
verloren gegangen wäVen , imd nur die gefundenen
fich deshalb erhalten hätten, weil fie der Zerftörimg
beffer widerftehen als die übrigen, fo hat man i) die
Erfahrung gegen fich, .dafs Extrauterinalfötus über
fünfzig Jahre lang fich in Hinficht auf die Zufammen-
fetzung ihres Körpers fo wenig verändern, dafs felbft
die weichen Theile, Eingeweide, Muskeln, Gehirn
wenig abweichend gefunden werden; 2) den Um-
ftand, dafs zwar feiten, aber doch bisweilen blofs
Zähne, fehr häufig blofs Fett und Haare gefunden
werden; dafs 3) gewöhnlich nur einige Zähne und
Knochen vorkommen, ohne dafs imter diefen beiden
Bedingungen , höchft wenige Fälle ausgenommen , frü-
here Theile auf ähnliche Weife als häufig^ bei Ex-
trauterinalfchwangerfchaften , abgegangen wären; dafs
4) nicht blofs die fchwer zerftörbaren Zahne und Haare
vorkommen, fonclern immer mit den Haaren auch
das leicht zerfetzbare und verfch windende Fett und
dies in anfehnlicher Menge. Dazu kommt noch 5) die
573
Art des Zufammenhangs der regelwidrigen Bildungen '
mit dem enthaltenden Organismus. Die Haare und
Zähne wurzeln in ihm, wie die normalen.
Man könnte diefen Einwurf zwar durch die An-
nahme widerlegen, dafs die Gefäfse der übrig geblie-
benen Theile mit den mütterlichen Gefäfsen eingemün-
det wären , und dafs hierdurch auch das fernere Fort-
wachfen derfelben infofern leicht möglich gewefen wäre,
als felbft ganz getrennte Haare im VVaffer fich bedeu-
tend vergröfsern, und man die verfchiedenartigften
Theile auf diefe Art an ganz fremde Stellen, felbft
fremde Organismen verpflanzen kann, ohne dafs fie
abfterben. Auch nimmt dies Cleghorn an ; allein
es leuchtet ein , dafs diefe Annahme nur eine fehr ge-
zwungene Aushülfe ift, fofern fie i) immer die vor-
angegangene Zerftörung der übrigen Theile voraus-
fetzt ; 2) diefe Erfcheinungen bei Extrauterinalfötus
nicht vorkommen ; 3) ja au andern Stellen des Kör-
pers und felbft bei Männern , wo von keinem vor-
handen gewefenen Extrauterinalfötus die Rede feya
kann, diefelben bemerkt wurden. Hierzu kommt noch
4) die jungfräuliche Befchaffenheit der Gefclilechts-
theile, der Mangel der Entwicklung der Gebärmutter
auf die Art, welche bei Extrauterinalfchwangerfchaf-
tcn Statt findet, und das kindliche Alter mehrerer
der weibliclien Individuen , bei welchen diefe reeel-
widrigen Bildungen fich entwickelten.
Ks ift alfo höciift unwalufcheinlich, dafs diefe
Theile Ueberbleibfel eines normalen Extraulerinal-
futiLS fcyen.
574 ' ™ —
Andere Phyfiologen nehmen daher an , dafs diefe
regelwidrigen Bildungen zwar durch gewöhnliche Zeu-
gung in Folge einer Begattung entftehen, dafs fie
aber Produkte einer unvollkommenen Zeugung, die
vorhandenen Theile nicht Ueberbleibfel eines regel-
mäfsigen Fötus, fondern nur unvollkommen gelun-
gene Verfuche zur Bildung deffelben find. Dies that
z. B. Coley in feinem Falle.
Diefe Anficht hat i) alle die Gründe /ür fich,
welche für die dritte Meinung fprechen, ohne dafs
gegen fie alle die angeführt werden könnten, welche
man diefer mit Recht entgegen l'teilt ; 2) kann fie auch
durch mehrere unterfttitzt werden. Diefe finden fich
vorzüglich in den Bedingungen , unter welchen diefe
Bildungen oft entftehen. Es find in der That folche,
wodurch ein unvollkommnes Refultat des Zeugungs-
actes leicht herbeigeführt werden kann.
Hierher kann man 1) ^eraile die grofse Jugend
rechnen, welche in mehrern Fällen diefer Abnormi-
tät beobachtet wurde; 2) auf entgegengefetzte Weife
das höhere Alter, die fchwächliche Gefundheit und
befonders den unregelmäfsigen Zuft.ind der Gefchlechts-
functionen folcher Perfonen, welcher in mehrern Fäl-
len ausdrücklich beobachtet wurde. So wurden diefe
Afterbildungen in dem Falle von Giambs bei einer
fünf und vierzigjährigen Frau gefunden, die fich in
einem Alter von drei und vierzig Jahren an einen
fechzigjährigen Mann verheirathete. Die Frau, deren
Fall Chefion Browne erzählt, kam im zwei und vier-
— 575
zjgften Jahre zum erftenmal nieder, kränkelte feit
diefer Zeit und ftarb im fieben und vierzigften Jahre.
In dem Bicker'khen Falle fand lange Kränklichkeit
Statt. Die Frau, an welcher Aiuenrieths Beobachtun-
gen gemacht wurden, war unfruchtbar. Toiings fünf-
zigjährige Frau hatte nie Kinder gehabt. Das Mäd-
chen von Laßize war zwar erft achtzehn Jahr alt, aber
erft feit vier Monaten regelmäfsig menftruirt. Im
Cleghornichen Falle gebar die Frau fünf und zwanzig
Jahre vor ihrem Tode lihr erftes und letztes Kind,
und wurde drei und zwanzig Jahre lang, während
•welcher fie ihre Menftruation nicht hatte , für fchwan»
ger gehalten.
3) Häufig' nehmen die Erfcheinungen , welche
auf die Entftehung diefer Aftergebilde hindeuten, mit
Zeichen von Schwangcrfchaft ihren Anfang , oder
die Production derfelben findet gleichzeitig mit der
Schwangerfchaft Statt.
Hierher gehören die oben (S. 542.) angeführ-
ten Fälle von Zahn- und Haarfammlungen, die mit
einem Kinde abgingen. Eben fo der Cheßon'khe Fall,
wo Haare und ein Zahn im Eierftocke einer Frau ge-
funden wurden, aus deren Scheide einige Jahr vor
ihrem Tode anfehnliche Knorpelfubftanzen abgegangen
•waren.
Vermuthet kann auch werden, dafs Gebilde die-
fer Art Folgen einer unvollkommenen Schwängerung
find, wenn nach einer Niederkunft die Gefchwulft des
Unterleibes nicht ganz verfchwindet, fich aueh wohl
576 —
vergröfsert. Dies fand in dem Falle von Fabriz von
Hilden Statt. In dem Andeifonkhen Falle entftan-
den> um das Ende der zweiten Schwangerfchaft, hef-
tige Schmerzen in der rechten Seite, in deren Ova-
rium nachher Zähne und Haare gefunden wurden.
In dem Falle von Warren bekam eine Frau bald
nach der Geburt des dritten Kindes eine Unterleibs-
gefchwulft, aus welcher eine Menge Haare gezogen
wurden. Auch Jagerfchmid ') erzählt einen hochft
merkwürdigen Fall , der diefe Meinung fehr wahr-
fcheinlich macht. Bei einer Frau, die fchon feit fünf
Jahren über Schmerzen im Hypogaftrium klagte, bei
der fünf Monate vor ihrem Tode die Menftruation
aufhörte und drückende, bis in die Hüftgegend herab-
reichende Rückenfchmerzen und Ifchurie eintraten,
fand er in der Gebärmutter einen Embryo, zugleich
aber das linke Ovarium von der Gröfse eines Gänfeeies,
hart, in feinem obern Theile knöchern und voll einer
Gänfefettähnlichen Maffe. Im knöchernen Theile lag
ein halb verknöcherter Embryo von drei Monaten,
und vier Knochenmaffen , wovon drei eben fo viel
Backzähne , die vierte einen Hundszahn , alle von
derfelben Gröfse als beim erwachfenen Menfchen, dar-
Itelllen.
Die Zeichen , unter welchen diefe Bildungen ein-
treten, und welche es wahrfcheinlich machen können,
dafs fie Produkte vorangegangener Begattung ßnd,
fmd
») Nov, act. n. c. T. II, p, Si— Sr.
■^^^^^ 677
find die der Schwangerfchaf t , vorzüglich das Ausblei-
ben der Menftruation, welches z. B. in den Fällen von
Cleghorn , Coley , Blumeiibach beobachtet wurde.
Diefe Vennuthung wird auch durch den Umftand
beftätigt, dafs es eine Reihe von Bildungen diefer Art
giebt , welche allmähhg zu folchen , wenn gleich immer
noch fehr unvoUkommnen Produktionen führt, die man
durchaus, theils derUmftände, unter welchen fie gefun-
den werden , theils ihrer innern Befchaffenheit wegen,
nur als durch einen Zeugungsact entftanden anfehen
kann.
Diefe Reihe fängt mit der blofsen Bildung von Bäl-
gen im Ovarimn oder im Umfange deffelben an. Im
unvollUommenften Zuftande enthalten diefe blofs eine
feröfe dünne Fliiffigkeit. Das Erwachen eines Triebes
zur Geftaltung in diefer wird durch Fefterwerden angs-
deutet. Dann ericheint entweder blofs eine fettähnliche,
oder eine eiweifsartige härtere Subftanz, entweder allein,
oder an vcrfchiedenen Stellen deffelben Eierftockes. In
jener entftehen bei weiterer Entwicklung Haare, ia
diefer Knochen, und diefe tragen, bei noch höher ge-
fteigerter Produktivität, Zähne. Ob man fich auf die
Beobachtungen von Dünws, wo eine fleifchähnliche Sub-
ftanz zugleich gefunden wurife, wie von Schniuckfir, wo
zugleich Gehirnfubftanz vorkommen follte, völlig ver-
laffen kann, ob nicht richtiger diefe Subftanzen zu den
eiweifsartigen und fettariigen zu rechnen find, lafie ich
dahin geftellt feyii. In einem von Ruyji.k befchriebenen
Falle aber ift es gewifs, dafs an der Nachgeburt eines
regehnäfsigei» Fötus ein grofses Atherom mit einer un-
M. d. Archin /. 4- O o
tern Extremität , und dies unfti-eitig durch eineti Zeü^
gurgsact, gebildet war. Eine befonders defshalb fehr
merkwiirdige Beobachtung weil fie fich fehr ungezwun-
gen wieder an die Reihe der Acephalen anlchliefst, die
aus einer Menge fehr verichiedner Stufen befteht.
Aus allen diefen Gründen ift es fehr wahrfchein-
Jich, dafs in der That in vielen Fällen die Haare und
Zähne wirklich Erzeugniffe einer unvollkommneii
Schwängerung find.
Man hat hiegegen zwar mehrere Gründe aufge-
ftellt ; allein fie find nicht vollkommen bündig, Foig/el
2. B. fagt, er habe nirgends an der Gebärmutter die
Veränderungen bemerkt gefunden, welche bei Extraute-
rinaifcahwngerfchaften gewöhnlich eintreten. Dies ilt
zwar richtig , allein in den Fällen , die eioigermafsen
lange gedauert hatten, konnten diefe Veränderungen'
fo gut verfchwunden feyn als fie bei Extrauterinal-
fchwangerfchaften allniählig verfchwinden. Wie er
das NichtVorkommen von Zähnen in andern Organen,
wo fich diefe Knochen und Haare bilden, als Grund ge-
gen die Meinung, dafs die Veranlaffiuig zu diefer Af-
terbildung in den Eierftöcken eine Schwängerung fejv
anführen kann, fehe ich nicht wohl ein, da theils die
Thalfache, wie Geh aus den oben angeführten Fällen er-
giebt, unrichtig ift, theils, wenn fie wahr wäre, dadurch
vielmehr diefe Meinung wahrfcheinlicher gemacht als.
bekämpft würde. Bündiger find andre Gründe von^
Baillic, i. B. der gänzliclie Mangel von Entwickelung der
äufsern und innem Gefchlechtstheile , die vollige Kind-
lichkeit und Jungfräulichkeit derfelben in vielen Fällen, !
«ler Urnftand, dafs bisweilen die ^*iie''M'feli?jffng^rt,'
Z. B. zwölfjährigen Mädchen fo grofs waren, clafs nOth-
wendjg fchon vor einem Jahre die Schwängerumr "hätte
Statt finden muffen, wogegen man freilich anfiihretf
kann, dafs vielleicht gerade die unvoHkomtnne Entwirft.
lung- der Gefchlechtstheile mit der Unvollkomaienh6it'
«fes Refultats der Begattung zufammenhirig, und djfs'
«inzelne Zähne, Knochen, Haare fchneller wachferi und
lieh entwickeln konnten als wenn ein ganzer Fötus ge^
bildet Wird.
IndefTen ift es mir felbft höclift wahrfcheinlich, dafs
Bei i'jngen Mädchen unter den angegebenen Umftänden,
eben fo gut als bisweilen auch bei altern Frauen und
ganz befonders bei alten Jungfern, diefe Bildungen fehr
wohlohne vorangegangene Begattung entftehen können,,
indem für diefe Annahme
I) die Jugend und die phyfjfche Jungfräulichkeit,
jn den Fällen von Schmucker, SchiUser, wahrfcheinlich
auch Lentin, der Zuftand der Kindlieit, in welchem
fich die erften Erfcheiuungen zeigten;
3) das Erfcheinen foJcher Biidiingen an ein^r
Menge fehr entlegner Stellen;
3) das Vorl^oniinen derfelben beim männiichen
OefcUlechCe zu lehr l'puclit, als dafs man in a/lcnFääea
ßegattiuig als Urfadie auzufehe/i hätte.
Diefe AnGcht von der Entftehung diefer regelwi-
drigen Bildungen haben Lanzweerde , Schacher, Hai-
/#r, (diefe beiden weiiigftens für die Haare, wenn gleich
Uallitr linosUen und Züiuie für Ueberbleibfel «ines aer-
Oo 3
itj^jrt&f^ Fötus anfieht), Blumenbach, BaiHie , ■ ^oigtely
Tf^lranus.
.j-, ;Ot) aber nicht auch fo in den alleimeiften Fällen
e|ne regelwidrige Reizung der Gafchlechtstheile als
Vjfranlaffung der Bildung diefer Körper in den Ovariea
und Aex Gebärmutter anzufehen fey, ift eine andre F^age;
die ich allerdings bejahend beantworten niöcfhte, thejls,
weil offenbar doch ein erhöhtes Wirlten der bildenden
Thätigkeit als Urfache anzufehen ift, ^heijs, weil-ind^m
von Nyfien unterfuchten Falle, ungeachtet der Integri-
tät der äufsern Gefchlechtstheile , ausdrücklich anfehn-
liche Gröfse des Kitzlers und heftiger Trieb zur Onanie, ■
bemerkt wird. Wahrfcheinlich läfst fich diefe Vermu-
thung auch auf den gröfsten Theil der Fälle ausdehnen, '
wo die Ovarien oder die Gebärmutter alter Jungfern der
Sitz diefer Produktionen waren , th.eils , weil ihre mo.
ralifche Jungfräulichkeit mit der phyßfchen nicht im-
itier gleichen Schritt halten foU , theils , weil ihre Ge-
fchlechtstheile überhaupt grofse Neigung zu regelwidri- ~
gen Bildungen haben , thejls , weil man nicht weifs»
■wann bei ihnen die Bildung diefer Subftanz ihren
.Anfang nahm , theils endlich , weil es nach den genaue.-
fteu Beobachtungen gewifs fcheint, dafs gelbe Körper
, oime Begattung entftehen können.
Immer ift fo viel gewifs, dafs man nicht zu der
Annahme berechtigt ift, diefe regelwidrigen Gebilde
nothwendig nur für Folgen einer unvollkommnen
Schwängerung zu halten, indem es durch nichts erwie-
fen ift, dafs nicht der weibliche Organismus auch ohne
Zutritt des Mannes die Fähigkeit hat, wenn auch nur
58i
ungelungne Verfuche zur Wildling" iWüefOfgÄiismen zu
machen. Dafs diefe lieh vorzüglich in den Ovarien bil-
ieä und hier am vollkommenften entwickeln , ift dar-"^
aus erklärlich, dals cliefe die produktivften Organe fincf;^
Sak ihr Gefchäft die Hervorbringung eines neuen Indi-
iSduuins ift. Diefer Trieb fpricht fich durch bald voll-
kommnere , bald «nvolikommnere Bildungen aller Art
aus. In ihrem Umfange entwickeln fich am häufigften
Wafferbälge , in ihnen felbft Bälge mit Fliifßgkeiten und
Hefte Subftanzen alier Art, und innerhalb gewiffer Gräit-'
zen kann man in der That hier eine Lucina fine coactü^
bitu annehmen. "
Ob nicht auch in manchen Fällen Tumiati'Recht
hat, dafs der erfte Grund zu diefen Bildungen fchon
durch die Zeugung gelegt werde, dafs alfo dieffelben
bisweilen nicht Produkte des enthaltenden Organis-
mus, fondern feiner Aeltern feyen, ift eine fchwer zip
entfcheidende Frage. Indeffen glaube ich aus denfelbeö^
Gründen, welche mich abhalten, überall vorangegangene
Schwängerung anzunehmen , auch diefe Urfeche nicHÖ
als die alleinige anfehen zu dürfen, wenn fie gleich ili'
manchen Fällen Statt finden mag. '-'
Die nächfte Urfache ift vielmehr in den meifted''
Fällen regelwifirjge Thätigkeit der Zeugungstheile , die-
-fe werde nun durch nne unter ungünftigen ümftänden
vollzogene Begattung, otlor durch regalvvidrige, eigen-
mächtige Reizung des Gefchlechtstriebes veturfacht,
oder fie entwickle Cch ohne vorangegangene wahrnehm-
bare Urfachen.
Die Entftehung diefer Bildungen befolgt alfo diefel-
t
benGefetze als djeEutftehungder gelben Körper im Eieiv
ftpcke, und ift,üur eine Folge eines höhern Grades vpn
Pradukiivität dir Ovarien, als des zu Entftehung eines
gelben Körpers erforderlichen.
In der Th^t fcheinen mir die gelben Körper oft
auf diefe Weife zu entftehen, ich bin dahm: diefer,
von Verheyen., Blumeiibach und Roofe (ruber vorgetra-
genen Meinung fchon vor geraumer Zeit beigetreten,
und habe fie durch mphrere Gründe zu befeftigen ge.
fucht ' }. Neuerlicli hat zwar H err Jörg geradezu erklärt,
dafs ich aus den von mir gelammelteii Thatfachen ein
falfches Refultat gezogen hätte '), allein ich fehe in d»
That nicht, mit welchem Rechte, Das Refultat, wei-
ches ich, mit jenen berühmten Männern , aus vorhande-
nen Thatfachen zog , war die Möglichkeit der Eneße-
hung der gelben Körper ohne Begattung , bloß in Fol-
ge einer wi gewöhnlichen Erregung der Zeugungs-
tlifitigkeit der Genitalien durch pj'ychißhe oder mechar^
Ujjfjie Reize. Herr Jörg nun hält die gelben, Körper .
gleichfalls nicht für Produkte einer Begattung, fonder»-:
für degenerirte Eier. In einem Punkte alfo, dafs die gel--,
ben Körper nicht nolhwendigProducte einer Begattung
find, wären wir einig. Nur infofern weicht Herrn Jörg's
Meinung von jener ab, als er anzunehmen fcheint, dafs'
die Urfache der Entftehung gelber Körper keine erhöhte'.
Tjbätigkeit der Genitalien fey, fondern eine krankhafte.
Stimmung der Eyer.
l) Cuvier Vorlcf. über vergl. Anat. Bd. 4. S. 45? ff.
4) lieber die Zeuguiig, Leipzig 1815. S, i)2.
— ^ 683
Die für diefe Meinung angeführten Gründe aber be-
Weifen l'ie, wo ich nicht fehr ine, keiuesweges.
l) Das \''orkoininen der gelben Siiüßanz in den.
.Ovarien fehr junger Thiere berechtigt noch nicht zu der
Annahme, dafs fie mit den gelhen Körpern eins fey,
und überdies ficht man nicht ein , warum nicht auch
bisweilen fehr früh die Thätigkeit der GenitaHen in ei-
nem hinlänglich hohen Grade erwachen könne, um die
Bildung eines gelben Körpers zu veranlaffen, da äiifierfi
früher Eintritt der Pubertät , welcher dem Wefen nach
völlig mit tler frühen Entftehung gelber Körper eins
wäre, eine gar nicht feltene Erfcheinung ift.
a) Dafs Herr Jörg bei alten Thieren bald mehr,
bald weniger gelbe Körper gefunden hat, als fie Junge
geworfen hatten, würde keiuesweges gegen die Mei-
nung , dafs zur Entftehung gelber Körper eine erhöhte
Thätigkeit der weibhchen Gefchlechtstheile erforderlich
fey, fondern hochftens nurbevveifen, dafs fie kein Zeichen
einer fruchtbaren Begattung find. Diefe Beobachtun-
gen beweifen aber auch gegen diefen Satz fchon darum
gar nichts, weil es fehr wohl möglich ift, dafs die, durch
die Begattung veranlafsle Bildung nur bis zurEntftehung
gelber Körper gelangt, ohne dafs fie fich nothwendig
bis zur Produktion eines Embryo erheben mufs. Dafs
diefe Bemerkung wirklich gegründet ifi , ergiebt fich
aus den Cruikfliank'ichen ') Verfuclicn, wo fich bei
Kaninchen auf der Seite, Wo die Muttertrompete unter-
bunden war, eben fo vollkommne gelbe Körper als auf
i) Beil« Arjliiv ß<]. ]. S. ;:.
584
der anHern, allein nicht, wie auf cliefer Embryonen ent-
wickelten.
Um fo weniger aber beweift diefer Einwurf gegeni
die Meinung , dafs der gelbe Körper das Produkt einer
fruchtbaren Begattung fey, etwas, weil Herr Jörg- die
Befchaffenheic der gelben Körper gar nicht erwähnt.
Und doch ift dies ein fehr wichtiger Umftand, indem na-
türlich die Anwefenheit mehrerer gelben Körper bei einem
nur mit einem Fötus trächtigen Thiere nur dann Zweifel
gegen die Richtigkeit der Meinung, dafs dergelbe Kör-
per mit der Entftehung des neuen Organismus in Bezie-
hung ftehe, erwecken kann , wenn diefe gelben Körper
£ch genau in demfelben Zuftande befinden. Dies aber
hat Herr Jörg fchwerlich je gefehen: ich wenigftens
habe in wenigftens hundert Fällen immer ganz genau
die Zahl der gelben Körper , welche man für ein Pro-
dukt der gegenwärtigen Schwangerfchaft halten konnte,
der Zahl der Embryonen entfprechend gefunden.
Redet Herr Jörg hier von dem Verhältnifs der
Zahl der gelben Körper zu der Zahl der während
des ganzen Lebens producirten Jungen, fo behält der
erfte Einwurf feine volle Kraft.
Für die geringere Zahl von gelben Körpern gilt
natürlich ganz dafl'elbe ; denn theils konnten ältere ganz
verfch wunden feyn , theils beweifen die einfachen Eier
mit Zwillingen hinlänglich , dafs nicht zwei gelbe Kör-
per zur Entftehung von zwei neuen Organismen notb-
•wendig erfordert werden , wenn es gleich die gewöhn-
lichere Bedingung ift.
— 565
Noch viel wenfger fprechen aber diefe Bebbach-
tungen gegen die Meinung, dafs die gelben Kürper
Produkte einer erhöhten bildenden Thücigkeu über''
Haupt feyen.
Wie endlich 3) die Meinung, dafs die gelben Kör-
per degenerine Eier feyen, fich aus dem dotterähnli-
chen, ftrahlenförmigen Baue derfelben ergeben foll, ge-
ftehe ich, nicht wohl einfehen zu könnem, da in den
Graafifchen Bläschen meines VViffens noch niemand einen
Dotter gefunden hat. Ueberdies ift auch die Thatfache
faifch, denn der gelbe Körper hat nichts Dotterähn-
liches.
Dafs übrigens die gelben Körper umgewandelte
Graaffche Bläsclien feyen, habe ich meines Wiffens nir-
gends geläugnet, und andrerfeits vielmehr geradezu die
Möglichkeit ihrer Entftehung ohne Begattung zu erwei-
fen gefucht , fo dafs ich durchaus nicht begreifen kann,
wie Herr Jörg denSchein auf mich zu werfen fucht, als
verfechte ich die Meinung , dafs fie Ueberbleibfel losge-
trennter Ovula feyen"), und mir die Verfchiedenheit
zwifchen feinem Ausfpruche und dem, was ich wörtlich
gefagt habe, im gelindeften Falle nur durch die Annah-
me erklären kann , dafs er die von ihm angezogene
Stelle nicht voUftändig gelefen hat.
Vielmelir bin ich feft überzeugt , dafs die gelben
Körper immer aus irgend einer Veranlaffung umgewan-
delte Graaffche Bläschen find , aber dafs diefe Umwand-
lung immer eine Folge erhöhter Thätigkejt der Zeu-
I) A. a. 0. S. 1)1.
586 ^
güngsth'eile, undin einem Streben zur ProdukUon eines
neuen Organismus begründet ift, wozu der erfte Schritt
Bildung einer eigenthümlichen.FlüiTigkeit, Umwandlung
d^r, auch im ungefchwängerten Zuftande, im Graaffchen
Bläschen vorhandnen, aber unfruchtbaren und unreifen
in eine fruchtbare, reife Zeugungsflüfßgkeit ift.
Wenn die auf den vorigen Seiten betrachteten
Bildungen in den Eierfiöcken oder im Umfange derfel-
ben gefunden werden, fo mufs man unftreitig eine
ungewöhnlich erhöhte Thätigkeit diefer Theile als die
nächfte Urfache ihrer Entftehung anfehen, indeffen
fcheint mir der gelehrte Treviranus viel zu weit zu ge-
hen , wenn er eine krankhafte Befchaffenheit der Eier,
ftöcke als die Urfache aller diefer Concremente überi
haupt annimmt.')
Die Gründe, welche er für diefe Meinung anführt, '
fcheinen mir wenigftens von fehr geringem Gewicht.
Sie find i) derUmftand, dafs fich faft immer Haare
bilden, zwifchen der Haarbildung und den Gefchlechts-
theilen aber ein genauer Gonfepfus Statt finde. Allein der
Schlufsausdiefem, im normalen Zuftande Statt findenden
Confenfus auf diefen Canfalnexus zwifchen krankhafter
Befchaffenheit der Ovarien und regelwidrig entftehenden
Haaren ift offenbar zu rafch, da theils nicht die Entftehung,
fondern nur das VVachsthum mehrerer Haare mit dem Zu-
ftande der Gefchlechtstheile in Beziehung fteht, theils fieh
eine Menge andrer Organe regelwidrig bilden, deren Ent-
wicklung mit dem Zuftande der Gefchlechtstheile in kei-
ner Beziehung fteht, theils fich fahr leicht aus der im
i) Biol, Bd. j. S. }07.
^-— - s/m
(jarnwk'U Zi/fcunelfi Stau ßndffmlen gfofsen Raprodiik-
uorsfäliigkeit der Haare.eiri weit beßerer Grund des hüü-
ß^n Vorkommens derfeWenumJo richtiger ergieb-t,- (tl^
gerade auch Eett, Knochen und Zäluif, die Subßanzen,
welche aufser den Haaren ßch vorzugsweife regelwidrig
bilden, diefe Eigenjchaften haben , nicht aber vtie den
Gejchlechtstheilen in Beziehung flehen,
p , Herr Treviranus findet zwar auch 2) und 3) zwi-
fchen den Knochen und Gefchlechtstheilen eine fchr
enge Verbindung, allein nur,, weil Homer iUjjd Ge-
weihe erft zur Zeit der Mannbarkeit hervorbrechen,
und abweichende Bildungen der Geweihe mit regelwi-
driger Befchaffenheit der Gefchlechtstheile vorkonimen.
Qffenbar reicht aber diefer, in der That Statt iindende
Zufammenhang zwifchen einzelnen Knocften und clen
Gefchlechtstheilen eben fo wenig zu JJegründung jener
Annahme hin, da zwifchen den Gefchlechtstheilen und
dem ganzen Knochenfyftem kein ähnlicher wahrgenom-
men wird. Jene Theile flehen daher nicht als knöcher'
ne Gebilde mit den Gefchlechtstheilen in Beziehung,
fondern viel wahrfcheinlicher wohl auf andre Weife,
als Hervorragim gen an der Oberßäche des Körpers,
befonders an dem , den Genitalien gegenüber liegenden
Ende deffelben, blofs als Hervorrägungen, wie die
Entftehung der Haken beim männlichen Lachs, die
Entwicklung des blofs häutigen Kammes der Salaman-
der zur Brunfizeit, die Anwefenheit der Hörner und
Geweihe bei mehrern Säugthieren, der Kämme und Bit-
' fihel mehrerer Vögel blofs im männlichen Gefchlechte
deutlich beweifen.
Ueberdies fieht man fehr leicht , dafs diefe Anfi(5ftt
eigentlich zu der völlig grundlofen und im höchften
Grade unwahrfcheinlichen Annahme führt, dafs alle
Texturveränderungen irgend einer Art , die im Körper
vorkommen, in einer krankhaften Befchaffenheit der
E-ierftücke begründet feyen, eine Annahme, zu der
Herr Treviranus offenbar geneigt fcheint, indem er,
ohne auch nur die geringften Thatfachen anzuftihren,
die regelwidrig entftehenden Hornproduktionen bei.
Menfchöb und Thieren, als einen Beleg für die Corre-
fpondenz zwifchen den Gefchlechtstheüen und Knochen
nnd Haaren anführt.
Diefe Annahme ift um fo grundlofer, da in den
Fällen, wo die regelwidrigen Bildungen nicht in den
Eierftöcken vorkommen, diefe, wie z. B. Schützer aus-
drücklich angiebt, vollkommen normal vraren.
G8$
ücb^r die Entwicklung
' ■ aer
Centr altheile des Nervenfyftems
bei den Säugthieren.
Von
J. F. M e c X: e Z.
( Bercblals dar im jtea Heft afgebrocbnen Abhandlung.^
EntwicklUrtg der Wkhel ' und Schüdelknochen.
$. 65.
Die knöchernen HiÜlen, welche die Centraltheile dp«
Nei'venfyftems umgeben, die Wirbelfäule und die Schii-
delhöhlc, entfprecheo durch Geftalt und EntwicklniJgs-
weife den in ihnen enthaltenen Oi'ganen fo vielfach,
dafs eine Betrachtung derlelben hier um fo mehr an ih*
rem Platze ift, als zugleich auch ihre Entwicklung noch
manches Bemerkenswerthe hat, was der Unterfachun^
froherer Beobachter, varziiglich weil fie nicht hinläng-
lich junge Embryonen beobachteten, ■ entging.
■ §• 66-
Ehe ich zu deK Befchreibung der Entwicklung der
Wirbel und Schädelkuochen gehe^ einiges über die
590
»1^ aü ^ 1^
Cörfefpondenz" 2wifc1ien' ihnen und dem Ikipkentnark
und Gehirn.
AufserderUebereinkunft zwifchen der äufsern Ge-i
ftalt beider, die auch dem Auge des Nichtkenners ein-
leuchtet, findet der phyfiologifche Anatom leicht im
Einzelnen höchft merkwürdige, oft übe^rafchenfde
Aehnlichkeiten. , . . .^ ,^ .-, , -x
So wie die' Wirbelfäule aus 'einer Sanmifang auf
einander folgender,' ringförmiger Knochen: befteht, (o
kann man fich das Rückenmark aus einer Reihe rundli-
cher, dicht gedrängter Anfchwellungen aus deren jeder
ein Nervenpaar tritt , und deren jede einem Wirbel ent-
fpricht>- gebildet denkten, um fo mehr-, «da wirklich
die Zahl der Nervenpaaretler Zahl der Wirbel entfpricht,
jedes Neryenpaar zwifchen je zwei Wirbeln aus der
Hühle der Wirbeifäüle tritt, und jeder Wirbel- und
Rückenmarksdurchfchnitt ein eignes, kreisförmig ge-
fchlofsnes' Gefcifsfyftenl hatv ; -
Das Rückenmark befteht ans zwei Seitenhälften,
die anfänglich höchft ^vah^;fcheinlich, wenigftens hinten,
getrennt Cnd , fpäter aber fich hier ioniger verbinden»
jiidem in der Mitte desv hintern Fläche des Rückenmar-
kes nur eine fehr flache Furche , vorn eine fehr tieie^
herabfteigt. . .
So ift auch die Wirbdfäule anfänglich hinten of-
fen, verfchliefst fich aber nachher durch Verfchmelzung
der Seitentheile vollftändig hier früher als in ihren;
vordem Theile , indem die Seitentheile früher verknö-
chern, und dann unter einander verwachfen als der
Körper entfteht und. fich mit ihnen verbindet.
'■*^ t ^ ^ ^» mß OVC
Am Schädel entfprechen die verfchieäeneh Kno<
chen, welche ihn zufainmenfet2en, zum Theil fehr deut'
lieh einzelnen Theilen des in ihm enthaltenen Gelürns
durch Lage, Abtheilung und Entwicklimgsweife.
Im voUkommnern Zuftande entlpricht das Hin-
terhauptbein dem verlängerten Marke, dem JUeinea
Gehirn und dem hintern Theile des grofsen : die 'flbri«
gen Knochen des Schädels dem gröfsten Theile des
letztem. Geht man mehr ia das Einzelne, fo fin-i
dct man zunäcbft frhon , dafs einzelne' und aus befon*
dern Kuochenlcernen entftehende Knochentheüe gewif-
fen einzelnen HirntlieiJen befonders angehören. So ift
der Theil des Hinterhauptbeins, welcher fpecieil das
kleine Gehirn enthalt, «rfprünglich ein eigner, friihet
als der darüber befindliche entftehenderTheil der Schup-
pe. Der Atn Hirnanhang aufnehmende Körper defs
Keilbeins entfteht als ein eigner Knochenkern. Der Za-
pfentheil lies Hinterhauptbeins, der befonders der Hirn-
brücke entfpricht, ift ein eigner Knochenkern, eben
fo die Gelcnktheile, die vorzüglieh mit den letzten
Schädelnerven in naher Beziehung ftehen.
Der obere Theil des Hinterhauptbeins tind alle
(Ihrigen Schädelknochen entfprechen zwar im vollkonim-
nen Zuftande dem grofsen Gehirn, allein, wo ich nicht
fehr irre, fo finden urfprilnglicli andre Beziehungen
; Statt, die gewifs über manche Moniente der Bildungs-
wcife diefer Knochen Auffchlufs geben.
Dem grofsen Gehirn, wenigftens den Hemifphären,
entfpricht anfanglich, wir es noch fo klein und unvoll-
j kommen und weit nach vorn ttod unten gedcangt ift>
193
blofs das Stirnbein , und dies ift daher als fein ihm ei-
genthümlicher Knochen zu betrachten. Dagegen glau-
be ich den Vierhügeln und den Hirnfchenkeln das
Schlafbein, das Keilbein, die Scheitelbeine und die obere
Hälfte der Schuppe des Hinterhauptbeins entgegenftel-
len zu mfiffen. Treten gleich jene Theile fehr bald hin-
ter das grofse Gehirn , welches dann allein mit jenen
Knochen in Beziehung fteht, zurück, fo entfprechen
doch anfänglich fie allein der Gegend des Schädels, wel-
che durch jene Knochen gebildet wird.
Ganz berönclerä fcheint mir die obere Hälfte der
Schuppe; des Hinterhauptbeins, die Ib beftändig als ein
eigner Knochenkern erfcheint, njjt den Vierhügeln in
Beziehung zu ftehen, eine Vermüthung, die nicht blofs
«furch ihre Lage, fondern auch vorzüglich durch den Um-
ftand wahrfcheinlich vvird, dafs fie gerade in den Nage-
thi^ren, wo die Vie'rhiiiel verhältnifsmäfsig am gröfsten
find, nicht nur gröfser als bei den übrigen Säugthieren ilY,
fondern fich das ganze Lebeii hindurch getrennt erhält.
Die Enlwickluiigsweife der verfchiedenen Schädel«
IjLnochen differirt auf diefelbe Weife, als die der ent-
fprechenden Hirntheiie. Die rechte und linke Hälfte
der Hinterhauptfcbuppe verfchmilzt fchon fehr frilh».
wie auch das kleine Gehirn und die Vierhügel weit we-
niger tief in zwei Hälften getrennt find als das grofse.
Der Spaltung des letztern in feinem obern Theile ent^
fpricht dagegen die das ganze Leben beftehende Tren-
nung der Scheitelbeine und der Schlaf beine , fo wie die j
fo häufig nie verfchwindende , immer noch bis in das j
erfte
59S
,erfte Lebensjalir fich erhaltende NichtVereinigung der
beiden Seitenhälften des Stiiobeins.
$. 67.
Specielle Bedingungen aus der Entwicklungs-
gefchichte der Wirbel und Schädelknochen, die ent-
weder noch gar nicht erörtert worden find , oder we-
nigftens noch einer genauen Aiiseinanderfetzung und
Beltätigung bedurften , oder, wenn gleich völlig erwie-
fen, doch noch nicht aligemein gehörig beriickfich-
tigt wurden , find vorzüglich folgende.
$. 68.
I. Wirbelfäule.
Hier betrachte ich zwar vorzüglich die eigentlich
fogenannte Wirbelfäule, doch zugleich auch die Wie-
derholung derlelben, das Brußbein, und ihre Anhänge,
die Rippen. Zuerft von der Wirbelfüule.
Gewohnlich giebt man im Allgemeinen allen Wir*
beln , den zv^eiten ausgenommen , nur drei Knochen«
kerne, von denen einer den Körper, zwei die noch
nicht vereinigten Seitentheile darflellten. Nur wenige
Schriftfteller weichen hieven ab, indem einige fälfch-
Jich den erften immer nur aus zweien , den beiden in
der Mitte verfchmelzenden Seitentheilen, entftehen laflen,
andre mit Recht dem fiebenten Halswirbel fünf verfchie-
dene VerknöcherungspunCte zuerkennen. Für sdje
übrigen Wirbel aber nimmt man im Allgemeinen an,
dafs fie nur aus den drei oben erwähnten Knochenker-
nen entftehen ; nur Herr Senfftmcht die Bemerkung,
M. i. Archh. 2. 4. Pp
oQ-t 1^ .^ ^ ^ ^
(kfs ficli an den Halswirbeln ein viertes und fünftes
Knochenfcherbchen finde, welches er für den Querr
fortfatz hält').
§• 69-
Beim Menfchen kann ich für- jetzt nur der Verknö-
oherungsgefchichte der Halswirbel einiges nicht ganz
unwichtige beifügen. Es ift erftens keinem Zweifel un-
terworfen, dafs Sue und Nesbitt , wenn gleich kein
einziger fpäterer Schriftfteller darauf Rückficht nimmt,
vollkommen Recht haben, wenn fie den fiebenten Hals-
wirbel aus /iVw/iCnoc/ien/hicÄe« entliehen laffen, denn
fchon in den letzten Zeiten der Schwangerfchaft , und
immer zur Zeit der Reife findet fich hier ein anfehnli-
cher länglicher Knochenkern, der ^'or dem innern Ende
des Umfangs des VVirbelarterienloches (foramen ver-
tebrale) zu dem äufsern in querer Richtung verlauft,
OS von vorn vervollftändigt, und durch Knorpel mit deu
beiden genannten Stellen verbunden ift. Sein inneres
Endo ift fchmaler, aber eben fo dick als das aulsere.
dann folgt eine etwas breitere, allein weit diinnere Stelle,
über welche hinaxis der Knochen bis zu feinen Ende im-
HJet breiter und zugleich dicker wird. .Er reicht nicht
über die äufsere\Furzel einer jeden Bögenhälfte hinaus,
und erfcheint, feiner Gefialt und feiner Verbindung
mit dem übrigen Tlieile des VV^irbels nach , vollkommen S
als, ein Rippenrudiment, das fich nur in feinem hintern
Theile, von dem Köpfchen bis zum Höckiei-, entwi--
1} TP. VI/ fig. IS. ee. " "'
— 595
ekelt h'.'tte, üaftings getrennt ift, aber alJmählig mit
dem übrigen Körper zu einem Ganzen verfchmilzti ■ ' al
Die Zeit des erften Sichtbarwerdens diefes queren
Knochenkernes fällt in den fechften Monat der Schwiin-
gerfchaft. Dafs man feine Anwefenheit nicht als
beftändige und regelmafsige Entwicklungsbedingunf
des fiebenten Halswirbels anCeht, ift defto auffal-
lender, da er bis in das dritte oder vierte Lebensjahr
als eigner Knochen zu beftehen pflegt. Die Art feinet
Verivachfung ift nicht überall genau diefelbe, bisweilen
fcheint das innere, in andern Fällen das äufsere Ende zü-
erft mit den entfprechenden Stellen des Körpers und der
hintern Wurzel des Ouerfortfntzes lies fiebenten H;dsAvir-
bels zu verwachfen. An einem Wirbel, den ich vor mir
habe, findet lieh auf der linken Seite die erfte, auf cfer
rechten die zweite Anordnung. Die Zahl diefer Kno-
chen aus der Periode, in welcher man hierüber Unterfrti
chuogea anftellen kann, welche ich vor mir habe, reicht
nicht hin, um auszumitteln, ob, und welche Verfchmel-
zungsweife die häufigere fey: indeffen fcheint mir nach
den Exemplaren, die ich vor mir habe, häufiger das vor-
dere Ende früher zu verfchmelzen als das hintere.
Diefe Anordnung ift aber dem "fiebenten Halswir-
bel nicht eigen, wenn fie gleich hier am deutlichften
ausgefprochen und Regel ift, fondern kommt, wo nicht
ailea, doch mehrem übrigen Halswirbeln wenigftens
häafig zu. Namentlidh finde ich Ce bei dem zweiten '),
Pp a
j) Tf. VI. Fg. 6. 7- «. 9-
fünften * ) und fechfien '), die ich deshalb abgebildet
habe.
Bei allen diefen liegt zwifchen dem Körper und
dem Seitentheile des Wirbels an der vordem Fiäche def'
felben auf jeder Seite ein rundlicher linodhenkern, der
nur 4u'"ch Knorpel mit den übrigen Theilen verbunden
ift. • Dies ift der allgemeinfte Charakter cliefesKnochen-
ftiickes. Die Verfchiedenheiten , vyelche er in den -ver*
fchiedenen Wirbeln darbietet , beziehen fich vorzüglich
auf feine Gröfse. Bei weiten! am gröfsten ift er in dem
zweiten Halswirbel, etwas kleiner im fechften ünd'fehr
unbedeutend , mehr als viermal kleiner als im zweiten»
bei dem fünften. In dem zweiten und fechften bat er
gleiche Höhe mit dem Körper, und nimmt daher, den
Zahn hin weggedacht, die ganze Höhe des Wirbels ein,
beim fünften dagegen legt fich ein Theil der vonlern
Wurzel des Querfortfatzes Unter ihm weg nach vorn,
fo dafs er hier nur an der obern Fläche, in einer Ver-
tiefung jener Wurzel, liegt.
-..V... ^- ^*^'
Diefe Anordnung finde ich bei einem, neim Mo-
nate nach der Geburt geftorbnen Knaben. Offenbar
ift fie infofern fehr intereffant, als dadurch die Analo-
gie zwifchen den Hals- und Rückenwirbeln vergröfsert
•yyird. Jene kleinen Knochenkerpe nämlich liegen ger
rade In derfelben Stelle, Woficjidas Kippenkopfchea
1) Taf. VI. Fig. 10.
2) Tif. VI. Fig. n.
597
anfetzt. An dem fiebenten , letzten Halswirbel, der ia.
fo vielen andern Beziehungen auffallend den Uebergang
von den übrigen zu den Rückenwirbeln macht, erreicht
das Ideine Rippenr-udinient die Spitze des Querfort-
fatzes. Bei den übrigen dagegen entwickelt es fich
nur dem Theile nach, welcher dem Köpfchen entfprichti
und zugleich verkleinert es fich bei dem fünften auf-
fallend mehr als beim fechften. Beim dritten und vier-
ten fehlt jede Spur deffelben. Beim zweiten ift es ani
grofsten. Infofern ctiefes weiter als die übrigen von den
Rippen wirbeln entfgrnt ift, könnte diefer Umftand
Zweifel gegen t'ie Richtigkeit der angegebenen Bedeu.
tung diefes Knochenkernes erwecken; allein fie ver-
fch winden, wenn man annimmt, wrozti man wohl be-
rechtigt ift, dafs didem Knochen fchon die Tendenz
zur Schädelknochen^ntwicklung imprimirt ift, und
wenn man erwägt, dafs überhaupt der zweite Halswir-
bel unter allen der ftärkfte ift. Auf eine höchft merk-
würdige Weife wird die weiter unten folgende Befchrei-
bung der EntwickJungsweife des Keilbeins zwei ganz
ähnliche Knochenkerne zwifchen dem Körper und den
Seitontheilen, oder den grofsen Flügeln zeigen, die,
hier wie dort, erft mit dem Körper, dann erft mit den
Seitenftücken verfchmelzen.
Noch in einer doppelten Beziehung aber find diefe
Thatfachen für vergleichende Anatomie und Phyfiologie
wichtig. Sie enthalten theils einen neuen Beleg für den
Satz, dafs der Embryo in feiner Entwicklung die nie-
dern Bildungen dufhläuft, theils gclien fie einen Bei-
frag zu der Vergleichung zwifchen der oberu und un-
598
tern Gegend des Korpers ab. Bei den meiften Fifcheii
fangen die Rippen fchon mit dem vorderften Wirbel an,
und auch bei mehrern ReptiLen und den Vögeln find die
voi^derften, wenn fie gleich gewöhnlich fogar auf weiter
^om Schädel entfernten Wirbeln fitzen , beträchtlich
kürzer als die übrigen , und nicht, mit dem ßruftbein
verbunden. Diefe Bedingungen finden bei diefeu Thie-
ren das ganze Leben hindurch Statt , verfch winden da-
gegen beim Menfchen fchon fehr früh.
Die Aehnlichkeit zwifchen d^r obem und untern
Körperhälfte wird durch diefe Anordnung infofern
vermehrt , als offenbar dadurch das Heiligbein und die
Halswirbel einander in Hinßcht auf ihre Entwicklungs-
■weife beinahe ganz gleich gefetzt werden. Wenigftens
gik dies für die drei erften falfchyn Wirbel des Heihg-
beins vollkommen. Das zweite Baar von Knochenker-
nen Hegt, gerade fo wie bei jenen Halswirbeln, vorn zwi-
fchen dem Körper und dem eigentlichen Querfortfatze,.
und wie bei den Halswirbeln erfcheint auch an den Hei-
ligbeinwirbeln diefes Paar, welches auch bei beiden das
kleinfte ift, fpäter als alle übrigen Knochenkerne. Au
dem Heiligbeine eines fiebenmonatlichen Fötus finde ich
von ihm noch keine Spur, wenn gleich an allen fal-
fchen Wirbeln deffelben Körper undSeitenlheile anfehn-
liehe Knochenkerne enthalten.
§. 71-
In Beziehung auf die Periode, in welcher diefe
Knochenkerne erl'cheineu , und ah eigne Knochen ver-
fchwinden, kann ich blofs bemerken, dafs ich, den
liebenteil Wirbel ausgenommen, an keinem der übrigen^
bei irgend einem reifen Fötus, deren ich eine anfehnli"
che ISlenge vor mir habe^ eine Spur von ihm bemerke;
Sie fcheiuen erft gegen das Ende des erften Lelieiisjahres
zu entfteheu; wenigftens finde ick fie auch bei vier un-
gefähr fechsiuonatlichen Skeletten noch nicht, wohl
aber bei einem neunmonatlichea, demfelbeu aus wel-
chem ich fie befehrieben habe. Die frühem , fchon im
vierten Schwangcrfchaftsmonate vorhandenen Knochen-
kerne in ilen Halswirbeln , wovon Herr Seuff re-
det» exjftiren, wenigftens als eigne Knochenpuncte,
nie. So wie diefe Knochenkerne an den genannten
Wirbeln am fpäteften erfcheinen , fo verfchwinden fie
hier auch am früheften. Beim fiebenten Halswirbel er-
halten fie fich bis zum vierten , felbft fünften Jahre, ver-
gröCsern fich häufig bedeutend, und fteUen dann, mehr
aber noch wenn fie zugleich das ganze Leben hindurch,
getrennt bleiben, eine überzählige Rippe dar, während fie
in den übrigen Halswirbeln gewöhnlich fchon im zweiten
Jahre verfchwunden find. Wenigftens finde ich an einem
Skelette aus diefer Periode nur noch am fechften Hals-
wirlTel Spuren diefer Bildung. Ganz an der angegebe-
nep Stelle liegt, auf der rechten Seite deutlicher als auf
der linken '), ein dreieckiges Knochenftüek , deffea
Analogon auf der linken nur durch unvoUkomnv
ne Näthe angedeutet ift. Bei eineni andern , drei- bis
vierjährigen Skelette findet fich mir auf der linken Seite
des zweiten Halswirbels ') ein, noch völlig getrennter
1) Taf. VI. rig. IJ.
3) Taf. VI. Fig. 8.
Knoclienkern , zwifchen der vordem Hälfte des Kör-
pers, Zahnesund Qnerfortfatzes , der, in Hinficht auf
Ijiage und verhältnifsmäfsige Gröfse, ganz mit dem über-
einkommt, den ich früher aus dem fünften Halswrbel
des neuomonatlichen Kindes befchrieb, Ift dies daher
vielleicht nicht derfelbe Knochenkern, den ich aus dem
zweiten Halswirbel des letztern Kindes befchrieb, fon-
dern ein fpäterer, der erfcheint, nachdem der erfte mit
dem übrigen Wirbel verfchmolz, und, wenn das letz-
tere nicht der Fall wäre, welche Bildung ift die gewöhn-
lichere, die, welche aus dem neunmonatlichen, oder
die, welche aus dem vierjährigen Kinde befchrieben
wurde ? Oder find beide verfchiednen Perioden eigen-
thiimlifh, fo dafs anfangs, wie bei dem neunmonatli-
c'hen Kinde, das verhältnifsmäfsigviel gröfsere Rippenru-
diment die ganze Höhe des Körpers einnähme, während
es fpäter zu wachfen aufhörte, ftalt dafs der Cch ver-
gröfserndeQuerfortfatz weiter nach vorn und oben rückt?
Die letztere Vermuthung" fcheint mir die richtigere,
«ni fo mehr, da auch die letzten Rippen fo häufigen
Oröfseverfchiedenheiten unterworfen find, und ich bei
feinem etwas altem Skelett ' ) auf beiden Seiten einen
fehr grofsen Knochenkern finde, der indeffen nur noch
zumTheil durch unvollkommneNäthe von den übrigen
Theilen getrennt ift. Weitere Beobachtungen werden
bald diefe Fragen beantworten, die, wegen der von
itiir genmthmafsten Bedeutung diefes Knochenkerns
rieht mfifsis; find.
l) T»r. VI. Fig. 5.
601
Vorzüglich aus diefetn Gnmde habe ich auch auf
diefen Punct in der Bildungsgefchichte der Wirbel auf-
merkfam gemacht. Wichtig wäre es nun noch, zu uor
terfuchen , ob nicht auch die übrigen Wirbel ßch auf
eine ähnliche Weife bilden? Für die Rückenwirbel ift
es mir nicht wahrfcheinlich , indem diefe Knochenkerne
Andeutungen von Rippen zu feyn fcheinen, Wahr-
fcheinlicher ift es dagegen für die Lendenwirbel , un-
geachtet der Umftand, dafs die letzten Rückenwirbel
gewiffermafsen fchon mit den letzten Halswirbeln über-
einkommen, die Erklärung der Urfache des vielleicht
auch an diefen Knochen Statt findenden Mangels derfel-
ben enthielte. In der That kommen die letzten Rücken-
wirbel mit den letzten Halswirbeln infofern überein, als
ßch i) die KOpfe der Rippen, welche fi^ tragen, nicht,
wie bei den übrigen, den meiften, mit je zwei benach-
barten Wirbeln verbinden, fondern nur auf dem Kör-
per des correfpondirenden Wirbels eingelenkt find,
wie diefe Rippenrudimente immer nur einem Wir-
bel angehören , und 2) die letzten Rippen jenen Rip-
penru ümenten auch infofern gleichen, als fie durch
kein Tuberkel mit der Spitze des Querfortfatzes ihres
Wirbels verbunden find.
Indeffen gebe ich dies alles nur als Vermuthung.
Ich habe von dem Slielette jenes neunmonatlichen Kin-
des nur die Halswirbel vor mir, die ich aus einem an-
dern Grumle bearbeiten liefs, und mui& daher erwarten,
«lafs entweder andre oder ich felbft bei einer andern Ge-
legenheit die Beobachtung vervollftündjgen.
602 •*■
Die übrigen Säugthiere unterfciieiLlen fich voniMeii-
fchen, in Hjnficht auf die Entwicklung der Halswirbel auf-
fallend, fofem i) bei keinem einzigen der von mirunter-
fuchten in irgend einer Periode die rippenartige vordere
Wurzel des Querfortlatzes am fiebenten Halswirbel als ein
eigner Knochenkern erfclieint , fondern die Verknödie-v
runp hief völlig nach denfelben Gefetzen, als bei den
übrigen Halswirbeln gei'chieht, und 2) eben fo wenig
fich Spuren der übrigen Zwifchenkuochenkerne finden.
Diefe Verfchiedenheit fcheint fich auf die gerin-
gere Breite der Brufthöhle bei den Sängthieren zu be-,
ziehen, und mit der geringem Wölbung ihrer Rippen
gleiche Bedeutung zu haben.
§• 72-
Aufserdein verdient die Entwicklungsgefchiclite
der beiden obern Halswirbel eine befondere Berück-
ßchtigung.
Gewöhnlich nimmt man an , dafs der zweite aus
vier Knochenkernen entfteht, dem Körper, den Seiten-
theilen und dem Zuhne. Von diefen allein fprechen Al-
hln '), Kerhing ') und faft alle übrigen Ofteölogen.
Nur Nefbitt hat die Bemerkung gemacht, dafs
diefer Knochen bei der Geburt häufig nicht aus vier, fon-
dern aus fiinf bis fechs Stücken befteht. Sein fünftes
und fechftes Stück find die oben fchon genau betrachte-
ten Knochenkerne an der vordem Fläche zwifchen dem
i) A. a. O. p. 51?.
X) A. a. O. S. 34?.
— — ' 603
Körper und Querfortfatze. Ueber die Zeitfolge, ia
welcher cliefe Kerne entltehen, bemerkt fchon /CerÄ;;7// »■,
clafs der Knochenkern des Zahnes l'päter als der des Kör-
pers '), im fiebenten Monate des Fötuslebens entftehe.
Diefer Angabe kann mananfserdem noch die nicht
unintereffante Bemerkung beifügen , dafs der Zahnfort-
fatz fich nicht aus einem, fpndern aus zwei neben einan-
der liegenden rimdUcheti Knochenhernen bildet. Diefe
beiden Knochenkerne entflehen weit früher tdsKerkrins:
angiebt , fpäteftens um den Anfang des fechften Mona-
tes, und bleiben gewöhnlich bis in den achten Monat
von einander getrennt, wo fie zufammenfliefsen , und
der einfach gewordene Knochenkern ficli nach oben zu-
fpitzt und verlängert ' ).
Demnach bildet fich der zweite Halswirbel ge-
wöhnlich aus ßeben, und immer wenigfens ans fünf
Knochenkernen , die aber nicht zugleich vorhanden find.'
Zuerft entftehen die Seitenhäiften , dann der Körpei-,
hierauf der Zahn, zuletzt die Zivifchenknochenkerne.
Anfanglich ift der Knochenkern des Zahnes viel klei-
ner als der Körper, vom Ende des achten Monats an
aber vergröfsert er fich bedeutend, bekommt eine zu-
gefpilzte Geftait, wächft von unten nach oben, und
übertrifft bald den Körper bedeutend. Dann verfch-Tiel^
zen die beiden Knochenkerne des Zahnes unter einan-
der, hierauf die zwifchcn Körper, Zahn und Seitenthpi-
Icn liegenden mit diefen, dann die beiden Seitenhälften,
l) A. a. O. S. 24?.
Sj laf. VI. Flg. J. ^. VC. c.
60^ -—
endlich diefe mit dem Körper, darauf Zuletzt diefer mit
dem Zahne.
Von der Beftändigkeit diefer Entftehungsweife des
Zahnes halte ich mich für völlig überzeugt, da ich fie
an wenigftens zwanzig in diefer Hinficht genau imter-
fuchten Embryonen immer gefunden habe. Sie ift
merkwürdig, weil fie mit der Entftehung des mittelfteii
Stückes des Körpers des Keilbeins, und nicht feiten
auch des erften Halswirbels zufammenfäUt.
Bei den übrigen Säugthieren fcheint die Entwick-
lungsweife des zweiten Halswirbels infofern einfacher,
als fich der Zahn immer nur aus einem mittlem Kno-
chenkern bildet, mid die Zwifchenknochenkerne feh-
len. Wenigftens habe ich bei den Wiederkäuern , den
Schweinen, der Katze, dem Hunde, dem KanincJiea,
dem Hamßer keine Spur davon bemerkt.
§• 73-
Der erfte Halswirbel unterfchejdet fich nicht wo-
fentlich von den übrigen Wirbeln, indem er, wie fie,
aus drei Knochenftücken , den Seitentheilen und dem
Körper, in welchem fich jene früher, als diefes bilden,
entfteht. Nur in Hinficht auf die Zeit, in welcher der
Knochenkern des Körpers und die Art, auf welche er
fich bildet, findet ein bedeutender Unterfchied Statt.
Ganz alli^emein nämlich, finde ich i) beim reifen menfch-
lichen Fötus gewöhnlich nur die beiden Bogenhälften
verknöchert. Die erfte Verknöcherung des Körpers
nimmt gewöhnlich erft um die Mitte des erften Lebens-
605
Jahres ihren Anfang, und Kerkr'mg fagt ' ) ganz unrichtig,
dafs itnfiebentenFutusnionat der Körper des Atlas fchoil
izu verknöchern anfange. Von diefer Bedingung machen
die übrigen Säugthiere, die ich in diefer Hinficht zu
unterfuchen Gelegenheit hatte« eine auffallende Aus-
nahme, indem ich bei reifen Hunde-, Katzen- ,
Schweins • Föcus beftändig die Verknöcherung des At-
laskOrpers fo anfehnlich als in den übrigen Wirbeln ge-
funden habe. ')
Auch durch die Zahl der Knochenkerne, aus
welcher fich der Körper bildet , unterfcheidet fich der
Altas von den übrigen. Hier nämlich habe ich., im-
mer, trotz der forgfältigfren Unterfuchungen, nur ei-
nen Knochenkern gefunden , während im Altas häufiger
mehrere als einer entftehen.
Auch fclieint dies nicht ganz ungewöhnlich, indem
fchon Albin fagt, dafs er einmal ein rechter und ein
linkes, genau in der Mitte durch Knorpel verbundene
Knochenftücke , in einem andern Falle drei , zwei feitli-
che gröfsere, und ein keineres mittleres, im Körper des
Atlas gefunden habe.
Aufsertlem findet fich nicht ganz feiten ein ^gner^
aber weit kleinerer Knochenkern an der Vereinigungst
/teile des hintern Endes der beiden Bogenhalften, fo dafs
dann der Atlas fich aus vier Knochentheilen bildet, eine
in mancher Hinficht merkwürdige Erfcheinung. Denn,
ift fie offenbar eine Verähnlichung der Entwicklungs-
A. a. O. S. »41-
j) S. Taf. 6. Flg. ??• D« All*« •*"*• »•if«» Handefütu».
606
iveife des AilaS mit der des Hinterhauptbeins, fofera
tljefer Knochcnkein der Hinterhauptsfchuppe verglichen
werden kann , 2) erinnert fie an die Entftehung der
Dornfortfätze mehrerer Wirbel bei mehrern Säugthie-
reo aus eignen Knochenkernen. Zwar habe ich nie, wie
ßichat^) beim Menfchen die Dornfortfätze andrer Wir-
bel aus eignen Knochenkernen entftehen fehen , allein
bei meinem Säugtliieren ift es für einige beftändiges
Gefelz.
Namentlich finde ich, dafs bei den Wiederliäuern,
nnd ScJuveinen die Dornfortfätze der Piückenwirbel,
wenigftens der vordem, aus eignen Knochenkernen ent-
ftehen. ')
Diefe bilden fich unter den vier Knochenkernen,
woraus diefe Wirbel hier entftehen, zuletzt, indem ich
bei den angegebenen Thieren Körper und Seitenhälften,
ohne eine Spur von ihnen, fchon fehr weit in der Ent-
wicklung vorgerückt finde.
Ihre Anwefenheit fcheint mit der Länge der Dorn-
fortfätze zufammenzuhängen , denn theils finden fie fich
nur in den Wirbeln , deren Dornfortfätze beträchtlich
entvvifckelt find, theils entftehen fie in denen, wo fie
anl längften find, zuerft, alfo in den vordem Rückenwir.,
beln früher als in den hintern. Daher halien auch die
Wiederkäuer , wo mehrere Rückenwirbel lange Dornen
haben, in aDen, mit Ausnahme der beiden letzten, eigne
l) .'Inac. desciipt. T, I. p. 1)5.
;) S. Jat'.VI. Fig. 54 ""<* j?- Die er&eii Rückenwirbel eines rei-
fen SchweinsRitws. '
■'--'-'— 607
Knochenkerne in denfelben , beim Schuiein dagegen,
wo die Zahl der Janggedornten weit geringer jft, finden
fie Cch nur in den fieben vordem.
Ungeachtet die Knöchenkerne der Dornen fpäter
Als. alle übrigen entftehen , fo verwachfen fie doch weit
früber mit den Seitentheilen, als diefe init dem Körper.
^, Diefe Verknöcherungsweife der langgedornten
Wirbel ift in mehreren Hinfichten wichtig :
l) fofern fie zur Betätigung des Gefetzes beiträgt,
dais oft die Zahl der ICcrne, aus welchen fich ein Kno-
tlien bildet, von der Gröfse des Knochens abhängt, wie
fich 2. B. die grofsen Rührenknochen wenigftens aus
drei, die kleinen in der Hand und dem Fufse nur aus
zwei Knochenfttickeu entwickeln. Ich fage indefs mit
bedacht, dal's diefe Bedingung nur o/i^ eintritt , indem
2. B. das Scheitelbein nur aus einem Knochenkern ent-
ft6bt, während fich das kleinere Keilbein, das Riechbeiii
u. m. a. aus einer ungclieuern jVIenge bilden. Diefes
Gefetz Wird, wo ich nicht irre, vorzüglich dann be-
jGphränkt, wenn es mit einem andern in Collifion
kommt, dem zu Folge die Zahl der Knöchenkerne,
laus welchen fich ein Knociien bildet, von dem Grade
der Zu/ammenfiezung deffelben abhängt, £^in offenbar
allgemeineres Gefetz als jenes.
a) Ift diefe Verknöcherungsweife der langgedorn-
teh Kückenwirbnl we^en der dadurch bewirkten Ver-
ahtilich'ung zwifclien Wirbeln tind Ilinlerhauplsbain
■wiclilJg, indem, wie fchon für den als Ausnahiae auch
beim Me/ifcheii bisweilen vorkommenden mitticiii hin-
tern ICnof lienkern am Atlas bemerkt wurde, der K^o-
60'8
chenkern des Domes offenbar der Schuppe desHinterr
hauptbeines entfpricht. Sehr merkwürdig ift es hiei*,
dafs nicht nur die Lage , fondern auch die Verfchmel-
zungsweife deffelben mit den Seitentheilen völlig diefel-
be ift, indem auch am Hinterhauptbein die Schuppe
weit früher mit den Spitentheilen verfchmilzt, als diefe
fich mit dem Körper verbinden.
Noch mehr wird diefe Aehnlichkeit durch zwei
Umfiände Vergröfsert, die ich bisweilen bemerkt habe.
Sehr deutlich nämlich findet man die Kerne der klei-
nem Dornfortfätze der hintern Rückenwirbel anfäng-
lich aus zwei Hälften , einer rechten und einer linken
gebildet, und a) zwifchen dem Knochenkerne des Dorn-
fortfatzes und der Seitenhalften häufig einen kleinern
Knochenkern, gerade, wie ich ähnliche auch zwifchen
der Schuppe »jnd den Gelenktheilen des Hinterhaupt-
beines mehrmals vor mir habe.
§. 74-
Vom Heiligbein ■weita man fchon kit Albin*) , dafs
von den fünf falfchen Wirbeln , aus welchen es befteht,
die drei obern aus fünf, die zwei untern nur aus drei
Knochenkernen entftehetl. Kerkring hatte früher
die Angabe, dafs die Heiligbein wirbel fich aus fünf
Knochenftücken bilden, irrig auf alle Wirbel ausge-
dehnt»), wenn er gleich zuerft die Entdeckung ge-
____^___ macht
1) lo. off. foetat , p. 57.
:|) Ofteog.foet. Opp. pag. 441. '
maclit zu haben fcheint, dafs die drei obern aus fünf
Kernen entftehen.
Eben fo giebt fchon Kerkring '), fo wie nach ihm
Albin *) i Nesbitt^'), Senjf*) richtig in , dafs im drit-
iton oder vierten Monate die Verknöcherung des Hei-
ligbeins zuerft im Körper und namenthch in den obern
«Wii'bein fniher als in den untern , anfängt,
■ij Gewifs eine merkwürdige Abweichung von dem
allgemeinen Gefetz, dafs die Verknöcherung der Wir-
bel und der ihnen ähnlichen Knochen, namentlich aller
Schädelknochen; früher in den Seitentheilen als dein
Körper ihren Anfang nimmt; um fo merkwürdiger, da
die Uejligenbeinwirbel offenbar den übrigen weit ähn-
licher find als die Schädelknochen.
iVMÜ« hat ferner auch bemerkt, dafs die vordera
Knochenkerne der Seitentheile der drei obern Heilig-
beinwirbel fpäter als die hintern , erft im fiebenten bis
achten Monat, wieder in den obern früher als in den
untern, entftehen f). Hierin kommen daher die Heilig,
beinwirbel mit den Halswirbeln infofern überein, als
auch bei jenen die zufällig bisweilen vorkommenden
Knochenkerne fpäter als alle üi)rigen entftehen.
Endlich weifsman, dafs diefe verfchiedenen Kno-
ohenftücke oder einzelnen Wirbel weit früher unter
' i) A. a. O. S. ni.
a) A. 2. o. 8. 57.
' 9) A. a. O. 3. <t-
4) A, a. O. S. fi.
i) A. a. O. S. 69,
M. 4. Arthiv. I 4. Q ^
,510
einander zu einem Wirbel, als die verfchiedenen Wir-
bel zu einem Knochen zufammentreten , die Vereini-
gung zwifchen den Seitentheilen der über einander lie-
genden Wirbel weit früher als zwifchen den Körpern
gefchieht, und am fpäteften die feitlichen Hälften hinten
zufamnienfliefsen.
Ungewifsheit herrfcht nur noch, fo viel ich weifs,
über die fernere AusbiJdungsweife des Heiligbeins, in-
dem ich nirgends angegeben finde, in welcher Ordnung
die fünf Knochenkerne, woraus die Wirbel beftehen,
unter einander verfchmelzen , und in welche Lebens-
periode die Vereinigung der verfchiedenen Knochen-
kerne, aus welchen fich allmäblig das Heiligbein bildet,
fallt.
Nach den Uflterfuchungen die ich hierüber ange-
bellt habe, glaube ich als Regel feftfetzen zu können;
l) dafs suerß das hintere Seitenßück mic cUm Körper
verteu'icfifi, darauf das hintere mit dem vordem ver-
fchmilzc und ganz zuletzt ßch auch das vordere mit dem
Korper vereinigt. Doch fängt wohl im Allgemeinen
die Verfchmelzung des vordem mit dem Körper noch
früher an als die Verwachfung deffelben mit dem hin-
tern beendigt ift.
a) Dafs die Verwachfung der Knodtenßücke der
einzelnen Wirbel des Heiligbeins nicht iiackdenfelben
Ceßtzen als ihre Entftehung^ fondern auf ganz ent-
gegenge/elzte Weife gefchieht. Ziierft nämlich ver-
fchmelzen die Knochenkerne des dritten ,' ZületzT die
des erften Wirbels. Noch früher fcheinen fich die des
vierten und filnften zn vereinigen.
"' ■ 3) Nach Ablall/ des vierten Jahres find im Allge'
meinen alle Knochenkerne der einzelnen heiligbeirt'
Wirbel zu Einem zufammengeßoffen,
*' ' ' 4) Die völlige Verfchmelzung der verfehle df>neit
Wirbel gefchieht erfi nach dem Eintritte der Pubertät.
Die EntftehungSweife der Heiligbeinwirbel wird
bisweilen durch die Lendenwirbel, vorzüglich die letz-
ten, nachgeahmt, indem diefe nicht nur anfehnJichera
Querfortfätze als gewöhnlich tragen , fondern der
vordere Theil von diefen auch als ein eigner Knochen-
kern entfteht. So finde ich es am letzten Lendenwir»
bei eines imgefähr zweijährigen Kindes, wo der be-
trächtlich grol'se linke Seitentheil des letzten Lenden-
wirbels aus zwei getrennten Knochenftücken befteht,
welche durch Lage, Geftalt und verhältnifsmäfsiga
Gröfse ganz mit denfelben Theilen an einem der drei
obern Heiligbeinwirbel übereinkommen.
Hierin mag auch die , gerade an den Lendenwir-
beln mehrmals beobachtete, das ganze Leben beftehende
Trennung des Querfortfatzes vom übrigen Wirbel be-
gründet feyn , die vorzüglich wegen der dadurch gefetz-
ten Aehnlichkeit mit den Rückenwirbeln und Rippen
merkwürdig ift.
Der Gefchichte der Steifsbeine finde ich nichts be-
merkenswerthes zuzufeizen,
$. 75.
Aufser den Wirbeln , welche man als die Vrkno'
chen des Stammes betrachten kann , verdient auch die
Ent\viclUungs weife desßrußbeins und der Rippen, der
Ql3
pi2 ^^^^^
ISehenknochen. deffelben, vorzüglich in vergleichende!:
Hinficbt einige Berückfichtigung.
Die Unvollkominenheit des Brufibeins auch beim
reifen meufchlichen Fötus ift hinlänglich bekannt. Da-
gegen ift es bei den meiften Thieren um diefe Zeit fchon
beinahe ganz verknöchert. Alle Knochenkerne, aus
welchen es fpaterhin befteht j iincl vorhanden, und zwi?-
fchen je zwei Rippen findet fich nur einer. Der Knorpel,
der beim menfchlichen reifen Fötus noch den gröfsten
Theil des Bruftbeins bildet» ift fchon faft ganz ver-
ichwunden»
Bei manchen Thieren fcheint die Entwicklung
wieder weit fchneller Vorzüfchreilen als bti andern. So
2. B. ift es bei noch fehr jungen Kaninrhenembryonen
fchon weit vorllkommuer als bei viel altörn Schweim-
embryonen ausgebildet, auch beim reifen Schweinsfü-
tus nnvollkommner als beim reifen Hamfter, Kaniu-
chen und der Katze.
Bei den meiften Thieren fcheinen fich die einzel->
iien Stücke des Bruftbeins nur aus einzelnen Knochen-
l\£rnen zu bilden. So finde ich es wenigftens felbfi: bei
frühern Kaninclienembryo/ien und immer bei den reifen
Fötus der übrigen. Nur das Schwein fcheint hievon
eine Ausnahme zu machen, indem ich bei Schweinen
aus dem Anfange des dritten Embryomonates fehr kleine,
paar weife neben einander flehende Knonhenkerne in den
fich zu verkhüchern anfangenden ßruftbeinftücken
finde , was mit der gröfsern Breite des Bruftbeins bei
diefem Thiere zufammenzuhängen fcheint, und eine
nicht unmerkwürdige Menfchenähnlichkeit ift.
Der fchnellen Ausbildung des Bruftbeins ungeach-
tet bleibt es doch das ganze Leben hindurch bei allen
mir bekannten Säugthieren aus einer Menge einzelner
Knochenftücke gebildet, deren Zahl genau mit der Zahl
der Zwifchenräume der Rippen, die fich an das Bruft-
bein heften, übereinkommt, und die Verknöcherung
gefchieht daher zwar fchneller, aber weniger vollftänclig
als beim Menfchen. Wie fehr durch die Zufamnien-
fetzung des Bruftbeins aus mehrern einzelnen Knochen
die Aehnlichkeit deffelben mit der VVirbelfäule vergrö-
fsert wird , habe ich fchon früher bemerkt ').
Bei den Thieren ift auch die Aehnhchkeit zwi-
fchen diefem Knochen und den letzten Wirbeln der ei-
gentlichen Wirbelfäule, den Schwanzwirbeln, eben fo
auffallend als beim Menfchen, ja man findet die Ge-
ftalt beider immer völhg auf diefelbe Weife abgeändert.-
So find die Bruftbeinwirbel und die Schwanzwirbel bei
der Katze länglich, beim Schwein dagegen beide
verhältnifsmäfsig weit kurzer und breiter. Der Ham-
ßer und das Kaninchen halten zwifchen beiden die Mit-
te, und auch hier wird die Geftalt beider in den ver-
fchiedenen Lebensperioden auf entfprechende Weife ab-
geändert , indem beide in den frühern verhältnifsmäfsig
breiter und kurzer als in fpätern find.
Auch habe ich noch eine nicht unintereffante
Aehnlichkeit zwifcijen dem Bruftbein und der Wirbel-
fäule gefunden. Zwifchen den Wirbeln, befonders den
Lenden- und Schwanzwirbeln , findet man nämlich an
l) Bfilr. Bd. i. St, I.
der untern Fläche bei mehrern Thieren fehr regelmä-
fsig paarweife neben einander flehende Sefambeinchen.
Namentlich fehe ich fie in der Lendengegend beim
Maulwurf., am Schwanz beim Hamßer fehr deutlich.
Beim Hamfier aber finden Cch ganz auf diefelbe Weife
auch zwifchen den einzelnen grofsen Bruftbeinwirbeln
mehrere Paare von, diefen ganz ähnlichen, Sefam-
beinchen.
Diefe Gleichung erinnert unwillkilhrlich an eine
andere , die zwifchen den Bruftbein - und Schwanzwir-
beln mit den Knochen der Gliedmafsen beftehende.
Hier haben in der That alle langen Knochen im We-
fentlichen ganz diefelbe Geftalt als die einzelnen Bruft-
beinwirbel der meiften Thiere, indem fie in der Mitte
zufammengezogen , an beiden Enden angefchwollen
find. Auch die Anwefenheit von paarweife ftehenden
Sefambeinchen giebt einen neuen Vergleichungspunct
ab, befonders, fofern diefe bei den meiften Säugthieren
weit zahlreicher als beim Menfchen , an allen Zehen,
und nicht blofs an den Händen und Füfsen, fondern auch
in andern Gelenken, z. B. im Kniegelenk, vorhanden
find, wo indeffen auch beim Menfchen die Kniefcheibe
und der Ellenbogenknorren in diefelbe Klaffe gehören.
Alles zum Beweife , dafs die Wiederholung eines und
deffelben Typus ein viel durchgreifenderes Gefetz ift,
als die, welche fich nur an die Aufsenfeite und die frei-
lich leichler zu bemerkenden Verfchiedenheiten halten,
anzunehmen geneigt feyn mögen.
6x5
§. 76.
Die Rippen bieten keine ausgezeichnet merkwür-
dige Bedingung in ihrer Entwicklung dar. Si.e entfte-
hen und vervoJikonimnea fich bei allen von mir unter-
fuchten Säugthieren weit früher als die Wirbel und das
Bruftbein.
Beim Hamfier wurde ich durch meinen Bruder
zuerft auf die merkwürdige Befchaffenheit der Rippen-
knorpel aufmerkfam gemacht. Diefe find weit härter,
fefier und fpröder als gewöhnliche Knorpel, und be-
kommen durch das Trocknen eine weifsliche Farbe.
Bedingungen, die zwar noch nicht bei der Geburt
vorhanden find, aber fehr bald nachher einzutre-
ten anfangen, und die mit der unvollkommnen Ent-
■wicklung und Kleinheit der Lungen der Nager, viel-
leicht auch mit dem Winterfchlaf mehrerer unter ihaenj
zuCammenhängen mögen.
II. Schädelknochen.
§. 77.
Bekanntlich hat der berühmte Sdmmerring zuerft
das Keil- und Hinterhauptsbein als einen Knochen be-
trachtet, weil beide fich um die Zeit , wo die Knochen-
ftücke, welche das ganze Leben hindurch einen Kno^
chen bilden , völlig vereinigt haben , und fogar noeli
froher, zu einem Knochen verfchmolzen find. Daieh
an mehr als 300 Schädeln und einzelnen Knochen -die-
fen Satz durchaus beftätigt finde, fo nehme ich keinen
Anftand, ihm unbedingt beizutreten ; indeffen ift es doch,
wie auch Sömmerring gethau bat , wegen der grofses
616
Complication diefes Knochens zweckmäfsige , das Hm-
terJiauptfiück xind das Keilbeinßück abgefondert zu be-
trachten.
Hinterhauptftück.
f 78.
Unter allen Knochen des Schädels kommt keiner
durch Gfißalt., Lage und Entwicklungsweife fo fehc
mit einem Wirbel überein , als das Hinterhauptftück.
Der Zapfentlieil entfpricht dem Körper, die Gelenkthet-
le und die Schuppe den Bogenhälften, das Hinter-
hauptsloch vöDig dem Rücke nmarksloche der Wirbel.
Gewohnlich giebt man an, dafs diefer Knochea
aus vier Knochenkernen, welche den genannten Gegen-
den deffelben entfprechen, entfteht, allein Herr iSe/jj^^
hat fchon bemerkt, dafs um die zwölfte Woche die
Schuppe aus einem obern und einem untern Knochen-
kern befteht ' ) und ich habe nachgewiefen, dafs fie fich
allmählig aus vier Paaren , alfo aus acht Knochenftücken
bUdet').
Unter allen Theilen des Hinterhauptbeines entfteht
der untere Theil der Schuppe zuerft als ein niedriger,
dünner, aus zwei Seitenhälften gebildeter Streif um
die zehnte Woche. Nachdem er nach oben fich ver-
gröfsert hat, und feine beiden Hälften verfchmolzen
ftnd , entftehen in der zweiten Hälfte des dritten Mo-
nates ungefähr zugleich die Gelenktheile und über ihm
l) A. a. O. S. 24.
>) fieitr. Bd. l. St. i. III.
öir
ein zweites Stück , welches auch anfangs aus zwei Sei-
tenhälften befteht, wie anfangs das erfte, niedrig ift, und
um das Ende des dritten Monates ein einziges bildet.
Zugleich verdicken und vergröfsern fich die frü-
her vorhandnen beträchtlich , die Fortfätze der Gelenk-
theiie bilden fich aus, und der Zapfemheil erfcheint.
Diefer alfo ift der letzte der vier Theile , woraus
beim reifen Fötus noch das Hinterhauptbein befteht.
Etwas fpäter erzeugt fich nach aufsen und oben von
dem erften und zweiten Paare der Schuppe ein drittes
Paar, dem bald ein viertes, welches über dem zweiten
liegt, folgt, und die um die Mitte des Fötuslebens ge-
wöhnlich verwachfen find.
Häufig entftehen noch im Umfange des Knochens
einzelne, fich mit ihm vereinigende Knochenkerne, felt-
ner andre zwifchen der Schuppe und den Gelenkthei-
len, die durch ilire Dicke der Dicke diefer Gegend ent-
fprecben.
Wie diefe Entwicklungsweife des Hinterhauptbei-.
nes den Gnmd der Entftehung der Zwickelbeine ent-
hält , und zugleich fie und die in ihr begründeten Zwi-
ckelbeine mit permanenten niedern Bildungen zufam-
menfallen, habe ich fchon vor mehreren Jahren hinläng-
lich dargethan ').
Die Entwicklungsweife des Hinterhauptbeins ift
im Wefentlichen bei den Säugthieren vollkommen die-
l) lieber die ZwieVelbeine am menfehUcIien Schädel. In mei-
nen Beiträgen lur vergl. Anat. Bd. 1. Hf. J. 111. Pathol. II
Aut. Bd. I. Vom AViflcrkopfc und den Zwickelbeineo.
618
felbe als beim Menfchen, nur erreicht es bei' mehrern
derfelben die Stufe der menfchlichen Entwicklung ent-
weder gar nicht, oder weit fpäter, vorzüglich, fofern
die obere und untere Hälfte der Schuppe bei mehrern,
befonders den Nagethieren, das ganze Leben hindurch,
iind auch bei den übrigen wenjgftens bis zur Geburt von
einander getrennt bleiben.
Diefe Trenniuig bis zur Geburt finde ich wenig-
ftens beftändig beim Pferde, allen Jüelündifchen Wie-
derkäuern, dem Hunde und der Katze. Auf eine
merkwürdige VVeife macht dagegen das Schwein von
diefem Gefetz eine Ausnahme, indem ich bei Schweins-
fötus , die kaum das erfte Drittheil des Embryolebens
zurückgelegt hatten , fchon beftändig die Hinterhaupt-
fchuppe nur aus einem Knochenkern gebildet finde.
Beim Kaninchenembryo findet fich immer ein drittes
Paar von Knochenkernen über dem obern Stücke der
Schuppe, fcheint aber bald mit dem darunter liegenden
zu verfchmelzen. Diefes entfpricht dem vierten Paar
von Knochenkernen am menfchlichen Hinterhauptbein,
welches am häufigften als Lambdaknochen erfcheint.
Vom Keilbeinftück.
$. 79-
Unter allen Schädelknochen ift das Keilbeinftück
des Hinterhauptbeines fn Hinficht auf feine Entwick-
lungsgefchichte am intereffanteften und zugleich am vpe-
nigften bekannt. Die Schriftfteller geben gewöhnlich nur
an, dafs es beim unreifen Fötus aus fünf, beim reifen.
619
oder dem einige ^lonate alten Kinde dagegen nus drei
Knochenftücken beftehn. Belege hiezu liefern Albin ' ),
Walter^), Lader i), Hildebrandt*).
Einige Anatomen machen zwar hievon eine Aus*
nähme. Namentlich gehören hieher /CerAiWng' 5)^ 2Vw»
bitc *), und Factori '). Die Angaben der beiden erftem
thun dar , dafs in gewiffen Perioden die Zahl der Kno-
chenftücke geringer, in andern dagegen gröCser als die
gewöhnlich angegebene ift, Fattori giebt nur die letz-
tere Bedingung an. Er liefert, dem Plan feiner Arbeit
gemäfs, keine Befchreibung der Anordnung der ver-
fchiedenen Knochenftücke, giebt auch nicht die Periode
an , in welcher das Keilbein des Embryo aus der von
ihm bemerkten Anzahl von Knochenftücken, die
er auf neun fetzt, beftehe. Kerkring und Nesbiu
dagegen fixiren die Perioden genau, und befchreiben
zugleich die Vertheilung der Kuochenkerne. Doch fin-
den fich einige Lücken in ihren Befchreibungen , und
theils darum , theils , weil meine Beobachtungen zum
Theil von den ihrigen etwas abweichen, glaube ich
nichts überflüffiges zu thun, indem ich diefelben liefere,
um fo mehr , da fie völlig unabhängig von den frühern
gemacht wurden.
1) le. olfinm foetus , p. Vf.
2) Trockne Knochen. S. 97.
)) Anat. Handbuch S. 6%.
4) Handbuch d. Anac. Bd. i. S. 177.
5J Oftfotrenia foetuum Cap. VI. in Opp. an. p. aic. ff.
«) Oftogcnid. S. 5J.
7) Guida alle ftnd. d»lla aiat. umana. Pavia igo/. T. I. p. 6u
630 —
Unter allen Schädelknochen entfteht das Keilbein-
rebft dem Siebbein am fpäteften. Bei einem achtwö-
chentlichen Embryo , deffen Hinterhauptftilck fchon
fehr vollkommen entwickelt ift, und defTen übrige
Schädelknochen alle wenigftens Spuren von Verkhöche-
rung zeigen, findet fich an der Stelle des Keilbeins noch
ein blofser Knorpel '). Kerkring ') macht diefelbe Be-
merkung.
Anfänglich erfcheint im dritten Monate, wie auch
Kerkring richtig angiebt , zuerft auf jeder Seite ein Kno-
chenkern und namentlich in den grofsen Flügeln, fo daf?
es in diefer Periode nur aus zwei Knochenftücken be-
fteht '): eine intereffante Bildungsftqfe diefes Knochens,
weil er auf ihr den A'irbeln , deren beide Seitenhälften
gleichfalls zuerft, weit früher als der Körper, verknö-
chern, und die gleichfalls anfänglich nur aus den zwei
Knochenkernen der Seitenhälften beftehen, auffallend
ähnelt,
Bei einem Embryo aus der zweiten Hälfte des
dritten Monates finde ich es fchon aus vier Knochen-
ftücken gebildet, von denen zwei auf jeder Seite liegen.
Das eine Paar , vvrelches bei weitem gröfser als das an-
dere ift, ftellt die grofsen Flügel, das zweite, viel
kleinere die mittlem oder die Flügelfortfatze dar.
So fcheint es wenigftens auf den erften Anblick des
Keilbeins aus diefer Periode; allein fpätere zeigen, dafs
das kleine, innen und unten liegende Knochenpaar nicht
I) Taf. VI. Fig. 14.
4) A. a. O p. 515.
3) Taf. VI. Fig. H<
-•"•'— 621
5der ganze Flügelfortfatz, foadern nur das innere Blatt
deffelben ift. An dem Knochenftücke, welches den gro-
Xsen Flügel darftellt, fehlt nämlieh in diefer Periode
^och jede Spur eines Flügelfortlatzes, der fpäter, ganz
yerfchieden von dem getrennten innern Knochenftücke
und gleichzeitig mit demfelben als ein blofser Fortfatz
ans dem grofsen Flügel herVorfprofst.
Dies bemerkt man fchon fehr deutlich an dem
Keilbein des ungefähr dreimonatlichen Elmbryo '). Der
vorher glatte grofse Flügel ift hier an feinem innern
und untern Ende nach vbtäa iu einen ftumpfen Fort-
fatz ausgezogen, der bei dem frühern gänzlich fehlt.
Aufser cliefem Fortfatze liegt weiter nach innen ein , im
frifchen Zuftande beweghches, längliches Knochenftück-
chen, welches Cch etwas nach unten und aufsen, jenen»
Fortfatze entgegen wendet. Es nimmt genau diefelbe
Stelle als das erfterwähnte innere Knochenftückchea
ein , nur reicht es hier nicht fo weit als das innere
Ende des grofsen Flügels h^ab, während es beim frü-
hern Embryo tiefer herabfteigt, wovon, wie man leidet
errath, der Grund in dem jetzt gefchehenen Hervor-
fproffen des äufsern Blattes des Flügel/ortfatzes enthal-
ten ift.
Aufser der weitern Ausbildung des gfofsen Flügels
bietet aber das Keilbein in diefer Periode noch ander-
weitige Spuren vorfchreitender Entwicklung durch das
Erfcheinen eines Knochenkernes an der Stelle der klei-
nen Flügel dar. Auf jeder Seite nämlich findet fish.
I) Taf. VI. Fig. I«, 17.
^22 -*— ^-^
ungefälir in der Mitte des äufsern Umfangs des Sehnerv
venloches , in der äufsern Wurzel des kleinen Flügels»
ein rundlich dreieckiger Knochenkern '), derimVerhäJt-
nifS zu der Knorpelmaffe attfserordentlich klein ift, fo daft
alfo jetzt das Keilbein aas fechs Knochenftücken befteht.
Dies bemerkt auch Ktrt Senf/ ric\\tig , ungeachtet
ich nicht begreife, wie er IS'esbin und Keikring als Gv-
währsmänner anführen kann, da diefe an der abgedruck-
ten Stelle ausdrücklich dem Keilbein jetzt acht Knochen-
kerne zufchreiben, wovon zwei im Körper hegen. Auch
find die Abbildungen für diefe Periode viel zu grofs.
Eben fo haben fie ganz die Bedeutung des untern Paares
-verkannt, indem fie es für den ganzen mittlem Flügel-
fortfatz halten, da es doch nur das innere Blatt deffel-
ben ift , das äufsere Blatt fich nie als eigner Kern ent-
wickelt, fondern immer nur ein Fortfatz des gro-
fsen Flügels ift. Eben fo wenig hat auch Herr Senff*^
diefen Umftand richtig ausgemittelt, indem auch er aus-
drücklich jenen Knochenkern für den ganzen Flügel-
fortfatz hält.
Noch ift aber im Körper keine Spur von Knochen
vorhanden '). Der nächfte Schritt zur weitern Vcrvoll-
i) Taf. VI. Fig. Ifi. 17. bb.
3) A. «. O. p. JI.
3) NcsHtt (Ofteog. p. 5).) giebt zwar für den dreimonatUchtn
Fötus drei Knochenkerne im Keilbein an , allein er hat hier
l) di« übrigen beiden Paare aufser den grofsen Flügeln ganz
überfehen , und 2) den Knochenkern im Zapfentheile des Hin-
terhauptbeins für den Kern des Keiibeinkörpers gehalten, wie
Aie AbbUduDj (Taf. 2. Elg. £;■) biolwgUoli beweift.
625
Jrominnung das Knochens gefchieht indeffeir durch Abfatr
von Knochenfubftanz, in dem Knorpel, der fich bisher
an der Stelle deffelbea befand ').
Im vierten Monat nämlich bilden fich zu diefen
fechs Knochenkernen zwei andre, rundliche, feitlich ne-
ben einander liegende , nach Vorn und unten im Körper
des Keilbeins an , fo dafs alfo jetzt das Keilbein aus acht
einzelnen Knochenftücken befiehl ').
Zunächft wird nun die Ausbildung des Körpers
vervollftändigt , indem fich zwifchen jenen beiden er-
flen Kernen deffelben und den grofsen Flügeln nach
aufsen auf jeder Seite ein queres Knochenftück anbildet.
Zugleich verwachfen beide mittlem , zuerft vorhandnen
mehr oder weniger bald mit einander.
Weiter ift von Nesbitt und Kerkriitg die Bildungs-
gefchichie des Keilbeins nicht verfolgt, und diefer be-
hauptet fogar , im fünften Monat wäre die Verknöche-
rung völlig beendigt '). Indeffen beweifen fchon be-
kannte Thatfachen die Unrichtigkeit diefer Behauptung,
noch mehr die folgenden.
Beim ungefähr fünfmonatlichen Embryo befteht
das Keilbein aus neun bis zehn Knochenftücken, wie
Fattori als allgemeine Bedingung angiebt. Von ihnen
bilden drei oder vier d«n Körper, zwei die grofsea
I) Fig. Ig. d.
a) Fig. lt.
%') A. 1. 0. p. ijf.
Fliigel, zwei andre d.ls innere Blatt des Fliigelfortfatzes,
und das letzte Paar endlich die kleinen Flügel ').
Wird der Körper aus drei Knochen gebildet, fo
ßndet fich ein unpaarer und zwei paare '). Der un-
paare, der bei weitem gröfsär als die beiden übrigen
ift, li?gt in der Mitte, ift länglich rund, und hat
ganz die Form eines Wirbelkörpers, Er trägt in der
hintern Hälfte feiner Seitenflächen die beiden kleineren
Knochen, die in der Mitte eingefchniirt und etwas platt-
wedrückt find. Befteht der Körper aus vier Knochen-
ftiicken') fo ift das mittlere aus zwei einander in der
Mitte berührenden Seitenhälften gebildet. Höchft
wahrfcheinlich geht diefe Anordnung der, wo der Kör-
per aus drei Kernen befleht, immer voraus, indem ge-
wöhnlich bei etwas kleinern Keilbeinen die Theilung
des mittlem Kernes vorhanden, er ferner auch bei
gröfsem in diefer Periode häufig in der Mitte von vorn
nach hinten heträchtlich eingefchniirt ift. Doch ift dies
nicht immer der Fall, wo dann der mittlere Knochenr
kern auch beträchtlich gröfser als fonft ift. Unter die-
fer Bedingung find dann gewöhnlich die Knochenkerne
der Seitenhälften unvollkopimner entwickelt. Die in-
nern Blätter der Flügelfortfätze lenken fich gerade zwi-
fcben diefe beiden Knochenftiicke, das mittlere und den
grofsen Flügel ihrer Seite ein. Sie find verhältnifsmäfsig-
zu den äufsern Blättern jetzt noch weit kürzer als in
frii-
I) Fig. 19. 50.
a) rig. It. 22.
j) Fi«. 19- M.
625
frohem Perioden. Der grofse Flügel ift fchon fehr
atiSgöbiWet, der feieine aber noch gröfstentheils knorp^
Uch : indeffen hat (ich das Knochenftück an demfelben
beträchtlich vergröfsert, und ümg^ebt das optiTche Loch
Von aufsen und vorn ganz , von hiritert zum Theil.
-"■' Bei einem etwas altern, ungefähr fech^mönatJicheri
Fötus ift weder die Zahl , noch die Geftalt der Kno-
chenftücke ganz diefelbe. Die erften findet man uiii
tin Paar vermehrt. Alle bisher erwähnten Kno*
chenftücke nämlich find, mit Ausnahme der innerften
Knochenkerne des Korpers, die jetzt immer verfchmol-
zen find, noch getrennt, und es hat fich ein fünftes
Paar gebildet , fo dafs jetzt das Keilbein aus fil/Knö*
chenßücken befteht "). Dietes fünfte Paar befindet fich
in der innern Wurzel des kleinen Flügels , im Innern
Umfange des Sehloches, wo es auf eine nicht unmerk-
wOrdige Weife in derfelben Geftalt als das frühere, im
äuCsern Umfange entftaadene, jetzt fchon beträchtlich
Tergröfserte erfcheint und eine Stelle einnimmt , welche
der, an welcher fich diefes zuerft bildet, gerade'
gegenüber liegt. Es ift noch in vielen Knorpel verfenktj
und das Sehloch hinten und innen noch blos von die*
fem eingefchioffen.
Die Formveränderungen der Knochenkerne des
Keilblins find weniger wichtig. Alle vergröfsern fich,
breiten fich aus, und rücken einander deutlich naher.'
Vorzüglich deutlich nimmt man dies an den grofsed
1) Flg. 3}. »♦. ^
M. d. jirekiw. 1. 4.
026 -'•-
und kleinen Flügeln wahr.. Die zuerft gebildeten, in-
nern Knochenkerne der letztern krümmen fich beträcht-
lich nach vorn und innen und bekommen nach vorn
und aufsen eine kleine Spitze, fo dafs jetzt zuerft auch
der Knochen einigermafsen die fchwerdtförmige Geltalt
erhält, welche bisher blos der Knorpel zeigte, und
welcher er den Namen des Schwerdtfortfatzes verdanl<t.
Der grofse Flügel ifl beträchtlich breiter. Merkwürdig
ift eine Bedingung, welche er darbietet , wenn fie nicht
zufällig und individuell ift. Bisher nämlich war der
groTse Flügel zwar fchmal , aber , die Oeffnungen zum
Durchgange der Gefäfse und Nerven abgerechnet, ganz
folide. Hier erfcheint zuerft eine anfehn liehe, f-aft feine
ganze Breite einnehmende Spalte, die, mit Knorpel
angefüllt , von dem Anfange des hintern Viertheils fei-
nes äufsern Randes fich beinahebis in das runde Loch
erftrecktv Bei einem fpätern Keilbein findet fich die-
lelbe Spalte, nurlvleiner. Scheint es ziicht, als würde
die Knochenbildung auch bei normaler Entwicklung in
einem Theile gehemmt , ja als träte fie zurüq||^, in dem
Maafse als fie an andern vorfchreilet?
Im fiebenten Monat ift die Anordnung der Kno-
chenkerne noch etwas verfchieden. Bei einigen, und
namentlich den etwas jungem Fötus ift die Zahl der-
felben unftreitig gröfser als in einet frühern oder fjätera
Periqde. Ich habe nämlich bis auf dreizehn gefunden.
So verhält fich z. B. das Fig. 2 — 5 abgebildete Keil-
bein. Die grofsen Flügel beftchen aus den gewöhnli-
chen zwei Kernen. Eben fo die beiden kleinen. 'Der
Körper ift noch aus einem mittlem und awei .Seiten-
627
theilen zufaitimehgefetzt , und zwlfchen ihm und den
beiden kleinen Flügeln liegen neben einander zwei dün-
ne Knochenplatten.
Etwas fpäter ift die Zahl der Knochenkerne um
drei vermindert, und es finden fich daher nur zehn ').
Die drei Stücke, welche den Körper früherhin bildeten,
find zu einem einzigen zufammengetreten , das in der
Mitte angefch wollen und zu beiden Seiten fchmalil't, die
beiden, beim etwas frühern Fötus an der vordem Fläche
des mittlem Theiles liegenden, haben fich gleichfalls zu
einem einfachen, mittlem vereinigt, welches zwifchen
ihm und dem innern Stücke der kleinen Flügel liegt.
Das letztere hat fich fo beträchtlich vergröfsert, dafs es
fiberall von dem äufsern nur noch durch eine dünn«
Knorpelfchicht getrennt ift. Zugleich hat fich feine
.rundliche Geftalt in eine viereckige verwandelt. Die
übrigen Knochenftticke verhalten fich faft ganz wie bei
dem vorigen Fötus. Die innern Blätter der Fliigeifort-
ßtze find noch ganz getrennt, viel kürzer als die äufsern,
platt , breit und viereckig , unten nur) wenig fchmaler
und dünner als oben an ihrer Grundfläche.
Hier alfo ift fchon Verringerung der Menge der
Knochenkerne des Keilbeins eingetreten. Im achtea
Monate vermindert fich diefe noch weit bedeutender,
indem die bisher getrennten immer mehr verfchmelzen.
Ziemlich zu gleicher Zeit findet man auf jeder
Seile die beiden Knochenkerne, welche dengrofsen, clic^
Rr a
Fig. ««.
628 ^^^^^
welche den kleinen Flügel bilden , und endlich das vor«
dfere und hitatere Stück des Körpers verwachfen , wo-
durch die Zahl auf fünf, de'a grofsen und kleinen Flui'
gel beider Seiten und den Körper herabkommt.
Die Verwachfung des innern und iufsern Stückes
des grofsen Flügels gefchieht fo , dafs die Vereinigungii'
ftelle fich anfangs etwas über der Mitte befindet , nuf
klein ift, fich aber allmählich nach oben und nach üü^'
ten etwas vergröfsert. Der obere Theil ift der ScTu;/-
de/ortßitz (proceffus vaginalis) der untere däs innere
Blatt des ßügelförmigeii Fortfätzes, Das obere Ende
des Scheidefortfatz^ ift jetzt noch Weif vom iniieriir'
Kande des obern Stückes des grofsen Flügels getrennti
die Spalte zwifchen dem äüfsern und innern Blatte
febr anfehnlich, ihre ganze Höhe einnehmenii.' ■'•■'•"'
Die beidea Hälften des kleinen Flügels verwach-
fen erft vorn, 'dann hinten mit einander, hier erft,
nachdem dort jede Spur einer ehemaligen Trennung ver-'
fcJiwuhden'ift, Wie Fig. B 7, zeigt.
Die Vereinigung der Körperftücke gefchiehl wahr-
fcheinlich im Allgemeinen am früheften.
Hierauf folyt eine Periode j'vvö das Keilbpin aus'
vier Stücken befjeht , x^em Körper, den beiden grofsen
Flügeln und den mit einander vereinigten kleinen^ y.-
Wahrfcheinlich wenigftens geht jene Immer der fblgen--
den voraus. Hier il't das Keilbein aus drei Ktiochenftilckeri ■
zufammeugefetzt, einem mittlem und zvrtifeitlichen, von
denen jenes aus den beiden vordem kleinen Flügeln iiricP
dem Körper befteht , diefe die grofsen Flügel find;
I) Fig. a».
Wenigftens ift dies die gewöhnliche; Verknöche-
rungsweife. Bisweilen aber findet fich die zuletzt ange-
gebene Periode nicht, fondern die, wo das Keilbein aus
vier Stöcken befteht , geht in eine andre , in welcher et
aus zweien zufammengefetzt ift, über '). Diefe find
::dann ein vorderes und ein hinteres. Das vordere be-
fteht nujr aus den beiden verwachfenen kleinen Flügeln^
das hintere dagegen aus dem Körper und den großen
'Flügeln, die unter einander verfchmolzen find. Eins
'feltne Anordnung, die aber, in Verbindung mit dem
tjmftande, dafs auch da, wo die beiden kleinen Flügel
:.find der Körper verwachfen find, jene untereinander
:fchon völlig verfchmolzen, von diefem aber immfer diu-ch
.«ine oder mehrere Lücken getrennt find , die oben ge-
3uf:$^te Vermuthung, dafs fie fich in der Regel yra/jer
unter einander, als mit dem Körper verbinden, fehr
-4u beftätigen fcheint.
if ' ' • Aus drei , oder , weit feltner , aus zwei Stücken
-befteht das Keilbein gewöhnlich beim reifen Fötus. In
-den erften Monaten nach der Geburt verfchmelzeh auch
tfiefe fo mit einander'), dafs es, unter der, erftem Bedin-
gung , häufig anfangs aus zweien befteht , wovon das
eine ntir aus dem grofsen Flügel der einen Seite, das
andre aus dem Korper, den beiden verwachfenen klei'
Fig. 19.
s) So liabe icli ei \venigrtens in 30 — 40 Füllen gefehen, und ich
bepeife dalier nicht, wie Herr HildcbraiiJt (der auch nicht
einmal die Bildnnf; des Keilbeins aus/aii/ Knochenftückfn «r-
wähnt , lägen kann , daft Seitentheile und Körper deffelbeti
erft in 6 — 7 Jahren oocb der Geburt vtrwaciiXcn (Anat,
Bd. I. f. 197)
'630
nen Flügeln und dem grofsen Flügel der andern Seite
gebildet wird.
f 78.
Die Bildungsgefchichte des Keilbeins ift alfo kurz
folgende:
I ) Nebft dem Siebbeine entftehen unter allen
Schädelknochen iitihm die Knochenkerne zuletzt.
a) Die erften Knochenkerne entftehen in deu gro-
ßen Flügeln, wo es nur aus zweien beCteht, im drit-
ten Monat. Hierauf entfteht zuerft auf jeder Seite ein
eigner Knochenkern, das innere Blate des mittlern
Flügels, oder Flügelfortfatzes. Zunä'chft bildet fich
auf jeder Seite ein Knochenkern im kleinen, oder obern
Flügel; darauf, im vierten Monat, ein viertes Paar im
Körper des Keilheins. Hiernächft entfteht neben die-
fem erften Paare von Knochenkernen im Körper nach
aufsen ein zweites. Darauf verwachfen die beiden in.
nern. Bald darauf entfteht ein inneres Knochenpaar int
kleinen qder obern Flügel, Hierauf zwei neue Kno-
rhenkerne im Körper, vor dem mittlern , die Zeit, wo
die Zahl der Knochenkerne am grüfsten, dreizehn ift,
indem, mit Ausnahme der beiden mittlem Knochen-
kerne des Körpers, noch alle nac;h einander entfteUende
Kerne getrennt find. Von nun an vermindert fich diefe
Zahl bedeutend, indem die bisher getrennten Knochen-
ftacke verwachfen. Zuerft fliefsen die verfchiedenen
einzelnen Knochenftücke, welche die drei grofsen
Hauptabtheiiungen des Keilbeins, den Körper, die klei-
nen und die grq/ie» ftög'e/ bilden , zufammen, darauf
verbinden ßch die beiden kleinen Flügel unter einander,
hierauf fie mit dem Körper, endlich diefes mittlere
Stück mit deii grofsen Fliigeln. Hierauf eiitftehn erft
lange nach der Geburt die Tuten (cornua fphenoidalia )
tiie fich erft fpät mit dem Körper vereinigen.
3) Das Keilbein befteht alfo anfangs aus zwei,
dann aus, vier, hierauf aus fechs, dann aus acht, hier-
auf aus zehn , dann aus neun , dann aus eilf , hierauf
aus dreizehn, dann wieder nur aus zehn, dann aus
fünfj hierauf aus vier, zuletzt auf verfchiedne Weife
aus drei Knochenftücken.
4) Das Keilbein bildet fich daher nach tmd nach
aus 16 Knochenftücken, indem die gro/Jen Flügel aus
vier, die kleinen aus vier, der Körper aus acht getrenii'
ten Stücken entfteht.
5) Von diefen Thatfcichen haben Kerkr'ing und
Pfesbitt angegeben, da£s fich anfänglich zwei, dann
acht Knochenkerne finden, und diefe richtig dahin be-
ftimmt, dafs die erften in den grofsen Flügeln, die übri-
gen in den Flilgelfortfiitzen, in den kleinen Flügeln und
im Körper entftehen. Fattori hat, ohne nähere Be-
ftimmung , neun Knochenkerne angegeben. Eben fo
war es bekannt, dafs das Keilbein einige Zeit vor der
Geburt aus fünf, beim reifen Fötus aus vier oder drei
Stöcken befteht, und die Tuten erft nach der Geburt
entftehen, fo dafs man alfo annahm, dafs das Keilbein
nach und nach aus zehn Stücken entftehe.
Diefen Thatfachcn habe ich zugefetzt , a) dafs die
Zahl der Knochenftilcke, aus welchen fich das Keilbeia
allmählich bildet, Cch in der That auf 16 beläuft;
632
b) die Beftimmung der Zeitfolge und die allmäh-f
lieben Veränderungen diefer Knochenftücke.
Das ganze Grundbein entfteht daher allmählich
aus 37 Knochenßücken und ift alfo unftreitig der auf-
faüendfte Beleg zu dem Gefetze, dafs einzelne Theile,
und namentlich Knochen fich allmählich von einzelnen
^ittelpuncten aus entwickeln , und die niedere von der
höhern Bildung fich durch Mangel an Centricität un-
terfcheidet.
Diefe Thatfachen find nicht blofs an und füt
fich, fondern auch in Beziehung auf die Phyfiologie
Infofern höchft intereffant, als fie merkwürdige Glei-
Öhungspuncte awifchen der Entwicklung des Embryo
und der Thierreihe darbieten.
Der fpäteften Anordnung des Keilbeins> wo es
mehr oder weniger aus einer vordem und einer hintern
ilälf le befteht , entfpricht die Bildung deffelben bei den
Süugthieren.
Hieher gehört auch die Kleinheit und unvoll-
kommne Entwicklung des Innern Blattes der Flügel-
fortfätze beim Keilbein tier Säugthiere.
Hier ift es in derTbat, wie fchon CuiJ^Vr richtig
bemerkt hat '), fo viel ich weifs, immer in zwei Hälf-
ten zerfallen, wovon die eine , vordere, aus den in der
Mitte zufarnmengefloffenen obern oder kleinen Flügeln,
die untere, hintere aus den grofsen Flügeln und dem
Körper befteht.
1) Vergl. Aaat. Bd. i.
65S
;:s-.' Diefe beiden Hälften find das ganze Leben hiat
(broh nur durch eine Bandknorpelmaffe in der Mitt*
verbunden.
§. 79-
'^~ Das Keilbein bietet fowohl in Hinficht auf fein»
Form, als auf die Zeit, in welcher es feine verfchiedncn
Entwicklungsftadien durchläuft, und die Zahl def
Knochenftücke , aus welchen es fich zufammenfetzt , b«
den verfchiedenen Säugthieren nicht unintereffante Ab«
weichungen vom menfchlichen Typus dar.
l) In Bezug auf feine Form kann man bemerken,
daCs es zwar im Verhältnifs zu den übrigen Kopfkno-
chen, bei allen ungefähr gleich grofs ift, aber feine
verfchiedenen Theile unter einander nicht diefelbe vei*-
hältnifsmäfsige Gröfse haben. Im Allgemeinen find di«
Tordern Flügel gröfser als die hintern, und der Körpeir,
'mithin das vordere Keilbein weit grüfser als das hintere.
So verhält es fich wenigftens beim S'chwein und den
Wiederkäuern ' ). Bei den Nagern , wenigftens beim
^arhfter und dem Kaninchen , eben fo bei der Katze,
Ift zwar das hintere gröfser als das vordere, allein im-
itier ift doch jenes verhältnifsmefsig beträchtlicher.
Sei der Katze') ift das Verhältnifs am menfchenähivi
lichften.
3} Die Zahl der Knochen , aus welchen das Keil-
bein bei den Säugthieren liach und nach entfteht, kann
ich nicht mit Gewiüsheit angeben: indelTen finden fich
F'g- )>• Keillxin tinti KuUütai.
1) Fig. )o und 31,
634» — ■
in frühen Perioden die fünf HauptknOchen , woraus es
beim achtmonatlichen menfchlichen Fötus befteht. Viel-
leicht ift die Zahl der Knochenkerne geringer, weil das
Keilbein, wie alle übrigen Schädelknochen , kleiner als
beim Menfchen ift, und überdies die innern Platten der
Flügelfortfätze fehr unvollkommen entwickelt find.
Doch glaube ich , dafs diefe als ein eigner Knocbenkeni
entfteht, indem ich fie bei Kuhembryonen nur in einem
fehr kleinen untern Theile mit der äufäern verwachfen
gefunden habe.
3) In Hinficht auf die Zeit, in welcher fich die
verfchieJenen Knochenkerne vereinigen , gilt daffelbe,
was ich fchon fiir mehrere andre Knochen , namenilich
mehrere Wirbel und das Bruftbein bemerkte. Die Aus-
bildung der einzelnen Knochenftiicke geht wenigftens
bei den meiften rafcher vor lieh, wenn gleich der ganze
Knochen, fofern er d^s ganze Leben hindurch in eine
vordere und hintere Hälfte zertheilt bleibt , nicht die
Höhe der menfchlichen Form erreicht.
Schon bei fehr kleinen , höchftens 2^ Monat alten
Schweinen, bei fehr jungen Kaninchenembrjonen find
die beiden vordem Flügel unter einander völlig verbun-
den, während fie beim Menfchen erft fehr fpät , gegen
das Ende der Seh wangerfchaft, verfchmelzen. Zuerft
gefchieht die Verwachfung in ihrem hintern, weit fpä-
ter auch im vordern Theile. Später, aber gleichfalls
lange vor erlangter Reife , verwachfen auch die grofsen
Flügel mit dem Körper.
Bei der Katze findet ein entgegengefetztes Ver-
hältnifs Statt. Die kleinen Flügel mögen zwar früh
63S
inter einander verwarhfen; allein noch beim reifen
?ötus find die grofsen vom Körper getrennt , und ciais
Keilbein befteht daher hier noch aus vier, den verei-
ligten kleinen Flügeln, den grofsen, und dem Körper '),
Wie bei den übrigen Thieren in frühern Perioden, und
ermuthlich auch beim menfchlichen Fötus immer zwi-
ichen der Periode , wo es aus fünf und der, wo es aus
drei Stücken befteht. Bald nach der Geburt verwach-
'en aber auch bei der Katze die beiden rofsen Flügel
mit dem Körper, wo dann, wie während des ganzen
Lebens, hier diefelbe Bildung als bei den übrigen Säug-
thieren Statt findet'). Diefe Verfchiedenheit hängt
höchft wahrfcheinlich von der Gröfseverfchiedenheit
der hintern Flügel ab , die bei dem Menfchen und der
Katze fehr grofs, bei den übrigen Säugthieren fehr
lUein und.
- Vom Schlafbein.
$. 80-
Das Schlafbein hat mit einem Wirbel weniger auf-
fallende Aehnlichkeit als die bisher betrachteten Kno-
chen; allein doch kommt es durch Zufammenfetzung
aus einem bogenförmigen Tbeile, der Schuppe, und
einem dickern, untern, tiOr perförmigen, dem Felfen'
theile, mit ihnen fehr deutlich überein. Auch die Ver-
knöcherungsweife ift diefeJbe, fowohl der Zahl der
Theile , aus welchen , als der Ordnung nach , in wel-
cher fie entftehen.
i) Fig- }o.
1) Fig. 31.
Ä56
Zucrft bildet fich die Schuppe, und, wie die
Schnppe des Grundbeines und der Wirbel, von unten
nach oben, um die Mitte des dritten Monates. Der
Jochfortlatz entwickelt fich bald fchon fehr beträcbb-
iich,, während die eigentliche Schuppe noch fehr unb»-
.deutend ift. Bald bildet fich auch derTronimelfellring,
noch vor Ablauf d^s c|ritteq, Monates , ehe noch eine
Spur von Verknöcherung ini Keilbeinftück unil im Za-
pfentheile des Hinterhauptbeinftückes entftanden ift.
Im vierten Monat nimmt die Verknöc.herung im Felfen-
theile ihren Anfang. Dies gefchieht wepigCtens aa
zwei Stellen , vorn , und innen , und hinten und aufsen.
Die- letzte Stelle kann man als einen eignen Knochen-
,kern für den Zitzentheil anfehen, der aber zugleich zur
Bildung des horizontalen Bogenganges beiträgt, und mit
dem vordem verfchmilzt. Man kann daher mit Recht
fagen , dafs der Zitzentheil als ein eigner Knochenkera
entfteht , mithin das Schlaf bein fich nicht, wie man ge-
-wöhnlich ansieht, aus vier Knochenkernen, der
Schuppe, dem Felfentheil , dem Ringe und demGriJ/el,
fondero aus /""/ bildet, indem zu jenen noch der
Zu^entheil kommt.
Diefe Entftehung des Zitzentheiles aus einem eig-
nen Knochenkern ift mir befonders infofern merkwür-
dig , weil fie den Grund einer fehr ungewöhnlichen &-
fcheinung, der Trennung des Zitzentheiles von dem
übrigen Schlafbein, enthält. Diefe Abweichung vom
Normal hat meines WiCfens, nur Kelch ' ) befchrieben.
l) Beitr. zur pitliol. Anat. Bcrl. iti].
Ä37
üiid ich fchliefse theils daraus, tlieils aus dem Um-.:
ftande, dafs ich fie unter 350 Schädeln, die jch vor
mir habe, nur einmal finde, auf ihre Seltenheit.
Hieher gehören wahrfcheinlich auch unvoUkomm^
ae Näthe, die man weit häufiger im Zitzentheil findet.
f 81-
Die Entwicklung des innern Baues des Schlaf-
beins, fofern es Sitz des Gehörorgans ift, zu befchreit
ben , liegt aufser meinem Plane. Die Entwicklung der
Qbrigen Schädelknochen , der Scheitelbeine , des Stirn.'
beins y des Riechbeii2S, ift, weil fie fehr einfach,
und auch wegen der Lage derfelben leicht zu unterfu-
hen ift, hinlänglich bekannt, um keines weitern Zi^-
fatzes zu bedürfen.
$• 82.
Die allgemeinften Refultate, welche fich aus der
Betrachtung der Entwicklung der Wirbel- imd Schä.
delknochen ergeben , find :
1) Die Halswirbel kommen in frühem Perioden
durch den Gang der Entwicklung, fofern fich an dea
meiften von ihnen," wenn auch nur fehr im Rudiment,
den Rippen ähnliche Knochenkerne finden, die nachher
mit den übrigen Theilen zu einem Ganzen verfclunel-
zeii, mehr als in fpätern mit den Rückenwirbeln
Uberein.
3) Von den übrigen Halswirbeln machen das erfta
und zweite ilcn Uebergang zu den Kopfwirbeln. Der
Zalmfurtfatz des zweiten, fcheint dea vordem odtr
638
kleinen Flügela des Keilbeins zu entfprechen , und der
erfte Halswirbel erinnert durch den, bisweilen an der
Vereinigungsftelle zwifchen den beiden Bogenhälften
vorkommenden Knochenkern an die Hinterhaupt
fchuppe.
3) Die Saugthiere unterfcheideir Geh in HinGcht
auf die Entwicklungsweife der Wirbel, der Schädel
Knochen und des Bruftbeins vom ]\5enfchen vorzüglich
infofern , als die kleinern einzelnen Knochenftiicke,
aus welchen fie fich allmählig biklen , zwar früher er-
fcheinen , zum Theil auch , vorzüglich die der rechten
und linken Seite, khneller unter einander verwachfen,
die ganzen Knochen dagegen das ganze Leben hin-
durch häufig in mehrere einzelne Stücke getrennt
bleiben.
Belege hiezu find auf der einen Seite die frühzeitige
Entftehung des Körpers des erften Halswirbels, die
fchnelle Vereinigung der beiden kleinen Flügel des Keil-
beins unter einander, der beiden grofsen Flügel mit dem
Korper deffelben Knochens, die frühe Ausbildung des
Bruftbeins ; auf der andern Seite dagegen die beftändige
Trennung der vordem und hintern Keilbeinhälften, die
lange Nichtvereinigung der obern und untern Hälfte
der Hinterhauptfchuppe bei allen Säugthieren, das
Beftehen der letztern Anordnung bei einer fehr anfehn-
lichen Menge. . .
Den Beifpielen, welche den erften Theil diefes Satzes
beweifen, kann man noch die frühe Vollendung der Nä-
tJhe zufetzen , die ich bei den meiften reifen Säugthier-
fOtus fchon beinahe ganz verfchloffen und ohpe Spuc
von Fontanellen gefutfden habe, und die unftreitig mit
der geringen GrOfse ihres Gehirns und der Kleinheit ih-
res Schädels im V'erhältnifs zum mütterlichen Becken
zuüimraenhä'ngt. '. .'. . .
Ganz allgemein kann man fagen, dafs bei den
Säugthieren eine gröfsere Neigung zur Vereinigung der
beiden Seitenhälften , beim Menfchen dagegen feine ftär-
kere. zur Vereinigung der vordem und hintern Gegen-
den Statt findet. Alle angeführten Thatfachen haben
Riefen Charakter , und man kann ihre Zahl noch leicht
vermehren. So verwachfen bei vielen Säugthieren die
Scheitelbeine regelmäfsig zu einem, eben fo verfchmel-
zen die Oberkieferbeine bei mehrern, die Ankylofe der
Schambeine ift bei ihnen gewöhnlich. Alle diele Er-
fcheinungen find beim Menfchen nur feiten. Die Ent-
ftehung der Bruftbeinkerne aus einem Stücke, .der
Mangel des Rippentheils des fiebentcn Halswirbels, di«
geringere Wölbung der Ri],pen find völlig analoge Er-
fcheiiiungen , die alle aus dem allgemeinen Gefetze flie-
fsen, dafa der Körper der Säugthiere mehr in die Lange
geftreckt, weniger in die Breite ausgedehnt ift als dei:
irenfchliche , zum abermaligen Beweife, dafs fich der
Hauptcharakter des Typus durch alle Theile des Or?a-
nisinus crfireckt. . _
640
t, "
1 n t e 1 1 i g e n z h l a t t.
I. Ein Fall von mehreren taubftummen GefchwifterRi
Von Najfe. -^A
Irt dfer Nachbarfchaft von Bielefeld, im Kirdifpiel Jöl-
tenbek leben zwei arme Bauersleute, die faft lautelr
Uub£tutniiie Kinder haben. So viel diefen Leuten be«
kiannt ift» baben weder ihre Vorähern noch ihre Sei«
tenverwandten an Taubheit oder Taubftummheit gelitten;
auch fie felbft und beide völlig gefund am Gehör. Die
Schwangerfchaften der Frau find fämmtlich von Aufsen
ungettört vorübergegangen; und fo allgemein der Glaube
ata das fogehannte Verfehen hei dem gemeinen Manne
unTerer Gegend ift , fo wufste die Frau doch nichts anzu-
geben , woran fie fich etwa verfehen haben könnte. Der
Vater der Kinder war fonft gefund , leidet jetzt aber an
Gicht und Gefcbwüren. Vor zwan;i:ig und mehr Jähren,
wo noch keines der taubftummen Kinder geboren war,
fiel er vom Boden, ohne jedoch für die Dauer merldiphen
Schaden zu nehmen.
Die Zahl der von den Leuten erzeugten Kinder ift
zehn^, wovon Geben am Leben , drei todt find. Die zu-
erft seborenen vier waren taubftumm ; dann folgte ein hö-
rendes. Von den hierauf geborenen fünf, find drei noch
lebend und taubftumm; die beiden anderen ftarben fo
früh dafs fich der Zuftand ihres Gehörs nicht mit völli-
eer Gewifsheit erkennen liefs. Der^ Anfchein nach wür-
den fie jedoch beide, wie die Aeltern meinen, ebenfalls
teubftUDim geworden feyn.
Wie
- — -'^■- 641
■ ' Wie der Fall überliaupt, fo dürfte an demfelben auch
befonders der Umftand merkwürdig feyn , dafs das eine
hörende Kind bei unferm Aeltempaar grade in die Mkte
der Zeugungen fällt. Andere haben bereits die Bemer-
kung gemacbt , dafs mit Bildungsfehlern zur Welt gekom-
mene Kinder häufig Letztgeborene waren. Aber es ünden
üch , den bisher aufgezeichneten Beobachtungen zufolge,
doch auch manche Erftgeborene unter dergleichen Kin-
dern. So waren die beiden von W. Hunter beobachteten
blaufüchtigen Kinder Erftgeborene ; meine Kranke ift es
u. L w. Auch von Thieren fcheint diefe Bemerkung zu
gelten. Eier mit fchwanzförmigen Anhängen, oder mit
mehrfachem Dotter kommen nach Tiedemann (Zoologie,
Th. 3. S. 123 und 127) vorzüglich bei zum erftenmal
legenden Hühnern vor. Fälle, wo von mehreren Ge-
Ichwiftem die mittleren regelmälsig, die anderen aber
regelwidrig gebildet waren, findet man unter den in
Meckels pathologifcher Anatomie angeführten. Und hie-
nach fcheint denn, dafs die bildende Kraft in der Mitte
der Zeugungen am vollkommenften zu wirken vermöge.
Am fchwächfien wirkt fie in der Kegel wohl bei den letz-
tien Zeugungen, wie denn allerdings die gröberen Bil-
dungsfehler weit häufiger bei Letztgeborenen als bei Erft-
«>eborenen TorkommeÄ.
II. Ueber einige Abnormitäten der Knochen. Von
/. F. Meckel.
Da fich auf der fechften Tafel gerade noch überflüni-
«er Raum fand, f9, bildete ich einige weniger gewöhn-
liche Knociienabvreichuiigen aus meiiier SamiiiJung ab,
deren ich beiläufig fchon b»i einer andern Gelegenheit
M. d. Arlhiv. 2. 4. Ss
642
in meiner Abhandlung über das monftröfe Doppeltwer-
den gedacht habe.
Fig. 36. ftellt eine überzählige Rippe dar, die theilt
wegen der Stelle, die fie einnimmt, theils wegen ihrer
Verbindung merkwürdig ift.
Sie liegt nämlich über der erften Rippe, und verbin-'
det fich an ihrem vordem Ende mit diefer , ftatt dafs bei
Weitem am gewöhnlichlten die überzählige Rippe unter der
swölften Hegt, und an ihrem vordem Ende frei ift.
Diefe überzählige Rippe ift offenbar die vergröfsertf
Sind von dem übrigen Knochen getrennt gebliebene vor«^.
dere Wurzel des Querfortfatzes des üebenten Halswir-,.
bels, indem fie auf diefem fitzt, und die Zahl der.
Wirbel die gewöhnliche ift. Sie bat daher Aehnlichkeitr
mit den obern Rippen der Vögel , die auch nicht bis zum
Bruftbeln reichen, und man kann in der That fagen,
dafs fich hier dreizehn Rückenwirbel und nur £ecl]|| .,
Halswirbel finden.
An der Stelle , wo< fie fich mit der gewöhnlichen er-
ften Rippe verbindet, fchickt diefe einen Gelenkfortfatai
nach oben ab , an welchen die überzälilige Rippe mittellit ,
eines Kapfelbandes beweglich geheftet war. Diefe V^i^j'.
bindung der obern Rippen unter einander, die man bei'
diefer Art des Mehrfaehvverdens derfelben lauch in andern
Fällen fand, ift befonders infofem merkwürdig , als fie
an die Verwachfung der_Seitentheile der über einander
liegenden Heiligbeinwirbel erinnert, welche den untern
TheU der Wirbelfäule bilde, wie jene fich am obern be-
finde. In der That fcheint fie auf demfelben Grundelzu
beruhen, aus welchem die Aehnlichkeit zwifchen oberer
und unterer Korperbälfte fliefst,' «uf dem Herrfchen einer
•polarifirenden Kraft im Organismus. Dies erfcheint defto
tichtiger, wenn man erwägt, dafs aticfh di« einzelneh
643
W^ll«) idet Heiligbeins , wenigftens die drei obern , grS-
Ss^ra. aus fünf Knochenftücken entliehen, einem mittlem
Ijnd zwei feitlichen Paaren, von denen das vordere, zwi-
Icben dem Körper und dem hintern Paare liegende ff Jjr
.deutlicb den Rippen entfpricht.
Indellßn kommen Vereinigungen diefer Art nicljt blols
den obern Rippen zu. Mehrere Beobachter führen Fälle
an, wo fie auch zwifchen andern Statt fand, und ich
felbft habe kürzlich bei einer vvreiblichen Leiche die fechfte
und liebeme Rippe hinten, in der Gegend des Wirbels
durch zwei einander entgegenkommende Fortfätze be-
weglieh verbunden gefehen.
Der Umftand aber, dafs diefe Vereinigung der Rip.
pen nicht blofs auf die oberften befchränkt ift , beweift
nichts gegen die zuerft aufgeftellte Anficht, fondern reiht
lieh nur an die Erfcheinungen , welche ein andres Gefeta
erwiefen, das nämlich, dafs im Organismus eine mehr-
malige Wiederholung derfelben Formen Statt ündet.
Aulser mehreren analogen Erfcheinungen diefer Art, die
ich fchon anderwärts zufammengeftellt habe, kann man
hier bemerken, dafs der Kopf mit den Halswirbeln, die
Bnifthohle mit den Lendenwirbeln, die Heiligbeine und
die Seltcnwandbeine mit den Steifsbeinen, eine dreima-
lige Wiederholung deffelben Typus find, nach welchem
anfänglich der ganze Körper gebildet ift, und den auch
elneMenge anderer Organe zeigen, einer an ihrem untern
Ende in eine fchwanzartige Verlängerung auslaufenden
rundliehen Geftalt.
Erinnert man fich an diefes Gefelz , fo erfcheint die
bisweilen vorkommende Verfchmelzung der Rippe über-
haupt infofem lehr merkwürdig, als Ce offenbar eine
Vermehrung der Verähnlichung zwifchen den beiden an-
geCohwoUnen Theilen der mittlem und der untern jen^r
drei Wiederholungen delTslben Bildungst}-put ift.
Ss 2
Aufserdem find cliefe Verbindungen der Rippen
'^urch obere und untere Gelenkfortfätze auch deshalb
intereflant, weil durch He die Analogie zwiTchen der vor-
dem und hintern Fläche des Korpers vermehrt wird , in-
dem bekanntlich die Knorpel der untern wahren, und der
öbern falfchen Rippen auf diefelbe Weife beftändig mit
einander verbunden find.
' "' 'Fig. 37. iTt der vordere Theil eines Hinterhauptfaeinf,
Ton unten angefehen, merkwürdig wegen der Anwe-
fenheit eines dritten mittlem GelenWortfatzes zwiTchen
den beiden gewöhnlichen , die hier etwas kleiner als ge-
wöhnlich, aber beträchtlich gröfser als der mittlere find,'
Diefe Bildung iTt fehr feiten, indem ich fie un-
'\ef mehr als 400 theils einzelnen Hinterhauptbeinen,
theils ganzen Schädeln nur einmal Ende, und nicht
blofs wegen der dadurch vermehrten Feftigkeit des Hin-
terhauptgelenkes , Tondern aufserdem, und vorzüglich,
wegen der dadurch bewirkten Aehnlichkeit mit der An-
ordnung diefes Gelenkes bei den Vögela, der meiTten
Reptilien und den Fifchea merkwürdige wo fich liur ein
einlacher Gelenkfortlatz am Hinterhauptbein iindet.
in. Beträchtliche Vergröfserung der ZirbeldrOfe.
Die regelwidrige Vergi-öfserung der Organe iTt ein*
höchft intereffante Erfcheinung , welche ich nach ihren
vorzüglichften Momenten im zweiten Bande meiner pa-
thologifchen Anatomie betrachtet habe. Der Güte eines
der geachtetften hieligen Aerzte, des Herrn Eh-, Ulrich,
verdanke ich unter mehreren merkwürdigen Fällen,
welche meine SsAmlung zieren:, .äjwh eine äüfsetördenti -
615
'Kchf'vtrgVSrserte Zirbeldrüfc , die ficli auf der fünften
Tafel Fig. 4 und 5 abgebildet findet, und deren G«-
fcfaichte er wiir mit folgenden Worten iiiitgetheilt hat.
Müller, ein Knabe, blond von Haaren, etwa 9 Jahr
alt, hatte einen zärtlichen Korperbau, bei welchem
^doch jeder Theil des Körpers zu dem andern iu vülligem
Ebenmaafse ftand. Der Bau feines Schädels war mehr
OTaler als kugelförmiger Geftalt, die Stirnknochen nicht
ftark hervorftehend , die Känder derfelben nicht pro-
minirend , wodurch fonft Tiefe der Augen bewirkt wird.
In dem Baue feines Kopfes fprach iicli daher weder die
Krankheit noch die Anlage zu derfelben aus, von welcher
ich weiterhin erzählen werde.
IVlafern und Scliarlach, die zu einer Zeit (vor einigen
Jahren) liier epideraifch waren, überftand er leicht und
gut, auch ohne weitere Hchtbare Folgen. Die Entwick-
lung feines Verftandcs nahm früher fchon als gewöhnlich
einen fehr thätigen Gang. Ein halbes Jahr vor fei-
nem Tode wnrde der fonft immer heitre und muntre
Knabe , ohne äufsere Veranlaffung , trübünnig und lau-
nig, verdrüfsüch und unartig. Späterhin als er auch das
EITen rerfchmähete, wurden die Aeltem aufmerkfamei-,
und meinten, ihr Kind mülste wohl krank am Körper
feyn, deshalb wurde ein Arzt um Kath gefragt. Aus
einigen fichtbaren Zeichen vermuthete diefer, dafs \vohl
Würmer diefe Erfcheinungen hervorbringen möchten,
deshalb wurden die bei diefer Krankheit empfohlnen
Mittel gereicht. Kein Fort- oder Abgang von diefen Gä-
ften war bemerkbar. Das Kind klagte jetzt befonders
über Kopf- und Leibweh, es blieb bald feft liegen. Ein
zweiter Arzt wurde geholt. Beftändiger, anhaltender
Schmerz auf der linken Kopffeite, öfters Erbrechen, Ohn.
machten, Fieber, Befinnungslofigkeit, Zähnknirfchen
u. f. w. zeigten diefem nur zu deutlich , dafs er es hier
646
mit einer GeWfnkranliLheit zu ttun habe. Alle hier g»
bräuchlichen Mittel fruchteten nicht, der Knabe Itarb,
nachdem er viele Schmerzen erduldet, unter Convulilonen
in einer TöUigen BewuTstlofigkeit, die vier Tage angehal-
ten hatte. Die Oeffnung des Schädels, welche auch wäh»
rend der Krankheit nicht verbildet worden war, zeigte
folgendes.
EKe Knochen hatten die diefem Alter gewöhnliche
Stärke , die Gehirnhäute waren gefund , das Gehirn in
leinem obem Zufammenhange feft und ebenfalls von ge-
funder Farbe. Beim Einfehneiden in die Gehirnhöhlen
flofs aus ihnen g,egen vier Unzen einer wafferhellen und
dünnen FlüffigUeit. Die fonft erbfengrofse Zirbeldrüle
war von auffallender Gröfse, beträchtlich hart, höckerig,
durchaus homogen, nur ftellenweife mit Ideinen Zellen
verfehen, mit einem gelben, eiterähnlichen Schleim
umgeben. Weder weiter in dem Gehirne, noch auf
der Grundfläche des Schädels fand iich Eiter oder Kno-
chenkrankheit.
647
Erklärung der Kupfertafeln.
T a f. V.
-Tig. I. Der rectte Eierftock eines viersigiihrigeh Wei-
bes, mit Fett, Haaren und Zähnen.
a) Der geöffnete Balg,
i) Fett und Haare,
c) Ein unregelmäfsiger in der Subftan* des Balget
feTtützender Knochen.
i) Ein in demfelben fitzender Backzahn, eee) Bälge,
* ■ die an der äulsern Fläche des grofsen Fettbalges
auffitzen. /) Rechte Trompete, f) Breites Band.
A) Saamengef äTse.
Fig. 2. Derfelbe, die Nebenbälge geöffnet.
•) 6) <0 O hat diefelbe Bedeutung als in der Torigen
Figur, f) und g). find kleinere , in den obe^fteh
der kleinen Nebenbälge «geöffnete Höhlen, Ver-
längerungen Ton e. K) Rechte Saamengefäfse.
i) Rechte Trompete. JtÄ) Unregelraäfsige Knochen,
cde in den beiden grölsera Nebenbälgen te auf-
fitzen.
Fig. 3. Ein in der Augenhölile eines 17jährigen Knaben
feftfitzender , einen Zahn enthaltender Balg.
•) Hintere Abthelluiig, welche den Zahn enthält,
i) Vorder« AbthcUuxig. c) Stelle, wo der Zahn
•uflüc.
648 .^^.— -.
Fig. 4 — 5. ZirbeWröfe aus dem Gehirn eines hydro-
cephaJLfchen Knaben.
Fig. 4, Aeufsere Oberfläche. Fig. 5. Durch fchnittfläche.
aaaao) Kleine, mit einer wäfsrigen Flüffigkeit an-
gefüllte. Vertiefungen.
T a f. VI.
Fig. I. Erftcr Halswirbel eines zweijährigen Kindes,
von oben.
aa) Seitentheile. A) Vorderer Bogen, ccc) Knochenkerne
in ' demfelben. d) Knochenkef n zwITchen den
hintern Enden beider Bogenhälften.
Fig. 9. Erfter Halswirbel eines vierjährigen Kindes
von vom.
«o5 Seitentheile. *j Kövper. c) Knochenlccrne zwi-
fchen dem Körper und rechten Seitentheile.
Fig. 3 — 9. Zweiter Halswirbel. Fig. 3. Von einem fechs-
, monatlichen, 4. einem Jlebenmonatlichen, 5. einem
achtmonatlichen menfchlichen Embryo. 6 und 7,
von einem neunmonatlichen , 8- von einem dreijäli-
irigen , 9. von einem vierjährigen Kinde.
Fig. 3- 4. 5- 6. 8- 9. Ton vom ; Fig. 7. von unten.
Fig. 10. Fünfter "^ ...
„\ . / Halswirbel eines neunmonatlichen
Flg. II. Sechfter S.
_. „. , I Kindes.
Fjg. 12. Siebenter, \
aa) Seitentheile ; 4) Körper ; et) ZwlFchenknochenkeme
zwifchen Körper und Seitentheilen.
Fig. 13. Sechfter Halswirbel eines vierjährigen Kindes.
. ßo) b") e) wie beim vorigen.
Fig. 14 — 39. Menfchliche Grundbeinc vom dritten Mo-
nat der Schwangerfchaft bis zur Keife des Fötus.
■ m
aa) Grolse FlügeL **) Erlte, äuIseYe Knochenkeni»
in den kleinen Flügeln, cc) Inneres Blatt der un-
tern Flügel oder Flügelfortfätze. dd) Erftes Paar,
Knochenkeme im Körper, ee) Zweites Paar Kno-
chenkerne im Körper, /f) Zweites Paai- Knochen-,
kerne im Ideinen Flügel. gg) Knochenkerne
Zwilchen dem Körper und dem innern Paar der
'■ kleinen Flügel. AA) Untere, iV) obere Hälfte
*" " der Schuppe des Hinterhauptbeins, k) Drittes,
l) viertes Knochenpaar der Schuppe des Hiiiter.
hauptbeins. mm) Gelenktheile. n) Zapfentheil
deffelben Knochens.
f
Rg. 14. Grundbein eines ungefähr zehnwöchentlicheii
Embryo.
Fjg. 15. Grundbein eines eilfwöchentlichen Embryo.
Fig. l6u. 17. Grundbeia eines dreimonatlichen. Fig. 16.
von oben. Fig. 17. von unten.
Fig. I8- Keilbein eines ungefdlir viermonatlichen Em-..
bryo von oben.
Fig. 19.20. Aus der Mitte des fünften Monates. Fig. 19.
von oben. Fig. 20. von unten-
Fig. 21. 22. Ende des fünften Monats. Flg. 21. von
oben. Fig. 32. von hinten.
Fig. 23. 24. Mitte des fechften Monats. Fig. 23. von
oben. Fig. 24. von Junten.
Fig. 25. Ende des fechften Monats , von oben.
Fig. 26. Siebenter Monat, von oben.
Flg. 27. Achter Monat, von oben.
Fig. 38- Im neunten Monat , von oben. '
Fig. 29. Bald nach der Geburt, von oben.
Fig. 30. Keilbein eines reifen Katzenfötus, a) Grofse
Flügel, ti) Kleine Flügel. «Q Körper.
050 »«^■^^■■^■.^■.^i
Rg. 31. Einige Woclieh alte Katie. a£) Hinteres,
i) Tovdei-es Keilbein.
Fig. 33. Sehr junger Kuhfotus. aaii) Hinteres , J) Tor.
«leres Keilbein.
Tig. 33. Erfter Halswirbel «nes neugebomen Hundes.
aa) Seitentheile. 4) Körper.
Fig. 34. u. 35. Erfter Ruckenwirbel eines unreifen
Schweinsfötus. Fig. 34. von vorn. Fig. 35. von
der Seite.
«M^ SeitentheUe. 4) Körper, c) Eigner Knochenkem
im Dornfortfalze.
Fig. 36. Ueberzählige linke menfchliche Rippe, aa) Ge«
wohnliche erfte. 4. c. d. e. Ueberzählige , über ihr
liegende. 4) Körper, c) Köpfchen, d) Höcker-
chen. e) Vorderes Ende, f) Gelenkdelle der er-
ften Rippe , worauf üe fich mit dem vordem Ende
•) der überzähligen verbindet. .,^,.
Fig. 37. Hinterhauptsbein mit merkwürdiger vogelähn^
lieber Abweichung der Gelenkfortfätze vom Normal.
Von unten.
«) Zapfentheil. 4) Gelenktheile. cc) gewöhnliche
Gelenkfortfätze. d) mittlerer, kleinerer, unge-
wöhnlicher, e) Hinterhauptsloch.
m
Inhalb des ersten "Bandes.
ErftesHeft,
I. Ueber die Entivicklung der CentraltheUe des Ner- ,
venfyftems bei den Säugthieren. Vom Profc^>;
- , . . Meckel . . . . , Seitei i
II. Ueber das Blut, von Davy . . • 109
Erklärung der Kupfertafeln ... - I44
Intelligenzblatt.
■ _ J. Verfuche , welche die, von einigen bezweifelte
Einfaugung durch die Haut zu beweilen fchei-
nen. Von /. Bradner Stuart von Albany. . Seite 151
II. Unterfuchungen, welche zu beweifen fcheinen,
dafs der Fötus das Schafwalfer athmet. Von
Biclard. Vorfteher der anatomifchen Arbeiten
an der tnedicinifchenFacültät zu Paris . - 154
III. Beiträge zurKenntnifs der Struclur des Auges. .;
Von Edwards. . . . . • 155
IV. Ueber einige Puncte aus der Gefchicbte der
Hüllen des Fötus. Von Dütrochet . - 156
V. Ueber die Berpirationsorgjiive.;4er...Q>U$tol* ;.<
Von Latrtille. , ••-:i;-. j.^ (ii. *>v :ir,iiff?v357
VI. Ueber die Urfache der rothen Farbe des Blute» 158
VII. Ueber eine unvollkommene Bildung der Fin-
ger. Von Kellte IS9
(558 -- — ^-
Zweites Heft.
I. Beobachtungen über das NervenTyrtem und die
fenüblen Erfcheinungen der Seefterne. Von Frie-
drich Tiedemann. (Hierzu Fig. 1.) • • Seite l6l
II. Einige Bemerkungen über dii» Wirkungsart und
chemifche Zufammenfetzung der Gifte. Von Dr.
Emmert , dem Aeltern . . . . - 1 76
III. Eine pliyßologirch- optilche Beobachtung. Von
dem im Jahr 1814 verftorbenen Doctor legen«
/. T.' Sacks , ordentl. Mitgliede der phyfika]. med.
Societät. Mitgetheilt vom Geh. Hofr. und Prof.
J Maries . . . . . i - I88
fV. Bemerkungen über einige GegenTtände der thie-
- -rifchen Chemie. V^n Dr. Sigwart zu Tübingen - 20»
V. Beitrag zur Gefchichte der Bildungsfehler des
Herzens, welche die Eildung des rothen Blutes
hindern. Von /, F. Meckel . . . - 321
Intelligenzblatt.
I. Ueber den Verlauf der Arterien und Venen.
Von /. F. Meckel Seite 285
- ' II. Beitrag zur Entwicklungsgefchichte des Dann-
kanals. Von /. F. Meckel . . - 293
in. Blafe für den Saft des Pankreas. Von Dr. ^4.
C. Mayer, Profector am anatom. Theater zu
Bern. (Hierzu Fig. 4.) .... - 297
IV. Hornbildungen im Allgemeinen und insbe-
fondere an der menfchlichen Eichel. Von /. F.
Meckel. (Hierzu Fig. 2. 3.) . . . - 298
V. Ueber einige kranlihafte Mifchungszuftände
des Harns. Von Tk. Brande . . . - 3^3
VI. Einige Bemerkungen über den Harn waffer-
fuchtiger Kranker. Von H^ells . . Seite 306
655
VII. Verfdiimnielung (Mucedo) im lebenden Kör- •
'■ per. Von /4. C.Mayer, Profector am anatoiD^
Theater zu Bern . . . . . Seite 31Ö
VIII. Einige Bemerkungen über die Phyfiologie
des Eies. Von Pari> . . . . - Jia
' Erldärung der Kupfertafeln . . . - 319
Dritte"^ Heft.
I. Ueber die Knochenftücke im Kiefergerüft der
Vögel. Von Dr. Chr. L. Nitzfch, ProfeHor der
Naturgefchichte zn Wittenberg . . . Seite 32I
II. Verfuch einer Entwicklungsgefchichte der Cen-
traltheile des Nervenfyftems der Säugthiere. Von.
' /. F. Meckel. (Fortfetzung des im erften Heft ab-
gebrochenen Auffatzes.) 334
t ■ :
Intelligenzblatt.
^ 1. Ueber die Entwicklnng der Teicbbornfcbne-
cken (Limneus ftagnalis). Vom Dr. Stiebel. Seite 4S3
i • II. "VeiTuche und Beobachtungen über den Einflufs
des herumfchweifenden Nerven auf die Ab£on-
dcrungsthätigkeit des Magens. \an B.C. Broäie 426
III. Ueber die Dauer der PupülarTnembran. Voa
J. F. Meckel .-..,.- 430
IV. Ueber einige ungewöhnliche Erfcheinungen
an Leberknoten. Von /. F. Meckel . - 4J2
V. Ueber den Zuftand der Blutgefälse bei der Ent- j;
Zündung ....... 437
VI. UeberdenZufiandderBlutgefiiCse beim Brande 44U
VIL Ueber die Verichiedenheiten Zwilchen der
' rechten und UnlcenKörpcrhälfte inHiniicht «uf jj^
die vcrhühnifsmäfsigc Grufse der Arterien i)iid ^^
Vuueu- Von J. F. MttM •__ - • - 43®
6H
VlH..rPeber! jJJÄ fioncretjonen im menTchlichen ■
Dsrmkanal. Von /. F. Meckel . . Seite 434
■■i {X. Ueber die Zeugung der Regenwünner. Von
/. F. Meckel - 467
■ iflfi Ueber das Rüctengefäfs der Infekten. Von
i.i;-vXjF. Afecfce/ . . . , . . . ^6a
XI. Ueber die MenTtruation . , . . sjj
Erklärung der Kupfertafel ^go
Vferteir la&ft.
■1 : t .
l. Bemerkungen über die Thymusdrüfe des Murmel"
tbiers während des Winterfchlafs. Von Dr.
Friedrich Tieäemanit. , (Mit einer Nachfchrift
des Herausgebers.) , > . . Seite 481
Iln Verfucbe über die WärmefaJIungskräfte der
Galle , der MUch und des Harns. Von 2>Ia/f€ 500
III. Unterfuchung einiger thieriTchen Flüffigkeiten.
Vom Profeffor Dr. /. F. John . , . 506
IV. -Ueber regelwidrige Haar- und Zahnbildungen.
Von /. F.. Meckel, . . , - 519
V. Ueber die Entwicldung der Centraltheile des
NerTenfyftems bei den Säugthieren. Von /. F,
Meckel (Befchlufs der im JtenHeft abgebroch- -
nen Abhandlung). . . - . - 589
•lov"';.-!. ■■:.J. : < . ■ -
. . Intelligenzblatt.
I. Ein Fall von mehreren taubltumnen-^efehwi-
ftern. Von Naffe . . ..',.,■.. •640
II. Ueber einige Abnormitäten der Knochen.
Von J. F. MeckeL . . . . r 641
III. Beträchtliche Vergröfserung der Zirbeldrüfe - 644
Erklärung der Kupfertafeln ... . » 647
655
Register.
^cephalie iTt nicht eins Folge des Henmangela. S«iw 19.
-^ J)le wahre ift urfprüngUcher Bildungsfebler. 21 — ^ 50.
Ackermann, Prüfung feiaei Meuuuig über die Entfcehung&weilc
_y des Nerveoryftem». % — ig,
Äfitrias auraniiaca, Bemerkungen über die Lebeiuerrcheinongen
, derfelben. '- 1C2 ff.
Athmen , unregelmärsiges bei der blauen Krankbeit. 24;.
Auge, BeiUdge zur Keoncaifs feinet Baues, von Edwards I5{, 156.
Augenhöhle , ein Zailn in derfelben. ^jy,
Augenwinkel , Haare in demfelben. ^2;.
Att/onderungtthütigkeic des Magens hd'ngt mit der Thäcigkeit des
hemmXcbweifenden Nerven zulammen. ^2i it.
AJter , Abgang von Haaren durch denfelben. f 2}.
Ammonshorn ■, Entwicklung dellelben. 595.
Ammonium , bewirkt ZuIammenTeuung der GeltiCie, und bcfcUeu*
nigt die Blutbewegung. 441, 44J.
Ahguftura viro/a, Wirkungen derfelben. 177 ff.
Wirkt durch das Rückenmark auf den übrigen Körper igl.
Anordnung des Cefufsfyflemt , wodurch Blaufucht entfteht, ift
fehr verfchieden. Hauptverfchiedenheiten derfelben. 37} ff."
Anfchwetlungen des Kuckenmarkt find defto unmerklicher, jt
jünger der Embryo ift. 350.
' Untere ift nie ftärker, als die obere beim Menfcbtn. J51,
Arterien verlaufen nicht beftändiger als Venen, agj £|,
B.
Btrzeliut , Inhalt der Zooohemie deffelben. 313 ff.
Bemerkungen darüber. 3i6 ff.
aUitngi/ehttr des Hmtru i kommen vortägUch beim mionlicheo
Ctfchleobt vor, aC6 tt-T-
" i
m
Slafe für den Saft des Pankreas, eine Nachahmung derjGallenblaCe,
eine Beobachtung von Mayer. Seite i$7 IL
Blaje, einfache, anfänglich; an der Stelle des giofsen Gehirns vor-
handen, ii6-
Bläschen der Scefcernc.. l6j.
Blafmjtein mit Haaren befetzt. 529.
Blaut Krankheit , zv/ei und zwanzig neue Fälle davon. 23) — 346.
Entfteht nicht nothwendig nur durch Bildungsfehler des Her-
zens. 3%j.
Blaiifdureähnlichc Verbindung enthält vielleicht den Grund der
Giftigkeit und Bitterkeit mehrerer Subftanzen. 185.
Blut, eine Abhandlung über dalTelbe, von Davy. loj — 14J.
Blut , über die Urfache der rothen Farbe deUelben. \^t.
Unterßichung defTelben von Sigwart, S02 if.
Blui , Befchaffenheit und Menge deflelben in der blauen Krank-
heit. ■ " ' 348.
Bluekügelchcn im Harn waflerfüehtiger Kranker. 307.
Brand, bei demfelben find dieOefäfse nicht durch geronnenes Blut,
fondern därch adhäfive Entzünduug verrchloffen, 449,
Brande, Bemerkungen über kranke Mifchungszultande des Harns.
30J ff.
Sredie , Verfuche deCfelben , um den EinfluEs der Nerven auf di«
Abfonderungsorgane anszumitteln, 426 — 430.
Brußbein, Entwicklung dellelben. ^11 — 614.
c,
Caldani, Beobachtung defCelbea von .'einer Hombildaog an der
menfchlichen Eichel. 259 ff.
Caprimulgus. Hl-
Carus Arbeiten nbcr die Entwicklung des Gehirns 3. 3. 4.
CencrolcheiU des Nervenfyßemi. Eine Abhandlung über deren
Entwicklung von /. f. Afcctel l — loS. 334 — 4ä3-
Chemie , thierifche Bemerkungen über einige Gegenftäude derfelben
von Sigwart. 203.
Coneretionen im menfchlichen Darmkanal. 454 ff.
Arthritijche , aus dem Armgelenke einer Leiche, kam in ihrer
MiCchung mit den Knochen überein. 5'f'
D.
Darmkanal, Beitrug zur Entwjcklungsgefchicht« deflelben. 993 ff.
Biidung^ehler deffelbea. 294- 39«'
Dicke,
— 657
Dicke ^ anfehnliche, des Rückenmarks beim Embryo. Seite 346.
Divertikel , Bertäti^^ung der Meinung, dafs fie mit der Entwick-
lung des Ddrmkaiials zurammenhiingen. 294«
E.
a , Bemerkungen Ober einige Puncte aus der Pliyfiologie deffelben
von Paris. 3 1 2 fi;
Eichel, Hornbililung an derfelben. 25p ff_
Bic/cöckc mit Haaren. -5q_
Mit Zühnen. ^^5 ff_
Einheiufrrebcn , als Charakter d*r höliern Bildungen. ili,
Einfatigung der Haut, durch Verfuche erwiefen. i^I it«,
Eiweifs im Harn wafferfüchtiger Kranken, eine lehr gewöhnliche
, Errcbcinung. jog.
Eunction delTelben im Ei der Vögel. 3jj_
Der menfchlichen Darmfteine. ^gj_
Enljtchungsiveifc der menfchlidien Darmfteine. 4gt.
Entwicklung von Haaren, regehvidrige , vorzügUchfte Momente
derfflben. 53a _ 537.
Von Züh)ieii. «j^^ — ^jjg.
Entzündung , Unterfucliungen über den Zuftandder filutgefäfse in
derfelben. 437.
Ernährung . leidet bei Blaufüchtigen. j^^_
Eftli'ft ift bei der blauen Krankheit noroial, ä^^^
F.
fadenfpinticndcs Organ der Oniskcn. I^j_
Eederbalg am Herzen. 52g.
Am A/ter. 53g.
Eingcr, über «uie nnvollkommne Bildung derfelben. Ijy.
Fi/chotter , Tliymusdriile derfelben. ^jg,
Floclicn de» kleinen Gehirns find anfanglich felir grofs. 3Ö1.
tUtut , Beobachtungen, welche zu beweifen fcheinen, dafs er du
Schafwalfer athmet. . 154.
Beitrag zur Gefchichte feiner Hüllen. 1^(5.
FOtutühnlichkeit der Winterfchläfer . von Pallas vni PrUnellc an-
gegeben , und von Tiedcmann beftatigt. 4JI. 453.
FortJ'atzknochcn im Uuterkieferi der Vüg«l. jjo.
frafehlarven. 157-
Tt
658
Call's unriclitige Berchreibung der Rüclienmulcsilöble. Seite ;4£.
Calle des winterfchlafenden Murmelthiers, 487'
Ihre IVih-mefa/ßmgshrqfc. 500«
Gallenblafc , Haare in derfelben. ',2%.
Callini, über die Menftruation des menfcbUchen Weibeä, 477 ^t
Cebürnnitter, enthilt Haare. 535.
Gchürmutter, entbält Z.ihne. 54».
Celü'-n, grofses, Entwicklung deffelben. 376 — 417.
GcA/rn, kleines, Entv.'ickluogsweire deffelben. ?5S K
Thierühnlichkdt derfelben und Analogie mit abweichenden Bildun-
gen beim Menfclien. 364. — 368.
Cchiirgang , Haare in demfelben. 515.
Cehröfe, enthalt Zihne. 541.
Ge/cn^/cAm/cre, cliemifcli unterfucht. 5061
Cefchlcchtsfunction , entwickelt lieh unvollkommen bei Blaufüch-
tigen. 258.
Gefchniacksempßndiingcn der Seeftcrne. 175.
Ccjlchtsciiipfiiidungen der Seefterne. 17S.
Gejircifte Körper. Entwicklungsgefchichte derfelben. 38} — 85.
Fehlen anfangs. 3g},
CewUlbß. 389.
Gifte , über die Wirkungsart und chemifche Zurammenfetzung der-
felben, eine Abhandlung von Emmert. 176 — 187.
Cleichung zwifchen der Entwicklung des Embryo und der Thier-
reilie ift deutlicher, als melirere Schiifcfceller glauben. 41 5.
H,
Haare im Gvarium, ein Fall davon, 519 — 51.
Haarbülge unter der Haut. 550.
Halswirbel , Entwicklung derfelben. 594. — 508.
Harn wafferfüchtiger Kranken. UnterfuchungdefCelben. 30} — 305.
Eines Steinkranken. 30J.
Harn, deffen Wärmefaffungskraft. 503.
Har;ii/«ye, enth;ilt Haare. ^;j.
Hemiccphalie, ifc nicht urfprünglicher Bildnngsfehler, fondern
i'olge des innern Wafferl^opfes, welcher felbft aber ein regel-
widriges Fortwachfan des Gehirns im Schädel nach demfrühera
Embryctypus ift. Beweis diefer Meinung und Widerlegung de»
entgegengefetzten, ij— aj.
Heilighrln, Entivicklunp delTelben. Seite äo8 6ir.
Hemijphärcn, anfängliche giinzliche Trennung derfelben, 587.
ift nicht erwiefen. ^99.
Herz, Beitrag zur Gefohichte der Bildungsfehler deffelben, welche
die Bildung des rothen Blutes bindern. Eine AbhandUmg von
J. F. Meckel. j31 2$^,
tjcrz, bebsartes. ^25,
Hinterhauptbein, Enr\vieklung deffelben. 616 — Ig.
Ab\veichende Bildung deffelben. 6x^*
Hirnganglien, Ent^vicklungsweife derfelben, 37Ä — 38?. find an-
fänglich dünnwandig und von einander getrennt, 380. Sind
unter normalen Bedingungen bei vollendeter Ausbildung immer
verv/achfen. 3<2.
Hirnhohlen, Haan" in denfelben. 5:6,
Hitze, wirkt naehtheilig für Blaufiichtige. 271.
Höhle im Rilckenmarii ift immer , auch beim reifen menfchlichen
Fötus vorhanden. 344.
Höhlenbildung der Centralmaffe des Nervenfyftem« ift kein Beweis
ihrer hohem Vollendung. 407.
Hornbildungen , übej die , eine Abhandlung von J. F. Mcckel.
238—302.
Hörn Aaut mit Haaren befetzt. ;:$.
Hallen des Fötus. 157.
I.
Igel, hüclift merkwürdige Kürze feines Rückenmarkes. 353.
liuerntaxillarknochen der Vögel, bildet fleh aus einem Stücke von
der Spitze ans. 3-->
Irritabilität , ^e^tm^^ene, bei Blaufiichtigen. 258 ff.
Jdchhögen der yii^cl, nähere Befchreibung derfelben , 325. beftehen
ans drei Knochen. 32S.
Jochkie/crbeine der Vögel. J*9«
K.
Kalte, oachthciliger Einflufs derfelben auf Blaüfüchtige 270,
Kalk , phosphorfaurer in den menfchlichen Darmfteiiien. 4&I.
Kaninchenembryonen, Entwicklung des üehirns und Rückenmarkes
in ihnen. 35 — 42-
Keilbcin, Entwicklung deffelben. 618 — 635.
Kelch , einige von demfelben betrachtete Abvreichungen der Bildung
des kleinen Gehirns lind Hemmungen auf einer friiliem Bil-
dungiftufe. 36t.
Ti 2
660 — —
KiefirgerUft der Vogel. Refultate aus der Befchreibung derfelben.
Seite ■ ??2.
Knochen y Abnormitäten derfelben. 6^1 ff.
Kochfalz t vermindert die Schnelligkeit der Bewegung des Blutes.
444.
Körper , gelbe im Eierftock entftehen in Folge erhöhter Tbätigkeit
der EierftÖrke. 585»
Körper, rautenförmiger. Hohle in demfelben. 36}.
Kohlei'fänrebildung in der Luft des Luftfackes im Vogelei. 31^.
Krankheitserfcheinujigeii Blaufücbtiger treten oft lange nach de«.
Geburt ein. 262.
Länge des Bückenmarks ift im ra.enrchlichen Embryo viel anfehn-
lielier als in fpätern Perioden. 346.
Lungenpulsader, Verfchliefsung derfelben ift nicht die Veranlaffung
zum Offenbleiben des eirundenLoches und der Ocffnung in der
Herzf heidewand, 275.
Leber, ein Beutel mit Haaren in derfelben. 528.
Leberknoten , Aehnllchkeit z\vifclien ihrer Ent^vicklung und der
Entwicklung des Embryo. 456.
Lochy gerlffenes, ift häufiger beiniMannc auf der linken Seite weiter
als beim Weibe. 4^5.
^h/^* Veräirderungen der im Luftfack des Vogeleies enthaltenen,
di^rch das Brüten, 57^,
Luftfack im Ei der Vögel, 313 ff, Verfchiedenheiten deffelben bei
vfrfchiedenen Vögeln. 31^ ff,
Lumbricus echiurus , Wanderung feioer Eier an das hintere Ende
des Körpers. 47®.
Lungen i kleine des Murmelthiers. 4SI.
M.
Magen , mit Zähnen, «(40.
Maiidihiitae os furcatom. .1 330.
Mark, vfrlJiigertes , Entwicklangsweife deffelben. 355.
MediifeK bieten eine Art der Entwickluiigsweife des Gefä&fy-
fterar aus dem Darmkanal dar. 475.
Mf'ffuhsacjribryoncn , Ent\vicklung des Gehirns und Rückenmarkes
bei denfelbpn. 76 — 108.
Menfcruation, hingt mit der zur Entwickhing des neuen Organis-
mus nothwendigen Temperaturerhöhung zufammen. 480.
— 661
jKiZtA , ihre Wj'rmefaffjngskraft. Seite <(or.
Mifsbildungen, Werth derfelbeu für die Wiflenfchaft, 221.
Uurmelchier, Thynuisdrüfe deffelber.. 48I.£f. 4tS.
N.
tlafenkie/crbeirt der Vögel. 5:;.
^a/ciikiiochea^ befondere fehlen den Vögeln, 525,
liiebcnnieren ^ Grund der Verfchiedeiiheit ili/er verhältnifsmafsigen
Gröfse bei den Fütus verfchiedner Tbicre. 432.
Kervetifyßcm der niedera Tbiere ift nicht blofs GanglienfjTtem der
höheren Thiere, S. IC. ff. entfteht nicht aus dem Gefäfs-
^ fyftem. , SO.
Befclireibmig deßelben in denSeefternen von Tiedemann Ifix — 175.
A «c , enthält Haare. 5J7.
o.
Oberkic/srbcinc der Vögel find doppelt auf jederSeite. J2J.
Onisken belitzen Inngenartige Refpirationsorgane und ein faden^
fpinncndes Organ. 15g.
Oxy genbedarf lüfs beim weiblichen Gefchlechte ift geringer als beim
xrännlic]3en. 36^..
P.
f alias ^ bemerkt die Anwefenheit der Thymus bei den Winterfchlii-
fern, und ihre Vcrj^rürsernng ^Vdll^end des Winterfchlafes, 4,95.
Perioden der Exacerbation der Zufälle in der ßlaufucht 264 ff.
PrUiiclU bemerkt die Annefenheit und Vergrtifserung der Thymus
bei den Wintcrfchläfern, 494.. 9^.
Pupillar/nen/bran erli'ilt /it-h bei den blindgebornen Thieren fo lan-
ge als die VerrcMiefsung der Augenlieder dauert. 4)j.
Quadratjochbein der Viigel. j2(.
RegcnwUrmer, ihre Eier gelangen beftändig , imd auf natürlichen
Wegen in dai hintere Ende des Körper». ^67.
Rippen, Entwicklung derfelben. £15.
663 * ^— ^
Rippen, überzälillge, merkwürdige Bedingungen derferben. Seite 64«.
Rlickengefäjs der Infekten. Ift nicht Andeutung des Rückenmarkes
der höhern Thiere, S. 14. 476. Ein Auffatz über daffelbe von
J. F. Meckcl. S. 469 — 477. Verfchiedenheiten deffelben im
v'ollkommnen und unvoUkommnen Zuftande, 471. 475. Flüf«
ügkeit deffelben kommt mit dem Fette der Infekten überein,
lind ift daher wahrfcheinlicli Organ der Fettbereitung 475.
am richtigften Secretions - und Propulfionsorgan zugleich , und
ftellt alfo das ganze Gefalsfyftem der höhern Thiere im Rudi-
ment dar. 474. ff,
Rückenmark ift der zuerft entftehende Thell des Nervfnfyftems,
20. ;i. Entwicklungsweife deffelben 354 — 555, entfteht aus
einer oder zwei Platten, 335 — 344. Analogie derfelben mit
der des Gehirns. 34;,
s.
Sacht, phyfiologifch - optifche Bemerkungen deffelben. 188 ff.
Sandwurm, Eier deffelben gelangen regelmäfsig in das IiintereEnde
des Körpers. 469.
Schaahnbildung des Eies- 317.
Scha/iembryonen, Entwicklung des Gehirns und Rückenmarkes
in ihnen. 43 —77.
Schamlippen , Haar« an deren innerer Fläche. 525.
Scheide mit Haaren befetzt. ^26.
Schlaf bein, Ent^vicklnng deffelben. 6j^.
Scheidewand des Gehirns, Ent-wicklung derfelben. 385.
Scheidewandhöhle , Zufammenhang derfelben mit dar dritten, 390.
Schleimhäute mit Haaren befetzt. 523,
Schnelligkeit der Blutbewegung wird nicht immer bei der Ent-
zündung vermehrt. 44g,
Schweinsembryonen , Gehirn und Rückenmark derfelben 72 — 76.
Seite , rechte und linke, über die Vcrfchiedenheit zwifchen den Ar-
terien und Venen derfelben. 458 ff.
Seitenfortfatz , innerer des Unterkiefers der Vögel, 329. bleibt bei
manchen Vögeln lange von dem Körper getrennt, 330.
Seitenlnmelle des Unterkiefers der Vögel. 330.
5en/7Ai7irä« Blaufüchtiger , ift häufig deprimirt. 261.
Seröfe Häute , mit Haaren befetzt. ^20.
Spalte, vordere und hintere des Rückenmarkes bildet fich erft all-
' mählig. 349.
Speichel Wafferfüchtiger enthält bisweilen mehr Ei^veifs als ge-
wöhnlich. 305.
665
Spix , die von ihm fRr Nerven gelialtenen Theile der Seefterne find
fehoige Fiiden. Seite 169,
Suhßanz, tliicrifche der menfchlichen Darrnfteine. 4<},
SympathlJ'cher Nerv ift nicht der zuerft entftehende Tlttü de«
Nervenryltems. ao-
Tabellen von den nahern Beftandtheilen der Organe des menfchli«
chen Körpers , 320. ff. Ueber die vorzüglichften Bedingungen
der bldiien Krankheit. 2g^,
Tagfchlii/er, Bju feines Unterkiefers. 351.
Tatthftuinltte Gefcliwifter. Ein Fall von mehrern. 540.
TeichhoritJchnei,kc j Ent\vicklung derfelben. 425-
Temperatur derBlaufiiehtigen ift nicht geringer als dienormale 251.
Tentakeln der Seefterne. Bewegungen derfelben. 165.
Theiliing des kleinen Gehirns in zwei Hälften ift fehon frtih fehr
deutlich. 362,
Tltierjhijen , welche das Rückenmark des Blenfchen in der Ent"
■Wicklung durchläuft. 355.
Thymusdrufe der WuiterfchU'fer vergröfsert Ech im Wiaterfehlaf.
Tiedemann beftatlgt die frühem Angaben von der Vergröfserung
der Thymusdrüfe im Winterfchlaf. 4jl ff.
u.
Vnierkinnlade der VcJgel 327, befteht aus fünf bis lieben Knochen-
fcilcken. 33a.
Vnterfchied zwifchen grauer Maxkfubftanz , Entwicklung deUelbea
im menfchlichen Geliim. 417.
Verdauung, Störung derfelben bei der blauen Krankheit. 347»
yerglcichttng der Entwicklung des grofseu Gehirns beim menfch-
lichen Embryo^ mit der Entwicklung deffelbcn in der Thier-
reihe. 408 — 413.
yerliingerungsßäckc des Unterkiefers der Vu'gel. 33a.
Verletzung iei Luftfackes in Vügeln, liindert die Entwicklung
rii;s tinbryo. 3l£.
ytr/chimmtunf im lebenden Kürper bti einem HeUihfber. 3 10 ff.
664
VierhUgel, Entwicklungsgefchiclite deifelben. Seite Jfj — yi.
l^orderßUck , uugepaaites des Unterliiefers der Vögel. 330
W.
IVärme, thierifche, liängt nicht unmittelbar vom Gehirn »b. 184.
Würmefaffungskrafte mehrerer thierlfcher Fliilfigkeiten . 500 ff.
Wallrath der menfchlichen Darmfteine. ^52.
Waffer-Jhcht , Befchaffenlieit des Harns bei derfelben. 30Ä,
WcZ/j über den Harn Wafferfiichtiger. 306 — 309
Windungen de« Gehirns, Entw'icklung derfelben. 38^. 393
Wirbel nnd Shädelknochen , Entwicklung derfelben. 5S9 — 639,
Zahne im Ovari"™> ein Fall davon, 519. Unter der Zunge 53 J.
In der Augenhöhle 559. Ueber dem Zwerchfell 54c. Im
Magen 540. Im Gekröfe 541. In der Gebärmutter 54:. In den
Ovarien. 543.
Zehenglied, Anfchwellung deffelben, ein beftändiges Merkmal der
Blaufncht. 256.
Zeugungen, die mittlem fcheincn die voUkommnen. 64I,
ZirbeldrUfe, betrdchtliche Vergröfserung derfelben bei einem Kinde
645.
Zoochemie, Plan zu derfelben. ai7 <f.
Zunge mit Haaren. 513.
Zvfammcnhang zwifchen dem Grade der Bildungsabweichung des
Herzens und der Zufalle in der blauen Krankheit ift nicht
nothwendig. 279 ff.
Zufammenirejfen dem Wefen nach gleieher BildungsfeWer it dem-
felben Körper. 29f-
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