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Deutfclies Archiv 

für die ^ h'iaj/-(rrr>l €j [- 

PHYSIOLOGIE. 



In Verbindung 

mit den 

Herrn Albers, Autenrieth, Blumenbach, Döllinger, 
Dzonili, Emmert, Erman , Harles, Horkel, 
Jacobfon, Kaftner, Kielmeyer, Meyer, A. Mpckel, 
Naffe, Nitzfch, Piaff, KofenftiüUer, Sigwart, 
Sprengel, Tidemann, Tilefuis, Weinhold 

herausgegeben 



J. F. M j:.-C K E L. 

'Mr^M 



Erster Band. Erstes Heft. 

Mit zwei Kupfer tafeln. 



*-»000'3»3OCOCryjC/:x>C^>O0<QOrx 



Halle und Berlin, 

in den Buclihandlungen des hallifchen WaiTenhauTes, 

I 8 I S 

■ -D. 



e. 



XJer Zweck und Plan der Zeitfchrift, deren erftes 
Heft ich hiermit dem Publicum vorlege, ift in det 
Anzeige derfelben fo deutlich ausgefprochen , dafs ich 
mich nur felbft wiederholen würde, wenn ich mich 
von Neuem darüber ausliefse. Ich bemerke daher' 
nur, dafs fie vorzüglich der Beobachtung und dem 
Verfuche gewidmet ift, indem ich feft überzeugt bin, 
dafs nur auf diefem Wege die Wiffenfchaft gewinnen 
und dauernd weiter gefördert werden kann : eine 
Ueberzeugung, die man endlich wieder frei und offen, 
ohne Gefahr zu laufen, für einen Obfcuranten zu gel* 
ten, an den Tag legen kann, und die hoffentliclr 
bald auch unter uns fo allgemein werden wird, dafs 
wir den Spott unfrer Zeitgenoffen und der Nachwelt 
nicht mehr verdienen werden. 

Ich hoffe, meine Anficht der wahren Naturfor- 
fchung hinlänglich durch die That erklärt zu haben, 
nm hier nicht mifsverftanden zu werden, und eiit-' 
halte mich daher einer jeden nähern Erläuterung. 
.Man kann den ^Lfsbrauch der Speculationen verwcr- 



fen , ohne deshalb denen beizutreten , die unaufhörlich 
nach Erfahrungen rufen, ohne die Fähigkeit zu ha- 
ben, eine einzige richtige zu machen und, was doch 
der einzige Zvveck der Erfahrung ift, aus hundertea 
ein einziges richtiges Refultat zu ziehen, oder auch 
nur ein Refultat richtig zu beurtheilen und deren 
Lob fo gleichgültig als ihr Tadel, ja oft widriger ift! - 

Natürlich kann nur dann die Wiffenfchaft auf 
dem angegebenen Wege gründlich gefördert werden, 
wenn jeder vorzugsweife eine Seite derfelben auffafst. 
Theils Neigung, theils zufällige Verhültniffe haben 
mir vorzüglich die organifche Form zum Gegenftaude 
meiner Nachforfchungen gemacht, ein Gegenftand, 
der noch vor wenig Jahren zu denen zu gehören 
fchien, über welche die Bücher gefchloffen find. Ich 
darf vielleicht lagen, dafs ich einigermafsen dazu bei- 
getragen habe, zu beweifen, dafs dem nicht fo fey, 
felbft wenn von der menfchlichen Form die Rede ift, 
Dafs die vergleichende Anatomie noch weit weniger 
vollendet ift, als die menfchliche, bedarf keiner Er- 
wähnung. 

In der menfchlichen Anatomie ift vorzüglich die 
Gefchichte der periodifchen Verfchiedenheiten noch 
fo unvollkommen bearbeitet, dafs hier befonders noch 
viel zu leiften ift. Seit WrUbeigs trefflichen Beiträ- 



gen zur Gefchiehte des Embryo war bis auf unfere 
Zeiten über diefen Gegenftand , aufser der unbedeu- 
tendeu Compilation von Danz imd des geiftreichen 
Autenrieilis Supplementen, die fich aber vorzüglich 
mit der äufsern Form befcbäftigten, wenig erfchienen. 
Seit dem Jahre Igpö, wo ich meine Abhandhmgen 
herausgab, welchen einige Jahre fpäter in meinen Bei- 
trägen die Unterfuchungen noch früherer Embryonen 
folgten, ift diefer Gegenftand von mehrern Seiten mit 
iolcliem Eifer bearbeitet worden, dafs die Bildongsge- 
Icliichte mehrerer Organe bedeutende Fortfehritte ge- 
macht hat. Für jetzt werde ich dif fen Gegenftand, einen 
meiner Lieblingsgegenftände, in einzelnen Auffätzen, 
in diefem Archiv vorzugsweife bearbeiten, fo dafs nach 
eioander in demfelben die EntvvicklungsgefchichLe 
.vorzClglich der in d^^ifer Hinficht noch weniger. ibe- 
kanntcn Theile folgen wird. Es vcrfteht fich indef- 
fen von felbft, dafs auch die Betrachtung der voll- 
kommnen Form keiuesweges nusgefchloffen feyh wird, 
und. dafs ich vorzüglich Beiträge zur Kenntnifs von 
diefer mit Dank annehmen v/erde. Eben fo werden 
mir befonders Beitrage., zur KenntniijS der Enl;wic;l<- 
lungsgefchichte fokher Thiere fehr angenehm feynj 
welche nur zufällig Aem Forfcher zu Theil werden. 

Die menfcbliche Entwickjungsgefchichte felbft be- 
arbeiten zu können, bin ich, theiis durch den An- 



kauf der fehr reichen Sammlung unfers leider verftor- 
benen Nolde, an dem ich einen, in jeder HinGcht fchätz- 
baren und würdigen Collegen verlor, theils vorzüglich 
durch die Unterftützung einiger freundlich und wiffen"- 
Ichaftlich gefinnter Männer, im Stande, unter denen' 
ich hier die Herrn Doctoren Ulrich zu Halle, Raeh zu 
Nordhaul'en, Brunn zu Köthen, Keßler zu Magdeburg 
und Georgiades zu Halle um fo lieber mit dem verbind- 
lichften Danke nenne, als ihre Gefälligkeit im Vergleich 
mit der unwiffenfchaftlichen Ungefälligkeit und zum 
Theil Undankbarkeit andrer in einem defto hellem 
Lichte erfcheint. Icli- verdanke ihnen defto mehr, da 
ich, von jeder öffentlichen Unterftützung entblöfst, nur 
durch Privatanftrengungen für diefen Theil der Wif- 
fenfchaft etwas leiften kann. Ein unangenehmes, aber 
leider nur allzuwahres Geftändnifs, welches mich für 
manche Mängel Entfchuldigung hoffen läfst. 

Kaum zu bemerken brauche ich übrigens, dafs 
keinesweges die organifche Form der einzige oder 
auch nur Hauptgegenftand diefer Zeitfchrift feyn folL 
Sbivohl der Titel als die Anzeige derfelben und der ■ 
Ihhalt diefes Heftes beweifen hinlänglich das Gegen- 
iheil. Eben fo werden die folgenden Hefte nur zum 
kleinern Tlieile anatomilche Auffätze enthalten und 
grofsentheils Unterfuchungen über Thätigkeitsäufse- 
iimgen des Organismus gewidmet feyn. 



VIl 



Der frühern Anzeige gemäfs foll das Archiv, ' 
aufser den gröfsern und voUftändigen Auffätzen , ii;i 
einem Intelligenzblatte zugleich kurze Anzeigen , feyeii 
es nun Auszüge oder urfprüngliche kurze Notizen, 
enthalten, um fo zugleich ein vollftändiges und fort- 
laufendes Repertorium der neuften und wichtigften 
phytiologifchen Thatfachen zu werden. Die noch 
nicht völlig hergeftellten Verhältniffe des englifchen 
Buchhandels, fo wie die neuften Ereigniffe, haben 
es mir unmöglich gemacht, mich fchon jetzt in den 
Befitz aller Quellen zu fetzen ; indeffen hoffe ich fchon 
bei den nächften Heften reichere Beiträge liefern zu 
köimen, die man dann künftig nach einem beftimni- 
ten Plane in einzelnen Rubriken finden wird. 

Endlich erlaube ich mir noch zwei Bemerkun- 
gen. Das höchft Unangenehme einer blofsen Ge- 
fchäftscorrefpondenz und der Eröffnung einer Bekannt- 
fchaft mit einer Bitte irgend einer Art , enthielte fie 
auch einen Beweis von Hochachtung, hat mich abge- 
halten , aufser der allgemeinen Anzeige , einzelne Auf- 
forderungen um Theilnahme an mir nicht perfönlich 
bekannte oder auf eine andere Weife früher verbun- 
dene Gelehrte zu erlaffen. Keinesweges ift aber hier- 
durch erklärt, dafs ich nicht die Theilnahme mehre- 
rer geachteter Pliyfiologen auf das lebhaftefte wünfche: 
im Gegentheil werde ich diefelbe mit dem gröfslen 



Danke erkennen, indem nur durch djs vereinte Stre- 
ben mehrerer der Zweck des Unternehmens völlig er- 
reicht werden kann. 

Dann erlaube ich mir die Wiederholung der, 
gleichfalls fchon in der Anzeige gethanenen, Bitte an 
diejenigen , welche mich bei diefer Arbeit unterftiitzen, 
iheils nur eigne Auffätze, theils denfelben Auffatz 
nicht zugleich in andere Zeitfchriften zu liefern, eine 
Bitte, von der ich glauiie, dafs fie mir niemand ver- 
argen wird, indem das doppelte Erfcheinin eines und 
deffelben Aufiatzes nur den Fortgang der ünterneh- 
munsr untergraben würde. 



Halle, den 2. März Igl?- 



,-i 



Meckel. 



I. 
V e r f u c h 

einer Eotwicklungsgefchichte 
der 

Centralbheile des Nervenfyfiems 
in den Säugthieren. 

Von 

J. F. Meckel. 



§. 1. 
Das Nervenleben ift fo fehr der Grund alles Lebens^ 
dafs eine Schrift , welche die Bedingungen des Lebens 
2um Gegenftande hat, fchwerlich zvveckmäfsiger als 
mit einer Unterfuchung über eine Seite des Nerven- 
fyftems, vorzüghch aber über die Entwicklungsge- 
fchichte deffelben eröffnet werden kann. Zwar ift die- 
fer Gegenftand ganz kürzlich theils allein , theils in 
Verbindung mit Unterfuchungen über das Nervenfyftem 
überhaupt, namentlich erfteres durch die Herrn Dol- 
linger ') und Wenzel '), letzeres durch die Herrn 



I) Beicrige zur Entwicklungsgefchicbt« des menfchlichen Oe- 

birni. Fraoki. a. M. 18 14. 
•) Prodromut eiacf Werkt (Ibn du Oehira dtiMtoTchea vnd iit 

SSugtbiert. Tabingea i%q6. 

K. 4. Archiv. I. I. A 



Ackermann ') und Cariis ') bearbeitet worden, indef- 
fen, da ich, bei einer genauen Vergleichung meiner, un- 
abhängig von den ihrigen und früher, wenigftens als 
die Schriften der Herrn Ackermann , Döllinger und 
Cariis und das grüfsere Werk der Herrn Wenzel erfchien, 
angeitelltenUnterfuchungen mit den ihrigen, fand, dafs 
durch fie die Bekanntmachung jener nicht geradezu 
überflüffig gemacht wurde, fo glaubte ich auch fie als 
einen Beitrag zur Aufhellung des über der Entwick- 
lungsgefchichte überhaupt und der des Nervenfyftems 
insbefondere ichwebenden Dunkels , ■ liefern zu dürfen. 
Ich habe bemerkt, dafs meine Arbeiten unabhängig 
von denen der genannten Gelehrten xmd früher als die 
ihrigen entftanden, nicht um ihnen auf irgend eine 
Weife zu nahe zu treten , fondern nur um von mir den 
Verdacht des Gegentheils abzuwenden. Dafs meine 
Verficherung mit der Wahrheit iibereinitimmt, wird in'' 
fo fern hoffentlich Glauben iindcn , als zum Glück das 
Publikum längft durch eine öffentliche Erklärung des 
verewigten Re'd ') weifs, dafs ich bei unferer gemein- 
fchaftlich zu fordernden Bearbeitung des Nervenfyftems 
mir vorzvigswcjfe dielen Theil der Arbeit gewählt hatte. 
Es war dem Plane gemäfs , dafs erft der vollkommne 
Zuftand völlig erörtert feyn follte, ehe die unvollkom- 
menen vorübergehenden dargeftellt würden. Theils da 
her, theils, weil fowohl das Herbeifchaffen, als dii 
Bearbeitung des Herbeigefchafften hier mehr Schwierig 



1) De iiervei fjTtematis pilinordiis. Manliemii et Heidelb. 1813 

2) Verfucli einer Darltelluug des Nei'teniyhcms. Leipz. 1814. 

3) Reih Archiv für die PhylloJ. Bd. «. H. i. S. 5. 



, keiten hatte als fich bei irgend einem andern Organe fin- 
den, theils endlich durch die Ereigniffe der letzten 
Jahre verzögerte fich die Bekanntmachung diefer Unter- 
fuchungen. Gern geftehe ich auf der andern Seite, 
dafs ich , da ich keine Gelegenheit verfäumte , diefelben 
zu vervollftändigen , die WVrke vorzüglich einiger der 
genannten Gelehrten befragt habe, und namentlich wird 
man finden, dafs diefer ganze Auffatz mit beftändiger 
Rückficht auf diefelben abgefafst worden ift. Ich habe 
fogar den Zuftand der Kenntniffe jedes Theiles bis zu 
dein Augenbhcke, wo er erfchien, jedesmal kurz an- 
gegeben und genau bemerkt, was ein jeder zur Herbei- 
führung deffelben beigetragen, fo dafs fich hoffentlich 
niemand , wie es hie und da wohl mit Recht gefchehen 
könnte, befchweren wird, dafs feine Entdeckunt^en 
und Anfichten benutzt werden , ohne feines Namens zu 
gedenken. 

Ungeachtet des frühem und völlig unabhängigen 
Entftehens meiner Arbeit wurde ich fie indeffen unbe- 
denklich nicht bekannt gemacht haben, wenn fie nichts 
anders als die erwähnten enthielte. Von dem Gegen- 
theil wird fich ein jeder Lefer leicht überzeugen. Un- 
ter den angeführten Schriftftellern haben fich nur die 
Herrn Ackprmaun und Carus mit Unterfuchungen über 
die Bildungsgefchichte des ganzen Nervenfyftems biv 
fchiiftigt: die Herrn Düllinger und Wenzel dagegen 
hlofs die des Gehirns zum Gegenftande ihres Forfchens 
gewaiilt. Die /Icknnneini/khe Darftellung des Gegen- 
Itandes beruht auf keiner einzigen Beobachtung um! 
Htir A'ki-nnann felbft wird, wenn er fiel» gleich getjea 

A 2 



ttiejenigen heftig erklärte, welche Probleine durch 
bJofse Spiele der Phantafie zu lofen fuchen '), fchvver- 
lich iäugnen können, dafs fie etwas anders als eine, nicht 
einmahl wahrfcheinliche Hypothefe ift. Herr Cariis 
hat, wie es mir fcheint, ungeachtet er beobachtete, 
doch theils nicht hinlänglich frühe Perioden unter- 
fucht, theils wenigftens nicht überall hinlänglich voll- 
ftändige Darftellungcn geliefert, höchft wahrfcheinlich, 
weil befonders des letzten Verfahren aufser feinem 
Plane lag, da er nicht b/ofs eine Entwickliuigsgefchich- 
te des Nervenfyftems fchrieb. Doch hat er zur Bil- 
dungsgefchichte des menfchlichen Gehirns wichtigere 
Beiträge als zu der des Säugthiergehirns geliefert. Da 
zur genauen und vielfachen Unterfuchung fehr zeitiger 
Embryonen gröfsrer Säugthiergehirne fich im Ganzen 
feltner Gelegenheit findet , auch die Unterfuchung fol- 
cher fehr zeitiger Embryonen mit mehrerern Schwierig- 
keiten verbunden ift, fo wählte er lieber fpütere , aber 
aus ^^i^er« Gattungen , und wegen iler Wichtigkeit meh- 
rerer dadurch dargebotener phyfiologifcher Refultate 
faß reife Mäufeembryonen , durch deren Befchrei- 
bung er die frühefteGellaltung des Gehirns in derClalfe 
der Säugthiere geliel'ert zu haben glaubt, vermuthlich 
in der Ueberzeugung , dafs diefe auch noch in fpätern 
Perioden niedrige Formen darbieten '). 

Abgerechnet, dafs die Herrn Wenzel und Dölli/i- > 
ger fich blofs auf das Gehirn befchränkten , fo hatten 



i) A. a. O. S. 15, 
3) A. *. 0. S. 3?«. 



t, 

auch fie, wie es fcheint, nicht Gelegenheit, die frühem 
Perioden deffelben zu unterfuchen , und vorziighch be- 
ziehen fich ihre Abbildungen nur auf fpätere Perioden. 

Icli habe daher theils vorzüglich diefe Werke durcl» 
genaue Darfteilung der frühen Perioden zu vervollftändi- 
gen und durch Befchreibung und Abbildung derfelben 
ein deutliches Bild der allmähligen Entfaltung des edel- 
ften Organs zu entwerfen verfucht; theils, fowohl we- 
gen der genauen Beziehung zwifchen den Centraltheileu 
des Nervenfyftertis und den knöchernen Behältern, wel» 
che fie umgeben, dem Schädel und der Wirbelfäule 
überhaupt, als weil ich fchon feit geraumer Zeit nicht 
ganz ungleichgültige Beiträge zur Kenntnifs der Bil« 
dungsgefchichte der Wirbel -und Schädelbeine gefam- 
hielt, diefen Unterfuchungen die Refultate meiner Ar- 
beiten über den letztern Gegenftand beigefügt. Wenn 
man erwägt, (was ein jeder, der gründUch unterfucht, 
leicht als richtig finden wird), dafs , feit Albiii feine un- 
fterblichen' /co///'j ofjium fornus herausgab, doch die 
Kenntnifs der Bildungsgefchichte der Knochen, unge* 
achtet manches hinzuzufügen war, fo gut als gar nicht 
vorgerückt ilt, fo wird man fich nicht wundern, man- 
cnes hier zu finden', was auch die neueften |Arbeiten 
eher diefen Gegenftand nicht erwarten liefsen. 

Da ich über die Bildungsgefchichte des Vogelge- 
hirns und Uückenmarkes noch einige Beobachtungen an- 
zuftellea wünfche, fo habe ich blufs das Säugthierge- 
hirn zum Gegcnftande diefes Auffatzes gewälilt. Aller- 
dings liat dies den Nachtheil, dafs der frühefteii Perioden 
hier noch nicht Erwähnung gefchchcn kann, allein, da 



die Entwicklungsgefchichte diefer Organe im Vogel baltl 
folgen wird , fo ift diefer Nachtheil um fo geringer , als 
ich mich durch den Mangel an Beobachtungen nicht 
▼erleiten laffen werde, Hypothefen an die Stelle von 
Beobachtungen zu fetzen. Ueberdies wird man leicht 
bemerken, dafs ich weit frühere Embryonen ünterfuchte, 
oder wenigftens vorzugsweife befchricb und abbildete, 
als die übrigen Schrifrfteller. Da ich felbft die Schwie- 
rigkeiten aller Art fehr wohl kenne, womit die Herbei- 
fchaffung tauglicher Gegenftände zur- Bearbeitung der 
Entwiclvlungsgefchichte verknüpft ift, fo verfteht es 
fich von felbft, dafs diefe Benleirkungeii keinesweges 
tlifefen achtungswerthen Männern zum Vorwurfe gerei- 
chen foU. Uie Erbärmlichkeiten aller Arten, wodurch 
eine folche Arbeit faft unmöglich gemacht wird, find 
fo empörend < dafs ich den Namen derer, welche 
fich dadurch entehi-en , Luft hätte, ein ähnliches Denk- 
mal zu fetzen , als es von Reil bei einer ähnlichen Ge« 
legenheit gefchahe, wenn nicht der Raum durch jedes 
andre Wort beffer ausgefüllt würde. ' 

Dies ift der Grund, warum ich die Gefchichte des 
nienfchlichen Gehirns noch nicht fo vollftändig lieferji 
kann, als ich wünfchte: indeffen hoffe ich allmählig 
die Reihe zu vervollftändigen. Auch fo wird man, wo 
ich nicht irre, die meiften Beobachtungen hinlänglich 
früh und manchen nicht imwichtisren Beitrag finden. 

••"Die' weif VoHftändigere Reihe von Schafsembrjo- 
nen •ergänzt. Was dbrt fehlt , und beweift zugleich, dafs 
die Lücken nicht grofs find. 



Aufser diefen habe ich noch einige Beobachtungen 
an Kuh - , Schweins - und Kanincheneinhryonen gehefert, 
welche die an jenen gemachten beftätigen. 

§. 2. 
Die befte Art, den Gegenftand zu bearbeiten, 
{chien mir die , zuerft den ganzen Gentrahheü des Ner- 
venfvftems in den verfchiedenen Perioden imZufammen- 
hange zu befchreiben, dadurch gewiffermafsen den Le- 
fer felbft in den Stand zu fetzen , allgemeine Refultate 
zu ziehen , und darauf diefe Refultate , fo weit fie fich 
mir zu ergeben fchienen , felbft zu hefern. 

§. 3. 

Alle Embryonen, die ich zu unteciuchen hatte, 
waren fo weit in der Entwicklung vorgerückt, dafs die 
wichtigften Lebensorgane und alle Haupttlieile des Ner- 
venfvfteins gebildet waren. 

Es fragt fich aber zuerft, ehe ich zu der einzelnen 
Befchreibung übergehe, ob nicht auch vielleicht eine 
Zeitfolge in der Eiilftehung Statt findet, und, wenn diefs 
der Fall ift, welcher Theil des Nervenfyftems fich am fril- 
beften bilde. Dafs (ich die Nerven fpät entftehenderThei- 
ie niclit früher entwickeln, als die der Urtheile, alfo 
die Extremitätennerven z. B. fpäter entftehen, als die 
Stammnerven, wäre kaum des Anfiihrens werth, wenn 
uicltt Herr Cariis auf dicfe Entdeckung einen befondern 
Werth zu legen fchiene '), Von dergleichen Ver- 



A. a. O. p. 77. 80. If. 



fchiedenheiten der Zeit der Entftehung kann daher 
nicht die Rede feyn. 

§. 4. 

Dagegen verdient Herrn Ackermanri's neuerlich 
vorgetragene Darftellung der Bildungsgefchichte des 
Nervenfyftems eine nähere Prüfung. Diefer zu Folge 
„geht das Nervenfyftem aus dem Blutfyftem hervor, in- 
„dem zufammengehäufte und ftärker oxydirte Blutkfi- 
„ gelchen die Nervenfubftanz, und die Häute derGefäfse, 
„ das Neurilem bilden. Nothwendig mufs daher der 
„erfte Nervenzweig in dem Organ zuerft entftehen, 
„welches unter allen die meifte Energie hat. Diefes 
„ aber ift das Herz. Man mufs fagen, dafs fie aus diefem 
„ entftehen, i4cht aber, dafs fie zu ihm gehen, wenn man 
„den neuen Anflehten, denen zu Folge der fympathifche 
„Nerv ein eignes, das vegetative, Nervenfyftem bildet» 
„folgt. Daher find auch die Herznerven fo klein, durch- 
„ fichtig, weich, fo fehr mit der Herzfubftanz verwebt. 
^ „ Wie fie aus dem Herzen hervorgehen, kann man freilich 
„ nicht mit leiblichen Augen fehen , allein das geiftige 
„Auge fleht es folgendermafsen fehr hell. Durch die 
„ Zufammenziehimgen des Herzens werden die, aus den 
„Lungen, im hohen Grade oxydirt, in feine Höhlen ge» 
„langenden Blutkilgelchen, durch die Schichten , wor- 
„aus es befteht, nach aufsen durchgefeiht, wo fie fich in 
„der LängenrichtUBg anreihen, und diefe Kugelreihen 
„find die erften Anfänge des Nervenfyftems. Von hier 
j, aus kriechen die Nerven längs den Gefäfsen zum Hälfe 
„ und dem Schädel, und endigen fich hier in den untern, 



„mittlem und obern Halsknoten, welche aus ihnea 
», entftehen und von wo aus fie mit den Rückenmarks« 
,, nen-en zufammenfliefsen '3. 

„Auf dem Nervenfyftem des organifchen Lebens 
„wurzelt das animalifche. Zuerft geht aus ihm das 
„ kleine Gehirn , vermittelft der Verbindung des obern 
j, Halsknoten mit dem fünften Nerven hervor , indem 
„durch diefe Nervenwurzel die Thätigkeit des Blutes 
„ der Vertebralarterie fo gefteigert wird, dafsAbfatz von 
„Nervenfubftanz, welche eben zum kleinen Gehirn 
„wird, entfteht. So wie das kleine Gehirn aus der 
„Wirbelarterie, entwickelt fich das grofse aus der in- 
„nern Kopfpulsader. Aus dem grofsen und kleinen 
„Gehirn entftehen auf jeder Seite fechs Faferbündel, 
„welche zum verlängerten Marke zufammenfliefsen und 
„ aus diefem geht endlich das Rückenmark hervor, wor- 
„aus die meiften wilikührlichen Nerven entfproffen" *). 

„Zuerft alfo entfteht der fympathifche Nerv, dann 
„das kleine, hierauf das grofse Gehirn, unter allen zu- 
„ letzt das Rückenmark." 

§. 5. 
Leider findet fich auch nicht eine einzige Beobach- 
tung, auf welche fich diefe Darfteilung gründete. Herr 
Ackermann führt zwar als Gründe für feine Meinung 
l) die Entwicklung des Nervenfyftems in der Thier- 



I) A. a. O. p. 77. «0. 11. 
a) A. ». O, f. 10». 



HO 

i-rihe ') und 2) die Entwicklung der verfchiednen Sub 
fianien des Nervenfyftems an ^). ' " • : : 

Durch die erfte Bedingung glaubt er in fo fern feine 
Mpipupg zu begründen,, als er es für unumftöfslich ge- 
W'^fsliält, dafs das Nervenfyftem der wirbellofen Thiere 
nichts anders als der fympathifche Nerv fey; allein ich 
weifs-in der That nicht, woher er und andere diefe 
Ueberzeugung mit einer folchen Beftinimtheit haben; 
Offenbar kann man höchftens nur fagen, dafs das ani- 
inalifcbe und organifche Nervenfyftem in den wirbel- 
loiea Thieren noch nicht fo deutlich von einander ge- 
fchieden find, als in den hohem und dafs das Nerven- 
f vftem in einigen von jenen , den Molhiskeit , mehr die 
Geftal): des fympathifchen Nerven , in andern , den /«-' 
fcktea und vielen Würmern , mehr die des animalifchen 
Nervenfyftems habe '). Ja auch dies ift nicht einmal 
ganz richtig, da bei mehrern, vielleicht allen Infekten,' 
fich auf dem Darmkanal eigne Knoten finden , aus wel- 
c^^etfi feine'NerVen'entfpringen, und- da bei allen Mol- 
Icisken^fich eigne Knoten finden, aus welchen vorzugs- 
weife die Eingeweidenerven entftehen. Dies ift felbft 
bei deriAcephalen der Fall, und gewifs ift der vonMa«- 



i)^ A. a. O. p. 10?. 
»)' A. a. O. p. 107. 

5) Weit riclitiger Tagt, daher Herr WaUhsr (Pliyf. B. 3. {. 5«), 

S. 246.) ijdaTs die knotigen Riickennerven der untern Thier« 

eben fowolil als ein knotiges Rückenmark, denn als fym- 

„pathiTcher Nerv betrachtet werden können, da fie aueli in 

einzelnen Klaffen , z. B. bei den Infekten , offenbar mehr ein 

knotiges Rückenmark, bei d«a Mollasken aber mehr fym- 

„pathifche Nerven find." > 



gj/i entdeckte Nerveriknoten , aus "welchem die Einge- 
weide ihre Nerven erhalten, «Icht, wofür ei- ihn hält( 
rtas Gehirn , fondern derMittelpunkt des fymfäthifchen 
Nerven. : -i 

-'Sit i Dafs das Neirverifvfteni der' wirbeliofen Thiere ge- 
mcinfchaftüches animaJifches und övganifches -Nerven-' 
frftem ift, ergiebt fich auch ^ meines Erachtens, fehr 
ticutlich aus der ■ Vertheilung'deffelben, fofem die auä 
dErtKnotert'CRtftehenden Fäden gleichmäfsig an die will-- 
kdhrlichen Muskeln und diejenigen Organe gehen, wel- 
flie*t>ei denWirbelthieTen ganz .oder vorzugsweife durch 
tlBÄ Tympathifchen Nerven verfehen, werden. Diefen 
Ef)i(\vurF fucht iz war Herr Atkennunn fehr finnreich 
durch' feine Darftellung" d4s: ürfpriings' der 'Rüclcen» 
ftiarksncrven ■zu enthülleni, der'zii, Folge diefe-mit ftiner 
doppelten WuT7.eli aus dem organifoHenrnnd denl anirnac 
lifclien Ncrvenfyftem^entfteheb;; indeffen ift doch wohl 
kwin' Grund vorbaradeinV die von den Zwifchenrippen-i 
knoten zu/ de« fi'iickenTnarksnerven gehendenFäden füd 
Wurzeln und' hicht vielmehr ftVr Verbindungsfäden izwK 
fi»hBU dem Rü'ckeftmnrk und-den .Knoten zn halten, n j 
i'AÄch Herr £ärus fofaeint-^s l?4ervenfyft«n dec 
Wirbteilofen Thiere ^r deii Iritercoftalnerven zu halten j 
«renn er gleich niciJi glaubt, dafsbeätn Embryo derfelbe 
'rflher als das Gehirn und Rückenmark entftehe, inderfi 
;r von demfelbehfogt, dafs erLeii» CangUenfyfietnioyi 
ivdlches auch noch indenhöh(jtlÄTl*»drkJaffen befteha.?)j 
\ls Orönde für dicfe Bchaupturig fchoint er niir i)i.'tUö 
_^^.^_ ' .üöilm-jh 



iz 






Form diefes Nervenfyftems und 2) eine höchft merk- 
würdige Annahme zu haben , dafs das RiickengefiiTs 
der Infekten dem Rückenmarke der liOhern Thiere 
entfpreche. 

In Beziehung auf den erften Grund kann man be- 
merken, dafs die Bildung diefes Nervenfyftems dus ein- 
zelnen Knoten mit der Zufanimenfetzung des ganzen 
Körpers aus Ringen und mit dem Mangel an Einheits- 
ftreben zufammenhiinge, welchen die ganze Organifation 
der niedern Thiere beurkundet. Die Anordnung die- 
fer Nervenfyfteme felbftaber giebt, wenn man fie näher 
betrachtet , einen , wo ich nicht ganz irre , nicht un- 
wichtigen Grund gegen die Annahme ab , dafs das Ner- j 
venfyftem diefer Thiere Intercoftalnerv fey. Bei den I 
meiften Infekten nämlich ift die centrale Knotenreihe fo 
angeordnet, dafs die graue Subftanz überall , befonders 
aber feitlich , von weifslicherer Markfubftanz umgeben, 
in diefelbe eingefenkt ift. Bei mehrern gehen die 
beiden weifslichern longitudinalen Fäden , welche die 
Knoten verbinden, und mit den feitlich abgehenden Fä- 
den in unmittelbarem Zufammenhange ftehen, ununter- 
brochen unter den Knoten fort und die graue Ganglien- 
fubitanz erfclieint auf die Markftränge aufgefetzt. Ganz 
vorzüglich deutlich ift dies beim Krebs, Hier ift die 
Aehnlichkeit nutder heini.Rückenmark derhöhernThie- 
re Statt findenden Anordnung , wo auch graue Subftanz 
von- weifser umgeben ift, nicht zu verkennen. Die 
letetetwähnte Bildung ift faft noch merkwürdiger, in- 
dem fie an das Verhältnifs der Anhäufungen von grauei 
Subftanz zu den Markfträngen erinnert, welches das 



Gehirn der höhern Thiere darbietet, infofern fie bei 
(liefen völlig auf ähnliche Weife auf den Schenkeln auf- 
iitzen. 

Dafs diefe Darfteilung mit der Natur überein- 
ftimmt, haben mich meine Unterfiichungen mit Be- 
ftimmtheit gelehrt. Herr C«n/.5 hat zwar meine frühem 
Bemerkungen, dafs in den Nervenknoten der Infekten 
(iberall eine graue und welfse Subftanz deutlich fey '), 
für eine optifcheTäufchung oder Folge der Einwirkung 
des Weingeiftes erklärt '), allein letzteres war nicht 
der Fall , da ich die Theile immer frifch unterfuchte, 
und erfteres ift eben fo wenig gültig, da die graue und 
weifse Subftanz theils viel zu deutlich abgefetzt war, 
theiJsman, wie bemerkt, unter der grauen Subftanz 
oft die Markftränge vorlaufen fleht, wie es auch Herr 
Carus aus dem Krebfe richtig abgebildet, nur falfch er- 
klärt hat , wenn er fagt , dafs die Markftränge über 
den Knoten weglaufen 3). Uebrigens war meine frü- 
here Angabe fo geftellt, dafs ich in der That nicht be- 
greife, wie jemand, der nur einmal das Rückenmark 
eines wirbellofen Thieres mit Sorgfalt betrachtet hat, 
nur den geringften Anftofs daran nehmen könne. 

Für den zweiten Grund, die merkwürdige Be- 
hauptung, ilafs das Rückengefäfs der Infekten dem 
Kilckeniiiark der höiicrn Thiere entfpreche, eine Vor- 
bedeutung von ihrn fey, bringt Herr Carus nicht nur. 



I) Cuvier Vorl. (Ib. vergl. Anit. Bi. II. 8. 49. 

a) A. a. O. S. 67. 

i) A. a. O. Taf. 1. Fig. in. 



was doch fehr zu wünfchen gewefeu wäre , keine befon- 
dern Beweife bei , foudern, was man ajler.falls dafür an- 
fehenkann, fcheint geradezu feine Anficht zu wider- 
legen. Wenigftens ift es mir etwas fchwer einzufehen, 
wie man auf der einen Seite ganz richtig , wie bisher 
immer gefchehen, das Riickengefäfs der Infekten mit den 
veräftelten Saftgefäfsen der Würmer vergleichen, und es 
doch auf der andern als ein unvollkommenes Rückenmark 
anfehen, und hieraus folgern kann, „ dafs die Periode ia 
„ der Bildung des Nerven , wo er noch als Gefäfs er- 
„ fcheint, gleich fo vielen andern Entwicklungsftufen, 
„in gewiffen tieferftehenden Tliiergefchlechtern , fixirt 
„und zur beharrenden Nervenbildung erhoben ift" '). 
Wahrlich, wenn man keine beffern Gründe für das 
Harvey'khe Entwicklpngsgefetz hätte, fo möchte es 
■wohl mit Recht und mit Nutzen für die wahre Natur- 
forfchung fo lange gefchlafen haben. Als einzigen 
Einwurf gegen diefe Behauptung fcheint Herr Carus 
den Umftand anzufehen, dafs aufser diefem Rückenmark 
ja bei den Infekten noch ein anderes Nervenfyfteni vor- 
handen fey. Ober diefen durch die kurze Bemerkung, 
d.ifs diel'es ein Ganglienfyftemfey, welches auch bei hö- 
heren Thieren bel'tehe , entkräftet hat, laffe ich, nach 
clemavfden vorigen Seiten angeführten, dahin geftellt 
feyn. So viel fcheint mir mit Beftimmtheit erwiefen, 
dafs, wäre das Rückengefäfs wirklich, wofür es Herr 
Carus hält, es fich in 'der Thierreihe nicht zum Gefafs- 
fyftem, fondern zum Nervenfyfteni entwickeln müfste. 



i) A. a. O. S. 75. u. 76. 



— 45 

Ueberhaupt beweifen auch Legallois's Verfuchc 
wohl unwiderfprechlich , dafs Bichat und feine Nach- 
folger die Gränze zwifchen dem Nerveniyftem des orga- 
nifchen und des animalifchen Lebens viel zu fcliiirt' ge- 
zogen , und den fympathifchen Nerven für viel zu i'elbft- 
ftändig und vom Rückenmarke unabhängig angelehen 
haben, da Zerftörung des letztern augenblicklich den 
Tod des fympathifchen Nerven zur Folge hat. 

Hieraus könnte man vielleicht mit Recht fchliefsen, 
dafs der fympathifche Nerve, der hiei-nach nur als un- 
tergeordneter Theil des ganzen Nervenryftems erfcheint, 
durchaus nicht früher entftehen könne, als der, voa 
welchem er abhangig erfcheint; doch glaube ich nicht, 
tlafs jene Erfcheinung geradezu diefes Gewicht hat, in- 
dem eine Menge von Erfcheinungen im Organisnms be. 
weifen, dafs fehr wohl Theile, welche entweder frü- 
her entftanden als andere, oder wenigftens diefelben bei 
weitem an Grofse und Wichtigkeit überwogen, fpäter 
bedeutend zurückfinken, felbft ganz aus der Reihe der 
Organe verfchwinden können. 

§. 6. 

Als zweiten Grund führt Herr Ackpimaiin don 
Uinftand an, dafs die graue Subftanz früher als die 
weifse und namentlich aus dem Blute entftehe, diefe 
erft aus jener hervorgehe, es mithin wahrfcheinlicher 
fey, dafs fich erft die graue Subftanz des grofsen und 
^leinen Gehirns bilde, tiann aus ditkc die JVlarki'ub- 
ftanz entwickle und als verlängertes und Rückenmark 
licrvorwaclile. 



16 

Diefer Grund fcheint eben fo wenig Gewicht zu 
haben als der vorige. Denn wäre auch das Hervorge- 
hen des Nervenfyftems aus dem BJutfyftem fo erwiefen, 
als es wirklich nicht ift, fo ift doch fo viel gewifs, dafs 
fich am verlängerten und Rückenmark völlig diefelbea 
Bedingungen zur Entftehung der Nervenmafie aus dem 
Elutfyftem finden , als am grofsen und kleinen Gehirn. 
Uebrigens ift es bekannt , dafs fich nicht nur beftändig 
im Innern des verlängerten und Rückenmarkes graue 
Subftanz in Menge findet, fondern anfangs das ganze 
Nervenfyftem gleichmäfsig grau ift, und dafs fich der 
Unterfchied zwifchen grauer und weifser Subftanz nur 
im Rückenmark , dem verlängerten Mark und den un- 
■tern Theilen des Gehirns früher entwickelt, ds in den 
ober n des Gehirns und in diefem Theile des Nerven fyftems 
überhaupt , Bedingungen , woraus man gewifs nicht 
ganz mit Unrecht auf die frühere Anwefenheit des Rü- 
ckenmarkes fchliefsen darf, zumal da diefes auch in Hin- 
ficht auf Härte und Ausbildung überhaupt früher voll- 
kommen erfcheint als das Gehirn. 

Für die Entftehung des Rückenmarkes vor dem 
Gehirn in demfelben Organismus fpricht auch wohl die 
allmählige Entwicklung diefer Organe in der Thierreihe. 
Bei den niedrigen Wirbelthieren kann über die Bedeu- 
tung der Haupttheile des Nervenfyftems kein Streit ent- 
ftehen und hier fieht man fehr deutlich von den Fifchen 
aufwärts das Gehirn allmählig fich auf Koften des Rü- 
ckenmarkes entwickeln. Die vordere Centralmaffe, 
aus welcher bei den wirbellofen Thieren die Kopf- und 
Sinnesnerven entftehen, entfpricht durch Lage und 

mehr 



■17 

niehr oder weniger auch durch Anordnung dem Ge- 
hirn der Wirbelthiere fo fehr, dafs man fie wohl mit 
keinem andetn Namen belegen kann. Zwifchen diefen» 
und dem übrigen Nervenfyl'tem aber nimmt das Mifs- 
verhältnifs bei den wirbellofen Thieren noch mehr zu 
als bei den niedrigen Wirbelthieren, und man fcheint 
daher auch durch diefe Stufenfolge berechtigt, den 
gröfsten Theil des Nervenfyftems derfeiben mehr für 
ein Analogon des animahfchen Nervenfyftems, als des 
organifchen anzufehen und zu verniuthen, dafs das 
Rückenmark nicht blofs vor dem Gehirn, fondern 
auch vor dem fympathifchen Nerven entftehe. 

Diefe Vermuthung wird noch durch die Entwick- 
lung des fympathifchen Nerven in den Wirbelthieren 
bekräftigt, indem diefer von den Säugiliieren abwärts 
kleiner, unvollkommner und ärmer an Knoten wird 
ftatt dafs, wenn das Nervcnfyftem der wirbellofen 
Thiere diefen Nerven darftellte, wahrfcheinhch doch 
wohl das Gegentheil Statt finden wurde, 
§■ 7. 
Ueberdies wird auch die Ackermann'khe Darftel- 
lung der Entftehungsweife des Nervenfyftems durch di- 
recte Beobachtungen vor der Hand wenigftens fehr un- 
wahrfcheinlich. Nach MulpigliVs und Wolfs Beobach- 
tungen am bebrüteten Hühnchen ift es nämlich das 
Oehirn und das Rückenmark , welche fich zuerft bil- 
den. Der kahnförmig gebogne Stamm, die Carina, und 
der Kopf find die erften fichtharen Theile. Schon um 
die zwölfte Stunde fahe Malpighi Spuren des Kopfes 
und die Bläschen (ler Wirbel auf beiden Seiten der Ca- 
N. d. Archio. 1.1. B 



i8 ^ — 

rina , innerhalb der beiden Seitenhälften diefer letztem 
fchon gegen das Ende des erften Tages das Rückenmark 
und an deffeu vorderm Ende die Hirnblafen, erft um 
die dreifsigfte Stunde mit Gewifsheit das Herz ' ). 

„DasSyftem, welches zuerft erzeugt wird, zu- 
„erft feine beftimmte, eigenthiimliche Geftalt an- 
„ nimmt, fagt Wolf ausdrücklich, il't das Nervenfyftem. 
„Ift diefes vollendet, fo bildet iich nach demfelben 
„Typus die Fleifchmafie, welche eigentlich den Em- 
„bryo ausmacht. Darauf erfcheint ein drittes, das 
„Gefäfsfyftem u. f. w." '). 

Angaben, womit auch meine Beobachtungen über- 
einftimmen. 

Dafs der Entftehung des Nervenfyftems nicht noth- 
wendlg die des Gefäfsfyftems vorangehe und jenes ver- 
mittelft des Durchfickenis der Blutkügelchen durch die 
Herzfubftanz gebildet werde, beweift wohl das Beifpiel 
der Infekten fehr deutlich, wo, ohne eine Spur von 
Gefäfsen, fich ein fehr entwickeltes Nervenfyftem findet. - 

Auch Herr Tiedemuiin ') ift der Meinung, dafs 
das Nervenfyftem fich aus dem Gefäfsfyftem bilde, in- 
dem, nach Harvpfs , Malpiglus und Haller's Beobach- 
tungen, die Hirnblafen erft nach dem Herzen entfte- 
hen; allein ich weifs feine Beweisftellen weder mit den 
von mir angeführten, noch mit dem, was ich felbft am 



1) De format. pulli. Lond. 1669. p. 4. AppenJ. ib. 1675. V' i\ 

2) Ueber die Elldung des Darmkaiials im bebrüteten HUhncIien. 
Ueberf. von Meckel. S. 149. 

?) lieber die kopUofen Mifsgeburten. S. 94. , 



19 

Vogelembryo gefehen habe, zu reimen. Gewifs alfo 
ift'nach eueren die Acephalie nicht aus dem Mangel des 
Herzens zu erklären, wie Herr Tiedemann glaubt, 
%enQ er fagt:' 

„Wenn das Gehirn, wie auch Ackermann an- 
|,"Hirnmt, das Produkt des Gefäfsfyftems ift, fo kann es 
'yitias nicht v'iinflern , dafs fich in den kopflofen Mifs- 
„geburten kein Gehirn gebildet hat, weil diejenigen 
„ Gefäfse , die Karotiden , fehlten , durch die das Ge- 
„hirn hätte gebildet werden feilen." 
" 'Noch aus einem andern Grunde aber eritftäit die 
Acephalie nicht aus dem Mangel des Herzens. Habeii 
gleich die meiften wahren Acephalen kein Herz , fo be- 
weifen doch die Fälle von Fogli*') und Gilibert '), viel- 
leicht auch von Zagoisky '), dafs das Herz bisweilen, 
teifd rogai" fehr regelmäfsig, ohne Gehirn vorhandeil 
ift. Herr Tiedemann leitet die Hemicephalie aus derfel- 
ben Ouellc als die wahre Acephalie. Sehr wenige Fallet 
die von Marrlgues •♦), von Brodle *) und von Lawren- 
. ■ *), ausgenommen, hatten aber meines Wiffens alle bis 
jetzt bekannten Hemlcephalen völlig regelmäfsig ent- 
%Vickelte Herzen. Unftreitig ift alfo nicht der Mangel 
de* Herzens Urfache des Gehirnmangels, fondern beide 
fljefsen aus einer Quelle. 



i) Vallitneri v. i. Erzeugung. S. 94. 
1) AUverf. med. pr. p. CXXII. 
, ?) N. act. Petrop. T. XV. p. 45. 
" 4) Mim. pris. T. IV. p. II5. 

.-5) Piiil.Tj-aoiiacc. igop.No.VlI.Accountofcliedirfcctionofahunita 
(oeiiii in wliicli the circuUtion wa» canied on witboutiiheart. 
■•«) Me<Uco • Chirurg, tr. V<(1. V. p. rCg." '" ' 



20 

§. 8. 

Aus den angeführten Bedingungen glaube ich mit 
Recht fchliefsen zu können: 

l) dafs das Nervenfyftem nicht aus dem Gefäfisfyftero 

entfteht ; 
S) dafs nicht der fympathifche Nerv, fondern das 

Ri'ckenmark und das Gehirn die UrtheiJe desNer- 

venfyftems find. 

§. 9. 

Es fragt lieh nun, ob Rückenmark und Gehirn 
gleichzeitig, oder eines nach dem andern entftehen 
und, wenn das letztere Statt findet, in welcher Ord- 
nung fie erfcheinen? 

Schon fo eben habe ich mehrere Gründe für die 
Annahme aufgeftellt , dafs das Riickenmark früher als 
das Gehirn entftehe, namentlich die frühere Ausbilduns 
des erftern in der Thierreihe und im Fütus. 

Noch andere Gründe find 1) die Bemerkung, dafs 
beim Embryo, wenn auch überhaupt und während des 
gröfsten Theiles des Fötuszuftandes das Gehirn und det 
Kopf verhältnifsmäfsig zum Rückenmark und dem übri- 
gen Körper weit grüfser find , als in fpätern Perioden, 
dennoch in den allererften Lebensperioden diefes Ver- 
hältnifs weniger zu Gunften des Gehirns ift, als in den 
darauf folgenden; 

2)fprechen für diefe Vermuthung die kopßo/en Miß- 
geburten. Nichts weniger als feiten ift die Entwicklung : 
des Rückenmarkes und der VVirbelfäule nach oben der- 
geftalt gehemmt, dafs keine Spur vQnGelüra uadScbä- 



del vorhanden ift, und dennoch ift der vorhandene Theil 
des Rückenmarkes normal; dagegen ift mir kein ßei- 
fyiel einer Mifsgeburt bekannt, wo nur der Schädel 
nebft dem Gehirn entwickelt gewefen wär& Homers 
Doppelkopf ift der einzige Fall diefer Art, den man 
vielleicht hierher ziehen könnte, allein hier fafs der 
rzweite, mit dem erften im Sclieitel verbundene Kop£ auf 
einem vollftändig entwickelten Körper. Herr Acker' 
mann hat zwar diefcn Grund durch die Behauptung 
völlig zu entkräften gefucht, dafs die Acephalie durch- 
aus keine urfpriingliche Bildungsabweichung, föndern 
immer nur Folge einer Zerftörung des vorher normal 
gebildeten Schädels und Gehirns durch Wafferfuthtfey; 
allein er hat auch hier nur behauptet, nicht bewiefen. 

§■ 10. 

Zwar bin ich weit geneigter, fiir die falfche Ace- 
phalie oder Hemlcephcdie diefe Erklärung anzuneh- 
men , als denen beizutreten , welche , wie z. B. Söm- 
merrlng '), Prociuiska '), und neuerlich Gall ') und 
Ttedeinann *) fie für urfprünglich halten, indem die 
Gründe, welche für diefe Meinung angeführt werden, 
' durchaus nicht erweifend find. 

Die vorziigjichften Gründe für diefe Meinung fmd 

ungefähr folgende : 

«•>--■ ,;, 

i) Abbililiingen und nefchrelb. einiget Mirsgtburten. Mainz 1791. 
S Uli 

l) Annijt. anad. fasc. 3. p. It2 ff. 

7) Recliercbei fnr le fyf eme nerveux. k Parii I809. p. i6 ff; 

4^ Anal, der ko^iüuien Mifageb. Landsii. lil), S, 93 f& 



BS 



l) Die Aehnlichkeit diefer Mifsgeburten '); 

a) die Vergefellfchaftung des Schädel- und Hirn- 

mangels mit andern Bildungsfehlern '); 
3"! die Unmöglichkeit, dafs, nach einer folchen Zer- 

ftöruug des Gehirns , das Leben noch fortgefetzt 

werden könne '); 

4) der ümftand, dafs nie ein Fötus mit frifchen 
Spuren einer folchen Zerreifsung geboren xverde, 
was doch öfters gefcheheu müfste, da Krankheit 
und Tod deffelben meiftens Frühgeburten veran- 
laffen 4),- 

5) :die unverletzte Befchaffenbeit fo weicher Theile 
als der Nerven bei diefer Mirsbi]dung^')j 

6) der Mangel an Spuren geheilter Wunden oder 
zerfreflener Knochenränder, die vielmehr ganz 
glatt und rund find *) ; 

7) Jafs VVafferkopf nie Zerftörung des Gehirns, fon- 
dern immer nur Hirnbruch veranlaffen könne ^). 

$. II. 
Allein hiergegen läfst fich bemerken: 
1) Die Aehnlichkeit diefer Mifsgeburten unter ein- 
ander erklärt fich eben fo gut, wenn man eine und 



i) Sömmerruig. 
s) Sortimening, Tiedemwa. 
,%j Procliaska, 

4) GjU a a. O. 

5) Call ebendaf. 

6) Galt ebendaf. 

7) Oall. 



^^ 23 

diefelbe Veranlaffung für alle, 'Wafferanhäufung 
im Innern des Schädels, annimmt. 

Dafs diefe Veranlaffung wirklich Statt finde, 
wird noch wahrfcheinlicher durch die Aehnlich- 
keit , welche zwifchen den hirnlofen Mifsgebur- 
ten «nd den Wafferkopfen Statt findet, indem bei 
beiden das Augenhöhlendach ftark herabgedriickt 
ift, woraus fich das Vorliegen der Augen der 
hirnlofen Mifsgeburten fehr wohl erklärt. 
3) Die VergefelU'chaftung diefer Verunftaltung mit an- 
dern Biklwngsabweicjhungen fpricht nur gegen die 
Enlftehung des Hirnmangels durch eine äufsere 
Gewalt, nicht gegei;* die Entftehung durch Waffer- 
anhäufung im Innern des Schädels. Entweder find 
diefe ßildungsabweichungen Fehler derfelben Art, 
oder fie 'gehören in die entgegengefetzte Klaffe. 
Erfterer Art find die von Herrn Sömmerring und 
Tiedemann angeführten, Hafenfcharte, Nabel- 
brück, Wirbßlf palte , Halsmangel, Dannanhang., 
mangelkafce Entwicklung des Darmkanals über- 
haupt, denen man noch eine Menge andrer fehr 
leicht zufetze.n könnte. Da der Wafferkopf felbfr, 
wie ich in ineiner pathologifchen Anatomie ') be-: 
wiefen habe, nur ein regelwidriges Fort wachfen de^ 
.Gehirns .naph; qinem frühem Typus ift, fo ift e^ 
nicht auffallend, dafs mit ihn» und vielleicht durch 
.^.- . ihn und die darauf folgende- Zeiftiirung und Ver- 
j.., r nichtung des Gehirns ähnliche liildungsabweichun- 
Mi- 



1} Bd. I, Itl3. S. 160. [f. 



gen in andern Organen vorkommen. Eben fo kön- 
nen entgegengefetzte Bildungsabweichungen, Dop- 
peltwerden, auf diefelbe Weife zu einem fol- 
chen Fortwachfen des Gehirns nach einem frü- 
■' ■ liern Bildungstypus Gelegenheit geben, wie jede 
Erhöhung der Thätigkeit eines Organs mehr oder 
weniger mit Sinken derfelben in einem andern 
— ^^_:^- verbunden ift. Vorzüglich tritt aber wohl ein 
folches Verharren auf dem Fötustypus da ein, wo 
doppelleibige Mifsgeburten im Kopfe verwachfen 
find, indem ein Verfuch zur Hervorbringung 
neuer Gombinationen , wie er in den Verwach- 
fungsfl eilen immer gemäoht werden rnnfs, fchwe- 
rer zu gelingen fcheint, als das blofse Doppelt- 
<J'-" \verden,' weshalb ''auch Doppeltmifsgeburten' z. B. 
•' ' häufiger find, als die umgekehrte Lage 'der Ein- 
' geweide. Es giebt alfo, ungeachtÄ Herr Jiede- 
jnann dies nicht findet '), wohl einen urfächlichen 
ZufamrtieiAaög'ZWifchen diefen 'Bildungsfehlera 
' und einer frtiher etwa vorhandeii' gewefenen Kopf- 
'■■ wafferfucht. ■• • 

,i!u!j)j^ Wirbelfpalte'' folke übrigens, beiläufig zu be- 
ni^rkeri, gar nicht aliGrund für oder gegen irgend eine 
Erklarungsweife diefer Mifsgeburten erwähnt werden, 
da es einleuchtet, dafs fie mit derti Hirn -und Schädel- 
loangel völlig daffelbeifw' ^^ ■•' .'n(ijl.j,;..s ..;. .: 
" 3*) Die Unmöglichkeit, nach"feiner'i'ol(!feen Zerftö- 
■••'' 'rung noch zu leben, gilt für den Fötus, befonders 
den frühern , durchaus gar nicht , da -niau weifs, 

l) A. a.O.S.92- 



wie lange manche Thiere, mit Jenen er in den erften 
Perioden ganz übereinkommt, felbft weit bedeuten- 
dere Zerftörungen ertragen. Uebrigens könnte man 
beinahe^fagen, dafs, wenn der Fötus ohne Gehirn 
reifen und fich vollkommen entwickeln kann , er 
auch wohl die Zerftörung deffelben ertragen kön- 
nen muffe. Ich fage mit Bedacht; beinalw, indem 
beides natürlich nioht: daffelbe, und eins um des 
andern willen nicht nothwendjg ift. Vielmehr bin 
ich überzeugt, dafs eine folche Zerftörung des Ge- 
hirns nur in fehr frühen Perioden ertragen wer- 
den könne, hier aber gewifs. 

4) Der vierte Grund ift zuvörderft felir wenig envei- 
fend, demi 

u) ift Krankheit und Tod des Fötus gewifs nicht 
die häufigfte VeranJaffung zum Frühgebären; 

L~) ift doch wohl Schailelmangel keine kleine 
Krankheit. Wird nun durch diefen an und 
für fich das Frühgebüren nicht veranlafst, fo 
lieht man nicht ein , waruHi nicht auch früher 
Wafferkopf ohne eine folche Folge Statt gefuii- 
. den haben folle? 

t) Dafs nie ein Fötus mit frifchea Spuren eirter fol- 
cheu Zen-eifsufig geboren werde, beweift nur, 
<lafs die Zerreifsung immer fehr fiüh entlieht, wit> 
fchon fo eben Ijemorkt wurde. 

5) Die unverletzte Befcliaffenheit iler welchen Ner- 
ven bewejft eben fo wenig, da man bei tler Hirn- 
wafferfucht gk-idifalls die Nerven anwefend, und 
doch die Knochen des Schadeis fehr iinvoUkon»' 



26 



jnen entwickelt, kaum knorplig findet. Uebri- 
gens find die Nerven an ihren Urfpriingen beim 
Hirnmangel gewöhnlich auf diefelbe Weife 
alienirt, als bei der HjrnwaiTerf ucht , dünn, 
weich, marklos. 

6) Dafs keine Spuren geheilter Wunden, die 
Knochenrander nicht zerfreffen, fondern glatt find, 
ift theils nicht ganz- richtig, theils leicht zu er- 
klären. Wie will man beweifen^ dafs die Ver- 
bindungsftelle der Rückenmarks- und Hirnhäute 
mit den allgemeinen Bedeckungen nicht eine 
Narbe ift? Dafs ein allmählig zerftörender 
Druck die Knochen glatt abfchleift, ift aus den 
Veränderungen, welche diefe beim Aneurysma, 

' dem Hirnfchwamm und felbft der Hirnweiffer- 
fuchc erleiden, fo bekannt, dafs man fich in der 
That über diefen Grund wundern mufs, da er 
vielmehr für als. gegen diefe Annahme fpricht. 

7) Ganz unerwiefen ift es, dafs Wafferkopf nie 
Zerftörung des Gehirns, fondern nur Hirnbruch 
hervorbringen könne, indem man nicht einfieht, 
•warum nicht eine übermafsige Ausdehnung des 
■weichen Gehirns und Schädels durch Waffer eben 
fo gut Zerreifsung diefer Theile als Hervordrin- 
gen derfelben veranlaffen könne. Höchft wahr- 
fcheinlich hängt die Verfchiedenheit des Erfolges 
doch wohl nur von zufälligen Umftänden, dem 
Grade der Wafferanhäufung, der Fertigkeit des 
Gehirns und des Schädels, der Zeit, worin die 
Wafferanhäufung eintritt , u. f. w. ab. 



§. 12. 
Es wäre alfo hiermit io viel erwiefen, dafs der 
Streit über die Entftehung des Hirnmangels noch nicht 
zu Gunften derer entfchieden fey , welche ihn für iir- 
fpriinglich anfahen. Man kann aber, glaube ich, dreift 
weiter gehen und der Meinung, dafs er wirklich eine 
Folge von W'afferanhäufung fey, beitreten. Denn: 

1) bei der VVirbeJfpaite , vvpjche von den Verfech- 
tern jener Meinung felbft als derfelbe Zuftand betrach- 
tet wird, und häufig mit Hirnwafferfucht oder Schä- 
delmangel vereinigt ift, liegt ein folcher urfächlicher 
Zufammenhang hinlänglich am Tage. Hier fchliefseri 
fich durch uiunerkliche Zwifchenftufen die Fälle, wo, 
•mit unverletzten allgemeinen Bedeckungen das in der 
Wirbelfäule angehäufte VVaffer an einer Stelle derfelben 
als eine Gefchwulft hervordringt, welche mit dem 
Wafferkopf übereinkommt, an diejenigen an, wo die 
Wirbelfäule offen ift, die allgemeinen Bedeckungen 
völlig im Umfange diefer Stelle fehlen, und eben fo 
wenig vom Rückenmark an derfelben eine Spur vor- 
handen ift. Seilift nach der Geburt fieht man ja all- 
mählig diefe Erfcheinungen in demfelben Subject pach 
«inander folgen. 

2) Die Befchaffenheit der Hemicephalie felbft bie- 
tet Bedingungen dar, welche diefer Meinung fehr das 

• Wort reden. Dafs die Augenhöhlen höchft wahr- 

£cheialich durcii eine von innen nach aufsen drilcken- 

,de Laft verengt und dailurch die Augen vorgedrängt 

'wui '-n, habe ich fchon bemerkt. Gar nicht feiten 

aber linJ j^ewohnlich lehr giolse häutige, am ilinter- 



haupte hängende , i'erfchloffene oder zerriffene Beutel . 
mit Hinimangel und dem völligen Habitus der Hemi- 
cephalie vergefclli'cliaftet. 

Waker ') hat, auf den Mangel oder die Anw& 
fenheit eines folchen , durch die Hirnhäute und die all- 
gemeinen Bedeckungen gebildeten Sackes geftützt, die 
fogenannten Katzenköpfe daher in zwei Arten abg»- 
theilt, von denen die erftere, wa das Gehirn entweder 
ganz fehlt, oder w"Snigftens frei da liegt, feltner als 
die letztei^ ift. In dem häutigen Sack ift dann gleich- ^ 
falls entweder kein oder nur ein fbhr unvollkomnuies 
Gehirn enthalten. 

Hier fleht man den Uebergang vom WafCerkopfe 
zu der Hemicephalie fehr deutlich. Eben fo einleuch- 
tend ift es, dafs der Hirnbrucli nur eine Varietät der 
letzten Bildung, am richtigften wohl eine Zwifchenftufe 
zwifchen ihr und dem gewöhnlichen VVafferkopfe ift, 
welche darin begründet ift, dafs das Gehirn und die in 
feinem Umfange angehäufte Fliiffigkeit nur an einer 
kleinen Stelle hervorgedrungen ift, gerade, wie auch 
die Grade der Oeffnung im hintern Umfange der Wir- 
belfäule diefelben Verfchiedenheiten darbieten. 

$• 15. 

Mit diefer Annahme ift aber keinesweges gerade- 
zu gefugt, dafs das Gehirn bei diefen Mifsgeburtea 
früher normal gebildet und erft fpäterhin durch VVaf- 
ferfucht zerftört worden fey, wie mehrere Schriftfteiler, 



i) Mi's, anat. p. I. it. 



29 

ZiB.Morg<ißni unJ Herr ^c^e^vnanre glauben. Vielmehr 
habe ich fchon frnher die Meinung wahrfcheiiilich zu- 
machen gefacht, dafs tlie HirnhöhlenwafferJucht in den 
meiften Fällen nur ein Fortwachfen des Gehirns nach dem 
ffühften Typus fey, und nach mir hat Herr Tiedemann 
für Ce diefelben Gründe angeführt '). Dies ift aber 
ganz gleichgültig, denn immer ift darnm der Hirn- 
oder Schädelmangel nicht urfprünglicher Zuftand , fon- 
dern nur Folge eines andern , der Hirnwafferfucht, 
gleichviel , auf welche Weife diefe entftanden fey. 

§• 14- 
Ungeachtet ich aber annehme, dafs die Hemi- 
cephalie kein urfprünglicher Zuftand ift, fondern durch 
die regelwidrige Anhäufung im Innern des Schädels, 
fie finde nun zwifchen dem Hirn und <!effen Häuten, 
oder in den Höhlen des erften Statt — beides in den 
frohen Fütusperioden normal — veranlafst wird, fo 
glaube ich inich doch dadurch nicht zu der Beliauptune 
berechtigt, dafs auch die fogenannlen wahren Acepha- 
Jen auf diefe Weife entflehen. Zwar habe ich felbfr. 
vor geraumer Zeit in einem Auffatzc über diefe Bil- 
dungsabweichung diefe und die hirnlofen Mifsgebm-ten 
als verfcliiedene Glieder einer Pvcihe zufammcngeftellt ' ), 
allein weder damals noch in einer fpätern Bearbeitung 
deffelben Gegenftandes ') mit Beftimmtheit diefe Zufam- 
xnenftellung auf etwas anders als die äufsere Form be- 



l) A a. 0. p. 91,. 

3) Beitr nd I. H. I. ISO«. No. VII. 

i) Patbol. Aut. Bi. I. S. 19}. i<i\. 



30 

zogen und am allerwenigften je die Meinung gehegt, 
dafs diefe wahren Acephdlen ehemaiige W;ifferköpf» 
feyn könnten. Ungeachtet der Uebergang von ihnen 
zu den Hemicephalen fehr allmählig gefchieht, unge* 
achtet gar nicht feiten am Obertheile diefer Mifsgebur- 
ten fich mehr oder weniger grofse und zahlreiche Waf- 
ferblafen befinden, reichen doch diefe Erfcheinungen 
keinesweges zu Begründung der Annahme hin, dafs 
Gehirn und Schädel hier jedesmal vorhanden gewefen- 
wären. Vielmehr halte ich jene Blafen nur für unge- 
lungene Verfuche zur Bildung eines Gehirns, welche» 
fich nie über feinen früheften Zuftand erhob, um wel- 
ches fich kein Kopf anbiklete , das nur durch die Haut 
bedeckt wurde, und nie einen folchen Umfang erreich- 
te, dafs dadurch Einrifs und Zerftörung erfolgt wäre. 

Dies ift der niedrigfte Zuftand, der Wafferkopf 
der höhere , weniger vom Normal entfernte , die Hirn- 
lofigkeit eine zufällige Folge des letztern. Wo hier 
nur ein kleiner Theil des Schädels und Hirns fehlt, 
oder diefes ganz, aber, wenn auch dies nicht immer, 
zu klein, vorhanden ift, da war höchft wahrfchein- 
Jich das Waffer an feiner äufsern Fläche angehäuft und 
die UnVollkommenheit und Kleinheit oder Nacktheit 
des Gehirns Folge der Zerftörung der Schädelknochen 
durch daffelbe. 

§• 15- 

Die wahren Acephalen fprechen alfo vollkommen 
für den Satz, dafs das Rückenmark vor dem Gehirn 
entftehe, wenn gleich die Hemkepimlen ihn nicht 



geradezu erweifen. Dafs übrigens Herrn Ackermann's 
Ausfpruch: „Efttale aflertiim (adeffe meclullani fpina- 
„lem, cerebnim autein non effe evolutum) omnino le- 
„gibus naturae organicae contrarium, in qua partes 
„omnes in toto funt et uiiaquaeque pars totuni re- 
„praefentat; " der zwar nur bei Gelegenheit der He- 
miceplinlen gethan wird , aber offenbar für jeden 
Mangel eines Theiles gilt, kein Grund gegen diefe 
Anficht ift, brauche ich nicht zu bemerken, da es für 
jedes felilende Organ etwas i'chvver feyn mochte, zu 
heweifen, dafs es vorhanden gewefen, aber nur zer- 
fiOrt worden fey. 

§■ 16- 
Ich glaube daher drittens feftfetzen zu können, 
dafs das Rückenmark früher als das Gehirn entiteht. 
Uni'treiüg hat diele Bedingung, wie jede Erfcheinung, 
ihren Grund, nur möchte ich mich nicht enlreiitcn, 
ihn geradezu aufzufinden. Herr Cartis hat ihn zwar 
leicht und mit Gewifsheit ausgeiniltelt '). Das 
Hückenmarl^ mufs fich nach ihm nothwcndig zuerft 
bilden , weil es dem Herzen gegenüber liegt. Schade 
nur, dafs bei fo vielen Thieren ein Nervenfyftem ohne 
Gefäfsfyftem, oder ein Gefäfsfyftem ohne Nervenfyfteni 
vorlvonimt, dafs nach den genauüften Beobachtungen 
das Nervenfyftem beim Embryo früher als das Ge- 
fM lyftem entfteht, unti dafs die meiftcn kopfJofen 
.M f^eburten kein Herz haben, ungeaciilet i'icli ein 
Rückenmark liudet, alles Gründe, welche Herr Cu- 

I) A. a. o. S. 7%. 



ri/s gegen Herrn AckeiTnann''s Meinuug anführt, da 
es ihm doch wohl hätte bgifalJen follen , dafs man fie 
eben fo gut gegen ihn felbft anwenden könne. Eigent- 
lich fcheint zwar Herr Cciriis dem Herzen eben fo gut 
das Gelürn als das Rückenmark entgegenzufetzen, in- 
dem er die anf'unghch lo hohe Lage des Herzens beim 
Embrvo und bei den Fifchen daher erklärt und die 
Geftalt beider Theile parallelifirt, und er könnte alfo 
gegen den von den Acephalen hergenommenen Grund 
einwenden, dafs das Ruckenmark nur den Nabelge- 
fäfsen entfpräche, allein, abgerechnet, dafs er fich doch 
etwas widerfpräche, fo behalten die übrigen Gründe 
ihre Kraft; es kommt noch i) der neue hinzu, dafs 
bei einer Menge iMollusken zwifchen der Lage und An- 
ordnirag des Gehirns und des Herzens durchaus nicht 
diefelben Beziehungen Statt finden, und s) gelten dann 
gegen ihn- die fchon oben angeführten Beifpiele von 
vollkommner Herzentwicklung mit giinzhchem Hirn- 
niangel. 

Als wahrfcheinlicher kann man daher unftreitig 
wohl die von Lawrence neuerlichft geäufserte Meinung 
anfehen , dafs das Rückenmark die Bedingung der Ent- 
ftehung des Herzens fey, wofür er i) den Umftand, 
dafs, nach Brodle s und Le Gallols's Verfuchen, die 
Quelle der Bewegungen des Herzens das Rückenmark ift,. 
und 2) den anführt, dafs bei allen bis jetzt bekannten 
Mifsgebtirten nie Mangel des Rückenmarks mit Anwe- 
fenheit des Herzens verbunden gewefen fey '). 

In 



1) Medioo • clünirg. transacc. vol. V. p. 3 £3. 



I 

In der That fehlt oft, wie fchon oben ') be- 
merkt wurde , das Herz mit Anwefenheit des Rücken- 
markes , allein von den entgegengefetzten Bedingungen 
find auch mir keine Beifpiele bekannt. Zwar könnte 
man dagegen die Fälle von vollkommenem Rücken- 
marksm;ingel bei Rückenfpalte mit Anwefenheit eines 
normalen Herzens anführen; allein, da hier wahrfchein- 
lich das Rückenmark ehemals vorhanden war, nur fich 
nicht über die frühel'ten Bildungsftufen erhob, und eben 
durch das regelwidrige Fortwachfen nach dem embryo- 
nifchen Typus zerftört w^urde, fo beweifen diefe nichts. 

Ein befferer Grund gegen diefe Anficht wäre die 
Anwefenheit von Gefäfsen ohne Nerven in der Thier- 
reihe, wovon die Medufen und die .verwandten Ge- 
fchlechter, bei denen fich der Darm gefäfsartig durch 
die Subftanz des Körpers verzweigt, die Holothurien 
Afierlen, Meerlgel , bei denen deutliche Gefäfse Vor- 
handen find, ohne dafs man mit: Gewifsheit Nerven 
■wahrnähme '), Beifpiele darbieten. 

$■ 17. 

Das Nervenfyftem bildet ein ununterbrochnes 
Ganze: einige Theile deffelben entftehen offenbar frü- 
her als andre, namentlich, nach den angegebenen Grün- 
den , das Rückenmark früher als das Gehirn, und, fo 



i; 8. 19. 

9) 6. aufser Cuvier Vorl. lib. vergl. Anatomie Tli. 2. IiieiCfber 
Konrad de artrriüriim tu Urica. Halae 18 14. 
N. d Archiv. I. 1. C 



viel die Beobachtung lehrt , weit früher als tlie Nerven. 
Man kann daher nicht ohne Grund fagen , dafs die fpä- 
ter vorhandenen Theile aus den frühern hervorwach- 
feu , ausfproffen , von diefen gezeugt werden , wie 
der junge Polyp von dem alten. Gegen diefe Anficht 
^ann offenbar nicht eingewandt werden : „ dafs die 
„einzelnen Theile der nervigen Centralmaffe wohl im 
„Gegenfatze zu einander und zu dem Gefäfsfyftem , al- 
„lein nicht ai^i einander entftehen, fondern an dem Ort« 
„ gebildet werden , wo wir fie vorfinden" *). Niemand 
wird behaupten , liais das Gehirn etwa erft im Rücken- 
mark verborgen gcwefen und aus demfelben hervorge- 
fchoben worden fey, wie hier zu verftehen gegeben, 
wird. Eben fo wenig wirtt man läugnen , dafs eine all- 
gemeine Flfiffigkeit vorhanden feyn muffe, aus welcher 
fich daffelbe bildet, dafs alfo das Gefäfsfyftem , nach- 
^lem es fich entwickelt hat, in fo fern Bedingung zut. 
Entftehung fey: allein dennoch kann man mit Recht 
Xagen, dafs von dem Rückenmarke aus, in ununter*, 
brochnem Zufammenhange mit diefem das Gehirn ent- 
Itehe, dafs die Entftehung des erftern der des letztero 
nothwendig vorangehen mfiffe, eine eben fo wefentliche 
Bedingung zum Möglichwerden derfelben fey, als die 
Anwefenheit der Nahrungsflüffigkeit; diefe Anficht alf« 
nicht blofs, wie Herr Carus glaubt, zum Behuf d^f 
Demonßraüonen etiva zu eiitfchuldigen ife, fondera 
vollkommen als mit der wirklichen Bildungsge- 
fchichte übereinßiinmend betrachtet werden kann. 



t) Carus a. a, 0, S, 28S. 



§. 18- 
Uebrigens wird es für jetzt zweckmäTsiger feyn, 
zu beobachten, als Gefetze zu geben; und ich gehe da- 
lier zunächft zur Darftelhmg der Entwicklungsge- 
fchichte des Rückenmarkes und des Gehirrjs nach dem 
oben angegebnen Plane über. Da ich von Thiercnibryo- 
nen eine vollftändigere Reihe zu unterfucben Gelegen- 
heit hatte, als von menfchljchen , und unter jenen die 
Huninclienembryonen in den friihften Perioden unter- 
fuchen konnte, fo werde ich diele um fo mehr zucrft 
betrachten, als fie auch im volikommnen Zuftande un- 
ter den übrigen Säugthieren ftehen, deren Nerven- 
fyftem ich in Hinficht auf ihre Entwicklung beobachten 
kounte. 



I. Kaninclienembryonen. 

Taf. I, Fig. I — 15. 

$• 19- 

Der kleinfte Embryo ') ift drei Linien lang, 
noch völlig ohne Spuren von Extremitäten, ganz von 
der Geftalt eines Wurmes, der Kopf verhältnifsmäfsia 
kleiner zum Körper als in fpätern Perioden. Etwas 
1 berhalb der Mitte ties Körpers bemerkt man zwei 
Ijcr einander liegende, längliche ßlafen , welche auf 
i\em Uückenmarke, das auf jeder Seite als ein Streif 



I) Taf. I. FIe. I. 

C 2 



effcheint, auffitzen, von oben nach unten am Viöchften 
find und von welchen die obere etwas gröfser und 
rundlicher als die untere ift. Auf die obere Blafe folgt 
eine dritte mehr rundliche, die von vorn nach hinten 
am langften ift und die höchfte Stelle einnimmt. Vor 
diefer liegt eine fchräg abfteigende , hinten engere, vorn 
und unten fich runtilich erweiternde Blafe, unter allen 
bei weitem die gröi'ste, auf welcher feitlich nach vorn, 
nicht weit über ihrem vordem Ende, gegen ihren obern 
Umfang , das Auge dicht aufQtzt. 

Die Bedeutung diefer Blafen ift nicht für alle leicht 
auszumitteln. Die dritte ftellt unftreitig, wie fich 
aus der weitern Entwicklung ergiebt, die Vierhügel 
(Eminentia quadrigeniina) dar: die vordere ift das 
Rudiment der Hirnganglien und Hemifpliären, die 
hier nur noch eine einfache Maffe ausmachen. Die 
erfte Blafe ift höchft wahrfcheinlich das verlängerte 
Rückenmarf: die zweite die Hirnjchenkel , oder we- 
nigftens der hinlere Theil detfelben. 

$. 20- 
Bei einem nicht völlig doppelt fo grofsen Em» 
bryo ')> an dem beide Extremitäten deutlich, doch 
noch ungefingert find, hat fich die Anordnung bedeu- 
tend geändert. Das PiLickenmark, weiches gleichfalls 
aus zwei Seitenfträngen befteht, wird an feinem obern 
Ende bedeutend breiter und biegt fich unter einem rech- 
ten Winkel nach vorn. Diefe umgebogeue, nach vorn 

i) Tig. 3. 



immer ftärker anfchwellende und breiter werdende 
Stelle ift das verlängerte, oben ganz offene, Mark. 
Hierauf folgt ein einfacher, mehr zufammengezogener, 
fehr länglicher, nach vorn gewölbter, nach hinten con- 
caverTheil, der fehr fchräg von hinten nach vorn ab- 
fteigt, hinten etwas angefchwollen ift, und in feiner 
vordem Fläche eine deutliche Längenfpalte zu haben 
fcheint, indena er hier durchfichtig ift. Der hintere 
Theil feines obern Umfangs fteht etwas hüher als der 
obere Theil des vordem Endes des verlängerten Mar- 
kesj, ohne ihn aber nach hinten zu überragen. Dies ift 
der Vierhiigcl, der in den auf ihn nach unten folgen- 
den Theil mit feinem untern zufammengezogenen Ende 
allmähliger als beim erften Embryo übergeht. Diefer 
vorderfte, unterfte Theil hat feine Geftalt bedeutend 
geändert, indem man auf beiden Seiten neben und vor 
feinem untern Ende eine fehr länglichte, nach vom ge- 
wölbte, nach hinten ausgehöhlte Blafe, unter allen 
Hirntheilen den klcinften , herabfteigen fieht. 

Die einzelnen Hirntheile gehen alfo in diefem Ge- 
hirn ununterbrochner in einander über, das blafige 
Anfehen der einzelnen Maffen ift verfchwunden, und 
die vorher einfache vordere Maffe hat fich in Hirn- 
gan^Hen un<l Hemifphäreii deutlich gefchieden und ift 
verhältnifsmäfsig gröfser geworden. 

$■ 21. 
Ein dritter etwas älterer Embryo ') von unge- 
fähr fieben Linien, der nach Angabe Aes Wärters eilf 

F«. J - J- 



38 -" 

Tage alt war, ift zum Theil bedeutend weiter ent- 
wickelt. Das Rückenmark ift auf diefelbe Weife an- 
geordnet, doch liegen die beiden Seitenhä'Iften diclitei: 
an einander, wenn fie gleich ileullich faft in ihrer 
ganzen Dicke von einander getrennt und nur vorn 
vereinigt find. Auch hier aber verlauft in der ganze» 
Länge eine dünne Stelle, die rann wenigftens fehr leicht 
in eine, fich nur hier bildende Sp;ilte mit glatten Rän- 
dern verwandeln kann. Oben biegt fich das Rücken- 
mark unter einem rechten Winkel zum verlängerten 
Marke um , das fich von hinten nach vorn beträchtlich 
ausbreitet. Die Seitenhälften des Rückenmarkes legen 
fich zugleich fo nach aufsen um, dafs die inneren Flä- 
chen zu oberen werden, und nur in dem kleinl'teii 
äufsern Theile ein fchmaler, nach oben gerichteter 
Rand bleibt. Dadurch entfteht die hier noch gröfsten- 
theils offne vierte Höhle. Nach vorn wird diefe ver- 
fchloffen, indem fich die Seitenränder vergröfsern, 
und fo nach innen wenden, dafs fie auf jeder Seite 
ein queres Blatt bilden. Die beitlen Blätter erreiyhen 
einander in der Milte, verwachfen aber nicht mit ein- 
ander. Dies ift das kleine Gehirn. Vor cUefer Stelle 
'findet fich eine bedeutende Einfchnürung. Diefem que- 
ren Blatte gegenüber, vorn, liegt ein fenkrecht aufzei- 
gender Theil , der vorher nur als das dicke angefchwoJ- 
lene Ende des verlängerten Markes erfchien ; offenbar 
der hintere Theil der Hirnfchenkel. Die Vierhiigcl 
überragen mit ihrem hintern Ende fehr ftark die einge- 
fchnilrte Stelle und bedecken den mittlem Theil des 
kleinen Gehirns ganz. Sie fteigen weniger fchräg 



— 39 

nach unten herab, gehen, nach vorn zufammengezo- 
gen,indie, wieder etwas angefch\vo]lenen , hüriigan- 
glicn über , neben welchen , hier höher als beim vori- 
gen Embryo, die verhältnifsmäfsig grüfsern und daher 
einen anfehnlichern Theil von ihnen verdeckenden He- 
Tnifphären , die ungefähr diefelbe Geftalt als beim vori- 
gen Embryo haben, auffitzen. Durch ihre dünnen 
Wände fchimmert an derBafis eine längliche, nach oben 
etwas gewüll)te, ihre ganze Länge einnehmende Er- 
habenheit, deutlich der gpftm'ifie Körper. Spuren voa 
Ungleichheiten finden fich aufserdem durchaus nicht. 
Die Heniifphären hängen nirgends zufammen als hin- 
ter ihrer Mitte, wo lie auf den Hirnganglien auf- 
fitzen. 

§• 22- 
Bei etwas gröfsern Kaninchenembryoneu ') von 
neun Linien Länge ift das Rückenmark hinten ver- 
Ichloffen, enthält aber eine fehr grofse Höhle. Es ift 
fogar möglich , dafs diefe an einigen Stellen, oder über- 
all noch bis zur hintern Spalte reicht. Das verlän- 
gerte Mark ift verhältnifsmäfsig weniger breit, feine 
Höhle mehr verfcliloffen. Das kleine Gehirn reicht 
weiter nach hintrn. Die urfpn'ingliche horizontale 
Platte ift dicker geworden und auf beiden Seiten hat fich 
eine eigene gebildet. Die auffteigenden Hirnfchenkel 
lind eben fo feiikrociit, aber niedriger. Die VierhUgel 
find noch weiter nach hinten gerUckt und fteigen nun 

I) flg. 6 — ». 



nicht mehr von oben und hinten abwärts, fondern von 
unten und hinten in die Hohe. Die noch fahr dünnwan- 
dig und grofse Höhle der Fierhii gel \i[t in eine weit 
gröfsere vordere und eine kleinere hintere Hälfte abge- 
theilt. Die Wände der Hirngaiigüen find beträchtlicli 
dicker, reichen faft bis zur Mittellinie, find aber ganz 
glatt und das rechte berührt das linke nicht. - Auch 
ihre vordem Ränder find von einander getrennt^ nur 
oben find fie durch eine dünne, nach hinten gefaltete 
Brücke, ein Rudiment der hintern Gominiffur und der 
Zirbel, welche gefaltet in die Wände der Vierhügel 
übergeht, verbunden. Die bedeutend gröfsern und 
im Verhältnifs zu ihrer Länge viel höhern Hemifphä- 
ren find eben fo wenig vereinigt. Der hintere, untere 
Theil ihrer innern Fläche, der dicht vor den Hirn, 
ganglien liegt, ift etwas gefpalten , glatt, berührt aber 
den der entgegengefetzten Seite höchftens, ohne mit 
ihm verwachfen zu feyn. Ueber diefer Stelle ift die 
innere Wand beträchtlich hohl und bildet eine ihrer 
Länge nach verlaufende Falte, während die übrigen 
Wände völlig glatt find. Oeffnet man die Hemifphä- 
ren , fo findet man die ganze innere Wand durch einen, 
diefer Falte entfprechenden , nach oben convexenVor- 
fprung, der vorn einigemal eingefchnürt, in feinem gro- 
ssem hintern Theile einfach ift, imgleich. Der hin- 
tere Theil ift flacher und eutfpricht dem Hirnganglion. 
Er ift offenbar das Ammonshorn und fteigt bis zum 
hintern Ende der Höhle herab. Unter ihm liegt der 
gefireifie Körper, der verhältnifsmäfsig gröfser ift, untf 
vorn in zwei ftumpfe Spitzen ausläuft. 



41 

f 23. 
Bei einem folgenden Embiyo ') von zwölf Li- 
nien Länge find noch keine lehr welenUichen Verände- 
rungen eingetreten. Im Ganzen find alle Theile einan- 
der näher gerückt. Das verliingene Mark ift kürzer, 
fchmaler, fteigt mehr unter einem ftumpfen Winkel 
vom Rückenmarke aufwärts. Das kleine Gehirn ift 
verhältnifsmäfsig breiter, etwas dicker, auch völlig 
glatt. Die noch fehr fteil auf- und abfteigenden Theile 
der liinilclipiiket lind einander ganz nahe gerückt. 
Die Vierhflgel find etwas kleiner, ihre Wände noch 
eben lo dünn; die Höhle in ihrem hintern Theile 
lehr zufammengefunken. Die Wände der Hlrnga/i- 
glien find mehr entwickelt; ihr nach Innen vorfprin- 
ge.iderTheil aber in demfelben Maafse kleiner. Sie find 
noch durchaus nicht mit einander verbunden. Daffel- 
be gilt für die Heniif/jlia'reii , die verhältnifsmäfsig noch 
höaer und eben fo dünnhäutig find. Ihre Wände find 
ebee fo glatt als bisher und ihre innere zeigt nur eine 
leichte Vertiefung an der Stelle der vorherigen tiefen 
FaJt«. Die innere Fläche diefer Wand ift jetzt in ih- 
rem yordern Theile ganz glatt: auch der hintere Theil 
der Falte, welcher dem Hirnganglion entfpricht, viel 
flacher, aber breiter. 

§. 24- 
Bei einem weit gröfsern Embryo ') von dritte- 
halb Zollen Länge hat das Gehirn faft ganz die Ver- 



l) Fif. 10 — i:. 

F't. i; — M- 



43 — 

liältniffe als bei der vollendeten Ausbildung in Hin- 

a 

ficht auf Geftalt und lieber wiegen der Hemifphären, 
Windungen und Furchen des kleinen Gehirns, Zu- 
rückfinken der Vierhügel, Verwachfung der Hirngan- 
glien am gröfsten Theile ihrer Innern Fläche und 
der Hemii'phären, durch Scheidewand, Bogen und 
Balken : nur ift das kleine Gehirn verhiiltnifsmäfsig 
noch bedeutend kleiner, die Vierhiigel find mehr 
hohl, auch verhultnifsmiifsig bedeutend gröfser und 
liegen daher noch grofsentheils unbedeckt , ftatt 
dafs fie bei erreichter Vollkommenheit nach hin- 
ten ganz durch das kleine Gehirn, von oben und 
vorn durch das grofse bedeckt werden. So fteigen 
fie auch jetzt von oben und vorn nach hinten herd), 
ftatt dafs fie fpäler fenkrecht, oder gar in entgegea- 
gefetzter Richtung liegen , theils , weil fpäter die Hirs- 
fchenkel noch weniger aufwärts fteigen, theils, weil 
das kleine Gehirn Cch bedeutend entwickelt und fie 
nach oben drängt, fo dafs das hintere Vierhiigelpiar, 
das jetzt noch wagerecht liegt, dann fenkrecht zu 
ftehen kommt, die jetzt fenkrechte Hirnklappe fo we- 
nig fchräg von oben und vorn nach hinten und unten 
berabftejgt, dafs fie beinahe vyagerecht liegt. 



II. Schafsembryonen. 

Taf. I. Fig. 21 — 74. 

§■ 25- 
Beim frühften Schafsembryo , den ich zu unter- 
l'uchen Gelegenheit hatte '), und deffen Länge fechs 
Linien mifst, finde ich die Geftalt des Rückenmarks 
und Gehirns folgendermafsen : 

liasRiirkenmnrk fchimmert durch die in dem hintern 

Thcile ihres Umfangs fehr dünnen Hüllen fo deutlich 

durch, dafs es ganz frei zu liegen fcheint. Durch feine 

ganzeLänge verläuft in der Mitte ein dunkler Streif, eine 

Furche, wodurch es in zwei Seitenhälften getheilt er- 

fcheint. Es erftreckt fich durch die ganze Länge des 

Kanals der WirLielfäule , von oben nach unten all- 

mählig dünner werdend, fehr beftinimt nicht etwa den 

Extremitäten gegenüber angefchwoUen. Es ift überall 

von einer Seile zur andern etwas breiter als von vorn 

nach hinten. Querfchnitte zeigen fehr deutlich, dafs 

jener Streif das hintre Ende einer Furche ift, welche 

lieh durch die ganze Dirke des Rückenmarks erftreckt, 

•rft etwas breiter, dann wieder fchraaler wird, und 

dafs die beiden Seitenhäiften des Rückenmarkes nur 

vorn in einer fehr geringen Dicke zufanimenliäugen. 

Das vprlüngcrw Mark biegt lieh unter einem rechten 

Winkel vom Rückenmarke nach vorn. Die beiden 

Stränge des letztern weichen an der Stelle diefer Um- 

bicgung aus einander und werden zugleich anfehnlich 

i) Fig. M — jy. 



breiter. Dadurch entfteht eine dreieckige, nach oben 
offene Vertiefung mit niedrigen Wanden, Avelche oben 
in ihrem grofsten Theile nur durch die Gefäfshaut ver- 
fchlolTen wird. Das vordere Ende diefer Höhle ift 
indeffen durch Markfubftanz bedeckt, indem fich hier 
die SeitenwänJe fo weit vergröfsern , dafs fie fich in 
der Mitte erreichen. Hierdurch wird eine dünne 
Platte gebildet, welche fich mit einem geraden,' doch 
in der Mitte etwas eingefchnittenen Rande endigt. 
Diefe Platte, wodurch alfo an diefer Stelle Avieder 
eine Höhle gebildet wird , ift über eine Linie lang und 
überall gewölbt. Vor diefem vordem Ende des ver- 
längerten Markes befindet fich eine kleine Zufammen- 
ziehung, die am untern Umfange merklicher als am 
obern ift. Auf diefe fehr kurze Zufammenziehung 
folgt eine Erweiterung, die aber lange nicht fo 
beträchtlich als das verlängerte Mark ift. Sie ift der 
Anfang eines nach vorn und oben ftark gewölbten, 
nach liinten und unten ftark concaven Theiles, def- 
fen hinteres Ende die höchfte Stelle des Gehirns bil- 
det, und der faft fenkrecht dicht vor dem vordem 
Ende des verlängerten Markes herabfteigt. Der vor- 
dere Theil feines Umfangs weicht , etwas unter feiner 
Mitte, zurück, und bildet dadurch eine Vertiefung. 
In diefem Zurückweichen ift wahrfcheinlich eine 
derfelben parallele Wölbung des untern Endes diefes 
Theiles nach hinten begründet. Noch genauer kann 
man den vordem und den hintern Theil völlig von 
einander trennen. Der hintere Theil, welcher be- 
deutend gröfser ift, fitzt vorn mit einem plötzliche« 



45 

Abfatze auf, hinten geht er unter einem fehr l'pitzen 
Winkel plötzlich in den vordem über. Die hintere 
%\^and des vordem untern fteigt fenkrecht, die vor- 
dere etwas fchräg herab, und geht in die vordere Wand 
der fogleich zu befchrcibemlen vorderften Anfchwellung 
über. Aus der Seite diefes untern vordem Theiles 
tritt ein anfehnlicher Nerv, der .SW/7/^7ij , hervor, auf 
welchem das Auge, wie auf einem kurzen StieJe fitzt. 
Vor dem vordem Abfchnilte des mittlem Theiles, ge- 
nau in der vorher erwähnten Vertiefung, nur etwas 
auf der Seite derfelben liegt eine erweiterte Stelle, 
die von einer Seite zur andern am breitl'ten, von 
vorn nach hinten am fchmalften ift, und nach beiden 
Seiten die mittlere Stelle etwas überragt, oben etwas 
breiter als unten ift, nicht weiter naoh unten als das 
untere Ende des mittlem Theiles, allein um ihre 
ganze Tiefe weiter nach vom ragt. Sie hat die Ge- 
ftalt einer rundhchen, in der Mitte an ihrer vordem 
Fläche von oben nach unten etwas eingedrückten und 
dadurch , indeffen fehr undeutlich und unvollkommen, 
der Länge nach in zwei getheilten Blafe, die äufserlich 
überall fcharf von dem mittlem Theile abgegränzt ift. 
Das Gehirn befteht daher aus vier Abfchnitten. 
Der liinterfte, gröfste ift das verlängerte Mark und die 
den vordem Theil deffelben bedeckende Platte höchft 
wahrfcheinlich das kleine Gehirn, der vordere höch- 
fte , etwas kleinere , fmd die l^ierhiigel ; der vor diefen 
liegende, noch kleinere die Hirnganglien, oder 
die ■iehhügel ; der kleinfte vorderfte endlich die He- 
mil'phüren des gro/sert Gclürns. 



46 

Oeffnet man die Heinifphären fo, dafs von bei- 
den ein Theil ihres äufsern Umfangs weggenommen 
wird, fo lieht man l) dafs üe aus aufserft dünnen 
Wänden gebildet find; a) dafs fie durch eine von oben 
nach unten verlaufende runde, fehr weite Oeffnung, 
welche die ganze Höhe und Tiefe der Blafe einnimmt, 
communiciren , fo dafs die Blafe wirklich nur eine 
Einfache, auch im Innern nur unbedeutend einge- 
fchnürte flöhle darfteilt; eine Bildung, die man un- 
ftreitig jedestnal, fo oft man Embryonen diefes Alters, 
wohl in Weingeift erhärtet, unterfucht, genau he- 
ftätigt finden wird; 3) dafä von der Innern Fläche der 
vordefn Wand , etwas unterhalb ihrer Mitte , fich ein 
querer Vorfprung nach hinten begiebt, der dicker 
als die Wände felbft , daher wahrfcheinlich eine 
Falte ift, von der man aber äufseriich nichts wahr- 
nimmt. Er reicht faft bis in die Mitte der Höhle und 
ift, wo ich mich nicht durchaus täufche, die erfte 
Andeutung der Scheidewand zwifchen beiden Hirn- 
hälften. . Vom Ccfüßgpjlecht findet fich keine Spur. 

$■ 26- 
Diefem zunächft fteht ein Schafsfötus, deffen 
Länge gerade einen Parifer Zoll betr.igt '). Hier 
haben fich die Formen und Verhältniife der Hirntheile 
fehr bedeutend, doch nicht fo geändert, dafs man 
nicht noch leicht die urfprünglicheji erkennte. Das 
Rückenmark verläuft faft durcli die ganze Länge der 

1) Fig. 30 — 3«. 



Wirbelfaule und hört, allmählig zugefpitzt erft ai Li- 
nien über dem Ende des Schwanzes auf. Es fchinimert 
gleichfalls deutlich durch die dünnen hintern Wände 
des VVirbelkanales durch, nur fleht man einen etwas 
geringern umfang, indem diefe fich nach hinten et- 
was mehr verdickt haben. Die hintere Furche ift 
überall , vorzüglich aber im Lenden - und Heiligbcin- 
theile fichtbar; hier breiter und deutlicher als in dem 
ganzen übrigen Verlaufe. Hier findet , den Extremitä- 
ten gegenüber, eine kleine Verftärkung Statt. Die 
Geftalt ift weniger breit als beim erften Embryo. 
Querdurchfchnitte be weifen, clafs die Höhle noch fehr 
grofs ift, nur ift die mittlere vor Jere Vereinigungsftelle 
der beiden Seitenhälften des Rückenmarkes etwas 
dicker geworden, und überhaupt hat fich nach aufsen 
und innen mehr Markfubftanz gebildet, wodurch die 
Spalte fowohl von vorn nach hinten als von einer Seite 
zur andern verkleinert worden ift. Sie endigt fich 
jetzt nach vorn nicht, wie früher, mit einer Spitze, 
fondern breit, indem Jene Stelle verwachfen ift. Ob 
tlie Hohle jetzt hinten gefchJoffcn ift, läfst fich fchwer 
mit Gewifsheit beflimmen. Die fehr deuthcli mit dem 
blofsen Auge wahrnehmb.ire Spalte ift dagegen, die 
mikroskopifchc Unterfuchung dafür, indem man deut- 
lich überall hinten einen fchmalen, die Höhle fchlie- 
fsenden Streifen ficht; doch hat diefer eine von der 
il>ri!.'cn Maffe vcrl'chiedcne Structur und ii't vielleicht 
die Gefäfshaut, was unten in der Lenden- und Hciiig- 
b'ringegend fehr dcutlicii fcheint, wo von diefem Strei- 
t<.'ii nach innen ein kleiner Fortl'atz in die Höhlo reicht. 



48 

Das verlängerte Mark macht einen ganz geraden 
Winkel mit dem Riitkenniarke. Seine Höhle ift noch 
in ihrem gröfsern Theile ganz offen, indem die bei- 
den RückcnmarkshäJften fchief von innen und unten 
nach aufsen und oben aus einander weichen und lieh 
einander gar nicht , wie im Rückenmarke , entgegen- 
wölben. Doch ift die Höhle weniger länglich und 
verhältnifsmiilsig mehr bedeckt, erfteres, weil das ver- 
längerte Mark felbft weniger lang ausgezogen ift, 
dieles , weil fich das fclion beim vorigen Embryo 
fjchtbare Blatt, welches ihren vordem Theil bedeckt, 
verändert hat. Die Hir/ijchenkel find nämlich verhält- 
jiifsmäfsig jetzt kürzer und das erwähnte Blatt ift des- 
/■halb tiefer herabgerückt und nach hinten gefchoben, 
Bm Ib mehr, da es fich auch etwas vergröfsert hat. 
Diefes Blatt, das kleine Gehirn befteht ganz deutlich 
aus einer rechten und Unken Hälfte, die in der Mitte 
von einander durch eine, die ganze Tiefe des Blattes 
einnehmende Längenfpalte getrennt find , und zufam- 
raen einen doppelt gewölbten Kancl haben. Diefes 
Blatt hat längs feinem hintern freien Rande an der 
obern Fläche einen fehr deutlichen VV^ulft, der im vo- 
rigen Embryo fehlte, und erfcheint daher nach oben 
aufgeworfen. 

Durch eine ftärker eingefchnürte unil verhältnifs- 
mäfsig längere Stelle il"t diefes BJalt von dem darauf 
folgenden Theile, der es etwas überragt, getrennt. 

Diefer Theil, die Vierhügel, fteigt etwas we- 
niger fteil herab und ift verhältnifsmäfsig zu den übri- 
gen Theilen des Geliirns kleiner. Sehr deutlich ver- 
läuft, 



— — ^ 49 

Jäuft, wie man fowohl im frifchen Zuftande, als in 
dem durch Alkohol erhärteten Gehirne fieht, auch 
durch ihn, in der Mitte der ganzen Länge feiner obern 
Fläche ein durchfichtiger, fcharf begränzter Streif, 
der nach aufsen eine wahre Spalte ift und durch von 
einander Biegen der beiden Seitenhälften erweitert 
werden kann. 

Die HirngangUen find etwas ftärker von den I/ier' 
hageln abgefetzt , etwas gröfser , au ihrer obern Hälfte 
deutlich verfchloffen. 

Die bedeutendfte Veränderung bieten die He- 
mifphüren dar. Sie haben nicht mehr die rund- 
liche Geftalt, ftellen nicht mehr, wie im vorigen 
Embryo, eine einfache, in der Mitte nur fchwach 
eingefchnürte Erhabenheit dar, fondern find ganz deut- 
lich zwei dreieckige, mit einem obern und einem hin- 
tern etwas gewölbten, einem untern, dem längften , et- 
was ausgehöhlten Rande verfehene, durch die Sichel der 
Mirnhaut in dem gröfsten Theile ihrer Höhe von einan- 
der getrennte, hinten durch die ftarken Sehhügel von 
einander entfernte , nach vorn ftark convergirende 
Höhlen. Ihre Wände find durchaus glatt, keine Spur 
einer Windung oder einer Abtheilung in Lappen vor- 
handen. Nimmt man die Hirnfichel weg und biegt 
die Hemifphären aus einander, fo fieht man, dafs fie 
nicht in ihrer ganzen Höhe von einander getrennt, 
fondern gegen ihren untern Rand durch einen Ifthnius 
verbunden find, der aber viel kürzer als die beim vori- 
gen Embryo nur leicht eingedrückte Stelle ift. Ueber- 
all findet man die Hemifphären als Blafen, welche von 
N. d. Archiv. I. I. D 



dem vordem Ende und dem vordem Theile der Seiten- , 
fläche der Hirnganglien abgehen. Geöffnet erfcheint die 
Hohle derfelben aufserordentlich grofs und in ihrer 
innern Fläche eben fo glatt als an. der äufsern. Von 
dem beim vorigen Embryo deutlich fichtbaren, fehr gro- 
fsen Querwulfte der vordem Wand ift keine Spur vor- 
handen; dagegen erfcheint der geftreifte Körper als ein 
nicht unanfehnlicher, vom etwas dickerer, länglicher 
Wulft, der ungefähr die Hälfte des Bodens der Hirn- 
höhlen einnimmt und fich nach hinten etwas weiter 
als nach vorn erftreckt. 

Üeber und neben dem geftreiften Körper etwas 
flach innen, liegt das kleine, verhältnifsmäfsig zur 
Höhle noch fehr unbedeutende Gefäfsgeßecht ^plexus 
choroideus). 

$• 27- 

Bei einem dritten Schafsfotus '), deffen Längp 
ji Zoll beträgt, hat das Rückenmark Uiefelbe Länge, 
allein es ift verhältnifsmäfsig: ?uni. Körpe«, un^.d^ 
Gehirn weit kleiner. .:..■; '. ,,.,: /.J ,--i"-'V '':^ -m 

Seine Geftiilt ift mehr rundligh,. fcine Anfchwel- 
lungen im Verhältnifs zu ..^emizufanimengezogenen 
Theile find ani'ehnlicher. . , ', . 

Die Höhle ift zwar noch anfehnlich , aber auEsefp 
ordentlich viel kleiner, mehr rundlich, docb von 
vorn nach hinten etwas breiter als von einer Seile 
zur^ andern und liegt genau in der lMittp_, fo da^s ^^ 
der apfangs dünnere Streifen, welcher,^e beini.,>;9fi>- 

rig. ?7 — 45- 



gen Embryo vielleicht von hinten verfcliliefst, viel 
breiter geworden ift. Von ihrem obern Ende geht 
bisweilen eine dünne Spalte nach hinten, ein Ueber- 
bleibfel der ehemaligen vollkommnen Spaltung. Sie 
erfcheint aber jetzt durchaus überall in ihrem ganzen 
Umfange verfchloffen. 

Das verlängerte Mark biegt fich unter einena et- 
was weniger rechten , mehr ftumpfen Winkel vom 
obern Ende des Rückenmarkes nach vorn ab, -hat 
auch eine geringere verhältnifsmäßige Länge, ift aber 
etwas hoher. Der vordere Theil deffelben ift vom 
hintern an der untern Fläche durch eine kleine Ein- 
fchnürung unterfchieden , was von der am vordem 
anfangenden Bildung des Hirnknoten herrührt. Der 
hierauf folgende obere Theil, welcher fich in die 
Schenkel des grofsen Gehirns umwandelt, fteigt 
fenkrecht in die Höhe, .und wölbt fich nicht erft, 
\vie beim vorigen Embryo, ftark nach vorn, um fich 
höher oben nach hinten zurückzubeugen, was theils 
von der geringern Länge des verlängerten Markes, 
theils von dem Zufammendrängen diefer Gegend von 
oben nach unten herrührt. In der That ift der Raum 
von dem untern Rande des vordem Endes des ver- 
längerlen Markes bis zu dem Anfange der Vierhügel 
kleiner als beim vorigen Embryo. 

Hinten nimmt diefen ganzen Raum das kleine Ge- 
hirn ein, welches nicht fchief von oben und vorn nach 
unten und hinten abfteigt , fondern wagerecht liegt, 
nicht mehr als eine dünne einfache Platte, fondern 
tUs ein vorn dickerer, hinten etwas ddunercr, zu bei- 

D a 



52 ^^ ^ 

den Seiten rundlich geencligter Streifen erfcheint, der 
unter dem hintern Ende der Vierhiigel fo liegt, dafs 
er noch von jlenfelben nicht nur von oben bedeckt, 
londern auch nach hinten überragt wird und von 
einer Seite zur andern etwas breiter als fie ift. Un- 
geachtet des letztern Umftandes ift doch die Höhle, 
welche fich zwifchen ihm imd den unter und vor 
ihm auffteigenden Hirnfchenkeln befindet, von einer 
Seite zur andern fchmaler als früher, weil feine 
Maffe dicker ift und es iich daher früher an die Sei- 
tenränder der Hirnfchenkel heftet. Vom hintern Ran- 
de des obern , tlickern Theiles fchlägt fich nach vorn 
und innen eine weit dünnere Falte , die nur ungefähr 
halb fo weit nach vorn reicht, fich darauf unter ei- 
nem fehr fpitzen Winkel gegen fich felbft umbiegt, 
und, etwas weiter nach hinten reichend, mit einem 
freien Rande endigt. 

Der auf das kleine Gehirn folgende Theil, die 
Vierhägel, nimmt noch die höchfte Stelle ein, fteigt 
fogar mehr fenkrecht als bisher in die Höhe , ift aber 
-verhältnifsmäfsig kleiner als bisher. Seine fenkrechte 
Stellung rührt davon her, dafs er weiter nach hinten 
gefchoben ift. Schon äufserlich ift gegen das hintere 
Ende diefes Theiles auf beiden Seiten eine Vertiefung 
fichtbar. Theilt man durch einen ienkrechten Schnitt 
das Gehirn in zwei Hälften , fo erfcheint die Abfon- 
derung der bei den vorigen Embryonen noch einfachen 
Hohle in zwei, die Bildung einer wirklich vierhiige- 
iigeii Erhabenheit. Der vordere Theil der Höhle, 
welcher den vordem Vierhiigeln entfpricht, ift weit 



— 53 

gröfser als der hintere, welcher fich zwifcheii 
zwei Blättern, einem obern und einem untern befin- 
det, die fich hinten unter einem fehr fpitzen Winkel 
vereinigen und in ihrem Verlaufe beinahe berühren. 

So verhält es fich bei einigen Embryonen aus diefer 
Periode, während andere eine etwas verfchiedene An- 
ordnung darbieten ' ). Die Vierhügel find nämlich äu- 
fserlich mit mchrern flachen , querverlaufenden Windun- 
gen und Furchen verfehen , welche nach Oeffnung ihrer 
Höhle an der inwendigen Fläche noch deutlicher und 
ftärker entwickelt erfcheinen und fich beinahe durch 
die ganze Breite der Vierhiigel erftrecken. Bei drei 
Embryonen, wo ich tliefe Bildung finde, verhält fie 
lieh genau auf diefelbe Weife. Es finden fich zwei 
nacl) innen vorragende, ungefähr gleich breite Quer- 
wQlfte, aufser dem Vorfprunge, wodurch das hintero 
Vierhiigelpaar anfängt, welche unter ftumpfern Winkeln 
in einander übergehen, als diefes mit dem vordem. 

Das untere Blatt der Vierhügel biegt fich 
nach hinten wieder untec einem fehr fpitzen Winkel 
in den dicht darunter liegenden obern Theil des klei- 
nen Gehirns um , io dafs fich jetzt , ungeachtet die 
Stelle der Sylvifclien Wafferleitung durch Verengung 
der gemeinfchaftJichen Hirnhühle angedeutet ilt, noch 
keine grofse Hirnklappe findet. Ihre Stelle wird in 
der That jetzt durch den gröfsern obern Theil des 
kleinen Gehirns eingenommen, welches, wie fchou 
bemerkt , vvagerecht liegend , von hinten den aufftei- 
geiiden HiruCchenkeln entfpricht. 



54 

Von einer Seite zur andern findet ßch keine 
Spur einer Trennung der noch fehr anfehnlichen Vier- 
hiigelhöhle in zwei Hälften. Sie wird von hinten nach 
vorn allmahlig von einer Seite zur andern enger,, von 
beiden Enden zur Mitte dagegen bedeutend höher. 

Unter den Vierhügein fclilagen fich unter einem 
fehr fpitzen VVinke] die Hiriifchenkel fenkrecht ab- 
fteigend gegen fich felljft um und verlaufen dicht vor 
dem auffteigenden Theiie eben fo hoch als er auf- 
ftieg , herab. 

Vor ihnen liegen die Hir/iganglien, völlig 
von einander getrennt, mit glatten, geraden Flä- 
chen einander entgegengewandt, viel weiter in die 
Höhle hineinragend, als deren dickere Wände fie vor- 
her nur erfchienen. Zwifchen diefen und dem vor- 
dem abfteigenden Theiie der Hirnfchenkel bilden die 
Seitenwände des Gehirns eine flache Vertiefung, wel- 
che mit der Höhle der Vierhögel nach oben , mit dem 
Trichter nach unten, mit den beiden Seitenhöhlen an 
den Sehhiigeln nach vorn zufaramenhängt, die dritte 
Hirnhöhle, welche hier wegen der völligen Trennung 
der Hirnganglien gröfser als fpäterhin ift. Nach oben ift 
fie verfchloffen, indem, ungeachtet die Hirnganglien von 
einander ganz getrennt find , fich doch die obere Wand 
der Vierhiigel über fie fo fortfetzt, dafs zwifchen ihr 
und ihrem obern Rande eine kleine Vertiefung bleibt, 
eine Fortfetzung, wockirch die Seitenhälften des Ge- 
hirns zufammenfliefsen. Die Stelle zwifchen der drit- 
ten und der Vierhiigelhöhle, welche bei den vorigen 
Embrvonen fehr weit war, ift hier bedeutend zufam- 



— 55 

niengezogen. Eben fo il't die dritte Höhle von einer 
Seite zur andern beträchtlich verengt, weil die Hirn- 
ganglieu fich nach allen Richtungen bedeutend ver- 
gröfsert haben ; doch find diefe noch von einer Seite 
zur andern fchmaler als die Vierhügel. 

Sehr bedeutend haben fich auch die Hemifpliäreii, 
verändert. Sie fteigen nicht mehr fchief von hinten 
herab, fondern liegen beinahe fenkrecht. Zugleich 
find fie im Verhältnifs zu ihrer Länge beträchtlich 
höher, alfo weniger länglich, rundlicher. Ihr vor- 
derer Rand wölbt fich beträchtlich über den Riech- 
nerven weg, der nicht mehr aus ihrer runden Spitze 
entfteht. Ihre Wände find noch fehr dünn, fowohl 
inwendig als auswendig glatt; nur an der Innern 
Wand und dem Boden finden fich zwei über einan- 
der liegende Erhabenheiten, die beide nach oben ge- 
wölbt, nach unten concav find. Die obere, gröfsere 
nimmt die ganze Länge der Innern Wand ein , ift 
in ihrem hintern Theile weit höher und anfehnlicher 
als im vordem , wo fie auch von oben nach unten 
zweimal durch Vertiefungen unterbrochen wird. Sehr 
deutlich ift diefe Erhabenheit, wenigftens in ihrem 
gröfsten liinteru Theile, mit welchem fie bis zum hin- 
tern unicrn Ende der Hirnhöhle reicht, Amwnnshoni. 
Ueberall ift diefe obere Erhabenheit hohl, iniiem an. 
der äufsern Fläche der innern Wand ihr in ihrem gan- 
zen Verlaufe eine Verlief ung entfpricht. Eben fo deut- 
lich wird der gröfsere hintere Theil di».rch den, ilie 
innere Wand etwas nach aufsen drängenden Selihilgel 
gebildet: iodem mau die innere Wand der Hemifphä- 



S6 

ren von deinfelben abtrennen kann, und dann die Ver- 
tiefung an derfelben genau feiner Wölbung entfpre- 
chend findet. Die zweite untere Erhabenheit ift der 
gefireifie Körper, der verhältnifsmäfsig wenig gröfser 
als beim zweiten Embryo, und noch deutlicher mit 
feinem vordem, dickern Endein zwei Schenkel, wo- 
von der innere weit kürzer als der äulsere, und nach in- 
nen und unten gebogen ilt, ausläuft. Beide Erhaben- 
heiten werden durch das fehr grofse Gefäfsgeflecht be- 
deckt. Die grofsen Seitenhöhlen find durchaus ein- 
fach. Der innere vordere Schenkel des geftreiften 
Körpers, welcher dicht vor dem Sehhügel herabfteigt, 
fcheint , wenigftens feinem innern Theile nach , Bogen 
zu werden. 

Von einer Vereinigung der beiden Seitenhälften 
des grofsen Gehirns durch Commiffuren findet fich 
■ keine Spur. Die innern Wände find in ihrer ganzen 
Höhe von einander getrennt und gehen nur vor der 
Monro'fchen Oeffnung in der ganzen Höhe derfelben 
in einander über. Diefes Markblatt fetzt fich in das 
fort, welches oberhalb der ohern Ränder der Sehhü- 
gel die beiden Hirnhälften unter einander vereinigt 
und die Hemifphären find nur eine Fortfetzung des 
fich von diefer Stelle nach allen Seiten hin entfalten- 
den Markblattes. 

$• 28. 

Bei Schafsfötus von ungefähr 3" 6'" Länge ') 
hat fich die Bildung io mehrerer Hinficht vervoll- 



1) T»£. V. Fig, 4« — 5. 



57 

kommnet. Die Höhle des Rückenmarkes ift verhält- 
nifsmäfsig enger, überall gefchloffen. 

Der Winkel, unter welchem das Rückenmark in 
das verlängerte Mark übergeht, ift bedeutend ftum- 
pfer geworden, indem das letztere weit mehr fchräg 
auffteigt als bisher. Zugleich ift es ftark nach unten 
gewölbt, von oben nach unten beträchtlich dick, von 
einer Seite zur andern aber mehr zufamniengezogen, 
feine Höhle oben beinahe ganz verfchloffen. 

Das kleine Gehirn hat fich ftärker entwickelt. 
Es ift an beiden Seiten angefchwollen , in der Mitte 
etwas von oben nach unten eingefchnürt. Am hin- 
tern Umfange erfcheinen in der Mitte neben einander 
liegend, zwei Paar kleinere Erhabenheiten : an den Sei- 
ten ein querer Einfchiiitt, wodurch eine obere, grö- 
fsere Hälfte von der untern getheilt wird, und der 
gegen die Mitte verfchwindet. 

Die obere Fläche des von vorn nach hinten ver» 
hältnifsmäCsig breitern kleinen Gehirns, das in diefer 
Richtung doppelt fo dick als von oben nach un- 
ten ift, erfcheint durch zwei Querfurchen in drei 
quere Erhabenheiten abgetheilt. Die hintere Fläche 
des kleinen Gehirns ift jetzt von dem kleinen, nach 
hinten abgehenden Blatte deutlich abgefchnürt, ftatt 
dafs fie vorhin unmerklich in daffelbe überging. Auch 
ift diefes jetzt kleiner. Die beiden untern Blätter des 
vorigen Embryo erfcheinen zu einem einfachen dicken 
Wulfte verwachfen. 



Der auf- und abtteigencle Theil der Hirnfilienkel 
ift bedeutend niedriger geworden und beide liegen we- 
niger dicht an einander. 

Die rierhügel find verhältnifsmäfsig weit kleiner, 
ragen nicht mehr über die Halbkugeln des Gehirns 
empor, foiidern find bedeutend niedriger, als fie, 
reichen auch kaum bis zum hintern Umfange des klei- 
nen Gehirns, auf welchem fie ilbrigeos noch unmittel- 
bar mit ihrer untern Fläche aufliegen , und welches 
Ce faft ganz bedecken. Ihre Wände find, befonders 
Vorn, um vieles dicker geworden und find, die Ab- 
theilung in vorderes und hinteres Paar ausgenommen, 
einfach. Die Höhle des hintern Paares ift etwas wei- 
ter. Die ganze Hohle ift viel enger, theils wegen 
Verkleinerung der Vierhügel in allen Richtungen, 
theils wegen Verdickung ihrer Wände. Deutlich fieht 
man die grofse Klappe als ein fenkrechtes Blatt, die' 
Wafferleitung von hinten bedeckend, von dem vor- 
dem Ende der untern Wand der Vierhügel herabftei- 
gen. Das kleine Geliirn liegt dicht hinter der Klappe. 
Die Hirngangüi'ii fiuii verhältnifsmäfsig gröfser. 
Oben findet fich deutlich die Vereinigung beider und 
an diefer Stelle eine ftarke markige mittlere Erhaben- 
heit, Avelche von vorn nach hinten verläuft und fich 
Ober die übrige Oberfläche der Sehhiigel deutlich ab- 
gefetzt erhebt. Sie find an ihren iiinern Flächen ganz 
gerade, aber völlig von einander getrennt. Von aufsen 
nach innen find fie einander auch noch in ihrehi hin- 
tern Theile beträchtlich entgegen gewachfen, fo dafs 
hier zwifchen dem abfteigenden Theile der Hirnfchen- 



69 

kel und ihnen kein Kanal mehr übrig bleibt, ße 
find daher folider geworden. Zugleich ragen fie jetzt 
nach aufsen eben fo weit als die Vierhiigel. 

Die Halbkugehi des grofsen Gehirns weichen, 
anfehnlichere verhältnifsmäTsige Gröfse und etwas 
flärkeres und mehr eckiges Hervortreten des hintern 
und untern Winkels abgerechnet, in ihrer äufsern 
Geftalt wenig von der frühern ab. Sie find äufser- 
lich noch ganz glatt, ohne Spur von Windungen, 
im Verhältnifs zu ihrer Länge anfehnlich hoch, von 
aufsen nach innen, eben fo daher auch die grofsen 
Seitenhöhlen, wenig breit, fenkrecht gelagert, und in 
ihrem hintern Ende durch die anfehnlichen , zwifchen 
ihnen liegenden Sehhügel von einander getrennt. 

Spuren einer Vereinigung iler Hemifphüren über 
die Sehhügel hinweg, in einer anfehnlichen Höhe, 
alfo eines Balkens, einer Scheidewand, eines Bogens, 
finden fich noch nicht, wenn gleich nach unten und 
vorn das Markblatt, welches von der äufsern Fläche 
der Sehhügel heb über den obern Rand derfelben hin- 
wegv/irft, nach unten herabfteigt und von der Innern 
'• Fläche der einen Hemifphäre zu der andern , fenkrecht 
vor der Monro'fchen Oeffnung herabfteigend , reicht. 
Die Wände der Hemifphären find vcrhältnifsmäfsig et- 
was dicker als bisher. Der geftreifte Körper und die 
über ihm liegende Erhabenheit, welche einander auf- 
fallend nachahmen, find verhältnifsinäfsig gröfser. Dlc- 
fer ift weifser, jene mehr grau. Beide find nach oben 
gewölbt, nach unten ausgehöhlt , vorn ftuiiipf, dick, 
tiintCQ düoner und die obere Erhiibcnheit reicht weiter 



nach hinten , bis zum hintern Ende der Hirnganglien," 
die untere weiter nach vorn. Beide find durchaus von 
einander getrennt. Die obere ift blofs die einwärts drin- 
gende innere Wand, und ihr entfpricht daher an der 
von der Höhle abgewandten Innern Fläche eine eben 
fo geftaltete Vertiefung. 

Dagegen ift der gefcreiße Körper in feiner gan- 
zen Höhe von der innern Wand getrennt, fitzt nur 
mit feiner untern Fläche auf dem Boden der Hirn- 
höhle auf. Aufserdem hängt er in der Mitte des 
untern Randes feiner innern Fläche mit dem, unter 
jener obem Falte und dem Hirnganglion feitwärts vor- 
tretenden Hirnfchenkel zufammen. Die Endigung in 
zwei vordere Schenkel ift weniger deutlich als bis- 
her. Bei näherer Unterfuchung ergiebt es fich indef- 
fen, dafs beide noch vorhanden, nur weniger von ein- 
ander abgefchnürt find. Der innere, kürzere, wendet 
fich unter einem rechten Winkel von der innern Fläche 
des geftreiften Körpers , kurz vor der Mitte deffelben, 
nach innen , und heftet fich , vor der Afow/o'fchen 
Oeffnung , an die innere Wand ; der vordere fliefst ■ 
auch mit diefer, fich etwas einwärts beugend, zufam- 
men. Die kleinere vordere Hälfte der innern WanJ, 
wie alle übrigen , ift ganz glatt. 

f 29- 
Bei etwas über vier Zoll langen Embryonen ') hat 
fich die Bildung aller Theile fehr bedeutend vervoll- 
kommnet, 



Fig. 5J — 57. and Fig. i« — 6i. 



'- 61 

Die Höhle des verlängerten Markes fchliefst fieh 
immer mehr , indem fich theils das kleine Gehirn ver- 
gröfsert, theils von hinten und von der Seite die 
Wände derfelben fich verdicken. Man unterfcheidet 
fehr deutlich zunächft zu beiden Seiten der noch vor- 
handenen obern Spalte zwei länglichrundiiche, weifs- 
liche VViilfte , die nach hinten zufammenfliefsen. 

Unter und neben diefen liegen zwei breitere, grö? 
• fsere, aber niedrigere, welche bis zu den Seitenränr 
dern des verlängerten Markes reichen. 

Das klei/iii Gehirn ift jetzt bedeutend höher un4 
ragt über die Vierhiigel hinweg. In der Mitte ift es' 
nur wenig ftärker zufammengezogen als an den Sei- 
ten , ragt aber dort am ftärkften nach hinten vor. 
Deutlich fondert fich der mittlere Theil von den feit-» 
liehen ab. In feiner Mitte bildet er einen ftarken, 
queren Vorfprung, über welchem fich zwei, darunter 
eine Querfurche befinden. Die rundlichen Seiten» 
theile find von oben und hinten nach unten und vorn 
tief eingekerbt und gehen fehr deutlich in den Hirnkno- 
ten Ober. Ein fenkrechter Durchfchnitt durch das klei- 
ne Gehirn zeigt die Veränderungen diefes Theiles noch 
deutlicher. Es befteht aus einer obern, weit gröfsern, 
und einer untern, weit kleinern dünnern Hälfte, 
zwifchen welchen eine tiefe Höhle bis faft zur hintern 
Flüche dringt. Der obere befteht aus fieben, durch 
eben fo viele Quereinfclmitte von einander getrennten 
Lappen, und ift fehr tlick : der untere, viel dünnere, 
ift hinten, wo er fich an dem obern nach vorn auf- 
biegt, dicker als hinten, wo er fit!) njit einem fchar- 



62 ^^^^^ 

fen Rande endigt. Die HirnWappe fteigt ziemlich 
fenkrecht herab. Das kleine Gehirn zeigt, quer 
durchgefchnitten, fchon eine gi-ofse Annäherung an die 
vollendete Form. 

Die yierhiigel liegen noch gröfstentheils frei, 
nur fangen fie an, in ihrem vorden Theile von 
den Hemifphären etwas bedeckt zu werden. Das 
hintere Paar ift von dem vordem noch deutlicher ab- 
gefetzt. Das vordere ift in feiner ganzen Länge deut- 
licher als bei irgend einem frühem Embryo der Länge 
nach eingefchnitten : das hintere nur in der Mitte fei- 
nes hintern Randes, wovon fich fchon beim vorigen 
Embryo eine Spur fand. Die Höhle des hintern Vier- 
hiigelpaares iü. verhältnifsmäfsig zur vordem noch grö- 
fser als bisher. Diefe ift, wegen Verkleinerung des 
Vierhiigelpaares , Verdickung der Wände und tieferm 
Herabreichen einer, der äufsern Furche entfprechen- 
den, Scheidewand, enger als bisher. 

Die Hirnfchenkel fteigen ziemlich fenkrecht in 
die Höhe, find aber verhältnifsmäfsig noch niedriger 
als bisher. 

Die HiriigavgUen find oben vollkommen , oufser- 
dem nirgends verwachfen. Diefe Vervvachlungsftelle 
ift das Gewölbe. Zwifchen ihnen und den Vierhu- 
geln nimmt man eine deutliche Lücke wahr. Sie 
überragen diefe jetzt etwas nach aufsen, indem fie 
mehr in die Breite gewachfen find. 

Die Hemifphären find verhältnifsmäfsig gröfser 
und länglicher, noch ganz glatt; ihre Wände aber 
bedeutend dicker. 



&3 

Von den beiden Erhabenheiten, die noch eben 
fo ftark als bei dem vorigen Embryo von einander ge- 
trennt find, ift der geftreifte Körper nicht bedeutend 
verändert: die obere hintere ragt ftärker hervor, ift 
ganz hohl und mehr nach hinten gedrängt. 

Zwifchen ihrem vordem Ende und dem vordera 
Theile des geftreiften Körpers bildet der untere Theil 
der innern Wand der Hemifphäre einen kleinen, von 
dem übrigen gröfsern Theile derfelben abgefonder- 
ten, nicht fehr beträchtlichen , viereckigen Vorfprung 
hinter welchem fich die Monro'fche Oeffnung be- 
findet. Unftreitig entfpricht diefe Stelle dem vor- 
dem Theile des Bogens und der durchfichtigen Schei« 
dewand. 

Von ihrem obern, rundlichen Rande geht eiii 
düntter Markftreifen , der Balken , der hier ganz quet 
Tiegt', deffen Lange nur | der ganzen Länge der He- 
inirpliSre beträgt, der' auch die Hirnganglicn gar nicht 
llerteckt , zu derfclbt-n Stelle der entgegengefetzten He- 
Ipliäie. Unter ihm liegt die längliche Hühle det 
'durclifichtigcn Scheidewand. Diefe ift nach vorii ge- 
fetiloOen, durch ihr hinteres Ende aber fcheint fie fich 
'in ilie Monro'fche Oeffnung einzumünden,' und da- 
Aurcri mit der dritten Ilirniiöhle zu commuuicircn. 
ISach unten gehl von ihrem untern Rande ein cngnr 
ICang ab, 'der fich nach voin wenddt und hier zu üff- 
Sife'h fcheint. Vor und hinter diefem find. die Hira- 
hälftcn zu einer verwachfen. 



64 

§. 30- 

Bei etwas gröfsern, ungefähr 6 Zoll langen Em- 
bryonen ') find folgende Veränderungen eingetreten. 

Das Rückenmark ift verhältnifsmäfsig noch dün- 
ner geworden. 

Der Winkel zwifchen dem verlängerten Marke 
und dem Rückenmarke ift noch ftumpfer, die hintere 
Fläche beider hat faft diefelbe Richtung, doch find 
beide ftark von einander abgefetzt, indem das verlän- 
gerte Mark bedeutend angefchwollen ift. Von vorn 
jiach hinten ift es in det Mitte unten am wenigften 
vorfpringend , weit mehr hinten und vorn. Der vor- 
dere Vorfprung wird durch den Hirnknoten bewirkt. 

Das kleine Gehirn hat fich unter allen Theilen 
am bedeutendften vervollkommnet. In der Breite ift 
ps wenig, defto mehr aber in der Höhe gewachfen, 
fo dafs es die hintern Vierhügel etwas von hinten be- 
deckt. Der mittlere Theil ift bedeutend höher ak 
die Seitentheile, und läuft nach oben und unten in 
eine ftumpfe Spitze aus. Beide find durch eine gro- 
fse Menge von Querfurchen ungleich, indem fich 
die anfangs in geringer Anzahl vorhandenen, durch 
eine Menge Einfchnitte Inder fonft glatten ' Fläche b»- 
deutend vermehrt haben, und hängen durch eine et- 
was eingefchnürte Stelle zufammen. Man unterfchej- 
det bei einem fenkrechten Durchfchnitte fehr deutlich 
drei Hauptlappen, einen, vordem, einen aiittlern un(jf 

einen 

i) Fig. «3 — <?• 



65 

einen hinleren, welche fchräg von hinten und unten 
nach vorn und oben gerichtet, und fowohl durch 
fenkrechte, als durch quere, weniger tiefe Einfchnitte 
an ihrer hintern und vordem Fläche, unten in meh- 
rere kleine abgetheilt find. Von dem untern Ende des 
hintern Lappens biegt fich ei^ dünnes Markblatt nach 
vorn. Zwifchen ihm und dem, ohne Vergleich gröfsern, 
obern Theile des kleinen Gehirns verläuft beinahe 
horizontal , doch etwas nach oben und hinten gerich- 
tet, die Verlängerung der vierten Hirnhöhle in das 
kleine Gehirn. 

Die Hirnfclienkel find fehr niedrig und fteigen zu- 
gleich fehr fchief in die Höhe , fenken fich auch nicht 
wieder herab. Die früher als ihr vorderer, herabftei- 
gender Theil erfcheinende Stelle erfcheint jetzt deut- 
lich als ein mittlerer, unpaarer, vorn izwifchen ihnen 
liegender Theil, der Boden der dritten Hirnhöhle. 

Die Vierhiigpl find noch kleiner, jetzt ungefähr 
eben fo grofs als das kleine Gehirn , vorn noch wei- 
ter von den Hemifphären bedeckt, doch gröfstentiieils 
;noch frei. Die hintern find verhältnifsniäfsig bedeu- 
tend gröfser, machen beinahe ein Viertheil der gan- 
zen Maffe aus, find von den obern ftiiiker abge- 
fchnOrt und weit rundlicher als bisher. Die Furche 
zwifchen den beiden Hälften der vordem Erliabenlieit 
ift weit tiefer als bisher: die hintern find foi^ür noch 
weiter von einander getrennt und erfcheinen nur 
durch eine kleine Commiffur unter einander verbun- 
den. Die Höhle der V'erhügel ift noch bedeutender 
X. d. Archiv. Li. J- 



66 

^rerkleinert und die Scheidewand noch tiefer. Auch 
die Höhle des hintern Paares ift kleiner geworden. 

Die Hemifphäreti des grofsen Gehirns find be- 
deutend vergröfsert. Jetzt erfcheinen zuerft Spuren 
der Windungen diefes Theiles als fehr flache, oben 
breite, der Länge nach fich erftreckende Eindrücke, 
von welchen einer oder zwei an der obern, ein an- 
derer an der äufsern Wand verlaufen. Die innere 
Wand ift völlig glatt. Der letztere Eindruck fondert 
den obern Theil der äufsern Fläche von dem untern 
ab, wrelcher plötzlich weit ftärker zurückfpringt , die 
erfte Andeutung einer Abtheilung des grofsen Ge- 
hirns in einen vordem und hintern Lappen. 

Der Balken ift fehr deutlich markig, nimmt un- 
gefähr das zweite Viertheil der ganzen Länge der 
Hemifphären ein und hat eine anfehnliche Dicke. 
Unter ihm liegt die mehr dreieckige Höhle der Schei- 
dewand, die nach hinten noch durch einen kleinen 
Kanal mit der dritten Hirnhöhle zufammenzuhängen 
fcheint, nach unten aber gefchloffen ift. Ueber dem 
Balken befindet fich, aufser der Vertiefung, welche 
durch das Ueberragen der Innern Wand der Hemi- 
fphäre nach innen entfteht , allein dicht über derfelben 
eine kleinere , längere, parallellaufende, viel flachere, 
kaum merkliche. Uebrigens ift die ganze innere 
Wand, wie fchon bemerkt, glatt. Die Wände find 
bedeutend dicker, an ihrer Innern Fläche ift von den 
äufsern Ungleichheiten keine Spur wahrzunehmen. 
Bei näherer. Unterfuchung der zunächft über dem Bal- 
ken befindlichen Vertiefung findet man hier eine. 



67 

nur durch die Gefäfshaut bedeckte Lücke in der in- 
nern Wand, die Höhle alfo hier in der That offen. 
Der obere Theil der Scheidewandhöhle ift zwar be- 
deutend tief, hängt aber nicht mit den Seitenhöhlea 
zufamnien, fondern von ihm rührt die auch hier deut- 
liche Protuberanz der innern Wand nach innen, dicht 
vor der Monro'fchen Oeffnung her. 

' Die Hiriiganglien find vom Balken ganz unbe- 
deckt. Zwifchen beiden findet fich eine anfehnliche 
Lücke, durch welche das Gefäfsgeflecht in die Hirn- 
höhlen tritt. Oben hängen fie in einer kurzen Strecke 
mitteift einer viereckigen Platte zufammen, die vorn 
zwei, mit ihren hintern Enden vereinigte Markerha- 
benheiten, hinten einen queren Streif zeigt, in der 
Mitte ein kleines rundes Knöpfchen, die Zirbel^ 
trägt. Zwifchen dem hintern Rande diefer Commiffur 
und dem vordem Ende der Vierhügel befindet fich 
eine dreieckige Lücke. Die Zirbel ift, wie ein fenk- 
rechter Durchfchnitt zeigt, hohl, und jene Lücke nur 
fcheinbar , indem von dem hintern Rande der Com- 
»nilTur eine kleine Klappe zu den Vierhügeln herab- 
fteigt. Die Hirngangüen überragen jetzt die Vier- 
hügel nach aufsen bedeutend. 

$. 31. 

Von nun an geht die Vollendung der Bildung 
mit rafchen Schritten vorwärts. 

Bei ungefähr fieben Zoll langen Embryonem ') 
ift die Höhle des verlängerten Markes von oben durch 

I) Fij. (t — 7». 

E 3 



68 

das kleine Gehirn ganz bedeckt. Dies hat Cch in fei- 
nem mittlem Theile noch bedeutender entwickelt, 
während die Seitentheile zurückgeblieben find. Der 
mittlere Theil reicht daher bis zu dem hintern Ende 
der vordem Vierhiigel, da er früher nur die hintern 
berührt. 

Die Vierhiigel find bedeutend kleiner, und fo- 
wohl vom grofsen als kleinen Gehirne grofsentheils be- 
deckt, fo dafs nur der mittlere Theil frei ift. Da 
das kleine Gehirn durch die Art, wie es fich ent- 
wickelt, indem es fich von hinten nach vorn allmäh- 
lig hebt und vyendet, fich zwifchen die hintern Vier- 
hügel drängt, fo find diefe noch weiter aus einander 
gerückt und die Commiffur zwifchen ihnen ift brei- 
ter, aber dünner geworden. Die vordem ragen da- 
.her auch, weil jene mehr auf die Seite gedrängt er- 
fcheinen, nach innen gegen die Mitte etwas über fie hin- 
weg nach hinten. Die Trennungsfurche zwifchen dem' 
rechten und linken vordem Vierhügel ift noch tiefer 
und beide find daher noch rundlicher. 

Die Schenkel des grofsen Gehirns verlaufen faft 
gerade nach vom , biegen fich nur von ihrem hintern 
Ende an unmerklich etwas nach oben , aber durchaus 
nicht wieder abwärts. 

Die mittlere Erhabenheit, der Boden der drit- 
ten Hirnhöhle, ift verhältnifsmäfsig viel kleiner und 
die, nachher immer einfache zitzenförmige Erhaben- 
heit deutlich an ihrem hintern Ende in eine rechte 
und linke feitliche Spitze getheilt. 



69' 

Das grofse Gehirn ift noch gröfser, länglicher 
und von einer Seite zur andern beträchtlich breiter. 
Die Furchen find bedeutend gröfser und zahlreicher. 
Auf der obern Fläche verlaufen drei ziemlich gerade 
Längefurchen. Die äufsere, welche die längfte und 
höchftc ift, liegt ungefähr in der Mitte und reicht 
nach hinten ungefähr fo weit als nach vorn. Die der 
Länge nach mittlere liegt am meiften nach hinten und 
innen, reicht mit ihrem hintern Ende faft bis zum 
hintern Ende der Hemifphären, mit ihrem vordem 
nicht völlig bis zur Mitte der obern Fläche. Die 
vordere ift die kleinfte, reicht bis zum vordem Ende 
herab und liegt weniger weit nach aufsen , als die äu- 
fsere, weiter dagegen nach aufsen als die innere, und 
würde fich daher zwifchen beide erftrecken, wenn fie 
Cch fo weit nach hinten fortfetzte. Sie hört indeffen 
'nicht weit vor der äufsern auf. 

Die Furche an der äufsern Seitenfläche ift jetzt 
»och tiefer, ftärker nach oben gewölbt und fetzt fich 
bis zum hintern Ende der Hemifphären fort. Diefe 
find daher jcM zt oljen lang ausgezogen , endigen Cch 
fpitz, nicht rundliclj unil bedecken daher einen an- 
lehnlirlien Theil der Vierhügel. Auch fpringt der 
obirre Tlivil nach aufsen ftark vor und überragt den 
untrrn, welcher den hintern Lappen bildet. 

Sehr deutlich fteigt längs dem untern Theile der 
Seitenfläche des grofsen Lappens, längs dem vordem 
Rande des kleinen hintern, bis ungefähr zur Mitte 
diefer Seit'^nfurche die ftarke Wurzel des Riechnerven 
berauf, zwifchen welcher und dem vordem Theile 



70 

der Seitenfurche ein eigner, ihr paralleler, länglicher 
Wulft verläuft. 

An der jnnern Fläche verläuft eine Furche, Avelche 
unter allen die längfte ift, indem fie faft bis zum hin- 
tern Ende upd vorn weiter als die innere , an der obern 
Fläche fichtbare, reicht. Sie liegt ungefähr in der 
Mitte der Höhe der innern Fläche und ift daher fchwer- 
lich für die in der vorigen Periode fichtbare zu hal- 
ten, an welcher Stelle fich jetzt die Seitenhöhle ge- 
fchloffen hat. Doch find die Wände hier noch äu- 
fserft dünn. 

Der Balken hat fich bedeutend vergröfsert. Seine 
Länge beträgt ungefähr ein Dnttheil der ganzen Länge 
der Hemifphären. Er hat fich befonders nach hinten 
etwas verlängert. 

Die Wände der Hemifphären find beträchtlich 
dick, die Capacität der Seitenhöhlen hat fich daher 
beträchtlich vermindert. 

Die gefireiften Körper erfcheinen kleiner, verhält- 
liifsmäfsig zu ihrer Höhe breiter, erheben fich weit 
weniger als bisher. Der vordere Theil ihres innern 
Bandes bildet drei Spitzen, eine vordere, eine mitt- 
lere und eine hintere. Die beiden letztern fchliefsen 
den Theil der innern Wand ein , welcher der Scheide- 
wand und dem Bogen entfpricht. Die hintere liegt 
tmten dicht vor der Monro'fchen Oeffnung. 

An der innern Fläche der innern Wand befindet 
fich ein ftarker, länglicher, der Vertiefung an der 
äufsern entfprechender, dicht über der dünnen Stelle 
liegender Vorfpruog, der nach vorn und hinten fich-. 



71 

endigt, ohne in die Seitenerhabenheiten überzugehen. 
Die hintere Erhabenheit, deutlich das grofse Am- 
monshorn, ift viel weiter nach hinten und unten ge- 
rückt, protuberjrt fehr ftark, befonders in der Mitte 
ihres Verlaufes, ,wo fie fich, nachdem fie in ihrem 
obern Theile von vorn nach hinten und aufsen ver- 
laufen war, umbiegt, und fich etwas nach vorn, un- 
ten und innen wendet. Daher an diefer Stelle der 
fehr ftarke Vorfprung der Hemifphären. Vor ihr 
fteigt der fehr deuthche Saum herab. 

Die , ganz von den Hemifphären bedeckten Hirti' 
gnngüen find oben nirgends mehr verwachfen, Dia 
VerwachfungsfteHe erfcheint aber noch als ein längs 
dem innern Rande ihrer obern Fläche verlaufender 
Wulft, als der Hornßreif (ftria cornea) und geht nach 
hinten in die Schenkel der Zirbel über. Diefe ift 
etwas gröfser, Jiber noch verhältnifsmäfsig bedeutend 
klein, fehr weit nach hinten gerückt, fo dafs fie jetzt 
auf dem hintern Ende der Hirnganglien auffitzt. Sie 
Jft jetzt nicht mehr, wrie bei den vorigen Embryonen, 
hohl. Zwifchen beiden Hirnganglien vereinigen fich 
vor ihr fchon ihre Schenkel. Die Hirnganglien über- 
ragen die Fterhügel nach aufsen noch weit bedeuten- 
der als bisher. 

$• 3i2. 
Von nun an treten nur unbedeutende Veränderun- 
gen ein, die fich vorzilglich nur auf die verhältnif&< 
mäfsige Gröfse der Theile beziehen. Das kleine Ge- 
hirn vergröfsert fich , das grofse finkt dagegen zurück. 



Da die Entwicklung der Hirnganglien mit der Ent- 
wicklung der Hemifphären parallel läuft , fo tritt zvvi- 
fchen ihnen und den Vierhügeln fpäter ein Verhältnifs 
ein, welches dem frühern ähnlicher ift als das jetzt 
beftehende. Zugleich bleibt die Oberfläche de«- Hirn- 
ganglien nicht mehr rundlich, fondern wird hinten 
ungleich, und es entwickeln fich allmählig die Cor- 
pora geniculata an ihr. Die Furchen und Windun- 
gen des grofsen und kleinen Gehirns werden von nun 
an nicht fowohl zahlreicher als tiefer '). 



III.. Schweinsembryonen. 
§• 33- 

Die Entwicklung der Centraltheile des Nerven» 
fyflems konnte ich beim Schweine nicht beobachten, 
indem ich zu diefem Behuf nur Embryonen aus rei- 
fern Perioden unterfuchen konnte. Doch find diefe 
nicht unwichtig, fofern fie zur Verallgemeinerung der 
Biidungsgefetze beitragen '). 

Die Länge diefer Embryonen beträgt von der 
Spitze der Schnauze bis, zur Schwanzfpitze i^ Zoll. 

Das verlängerte Mark biegt fich unter einem 
ftumpfen Winkel vom Rückenmarke nach oben und 
vorn ab. Es ift beträchtlich dicker und breiter und 



l) S. Fig. 71 — 75, welche die Geftalt des Gehirns aus einem 

ungefähr 9 Zoll langen Fötus darfiellen. 
») Fig. 16 — »o. 



75 

wird letzteres von hinten nach vorn allmähhg mehr. 
Am diclvften ift es an feinem hintern Ende und die Di- 
menfion der Breite fcheint daher auf Koften der Dicke 
zu gewinnen. Die untere Fläche ift gewölbt iind zer- 
fällt in zwei Vorfprünge, einen vordem und einen hin- 
tern, von denen jener de« Anfchwellungen für die 
Ner\'enurfprünge und die Pyramiden, diefer dem 
Hirnknoten entfpricht. Die Höhle des verlängerten 
Markes ift faft ganz verfchloffen, 

Das kleine Gehirn biegt ficii zu beiden Seiten 
etwas über den Anfang des verlängerten Markes weg. 
Es ftellt eine mehr breite als lange und niedrige, hin- 
tenrundlich geendigte, völhg glatte Platte dar, die 
an den feitlichen Enden etwas angefchwollen ift und 
Cch von diefer Stelle aus fo nach innen gegen fich 
felbft und, von den Wänden des verlängerten Markes 
umichlägt, dafs dadurch eine, nach hinten und innen 
offene Höhle entfteht. In der Mitte entdeckt man 
eine deutliche Längenfpalte in ihr. Durchfchnitten 
fieht man, dafs es eine .anfehpliche Dicke hat, von 
vorn nach hinten allmählig dünner wird, völlig 
folic ift, und dafs von dem hintern Rande fich 
ein« kleine, viel dünnere Platte nach vorn umbiegt, 
welche in die Seitentheile übergeht. 

Die Ilirnfclienkel fteigen von item vordem Ende 
des verlängerten Markes fenkrecht in anfehnlicher Höhe 
auf und fchlagen Cch dann eben fo weit nach unten 
henb. 

Die höchften Stellen des Gehirns nehmen die t^ier' 
hug-l ein, die ziemlich fenkrecht in die Höhe fteigen. 



74 -^-^ 

Ihr hinteres Ende reicht faft fo weit nach hinten, 
als das kleine Gehirn , welches nur wenig breiter als 
fie ift, und von dem fie durch eine deutliche Ein- 
fchnürung- getrennt find. 

Man nimmt deutlich eine Trennung in zwei Sei- 
tenhälften und in ein oberes und unteres Paar wahr. 
Als erftere erkennt man eine dünne Stelle, die in der 
ganzen Länge der hintern Fläche verläuft und gegen 
ihr vorderes und unteres Ende, ohne jedoch beide 
zu erreichen, fogar eine deutliche Spalte wird. . Qfeben 
diefer Spalte und dünnen Stelle vertauft auf jeder Seite 
ein anfehnlicher Wulft. Wo diefe Spalte hinten und 
unten aufhört, laufen zugleich nach beiden Seiten zwei 
anfehnliche Vertiefungen, doch nur in einer kurzen 
Strecke aus, wodurch die obere weit gröfsere Hälfte 
der Erhabenheit von der untern getrennt wird. 

Beim Durchfchnitte ficht man, dafsfie, befonders 
nach hinten , aus fehr dünnen Wänden gebildet find, 
mithin eine anfehnliche Höhle enthalten. An der 
Stelle, wo fie auswendig eingefchnürt find, bildet 
ihre obere Wand nach innen einen ftarken Vorfprung. 
Diefer hintere Theil der Höhle ift bedeutend enger 
als der übrige, indem Cch die hintere Wand unter ■ 
einem fehr fpitzen Winkel nach vorn umbiegt. Diafe 
liintere Wand fetzt fich gegen die untere wagerecht 
verlaufend, weiter nach vorn fort als die Umbeugung 
und geht hier in das kleine Gehirn über. 

Die Hirnganglien find anfehnlich, aber e:was 
kleiner als die Vierhügel, von denen fie etwas ?bge- 
fchnürt find. Sie fteigen fchräg von oben und hinten 



75 

nach unten und vorn herab. Ihre Wände find viel 
dicker als die der Vierhügel und reichen faft bis zur 
Mitte des Gehirns, doch find fie ganz glatt und durch- 
aus nicht mit einander verwachfen. Der hintere und 
obere Theil ihres obern Randes verbinden fich mit 
einander durch eine kleine, dünne, wagerechte Brücke. 
Hinter ihnen fteigt diefe erft herab, dann wieder auf- 
wärts und geht dann in das vordere Ende der Vier- 
hügel über. Offenbar ift dies die hintere Commiffur und 
die noch hohle Zirbel. Der gröfste Theil des obern und 
vordem Randes derfelben ift nicht verwachfen. Neben 
ihm verläuft aber der Länge nach ein Wulft, die 
ftria Cornea, welche in jene Klappe übergeht. Hier 
tritt die Gefäfshaut zwifchen die Hirnganglien herab. 
Vor ihnen communiciren beide Seitenhöhlen durch 
eine grofse längliche Lücke, durch welche das Gefäfs- 
geflecht eintritt. 

Die Hcmifphüren find beinahe eben fo hoch als 
breit, nach aufsen gewölbt, vorn ftumpf zugefpitzt, 
an der äufsern Fläche ohne Spur einer Windung oder 
Ungleichheit irgend einer Art. Ihre Wände find äu- 
fserft dünn. Geöffnet erfcheint die Höhle /"ehr anfehn-' 
lieh. Am Boden liegt der anfehnliche geftreifte Kör- 
per nach oben gewölbt, nach unten gerade, vorn dick, 
in zwei ftumpfe Spitzen, eine kürzere innere, eine 
längere untere, auslaufend, nach hinten allmählig zu- 
gefpitzt , faft die ganze Länge der Hölile einnehmend. 
Uebor ihnen ift beinahe die ganze innere Fläche derHe- 
mifpliüre zu einer concentrifchen, hinten weit hohem, 
aber nicht fo ftark vorragenden , vorn fchmalern, aber 



76 ^^^^^ 

ftärker vorfpringenden Erhabenheit aufgeworfen, wel- 
cher an der äufsern 'Fläche diefer Wand eine genau 
verhältnifsmäfsig vorn tiefere, aber engere, hinten 
flachere aber breitere Falte entfpricht. Der hintere, 
flachere aber breitere Theil liegt gerade auf den Hirn- 
ganglien auf. Von den Hirnganglien lind die geftreif- 
ten Körper in ihrer ganzen Höhe getrennt, und man 
fieht fehr deutlich den Hirnichenkel ungefähr mitten 
unter jenen hervor und hineindringen. .Die innera 
Flächen der Hemifphären find nirgends verbunden 
als am Boden der vierten Hirnhöhle. An der Mon- 
ro'khea Spalte find fie zwar in einem viereckigen 
Räume in Berührung mit einander, indem die Flächen 
hier glatt und gerade find, aber durchaus nicht mit 
einander verwachfen. Diefe Stelle entfpricht unftrei- 
tig der Scheidewand und dem Bogen. Ueber diefer 
Stelle fängt fogleich die einwärts gerichtete Falte an, 
welche fchräg von unten und vorn nach hinten und 
oben auffteigt. 



IV. Menfchliche Embryonen. 

§. 34- 
Der kleinfte menfchliche Embryo, den ich in diefer 
Hinficht zu unterfuchen Gelegenheit hatte , war unge- 
fähr aus der fechften Schwangerfchaftswoche '). Seine 

i) Taf. a. Fig. l — *. 



Länge beträgt acht Linien, beide Extremitäten find weit 
hervorgebrochen, allein ftatt der Finger und Zehen nur 
noch von einem rundlichen, fcharf abgefetzten , einför- 
migen Rande umgeben. Das Gehirn und Rückenmark 
waren nicht vollkommen wohl erhalten, weil der 
Embryo zu lange in nicht hinlänglich ftarkem Brant- 
weine aufbewahrt worden war. Doch fahe ich deut- 
lich folgendes , was auch die Abbildungen erläutern. 

Das verlängerte Mark biegt fich vom Rücken- 
marke unter einem rechten Winkel nach vorn um, 
und bildet den längften , dickften und breiteften Theil 
des .Gehirns. Nach unten und vorn ift es ftark ge- 
wölbt. Ueber dem vordem Theile der Höhle des 
verlängerten Markes liegt eine breite, quere, etwas 
fchief von vorn nach hinten abfteigende Platte , welche 
in der Mitte deutlich durch eine Längenfpalte in zwei 
gleiche feitliche Hälften getheilt ift. Hierauf folgt 
nach oben und vorn eine um die Hälfte fchmalere, 
einfache, länghch rundliche, nach oben gewölbte 
Stelle. Vor diefer liegt eine etwas breitere, fie da- 
her nach beiden Seiten überragende, in der Mitte et- 
was eingefchnürte Anfchwellung , die von der Seite 
betrachtet viereckig, vorn zugefpitzt ift. 

Der vordere und obere fenkrechte Theil des ver- 
längerten Markes find die Hirnfchenkcl, die Platte 
das kleine Gehirn, die darüber liegende einfache Er- 
habenheit die VieriiOgeJ , die vorderfce das grofie 
Gehirn. 

Zur Unterfuchung der jiinern Anordnung waren 
die Theile zu bröcklich. 



78 

§• 35. 

Bei zwei ungefähr fieben wöchentlichen Embryo- 
nen war die Anordnung der Theile etwas von der 
angegebenen verfchieden, und auch nicht bei beiden 
völlig diefelbe. 

Bei dem etwas kleinern '), weit beffer erhalte- 
nen konnte fowohl die äufsere als innere Form deut- 
lich erkannt werden. 

Das fehr dicke Rückenmark reichte bis zum Ende 
des Heiligbeins, wo es fich mit einer ftumpfen , zwei- 
getheilten Spitze endigte. Man unterfcheidet deutlich 
an ihm eine obere und eine untere Anfchwellung, von 
denen die obere unbedeutend ftärker als die untere 
jft, die fich aber von dem obern, mittlem und un- 
tern Theile, die mehr zufammengezogen find, weni- 
ger als in fpätern Perioden unterfcheiden. 

Von vorn nach hinten verläuft im Innern deS 
Rückenmarkes eine beträchtliche Lücke, die in der 
Mitte weiter ift, gegen die Enden fich aber beträcht- 
lich verengt. Vorn fcheint fie überall gefchloffen ; al- 
lein nach hinten , wenigftens in der Lendengegend, of- 
fen. Auf jeden Fall ift hier die hintere Wand fehr dünn, 
wie überhaupt fowohl der vordere als hintere Theil der 
Rückenmarks wände weit dünner als die feitlichen find. 

Das verlängerte Mark biegt fich unter einem 
rechten Winkel von dem Rückenmarke ab, ift mehr 
als doppelt fo breit , in dem bei weitem gröfsten Theile 
feiner Länge oben offen, und es fcheint als fchlUgen 

f* i — "• 



fich hier die beiden Seitenhälften' des Rückenmarkes 
fo nach aufsen um , dafs die innere Fläche zur obern, 
fogar zur äufsern wird. 

Die untere Fläche bildet nicht mehr ■ eine ein- 
förmige Wölbung, fondern ift durch einen queren 
Einfchnitt in einen vordem, kleinern, ftärker nach 
unten vorragenden, und einen hintern, gröfsern, we- 
niger gewölbten Theil abgefchieden , von denen jener, 
eine Spur des Hirnknotens zu feyn fcheint. Auch 
geht der untere Theil in den obern mehr unter einem 
rechten Winkel Ober und die fenkrecht auffteigenden 
Schenkel find daher deutlicher von dem verlängerten 
Marke unterfchieden. Diefe ziehen fich oben etwas zu- 
famraen. Von ihrem obern Ende und ihren Seiten geht 
nach hinten eine, befonders in ihrem obern, etwas zu- 
Dunmengezogenen Theile, faft fenkrechte Platte nach 
hinten herab. Von dem untern Ende diefer Platte 
fteigt eine zweite in die Höhe, die von aufsen nach 
innen allmählig höher wird , auf beiden Seiten in ihrer 
ganzen Höhe üebenmal fehr deutlich eingekerbt, wie 
beim früheften Embryo in der Mitte der Länge nach 
gefpalten ift, eng an der erften anliegt, fich aber mit 
einem völlig freien Rande oben endigt. Höchft wahr- 
fcheinlich ift die fenkrechte, aufwärts gekehrte Stel- 
lung diefer Platte nur zufällig und fie liegt im normalen 
Zuftaniie wagerecht. Daher ift hier die Höhle des ver- 
längerten Markes beinaiie ganz offen, während fie beim 
vorjgen Embryo oben faft ganz verfchloffen war. 

Das kleine Gehirn erfcheint jetzt alfo nicht mehr 
aus einer wagerechten, foudern einer weit kleinern 



80 -- 

fenkrechten, und einer gröfsern wagerechteh Platte 
zufammengefetzt, welche zufammen die grofse Hirn- 
klappe, jene den zwifchen den Vierhiigeln und dem 
kleinen Gehirn, diefe den unter dem letztern liegen- 
den Theil derfelben bilden. 

Ueber diefer Klappe liegt wieder das mehr zu* 
fammengezogene einfache Vierhü gel paar , welches über 
den oberften Theil derfelben etwas nach hinten ragt, 
ohne doch bis völlig zum hintern Rande diefer ganzer» 
Hirnabtheilung zu reichen. Es nimmt, wie beim vo- 
rigen Embryo, die höchfte Stelle ein, ift verhältnifs- 
mäfsig zum kleinen Gehirn fchmaler , nach oben ftark 
gewölbt. Vorn ift es etwas eingefchnürt, und von 
hier an fteigen die Hirnfchenkel und die ganze Hirn- 
maffe jähe wieder herab, fo dafs fie, dicht an dem 
auffteigenden Theile verlaufend, eben fo tief als der 
Hirnknoten herabreichen. Wo diefer niederfteigende 
Theil anhebt, fmd die Vierhiigel eingefchnürt und er 
entfpricht unftreitig den Hirnganglien und der drit- 
ten Hirnhöhle. Unten und vorn ift diefer Theil durch 
die dreiekigen , fenkrecht herabfteigenden , vorn zuge- 
fpilzten , mehr länglichen Hemiiphären des grofsen Ge- 
hirns bedeckt, die tiefer herabreichen und aus deren vor- 
derm Ende, oder wenigftens nur dicht unter demfelben 
der Riechnerv tritt. Die Wände der Hemifphären find 
ganz glatt: eine kleine, der Länge nach verlaufende 
Vertiefung in der Nähe des hintern Randes abge- 
rechnet, die vielleicht fchon eine unvollkommene An- 
deutung der Theilung der Hemifphiiren in den vor- 
dem 



clern und hintern Lappen ift. Jede Hemifjjhäre ift 
wenig gröfser als der Vierhiigel oder Sehhügel. 

Die llerhiigel , die Hbngaiigüen und tlie Ue- 
mlfphüren find ganz verfchloll'en , und, wenn gJeiq}x 
diefe deutlich von einander getrennt find, fo findet 
fich doch eine mit der obern Fläche der Hirnganghera 
in eias verlaufende dünne Bracke, welche pngefähr 
}n der Mitte der Hohe die innere Flache der Hemi-. 
fphären mit einander verbindet. Wenigftens fcheint 
hier eine Verwachfung Statt zu finden, ungeachtet jejS 
i^hch ift, dafs die Verljindung nur durch die Ge- 
fäfshaut gefchieht. Dies ift in fo fern nicht unwahr- 
fcheinJich, als fie in ihrem gröfsten vordem TheJle 
fich fehr leicht, im obern nur fchwer trennen läfst. 
Längs dem grüfsten vordem Theile des obern ^Randes 
verlauft auf beiden Seiten ein breiter Wulft, der ia 
die hintere Vervvachfungsftelle übergeht. 

Geöffnet ift die Befchaffenheit der Theile fol- 
gende. ■ Das verlängerte Mark und die Hirnfchenkel 
in ihrem auffteigenilen Thoile find beträchtlich dick. 
Eben fo hat auch der gröl'stc Theil des kleinen Gehirns, 
nSmlicii der untere und hintere Theil der abfteigen» 
den Platte deffelben eine fehr anfehnliche Dicke. Da- 
' gegen ift der umgefchlagene Theil deffelben fehr dünn. 
Sein oberer Theil oder die Hirnklappe, die Vierhügel 
Und die oBftre Wand der Vierhügcl , fo wie der Hemi- 
fphären find gleichfalls dOnn : dieSeitftnwände der Vier- 
llDgel un Hirnganglien dagegen find ilick, nach innen 
angefchwollen. Die Hemifphären enthalten einen klei- 
V. d. Arcliiv. 1.1. F 



82 — ^ 

nen, von oben nach unten gerichteten, nach vorn 
gewölbten Höcker, der fich auf ihrem hintern Rande, 
dem Boden erhebt, aufserdem auf dem, unter dem Hirn- 
ganghon hervortretenden und fich nach aufsen und 
Vorn fchlagenden Hirnfchenkel auffitzt, unftreitig der 
geftreifte Körper. Vom Gefäfsnetze findet fich keine 
Spur. 

Bei dem etwas gröfsern , aber aufserdem durch- 
aus nicht voUkommner entwickelten Embryo ift die 
Anordnung etwas, doch unbedeutend, verfchieden. 
Bas verlängerte Mark geht unter einem ftumpfefrn 
Winkel in das Rückenmark über, dieHirnbrüeke fpringt 
etwas ftärker hervor. Das kleine Gehirn fcheint we- 
niger deutlich von den Vierhiigeln abgefetzt. Diefe 
bilden zwar die höchfte Stelle des Gehirns , find aber 
weniger ftark gewölbt. Die Hirnfchenkel fteigen we- 
higer fteil auf und ab. Die Hirnganglien find rund- 
licher , die Hemifphären mehr von einander getrennt, 
und liegen mit ihrem gröfsten Durchmefler von vorn 
nach hinten, nicht von oben nach unten. An ihrer 
üafis liegt der etwas gröfsere , ihren ganzen unter'a 1 
Hand einnehmende geftreifte Körper, der, weit von 
dem Hirnganglion getrennt , auf dem unter diefem 1 
hervortretenden Hirnfchenkel auffitzt. 

$. 36- 

Bei einem ungefähr neunwöchentlichen Embryo] 
hdt fich die Geftalt der Theile hedeiitend verändert '). 

1) Flg. 15 — 19. 



83 

Das verlängerte Mark ift verbaltnifsmüfsig weit 
]<leiner. Das kleine Gehirn ift dicker, höher, über- 
ragt das verJängerte Mark. Sein hinterer Rand ift 
noch in der Mitte eingefchnitten. Die Vierhügel ftei- 
gen^ fenkrecht in die Höhe, bilden aber nicht mehr 
die höchfte Stelle des Gehirns. Sie find noch völlig 
einfach und enthalten, da fie aus fehr dünnen Wän- 
den beftehen , eine fehr grofse Höhle. Küher als fie 
liegen die Hirnganglien, die etwas rundlicher gewor- 
den find und nicht mehr abwärts fteigen. ßefonders 
haben fich die. HemiJ'phüren bedeutend vergröfsert. Sie 
bedecken nach hinten nicht nur die Hirnganglien 
ganz, fondern auch einen Theil der Vierhügel. Sie 
Legen gerade, find im Verhältniis zu ihrer Länge be- 
deutend hoch. Ganz deutlich unterfcheidet man einen 
vordem, gröfsem und einen hintern, kleinern Lap- 
pen, die durch eine anfehnliche, fchief nach vorn ab- 
fteigende Furche von einander getrennt find. Aufser- 
-dem gehen von dem ganzen obern gewölbten Rande, 
fein vortleres und hinteres Ende ausgenommen, eine 
Menge nicht fehr tiefe, einfache, aber fehr deutliche, 
quere Vertiefungen, zwifchen welchen fich eben fo 
viele quere Wüll'te befinden und welchen abwechfelnd 
Erhalienheiten und Vertiefungen an der Innern Flächa 
der Hirn wand entfprechen , nach aufsen. Von dem 
hintern Ende des untern Randes des vordem Hirn- 
lappens entfpringt der Kiecl)nerv. 

Die Wände find fehr dünn; die Seitenhöhlen 
einfach; doch nimmt man fchon die Abtheilung in ein 
vorderes und hinteres ilurn deutlicher wahr, indem 

F a 



84 — 

fich in der Mitte der Grundfläche die Hirnfubftanz 
bedeutend verdickt, wodurch vorn und hinten eine 
bedeutende Vertiefung entfteht. Die an der innern 
und der Grundfläche befindlichen Theile werden durch 
ein fehr ahfehnliches Gefäfsgeflecht , welches nach 
oben gewölbt, nach unten höhl ilt und beinahe von 
deni vordem bis zum hintern Ende der Höhle reicht, 
bedeckt. An der Grundfläche' liegtr der geftreifte Korr 
per, der auf der verdickten Stelle auffitzt oder lie 
vielmehr bildet. Er ift ftark gewölbt, vorn und hin- 
ten, dort aber ftärker, angeicfa wallen , jedoch im 
Verhältnifs zu feinem mittlem Theile an beiden En- 
den nur fchwach verdickt. Der hintere Theil biegt 
lieh etwas nach vorn und fpitzt fich hier wieder zu. 
Nach Wegnahme des Gefäfsgeflechts erfcheint ein, 
dem geftreiften Körper concentrifchcr, dicht über ihm 
liegender, ihn zu beiden Seiten überragender Vor- 
fpriing. aa der innern Fläche , der fich in dem grofs- 
ten Theile feines Verlaufs , namentlich dem obern und 
hintern, über ihn weg krümmt, vorn ihn nicht völlig 
begleitet, fondern fich erft auf, dann unter einem fpitzcn 
Winkel wieder abwärts beugt und fo einige Linien, 
über dem vordem Ende deffelben aufliurt. Die vordere 
Hälfte aller diefer Theile liegt im vordem, die hintere 
im hintern Hörn. Der letztbefchriebene ift offenbar 
das Ammonshorn, Von einem dritten Hörne der Sei- 
tenhöhle ift noch keine Spur vorhanden. 

Die übrige Anordnung der Theile ift wegen der 
bröckJichen Befchaffenheit des Gehirns nicht deutlich 
au erkennen. 



. S5 

§■ 57. 

Weit beffer eignete fich zu einer voUftändigen 
Befchreibung das Rückenmark und Gehirn eines un- 
gefähr eilf wöchentlichen Embryo '). 

Hier ift das immer ftärkere Ueberwiegen des 
Gehirns über das Rückenmark und am erftern das 
Ueberwiegen des grofsen Gehirns über die übrigen 
Theile noch weit deutlicher. Das Rückenmark reicht 
«war noch bis zum Ende des Heiligbeins, es findet 
fich mithin kein Pferdefchweif, allein es ift dünner: 
die obere und untere Anfchwellung find verhältnifs- 
tnäfsig dicker und kürzer. Die obere übertrifft die 
tintere bedeutender als bisher an Dicke. Seine Höhle 
ift fehr deutlich, fcheint aber überall, höchftens die 
Lendengegend ausgenommen, nach hinten eben fowohl 
als nach vorn , völlig gefchloffen zu feyn. Indeffen 
zeigt fie überall noch fehr deutliche Spuren der frü- 
hem Bildung, indem fie vorn rundlicher, viel weiter 
jft und fich nach hinten zu einem fclimalern, mehr 
langen Streif verengt, der aber, wie bemerkt, nicht 
bis zur Mitte des hintern Umfangs reicht. Beide 
Spalten find deutlich : die vordere aber viel be- 
trächtlicher : beide, vorzüglich die vordere, von der 
Höhle deutlich unterfcliieden. - In der Lendengegenil 
ift es zum Theil ungewifs, ob fich nicht doch noch 
die hintere Spalte in die Höhle fügt. 

Das verläirgerte Mark biegt fich unter einem 
ftumpfen Winkel vom Rückenmarke nach oben alj. 

Ij I-JJ. 20 — 31. 



-Zugleich fpringt es ftärker vor clemfelben vor, un- 
ftreitig, weil ficli die Pyramiden und Oliven mehr ent- 
wickelt haben. Der Hirnknoten ift daher hier faft 
weniger deutlich als bei frühem Embryonen, zumal 
da er überdies fchmal und flach ifi. In der Mitte ift 
er fehr ftark von vorn nach hinten vertieft. Dia 
vierte HirnhöhlS ift mehr als bisher verfchloffen, theils, 
weil ßch das kleine Gehirn ftärker entwickelt hat, theils^ 
weil die Seitenwände fich nicht mehr nach aufsen biegen, 
fondern nach innen gewachfen und dicker geworden find. 
Hinter derfelben fieht man auf der obern Fläche des ver- 
längerten Markes drei Paare von Erhabenheiten , wel- 
che nach hinten convergiren, von innen nach aufsen 
und von vorn nach hinten auf einander folgen und 
von welchen die beiden äufsern in zwei Markftreifen 
übergehen, welche neben einander auf beiden Seilen 
neben der hintern Rflckenmarksfurche längs der er- 
ften Hälfte der hintern Fläche des Rückenmarkes 
verlaufen , fo dafs die Innern etwas früher aufhören. 
Unl'treitig gehören fie zu den ftrangförmigen Körpern 
und ihre Entwicklung fleht mit dem ftäfkern Wachs- 
thum des kleinen Gehirns in Beziehung. 

Das k!ei/ic Gehirn überragt das verlängerte Mark 
anf beiden Seiten bedeutend. Es ift beträchtlich mehr 
breit als lang, von oben nach tmten am niedrigften. 
Seine hintere Fläche ift in der Mitte etwas vertieft: die 
Seitentheile find auch aufserdem etwas angefchwollen. 
Es i't beträchtlich dick, ganz folide und völlig glatt. 
Von feinem hintern Rande biegt fich ein kurzes, dün- 
nes Blatt nach hinten. 



Die Hirnfclienkel fteigen fchräg in die Höhe und 
find im Vergleich mit den frühein Verhältniffen fehr 
niedrig, biegen fich bald nach vorn. 

Die Vierhiigel find fehr anfehnlich, und zeigen 
zuerft eine Andeutung einer Spaltung in eine rechts 
lind linke Hälfte, durch eine fchwache, ihren gröfs- 
ten obern Theil einnehmende Längenvertiefüng , fo 
■wie in ein vorderes und hinteres Paar dadurch, dafs 
ihr unterer Theil nicht in derfelben Richtung mit 
dem übrigen verläuft, fondern unter einem ftumpfea 
WinUel von demfelben abgebogen ift. Er ragt vinge-' 
fähr fo weit nach hinten, als das kleine Gehirn, be- 
deckt daffelbe daher. 

Die Höhle der Vierhügel ift noch anfehnlich, 
doch wegen vermehrter Dicke der Wände bedeu- 
tend kleiner als in frühem Perioden. Der Boden 
wölbt fich beträchtlich nach oben, gerade wie man 
es bei den Vierhügeln der Vögel findet. Am engften 
ift der hintere Theil der Höhle, welcher dem hintern 
Vierhügelpaare entfpricht, luigeachtet hier die Wände, 
hefonders die untern, am dünnften find, indem fig 
fich hier unter einem fehr fpitzen Winkel gegen ein- 
ander umfchlagen, dafs lieh ihre innern Flächen 
faft berühren. Von dem vordem Ende geht die 
Hirnklappc ab. Diefe ift nicht gerade, fondern bil- 
det nach hinten einen Vorfprung. Es fcheint entwe- 
der, als werde fie durch die dicker werdende Platte 
des kleinen Gehirns in die Höhe gedrängt, oder als 
falte fie fich, weil fie für den gegenwärtigen Raum zu 



SS . — -- — — 

grofs ift, und doch fpäterhin einer nicht unbedeuten« 
den Ausdehnung gewachfen feyn mufs. 

Die Hirnfchenkel fteigen unter den Vierhügeln 

empor, find aber verhältnifsmäfsig weit niedriger als 
früher. Von ihnen rührt die anfehnliche Anfchwel- 
lung am Boden der Vierhügelhöhle her. 

Vor den Flerhügeln liegen die Hirnganglien , die 
jetzt fehr rundlich und etwas hölier als fie, find. 
Längs ihren obern Rändern liegt auf ihrer obern Flä- 
che' ein aufgeworfenes, vorn dickeres, nach hinten 
allmählig dünner werdendes Blatt, welches fich nach 
hinten in eine kleine Klap})e fortfetzt, die erft ab- 
fteigt, dann auffteigt und in die vordere Wand der 
Vierhügel übergeht. Diefes aufgeworfene Blatt ift der 
Hornftreif, der nach hinten in die Schenkel der Zir- 
bel übergeht: diefe wird durch jene kleine Klappe 

. angedeutet. Die Innern Flächen der Hirnganglien find 

" ganz gerade, glatt, zeigen durchaus keine Spur einer 
Vereinigung. Ueber und unter ihnen verläuft ein 
enger Kanal aus der Vierhiigelhölile zu der dritten 
Hirnhöhle. Vor ihnen befindet fich die weite Monro- 
fche Oeffnung. 

Die Heinifphüren haben ungefähr diefelbe Geftalt 
als beim vorigen Embryo. Doch find fie etwas weni- 
ges länglicher. Diefelbe fehr tiefe Theilung in einen 
vordem und einen hintern Lappen. Eben fo finden fich 
aiich Windungen, doch ift ihre Zahl verringert; dage- 
gen find fie beträchtlich tiefer und breiter. Sie finden 
fich in gleicher Menge auf dem hinlern und vordem 
Lappen und überall find da, wo fie vorhanden find, , die 



^^ ^ 89 

Wände der Hirnhdhlen gefaltet , fo dafs fie an der in- 
nern Fläche eben fo gut wahrgenommen werden , als 
an der äufsern. Vorzüglich tief find die an der in- 
nern Wand verlaufenden. Hier verläuft vom vordem 
bis zum hintern Ende eine anfehnliche, tiefe Längen- 
fiirche, von welcher aus nach oben und hinten, an 
mehrem Stellen lehr regelmafsige Fortfätze abgehen, 
dicht über dem untern Piande der innern Wand. 
Ihre Höhle ift ftark nach oben gerichtet. 

Die Seitenhöhlen zeigen noch keine Spur eines 
dritten Hernes, wenn man nicht den grofsen hintern 
Theil der Höhle dafür halten will. Die aufsere Wand 
ift in dem Thcile, welcher der untern vordem Hälfte 
des Lappens entfpricht, gegen fich felbft fehr ftark 
nach innen und hinten umgefchlagen , fo dafs hier eine 
weite, fackförmige Falte entfteht, welclie nach in- 
nen ragt. 

DieGränze des vordem und hintern Lappens trifft 
■die Mitte des geflreiften Körpers. An diefer Stelle ift 
der Boden der Hirnhöhle ftark nach oben gewölbt. 
Diefelbe Richtung hat auch der geftreifte Körper, der 
ftark hufeifenförmig gekrümmt ift, vorn und hinten 
deutlich, doch nicht fehr ftark angefchwollen, hier 
zuletzt wieder zugcfpitzt, dort an feiner obern Fläche 
nach vorn und innen tief gefurcht ift, fo dafs er in 
zwei frumpfe Spitzen ausläuft. Er ift durch eine tiefe 
Lücke Vom Sehhügel gelrennt. 

Uel>er ihm liegt die oben erwähnte, an der innern 
Wand verlaufende Falte, welche ftark nach innen und 
oben vorfpringt, und ihm concentrifch vi läuft. la 



90 

ihrem mittlem Theile ift fie einfach. Vorn fteigen 
von ihr fünf Falten ab, zwei nach oben, drei, welche 
von jenen etwas abgefondert liegen , nach unten und 
vorn. Wo Ce fich nach hinten umbiegt, fpaltet fie 
fich in vier Schenkel. Der eine geht nach oben, der 
zweite nach hinten und aufsen, die beiden übrigen 
nach unten und vorn. Der zweite ift unftreitig das 
hintere Ammonshorn, der dritte die eminentiu coUa- 
teraüs , der vierte, längfte, nach vorn und unten ge- 
bogene, das grofse Ammonshorn. 

Das innere Blatt diefer Falte biegt fich im mitt- 
lem Theile derfelben nach unten und innen dem der 
entgegengefetzten Seite entgegen, und fcheint mit_ 
ihm in der Mitte, vor und über dem Hirnganglion 
zu einer dünnen Brücke zufammen zu fliefsen. Diefe 
Brücke ift , wenn fie wirklich vorhanden ift , unftreitig 
der Balken. Allein es ift möglich, dafs die Verbin- 
dung nur durch die Gefäfshaut gefchloffen ift, weil 
fpätere Embryonen und mehrere thierifche auf eine 
andere Entwicklungsweife diefer Gegend hinzudeuten 
fcheinen. Doch ift der ganze Rand diefer Stelle rauh, 
und es fcheint daher deutlich, als finde hier eine 
wirkliche Markverbindung Statt. So weit diefe 
reicht, findet fich unter ihr eine longitudinale, abftei- 
gende OelTnung, durch welche die beiden Seitenhöh- 
len mit einander communiciren. Wo fich diefe Oeff- 
nung unten fchliefst, liegt die fehr deutliche vordere 
Comroiffur. Hinter diefer Oeffnung fteigt, vor der vor- 
dem Fläche des Hirnganglions, allein durch die lange 
MoEro'fche Oeffnung von ihm getrennt, der nach innen 






umgebogene innere vordere Schenkel des geftreiften 
Körpers nach oben. Diefer iftvon dem der entgegenge- 
fetzten Seite völlig getrennt, fliefst eben fo wenig nach 
oben mit dem, was man für Balken halten kann, zu- 
fammen , fondern zwifchen ihm und dem Balken be- 
fin.let Geh die vordere, oben angegebene, Lücke. 
Höchft wahrfcheinlich alfo wird diefer innere Theil 
des geftreiften Körpers ganz oder wenigftens zum Theil 
(letzteres ift wahrfcheiniicher, weil er wieder der 
Länge nach durch eine kleine Furche in einen äufserri 
und innern Theil abgegränzt ift), zum vordem Theil 
des Bogens und jetzt hängen entweder beide Hirn- 
hohlen an der Stelle, wo fich nachher die fenkrechte 
Scheidewand und ihre Höhle findet, zufammen, oder 
diefe Oeffnung wird durch die Gefäfshaut verfchloffen. 
Indeffen findet fich doch eine Stelle, welche 
höchft wahrfcheinlich Andeutung der fenkrechten 
Scheidewand ift. Der untere und vordere Theil 
nämlich der innern Wand der Hemifphären, der un- 
terhalb jener Falte liegt, fteigt fenkrecht, gerade her- 
ab, und liegt dem der entgegengefetzten Seite fehr 
nahe. Er fliefst nach hinten in den innerften Theil 
des geftreiften Körpers, den ich für den Bogen halte, 
über. Nach innen ragt er ftark angefchwollen empor. 
Diefer Theil ftellt für jetzt den erften Anfatz zur 
Bildung <ler Scheidewand dar, wenn gleich die bei- 
f den Blätter noch nicht an einander liegen, auch die 
^, Verwachfung der beiden Seiten hälften, welche nie/- 
lekht durch den innern Rand des untern Faltenblat- 
les gefchieht, nicht fo weit herabreicht , und dahei; jetzt 



die Scheidewandhöhle gewifs nach allen Richtungen 
offen . ift oder noch gar nicht exiftirt. 

§• 38. 

Das folgende Gehirn und Rückenmark ift von ei- 
nem ungefähr vierzehnwüchentlichen Embryo '), def- 
fen Länge von dem Scheitel bis zu den Zehenfpitzen 
fünf Parifer Zoll beträgt. 

Das Rückenmark ift etwas kleiner geworden, in- 
dem es weniger lang und dünner ift. 

Vorzüghch ift eine, wenn gleich fehr kleine, An- 
deutung der Trennung der oberften von der raittlern, 
der Armanfchwellung , entftanden. 

Der mittlere zufamniengezogene Rückentheü ift 
rerhaltnifsniäfsig etwas dünner und länger. 

Die untere Anfchwellung nimmt zwar noch den 
ganzen Lendentheil ein, zieht ßch aber fchon in der 
untern Hälfte deffelben beträchtlich zufammen, und 
geht fchon auf dem zweiten Heiligbeinwirbel in den 
Faden über. ' 

Die obere Anfchwellung ift zwar kürzer, aher 
deutlich dicker als die untere. 

Die hintere Furche ift beträchtlich tief, die Ober- 
fläche des Rückenmarkes gleichförmiger, indem die beim 
vorigen Embryo deutlichen Liingenerhabenheiten längs 
der hintern Furche niedriger find. 

Das verlängerte Mark ift kleiner, das kleine Ge- 
hirn dagegen verhältnifsmäfsig gröfser , fteht fchief 

«) Piß. 32 — 34- 



von oben und hinten nach vorn und unten. Es be- 
Üeht deutlich. aus zwei Seitenhälften und einem mitt- 
lem Theile. Diefer ift aber verbältnifsmafsig weit 
niedriger als vorher. Auch ift er weit dünner von 
vorn nach hinten, wogegen die Seitentheile rundlich 
angefchwollen find. Der obere Rand der ganzea 
Maffe ift ftark concav, in der Mitte fcharf, an den 
Seitentheilen ansrefchwollen , rundlich. Der untere 
Rand ift gerade. 

Vom gnnzen untern Rande geht nach hinten eine 
dOnne Platte ab. Diefe fchlägt fich an den Seiten 
und vielleicht auch hinten gegen fich felbft um und 
heftet fich an die Seitentheile und die hintere Gegend 
der ftrangförmigen Korper, fo dafs fie wie eine Brücke 
über den hintern Theil der vierten Hirnhöhle weg; 
geht. Auf beiden Seiten aber findet fich , auch wenn 
hinten, zwifchen der auf diefe Weife doppelten Platte 
ein Zufammenhang vorhanden feyn follte, eine Lücke, 
durch welche das Adernetz der vordem Hirnhöhle, 
dicht auf diefer Briiclce liegend, eindringt. Das ganze 
kleine Gehirn ift glatt, mit Ausnahme des mittlem 
Theilcs, der etwas oberhalb der Mitte feiner hintern 
Fläche eine tiefe Ouerfurche, und fowohl über als 
unter diefer eine flachere hat, die fich nicht auf die 
Seitentheile erftrecken. 

Es ift völlig folide, mit Ausnahme der Stellen,'. 
wo fich, an den Seiten beftimmt, die untere Platte 
get;en fich felbft umfchlj^t und hier eine nicht un- 
beträchtliche Höhle bildet, welche mit der vierten 
Hirnhühle zufammenhängt. 



l 



■94 — ~ 

Die vierte Hirnhöhle reicht nur in einer fehr 
kleinen Strecke von unten und vorn nach oben und 
hinten in daffelbe. 

Die Vierhügel find ganz zwifchen ihm und dem 
hintern Theile des grofsen Gehirns verborgen. Die 
Höhle derfelben ift noch anfehnlich, da ihre Wände dün- 
jier lind ; doch iit fie befonders mehr hoch und hat nur 
eine geringe Breite, weil die Wände von aufseu nach 
innen fich beträchtlicher verdickt haben. Die Höhle 
des hintern Paares ift fehr kurz und eng. 

Das grofse Gehirn hat eine etwas länglichere Ge- 
ftalt als bisher. 

Die Hirnganglien find bedeutend gröfser als die 
Vierhiigel: mit glatten, geraden innern Flächen ein- 
ander entgegengewandt, aber nirgends verwachfen. 

Vor ihnen liegt die weite Monro'fche Oeffniing. 
Darauf folgt eine Stelle, an welcher die Hirnhälften 
verwachfen find, und welche dem Bogen, der Schei- 
dewand und dem Balken entfpricht. Sie ift dreieckig, 
aber ftumpf, unten zugefpitzt. Diefe Stelle liegt vorn 
und unten , ift breit und kurz und hat mit der 
beim vorigen Embryo bemerkten Anordnung nichts 
gemein. Hinter ihrem untern Ende liegt die fehr 
deutliche vordere Commiffur. 

Der innere vordere Schenkel des geftreiften Kör- 
pers ift verhältnifsmäfsig kleiner geworden, und es 
hat fich eine deutliche Scheidewand zwifchen den bei- 
den Seitenhöhlen gebildet, deren hinterer wulftiger 



95 

Rand der innerfte vordere Theil des geftreiften Kör- 
pers zu feyn ichejnt, der mit dem der entgegenge- 
fetzten Seite zufaramengefloffen ift, ftatt dafs beim vo- 
rigen Emijryo beide getrennt waren. Die geftreiften 
Körper beider Seiten hängen mittelft deffelben zu- 
fammen, allein dagegen erftreckt fich die Vereinigung 
der innern Fläche des geftreiften Körpers mit diefem 
Theile, welcher dem Bogen entfpricht, weniger weit 
nach oben , ftatt dafs er bei dem vorigen Embryo faft 
die ganze Höhe des geftreiften Körpers hatte. Dort 
erfchien er alfo als ein Theil diefes Körpers , hier als 
ein eigner, von demfelben getrennter, der lieh in dem 
Maal'se von demfelben abfontlert, als er zur Bildung 
der Scheidewand beiträgt. Vor diefem Theile liegt 
ein breites Blatt, die durchCchtige Scheidewand; vor 
und darüber der Balken. Diefer ift aber jetzt weit 
kürzer als die Brücke beim vorigen Embryo und 
fchejnt nur feinem vordem Theile nach vorhanden 
zu feyn. 

Die Falten an der innern Wand der .Hemifphä- 
Ten find bedeutend verftrichen. X)ie von dem hinte- 
ren Theile abgehenden Fortfätze find beinahe deut- 
licher als diefer. Jener fcheint zur Bildung des ab- 
fteigenden Blattes, welches die Scheidewand zwifchen 
den beiden Seitenhöhlen jetzt bildet, verwandt und 
in demfelben Maafse der früher längere Balken hinten 
verfchwunden zu feyn. An iler äul'sern Fläche des gro- 
feen Gehirns finden fich noch, wie beim vorigen Em- 
bryo, quere Furchen, doch find fie niedriger, flehen 



96 ^^ 

weiter auseinander und, was fehr merkwürdig ift, ße 
find zu verfchwinden bereit, indem in fie neue Hirn- 
fubftanz von der Gefafshaut abgefetzt wird, welche, 
•wenn man djefe abzieht, an ihr feftfitzen bleibt, wo 
4]ann die Windungen erft zuni V^orfchein kommen. 
lAuf diefelbe Weife verichwindet auch die tiefe Furche 
zwifchen dem vordem und hintern Lappen. 

Bei Eröffnung der Seitenhohlen findet man die 
Hervorragungen wie beim vorigen Embryp; nur fprin- 
gen alle, befonders aber der mittlere Theil der Län- 
genfalte, etwas weniger ftark hervor. 

Sehr deutlich erkennt man an der obern Hälfte 
des vordem, hohleh Randes des grofsen Amnionshorns, 
welches iu feinem ganzen Verlaufe hohl und unteii 
nicht angefchwollen, fondern ftumpffpitzig • geendigt 
ift , den liiarkigen Saum , an welchem das Gefäfsge- 
flecht auffitzt. Der beträchtliche Eindruck am vor- 
dem untern Ende des hintern Horns ift verfchwun- 
den und fcheint fich nach aufsen gewandt zu liaben. 
Daher erftreckt fich diefes unten beträchtlich weiter 
nach vorn. Eine Folge hievon fcheint zugleich^ eine 
vorher nicht bemerkbare tjuere Vertiefung, die vom 
hintern Rande des hintern Horns zu deffen untern; 
vordem Ende verläuft, zu feyn. 

Der geferelße Körper ift in feinem vordem Ende 
beträchtlich dicker als in feinem übrigen Verlaufe , mit 
einer glatten Oberfläche verfehen und in feiner ganzea 
Höhe von dem Hirnganglion getrennt. 

$. 39- 



§• 39- 

. Bei einem Ejnbryo von ungefähr fechszehn bis 
achtzehn Wochen '), cleffen Länge vom Scheitel bis 
zu den Zehenfpilzen fieben Parifer ZolJ beträgt, ift der 
mittlere oder Rückentheil des Rückenmarkes ver- 
hältnifsmäfsig bedeutend fchmaler, indem er fogar ab- 
folut nicht dicker jlt als beim vorigen Embryo. Da- 
gegen find die Anfchwellungen dicker. Die mittlere ift 
hier verhältnifsmäfsig zur untern etwas tbcker als 
beim vorigen Embryo, zieht fich fchon hoher oben 
zufammen und hurt auf dem erften Heiligbeinvvirbel 
auf, wo fie in den Faden übergeht. Deutlich ent- 
fpringt das letzte Heiligbeinnervenpnar etwas hoher als 
der letzte Lendenwirbel. 

Verfchiedenheiten des Gehirns find vorzüglich 
folgende : 

1) .Sind die Pyramiden und Oliven verhältnifsmä- 
fsig beträchtlicher; 

2) der Hirnknoten ift von vorn nach hinten be- 
trächtlich breiter und etwas dicker, daher ftär- 
ker von jenen Erhabenheiten abgefetzt. 

3) Das kleine Gehirn ift, befonders in der Mitte, 
tiefer und vielfacher gefurcht, die Seitentheile 
find ftärker angefchwollen , aber in ihrem hintern 
und äufsern Theile nocli durchaus nicht gefurclit. 
Das ganze ift verhältnifsmäfsig gröfser und höher. 
Das kleine Gehirn zerfällt auf jeder Seite in 
vier Theile, die von einander durch tiefe Fur- 

I) Fi« ?5 — »?• 
N, d. Archiv. I. I. G 



,^ 



eben aljgegränzt find. Der vorderfte, höchl'it; 
und anfehnlichfte ift quergefurclit. Er entfpriclu 
dem vordem Lappen. Der zweite, hintere, bei- 
nahe eben fo grofse, ift gar nicht gefurcht, glatt. 
Er entfpricht dem hintern obern , hintern untern 
und viereckigen Lappen, die durchaus noch nicht 
von einander getrennt find. Hierauf folgt eiu 
weit kleinerer, der nach aufsen etwas weiter 
reicht, als der vorige, hinten ihn unbedeutend 
überragt, aber nicht, überhaupt nirgends, von ihm 
bedeckt wird, gleichfalls glatt ift , und den Man- 
%leln entfpricht. Der vierte, unterfte Theil ragt 
am weiteften nach aufsen. Er bildet ein dünnes, 
aber breites Blatt, welches in feinem äuf§ern 
Theile breiter , aber dünner , in der Mitte fchnia- 
1er , aber dicker , überall ungefähr horizontal ift. 
Die nähere Unterfuchung diefer Thjeile zeigt, 
dafs hier zwei Platten , eine obere und eine un- 
tere , über einander liegen. Die obere ift weit 
dicker und anfehnlicher. Sie ftellt die Seiten- 
läppclien nebft dem Marhfcgel und dem K/iöi- 
fhen dar. Die untere Platte, unter welcher auf 
der Seite der Homer v austritt, heftet fich mit 
ihrem vordem Rande an den Innern und obern 
Rand der ftrangförmigen Körper und überhaupt 
den hintern Rand der vierten Hirnhöhle an und 
iliefst jnit der gleiclinamigen der entgegengefetz- 
ten Seite znfammen. Diefe beiden Platten gehen 
an ihren hintern Rändern höchft wahrfcheinliöh in 
ilirer ganzen Länge iif einander, über, fcblage» 



ßch unter einem fpitzen Winkel in einander um. 
Wenigftens finde ich ftellenweife und namentlich 
an den Seiten , diefe Vereinigung beftimnit fehr 
deutlich, -und da, wo fie fehlt, fmd die Ränder 
ungleich. 

4) Die Wände der Vierhügel find dicker, die ganze 
Erhabenheit kleiner, daher die Holile bedeutend 
nach allen Riclitungen verengt. 

5) Die Hirnganglien zeigen keine Spur von Ver- 
wachfung. Sie fmd bedeutend gryfser als djs 
Vierhügel. 

6") Die Hemifphären find bedeutend mehr länglich, 
alle Vertiefungen weit niedriger, die äul'sere 
Fläche ganz glatt, kaum eine fchwache Andeu- 
tung der Abtheilung in den vordem und hin- 
tern Lappen, Die Längenfurche an der innera 
Wand ift beinahe ganz verwifcht, nur die vor- 
dem und hintern Fortfätze derfelben find noch 
beträchtlich tief. Die Hirnfchwiele ift anfehn- 
lich lang, dick, liegt ziemlich horizontal, die 
Scheidewand und ihre Höhle, fo wie der Bogen, 
find vollkommen entwickelt und hängen deut- 
lich mit dem Balken zufammen. Der Bogen ift 
ganz von dem geftreiften Körper getreimt und 
geht zwifchen ihm und dem Hirnganglion in das 
Ammonshorn über. Der geftreifte Körper und 
das Hirnganglion find in ihrer ganzen Höhe voa 
einander getrennt. 
Die Wände des grofsen Gehirns haben fich, be- 
foBders die obern, verhältnifsmäfsig zur Gröfse des 

G 7 



100 

Gehirns, aiifserordentlich verdickt, die Hohlen find 
daher enger geworden. Zugleich ift die obere Wand 
derfelben völlig glatt, indem die früher ftatt finden- 
den Erhabenheiten und V^ertiefungen verfchwunden 
find. Auch die innere Fläche der Innern Wand ift 
beinahe ganz glatt. Die Ungleichheiten im vordem 
Hörne find weit breiter und niedriger: die hintern noch 
fehr anfehnlich. Man erkennt fie jetzt ganz deutlich 
als grofses und kleines Ammonshorn und Seitenerha- 
benheit. Der Saum ift bedeutend breiter und fteigt 
tiefer herab. Das Ammonshorn wendet fich weiter 
nach vorn und fchwillt an feinem vordem Ende rund- 
lich an. Ueber dem hintern Ammonshorne, welches 
als einfache Falte, die bis zum hintern Ende der 
Höhle reicht, erfcheint, findet fich eine, mit ihm an 
derfelben Stelle abgehende, mehr nach oben gerich- 
tete , kürzere Falte. Das hintere Hörn erfcheint noch 
nicht von dem vordem abgefchnürt, fondern nur als das 
hintere Ende eines gemeinfchaftlichen weiten Sacke«. 

§• 40. 

Bei einem tingefähr fünfmonatlichen , acht Zoll 
langen Embryo ift di» Anordnung allei" Th'eile bei- 
nahe ganz diefelbe '). 

Das Rückenmark hört fchon im letzten Lenden- 
^virbel auf und fängt fchon dem dritten gegenüber an. 



l) Von djefem iind den folgenden Embryonen habe ich keine 
Abbildungen geliefert,' weil die fehr treuen Abbildungen von 
Döllinger und Girw daritbar hmlängnchen AufWilHli gebeti. 



fioh fehr beträchtlich zufammenzuziehen. Die obere 
Aiifchwellung fängt etwas höher an, und der mittlere 
Theil des Rückenmarkes ift daher etwas kürzer, übri- 
gens nicht verhältnifsmäfsig dßnaer zufammengezogen 
als beim vorigen Embryo. 

Das kleine Gehirn ift im VVefentlichen noch nach 
demfelben Typus gebildet: doch ift es verhältnifsmäfsig 
etwas gröfser. Die zweite von den vier Abtheilun- 
gen, welche beim vorigen Embryo bemerkt wurden, 
ift noch durchaus ohne Furchen, aber die dritte liegt 
noch überall zu Tage, ift aber, vorzüghch nach vorn 
und an den Seiten, merklich fchmaler; die vierte, 
verhältnifsmäfsig etwas gröfsere, hat noch diefelbe 
Geftalt. 

^ Die Wände der Vierhügel find noch dicker als 
beim vorigen Embryo, fie felbft verhältnifsmäfsig klei- 
ner, dia Halbkugel n noch länglicher, die Theilung in 
einen vordem und hintern Lappen wieder etwas merk- 
licher, die Falten an der innern Fläche noch fchwächer, 
die innere Wand und das vordere Hörn beinahe ganz 
glatt, noch kein eignes hinteres Hörn vorhanden, die 
Seiteiihuhlen aber nach hinten fackförmig fehr bedeu- 
tend entwickelt , das vordere und hintere Ammons- 
horn und die dritte, hintere Erhabenheit find vorhan- 
den, jenes vorn noch beträchtlich angefchwoUen, 
jalle hohl, die Nebenerhabenheit fchwächer. 

$• 41. 
Bei einem ungefähr fechsmönatlichen Embryo 
reicht das Rückpumurk nur bis in die Gegend des 
'''!i|en Lendenwirbels. 



403 •*— 

Die Höhle in der Mitte des 'Röckenmarkes ift 
felir deutlich, aber äufserft eng, fo dafs man fie mit 
dem unbewaffneten Auge kaum fieht. 

Die Halsanfchwellung ift faft um ein Dritttheil 
breiter als die untere. Diefe ift noch etwas kürzer 
als beim vorigen Embryo. 

Das kleine Gehirn ift verhältnifsmiifsig unbedeu- 
tend gröfser. Der hintere obere Lappen enthält an 
feiner obern Fläche und feinem innern Theüe einigö 
tiefe Eindrücke, erfte Spuren der Abfonderung in die 
grofsen Hauptabtheilungen, aufserdem keine Anzeige 
eines blättrigen Baues. Er ragt ftärker nach aufsen 
«Is bisher, und verdeckt den feitlichen Theil der un- 
ter ihm liegenden dritten Abtheilung, der Mandeln, 
ganz. Diefe ift überdies in ihrem äufsern Theile, auch 
abfolut, äufserft gefch wunden, wenn gleich diefer 
Theil noch vorhanden ift und beim Aufheben des äu- 
fsern Theiles des zweiten Lappens, erfcheint. In 
demfelben Maafse als diefe dritte Abtheilung, die Man- 
deln , nach aufsen fchwinden , entwickeln fie fich ftär- 
ker nach innen und erfcheinen hier jetzt gegen die 
Mitte zuerft rundlich. 

Die vierte Abtheilung, die Seitenläppchen, ift 
gleichfalls bedeutend verändert. Hier ift der äufser» 
Theil dicker und rundlich geworden , und fpringt, 
wenn gleich nicht fo fehr als fonft, doch noch be- 
trächtlich hervor; der innere ift kürzer und dicker, 
weniger plattenartig geworden und ganz unter dem 
Zweiten und dritten verborgen. Ln Ganzen hat er 
jetzt fchon ganz die Geftalt die er fpäter behält , doch 



find die Seitenläppclien noch glatt und das Markfegel 
ift verhältnifsmäfsig, ja abfolut, weit dicker als fpäter- 
hin. Zugleich ift jetzt die untere Platte bedeutend 
verkleinert. Ihr äufserer Theil ift ganz verfchwun- 
den ; ihr Zufammenhang mit den Seitenläppchen und 
dem Markfegel ganz vernichtet, und fie erfcheint nur 
noch als eine dünne Brücke, die fich, über den liin- 
terften Theil, der vierten Hirnhöhle weg, von dem in- 
nern Rande des einen ftrangförmige Körpers zum an- 
dern als ein zartes Markblatt, welches dicht unter dem 
Adergeflechte der vierten Hirnhöhle liegt , erftreckt. 

' Das kleine Gehirn zeigt fehr deutlich auf dein 
fenkrechten Durchfchnitte die Theilung in die gewöhn- 
liche Anzahl von Lappen; nur find die Einfchnitte 
derfelben noch weit weniger tief als in fpätern Perio- 
den, und die Veraffjung ift auch in Hinficht auf die 
Zahl der Zweige weit unvollkommner. 

Die Vierhiigel find verhältnifsmäfsig etwas klei- 
ner, doch ift ihre Höhle voa oben nach unten immer 
noch anfelmlich. 

Die Hirnganglicn find faft in ihrer ganzen innern 
Fläche unter einander verwachfen. Die Zirbel er- 
fcheint noch als- eine blofse Falte zwifchen ihnen und 
den Vierhügeln , deren vordere und hintere Wand abgr 
weit dichter an einander liegen als bisher. 

Die Oeflalt der Hemifpliüren fäiit;! an bedeu^ 
ff n I rundlicher zu werden als in den letzten Perioden. 

Die inneren, einander zugekehrten Flächen der In- 
nern Hemifpliäreni-ändcr find faft gariz glatt. Dicht 
tlber den» lialken erfcheiut i\er Eindruck, welcher 



104 •*— — »■— 

durch das Ueberragen des untern Randes der Hemi- 
fphären über feine Seitentheile das ganze Lebeä hin- 
durch bewirkt wird. Ueber demfelben verläuft, un- 
gefähr in der Mitte der Höhe diefe Wand eine kurze, 
fehr flache Längenvertiefung, wahrfcheinlich ein Ueber- 
bleibfel der niehrern, früher vorhandnen fenkrechten, 
weit anfehnUcheren Vertiefungen. Gegen das vordere 
Ende liegen eigne , etwas beträchtlichere , nach vorn 
gewölbte Furchen, gegen das hintere Ende, über den 
Balken hinaus eine I'enkrechte, eine beinahe horizon- 
tale und, weiter nach vorn, unter dem Balken am 
hintern Lappen eine von oben und hinten nach vorn 
und unten abfteigende. Jener vorderen Furche ent- 
fpritht in der HöUlenfläche der innern Wand keine 
Erhabenheit : diefen die drei fchon bekannten , das 
grofse und kleine Amnionshorn und die obere mitt- 
lere Erhabenheit, welche aber beinahe ganz verftri- 
chen ift, fo wie auch die ihr entfprechende Furche 
die geringfte Ausdehnung hat. 

Das vordere und hintere Amnionshorn fliefsen 
nicht mehr zu einem zufammen, fonderri find durch 
eine kleine, wenn gleich flache Einfchnürung von ein- 
ander getrennt. Das hintere Hörn ift zwar noch weit 
und fackförmig, allein doch mehr länglich und er- 
fchaint mehr als bisher als eine eigne Erweiterung. 
Beide find ganz glatt, aufser ihnen fintlet fich , die 
deutliche Mafkjeifte ausgenommen, keine Spur der 
früher vorhandenen Erhabenheiten und namentlich der 
eminenüa collaterahs. 



105 

Der Balken ift beinahe fo lang als beim Erwach- 
fenen : allein noch äufserft dünn. Senkrecht tlurch- 
fchiiiiten bietet er das von Herrn Carus angegebene 
wellenförmige Anfehen dar. 

Die S,:heldeivand. und der Bogen find anfehnlicb, 
die Schenkel des letztern breiter, weiter auseinander 
ftehend als fpäterhin. Die Hohle der Scheidewand 
ift weit anfehnlicher in allen Richtungen als fpäter 
und da, wo ihr unterer Rand in den hintern über- 
geht, fcheint fie fehr deutlich nicht verfchloffen, fon- 
dern mit dem untern Ende der Monro'fchen Oeffnung 
zufammenzufliefsen, fo dafs alfo auch hierdurch eine 
anfängliche Communication aller Hirnhöhlen wahr- 
£cheinlich würde. 

Der Riechnerv ift zwar noch deutlich hohl, doch 
ift feine Höhle bticleutend kleiner und nach hinten 
blind geendigt, fo dafs alfo kein Zufammenhang zwi- 
fchen ihr und der grofsen Seitenhöhle mehr ftatt- 
findet. Der Hergang der Entwicklung deffelben ift 
alfo, wenn -iiefes beftändige Bedingung ift, derfelbe, 
als bei der Sctedewand , indem bei beiden eine Höhle, 
die anfänglich mr ein Anhang der grofsen Hirnhöhle 
war, fich alliTiJliiig von ihr fo abfchnürt, dafs fie 
felbft offen bleibt, und fich ihr gegen die grofse 
Höhle gewandtis Ende verfchliefst , nur mit <.\tm Un- 
terfchietle, dafs die Höhle der Scheidewand das ganze 
Leben hindurch befteht, während die Riechnerven- 
I. ,ide fclion friii verfchwindet. Ganz ähnlich ift der 
V.ilauf der Obiteration der Verbimlungsröhre zwi- 
fchen dem üauchell und der Sclieidenhaul des Hoden. 



106 

§• 43. 

Das Rückenmark eines ungefähr fiebenrtonatlichen 
Fötus bietet keine wefentlichen Verfchiedenheiten dar, 
nur ift es noch etwas kürzer, weil das untere Ende 
der untern Anfchwellimg etwas höher heraufge- 
rückt ift. Sehr deutlich find immer noch auf der 
hintern Fläche zwei Stränge, welche fowohl von deii 
Seitentheilen des Rückenmarkes, als unter einander, 
letzteres noch ftärker, durch eine longitudinale Furche 
abgefondert find und deutlich bis zur Mitte des Rü- 
ckenmarkes wahrgenommen werden. Von hier an 
werden fie allmählig breiter, die Furche zwifchen ih- 
nen tiefer. Endlich fchwellen fie oben, dem hintern 
Ende der Oliven gegenüber, beträchtlich an und bilden 
ein Paar nach vorn divergirende, länglichrunde Erha- 
benheiten , welche den Innern Theil der hintern Wand 
der Hirnhöhle bilden und vor welchen die Querbrücke, 
das Ueberbleibfel der unterften Platte des kleinen Ge- 
hirns, liegt. Die hintere Furche zwifchen ihnen 
dringt aber dennoch nicht bis zur Höhle des Rücken' 
niarks. Nach aiifsen von diefer Erhabeiheit liegt eine 
zweite, gröfsere, die der Länge nach wieder einmal 
in zwei Hälften, von denen die inner? weit kleiner 
als die äufsere ift, zerfällt. Zu diefer Erhabenheit 
fchwillt der zwifchen dem äufsern Jande des eben 
befchriebenen Stranges und der Infertbn der hintern 
Wurzeln der Rückenmarksnerven befindiche Theil der 
hintern Rückenmarkhälfte an. 

Eine dritte liegt mehr zur Seite md nach unten* 
zwifchen djefer und dem bintern Thele der Pyrami- 



407 

den, hinter dem Olivenkörper. Sie hängt unmittel- 
barer mit dem zwifchen den Reihen beider Wurzeln 
der Riickenmarksnerven befindlichen Theile des Rü- 
ckenmarkes zufammen. Die Pyramiden felbft erfchei- 
nen vorzüglich als der ängefchwollene mittlere und 
untere Tl»eil des untern Rückenmarksftranges. 

Am kleinen Gehirn, deflen verhältnifsmäfsige 
Grüfse ungefähr diefelbe .nls beim vorigen Fötus ift, 
find jetzt, mit Ausnahme der Mandeln, alle fpäter 
mit einer ungleichen Oberfläche verfehenen Theile, auch 
die Seitenläppchen , gefurcht. Das Markfegel ift jetzt 
verhältuifsniafsig dünner und breiter, fo dafs die halb- 
mondförmigen JClappen nun die Geftalt haben, welche 
fie befiändig zeigen. Der äufsere, fchon beim vorigen 
Fötus dünner gewordene Theil der Mandeln ift ganz 
verfchwunden. Die Seitenläppchen und die Mandeln 
find yerliältnifsmäfsig kleiner und weniger ftark her- 
vorragend als früher, wenn fie gleich noch verhält- 
ziifsmufsig gröfser find und freier liegen, als in fpä- 
tern Perioden. 

Die hintere obere Hälfte des Seit^theiles des klei- 
nen Gehirns liat fich befonJers ftark nach hinten und 
aufsen entwickelt; doch ift immer noch der mittlere 
Theil verhältnifsmäfsig länger und höher als bei vol- 
lendeter Entwicklung, daher der hintere Einfchniti 
zwifrhen beiden Seitenhälften breiter und flacher als 
nachher. Eben fo ift das kleine Gehirn verhältnifs- 
mäfsig zu feiner Breite von vorn nach hioteTn länger 
als fpäterhin. 



108 ^ 

■ Die Hemiffhären find verhältnifsmäfsig mehr hoch 
als lang. Der hintere Lappen reicht unten etwas wei- 
ter nach vorn und ift etwas ftärker von dem vordem 
abgefetzt. Eben fo ift der unterfte kleine Theil des 
vordem Lappens , welcher das grofse vordere Hirn» 
ganglion bildet, von dem obern dadurch ftärker ge- 
fondert, dafs diefer jetzt nicht mehr allmählig, und 
durch eine von vorn nach hinten aufiteigende Ab- 
dachung in ihn übergeht, fondern lieh hier ein recht- 
winkliger, nach innen umgefchlagener Wulft, ein 
plötzlicher Abfatz, findet, eine beftändige Bedingung, 
die fich fpäterhin immer ftärker entwickelt, fo dafs 
endlich diefer untere Theil durch das Vorwärtswachfen 
des vordem Endes des hintern Lappens and das Her- 
abwachfen des obern und vordem Theiles des obern 
ganz verdeckt wird. 

Die Zahl und Tiefe der Windungen hat fich nur 
unbedeutend vermehrt. Die Anordnung des ganzen 
grofsen Gehirns ift überhaupt faft völlig diefelbe als 
im vorigen Fötus. Die Dicke der Wände und die 
Weite der Höhlen ift faft diefelbe; nur ift das hintere 
Ammonshorn verhältnifsmäfsig weit fchwächer. 

Hiermit fchliefse ich die einzelne Befchreibung 
der Gehirne aus verfchiedenen Perioden, um im fol- " 
senden Hette nach den hier gelieferten Thatfachen die 
Darfteilung der Entwicklung der verfchiedenen Theile 
für fich zu liefern. 



i 



109 



II. 

Verfuche 

über das Blut, 

Von 

J o h n D a V y *"). 

(£inein Bruder des berühmten Humphry Davy), 



Erfter Abfchnitt. 

vUeber den Grad der Wärme und der 

Wärmecapacität des arteriöfen und 

venöfen Blutes. 

Um die Phyfiologie weiter zu bringen, kommt es 
fehr viel darauf an, das Verhältnifs der Wärme und 
der Wärmecapacität des arteriöfen und venüfen Blti- 
tes zu unterfuchen und auszumitteln, weil hierauf 
die Theorie der thierifchen Wärme beruht '). 

Im Allgemeinen nimmt man keinen bedeutenden 
Uiiterfchied zwifchen dem Wärmegrade des arteriöfen 



•; Tenumen experlmentale quaedam de fiinguine complecteni, 
qu'id prn gradii doctoris fiimmisque in medicina honoribus ao 
privilegiit eruditorum examini fubjicit Ioarin«9 Davy, Anglo- 
Corniibiehfii Soc. reg. lond. fod. Soc. reg. med. edin. foc. ex- 
traord. ei ejiisdem niiper praefe.i annuus. Ediribiirgi 1814, 

Ollem«« «n riirpemled inimatlbn. An melirern Stellen. 



und des %'enöfen Blutes an und glaubt, nach den Ver- 
fuchen von Coleman, und Cooper, tiafs, wenn fich ein 
Unterfchied findet, das venöfe Blut wärmer fey als ' 
das arteriöfe. 

Eben fo hält man auch die fpecififche Wärme des , 
arteriöfen Blutes filr gröfser als die des Venenblutes 
und des VVaffers. Die Craivford'lchea Verfuche, aus 
welchen er folgerte, dafs, wenn das VVaffer 2u i.oo 
angenommen wird, das venöfe Blut o. 8928, das Ar- 
terienblut dagegen l. 0300 fey, fiml hinlänglich be- 
kannt und bedürfen hier keiner weitem Aujeinander- 
fetzung. 

Die Verfuche diefer berühmten Männer habe ich 
mit der grüfsten Sorgfalt wiederholt, immer aber 
verfchiedene Refultate erhalten. Die linke Kammer 
fand ich wärmer als die rechte, das arteriöfe Blut 
wärmer als das venöfe, das venöfe Blut von dem ar- 
teriöfen, in Hinficlit auf die fpecififche Wärme ent- 
weder gar nicht, oder nur dann, aber auch fo äufserft 
wenig verfchieden, wenn das arteriöfe etwas mehr 
Wafl'er als das venöfe enthielt.^ 

Alle diefe wichtigen Gegenftände hier genau zu 
betrachten, würde zu viel Raum erfordern und ift 
um fo weniger nöthig, da ich darüber weitläuftig in 
jeinem, der Gefellfchaft zu London vorgelegten Auf- 
fatze gehandelt habe; ich werde daher hier hauptfäch- 
lich nur die Refultate einiger au Thieren , namentlich 
Ochfen, Schafen und Länjmern angeftellten Verfuche 
niittheilen und vorzüglich das Verhältnifs der Wärm^ 
des arteriöfen und venöXen Blutes berückiichtigen. 



iit 

Bei jedem Verfuche wurde die Droffelader i^nd 
die Kopfpulsader etwas entblöfst, ein fehr empfinde 
liches Fahrenheitifches Tliermometer, ungefähr einen 
Zoll weit, in die geöffnete Vene eingebracht, in den 
Strahl des arteriofen Blutes dagegen nur eingetaucht. 
Die Refultate einiger Verfuche enthält die folgende 
Tabelle. Die atmosphärifche Wärme fchwankte zwi- 
fchen 60 — 70° Fahrenheit. 

I. Lamm. 
Verfuch i. VeuöfesBlut loa. 5. Arteriöfes Blut 104.0. 



2. 


— 


— 


104.0. 


— 3- 


— 


— 


104. 0. 


— 4. 


— 


— 


103.5. 


— 5- 


— 


— 


104.0. 






II. 


Scha 


Verfuch i. 


— 


— 


103.5. 


— 2. 


— 


— 


102.5. 


— 3- 


— 


— 


103.0. 






III 


. Och 


Verfuch i. 


— 


— 


100.0. 


— a. 


— 


— . 


101. 0. 



105. 


o. 


105- 


0. 


105 


0. 


105- 


0. 


104 


5. 


104.9. 


104 


0. 


101 


5- 


lOI 


0. 



Ferner liefere ich hier einige Beobachtungen über 
das Verliällnifi zwifchen der Wärme beider Herzliälf- 
ten. Die Verfuche wurden felir fchnell nach dtm 
Tode des Thiefes angeftellt, ib dafs liäufig die Voi- 
hüfe fich noch zufanunenzogcn. Durch einen kleinen 
Einfclitiitt wurde das Thermometer in die Kammern, 
Jiclit an der Grundfläche derfelbeo, und 9n defioihcu 



112 — 

Stelle eingebracht, zugleich der Wärmegrad cfes Maft- 
darnis unterfucht. Das Refultat dreier, an Lämmern, 
dia ungefähr vier Monate alt waren , angeftellter Ver- 
fuche ift folgendes. 

1. 

Wärme des Maftdarms 104.0» 

Wärme der rechten Kammer 105.5. 
Wärme der linken Kammer 106. 0. 



Wärme des Maftdarms 105.0. 

Wärme der rechten Kammer 105.0. 
Wärme der linken Kammer 106.0. 

3- 

Wärme des Maftdarms 105.0. 

Wärme der rechten Kammer 105. 5. 
Wärme der linken Kammer 106 o. 

Diefe Verfuche wiederholte ich ai^ mehrern Thie- 
ren und immer mit demfelben Erfolge. Der Wider- 
fpruch zwifchen ihnen uud denen von Coleman und 
Cooper ift fchvver, ja unmöglich auszugleichen unä 
ich mag es daher lieber gar nicht verfuchen. 

Wir gehen jetzt zur Betrachtung der fpeciEfchen 
Wärme des Venen -und Arterienblutes über. 

Man hat zwei Methoden um die fpecififche Wär- 
me der Fläfsigkeiten zu erfahren, die eine ift von 
Herrn Meyer, die andere vom Doctor Crawford, 
Bey jener, der einfachem und genauem, beobachtet 
man di» Zeit, in welcher gleiche Maffen von einem 

höhern 



( 
1 



höhern zu einem niedern Wärmegrade abgekühlt wer- 
den und dividirt diefe Zeit mit der Zahl der fpecifi* 
fchen Schwere. Diefe befteht darin , dafs man gleiche 
Maffen einer FlüifigUeit, aber von verfchiedener \Var-> 
me unter einander mifcht, und nun den fogleich ge- 
fundenen Wärmegrad mit der Zahl der fpecififchen 
Schwere dividirt. 

Ich habe beide Methoden verfucht, obgleich ich 
die erfte für die beffere halte und deshalb die durch 
fie erhaltenen Refultate jetzt zuerft anführen Wsnle. 

Eine dünne Fiafche, die ungefähr 300Ö Gratl 
Wa£fer faffen konnte, wurde abwechfelnd mit Venen - 
und Arterienblute, das aus der Halsvene Und Carotis 
genommen war, angefüllt. Als das BJut geronnen 
war. Wurde das Gefafs in Waffer von 140 Grad 
Wärme getaucht und fo lange darin fteheu gelaffen» 
bis ein, durch die wenig geöffnete Mündung einge- 
brachtes Thermometer auf iäo° Ttieg; dann fchnell 
ttbgewifcht und mitten im Zimmer aufgehängt, WO 
die Temperatur der Luft 69° war. 

1. Die Wärme des Waffers fank Von iäö auf 
go* in 118 Minuten. 

2. Die des Arterienblüts in tig» 

3- Die des Venenbluls in 112 Minuieili 
Die fpecififche Schwere des Arlerienblutes Wät 
1049, des Venenbluts 1051 lind daher (jedoch ohne 
Rückficht auf die Fiafche , weil diefu kaum einen Un- 
Urfchied von einem Grade machen komite und auch 
tat beide diefelbe war) die fpecififche VVüi'me des Er* 
fiiern 91, des Letztern 901 

N, d. Archiv, I. I^ II 



114 — ' 

Bei Wieclerliolung diefes Verfiichs nach Crawfoi'ds 
Methode wurden völlig gleiche Thejle Blut und Waf- 
fer, von jedem 5 Unzen in einem Maafse vermifcht. 
Das Blut war von einem Lamme und der gläferne, 
zur Vermifchung beftimmte Behalter fo dünn, dafs er 
der Flüffigkeit nur einen Grad Wärme raubte, wi© 
man aus folgendem lieh f. 

i. 

Temperatur des WafTers . . . 66. 

— des ■warmen VV'aflers . 12 t. 

— der Mifchung l'ogleich . 92. 

— nach einer Minute , 90. 

r>_ 

Warme des Waffers . . 581O. 

des Venenbluts . . . 101,5. 

der Alifchung fogleich . . SijO- 

nach einer Miimte . . 80,0. 

3- 
Wärme des Waffers . . 5%,o. 

des Arterienbluts . . 106,5. 

der Mifchung fogleich . , 8I-.0. 

nach einer Minute . • 80,0. 

Da das Blut nach der erften Minute fchon zu 
gerinnen anfing , fo beobachtete ich den Fortgang der 
iVI-ikiililung nicht weiter. Die fpecififche Schwere, 
des Venenbluts war 1050, des Arterienbluts 1049. 

Ich ziehe einen Grad Wurme auf Rechnung des 
Gefäfses ab, und halte die Wärme - Capacitat bei je-. 
nem = 93, bei diefem = 9 4. Hier g^ftehe ich^ 



. 115 

(lufs diefe Refultate, durch eine etwas unvollkommene 
I^Iethode zu experimentiren aufgefunden, der Wahr- 
heit nur nahe kommen und dafs dies ficher der Fall 
fey, lehrte mich die häufige Wiederholung der Ver- 
fuche. W^enn ich aufgefordert würde, die Wärme - 
Capacitäten des Arterien - und Venenbluts anzugeben, 
fo würde ich die erftern, richtiger fcheinenden als faft, 
wo nicht völhg, wahr aufftellen, und diefen Glauben 
bekräftigt eine nicht geringe Anzahl von Verfuchen. 
Doch es fchien mir immer, als fey nicht die vollkom- 
men genaue Beftimmung der Wärme - Capacität über- 
haupt der wichtigfte Punct, und als niiiffe man 
die£e beabfichtigen ; fondern ich halte es für weit 
nothwendiger, die relativen Wärme - Capacitäten , als 
Grundlagen der Theorie des Doctor Crawford von 
der thierifchen Wärme, aufzufinden, denn diefe ftiitzt 
fich ganz auf die höhere Capacität des Arterien- als 
des Venenbluts, und deshalb ftürzt fie, wie ich 
meine, und wie es nicht nur die befcliriebenen , fon- 
dern auch noch lehr viele andere Verfuche zu bewei- 
fen fcheinen, nothwendig ziifanimen. 

Statt mehrerer Verfuche urtd vieler Crfmde ver- 
weife ich die Lefer auf die fchon angeführte Abhand- 
lung. Hier will icli nur die aus ihr hervorgehenden 
allgemeinen Refultate zufammenftellen. 

1) Das Arterien - und Venenblut haben gleiche 
Wärme- Capacität. 

2) Die Wärme der linken Herzkammer ift um r 
oder 3 Grade liulicr als die der rechten. 

H 3 



3) Die Wärme der Carotis ift immer um einen 
oder mehrere Grade höher als die der Halsvene. ' 

4) Die Wärme der Theile nimmt ab, je weiter fie 
fich vom Herzen entfernen. 

Was folgt aus diefen Sätzen? Offenbar ftreiten' 
fie geradezu gegen die fo deutliche und feine Hypo- 
thefe des Doctor Crawford, und wenn nun noch die 
. Verfuche von Andern wiederholt und mit den mei- 
nigen übereinftimmend befunden würden , fo weils ich 
nicht , ob fie dann nicht mit Recht als vöUig vernich- 
tet anzufeheu wäre. Wohl ftimmen fie fehr gut mit 
der vom berühmten Black aufgeftellten Theorie zu» 
fammen; diefer fcheinen aber andere, vorzüglich die 
von Herrn Bfodie angeftellten neuen Verfuche ent- 
gegen zu feyn. Noch ift das Wefen des Ganzen fehr 
dunkel, und es muffen noch neue und gewählte Ver- 
fuche angeftellt werden, ehe man eine vollkommene 
Theorie feftfetzen kann. So lange das Ganze noch 
nicht ficher fteht, glaube ich weaigftens fo viel als 
gewifs annehmen und aus meinen Verfuchen herleiten 
zu können, dafs die thierifche Warme vorzüglich dem 
Arterien - Blute anhäpge, ihr Uriprung fey nun auch 
welcher er wolle, fie mag in den Lungen durch die 
Bildung der Kohlenfäure oder im ganzen Körper durch 
die LcbensthäUgkeit felbft entftehen. 



Zweiter Abfchnitt. 
Ueber die Gerinnung des Bluts. 

Die Gerinnung des Bluts ift feine Haupteigen- 
Ichaft, die zwar fclion viele Unterfuchungen und Ver- 
inuthungen erregt hat, die aber dennoch wenig ver- 
ftanden wird. Die Veränderung fehen wir, aber ihre 
Urfache wiffcn wir nicht. Die Veränderung ift der 
Uehergang des Faferftoffs aus dem ilüfiigen Zuftandö 
in den feften (aus dem Zuftande der Verbreitung w 
ilem der Sammlung und Annäherung). 

BeiiTi üebergnnge der Fliiffigkeiten in feftere 
Formen ift Wärme -Erzeugung eine allgemeine Erfchei- 
nung. Man kann alfo von vorn hereia bei der Ge- 
rinnung des Bluts vermehrte Wärme erwarten; auch 
giebt wirklich Fourcroy an, er habe dies felbft bis 
auf viele Grade' am Tliermometer beobachtet. Doch 
leiteten den John Ht/nter, dielen forgfältigen Beob- 
acliter der Natur und trefflichen Phyfiologen, feine 
am Blute der IVIeer- Schildkröte (eines kaltblütigen, 
alfo dazu fchr paffenden Thieres) angeftellten Ver- 
fuche zu einem ganz andern ^efidtatc, und er fagt '} 
„bei der Gerinnung des Bluts enhvickelt fich keine 
„Wärme." Die Doctorcn Thom/fw und Gordon, , wie 
ich in den geiftreichcn phyfiolijgifchen Vorlefungen 
des letztern gehört habe, fchlicfsen nach einigen Ver- 
fuchen, in welchen fie den Fortgang der Abkühlung 
während des Gerinnen« verzögert und felb(t völlig 



i) J. Htinitr on the Blood R. 2g. 



118 

ftillftehend fahen, gegen Hunter auf Wärme- Er- 
zeugung. 

Die aus eueren Abweichungen der Schriftfteller 
entftehende Ungewifsheit bewog mich, die Sache von 
Neuem zu betrachten, und ich will einige der ange. 
fteliten Verfuche jetzt anführen. Zur Unterfuchung 
diente mir das Blut von Lämmern. Dies that ich in 
eine dünne 8.5 Unzen Waffer faffende Flafche, welche 
ich, fobald fie voll war, fchlofs, nachdem ich ein 
empfindliches Therniomeler hinein gehängt hatte. 

1- 
Wärme des eingefüllten Blutes fogleicb 104,0. 
Nach I Minute ^ Anfang der ^0^.5. 

- 2 - \ Gerinnung 102.5. 

- 3 - — — — 102.5. 

- 4 - — — — 102.5. 
5 - — — — 102.0. 

- 6 - — — — IOI-75- 

- 7' - — — — 101.5. 
8 - — — — loi.o. 

- 9 - — — — 100.5. 

- 10 - — — — 100. o. 

■ 15 - — — — 97-5- 

- 20 - — — — 95.0. 
Diefer Verfuch wurde im Schatten unter freiem 

Himmel an einem ruhigen heitern Tage bei 67° Wär- 
me der Luft angeftellt. Zu derfelben Zeit machte 
ich auch den folgenden, welcher nur darin von jenem 
abwich, dafs das Thermometer in den obern Theil des 
jetzt geöffneten Geräfses gehängt wurde. 



119 



Wärme des Bluts — • — — 103.00. 
Nach I Minute — — — 103.00. 



2 - ? 

3 - 5 



Anfang cl. Gerinnung 103.00. 



4 - — — — 103.00. 

5 - — — ■ — 102.75- 

6 - — — — 102.50. 
.7 - — — — 102.00. 
- 12 - — — — 99.00. 
. 17 - — — - — 96.50. 
Auf den erften Blick fcheint der fo lange Still- 

ftand des Thermometers eine die Wirkung der Ab- 
kühlung aufhebende Wärme - Erzeugung zu beweifen. 
Doch eine forgfältige Erwägung aller der Urfachen, 
■welche diefe Erfcheinung veranlaffen können, zeigt 
an , dafs diefe nicht notliwendig fey. Deshalb wieder- 
holte ich aufs Genauefte die erftern Verfuche, nahm 
aber ftatt des Blutes Waffer, und fchlofs nun fo: ift 
der Erfolg der Verfuche derfelbe, dann hängt der 
Stillftand des Thermometers offenbar von einer andern 
Urfache als der Gerinnung des Blutes ab; finde ich 
clagegen das Sinken des Thermometers regelmäfsig, 
dann kann ich den Stillftand ficher aus der erzeugten 
Wärme herleiten. 

1. 

Wärme des Waffers — .— — 102.0. 

Nach I Minute — — . — 102.0. 

2 - — ^ — 102,0. 

3 - — — — loi-S- 

4 - .— . — — 101. o. 
. 9 . — — «_ ^g.o. 



12Q ^^-^-^^ 

Wärme des Waffers — .— , „^ 106.5. 

Nach I Minute — — — 106.5. 

i r — — — 106.25. 

- 3 - _ _ — 105.75. 

4 - _ _ _ 125.25. 

5 - —• — — ie4'75- 

o- 
Jetzt ftleg bei übrigens gleichen Umftänclen das 
im Mittelpunkte 100 zeigende Tiiermometer fogleich 
quf 102, wenn ich es fchnell nach unten hinabfenkte, 

Hieraus wird es klar, dafs die für Wärme- Er- 
zeugung bei Gerinnung des Bluts aufgefuchten Grün- 
de für fchwach oder nichtig zu halten feyen. Wahr- 
fcheinlicher ift es, dafs der Stillft^nd des Thermome- 
ters hauptfächlich , wo nicht ganz , von der Wärme 
ebhing, welche aus dem heifsen Grunde der Flafche 
■ vxid der Tiefe des Waffers nach oben hinauffteigt, 

In der Hoffnung, alle Dunkelheit ?u entfernen, 
piachte ich noch folgende Verfuche: 

Da die Haupt- Schwierigkeit in der (vorzüglich 
durch die Luft verurfachten) ?,u fchnellen Abkühlung 
beftand, fo wickelte ich die Flafche in viele lockere 
Wolle, als einen fehr fehlechten Wärmeleiter, ein, 
bedeckte fle mit einen Deckel aus Kork, brachte 
durch ein Loch in deffen Mitte das Thermometer ein, 
und füllte dgs Gefäfg mit Waffer von io§° Wärme. 
Sobald dann das Rlut zu fljefsen anfing, leerte ich 
die Flafche und füllta fie fchaell nnt Arterjenblut vom 



I 



121 

Lamm. Sogleich ftieg das Thermometer auf 104.5, 
ftand auf diefem Punkte 5 Minuten lang, alfo weit 
über die Zeit der Gerinnung hinaus, und erft nach 
10 Minuten fank es um einen halben Grad. ' 

Sicher glaube ich aus diefem allen folgern zu 
können, dafs bei der Gerinnung des Bluts fehr wenig 
oder gar keine Wärme entwickelt werde. Fragt man, 
ob dies eine Ausnahme von dem allgemeinen, oben 
angeführten Gefetze fey? fo fage ich uein. Schon 
lange weifs man, dafs die fogenannte Gerinnung des 
Bluts blos eine Gerinnung des Faferftoffs fey, diefer 
ift aber unter den 4 Theilen, aus denen das Blut be- 
fteht, der kleinfte und im Blute des Lammes nur 
^twa -5% der ganzen Maffe, wie ich durch Verfucha 
weifs. Ferner, obgleich die Gerinnung fchnell ge- 
fchieht, fo ift doch jene vom Zufammentreten der 
Theile abhängende Zufammenziehung oder Verdich- 
tung träge und erfordert viele Stunden zu ihrer Vol- 
lendung. Wie gering mufs alfo demnach der Wärme- 
grad feyn, der Geh nach dem Qefetze entwickeln kann? 
Gewifs für unfrc Werkzeuge zu fchwach, und es 
wäre ein Wunder, wenn mau ihn auffände. 

Weil derfelbe Faferftoff im Arterien -wie im Venen- 
blute befindlicli ift, fo find auch die aus dem Vorigen 
gezogenen Schlaffe auf beide gleich anwendbar. Uebrj- 
gens ftelle ich noch folgende Fragen auf: ift die Ge- 
rinnung in Ijcideii äl)nlich? erfolgt fie in gleicher 
/ it? ift der Grad der Zufammenziehung derfelbe? 
y.iir Löfimg ilicfer Fragen find eigne Verfuche nöthig 
uud ich habe fie folgendermafsen angeftellt; 



Unfer erftes Augenmerk fey die Zeit der Ge- 
' rinnung. Das Blut der Lämmer diente wieder zu den 
Verfuchen, und zwar beide Arten deffelben aus Einem 
Thiere, aus der Halsvene das Venen-, aus der Carotis- 
das Arterieubliit. Beide wurden in d'emfelben dün- 
nen, drei Unzen faffenden Glafe aufgefangen. Das 
Thermometer ftand unter freiem Himmel, im Schat- 
ten (wo ich alle Verfuche machte) auf 70. 

1- 

Nach 4, Minuten fing die Gerinnung des Venen- 
bluts deutlich an, und nach 6 Minuten war fie vol- 
lendet und feft. 

Nach ji Minute fing die Gerinnung des Arte- 
rienbluts an, nach zweien war es mäfsig feft, nach 
dreien erfchien fchon Blutwaffer. 

2- 

Nach 2 Minuten fing das Venenblut an dicht z« 
werden, und nach 2^ war es feft. 

Das Arterienblut fing fogleicl» an und war nach 
einer Minute feft. 

3- 

Das Venenblut war nach s Minuten leicht ge- 
ronnen, das Arterienblut nach einer Minute fchon 
feft. 

Nach diefen und andern Verfuchen, welche ich 
der Kürze wegen übergehe, fcheint das Arterienblut 
fchneller als das Venenblut zu gerinnen. 

Ueber den Grad der Zufammenziehung eines je- 
den habe ich zwar keine ausgefuchten Verfuche ge- 



1 



macht, fondern ihn nur nach dem Augenmaafse be- 

ftimmt, doch ift l'oviel gewifs, dafs jedesmal nach 

mehrern Stunden das Venenblut weicher und weniaer 

o 

zufammengezogen befunden wurde. 

Da ich von den Verfchiedenheiten des Artferien - 
und Venenbluts rede; fo halte ich dies für den Ort, 
noch eine andere Erfcheinuiig zu erwähnen, nämlich 
die gröfcere Flüffigkeit oder D:innheit des Arterien- 
bluts. Diefe ift ganz augenfcheinlich und auch fchon 
früher von Dr. Craufoid beobachtet worden; wahr- 
fcheinlich hängt fie vorzüglich von der gröfsern Schnel- 
Jigkeit diefes Bluts, im Vergleich mit dem Venen- 
bJute ab. 

Die Gerinnung des Bluts zeigt mancherlei Ver- 
fchiedenheiten nach dem Alter nml Gel'unLlheitszuftande 
des Thiers, wie auch nach dem Einfluffe und der 
Wärme der Luft. Fourcroy bemerkte, dafs der Fa- 
ferftoff im Blute des Fötus fich nicht gänzlich abfetze 
und feft vereine; ingleichen^ dafs das Verh.iltnifs die- 
fes Theils fteige und feine eigen thümlichen Eigenfchaf- 
ten fich vervollkommnen, wenn fich das Thier der 
M.'innbarkeit nähert. Etwas Aehnliches habe ich ain 
Blute des Lammes gefehen ; nämlich der Faferftoff 
ift in geringerer Menge vorhanden und weicher als 
im erwachfenen Schafe. Sehr merkwürdig find die 
Veränderungen des Faferftpffs als Wirkungen von 
Krankheiten, und bel'onders der völlige Mangel an 
Gerinnbarkeit, wie dies bei zu Tode gejagten oder 
durch den Blitz oder elektrifchen Funken getüdteten 
Thicren bekannt ift ; oder eine viel langfauiere und 



124 ^^^^^ 

fchwierigere Gerinnung, wie bei heftigen EnUiinJnn- 
gen, wo fie zuweilen (wie der treffliche, leider der 
Wiffenfchaft zu früh entriffene Hewfon beobachtet hat) 
über eine Stuncfe Zeit erforderte, und fo , indem fich, 
wie er meint, ^vegen diefer langfamen Gerinnung die 
rothen Theilchen fenken , die den Aerzten fo bekannte 
lederartige Oberfläche erzeugte. Die Gerinnung des 
Faferftoffs fcheint, nach Hewfons Verfuchen, auch 
durch die Kälte und viele Salze verzögert, im 
Gcgenthejl durch Wärme, Luft, mehrere Salze und 
Säuren befchleunigt zu werden '). Doch gerinnt es, 
nach John Hunter,, im luftleeren Räume fchneller 
als in freier Luft '). 

Wohl weifs ich, dafs es in Edinburg einige fahr 
achtungswerthe Phyfiologen giebt, welche gegen diefen 
von Hewfon angegebenen Grund Einwürfe gemacht 
haben. Sie fagen: es gebe Fälle der Art, wo die Ge- 
rinnung nicht nur fchnell, fondern felbft fchneller 
als gewöhnlich gewefen fey. Dies ift zwar unwahr- 
fcheinlich, aber ich läugne es nicht, denn wir lernen 
^a alles aus der Erfahrung, und die Bekanntmachung 
folcher Beobachtungen mit der vollftändigen Befchrei- 
bung des Falles ift fehr zu wünfchen und, um zu über- 
zeugen, nothwendig. Doch zugegeben, dafs es fo fey, 
was folgt daraus? Gewifs nicht, dafs diefe Erfchei- 
rung niemals gleichfaul mechanifch durch langfame 
Gerinnung entftehen liömue. 



l) Htwftn on tlie Blood part. I. p. 77. 
3) Hnnttr on the Blood p. 22. 



— — -^^ 125 

Hewfon beoBachlete auch, dafs bei einem ge* 
fchlachteten Thiere das zuletzt ausfliefsende Blut früher 
als das zuerft gefloffene gerinne '). Hey läugti'ete dies 
und verficherte das Gegentheil gefehen zu haben '). 

Meine an Lämmern und Schafen angeftellten 
Verfuche ftimmen völUg mit denen des Erftern übei- 
ein. Ich werde hier von einigen den Erfolg angeben. 
Cläferne Gefäfse nahm ich wie oben. Die Wärme dar 
Luft war 68°- In «^eni einen Gefäfse fing ich das 
zuerft, im andern das kurz vor dem Tode fliefsende 
Blut auf. 

1. 

Beim Schafe war nach 2 Minuten das erftere 
Blut faft geronnen , das letztere eben fo feft fchon in 
i* Minute. 

2- 3- lind 4- 

Diefe drei Verfuche an Lämmern geben faft 
gleiche Refultate. Die erfte Blutmaffe gerann in ei- 
ner Minute, die letztere in einer halben Minute. 

Diefe und Hewfons Verfuche fcheinen eben fo 
. wie die von Herrn Hey angeftellten entfcheidend. Die 
Urfache der Verftliiedcnheit lunn ich nicht nennen ; 
aljer welche fie auch feyn mag, ich fchreibe fie lieber 
auf Rechnung des wahren Unterfcliieds im Blute der 
Thiere, als auf falfche Beobachtungen. 

Aus den befchriebenen und vielen andern über 
die Gerinnung des Bluts bekannten Erfclieinungen geht, 



i) Hev/fin p. 62, 

a) Ho »Q the Blooj p. iC- 



126 ■ 

iph geftehe es , noch kein Licht über die Urfache clie- 
£er geheimnifsvollen Eigenfchaft, hervor, doch maa- 
verzweiE^ nicht, denn wahrfcheinlich läfst fich die 
Finfternifs durch neue Verfache und neue, forgfälti- 
gere und mauaigfaltigere Unterfuchungen aufklären. 



Dritter Abfchnitt. 

von der fpecififchen Schwere des Bluts 
und feiner Beftandtheile. 

Die fpecilifclie Schwere des Bluts aufzufinden, 
jft ein wichtiger Punkt,, denn Ce giebt uns dasVer- 
hältnifs der feften Stoffe; aber wichtig ift es auch, 
die fpecififchen Schweren feiner Theiie zu entdecken, 
nicht nur, weil es anziehend ift,. fondern auch, um 
einige Abweichungen diefer Fliiffigkeit zu erklären. 
Diefen Gegenftancl haben, wie wir im zweiten Theiie. 
Von Hallers element. phyCol. fehen, viele bearbeitet, 
wenige gefordert; augenfcheinlich herrfcht die g^'üfste 
Uneinigkeit dabei, die nieil'ten Verfuche widerfpre-, 
eben einander und erlauben keine Jlchern Schlöffe.,' 
Einigermafsen hängen diefe Abweichungen gewifs 
von ;der wahren Verrch(edenheit der Pfiffigkeiten 
ab, indeffen entftehen fie auch noch wahrfcheinlicher ■ 
aus einer andern ürfaclje, nämlich der rohen und 
unvorfichtigen Art, wie die Verfuche angeftellt. 
werden. 

Folgende Methode, deren ich mich immer be- 
diente, ift einfach und ficher, und die jetzt g«- 



^ — -127 

wöhnliclie', um die fpecififche Schwere anderer FJiif- 
figkeiten aufziifuchen. Ich befitze mehrere hierzu ver- 
fertigte dünne Flafchen , die aoo bis 400 Gran Waf- 
fer fallen. Jede Flafche hat einen gläfernen Deckel mit 
einem kleinen Loche, damit die Flüfligkeit nicht aus- 
laufe und man die Gefäl'se immer genau füllen könne. 
Nun fucht man der Reihe nach das Gewicht der Flafche, 
des deftillirten Waffers und der zu prüfenden Flüffig- 
keit welche Ce fafst; und findet deren fpecififche 
tjchwere durch DiviCon ihres Gewichts mit dem Ge- 
wichte der gleichen Menge AVafTers. 

Uebcr die fpecififclie Schwere des Bluts und feiner Be- 
i ftandtheile kann man viele fehr wichtige Fragen zurUn- 
terfuchung aufftellen, von denen ich folgende anführe: 

' l) Findet ein Unterfchied ftatt zwifchen der 

fpecififchen Schwere tles Arterien - und Venenbluls ? 
Welches wäre dann feine Urfaclie? Giebt es auch 

I einen ähnlichen Unterfchied im Blutwaffef der Arte- 
rien und Venen? 

2) Giebt CS einen vom Alter der Thiere ab- 
hängigen Uuterfchied? 

3) Ift das Blut verfchicdener Thiergaltungen 
von gleicher oder verl'i.hiedener Dichtigkeit? Im letz- 
tem Falle, wie verhält fjch die Dichtigkeit des Bluts 
2Dm Wijfen der Thiere? 

4) Giebt CS einen Unterfchied im zujerft und zu- 
letzt ausfliefscnden Blute eines gefchlachtetenThieresf' 

5) Wie zeigt fich dia fpecififche Schwere des. 
Bluts iii Krankheiten? 



128 



Noch viele eben fo wiclitige Fragen könnte man' 
aufftellen ; doch glaube ich für jetzt init der genauen' 
Beantwortung det genannten völlig zufrieden feyn zir 
muffen. Ich fange daher fogleich an und beftrebe mich' 
etwas zu thun, wenn auch nicht zu vollenden. 

Um viele Worte zu vermeiden und den Ueber- 
blick der Verfuche deutlicher zu machen, habe ich 
folgende, die Refultate angebende Tafel verfertigt. 
Allemal habe ich das Blut aus der Carotis und Hals- 
vene genommen. Die Wärme der Luft fchwankte in 
den verfchiedenen Zeiten der Verfuche zwifchen 6o 
und 70**. Vor dem Wägen war das Blut immer 
erkaltet und die Leere im Hälfe der Flafche (als Folge 
der Abkühlung) mit Blutvvaffer gefüllt. 

Specififclie Schwere. 



Thiere. 



Lamm 



Schaf I. 
2. 
3- 
4- 
I. 
2. 

3- 
4- 
5- 

Ocbfe 

Kalb 

Hund 

Zebia 

Schwein 

Truthahn 

Lachs 



Alter. 



6 Jahr. 
16 Hionat. 
eben fo 
1 1 Wochen, 
eben fo 
eben fo 
eben fo 
eben fo 



Art. Bl. 


Ven.Bl. 


Arter. 
ferum. 


10506 


10566 


10259 


1057 


1058 


1030 


1C49 


1051 




1047 


1,050 




10525 


10552 


1027 


1046 


1057 


1024 


1054 


1054 


1024 


1050 


IOS3 


1024 


1047 


1050 




10S8 


1061 


1027 


1040 


1046 


1022 


1048 


1053 
1053 
1060 


1022 


1061 


1051 


10209 



Venen» 
ferum* 

10279 
IÖ30 



X028 
1024 
1024 
1024 

1029 
1023 
1023 
1027 
I03I 



Di« 



Die au die'en Verfuchen angewandten Thiere wa- 
ren, im Ganzen genommen, offenbar kräftig und ge- 
fuod , nur das Zebra litt an einer langwierigen Ge- 
fch\yulft in der Gegend der Naie und ftarb wenige 
Wochen nachher. 

Erwagt man die Refujtate der Tabelle, fo izeigt fich 
deutlich das Arterienblut an fpecififcher Schwere vom 
Venenblute etwas verlchieJen, und eben i"o das Arterien* 
ferum vom Venen -ferum. Die Zahl der aus allen Ver- 
fuchen entlehnten mittlem Dichtigkeit des Arterienbluts, 
iftl0503, des Venenbluts 1 0549, des Arterien -ferums 
10257, des Venen- ferums endlich 10264. Woher 
rührt nun die gröfsere Dichtigkeit des Venenbluts? 

Aus dem gröfsern Verhältniffe des Walfers ini 
Arterienblute darf man fie nicht allein herleiten wol- 
len, denn derUnterfchied betrifft eben fowohl die ganze 
Maffe des Bluts als das Serum allein: — vielmehr 
fcheint fie auf der einen Seite durch Ueberfchufs des 
Waffers, auf der andern durch Ueberfchufs der feften 
Materie zu entftehen; aber n^ch ift die Befohaffenheit 
diefer Materie unbekannt und bleibt zu beftimmen 
übrig. Ift es die Subftanz der rothen Tlieilchen? 
oder Faferftoff, oder irgend etwas Amleres, wie etwa 
feine Kohle, deren Vorherrfchen im Venenblute viele 
Gründe wahrfcheinlich, aber keiner bis jetzt gewifs 
macht. Da aus dem ArterienbJute im gefunden Kor- 
per fehr viele Aus -und Abfondernngen von geringer 
Dichtigkeit gefchehen, fo begreift man ohne Schwie- 
rigkeit die gröfsere fpecififihe Schwere iles Venen- 
ferum's, nur die grulsere Dichtigkeit des Blull^uchens 
K d Archiv. I, I. I 



und der Grund diefer Erfcheinung ift uns dunkel. Doch 
genug vom Dunkeln, zumal da viele behaupten, eskon'' 
ne wegen der Schnelligkeit des Kreislaufs kein Unter- 
fchied in der Dichtigkeit des Arterien -und Venentiluts 
Statt finden, wenn auch diefer Beweis a priori ausgeht, 
und die Schnelligkeit des Kreislaufs doch nicht die 
Wirkung der faft eben fo l'chnellen Abfonderungeii 
aufheben kann. 

Die Zahl der Verfuche über die Dichtigkeit des 
Blutes und Serums der Thiere von verfchiedenen Al- 
tern reicht kaum hin, nm einen feiten Schlufs dar- 
aus zu ziehen; jedoch berechtigen fie einigermafsen zu j 
der Vermuthung, dafs das Blut von Erwachfenen 
dichter als das von Jüngern l'ey; wie auch fchon längft 
<ier berühmte Bryaii Robiii/on , faft der letzte ~ unter 
den ärztlichen Mathematikern und gewifs ' einer der 
erfahrenften , aus feinen Verfuchen liergeleitet hat '). 

Wahrfcheinlich war es, wie auch die Tabelle 
zeigt, dafs auch die Dichtigkeit des Serums und Blut- 
kuchens bey gefunden Thieren abwechfele; gewifs, 
kann fie Cch faft in jeder Stunde des Tages nach man-, 
oherlei Umftändcn, als, - genoffenen feften und flülfigeu 
• Sachen, Wiirme und Trockenheit der Luft und den 
zahlreichen Abftufungen in der Thätigkeit der Seele 
und des Körpers verändern, und auch der gelehrte, 
Br^an Robinfoii lagt: „.das fpecififche Gewicht des 
„Serums mag ohne veranlaffende Krankheiten vom. 



l) Aniinal Oeconomy p. 4;;, 



151 



„lojoo bis 10321 fteigen" ' ). Oder mit hoch be- 
ftimmtein Worten; „ohne dafs dies Steigen mit Krank- 
j, holten Zufainmenhnng habe." 

Dafe das Blut von vprfchiedenen Thiergattungeu 
verfchieden fey, zeigt die TalielJe ganz offenbar; doch 
ift es fchwer, aber den Verkehr der Dichtigkeit des 
Bluts mit den Eigenfchaften der Thiere Rechenfcliaft 
zu geben. Wenn die Dichtigkeit des Bluts vprzjig- 
lich yon der Menge der rolhen Theilchen abhängt, 
und wenn der Nutzen tliefer Theilchen ficli nach, 
Jokr^ Humer '), mehr auf die Bewegung als auf Er- 
näiirung bezieht; fo ift wahrfcheinlich das Blut der 
Vögel das dichtefte; ihm zunächft das der Säugthi^re^ 
(in verfchiedenon Abftufungen nach der Kiaft und, 
Wildheit eines jeden), dann tias der Amphibien, Fifche. 
und endlich das der weifsbliiligen Thierklaffen. Fiir. 
diefe Meinung fjirechen, wie ich meine, die meiften 
bekannten Thatfachen, indeffcn find zu ihrer Deut■^ 
Ijchmachung noch viele V'erfuche übrig. 

Um den vielleicht Statt findenden Unterfchied in dei? 
Dichtigkeit des aus einei;n gefchlacjiteten Thiere zuerft 
l}nd zuletzt ausiliefsenden Blutes auszumitteln, habe ich 
die in folgender Tabelle dargelegten Verfuche angeftellt: 
Specififche Schwere. 



Thiere. 


iftes 


itea 


ilte« 


5tej 




Art. Blut. 


An. I'.l.it. 


Secum, 


Se^uffl. 


Scbaf I. 


1049 


1048 


10:4 


1023 


a. 


1050 


1044 


1027 


1022 


Lanun i. 


1049 


1046 


1034 


toao 


3: 


1051 


104s 


1024 


1018 


Oehfe 


1058 


1051 


1027 


loat 


1) 1. c. p. 43'- 










-; On th» ßlood. ( 


^.^6. 


1 a 







133 -^-'- — — 

Nach allen diefen Refiiltaten. fchdnt das zuletzt 
iljefsende Blut die wenigfte fefte Materie zu enthal- 
ten. Auch könnte es, da der Unterfchied in der gan- 
zen Blutmaffe derfelbe als im Serum allein ift, fchei- 
nen , als ob die Abnahme der Dichtigkeit des letztern 
Blutes von der Zunahme der wäfferigten Theile ab- 
hinge, und dann niüfste man fragen, woher rührt 
nun diefe Zunahme des Waffers? etwa von der vei- 
mehrten Kraft der einfaugeiiden Gefäfse während der 
zunehmenden Ermattung der äufserften Enden der ab- 
foBdernden Arterien , oder blos von der Schwäche 
diefer und der fich gleich bleibenden oder doch' 
nur wenig abnehmenden Kraft jener? Meiner Mei- 
nung nach ift der letzte Grund der wahrfcheinlich- 
fte, und mit der Pathologie und Therapie verträg- 
lichfte. Ich weifa wohl, dafs der berühmte Hey dem 
Anfcheine nach ganz andere Refultate erhalten hat? 
nach feinen Verfuchen befitzen die zuletzt fliefsenden 
Theile des Bluts weniger Serum als die erften, itn 
Vsrhältnifs von 28 8 zu 55,8 ')• Da er aber nicht 
die fpecififchen Schweren , fondern nur die jedesmalige 
Maffe des Serum's aufgefunden hat, fo erfcheinea 
feine Verfuche mangelhaft. Der Blutkuchen beftehti 
wie alle neuern Schriftfteller wiffen , aus rothen Theil- 
.cben, Blutwaffer und Faferftoff, und da das Serum 
öur in den Zwifchenräumen des Faferftoffs wie in ei^ 
nem Schwämme enthalten ift; fo enthalt er noth wen- 
dig defto mehr Serum, je weicher und lockerer der 



1) Hey an the Blood p, aS, 



133 

Faferftoff ift. Wenn die Verfuclie von Hey Be- 
weifc feiner Meinung feyn foJJen, fo läfst iich 
auch ]eicht dartliun, clafs BJut, welchem man vor 
der Gerinnung eine gleiche Menge Waffer beimifcht 
'(und fo das Vohimen des Geronnenen verrnehrt) we- 
niger Waffer enthält, als daffelbe Blut ohne hin- 
zugegoffenes Waffer. Dafs dies abgefchmackt fey, 
liegt am Tage. 

Ehe ich die letzte Frage, über die Veränderung 
der Dichtigkeit des Blutes, als Wirkung von Krank- 
heiten, beantwortea kann, mufs ich nothwendig erft 
die fpecififche Schwere des gefunden Bluts und def- 
fen mit der Gefundheit verträgliche Veränderungen 
auffinden, worüber leider noch gar keine Beobachtun- 
gen vorbanden find. Die mittlere Dichtigkeit des ge- 
funden Bluts wurde 105 27 gefchätzt '), und nach 
einigen Verfuchen zeigte der Dr. Boßock die mittlere 
Dichtigkeit des vom gefunden Blute gefchiedenen Se- 
rum's gleich 102 3 '). Bryan Rob'mfoii ftellte, wie 
ich fchon oben fagte, das Mittel des gefunden Serum's 
zwifchen 10300 und 10321; ich glaube aber, dafs 
dies die hüchften Zahlen find , und diefer Irrthum 
findet fich nicht allein bei ihm, fondern er ift allge- 
tnein, fchon von den Zeiten des berühmten 5oj/e her, 
welcher nach feinen Verfuchen das Serum ftir fchwe- 
rer erklärte, als den Blutkuchen, faft bis auf unfre 
Zeit. Diefer Irrihuni mag aus mehreren Urfachen 



l) Htlleri Eltmcnt. Phyfiol. 11, 41. 
»■) Medioo ■ Chirurg. Tran«. Tom. 2. 



134 



entfprungen feyn, vorzüglich aus einer, welche ich 
jetzt bemerken mufs, niimlich aus der Verclünftung 
des VVafi'ers, wenn man das Blut 12 oder 24 Stun- 
den lang in einem flachen Gefäfse der Einwirkung rler 
Luft ausfetzt. Um dem Irrtliume zu entgehen, mufs 
man das Blut in verfchloffenen Gefäfsen aufbewahren, 
und fo habe ich das Serum bei meinen Verfüchen im- 
mer gefammelt. Ich bedaure, dafs ich nie zahlrei- 
chere Verfuche anftellen konnte, um die Dichtigkeit 
des gefunden Bluts ficher zu beftimmen, da es an glaub- 
würdigen Verfüchen noch fo fehr fehlt. 

Nun wollen wir die Betrachtung des Bluts der 
Kranl<'en , welches ich vorziiglich nnterfucht habe, 
beginnen, und für jetzt nur einige Veränderungen fei- j 
ner Dichtigkeit angeben. In jedem diefer Fälle nahrp 
ich das Venenblut aus dem Arme. Die Erfolge habe 
ich in zwei Tabellen zufammengeftellt; die eine vom 
Blute der Frauen , die andre von dem der Männer, 
und in der Kiir^e dabei die Zeichen der Krankheiteq 
bemerkt, 

Tafel I, 
Ifoin Bluce der Frauen, 



Alter. 



30. 



Zeichen dej Krankheit. 



G^linues Fieber — Seiten- 
fchmerz — . Dyspnoe — - 
Kein.' Entzündungshuit. 
— . Ausgang; tödtliche 
Schwindlught, 



Specififclie 

Schwere des 

Bluts. 



1054 



SneciEroli9 
Schwere 

des 
Sernm's. 



1037 



135 



Aiut. 


Zeichen der Kvankheit. 


SpecinrcVie 
Scm^'ere des 


SpeciRfche 

Sch-\vere 

des 


t' 




Bluts. 


Serum's. 


25- 


Gelinde LutT^eiiL-ntziiiKlu 112;. 





1023 


24. 


Schwerer Catarrh — ■ Star- 






'■■ 


,kes Fieber. 


I06I 


io;j8 


" 22. 


Pleuritis — Geringe Ent- 








ziini.lungsliaut. 


1058 


1026 


26. 


JjeichtöS Fieber — Wenii; 
Soitenfclii7ierz — Hel'ti- 








ger Kopffchinerz. 


.1056 


lojr 


40. 


Hetniplegie. 





1026 


27- 


Ausbleiben des Monatsfluf- 








fes. 


IO518 


1028 




Diefelbe in der Genefung. 





1029 


17- 


ßleiclii"ucVit — Gaiines Se- 






/ 


rum. 


1055 


1027 


;«o, 


Etwas Hüften und Seiten 






- 


fchmerx — Kein Fieber. 


1059 


1026 



Tafel II. 
l'om Blute der Muriner. 



Alter. 


T.t\K:\itn der Krankheit 


Spocififclie 

Schvere des 

tUuti. 


Specifircfea 

Sch^v ro 
des _ 


20. 


Heftiger KopiTchrnerz von 
Hit/e — Kein Fieber. 


1062 


1026 


33- 


Heftii^er KoplTcbmcrz — 








V<-ifi Fi ber genefon.l. 


io6i 


1027 


23- 


Pneumonie — Wenig Ent- 






/' 


zilndunf'shaut. 


loöo 


1025 


23- 


P'in Neger — Gelinde Pneu- 








monie. 


1061 


1033 



136 



Alter. 


Ztichen de» Krankheit. 


SpeciRfche 
Schwere des 


SpecjEfche 

Schwere 

des 






Bluts. 


Sprum's. 


19, 


Lungenfchwindfticht. Nicht 








lange vor dem Tode. 


I04S 





4»- 


•^Hrnruhr. 


I06I 


1030 


19- 


Daffelbe. Das Blut gegen 








Abend gelalfen. 


1060 


1025 




Des Morgens — — 


1062 


1026 




Am Abend — Milchigtes 








Serum — — 


1058 


1026 




Des Morgens — — 


1050 


1023 



Die hier gcfammelten Fälle find nicht zahlreich 
genug und zu dunkel , um fichere Schlüffe daraus zie- 
hen zu können ; doch wird es wahrfcheinlich , dafs 
bei Krankheiten, die als entzündlich bekannt find, 
das Verhältnifs der feften Theile des Bluts zunimmt, 
wie auch, dafs die Dichtigkeit des Bluts der Weiber 
geringer fey als die des Bluts der Männer, Die 
erftere Folgerung ftimmt mit den Erfahrungen berühm- 
ter Männer als : Robinfon , Tabor und Langrifh 
überein", die zwar unvollkommen, aber doch zur Ver- 
gleiohung glaubwürdig genug find. In den meiften 
Fällen fand man nichts Ungewöhnliches im Aeufseni 
des Bluts; fo oft aber eine Entzündungshaut auf dem 
Blute war, zeigte fich der untei;-e Theil des Kuchens 
viel lockerer als im natür'ichen Zuftande, wie vom 
Mangel des Faferftoffs, ^erk\vürdig fcheint nur die 
grüne Farbe des Serum's bey Jer bleichfüchtigen Frau. 
Die Urfache diefer Erfcheinung kenne jch nicht , doch 
fehlten djie Anzeigen, welche auf Galle hingewiefen 



-•'•*~*'*-r 437 

hätten. Das Blut der diabetifchen Männer gerann faft 
immer weniger feft als dasgefunde, und zweimal war 
auch das Serum des letztern Bluts von milchigtem 
Anfehn, und diefe Farbe foll, wie ich aus den 
Vorlefungen des Doctor Home weifs, in diei'er Krank- 
heit fehr häufig feyn. Das Serum diefes Bluts habe 
ich nach des berühmten Dr. WoUaßon Methode oft 
unterfucht, jedoch ohne Erfolg, denn nie habe ich 
eine Spur von Zucker entdeckt; dennoch fcheint, 
nach der Dichtigkeit zu fchliefsen , die thierifche Ma- 
terie offenbar darin vermehrt. Durch Aderläffe, wel- 
che im letztern Falle andertägig wiederholt wurden, 
vermintlerte fich die Dichtigkeit des Seruni's beträcht- 
lich- Zwifchen dem Blute und Urine zeigte fich hier 
einige Beziehung. Die fpecififche Schwere des Urins 
war am Morgen immer beträchtlicher , immer tlber 
1040, ein Mal 1051, übrigens aber war er dem gefun- 
den Zuftande fehr ähnlich, enthielt eine grofse Menge 
Harnftoff, faft gar keine Spuren von Zucker; am 
Abend hingegen, wo er am wenigften dicht war, hielt 
er die Mitte zwifchen 1030 und 1040, der Harn- 
ftoff ftand dem Zucker nach , jener wich und diefer 
Tertrat feine Stelle. Auch das Blut erreichte am Mor- 
gen die hochfte Dichtigkeit und war des Abends am 
flüffigften. 



Nachdem wir die erften Fragen befeitigt haben, 
wenden wir uns zu andern faft eben fa wenig untec- 
fachten Gcgenitänden. 



138. M--.— ->-r— 

Dafs dem Faferftoffe zunächft die rothen Theil- 
clien die dichteften, das Serum aber der am wenigftea 
dichte Theil fey, ift durch Dr. Huiiters einfache und 
entfcheidende Verfuche klnr erwiefen. Die einzige 
Unterfuchung diefes ThejJs des Blutes ia Rcicldioht 
der fpecififchen Schwere verdanken wir, fb viel ich 
\veifs, dem berühmten Dr. Jurin; da er aber feine 
Berechnung auf verfchiedene und ungewiffe Momente 
ftützte, welche nur durch Verfuche ausgemittelt wer- 
den können , nämlich die Befchaffenheit des Blut- 
kuchens, die Geftalt der rothen Theilchen und das 
Verbältnifs des Serums; fo ift es klar, dafs der Erfolg 
(nämlich die gleich 1126 gefundene Dichtigkeit) un- 
fern Beifall nicht erlangen konnte. Deshalb waren 
direktere Verfuche gewifs nothwendig, um der Wahr- 
heit näher zukommen, und folgende, \'on denen ich 
nur wünfchte, dafs Ce weniger mangelhaft wären, habe 
ich angeftellt. 

1- 

40 Gran Blutwaffer vom Menfchen (fpecififche 
Schwere;i029) wurden in einem abgewogenen porcella- 
nerien Gefäfse (vafe murrino) im Wafferbade verdünftet, 
und durch vollendetes Austrocknen, da nämlich das 
Gewicht durch Einwirkung der Wärme nicht mehr 
abnahm, auf 3,7. Gran reducirt. 
^ Hiernach fcheinen 100 Theile Serum zu befte- 
hen aus 

9.25 getrockneter Materie 
90. 75 Wjffer 

100. 00 



159 



2. «. 
Zu diefem Verfuche nahm ich die EntTiündungs- 
haut einer an Ophthalmie leidenden Frau , welche mir 
Dr. Gordon verfchaffte. Ich \vlifch fie im Serum bis" 
^ Ca vülDg weifs war; drückte fie dann leicht zwifchen 
Lüfchpapier und wog fie foglcich, noch feucht, in de- 
ftillirtem Waffer; die fpecififche Schwere fand fich 
gleich 1079. Das zur Uaterfuchiing genommene 
Stück wog 24 Gr. 

B. 

■ '■- Jenes Stück wurde, um es vom Serum zu be- 
" freien , eingewaffert, imd dann im Bade ausgetrock- 
net; darauf wog es 3. 5 Gr. 

\ 

y- 

Das zum Abwafchen des Serums angewandte 
\''i''affer wurde zur Trocknifs abgedampft und «ab 
o. 8 Gr. trocknes Serum. 

Nun zeigen o. g Gr. getrocknetes Serum 8-4 Gr. 
iliUTiges an, und 1 1. 3 Gran, die gleich von 24 Grgn 
S'-rum (lurcli Vcrdünftung verloren gehen find für 
Waffer zu halten. Demnach fcheinen loo Theilo de;- 
feuchten ßntzCmduogshaut zu befteheu aus 
38- 3. lliiffigem Serum 
47. 1. Waffor 
14. 6. trorkneniFaferftoff 
100 o. 



Da die Dichtigkeit im umgekehrten Verhältniffe 
piit (li;r Maffe fteht; fo fcheint die fpeeiiifche Schwere 
«lv:r trocknen und l'cfien Materie des Serums, nach 



140 

dem erften Verfuche beftimmt, gleich 1305, und die 
Dichtigkeit des trocknen Faferftoffs , wie fie der zwei- 
te Verfuch angiebt, gleich 1370 izu feyn. 

5- 

Ein Stück vom Blutkuchen eines gefunden Meny 
fchen wurde durch Löfchpapier vom anhängenden Se- 
rum befreiet und in drei gleiche Theile , jeden vo» 
35 Gran getheilt. 

»• 
Ein Theil in deftillirtem Waffer gewogen zeigte 
die fpecififche Schwere gleich 1078. 

ß. 
Derfelbe Theil im Bade bis zur völligen Tro- 
ckenheit und Pulverform abgedampft wog' nur 15. 6 
Gran. Demnach befteht der feuchte Blutkuchea aus 
71. 64 Waffer 
28-36 trockner Materie 
100. 00. 



Da nun 15. 6 Gran des trocknen gleich find 
56 Gran des feuchten Blutkuchens fo ift die fpecifi- 
fche Schwere des letztern gleich 1077, des erftern 
gleich 1270. 

7- 

Das zweite Stück wurde, um das Serum gerin- 
nen zu laffen, in ein gläfernes mit Waffer von 161" 
Wärme gefülltes Gefäfs einige Augenblicke eingetaucht, 
dann dies Stück fo lange in kaltem Waffer abgefpOhlt, 
bis dies nicht mehr geröthet wurde; dann im Bade 



abgetrocknet und wog nun 3, 4 Gran. Demnach fchei- 
nen 100 Theile vom frifchen Blutkuchen 6. ig Theile 
fefte Malle des Faferftoffs und Serums zu enthalten. 

l 

Das dritte Stück wurde gleich fo lange in kal« 
tem Waffer abgefpühlt, bis der übrig bleibende Fafer- 
ßoff weifslich war. Diefer wog völlig ausgetrocknet 
I. 8 Gran. Es enthalten alfo 100 Theile des feuch- 
ten Blutkuchens 2. 36 Theile trocknen Faferftoff. 

Nach den Erfolgen aller jetzt aufgeführten Ver- 
fuche fcheint der frifche Blutkuchen zu enthalten: 

2. 36 Faferftoff 

3, 82 Serum 

B2. igrothe Theilchen 
71. 64 VVaffer 
100. 00. 



Oder wenn man jedem Theile fein verhältnifs- 
mäfsiges Waffer zurechnet, befteht der frifche Blut- 
kuchen aus 

41.2 flüffigein Serum 
II. 4 feuchtem Faferftoff 
47. 4 rothcn Theilchen 
100. 00. 



Diefe und alle vorhergehenden Zahlen dürfen 
offenbar nur als der Wahrheit nahe kommend ange» 
fehen werden; denn einige jener Verfuche find offen- 
bar von der Art, dafs fie fchwerlich imjner gleiche 
Erfolge geben können. ■ • . 



Nach dem Verfuche « im zweiten und a Jni 
dritten Falle erl'cheint - die fpecififche Schwere des 
Blutkuchens und der Entzündungshaut faft gleich; 
da nun der elftere mehr Serum enthält, fo folgt dar- 
aus, dafs die grOfsere Dichtigkeit mehr die rothen 
Theilchen als den feuchten Faferftoff betreffe. ' Dem- 
nächft folgt 'auch, dafs die trockne Materie des Se- 
rums und Faferftoffs fäft von gleicher Dichtigkeit' 
fey, jene 1305', diefe 13 70, beide aber dichter ali 
der trockne Elutkuchen, welcher 1270 zeigt. Ertd- 
lich mufs, da der Blutkuchen aufser den rothen Theil- 
chen aijs Serum und Faffirftoff befteht, der Unter?; 
fchied der Dichtigkeit Zwilchen diefen beiden und je- 
nen Theilchen gröfser feyn als der zwifchen den ro- 
then Theilchen und: dem Blutkuchen, obgleich er, 
dennoch kaum merkbar ift; und der Erfolg, welcher 
für die fpecififche Schwere der trocknen rothen Theil- 
chen 1270, für die der feuchten etwa 1130 angiebt, 
ftinimt folglich mit dem vom gelehrten Jurin ange- 
gebenen wunderbar überein. 



S c h 1 u f s. 

Wir haben das Ende der Verfuche erreicht und 
eine, gewifs nicht ilberflDfßge Wiederholung der Er- 
folge foU diefe Abhandlung befchliefsen. 

1^ Die Wärme- Capacität ties Arterien- und Venen- 
bluts ift faft gleich; der zuweilen vorkommende 



geringe Unterfchied liäiigt vielleicht von der 
gröfsern Menge Waffer in jenem als in diefem ab. 

2) Das Blut der linken Herzkammer ift um einen 
oder zwei Grad wärmer als das der rechten, 
eben fp das der, parotis, wärmer als der Hals- 
\'ene. 

3) Die Wärme der Theile nimmt mit der Entfer- 
nung vom Herzen ab. 

4) Bei der Gerinnung des BIuls entwickelt fich 
keine bemerkbare Wärme. 

5) Das Arterienblut gerinnt fchneller als das Ve- 
nenblut. - - - 

6) Das zuletzt fliefsende Blut gerinnt bei einem ge- 
fchlachteten Thiere fchneller als das zuerft flie- 
£sende; jenes ift fpecififch leichter als diefes. 

7) Das iVenenblut und fein Serum ift etwas dichter 
als das der Arterien. 

8) Das BJut der VVeiber ift etwas dünner als das 
männliche. 

9) Vermehrte Dichtigkeit des Bluts begleitet viel- 
leicht auch die entzündlichen Krankheiten. 

'io) Die Dichtigkeit der rothen TheiJcben zum 
WaCfer ift ungefähr 1130: looo. 



144 



Erklärung der Kupfertafeln^ 



Erfte Tafel 

Behirn und Rückenmark von Säugthier- Embryonen. 

I*ig. I — 15. Kaninchen -Embryonen. 

Fig. I. Drei Linien langer, ftark vergröfserter Embryo. 

Fig. 2. Fünf Linien langer Embryo, etwas vergrpfsert. 

Fig. 3 — 5. Etwas gröfserer, Heben Linien langer. 
Fig. 3. Von der Seite. Fig. 4. Von olien und hin- 
ten. Fig. 5. Das veHängette Mark und ein TheU 
der Vierhügel , von oben geöffnet. 

Fig. 6 — : 9. Neun Linien langer Embryo. 

Fig. 6. Von der Seite. Fig. 7. Von oben und 
hinten. Fig. 8- Senkrecht durchfchnitten. Fig. 9. 
Linke Hemifphäre, von aufsen geöffnet. 

Fig. 10 — 12. Zwölf Linien langer Embryo. 

Fig. 10. Von der Seite. Fig. 1 1. Senkrecht durch- 
fchnitten. Fig. 12. Linke Hemifphäre geöffnet. 

Fig. 13 — 15. Drittehalb Zoll langer Embryo. 

Fig. 13. Von der Seite. Fig. 14. Senkrecht durch- 
fchnitten. Fig._15. Hemifphäre geöffnet. 

Fig. 16 — 2 0. Schweins - Embryo von l" 6'" Länge. 

Fig. 16. Von der Seite. Fig. I7. Von oben. Fig. 18. 
Senkrecht durchfchnitten. Fig. 19. und 20. Hemi- 
fpäre von aufsen geöffnet, in Fig. 19. der geftreifte 



145 

Korrier nach uriteil uingefchlageii , um feine beiden 
\ordetti Schenkel 2u zeigen. 

Fig. 21 -J— 75. Schafs -Embryonen. 

Fig. ;2t. Gehirn und Piückenmaik, Schädel Üind' Wir- 
belfäule eines fünf Linien langen Embrj-D , ftark 
vergröfsert von hinleri und oben» 

Fig. 22 — 29. Sechs Linien langer Schafs - Embryo. 
Fig. 22. Gchii-n von der Seit?. Fig. 23» Daffelbe 
ftark vergrofsert. Fig. 24. Daffeibe von vorn. 
Fig. 25. Stark vergrüfseri. Fig. 26. Gehirn fenk- 
recht durchfchnitten. Fig. 26 a, Daffelbe ftark ver- 
grofsert. Fig. 27. Hemifphare fenkrecht durchfchnit- 
ten, etwas nach aufsen, um den Vorfpnmg an der 
vordem Wand zu zeigen, pig- 28. Daffelbe ftark 
vergrofsert. Fig. 29. Q(ierdurckfchnitt de? Rücken- 
marks, um deffen Spalte zu zeigen. 

Fig. 30 -^ 36. Einen Zoll langer Embryo. 

Fig. 30. Von der Seite. Figi 31. Von vorne, linke 
Hemifphare geöffnet. Fig. 32. Senkrecht durch* 
fchnitten. Fig. 33. Von hinten. Fig. 34 — 36. Quer- 
durchfchnitie des Bückenmarks. Fig. 34, Rücken- 
theU. Fig. 35. Halstheil. Fig. 36. LendentheiJ«: 

Fig. 37. — 45. Anderthalb Zoll langer Embryoi'i 
"Fig. 3 7. Von der Seite. Fig. 38. ' Senkrecht durch- 
fchnitten. Fig. 39. Hemifphare geöffnet. Fig. 40. 
Hemifphare weggenommen, um den geftreiften Kör- 
per und die Hirnganglien zii zei;;en. Fig. 41t. Hemi- 
fphare und Sehhügel v6n ÖbeiV, e^ft^re geöffnet. 
Fig. 43. Hirnganglien und geüßnete Sehhügcl, um 
die Ungleichheit in der innei n Fläche der leiztiern 
zu zeigen. Fig. 43. Quihdurchfchnitt des Halslheils. 
Fig. 44. ile^ Bückcrtthifiij; Fig. 45. des Lendcn- 
theils des Kückenmat'lu;& 
N, d, Anhiv. I. I. K 



146 — 

Fig. 46 — 52. Drei Zoll fechs Linien langer Embfyo. 
Fig. 46. Von der Seite. Fig. 47. Von hinten und 
oben. Fig. 48. Von oben. Die Heinifphäie aus 
einander gezogen, um die Verbindung der Hirn- 
ganglien in ilirem obern Rande zu zeigen. Fig. 51, 
Senkrecht idurchfchnitten. Fig. 52. Linke Hemi- 
fphäre geöfFnet. 
Fig. 53 — 57- Etwas über vier Zoll langer Embryo. 
Fig. 53. Von der Seite. Fig. 54. Von oben und 
hinten. Fig. 55. Senkrecht durchfchnitten. Fig. 56. 
Linke Hemifphäre geöffnet und zur Hälfte nach 
oben, zur Hälfte nach unten gefchlagen, um die Ge- 
ftalt des geftreiften Körpers und das VerhältnlTs Zwi- 
lchen Ammonshorn und Hirnganglion zu zeigen. 
Fig. 57. Linke Hemifphäre geöffnet. 
Fig. 58 — 62. Etwas gröfserer nicht befchriebener 
Embryo. 
Fig- 58- Von dar Seite. Fig. 59. Von unten. 
Fig 60. Von oben die rechte Hemifphäre geöffnet, 
um die Gröfse des Adernetzes zu zeigen. Fig 6r. 
Senkrecht durchfchnitten. Fig. 62. Rechte Hemi- 
Iphire geöffnet, das Adernetz weggenommen. 
Fig. 63 — 67. Sechs Zoll langer Embryo. S. 64. 
Fig. 63. Von der Seite. Fig. 64. Senkrecht durch- 
fchnitten. Fig. 65. Von oben. Fig. 66. und 67. 
Rechte Hemifphäre geöffnet, in Fig. 67. der geftreifte 
Körper heruntergefchlagen. 
Pig_ 6g — ji. Sieben Zoll langer Emhryo. 

Fig. 68. Von oben. Fig. 69. Von unten. Fig. 70, 
Von der Seite. Fig. 7X. Senkrecht durchfchnitten. 
pjg. ■J2 — 75. Neun Zoll langer Embryo. 

Fig. 72. Von oben. Fig. 73. Von unten. Fig. 74. 
Von der Seite. Fig. 75. Senkrecht durchfchnitten. 



I 



147 
ZweiteTafel» 

Gehirn und Rückenmark menfchlicher Embryonen. 

Fig. I. und 2. Gehirn eines 5 — 6 wöchentlichen 
Embryo. 
Fig. I. Von der Seite. Fig. 2. Von. hinten und oben.« 

Fig. 3 — 12. Gehirn und Rückentnark eines 7 — 8 
wöchentlichen Embryo. 
Fig. 3. Diefe Theile von der linken Seite. Fig. 4. Von 
vom und oben. Fig. 5. Von oben und hinten. 
Fig. 6. Das Geliirn von vom. Fig. 7. Gehirn und 
oberer Theil des Rückenmarkes von der Seife , die 
Hemifphären herabgefchlagen und geöffnet, um die 
Hirnganglien und den geftreiften Körper zu zeigen. 
Fig. 8. Das Gehirn fenlcrecht durclifchnitten. 
Fig. 9. Die ganze Centraimaffe von hinten. Fig. 10. 
Gehirn und oberer Theil des Rückenmarks von un- 
ten. Fig. II. u. 12. Querdurciifchnitte des Rücken- 
markes; Fig. ir. Halstheil; 12. Rüclceiuheil. 

Fig. 13. u. 14. Gehirn eines etwas altern Embryo. 

Fig. 13. Von der Seite unverletzt, Fig. 14. Die linke 
. HeraiCphäre geöffnet. 

Fig. I5 — 19. Gehirn eines 9 — 10 wöchentlichen 
Embryo. 

Fig. 15. Von der Seite. Fig. 16. Linke Hemifphäre 
geöffnet , die Dicke der Wände der geftreiften Kör- 
per und das Adel'nelz zu zeigen. Fig. 17. Eben 
das, die HirnFalte von der innern Wand zu zeigen. 
Fig. Ig. Oehim von der Seile, die Hirngangiien 
und die Sehhügel zu zeigen. Fig. 19. Oeliirn von 
hinten. 

K 3 



^48 '-^ 

Fig. 20 — ji. Gehirn und Rückenmark eines lo — 
1 1 wöchentlichen Embryo. 
Fig. 20. Gehirn und Rückenmark von der Saite und 
von aufsen. Fig. 21. Von liinten. Fig. 22. Von 
' unten. Fig. 23. ^as Gehiin fenlcr6cht durdifchnit- 
ten, um die reclite HäJfte des Gehinis.von innen, 
•• um die äufs^Ä F]ä6he der. Innern Waiid.ider He- 
r mlfpliUren und, die innerq Anordnung der hintern 
Himthelle zu zeigen. Fig. 24, Der gröfste Theil 
der linken Hemilphären weggenonimeh , tun den 
'■'' gefweiften. I^orper, Selihügel u. f. w. ^u zeigen. 
■'■' Fig. 25. 'Voidel-es umgefchJagenes' Ende ides hintern 
'' Hirnlappen. Fig. 26. Gehirn fenlcrecht durchfehnit- 
"" ' ten, von der rechten Seite, Fig. 27. Linke Hemi- 
"" tphäre H'oii obeii geöffnet. ' Fig. 2S. linlie Hemi- 
fphäre von ' der Seite geöffnet. 'Fig. 29. Querer 
Duichfchnitt des Halstheils; Fig. 30. des Rücken, 
theils; Figl^I. des Lendentheils des RiJcken- 
■-' ■ marlcs. "; ' ,' ' 

Fjg. 32 — it4' ,Gehira eines 3S monathchen Em- 
bryo. 
Fig. 32. Die rechte Hälfte des Gehirns von aufsen und 
•' • • Von der Seite.' Fig. 33. Das Gehirn fenkrecht 
durchfchnltten, die linke Seite. Fig! 34. Die rechte 
jfj Henpdfphäte^geaTfnet und von der Seite gelehen. 

Fig- 35 — 39- Gehirn eines viermonatlichen Em- 
bryo. „; -, .,•„;. .. ,::i 

Fig. 35. Reclita Hälfte des Gehivris von aufsen. Fig. 36. 
i • Gehirn von unten. Fig. 3*. Von oben. Fig. 38. 
Gehirn fenkrecht durclifclmitten ; die rechte- Seite 
von iniien. Fig. 39. Rechte Hemifphäre geöffnet. 



Gemeijifchaftli,qlje Zeichen. 



a. Hemifpliären. 

b. Geftreifte Körper. 

c. Innerer unterer Schenkel deffelben. 

d. Hiriiganglifrv., 

e. Vicrhügel. 

/. Kleines Gehirn. 

Xi' .Yerlängcrles Mark. 

h. HirnfL-henkel. 

«. Balken, 

k. Scheidewand oder Stelle deirfelbenv 

/. Bogen. 

m. Gang zwifchen. der Scheidewand und dritten 

Hohle. 

II. Orofse Falte an der innern Wand» 

0. Windungen, 
p. Ainmonshom, 
^. Vogelklaue, 

r. Ademetz. 

1. Hlrnknoten. 

/. Markkiigclchen, 

u. Riechnerv. 

i;. Sehnerv. 
w. Hömerv. 



150 



*. Rückenrnavlc. 

y. Senkrecht durckfclitiittnes Rückeninairk. 

*. Höhle. 

M, UmgefcWagenes vorderes Ende des hintern 

Lappen. 
ß. MonroTche Oeffnung. 
y. Zirbel. 

S. Schenkel derfelben und Hoi-nftreif. 
t. Vordere Commidur. 
S. Himanhang. 
>j. Mittlerer Vorlprung in den Hemifphären zu 

Fig. «7- 28. 



151 



Inbell ige Jizhlatt, 



I. Verfuche welche ilie, von einigen bezweifelte Ein- 
faugung durch die Haut zu beweifen fcheinen. 
Von ]. Bradner Stuart von Albaiiy '). 

Die von dem \'eif affer vorzüglich in Beziehung auf 
die Kouffeaufchen (Heils Archiv Bd. 8.) angeftelUen 
Verfuche find vorzüglich folgende. 

I) Um 4^ Uhr Nachmittags, nachdem er urinirt 
hatte , begab er fich in ein Bad aus einem fehr gefättig- 
ten Aufgufs von Färberolhe, worin er 2-' Stunde lang 
blieb. J Die Temperatur der Atmofpbäre war 34° Faliren- 
heit, die des Bades fchwankte von 82 — 90°. Er harnlo 
I1 3i 81 '3) 15, l8» 26 und 37 Stunden nachdem er 
' das Bad verlaffen hatte. Der erfte Tlieil des Harns war 
fehr blafs , die IMenge wie gewöhnlich. Der übrige, 
vorzüglich der beim 2ten , 3ten , 4ten und 5ten Mal ge- 
laffene, waren dunkler als Madera gefärbt. Kohlen- 
faures Kali, dem vor dem Eintritt in das Bad und eine 
Stunda nacliher gelaffenen Harne beigemifcht, verur- 
lachte keine Faibenanderung in demfelben ; dagegen 
wurde der Übrige, mit Ausnahme des letzten Theiles, 
dadurch lebhaft rotk gefärbt, am rOtheften der, acht 



I) A. d. New. York med. repofitory. Hex. III. Vol. 1 — Hl. 
Ilio— itll. Bd. %, 



152 — 

Stunden nacH dem Austritt aus dem Bade gelaffene. AJle 
diele veifcliiedenen Paitieen von Harn, in welchen der 
Zufatz von (i^olilenfauiem Kali eine FarbenTeränderung 
bewirkte, fetzten acht Stunden nachdem fie gelalfen wa- 
ren ein lehr reichliches weifses Präcipitat ab. 

2) Um au erfahran, ob die Rötliung des Harns durch 
die Poltafche von der Farberröthe herrührte , wurde dem 
vor dem Eintritt in das Bad gelafCenen Harne ein Auf- 
gufs der^felben zugefetzt, wodurcli er die Farbe des nach 
dem Austritt gelaCfenen erliielt. Der Zufatz einer Kali, 
auflöfung brachte diefelbe lebhafte rothe Farbe liervor, 
und eben diefe entfiand durch den Zufatz von Kali zu 
einer Mifcliung aus 'W'affer und "einem fchwachen Auf; 
gufs von. Farberröthe, 

' i() Um 9; Uhr Morgens ging ein Freund des Ver- 
faffers, nachdem er geharnt hatte , in ein Bad aus eineiM 
Aufgufs von Rliabarber und blieb 25 Stunden darin, 
Die Temperatur der Atinöfphäre war 41°, des Bades 
war . 84-^ 95''- Der Harn wurde, nach dem Austritt 
aus dein Bade, über die 2te, 4te, öle, Ute, aifte, softe 
und 39fte Stunde gelaffen. Alle diefe verfchiedenen 
Antlieile, mit Ausnahme des erften und des letzten, 
waren fehr dunkel gefärbt und rötheten iiclj durch Zu- 
satz von koldenfaurem Kali lebhaft, vorziiglich der vier 
Stunden, nach dem Austritte aus dem Bade gelciffene. 
Aller Harn , deffen Farbe durch den Zufatz des kohlen^ 
tsuren Kali verändert , wurde , fetzte in 24 Stunden ei» 
v^icldiclics Präcipitat ab, vorzüglich aber der um die 9te 
und 1 Ite Stunde gelaflene, 

,.» 4) Durch einen dem zweiten ähnlichen Verfuch 
überzeugte fich dei-, Verfaffer, dafs die färbende Sub-, 
ftanz des Rhabarbers in den Harn übergegangen war. 

5) Nsphdem «r 2j Stunden in einer ftarken Kuv- 
kumeeauHöfung geblieben war, war der Harn, den er 



153 

zu Terfchiedenen Malen von 2 — 34 Stunden, nach dem 
Bade liefs, weit dunkler gefäibt . als gewöhnlich und 
wurde, wenn gleich viel foliwächer, als in den vorigen 
Verfuchen, durch den ZuTatz von kohlenfaurem Kali 
gerothet. 

6) Ein dem 2ten und 4ten Vcrfuchc ähnlicher gab 
diefelbea Kelultate. 

7) Um vier Uhr Nachmittags liefs ficli der Verf., 
nachdem er verniitldft eines , durch ein Fenfter nach 
aufsen geleitcleu l'ohies, und durch Klebpflafter um 
Mund und 2>.ale eine Vorrichtung einj^erichtet hatt*, wo 
durch das Athmeiv «"■•f, jedem andern Wege als aufdJe- 
fem unmöglicli gemacht wurde , Pflafter aus jKnoblauch 
unter die Achfeln , an die innere Fläche der Schinkel 
und die Knücbcl legen. Diefe wurden , nachdeui Jic 
I5 Stunden gelegen hauen, als fie Schmerzen zu ver- 
m-fachen anfin;|en , weggenommen und die Stellen, wo 
fie gelegen hatten, forgfaltig mehrmals uiit Seifenwaffer 
gewafchen. | Stunden nach Wegnalune des Knoljlauchfi- 
pHafters bekam der Athera einen fehr ftarken Knoblauch- 
gerucli, der einigen Anwefenden auffiel und zwei Stun- 
den nachher nicht nur ihnen , fondern allen Perfonen, 
die hell ihm näherten, äufserft r.nangonchui wurJc. 
Am folgenden Morgen, vierzehn Stunden nach dem 
Verfucbe, hatte der Alliem den Knoblauchsgeruch ver- 
loren. Uer Harn wurde in diefer Zeit mehrmals gef 
iaffen. Der in den erften zwei Stunden nach Weg- 
nahme der Pflafter gelaffene halte weder liefondcrn Ge- 
ruch noch Farbe. Dagegen hatte der um die fünfte und 
Tierzehnie Stunde gelaffene einen ftarken und unange- 
nehmen, wenn gleich nicht knoblauchsartigen Geruch, 
der 26 Stunden anhielt. 

8) Ujn Cch zu überzeugen, qb der in den Magen 
eingenommene Knoblauch den Harn firbc, afs ein Freund 



des VerfaflJei-s Ijei'riücliternem Magen eine mäfsige Menge 
davon. Von dem Havn, der in den folgenden 36 Stun- 
den zu verfehiedenen Malen gelalfan wurde , zeigte der 
zivei Stunden nachher gelaffene nichts befonderes , da- 
gegen hatte der um die 4te, I2te und 24fte Stunde ge- 
laffene einen älinlichen Geruch als im vorigen Verfuche. 



II, Unterfuchungen, welche zu beweifen fcheinen, dafs 
der Fötus das Schafwaffer athmet. Von Leclardt 
Vorfteher der anatomifchen Arbeiten an der me- 
dicinifchen Facultät zu Paris '). 

Oeffnet man vorfichtig die fchwangere Gebärmutter 
eines Säugthierweibchens , fo fieht man durch die Häute 
des Hirns und das Schafwaffer fehr deutlich , dafs d»a: 
Fötus die mechanifchen Athmungsbewegungen , nur 
langfaraer als nach der Geburt, vollzieht. Jede Ein- 
athmung wird durch das Oeffnen des Mundes, die Ver- 
gröfserung der Nafenlöcher, das Heben der Wände der 
Brufthöhle bezeichnet. Diefe Bewegungen werden in. 
dem I\Iaafse fchneller und ftärker, als durch die Zufam- 
menziehung der Gebärmutter der Kreislauf zwifchen 
Mutter und Fötus unvoliliommner wird. Oeffnet man 
die fchwangere Gebärmutter und unterbindet den Hals 
des noch lebenden Fötus , fo findet man in der geöff- 
neten Luftröhre eine dem Scha^\^'affer völlig analoge 
FlüffigReit. Spritzt man eine gefärbte Flüfligkeit durch 
eine lileine Oeffnung in das Schafwaffer, fo ift die in 
den Luftröhrenäften enthaltene auf diefelbe Weife ga- 
färbt. Bei den todtgebomen menfchlichen Fötus ift im- 



1) A. d. Bulletia de la facultä de med. de Paris, an. ijj). Ns, 



■6 — S 



155 

mer die Luftröhre toI! Schafwaffer. Der VerfaTfer fand 
(\vie Üfiander) mit Chau/fier im Kindspech eines reifen 
Fötus die Seidenhaare, in einem andern FaHe, wo der 
Dannkanal an einer Stelle verfchloffen war, nur ober- 
halb der Verfchliefsung Kindspech, unterhalb derfelben 
einen füfslichen, farbelofen Schleim. 



III. Beiträge zur Kenntnifs der Structur des Auges. 
Von Edwards '). 

Der Verf. unterfacht zuerft die Haut der wäfferigcn 
Feuchtigkeit in Beziehung auf Lage, Veihreitung, Grun- 
zen und Eigenfchaften. Beim Fiitus bildet fie, fo lange 
die Pupillarmembran befteht, einen Sack ohne Oeff- 
nung, der die vordere Kammer auskleidet, mitliin die 
hintere Fläche der Hornhaut, fo wie die vordere der 
Iris und der Pupillarmembran bedeckt. In di'efer Zeit 
enthält die vordere Kammer keine watferige Flüfligkeit. 
Diefe^Vlembran dringt nicht, wie man [e\t Demours glaul)- 
! tj , in die hintere Kammer. Beim Menfchen und den 
Vierfüfsem gehört fie unter die feröfen Häute. Auch bei 
I den Vögeln und Flfchen findet fich eine , in Hinficht 
1 auf Lage ähnliche , aber in Hinllcht auf ihr Gewebe ver- 
) fchiedene Membran. Beim Menfchen und den Säugthie- 
ren Xcheint lie keinen bedeutenden Antheil an der Ab- 
fonderung der wäfferigen Feuchtigkeit zu haben. 

Die Blendung befteht nach dem Verf. beim Menfchen 
I jnd den Vierfüfsem, aus mehrern Schichten, nämlich 
( l) einer mittlem, faferigen , welche das eigenthümliche 
l Gewebe derfelben bildet; 2) eineiri Theile der Aderliaut, 
'welche die hintere Fläche der Blendung bildet, und 



A. d. Bulletin i» U (bc. plulom. Igl^. S. U. 



156 ^— --^ 

die Tilnbenhaut ift; 3) eineiit andern .Theile 'der Aderr 
haut, welcher die vonlere Fläche des eigenthümlichen 
Gewebes bekleidet; 4) einem Theile der feröfen Haut 
der wäfferigen Feuchtigkeit, welche diele vordere Ab- 
theilung der Adevhaut bekleidet und die vorderft^ Schicht 
der Blendung bildet. 

Die Pupillarmembran befteht wenigfiens aus zxvei 
Blättern, einem vordem, einer Fortfetzung der Haut 
der wäCferigen Feuchtigkeit, einer liintern, einer Fort- 
fetzung der Aderhaut, welche die Blendung bekleidet. 
Ol) das eigenthuriilicheGewebQ der Iris auch in fie dringt, 
iionnte er nicht beftiinmen. 

Das innere und das [äufsere Blatt der Aderhaut hat 
eine unabhängige Exiftenz, indem fie in der Blendung 
durch das cigenthümliche Gewebe devfelbcn von einan- 
der getrennt find. Die Piuylchifche Haut trägt zur Bil. 
dimg der Ciliaifortfälze bei und bekleidet als Trauben- 
- haut die hintere Fläche des eigenthümlichen Gewebes. 
Das äufsere Blatt der Aderhaut bedeckt die vordere 
Fläche deflelben. 

Als Quelle der wäfferigen Feuchtigkeit fieht er die 
CiliaV'fortlaize an und Ijeraerkt, dafs man die Pulsader 
der Liitfe und der Glasfeuchtigkeit ohne Injection fehen 
kann '). 

iV. Ueber einige Punkte aus der Gefchichte der Höl- 
len des Fötus '). 

Herr Dütrochet, der fchon früher ') merkwürdige Re- 
iuUate feiner Unterfuchungen über das Ei der Viper 

1) Dies ift wolil beim Fötus fchon larige kein Geheimnifs mehr. 

2) Analyfe des travaux de la claffe des fcii^nces mathematiques et 
jibyfifjues de l'iaftitut, pendaui l'dn. ISlt- Part, phyfujue. p.J4 

5) Ebendaf. Jahrg. 18 J2. 



aiiFgertellt hatfej'delmte Mne Arbeiten feitdem Übe»- die 
Fötusluillen Sberhaupt aus und theUte dem^lnftitut die 
jlefultate derl'elben in einem eignen Auffawe mit , wflir 
aus hier, einige 54t?e Biitgetheilt werden. 

Der Embryo hat in den irlihen Perioden eine Oefi> 
nung in feinen Unterleibswlnden und der Schnfliaut, 
durch welche ein Fortf^tz der Blafe dringt, welche die 
Gefäfshaut und die mittlere Ha\it bUdet, fo dafs die 

Jiibelgcfafse nur Fortfätze der BlafengefäTse wären. 

Das Ei der Reptilien enthält kein Eiweus , Tondem 
belteht blofs aus Dotier. 

Bei der Viper verfchwindet die fehr dünne Haut der 
Schale ura die Mitte der Trächtigkeit, worauf iich die <3i^- 
fäfbhaut mit dem Eierftocke verbindet, olme deshalb e5nb 
wirkliche Placenta zu bilden. Diefe Schalenliaut würde 
alTo der hinfaUig^n Haut den Säugthiere entfprechen. 
/ Die Frofchlarven werfen bei der Verwandlung ihre 
Haut nicht ab, fondern die Vorderfüfse dringen durch 
diefe, die Kiefern zerreifsen fie gleichfalls und die Oeff- 
Tiungen vernarben. 

Das Ei der Frofche und der Batrachier überhaupt 
ift ein Dotter, deffen Flüffigkeit anfangs im Darm ent- 
halten ift, der anfangs rundlich ift, fich aber allmahlig 

: 4n einen- fpiralförmigen Kanal verwandelt. 

\f'- Die Kiemen der Frofchlarven befinden ficli' uiV'tler 
"l^aultienhühle. 



"V- Ueber die Refpirationsorgane der Onisken, Von 
l Lcureille '). 

Ungeachlet es, wegen der Aelinlichkcit dieferTliierg 
mit den krubsaitigen, lehr walirfcbeinlicli war, dals diu 



i) HbeiiJdr. S, 34. ]f, 



158 ^ r- 

unter ihrem Schwänze befindlichen Platten 2un> Athuien 
dienten, fo war diefe Vermuthung doch nicht ei-wielen 
und es mu[ste an ihrer Oberfläche oder in ihrem Innern 
ein, zu Vollziehung diefer Function, tauglicher Apparat 
aufgefunden werden. Diefs ift durch LatreUle gefehehen, 
indem er auf vier von den erwähnten Platten einen 
Ideinen gelblichen, von einer Oeffnung durchbohrten . 
Tlieil nachgewiefen hat, der melirere kleine Faden ent- 
hält, die, wenn lie gleich eine verfchiedene Stelle ha- 
ben, doch durch ihren Bau, und alfo wahifcheinlich 
durch ihre Functionen mit ähnlichen Theilen bei den 
Spinnen upd Scorpionen übereinkommen. 

Aufserclem hat er ein fadenfpinnendes Organ bei 
den Onisken gefunden , fo dafs lie aJfo durch beide Be- 
dingungen fich fehr den Arachniden näliern; indeffen 
läfst LatreUle fie , wegen der Aehnlichkeit ihrer Structut, 
bei den Kruftaceen. * 



VI. Ueber die ürfache der rothen Farbe des Blutes '). 

Keine Thatfache fcheint jetzt fefter zu ftchen , alg 
dafs die rothe Farbe des Blutes von rothem tifenoxyd 
herrührt: dagegen geben mehrere Phyliologen von glei- 
cher Autorität mit denen, welche diefer IVieinung Und, 
nicht zu, dafs lie völlig erwiefen fey. 

Folgender Verfuch und die beigefügte Bemerkung 
BMg zur Auflclärung der Ungewü'sheit über diefen Puqkt 
beitragen. 

Durch wiederholtes Auswafchen des Blutkuchen« 
%vurde eine Quantität des rothen Theiles des menfchliehen 
klutes gewonnen , von diefem nachher der Faferftolf ge- 
trennt und fo der färbende Theil, der iich im Waffer 
niedergefchlagen hatte, erhalten. Erwog HO (jran. In 
einem Platlnatigel verbrannt, gab er eine halbÜüflige 
traune gefchmacklofe Subftanz , 25 Gran an Gewicht. 
Sie wurde mit Salzfäure gekocht und dadurch zum Theil 
aufgeloft. Die gehörig verdünftete Auflöfung hatte kei- 
neil ftyptifchen GefchmacU. Durch einen Zufatz von 
Galläpteltinctur wurde ile fchwärzlich. Blaufaures Kali 



\) A. d. Edinb. med. and fuif. Journal, Vol. VII. I811. p. «4. 



^- ^ 159 

brachte einen dunkelblauen Niederfchlag Iiervor, welcher 
aber calcinirt, nicht über | Gran eines roihbrauiien 
Pulvers gab. Nach einer ungefähren Schätzung wurde 
diefer halbe Gran aus Io,O0O oder 20 Unzen Blut ge- 
wonnen. Ift es alfo wohl wahrfcheinlich , dafs diefe 
Blutmenge ilirc Farbe von einem halben Gran üilen 
erhält? ' 

Erhitzt man Blut um das Walfer von ihm zu tren- 
nen , fo verwandelt lieh feine Farbe, fobald es heifs 
wird, aus fchwarz oder roth in braun oder grau. Ilt 
es wahrfcheinlich, dafs diefe Umwandlung aus roth oder 
fclnvarz in braun vorkonunen würde, wenn Eifeno^yd 
die färbende Subftanz wäre? 



1^ 



VII- Ueber eine unvollkommene Bildung der Finger 
Von Rellie '). '- 

In einer Familie ift fclion feit zehn fehr zahlreichen 
Generationen nur der Daumen voliftändig, von den 
übrigen Fingern fehlen entweder beide vordere Gelenke 
oder wenigftens der Daumen. Nur die Frauen pflan- 
zen diefe Mifsbildung fort. Sehr feiten wird ein Kind 
mit regelmäfsig gebildeten Fingern geboren. 

Die Veranlaffung foll eine Wirkung der Einbil- 
dungskraft einer fclnvangern Vorfahrin gewefen feyn 
weither ihr Mann im Zorn angewünfcht hatte, dafs 
ihr Kind ohne Finger geboren werden möchte. 

Als Beitrag zur Lehre von den Wirkungen der 
Einbildungskraft der Schwangern und dem Einfluffe 
der bridcn Aeltcrn auf Bildung merkwürdig. 



■) Ebeiidaf. Vol. IV. p. i^i. 



160 

In der Verlagslianäluiig 3lefes Archivs liK'fö' ebeti 
erfchienen; ••j'/i • ir 

L F. ME;& C K E L 



DUPLICITATE MONSTROSA 

commen'tarius. 

ACCEDUNT TABULAE Vnii;.AE.KEAE. 
H ALAE I8IS. ''''■" • 

Der Herr Verf. hat In «iieter ÄbhaTidlurig il\jer Aas 
inonftröfi ^-^-^ ^^eltwerden. theils die allgemeinen Bedin- 
gungen diefer Abweichung yom INoimal, theils die^bev- 
Ib'ndierii i\rfen derfelben volirtändig auseinander gefetzt. 
Der Plan ift derfelbe, den er in Hinficht auf die Hem- 
jnungsbildvingeli im erftcn Bande feiner 'palliöl.ogifchen 
Anatomie befolgte, ,fo dafs tliefes Werk als Gegeuftuclt 
eu denafelben betrachtet werden kann. Ungijaclitet er 
ßch vorzüglich auf die menfcUicbe Specles l>pfchränkt 
iat^. indem in diefer beinahe alle möglichen Arten des 
Doppeltwerdens vorkommen, fo liat er docli jnehrer,e 
luei'kWiirdige einzelne Falle von Thierbildiingen d'efcr 
Art.aua fe'uier reichen anatomifchen Sammlung voUftan- 
dig bcfchrieben. Dem Werke find ^^ckt von Hopfer 
gezeichnet^, von Glaiback geflochene treffliche Tafeln 
beigefügt, ^vclche eine merk vviirdige Doppel tmifsgelnirt, 
die. .fich vollftändig in der Sammlung des Vfs. bei<ind,^ti, 
darf eilen. . i !> 

Der Name des Vfs. bürgt für den Gewinn, welchen 
■ die Wiffenfcliaft von diefem Werke zu erwarten hat , und 
wir dürfen um fo mehr das gelehrte Publikuin auf daffelbe 
aufmeiUam machen, als es die erfte vollfiändige Abhand- 
lung über diefe Art von Bildungsajjweichungen iftw 

Buchhandlung des Waifenhaufes. 



1 




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'/f./. 6^.2. .-^.vf. 







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Deutfehes Archiv 

P H Y S I OL G IE. 



Erster Band. Zweites Heft. 



I ... 



I. 

Beobachtungen 
über 

das Nervenfyfte 



7n 



und 



die fenfiblen Erfclieinungen der Seefter 

Von 

Friedrich Tiedemann '\ 



ne. 



Im Jahre ig II hielt ich mich längere Zeit an den 
Küften des adriatifchen Meeres auf, um die von dem 
franzöfifchen Inftitut aufgefte]lte Preisfrage: „ob in den 
Seefternen, Seeigeln und HcJotiiurien ein Kreislauf 
des Bluts Statt finde," durch Unterfuchungen und 

Daf. die von Herrn Spix jn der kleinen Afterias rubens in den 

Anndlei du Mufeiim d'liiftoire natureiie T. 13. p, 435, befchre 

benen und Tab. Jl f. ,. b. abgebildeten Fiden, keine Nerven' 

fondern felmenartige Faden find , werde icli in meiner Schrift 

.«ber den Bau der Seefterne. der Seeigel und Holudiurien dar- 

M. ä. Archiv. /, 2. I4 



161 -^ ■ 

Beobachtungen an lebenden Thieren zu beantworten. 
Da ich ftets viele diefer Thiere lebend, in grofsen 
hölzernen Gefäfsen mit MeerwalTer gefüllt in meiner 
Wohnung aufbewahrte, fo hatte ich oft Gelegenheit 
Beobachtungen über ihren hohen Grad von Empfind- 
lichkeit anzuftellen. 

Einige an dem grofsen pomeranzfarbenen Seeftern 
(Afterias aurantiaca L.) gemachte Beobachtungen will 
ich hier niittheilen. Ich habe mehrere Thiere der 
Art lebend gefehen, welche von der Spitze eines 
Strahls bis zur Spitze des entgegengefetzten 15 bis 18 
Z&ll ini Durchmeffer hatten. 

Seefterne, welche fo eben aus dem Meere ge- 
nommen wurden, bewegten die an der untern Fläche 
der Strahlen in zwei Reihen liegenden turgefcirenden 
Tentakeln . fehr lebhaft, und krümmten fie in man- 
cherlei Richtungen. Wenn ich dieselben berührte, fo 
contrahirten fie fich, und das Thier zog fie gegen 
die Rinne des Strahls an. Diefe Tentakeln, welclie 
man auch Füfschen nennen kann, weil fie zugleicl) 
Organe der Ortsbewegung find, haben eine cylindrii« 
fche Geftalt und werden gegen ihr unteres freies End^ 
allmählig kegelförmig. Das Ende felbft nimmt die 
Geftalt eines Saugnäpfchens oder Tellerchens an^ 
wenn fich das Thier beim Fortfehreiten mittelft 
derfelben an Gegenftände anhängt. Jedes Tcnta- 
culum fetzt fich durch ein Loch zwzfchen den Quer- 
fortfätzen zweier Wirbel eines Strahls in die Höhle 
des Strahls fort und bildet hier zwei abgerundete 



ovale Bläschen, welche an der Seite des Wirbels liegen. 
Wenn man daher die Höhle eines Strahls von oben öffnet, 
und die beiden mit dem Magen in Verbindung flehen- 
den Blinddärme, welche in neuerer Zeit lehr irrig 
für Leberlappen gehalten worden find, wegnimmt, fo 
erfcheinen vier Reihen paarweife neben einander lie- 
gender, röthlich weifser, ovaler Bläschen, welche, 
kleiner werdend, fich bis zur Spitze des Strahls erftre- 
cken , und den zwei Pveihen der an der untern Fläche 
jedes Strahls liegenden Tentakeln angehören. Die 
Tentakeln und Bläschen find hohl und enthalten eine 
helle, durchfichtige Flüffigkeit, welche durch die 
Zweige eines befondern , von mir entdeckten Gefäfs- 
fyftems in die Höhle der Tentakeln zugeführt wird. 
Dietes höchft merkwürdige Gefäfsfyftem , welches den 
Seefternen, Seeigeln und Hololliurien eigenthümiich 
ift, und von dem ebenfalls in dielen Thiereu vorkom-. 
meuden Gefäfsfyftem des Kreislaufs des Bluts durch- 
aus verichieden ift, werde ich in meinem grölsern 
Werke über den Bau der eben genannten Tliiere 
ausführlich befchreiben. Die Wände der Tenta- 
keln und Bläschen find mit deutlichen blafsrothen 
und zirkeiförmigen Muskelfafern verfehen. An den 
Tentakeln nimmt man auch noch eine Lage von Län- 
genfafern wahr. Die im Leben felir empfindlichen 
und contractilen Tentakeln und Bläschen flehen in 
einem Antagonismus ; reizt man nämlich die Bläschen 
mittelft fcharfer Inftrumonte oder durch Befeuchten 
mit Weingeift, fo contrahiren iie fich und treiben die 
in ihnen enthaltene Flüliigkcit in die hohlen lejita- 

L 2 



kein , cliefe verlängern fich nun und erjgiren fich durch 
die in fie eingetriebene Flüffigkeit. Reizt man dage- 
gen die Tentakeln zilr Contraction, fo ftrömt die in 
ihnen enthaltene Flüffigkeit in die Bläschen zurück, 
welche nun expandirt und mit Flüffigkeit angefüllt 
■werden. Durch cliefen Antagonismus in der Expan- 
fion und Contraction, welcher zwifchen den Tenta- 
keln und Bläschen Statt findet, bringen die Seefterne 
die Ortsbewegung hervor. Beim Gehen und Fort- 
fchreiten der Seefterne lind die Tentakeln expandirt, 
mit Flüffigkeit angefüllt, und alfo im Zuftande der 
Erection; dagegen aber find dann die Bläschen con- 
trahirt und leer. Bewegen fich die Seefterne nicht 
und find die Füfschen in 'die Hinnen der Strahlen ein- 
gezogen, fo find die Bläschen expandirt und mit Flüf- 
figkeit angefüllt. Die Bewegung der Tentakeln nach- 
vorn, nach hinten und überhaupt nach allen Seiten^ 
wird durch die Action der Muskelfafern bewirkt,' 
Bei Afterias rubens , und equeftris , fo wie bei Aftro-* 
pecten mefodifons Linkii habe ich denfelben Bau der' 
Tentakeln und Bläschen gefunden , auch habe ich' 
beobachtet , dafs fie diefelbe Function wie beim pome** 
ranzenfarbenen Seeftern haben. Die Zahl der Ten-* 
takeln an jedem Strahl ift bei letzterem Seeftern ver» 
fchieden nach der Gröfse derfelben. An einem fehr- 
a;rofsen pomeranzfarbenen Seeftern zählte ich in einer' 
Reihe eines Strahls vier und achtzig Tentakeln, alfo 
an einem Strahl hundert und acht und fechzig, und 
an allen fünf Strahlen achthundert und vierzig Ten. 
takeln. Da jedes Tentaculum fich mit zwei Bläschen 



165 

endigt, fo" betrug alfo die Zahl alJer Bläschen fech- 
zehn hundert und achtzig. 

Nach diefer Digrefüon über den Bau der Tenta- 
keln kehre ich zur Erzählung der Beobachtungen an 
lebenden Seefternen zurück. Die aus dem Meer ee- 
nommenen Seefterne zogen beim Berühren die Ten- 
takeln in die Rinnen der Strahlen zurück. Die nach 
oben die Strahlen deckende und fchliefsende Haut 
contrahirte fich, und die auf diefer Haut anCtzendeii 
Piefpirations - Röhrchen fpritzten das in ihnen enthal- 
tene Waffer aus. Legte ich die Seefterne in ein mit 
JVleerwaffer gefülltes Gefafs, fo fingen fie nach und 
nach an, die Tentakeln auszuftrecken und zu bewe- 
gen; auch die Haut dehnte, fich aus und erhob fich 
etwas. An Seefternen, welche ich in ein flaches Ge- 
föfs gelegt hatte, und deren Oberfläche nur in einer 
Hohe von einem halben 2jpIIe mit Waffer bedeclct 
\var, habe ich öfters bemerkt, dafs fich die Haut lang- 
fam ausdehnte und wieder zufammenzog, und dafs 
hierbei das Waffer in eine wirbelnde Bewegung ge- 
rjeth, befonders an denjenigen Stellen der Haut, wo 
fich die zuvor genannten Refpirations- Röhrchen be- 
finden. Es ift mir fehr wahrfcheinlich , dafs bei die- 
fen abwechfelnden Expanfionen und Gontractionen der 
Haut Waffer durch die Röhrchen aufgenommen und. 
Mrieder ausgeftofsen werde , und dafs demnach jene 
wirbelnde Bewegung des Waffers vom Ein- und Aus- 
ftrömen de» Walfers durch die Höhrchen herrühre. 

üie in die mit Meerwaffer gefüllten Gefäl'se ge- 
legten Seefterne begonnen gewöhnlich fehr bald auf 



i66 -^—^—i -— 

äea Boden der Gefäfse fortzufchreiten. Hiei-bei ift 
die in der Mitte der untern FJäciie liegende Mund-^ 
Öffnung nach unten gerichtet, und alle ausgeftreckten 
und im Zuftand der Turgefcenz oder Erection befihd- 
lichen Tentakeln find in Bewegung. Ein Theil der- 
felben wird nach vorn bewegt, in der Richtung näm- 
lich, in welcher das Thier fortfchreiten will; die/aa 
der Spitze der Tentakeln befindlichen Saugnäpfchea 
oder' Tellerchen faugen fich an die Gegenftände feft, 
und ziehen den Korper des Thieres nach;- ein aadejr 
rer Tiieii der Tentakeln wird angezogen, um nach 
vorn bewegt zu werden ; und fo erfolgt das A^nziehen, 
das Vorwiirtsbewegen und das Anfangen der Tenta- 
, kein abwechTelnil , in fchneller oder langfamer FoJgCf 
je nachdem das Tliier fchnell oder langfam fortfchreir 
tet. Auf einer ebnen Fläche bewegten fich die Se^ 
fterne ziemlich fchnelj; ihre Bewegungen aber wur- 
den langfam, wenn ich auf den Boden des Gefäfses 
einige Steine gelegt hatte, über welche fie fortfchreir 
ten mufsten. Beim Gehen ficht unbeftimnit bald die 
Spitze des einen, bald die Spitze des andern Strahls 
nach der Richtung, in welcher fie fich fortbewegen. 

Mittelft der beim Fortfchreiten nach vorn be- 
wegten Tentakeln exploriren die Seefterne den Weg, 
den fie einfchlagen, fo wie die Gegenftände, welche 
ihnen aufftofsen ; gleich Blinden , welche beim Gehon 
einen Stab ausftrecken und mittelft deffelben herum- 
taften. Wenn ich mehrere Seefterne in einem grofsen 
Geläfse hatte, worin fie fich frei bewegen konnten, 
fo habe ich fehr oft ihren zarten Taftfinn bewundern 



im 

monen, denn niemals rannten oder ftjefsen fie gegeri 
einander an, londern mittfüft der TenlakeJn , durch 
deren. zartes Berühren fie fich einander wahrnehmen, 
weichen fie behutfam aus. Befonders vorfichtig waren 
£e in ihren Bewegungen, wenn fich Seeigel in demfel- 
ben Gefäfs befanden. 

Die Seefteme. können die Strahlen willlüihrlicli 
einander naher bringen oder von einander entfernen, 
fo dafs folghch die Winkel zwifchen den Strahlen bald 
fpitzer bald, ftumpfer werden. Die Bewegung tier 
Strahlen , -welche durch die ftellenweifen Zufammeti'- 
Ziehungen der contractilen Haut bewirkt wird, rich- 
tet fich nach den Umgebungen , zwifclien welchen die 
Seef'jerne gehen. So habe ich mehrmals gefehen, dafs 
Seefterne in einem Gefäfs, in das ich einige gröfse 
Steine gelegt halte, welche die ganze Ausbreitung des 
Körpers beim Fortfehreiten hinderten, zwei Strahlen 
nach vorn bewegten und gegen einander anzogen, 
während fie die übrigen Strahlen nach hinteil beweg- 
ten und einander näher brachten. Auf diefe V\''eife 
fchmaler geworden , konnten die Thiere nach mehre- 
ren Verfuchen den engen Raum paffiren. Die Sec'' 
fterne können auch wilikührlich die Strahlen nach 
oben bewegen und aufrichten, ja felbft nach oben 
und innen umbeugen. Dies gefchah ebenfalls häufig, 
wenn fie ficii zwifchen grofsen Steinen fortbewegten. 
Uebrigens kriechen und gehen diefe Thiere nicht allein 
auf horizontalen und fchiefen Flächen, fonclern felbft 
auf fenkrechten Flächen, denn die Seefterne, welche 
ich aufbewahrt habe, krochen oft an den Wunden des 



tm 



Gefäfses Vierauf , wobei die an. den Spitzen der Ten- 
takeln befindlichen Saugniqofchen oder Saugwärzchen 
den Körper an dar Wand des Gefäfses befeftigten» - - 

Legt man Seefterne. auf die oberfe Fläche oder 
auf dem Rücken, fo, dafs alfo die- Mundöffnung und 
die Tentakeln nach oben gerichtet find , fo bleiben fie 
liicht' Idage- in diefer Xage, fondern fie ftülpen den 
ganzen Körper wieder auf folgende Art : fie krümmen 
die Spitze eines ödes? zweier «eben einander liegen* 
der Strahlen j.nach unten gegen -d^n Boden des. Ge- 
fäfses um , fangen fich mit den Tentakeln an den Bo- 
den des Gefäfses an, richten den Köi-per nach und 
nachauf, und legen ihn- dann allmäblig um, fo,- dafis 
die.Muodöffnung und die Tentakeln wieder nach nn»' 
ten gerichtet werden. Ich habe'diefen Verfuch mehr- 
mals mit gleichem Erfolge wiederholt. Der pome- 
ranzfarbene Seeftern, der rothe und der ftachelige 
Sepftern. körtnen nicht fchwiminen, wenigftens hahe 
ich diefe Bewegung niemals beobachtet. 

Die Tentakeln, zeigten eine grofse Empfindlich-, 
keit für den galvdhifchen i Reiz. Wenn ich den einen. 
Pol einör nur aus vierzehn Platten -Paaren (nämlich 
Zinn -und Kupferplatten) gebildeten galvanifchen Säule 
an die Tentakeln , den andern Pol aber an die con- 
tractile Haut brachte, fo erfolgten fogleich lebhafte, 
Contractionen der Tentakeln. Daffelbe erfolgte eben-, 
falls , wenn ich beide Pole mit den Tentakeln in Ver-t 
bindung brachte. 

Aus den angegebenen Erfcheinungen des fo fehr 
entwickelten Taftßnnes, fo wie befonders aus den 



169 

regelmäfsig erfolgenden Bewegunsren äer Seefterne, 
vermuthete ich, dafs diefe Thiere ein Nervenfyftem 
befitzen müfsten, weil ohne deffen Exiftenz die Ein- 
heit in; der Bewegung der grofsen Anzahl von Ten- 
takeln oder Fiifschen nicht wohl zu begreifen ift. 
Die Lebensäufserungen der Tentakeln, ohne ein Ner- 
venfvftem, welches die Bewegungen derfelben regelte 
lind in Einheit brächte, fchienen mir eher ein Chaos 
von Bewegungen hervorzubringen, .als fo regelmäfsige 
und geordnete Bev^egungen, wie ich fie bei diefen 
Thieren wahrnahm. Die ßetvegungen aJler Tentakeln 
erfolgten fo beftimmt und übereinftimniend , dafs fie 
das Fortfehreiten des Thiers nach diefer oder jener 
Richtung bewirkten. Aeufsere Gegenftände , Seeigel, 
andere Seefterne, die Hand u. f. w. beftimmten , die 
Thiere, ihrem Fortfchrieiten eine andere Richtung 
zu geben, jedoch wieder freywillig eine jede andere 
beliebige Richtung. u. 

Obgleich ich die Exiftenz eines Nervenfyftems 
aus den eben angegebenen Gründen vermuthete, fo 
blieben doch lange Zeit meine Bemühungen, daffelbe 
aufzufinden, ohne glücklichen Erfolg. Dafs die von 
Herrn Spix als Nerven befchriebenen und abgebilde- 
ten weifsen Faden, welche im Innern zu beiden Sei- 
ten der Wirbel jedes Strahls liegen, keine Nerven,; 
fondern fehnenartigc Fäden find , die von den Körpern 
der Wirbel entfpringen, und an die Wände des Ma- 
gens gehen, dies lehrte mich fchon der blofse An- 
blick derfelben, und genauere Unterfuchungen mach- 
ten es gewifs. Endlich , nach vielen Unterfuchungen, 



170 ^^— ^^ 

bin ich fo glücklich gewefen, das Nervenfyftem an 
der untern Fläche des K.orpers zu finden. Wenn man 
liefen Theii unterfucht, fo findet man ein kreisför- 
KHtjes, mit einer orangegelben Flüffigkeit angefülltes 
GefäCs, welches unter einer zarten Haut liegt und die 
Mundöffnung kreisförmig umgiebt. Aus cliefem Ge- 
föüs entfpritigen fünf Aefta, welche in den Rinnen der 
fünf Strahlen awifchen den beiden Reihen der Tenta- 
keln i -verlaufen. Nachdem ich diefes Gefäfs mit feir 
»eä Aeften behutfam weggenommen hatte, fo erblick- 
te ich einen weifslichen Ring (Fig. i. a. a.), welcher 
die Mundöffnung umgab. Er fchickte zu jedem Strahl 
einen zarten Faden (c. c.) ab, welcher in der Rinnq 
des' Strahls zwifchen den beiden Reihen der Tenta? 
kein »kleiner werdend, biSi zur Spitze des Strahls 
Verlief. Die in den Rinnen der Strahlen hegenden 
Nervenfäden geben wahrfcheinlich kleinere Fädchen an 
die Tentakeln ab; an einigen Stellen glaube ich die- 
felben mittelft eines Vergröfsrungsglafes wahrgenommen 
zu haben. Aufser den fünf Fäden zu den Strahlen 
entfpringen noch zehn ander-e kleine Fäden aus dem 
die Mundöffnung umgebenden Nervenringe ; nämlich 
an dem Anfangsftücke jedes Strahls zwei (b. b.). Diefe 
zarten Fäden bildeten mit den in der Rinne verlau- 
fenden gröfsern Nervenfäden Winkel, und drangen in 
die beiden Löcher ein , durch welche die beiden er-' 
ften Tentakeln hervortreten. Es ift mir nicht mög- 
lich gewefen , diefe zarten Fäden weiter zu verfolgen. 
Sehr wahrfcheinlich begeben fich diefelben zu dem 
Magen und den Blinddärmen. Der Nervenring mit 



dem aus demfelben entfprjngenden Nervenfaden hatte 
ein graulich weifses Anfehn, und war ungemein zart 
und weich. Uebrigens mul's ich noch bemerken , dafs 
ich- nirgends Oanghen oder AnlJchwellungen , weder 
im Nervenltranz, noch in den aus demfelben entfpria» 
genden Nervenfäden wahrgenommen habe. 

Eis ift nicht zu bezweifeln , dafs alle Strahlen mit 
ihren ungemein zalilreichen Tentakeln, fo wie alle 
übrigen Gebilde durch das fo eben befchriebene Ner« 
venf vflem zur Einheit in ■ der Action gebracht wer- 
den, welche ohne eine folche Verbindung durch Ner- 
ven nicht wohl begreiflich ift. Hierfür fcheinen nogh 
folgende von mir angeftellte Verfuche zu fprechen. 
Ich habe mehrmals an lebenden Seeftern^n gröfsere 
önd kleinere Stucke von Strahlen losgetrennt. Die 
Tentakeln der abgetrennten Stücke äufserten noch 
lange Zeit nach der Abtrennung Empfindlichkeit und 
Contractihtät, aber es fand kein, Fortfchreiten der 
einzelnen Stücke Statt. Dagegen erfolgten die Be- 
■wegungen der Thiere, von denen ich Stücke dei; 
Strahlen genommen hatte, fehr regelmäfsig nach die- 
fer oder jener Seite , wiewohl langfamer , , weil fie ei- 
nen Theil der Bewegungsorgane verloren hatten. 
Trennte ich einen oder zwei Strahlen fo von den 
Thieren ab, dnfs der die Mundöffnung umgebende 
Nervenkranz zerfchnitten wurde, fo hörte das regel- 
mäfsige Fortichreiten der getrennten Thiere fogleich 
auf, wiewohl die Tentakeln noch viele Stunden nach 
der Trennung (ich' zufamirienzogen, wenn ich fie mit- 
tclft Icharfer Inltruniente otler durchs Befeuchten mit 



iH 



,r 



t^öiiTflSift Teizte. Sollte es nicht erlaubt feyn hiemus 
ä'eh Schlufs tu. ziehen , dafs der den Mund umgebende 
Nervenring der eigentliche Brennpunkt oder das Gen- 
fturt» der Senübilität- oder 'der Nerventhätigkeit der 
Seefterneift? 

Es iCt eine bekannte Sache, dafs die Seefterno 
tefldreh gegangene Strahlen regeneriren. Ich habe 
ilüter der fehr grofsen Anzahl voii Seefternen, welche 
ich' beobachtet und zergliedert habe, viele gefunden, 
welche einen oder zwei kleinere neu erzeugte Strah- 
len' hätten. Niemals jedoch war der kleinere regene- 
rirte Strahl von der Mundöffnung an neu erzeugt, 
fohdern immer erft in gröfserer oder kleinerer Ent- 
iittititi'^ von diefer. Diefe Erfcheinung hat gewifs nur 
äai'iQ ihren Grund, dafs Trennung der- Strahlen mit 
Zerfeiftung des Nervenrings den Brennpunkt des fen- 
fiblen Lebens aufhebt, und fomit auch die übrigen 
Actio'nen, die von diefem abhangen, nämlich freie Be- 
wegung, Aufnahme von Nahrung u. f. w., ohne 
welche dann auch das Regenerations- Vermögen auf- 
Ü^feA' mufs. 
■ Aus der Befchreibung des Nervenfyftems der 
Seefterne folgt, dafs diefes, fo weit wir es bis jetzt 
in den Thieren der niedern Klaffen erkannt haben, 
ein blofser, die Mundöffnung umgebender Ring ift, 
von dem die Nesrven ausftrahlen, ohne Ganglien und 
Anfchvvellungen zu befitzen. Diefer Ring findet 
fich nun conftant, fo viel mir bekannt ift, in allen 
übrigen Klaffen der wirbellofen Thiere, in den gerin- 
gelten Würmern, Mollusken, Infekten und Kruftaceen 



175 

wieder, als ein die Speiferöhre oder das AnfangsfUick 
des Dannkanals umgebendes Nervenband. Das Band 
aber wird, fo wie die aus demfelben ausftrahlenden 
Nerven durch Anfchwellüngen oder Ganglien gewei- 
gert, in gleichem Grad, wie fich die organifchen 
Svfteme, befonders die Sinnes- iind Bewegnngsorgane 
in den eben genannten Thieren vermehren und mehc 
ausgebildet hervortreten. Es würde leicht feyn , eine 
Parallelilirung zwifchen der fucceffiven Entwicklung 
und Steigerung des Nervenfyftems, und der Verviel- 
fältigung und Ausbildung der organifchen Syfteme ia 
den eben genannten Thieren anzuftellen, wenn dies 
nicht aufser der Gränze diefer Abhandlung läge. Ich 
kehre daher zu einigen andern fenfiblen Erfcheinun- 
gen der Seefterne zurück. 

Die Seefterne fcheinen auch Gefchmacks- Empfin- 
dungen zu haben. Dies vermuthe ich aus folgenden 
Beobachtungen. Wenn der in der Mitte des Körpers 
liegende Magen leer ift, welches man leicht von au- 
fsen erkennen kann , indem dann der obere und mitt- 
lere Theil des Körpers ganz flach und eingefenkt ift, 
fo ftillpen fie die kurze Speiieröhre und den untern 
Theil des Magens um, der in Geftalt einer weifsen 
und gefalteten Haut aus der Mundöffnung hervortritt. 
Mit diefem Theil des Magens fuchen fie im Fort- 
fchreiten ihre Nahrung auf, welche vorzüglich in Mol- 
lusken mit und ohne Gehäufen bul'teht. In di.iM Ma- 
gen der pomeranzfarbnen Seefterne habe ich Flügel- 
fchnecken, Bohrmufcheln, Meerzähno, Stachelfchne- 
cken, Hurzniuicheln, TelJinen , Dreieckmul'cheln und 



174 

Venusmufcheln gefunden, auch einmal einen Kleinen 
Seeigel und ein andermal einen kleinen Seeftern von 
der Art, welche man afterias equeftris nennt; danq. 
endlich einigemal kleine Fifche. Diefe Gegenftände 
ergreifen die Seefterne mittelft der Tentakeln und 
halten fie feft. Alsdann umfahren fie mit fler nach 
aufsen umgeftülpten Speiferohre und mit dem Magen 
die ergriffenen Gegenftände, und ziehen diefelben 
durch die Mundoffnung ein, wobei fich die Strahlen 
nach den Seiten hin ausdehnen um die Mundoffnung 
zu erweitern. Dies alles gefchieht mit der gröfsten 
Vorficht. Zu meinem grofsen Erftaunen habe ich 
einigemal bedeutend greise Stachelfchnecken (Murices) 
mit allen ihren fpitzigen Stacheln in dem Magen des 
pomeranzfarbenen Seefterns gefunden. Eine diefer 
Stachelfchnecken war zwei Zoll lang und einen hal- 
ben Zoll breit, demohngeachtet waren die zarten 
Wände des Magens nirgends durchbohrt oder verletzt. 
Die Umftülpung des Magens habe ich niemals bei 
denjenigen Seefternen beobachtet, deren Magen fchon 
angefüllt war. Die Anfüllung des Magens erkennt 
man leicht aus der Erhebung und Ausdehnung des 
obern und mittleren Theils der Haut, unter welchem 
der Magen liegt. Die weichen und auflösbaren Theile 
der durch den Mund aufgenommenen Mollusken, 
Seeigel, Seefterne und anderer Thiere werden im 
Magen aul'gelöft. Die unauflösbaren Theile aber, die 
Schalen, Gehäufe und Stacheln werden wieder durch 
die Mundoffnung ausgeworfen, weil die Seefterne 
keinen After haben. Da die Seefterne ihre Nahrung 



auffuchen und erkennen, fo läfst fich wohl nicht be- 
zweifeln, dafs Ce den Gelchinacksfinn befitzen, wel- 
cher in der zarten Speiferohre und in dem Magen 
feinen Sitz haben mag, weil fie mit diefen ihre Nah- 
rung erkennen , umfaffen und einziehen. 

Endlich fcheinen die Seefterne auch die Einwir- 
kung des Lichts zu fühlen , ohne Augen zu haben. 
Hierfür fpricht folgende Beobachtung : An einem 
Tifch,.der am Fenfter ftand, und worauf ich- zer- 
gliederte, befand fich eine flache Schüffei mit See- 
, waffer gefüllt, worin ich kleine Seefterne von der 
Art aflerias equeftris aufbewahrte; die Schüffei war 
zur Hälfte bei'chattet, und zur Hälfte von der Sonne 
beleuchtet. Zu meinem grofsen Erftaunen bewegten 
fich die Seefterne gegen den von der Sonne beleuch- 
teten Theil der Schüffei hin. Ich, drehte die Schüf- 
fei fo um, dafs die Seefterne in Schatten kamen, 
allein bald darauf begaben fich die Thiere abermals 
zu dem beleuchteten Theil. Läfst fich hieraus nicht 
eine Empfindlichkeit der Haut für den Ljchtreiz ver- 
mulhen? 

Ich fchliefse diefe Bemerkungen mit der Hoff- 
nung, dafs ich bald eine Gelegenheit finden werde, 
mein grofseres Werk über den Bau der fo merkwür- 
digen und noch fo wenig bekannten Seefterne, See- 
igel und Holothurien heraus zu geben. 



V6 



II. 

Einige Beme.rkungen 
über 

die Wirkungsärt 

und 

chemifche Zufammenretzung der Gifte. . 

Von 

Dr. Emmertf dem Aeltern. 







öcVion meine früheren Unterfuchungen über die Wir- 
kungsart der Gifte leiteten mich auf die zwei wich- 
tigen Refultate, dafs weder die Nerven, noch die eim 
laugenden Gefäfse Antheil an der Verbreitung ihrer 
fchädlichen Wirkung von den Theilen , an welche Ca 
applicirt worden , über den ganzen Körper nehmen, 
fondern dafs diefes durch unmittelbares Eindringen der-» 
felben in die Blutgefäfse und mit Hülfe des Kreislaufs 
durch directe Einwirkung auf das Rückenmark ge- 
fchieht, dafs fomit alle Vergiftungsfymptome blofse 
Folgen von der Affection des Rückenmarks und eben 
deswegen , etwa bis auf die Nervenzufälle , zu den ver- 
fchiedenen Arten von Vergiftungen nicht nothwendig 

find. 



177 

find. In neueren Zeiten habe ich vorzügL'ch mit der 
Anguftura virofa eine Reihe von Verfuchen ange- 
fteilt, welche diefes mit ailer Beftimmtheit ausfagen 
und noch überdies wenigftens einige nähere Auskunft 
über die Natur der vegetabililchen Gifte geben. Ehe 
ich diefe Verfuche hier ihreo Haaptrefultaten nach 
bekannt mache, bemerke ich zuvor, dafs fich die oft- 
indifche Anguftura gegen die einzelnen Theile des 
thierifchen Körpers ähnlich, wie die übrigen ftärkern 
Gifte verhält. Sie tödtet nämlich nicht allein von 
den Blutgefäfsen und den reichlich damit verfehenen 
Theilen aus, fondern auch von den Häuten, welche 
ihre gröfsern Stämme als eine dünne Schicht be- 
decken, wie dem Bauchfelle und den Pleuren, .wäh- 
rend fie von den Sehnen und Nerven keinen' folchen 
nachtheiligen Einflufs auf den Körper äufsert. Da- 
bey erregt fie befchwerliches, anfangs befchleunigtes 
Athmen, häufigen, krampfhaften Puls, vermintlerte 
Willkühr der Muskeln, befonders von den hintern 
Extremitäten, krampfhaftes Erftarren der Glieder, ein 
fchreckhaftes Wefen, gleichfam eine Art von Panta- 
phobie, oder einen hohen Grad von hyfterifchem Zu- 
ftand, welcher fich durch Zittern, ein der electrifchen 
Erfchntterung ähnliches Zucken und Zufammenfahren, 
vorzüglich längs der ganzen Wirbelfäule und Anfälle 
von Starrkrampf, meiftens in Geflalt von Üpiftho- 
tonus offenbart; Zufälle, weiche theils von ielbft, 
thcils auf jede Anftrengung und jeden unbedeutenden 
äoCsern Eindruck, wie z. B. leifes Geräufch, Berührung 
der Haare des Körpers durch eine Fliege u. f. w. eiiure- 
Af. d. ArMo. I. 2. M 



'tenv'fie tocitet meTftens in wenigen Minuten, felbft wenn 
man die Refpiraticm , welche in den Anfällen von Starr- 
krampf gänzlich unterdrückt und nach denfelben fehr 
^geftört ift, kiinftlich unterhält und hinterläCst in keinem 
Theile des. Körpers eine bemerkliche Veränderung. 
'• ' In meinen Verfuchen mit diefer Subftanz fand 
?ch nun 

i) dafs, wenn man das Decoct davon entweder 
ganz allein, oder in Verbindung mit Kali phlogiftica- 
tum auf die unverletzte Haut in fehr grofser Menge 
'•bringt, es durchaus keine Zufälle erregt, wievvohl der 
^Harn dadnvch die Eigenlchaft erhält, mit Eifenfalzen 
'itii erftern 'Falle einen duukelgriinen, uncl;im letztern 
"'^inen 'berlinerblauen Niederfchlag abzufetzen; 

a) dafs, wenn man die Aorta abdominalis un- 
lerliindet und in eine Wunde des einen Schen- 
kels Kali phlogifticatuni , in eine andere des 
-zweiten den bittern Anguftura- Abfud in reichlicher 
'Menge, und wiederholt applicirt , durchaus keine von 
'den erwähnten Vergiftungszufällen eintreten, wiewohl 
der nach der- Anbringung der Anguftura virofa und 
des blaiifauern Kali nbgefonderte Harn mit Eifenfalzen 
•vermifcht eine grofse Menge von Berlinerblau abfetzt. 
<' Hieraus folgt, dafs unter den angegebenen Um- 

ftänden jenes Gifl?in die einfaugenden Gefäfse wirk- 
lich aufgenommen, aber durch fie fo affimilirt wird, 
dafs es nicht mehr als folches wirkt: eine Erfchei- 
nung, welche ich bei 'allen in diefer Hinficht unter- 
fuchten Giften wahrgenoBimen habe. Ich möchte des- 
wegen als gemein fchaftlichen Character von den Gif- 



^ 179 

ten die Eigenrchaft aufftellen, mit Hülfe der Anzie- 
hungskraft von dem Blute die damit angefüJlten Ve- 
nen zu durchdringen, wenn üe nicht auch andern 
nicht giftigen , fogar unfchädlichen Materien , vfie /.. B, 
der atmosphärifchen Luft, zukäme und fie dagegen 
einigen andern Giften zu fehlen fchiene. 

Bei dem letztern Verfuche fcheinen mir noch 
zwei Urnftiinde bemerkenswerth : ijgmlich ' • ' 

a) dafs die Eiufaugung noch längere Zeit nach gänz- 
licher Unterbrechung des Kreislaufs fortdauerte. 

b) Dafs fich unter diefen Umftänden die Irritabili- 
tät der Muskeln und ein gewiffer Grad von Em- 
pfindlichkeit in diefen Organen und der Haut 
erhielt, ohngeachtet beide Schenkel bald nach 
Unterbindung der Aorta die Tempei-atur von 
13° R. des Zimmers annahmen. Noch auffal- 
lender war die Permanenz des Lebens in einem 
andern Verfuctie der Art, welchen ich mit der 

.Blaufäure anfteilte, denn hier kehrte, etwa 70 
Stunden nach gänzlicher Unterbrechung des 
Kreislaufs in den hintern Extremitäten, als ich 
• die ;Ligntur von der Aorta abdominalis wieder 
entfernte, die ^V'ärme allmuhlig in die Fiifse zu- 
rück, und etwa ^ Stunde nach Aufiöfung der 
Unterbindung ftellten fich alle Zufälle der Blau- 
fäure ein, welche ich einige Zeil vorher in eine 
Wunde des Schenkels gegofl'en hatte. 
Diefen Erfcheinungen nach kann man nicht an- 
ders, als eine belebende Ausftrömung von den Cen- 
tralpuiiclen des Nervenfyftems , namentlich von dem 



180 

Rückenmark, in die Organe annthmen , in welche ihre 
Nerven übergehen. 

Auf der andern Seite findet aber auch von fol- 
chen Theilen aus, welche bis auf den Zufammenhang 
ihrer Nerven mit dem Rückenmark von dem übrigen 
- Körper gänzlich getrennt find, noch eine Rückwirkung 
auf den übrigen Körper ftatt, weil nicht blofs Gifte, 
fondern alle andre Reize, welche man in folche, bis 
auf das Nervenfyftem vom übrigen Körper gänzlich 
iiblirte, Glieder bringt, den Tod diefer Thiere be- 
fchleunigt, ohne andre als die gewöhnlichen Reizzu- . 
fälle hervorzubringen. 

3) Fand ich in Anfehung des Einfluffes der Gifte 
auf das Rückenmark: 

a) dafs, wenn man das Lendenmark zu oberft zer- 
fchneidet, und in eine Wunde der hintern Ex- 
tremitäten das Anguitura - Abfud applicirt, die 
Hinterfüfse ebenfalls, aber nicht gleichzeitig mit 
dem vordem Theile des Körpers, fondern einige 
Zeit nachher, von der tetanifchen Erftarrung und 
Ausftreckung befallen wurden, 
i) Dafs, wenn man die MeduUa oblongata entweder 
völlig oder bis auf einen dünnen Markftreifen 
an jeder Seite derfelben in die Quere zerfchnei- 
det, die Refpiration kdnftlich unterhält und die 
bittre Anguftura, innerlich oder äufserlich, ap- 
plickt, fie ganz fo wie bei unverletztem Rü- 
ckenmark, nur mit dem Unterfchiede wirkt, dafs 
der Körper unendlich gröfsere Dolen davon ver- 
trägt und ihrer Wirkung Stundenlang wider- 



l'teht, wahrend er fonft von dem fechften bis ach- 
ten Theile des Giftes, felbft wenn man die Re» 
fpiration küofüich unterhält, in wenigen Minuten 
ftirbt. 
c) Endlich, dafs, wenn man nach Eintritt der Ver- 
giftungszufälle mit den eben(i) erwähnten Um- 
ftänden das Rückenmark zerftört, diefe Zu- 
fälle plötzlich verfchwinden, wiewohl die ent- 
blöfsten Carotiden noch 2 bis 3 Minuten hin- 
durch pulGren. 
Woraus fich nun wohl mit ziemlicher Gewifsheit 
ergiebt , daCs diefcs Gift wirklich das Rückenmark auf 
eine für den flbrigen Körper höchft nachtheilige Weife 
afficirt und hierdurch auf den übrigen Körper feinen 
zerfrörenden Einflufs äufsert. 

Bei diefen letztern Verfuchen zeigten fich folgende 
merkwürdige Erfcheinungen. Gleich nach Zerfchnei- 
dung des verlängerten Marks, unmittelbar unter dem 
Hinterhauptsbeine fterben das Auge und der gröfste 
Theil des Kopfes für immer, hingegen im übrigen 
Körper kehrte das Leben mit der Nachahmung der 
Refpiration zurück, und die äufserlich oder innerlich 
appÜcirte bittre Anguftura beförderte diefe Rückkehr 
des Lebens und fteigerte es offenbar. Bleibt auf jeder 
Seite des verlängerten Marks ein fchmaler Streif un- 
zertrennt, fo dafs dadurch die Verbindung des Gehirns, 
und Rückenmarks noch unterhalten wird, fo kehrt 
unter den eben erwähnten Umftänden ein höherer 
Grad von Leben zurUck, d. h. die Bewegungen des 
Rumpfes und feiner GUeder find lebhafter und fUr- 



18i2 

ker, und die Empfindlichkeit deffelben gröfser, als in 
dem Falle, wo die Medulla oblongata völlig zerfchnit- 
ten wird; auch ftellen fich alsdann Refpirations-Ver- 
fuche ein, nämlich ein periodifches Vorwärtsbeugen 
des Kopfes, ein Anfpannen der Bauchmuskeln und 
ein fchwaches Austreiben von Luft aus dem Munde. 
Einige Zeit nach der Application von der Anguftu- 
ra virofa entfteben auf gröbere und fchwächere Reize, 
fogar auf blofses Berühren der Haare Zuckungen und 
Starrkrämpfe, an denen aber der Kopf keinen andern 
Antheil nimmt, als dafs er durch die Nackenmuskeln 
rückwärts gezogen wird, und in einigen Füllen/ die 
Augenfpalte, wie auch die Pupille fich während des 
Opifthotonus zu erweitern fchien. Eben fo vermogte. 
kein Theil des Kopfes, felbft wenn man die ftärkften 
Reize an ilni applicirte, jene Zuckungen und Starr- 
krämpfe zu erwecken, als das äufsere Ohr und 
nach einigen Beobachtungen die Haut am Hinterhaupte. 
Alle Arten von mechanifcher Verletzung der Lippen, 
der Zunge und der Haut desGeßchtes, heftiges Prel- 
fen der Augen, Kitzeln in der Nafe, Applicirung von 
fchwefligten Dämpfen und cauftifchem Salmiakgeift an 
die innere Nafenhaut, heftiges Schreien, Annähern einer 
Flamme an das Auge, felbft Zerfchneiden der bei- 
den untern Aefte des Gefichtsnerven (N. durus) wa- 
ren unfähig, fowohi in diefen Organen felbft, als 
in dem übrigen Körper eine Reaction hervorzubrin- 
gen , wiewohl das Zerfchneiden des Gefichtsnerven 
Zuckungen der Lippen und Verletzung der Gefichts- 
muskeln - lebhafte Contractionen derfelben erregte. 



Dagegen veranlafste jede Reizung des Rumpfes und 
der Extremitäten, eben fü der äufsern Ohren, allge- 
meine Zuckungen und Krämpfe. Reizung der Haut 
war ungleich wirkfamer, als die der Muskeln, eben 
£o Reizung des Rumpfes und der Extremitäten , als 
die der Ohren , jene Zufälle zu wecken. Spricht 
diefes nicht für die Behauptung, dafs das Rücken- 
mark alle confenfuellen Erfcheinungen vermittelt? dafs 
der vom Rumpfe losgetrennte Kopf, (woin die Los- 
trennung dicht unter dem Hinterliaupt gefchähe, was 
freilich wohl feiten der Fall feyn möchte) der Em- 
pfindung und des Bewufstfeyns beraubt ift? Ferner, 
dafs der Impuls zum Alhmen unabhängig von dem ve- 
nüfen und arteriöfen Blute von dem verlängerten Pvii- 
ckenniark ausgeht? Endlich, dafs das Gehirn wenig 
oder keinen Antheil an Hervorbringung der Vergif- 
tungszufälle hat? 

In diefen Verfuchen zeigte fich übrigens gleich nach 
Trennung des verlängerten Rückenmarks die Stärke 
des Kreislaufs und der Bewegung des Herzens fehr 
vermindert, befonders in dem Falle, wo der Zufam- 
menhang des Gehirns und Rückenmarks gänzlich un- 
terbrochen wurde. Die entbldfsten Carotiden pulllr- 
ten zwar lebhaft, allein der Herzfchlag war nicht 
fühlbar, und wenn ein Arterienftamni zerfchnitten 
wurde, fo trieb er das Blut weder in der Menge, 
nocli auf die Entfernung hin, wie unter den gewöhn- 
lichen Umftänden, aus fich heraus, überdies hörte 
meiltens die Blutung auf, wenn man das zerfchnillene 
GefäCs einige Secunden lang mit den Fingern zul.un- 



184 — — — 

mendrückte. Die Umwandlung des venöfen Blutes in 
arteriöfes und des letztern in das erftere dauerte , wie 
bei der natürlichen Refpiration, fort, (fo weit fich die- 
fes aus der Farbe der Gefäfse und des aus ihnen her- 
ausgelaffenen Blutes beurtheilen läfst), ohngeachtet iie 
nicht mit Hülfe eines Blafebalgs , fondern durch Ein- 
blafen der Luft mit dem Munde und dem Tubulus 
nachgeahmt wurde. Die thierifche Wärme nahm ab, 
aber langfamer, als in Brodle's Verfuchen: in einem 
Falle nur um 3° R. in 74 Minuten, bei einer Stu- 
bentemperatur von i2-|° R. (Diefe Abweichung von 
den Beobachtungen von Brodle rührte wahrfcheinlich 
daher, dafs er fich in feinen Verfuchen zur künftlichen 
Unterhaltung des Athmens des Blafebalgs bediente). 
Allein diefe Verminderung der thierifchen Wärme be- 
rechtiget, wie ich glaube, uns nicht, eine unmittel- 
bare Abhängigkeit ihrer Erzeugung von dem Gehirne 
anzunehmen, weil unter den erwähnten Umftänden 
die Energie des Kreislaufs fichtbar gefchwächt war, 
und die künftliche Refpiration die natürliche nie 
völlig erfetzen kann , denn ich fand immer in den 
Leichen von den Thieren, deren Refpiration ich eine 
Zeitlang kUnftlich unterhalten hatte, die Lungen 
emphyfematös und mit ausgetretenem Blute infiltrirt, 
Ueberdies wurde unter jenen Umftänden wirklich 
Wärme erzeugt, fofern die des Körpers von diefen 
Thieren weder fo fchnell, noch fo beträchtlich ab- 
nahm, als in den hintern Extremitäten von den Ka- 
ninchen, denen die Aorta abdominalis unterbunden 
worden war. 



185 

In Anfehung des giftigen Bitterftoffs machte ich 
die Beobachtung, dafs, wenn man aiis der oftindifchen 
Angultura die ihr, mit den übrigen giftigen amaris 
genieinfchafthche Materie, welche mit den Eifenfalzen 
einen grünen Niederfchlag imd eine grüne Auflöfung 
giebt, herausfcheidet, üe ihre giftige Wirkung nicht 
verliert; ferner, dafs jener grüne Niederfchlag, wel- 
cher, wie das Berlinerblau, wirklich Eifen enthält, 
keinen nachtheihgen Einflufs auf den thierifchen Kör- 
per äufsert. Ohnftrcitig hat das Verhalten der bittern 
Gifte gegen Eifenfalze einige Aehnlichkeit mit dem 
der Blaufäure. Sollte nicht auch eine der Blaufäure 
ähnliche Verbindung den Grund der giftigen und 
bittern Eigenfchaftcn jener Materien enthalten? 

Die bittern Mandeln verdanken ihrem Blauffiure 
enthaltenden Oehle nicht allein die Giftigkeit, fondern 
auch Bitterkeit, denn mit Entziehung deffelben ver- 
lieren fie diefe beiilen characteriftifchen Eigenfchaften; 
ein bitterer Extractivftoff , welchen Herr Profeffor 
Pfaff in feiner vortrefflichen Materia medica ihnen 
zufchreibt, läfst fich daraus nicht abfcheiden. Auch 
find jene giftigen amara, ^ wie überhaupt die meiften 
vegetabilifchen Gifte) reich an Stickftoff. Zwar kann 
man aus <\iim grünen Niederfchlage, welchen der Auf- 
gufs und Abfud der bittern Anguftura mit den Eifen- 
fiilzen abfetzt, keine Blaufäure abfcheiden, allein 
die floffige Blaufäure ift ebenfalls von anderer Be- 
fchaffenheit als die im Kali phlogifticatum enthaltene, 
denn mit Eifenful/en giebt fie keinen berlinerblauen, 
fondera einen dunkelgrünen Niederfchlag und mit Kali 



185, . 

gemifcht verliert fie ihre giftigen Eigenfchaften nicht, 
während das Kali phlogifticatum , feJbft in den gröfs- 
ten'Dofen, keine Spur davon aufsert. Deswegen ift 
nun auch das Kali weder gegen Blaufiiure, noch 
gegen das ätherifche Oehl der bittern Mandeln, 
ctem Prunus Laurocerafus und Pr. Padus (welches 
wie die Blaufäure wirkt) Gegengift, wiewohl diefes 
fchon Schcaib und in neuern Zeiten wieder Ittner 
behauptet haben. Ueherdies erhält man ja durch 
Behandlung von thiariichen und diefen ähnlichen ve- 
getabilifchen Theilen, wie Indigo, einen bittern Kör- 
per, jenes höchft merkwürdige Amere von Welter 
(Annales de Cbimie T. XXIX.)- Da diefem verpuf- 
fenden Korper eine der Blaufäure ähnliche Mifchung 
zukömmt, fo war ich fehr begierig, feine Wirkung 
auf den thierifchen Körper zu prüfen. Zu diefem 
Ende gab ich kleine Quantitäten davon einigen Eidech- 
fen und Vögeln zu verfchlucken, und applicirte ihn 
auch diefen Thieren in Wunden : in beiden Fällen 
ftarben die Thiere in kurzer Zeit mit allen Zufällen 
der Anguftura virofa. 

Bemerkenswerth ift noch in diefer Hinficht, dafs 
die Krähenaugen, die Ignatiusbohnen und das Upas 
nicht allein in Aniehung des bittern Gefchmacks, fon- 
dern auch ihrer giftigen Wirkung mit der Anguftura 
völlig übereinftimmen ; ferner, daffelbe Pfeilgift (auch 
das Opium) bitter fchmecken — dafs nach den vor- 
trefflichen Unterfuchungen von Magen die und Delile 
in der Differtation des letztern zwar alle bitter fchme- 
ckenden Strychnos - Arten giftig fmd , aber die nicht 



— , ^ 187 

bittern , wie Str. Potatorum und Vontac imfchäcllich 
find. Ferner, clafs nach Lefchenaiih das Innre von 
der Wurzel des Strvchnos tieute gefchmacklos und 
ohne alle nnchtheilige Wirkung ift, während die 
aufsere bittere Rinde derfelben das heftigfte Upasgift 
giebt. Endlich find manche Sorten der Quaffia amara, 
namentlich folche, die mit Eifenfalzen einen ftahl- 
grauen Niederfchlag abfetzen , für Fliegen, Eidechfen 
und Vögel, gegen welche Thiere ich fie bisher allein 
verflicht habe, Gift. 

Noch füge ich diefem , wegen einer meiner frü- 
hem, in das Publicum gekommenen Anficht die Be- 
merkung bei, dafs in Anfehung der Wirkungsart der 
Gifte auf die einzelnen Theile des thierifchen Kör- 
pers doch eine Verfchietlenheit Statt zu finden fcheint, 
fofern ich in meinen bisherigen Verfuchen mit dem 
Stechapfel, tier Belladonna, dem Fingerhut, Giftlattig 
und dem Aconitum keine giftige Wirkimg wahrneh- 
men konnte, wenn ich fie äufserlich in Wunden, oder 
auch als CIvfticr beibrachte. 



188 



iir. 

Eine 

phyfiologifch ■ optifche Beobachtung. 

Von dem 

im Jahr 1814 verftorbenen. 

D o c t o r l e g e n s J. T. Sachs, 

ordentl. MitgUede der pbynkal. med. Societdt. 

Mirgetheilt 
vom Geh. Hofr. u. Prof. Harles. 



Unter die merkwürdigften , zugleich aber unter die 
am wenigften beachteten Varietäten und Abnormitäten 
des Gefichtsfinnes gehören wohl diejenigen, welche 
fich in der V\rahrnehmung der Farben gefehener äufse- 
rer Gegenftände zeigen. Nicht von den momentanen, 
durch äufsere oder innere Reize erzeugten , Farben- 
erfcheinungen (Augengefpenftern), noch weniger von 
den durch Trübung oder Färbung der durchfichtigen 
Häute und Feuchtigkeiten des Auges öfters entftehen- 
den farbigten Flecken vor den Augen, auch nicht von 
den aus ähnlicher Quelle entfpringenden Veränderun- 
gen des Farbtons des ganzen Gefichtsfeldes ift hier 
die Rede, fondern von den in dynamifchen Verhält- 
lüffen des Sehorgans begründeten permanenteren Ver- 



.~-— 189 

fchiedenheiten der Farbenempfindung, wfelcheein und 
flaffeJbe Object unter gleichen äufsern Umftänden bey 
verfchiedenen Menfchen, oder auch bey ein und dem- 
felben Menfchen zu verfchiedenen Zeiten erregt. 

So giebt es nicht wenige Menfchen , welche ge- 
wiffe Farben nicht von einander unterfcheiden kön- 
nen , oder wenigftens v nicht einen fo beträchtlichen 
Unterfchied , wie Andere, zwifchen denfelben finden. 

Diefe Erfcheinung kommt befonders auch als ein 
Symptom der Akvanoblepjle vor, d, h. derjenigen Be- 
£.;haffenheit des Sehorgans, bei welcher es alles B/ciu, 
fowohl an fich, als in der Vermifchung mit andern 
Farben nicht, oder nicht als Blau, wahrnimmt, fo 
dafs ihm ftatt des reinen Blau eine Art von Roth oder 
(wenn ich blofs auf eine theoretifche Anficht hin eine 
Vermuthung wagen darf) vielleicht vielmehr ein Grau, 
als blofser Ausdruck des cy.n^ü, was im Blauen ift, 
in dem Violetten nur das Kothe, in dem Grünen 
nur das Gelbe erfcheint. Solche Augen fcheinen über- 
haupt für dj-n Pol der Farbenpolarität, welcher in 
der blauen Farbenreihe, oder beffer auf der blauen 
Seite des Farbenkreifes herrfcht, in gewiffem Grade, 
oder auch abfolut, unempfindlich zu feyn; und ilie 
■Erwägung des Umftandes, dafs die Akyanoblepfie 
meift mit einiger Schwäche des Auges verbunden ift, 
dürfte vielleicht zur Entfcheidung der Frage, ob der 
blaue Pol als der pofitive oder negative zu betrachten 
fey, etwas beitragen. 

Manche Mtnfchen, die, bei etwas fchwacher Sei»,- 
kraft, die Formen der Gegenltinde ganz deutlicii leben. 



490 — 

find ddbey doch beinahe oder'gänzlibh unfähig, die 
Farben derfelben anders als in Rückficht ihrer ver- 
hältnifsmäfsigen Heiligkeit oder Dunkelheit zu unter- 
fcheiden^ fo dafs .ihnen alle Oegenftiinde nur wie mit 
Tufche gezeichnet erfcheinen. Solche JVIenfchen fchei- 
nen zwar das quanntaiive Verhältnifs der beiden jede 
Farbe producirenden Factoren, des Lichts und der Fin- 
fternifs, keineswegs aber das qualitative , zni vitichein 
der polare Gegenfatz des Gelben und Blauen beruht, 
und welcher-. die Farbe erft vollendet, zu empfinden. 

Diefe Abweichungen des Sehorgans find ohne Zwei- 
fel häufiger als man glaubt, und aufser ihnen kom- 
men wahrfcheinlich manche andere öfter vor. Einige 
Erfcheiniingea bey hj-pochondrifchen und hyfterifchea " 
Menfchen dürften wohl zu ihnen gerechnet \yerden. 
Meiitens aber fcheinen fie auf eine urfprüngliche per- 
mauente Befchaffenheit des Sehorgans begründet, den, 
an welchem fi«? fich finden, durch das ganze Leben Z|ij 
begleiten und. da diefer, indem er nicht weifs, wie 
die Farben Andern erfcheinen, nie, oder nur durch 
gewiff« begünftigende Umftände, die nicht gar häufig 
zufammentreffen ,» ' die Verfchiedenheit feiner Empfin- 
dung voll der der andern Menfchen gewahr wird, 
fo wird es erklärlich, warum man fo wenige Beobr 
achtungen von diefen Abweichungen hat. Diefe könr 
nen, wie diefes manche beobachtete Fälle wirkhch 
zeigen, mit einer übrigens ganz fehlerfreien Befchaf- 
fenheit des Auges und des ganzen Körpers beftehen, ■. 
auch, an fich betrachtet, noch innerhalb der Gränze 
des gefunden Zuftandes ihren Platz finden, wo ile dann 



fchwerer wahrgenommen werden. .Ueberhaupt kön- 
nen wir nicht wiffen, ob eine und diefelbe Farbe bei 
lins Allen auf einerlei Weife gefehen wird. Es ift 
ja wohl ausgemacht, dafs alle Erfcheinungen , welche 
uns die finnlichen Gegenftande darbieten , nicht blo^s 
von einer einfeitigen Einwirkung der Objecte auf blofs 
leiilend lieh verhaltende Sinnorgane abhängen, fandern 
von der Einwirkung der Objecte auf den empfinden- 
den Organismus und von der ihr entgegenkoinmendeil 
Seibftthätigkeit des letztern gemeinfchaftlich, wie. von 
zwei Factoren, hervorgebracht werden. Es wird deui- 
nach, auch wenn der objective Factor einer und der- 
felbe bleibt, bei Verfchiedenheit oder Veränderung 
des fubjectiven Factors die Erfcheinuiig,- die aus der 
Wechfel Wirkung beider hervorgeht, verfchieden aus- 
fallen. So kann ein und daffelbe Naturding, fo kön- 
■nen mehrere Naturdinge, in denen die Befchaffenheit, 
welche tias objective. Cauffalmoment ihrer Farbe ent- 
hält, diefelbe ift, in den Augen verfchiedener Perfo- 
nen verfchiedene Empfindungen von Farbe hervorbrin- 
gen. Und da dies im ganzen bei allen Naturdingen 
in einerlei Verhühniffe gefchehen mufs,; fo bleibt das 
•Verhältnifs der Farben unter einander daffelbe, die 
Farl)e, welche zu den übrigen einerlei Verhältniffe 
■2eigt , werden wir alle mit einerlei Namen ; belegen, 
obgleich jeder von uns vielleicht eine andere Vorftel- 
lung von ihr hat. Aber auch da,, wo das Verhält- 
nifs der Farben unter einander, fo wie fie verfchie- 
denen Individuen erfcheinen, ein verfchiedenes ift, 
wo nur eine oder nur einige Farben dem Einen anders 



erfoheinen als den Uebrigen, wird der gradus und mo- 
dus des Unterfchiedes fcluver genau zu beftimnien 
fayn , weil den Individuen , die ihre Farbenempfindun- 
gen mit einander vergleichen wollen , ein gemeinfchaft- 
licher Maasftab dazu durchaus fehlt. 

Es wäre meines Erachtens wohl der Mühe wertli, 
und konnte für die Optik fowohl als für die Phyfio- 
logie und Patliologie des menfchlichen Auges fehr 
erfpriefslich werden, wenn die Verfchiedenheit , in 
welcher den Menfchen einerlei Farben erfcheinen, von 
Naturforfchern und Aerzten mehr, als bisher gefche- 
hen, beachtet und forgfältiger iinterfucht würde. 
Die Gelegenheit zu folchen Beobachtungen dürfte wohl 
dem, der fie auffuchte, häufiger, als man glaubt, ent- 
gegen kommen. Indeffen bleibt es doch aus den oben ' 
angeführten Gründen immer fchwer, folche Beobach- 
tungen in hinlänglicher Menge rein und genau genug 
aufzufaffen, das Beobachtete zu vergleichen, und ohne 
Gefahr eines Mifsverftändniffes mitzutheilen , noch 
fchwerer aber mit den Unterfuchungen über dielea ' 
Gegenftand ins Allgemeine zu gehen. 

Ich erlaube mir, dem Publicum eine Beobach- 
tung mitzutheilen, welche hierher zu gehören fcheint, 
jedoch etwas an fich hat, weshalb man diefes bezwei- 
feln könnte und flberlaff« das Urtheil hierüber den 
Phyfiologen. 

Es ift bekannt, dafs, wenn Licht und Schatten 
neben einander durch ein Glasprisma (oder ein ande- 
res nicht paralleles Mittel) fallen, oder ein dunkles und 
ein heiles ßild, (z. B. ein Fenfterftab und der Himmel • 

vom 



193 

vom Innern des Zimmers aus) nebeneinander durch 
ein folches betrachtet werden , an der Gränze zwjfchen 
Licht und Schatten', oder zwifchen dem hellen und 
dunkeln Bilde, wenn lie nicht auf der Axe des Pris- 
nia fenkrecht ift, eine farbige Erfcheinung entfteht. 
Und zwar kommt in dem erften F'alle, den wir mit 
den ueuern Optikern den objectiven nennen wollen, 
da, wo der Schatten gegen den brechenden Winkel, 
das Licht gegen die diefem Winkel gegeniiberftehende 
Fläche des Prisma zu liegen kommt ( bei der gewöhn- 
lichen Lage des Prisma an der untern Gränze des 
Lichtes) ein gelber, da hingegen, wo das Licht ge'gen 
den brechentlen Winkel, der Schatten gegen die die- 
fem gegeniiberftehende Fläche des Prisma liegt (ge- 
wöhnlich an der obern Gränze des Lichtes) ein blauer 
Rand vor. In dem zweiton Falle, den man den ßibjec- 
tiveii nennt, ift dies umgekehrt. In dem gelben Rande 
unterfcheiden die Phyfiker zwei in einander überflief- 
fende Farben: gelb und (gelb) roth , oder drei: 
gflb, orange und (gelb-) roih, in dem blauen eben- 
falls zwei: bluu und vio/ec, oder drei: azur, indigo 
und violft. Wenn ein gelber und ein blauer Rjnd 
einander fo nahe kommen, dafs das (eigentliche) Gelb 
des einen und das Azur des andern fich decken, er- 
fcheint an der Stelle diefer Vereinigung Grün; fo wie, 
wenn beiderlei Ränder auf der andern Seite mit ihrem 
Roth und Violet in einander tibergreifen, dar Purpur 
fich zeiget. So werden die Farben des Prisma (nur 
mit Ausnahme des Purpurs, deffen einige nicht er- 
wähnen) fo viel mir bekannt, o/Z^'^Tna« angegeben. 

Af, d. Archiv l. 2. N 



194 

Es war mir daher feit der Zeit, da ich anfing, 
mich ernfthaft mit optifchen Verfuchen zu befchafti- 
gen, auffallend, dafs ich in dem prismatifchen Farben- 
bild und auch fonft, wo Farben durcli Refraclion er- 
fchienen, nie ein reines Azur, fondern imhier ftatt 
deffen ein entfchiedenes Blaiigrüii zu fehen bekam, 
und zwar im objectiveu fowohl, als im fubjectiven 
Fall. 

Diefes Blaugriin nähert fich auf der Seite gegen 
das Violette hin allmählig dem Blau, und zwar einem 
etwas dunklerem Blau. Dies zeigt fich befonders in 
dem objectiven Fall, wenn der blaue und rothe Rand 
eines Lichtftreifens von beirüchtücher Breite zum In- 
einandergreifen gebracht werden, welches hier nur in 
einer bedeutenden Entfernung der auffangenden Flache 
vom Prisma möglich ift , bei welcher zugleich die far- 
bigen Ränder fehr breit, und dadurch zur Unterfchei- 
dung der verfchiedenen Nuancen ihrer Farben taug- 
licher werden. Nachdem hier der mehr ins Grüne 
fallende Theil jenes Blaugrüns, welches ich ftatt des 
von andern an deffen Stelle beobachteten Azurs fehe, 
von dem (eigentlichen) Gelb des gegenüberftehenden 
gelben Randes gedeckt und fo zur Erzeugung des ge- 
wöhnlichen, bekannten, prismatil'chen Grüns ver- 
wandt worden, crfcheint der übrige Theil deffelben 
dem Atüi ähnlicher, und ift vielmehr ein Grünblau 
als ein Blaugriin zu nennen. 

Um zu fehen, wie viel etwa die Nachbarfchaft 
des von Gelb und Azur erzeugten reinen, lebhaften 
Grüns etwas dazu beitrage, den grünen Schein des 



195 

tiberWeibencfen Azurs zu fchwiichen, verdeckte ich 
das reine Grün mit der vor das Auge gehaltenen 
Hand : aber das Grünblau biieb unverändert. 

Diefes Grünblau geht, immer dunkler werdend, 
in allen Fällen faft unmittelbar in das Violette über: 
fo dafs ich auch das Indigo, wenn man darunter 
nicht Rothblau, fondern ein indifferentes, d. i. weder 
gegen Grün noch gegen (Purpur-) Roth fioh hinnei- 
gendes Dunkelblau verfteht, nicht, oder wenigftens 
nicht deutlich, beflimmt und unbezweifeJt, am aller- 
wenigften in einer beträchtlichen Breite, im prisma- 
tifchen Farbenbilde wahrnehme. 

Man könnte mir den Einwurf machen: das Blau- 
gtüa und Grünblau, was ich ftatt des Azurs, fehe, 
fev der Vermifchung des reinen Azurs, mit dem Gelb 
eines etwas blafsgelben Farbcurandes, der im objecti- 
ven Falle durch ungleiche Durchfichtigkeit des Pris- 
ma oder der andern Medien, durch welche der Licht- 
ftreif gefallen, im fubjpcüveri durch ungleiche Hel- 
ligkeit und Färbung des betrachteten hellen Bildes in 
der Nähe des beobachteten blauen Farbenrandes, ohne 
dafs ich es gewahr geworden , entftanden feyn konnte, 
2uzufchreiben. Im objectiven Falle konnte ich ziwar 
folche Nebenränder nie ganz vermeiden, da es mir 
noch nicht gelungen ift, eines vollkommen reinen 
Glasprjsma's habhaft zu werden (das grofse Waffcr- , 
prisma, deffen ich mich bei einigen Verfüchen bediente, 
ift zwar von Blafen und Streifen ziemlicli frei, aljcr 
wegen eines unten anzuführeixlea Umftandcs etwas 

N 2 



196 

verdächtig): es zeigte fich aber da, wo diefelben ihr 
Gelb mit dem von andern beobachteten Azur (oder 
meinem Blaugrün) des blauen Randes vejmifchten, 
nur das gewöhnliche, reliiu , indifferente prismatifche 
Grün, das zwar blaffer war, als wo es durch die Zu- 
fammenkunft hochgefärbter Hauptränder entfteht, aber 
von dem mehrerwähnten Blaugrün fich deutlich und 
beftimmt, nicht blofs feiner Helligkeit, fonelern auch' 
(lern Modus feiner Farbe nach, unterfchied. Eben 
diefs beobachtete ich, wenn im fubjectiven Falle gelbe 
Nebenränder dem blauen Räude zu nahe kommen, 
welches ich aber hiur vollkommen zu vermeiden oft 
genug in meiner Gewalt hatte. Im Gegentheil er-' 
fchien hier das Blaugrün nie entfchiedener und fchö- 
ner, als wenn ich die Fenftcrftäbe vor einem ganz 
gleichförmig grauem Himmel durch das Prisma be- 
trachtete. 

Auch vor dem Einwurfe: dafs vielleicht grüne 
Farbe des Prisma felbft das Blau in das Grüne hin- 
über gezogen habe, fühle ich mich ficher. Denn ob- 
gleich eins von den von mir bei diefen Verfuchen. 
gebrauchten GJasprismen eine grünliche, das oben er- 
wähnte Wafferprisma fogar eine gelbgrüne Farbe hat,. 
fo hatte ich doch Gelegenheit genug, den Veifuch 
mit ganz farbenlofen Prismen und andern hierzu brauch- 
baren gelchliffenen Gläi'ern zu machen, wo es denn 
imm^r die oben befchrjebenen Erfolge gab. Und felbft 
durch jene grünen Prismen erfchien mein Blaugrün 
immer deutlich von dem andern, allgemein aner- 
kannten, Grün verfchieden. 



-197 

Ueberhaupt aber glaube ich mich durch die con- 
ftante Identität des befchriebenen Erfolgs bei den un- 
zähligen Verfuchen, welche ich bald abfichtlich zur 
Prüfung deffelben , bald zu andern Zwecken unter 
den verfchiedenften Bedingungen und Umftänden an- 
geftellt habe, vor aller Täufchung in diefer Sache 
hinlänghch gefiebert halten zu dürfen. 

Wenn nicht diefe Erzählung felbft fchon eine 
Kenntnifs des Unterfchiedes zwifchen Azur und Blau- 
grün bei mir vorausfetzte, fo foUte man nach derfel- 
ben wohl glauben: dafs ich überhaupt alles, was An- 
dere Azurfarben nennen, blaugrün fehe. Aber das 
ift eben das Sonderbare, dafs diefes, fo viel ich bis- 
her bemerken konnte, nur bei dem dioptrifchen Blau 
der Fall ift, dafs ich die befagten Farben, wo fie (als 
chemifche Farben nach Götlie) permanent an der Ober- 
fläche der Körper haften , fo deutlich , beftimmt und 
leicht von einander unterfcheide , dafs ich mir es gar 
nicht möglich denken kann, fie mit einander zu ver- 
vvechfeln , es mofste denn bei Kerzen- oder Lampen- 
lichte gefchehen, welches alles Blau leicht etwas in 
das Grüne herüber zieht, und überhaupt dem Aug« 
die Unterfcheidung zwifchen nahverwandten Farben 
erfchwert '). Auch in der Wahrnehmung und Un- 



l) Ob ich auch unter den katoptrifchen , paroptrifcben und epop- 
trifcjhen Farben Grünblau oder Blaugriin ftactBlau fehe, darauf 
habe ich noch nicht geachtet, auch wird hierüber, wegen det 
geringen Breite, in welcher hier alle Farben meiXteni erfeliei- 
ncn , ftinverer , als bei den dioptrilclien Farben eine befliuunw 
Bitobachiuug zu machea feyn. 



198 

terfcbeidung der Gbrigen Farben konnte ich bisher 
keine Abweichung von andern Menfcheh bei mir 
beobachten. 

Eben der Umftand , dafs mir der Azur nur unter 

einer gewilfen objectiveii Bedingung als Blaugrün und 

Grünblau erfcheint, hat in mir den fchon oben ge« 

äufserten Zweifel erregt, ob dies wirklich in einer 

befondern Befchaffenheit meines Gefichtsorgans feinen 

Grund finde; und ich würde auch nicht einen Augeix- 

blick diefem letztern Gedanken Platz gegönnt haben, 

wenn ich mir es möglich hätte denken können , dafs 

fo viele forgfältige Beobachter , welche die dioptrifchen 

Farben fchon betrachtet und unterfucht haben, eine 

Erfcheinung, welche, unter äufsern Bedingungen, die 

(weil fie doch meine Verfuche beftändig begleiteten) 

häufig genug eintreten muffen, bei folchen Befchäfti- 

gungen einem Jeden fich zeigen könnte, Such nicht 

einmal feilten bemerkt, oder, wenn fie fie bemerkt 

hätten, nicht follten aufgezeichnet; oder dafs alle 

Optiker fich mit einander foLlten verfchworen haben, 

das, was fie wirklich blaugrün fahen, azurfarb zu nen> 

nen. Und wäre auch der Grund jener Erfcheinung 

rein objectiv, und wäre ihrer, ohne dafs ichs wüfste, 

in den optifchen Schriften irgend Erwähnung gethan, 

fo fcheint fie mir doch auch in diefem Falle würdig, 

mehr beachtet zu werden, als es gefchehen ift, und 

wäre es auch nur zur Beftimmung der beftändisjen 

und veränderlichen in den dioptrifchen Farbenerfchei- 

nungen oder zur mehrerer Feftftellung der Farben« 

nomenclatur. 



199 

Wenn aber gleich nicht zu verkennen ift, dafs 
die befchriebene Abweichung von der gewohnlichen 
Erfcheinung der dioptrifclien Farben eine objective 
Uf fache habe, fo fchliefst doch diefe die Mitwirkung 
einer fubjectiven, im Sehorgane des Beobachters lie- 
genden Urfache, keineswegs aus. 

Wenn man fich das Verhältnifs der letztern zu 
der erftern fo denkt, wie das einer prädisponirenden 
^u einer Gelegenheitsurfache, fo begreift fichs leicht, 
warum, ungeachtet die Eefchaffenheit des individuellen 
Sehorgans, welche die fubjective Urfache davon ent- 
hält, in einem Individuum beftändig vorhanden ift, 
daffelbe doch nicht immer Blaugrün ftatt Azurblau 
fieht, fondern nur dann, wenn die objective Urfache, 
die in einer Eigenthiinilichkeit der Eni ftehungs weife 
der dioptrifchen Farben (zweiten Klaffe, nacli Göthe} 
liegen mag, dazu kommt. 

Man iieht , dafs , um mit diefer Sache mehr ins 
Reine zu kommen, zahlreiche vergleichende Verfucho 
mit andern Menfchen erforderlich wären. Mit eini- 
gen Menfchen habe ich folche bereits vor Ihngere»: 
Zeit angefiellt, und bedaure nur, dufs ich tlie Reful- 
late davon nicht fogleich aufgezeichnet habe, unil mein 
Gedüchtnifs mein Vertrauen hier getäufcht hat. In 
meinen Papieren über Optik finde ich blofs die gele- 
genheitliche unbeftimmte Bemerkung: dais_ aufser mir 
auch Andere ftatt Blau blaugrün gefchen haben. Kürz- 
lich habe ich die Verfucho mit mehrerer und müg- 
lichft grufscr Sorgfalt mit einigen meiner Bekannten 
wiederholt. Diefe faben Jeu Azur m«, jedoch im 



200 

objectiven Fall zwifchen diefem und dem übrig geblie- 
benen Weifs des Lichtftreifens etwas weniges reines, 
indifferentes Grün, welches ohne Zweifel durch die 
oben von der Unreinheit des Prisma abgeleiteten far- 
bigen Nebenränder entftanden war. Nur Einer von 
ihnen fah im objectiven Falle den Azur blaugrün oder 
grünblau, und im fubjectiven äufserte er auf meine 
wiederholten Fragen: was er am blauen Rande fehe; 
dafs er nicht wiffe, ob er die Farbe deffelben blau 
oder grün nennen folle, wie er denn überhaupt die 
benachbarten Farben des Farbengefpenftes fchwerer, 
als ich und Andere zu unterfcheiden fehlen. Ich ge- 
denke diefe vergleichenden Verfuche gelegentlich fort- 
zufetzen, befonders auch fie mit meiner jüngfteii 
Schwefter, der Albine, voi-zunehmen , um auszumit- 
teln, ob die fubjective Urfache der hier befchriebenen 
Abweichung etwa mit dem Mangel an Pigment oder 
einer andern Eigenthümlichkeit des albinifchen Auges 
in Zufammenhang ftehe '). 



l) Leider hat ein früher und unverrnntheter am f. hnjus eines 
typliös- entzündlichen Fiebers, in Folge einer heftigen Erkäl- 
tung bei erhitztem Körper, erfolgter Tod des Verfaffers die 
Ausführung diefer Vorfätze vereitelt, und iiberlia pt mehrere 
Früchte phyfiologifcher und mathematifch - phyfikalifcher Ar- 
beiten , die von den Talenten und dem Fleifs dlefes trefflichen 
und auch als Menfch liebenswerthen jungen Mannes zu er^var- 
ten waren . mit ins Grab genommen. Der verftorbene Sacht, 
in Kärnthen geboren (feine Eltern waren jedoch aus dem Bai- 
reuthLfchen"^, war ein voUkommner -^/^tifio oder Lencaethiops ge- 
wefen mit ganz rother (von der Seite angefehen melir ins Blaue 
oder vielmehr Violette fpielender) Iris, und beftändig zittern- 
der Bewegung derfelben, fo wie des Augapfels, mit lichtfcheue 
Nyktalopie, dann mit ganz weifsen feidenaxtigen Haaren und 



^ 201 

einer fclineeweilsen Farbe und fammtartigan Weichheit der 
Hautdecken. Merkwürdig \Viir es, dafs er und eine jüngere 
(noch lebende) Schwefter die beiden einzigen Albinos in einer 
ramilie waren, deren Vater, Mutter und die übrigen drei Kin- 
der duroh Farbe der Augen, Haare und der Haue zu den ent- 
fchi- denen Brünetten gehör'-n. Der feiige Vac/u hat eine äufserft 
genaue und intereffanteBefchreibung von fich undfeinerSch^ve- 
fter, die befondcrs in Bezug auf die ungemein genau detaillir- 
ten optifhen VerhältniCfe der Leucaethinpen zu andern Men- 
fchen fehr l hrr^ich ift, in feiner Inaugural -Differtatlon : Hi- 
fcoria Duorum Leucaethiopum, auctoris ipiius, et fororis ejus, 
(^auch als befondere Schritt in de« Buchhandel gekommen, Sulz- 
bach 1812) gt-geben, in welclier rr den Reichthiim feiner opti- 
fchen Kenntnifle rühmlich beurkundete. Auffallend war es, 
.ddfs diefer Albino, der bei Tage nur mit halbverfchloffenenj 
blinzelnden und beft^ndig hin und her rollenden Augen Perfo- 
nen und andere Gegenftände anfehen konnte, in fternenhelleu 
Nächten ohne alle Angenbefch^v^rden und olme beträchtliches 
Zittern und Bewegung der Augen fov/ohl ohne Glas als auch 
durch rernröhre die Geftirne beobachten, und felbft in der 
Aftronomie und Aftrognofie, mit der er fich mit befonderer 
Vorliebe befohäftigte, praktifchen Unterricht beim fogenanncea 
rceiUtim Gehen ertheilen konnte. 

Harlesy D. 



9Ö2: 



IV. 
Bemerkungen 

über 

einige Gegenftände 

der 

t h i e r i f c h e n Chemie, 

Von 

Tit. Sigwart zu Tübingea. 



Jöei meinen chemifchen Unterfuchungen , welche ich 
bei Gelegenheit meiner Vorlefungen anftelle, bin ich 
auf i\efultate gekommen, welche, wie ich glaube, für 
phyfiologifclie Unterfuchungen von einiger Wichtigkeit 
Avercicn können , und die ich deshalb dem Publicum 
verlegen zu dürfen glaube. 

Für diesmal einige Bemerkungen , welche das 
llefultat einer Unterluchung des Bluts find, wozp ich 
inich des Bluts von Ochfen, von Menfchen und von 
Hühnern, endlich des Eiweifses aus Hühnereiern zur 
Vergleichung mit ilem Blutvvaffer von ebendenfelben 
Thieren bediente. Aufser dem rothen eiweifsftoff- 
artigen Pigment fand ich zwei extractivftoffartige Pig- 
mente in Awii Blut, ein braunes, grün abfärbendes, 
von einem eigenen, hinten nach bittern Gefchmack, 



1 



^ 203 

im Blulkuchen; und ein gelbes im Blutwaffer, das 
cteiiifelben die gelbe Farbe ertheilt. Beide werden vom 
Alkohol aufgelöft und vom Gerbeftoff gefüllt. Die 
braune Subftanz zieht, die Feuchtigkeit aus- der Luft 
an, was vielleicht nicht fowohl vom Pigment felbft, 
als von beigeniifchten Salzen herrührt; nach dem Ver- 
dampfen des Alkohols, wodurch man fie aufgelöft 
hat, ftellt fie eine glänzende, harzähnliche Maffe.dar, 
die aber im Waöer vollkommen wieder auflöslich ift, 
Sie ift in der aus dem durch Wärme, im Wafferbad, 
geronnenen rothen Theil des Blutkuc^ens, aiisgeprefs- 
ten Flüifigkeit fchon ganz ihren ausgezeichneten Ei- 
gcnfchaften nach vorhanden , und kann aus derfelben 
nach Verdampfung der wäfferigten Theile durch blo- 
fses Schütteln mit kaltem Alkohol erhalten werden. 
Eben fo verhält fich die gelbe Subftanz im Blutwaffer, 
fie ift in der aus dem geronnenen Serum ausgeprefs- 
tcn Flüffigkeit enthalten, und durch Auskochen des 
Geronnenen mit Waffer kann fie vollends gänzlich da- 
von ubgefoiidert werden, fo dafs die letzte Spur der 
gelblichen Farbe deffelben verloren geht. Sie wird 
voirt kalten Alkohol- rieht fo leicht ausgezogen , als 
die braune Suiiftanz, und wenn man fie nach dem 
Vordampfen des Alkohols mit Waffer vermifcht, fo 
bildet fie mit demfelbcn eine milchigte Flüffigkeit; 
diefe Charaktere fcheinen indefl'en von der Beimifchung 
einer feltwachsartigen iMaterie herzukommen, die mau 
durch Gryftallifation abfondcrn kann. Diefe Materie 
fclieidct fich aus der alkoholii'chen Auflofung nach 
tlom Erkalten in Geftalt feiner, wcifscr, fetlglänzen- 



t04 — 

der Nadeln aus ; überdies enthält diefe gelbe Subftanz 
wahifcheinlich noch einiges im Alkol«3l auflösliches 
Salz, von welchem fie zu trennen eben fo fchwierig 
feyn würde, als bekanntlich es fchwierig ift, dea 
Harnftoff von allen Salzen frei darzuftellen. Man 
könnte zwar leicht den Extractivftoff von den Salzen 
trennen, durch Niederfchlagung mit Gerbeftoff, aber 
nicht umgekehrt. Nach Abfonderung des gelben Ex- 
tractivftoffs und der fettwachsartigen Materie entdeckte 
ich in dem Rückftand der Serofität eine gallertartige 
Materie, die in Alkohol und kaltem Waffer unauf- 
löslich ift, vom kochenden Waffer aber aufgelöft, 
tom Gerbeftoff gefällt wird. Endlich enthält die aus 
dem geronnenen Serum ausgeprefste Flüffigkeit noch 
eine eigene thierifche Subftanz, welche beim Erhitzen 
derfelben nicht coagulirt, aber beim Verdampfen der- 
felben Häute bildet, und welche, nach Abfonderung 
der im Waffer und Alkohol auflöslichen Stoffe in die- 
fe'n beiden Flüffigkeiten ganz unauflöslich ift. Diefe 
Subftanz fcheint eben fo eigenthiimüch zu feyn, als 
der Faferftoff, der Eiweifsftoff und der rothe Stoff 
des Bluts, es felilt aber noch an hinlätiglichen Ver- 
fuchen zu einer unterfcheidenden Charakteriftik der- 
felben. Es fcheint übrigens nach dem, was ich bis- 
her vom Blut angeführt habe, das etwas Analoges 
von allen den Stoffen, welche verfchiedene fefte und 
flüffige Theile imfers Körpers auszeichnen , im Blut 
vorhanden fey. Analoge von Gallenftoff, Harnftoff, 
Fett, Gallert und Schleim. Ob aber diefe verfchie- 
denen Subftanzen in dem Blutfyftem felbft erzeugt 



205 

werden , oder aus den verfchiedenen Theilen des Kör- 
pers zurückgeführt werden, darüber dürfte wohl eine 
chemifche Unterfuchung des lytnphatifchen Syftems 
Auffchlufs geben. Die erftere V^orausfetzung fcheint 
jiideffen, wenigftens zum Theil, die richtigere zu feyn, 
weil die Analoga im BJut mehr den Charakter un- 
zerfetzter thierifcher Materien an fich tragen , als die 
fecernirten Materien. Man könnte auch glauben , jene 
Materien feven blofs in unferem chemifchen Prozefs, 
aus den längft bekannten Beftandtheilen des Bluts er- 
zeugt worden, das wäre fehr interel'fant, weil wir 
alsdann Hoffnung hätten , die Productionsweife der 
Narur felbft auszuforfchen; allein unl'ere Verfuche be- 
rechtigen uns noch wenig zu diefer Hoffnung, denn 
wenn jene Materien auf die angezeigte Weife einmal 
aus dem Blut abgefchieden find , fo ift es durchaus 
unmöglich, wenigftens auf dem nämlichen Wege, fie 
aus dem Eiweifsftoff , dem Faferftoff oder dem rothen 
Stoff des Bluts felbft zu erzeugen. Dies gilt nicht 
allein von dem braunen und gelben Extractivftoff, 
fondern auch von der fettwachsartigen Materie, von 
welcher Herr Prof. BerzeUiis behauptete , dafs fie fich 
aus jenen Stoffen durch Alkohol erzeugen laffe. 
Man mufs diefe Behauptung in Zweifel ziehen , wenn 
gefunden ift, dafs von Natur fchon ähnliche Materien 
mit jenen Stoffen verbunden find. Dies kommt mir 
aber fehr wahrfcheinlich vor, weil ich aus Eiweifsltoff 
lind Faferftoff, die ich mit kaltem defoliirten Walfer 
£ehr lange ausgewafchen, dann fechs Stunden lang 
mit deftillirtem Walfer ausgekocht halte, durcli drei- 



ftündiges Kochen mit Alkohol von einem fpecififchea 
Gewicht r=: 0,8 lo keine Spur einer fettwachsartigen 
Materie erhielt. Das nämliche gilt von der gallertartigen 
Materie, die derfelbe Chemiker für ein Kunftproduct 
hält. Hiermit fcheinen auch die Verfuche eines mei- 
ner Zuhörer, des Herrn I^r. Wienltoli , an denen ich 
indeffen keinen Antheil hatte, über ein/(deffcn DiUer- 
tatio fiftens analyfui organorum corporis humani prae- 
cipue fecernentium in partes conftituentes propjores, 
praefide I. H. F. de Aineiirleth. Tiibingae 181 5-) 
Er bemerkte, dafs der Alkohol im Ueberflufs und 
wiederholt angewandt, doch nur eine beftimmte Menge 
geiftiges Extract, bßi verfchiedenen Organen eine ver- 
fchieden grofse Menge ausziehe, und folgert daraus, 
dafs jene Meinung des Herrn Prof. BerzeVuis grüfs- 
tentheils falfch fey. Er machte auch die interel'fante 
Bemerkung, dafs das des Gelatinifirens unfähige wäf- 
ferigte Extract aus den Muskeln das Gelatinifiren 
zeigte, nachdem der Extracfivftoff durch Alkohol da- 
von getrennt war. Die Refultate feiner Unterluchung, 
die er am Ende der Abhandlung tabellarifch aufge- 
führt hat, find in der am Ende beigefügten Tabelle 
Etifammengeftellt. 

Aus diefer Ueberficht der Refultate feiner Vef- 
fuche ergiebt fich nach den Beiijerkungen des Ver- 
fafiers folgendes: Haut und Zellgewebe zeichnen fich 
durch die grofse Menge Fiber und wäfferigten Ex- 
tractes; dagegen Herz und Lungen, Hoden, zottigte 
Haut des Darmkanals, Milz, Niere, Bauchfpeichel- 
drüfe, Leber, BJul aus der untern Hohlader durch 



die gvofse Menge Albumens und geiftigen Extractes 
aus, und überhaupt feyen die auf der Oberfläche ge- 
legenen Organe durch die Menge der Fiber, und die 
im Innern gelegenen Organe der Eingeweide durch 
di« Menge des Albumens ausgezeichnet. Die Mus- 
keln zeigen die grüfste Uebereinftiinmmig iu ihren 
Beftandtheilen mit dem Herzen, hingegen zeige fich 
doch in dem 2ur unwillkührlichen Bewegung Bfel'timm- 
ten Herzen eine weit gröfsere Menge Fiber, als in 
den willkührlich zu bewegenden Muskeln. In allen 
Organen des Unterleibs, fo wie bekanntlich im Kopf 
habe das Albumen das Ueberge wicht, in denen der 
Bruft und der Extremitäten die Fiber. 

Zum Verftändnifs der tabellarifchen Ueberficht, 
und zur Beurllieilung dieler Folgerungen ift folgendes 
zu bemerken : Er zog die Subftanzen erfc mit kaltem, 
fodann mit heifsem Wafl'er aus, und kochte zu dem 
Ende zwei Stunden lang. Zur geiftigen Extraction be- 
diente er fich eines Alkohols von 0,809 fpec. Gewichts, 
und kochte die Subftanzen mit dem fechzehnfachen ihres 
Gewichts von (.liefern Alkohol eine halbe Stunde lang. 
Unter dem fettwachsartigen Extractivftoff verficht eir 
das, was fich beim Erkalten der heifsen Aufiöfung 
präcipitirte, und wahrfcheinlich in wenigen Fällen 
wirkliches Fett enthielt; unter wahrem Extractivftoff 
das, was nocli beim Vcijilampfen der geiftigen Flaffitr. 
keit zurückblieb, unter Albumen, was fich aus den 
wäfferigten Auszugsfluffigkeitcn durch Warme coagu- 
liren liefs, und aifo aucli das, was fich von fufpen- 
dirten Materien mit toagulirle; daher enthielt icin AI- 



208 

bumen noch im Alkohol auflösliche Materien; end- 
lich verfteht er unter Fiber alles das, was nach dem 
Auswafchen und Auskochen der Subftanzen niit Waf- 
fer zurückbleibt, alfo auch von Natur geronnener 
Eiweifsftoff, erhärteter Schleim und andere im VVaf- 
fer unauflösliche Materien, tragen hier den gemein- 
fchaftlichen Namen der Fiber, und die Folgerun- 
gen, die der V'erfaffer gemacht hat, ftehen daher noch 
nicht hinlänglich feft begründet j fo plaufibel fie fonft 
fcheinen mögen. Seine fogenannte Fiber möchte 
vielleicht bei einer nähern Unterfuchung von der ver- 
fchiedenften Natur, fie könnte felbft Eiweifsftoff feyn. 
Aber bisher kannte man kein Mittel, den Faferftoff 
und Eiweifsftoff im geronnenen Zuftand zu unter- 
fcheiden. Ich glaube fo glücklich gewefen zu feyn, 
einen Weg gefunden zu haben, diefe Stoffe felbft im 
geronnenen Zuftande zu unterfcheiden und zu trennen. 
In diefem Zuftande löfe ich fie in cauftifchera 
Ammonium auf, verjage durch Kochen das überflüf- 
fige Ammonium , fo dafs die Flüffigkeit- nicht mehr 
alkalifch reagirt, während ich von Zeit zu Zeit Waf- 
fer zufetze; die wäfferigten Flüffigkeiten dampfe ich 
nun fo lange ab, bis fich der Faferftoff oder der Ei- 
•weifsftoff auszufcheiden anfangen , d. i. bis die wäf- 
ferigten Auflöfungen gefättigt find, hierauf fetze ich 
eine Auflöfung von ätzendem falzfauren Queckfilber 
zu. Beide Stoffe geben einen flockigten weifsen Nie- 
derfchlag, aber der Niederfchlag des Eiweifsftoffes 
wird von concentrirter Satzfäüre wieder aufgelöft, 
dei; des Faferftoff s nicht. Wenn die Auflöfungen auf 

die 



die eben erwähnte Art gefättigt find , fo kann man 
anftatt des ätzenden falzfauren Queckfilbers auch blofs 
Salzfäure in geringer Menge, oder irgend eine andere 
Säure in gehörigem Verhältnifs anwenden, mehrere 
Säuren aber, namentlich Effiglaure, löfen, im Uebermafs 
angewandt , beide Niederfchläge wieder auf. Andere, 
namentlich die Salpeterfäure , löfen, im Uebermafs an- 
gewandt, keinen von beiden auf. Die nämlichen Er- 
fcheinungen zeigen fich bei frifchem, blofs kalt aus- 
gewafchenem Eiweifsftoff und Faferftoff, und nach 
dem Auskochen derfelben mit Waffer und mit Alko- 
hol. Der Eiweifsftoff von Hühnereiern zeigt eine An- 
näherung zum Faferftoff des Bluts, indem das durch 
Säuren aus dem Eiweifs Geronnene durch Schütteln 
mit überflüffiger Salzfäure nur Jangfam wieder aufge- 
löft wird, das Geronnene aus dem Blutwaffer eben 
diefer Thiere augenblicklich. Der rothe Stoff des 
Bluts verhält fich ebenfalls wie Eiweifsftoff, er zeigt 
aber eine ftärkere Annäherung zum Faferftoff. Um 
ihn vom Eiweifsftoff des Bluts, wenn er mit ihm ver- 
mengt ift, zu trennen, fand ich folgenden Weg: man 
löft ße in überflijfliger concentrirter Salzfäure durch 
blofses Schütteln auf; zu der Auflöfung fetzt man 
hierauf tropfenweis Waffer, fo lange als ein brauner 
Niederfchlag erfolgt. Diefer rührt von dem rothen 
Stoff her: fetzt man fodann mehr Waffer hinzu, fo 
entfteht ein weifser Niederfchlag des Eiweifsftoffs. 
Ungeachtet es folchergeftalt beftimnite Unterfcheiuungs- 
merkmale diefer drei Sloffe und fogar chemifche Tren- 
nungsmiitel derfelbea giebt, fo erheilt doch fchon aus 
M. d. Archiv, i, 2. O 



210 — ' •■ 

dem bisherigen , dafs fie fich fehr ähnlich find. Jen« 
Merkpiale und Trenniingsmittei beruhen blofs auf 
einem quantitativen Unterfchied, denn mit Hülfe der 
Wärme und mit der Länge der Zeit löft Cch auch 
der weronnene Faferftoff in concentrirter Salzfäure 
auf, aber eben die Beftimmung der quantitativen Ver- 
fchiedenheiten ift in der Chemie der thierifchen Kör- 
per Von der gröfsten Wichtigkeit, denn alle thierifche 
Materien ftellen beinahe nur verfchiedene Modifica- 
tionen einer Materie dar; jene drei kommen jedoch 
zunächft unter lieh, und vielleicht noch mit allen 
denen, die unter dem Namen des Eiweifsftoffs und 
des Faferftoffs anderer Organe vorkommen, überein. 
Sie befitzen in der That noch gemeinfchaftliche Eigen- 
fchaften , die man bisher nicht kannte. 

Der Faferftoff wie der Eiweifsftoff gerinnt von 
allen Säuren, fällt den Galläpfelaufgufs und metalli- 
fche Salze, z. B. effigfaures Blei, falzfaures Queckfil- 
ber, fchwefelfaures Silber. Da aber einige Säuren, 
wieEfßgfäure, Phosphoriäure und Weinfteinfäure, fchon 
in geringer Menge das Geronnene wieder auflöfen , fo 
darf man oft äufserft w^nig von der Säure zufetzen, 
um das Gerinnen zu bßmerken. Wenn man in die auf 
obige Weife bereiteten gefättigten wälTerigten Auflöfun- 
gen des Faferftoffs und Eiweifsftoffs trocknes, mit Effig- 
fäure oder irgend einer andern Säure geröthetes Lac- 
muspapier eintaucht, fo wird man weifse Wolken ent- 
ftehen fehen. Zwanzig Tropfen der Faferftoffauflü- 
fung gerannen 'von einem eines Stecknadelknopfs gro- 
fsen Stückchen Löfchpapier, das in concentrirte Effig- 



faure eingetaucht und wieder ausgeprefst war, voll- 
kommen , es bildeten fich fchnell eine Menge grobe, 
feferigte Flocken. Eben fo viel von der Eiweifsftoff- 
auflöfung zeigte durch das nämliche Mittel die Er- 
fcheinung undeutlicher, aber vollkommen, als noch 
ein gleiches Stückchen Papier hinzugefetzt wurde. 
Einer meiner Freunde, Herr Schlüpfer, konnte den 
geronnenen Faferftoff von dem geronnenen Eiweifs« 
ftoff fogleich unterfcheiden , fo wie aber die Coagula- 
tion fich vollendete, war der Unterfchied nicht mehit 
deutlich. Verfuche mit Blutwaffer und mit Eiweifs 
zeigen ähnliche Erfcheinungen. Fünf Tropfen Blut- 
waffer von einem Huhn mit zwei Tropfen concentrir- 
ter Salzfäure vermifcht gerannen ftark, beim Schüt- 
teln mit zehn Tropfen derfelben Säure löfte fich das 
Geronnene fogleich wieder auf. Durch effigfaures Blei 
mit Ueberfchufs von Säure geben beide Stoffe einen 
weifsen flockigten Niederfchlag ; fetzt man aber mehr 
von dem eCfigfaurem Blei hinzu , fo wird der Nieder- 
fchlag beim Schütteln fogleich wieder aufgelöft. Mit 
fchwefelfaurem Silber geben beide einen weifsen flockig- 
ten Niederfchlag, der aber allmählig orangegelb wird, 
und in Effigfäure vollkommen auflüslich Ift. Durch 
langes Kochen des geronnenen Faferftoffs mit WaiTer 
wird feine Auflöslichkeit in Effigfäure vermindert, 
aber nicht, wie Herr Prof. BerzelUis fagt, aufgeho- 
ben; durch das Kochen fchrupipft der Faferftoff fehr 
zufamnien, fein Zufammenhang vermehrt fich, und 
auch andere AuflOfungsmiltel zeigen nur eine ge- 
rjagere Wirkung auf ihn, z. B. das Amnioniutn. 

O * 



t 

Der Eiweifsfioff und der rothe Stoff des Bluts ver« 
halten fich eben fo. Kocht man jetzt aber den fechs 
Stunden im Waffer gekochten Faferftoff gehörig lange 
in concentrirter Efligfäure, fo erhält man immer noch 
eine Aiiflöfung , die vom Gerbeftoff und vom Ammo- 
nium gefällt und coaguljrt wird. Wenn ich hierin, 
fo wie in Abficht auf das Verhalten dipfer Stoffe 
gegen die Säuren überhaupt, dem Herrn Prof. Berze- 
lius , ungeachtet meiner grofsen Hochachtung für die- 
fen Chemiker, zu widerfprechen wage, fo gefchieht 
diefes nicht aliein, weil ich diefe Verfuche öfters wie- 
derholt und das nämliche gefehen habe , fondern auch, 
weil meine Verfuche nicht fowohl feinen Verfuchen 
als den daraus gezogenen Refultaten widerfprechen. 

Die Zoochemie des Herrn Prof. Berzelius, der 
wir in Deutfchland fchon längft mit Begierde entge- 
genfehen , wird nun vom Herrn Prof. Pßijf in Nürn- 
berg überfetzt werden. Der Inhalt derfelben, wie er 
mir vom Herrn Prof. Gehlen in München mitgetheilt 
worden, ift folgender: 

Inhalt der Berzeliits''lchen Zoochemie. 

§. I. 2. 3. Leben. Lebenskraft. 4. 5. Lebens- 
erfcheinungen : Gefundheit; Krankheit. $. 6. Phyfio- 
logie, ihre Eintheilung. 7. 8- Finchtiger Blick auf 
die Gefchichte der Zoochemie. 9. Entfernte Beftand- 
theile des thierifchen Körpers. , 10. Nähere Beftand- 
theile. 1 1. Nähere unorganifcheBeftandtheile: o) Waf- 
fer, b) Natron, c) Kali, d) Ammonium mit ihren 
fakigten Verbindungen, e) Kalk, phosphorfaurer Kalk, 
faurer phosphorfaurer Kalk, /) kaikerdigte Salze, 
g) Eifenfalze. 12. Befchreibung der von unorgani- 



™— 215 

fch^n Stoffen auf thierifche Körper iin Allgemeinea 
hervorgebrachten Veränderungen : a) der Wärme — 
DeftilJationsproducte, brenzlichtes VVaffer, zoonifche 
Säure, fubJimirtes Salz (kohlenfaiires Ammonium), 
brenzlichtes Oel, Gasarten, Kohle; 6) atmofphärifcher 
Luft; c) einiger amlerer Gasarten; cf) des VVaffers; 
e) der Säuren ; _/") der Alkalien ; g) der Salze und iMe- 
talloxyde; K) vegetabiiifche Stoffe; /) Einbalfamirung 
der Egypter und fpätere. 13. Tod, allgemeiner und 
lokaler. 14. Fäulnifs mit ihren Erfcheinungen. 
15. Gasarten, die ficlx in derfelben entwickeln. 16. Räu- 
cherung mit Säuren. 17. Allgemeine phyfifche Kigen- 
fchaften der thierifchen Stoffe, als lebendige betrach- 
tet. 18- Nächfte organifche Beftandtheile des thieri- 
fchen Körpers. '19. Nervenfyftera. 20. Gehirn. 
ai. Seine Geftalt, Verrichtungen. 22. Hirnwaf- 
fer. 23. Nerven, Nervenhäute, Nervenmark, Ner- 
venknoten, Verrichtungen der Nerven. 24. Medicin, 
als ein Theil der Zoochemie betrachtet (aus dem zoo- 
chemifchen Gefichtspunct vielmehr G.); ilue Theorie, 
Heilmittel. 25. Organifche Inftrumente (Gefäfse). 

26. A. Gefäfse für den Umlauf der Fliiffigkeiten. 

27. ü) Blulgeläl'se. 28. Blut, riechender Stoff , Blut- 
waffer, Leim, Eiweifsltolf , Biutkuchen, Faferftoff, 
Färbeftoff, Verhalten des Bluts aufserhalb des Kör- 
pers, arteriöfes und venöfes Blut, im kranken Zu- 
ftand, iD verfchiedenen Thierklaflen. 29. Nähere Be- 
fchreibung der Gefäfse für den Blutumlauf, Herz, 
Pulsadern, deren innere Häute, falenge Haut, Ver- 
theilung, Haargefäfse, Venen, ihre eigenthüin liehe 
Haut. 30. Mechanik des Umlaufs, der grofse Um- 
lauf, Puls. 31. Umlauf in den Haargefäfsen , Repro- 
ductionsprocefs, Ausililnftung. 32. Secretion und 
Excretion. 33. Entzündung, Gangrän. 34. Der 
kleine Umlauf, Lungenathemholen , Veränderung des 



Ä14 

Bluts und der Luft, Einathmung tSdtlicher Gasarten, 
des oxydirten Stickgafes, Erftickung ; über einige 
Einwürfe gegen die Theorie des Athmens, Verfchie- 
denheit des Athmens in verfchiedenem Alter, Mutter- 
kuchen, Athmen der Thiere, ' Winterfchlaf einiger. 
36) 6) Saugadern. 37. Flüffigkeit in derfelben , Lym- 
phe. 38- 39- Thierifche Wärme. 40. Cellulofa. 
41. Eiter. 42. Vernarbung der VVuntlen. „Granula- 
tion nach Birhat." 43. Wildes Fleifch, Polypen, 
Balggefchwiilfte. 44. Fiiiffigkeiten in den Zwifcheo- 
räumen der Cellulofa. 45. Fett. 46. Deffen chemi- 
fches Verhalten, Fettfä'ure. 47. Unguent. hydrarg. 
fimpl. Axungia oxygenata. Unguent. mercur. compof- 
48. Verfchiedenheit des Fetts bei verfchiedenen Thier- 
klaflen. 49. B, Werkzeuge für die Blutbildung. 
50. Schleimhaute (membranae mucofae) ihre Ausbrei- 
tung, Gewebe und Papillen, Schleim. 51. Membra- 
nae ferofae. 52. Mund und Feuchtigkeiten deffelben, 
Speiche], Steine in den Speicljelgängen , Weinftein» 
53. Speiferöhre. 54, Magen. 55. Magenfaft. 56. Ver- 
richtungen des Mundes und Magens. 57. Netzhaut, 
Mefenterium. 5g. Pancreas. 59. Leber. 60. Galla 
und Gallenblafe, Gallenfteine. 61. Milchfaft. 62. Ge- 
därme. 63. Chylificationsprocefs, krankhafte Erfchei- 
nungen deffelben: Winde, Durchlauf, Verftopfung. 
64. Koth, Analyfe deffelben. Verfchiedenheit bei ver- 
fchiedenen Thieren. 65. Kurze Wiederholung des che- 
mifchen Verlaufs des Chylificationsproceffes. 66. Cby- 
lus. 67. Nahrungsmittel, Hunger und Dürft. 68- C. 
Werkzeuge zur Bewegung. 69. Knochen. 70. Ana- 
lyfe der Knochen. 71. Olßffication. 72. Krankheiten 
der Knochen. 73. Zähne. . 74. Offa fefamoidea. 
75. Mifchung der Knochen in den übrigen Thierklaf- 
fen. 76. Mark. 77. Knorpel. 78. Knochen -und Knor- 
pelbaut. 79. Gelenke und Gelenkfchmiere. go- Muskel. 



215 

8l. Analyfe ctes Fleifches. 82- Verfchiedenheiten zwi- 
fchen der Feuchtigkeit des Fleifches und dem Blute. 
83. Veränderung des Floifches durch Kochen, Braten, 
Räuchern, Einfalzen. 84. Muskelbewegung. 8s-Ver- 
ichietlenheit der Muskeln in verfchieiJenen Altern und 
verfchiedenen Thierklaffen. 86. Krankheiten tler Mus- 
keln.' 87- iJie faferigen Häute der Pulsadern find 
nicht muskelartig, weder der Form, noch der chemi- 
fchen Befchaffenheit nach. 88- Sehnen. 89. Aponeu- 
rofen. 90. D. Sinnwerkzeiige. 91. Augen, Scle- 
rotica, Choroidea, Pigment, Cornea, Iris. 92. Feuch- 
tigkeiten des Auges, wäff-^rigte Feuchtigkeit, Cryftall- 
körper, Glasfeuchtigkeit. 93. DasSehen. 94.Thränen. 
95. Organ des Geruchs, Nafenfchleim. 96. Ohr, Oh- 
renfchmalz. 97. £. Abfonderungswerkzeuge. 98. Haut, 
Corium, Malpigh's Netz, Epidermis, Verhalten, Fär- 
bung durch verfchiedene Metallfalze, die Zeichnun- 
gen der Wilden nicht in der Epidermis, fondeni 
mecUanifche Abfetzung im Schleimnetz , fettiger Ueber- 
7ug der Haut. 99. Hautabforplion, loo. Ausdiin- 
ftung. loi. Krankheiten der Haut. 102. Nägel und 
Hörn. 103. Haare. 104. Nieren und Harn. los.Harn- 
ftoff , Säuregehalt des Harns. lo6. Gehalt von phos- 
phorüiiirem Kalk. 107. Salzigte Bel'tandiheile. log- Zu- 
fällige und bleibende Beftandtheile des Harns. 109. Ver- 
änderungen des Harns durch andere Stoffe. 1 10. Ver- 
fchiedenheiten nach dem Alter, der Jahrs- und Tages» 
zeit, in Krankheiten u. f. w., diabetes mellitus, in. Ge- 
danken zur chemifchen Analyfe des Harns. II2. Harn 
\'erfchiedcner Thiere. 113. Technifche Anwendungen 
des Harns. 1 14. Harnfteinc, Harnconcrenicnte. 115. Be- 
ftandtheilc. 116. Eintheilung. 1 17. Entfrehung. Vor- 
fchläge zur Heilung. 118. Steine bpi <.\en Thieren. 
119. Gichtknoten. 120. F. Gefchlochts - Orgarw;. 
lai. Männliche Geburtstheile. 123. Saamcnfcuch->. 



216 — ^^ 

tigkeit. 193. Weibljche Geburtstheile, Empfängnifs. 
124. Ernährung der Frucht im Mutterleibe. 125. Am- 
niosflüffigkeit, Ailantoisflüfßgkeit, Amniosfäure, Kincls- 
pech. 126. Vergleichung des Zeugungsproceffes bei 
verfchiedenen Thieren. Eier der Vögel und ihre Be- 
fchaffenheit. 127. Briifte. 128- Milch, Rahm , Käfe, 
Butter, Molken, Milchzucker, Milchfäure, merkwür- 
idige milchfäure Salze. 129. Verhalten der Milch 
im Allgemeinen; faure Milch. 130. Verfchiedenhei- 
ten der Milch nach Verfchiedenheit des Alters der 
Thiere, der Nahrungsmittel und anderer Umftändei 
krankhafte Befchaffenheiten. 131. Solleine Mutter 
ihr Kind felbft ftillenV 

Anhang von verfchiedenen ehierijchen Stoffen , die im 
Forigen nicht be/ch rieben werden konnten. 
1. Elfenbein. 2. Hirfchhorn. 3. Hörn. 4. Mo- 
fchus. 5. Bibergeil. 6. Zibeth. 7. Ambra. 8- Wallrath. 
9. Bezoare. lo. Federn. 1 1. Schlangengift. 12. Hau- 
fenbJafe. 13. Fifchfchuppen. 14. Spanifche Fliegen. 
15. Maiwürmer. i6. Cochenille. i7.Kermes. i8-Seide. 
19. Wachs und Honig. 20. Ameifenfäure. 21. Spinnen- 
weben. 22. Kellerwärmer. 23. Farbe des Dintenfifches. 
24. Krehsfteine. 25. Perlen. 

Bei diefer Ueberficht von dem Inhalt der Berze- 
liiis'ichen Zoochemie wir4 man bemerken, dafs man- 
che Gegenftände in derfelben aufgenommen fmd, die 
nicht eigentlich hierher gehören. Die Abhandlung 
von Leben und Organifation der Thiere, Geftalt und 
Function ihrer Organe gehört höchftens in eine Ein- 
leitung in die Zoochemie, und mufs nicht mit dem 
wefentlichen Inhalt vermengt werden. Eben fo we- 
nig gehören die verfchiedene Anwendungen hierher, 
welche von der Zoochemie in der Medicin und an- 



S17 

derwärts gemacht werden, wie das Capitel über die 
Frage, ob eine Mutter ihr Kind felbft ftilJen foll? 
Diefe Anwendungen der Zoochemie gehören nicht in 
eine vviffenfchaftliche Abhandlung derfeiben , fondern 
in diejenige VVitTenfchaft , welche die Anwendung zu. 
machen genöthigt ift; fuum cuique. Dagegen finden 
■wir in dem Anhang Gegenftände, die zum wefent-, 
liehen Inhalt gehören. Die Gegenftände find nicht 
fowohl aus einem zoochemifchen , als aus einem ana- 
tomifch- phyfiologifchen Gefichtspunct gewählt. End- 
lich find wichtige Capitel , z. B. über die Vertheilung 
der Stoffe in der thierifchen Organifation , über die 
Art, wie die Mifchung in den thierifchen Organis- 
men überhaupt gefchieht u. a. ganz übergangen. Was 
die Anordnung des Inhalts betrifft, fo vermifst man 
dieVoranftellung der allgemeinen Refultate der Zooche^ 
mie, welche fchicklicher als jene allgemeinen phyfio- 
logifchen Bemerkungen , an der Spitze des Werks und 
feiner Hauptabtheilungen ftehen würden. Die Producte 
und die Productionsweifen werden untereinander vei> 
mengt vorgetragen , allein erft nach einer volUtändigen 
Kenntnifs der Producte insgefammt kann eine freie, ung»- 
faioderte Betrachtung und ein verftändlicher Vortrag der 
Productionsweifen Statt finden. Folgender Plan einer 
Zoochemie Icheint mir daher zweckmäfsiger zu fevn: 

Die thierifchen Organismen haben chemifche Wir- 
kungen , die von Leben und Organifation abhängen, 
und die wir unter dem Namen: chemifcher Lebens- 
procefs — zufammenfaffen, ungefähr ähnlich dem Gal- 
vanisnius oder den chemifchen Wirkungen der Volta'- 



218 — 

fchen Säule, welche von der Electridtät und von den» 
Bau der Siule abhängen. Diefe chcinifchen Wirkungen 
der thierifchen Organismen oder der thierifch - chemifche 
Lebensprocefs machen den Gegenftand der Zoochemie 
aus. Sie betrachtet i) die Producte diefes chemiichen 
LebensprocelTes, in Abficlit auf ihre chemilche Befchaf- 
fenheii. . 2) Die Produntioiisweifen , die Genefis jener 
Producte, in Abficht auf den chemifchen Vorgang. 

Die Wirkungen des chemifchen Lebensproceffes 
äufsern ilch aber einmal in Abficht auf die eigene Sub- 
72«/z3 der thierifchen Organismen; 2) auf andere Mate- 
rien, a.ui' fremde SeoJ-j'e, die mit den thierifchen Orga- 
nismen und mit der eben beVührten eigenen Subftanz 
derfelben in eine chemifche Wechfel\virl<.ung kommen. 

Die Betrachtung fällt daher zuerft auf die eigene 
Subftanz der thierifchen Organismen j Charakteriftik 
der thierifchen Materie überhaupt, und der befondern 
thierifchen Materie, entfernte und nähere Beftandtheilej 
unörganifche Geniifche des Thierreichs und tbierifche 
Materien im engern Sinne, Verbindung und Verthei- 
lung diefer Materien in den thierifchen Organifatio- 
nen, fpecielle Betrachtung der chemifchen Zujanuneii- 
fetzung der verfchiedenen Organifationen und ihrer 
Organe und der Producte derfelben in den verfchi 






le- 



denen Entwicklungsftadien, unter verfchiedenen Uni' 
fanden., Modificationen der Mifchung durch Klima 
und Jahreszeit u. f. vv. , pathologifche Producte, 
Producte der Zerftörung der thierifchen Organismen, 
zu welchen die Producte, die blofs durch eine Ver- 
wandlung der eigenen Subftanz gebildet werden, 



. 219 

den Uebergang machen. Ich machfe bei der fpe- 
cielien Betrachtung der thierifch - chemifchen Producte 
mit den ernährenden plofiijchen Fliijßgkeiten, Blut, 
Chylus und Lymphe den Anfang; fodanii betrachte 
ich die Organe., die ans diel'er FJiiffigkeit abgefontlert 
und gebildet werden ; darauf die ab gefon eierten Fliif- 
ßgkeueti , die aus jenen Organen abgefondert werden, 
und endlich die Producte, die aus diefeii abgefonder- 
ten Fliißigkeueii und den fremden Stoffen, wie z. B. 
den Speifcn, womit fie zufammenkommen, entffehen. 
Diefe Ordnung i'cheint mir natürlich, einfach und 
zweckmäfsig. Ich glaube, dafs es ihr nicht zum Vor- 
wurf gereicht, das ich f;ift mit dem nämlichen Gegen- 
ftande anfangen und aufliören niiifs, denn dies liegt 
in der Natur des Organismus. 

Was die Productionsweifen betrifft, fo kann zuerft 
von der Art, wie die thierijbhe Mijhhung überhaupt 
gefcldeht, die Rede feyn. Animahfation, Stoffwech- 
£el, Entwicklung und Verwandlung der thierifchen 
Materie, Desorganifation und Verwefung derfeiben. 
Sodann von der Genejis aller einzelnen, vorhin be' 
trachteten thierifchen Producte, hierin ift Verdai-.ang 
und Refpiration, Chylificalion , Sanguification und Er- 
zeugung der thierifchen Wärme, find die chemifchen 
Wirkungen aller Organe und ihrer Functionen, die 
chemifchen Wirkungen der Entwicklungsveränderun. 
gen, der Krankheiten, der Aufsenverhäitniffc begrif- 
fen. Die Wirkungen der verfcliiedenen Organe ge- 
hören nur in foweit hierher als fie chemifche find; 
als folche aber haben fie ein chemifches Product und 



220 -^- 

gehört ihre Betrachtung zur Betrachtung der Pro- 
ductionsweifen. Auf die nämliche Art find die Gegen- 
wirkungen fremder Stoffe in der Betrachtung der 
Productionsweifen begriffen. Endlich find noch die 
Schickfale der fremden Stoffe felbft durch die chemi- 
fchen Wirkungen der thierifchen Organismen zu be- 
trachten übrig. Die Veränderungen und Wanderun- 
gen der Arzneien u. f. w. durch den thierifchen Kör- 
per, Abfatz an gewiffe Organe, Ausfcheidung durch 
andere, Affimilation der affimilirbaren Materien, wel- 
ches uns wieder auf das Capitel der Animalifation zu- 
rückführt, womit angefangen worden. 

Aufgemuntert durch Herrn Prof. Gehlen und 
einige Freunde, denen ich meine Ideen mittheilte, habe 
ich es felbft unternommen, eine Zoochemie nach die- 
feni Plan auszuarbeiten, und in diefem Winter den 
erften Theil derfelben vorzutragen. Die grofsen 
Lücken aber, die ich in dem Gegebenen fand, und 
die unGchere Grundlage in .illen zoochemifchen Unter- 
suchungen, nöthigeu mich eigene Unterfuchungen zu 
machen , ehe ich an die Vollendung diefer Arbeit den- 
ken darf. Sobald ich eine genügende Gharakteriftik 
und Einficht in die Natur der verfchiedenen gerinn- 
baren Materien des Bluts erlangt habe, wovon wir 
aber leider noch weit entfernt find, fo foll meine 
nächfte Arbeit eine vergleichende Unterfuchung der 
fogenannten Fiber der verfchiedenen Organe feyn , de- 
ren Unterfuchung uns gewifs in der Zoochemie einen 
guten Schritt weiter bringen wird. 



Zu'p. 220. 



volilichen Körpers *). 





l 


geben Nlederfcliläge mit 

A 


100 Tlieile der tr^ 


t 






A 


( folgender Th" 




Salzfdurem 


Salpeter- 


Erfigfau- 


liehen Körper^^ 


Gerbeftoff. 


Queck- 
filberoxyd. 


füurem 
Queekfil- 


rem Eley. 








beroxydul. 




Zellgewebe 


_ 


— 


— 


— 


Kai les wälferigtes 


33 


— 


— 


27 


Warmes 


7» 


44 


80 


22 


Haut 











Kaltes wöTferigtes 


= 8 





— 


17 


Warmes . 


236 


unwägbar 


71 


unwägbar 


Hen . . 




— 




— 


Lungen 


— 


— 


— 


— 


Wäfferigtes Extra 


58 


18 


78 


33 


Muskel . 











Fiber deffelben 


— 


— 


— 


— 


Albiiinen 








— 





Wäfferigtes Fxtra 


55 


20 


59 


24 


Zottigte Haut d 












Zottigte Haut . 


— 





— 


— 


Wiiffei igies Extra 


52 





— 


19 


Zottigte Haut a 












Hoden 














Wafferigies Extr; 


31 





— 


19 


hJiere 












Wäfferigtes Extr; 


blnfs 
Milchigt- 
werdeii. 


unwägbar 


68 


46 


Bauthfpeiche/dr 


— 








^^m 


Kaltes wdfferigte 


33 


17 


84 


'7 


Warmes . 


62 






18 


Milz . . 


— 


. 





, 


Wäfferigtes Extr. 


59 


15 


83 


27 


Leber . 


■"■' 


__ 


• 


—^ 


Wäfferigtes Extr; 


49 


26 


73 


34 


Blut au! der Pj 


— 


— 






Blut aus der ui 


— 


— 








Waffel Jf^ies Kxiri 


37 


— 


— 


31 


Btut aus der l. 




~~~ 


— 





•) S. Diffprt.itWte« conftituente» prnplorei etc, qii»m Praefide 
7. //. f // Bnmams. 



", 



T n b e l l £ 

von den nähern Beftandtheilen der Organe des menfdiliclien Körpers *). 



Zu-p. 230. 



100 Theile der trockenen SuLftanz 
(folgender Theile des menfch- 
lichen Körpers) 



Zellgewebe , , . , 

Kaltes walferigles Extract deHelben 
Warmes . , . 

Haut 

Kaltes wiiHerigtes Extract derfelben 
VVarmes ..... 

Hen 

hangen .... 

Wafferigtes Extract derfelben . 

Mushel 

Filjer deflelben 

Alijuuien ... , 

'Wärferigtes Extract . 

Zottigte Haut des leeren Darms 

Zottigte Haut des Magens . 
Waffel igtes Extract . 

Zottigte Haut des Crimmdarms 

Hoden . . . , . 

Wafferigtes Extract derfelben 

Niere ..... 
Wafferigtes Extract derfelben 

Bauchfpeiiheldräfe . 
Kaltes wafferigtes Extract 
Warities . 

Wiiffeiigtes Extract . 
Leber 



Wafferigtes Extract . 
Blut aus der Pfortader 
Blut aus der untern Hohlader 

Wafferigtes Extract deffclben . 
Blut aus der linken HerzJiohle 



befteben aus 


enthalten 

A 


und find 
verbunden 


geben NiederfcMäge mit 


f 






Geiftiges Extract 


/ 




\ 


Fiber. 


Albumen, 


Wafferigtes 
Extract, 


befteliend aus 
wahrem fettwaclis- 


im natnr- 
lieh feuch- 
ten Zuftand 
mit Waffer. 


Geibertoff. 


Salzfaurem 
Queck- 


Salpeter- 
faurem 


Erfigfan- 
rem Bley. 








geiftigen 
t-Ntraetiv- 


artigen 
Extractiv- 




lilberoxyd. 


Queckfil- 










ftoff. 


ftoff. 








beroxydul. 




83.67 


4,08 


12,24 


10 


I 


380,07 


— • 


— 


— 


— 


■ — 


— 


— 


— 


— 


— 


33 


— 


— 


27 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


71 


44 


80 


22 


78,08 


3.69 


18,24 


8 


2 


138,20 


28 
236 




— 


17 

unwägba 


— 


— 


— 


(8 


(2 


— 


unwägbar 


71 


42,86 


40,82 


16,33 


14 


I 


375.28 


— 


— 




— 


28,57 


61,87 


9.55 


13 


I 


419.24 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


58 


18 


78 


33 


27.71 


57.74 


14,52 


15 


3 


309,16 


■ — 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


f 4 


5; 


— 


■ — 


— 


— 


"^ 


— 


— 


— 


< 12 

C30 

25 
20 


3 

7 


— 


55 


20 


59 


24 


21,87 


65,00 


13.13 


533.33 


— 


— 


— 


— 


■ — 


— 





— 


. — 


— 


52 


— 


— 


19 


— 








18 


4 


— 


— 


— 


— 


— 


17,01 


64,04 


19,26 


20 


3 


605,71 


— 


— 


— 


— 


--- 


— 





1 





— 


31 


— 


— 


19 


16,00 


72,00 


12,00 


20 





455.19 




— ■ 


— 


— 


— 


— 





— 


__ 




blofs 
Milchigt- 
werden. 


unwägbar 


68' 


46 


12,29 


2,95 


84,74 


26 


7 


523,44 


— 


— 


— 


— 


— 






(45 


(5 


— 


33 


17 


84 


17 


— 








— 


— 


— 


62 


— 


— 


18 


10,24 


7°.05 


19,69 


20 


5 


330,47 


— 


— 


— 


— 


— 






— ' 


— 


— 


59 


15 


83 


27 


9.67 


80,74 


4,62 u. 
fettwaclis- 
artige Mat. 


40 


14 


193,25 




26 






— 


— 


— 


— 


— 


— 


49 


73 


34 








__ 


10 





— 


— 





— 


— 


3,20 


96,00 


0,80 


8 


unwägbai 


268,32 


— 





— 


— 









— 


— 


— 


37 





— 


31 


— 


— 


— 


5 


unwägbai 


— 


— 





— 


__. 



I 



•) S. Differtatio mauguralis fiftens analyfin organorum corporis liiSmani praecipue fecernentium in partes conftituent« propiorei etc. quam Piaefide 
% H. f. ät AHltmitlh etc. publico examini fubmittit menfe Aprüis 1815, Auetor Danist Wimholl Brimmr, 



22( 



V. 

Beitrag zur Gefchichte 

der 

Bildungsfehler des Herzens 

welche 

die Bildung des rothen Blutes hindern. 

Von 

./. F. M e c k e l. 



^eit man angefangen hat, die Bedeutung der meifteii 
MiCsbildungen einzufehen, und den Gefetzen nachzu- 
forfchen, nach weichen fie entftehen, ift das Studium 
derfelben nicht mehr Gegenftand der Neugierde oder 
Spiel mit Seltenheiten , iondern von hohem wiffen- 
fchaftlichen Werthe. Viele erregen zwar vorzüglich nur 
in Ig fern Intereffe, als fie aufserdem auch die normalen 
Bildungsgeletze trefflich erläutern, indem fie llieils Ver- 
anlaffung zu Nachforfchungen der normalen Entwick- 
lung geben, theils Refultate, welche durch diefe ge- 
funden wurden, aber, tier Kleinheit des Gegenl'tan 
des und anderer Uriachen wegen, nicht völlig gewifi 
waren, beftätigen oder berichtigen; andere aber find 
aufserdciri auch für die Phyfiologie in fo fern äufserlt 
wiclilig, als fie Ober Functionen, welche durcii djc mifs- 



333 ^ ' 

gebildeten Organe mittelbar oder unmittelbar gefchehen, 
Auffchlufs geben. In allen diefen Hinfichten find un- 
ftreitig die Bildungsfehler keines Organs wichtiger 
als die des Herzens und der grofsen Gefäfsftänime, 
wie dies, aufser mehrern einzelnen Beobachtungen,, 
die Arbeiten von Autenrieth '), Biinis ') und Naß 
je '), denen ich vielleicht auch die meinigea 4) 2,\x- 
fügen darf, -hinlänglich beweifen. 

Seitderii die Bildungsfehler des Herzens wegen 
der Störungen der Functionen, die fie veranlaffen, 
auch für die Pathologie höchft wiclitig geworden find, 
haben zwar nicht die deutfchen Praktiker, defto mehr 
aber die englifchen , Vorbilder, die nicht genug zur 
Nachahmung empfohlen werden können, unermüdlich 
Beiträge zur Vervollftändigung diefer Lehre geliefert, 
und als Rel'ultat derfeJben ift fo eben ein höchft in- 
tereffantes kleines Werk von Faire *) erfchienen, 
welches nicht blofs neue Fälle fchon bekannter Ab- 



l) Pfleiiertr de dyspliagia luforia. in Rdh Archiv Bd. VII. 

S) Ueber die wchtigfcen Herzkrankheiten. Lemgo 1815. 

3) Ueber den Einflufs des rothen BLuces auF die Ennvicklung und 
die Verrichtungen des menfchliohen Kürpers. RsiU Arclii» 
Bd. 10. S. 213 — =97. 

4') Ueber die Eildiingsfehler des Herzens. Ebdf. Ed. 6. S. 549 ff. 
Pathül. Anat, Bd. i. S. 413— 475. 

5) Pathnlogical Refearches. Effay I. Malform.itions of the hu. 
man he^rt iUuftraced by numeroiis cafes and five plates, con- 
taining fiuirteeii hgures and preceded by fomeobfervationson the 
niethüd ot improving the diagnoftic part of medicine. Lon- 
dun, 18I4' 



Weichlingen, fondern felbft fogar ganz neue, bisher 
völlig unbekannte Biklangsfehler und aulserdeni in- 
tereffante Bemerkungen genug enthält, um hier, fo- 
weit es diejenigen Bildungsfehler angeht, welche die 
Function des Athmens zunächft und vorzugsweife fto- 
ren, die Grundlage allgemeiner Betrachtungen abgeben 
zu können, welche fich an die frühem, theils in lifUs 
Archiv, theils an andern Ortea enthaltenen anfchlie- 
fsen können. 

Von der unvollkommenften Form des Herzens, 
wo fich nur eine Vorkammer und eine Kammer fin- 
det '), hat der Verf. einen neue«, von ihm felbft beob- 
achteten Fall. Bei einem reifen Knaben kam der Lun- 
genkreislauf erft nach Ablauf der erften halben Stunde 
völlig zu Stande. Das Athmen war befchwerlich und 
eine Menge Schleim im Kehlkopf angehäuft. Das 
Geficht war anfangs fehr blafs, wurde nachher bläu- 
lich. Nachdem Kreislauf und Athmen völlig zu Stande 
gekommen waren, fehlen das Kind in den erften 48 
Stunden völlig gefund, indem das Geficht lebhaft, 
heiter, die Haut warm, der Schlaf, die Excrctionen und 
«ler Appetit regelmäfsig, das Saugen kraftvoll waren. 

Nach Ablauf diefer Zeit wurde das Athmen fehr 
befchleunigt , doch blieb die Wärme und Farbe der 
Haut normal, und es fehlen kein Schmerz Statt zu 



l) Zwar ift die Anwcfenlieit einer «inrigen Hiilile nncli nnvdU- 
iujininner, itidtfCen wurde li<^ biü j^rtv.t jiur in fo liüclift iinvull- 
komniencn Mirit^;ebiirli:fi bcohaciilet, ilali aucli aus andsiti 
Orüntien 'Iji Lebtii uiirnüglich war. 



234 

finden. Bei näherer Befichtigung erfchien die Bewe; 
gung des Zwerchfells ungewöhnlich , fofern es bei jeder 
Contraction das Briiftbein ftark nach innen zog. Zu- 
gleich fchlug das Herz heftig. Bald fielite fich ein 
fahr heftiger Anfall ein, wobei die angeführten Zu- 
fälle fich bedeutend vermehrten, der Puls am Arm 
verfchwand, die Haut bleich und kalt wurde. Ein 
warmes Bad ftellte den Kreislauf und die Wärme her. 
Anfüllung des Magens fchien feinen Zuftand zu ver- 
fchlinimern , denn diefer Anfall war fogleich nach dem 
Saugen eingetreten. Nach dem Bade wurde die Haut 
zwar nicht wieder bleich, blieb aber etwas kalt und 
bläulich. Die Muskelkräfte fanken und der Knabe ma- 
gerte ab. Statt dafs er vor dem Eintritt der Refpirations- 
befchwerden ungewöhnlich ftark gewefen war, hatte 
er jetzt nicht Kraft genug um die ßurftwarze zu faf- 
fen. Allmählig erlofch die Thätigkeit des Zwerch- 
fells, das Athmen wurde fchwächer, die Hirnthätig- 
keit verfchwand in den letzten Stunden und endlich 
erfolgte der Tod, 79 Stunden nach der Geburt, 30 
nach dem Eintritt der Refpirationsbefchwerden. 

Das Herz lag normal , war aber ungeheuer von 
Blut ausgedehnt. Eben fo ftrotzten die Lungen und 
der Herzbeutel von Blut. - 

Es beftand aus einem einzigen Vorhof und einer 
Kammer, aus welcher ein einziger Arterienftamm trat. 
Der Vorhof war durch eine Scheidewand ftärker als 
gewöhnlich von feinem Anhange abgeiondert. In den 
Vorhof felbft öffneten fich die Hohlvenen , in den An- 
hang 



hang die Lungenvenen '). Es fand fich nur eine 
einzige venöfe Oeffnung, deren Klappe weder völlig 
mit der dreizipftigen , noch mit der niützenförniigen 
übereinkam; jener aber mehr als diefiir ähnelte. Der 
Arterienftamm war die Aorta. Ihre beiden erften 
fehr grofsen Aefte waren die, dicht neben einander 
entfpringenden, Lungenpulsadern. Ein dritter, gröl'se- 
rer, aus ihr unter einem rechten Winkel entfpringen- 
der Aft theilte üch in die drei, gewöhnlich aus dem 
Aortenbogen entfpringenden Gefäfse und gab aufser- 
dem eine einfache Kranzarterie des Herzens ab. 

Diefem Grade der Mifsbiklung zunächft freht ein 
anderer, den der Verf. bei Herrn Laze;/-e«ce fahe. Aa 
der Stelle der Vorhoffcheidewand fand fich nur, ein 
dünner Muskelftreif , wodurch ein grofses, klappen- 
lofes, eirundes Loch entftand. Der Vorhof konnte 
für einfach gelten, doch fanden fich zwei Anhänge, 
und die Hohl- und Lungenvenen öffneten fich, wie ge- 
wöhnlich, von einander getrennt. Die Kammerfchei- 
dewand fehlte ganz, fo dafs die Kammer durch eine 
einfache, mit einer Klappe umgebene Mündung mit 
den Vorhöfen zufammenmündete. Die Aorte und 
Lungenarterie, von denen diefe etwas verengt ift, 
entftehen dicht neben einander aus dem Unken Theila 
der Kammer. 



l) In der That war alTo in VorlioF, wenn |;lelcli unvollkommen, 
doppele, wi« Tic-h aacii ans der BefciireibLing ergiebt, indern 
der Verf. autdriicklicli fdgt, dals aus der Vorkammer in di'ii 
Anban); eine grofie, milteu in der Sciieidewaiid befindliche 
Oeffnung fdlirte. 

M. d. Archiv, l. 3. P 



Ungefähr auf derfelben, oder wenigftens nur ei. 
ner etwas höhern Stufe ftand das Herz in einem aw 
dem, von dem Verf. , Herrn Hodgfon und Leadam un« 
terfuchten Falle, der auch aufserdem in mehr als ei- 
ner Hinficht merkwürdig ift. 

Der Gegenftand der Beobachtung war ein Menfch 
von 22 Jahren. Er hatte in dielem Alter nur die 
Länge von 4. Fufs 3 Zoll; aber eine verhältnifsmäfsig 
weite Bruft - und Unterleibshöhle , doch kleine und 
magere Gliedmafsen. Die Züge waren unentwickelt, 
durchaus keine Spuren von Pubertät vorhanden. Das 
Geficht aufgedunfen und mehr einem Neger als einem- 
Eurofiäer ähnlich. Der Körper hatte mit Ausnahme 
der Füfse, die fich kalt anfühlten, die natürliche Wär- 
me. Die Farbe des GeCchts, fo wie überhaupt des 
Körpers, dunkel violett, die oberflächlichen Venen, 
wie man felbft an den Augenliedern fahe, und die 
Zunge dunkel purpurfarben, rein und feucht. Auch 
die Bindehaut der Augen dunkel. Im Allgemeinen 
war die Efsluft und der Stuhlgang regelmäfsig, der 
Urin dunkel, übelriechend, trübe. Der Athem war 
leicht, doch etwas fchnell. In ziemlich regelmäfsigen 
Perioden erfolgte bisweilen eine fehr tiefe Einathmung. 
Das Muskelvermögen war immer fchwach und geringe 
Anftrengungen del'felben veranlafsten Dyspnoen und Hü- 
ften: bei Bewegungen wurden vorzüglich die Refpira- 
tionsmuskeln in hohem Grade angeftrengt. In den 
letzten Wochen des Lebens war er nicht mehr im 
Stand^ 2u gehen. Der Herzfchlag verbreitete fich 
über eine anfelinliche Strecke der linken Seite der 



227 



ßruft. Bei jeder Zufammenziehiing des Herzens 
fchwollen die DroffeJadern beträchtlich an. Der Puls 
war fchneller als im Normalzuftande, allein weder un- 
regelmäfsig, noch ausfetzend. Die Haut war gewif- 
fermafsen fchmierig, mit Ausnahme der Finger, die 
fehr rauh, mit warzigen Auswüchfen befetzt und aa 
den Spitzen ungewöhnlich dick waren. Die untern 
Extremitäten fchmerzten bisweilen und fchwollen an 
den Knöcheln auf. Bisweilen ftellte fich Schwindel 
ein. Die Augen waren ftark vorftehend, trübe, die 
Pupille zog fich im Lichte langfam zufammen, doch 
war das Sehvermögen, fo wie überhaupt alle Sinne» 
normal. Er war fehr furchtfam, fo dafs er weinte, 
als thermometrifche Unterfuchungen mit ihm ange- 
ftellt werden follten. Ueberhaupt der Geift, wie der 
Körper, unentwickelt, doch nicht einfältig. Das 
Queckfilber erhob fich in der Hand langfam auf 9g 
Grad F., nicht höher. Unter der Zunge, bei ver- 
fchloffenen Lippen ftieg es. fchnell etwas über loo Grad, 
während die Temperatur des Zimmers 76 Grad war. 
Unter der Zunge des Verf. blieb es beftändig auf 9g 
Grad, erhob fich dagegen, bei Wiederiiolung des Ver» 
fuchs, bei dem Kranken beftändig um 2 bis 3 Grad 
Ober die gewöhnliche Temperatur. 

Ungefähr 3 Wochen vor dem Tode ftellte fich 
einige Tage lang ein häufiger Schweifs ein, der aber 
in den letzten Tagen Verfchwand. In den letzten 
Wochen waren die Hände oft kalt. Der Puls jf.nd. 
der Athem waren befchleunigt, wie fich aus der bei- 
kommenden Tabelle ergiebt. 

P a 



228 

Juni 26. Puls 114-. Athem 29. 

- 27. - 100. - 28- 

- 28. - log. - 29. / 

- 30. - 120. - 29. 
Auguft 2. - 100. - 26. 

Am 3. Auguft 18 14 ftarb der Kranke. 

Die Hautfarbe war, mit Ausnahme des Geßchts, 
weniger dunkel als im Leben. Der grofse Zehe des 
einen Ful'ses war etwas entfärbt, wie beim anfangen- 
den Brande. In diefeni Theile hatte der Kranke 
einige Tage vor feinem Tode heftige Schmerzen ge- 
habt. 

Bei der Leichenöffnung waren, durch allgemein© 
Adhäfion des Bruftfells, die Unterleibseingeweide zu 
einer Maffe verfchmolzen. Die Lungen frei von Kno- 
ten, aber, wie die rechten Herzhälften imd die gro« 
fsen Venenftämme und die Kranzvenen des Herzens, 
fehr mit Blut angefüllt. Am Herzen war die Eufta- 
chifche Klappe gröfser als gewöhnlich. Das eirunde 
Loch war nicht verwachfen, konnte aber durch leine 
Klappe verfchloffen werden. Die Vorhöfe hatten ihre 
normale Grofse ; ihre Oeffnungen in die Kammer aber 
waren beträchtlich verengt, die des rechten weniger 
als die des linken. Die dreizipflige Klappe an zwei, 
die mützenfürmige nur an einen Warzenmuskel gehef- 
tet. Die Scheidewand der Kammer fehlte ; doch war 
in der Gegend des linken Vorhofs die einfache. Kam- 
mer, in welche fich beide Vorhöfe öffneten, und die 
2Ücht blofs weiter, fondern auch dickwandiger als ge- 
vröhulich war, in einen, gegen den linken Vorhof ' 



^^^^^ 229 

terfcbloffenen Sack ausgezogen. Aus cfiefem enlftand 
die Aorta; die Liingenarterie dagegen aus der rech- 
ten Kammer, aber nicht aus dem obern , fondern aus 
dem initlJern Theile derfelben. Die Mündung der 
Lungenarterie war fehr verengt, ihre Wände hier be- 
trächtlich verdickt. - Die halbmondförmigen Klappen 
durch einen warzenartigen Auswuchs , der von ihnen 
ausfprofste, und die Mündung bis zum Durchmeffer 
einer kleinen Sonde verengte, beinahe ganz verdeckt. 
Dagegen hatten die Lungenarterien in ihrem übrigen 
Verlauf ihre normale Weite. Der arteriöfe Gang war 
verfchloffen. Die linke Wirbelarterie enlfprang un- 
mittelbar aus dem Aortenbogen , zwifchen der linken 
Kopf- und Schlüfl'elpulsader. 

Ueber den Zuftand der Bronchialarterien konnte 
man fich- nicht gehörig unterrichten, doch ergab fich 
aus der Unterfuchung der, mit dem Herzen heraus- 
genommenen abfteigenden Aorte, dafs, bis zur fiinftMi 
Zwifchenrippenpulsader, kein anfchnlicher Aft ent- 
fprang. Alle Eingeweide des Unterleibes waren dua- 
kelroth, die Leber, wie überhaujit alle Eingeweide, 
mit Blut angefüllt und angefchwüllen, die Milz dop- 
pelt fo grofs als gewöhnlich. 

Hierauf folgt die Perforation der Kammerfcheide- 
wand, wovon der Verf. gleichfalls mehrere neuere 
Fälle von Cooper, Ring und Lawrence- befchreibt. 

Im Coo^prfchen Falle war der Knabe anfangs ge- 
fund , und die dunklere Farbe trat erft einige Monate 
nach der Geburt ein. Als er 2^- Jahr alt war, be- 
merkte man deutUch, dafs die blaue Farbe durch Ge- 



230 



müthsbewegungen und Kälte fich erhöhte, Bewegung, 
vorzüglich in der Kälte, hatte denfelben Erfolg. Be- 
ftändig waren feine Fiifse und Hände, überhaupt die 
ganze äufsere Fläche des Körpers kalt. Noch ehe er 
drei Jahr alt war, verlor er den Gebrauch feiner un- 
tern Extremitäten , erlangte aber denfelben, fo wie feine 
ganze vorige Gefundheit, in wenigen Wochen wieder. 
Sobald er im Stande war, feine Gefühle zu bezeich- 
ren, beklagte er fich über häufigen Ekel und heftige 
Kopffch merzen, Zufälle, die fich durch die angeführ- 
ten Urfachen vermehrten und um das fünfte Jahr ha- ' 
bituell wurden. Zuletzt fehlen er durch die gering- 
ften Anftrengungen fehr zu leiden. Der Stuhlgang 
war im Allgemeinen regelmäfsig , nie verftopft. la 
einem Alter von neun Jahren fünf Monaten verlor er 
den Gebrauch des linken Daumens, bei welcher Ge- 
legenheit er, da fein Bau zwar zart und fchwächlich, 
feine Gefundheit aber wie gewöhnlich war, blofs ein 
gelindes Abführungsmittel bekam. Zwei Tage nach 
diefem Zufalle aber wurde die linke Seite gelähmt, 
und zugleich ftellten fich kurzdauernde Krämpfe, hef- 
tige Kopffchmerzen , ftarke Hitze der Haut, belegte 
Zunge und häufiges Uebelfeyn ein. Die Pupille war 
etwas ausgedehnt und der Puls kani auf i20 Schläge, 
Ungeachtet der ungünftigften Prognofe wurden Blut- 
igel an die Schläfe, ein Blafenpflafter in den Nacken, 
eine Gabe Kalomel und fchwefelfaure Bittererde ver- 
ordnet^ Am folgenden Tage hatte der Puls 124 
Schläge, war zitternd und unregelmäfsig, die Krämpfe 
wurden heftiger und anhaltender. Die Medicjn be- 



— 23 t 

wirkte einen dreimaligen Abgang von dunklem untj 
übelriechendem Koth. Der Harn war hochroth und 
Iparfam. Am fünften Tage fank der Puls auf 86 
Schläge, wurde fchwach und unregelmäisig, in bei- 
den Annen ungefähr gleich , die Kräfte fanken fchnell, 
die Haut war mit einem feuchten untl warmen Schvveifse 
bedeckt. Am fechften Tage kam der PuJs auf 66 bis 
70 Schläge herab, wurde fehr fchwach und zitternd, 
die Pupille fehr erweitert. Am Abend ftarb er. Sechs 
Tage vor feinem Ende war er mit dem Kopfe hart 
auf die Erde gefallen. 

Bei der Leichenöffnung fand fich In der rechten 
Hemifphäre ein Abfcefs, der ungefähr i^ Unzen eines 
dicken dunkeigefärbten fehr übelriechenden Eiters ent- 
hielt. Im Herzen fand fich an der Wurzel der Aorte 
eine Oeffnung in der Scheidewand, wodurch beide 
Kammern communicirten. Die Klappen der Lungen- 
arterien waren zu einem fehr engen Kreife zufam- 
mengezogen , der Boiallifche Gang verfchloffen; die 
Lungenarterien alfo konnten nur eine geringe Menge 
Blut zu den Lungen führen , und die Aorte entfprang 
aus beiden Kamnicrn zugleich. 

In dem Riii gkhen Falle fehlte, aufser diefer 
Oeffnung in der Scheidewand der Kammer, die Schei- 
dewand der Vorhöfe. In jeden Vorhof fcnkte fich 
eine obere Hohlvene, in den linken die untere. Jeder 
Vorhof hatte feinen Ohranhang. Das Kind, ein Mäd- 
chen , wurde gerade ein Jahr alt. Sie war immer 
mehr oder weniger blau und ihr Athem fehr befchwer- 
lieh. Jeden Tag hatte fie zweimal , jedesmal mehrere 



233 

Stunden lang Anfälle"' von heftigem Schreien , die fich 
bedeutend verfchlimmerten. Sie war aufserordentlich 
abgemattet und in den letzten vierzehn Tagen ganz 
unempfindlich. Einen dritten beobachtete Herr Farre 
mit Herrn Weßon. Das Kind, ein Mädchen, wurde 
fünf Wochen alt. Die beftändige blaue Farbe der Haut 
wurde faft fchwarz, fo oft das Kind weinte, was je- 
desmal gefchah, fo oft es bewegt wurde. Bei gehö- 
riger Belileidung war die Wärme normal; doch war 
es fchwer, diefelbe gehörig zu erhalten. Der Athem 
war kurz, aber nicht fehr befchwerlich. Der Nabel " 
ulcerirt und der benachbarte Theil der Haut entzün- 
det. Unter einem Arme befand fich ein brandiges ' 
Gefchwür. Das Kind litt an einem beftändigen Durch- 
fall. Die Kammerfcheidewand war durchbohrt, die 
aus beiden Kammern zugleich entfpringende Aorte er- 
^weitert, die Lungenarterie dagegen bis zu ihrer Thei- 
lung verfchloffen , fo dafs fie ihr Blut von der Aorte 
aus durch den arteriöfen Gang erhielt. Die rechte 
Seite des Herzens war weiter als die linke. 

In einem vierten Falle, den Herr Lawrence auf- 
bewahrt, ift die Scheidewand der Vorhöfe vollkom- 
men, und das eirunde Loch ganz verfchloffen. Beide 
Kammern find gleich dick und die Klappen normal. 
Die mit beiden communicirende Aorte hat den ge- 
wöhnlichen Durchmeffer. Aus der rechten Kammer 
führen zwei Oeffnungen zu einer fehr kleinen dritten, 
aus welcher die völlig normale Lungenarterie ent- 
fpringt. Der Gröfse des Herzens nach zu fchliefsen 
gehörte es einem vierzehnjährigen Menfchen. 



— 255 

Einen fünfter Fall diefer Art befchreibt der Verf. 
nicht genauer, weil der Wundarzt, bei dem er ihn 
fahe, ihn felbft befchreiben wollte. Ungeachtet die 
Aorte aus beiden Kammern entfprang, wurde der Kran« 
ke über 40 Jahr alt. So viel er ßch erinnert, war 
auch hier die Lungenarterie weiter als ße es gewöhn- 
lich bei diefem Bildungsfehler des Herzens ift, und 
alfo vielleicht darin der Grund des länscern Lebens 
enthalten. 

Ein fechfter, kürzlich beobachteter Fall eben die- 
fes Grades der Mifsbildung findet fich von Howßilp 
hl dem vortrefflichen Edinburger Journal verzeichnet '). 
Das Kind, ein Mädchen,' war anfangs gefund; nach 
Ende der zweiten Woche aber wurde die Haut oft 
dunkel purpurfarben oder blaulich. Doch faugte das 
Kind gut, und, wenn gleich die Vermuthung ent- 
ftand, dafs die angefcihrte Erfcheinung in einem Herz- 
fehler begründet fey , fo waren doch keine lebensge- 
fährlichen Zeichen vorhanden. Nach Ablauf des er- 
ften Monats fing die Gefundheit des Kindes, wenn 
gleich langfani , zu finken an. Im zweiten , dritten 
and vierten Monat nahm das Kind die Bruft, aber 
durchaus keine andere Nahrung. Es nahm bedeutend 
ab und fchien nicht Kraft genug zu befitzen , um fich 
aufrecht zu erhalten. So oft ihm diefe Stellung ge- 
gi-iiffi wurde, wurde die dunkle Farbe der Lippen 
und Nägel bedeutend fchwärzer. Die einzige Stellung, 
ia der es fich wohl befand , war die beim Saugen. 



Jili'g. 18U. VoL IX. No. iC. III. p. 39sff. 



334 

Jede Muskelanftrengung brachte die dunkle Färbung 
hervor , eine Veränderung , die beftändig mit vollftän- 
digem Aufhören der Willkiihr verknüpft war. Zu- 
gleich magerte das Kind in demfelben Maafse ab. 

Jede zufällige Störung der Lungenfunctionen wac^ 
mit Veränderung der Hautfarbe verknüpft. Wena 
das Kind fchrie oder huftete, fo wurde die Haut in 
demfelben Verhältnifs dunkler. Als das Kind gerade 
fünf Monate alt war, wunle die Mutter durch ein 
fürchterliches Schreien dcffelben geweckt. In der 
Meinung, dafs das Kind im Schlaf erfchrocken fey, 
nahm Ce es auf und fuchte es zu lüften: indeffen 
dauerte der Anfall von Sclireicn eine lialbe Stunde, 
und in diefer Zeit wurde die Haut dunkler als je ge- 
färbt. Nachher fchlief das Kind bis zum folgenden 
Morgen ruhig. Am folgenden Tage war die Farbe 
weniger dunkel als gewöhnlich, das Athmen aber be- 
fchwerhcher. Die Nacht darauf kehrte der Anfall 
weit heftiger, fo dafs Erftickung drohte, wieder: in- 
deffen erholte fich das Kind. Von nun an wurde 
das Athmen nicht wieder regelmäfsig, fondern war 
häufig feufzcnd , als werde die Bruft beklemmt. Diefa 
Beklemmung fehlen bis um die Stunde des letzten An- 
falls zuzunehmen, als das Kind, ohne die geringfte 
Neigung zu Convulfionen, allmählig fchwächer wur- 
de und bald darauf ftarb. 

Bei der Leichenöffnung wurde das Herz weit 
gröfser als gewöhnlich undltrotzend von Blut gefunden. 
Auch der Stnriim und Bogen der Aorte waren weiter 
als gewöhnlich , lüe Lungenarterie aber erft nach Weg- 



235 

nähme des Herzbeutels fichtbar und fo klein und ihre 
Häute fo dünn, dafs fie nur fchwer von dem über fie 
weg^efchlagenen Herzbeutel unterfchieden werden 
konnte. Beide Kammern üt'fnetcn ficli in die Aorte : 
die Lungenarterie entftand zwar an der gewöhnlichen 
Stelle, war aber gegen das Herz völlig verfchloffen, 
indem fie fich gegen die Stelle ihres Urlprungs in einen 
blinden $ack endigte. Das eirunde Loch war nicht 
völlig verfchloffen, eben fo der arteriöfe Gang offen. 

Einen fechften Fall unterfuchte Herr Faire mit 
Herrn Travers. Der Gegenftand der Betrachtung war 
ein vierzehnjähriger Knabe, der für fein Alter grofs, 
aber immer mager und fchwa'chlich gewefen war. Die 
Nafenflügel waren breit, die Unterlippe dick, vorra- 
gend , in der Mitte gefpalten , die Zunge zu grofs für 
den Mund, fehr uneben, fo dafs die Räntler wie zer- 
fchnitten ausfaben, das Zahnfleifch fchwammig, der 
Athem fehr übelriechend, die Extremitäten fehr mager, 
befonders die Finger und Zehen , beide an ihren En- 
den angefch wollen und mit ftarken Nägeln bedeckt, 
die Haut fehr weich, immer feucht, überall beftändig 
dunkelblau, faft purpurfarben, der Mund beftändig 
etwas offen, der Kopf zwifchen den Schultern fteliend. 
Seine Gefundheit war zart, aber im Allgemeinen nicht 
geftört. Grofse Empfindlichkeit für Kälte, fo dafs er 
oft felbft im heifseften Wetter darüber klagte. Das 
Athmen wurde durch mäfsige Anftrengung erfchwert, 
blieb oft aus, doch konnte er laut und ftark, jedoch 
nur in Abfätzen, pfeifen; häufiges Gähnen. Durch Lau- 
fen oder fchnelles Treppenfteigen wurde heftiger Hu- 



ften veranlafst. Im Zuftande der Ruhe heftiger, aber 
regelmäfsiger Herzfchlag, der durch fortgefetzte An- 
ftrengung in Herzklopfen überging. Der Puls regel- 
mäfsig, 80 Schläge in der Minute, aber fchwach und 
leicht befchleunigt. Bisweilen fchneidende Schmerzen 
im Umfange der Bruft und ein Gefühl von Brennen 
in den Knöcheln, wenn er im Bette lag. Oefteres 
Auffchrecken im Schlaf und Aufwachen mit einem 
Gefühl von Erftickung. Die Efsluft mäfsig, gewöhn- 
lich ftarker Dürft. Schwache Geifteskräfte. Eben fo 
das Geficht fchwach, vorzüglich in der letzten Zeit. 
Die thierifche Wärme in den innern Theilen um zwei 
Grad höher, als in den äufsern. Der Tod erfolgte 
plötzlich mit einem heftigen Blutfturz aus den Lun- 
gen, nachdem er vorher eine Zeitlang fehr an ftar- 
kem Hüften, Uebelkeiten und grofser Schwäche ge- 
litten hatte. 

Bei der Leichenöffnung wurde das Bruftbein fehr 
ftark vorftehend, die Rippen fehr fchief, die linke Seite 
etwas vorragend gefunden. Das rechte Herz ftrotzte 
von Blut. Alles Blut, mit Ausnahme eines im eirun- 
den Loche befindlichen faferigen Klumpens, flüfsig. 
Der Darmkanal dunkel, eben fo die Leber, vorzüg- 
lich an der Oberfläche. Das Herz gröfser, vorzüglich 
die rechte Kammer, deren Wände eben fo dick als 
die der linken waren. Die Lungenarterie fo eng, dafs 
der kleine Finger nicht eingebracht werden konnte. 
Die ganze linke Hälfte des Herzens fehr eng, die 
Aorte dagegen weiter als gewöhnlich. An der Bafis 
der Scheidewand eine weite Oeffnung, wodmch beide 



Kammern zufammenhingen. Zwifchen der Lungen- 
arterie und Aorte kein Zufammenhang, indem der 
arteriöfe Gang verfchloffen war. Die Klappe des eirun- 
den Loches in ihrem untern Theile unvollkommen, 
und die Oeffnung, wenn fie ausgedehnt wurde, drei 
Linien weit. Die Lungen adhärirten nur ftellenvveis, 
aber fehr feft, waren voller Tuberkeln und enthielten 
ulcerirte, mit geronnenem Blute angefüllte Höhlen, die 
aber nicht das Anfehn von Vomicis hatten. Auch ent- 
hielten fie keinen Eiter, und eben fo wenjg war im 
Leben Eiter ausgeworfen worden. 

Statt dafs in diefen Fällen auf die weit gewöhn- 
lichere Weife die Aorte aus beiden Kammern entfprang, 
fahe Herr Cooper zweimal bei unvollkommner Schlie- 
fsung der Kammerfcheidewand nicht Ce, fondern die 
Lungenarterie auf diofe Weife mit beiden Kammern 
zufammenhängen, eine feltuc und unftreitig auch, mei- 
nes Wiffens, vorher noch gar niclit bekannte Bildung. 
Der erfte Fall ift in mehr als einer Hinficht merk- 
würdig. Die Herzfehler fchienen in der Familie ein-_ 
heimifcb. Von zwölf Kindern blieben nur vier ani 
Leben, und jnclirere hatten Zeiclicn von Herzkrank- 
heiten. Zwei von den geftorbenen Kindern wurden 
nach dem Tode unlerfucht, und die Urfache ihrer 
Krankheit in einem Herzfehler gefunden. Das eine 
dicfer Kinder, ein Mädchen, wurde drei Monate, das 
andere, ein Knabe, von dem es merkwürdig ift, dafs 
er ein Zwilling war, nur fünf Tage alt. Das Alh- 
men des letztern war beftändig fehr befchleunigt, keu- 
chend , ilie Haut lieftandig dunkel purpurfarben. Der 



238 ^ — 

Tod erfolgte unter Zuckungen, nachdem er neun bis 
zehn heftige Anfälle gehabt hatte. Das warme Bad 
war fehr heilfam, befonclers dem Mädchen, die auf 
deffen fortgefetzten Gebrauch beträchtlich zunahm, im- 
mer aber fehr ftill und unbelebt war. Das Bruftbein 
des Knaben ragte mehr hervor als gewöhnlich , das 
Herz war grofs, die rechte Kammer gewölbter, ge- 
räumiger und aus dickern Wänden gebildet als fonft. 
Die Lungenarterie entfprang aus der rechten Kammer, 
communicirte aber mit der linken und bildete, aufser 
den Lungenäften , die abfteigende Aorle. Die normale 
Aorte endigte fjch, nach Abgabe der gewöhnlichen ' 
drei grofsen, aus ihrem Bogen entfpringenden Stämme» 
in einen fehr kleinen Alt, der nur in einem Theil fei- 
nes Verlaufs zur abfteigenden Aorte offen War. Die 
Klappe des eirunden Loches war unvollkommen. 

Der Gegenftand der zweiten Beobachtung, ein 
Knabe, war in den erften zwei Wochen gefund, fing 
aber nach Ablauf derfelben beträchtlich fchnell, drei- 
mal fchneller als gewöhnlich, zu athmen und abzu- 
magern an. Hüften fand fich nicht. Die Herzfchläge 
waren ftark und häufig und der Bruftkaften hob fich 
beträchtlich. Die Haut immer aufserordentiich bleich, 
Hände und Füfsekalt: doch war es, die untern Glied- 
ma&en ausgenommen, nicht nöthig, das lünd wär- 
mer als gewöhnlich zu kleiden. Nach einiger Zeit 
ftellte fich ödematöfe Gefchwulft der letztern, biswei- 
len auch des Gefichts, Verftopfung, bisweilen auch 
Erbrechen ein. Ungeachtet der Appetit gut war, ma- 
gerte das Kind doch von Tage zu Tage mehr ab. Itn 



fechften Monate wurde es entwöhnt: was ihm anfangs, 
aber nur kurze Zeit, gut bekam. Immer fehlen es 
fich unwohl und beängftigt zu fühlen, indem es nie 
lächelte. Im achten Monate ftarb es plötzlich, ohne 
Krämpfe. Der Bruftkaften ragte ftark hervor. In den 
Bruftfellfäcken und dem Herzbeutel befand fich über 
vier Unzen Serum. Das Herz war grofs und vier- 
eckig , feine Gefäfse fehr grofs , das eirunde Loch er- 
weitert, die Lungenarterie weitet als die Aorte, und 
entfprang aus beiden Kammern , doch mehr aus der 
rechten. Auch hier zog fich die Aorte nach Abgabe 
der drei grofsen Stämme zu einem kleinen Afte zu- 
fammen, der fich in die abfteigende Aorte öffnete, die, 
als ein Aft der Lungenarterie, in der Richtung des 
arteriöfen Ganges verlief, und nach ihrer Verbindung 
mit der auffteigenden fich zu ihrem gewöhnüchea 
Durchmefler erweiterte. 

Die Reihe der den Refpirationsprocefs ftürenden 
Bildungsfchler des Herzens, welche in einer unvol- 
lendeten Entwicklung deffelben begründet find, be- 
fchiiefsen mehrere neue Fälle von Offenbleiben des 
eirunden Luches , mit oder ohne Offenbleiben des ar- 
teriöfen Ganges und der Lungenax-terie. 

Zufammenfetzung der Verfchliefsung der Lungen- 
arterie mit Offenbleiben des eirundun Loches und 
des arteriöfen Ganges ift am weiteften vom Normal- 
zuftandc entfernt, fteht mithin den bislier betrachteten 
BÜdungsfchlern am nächflen. liier ift gewöhnlich die 
ganze rechte Seile des Herzens fehr unvollkommen 
entwickelt und klein. In einem , von Hodgfoit ilein 



240 

Verf. mitgelheilten Falle , ift die Klappe des eimnden 
Loches fehr unvollkommen, diefe Oeffnung daher 
fehr weit. In der Scheidewand des Herzens fehlea 
mehrere Muskelfafern und die innere, die linke Kanv-i 
iner bekleidende Membran hat drei Oeffnungen, wo« 
durch fie ein fiebförmigcs Anfehen erhält. Ein ganü 
folider Faden, welcher die Stelle der Lungenarterie ver- 
tritt , hängt mit einem weiten arteriofen Gange zufam- 
anen, der von der Aorte zu den Lungenäften führt, 
viel weiter als ein gewöhnlicher arteriöfer Gang, aber 
enger als eine gewöhnliche Lungenarterie il't. In die- 
fem Falle färbte fich bald nach der Geburt die Haut 
dunkel purpurfarben, es entftanden Refpirationsbe- 
Ichwerden und Zuckungen, allein die Temperatur des 
Körpers war regelmäfsig. Der Tod erfolgte am fie- 
banten Tage. 

Zwei ahnliche FäUe fahe Herr Farre bei Herrn 
Lanoftaff. Der eine wurde in einem neugebornen, 
der andre in einem fechsmonatlichen Kinde gefunrienj 
Die Temperatur des letzten war niedriger als gewöhn-i 
lieh, die Farbe dunkelpurpurn, beinahe fchwarz; die 
Anfälle erfchienen täglich. Der arteriofe Gang wac - 
kurz und eng. Zugleich war die Scheidewand der 
Kammern beträchtlich durchbohrt. Aufser diefen Fäl- ' 
len fahe er noch zwei andre, die er aber nicht wei- 
ter befchreibt. 

Ein Fall von Verbindung regelwidriger Gröfse des 
eirunden Loches und des aneriöfeii Ganges wurde 
Herrn Farre durch Herrn Fnglijh mitgetheilt. Bei 
der Geburt des Kindes, eines Mädchens, wurden, 

aufser 



nA 



41 

aufser einiger Schwäche und gelber Farbe der Haut 
und Augen, nichts erhebliches bemerkt, bald aber 
ftelJten fich Erftickungszufälle beim Saugen, unge- 
wöhnliche Stille und beftändige Betäubung ein. Zu 
diefen Symptomen gefeilten fich in der zweiten Woche 
Anfälle von heftigem Schreien, und zugleich wurde das 
Athmen abnorm. Es erfolgte nämlich dann und wann 
eine fehr tiefe Einathmung, während der das Kind 
zwei- bis dreimal fchluchzte und darauf fehr fchnell 
athmete. Dann erfolgten kurze Einathmungen, die mit 
ungewöhnlich langen Ausathmungen wechfelten, bis fich 
das Kind mit einer Art von krampfhaftem Schluchzen» 
das von einem fchwachen, krähenden Geräufch begleitet 
war, ermunterte, Zugleich zeigten fich diefe eigen- 
thümUchen Erfcheinungen nach dem Saugen und Wei- 
nen. Nachdem der Anfall vorbei war, fchlief es ein, 
athmete ruhig, vielleicht etwas fchneller als gewöhn- 
lich, fuhr aber häufig auf. Am Ende der zweitem 
Woche erfolgte ein ftärkerer Anfall von Schreien, als; 
frilherhin, das Athmen wurde einige Augenblicke lang 
unterbrochen, die Lippen färbten fich fchwarz, bis 
das Leben durch eine heftige krampfhafte Auftrengung 
mit einem tiefen Seufzer wieder hergefteJJt wurde. 
Dies hielt eine Stunde lang an, die Nacht aber war 
ruhig. Während des fünfzehnten und feclizehnten Ta- 
ges wurde das Athmen noch unordentlicher. Der 
Anfall, der am Gebzehnten Abend erfolgte, war etwas 
fchwäciier als die frühem, die Nacht belTer. Am acht- 
zehnten Morgens faugte das Kind leichter als bisher» 
Da die Haut und Augen gelb, der Stuhlgang unge« 
M, d. Ar Mo La. Q 



färbt blieb, wurden am Nachmittage ein Gran Kalo- • 
mel und ein Gran Rhabarber gegeben. Nachdem das 
Kind hierauf eine Stunde gefchlafen hatte, erwachte 
es, brach einen Theil des Pulvers aus und fchien hef- 
tige Schmerzen zu empfinden. In diefeni Anfalle flockte 
das Athmen über eine Minute lang, die Lippen waren 
fchwarz, die Augen ftarr. Am Abend fand der Arzt 
die Extremitäten kalt, das Geficht iMchenhaft, die 
Lippen fchwarz, das Athmen aus kurzen krampfhaften 
Einathmungen und langen Ausathmungen,- zwifchen 
denen dann und wann ein Seufzen erfolgte , beftehend. 
In einem warmen Bade befferte fich das Athmen auf- 
fällend , vorzüglich wenn das Ausathnien durch einen 
gelinden Druck des Unterleibs und der Rippen unter- 
ftützt wurde. Nachdem diefe Behandlung eine halbe 
Stunde fortgefetzt worden war, wurde fie in warmen 
Flanell gewickelt, fchien eine Stunde lang zu fohla- 
fen , nach deren Verlauf aber ein neuer heftiger An- 
fall wiederkehrte. Das warme Bad wurde mit dem- 
felben glücklichen Erfolge angewandt als vorher; als' 
aber das Kind herausgenoninien worden war, hörte 
fie fogleich auf, eigenmächtig zu athmen. Durch be- 
ftändige Unterftützung des Ausathmens mittelft der 
um die Bruft und den Unterleib gelegten Hände wurde 
das Leben noch ungefähr zwei Stunden lang erhalten. 
Bisweilen lag fie zehn Minuten lang ohne Lebenszei- 
chen , bis durch einen heftigen Krampf aller Bruft- und 
Unterleibsmuskeln mit einem tiefen Seufzer den Anfall 
geendigt und der Kreislauf wieder hergeftellt wurden 
wo fich denn die Lippen färbten , die Glieder geftreckt 



—- — — ^ 043 

und die Augen geöffnet wurden. Der letzte Anfall 
diefer Art erfolgte eine Viertelftunde nachdem man 
das Kind fchon für todt gehalten hatte. Die Herz- 
fchläge konnten nie gefühlt werden, die Railialarte- 
rien beider Arme aber fchlugen fynchronifch. 

Bei der Leichenöffnung wurde die Lage und Ge- 
ftalt des Herzens regelmafsig, aber die Klappe des 
eirunden Loches fo unvollkommen gefunden, dafs 
zwifchen den Vorhöfen ein freier Zufammenhang Statt 
fand. Der arteriöfe Gang war offen und weiter als 
gewöhnlich. Aufser einer Anhäufung von Blutwaffer 
im Herzbeutel, beträchtlicher Anfüllung der Leber mit 
Blut und Zufammenziehung der Gallenwege fand Cch 
in der Bruft und dem Unterleibe keine Abweichung. 

Drei Fälle von nicht verfihlofjenem eiriindctt 
Loche t welche Herr Furre felbft befitzt, fo Wie einer, 
den ihm Herr ^, Cooper, undtein anderer, den iiim 
Herr Langfiaff mittheilte, kommen zu den vielen 
fchon bekannten , welche beweifen , dafs die gewöhn- 
lichfte Anordnung, wo, wegen vollkommner Ent- 
wicklung der Klappe das eirunde Loch mehr eineit 
(chiefcn Kanal bildet, der durch Andrücken der Klappe 
mittelft des im linken Vorhof enthaltenen Blutes an 
die Scheidewand verfchloffert wird , ohne Nachtheil 
für die Gefunriheit ift. Ich habe felbft fogar ein fehr 
weites, ganz klappenlofes eirundes Loch aus einem 
fiechzigjährigen Weibe fchon früher befchrieben ') und 
ein beinahe eben fo weites in einem faft eben fo altea 



1) Ptüi. An.it. Dd. I. S. 45J. 



Ü44- 

noch kiirzlicli gefuiiJen, wo gleichfalls vollkommene 
Gefiindheit Statt gefunden hatte. 

Aufser diefen in einer Hemmung auf frühern Bil- 
dungsftufen begründeten Abweichungen der Bildung 
des Herzens •,' -Wodurch die Umwandlung des venöfen 
Blutes in arterlüfes gehindert wird, hat BtdUie zuerft 
einen feltneren qualitativen Bildungsfeliler, der diefelbe 
Wirkung im höchfteh Grade hervorbringt, beobachtet, 
die Vertaufchung des Urfprungs der Lungenarterie 
und Aorte, während die Endigungen der Venen fich 
Mxi die gewöhnliche Weife verhalten. Seitdem finct 
in England und , fo viel ich weifs , blofs hier , zwei 
ähnliche Fälle verzeichnet, welche Herr Farre hier 
anführt. In dem einen, von Langßaff beobachteten, 
färbte fich bei einem männlichen Kinde fogleich nach 
der Geburt die ganze Haut blau. Ungeachtet das Wet- 
ter fehr warm war und das Kind beftändig in Flanell- 
eingewickelt wurde, war doch feine Temperatur weit 
niedriger als bei einem fechs wöchentlichen Kinde, das 
fich in demfelben Zimmer befand. In den erften drei 
Wochen fanden Ikh nur leichte "Tvefpirationsbefchwer- 
den, aufser beim Saugen; diefe aber ftiegen allmählig 
zu einer bedeutenden Hohe, und es erfolgten Anfälle, 
während deren die Haut dunkler wurde und die Tem- 
peratur fauk. In einem Alter von zehn Wochen ftarb 
das Kind in einem folchen Anfalle plötzlich. Der 
Puls war immer l'chwacli und klein, bisweilen kaum 
fühlbar, der Darmkanal in Unordnung. 

Der rechte Vorhof war fo fehr erweitert, dafs 
ff beinahe die Gröfse des übrigen Herzens hatte, di« 



245 

rechte Kammer normal. Die Wände der linlcen wa- 
ren nicht dicker als die der rechten , die Hühle klei- 
ner; Die Lungenarterie und Aorte hingen durch den 
arteriöfen Gang , der völlig die normale Weite hatte, 
zufammen. 

Den zweiten Fall heobachtete Herr Farre felbft. 
Das Kind war gleichfalls männlich und wurde fünf 
Monate alt. Sogleich nach der Geburt ftellte fich ein 
äufserft heftiger Hüften ein. Beftändig war das Ath- 
njen, und dadurch auch das Saugen, erichwert. lu 
der Herzgrube ein heftiges Klopfen. Die Haut be- 
ftändig bLiu und fehr kalt. Häufig wiederkehrender 
Hüften, der durch jede Veränderung der Stellung ver- 
dnlafst wurde, ausgenommen, wenn das Kind auf der 
rechten Seite lag. Es niufste beftändig in Flanell ge- 
wickelt werden, indem die geringfte Entblofsung, felbft 
-einer Hand oder eines Theiles des Gefichts, Schau- 
dern veiurfachte. Es fchien fich nur wohl zu befin- 
den, wenn es auf der rechten Seite lag, und liinläng- 
liche äufsere Wärme angewandt wurde, um Ausdün- 
ftung hervor zu bringen. Im zweiten bis dritten Mo- 
nate traten einige An.*'älle ein, die durch warme Bäder 
gemindert wurden. Durchfall, woran es litt, wurde 
durch ftärkende Arzcnei gehoben. Im fünften Mo- 
nate bekam es die Pocken. Das Ausbruchsfjeber kün- 
digte fich nur durch erlkjhte Temperatur des Kopfes 
an, während die «brigen Tbeile kalt büeben. Als die 
Pocken fich aeigten, trat ein Anfall ein, in welchem 
das Kind , ungeachtet es in ein warmes Bad gefetzt 
wurde, ftarb. Die rechte Kammer, aus welchcx die 



246 

Aorte entrpfang, war fo dick als fonft die linke: die 
linke dünner; die Aorte normal, die Lungenarterie 
dagegen fo eng, dafs felbft der Knopf einer gewöhn- 
lichen Sonde nicht eingebracht werden konnte ; das 
eirunde Loch unvollkommen verfchloffen , indem die 
Klappe durchbohrt war; der arteriöfe^Gang verengt; 
die Lunge normal, 

Diefe zwei und zwanzig neuen Fälle, welche ich 
beinahe ganz fo gegeben habe , wie fie das Original ent- 
hält, indem auch der flejfsigfte Auszug oft Puncte aus- 
läfst, welche entweder dem Verfertiger felbft fpäter, 
oder dem Lefer fchon jetzt wichtig wären, enthalteil 
mehrere Bedingungen , welche für die Gefchichte der 
blauei\ Krankheit im Allgemeinen wichtig find. 

Betrachtet man zunächft den Einflufs folcher Zu- 
ftände des Herzens und der Lungen , welche die voll- 
ftändige Bildung des arteriöfen Blutes unmöglich ma- 
chen, auf die verfchiedenen Lebensäufserungen und 
unter diefen zuerft auf die des bildenden. Lebens ■, fo 
findet man, dafs die verfchiedenen Perioden der Bil- 
dung neuer organifcher Subftanz, die Verdauung-, die 
Bhitbildung , das Acbmen , die Abfonderungen unil die 
Gejtalciing nicht auf gleiche vVejfe und nicht in allen 
Fällen auf diefelbe Art vom Normal abweichen. 

Dafs im Allgemeinen die Verdauung geftärt ift, 
und dafs diefe Störung derfelben von OxygenmangeJ 
herrühre , beweifeu aufser den früher voa NaJJe ' ) an- 



l) Archiv ä. a. O, S. S7fiV 



-— — 247 

geführten Fällen mehrere der neuern. Der von Farre 
beobachtete 22jährige Menfch ftarb plötzlich, nachdem 
er eine reichlichere Mahlzeit genoffen hatte, als gewöhn- 
lich '). In einem Kinde, das am vierten Tage ftarb, 
verfchlimmerten fich die Zufälle jedesmal, fo oft es 
Nahrung zu fich genommen hatte '), offenbar wegen 
des zum Behuf der Verdauung gröfsern Oxygenbe- 
diirfniffes. Selbft die Art der Nahrungsmittel fcheint 
von Einflufs zu feyn, der höchft wahrfcheinlich von 
der gröfsern oder geringern Menge von Oxygen be- 
dingt ift, welches fie felbft enthalten oder das im Ge- 
gentheil zu ihrer Affimilation verwendet wird. VVe- 
nigftens hat Naßif mehrere Beobachtungen zufammen- 
geflellt, welche Verfchlimmerung der Zufälle, befon- 
ders durch ftick- und wafferftoffhaltige Subftanzen 
nachweifen und l'alols bemerkt ausdrücklich, dafs der 
Appetit feiner Kranken vorzugsweife auf Pflanzenfpei- 
fen gerichtet war 5). 

Die Efsluft ift indeffen im Allgemeinen gut: ebeii 
fo ift auch der Stuhlgang nicht nothwendig vom Nor- 
mal abweichend, wenn gleich in mehrern der erwähn- 
ten Fälle Durrh/alf, oder yerfiopfung Statt fand. 
Vielleicht ift es nicht unraerk würdig, dafs in einem 
Falle, bei einem fünfjährigen Knaben, deffen Appetit 
nnregelmäfsig war, der Stuhlgang einen äufserft libeln 
(ieruch und eine dunklere Farbe als gewöhnlich 



1) ObPn S. 52Ä, 
9) Oben S. U4. 
3) Htrltt JaUiblicb. i. teutrchen Med. II, i. S. ttf. 



248 

hatte '), indem hierdurch ein Vikarüren der Thä- 
tigkeit der Leber für die der Lungen angedeutet zu 
werden fcheiot. ' 

Das Athmen ift im Allgemeinen mehr oder we- 
niger unregelmäisig. Nur in fehr v/enigen Fällen wird 
es regelmäfsig angegeben, und diefe wenigen Fälle be- 
treffen Kinder, die in den erften Lebenswochen ftar- 
ben. Faft immer war es mehr oder weniger befchwert, 
fchnell, kurz, keichend, vorzüglich immer das Bedürf- 
nifs zu fehr tiefen Einathmungen vorhanden, alles 
unft reitig Zeichen eines nie gehörig befriedigtea 
Oxygenbedürfnifies. 

Das VVefen der blauen Krankheit ift Unvollkora- 
menheit der nächften Wirkung des Athmens, der 
Umwandlung des venöfen in arterielles Blut, indem 
entweder das Herz oder die grofsen Gefäfsc oder die 
Lungen fo angeordnet find, dafs die hierzu nothwen- 
dige Wechfelwirkung zwifchen Blut und Luft nicht 
voHftändig zu Stande kommt. 

Das im Körper kreifende Blut ift daher meht 
oder weniger venös. Beweisftellen früherer Beobach- 
ter hat Najj'e zufammengeftellt ' ). Auch die fpätera 
Beobachtungen, welche Farre zufammengeftellt hat, 
erwähnen nieiftens einer ungewöhnlichen Menge eines 
Jehr ßüjßgen , dunkeln Blutes. 

Mit der Venofität des Blutes hängt auch die 
grofse Neigung zu Blutilüffen, und ein mehr oder 



I) Farrt S. 9«. 
5) Axchi» & ä«5. 



249 

weniger deutlich entwickelter fcorbutifcher Zuftand 
znfammen. Farre's vierzehnjähriger Knabe hatte 
fchwammiges Zahnfleifch und äufserft übelriechenden 
Athem. Haaß's und Tacconi's Kraoke waren fehr zu 
filutflüilen geneigt. Cailliot's dreijähriger Knabe blutete 
häufig aus dem Zahnfleifch und ftarb an einer Blutung 
aus dem Munde. Der eilfjährige bekam im fünften 
Jahre heftiges, faft nicht zu ftillendes NafenbJuten. 

Sowohl von der anfehnlichen Menge als der Ve-^ 
nofität des Blutes, beides Bedingungen, welche an den 
Zuftand des Embryo und folcher Säugthiere erinnern, 
die fich häufig in einem Zuftande von unterbrochner 
Refpiration befinden, rührt die blaue oder fohwärz- 
liche Farbe der Haut her, von der ich nicht zu be- 
merken brauche, dafs fie in einem höhern oder gerin- ' 
gern Grade allgemein ift, und fich vorzüglich an dün- 
nen und durchfichtigen Stellen zeigt. Nur in einem 
Falle von Cooper ') wird nicht der Bläue, foudern 
der ungewöhnlichen Bläue der Haut eines achtmonat- 
lichen Kindes Erwähnung gethan. 

Sehr intereffant würde auch die Unterfuchung der 
an die Betrachtung des Lungenkreislaufs und der Blut- 
bUdung Geh anfchliefsenden Frage feyn : ob die Umwand- 
lung der Luft durch das Athmen vom Normal abweiche? 
Hierüber aber fehlen, fo höchft wahrfcheinlich auch 
eine bejahende Antwort ift, die Verfuche durchaus: 
ja, bis auf Farre ') hat fogar noch niemand auf die- 



l) Oben S. 3)g. 
a) A. ». O. & )t. 



fen Punct ,aufmerkf.im gemacht. Da fie mit einiger 
VoIJftändigkeit nur an Erwachfenen angeftellt wer- 
(Jen können, fo ift freilich nicht bald hierübei" Be- 
lehrung zu erwarten. In einem Falle diefer Art, der 
(ich fehr wohl dazu geeignet hätte , ftai-b der Kranlie, 
ehe der Apparat im Stande war '). Den bis jetzt über 
<len Einflufs der eingeatbineten Sauerltoffmenge auf die 
Bildung der Kohlenfaure durch das Alhmen angeftell- 
ten Verfuchen nach zu fchliefsen würde die Quantität 
derfelben weit geringer als im normalen Zuftande feyri. 

Hieran i'chliefst fich die Frage über die Tempei'a- 
tur der Blaufiichtigcn , die man lo allgemein iiiit dem 
Athmen in die näclii'te Beziehung fetzt. 

Ganz allgeniein iit die Angabe, dafs die Wärme 
der hlaufüchtigen Kranken vermindert ley. Es fragt 
fich indeffen fahr, ob blofs das Wärmegefühl oder die 
wirkliche Wärmebiklung iich unter dem gewöhnlichen 
Standpunct befinde. Wie fehr beide Bedingungen ver- 
Tchieden find , ift aus der geringen Erhöhung der Tem- 
peratur in der heftigften Fieberhitze, aus dem fürch- 
terlichen Gefühl von Kälte bei Nervenzufällen und, 
.noch ganz neuerlich, aus den merkwürdigen Beob- 
achlungen bekannt, wo bei völliger Unempfindlich- 
keit kaltes VVaffer gerade Wärmeempfiridung verur- 
.fachte, und umgekehrt '). Auch fanden daher fchoji 
ältere Beobachter, z. B. Hahn bei Saiidijort, felbft da 
die Temperatur ihrem Gefiihl nach normal, wo der 
Kranke über die heftigfte Kälte klagte. 



i) Oben S. 256. 

9) Medice - chirurgical traosactions Vot, II. Ebendaf. VoL 111. 



•^ 251 

Nur Naffe hat bisher ') einige thermometrifche 
Beobachtungen an einer blaufüchtigen Kranken ange- 
ftellt, aus denen Cch, nach ihm, ergiebt, dafs die Tem- 
peratur der äufsern Theile 2i GradReaum., alfo bedeu- 
tend, die der innern, im Munde und felbft unter dea 
AchfelhühJen, wenig oder gar nicht geringer als unter 
jiormalea Bedingungen ift. Leider fagt auch noch 
Farre mit Recht: „in den früher bekannten Fällen 
„ fovvohl , als in den meiften von denen , die ich jetzt 
,, mitgetheilt habe, ift, wie verabredetermaafsen , der 
„wichtige (und man kann hinzufetzen: der fo leichte) 
„Verfuch der thermometrildjen Meffung ganz vernach- 
„läffigt worden." Ungeachtet faft in allen von ihm 
erwähnten Fällen nicht nur des Kältegefühls des Kran- 
ken, fondern auch der Umftehenden in den Extremi- 
täten gedacht wird, fo wurde doch nur in zweien 
das Therniometcr angewandt. Den einen diefer Fälle 
habe ich noch nicht angeführt, weil der Kranke zur 
Zeit der Verläffung des Auffatzes noch lebte: er ift 
aber in mehrerer Hiuficht merkwürdig. Der Gegen- 
ftaiid der. Beoliachtung war ein fünfjähriger Knabe. 
In einem gewöhnlichen Thermotneter flieg das Queck- 
filber , nachdem die Kugel beträchtlich lange in der 
üaud gelialten worden war, nicht hoher als 85 Grad 
lahrenh. , da es Geh bei einem gefunden in viel kür- 
zerer Zeit auf 98 Grad eihob. Unter der Zunge da- 
gegen l'tieg CS hei beiden auf 98 und beharrle darauf. 
Die Tem|)eratur des Ziiiuners war 63 Grad, die Jalt- 



1} AicbiT. S. 215. S«. 



25-2 



reszeit Sommer. Dagegen flieg das Queckßlbef eines 
fehr empfindlichen, blofs zur Meffung der thierifchen 
Wärme gefertigten Thermometers in der Hand auf 
985 unter der Zunge auf 99 Grad, wahrend die 
Temperatur des Zimmers nur um 3 Grad höher als 
vorher war. Die folgende Tabelle über die mit diefena 
ICranken angeftellten Verfuche, beweift noch mehr, 
dafs die innere Temperatur fehr beftändig ift, wenn 
gleich die äufsere bisweilen und nicht unbeträcht- 
lich, linkt. 

Temperatur 



Datum. 



der 

änfsern 

Luft 



des 

mers. 



70 

59 
69 
61 



der 
Hunde. 



98 

74 
96 
92 



der 

Füfse. 



97 



unter 

der 

Zunge. 



Puls. I Athmen. 




23. Aug. 
13. Sept. 
17. Sept. 
IJO. Sept. 

Inde£fen war fie doch auch hier nicht viel nie- 
driger als in den innern Theiien, den einzelnen Fall, 
wo ße auf 79 Grad herabfank, ausgenommen. 

In dem einen f arre'fchen Falle, bei einem 33jährigen 
Menfchen , der aber gerade aus dem Schlafe erwachte, 
imd fich in einer heftigen Ausdünftung befand, blieb 
das Thermometer in der Hand auf 98 Grad, hob fich 
dagegen im Munde bei wiederholten Verfuchen be- 
ftändig fogar über 100 Grad, fo dafs alfo die Tempe- 
ratur fogar einige Grade höher als im normalen Zu- 
lande ftieg. 

Dafs diefe unvollkommene Bildung noch weni- 
ger ein Gefühl erhöhter Temperatur ausfchliefee, wäre 



253 

falt überflöfeig zn bemerken, wenn nicht das Gegen- 
theil fo beftändig angegeben würde. Denn ein voa 
Cooper befchriebener Fall beweift es mit ßeftimmtheit, 
indem hier einige Tage vor dem Tode ein Gefühl voa 
heftiger Hitze in der Haut entftand. 

Ob die bedeutend niedrige Temperatur der Ex- 
tremitäten für zufällig oder wefentlich zu halten fey, 
ift wohl nicht leicht zu entfcheiden. NaJJe und Farre 
fahen es nur einmal : weit bäußger fand fich gar keine 
oder eine weit geringere Differenz von der innern und 
der Temperatur in den Extremitäten gefunder Per- 
fonen. Indeffen fand Cooper in einem Fälle, wo ein 
Frauenzimmer plötzlich blau wurde und blieb, und 
als Grund diefer Erfcheinung eine Verletzung der 
Herzfcheidewand angefehen wurde, die innere Tem- 
peratur zwar loo Grad, die Extremitäten dagegen 
merklich kälter als gewöhnlich '). 

Aus den angeführten Verfuchen und allen ange- 
gebenen Erfcheinungen, dem Fröfteln , der Nothwen- 
digkeit, fchlechte Wärmeleiter anzuwenden , der Mög- 
lichkeit aber auch, dadurch das Kältegefühl zu ver- 
treiben, fcheint fo viel hervorzugehn , dafs zwar auch 
bei dem unvollkommenften Athinen eben fo viel Wär- 
me ah unter normalen Bedingungen erzeugt, aber weit 
leichter zerftreut wird, oder dafs zwar die innern, 
nicht aber immer die äufsern Theile die Fähigkeit zur 
normalen Wärmebildung haben. 

Damit fteht unftreitig die aufserordentliche Heil- 
famkeit des häutigen Gebrauches der warmen Bäder, 

I) Farrt S. 74. 



254 

weiche Fdrre'), Cooper ^) und Engll/h 5), felbft 
des oft wiederholten Wafcbens der Hände mit warmen 
Waffer, welche Farre fahe, im Zufanimenhange. 
■■ Auch der Einflufs der Jahreszeit fcheint hier- 

durch bedingt zu werden. Schon Naffe hat die Be- 
merkung gemacht, dafs fich die Zufälle in mehrern 
Fällen im Winter verfchlimmerten. In den von Farre 
gefammelten Fallen ift es bei weitem nicht immer an- 
gegeben, in welcher Jahreszeit der Tod erfolgte. Auch 
muffen wohl die Kranken erft^ ein gewiffes Alter er- 
reicht haben, ehe man über den Einflufs der Jahres- 
zeit einigermafsen beftimmte Vermuthungen äufsera 
darf, indem fonft der Tod dem Umftande, dafs über- 
haupt die meiften in zarter Kindheit fterben, zuge- 
fchrieben werden kann. Indeffen ift es freilich auf 
der andern Seite möglich, dafs, wäre das Kind, das 
im Winter, bald nach der Geburt, ftaib, in einer gün- 
ftigern Jahreszeit geboren worden , der Tod fpäter 
el-folgt feyn würde. Gegen diefe Anficht liefse fich 
vielleicht nur der Umftand geltend machen, dafs im 
Allgemeinen das Kind vor der Winfeikälte hinlänglich 
gefchützt ift , um nicht durch ihi-en Einflufs 2u leiden. 

Die Normalität der Temperatur, auch bei fo 
äulserft unvollkommenem Athmen, als es bei Blau- 
füchtigen Statt findet, beweift aber unftreitig auffal- 
lend , dafs im Refpirationsprocefs nicht unmittelbar die 



1) Oben S.224. 

2) Oben S. 3}«. 

3) Oben S. 342. 



255 

Quelle der thierjfchen Wärme zu fuchen fey, und be- 
tätigt daher die Kefultate der neuen Brodie'ichen , im 
zwölften Bande des ReU'khen Archivs mitgetheilten 
Verfuche auffallend. Zugleich aber ergiebt fich auch 
hieraus, dafs, wenn auch das Nervenfyftem , wie an 
allen, fo auch an diefer Bildungserfcheinung, gewifs 
einen vorzüglichen Antheil hat, dennoch hierzu kein 
Zutritt von rothem Blut an daffelbe erfordert wird. 

In wiefern vielleicht die Function der Haut und 
andrer Organe, namentlich der Leber und der Fötus- 
organe für die Lungen vicariirt, läfst fich, nach den 
jetzt bekannten Beobachtungen, nicht mit Beftimmt- 
heit ausfagen. Die allgemein beobachtete aufseror- 
dentliche Schwärze des VenenbJutes fcheint aber nur 
fehr wenig für einen bedeutenden Antheil derfelbeii 
zu fprechen. Vergleichende Unterfuchungen derHaut- 
ausdunftungsinaterie blaul'üchiiger und gefunder, in 
Hinficht auf Quantität und Qualität mtifste hierüber 
entfchciden. 

Mehrere Beobachter, namentlich Farre in eini- 
gen Fällen, geben indcffen eine beftändige Neigung zu 
reichlicher Transfpiration an, unri diefe konnte, in 
Verbindung mit Neigung zu venüfen Biutflül'fen, fehr 
übelriechendem dunkeln Stuhlgange, fahr übelriechen- 
dem und dunklem Harn vielleicht als, wenn gleich 
unvoUkomnines, Erfatzmittel des Athmens angefehen 
werden. 

lieber den Einflufs der unvollkommenen Blut- 
biiJung auf die Ernährung Uad die Meinungen gc- 
theilt. Uflt und /tutenrii-tk iahen Kleinheit und Ma- 



256 

gerkeit als nothwendige Folge davon an, während 
Najfe, auf mehrere Erfahrungen geftützt, das Gegen- 
theil annimmt. 

In mehrern der neuen Fälle wird- hierüber nichts 
beftimmtes angegeben , fo dafs alfo wohl keine bedeu- 
tende Abweichung Statt finden mochte. Incleflen wird 
doch in mehrern, und namentlich in neun Fällen, 
denen von Haafe, Howfliip, fieben von Farre, dem 
von Palois , mehr oder weniger Magerkeit , vorzüg- 
lich der Extremitäten, -angegeben. In zwei Fällea 
war das Wachsthum in die Länge zugleich vermindert. 

Auf geringer Energie der bildenden Thätigkeit 
fcheint auch der Umftand begründet, dafs in einem 
von Farre beobachteten Falle mehrere äufsere Theile, 
die Nafe, Kinn, Finger und Zehen empfindlicher als 
bei andern Kindern waren , fo dafs oft ein geringer 
Druck oder ,Stofs deri'elben heftige Schmerzen verur« 
fachte. Dies fcheint mit der geringen Fähigkeit der« 
felben , Wärme zu erzeugen , zufammenzuhängen. 

Naffe fowohl als ich haben auf die eigenthiim- 
Ijche Geftalt der Finger und Zehen , deren letztes 
Glied ungewöhnlich grofs und dick ift, aufmerkfam 
gemacht. Diefe wird zwar nicht in allen Fällen an- 
gegeben; indeffen möchte ich faft annehmen, dafs 
hieran nur Mangel an genauer Beobachtung Schuld 
gewefen fey; denn aufser den von Nqße und mir an- 
geführten Fällen fahen fie Palois , Haafe , Hodgfon, 
Meyer und Farre: der letztere zweimal, indem einen 
Falle bei einem vierzehnjährigen, in dem andern fchon 
bei einem fünfjährigen Knaben, ein, wegen der voll- 
komm- 



-^ 257 

kommnen Uebereinkunft diefer Bildung mit der eni- 
bryouifchen fehr merkwürdiger Umftand, den ich aber 
keinesvveges aus einem unabhängigen Leben diefes Glie- 
des erklaren möchte. Auch hier beftätigt (ich NaiTe's 
Vermuthung über das Urfächliche diefer Anfch\Vel- 
lung, dafs fie weniger in einer V^ergrofsüruno- Jes 
Knochens, als einer Anhäufung von venofem Blute be- 
gnlndet fey '). Wenigftens fand Palois die Finger 
und Zehen vorn angeßlitvoUen und weich. • 

Uebrigens weicht nicht blofs das letzte FinTcr- 
und Zehenglied auf diefe- Weife vom Normal ab, fon- 
dern die Finger und Zehen find zugleich bisweilen 
länger und dünner als gewohnlich. Wenigftens be- 
merken dies Pahis und Faire (S. 34.) ausdrücklich zu- 
gleich mit Anfchwellung der vordem Enden der Fin- 
ger und Zehen. Wahrfcheinlich ift diele Abweichunff 
nicht blofs auf diefe üegend eingeichra'nkt. In dein 
einen, mir vom Herrn Dr. iWpjp;- zu Berlin mitgetheilteii 
Falle waren zugleich alle Röhrenknochen in der Mitte 
fo äufserft dünn, dafs fie leicht zerbrochen wurden, und 
Jl'wheraiid und Leniin geben ungewöhnliche Länne 
der obern Extremitäten an, alles embryonifche Bil- 
dungen. 

Ueber die Mifchung und die Textur der Kno- 
chen werden wir leider durch keine Beobachtung be- 
lehrt. 

Auf das BilJung<:gefch;ift erfcheint die vermin- 
derte Arlerialifation des Blutes in fofern nicht feiten 

I 1) Archiv S. 37». 

i M. d. Archiv. I. 2. R 

r 



258 

von nachtheiligem Einflulfe , als die Zähne lieh unvoll- 
kommen entwickeln. Das eine Kind von Cailliot hatte 
im achtzehnten Monate erft. zwei Zähne, im Palois'- 
fchen Falle erfolgte das Zahngefchäft fpät und langfani. 

Eben fo gehört hierher unftreitig die, wie es 
fcheint, nicht feiten zugleich vorkommende Vereini- 
gung diefer Abweichung mit unvollkommner Entwick- 
lung des Gehirns, namentlich mit VVafferkopf, die in 
den Fällen von Haafe, Trauer und Thiebault Statt 
fand. 

Wie verhält ficli die EniwicMung der Gefchlechts- 
fuuclioiien bei Blcaißichiigejt ? Ueber diefen Punct 
herrfcht gänzliches StilUchweigen auch da, wo die 
Kranken alt genug waren, um zur Aufmerkfamkeit 
darauf zu leiten. Man könnte um fo mehr geneigt 
feyn, wenigftens keine Störung derfelben anzunehmen, 
. da bei Rei'pirationsbefchwerden häufig fogar erhöhter 
Gefchlechtstrieb vorhanden ift; allein die Erfahrung 
fcheint zu beweifen, dafs diefe Function durch die 
Fötusähnlichkeit des Lebensproceffes in der That ge- 
hindert wird, zum Auftritt zu kommen. Tacco/n's 
ICranke war im vierzehnten, Spry's im fiebzehntea 
Jahre noch nicht menftruirt, iind bei Farre's Kran- 
ken waren die Züge nicht nur kindifch, fondern durch- 
aus keine Spur von Mannbarkeit vorhanden. 

Ganz allgemein ift die Bemerkung, dafs die Tnl- 
tahiluät bei diefen Bildungsfehlern des Herzens um 
der blauen Krankheit überhaupt äufserft fchwach ifi. 
Auch auf diefe Bedingung ift früher von Naße und 
mir aufmerkfam gemacht worden. Sie fpricht ficIi 



l) unftreitig durcli gewiffe Bedingungen der Magerkeit, 
welche beobachtet wurde, aus. Es wird in mciirera 
Fällen nicht nur beflimmt gelagt, dafs vorzüglich die 
Extremitäten abgemagert gewefen feyen, fundern in 
einem Falle fagt Farre von einem vierzehnjährigen 
Knaben ausdrücklich, dafs er an den Extremitäten 
fehr fchwache Muskeln gehabt habe '). Dies kommt 
mit der Hunter'ich&n Angabe fehr iiberein. 

2) Erhellt diefe Schwäche des Muskelfyftems aus 
der Art der Thätigkeitsäufserungen deffelben. Bei 
Farre's zwei und zwanzigjährigem Kranken war die 
Muskelkraft in den letzten Wochen feines Lebens fo 
gefunken, dafs er nicht zu gehen im Stande war. 
So lange er Geh noch bis zu diefer Zeit bewegen 
konnte, reichten geringe Anftrengungen hin, um Hü- 
ften und Dyspnoe hervorzubringen. Der fünfjährige 
Knabe war immer fchwächer als die übrigen Kinder 
gewefen. Von feiner Geburt an M'ar er zu keiner 
fchnellen Bewegung fähig, und im fünften Jahre ent- 
ftand fogleich bei der geringften Bewegung Schwäche 
in den Knieen und Lendenfchmerzen. Selbft wenn ec 
nur quer durch die Stube lief, war er dem Umfinkera 
nahe. Im dritten Lebensjahre hatte er fogar ftürkere 
Muskelkräfte gehabt als fpätcr. Haafe's Kranke 
wankte beim Gehen , konnte die Arme nicht feflhalten, 
und einige Gänge durch die Stube matteten fie fo ab 
dafs fie fich niederfetztn muisle und fogJeicli An- 
wandlungen von Ohnmacht eintraten, Uowjlüp's Kjud 

I) S. H. 

R 3 



2(50 -»^«.-^M- 

war fehwächer als andere Kinder cleffelben Alters und 
jeder Verfuch zu einer Anftrengung veranlafste augen- 
blicklich dunkle Farbe mit gänzlichem Verluft der 
Willensäufserungen. Bei dem einen Kranken von 
Cooper tral fogar im dritten Jahre Lähmung der un- 
tern Extremitäten ein, die fich indefs bald wieder ver- 
lor. Im zehnten Jahre aber verlor er einige Tage vor 
feinem Tode den Gebrauch des linken Daumens, wo- 
zu fich bald Lähmung der linken Extremität gefeilte. 

Die Irritabilität der unwillkührlichen Muskeln, 
namentlich des Gefäfsfyftcms, eifcheint gleichfalls mehr 
oder weniger gelunken. In fait allen den oben ange- 
führten Fällen wird Kleinheit , Schwäche, bisweilen 
Häufigkeit des Pulfes bemerkt. Der Herzfchlag ift 
zwar bisweilen ftark , allein dies rührt unftreitig \on 
der Schwierigkeit, das Blut aus dem Herzen zu trei- 
ben, und aufserdem von der damit zufammenhängen- 
den, gewöhnlich vorkommenden Vergröfserung des 
Herzens her. Diefe Umftände begründen auch das 
nicht ungewöhnliche Herzklopfen und die Verbreitung 
des Herzfchlages über eine beträchtliche Strecke der 
Brufthöhle. Dagegen ift der Puls im Allgemeinen re- 
gelmäfsig, nur fpäter, bei Zunahme der Krankheit aus- 
l'etzend. 

Dafs die geißigen Erfcheinungen oft unter diefen 
Bedingungen normal, fogar vorzüglich find, haben 
fowohl ich als Naffe bemerkt. Auch'ih Farre's fünf- 
jährigem Knaben verhielt es fich fo, indem er gut 
I«rnte und behielt. Der langfame Verftand eines von ' 



ihm beobachteten vierzehnjalirigen war daher vielleicht 
nur zufällig. 

Iiideffen find doch häufig die Functionen des Ner- 
venfyftenis mehr oder weniger geftört. In Haafe's 
Kranken war das Geficht und das Gehör ftumpf : eben 
fo in einem von Feine behandelten vierzehnjährigen 
das Geficht trübe. Heftige Kopffchmei-zeu, Schwin- 
del und Uebelkeüen wurden faft von allen Kranken, 
die ihre Gefühle ausdrücken konnten, angegeben. 
Im Hao/e'fclien Falle war fogar innerer Wafferkopf zu- 
i^leich vorhanden. Unftreitig war dies auch beim Thie- 
haiiWichen Knaben der Fall , deffen Kopf um ein Drjt- 
theil zu grofs war, und der an Epilepfie und Schlaf- 
lucht litt. 

Ueberhaupt rührt wohl die Depreffion der Mus- 
kelthuligkeit grofsentheils , vielleicht ganz von einem 
regelwidrigen Zuftande des Nervenfyftems her, der 
in der unvollkommnen ArterialiCation des Blutes be- 
gründet ift. Wenigftens wird dies durch LegalloisVei- 
fuche über den- Einflufs des Rückenmarkes auf die 
Bewegungen des Herzens äufserft wahrfcheinlich. Der 
nachlheilige Einflufs, welchen Gemüthsbewegungen ha- 
ben, fofern ße als die häufigften Gelegenheitsurfacheii 
der Anfälle der blauen Krankheit erfcheinen, beftä- 
tigt unftreitig diefe Vermuthung. 

Sowohl ich als Nalfdiabea auf die merkwürdige 
Erfcheinung aufmerkfam gemacht, dafs die Krank.- 
heitserfcheinungen bei diefen Bildiuigsabweichungen 
des Herzens häufig nicht fchon bei der. Geburt vor- 
handen find, oft erft lange nacliher eintreten, und 



263 

diefelbe aus der Fötusartigkeit des kindlichen Lebens- 
proceffes und des geringen Oxygenbecliirfniffes, welches 
in diefen- Perioden Statt findet, erklärt. Ungeachtet 
in einigen der von arre angeführten Fälle, nament- 
lich dem von Englifh (S. 12), einem von Cooper(S. 14), 
■von Hodgßn (S. 19), von Langfiaff (S. 28), von 
Tarre (S. 29), auch in dem von hacife (a. a. O. S. 7) 
und von Palois, die Symptome faft mit der Geburt 
eintraten, fo war doch die Gefundheit in andern zwei, 
(^Farre S. l) und mehrere Tage (Schuler p. 12-14), 
felbft vierzehn (Farre und Howfhip S. i 5) Tage, einige 
Monate (Cooper he:i Farre S. 24) lang normal. 

In dem von Fleifchmann befchriebeiien Falle war 
das Kind beinahe immer gefund und litt nur in den 
beiden letzten Lebenswochen an leichtem Hüften, am 
letzten Tage an afthmatifchen Befchwerden und Con- 
vulfionen. 

Offenbar wurden aber in diefen Fällen die krank- 
haften Erfcheinungen öfter unmittelbar nach der Geburt 
bemerkt als ipäter, imd nach Angabe der beigefügten 
Tabelle in ungefähr fechzehn Fällen fchon bei der Ge- 
burt oder in den erften Tagen , in ungefähr acht, 
nach einigen Wochen oder Monaten, felbft fpäter als 
. nach einem Jahre. Es ift daher höchft wahrfcheinlich, 
dafs in den meiften Fällen, wo das letztere bemerkt 
wird, doch wirklich, wenn auch nur in einem leich- 
ten Grade, das erfte Statt fand. Die Art der Bil- 
dungsabweichung Scheint nicht geradezu von Einflufe 
auf das frühere oder fpätere Erfcheinen der Krankheits- 
zufälle zu feyn. Wenigftens erfcliieaen in dem Jtiodg- 



/ö«'fchen Falle , wo das eirunde Loch weit offen, die 
Scheidewand der Kammern durchbohrt, die Lungen- 
arterie verfchloffen war, die Zufälle gleich nach der 
Geburt, da fie fich in den Howfhip'[chen und Cooper'- 
fchen Fällen unter ungefähr denfelben Bedingungen 
erft nach einigen Wochen einftellten. Doch kann 
man wohl im Allgemeinen annehmen, dafsfieda, wo 
die Umwandlung des venOfen Blutes in arteriöfes we- 
gen der Anordnung des Herzens ganz oder faft 
ganz unmöglich ift, unter übrigens gleichen Umftän- 
den früher eintreten, als wo dies nicht der Fall ift. 
Wenigftens ift es in diefer Hinficht merkwürdig, dafs 
in allen Fällen von Transpofition der Aorte und Lun- 
genarterie die Zufälle fogleich eintraten, während fie 
unter allen übrigen Bedingungen fich bisweilen erft 
einiae Zeit nach der Geburt äufserten. 

Nicht weniger merkwürdig ift es, dafs das Le- 
ben bei diefer Milsbildung überhaupt nicht nur einige 
Minuten oder Stunden, fondern fogar mehrere, im 
Green ichen Falle fogar aclitzig Jahre lang, möglich 
ift, eine Bedingung, welche nur durch die Annahme 
erklärlich wird, dafs die Fötus - und Reptilienartigkeit 
des Lebensproceffes eben durch die Andauer deffelben, 
vermöge jener Anordnung des Herzens, welche dazu 
Veranlaffung giebt, unterhalten und möglich gemacht 
wird. 

In wie fern hierzu die erhöhte Thätigkeit andrer 
Organe vicariirend mitwirkt, läfst fich nicht mit Ge- • 
wifsh<'il t>cfiimmen. Zu den frühern Beobaclitungen, 



264 

über Vergröfserung der Fötusorgane ' ) kann man noch 
die anfehnliche Gröfse der GalJenblafe und die An- 
füllung derfelben mit fchwarzer Galle, welche Haafe 
fand, fo wie die fehr beträchtliche, von Palois be- 
merkte' Vergröfserung der Leber fetzen, wodurch in 
derThat eine folcheVVechfelbeziehung, wenn auch nicht 
als beftändig vorkommend, erwiefen zu feyn fcheint. 

Aiifserdem hat NaJJe fehr fcharffinnig auf meh- 
rere Perioden aufmerkfam gemacht, in welchen diefe 
abweichenden Herzbiklungen entweder zuerft Krank- 
heitsziifälle veranlaffen oder Vorzugs weife tödtlich wer- 
den. Nach ihm find dies vorzüglich i) das Ende der 
zweiten Woche; 2) das Ende des zweiten Monats; 
3) der Eintritt des erften Zahnausbruchs; 4) die Pe- 
riode , wo fich die Organe der Bruft vollkommen ent- 
wickeln, beim männlichen Gefchlecht das iite bisiste; 
beim weiblichen das istebis igte Jahr. Nach diefen 
Perioden icheint das Leben durch zweckmäfsige Be- 
handlung unentfchieden lange gelViftet werden zu kön- 
nen. Die Periode Zwilchen dem iitenbis igten Jahre 
ift nach feinen Berechnungen die gefährlichfte, indem 
von zwanzig Blaufüchtigen, deren Sterbejahre ihm be- 
kannt wurden, acht vor dem di'itten Jahre, keiner 
2wifchen dem dritten und eilften, eilf zvvifchen die- 
fem und dem achtzehnten ftarben. In jenen Perioden 
erfolgte der Tod untsr Verfchlimmerung der Zufälle 
höchft wahrfcheinlich nur, weil in denfelben das Oxy- 



l) Fathol. Anat. Bü, i, S. 444. Ntjfi a> a. 0. S, »62. 



265 

genhedürfnifs plötzlich, der normalen Entwicklung ge- 
uiiiTs , erhöht wird. 

iSIit diefen Eeftimmungen kommen meine Berech- 
nungen zum Theil iiberein, zum Theil aber weichen 
fic auch nicht unbedeutend davon ab. Dafs im Allge- 
meinen erft lun das Ende der zweiten Woche ein fo 
hohes Oxygenbedürfnifs eintrete, dafs fich erft dann 
die blaue Krankheit ausbilde, ift mir, wie ich fchon 
bemerkt habe, in fo fern nicht ganz wahrfcheinlich, 
als doch in den meiften Fällen fchon in den erften 
Lebenstagen die Gefundheit mehr oder weniger ge- 
frört war. Noch mehr werde ich in diefem Zweifel 
durch die Bemerkung beftätigt, dafs, der beigefügten 
TabelTe nach, in den erften zwei Wochen der achte 
Theil der Blaufüchtigen, acht, flarben. Die gefährlich- 
fte Periode ift nacli Nojj'e die zwifchen dem eilften 
und achtzehnten Jahre. Zwar zeigt auch meine Ta- 
belle, dafs diefe höchft gefährlich ift, denn in diefer 
ftarben eilf, alfo beinahe der fec'iftc Theil und, Avenn 
man will, kann man hierzu noch das eine Caillioi'fche 
Kind rechnen, das im neunten Jahre noch lebte; allein 
offenbar ift die frühfte Lebensperiode gefährlicher, 
denn hier ftarl)cn allein vom vierten Tage nach der 
Geburt an bis zum Ende des dritten Jahres fechs und 
zwanzig, alfo beinahe die Hälfle der Blaufüchtigen. 
Dagegen hat es feine völlige Richtigkeit, dafs zwifchen 
dem dritten und eilften Jahre die Krankheit wenig 
töillicli ift. Niißf- fand nur einen Todesfall in die- 
ler Periode: ich nur fünf, und unter diefen ift der 
Coojjei'iche, der Jlaafa'khe, i'«/o/i'fthe , Meyer iche 



266 -^ ^— 

und Wrisherg'tche , wie auch NaJJe von diefem fchon 
richtig bemerkt hat, vielleicht kaum zu beriickfichtigen.' 
Die vier übrigen find erft nach Nctße's Unterfuchungen 
beobachtet worden; er hatte alfo zu der Zeit, wo er 
fchrieb, vollkommen Recht, und diefe wenigen Fälle 
beftätigen feine Anlicht nicht nur durch ihre geringe 
Zahl, fondern auch durch die Zeit, in welcher fie 
«intraten, indem der Coope/'khe und Hanfe'khe nahe 
an das Ende diefer Periode fallen. Die Falle von Pa- 
lois und Meyer fcheinen zu beweifen , dafs auch die 
Periode des Zahnwechfelns von nachtheihgemEinflufsift. 

Der von Naffe angenommene Gefchlechtsunter- 
fchied in HinCcht auf die Zeit des Todes zwifchen 
dem eilften und achtzehnten Jahre wird vielleicht durch 
die fpätern Beobachtungen beftätigt, fo fern ich den 
von Najje bemerkten männlichen Todesfällen, welche 
zwifchen dem eilften und fünfzehnten Jahre erfolgten, 
drei männliche, keine weiblichen zufetzen konnte, und 
ich würde der von ihm gegebenen Erklärungsart die- 
fer Verfchiedenheit überhaupt beitreten , wenn mich 
nicht das bedeutende Mifsverhältnifs zwifchen den 
männlichen und weiblichen Blaufüchtigen etwas ab- 
hielte. 

Schiller ') hat fchon die Vermuthung aufgeftellt, 
dafs diefe Biklungsfehler des Herzens beim männlichen 
Gefchlecht häufiger vorkommen mögen, als beim weib- 
licheil , und Naffe ') ift derfelben beigetreten. In der 



j) De morbo coeruleo. Oeniponte ijio. 
2) Bei linnu S. 390. 



^ 267 

That ergiebt fich dies Refultat aus einer Vergleichung 
der bisher bekannt gewordenen Krankheitszufälle auf 
eine fogar weit auffallendere Weife, als es jene allge- 
nieine Ausfage erwarten liefs. Ueber die grofsere oder 
geringere Häufigkeit des unbedeutenden OJfenhleibens 
des eirunden Loches in dem einen oder dem andern 
Gefchlecht läfst fich wohl nichts mit Gewifsheit fagen. 
Meinen Unterfuchungen nach findet hierin keine Ver- 
fchiedenheit Statt. Dagegen ift fie, wie gefagt, bei 
bedeutenden- Abweichungen der Herzbildung fehr grofs; 
denn, wenn ich von fünf und ßebzig ') mir be- 
kannten Fällen, wo das Herz, (ohne Rückficht auf 
die Folgen, indem ich zu diefer Berechnung auch 
mehrere Fötus gezogen habe) auf eine oder die andre 
Art fo vom Normal abwich, dafs dadurch regelwidrige 
Verrnifchung des arteriöfen und venöfen Blutes ver- 
anlafst wurde, achtzehn, in welchen leider das Ge- 
fchlecht entweder urfprüngljch , oder wenigftens in den 
Auszügen, die ich von den Originalen vor mir habe, 
nicht angegeben wurde, nämlich einen Fall von Oie- 
luineau , von Mery, von Hunlcr, von Juilne, von 
Abernetky, von BuiUie, von Siaiidert, von CaUlioc, von 
Obpc, von Huet, von Wilfaii, von Hodgfon^ zwei Fälle 
von Lari^ftaß', zwei andere von Faire und voa Lawren- 
ce , abrechne , fo bleiben doch noch vierzig männliche 
und nur ßebzehn weibliclie Fälle übrig. Demnach 
würde das Verhältnifs höher als a :i feyn; eine Ab- 
weichung von dem, was imAlJgemeinen für die relative 



1} S. die beigefügte Tabelle. 



268 

Häufigkeit der Bilclungsfeliler beim männlichen und 
weiblichen Gefchlecht gilt, die fo merkwürcüg ift, dafs 
fie offenbar eine tiefe pliyfiologifche Bedeutung haben 
mufs. Erwägt man, dafs auf der andern Seite die 
Henimungsbildiingen des Gehirns und Rückenmarkes, 
die fich als mit Wirbel- und Schädelfpake verbundene 
unvollkommene Entwicklung des Rückenmarkes und 
des Gehirns ausfprechen, dagegen beim weiblichen Ge- 
fchlechte weit häufiger vorkommen als beim männ- 
lichen, fo fühlt man fich unftreitig mit Recht zu der 
Vermuthung gedrängt, dafs diefe beiden Verfchieden- 
heiten in der Verfchiedenheit des männlichen und weib- 
lichen I.ebensproceffes begründet feyen, da offenbar 
5a jenqni das Blutfyftem, in diefem das Nervenfyftem 
vorwaltet. Gerade der relativ gröfsern Thätigkeit des 
Herzens und des Gehirns in den beiden Gefchlechtern 
ift es wohl unftreitig zuzufchreiben, dafs die Bildung 
jedes diefer Organe in dem Gefchlechte, wo es zu 
, einer höhern Entwicklung (die fich ja gerade nicht 
grob finnhch auszufprechen braucht, ungeachtet fo 
fchon die verfchiedene verliähiiifsmüßige Gröfsp der« 
felbcn in beiden Gefchlechtern wichtig genug ift), ge- 
langen mufs, als in dem andern, am leichteften fehl- 
fchlägt, ungefähr vvie nothwendig bei höhern Thieren, 
die in ihrer Entwicklung eine gröfsere Menge von 
Perioden durchlaufen, auch in demfelben Maafse eine 
gröfsere Menge von Bildungsabweichungen möglich 
ift, als in niedrigem, welche regelmäfsig beftändig 
auf jenen Stufen beharren. 



Dagegen ergiebt fich aus diefer Tabelle , dafs die 
friihfien. Todesfälle bebii münnUchen Gefdikchte eiii' 
treten. Der frühfte Tod eines weiblichen blaiifiichti- 
gen Kindes erfolgte am Ende der dritten Woche, da 
der eine Far;e'fche Knabe am vierten, der eine Cooper'- 
fche am neunten und der eine Hunier'khe am drei- 
zehnten. Tage geftorben waren. Diefelbe abweichen- 
de Bildung veranlafste auch von zwei Kindern derfelben 
Mutter bei einem weiblichen den Tod erft im dritten 
Monate, bei einem Knaben fchon am neunten Tage. 

Aus diefen beiden Bedingungen fcheint fich un- 
gezwungen zu ergeben, dafs das weibliche Gefchlecht 
ein geringeres Oxygenbediirfnifs befitze als das mann-? 
hche, und dafs aus diefer Verfchiedenheit des Lebens- 
proceffes beider Gefchlecliter eben jene beiden Ver- 
fchiedenheiten hervorgehen, DiefeVermulhung fcheint 
indeffen auf den erften Anblick durch einen andern 
Umftand, den diele Tabelle darbietet, widerlegt zu 
■werden. In diefer reichen nämlich die weiblichen 
Fälle nur, einen ausgenommen, bis zum liebzehntea 
Jahre; die männlichen dagegen in nicht ganz feltner 
Anzahl bis zum zwei und vierzigften, und es könnte 
daher fcheinen , als fey der Mann im Stande die un- 
vollkommene Bildung des arteriellen Blutes länger za 
ertragen als das Weib; allein, näher betrachtet, findet 
doch wohl das Gegentlieil Statt. In diefer Tabelle 
felbft ift doch in der That der ältefte Fall ein weib- 
licher und, rechnet man tiazu noch die Fälle von weit 
oj'j'nem c'irund/tn Loche, die mehrere Beobachter fallen, 
fo findet man dadurch jenen Satz vielmehr bcftäli^t. 



270 -^^-^ 

Nach Naffe's Unterfuchungen ftarben bis zum 
eijften Jahre fogar blofs männliche Kranke ' ), inclel'fen 
weifen die fpätern Beobachtungen ] wenigftens fieben 
weibliche Fälle, nanientlich den von Englifh, Farre, 
Cooper , Howßilp, Ri"g, Meyer und Haafe nach, 
wo der Tod vor dem eilf'ten Jahre erfolgte. 

In welchem Verhältniffe fteht diefer regelwidrige 
Zuftand der Blutbildung zu äufsern Einflüffen? 

In diefer HinCcht läfst fich i) nicht blofs ver- 
muthen, fondern aus uiehrera Beobachtungen fchlie- 
fsen, dafs die Abliängigkeit des Organismus von den 
regelmäfsig und zufällig eintretenden periodifchen Ver- 
änderungen fich auch hier offenbare. 

Im Allgemeinen fcheint befonders Kälte einen 
nachtheiligen Einflufs auf Blaufüchtige zu äufsern. Dies 
läfst fich aus dem beltändigen Kältegefühl der Blau- 
füchügen im Voraus erwarten und 'die Verfchlimme- 
rung der Zufälle, fo wie der befonders häufig im 
Winter erfolgende Tod derfelben beflätigt diefe Ver- 
muthung nidht wenig. Naffe hat fchon auf die Ver- 
fchlimmerung der Zufälle der Sandlfon'ichta und Toc- 
coTji'fchen Kranken im Winter, auf den Tod der 
Obei'ichen, T/ower'fchen, iVeüira'fchen, Sandifort'i.chen 
und Seiler'ichea Kranken imjWinter aufmerkfam ge- 
macht. Hier^u kann man noch bemerken, dafs auch 
in drei von Farre's Fällen der Tod in Wintermo- 
nate, namentlich in dem einen in den October , in 
zweien in den Fei/wa^ fiel, Haafe's Kranke im März, 

I) A. a. O. S. 244. 



271 

der von Burns im Winter , die Kranken von Marcet 
unil Corvifan im April ftarben. Auch Howfliip's 
Fall, wo der-Tod im Mai erfolgte, kann man wohJ, 
nicht ohne Grund, des Climas wegen, hierher rechnen. 
Leider find nur feiten die Todeszeiten angegeben : in- 
delfen ßnde ich doch, dafs nur in zwei Fällen der 
Tod in Sommermonate fiel, im Palois'ichen, wo der 
Kranke im Juli, in dem einen Fn/veTchen , wo er im 
Augiift ftarb, fo dafs alfo bis jetzt das Verhältnifs 
der in den kältern Monaten eingetretenen Todesfalle 
zu denen , wo der Tod in den wärmern erfolgte , wie 
6: I, mithin bedeutend genug ift, um nicht für zu- 
fällig, fondern in dsm Wechfelverhältnifs zwifchen 
dem individuellen und allgemeinen Organismus noth- 
wenclig begründet gehalten werden zu können. 

Eben fo verfchlimmerten fich auch in den Fällen 
von Hodgfon , Cooper und Marcet in der Kälte die 
Krankheitszufälle bedeutend. 

Doch fclieint befonders eine milde mittlere Tem- 
peratur den Kranken am heilfamften, wenigftens be- 
merken Seiler und Piilois ausdrücklich , dafs Hitze 
und Kälte gleich nachtheilig einwirkten. 

In wiefern auch die kürzeren, monatlichen imd 
täglichen Perioden Einflufs haben, läfst fich weniger 
genau beftimmen. 

In dem ArtxVi'fchen Falle erfolgten die Exacerba- 
tionen regelmäfsig am Morgen ; dagegen erfcliiencn fie 
in (lor Mehrzahl der Fälle am Nachmittage oder Abend. 
Wenigftens l)emerken dies Hanfe und Eiiglifk au-.- 
dnicklich, und Qtuimferus Kranke war des Morgens 



272 

weifser als gewohnlich. Auch kommt diefes Verhält- 
nifs der Anfäll« zu den Tageszeiten mehr mit dem 
allgemeinen Typus flberein, felbft in Nevlns Falle er- 
fchienen die Anfälle zuletzt auch während der Nacht 
und waren dann am heftigften. 

Indeffen erfchienen in dem von Ring beobach- 
teten Falle die Anfälle täglich zweimal; dagegen, au-, 
fser den fchon angeführten , bei Kranken von Lang- 
ftaff täglich einmal. Im Ahernethficii&w Falle er- 
fchienen fie anfangs um den andern Tag, nachher 
täglich. 

Ein regelmäfsiger Typus läfst fich indeffen fchwer- 
lich für diefe Krankheit annehmen, indem höclift wahr- 
fchejnlich die, in Hinficht auf die Zahl der Anfälle 
Statt findenden Verfchiedenheiten nur individuell find 
und wenigftens zum Theil von zufälligen Umftänden 
abhängen. 

Die Anfälle der Krankheit felbft find übrigens 
Erftickungszu fälle, deren Grad und Häufigkeit von 
verfchiedenen Bedingungen, vorzüglich von der Art 
des Bildüngsfehlers des Gefäfsfyftems , in welchem fie 
überhaupt im Allgemeinen begründet find, abhängt, und 
die man wohl fchwerlich mit Recht als ein Mittel zur 
Erhaltung des Lebens, das im Gegentheil während der- 
felben im höchften Grade gefährdet ift , anfehen kann. 

Bei weitem am gewöhnlichften ift regelwidrige 
Bildii/ig des Gefüßßfiems Veranlaffung zur blauen 
Krankheit. Unter fieben und lechzig Fällen , (die acht 
Fötusfälle von der ganzen Anzahl abgerechnet) wurde 

diefe 



■^ ' 273 

diefe nur in dreien, de., von Lentin, von Troner 
und von Marcet, vermifst. 

Die regelwidrige Anordnung des Gefäfsryfte„,s 
felbft aber, wodurch diefe Krankheit begründet wird 
ift äufserft verfchiec(en. ' 

Im Allgemeinen kann man fage„. dak ße ent- 
weder von der Art ift, dafs dadurch Vermifchung des 
rothen und fchwarzen Blutes bewirkt, oder die Um 
Wandlung des letztem in das erftere völlig gehindert' 
w,rd Bedingungen, welche auf «mehrfache w2 
möghch werden. "«lo 

erfolgy'™'^'^""^ '^^ ''''"'^'" ""'* "'''°^^« B^"te^ 
durch regelwidrige Communication bejder Vor 
kämmen,, indem die Scheidewand entweder . an J 
fehlt oder nur n^ehr oder weniger unvollkom- 
Dien ift; ' 

2) durch Oeffnung der untern Hohlvene oder der 
Kranzvene des Herzens in den linken Vorhof • 

3) durch unvollkommene Bildung der Scheidewand 
der Kammern , die fehr verfchiedene Grade hat ■ 

4) durch Offenbleiben des arteriofen Ganges- ' 
''derLt ""^'^^""^ '-' ^-.enpulsade; .„, 

I) durch Verfchliefsung der L.u,genpulsader • 
.) durch Veruufchung des Urfprungs der Lungen- 
pulsader und der Aorte. wahrend Ae Vefen 
jnfcrtionen Cch normal verhaltea. 
M. i. Archio. I. 2. ' ,S 



274 -'-^ 

Man fielit leicht, dafs diefe Biklungsabweichun- 
gen nicht blofs dem Grade, fondern auch der Art 
nach bedeutend verfchieden find. 

Die regelwidrige Gommunication der beiden Herz- 
hälften und des arteriöfen und venöfen Blutes über- 
haupt, fo wie die Verfchliefsung der Lungenarterie, 
gehört in die Klaffe der quantitativen Bildungsabwei- 
chungen , die Umtaufchung des Urfprungs der Aorte 
und Lungenarterie in die der quahtativen. 

Die erftern find mehr oder weniger deutliche 
Hemmungsbiklungen. 

Meiftens fetzen fich mehrere diefer Abweichungen 
auf mehr oder weniger uiannichfache Weife unter ein- 
ander zufaiiimen. 

Vorzüglich kommt die Enge oder Verfchliefsung 
der Lungenpulsader mit den übdgen Bildungsabwei- 
chungen äufserft häufig vereinigt vor. So verhielt es 
lieh in fechs und dreifsig Fällen, und man ift daher 
ganz allgemein Zu der Annahme geneigt, dafs diefe 
Bedingung den Grund der übrigen Bildungsfehler des 
Herzens enthalte, indem, wegen diefes Hinderniffes 
für den Durchgang des Blutes durch die Lungen- 
pulsader zu den Lungen entweder das eirunde Locli 
offen erhalten , oder eine regelwidrige Gommuni- 
cation beider Kammern in der Scheidewand derl'el- 
ben gebildet werde, eine Vermuthung, die auch noch 
durch die Fälle, 'wo zwar die Lungenpulsader vor- 
handen ift, aber aus der Aorte entfpringt, beftätigt 
wird , indem man hier gleichfalls ein Hindernifs für 
den kleinen Kreislauf um fo mehr annehmen kann, 



-^^ 275 

als auch hier meiftentheils die Lungengefäfse weit enger 
als im normalen Zuftaade find. 

Indeffen ift doch wohl diefe mechanifche Erklä- 
rungsweife aus mehreren Gründen nicht wohl zu ge- 
ftatten. 

r) Ift nicht ganz feiten die Lungen23ulsader nor- 
mal weit, felbft weiter als gewöhnlich. So verhielt 
es fich in einem Falle von Faire, einem andern von 
Richerand, einem von Lawrence uad Corvifait , vier 
von mir und aufserdem mehreren andern. Sind gleich 
diefe Fälle ungleich feitner als die, wo die Lungen- 
pulsader verengt war, l'o reichen fie doch hin, um 
zu beweifen, dafs jener Zuftand derfelben eben fowohl 
für eine Folge als für die Urfache der Perforation 
angefehen werden kann. 

2) Spricht dagegen die Uebereinkunft der ver- 
fchiedenen Grade von ßildungsabweichungen des Her- 
zens mit normalen Bildungen deffelben bei mehrern 
Thieren, die unmöghch zufällig feyn kann. 

Sehr merkwürdig ift die Verl'chiedenheit diefer 
mannichfachen Abweichungen in HinGcht auf Häufig- 
keit ihres Vorkommens. 

Unter allen ift die Vertaufchung des Urfprungs 
der Aorte und Lungenpulsader bei weitem die felten- 
fte, bis jetzt nur dreimal beobachtet. 

Bei weitem die allgemeinfte dagegen ift die im- 
vollkonimene Bildung der Scheidewand der Kammern. 
Unter vier und fechzig Fällen von Herzabweichung wa- 
ren in zwei und vierzig die Kammern, und meiftens fie 
aliein , mehr oder weniger unvolJkommeu entwickelt. 

S 2 



276 • 

Indeffen xaals hier fehr wohl bemerkt werden, 
dafs, wenn zwar diefe regelwidrige Communication 
der Kammern die häufigfte Veranlaffung zur Ent- 
ftehung der blauen Krankheit enthält , fie dennoch kei- 
nesweges als die häufigfte Abweichung vom Norroal 
anzufeheu ift. Bei weitem häufiger ift die Vorkam- 
merl'cheidewand unvollkommen entwickelt, und wenn 
diele Unvollkommenheit feltner nachtheilige Folgen 
hat, fo dafs unter den Fällen von blauer Krankheit 
nur ungefähr in zehn die Oeffnung des eirunden Loches 
allein als Veranlaffung zur Krankheit angefehen wer- 
den konnte, fo war doch theils in vielen unvoUkom- 
mene Bildung der Vorkammerfcheidewand mit der der 
Kammern vergefellfchaftet , theils rührt der feltner 
nachtheihge Einfiufs der unvollftändigen Verfchliefr 
fung der Vorkammerfcheidewand von der Verfchie- 
denheit der Stellung und der Verhältniffe der Oeff- 
nung in der Scheidewand her, je nachdem fie fich in 
der Scheidewand der Vorkammern oder der Kam- 
mern befindet. Unter übrigens normalen Bedingun- 
gen kann felbft ein fehr weites eirundes Loch ohne 

o 

Nachtheil für die Gefundheit ertragen werden , indem 
felbft die Blutföulen des rechten und des linken Vor- 
hofes einander fo das Gleichgewicht halten, dafs wenig- 
ftens keine bedeutende Vermifchung erfolgt : dagegen ift 
dies bei Perforation der Kammerfcheidewand fchon des- 
halb unmöglich, weil iich die Oeffnung hier an derBafis 
des Herzens , dicht unter den grofsen Gefäfsen befindet, 
eins von beiden aus beiden Kammern zugleich ent- 
fpringt und gewöluilich das eine verfchloffen ift. 



Am häufigften entfpringt die Aorte aus beiden 
Kammern zugleich ; weit feltner t'ie Lungeiipulsaderir 
ja bis auf Farre's Werk war diefe Abweichung gar 
picht bekannt, und auch er führt nur zwei Fälle da- 
von an. 

Diefe Anordnung felbft an und für fich ift nicht 
nothwendig Urfache der blauen Krankheit, indem da- 
durch nur Eintritt •ian arteriofem Blute in die Lungen- 
pulsader bewirkt , alfo arteriöfes Blut zum zweitenmal 
zu den Lungen geführt wird , wie in den von Huber 
wnA Maugnrs befchriebenen Fällen , wo die abfteigende 
Aorte bedeutende Aefte zu den Lungen gab; allein 
in den Fällen, wo diefe Abweichung beobachtet wurde, 
entftand diefe dennoch, indem in beiden die Lungen- 
pulsader allein die abfteigende Aorte bildete, weil der 
untere Theil des Aortenbogens verfchloffen war, alfo 
im grofsten Theil des Körpers gar nicht vülL'g arte- 
rielles Blut circulirte. 

Diefe Bildung kam daher mit einer von. Sieidele 
beobachteten überein, unterfchied fich aber von ihr 
in fo fern, als durch den gemeinfchaftlichen Urfprung 
der Lungenpulsader aus beiden Kammern in den 
FflT^'fchen Fallen die letztere, welche den grofs- 
ten Theil des Körpers verfah, nicht blofs, wie im 
normalen Zuftande, venüfes, fondern auch arteriöfes 
Blut erhielt, während fie in Steidele's Falle wegen 
(formaler Anordnung der Herzkammern, blofs venö- 
fea aufnahm. Daher wahrfcheinlich der frühe Tod 
des Stei<lj-Ir'{chea Kindes. 



278 • 

Eine Annäherung an diefe Bildung fand fich in 
dem Falle von Haafe, wo die Aorte mehr ans der 
rechten als aus der linken Kammer entftaiid. Auch 
im Abernethy'ichea Falle entfprang fie aus der rechten. 
Diefe Bildungen kann man daher auch als Andeutungen 
der Vertaufchung des Aorten- und Lungenpulsaderur- 
fpfungs anfehen. 

So wie übrigens der gemeinfchaftliche Urfprung 
der Aorte aus beiden Ventrikeln Reptilienähnlif hkeit 
iTt, fo' gilt dies noch weit mehr für diefe Anordnung 
der LungenpuJsacler, indem diefe dadurch noch weit 
deutlicher als bei normaler Bildung der Kammerfchei- 
dewand als die zweite Aorte der Reptilien eifcheint. 

Merkwürdig ift der Urfprung der Aorte aus der 
rechten Kammer, fie finde mit Transpofition, oder 
mit normaler Anordnung , oder mit gänzlichem Mangel 
aeif Lungenpulsader Statt, vorzüglich deshalb, weil bei 
den Rfeptilien ein folches Wandern derfelben nach der 
rechten Seite fehr deutlich ift , fofern fie bei mehrern 
weiter nach rechts als die Lungenpulsader entfpringt. 

Damit hängt auch wohl unflreitig die Befchaf- 
fenheit des bisweilen regelwidrig vorkommenden ein- 
kgmmerigen Herzens ab, fofern fich die einfache 
Kammer gerade im rechten Theile des Herzens findet, 
der linke dagegen folide ift, Diefe Bildung beobach- 
teten wenigftens Fleifchmann. und Farre bei dem zwei 
un4 zwanzig Jahre alten Blaufüchtigen. 

Sie ift in fo fern höchft bemerkenswerth , als 
fie offenbar eine genaue Wiederholung der Anord- 
nung des Reptilienherzens ift, wo die Höhle fich 



auf iliefelbe Weife mehr rechterfeits befindet, der 
Jiiike TheiJ des Herzens dagegen eine fcfte Maffe dar- 
fteJJt. Nicht richtig ift es wohl, hier anzunehmen, 
clafs lieh die rechte Kammer, nicht aber die linke ge- 
bildet habe, da die einfache vielmehr durch Verfchie- 
denheit der Dicke der Wände und durch die Com- 
munication mit beiden Ohren, beiden Kammern, durch 
den Urfprung der Aorte mehr der linken entfprach. 

Bei den ab weichendften Anordnungen der Arteri«*- 
weichen übrigens die Venen gewöhnlich durchaus njht 
vom Normal ab , und eben fo find auch die Kamr^errt 
weit häufiger bedeutend unvollkommner entwick-'t ^is 
die Vorhüfe. Merkwürdig ift, dafs in dem vo*- ^i"S 
beobachteten Falle die untere Hohlvene, und '"' dieje, 
fich unmittelbar in den linken Vorhof öffr<te> weil 
dadurch die Wolffißh - Sahacler'iche Därftell "S «'er Ent- 
wicklung des Herzens, welche ich duroaus richtig 
gefunden habe, auffallend b»itätigt wiv- ,; 

Findet vielleicht zwifchen der Beiclaffenheit dec 
organifchen Fehler unr.' den Krankbeitsafcheinungen, 
fowohl in Hillficht Juf die Zeit des Eiitritts derielt 
ben als den Grad ihrer Heftigkeit ein bd'tiiumtes Ver- 
bältnifs Statt." 

Diefe Frage ift fowohl. von Naßi ') als von 
Farre ') aufgeworfen und bejahend beattwortet wor- 
den: auch ich habe früher diefelbe Meinung geäulsert']^. 



l) Archiv S. an ff. 

s) A. a. O. S. }i. ;], 

)) P*th. Anat. Bd. I. S. 4f ). Oben S. aii, 6). 



S80 



In der That find auch die meiften der Fälle, wo 
die Kranken ein ziemlich hohes Alter erreichten, 
folche, wo das eirunde Loch offen war, und 
höchft wahrfcheinlich könnte man noch mehrere Beob- 
achtungen von anfehnKcher Weite des eirunden Loches 
bei Perfonen , die ein mehr oder weniger hohes Alter 
erreichten , hierher zählen , welche ich , weil keine da« 
(urch veranlafste Krankheit zu meiner Kenntnifs kam, 
Hebt in der angehängten Tabelle aufgeführt habe. 

Da , wo vermöge der Anordnung des Gefäfsfy- 
ftem. nothwendig eine bedeutende Vermifchung des 
arteriifen und venöfen Blutes erfolgte, namentlich in 
den Fäien, wo die Lungenarterie ein Aft der Aorte 
Vrar', fielet man gleichfalls die Heftigkeit der Zu- 
fälle durc. die Gröfse- der Lungenpulsader bedingt. 
In dem erf^o Falle von Farre (Oben 8.224), wo die 
Lungen pulsa<ergrofs war, fand nicht einmal blaue 
■ Farbe Statt. 7af(elbe gJt för den einen , von Cooper 
beobachteten Fall' (Oben 2> ajS)» wo die Lungenar- 
terie aus beicen Vöntrikeln eatfprang und die abftei- 
gende Aorte »reeu^e. 

' Doch iü ein folches Verhältnife zwifchen dem 
Baue des Herzens und den Krankheitierfcheinungen 
nicht durchais nothwendig und beftimmt. Bei Ricke- 
rand's und Farr'e's vierzigjährigen Kranken war die 
Scheidewand der Kammern durchbohrt. Bei Farre's 
zwei und zwanzigjährigem Kranken fand fich fogar nur 
eine Kammer, und zugleich war das eirunde Loch offen. 
Auch der fieben und zwanzigjährige Kranke von Pozzis 
foll nur ein einkammeriges Herz gehabt haben. 



281 

Es giebt keiji ungünftigeres Verhältnifs als die 
V'ertaul'chung des Urfprungs der Lungenarterie und 
der Aorte, und dennoch wurden Kranke diefer Art 
zwei, fünf, felbft acht Monate alt. 

Dagegen ftarben die Kinder, deren Lungenpuls- 
ader ein Aft der Aorte ift, fpätftens am zehnten Tage, 
tingeachtet offenbar hier ein mehr arterielles Bhit als 
dort kreifte, und unter ihnen das S/andert'iche Kind, 
bei dem das Verhältnifs der Lungenarterie zur Aorte 
am ungünftigften war, fpäter als alle übrigen. 

Dafs indeffnn ' doch im Allgemeinen die Anord- 
nung des Herzens und der grofsen Gefäfse einen fehr 
bedeutenden Einflufs auf den Grad der Ivrankheit hat, 
fcheint wohl die Beziehung zwifchen der Befchaffen- 
heit der Lungenpulsader und diefem zu verrathen. 
Wenigftens war diefe in keinem der Fälle, wo das 
Leben unter diefer Bedingung höher als vierzig Jahre 
gebracht wurde, verengt, und höchft wahricheiniich 
ift ihre Verengung oder Verfchliefsung die Bedingung, 
■welche ganz vorzüglich die übrigen Bildiingsfehler zu 
Krankheitsurfachen macht. Dafs dennoch in nicht felt- 
nen Fällen das Leben bei Unwcgfamkeit der Lungen- 
pulsader nicht unbedeutend hoch gebracht wurde, hat 
feinen Grund, aufser der Gewöhnung und dein Vica- 
riiren anderer Organe höchft wahrfcheinlich in der 
VergröCserung der Bronchialgefäfse, deren Zuftand lei- 
der nie unterfucht wurde, fo wichtig er auch wäre. 

Uebrigens hat der Bau des Gefäfsfyftenis nicht 
blofs auf den Grad, fondern auch auf die Art der 



dadurch hervorgebrachten Krankheit ohne Zweifel 
Einflufs. 

Am allgemeinften ift die Anordnung fo, dafs ein 
aus arteriellem und venöfem gemifchtes Blut in die 
Aorta gelangt und zu den Organen geführt wird, eine 
Bedingung, welche überdies vorzüglich durch die ge- 
wöhnlich Statt findende Verfchliel'sung der Lungen- 
pulsader begünftigt wird. Bisweilen aber gelangt im 
Gegentheü arterielles Blut aus der linken Hälfte des 
Herzens in die rechte, vermifcht fich hier mit dem 
yenofen und durchkreift zum zweitenmal die Lungen, 
geht dagegen vor der linken Kammer vorbei. Diefe, 
weit feltuere, Bedingung mufs man wohl da vermuthen, 
wo die Lungenpulsader und die ganze rechte Hälfte 
des Herzens ungewöhnlich weit, cüe Aorte dagegen 
und die' linke eng find. Sowohl die Perforation der 
Vorkammer - als der Kammeri'cheidewand kann hierzu 
Veranlagung geben, wenn fich vielleicht ein Hinder- 
nifs in der Aorte oder der venöfen Mündung der lin- 
ken Kammer findp,t, oder die Richtung der regelwi- 
drigen Oeffnung von der Art ift, dafs fie gerade einen 
folchen Weg des Blutes begünftigt. Nothwendig wird 
dann auch das Blut, wegen Ueberfalliing der rechten 
Hälfte des Herzens, in den Venen des Körpers zurück- 
gehalten werden; allein die dadurch entftehende ftär- 
kere Fäfbung der Haut wird nicht fo dunkel als in 
dem entgegengefetzten gewöhnlichem Falle feyn , vor- 
züglich da, wo die Luugenarterie aus beiden Kam- 
mern zugleich entfpringt. Fälle diefer Art find un- 
ftreitig der eins von Corvifart, fo wie der von Ricke- 



— 283 

rand enSMte, wie fiir den erften fchon ich, für den 
letztern NaiJ'e bemerkt haben. Wo ich nicht fahr 
trre, gehört hierher auch der Fall des vierzehnjähri- 
gen Knaben, deffen Herz ich vor mir habe, indem 
die Euftacliifche Klappe fehlt, die rechte Herzhälfte 
lind die Lungenarterie fehr ausgedehnt und verdünnt, 
die linke Herzliälfie und die Aorte fehr eng find. 
Sollte nicht in dieler Verfchiedenheit der Grund des 
längern Lebens mancher Menfchen, die an bedeuten- 
den Herzfehlern liiefer Art leiden, entboten feyn? 
Offenbar ift wenigftefls die vingewöhnlichere Anord- 
nung, wo das Blut aus der linken Herzhälfte in die 
rtchte tritt, in fo fern dem Leben weniger gefähr- 
lich, als die Arterialifation des Blutes nicht dadurch 
gehindert, fondern nur der Zutritt des Blutes zu den 
Organen geftört wird, und die Abweichung von der 
normalen Slruclur kommt mehr mit einer gewöhn- 
lieberen Verengung der Aorten- oder Mützenklappen, 
ohne Communication der rechten und linken Herz- 
hälfte übercin. 

Der letzte Fall von Fane und der von Bums 
befchriebene befiätigcn diefe Vermuthung, indem die- 
fer der Belciiaffenheit der Lungenpulsader nicht er- 
wähnt, jener ausdrücklich die anfi.hnliclie Weite der- 
felben bemerkt. Uebrigens ergiebt fich fchon aus den 
Fallen von Lcniiii , Trott fr unil Metrcet, dafs die blaue 
Krankheit nicht nothwendig in einem urfprüngliclien 
liijdungsfehler des Herzens begründet zu feyn braucht, 
fondern durch jedes andere Hindcrnifs der vollkomm- 
nen Arteriulifation des Blutes, dies Gnde ficb nun ia 



den Lungen oder im Herzen , in jeder Periode . des 
Lebens, gefetzt werden kann, eine Bemerkung, die 
auch fchon Butns ' ) gemacht hat. Ja in einem Falle 
von Cooper '), wo plötzlich eine bleibende blaue Farbe 
enti'tand, war fogar wahrlcheinlich erft fpäter die Herz- 
fcheidewand zerriffen. 

Dafs indeffen die letztere Anordnung nur höchft 
feiten zufällig iai Leben eintritt , fondern , wenn- auch 
die Symptome nicht unmittelbar bei der Geburt vor- 
handen find, doch insmer Fehler der Urbildung ift, 
jjlaube ich fchon früher hinlänglich erwiefen zu ha- 
ben, wenn- es gleich nicht geradehin unmöglich ift, 
dafs die Verfchlimmerung der Krankheitserfcheinun- 
cen von einer, während des Lebens Statt findende« 
VerTöfserung der Abweichung der Herz- und Gefäfs- 
bildung vom Normal, zu einem gröfsern oder gerin 
gern Theile abliängen mag. 



A. a. O. S. sj. 

3) Bei firre S. H- 



' 



belle 

Q b e r - 



ilie wiclitigftcn Bedingungen der blauen Kiüjfkheit und der abweicheudea Eildungen des G efilsTyrtems 

welcie fie veranla f f e n. 



















































Beobtehtct. 


Gerdl-^bt. 


EinoUl det 
Zurolle, 


KinfluT. i" 
Jjb reift 


F..nHi>r< der 

'Typ"'- 


LebeniiioOT 


Ailimen. 


Tempeiäiui. 


nloanircliiirg 
udJ Fiibe 


KieuUur. 


IrnubiÜüi. 


SeoGbJLUi. 


VerJjuoni;. 


Etnairunä- En(*-ickliing 


Leielianbcfunj. 


I. Si...[i.(i in Accliir 
Tnm 1. p, sx> 


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K,.n,me.trt.eiae.v,nddLird)bohti_ Luos.u.ilwi« (ehr «ag. Aurw 
.uibeidtnl^mmero. Kein «Miuiler Giof. 


3. Merv W.n, de Fu 
17<». HJt. r w. 


.mlKfrimm 








t.,J(g, borrn 




















Weiie Co-nm,.n<4i,on iivifiihen rechiir und lmk»t HertbüHw. >r> 
der llut DUi „„ VoiUF. Linke. unvnUkoinmene K.mmcr 
kleiner al> .berwhit A.i. iener die Lunjenmen« und Aor«. 


3. S..d,fort obt «.. 
p..h. L, III. c 1. 


minnlid. 








- 




















Hon rund. KioiD.erfol,eiil.i,v5ind fbffi d..r.:l.bob.< . Aurtt .a. Lei- 

ini£iweyK.tjp|,a. ° 


4. Hunic. med ntr .,n 
uiiu.r. V«l. VI. B.,11. 


unbcTcimmC 








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5. Mcek»! Reir« Aldi.. 
Bd ?. H. t. 


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mrni. KlirpF-n anvollk^mmen. L..n;cn«.erie 10 klein, imc 












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6. Mtckel EberJ.i£ 


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7. Meckel Ebendir. 


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9. Chcminej.>Mem. df 
Paru lej». hift. 


- 




























Ewev Vürkimmfra. Eine Rsrnmer. LimEenmerie,hhr kleiu. 


JO, rji.c S. J. Oben 


mi,ifllli:l. 


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Hiat bllU 


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Elre Kaminrr. Em Vnrhnf. Z<vpi LonniniriMien au> der Aoiie- 
Lurrgenveuen lun den Ki.liK-entt. ECcrcnoI. 














II Cnoper Itl fat.e. 
S. la Obrn S. :i7. 


ra^üinlicJi 


beiCebuti 






5 T^s« 






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hciditii^ 




roon.clrend. bildet die .btteicendo A...IC. A-iifi-ifi'nde uniet- 


13. W.ir^-t Pl«l innl- 
Hl. Vnl, tt. Rea'. Ar- 
chiv Dd. i. 


unbeft.mmt 


liebedciiLund 






7 T^ee 


...... 


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Eine Kamme.. Euie Vo.lammer- Lunsenirice an. der Aori«. 














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(!.ljp|*dei .„„;,Jr., L-..-!,.-. "n...lil,..mmr^i.. K.im rn-.-.rdie.de.vJnd 


14- finnJorlPI'J.t«ii.-( 
„.oe.Jouro.Wll- 1. 


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ic bedeii.end 






10 T.i6e 


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Eine Kjmnict. km VliIliI. Luin^ecmene ein Alt der Anrte. 








vuii dei HolLlvene feut,%nt. 


IJ. H....,e...^ 


mlin.>1>al> 


bc. Gebnii 






MT.,e 


Mit rjwer 1 


-^ 


fu.k ° 












ilei^lixr Kimmr, klein. Ikcliter V,„Iinl' .,.,d eirundci Lo<,b Idir 
Ricifi. Lun^erineiie en;, Miludunp « ertctiluffen. 




weibUtli 


ei Gebullt 
ocl. Erft,- 

jft in du 

len WmIio 


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Aut.^l1e ici 
ALeiiili — l.ig- 


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Htn.rj.Ue nie 


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16. EoBUrii beiFÄdi. 
S, 12.Ul.euS.no. 


v"^r,r,.1,durcb 
tu 1 wen 








F»fc -keine Klippe dei' eininAn LocJwi. Aiitriöltjr Gang tu 






17. rJiit S. :7, Ub«n 
S. SU. 


- 








S Woclien 


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fei» b^!u3 
















Kimuiirrfi-Viilewand ..clibohiL Auur ii» .^iden Kimmein. 
- Cnnj^nartCTW verfchWiTe.i ■Beelxlt Hcrabultte wem. «1» Unk«. 














IK. li., nie Mo,b,d ...... 

dl, I. t<ij"viue». !■- !■ 

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Uifi.iuuE der Aotie uad Liingemiierio ydUufdii. AtteruMer 
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loS. Jl. A.d. L^'ÜOij 
med lev.iw %>.. IV. 


milnnlicli , 

\ 


otiJ'l.chum 
le m WucLi 
e.fcUluunie- 
""6 






10 Wudieii 








Pul. \hm u 












U»rp.ung der Liin£en..l(rie und Aoite muufcht. Lungciuitr r.t 
— blWet die abtttigmde Aon«. " 








fJ,v..U 




l 




„^«ü. 


edig« An- 
ill in Ende 
ei »en Mo- 






laWutl.cii 




alte tniiGe. 






rL;ll■^Jcl■ 












31. Scliulti D,trttt. d» 
,nuibd coo.ulto. Otni 
puHte. IglO. 1.. n — 14. 






^^ 


eng. Aorle vid lu weit. Lunjjeppuliidei lelir en^. 


22. Cooper bei l-ir>e, 


ivB.bli«J. 








i Mnuj. 


















1 iNiJii gtuilneu 














" ■.l,(n.litu.,«6en. I!M- 
S 1»», 


mSix^Uh 


[0 bedlulend 






•1 WcdiC« 

















«!■ .:- i 




Eine icebu lieRendo Kuinnur, 11» weldier die Aurlo. Lun^«.!- 
jrieiic verfdiltnen. Z«ei Vorbüfe. 


24. F*wo S jy. ui,B, 
s. n5 


~ 


Le, Üebuii 






i M..n.t 


, K.J1« 


Xiiut bisft 








__^- 




1 U,ri„uoE der Ao,« und Lu,.ürn.»er,e «.t.uW,!, U,«l. lel.r e^ft. 


35- Howlli.p Eduiburg. 
mrd. j»d (urg. imir,!. 
Vor IX, üben S ;(l- 


weMich 


n<l> d»r ii«u 
Wuclie 


r<,d im Mdi 




, Mon.< 




K^lto 


' 




felir fJ.vv«!. 


üe^v..l,Il<-liB. 
k.i. m den 


rteii. 


»■jjtr 




Au,« .11. beiden K-mmet... I.imeenjrie.ic B'B«" ■"» l^'""" 
blind e'*''*l>t'- ^'l"' *"« "'"' •l'l""''^""fi- 


30. (.,„ef(.flh.li.tefc 
B. 10, Ob«n 6. 140. 


iin«*[(\niRit t«t Otbuit 1 


,3EV,d. 


.M..,« 


r™p.'rl';,r 1 


I 












37. Co«i.e< l«> F»ire 
S, n. übto S US. 


m.\n..i^u '■^j,'^;^;;^' ="" '^;|^ j"' 


1 


S Munüt 


U.emml zu 
lehiL.ll 


ie'o.'lri'li^; 


ii..uc LUb 








VcrJuplunE 




Ht«B™&, v.«,c»ii: R,.uud« Lud. Bmf'. l-i.nee...uMrUjpyli,r 
■ *l. A-riB. Lrf,„-Jii.l>e.d^"K*-nmrrn. 


aa. Nev.n. ÜuWJn mi^i 
c.'omitnt. U«, 11. IX 
&.mml »...e.lel. Abh. 1 


U^l. du.Mc... 
— Munat "Cod im ^Uol ^w.i.i.il wg- 


10 Monüt 




Kihe ,m An. 
LH 















Hro. (Tinf.. Anw* 0". l«i.l«r. Kunmern, Luogtniriem vcr- 










39. Jur.ce M*-». -1' l 
(i.c,d<!nii<le«.di.P"i>X 










lo Mimtt 






llülfd-dU.. 
t-tl. - J1-I.L 

H.utbl.u 












Eiiiinde. Luch iiiul o.tc.iure. Gjiig „SU.,. 


30. H,nKb.F..K.S.:' 

^ An. .1 n«.l. and V^l 

,mT.n.Vol.Xni. p.iw 


we.bl,cl. 






lidi iweim,il 


I J-l.r 


,.,,„,, 


Küli. 










fch. m.Eer 




KjmmrrfcLeideivund du.ilibubn. Manggl der Vurk*mmerfdi-i- 
dewand. Anne ji» beiden Kimmern. Liiiueiurceiii veienn. 
Untere HnhK-rne in dM.l(HkcnVorl>nf. . 


,1. Ab«.n»(l.y Clur. - 
pl.jt. Ve.f.. Qbot ™ 
!l,4ndi. .7«. 


unbirtinimc 








; J.hr 


iinir^clmifiig 


- 


- 












"LunjenJueric vrrrujt. 








32. Tl..*b."lt.S.diU. 

.ecueU pi-iod. T.ir. 


n.L>nlicb 


b«i Gebmt 






3 J.I,. 


ftlnvtr 










'&\%r' 






kuj.i ; .u 


NkhE ee.^;rfnet. 


13. H.>i» Arduv f med 


- 








Sjj-hr 




















Nicht piHintt. 


J.i, Giill.oi Bullet, d 
U [uc de mW. iloT. 


' - 


.m iten Mo 

o« b«>Ke.th 






3 J'Hr 






Vi.l ||I„,„n 




ah-,v«h 








ui eift inei 
iJllUB. Vm- 

3ete PUljiu 

liok. 


Hertqucr. Bedun Uirlml *^'«ii. ifdiie K-mmet dick. Ao.is 

»". b,idfln. Lii.^tT<r«cie fehr eng. Stimme .g. «m Aorten- 

„. bogen liivnrßru AbTteignude Auiu lediii. Luiei nclKcm 


35. Obet Bullet, dci l 
mUic, Itol. 


uiibeTiimnit 


im nen Mo 

Ml bei Kku 

rodioiOecl 






Jjtht 






Haut bUft 
QlutaoUe iu> 






biTz^'un/rX 




r<Lr m.ätt 


<;-l,nunH re- 


Keiirdir:;^, RMhie.VuiW-.n . lüikei f«!.. en^. K '^merrchei- 
dqwind oben dm, libolin. Ante uuJ beiden Kjnu>.«rn. Ann« 
weit, Ungei,.ro.c M- eng. ArwrLftfer Ging !C*v*» oüen. 
Stimme 9ii> demiVrtenb(;rn inveimr_ Aurie wie Iwunrorigen. 


36. Ptlo.i Culld. de 
Iotrt«my-dijP.r.Hoj 
lUilti ]4hib. 1. 1. 




,nch d« 5. 
liurt, 


Hitu Bnd 

nKl.[h«il«. 
lod imJ'l'i 




4]ihi 


HuCKIt 


Hindeu-Üür« 
kjlt — Telir 
frafuB 


Hiut bl*o 


Henr<:l,:iE 
hell.« 


Itli-.i'adi 




Aprtm 
rcbiintu, «ui 

P8jQItnt|«i- 
len. 


f^b. dccli 

dUg« 


i..^ - uod 
ZeW 1.^6. 

■.a(b-%ollro. 


Weit. Longe««u«*W^.nB,nurz-,ltbpp.n VoüifoKli,.- 
T»n de» ll.t/|.n.d.ik. Her. eruf., »ctiie und linke lt.inmer 
el*i=h. Rechter VoihPt^eit. linke, eo;, >Lcber felir grul». 


37. Hodctonbe. f.n 
S,3S- libco3.HI. 






Wnde^b^t"^ 
feVUit 




Lelii im jtei 
Jjli« 


Ein.tlimen 
tclmeU u. Ml 


"'■"' 


Uiui bU» 




rein iLir,. lüi 


Scb«i..Jel 






,;il-n, ^*hrn- 

gUedu diik. 







TtfihtehttT. 


G.rcia«i.(. 




J,l.t«<eii. 


1 Einfluß .tw 
'T>|;"ie.i an 


L-l^i'J'"»' 


AthmMi. 


TraiptntBr. 


Blutmiftlinnp 


KreltUat. 


Iniulilitl. 


Sdoßbilii-t. 


Vtiimung. 


H„.™. 


Gntmickluni;. 


L«;cl>enb«fuod. 


'»„;;,- s"^- "•"•■ 


. ,v.,b,«b 






, , 1 "- 1 - 


















■= Ua .UV,;^ *"'■" ^^' ^■'«""«•'i« >". J.-' "ci.ien K.-„n„. 


"ÄS'^^Ä' 


- 


Lei Cfhuic 


du Mnr|{«nl 




Übt i« Itm 


Ilulun 






Fi]l> 
rch>vadj, otl 


reb>W,w,.b. 

.^lh.,fn 


:*hl*t nnrii- 

iLfi. 


«nrallime dt) 
%enjr«l.id- 

;rbrec!>eii. 


Itlein, EiiTfl 
mitten [<d>i 
da.in. 


















1 








40 S.tU R-^J'" A.^liiv 
Bd IS. H.J- 


- 








uol«[<.™tn 


1 


















41. Piiichuki BuJIci.d 
1. r<.c d, n.M <I07. 


mlnnl.cli 


lidi 






uubtfoiam. 




















K»n,merreliejdewänd durelibdirt. " ' 


41- Meye» i» DttIi 


«ebb. f. 








TSJ imfun 




















h^mmrtrcl,e,de.v,.,d durebh^l„t. Lungmm«,. r.l„ ,„- 




1 






[,T7r 7.^ ?W. 


Mgüüriig 


Wh fic-fti- 


- 




r^ Ur rd.v J.:b. 

l>(, J'.l^- 












4J CjilUoi Bi.lld. i 

Ur»e.demM.i|Q7. 












♦4- Cnoper ViFi.re 

S, ;»-U!.ci.S, ::j.. 


n3>i»l^> 


Umt eini^ 

dar r.ihifr 
.(,ml„l \'er- 

.U.lg.r.. !«■> 


KJlie fel.-d 
iici.. Tfldin, 




-,.rl.r !!• '> J 




Hjui !ul! 






hcdc" U-tr. 


r.kfi. Kopf- 








l^,m^erW,ride.,j,„d dnr.hb.U.,. A.rt, .„, beiden IU«.me,-. 
Im 6ebrn "^' •*'"""'" ?'"S verrsblotlc... Abl.eb 
















1 




,W>. 7M»n. 




t,.a:5 


- 




fcht IcL'vacli 




Vorfinpfnng 


p.t..b«tkl.., 
ner SHI.ir 




irttri« feilt enß. Kl.mpen venv.cbfcn. Eirunde. Incb ^ven 
u i,.u9''''"S*^Sei''&. voll fch*«>Mt G.lle. LuuBB riJn^fa. 
Hl 111 ™ Ji 1 e oivBlTerri 1 c 1 1 1, 


45' lljofc. Demorbocof 


w«iblleh 


b«i cii-u.' 




4«. C.ill.oii.j. 0. 


oiiliinUai 


bU.<c F-.W 
Krankl't.K 
taftU« "' 
,mi6«nMp 






H Jiht 




- 


blute» 




rebi t^hwKl) 


AnlJlea 








W«le Aort« eu, leiden Kammern. Liin-enuteri. fehr eng. d.lnn. 
h..,t,g. Zwe, Kbppen. Her* Tet.r Brot. gtSmin« de. Aorten- 
bcgent »uverii.1. Sehr groÜ« Thymo». 
















47 l..d«.n-nn Z„«lo 


- 








- 






- 














Ferf.,tniun der KämmerrcheidtwäuJ. 


48. Jnr.iit =. iLO. 


- 








-J-.l„r 


- - 


H^mJcu.V.if.c 


- 














Eiiuudci Lacli olfen. 


49- f.nd.fon, OW. J» 


- 


l'.nd« d(> «'- 






.,M.t6«o- 


- 


Wir troftis 


cJii blfClcich 
Hut fohw»«:. 




ehr r.b-vicl, 


ke,ien g« 


gut 


gut 


C" 


Wri.e Aonc aiit beiden Kjmmiro. Luncenirtene febr cn^. Ei- 
lündei Lotli et^vu uEfen. Her» Wir gtot.. 


jo. (^-„v.r.M M^i..^- 


- 










- 






?r,l. kif.t.. 












Amty n.ii beiden Kjmiiiern. Heelitc fel.r d.ckw.indi-, H'i- 


-■;;t"'"^ 




'' 












51 Hü„ttT D. .1. 0. 


" 






" '-'" 






fdL.VÜ.tUdl. 










feLir ma^tr 




.*Mlc Ulli bt.Jeii Kjmmern. Lirii^iiaiteric fehr tns- 


^3, Mur« bfiOU.ä.-.O 


unb=r,.r.L ( 






- 






L 












".;:;;ssÄÄs:: 


iBannl.;:b 








l]..l>r jM... 








i.).r fcbwad. 






lert 




Diffelbe Anordnung. Lmlier Votliof klein. Lungo klo..i, 










54- Mtok.lP.U., A~l 

lld. 1. 


- 








14 .IlLr 


- 
















tiiundei Loch weit ofEen. Reclce Heithühla lehr M'eic, tinke 
fahr eng. 


55 F = ,re .-..O.fi.54- 


- 




' 








f^fLig ■ 


- 1 




dir Icllivjcli 


nttind lang- 


AT.pe.,1 m.- 




»r-u.ZdM!<i- 
Rlied dick 


He« KtuC.. V«Tdcfe Kammer fn d.ck als hiolere. Linke !^t:Le 
















^ 




Lunge ve,c,»,.. 


56-_l-.wj^«nc^«_^^.F^- 










- 




1 - 












kleinen dniirn AhthcJune. 


«7 T.ot'" ""-l- "'' 


minolieh 








- 


- 


[ror<iE ' 1 - 


Fuh rd.iicll 












RwhterXoihoE weit. In der rtcbien Kimmer iiv, Hydiiidcn. 
Rtcbit RntftbflMo voU W-ffe., Wale.kjpr. 






5t(. 1 »min Briois* "' 
ferfclNft. 1791- "■ 








- 


:»brIm-i4iKn 
Jilire 




1 - 
















■«■cdjlicli 










,..-„.u..b 








,, M.r 


Wir f.:l.w<r 


^,. , , 1 Blut Tclir 






Vori,e(TUcl.e 
kcLtdi. 






Atme III Li n« 
Leute EioEBi 
a. ZeberEl.« 
der dick. 








klein, mag« 


Herz febr p-ot. vorrüfilidi du. links. LnnRengef,iE.a fehr wo.i 














6? T.iconi Comm.Bü. 
Mon. VI. 




n sicaJibie 

jj, liobfm 
Fülle? 


KUte Wir 
nichÜiciLj 




I( JiUr 






Illi.<Riirfe. 


Ful> rel.[ 
klein, Hct- 

kla|>Cen. 


fcW Icbwjcb 










Eif.indei Lnth fehr iveit, Linke Kjmmfir iveiter. lerliie dicker 
■U (^«-.Thnlicll. Lungen arte ne lehr eng. Hen rundlicb, Lcbrt 
Telir grori, 


Ol. MotEieni d'. ^ tt 


- . 


nGcbuiC.m 




1 ..i.1.. 




Haut bl.u 


- 


- 










mer>veit ilkker a1> linke. Ken kleni. 


(>2, Spi) Mcm. c.[ il.o 
med. Inct- of Luuil.; 
VoL Vill. 


- 


- 






17 J.!^ 


"r<:hivei 


V>cb;i u. Illu 
du(iklt> (IQI- 
r.i.ci Wut. 


H«^kl"pfrn 


fthwjd.. 

"'-je 


flUMipt 


,,t,3l..ä 


mie« 


M(i>[uiiiu"u 
-rri kl../ icr 


Kitundei Lncli 3" 've,i im UmFjns.-, ArceriüEer Oiiij; nlEcn, 
Hen und Leber fe).r ^r..b. 


63. Sätidi: H,iid.L.ia' 


....u.nl>th 








-:bl LmiaTun 
Jnl.i« 


- 




_ 




























64- Miicci Edmb, mid. 
aud lurg. joucn. VoJ. 1. 


"•" 


ben>,,Iue 


m WintK Iw 
rtäiidige B.- 
[pL»L>onibB- 

rcKi,», Ap.il. 




Tod i>n iliwi 
Jülire 


Wir enpbVU- 




- 














Herannrmal. etwa. grOter. Lunge etivai rcftor . ilbct..lUuf djp 
«lEfie vervvMhfen. 


i "- 1 














65- Sa-»e S. }7. ül"' 
S. -.li. 


mi„nktl, 


roa;.A„,^r. 




j: J..I11 


'rlihl.cu'" 


ni.rm.l 


„ 


i-uura.i»!! 


rjiwich 


Sdiwindil. 

SollWKh« 

Uelii'bt. 


""'"■• 


Uuin 


Getruce und 
O.foi.Irrl.t, 

iLni Wicklung 
r^^lir iinvolf 
komixi^.. 


Eiroudr. l.-xll <.ll<u. Ri.tuilll. Kl.ppDffl" fru(. Ke,.,- K 

n.r,fi.he»lrv...."l, doch cuie blu.d^ Ve[U,>.-,«.,. 4,r Kammer 
de<iiei die In.he an Beide en,-- '*n'ilc Otrfnü.men Euhr«,! in 
^.e reJite ICm.ncr. a«, ,ve1cber d.e .\o,ie. lungen.inene 














66. Mev.r lt.. münJU 
ili« M.iihcJiuiB- 


wobl^h 








3* Urr 
















Miit«dct.lin 
r'n Knorbcn 
i..r«rrt dilon 


Eiiundu L..c!i x%e.i >i[fen. 


07 tntiii l«.S*nSi^.lu 
U fu. du C"«"t. 


(n.i.i<iL>cl. 






1 .... 


















Hrri 'Li.eK..mme., febr ei.veiict. 




- 


..< .ir« »[er 


H,u.,c .i.K.lli 
M™L:l.iiie.l.(;. 
tpd .in ^yl. 




11 J41t 




















Etrundr. L..rh lehr ,vcir Unjen^nme ffhr mg. WÄnde der 
H=.ikj<um(.N fcbr dick. Arieriüfer Gji.g ..Eleu. 


i:?;,',rrr- '°" 












69.Scl..,l<r.».*-U. 


- 1 






rSr^ 


1 




1 1 1 1 1 


Klein unrerlnJit. 


70. f ttit S le. 


- 




1 










l 


1 1 


Emiude. Loeh kU «eit. Selir groI.«. iler^ 


71. iitit S. 1«. 


- 








"hft joJil.. 
















1 


Rammerfgbei.)e>vjnd durdiüührt. AüitP liii beiden Kammern 
L.inj;e.u.ter,e fehr >veil. 


7^. Richetjnd N, Lui- 
de pl.yf. V«l. 1. 










11 J.hr 


rj.-v„ 




Il3.II Hau. 


P0I1 niir-pel 


rci.vvjci. 


it;te 




lObcte (llieJ 
in..f...„j„-,^e 


Kam merfoheide wand durchbohrt Lungenhen nnd Lunfenarterie 








";■ Rotnt HniliMiikli 
Umgo 111). ä. 11. 


- 


imlicnjjlic 

ic de Lebtn 
r-lir knnk 






4: Jib. 




















EjuolIu Loeh und aitei^iifer Gaoj weit offen. 


74. Corvitiil Mal. Oft 


-- 


loHrticJali 
(CnlchSchU 


; 




(01,1a 






Hiiit putpnr 


Hctzklo[.[«i 






■»-•■ 




Eirunde» Loeh eme.i Zoll im DutchmeDcr. Be.do Voihi-lEo. lecl.ia 
Kammer mid Lunge 11 arleriB lehr w«it, linke Kammer und Aonc 


du cueut. 






fehr enj. 


''\n'"'»(V ^'"'■'"'"" 


vv..l,l>^h 








iOjllit 






kr .nk 


l.ch. 








1 


Eirundet Loch I Zoll im UuicIimcOu. 


:r,. r,,., s.-Q. 


«.<}^umm 


unUriimm 


unbernmmt 








l.nchfi 


«ihr 


fcheinlic 


rei,i 


,..,. 


1 1 


Loch 10 erof'- Arterilifcr Gao; ottto. "'unue. 


77. i-*T.C tUlidif, 


.- 


- 


- 


- 


- 


1 - 


- : 


- 


- 


- 


- 


- 


1 - 


1 





285 



Intelligenzblatt. 



I. Ueber den Verlauf der Arterien und Venen. 
Von J. F. Meckel. 

Uas Gefetz, dafs die Venen einen weit imlieftändigem 
Verlauf Laben als die Arterien, ift fo allgemein ange- 
nommen, dafs man kaum einen Einfprucli dagegen er- 
warten und wagen kann; dennoch glaube ich, £o alt 
es auch ift, und fo fehr man fogar neuerlich die Noth- 
y»endigkeit deffelben aus der hühern Potenzirung u. f. w. 
der Arterien darthun zu können geglaubt hat, gerade 
den entgegengefetzten Satz aufftellen und ei-weifen zu 
können. 

Die Hauptgründe für meine Meinung find folgende : 

I) Giebt man die Anordnung der Arterien als bei 
weitem zu beft.indig an. Dies gilt für alle Thelle 
des Arterienfyftems. Malier will unter 40O Korr 
pern nicht einen einzigen gefehen haben in wel- 
chem der Urfprung der Stämme des Aortenbogens 
Tom Normal abwich. Die nieiften Anatomen hal- 
ten die höher als gewöhnlich bcfiehende Theilung 
der Armpulsader fiir eine grofse Seltenheit. Dage- 
gen fpricht indeUen nicht nur meine, auf vielfache 
Unierfuchungen gegründete Erfahrung, fonderu die 
Aut«liiiten von Sämmerring, Menro, iiurni und 
Barclay. 



286 

3) Hält man im Gegentheil die Verbreitung 3er Venen 
für viel zu unregelmäfsig. Man verglfst liier ganz 
befonders, dafs, fowohl wegen der gröfserh Zahl 
der Venen, als -vorzüglich wegen ihrer gröfsern 
Weite die Gelegenheit zu Abweichungen bedeutend 
vermehrt und die vorkommenden Aljweichungen 
weit deutlicher find, dies um fo iiieiir, weil die 
Venen meiftens freier liegen , und nach dem Tode 
mit Blut angefüllt find, fo dafs deshallj im Leben 
und im Tode auch ohne vorgängige Injection ihr 
Verlauf weit deutlicher als der Verlauf der Puls- 
adern ilt. 
Vergleicht man beide Syfteme in diefer Hinficht nur 
einigermaafsen genau mit einander, fo wird man fich, 
glaube ich , leicht von der llichtigkeit des Gefagten über, 
zeuoen. Vorzüglich ftütze ich mich auf folgende he- 
fondere Thatfachen. 

l) Die obere Hohlvene wird durch den Zufammen- 
Witt der beiden Schlüftelvenen gebildet. Die einzige, 
mir bekannte Abweichung, welche fie darbietet, ift die 
Is'ichtvereinigung der heidenSchUiffelvenen, wo lieh dann 
die linke, an der untern Fläche des Herzens in der 
Kreisfurche verlaufend, in den rechten Vorhof einlenkt. 
Eine fohr feltne Abweichung, die ich nur zweimal vor 
niir habe, nie felbft fand, und von der auch nur äu- 
fserft wenig Beifpiele bekannt find. 

Die innere Droilel- und die Armblutadern habe ich 
eben fo immer an der gevvühnüchen Stelle entfpringen, 
immer die linke Schlüffelpulsader weit länger als die 
rechte, die obere Holilvene auf der rechten Seite und 
auch die untergeordncien Stämme , z. B. die Wirbel - und 
die innern Bruftblutadern lieh an dem ge^völlnlichen Orte 
einfenken fehen. 

Wie verfchieden von diefem Bilde ift die Anord- 
nung der Stämme des Aortenbogens ! 



287 

Statt jener einen bekannten Abweichung giebt es 
vielleicht zwanzig! Entweder ift I) die Aorte von ih- 
rem Anfange an bis zu ihrem abfteigenden TlieiJe ge- 
fpalten , (^Malacarne) oder 2) diefe Spaltung tritt in ei- 
niger Entfernung vom Herzen ein QHominel') , oder 3) die 
Aorte fchlägt lieh um den rechten , nicht den linken 
Luftiöhrenaft (_Cailliot, ich zweimal), oder die drei Stam- 
me des Bogens zerfallen auf verfchiedene Weife in mehrere 
andere , indem entweder 4) die rechte Schlüllelpulsader 
an der gewöhnlichen Stelle entfpringt, oder 5) zvvifchen 
die beiden Carotiden geruckt ift , oder 6) zwifchen der 
linken Carotis und Scldüffelpulsader, oder endlich 7) un- 
terhalb diefer entfteht. Mit diefem Zerfallen des unge- 
nannten Stammes und dem Wandern der rechten Sclilüf- 
folpulsader lind eine Menge andere Abweichungen häu- 
fig zufaramengefetzt, indem einer oder mehrere der ge- 
wöhnlich gelheilten Stämme verfchmelzen , wodurch 
eine Menge neuer Combinatioiien entftehen. 

Aeufserft liäuiig ift 8) die linke Wirbelpudsader oder 
0) die untere SchilddrUfenpulsader , oder lo) die in- 
nere Bruftpulsader ein eigner Stamm. Auch diefe Ab- 
weichungen kommen bisweilen vereinigt vor. Biswei- 
len findet man II) den ungenannten Stamm zerfallen, 
auf beiden Seiten die Wirbelpulsader als einen eignen 
Stamm. 

Auf entgegengefetzte Weife bilden bisweilen 12) die 
beiden Carotiden mit der rechten Schlülfelpulsader einen 
ungenannten Stamjn, eine Abweichung, die lieh 13) uiit 
dem unmittelbaren Urfprunge der Wirbelpulsader aus 
der Aorte fehr häufig zufammunfetzt ; oder 14) die bei- 
den (..arotiden bilden einen Stamm; oder 15) fclion bei 
ihrem Urfprunge thcilt lieh die Aorte in den aufftoi- 
gendun und abfteigenden Tiicil ; oder 16) auch die linke 
Kopf- und SchlLilteJpuliader emfptingen auk einem gc- 



288 >.>~>-^~>— ■ 

meinTchaftliclien Stamme ; oder 17) der ungenannte Stamm 
Endet ficli auf der linken, der getheilte Urlpiimg der 
Kopf- und Schlülfelpulsader auf der rechten Seite ; oder 
Ig) aus dem linlcen ungenannten Stamme entftelit zu- 
gleich die rechte Kopfpulsader ; oder 19) die linke Schlüf- 
felpulsader entfpringt, wenn fich der Stamm der Aorte 
um den rechten Luftröhrenaft an die VVirbelfäule Ichlägt, 
tief unter den übrigen und Ichlägt ilch hinter der Spei- 
feröhre an die Extremität ihrer Seite. 

Mehrere dieler Abweichungen find fehr häufig, die 
meiften habe ich felbft gefunden und ich nehme kei- 
nen Anftand, zu behaupten, dafs höckftens unter acht 
Leichen eine von ihnen vorkommt. 

Aehnliche find dagegen im Venenfyftem fehr fel- 
teii und namentlich zeigten in allen von mir gefehenen 
Fällen die Venen durchaus keine Spur einer Abwei- 
chung vom Normal, ungeachtet ich fie in diefer HinGcht 
genau unterfuchte. Gerade diefer Umftand leitete mich 
auf die Vermuthang, dafs die gewöhnliche Meinung 
nicht ganz richtig fey. 

Die unter l6 bis 19 angeführten abweichenden Bil- 
düngen find, ihrem Wefen nach , partielle Umkehrun- 
gendes Aortenfyftems , die gröfstentheils von mehrern 
Anatomen beobachtet wurden. Aehnlichn Erfcheinungen,,^ 
welche die obere Hohlvene darbiete , find mir dagegen 
durchaus nicht bekannt. Die Infertion der unpaarigen 
Vene in die linke Schlüffelvene gehört indeflen hiei-- 
her; allein fie ift aufserordentlich leiten. Aufser fVris- 
ierg , der fie nur ein einzigesmal fahe , kenne ich , eine 
von mir felbft gemachte Beobachtung ausgenommen, 
keine einzige. 

Der Urfprung, die öröfse und der Verlauf der 
Aefte derKopf-und Schlüffelpulsadern bietet fo viele Ver- 
fchiedenheiten dar, daf» man In der That kaum eine 

' Regel 



— 289 

Regel aufftellen kann, und dafs es geradezu unmöglich 
ift, in den Venen giöfsere Abweichungen zu finden. 
Für die Geftifse der Extremitäten gilt darfelbe. Welche 
Unbeftändigkeit in der Theilung und dem Verlaufe der 
Armptilsader, die ich nur im verfloffenen Winter unter 
höchTtcns fechzehn in diefer Hinlicht unterfuchten Fäl- 
len achtmal weit 'höher als gewöhnlich getheilt fahe, 
«röhrend die Venen völlig wie gewöhnlich verliefen! 
Wie verfchieden verhält lieh der Urfprung der Finger- 
pulsadern 1 

Für die Anordnung der innern und äufsern Hüft- 
pulsader läfit iicll in der That gar kein Gefetz auf- 
ftellon, indem der Urfprung der Hüft- und Lenden- 
pulsader, der Gefufs-und Schampulsader, der Hüft- 
beinlochpulsaJcr faft in keiner Leiche derfelbe ift. 
Vorzüglich weicht die letzte fo bedeutend, durch ver- 
fchiedene Grade des AVandcrns nach aufsen, vom jN^or. 
mal ab, dafs ich nicht hegreife, wie Herr Heffelback 
kürzlich das Gegentheil behaupten konnte! 

Ift gleich die Schenkelpulsadcr in Hinficht auf die 
Stelle der Tiieilung in die Unterfchcnkelpulsadern weit 
bef tändiger als die Armpulsader, fo finden doch in an- 
derer Beziehung auch hier die gröfsten Verfchledenhei- 
ten Statt, indem die Kranzpulsadern bald aus der tie- 
fen, bald aus der olterflächlichen Schenkelpulsadcr ent- 
fpringen, eine der drei Unterfchcnkelpulsadern oft ganz 
fehlt, die Aefte der einen von der andern cniftehen 
und umgekehrt, die Zehenpulsadera bald aus dem Soh- 
lenbogen, bald aus den obern durchbohrenden Pulsader« 
entfpringcn u. f. w. " 

Unter allen dicfen Bedingungen find die Venen 
normal, oder weichen liöchftens zugleich ab. 

Die Bruft- und Vnterteibiaorte ift vorzüglich in dem 
^^i.^fstcii Theile ihres Veriauls zur Beftäligung der 2wei- 
M. d. Archiv, l. a. JC* 



fei an der gewöhnlichen Meinung geeignet. Welche 
Verfchiedenheiten in der Anordnung der Luft- und 
Speiferöhrpulsadern und der ZwirchenrippenäCte I Hier 
wird man vielleicht die oft vorkommende Duplicität der 
unpaarigen Vene anführen, allein diefe ift eine höchft 
unbedeutende Abweichung, die lieh blofs darauf grün- 
det , dafs einige anaftomofirende Aefte zwifchen der 
halbunpaarigen Vene und der unpaarigen lieh verklei- 
nern, andre zwifchen jener und der obern linken Zwi- 
fcbenrippenblutader, die nie fehlt, lieh vergröfsern. 

Eben fo bieten die Zwerchfellspulsadern, die Ein- 
geweide- und Gekröspulsader, die allerverfchiedenften 
Formen dar, fo fern lieh ihre Aefte bald ganz, bald 
zum Theil in unmittelbar aus der Aorte entfpringende 
Stämme verwandeln, häutig ein Aft der Eingeweide- 
pulsader ganz oder zum Theil aus der obern Gekrös- 
pulsader entfpringt , oder die obere Gekrös - und die 
Eingeweidepulsader mit einem gemeinfchaftlichen Stamm 
entftehen u. f. w. 

Die Pfortader dagegen bietet keine ähnlichen Er- 
fcheinungen dar, und es ift mir kein Fall bekannt, 
wo üch ihre untergeordneten Stämme nicht vor ilireui 
Eintritt in die Leber zu einem vereinigt hätten. 

Zwar ift ihre unmittelbare Inferlion in die untere 
Hohlader eine fehr bedeutende Abweichung vom Nor- 
mal ; allein fie ift fo feiten , dafs fie bis jetzt erft zwei- 
mal beobachtet wurde, und überdies Stehenbleiben auf 
einer frühern BUdungsftufe , aifo keine vom normalen 
Typus abweichende , ganz neue Bildung. 

Vergleicht man die Nierenpulsadern mit den Nie- 
renvenen , fo erhält man befonders unumftüfsliche Be- 
weife für diefe Anlicht, indem man die Nierenpuls- 
aderii weit häufiger als die Venen, oft jene in dera- 
felben Körper ohne diefe, diefe dagegen faft nie allein,. 



in Hinficht auf Zahl und Lage abweichend findet, auch 
gewöhnlich die Abweichung in der Pulsader weit be- 
deutender ift. Dies haben auch mehrere Analomen, 
z.B. Halter, Sommer ring, Bicliat, bemerkt, aber nur als 
Ausnahme von der Regel aufgeftellt, was gerade als 
eins der vorzüglichften Argumente für diefelbe hätte an- 
gegeben werden follen. 

Ganz befonders wird die Unrichtigkeit der gewöhn- 
lichen Meinung noch durch die Betrachtung folcher Ab- 
weichungen des Gefäfsfyftems vom Normal erwiefen, 
welche eine regelwidrige Vermirdiung des rothen und 
fcliwai'zen Blutes bewirken , und daher Urfache der 
blauen Krankheit werden. Hier kann man fich leicht 
ülierzeugen, dafs bei weitem in dem meiften Fällen dip 
Arterien fo vom jVormal abweichen , dafs jene regel- 
wi<lrige Vermifchung des rothen und fchwarzen Blutes 
bewirkt wird. 

Aeufserft feiten find die venöfen Tlieile des Her- 
zens, die Vorkammern, fo regelwidrig angeordnet, dafs 
diefes Refuhat entfteht. Ift gleich ihre Scheidewand 
nicht feiten unvollfländig, fo ift fie es theils doch feiten 
in dem Grade, theils feiten diefe Abweichung derge- 
ftalt mit anderweitiger regelwidriger Anordnung der ve- 
nöfen Tlieile des Herzens verbunden, dafs der Blut- 
lauf dadurch geftört würde. Dagegen ift Perl'oration der 
Scheidewand der Kammern und gemeinfchaltlicher Ur- 
fprung der Aorte aus beiden bei weitem die gewohn- 
licbfte Veranlaflung zur blauen Krankheit. 

Die Lungenpulsadern entfpringen weit häufiger 
aus der Aorte, als fich die Lungenvenen in die HohJ- 
adern fenken. In dcmfelben Herzen, wo fich die erfte 
Biidungsabweichung findet, find gewöhnlich die Venen- 
urfpriinge normal. Wo fich nur eine Kammer ündet, 
lind doch die Vorkammern gewöhnlich regclmäfsig. Moch 

T s 



293 

iTt kein Fall von Infertion der Hohlvenen In ^en lin- 
ken, der Lnngenvenen in den rechten Vorhof bekannt, 
fchon drei gewau befchriebne Fälle dagegen von völliger 
Transpofition der Lungenarterie und der Aorte. 

Sollten nicht die angeführten ThatTachen hinläng- 
lich den Beweis fuhren, dafs das gewöhnlich angenom- 
mene Gefetz, wie fo manches attdere, nicht wohl länger 
befiehen kann?. 

Wo ich nicht irre, fo wird diefe Meinung fehr auf- 
fallend noch durch die Bemerkung beftätigt, dafs auch 
in der Thierreihe das Venenfyftem gan?. auf diefelbe 
VV'eife nach einem weit einförraigex'n Plane gebildet ift 
als das Ärterienfyftem. Welche Verfchiedenheiten bie- 
,tet nicht fchon bei den Säugthieren der Urfprung der 
Stämme des Aortenbogens und die Verbreitung der ab- 
und auffteigenden Aorte dar, da die Hohlvenen lieh 
höchftens , wie beim Menfchen, durch Vereinigung oder . 
Nichtvereinigung beider Schi üffelvenen unterfcheiden. 
Für alle übrige Klaffen gilt völlig daffelbe, ja die beim 
Menfchen nachgewiefene Verfchiedenlieit beider Syftemtf 
in Hinficht auf Beftändigkeit der BDdung, fchelnt mit 
dlefer, durch die Thierreihe herrfchenden , aus derfel-" 
ben Quelle zu fliefsen, indem die Abweichungen des 
Arterienfyftems beim Menfchen faft nur mehr oder we- 
lliger vollkommne Wiederholungen normaler Thierbil- 
dungen find. Dies werde ich für alle mehr oder we- 
niger leicht näcliftens an einem andern Ort nachweifen, 
und bemerke hier nur fo viel , dafs iich auf diefelbe 
Weife in der Tliieneihe der venöfe Herzdieil weit früher 
als der arteriüfe vervollkommnet, ^vie beim Menfchen 
in diefem regelwidrigen Bildungen jeder Art weit häu- 
figer, als in jenem lind. •■ 



293 

i .•. Erwagt man dies, [o wird man aiicli vielleicht zu 
Ausfindung der Urfache diefer Veifohiedenheit zwifclien 
beiden Syfteinen geleitet. .- 

Sollte man fie nicht in der Fntftehung der Venen 
vor den Arterien aufzufuchen haben? Die grofse Con^ 
ftanz des Typus des Nei-venfyfLems macht diefe \^er- 
niuthung , wo ich nicht irre , deüo wahrfcheiivlicher, da 
die Erfahrung beweift, dafs der Bildungstypus in deni 
IVlaafse unbeftändiger ift, als ein Thell fpäier entfteht; 
So läfst fich für die Biklungsgefchichte des Bruftbeins 
faft keiri Gefetz aufftellen, während die der, Wirbel 
liiiclift regelmäfsig ift. Bedeutende Abweichungen im 
SliiskclfyfteuJ kommen vorzüglich an der yordern Wand 
des Stammes tmd den -untern Abfchnitten der Glied- 
maaffcA vor. Köln Organ bietet hätiffg^re und viel- 
Eadiere JBeifpie]^ von Unbeftäiidigli,?i,t d,eir Bildung dar^ 
als das Han>fyfiein. 



ij. Beilrag zur Entwicklungsgefcliiclite des Darin- 
kanals. Von J. F. Meckel. , 

Unter mehrern Tbatfachön, welche in mir die Ver-i 
»Äithun*; erzeugten, dafs, wenn zwifchen der Höhle der^ 
Nalwltyiafeund des Darmkanals ein Zufammenhang dürcfe 
einen offnen Gang Statt ündet, die Verbindungsftellef 
Miclit' der Anfang des Dickdarms , fondern das Endftüclc 
des Krummdarms feyn möchte, befanden fiel» auch dia 
Falle, wo vom Darmkanal aus ein offner, meiftens von 
den Nahelgekrösgefäfsen begleiteter Gang iich ziir vor- 
dem Fläclie des Unterleibes erftrcckte -'i). Diefe fchie- 

^ - ,.v/ .,, ■. 

i, Uebor «lie Divertikel in Rti'üf Archiv Bd. 9. II. i. Ptthol. Ana«. 
li<L I. S. 57». . i . . 



nen mir in fo fem für diefe Anficht zu fprcchen, als 
bei weitem in den meiften Fällen, unter ellf Fällen in 
neun mit Gewifsheit, der erwälmte Gang zum Krumm- 
darm führte , in dem einen der beiden übrigen der Kör- 
per nicht geuffnet wurde. 

Kürzlich habe ich zwei andere Fälle gefunden , von 
welchen der eine wenigftens diefelbe Bedingung dar- 
bietet. Beide befinden fich im Edinburgcr Journal ').' 
Der eine, nicht geradezu beweifende ,^ indetfen in an- 
derer Hinficht fehr merkwürdige ift folgender. Bei einem 
reifen Kinde , \velches drei Tage nach der Geburt ftarb,' 
äufserfi fchwächlich und fchlaff war, -vollkommne Klump» 
füfse und in der Lendengegend eine anfehnliche Wir- 
belfpalte hatte, lag der Nabel tiefer und mehr rechter- 
feits als gewöhnlich, über und. unter ihm befand fich 
eine anfehnliche Erhabenheit. Der After fehlte durch- 
aus. Ungefähr in der Mitte zwifchen dem Nabel und 
der Schamljeinfuge dagegen ragte ein Theil des Darm- 
kanals, den der Verf., Herr Conqueft , für den Maftdarm 
hält, drei Zoll wejt hervor, war aber überall von der 
Haut bedeckt. Die periftaltifche Bewegung fand beftän^ 
dig Statt und bewirkte den -Ausfritt des Kindspechs. 
Der vorliegende Theil war weit dicker als der Maft- 
darm eines Krwachfenen, und fehlen von einem ftarken, 
dtorch feine Zufammenziehung die Höhle ganz verfchJifr. 
Isenden Muskel umgeben. Der Charakter der Gefchlechts, 
thelle war völlig unbeftimmt. Der für den Hodenfack 
zu haltende Theil war beträchtlich gröfser als gewöhn- 
lich und erftveckte fich , glatt und ohne Spur einer 
Nath, bis über die Schamgegend. Von den Hoden fand 
fich keine Spur, der ganze Hodenfack war mit Zell- 
gewebe angefüllt. Wegen feiner Gröfse und des gänz- 



i) Bd. 7. H. 2;. No, 6 und IJ. 



295 

Mchen Mangels jeder Spur von Veiwachfung fchien die-" 
fer Theil nicht die verwaclifenen Schamlippen zu feyn. 
In der obern Gegend deffelhen befand- fich eine kleine,- 
von einer äulserft feinen Spalte durchbohi te Hervorragung 
ohne Vorhaut oder anderweitige Aehnlichlieit mit der 
Ruihe. Die Spalte war die Oeffnung der Harnröhre,- 
ivelche durch das weiche Zellgewebe der Gefchwulft bis 
2ur Schambeinfuge dargeftellt werden konnte, und aus 
welcher der Harn beftindig tröpfelte. Die Schambeinfuge 
war normal. Leider konnte die Seciion nicht gemacht 
werden und es ift daher uhgewifs, ob diefer Fall zu 
denen gehurt, wo der dünne Dann fich an der vordem. 
Unterleibs wand oftneie , oder ob fich iibeihaupt die vor-" 
dere ^\"and des Darinkanals nicht gebildet hatte. Con- 
que/i £agt ewar, es fey der MaTtdarm gewefen, allein) 
er vermuthet dies offenbar nur, weil der After an dei" 
gewöhnlichen Stelle fehlte, und ähnliche Fälle machen 
es vielmehr höchft wahrfcheinlich, dafs der vorliegende 
Theil, wenn nicht der Dünndarm, doch vielmehr der 
nicht verfchloffene Grimmdarm als der jyiafldarin war, 
der fich an einer abnormen Stelle geöffnet hatte, '). 

Auf das merkwürdige Zufammentraffen der Foniv 
nach verfchiedener, aber ihrem Wefen nacli identifcher, 
einander gcgenfeitig erläuternder Bildungsfehler, der 
Wirbelfpahe, Unterleibs- und Darmfpalle, unvoll- 
koinmner Entwicklung der Gefchlechtstheile und der 
FiiCse in demfelben Korper brauche ich kaum aufmerk- 
lain zu machen. Befonders interellant ift vorzüglich 
das ZufammentrefFen der Bauch- und Dar^ufpalte mit 
der Lendenfpalte, fofern es auf die polarifche Correfpon- 
denz Zwilchen der vorder» und hintern Kürperfläche 



l) 8. i'vei Fdlle diefer Art in f/tifikmami de vitiis congenitis circ» 
thoiaeem et abdomen. £rl. p. )t. . .' • 



296 ^ — --^ 

tinweift, welche auch clurch BildungsaWeicJhungen er- 
läutert wird , wovon ich auch anderwärts einige Beifpiele 
zurammengeftellt habe ') und deren Zahl lieh leicht durch 
mehrere vergrofsern lälst. , 

Der zweite Fall wurde von Peake heobachteti Ein 
reifer, neugeborner Knabe, der nicht völlig drei Tage 
alt wiirde, hatte am Naber eine^ Gefchwullt von der 
Gröfse einer AVallnufs , über die fich die allgeuieincn 
Bedeckungen, ungclähr -J Zoll weit erftreckten, und über 
deren obern Tlieile die , dem Anfchein nadi ganz von, 
ihr verfchiedenen Nabelgefifse austraten. Sie hatte das 
Anfehn eines, iir den NabeJftrang vorgefallncn Darm- 
ftUtkes, und an üirem untern Ende befand lieh eine 
Spalte, ans welcher das Kindspech trat. Bald nach der. 
©eburt traten Erbrechen und häutige Krämpfe ein. i AH» 
SpeiTen wurden entweder durch den Mund ausgeworfen, 
oder traten aus der erwähnten Spalte aus. Durch den 
After wurde nichts excernirti, nur kurr. vor dem Tod» 
erfolgte hier Abgang xon. etwas Kindspech und Sclilein). 

Bei der Unteffuchung fand fich der Darmkanal 
vom Mage'iit bis zum angefüllten Darmfliicke normal, 
ein Theil des Krummdarths vorgefallen und offen, Zwi- 
lchen diefer Stelle und dem übrigen Darmkanal zwar 
ein luiunterbtochner Zufaimnenhang, allein diefer wurde 
durch einen engen Gang vermittelt und die Oeffnung 
deffelben in den untern Theil des Darms war eng,i 
befand fich' fan de* Seile deffelben , tind überdies 'WandÜB! 
ficli diefer fo fchnell nach unten, dals der Durchgang 
des Darminhalts fehr erfchwert war. Daher war der 

■Wanze unterhalb diefer -Stelle befindliche Theil des Darm- 
o 

kaflals, naÄenilich der ganae Griinrüdavin , weit erger 
als der- dünne Darm. 



I) Fath. Anat. BL x. p. J^p und 75$. 



• ^^ — .^ 297 

III. Blafe für den Saft des Pankreas. Von 
A. C. MaypT, Profector am anatomifchea 
Theater zu Bern. 
Einer halbenvachlJEnen Katze iviir^e das Lpben durch 
ein. Experiment geraubt. T^s ich ihi: die Bauchhöhle 
öffnete und die untere Fläche der Leber unterfuchte, 
bemerlcte ich ein weifsliches , rundes und von FlLifsigkeit 
ftrozendes Bläschen, das in feiner Gröfse einer Hafel- 
nufs gleich kam. Es ruhte auf der rechten Sejte der 
Gallenblafc auf dem Hälfe derfelben und war an den 
letztern durch Zellgewebe angeheftet. Ich hielt es für 
eine Hydatis , dertn man nicht feiten bei Tliieren auf 
der Leber lindct '), und öffnete ße unverzüglich. E^ 
Öofs eiiie&rauliche Flüffigkeitj in welcher hch weifsliche 
Flocken präcipitirt hatten', heraus, und von einerTänia 
w-ar keine Spur zu entdecken. Als ich daher die um- 
gebenden Theile näher ins Auge fafste, bemerkte ich, 
dafs von dem Bläschen ein Gang, welcher anfanglich 
mit dem Ductus cyfticus und im weitern Verlauf mit; 
dem Ductus cholcdochus parallel lief, mit dem letztern _ 
oeaen das Duodenum hin fich erfnecktc. Ich nahiu da- 
her das umgebende Zellgewebe forgfältig weg und prä- 
parirte die Pfottader, den lebergallengang, und die 
zwei Wurzeln des aus dem bei diefen Thieien gedop- 
pehen Pankreas Ivonunenden ductus pancreaticus. Zu- 
gleich trennte ich den von dem genannten Bläschen 
kommenden Gang von dem Ductus cholcdochus und ver- 
folgte beide bis zwiffhen die Häute des Zwölffingerdarms, 
Auf diefe Unierfucbung zeigte es fich nun, d?fs die 
zwei Wurzeln des ductus pancreaticus, nachdem iie fich 



l) Auch auf der Oberfljche in Milz eines an den Folgen eine» 
fugeruniicen Pfoa» ■ Abfcefles verftorbciien Mannes i'iuid icb 
jüiigfuiin «uie Hydiiiii nuc ihrem Jüewuiioer, 



298 

{"egenfeirig zu einem Kanai vereint hatten, fich nun mit 
tlem Gang des Bläschens zu einem gemeinfchaftlichen 
5ilainiiie in der Nähe des Zwölffingerdarms verbanden. 
l!)er Gang des Bläschens hatte , ehe dlefe Infertion ge- 
fchah, fchon die Linge von ly Zoll erreicht, war 
fömit im Verhältiiifs mit dem ductus cyfticus der Gal- 
lenblafe fehr giofs , - und übertraf diefen noch einmal 
an Länge. Jener gemeinfchaftliche Gang, den man 
etwa Ductus fialodochus nennen könnte, trat nun mit 
dem Ductus eholedochus fogleicli zufammen , und der ge- 
meinfchaftliche Stamm endete im Zwölffingerdarm, in 
deffen HöWe man die einzige Einmündung diefes Stam- 
mes fall. Wurde Luft oder Waffer in den Gang die- 
fes Bläschens eingetrieben, fo drang beides fowohl in 
die Zweige des Ductus paricreaticus als auch durch die 
Mündung im Duodenum heraus. Es war fomit diefes 
Bläschen eine wahre Cyftis fucci pancreatici und ver- 
hielt üch zum ductus pancreaticus wie die Gallenblafe 
zum Ductus hepaticus. Würde diefe Abnormität bei die- 
fen Thieren wieder vorkommen, fo wäre dadurch die 
Möglichkeit, den pankreatifchen Saft zu zerlegen, endlich 
get^leben, und ich will durch diefe Beobachtung die Pliy- 
fioliogen auf einen folchen möglichen Weg, den pankrea- 
tlfclien Saft in ziemlicher Bienge zu erhalten, aufmerk- 
fam gemacht haben. Merkwürdig ift hierbei die Annähe- 
rung diefes Bläschens an die Gallenblafe, wodurch auch 
fein. Gang fo in die Länge ausgedehnt werden mufste. 



tV. Hornbildungen im Allgemeinen und insbefon- 
dere an der menfchlichen Eichel. Von /. F. 
Meckel. (Hierzu Fig. 2. 3.) 

1;. . Sowohl die Abweichungen der äufsern als der Innern. 

Gcßalt oder des Gewebes der Organe find in phyüologi- 



299 

fchcr Hinficht äufserft intereffant, und ihre nähere Un- 
terlucliung leitet zu den fruchtbarften Refultaten. 

Mit den urfprünglichen Abweichungen der Form 
habe ich mich theils in Reils Arcliiv , theils in eignen 
Werken vorzugsweife befcbäftigt und glaube das Meiniga 
beigetragen zu haben, um diefen hochft interelfanten 
Gegenftand in dem Lichte darzuftellen , welches ihm ge- 
ziemt und namentlich um zu beweifen, dafs IVJifsbildun- 
gen nicht blofs als Curioütäten zu betrachten find. Es 
kann wohl keiner Frage unterliegen , dafs fie in der 
Tbat einen weit höhern iviffenfchafttichen Werth haben, 
als die erworbenen ForBaabweichungen , die in der That 
nur in technifcher Hinlicht Reiz haben. Dera wiffenfchaft- 
liehen Forfcher und dagegen auch die Texturabweichungen 
bei weitem wichtiger als diefe und ich werde es mir in 
dem unter der Preffe befindlichen zweiten Bande meiner 
palhologifcben Anatomie zur angenehmen Pflicht machen, 
auch diefen. tiegenftand, feinem Interelfe gemäfs, ab- 
zuhandeln. L\ 
■'■ Diefe Texturveränderungen, die man auch neue Bil- 
dungen, nennen kann, fofern iie gewöhnlich erft zufällig 
entflohen, wenn die normalen Theile fchon längft gebil- 
dietfind, zerfallen in zwei grofse Häuptklaffen, in lolclia 
Bildungen, welche dem Körper durchaus fremd find, 
und in andere, welche zwar aiich in die normale Zufani- 
menfetzungdeffelben eingehen, Wiederholungen norma. 
)ier Gebilde, alltiin durch die Stelle, an welcher' Iie fich 
bilden, regelwidrig find. 

Es giebt beinahe keinen Theil , der fich nich^ regel- 
widrig im Körper wiederholte. Am häufigften gilt dies 
für dat Knochenfyftein, welchem das fcröfe zunachft 
fleht. Vielleicht könnte man vor beiden Syftemen noch 
dem Schleinifyftem den Vorzug geben , indem jcd*r Ab- 
fcefii und jeder Fiftelgang Bildung einer vorübergehenden 



500 — ► - 

ScMeimliaut ift. • Auf.tliefe Theile folgen die Oberhaut- 
ähuliclien, Maare vWil Zähne. Von regelwidriger Haar - 
lind Zahnbildtmg \verde jcli im näcliften Hefta ein von 
mir kürzlich gefundenes, merkwürdiges Eeifpiel befchrei- 
ben und abbilden ; jetzt mag die Beobacbtung einer ver- 
wandten, höchft merkwürdigen Bildung, der HornbiU 
äung hier Itehen. Sie. Wurde von Caldaai ')gemaclit und 
iff wegeA den ungewöhnlichen Steife, welche das Hörn 
einnahm, njfrkvvürdig. .-_ 

■'■■ ■ Ein fietizigjäliriger Mann, der bef tändig vollkom- 
itiengeCund'^ewefen war, ■empfand plötzlich ein ävd'serft 
heftigss Jacken an djer äufsern Seite des rechten ,'variöä- 
fen Unterfclienkels , • fo. dafs er fich bis zum Blüten zu 
itr^tzen genöthigtwar. Hierauf entstanden Rofe, Oedetn 
and :Gefohwihre, die baiid, hier, bald dort aufbi-achen, biS 
endlich nach - zwei Jahren vollftandige Heilung erfolgte. 
Jüald darauf •eritftand ein heftiges Jucken ?.\rifclien- Eichel 
und rVoKhaut, welchcser, we^n angeborner Phiinofis 
durch fo heftiges Reiben der Vorhaut zu lindern fuchte, 
d^s •;B}Ht. aus d?y Qeffijtvng derfelben /lofs,' Nach eini- 
gen Monaten evfchiea -ein weiolipr.,: mit ungleicher Ober» 
fläche vßifehener , eineK Eichel ähnljöhqr.j. äiifserft em-) 
pfiddJielievilSprpgBAa dgf Vqrhautoß'ivjng, der üch vi, 
ei»iget».i.T*gen: v^Kg^^ifsert«.;: IJji ,vv^e\^ .der Enge d«r 
V/jrhÄVt-ider -.Sitz deffelben nicht aiusgeniittblt, werdeu 
Ji1>»ftli?»i'fo wurde- dijBfß ?ufgeCol)litzt,-'und es ergab dch, 
daf? .fliAtt, krebsartige! Gefchwulft von ihrer iiineifa 
Fläcli« hervorwuchs und aul^erdem „einen i Itlein^of 
Thejil ^er-EicJiel ayigegriffan hatte. Dip ^i>ze Vorhaut 
wurde weggenommen und die ^Vunde vernarbte in einem 
jyionatel. Doch zeigte üch fchon am dritten Tage nach 



1^ Offerv. anat. pathol. Ott XIII. in Mem. dcllä foc. italiaiia. To- 
... maXVi. P. i,pa5.,i2+fJ:. . 



501 

der Operation an derv^TindenStelle der Eichel eine kleine, 
etwas harte Hervorragung , die am vierten und fünften 
Tage mit dem glühenden Eifen berührt winde. Sie ver- 
fcliM'and hierauf, allein am achtzehnten Tage erfchienen 
zwei andere etwas erhabene Stellen an demfelben One. 
Diefe und ein dritter, ungewöhnlicher Auswuchs, der 
einigeTage fpäter erfchien , wurden gleichfalls weggeätzt, 
fo dafs der Kranke das Hofpital in kurzer Zeit völlig ge- 
heilt verliefs. Fünf Tage naciiher aber erhob lieh. in der 
jMitte der Narbe einweifser, harter und unempfindlicher 
Korper , der in der Breite und Länge bald lo beträchtlicli 
Avuclis , dafs er in zehn Monaten die Grüfse errelclite, 
welche die Abbildung angiebt. Zugleich erhärtete er zu 
einer hornartigen Subftanz und Icrümmte ficli nach der 
Concavitdt der Eicliel fo, dafs fein Ende der Eichel- 
üfFnung gegenüber gelangte. 

Des Übeln Ausgangs eines ähnlichen Falles, wo fich. 
gleichfalls Nägel und hornanige Auswüchfe auf der Eichel 
bildeten, des, Alters und der vorangegangenen Krankhell 
wegen wurde keine Operation vorgenommen. 

Das zweite , auf der Tafel abgebildefe Hö rn war an 
einc'r gewöhnlichem Stelle entftanden. ' Eine Frau voiT" 
36 Jahren erhielt von einem Wagen fo biträchtliche Stöfse 
am Kopfe , dafs fünf bis fechs lange Gefchw ülflc entftan- 
den , von welchen fich die grüfsle in der Niilie des linken 
Schenkels der Lambdanath befand. In zehn Jahren er- 
reichte diefe die Grüfse eines Taubeneies, erweichte lieh 
und ergofs , nachdem lie durch einen Stofs zufällig geöff- 
net worden war, ein Jahr lang eine Menge Flüfli^keit. 
Hierauf flofs Blut und Eiter heraus, fpäter bildete lick 
ein welcher Auswuchs, der ungefähr die Länge eines hal- 
ben Zolles liBtie und auf dcffcn Spitze im heben und vi« r- 
zigfien Jahre ein gekrümmtes Horu cnlfiand. Dicles 
erreiclite binnen zwei Jidiren die Länge von drei Zollen. 



503 

In feinem Umfange fehlten die Haare und an ihrer 
Stelle fanden lieh einige harte Erhabenheiten. Das Hörn 
wurde weggenommen , allein nach vier Wochen bildete 
fich an derfelben Stelle ein harter Schwamm, welcher, 
nachdem er die Höhe einer Linie erreicht hatte , fich zu 
einer Art von Fächer ausbreitete , der ungefähr drei Li- 
nien im Durchmeffer hielt, eine ungleiche Oberfläche 
hatte, mit einer fchwärzlichen Borke bedeckt, gegen 
den geringften Druck äufserft empfindlich war , und fich 
in ein neues, auf einein dünnen Stiele fitzendes . Hörn 
umwandelte, welches, nachdem es ungefähr die Länge 
eines Zolles erreicht Jiatte, zufällig abging. 

Die Hornbildungen find im Allgemeinen als regelwi- 
drige Wiederholungen theils der Hernbildungen am 
nienfchlichen Körper , der Nägel , theils der bei mehreru 
Tliieren vorkoirmienden , mit welchen fie noch gröfsero 
Aehnlichkeit haben , merkwürdig. 

Der zweite hier befchriebene Fall ift gewöhnlicher als 
der erfte, indem die Hornbildungen theils an den nicht 
umgefchlagenen Stellen der Haut, theils befonders am 
Kopfe am häufigften vorkommen. Auch die Entftehungs- 
weife diefes Horns ift die gewöhnliche, indem fich diefo 
Eildungen im Allgemeinen in Bälgen , nach Art der mei- 
ften regelmäfsigen und regelwidrigen , erzeugen. 

Das erfte bietet dagegen in allen dielen Hinfichten 
ungewöhnlichere Bedingungen dar und ift daher merk- 
würdiger. Nicht unintereffant ift vielleicht gerade die 
Stelle , an welcher es entftand , und wo auch in zwei 
andern Fällen von. Reghellini und Bonvioli Hörner ge- 
Tehen wnrden , weU fie an die hörnernen Spitzen an der 
Eichel einer Menge von Säugthieren vorzüglich aus den 
Ordnungen der Ferae und Glires erinnern. 



303 

V. Ueber einige krankhafte Mifchungszuftände des 
Harns. Von Th. Brande '). • 

Die Mifchung des Harns ift im Allgemeinen , befon- 
ders aber in Krankheiten, fo veränderlich und diefe Ver- 
änderungen find unter der letztem Bedingung fo deut- 
lich, dafs fie dann befonders unfere Aufmerkfamkeit er- 
regen. Schon im gefunden Zufiande, noch weit mehr 
aber im kranken ift die Unterfuchung des Harns fchwie- 
rJg, weil hier mehrere neue S üb f tanzen in demfelben er- 
zeugt werden. Dazu kommt Tioch die, oft faft im Augen- 
blicke der Ausleerung eintretende Fäiilnifs delfelben. 
Dennoch kann man fowohl in Hinficht auf ihn , als auf 
andre thierifche Fliifiigkeiten manche nützliche That- 
fachen ausmitteln. 

Der Gegenftand des gegenwärtigen Auffatzes ift 
keine genaue Angabe der Unterfuchung des Harns über- 
haupt, fondern Ijlofs des Harns zweier wafferfüchtiger 
Kranlcen, den mir Herr Baillie mitthellte. Die erfte Por- 
tion gehört einem Mann von 77 Jahren an, der lange an 
Hüften mit vielem fchleimigen Auswurf gelitten, und def- 
fen Haut üch feit einigen Wochen fchwach gelb gefärbt 
hatte. Zugleich waren die Knöchel angefchwollen und 
die Harnraengc hatte lieh beträchtlich vermindert. 

Der Harn war gelbgrün, fehr trübe, und faft fo 
dick und klebrig als Haferfclileim. Bei der chemifchen 
Pnterfuchung ergab fich, dafs er 

1) die blaue Farbe des Lakmuspapiers, welches durch 

WeineDig geröthet worden war, herftellte; 
ö durch Zufatz von falpeterfaurem Silber einen reich- 
lichen Kiederfchlag von falzfaureni Silber bildete; 



1) Ai denTian^actions of <i fociety for tlie iinprovement of m«d. 
auidiu. knowUdjje. Vul, 111. Loiidon UIJ. i<o. XVI. 



504 

3) Jurnli Ammonium kein. Nietieirfchlag von pliosphoA 
faurem Kali erfolgte; 

4) durch Ideefaures Ammonium ein fchwaches Wölk- 
chen entftand ; 

5) die Auflöfung von Gerheftoff einen reichlichen, un- 
auflöslichen Niederfchlag erzeugte ; 

6) durch Schwefelfäure^ eine flockige Suhftanz ahge- 
fondert wurde, welche alle Eigenfchaften von ge- 
ronnenen Eiwcifs hefafs , fo daTs der, durch den 
Gerbeftoff gebildete Niederfchlag nicht Gallert, fon- 
dern vorzüglich Eiweifs war. 

Durch die Anwendung der gewöhnlichen Methode, 
um Harnftoff zu erhalten, ^vurde nur eine geringe Menge 
deffelben ausgemittelt. 

Hatte der Harn einige Stunden lang ruhig geftandew, 
fo erfolgte ein weilsllcher Bodenfatz, der, in einem Fil- 
num gefammelt und getrocknet, ganz .das Anfehn des 
gewöhnlichen ziegelfarbnen Bodenfatzes, der aus Harn- 
fäure und thierifcher Subftanz befteljt, zu haben fehlen, 
durch Zufatz von Salpeterfiure aber nicht die rofenfar. 
bige Suljftanz, welche die H.arnfäure fo beftimmt bezelch.-; 
liet, hervorbrachte. Dagegen nahm die fllil'chung beftän- 
£ig eine fchmutzigrothe Farbe an, fo dafs lie Praufls ro- 
fenfarbJge Säure zu feyn fehlen. Audi war lie leichteu 
auflöslich als die Hanifaure und bildete beinahe den gan- - 
2en Niederfchlag. 

Die vorzüglichften Kennzeichen diefes Harns wareA 
daher die reichliche IVlenge von Eiweifs , der Mangel de» 
HarnftofFs und die Anwefenheit von Froufts rofenfarbig/r 
Säuie. 

Gefunder Harn enthält keinen merklichen Antieil 
von Eiweifs, dagegen weit mehr Harnfioff, weiche der 
allgemeinen Annahme nach \% der feften Subftanz lldet, 
die man durch Verdunften. des Harns erhält. 

Die 



m^tt^^0^^^^^^^ 



305 



' Die atidot-e Quantität Hatn, welche unteifucht wurde, 
war von einem 65 jährigen Manne, der feit einigen luona- 
ten an LeberzufaJlen litt, zu welchen lieh endlich t cuich- 
wafferfucht gefeilte. Die Menge des abgefonderten Harns 
War fehr gering , er war etwas trübe und fah wie Fleifch- 
walTer aus. 

Von dem vorigen unterfchied er lieh 
I) durcli eine weit anfehnlichere Menge vonHarnTtoff } 
B) dadurch, dafs er Lakmuspapier rottete ; 

3) kein Zeichen von Eiweifs gab, ungeachtet durch 
den Gerbeltoff lieh ein reichlicher Niederfchlag bil. 
dete, der daher Gallert feyn mufste; 

4) lieh beinahe keine Spur von Hamfäure oder rofen« 
farbner Säure präcipitirte. 

Diefer Harn war alfo normaler gemifcht als der vorige» 
da er freie Phosphorfäure und eine anfehnliche Mengö 
Ton Hamftoff enthielt. Der Harn waflerfüchtiger Kran- 
ker ift daher nicht inuner gleichmäfsig gemifcht und ent» 
hält nicht boftändig feKife Beftandtheile. 

Noch fuge ich «inen Fall bei, wo deif Harn eine« 
Steinkranken unterfucht wurde. Der Harn wurde oft, 
aber immer in fehr geringer Menge gelaffen, und gab im. 
mer eine grofsere oder geringere Menge eines weifsen, 
pulverartigen Niederfchlages , der aus harnfaurem Amuio» 
nium befiand und auf den reichlichen Gebrauch von Al- 
kalien heinahe völlig verfchwand. Ungefähr zwei Monatd 
nachher ftarb der Kranke an einer andern Krankheit. 

Bei der Unterfuchung wurde ein Stein von drei 
Drachmen in der Blafe gefunden, der, mit Ausnalime 
des Kerns, aus phosphorfaurer Bittererde und Ammonium 
mit thlerifcher Subftanz beftand. Der fehr kleine Kern 
tvar Harufäure. 

Hier befand fich alfo eine Art von Stein in der 
Harnblafe und eine andere Art ging mit dem Harn ab/ 

M, d. ArMi; i. a. U 



306 ■'- 

Auf jenen konrtie das Kali durchaus keinen Einflufs ha- 
ben un'^eachtct es -.valirfoheinlich auf das harnfauveAin- 
monilim eimvirkte, oder wenigftens die fernere Bildung- 
deffelben hinderte, ijugjeich ergiebt fich aus diefem Falle' 
die Unmf)gliclil«:tt, durch den Harn oder felbft durch den- 
abgehenden Gries mit Gewifsheit die Mifchung der Bla-' 
fenfteine mit Cicnauigkeit auszumitteln. Die Auflöfungs- 
mittel des in diefem Falle in der Blafe gefundenen Steins 
waren Säuren, deren Anwendung aber durch dieBefchaf- 
fenheit des Nlederfchlages offenbar contraindicirt war. 



VL Einige Bomerkungen über den. Hajrn wafferfüch- 
tiger KrankSiT. Von IVells ').. 

Dlefe Bejncüliungen. beziehen fich vorzüglich auf die' 
Beimengung ^'oii BhitwasCfecund färbender Sübftanz zum' 
Harn von Wafferüichtigen- überhaupt und insbefondere' 
bei der VVafferfucht nach dem Scharlach. '' 

Unter der letztern Bedingung enthält der Harn hei- 

iialie immer Blutv\'affer und nicht feiten auch den fär-' 

henden Beftandtheil des Blutes. ' ' '"" '" 

, . , ■ r flis L, 

Anfangs wird der Har;ti in geringer Menge gelaffen 

lind ift faft immer trübe. Läfst man ihij einige Stunden 

lang ruhig flehen , fo findet fich am Boden des Gefäfses . 

eine fehr weifse, flockige Sübftanz und darüber eine 

weifsliche , etwas trübe FlüDigkeit ; das Ganze ficht einer 

i\iifchung von Rahm und Molken ähnlich , wenn in den 

Mollien fehr Weine Theilchen \on Rahm fchwlramen. 

Bald vermehrt lieh indeffen die Menge des Harns, bleibe 



,-«*Ll^->- 



X") AlU den Tiansact. bf a fociety for the ünpxov, oi med. an4 
chuiiaonsL Vol.UI. Na. XV.4r.'XV«.- ' '* 



307 

aTj«rnoch, wegen vielet' kleiner , in demfelben fchwim- 
mender Flocken, trübe. Läfst man ihn einige Stunden 
lang ruhig ftehen, fo fallen die Flocken zu Boden, und 
die darüber flehende Fllifligkeit ward hell. Nach einiger! 
Wochen l)ekDmmt der Harn oft eine hellrolhe Farbe und 
hat mit Fleifchwafl'ei' viel Aehnlichkeit. Auch dann ift 
der fo eben gelaffene Harn trübe, wird abef durch das 
Stehen hell. 

Allmähiig verliert der Harn feine Röthe, doch bleibt 
der frifchgelaffene Harn immer noch einige Wochen lang 
trübe. Ift die rothe Farbe einmal verfchwoinden , fo kehrt 
fie feiten oder nie vieder. Die Kranken, bei welchen 
lieh diefer rothe Harn Andet, genefen weit langfamef 
als andere. 

Da diefer Harn genau dlefelbe Farbe als Harn, worin 
der rothe Theil des Blutes aufgelöft ift, hat, fo war es 
wahrfcbeinlich , dafs fie in der That davon abliing. Da- 
her wurde ein Theil deffelben der Hitze des kochen- 
den Waffers ausgefetzt, worauf lieh eine Menge Floclfen 
Ton einer fchmutzigbraunen Farbe bildeten, die zu Boden 
fielen , worauf der Harn liell wurde und die Farbe des 
gewöhnlichen blaffen Harns bekam. Gewifs rührt alfu 
wohl die ungewöhnliche rothe Farbe von der Eeiiueu« 
gung des rothen Bluttheiles her. 

Art Boden von Gefäfsen , Welche H.im diefei' Al't 
enthielten, fanden fich auch kleine fcliwaizS KorncWiefi.' 
Diefe wurden herau.i!genomnicn und Wafier auf ße ge- 
göffen, welches darlurch fchnell gerüthet wurde. Als 
dit Infulion der Hitze des liedendeiv Waffers ausgefetzt 
WMr4e, entftandcn äimliche Flocken, durch d^/eri Nie- 
dörfchlagung die Flriffigkcil ganz farbealos erfchirtii. 
Auc;h diofo K'irnchcrt mufsten daher die lothe Farbii 
des Blutes eniliäk(!ti haben. Dl^fe Art von Hai"!! württe 

U a 



308 

nie in. einer andern Krankheit beineikt. BisweDen 
jft der Harn unter diefen Uniftanden auch, kurz vor 
und kurz nach dem Rothwerden, braun. Wird er dann 
der Hitze ausgefetzt , fo bUdet fich ein brauner Nieder- 
fchiag und der Hani wird hell. Am Boden diefes Harns 
Ceht man kleine, braune Körner. Diefe wurden einmal 
in Wafier aufgelöft, die Auflöfung gekocht, und diefe 
dadurch in einen braunen Bodenfatz und eine farben- 
lofe Flüfßgkeit gcfchieden. 

Noch weil häufiger, un-d , nur fehr leichte Fälle aus- 
genommen immer, kommt unter diefen Umftänden 
EiweLCs im Harn vor, indem lieh iinfber aus dem, der 
Siedehitze ausgefetzten Harn eine flockige Subftanz bil- 
det, welche, wenn er nicht roth ift, eine weifse Farba 
hat. Nach dlefer Entdeckung kann es nicht weiter be- 
fremden , dafs von dlefer Krankheit Genefende mit gu- 
tem Appetit effen, gut fchlafen, dem Anfchein nach 
keine aufserordentliche Ausleerung haben, und doob 
lange Zeit fehr fchwach bleiben. 

So häufig der rothe Bluttheil bei der Walferfuclit 
nach dem Scharlach im Harn in nicht unbeträchtlicher 
Menge vorkommt, fo feiten ift dies bei andern Waffer- 
fuchten der Fall, fo dafs es der Verf. nur dreimal fahe. 
Dagegen kommt das Blutferum äufserft häufig vor und 
wurde unter 130 Fällen in 78 gefunden. In -J von die- 
fen war die Bienge deffelben gering, indem es ungefähr 
nur ~s, felbft nur -^ des Harns betiug. In 5 wurde 
der Harn , der Siedehitze ausgefetzt , ganz feft ; in 7 et> 
was weniger. In einem von diefen Fällen erlitt der 
Harn 6 Wochen hindurch beftändig diefe Veränderung; 
in den übrigen II wurde er bisweilen nur beträchtlich 
trübe.- Der Harn wafferfüchtiger Kranker, welcher Se- 
i-una enthidt, wird oft in grofserer Menge- als im gefun- 



— 309 

den Zuftaiide gelaufen, fo dafs feine Menge in einem 
Falle täglich auf zehn Nöfsel flieg. Bisweilen kann 
man den ferumhaltigen Harn nicht vom gefunden unter- 
fcheidcn : bisweilen aher zeichnet er fich duicli beträcht- 
liche Bläffe, Trübheit beim Erkalten und piolken ähnliche 
.Farbe aus. Ift er in geringer Menge vorhanden , fo ent- 
fteht beim Erkalten ein Niederfchlag , der faft immer 
wmts , rahmfarben oder grau ift. Findet Jich ein Nieder- 
fchlag, fo ift die darüber flehende Flüffigkeit meiftens 
etwas trübe. Nur in zwei Fällen kam in ferumhaltigem 
Harn ein röthlicher Niederfchlag vor. Der Gefchmack 
ift gewöhnlich der normale, doch bisweilen fchwächer. 
Harn diefer Art wurde einina! , nachdem durch Sledeliitz« 
das Serum getrennt war, fauer, einige Tage nachher 
jber Faulte der Harn derfelben Perfon unter eben diefen 
UuiftändiBn. Die verhöltuifsmäfsige täglich vorkom- 
mende Menge des Serums vermindert lieh feiten plötzlich. 
Die Efsluft ift beträchtlich, oft ftärker als bei Gefunden. 
Bei vielem Serumgelialt ift die Haut fehr bleich, Aeufsere 
Waffergefchwülfte verändern unter diefen Umftänden 
leichter ihre Stellen als da , wo der Harn kein Serum ent- 
hält. 'Häufiger als bei andern Wafferfuchten entfiehen 
lilutflüffe. Der Speichel von Wafferfüchtigen , deren 
flarn Serum enthält, fcheint bisweilen gleichfalls mehr 
Eiweifs als gewöhnlich zu enthalten. Die Menge des 
Serums hält gewöhnlich gleichen Schritt mit dem Grad 
der Anhäufung von Waffer. Bisweilen verfchwindet es 
vor dem Tode plötzlich. Die Wafferfucht fcheint unter 
diefer Bedingung nicht fchneller todlich zu feyn, alf 
wo £ch kein Bluiwaffer im Hani £ndec. 



VU. Verfcliimmelüng (Mucedo) im lebenden Kör- 
per. Von A. C. Mayer, Profector am anatomi- 
fchen Theater zu Bern. 
Ein Holzhelier (Corvus glandarius) ftarb neulich in 
der Nacht ini Zimmer und wurde am Morgen fchon ziem- 
lich fteif gefunden. Da die Todeserfiairung fich noch 
nicht völlig ent\vickelt hatte , fo mochte er nicht über 
ein Paar Stunden todt feyn. Er eilte fo dem Tode des 
Verfuches, zu welchem er beftimmt war, voraus. Ich 
bemerkte , dafs er den Tag vorher traurig , fchwer ath- 
meiid und mit zwifchen die Schultern eingezognem 
Kopfe dafafs. Als wir, Herr Prof. Emmert und ich, ihn 
öffneten, fahen wir zu unfcrm Erftaunen auf der rech- 
ten Lunge einen wahren Schimmel , ^velcher dem Brod- 
fchimmel ähnlich war, auffitzen. Alle Eingeweide der 
Bauch- und Bruflhohle, fo wie auch das Gehirn, waren 
natürlich bcfchaflen. Als die Lunrjen näher betrachtet 
wurden , fand fich , dafs an beitlen fich ein Byfsus 
aTtigefetzt hatte. Er ging auf beiden' von dem mittlem 
Luftlocli, wodurch die Lunge mit einem der feitlichen 
Bauchluftfäcke in Verbindung fteht, aus, und ragte auf 
der linken Lunge nur wenig über den Stand diefes Luft- 
loches heraus, dehnte fich aber auf der nach unten gegen 
das Abdomen gekehrten Oberfläche der rechten Lunge 
yier Linien in dje Länge und zwei Linien in die Breite 
aus. Die Subftanz der Lunge fchien äufserlich gefund. 
Als ioh diefe aber von den Rippen losfchälte, und hie 
und da Einfchnltte in felbige machte , fand fich , dafs 
fie an mehreren Stellen, befanders am obern Lappen, 
xuxA fodann da, wo der Byfsus auffafs , im Ganzen faft 
zur Hälfte i in eine braune fpeckige Maffe degenerirt 
war , die zwar noch das zellige und liebfürmige Anfehen, 
wie die noch gcfxmdon Theile hatte, aber mehr der 
Lcberfubftana a« Farbe und Härte glich. In diefer 



511 

{Waffe lagwti moch- liie und da welfse kieideuartige Knöt- 
chen zerftreut. Als ich die Bronchien öft'nete, bemerk- 
ten wir, dafs dei- Byfsus da begann, wo der Bronchus 
lieh in die Lunge eirtfenkte^ und bei beiden Lungen lieh 
in die Tiefe und zum Theil in jene brkune fpeckige 
Mafle ^verbreitete, fo zwar, dafs er blofs in der Höh- 
le der Aefte des Bronchus und mit diefem fich ver- 
zweigte. Bei der rechten Lunge erftreckte er fich, wie 
aefaat . auch durch das Luftloch auf die Oberfläche der- 
felben hinaus. Jedoch war feine Gränze auch die der 
fpeckigten Maffe, fo dafs er nicht auf gefunden Stellen 
der Lunge M'urzel fchlug. Diefer Theil des Byfsus war 
haaricht und man bemerkte an den Enden derfelben 
AnXchwellungen mit der Loupe. Im Innern der Lunge 
erfchien er nicht haaricht , fondern als Kürnchen ohne 
Stiel und fomit mehr einem Mucor ähnlich. Er erhielt 
ilch drei Tage lang ohne an Gröfse zu- oder abzuneh- 
men und verdarb mir dann, als ich ihn befeuchtete. 
Diefer Umftand , die Kürze der Zeit in welcher der 
Schimmel entftanden feyn mufste, und die Verbreitung 
cleffelben in der Richtung des einftrömenden Luftzuges 
l>eim Athmen , machen es wahrfcheinlich , dafs er fchon 
im Leben heranwuchs und mit Urfache der Kränklich- 
keit des Thieres war. .Sein eigenlhümlicher Saaraenboden 
fcheint die degenerirle Lungenfubftanz gewefen zu feyn, 
weil er fich nur da entwickelte , wo die Lunge fo krank- 
haft afficirt war, und die Luft fcheint Bedingung der 
Entwicklung gewefen zu feyn, weil er lieh nicht über- 
all auf diefer entarteten Subftanz zeigte, fondern nur 
da, wo die Luft fie berührte, auffafs, u^d in dem Pa- 
renchyraa derfelben blofs in den Acften der Bronchien 
fich zeigte. Da die Krfcheinung des Byfsus immer von 
einem fauren üährungsprocefs oder eincui Procefs vege- 
tabilifcher Finlmfs begleitet ifl, fo hat man in diii- 



312 

fein genannten Falle anzunehmen , dafs ein ähnliche*' 
Gährungsprocefs während des Lebens in dem Secretuni 
der Brochien Statt gefunden habe. Es ift mir weder be- 
kannt, dafs fich ein Schimmel bei animaüTcher Faul, 
nifs erzeugt habe, noch dafs ein folcher im lebenden 
Körper eines Thieres beobachtet worden wäre. 



Vin. Einige Bemerkungen über die Phyfiologie des 
Eies. Von Paris '). 

Die Eier der Vögel, deren Gerchichte alles enthält, 
was aus der Gefchichte der Keime niedrigerer Thiere 
wichtig ift , beftehen l) aus dem Dotter mit feiner Haut 
und der Narbe; 2) dem doppelten Eiweifs mit feinen Hül- 
len; 3) dem Hagel; 4) dem Luftfacke; 5) den gemei'/i«« 
Hüllen; 6) den iiufsern Hüllen oder der Schale. 

Der Hauptnutzen des Eiweifses ift unftreitig die 
Verforgung des Embryo mit NahruIlg^fubftanz, Behufs 
feines VVachsthuins und feiner Entwicklung; doch hat 
es aufserdem wahrfcheinlich noch eine andere Beftim- 
mung. Nirgends findet man die Natur forgfamer für 
die Erhaltung ihrer neuen Schöpfungen , nirgends weifere 
Anftalten getroffen, als um dem Fötus eine gleichmäfsige 
Temperatur zu verfchaffen, indem diefe eine zur Ent- 
Wicklung des Thieres fo nothwendige Bedingung ift, 
dafs die geringfte Abweichung das feine Gleichgewicht 
z\^'i^chen den verfchiedenen Thäti^keiten, durch welche 
er wird und reift, flört und verderbliche Wirkungen 
hervorbringt. 



1) Aus den Transactlons ot the Linnesn fociety. VoL X. p. II. 
London Igll. pag, 304 ff. 



313 



Das Ejn»e//> fchemt ein grofses Verhindeningsmittel 
(liefes Nachtheils zu feyn. Indem der Hagel die Nartt 
in der Nähe der Wärmequelle feff erhält, beagt er dem 
Schaden vor, welcher durch beftändigen Wechfel der 
Lage entftehen würde, das Eiwc'fs aber verzögert, als 
fclilechier Wärmeleiter, das Entweichen der Wärme, 
hindert jeden plötzlichen Temperaturwechfel und wen- 
det dadu'.ch die hochCt fchädliche Erkaltung ab , welche 
durch die gelegentliche Unterbrechung des Brütens lonft 
entftehen würde. Um den Nutzen und die Wichtig- 
keit einer folchen Anordnung zu erläutern , kann man 
bemerken , dafs Fifche , welche lieh lange ohne Nachtheil 
aufser dem Walfer liefinden können , wie Aale und 
Schleihen, eine fohleimige und klebrige FlüTfigkeit ab- 
fondem, wodurch fie ihren Körper einhüllen. Höchft 
walirfcheinlich aber wirkt diefe wie das Eiweifs und 
ift in fo fem die vorzüglichfte Urfache ihrer Lebens- 
tena'cität, als fie die Verdünftung an der Oberfläche 
des Thieres und den dadurch entftehenden Teuiperjtur- 
weclifel verhütet. 

Hier mufs man aber bemerken, dafs die Schädlich- 
keit des Temperatui-wechfels mit der Höhe der Lebens- 
thätigkeit des im Ei enthaltenen Embryo im geraden 
V'erhälmifs fteht, Keime von niedrigeren Thieren daher 
nicht blofs die Wechfel von Kälte und Wärme ohne 
Schaden ertragen , fondern auch durch eine weniger be- 
Aimmte Temperatur lieh vollkommen entwickeln. Die 
Vorrichtungen zur Erhaltung eines beflimmten Wärme- 
grades verichwinden daher in dem Maafse mehr als 
man in der Ueihe der Eierlegendeii Thiere tiefer herab 
fteigt. 

Offenbar ift die Befcliaffenheit des Luftfackes am ftum» 
pfeA Ende des Eies noch nicht in dem MaaTse unter- 



314 — ^ •>■-■«'• 

fucht, als es feine Wichtigkeit erfordert. Die Wände 
feiner Höhle werden durch die äufsere Schaale und die 
innere ße bekleidende Haut gebildet. Iin unbebrüteten 
Hühnereie ift lie kaum gröfser als das Auge eines klei- 
nen Vogels , vergröfsert lieh aber während der Bebrü- 
tung beträchtlich. Unftreitig ift fie ^vohl vorzüglich zur 
Oxygenation des Blutes beftiuunt ; um indeffen die Rich- 
tigkeit diefer Anficht völlig zu erweifen, mufs man die 
Befchaffenheit der in ihr enthaltenen Luft ausniitteln, 
was bis jetzt noch nicht gefchehen ift '). 

Nach Bü/fons Meinung geht fie aus der Gährung 
der verfchiedenen Theile des Eies hervor, wäre daher 
irrefpirabel und könnte nicht den angegebenen Nutzen 
haijen. Um hierüber im Allgemeinen und über die Ver- 
änderungen diefer Luft durch die Bebrütung Auffchlufs 
2u erhalten, f teilte ich folgende Verfuche an: 

1. Ein und zwanzig frlfch gelegte Hühnereier gaben 
an ihren ftumpfen Enden ungefähr nur ein Cubikzoll 
Gas, welches aufgefangen und, mit dem Prießley'lchen 
Eudlometer unterfucht , als reine atmofphärifche Luft ge- 
funden wurde. 

2. Zwei Eier, die nach zwanzigtägiger Bebrütung 
unter Waffer geöffnet wurden, gaben 1 Cubikzoll Gas, 
welches gleichfalls atuiosphärifche , durch einen geringen 
Antheil kolilenfaures Gas verunreinigte Luft war. EHe- 
fes kohlenfaure Gas flammte vermuthlich von dem ve- 
nöfen Blnire des Küchleins, wodurch auf eine interef- 
fante Weife dlefe Oxygenation dem Athmen nach der 
Geburt analog erfcheint. 



l) Doch in einer zu Tübingen erfchienenen Difrertation von Hehl 
ObfeiT. de natura et afu iuris ovis avium iaclufi. M. 



"- 315 

Hieraus fcheinen fich folgende Sätze zu ergeben: 

1) Der Luftbalg enthält vor dem Bebrüten atmofphä- 
rifche Luft, 

2) Es gehen keine andern chemifchen Veränderungen 
in der in ihm enthaltenen Luft vor als die Erzeu- 
gung einer geringen Menge von Kohlenfäure. 

3) Durch die Bebrütung vermehrt fie lieh beinahe in 
dem Vcrhiltnifs wie 1 : IQ, 

Die Vermehrung diefer Luftmenge geht nicht in allen 
Perioden gleichraäfsig vor fich, fondern in den fpätern 
Perioden der Bebnitung weit fchneller als in den frü- 
hem , fcheint aber einige Tage vor dem Auskriechen des 
Hühnchens ihre höchfte Stufe erreicht zu haben. 

In den Eiern der niedern Thiere fcheint kein eig- 
ner Apparat zur Oxygenirung des Embryo vorlianden 
zu feyn, fondern er erhält, wie das vollkommne Thier, 
die Luft durch Luftlöcher, welche über feine aufserq 
Hülle verbreitet find. 

Die gegebene Befchreibung des iuftbalges ift vom 
Hühnerei entlehnt. Alle Eier enthalten einen ähnlichen, 
mit dertelben Luftart angefüllten Sack, feine Capacität 
aller fcheint fich nicht im geraden Verhältnifs mit der 
(irfifse des Eies oder des Vogels, fondern nach einem 
andern, fehr merkwürdigen Gefelze zu verändern. Ich 
hal)e nämlich allgemein gefunden, dafs der Luftfack in 
den Vögeln, welche ihre Nefter (auf der Erde bauen 
und deren Junge fchon gefiedert und -zu Bewegungen 
flihig auskriechen, griifser ift als in denen, welche ihrei 
Nefter auf Bäumen anlegen, und deren Junge blind und 
fehr unentwickelt find. Die Liififäcke der Eier von 
Hühnern , Rebhuhnern und fVafferhühnera find fc.lir grofs, 
während die von den Eiern der KrShen, Sperlinge und 



516 — 

Tauben äufserft klein find. Das KücWein der Hühner 
und Rebhühner aber hat vvahrfcheinlich darum ein weit 
vollkommneres Geüeder und ift zu Bewegungen ge- 
fchickter als die kahle Brut der Tauben und Sperlinge: 
eine um fo wahrfcheinlichere Vermuthung, da ähn- 
liche Thatfachen den' Einflufs der Oxygenation auf die 
Muskelkraft bewelfen. So find dia Jungen der Wie- 
derkäuer weit vollkommner entM-ickelt und kräftiger, 
als die der Fleil'chfreffer , bei jenen aber ftehen die Ei- 
häute durch die zahlreichen Kotyledonen an einer weit 
gröfsern Oberfläche mit der Gebärmutter in Verbindung, 
«Is bei diefen. Die Weite der Bruft fteht auf diefelbe 
Weife mit der Muskelkraft in geradem Verhältnifs und 
die aufserordentlicheMuskelkraft, welche iich beim Fluge 
der Vögel entfaltet, ift eine Folge der grofsen Aus- 
breitung ihrer Luftbehälter. Wahrfcheinlich ift wohl 
das Seufzen ermüdeter Perfonen ein inftinktmäfsiges 
Bemühen, eine gröfsere Oxygenmenge aufzunehmen, 
■um dadurch die Muskelkraft zu erneuern. 

Bemerkenswerth ift noch, dafs die Verletzung des 
Luftfackes durch die feinfle Nadel den Bildungsprocefs 
völlig hemmt und das Ei wie ein Windei ftirbt. Sollte 
■ jiefe merkwürdige Erfclieinung durch die Annahme er. 
klärt werden, dafs der beftändige Zutritt frifcher Luft 
'7.U ftark erregt? Eine ähnliche Erfcheinung an Pflanzen 
macht dies wahrfcheinlich, indem junge und zarte Pflan- 
zen , ehe fie Wurzel treiben , oft , wenn die atmafphä- 
rifche Luft zu freien Zutritt zu ihnen hat, durch Er- 
fchöpfung abfterben. Deshalb werden fie mit Glas- 
glocken bedeckt ura dadurch den Umfang ihrer Atmo- 
fphäre, mithin ihr Athmen, ihre Ausdünftung und die 
unregelmäfsigen Thätigkeiten , welche der Pflanze fchäd- 
lipb werden würden, zu belchränken. 



317 

2uletzt noci einige BemerTcutigen über die Bildung 
der Schale. Hier werden durch denfelben Vorgang 
2wei höchft wachtige Zwecke erreicht , zugleich die Zer- 
ftörung des Individuums abgewandt und die Art erhal- 
ten: denn, indem dadurch die KalkTubftanz , vermittelft 
deren Anhäufung der Vogel zum Fluge und zu Erreichung 
der Hauptzwecke feines Dafeyns unfähig werden wür- 
de , vermindert wird , giebt fie dem Keimg des künftigen 
Thieres ein ftarkes und zweckmäfsiges Schutzmittel. 
Der bisweilen vorkommende Mangel der Schale hängt 
wohl von einer nicht gleichmäfsig mit der Bildung der 
Flüffigkeiten vorfchreitenden Abfonderung von Kalk- 
crde ab, weshalb man diefe Abweichung häufiger bei 
flarken Vögeln und im Herbft, bei reichlicherem und 
kräftigerm Futter bemerkt. Fourcraf!, Sai Vau^uelins 
Verfuche, welche beweifen, dafs die Kalkerde in den 
Eierfchalen die Menge der eingenommenen überfteJge, 
geftützte Meinung, daTs brütende Vügel Kalk freuen 
müTCen, und die Eier, wenn dies nicht gefchieht, keine 
Schale erhalten, ift nicht wahrfcheinlich, indem miTero 
KenntnilTe der entfernten Beftandtheile der Körper 
viel zu unvollkommen find, als daTs lie uns über den 
Urfpruiig der Subftanzen im thierifclien Körper und die 
Reibe der erlittenen Veränderungen belehren könnten. 
Unftreitig bringen wohl vielmehr die ovganifchen Kör- 
per die ihnen nothwendigen Beftandtheile felhft her. 
vor. Niemand wird 'läugnen, dafs Mangel von Kalk- 
fubflanz im Körper die Urfache des Schalenniangels 
enthalt, dafs aber diefer von einem Innern Zuftande, 
und nicht von der blofscn Kalkenrziehung hcniihit, 
ergicbt lieh aus folgender merkwürdigen Beobachtung. 

Einem Huhn wurde das Schenkelbein zerbrochen 
nd fonjl'iltig ijefcliifnt. Drei Tage darauf wurden 



3iar 

meirere , aber blofs fchaTenlofe Eier gefändeit'): die- nur 
Ton diefer Henne ftammen konnten. ■ ■•'^ 

.Vermudilich wurde daher aller zur Bildung dei" 
Schale beftimmter Raik nun zur Wieder'erzeugung des 
Knochens verwandt, was um fo wahrfcheinlicher Lft, 
da auch andere ähnliche Erfcheinungen dafür fprechen, 
ijidem Knocheiibrüche oft wälirend der Schwangerfchaft. 
nicht heilen und der Hirfch durch Zevbrechung feines 
Geweihes in der Brunftzeit zur Fortpflanzung feines Ge- 
fchlechts unfähig wird. 



319 



Erkläru7ig der KupfertafeL 



Fig. I. Die untere Fläche des pomeranzfarbenen 
Seefterns. Zu Seite i6li '. ■ 

Ä 

a, a. a. Der den Hlund umgebende Nervenring., 

b. b. Fäden , welche durch das erfte Loch der Wirbel 

in das Innere des Körpers gehen. 
«. c. Ein zwifchen den hier abgefchnitten daifgeftell- 
ten, Tentakeln verlaufender. Faden. 



Fig. 2. und 3. Hornauswüchfe. Zu S. 298 ff. 

Fig. 2. Hornauswuchs an der Eichel eines Mannes. 
Fig. 3. Hornauswuchs am Kopfe einer Frau. 



Fig. 4. Blafe der Bauchfpeicheldrüfe. Zu S. 297. 
A. Zwölffingerdarm. 

a. Anfang deffelben, wo er Tom Pylorus getrennt ift, 

B. Pankreas. 

b. OI>crcr Lappen. 
L'iitei'^r Luppen deffelben 



330 

C. C. C. Leber. :::~:r 

(Sie ifi von links nach vechts hinüber gelegt , fo claTs ihre 
concave Fläche Achtbar wird.) 

rf. Veiia poitarum. . . .*^ 

e. GallenblaTe. 

/. Ductus cyfticus. 

g. Ductut hepaticus. 

k. Ductus choledochus. ^ 

{'. Bläschen für den p^nkreatiTchen Safr. 

il. Gang deHelben. 

t l. Gedoppelte Wurzeln des Ductus pancreaticus.' 

m. Gemelnfchaftlicher Stan>in von beiden. 

R. Vereinter Gang von k und m oder Ductus fialo» 
dochus. 

•. Zulamtnentrltt deffelben mit dem Ductus choledo- 
chus und gemeinfehaftliches Ende im Duodenum. 




. r.-^^'/f/^.'/"- .'• 



■/ai.M. 







X^MivAf ..« 



Deutfehes Archiv 

für die 

PHYSIOLOGIE, 



' Erster Band. Drittes Heft. 



I. 

Ueber 

die Knock en/iücAe 

im \ 

Kiefergerüft der Vögel. 

Von 

Dr. Chr. L. Nits/ch, 

FrofeCTor der Naturgefchiclite 2u Wittenberg. 



Obgleich die Analogie der Säugthiere und .inderer ' 
Rückgraththiere tlieVermuthung zu begi'mftigcnfcheint,' 
dafs die Kiefer der Vögel urfprilnglich von vorn her 
durch eine Mittelnath in gepaarte Stiicl^e getrennt 
feyen, und diefes auch neuerlich ganz beftimmt 
behauptet worden ift , fo haben doch 'eigene Un- 
terfuchungen mich vom Gegentheil fiberzeugt. Um 
zuvördeiit bei dem Obcikiffrr ftehen zu bleiben, fo 
^(♦ird zwar gefagt: man könne bei Vögeln, welche 
eben das Ei verlaübn haben, die Trennimg der bei- 
den Zu'ifcJienkiefi'i keine an der Spitze des Schnaliels 
crliennen; allein, wenn irh nicht nur in diefvr Periodij 
M, <L Archiv, l. l, X 



nicht, fonderii picht einmal im embryonifchen Zuftamle 
der Vögel, nicht einmal bejin Anfang cl^r ölfefcenüäf 
des Schnabels, eine Spur der angelilichen Trennung 
wahrnehmen koiinte , To ' mufs ich glauben, diifs jener 
Behauptung entweder Täufchuag odpr eine blofse Ver- 
muthung zum Grunde liege. Ich bin vielmehr durch 
liaüfige"~und genaue Beobaclitiing^cfer'jiingrten VOgel- 
fchädel überzeugt worden, dafi der grofse Intenna- 
xillarknoeheii diefer T/iiere vou; einem einzigen Punct, 
von der JCi/tala:d^fpli:ze aus , ßch bildet, und^dafs er 
folglich urj'prünghch und immer ein ungepaartes eini- 
ges Slück iß. 

Eine andere Eigenheit der Vögel ift der Mangel 
heß)nderer Nafenknochen. Die beiden langen, fchma- 
len , auf dem Schnabelrücken bis zur Stirn neben ein- 
ander hinlaufenden Knochenftreifen, welche man mit 
jenem Namen belegt, find nichts als Fortfätze des 
eben er\vxilmten einfachen Zwifchenkieferbeins. Siej 
find vonx Schnabelende aus nach der Stirn hinaufge- 
wachfen, keineswegs von einem , eignen Punct aus of-j 
fefcirt und dann erft mit dem latermaxillarftüpk v.^fi- 
fclunolzen, wie auch wieder neuerlich unrichtig an- 
genomnien worden ift. Dabei bleiben jedocli diefe ; 
fortfätze die wfahren Analoga der Nafenbeine (eben fq^ 
gut, als der Quadratknochen nicht aufhört der Ge-- 
.lenktheil des Schlafbeins zu feyn), ob fie gleich voj^^ 
ihrem, , in den Säugthieren yorliandenen Simile in 
mancher Hinficht, befonders durch den gänzlichen 
Mangel des freien Endes , fich entfernen. 



Wenn fonach ein vermeintes Knochenpaar ries 
Vogelfchädels auf ein ungepaartes Stück rediicirt, ein 
anderes aber ganz aus der Zahl der befondern Kno- 
chenftiicke ausgeftrichen werden mufs, fo find da- 
für andere in Rechnung zu bringen, die man bisher 
überfah. 

Nur ein einziges Knochenpaar ift feither als dem 
der eigentlichen ObennaxUlarknoclie?i der Säugthiere 
cntfprechend bei den Vögeln angenommen und be» 
fchrieben worden ; allein alle jungen Vögel haben de- 
ren zweij nämlich i) die Jocltkicjerbeiiie (offa jugo- 
maxillar'ui) 2) die Nafenkicferbeine (ojja iiajb' niaxil' 
laria). 

Das Jochkieferhein jeder Seite entfprieht dem 
grö£sten Theil des eigentlichen Obermaxillarbeins der 
Säugtliiere. An ihm find die Gaumenjläclie des An- 
triiin Highmori, der Jochfortfatz und auch wolü die 
Cejiciußäche des letztgenannten Knochens deutlich 
nachz u weifen ; nur der Piocpjßis tiajalis fehlt, als: 
welcher durch das Os nafo- inaxillare dargeftellt wird. 
Es verbindet fich diefef Knorhen; i) mit dem Inter' 
maxillarftücke , in welches er vorn gräthenartig ein- 
gefchoben ift; a) mit dem Gaumenknoeken , der gleich 
unter ihm fich in das Zwifchenkieferbein einfchiebt; 
3) mit dem Nafenkiejerbein, das ihn zum Theil 
oberwärts und feitwärts verdeckt; 4 untl 5) durch 
einen, meift langen und dünnen Fortfatz (den P/o- 
ceß'us zygomaticus) mit dem Jochbeine fowohl , als 
mit dem (Juadratjochbeine. Bei einigen Vögeln, z. B. 
beim Stonh uad der £nte verbindet er fich auch awh 

X a 



mit dem gleiclinamigen Knochen der andern Seite. 
Es ift der Jochkieferknochen niclit nur in allen Jün- 
gern Vögeln lungere oder kürzere Zeit ei/t völlig nii- 
rerfchiedeiies , gepaartes Stück, fondern er bleibe es 
cnicJl in einigen Hühnern , namentlich beim Auerliahn 
befiündig. Von feiner Gröfse \md Form läfst fich im 
Allgemeinen wenig fagen. In einigen Vögeln, wie 
z. B. in den Hühnern , ift tx ziemlich klein , fchmal 
und gräthenartig , und es ift von der Kapfei, welche 
die Higlimorshühle bildet, faft keine Spur da; bei 
andern al)er , wie ganz ^■orzüglich iDeim Storch , bei 
den Raub- imd vielen Schu/immvögeln , ift er von be- 
trächtlicher Gröfse und bildet einen grofsen, oder den 
gröfsten Theil des Oberfchnabels , deflen gröfseren, In- 
nern , pneuniatifchen Räume ihm immer iuigehören. ■ 
Das ebenfalls gepaarte NaJ'enkieferbein flellfj 
wie gefagt , die Nnfalportion der Süugthierkiefer- • 
hebte dar, Diefer Knochen allein ift bisher von den' 
Anatomen als eigentliches Oberkieferbein der Vögel . 
befr:hrieben worden. Man kann derifelben nach feiner' 
Figur mit einer Gabel füglich vergleichen, und wenn 
rnan diefen Vergleich gelten läfst, fo liegt der breite, 
flache Griff der Gabel mit leiner ünterfläche auf der 
horizontalen Platte des Siebbeins und einem beträcht'' 
liehen Theil des Stirnbeins feiner Seite auf; nacK 
aufsen legt er fich an das Thränenbein , nach innen' 
aber an ein fogenanntes Nafenbein an; die obere Zadke' 
der Gabel begleitet in derfelben Richtung nach vorn 
das Nafenbein , tlie andere aber fteigt nach unten und 
»lann nach vorn, und fchjebt fich awifchen dön Sei* 



525 

(enfortfat^ des latennavUlarfiücks unti den Köriier 
des Os ji/go - maxUlare eiti. Mit dem Zygoina fteht 
f tiefer Knochen in gar keiner Verbinc[ung, nicht ein- 
mal mit dem Jochfortfatz des Jochlcieferbeins. Bei 
den meiften Vögeln verwiichft er zwar früher oder 
fpäter mit allen , oder den meiften ihn berührenden 
Knochen, allein bei den Hiihnern bleibt er, bis auf 
die Verbindung niit den Stirnbeinen, mehrentheils 
frei. Niemals aller habe ich bemerkt, dafs das Os na- 
fo-maxiUare und jugo- maxUlare mit einander früher 
als mit den übrigen Stücken zufammenwiiclifen , fo 
dafs alfo in keiner Hinficht die liisherig? Annahme 
eines einfachen Oberkifjerkiiochenpaares in tien Vögeln 
gerechtfertigt werden kann. 

Dafs die Gaumenknochen, die Verb'mdiingsheine 
und die Quadrat- oder Gelenkbeine fämmtlich eigne 
Knochenpaare find , ift hinlänglich Ijekannt ,, vcnd ich 
habe über diefelben hier nichts weiter za fagen. 

Eben fo mangelhaft aber, als die Unterfuchung 
der Oberkieferbeine, ift die der Jochbögen, bisher ge- 
blieben. Alle Anatomen nehmen an, dafs jeder Joch- 
bogen ein einziges Stück fey, welclies mit feinem hin- 
tern Ende am Quadratknochen arliculire, mit feinem 
vordem aber dem Oberlvieferbein (worunter das Na- 
fenkieferbein irrig verftanden wird) einwachfe. AUeio 
ich habe an allen Jüngern Vogelfchädeln Acw Joch- 
bogen mit leichter Mühe in mehrere Siücke trennen 
können und gefunden, dafs die Zufammenfetzung 
deff'.'lben bei tIen Vögeln und Säugtliieren im Wefent- 
lichen völlig übereinftimmt. Bei den Vögeln wird 



326 • 

das Zygoma gebildet i) aus dem Jochfonfatz des 
oben befchriebenen Jochkieferbeins ; 2) aus dem eigent- 
lichen Jochbein (Os zygomaticum) und 3) aus dem 
Quadratjoclibein {Os quadrato- jugale ). Gerade fo 
ift es bei den Säugthieren , denn der erft genannte 
Fortfatz entfpricht dem Jochfortfatz ihres Oberkiefer- 
beins und das Os qiiadrcuo- jiigale dem Jochfortfatz 
ihres Schlaf beins , welcher hier , fo wie andere Theile 
deffelben Knochens , zu einem befondern Stück gewor- 
den ift. 

Die Art aber, wie diefe drei, fämmtlich dün- 
nen , gräthenartigen Stücke bei den Vögeln zum Jociv 
•bogen verbunden werden , ift eigenthümlich. Das Os 
qiiadrato - jiigale , welches als der hinterfte Theil des 
ganzen Jochbogens von dem Quadratknochen, mit 
dem es articulirt, herkommt, verbindet Cch, ohne 
Dazwifchentreten des Jochbeins, unmittelbar mit dem, 
von vorn her ihm entgegenkommenden, Fortfatz des 
Jochkieferbeins j indem fich beide oft fo weit überein- 
ander fclxieben , dafs jedes den gröfsten Theil der 
liänge des andern ausmifst. Auf diefe Weife wäre 
der Jochbogen fchon gebildet, ohne dafs das Hinzu- 
kommen des Jochbeins nöthig wäre. Diefes aber legt 
fich nun noch von oben an jene beiden zufamnienge- 
fetzten oberen Theile, als eine an beiden Enden zu- 
gefchärfte Gr.ithe, an, und verftärkt fo oine ziemliche 
Strecke weit den Jochbogen. Demnaclt kommen in 
der Mitte alle drei befchriebenen St/icke über einander 
zu, liegen, und ein verticaler Durchfchnitt des Bogens 
Würde fie fämmtlich auf einmal durchfchneiden, Sa 



. 327 

verfchieden übrigens clie relative Länge des eigentlichen 
Jochbeins bei verfchiedenen Vögelarten feyn mag, fo 
erreicht e? doch gewöhnlich weder den Körper des 
Jochkiff'iihwchetis , noch den Quadratknocheii , eher 
ileri erften als den letzten. Das Getrenntfeyn iämm\- 
lirher Stücke dauert weiiigftens bis zum Fliiggewer- 
rleii der Vögel, oft viel länger; bei einigen Hühnern 
wohl lebenslang. Ich habe Schädel von jungen, aber 
längft ausgeflogenen StörcJien und Uhus vor mir, an 
welchen fie noch ganz unverwachfen find , und aji 
völlig ausgewachfenen PJ^iu - und Auerhahnköpfen, 
finde ich blofs das Jochbein mit dem Quadratjochbein 
eiiiiiS Theils vereinigt. 

Was endlich die Unterkinnlade der Vögel betrifft, 
fo ift fchon von Cuvier gewifs richtig bemerkt wor- 
flen , dafs fie wohl feitwärts in ihren Aeften , aber nie 
vorn im Vcreinigungswinkel derfelben , oder an der 
Schnabelfpitze, NütheXvabe. Weder im embryonifcheu 
Zuftande, noch in fpätern Altersperioden der Vögel 
konnte icli jemals an dem bezeichneten vordem Schna- 
belftdck eine Theilungsnath erkennen, und es offefcirt 
ilalTellje ganz unftreitig eben fo, wie der Intennaxil- 
larknochen im Oberkiefer, von einem ungepaarten, 
nittlern Punct aus von vorn oder, der Spitze her 
nach beiden Seiten hin , und ift folglich urfpriiiigUch 
iingepaari und einfach. Zwar fagt der verdienftvolle 
Meckel in einer Anmerkung zu feiner Ueberfetzung 
von Cwi)iers Vorlefungen (111. Th. S. 13): „Anfäng- 
lich fchejnen auch beim Fötus der Vogel die beiden 
leitlichen Hälften des Unterkiefers getraint und an 



52S ^* — ^^ 

ihrem vordem Ende durch Knorpel vereinigt zu feyn ; 
fo fcheint es wenigftens in einer Abbildung vom Un- 
terldefer eines Straufsfötus , wielche Geoffroy (Mus. 
d'hift, nat. T. XX. 27 f. 29) giebt;« allein, ob ich 
gleich den Unterluefer des Straufsfötus \veder in^der 
Natur, noch in der angeführten Abbildung fehen 
konnte, und alfo bei Ermangelung eigener Anficht 
das vermuthete Verhältnifs geradezu weder läugnen, 
noch beftätigen kann, fo mufs ich doch daCfelbe fo 
lange bezweifeln , als es mir in der Natur noch nicht 
beftimmt nachgewiefen ift. In dem Falle aber, dafs 
diefes gefchehe, meine ich doch, dafs vom Straufs 
kein richtiger Schlufs auf die übrigen Vögel gemacht 
werden könne, da der Straufs in fo manchen andern 
Puncten Geh von den Vögeln entfernen imd den Säug- 
thieren nähern konnte. 

Uebrigens ift , der Unterkiefer aller Vögel ur- 
fpriinglich aus mehrern Stücken zufammengefetzt. 
Ciivier fagt: aus dreien; nämlich aus dem vordem, 
iingepaanen, welches allein das Schnabelende des 
Kiefers bildet und zwei Jeltlichen, welche die Aefte 
nach liinten fortfetzen. Dies find auch ganz ausge- 
macht bei allen Vögeln, felbft diejenigen nicht aus- 
genommen, wo Ciivier ') gar keine Trennung anzu- 
nehmen geneigt ift , die Hauptftücke des Unterloefers. 



l) Dans la plupart des paffireaux , dans les fia , la plupan des 
oiseaux de proie diiirnes, on ne voit aucune trace de future, 
et la mächoire inferienre ne paroit formee que d*une piece. 
Chi;. Ltf. li'nn. comp. T. III. p. 14. — Näthe find freilich an der 
Kinnlade vieler, Telbft gaaa junger Vögel, v/o doch die Stücke 



329 

Allein bei den meiften, wo nicht bei allen Vögeln, 
kommen noch zweierlei gepaarte Nebeiißiicke hiiizw. 
Das eine iit eine Ulli gliche, bisweilen dreieckige, dün- 
ne Knochenplatte , ivekhe fich an die innere Fläclie 
jedes Kieferaftes gewöhnlich fo anlegt, dafs fie fowohl 
das vordere Hauptftück, als dafs hintere ihrer Seite 
berührt. Diefe Platte findet fich nicht nur beim Ka- 
fuar , an dem fie fchon Merkel ff. die angef . Anmerk.) 
deutlich beobachtet hat, fondern vermuthlich bei allen 
Vögeln. Wenigftens fand ich diefelbs am Unterlvie- 
fer der Falken , der Eulen, des Kiikkiiks , der Raben, 
der Tauben, des Huhns , Puters, Auerhahns , des 
Storchs , der Bläfslinge (Fulica) und des Sieißfi/fses, 
und noch habe ich diefe Lamelle bei keiner A^ ver- 
tnifst, deren Unterkinnlade in ihrer fri'ihern Bildung 
von mir miterfucht wurde. Auch an längfh ausge- 
wachfenen Schädeln ift fie oft noch an üiren geblie- 
benen Umriffen zu erkennen. Das andere , noch hin- 
zukommende Stück befindet fich am hintern Ende d'^r 
Unterkieferäfte , und bildet da den bekannten Innern. 
Seitenfortfaiz , den Herijj'ant den griffelförmigett 
(apophyfe ftyloide) nennt. Denn dafs diefer Fortfatz 
aus einem eigenen Knochenkern gebildet wird , und 
dafs er bei mehrern Vögeln ziemllcli lange blofs durch 
Knorpel mit feinem Unterkieferäfte vereinigt ift, habe 
ich am Weihen, am Uhu, am gemeinen Huhn und 



leu:lit von t\n,inin geTien , niclit zu bemerken , indem fich i\a 
Stünke mit felir zugefehdrften und Mt angelegten £nd«n über- 
eiuaiidar Ichieben, 



I 



33p ^ -~ 

andern, wider alles Ve'rrtiuthen , wahrgenommen. Ob 
Indeffen bei allen Vögeln und insbefondeie bei den 
Waffen ö gel n 1 derfelbe Fall ift, wage ich nicht zu 
beftimmen; ich bezweifle es faft, da ich an jungen 
Storchkopfen, an denen die andern Kieferftilcke fämmt- 
lich noch völlig unverwachfen find , niclits davon be- 
merken kann. Im Gegentheil ift der befagte Fortfatz 
am Storch, fo \vie an den meiften Sumpfvögeln und 
manchen Schwimmvögeln , fo kurz und fo wenig an 
dem dicken Kieferaftende ausgezeichnet , dafs er wirk- 
lich kein befonderer Knochen gewefen , und von dem 
hintern Stück umnittelbar hervorgewachfen zu feyn 
fcheint. Da aber, wo er anfänglich ein eigenes Stück 
ift j^^rwächft diefes doch früher mit dem Hinterende 
des Aftes, als die übrigen Stücke des Unterkiefers. 

Der Unterkiefer befteht alfo , wie im vorigen ge- 
zeigt ift, bei vielen und höchft wahrfcheinlich bei 
allen Vögeln urfprünglich wenigftens aus fünf Kno- 
clien, nämlich: i) aus dem imgepaarten VorcLerftUck 
(Os mandibulae fiircatum), 2 und 3) aus den beiden 
l'erlängerungsftiicken , welche die Aefte des vorigen 
Stücks fortfetzen (Offa prolongantiaj, 4 und 5) aus 
tien beiden Innern Seitenlamellen (OQa lamelliformia). 
Bei vielen aber befteht er gar aus ßeben , nämlich 
noch : 6 und 7) au« den beiden Fortfatzknochen (Offa 
upophyfeos). 

Unter diefen viererlei Stücken find doch, wie 
oben gefagt, das vordeifte und die Ferlüngerungs- 
ftücke immer als die Haupttheile anzufeilen. Die Zu- 
fammenfetzung des Unterkiefers aus diefen Haupt- 






ftiicken aber cntfpricht vortrefflich Oken\ fch arf finniger 
Idee, clafs die lüefer am Schädel, als der Wiederholung 
des Rumpfs , gleich den Fufspaaren feyen ; einer Idee, 
die fich auch fonft durch unzählige, bei Vergleichung 
rler verfchiedenen Wirbelthierformen findbare That- 
fachen insbefonclere beftätigt. Fehlt auch diefer Pa- 
rallele in einem Falle ein fonft gewöhnliches Moment, 
fo bietet fich dafür ein anderes dar, was aufserdem 
vermifst wiixi. So ift es hier. Die vordere Mittel- 
nath des Unterkiefers, welche die Säugthiere und 
andere haben, und welche nöthig fcheint, um die 
Kinnlade zu einem Gliederpaar zu machen , fehlt zwar 
den Vögeln, aber dafür ift in den feitlichen Aeften 
eine Trennung , deren die Säugthicro ermangeln- und 
die das Knie der Hinterfüfse darfteilt. Diefes I^nie 
der Kieferäfte wird zw^r gewöhnlich nach gerade wie- 
der obliterirt, und es war auch vorher kein wahres 
Gelenk ; ein folches aber ift es und bleibe es immer 
beim Tagf'hlofer (Caprimulgiis) deffcn merkwiirdiges 
Kieferaftgelcnk fchon an einem andern Orte ') von 
< 

l) In meinen ofitographifchm Beiträgen cur Naiurgefchkhie der Vo- 
gel. Leipzig iSii. Ein Recenfent diefer Schrift ftellt die vor- 
eilige Vermiitluin;; auf; dafs ioli bei der ßefcbreibung der Kinn- 
lade des Caprimulgus Ktij>fe junger Vilgel vor mir gehabt haben 
möge, und will damit, weil er eigener Beobachtung ermangelte, 
feinen Unglauben an die Permanenz des da befcbriebenen Kniea 
der Kieferäfte zu erkennen geben. Allein alle fechs Individuen 
diefes mfrkwiirdigen Vfigels, v'elclie ich bis jezt habe unter- 
fuchen können , waren alt , mehrentlieils gleich nach ilirem 
Rilck/iig« im Friibjahr gefchoffen; eins war brütend auf de» 
Nefte gefangen. Ich mnfs alfo im Gegcntheil beklagen, daf» 
ich K.iiife junget Tagfchlöfer zo beobachten noch g«r keine Ge- 
legenheit fand. 



333 V 

jnjr ausführlich befchrieben ! und durch Abbildungen 
dargeftellt worden ift. Bei andern Vögeln biegen fich 
die Aefte etwa nur mehr oder weniger nach aufsen 
^der innen, ohne dafs die Stücke an ihren Vereini- 
jrungsflächen fich im mindeften bewegten oder ver- 
fchöben, was fchon in Hinficht der Art, wie 
diefe Stücke da einander berühren, und noch mehr 
in Hinficht der gewöhnlich bald eintretenden völligen 
Synoftofe derfelben fchlechtert[ings unmöglich ift. Ich 
jnufs mich daher geradezu gegen die von Geoffroy 
und Mecite/ (am angef. Ort S. 62) gegebene Anficht 
erklären; als trage die Zidammenfetzung der Kiefer- 
äfte zu einer Bewegung , die in einer blofsen Biegung 
der genannten Aefte befteht, und deren die Unter- 
kinnlade der mehreften Vögel nicht einmal fällig ift, 
etwas bei; und ich verfichere nochmals, dafs unter 
der grofsen Menge Vögel, die ich in obiger Rück- 
ficht unterfucht habe, der Caprimulgus der einzige 
ift bei dem das vordere Gabelftück des Unterkiefers 
mit den Verlängerungsknochen wirklich anicuäre. 



Die Hauptrefultate , welche fich aus diefer Be- 
trachtung der Knochenftücke des Kiefergerüftes der 
Vögel ergeben, und nach welchen das, was Tiede- 
mann im zweiten Bande feiner Zoologie über denfel- 
ben Gegenftand fagt, durchgängig berichtigt und er- 
gänzt werden mufs, find überfichtlich folgende: 

l) Der Intermaxillarhiochen der Vögel ift immer 
ein einfaches, imgepaartes Stück. 



333 

s) Die Nafenknochen d. V- ImcTblofse Foftfatze des 
I n tennaxillarkiiochens . 

3) Die Oberkieferbeine der Säugtliiere werden durch 
zwei difdncte KnocJien paare in den Vögeln dar- 
geftellt, durch a) die Jochkieferbeine, i) die 
Nafenkieferbeine. 

4) Der Jochbogeii jeder Seite befteht aus drei 
Theilen, welche find a) der Fortfatz des Waw 
genkieferbeins , i) das elgetuüche Jochbein:, 
c) das Quadraijochbeiii. 

5) Die Unterkinnlade d. V. hat vorn keine Nath 
und befteht aus fieben Knochenftücken. Diefe 
find nämlicli a) das vordere uagepaarte Gabel- 
ftilck , b und c) füe beiden Verlüngerungsfiacke, 

d u. die beiden Lamellenknochen , / u. g) die 
beiden Foii fatzknochen . 



334: 



II. 

V e r f u c h 

einer Entwicklungsgefchiclite 

der 

Centraltheile des Nervejijyfbems 
in den Säugthieren. 

Von 

J. F. M e c k e I. 

(Fottfetzung des im iXten Heft abgebtoclinen AuITatzes.} 



Die im Vorigen gegebenen Befclneibungen einzelner 
Centraltheile des Nervenfyftems in verfchiedenen Le- 
bensperioden machen es möglich, einen Verfuch zn 
einer allgemeinen Darftellung der allmähligen Ent- 
wicklung diefer Organe zu machen. 

Ich werde Ce nach den verfchiedenen Momenten, 
welche fie darbieten, in der Zeitfolge, in welcher 
fie entftehen und fich ausbilden,! betrachten, und mach« 
daher mit dem Rückenmark den Anfang. 

I. Rückenmark. 

§• 43. 
Wie entßeht das Rückenmark ? Schon vor ga- 
raumev Zelt habe ich die Vermuthung geäufsert, dafs 
das Rückenmark anfänglich entweder aus einer , oder 



335, 

■ aus zwei nebea, einander liegenden, queren Platten be- 
ftehe , die ück entweder , wenn die letztere Meinung^ 
richtig ift, prft vorn, ; dann liinten verbinden, oder, 
wenn die erftere die wjjhre ift » . blpfs hinten anfangs 
■einander entgegen biegen, dann verej^gen '), 

Für diefe Meinung beftimmte niich danj^s vor- 
züglich die genaue Unterfuchung einiger fehr früher 
Kaninchenembry oiien , wo .ich I?ei, mikroskopifcher 
Betrachtung querer Durchfchnjtjje de^ Rückenmarkes 
fehr deutlich die hintere Fvr,che fich .Ipis in die 
Höhle des Rückenmarkes fori,fetzend und diefe io- 
anfehnlich und fich fo weit nach.vqrn eiftreckend 
fand , dafs ich ungewifs war , ob nicht vielleiclit das, 
Ritckenniark auch hier gefpalten.JJay , mithin aus zwei 
Hälften beftehe. ,. 

Ein ferneres Argument war mir, die bei den Tö- 
gebt und S(:hildkrüitn an beftimmten Stellen Statt 
findende Aufrollung, das j^useinanderweichen der 
beiden Seilenhalf tcu des Rückenmarkes an der hinter^ 
Fläche. ly .-.^yj.^ 

Aufserdern fjiricht für tliefe Meinung die Entfte- 
hungsweife des Riickenmarkes in der Thierreihe, in- 
dem es bei mehrern Infecten und Cruftaceen , ganj 
deutlich aus zwei feitlichen, oft ftellenweife weit aus 
einafliler. weichenden Strängen bcfteht. Hier ajfckönnt« 
man fich das Ruckenmark aiif der nipdrigften .Stpfc 
flehend itenken, wo fich die beiden longitudinale^ Plat- 
ten wenigftens. noch nicht (ibcrall in der Mittellinie 



l) GtvMT ver^l. Anit. Ueberf. Bi. 3. S. lil- 



iZ6 Jr^^^ 

2u einer verfchmolzeii , ' vrel weniger iliire gferädeGfeii 
ffelt in '^iäe gewölbte verwandelt und ÖSaäder eijt-' 
gegengebogen Hätten', fo dafs ein Axifätz zu der Höhle, 
welche fich tei allen Wirbelthieren , bis jetzt, fo viel' 
ich weift, nurmiit Ausnahme des Menfchen^ dtaGhitn- 
völlüorrtninen Zidtande als normale Bilcking findet, 
noch durchaus nicht vorhanden wäre. ' 

Dazu kommt,' dafs auch das Gehirn, iind diefes. 
weit langer als das Rückenmark, anfänglich aas zwei 
■weit vollkoinmner voÄ" 'einander gefrennten, Seiten- 
hälften befteht, als fpäterhin, wo lieh diefe durch 
örft entftehende Gommiffuren unter einander ver- 
binden. 

Ferner kann mai fich, nach fo vielen Gründen ' 
auch der bei Bildungsabweichimgen , deren Wefen ein! 
Stehenbleiben auf einer frühem Bildungsftufe ift, nicht 
ganz feiten , namentlich von Zacchias , Mariget, Graf' 
hiiis y Hüll, Mcilacarne und Mohrenheiin heobachtetea- 
'fheilung des Rückenmarkes in zwei feitliche Stränge ' 
fehr wohl als eines Halfsgrundes bedienen. 

•' -■' -$. 44. 
Gegeii diefe 'Anfleht hat fich neuerlich Herr (7a« ' 
rus •) in feiner mit aufserordentlich vielem Fleifs und 
Geift verfafsten Darfteilung des Nervenfyftems erklärt^ 
weil das Rückenmaik anfangs immer ein , mit einer 
Flüfßgkeit angefüllter Kanal fey. ;•■ 
Dafs fich diefe Ueberzeugnng auf Unterfuchuir- ' 
gen von Säugthierembryonen gründe , findet man nir-' 
geüds; 

'l>S. 3Ig u, ai9. 



gends; fie fcheint vielmehr nur von, befonclers Nico- 
lai's, Beobachtungen am bebrüteten Hiihnchen entlehnt 
zu feyn. Indeffen will ich fehr gern annehmen , clafs 
der Schlafs vom Vogel auf das Säugthier feine Rieh- 
tigkeit hat, da es in der Sache nichts ändert. Es 
fragt fich Äämlich immer , was ift denn diefer Kanal ? 
Höchft walu:fcheinlicli find es doch wohl die Hüllen 
des Rückenmarkes, das Schleimgewebe, aus welchem 
fie fich bilden. Dies mag immerhin die Geftalt eines 
Kanals haben, ohne dafs daraus folgte, dafs in der darin 
enthaltenen FlüCfiglieit nicht die Nervenfafern in Geftalt 
\'on Platten anfchiefsen, welche erft gerade find, dann 
fich wölben und in der Mitte zufammenfchlagen. 

Herr Carus glaubt, man miiffe vielmehr theils 
aus der Beobachtung des fich bildenden Rückenmar- 
kes , theils durch Analogie , aus der Betrachtung der 
verfchiedenen Formen deffelben in der Stufenfolge der 
Thierklaffen, fchliefsen, dafs das erfte beftimmtere Ge- 
bilde deffelben der Kanal fey, dafs darauf, der fich in 
ihn einfenkenden Gefäfse wegen, die an diefeni Kanal 
fich anfetzende Nervenmaffe wieder in zwei feitlicha 
Stränge zerfalle, deren jeder abermals gewifferniafsea 
die Urform des Rückenmarkes wiederholt. 

Allein rlas wichtigfte , die Beobachtung der Ent- 
wricldung des Rückenmarkes im Embryo , fehlt gerade 
indem ich unmöglich die von Herrn Carus gegebene 
Darftellung der Bildungsgefchichte deffelben im Hühn- 
chen, als genügend anfehen kann. Die Entwicklung 
des Rückenmarkes in der Thierreihe fpricht, folita 
oion denken , gerade gegen die Annahm« diefes fcliwf • 
M. d. ^re/Uo I. 3. Y 



338 

finnigen Gelehrten ; wenigftens halten mich für jetzt die 
oben ' ) angeführten Gründe noch ab , mit ihm das Rü- 
ckengefäfs der Infekten für das erfte Rudiment des Rü- 
ckenmarkes in der Tliierreihe anzufehen '), da daffelbe 
durch feine weitere Ausbildung in höhern Thieren fo 
deutlich als Rudiment des Gefäfsfyftems erfcheint. 

Und, was find denn, näher betrachtet, die zwei 
feitlichen Stränge anders als Platten? Lehrt nicht 
die Beobachtung am Hühnchen, dafs die Bildung der 
Nerven fubf tanz des Rückenmarkes ziierft an der iin- 
lern , den VVirbelkörpern zugewantlten Fläche anfängt 
und von hier aus fortfchreitet ? 

Ueberdies haben mich fowohl fruhere, als in die- 
fem Augenblicke noch an fehr jungen menfchlichen 
und Schafsembryonen wiederholte Beobachtungen in 
fo fern von der Richtigkeit meiner Anficht überzeugt, 
als ich dadurch abermals mit der gröfsten Beftimmt- 
heit belehrt worden bin, dafs das Rückenmark an- 
fangs eine hohle Platte darftellt, deren beide Enden, 
an welchen fie dünner als in ihrem übrigen Verlauf 
ift, zwar hinten in der Mittellinie nahe an einander 
liegen, allein durchaus nicht mit einander verbunden 
find. Ich fehe namentlich bei dem , katun fünf Linien 
langen Schafsembryo, mit bewaffnetem und unbe- 
waffnetem Auge, in der Mitte der ganzen Länge der 
liintern Rückenmarfafläche eine deutliche , verliültnjifs- 
mäfsig fehr anfehnliche Furche verlaufen. 



i) H. I. S. n ff. 
i) A. a. O. S. 76- 



339 

Querclurchfchnitte , durch das ROckenmark und 
die Höhle , worin es fich befindet , geführt , zeigen 
zwar eine äufsere Höhle ; allein dies find offenbar die 
umgebenden Theile, welche fpäter in die Haut, dia 
Wirbel und die Rückenmaikshiillen zerfallen. Ganz 
von diefen getrennt erfcheint das Rückenmark felbft 
nach dem angegebenen Typus gebiltlet. Faft in feiner 
ganzen Höhe ift es durch eine , vorzüglich etwas iiber 
der Mitte fehr weite, im Ganzen rautenförmige Fur- 
che, in zwei Hälften getrennt. Nur unten, gegen 
die Wirbelkörper, fcheint diefe Furche zu fehlen. 
Doch ift diefer untere, unpaare , mittlere Theil des 
Rückenmai-kes fehr dünn, weit dünner als die zu- 
nächft liegenden Abfchnitte der Seitentheile , und es 
wäre daher felir wohl möglich, dafs beim noch frü- 
hem Embryo anfänglich auch hier eine Trennung 
Statt fände. Die beiden, in diefer Periode, wie es 
fcheint, unten in der Mitte verwachfenen Seitenhälf- 
ten zerfallen fchon jetzt in fich felbft wieder in eine 
untere, fowohl höhere als breitei'e und eine obere, 
kleinere Hälfte, wodurch die Abtheilung in zwei vor- 
dere und zwei hintere Stränge fchon angedeutet ift. 
Im Ganzen ift jede Seitenhälfte nach auCsen gewölbt, 
nach innen ausgehöhlt, etwas über ihrer Mitte aber, 
beim Anfange des obem Stranges, nach aufsen be- 
trächtlich eingefchniirt , wie fie auch in ihrem Innern 
Umfange plötzUcli hier ftärker ausgehöhlt wird. Ueber 
diefer Stelle biegen fich die obern Theile der beiden 
Seitenhälften einander beträchtlich entgegen , find aber, 
irrie gef<igt, durchau« von einander getrennt. 

Y a 



340 

Beim iTienfchlichen Embryo liabe 'ich zwar diefc 
Bildung noch nicht gefehen , indeffen beweift dies nicht 
geradezu , clafs fie fich hier nicht in frühem Perioden 
wirklich finde. Theils war der jiingfte, von mir un- 
terfuchte menfchliche Embryo doppelt fo grofs .ils der 
kleinfte Schafsembryo, theils durchläuft bekanntlich 
jeder Embryo die niedern Bildungsftufen defto fchnel- 
1er , je höher feine Klaffe fleht ; alfo könnte man fehr 
wohl felbft bei viel kleinern menfchlichen Embryo- 
nen diefe Bildung nicht finden, ohne deshalb zu dem 
Schlaffe berechtigt zu feyn , dafs fie in frühern Pe. 
rioden nicht dennoch Statt fände. 

Wirklich aber ift das Rückenmark beim fieben- 
wochentlichen menfclilichen Embryo fo angetordnet, 
dafs dieie Vermuthung auffallend beftätigt wird. Auch 
hier verläuft mitten durch das Piückenmark ia der 
Richtung von der Rücken- zur Uuterleibsfläche ■ eine 
anfehnliche Lücke, die fich gegen ilire beiden Ende» 
allmählig zufpitzt. Diefe Lücke habe ich zwar nicht 
überall, als Stücke aus den verfcliiedenen Gegenden 
des Rückenmarkes unterfucht wurden, bis zum Um- 
fange des Rückenmarks mit Beftimmtheit dringen 
fehen, allein fehr deutlich bemerkt, dafs i) in der 
Mitte der Bauch- und der Rückenfläche des Rücken- 
markes die Subftanz weit diurchlichtiger als auf den 
Seiten war; a) die Spalte fich nach dem Rücken viel 
weiter als nach vorn fortfetzte. In einigen Abfchnit- 
ten aus der Lendeugegend verlief fogar beftimnit hier 
eine fehr feine Spalte bis zur Mitte der hintern Hälft« 
des Rückennaarkes , fo dafs hier diefelbe Bildung, 



34 t 

welche fich bei dem jungen Sclinfsfiitus auch in an- 
dern Gegenden findet, vorhanden war. 

Herr Carus vermuthet, dafs meine Meinung aus 
der Tiefe der liintern Spalte des Rückenmarkes im 
Fötus, befonders dem der Nagethiere, entftanden fey. 
^Vahrfcheilllich glaubt er daher, dafs ich entweder 
diele Spalte für die Höhle angefehen, oder fie wenig- 
ftens bis in die wahre Höhle verlängert habe; allein^ 
diefer Vermuthung liegt eine nicht völlig richtige 
Anficht der ßikUing diefer Spalte zu Grimde, eine 
Bemerkung, tlie fich auch auf die vordere anwen- 
di-n läfst. 

Nach Herrn Carus Darftellung nämlich fcheint 
es, als feyen diefe Spalten defto tiefer, je näher der 
Organismus feiueni Entftchen ift, imlem er in der 
Lehre von der Bildung des Riickemnarkes der Säug- 
thiere (a. a. O. S- ai?-) angiebt, dafs die hintere Spalte 
der Nugpihierfötus befonders tief, beim Kalbe be- 
trächtlicher als beim Ochfen fey, bei der Entwick- 
iuiigsgefchichte des menfchlichen Rückenmarkes gleich- 
falls der befondern Tiefe derfelben in der Schulter - 
und Lendcnaufchwellung erwähnt (a.a.O. S. 265.); al- 
lein, ungeachtet diefe Angaben richtig find, wenn fpä- 
tere Embryonen mit dem Erwachfenen verglichen 
werden, fo muffen fie doch eingefchränkt werden, 
wenn auf die frühem Entwickluiigsperioden Rück- 
licht genommen wird. Hier fehlt in der That fo- 
wohl die vordere als die hintere Spalte durchaus. 
Beide bilden fich erft lange nachdem fich die Rilcken- 
marksluihie fehr beträclitlich verkleinert hat , die vor- 



dere weit früher als die hintere. Jene ift in dem 
Mafse flacher und breiter, erfcheint mehr als ein längs 
der vordem Fläche des Riickenniarkes verlaufender 
flacher Eindruck, je jünger der Embryo ift und wan- 
delt fich erft allmählig in eine Spalte um. Lange 
nachdem diefe Veränderung an der vordem Fläche 
gefchehen ift, fehlt durchaus noch jede Spur einer 
Spalte an der hintern und die Rjickenmarkshöhle er- 
fcheint als eine fcharf abgegränzte runde Oeffnung. 

Dies habe ich an menfchlichen und Schafsembryo- 
nen mit der grüfsten Beftimmtheit mehrmals beob- 
achtet. Da alfo in der Zeit, wo die Höhle im In- 
nern des Rückenmarkes noch eine longitudinale Lücke 
ift, fich noch gar keine hintere Spalte findet, fo fällt 
natürlich die von Herrn Carus angenommene Veran- 
laffung zu Entftehung meiner Meinung weg und, wenn 
ich mich in der Annahme , dafs die Höhle anfänglich 
eine, wenigftens nach hinten, offne Spalte fey , irre, 
fo kann der Irrthum nur dadurch entftehen, dafs- 
die fehr weite longitudinale Lücke durch Einreifsen 
der höchft dünnen , fie von hinten fchliefsenden (aber 
durchaus nicht vertieften) Marklage in eine völlige 
Spalte verwandelt wird. Dies ift möglich, indeffen 
mufs gewifs diefe hintere Marklage anfänglich aufser- 
ordentlich dünn feyn. 

Nach meiner Anficht findet fich alfo anfänglicli 
eine nach hinten offne Spalte, welche faft durch die' 
ganze Dicke des Rückenmarkes reicht, indem fich vom 
nur eine fehr kleine Lage von Nervenfubftanz findet, 
die auch vielleicht anfänglich ganz fehlt. Diefe Spalte 



- fcliliefst ficli, im Fall fie nur hinten offen ift, von 
aufsen nach innen fo, dafs fie zuletzt beim Menfchen 
ganz verfchwindet , und bei den Saugtliieren und den 
übrigen Klaffen nur eine rundliche, überall von Mark- 
fubftanz umgebene Höhle übrig bleibt. Während die- 
fer Verkleinerung und Verwandlung der Spalte in 
eine Hohle vertieft fich erft die vordere , dann auch 
die hintere Wand des Rückenmarkes zu der vordem 
und hintern Spulte , die aber mit dem Kanal durch- 
aus nie communiciren und eben fo wenig mit der an- 
fänglichen grol'sen Spalte etwas gemein haben. 

Für die Rfchtigkeit diefer Darftellung ftehe ich. 
Diefer Entwicklungsgang ift in fo fern höchft wichtig, 
als er völlig nach denfelben Gefetzen mit der Ent- 
wicklung des Gehirns gefchieht, wo gleichfalls frü- 
her die fpäter getrennten Seitenhälften, namentlich 
das grofse und kleine Gehirn, die Vierhügel und die 
Sehhiigel nicht in der Mitte durch eine Längenver- 
tiefung getrennt find , etwas fpäter aber diefe longitu- 
dinaicn Trennungsfurchen deutlicher und tiefer fincf 
als in den folgenden Lebensperioden, fie, wie in den 
allerfrüheften Perloden höchft wahrfcheinlich auch die 
Höhlen des Gehirns oben nicht verfchloffen waren, 
wovon weiter unten die Rede feyn wird. 

Wichtig ift auch der anfängliche Mangel der 
vordem und hintern Rückenmarksfpalte in fo fern, 
als er mit der anfänglichen Glätte und Windungslofig- 
keit der OberAäclie der Hirntheile zuTammen zu fal- 
len fcheint. 



Ich halte daher für jetzt den Satz: „dafs das 
fy Rückenmark anfänglich ans zwei, nur in. ihrem 
„ untern Theile an einer fchnialen Stelle vereinigten, 
„in noch frühem Perioden vielleicht auch hier ge- 
iftrennten, und auch da, wo die untere Bereinigung 
„Statt findet, faß in ihrer ganzen übrigen Hö/ie, 
„alfo auch jetzt noch faft gar niciu mit einander ver- 
„hundnen Strängen beftehe, welche fich von beiden' 
„ Seiten durch vermehrten Anfatz von Nervenfuhftanz 
„ einander , mit Verminderung der Capacitüt der zwi- 
„fchen ihnen befindlichen Lücken dergeftalt nähern, 
„daß fie zuerft in der Miitellinie zu einem ver- 
„fchmelzen^" mehr als je für völlig erwiefen. 
§• 45. 

Die Unterfuchung etwas älterer Embryonen dient 
zur Beftätigung cliefer Anficht und belehrt über die 
Art der weitern Entwicklung des Rückenmarkes. 
Später nämlich verwandele fich die anfangs vor- 
handene Spalte in eine durch die ganze Länge des 
Rückenmarkes verlaufende Höhle. ^ 

Diefe ift anfangs bedeutenrl grüfser als in fpätem 
Perioden, ftellt eine von vorn nach hinten verlaufende, 
in der Mitte angefchwollene Lücke dar, die fich bald 
gegen ihre beiden Enden beträchtlich zugefpitzt, und 
in eine rundliche, ziemlich in der Mitte, doch mehr 
nach unten liegende Hohle verwandelt, die in dem 
Mafse enger ift, als der Fötus reift. 

Indeffen ift fie immer noch beim reifen Fötus 
und höchft wahrfcheinlich noch in den erften Momen- 
ten nach der Geburt vorhanden. Wenigftens habe ich 



345 

fie in den erften drei Monaten nach der Geburt, fpäter 
dagegen nicht immer gefunden. Herr Tiedeniann 
fclieint fie zwar nur bis zur zwölften Schwanger- 
fchat'tswoche anzunehmen '), allein ich fand fie in 
der That bis zur angegebenen Periode, und auch Herr, 
Cariis fcheint durch feine Unterfuchungen auf daf- 
felbe Refultat geleitet worden zu feyn, indem er aus- 
drücklich bemerkt, dafs er fie bei allen Embryonen 
gefunden habe '). 

Ob fich vielleicht cliefe Höhle an einer Stelle 
früher als an der andern verfchliefst, kann ich nicht 
beftijnmen , da ich fie in allen Perioden , wo ich fie 
fand , durch das ganze Rückenmark verlaufen fahe. 
Indeffcn ift es nicht unwalirfcheinJich, dafs, wenn fie 
fich an einer Stelle früher als an der andern ver- 
fchliefst, dies im Brufttheile gefchehen werde, theils, 
weil der obere TJieil mit der vierten Hirnhöhle am 
nächften in Verbindung fteht, theils, weil fich in der 
Lendengegend die in den frühern Perioden vorhandene 
Spalte am fpäteften fchliefst, und hier am häufigften 
die Bildung des Rückenmarkes fich nicht auf den nor- 
malen Grad erhelit. 

So gcwifs nnu nach diefen Unterfuchungen, 
welche mit denen von Herrn Carus übereinftimmen, 
und einander, um fo mehr, da fie unter einander völlig 
unabhängig fiud , gegenfeitig beftatigen , die Anwelen- 
l.(;it einer Hohle im Ruckenmarjk im Fötuszuftande ift. 



I) Zonl. Bd. j. S. «4^. 
a) A. ». U. S. s<5. 



346 — ^ 

fo gewifs ift, auf der andern Seite, diefe Höhle nur 
einfach, und ich habe, trotz der forgfältigften Unter- 
iuchiing, die ich in alJen Lebensperioden am Rücken- 
mark des Menfchen und mehrerer Säugthiere anftelJte, 
die von Gull aufgeftellte Behauptung , dafs in jedem 
Strange, fogar beim Erwachfenen, ein Kanal verlaufe '), 
fo wenig als früher beftätigt gefunden '). 

§. 46. 

Das Rückenmark unterfcheidet fich in den frühem 
Lebensperioden von lieh felbft in fpätern auch durch 
verhältnifsmäfsig anfehnlichere Gröfse, fofern es anfangs 
ibwohl länger als dicker ift. Schon Wrisberg hat 
diefe Bemerkung in Beziehung auf die Länge deffel- 
ben gemacht '). 

Auch habe ich diefe Beobachtung fchon' vor ei- 
niger Zeit, fowohl bei einer Darfteilung der Parallele 
z\vifchen dem Embryo und permanenten niedern Bil- 
dungen 4), als bei der Erklärung der meiften Mifsbil- 
dungen aus einer Hemmung auf Durchgangsbildun- 
gen benutzt 0. 

Indeffen fcheint Wrisberg diefe Anordnung des 
Rückenmarkes nur durch die Bedeckungen erkannt, 
nicht nach Wegnahme derfelben näher unterfucht zu 
haben, und feine Beobachtung könnte daher, vorzüg- 



1) Anat. u. Phyt des NervenX Paris Igio. S. 141 ff. 

2) Beitr. zur vergl. Anat. Bd. 2. H. I. 

3) Defcr. anat. embr. p. 2j. Bei einem zelinwöchentl. Embryo. 

4) Beitr. zur vergl. Anat. E. 2. H. I. S. }0. 

5) FathoL anac. Bd. i. S. 355. 



347 

]ich da er gar nichts näheres darüber, und nament- 
lich nichts über das Verhältnifs der Nerven zu dem 
Rückenmark fagt, defto ungenügender fcheinen, da 
er bei den übrigen Embryonen, die er unterfuchte, 
zwar einiges über das Gehirn ; über das Rückenmark 
tiagegen gar nichts bemerkt. 

An den angeführten Stellen habe ich zugleich 
bemerkt, dafs ich bei mehrern Säugthierembryonea 
das Rückenmark regejmäfsig durch die ganze Wirbel« 
föule verlaufen gefehen ; allein , da ich fpater fahe, 
tlafs es fich auch im vollkommnen Zuftande bei meh^ 
rern Thieren diefer Klaffe viel tiefer herab erftreckt 
als beim Menfchen '), fo würden auch die von mir 
an Säugthierembryonen gemachten Beobachtungen nicht 
geradezu darthun, dafs beim menfchlichen Embryo 
«liefe Bildung vorkommt. 

Die Analogie mit dem vollkommnen Zuftande 
diefes Organs bei niedrigem Thieren , namentlich den 
Vögeln, mehrern Reptilien, den meiften. Fijchen, In- 
fecten und Würmern, ift zwar gleichfalls ein Grund 
fOr diefe Anficht; allein theils darf man fich diefer 
gerade in der Entwicklungsgefchichte nur mit der äu- 
fserften Vorficht bedienen, theils bietet gerade die Form, 
des Nervenfyftems in diefer Hinficht zu viele Abwei- 
chungen von der Regel dar, indem bei mehrern Fifchen 
und Rrptdien , und fehr vielen Infecten das Rücken- 
mark fich bei weitem nicht durch die ganze Länge 
des Körpers erftreckt. 



i) Arl^ky de plfc, cerebro. Hil. itl). 'p. 4. 



5*4$ 

-1' Es war daher befonders noth wendig , diefen Ge- 
genftand am menfchlichen Embryo zu prüfen. Die 
Unterfuchung mehrerer Embryonen von der fiebenten 
Schwangerfchaftswoche an hat mir mit Beftimmtheit 
dargethan, tlüfs das Rückenmark wirklich anfangs die 
ganze Länge der Wirbelfäule, bis zu den Schwanz- 
belnen, einnimmt. ^ 

Beim fiebenwöchentlichen Embryo hat es völlig 
diefe Länge und ift fogar bis an das Ende beträcht- 
lich dick. Auch beim eilfwöchentlichen reicht es noch 
fo weit, und wird früher etwas dünner als dort. Nach 
fpätera Unterfuchungen kann ich mit Beftimmtheit 
feftfetzen, dafs das Rückenmark bis in den dritten 
Monat die ganze Länge der Wirbelfäule einninmit. 
Schon in diefem aber fängt das Marls in dem untern 
Theile deflelbcn beträchtlich zu fchwinden an, und 
der um die Unterfuchung des Nervenfyftems fo wohl 
verdiente Carus fcheint mir daher die Periode, in wel- 
cher das Rückenmark beim menfchlichen Embryo die 
ganze Länge des Wirbelkanals einnimmt, etwas zu lang 
enzmiehmen, wenn er lagt, dafs fie bis zur Hälfte 
der Schwangerfchaft daure '). 

Das Rückenmark ift alfo wirklich anfangs be- 
trächtlich lüi7ger als in fpätern Perioden. 

Eben fo ift es anfänglich auch bedeutend dicker^ 
fowohl im Verhältnifs zum Gehirn als zum ganzen ^ 
Körper: eine Behauptung, von welcher keines der von 
mir unterfuchten Säugthiere eine Ausnalime macht. 



A. a.O. S. JÄJ. 






~'— 549 

Es ift alfo in der That in frühem Perioden gröfser^ 
Beim Menfchen unterfcheidet es fich auch in diefer 
HinGcht, vorzüglich aber in Beziehung auf feine 
Lunge, von fich felbft in den verfchiedenen Lebens- 
perioden bedeutender als bei den übrigen Siiuglhieren, 
weil es bei diefen das ganze Leben hindurch weit tie- 
fer als bei ihm herabreicht. 

Nach Herrn Cariis findet fich in Hinficht auf 
das VerhäJtnifs der Maße des Rückenmarkes 2U der 
des Gehirns nur eine fehr unbedeutende Verlchieden- 
heit zwifchen dem Fötus und dem Erwachfenen '3. 
Dies bezieht er vorzüglich auf die Dicke, indem er 
f«lbft anführt, dafs die Länge deffelben bis zur Mitte 
der Schwangerfphaft der des ganzen Wirbelkanals ent> 
fpricht. Doch führt er felbft auch mehrere That- 
iachen an , welche beweii'en , dafs das Rückenmark an- 
fangs verhältnifsmäfsig dicker ift. 
§. 47- 

Die Betrachtung der verhältnifsmäfsigen Dicke des 
enibryonifchen Rückenmarkes führt zunächlt zu Un- 
tcrfuchungen über das Verhältnifs, welches in diefer 
Hinficht zwifchen den verfchiedenen Gegenden deffel- 
ben Statt findet. Das Rückenmark des Erwachfenen 
5ft bekanntlich in der Mitte am dünnften und fchwillj 
an feinem untern und obern Ende, an diefem bei wei- 
tem am ftüfkften, an. Diefe Anfchwellungen ftehcn 
mit der grofsern Stärke der an diefen Stellen aus ihm 
tretenden Nerven der Extremitäten in Bezieliung. Es 

A. d. U. S. U2. 



350 

fragt fich , ob de fich fchon in frühen Lebensperioden, . 
auch in den früheften , finden , und eben fo fich gegen- 
feitig zu einander und zu dem dünnem Theile immer 
auf diefelbe Weife verhalten? Das Rückenmark ift 
im vollkommnen Zuftande fo verfchiedenartig befchrie- 
ben worden, dafs man kaum erwarten kann, diefe 
Frage von allen Beobachtern gleichmäfsig beantwortet 
zu fehen. Bei meinen Unterfuchungen fand ich, wie 
fich faft mit G«wifsheit voraus fagen liefs , den Unter- 
fchied zvvifchen den angefchwollenen und der einge- 
zogenen Stelle defto geringer, je näher der Embryo 
feiner Entftehung war, unftreitig wohl wegen der 
um fo geringern Entwicklung der Gliedmafsen und 
ihrer Nerven und der überhaupt verhältnifsmäfsig an- 
fehnlicheren Dicke des Rückenmarkes. Sobald diefe 
fich aber etwas bedeutend entwickelt haben , wird der 
Unterfchied äufserft auffallend. Man vergleiche zu 
diefem Behuf z. B. die 9te mit der aiften und saften 
Abbildung auf Taf. 2. 

Ift aber das Verhältnifs zwifchen der obern und 
untern Anfch wellung in allen Lebensperioden daffelbe? 
Diefe Frage kann einen doppelten Sinn haben. Sie 
kann blofs heifsen: ift die obere A^^fch wellung in 
allen Lebensperioden ungleich viel dicker als die un- 
tere? Sie kann aber auch meinen: ift die obere An- 
fchwellung immer dicker als die untere, oder ift fie 
nicht vielleicht früher dünner als fie, oder ihr wenig- 
ftens gleich? Die erfte kann natürlich nur nach die- 
fer beantwortet werden. 



Herr CarusJazt in Bezug auf die Anfchwellun- 
gen des Rückenmarkes den Satz aufgeftellt: „dafs 
„fich das Rückenmark beim menfchlichen Fötus be- 
„ fonders in fo fern unterfcheide, als hier die untere 
„in der Lendengegend befindliche die den obern Ex- 
„tremitäten entfprechende eben fo fehr überwiegt als 
„im Erwachfenen die letztere die untere übertriff t.^^ 
Zugleich hat er hierin eine unverkennbare Analo- 
gie mit niedrigen Thiergattungen gefunden und er- 
klärt, warum nothwendig erit die untere, dann die 
obere dicker feyn müjfe. Die anfänglich gröfsere 
Dicke der untern foll mit der gröfsern Stärke der 
Nerven der untern Extremitäten und der anfehnlichern 
Mafle diefer letztern überhaupt, die fpäter entftehende 
der obern , ungeachtet der gröfsern Feinheit der Ner- 
ven der obern Extremitäten, mit der vollkommnern 
Entwicklung und gröfsern Agilität der obern Extre- 
mitäten im geraden Verhält nifs ftehen '). 

So fmnreich diefes Räfonnement auch ift, fo fcheint 
mir doch die Thatfache, zu deren Erklärung es an- 
geftellt wird, nicht ganz richtig zu feyn; denn ich 
habe in der That, den fehr frühen Zuftand ausgenom- 
men, wo, wie beim fiebenwöchentiichen Embryo, fo 
gut als gar keine Verfchiedenheit wahrzunehmen ift, 
immer die obere Anfchwellung feltr deutlich fcürker 
als die untere gefunden. 

$. 48. 

Nach Herrn Carus hören die obern Rdckenmarks- 
ftränge beim menfchlichen Fotus früher auf als die 

I) fi. i<5. 



353 — ^— — 

untern, hierdurch kommt die graua Subftanz zu Tage 
und das Rückenmark fcheint fich daher mit einen 
Knötchen zu endigen *). Ungeachtet forgfältiger Un- 
terfuchung habe ich doch bis in den fechften Monat 
nichts diefem ähnliches mit Beftimmtheit wahrnehmen 
'können, und auch von diefer Periode an finde ich 
nicht fowohl, dafs die hinlern Märkftränge früher auf- 
hören als die untern, als dafs fie gegen das untere 
Ende des Rückenmarkes nach Art des Lendentheiles 
im Rückenmark der Vögel aus einander weichen. 

Dagegen bildet der obere und hintere Theil der 
obern oder hintern Rückenmarksltränge anfangs im 
ganzen Verlauf des Rückenmarkes einen beträchtlichen 
fchmalen V^orfprung über den untern , fo dafs diefer 
Theil nur auf den untern aufgefetzt fcheint. Allmäh- 
!ig verfchwindet diefes Anfehen, indeffen fiodet fich 
noch beim reifen Fötus im obern Theile des Rücken- 
markes ein folcher, wenn gleich weniger merklicher, 
Vorfprung. 

Diefe Bildung findet fich bei deu Fifchen , fo wie 
das Auseinanderweichen der Stränge im untern Theile 
an das Vorkommen derfelben Anordnung im Lenden- 
theile des Rückenmarkes der Vögel und an die gerade 
hier am häufigften erfcheinende Rückenmarksfpalte 
arinnert. 

§. 49- 

Das Rückenmark der Säugthiere durchläuft daher 
alle bleibenden, unter ihnen flehenden Thierftufen. 
In 

i) S. 364. 



56'3 

■ In den fn'iheften Perioden , wo es aus zwei Sei- 
tenhälften beftelu, tlie wenigftens hinten nicht gelchlor- 
fen find, entfpricht es dem Rückenmark der InjekteA 
und Krvfienthieie. Bei niehrern Reptilien, nament- 
lich deh Schildkröten, vereinigen fichtke beiden Hälf- 
ten hinten in der Gegend der Arm - 'utid Schenkel- 
anfchwellungen , bei den Vögeln nur in der letztern 
nicht. Damit hängt es wahrfcheinlich zufamraen, dafs 
auch bei tien Säugthjeren diefe Vereinigung hier am 
fpäteften zu gefcliehen fcheint. 

Nachdem diefe Vereinigung gefchehen ift beftelit 
bei den Süiigthieren das ganze Leben hindurch die 
dadurch gebildete Höhle, verengt fich aber allmählig 
bedeutend. Die gröfsere Weite der Höhle ftellt das 
Säugthier in feinen frühem Lebensperioden den Fifchen^ 
Reptilien und rögeln ') parallel. ' 

• Beim Menfchen verfchliefst fich fchon im erhen 
Lebensjahre der RQckenmarkskanal nnS nur als 
regelwidriges Verweilen auf einer friiliern Eiklungs- 
ftufe bleibt er bisweilen in eiiier grüfsern oder kur- 
zem Strecke. 

Klien fo entfpricht das frühere Verliältnifs des 
Rückenmarkes zum Gehirn und Körper in Hinficht 



ij Njch Herrn Ticiemmn fcheint zv/ar das Rackenmark der Vö- 
gel nur in den fr heften Zeiten einen, mit einer klaren lympha- 
tifclien Fliiffigkeit angeliiUten Kanal zu enthalten (A. a. O. 
S. C^\)^ Allein ich habe bei allen meinen Unterfuchungcii die 
iRicliii;;l<eit der Anp;abe von Citn , dafs bei; den yiigctn ilaa 
RUckenm irk beftändig einen folchen Kanil enthalte (A, a. U. 
S. l^oj befuiiigt ijefuiuleii. 

M. d. Archiv, l. J. Z 



354 

auf Maffe clefto niedrigem Bildungen, je jünger der 
Embryo ift. Doch findet in Hinficht auf die Längn 
fies Rückenmarkes bei den meiften Tlueren fahr grofse 
Aehnlichkeit in fo fern Statt, als es faft bei allen die 
ganze Länge, der Wirbelfäide einnimmt, und der voll- 
kommen entvRicl^elte Zuftand des Menfchen unteifcheir- 
det fich durch die Kürze feines Rückenmarkes faft von 
dem aller unter ihm flehender Thiere. Ich fuge mit 
gedacht, faß aller, denn, .ungeachtet ich bei meh- 
rern Nagethiereii , Wiederkauern und Zehengeherit 
das Rückenmark durch die ganze Lendengegend fort- 
gefetzt fand '), und fchon früher bemerkte *), dafs 
bei den Fugelii imd Fifclien fich daffelbe durch die 
ganze Wirbelfäule erftreckt, auch bei mehrern Repti- 
lien fich ein ähnliches Verhältnifs findet, und Herr 
Carus ') die Anfüllung der ganzen Wirbelfäule durch 
das Rückenmark als allgemeinen Säugthiertypus auf- 
ftellt, wovon hüchftens die menfchenähnlichen Säug- 
\hiere eine Ausnahme machen dürften, fo bemerkte 
ich doch fchon früher, dafs einige Fifche von meiner 
frühem Regel eine'Ausnahme machen ■*) und, indem 
ich dies fchreibe, bietet mir der Igel unter den Säug- 
thieren eine nicht weniger merkwürdige Ausnahme 
dar, indem bei diefem das Rückenmark nicht einmal 
bis zum Ende des Brufttheils der Wirbelfäule reiclii^- 



1) Arraky de piTciom ceiebro. Halae 1815. p. 4. 

2) CHVier Vorl. a. d. vergl. Anat. Bd. 2. S. IJJ. 

3) A. a. O. S. 215. 

4) Arfaky a. a. 0. p. 4 und 5. 



355 

fondern fclion rfer fiebenten Rippe gegenüber aufhört, 
alfo kaum den vierten Theil der ganzen Wirbell'äulei 
vom Aüas bis zum Ende derfelben, einnimmt. Ob an* 
dere, namentlich durch ihren übrigen Bau verwandta 
Säugthiere diefelbe Bedingung darbieten , weifs ich bis 
jetzt noch nicht. Bei den Mardern ift es nicht der 
Fall , ind6m auch hier das Rückenmark bis zum Becken 
reicht. Dagegen findet fich bei den Fledermäufen, 
namentlich l^espertUio auri^s , die ich gerade vor mir 
habe, ungefähr diefelbe Bildung. Eine Abweichung 
von dem Gewöhnlichen, die unftreitig intereffant ge- 
nug ift, um weitere Nachforfchungen zum Auffinden des 
Gefel-zes, nach welchem Ce fich richtet, zu veranlagen. 

II. Verlängertes Mark. 

$. 50- 
Das verlün gelte Mark bildet, in den friiheften 
Perioden, in Verbindung mit den Vierhiigeln, den gröCs- 
ten Theil des Gehirns. Es biegt fich unter einem 
defto mehr rechten Winkel vom obern Ende des 'Rü- 
ckenmarks nach vorn ab, je jünger der Embryo ift, 
und ift in demfelben Verliällnifs länger, breiter, ..urtd 
weiter offen, theils, weil das kleine Gehirn, das feina 
Höhle von oben bedeckt, in gleichem Maafse kleiner 
iff, weniger weit nach hinten reicht, theils, weil feino 
Wände nach hinten in einer gröfsern Strecke von 
tinander getrennt find. Die Strange, woraus es be» 
fteht, find anfänglich niedriger, aber verhältniismäfsig' 
kreitier, Aveudca ücU aber mit der Zeit nacli jMicn 

Z a 



356 " ^^^^-. 

lind ' verdicken fich , wodurch gleichfalls die Höhlö 
verengt . vvird. Allmählig bilden fich von hinten naclv 
vorn mehrere, in der Richtung von vorn nach binteu 
convergirende Anfchwellungen zu beiden- Seiten der 
Höhle an, welche fie noch mehr verfchliefsen. Bei 
den Schafen finden fich zwei Paare, ein inneres, hö- 
heres, dickeres, aber fchmaleres, ein äufseres mehr 
breites, aber zugleich niedrigeres. Hinter beiden Paa- 
re» liegt bisweilen' eine unpaare, quere, etwas breites 
^Erhabenheit, wovon fich bei mehrern Fifchen etwas 
ähnliches findet. Hochft vvahrfcheinlich findet fich 
dibfeiö] frühern Perioden immer, Avenigftens fehe ich fo 
ebdUä einemi" 4'" langen nienfchljchen Embryo fein- 
deutlich die hintere Wand des verlängerten Markes nach 
oben bis zum kleinen Gehirn in die Höhe ragen und 
zwifchen Tieiden'die Gefäfshaut in diö vierte "Hirnhöhlr 
treten. Diefe hintere Wand verfch windet bald, allein 
noi3h lange erhalten fich an dea Seiten der vierten 
Hirnhöhle anfehnliche, nach innen gewMdte, fich von 
den ftrangförmigen Körpern erhebende Falten, wovon 
man noch beim reifen Fötus fehr deuthche Spuren 
findet. Beim menfchlichen Embryo finde ich drei 
Wein^ .Paare, , von denen die beiden äufsera und er- 
habenen Stränga in die vorher erwähnten, die auf 
der hintern Fläche des Rückenmarkes verlaufen , über- 
gehen, Diefe Erhabenheiten find die hintern Schen- 
kel des kleinen Gehirns oder die ftrickförmigen Kör- 
per. Die Pyramiden , und Olivenkorper werden ecft 
fpät deutlich, fpringen aber dann , befonders die letz- 
ten.^, beim Menfchen ungefähr vom fünften Monate 



-~ 557 

an, ftärker an iler untern Fläche hervor und haben 
eine mehr längliche Geitalt. 

Diefe Anordnung des verlängerten Markes ift be- 
fonders der Aehnlichkeit mit niedern Thierbildungeb 
vegen merkwürdig, indem dies genau auf diefelbe Weife 
fleh vergrofsert, leine Höhle in einer längern Strecke 
vom kleinen Gehirn nicht bedeckt ift, als das Thier 
niedriger fteht. Auch die Gröfse der ftrangförmigen 
Körper ift offenbar eine Fifchähnlichkeit, indem bei 
mehrern Fifchen diefe äufserft anfehnlich find. 

Die Brücke oder Erhabenheit, welche in dea 
frühem Perioden von dem einen ftrangförmigen Kör- 
per zum andern gellt und die vierte Hirnhöhle von 
hinten Ichliefst, ift befonders infofern fchr merk- . 
würdig, als diefe Bildung ganz der bei mehrern Fi- 
fchen und auch der bei den Vögeln vorkommenden 
entfpricht. Bei den erftern find anfehulichc Knoten, 
welche lünter dem kleinen Geliirn liegen, und die 
uoftreitig jenen feitiichen Falten entfprechen , durch 
eine fehr deutliche Briicko unter einander verbun- 
den, tlurch deren Durchfchneidung die vierte Hirn- 
bühle geöffnet wird '). Auch bei den Vögeln wird 
der hintere Theil der vierten Hirnhöhle durch eine 
dQnnc, dreieckige, fehr deutlich markige Brücke ver- 
fchlollen, die bei den Säugthieren und auch beim Meu- 
fchen im vollkommnen Zuftaiide nur aus Gefäfshaut 
gebildet ift. 



I; ArlJky a. a. 0. S. 17. 



358 

III. Kleines Gehirn, 
§• 51- 

Das Meine Gehirn ift vielleicht unter allen Tliei- 
len des Nervenfyftems in den verfchiedenen Bildungs- 
ftufen, -welche es durchläuft, am meiften von fich 
felbft verfchieden. Unftreitig gehört es zu den am 
fpäteften entftehenden Theilen der Centralorgane des 
Nervenfyftems. Bei den früheften Schafsembryoneitf 
wo ich die übrigen Hirntheile fchon angedeutet linde, 
fehe ich doch von ihm noch kefne beftimmte Spur. 
Bei dem einen kann man höchftens eine von dem hin- 
tern Ende der Vierhiigel etwas abgefetzte, kleine, quere 
Platte, welche den vordem, bei weitem kleinfteu Theil 
der Höhle des verlängerten Markes bedeckt, dafür an- 
feilen. In der That ift dies,! wie fpätere Embryonen 
beweifen, das erfte Rudiment des kleinen Gehirns, wel- 
ches fich alfo zuerft als eine, hinter den Vierhiigeln lie- 
gende, in fie übergehend« quere Platte bildet. Diefe 
quere Platte geht zugleich zu beiden Seiten in die Sei- 
tenftränge des verlängerten Markes über. Sowohl bei 
Schafs- als Kaninchen-, Kuh- und Menfchenembryo- 
Tien lieht man deutlich, dafs diefe Platte aus zwei Sei- 
tenhälften entfteht , welche fich anfänglich erft nähern, 
dann aber über einander fchieben, ohne noch verwach- 
fen zu feyn. Den erften Grad zeigt der frühefte Schafs- 
embryo: den zweiten der ei Iftägige iCn?^(/7c/^l?/7/ofMJ. 

Bei fpätern Schafs- und menfchlicken Embryonen 
fieht man noch fehr deutlich eine Längenfpalte und 
findet den hintern Rand auf beiden Seiten gewölbt, 
in der Mitte vertieft ausgefchnitten. 



359 



Anfangs gelit cliefe quere, wagrechte Platte un- 
inittelbar von dem hintern Ende der Vierhügel ab: 
bald aber, und noch ehe ihre beiden Hälften völlig 
mit einander verwachfen, wird fie von denfelben etwas 
mehr abgefondert. Die Vierhiigel nämlich rücken 
weiter nach hinten, und mit ihrem hintern, anfäng« 
lieh mehr obcrn Ende ptwas weiter herab, wodurch 
diefes über die Platie des kleinen Gehirns etwas hin- 
ansgefchoben wird. Zugleich erfcheint eine Spur der 
Hirnklappe, indem fich zwifchen jenem wagrechten 
Blatte und den Vierhügeln ein kleines fenkrechtes 
Blatt bildet. Dies ift anfangs fehr klein und kaum 
von dem friiheften wagerechten zu unterfcheiden , geht 
auch unter einem mehr ftumpfen Winkel in daffelbe 
und die untere Flüche der Vierhügel über. Allmäh' 
4ig aber vergröfsert es fich in demfelben Maafte als 
fich das wagerechte Blatt verdickt, hüchft wahrlchein- 
lich mechanifch und auf Koften des hintern Endes der 
Vierhügel, die in demfelben Maafse verkürzt werden, 
fo dafs die Hjrnklappe auf Koften der letztern dadurch 
gebildet zu werden folieint, dafs das kleine Gehirn 
(ich von unten nach oben zwifchen ihr und den Vier- 
hügeln entwickelt. 

Die wagerechte Klappe ift anfänglich von oben 
nach unten bei weitem am dünnften, von vorn nach 
hinten beträchtlicher, allein von einer Seite zur an- 
dern am anfehnlichften ; hat alfo eine geringe Dicke 
und bedeutend mehr Breite als Länge. 

Sie verdickt fioh ailinählig von oben nach unten, 
Ift aber in der Mitte noch lange am niedrigften, an 



beiden Seiten rundlich angefchwollen. Ihr hinterer 
dünner Rand biegt fich, ftatt dafs fie vorher gerade 
■und einfach war, gegen fich felbft vim, wodurch eine 
Vertiefung entfteht, welche nach unten in die Höhle 
des verlängerten Markes, unter die vierte Hirnhühle, 
geöffnet ift. Später noch wird die obere Fläche die- 
fer Platte durch quer verlaufende Vertiefungen un- 
gleich. Diefe find anfangs in geringer Menge vorhan- 
den und flach, vermehren und verzweigen fich aber 
bald bedeutend. Zugleich erhebt fich allmählig der 
mittlere Theil, der Wurm, beträchtlfch über die Sei- 
tentheile und hängt mit ihnen fpäter durch eine etwas 
eingefchnürte Stelle zufammen. Bei diefer V^ergröfse- 
rung wendet fich das kleine Gehirn zugleich mit der 
Spitze ftärker nach vorn , ftatt dafs diefe anfangs nach 
hinten , dann gerade nach oben gerichtet war. Da- 
durch wird die Vertiefung, welche erft nach hinten, 
dann nach oben gewandt war, allmählig etwas nach 
vorn gerichtet, die Hirnklappe immer ftärker verlän- 
gert, ausgedehnt, mithin dünner,, herabgezogen, zu- 
gleich den Hirnfchenkeln genähert, mithin die Waf- 
ferleitung verengt, auch die hintern Vierhügel aus- 
einander gedrängt. 

Die innere fehr unbedeutende Verlängerung der 
vierten Höhle in das kleine Gehirn abgerechnet, er- 
fcheint daffelbe durchaus nie hohl. Die Entwicklung 
deffelben fcheint daher nicht nach Art des grofsen 
Gehirns zu gefchehen, wo fich anfänglich eine weite 
Höhle findet, die allmählig fteUen weife einfinkt, fon- 
dern eine dicke, foiide, einfache Maffe fpaltet fich 



561 

allmähLg und treibt, wenn ich fo fagen darf, Aefte 
und Zweige von innen nach aufsen. 
!( Zuerlt erfolgt diefe Spaltung und Furchenbil- 
diing im mittlem Theile des kleinen Gehirns, darauf 
an den Seitenhälften und namentlich im vordem Theile 
derfelben. Früher erfcheinen die Spalten, wodurch 
die Hauptabtheiliingen von einander abgefondert wer- 
den, als die kleinern, welche die einzelnen Blättchen 
bilden. Jene grofsen Spalten find daher in frühern 
Perioden merklicher, und das kleine Gehirn hat daher 
dann Aehnlichkeit mit der von iCe/c/j ') beim Erwach- 
fenen gefehenen regelwidrigen Bildung deffelben, wo 
die obere von der untern Hälfte durch einen bis zur 
Mitte dringenden Einfchnitt abgefondert war. 

Die Flocken find noch lange verhältnifsmäfsig be-< 
trächtlich gröfser und liegen freier als bei vollkomm- 
ner Entwicklung, eine Bedingung, welche auf eine 
intereffante Weile gleichfalls an eine von Kelch ge- 
fehene Bildungsabweichung «rinnert, wo bei einem 
fünfzigjährigen Manne auf beiden Seiten an der untern 
Fläche des Gehirns, da, wo die Antlitz- und Gehör- 
nerven zum Vorfchein kommen , ein aus grauer und 
Markfubftanz beftehender, windungslofer Anhang von 
'der Grtjfse einer weifchen Nu fs gefunden wurde, der 
mittelft eines markigen Fadens an den Schenkeln zur 
BrQcke hing '). 

Das kleinf! Gehirn durchläuft alfo fehr verfchie- 
dene Perioden, und, was bul'onJers merkwürdig il't. 



l) Oeicr. zur path. Aoat, ltl|. S. 90, 
3) A. a. 0. 6. »0, 



563 ^ — 

es erfcheint fich' felbfl in fpätern uad frühern in man- 
cher Hinficht ähnlicher als in mittlem ; denn offen- 
bar ift feine Theilung in zwei SeitenhäJften bis zum 
dritten Monate deutlicher als fpäterhin, wo fich der 
rnittlere Theil vorherrfchend entwickelt, und diefes 
Vorherrfchen des mittlem Theiles nimmt bei voll- 
kommnerer Entwicklung wieder ab. 

Diefe Bedingungen fcheinen wohl in dem Um- 
ftande begründet zu feyn, dafs der zuerft vorhandene 
Theil des kleinen Gehirns hauptfächlich dem untern 
Theile deffelben, vorzüglich den Flocken und dem 
Markfegel , entfpricnt imd fich auf diefem erft die übri- 
gen Theile anbilden. Durch diefe Annahme laffen 
lieh die anfangs widerfprechenden Erfcheinungen ver* 
«iuigen, wovon weiter unten. 

§. 52. 

Aus einer Zufammenftellung diefer Angaben mit 
dem, was ich bei meinen Unteriuchungen fand, er- 
sieht fich zunächft die Beftätigung der von Herrn 
Cnrtis gegebenen Darftgllung, dafs das kleine Gehirn 
zuerft als eine kleine, den vordem Xheil der vierten 
Hirnhohle bedeckende, PJatte erfcheint. 

Dagegen glaube ich kaum Herrn DöUinger's An- 
ficht völlig beitreten zu können, der zu Folge das 
kleine Gehirn die Theilung in zwei Hälften defto we- 
niger, je jünger der Embryo ift und in den früheften 
.Perioden noch gar nicht zeigt. Er ftützt fich hiebeij 
wie es fcheint, vorzüglich auf eine AutenrietJitche 
Beobachtung; allein unftrtitig wurden hier die Vier- 



363 

Jiiigel für das kleine Geliirn angefehen. Wirklich ift, 
wie ich fchon bemerkt habe, die Platte anfanglich in 
zwei Seitenhälflen getrennt und Spuren diefer Bildung 
finden fich auch noch fpäter, fofern fie noch langein 
der Mitte am dünnften und niedrigften ift. 

Eben fo wenig ift die Angabe der Herrn Wenzel 
richtig, dafs das kleine Gehirn des IVIenfchen in allen 
Lebensperioden mehr lang als breit fey. Das Gegen- 
theil bcweifen fowohl des Herrn Carus als meine Un« 
teri'uchungen. Indeffen beweift die Angabe der vöoi 
Alter abhängigen Verfchiedeiiheit des Verhaltniffes bei- 
der Dimenfionen , welche die Herrn Wenzel liefern, 
dafs fie dem Auffinden der Wahrheit fehr nalie waren. 

Eine Höhle an der Stqlle des rautenförmigen Kör- 
pers, welche Herr Caiiis beim dreimonatlichen Em- 
brvo fand, habe ich nicht mit Gewifsheit gefehen, 
'vielleicht weil ich keinen Embryo aus der Periode un- 
terfuchte, in welcher er fie fand. Höchft wahrfchein- 
lich aber ftammt fie aus der Periode, in welcher das 
Weine Gehirn noch eine Querfalte ift, wf.lche fich 
an den Seiten umfchlä'gt, indem diefe umgefchlage- 
nen Theile hohl find und fich nach innen öffnen. 
Diefe Bemerkung ift aber infufern fehr intereifant und 
einer nähern Unterfuchung werth, als /lp/c/i bei einem 
Erwachfcnen einmal im kleineu Gehirn an der Stelle, 
•wo es den linken Olivenkörper berührt, eine kleine, 
nberall verfchloffene Höhle von der Gröfse einer Ha- 
felnufs fand '). 



i) A. a. O. S. 3g4. If. 



564 -^ 

§■ 53- 

Die Entwicklungsgefchichte des kleinen Gehirns 
ift in inehrerer Hinficht merkwürdig. 

Deutlich erkennt man i) Annäherung feiner frü- 
heften Form an niedrige Bildungen. Die quere Platte, 
■welche es zuerft darfteilt , und die fich an den Seiten 
fpäter gegen fich felbft fo urafchlägt , dafs dadurch 
auf jeder Seite eine Höhle eiitfteht , welche nach hin- 
ten offen ift und mit der vierten zufaninienhängt , fin- 
det man fehr deuthch bei vielen und vermuthlich bei 
allen Fifchen. ^ 

Hier liegt indelTen freilich noch über diefer Platte 
ein Theil , der mit! dem kleinen Gehirn der höhern 
Thiere eine grüfsere Aehnlichkeit hat, bei den nie- 
drigem Fifchen, wie beim frühem Embryo das Weine 
Gehirn, glatt und faft folide , bei den höhern KnorpelT 
fifchen , wie bei dem fpätern Embryo der höhern 
Thiere in mehrere Lappen getheilt ift, deren Zahl und 
Verzweigung nach Verfchiedenheit der Arten variirt, 
fo dafs alfo' auch hier wieder gradweife Verfchieden- 
heiten einander entfprechen. 

Uebrigens hat beim Frofch, wie Herr Carns rich- 
tig bemerkt hat, das kleine Gehirn noch ganz die Ge? 
ftalt einer einfachen Platte. 

Folgt nicht aus diefen Thatfachen zunächft, dafs 
das, was zuerft an der Stelle des kleinen Gehirns 
vorhanden ift, nichts anders fey, als die grofse Hirn- 
Ulappe , aber in ihrem ganzen Umfange , d. h. mit dem 
Markfegel, und dafs fich erft auf diefem die übrigen, 
fie fpäter fo bedeutend überwiegenden Theile des klei- 



365 

nen Geliirns nach oben entwickeln? In dem Maafse 
als dies gefchieht, wird der hintere Theil der Hirn- 
klappe nach hinten gedrängt und fchlägt üch voa 
hier nach vorn vm , oder iie verdickt lieh nach oben 
und der hintere, dünne, umgefchlagene Theil ift eine 
neue Bildung. Doch ift mir das erftere wahrfcheiü- 
licher. 

Darf man aber nicht auch ferner, weiter fchlie- 
fsen , dafs das kleine Gehirn und die Vierhiigel we- 
fentlich zu einem Ganzen gehören, unter einander in 
einer nähern Beziehung flehen als mit dem grofsen 
Gehirn? Wenigftens fclieint für diele Vermuthung, 
tler hei den Grätenfifchen mit weit weniger entwickel- 
tein kleinem Gehirn vorkommende zul'animengefetztere. 
Bau der Vierhiigel zu fprechen, wogegen bei den 
KDorpelfifchen die Vierhiigel weit kleiner und unvoli- 
koramner find. Die Richtigkeit diefer Anficht wäre 
befonders infofern fehr wünfchenswerth , als dadurch 
die grofse Veifchiedenheit, welche in Hinlicht auf die 
Entwicklung des kleinen Gehirns zwifchen dem Em- 
bryo der Säugthiere und der Thierreihe Statt findet, 
einigeriTiafsen ausgeglichen würde. 

Die Entwicklung des kleinen Gehirns in der 
Thierreihe bietet aufserdem noch eine Schwierigkeit 
dar. Bei den Fifchen ift diefes Organ fehr vollkom- 
men ausgebildet; auffallend ift daher feine geringe 
Entwicklung bei den Reptilien. Hier erfcheint es beim 
I Frojik in der unvollkornnjenften , einfachflen Geftalt 
|die es beim frühoften Embryo der höhern Tliierc hat, 
da es doch bei dcß Filtiien , vorzüglich den Rochen 



566 

und Hayen , fo ganz vogelähtilich entwickelt ift, und 
auch bei den höhern Reptilien erhebt es fich nicht zu 
dem Grade der Ausbildung, welchen die letztern dar- 
bieten, eine wirklich fo auffallende Erfcheinungj dafs 
ich dadurch lange verfuclit gevvefen bin, das kleine 
Gehirn der Fifche gar nicht dafür, fondern für die 
Vierhiigel zu halten. Mit diefer Annahme würden 
fich mehrere Bedingungen fehr wohl vereinigen laffen, 
vorzüglich die anfehnliqhe Gröfse diefes Theiles, feine 
Einfachheit, feine Geft'alt und Lage überhaupt j wo- 
durch er fich auffallend dem Vierhiigel des Säugthier- 
embryo nähert, wenn er nicht auf der andern Seite 
durch andere Bedingungen fowohl bei den Fifchen als 
{Jen Reptilien zu deutlich mit derii kleinen Geliirn der 
Köhern Thiere übereinkäme. 

Man inufs daher hier, wie bei mancher andern 
Gelegenheit geftehen , dafs , wenn gleich die Analogie 
zwifchen der Entwicklung des Embryo und der Thier- 
reihe fehr grofs ift, fie dennoch nicht vollftändig ift 
und' dafs oft Thiere aus einer höhern Klaffe in maa~ 
eher Hinficht fich auf einer niedrigem Stufe befinden, 
als unter ihnen flehende Klalfen. Ein Verfuch, Er-» 
fcheinungen diefer Art zu erklären, könnte vielleicht 
durch die Annahme gemacht werden, dafs ein Organ 
fich nur von einzelnen Stellen aus vervollkommnet. 
Namentlich würde dies für das Gehirn gelten, und 
auf den vorliegenden Fall anwendbar feyn. Das grofse 
Göhirn ift bei den Fifchen fehr unvollkommen ent- 
wickelt. Dagegen erfcheinen das kleine und die Vier- 
hiigel bedeutend grofs und auch in andrer Hinficht 



367 

vollkommen. Bei den Reptilien wird auf einmal die 
Bildung des grofsen Gehiiiis weit vollkommner, in. 
dem nicht blols Höhlen, fondewi auch geftreifte Kör- 
per erfcheinen, ein Grad der Ausbildung, der aber 
anr auf Koften der Entwicklung des kleinen Gehirns 
erreiclit zu werden fcheint, weshalb diefes unter die 
Stufe herabfinkt, auf welcher es bei den Fifchen Iteht.i. 
Diefe Anficht ift defto wahrfcheinlicher, da, wie fchon' 
bemerkt, die Ausliildung ties kleinen Gehirns und der 
Vierhiigel bei den Fifchen in einem entgegengefetztea' 
VerhäJtnifs fteht. 

Uebrigens bietet die Klaffe der Reptilien eine> 
Menge andrer Belege für diefes Gefetz dar. So ift 
offenbar das Syftem des Kreislaufs und des Athmens, 
hier unvollkommner als bei den Fifchen und felbft, 
den Mollusken, eine Erfcheinung, welche höchft wahr-j 
fcheinHch daraus zu erklären ift, dafs bei ihnen ^zuerft; 
unter den Wirbelthieren theils die Luftrelpiratioa undi 
ein in allen Theilen doppeltes Herz zum Auftritt 
kommt, theils die übrige Organifation, vorzüglich 

' Knochen - und Muskelfyftem, fich plötzlich vervoU-.. 
konimnet. 

Die Platte, welche das kleine Gehirn der Fro/c/i«: 

i und des früheften Embryo allein bildete, enlfpricht 

1 hftchft wahrfcheinlich dem untern Thcile defleiöen bei 
den hohem Tliieren, und bei weiter vorgefclirittner 
Entwicklung -, namentlicli den Flocken und dem 
Markfegel. Die anfangs grofse Breite, geringe Höhe, 
und wagerechte Stellung reimen -fich fehr wohl 

I mit diefcr AnliciTl. Auch kommt mit diei'er fuhr 



368 

wohl die Anordnung diefer Theile hei den Fifchen 
ilberein, deren feitljche Knoten des kleinen Gehirns, 
nebft der obern Brücke ich als diefeii Theilen entfpre- 
chend anfehen zu können glaube. 

Darauf bildet fich das Gehirn weiter nach oben 
aus, und nun tritt eine. Periode ein, worin der mitt- 
lere Theil die Seiientheile überwiegt, wie es hei den 
Saugthieren und Vögeln der Fall ift.. Diefe Periode 
Ipricht ßch durch geringere Abfonderung der Seiten- 
hälften , rundliche Geftalt des Gehirns und fchoa 
früher durch den Uniftand aus, dafs im mittlera Theile 
die erften Furchen erfcheinen.' • 

Die Entwicklungsweife des kleinen Gehirns ift 
auch für die Lehre von den ab\veichänden Bildun- 
gen wichtig, fofern fie z. B. erklärt, weshalb auch 
bei fehr groi'ser angeboriler HirnhölUenwarierfucht. 
das kleine Gehirn faft nie ausgedehnt, fondern im- 
mer normal ift. Zugleich wird fie ein Grund mehr 
für die Annahme, daCs die Hirnhöhlenwafferfucht faft; 
immer ein Stehenbleiben des Gehirns! a^f: einer frühem. 
Bildungsftufe fey. . , ., ,, , - , ,; 

Die geringe Höhe des kleinen Gehirns in d^n- 
frühern Lebensperioden erhält fich , bei unvoUkomni- 
ner Entwicklung des Gehirns, bisweilen das ganze. 
Leben hindurch. So fand es iC/ei« ') bei einem zehn- 
jährigen Knaben mit äufserft kleinem Schädel nicht ge-, 
wölbt, auf beiden Seiten in die Aushöhlungen des Hin- 
terhauptbeins gedrückt, fchmal, luerenförmig, keine 
. Spur 

i) Sitiolis Journal für Gebumh, nj.w, fid, i,St,2. 5.274. ^j. 



Spur des Wurmes und des Einfchnittes zwilciien bei- 
den Lappen. 

IV. Die Vierhügel. 

$• 54. 
Die Vierhügel haben in den früheften Periorten' 
cles Embryo ein fo bedeutendes Uebergewicht c^hex 
alle übrigen Theile des Gehirns , dafs es unbegreifl-ch' 
fcheint, wie ein in fpäterer Zeit fo unbefleutender 
Theil einft die Hemifphären an Maffe bei weitend 
übertreffen konnte. ' 

Hierauf haben fchon die Herrn Wenzel einigerma- 
fsen aufmerkfam gemacht '). Sie fanden fie beim drei- 
monatlichen menfchlichen Fmbryo 4^'" lang, 3*"'breit, 
da das grofse Gehirn nur i" 2'" lang, 1'' 1 '" breit, 
das kleine nur 4 '" lang und 7 '" breit war. Beim neu- 
gebornen Fötus find fie nur 5|"' lang, die vordem 
6, die hintern 7'" breit, wahrend die Länge des gro- 
ßen Geliirns 4" 2'", feine Breite 4" 7'" beträgt. 

Herr Carus hat diefe -Entdeckung weiter verfolgt 
und richtig bemerkt, dafs die Vierhiigel beim drei- 
monatlichen Embryo von den Hemifphären nicht völ- 
lig bedeckt find, eine einfache Erhabenheit bilden, 
welche eine anfehnliclie Hohle enthält und den Gan- 
glien der Hemifphären an Oröfse gleich kcnmien^ 
aber fchon im vierten und fünften Monat nicht mehr' 
an der äuCsern Oberfläche des Gehirns fichtbar find und 
an Oröfse von nun an fehr unbedeutend zunehmen. 



1) De penitiori fcr. cctelri, Tjl.. I, 
M. d. Arcliw. I. 3. A .1 



Da die Herrn Wenzel nur der 'anfchnliclien Gröfüe 
der Vierhügel beim frühen Embryo und aus der fpii- 
tern Periode nur der feitiichen und untern Grübchen 
im Kanäle unter den Vierhiigeln Erwähnung thun, 
fo wird es mir erlaubt feyn , hier auf das aufmerkfaiu 
ZU machen, was fchon mehrere Jahre vor Herrn Cn- 
rus ein Schüler von mir über diefen, Gegenftand be- 
merkte »). 

Dafs es fich beim menfclilichen Emiu-yo eben fo 
verhalten würde, liefs fich von felbft erwarten, in- 
deffen bemerkte ich erft fpäter *), nadidem ich es 
wirklich fo gefunden hatte, dafs die JFcnse/'fchen 
Grübchen unftreitig Ueberbleibfel jener anfänglichen 
Höhlenbildung feyen, was nachher voji Herrn Carus 
gleichfalls vermuthet worden ift »^. ^ 

§• 55. 
Bei Unterfuchung des Ganges der Entwickkng 
der Vierhügel fragt es fich zuerft, ob fie immer die 
Geftalt einer Höhle hatten , oder nicht vielloiclit auch 
ihre SeitenhälFten anfänglich oben nicht verfchloffen 
waren? Zu diefer Vermuthung berechtigt ihre Ge- 
ftalt bei dem früheften Schafsembryo *), wo fie an 
ihrer •obern Fläche fehr deutlich offen waren, die 
obern und Innern Ränder ihrer Seitenwände weit von 
leinander abftanden. Auch bei viel fpätern verläuft 



t) Atfah de piTcinm ceTebro. Halle lltj. p. jj, 
S) Ärfak) a. a. O. S. J7. 98. 

3) A. a. O. p. 2S». Note ■™*^. 

4) Taf. I, Fig. ai. 



571 

hier der Länge nach eine zwar fchmalere, aber doch 
noch fehr deutliche, ganz durchfichtige Stelle ' ), de- 
ren Dünne man felbft bei Embryoneu wahrnimmt, die 
lange in Weingeift gelegen haben. Ganz ähnliche Ec- 
fcheinungen bieten auch die Vierhügel des Kaninchen- 
lämbryo noch bis beinahe zur Mitte der Trächtigkeit 
dar. Sehr deutlich verläuft hier in der Mitte voa 
vorn nach hinten eine, von hinten nach vorn allmäh' 
lig fich verengernde, fo dünne Stelle» dafs man fie wohl 
für eine Lücke halten kann. Beim menfchlichen Em- 
bryo habe ich nichts ähnliches gefehen, eine longitu- 
dirale Vertiefung ausgenommen, welche fich an der» 
felben Stelltf^an den Vierhiigeln eines ungefähr zehn^ 
wöchentUchen Embryo findet, die aber höchft wahr» 
fcheinhch diefelbe Bedeutung hat. 

Bei den frühern Embryonen fehlt diefe Spur, ver- 
muthlich, weil fie fchon zu lange in Weingeift auf» 
behalten waren. 

Die Vierhügel bilden anfangs die höchfte Stelle 
des Gehirns und ftellen eine völlig einfache, läng- 
liche, nach oben gewölbte, nach unten vertiefte, hohle 
Erhabenheit dar, welche auf dem obern Theil der Hiril' 
fchenkel auffitzt, fo dafs man fie, wie bei den Vögeln» 
Rcptihen und Fifchen anfänglich beim Säugthierembrro 
richtiger Zwei - als l^ierhügel nennen kann. 

Ihre Wände find anfänghch überall äufserft dünn» 
überall gleichmäfsig gewölbt und maa »jjnmt Keine 



I) Taf. 1. Fig. >v ih 

Aa a 



572 ^ ■ 

Spur einer Abthciluiig, weder in ein vorderes tincl 
hinteres Paar, iiocii in eine rechte und linke Sciten- 
hälfte wahr. Die Scheidung iiu eine rechte und linke 
Hälfte entwickelt fich etwas früher als die Abtheilung 
in ein vorderes und hinteres Paar. Die Wände der 
Vierhiigel verdicken fich allmihlig , bel'onders vorn 
und in ihrem mittlem Theile. Der hintere Theil 
bleibt lange weit clüinier, luid fowohl feine äuisere 
als feine innere Fläche erfcheint daher etwas abgefetzt 
von dem grofsern vordem, feine Höhle verhältnlts- 
mäfsig zu feinen Wänden gröfser, wenn gleich diö 
Wände ßch an ihren iiinern Flächen faft berühren! 
Dailurch entfteht die Abtheilung des anfangs einfachen 
Vier-, oder eigentlich Zweihügelpaares in eine vordere 
und eine hintere Hälfte. Diefe bleibt auch äufJer- 
lich, wenn man auch, wegen Verdickung und Zu- 
fanmienziehung der Wände, keine Spür einer Hülüa 
wahrnimmt. 

Die Vierhügel werden allniählig verhältnifsmäfsig 
zu ihrer Länge bedeutend breit, theils, weil fie in 
der' erften Richtung ftärker wachfen , theils , weil Cij, 
befonders das hintere Paar, durch das fich ftärker 
entwickelnde kleine Gehirn weiter aus einander ge^ 
drängt werden. 

§■ 56, 

Die Bedingimgen, welche die F.ntwicklungsge- 
fchichte der Vierhügel beim Embryo der höhern Thiere 
daibietet, find befonders infofern hiichft wichtig, als 
fie wie'der einen Beitrag zu der Clei'-hung zwifchen 



— — -^-^-" 375 

dev Entwicidung des letztern und der Thierreibe 
abgeben. Dafs die Theüe des Fifchgehinis 'velche 
Ciivier für die Hemifphären hält , nicht diefen, 
fondem den Vierhügeln entfpr^chen , hat fchon ein 
Schüler von mir, Herr Arjaky, aus ihrer Geftalt 
und Lage, ihrem Verhältnifs zum Sehnerven imd zu 
den Vierhiigeln des Embryo gefchloffen '), und nach 
ihm hat Herr Cariis diefe Anficht vorzüglich zur Be- 
ftimmung der Tlieiie des Keptiliengehirns benutzt '). 

Wie beim frühefteu Embryo find bei vielen Fi- 
fclien die Vierhi'igel nur eine grofse , einfache , in der 
Mitte gar nicht in eine rechte und linke, und noch 
weit weniger nach hinten in eine vordere und hintere 
Hälfte getrennte Hohle, die von vorn nach hinten 
beträchtlich länger als breit ift, hocliftens einen der 
jLänge nach verlaufenden Einl'chnitt zeigt, aus fehr 
dünnen Wänden gebildet ift, und die vordem und 
hintern Tlieile des Gehirns bedeutend an Maffe und 
Ausbildung überwiegt. 

Bei den höhern Fifchen, den Rochen und Mayen 
verkleinert fich diefe Maffe bedeutend und zugleich 
verdicken fich ihre Wände beträchtlich, fo dafs auch 
die Höhle fich fehr verringert, gerade, we auf die- 
felbe Weife auch beim Embryo der Säugthiere all- 
iiiählig die Vierhiigel cinfinken. 

Bei den Vögeln haben diefe Thcülo völlig diefell)C 
Geftalt, daffelbe Verhältnifs der Dicke ihrer Wänje 



O A. a. O. S. ;«. 
») A. ». 0. S. 174 ff- 



574 ^■— — ' 

zu der in il^en enthaltenen Höhle als hei den höhern 
Fifchen. Eben fo wenig find fie hier in eine vordere 
und hintere Hälfte abgetheilt, wenn fie gleir;h mehr 
auf die Seite geworfen find und nur durch eine dün-- 
nere Markbrücke unter einand9r zufainnienhängen. 

Bei den Säiigthieren find fie zwar nicht mehr 
hohl, allein ihre, im Verhältnifs zu den übrigen Hirn- 
thejlen, anfehnliche Gröfse ftellt doch offenbar die 
fpätern Perioden des nienfchliohen Embryo dar, wo 
fie genau diefelben Bedingungen darbieten. 

Auch hier alfo find die verfchiedenen Bildungs- 
ftufen in iem Maafse niedern Thierbildungen ähn- 
licher als fie früher find. 

Die mejften Flfohe unterfcheiden fich von den 
"höhern Rochen und Haren , und eben fo von den Rep-' 
tilien und l^ögeln nicht blofs durch geringern Umfang 
der Zweihügel und beträchtlichere Dicke ihrer Wände 
bei diefen, fondern auch durch die Einfachheit ihres 
Innern Baues , indem fie , eine Hervorragung an ilirer 
»intern Fläche abgerechnet, völlig glatt und leer find, 
während fie bei den meiften Fifchen mehrere Windun- 
gen, welche fich von ihrem hintern Ende nach vor» 
erftrecken , enthalten. In diefer Hinficht find fie alfo 
defta zufammengefetzter, je niedriger das Tlüer fteht. 
Beim Embryo der Süugthiere findet fich von jener 
Jiiedrigern Bildung keine Spur, und nur die geringe 
Dicke der Wände iu>d der anfehnliche Umfang diefer 
Abtheilung des Gehirns erinnert an die niedrigere 
Thierbildung, Die Windungen , welche ich biswei- 
len bei Schafsenxbryouen ao der obero Fläche be> 



375 

?«erkte '), gehören höchft wahrfcheinlich nicht hier- 
her, fondern muffen wohl richtiger far zufällige, durch 
tue Einwirkung des Alkohols bewirkte Veränderun- 
gen angefehen werden, da lie thoils. nicht bei allen 
Einljrvonen aus derfelben Periode wahrgenommen wer- 
den, theils bei fpätern fich gar nichts ähnliches findet. 
Ueberdies ift die Stelle nkht völlig, cliefelbe, indem 
bei den Fifchen diefe Windungen von hinten nach 
vorn dringen, Verlängenuigen und Einwärtsfakungen 
des hintern Ende>s liod,^ dagegen bei dea Säugthier- 
embryonen die obere Wand einnehmen.. 

Doch bemerkt man fie freilich im hintern Theile 
<ler obern Fläche bei de» Säugthierembryonen am 
Itärkften. 

TudeÜ'eii ifc doch nicht zu läugnen, dafs fich eine 
eotftTute Andeutung jener Bildung fmdet. Wenn 
gleich nämlich anfangs die Höhle der Vierhügel völlig 
cLofack ift,. fo wird fie doch nachher etwas zufammen» 
gefetzter als Ce fpäterhin wieder erfcheint, durclx dea 
neu entftebenden hintern Abfchnitt , welcher dem hin- 
tern Hügelpaare cnlfpricht und der nachher wieder 
verfchwindet , uncf namentlich in dem Maafse ver- 
fchwindct, als fich das kleine Gehirn fiärker ent' 
wickelt. Diefe Anficht wird durch die Bemerkung 
gerechtfertigt, dafs auf ganz ähnliche Weife auch ia 
der Thierreihe das kleine Gehirn in dem Maafse voU- 
kommner vwrd, als fich die Gröfse und Znfammen- 
fetzung der Vifirhügel vermiadept. Dies khit na- 



i) Siebe »ben 8. 5}. 



375 

' «nentlich die Vergleichung der Structur beider Theile 
in den niedrigem Fifchen mit der, welche fie bei den 
höhern und den Vögeln zeigen. Dort geringere 
Gröfse, Mangel an Windungen, Glätte im kleinen 
Gehirn mit anfehnlicherer Gröfse und Windungen in 
den Vierhügeln, hier anfehnlicha Entwicklung, viel- 
fache Faltung und Veräftelung des kleinen Gehirns 
mif Dicke iler Wände, geringerem Umfange und Klein- 
heit der Höhle der Vierhügel, Es fcheint daher faft 
als gehörten die in das Innere der Vierhügelhöhle 
bei den niedrigem Fifchen dringenden Falten dein klei- 
aaen Gehirn an , als würden fie bei den höhern Fifchen 
rmr gewiÜennjfsen hervorgezogen, und entweder zur 
Bildung der Maffe dcffelbezi verwandt, oder wenig- 
ftens gerade geftreckt, wie beim Embryo die Hiin- 
klappe ausgezogen wird, welche natürlich in dem 
■Maafse ftärker geftreckt wird, als lieh das kleine Ge- 
hirn vergröfsert und nach oben zwifchen die Vierhügel 
dringt. 



y, Grofses Gehirn. 

§• 57. 

Ä. Hirn gan glien. 

Die ..Hirnganglien habea anfäiiglich bei weitem 
nicht die anfehnliche verliältnifsmäfsige Gröfse als 
fpät§rliin ; doch ift es keine Frage, dafs fie an- 
fänglich im Verhiütnils zu den Hemifphär.ej» und den 
geftreiiten Körpern gröfser find als in fpätern Perioden. 



Sie bilden anfangs den vordem und untern ^ ab- 
fteigenden Theil einer grofsen, hufeifenfOrniigen Krüm- 
mung, deren hintern und obem die Vierhiigel dar- 
fteilen und mit diefen zufammen eine einfache Höh'f; 
mit dünnen Wänden. AUmählig, und ziemlich früh 
verdicken fich aber die Wände cliefer Höhle von au- 
fsen nach innen in ihrem gröfsern untern Tlieile und 
S^achfen einander entgegen. Ihre innern, einander 
entgegen gewandten Flachen werden fo crft gerade, 
glatt, dann etwas hervorragend imd verwaclifen zu- 
letzt in der Mitte mit einander. Lange vorher aber 
find ihre obern Ränder mit einander durch eine dünne 
Brücke, von, wie es wenigftens fehr häufig den An- 
fchein hat, wahrer Nervenfubftanz verbunden. Diefo 
geht nach hinten in die Wände der Vierhügel, nach 
TTorn in die Brücke zwifchen den beiden Hemifphj- 
ren über, aus welcher fich Balken, Scheidewand und 
Bogen entwickeln. Zwifchen dem mittlem , von ilen 
Seiten nach innen vorfpringenricn Theile dv.r Hirn- 
«anglien, fobald diefe fich hinlänglich venückt haben, 
nn einen folchen Vorfprung zu bilden, und diefer 
dünnen Br.icke nach oben, fo wie dem Boden der 
dritten Hinihöhle nach unten, findet fich immer eine 
deutlicliL- Lücke, zwei Kanäle, die über und unter 
rfem mittlem Theile der Hirnganglien weg, durch die 
dritte Hirnhiihle von der Hohle der VierhOgel zu den 
grofsen Seitenhölden führen. 

Die obere Brücke ift in den frühem -Verleiden 

weit vollfiäiiiliL'er als in etwas fpätern. Sie verf-,/iwin- 

f<<et hier allmalilig von vorn nach hinten, erfchcint als 



aufgeworfner Hornftreifen (Stria Cornea) son hintern 
Theile des obecn Randes eines jeden Sehhiigels, die 
jetzt hier durchaus nicht mehr verwacl^fen fin^l und 
geht in die ßildung^ der Zirbeldriife ein. Die, hintere 
Commiffur ift gewifs ein Ueberbleihfel von ihr. Dm-cU 
die Lücke tritt das Adergeflecht in die Seitenhölilen. 
>!s giebt alfo gewifs, nach i mehrem Beobachtungen 
zu fchljefsen, eine Periode, wo die Hirnganglien in 
ihrem obern Theile in einer weit gröfsern Strecke 
verbunden find als fpäterhin. Dafs diefe Anordnung 
die noch frühere gänzliche Trennung derfelben nicht 
ausfchliefst, brauche ich nicht zu bemerken. In den 
fehr frühen Schafs - und Kaninchenembryonen reicht 
die Spalte bis völlig nach vorn, und es ift daher Jfo» 
gar wahrfcheinlich , dafs audi in diefem Theile des 
Gehirns die Seitenhälften einander anfänglich nicht 
mit ihrem innern Rande erreichen. 

Hierzu kommt noch die Bildung des Gehirns 
der Hajßjche und Rochen in der , diefer Stelle ent- 
fpreohenden Gegend. Die Vierhügel find bei ihnen 
durch eine nicht unbedeutende Strecke von den He- 
mifphären getrennt, die nur hinten durch eine nervige 
Commiffur verfchloffen , dagegen in ihrem gröfsern 
vordem Theile offen, nur durch die Gefäfshaut vef- 
ichloffen und überhaupt aus dünnem Wänden als d;ie 
Hemifphären gebildet ift, aber zu beiden Seiten eine 
kleine Erhabenheit auf ihrem Boden hat, alfo wohl 
unftreitig der dritten Hirnhöhle, ihren Wänden nach 
den HirngangUen entfpricht. Eben fo find bei de» 



-— - 379 

Vagfiln die Himgangüen in ihrer ganzen Hohe von 
einander getrennt. 

Vergleicht man cUefe Darftellung mit den neuo- 
ften Angaben über den Znftand der Hirnganghen beim 
Fötus, fo findet man mehrere Verfchiedenheiten , de- 
reji Gründe leicht erhellen. 

Herr Wenzel fand ße in zwei dreimonatlichen, 
zwei viermonatlichen und einem fünfmonatlichen Em- 
bryo gar nicht mit einander verbunden, und nirgends 
eine Spur einer Erhabenheit oder Rauhigkeit an ihren 
innern Flächen, welche auf eine frühere Verbindung 
hingedeutet hätte. Eben dies fahe er auch beim rei- 
fen Fötus bisweilen. 

Da er auch bei Erwachfenen einigemal die Seh- 
ihügel völlig von einander getreimt fand , fo glaubt er 
fich zu der Annahme berechtigt, dafs in jenen Fällen 
die Trennung wirklich urfprünglich gevvefen fey, 
wn4 dies um fo melir, weil er bei andern Embryo- 
pen, jedoch nur vom fünften Monate an, die Seh- 
liügel fehr deutlich und fogar ftärker yerwachfen fand, 
als in fpätern Perioden. 

Aus cliefem letzten Grunde fcheint er daher aus 
den Beobachtungen elfterer Art nur den Scljufs zu 
«iehen, dufs, wenn gleich fJde SelihügeJ beim Men- 
(ch«a mciftentlwijs mit einajider an ihrer inneru Fläche 
Terbunden find, fie dennoch in allen Lebensperioden 
' bisweilen voq einander getrennt gefunden werden '). 



t) A. a. O. 3. IIa ii. 



380 

Herr D.öUinger nimmt an, clafs die Sehhügel 
beim Fötus nur feiten und, wo cÜes der Fall ift, in 
einem gröfsern Umfange als beim Erwachfenen , mit 
einander verwachfenfeyen, bemerkt, dafs er diefe Ver- 
bindung nur einmal gefehen habe und fügt hinzu, 
dafs er fie weder ,in frühen noch fpätern Perioden 
des Fötuslebens hohl zu finden im Stande gewefen 

fey •). 

Nach Herrn Can/s find diefe Theile an ihrer in- 
nern Fläche beim Fötus überhaupt fefter als beim 
Erwachfenen, mit einander verwachfen '). 

Unftreitig fmd diefe verfchiedenen Angaben zu 
der Annahme zu vereinigen, dafs anfänglich die Hirn- 
gangUen , den obern Rand ausgenommen (worauf aber 
keiner der frühem Schriftftellcr bei Unterfuchüng die- 
fer Frage' Rückficht genommen hat) , immer von ein- 
ander getrennt find, und nur allmahlig in der Mitte 
zufammenfliefsen, diefe Vereinigung fich aber allmäh- 
Ijg in fpätern Perioden wieder etwas vermindert. Da- 
her fand auch Herr Wenzel fie vor dem fünften Mo- 
nat immer getrennt, und wenn Herr Carus nicht blofs 
diefen Theil der ffeßie/Tchen Beobachtungen benutzt 
hätte , fo wi'irde er unftreitig nicht einen , der Wahr- 
heit fo ganz zuwider laufenden Satz, von welchem 
die Herrn Wenzel und noch mehr Herr Döllinger 
fchon vor ihm fo richtig das Gegentheil feftgefetzt 
havien, aufgeftellt haben. 



1^ A. a. O. S. 5. 
ä) f. SSi- 



381 

Eben fo ift auch woU Herrn Döllingers Meinung 
über die beftäridige Solidität der Selihiigel zu modi- 
■ficiren. Offehbar nämlich enthalten zwar die Seh- 
hügel nicht, wie Gull ganz falfch angegeben hat ') 
in ihrem Innern eine, etwa mit den Hirnfchenkeln 
und der angeblichen Rückenmarkshöhle zufammen- 
fliefsende Höhle; allein eben fo deutlich ift es, dafs 
fie anfangs völlig auf diefelbe Weife hohl find als die 
Sehhiigel , indem fie zuerft aus dünnen Wänden ge- 
bildet erfcheinen , welche fich , allmählig nach innen 
wachfend, verdicken. 

$• SS- 
Merkwürdig ift die Gleichung zwifchen der Ent- 
wicklung der Hirnganglien beim Emijryo der Säug- 
thiere und in der Thierreihe. Die frühefte Eildung, 
wo fie gewifferinafsen nur al? vorderer Theil der 
Vierhiigelhöhle erfcheinen und aus fehr dünnen Wän- 
»len gebildet find, entfpricht offenbar der Bildung der 
Hay/ifcite und Roche/t. Darauf folgt die Stufe, welche 
der l^ogelbildung entfpricht, wo fich die Wände die- 
fer HOlile durch Anhäufung von grauer Subftanz zu 
Ganglien geftaltet haben, die aber noch nicht in der 
Nitte vereinigt find. 

Wir)\li';b aber find fie bei den Vögeln^ in ili ''- 
ganzen Höhe getrennt und nicht, wie Herr Cariis *) 
angicijt , verwachfen : eine Uefchreibung der Anord- 



1^ Aiut, u. Phyf. det Nerrenr. P.irW 1810. Bd. i. S. 144. 
a) A. a. O. S. IS9. 



383 '»■■* - ^-- — 

nung diefer Theile , die beinahe eben fo unrichtig als 
die Angabe über ihre Bedeutung ift, welche, ihm zu 
Folge, bisher faft von allen Zootomen gänzlich vert 
kannt worden ilt '). Da er die, welche diefer Aiis- 
fpruch trifft, wörtlich anführt, fo ift es fchwer zu 
errathen, warum er die Namen derer verfchweigt, 
welche die wahre Bedeutung derfelben enthüllten. 
Dies gefchah fchon lange durch Gall *), welcher fia 
aus der Lage , Subftanz und Geftalt derfelben abzog. 
Cuvier nahm 3), durch diefe Gründe bewogen, feine 
frühere Erklärung, dafs diefen Theilen nichts im 
menfchlichen Gehirn entfpreche , zurück , und ich trat 
diefer Anficht gleichfalls fchon lange öffentlich bei *). 

Auf diefe Stufe folgt die, wo die Hirnganglien 
ftärker als fpäterhin an ihren innern Flächen ver- 
wachfen find und welche der bei den Säugthieren im 
vollkommnen Zuftande Statt findenden Bildung ent- 
fpricht. 

Die Verwachfuug der Himganglien ift übrigens 
auch beim Menfchen Attribut der normalen vollende- 
len Bildung. Ich habe durchaus bei vielfältiger Uh- 
lerfuchung nie die weiche Commiffur fehlen gefehen, 
\Vo fie aber von guten Beobachtern vermifst wurde, 
ift unftreitig der Mangel deri'elbcii für ein Stehenblei« 
ben auf einer frühem Bildungsitufe zu halten , fo virie 



l) Ebendaf. S. tjg. 

;) Rech, lax le fj-fteme nerveux. Paris t8o9. p. fj). 

3) Uebeif. des ang. Werkes S. 219. 

4) CMVitt Vorl. über Vergl. Aatt. UtbtrL fid, 3. & 1)0 u. IJ*. 



-^ — 383 

die, von Morgagni, Wenzel und auch von mir einige- 
mal beobachteten Fälle von Duplicität derfelben viel- 
leicht ein UeberWeibfel der fpätern Durcbgangsbil- 
duug find. 

§• 59- 
B. Geft reifte Körper. 

Die geftreiften Körper find anfänghch gar nicht 
vorhanden, indem die Hemifphären durchaus nur als 
einfache, dünnwandige Höhlen erfcheinen. Doch ent- 
wickeln fie fich fehr früh, und erfcheinen dann weit 
deutlicher als in fpätern Perioden von den Wänden 
der HJrnhöhlen fowohl als von den Hirnganglien ab- 
gefetzt und durch tiefe Furchen von ihnen getrennt. 
Sie laufen nach vorn in zwei Spitzen aus, die lieh 
allinählig weiter von einander entfernen, und deren 
hintere Geh nach innen biegt. Unftreitig fliefst diefe 
mit der gleichnamigen der entgegengefetzten Seite zu- 
fammen und ift die vordere CominiJJhr. 

Die geftreiften Körper find, nachdem fie entftaii- 
den, verhältnifsmäfsig defto gröfser zu den Hemifphä- 
ren, je jünger der Embryo ift, indem die Wände der 
letztern in dcmfelben Verhältnifs dünner find. Nie 
enthalten fie in ihrem Innern eine gefchJoffene Höhlt: 
und eben fo wenig entftehen fie, wenigfiens fo weit 
bis jetzt meine Beobachtungen reichen, durch Ein- 
wärtsfchlagen des untern Theiles der Hirnhöhlen- 
wände, nach Art einer Windung, die nachher vcr 
wQchfe, fondem blofs durch allmählige Verdickung 
dir untern Wand der Hecnifphäre. 



Wie wenig allgemeine Gültigkeit die durch Herrn 
Carus gegebene Darftellung des Fcjtusverhältniffes die- 
fer Theile habe , ergiebt fich hieraus leicht. Er lagt 
über diefelbe nur: „Anlangend die geftreiften Körper, 
„ib erfcheinen diefelben im Fötus blofs als wulftige, 
„den äufsern Rand der Ganglien der Hemifphären 
„ umkreifende Erhabenheiten , fie gehen nach aufsen 
^,fairt unmerkhch in die' Wände der Hirnhöhleri über, 
„find nach innen nur durch eine ßhitader von den 
„Ganglien für die Hemifphären getrennt" '). 

Richtiger fagten die Herrn Wenzel fchon früher: 
„ Eam corporum ftriatorum maffae partem , colliculis 
„opticiS fuperimpofitam, cultri manubrio elevari poffe 
„facile eft, quo facto prope verum, corpora ftriata 
„inter et colliculos opticos, terminum nitida quae- 
„dam animadvertitur linea, quae poftero tempore 
„ftria Cornea exiftit" ^). 

Noch beffer Herr DöU'mger : „Ueberhaupt ift 
„der geftreifte Körper in feiner ganzen Ausbreitung 
„und Lage viel deutlicher, in feinen Umriffen be- 
„fiimmrei beim Fötus als beim Erwachfenen, wo er 
„mit dem anftofsenden Sehhügel inniger verwachfen 
„und zwifchen diefen und der Maffe des grofsen Hirn- 
„ wulftes (den Hemifphären) gleichfam eingekeilt ift." 

j,Bei fortfchreitender Ausbildung verbinden fich 
.,tli« Sehenervenhügel und geftreiften Körper immer 
»inniger 

l) A. a. O. S. 39ü. 
a) A. a. O. S. JOC. 



585 

„inniger mit einander: die Grube zwifchen ihnen ver- 
„fchwindet, und es bleibt nur noch eine obeifläch- 
„ liehe Furche Übrig , in welcher eine von der innern 
3, Hirnhaut bedeckte Vene verläuft, wodurch die Tae- 
„nia femiclrmlaris entfteht ..." 

„Im Embryonenzuftande find die Seknervenhiigel 
„noch mehr von den geiöeiften Körpern getrennt '\" 

$. 60. 

C. Entwicklung d^r Scheidewand, der Windungen 

und Hohlen des grojsen Gehirns. 

Ueber die frühfte Form des grofsen Gehii'ns , fo- 
wohl beim menfchlichen Embryo, als dem der übriten 
Säuglhiere und felbft dem der Vögel ift bis jetzt noch 
fo gut als gar nichts bekannt und man weifs nur, 
und dies fchon feit langer Zeit, dafs die Hemifphären 
anfangs dünnhäutige windungslofe Blafen find. 

Schon früher ') habe ich die Vermuthung ge- 
Sufsert, dafs diefe Blafe anfänglich einfach feyn möchte, 
indem Malpighl und ich beim bebriiteten Hühnchen 
Erfcheiriungen gefehen halten, welche diefer Meinung 
das Wort redeten Und Ivrankhafte Bildungen dieleJbe 
hdchft wahrfcheinlicli machten. Den früher angeführ- 
ten pathologifchen Fällen kann man noch, wo ich 
nicht fehr irre, die angeborne Uirnwafferfucht int 
Allgemeinen und ilie Abweichungen des Gehirns bei- 
fügen, welche man mit fehr unvollkommner Entwick- 
jung des Schädels und GeGchtes da findet, wo fich 



A. 4. o. s. 4 u- ?• 
1) Vi\.\i. Aiae. Bd. I. S. i99. 
I Af. d, Archiu r. 3. B b 



386 — 

entweder kein oder nur ein Auge, und oft weder 
Nafe norh Mund finden, das grofse Gehirn aber nur 
ein« einfache, dünnhäutige lilafe darftellt. 

Herr DöUinger ') hält diefe Meinung nicht für 
wahrfcheinhch , indem er fchon beim fechswöchcnt- 
iichen menfchhchen Embryo das grofse Gehirn fcharf 
in zwei Hä'lften getheilt fahe. 

Auch ich geftehe, dafs ich in meiner Vorflelluiig, 
theils durch diefe Angabe eines fo glücklichen For- 
fchers, theils durch das, was ich felbft, nachdem ich 
jene Vermuthung vorgetragen hatte, fowohl in n^enfch- 
lichen als thierifchen Embryonen fahe, irre wurde, 
bis ich fie in den frühften Kaninchenembryojien und 
Schafsembryonen, wo mich nicht alles täufcht, voll- 
kommen beftätigt fand. Denn offenbar ift hier das- 
grofse Gehirn nur eine einfache, bei den Kaiünclien- 
embryonen s,-nv nicht, bei den letztern in der Mitte 
äufserft wenig eingefchniirte Blafc, und von Innern 
Wänden findet fich ,eben fo wenig eine Spur als von 
einer Scheidewand. Ilöchftens kann man den kleinen 
Vorlprung ain xuitern Theile der vordem Wand, den 
ich bei den frühften Schafsembryonen fand, dafür an- 
fehen, der aber liier noch fo unbedeutend ift, dafs 
man wohl um fo mehr zu der Annahme: er fey frü- 
lier noch gar nicht vorhanden gewefen , und auch die 
mittlere , unbedeutende Einfchnürung zwifchcn den 
beiden Hälften des grofsen Gehirns habe fich erft 
fpäter gebildet, berechtigt ift, als bei din jungfton 

i) A. t. O. S. 23. 



387 

Kaninchenembryonen , die offenbar aus einer frühem 
Periode find, Iceine Spur davon wahrzunehmen ift. 

Diefe einfache Blafe ift aber jetzt in der Mittö 
an der eingefchniii'ten Stelle deutlich von oben ver- 
fchloffen. Wofür ift diefe mittlere Stelle zu halten ? 
Ift fie Gefäfshaut oder wahre Nervenfubftanz ? Ln 
letztern Falle ift fie offenbar Balken oder ein Theil, 
der die Stelle der verfchiedenen Gebilde, welche im 
vollkommnen Zuftande Baiken, Bogen und Scheide* 
wand darftellen, vertritt. 

Allein Wenzel fagt , auf mehrere Beobachtungen 
an drei bis viermonatlichen Embryonen geftützt, wenn 
gleich fahr Vorfichtig, doch fehr beftimmt: „Nulli 
„ideo harum reruiii (dafs er nämlich mehrmals den 
Balken nur vorn und immer in dem Maafse in einer 
geringen Strecke verwachfen gefunden habe» als det 
Embryo jttnger gewefen fey, und die Ränder det 
Spalte immer glatt und fcharf begränzt erfchienen 
feven) „obfervatori malam in partem verti debere cen- 
fjfurimas, fi ex prolatis hucusque concludat: corpus 
„callofum nonnili fub ieptimum graviditatis menfem 
),unain maffam formarc, ante hoc tempus in dnas (if- 
♦,fum effe partes, ab anteriori ad pofterius dircctas 
■tjliarum partium coalefcentiam auterius inchoari, 
,, l)(jfti;rius terminari ')."• 

Auch Herr DölUnger nimmt an, dafs anfänglich 
" beiden Hemifphüren getrennt feyen, d« Balken 
i. durch, um den fünften Monat beim nwnfeWJchen 



\, |{* ptatt. cer. firuct. p. 30). 

Bb a 



388 -^ 

Embryo fchon gefcheViene, Verwachfung eines Theiles 
der Innern Wände der Hemilphären bilde , hält es f lir 
möglich, dafs cliefe Verwachiung von vorn nach hin- 
ten gefchehe, indem hier die vordere Conimiffur an- 
fänglich als alleiniges Verbindungsmittel der lieiden 
Hälften vorhanden fey und glaubt, dafs die^Scheide- 
wandhühle daher anfänglich, ehe der Balken fich 
durch jene Verwachfung gebildet hat, nach oben 
offen fey ')• 

Herr Carus ftellt hierüber , hei Angabe der Ent- 
wicklungsgefchichte des menfchlichen Embryo, nur all- 
gemeine Betrachtungen an, bemerkt, dafs die fpätere 
Entftehung der Commiffuren im Gehirn dem .einfachen 
Gange aller Naturbildungen voUkommen angemeflcn 
und als alleiniger Unterfchied derfelbea im Fötuszu- 
ftande von den Bedingungen, welche fie nach vollende- 
ter Entwicklung darbieten, ihre gröfsere Zartheit anzii- 
fehen fey, indem ihm aufserdem keine befonders wich- 
tige Abweichung von -der bekannten Form, fowohl 
rilcldichtlich der vordem Commiffur , als des Balkens, / 
des Gewölbes und der durchfichtigen Scheidewand be- 
kannt geworden fey '). 

Dafs in der Entwicklungsgefchichte des Säug- 
thiergehirns liierüber nichts vorkommen werdej liels 
fich im voraus erwarten. . 

Ich habe zwar gleichfalls den Bialken im /Allge- 
meinen in dem Maafse (jeaeo erften. Zuftand ausge- 



l) A a. O. S. 10. II 
p) A. «. O. S. 39«. 



— 389 

nommen) kleiner gefunden als der Embryo junger 
war, glaube mich indeffen doch kaum zu der An- 
nahme berechtigt, dafs in den frülil"ten Perioden die 
Hemifphären völlig von einander getrennt feyen, da 
offenbar jene dünne Brücke über der eingefchniirten 
Stelle eine Verbindung vermittelt. Möglich aber, 
und, aus der Befchaffenlieit vieler gut erhaltener fpä- 
tcrer Hirne fogar wahrfcheinlich iCt es, dafs bei wei- 
terer Entwicklung diefe Brücke und ziigleicli die Ver- 
bindungsftelle des obern Randes der Hirnganglien ver- 
fchwindet, eijireifst. Dann lind die Heniifphifren ganz 
getrennt und durch die Lücke drängt fich die Ge- 
fäfshaut nach innen, wächft hier zum Aderiietz an, 
welches man in der frühften Periode nicht findet» 
Nachdem diefe Trennung eine Zeitlang gedauert hat, 
nicken einander die Hemifphären niiher vnd verwach- 
ii'ti von unten nach oben. Am frühften wird die Ver- 
einigung unftreitig blofs durch die vordere Commif- 
fur gebildet. Diefe crfcheir.t da, wo noch keine be- 
ftimirite Spur von anderweitiger Verbindung vorhan- 
den ift, als ein locker eingelegter markiger Streif* 
(ter quer die untern Theile der beiden geftreifte» 
Körpev nach vorn mit einander verbindet. 

Zur Bildung des Gewölbes trägt wahrfcheinlich 
der geftreifte Körper bei , indem von der innern Flache 
feines vordem Endes fich ein Theil ajlmählig los- 
trennt und gegen die IVIitte fich dem entgegengefetz- 
'tcn in demfelben Verhältni£s mehr nähert. Dies lind 
vorzügLch die Säulchen des Gewölbes > welche nach 



39Q ^^^^^ 

oben mit dem Ammonshorn und dem Balken zufam- 
XH&n fliefsen, 

Diefer fcheint fich allmählig von unten nach obeii 
Z\i entwickeln, und in demfelben Maafse wird die 
falte der Innern Fläche fchwächer und verfchwindet 
endlich faft ganz, Sie fcheint alfo zum Theil auf 
die Bildung des Balkens berechnet. 

Da fich keine Spur einer Scheidewand findet , fo 
ift natürlich auch von keiner Scheidewandhöhle die 
Rede, Doch wird höchft wahrfcheinlich ein Theil der 
grofsen mittlern Oeffnung zur Scheidewandhöble, ver^ 
wandelt fich nicht ganz in die Communicationsöff- 
nung zwifchen den beiden Seitenhöhlen , und man kann 
daher gewiffeimafsen fagen, dafs jetzt alle Höhlen 
noch eine ausmaclien. 

Schon die Herrn Wenzel haben vermuthet, dafs 
die Scheidewandhöhle mit den übrigen und nament- 
lich mit der dritten Hirnhöhle durch einen fehr fci^ 
neii Gang zufammenhänge, der von einer Erweiterung, 
jp welche die Scheidewaudhöhle fich vorn zu ^ncUgen 
fcheint, rückwärts verlaufe und fich höchft wahr- 
fcheinlich zwifchen der vordem Commiffur und den 
Schenkeln des Bogens in jene Höhle öffne ' ), 

Diefen Gang habe ich gleichfalls einigemal bein;j 
Erwachfenen auf ähnliche Weife verlaufen gefehen, 
und mehrere der oben angeführten Beobachtu^en. 
(chöinen fehr deutlich für die anfänglich weit anfehn-. 
Sichere Gröfse diefes Kanals zu fprechen. 



») t, «• p. 7+ %■« 



^'- 391 

Die verfchiedenen Formen, welche diefe Gegend 
durchläuft, fcheinen folgende zu feyn: . 

Anfänglich find Monro'fche Oeffnung und Schei- 
dewandhöhle eins , und an ihrer Stelle findet fich eine 
jjrofse Oeffnung, die anfangs gar nicht, allmälilig nur 
wenig eingefchnürt wird. 

Darauf fondern fich beide allmählig von einander 
ab, indem von oben nach unten und von unten 
nach oben Fortfätze der Hirnfubftanz einander entge- 
genwachfen, und es findet nur ein Zjifammenhang 
durch einen engen , von vorn nach hinten verlaufen- 
den , anfangs weitem , allmählig fich verengenden 
Gang zwifchen ihnen Statt. Hierher gehört uuftrei- 
tig der kleine Wulft an der vordem Fläche der He- 
jnifphäi-en beim erltcn Schafsembryo. Ob diefe Fort- 
fätze einander je fo völUg erreichen , dafs dadurch der 
vordere grrtfsere Theil der Oeffnung von dem hintern 
abgefondcTt wird, läfst ficli nach meinen Beobach- 
tungen eben fo wenig als nach den Wenzel'ichea für 
jetzt mit Gewifsheit beftimmcn. 

In eine Höhle verwandelt fich der vordere Theil 
jener Oeffnung, indem zu ihren beiden Seiten fich 
jene Fortfätze erheben. 

Anfänglich find die feitliclien Wände derfelbea 
\. eil er von einander entfernt, als fpätor, ragen daher 
etwas wulftig ia die grofsen Seitenhöhlen hinein und 
die Scheidewandhöhle hat daher, vorziiglich in ihrem 
obera 'l'heile, eine beträchtliche Breite. 

Diefe Darftelluug der Entwidmung der Sei- 
tenhöhlen, nebft der Scheidevvandhöhle und allen 



ö93 



r, 



Hirnhöhlen überhaupt, ift, wo ich nicht irre, wohl 
infofern in.tereffant, als fie einen Beitrag mehr zu 
der Gleichung zwifchen Gehirn und Herz abgiebt, 
eine Parallele, welche ich fchon vor einiger Zeit ge- 
zogen und fpäter von Herrn Cariis angenommen 
finde '). Anfangs eine grofse, einfache, dünnwan- 
dige Höhle, wie beim Herzen des Embryo und der 
niedern Thiere, darauf Verengung und; Abüieilung 
derfelben in mehrere Zellen , welche durch engere 
Oeffnungen zufammenhängen , endlich felbft gänzliche 
Abfchnürung eines Theiles derfelbea von dem übrigen, 
■wie fich die rechte und linke Hälfte des Herzens von 
einander durch die Scheidewand abiondern. 

Die Wände des grolsen Gehirns find anfänglich 
fiberall ganz glatt und die Ungleichheiten, welche fie 
darbieten, find Produkte einer fpäten Bildung. Alle 
entftehen erft nachdem fich die geftreiften Körper ent- 
%vickelt haben. Die Ungleichheiten der Hirnwände 
find von mehrfacher Art und es fragt fich daher zu- 
erft, ob alle auf diefelbe Weife und ?.u derfelben Zeit 
entftehen. Vom geftreiften Korper ift hier fo wenig 
die Rede als von den Hirnganglien, fondern nur von 
denen, welche darin mit einander übereinkommen, 
dafs fie als Falten der anfangs glatten Hirrfvvände er- 
fcheinen. Die hierher gehörigen Ungleichheiten find 
die Windungen und Wülfie des Gehirns mit den Zwi- 
lchen ihnen befindlichen Furchen, von welchen jene 



l) ReUt Arcliiv Bd. XI. H. 3. i8u. üeber Zwitterbildungen im 
Anfang. Ctns A, a. O, S, ;rg 11, sie. 



593 

an der äufsern Fläche als Vorfprünge fichtbar find, 
und die Theile, welche an der innern Fläche der 
grofsen Höhle als Vorfpriinge erfcheinen, alfo das 
Ammonshorn mit leinen Anhängen , dem Saum und 
der Nebenerhabenheit (eminentia collateralis) itn m'm- 
lern, die Vogelklaue oder das yiein^ Amrnonshom im 
hintern Home. 

GewöhnUch fieht man diefe Theile als gleichbo. 
deutend aji. 

Schon Vicq d'Azyr fchlofs aus der Befchaffenheit 
des Ammonshorns im vollkomninen Zul'taiide, dafs 
es eine Hirnwindung fey, die fich in einer nach au- 
- fsen von dem Sehhügel und dem geflreiften Körper 
liegenden Vertiefung befinde, deren gewülijter Theii 
durch Markl'ubftanz gebildet fey und die fich von den 
übrigen Hirnwindungen nur zufällig durch ihre Ge- 
ftalt unterfcheide , fo dafs die beiden Subftan-ieii, 
woraus fic belitht, ohne Unterbrechung mit denen 
des mittlem Lappens, der fie umgiebt, zufammen- 
hängen '). 

Nachher hat Herr Wenzel diefelbe Meinung, theils 
auf den Zufland der Theile im erwachfeaon Zuflaiide, 
theils auf die Befchaffenheit derlcibeu beim Fötus, 
theils auf krankhafte Bedingungen geflülüt, angcnoni- 
men und erklärt: 

Hippocampus ergo manifefte nihil aliud eft, r/iil 
continuatio fuperficiei cerebri iutro flexa , five in unam 



l) Recli>!rcl:cs Tut la ftructuie du cerve*a eto. in m^iii. de Paris, 
»n. i7ili. p. ^JO. 



394 — ^-^^ 

iateralium ventriculoiiiin partem: five liippocampus 
nihil aliud eft, nifi unus gyrorum in cerebri fuper- 
ficie fitorum in interius cerebri, fjve in quamdam Ja- 
teralium venticulorum partern prolongatio '). Beim 
Ivleinen Ammonshorn ift es auch im vollkommnen 
Zuftande noch leichter nachzuweifen , dafs es eine 
nach innen gefchlagene Hirnwindung ift, indem es ver- 
fchwindet, wenn die Gefäfshaut weggenommen ift. 
Befonders merkwürdig ift , dafs die pathologifchen Zu- 
ftande diefer Theile, welche Wenzel fand, Kleinheit 
oder Mangel derfelben , mit Geiftesverwirrung vorka- 
men, und dafs in dem einen Falle, wo das kleine 
Hörn fehlte, die hintern Hirnwindungen äufserl't 
■ivenig entwickelt waren, 

Herr Carus tritt diefer Anficht gleichfalls bei, 
indem er, auf die Autorität der Herrn Wenzel geftiitzt, 
die Ammonshörner aus den an der innern Fläche des 
Gehirns verlaufenden Falten herleitet, diefe mit den 
übrigen Windungen in eine Klaffe fetzt, und bemerkt, 
dafs fie fich von den übrigen nur durch frühzeitige- 
res Erfcheinen unterfcheiden. 

Dagegen find nach Herrn DölUnger diefe Theile 
durchaus keine Hirnwindungen, wenn fie gleich durch 
Faltung der Hirnwände entftehen. Er unterfcheidet 
die Falten, woraus nicht nur das Ammonshorn, fon- 
dern auch der Balken , die Scheidewand und der Bo- 
gen hervorgehen, von den Windungen, und bemerkt, 
dafs jene urfprünglich vorhanden find, diefe dagegen 

L. e. p. i+i. 



595 

nicht und ihr faltenartiger Bau im Hirn des Erwach- 
fenen nicht dargei'tellt werden könne. Jene groise 
Hirnfalte liegt an der innern _Wand , biegt fich nach 
innen und wieder rückwärts nach aufsen, um in 
den äufsern Umfang des Gehirns überzugehen. So 
weit fich die Hemifphären berühren , verwächft fie, 
und fo entflohen der Balken, die Scheidewand und 
der Bogen. Hinten, wo fie aus einander weichen, fin- 
det kejne Verwachfung Statt : hier entftehen durch 
diefe Falten die Arnmonshörner, 

So viel ift auf jeden Fall gewifs, dafs die von 
Herrn Dölli/iger angegebene urfprüngliche Falte wirk- 
lich vorbanden ift und mit der Entftehung der in die 
Mittellinie fallenden Hirntheile, des Ammonshoins untl 
der yugelklaue in Beziehung fleht, 

Sie findet fich fehr bald nach dem SichtbarY^er- 
den des geftrtiften Korpers , weit früher als irgend eine 
Windung an der übrigen Oberfläche des Gehirns ficht- 
bar ift, bei allen von mir unterfuchten Säuglhier- 
embryonen und liat eine defto gröfsere Ausdehnung, 
-je jünger der Embryo ift. Sie bildet einen nach oben 
gewölbten, nach unten concayen , dem geftreiften Kor- 
per concenlrifchen Bogen , der an der innern Fläclie 
ftark vorfpringt, den geftreiften Körper beträchilich 
Cberragt und vom vordern Ende der Hemifphäre bis 
•zum hinlern reicht. Er ilt bei Thierembryonen fchwu- 
cher und einfacher als beim menfchlichen. Hier hat 
fie /war gleichfalls bei ihrem erften Enlftehen diefelbe 
GeftaJt als beim thiehfclien Embryo, die eines ein- 
bclien Uugens, allein bald nachher gehen aus ihreni 



vordem und hintern Ende fovvohl als nach oben Fort- 
fälle ab, welche eben fo ftark in das Innere der 
Höhle vorfpringen. Allmählig verfchwindet erft der 
mittlere, dann der vordere Theil und es bleibt nur 
der hintere übrig. Diefer ift bei den meiften Säug- 
thieren einfach und fteigt nach unten und vorn: er 
ift das AmmonshoTn. Beim Menfchen aber fpaltet fchon 
lehr früh das hintere Ende des fenkrechten Theiles 
der Falte Mi in mehrere Erhabenheiten, zuerft eine 
unlere, grofse, das Aminonsliorn, und eine hintere, 
gleichfalls anfehnhche, die Fogp/klaue: darauf in meh- 
rere, eine obere, v\relche fpäter zu der kleinen Falle 
verflrichen wird, welche fich über der Vogelklaue 
findet und eine unlere , die Nebenerhabenheit , die 
oewöhnlich nicht fo tief herabreicht. Allmählig ent- 
wickelt fich auch vor dem Ammonshorn- von oben 
nach unten der kleine markige Vorfprung,, der Saum. 

Alle diefe Wülfte find anfänghch, ja das ganze 
I'ötusleben hindurch und noch in den erften Jahren 
der Kindheit ganz hohl. Allmählig wird erft der 
Einsang ihrer Höhle enger, dann, indem fich immer 
mehr folide Subftanz in ihrem Innern anhäuft, diefe 
beim Menfchen, nicht aber beim Thiere verfcUoffen. 
Indeffen zeigt doch immer noch ein ijuerer Durch- 
l'chnitt ihr Wefen deutlich. 

Diefe Falten finden fich auch bei Säugthierge- 
hirnen deutlich, die durchaus keine andern Windua- • 
gen haben, z. B- bei den Nagern. 

Der Grund ihrer Entftehuog ift wohl fchwer aus- . 
ziunitteln. Vielleicht darf man annehmen , dafs fie ja 



Folge des Auseiiianderweichens der anfänglich ver- 
bundenen Hemifpljären entftehen, fofern die Wände 
derfelben bei dem Auseinanderweichen angefpannt und 
dadurch verhältnifsmäfsig zu grofs werden. Der hin- 
tere Theil, welcher 'iium Animonshorn wird, ent- 
fpricht überall fo genau den Sehhügeln , dafs maa 
kaum die Vermuthung unterdrücken kann, dafs diefe 
an feiner Beftehung Antheil haben, indem fie an diefer 
Stelle die innere Wand nach aufsen drängen. Bei 
den Säugthieren liegt das, das ganze Leben hindurch 
hohle, Ammonshorn immer auf diefen Theilen auf 
und bleibt vielleicht eben darum hohl. So könnte 
vielleicht diefer Theil die Veranlaffung zur Eni- 
ftehung der ganzen Falte feyn , indem er anfangs wei- 
ter nach vorn ragt. Merkwürdig ift in diefer Bezie- 
hung auch der Mangel des Ammonshorns mit äufserli 
unbedeutender Entwicklung des Sehhiigels bei den 
Vögeln. 

Doch verfteht es fich von fclbft, dafs hiermit 
nicht geradezu ein Caufalnexus behauptet wird, in- 
dem beide Bedingungen fehr v^ohl Wirkungen einer 
Urfache feyn könneji. 

Mit ihnen zugleich findet fich beim menfchhchen 
F.mbryo die fehr tiefe Spaltung des Gelürns in einen 
vordem und einen hintern Lappen, die hier ftärkeV 
als in irgend einer Lebensperiode ift. 

Aufserdem aber bemerkt man noch FaJten und 
Windungen an der obern Fläche, welche, anfanolirh 
zahlreicher, aber niedriger und kürzer, nur vom obern 
Kande auslaufen, mit der grofsen F#ilto mehr oder 



398 -* ■■ 

weniger deutlich zufammenliangen , fpäter an Zahl 
abnebmen , aber tiefer wei den , und von deirfelben ge- 
trennt an der äufsern und obern Flache des Gehirns 
erfcheinen. Zugleich ift das vordere Ende des hintern 
Lappens ftai''v nach hinten und innen gefchlagen. Eben 
io biegt fich hinten der Theil, welcher fpäter hinteres 
Hörn wird, nach innen nnd vorn, woher fowohl die 
verhältnifsmäfsig geringere Länge als die deutliche 
Trennung des vordem und hintern Lappens wenig- 
ftens zum Theil rührt. Alle Erhabenheiten und Ver- 
tiefungen erfcheinen jetzt, doch in entgegengefetzter 
Ordnung, an der änfsern und innern Fläche des Ge- 
hirns zugleich als fehr deutliche Falten, deren innere 
Wände durchaus nicht zufammengehalten werden, 
über welche die Gefäfshaut glatt weggeht und die man 
fehr leicht aus einander ziehen kann. Zugleich find 
die Wände äufserft dünn. 

Alle diefe Windungen und Furchen, mit Aus* 
nähme' des Ammonshoru und der Vogelklaue aber 
verfchwinden , oder werden wenigftens höchft undent> 
lieh, zugleich verdicken fich die Wände auffallend 
und plötzlich und werden wieder glatt. Von einer 
Abtheilung in vordem und hintern Lappen , die vor- 
her fo deutlich war, fieht man kaum eine Spur. Def 
Hergang diefer merkwürdigen Veränderung foheint 
darin begründet ZU feyn, dafs -von aufsen und 'Vört 
innen zwifchen die Windungen Hirnfubftanz Von 
dftf Gefäfshaut abgefetzt wird. W'enigftens folgte böf 
einem viermonatlichen Embryo, deffen Hirnfläche auf 
den erften Anblick glatt erl'chien, die Hirnfubftana 



•— 399 

aus den Vertiefungen zwifchen den Windungen, und 
nur hier, der Gefafshaut und erfchien mit derfelben 
feft verbunden, und eben fo drang das Adernetz 
welches vorher glatt ift, zwifchen die Windungen ein 
und erfchien nach ihnen gefaltet. Hier waren die 
Wände noch auffallend dünn, bei darauf folgenden, 
etwas altern Embryonen dagegen unverhältnifsinäfsig 
dick, wenige fchwache Furchen am vordem Lappen 
ausgenommen, völlig glatt und erft allmählig ent- 
ftehen von nun an fchwache Einriffe, die erft flach 
feicht find, dann tiefer werden, und nie an der in- 
iiern Flache fichtbar find. 

Hierdurch läfst fich die Verfchiedenheit , welche 
zwifchen meinen und meiner Vorgänger Beobachtungen 
Statt findet, ausgleichen. 

Naclj Söinmerring ') und Wenzel ') fehlen die 
Windungen beim menfchüchen Embryo bis zum vier- 
ten Monate gänzlich, aufscr, wenn das Gehirn in ftar. 
ken Weingeift gelegt wird. Beim dreimonatlichen 
Embryo finden lieh nach Wenzel unter letzterer Be- 
dingung nur wenige und fchwache Piinnen in der Nähe 
des innern und obern Randes der Hemifphäreii, die 
man als Spuren künftiger Furchen anfehen kann, die 
ganze obere Fläche aber ift durchaus glatt. Auch 
beim fünfmonatlichen Embryo fieht man nur in der 
Mitte der Überfläche des grofsen Lappens einige Ein- 
Ichnitte. Nach dem fdchften Monate findet fich eine 



l) Nervenlelire ^. ij. 

a) Oe [lenii. Immmi oerebri fcructura p. tgS (£. 



•400 -^ ^ 

glatte Furclie in der Gegend der Sylvifchen Orube. 
Im fiebenteu Monate find die Furchen und Wülfte 
deutlich. ,j 

Auch nach Herrn DöHingej' find beim fünfmo- 
natlichen Embryo nur hier und da Riffe, aber noch 
keine Furchen und Windungen vorhanden. Die zuerft 
erfcheinenden find die liefften und bringen niclit fo- 
vvohl Windungen als Hauptlappen hervor '). 

Eben fo erfcheinen auch nacli Herrn Canis die 
Windungen an der aufseni Fläche des Gehirns erft 
im fünften Monat, früher am vordem als am hintera 
Lappen '). 

Meine Beobachtungen geben zum Theil daffelbe 
Refultat, entfernen fjch aber zugleich bedeutend von 
diefen Angaben. 

Es ift nämlich keine Frage, dafs die Oberfläche 
des grofsen Gehirns wemgfiens bis zuni fünften Schwan- 
gerfchaftsmonate ganz glatt ift und dafs in diefer Zeit 
die Einwirkung des Weingeiftes nur lehr leichte und 
wenige Vertiefungen hervorbringt. 

Allein ganz anders verhält es fich in frühern Pe- 
rioden. Denn, ungeachtet ich das Gehirn beim fechs- 
bis Cebenwöclientlichen Embryo gaJiz gl^tt fimle, fo 
fcheinen fich doch beftändig um die achte bis neunte 
Woche die noch fehr dünnen Wunde der Seiten- 
höhlen zu äufserft vielfachen und liefen Windungen Xind 
furchen zu geftalten, wie fich aus der Befclireibung 
des 

s) A. a. O. S. iS. 
I) A. a. 0. S. SJJ. 



401 

fies grofsen Gehirns aus neun - und zehnwöohentlichen 
Embryonen ergiebt. Diefe Windungen und Furchen 
find bei dem etwas frühen Embryo niedriger als bei 
den fpätern , hier aber tiefer und breiter. Bei beiden 
find die Windungen und Furchen an der innern FJäche 
der Höhlenwände überall eben fo deutlich fichtbar als 
an der äufsern und die Wände erfcheinen daher durch- 
aus nur als vollkommen hohle Falten der Hirnfub« 
ftanz. Die fpäter im fünften iVIonate zuerft durch 
Einwirkung des Weingeiftes entftehenden, kaum merk- 
lichen Erhabenheiten und Vertiefungen laffen fich gar 
nicht mit diefen vergleichen, indem diefe fcharf be- 
gränzt, fehr tief, eng, jene flach und breit find und 
unmerklich in einander übergehen. 

Wie lafst fich diefe Abweichung von den gewöhn- 
lichen Angaben und die noch viel fchwerer zu er- 
klärende Verfchiedenheit der frühern und fpätern For- 
men begreifen? 

Der erftc Verfuch zu einer Erklärung ift die An- 
nahme, dafs jene frühern Windungen durch die Ein- 
wirkung des Weingeifts hervorgebracht feyen, eine 
Annahme, welche das für fich zu haben fcheint, dafs 
fpäter nach der Angabe andrer Schriftfteller und mei- 
ner eignen Erfahrung Windungen auch da, wo im 
frifchen Zuftande keine vorhanden find, entftehen, 
woran fich auch die oben angeführten Beobachtungen 
der Windungen an den Viarhügeln von Schafsembryo- 
nen fchJiefsen. Ich kann hierüber zwar infofern nicht 
mit Beftimmtheit abfprechen, als ich gerade jene Em- 
bryonen, l)üi welchen ich fie fand, nicht ini frifchen 
M. d. Anhiv. /. 3, C c 



Zuftande, fondern erft, nachdem fie eine Zeitlang in 
Alkohol gelegen hatten, erhielt und unterfuchte, alfo 
nicht weifs, wie fich das Gehirn im frifchen Zuftande 
verhielt. Allein ich geftehe, dafs mir diefe Ver- 
muthung unftatthaft fcheint und zwar aus folgenden 
Gründen : 

j) Waren die Gehirne der Embryonen in den 
unverletzten Schädeln enthalten und füllten diefelben 
ganz an, was unftreitig nicht der Fall gewefen feyn 
würde , wenn fie früher nicht vorhanden gewefen wä- 
ren, indem dann nothwendig, vorzüglich wegen der 
fahr bedeutenden Zufammenfaltung, eine fehr anfehn- 
liche Lücke zwifchen der Schädel- und Hirnhöhle ent- 
ftanden feyn würde. 

2) Bei Schafsembryonen , wo ich in einer fehr 
vollftändigen Reihe die allmähligen Veränderungen des 
Gehirns und die Befchaffenheit deffelben im frifchen 
imd dem durch den VVeingeift hervorgebrachten Zu- 
ftande vergleichen konnte, habe ich nie etwas ähn- 
liches bemerkt. Zwar bringt hier der VVeingeift , wie 
hei den fpätern menfchlichen Embryonen , in gewiffen 
Perioden auch da Windungen hervor, wo fich im 
frifchen Zuftande keine, oder wenigftens nur fchwä- 
chere wahrnehmen laffen; allein diefe find ohne Ver- 
gleich kleiner, flacher, unmerklicher, in weit gerin- 
gerer Anzahl vorhanden als in fpätern Perioden und ■ 
zugleich bildet fich dann ei»e verhältnifsmäfsige Lücke 
zwifchen Schädel und Gehirn. 

3) In frühern Perioden finde ich fie unter keiner 
Bedingung bei irgend einem Embryo, ungeachtet die 



403 

Wände tfOnner und die Höhle geräumiger ift, mithin 
die Veranla£fung zu ihrer Entftehung weit leichter ge- 
wefea wäre. Eben fo wenig entftehen an den dünnen 
Hirnwänden der Reptilien und Fifche durch die Ein- 
wirkung des- VVeingeil'tes ähnliche Ungleichheiten. 

Grund genug, wie es mir fcheint, um diefe An- 
nahme zu verwerfen und die Meinung aufzufteJlen, 
dafs diefe Windungen urfprüngliche Bildungen und 
in die Entwicklung des Gehirns nothwendig verwebe 

find. Ift diefe gegründet, fo giebt es alfo in der Bil- 
dungsgefchichte des Gehirns, wenigftens des menfch- 
lichen, eine Periode, wo fich die dünnen Gehirnwände 
zu zahlreichen und tiefen Windungen zufammenfalten, 
deren innere Wände zwar dicht an einander liegen, 
allein nicht mit einander verwachfen find, in welche 
fich daher die Höhlen erftrecken. Auf diefe Period« 
aber folgt eine andere, in welcher diefe Windungen, 
fowohl an ihrer äufsern als innern Fläche dergeftalt , 
mit einander verwachfen , dafs die Oberfläche des Ge- 
hirns, fowohl inwendig als auswendig, von neuem 
glatt wird. Erft nach mehrern Monaten tritt wieder 
eine zweite, jener frühen ähnliche Periode, eine 
zweite Bildung von Windungen und Furchen ein, die 
fich aber von der erften durch den merkwürdigen 
Umfland unterfcheidet , dafs nur äufsere, keine in- 
neren Furchen erfcheinen und die Windungen nur 
an ihren äufsern Flächen von einander getrennt, va, 
ihrem Innern dagegen folide find und lieh die Seilen- 

I höhlen durcliaus nicht iu £e forlfetzen. 

Cc 3 



Jene erfte Periode wäre demnach ein Mittel zur 
Verdickung der AVände und zur Vermehrung der 
Markfubftanz : eine Anficht, welche durch die be- 
kannte Bedingung, dafs fich bei keinem Thiere die fo- 
genannte ungeformte Markfubftanz im grofsen Gehirn 
in fo anfehnlicher Menge findet, als beim Menfchen 
vielen Schein erhält. , 

Wahrfcheinhch tritt daher auch nur bei ihm jene 
erfte Periode der Bildung von Windungen, ein, bei 
den übrigen Thieren fallen beide zufammen. Dies 
wird wenigften's durch den in diefer Hinficht ganz ver- 
fchiedenen Gang der Entwicklung des menfchlichen 
und des Schafsgehirns höchft wahrfcheinlich , indem 
hier offenbar die zuerft erfcheinenden Windungen fich 
allmählig, aber ununterbrochen vergröfsern und verviel- 
fachen, dort dagegen ganz verfchwinden, und fich erft 
l'päter neue bilden. 

Ich halte -diefe Erfcheinungen um fo weniger für 
zufällig und felbft nicht einmal für blofs individuell, 
da die Entwicklung anderer Theile ganz ähnliche 
darbietet. Hierher gehört offenbar die Bildung des Hin- 
terhauptbeines aus mehrern, völlig ähnlichen, nachein- 
ander erfcheinenden Paaren von Knochenkernen, welche 
unter einander verwachfen und fich über einander entwi- 
ckeln, das gliederweife Hervorwachfen der Extremitäten. 

Die fpätern vind das ganze Leben hindurch blei- 
benden Windungen entftehen zuerft an der obern Fläche 
des vordem Lappens und verlaufen der Länge nach. 
Anfangs finden fich, bei dem Schafe wenigftens, nur 
awei, welche eine kleine der Länge nach verlaufende 



405 

Erhabenheit, die weiter nach innen liegt, von der 
übrigen Oberfläche des Gehirns abfondern. Darauf 
vergröfsert fich die Zahl und Tiefe der Windungen 
ziemlich fchnell, es fliefsen mehrere zufammen, fie 
veräfteln fich, ftatt dafs fie vorher getrennt und ein- 
facher waren. 

Die Wände der Hirnhühlen find anfänglich äu^ 
feerft dünn und der Raum, welchen fie einfchliefsen, 
verhältnifsmäfsig fehr grofs, dies uni fo mehr, da an- 
fänglich weder geftreifte Körper noch Windungen vor- 
handen find, wodurch er verengt würde. Dafs fich 
anfänglich nur eine grofse vordere Höhle findet, glaube 
ich fchon oben (S. 385-) wenigftens fehr wahr- 
fcheinlich gemacht zu haben. Die Höhle wird all- 
inählig auf die gleichfalls angegebene Weife in zwei 
getrennt, die nur durch die anfangs eine fehr weite, 
von oben nach unten abfteigende Lücke, nachher nur 
«inen Idcinen Zwifchenraum clarftellende Monro'fche 
Oeffnung verbunden werden, immer aber durch dieffc 
lind längs des ganzen vordem Randes des Ammons- 
horns nach hinten offen find, fo dafs hier die innere 
Fläche des Gehirns in die äufsere übergeht. Die Thei- 
limg derfelben in mehrere Hörner wird zuerft durch 
das Emporvvachfen des geftreiften Körpers an der un- 
tern Fläche bewirkt, wodurch das vordere von dem 
mittlem Hörn gefchicden wird. Diefe Abgränzung 
geftliicht fehr früh : weit fpäter die Abfondcrung des 
initllern vom hintern Hörne, welche dadurch bewirkt 
wird, dafs die hintere fackförmige Erweiterung der 
aufangs einfachen Höhle fich allmähUg von dem Am' 



monshom abfondert, mit dem fie anfänglich zufam- 
menhing. 

In Beziehung auf die Seitenhöhlen des Gehirns 
hat Herr Carvs feftgefetzt, dafs der menfchliche Em- 
bryo fchon fehrfriih durch' anfehnliche Weite derfelben 
fich vor den übrigen Säugthieren auszeichne. Dies ift 
richtig: indeffen ift in derlelben Periode, wo der üu- 
üsere Umfang der Hemifphären auch beim raenfchlichen 
Embryo verhältnilsma'fsig nicht giöfser als heim Säug- 
thierembryo ift , auch feine Höhle nicht geräumiger. 

Ob feine Meinung, dafs die beträchtliche Hüll- 
lenbildung nicht allein bei menfchlichen Embryo , fon- 
dern beim Embryo überhaupt, von dem Gefäfsgeflecht 
hernihre und dafs die beim Embryo zu bemerkende 
anfehnliche Gröfse deffelben damit in Beziehung ftehe, 
völlig richtig fey, wage Ich nicht geradehin zu ent- 
fcheiden^ doch ift fi& nicht als beftimmt erwiefen an- 
zufchen und ich glaube fie fogar bezweifeln zu können. 
Es ift nämlich zwar richtig, dafs das Gefäfsgeflecht in 
frühem Perioden weit anfehnlicher als in fpätern ift, 
allein in der allerfroheften Periode, wo die Höhle ver- 
hältnifsmäfsig zu den Wänden am anfehnlichften ift, 
fehlt es erft ganz und ift in etwas fpätern verhältnifs» 
mäfsig kleiner als in darauf folgenden , wo die Wände, 
befonders durch Entwicklung des geftreiften Körpers, 
etwas an Dicke zunehmen : wo die Urwindungen zu- 
fammenfallen, faltet es fich zwifchen ihnen. Ich möchte 
daher vielmehr annehmen, dafs das Gefäfsgeflecht nicht 
fowohl mit der Höhlenbildung, als mit der Bildung 
fefter Nervenfubftanz in uriachlicher Beziehung ftehe. 



Herr Carm hat im Allgempinen das Gefetz auf- 
gefte]]t, dafs der Nerv im Gegenfatz zum Gefäfs ent- 
ftehe, felbft anfangs Gefäfs fey, und dem zu Folge 
auf feiner höchften Stufe die Gefäfsform wiederhole, 
hohl werden muffe, da ftets, die höhern und fpiitera 
Formationen die niedrigem und frühern wiederholen. 
Die CentralmaCfe als edelfte Form der Nervenmaffe 
muffe demnach hohl , und je höher ihr Typus fteige, 
defto bedeutender ihre Höhlenbildung feyn '). 

Ift dies wirklich richtig? Zwar ift es keine 
Frage, dafs Höhlenbildung im Nervenfyftem erft bei 
den Wirbelthieren vorkommt, dafs die Abtheilungen 
des Fifchgehirns , welche nach meiner, auch von 
Herrn Carus angenommenen Anficht den Hemifphä- 
ren entfprechen , beinahe überaU folide find , dafs die 
Vierhiigel da, wo die Sehnerven und der Gefichtsfinn 
am ftärkften entwickelt find , bei den Vögeln diefelbe 
Bedingung darbieten , dafs die Höhle des menfchlichen 
Gehirns durch die Anwefenheit eines dritten hintern 
Horns geräumiger als bei den übrigen Säugthieren 
erfcheint; allein, wo ich nicht fehr irre, fo ftimmt 
dennoch das aus diefen und andern Thatfachen abge- 
zogene Gefetz nicht mit der Wahrheit überein. Die 
einfache Bemerkung, dafs, mit Ausnahme vielleicht 
des kleinen Gehirns, die Höhle eines jeden Theiles 
des Nervenfyftems, und die der Hemifphären wenig- 
ftens eben fo fehr als die irgend eines andern, in dem 
Maafse gröfser ift, als der Embryo feiner Entftehung nä- 

i) A. a. O, p. icC. 



408 

her ift, reicht, dünkt mich, hin, um bedeutende Zweifel 
an demfelben zu erwecken. Höchft wahrfcheinlich ift 
das richtigere Gefetz das, dafs Gröfse der Höhle und 
Verhäknifs derfelben zur foliden Nervenfubftanz im 
geraden Widerfpruch mit der Vollkommenheit der Ent- 
wicklung flehen und dafs, wo anfcheinend bedeutende 
Höhlenbildung erfcheint, dies nur im Verhältnifs zu 
dem bedeutenden Umfange des refpectiven Theiles Statt 
findet. Die Seitenhöhlen des grofsen Gehirns find nur 
darum beim Menfchen gröfser, weil die Maffe des 
grofsen Gehins verhältnifsmäfsig fo bedeutend anfehn- 
licher ift als bei allen übrigen Thieren. Im Verhält- 
nifs zur Menge der Gehirnfubftanz find dennoch beim 
Menfchen ganz unftreitig die Höhlen kleiner als bei 
den Thieren. Aus demfelben Grunde find die Seli- 
hfigel der Vögel hohl. Der vollkommne Zuftand ift; 
immer der Zuftand des Uebergewichts der foliden 
Subftanz über die Flüffigkeit , der Wände über die 
Höhle. Wäre das Entgegengefetzte richtig, fo läfst 
fich nicht einfehen , warum man nicht die Hirnhöldea- 
wafferfucht für den höcbften anfehen dürfte. 

§. 61. 

Aus einer allgemeinen Betrachtung der Entwidv- 
Jung der gefireiften Körper, der Höhlen, der Schei- 
dewand und der Oberfläche der Hemifphären und 
einer Vergleichung derfelben mit der Entwicldung Ja 
der Thierreihe ergiebt fich Folgendes: 

Ungeachtet bei den meiften Fifchen der Theil, 
•welcher dem grofsen Gehirn entfpricht, folide ift. 



ungeachtet die wirbellofen Thiere cljefelbe Bedingung 
darbieten, fo entwickelt ßch doch das grofse Gehira 
bei den Säugthieren nicht auf ähnliche Weife aus einer 
jnnern foliden Maffe, in welcher fich etwa allmiihlig 
eine Höhle bildete , oder vonn welcher aus fich nach 
einer oder mehrern Piichtungen dünne Wände entfal- 
teten, we man im Allgemeinen, ohne jedoch dadurch 
den Gang der Bildung angeben zu wollen, das Ver- 
hältnifs der Wände der grofsen HirnhOhlen zu dea 
geftreiften Körpern belchreibt. 

Tndeffen ift es möglich, dafs vielleicht in frühern 
Perioden das grofse Gehirn doch wirklich eine folide 
Maffe ift, in welcher fich erft allniählig eine Höhle 
entwickelt, oder dafs, eine Vermuthung, welche mit 
der Bildungsgefchichte der übrigen Theile, wenigftens 
des Rückenmarkes, des kleinen Gehirns, der Vier- 
hfigel näher iibereinzuftimmen fcheint, fich erft der 
Boden bildet und dann von diefem aus auf beider» 
Seiten fich Wände erheben, die in der Mitte zufam- 
men fliefsen. 

Hieröbcr muffen Beobachtungen aus frühern Pa- 
rioden entfcheiden. 

Sehr merkwürdig ift, fowohl an und für fich, 
als in diefer Beziehung, die Entwiclvlung der Hemi- 
fphären in der Pieihe der Fifche felbft, indem ich 
diefc bei den Hayßfchen und Rochen nicht folide, fon- 
dern hohl, und ihre Höhle in einer ununterbroche- 
nen Verbindung mit der Höhle der Iliechxierven ge- 
funden habe. 



410 — ^— 

Das grofse 'Gehirn cliefer höhern Fifche ent- 
fpricht alfo wenigftens fehr beftiinmt einer fehr frü- 
hen Bildungsftufe deffelben beim Embryo der höhern 
Thiei^e ; denn ganz imverkennbar ift die Aehnlichkeit 
zwifchen der Form der Hemifphären des Hayfijchge- 
hirns ' ) mit der Bildung derfelben beim frühen Schafs- 
embryo, wo fich gleichfalls vorn und unten ein an- 
fehnlicher Vorfprung befindet, der eine, nach hinten 
unvollkommne Scheidewand darftellt , und die Höhle 
in der Mitte zu einer Communicationsöffnung ver- 
engt '). 

Hier find fowohl beini Embryo der höhern Thiere 
als bei niedern Thieren , deren Hirnbildung der fei- 
nigen entfpricht , keine geftreiften Körper vorhanden. 

Auf einer etwas höhern Stufe finden fich diefe 
beim Embryo fowohl als beim Frojchie. Bei diefeni ■ 
fliefsen vorn die Hemifphären noch auf ähnliche Weife 
zufammen, allein es haben fich weiter hinten, in ih- 
rer Länge verlaufende geftreifte Körper gebildet. Da- 
gegen fehlt hier der vordere, nach hinten verlaufende 
Vorfprung, der fich beim Hayjifch findet, und die 
Hemifphären und Seitenhöhlen Aas Frofches haben, 
vej'elichen mit denen des Hayfifclies , das Anfehen, 
als Virären diefe allmählig fo , erft in gerader Richtung, 
imd dann mit ihren äufsern Enden nach hinten ge- 
zogen worden, dafs der vordere Vorfprung, hin- 
ter welchem beide communiciren , zur Bildung der 



l) Arßli} >.». O. Taf. III. Fig. J, 
s) Taf. I. Fig. 2T. 2%. 



^ 411 

vordem Wand verwendet worden und nur die Ver- 
bindungsoffnung übrig geblieben fey. 

Hierauf folgt die Bildung, welche bei liöliern 
Reptilien und den Vögeln den vollkommnen Zuftand 
bezeichnet. Die Hemifphären find ganz von einander 
getrennt und hängen nur hinten und unten durch 
die Hirnfchenkel und durch kleine Commiffuren zu- 
fainmen. Bei diefen Thieren find die Innern Wunde 
der, von den Hirnganglien völlig getrennten Hemi- 
fphären ganz glatt, wie bei dem Embryo der Säug- 
thiere, nachdem die oben angegebene Trennung ein- 
getreten ift, und fich die Falten an ihrer Innern Fläche 
noch nicht gebildet haben. 

Bei den Vögeln find fie fehr dünn , inwendig mit 
einer markigen Schicht bedeckt, die aus auffteigen- 
den, von unten nach oben divcrgirenden Strahlen, be- 
Iteht. Diefe Schicht hat man fehr verfcbiedentlich 
gedeutet. Haller hält fie für den Bogen, Franke für 
die Scheidewand, die Lücke zwifchen der rechten und 
linken für die Scheideivandhöhle. 

Nach Cuvier haben die Vögel weder Balken 
noch Bogen, noch durchjlch/ige Scheidewand; das 
dünne Blatt ift die innere Wand der grofsen Hirn- 
höhlen. Wo ich nicht fehr irre, fo ift cUefe Mark- 
fchicht das Rudiment diefer drei Theile. Die innern 
Flächen deffelben find fehr genau durch Zellgewebe 
und Gefäfse an einander geheftet, weit genauer, als 
die beiden Blätter der Scheidewand: nur im untern 
Theile, vor den Hirnganglien , ift die Verbindung 
lockerer. An der innern Fläche diefes untern Thei- 



412 ^^^^^ 

les Endet ficli, auf den, von den Selihügelnentfpnm- 
gencn , und unter den Hirnganglien hervortretenden 
Schenkeln der Strahlenausbreitung auffitzend und der 
Seitenhöhle zugewandt, eine deutliche Anhäufung von 
grauer Subftani;, das vordere Paar der beiden Erha- 
benheiten, Virelche Cuvier richtig angiebt, und wovon 
dis Hirnganglien die hintern bilden, welches aber 
durchaus nicht, wie Herr Cariis gethan hat, zu den 
letztern gezogen werden darf. Hüchft wahrfcheinlich 
entfpricht diefer fpecielle Theil der Scheidewand der 
Säugthiere, die markige Ausbreitung an der innern- 
Fläche dagegen ift eine Andeutung des Balkens, die 
Subftanz , aus welcher er fich bei den Säugthieren 
bildet. 

Hierauf folgt die Stufe der mejften Säugthiere, 
bei welchen die Höhle der Scheidewand geräumiger, 
der Balken kleiner ift als beim Menfchen. 

Glätte der Wände kommt den meiften Fifchen 
und Reptilien zu. Auch bei den Vögeln und mehrern 
Säugthieren bieten fich diefelben Erfcheinungen dar. 
Die Ungleichheiten , welche fich bei diefen finden, 
entfprechen genau den crften bleibenden Windungeni 
die fich beim Schafe bilden. 

Eben fo find die Wände bei allen übrigen Thie- 
ren verhältnifsmäfsig zu der Höhle dünner als beim 
Menfchen und dies in dem Maafse mehr als fie fich 
weiter von ihm entfernen. 

Das hintere Hörn der Höhle findet fich nur bei 
den, dem Menfchen am nächften flehenden Affen, fehlt 



allen übrigen Thieren , wie es fich auch beim menfch- 
hchen Fötus nur fehr allmählig bildet. 

Eben fo fehlt auch bei den Vögeln , deren Ge- 
hirn einen grofsen geftreiften Körper enthält, jede 
Spur eines Aminonshorns , das auch beim Menfchen 
und dem Süu gtliierembryo fpäter entfteht als der ge- 
ftreifte Körper, und die Vogelklaue, welche allen 
Säugthieren abgeht, kommt beim menfchlichen Em- 
bryo fpäter zum Auftritt als das Ammonshorn. 

§. 62. 
In Beziehung auf che Gröfse des grofsen Gehirns 
kann man bemerken, dafs fie anfänglich, im Verhält- 
nifs zu allen übrigen Theilen des Gehirns, mit Aus- 
nahme des kleinen, und zum Rückenmark, bei allea 
Säugthieren ohne Ausnahme, weit luibedeutender als 
in fpätern Perioden ift. Die Hemifphären und anfangs 
kaum fo grofs, felbft kleiner, als Theile, die fie fpäter- 
hin mehr als hundertmal an Grüfse fibertreffen. Hier- 
von macht der menfchliche Embryo keine Ausnahme, 
fo fehr auch im vollkommnen Zuftanile die Hemi- 
fphären die übrigen Abfchnitte der Centraltheile das 
Nervenfyftems überwiegen. 

Schon früher habe ich als imterfcheidenden Cha- 
rakter der liöhern und niedern Biklungen das höhere 
E'inheitsftrpben. bei den erftern aufgeftellt '). Jetles 
Syftem liefert zu dieleni Gefetze Belege. Aus denen. 



l) Beitr. zur vergl. Anat. E. 2. H. I. Ueber den Uncerfehied zv. i- 
Ichrn hühern und nicUcrn Blldungeu. 



414 

welche das Nervenfyftem darbietet, ergiebt fich, dafs 
das grofse Geliirn allmählig die Oberherrfchaft über 
das übrige Nervenfyftem gewinnt und als Mittelpunkt 
des Lebens erfcheint. In feinem bedeutenden Ueber- 
gewicht über die übrigen Theile des Nervenfyftems, 
und namentlich des Rückenmarkes ift eins der Haupt- 
merkmale der menfchlichen Bildung enthalten. Es fragt 
fich aber , ob diefe Bedingungen dem menfchlichen Ner- 
venfyftem in allen Perioden des Lebens zukommen, oder 
obfie, wie ich eben bemerkte, erft fpäterhin eintreten? 
Der erftern Meinung fcheint Herr Cariis zu 
feyn. „ Anlangend , fagt er , das Verhiiltnifs der Maffe 
„des Rückenmarkes zu der des Hirns, fo ift gerade 
„in diefer Hinficht die wenigfte Verfchiedenheit zwi- 
„ fchen dem Rückenmark des menfchlichen Fötus und 
„dem des Erwachfenen fichtbar •).« Als Grund hiervon 
giebt er i) die bei jedem Fötus fehr ftarke Entwick- 
lung des Kopfes im Verhältnifs zum Körper an und 
2) dai's der Begriff der Wiederholung niederer Thier- 
klaCfen in den vorübergehenden Bildungsftufen höherer 
Thiere nicht zu weit ausgedehnt werden miiffe , indem 
es natürlich an fich unmöglich fey, dafs der menfch- 
liche Embryo erft etwa als ausgebildetes Mollusk, 
dann als Fifch, darauf als Amphibium u. f. w. er- 
fcheinen könne. Vielmelir feyen die Thierähnlicli- 
keiten, welche er in feiner Entwicklung darbietet, 
nur Anklänge niederer Bildungen , die nie von der 
Art feyn könnten , dafs fie mit dem eigentlich inenfch- 

1; A. a. 0. S. sfiä. 



415 

I'' liehen Typus im voUkommnen Wiclerfprucli ftänden, 
zu deffen Erreichung man fchon in den früheften Pe- 
rioden ein Streben bemeike. „Eben fo, Tagt er, 
„fteht das Uebergewicht der übrigen Theile des Ge- 
„hirns über die Hemifphären, welches bei vielen Fi- 
„fchen Statt findet, mit dem der menfchlichen Gat- 
„tung eigenthiimlichen Charakter der nervigen Gen- 
„tralmaffen, welcher eben in vollkommner AUein- 
„herrfchaft des Geliirns überhaupt und der Hemifphä- 
„ren insbefondere begründet ift, im directen Wider- 
„fpruch," und fügt hinzu, „dafs der nienfchliche 
„ Embryo folche Bildungen nicht wiederholen könne, 
„es daher nicht befremden könne, die Hemifphären 
„fchon in fehr frühen Perioden, fowohl durch ihre 
„Gröfse, vorzüglich aber durch ihre aufserordentlich 
„ entwickelte Höhlenl^ildung ihre Beftimmung auf das 
„ tieutlichfte beurkunden , und nur in weniger wefent- 
„licher Rückficht Anklänge niederer Organifationen 
„darbieten zu fehen ')." 

Ich glaube zwar, dafs Herr Cariis vollkommen 
Recht hat, wenn er fich gegen das überwitzige Spiel 
mit der merkwürdigen Gleichung zvvifchen der Ent- 
wicklung des menfchlichen Embryo und der Entwick- 
lung der Organifationen erklärt , halte aber doch die- 
feibe für weiter ausdehnbar als er und Herr Bartels zu 
glauben fcheint, der die von Herrn Wahher ') gegeben*^ 
Durcliführung des Embryo durch alle ThierWalTen für 



I) Ebendaf. S. 391. 

3) Ph^fiul. Bd. J. l «4?. 



416 

fo eut hält, als Ge bei Jer unvoUkommnen Analogie 
überhaupt müglich fey ' ). Offenbar nämlich erfcheint 
diefe Analogie in dem Maafse weniger deutlich, als 
man den Embryo fpäter unterfucht. Auch verweift 
Herr Carus ausdrücklich zu Beftätigung feines Satzes 
auf feine Abbildungen des Hirns und Rückenmarkes 
eines menlchlichen Embryo von fünf bis fechs Mo- 
naten *\ Unterfucht man aber den menfchlichen 
Embryo in hinlänglich frühen Perioden, fo findet man 
leicht, dafs er fowohl im Allgemeinen als in Bezie- 
hung auf das Nervenfyftem insbefonclere weit nie- 
drigere Formen durchläuft als es nach jenen Aeufse- 
run<^en wahrfcheinlich ift und höchftens findet man 
das Gefetz beftätigt, dafs die niedrigem Formen in dem 
Maafse fchneller durchlaufen werden als das Thier 
im voUkommnen Zuftande höher fteht '). Natürlich 
werden auch bald beim menfchlichen Embryo die He- 
niifphären verhältnifsmäfsig gröfser als bei andern Em- 
bryonen, indem gerade diefes Uebergewicht derfelben 
entfcheidendes Merkmal des menfchhchen Gehirns ift : 
allein es gicbt eine Periode, wo fie verhältnifsmäfsig 
zu den übrigen Hirntheilen, und das ganze Gehirn 
zum Fiückenmark auch beim menfchlichen Embryo fo 
Idfiin find, dafs fich offenbar das menfchliche Gehirn 
oar nicht von dem Embryogehirn des niedrigften 
Säugthiers unterfcheidet. Nur, wie gefagt, dauert 

beim 

l) Phyfiol. p. 39?. 
i) A. a.O. S. 163. 
3) Meekels Beltr. iur vergl. Anat. Bd. i. H. I. S. J. 



^- 417 

beim Siiugthier jene Periode fchon danun länger, 
weil fich das Gehirn des Säugthiers auch im voll- 
konimnen Zuftande nicht aber eine Bildung erhebt, 
die beim Menfchen nur einem vorübergehenden Zu» 
ftande zukommt. 

§. 63. 

Aufser den verfchiedenen Formen, welche das 
Jfervenfyftem durchläuft, bietet auch das innere Ge- 
webe deffelben fehr bedeutende Entwcklungsverfchie- 
denheiten dar. Bekannt ift die Bemerkung, dafs es, 
wie alle Gebilde, anfangs felir weich ift, und nur all- 
mählig erhärtet. 

Eben fo entwickelt fich auch der Unterfchied 
zwifclfen grauer und Markfubftanz nur mit der Zeit. 

In den erften Monaten befteht das Gehirn blofs 
aus einer einfachen, perlfarbeiien , grauröthlichen oder 
gelblichen, halbdurchfichtigen Maffe , die fehr deutlich 
aus Kügelchen zufammengefetzt ift. Nach dem drit- 
ten Monat ficht man durch Erhärten im Weingeift 
diefe Kilgclcheii faft deutlicher als in fpätern Lebens- 
perioden 2U Fafern zufammengeftelit, die vorzüg- 
lich im grpfsen Gehirn auf den Wänden der Höhl« 
fenkreclit ftehcnd , fich nach allen Riclitungen gegen 
die Oberfläche hin entfalten. Bei mehrern meiifch- 
Jichen Embryonengehirnen aus dem vierten bis fechs- 
ten Monat habe ich aufserdem die Bemerkung gemacht, 
daEs die Oberfläche des Gehirns aus einer grofsen 
Mengeideiner, rundlich- eckiger Abtheilungen belteht, 
welche die Grundflächen eben fo vieler Kegel fcheiaen, 
M. d. Archiu. J. 3. Dd 



416 

auf den Hühlenwäntien auffitzen. Vorzüglich war 
dies der Fall bei Geliirneii, die entweder nicht fo- 
gleich, oder in nicht hinlänglich ftarken Weingeift 
gethan und nicht gehörig erhärtet waren. Demnach 
fchiene auch die Gehirnfubftanz, fo wie die mehrerer 
andrer Organe, z.B. der Lungen, Leber, Nieren aus 
niehrern Läppchen zufamniengefetzt, die anfänglich 
lockerer mit einander verbunden wären undfpäter auf 
diefelbe. Weife; genauer mit einander verfclunölzen. 

Mit der Angabe, dafs in den frühem Perioden 
noch kein Unlerlchied zwifchen grauer unrt weilser 
Sui&ftanz wahrnehmbar ift, kommen aucli die Beobach- 
tungen der Herrn Wenzel überein. Univerfum, fagea 
fie, circa omnia, quae hunc in linem interfpeximus, 
embryonum cerebra dicendum eft, nulJam adhuc in 
iis diftingui cineritiem et medullam. . . . Certius iftud 
a medulla difcrimen poft partum non fcmper pari con-' 
fpicitur temporis fpatio, i'eufim tanlum fenfimque cor- 
tex in grifeum abit , medulla in album. Dann be- 
merken fie, dafs fie einigen, aber fch wachen , Unter- 
l'chied bei einem achtmonatlichen Knaben , bei einem 
neugeb'ornen Kinde das Mark nicht weifs, fondern 
wegen der Menge feiner Blutgefäfse hochroth, die 
Rinde fehr bleich gefunden haben •). Damit kom- 
men auch Sümnienings '} und meine Beobachtungea 
im Allgemeinen überein. 



t) L. c. p. 299- 300. 
a) NerVeulehre J. 57. 



> 419 

Bei den fibpr die Zeit der Entftehung diefes Un- 
terfchiedes (iberhaupt und die Zeitfolge, in Welcher 
fich derfclbe entwickelt, angeftelJten Unterfuchungea 
insbefondere bemerkte icli folgendes. 

Beini neugebornen Kinde ift er im Rückenmark 
im Allgemeinen fchon vollkommen fo deutlich ent- 
wickelt , als fpäterhin : nur findet fich hier jetzt noch 
(wie liberall, jedocli hier verhältnifsmäfsig weniger)^ 
weit mehr graue Subftanz als beim Erwachfenen, und 
gegen den hintern Umfang liegt auf beiden Seiten 
die graue Subftanz zu Tage, indem fjoh ihre Schen- 
kel bis zur hintern Fläche fortfetzen. Der untere 
Theil des Rückenmarkes befteht ganz aus grauer 
Subftanz. 

Im Schädel unterfcheidcn fich das grofse und 
kleine Gehirn in diefer Periode, und noch mehr nach 
Ablauf der erften Lebenswochen bedeutend von ein- 
ander. Das kleine kommt mehr .mit dem Rücken- 
mark überein; indem der Unterfchied zwifchen grauer 
urid weifser Subftanz wegen ftärkerer Dunkelheit der 
erfteren und hellerer Färbung der letzteren viel deut- 
licher als im grofsen Gehirn ift, wo man beide, vor- 
züglich wegen des grofsen Gefäfsreichthums der Mark- 
fubftanz, kaum unterfcheidet. An den Gränzen fcheint 
fich der Unterfch'cd zuerft zu entwickeln, denn in der 
Mitte ift die Markfubftanz durch eine anfehnlicheMeaige 
Ton Blutgefäfsen grauroth, darauf folgt eine etwas 
weifsere Schicht, zuletzt die fehr hellgraue Rinde. 

Um die achte und zehnte Woche nach der Ge* 
burt ift der Unterfchied zwifchen grauer und weifser 

Dd a 



420 

Subftanz im Geliirii weit cleutlicber entwickelt; dtit 
ift verhältnifsmäfsig immer noeli bei weitem mehr 
graue als weifse vorhanden. Auch hier ift im klei- 
nen Gehirn die Rinde v.'eit dunkler, das Mark viel 
weifser als im grofsen: doch find die feinften Ver- 
zweigungen des Lebensbaumes noch nicht markig, 
auch ift das corpus ciliare verhältnifsmäfsig gtöfser 
als fpäterhin. In den Hemifphären gelangt man erft 
durch Spalten von der Tiefe eines Zolles zu völlig 
weifser Subftanz. Gewöhnlich liegt aufserdem zwi- 
fchen ihr und der an fich fchon breiten Rinde noch 
eis breiterer, ftnrkgerötheter Streif. Bisweilen ift 
der Balken nocii ganz grau, bisweilen fchon ganz 
weifs. Grau fand ich ihn bei einem zehnwöchent- 
lichen Mädchen, da er bei einem achtwöchent- 
lichen Knaben fchon weifs war. Alle in den Höhlen 
befindlichen Theile, auch die Markkügelchen am Bo- 
den der dritten Hirnhöhle find noch ganz grau. Bei 
dem erwähnten Knaben war auch das Gewölbe grau, 
•ungeachtet der Balken fchon aus vollkommner Mark- 
fiibftanz beftand. Uie vordere Commiffur ift da , wo 
die übrigen mittk-ru Theile grau find, etwas heller 
als fie, doch fchwächer und weniger weit als in fpä- 
tern Perioden zu verfolgen. Die hintere ift gewöhn- 
lich vollkommen weifs, vielleicht weil fie früher ent- 
fteht. Die Hirnfchenkel find an ihrem untern Um- 
fange und in der Mitte ganz weifs, übrigens gröfs- 
tentheils dunkelgrau , doch verläuft auch an dem I 
obern imd äufsern Theile ihres Umfangs ein \veifser| 
Streif, ia welchen fich dje Pyramiden fehr deutlich | 



fortfetzen. Der Hirnknoten ciitli'Ot mir an feiner 
äufsern untern FJJclie deutliches Mark und Ouerftrei- 
fen, die inwendig undeutlich und nur in felir gerin- 
' ger Menge vorhanden find. In den geftreiften Kör- 
pern dnä die graue und weifse Sabftanz fo deutlich, 
bisweilen fogar noch deutlicher als fpäler von einan- 
der verfchiiden. 

Um den fechften Monat nach der Gehurt habe 
ich gewöhnlich graue und Markfubftanz ganz in dem- 
felben V^erhältnifs zu einander gefunden , welches das 
Wanze Leben bcfteht. 

Auch dicfer allmählig erft entftehende Unter- 
fchied zwJfchen grauer und Mai-kfubftanz ift befon- 
ders wegen des Zufammsnfallens der Entwicklung des 
Embryo mit der EntwiclUung der Thierrcilie nierk- 
■»vürdig. 

§. 64- 

Unterfcheidon Geh vielleicht 'höhere und niedere 
Säugthicre von einander dadurch , dafs bei jenen die 
(Central ihcile des Nervcnfyftems fich früher zum voll- 
kommncn Zuftande erheben oder wenigftens die frü- 
hern Periode fchneller durchlaufen, als bei diefen? 
Herr Carus fcheint dies bei Gelegenheit der Bil- 
ngsgcfchichtc desSäugthiergehirns anzudeuten; doch 
i_.aube ich wenigftens nicht, dafs diefes Gefetz ohne 
Einfchriinkung für das Erreichen aller hohem Bil- 
ilungsftufen gilt. Wo ich mich bei der vergleichen^ 
den Betrachtung der Kaninchen- , Schaf- und manfcli- 
licjien Einbrjiiue/t nicht fehr geirrt habe, fo tritt zwar 



bei diefen letztern früher als bei clea übrigen ein von 
dem frühem abweichendes 'Gröfseverhältnifs der ver- 
fchiedenen Theile ein, namentlich bekommen die He- 
mifphären früher ein bedeutendes Uebergewicht; allein 
die innere Ausbildung der Theile fcheint nicht früher 
anzufangen und fchneller fortzufchreiten. Das kleine 
Gehirn vergrößert und furcht fich keinesweges fchnel- 
ler, die Wände der Vierhiigel verdicken fich, die 
Hirnganglien verwachfen unter einander nicht früher 
als bei den übrigen Säugthieren, und die Höhle des 
Rückenmarkes fchliefst fich erft nach der Geburt. 

(Der BefcIiluTs folgt im nüclirten Hefte.) 



42-5 



l ji t e l l i g e n z h l a b t. 



I. Ueber die Entwicklung der TeicVihornfchnecken 
,• (Limneus i'tagnalis). Vom Dr. Siiebel '). 

JJie Begattung dev Teiclihonifchnecken gefcKleht im 
März, in den Zimmern auch fchon im Februar. Hier 
verficht, _ ungeachtet in jedem Individuum beide Ge- 
rrhlechlstheile gleich entwlclcelt find , das eine die männ- 
liche, das andere die weibliche Function. Die eine 
Schnecke, welche die Rolle des Männchens übernimmt, 
luclit ficli mit erigirter Ruhe eine andere weibliclie aus, 
fchmeiclielt ihr durch Berühren mit den Fühlliörnern, 
fetzt ficIi an die rechte Seite derfelbeii und bringt nun 
die Ruthc ein. Das Männchen verhält fich von nun 
an ganz luliig, «las Weibchen aber macht mehrere wol- 
lüflige Bewegungen. Nach beendigter Begattung flieht 
das .Mannchen das Weibchen auf das fchleunigfte und 
beide TbciJe fitzen traurig da. Beim Blannchea findet 
man bald nach der Begattung den Hoden gekrümmt, 
gewilfermafsen krampfhaft zufammengezogcn, eben 
fo die Saamenblafc, ducli diefe nicht ganz leer von 
Saamen, die weiblichen Zeugungstheile klein. Die 
Sclielde und Gebärmutter des Weibchens enthalten Saa- 



l) Limnei ftagnalis anatome DiCT. inaug. quam pro fummis in 
mcdicina et cliiriirgia lioni>ribiis rite aifeciuemiisedidic S. Slititl. 
.MueiKi-lrancolurunus. Gotlingae 181$. 



424 

men, die ScUeimdrüre iTt angefchwollen, , die männ- 
lichen Theile find Idein. Die Eier fcheinen im Eier- 
gange befruchtet zu werden, indem es nicht wahrfchein- 
lich ift, dals der Saame durch den gewundenen Eier- 
gang in den Eierftock gelange, in der Gebärmutter aber 
find die Eier mit Schleim umhüllt, weshalb fie der Saame 
nicht berühren kann. 

Zwei Tage nach der Begattung werden die Eier 
gelegt. Blan findet fie in Haufen, bis auf 50 an der 
Zahl, von Schleim überzogen, in welchem fie ohne 
hefiimmte Ordnung liegen und der fie au das Rohr 
heftet. 

Die fruchtbaren find oval , die unbefruchteten mehr 
rundlich und enthalten keinen gelben Punct, womit jene 
verfehen find , und der die erfte Spur des neuen Thle- 
res ift. Das Ei behält bei weiterer Entwicklung deffel- 
"ben immer diefelbe Geftalt und mit blofsen Augen nimmt 
man auch im erften Rudiment keine Veränderungen 
wahr. Diefes liegt immer an dem einen Ende des 
Eies.. Zwillinge enthalten zwei. Anfangs erfcheint es 
als eine ungeformte Waffe. Vier bis fünf Tage nach 
dem Eierlegen nimmt man die erften Veränderungen, 
wahr. Es erfcheint an dem gelben Puncte ein fchwar- 
zer, der es in Kopf und Schwanz zu theilen fclreint. 
Zugleich entfteht nun die erfte Bewegung, indjpm der 
gelbe Punct fich, in der Sonne fchneller als im Schat- 
ten , um den fchwarzen beftändig dreht. Um den fechs- 
ten bis fiebenten Tag erfcheint er aus vier Lappen ge- 
bildet und die Bewegung wird nun zufammengefetzter, 
indem fich zu der Rotationsbewegung auch eine Orls- 
vevänderung, eine Bewegung im Umfange des Eies ge- 
lellt. Am zehnten Tage erfcheuien regellofe Gefäfse, 
aber noch kein Puls. Das Rudiment hat jetzt genau 
die G«fta]t der Leber des vollkommnen Thieres, io 



435 

dafs alles aus der Leber, dem giofstcii Ni.iritionsorgan, 
hervorzugehen fcbeint. Arn zwölften Tage unterfchel- 
det man deutlich den Kopf vom Schwänze, doch und 
beide äufserlich durch eine Art von Band vereinigt. 
Die mehr entv-ickelten Gefäfse ftreben nach einem 
Puncte zufammen, doch bemerkt man noch keine Be- 
wegung des Herzens. Ein Gefiifs, welches Itävker als 
die übrigen ift, Ichelnt die Geftalt des Darmkanals an- 
zunehmen. Die Bewegung ift willkührhcher, indem 
die Ortsbewegung nicht mehr To genau in derfelben 
Richtung gefchieht, der Kopf geftiecki wird, wenngleich 
die Achfenbewegung noch fortdauert. Am vierzehnten 
Tage find die Gefäfse zahlreicher und mehr vereinigt, 
der Magen deutlich, aber kein Herzfchlag wahrnehmbar. 
Der Fufs fängt an fich zu bilden, von der Schale aber 
findet fich keine Spur. Die erfte Bewegung des Her- 
zens nimmt man am fechszehntcn Tage wahr, wo auch 
die diiune Schale, die Augen, Fühlhörner, und die 
Form des Kopfes deutlich erfcheinen. Das Herz fchlägt 
funfzigmal in der Jlinute , beim gebornen Thier nin 
über zwanzig. Zwifchen dem zu-anzigften und dreifsig 
flen Tage kriecht das Thier aus, in der Warme früher 
als in der Kälte. Die Geftalt Icommt mit der des er- 
wachfcnen ülicreiu, nur ift die Schale fehr dünn und 
die 'Zahl ihrer Windungen geringer, nur vier bis fünf. 

Diefc Eniwicklungsweife ift vorzüglich aus drei 
Gründen intereffant: 

1) wegen der Aehnllchkeit der Bewegung des r.ndi- 
mentes mit der Bewegung der Planeten, fo dafs He 
gewiffcrmafsen ein Uebergang aus der ui^organifchen 
in die organlfche Natur ift; 

2) weil die Leber das zuerft gebildete Organ zu feyn 
- fcbeint, aus -.velchem alle übrigen Theile hervor-. 



426 



gehen, was auch beim Embryo der höhern Thiere 
der Fall zu feyn fcheint ; 
3) weil das Herz, als die Blüte und vollkommenfte 
Entwicklung des Gefärsfyftems , zuletzt in diefena 
Syltem erfcheint. 



II. Verfuche und Beobachtungen über den Einfliifs des 
herumfehweifenden Nerven auf die Abfonderungs- 
thätigkeit des Magens. Von B. C. Brodle '). 

In einem, der Gefelirchaft fchon früher durch 
Herrn E. Home mitgetheilten und feitdem im Jahre 1809 
in ihren Verhandlungen bekannt gemachten Auffalze ^) 
lind einige Thatfachen aufgeftellt, «eiche es wahrfdieiu- 
lich machen, dafs die thierifchen Aljfonderungen von 
dem Einfluffe des Nervenfyftems abhängen, eine An- 
lliht, welche durch fpäter von mir angeftellte Ver- 
fuche, in welchen nach Zerftorung des Gehirns, unge- 
achtet die Thäligkeit des Herzens und der Kreislauf 
wie gewöhnlich beftand , dennoch die Verrichtung) der 
abfondernden Organe ohne Untei-fchied aufliörten, noch 
mehr beftätigt ^vurde. 

Schon früher haben die Phyfiologen den Grad der 
Nothwendigkeit der Nerven zur Abfonderung zu be- 
ftimmen verfucht, allein diefe Unterfuchung ift mit be- 
trächtlichen Schwierigkeiten verknüpft und von den bis 
jetzt angeftellten Verfuchen fcheint keiner viel Licht 
über den Gegenftand zu verbreiten. Das einzige Mit- 
tel, um durch directe Verfuche auszumachen , ob die 
Nerren wirklich ziu- Abfonderung nothwendig und, ift 



l) A. den pliiU transact. 1814. part. I, 

s) Ueberf, von Naße in Reils Archiv Bd. 12. H. 3. 



427 

fl!e DurcTifclineiflung der Nervenäfle, welche zu den 
Drüfen gehen. Diefer Verfuch aber kann bei den mei- 
ften Drüfen gar nicht angeftellt werden und ift da, wp 
er möglich ift, ineiftentheils mit fo bedeutender Stö- 
rung und Verletzung anderer Theile verknüpft, dafs 
er nur äufserft fchwer zu beftimmten Refultaten führt. 
Künftige Unterfuchungen mögen vielleicht manche Ura- 
ftände enthüllen , wodurch wir zu • einer genügenden 
Entfcheidung einer fo wichtigen phyliologifchen Frage 
geleitet werden. Bis dahin verdient, da die bisherigen 
Arbeiten der Phj'ßologen fo wenig dazu beigetragen ha- 
ben , jede Thatfache , welche zu Erörterung derfelben 
beitragen kann, bemerkt zu werden, und ich lege da- 
her der Gefellfchaft die folgenden Verfuche vor, welche 
wenigftens für eine Secrelion die Abhängigkeit von den 
Nerven erweifen. 

Der iVIagen erhält feine Nerven vom herumfchwei- 
fenden Nerven , und eben diefer trägt , da er an der 
Bildung des Sonnengeflechtes Antheil hat, zu Verfor- 
gung des übrigen Thelles des Darmkanals , vorzüglich 
der dünnen Därme, bei. 

Bei einer frühem Unterfuchung, welche die Functio- 
nen des Magens zum Gegenftande hatte , durchfchnitt 
ich dicfe Nerven am Hälfe , um ihren Einilufs auf die 
Abfonderung des Magenfafles auszumitteln, wurde aber 
in meiner Erwartung getäufcht, indem die Thiere be- 
fiändig wegen der, durch die Zerfchneidung des Ner- 
ven veranlafste Störung der Refpiration früher ftarben. 
Ms die Wirkung derfelben auf das Verdauungsgefchält 
au^gemlttelt werden konnte. 

Früher hatte ich mich überzeugt , dafs bei Arfenik- 
vergiftungen eine betrachtliche Menge Schleim und wäf- 
ferige Fliifligkeit von der Schleimhaut des Magens und 
des Darmkanals abgefoiulert wird, welche eine äufserft 



beträolitliolie Ausdehnung diefer Tliejle nach dem ToJe 
zur Folge hat. Hierdurch wurde ich auf die Vermuthung '[ 
geleitet, dafs, wenn Hch auch der Einfiufs der Duich- 
fchneidung des Iienunfchweifenden Nerven auf die noi- 
niale Secretion des Magens nicht ausmitteln liefse, dies 
doch vielleicht für eine künltliche diefer Art möglick 
wäre. 

In diefer Abficht wurden die folgenden Verfuche 
angeftellt : 

l) Augenhlicklich nach Durchfchneidung des Hals- 
ftückes der hcrumfchweifenden und fympathifchen Ner- 
ven hei einem Hunde wurden zehn Gran Arfenik in. 
eine'AVunde am Schenlcel gehracht. Das Athraen wurde, 
ivie gewohnlich nach Durchfchneidung diefer Nerven, 
Tjcfohwerlich und fpäter traten die bei Aifenikvergiftun- 
cen gewohnlichen 'Zufälle, doch mit dem Unterfchiede 
ein,, dafs weder aus dem Magen, nocli dem Darmkanal 
Fliiffigkeitien ausgeleert wurden. Nach 3} Stunden ftarb 
das Thier. Der Magen und Darmkanal enthielten blofs 
Speifen und Koth, durchaus aber keine Spur von der 
bei Vergiftungen diefer Art gewoh^ilich anwefenden 
Flüffigkeit. Die Schleimhaut des Magens und des Darm, 
kanals war beträchtlich entzündet. 

2) Ein anderer Hund, bei welchem derfelbe \'er- 
luch wifdeiholt wurde , ftarb "nach 9 Stunden. Auch 
hier ^^'ar die Schleimhaut entzündet , allein keine Spur 
von wräfferiger oder fchleimiger Flüfhgkeit im Darm- 
kanal; ' 

3) Sogleich nach Durclifchneidung derfelben Ner- 
ven am Hälfe wurden einem Hunde zwei Unzen einer 
gefättigten Auflöfung von weifsem Arfenikoxjd in Wal- 
ler eingegeben. Nach 3 Stunden ftarb er. Die Schleim- 
haut war etwas entzündet , der Darm aber enthielt we- 
der fctleiauge noch wälfeiige Flüfligkeir. 



Bei diefen. V'erfiiclien ftarben ctiefe Tliiere clurch 
Sie Anwendung des Arfeniks und unter den gewöhn- 
lich dadurch veranlafstert ZuFällen, mit Ausnahme der 
reicliHchen Sclileimalifonderung, welche fonft auf der 
Schleimhaut des Magens und Daruikanals Statt Kndet. 
Natürlich läfst lieh hieraus fchlieCsen, dafs diefe Abfon- 
denina durch die Unterbrechung des Nerveneinfluffes, 
niillelft Durchfchneidung des herumfchweirenden Ner^ 
ven, gehemint wurde. Da aber durch diefe auch immer 
das Athmen geftört und erfchwert wird, fo raufste na- 
türlich der Antheil diefes Umftandes an Hervorhrin- 
gtmg jener Wirkung ausgemittelt werden. Daher wurde 
diefer Verfuch mit der Abänderimg wiederholt, dafs 
die Nerven ohne Störung der Function der Luiieen 
durchfchnitten wurden. 

4) Zu djefem Behuf wurde bei einem Hunde dicht 
unter den falfchcn Rippen ein Einfchnitt in den Un- 
terleib gemarht und die Nervenftränge des heriunfchwei- 
fenden Nerven, welche fich zum Magen begeben, dicht 
unter dem obern Magenmunde durchfchnitten , hierauf 
die Wunde zugenäht. Das Atlimen wurde durchau.s 
nicht geftört, fondern gcfchahe fo fchnell und fo frei 
als unter gewöhnlichen Bedingungen. Hierauf wurde 
weifses Arfenikoxyd in den Schenkel gebracht, worauf 
das Tliier wenig Stunden nachher "unter den gewöhn- 
lichen Zufällen , allein wieder ohne flUflige Ausleeruu- 
gen aus dem Magen und Darinltanal , ftarb. 

Bei der Oeffnung wurde die Schleimhaut des Ma- 
gens und Darmkanals entzündet, in diefen Theilen wc- 
der fchleimige noch wäfferige Fliifligkcit, nur eine ge- 
ringe Menge Schleim im dicken Darm gefunden. 

Da diefer Verfuch mit den vorigen daffelbe Refnl- 
tat gab, fo *ft man wohl zu dem Schluffe berechtigt, 
dafs bei allen die Unterdrückung der Ablbndcrungen 



430 

Wofs "(Ter Durchfchneidurg der Nerven zuzufchreiben 
ift, und die Abfonderungsthätigkeit des Magens und 
Darmkanals felir unter dem Einfluffe des Nerv^nfyftems 
fteht. Zwar kann man aus ihnen keine beftimmte Fol- 
gerung über die Notliwendigkeit des NerveneinfluJIes 
auf die Abfondei-ungen überhaupt herleiten ; allein , fo- 
fern fie ein Glied' in der Kette einer wichtigen, aber 
fehr Ichwierigen phyfiologifchen Unterfiichung bilden, 
haben die angeführten Umftände vielleicht einigen 
Werth und verdienen aufgezeichnet zu werden,' 

Ich füge noch hinzu, dafs ich die Unterfuchung 
fortzufetzen verlacht hahe, um den EinHufs auszumit- 
teln , welchen Durchfchneidung der Magennerven ober- 
halb des obeni Magenmundes auf das Verdauungsgefchäft 
bat-, allein verfchiedene Umftände, deren Aufzählung 
unnöthig ift, haben mich in meinen Forfchungen un- 
terbrochen und fcheinen es faft unmöglich zu machen, 
je über diefen Gegenftand befriedigende Beobachtungen 
anzuf teilen. 



III. Ueber die Dauer der Pupillarmembran. Von 
/. F. Meckel. 

Man weifs fchon lange, dafs die Pupillarmembran 
beim Menfchen und den meiften Thieren fchon vor er- 
laneter Reife des Fötus verfcKwindet. Im Allgemeinen 
nimmt man wohl an, dafs dies Gefetz für alle gut; 
wenigftens fagt noch ganz neuerlich der berühmte Blu- 
vienbach (Handb. der vergl. Anat. 2te Ausg. iglS- S. 518. 
519): „Im übrigen, fo viel nämlich bisher darüber an- 
gemerkt worden , wie z. B. in der memljrana pupilla- 
ris u. f. w. fcheinen fie (die Säugthicre) mit dem un- 
gebornen Kinde iin ganzen meift übeicin zu kommen." 
Indeffen hatte fchon fVriiberg (De inetabrana foetus pu- 



r. 431 

pillari in nov. comm. foc. reg. fc. Gotling. T. II. rec, 
in ejus Comment. foc. reg. obl. fy]]. Vol. I. p. g.) be- 
merkt, dafs er bei einer zweitägigen Katze auf beiden 
Augen die Pupillaruiembran vgllkounnen deutlich gefun- 
den habe und gefragt , ob dies vielleicht bei allen Tliie- 
ren, deren Augen eine etwas beträchtliche Zeit nach 
der Geburt verfchloffen bleiben, der Fall fey? Da ich 
gerade jetzt Behufs andrer Gegenftände fechs neugeborne 
Katzen unterfuchte , erinnerte ich mich an diefe Stelle, 
unterfuchte die Augen von allen , nachdem drei davon 
injicirt worden waien und fand bei allen die Pupillar- 
membran fo derb und gefäfsreicli , vuie ich fie beim menj'ch' 
liehen Ejnbryo kaum tur Zeit der huchften Blüthe fahe. 
Zugleich war die Centralarterie der Marldiaut und ihra 
Verbreitung auf der liintern Fläche der Linfenkapfel 
deutlicher als in gleich grofsen menfchlichen Augen. 

Jene Vermuthung Wrisbergs fcheint alfo wenigftens 
für die Katze völlig gegründet zu feyn und es läfst ßch 
wohl nicht ohne Grund vermuthen dafs auch die übri- 
gen mit verklebten Augenliedern gebornenThierediefclbe 
Anordnung darbieten werden. Sobald ich Gelegenheit 
habe, neugeborne Hunde und Kaninchen zu unterfuchen, 
werde ich diefon Gegenltand beiückfichtigen und den 
Befund anzeigen. 

Offenbar ift diefe Uebereinfiimmung der Entwick- 
lung der äufsern und innern Theile des Auges höchft 
merkwürdig und nicht ohne Intereffe ift es , dafs gerade 
bei denfeiben ThierSn fich auch andere Theile, die bei 
andern, deren Pupillarmembran weit früher verfchwin- 
det, auch fchon lauge vor der Geburt nicht mehr be- 
ftchen, z. U. die Nabelblafe und die iNabelgekrosgofäfse 
fich bis zur Reife erhalten. 

So wie Jich in diefer Hinficht der Fötus einiger 
SUiigthierarteii von denen andrer bedeutend unterlchei" 



433 

<3et, fo läfstjficli aucli für andre Organe claTTelbe Ga- 
feiz aiifftellen. 'Ganz vorzüglich gehören hierher die 
Nebennieren, die bei faft allen Säiigthieven in Hinficht 
auf Grcifse ein , dem menfchlichen ganz entgegetigefetz- 
tes VerhältniXs darbieten, unJ^ wo man gewifs nicht 
Tagen kann, dafs die Säugthlere mit dem Menfchen ira 
Ganzen niciftens übereinftimmen. Viehnehr fcheint es 
mir allgemeines Gefelz , dafs die Nebennieren bei den 
Säuglhieren in allen Lebensp^rioden zu den Nieren daf- 
felbe Verhältnifs haben, wo fie nicht in den früliern 
fogar bedeutend kleiner find. Wo ich nicht irre, fo liegt 
der Grund diefer Verfcbiedenheit in der Verfchiedenheit 
fler vcrhältnlfsmäLigcn Gröfse der Innern Gefchlechts- 
theile, iiamentlicli der Organe und Hoden beim Men- 
fchen und den Säugthieren. Bei diefen findet fich zwi- 
fchen jenen und den Ausfiihrungsgängen eine äufserfc 
aViCehnliche Maffe, welche urfprünglich die ganzen 
Gefchlechtstheile darftellt, alle übrigen Abtheilungen 
derfell>en bei weitem überwiegt, wovon dagegen beim 
menfchlichen Fmb'ryo kaum eine Spur vorhanden ift. 
Hochft waluiciieinlich hängt mit der ftärkern Entwick- 
lung diefer Gegend, die fchwichere der Kebenniereu 
zufammeu "). 



IV. Ueber einige ungewöhnliche Erfcheinungen an 
Leberknoten. Von /. F. Meckel. 
Kürzlich fand ich in der Leiche einer ungefähr 40 
.lahr alten Frau eine, mit Knoten durchaus befäete Le- 
J)er. Sie gehören zu der Art, welche Baillie (Anat. 
des kraiikh. Baues, überf. v. Sommerring 8.131.) gmfse, 
weifse 

l) Sleiie hierüber □mrij'ndliclier Miller de geniCiLium tvolution;. 
Hake 181;. 



. 455 

weifte Knoten der Leber nannte , und die von ihm (En- 
gravings Fafc. V. PI. 3. F. 2. 3.) , noch beffei- alieV yoii 
Farre (Morbid anat. oi the liver Fafc. I. PI. i.) abgebiU 
det worden find. 

Die Anzahl der Knoten belief fich wenigftens auf 
fechzig. Ihre Gröfse variirte beträchtlich. Me klein- 
ften ivaren nicht gröfser als eine Erbfe, die gröfsten an- 
fehnlicher als eine welfche Nufs. Das charakteriftifche 
Kennzeichen derfelben, ein Eindruck an dem nach 
aufsen vorragenden Theile ihres ümfangs, fand lieh 
hier, fo Mae in allen von mir gefehenen Fällen diefer Art. 
Eben Ig bemerkte ich auch hier, wie in allen frühern, 
dafs es nur an denen voikommt, welche fich an der 
Oberfläche befinden, die im Innern der Leber liegen- 
den zeigten es nie. Uebrigens waren faft alle diefe 
Knoten genau nach demfelben Typus gebildet ; nur we- 
nige unterfchieden fich von den übrigen, diefe aber auf 
eine merkwürdige Weife. 

Statt dafs nämlich bei weitem die meiften , wie 
die erfte Figur zeigt, eine gleichförmige weifsliche Farba 
hatten , (wobei ich bemerke , dafs ich diefe Knoten , un, 
geachtet ich zehn bis zwölf Fälle davon gefehen habe 
nie fo gelb fand, als fie Farre a. a. O. abbildet), und 
namentlich keine Spuren von Blut oder Gefäfsen zeig- 
ten, wechfelten bei diefen rothe, höchft regelmäfsig Ge- 
bildete Ringe mit der weifsen Subftanz. ' Die Anord- 
nung war nicht überall völlig diefelbe, fondern ich fand 
folgende Verfchiedenheiten. Bei einigen einen weifsen 
mittlem TheU, liierauf einen fchmalen roihen Rin«, 
darauf wieder einen breitern weifsen, welcher den .aufser. 
ften Thcil des Knoten bildete. Diefe Anordnung ftellt 
die zweite Figur dar. Andere, welche die dritte Figur 
liefert, unterfchieden fich von diefen durch die Ani- 
•.refenheit eines mittlem rothen Punctes izn inncrn gelb» 
Af. i. Areliiv. 2. j. E e 



iveifsen Kerne. " Eine vierte, noch zufammengerelztere 
Bildung endlich ftellt die vierte Abbildung dar, vi^o Tich 
innerhalb des bei der eben befchviebenen kleinen rothen 
Kernes , der hier in demfelben Verhältnifs beträchtlicher 
ift, ein .l^leiner vyeifser Punct befindet, fo dafs alfo ficli 
l^ier fünf verfchiedene Lagen, drei weifsliche und zwei 
rpthe finden. Einen höhern Grad von Zufammenfetzung 
Jcpnnte ich, trotz der genaueften und forgfältigften Un- 
terfuchung und DurchTchneidung aller Knoten, nicht 
finden. 

" ■ Die weifsliche Subftanz unterfchied fich in tlle- 
feii Varietäten durch nichts von der in den ganz dar- 
aus gebildeten Knoten. Eben fo wenig ftand diefe An- 
ordnung mit der Gröfse derfelben in Beziehung, in- 
dem die übrigen Knoten, die entweder eben fo grofs, 
gt'öfser oder kleiner waren, durchaus keine Spur davon 
^eisten. Die Knoten felbft , an welchen ich diefe fand, 
gehörten irAixi 2u den mittlem. 

Aufserdem fand ficheine, aber wreit feltnere , nur 
fiji. zwei Stellen vorkommende Verfchiedenheit der Kno- 
ten, i!> Hinficht auf Conllftenz. In dem einen näm- 
lich lag in der Mitte der übrigen weifsen homogenen, mit 
den übrigen übereinkommenden Subflapz eiii Ideiner, 
mehr gelber, weit härterer, trockner, zerreiblicher 
Kern , der zunächft von einem fchmalen , regelmäfsigen, 
rothen Kreife umgeben war. Diefe Knoten findet man 
in der fünft«n Abbildung. Die fechfte dagegen ftellt ein^ 
Andere Form dar, wo der harte, bröckliche^ geibgriui- 
liche Kern bei weitem den gröfsten Theil des Knotens 
einnahm , und nur von einem fchmalen hellen Streifen, 
der auch etwas härter und trockner als die gewohnliche 
gelbweifse Subftanz war, mehr die BefchafFenheit eines 
Balges hatte , umgeben fchien 



435 

Diefe Erfcheinungen erregten meine Aufmerkfanrikelf, 
weil ich fie weder früher gefehen hatte, noch mich er- 
innerte, fie von andern Anatomen angeführt gefunden 
zu haben. Baillie Tagt zwar (a. a. O. S. 131.): „diefe 
„ Knoten fcheinen zuerft rings um die Blutgefäfse der 
„ Leber gebildet zu werden , wie man wahrnimmt , wenn 
„man die Leber in diefem Zuftande durclifchneidet ; " 
allein diefe Ausfage fcheint mir theils wenig gegründet, 
theils auch mit der gegenwärtigen Erfcheinung in kei- 
ner Beziehung zu flehen. 

Farre bildet an der äufsern Oberfläche einiger die- 
fer Knoten rothe Stellen ab und fagt auch (a. a. O. S. 5.) : 
„ihre vorragende Fläche werde durch Blutgefäfse etwas 
flecltig," erwähnt aber der von mir befchrieljenen Er- 
fcheinungen eben fo wenig, als er fie in der Abbildung 
auf irgend eine Weife andeutet. Monro , der eine ge- 
naue Befchreibung diefer Art von Gefchwülften liefert, 
(Morbid anat. of the human gullet u. f. w. Edinb. I8lt. 
p.219 — 22I.)fag': ausdrücklich: „I never have beenable» 
„to obferve bloodveffels within the fubftance of tu- 
„mours." Eben fo wenig hat Voigtel da, wo er von 
diefen Knoten handelt (Path. Anat. Bd. 3. S. 38.) diefe 
Erfcheinungen bemerkt und fie verdienten daher fchott 
ihrer Seltenheit wegen eine befondeie Envähnung. 

Aufserdem aber fcheinen fie mir in Hinficht auf ihr* 
Bedeutung merkwürdig. Wo ich nicht fahr irre, fo find 
die verfchiedenen Formen , welche ich fand , verfehle- 
dcne Bildungsftufen derfelben regelwidrigen Textur. Die 
m«iften, wenig confifteten, homogenen, weifsen, blm- 
lofen Knoten ftehen auf der niedrigftcn Stufe der Ent- 
wicklung, über welche fie fich wohl im Allgemeinen 
nur feiten erheben. F^ine vollkommiie Fliuwicklung 
Hellen diejenigen dar, wo blutige Krelfe mit der frülier 
vurhandenen Subltanz wechfeln. Der Grad der Voll« 

£e 1 



436 

kommenlieit fchemt hier durch die gröfsere Zalil der 
»othen Gefäfskreife angedeutet zu feyn, die auch mit 
der Gröfse der Knoten wächft. Endlich ift die dritte, 
feltenfte Fort« die Stufe , welche einen gefunkenen Zu- 
ftand , die Periode der Abnahme der Vegetation des re- 
gelwidrig entftandcnen Gewebes andeutet. Sehr fchön 
zeigt die fünfte Figur den Uebergang von dem Zuftande 
der höchften Blüte zur gänzlichen Abnahme, dem Ab- 
fterben, welches die fechlte bezeichnet. Die Entftehung 
von Gefäfsen , welche bei weitem nicht überall eintritt, 
Icheint, nrich dem in der fünften Figur abgebildeten 
Knoten der Erhärtung der weilslichen Subftanz noth- 
wendig vorauszugehen, 

Vergleicht man diefe ErTcheinungen mit andern, 
häufiger im Organismus vorkommenden, fo findet man, 
dafs lie mit den Exanthemen und den Veränderungen 
des bthrüteten Eies, alfo mit der Entftehung neuer Or- 
ganifatienen überhaupt übereinliommen. 

Die weifsliche Subftanz düFerencürt lieh auf ähn- 
liche Weile, als es bei Bildung der Halonen in der 
Haut des Dotters gefchieht , denn fie ift nicht durcli- 
aus homogen , fondern es finden fich dunklere und hel- 
lere, zum Theil mehr oder weniger concehtriChe Stel- 
len. Diefe Dißerencürung erreicht nach innen den höcji- 
ften Grad und hierdurch bildet fich eine Area vafeulofa 
von gröfserer oder geringerer Zufammenfetzung, welche 
das Mittel zur Entftehung neuer Subftanz zu u'erden 
fcheiiu, innerhalb deren fie fich dann felbft mehr oder 
weniger wiederholt. Doch wird dadurch nie etwas Höhe- 
res als -das urfprünglich Vorhandene hervorgebracht, fo 
wie auch die fich völlig auf diefelbe Weife nach innen 
wiederholende Hydatide immer nur ein Produkt er- 
«eugt, dat mit einer Eihülle Aehnlichkeit hat. Die 



437 

EritTteiiung der harten, bröckUchen Subftanz fcheint 
nicht unpallentl mit der Bildung des Schor/es ver- 
glichen werden zu konnen.- 



V. Ueher. den Zuftand der Blutgefäfse bei der Ent- 
zündnng '). 

Bei Unterfuchiungen über den Zuftand entzündeter 
Gefilfse kam ich auf die Vertmithung, dafs die Erre- 
gung von Entzündung in durchlichtigen Tlieilen und 
die Beobachtung derfelben einiges Licht über den Ge- 
genftand verbreiten könnte. Zwar war ich im Auffin- 
den des Urfprungs und des Fortgangs diefer Erfchei- 
nungen nicht ganz fo glücklich als ich gewünfcht hätte, 
indeHen boten fich mir doch dabei Gegenftände dar, 
auf welche früher gar nicht oder weiiigftpus nur an- 
vollkomrnen aufmsrkfam gemacht worden war. Eine 
genaue Darftellung der Schwierigkeilen , welche ich fand, 
wird vielleicht andere in den Stand fetzen, fie künftig 
2u vermeiden, oder wenigftens abhalten, zu viel Ver^ 
trauen auf die Berechnungen und Scblüffe folcher Pa« 
lliologen zu felzen, di>! darüber fpeculirt, aber nicht 
die Schwierigkelten des Geger.fundes durch die Erfah» 
aung kennen gelernt haben. 

Ehe ich Entzündung zu veranlaffen und zu beob- 
achten fuchte , bemühte ich mich , die normalen Er- 
fcbeinungen des -Kreislaufs in denfelben Theilen genau 
auszumitteln. Kaltblütige Thiere eignen ilch bekannt- 
lich hierzu am heften. Halltr wählte dazu die Gekrös- 



I) Aui den vortrerflichen Lectures on infUmmation exhibitlng 
a vie^v vi ihe geneial ductrines pathological and practical ot 
medical furgery by J. Thmißti. Edinb. 1813. S. 75 — W- 



438 .*^,-.^- 

gefäfse des Frofclies; allein durch das Freilegen diefejr 
Membran werden die Gefäfse gezerrt und in eine regel- 
widrige Lage gebracht und der Tod des Thieres ift die Folge 
des Verfuches. Ich zog daher die Gefäfse der Schwimm- 
haut des Frofches vor, die zwar nicht fo vollkommen als 
das Gekröfe , aber doch hinlänglich durchfichtig find, um 
bei hellem Lichte eine deutliche Beobachtung des Blutlaufes 
zuzulaufen, und ohne viele Schmerzen und den geringften 
Blutverluft dargelegt werden können. Wird der Fufs aus- 
gefpannt und die Spitzen von zwei bis drei Zehen an 
die Oeffnungen der Vertiefung befeftigt, in welcher das 
Glied liegt, fo Uann man zu jeder Zeit den Zuftand des 
Kreislaufs ai\ den entgegengefetzten Seiten der mittlen» 
Zehen beobachten , ein , bei folchen Verfuchen wichtiger 
Uinftand, wo verfchiedenartige Subftanzen an die Ge- 
fäfse gebracht werden, indem die Zehe die an die Ge- 
fäfse ihrer einen Seite gebrachten Subftanzen fich auszu- 
breiten und den Kreislauf auf der andern Seite umzu- 
ändern hindert. 

Mit blofsem Auge oder einem gewöhnlichen Ver- 
gröfserungsglafe betrachtet zeigt die Schwinimhaut kleine 
Blutgefäfse, yon welchen die gröfsern in der Nähe und 
längs der Zehen verlaufen und Zweige abfchiclven , die 
lieh auf ,der Schwimmhaut verzweigen und frei zufam- 
jnenmiinden. Der unmittelbare Uebergang der Arterien 
und Venen ift an den Enden der Schwimmhaut am 
deutlichften. Die Haargefäfse fcheinen hier befonders 
lehr feine Venenzweige zu feyn und ein Gewebe zu 
bilden, welches an arteriöfe und venöfe Gefäfse gehef- 
tet ift und von ihnen aus gefüllt werden kann. In 
diefeh 'drei Ordnungen von Gefäfsen , den Arterien, Ve- 
«en und Haargefäfsen geht der Kreislauf ununterbrochen 
fort. Man lieht deutlich die Blutkügelchen in den 
Haargefäfsen und Venen, allein, fo lange der Kreis- 



439 

Uuf ungcfiört ift , bemerkt man keine Spur von Antrieli 
oder zitternder Bewegung. Nur wenn das Thier fich be- 
wegt, nimmt man im Allgemeinen Unregelmkfsigkeit 
und Störung ivair , wo denn das Blut fowohl in den 
Arterien als Venen auf kurze Zeit flockt. Docli hört 
diefe Stockung augenblicklich auf, die Bewegungen des 
'l'hieres jnüfsten denn lehr heftig oder lange dauernd 
feyn, und irgendwo einen Druck auf das Gefäfsfyften^ 
veranlalfen. 

Durch vielfältige Verfuche habe ich mich über- 
zeugt, dafs durch veifchiedene Grade von Druck auf 
die Bruft oder den Schenkel , die Blutbewegung in der 
Schwimmhaut ganz geliemmt, fcliwankend gemacht, 
oder hl eine flofsweife verwandelt werden kann. Ein 
flarker Druck bringt gänzliche Störung , ein fchwäche- 
rer fchwankende, ein noch leiferer ftofs weife Bewegung 
hervor, wobei das Blut nicht, wie bei der fchwanken- 
den, zurückfallt. Der fchwächfte Druck hemmt die 
Blutbewegung in allen den Haaigefäfsen', die nicht 
unmittelbar von Arterien entfpringen. Selbft Berüh- 
rung des Thieres mit der Fingerfpitze bringt eine 
augenblickliche Störung hervor, die aber vorzüglich, 
wo nicht ganz, "von dem Beftreben herrührt, einer 
unbekannten, plötzlich eintretenden Gefahr zu ent- 
gehen, indem fie nach ein - oder mehrmaliger Wieder- 
holung befonders einer fcHwachen Berührung ge- 
wöbnlith nicht wieder eintrtit und nicht andauert, 
wenn die Berührung fortgefetzt wird, "wenn fie gleich 
bisweilen auch in dem Augenblicke, wo der Finger 
weggenommen wird, eintritt. Hemmt man durch 
Eh-uck auf ein Glied den Blutlauf in den Arterien 
einige Secundeti lang, fo fleht man das Blut von dem' 
Augenblick an, wo der Druck aufhört, beträchtlich zu-' 
rückweichen. Kurz, immer fcheint jedem Beftreben zur' 



440 -^.-^v,. 

Bewegung eine Hemmung oder beträchtliches Zurück- 
weichen des Blutes vorauszugehen. 

J'''- Da fich durch E>ruck die Schnelligkeit des Blutes 
fö fehr vermindert, dafs die Blutkügelchen in den Ar- 
terien und Venen fichtbar werden, fo verfuchte ich 
die Schnelligkeit der Bewegung delfelben zu meffcn, 
fand es aber durchaus unmöglich , indem ich bei gefun- 
dcm und regelmäfsigem Kreislauf diefelben Kügelchen 
nie in einer hinreichenden Strecke im Gefichtsfelde ver- 
folgen konnte. Hierüber wunderte ich mich defto'melir, 
da Haies bei feinen Verfuchen ' keine Schwierigkeit in 
Beftimmung der verhältnifsmäCsigen Sgbnelligkeit der 
Blutbewegiing in den Lungen und den Muskeln des 
Frofches gefunden zu haben fcheint, indem er fie in 
jenen drei und vierzignial fchneller als in diefen anglebt. 
Aus feinen Angaben indeffen, dafs die Blutbewegung 
bei jeder Zufammenziehung des Herzens überall fichtbar 
befcbleunigt wurde , möchte ich fchliefsfln , dafs bei fei- 
nen Verfuchen die Blutbewegung durch die Lungen 
nicht völlig fo frei gewefen fey, als er glaubte, indem 
lichtbare Befchleunigung derfelben in den Haaigefäfsen 
bei keinexn meiner Veifuche eintrat, wo nicht beträcht- 
liche Schwäche oder zufälliger Druck vorhanden war. 
Die Befchleunigungen , welche Haies als Zeichen von 
Freiheit der Blutbewegung anfahe, traten nur bei ge- 
ftörtem, gehemmtem oder gehindertem Kreislaufe ein. 
In den Venen find fie im Allgemeinen deutlicher als in 
den Arterien, die fchwankenden Bewegungen dagegen 
hjer fiehtbar merklicher als dort. Eben fo wenig kann 
icJi mir cililären, wie Haller und Sfullanzani die Blut- 
bewegung in den Arterien dreimal fchneller als in 
den begleitenden Venen finden konnten, indem ich 
weder elnfehe, wie die Vergleichung angeftellt, noch 
das Verhältnifs ausgemittelt werden kann. Auch geben 



.^^.^.^^ 441 

Ce die angewandten Mittel nicht an, was immer da 
fahr zu wünfchen wäre, wo Zahlen, MaaTse und Ver- 
hältnirfe Ijeftiinmt, oder bei phyfiTchen Unterfuchungen 
2u Grundlagen von Speculationen und Schlüffen ange- 
nommen werden follen. In den gröfsern Gefäfsen 
fleht man die Blutkügelchen nie beim regelmäfsi- 
gen xmd gefunden Kreislauf, nur in den Haargefäfsen 
werden fie lichtbar, und hier ift der Blutlauf fo un- 
regehnäfsig und die Anaftomofen lind fo zahlreich , dafs 
es äufserft fchwierig ift, die Bewegung eines Kügel- 
chens in einer merklichen Strecke zu verfolgen. Uebri- 
gens ift wohl unbedenklich die Blulbewegung in den 
Arterien fchneller als in den Venen, iveil diefe weiter 
find. Auch ergiebt lieh dies fchon daraus, dafs man 
in dielen bei normaler Bewegung die Kügelchen erkenT 
nen kann , in jenen nicht. 

Die Irritabilität der Ideinern oder Haargefäfse ift 
feit langer Zeit aus den Functionen derfelben erfehlof- 
fen worden, wenn man gleich bemerken mufs, dafs 
die directen Beweife für diefelbe weder fo zahlreich, 
noch fo bündig find, als man es aus der häufigen Be- 
zugnahine auf diefell)e bei mediciiiifchen Speculationen 
fchliefsen follte. Haller ^vurde bekanntlich durch feine 
Verfuche zum gänzlichen Läugnen derfelben in den grö- 
Isern Arterienftämmen veranlafst; aUemVerJchuirs Beob- 
achtungen fchliefsen jeden Zweifel an der Exiftejiz der- 
felben aus. Meine fogleich anzufiellenden Verfuche wer- 
den, hoffe ich, mit Beftimmtheit darthun, dafs lie in 
den kleinen Gefäfsen auch l^altblütiger Thiere wenig. 
ftens eben fo, und vielleicht noch deutlicher, erweis- 
lich ift. 

Bei meinen Verfuchen fand ich, dafs die kleinen 
Arterien bei Hemmung der Blutbewegung fich beträchl- 
licb verengten, ja bisweilen fo fehr verfcblolfen, dafS 



44i3 

fie ganz verfchwanden. Zuweilen, doch fehr feiten , ge- 
fchah dies auch ohne eine folclie Hemmung des Blutlau- 
fes durth Bewegung des TMeres. Bald verengten fich 
auf diefe Weife' alle , bald ' nuV einige Gefäfse der 
Schwimmhaut. ' Ein einziger Aft verfchwindet fogar bis- 
weilen völlig , während die benachbarten gar keine Ver. 
änderung erleiden öder fich ervVreitern, Veränderungen, 
die j man bisweilen fögar mit dem blofse'n Auge bemerkt, 
und die, theils wegen des Widet^fpruches zwifchen ihnen 
und den Angaben voh Halter und) Spallansani , theils 
wegen der Beftätigung, welche lie der Meinung meh- 
rerer Ph^vfiologen, dafs die kleinern Arterien reizbarer 
als die gröfseren feyen , gewähren , meine Aufmerkfam- 
keit natürlich im hohen Grade reizten,' und mich zur 
Anwendung folcher Mittel auf die kleinen Gefäfse ver^ 
anlafsten, welche die Zufammenziehungen gröfserer am 
leichteften erzeugen. 

■ ''Ich -brachte' daher mit der Spitze eines feinen 
Pinfels fchwachen und ftarken Weingeift an die kleinen 
Arterien- der Schwimmhaut von acht bis neun verfchie- 
deneil Fvöfehen' ah, bemerkte aber keine Veränderung 
in der Blutbewegung in ihnen, ungeachtet diefe in der 
Schwimmhaut überhaupt dadurch befchleunigt zu werden 
fiihien. Opiumtinctur hatte denfelben Erfolg und durch 
fie fchienen die Fröfche, fie mochte an den Stamm oder 
das Glied gebracht werden, 'nach ihrer heftigen Bewe* 
guhg zu fchliefsen, unangenehm aflicirt zu werden. ' 
Durch die auf diefelbe Weife bewirkte Anbringung 
von fchwachem Athmoniüm entftanden jedesmal deut- 
liche , bisweilen vOllftändige ZuTammenziehungen in den 
nicht uniüittelbar Berührten Arterien. In mehr als hun- 
dert Verfuchen trat die Zufammenziehung in weniger 
als zwei Minuten ein. In dreizehn nach dreien, nur 
lü'drei bis tier Frälchen erfolgte lie nicht, ein äufserft 



geringes Verhältnifs zwifchen Gelingen und f ehlfchla- 
gen , wenn man es mit dem vergleicht , welches bei ähnr 
liehen Verfuchen mit den gröfsern Arterien warmbliitiger 
Thiere Statt findet. In einem der letztern vier Fällfe 
wurde das Ammonium viermal in ZwLfchenräunjen von 
yier bis fünf Minuten vergeblich angewandt; doch ent- 
ftanden in demfelben Thiere lebhafte Zufammenziehun- 
gen der Pulsadern der entgegengefetzten Seite ■derfel- 
ben Zehe. Die Zufammenziehung der Pulsadern durch 
Ammonium konnte in fünfzehn iVlinuten diei bis vier- 
mal hervorgebracht werden. Einigemal entftanden fie 
in einer Stunde acht bis neunmal , und zuweilen fehlen 
lieh unmittelbar nach der Anwendung des Ammoniums 
der ganze Kreislauf mehr oder weniger meiklich zu be- 
fchleunigen. Der erfte und deutlichfte Erfolg der Be- 
rührung mit Ammonium aber war immer eine VerminJ 
derung der Schnelligkeit der Bewegung in den mit 
den berührten und fich zufatnmenziehenden Arterien 
zufammenhiingenden Haargefäfsen , die, wenn die 
Zufammenziehung vollftändig ift, bis zur gänzlichen 
Stockung in denfelben geht und oft den Anfang der 
ZuDunmenziehung andeutet, noch ehe diefe felbft ficht- 
bar wird, Aufserdem ift die Zufammenziehung der 
Arterien gewöhnlich mit deutlicher Verengung der be- 
gleitenden Venen verijunden. Am ftärkften ift Jie 
an den unmittelbar berührten Stellen, erftreckt lieh 
aber Immer mehr oder weniger weit auf- und abwärts 
Ton denfelben. Ift fie fchwach, fo wird fie oft durch 
die auf die flruubende Bewegung des Thieres folgende 
Befchleunigung des Kreislaufs überwunden. Bei theil- 
weifer und eine kurze Strecke einnehmender Zufammen- 
ziehung ift die gröfsere Schnelligkeit der Blutbewegung 
in dem zufammengezogenen als dem ausgedehnteren 
Tiieile derfclben Pulsader oft Cehr deutlicb , einebydraue 



444 

lifclie Eifcheinung , dei-en Wahrnetinung diwcli die An« 
wefenheit der Blutkügelchen fehr erleichtert wird. Bei 
allen Verfuchen , wo blofs Ammonium angewandt wurd<, 
»rat eher Bläffe als Röthung der Scliwimmhaut ein , ver- 
fchwand aber immer bald. 

Reizung der kleinen Arterien mit einer Nadel 
verurfaclite immer fo heftige Schmerzen und Bewegun- 
gen , dafs die dadurch veranlaTsten Veränderungen nicht 
%vahrgenommen werden konnten ; doch brachte ich in 
drei Fällen durch fortgefetzte , aber fchwache Reizung 
diefer Arterien vollftändige Zufammenziehung hervor. 
Immer wurde hier der allgemeine Kreislauf in der 
Schwimmhaut durch diefes Mittel mehr oder weniger 
deutlich befchleunigt , doch war es fchwer zu beftimmen, 
ob diefe Erfcheinung eine Folge des örtlicbeh Reizes 
oder des Sträubens war. 

Aus den angeführten Verfuchen ergiebt fich wohl 
ohne Zweifel die Irritabilität der kleinern Arterien kalt- 
blütiger Thlere, mithin die Möglichkeit einer vom Her- 
ren unabhängigen unregelmäfsigen Vertheilung des Blu. 
tes in gewiffen Theilen des Körpers durch die lebendige 
Kraft der kleinften Arterienzweige. 

Als ich mit der Spitze eines Pinfels eine gefättigte 
Auflörung von falzfaurem Natrum an die Arterien der 
Schwimmhaut eines Frofches brachte , bemerkte ich zii 
meinem gröfstenErftaunen, dafs fieli diefelben nicht nur 
nicht zufammenzogen , fondern deutlich und merldichi 
erweiterten. Der barührte Theil der Schwimmhaut wurde 
deutlich roth , diefe , dem blofsen Auge lichtbare Roths 
bielt fünf Minuten und länger an , und erfchien durch- 
aus als Entzündung. Durch die Leichtigkeit, vermit- 
telft des Salzes einen, die Entzündung fo vollkommen 
darfteilenden Zuftand darzuftellen , wurde ich zu der 
Hoffnung TeranlaEst, etwas mit Gevvifsheit über die Ver- 



445 

fchiedeiUieit in der Schnelligkeit der Blutbewegung in 
entzündeten, und gefunden Gefälsen ausmitteln zu kön- 
nen ; indelfen fand ich atich dies nicht fo leicht , indem • 
die, durch die Anwendung des Salzes dem Anfchein 
nach veranlafsten Schmerzen heftige » ftörende Bewegun« 
gen hervorbringen. 

Eine ganz allgemeine Wirkung des Salzes ift eia 
weilsliches Anfehen der Oberfläche der Schwimmhaut, 
wodurch lie mehr oder weniger undurchfichtig , mithin 
die Blutbewegung weniger deutlich wird; das Haupt- 
hindemifs aber für die Ausmittelung der verfchiedene« 
und verhältnifsmäfsigen Schnelligkeit derfelben in nor- 
malen und dem Anfchein nach entzündeten Theilen 
ift die Ungleichförmigkeit der Wirkung des Salzes in 
■ ■verfchicdenen Thieren und in demfelben Thiere un- 
ter verfchiedenen Uiuftänden. Alle, die Verfchiedenhei- 
ten in der Schnelligkeit der Blutbewegung nach Anbrin- 
gung des Salzes betreffende Erfcheinungen, die ich be- 
merkte, können unter folgende drei Hauptpuncte ge- 
bracht werden: 

1) Vermehrte Schnelligkeit der Bewegung in den 
erweiterten gröfsern und kleinern Arterien und Haar- 
gefäfsen, an welche es unmittelbar angebracht wurde. 
Bei neun Verfuchen , deren Refultate genau aufgezeichnet 
wurden, war die Anwendung des Salzes nicht blofs 
von einer dem blofsen Auge fichtbaren , glänzend rothen 
Farbe, und einer lichtbaren Erweiterung der arteriöfen 
und venOfen Aefte , fondern deutlich von vermehrter 
Schnelligkeit der Blutbewegung in den Haargefafsen be- 
gleitet. Die Kügelchen wurden , und dies offenbar durch 
die vermehrte Schnelligkeit, weniger deutlich unter- 
fcheidbar als im unetitzundeten Theile der Schwimmhaut 
deffelben Thiores. Dagegen war die wiederiiulte An- 
wendung der Einwirkung des SdJzet auf dicfelben. <ie- 



'446 

fäfse immei' von Erlangfamung oder felbft gänzlicHer 
Stockung des HaargefäTskreisIaufes begleitet. 

2) In andern Fällen war eine fehr «llgemeinp 
Folge der Eiiiwiikung des Salzes Vermehrung der Schnel- 
ligkeit der Blutbewegung in Arterien und Venen mit 
Verminderung devfelben in den'Haargefäfsen. Die Ver- 
minderung der Schnelligkeit in den Haargefäfsen fcheint 
immer von einer Abnahme der bewegenden Kräfte her- 
zurühren, und ift meiftentheils das erfte fichtbare Zei- 
chen der verminderten Schnelligkeit in den gröfsem 
Gefäfsen, fchien aber doch in einigen Fällen mit ver- 
mehrter Schnelligkeit der Bewegung in diefen verge- 
felMchaftet zu feyn, wo fich dann wahrfcheinlich das 
Arterienblut durch Nebengef'äfse bewegte. Nie konnte 
ich während des augenblicklichen Eintritts des Blutes 
in eine Arterie eine Erweiterung ihrer Höhle bemerken. 

3) Das häufigfte Refultat war verminderte Schnel- 
ligkeit der Blutbewegung in Arterlen , Venen und Haar. 
gefäXsen. In fiebzehn, gleichfalls genau bemerkten Ver- 
Tuchen wurde unter Anwendung des Salzes die Bewe- 
gung fo langfam, dafs Ce in den Haargefäfsen ganr 

. flockte und diefe Stocltung, die gewöhnlich nach eini- 
gen Minuten I verfchwindet , hielt In einigen Fällen meh- 
rere Stunden an. Die Erweiterung und Ausdehnung 
aller Gefäfse ift fehr beträchtlich, und die Röthe bei 
erlangfamter und ftockender Bewegung etwas dunkler 
als die , welche eine Begleiterin des vermehrten Haar, 
gefäfskreislaufes ift. . 

Bei allen Verfuchen mit Salz , die Schnelligkeit der 
Bewegung mochte fich vermehren , vermindern oder 
gänzliche Stockung eintreten, waren die Gefäfse gleich- 
förmig erweitert, und diefe Erweiterung hielt an, bis 
die Röthe von felbft -verfchwand. Diefe Erfcheinung 



547 

ift unftrekig die mei-kwürdigfte und, wie man fielit, 
gerade der die Einwirkung des Ammoniums begleiten- 
den entgegengefetzt. 

Der, durch die Einwirkung des Salzes hervorge- 
'fcrachte Zuftand Iiatte den Anfchein von Entzündung, 
ungeachtet er in raehrern Fällen, wie das Erröthen, fehr 
fchnell verfchwand , doch variirte feine Dauer in ver- 
fchiedenen Fröfchen und in demfelben unter verfchie- 
denen Umftänden bedeutend. Im Allgemeinen hielt fie 
(lefto länger an, je fchwächer das Thiev war und je öfter 
die Einwirkung des Salzes wiederholt wurde. In der 
Vorausfetzung , dafs der dadurch in den Gefäfsen der 
Schwimmhaut gefetzte Zuftand der Entzündung 4iht- 
fpricht, möchte ich aus den angeführten Verfuchen fol- 
gende Refultate ziehen: 

l) Die Sclineliigkeit der Blutbewegung in entzün- 
deten Gefäfsen ift durchaus nicht vermindert, fonderxi 
■vermehrt, vorzüglich im Anfange der Entzündung und 
diefe Vermehritng der Schnelligkeit der Bewegung kann 
in den Haargrfäfsen vom Anfange bis zum Ende dJe- 
fes Zuftandes dauern. Hüchfi wahrfcheinlich kommt 
diefe vermehrte Schnelligkeit der Bewegung in einem 
höhern oder geringem Grade in dem Zuftande vor, 
den man activ» Entzündung nennt. 

a) Minderung der Schnelligkeit der Bljitbewegung 
in den «nt/.ündeten Haargefäfsen tritt bisweilen im 
Anfang der Entzündung ein, und kann lieh wahrend 
der Zunahme und überhaupt der {ganzen Dauer dcr- 
felben erlialten. 

3) Diefe Minderung der Schnelligkeit der Blutljc- 
wegung in den Haargefäfsen tritt indcflen bei gefunden 
und fiarken Menfchen häufiger im Fortgange als ii:i 
Anfange der Entzündung ein, und ift hüchft wahrfcliein'- 
Jieh dis VV'efen der pajjiven EnliünUung, Diefe Annahme 



448 

fcKeint mir durch' den Uniftand gerechtfertigt zu wei» 
den, dafs die Bewegung theils bei fchwachen Thieren, 
theils nach öfterer Wiederholung der Berührung mit Salz 
erlangfjmt. 

Sind diefe Anflehten vom Zuftande der Blutbe- 
wegimg in entzündeten Gefäfsen richtig, fo folgt, wo 
ich nicht irre , dafs Entzündung bisweilen von verjnehrtery 
bisweilen von verminderter Schnelligkeit der Blutbewegung 
durch die Haargefäfse des entzündeten Theiles begleitet 
iß, mithin keiner von beiden Zußänden in die Definition 
der Entzündung aufgenommen werden foilte. 



VI. lieber den Zuftand der Blutgefäfse beim Brande »). 

EKe Anfiillung der Blutgefäfse abgeftorbener Glie- 
der mit geronnenem Blute ift eine fo häuüge Erfchei- 
nung, dafs man üe für eine allgemeine, nothwendige 
und beftändige Begleiterin diefes Zuftandes, und die 
Urfache des Mangels Ton Blutung bei dem, felbft durch 
den lebenden Theil geführten Schnitt anfehen zu kön- 
nen geglaubt hat. Befonders hat hierauf Petit (Mem. 
de l'ac. des fc. 1732.) aufmerkfam gemacht. Ich felbft 
Iahe die Schenkelpulsader beim Brande des Unterfchen- 
kels über vier Zoll hoch über dem Brande durch ge- 
ronnenes Blut angefüllt, und in einem Falle, wo der 
Brand im Oberfchenkel anfing, erftreckte fich die Ge- 
rinnung des Blutes von der äufsem Hüftpulsader bis 
zu ihrem Urfprunge aus der Aorte. Dennoch ift jene 
Meinung nicht ganz richtig, indem ich jetzt mehrere 
Fälle gefehen habe , wo brandige Glieder ohne Blutflufs 



1) Aui dem oben ingtfühninWetk« ro& Tbtn^m S. )5> ff> 



449 

ans den durch die Natur getreniifen Gefiifsen alifielen, 
ungeachtet bei der genaueften Unterfuchung der Gefäfse 
des Stumpfes auch nicht eine Spur von geronnenem Blut 
oder Lymphe gefunden ivurde. In diefen Fällen hatte 
fleh die adhäihe Eniziindung, welche auf der Tren- 
nimgslinie zwifchen dem Todten und Leidenden entfteht, 
zu den Blutgcfäfsen ausgebreitet und durch Entzündung 
und Ausfchwätzung an der Innern Fläche und den von 
der Gefchwulft veranlaTsten äul'sern Druck war die 
Hiilde derfelben inwendig völlig verlchlollen. Die An- 
fiillung einer Arterie mit Blut ift nicht, wie Himly 
(Ueber den Brand, Göttingen 1800) glaubt, ein Beweis 
des Todes der Arterie , fondern gerade das Gegentheil, 
denn lie kann nur durch Vei'fchiiefsung der feinen 
Aefte vermittelft adhäliver Entzündung und im Blute 
entftehender Neigung zur Gerinnung entftehen, die 
eine Folge der Abfonderung von gerinnbarer Lymphe 
an der Oberfläche der entzündeten Pulsader ift. Die 
Gerinnung des Blutes , oder , mit andern Worten , die 
Verfchliefsung der Arterie erftreckt fich fo weit als die 
Entzündung, fchwerlich reicht fie weiier. 

Sowohl beim Brande, wo die abgeftorbenen Theile 
durch ulcerative Einfaugung abgeliofsen werden, als 
hei gewülijdichcr Amputation wegen anderer Krankhei- 
ten kann in den Arterien ein Blutpfropf vorkom- 
men, der ficli bis, feilen alier höher als die erften 
anaftomolirenden Aefie der getrennten Gefäfse erftreckt ; 
allein in vielen Fallen, felbfl von uTfprünglichem Brande, 
kommt, meiner feften Uel)erzeugung nacli, diefe Ge- 
rinnung des Blutes gar niclit vor. In einem Falle von 
idiopathifchem, chronifchem, trocknem Brande, der zu- 
gleich alle Finger und Zehen derfelben Perfon ergi'LfF, 
und wo vor dem Tode die Trennung der weichen 
Theile des Fufses im Fufsgclenkc zu Stande kam, uu- 
M. d. Archw. I. 3. l'i 



450 , — 

terfuclite ich die Pulsadern des Stumpfes nacli dem Tode 
und fand die vordere Schienbeinpulsader auf der rede- 
ten Seite noch völlig offen. Doch war diefe Oeffnung 
fehr klein, indem ile zwar grobe Iiijectionsmaffe , aber 
iu einem fo feinen Strahle als eineSchweinsborfte, durch- 
liefs. Die hintere Scliieiibeinpulsader war durch adhä- 
sive Entzündung verfchlofCen und enthielt einen klei- 
nen Pfropf von geronnener Lymphe, nicht von Blut. 
Am linken Unterfchenkel war die vordeie Schienbein- 
pulsader gegen ihre Endigung in der gerinnbaren , die 
überfläclie des Stumpfes bedeckenden Lymphe zufammen- 
gezogen und enthielt gleichfalls einen l4 Zoll langen 
Pfropf. Die hintere theilte lieh ungefähr | Zoll üljev 
der Oberfliche des Stumpfes in z\vei Aefte , wovon der 
eine völlig offen war und die Injecilonsinalfe durchliefs, 
der ande>-e dagegen lieh durch die adhälive Entzündung 
verfchloffen hatte. 

Aus diefer und andern, theils früher, theils fpä- 
ler von mir und Andern angeftcllten Unterfuchungen, 
wo die Pulsadern nach dem Tode offen gefunden wur- 
den, bin ich zu dem Sehluffe geneigt, dafs felbft da, 
4VO die Arterien nicht durch adhafive Entzündung voll- 
fl.indig verfchloffen waren, nicht immer nothwendig 
Blutung während des Lebens eintritt, und dafs diefe 
Gerinnung des Blutes beim Brande feltner eintritt, als 
mehrere neuere Schriftftellcr, namentlich i/«rt<er , ange- 
nommen haben. 



VII. Ueber die Verfchieclenheiten zwifchen der rech- 
ten lind linken Körperhäifte in Hinficht auf die 
veihälinifsmäfsige Giöfse tler Arterien und Ve- 
nen. Von J. F. Meckel. 
Der verdienftvolle Autenrietk hat den Satz aufgeftellt^ 

dafs auf der reclitcn Seite die Venolltät, auf der linken 



»lie Arteiiofität voi-walte, in Bezug auf die GefäTse des 
Kopfes aber befonders bemerkt, dafs hier die Aazielumg 
der politiven Knochen und Muskeln und die des ne- 
gaiiveii Hirns einander ftören, fo dafs, wenn diefe 
Störung von gleicher Stärke ift, die Gefäfse gleich weit, 
im Gegentheil , bei überwiegender Stärke der Anzie- 
hung der Wände die Venen der rechten Seite enger, 
hei überwiegender Stärke der Anziehung des Gehirns 
^veller als die der linken Seite fejTi werden. Im All- 
gemeinen, nimmt er an, überwiege das Gehirn die 
Wände des Schädels und beim Weilie, wo Venofuät und 
Nerventhätigkeit vorfchlägt, werde diefe Anziehung noch 
ftärker feyn, mithin hier die Hirnvenen der rechten 
Seite die der linken noch mehr überwiegen. 

Da das geriffene Loch, fofern es die grüfsten Hirn- 
venen durcliläfst, einen guten Maai'sftab ihrer Capacität 
abgiebt, fo kann man diefes ilStt ihrer fetzen und es 
wird daher nach diefer Anlicht der Stamm der rechten 
Droffelvcne und das geriffene Loch auf derfelben Seite 
beim Weibe griifser , als auf der linken Seite feyn; beim 
Manne dagegen wird das Gegentheil Statt finden. Diefe 
Verfchiedenheit wird, wegen des Vorwaltens der Ve- 
noütät, beim Weibe Ae/rü/irfi'g Statt finden; beim Manne 
dagegen wird zwar, wenn eine Verfchiedenheit Statt 
ündet, diefe zu Gunften der linken Seite, allein nicht 
beftändig vorkommen, fondem öfters in Gleichheit auf 
beiden Seiten übergehen '). 

Da mich eine genaue Unterfuchung einer leHr an- 
fehnlichen Menge mehr oder weniger voUftändiger Schä- 
del in den Stand fetzte , die Richtigkeit diefer Angaben, 
welche Herr Autenrieth durch die Vergleichung von 25 
Schädeln, worunter lieh 10 weibliche, 13 männliche. 



Rtilt und Aiittmiilht Arehiv für die Phyliel. Bd. f. S. iCi. 

Ff 3 



453 — 

3 unbeülmmte befanden , beftätigte, zu prüfen, fo ftellte 
ich zu diefem Behuf 226, worunter I13 nicht völlig 
beftimmten Gefchlechtes , 52 weibliche und 61 männ-^ 
liehe, zufäinmen und fand die Autenrieth' [che Angabe 
wenigftens zum Theil beftätigt. 

Es ergab ficli nämlich-, dafs unter den 52 weib- 
lichen bei 35 das rechte geriffene Loch meiftens be- 
deutend gröfser als das linke; bei 9 diefes gröfser als 
jenes , bei 8 beide gleich weit waren. 

Dagegen war unter den 61 männlichen das rechte 
Loch nur bei 33, das linke dagegen bei 19 weiterund 
Oleichlieit fand fich nur bei den übristen 9. Unter 
den unbeftimmten H3 ') war bei 74 das rechte, nur bei 
15 das linke weiter, dagegen bei 24 beide gleich grofs. 

Vergleicht man diefe Refultate mit den Autenrieth- 
Tchen, fo ergiebt fich 

1) dafs wirldich beim Weibe das rechte geriffene Loch 
weiter ift als das linke. Dagegen 

2) dafs auch beim Manne jene Anoi-dnüng weit häu- 
' . hger fey, 

' 3) dafs beim Weibe verhältnifSmäfsig viel häufiger als 
beixn Manne das rechte geriffene Loch weiter ift 
als das liiike, dort wie 4:1; hier nicht einmal wie 

4) dafs beim Blanne verhältnifsmäfsig häufiger als 
beim Weibe die geriffenen Locher beider Seiten 



.•), 



\y Um MiTäverrtdadiuile zu vermeiden, bemerke idi hier, dafs 
von «liefen 115 Schädeln nicht etwa die 74, hei welchen d^s 
rechte geriTfene Loch grüfser war, \veibUche, die übrigen 
männliche und , fondern dafs bei den meiften die Gefchlechts- 
charaktere hinlänglich deutlich ausgefprociien iind, um mit 
Beftimmtheit annehmen zu können, dafs das Verhältnifs ^ve■ 
nigftens mit dem unter No. I. und ;. angegebenen üHerem- 
flimmeu würde. 



gleicli weit, die Anordnung alfo unryinmelrlfcher 
als gewolinliclj ilt, indem lieh bei den weiblichen 
Schädeln die Zahl derer, wo das rechte oder linke 
gröfser war, gegen die, wo beide gleich waren, 
wie 44:8, alfo ungefähr wie 5|:I, bei den männ- 
lichen wie 52:9, alfo wie 6:1 verhielt; 
5) dafs, wie auch Herr Autenrieth nach frühem rich- 
tigem Angaben , denen überhaupt alle beffem Ana- 
tomen beitreten, feftgefetzt hat, im Allgemeinen 
weit häufiger das rechte geriffene Loch weiter ift 
als das linke. Denn 1) bringt man unter jenen 226 
Schädeln, olnre Unterfchied des Gefclilechtes , die 
Fälle, wo das rechte Loch; 2) die, wo das linke 
weiter war, 3) die, wo beide denfelben Durchmef- 
fer hatten, zufanmien, fo erhält man fiir die erfte 
Klaffe 113, alfo gerade die Hälfte, Rir die zweite 
43, die dritte 41, alfo für jede der beiden letztem 
ungefähr gleich viel, fo dafs lieh alfo im Ganzen die 
Menge der erften zu jeder der beiden letzten wie 
2 : 1 verhielte. 

Auleiirieths Angabe mufs dalier dahin Inodificirt 
werden, dafs beim JManne zwar, wie beim Weibe, das 
rechte geriffene Loch gröfser als das linke ift , dafs aber 
häufiger bei ihm als bei dlefem das entgegengefetzte Ver- 
hältnifs Statt findet. 

Wo ich aber nicht fehr ine, fo ift diefe Verfchie- 
denhcit nur aus der gröfsern Stärke der icchten Kiir- 
uerhälfte zu erklären, und fliefst mit dem gemeinfchaft- 
llchen Urfprunge der rechten Kopf- und Scldüffelpuls- 
ader aus derfelbcn Quelle. 

Warum aber beim Manne verhiiltnifsmäfsig weit 
häufiger als beim Weibe das linke geriffene Loch weiter 
fey, moclite nicht ganz leicht zu erklären feyn. Mit 
dem allgemeinen Gefetze, dafs Bildungsabweichungen 



beim weibliclien Gefchlecht häufiger als beim männlichen 
find, der männliche Typus alfo beftändiger als der weib- 
liche ift , läfst fleh diefe Erfcheinung nicht wohl zufani- 
menreimen , indem man nach diefem eher das Gegen- 
theil erwarten follte. Vielleicht erklärt fie fich eher aus 
der Bemerkung, dafs beim Weibe das venöfe, beim 
Manne das arteriöfe Syftem überwiegt, jenes oft dort 
einen hohem Grad von Vollkommenheit, der fich viel- 
leicht durch gröfsere Beftändigkeit der Bildung ausfpricht, 
befilzt. Oder ift es erlaubt, auf eine entgegengefetzle 
Weife diefes häufigere Erfcheinen der gröfsern Weile 
des linken geriffenen Loches beim Manne als beim Weibe 
aus einem , durch das ganze männliche Gefchlecht ficli 
erflreckenden Streben nach gröfserer Symmetiie im Baue 
zu erklären, fo dafs, wenn die beiden Gefchlechtsfamm- 
lungen der Art als zwei Individuen angefehen würden, 
dann das männliche fowohl fymmeuifcher als beftändi- 
ger gdjildet erfchiene? 



VIII. Ueber die Concretionen im menfchlichen Darm- 
kana]. Von J. F. Merkel. 

Ungeachtet wir über die Concretionen im Darm- 
kanal mehrerer Thiere, befonders mehrerer Wieder- 
liäuer, wegen ihrer Häufigkeit und Gröfse erfchöpfende 
Unterfuchungen ') belilzen, fo fehlen i diefe doch bis 
jetzt über ähnliche Produkte im menfchlichen Darmkanal 
durchaus. Die neueften Werke über Chemie im Allge- 
meinen und auch über thierifche Chemie enthalten nichts 
hierher Gehöriges, und auch Herr Profeffor John ftihrt 



l) Siehe eine fehr putcZufammenftelluBg der vorzüglichften hier- 
über bekannten Unterfuchungen in Jahns ehemifchen Tabellen 
des Thieireichs. Berlin 1814. S. 97 — loi. 



an feinen Tabellen '-) nur UnteiTuchnngen von Vauqtie- 
Ha ') und Theitard ?) an, welche offenbar nur zufällig 
in den Darmkanal gelangte Gallenfteine zum Gegen- 
Itandc hatten. 

Zufällig find gerade kürzlich melirere Unterfucliun- 
gen diefer krankliaften Productioncn erfchienen, duicli 
deren Zufammenftellung diefe Li'icke in der Lehre von 
der kranken thierlfchen JVlifchung wenigftens zum Theil 
ausgefüllt werden kann, namentlich von Alonro und 
Thomfon *), Copeland und Marcet '), Robiquet ') , Ru- 
binii'') Penada '). Vorzüglich enthalten die Auffälze der 
drei erftern beflimmle Thatfachen. 

Aus einer Zufammenftellung dorfelben ergiebt fich 
in Hinficht auf die wichtigften Puncte, namentlich l) den 
Sitz, 2) ihr Vtrhältnifs i.um Darmkanal , 3) die Cr'öfse, 
4) die Zahl, 5) die äußere Geftalt, 6) die Conßflenz, 7) die 
innere Form, oder Zufammenfelzung überhaupt, 8) die 



i) A. a. O. S. 50. 

2) Ann. de chimie T. gl. igis. p. 138- 

3) .Ann. de cliimie T. g;. Journal für Chemie und Fhyfik, Bd, 4. 
S. ?5g. 

+) A. Monro the morbid anatomy of the human guUet, ftomach 
and intefcines. Edinb. ig II. of obftruetion of the alimentary 
caoal occaiioned by calciilnus concretions. pag. 35 — 73. 

^) Hiftory of a cafe in which a Calcnlus ^vas vuided from a 
Tumour in the tiroin. in medico - Chirurgie, trjnsactions Lon- 
don igiJ. Vol. III. XIV. pag. i';i — 19g. 

6) Chemifche IJnterfucliung einiger DarmfteLiie. Ans Corvifirts 
Journal de Medecine eh. T. 2g. p. 391. im London medical etc. 
repofiiory. Vol. II. igl^. p. 423 — 25. 

7) Penfieri fuUa varia origlne • natura de' corpi calcolofi che ven- 
pono talvolta efj>ulfi dal tubo gaftrico. In memorie della focieta 
Ualiana. Tomo XIV. Igoj. p. 59 — 91. 

8) Calcolo di fpezie fingolare ritrovato nel centro di un tumoj-e 
efterno. kbdC VoU XVI. p. 2. pa;;. 141 — 159. 



Farbe, <)) ä'ie Mi/chung, l6) A\e. Entftehungsweife , II) dio 
dadurch veranlaßten Zufälle und die Unterfcheidungszei- 
eben derfelbeti von Galleiifteinen , vovzüglicli Folgendes : 

, I) Sitz. Der Sitz diefcr Concretionen ift nicht 
immer derfelbe , und es läfst fich nicht mit Beftimmtheic 
ausmitteln, ob fie fich an den Stellen, wo fie gefunden 
wurden , wirklich bildeten , da fie nur zufällig daliin ge- 
langt feyn konnten. 

Portal fand im Magen eine folche Conoretion von 
der Gröfse eines Taubeneies , die in ihrem Innern einige 
andere, welche im Feuer knifterten, enthielt, gelblich, 
hitter und völlig galligter Befchaft'enheit war '). In 
einem andern Falle fahe er eine im Darmkanal '). 
Die letztere hatte die Eigenlchaften der pankreatifchen 
Concretionen, die erftere war unftreitig ein Gallenftcin. 

In dem von Copeland befchriebenen Falle trat der 
Stein durch einen Abfcefs , der fich in der rechten Lei- 
ftengegend gebildet hatte, hervor, und zugleich flofs Kotli 
aus. Unftreitig hatte diefer feinen Sitz im Anfange des 
dicken Darmes. 

Motiro fand fie im Krummdarm '), im Grimm- 
darm *). In andern Fallen gingen fie durch denAfler 
ab, oder wurden hervorgezogen. 

2) Ihr Verhültnifs zum Darmkanal varlirt. Am fc- 
vvöhnlichften find fie frei, doch bisweilen, unftreitig 
feltner, fitzen fie an den Wänden des Darmkanals feft 
und incruftiren diefelben. 

3) Ihre Grefse ift nicht iinraer diefelbe. Sie variirt 
von dem Umfange einer Gartenerbfe bis zu dem einer 



l) Anat. med. T. V. p. 193 
s) EbeiidaC. p. 259. 
3") A. a. O. S. 39. 67- 
4) A. a. O. S. 60. ?3. 



457 

Orange. Eine von Monro im Griinmdann gefundene 
wog vier Pfund '). 

4) Für die Zahl gilt dalfelbe. Gewöhnlicli findet 
fich nur ein Darmfteln. So rerliielt es fich in den mei- 
ften von Monro befchriebenen Füllen, in dem von Co- 
peland; doch fcheint Robiquet nicluere zugleich in dem- 
felben Körper gefundene analyfirt zu haben, und in 
einem von Monro befchriebenen Falle °) gingen bei 
einem Knaben zwölf Steine diefer Art ab. 

5) In Hinficht auf die äufsere Geßalt unterfcheL- 
den fich die grüfsem Concretionen von den kleinern, 
nach Monro '), durch Unregelmäfsigkeit und Rauhig^ 
Ueit , die von einer bei diefen fehlenden äufsern Schicht 
herrührt. Doch war unter den von Robiquet unterfuch- 
ten die gröfsere glatt, die kleinem fehr rauh und den 
Maulbeerfteinen ähnlich. Meiftens find Cie rundlich oder 
eifirmig, wo mehrere zugleich vorhanden find, abge- 
plattet, liin und wieder ^vie abgefchliffen, bisweilen 
vielfach durchlöchert. 

6) Ihre Confiftens fcheint immer, nach Monro *) 
lind Robiquet, diefelbe zu feyn. Sie find wenig feft, 
leicht zerbrechlich, bröcklich, grofs und fchwammigi 
Auch Cadet fand eine lolclie Concretiou fehr leicht, et- 
was fchmicrig '). 

7) Für die Textur gilt daffelbe. Unterm Vergrö- 
fseruiigsglafe fchcinen fie aus vielen felir feinen, genau 
und filzartig unter einander verwebten Fafern zu be- 



I) A. a. O. S. %o. 
i) A. a. O. S. ii. 

3) A. t. O. 6. jo. 

4) A. a. O. S. ?;. 

5; Mcm. de racad.de Chirurgie ä Paris. Tome III. hifc. p. l^ 



458 

f^ehen , deren. Zwrchenräuine durch erdige Subftanz an- 
gefüllt find. 

Bisweilen beftelien fie aus inehrern Schichten , felt- 
ner find fie einförmig. Manro falie das letztere nur vier 
bis fünfmal , Robiquet in allen feinen Steinen diefen la- 
mellöfen Bau. Eben io Cadet in einem von ihm unter- 
luchten '). 

Die Schiclilen unterfcheiden fich durch ihre Farbe 
von einander, indem einige hell-, die andern dunkel- 
braun lind. Bleiftentheils fetzen fie fich durch die ganze 
Concretion fort, ohne jedoch ununterbrochen zufammen- 
zuhängen, wie in den Gallen- und Harnfteinen, find 
auch l)is\veilen plötzlich abgefetzt und unterbrochen. 
Ihre Dicke beträgt nicht über zwei Linien. Zwifchen 
den Schichten befindet fich bisweilen Kothmaffe und in . 
demfelben Verhältniffe find dann die Schichten dün- 
ner '). Die Geftalt der Schichten pflegt mit der Geftalt 
des Steines genau zu correfpondiren, fo dafs die Schich- 
ten glatter Steine gerade, die der gezackten unregel- 
mäfsig find. 

Die äufsereLage der gröfsern Concretionen ift dicker 
als die der Schichten, betragt aber doch feiten über 
zwei bis drei Linien und befteht wieder aus dünnen 
Schichten. Gelrocknet ift fie zerreiblich und fpringt 
leicht ab. 

Im Innern findet man im Allgemeinen einen von 
der übrigen Subftanz verfchiedenen Ivörper als Kern. 
So verhielt es fich wenigftens in faft allen von Monro 
gefehenen Fällen , wo der Kern bald ein kleiner Kno- 
chen, ein Gallenftein, ein Pflaumen- oder Kirfchkern 
war. In einigen wurden auch Ideine , durch Fafern zu- 



1) A. a. O. S. i^. 
s) RtbiiHtt S. 43 }• 



459 

fammengehefiele Sandkörner im Innern des Steines ge- 
funden. 

In einein von Monro gefundenen befanden lieh 
im obern Theile mehrere glänzendwcifse Kryftalle. 

In den von Robiquet unterfucliten fand fich kein 
von den Sclüchten verfchiedener Kern, wenn gleich 
die an dem einen Ende zwifchen den Schichten ange- 
häufte Kotlifubfianz etwas ähnliches ift. 

8) Die Farbe der Steine ift nicht immer diefelbe. 
Vorzüglich hängt der Unterfchied von der Gröfse ab, 
je nachdem fie dann eine äufsere Lage haben oder nicht. 
Die kleineren und die innere Subftanz der gröfsern find 
faft immer gelbbraun , wenigftens verhielt es fich fo in. 
35 von Monro aufljewahrten Steinen '). Die Schicht, 
welche die gröfsern umgiebt, hat dagegen nicht immer 
diefelbe Farbe, indem lie bald weifsJich, bald dunkel- 
braun, bald purpurfarben ift. Cadet fand in einem 

'durch den After abgegangenen Steine einige Schichten 
afchfarbig, die andern wcifslicli. 

9) Mij'cliung. Bis auf die neueften Zeiten hat man 
fo gut als gar keine Analyfen diefer Concretionen. Die 
einzige frühere , mir bekannte , die von Cadet ') ift felir 
unvollkommen. Auf Kohlen geworfen, fchwoll die Sub- 
ftanz an , l)]ählc ficli auf und verbreitete einen ihieri- 
fcheh Geruch. Die erfte Flüfligkeit, die bei der Deftil- 
lation von einer halben Unze überging, war ein brenz. 
liches Gel, delfen Gewicht zwölf Gran betrug, die zweite 
hatte einen fehr durchdringenden Geruch von flüch- 
tigem Alkali und betrug zehn Gran. Bei weiter fort- 
gefetzter Deftillalion erhielt man drei Drachmen eines 
rothen , hellen und übelriechenden Oels , welches durch 



l) EbPnrtaf. S. ??. 
i) Eben(Ur. S. I^. 



,460 ~ 

Erkalten eine butterälmliche Confiftenz bekam. Der 
kolilige Rückftand gab durch Einäfcherung eine erdigte 
SuWtanz. 

Man fight, dafs llcli aus diefer Unterfuchung fo 
gut als gar nichts über die jVatur diefer Concretionen 
ergieljt. Weit befriedigender find die neuern. 

Marcet ') fand die von ihm unterfucliten fchmelz- 
bar, durch Feuer unzerfiörbar und in ihren allgemeinen 
Eigenfchafien genau mit den aus phosphorfaurem Kalk 
und pliosphorfaurem Ammonium und Magnefia gebUdeten 
Harafteinen übereinkommend. 

Noch genauer find die Aiigaben von Robiquet und 
Thoinjon. Der erftere fand das durch Zerreiben der 
aneiften Schichten feiner Steine gebildete Pulver grau, 
fpccififch leichler ah Waffer. Erhitzt gab es Dämpfe, 
»leren Geruch mit dem von erhitztem Fett übereinkam. 
Mit etwas deftillirtem Waffer gerieben und auf Lakmus- 
papier ausgebreitet brachte es keine Farbenveränderun" 
liervor. Wit kauftifchem Kali in Wechfehvirkun« ge- 
letzt, entwickelte fich weder Ammonium noch erfolgte 
Gewichtsverluft. Kochendes Waffer brachte keine merk- 
liche Veränderung hervor. Durch Alkohol aber wurde 
es zum TheU aufgelüft und nachdem die Auflofun" vei- 
dunftet war, blieben blättrige glimraerartige Kryftallo 
zurück , welche denen von auf diefelbe Art behandelten 
Oallenfteinen ähnelten. Der nicht in Alkohol auflöfsliche 
Theil \\urde in Salpeterfaure aufgelüft, diefe Auflöfunc 
in mehrere Theile gefondcrt und verfchiedenen Reagen- 
lien ausgefetzt, woraus fich Folgendes ergab: 

Effigfaures Blei bildete einen weifsen Niederfchlag, 
der, gefammelt und getrocknet, nicht durch Hitze zer- 
fetzt wurde, zum Beiveife, dafs er keine Verbindung 



l) A. a. 0. S. 157. 



^.^w 461 

von tliierifcher Subftanz mit Blei War. Da der Umfang 
der durcli das Schmelzen deffelben vor dem Löthrolir 
gebildeten Kugel eine Menge kleiner Flächen hatte, f» 
ergab üch, dafs er phosphovfaures Blei war, der un- 
tcrfuchte Stein mithin Phosphorfäure entliielt. 

Kleefaures Ainmonium bewirkte einen körnigfeii 
Kiedei-fchlag in diefer Auflüfung, der nicht fchnell dm ch 
Buhe gerann und alle EigenTchai'ten von kleefauiein 
.Kalk hatte. 

Hieraus ergab fich alfo, dafs diefe Steine phosplwr- 
fauren Kalk enthielten. Um zu erfahren, ob diefer^ wie 
es bei den Harnfteinen häufig der Fall ift, von phos- 
phorfaurer Magnefia begleitet wäre, wurde einem andern 
Theile der .AuflOfung in Salpeterfäure , welche diefe im 
Uebermaafs enthielt, Ammonium zugcfetzt, indem be- 
kanntlich eine Verbindung von diefem mit einer Säure 
auch 31agnelia zu enthalten, oder eine dreifache Ver- 
hindung zu bilden fähig ift. Beim vorigen Verfuch wurde 
daher nur der pliosphorfaure Kalk medergefchlagen'. 
Kachdem dicfer durcli Durchfelhung abgefondert Und 
etwas K3lk^vaffer zu der Üllrirten Auflöfung zugc'- 
ffetzt und nun diefe gekocht worden war, fo bildete 
fich nur eine äufserft geringe Menge kleiner, heller 
Flocken. 

Ffieraus ergiebt ficli freilich nicht mit Gewöfshelr, 
dafs.diefc Steine keine Bitlereide emlialten, indem häufig 
hei Zerfelzungen eine Subftanz, vorzüglich wenn fie im 
Uebermaafs yorlianden ift, in dem Augenblicke der 
Trennung einen Theil einer mit ihr verbundenen oder 
lelbft diefe ganz mit lieh fortrcifst; allein die Menge der 
Subftanz, an welcher die Vorfuche gemacht wurden, 
wa»ati gering, um durch Wiederholung des Vciiuches 
hierüber Gewlfsheit zu erhalten, ,. 



463 

Aus diefen Verfuclien von Robiquet ergiebt fich im 
Allgemeinen fo viel , dafs diefe Steine an der Natur der 
Gallen- und BlaXenfteivie zugleich Antheil haben. 

Die geringe Veränderung, welche durch deftillir- 
tes Waffer in ihnen vorging, bevyies, dafs Iie kein 
Pikromel enthielten. 

Ihre Unauflöslichkeit in Waffer und die Nichtver- 
anderung des Lakmus durch he zeigte, dafs fie wenig- 
ftens keine freie Harnfäurej enthielten und da durch Zu- 
fatz von kauftifchera Kali fich kein Ammonium entband, 
fo kann man eben fowohl fchliefsen , dafs fie weder 
liarnfaures Ammonium , noch phosphorfaure Ammoniak- 
Magnefia enthielten, 

Hochft Avahrfcheinlich beftehen fie alfo aus Wall- 
rath, phosphorfaurem Kalk und einer fehr geringen 
Menge thierifcher Subftanz. 

Ungeachtet der geringen Menge der zu unterfuchen- 
den Subftanz \vurde doch ein Verfuch zu Beftimmung 
der verhaltnlfsmäfsigen Menge der verfchiedenen Be- 
ft^ndtheile gemacht. Fünf Steine wurden mit kochen- 
dem Alkohol fo lange behandelt, bis fich nichts mehr 
auflüfte. Der unauflösliche, mit der gröfsten Sorgfalt 
getrocknete Rückftand wog noch | ; mithin waren \ 
■wallrathartiger Maffe aufgelüft. Die übrigen ^ wurden 
mit fchwacher Salzfäure behandelt. Der durch Am- 
monium bewirkte Niederfchlag enthielt ^V phosphorfau- 
ren Kalk. 

Der unbeträchtliche Rückftand verbrannte voll- 
kommen und verbreitete dabei einen Geruch wie ver- 
branntes Hörn. 

Aus diefen Refultaten erglebt fich , dafs 100 Theile 
diefer Concretion bcftauden aus 



463 



fettiger, wallrathähnliclier MaTfe 0,6 

phospliorfaureni Kalk . . 0,3 

tliierifclier Subftanz . . 0,08 

Verluft 0,02 



1,00. 
Mit diefen Angaben ftimmen die Refultate der 
ThomJ'on'tchen Verfuche griifstentheils überein, find in- 
delTen noch genauer. 

Die Steine fcliwimmen zwar in der Tbat im Wafler, 
indeffen riihrt dies nur von ihrer giofsen Porofität her, 
indem fie bald zu Boden finken. Ihre fpecififche Schwere 
variirt von 1.376 zu I.540, ift im DurchTchnitt I.400. 
Kaltes Waffer färben fie fehr bald bräunlich und bei 
näherer Unterfuchung Kndet man im Waller, worein 
man fie gelegt hatte, folgende Subftanzen : 

1) Eiweifs, welches durch Kochen des Waffers Ijj 
weifse Flocken niedergefchlagen wurde und in eini- 
gen Fällen -jV des Ganzen bildete. 

2) Eine braune, eigenthümliche Subftanz. Sie löfte 
fich erft in Waffer auf, wurde aber durch lang- 
lame Verdünftung deffelbcn faft g.anzlich unauf. 
löslich. In Alkohol lüfte fie fich auf. Durch ihre 
Eigenfchaften näherte fie ficli dem Pflanzenextractiv- 
fioff aufserordentlich, konnte aber wegen ihrer fehc 
geringen Menge nicht genauer unterfucht weiden. 

3) Salzfaures Isatrum , welches fich nach Verdünftung 
de« Waffers in offnen Gefäfsen liryftallifirte. 

4) Phosphorfauren Kalk, der durch Ammonium nieder- 
gefclilageii wurde, und in zwei Steinen etwas über 
die Hälfte der ganzen IMaCfe bildete. 

5) Schwefel faures Natrum in fehr geringer Menge. 

6) Vielleicht auch fchwefelfauren Kalk, aber dann 
aufserft wenig. 



464 -^^^^ 

AlkoTiol löfte die braune Subftanz und einige Salze 
auf, extraliivte aber keine eigne Subftanz. 

Kalilauge fonderte das Eiweifs , die braune Subftanz 
und vielleicht einige Salze ab. 

Salzfäure fchied eine anfeiinliche Menge phosphor- 
fauren Kalk ab. 

Nach Einwirkung aller diefer Reagentien blieb 
eine eigne Subftanz von der Farbe und dem Gewebe 
der Concretion zurück. Zehn Gran der Concretion lie- 
£sen 1.2 Gran von diefer übrig. Sie war fehr leicht, 
Ichwainm- oder korkartig, beftand aus fehr kurzen Fä- 
den ,: war gefclimacldos und unauflöslich in Waffer , Al- 
kohol, Kalilauge vind Salzfäure. Schwefelfäure wurde 
dadurch gefchwärzt, lofte fie auf und verkohlte iie zum 
Theil. In Salpeterfaure wird fie fehr langfam , nur in 
der Hitze und faft ganz ohne Aufbraufen aufgelöft. Die 
zur Trocknifs abgedampfte Auflüfung läfst einen weifs- 
lichen RücldTtaiid^ übrig. Durch Salpeterfäule wii'd fie, 
auch wenn fie irfehrmals damit digerirt ift, in keine 
Pflanzenfäure umgewandelt. Sie brennt mit fchwacher 
Flcimme, mehr wie ein vegetabilLfcher , als thierifcher 
ICurper und ift unbedenklich von allen bisher bekann- 
ten, organifclien Produkten völlig verfchieden. Durch 
iliie Unauflöslichkeit iii Kalilauge ünterfcheidet fie lieh 
leicht vom Holz und koinmt mit keiner thierifchen Sub- 
ftanz ttberein. 

Die Steine beftehen wefentllch aus abweclifelndeii 
Schichten diefer Subftanz und phosphorfauren Kalkes. 
Bisweilen find auch diefe beiden Beftandtheile nicht in 
Schichten angelagert, fondern innig gemengt. Das Ei- 
weifs Tind die braune Subftanz fcheinen den Kitt zu 
bilden. • Die übrigen Siibftanzcn find in fehr geringer 
Menge vorhanden. 

Die 



* ~ — ^55 

Die äufsere Binde einiger Steine befteht aus einer 
Mifchung von phosplioifauiem Kalk und braunei Subftanz. 

In einigen; Steinen, dies aber nur leiten, befand 
fich an den äuTsem Flächen (phosphorraure Ammoniak - 
J^JagneCa. ■ , 

Durch lalzfaure Piatina liefs ßch kein Kali etfit' 
decken, und ebeia fo wenig fand fich A'nmonium lyid 
Uohlenfaurer Kalk, Harnfäure oder HarnltoIF. • :ri 

, Es ergiebt fich daher, dafs diele von Tlwmfon unter- 
fuchten Concretionen von allen bisher bekannten durch-. 
aus verfchieden, bei welteni unauflöslicher, als Harnliicine 
find und die Aufiöfungsöiitiel fo fcharf find, dafs/iC«; 
iin Leben nicht angewandt werden können. • .- 

Eine Vergleichung der Angaben von Marcet , Ro. 
biquet und Thomfon beweift, wie lieh aus der Aualcia 
anderer Concretionen , befonders der Gallen - und Harn- 
fteine , im Voraus erwarten liefs , dafs lie nicht alle voa 
deilelben Befchalfenheit find, und phosphorfaurer Kallc 
die einzige, in allen bisher unteifuchten gleichmäi^ig 
vorkommende Subftanz ift. 

10. In Hinlicht auf ihre Entßehungsweife lehrten 
die angeführten Unicrfuchungen, dafs keinesweges die 
Bicnfchlichen Darmftelnc , wie mehrere glaubten , ent- 
weder zufällig aus der Gallenblafe in ihr gelangte Gal- 
lenfteine oder verhärteter Koth find '). Gewohnlich, 
aber nicht immer, giebt ein frciiider Körper Veranlaf- 
fung zu Entftehung dcrfelben und es ilt mir, der Ana- 
logie mit andern Concvelionen nach zu fchliefsen, höchCt 
wahrfcheinlich, dafs fie vielmehr eine Folge einer krank- 
haften Thätigkeit der Schleimhaut des Darmkanals find. 



I) Morgagni de c. «t f. Ep. 37. Portal. Anat. medic. Tom. V. 
LaffHi patliol. Chirurg. Tom. 11. p. 5(16. Hicheiaiid nofogrdpbie 
cliirurg. Tom. III, p. ^^3. Callifin Syft. cbir. bod. Vol. 3 
p. 674. 

M. d, Archiv I. 3. G g 



466 — " 

II. Die -durch die Darmconci'etionen Teranlafsten 
Zufälle find uTiftreitig fchwer auszumittdn, indem fie iii- 
den melften Fällen keine andern als die von inechanl- 
fchen Hinderniffen des Fortgangs der in ihm enthalte- 
nen Subltanzen entftehenden find ; alfo Verftopfunj, 
Schmerz, der bald feftfitzt, bald die Stelle verändert, 
Störung der Verdauung. Eine einigeriliafsen fichere 
Diagnofe ergiebt fich nur aus der Entdeckung des Steins 
durch das Gefühl, vvO er als eine harte, rundliche 
Gefchivulft meiftens im Laufe des dicken Darms erfcheint, 
die man nur fchwer aus der Stelle be^vegen kann. In- 
deffen verändern fie felbft ihre Stelle und gehen ge- 
wöhnlich durch den After ab, oder lenken fich we- 
nigftens in den Blaftdarm , wo fie bei ihrem Eintritt in 
das Becken die heftigften Schmerzen verurfachen. Ha- 
ben fie fich aber beträchtlich an einer Stelle vergröfsert, 
fo verändern fie diefe nicht, um fi> mehr, da die Häule 
des Darmkanals dadurch beträchtlich ausgedehnt und 
crfchlafft Virerden. Finden fich mehrere zugleich, fo' 
kann man, wenn fie nahe bei einander liegen, ein 
durch ihre gegenfeitige Berührung veranlafstes Geräufch 
Üs Zeichen benutzen. Alle Zufälle find natürlich nach 
der Gröfse des Steins verfchleden. Sobald man fich 
mit Gewifsheit von der Anwefenheit eines Steins über- 
zeugt hat, würde er, im Fall er zu grofs wäre, um 
fortgeftofsen zu werden, wegen der unvermeidlichen 
Tödtlichkeit des Erfolgs durch einen Einfchnitt her. 
auszubefördern feyn. 

Uebrigens gehen fie bisweilen auch von felbft 
entweder durch den After oder durch den Mund , oder, 
wie in dem Marcef'fchen und höchft wahrfcheinlich auch' 
im Penot/a'fchen Falle , durch ein im Darmkanal entftan- 
denes Gefchwür nach aufsen ab. 



— 467 

IX. üeber die Zeugung der Regenwürmen Von 

J. F. Meckel. 
Bei Gelegenheit der Zeuguiigstheile der Regenwür- 
mer ( Lumbrjcus terreftris) bemerkte ich '), dafs fich die 
Eier beim Regenwurn zwifchen Haut und Eingeweiden. 
frei, vorzüglich aber am hintern Ende des Körpers fän- 
den, und machte auf die Merkwürdigkeit diefer Er- 
fcheinung aufmerklam, da die Zeugungstheile fich gegen 
das vordere Ende des Körpers beKnden und die Eier, 
um an die angegebene Stelle zu gelangen, die im ge. 
wohnlichen Zuftande verfehl offenen Querfcheidewände, 
welche fich vom Darmkanal 2ur Haut begeben, durch- 
bohren muffen. Herr Prof. Jörg bemerkt hierzu, dafs 
das Factum richtig fej'n möge, die Eier aber nicht auf 
natürlichem Wege an die angegebene Stelle gelangen 
können'), weshalb er meine Beobachtung anführt, damit 
man fehen könne, wie wenig man noch über diefe 
Thiere wiffe. 

Ich will fehr gern einräumen, dafs es mit der 
letztem Angabe feine völlige Richtigkeit hat; allein, was 
diefen Punkt betrifft , fo , fürchte ich , wird Herr Jörg 
feine Behauptung, dafs die Eier nicht auf natürlichem 
IVege hierher gelangt feyn könnten , zurücknehmen 
inüffen. 

In der That hätte er, wenn er nur den Text, 
wozu ich meine Note machte, gelefen, wohl auf die 
Vermmhung kommen können , dafs jene Erfchei- 
nung der natürliche Hergang fey, indem Cuvier hier 
ausdrücklich vom Sandwurm (Lumbricus marinus) fagt: 
es fcheine, als fchlüpften die Eier bei diefem Thiere 



l) Cuvier Votl. über vergl. Aimt. fid. 4. S. 581. Note. 

3) Die Zeu^pg d«i Menfcben und der Thiere. Leipzig tSif. 

Gg a 



468 ^^^^^ 

aus den an derfelben Stelle als beim Regenwurm liei 
genden beutelfümiigen Organen, worin He anfangs ent- 
halten iind , um ficli im ganzen Korper zu verbrei- 
ten, indem man dielen bisweilen ganz damit angefüllt 
linde. 

Aufser diefen Autoritäten kann man noch eine 
un verwerf liebe, die yon Pallas, fiir eine andere Art die- 
l'es Gefcblechts, (Lumbricus ecbiurus) anführen, wo es 
ausdrücklich heifst: „In einigen Wüi-mern, die ich im 
November zu öffnen Gelegenheit hatte , fand ich in dem 
trüben Bauchwaffer, womit felbige angefüllt zu leyn 
pflegen , eine grofse Menge weifser , frei fchwimmender 
Kügelchen, die wohl für nichts anders als Eier gehal- 
ten werden können. Statt der zwei Paare Mllchgefäfsc 
(die fich am vordem Ende des Köipeis befinden und 
im November und noch mehr im December mit einer 
fchneeweifsen Feuchtigkeit angefüllt, einen Zoll lang 
und einen Strolihalm dick find) , waren in dergleichen 
Würmern nur ganz kleine, eiförmige, mit durchhch- 
tiger Feuchtigkeit angefüllte Bläschen übrig. Gegen den 
Febniar waren diefe Bläschen nur drei bis vier Linien 
lang und mit weifstrüber, halbdurchlichtiger Flüffigkeit 
angefüllt, dagegen ein Paar gelbliche, zum After ge- 
hende Gefäfse grüfser als gewöhnlich, halb mit Feuch- 
tigkeit aufgetrieben und an ihrer Oberfläche wie mit 
Puncten befetzt •')." 

Da völlig veifchledene Beobachter diefe Erfchei- 
nung in drei verfchiedenen Arten deffelben Gefchlech- 
tes fanden, fo glaube ich nicht zu irren, wenn ich den 
Satz aufftelle, dafs diefe Entwicklungs weife der Eier 
dem Gefchlechte Lumbricus und huchft wahrfcheinlich 



l) Naturgefchichte merkwürdiger Thiere. Zehnte SanimlHng. 
Leipzig 1778. p. 8. 



469 

mehrern Terwandlen als normal zukommt, um fo itielir, 
Ja diefe Mteinüng durch ganz neuerlich am Regenwurm 
an^cftellte Unterfuchungen von Montegre ') noch mehr 
beftätigt whd , denen zu Folge die Embryoneii zuerft in 
den bekannten Zeugungsorganen , die iich gegen das 
vordere Ende des Körpers finden , vorkommen , dann 
aber zwifchen dem Darmkanal und den iiufsern Muskeln 
bis tu einem, in der Subftanz. des Schwanzes enthaltenen 
Behälter fchlüpfen , ivo man ße vollkommen lebendig findet. 
Demnach wären alfo, wovon auch Herr/örg njit zu 
vieler Beftimmtheit das Gegentheil Tagt, die Regenwür- 
mer lebendig gebarend, nicht Eier legend. 

Aufserdem bemerkt Montegre , dafs die Begattung 
vorzüglich im Juli gefchieht, die Regen^\iirmer fich durch 
den Gürtel fehr eng an einander heften, allein keine 
ImmifTion von Zeugungstheilen Statt findet. 



X. Ueber das Riickengefiifs der Infekten. Von 

/. F. Meckel. 

Seit man das Rückcngefäfs der Infekten kennt, 
iiat man fich in Vermuthungen über die Bedeutung def- 
lelben erfchopft , die zum Theil fchon deshalb nicht rich- 
tig feyn konnten, weil die Angabe über den Bau diefes 
Theils nicht mit der Natur übereinftimmte. Unrichtig 
ift Malpighi's und Swammerdam's Befchreibung deffelben 
als eines aus mehrern Anfchwellungen und Erweiterun- 
gen zufammengefetzten Kanals, in welchem fich eine 
Flüfligkeit hüchft unregelmUfsig bewegen follte, wenn 
Swatnmerdam gleich richtig den gänzlichen Mangel von 
aus ihm tretenden Aeften bemerkt. 



i) MUlin magazin ertcyclopidique. 1814. Tom. i. p. 96. 97- 



470 -»- ^ 

Am unvichtigften aber ift Comparetti's neuefte Dar- 
ftellung der Anordnung diefes Organs, fofern er ohne 
Bedenken ein doppeltes Gefäfsfyftem in den Infekten 
annimmt , welches fich nach ihm in alle Theile verbrei- 
tet, vorzüglich aber mit dem Muskelfyftera in Beziehung 
fteht. Nach ihm hängen diefe Gefäfse mit dem Rücken- 
gefäfse zufammen, die in diefem enthaltene Flüffigkeit 
bewegt fich vom vordem zum hintern Ende des Kör- 
pers und die Ausdehnungen und Zufamraenziehungen 
deffelben find nicht in feiner ganzen Länge gleich ftark. 
Die von dem Rückengefäfse abgehenden Zweige zeigen 
fehr deutliche Ausdehnungen und Zufammenziehungen. 
Indeffen find unftreitig die Gefäfse, welche Comparetti 
für Anhänge des Rückengefäfses anficht, nur Luftge- 
fäfse, und die von ihm gefehenen Bewegungen gingen 
in den Quermuskeln , nicht in diefen Gefäfsen vor. 
Comparetti befchreibt die Anordnung und die Bewe- 
gungen der fogenannten Gefäfse aus mehretn Dipteren, 
Hymenopteren und Orthopteren; indeffen habe ich, wie 
Herr Serres '), mehrmals nicht nur bei diefen, fondern 
auch bei mehrern andern Arten , die Unterfuchungen 
auf das genauefte wiederholt, und immer mit ilun das Re- 
fultat der L^onraef'fchen und Cuuier'fchen Beobachtungen 
beftätigt gefunden, dafs das Rückengefäfs der Infekten 
völlig ohne Aefte , vielmehr blofs ein einfacher , an bei- 
den Enden etwas zugefpitzter Kanal ift, und alle an. 
geblichen andern Gefäfse nur Luft - oder Gallengefäfse 
Tind. Die Wände deffelben find immer fehr dünn und 



l) Obfervations far les ufages du vaifieau äorfal ovi für l'infliience 
I que le coeur exerce dans l'organifation des animaux articiiles 
et fnr les changemens que cette organifation eprouve , lürsque 
le coenr ou Torgane circulatoire celfe d'exifter; par M. Marcel 
äe Serres, In Millm's Magazin encycl"pidi(jiie. An. 1814. Tome 
111. p. 107 — 145. und S80— 3J8. und Tc.ii. V. p. 93 — 190. 



Uiitirifra pus einei" .doppelten Schicht, «iner äiifsevn ?el- 
ligen, einer inneru nniskulöfen gebildet. Wahrfchein- 
lich wird die erftere durch die Veizweigung einer Menge 
von Luftgefafsen , deren Stämme das , Rückengefäfs in 
feiner Lage erhalten, gebildet, indem man bei einigen 
Arien, z. B. der Raupe des grofsen Pfauenauges (Bom- 
t>yx pavonia major) das Rückengefäfs wie aus mehrern 
weifslichen Läntienftreifen zufammeneefetzt findet, die 
bei nälierer Unterfuchung nichts als ein durch die Luft; 
gefäfsverzweigungen gebildetes Netz find. 

Sein Durchmeller ift im Larvenzuftande allgemein 
weit gleichmclfsiger als beim vollkommnen Infekt, was 
tvenigftens nicht ganz von der geringen Tiefe der Ein- 
fehnüruiigen, wodurch der Körper derfelben in Ringe 
al)getheilt wird, abhängt, fondern vielmelir mit der grö- 
fsein oder geringem IMenge von Fett, die fich in den 
verfchiedenen Gegenden des Körpers befindet, in Be- 
ziehung fteht, indem immer das RückengsfäTs in den 
vollkommnen Infekten vorn, wo fich wenig Fett findet, 
■^*eit enger als in feinem übrigen Verlauf, bei den Lar- 
ven dagegen das Fett duixh den ganzen Körper ziem- 
lich gleichiiiäfsig angehäuft ift. 

Die Nerven und Luftgefäfse des Rückengefäfses 
ßnd fehr anfehnlich, die letztem, befonders am hin- 
tern Theile deffelben, ftark entwickelt. 

In feiner Lage wird es durch dreieckige Muskeln- 
liUndel befeftigt, zwifchen deren, aus fehr feinen und 
dicht an einander ftehenden Querahfchnitten gebildeten 
Fafern lieh indeffen eine Menge Fettkügelchen befin- 
den, welche in einer fehr ausdehnbaren Zellhaut ent- 
halten find, deren Farlje immer mit der Farbe derFlüffig- 
keit des Rückengefäfses, nicht immer mit der des mehr 
aniinalifirten, welches das Bauchfell enthält, überein- 
kommt. Diefe letztere kann man infofern für anima- 



472 — 

lifiStfei'lialfen, als fie durch ihre EigenTchaften mehr dem 
FÄtte der liöhern Tliiere ähnelt. 

In Hinficht auf die Bewegungen diefes Gefäfses 
kanji man bemerken, dafs fie l) im hintern Theile def- 
felbep. bei weitem am ftärkrten entwickelt find, was 
unfn-eitig mit der grörsern Menge von Luftgefäfsen, 
welche fich zu diefem begeben, zufammenhängt ; 2) aber 
fchelnt.ihre Zahl und Starke fehr bedeutend durch das 
Alter des Thiers abgeändert zu werden. Die Ausdeh- 
nungen und Erweiterungen find in der That in den 
L'atven weit ßärker lAid deutlicher , dagegen weit feltner 
als in den voll Ubmmnen liifektert. Bei der Raupe des 
grofseh Tracht f/duenauges wurden nur 3^ ir* einer Mi- 
ittite, bei den Loca/Ven dagegen über 90, beim Bremur 
terreßris übel* 140 in derfelben Zeit gefehen. Dagegen 
fihd fie bei der Raupe fo ftark, dafs fich im zufam- 
mengezogetien Zuftande die Wände beriiliren und die 
ganze Peritonealhaut erfchüttert wird. Bei den Locuften 
verengt fich das Gefäfs nur mn den vierten Theil , beim 
Bremus''vfax dieJBewegung mehr ein Ijeftändiges Klopfen, 
als -ein regelmäfsiger Wechfel von Ausdehnung und Zu- 
lammenziehung. 

'' Die in ilim enthaltene Flüffi'gkeit ift nicht bei 
allen Arten diefelbe , kommt aber iinraer genau mit der 
Befchailenheit des Fettes überein, welches das Paicken- 
gefäfs zUnächft umgiebt. Bei den meiften Käfern, ift fie 
dunkelljVaun, bei melirern Orthopteren grünlich, beim 
Seidenwurm gelb, bei der Weidenraupe orange, bei der 
llaupe des grofsen Nac/np/auenai/ges durchlichtig, bei 
den nieifien Lepidnpteren wenig dunicelgefärbt. Unterm 
]Vlilirofl«)p betrachtet, ferfcheint fie aus einer anfehn- 
lichen Menge von Kügelchen zufammengefetzt , deren 
Durchfiel) tigkeit von der Färbe der FÜifligkeit felbft ab- 
hängt, die mit dem Waüer leicht mifchbar ift, durch 



^ 475 

das Verdunfien erhärtet und in. dicfem Ziiftande mit 
dem Harz die melfLe Aeliniichkeit hat, 

Höchft wahrfcheinlich ift, nach Herrn Serres , die 
Function des Rücken gefäTses die Fettbereitung. Die gänsf- 
liche Umwandlung, welche die meiften Infekten wäh- 
rend ihres Lehens erleiden, die Schnelligkeit, womit 
diefe und iilierhaupt ihr Wachsthiini erfolgen, macht 
einen Abfatz eines Theils der allgemeine Nahrungs- 
iliifligkeit, welche durch die Wände des DarmkanalS 
zwifchen die Organe dringt, durchaus nöthig, damit 
aus ihr die zu einer fo plötzlichen Entwickelung erfor- 
derlichen Ulaterlalien gefchopft werden können. Diefe 
niedergelegte ISahrungsfubftanz ift das Fett, welches 
zwar auch beim Tollkommnen Infekt, nie aber in fo 
grofser Menge als bei den Larven vorkommt,, dahep 
auch hei den Infekten, die fich nur unvollltommen ver- 
wandeln, in weit geringerer i\lenge, bei den Apte- 
ren beinahe gar nicht mehr vorlianden ift und, bei 
den Arachniden ganz fehlt. Auch giebt es daher keinen 
Tlieil im Körper der Infekten, der nicht durch Fafern 
piit dem Fettgewebe zufammenhinge , und alle fcheinen 
daher aus ihta ihre Nahrung zu fchöpfen. 

Dafs nun der, durch die Wände des Darmkanals ans 
der Hohle doflelben dringend« Chylus von demKückenge- 
fafse aufgenommen und durch diefes die Umwandlung def- 
l'eJben angefangen, nachher aber im. Fettgewebe , in wel- 
ches er aus dem I'äickengefafse gelangt, erft vollendet wer- 
de, wird aus folgenden Urafländen fehr wahrfcheinlich: 

1) Bei den Larven, durch deren ganzen Körper 
das Fettgewebe in anfehnlicher Menge ungefähr gleich- 
mäfsig verbreitet ift, ift das Rückcngefäfs allgemein viel 
weiter als beim voUkommnen InfeUt. 

2) Bei allen, ohne Ausnahme, kommt die in ih- 
nen ejithaltcne Flüfligkeit durch ihre Färbt und ihre 



474 ■ '^'^ 

übrigen Eigenfohaften mit der Farlie des , das Rückcn- 
gefafs umgeljenden Fettgewebes überein. Diefelben Rea- 
gentien , durch welche das Fett gerinnt , bringen auch 
.die Flüffigkeit des Riickengefäfses zum Geiinnen. 

3) Bei den Larven, wo das Fett durch den ganzen 
Körper ungefähr gleichmäfsig angelläuft ift, hat das 
Kückengefäfs ülierall diefelbe Weite, bei den volUcomm- 
nen Inlekten ift es im Uiilerleibe, wo iich das meifte 
Fett ündet, viel weiter als im Tharox, wo es faft ganz 
fehlt, und in demfelben Verhältniffe lind die Bewegun- 
■getl des hintern Tlieils des Riiclvengefäfses bei weitein 
am ftärltlten. 

Das RückengefäCs ift alfo nach diefer Anficht nicht 
Hailptbewegungsorgan der allgemeinen Kahrungsflüfllg- 
Iteit, fondern Secretionsorgan, allein das wichtigfte un- 
ter allen Secretionsorganen , das indelfen nicht unmit- 
telbar zur Erhaltung des Lebens nothwendig ift, indem 
diefes auch nach Wegnalime deffeiben nicht aufliört, 
felbft nicht einmal die wichtigClen Functionen, z.B. das 
Athmen, dadurch merklich geftört werden. 

Diefe Arificht'war mir hefonders ' angenehrp , ^veil 
He im Wefentlichen gaM mit der raeinigen, welche ich 
in meinen Vorlefungen fchon feit mehrern Jahren vor- 
getragen habe , vtljereinßimmt und diefelbe durch neue 
Thatfachen unterftülzt. Das Rückengefäfs der Infek- 
-ten fchien mir immer nicht blofs Bewegungs- fondertl 
■zugleich Bildungsorgan. Ich nahm an, dafs die in ihm 
weiter umzuwandelnde FlüOigkeit vorzüglich dinch die 
■Rückenwand des Darmkanals, auf dem es Hegt, in feine 
Höhle komme, und erft nachdem fie hier, vorzüglich un- 
ter Einwirkung der reichlich zu ilim tiefenden Luftge- 
fäfse, zu vollkommner Nalnungsflüfllgkeit hinaufgeläutert 
worden, aus derfelben hervor und zwifchen die Organe 
dringe. Deshalb aber braucht man keinesweaes die 



Vorftellung, dafs dieCes Organ zugleich Gefäfs und Ana- 
logon des Herzens fey, aufzugeben. Vielmehr erfcheiiit 
auF eine höchft merkwürdige Weife hier noch in einen 
hohlen Schlauch rereinigt, was bei höherer Vervoll- 
kommnung Lymph- und Blutfyftem wird, und die völlige 
Vollendung der Nahiungsflüfligkeit die bei den höhern 
Thieren in verfchiedene Gegenden des Gefäfsfyftems, 
■das Lymph -und das Lungengefäfsfyftem vertbeilt ift, ger 
fchieht hier glelchmäfsig an allen Stellen des Rückeiige- 
fäfses. Intereffant ift es zugleich, zu fehen, wie hier das 
Gefifsfyftem, fowohl der Form als Function nach, brl 
feinem erften Entftehen viel mehr als bei weilerer Ausr 
hildung eine Wiederholung des Darmkanals, und befoiv 
ders eine unvollkommne Wiederholung deffelben, ein e!i- 
■f acher, gerader, an beiden Enden blinder Kanal ift. Dies 
ift die eine Art der Entftehung des Gefäfsfyftems aus dein 
Darmlcanal , der anfänglich aliein und nur als die in- 
nere Fläclic des Rohres, welches die polypenartigen 
'Filiere darftellen, vorhanden ift. Eine zweite Art ift 
die :Spaltung des bei den Hydren einfachen Darmfackes 
in mehrere, vielfach durch die Subflanz des Körpers 
verzweigte , mit Nahrungsflüffigkeit angefüllte Gänge, 
%vo das Gefifsfyftem in der That nur der verzweigte 
Darm ift, der in inuner kleinere Aefte zerfällt, deren 
Stämme aber unmittelbar aus ihm entftehen, wolirend 
l>ei den hohem Thieren fich lieide Syfteme von einan- 
der abfundern, und die höhere Individualität des Ge- 
fäfsfyftems durch den Urfprung defi'clbcn miitelft viel- 
fach in ihm wurzelnder Zweige ausgefprochen ift. 

Dafs die Bewegungen des Rückengefäfses nicht 
blofs mit Bildung, fondem auch mit Forttreiben der 
Nahrungsfliiffigkeit in Beziehung ftelien, läfst fich wohl 
Ichwerllch bezweifeln, indem es /caum möglich ift, dafs 
dadurch die Flufügkeit nicht aus der Huhle deffelben 



476 — ^-.— .-w- 

getrieben werden folUe. Höchft wahvfclieinlich ift dife 
der Nalirungsflufß'gkcit, welche 7. vvifclien die Organe er- 
goITen ilt, dadurch mitgetheilte Erfchiitterung wohl ein 
Beförderungsmittel der Aufnahme derfelben in die Sub- 
fianz der Organe, vorzüglich fofern iie als gelinder 
Reiz auf ihre Wände wirkt. 

Auf jeden Fall aber hat wohl Serres unrecht , wenn 
er fa. a. O. Tora. V. p. I45-) aus dem Mangel vom Kücken- 
gefäfs abgehender Gefiifszweige fchliefst, dafs es auf 
Iceine Weife mit den Organen der Saftbewegung der übri- 
gen Gliederthiere verglichen werden könne, indem diefe 
Bedingung nur die UnvoUkommenheit der Ent\^'icklung 
beweift, keines^veges darthut, dafs nicht das Rücken- 
gefäfs das Analognn der Gefäfse und namentlich des 
Herzens derfelben fey. Vielmehr ift der allmählige Ueber. 
gang von dem Rückengefafs der Infekten durch das 
Herz der wirklichen Arachniden und der Branchiopo- 
den unter den Kruftenthieren zu den höher entwickel- 
ten zehnfüfsigen Kruftenthieren in Hinficht auf Geftalt, 
Lage und verhältnifsmäfsige Länge fo deutlich, dafs man 
unmöglich die Richtigkeit der Meinung verkennen kann, 
jiach welcher das Rückengefafs der erfte ungelungene 
Verfuch eines Saftbewegungsfyftems ift. 

Dafs ich nach allem Gefagten nicht wohl der neue- 
ften Meinung von Herrn Carus '), über die Bedeutung 
diefes Theils, der zu Folge er das erfte Rudiment des 
Kückenmarkes ift, beitreten kann, brauche ich nicht 
zu bemerken. Die Angabe der Art, wie aus diefem 
Rückengefafs Herz und Gefäfsfyftem. hervorgehen, ift um 
fo mehr eine hinlängliche Widerlegung derfelben, da 
Slructur und Thätigkeitsäufserungen in beiden fo völli" 
verfchieden find. 



l) Auat. und Phyfiol, des Nervenryftemi. 1814. S. 75'. 76. 



477 

XI. Ueber die Menftruation '). 

Die Tendenz des Gal/ini'[chei\ Auffatzes ift, zu 
iieweifeu, dafs diefelbe Uifaclie, welche bei dem 
Weibchen der Säiigthieie zur Brunftzeit einen blutigen 
AnsHuls aus den Geichleclitstheilen bewirkt , beim 
mcnfchlichen Weibe die Menftruation hervorbringt. 

Die Wärme ift das Hauptagens bei aller Bildung, 
fowohl der im fchon vorhandenen Organismus. Ijeftän- 
dig vor fich gehenden, als der zu Hervorbringung neuer 
Organismen thritigen. Bei der elnfachften Zeugung i eicht 
die Wärme der Atmofphäre in einer beftiuunlen Jahres- 
zeit hin, die Organe, deren Gefchaft die Hervorbrin-. 
gung und Vergrüfserung des Keimes ift , nicht nur in 
die zum Sichtbar^verden , fondern auch in die zum Ab- 
treten deffelben voii dem alten Organismus und zum 
Anfange eines eignen , felbftftändigen Lebens erforder- 
liche Thätlgkeit zu verfetzen. Hierher gehören die Pflan- 
zen , deren Saamen nur in die Erde gelegt zu werden 
braucht, um lieh in einer beftimmten Temperatur zu ent- 
wickeln , befonders die Bäume , deren , durch Entwick- 
lung liervorgebrochne Aefte getrennt in die Erde gepflanzt, 
oder auf andre gepfropft und fo zu vollkommnen Bäu- 
men werden können. Auf diefelbe Weife zeugen die 
Polypen und Actinien zu gewiffen Jahreszeiten, indem 
lieh Knofpen bilden und trennen. Bei der zufammen- 
gefeizleren 'Zeugung ift vielleicht zur Trennung des Kei- 
mes, geuuifs zu der Ausbildung deffelben, welche ihn 
zu eignem felbfiftändigen Leben fähig macht, aufser der 
Temperatur der Atmofphäre der Zutritt einer befruch- 
tenden FlüfilgUeit erforderlicli. Dies findet bei den 
Zwinerpflanzen und den Monociften, den kopflolen Mol- 
lusken und den fvchinodermen Statt, die lieh felbft be- 
fruchten, und wo' die befruchtende FUifllgkeit fowohl 
ein Mittel zur Bildung neuer thicrifcher Subftanz , als 
zur Hervorbringung und Erhaltung eines, den der äu- 
fsern Medien überueflenden Temperaturgrades ift. 



i) Im Auszüge i\it Gatlini fnpra la legge dell' organismo animale 
da cui (le^iendonu i meltrui deLIe donne in Memorie deUa tociQtk 
lulüiiia. X. XVI. p. 3. an. 1S13. pag, I — I7. 



Bei det noch zufdinmengefetzleren Zeugiingsweife, 
wo Begattung erforderlich ift, wird durch den Act der- 
felben die innere Temperatur durch die höhere Thätig- 
keic felbft, in welche die Zeiigungsorgane durch den- 
felben gerathen, vermehrt und trägt, in Verbindung 
mit den übrigen Urfachen , zu Hervorbringung des An- 
ftofses bei, wodurch der Keim getrennt und in die, zu 
leiner Entwicklung erfoiderlicIieThätigkeit verfetzt ivird. 
Si) verfchieden auch in den verfchiedenen Klaffen, wo 
Begattung zu Hervorlningung eines neuen Organismus 
erforderlich ift, die Bedingungen find, unter welchen 
der Zutritt der befruchtenden Flüfligkeit des Mannes 
zum weiblichen Keime erfolgt, fo wird die Befruchtung 
doch immer durch Erhöhung der innern Temperatur 
über die äufsere begünftigt. Bei der voDlcommenften 
Zeugung, welche bei den Säugthieren und dera Blenfchen 
Statt findet, können die Zeugungsorgane faft in allen 
Jahreszeiten in die Thätigkeit gerathen, durch welche die 
zu Erfcheinung, Trennung und Entwicklung des Keimes 
erforderliche Temperaturerhöhung hervorgebracht wird. 

Diefe Verfchiedenheit der Säugihiere von den übri- 
gen Thieren hangt unltreitig von der Menge von Blot 
und andern Flüfllgkeiten ab, welche zu den Ovarien 
treten , und die Vergröfserung und Lostrennung der 
Keime begünftigen. Daher find die Weibchen der Säug- 
thiere, in Hinücht auf Zeugungsfähigkeit fo unabhängig 
von der äufsern Temperatur, vielmehr von dem grö- 
fsern oder geringern Zuflufs von Blut zu den Zeugungs- 
iheilen abhängig, und die Fähiglceit, in den zur Begat- 
tung tnid dai auf folgenden Zeugung nöthigen Grad von 
Keizung zu gerathen, ftelit mit dem Grade des Blutzu- 
fluffes im directen VerhältniTs. 

Die Verfchiedenlieit zwifchen eierlegenden und 
lebendiggebährenden Thieren gründet licli gleichfalls auf 
die gröfsere oder geringere Fähigkeit zu Erzeugung eines 
liöliern Temperaturgrades, delfen der neuentftehende 
(Jrganismus zu feiner Ausbildung bedarf. Daher find die 
Weibchen der Saugthiere fo organilirt, dafs nach dem 
Eintritte der Pubertät das übertlüflig erzeugte Blut in 
gröfserer Menge zur Gebärmutter i'trömt. Diefes Zu- 
Iiromen des Blutes findet beim uienfchlichen Weibe in 



479 

b'iliei-em Grade Statt als bei den übrigen ?ä»gthienveiTv 
eben, und ift theils die Urfaclie der zu allen Zeiten 
Statt findenden Fähigkeit defl'elben zur Begattung und' 
Empfangnifs , tlieils der Menftrualion. 

Da diele während der Schwangerfchaft niclit Statt 
ündet, io ift fie wahrfclieinlich zunächft darin begiiin- 
det, dafs die bis zu einem gewiffen Grade angefüllten 
und erregten GefäTse der Gebannulter den Widerfiand 
der fie unierfiiiizenden Membran überwinden, und das 
Blut durch die Seitenoffiiungen ihrer Wände austreiben,- 
wodurch dann die Erregung gemindert wird , und die 
Menfiruation aufhört, bis jene durch das neu hinzu 
ftröniende Blut von neuem eintritt. Während derSchwan- 
^erfcliaft findet fie niclit Statt, weil das Blut zur Hervor- 
bringung der jetzt in der Gebärmutier eintretenden Ver- 
Snderungen und der Ernährung des Fütus verwandt wird. 

Diefe Anheilt der Urfachen der Menftrnation wird 
durch eine Vergleichung des menfchlichen Weibes mit 
denen der Säugthiere noch wahrfcheinlicher. Bei dielen 
ift der Andrang des Bluis zu den Zeugungstheilen be- 
ftimmt geringer und macht fie feltncr zur Befruchtung 
fähig. Allein auch bei ihnen deliut das Blut, vorzüg- 
lich in dem Maafse als fie der menfchlichen Species 
näher flehen, wenn der Zultufs dcffelbon einen gewif- 
fen Punct erreicht hat , die übrigen Umftände die Er- 
regung der Gefchlechtstheile begünftigen, und lie im 
Brunfizuftande find, die Gebärmutter aus, und es ent- 
lieht dann ein AusHufs von fchleimiger und blutiger 
Flüfiigkeit, welche der Menfiruation des menfchlichen 
Weibes enifpricht. 

Ungeachtet alfo diefe beim menfchlichen Weibe 
monatlich, bei den Säuglhierweibchen nur zur Briinft- 
zeit, und auch hier in geringerer Menge eintritt, fo 
fcheint doch daffelbe Gefetz diefe Erfcheinungen zu 
regeln. Das nach dem Eintritte der Pubertät iiberflüfiige 
Blut mufs in grüfserer Menge zu den Genitalien ftrii- 
men, um vorzüglich die zur Entwicklung und Vergiiifse- 
rung des Fötus erforderliche Temperatur der Gebär- 
mutter zu erhalten und zu erhöhen. Das reichlicliei« 
Zufirümcn des Blutes beim menfchlichen Weibe marlit 
dicfes in allen Lebensperioden zur Begattung' und Be- 



fruchtung fähig , «vuhrend dies bei den ülirigen Säug- 
tliieiweibchen, nui; feltiier Statt findet. Bei diefen geht 
das Blut gewöhnlicli durch die Venen zurück, beim Weibe 
und den Weibchen der verwandten Saugthiere tritt es aus 
den GefäTsen , dort monatlich , hier nur zur Brunftzeit. 

Das Gefetz alfo, welches alle dlefe verfchiedenen 
Phänomene in den verfchiedenen Arten derlebendiggebäh- 
renden Thiere beftimmt, fliefst aus der beftändigenThat- 
fache , dafs , da der neue Organismus fich innerhalb des 
alten fo weit entwickelt, bis er ein felbfiftändiges Leben 
führen kann, die Gebärmutter durch einen lieftändig 
wechfelnden Zuflufs von Blut fähig wird, die zur Entwick- 
lung und Vergröfserung des Keimes nothwendige Tempe- 
raturerhöhung hervorzubringen. Unftreitig ift das Weib, 
wenn es gleich in allen Perioden beinahe gleich fähig zum 
fruchtbaren Beifchlafe ift, docli in den erften Tagen 
nachdem die Menftruation zu fliefsen aufgehört hat , am 
fälijoften, indem jetzt die Erregung der Gebärmutter und 
der Zuflufs von Blut von neuem ihren Anfang nehmen. 



ErTiläru7ig der KupfertafeL 

l'ic. I bis 6. Leberknoten von verfchiedener Be- 

fchaffenheit , zu .... Seite 43a 

Fig. 7« Eine Concretion aus dem Grimmdarm 
eines Mannes. 

Fig. 8. Eine Concretion aus dem Darmkanal 
eines zwölfjährigen Knaben, die einen Kno- 
ten zum Kerne hat.^ 
Beide aus Monro's moilbid anatomy of the human 

pullet. Edinb. 1811. Taf. i. und 2. 



( 



J^f.X 




Deutfehes Archiv 

für die 

PHYSIOLOGIE. 



Erster Band. Viertes Heft. 



Bemerkungen 

über 

die Thymusdrüfe des Murmelthiers 

während des Win terf chlafs. 

Von 

Dr. Friedlich Tiedemann. 

(Mit einer Nachfchrift des Herausgebers.^ 



iJie Anatomen und Phyfiologen, welche fich mit 
dem Bau und den Lebensäufseruiigen der einen Win« 
terfchlaf haltenden Säugthiere bcfchäftigten , nament- 
licli //. Reove '), G. Mangili '), Saijjy 3) und Pru- 



i) De animalibus hyeme fopitis. London tgOJ. An Effay on tlie 
Toq>idity of animals. London 1809. 

2) Saggio di Offeryaziom per fcrvire alla ftoria dei Mammiferi 
fofgetti al periodico letargo. Milane 1807. J. Memoire für la 
Uibargie pvriodique de (quelques niammifcrcs. in d.jnnales da 
Mufce d'hift. natur. T. 10. p4)4- l^cils Arcliiv Pd. 8. II.), 

3^ Keclierche« exp^riinentales, anotorniques, cliiiniques etc. fiir 
U phyfi'ine d«9 aniinaux inammiCcres iiyberiuns eti'. Fa- 
rii 1808. 8' lleiU Atieliiv Bd. I^, 

M U. Anhiu. 1, 4. H h 



483 . 

nelle '), lu;ben ein Organ iiberfelien , welches Jodi 
einige Berückfichtigung bei ihren ünterfuchungeu ver- 
dient hätte, weil daffelbe merkliche Veränderungen 
während des Winterfchlafs erleidet; dies Organ ift 
cRe Bruft- oder Thymusdrüfe. 9chon das conftantiü 
Vorhandenfe.yn der Thymusdrüfe während der gan. 
zen Lebensdauer bei deif einen WihtelTchlaf" hallen- 
den Nagelhieren '), fo wie beim Igel und den Fledcr- 
mäufen '), hätte die Aufmerkfamkeit der eben ge- 
nannten Männer auf diefes Organ ziehen follen , wenn 
fie anders nicht ihre Unterfuchungen und Beobach- 
tungen begonnen , ehe fie noch den Bau diefer Thiei"e 
kannten. Um Naturforfcher, welche Gelegenheit ha- 
ben , Unterfuchungen über den VVinterfchlaf der Thiere 
»nzuftellen , auf die Thymusdrüfe aufmerkfam zu ma- 
chen, theile ich meine Beobachtungen über die Thy- 
musdrüfe zweier Murmelthiere mit, von denen ich 
eins während und das andere aufser der Zeit des 
Winterfchlafs zergliedert habe. 

Im Monat November des Jahres 1811 erhielt 
ich ein weibliches Murmelthier aus Salzburg, welches 
in einem Kiflchen mit Heu angefüllt fchlafend ankam. 
Das Thier halte eine zufadimengerollte Lage, der 
kurze Schwanz bedeckte das Antlitz, die Augended^el 



l) Recheiches für les pheiiomenes et für les caiifes du fomniell 
hivernal des quelcjues mamniiferes m d. aiinales du Mufce. 
T. 18. p. 20. 

a) J. Pallas novae fpecies quadiupedum e gUnum oidine. 

3) .f. F. Mechd Abhandlungen aus der meafcliUcnen und ver- 
gleichenden AnacoinLe und Phyllologie. Halle iSsfi. i. S. 198. 



und der Mund waren gefchloffen. Es war ganz kalt 
anzufühlen und fchien todt zu feyn. Nur beim Stechen 
und Reizen gab es einige Zeichen von Bewe:;ung von 
fich. VVenn ich es mit Gewalt auseinander rollte, 
lo zog es fich gleich wieder Zufamnien. D;inn und 
wann nahm ich ein langfames und fchwaches Aus- 
dehnen und Zufammenfallen der Seiten des Körpers 
und des Bauches wahr, als fchwache vSpuren des Ath- 
mens. Beim Auseinanderziehen der AugenJieder fah 
ich die Bindehaut fchwarz geftrbt, auch erblickte icli 
die erweiterte Pupille. Die Iris fchien für die Ein- 
wirkung des Lichts unempfindlich zu feyn, weil fich 
die Pupille nicht verengte. Starkes Gen.ufch iiatte 
durchaus keinen bemerkbaren Einflufs auf das Thier. 
Riechbare Subftanzen an die Nafe gebracht fcbicn es 
nicht zu empfinden. So blieb das Thier den ganzen 
Winter über in einem erftarrien, cmpfiadungslofen 
Zuftande, ohne alle Aeufserungen des liöheren unima- 
lifclien Lebens, das fcii wache, feltene, oft kaum be- 
merkl)are Athmen abgerechnet, in feinem Kiftohert 
mit Heu liegen, welches ich in ein Zimmer geftellt 
hatte, worin die Temperatur der Luft niemals über 
einige Grade unter Null fiel. Im Monat Uecember 
traten einige warme Tage ein, wiihrend diefer Zeit 
mufs das Thier einmal erwacht feyn, weil es feine 
Lage verändert hatte. 

Naclidcm ich mehrere Verfuclie liber die Tem- 
peratur des Körpers, über das Aliicmholen u. f. w, 
nngeltfJlt halte, die ich aber der Kiirzo wegeir liier 
nicht angeben will, weil fie zu dan bekanntun , voil 

Hh a 



■484 

Mtuitiili-, PruiieHe «. ;i. aufgeftelUeii RerulUilen fiilir- 
teo; fo befchlofs ich das Tliier im Winterfchlaf zu 
tOdten , um feinen Bau zu unterfuchen. Am fiinft'en 
März Morgens zehn Ühr nahm ich das erftarrte Muf- ' 
melthjer aus feinem Itiftchen und trug es in ein mafsig 
erwärmtes Zimmer um es hier zu tödtcn. Beim Ein- 
fchnitt'in die Haut des Halfes äufserte es nur' fehr 
fchvvache Bewegungen' in dem Hautmuskel, doch er- 
wachte PS rieht. Icli «lurchfchnitt die Droffch-eneri 
und' clie' Kopf fchLigadern, das fchwarzrothe Ijhit flofs 
kalt über die Hand. Die Temperatur des ausgeflof- 
fenen Bluts betrug zwei Grad über Null nach dem 
Reaumurff-hen Thermorneter. Der Unterfchied zwi- 
fcheri dem arteriellen und venöfen Blut, in Hinficht 
der 'Fai-be,' war kaum bemerkbar. Das aus den Go- 
fäfsen a'usgefloffene Blut fchied fich in ein helles BluK 
waffer und in einen wenig dichten Blutkuchen. Beim 
Durchfchneiden des StJmmnervens und des fympalhi- 
fchen Nerveiis äufserte cLis Thier Bewegiuigen in den 
Beugemuskeln des Rumpfes, der etwas ge'kriimm't 
wiu-de. Da ich die .Spitze des Meflers hi das'Riicken- 
juark zwifchen dem Hinlerhauptbein und dem erfteit 
Halswirbel oinfenkte, entftanden fchwache Convulfici- 
nen. Das Herz contrahirte fich langfam untl iijeh 
das Blut ftofsweife aus den durchfchnittenen CarotiJcn 
heraus. Die Eingeweide der geöffneten Bruft - und 
Bauchhöhle waren kalt anzufithlen. Leider mufslo 
ich diefen Morgen meine Unlerfuchungon einftellen, 
weil ich zu einem Qefchäfte abgerufen wurde. Ich 
fchlug die Haut um die gemachten Einfchniite unj 



.i85 

legte. r!js Tlüer in ein kaltes Ziiniiier, worin lÜe 
Temperatur iler Luft ein Grad filjer Null betrug. 

Am foJgeiitlcnTage fetzte ich in tierfelben Stunde, 
in der ich goftcrn das Thier getudtet hatte, die Un- 
terfuchuiigen fort. Nachdem ich die Haut zuriick- 
gefghlagen hatte und das noch mit allen Gefäfsftämr 
nien in Verbindung ftehentle Herz mit der Spitze 
eines Meffers reizte, fo contrahirte fich, zu meiner 
grofsen Verwunderimg, der rechte Venenfack. Die 
Aeufserungen der Reizbarkeit diefes Venenfacks er- 
lofchen crft nach vier Stunden. Hätte ich gerade 
eine galvanifche Siiule zur Hand gehabt, fo hätte ich 
gewifs noch längere Zeit Aeufserungen der Reizbar- 
keit hervorrufen können. 

Der ganze vordere und' hintere Raum zwifchen 
den Bruftfellfucken und dem Herzbeutel war mit der 
Thymusdrüfe angejiillt. ,Sie zog fieh fflbft an den 
Gefäfsftämmen lies Herzens aus der Brul'thöhle her- 
auf, erftreckte fich neben der Luftrohre bis nahe an 
dun Unterlviefer hin, ferner breitete fie fich oberhalb 
der Schliiffelbeine am Hälfe aus , und begab fich felbft 
unter ilen Sciilüffelbeinen und unter den grofsen 
Bruftmuskeln bis zu den Achfeihöhlen hin. Die un- 
gemein grofse Driife hatte eine rüthlich weifse Farbe, 
und befland aus mehrern durch Zellgewebe und Ge- 
iafszweige verbuntlenen Lappen , die abermals aus meh- 
reren kleineren Läppchen gebildet waren. Jedes Läpp- 
chen war aus vielen rundlichen, mit einer grauweifsen, 
chylusartigen Flüffjgkeit angefüllten Bläschen zu am- 
nieugefeL^t, auf welchen fich Gefäfsnelze verzweigten. 



486 ^^.^^^ 

Die Bläschen hatten eine halbe bis ganze Linie ini 
Durchmeffei-. Alle Bläschen eines Läppchens ftanden 
niit einander in Verbindung, denn wenn ich eins der- 
felben mit dem Meffer öffnete, fo konnte ich bei ge^ 
lindem Druck durch die gemachte Oeffnnng die chy- 
lusartige Fliifligkeit aus allen Bläschen oder Zellchen 
eines kleinen Lappens herauspreffen. Brachte ich das 
Stahlröhrchen eines mit Queckfilber gefüllten Glas- 
cylinders in die Oeffung einer Zelle ein, fo drang 
das Queckfilber in die benachbarten Zellchen ein und 
füllte diefe an. Aufser den reichlich vorhandenen Ar- 
terien- und Venenzweigen, die zarte Gefäfsnetze auf 
den Wäntien der Bläschen bildeten , fah ich auch 
mehrere Saugaderdriifen, die an den Gefäfsen lagen, 
und eine fchwärzliche FhifGgkeit enthielten. Einen 
etwanigen Aiisfiihrungsgang liabe ich nirgends an der 
Drüfe finden köniien, Ich mufs geftehen, dafs ich 
hier die erfte deutliche und richtige Vorftellung über 
den Bau der Tliymusclrüfe erhalten habe. Die ganze 
Mafi'e der aus der ßrufthOhle herausgenommenen und 
von ^llen benachbarten Theilen losgetrennten Thy- 
rnusdrüfe wog eine Un7,e einen und einen halben Scru- 
pel Medizinalgewichts. Das ganze Thier wog, ehe 
ich es tödtete, fünfundzwanzig Unzen, zwei Drach- 
men und einen Scrupel. Demnach machte die Thy- 
musdrüfe ohngefähr den vier tind zwanzigften Theil 
der ganzen' Maffe des Tliieres aus, Anfangs ver- 
muthete ich, dafs die Schikldriife ebenfalls fehr ver- 
grüfs'irt feyn möchte, allein darin irrte ich mich, 
denn diefe Drüfe war fehr klein und wog nur eilf 



— ^-^^ 487 

Gl an. Auch die Nebennieren waren felir Klein, fie 
wogen zufammen nur drei Gran. 

In Hinficht der übrigen Organe vercfient folgen- 
des noch bemerkt zu werden: 

Die im Vcrhähnifs zur Grofse des Thieres fehr 
kleinen Lungen waren ganz zufaminengefallen und 
enthielten nur fehr wenig Luft, dagegen waren die 
Gefäfse um fo mehr mit Blut angefüllt. Auch das 
Herz war verhältnifsmäfsig fehr klein , denn es war 
im blutleeren Zuftand nur einen Zoll vier Linien (des 
Parifer Maafsftabs) lang, luid neun Linien breit. , Es 
wog, von feinen Gefä'fsftämmen getrennt, zwei Drach« 
imen und einen Scrupel. Die bedeutend grofse, braun- 
roth und gelblich marmorirte Leber, deren Gefäfse 
viel Blut enthielten, wog eine Unze zwei Drachmen 
und fünf unil zwanzig Gran. Die längliche birnfoc- 
mige Gallenblafe war mit einer braungriinen Galle an- 
gefüllt, die wenig Bitterkeit zeigte. Die lange, 
ichmale und braunrothe Milz wog einen Scrupel. Der 
Magen enthielt eine fchlcimige weifsliche Flüffigkeit, 
übrigens durchaus nichts von Nahrung. In den dün- 
nen Gedärmen fand ich eine geringe Quantität eines 
weifshchen, etwas röthlichcn und mit Galle vermifch- 
len Dannfchleims. Der ßlinddai'm war ganz »lit ei- 
ner gräulicligellien .fchleimigen Flüffigkeit angef illt, 
in der einige Haare des Thieres befindlich waren. 
Auch der Maftdarm war mit einer gräulichbraunen, 
zähen und fchleimige^;! Flüffigkeit angefüllt, welche 
ganz dem Meconium glich. 



488 . 

Im Sommer des Jahres i8ij tödtele ich ein, 
ein Pfund zehn Unzen und fünf Drachmen fchweres, 
wohlgenährtes, weibhches Murmelthier, um zu unter- 
fuchen ob Cch nicht etwa Verfchiedenheiten in dem 
Bau der Murmelthiere nach den Jahreszeiten vorfän- 
den. Vor allen richtete ich meine Aufmerkfamkeit 
auf die Thymusdrtiie. Nachdem ich die Haut an dem 
Halle und an der Bruft eingefchnitten und zuräckge- 
fchiagen hatte, kam die ganz fchlaffe, welke und zu- 
fammengefallene Thyniusdrüfe zum Vorfchein. Ich 
konnte durchaus keine Bläschen und Zellchen erken- 
nen , weil fio keine chylusartige Flilffigkeit enthiel- 
ten , und folglich leer auf fich felblt zufammengezo- 
gen waren.. Auch die Blulgefäfse waren in fehr ge- 
ringer Anzahl vorhanden. Elien fo welk und gefäls- 
arm war dasjenige Stück diefer Drilfe befchaffen, wel- 
ches in der Brufthöhle zwifchen den Bruftfellfäcken 
lag. Die ganze Drilfe wog nur drei Drachmen und 
einen Skrupel. Weiche auffallende V erfchiedenheit 
in Hinlicht der Thyniusdrüfe, mit der jenes während 
des VVinterfchlafs getöilteteb Munnelthiers! Bei jenem 
machte die Thyniusdrüfe den vier bis fünf und zwan- 
zigften Theil der ganzen Mafle iles Körpers aus, imd 
bei diefem ungefähr nur den hundert und fechzig- 
ften Theil. 

Aus diefen Unterfuchungen geht alfo offenbar 
hervor, dafs die Thymusdrüfe wahrend des VVinter- 
fchlafs fehr bedeutend vergröfsert und in ihrer Maffe 
vermehrt wird. Diefe Vergröfserung fcheint theils 
von dem grölseren Einiiufs des ßiutSj und theils von 



489 

der Abfonderung einer chylusartigen Fliiffigkeit in die 
Zellchen und Bläschen der Dnife herzurühren. Nach 
dem Winterfchlat' nimmt die Thymusdrüfe fehr merk- 
lich an Gröfse ab, diefes fcheint von einem geringe- 
ren Einflufs des Bluts und von dem Verlchwinden 
der chylusartigen Fiüffigkeit abzuhängen. Da die Thy- 
musdrüfe keinen vVusführungsgang hat, fo kann die 
in ihren Zellchen wahrend des Winterfchlafs abgcfon- 
derte chylusartige Flil£figkeit nur durch Auffaugun^, 
alfo durch die Thätigkeit von Saugadern \viec(er auf- 
genommen werden. Es entfteht jetzt die Frage : warum 
während des Winterfchlafs eine chylusartige Fliiffig- 
keit aus dem Blute in die Zellchen der Thymusdrüfe 
abgefondert werden möge? Diefe Frage möchte durch 
Folgendes beantwortet werden: Wahrend des Win- 
terfchlafs geht der Athmungsprocefs ungemein lang- 
fam von Statten , ja er fcheint in manchen Fällen ganz 
fuspendirt zu feyn , wie aus den von Saiffy angeftell- 
ten Verfuchen erhellet. Durch die Abfonderung einer 
chylusartigen und folglich wenig oder gar nicht oxy- 
dirten Fiülfigkeit aus dem Blute in die Zellclien der 
Thymusdrüfe mufs alfo der oxydirte Theil des Bluts 
relativ an Mafle zunehmen. Ein überhaupt fehr we- 
nig oxydirtes Blut unterhiflt den während des Winter- 
fchlafs fehr langfiun und trag von Statten gehenden 
Vitalitätsproccfs diefej- Thiere. Wenn im Friihjahr 
der Atlnnuiigsprocefs beim Erwachen der Thiere wie- 
der feine vollkommene Energie erhält, fo wird die 
in die Zeilen der Thymusdrüfe abgefonderte cliylus'- 
artige FlOffiijkeit wietler eiugcfaugt und dem Blute zir« 



gemifcht, um bei dem Kreislauf durch die Lungen 
oxydirt und in Blut verwandelt zu werden. So wird 
denn auch die chylusartige Fliiffigkeit die erfte Quelle 
der Ernährung für die aus dem VVinterfchlafe erwach- 
ten Thiere , welche gleich bei dem Erwachen feiten 
Nahrung finden. 

Ich mufs hier auch bemerken , dafs ich die Thy. 
musdriife bei dem Igel unti bei den Fledermäufen con- 
ftant zu jeder Zeit gefunden habe, und dafs diefe 
Drüfe während des Winterfchlafs ebenfalls um mehr 
als das Doppelte an Gröfse zunimmt und eine chy- 
lusartige Fliiffigkeit enthält, welche ich im Sommer 
nicht wahrgenommen habe. Desgleichen ift die Thy- 
musdriife in einigen Wafferthieren vorhanden; denn 
ich fand fie in ■ der Fifchotter und im Bieber. In 
einer fiebeii Pfund fchweren und ganz ausgewachfe- 
nen Fifchotter, welche ich am 24. April 1814 zer- 
gliederte, war die von oben nach luiten platt gedrückte 
Thymusdrüfe drei Zoll lang, ein und einen halb Zoll 
breit und ihr Gewicht betrug eine und eine halbe 
Drachme und fiebzehn Gran. Sie beftand aus vielen 
Lappen imd hatte eine rüthliche, fchmutzig weifse 
Farbe. Die verhältnifsmäfsig fehr kleine Schilddrüfe 
bildete zwei Lappen, wie bei den meiften Raubthie- 
ren, weil kein verbindender mittlerer Theil vorhanden 
war. In einem dreifsig Pfund fchweren und drei Fufs 
drei Zoll langen Bieber, welchen ich am 14. Decem- 
ber 18 II unterfuchte, fand ich eine ungemein grofse 
Thymusdrüfe, die aus der Brufthöhle herausftieg und 
halbmondförmig die Luftröhre und den Hals umgab. 



^ — - — ^ 491 

Aiisgeftreckt war fie tier Zoll und zwei Linien laiig. 
Sie beftanci aus vielen Läppchen und hatte eine rüth- 
fich weifse Farbe. Ihr Gewicht betrug zwei und eine 
halbe Unze ein Drachme und einen Scrupel. Auch 
hier war die Schikldriife klein. Ob fich bei diefea 
Thieren eine Verfchiedenheit in Hinficht der Gröfse 
der Thymusdrüfe nach den Jahreszeiten findet, kam 
ich nicht angeben. Doch ift es mir wahrfcheinlich, 
dafs die Drüfe im Winter vergröfsert werde, weil die 
eben genannten Thjere im Winter feiten ihre Höblori 
verlaflen und meiftens fchlafend in der lehr verdui- 
benen Luft der Hohlen zubringen. Auch bei diefeii 
Thieren möchte die Function der Tliymusdrül'e die 
zuvor beim Murnielthiere angegebene feyn. 

Uebrigens ift es auffallend, dafs eine fo grofse 
Aehclichkeit in den Lebensäufserungen der Thiere 
Während des Winterfchlafs mit den Lebensäufserun- 
gen des Fötus Statt findet; 7a ich möchte daher den 
Winterfchlaf ein wahres periodifches Zuriickfinken der 
Thiere in den Fötuszuftand nennen. Man erlaube 
mir nur einige Bemerl<ungen beizufügen, wodurch 
diefe dem Anfcheiii nacli fonderbare Ausfage gerecht- 
fertigt wird. Wie beim Fötus der Thiere iiiierhaupt 
keine Aeufserungeu des höheren animalifclien Lebens, 
nämlich keine höhere Empfindung, keine Action der 
Sinnesorgane und keine freiwilligen Bewegungen Stau 
finden, lo fehlen fie auch bei den Thieren während 
des Winterfchlafs. Wie beim Fötus nur die Organe 
des niederen animalifchen oder vegetativen Lebens 
thäiig find , fo auch bei den Winterlclilüfern, Beim 



493 HT-.. 

Fötus findet nur ein geringer , kaum' merklicher Un- 
terfchie4 zwifchen c|em arteriellen und venöfen Blut 
Statt, daffelbe ift fiuch der Fall bei dem Blute der 
Thiere während des Winterfchlafs. Das Blut des Fö- 
tus befteht aus viel Serum imd wenig Blutkuchen,^ 
fo auch das Blut der Winterfchläfer. Der Kreislauf 
des Bluts geht im Fötus fehr langfam von Statten, fo 
auch bei den winterfchlafenden Thieren ; das Herz 
contrahirt fich kaum acht bis zehnmal in einer Mi- 
nute. Die Temperatur des Bluts und des ganzen 
Körpers ift beim Fötus gering, dies ift auch der Fall 
bei den Thieren während des Winterfchlafs, denn die 
Temperatur ihres Bluts beträgt kaum *drei Grad über 
Null. Im Fötus ift die Thymusdriife fehr grofs und 
enthält eine chylusartige Flüffigkeit, fo auch in den 
Winterfchläfern. Im Fötus hat die Lebet eine fehr 
bedeutende Gröfse, daffelbe findet auch in einem auf- 
fallenden Grade bei den winterfchlafenden Thiea-en Statt. 
Die Leber des Fötus fondert Galle ab, welche mit 
dem Darmfchleim vermifcht dasMeconimn bildet; auch 
während des Winterfchlafs dauert die Gallenabfonde- 
rung fort, und man findet in dem Daimkanal diefer 
Thiere eine dem Meconium vollkommen ähnhche Flüf- 
figkeit. 

Ich endige hier diefe Bemerkungen, die, wie 
ich glaube , meine Meinung rechtfertigen , dafs die Le- 
bensäufserungen der winterfchlafenden Thiere eine 
grofse Aehnlichkeit mit den Lebensäufserungen des 
Fötus haben. Die gelegentliche Mittheilung meiner 
Verfuche und Beobachtungea über den Winterfchlaf 



der AmpTiibiÖn werden diefe Meinung noch mehr be- 
ftätigen. 

Nachfchrift des Herausgebers. 

Die vorftehenden vortrefflichen Unterfuchungen 
meines verehrten Collegen find, aufser ihrer Genauig- 
keit und dem hohen Intereffe des Gegenftandes, vor- 
züghch infofern wichtig, als fie frühere Anflehten und 
Beobt -htungen beftätigen. 

In erfterer Hinficht verdient bemerkt zu werden, 
dafs fchoa der • ehrwürdige Pallas '), wie ich bei 
einer' anderri Gelegenheit fchon bemerkte '), den Win- 
itBrfchlaf ausdrücklich mit dem Fötuszuftande ver- 
glich, indem er fagte: „ Largior thynuis atque glandu- 
„ larum tliymo analogaruiu apparatufe in Omnibus, 
„ quaß fopiuntur , animalibus obfervabilis , atque 'hyeme 
„magis floridus, ufuni earum in fubigendo humores 
„confiftere, eo magis probabile reddunt, [/uuni lethar- 
„gus iße anhnaluan ex parte ftatid foetus in utero 
„f/uain maxime compaiabUis vldeaei/r., foetusque pa- 
„ricer iliyintis in iiniverjuiiißoreatijfima reperiatur.^'- 
und beinahe eben fo Prunelle an der von Herrn Tiede- 
manii angeführten Steile fagt 3); „Je pourrois eu 
„comparant la vie letliargi^ue du foetus avec celle de la 



l) Novje fpec>£< ciuadrupedum e gliiium ordine. £vlangae 177g. 

p. II«. 
3) AUlundl. aus der menfclil. und vergl. Anatomie. Halle igod 

S. 2,J. . 

]) r<eclierchei für let phinomenes et fnr les paufes du fommell 

biveriial de quelques lYiamrtifiwj In Ann. du muftüm. Tome 

XVm. 18II. p. j:i. 



494. ^^^^^ 

„marmotte faire voir -que la pveifliere tjent ä peii </e 
„chofe pres aux meines circonftances que la fecpiide.". 

In letzterer Hinficht find Herrn Tiedemann's 
Beobachtungen ein fchätzenswerther Beitrag zu den 
Refuitaten der Unterfuchungem von Pallas, . Prunelle 
und mir, indem \vir die Thymus bei den winterfchln- 
/enden Nagetideren, dem Igel und den Fledermaufen 
keinesvveges blofs das ganze Leben hindurch beftehend 
fahen, fondern auch ausdrücklich die Vergröfserung 
derfelben im Winterfchlaf anzeigten. 

Dafs Pallas diefe Erfcheinung bekannt war, bfc- 
weifen feine oben angeführten Worte. Ebea ,fo habe 
ich fchon vor mehrern Jahren bemerkt, dafs ich beim 
Igel kurz nach dem Erwachen aus dem Winterfchlafe 
die Hals- und Rückenthymus weit dicker, angefchwoll- 
ner, faftiger, röther, gefälsreicher als kurz vor dem 
Eintritte derfelben fand '). 

Dafs Prunelle keinesweges unter die Naturfor- 
fcher gehört , welche die Thymus in den winterfchla- 
fenden Thieren iiberfahen, beweift die Stelle, wo er 
ausdrücklich fo von ihr handelt '): 

Die Thymus, welche bei den Winterfchläfern 
im Allgemeinen ziemlich entwickelt ift , liegt beim 
Isel im obern Theile der Bruft auf dem Herzen. 
.Xur gegen den Winter wird fie bei den Winterfchlä- 
fern etwas grofs : im Frühjahr und Somrner ift fie fo 
dünn, dafs fie bei den Fledermaufen nur einem Biin- 



l) Cuvicr Vorlef. über vergl. Anat. Bd. 4. S. 720 
3) A. 1. O. S.jo» — 311. 



.495 

dei xöthlicher FäJeii gleicht. Beim Igel ift fie deut- 
licher, nocb mehr beim Miirmelthier, wo fie weniger 
das Anfehnieiner einzelnen Drüfe als mehrerer, durch 
fehr lockeres Zellgewebe vereinigter driifiger Punkte 
hat. Diefe -Beobachtungen beftritigten fich als beftäa- 
dig in zwei Fledermäufen , vier Igeln und fieben Mur- 
melthieren , welche zwifchen dem April und Auguft 
■untei'fucht wurden. ■■ ■•. 

Im Herbfte aber erleiden die in der Brufthühle 
enthaltenen Organe fichtbare Veränderungett. . 'Uija' 
diefe Zeit häuft fich eine anfehnliche iNIenge fehr feften 
Fettes unter dem Bruftbein , fowohl in der Mitte ak 
im ganzan Umfange des Herzbeutels und der grofsen 
Gefäfse .und beiden Mittelf eilen an. Jetzt nimmt cüe 
Thymus der Flederniäufe falt die Hälfte der Bruft- 

-höhle ein, und ihre Anhänge erftrecltcn fich über de^ 
Herzbeutel weg zwifchen die grofsen Gefäfse: Ebeti 

• fo V€rgröfsert fich auch beim Igel die Thymus be- 
trächtlich, verlängert fich bis unter den Aortenbogen 
und breitet fich längs dem obera Rande des Schul- -I 

-terblalte«! bii zum hintern Thcile <les Halles aus. 

Beim Murmelilüere vijrgiöfsert lieh diefe Drille 
noch bedeutender. Bei eihem im December igo6 
unterfuchccn fand ich tUe Lungonfubftanz feiir fett; 
beim Durchfchneideii llofb fo viel Fett aps, dafs es of- 
fenbar die Blutbewegung hindern mufste. Eben fo 
ftrotzte auch die Thymus von Feit. Sie fi'dite ilcii 
ganzen vordem Raum der BruflliOhle, voij den ScliJ/if- 
fclbeiu'-n bis zur HerzgruniUläche an, umfafüte jiio 
Aorte bei ihrem Austritt aus dem Herzbeutel tmd 



496 



fchien fie zufiiuinien zu drücken. Verlängerungen von 
ihr begleiteten die abfteigende Aorte bis zu ihrer 
Theilung in die Hiiftpulsadern und ■umiJchloffen fit 
eng. Bei Murmelthieren, die im Laufe deffelben Win- 
ters, am 25. Februar, am 7., 15. und 25. März un- 
terfucht wurden , waren diefe Verlängerungen ia dem- 
felben Verhältnifs als die Jahrszeit vorgefchritten war, 
immer kleiner und fchon beim zweiten Thiere etwas 
von der Aorte entfernt, bei einem am 15. Mai fe- 
cirten kaum merklich, eben fo wenig bei andern, ge- 
zähmten, nicht in den Winterfchlaf verfallenden, welche 
im folgenden Winter geöffnet wurden. . Eine grofse 
Menge von Blutgefäfsen , die fich nach allen Richtim- 
sen kreuzen, verbreitet fich in den Verlängerungen 
der Thymus. Sie entfpringen von den Zwifchenrip- 
penpulsadern , die der Thymus felbft von der untern 
Schilddriifenpulsader. Die rechte und linke Schliif- 
felpulsader und die linke gemeinfchaftliche Carotis 
•waren von dem Körper der Drüfe felbft bedeckt. 
Alle diefe Gefäfse, fo wie die Bruft-und Unterleibs- 
eefäfse find bei den Winterfchläfern fehr ftark ent- 
wickelt. Bei demfelben Thiere finden fich zwei an- 
dere, in ihrem Bau der Thymus fehr ähnliche, nur 
weniger gefäfsreiche Dnifen, welche unter dem gan- 
zen crofsen Bruftmuskel liegen. Aehnliche, fehr an- 
fehnliche Driifen liegen vorn und an der Seite des 
Halfes. Alle fchicken Fortfätze zu den Unterachi'el- 
drüfeu, die fich wieder mit denen der Thyinu; 
fo vereinigen, dafs dadurch eine einzige dnifige 
Malfe gebildet wird. Eine folche Thymusmaffe fimlei 

man 



497 

man bfi den Fledermäufen , dem Igel, der Hafelmaus 
und dem Murmelthiere, niclit aber bei den nicht» 
,fchlafenden Mä'ufen. Die fie ZufammenfetzeiKlen Drü- 
fen und vorzüglich die eigentliche Thymus eihaltert 
eine anfehnliche Nervenmenge. Das Lungengefiecht ift 
fehr klein , dagegen find die vom Stimmnerven zur Bil- 
dung des Herzgeflechtes abgehenden Aefte fehr grofs. 
Der Zwerchfellsnerv des Igels, der vom vierten und 
fünften Halsnervenpaare entfpringt, ift äufserft dick. 

Mittelft des befchriebenen , im Frühjahr gewöhn- 
lich fehr unmerklichen Drüfenapparates werden die 
Lungen in den hintern Theil der ßruft gedrängt, wo 
fie fo zurammengedrückt find, dafs fie durch Aufbla- 
fen kaum ein Drittheil ihrer gewöhnlichen Grufse er- 
halten. Das Herz und die grofsen Gefäfse, eben fo 
die Gefäfse des Unterleibes, ftrotzen von, dem An- 
fehn nach beinahe ftockenden Blute. Dagegen find 
die verhältnifsmäfsig fehr kleinen Hirngefäfse nie fo be- 
deutend angefüllt. Der Igel und die Flederm.iufe un- 
terfcheiden fich von den Murmelthieren durch die Or- 
ganifation der Brufthühle, fofern bei ihnen die Thy- 
musfortfätze fehlen; allein ihr VVinterfchJaf ift auch 
viel kürzer und weniger tief als beim Murmelthier. 

So vollftändig diefe Befclireibung von Prunelle 
•ift, fo wenig befriedigend ift, meines Dafürhaltens, 
fovvohl feine Angabc des erften Entdeckers der Crüfso 
der Thymusrlrüfe bei den vVinterfchliifcrij , als feine 
Erklärung der Beziehung, worin dicfelbe jnit dem 
Winterfchlafe fteht, 

Af. d. Archiv. /. 4. 1 i 



498 — r-' — 

In erfterer Hinficht ift es fjft lacheriicltt d-ils 
er Cvvier zu FoJge einer aus clelTen Elemens d' hi- 
ftoire naturelle citirten Stelle, worin es heifst, dafs 
die Thymus und andere Drüfen die Brufthühle der 

Winterfchläfer beengen, als den Urheber diefer Idee 

nennt, da fie niclit nur fchon Pallas allen Winter' 
fchläfern in der angeführten Stelle zugefchrieben , fon- 
dern auch mehrere ältere Anatomen , z. B. Sckeitch- 
zer und Härder fchon ähnliche Bemerkungen gemacht 
hatten. 

Die Beziehung der vergröfserten Thymus zum 
Entftehen des Winterfchlafes hiilt er für ganz mecha- 
nifch und leitet fie aus Atm Drucke derfelben auf die 
Lungen und die grofsen Gefäfse her, wodurch theils 
die normale Ausdehnung der Lunge, theils der Ein- 
tritt des Blutes in diefes Organ und das Gehirn ge- 
hindert wird. Das in der Subftanz der Lungen und 
im ganzen Korper angehäufte Fett, die vergröfserte 
Leber, wirken nach ihm auf diefelbe Weife, blofs 
mechanifch, den Raum der Brufthöhle verengend. 

Es lafst fich nun freilich nicht geradezu bewei- 
fen, dafs diefe mechanifche Erklärung, welche fich 
natürlich fehr leicht voUftändig durchführen läfst und 
auch von Prunelle gut durchgeführt worden ift, un- 
richtig ift; allein dafs fie höchft unwahrfcheinlich ift, 
läfst fich ohne grofse Schwierigkeit darthun. 

Schon der Uuifland , dafs fich ein eigenthüni- 
liehes Organ, nicht blofs Fett, ■i\elclies doch fouft 



499 

allein fich an der Stelle unthätiger Theile bildet , fo 
bedeutend entwickelt, fpricht gegen diefe Anficht und 
erweckt die Vermuthung , dafs eine dyiiamifche Be- 
ziehung zwifchen den! Wjnterfchlafe und der \'er- 
gröfserung der Thymus, diefeni Organ und den Lun- 
gen obwaltet. Diefe habe ich daher fchon längft da 
ausgefprochen, wo ich von der Function der Thynius 
überhaupt handelte '), und freue mich, zu fehen, 
dafs Ce durch Herrn Tiedemanns Beitritt eine neue 
Stütze erhält. , 



i) CiLvicr Vorl. über vergl. Anat. BJ. ^. S. 7JJ, 



li a 



500 



II. 

r f u c 

über die 



Jf^ärfnefaffiiJigskrcifte der Galley 
der Milch und des Harns. 

Von Naffe. 



Crleiche Cewichtstheile frifcher, noch lebenswarmer 
Rinilsgalle von 2ii°R. Wärme und deftillirtes Waf- 
fer von 12° Wärme zeigten, bei 12° äufserer Wär- 
me in einem hölzernen Gefäfse, das die Luftwärme 
hatte, zufammengegoffen, gleich nach dem Zufam- 
mengiefsen 17°, und fechs Minuten darauf i6|;° W. 

Bei gleichem Verfahren zeigten 



Vertuch 


frifche 
Galle von 


mit WalXer 
von 


bei äufserer 

Wärme 


3. 


22° 


nl° 


I4i° 


3- 


20|° 


12° 


12° 


4- 


20^° *) 


10° 


12° 


5- 


19° 


53° 


12° 


6. 


38° ♦*) 


11° 


12° 



gleich 
nach dem 
Zulammen- 

giefsen 

I8i:° 
i6° 
16° 
35° 
35 *> 


fechs Minu- 
ten darauf 


I7|° 
I5|° 
I5l° 

/ 



*) Diefe Galle war ungewöhnlich dick. 

•*3 Bis zu welchem Onde die Galle über Kohlen etwäimt wsi. 
d«B war. 



1 



501 



Es ver] 


or demnach 


Dagegen gewann 


das 




die 


GalJe: 


Wafler: 






Verf. 1. 


41" 


5° 




1,11 


- 2. 


31° 


4|° :; 




1,36 


- 3- 


4i° 


4° :: 




0,94 


- 4- 


4^° 


6° :: 




i>4i 


- 6. 


13° 


14° :: 




1,08 


Es 


gewann die 
Galle: 


Es verlor das 
Waffer: 






Verf. 5- 


i6° 


18» :: 


I, 


I>IS 



Verfuche mit frifcher Kuhmilch beftatigten, was 
bereits Crawford ') über die Wärmefaffungskraft die- 
fer Flüffigkeit angegeben hat. Einmal fand ich beim 
Zufammengiefsen von gleichen Gewichtstheilen überge- 
triebenem (deftill.) Waffers von 11° und frifcher noch 
lebenswarmer Milch von 23°, bei 1O5 ° Wärme der 
Umgebungen, den Wärmegrad der zufainmengegoffe- 
nen Flüffigkeitea eine Minute nach dem Zufammen- 
giefsen 165°, und fechs Minuten nachher 165°; das 
zweitemal, wo die Wärme der Milch 13!°, die des 
Waffers und der Umgebungen 11° war , in der Mi- 
fchung eine Minute na-rh dem Zufammengiefsen 'i^\'^^ 
und fechs Minuten nachher 17 ". 

Es verlor alfo die Und das Waffer 
!Milch : gewann : 

Verf. I. 61» 5|» :: I, : 0,9s 

- 2. 6i° 6i° :: I, : 1.04 

was im Mittel i : 0,98 giebl. 



1) Verfuche u. Eeobaclitungen Ober die WSrme der Thiere. Leip- 
zig »799. S. 10« u. Jgi. Er fand djs Verhjltnifs der Wär.r.^fal- 
fuagskraft von Irilcher KuluiuJch zu der des Wiffers wie o,9<»9 
z« l,oco. 



Gleiche Gewiclitstheile kurz vorher gelaffenen 
Menfchenurins von 223° Lebenswärme und deftillirten 
Waffers von ii** Wärme zeigten, bei II-® äufserer 
Wärme in einenv hölzernen Gefäfse von demfelbeu 
Wärmegrade zufammengegoffen , gleich nach dem Zu- 
fammengiefsen 16^°, und fechs Minuten darauf 
1 5| ° Wärme, 

Verf. 2. Gleiche Gewiohtstheile frifcher Morjien- 
urin von 275"* natfirhcher Wärme und übergetriebe- 
nes Wafler von 16 j" gaben gleich nach dem Zufam- 
mengiefsen eine Wärme von 2l|°. 

Verf- 3- Frifcher Mittagsiirin von 24^° natür- 
licher Wärme unti übergetriebenes Waffer von 1 1 *>, 
zeigten lici 11° äufserer Wärme zu gleichen Gewichts- 
theilen zufammengegoffen, gleich nachdem dies ge- 
fchehen, 17!:°, und fechs Minuten darauf i6i° W. 

Verf. 4. Da in allen bisher erzählten Verfuchen 
immer etwas Wärme an die umgebende Luft und an 
das Mifchungsgefäfs verloren gegangen war , fo wurde, 
damit diefe Irrthumsquelle bei einer Meffung fo viel 
als müdich befchiänkt werden möge, von den beiden 
zufammenzubringenden Fliiffigkeiten, die eine, vermit- 
telft einer Umgebung von Schnee in einem benach- 
barten Zimmer nahe fo weit unter den Wärmegrad 
des Verfuchszimmers und des gläfernen Mifchuiigsge- 
fäfses erkältet, als die andere, zufolge ihrer natür. 
liehen Wärme diefen Grad überftieg. Hier zeigten 
nun übertriebenes Waffer von 4^ ° R. (die Meffungen 
gefcliahen durch ein Thermometer mit FahrenheitS 
M'ial'sftah, daher die Neuntel von Graden), und frifcher 



Morgemiiin von 2 7^°, bei i6° Wanne des Zimmers 
und Gefäfses zu gleirhen GewichtstheiJen ziifammen- 
gegoffen, gleich nach dem Zufammengiefsen 15^'° 
Wärme, und eben fo viel noch fünf Minuten nachher. 

Es verlor rlemnach Während das Wafl'er 

der Urin : gewann : 

VevLi. 



I. 


5i° 


5|° 


: : 0, 


0,96 


2. 


6° 


S*" 


:: 0, 


0,83 


3- 


7° 


6i» 


: 0, 


0,93 


4- 


iif' 


11*° 


: I, 


1,02 



Und fo iinterfcheidet fich denn, gerade dem ge- 
fiaueften Verfiiche zufolge, der Urin nur fehr wenig 
von dem Waffer an Wärmef;iffungskraft ; und eben fo 
verhält fich die Milch. Eine müfsig dünne Galle 
kommt dem Waffer ebenfalls an Wärmefaffungskraft 
nahe; eine dicke fcheint daffelbe hingegen, dem eben 
erzählten V'erfuche zufolge, um 0,3 bis 0,4 an folcher 
Kraft zu übertreffen. 

Da wir keinen Grund haben anzunehmen, dafs 
Galle, Milch oder Harn, mit reinem Waffer zufam- 
mengebraeht, eine Zerfetzung erleiden, fo ift auch 
wohl nicht zu vermuthen: es fey in den hier erzähl- 
ten Verfuchen auf diefem Wege freie Wärme gebun- 
den, oder gebundene frei geworden , und es laffe fich 
deshalb nach tlenfclben die Wärmefaffungskraft der un- 
terfuchten FldffigUeilen nicht beftimmen. 

Sind aber jene Meffungen richtig , fo ergiebt fich 
daraus die Unrichtigkeit von P. F. IValihers Beliaup- 
tuDg '): es fey eine Wärmequelle für den Körper 



1) Phyllologie Bd. 2. S. 234» 



60-* >*..^-^_»-.^ I 

•warmblütiger Thiere, dafs in demfelben FlüfGgkeite« 
abgel'onclert würden, die dem Blute an Wärmefaffungs- 
kraft nachftändeu : bei welcher Behauptung Crawfords 
Erfahrung über die Warmefaffungskraft der Milch 
nicht berürkGchtigt zu feyn fcheint. -J. Davys ')Un- 
terfuchungen zeigen, dafs das Blut, befonders das aus 
den Schlagadern , in der Faffungskraft für Wärme dem 
Waffer gleich komme; hiernach kann alfo wenigftens 
bei der Abfonderung von Galle, JVlilch und Harn 
keine Wärme für das Blut gewonnen werden. Nun 
find zwar Galle, Milch und Harn nur einige von den 
tropfbaren Fliiffigkeiten, die im Körper abgefondert 
werden ; aber wir haben keinen Grund anzunehmen, 
dafs andere, Speichel, Magenfaft, Darmfchleim u. f. w. 
fich anders verhalten, und auf ^edeiu Fall find fie dio 
am reichlich ften abgefonderten '), 

Eben l'o wenig, wie bei den Abfonderungen 
tropfbarer FlülTigkoiten, dürfte bei der Aufnahme fol- 
cher Flüffigkeiten in den Speifekanal Wärme durch 
Aenderung der Wärmefaffungskräfte für den Körper 
gewonnen werden. Mehrere Getränke, die ich unter- 
fuehte , verhietlen lieh in Hinficht diefer Faffungskraft 



J) Diefes Archiv Heft I. S. in und II4. Aach PhilofophicU 
transactioiis for Igt^, p. ^93. 

2) In ein Paar phyfiologifchen Handbüclirrn ^vird behauptet, auch 
durch die Abfonderung elaftifch - flüfii^er Stoffe werde für den 
Körper Warme ge-wonnea, was aber mit dem bekannten phyii- 
kalifchen Gt- fetze , beim Uebergang eines Körpers aus dem 
tropfbarflüfiigen Zuftand in den elaftifch • flüfiigen werde im-« 
m« Wärme gebunden, ni«ht wohl verträglich feyn dürfte. 



505 

dem Waffer nahe gleich. Auf 3f ° R. erkältetes dün- 
nes braunes Bier und übergetnebenes Waffer von 25-^** 
zeigten bei 13^° Wärme des Verfuchszimmers und 
Mifchungsgefäfses zu gleichen Gewichtstheilen zufam. 
mengegoffen 15°; Metioc von 4f ° und übergetriebe- 
nes WaCfer von 25^° (bei I5-|° äufserer Wärme) 
ebenfalls 15°; weifser junger Rheinwein von 4^<* 
und übergetriebenes Waffer von 29-^° (bei i6| ° äufse- 
rer Wärme) i6f °. 

Sie viel ich weifs, ift aufser Crawfoid und /. 
Davy, Dalton ') der einzige Naturforfcher , der die 
Wärmefaffungskraft einer thierifchen Flüffigkeit be- 
ftimmt hat. Er fand die Faffungskraft der Milch zu 
der des Waffers durch Vergleichung der Abkühlungs- 
zeiten wie 0,98 zu 1,00. So wie ich Bier, Medoc 
und jungen Rheinwein in Hinficht ihrer Wärmefaf- 
fungskräfte dem VVaffer beinahe gleich fand, fo be- 
reits Dalton den gemeinen Weineffig. Merkwür- 
dig ift in Dalcons Tabelle der Wärmefaffungkräfte 
die geringe Faffungskraft der vorzugsweife Wafferftoff 
und Kohlenftoff enthaltenden Flüffigkeilen , wenn man 
fie mit dem Erfolg der eben erzählten Verfuche über 
die Faffungskraft der Galle vergleicht. 



1) Syftem des ehem. Theils der Naturwiffeiirchaft, Th.l. S. 7t. 



506 



III. 
Unterfuchung 

einiger 

thier ifc hen Fl üffi gJiei t en. 

Vom 
Profeffor Dr. /. F. John. 



X, Chemifche Zergliederung der Gelenkfchmiere eines 
Pferdes. 

Die Gelenkfchmiere ift eine von denjenigen thierifchen 
Flüfügkeiten , deren Unterfuchung bis jetzt noch fehr 
vernachlafsigt ift. Die vorziiglichften Thatfachen rüh- 
ren von Margueron her, denen einige von Fourcroy, 
iindere in Rückficht der falzigen Theiie von Hatchett 
hinzuzufügen find. Man fehe meine chemifchen Ta- 
bellen des Tliierreichs. Berlin 1814. T. I. A. und 
IL p. 74. 

Margueron zeigte, dafs 288 Theiie der Gelenk- 
fchmiere von einem Ochfen aus 34 modificirten Ei- 
weifsftoffs, 13 gewohnlichen Eiweifsftoffs , 5 Koch- 
falzes, a kohlenfauren Natrums, i bis 2 phosphor- 
fauren Kalks und 232 Theiie VVaffers beftehen, und 
auf die Unterfuchung der Gelenkfchmiere des Ochfen 
feefchränken üch auch die andern Chemiker. 



^— . 507 

Da ohne Zweifel die Befchaffenheit diefer Fliif- 
figkeit für die thierifche Oekouomie von fehr grofser 
Wichtigkeit ift, iiifofern eine veränderte Mifchung der- 
felben dieBiklung des arthritifchen Tophus verurfachen 
kann , fo bleibt die chemifche Unterfuchiing diefer Ma- 
terie, nicht allein in ihrem gefunden, fondern auch im 
kranken Zuftande, von fehr grofsem Nutzen. Ich war 
daher erfreut, aus der Königl. Thierarzneifchule durch 
die gefällige Mittheilung des Herrn Profeffor Renner 
aus Moskau von einem an einer Stichwunde erkrank- 
ten Pferde diefe zu erhalten , und will gleich zeigen, 
wie ergiebig das Refnltat ausgefiillen ift. Die Fluffigkeit 
aus tiem kranken Gelenke hatte nicht allein eine ganz 
andere äufsere, fondern auch eine verfchiedene che- 
mifche Befchaffenheit, als diejenige der Synovialfcheiden 
der Beugefehnen eines und eben deffelben Pferdes. 
Letztere enthielt ein freies All<ali, jene eine Säure. 

Seit Tenant, (Neffen Verluft jetzt die Wiffen- 
fchaft betrauert, die Entdeckung gemacht hat, dafs 
der arthritifrhe Tophus aus blafenfteinfaurem Natrum 
znfammengefet/.t fey, liat der Chemiker einen neuen 
Fingerzeig erhalten , bei leinen Analyfen vieler thie- 
rifclien Subftanzen auch hierauf fein Augenmerk zu 
richten. Schon Foii rcioy , der vielleicht die Syno- 
via nur ganz oberflächlich geprüft hat, fchlofs aus 
Mcirgtierons Analyfe, dafs die Materie, welche diefer 
für eine Modification Aes Albumens gehalten habe, 
walirfcheinlich Harnfäure fey; aliein es ift kaum einzu- 
fehen, wi ■ ''in folclier Schlufs aus den von Margueron 
augefiellten Verfuchen gezogen werden könne. 



508 ^— ' 

Ich habe aus cliefen Gründen mehrere Wege ein- 
gefchlagen , um ciie Gegenwart der Blafenfteinfäure in 
der Synovia des Pferdes darzuthiin; allein ich war 
nicht vermögend, felbft nicht in derjenigen, welche 
ungebundene Säure in ihre Mifchung aufnahm , eine 
Spur davon mit Gewifsheit aufzufinden. Wichtig 
ift jedoch die Unterfuchung der menfchlichen Syno- 
via, weil im menfchlichen Harn die Harnfäure nie 
fehlen darf. 

Ueberhaupt fcheint mir das Vorkommen der 
Blafenfteinfäure in den Gelenken arthritifcher Menfchen 
noch immer von Chemikern, die aus der Natur und 
Erfahrung, nicht aber den Irrthilmern Anderer fcl^pfen, 
einer Beftätigung zu bedürfen. Wenigftens kann ich 
verfichern, im wahren, ächten, arthritifchen Tophus 
diefe Säure nie gefunden zu haben. Damit will ich 
aber keinesweges die durch den berühmten Tenant 
io Umlauf gebrachte Meinung zu widerlegen fuchen; 
wohl aber beweifen, dafs, wenu jene gegründet ift, 
die Knoten aus blafenfteinfaurem Natrum ungleich 
feltner feyen , als diejenigen aus phosphorfaurem Kalk, 
deren Vorkommen feit einer Reihe von Jahren ganz 
beftritten wurde. 

Die Synovia ift, ihrer Natur nach , als eine lyra- 
phatifche oder feröfe Fliiffigkeit zu betrachten , welche, 
fo lange keine Gerinnung derfelben Statt findet, die 
Gelenke fchlüpfrig erhält. Die Ungereimtheit der 
"alten Meinung, dafs fie eine fettige Materie fey, die 
einzige fogar mit dem Theere, welches zum Schlüpf- 
rigmachea der Wagenachfen gebraucht wird, ver- 



^0*^^^^*^^^0^ 



609 



glichen, ift fchon feit Marguervn's Unterfuchung 
dargethan. 

2. Normale Synovia aus der Synoviaifcheide '). 
Das Gelenkwaffer hatte eine helJgelbliche ins 
Röthhche fchielenfle Farbe, war klar und durch- 
fichtig, faft fo düniitlüffig als Milch, und hatte ein 
fpecififches Gjewicht vop 1,029. Der Geruch war 
wenig ausgezeichnet. Das rothe Lackmuspapier wurde 
davon blau gefärbt. .Mit gebranntem Kalk zufammen- 
gerieben zeigten Säuren darin die Gegenwart dgs Atn> 
moniums an (^). ^ ,, 

Mit Metallauflöfungen, Säuren, Weingeift ,, Gal- 
lusinfuQon gab es Gerinnungen,! oder Niederfchläge. , ^ 

2 50 Gran Gelenliwaffer \Yurden aufgekocht, pie 
Flüffigkeit geftarrte zu einem gleichförmigen Kucherj, 
von dem fich keine Spur Feuchtigkeit abfonderte. 
Ich erwärmte das Ganze mit deftillirtem Waffel- und ^ 
filtrirte es. Das Filtrat wurde etwas verdunftet unct 
die zurückgebliebene,' farbcnlofe Flöffigkeit fich felbft 
Ubcrlaffen. •' 

Die fehr aufgequollene Bläfe, welche einem Eier- 
kuchen vergleichbar war, wurde ausgetrocknet, wor- 
auf fie 16 Gran wog und alle Eigenfchaften des AJ- 
buraeiis befafs. 



l) Dler« Synovia war, wie bemerkt, von demfelbcn Pferde , vnn 
-welchem ich die kranke erhielt, und iie hatte ganz diefelb« 
BefciiaXfeniieit , \velclie /ie bei vültig {gefunden Pi'erdeii zeige, 
äiificr daß ß» Ji«h in ungliiili großer Menge abgejonjcri 
haue. 



610 

Diefes Albumen liefs fich nicht ichwer einäfchern 
und hinterliefe 5 Gran einer weifsen Afche,, welche 
freies Alkali, phosphorfaures , falzfaures und Spuren 
fchwefelfauren K.ili's, nebft etw^s phosphorfaurem 
Kalk (wahrfcheiiiüch mit lalk verbunden) enthielt. 

Die oben erwähnte farbenlofe Flüfßgkeit, welcHe 
Von äem filtrirtert 'Altiumeii abgetrocknet war , kryftal- 
lifirte zu dünnen kubifchen Kryftallen. In der Wärnie 
trocknete das Ganze aus, ohne zu verwittern, und 
in der Luft zerflofs wieder der ausgetrocknete Theil. 
Die Kryftalle gaben mit fchwefelfaurem Silber, nicht 
aber mit Barytauflofung, einen Niederfchlag. Die 
ganze Maffe, welche gegen if Gran wog, beftand aus 
etwas thierifcher, in der Hitze verbrennlicher Materie;- 
kohlenfäurem und' eitier gröfseren Mengö falzfaurem 
FJatrum. 

Um über die Salze noch nähere Auffchlüffe zu 
erhalten , verbrannte; ich einige Drachmen Synovia, 
welche zur Trocknits abgeraucht war. Die weifs^- 
Alche hinterliefs Spuren phosphor- und kohlenfauren 
Kalks. Vielleicht enthält die Synovia daher ein ver- 
brennliches Kalkfalj, vielleicht aber rührt der kohlenf 
faure Kalk auch nur von einem Theile zerfetzten phos- 
phorfauren Kalks her. Die Lauge wurde fich fglbft 
uberlaffen, worauf fie zu kleinen, würflichen Kryftal- 
len nebft einem andern, efflorefcirenden und an der 
Luft ftets trocken bleibenden Salze anfchofs, deren 
Menge kaum i Gran betrug. Ich fättigte das freie 
Alkali mit Salpeterfäure und erhielt dann durch Kry- 



— 511 

fullifation das fchönfte falz- und falpeterfaure Natrum. 
Keine Spur von Kalifalz. 

500 Theile Synovia würden demnach enthalten: 
Albumeu im trocknen Zuftande 32, oder imZiiftande 

des geronnenen 



Eiweifses 



75 



phosphorfauren Kalks (viel- 

leiclit mit Spuren Tallcs) . 0,50 bis 75- 
Thierifcher verbrenniicher 

Materie 
falzfauren Natrums 
Spuren phosphorf. Katruras 
kohlenfauren Natrums 
pliosphorfauren Kallts 
Wäffrigkeit . . . 464 . . 42 r 

500 . ,. 500 



3.00 



3. Krankhafte Synovia aus dem Gelenke des Carpns. 

Sie hatte die rothe Farbe der Muskeln , war trübe 
und von der Confiftenz eines dünnen Liniments. 

Ilir Geruch war nicht eben ausgezeichnet und 
gar nicht ftinkend. 

Sie färbte , im Gegentheil von der normalen , das 
blaue Lackuiuspapier roth. 

Uebrigens wurde fie durch alle die Reagentien 
gefället, wodurch die vorhergehende zerletzt wurde. 

Durch Filtration liefs fich davon eine muskulüfe, 
fchlammartige Materie trennen , die fich zu Salpeter- 
fäure, Alkali('n u. f. w. wie Eiweifsftoff in einem 
modilicirten Zuftaodc verhielt; allein andere Eigen- 



513 ^.^^^^-^ 

fchaften zeichneten fie wieder davon aus. Es ift fehr 
wahrfcheinlich , dafs fich diefe Materie aus dem auf- 
löslichen Eiweifsftöffe, der fich gerinnend abfondert, 
bildet., 

Die filtrirte Fliiffigkeit hatte eine verdünnte blut- 
röthe Farlje, war klar, vollkommen diirchfichtig und 
röthete das Lackmiispapier ftark. Sie wurde mit de- 
ftillirtem Waffer verniifcht und dann bis zum Koch- 
punkte erhitzt, worauf fich ein fleifchrother Eiweifs- 
kuchen abfonclerte , der ebenfalls von der FiCifligkeit 
durch ein Filtrum gefchieden wurde. 

Das concentrirte Filtrat röthete gleichfalls das 
Lackmuspapier und gab mit Blei - und Queckfilber- 
auflöfungen ftarke Niederfchläge, die fich in Salpeter- 
fäure -wieder auflöften. Ammonium fällte Spuren 
phosphorfauren Kalks; aber durch ßarytaufJöfung 
wurde ße nicht verändert. Das Kalkwaffer veränderte 
fie im erften Augenblick gar nicht, bald darauf abee- 
erzeugte fich , und zwar nicht auf der Oberfläche , eine 
Wolke. Demnach kann die freie Säure keine andere, 
als Phosphorfäure feyn, welche etwas phosphorfauren 
Kalk aufgelöft enthielt. 

Eine alliuminös - fibrofe Materie, 

Albumen, 

Freie Phosphorfäure und 

die verfchiedenen Salze der normalen Synovia 
find demnach die Beftandtheile der Gelenkfchraiere aus 
dem verwundeten Gliede des Pferdes. 

Hieraus läfst fich die Biklung des Callus und der, 
Gelenkl<:noten bei den Pferden fehr gej^ügend erklären, 

dena 



— 513 

denn wenn die letzteren gleich nie nnterfiicljt find, 

fo ift es kaum zu bezweifeln, dafs ihre Milchung 
Phosphorfaure und Kalk fey. 



4. Chemifche Zergliederung einer artliritifchen Con- 
cretiou ans dem Anngelenk einer Leiche. 

Ich will die Analyfe einer Art Concretionen 
noch hinzufügen, um einen directen Beweis von derti 
in der vorhergehenden Abhandlung erörterten Gegen- 
ftande zu geben. 

Diefe Concretionen fand der Director der Königl. 
Anatomie, Herr Prof. Rudolplii, und durch deffen ge- 
fällige Mittheilung erhielt ich einige derfelben. 

Sie befanden fich , an der Zahl 3 oder 4 Stück, 
in dem Armgelenke einer Leiche , verbunden mit einer 
Anzahl von Verknocherungen , die ganz das Anfehen 
des Knorpels hatten , durchfcheinend waren und fich 
einer planconvexen , dreifeitigen , gedrückten Figur 
näherten. 

Aeufsere Kennzeichen. 
Farbe : Schneeweifs und gelblichweifs. 
Ceßalt : Eine einzige war dreiflächig und glatt ; eine 
andere rundlich, iiufserlich warzenartig oder fta- 
laktitifch ; die iibiigen waren rauh , uneben, ganz 
unregehnäfsig und zum Theil angefreflen. 
• • Glanz : Matt und fchimmernd , von Fettglanz. ■'^"^ 
Brunli: Erdig. '*ih 

Durchßchtigkcit : Undurchfichtig. 
M. d. Archiv. /. 4. K k 



514 

Härte: Hart." Sie liefsen fich fchwer zerfcWageii, 

wobei fich das Pulver zufanimenballte. 
Allfühlen : Sie fühlen fich , befonders im gepulvei- 

ten Zuftande, etwas fettig an. 
Aeufserlich find fie mit einem dünnen Häutchen 
belUeidet. 

Analyfe. 
A. Die fchwache Salpeterföure fcheint in der 
Kälte nicht merklich darauf zu wirken. Erwärmt 
man aber etwas Concretionspulver mit diefer Säurei 
fo wird der gröfste TheiJ unter Aufbraufen aufge- 
löft. Nur allein die fchleimigen und membanöfen 
Theile bleiben zurück. Die falpeterfaure Auflöfung 
verhält fich in der Wärme gerade wie Kalk mit Phos- 
phorfäure verbunden und es giebt fich auf keine Weife" 
die Gegenwart der Blafenfteinfäure zu erkennen. 

Sauerkleefäure fällt aus der falpeterfauren Auf- 
löfung Kalk, Ammonium, phosphorfauren Kalk und 
ätzendes Kali ; aus der mit Ammonium zerfetzten 
Flüffigkeit Kalk ohne Phosphorfäure. 

B. 4 Gran des arthritifchen Tophus wurden 
der Hitze ausgefetzt. Sie erweichten fich , bläheten 
fich auf, verkohlten fich und nach erfolgter Einäfche- 
rung blieben nur ij Gran Rückftand. Letzterer 
wurde zerrieben und mit Waffer ausgekocht. Das 
Filtrat färbte das rothe Lackmuspapier blau. Nach 
freiwilliger Verdunftung blieb eine fehr geringe Menge 
einer kryftallinifchen, glänzenden Salzrinde zurück, 
die aus Alkali, phosphor- und fchwefelfaurem Alkali 
beftand. 



• 515 

Der in Waffer ttnauflösliche Afchentheil löfte fich 
braufend in Salpeterfäure auf und es blieb nur eine 
Spur Kohle zurück. Ainmonium fällte i^ Gran plios- 
phorfauren Kalk mit Spuren kolilenfauren Talks, und 
Kali ^ Gran kohlenfauren Kalks. 

C. Eine andere kleine Portion der Concretion 
wurde mit Alkohol digerirt. Das Filtrat blieb nach 
dem Erkalten völlig klar; allein bei der Vermifchung 
mit Wafier wurde die Auflöfung durch das gefällte 
Fett milchicl^t. 

Wir fehen hieraus , dafs 4 Gran des arthritifchen 
Tophus zerlegt find, in 

thierifcher, verbrennlicher Materie mit ' 
Spuren eines talgigen Fetts mid etwas 
Feuchtigkeit . . . • 2| Gran, 

phosphorfauren Kalks . . . 'r " 

kohlenfauren Kalks mit Spuren kohlen- 
fauren Talks .... J . 
kohlenfauren-, phosphor- und fchwefel- 
fauren Alkali's nebft Verluft . i 



4 Gran. 
Hieraus folgt, dafs, wenn es Knoten aus harn- 
faurem Natrum giebt, diejenigen aus phosphorfaureni 
. Kalk u. f. w. keineswegs ausgefchloffen werden, fou- 
dern dafs die früheren Verfuche Fourcroj's und Guy- 
ton Morvfiau's ') allen Glauben verdienen. Diefe 
Concretionen bilden fich ohne Zweifel nach Art der 
Knochen , mit deren Mifchung fie wenigftens qualitativ 



l) Meine chemifchcn Tabellen des Thlerreichs, T. I. C. p. 49. 

Kk a' 



516 — 

identifch find. Es entfteht zuerft in den Gelenken 
eine knorpelartige Verhärtung, die dann durch die 
Aufnahme der Knochenerde, welche fich aus den aus- 
hauchenden Arterienveräftlungen ergiefst, verknöchert, 
und nach und nach durch neue Anfchwellungen im- 
mer gröfser und gröfser wird. 



5. Bemerkungen über eine exfndirte Materie }••■ 
Peritonaeuin einer Kuh, die am vierten Tage 
nach einer gewahfamen Geburt fcarb. 

Die Aerzte haben bekanntlich feit langer Zeit djt 
Beobachtung gemacht, dafs fich im Peritonaeum der 
Kindbett- Fieberkranken eine Flüffigkeit, welche mehr 
oder weniger die äui'sere ßefchalfeiiheit der Milch 
hat, anfanimele, und dafs fich bei der Obduction fol- 
cher Toclten die Theile der Eingeweide im Unterleibe 
mit einer käfeartigen Materie überzogen finden. 

Seile-, welcher im iften, aten uiul 3ten Theil fei- 
ner neuen Beiträge zur Natur - und Arzneiwiffen- 
fchaft Berlin 1784 — 86 > eine grofse Anzahl eigener 
Erfahrungen über diefe Krankheit anführt, ift der 
Meinung , dafs diefe Flüffigkeit wahre Milch fev, 
die ihren Urfprung aus den Milch- und Lymphge- 
fäfsen habe, und er betrachtet fie.als die materielle 
Urfache des Kindbett- Fiebers, der Entzündung des 
Bauchfelles, der Gedärme, der Gebärmutter u. f. w. 
Um feine Meinung von der milchartigen Natur diefer 
Flüffigkeit aufser allen Zweifel zu fetzen, veranlafste 
er Herrn Hermbßüdc zur Anfertigung einer AnaJyfe 



derfelben und cliefer beftätiget es in einem Briefe (a. 
a. O. T. 3.)> worin er anzeigt, flüchtiges Ammonium, 
buttrichte und käGchle TheiJe in jener Flüffigkeit ge- 
funden zu haben. 

Herr Prof. Renner beobachtete diefelbe milchichte 
Flüffigkeit bei Pferden, und er theilte mir kürzlich 
eine Quantität der concreten Materie , welche fich auf 
die Oberfläche des Peritonaeum abfetzt, zu einer Ana- 
lyfe mit. Die Flüffigkeit felbft, deren abfolute Menge 
gegen 24 Quart betragen konnte, Avar zufällig aus- 
gelaufen. 

Diefe Materie hat eine gelblichweifse Farbe, ift 
weich und zähe und gleicht gewiffermafsen einer 
grofsen , zelligen , continuirenden Membran. 

Das Waffer löfet durch Kochen eine fehr ge- 
ringe Menge Mucus daraus auf, das Uebrige fcheint 
fich aber weder zu verhärten noch zu erweichen. 

Der Alkohol wirkt ebenfalls nur fchwach dar- 
auf; er löfet jedoch bei Anwendung der Warme 
ein wenig nicht kryftallifirbares Fett daraus auf, 
welches fich in der Kälte wieder ausfcheidet und die 
wnauflosliche Materie zieht fich nach Art albuminöfer 
Subftanzen zufammen. Kauftifche Lauge löfet das 
Ganze leicht auf und Säuren fällen daffelbe daraus in 
aufgequollenen Maffen. 

Nach dem Verbrennen hinterläfst diefe Materie 
eine fchwarze Kohle, welche ungemein fchwer einzu- 
ifchern ift. Dem ungeachtet ift in der Kohle keine 
freie Pliosphorfäure bemerkbar. Die endlich zurück- 



518 — ^ 

bleibende Afche ift eine Spur zu nennen , welche 
gröfstentheik aus phosphorfaurem Kalk befteht. 

Aus meinen Verfuchen, welche zeigen, dafs die 
albuminöfe Materie, welche fich auf die Oberfläche 
des Peritonaeum abfetzt, aus 

. Einer eigenthümlichen, thierifchen Materie , welche 
Zwilchen Faferftoff und thierifchem Eiweifsftoff 
fteht, und eine auffallend organifche Structur hat, 

lehr wenig Fett und 

niucöfen Theilen nebft 

Spuren von phosphorfaurem Kalk und 

andern Salzen 
beftehe, 'läfst fich keineswegs ein für Seilers, des ge- 
lehrten Arztes, Meinung günftiges Refultat ziehen, vor- 
ausgefetzt, dafs die Erfcheinungen , welche fich bei 
der Kuh zeigten, mit denjenigen der Kindbett -Fieber- 
kranken identifch feyen. Es fcheint vielmehr , dafs 
diefe Materie als ein Produkt der veränderten Orga- 
nifition , ein Secretum des entzündeten Peritonaeums 
zu betrachten fey. 

Genaue Unterfuchungen, die vergleichend mib 
diefer Flüffigkeit von Frauen und Thieren anzuftellew 
wären , dürften hierüber indefs mehr Licht verbreiten. 



519 



IV. 

Ueber regelwidrige 

Jrl aar • und Z a h n b i l d un g e tz. 



Von 

/. F. M e c k e l. 



Im Sommer 1814 fand ich im Becken der Leic'he 
eines unverheiratheten Frauenzimmers von ungefähr 
40 Jahren rechterfeits neben der Gebärmutter eine 
anfehnhche, ihre Verbindung mit der Gebärmutter 
ausgenommen, vüJlig freiliegende, harte, prall anzu- 
föhlende rundliche Gefchwulft, (Taf. V. Fig. i. 2.) 
die nach allen Richtungen ungefähr drei Zoll im 
Durchmeffer hatte, und oben und rechterfeits drei 
kleinere, freiftehende, gleichfalls rundliche (Ebdf. e e ^) 
trug. Sie hing durch das breite Band (Fig. i. f. 
Fig. 2. i.) mit der Gebärmutter zufammen, zu ihr 
verlief die , regelniäfsig angeordnete, rechte Trompete 
und traten von oben die Saamengefäfse (Fig. i. g. 
Fig. 2. h.). 

D'e geöffnete Gefchwulft fand ich gröfstentheils 
mit Fett und völlig frei liegenden Haaren (Fig. i und 
2. b.) angefüllt und aus einem an beiden Seiten glatteiv 
Balge, der ungefähr die Dicke einer halben Linie hatle, 
gebildet. Rechterfeits und oben befand fich ip der 



520 

Dicke ihrer Wände ein unregelmäfsiger Knochen ( c ), 
der mit einer dünnen, gefalteten, fchleimartigen Haut 
bekleidet war und auf einem rundlichen Fortfatze einen 
volikommnen Zahn («. ) trug, der in Hinficht auf 
Grofse und Geftalt am meiften mit dem vordem Milch- 
backzahne übereinkam, und frei in die grofse, mit 
Fett angpfiillte Höhle ragte. Die Haare waren nur 
einige Zoll lang, braun, von der Farbe der Kopf- 
haare, mit deutlichen Wurzeln verfehen. 

Von den Bälgen enthielt der kleinfte nur eine 
dicke, gallertahnliche, weifshche Feuchtigkeit, der 
in den Zahnfäcken vor und während der Bildung der 
Zähne enthaltenen ähnlich, die beiden übrigen aufser- 
deni unregelmäfsige, an dem einen Theile ihi-es Um- 
fangs mit einer breiten Grundfläche auffitzende Kno- 
chen (k.k.)> die an ihrer freien Oberfläche mit einer 
weichen erdigten , leicht von ihnen trennbaren , durch 
das Trocknen erhärtenden Subftanz , genau wie die 
Knochenfubftanz der Zähne, ehe noch der Schmelz 
feine vollkommene Entwicklung erlangt hat, beklei- 
det waren. Aufserdem hatte noch der oberfte, gröfste 
diefer drei Bälge zwei kleine Nebenbälge, welche 
aber gleichfalls blofs mit einer gallertähnlichen Feuch- 
tigkeit angefüllt waren. 

Diefe Bälge waren überall völlig verfchloflen und 
auch die in ihnen enthaltenen Knochen , die man wohl 
für unvollkommene Zahnrudimente halten darf, ftan- 
den in keinem Zufammenhange mit dem gvöfsern, 
den vollUommnen Zahn tragenden Knochen. 



521 

Offenbar war diefe Sammlung von Balgen nichts 
als der rechte Eierftock , von dem fich aufserdem keine 
Spur fand. Der linke war völlig normal. 

Die Gebärmutter hatte völlig die Geftalt und 
Grüfse einer jungfräulichen. Daffelbe Anfehn hatte 
der Muttermund und die gerunzelte Scheide. Da- 
gegen war die Scheiden klappe zerftört und durch die 
myrthenförmigen Warzen erfetzt. 

Aufserdem war die Perfon feit länger als zwan- 
zig Jahren auf beiden Augen blind, und feit noch 
längerer Zeit in einem halbblödfinnigen Zuftande ge- 
wefen. 

Da mich fchon feit langer Zeit das Vorkommen 
von Haaren und Zähnen im Eierftocke lebhaft inte,- 
refürt hatte, fo war mir diefer Fund im hohen Grade 
erfreulich, dies um fo mehr, da ich in meiner Samm- 
lung zwar fchon vier Fälle von Fett- und Haarbil- 
dung, noch keinen aber von Zahnbildung in diefem 
Organ halle. Das ganze Gefchlechts- und Harnfyftem. 
wurde daher fogleich zweckmäfsig in Weingeift auf- 
geftellt, um alle Bedingungen des merkwürdigen Fal- 
les deutlich darfteilen zu können , und nicht durch 
das blofse Aufbewahren der Knochen, Zähne und 
Haare nur ein höchft dürftiges Bild, deffen wichtigfte 
Züge, die Angabe der Stelle, das Ortsverhältnifs der 
verfchiedenen Bildungen zu einander, immer durch 
mündliche Zufätze gegeben werden mfiffen, zu erhalten. 
Zugleich aber zog mich der felbftgefundene Fall 
von Neuem lebhaft zu dem fchon lange mit befonde- 
rer Vorliebe betrachteten Gegenftande und veranlafste 



5ii3 ' 

mich zu einer Vergleichung, erft der bisher bekannt 
gewordenen Fälle von Haar- und Zahnbildung im Eiei- 
ftocke , dann zu einer allgemeinen Betrachtung des 
regelwidrigen Vorkommens derfelben liberhaupt, auch 
in andern Gegenden des Körpers, und fo entftand dei 
vorliegende Auffat^, in welchem ich kein bedeuten- 
des Moment diefer für die Phyßologie, befondeis 
aber für die Lehre von der Zeugung höchft wicliiJ- 
gen Erfcheinung unbeachtet zu laffen gefucht habe. 

Die wichtigften Momente find i) die Angaben der 
Stellen, an welchen fich die abnormen Bildungen 
entwickeln; 2) die Eigenthümlichkeiten derfelben in 
Hinficht auf Geftalt und die Veränderungen, welcln; 
fie während ihrer Exiftenz erleiden; 3) die Bedingun- 
gen unter welchen, die Urfachen, durch welche fio 
entftehen; 4) der Einflufs welchen fie auf die Gefund- 
heit haben. 

Haare und Zähne kommen bald einzeln , bald ge- 
trennt an ungewöhnlichen Stellen vor. Da befonders 
jene ohne diefe gefunden werden, und weit häufiger 
als fie find, fo ift es am zweckmäfsigften , beide Bil- 
(kin<^en erft einzeln zu betrachten und erft nachher 
die beiden gemeinfamen Bedingungen zu unterfuchen. 

I . Haare. 

Den Uebergang zu den völlig regelwidrigen 
Haaren macht die ungewöhnliche Verlängerung von 
gewohnlich kurzen Hauthaaren , die ich aber hier 
nicht näher betrachte. Unmittelbarer führt dagegen zu 
den regelwidrig entftehenden Haaren die Entvricklung 



deifelben an den Stellen, wo der äufsere Theil deg 
Hautfyftems, oder die allgemeinen Bedeckungen, ia 
den innern, oder die Schleimhänte übergeht. Hier- 
von find mehrere Beobachtungen bekannt. 

So fand Tubarrani ') zx^eimal an der innern 
Fläche beider Scbamitppen Haare , welche mit dea 
Scha^haaren völlig überein kämmen. 

Hierher gehören auch anfehnliche Haare, die fich 
bisweilen im innern Augenwinkel ') oder im Gehör- 
gange ') entwickeln. 

Ueberhaupt fcheinen fich, die Fälle , wo fich eigne 
Bälge bilden, ausgenommen, am häufigften auf den 
Sclileimhüuten, Haare zu entwickeln, unftreitig wegen 
der Aehnlichkeit der Structur derfelben mit der Haut. 

So fand Ford "♦) im Rachen eines neugebornea 
Kindes eine der Schilddrüfenfubftanz ähnliche, über' 
all mit kurzen Haares befetzte Gefchwulft. Amatus 
Liißianus will auf der Zunge eines Mannes Haare ge- 
funden haben, die, ausgerufen, fich wieder erzeugten f ). 

Bichcie fahe mehrmals Zolilange Haare auf der 
iimern Fläche der Gallenblaß *^. 

Von Haaren, die entweder durch den After ab- 
gingen, oder an verfchiedenen Stellen des Darmkanals 



l) Obferv. anat. p. 7^. 

3) Albin. amiot. acail. lib. 

J) Riedlin Eph. 11. c. Dec. 111. a. U. obf. 1«?. 

♦) Med. commun.-Vol. 1. No. XXXt. 

5) Curat, med. Cent. VI. obf. 65. 

6) AUg Anat. Bd 4. S. )oi. 



gefunden wnirden, finden fich zum Theil merkwürdi, 
Beifpiele verzeichnet von Baudametnt '), Wood ' 
Mermet d'Haiiteville 3), Riedlin ■♦), Blankaart * 
Harriip *), Platner ^), Martin '); allein von denff 
meiften derfelben ift es gewifs, dafs fie verfchluckt 
worden waren, und da man ße nie feftfitzend fand, 
fo lafst fich von mehrern, wo djefe Gewißheit fehlt, 
•vrenigftens nicht mit Beftimmtheit angeben, ob um 
jno fie fich im Darmkanal gebildet hatten. 

Nicht ganz feiten entwickeln fich auch Haare in 
der Harnblafe, wovon Schenk '), Horß »°), Fabriz 
von Hilden "), Tulp "), Powell '3), Riviere"^), 
Hamelin '0» merkwürdige Fälle anführen. Indeffen 
ift es faft in keinem diefer Fälle durch die Leichen.,; i 
Öffnung mit Beftimmtheit erwiefen, dafs fich wirklichl. 



I) Mem. dela foo. de med. a. 1777. 7g. Hift. p. afij. Tab. i. s. 
3) Sin.mons med. fact. Vol. VIU. p. IJJ. 

3) Sc'dillot j. de med. T. 48. oct. 

4) Eph. n. c. Dec. III. a. 3. o. 169. 

5) Hüll. Jahrreg. Cent. 1. obf. Js. 

6") London med. Journal. Vol. I. p. 254. 

•f) Mantiffa obferv. Tel. Bafil. i680. obf. 10. 

8) Scdillot '). de med. No. IJ7. 

9) Obr. med. L. III. fect. U. o. J24. 

10) Opp. med. T. II. p. 249. 

II) Obf. med. Cent. V. o. 30. ; 
Ij) Obf. med. d. II. c. 52. 

l}) Powell in phil. transact. in Leske's Abh, a. d. pli. Tr. Bd. 9< 
S. i;i. 

14) J. de mÄd. T. 1759. 

15) Dict. des fc. med. T. VII. p. 47, a. d. Bullet, ie U fac. de 
medec. ann, i$ot. n, IV. p. ;g. 



[r 



525 

* die Haare in der Harnblafe oder auch nur in den 

"' Harn Werkzeugen gebildet hatten. Viehnehr ift es in 

'1 dem PowelPichen, Riviere'khen und Hamelin'khen Falle 

I -wahrrcheinlicher , dafs fie fich in der Gebärmutter oder 

im Umfange derfelben gebildet hatten , und nur durch 

ein Gefchwür in die Harnblafe gelangt waren. Sie 

waren immer in Schleim eingehüllt. In dem von Tula 

befchriebenen Falle erfolgte der Abgang periodifch, 

aller vierzehn Tage. In dem Falle von Fubiiz waren 

die Haare fteif und fehr lang , im Tulp'icheia. höchfteps 

von der Länge eines Fingers. 

Auch in der Gebärmutter entwickeln fich bis- 
weilen Haare , alfo wieder in einem mit einer Schleim- 
haut bekleideten Orgaue. Fälle diefer Art führen Fa- 
briz von Hilden ') und Vicq d' Azyr ') an. Im erften 
war die Gebärmutter fo beträchtlich vergröfsert , dafs 
fie über 80 Pfund wog. Sie enthielt in der Mitte 
von gelber Jauche luid fettiger Subftanz gelbliche, 
j wollartige Haare. 

Im Vicq d' Azyr'ichen Falle bildeten-fie eine Maffe 
i von der Grüfse eines Gänfeeies, dig an dem untern 
Theile der iunern Fläche der Gebärmutter auffafs. 

W.ihrfcheinlich gehören hierher die Fälle von 
R'ivihe und Hameün. Im erften war während des 
Lebens ein Blafengefchwür vorhanden gewefen: bei der 
Unterfuchung fand fich die G.bärmutler verknöchert, 
in der ßlafe Knochen und kraufe Ha.ire. Im zweite« 



1) Cent. V. o. 

3) Mem. de la foc. de medec. \T26. p, 7oo. Ed. ia 4. 



ftarb eine i'unge Frau am Kindbettfieber. In der hran,- 
riigen Blafe fand fich eine knöcherne Gefchwulft, hirn- 
inarkähnliche Subftanz und Haare. 

Indeffen find dies vielleicht Fälle , wo fich die 
Haare in eineni eigenen, in der Subl'tanz des Orgaus 
eiithaltnen Balge bildeten. 

Hierher gehört auch die von Rhodhis bemerkte 
Entwicklung von Haaren in der Scheide ''). 

Aufser den Schleimhäuten will man auch an an- 
dern Stellen , namenlJich auf feröfen Häuten Haare 
entwickelt gefunden haben. So will Feratä ') viele 
verwickelte, wurzellofe Haare in den Hirnhöhlen einer 
apoplel<tifch geftorbenen Frau unter einer Menge •Ge- 
ronnenen Blutes mit untermengten weifslichen Kör- 
pern, deren Natur man nicht beflimmen konnte, 
gefunden haben. Diefe Beobaclitung ift vielleicht zwei- 
felhaft, indem, was für Haare gehalten wurde, wahr- 
fcheinlich geronnener Faferftoff war. 

Briffeau 5) fahe an der äufsern Fläche der Ge- 
därme nicht feiten Haare. 

Auf der Hornhaut fahe Gazelies ein Haar, wel- 
ches, fo oft es ausgerifien wurde, immer wieder 
■wuchs 4). 

Die Haare am Herzen, die man früher nicht fei- i 
(en gefunden haben will, lind wohl unftreitig blofs 
geronnener Faferftoff. 



l) MiCc. nat, cur. D. II. a. V. app. obf S:. J 

3) Comm. Gunoii. \oI. II. p. I. p. ig^. 1 
^} Six obf. im Anhange an Pa//j-i:s Amt, T. II. 

4) Ji-'Uiii. de nietl.T. 24, S. iJ3. 



Die Beobachtungen von Haaren, die fich an fe- 
rOfen und Schleimhäuten bilden, führen zu der ge- 
wöhnlicheren regelwidrigen Entftehung derfelben in 
eignen neu entftandenen Bälgen. 

Diefe entwickeln fich an mehrern Stellen, vor- 
Zugsweife aber am häufigften in den Eierftöcken , nächft 
(liefen am gewöhnlichften unter der Haue, aufserden» 
aber auch in mehrern andern Theilen. 

So fand Ruyjch ') bei einer Frau, die lange wafr 
ferfiichtig gewefen war, im Netz, das überall die Dicke 
eines Fingers hatte und feft mit dem Bauchfelle ver« 
wachfen war, eine fauftgrofse, mit einer weifsen, brei- 
ähnlichen Maffe und kraufen verwirrten Haaren ange- 
füllte Gefchwulft. 

Winßiip ') fand im Unterleibe einer Frau von 
34 Jahren drei beträchtlich grofse Säcke. Der gröf.ste 
reichte vom Rande des Beckens I)is in die Magenge- 
gend, fehlen aus geronnener Lymphe gebildet und be- 
ftand aus anderthalb Zoll dicken Wänden. Er ent- 
kielt eine Menge Hydatiden und mehrere Quart einer 
übelriechenden Fiüffigkeit. Zwifchen der Gebärmuttei? 
und dem Maftdarm befand fich ein zweiter Sack von 
der Gröfse eines Kincfskopfes, der oben eine eiter- 
ähnliche Fiüffigkeit , unten eine fteatomalöfe , mit Haa- 
ren, deren Länge anderthalb Fufs betrug, vermifchte 
Maffe enthielt. Dicht neben diefem fand fich ein drit- 
ter, der nur halb fo grofs war, aber völlig diefelbei 



1} Obf. an. chir. obf. ig. p. 3). 

3) Mtm. of tb* London m«d. fociety. Vol. II, p, Jit. 



528 ' — 

Subftanzen entliielt. Aufserdem war die innere Flache 
deffelben mit Knochenplatten bedeckt. Die Farbe der 
Haare in dielen beiden Säcken war hellroth, die 
der Kopf- und Schamhaare dagegen fchwarz. Die 
Gebärmutter befand fich durchaus im ungefchwänger- 
ten. Zuftande. 

Am merkwiirdigften aber find die Bildungen von 
Haarenbälgen in . inneni Theiien beim männlichen G«- 
fchlechte. 

So fand man bei einem wafferfüchtigen Manne an 
der Leber einen Beutel, deffen Umfang zwei Ellea 
betrug. Er war mit einer brei- und fettähnlichen 
Maffe angefüllt und unten mit Haaren dicht befetzt. 
Zugleich enthielt er zwey Gevvächfe, wovon das eine 
die Gröfse einer geballten Hand hatte, knorplich und 
mit kleinen Gelenken angefüllt war,> die fich in einea 
fpitzen Anfatz von der Gröfse eines kleinen Fingers 
endigten '). Hier alfo hatten fich Knochen und Haare 
gebildet. 

Auch bei Tldereii bilden fich Bälge diefer 
Art nicht ganz feiten. Immer entfpricht, wie es 
fcheiut, ihr Inhalt der Art des Thieres. So enthal- 
tenvfie bei Schafen Wolle, bei Kühen Kuhhaare, bei 
Vögeln Federn. Bailiie und Hunter beobachteten bei 
den erften Thieren an weit von der Haut entfernten 
Stellen des Körpers Bälge diefer Art. 

Einen interel'fanten Fall, wo fich bei einer jungen 
Eni/; ein Federbalg gebildet hatte, befchrieb kürzlich 

fena- 

O F«nk. SatamL Ei. 3- S. (6. 



Penada '). Er befand fich rechts und vorn am Her- 
leu, und hing fo herab, dafs dadurch das Herz auf 
den erften Anblick zwei Spitzen zu haben fehlen. 
Von der Bafis des Herzens kamen, neben der Lun- 
genarterie, aus dem dicken, den Urfprung der Ge- 
fäfee umgebenden Fette, ungefähr zehn einander pa- 
rallele, dicke Federn, die, mit ihren Spitzen abwärts 
geneigt, die mittlere Gegend des Herzens einnahmen. 
Ein zweites Bündel dichterer, feinerer und in zwei 
Ordnungen getheUter Federn, die, ai an der Z.h), 
gleichfalls alle im Fette fafsen und an ihren Spitzen 
mit einander verwachfen waren , befand fich unter die- 
fem. Beide waren von einem Balge umfchloffen, der 
etwas feiner als der Her2beutel war. 

Einen ähnlichen Fall hat auch Gifeler} doch fafsen 
die Federbündel hier in der Nähe des Afters '). 

Das merkwürdigfte Phänomen ift die Bildung 
von Haaren auf einem Blafenftein, deren Bicliat ') ge- 
denkt. Waren diefe Haare nicht in der Schleimhaut 
der Blafe gebildet, fo kann ich mir ihre Entftehung 
nur durch Organifirung des zähen Schleimes erklären» 
den ich mehrmals überall die Biafeiil'teine nicht nur 
umgebend , fondern auch in ihr Inneres dringend fand» 
und der unftreitig das Vehikel der Verwachfung zwi' 
fchen ihnen und der Hnrnblafe wird. 



I) Saggio di ofltrvatlooi e memoiie. Vo). It. Padova Ueoi Noi 4> 

p. 59. 70. 
j) Eph. n. c. Dec. I. a. a. obf. Sc p. H5. 
)) A. a. O. S. )ol. 
M, d. Archiv, i. 4. LI 



530 — -— 

In einem von Ruyfcli und einem angeblich an- 
dern , von Tüejßnk befchriebenen Falle fand fich ein 
Balg mit Haaren am Magen, Falle, die wegen dei: 
Zufammenfetzung der Haar- und Zahnbildung weiter 
unten befchrieben werden. 

Fälle von- mit Haaren angefüllten, unter der 
Haut liegenden Bälgen fahen Hoff mann »), Wepffer '), 
Hunter '), P'ueC *), und Ruyfch falie fich Bälge die- 
fer Art in den Zwifchenräumen der Muskeln ent- 
wickeln '). 

Morgagni fand bei einem fchädellofen Fötus in der 
Subftanz des Hirnzeltes , alfo in einem ßhräfen Theile, 
eine fettartige Slibftanz und in diefer einen feften, 
mit Haaren angefüllten Balg *). 

Vorzüglich häufig aber entwickeln lieh Bälge mit 
Haaren an oder in den Eierftöcken. Fälle diefer Art^ 
wo fich hlois Haare, oder höchftens zugleich /Cßoc7i(?« 
(in dem Falle von Lanzweerde) entwickelt hatteir^ 
Iahen Chir.ac '')> Saviard *), Menghitü *), Targipni • °> 



l) B;ph. n. e. Dec. IT. a. V. c. äio. p. 4??- 

:) Paeon. et Pythag. ex. an. XI. p. <J. 

3) Batllic in ph. tr. vol. 79. p. 77. 

4.) Bullet, del'ec de mid an. Xlll. XIV. p. 235. 

5) Thef. anat. VI. Tab. VI. f. 5. 6- 

6) Ep. an. XX. 58. Voigtel (_path. Anat. Bd. ». S. I+.) hält g?. 
wifs fehr mit Unreelit die Haare in diefer ßeobaclitung ffii» Fa- 

- Terftoff. Theils fahe Morgagni den Fall , theils befehreibt er 

ihn viel zu genau. 
?)■ Hift. de 1' ac. de Montpellier. I. p. lOJ. 

8) Mem. de chir. p. 51?. 

9) Comm. ßonon Vol. U. p. I, p. \%%. 

10) Ptinia riocolta di off. med. Firenze 175:. p. 46. 



551 

Tiimiali '), Verriid^'), Retteawne i") , Thiebauh ^'), 
Merriman *), Fabriz von Hilden *), Bofe ?), Scha- 
cher^), Budeus*^, Schamberg ' °'), Limsweerde '.''), 
Ludwig "), Malier '3), Wienholt '4), Baiihi,, • J), 
Saxcorph ' *), Warren '7), Hörn ' 8), ich felbft vier- 
mal, zum Beweife, clafs Ander/an ' *) nicht ganz rich- 
tig glaubt, Haare und Zähne fänden ßch immer g-ZeJr/i» 
zeitig im Eierftocke. 

Fälle, Wo fie ßch mit Knochen imd Zähnfen zu- 
gleich fanden, werde ich weiter unten anführen. 



, t) Su un amaCfo di rapegli trovati Hell utero ■ due donne Oppi 
, fcelt.XX.p. 217 if. 
S")'Bei Targioni a. a. O. 
\, j) MÄm. de Paris 1700. hift. no.V.' 

4') Ortefchi giorn. di medicina. T. VII. p. 40?« 
•j. 5) Medice - Chirurg, tr. Vol. III. p. 52. , 

6) Obf. med. Cent. V. 
7^ De praetern. pilcr. prov. Lipf. 1776. Aüsz. iil Waiz tii Ausgi 

a. DiTT. Bd. 9. S. 78 ff. 
8) De ovarii tumorepllofo programma. Lipf. i?}^. reciaHallert 
coli. diir. pract. Vol. IV, p. +77 ff. Abbild. 
^ 5) MiTc. berol. 11. obf. a. p. 16 ff. Abbild. 
A lo)Nabothdefteril.mul. red.inHallericoU.dill.aiiat. V0I.V1p.244. 

11) De molis. c. It. p. 15. 
-» I2) Adv. med. pract. III. p. 706. 
D) Opafc. path. obf. 42. Abbild. 

14) Heilkr. des thier. Magn. I. S. 48} ff. 

15) Boneti fepulcr. L, III. S. 53. p. 49. 
1'.) Act. foc. med. Hafii, II. XVIII. 

17) Mem. of the ameiican. acad. Vol. I. p. 5^;, 
.. 18) Arch. f. med. Erf. 1815. Jan. Febr. .S. C7. 
19) Ediftb. med, and chirurg. jourA. Vol. :. p. il*. 

Li a 



Ob wirldich in einem einzigen, mk bekannten 
Falle fich in einer knöchernen Subftanz, welche die 
Mitte eines verhärteten Hoden einnahm , Haare fan- 
den , oder nicht vielmehr blofs Saamengänge dafür ge- 
halten wurden, Jaffe ich dahin geftellt feyn '). ^ 
Die merkwürdigften Bedingungen, welche diefe regel- 
widrige Ejitwicklung der Haare überhaupt und im Eier- 
ftocke insbefondere darbietet, find ungefälir folgende: 

i) Sie kommen immer mit einer fettartigen oder 
wanhsariigen , bald flüffigen, bald härtern Subftanz vor, 
von welcher fie umgeben find. Dies gut nicht blofs 
für die Haare im Eierftocke, fondern für alle regel- 
widrigen , in Bälgen entwickelten Haare , wie mehrerei 
der vorher angeführten Beifpiele beweifen. So fand 
auch Wepffer in dem unter der Haut gefundenen Balge 
Fett und Haare. Eine fehr merkwürdige Bedingung, 
weil auch die normalen Haare im Hautfett wurzeln. 

2) Nach einigen Beobachtern follen fie keine Wurzel 
haben und nicht im Ovarium feftfitzen. Diefer Meinung 
ift z. B. Blumenbach und Anderfon ■'''). Allein fie ift 
in der That ungegründet; denn ungeachtet mehrere 
Beobachter, z. B. Aaderfon, Ludwig, keine Wurzeln 
fanden , fo wurden fie doch von andern gefehen. 

Gooch ') bemerkt ausdrücklich, dafs das Mikro- 
fkop xa dem von ihm beobachteten Falle an den Haa- 
ren Wurzeln zeigte. 



i) Schumackfr in Schaar/chmidts med. u. clilrurg. Nacktiohteii. 
Jahipang III. St. 12. 

2) Edinb. jouin. Vol. a. p. 180. 

3) Med. and c!ür. obferv. London 177}. p. jij. 



Warren ') fand wollige Haare, die aus einer, 
bald nach der Geburt des dritten Kindes entftandenen» 
fahr fchmerzhaften und endlich geüffneten Gefchwulft 
nebft einem Nöfsel einer wäfferigen Feuchtigkeit und 
einer feifenartigen , vier Pfund fchweren Maffe kamen, 
mit einer Zwiebel und einer Spitze, j genau wie ge- 
wöhnliche Haare, verfehen. 

In dem von Timlad befchriebenen Falle war 
gleichfalls das eine Ende der Haare fpitz, das andere 
bildete eine fefte, ovale, weißliche Wurzel, die von 
einer feinen , nur über die Zwiebel weggehenden Haut 
bekleidet war. Diefe bildete einen kleinen Sack, der 
die Zwiebel, die nicht oval, fondern cylindrifch war, 
enthielt. Zwifchen diefer und dem Sacke befanti fich 
eine fettige dünne Feuchtigkeit. Aufser dem Sacke 
war die Zwiebel noch mit einer dünnen Membran, 
dein Ende einer, das ganze Haar bekieJdenden Scheide 
überzogen. Ja die Wurzeln waren fogar grüfser als 
gewöhnlich, daher die Theile, woraus fie beftehen, 
deutlicher. Eben fo Bofe, Coley, Scfiacher. 

Auch in drei von den vier Fällen, die ich vor 
mir habe, find die Wurzeln der Haare fehr deutlich. 
In einem Falle ützen die einzelnen und kurzen Haare 
faft in den Wanden des Sackes. DaHelbe fahen auch 
Baittie, Blumeabach, Murray ^y. 

Wenn daher Ander fon und Somis ä) alle Haare 
ohne Wurzeln und lofe liegesd fanden, fo ift diefe 



l) Me«. of the americ. aciid. Vol. T. p. {53. 
1) Blumenhauh med. Bibl. Bi. 1. S. 151. 
5) Opp. fcelti di MiUino.T. 30. p. 126: 



534 

BecUngung fo wenig allgemein, dafs fie vielmehr nur 
confecutiv zu feyn fcheirit. Wahrfcheinlich fitzen 
wohl die Haare anfangs immer im Balge feft, löfen 
fich erft allmählig ab und ihre Wurzeln bleiben im 
Balge fitzen oder werden ^erftört. 

Doch ift es möghch, dafs ße fich auch in der 
J"ettmaffe felbft entwickeln, Wenigfteiis fand 5ax- 
toiph ') in der talgähnlichen Subftanz, welche die 
Haare enthielt, viele mit Blut angefüllte Gefafse und 
Manfredi ') fahe in der Mitte einer folchen Gefchwulft 
einen Kern , aus dem viele Gefäfse in die talgähnliche 
Subftanz drangen, Gooch bemerkt, dafs einige der 
Haare, welche die fcliweinefettähnliche Maffe umga. 
ben , in dem Mittelpunkte derfelben, andere in ver- 
fchieclener Entfernung von ihrem Umfange eingewur- 
zelt waren, wie mau durch in verfchiedenen Richtun- 
gen geführte Schnitte fahe, 

5) Oie Länge der Haare variirt beträchtlich, 

Im Saxtorph'ichen Falle waren fie kurz. War- 
ren fand fie, ungeachtet fie vollftändig waren, nur 
neun Linien lang, Titmiad einige von der Länge einer 
Hand , andere kürzer , ßaillle zwei bis drei Zoll lang. 

Chirac fahe fie aufserordentlich lang. Im Thie- 
iauh'lchen Falle waren fie zwanzig Zoll lang; im 
MengJuni'ichen lang und verwickelt. Gooch fand einige 
länger alsi einen Fufs, Die meiften umgaben diQ 
fettige Maffe, mehrere w^ren auch Zu einem lam- 



?j Efh, n, ?, Dec. n, a, 9, Obf. ufii 



535 

gen Weichfelzopfe zufammengedreht. Im Tyfoii'khen 
Falle waren einige Haare fogar zwei Fufs und drei 
Zoll lang. Alle, die ich vor mir habe, find kurz. 

4) Die Haare fcheinen gewöhnlich mit Kopfhaa- 
ren die meifte Aehnlichkeit zu haben. Tumiati fand 
die aus mehrern , leicht trennbaren Fäden zufammen- 
gefetzten Haare durch ihre cylindrifche Form nicht 
den platten Schamhaaren, fondern den Kopfhaaren 
ähnlich. Auch Clegliorn fand lie kopfhaarähnlich. 
So finde ich fie auch in meinen Fällen. Auch ihre 
häufig beobachtete Länge deutet darauf hin. Doch 
fanden Mofti und Gambini nicht blofs Kopf- fondern 
auch Kürperhaare. Auch Autpnrieth ') fand fie ftei- 
fer als die Kopfhaare des Leichnams, gekrümmt, ohne 
eigentlich gekräufelt zu feyn und mehr den Haaren 
der Gefchlechtstheile ähnlich. 

Die letztere Aehnlichkeit ift infofern intereffant 
als die Schamhaare fich gleichfalls, wenn gleich nor- 
mal , doch fpäter als die Kopfhaare erzeugen ; die 
erftere, welche doch die gewöhnlichl'te zu feyn fcheint, 
infofern als die Kopfhaare die zuerft gebildeten find, 
alfo auch bei jedem Anfatz zu einer neuen Bildung 
wahrfcheinlich gewöhnlich Haare nach djefem Typus 
gebildet werden, 

5) Nicht immer haben alle im Balge enthaltenen 
Haare diefelbe Farbe und eben fo wenig kommen fie 
mit den Haaren der Mutter immer überein. 



l) Reih Archiv 83. 7. S. 2*0. 



So fand fie Tyfon bei einer jungen Frtu lilber' 
färben. 

Durch Herrn Hofrath Himfy zu Göetingen er- 
fuhr ich mündlich , dafs er in einem andern Falle eine 
ähnliche Bemerkung gemacht habe. Auch Autenrieeh 
fand fie etwas heller als die Kopfhaare. 

Der erftere Punkt ift faft noch merkwürdiger 
nnd gleichfalls durch gute Beobachter beftätigt, Wepffer 
Z, B. fand in einem Balge unter der Haut rolhe, 
fchwarze und braune Haare. Eben fo fand Sampfon ' ) 
an dem linken Ovarium einer Frau zwei grofse, mit 
einer dicken, fehr gefäfsreichen Membran bedeckte 
Ballen. Der kleinere, der die Gröfse einer Kokos- 
pufs hatte, enthielt in der Mitte einer gelblichen, fetten 
Flüffigkeit gelbes Haar. Die andere Gefchwulft, welche 
zwei Zoll weit von diefer entfernt, imd durch eine 
fefte Membran mit dem Eierftocke verbunden war, 
enthielt ein weifses, fliiffiges Fett, das aber in der 
Mitte fo dick als jenes war und in dem lieh zwei 
weichfelzopfähnliche Haarballen von fchwarzbrauner 
Farbe befanden, die zum Theil fehr lang waren und 
«US der innern Oberfläche des Ballens hervorwuchfen, 

6) Entwickeln fich vielleicht die Haare vorzugs- 
weife häufig in dem Eierftocke einer Seite? Nach 
Bofe ift dies vorztl glich der linke, Indeffen kann ich 
mich nicht völlig von der Wahrheit diefes Satzes über« 
zeugen. Unter den oben von mir angeführten Fällen 
ift in denen von Schacher, Lan^iweerde und Merri- 



l) Ph. tiansact. No. 2. p. 0. 



«*'«-'^--^ 557 

man die Seite von den Beobachtern felbft nicht ange- 
geben. Im Tumiati'ichen Falle läfst üch die Stelle, wo 
fich eigentlich die Haare fanden, nicht mit Beftimmt- 
heit ausmitteln. In dem Schemberg'ichen waren beide 
Ovarien mit Haaren angefüllt. Die Seite , auf welcher 
Chirac die Haare fand , habe ich in meinen Excerpten 
anziunerken vergefTen, da ich leider den gröfsten Theil 
tneiner Citate, um nicht blofs, fo häufig dies auch ge- 
fchieht, Abfchreiher Anderer zu feyn, nicht hier fammeln 
konnte, allein unter den übrigen fünfzehn Beobachtun- 
gen enthielt in denen von Haller , Menghini , Bauhin, 
Ludwig, Fabriz, Buddetis, Wienholc, Saxcorph, Re- 
neaume und Hörn, das rechte, nur in denen von Mofti, 
Wepffer^ Veronici, Bofe , Menghini, Saviard und Thi- 
fcau/f das linke Ovarium Haare; alfo war die Zahl der 
Fälle auf der rechten Seite um drei gröfser, und ich 
trete daher Morgagni ') und Treviranus ') völlig bei, 
trenn fie die Richtigkeit der Meinung, dafs vorzüglich auf 
der linken Seite diefe Bildungen vorkämen, bezweifeln. 

7) Weit feltner entwickeln fich in beiden Ovarien 
Haare, wenn gleich nicht feiten beide Ovarien zu- 
gleich degenerirt, vergröfsert fuid und andere regel- 
fvidrige Bildungen enthalten, 

a. Z äh n e. 

Seltner als Haare entwickeln fich Zähne regel- 
t»idrig im Körper. Auch fie bilden fich am häufig- 



D« c. et £ed. ep. XXXIX. 
t) Biol. Bd. ]. S. 301. 



538 

ften in den Eierfiöcken , indeffen nicht blofs in diefen. 
So wie die Haare , wenn fie nicht an diefer Stelle 
vorkommen, fich am liebften unter der Haut oder auf 
den Schleimhäuten zu entwickeln fcheinen, fo ift es 
merkwürdig, dafs regelwidrig entftehende Zähne fich 
vorzugsweife in der Nähe des Mundes zu bilden 
fcheinen. 

Am wenigften vom Normal entfernt find die über' 
zühügen Zähne, die fich entweder in oder mehr oder 
weniger aufser der Reihe bilden. 

Hierauf folgen Zähne, die fich nicht in den Kie- 
fern , wohl aber in der Mundhöhle entwickeln. Einen 
merkwirdigen Fall diefer Art theilte mir kürzlich 
ein glaubwürdiger Mann, Herr Doctor Schill zu 
Schneeberg , mit. Bei einem fünfzigjährigen Manne 
entftanden binnen drei Monaten nach einander in der 
Mundhöhle unter der Zunge, aber durchaus nicht in 
der Kinnlade , in eignen Bälgen drei vollkommen ent- 
wickelte Zähne, eine Erfclieinung, die man für eine 
Aehnlichkeit mit den Knorpelfifcheii halten möchte. 

Etwas weiter von der gewöhnlichen Stelle ent- 
fernt ift die A ugenhöhle , in welcher kürzlich Barnes 
einen Zahn fand '). 

Bei einem jungen Manne von fiebzehn Jahren 
war ein anfehnlicherTheil der linken Augenhöhle durch 
eine, unter dem Auge liegende anfehnliche Gefchwulft 
ausgefüllt, die das Auge faft ganz verdrängt hatte. 



i) Med. chi»» tt4n»a«t< Vol. IV. No. XVIll. p. 3I( — 3«. 



539 

und nach hinten und vorn fich beträchtlich weit er- 
ftreckte, vorn von der Bindehaut bedeckt war, aber 
nur locker mit ihr zufammenhing. Sie hatte fich fchon 
in früher Kindheit zu entwickeln angefangen, wo fie 
aber nur die Gröfse einer Erbfe hatte. Bis zum drei- 
zehnten Jnhre wuchs fie langfain , von diefer Zeit an 
aber nahm fie ral'ch zu. Bei der Operation, durch 
welche fie weggenommen wurde, fand man fie grofs- 
tentheils frei, und einen beträchtlichem Theil der Au- 
genhöhle anfüllend als das Auge felbft, fo dafs die- 
felbe, um cÜefes nicht zu verletzen, durch einen 
Einftich geöffnet werden mufste, um einen Theil der * 
in ihr enthaltenen Flüffigkeit austreten zu laffen. Hier- 
bei ergab fich, dafs die Gefchwulft aus einem, mit einer 
Feuchtigkeit angefüllten Balge beftand, der durch 
eine quere V^ertiefung in eine vordere und eine hin- 
tere Hälfte getheilt war. Die voj-dere war dünner 
und weniger gefäfsreich als die hintere, die innere 
Fläche der erftern rauh, hie und da mit einer kalk- 
artigen Subftanz beWeidet und enthielt eine fefte, 
gelbe, fpeckartige Subftanz. Die innere Fläche des 
hintern Sacks dagegen war glatt , einen kleinen Theil / 
ihres Umfangs ausgenommen, wo fie das Anfehen 
einer groben, fchr poröfen Haut hatte. An diefer Stelle 
fafs ein fpitzer, deutlich mit vollkommenem Schmelz 
bekleideter, nach oben gerichteter 2ahn, deffen kurze, 
zum Durchgänge von Bliitgefäfscn durchbohrte Wurzel 
aufserh.ilb des Balges vorragte, und hiermit der Bein- 
liaut der Augenhöhle, hinten ani innern Rande des 
Bodens derfelben, etwas beweglich befeftigt gewefeu 



war. Aufserdem enthielt der Sack eine molkenartige 
und eine zweite gelbliche, geronnene Flüffigkeit. Der 
Zahn war völlig überzählig. 

Noch weiter entfernt, und der Stelle, wo die 
regelwidrig fich bildenden Zähne am gewöhnlichften 
entftehen, näher, wurden fie bei einem Manne in einem 
Balge gefunden, der dicht auf dem Zwerchfelle fafs 
und Fett, ein und zwanzig Knochenftücke, vier Zähne 
und einen Büfchel Haare enthielt '). 

In einem andern Falle fand man fie fogar unter 
dem Zwerchfell, am Magen. In dem einen von 
Huyfch ' ) befcbriebenen wurde im Magen eines Man- 
nes eine Breigefch^vulft mit einem unförmlichen Kno- 
chen , vier Backzähnen und einem Bündel Haare ge- 
funden. Zwei der Zähne waren verwachfen, die zwei 
andern von einander abgefondert. 

Tuefl'ink erzählt unftreitig neuerlich nur den- 
felben Fall wieder, ungeachtet er es wahrfchein- 
lich zu machen fucht, dafs es ein anderer als der 
von Ru^fch befchriebene fey. Nicht nur copirt er ihn 
nach einem alten Manufcript, von dem er freilich 
glaubt, dafs es Ruyfch unbekannt gewefen fey, fon- 
dern alle Umftände find auch fo genau diefelben , dafs 
man die Fälle unmöglich für verfchieden halten kann. 
Dies gilt nicht blofs für die Zahl und Anordnung der 
Zähne und übrigen Theile, fondern auch fürdieVer- 



l) Berl. Samml. Bd. 3. S. 164. 

3) Ruyfck hift. anat, med. Dec. III. No. I. p. a. 



541 



anlaffung des Todes, ein nach aufsen geöffnetes Ge- 
fchwiir '). 

Endlich fand Schützer bei einem fünfzehnjährigen 
Mädchen den Eierftöcken noch näher eine anfehnlicha 
Gefchwulft von der Gröfse eines Kindskopfs im Ge- 
kröfe auf den untern Rücken - und den obern Lenden- 
wirbeln. Sie enthielt zwei Schneidezähne, eben fo 
viel Hundszähne und acht Backzähne , aufserdem noch 
zwei Schneidezähne in einem kieferähnlichen Knochen, 
ferner mehrere Knochen , die eine entfernte Aehnlich- 
keit mit menfchlichen hatten, und mehrere, frei lie- 
gende Haare '). 

Mit diefeöi Falle kommt ein von Scortigagntt 
kürzlich befchriebener und abgebildeter nahe überein ' ). 
Bei einer feit ungefähr neun Jahren verheiratheten , ge- 
funden Frau verfchwand während eines Quartanfiebers 
die Menftruation , ftellte fich nach anderthalb Jahren 
zwar wieder, aber nur fehr unvollkommen ein. Bald 
erfchienen Zeichen eines Nabelbruches , hierauf heftige 
Schmerzen im Unterleibe, bis ßch endlich neben dem 
Nabel ein Gefchwür bildete, welches aufbrach unct 
aus dem ein fieifchartiger Körper, der einen Schneide- 
zahn trug, hervorwuchs. Fünf Jahr nach dem erfteii 
Eintritt der Zufälle ftarb die Kranke. Bei der Lei- 



3) Bull, de» fc. med. jn. igll. in Brera giorn. di medicina pratr 

F. II. p. J«i. 
a) Abb. der fchwed. .Mud. Bd. 20. S. 17? fi', 
}) Memoria della gravidanza qniriqiiei)iie della madre d'un'fiio 

moftriioro afiinialogacefalu in Mein, della focicta icaliana di \c 

runa. T. XIV. p. II. p,ij 305 — 329. 



543 

chenoffnung wurde in ihrem Unfeiieibe ein , mit allen 
Eingevveiden vefwachfener, nach aufsen geöffneter Sack 
und in diefem ein , mit jener hervorgewachfenen Sub- 
itanz, zufammenhängender , fehr unregelmäfsiger Kör- 
per gefunden, der ungefähr einen halben Fufs Länge 
hatte. Er war vorzuglich aus drei Lappen zufammen- 
gefetzt, äufserlich mit einer hautähnlichen Schicht be- 
lileidet, hie und da mit Zähnen aller Ordnungen und 
mit Haaren befetzt, und beftand in feinem Innfemtheils 
aus mit hellen Flüffigkeiten angefüllten Bälgen , theils 
aus Anhäufungen einer hirnmarkartigen und einer fett- 
artigen Subftanz , von welchen die letztere eine Menge 
Haare ohne Wurzeln enthielt, theils aus unförm- 
lichen Knochen, von welchen einige mit Kiefern eine 
entfernte Aehnlichkeit hatten, und die gleichfalls Zähne 
verfchiedener Art trugen , welche meiftentheils ohne 
Wurzeln und nur locker mit den Knochen verbun- 
den waren. 

Auch in der Gebärmutter entwickeln fich bis- 
weilen Zähne. 
^x Dahingehört Zuerft ein von Sampfon, Birch vind 
Tyfon ') beobachteter Fall, Nach einem todten Kinde 
wurde eine unförmliche Alafl'e geboren , die aus Kno- 
chen , Haaren und Zähnen beftand. In ihrem obern 
Theile befand fich ein rundlicher Knochen, der ji 
Zoll im Umfange hielt, und mit einer dicken, flei- 
fchigen Haut und kurzen Haaren befetzt war. An 
feiner Spitze ftand ein Kreis von acht regelmäfsig ge- 



Pliil- w. No. ifö. 



bildeten Backzähnen , der eine blinde Vertiefung um- 
gab. An dem erften Knochen war ein zweiter be- 
I feftigt, in dem fic-h, etwas tiefer, fünf andere Back- 
Zähne befanden , von denen vier eine Reihe bildeten, 
der fünfte aber aufser derfelben ftand. Die ganze 
Maffe war in einem grofsen , mit Schleim angefüllten 
I Balge, der auswendig glatt und roth war und die 
I Dicke des Hodenfackes hatte, enthalten. Aus diefem 
I Balge fprofste, etwas unterhalb der Knochen, eine grofse 
' braune Haarlocke , die mit einer Menge gelben Haares 
i zufammenhing , das lockig und lang an der, dem Kno» 
chen gegenüberftehenden Seite des Sackes auffafs. 

In einem andern Falle kam bei einer fchweren Ge- 
burt vor einem todten Kinde eine Maffe von der Grofse 
eines Kindskopfes zum Vorfcliein , die mehr als zwei 
Maafs einer weichen käfeartigen Fluffigkeit und in diefer 
eine Menge Fäden entliielt, die unter dem Mikrofkop 
deutlich für Haare erkannt !wurden, fo lang als ein 
Finger und dünn und weich wie Wolle waren '). 

Endlich bewahrt OJiander ') einen häutigen Sack 
auf, der einem Kinde nachfolgte, und, aufser einer 
Menge Fett, einen unförmlichen, einem Unterkiefer 
ähnlichen Knochen mit fönf Zähnen und langen Haa- 
ren enthielt. 

Wahrfcheinlicli gehören hierher auch die Fälle 
von Riviere und Hamelin (S. oben S. 525.) 

Bei weitem häutiger aber kommen die Zähne in 
Bälgen vor, die Cch in den Ovarien entwickeln. 



1) M«a. Sil. firtyr. fp«. VII. Obf. <i. 

i) Epigr- '" cbiiipl. .Mufti anat. let. No. XX. p. i$. 



544 -^ 

Fälle von cliefer Erfcheinung fallen Tyfon '), 
Needham*'). Sampfon i), Nicholls ^), Rujfch f), 
Ortefehl*), Chefion Browne ^'j, Cocchi*), Mofd'), 
Ballard '°), Baillie zweimal "), Nyfien "), Cleg- 
hörn '3), Blumenbach "»), Laßize ' ?), Riche ' *), 
€ooch ' '), Mery ' »), Dumas ' »), Ploucquee und ^m- 
tenrieth'^), Grambs "), Murray "), Schützen- 
kränz °'), Corvinus '*), iWedsre/- zweimal * »), ££• 



l) Phil, transact. No. 11. p. II. 

a) Bei Tyjon citirt. 

}■) Phil. tr. No. 11. p. 49. 

4) Ebendaf. p. ?09. 

5) Adv. anat. Oec. I. p. 6. und Dec. III. p. I. abgeb. ia Thef. 
Anat. 1. 

6^ Giorn. di medicina. Vol. X. p. gl. 

j) Pathol. inquir. p. 4.7 ff. 

J) Bei Targioni prima racc. di otf. med. Vit. 17fa. p. ig, 

9) Bei Targioni Opufc. pratt. T. VII. p. 19. 
— 10) Corvifart journ. de med. T. 1;. p. 13). 

It) Morbid anat. p. i6i. und phil. transact. V. 7J. S. 7t — 7t. 

ti) Corvifart j. de mtd, an XI. Brumaite. 

1}) Transact. of the Irith acad. Vol. I. p. 71 — Sgl 

14) De niTu formativo in comm. foc. Gott. T. VII. 

15) Bacher j. de mid. Juillet 179;. p. 30I. 

16) Mim. de Paris 174I. hift. p. u. 

17) Med. and chir. obferv. London, p. HO Ef. 
lg) Hift.de l'ac. des fc. de Paris 1695. P- ä45- 

10) Fourcroy med. eclairee par les fc. T, II. 
30) P'Cih Archiv. Bd. 7. S. S55 ff. 

Sl) Anat. Befchr. eines monftr. GewäcMes. Frankf. 17J8. 

J2) Bei Bhimenbach med. Bibl. Bd. I. S. 151. 52. 

sj) Bei Voigtel path. Anat. Bd. }. S. 545 citpt. 

24) Deconc. tubar. Argent. 178O. in neuen Samml. d.auterl. AVn. 

f. Wundärzte. St. 17- S. 19« ff. 
2;) Bei Blumenbaeh in Comm. foc. G«tt. Vol. VII. 



~ 545 

eker^"), loung^"), Baiidelocf/ue'), Meniman^), An- 
derfori f), Milman, Coley^) und ich felbft kürzlich. 

Die vorzöghchften Bedingungen diefer regelwi- 
drigen Zahnbildung im Allgemeinen und der häufig- 
ften , im Eierftocke vorkommenden insbefondere find 
ungefähr folgende. 

• ''' l) Die Zähne entwickeln ßcli im WefentUchen 
nach denfelben Gefet^^en als die normalen. Sie ent- 
feehen 

a) wie diefe in , mit. einer gallertartigen F/üf/ig' 
keit angefüllten , einzelnen Kapfein. In dem Falle, 
•welchen ich unterfuchte , fand fich in der Höhle des 
grofsen Balges ein kleiner, fehr entwickelter Backzahn, 
aufserdem aber drei Kapfein von verfchiedener Gröfse, 
von denen zwei blofs Flüffigkeit, die dritte einen ein- 
fachen , nicht verknöcherten Zahnkeim enthielt. 
j fc) Wie bei den normalen Zähnen entftehen die 

I Kronen vor den Wurzeln. Baillie fetzt fogar feft '), 
I dafs die Wurzeln bei diefen Zähnen immer fehlen: 
lallein, ift dies gleich oft der Fall, fo finden fie fich 
I doch in der That häufig. So fieht man fie an meh- 
I fern Zähnen des Blumenbach'lchen Falles. Coniinus 



l) Waarnceming u. f. ^v. in Starks Archiv für die Geburtshülfe, 
Bd. 6. S. 574- 
X 3) Med. and pliyr. elX. oF Edinb. II. No. ij. 

)} Tr. des accouch. ^. 19(13. 1964. 

4) Med.cliir. cransacc. Vol. III. pag. 5;. 
„ 5) Edinb. m. and furg, joarnal. Vol. II. No. VIII 
^ () Edinb. m. and furg, jouru. Vol. VI. No.V. 

7) Morb. anat. p. aCC. 

M. d. Archiv. /. 4. Mm 



fand in einem kieferähnlichen, im weilen Ende der 
Trompete liegenden Knochen zwei Backzähne mif 
deutlichen Wurzeln. Chghorn bemerkt in feinem Falle 
ausdrücklich, dafs die Zähne ganz vollfiändig und 
mehrere mit ihren Wurzeln verwachi'en waren. Ploiic- 
quet und Aucmriech fanden die ungeheure Menge von 
Zähnen, welche fie fahen, grüfstentlieils mit Wurzeln 
verfehen. Auch in dem Falle von Scortigagna hat- 
ten die meiften Zähne Wurzeln. 

Ich glaube daher unbedenklich annehmen zu kön- 
nen , dafs der Mangel einer Wurzel nur in die frühem 
Perioden diefer Zahnbildung gehört. 

Wahrfcheinlich ift auch die Bemerkung von Rii- 
dolplii, dafs die Höhle des Körpers und der Wurzel 
der Eierftockzähne verhältnifsmäfsig weiter als ge- 
wöhnlich fey , und fie daher mit Milchzähnen über- 
einkämen '), zu allgemein, da mehrere Beobachter, 
z.B. Cleghorn , Anderfon , Laßize, ausdrücklich, wie 
fich nachher ergeben wircl , bemerken , dafs einige die- 
fer Zähne völlig mit bleibenden übereinkamen. 

c) Meiftentheils ift auch die Bildungsftelle diefer 
regelwidrigen Zähne diefelbe als die der normalen : 
die Bälge in welchen fie fich entwickeln , fitzen in 
Knochen oder Knorpel feft. So fmtle ich es in dem 
von mir unterluchten Falle. Daffelbe fahen Gooc/i, 
Bcdllie, Ploucquet, Autenrieth, Tt/p« , OrtescJä, Che- 
fion Browne, Mofti, Ballard, Cleghorn, Schützer, 
Nyfien. 



i) Tesmer dilT. anat. Crcens obferv. ofteolog. Berol. 1812. p, 12. 



547 

Diefe Knochen erfcheinen I)is\veilen nur a]s ver- 
härtete Stellen des ßiiiges, in welchen üch die regel- 
widrigen Productionen befinden, bisweilen aber auch 
als eigne, mit Zahnhöhlen verfehene Knocheiiftiicke, 
die auf den Wänden des Balges auffitzen und fogar, z.B. 
in den von Cleglion?, N)ßprt, Schützer, Granibs, Oßaii- 
der, TyJ'un , Mofti , Schüizenkraiiz und Laßize beob* 
achteten Fällen Aehnlichkeit mit Kieferknochen haben. 

Man kann alfo wahrfcheiiilich mit Recht in allea 
den Fällen , wo fich Haare und Knochen zugleich fan- 
den , annehmen, dal's ein Streben zur Zahnbildung 
vorhanden war, das nur nicht erreicht wurde. Fälle, 
wo blofs Knochen und Haare fich im Eierftock ent- 
wickelten, fahen z. B. Stalpart van der Wiel ') und 
hanzweerde '). 

Indeffen entwickeln fich die Zähne nicht noth- 
wendig in Knochenftücken. Vielmehr ^ bemerken die 
Beobachter, welche mehrere Zähne fahen, gewöhn- 
Jich ausdrücklich , dafs fich einige derfelben blofs in 
den nicht verknöcherten Wänden des Sackes entwickelt 
hatten und bisweilen fehlen die Knochen ganz, z. B. 
in den beiden Bail/iekhen Fällen. 

d) Die Zühne fcheinen nicht bloß durch ihre 
Entwicklung mit den nonnalen Zähnen übereinzukom- 
men , fondern caich in Hinficht auf Ordnung und Zeit 
der Entfteliung und •Dauer den normalen Typus zu 
befolgen. 



1) Obferv. rarior. C. II. 0. ■)?. 
a) Ut moKi. p. i{. 

Mm 3 



548 ^^^^^ 

Sie entftehen höchft wahrfcheinlich niclit alle 
zugleich. Einige find kleiner und unvollkommner als 
die andern. An einigen der von Ploucqitet und Au- 
tenrleth gefundenen Zähne war die Verknöcherung 
eben erft angefangen und die Krone fnfs in zackigen 
^5cherben auf dem Keime. Hier und da erfchien ab- 
gefonderte Schmelzfubftanz in kleinen , perlenartigen 
Körnern auf den Sclierbchen. Andere hatten voll- 
liändige Wurzeln. Von drei Zähnen, welche Goock 
fand, war der eine unvollkommen, die andern beiden 
vollkommen entwickelt. Daffelbe findet auf eine höchft 
merkwürdige Weife in meinen Fiillen Statt. In Scor- 
teggiana's Falle haben einige Wurzeln, andere nicht. 
•Von 44 Zähnen, welche Cleghoin fand, 'waren meh- 
rere Milchzähne, die ineiften aber fchienen einem funf- 
zehnjahrigen Menfchen anzugehören, fo dafs alfo auch 
durch diefes Verhältnifs, fofern die Zahl der Milcli- 
zähne , wie bei den normalen Zähnen , die geringere 
war, der regelmäfsige Typus befolgt erfcheint. 

Ja, die zuerft entftandenen Milchzähne fcheinen 
fogar bisweilen auszufallen und dann durch neue, die 
mit bleibenden übereinkommen, erfetzt zu werden. In 
dem von Ander fon befchriebenen Falle, wo fich drei 
Zähne fanden, lagen zwei kleinere, deutlich Milch- 
zähne, lofe in der Höhle des Balges, der dritte, ein 
bleibender, fafs feft. Die erftenErfcheinungen, welche 
auf eine regelwidrige Bildung fchliefsen laffen -konn- 
ten, hatten fich fchon vor ungefähr zehn Jahren ein. 
syftellt, fo dafs alfo die Periode, wo gewöhnlich der 
Z.ihnwechfcl Statt findet, vvixklich eingetreten war. 



Aohnliche ßeilingungen bietet auch der Coley'iche 
Fiill dar. Ein 2 3iähriges Frauenzimmer verlor ihre 
ilMenftruation, beltam eine Gefchwulft in der rechten 
Seile des Unterleibes und magerte aufserordentlich ab. 
Zwei Jahr nachher ftellten fich ftiirke ßJutfliifse durclj 
den Maftdarmein, die fich aber mit völliger Genefung 
endigten. Fünf Jahre nach dem erften Erfcheinen von 
Zufallen ftarb fie. Man fand das zur Grofse eines 
Kindskopfes angefchwollene, in einen Balg verwandelte, 
rechte Ovarium in die Höhle des Darms geöffnet. 
Aufser Fett und Haaren wuchfen aus feiner innern 
Flache vier Zähne hervor. Von diefen hatte der eine, 
vollkommen entvvickelte, die Gteftalt eines Milchback- 
zahns, die drei übrigen, noch in der Bildung begriff- 
nen , welche in einer Reihe in einem kieferähnlichen 
Knochen ftanden, waren Schneidezähne. Einer von 
ihnen fchien den Milchbackzahn aus feiner Stelle ver- 
drangt zu haben , doch war die Wurzel des letztern 
nicht angegriffen. Wahrfcheinlich hatte fich auch hier 
der Milchbackzahn fünf Jahr vor dem Tode gebildet 
und würde vielleicht einige Jahr fpäter entweder von 
felbft ausgefallen, oder durch die nachrückenden blei- 
benden Zahne verdrängt worden feyn, um fo mehr, 
da der eine fchon diefen Einflufs auf ihn gehabt zu 
haben fchien. 

Indeffcn ift es nicht geradezu nothwendig anzu- 
nehmen , dafs die Zähne zu ihrer Ausbildung diefelbe 
Zeit als die normalen erfordern. Wenigftens fcheint 
fich dies aus den Fällen fchliefsen zu laffen, wo Zwi- 
lchen (ioin erften Erfcheinen von Zufällen und der 



550 

Entdeckung fehr entwickelter Zähne ein fehr kurzer 
Zeitraum verflofs. Hierher gehört z. B. der von La- 
ßize beobachtete Fall. 

Ein 1 8 jähriges Mädchen, die feit vier Monaten 
regelmäfsig menftruirt gewefen war, bekam am Un- 
terleibe , zwifchen dem vordem Darmbeinftachel und 
den letzten falfchen Rippen eine fchmerzhafte Ge- 
fchvvulft. Nach drei Monaten hatte fie die Gröfse 
einer Fauft erreicht, wurde geöffnet und ergofs ein 
Nüfsel feröfen Eiters mit einer honig- luid fettartigen 
Subftanz vermifcht. In der Tiefe von fechs Zollen 
fühlte man einen Körper von der Grüfse eines Eies, 
der zur Wunde geführt wurde und als ein Knäuel 
Haare erfcliien. Täglich wurden noch einige fehr 
lange Haare herausgezogen , während deffen der Ei- 
ter immer fchwärzer und fchärfer wurde. Neunzehn 
Tage nach dem erften Einfchnilte zog man durch Er- 
weiterung deffelben einen unregelmäfsig abgerundeten 
Körper von 2 bis 3 Zoll Breite und 3 bis 4 Zoll 
Länge hervor. Diefer enthielt in der Mitte einen knö- 
chernen, dem Oberkieferknochen ähnlichen Kern und 
war an feinem obern Theile mit Haut und Haaren und 
weichem fchwamraigen Fieifche bedeckt. Unten hatte 
er Aehnlichkeit mit dem Zahnhöhlenrande und Gau- 
mentheile. Hier war er auf der einen Seite zur Hälfte 
mit einer Art von Zahnfleifch umgeben, hing aber 
auf der andern Seite vermittelft eines Stieles an. An 
dem Umfange der Gaumenfläche ftanden acht Zähne, 
fechs Backzähne, ein Hundszahn und ein Schneide- 
zahn , die völlig die Gröfse der bleibenden Zähne eines 



551 

Erwacbfenen hatten. Aufserdem ragte ein junger Back- 
und Schneidezahn kaum hervor '). 

2) In Hin ficht auf die Form der Zähne kann 
man im Allgemeinen bemerken, dafs jle der Form. 
derer , welche der Speries zukommen , entfprechen, 
tind dafs irmn Zähne aller Ordnungen findet. Aufser 
der Aebnlichkeit der regelwirlrig entftehenden Zähne 
mit den normalen menfchlichen Zähnen überhaupt ift 
befonders auch die Uebereinkunft mit denfelben , in 
Hinficht auf gleichzeitige Anwefenheit von Zähnen 
aus mehrern Ordnungen , ferner auf die vcrhältnifs- 
mäfsige Menge und auf die Stellung der veri'chiede- 
nen Ordnungen merkwürdig. 

Gewöhnlich finden fich Zähne aus mehrern Ord- 
fiungen zugleich. Dies war namentlich der Fall in 
den Beobachtungen von Gt-ambs , Cleghorn, Schützer, 
Baillie, Laßize, Baiidelocque , Murray, Bhtmenbach, 
Scorieggiana. 

Zwar kommen nicht immer Zähne aus allen drei 
Ordnungen zugleich vor, gewöhnlich aber doch aus 
zweien. • So verhielt es fich z. B. in den Fällen von 
Coley, Nyften, Toung. 

Im normalen Zuftande erfchöinen zuerft di« 
Schneidezähne, darauf die Backzähne, zuletzt die Eck- 
zähne, wenigftens diefe fpäter als die hinteren Back- 
zähne. Bisweilen beobachten auch die regelwidrig ent- 
flehenden Zähne eine ähnliche Folge durch die Art 
der Zufariimenfetiung mehrerer Ordnungen. 



I) Laflizt in Bacher Journ. de mid. 1793. Juillec. p, ?oi. 



So fanden fich in dem roung'ichea Falle ein 
Schneidezahn und Backzähne. 

Nicht immer aber findet diefes Verhältnifs Statt. 
So fahen Gooch, Coley Schneidezähne und Hunds- 
zähne , Njfien Back - und Hundszähne. 

Auch wo fich bisweilen nur eine Art findet, ift 
dies nicht immer die, welche zuerft erscheint. So 
z. B. fahen Ckefion Browne, Ballard, 'Orteschi, blofs 
Hundszähne; Tvfon einigemal blofs ßaqkzähne. Da- 
gegen fand Cocchi blofs Schneidezahne. In meinem 
Falle findet fich nur ein Backzahn. 

In den Fällen,: wo gewöhnlich fpäter als andere 
entftehende Zähne ohne diefe früher entftehenden vor- 
handen waren, kann man vielleicht annehmen, dafs 
diefe ausgefallen waren. IndefCen bedarf es diefer 
Annalime auch gar nicht, da ja die Entwicklungsweife 
auch der normalen Zahne fo viele Abweichungen dar- 
bietet, diefe daher bei ganz regelwidriger Entftehung 
DQoh weit leichter. eintiefen werden. Ueberdies pflegt 
ja auch der Hundszahn zwar fpäter als der vordere, 
allein früher als der {untere Backzahn zu entftehen. 

Ziemlich allgemein fcheinen die Zähne derfelben 
Ordnung neben, einander , oder wenigftens näher als 
an den cibrigen zu fteheni, und überhaupt, wo nur 
Zähne von zwei Qrdnungep fich finden, dies immer 
folche zu feyn, die auch in den Kiel'ern neben. ein? 
ander ftehen, Hundszähne und Backzähne, Hunds- 
zähne und Schneidezähne zugleich, nicht aber Schnei- 
de - und Backzähne zugleich vorzukommen, oder we- 
nigftens feltner und, wo dies Statt findet, die der 



einen Art oft bleibende, die der andern Milchzähne 
zu feyn , wie z. B. in dem Falle von Coley. 

Dafs die verwandten Zähne häußg zufammea 
flehen, beweifen mehrere Beobachtungen. Che/ton 
lagt ausdrücklich, dafs er Zähne derfelben Art mei- 
ftens zuüiiTimenftehend und felbft an ihren VVurzoln 
verwachfen gefunden habe. In dem Bosteeirkhea Falle 
ftehen che beiden Backzähne dicht neben einander, von 
ihnen entfernt der Schneidezahn. Der Backzahn und 
der. Schneidezahn berühren einander dagegen beinahe 
in dem Falle von Gooch. In dem Falle von Grainbs 
finden fich zwei Gruppen von Backzähnen, eine dritte 
von Schneide- und Huntlszähnen, eine vierte vonBack- 
ünd Schneidezähne^. 

i' -Die verhältnifsmäfsige Menge der verfchiedenen 
Ordnungen von Zähnen zeigt gleichfalls Annäherung, 
an die normalen Beilingungen, fofern gewöhnlich Back- 
zitine in gröfster, die übrigen in weit geringerer und 
Wieder unter ihnen die Eckzähne in geringfter Menge 
vorhanden find. 

So fand Toung drei Backzähne und einen Schnei- 
dezahn; La/Z/se fieben Backzähne, einen Hundszahn 
lind zwei Schneidezähne ; Grambs unter achtzehn Zäh-' 
nen, die in verfchiedenen Knochen fafsen, zwölf Back- 
zähne, drei Hundszähne, drei Schneidezähne und wie- 
der findet fich zwifchen den verfchiedenen Gruppen 
von Zähnen daffelbe Verhällnifs, fofern in dem einen 
Knochen vier Backzähne, zwei Schneidezähne und eia 
Hundszahn zufammen ftehen, während die übrigen 
Gruppen blofs aus Zähnen derfelben Ordnung gebil- 



det find. Targioni fand unter zelin Zäbnen acht Back- 
zahne; Schülzer acht Backzähne, vier Schneidezähne 
und zwei Hundszähne, a]fo faft ganz das normale 
Verhältnifs; auf diefelbe Weife Cleghorn unter vier 
tuid vierzig Zälinen fechzehn grofse, vier kleine Back- 
lähue, drei Eckzähne , acht Schneidezähne. Die mei-- 
ften Zähne, Avelche Ptoiii:quet und Aiitenrieth in einem 
fehr merkwürdigen Falle fanden, waren Backzähne, 
freilich vordere. In dem Blumenbarh'khen Falle 
überwiegt die Zahl der Backzähne die der übrigen 
bedeutend. In dem Falle von Scorteggiana waren die 
meiften Zähne Schneide- und Backzähne, nur ungefähr 
vier Eckzähne. 

Auch da, wo fleh nur eine oder wenigftens nicht 
alle Ordnungen von Zähnen finden, erfcheint doch 
eine Annäherung an den normalen Zuftand, fofern 
auch hier die Zahl der Zähne mit der, welche diefen 
im normalen Zuftande zukommt, ungefähr überein- 
kommt. 

So fand Gooch blofs einen Hundszahn und einen 
Schneidezahn; Tyfon gleichfalls nur einen Himdszahn ; 
C.orchi nur drei Schneidezähne; Orteschi drei Hunds-> 
zahne; Chefton Browne nur einen Hundszahn ; Coley 
drei Schneidezähne und einen Backzahn ; Niederer ein- 
mal zwei Schneidezähne , in einem andern Falle einen 
Hundszahn, Tyfon dagegen einmal dreizehn Backzähne. 

Zwar bemerkt man bisweilen Ausnahmen. So 
2. B. fand BailUe einmal zwei Schneidezähne, einen 
Eckzahn und einen Backzahn. Allein diefe Verfchie- 
denheit läfst fich leicht durch die Annahme ausglei- 



chen, dafs hier der zweite Backzahn nur noch nicht 
gebildet war, wo dann- gerade diefer Fall die nor- 
malfte Entwicklung, und die eine Hälfte der MiJch- 
zahnreihe darfteilt, dies um fo eher, da noch ein 
Rudiment eines fünften Zahnes vorhanden und einige 
Zähne voUkommner entwickelt waren als die andern. 

Die Zahl der regelwidrigen Zähne variirc im 
Ganzen /ehr. Indeffen findet man doch auch in die- 
fer Hinficht häufig eine Annäherung an die normalen 
Zuftände, entweder an die Zahl aller Zähne in bei- 
den Kiefern, oder nur eines Kiefers, oder endlich 
einer Kieferhälfte , fey es nun der Milchzähne oder 
der bleibenden. Bisweilen auch kommt die Zahl der 
Zähne mit der Zahl der Milch -und bleibenden Zähne 
in einer gewiffen Periode iiberein. 

Die letztere Bedingung fahe, wie fchon bemerkt, 
Cleghorn, indem er vier und vierzig Zähne, meiftens 
bleibende, fand. Blumenbach fand vier und zwanzig. 
Eben fo viel fahe Scorteggiaiia. So viel aber finden 
fich gerade im fiebenten Jahre in allen Kiefern ausgebro- 
chen. Grambs fahe achtzehn, alfo ungefähr die Zahl 
a\ler Milchzähne. ScfefV/^^^r fand vierzehn Zähne ; Ty- 
fon einmal theizelin, ungefähr die Zahl der Zähne 
eines Kiefers beim Erwachfcnen. Mnßi , Lajlize und 
Targioin zehn , die Zahl der Milchzähne eines Kiefers ; 
Tyfon und Boswell vier, beinahe die Zalil der Milch- 
zähne einer Kieferhälfte. 

Indeffen ift hier fchon infofern nur ungefähr 
Aetinlichkeit, als die verlialtnifsmäfsige Menge der 



556 — 

verfchiedenen Zähne nicht ganz die normale ift, bis- 
weilen felbft viele Zähne, wie z. B. in dem Tyfontchc.n 
Falle von dreizehn, blofs zu einer Klaffe gehören. In 
folchen Fällen abex' fcheint, wie fchon oben beincrl^t, 
ein Streben vorhanden, alle Zähne derfelben Ordnung 
wieder entweder aus allen Kiefern, oder nur aus einem, 
oder einer Hälfte hervorzubringen. 

Im Allgemeinen kann man bemerken , dafs {ich 
häufiger nur wenig als viele Zähne, indeffen doch 
häufiger einige, zwei bis drei, finden, als nur ein 
einziger. 

Indeffen kommen , ungeachtet der angegebnen 
Uebereinkunftspunkte der regelwidrig entftehenden 
Zähne mit den normalen, doch bedeutende, wenn 
gleich untergeordnete und Aveniger wefentliche Ver- 
Ichiedenheiten vor. 

So haben fie oft durchaus nicht völlig riiefelbe 
Form als diefe und entfprechen keiner Ordnung der- 
felben. Unter den vier und vierzig Zähnen , welche 
Cleghorn. fahe, waren zwar die meiften regelmäfsig, 
einige aber ganz un regelmäfsig. Eben fo waren unter 
den von Antenrieth gefehenen Zähnen die meiften, in 
Hinficht auf Geftalt undGröfse, menfchenähnlich, bei 
niehrern aber war, wenn gleich die Krone abwich, 
doch die Wurzel fehr entftellt und viele in allen ih- 
ren Theilen weder menfchen- noch thierähnlich. Auch 
nach Tesmers Zeugnifs war in zwei , aber fehr un- 
vollftändig angeführten Fällen die Geftalt mehrerer 
Eierftockzähne fehr unregelmäfsig , wenn gleich die* 



557 

fo eben aiigefülirten Stellen beweifen, clafs fchon An- 
dere vor ihm diefe Bemerkung gemacht hatten. 

Eben fo wenig zeigt die Zahl im Ganzen oder 
im Einzelneu faft irgend einmal das völlig normale 
Verhältnifs. Wo fich weniger als gewöhnlich finden, 
jft dies nicht auffallend, da gewöhnlich regelwidrig 
enlfteheiide Theile lieh nur einfach oder wenigftens 
in geringer Zahl bilden , wie die überzähligen Finger 
und die überzähligen Zähne felbft beweifen ; weit felt- 
ner und auffallender aber ift das Ueberfteigen der ge- 
wöhnlichen Zahl, belonders wenn es bedeutend ift. 
Ein bis jetzt einziger Fall diefer Art ift der von 
Ploucqiiet und Aiitenriech beobachtete, wo bei einer 
a ajährigen unfruchtbaren Frau der über zwanzig Pfund 
l'chwere Eierftock aufser einer Menge regellos gebil- 
deter, zackiger, theils in Knorpelkernen, theils in 
gefäfsreichen Häuten befindlicher Knochen mehr als 
dreihundert Zähne enthielt. 

Kommen Zähne gewöhnlicher allein. , oder in Ver- 
bindung mit andern Theilen , namentlich Knochen, 
Haaren und Fett vor? 

Die Fälle ausgenommen, wo fich Zähne in der 
Nähe der normalen , z. B. in der Mundhöhle, Inder 
Augenhöhle, wie in den Fällen von Schill und Barnes 
(f. oben S. 538-) entwickeln, erlchoinen fie weit häu- 
figer in Verbindung mit diefen Theilen, vorziiglich 
mit Fett und Haaren, als allein. Es giebt faft kein 
BeJfpiel vom Gegentheil, wenn gleich die Haare (fieho 
•bell S. 5 30. ff.) nicht feiten ohne Zähne vorkommen. 



558 

Dies gilt nicht blofs für die in den Ovarien, fondern 
auch für die in den übrigen Theilen, oberhalb und 
unterhalb des Zwerchfells vorkommenden Zähne , in- 
dem es in den Fällen von Engel, Riijfdi , Tliueßlnk, 
Schützer ausdrücklich erwähnt wird. 

Von den Zähnen im Ovarium und der Gebär- 
mutter bemerken es ausdrücklich faft alle Beobachter, 
namentlich Tyfon, Sampfon, Nicholls, Rurfch, Blu- 
menbach, Cheßon, Cleghoni, Murray, Dumas, Riche, 
Baillie in beiden Fällen, Coley , Anderfon, Bicker, 
Gooch, Merrbnan, Cocclii, Mofü, Needham, Ortes- 
chi, Targionl, Ballard, Lajlize, Autenrieth und ich. 

Nur BosweWs Fall fcheint eine merkwürdige Aus- 
nahme von der Regel zu machen, indem er durch- 
aus keiner Haare erwähnt. Eben fo erwähnt Mery 
in feinem Falle nur der Zähne, fagf dagegen nichts 
von Haaren. 

Ift der regelwidrigen Eiitioickhing von Zähnen 
vielleicht eine Seite des Körpers vorzugsweife unter- 
worfen ? Wenn dies der Fall ift , fo gilt auch daf- 
i'elbe für die Entwicklung der Haare, indem es fich 
fo eben ergab, dafs Zähne faft nie ohne Haare vor- 
kommen. Es fcheint wohl aus einer genauen Ver- 
gleichung der mir hiervon bekannt gewordenen Fälle 
fich wenigftens zu ergeben, dals nicht nur kein 
Uebergewicht der linken über die rechte Seite Statt 
findet, londern im Gegentheil diefe Bildungen häufiger 
hier als auf der linken Seite vorkommen. Dies be- 
w«ift folgende Tabelle. 



559 



Rechte Seite. 
. Tyfon. 

NichoUs. 

Orteschi. 

Chefton. 

Murray. 

Dumas. 

Cleghüin. 



Linke Seite. Unbeftimmt. 
Sampt'on. Tyfon. 

Mofti. Merriman. 

Ballard. Baudelocque. 

Biumenbacli. Ruyfch. 

Gooch. Merv. 

Bicker. Baillie. 

Nyften. Needham. 

Coley. -^ Coccbi. 

Anderfon. Laflize. 

Young. 
Baillie. 
Mederer. 
Corvinus. 
Grambs. 

Stalpart v. d. VViel. 
Riebe. Riche. 

Autenrietli. 
Ich. 

Hieraus ergiebt fich, dafs in fiebzehn Fällen die 
Zähne oder Knochen mit Fett und Haaren auf der 
rechten Seite allein vorkamen , in fieben nur auf der 
Laken. In dem Falle von Riclie fanden fich auf beiden 
Seiten Knochen; es ift aber nicht beftimmt, ob auf 
der rechten Seite fich auch Zähne entwickelt hatten. 
Von den neun Fällen, wo die Seite unbeftimmt ge- 
lailen ift, geben die Beobachter der fechs erften 
fie nicht an, von den beiden letzten habe ich fie 
vielleicht nur anzumerken vergeflen. Nimmt man 
aber auch an, dafs die Hälfte hier auf der rechten, 



560 ^^0-^^-^ 

die Hälfte auf der linken Seite voikomme, fo wiirdis 
Cch doch immer ein V^rhältnifs wie 20: 11, alfo un- 
gefähr wie 2 : 1 zum V^ortheil der rechten Seite erge- 
ben. Rechnet man hierzu noch ungefähr für jede Ab- 
theilung (f. oben S. 5 3 o. 3 1 .) zehn Fälle, wo blofs Haare 
und Fett vorkommen , fo würde fich doch immer ein 
Verhältnifs wie etwa 3 : 2 ergeben und immer die rechte 
Seite bedeutend häufiger afficirt feyn als die linke. 

Dies fcheint auch mit der gröfsern Siürhc der 
rechten Seite übereinzuftimmen. 

Aus der Vergleichung aller Fälle von regelwidri- 
gen Haar- und Zahnbildungen im Eierftocke ergiebt 
fich aber fo viel mit Beftimmtheit , dafs ße nur fehr 
feiten auf beiden Seiten zugleich vorkonunen , indem 
unter mehr als fünfzig hier verglichenen Fällen dies 
nur dreimal der FaU war. 

Unterfutht man die Stellen, an welchen fich diefe 
regelwidrigen Produkte entwickeln, näher, fo findet 
man , dafs fie fich nicht nothwendig in der Subftanz 
des Eierfiockes,' fondern auch, und dies vieileich-t 
häufiger, im Umfange deffelben bilden. 

So fand Lauzweerde , wie er ausdrücklich be- 
merkt, die ungeheure, fünfzehn Pfund wiegende Ge- 
fchwulft durch einen dünnen Stiel am Eierftocke be- 
feftigt. Im Sampfon' [c\\en Falle hingen gleichfalls, niit- 
telft eines feften Bandes, am hnken Eierftocke zwei 
grofse BäJge, die zwei Zoll weit von einander ent- 
fernt waren. Im Wienholt'ichen Falle fand fich au- 
fser dsn beiden Bälgen, welche die Stelle des rechten 

Eier- 



—'™ 551 

Eierftockes einnahmen , zwifchen der Gebärmutter und 
dem Maftdarm ein aufehnliches, rundliches Haargeflecht. 

Auch die Falle von Grambs und Tumiati gehö- 
ren deutlich hierher und machen den Uebergang zu 
der von Schützer befchriebenen Lage der Haare und 
Zähne im Gekröfe. 

Hieraus ergiebt fich wenigftens to viel mit Ge- 
wifsheit, dafs nichts weniger als jedesmal die Bälge, 
in welchen diefe Theile entftehen, regelwidrig ver- 
gröDserte Graaffche Bläschen, fondern ganz neue Bil- 
dungen find, wie fich befonders Wafferbälge häufig 
nicht nur im Eierftocke, fondern im Umfange def- 
felben entwickeln. 

Es fragt fich ferner, unter welchen Bedingungen 
in Hinficht auf a) Gefchleche, b) Alter, c) vorange- 
gangene Begattung, d) anderweitige Erfcheinungen 
im Körper, fich diefe regelwidrigen Bildungen ent- 
wickeln ? 

a) Wenn von Bildung der Haare und Zähne in 
den innern Gefchlechtstheilen die Rede ift, fo ergiebt 
fich unbedenklich, dafs diefe vorzugsweife beim weib- 
lichen Gefchlechte vorkommt. Gegen beinahe fechzig 
Fälle, wo fie in den Eierftöcken, den Trompeten 
und der Gebärmutter vorkam, nur einer, wo inj 
mänohchen Hoden Haare gefunden wurden! In den 
ebrigen Theilen ereignet fie fich eben fo häufig, ja 
vielleicht häufiger beim männlichen als beim weiblichen 
Gefchlechte. 

b) Die Entwicklung der Haaie und Zahne, fo- 
wohl in den Gefchlechtstheilen als andern Stellen, 
M, d. ArMv. l. 4. N n 



563 

fcheint in allen Lebensperioden Statt zu finden , in- 
tlem fie bei fehr jungen und febr betagten Perfonen 
gefunden wurde. 

c) Sammelt man die Zahl der Fälle wo , vor 
(ohne zu beftimmen ob zum Behuf) der Entftehung 
diefer Aftergebilde Begattung Statt gefunden hatte, 
fo finde ich , dafs in den Fällen von Tyfon. , Sampfon, 
ronge, Oßander , Coley, Grambs , Cleghorn., Young, 
Gooch, Aucenrieth, Anderfon, Mofti, Chefion, Bal- 
lard, Coruinus , Baudelocque, Ortescld, Saxtorph, 
Warren , Sontis , Merriman , Bofi , Schacher , Fabriz 
von Hilden , Ludwig , Buddeus , diefelbe gewifs Statt 
gefunden hatte, indem die Perfonen mehr oder we- 
niger verheirathet , oder Freudenmädchen, zum Theil 
felbft fchwanger und kurz nach der Niederkunft ge- 
ftorben waren oder die regelwidrigen Subftanzen von 
fich gegeben hatten. Bei mehrern andern ift es nicht 
gewifs, ob Beifchlaf vorangegangen war, indem fi« 
nicht verheirathet waren, und die Befchaffenheit der 
Genitalien entweder von den Beobachtern , oder in den 
kurzen Anzeigen der Beobachtung nicht angegeben 
wird, ungeachtet das Alter und oft der Stand der 
Perfonen die Vermuthung erlaubt, dafs wirklich Bei- 
fchlaf Statt gefunden hatte. Hierher gehören z. B. 
die Fälle von Haller, Murray, Menghini, Tumlati, 
Ruyfch , Buddeus , Bauhin, In den Fällen von Schü- 
tzer, Baillie , Nyften, Slalpart van der Wlel, La- 
ßize , Schmucker, Lanzweerde aber kann man mit 
vieler Wahrfcheinlichkeit annehmen, dafs dies nicht 
der Fall gewefen war. 



563 

In dem Falle von Lanzweerde war das Mäd- 
chen eilf, im Schmurker'ichcn und dem einen Bail- 
iie'fchen Falle, wo fünf Zähne gefmiden wurden, 
zwölf bis dreizehn Jahr, in dem Nyfcen'fchen drei- 
zehn, in dem Schützer'£cheii und Wiel'lchen fünf- 
zehn Jahr alt. In allen war die Gebärmutter klein 
»md hart, in dem Baillie'khen fogar kleiner als bei 
einem neugebornen Mädchen. In allen hatten die 
äufsern Gefchlechtstheile gleichfalls alle Zeichen der 
phyrifchen Jungfräulichkeit, die Scheidenklappe war 
völlig unverletzt. In dem Falle von Stalpare van der 
Wiel wird ausdrücklich bemerkt, dafs nie Menftrua- 
tion Statt gefunden hatte. 

Eben fo war auch in dem anderen Baillie'khea 
Falle, ungeachtet das Mädchen achtzehn Jahr alt war» 
die Scheidenklappe unverletzt, fahr eng, die Gebär- 
mutter fogar kleiner als gewöhnlich und völlig un- 
verändert. Von demfelben Alter war das Mädchen 
von Laßize, allein fie hatte regelmäfsig menftruirt. 

In melirern diefer Falle waren die Zufälle überdies 
fchon mehrere Jahre alt, namentlich im Schmucker- 
fcben , dem Schützer'khen und dem von Lanzweerde. 

Man kann indeffen wohl nicht ohne Grund an- 
nehmen , dafs fich diefe Gebilde in deu meiften Fällen 
in Perfonen entwickelten, bei welchen die JBegattung 
vollzogen worden war. 

d) Anderweitige, zugleich State ßndende Ver- 
änderungen im Körper betreffen die allgemeine Ce- 
fundheit oder die Affeciwnen anderer Organe. 

N n a 



56-1 

Hierüber läfst fich wenig Allgemeines fagen. Man 
kann indelTen bemerken, dafs diefe Bildungen niclit 
als Folgen eines allgemeinen Leidens angefehen wer- 
den können, und dafs fie eben fo wenig weder die 
allgemeine Gefundheit, noch die der Organe in und 
an denen üe fich entwickeln, nothwendig und ihrer 
Natur nach ftören und das Leben gefährden, indem 
fie häufig während des Lebens kaum oder gar nicht 
geahndet wurden. 

So verhielt es fich in dem von mir unterfuchten 
Falle, wo bei dem vierzigjährigen Frauenzimmer, 
deren rechtes Ovarium ich entartet fand, die Gefund- 
heit völlig regelmäfsig war. CJeghorns Frau lebte 
drei und zwanzig Jahre nach dem erften Erfcheinen 
tler Zufälle und wurde während diefer Zeit für fchwan- 
ger gehalten. Im Ballard'ichta Falle hatte eine fünf 
und fünfzigjährige Frau die Gelchwulft feit zwei und 
zwanzig Jahren getragen. Onesclu's Frau war fiebzig, 
die von Mojil fechzig Jahre alt. 

Auch die Gefchlechtsfunction wird nicht notli- 
wendig durch die Entwicklung diefer Subftanzen gc- 
ftört. In dem Falle von Sontis wurden bei einer 
Paracenthefe des Unterleibes Haare ausgezogen. 
Hierauf )\am die Frau zweimal nieder, ungeachtet 
der Leib in den Zwifchenzeiten nie völlig fank, und 
fpäter noch ähnliche Subftanzen wahrgenommen, 
auch nach dem Tode ein Balg mit Haaren und Zäh- 
nen gefunden wurde. Die Frau von Anderjon kam 
mehrmals nieder, ungeachtet fich die Haare und Zähne 
wahrfcheinlich fchon in der zweiten Schwangerfchafi 



^ 565 

entwickelt hatten. Moft'Cs fechzigjährige Frau war 
tlie Mutter melirerer lünder. In den Fällen von 
Gooch und Culey fand Schwangerfchaft Statt, unge- 
achtet die Zufälle, welche auf die Entftehung diefer 
Bildungen fchliefsen liefsen, fchon mehrere Jahre vor- 
her Statt gefunden hatten, alfo nicht, wie vielleicht 
in mehrern andern Fällen, als das Produkt deffelben 
Zeugungsactes angefehen werden konnten. 

Indeffen können diefe regelwidrigen Bildungen, 
fo gut als jede regelwidrige Vegetation, auf mehr als 
eine Weife nachtheiligen Einflufs auf die Gefundheit, 
tmd felbft unter gewiffen Umftänden auf das Leben 
derer haben, in deren Körper fie fich entwickeln, 
dies, im Allgemeinen im geraden Verhältnifs mit 
ihrer Gröfse, wobei aber immer auf die Conftitution 
des Körpers, in welchem fie vorkommen und andern, 
in der Afterbildung felbft enthaltnen Bedingungen 
Rilckficht genommen werden mufs. 

2) Zunächlt mechanifch, wegen der Stelle, aa 
welcher fie fich entwickeln. 

Sie können hier durch ihre Schwere die Lage 
der Gebärmutter regelwidrig verrücken oder die Ge- 
hurt bedeutend erfchweren, oder die Schwangerfchaft 
ftOren. 

Den erften Erfolg Cihe Saxtorpli bei einer Frau, 
der Mutter mehrerer Kinder, bei welcher ein Gebär- 
muttervorfall durch eine, das ganze Becken einneh- 
mende Gefchwulft von Fett und Haaren im Eierftocke 
Veranlafst wurde. Diefelbe Beobachtung machte Coley. 

Den zweiten fahen Baudrlonque und Meniman. 



566 — 

In dem von ICoung befchriebenen Falle, war die 
Degeneration des Ovariums Urfache des Todes einer 
im fünften Monat Schwangern , indem es durch feinen 
Druck auf die fchwangere Gebärmutter Entzündung 
und Brand derfelben hervorbrachte. 

Durch die Gröfse diefer Afterbildungen , fo wie 
durch zufällige Bedingung derfelben, z. B. zackige 
Geftalt der Zähne oder Knochen , verbunden mit einem 
hohen Grade von Receptivität des Körpers, in wel- 
chem fie fich bilden, können fie Gefchwüre verur- 
fachen, die fich entweder unmittelbar an der Oberfläche 
des Körpers, oder in die nahe gelegenen Höhlen, na- 
mentlich den Maftdarm, die Harnblafe, die Gebär- 
mutter öffnen, wo dann während des Lebens die re- 
gelwidrig erzeugten Bildungen entweder von felbft ab- 
gehen, oder weggenommen werden. 

Fälle diefer Art find z. B. die von BriJJeau, 
Schimicker , Schützer, Warren ^ LajUze, Coley beob- 
achteten. 

Auch dann aber erfolgt Genefung, fobald die 
fremden Körper völlig weggenommen find. So na- 
mentlich in den Fällen von Warren und Laßize. 

Anfehnliche Gröfse diefer Bildungen kann auch 
natürlich, fo gut wie jede regelwidrige Vegetation, 
durch die Concentration der bildenden Thätigkeit auf 
einen Punct, den Ernährungsprocefs im Ganzen ftören, 
und daher fogar endlich tödten. 

Zwilchen der Entwicklung diefer Subftanzen in 
den Eierftöcken und dem Gefundheitszuftande eines 
Organs, des Gehirns, fcheint indeffen bisweilen eine 



— 567 

nähere Beziehung obzuwalten, fofern die Geiftes- 
functionen dabei mehr oder weniger geftört find. Die 
Perfon, bei welcher ich Haare und Zähne im Eier- 
ftocke fand, war fchon lange blödfinnig gewefen. 
Buddeus und Ludwig machten ihre Beobachtungen an 
Wahnfinnigen, die gleichfalls mehr oder weniger lange 
ihres Verftandes beraubt gewefen waren. 

Indeffen ift auch diefe Beziehung vielleicht nicht 
wefentlicher als die Affectionen des Gehirns, welche 
überhaupt die Entftehung von Degenerationen der 
Cefchlechtstheile begleiten. Wichtig wäre es aber 
künftig den Geifteszuftand folcher Perfonen genau zu 
berückfichtigen , um vielleicht auszumitteln , ob fich 
die fo merkwürdige Beziehung zwifchen Gehirn und 
Genitalien , die im gefunden und krankhaften Zuftande 
fich^ in allen Perioden deffelben Organismus und in 
der Thierreihe fo deutlich ausfpricht, nicht vielleicht 
auch- unter diefen Bedingungen auf;, eine beftändige 
Weife durch vorzugsweife Störung der Hirnfunctio- 
nen bei fo hochgefteigerter eigenmächtiger Thätigkeit 
der GefchlechtstheiJe ausfpricht. 

Es fragt Cell endlich, wie diefe regelwidrigen 
Haar • und Zahiibilduii gen entfiehen ? Diefe Frage 
ift äufserft verfchiedenllich beantwortet worden. 

Da die Neigung, Haare zu verfchlucken nicht 
ganz feiten ift, fo haben einige um fo mehr an- 
genommen, dafs diefe Theile auf diefem Wege von 
aufsen in den Körper gekommen feyn möchten, als 
es ihnen befondcrs fchwer fiel, fich die Entftehung 
von Zähnen im Körper auf eine befriedigende Weile 



568 -^ 

zu erkläi'en. Dies glaubt z. B. Chefton Browne von 
dem von ihm gefundenen 7.dhn& im rechten Eier- 
ftocke , während er von den Haaren annimmt , dafs . 
fie fich an der Stelle, wo fie gefunden vsrurden, ge- 
bildet hätten. Cleghorn glaubt, dafs auch in dem von 
Rujfch befchrjebenen Falle, deffen Authenticität Söm- 
merring fogar bezweifelt, die Haare und Zähne ver- 
fchluckt worden feyen. 

Indeffen hat diefe Meinung fo äufserft wenig 
Schein , dafs fie faft von niemand angenommen wor- 
den ift. Man begreift i) nicht, warum nicht eben 
fo gut Zähne als Haare und andere Theile an einer 
ungewöhnlichen Stelle entftehen können , 2) wie dann 
fo gewöhnlich beide zugleich vorkommen , und 3) fpre- 
chen gegen • diefe Meinung nicht blofs das nicht ganz 
feltne Vorkommen diefer Abnormität, fondern alle 
die Gründe , welche gegen mehrere der gewöhnlichen 
Anflehten der Entftehungsweife diefer Theile fogleich 
anzuführen find. 

Es ift vielmehr als gewifs anzufehen, dafs diefe 
Theile iich wirklich an den Stellen bildeten, wo fie 
gefunden wurden und es fragt fich nur, auf welche 
Veranlaffung fie entftanden? 

Auch hierüber find die Meinungen fehr getheüt. 
Nach einigen Schriftftellern find diefe Subftanzen 
überfchüffige Theile, welche durch denfelben Zeu- 
gungsact, welcher den Körper fchuf, in welchem fie 
gefunden werden, hervorgebracht wurden, die fich 
im Innern deffelben entwickelten. Diefe Körper wä- 
ren aUb Doppeltmifsgeburten und die Falle diefer Art 



569 

gehörten zu dem zeugungsartigen Doppeltwerden 
(r. meine patli. Anat. B. 2. S. 68. ff-)- Diefer Meinung ift 
z. B. Tumiaü '), vorzüglich, weil die normgemäfse 
Structur diefer Theile beweife, dafs fie fich nicht krank- 
haft und zufällig entwickeln könnten , fondern aus ur- 
fprfinglich vorhandenen Keimen entftanden feyn müfsten. 
In der That läfst fich diefe Meinung, fo wenig 
Allgemeinheit fie auch erhalten hat, nicht geradezu 
verwerfen , um fo mehr , da in mehrern Fällen diefer 
Art, wie z. B. im Schützer'lchQxi , fchon von der Ge- 
burt an mehr oder weniger deutliche Zeichen vorhan- 
den gewefen waren und fich viele Fälle , z. B. der von 
Schmucker, der von Schützer und überhaupt alle die, 
wo fich in jungen Perfonen diefe regelwidrigen Ge- 
bilde erzeugten, an manche Fälle des zeugungs- 
artigen Doppelt Werdens, z. B. den von Lentin, fehr 
genau anfchliefsen, fo dafs diefelben Gründe, welche 
für die Entftehung des innem Fötus beim zeugungs- 
artigen Doppeltwerden durch einen gewöhnlichen 
Zeugungsact fprechen , auch für diefe Meinung ange- 
fahrt werden können. Indeffen fprechen, aufser den 
gegen jene Meinung über die Entftehung des innern 
Fötus durch gleichzeitigen Zeugungsact angeführten 
Gründen noch andere wider diefe Meinung, nament- 
lich i) die Stelle, an welcher diefe Theile gewöhn- 
lich gefunden werden , die innern weiblichen Zeu- 
gungstlieile , nanientUch die Eierftöcke; 2) das beinahe 
alleinige Vorkommen derfelben beim weiblichen Ge- 

i) A. a. O. p. :i3. 



fchlecht, Zu gefchweigen , clafs 3) TumiatVs Haupt- 
grund, die Regelmäfsigkeit diefer Bildungen, nicht in 
einem folchen Grade Statt findet, lun für diefe An- 
ficht angefilhrt werden zu können. Die regelwidrig 
vorkommenden Theile bieten zwar im Wefentlichen 
diefelben Bedingungen als die an den normalen Stel- 
len vorkommenden gleichnamigen dar, allein, wie 
fchon oben bemerkt wurde, alle, vorzüglich die Kno- 
chen, auch fo äufserft viele Abweichungen, dafs man 
fie im Allgemeinen mit keinem normalen vergleichen 
kann. 

Man kann daher wohl kaum annehmen, dafs 
diefe Meinung für alle Fälle anwendbar fey. 

' Es bleibt daher nur noch eine dritte Meinung 
übrig, die Annahme, dafs diefe regelwidrigen Bildun- 
gen in einem fchon gebildeten Organismus Cch ent- 
wickeln. Diefe wird, indeffen verfchiedentlich modi- 
ficirt, von den meiften Schriftftellern angenommen. 

Einige glauben, dafs die Veranlaffung zu ihrer 
Entftehung eine gewöhnliche Begattung der Perfon 
fey, in welcher diefe Bildungen gefunden werden, 
und fehen diefe als nothwendig zu ihrem Hervor- 
gehen an, halten alfo diefe Abnormitäten, wo fie fich 
in den Ovarien finden, für Extrauterinalfchwanger- 
fchaften , weichen aber durch ihre Anficht von der 
Art, auf welche die fo gezeugten Theile in den Zu- 
ftand gelangten, in welchem man fie findet, von ein- 
ander ab. 

Mehrere nämlich find der Meinung, dafs fie Ueber- 
bleibfei eines regelmäfsig gebildeten Fötus feyen. 



671 

Hierher gehören namentlich Cleghorn, Sontis, 
farnier. Haller. 

Für fie fpricht i) die Erfahrung, dafs fich nicht 
feiten aufserhaJb der Gebärmutter und namentlich im 
Ovarium Fötus entwickeln , und dafs man an denfel- 
ben Stellen, wo bei Extrauterinalfchwangerfchaften 
Fötus gefunden werden, auch diefe regelwidrigen Pro- 
ductionen fand, im Ovarium, in den Trompeten, an 
der Gebärmutter und in der Unterleibshöhle^; 3) der 
Umftand , dafs in den meiften Fällen diefe Bildungen 
fich unter Bedingungen entwickeln, wo Begattung 
Statt gefunden hatte, alfo diefe Organe durch Zeu- 
gung entftanden feyn konnten. 

Allein gegen diefe Anficht, dafs diefe Tlieile 
Ueberbleibfel eines regelmäfsigen Fötus feyen , fprechen 
fehr wichtige Gründe, und zwar 1) in den meiften 
Fällen zu fehr die Befchaffenheit der regelwidrig vor- 
handenen Theile, namentlich ihre, fchon oben be- 
merkte, oft geringe Regelmüfsigkeic in Hinficht auf 
Gejlalt und Zahl. Wie können mehr als dreihundert 
Zähne als Ueberbleibfel eines regelmäfsigen Fötus an- 
gefehen werden? Die Fälle, wo die vorhandenen 
Theile fehr unregelmäfsig waren, kömite man durch 
die Annahme erklären, dafs fie allmählig nur durch 
Druck und andre nachtheilige Einwirkungen ihre 
urfpriinglich normale Geftalt verloren hätten; allein, 
davon abgefehen , dafs die Difformität hier doch immer 
zu grofs wäre, fo fpricht gegen diefe Meinung der 
Umftand, dafs Extrauterinalfötus durch iltfe Lage in 



der Regel weder in ihrer Entwicklung gehemmt , noch 
fpäterhin verunftaltet werden. 

Die oft anfehnliche Gröfse diefer Theile, die 
Verfchiedenheit der Färbung der Haare, die zugleich 
vorkommen , fprechen eben fo fahr gegen diefe Ver- 
rnuthung. 

2) Der Umfiand, dafs nur Theile gewiffer Are 
ßch bilden. Man findet fich die Bildung nie über Fett, 
Haare, Knochen und Zähne erheben. 

Will man hier annehmen, dafs die übrigen Theile 
verloren gegangen wäVen , imd nur die gefundenen 
fich deshalb erhalten hätten, weil fie der Zerftörimg 
beffer widerftehen als die übrigen, fo hat man i) die 
Erfahrung gegen fich, .dafs Extrauterinalfötus über 
fünfzig Jahre lang fich in Hinficht auf die Zufammen- 
fetzung ihres Körpers fo wenig verändern, dafs felbft 
die weichen Theile, Eingeweide, Muskeln, Gehirn 
wenig abweichend gefunden werden; 2) den Um- 
ftand, dafs zwar feiten, aber doch bisweilen blofs 
Zähne, fehr häufig blofs Fett und Haare gefunden 
werden; dafs 3) gewöhnlich nur einige Zähne und 
Knochen vorkommen, ohne dafs imter diefen beiden 
Bedingungen , höchft wenige Fälle ausgenommen , frü- 
here Theile auf ähnliche Weife als häufig^ bei Ex- 
trauterinalfchwangerfchaften , abgegangen wären; dafs 
4) nicht blofs die fchwer zerftörbaren Zahne und Haare 
vorkommen, fonclern immer mit den Haaren auch 
das leicht zerfetzbare und verfch windende Fett und 
dies in anfehnlicher Menge. Dazu kommt noch 5) die 



573 

Art des Zufammenhangs der regelwidrigen Bildungen ' 
mit dem enthaltenden Organismus. Die Haare und 
Zähne wurzeln in ihm, wie die normalen. 

Man könnte diefen Einwurf zwar durch die An- 
nahme widerlegen, dafs die Gefäfse der übrig geblie- 
benen Theile mit den mütterlichen Gefäfsen eingemün- 
det wären , und dafs hierdurch auch das fernere Fort- 
wachfen derfelben infofern leicht möglich gewefen wäre, 
als felbft ganz getrennte Haare im VVaffer fich bedeu- 
tend vergröfsern, und man die verfchiedenartigften 
Theile auf diefe Art an ganz fremde Stellen, felbft 
fremde Organismen verpflanzen kann, ohne dafs fie 
abfterben. Auch nimmt dies Cleghorn an ; allein 
es leuchtet ein , dafs diefe Annahme nur eine fehr ge- 
zwungene Aushülfe ift, fofern fie i) immer die vor- 
angegangene Zerftörung der übrigen Theile voraus- 
fetzt ; 2) diefe Erfcheinungen bei Extrauterinalfötus 
nicht vorkommen ; 3) ja au andern Stellen des Kör- 
pers und felbft bei Männern , wo von keinem vor- 
handen gewefenen Extrauterinalfötus die Rede feya 
kann, diefelben bemerkt wurden. Hierzu kommt noch 
4) die jungfräuliche Befchaffenheit der Gefclilechts- 
theile, der Mangel der Entwicklung der Gebärmutter 
auf die Art, welche bei Extrauterinalfchwangerfchaf- 
tcn Statt findet, und das kindliche Alter mehrerer 
der weibliclien Individuen , bei welchen diefe reeel- 
widrigen Bildungen fich entwickelten. 

Ks ift alfo höciift unwalufcheinlich, dafs diefe 
Theile Ueberbleibfel eines normalen Extraulerinal- 
futiLS fcyen. 



574 ' ™ — 

Andere Phyfiologen nehmen daher an , dafs diefe 
regelwidrigen Bildungen zwar durch gewöhnliche Zeu- 
gung in Folge einer Begattung entftehen, dafs fie 
aber Produkte einer unvollkommenen Zeugung, die 
vorhandenen Theile nicht Ueberbleibfel eines regel- 
mäfsigen Fötus, fondern nur unvollkommen gelun- 
gene Verfuche zur Bildung deffelben find. Dies that 
z. B. Coley in feinem Falle. 

Diefe Anficht hat i) alle die Gründe /ür fich, 
welche für die dritte Meinung fprechen, ohne dafs 
gegen fie alle die angeführt werden könnten, welche 
man diefer mit Recht entgegen l'teilt ; 2) kann fie auch 
durch mehrere unterfttitzt werden. Diefe finden fich 
vorzüglich in den Bedingungen , unter welchen diefe 
Bildungen oft entftehen. Es find in der That folche, 
wodurch ein unvollkommnes Refultat des Zeugungs- 
actes leicht herbeigeführt werden kann. 

Hierher kann man 1) ^eraile die grofse Jugend 
rechnen, welche in mehrern Fällen diefer Abnormi- 
tät beobachtet wurde; 2) auf entgegengefetzte Weife 
das höhere Alter, die fchwächliche Gefundheit und 
befonders den unregelmäfsigen Zuft.ind der Gefchlechts- 
functionen folcher Perfonen, welcher in mehrern Fäl- 
len ausdrücklich beobachtet wurde. So wurden diefe 
Afterbildungen in dem Falle von Giambs bei einer 
fünf und vierzigjährigen Frau gefunden, die fich in 
einem Alter von drei und vierzig Jahren an einen 
fechzigjährigen Mann verheirathete. Die Frau, deren 
Fall Chefion Browne erzählt, kam im zwei und vier- 



— 575 

zjgften Jahre zum erftenmal nieder, kränkelte feit 
diefer Zeit und ftarb im fieben und vierzigften Jahre. 
In dem Bicker'khen Falle fand lange Kränklichkeit 
Statt. Die Frau, an welcher Aiuenrieths Beobachtun- 
gen gemacht wurden, war unfruchtbar. Toiings fünf- 
zigjährige Frau hatte nie Kinder gehabt. Das Mäd- 
chen von Laßize war zwar erft achtzehn Jahr alt, aber 
erft feit vier Monaten regelmäfsig menftruirt. Im 
Cleghornichen Falle gebar die Frau fünf und zwanzig 
Jahre vor ihrem Tode lihr erftes und letztes Kind, 
und wurde drei und zwanzig Jahre lang, während 
•welcher fie ihre Menftruation nicht hatte , für fchwan» 
ger gehalten. 

3) Häufig' nehmen die Erfcheinungen , welche 
auf die Entftehung diefer Aftergebilde hindeuten, mit 
Zeichen von Schwangcrfchaft ihren Anfang , oder 
die Production derfelben findet gleichzeitig mit der 
Schwangerfchaft Statt. 

Hierher gehören die oben (S. 542.) angeführ- 
ten Fälle von Zahn- und Haarfammlungen, die mit 
einem Kinde abgingen. Eben fo der Cheßon'khe Fall, 
wo Haare und ein Zahn im Eierftocke einer Frau ge- 
funden wurden, aus deren Scheide einige Jahr vor 
ihrem Tode anfehnliche Knorpelfubftanzen abgegangen 
•waren. 

Vermuthet kann auch werden, dafs Gebilde die- 
fer Art Folgen einer unvollkommenen Schwängerung 
find, wenn nach einer Niederkunft die Gefchwulft des 
Unterleibes nicht ganz verfchwindet, fich aueh wohl 



576 — 

vergröfsert. Dies fand in dem Falle von Fabriz von 
Hilden Statt. In dem Andeifonkhen Falle entftan- 
den> um das Ende der zweiten Schwangerfchaft, hef- 
tige Schmerzen in der rechten Seite, in deren Ova- 
rium nachher Zähne und Haare gefunden wurden. 

In dem Falle von Warren bekam eine Frau bald 
nach der Geburt des dritten Kindes eine Unterleibs- 
gefchwulft, aus welcher eine Menge Haare gezogen 
wurden. Auch Jagerfchmid ') erzählt einen hochft 
merkwürdigen Fall , der diefe Meinung fehr wahr- 
fcheinlich macht. Bei einer Frau, die fchon feit fünf 
Jahren über Schmerzen im Hypogaftrium klagte, bei 
der fünf Monate vor ihrem Tode die Menftruation 
aufhörte und drückende, bis in die Hüftgegend herab- 
reichende Rückenfchmerzen und Ifchurie eintraten, 
fand er in der Gebärmutter einen Embryo, zugleich 
aber das linke Ovarium von der Gröfse eines Gänfeeies, 
hart, in feinem obern Theile knöchern und voll einer 
Gänfefettähnlichen Maffe. Im knöchernen Theile lag 
ein halb verknöcherter Embryo von drei Monaten, 
und vier Knochenmaffen , wovon drei eben fo viel 
Backzähne , die vierte einen Hundszahn , alle von 
derfelben Gröfse als beim erwachfenen Menfchen, dar- 
Itelllen. 

Die Zeichen , unter welchen diefe Bildungen ein- 
treten, und welche es wahrfcheinlich machen können, 
dafs fie Produkte vorangegangener Begattung ßnd, 

fmd 

») Nov, act. n. c. T. II, p, Si— Sr. 



■^^^^^ 677 

find die der Schwangerfchaf t , vorzüglich das Ausblei- 
ben der Menftruation, welches z. B. in den Fällen von 
Cleghorn , Coley , Blumeiibach beobachtet wurde. 

Diefe Vennuthung wird auch durch den Umftand 
beftätigt, dafs es eine Reihe von Bildungen diefer Art 
giebt , welche allmähhg zu folchen , wenn gleich immer 
noch fehr unvoUkommnen Produktionen führt, die man 
durchaus, theils derUmftände, unter welchen fie gefun- 
den werden , theils ihrer innern Befchaffenheit wegen, 
nur als durch einen Zeugungsact entftanden anfehen 
kann. 

Diefe Reihe fängt mit der blofsen Bildung von Bäl- 
gen im Ovarimn oder im Umfange deffelben an. Im 
unvollUommenften Zuftande enthalten diefe blofs eine 
feröfe dünne Fliiffigkeit. Das Erwachen eines Triebes 
zur Geftaltung in diefer wird durch Fefterwerden angs- 
deutet. Dann ericheint entweder blofs eine fettähnliche, 
oder eine eiweifsartige härtere Subftanz, entweder allein, 
oder an vcrfchiedenen Stellen deffelben Eierftockes. In 
jener entftehen bei weiterer Entwicklung Haare, ia 
diefer Knochen, und diefe tragen, bei noch höher ge- 
fteigerter Produktivität, Zähne. Ob man fich auf die 
Beobachtungen von Dünws, wo eine fleifchähnliche Sub- 
ftanz zugleich gefunden wurife, wie von Schniuckfir, wo 
zugleich Gehirnfubftanz vorkommen follte, völlig ver- 
laffen kann, ob nicht richtiger diefe Subftanzen zu den 
eiweifsartigen und fettariigen zu rechnen find, lafie ich 
dahin geftellt feyii. In einem von Ruyji.k befchriebenen 
Falle aber ift es gewifs, dafs an der Nachgeburt eines 
regehnäfsigei» Fötus ein grofses Atherom mit einer un- 
M. d. Archin /. 4- O o 



tern Extremität , und dies unfti-eitig durch eineti Zeü^ 
gurgsact, gebildet war. Eine befonders defshalb fehr 
merkwiirdige Beobachtung weil fie fich fehr ungezwun- 
gen wieder an die Reihe der Acephalen anlchliefst, die 
aus einer Menge fehr verichiedner Stufen befteht. 

Aus allen diefen Gründen ift es fehr wahrfchein- 
Jich, dafs in der That in vielen Fällen die Haare und 
Zähne wirklich Erzeugniffe einer unvollkommneii 
Schwängerung find. 

Man hat hiegegen zwar mehrere Gründe aufge- 
ftellt ; allein fie find nicht vollkommen bündig, Foig/el 
2. B. fagt, er habe nirgends an der Gebärmutter die 
Veränderungen bemerkt gefunden, welche bei Extraute- 
rinaifcahwngerfchaften gewöhnlich eintreten. Dies ilt 
zwar richtig , allein in den Fällen , die eioigermafsen 
lange gedauert hatten, konnten diefe Veränderungen' 
fo gut verfchwunden feyn als fie bei Extrauterinal- 
fchwangerfchaften allniählig verfchwinden. Wie er 
das NichtVorkommen von Zähnen in andern Organen, 
wo fich diefe Knochen und Haare bilden, als Grund ge- 
gen die Meinung, dafs die Veranlaffiuig zu diefer Af- 
terbildung in den Eierftöcken eine Schwängerung fejv 
anführen kann, fehe ich nicht wohl ein, da theils die 
Thalfache, wie Geh aus den oben angeführten Fällen er- 
giebt, unrichtig ift, theils, wenn fie wahr wäre, dadurch 
vielmehr diefe Meinung wahrfcheinlicher gemacht als. 
bekämpft würde. Bündiger find andre Gründe von^ 
Baillic, i. B. der gänzliclie Mangel von Entwickelung der 
äufsern und innem Gefchlechtstheile , die vollige Kind- 
lichkeit und Jungfräulichkeit derfelben in vielen Fällen, ! 



«ler Urnftand, dafs bisweilen die ^*iie''M'feli?jffng^rt,' 
Z. B. zwölfjährigen Mädchen fo grofs waren, clafs nOth- 
wendjg fchon vor einem Jahre die Schwängerumr "hätte 
Statt finden muffen, wogegen man freilich anfiihretf 
kann, dafs vielleicht gerade die unvoHkomtnne Entwirft. 
lung- der Gefchlechtstheile mit der Unvollkomaienh6it' 
«fes Refultats der Begattung zufammenhirig, und djfs' 
«inzelne Zähne, Knochen, Haare fchneller wachferi und 
lieh entwickeln konnten als wenn ein ganzer Fötus ge^ 
bildet Wird. 

IndefTen ift es mir felbft höclift wahrfcheinlich, dafs 
Bei i'jngen Mädchen unter den angegebenen Umftänden, 
eben fo gut als bisweilen auch bei altern Frauen und 
ganz befonders bei alten Jungfern, diefe Bildungen fehr 
wohlohne vorangegangene Begattung entftehen können,, 
indem für diefe Annahme 

I) die Jugend und die phyfjfche Jungfräulichkeit, 
jn den Fällen von Schmucker, SchiUser, wahrfcheinlich 
auch Lentin, der Zuftand der Kindlieit, in welchem 
fich die erften Erfcheiuungen zeigten; 

3) das Erfcheinen foJcher Biidiingen an ein^r 
Menge fehr entlegner Stellen; 

3) das Vorl^oniinen derfelben beim männiichen 
OefcUlechCe zu lehr l'puclit, als dafs man in a/lcnFääea 
ßegattiuig als Urfadie auzufehe/i hätte. 

Diefe AnGcht von der Entftehung diefer regelwi- 
drigen Bildungen haben Lanzweerde , Schacher, Hai- 
/#r, (diefe beiden weiiigftens für die Haare, wenn gleich 
Uallitr linosUen und Züiuie für Ueberbleibfel «ines aer- 

Oo 3 



itj^jrt&f^ Fötus anfieht), Blumenbach, BaiHie , ■ ^oigtely 
Tf^lranus. 

.j-, ;Ot) aber nicht auch fo in den alleimeiften Fällen 
e|ne regelwidrige Reizung der Gafchlechtstheile als 
Vjfranlaffung der Bildung diefer Körper in den Ovariea 
und Aex Gebärmutter anzufehen fey, ift eine andre F^age; 
die ich allerdings bejahend beantworten niöcfhte, thejls, 
weil offenbar doch ein erhöhtes Wirlten der bildenden 
Thätigkeit als Urfache anzufehen ift, ^heijs, weil-ind^m 
von Nyfien unterfuchten Falle, ungeachtet der Integri- 
tät der äufsern Gefchlechtstheile , ausdrücklich anfehn- 
liche Gröfse des Kitzlers und heftiger Trieb zur Onanie, ■ 
bemerkt wird. Wahrfcheinlich läfst fich diefe Vermu- 
thung auch auf den gröfsten Theil der Fälle ausdehnen, ' 
wo die Ovarien oder die Gebärmutter alter Jungfern der 
Sitz diefer Produktionen waren , th.eils , weil ihre mo. 
ralifche Jungfräulichkeit mit der phyßfchen nicht im- 
itier gleichen Schritt halten foU , theils , weil ihre Ge- 
fchlechtstheile überhaupt grofse Neigung zu regelwidri- ~ 
gen Bildungen haben , thejls , weil man nicht weifs» 
■wann bei ihnen die Bildung diefer Subftanz ihren 
.Anfang nahm , theils endlich , weil es nach den genaue.- 
fteu Beobachtungen gewifs fcheint, dafs gelbe Körper 
, oime Begattung entftehen können. 

Immer ift fo viel gewifs, dafs man nicht zu der 
Annahme berechtigt ift, diefe regelwidrigen Gebilde 
nothwendig nur für Folgen einer unvollkommnen 
Schwängerung zu halten, indem es durch nichts erwie- 
fen ift, dafs nicht der weibliche Organismus auch ohne 
Zutritt des Mannes die Fähigkeit hat, wenn auch nur 



58i 

ungelungne Verfuche zur Wildling" iWüefOfgÄiismen zu 
machen. Dafs diefe lieh vorzüglich in den Ovarien bil- 
ieä und hier am vollkommenften entwickeln , ift dar-"^ 
aus erklärlich, dals cliefe die produktivften Organe fincf;^ 
Sak ihr Gefchäft die Hervorbringung eines neuen Indi- 
iSduuins ift. Diefer Trieb fpricht fich durch bald voll- 
kommnere , bald «nvolikommnere Bildungen aller Art 
aus. In ihrem Umfange entwickeln fich am häufigften 
Wafferbälge , in ihnen felbft Bälge mit Fliifßgkeiten und 
Hefte Subftanzen alier Art, und innerhalb gewiffer Gräit-' 
zen kann man in der That hier eine Lucina fine coactü^ 
bitu annehmen. " 

Ob nicht auch in manchen Fällen Tumiati'Recht 
hat, dafs der erfte Grund zu diefen Bildungen fchon 
durch die Zeugung gelegt werde, dafs alfo dieffelben 
bisweilen nicht Produkte des enthaltenden Organis- 
mus, fondern feiner Aeltern feyen, ift eine fchwer zip 
entfcheidende Frage. Indeffen glaube ich aus denfelbeö^ 
Gründen, welche mich abhalten, überall vorangegangene 
Schwängerung anzunehmen , auch diefe Urfeche nicHÖ 
als die alleinige anfehen zu dürfen, wenn fie gleich ili' 
manchen Fällen Statt finden mag. '-' 

Die nächfte Urfache ift vielmehr in den meifted'' 
Fällen regelwifirjge Thätigkeit der Zeugungstheile , die- 
-fe werde nun durch nne unter ungünftigen ümftänden 
vollzogene Begattung, otlor durch regalvvidrige, eigen- 
mächtige Reizung des Gefchlechtstriebes veturfacht, 
oder fie entwickle Cch ohne vorangegangene wahrnehm- 
bare Urfachen. 

Die Entftehung diefer Bildungen befolgt alfo diefel- 



t 



benGefetze als djeEutftehungder gelben Körper im Eieiv 
ftpcke, und ift,üur eine Folge eines höhern Grades vpn 
Pradukiivität dir Ovarien, als des zu Entftehung eines 
gelben Körpers erforderlichen. 

In der Th^t fcheinen mir die gelben Körper oft 
auf diefe Weife zu entftehen, ich bin dahm: diefer, 
von Verheyen., Blumeiibach und Roofe (ruber vorgetra- 
genen Meinung fchon vor geraumer Zeit beigetreten, 
und habe fie durch mphrere Gründe zu befeftigen ge. 
fucht ' }. Neuerlicli hat zwar H err Jörg geradezu erklärt, 
dafs ich aus den von mir gelammelteii Thatfachen ein 
falfches Refultat gezogen hätte '), allein ich fehe in d» 
That nicht, mit welchem Rechte, Das Refultat, wei- 
ches ich, mit jenen berühmten Männern , aus vorhande- 
nen Thatfachen zog , war die Möglichkeit der Eneße- 
hung der gelben Körper ohne Begattung , bloß in Fol- 
ge einer wi gewöhnlichen Erregung der Zeugungs- 
tlifitigkeit der Genitalien durch pj'ychißhe oder mechar^ 
Ujjfjie Reize. Herr Jörg nun hält die gelben, Körper . 
gleichfalls nicht für Produkte einer Begattung, fonder»-: 
für degenerirte Eier. In einem Punkte alfo, dafs die gel--, 
ben Körper nicht nolhwendigProducte einer Begattung 
find, wären wir einig. Nur infofern weicht Herrn Jörg's 
Meinung von jener ab, als er anzunehmen fcheint, dafs' 
die Urfache der Entftehung gelber Körper keine erhöhte'. 
Tjbätigkeit der Genitalien fey, fondern eine krankhafte. 
Stimmung der Eyer. 



l) Cuvier Vorlcf. über vergl. Anat. Bd. 4. S. 45? ff. 
4) lieber die Zeuguiig, Leipzig 1815. S, i)2. 



— ^ 683 

Die für diefe Meinung angeführten Gründe aber be- 
Weifen l'ie, wo ich nicht fehr ine, keiuesweges. 

l) Das \''orkoininen der gelben Siiüßanz in den. 
.Ovarien fehr junger Thiere berechtigt noch nicht zu der 
Annahme, dafs fie mit den gelhen Körpern eins fey, 
und überdies ficht man nicht ein , warum nicht auch 
bisweilen fehr früh die Thätigkeit der GenitaHen in ei- 
nem hinlänglich hohen Grade erwachen könne, um die 
Bildung eines gelben Körpers zu veranlaffen, da äiifierfi 
früher Eintritt der Pubertät , welcher dem Wefen nach 
völlig mit tler frühen Entftehung gelber Körper eins 
wäre, eine gar nicht feltene Erfcheinung ift. 

a) Dafs Herr Jörg bei alten Thieren bald mehr, 
bald weniger gelbe Körper gefunden hat, als fie Junge 
geworfen hatten, würde keiuesweges gegen die Mei- 
nung , dafs zur Entftehung gelber Körper eine erhöhte 
Thätigkeit der weibhchen Gefchlechtstheile erforderlich 
fey, fondern hochftens nurbevveifen, dafs fie kein Zeichen 
einer fruchtbaren Begattung find. Diefe Beobachtun- 
gen beweifen aber auch gegen diefen Satz fchon darum 
gar nichts, weil es fehr wohl möglich ift, dafs die, durch 
die Begattung veranlafsle Bildung nur bis zurEntftehung 
gelber Körper gelangt, ohne dafs fie fich nothwendig 
bis zur Produktion eines Embryo erheben mufs. Dafs 
diefe Bemerkung wirklich gegründet ifi , ergiebt fich 
aus den Cruikfliank'ichen ') Verfuclicn, wo fich bei 
Kaninchen auf der Seite, Wo die Muttertrompete unter- 
bunden war, eben fo vollkommne gelbe Körper als auf 



i) Beil« Arjliiv ß<]. ]. S. ;:. 



584 

der anHern, allein nicht, wie auf cliefer Embryonen ent- 
wickelten. 

Um fo weniger aber beweift diefer Einwurf gegeni 
die Meinung , dafs der gelbe Körper das Produkt einer 
fruchtbaren Begattung fey, etwas, weil Herr Jörg- die 
Befchaffenheic der gelben Körper gar nicht erwähnt. 
Und doch ift dies ein fehr wichtiger Umftand, indem na- 
türlich die Anwefenheit mehrerer gelben Körper bei einem 
nur mit einem Fötus trächtigen Thiere nur dann Zweifel 
gegen die Richtigkeit der Meinung, dafs dergelbe Kör- 
per mit der Entftehung des neuen Organismus in Bezie- 
hung ftehe, erwecken kann , wenn diefe gelben Körper 
£ch genau in demfelben Zuftande befinden. Dies aber 
hat Herr Jörg fchwerlich je gefehen: ich wenigftens 
habe in wenigftens hundert Fällen immer ganz genau 
die Zahl der gelben Körper , welche man für ein Pro- 
dukt der gegenwärtigen Schwangerfchaft halten konnte, 
der Zahl der Embryonen entfprechend gefunden. 

Redet Herr Jörg hier von dem Verhältnifs der 
Zahl der gelben Körper zu der Zahl der während 
des ganzen Lebens producirten Jungen, fo behält der 
erfte Einwurf feine volle Kraft. 

Für die geringere Zahl von gelben Körpern gilt 
natürlich ganz dafl'elbe ; denn theils konnten ältere ganz 
verfch wunden feyn , theils beweifen die einfachen Eier 
mit Zwillingen hinlänglich , dafs nicht zwei gelbe Kör- 
per zur Entftehung von zwei neuen Organismen notb- 
•wendig erfordert werden , wenn es gleich die gewöhn- 
lichere Bedingung ift. 



— 565 

Noch viel wenfger fprechen aber diefe Bebbach- 
tungen gegen die Meinung, dafs die gelben Kürper 
Produkte einer erhöhten bildenden Thücigkeu über'' 
Haupt feyen. 

Wie endlich 3) die Meinung, dafs die gelben Kör- 
per degenerine Eier feyen, fich aus dem dotterähnli- 
chen, ftrahlenförmigen Baue derfelben ergeben foll, ge- 
ftehe ich, nicht wohl einfehen zu könnem, da in den 
Graafifchen Bläschen meines VViffens noch niemand einen 
Dotter gefunden hat. Ueberdies ift auch die Thatfache 
faifch, denn der gelbe Körper hat nichts Dotterähn- 
liches. 

Dafs übrigens die gelben Körper umgewandelte 
Graaffche Bläsclien feyen, habe ich meines Wiffens nir- 
gends geläugnet, und andrerfeits vielmehr geradezu die 
Möglichkeit ihrer Entftehung ohne Begattung zu erwei- 
fen gefucht , fo dafs ich durchaus nicht begreifen kann, 
wie Herr Jörg denSchein auf mich zu werfen fucht, als 
verfechte ich die Meinung , dafs fie Ueberbleibfel losge- 
trennter Ovula feyen"), und mir die Verfchiedenheit 
zwifchen feinem Ausfpruche und dem, was ich wörtlich 
gefagt habe, im gelindeften Falle nur durch die Annah- 
me erklären kann , dafs er die von ihm angezogene 
Stelle nicht voUftändig gelefen hat. 

Vielmelir bin ich feft überzeugt , dafs die gelben 
Körper immer aus irgend einer Veranlaffung umgewan- 
delte Graaffche Bläschen find , aber dafs diefe Umwand- 
lung immer eine Folge erhöhter Thätigkejt der Zeu- 

I) A. a. 0. S. 1)1. 



586 ^ 

güngsth'eile, undin einem Streben zur ProdukUon eines 
neuen Organismus begründet ift, wozu der erfte Schritt 
Bildung einer eigenthümlichen.FlüiTigkeit, Umwandlung 
d^r, auch im ungefchwängerten Zuftande, im Graaffchen 
Bläschen vorhandnen, aber unfruchtbaren und unreifen 
in eine fruchtbare, reife Zeugungsflüfßgkeit ift. 

Wenn die auf den vorigen Seiten betrachteten 
Bildungen in den Eierfiöcken oder im Umfange derfel- 
ben gefunden werden, fo mufs man unftreitig eine 
ungewöhnlich erhöhte Thätigkeit diefer Theile als die 
nächfte Urfache ihrer Entftehung anfehen, indeffen 
fcheint mir der gelehrte Treviranus viel zu weit zu ge- 
hen , wenn er eine krankhafte Befchaffenheit der Eier, 
ftöcke als die Urfache aller diefer Concremente überi 
haupt annimmt.') 

Die Gründe, welche er für diefe Meinung anführt, ' 
fcheinen mir wenigftens von fehr geringem Gewicht. 

Sie find i) derUmftand, dafs fich faft immer Haare 
bilden, zwifchen der Haarbildung und den Gefchlechts- 
theilen aber ein genauer Gonfepfus Statt finde. Allein der 
Schlufsausdiefem, im normalen Zuftande Statt findenden 
Confenfus auf diefen Canfalnexus zwifchen krankhafter 
Befchaffenheit der Ovarien und regelwidrig entftehenden 
Haaren ift offenbar zu rafch, da theils nicht die Entftehung, 
fondern nur das VVachsthum mehrerer Haare mit dem Zu- 
ftande der Gefchlechtstheile in Beziehung fteht, theils fieh 
eine Menge andrer Organe regelwidrig bilden, deren Ent- 
wicklung mit dem Zuftande der Gefchlechtstheile in kei- 
ner Beziehung fteht, theils fich fahr leicht aus der im 



i) Biol, Bd. j. S. }07. 



^-— - s/m 

(jarnwk'U Zi/fcunelfi Stau ßndffmlen gfofsen Raprodiik- 
uorsfäliigkeit der Haare.eiri weit beßerer Grund des hüü- 
ß^n Vorkommens derfeWenumJo richtiger ergieb-t,- (tl^ 
gerade auch Eett, Knochen und Zäluif, die Subßanzen, 
welche aufser den Haaren ßch vorzugsweife regelwidrig 
bilden, diefe Eigenjchaften haben , nicht aber vtie den 
Gejchlechtstheilen in Beziehung flehen, 

p , Herr Treviranus findet zwar auch 2) und 3) zwi- 
fchen den Knochen und Gefchlechtstheilen eine fchr 
enge Verbindung, allein nur,, weil Homer iUjjd Ge- 
weihe erft zur Zeit der Mannbarkeit hervorbrechen, 
und abweichende Bildungen der Geweihe mit regelwi- 
driger Befchaffenheit der Gefchlechtstheile vorkonimen. 
Qffenbar reicht aber diefer, in der That Statt iindende 
Zufammenhang zwifchen einzelnen Knocften und clen 
Gefchlechtstheilen eben fo wenig zu JJegründung jener 
Annahme hin, da zwifchen den Gefchlechtstheilen und 
dem ganzen Knochenfyftem kein ähnlicher wahrgenom- 
men wird. Jene Theile flehen daher nicht als knöcher' 
ne Gebilde mit den Gefchlechtstheilen in Beziehung, 
fondern viel wahrfcheinlicher wohl auf andre Weife, 
als Hervorragim gen an der Oberßäche des Körpers, 
befonders an dem , den Genitalien gegenüber liegenden 
Ende deffelben, blofs als Hervorrägungen, wie die 
Entftehung der Haken beim männlichen Lachs, die 
Entwicklung des blofs häutigen Kammes der Salaman- 
der zur Brunfizeit, die Anwefenheit der Hörner und 
Geweihe bei mehrern Säugthieren, der Kämme und Bit- 
' fihel mehrerer Vögel blofs im männlichen Gefchlechte 
deutlich beweifen. 



Ueberdies fieht man fehr leicht , dafs diefe Anfi(5ftt 
eigentlich zu der völlig grundlofen und im höchften 
Grade unwahrfcheinlichen Annahme führt, dafs alle 
Texturveränderungen irgend einer Art , die im Körper 
vorkommen, in einer krankhaften Befchaffenheit der 
E-ierftücke begründet feyen, eine Annahme, zu der 
Herr Treviranus offenbar geneigt fcheint, indem er, 
ohne auch nur die geringften Thatfachen anzuftihren, 
die regelwidrig entftehenden Hornproduktionen bei. 
Menfchöb und Thieren, als einen Beleg für die Corre- 
fpondenz zwifchen den Gefchlechtstheüen und Knochen 
nnd Haaren anführt. 

Diefe Annahme ift um fo grundlofer, da in den 
Fällen, wo die regelwidrigen Bildungen nicht in den 
Eierftöcken vorkommen, diefe, wie z. B. Schützer aus- 
drücklich angiebt, vollkommen normal vraren. 



G8$ 



ücb^r die Entwicklung 
' ■ aer 
Centr altheile des Nervenfyftems 
bei den Säugthieren. 

Von 

J. F. M e c X: e Z. 
( Bercblals dar im jtea Heft afgebrocbnen Abhandlung.^ 



EntwicklUrtg der Wkhel ' und Schüdelknochen. 

$. 65. 
Die knöchernen HiÜlen, welche die Centraltheile dp« 
Nei'venfyftems umgeben, die Wirbelfäule und die Schii- 
delhöhlc, entfprecheo durch Geftalt und EntwicklniJgs- 
weife den in ihnen enthaltenen Oi'ganen fo vielfach, 
dafs eine Betrachtung derlelben hier um fo mehr an ih* 
rem Platze ift, als zugleich auch ihre Entwicklung noch 
manches Bemerkenswerthe hat, was der Unterfachun^ 
froherer Beobachter, varziiglich weil fie nicht hinläng- 
lich junge Embryonen beobachteten, ■ entging. 

■ §• 66- 
Ehe ich zu deK Befchreibung der Entwicklung der 
Wirbel und Schädelkuochen gehe^ einiges über die 



590 



»1^ aü ^ 1^ 



Cörfefpondenz" 2wifc1ien' ihnen und dem Ikipkentnark 
und Gehirn. 

AufserderUebereinkunft zwifchen der äufsern Ge-i 
ftalt beider, die auch dem Auge des Nichtkenners ein- 
leuchtet, findet der phyfiologifche Anatom leicht im 
Einzelnen höchft merkwürdige, oft übe^rafchenfde 
Aehnlichkeiten. , . . .^ ,^ .-, , -x 

So wie die' Wirbelfäule aus 'einer Sanmifang auf 
einander folgender,' ringförmiger Knochen: befteht, (o 
kann man fich das Rückenmark aus einer Reihe rundli- 
cher, dicht gedrängter Anfchwellungen aus deren jeder 
ein Nervenpaar tritt , und deren jede einem Wirbel ent- 
fpricht>- gebildet denkten, um fo mehr-, «da wirklich 
die Zahl der Nervenpaaretler Zahl der Wirbel entfpricht, 
jedes Neryenpaar zwifchen je zwei Wirbeln aus der 
Hühle der Wirbeifäüle tritt, und jeder Wirbel- und 
Rückenmarksdurchfchnitt ein eignes, kreisförmig ge- 
fchlofsnes' Gefcifsfyftenl hatv ; - 

Das Rückenmark befteht ans zwei Seitenhälften, 
die anfänglich höchft ^vah^;fcheinlich, wenigftens hinten, 
getrennt Cnd , fpäter aber fich hier ioniger verbinden» 
jiidem in der Mitte desv hintern Fläche des Rückenmar- 
kes nur eine fehr flache Furche , vorn eine fehr tieie^ 
herabfteigt. . . 

So ift auch die Wirbdfäule anfänglich hinten of- 
fen, verfchliefst fich aber nachher durch Verfchmelzung 
der Seitentheile vollftändig hier früher als in ihren; 
vordem Theile , indem die Seitentheile früher verknö- 
chern, und dann unter einander verwachfen als der 
Körper entfteht und. fich mit ihnen verbindet. 



'■*^ t ^ ^ ^» mß OVC 

Am Schädel entfprechen die verfchieäeneh Kno< 
chen, welche ihn zufainmenfet2en, zum Theil fehr deut' 
lieh einzelnen Theilen des in ihm enthaltenen Gelürns 
durch Lage, Abtheilung und Entwicklimgsweife. 

Im voUkommnern Zuftande entlpricht das Hin- 
terhauptbein dem verlängerten Marke, dem JUeinea 
Gehirn und dem hintern Theile des grofsen : die 'flbri« 
gen Knochen des Schädels dem gröfsten Theile des 
letztem. Geht man mehr ia das Einzelne, fo fin-i 
dct man zunäcbft frhon , dafs einzelne' und aus befon* 
dern Kuochenlcernen entftehende Knochentheüe gewif- 
fen einzelnen HirntlieiJen befonders angehören. So ift 
der Theil des Hinterhauptbeins, welcher fpecieil das 
kleine Gehirn enthalt, «rfprünglich ein eigner, friihet 
als der darüber befindliche entftehenderTheil der Schup- 
pe. Der Atn Hirnanhang aufnehmende Körper defs 
Keilbeins entfteht als ein eigner Knochenkern. Der Za- 
pfentheil lies Hinterhauptbeins, der befonders der Hirn- 
brücke entfpricht, ift ein eigner Knochenkern, eben 
fo die Gelcnktheile, die vorzüglieh mit den letzten 
Schädelnerven in naher Beziehung ftehen. 

Der obere Theil des Hinterhauptbeins tind alle 
(Ihrigen Schädelknochen entfprechen zwar im vollkonim- 
nen Zuftande dem grofsen Gehirn, allein, wo ich nicht 
fehr irre, fo finden urfprilnglicli andre Beziehungen 

; Statt, die gewifs über manche Moniente der Bildungs- 
wcife diefer Knochen Auffchlufs geben. 

Dem grofsen Gehirn, wenigftens den Hemifphären, 
entfpricht anfanglich, wir es noch fo klein und unvoll- 

j kommen und weit nach vorn ttod unten gedcangt ift> 



193 

blofs das Stirnbein , und dies ift daher als fein ihm ei- 
genthümlicher Knochen zu betrachten. Dagegen glau- 
be ich den Vierhügeln und den Hirnfchenkeln das 
Schlafbein, das Keilbein, die Scheitelbeine und die obere 
Hälfte der Schuppe des Hinterhauptbeins entgegenftel- 
len zu mfiffen. Treten gleich jene Theile fehr bald hin- 
ter das grofse Gehirn , welches dann allein mit jenen 
Knochen in Beziehung fteht, zurück, fo entfprechen 
doch anfänglich fie allein der Gegend des Schädels, wel- 
che durch jene Knochen gebildet wird. 

Ganz berönclerä fcheint mir die obere Hälfte der 
Schuppe; des Hinterhauptbeins, die Ib beftändig als ein 
eigner Knochenkern erfcheint, njjt den Vierhügeln in 
Beziehung zu ftehen, eine Vermüthung, die nicht blofs 
«furch ihre Lage, fondern auch vorzüglich durch den Um- 
ftand wahrfcheinlich vvird, dafs fie gerade in den Nage- 
thi^ren, wo die Vie'rhiiiel verhältnifsmäfsig am gröfsten 
find, nicht nur gröfser als bei den übrigen Säugthieren ilY, 
fondern fich das ganze Lebeii hindurch getrennt erhält. 

Die Enlwickluiigsweife der verfchiedenen Schädel« 
IjLnochen differirt auf diefelbe Weife, als die der ent- 
fprechenden Hirntheiie. Die rechte und linke Hälfte 
der Hinterhauptfcbuppe verfchmilzt fchon fehr frilh». 
wie auch das kleine Gehirn und die Vierhügel weit we- 
niger tief in zwei Hälften getrennt find als das grofse. 
Der Spaltung des letztern in feinem obern Theile ent^ 
fpricht dagegen die das ganze Leben beftehende Tren- 
nung der Scheitelbeine und der Schlaf beine , fo wie die j 
fo häufig nie verfchwindende , immer noch bis in das j 

erfte 



59S 

,erfte Lebensjalir fich erhaltende NichtVereinigung der 
beiden Seitenhälften des Stiiobeins. 

$. 67. 

Specielle Bedingungen aus der Entwicklungs- 
gefchichte der Wirbel und Schädelknochen, die ent- 
weder noch gar nicht erörtert worden find , oder we- 
nigftens noch einer genauen Aiiseinanderfetzung und 
Beltätigung bedurften , oder, wenn gleich völlig erwie- 
fen, doch noch nicht aligemein gehörig beriickfich- 
tigt wurden , find vorzüglich folgende. 

$. 68. 
I. Wirbelfäule. 
Hier betrachte ich zwar vorzüglich die eigentlich 
fogenannte Wirbelfäule, doch zugleich auch die Wie- 
derholung derlelben, das Brußbein, und ihre Anhänge, 
die Rippen. Zuerft von der Wirbelfüule. 

Gewohnlich giebt man im Allgemeinen allen Wir* 
beln , den zv^eiten ausgenommen , nur drei Knochen« 
kerne, von denen einer den Körper, zwei die noch 
nicht vereinigten Seitentheile darflellten. Nur wenige 
Schriftfteller weichen hieven ab, indem einige fälfch- 
Jich den erften immer nur aus zweien , den beiden in 
der Mitte verfchmelzenden Seitentheilen, entftehen laflen, 
andre mit Recht dem fiebenten Halswirbel fünf verfchie- 
dene VerknöcherungspunCte zuerkennen. Für sdje 
übrigen Wirbel aber nimmt man im Allgemeinen an, 
dafs fie nur aus den drei oben erwähnten Knochenker- 
nen entftehen ; nur Herr Senfftmcht die Bemerkung, 
M. i. Archh. 2. 4. Pp 



oQ-t 1^ .^ ^ ^ ^ 

(kfs ficli an den Halswirbeln ein viertes und fünftes 
Knochenfcherbchen finde, welches er für den Querr 
fortfatz hält'). 

§• 69- 
Beim Menfchen kann ich für- jetzt nur der Verknö- 
oherungsgefchichte der Halswirbel einiges nicht ganz 
unwichtige beifügen. Es ift erftens keinem Zweifel un- 
terworfen, dafs Sue und Nesbitt , wenn gleich kein 
einziger fpäterer Schriftfteller darauf Rückficht nimmt, 
vollkommen Recht haben, wenn fie den fiebenten Hals- 
wirbel aus /iVw/iCnoc/ien/hicÄe« entliehen laffen, denn 
fchon in den letzten Zeiten der Schwangerfchaft , und 
immer zur Zeit der Reife findet fich hier ein anfehnli- 
cher länglicher Knochenkern, der ^'or dem innern Ende 
des Umfangs des VVirbelarterienloches (foramen ver- 
tebrale) zu dem äufsern in querer Richtung verlauft, 
OS von vorn vervollftändigt, und durch Knorpel mit deu 
beiden genannten Stellen verbunden ift. Sein inneres 
Endo ift fchmaler, aber eben fo dick als das aulsere. 
dann folgt eine etwas breitere, allein weit diinnere Stelle, 
über welche hinaxis der Knochen bis zu feinen Ende im- 
HJet breiter und zugleich dicker wird. .Er reicht nicht 
über die äufsere\Furzel einer jeden Bögenhälfte hinaus, 
und erfcheint, feiner Gefialt und feiner Verbindung 
mit dem übrigen Tlieile des VV^irbels nach , vollkommen S 
als, ein Rippenrudiment, das fich nur in feinem hintern 
Theile, von dem Köpfchen bis zum Höckiei-, entwi-- 



1} TP. VI/ fig. IS. ee. " "' 



— 595 

ekelt h'.'tte, üaftings getrennt ift, aber alJmählig mit 
dem übrigen Körper zu einem Ganzen verfchmilzti ■ ' al 

Die Zeit des erften Sichtbarwerdens diefes queren 
Knochenkernes fällt in den fechften Monat der Schwiin- 
gerfchaft. Dafs man feine Anwefenheit nicht als 
beftändige und regelmafsige Entwicklungsbedingunf 
des fiebenten Halswirbels anCeht, ift defto auffal- 
lender, da er bis in das dritte oder vierte Lebensjahr 
als eigner Knochen zu beftehen pflegt. Die Art feinet 
Verivachfung ift nicht überall genau diefelbe, bisweilen 
fcheint das innere, in andern Fällen das äufsere Ende zü- 
erft mit den entfprechenden Stellen des Körpers und der 
hintern Wurzel des Ouerfortfntzes lies fiebenten H;dsAvir- 
bels zu verwachfen. An einem Wirbel, den ich vor mir 
habe, findet lieh auf der linken Seite die erfte, auf cfer 
rechten die zweite Anordnung. Die Zahl diefer Kno- 
chen aus der Periode, in welcher man hierüber Unterfrti 
chuogea anftellen kann, welche ich vor mir habe, reicht 
nicht hin, um auszumitteln, ob, und welche Verfchmel- 
zungsweife die häufigere fey: indeffen fcheint mir nach 
den Exemplaren, die ich vor mir habe, häufiger das vor- 
dere Ende früher zu verfchmelzen als das hintere. 

Diefe Anordnung ift aber dem "fiebenten Halswir- 
bel nicht eigen, wenn fie gleich hier am deutlichften 
ausgefprochen und Regel ift, fondern kommt, wo nicht 
ailea, doch mehrem übrigen Halswirbeln wenigftens 
häafig zu. Namentlidh finde ich Ce bei dem zweiten '), 
Pp a 

j) Tf. VI. Fg. 6. 7- «. 9- 



fünften * ) und fechfien '), die ich deshalb abgebildet 
habe. 

Bei allen diefen liegt zwifchen dem Körper und 
dem Seitentheile des Wirbels an der vordem Fiäche def' 
felben auf jeder Seite ein rundlicher linodhenkern, der 
nur 4u'"ch Knorpel mit den übrigen Theilen verbunden 
ift. • Dies ift der allgemeinfte Charakter cliefesKnochen- 
ftiickes. Die Verfchiedenheiten , vyelche er in den -ver* 
fchiedenen Wirbeln darbietet , beziehen fich vorzüglich 
auf feine Gröfse. Bei weiten! am gröfsten ift er in dem 
zweiten Halswirbel, etwas kleiner im fechften ünd'fehr 
unbedeutend , mehr als viermal kleiner als im zweiten» 
bei dem fünften. In dem zweiten und fechften bat er 
gleiche Höhe mit dem Körper, und nimmt daher, den 
Zahn hin weggedacht, die ganze Höhe des Wirbels ein, 
beim fünften dagegen legt fich ein Theil der vonlern 
Wurzel des Querfortfatzes Unter ihm weg nach vorn, 
fo dafs er hier nur an der obern Fläche, in einer Ver- 
tiefung jener Wurzel, liegt. 

-..V... ^- ^*^' 

Diefe Anordnung finde ich bei einem, neim Mo- 
nate nach der Geburt geftorbnen Knaben. Offenbar 
ift fie infofern fehr intereffant, als dadurch die Analo- 
gie zwifchen den Hals- und Rückenwirbeln vergröfsert 
•yyird. Jene kleinen Knochenkerpe nämlich liegen ger 
rade In derfelben Stelle, Woficjidas Kippenkopfchea 



1) Taf. VI. Fig. 10. 

2) Tif. VI. Fig. n. 



597 

anfetzt. An dem fiebenten , letzten Halswirbel, der ia. 
fo vielen andern Beziehungen auffallend den Uebergang 
von den übrigen zu den Rückenwirbeln macht, erreicht 
das Ideine Rippenr-udinient die Spitze des Querfort- 
fatzes. Bei den übrigen dagegen entwickelt es fich 
nur dem Theile nach, welcher dem Köpfchen entfprichti 
und zugleich verkleinert es fich bei dem fünften auf- 
fallend mehr als beim fechften. Beim dritten und vier- 
ten fehlt jede Spur deffelben. Beim zweiten ift es ani 
grofsten. Infofern ctiefes weiter als die übrigen von den 
Rippen wirbeln entfgrnt ift, könnte diefer Umftand 
Zweifel gegen t'ie Richtigkeit der angegebenen Bedeu. 
tung diefes Knochenkernes erwecken; allein fie ver- 
fch winden, wenn man annimmt, wrozti man wohl be- 
rechtigt ift, dafs didem Knochen fchon die Tendenz 
zur Schädelknochen^ntwicklung imprimirt ift, und 
wenn man erwägt, dafs überhaupt der zweite Halswir- 
bel unter allen der ftärkfte ift. Auf eine höchft merk- 
würdige Weife wird die weiter unten folgende Befchrei- 
bung der EntwickJungsweife des Keilbeins zwei ganz 
ähnliche Knochenkerne zwifchen dem Körper und den 
Seitontheilen, oder den grofsen Flügeln zeigen, die, 
hier wie dort, erft mit dem Körper, dann erft mit den 
Seitenftücken verfchmelzen. 

Noch in einer doppelten Beziehung aber find diefe 
Thatfachen für vergleichende Anatomie und Phyfiologie 
wichtig. Sie enthalten theils einen neuen Beleg für den 
Satz, dafs der Embryo in feiner Entwicklung die nie- 
dern Bildungen dufhläuft, theils gclien fie einen Bei- 
frag zu der Vergleichung zwifchen der oberu und un- 



598 

tern Gegend des Korpers ab. Bei den meiften Fifcheii 
fangen die Rippen fchon mit dem vorderften Wirbel an, 
und auch bei mehrern ReptiLen und den Vögeln find die 
voi^derften, wenn fie gleich gewöhnlich fogar auf weiter 
^om Schädel entfernten Wirbeln fitzen , beträchtlich 
kürzer als die übrigen , und nicht, mit dem ßruftbein 
verbunden. Diefe Bedingungen finden bei diefeu Thie- 
ren das ganze Leben hindurch Statt , verfch winden da- 
gegen beim Menfchen fchon fehr früh. 

Die Aehnlichkeit zwifchen d^r obem und untern 
Körperhälfte wird durch diefe Anordnung infofern 
vermehrt , als offenbar dadurch das Heiligbein und die 
Halswirbel einander in Hinßcht auf ihre Entwicklungs- 
■weife beinahe ganz gleich gefetzt werden. Wenigftens 
gik dies für die drei erften falfchyn Wirbel des Heihg- 
beins vollkommen. Das zweite Baar von Knochenker- 
nen Hegt, gerade fo wie bei jenen Halswirbeln, vorn zwi- 
fchen dem Körper und dem eigentlichen Querfortfatze,. 
und wie bei den Halswirbeln erfcheint auch an den Hei- 
ligbeinwirbeln diefes Paar, welches auch bei beiden das 
kleinfte ift, fpäter als alle übrigen Knochenkerne. Au 
dem Heiligbeine eines fiebenmonatlichen Fötus finde ich 
von ihm noch keine Spur, wenn gleich an allen fal- 
fchen Wirbeln deffelben Körper undSeitenlheile anfehn- 
liehe Knochenkerne enthalten. 

§. 71- 

In Beziehung auf die Periode, in welcher diefe 
Knochenkerne erl'cheineu , und ah eigne Knochen ver- 
fchwinden, kann ich blofs bemerken, dafs ich, den 



liebenteil Wirbel ausgenommen, an keinem der übrigen^ 
bei irgend einem reifen Fötus, deren ich eine anfehnli" 
che ISlenge vor mir habe^ eine Spur von ihm bemerke; 
Sie fcheiuen erft gegen das Ende des erften Lelieiisjahres 
zu entfteheu; wenigftens finde ick fie auch bei vier un- 
gefähr fechsiuonatlichen Skeletten noch nicht, wohl 
aber bei einem neunmonatlichea, demfelbeu aus wel- 
chem ich fie befehrieben habe. Die frühem , fchon im 
vierten Schwangcrfchaftsmonate vorhandenen Knochen- 
kerne in ilen Halswirbeln , wovon Herr Seuff re- 
det» exjftiren, wenigftens als eigne Knochenpuncte, 
nie. So wie diefe Knochenkerne an den genannten 
Wirbeln am fpäteften erfcheinen , fo verfchwinden fie 
hier auch am früheften. Beim fiebenten Halswirbel er- 
halten fie fich bis zum vierten , felbft fünften Jahre, ver- 
gröCsern fich häufig bedeutend, und fteUen dann, mehr 
aber noch wenn fie zugleich das ganze Leben hindurch, 
getrennt bleiben, eine überzählige Rippe dar, während fie 
in den übrigen Halswirbeln gewöhnlich fchon im zweiten 
Jahre verfchwunden find. Wenigftens finde ich an einem 
Skelette aus diefer Periode nur noch am fechften Hals- 
wirlTel Spuren diefer Bildung. Ganz an der angegebe- 
nep Stelle liegt, auf der rechten Seite deutlicher als auf 
der linken '), ein dreieckiges Knochenftüek , deffea 
Analogon auf der linken nur durch unvoUkomnv 
ne Näthe angedeutet ift. Bei eineni andern , drei- bis 
vierjährigen Skelette findet fich mir auf der linken Seite 
des zweiten Halswirbels ') ein, noch völlig getrennter 



1) Taf. VI. rig. IJ. 
3) Taf. VI. Fig. 8. 



Knoclienkern , zwifchen der vordem Hälfte des Kör- 
pers, Zahnesund Qnerfortfatzes , der, in Hinficht auf 
Ijiage und verhältnifsmäfsige Gröfse, ganz mit dem über- 
einkommt, den ich früher aus dem fünften Halswrbel 
des neuomonatlichen Kindes befchrieb, Ift dies daher 
vielleicht nicht derfelbe Knochenkern, den ich aus dem 
zweiten Halswirbel des letztern Kindes befchrieb, fon- 
dern ein fpäterer, der erfcheint, nachdem der erfte mit 
dem übrigen Wirbel verfchmolz, und, wenn das letz- 
tere nicht der Fall wäre, welche Bildung ift die gewöhn- 
lichere, die, welche aus dem neunmonatlichen, oder 
die, welche aus dem vierjährigen Kinde befchrieben 
wurde ? Oder find beide verfchiednen Perioden eigen- 
thiimlifh, fo dafs anfangs, wie bei dem neunmonatli- 
c'hen Kinde, das verhältnifsmäfsigviel gröfsere Rippenru- 
diment die ganze Höhe des Körpers einnähme, während 
es fpäter zu wachfen aufhörte, ftalt dafs der Cch ver- 
gröfserndeQuerfortfatz weiter nach vorn und oben rückt? 
Die letztere Vermuthung" fcheint mir die richtigere, 
«ni fo mehr, da auch die letzten Rippen fo häufigen 
Oröfseverfchiedenheiten unterworfen find, und ich bei 
feinem etwas altem Skelett ' ) auf beiden Seiten einen 
fehr grofsen Knochenkern finde, der indeffen nur noch 
zumTheil durch unvollkommneNäthe von den übrigen 
Theilen getrennt ift. Weitere Beobachtungen werden 
bald diefe Fragen beantworten, die, wegen der von 
itiir genmthmafsten Bedeutung diefes Knochenkerns 
rieht mfifsis; find. 



l) T»r. VI. Fig. 5. 



601 

Vorzüglich aus diefetn Gnmde habe ich auch auf 
diefen Punct in der Bildungsgefchichte der Wirbel auf- 
merkfam gemacht. Wichtig wäre es nun noch, zu uor 
terfuchen , ob nicht auch die übrigen Wirbel ßch auf 
eine ähnliche Weife bilden? Für die Rückenwirbel ift 
es mir nicht wahrfcheinlich , indem diefe Knochenkerne 
Andeutungen von Rippen zu feyn fcheinen, Wahr- 
fcheinlicher ift es dagegen für die Lendenwirbel , un- 
geachtet der Umftand, dafs die letzten Rückenwirbel 
gewiffermafsen fchon mit den letzten Halswirbeln über- 
einkommen, die Erklärung der Urfache des vielleicht 
auch an diefen Knochen Statt findenden Mangels derfel- 
ben enthielte. In der That kommen die letzten Rücken- 
wirbel mit den letzten Halswirbeln infofern überein, als 
ßch i) die KOpfe der Rippen, welche fi^ tragen, nicht, 
wie bei den übrigen, den meiften, mit je zwei benach- 
barten Wirbeln verbinden, fondern nur auf dem Kör- 
per des correfpondirenden Wirbels eingelenkt find, 
wie diefe Rippenrudimente immer nur einem Wir- 
bel angehören , und 2) die letzten Rippen jenen Rip- 
penru ümenten auch infofern gleichen, als fie durch 
kein Tuberkel mit der Spitze des Querfortfatzes ihres 
Wirbels verbunden find. 

Indeffen gebe ich dies alles nur als Vermuthung. 
Ich habe von dem Slielette jenes neunmonatlichen Kin- 
des nur die Halswirbel vor mir, die ich aus einem an- 
dern Grumle bearbeiten liefs, und mui& daher erwarten, 
«lafs entweder andre oder ich felbft bei einer andern Ge- 
legenheit die Beobachtung vervollftündjgen. 



602 •*■ 

Die übrigen Säugthiere unterfciieiLlen fich voniMeii- 
fchen, in Hjnficht auf die Entwicklung der Halswirbel auf- 
fallend, fofem i) bei keinem einzigen der von mirunter- 
fuchten in irgend einer Periode die rippenartige vordere 
Wurzel des Querfortlatzes am fiebenten Halswirbel als ein 
eigner Knochenkern erfclieint , fondern die Verknödie-v 
runp hief völlig nach denfelben Gefetzen, als bei den 
übrigen Halswirbeln gei'chieht, und 2) eben fo wenig 
fich Spuren der übrigen Zwifchenkuochenkerne finden. 

Diefe Verfchiedenheit fcheint fich auf die gerin- 
gere Breite der Brufthöhle bei den Sängthieren zu be-, 
ziehen, und mit der geringem Wölbung ihrer Rippen 
gleiche Bedeutung zu haben. 

§• 72- 

Aufserdein verdient die Entwicklungsgefchiclite 
der beiden obern Halswirbel eine befondere Berück- 
ßchtigung. 

Gewöhnlich nimmt man an , dafs der zweite aus 
vier Knochenkernen entfteht, dem Körper, den Seiten- 
theilen und dem Zuhne. Von diefen allein fprechen Al- 
hln '), Kerhing ') und faft alle übrigen Ofteölogen. 

Nur Nefbitt hat die Bemerkung gemacht, dafs 
diefer Knochen bei der Geburt häufig nicht aus vier, fon- 
dern aus fiinf bis fechs Stücken befteht. Sein fünftes 
und fechftes Stück find die oben fchon genau betrachte- 
ten Knochenkerne an der vordem Fläche zwifchen dem 



i) A. a. O. p. 51?. 
X) A. a. O. S. 34?. 



— — ' 603 

Körper und Querfortfatze. Ueber die Zeitfolge, ia 
welcher cliefe Kerne entltehen, bemerkt fchon /CerÄ;;7// »■, 
clafs der Knochenkern des Zahnes l'päter als der des Kör- 
pers '), im fiebenten Monate des Fötuslebens entftehe. 

Diefer Angabe kann mananfserdem noch die nicht 
unintereffante Bemerkung beifügen , dafs der Zahnfort- 
fatz fich nicht aus einem, fpndern aus zwei neben einan- 
der liegenden rimdUcheti Knochenhernen bildet. Diefe 
beiden Knochenkerne entflehen weit früher tdsKerkrins: 
angiebt , fpäteftens um den Anfang des fechften Mona- 
tes, und bleiben gewöhnlich bis in den achten Monat 
von einander getrennt, wo fie zufammenfliefsen , und 
der einfach gewordene Knochenkern ficli nach oben zu- 
fpitzt und verlängert ' ). 

Demnach bildet fich der zweite Halswirbel ge- 
wöhnlich aus ßeben, und immer wenigfens ans fünf 
Knochenkernen , die aber nicht zugleich vorhanden find.' 
Zuerft entftehen die Seitenhäiften , dann der Körpei-, 
hierauf der Zahn, zuletzt die Zivifchenknochenkerne. 
Anfanglich ift der Knochenkern des Zahnes viel klei- 
ner als der Körper, vom Ende des achten Monats an 
aber vergröfsert er fich bedeutend, bekommt eine zu- 
gefpilzte Geftait, wächft von unten nach oben, und 
übertrifft bald den Körper bedeutend. Dann verfch-Tiel^ 
zen die beiden Knochenkerne des Zahnes unter einan- 
der, hierauf die zwifchcn Körper, Zahn und Seitenthpi- 
Icn liegenden mit diefen, dann die beiden Seitenhälften, 



l) A. a. O. S. 24?. 

Sj laf. VI. Flg. J. ^. VC. c. 



60^ -— 

endlich diefe mit dem Körper, darauf Zuletzt diefer mit 
dem Zahne. 

Von der Beftändigkeit diefer Entftehungsweife des 
Zahnes halte ich mich für völlig überzeugt, da ich fie 
an wenigftens zwanzig in diefer Hinficht genau imter- 
fuchten Embryonen immer gefunden habe. Sie ift 
merkwürdig, weil fie mit der Entftehung des mittelfteii 
Stückes des Körpers des Keilbeins, und nicht feiten 
auch des erften Halswirbels zufammenfäUt. 

Bei den übrigen Säugthieren fcheint die Entwick- 
lungsweife des zweiten Halswirbels infofern einfacher, 
als fich der Zahn immer nur aus einem mittlem Kno- 
chenkern bildet, mid die Zwifchenknochenkerne feh- 
len. Wenigftens habe ich bei den Wiederkäuern , den 
Schweinen, der Katze, dem Hunde, dem KanincJiea, 
dem Hamßer keine Spur davon bemerkt. 

§• 73- 

Der erfte Halswirbel unterfchejdet fich nicht wo- 
fentlich von den übrigen Wirbeln, indem er, wie fie, 
aus drei Knochenftücken , den Seitentheilen und dem 
Körper, in welchem fich jene früher, als diefes bilden, 
entfteht. Nur in Hinficht auf die Zeit, in welcher der 
Knochenkern des Körpers und die Art, auf welche er 
fich bildet, findet ein bedeutender Unterfchied Statt. 
Ganz alli^emein nämlich, finde ich i) beim reifen menfch- 
lichen Fötus gewöhnlich nur die beiden Bogenhälften 
verknöchert. Die erfte Verknöcherung des Körpers 
nimmt gewöhnlich erft um die Mitte des erften Lebens- 



605 

Jahres ihren Anfang, und Kerkr'mg fagt ' ) ganz unrichtig, 
dafs itnfiebentenFutusnionat der Körper des Atlas fchoil 
izu verknöchern anfange. Von diefer Bedingung machen 
die übrigen Säugthiere, die ich in diefer Hinficht zu 
unterfuchen Gelegenheit hatte« eine auffallende Aus- 
nahme, indem ich bei reifen Hunde-, Katzen- , 
Schweins • Föcus beftändig die Verknöcherung des At- 
laskOrpers fo anfehnlich als in den übrigen Wirbeln ge- 
funden habe. ') 

Auch durch die Zahl der Knochenkerne, aus 
welcher fich der Körper bildet , unterfcheidet fich der 
Altas von den übrigen. Hier nämlich habe ich., im- 
mer, trotz der forgfältigfren Unterfuchungen, nur ei- 
nen Knochenkern gefunden , während im Altas häufiger 
mehrere als einer entftehen. 

Auch fclieint dies nicht ganz ungewöhnlich, indem 
fchon Albin fagt, dafs er einmal ein rechter und ein 
linkes, genau in der Mitte durch Knorpel verbundene 
Knochenftücke , in einem andern Falle drei , zwei feitli- 
che gröfsere, und ein keineres mittleres, im Körper des 
Atlas gefunden habe. 

Aufsertlem findet fich nicht ganz feiten ein ^gner^ 
aber weit kleinerer Knochenkern an der Vereinigungst 
/teile des hintern Endes der beiden Bogenhalften, fo dafs 
dann der Atlas fich aus vier Knochentheilen bildet, eine 
in mancher Hinficht merkwürdige Erfcheinung. Denn, 
ift fie offenbar eine Verähnlichung der Entwicklungs- 



A. a. O. S. »41- 

j) S. Taf. 6. Flg. ??• D« All*« •*"*• »•if«» Handefütu». 



606 

iveife des AilaS mit der des Hinterhauptbeins, fofera 
tljefer Knochcnkein der Hinterhauptsfchuppe verglichen 
werden kann , 2) erinnert fie an die Entftehung der 
Dornfortfätze mehrerer Wirbel bei mehrern Säugthie- 
reo aus eignen Knochenkernen. Zwar habe ich nie, wie 
ßichat^) beim Menfchen die Dornfortfätze andrer Wir- 
bel aus eignen Knochenkernen entftehen fehen , allein 
bei meinem Säugtliieren ift es für einige beftändiges 
Gefelz. 

Namentlich finde ich, dafs bei den Wiederliäuern, 
nnd ScJuveinen die Dornfortfätze der Piückenwirbel, 
wenigftens der vordem, aus eignen Knochenkernen ent- 
ftehen. ') 

Diefe bilden fich unter den vier Knochenkernen, 
woraus diefe Wirbel hier entftehen, zuletzt, indem ich 
bei den angegebenen Thieren Körper und Seitenhälften, 
ohne eine Spur von ihnen, fchon fehr weit in der Ent- 
wicklung vorgerückt finde. 

Ihre Anwefenheit fcheint mit der Länge der Dorn- 
fortfätze zufammenzuhängen , denn theils finden fie fich 
nur in den Wirbeln , deren Dornfortfätze beträchtlich 
entvvifckelt find, theils entftehen fie in denen, wo fie 
anl längften find, zuerft, alfo in den vordem Rückenwir., 
beln früher als in den hintern. Daher halien auch die 
Wiederkäuer , wo mehrere Rückenwirbel lange Dornen 
haben, in aDen, mit Ausnahme der beiden letzten, eigne 



l) .'Inac. desciipt. T, I. p. 1)5. 

;) S. Jat'.VI. Fig. 54 ""<* j?- Die er&eii Rückenwirbel eines rei- 
fen SchweinsRitws. ' 



■'--'-'— 607 

Knochenkerne in denfelben , beim Schuiein dagegen, 
wo die Zahl der Janggedornten weit geringer jft, finden 
fie Cch nur in den fieben vordem. 

Ungeachtet die Knöchenkerne der Dornen fpäter 
Als. alle übrigen entftehen , fo verwachfen fie doch weit 
früber mit den Seitentheilen, als diefe init dem Körper. 
^, Diefe Verknöcherungsweife der langgedornten 

Wirbel ift in mehreren Hinfichten wichtig : 

l) fofern fie zur Betätigung des Gefetzes beiträgt, 
dais oft die Zahl der ICcrne, aus welchen fich ein Kno- 
tlien bildet, von der Gröfse des Knochens abhängt, wie 
fich 2. B. die grofsen Rührenknochen wenigftens aus 
drei, die kleinen in der Hand und dem Fufse nur aus 
zwei Knochenfttickeu entwickeln. Ich fage indefs mit 
bedacht, dal's diefe Bedingung nur o/i^ eintritt , indem 
2. B. das Scheitelbein nur aus einem Knochenkern ent- 
ft6bt, während fich das kleinere Keilbein, das Riechbeiii 
u. m. a. aus einer ungclieuern jVIenge bilden. Diefes 
Gefetz Wird, wo ich nicht irre, vorzüglich dann be- 
jGphränkt, wenn es mit einem andern in Collifion 
kommt, dem zu Folge die Zahl der Knöchenkerne, 
laus welchen fich ein Knociien bildet, von dem Grade 
der Zu/ammenfiezung deffelben abhängt, £^in offenbar 
allgemeineres Gefetz als jenes. 

a) Ift diefe Verknöcherungsweife der langgedorn- 
teh Kückenwirbnl we^en der dadurch bewirkten Ver- 
ahtilich'ung zwifclien Wirbeln tind Ilinlerhauplsbain 
■wiclilJg, indem, wie fchon für den als Ausnahiae auch 
beim Me/ifcheii bisweilen vorkommenden mitticiii hin- 
tern ICnof lienkern am Atlas bemerkt wurde, der K^o- 



60'8 

chenkern des Domes offenbar der Schuppe desHinterr 
hauptbeines entfpricht. Sehr merkwürdig ift es hiei*, 
dafs nicht nur die Lage , fondern auch die Verfchmel- 
zungsweife deffelben mit den Seitentheilen völlig diefel- 
be ift, indem auch am Hinterhauptbein die Schuppe 
weit früher mit den Spitentheilen verfchmilzt, als diefe 
fich mit dem Körper verbinden. 

Noch mehr wird diefe Aehnlichkeit durch zwei 
Umfiände Vergröfsert, die ich bisweilen bemerkt habe. 
Sehr deutlich nämlich findet man die Kerne der klei- 
nem Dornfortfätze der hintern Rückenwirbel anfäng- 
lich aus zwei Hälften , einer rechten und einer linken 
gebildet, und a) zwifchen dem Knochenkerne des Dorn- 
fortfatzes und der Seitenhalften häufig einen kleinern 
Knochenkern, gerade, wie ich ähnliche auch zwifchen 
der Schuppe »jnd den Gelenktheilen des Hinterhaupt- 
beines mehrmals vor mir habe. 

§. 74- 
Vom Heiligbein ■weita man fchon kit Albin*) , dafs 
von den fünf falfchen Wirbeln , aus welchen es befteht, 
die drei obern aus fünf, die zwei untern nur aus drei 
Knochenkernen entftehetl. Kerkring hatte früher 
die Angabe, dafs die Heiligbein wirbel fich aus fünf 
Knochenftücken bilden, irrig auf alle Wirbel ausge- 
dehnt»), wenn er gleich zuerft die Entdeckung ge- 
____^___ macht 

1) lo. off. foetat , p. 57. 

:|) Ofteog.foet. Opp. pag. 441. ' 



maclit zu haben fcheint, dafs die drei obern aus fünf 
Kernen entftehen. 

Eben fo giebt fchon Kerkring '), fo wie nach ihm 
Albin *) i Nesbitt^'), Senjf*) richtig in , dafs im drit- 
iton oder vierten Monate die Verknöcherung des Hei- 
ligbeins zuerft im Körper und namenthch in den obern 
«Wii'bein fniher als in den untern , anfängt, 
■ij Gewifs eine merkwürdige Abweichung von dem 
allgemeinen Gefetz, dafs die Verknöcherung der Wir- 
bel und der ihnen ähnlichen Knochen, namentlich aller 
Schädelknochen; früher in den Seitentheilen als dein 
Körper ihren Anfang nimmt; um fo merkwürdiger, da 
die Uejligenbeinwirbel offenbar den übrigen weit ähn- 
licher find als die Schädelknochen. 

iVMÜ« hat ferner auch bemerkt, dafs die vordera 
Knochenkerne der Seitentheile der drei obern Heilig- 
beinwirbel fpäter als die hintern , erft im fiebenten bis 
achten Monat, wieder in den obern früher als in den 
untern, entftehen f). Hierin kommen daher die Heilig, 
beinwirbel mit den Halswirbeln infofern überein, als 
auch bei jenen die zufällig bisweilen vorkommenden 
Knochenkerne fpäter als alle üi)rigen entftehen. 

Endlich weifsman, dafs diefe verfchiedenen Kno- 
ohenftücke oder einzelnen Wirbel weit früher unter 



' i) A. a. O. S. ni. 

a) A. 2. o. 8. 57. 
' 9) A. a. O. 3. <t- 

4) A, a. O. S. fi. 

i) A. a. O. S. 69, 

M. 4. Arthiv. I 4. Q ^ 



,510 

einander zu einem Wirbel, als die verfchiedenen Wir- 
bel zu einem Knochen zufammentreten , die Vereini- 
gung zwifchen den Seitentheilen der über einander lie- 
genden Wirbel weit früher als zwifchen den Körpern 
gefchieht, und am fpäteften die feitlichen Hälften hinten 
zufamnienfliefsen. 

Ungewifsheit herrfcht nur noch, fo viel ich weifs, 
über die fernere AusbiJdungsweife des Heiligbeins, in- 
dem ich nirgends angegeben finde, in welcher Ordnung 
die fünf Knochenkerne, woraus die Wirbel beftehen, 
unter einander verfchmelzen , und in welche Lebens- 
periode die Vereinigung der verfchiedenen Knochen- 
kerne, aus welchen fich allmäblig das Heiligbein bildet, 
fallt. 

Nach den Uflterfuchungen die ich hierüber ange- 
bellt habe, glaube ich als Regel feftfetzen zu können; 
l) dafs suerß das hintere Seitenßück mic cUm Körper 
verteu'icfifi, darauf das hintere mit dem vordem ver- 
fchmilzc und ganz zuletzt ßch auch das vordere mit dem 
Korper vereinigt. Doch fängt wohl im Allgemeinen 
die Verfchmelzung des vordem mit dem Körper noch 
früher an als die Verwachfung deffelben mit dem hin- 
tern beendigt ift. 

a) Dafs die Verwachfung der Knodtenßücke der 
einzelnen Wirbel des Heiligbeins nicht iiackdenfelben 
Ceßtzen als ihre Entftehung^ fondern auf ganz ent- 
gegenge/elzte Weife gefchieht. Ziierft nämlich ver- 
fchmelzen die Knochenkerne des dritten ,' ZületzT die 
des erften Wirbels. Noch früher fcheinen fich die des 
vierten und filnften zn vereinigen. 



"' ■ 3) Nach Ablall/ des vierten Jahres find im Allge' 
meinen alle Knochenkerne der einzelnen heiligbeirt' 
Wirbel zu Einem zufammengeßoffen, 
*' ' ' 4) Die völlige Verfchmelzung der verfehle df>neit 
Wirbel gefchieht erfi nach dem Eintritte der Pubertät. 

Die EntftehungSweife der Heiligbeinwirbel wird 
bisweilen durch die Lendenwirbel, vorzüglich die letz- 
ten, nachgeahmt, indem diefe nicht nur anfehnJichera 
Querfortfätze als gewöhnlich tragen , fondern der 
vordere Theil von diefen auch als ein eigner Knochen- 
kern entfteht. So finde ich es am letzten Lendenwir» 
bei eines imgefähr zweijährigen Kindes, wo der be- 
trächtlich grol'se linke Seitentheil des letzten Lenden- 
wirbels aus zwei getrennten Knochenftücken befteht, 
welche durch Lage, Geftalt und verhältnifsmäfsiga 
Gröfse ganz mit denfelben Theilen an einem der drei 
obern Heiligbeinwirbel übereinkommen. 

Hierin mag auch die , gerade an den Lendenwir- 
beln mehrmals beobachtete, das ganze Leben beftehende 
Trennung des Querfortfatzes vom übrigen Wirbel be- 
gründet feyn , die vorzüglich wegen der dadurch gefetz- 
ten Aehnlichkeit mit den Rückenwirbeln und Rippen 
merkwürdig ift. 

Der Gefchichte der Steifsbeine finde ich nichts be- 
merkenswerthes zuzufeizen, 

$. 75. 
Aufser den Wirbeln , welche man als die Vrkno' 
chen des Stammes betrachten kann , verdient auch die 
Ent\viclUungs weife desßrußbeins und der Rippen, der 

Ql3 



pi2 ^^^^^ 

ISehenknochen. deffelben, vorzüglich in vergleichende!: 
Hinficbt einige Berückfichtigung. 

Die Unvollkominenheit des Brufibeins auch beim 
reifen meufchlichen Fötus ift hinlänglich bekannt. Da- 
gegen ift es bei den meiften Thieren um diefe Zeit fchon 
beinahe ganz verknöchert. Alle Knochenkerne, aus 
welchen es fpaterhin befteht j iincl vorhanden, und zwi?- 
fchen je zwei Rippen findet fich nur einer. Der Knorpel, 
der beim menfchlichen reifen Fötus noch den gröfsten 
Theil des Bruftbeins bildet» ift fchon faft ganz ver- 
ichwunden» 

Bei manchen Thieren fcheint die Entwicklung 
wieder weit fchneller Vorzüfchreilen als bti andern. So 
2. B. ift es bei noch fehr jungen Kaninrhenembryonen 
fchon weit vorllkommuer als bei viel altörn Schweim- 
embryonen ausgebildet, auch beim reifen Schweinsfü- 
tus nnvollkommner als beim reifen Hamfter, Kaniu- 
chen und der Katze. 

Bei den meiften Thieren fcheinen fich die einzel-> 
iien Stücke des Bruftbeins nur aus einzelnen Knochen- 
l\£rnen zu bilden. So finde ich es wenigftens felbfi: bei 
frühern Kaninclienembryo/ien und immer bei den reifen 
Fötus der übrigen. Nur das Schwein fcheint hievon 
eine Ausnahme zu machen, indem ich bei Schweinen 
aus dem Anfange des dritten Embryomonates fehr kleine, 
paar weife neben einander flehende Knonhenkerne in den 
fich zu verkhüchern anfangenden ßruftbeinftücken 
finde , was mit der gröfsern Breite des Bruftbeins bei 
diefem Thiere zufammenzuhängen fcheint, und eine 
nicht unmerkwürdige Menfchenähnlichkeit ift. 



Der fchnellen Ausbildung des Bruftbeins ungeach- 
tet bleibt es doch das ganze Leben hindurch bei allen 
mir bekannten Säugthieren aus einer Menge einzelner 
Knochenftücke gebildet, deren Zahl genau mit der Zahl 
der Zwifchenräume der Rippen, die fich an das Bruft- 
bein heften, übereinkommt, und die Verknöcherung 
gefchieht daher zwar fchneller, aber weniger vollftänclig 
als beim Menfchen. Wie fehr durch die Zufamnien- 
fetzung des Bruftbeins aus mehrern einzelnen Knochen 
die Aehnlichkeit deffelben mit der VVirbelfäule vergrö- 
fsert wird , habe ich fchon früher bemerkt '). 

Bei den Thieren ift auch die Aehnhchkeit zwi- 
fchen diefem Knochen und den letzten Wirbeln der ei- 
gentlichen Wirbelfäule, den Schwanzwirbeln, eben fo 
auffallend als beim Menfchen, ja man findet die Ge- 
ftalt beider immer völhg auf diefelbe Weife abgeändert.- 
So find die Bruftbeinwirbel und die Schwanzwirbel bei 
der Katze länglich, beim Schwein dagegen beide 
verhältnifsmäfsig weit kurzer und breiter. Der Ham- 
ßer und das Kaninchen halten zwifchen beiden die Mit- 
te, und auch hier wird die Geftalt beider in den ver- 
fchiedenen Lebensperioden auf entfprechende Weife ab- 
geändert , indem beide in den frühern verhältnifsmäfsig 
breiter und kurzer als in fpätern find. 

Auch habe ich noch eine nicht unintereffante 
Aehnlichkeit zwifcijen dem Bruftbein und der Wirbel- 
fäule gefunden. Zwifchen den Wirbeln, befonders den 
Lenden- und Schwanzwirbeln , findet man nämlich an 



l) Bfilr. Bd. i. St, I. 



der untern Fläche bei mehrern Thieren fehr regelmä- 
fsig paarweife neben einander flehende Sefambeinchen. 
Namentlich fehe ich fie in der Lendengegend beim 
Maulwurf., am Schwanz beim Hamßer fehr deutlich. 
Beim Hamfier aber finden Cch ganz auf diefelbe Weife 
auch zwifchen den einzelnen grofsen Bruftbeinwirbeln 
mehrere Paare von, diefen ganz ähnlichen, Sefam- 
beinchen. 

Diefe Gleichung erinnert unwillkilhrlich an eine 
andere , die zwifchen den Bruftbein - und Schwanzwir- 
beln mit den Knochen der Gliedmafsen beftehende. 

Hier haben in der That alle langen Knochen im We- 
fentlichen ganz diefelbe Geftalt als die einzelnen Bruft- 
beinwirbel der meiften Thiere, indem fie in der Mitte 
zufammengezogen , an beiden Enden angefchwollen 
find. Auch die Anwefenheit von paarweife ftehenden 
Sefambeinchen giebt einen neuen Vergleichungspunct 
ab, befonders, fofern diefe bei den meiften Säugthieren 
weit zahlreicher als beim Menfchen , an allen Zehen, 
und nicht blofs an den Händen und Füfsen, fondern auch 
in andern Gelenken, z. B. im Kniegelenk, vorhanden 
find, wo indeffen auch beim Menfchen die Kniefcheibe 
und der Ellenbogenknorren in diefelbe Klaffe gehören. 
Alles zum Beweife , dafs die Wiederholung eines und 
deffelben Typus ein viel durchgreifenderes Gefetz ift, 
als die, welche fich nur an die Aufsenfeite und die frei- 
lich leichler zu bemerkenden Verfchiedenheiten halten, 
anzunehmen geneigt feyn mögen. 



6x5 

§. 76. 

Die Rippen bieten keine ausgezeichnet merkwür- 
dige Bedingung in ihrer Entwicklung dar. Si.e entfte- 
hen und vervoJikonimnea fich bei allen von mir unter- 
fuchten Säugthieren weit früher als die Wirbel und das 
Bruftbein. 

Beim Hamfier wurde ich durch meinen Bruder 
zuerft auf die merkwürdige Befchaffenheit der Rippen- 
knorpel aufmerkfam gemacht. Diefe find weit härter, 
fefier und fpröder als gewöhnliche Knorpel, und be- 
kommen durch das Trocknen eine weifsliche Farbe. 
Bedingungen, die zwar noch nicht bei der Geburt 
vorhanden find, aber fehr bald nachher einzutre- 
ten anfangen, und die mit der unvollkommnen Ent- 
■wicklung und Kleinheit der Lungen der Nager, viel- 
leicht auch mit dem Winterfchlaf mehrerer unter ihaenj 
zuCammenhängen mögen. 

II. Schädelknochen. 

§. 77. 
Bekanntlich hat der berühmte Sdmmerring zuerft 
das Keil- und Hinterhauptsbein als einen Knochen be- 
trachtet, weil beide fich um die Zeit , wo die Knochen- 
ftücke, welche das ganze Leben hindurch einen Kno^ 
chen bilden , völlig vereinigt haben , und fogar noeli 
froher, zu einem Knochen verfchmolzen find. Daieh 
an mehr als 300 Schädeln und einzelnen Knochen -die- 
fen Satz durchaus beftätigt finde, fo nehme ich keinen 
Anftand, ihm unbedingt beizutreten ; indeffen ift es doch, 
wie auch Sömmerring gethau bat , wegen der grofses 



616 

Complication diefes Knochens zweckmäfsige , das Hm- 
terJiauptfiück xind das Keilbeinßück abgefondert zu be- 
trachten. 

Hinterhauptftück. 

f 78. 

Unter allen Knochen des Schädels kommt keiner 
durch Gfißalt., Lage und Entwicklungsweife fo fehc 
mit einem Wirbel überein , als das Hinterhauptftück. 
Der Zapfentlieil entfpricht dem Körper, die Gelenkthet- 
le und die Schuppe den Bogenhälften, das Hinter- 
hauptsloch vöDig dem Rücke nmarksloche der Wirbel. 

Gewohnlich giebt man an, dafs diefer Knochea 
aus vier Knochenkernen, welche den genannten Gegen- 
den deffelben entfprechen, entfteht, allein Herr iSe/jj^^ 
hat fchon bemerkt, dafs um die zwölfte Woche die 
Schuppe aus einem obern und einem untern Knochen- 
kern befteht ' ) und ich habe nachgewiefen, dafs fie fich 
allmählig aus vier Paaren , alfo aus acht Knochenftücken 
bUdet'). 

Unter allen Theilen des Hinterhauptbeines entfteht 
der untere Theil der Schuppe zuerft als ein niedriger, 
dünner, aus zwei Seitenhälften gebildeter Streif um 
die zehnte Woche. Nachdem er nach oben fich ver- 
gröfsert hat, und feine beiden Hälften verfchmolzen 
ftnd , entftehen in der zweiten Hälfte des dritten Mo- 
nates ungefähr zugleich die Gelenktheile und über ihm 



l) A. a. O. S. 24. 

>) fieitr. Bd. l. St. i. III. 



öir 

ein zweites Stück , welches auch anfangs aus zwei Sei- 
tenhälften befteht, wie anfangs das erfte, niedrig ift, und 
um das Ende des dritten Monates ein einziges bildet. 

Zugleich verdicken und vergröfsern fich die frü- 
her vorhandnen beträchtlich , die Fortfätze der Gelenk- 
theiie bilden fich aus, und der Zapfemheil erfcheint. 

Diefer alfo ift der letzte der vier Theile , woraus 
beim reifen Fötus noch das Hinterhauptbein befteht. 
Etwas fpäter erzeugt fich nach aufsen und oben von 
dem erften und zweiten Paare der Schuppe ein drittes 
Paar, dem bald ein viertes, welches über dem zweiten 
liegt, folgt, und die um die Mitte des Fötuslebens ge- 
wöhnlich verwachfen find. 

Häufig entftehen noch im Umfange des Knochens 
einzelne, fich mit ihm vereinigende Knochenkerne, felt- 
ner andre zwifchen der Schuppe und den Gelenkthei- 
len, die durch ilire Dicke der Dicke diefer Gegend ent- 
fprecben. 

Wie diefe Entwicklungsweife des Hinterhauptbei-. 
nes den Gnmd der Entftehung der Zwickelbeine ent- 
hält , und zugleich fie und die in ihr begründeten Zwi- 
ckelbeine mit permanenten niedern Bildungen zufam- 
menfallen, habe ich fchon vor mehreren Jahren hinläng- 
lich dargethan '). 

Die Entwicklungsweife des Hinterhauptbeins ift 
im Wefentlichen bei den Säugthieren vollkommen die- 



l) lieber die ZwieVelbeine am menfehUcIien Schädel. In mei- 
nen Beiträgen lur vergl. Anat. Bd. 1. Hf. J. 111. Pathol. II 
Aut. Bd. I. Vom AViflcrkopfc und den Zwickelbeineo. 



618 

felbe als beim Menfchen, nur erreicht es bei' mehrern 
derfelben die Stufe der menfchlichen Entwicklung ent- 
weder gar nicht, oder weit fpäter, vorzüglich, fofern 
die obere und untere Hälfte der Schuppe bei mehrern, 
befonders den Nagethieren, das ganze Leben hindurch, 
iind auch bei den übrigen wenjgftens bis zur Geburt von 
einander getrennt bleiben. 

Diefe Trenniuig bis zur Geburt finde ich wenig- 
ftens beftändig beim Pferde, allen Jüelündifchen Wie- 
derkäuern, dem Hunde und der Katze. Auf eine 
merkwürdige VVeife macht dagegen das Schwein von 
diefem Gefetz eine Ausnahme, indem ich bei Schweins- 
fötus , die kaum das erfte Drittheil des Embryolebens 
zurückgelegt hatten , fchon beftändig die Hinterhaupt- 
fchuppe nur aus einem Knochenkern gebildet finde. 

Beim Kaninchenembryo findet fich immer ein drittes 
Paar von Knochenkernen über dem obern Stücke der 
Schuppe, fcheint aber bald mit dem darunter liegenden 
zu verfchmelzen. Diefes entfpricht dem vierten Paar 
von Knochenkernen am menfchlichen Hinterhauptbein, 
welches am häufigften als Lambdaknochen erfcheint. 

Vom Keilbeinftück. 

$. 79- 
Unter allen Schädelknochen ift das Keilbeinftück 
des Hinterhauptbeines fn Hinficht auf feine Entwick- 
lungsgefchichte am intereffanteften und zugleich am vpe- 
nigften bekannt. Die Schriftfteller geben gewöhnlich nur 
an, dafs es beim unreifen Fötus aus fünf, beim reifen. 



619 

oder dem einige ^lonate alten Kinde dagegen nus drei 
Knochenftücken beftehn. Belege hiezu liefern Albin ' ), 
Walter^), Lader i), Hildebrandt*). 

Einige Anatomen machen zwar hievon eine Aus* 
nähme. Namentlich gehören hieher /CerAiWng' 5)^ 2Vw» 
bitc *), und Factori '). Die Angaben der beiden erftem 
thun dar , dafs in gewiffen Perioden die Zahl der Kno- 
chenftücke geringer, in andern dagegen gröCser als die 
gewöhnlich angegebene ift, Fattori giebt nur die letz- 
tere Bedingung an. Er liefert, dem Plan feiner Arbeit 
gemäfs, keine Befchreibung der Anordnung der ver- 
fchiedenen Knochenftücke, giebt auch nicht die Periode 
an , in welcher das Keilbein des Embryo aus der von 
ihm bemerkten Anzahl von Knochenftücken, die 
er auf neun fetzt, beftehe. Kerkring und Nesbiu 
dagegen fixiren die Perioden genau, und befchreiben 
zugleich die Vertheilung der Kuochenkerne. Doch fin- 
den fich einige Lücken in ihren Befchreibungen , und 
theils darum , theils , weil meine Beobachtungen zum 
Theil von den ihrigen etwas abweichen, glaube ich 
nichts überflüffiges zu thun, indem ich diefelben liefere, 
um fo mehr , da fie völlig unabhängig von den frühern 
gemacht wurden. 



1) le. olfinm foetus , p. Vf. 

2) Trockne Knochen. S. 97. 
)) Anat. Handbuch S. 6%. 

4) Handbuch d. Anac. Bd. i. S. 177. 

5J Oftfotrenia foetuum Cap. VI. in Opp. an. p. aic. ff. 

«) Oftogcnid. S. 5J. 

7) Guida alle ftnd. d»lla aiat. umana. Pavia igo/. T. I. p. 6u 



630 — 

Unter allen Schädelknochen entfteht das Keilbein- 
rebft dem Siebbein am fpäteften. Bei einem achtwö- 
chentlichen Embryo , deffen Hinterhauptftilck fchon 
fehr vollkommen entwickelt ift, und defTen übrige 
Schädelknochen alle wenigftens Spuren von Verkhöche- 
rung zeigen, findet fich an der Stelle des Keilbeins noch 
ein blofser Knorpel '). Kerkring ') macht diefelbe Be- 
merkung. 

Anfänglich erfcheint im dritten Monate, wie auch 
Kerkring richtig angiebt , zuerft auf jeder Seite ein Kno- 
chenkern und namentlich in den grofsen Flügeln, fo daf? 
es in diefer Periode nur aus zwei Knochenftücken be- 
fteht '): eine intereffante Bildungsftqfe diefes Knochens, 
weil er auf ihr den A'irbeln , deren beide Seitenhälften 
gleichfalls zuerft, weit früher als der Körper, verknö- 
chern, und die gleichfalls anfänglich nur aus den zwei 
Knochenkernen der Seitenhälften beftehen, auffallend 
ähnelt, 

Bei einem Embryo aus der zweiten Hälfte des 
dritten Monates finde ich es fchon aus vier Knochen- 
ftücken gebildet, von denen zwei auf jeder Seite liegen. 
Das eine Paar , vvrelches bei weitem gröfser als das an- 
dere ift, ftellt die grofsen Flügel, das zweite, viel 
kleinere die mittlem oder die Flügelfortfatze dar. 
So fcheint es wenigftens auf den erften Anblick des 
Keilbeins aus diefer Periode; allein fpätere zeigen, dafs 
das kleine, innen und unten liegende Knochenpaar nicht 



I) Taf. VI. Fig. 14. 
4) A. a. O p. 515. 
3) Taf. VI. Fig. H< 



-•"•'— 621 

5der ganze Flügelfortfatz, foadern nur das innere Blatt 
deffelben ift. An dem Knochenftücke, welches den gro- 
Xsen Flügel darftellt, fehlt nämlieh in diefer Periode 
^och jede Spur eines Flügelfortlatzes, der fpäter, ganz 
yerfchieden von dem getrennten innern Knochenftücke 
und gleichzeitig mit demfelben als ein blofser Fortfatz 
ans dem grofsen Flügel herVorfprofst. 

Dies bemerkt man fchon fehr deutlich an dem 
Keilbein des ungefähr dreimonatlichen Elmbryo '). Der 
vorher glatte grofse Flügel ift hier an feinem innern 
und untern Ende nach vbtäa iu einen ftumpfen Fort- 
fatz ausgezogen, der bei dem frühern gänzlich fehlt. 
Aufser cliefem Fortfatze liegt weiter nach innen ein , im 
frifchen Zuftande beweghches, längliches Knochenftück- 
chen, welches Cch etwas nach unten und aufsen, jenen» 
Fortfatze entgegen wendet. Es nimmt genau diefelbe 
Stelle als das erfterwähnte innere Knochenftückchea 
ein , nur reicht es hier nicht fo weit als das innere 
Ende des grofsen Flügels h^ab, während es beim frü- 
hern Embryo tiefer herabfteigt, wovon, wie man leidet 
errath, der Grund in dem jetzt gefchehenen Hervor- 
fproffen des äufsern Blattes des Flügel/ortfatzes enthal- 
ten ift. 

Aufser der weitern Ausbildung des gfofsen Flügels 
bietet aber das Keilbein in diefer Periode noch ander- 
weitige Spuren vorfchreitender Entwicklung durch das 
Erfcheinen eines Knochenkernes an der Stelle der klei- 
nen Flügel dar. Auf jeder Seite nämlich findet fish. 



I) Taf. VI. Fig. I«, 17. 



^22 -*— ^-^ 

ungefälir in der Mitte des äufsern Umfangs des Sehnerv 
venloches , in der äufsern Wurzel des kleinen Flügels» 
ein rundlich dreieckiger Knochenkern '), derimVerhäJt- 
nifS zu der Knorpelmaffe attfserordentlich klein ift, fo daft 
alfo jetzt das Keilbein aas fechs Knochenftücken befteht. 

Dies bemerkt auch Ktrt Senf/ ric\\tig , ungeachtet 
ich nicht begreife, wie er IS'esbin und Keikring als Gv- 
währsmänner anführen kann, da diefe an der abgedruck- 
ten Stelle ausdrücklich dem Keilbein jetzt acht Knochen- 
kerne zufchreiben, wovon zwei im Körper hegen. Auch 
find die Abbildungen für diefe Periode viel zu grofs. 
Eben fo haben fie ganz die Bedeutung des untern Paares 
-verkannt, indem fie es für den ganzen mittlem Flügel- 
fortfatz halten, da es doch nur das innere Blatt deffel- 
ben ift , das äufsere Blatt fich nie als eigner Kern ent- 
wickelt, fondern immer nur ein Fortfatz des gro- 
fsen Flügels ift. Eben fo wenig hat auch Herr Senff*^ 
diefen Umftand richtig ausgemittelt, indem auch er aus- 
drücklich jenen Knochenkern für den ganzen Flügel- 
fortfatz hält. 

Noch ift aber im Körper keine Spur von Knochen 
vorhanden '). Der nächfte Schritt zur weitern Vcrvoll- 



i) Taf. VI. Fig. Ifi. 17. bb. 
3) A. «. O. p. JI. 

3) NcsHtt (Ofteog. p. 5).) giebt zwar für den dreimonatUchtn 
Fötus drei Knochenkerne im Keilbein an , allein er hat hier 
l) di« übrigen beiden Paare aufser den grofsen Flügeln ganz 
überfehen , und 2) den Knochenkern im Zapfentheile des Hin- 
terhauptbeins für den Kern des Keiibeinkörpers gehalten, wie 
Aie AbbUduDj (Taf. 2. Elg. £;■) biolwgUoli beweift. 



625 



Jrominnung das Knochens gefchieht indeffeir durch Abfatr 
von Knochenfubftanz, in dem Knorpel, der fich bisher 
an der Stelle deffelbea befand '). 

Im vierten Monat nämlich bilden fich zu diefen 
fechs Knochenkernen zwei andre, rundliche, feitlich ne- 
ben einander liegende , nach Vorn und unten im Körper 
des Keilbeins an , fo dafs alfo jetzt das Keilbein aus acht 
einzelnen Knochenftücken befiehl '). 

Zunächft wird nun die Ausbildung des Körpers 
vervollftändigt , indem fich zwifchen jenen beiden er- 
flen Kernen deffelben und den grofsen Flügeln nach 
aufsen auf jeder Seite ein queres Knochenftück anbildet. 
Zugleich verwachfen beide mittlem , zuerft vorhandnen 
mehr oder weniger bald mit einander. 

Weiter ift von Nesbitt und Kerkriitg die Bildungs- 
gefchichie des Keilbeins nicht verfolgt, und diefer be- 
hauptet fogar , im fünften Monat wäre die Verknöche- 
rung völlig beendigt '). Indeffen beweifen fchon be- 
kannte Thatfachen die Unrichtigkeit diefer Behauptung, 
noch mehr die folgenden. 

Beim ungefähr fünfmonatlichen Embryo befteht 
das Keilbein aus neun bis zehn Knochenftücken, wie 
Fattori als allgemeine Bedingung angiebt. Von ihnen 
bilden drei oder vier d«n Körper, zwei die grofsea 



I) Fig. Ig. d. 

a) Fig. lt. 

%') A. 1. 0. p. ijf. 



Fliigel, zwei andre d.ls innere Blatt des Fliigelfortfatzes, 
und das letzte Paar endlich die kleinen Flügel '). 

Wird der Körper aus drei Knochen gebildet, fo 
ßndet fich ein unpaarer und zwei paare '). Der un- 
paare, der bei weitem gröfsär als die beiden übrigen 
ift, li?gt in der Mitte, ift länglich rund, und hat 
ganz die Form eines Wirbelkörpers, Er trägt in der 
hintern Hälfte feiner Seitenflächen die beiden kleineren 
Knochen, die in der Mitte eingefchniirt und etwas platt- 
wedrückt find. Befteht der Körper aus vier Knochen- 
ftiicken') fo ift das mittlere aus zwei einander in der 
Mitte berührenden Seitenhälften gebildet. Höchft 
wahrfcheinlich geht diefe Anordnung der, wo der Kör- 
per aus drei Kernen befleht, immer voraus, indem ge- 
wöhnlich bei etwas kleinern Keilbeinen die Theilung 
des mittlem Kernes vorhanden, er ferner auch bei 
gröfsem in diefer Periode häufig in der Mitte von vorn 
nach hinten heträchtlich eingefchniirt ift. Doch ift dies 
nicht immer der Fall, wo dann der mittlere Knochenr 
kern auch beträchtlich gröfser als fonft ift. Unter die- 
fer Bedingung find dann gewöhnlich die Knochenkerne 
der Seitenhälften unvollkopimner entwickelt. Die in- 
nern Blätter der Flügelfortfätze lenken fich gerade zwi- 
fcben diefe beiden Knochenftiicke, das mittlere und den 
grofsen Flügel ihrer Seite ein. Sie find verhältnifsmäfsig- 
zu den äufsern Blättern jetzt noch weit kürzer als in 

frii- 

I) Fig. 19. 50. 

a) rig. It. 22. 
j) Fi«. 19- M. 



625 

frohem Perioden. Der grofse Flügel ift fchon fehr 
atiSgöbiWet, der feieine aber noch gröfstentheils knorp^ 
Uch : indeffen hat (ich das Knochenftück an demfelben 
beträchtlich vergröfsert, und ümg^ebt das optiTche Loch 
Von aufsen und vorn ganz , von hiritert zum Theil. 
-"■' Bei einem etwas altern, ungefähr fech^mönatJicheri 
Fötus ift weder die Zahl , noch die Geftalt der Kno- 
chenftücke ganz diefelbe. Die erften findet man uiii 
tin Paar vermehrt. Alle bisher erwähnten Kno* 
chenftücke nämlich find, mit Ausnahme der innerften 
Knochenkerne des Korpers, die jetzt immer verfchmol- 
zen find, noch getrennt, und es hat fich ein fünftes 
Paar gebildet , fo dafs jetzt das Keilbein aus fil/Knö* 
chenßücken befteht "). Dietes fünfte Paar befindet fich 
in der innern Wurzel des kleinen Flügels , im Innern 
Umfange des Sehloches, wo es auf eine nicht unmerk- 
wOrdige Weife in derfelben Geftalt als das frühere, im 
äuCsern Umfange entftaadene, jetzt fchon beträchtlich 
Tergröfserte erfcheint und eine Stelle einnimmt , welche 
der, an welcher fich diefes zuerft bildet, gerade' 
gegenüber liegt. Es ift noch in vielen Knorpel verfenktj 
und das Sehloch hinten und innen noch blos von die* 
fem eingefchioffen. 

Die Formveränderungen der Knochenkerne des 
Keilblins find weniger wichtig. Alle vergröfsern fich, 
breiten fich aus, und rücken einander deutlich naher.' 
Vorzüglich deutlich nimmt man dies an den grofsed 



1) Flg. 3}. »♦. ^ 

M. d. jirekiw. 1. 4. 



026 -'•- 

und kleinen Flügeln wahr.. Die zuerft gebildeten, in- 
nern Knochenkerne der letztern krümmen fich beträcht- 
lich nach vorn und innen und bekommen nach vorn 
und aufsen eine kleine Spitze, fo dafs jetzt zuerft auch 
der Knochen einigermafsen die fchwerdtförmige Geltalt 
erhält, welche bisher blos der Knorpel zeigte, und 
welcher er den Namen des Schwerdtfortfatzes verdanl<t. 
Der grofse Flügel ifl beträchtlich breiter. Merkwürdig 
ift eine Bedingung, welche er darbietet , wenn fie nicht 
zufällig und individuell ift. Bisher nämlich war der 
groTse Flügel zwar fchmal , aber , die Oeffnungen zum 
Durchgange der Gefäfse und Nerven abgerechnet, ganz 
folide. Hier erfcheint zuerft eine anfehn liehe, f-aft feine 
ganze Breite einnehmende Spalte, die, mit Knorpel 
angefüllt , von dem Anfange des hintern Viertheils fei- 
nes äufsern Randes fich beinahebis in das runde Loch 
erftrecktv Bei einem fpätern Keilbein findet fich die- 
lelbe Spalte, nurlvleiner. Scheint es ziicht, als würde 
die Knochenbildung auch bei normaler Entwicklung in 
einem Theile gehemmt , ja als träte fie zurüq||^, in dem 
Maafse als fie an andern vorfchreilet? 

Im fiebenten Monat ift die Anordnung der Kno- 
chenkerne noch etwas verfchieden. Bei einigen, und 
namentlich den etwas jungem Fötus ift die Zahl der- 
felben unftreitig gröfser als in einet frühern oder fjätera 
Periqde. Ich habe nämlich bis auf dreizehn gefunden. 
So verhält fich z. B. das Fig. 2 — 5 abgebildete Keil- 
bein. Die grofsen Flügel beftchen aus den gewöhnli- 
chen zwei Kernen. Eben fo die beiden kleinen. 'Der 
Körper ift noch aus einem mittlem und awei .Seiten- 



627 

theilen zufaitimehgefetzt , und zwlfchen ihm und den 
beiden kleinen Flügeln liegen neben einander zwei dün- 
ne Knochenplatten. 

Etwas fpäter ift die Zahl der Knochenkerne um 
drei vermindert, und es finden fich daher nur zehn '). 
Die drei Stücke, welche den Körper früherhin bildeten, 
find zu einem einzigen zufammengetreten , das in der 
Mitte angefch wollen und zu beiden Seiten fchmalil't, die 
beiden, beim etwas frühern Fötus an der vordem Fläche 
des mittlem Theiles liegenden, haben fich gleichfalls zu 
einem einfachen, mittlem vereinigt, welches zwifchen 
ihm und dem innern Stücke der kleinen Flügel liegt. 
Das letztere hat fich fo beträchtlich vergröfsert, dafs es 
fiberall von dem äufsern nur noch durch eine dünn« 
Knorpelfchicht getrennt ift. Zugleich hat fich feine 
.rundliche Geftalt in eine viereckige verwandelt. Die 
übrigen Knochenftticke verhalten fich faft ganz wie bei 
dem vorigen Fötus. Die innern Blätter der Fliigeifort- 
ßtze find noch ganz getrennt, viel kürzer als die äufsern, 
platt , breit und viereckig , unten nur) wenig fchmaler 
und dünner als oben an ihrer Grundfläche. 

Hier alfo ift fchon Verringerung der Menge der 
Knochenkerne des Keilbeins eingetreten. Im achtea 
Monate vermindert fich diefe noch weit bedeutender, 
indem die bisher getrennten immer mehr verfchmelzen. 

Ziemlich zu gleicher Zeit findet man auf jeder 
Seile die beiden Knochenkerne, welche dengrofsen, clic^ 

Rr a 

Fig. ««. 



628 ^^^^^ 

welche den kleinen Flügel bilden , und endlich das vor« 
dfere und hitatere Stück des Körpers verwachfen , wo- 
durch die Zahl auf fünf, de'a grofsen und kleinen Flui' 
gel beider Seiten und den Körper herabkommt. 

Die Verwachfung des innern und iufsern Stückes 
des grofsen Flügels gefchieht fo , dafs die Vereinigungii' 
ftelle fich anfangs etwas über der Mitte befindet , nuf 
klein ift, fich aber allmählich nach oben und nach üü^' 
ten etwas vergröfsert. Der obere Theil ift der ScTu;/- 
de/ortßitz (proceffus vaginalis) der untere däs innere 
Blatt des ßügelförmigeii Fortfätzes, Das obere Ende 
des Scheidefortfatz^ ift jetzt noch Weif vom iniieriir' 
Kande des obern Stückes des grofsen Flügels getrennti 
die Spalte zwifchen dem äüfsern und innern Blatte 
febr anfehnlich, ihre ganze Höhe einnehmenii.' ■'•■'•"' 

Die beidea Hälften des kleinen Flügels verwach- 
fen erft vorn, 'dann hinten mit einander, hier erft, 
nachdem dort jede Spur einer ehemaligen Trennung ver-' 
fcJiwuhden'ift, Wie Fig. B 7, zeigt. 

Die Vereinigung der Körperftücke gefchiehl wahr- 
fcheinlich im Allgemeinen am früheften. 

Hierauf folyt eine Periode j'vvö das Keilbpin aus' 
vier Stücken befjeht , x^em Körper, den beiden grofsen 
Flügeln und den mit einander vereinigten kleinen^ y.- 
Wahrfcheinlich wenigftens geht jene Immer der fblgen-- 
den voraus. Hier il't das Keilbein aus drei Ktiochenftilckeri ■ 
zufammeugefetzt, einem mittlem und zvrtifeitlichen, von 
denen jenes aus den beiden vordem kleinen Flügeln iiricP 
dem Körper befteht , diefe die grofsen Flügel find; 

I) Fig. a». 



Wenigftens ift dies die gewöhnliche; Verknöche- 
rungsweife. Bisweilen aber findet fich die zuletzt ange- 
gebene Periode nicht, fondern die, wo das Keilbein aus 
vier Stöcken befteht , geht in eine andre , in welcher et 
aus zweien zufammengefetzt ift, über '). Diefe find 
::dann ein vorderes und ein hinteres. Das vordere be- 
fteht nujr aus den beiden verwachfenen kleinen Flügeln^ 
das hintere dagegen aus dem Körper und den großen 
'Flügeln, die unter einander verfchmolzen find. Eins 
'feltne Anordnung, die aber, in Verbindung mit dem 
tjmftande, dafs auch da, wo die beiden kleinen Flügel 
:.find der Körper verwachfen find, jene untereinander 
:fchon völlig verfchmolzen, von diefem aber immfer diu-ch 
.«ine oder mehrere Lücken getrennt find , die oben ge- 
3uf:$^te Vermuthung, dafs fie fich in der Regel yra/jer 
unter einander, als mit dem Körper verbinden, fehr 
-4u beftätigen fcheint. 

if ' ' • Aus drei , oder , weit feltner , aus zwei Stücken 
-befteht das Keilbein gewöhnlich beim reifen Fötus. In 
-den erften Monaten nach der Geburt verfchmelzeh auch 
tfiefe fo mit einander'), dafs es, unter der, erftem Bedin- 
gung , häufig anfangs aus zweien befteht , wovon das 
eine ntir aus dem grofsen Flügel der einen Seite, das 
andre aus dem Korper, den beiden verwachfenen klei' 



Fig. 19. 

s) So liabe icli ei \venigrtens in 30 — 40 Füllen gefehen, und ich 
bepeife dalier nicht, wie Herr HildcbraiiJt (der auch nicht 
einmal die Bildnnf; des Keilbeins aus/aii/ Knochenftückfn «r- 
wähnt , lägen kann , daft Seitentheile und Körper deffelbeti 
erft in 6 — 7 Jahren oocb der Geburt vtrwaciiXcn (Anat, 
Bd. I. f. 197) 



'630 

nen Flügeln und dem grofsen Flügel der andern Seite 
gebildet wird. 

f 78. 

Die Bildungsgefchichte des Keilbeins ift alfo kurz 
folgende: 

I ) Nebft dem Siebbeine entftehen unter allen 
Schädelknochen iitihm die Knochenkerne zuletzt. 

a) Die erften Knochenkerne entftehen in deu gro- 
ßen Flügeln, wo es nur aus zweien beCteht, im drit- 
ten Monat. Hierauf entfteht zuerft auf jeder Seite ein 
eigner Knochenkern, das innere Blate des mittlern 
Flügels, oder Flügelfortfatzes. Zunä'chft bildet fich 
auf jeder Seite ein Knochenkern im kleinen, oder obern 
Flügel; darauf, im vierten Monat, ein viertes Paar im 
Körper des Keilheins. Hiernächft entfteht neben die- 
fem erften Paare von Knochenkernen im Körper nach 
aufsen ein zweites. Darauf verwachfen die beiden in. 
nern. Bald darauf entfteht ein inneres Knochenpaar int 
kleinen qder obern Flügel, Hierauf zwei neue Kno- 
rhenkerne im Körper, vor dem mittlern , die Zeit, wo 
die Zahl der Knochenkerne am grüfsten, dreizehn ift, 
indem, mit Ausnahme der beiden mittlem Knochen- 
kerne des Körpers, noch alle nac;h einander entfteUende 
Kerne getrennt find. Von nun an vermindert fich diefe 
Zahl bedeutend, indem die bisher getrennten Knochen- 
ftacke verwachfen. Zuerft fliefsen die verfchiedenen 
einzelnen Knochenftücke, welche die drei grofsen 
Hauptabtheiiungen des Keilbeins, den Körper, die klei- 
nen und die grq/ie» ftög'e/ bilden , zufammen, darauf 



verbinden ßch die beiden kleinen Flügel unter einander, 
hierauf fie mit dem Körper, endlich diefes mittlere 
Stück mit deii grofsen Fliigeln. Hierauf eiitftehn erft 
lange nach der Geburt die Tuten (cornua fphenoidalia ) 
tiie fich erft fpät mit dem Körper vereinigen. 

3) Das Keilbein befteht alfo anfangs aus zwei, 
dann aus, vier, hierauf aus fechs, dann aus acht, hier- 
auf aus zehn , dann aus neun , dann aus eilf , hierauf 
aus dreizehn, dann wieder nur aus zehn, dann aus 
fünfj hierauf aus vier, zuletzt auf verfchiedne Weife 
aus drei Knochenftücken. 

4) Das Keilbein bildet fich daher nach tmd nach 
aus 16 Knochenftücken, indem die gro/Jen Flügel aus 
vier, die kleinen aus vier, der Körper aus acht getrenii' 
ten Stücken entfteht. 

5) Von diefen Thatfcichen haben Kerkr'ing und 
Pfesbitt angegeben, da£s fich anfänglich zwei, dann 
acht Knochenkerne finden, und diefe richtig dahin be- 
ftimmt, dafs die erften in den grofsen Flügeln, die übri- 
gen in den Flilgelfortfiitzen, in den kleinen Flügeln und 
im Körper entftehen. Fattori hat, ohne nähere Be- 
ftimmung , neun Knochenkerne angegeben. Eben fo 
war es bekannt, dafs das Keilbein einige Zeit vor der 
Geburt aus fünf, beim reifen Fötus aus vier oder drei 
Stöcken befteht, und die Tuten erft nach der Geburt 
entftehen, fo dafs man alfo annahm, dafs das Keilbein 
nach und nach aus zehn Stücken entftehe. 

Diefen Thatfachcn habe ich zugefetzt , a) dafs die 
Zahl der Knochenftilcke, aus welchen fich das Keilbeia 
allmählich bildet, Cch in der That auf 16 beläuft; 



632 

b) die Beftimmung der Zeitfolge und die allmäh-f 
lieben Veränderungen diefer Knochenftücke. 

Das ganze Grundbein entfteht daher allmählich 
aus 37 Knochenßücken und ift alfo unftreitig der auf- 
faüendfte Beleg zu dem Gefetze, dafs einzelne Theile, 
und namentlich Knochen fich allmählich von einzelnen 
^ittelpuncten aus entwickeln , und die niedere von der 
höhern Bildung fich durch Mangel an Centricität un- 
terfcheidet. 

Diefe Thatfachen find nicht blofs an und füt 
fich, fondern auch in Beziehung auf die Phyfiologie 
Infofern höchft intereffant, als fie merkwürdige Glei- 
Öhungspuncte awifchen der Entwicklung des Embryo 
und der Thierreihe darbieten. 

Der fpäteften Anordnung des Keilbeins> wo es 
mehr oder weniger aus einer vordem und einer hintern 
ilälf le befteht , entfpricht die Bildung deffelben bei den 
Süugthieren. 

Hieher gehört auch die Kleinheit und unvoll- 
kommne Entwicklung des Innern Blattes der Flügel- 
fortfätze beim Keilbein tier Säugthiere. 

Hier ift es in derTbat, wie fchon CuiJ^Vr richtig 
bemerkt hat '), fo viel ich weifs, immer in zwei Hälf- 
ten zerfallen, wovon die eine , vordere, aus den in der 
Mitte zufarnmengefloffenen obern oder kleinen Flügeln, 
die untere, hintere aus den grofsen Flügeln und dem 
Körper befteht. 



1) Vergl. Aaat. Bd. i. 



65S 

;:s-.' Diefe beiden Hälften find das ganze Leben hiat 
(broh nur durch eine Bandknorpelmaffe in der Mitt* 
verbunden. 

§. 79- 

'^~ Das Keilbein bietet fowohl in Hinficht auf fein» 
Form, als auf die Zeit, in welcher es feine verfchiedncn 
Entwicklungsftadien durchläuft, und die Zahl def 
Knochenftücke , aus welchen es fich zufammenfetzt , b« 
den verfchiedenen Säugthieren nicht unintereffante Ab« 
weichungen vom menfchlichen Typus dar. 

l) In Bezug auf feine Form kann man bemerken, 
daCs es zwar im Verhältnifs zu den übrigen Kopfkno- 
chen, bei allen ungefähr gleich grofs ift, aber feine 
verfchiedenen Theile unter einander nicht diefelbe vei*- 
hältnifsmäfsige Gröfse haben. Im Allgemeinen find di« 
Tordern Flügel gröfser als die hintern, und der Körpeir, 
'mithin das vordere Keilbein weit grüfser als das hintere. 
So verhält es fich wenigftens beim S'chwein und den 
Wiederkäuern ' ). Bei den Nagern , wenigftens beim 
^arhfter und dem Kaninchen , eben fo bei der Katze, 
Ift zwar das hintere gröfser als das vordere, allein im- 
itier ift doch jenes verhältnifsmefsig beträchtlicher. 
Sei der Katze') ift das Verhältnifs am menfchenähivi 
lichften. 

3} Die Zahl der Knochen , aus welchen das Keil- 
bein bei den Säugthieren liach und nach entfteht, kann 
ich nicht mit Gewiüsheit angeben: indelTen finden fich 



F'g- )>• Keillxin tinti KuUütai. 
1) Fig. )o und 31, 



634» — ■ 

in frühen Perioden die fünf HauptknOchen , woraus es 
beim achtmonatlichen menfchlichen Fötus befteht. Viel- 
leicht ift die Zahl der Knochenkerne geringer, weil das 
Keilbein, wie alle übrigen Schädelknochen , kleiner als 
beim Menfchen ift, und überdies die innern Platten der 
Flügelfortfätze fehr unvollkommen entwickelt find. 
Doch glaube ich , dafs diefe als ein eigner Knocbenkeni 
entfteht, indem ich fie bei Kuhembryonen nur in einem 
fehr kleinen untern Theile mit der äufäern verwachfen 
gefunden habe. 

3) In Hinficht auf die Zeit, in welcher fich die 
verfchieJenen Knochenkerne vereinigen , gilt daffelbe, 
was ich fchon fiir mehrere andre Knochen , namenilich 
mehrere Wirbel und das Bruftbein bemerkte. Die Aus- 
bildung der einzelnen Knochenftiicke geht wenigftens 
bei den meiften rafcher vor lieh, wenn gleich der ganze 
Knochen, fofern er d^s ganze Leben hindurch in eine 
vordere und hintere Hälfte zertheilt bleibt , nicht die 
Höhe der menfchlichen Form erreicht. 

Schon bei fehr kleinen , höchftens 2^ Monat alten 
Schweinen, bei fehr jungen Kaninchenembrjonen find 
die beiden vordem Flügel unter einander völlig verbun- 
den, während fie beim Menfchen erft fehr fpät , gegen 
das Ende der Seh wangerfchaft, verfchmelzen. Zuerft 
gefchieht die Verwachfung in ihrem hintern, weit fpä- 
ter auch im vordern Theile. Später, aber gleichfalls 
lange vor erlangter Reife , verwachfen auch die grofsen 
Flügel mit dem Körper. 

Bei der Katze findet ein entgegengefetztes Ver- 
hältnifs Statt. Die kleinen Flügel mögen zwar früh 



63S 

inter einander verwarhfen; allein noch beim reifen 
?ötus find die grofsen vom Körper getrennt , und ciais 
Keilbein befteht daher hier noch aus vier, den verei- 
ligten kleinen Flügeln, den grofsen, und dem Körper '), 
Wie bei den übrigen Thieren in frühern Perioden, und 
ermuthlich auch beim menfchlichen Fötus immer zwi- 
ichen der Periode , wo es aus fünf und der, wo es aus 
drei Stücken befteht. Bald nach der Geburt verwach- 
'en aber auch bei der Katze die beiden rofsen Flügel 
mit dem Körper, wo dann, wie während des ganzen 
Lebens, hier diefelbe Bildung als bei den übrigen Säug- 
thieren Statt findet'). Diefe Verfchiedenheit hängt 
höchft wahrfcheinlich von der Gröfseverfchiedenheit 
der hintern Flügel ab , die bei dem Menfchen und der 
Katze fehr grofs, bei den übrigen Säugthieren fehr 
lUein und. 

- Vom Schlafbein. 
$. 80- 
Das Schlafbein hat mit einem Wirbel weniger auf- 
fallende Aehnlichkeit als die bisher betrachteten Kno- 
chen; allein doch kommt es durch Zufammenfetzung 
aus einem bogenförmigen Tbeile, der Schuppe, und 
einem dickern, untern, tiOr perförmigen, dem Felfen' 
theile, mit ihnen fehr deutlich überein. Auch die Ver- 
knöcherungsweife ift diefeJbe, fowohl der Zahl der 
Theile , aus welchen , als der Ordnung nach , in wel- 
cher fie entftehen. 



i) Fig- }o. 
1) Fig. 31. 



Ä56 

Zucrft bildet fich die Schuppe, und, wie die 

Schnppe des Grundbeines und der Wirbel, von unten 

nach oben, um die Mitte des dritten Monates. Der 

Jochfortlatz entwickelt fich bald fchon fehr beträcbb- 

iich,, während die eigentliche Schuppe noch fehr unb»- 

.deutend ift. Bald bildet fich auch derTronimelfellring, 

noch vor Ablauf d^s c|ritteq, Monates , ehe noch eine 

Spur von Verknöcherung ini Keilbeinftück unil im Za- 

pfentheile des Hinterhauptbeinftückes entftanden ift. 

Im vierten Monat nimmt die Verknöc.herung im Felfen- 

theile ihren Anfang. Dies gefchieht wepigCtens aa 

zwei Stellen , vorn , und innen , und hinten und aufsen. 

Die- letzte Stelle kann man als einen eignen Knochen- 

,kern für den Zitzentheil anfehen, der aber zugleich zur 

Bildung des horizontalen Bogenganges beiträgt, und mit 

dem vordem verfchmilzt. Man kann daher mit Recht 

fagen , dafs der Zitzentheil als ein eigner Knochenkera 

entfteht , mithin das Schlaf bein fich nicht, wie man ge- 

-wöhnlich ansieht, aus vier Knochenkernen, der 

Schuppe, dem Felfentheil , dem Ringe und demGriJ/el, 

fondero aus /""/ bildet, indem zu jenen noch der 

Zu^entheil kommt. 

Diefe Entftehung des Zitzentheiles aus einem eig- 
nen Knochenkern ift mir befonders infofern merkwür- 
dig , weil fie den Grund einer fehr ungewöhnlichen &- 
fcheinung, der Trennung des Zitzentheiles von dem 
übrigen Schlafbein, enthält. Diefe Abweichung vom 
Normal hat meines WiCfens, nur Kelch ' ) befchrieben. 



l) Beitr. zur pitliol. Anat. Bcrl. iti]. 



Ä37 

üiid ich fchliefse theils daraus, tlieils aus dem Um-.: 
ftande, dafs ich fie unter 350 Schädeln, die jch vor 
mir habe, nur einmal finde, auf ihre Seltenheit. 

Hieher gehören wahrfcheinlich auch unvoUkomm^ 
ae Näthe, die man weit häufiger im Zitzentheil findet. 

f 81- 

Die Entwicklung des innern Baues des Schlaf- 
beins, fofern es Sitz des Gehörorgans ift, zu befchreit 
ben , liegt aufser meinem Plane. Die Entwicklung der 
Qbrigen Schädelknochen , der Scheitelbeine , des Stirn.' 
beins y des Riechbeii2S, ift, weil fie fehr einfach, 
und auch wegen der Lage derfelben leicht zu unterfu- 
hen ift, hinlänglich bekannt, um keines weitern Zi^- 
fatzes zu bedürfen. 

$• 82. 

Die allgemeinften Refultate, welche fich aus der 
Betrachtung der Entwicklung der Wirbel- imd Schä. 
delknochen ergeben , find : 

1) Die Halswirbel kommen in frühem Perioden 
durch den Gang der Entwicklung, fofern fich an dea 
meiften von ihnen," wenn auch nur fehr im Rudiment, 
den Rippen ähnliche Knochenkerne finden, die nachher 
mit den übrigen Theilen zu einem Ganzen verfclunel- 
zeii, mehr als in fpätern mit den Rückenwirbeln 
Uberein. 

3) Von den übrigen Halswirbeln machen das erfta 
und zweite ilcn Uebergang zu den Kopfwirbeln. Der 
Zalmfurtfatz des zweiten, fcheint dea vordem odtr 



638 

kleinen Flügela des Keilbeins zu entfprechen , und der 
erfte Halswirbel erinnert durch den, bisweilen an der 
Vereinigungsftelle zwifchen den beiden Bogenhälften 
vorkommenden Knochenkern an die Hinterhaupt 
fchuppe. 

3) Die Saugthiere unterfcheideir Geh in HinGcht 
auf die Entwicklungsweife der Wirbel, der Schädel 
Knochen und des Bruftbeins vom ]\5enfchen vorzüglich 
infofern , als die kleinern einzelnen Knochenftiicke, 
aus welchen fie fich allmählig biklen , zwar früher er- 
fcheinen , zum Theil auch , vorzüglich die der rechten 
und linken Seite, khneller unter einander verwachfen, 
die ganzen Knochen dagegen das ganze Leben hin- 
durch häufig in mehrere einzelne Stücke getrennt 
bleiben. 

Belege hiezu find auf der einen Seite die frühzeitige 
Entftehung des Körpers des erften Halswirbels, die 
fchnelle Vereinigung der beiden kleinen Flügel des Keil- 
beins unter einander, der beiden grofsen Flügel mit dem 
Korper deffelben Knochens, die frühe Ausbildung des 
Bruftbeins ; auf der andern Seite dagegen die beftändige 
Trennung der vordem und hintern Keilbeinhälften, die 
lange Nichtvereinigung der obern und untern Hälfte 
der Hinterhauptfchuppe bei allen Säugthieren, das 
Beftehen der letztern Anordnung bei einer fehr anfehn- 
lichen Menge. . . 

Den Beifpielen, welche den erften Theil diefes Satzes 
beweifen, kann man noch die frühe Vollendung der Nä- 
tJhe zufetzen , die ich bei den meiften reifen Säugthier- 
fOtus fchon beinahe ganz verfchloffen und ohpe Spuc 



von Fontanellen gefutfden habe, und die unftreitig mit 
der geringen GrOfse ihres Gehirns und der Kleinheit ih- 
res Schädels im V'erhältnifs zum mütterlichen Becken 
zuüimraenhä'ngt. '. .'. . . 

Ganz allgemein kann man fagen, dafs bei den 
Säugthieren eine gröfsere Neigung zur Vereinigung der 
beiden Seitenhälften , beim Menfchen dagegen feine ftär- 
kere. zur Vereinigung der vordem und hintern Gegen- 
den Statt findet. Alle angeführten Thatfachen haben 
Riefen Charakter , und man kann ihre Zahl noch leicht 
vermehren. So verwachfen bei vielen Säugthieren die 
Scheitelbeine regelmäfsig zu einem, eben fo verfchmel- 
zen die Oberkieferbeine bei mehrern, die Ankylofe der 
Schambeine ift bei ihnen gewöhnlich. Alle diele Er- 
fcheinungen find beim Menfchen nur feiten. Die Ent- 
ftehung der Bruftbeinkerne aus einem Stücke, .der 
Mangel des Rippentheils des fiebentcn Halswirbels, di« 
geringere Wölbung der Ri],pen find völlig analoge Er- 
fcheiiiungen , die alle aus dem allgemeinen Gefetze flie- 
fsen, dafa der Körper der Säugthiere mehr in die Lange 
geftreckt, weniger in die Breite ausgedehnt ift als dei: 
irenfchliche , zum abermaligen Beweife, dafs fich der 
Hauptcharakter des Typus durch alle Theile des Or?a- 
nisinus crfireckt. . _ 



640 



t, " 



1 n t e 1 1 i g e n z h l a t t. 



I. Ein Fall von mehreren taubftummen GefchwifterRi 
Von Najfe. -^A 

Irt dfer Nachbarfchaft von Bielefeld, im Kirdifpiel Jöl- 
tenbek leben zwei arme Bauersleute, die faft lautelr 
Uub£tutniiie Kinder haben. So viel diefen Leuten be« 
kiannt ift» baben weder ihre Vorähern noch ihre Sei« 
tenverwandten an Taubheit oder Taubftummheit gelitten; 
auch fie felbft und beide völlig gefund am Gehör. Die 
Schwangerfchaften der Frau find fämmtlich von Aufsen 
ungettört vorübergegangen; und fo allgemein der Glaube 
ata das fogehannte Verfehen hei dem gemeinen Manne 
unTerer Gegend ift , fo wufste die Frau doch nichts anzu- 
geben , woran fie fich etwa verfehen haben könnte. Der 
Vater der Kinder war fonft gefund , leidet jetzt aber an 
Gicht und Gefcbwüren. Vor zwan;i:ig und mehr Jähren, 
wo noch keines der taubftummen Kinder geboren war, 
fiel er vom Boden, ohne jedoch für die Dauer merldiphen 
Schaden zu nehmen. 

Die Zahl der von den Leuten erzeugten Kinder ift 
zehn^, wovon Geben am Leben , drei todt find. Die zu- 
erft seborenen vier waren taubftumm ; dann folgte ein hö- 
rendes. Von den hierauf geborenen fünf, find drei noch 
lebend und taubftumm; die beiden anderen ftarben fo 
früh dafs fich der Zuftand ihres Gehörs nicht mit völli- 
eer Gewifsheit erkennen liefs. Der^ Anfchein nach wür- 
den fie jedoch beide, wie die Aeltern meinen, ebenfalls 
teubftUDim geworden feyn. 

Wie 



- — -'^■- 641 

■ ' Wie der Fall überliaupt, fo dürfte an demfelben auch 
befonders der Umftand merkwürdig feyn , dafs das eine 
hörende Kind bei unferm Aeltempaar grade in die Mkte 
der Zeugungen fällt. Andere haben bereits die Bemer- 
kung gemacbt , dafs mit Bildungsfehlern zur Welt gekom- 
mene Kinder häufig Letztgeborene waren. Aber es ünden 
üch , den bisher aufgezeichneten Beobachtungen zufolge, 
doch auch manche Erftgeborene unter dergleichen Kin- 
dern. So waren die beiden von W. Hunter beobachteten 
blaufüchtigen Kinder Erftgeborene ; meine Kranke ift es 
u. L w. Auch von Thieren fcheint diefe Bemerkung zu 
gelten. Eier mit fchwanzförmigen Anhängen, oder mit 
mehrfachem Dotter kommen nach Tiedemann (Zoologie, 
Th. 3. S. 123 und 127) vorzüglich bei zum erftenmal 
legenden Hühnern vor. Fälle, wo von mehreren Ge- 
Ichwiftem die mittleren regelmälsig, die anderen aber 
regelwidrig gebildet waren, findet man unter den in 
Meckels pathologifcher Anatomie angeführten. Und hie- 
nach fcheint denn, dafs die bildende Kraft in der Mitte 
der Zeugungen am vollkommenften zu wirken vermöge. 
Am fchwächfien wirkt fie in der Kegel wohl bei den letz- 
tien Zeugungen, wie denn allerdings die gröberen Bil- 
dungsfehler weit häufiger bei Letztgeborenen als bei Erft- 
«>eborenen TorkommeÄ. 



II. Ueber einige Abnormitäten der Knochen. Von 
/. F. Meckel. 

Da fich auf der fechften Tafel gerade noch überflüni- 
«er Raum fand, f9, bildete ich einige weniger gewöhn- 
liche Knociienabvreichuiigen aus meiiier SamiiiJung ab, 
deren ich beiläufig fchon b»i einer andern Gelegenheit 
M. d. Arlhiv. 2. 4. Ss 



642 

in meiner Abhandlung über das monftröfe Doppeltwer- 

den gedacht habe. 

Fig. 36. ftellt eine überzählige Rippe dar, die theilt 
wegen der Stelle, die fie einnimmt, theils wegen ihrer 
Verbindung merkwürdig ift. 

Sie liegt nämlich über der erften Rippe, und verbin-' 
det fich an ihrem vordem Ende mit diefer , ftatt dafs bei 
Weitem am gewöhnlichlten die überzählige Rippe unter der 
swölften Hegt, und an ihrem vordem Ende frei ift. 

Diefe überzählige Rippe ift offenbar die vergröfsertf 
Sind von dem übrigen Knochen getrennt gebliebene vor«^. 
dere Wurzel des Querfortfatzes des üebenten Halswir-,. 
bels, indem fie auf diefem fitzt, und die Zahl der. 
Wirbel die gewöhnliche ift. Sie bat daher Aehnlichkeitr 
mit den obern Rippen der Vögel , die auch nicht bis zum 
Bruftbeln reichen, und man kann in der That fagen, 
dafs fich hier dreizehn Rückenwirbel und nur £ecl]|| ., 
Halswirbel finden. 

An der Stelle , wo< fie fich mit der gewöhnlichen er- 
ften Rippe verbindet, fchickt diefe einen Gelenkfortfatai 
nach oben ab , an welchen die überzälilige Rippe mittellit , 
eines Kapfelbandes beweglich geheftet war. Diefe V^i^j'. 
bindung der obern Rippen unter einander, die man bei' 
diefer Art des Mehrfaehvverdens derfelben lauch in andern 
Fällen fand, ift befonders infofem merkwürdig , als fie 
an die Verwachfung der_Seitentheile der über einander 
liegenden Heiligbeinwirbel erinnert, welche den untern 
TheU der Wirbelfäule bilde, wie jene fich am obern be- 
finde. In der That fcheint fie auf demfelben Grundelzu 
beruhen, aus welchem die Aehnlichkeit zwifchen oberer 
und unterer Korperbälfte fliefst,' «uf dem Herrfchen einer 
•polarifirenden Kraft im Organismus. Dies erfcheint defto 
tichtiger, wenn man erwägt, dafs aticfh di« einzelneh 



643 

W^ll«) idet Heiligbeins , wenigftens die drei obern , grS- 
Ss^ra. aus fünf Knochenftücken entliehen, einem mittlem 
Ijnd zwei feitlichen Paaren, von denen das vordere, zwi- 
Icben dem Körper und dem hintern Paare liegende ff Jjr 
.deutlicb den Rippen entfpricht. 

Indellßn kommen Vereinigungen diefer Art nicljt blols 
den obern Rippen zu. Mehrere Beobachter führen Fälle 
an, wo fie auch zwifchen andern Statt fand, und ich 
felbft habe kürzlich bei einer vvreiblichen Leiche die fechfte 
und liebeme Rippe hinten, in der Gegend des Wirbels 
durch zwei einander entgegenkommende Fortfätze be- 
weglieh verbunden gefehen. 

Der Umftand aber, dafs diefe Vereinigung der Rip. 
pen nicht blofs auf die oberften befchränkt ift , beweift 
nichts gegen die zuerft aufgeftellte Anficht, fondern reiht 
lieh nur an die Erfcheinungen , welche ein andres Gefeta 
erwiefen, das nämlich, dafs im Organismus eine mehr- 
malige Wiederholung derfelben Formen Statt ündet. 
Aulser mehreren analogen Erfcheinungen diefer Art, die 
ich fchon anderwärts zufammengeftellt habe, kann man 
hier bemerken, dafs der Kopf mit den Halswirbeln, die 
Bnifthohle mit den Lendenwirbeln, die Heiligbeine und 
die Seltcnwandbeine mit den Steifsbeinen, eine dreima- 
lige Wiederholung deffelben Typus find, nach welchem 
anfänglich der ganze Körper gebildet ift, und den auch 
elneMenge anderer Organe zeigen, einer an ihrem untern 
Ende in eine fchwanzartige Verlängerung auslaufenden 
rundliehen Geftalt. 

Erinnert man fich an diefes Gefelz , fo erfcheint die 
bisweilen vorkommende Verfchmelzung der Rippe über- 
haupt infofem lehr merkwürdig, als Ce offenbar eine 
Vermehrung der Verähnlichung zwifchen den beiden an- 
geCohwoUnen Theilen der mittlem und der untern jen^r 
drei Wiederholungen delTslben Bildungst}-put ift. 

Ss 2 



Aufserdem find cliefe Verbindungen der Rippen 
'^urch obere und untere Gelenkfortfätze auch deshalb 
intereflant, weil durch He die Analogie zwiTchen der vor- 
dem und hintern Fläche des Korpers vermehrt wird , in- 
dem bekanntlich die Knorpel der untern wahren, und der 
öbern falfchen Rippen auf diefelbe Weife beftändig mit 
einander verbunden find. 



' "' 'Fig. 37. iTt der vordere Theil eines Hinterhauptfaeinf, 
Ton unten angefehen, merkwürdig wegen der Anwe- 
fenheit eines dritten mittlem GelenWortfatzes zwiTchen 
den beiden gewöhnlichen , die hier etwas kleiner als ge- 
wöhnlich, aber beträchtlich gröfser als der mittlere find,' 
Diefe Bildung iTt fehr feiten, indem ich fie un- 
'\ef mehr als 400 theils einzelnen Hinterhauptbeinen, 
theils ganzen Schädeln nur einmal Ende, und nicht 
blofs wegen der dadurch vermehrten Feftigkeit des Hin- 
terhauptgelenkes , Tondern aufserdem, und vorzüglich, 
wegen der dadurch bewirkten Aehnlichkeit mit der An- 
ordnung diefes Gelenkes bei den Vögela, der meiTten 
Reptilien und den Fifchea merkwürdige wo fich liur ein 
einlacher Gelenkfortlatz am Hinterhauptbein iindet. 



in. Beträchtliche Vergröfserung der ZirbeldrOfe. 

Die regelwidrige Vergi-öfserung der Organe iTt ein* 
höchft intereffante Erfcheinung , welche ich nach ihren 
vorzüglichften Momenten im zweiten Bande meiner pa- 
thologifchen Anatomie betrachtet habe. Der Güte eines 
der geachtetften hieligen Aerzte, des Herrn Eh-, Ulrich, 
verdanke ich unter mehreren merkwürdigen Fällen, 
welche meine SsAmlung zieren:, .äjwh eine äüfsetördenti - 



615 

'Kchf'vtrgVSrserte Zirbeldrüfc , die ficli auf der fünften 
Tafel Fig. 4 und 5 abgebildet findet, und deren G«- 
fcfaichte er wiir mit folgenden Worten iiiitgetheilt hat. 

Müller, ein Knabe, blond von Haaren, etwa 9 Jahr 
alt, hatte einen zärtlichen Korperbau, bei welchem 
^doch jeder Theil des Körpers zu dem andern iu vülligem 
Ebenmaafse ftand. Der Bau feines Schädels war mehr 
OTaler als kugelförmiger Geftalt, die Stirnknochen nicht 
ftark hervorftehend , die Känder derfelben nicht pro- 
minirend , wodurch fonft Tiefe der Augen bewirkt wird. 
In dem Baue feines Kopfes fprach iicli daher weder die 
Krankheit noch die Anlage zu derfelben aus, von welcher 
ich weiterhin erzählen werde. 

IVlafern und Scliarlach, die zu einer Zeit (vor einigen 
Jahren) liier epideraifch waren, überftand er leicht und 
gut, auch ohne weitere Hchtbare Folgen. Die Entwick- 
lung feines Verftandcs nahm früher fchon als gewöhnlich 
einen fehr thätigen Gang. Ein halbes Jahr vor fei- 
nem Tode wnrde der fonft immer heitre und muntre 
Knabe , ohne äufsere Veranlaffung , trübünnig und lau- 
nig, verdrüfsüch und unartig. Späterhin als er auch das 
EITen rerfchmähete, wurden die Aeltem aufmerkfamei-, 
und meinten, ihr Kind mülste wohl krank am Körper 
feyn, deshalb wurde ein Arzt um Kath gefragt. Aus 
einigen fichtbaren Zeichen vermuthete diefer, dafs \vohl 
Würmer diefe Erfcheinungen hervorbringen möchten, 
deshalb wurden die bei diefer Krankheit empfohlnen 
Mittel gereicht. Kein Fort- oder Abgang von diefen Gä- 
ften war bemerkbar. Das Kind klagte jetzt befonders 
über Kopf- und Leibweh, es blieb bald feft liegen. Ein 
zweiter Arzt wurde geholt. Beftändiger, anhaltender 
Schmerz auf der linken Kopffeite, öfters Erbrechen, Ohn. 
machten, Fieber, Befinnungslofigkeit, Zähnknirfchen 
u. f. w. zeigten diefem nur zu deutlich , dafs er es hier 



646 

mit einer GeWfnkranliLheit zu ttun habe. Alle hier g» 
bräuchlichen Mittel fruchteten nicht, der Knabe Itarb, 
nachdem er viele Schmerzen erduldet, unter Convulilonen 
in einer TöUigen BewuTstlofigkeit, die vier Tage angehal- 
ten hatte. Die Oeffnung des Schädels, welche auch wäh» 
rend der Krankheit nicht verbildet worden war, zeigte 
folgendes. 

EKe Knochen hatten die diefem Alter gewöhnliche 
Stärke , die Gehirnhäute waren gefund , das Gehirn in 
leinem obem Zufammenhange feft und ebenfalls von ge- 
funder Farbe. Beim Einfehneiden in die Gehirnhöhlen 
flofs aus ihnen g,egen vier Unzen einer wafferhellen und 
dünnen FlüffigUeit. Die fonft erbfengrofse Zirbeldrüle 
war von auffallender Gröfse, beträchtlich hart, höckerig, 
durchaus homogen, nur ftellenweife mit Ideinen Zellen 
verfehen, mit einem gelben, eiterähnlichen Schleim 
umgeben. Weder weiter in dem Gehirne, noch auf 
der Grundfläche des Schädels fand iich Eiter oder Kno- 
chenkrankheit. 



647 



Erklärung der Kupfertafeln. 



T a f. V. 

-Tig. I. Der rectte Eierftock eines viersigiihrigeh Wei- 
bes, mit Fett, Haaren und Zähnen. 
a) Der geöffnete Balg, 
i) Fett und Haare, 
c) Ein unregelmäfsiger in der Subftan* des Balget 

feTtützender Knochen. 
i) Ein in demfelben fitzender Backzahn, eee) Bälge, 
* ■ die an der äulsern Fläche des grofsen Fettbalges 

auffitzen. /) Rechte Trompete, f) Breites Band. 

A) Saamengef äTse. 

Fig. 2. Derfelbe, die Nebenbälge geöffnet. 

•) 6) <0 O hat diefelbe Bedeutung als in der Torigen 
Figur, f) und g). find kleinere , in den obe^fteh 
der kleinen Nebenbälge «geöffnete Höhlen, Ver- 
längerungen Ton e. K) Rechte Saamengefäfse. 
i) Rechte Trompete. JtÄ) Unregelraäfsige Knochen, 
cde in den beiden grölsera Nebenbälgen te auf- 
fitzen. 

Fig. 3. Ein in der Augenhölile eines 17jährigen Knaben 
feftfitzender , einen Zahn enthaltender Balg. 
•) Hintere Abthelluiig, welche den Zahn enthält, 
i) Vorder« AbthcUuxig. c) Stelle, wo der Zahn 
•uflüc. 



648 .^^.— -. 

Fig. 4 — 5. ZirbeWröfe aus dem Gehirn eines hydro- 

cephaJLfchen Knaben. 
Fig. 4, Aeufsere Oberfläche. Fig. 5. Durch fchnittfläche. 
aaaao) Kleine, mit einer wäfsrigen Flüffigkeit an- 
gefüllte. Vertiefungen. 

T a f. VI. 

Fig. I. Erftcr Halswirbel eines zweijährigen Kindes, 
von oben. 
aa) Seitentheile. A) Vorderer Bogen, ccc) Knochenkerne 
in ' demfelben. d) Knochenkef n zwITchen den 
hintern Enden beider Bogenhälften. 

Fig. 9. Erfter Halswirbel eines vierjährigen Kindes 
von vom. 
«o5 Seitentheile. *j Kövper. c) Knochenlccrne zwi- 
fchen dem Körper und rechten Seitentheile. 

Fig. 3 — 9. Zweiter Halswirbel. Fig. 3. Von einem fechs- 

, monatlichen, 4. einem Jlebenmonatlichen, 5. einem 

achtmonatlichen menfchlichen Embryo. 6 und 7, 

von einem neunmonatlichen , 8- von einem dreijäli- 

irigen , 9. von einem vierjährigen Kinde. 

Fig. 3- 4. 5- 6. 8- 9. Ton vom ; Fig. 7. von unten. 

Fig. 10. Fünfter "^ ... 

„\ . / Halswirbel eines neunmonatlichen 

Flg. II. Sechfter S. 

_. „. , I Kindes. 

Fjg. 12. Siebenter, \ 

aa) Seitentheile ; 4) Körper ; et) ZwlFchenknochenkeme 
zwifchen Körper und Seitentheilen. 

Fig. 13. Sechfter Halswirbel eines vierjährigen Kindes. 
. ßo) b") e) wie beim vorigen. 

Fig. 14 — 39. Menfchliche Grundbeinc vom dritten Mo- 
nat der Schwangerfchaft bis zur Keife des Fötus. 



■ m 

aa) Grolse FlügeL **) Erlte, äuIseYe Knochenkeni» 
in den kleinen Flügeln, cc) Inneres Blatt der un- 
tern Flügel oder Flügelfortfätze. dd) Erftes Paar, 
Knochenkeme im Körper, ee) Zweites Paar Kno- 
chenkerne im Körper, /f) Zweites Paai- Knochen-, 
kerne im Ideinen Flügel. gg) Knochenkerne 
Zwilchen dem Körper und dem innern Paar der 
'■ kleinen Flügel. AA) Untere, iV) obere Hälfte 

*" " der Schuppe des Hinterhauptbeins, k) Drittes, 
l) viertes Knochenpaar der Schuppe des Hiiiter. 
hauptbeins. mm) Gelenktheile. n) Zapfentheil 
deffelben Knochens. 

f 
Rg. 14. Grundbein eines ungefähr zehnwöchentlicheii 

Embryo. 
Fjg. 15. Grundbein eines eilfwöchentlichen Embryo. 
Fig. l6u. 17. Grundbeia eines dreimonatlichen. Fig. 16. 

von oben. Fig. 17. von unten. 
Fig. I8- Keilbein eines ungefdlir viermonatlichen Em-.. 

bryo von oben. 
Fig. 19.20. Aus der Mitte des fünften Monates. Fig. 19. 

von oben. Fig. 20. von unten- 
Fig. 21. 22. Ende des fünften Monats. Flg. 21. von 

oben. Fig. 32. von hinten. 
Fig. 23. 24. Mitte des fechften Monats. Fig. 23. von 

oben. Fig. 24. von Junten. 
Fig. 25. Ende des fechften Monats , von oben. 
Fig. 26. Siebenter Monat, von oben. 
Flg. 27. Achter Monat, von oben. 
Fig. 38- Im neunten Monat , von oben. ' 

Fig. 29. Bald nach der Geburt, von oben. 
Fig. 30. Keilbein eines reifen Katzenfötus, a) Grofse 
Flügel, ti) Kleine Flügel. «Q Körper. 



050 »«^■^^■■^■.^■.^i 

Rg. 31. Einige Woclieh alte Katie. a£) Hinteres, 

i) Tovdei-es Keilbein. 
Fig. 33. Sehr junger Kuhfotus. aaii) Hinteres , J) Tor. 

«leres Keilbein. 
Tig. 33. Erfter Halswirbel «nes neugebomen Hundes. 

aa) Seitentheile. 4) Körper. 
Fig. 34. u. 35. Erfter Ruckenwirbel eines unreifen 
Schweinsfötus. Fig. 34. von vorn. Fig. 35. von 
der Seite. 
«M^ SeitentheUe. 4) Körper, c) Eigner Knochenkem 
im Dornfortfalze. 
Fig. 36. Ueberzählige linke menfchliche Rippe, aa) Ge« 
wohnliche erfte. 4. c. d. e. Ueberzählige , über ihr 
liegende. 4) Körper, c) Köpfchen, d) Höcker- 
chen. e) Vorderes Ende, f) Gelenkdelle der er- 
ften Rippe , worauf üe fich mit dem vordem Ende 
•) der überzähligen verbindet. .,^,. 

Fig. 37. Hinterhauptsbein mit merkwürdiger vogelähn^ 
lieber Abweichung der Gelenkfortfätze vom Normal. 
Von unten. 
«) Zapfentheil. 4) Gelenktheile. cc) gewöhnliche 
Gelenkfortfätze. d) mittlerer, kleinerer, unge- 
wöhnlicher, e) Hinterhauptsloch. 



m 



Inhalb des ersten "Bandes. 



ErftesHeft, 

I. Ueber die Entivicklung der CentraltheUe des Ner- , 

venfyftems bei den Säugthieren. Vom Profc^>; 

- , . . Meckel . . . . , Seitei i 

II. Ueber das Blut, von Davy . . • 109 
Erklärung der Kupfertafeln ... - I44 

Intelligenzblatt. 
■ _ J. Verfuche , welche die, von einigen bezweifelte 
Einfaugung durch die Haut zu beweilen fchei- 
nen. Von /. Bradner Stuart von Albany. . Seite 151 

II. Unterfuchungen, welche zu beweifen fcheinen, 
dafs der Fötus das Schafwalfer athmet. Von 
Biclard. Vorfteher der anatomifchen Arbeiten 

an der tnedicinifchenFacültät zu Paris . - 154 

III. Beiträge zurKenntnifs der Struclur des Auges. .; 
Von Edwards. . . . . • 155 

IV. Ueber einige Puncte aus der Gefchicbte der 
Hüllen des Fötus. Von Dütrochet . - 156 

V. Ueber die Berpirationsorgjiive.;4er...Q>U$tol* ;.< 
Von Latrtille. , ••-:i;-. j.^ (ii. *>v :ir,iiff?v357 

VI. Ueber die Urfache der rothen Farbe des Blute» 158 

VII. Ueber eine unvollkommene Bildung der Fin- 
ger. Von Kellte IS9 



(558 -- — ^- 

Zweites Heft. 

I. Beobachtungen über das NervenTyrtem und die 
fenüblen Erfcheinungen der Seefterne. Von Frie- 
drich Tiedemann. (Hierzu Fig. 1.) • • Seite l6l 

II. Einige Bemerkungen über dii» Wirkungsart und 
chemifche Zufammenfetzung der Gifte. Von Dr. 
Emmert , dem Aeltern . . . . - 1 76 

III. Eine pliyßologirch- optilche Beobachtung. Von 
dem im Jahr 1814 verftorbenen Doctor legen« 
/. T.' Sacks , ordentl. Mitgliede der phyfika]. med. 
Societät. Mitgetheilt vom Geh. Hofr. und Prof. 

J Maries . . . . . i - I88 

fV. Bemerkungen über einige GegenTtände der thie- 

- -rifchen Chemie. V^n Dr. Sigwart zu Tübingen - 20» 
V. Beitrag zur Gefchichte der Bildungsfehler des 

Herzens, welche die Eildung des rothen Blutes 
hindern. Von /, F. Meckel . . . - 321 

Intelligenzblatt. 

I. Ueber den Verlauf der Arterien und Venen. 
Von /. F. Meckel Seite 285 

- ' II. Beitrag zur Entwicklungsgefchichte des Dann- 

kanals. Von /. F. Meckel . . - 293 

in. Blafe für den Saft des Pankreas. Von Dr. ^4. 
C. Mayer, Profector am anatom. Theater zu 
Bern. (Hierzu Fig. 4.) .... - 297 

IV. Hornbildungen im Allgemeinen und insbe- 
fondere an der menfchlichen Eichel. Von /. F. 
Meckel. (Hierzu Fig. 2. 3.) . . . - 298 

V. Ueber einige kranlihafte Mifchungszuftände 

des Harns. Von Tk. Brande . . . - 3^3 

VI. Einige Bemerkungen über den Harn waffer- 
fuchtiger Kranker. Von H^ells . . Seite 306 



655 

VII. Verfdiimnielung (Mucedo) im lebenden Kör- • 
'■ per. Von /4. C.Mayer, Profector am anatoiD^ 

Theater zu Bern . . . . . Seite 31Ö 

VIII. Einige Bemerkungen über die Phyfiologie 

des Eies. Von Pari> . . . . - Jia 

' Erldärung der Kupfertafeln . . . - 319 



Dritte"^ Heft. 

I. Ueber die Knochenftücke im Kiefergerüft der 
Vögel. Von Dr. Chr. L. Nitzfch, ProfeHor der 
Naturgefchichte zn Wittenberg . . . Seite 32I 

II. Verfuch einer Entwicklungsgefchichte der Cen- 
traltheile des Nervenfyftems der Säugthiere. Von. 

' /. F. Meckel. (Fortfetzung des im erften Heft ab- 
gebrochenen Auffatzes.) 334 

t ■ : 

Intelligenzblatt. 

^ 1. Ueber die Entwicklnng der Teicbbornfcbne- 

cken (Limneus ftagnalis). Vom Dr. Stiebel. Seite 4S3 

i • II. "VeiTuche und Beobachtungen über den Einflufs 
des herumfchweifenden Nerven auf die Ab£on- 
dcrungsthätigkeit des Magens. \an B.C. Broäie 426 

III. Ueber die Dauer der PupülarTnembran. Voa 

J. F. Meckel .-..,.- 430 

IV. Ueber einige ungewöhnliche Erfcheinungen 

an Leberknoten. Von /. F. Meckel . - 4J2 

V. Ueber den Zuftand der Blutgefälse bei der Ent- j; 
Zündung ....... 437 

VI. UeberdenZufiandderBlutgefiiCse beim Brande 44U 
VIL Ueber die Verichiedenheiten Zwilchen der 

' rechten und UnlcenKörpcrhälfte inHiniicht «uf jj^ 
die vcrhühnifsmäfsigc Grufse der Arterien i)iid ^^ 
Vuueu- Von J. F. MttM •__ - • - 43® 



6H 

VlH..rPeber! jJJÄ fioncretjonen im menTchlichen ■ 
Dsrmkanal. Von /. F. Meckel . . Seite 434 
■■i {X. Ueber die Zeugung der Regenwünner. Von 

/. F. Meckel - 467 

■ iflfi Ueber das Rüctengefäfs der Infekten. Von 
i.i;-vXjF. Afecfce/ . . . , . . . ^6a 
XI. Ueber die MenTtruation . , . . sjj 
Erklärung der Kupfertafel ^go 



Vferteir la&ft. 

■1 : t . 

l. Bemerkungen über die Thymusdrüfe des Murmel" 
tbiers während des Winterfchlafs. Von Dr. 
Friedrich Tieäemanit. , (Mit einer Nachfchrift 
des Herausgebers.) , > . . Seite 481 

Iln Verfucbe über die WärmefaJIungskräfte der 

Galle , der MUch und des Harns. Von 2>Ia/f€ 500 

III. Unterfuchung einiger thieriTchen Flüffigkeiten. 
Vom Profeffor Dr. /. F. John . , . 506 

IV. -Ueber regelwidrige Haar- und Zahnbildungen. 

Von /. F.. Meckel, . . , - 519 

V. Ueber die Entwicldung der Centraltheile des 

NerTenfyftems bei den Säugthieren. Von /. F, 
Meckel (Befchlufs der im JtenHeft abgebroch- - 
nen Abhandlung). . . - . - 589 

•lov"';.-!. ■■:.J. : < . ■ - 
. . Intelligenzblatt. 

I. Ein Fall von mehreren taubltumnen-^efehwi- 
ftern. Von Naffe . . ..',.,■.. •640 

II. Ueber einige Abnormitäten der Knochen. 
Von J. F. MeckeL . . . . r 641 

III. Beträchtliche Vergröfserung der Zirbeldrüfe - 644 
Erklärung der Kupfertafeln ... . » 647 



655 



Register. 



^cephalie iTt nicht eins Folge des Henmangela. S«iw 19. 

-^ J)le wahre ift urfprüngUcher Bildungsfebler. 21 — ^ 50. 

Ackermann, Prüfung feiaei Meuuuig über die Entfcehung&weilc 

_y des Nerveoryftem». % — ig, 

Äfitrias auraniiaca, Bemerkungen über die Lebeiuerrcheinongen 

, derfelben. '- 1C2 ff. 

Athmen , unregelmärsiges bei der blauen Krankbeit. 24;. 

Auge, BeiUdge zur Keoncaifs feinet Baues, von Edwards I5{, 156. 

Augenhöhle , ein Zailn in derfelben. ^jy, 

Augenwinkel , Haare in demfelben. ^2;. 

Att/onderungtthütigkeic des Magens hd'ngt mit der Thäcigkeit des 

hemmXcbweifenden Nerven zulammen. ^2i it. 

AJter , Abgang von Haaren durch denfelben. f 2}. 

Ammonshorn ■, Entwicklung dellelben. 595. 

Ammonium , bewirkt ZuIammenTeuung der GeltiCie, und bcfcUeu* 

nigt die Blutbewegung. 441, 44J. 

Ahguftura viro/a, Wirkungen derfelben. 177 ff. 

Wirkt durch das Rückenmark auf den übrigen Körper igl. 

Anordnung des Cefufsfyflemt , wodurch Blaufucht entfteht, ift 

fehr verfchieden. Hauptverfchiedenheiten derfelben. 37} ff." 
Anfchwetlungen des Kuckenmarkt find defto unmerklicher, jt 

jünger der Embryo ift. 350. 

' Untere ift nie ftärker, als die obere beim Menfcbtn. J51, 

Arterien verlaufen nicht beftändiger als Venen, agj £|, 

B. 
Btrzeliut , Inhalt der Zooohemie deffelben. 313 ff. 

Bemerkungen darüber. 3i6 ff. 

aUitngi/ehttr des Hmtru i kommen vortägUch beim mionlicheo 
Ctfchleobt vor, aC6 tt-T- 

" i 



m 



Slafe für den Saft des Pankreas, eine Nachahmung derjGallenblaCe, 
eine Beobachtung von Mayer. Seite i$7 IL 

Blaje, einfache, anfänglich; an der Stelle des giofsen Gehirns vor- 
handen, ii6- 

Bläschen der Scefcernc.. l6j. 

Blafmjtein mit Haaren befetzt. 529. 

Blaut Krankheit , zv/ei und zwanzig neue Fälle davon. 23) — 346. 
Entfteht nicht nothwendig nur durch Bildungsfehler des Her- 
zens. 3%j. 

Blaiifdureähnlichc Verbindung enthält vielleicht den Grund der 
Giftigkeit und Bitterkeit mehrerer Subftanzen. 185. 

Blut, eine Abhandlung über dalTelbe, von Davy. loj — 14J. 

Blut , über die Urfache der rothen Farbe deUelben. \^t. 

Unterßichung defTelben von Sigwart, S02 if. 

Blui , Befchaffenheit und Menge deflelben in der blauen Krank- 
heit. ■ " ' 348. 

Bluekügelchcn im Harn waflerfüehtiger Kranker. 307. 

Brand, bei demfelben find dieOefäfse nicht durch geronnenes Blut, 
fondern därch adhäfive Entzünduug verrchloffen, 449, 

Brande, Bemerkungen über kranke Mifchungszultande des Harns. 

30J ff. 

Sredie , Verfuche deCfelben , um den EinfluEs der Nerven auf di« 
Abfonderungsorgane anszumitteln, 426 — 430. 

Brußbein, Entwicklung dellelben. ^11 — 614. 

c, 

Caldani, Beobachtung defCelbea von .'einer Hombildaog an der 

menfchlichen Eichel. 259 ff. 

Caprimulgus. Hl- 

Carus Arbeiten nbcr die Entwicklung des Gehirns 3. 3. 4. 

CencrolcheiU des Nervenfyßemi. Eine Abhandlung über deren 

Entwicklung von /. f. Afcctel l — loS. 334 — 4ä3- 

Chemie , thierifche Bemerkungen über einige Gegenftäude derfelben 

von Sigwart. 203. 

Coneretionen im menfchlichen Darmkanal. 454 ff. 

Arthritijche , aus dem Armgelenke einer Leiche, kam in ihrer 

MiCchung mit den Knochen überein. 5'f' 

D. 

Darmkanal, Beitrug zur Entwjcklungsgefchicht« deflelben. 993 ff. 
Biidung^ehler deffelbea. 294- 39«' 

Dicke, 



— 657 

Dicke ^ anfehnliche, des Rückenmarks beim Embryo. Seite 346. 
Divertikel , Bertäti^^ung der Meinung, dafs fie mit der Entwick- 
lung des Ddrmkaiials zurammenhiingen. 294« 

E. 

a , Bemerkungen Ober einige Puncte aus der Pliyfiologie deffelben 
von Paris. 3 1 2 fi; 

Eichel, Hornbililung an derfelben. 25p ff_ 

Bic/cöckc mit Haaren. -5q_ 

Mit Zühnen. ^^5 ff_ 

Einheiufrrebcn , als Charakter d*r höliern Bildungen. ili, 

Einfatigung der Haut, durch Verfuche erwiefen. i^I it«, 

Eiweifs im Harn wafferfüchtiger Kranken, eine lehr gewöhnliche 

, Errcbcinung. jog. 

Eunction delTelben im Ei der Vögel. 3jj_ 

Der menfchlichen Darmfteine. ^gj_ 

Enljtchungsiveifc der menfchlidien Darmfteine. 4gt. 

Entwicklung von Haaren, regehvidrige , vorzügUchfte Momente 

derfflben. 53a _ 537. 

Von Züh)ieii. «j^^ — ^jjg. 

Entzündung , Unterfucliungen über den Zuftandder filutgefäfse in 

derfelben. 437. 

Ernährung . leidet bei Blaufüchtigen. j^^_ 

Eftli'ft ift bei der blauen Krankheit noroial, ä^^^ 

F. 

fadenfpinticndcs Organ der Oniskcn. I^j_ 

Eederbalg am Herzen. 52g. 

Am A/ter. 53g. 

Eingcr, über «uie nnvollkommne Bildung derfelben. Ijy. 

Fi/chotter , Tliymusdriile derfelben. ^jg, 

Floclicn de» kleinen Gehirns find anfanglich felir grofs. 3Ö1. 

tUtut , Beobachtungen, welche zu beweifen fcheinen, dafs er du 

Schafwalfer athmet. . 154. 

Beitrag zur Gefchichte feiner Hüllen. 1^(5. 

FOtutühnlichkeit der Winterfchläfer . von Pallas vni PrUnellc an- 
gegeben , und von Tiedcmann beftatigt. 4JI. 453. 

FortJ'atzknochcn im Uuterkieferi der Vüg«l. jjo. 

frafehlarven. 157- 

Tt 



658 



Call's unriclitige Berchreibung der Rüclienmulcsilöble. Seite ;4£. 

Calle des winterfchlafenden Murmelthiers, 487' 

Ihre IVih-mefa/ßmgshrqfc. 500« 

Gallenblafc , Haare in derfelben. ',2%. 

Callini, über die Menftruation des menfcbUchen Weibeä, 477 ^t 

Cebürnnitter, enthilt Haare. 535. 

Gchürmutter, entbält Z.ihne. 54». 

Celü'-n, grofses, Entwicklung deffelben. 376 — 417. 

GcA/rn, kleines, Entv.'ickluogsweire deffelben. ?5S K 

Thierühnlichkdt derfelben und Analogie mit abweichenden Bildun- 
gen beim Menfclien. 364. — 368. 

Cchiirgang , Haare in demfelben. 515. 

Cehröfe, enthalt Zihne. 541. 

Ge/cn^/cAm/cre, cliemifcli unterfucht. 5061 

Cefchlcchtsfunction , entwickelt lieh unvollkommen bei Blaufüch- 
tigen. 258. 

Gefchniacksempßndiingcn der Seeftcrne. 175. 

Ccjlchtsciiipfiiidungen der Seefterne. 17S. 

Gejircifte Körper. Entwicklungsgefchichte derfelben. 38} — 85. 
Fehlen anfangs. 3g}, 

CewUlbß. 389. 

Gifte , über die Wirkungsart und chemifche Zurammenfetzung der- 
felben, eine Abhandlung von Emmert. 176 — 187. 

Cleichung zwifchen der Entwicklung des Embryo und der Thier- 
reilie ift deutlicher, als melirere Schiifcfceller glauben. 41 5. 

H, 

Haare im Gvarium, ein Fall davon, 519 — 51. 

Haarbülge unter der Haut. 550. 

Halswirbel , Entwicklung derfelben. 594. — 508. 

Harn wafferfüchtiger Kranken. UnterfuchungdefCelben. 30} — 305. 
Eines Steinkranken. 30J. 

Harn, deffen Wärmefaffungskraft. 503. 

Har;ii/«ye, enth;ilt Haare. ^;j. 

Hemiccphalie, ifc nicht urfprünglicher Bildnngsfehler, fondern 
i'olge des innern Wafferl^opfes, welcher felbft aber ein regel- 
widriges Fortwachfan des Gehirns im Schädel nach demfrühera 
Embryctypus ift. Beweis diefer Meinung und Widerlegung de» 
entgegengefetzten, ij— aj. 



Heilighrln, Entivicklunp delTelben. Seite äo8 6ir. 

Hemijphärcn, anfängliche giinzliche Trennung derfelben, 587. 

ift nicht erwiefen. ^99. 

Herz, Beitrag zur Gefohichte der Bildungsfehler deffelben, welche 

die Bildung des rothen Blutes bindern. Eine AbhandUmg von 

J. F. Meckel. j31 2$^, 

tjcrz, bebsartes. ^25, 

Hinterhauptbein, Enr\vieklung deffelben. 616 — Ig. 

Ab\veichende Bildung deffelben. 6x^* 

Hirnganglien, Ent^vicklungsweife derfelben, 37Ä — 38?. find an- 
fänglich dünnwandig und von einander getrennt, 380. Sind 
unter normalen Bedingungen bei vollendeter Ausbildung immer 
verv/achfen. 3<2. 

Hirnhohlen, Haan" in denfelben. 5:6, 

Hitze, wirkt naehtheilig für Blaufiichtige. 271. 

Höhle im Rilckenmarii ift immer , auch beim reifen menfchlichen 
Fötus vorhanden. 344. 

Höhlenbildung der Centralmaffe des Nervenfyftem« ift kein Beweis 
ihrer hohem Vollendung. 407. 

Hornbildungen , übej die , eine Abhandlung von J. F. Mcckel. 

238—302. 
Hörn Aaut mit Haaren befetzt. ;:$. 

Hallen des Fötus. 157. 

I. 

Igel, hüclift merkwürdige Kürze feines Rückenmarkes. 353. 
liuerntaxillarknochen der Vögel, bildet fleh aus einem Stücke von 

der Spitze ans. 3--> 

Irritabilität , ^e^tm^^ene, bei Blaufiichtigen. 258 ff. 

Jdchhögen der yii^cl, nähere Befchreibung derfelben , 325. beftehen 

ans drei Knochen. 32S. 

Jochkie/crbeine der Vögel. J*9« 

K. 

Kalte, oachthciliger Einflufs derfelben auf Blaüfüchtige 270, 

Kalk , phosphorfaurer in den menfchlichen Darmfteiiien. 4&I. 

Kaninchenembryonen, Entwicklung des üehirns und Rückenmarkes 
in ihnen. 35 — 42- 

Keilbcin, Entwicklung deffelben. 618 — 635. 

Kelch , einige von demfelben betrachtete Abvreichungen der Bildung 
des kleinen Gehirns lind Hemmungen auf einer friiliem Bil- 
dungiftufe. 36t. 

Ti 2 



660 — — 

KiefirgerUft der Vogel. Refultate aus der Befchreibung derfelben. 

Seite ■ ??2. 
Knochen y Abnormitäten derfelben. 6^1 ff. 

Kochfalz t vermindert die Schnelligkeit der Bewegung des Blutes. 

444. 
Körper , gelbe im Eierftock entftehen in Folge erhöhter Tbätigkeit 

der EierftÖrke. 585» 

Körper, rautenförmiger. Hohle in demfelben. 36}. 

Kohlei'fänrebildung in der Luft des Luftfackes im Vogelei. 31^. 

Krankheitserfcheinujigeii Blaufücbtiger treten oft lange nach de«. 

Geburt ein. 262. 



Länge des Bückenmarks ift im ra.enrchlichen Embryo viel anfehn- 

lielier als in fpätern Perioden. 346. 

Lungenpulsader, Verfchliefsung derfelben ift nicht die Veranlaffung 

zum Offenbleiben des eirundenLoches und der Ocffnung in der 

Herzf heidewand, 275. 

Leber, ein Beutel mit Haaren in derfelben. 528. 

Leberknoten , Aehnllchkeit z\vifclien ihrer Ent^vicklung und der 

Entwicklung des Embryo. 456. 

Lochy gerlffenes, ift häufiger beiniMannc auf der linken Seite weiter 

als beim Weibe. 4^5. 

^h/^* Veräirderungen der im Luftfack des Vogeleies enthaltenen, 

di^rch das Brüten, 57^, 

Luftfack im Ei der Vögel, 313 ff, Verfchiedenheiten deffelben bei 

vfrfchiedenen Vögeln. 31^ ff, 

Lumbricus echiurus , Wanderung feioer Eier an das hintere Ende 

des Körpers. 47®. 

Lungen i kleine des Murmelthiers. 4SI. 

M. 

Magen , mit Zähnen, «(40. 

Maiidihiitae os furcatom. .1 330. 

Mark, vfrlJiigertes , Entwicklangsweife deffelben. 355. 

MediifeK bieten eine Art der Entwickluiigsweife des Gefä&fy- 
fterar aus dem Darmkanal dar. 475. 

Mf'ffuhsacjribryoncn , Ent\vicklung des Gehirns und Rückenmarkes 
bei denfelbpn. 76 — 108. 

Menfcruation, hingt mit der zur Entwickhing des neuen Organis- 
mus nothwendigen Temperaturerhöhung zufammen. 480. 



— 661 

jKiZtA , ihre Wj'rmefaffjngskraft. Seite <(or. 

Mifsbildungen, Werth derfelbeu für die Wiflenfchaft, 221. 

Uurmelchier, Thynuisdrüfe deffelber.. 48I.£f. 4tS. 

N. 

tlafenkie/crbeirt der Vögel. 5:;. 

^a/ciikiiochea^ befondere fehlen den Vögeln, 525, 

liiebcnnieren ^ Grund der Verfchiedeiiheit ili/er verhältnifsmafsigen 

Gröfse bei den Fütus verfchiedner Tbicre. 432. 

Kervetifyßcm der niedera Tbiere ift nicht blofs GanglienfjTtem der 

höheren Thiere, S. IC. ff. entfteht nicht aus dem Gefäfs- 
^ fyftem. , SO. 

Befclireibmig deßelben in denSeefternen von Tiedemann Ifix — 175. 
A «c , enthält Haare. 5J7. 

o. 

Oberkic/srbcinc der Vögel find doppelt auf jederSeite. J2J. 

Onisken belitzen Inngenartige Refpirationsorgane und ein faden^ 

fpinncndes Organ. 15g. 

Oxy genbedarf lüfs beim weiblichen Gefchlechte ift geringer als beim 

xrännlic]3en. 36^.. 

P. 

f alias ^ bemerkt die Anwefenheit der Thymus bei den Winterfchlii- 
fern, und ihre Vcrj^rürsernng ^Vdll^end des Winterfchlafes, 4,95. 

Perioden der Exacerbation der Zufälle in der ßlaufucht 264 ff. 

PrUiiclU bemerkt die Annefenheit und Vergrtifserung der Thymus 
bei den Wintcrfchläfern, 494.. 9^. 

Pupillar/nen/bran erli'ilt /it-h bei den blindgebornen Thieren fo lan- 
ge als die VerrcMiefsung der Augenlieder dauert. 4)j. 

Quadratjochbein der Viigel. j2(. 



RegcnwUrmer, ihre Eier gelangen beftändig , imd auf natürlichen 

Wegen in dai hintere Ende des Körper». ^67. 

Rippen, Entwicklung derfelben. £15. 



663 * ^— ^ 

Rippen, überzälillge, merkwürdige Bedingungen derferben. Seite 64«. 

Rlickengefäjs der Infekten. Ift nicht Andeutung des Rückenmarkes 
der höhern Thiere, S. 14. 476. Ein Auffatz über daffelbe von 
J. F. Meckcl. S. 469 — 477. Verfchiedenheiten deffelben im 
v'ollkommnen und unvoUkommnen Zuftande, 471. 475. Flüf« 
ügkeit deffelben kommt mit dem Fette der Infekten überein, 
lind ift daher wahrfcheinlicli Organ der Fettbereitung 475. 
am richtigften Secretions - und Propulfionsorgan zugleich , und 
ftellt alfo das ganze Gefalsfyftem der höhern Thiere im Rudi- 
ment dar. 474. ff, 

Rückenmark ift der zuerft entftehende Thell des Nervfnfyftems, 
20. ;i. Entwicklungsweife deffelben 354 — 555, entfteht aus 
einer oder zwei Platten, 335 — 344. Analogie derfelben mit 
der des Gehirns. 34;, 

s. 

Sacht, phyfiologifch - optifche Bemerkungen deffelben. 188 ff. 

Sandwurm, Eier deffelben gelangen regelmäfsig in das IiintereEnde 
des Körpers. 469. 

Schaahnbildung des Eies- 317. 

Scha/iembryonen, Entwicklung des Gehirns und Rückenmarkes 
in ihnen. 43 —77. 

Schamlippen , Haar« an deren innerer Fläche. 525. 

Scheide mit Haaren befetzt. ^26. 

Schlaf bein, Ent^vicklnng deffelben. 6j^. 

Scheidewand des Gehirns, Ent-wicklung derfelben. 385. 

Scheidewandhöhle , Zufammenhang derfelben mit dar dritten, 390. 

Schleimhäute mit Haaren befetzt. 523, 

Schnelligkeit der Blutbewegung wird nicht immer bei der Ent- 
zündung vermehrt. 44g, 

Schweinsembryonen , Gehirn und Rückenmark derfelben 72 — 76. 

Seite , rechte und linke, über die Vcrfchiedenheit zwifchen den Ar- 
terien und Venen derfelben. 458 ff. 

Seitenfortfatz , innerer des Unterkiefers der Vögel, 329. bleibt bei 
manchen Vögeln lange von dem Körper getrennt, 330. 

Seitenlnmelle des Unterkiefers der Vögel. 330. 

5en/7Ai7irä« Blaufüchtiger , ift häufig deprimirt. 261. 

Seröfe Häute , mit Haaren befetzt. ^20. 

Spalte, vordere und hintere des Rückenmarkes bildet fich erft all- 
' mählig. 349. 

Speichel Wafferfüchtiger enthält bisweilen mehr Ei^veifs als ge- 
wöhnlich. 305. 



665 

Spix , die von ihm fRr Nerven gelialtenen Theile der Seefterne find 

fehoige Fiiden. Seite 169, 

Suhßanz, tliicrifche der menfchlichen Darrnfteine. 4<}, 

SympathlJ'cher Nerv ift nicht der zuerft entftehende Tlttü de« 

Nervenryltems. ao- 



Tabellen von den nahern Beftandtheilen der Organe des menfchli« 
chen Körpers , 320. ff. Ueber die vorzüglichften Bedingungen 
der bldiien Krankheit. 2g^, 

Tagfchlii/er, Bju feines Unterkiefers. 351. 

Tatthftuinltte Gefcliwifter. Ein Fall von mehrern. 540. 

TeichhoritJchnei,kc j Ent\vicklung derfelben. 425- 

Temperatur derBlaufiiehtigen ift nicht geringer als dienormale 251. 

Tentakeln der Seefterne. Bewegungen derfelben. 165. 

Theiliing des kleinen Gehirns in zwei Hälften ift fehon frtih fehr 
deutlich. 362, 

Tltierjhijen , welche das Rückenmark des Blenfchen in der Ent" 
■Wicklung durchläuft. 355. 

Thymusdrufe der WuiterfchU'fer vergröfsert Ech im Wiaterfehlaf. 

Tiedemann beftatlgt die frühem Angaben von der Vergröfserung 
der Thymusdrüfe im Winterfchlaf. 4jl ff. 

u. 

Vnierkinnlade der VcJgel 327, befteht aus fünf bis lieben Knochen- 
fcilcken. 33a. 

Vnterfchied zwifchen grauer Maxkfubftanz , Entwicklung deUelbea 
im menfchlichen Geliim. 417. 



Verdauung, Störung derfelben bei der blauen Krankheit. 347» 

yerglcichttng der Entwicklung des grofseu Gehirns beim menfch- 
lichen Embryo^ mit der Entwicklung deffelbcn in der Thier- 
reihe. 408 — 413. 

yerliingerungsßäckc des Unterkiefers der Vu'gel. 33a. 

Verletzung iei Luftfackes in Vügeln, liindert die Entwicklung 
rii;s tinbryo. 3l£. 

ytr/chimmtunf im lebenden Kürper bti einem HeUihfber. 3 10 ff. 



664 

VierhUgel, Entwicklungsgefchiclite deifelben. Seite Jfj — yi. 

l^orderßUck , uugepaaites des Unterliiefers der Vögel. 330 

W. 

IVärme, thierifche, liängt nicht unmittelbar vom Gehirn »b. 184. 
Würmefaffungskrafte mehrerer thierlfcher Fliilfigkeiten . 500 ff. 
Wallrath der menfchlichen Darmfteine. ^52. 

Waffer-Jhcht , Befchaffenlieit des Harns bei derfelben. 30Ä, 

WcZ/j über den Harn Wafferfiichtiger. 306 — 309 

Windungen de« Gehirns, Entw'icklung derfelben. 38^. 393 

Wirbel nnd Shädelknochen , Entwicklung derfelben. 5S9 — 639, 



Zahne im Ovari"™> ein Fall davon, 519. Unter der Zunge 53 J. 
In der Augenhöhle 559. Ueber dem Zwerchfell 54c. Im 
Magen 540. Im Gekröfe 541. In der Gebärmutter 54:. In den 
Ovarien. 543. 

Zehenglied, Anfchwellung deffelben, ein beftändiges Merkmal der 
Blaufncht. 256. 

Zeugungen, die mittlem fcheincn die voUkommnen. 64I, 

ZirbeldrUfe, betrdchtliche Vergröfserung derfelben bei einem Kinde