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Full text of "Deutsches Archiv für die Physiologie"

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Deutfehes Archiv 

für die 

PHYSIOLOGIE. 



In Verbin düng 

mit den 

Herren Albers, Aulenrieth, Blumenbaoh, Bojanus, 
Carus, Dölliiiger, Emmert, Erman, FIeifc|imariii, 
Harles, HorkeJ , Jacobfon , Jäger, John, Kaftner, 
Kielmeyer, Lucä, Mayer, A. Meckel, Naffe, Nitzfch, 
Pfaff, Roieiimiiller, Schübler, Sigwart, Sprengel, 
Stiebel, Tieclemann, Tilefius, Weinhold, Wurzer 

heran sgegeben 

V o it 



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■?/^-„;>^.V?5 



Viert elrB and. 

Mit rieben Kupfer tafeln. 

Halle und Berlin, 

in der Bucliliandlung des Ilallifchen Waifenhaufes. 

I 8 I 8. 



Deutfehes Archiv 

für die 



PHYSIOLOGIE. 



Fierter Band. Erftes Heft» 



Beobachtungen über einige fchwangere Fle- 
dermäufe und ihre EihüUen. Vom ProfeHor 
Emmert und Dr. Burgaetzy ')• 

Uie trächtigen Fledermäufe, welche wir zu unter- 
fuchen Gelegenheit hatten, waren Vespert, murinus und^ 
Vespert, ferrum equinum minor five hippofideros '). 
Bei den Fledermäufen der erften Art hatte die Schwan- 
gerfchaft faft ihr Ende erreicht; eins davon gebar wäh- 



l) Die Beobaclitungen , welcbe icli hier aus der Dirfertation des 
Herrn Dr. Buygiitzy ^ de vespertilionibus quibusdam gravidia 
earumque foetuum velamentis Tubiogae 1817 mittheile, wurden 
von^mir und meinem vere\vigten Freunde, dem ProferforHocÄ- 
fccttcr vor etwa 10 Jahren gemacht: ich hatte fie faft vergeffen, 
als mich Herr Uurgützy erfuchte > ihm einen Gegenftand aus 
der vergleichenden Anatomie zu feiner InauguraldiCfertation vor- 
aaCchlagen. Da nun die anatomifclien Schriften nichts über 
die Veränderungen, welche dieFlcdermdufe durch die Schwan- 
gerfchaft erleiden und über ihreEihüilen enthalten, To empfahl 
ich ihm unfere Beobachtungen darüber zu wiederholen , zu er- 
\veitern und zu berichtigen. Auf dicfe Weife entftaod die 
erwähnte Dilfertation , vnn welcher ich hier den Inhalt mit 
einigen Abänderungen und einigen Bemerkungen über da« Na- 
belbläschen raittheile, 
S) Hieraus ergiebt lieh offenbar , dat» die Vecpert. hippofideros 
entweder eine ganz eigene Art von Fledermäufen, oder eina 
Varietät von der Vespert, ferrum equinum major ift, und fich 
nicht binfs durcli Alter unditotwiuklung von ihr unterfclieidet. 

M. d. Arthiv. ly. l. A 



rend der Gefangenfchaft und bei allen zeigte das neuge- 
borne Junge denfelben Grad von Ausbildung wie neu- 
geborne FJeiermäufe derfelben Art: dagegen mochtet» 
einige der Hufeifennafen kaum den 4ten Theil , andere 
die Hälfte der Schwangerfchaft erreicht haben. Bei 
allen gemeinen Fledermäufen war ihr fünft dünner Bauch 
ftark, befonders fehr ftark nach beiden Seiten hin aus- 
gedehnt, fo dafs er die breite Bruft etwas an Breite 
übertraf. Die beiden iVlilchdrilfen ragten fcark au der 
untern Fläche der Bruft hervor, und ihre mittlere, von 
Haaren entblöfste Fläche verlor Cch in ein drei Linien 
langes rundliches , gegen den hintern und innern Theil 
des Körpers gewandtes Wärzchen. Bei der Hufeifen- 
nafe war der Bauch weniger ausgedehnt und die Briifte 
weniger hervorragend. Vor der äufsern Schani fand 
fich auf jeder Seite ein kleines, weifses, von Haaren 
ganz entblöfstes Wärzchen, das etwas gröfser, als das 
Wärzchen der Briifte war, aber unter fich keine be- 
nierkliche Driife liegen hatte. 

Das Becken der gemeinen Fledermaus wird aus 
den beiden Beckenknochen, aus 4 langen fchnialen 
Wirbeln des HeiJigbeins und aus den 3 erften der 
10 Schwanzbeinwirbel gebildet. Das Heiligbein ift 
lang und fchmal, an feinem vordem Ende kaum etwas 
breiter als am hintern : an der untern Fläche kaum 
etwas gewölbt , und in der Mitte derfelben mit einem 
ftarken ftumpfen Kamm verfehen. 

Die Darmbeine find länglich fchmal, faft cylin- 
drifch, und laufen von dem vordem Ende des Heilig- 
beins faft bis zum hintern Ende parallel mit dem Rande 
deffelben. Ihr vorderes und hinteres Ende ift breiter 
und dicker als ihr Körper. 

Der fehr kurze querlaufende Aft des Schambeins 
fteigt unter einem rechten Winkel von dem hintern Ende 
det Darmbeins hinab, verlängert lieh gegen den vordem 



Theil des Körpers hin in einen kurzen platten Fortfatz, 
und gegen den hintern Theil des Körpers in den langen 
dünnen platten hinablteigenden Alt, vvejcliei iiacii .,..1- 
ten, unten und einwärts läuft. Das hintere breilere Ende 
delfelben verbindet ßch mit dem Schambein der an lern 
Seite durch einefaferig knorplige Mal'fe, welche bei dep 
nicht fchwangern Fledermäufen über eine Linie breit, 
unbewegh'ch und unnachgiebig ift. Der kurze hintere 
Aft des Sitzbeins läuft in gerader Linie nach hinten, 
und fetzt Cch dann unter einem rechten Winkel in den 
längeren vordem Aft fort, wekher faft fenkrecht hin-, 
abfteigt> um fich mit dem Schambein zu verbinden. 
Das foramen obturatorium ift dreieckig und fehr grofs, 
der Zwifchenraum zwifchen dem Kreuz- und Becken- 
knochen ift eine lange fchmale Spalte. Ein grofses 
Becken fehlt ganz, und das kleine ift fehr eng, übrigens 
dreieckig, rundlich, und nach oben und vorn gegen 
das Vorgebirge beträchtlich weiter als nach unten ge- 
gen die Schatnbeinvereinigung ; der gröfste Querdurch- 
meffer diefes Beckens war etwa ^ Linie kleiner als der 
gröfste Querdurchmeller vom Kopf der reifen Frucht, 
allein die Schambeinvereinigung war fo weich und 
nachgiebig, dafs er Geh ohne grofse Gewalt nicht um 
a Linien vergröfsern liefs. Auch bei der Hufeifennafe 
war die Schanibeinvereinigung fehr weich und beweg- 
lich. Diefer hohe Grad von Erweichung und Beweg- 
lichkeit der Schambeinvereinigung, welcher, fo viel 
wir wiffcn, blofs noch bei den Meerfch weinchen vor- 
kommt, ift zum Geburtsgefchäft der Fledermäufe noth- 
wendig, fofern ihre Scheide nicht wie beim Maul- 
v/urf und der Spitzmaus aufserhalb, fonJern wie bei 
ticn übrigen Säugthieren iimerhalb des Beckens liegt. 
Bemerken mufs ich hier noch , dafs ich niedere 
Grade von Erweichung der knorpligen Verbindungen 
der Beckenknochen, befunders des Schanibeius, bei 

A 2 



4 

zwei , unter der Geburt gerforbenen Weibern ohne ir- 
gend einen krankhaften Zufall beobachtet habe. 

Die fchwanger« Gebärmutter dieferThiere Jag gane 
äufserhalb des Beckens, berührte bei der gemeinen Fle- 
dermaus mit ihrem Grunde die hohle FJäthe der Leber, 
und hatte diefe fö gegen das ZwerchfelJ gedrängt , dafs 
fie ihren fcharfen Rand unter den Rippen und dem 
fchwerdförmigen Forffatz des Bruftbeins verbarg, wäh- 
rend diefer bei den Fjedermäufen, die nicht fchwanger 
Ovaren, od«r erl't kiirzhch geworfen hatten, bis zur 
Mitte des Bauches hinabftreg. 

Der gröfste Theil der Gedärme war nait dem gro- 
fsen Netz gegen die linke Seite und zugleich gegen das 
Zwerchfell getrieben, fo dafs nur ein kleiner Theil der- 
felben zwifchen der fchwangern Gebärmutter und der 
rechten Wand des Bauches lag. Diefes war fei bft bei 
den der Hufeifennafe, die noch nicht den jlen Theil von 
der Dauer der Schwangerfchaft zurück gelegt hatten, 
der Fall; nur bei einer Hufeifennafe waren die Gedärme 
in die rechte Seite hinüber gedrückt. Bei allen von 
•uns unterfuchten Fledermäufen lag die fohwangere 
Gebärmutter, wie beim Weibe, mehr in der jrech- 
ten Seite, woran wahrfcheinlich die Lage des Maft- 
darms auf dem linken Theile des Kreuzbeins grofsen 
Antheil hatte. 

Die Gebärmutter zeigte die Hörner nicht, welche 
ihr im nicht fchwangern Zuftande zukommen, dagegen 
aber eine eiförmige Geftalt. Indeffen war fie doch 
durch die ftärkere Entwicklung mittelft der Schwanger- 
fchaft der Gebarmutter des Weibes infofern nicht ganz 
gleich geworden , als ihr gröfster Durchmeffer von der 
rechten Seite zur hnkeu , und zugleich etwas von vora 
nach hinten lief. Der breitere Theil von dem Oval, 
welches fie darftellt, lag bei allen Fiedermäufcsn in der 
rechten Seite, und zugleich dein Bruftkaften etwas 



räher, als der fchmalere, diefer letztere hingegen ia 
der linken Seite und näher dem Becken. Uehrigens 
war die ganze rechte Häifte der Gebärmutter ftärker 
als die linke entwickelt, was wir aber auch bei einigen 
nicht fch wangern Fiedermäufen beobachtet haben, und 
was ohnflreitig an ihrer Lage in jener Seite grofsen 
Antheil hatte. Diele Veränderung der Geftalt der 
Gebärmutter erhält fich noch einige Zeit nach der Ge- 
burt, denn bei folchen Fiedermäufen, welche fowohl 
ihr Junges, als die Nachgeburt erft kürzlich geboren 
hatten , fanden wir die Gebärmutter hinter den Gedär- 
men verborgen , als einen weiten in grofse Falten zu- 
fammengezogenen Sack, der aufgeblafen ganz fo wie 
die fchwangere Gebärmutter geffaJtet, nur etwas kleiner 
und dicker als diefe war. Bei näherer Unterfuchung 
fand fich indeffen eine Spur von Hörnern an der Gebär- 
mutter: denn ihre Höhle verengerte fich trichterförmig 
auf Jeder Seite gegen die Wirbelfäule hin in einen blinden 
Sack, in deffen Mitte fich die Muttertrompeten eröffne- 
ten, und der fich gegen die Mitte des Beckens hinneigte. 
Eben fo verengerte fich auch die Höhle der Gebärmutter 
in den Fiedermäufen, welche fchon geboren hatten, 
an beiden Seiten gegen die Wirbelfäule und gegen das 
Becken zu. Da wo fich diefe trichterförmigen Veren« 
gerungen der Gebännutter vorfanden , zeigten fich ftär- 
kere Muskeliibern, welche in der Richtung derfelben 
fortliefen. 

Von einem Gebärmutterhals konnten wir keine 
Spnr wahrnehmen. Der Muttermund war gefchloffen, 
und gegen die linke Seite gewandt; innen war er bei 
einigen Fiedermäufen von vielen kleinen Falten , welche 
fich nach allen Seiten hin in den Körper der Gebärmut- 
ter verloren, fternförmig umgeben: aufsen fetzte er 
fich in die weite, ziemlich lange Mutterfcheido fort, 
welche durch das Becken hiuduich ging. 



Die Subftanx der Gebärmutter war muskulös und 
{ehr dünn , felbft bei denen die fchon geboren hatten ; 
aufsen bedeckte fie ihrem ganzen Umfange nach das 
Bauchfell, innen eine rüthliche Haut, welche ins Waf- 
fer gelegt rauh und flockig erfchien ; diefes flockige VVe- 
'fen der innern Haut nahm gegen dieStelie hin, an wel- 
cher der Mutterkuchen befefligt war, zu, und legte fich, 
wenigftens bei einer gemeinen Fledermaus, brückenartig 
über den innern Muttermund. Zwifchen der innern 
Haut der Gebärmutter und dem Ei fand fich keine Fliif- 
figkeit vor, eine Erfcheinung, weiche wenigftens in der 
letztern Hälfte der Schwangerfchaft blofs den Wieder- 
käuern, Schweinen und Pferden, kurz folchen Thieren 
eigen zu feyn fcheint, deren Gebärmutter mit Cotyle- 
denen verfehen ift. Eben fo wenig fand fich eine Hun- 
ter'tchc Haut, was ich hier deswegen ausdrücklich be- 
merke, weil es mir fcheint, fie werde mit Unrecht 
allen übrigen Thieren, mit Ausnahme der Affen, ab- 
gefprochen ; denn ich habe in der fchwangern Gebär- 
mutter vom Kaninchen, vom Meerfchweinchen, von 
Mus oeconomus und der Fifchotter eine dünne ge- 
fäfslofe fchleimige Haut , oder halb geronnene häutige 
Maffe gefunden, welche die ganze innere Fläche der- 
felben bedeckte, und fich fowohl mit dem Rande des 
Mutterkuchens von der Gebärmutter als auch mit der 
Gefäfshaut des Eies verband , und bei den Säugthieren 
fogar eine Art Reflexa bildet, welche den flockigen 
Theil des Coriums bedeckt. Uebrigens fcheint die 
flockige Befchaffenheit der innern Haut von der Gebär- 
mutter der Fledermäufe einigermäfsen der Hunter'ichea 
Haut zu entfprechen. 

Bei einer gemeinen Fledermaus, welche fchon ihr 
Junges und die Nachgeburt ausgeftolsen hatte, war die 
ganze innere Fläche der Gebärmutter feucht, imd die 
Stelle derfelben, an welcher der Mutterkuchen feft 



gefelTen hatte, von einem aufgeworfenen Rande umge- 
ben, und mit vielen kleinen, rothen Wä/zchen und 
Zäpfchen verfehen , die theils mit geronnenem Blute, 
theils mit einer weifsJichen fchleiiiiigen Fliiffigkeit ange- 
füllt waren. Auch zeigte die innere Fläche der Gebär- 
mutter einzelne kleine, mit Blut unterlaufene Flecken. 

Bemerkenswert!! ift, dafs auch bei diefen Thieren, 
wie bei allen inlän.lifchen, die Gebärmutter nach der Ge- 
burt verhältnifsmäfsig weit weniger Säfta enthält, als 
die des Weibes; ein ümftand, wovon es ohnftreitig ab- 
härig''n mjg, dafs der Flufs der Lochien bei den Thie- 
ren geringer und von kürzerer Dauer als bei dein 
Weibe ift. 

Die Muttertrompeten waren febf eng, und liefsen 
Cch blofs von der Bauchoffnung aus aufblafen: üe lie- 
fen einige Linien weit fehr gefchlängelt von der obern 
Seitenwandung der Gebärmutter aus nach einwärts und 
hinten gegen die untern Lendenwirbel, und endigten 
ficli in eine kleinere und gröfsere dünne Lippe, die mit 
keinen Franzen verfehea waren, und eine längliche 
Spalte zwifchen fich liefsen. Beide diefe Lippen gingea 
in das Bauchfell über; die gröfsere bildete mit demfel* 
ben einen offenen Sack, welcher fich wie eine Kappe 
Ober den Eierftock herlegte. Die Eierftijcke waren 
länglichrunde, fehr kleine Körper, die in der Nähe 
der Leiftenringe an der obern Wand der Gebärmutter 
lagen; der rechte lag dem Bruftkaften und der Wirbel- 
fäule näher, der linke mehr nach unten und hinten. 
Der häutige Sack des Bauchfells, welcher fie umhüllt, 
fchien ihnen einen zarten Ueberzug zu geben. Die brei- 
ten Mutterbänder befeftigten Cch an beiden Seilen der 
innern Gefchlechtstheile, von dem Grund der Mutter- 
fchei'le bis zu dem der Gebärmutter, und bildeten 
in Verbindung mit denfelben, und indem fie in die 
Wandung des Bauches übergingen , einen trichterför- 



migen Sack, deffen vorderer breiter Theil fich an der 
aufsern Fläche der Nieren, der fchmalere hintere aber 
in dem Becken verlor. An der Bildung von diefem 
trichterförmigen Sack hatten die runden Mutterbänder 
fehr grofsen Antheil, deren Geh 4 vorfanden, nämlich 
2 vordere und 2 hintere. Diefe Bänder bcftanden aus ' 
einem Ueberzug des Bauchfells und Muskelfibern; und 
fie traten da von der Gebärmutter ab, wo die Trompe- 
ten in diefelbe einmünden ; nämlich die vorderen vor 
diefer Stelle; die hinteren hinter derfelben. Die erfteren 
liefen in dem vordem Theil der breiten Mutterbänder 
bogenförmig nach vorwärts und aufsen, gingen am 
äufsern Rand der Nieren vorbei , und endigten fich in 
der Nähe des vorderen Endes der Nieren in das 
Bauchfell und in den Zellftoff , welcher die Lenden be- 
deckt, die letzteren dagegen traten durch den Banch- 
ring, ohne in demfelben, wie bei dem Hunde, von einer 
Scheidehaut des Bauchfells begleitet zu werden. In der 
Gegend, wo fie lieh in den Leiftenring einfenkten, fand 
fich bei allen Flederniäufen eine eiförmige, zufammen- 
geprefsle Fettmaffe vor. Uebrigens kommen zufolge 
unfrer Beobachtungen die vordem runden Mutterbänder 
und der trichterförmige Sack nicht allein den Fleder- 
mäufen zu, fondern auch dem Hunde, der Katze, der 
Fil'chotter, dem Meerfchweinchen und der Feldratte. 

Das Ei der Fledermäufe, welches die ganze Höhle 
der Gebärmutter ausfüllte, hing kaum ihrer innera 
Oberfläche an, nur zwifchen der Stelle des Eies, an 
welcher fifh der Mutterkuchen vorfand und zwifchen 
der Gebärmutter war die Verbindung eine innigere, 
eben fo, wenigftens bei einigen Fledermäufen, die wir 
■unterfuchten , zwifchen der Stelle des Chorion unter 
welcher der Kopf lag, und der Gebärmutter. Da diefe 
letztere Stelle des Chorion fehr reich an Gefäfsen war, 
fo hatte es das Anfehen, als wenn die Gefäfse des 



Chorion hier mit deflen der Gebärmutter zufammen- 
flöHen. 

An dem Ei liefsen fich blofs drei Häute deutlich 
abgefondert wahrnehmen, nämlich das Ghorion, das 
Amnion und Nabelbläschen, 

Das Ghorion war dünn, ziemlich feft, an der in- 
nern Fläche ganz platt, und fehlen aus 2 Blättern zu 
beftehen, zwifchen denen feine vielen Gefäfse lagen. 

Da es mit den, unter ihm liegenden Häuten bloCs 
an einigen kleinen Stellen in Verbmdung itand, fü liefs 
es fich ganz aufblafen, wobei aber die Luft nicht, wie 
bei den reifen Früchten der Hunde und Katzen , zwi- 
fchen die Blätter und die Gefälse deffelben eindrang. 
Alle feine Gefäfse entfprangen aus den Nabeibecken- 
gefäfsen, und traten von dem Rande, vorzüglich dem 
linken Rande des Mutterkuchens aus mit mehreren 
Stämmen in daffelbe über. Es bedeckte nicht allein das 
Amnion und das rCabel Wäschen, fondern auch den 
äufsern Umfang der äufsern Fläche des Mutterku- 
chens, in dem es wie bei den Nagern, bis zur Ver- 
bindung der beiden Mutterkuchen mit einander hinlief. 
Ob es hier etwa auch mjt der innern Haut der Gebär- 
mutter, wie beim Kaninchen und Meerfchweine , in 
Verbindung ftand, das konnten wir nicht erforfchen, 
aber zu bemerken ift noch, dafs das Ghorion im Um- 
kreife des Mutterkuchens nicht das fammefartige VVefen, 
oder die Zotten zeigte , welche es bei den erwähnten 
Nagern wahrnehmen läfst. 

Der Mutlerkuchen war eiförmig, fo dafs er in 
Abficht auf Geftalt gleichfam in der Mitte zwifchen dern 
gürtelförmigen der Fleifchfreffer und der Fifchotter 
lind zwifchen dem rundlichen des Menfchen und der 
meiften Nagethiere zu flehen kömmt. Doch war er bei 
der Hufeifenniife weniger lang, als bei der gemeinen 
Fledermaus. Er war fo grofs, dafs er etwa den 4tea 



Theil des Eies bedeckte, und lag bei allen Fledermäu- 
1 Ten mit feinem breiten Theile rechts, ijnj zugleich et- 
% vas nach vorn gegen das ZwerchfeH, mit dem fchtna- 
]( ?rn links und zugleich etwas nach hinten gegen das 
B ecken , fo dafs fein giofster Durchmeffer faft mit dem 
d( :r Gebäimutter zufaniinen fiel. Er hing der vordem 
V^ ''andung der Gebärmutter an, und beftand aus einem 
tni jtterlichen und einem Fruchttheil. Der mütterliche 
Tl leil beitand, wie bei den meiften Thieren, welchen 
dit : Cotyledonen fehlen, aus einer weifslich gelben, 
floc;kigen, faferigen Maffe, die mit der Hunter'khen 
Ha ut ganz übereinkam. Sie war etwa -i Linie dick, 
hin g der innorn Fläche der Gebärmutter fefter als dem 
kin dlichen Theil des jMutterkuchens an , und zeigte,, 
von ihr losgetrennt, auf feiner innern Fläche meh- 
rere rundliche Mündungen, Grübchen, und Wärzchen 
von verfchiedener Gröfse, die zum Theil mit Blut ao- 
gefiillt waren. Wurde diefer Mutlerkuchen in Flocken 
von der Gebärmutter weggenommen, fo erfchien ihre 
innere Fläche an diefer Stelle etwas verdickt, reicher 
an Gefäfsen und mit Blut enthaltenden Wärzchen und 
Zotten verfehen. Nach diefem beftehet der mütterliche 
Antheil des Mutterkuchens aus geronnener Lymphe, 
und den, in die Zwifchenräume derfelben verlänger- 
ten Gefäfsen der innern Haut der Gebärmutter und 
Blutbehälter. -Er mufs fich bei der Geburt von dem 
Fruchtanthell lostrennen und noch einige Zeit nach 
derfelben in der Gebärmutter zurückbleiben, weil wir 
ihn in einer Fledermaus, welche ihr Junges kürzlich 
geboren hatte, noch an der gewöhnlichen Stelle der 
Gebärmutter vorfanden. Der gröfsere TheiJ deffelben 
Jiefs fich leicht, in Geftalt von Flocken, Avegnehmen, 
der Reft hing der Gebärmutter ziemlich feft an. In 
der Gebärmutter von folchen Fledermäufen, die entwe- 
der nicht fchwanger waren, oder nicht kürzlich geboren 



\ 



hitten , war hievon Dichts wahrziuielimen , was info- 
fe-n bemerkt zu werden verdieut, als fich bei den nicht 
fchwangern Wiederkäuern das ganze Leben hindurch, 
fogar noch ehe Ge geboren find, die Cotyledonen, als 
rundliche, drüßge Körperchen zwifchen der innern Haut 
und dem eigenthümlichen Gewebe der Gebärmutter vor- 
finden. Indeffen ift die Verfchiedenheit, durchweiche 
fich die übrigen Thiere, in Abficht auf diefen Umftand 
von den Wiederkäuern auszeichnen, nicht fehr hoch 
anzufchlagen, fofern die Cotyledonen bei den nicht 
fch wangern VViederkäuern wenig entwickelt find, und 
mehrere derfelben fich wahrfcheinlich erft während der 
Schwaneerfchaft erzeugen, und fofern bei den übrigen 
Thieren entweder die ganze innere Fläche der Gebär- 
mutter, oder doch der vordere Thefl derfelben, als ein 
nicht eilwickelter mütterlicher Mutterkuchen betrach- 
tet weiden kann. 

Der Fruchtantheil des Mutterkuchens beftand f.us 
einer awa 3 Linien dicken , fehr gefäfsreichen, rothen 
drüfig.'n Subftanz, feine äufsere Fläche war in der 
Mitte, wo er mit dem mütterlichen Theile zufammen- 
hängt, fehr uneben , hingegen an dem Rande , welchen 
das- Chorion bedeckte, glatt; die innere Fläche uingab, 
bis juf eine kleine, länglich runde Stelle, gerade in 
fairer Mitte eine dünne, glatte, gefäfslofe Haut , die 
fef: mit ihm verwachfen war. Gegen den Rand hin 
wurde diefer Theil des Mutterkuchens dünner, der 
Rand felbft war durch kleine Einfchnitte, in welchen 
Gefäfse lagen, eingekerbt oder gezackt, und an den- 
felben fehlen die glatte Haut, welche feine innere Fläche 
überzog, mit den Gefäfsen in das Ciiorion überzugehen. 
Er war beträchtlich gröfser als der mütterliche An- 
theil des Mutterkuchens , was wohl bei allen Thieren 
ohne Unterfchied der Fall ift. Nur beim Biber foll, 
zufolge der Beobachtungen von Jörg , das Gegentheil 



1(3 

Statt finden, vielleicht aber ift ein Theil von dem, was 
Jörg- dafür hielt, blök Hiiriler'khe Haut. 

Das Amnion war eine ziemlich fefte, durchfich- 
tige, faft eben fo dicke Haut als das Chorion; es ent- 
hielt, wie bei den Nagelhieren und der gemeinen Fifch- 
«tter, keine rothen Blutgefäfse, vi'odurch fich'dieFieJer- 
niaus von den Wiederkäuern, dem Pferde, dem Schweine, 
der Katze, dem Hunde und Fuchs unterfcheidet , deren 
Amnion mit rothen Blutgefäfsen verfehen ift, die aus 
den Nabelbeckengefäfsen entfpringen. Ihre beidea 
Flächen waren glatt, auf der Innern liefs fich keine 
Spur von den kleinen, harten, driifigen Körpern ent- 
decken, welche fich an der innern Fläche de; Amnion 
Vom Pferde, Sehweine und den Wiederkätern vor- 
finden: die äufsere Fläche hing dem Chorion nicht an, 
fondern bildete mit diefem eine geräumige Höhlt, welcho 
faft das ganze Ei umgab, und nichts als das INabelbläs- 
chen enthielt. Nur eine kleine Steile diefer fcaut war 
mit der innern Fläche des Fruchtantheils vom Mutter- 
kuchen und eine andere mit der äufsern vom Helfe des 
Nabelbläschens verwachfen. Der mit dem Mutter- 
kuchen verwachfene Theil bildete die fchon erwähnte 
eirunde Stelle derfelben , an welcher der häutige Ue- 
berzug fehlt. Diefe länglichrunde Stelle lag gerade in 
der Mitte des Mutterkuchens, und zwar fo, dafsihr 
breiteres Ende gegen den breitern Theil, ihr fchmaleres 
Ende gegen den fchmalern Theil derfelben und dea 
Hals des Nabelbläschens hinfah: gerade in der Mitta 
diefer Stelle fenkte fich die Nabelfchnur in den Mutter- 
kuchen. Das Amnion liefs fich in 2 Blätter trennen, 
von denen das äufsere dünner als das innere, aber 
aufs Innigfte damit verbunden war: das äufsere Blatt 
fehlte dem, mit dem Mutterkuchen und dem Nabel- 
bläschen verwachfenen Theile des Amnion; es fehlen 
mit den Gefäfsen der Nabelfchnur an den Mutterkuchen 



13 

and an das Nabelbläschen überzutreten, und fich in die 
innere Fläche von jenem und die äufsere von diefemfort- 
zufetzen. Das innere Blatt hingegen von dem Amnion 
fchlug fich von der eirunden Stelle des Fruchtantheils 
des Mutterkuchens über die Nabelfchnur , und beglei- 
tete fie als äufserer Ueberzug bis zii dem Bauchring dec- 
Frucht. , . 

Die eiförmige , ziemlich enge Höhle des Amnion 
' enthielt nur äufserft wenig Fliiftigkeit , welche in den 
I Eiern der Fledermäufe, die einige Zeit in VVeingeift 
waren aufbewahrt worde;i , etwas weniges von einen 
fchmutzig gelben Gerinnfcl abgefetzt hatte. Uebrigens 
' haben wir bei allen Säugthieren , die wir bisher unter- 
i'uchten in den letzten Zeite.i der Schwangerfchaft nwc 
iufserft wenig FruchtwalTer angetroffen ; diefe geripge 
Menge von Fruchtwaffer , ferner die Geftalt des Eies, 
der Gebärmutter und Frucht, und endlich die KiU'ze 
der Nabelfchnur machen die Lage der Frucht der 
Thiere in der Gebärmutter faft unveränderlich, wäh- 
rend die entgegengefetzten Umftände der Frucht 
des Menfchen einen hohen Grad von Beweglichkeit er- 
»heilen. Ohnftreitig gewährt diefe Veränderlichkeit 
der Lage des Menfchen in der Gebarmutter ihm fchon 
in der erften Lebenszeit einen gewiffen Grad von 
Selbftftändigkeit und Unabhängigkeit, welcher, w» 
nicht allen, doch den meiften Thieren fehlt, dagegen 
ift hier aber auch die vorzüglichfte Quelle von den vielen, 
widernatürlichen Lagen der menfcblichen Frucht , und 
von den vielen, bei dem VV'eibe vorkommenden wider- 
natürlichen Geburten. 

Das Nabelbläschen war eine zufammen gefallene, 
leere, ovale, völlig gefchlofiene ßlafe , welche fo in der 
Hohle zwifchen dem Chorion nnd Amnion in der Näh« 
des Kopfs der Frucht lag, dafs ihre Axe mit der von 
der Nabelfchnur zulammen ikL Es war au deoi einen 



14 . - 

Ende* dem Hälfe, mit dem Amnion, am "andern, dem 
zufammerigefalteten Grunde, mit dem Chorion verwach- 
fen : mit dem Amnion war es gerade da verwachfen^ 
■wo die Nabelgekrösgefäfse in dafl'elbe übertraten., mit 
dem ChorioB-ao der entgegcngel'etzten Stelle i hieio 
trat das' Ghorion mit einem dünnen, hohlen Fortfat^ 
räch einwärts an daffelbe, und verband lieh fadawiti 
dafs feine innete Oberflaahe in die äufsere des>rvabel- 
bläschens übei-ging, und hier die Cefa fse beider Hättte 
zulammen zu münden fchienen. Aufgeblafeh nahni 
es einen' beträchtlichen Umfang, und eine ähnliche Go- 
ftalt wie da«; Nabelbläschen der Fleifchf reffer an,, es 
wurde nämlich bei den meiften von uns unterfiuhteii 
FMdermäufen, gegen den, mit demChorion verwachfei 
nen Grund hin weiter, und bildete zu beiden Seiten defi 
felben einen anfehnlichen blinden Sack, aber da, wofieh 
der Chörionsfortfatzfeft fetzte, einen kartenherzähnlichen 
Afisfchnitt. Seit) Querdürchmeffer von dem einen diö- 
fer Säcke zum andern, war, wie hei den Fleifchfreffern, 
etwas gröfser als- der Längedurchmeffer von idem 
fchmalerr» zum ftumpfen Ende. Im Ganzen war es aba 
merklich kleiner als bei der reifen Frucht des Hunden 
FuChfefe und der Katze, aber feine Gefäfse wie bei 
tliefen mit Blut angefüllt. Es lief« ficli aufblal'en , ohne 
leicht zu zerreil'sen, und ohne'dafs die Luft in die Na- 
belfchnur und -in die Frucht überging. Seine S jb- 
ftanz war gelblich und aufserordentiich reich an Gefä' 
fsen, welche -bloft aus den Nabelgekrösgefäfsen ent- 
fprangen. Ai» det-'innern Flächte war es glatt, an der 
äufsern von vielen feinen Zotten rauh, allein die Zottea 
verloren fieli dbm gröl>ern Theile nach durch das Auf- 
blafen.' Bei der H'ufeifennafe war es kleiner und mehr 
birnförmig geitältet als bei der gemeinen Fledermaus; 
übrigens erfchien es bei den faft reifen Jungen derfelben 
msrklich gröfser als bei den jüngeren ; zum deutlichen 



Beweis, dafe fein Waclisthum und fein Leben noch bis 
zu den letzten Zeiten der erften Entwicklungsperiode 
diefer Thiere, und lange, nachdem fein flüfCger Inhalt 
aufgefaugt worden ift, forttlauert. 

Bevor ich in der Beobachtung der Eihäute der 
Fledermäufe fortfahre, füge ich diefem einige Bemer- 
kungen über das Verhältnifs des Nabelblä'schens zum 
Dotterfack und zum DarmkanJ(l bei, theils um meine 
früher darüber aufgeftelllen Behauptungen ') näher zu 
beftimraen, theils um fie gegen die Einwürfe zu rechtfer- 
tigen, welche befonclers der verehrungswürdige Heraus- 
geber des deutfchen Archivs für diePhyfiologie dagegen 
gemacht hat 'j. 

Die Aehnhchkeit, welche das Nabel blu'schen mit 
dem Dotterfack, in Hinficht auf Befchaffenheit und 
Menge feiner Gefäfse, in Abficht auf Lage zu der Frucht 
und Verbindung mit derfelben, befonders mit ihren Ge- 
fäfsen, Darmkanal- und Bauchfell, endlich infofern 
zeigt, als die Fli'iffigkeit, welche daffelbe enthält, von 
der der Eihäute abzuweichen fcheint, find fo allgemein 
anerkannt worden, dafs jede weitere Erörterung dar- 
über völlig überflüffig ift. Ich bemerke blofs, dafs der 
von mir bei den Eidechfen, Natterarten, der Blind- 
fclileiche und der Seefchikikrüte beobachtete Mangel 
eines Dottergangs eine bedeutend weitere Aehnlichkeit 
zwifchen beiden Organen begründet. 

Was die Verfchiedenheiten beider Organe betrifft, 
fo fcheinen mir diefe zufammen — denn jede einzelne 
ift, wie jede einzelne der erwähnten Aehnlichkeiten, von 



l) Reih /ircluv für die Pliyfiologlc Bil. lo. S. 42. 

9) C. F. Wolff über die Bildung des DarmkanaU im bebrüteten 
Hiiliiidien. Ueberfetzt und mit einer einleitenden Abliandlung 
nnd Anmerkungen verfvhen von /. f. Mcckel. 



is ^ 

kejrtem grofsen Belang — fo erheblich, und ihreKennt- 
nifs zur Beurtheilung der Bedeutung des Nabelbläschens 
von fo grofser Wichtigkeit, dafs lie wohl eine nähere 
Erörterung verdienen. 

l) Die Lage und Verbindung beider Organe im 
Verhältnifs zu den Eihäuten ift eine verfchiedene ; denn 
der Dotter fteht weder bei den Vögeln, noch bei den 
höhern heptilien mit dem Chorion, Amnion und Harn- 
haiit in einer folchen Verbindung, wie das Nabel- 
bläschen. 

. a) Der Bau beider Organe zeigt mehrere Abwei- 
chungen. Der Dotterfack erfcheint aufsen glatt, und 
erliebt fich an feiner Innern FJäche in eine Menge von 
Falten und Franzen, in denen die Nabelgekrösgefäfse 
laufen, und fehr häufig unter einander zufammenmün- 
den. Der Dotterfack wird durch diefenBau und durch 
die Veränderungen, welche der Dotter in ihm erleidet, 
dem Darmkanal ähnlicher; dafs ich hier den faltigen 
Theil des Darmkanals meine, verftehi fich wohl von 
felbft. Ein folcher Bau ift bisher an der innern Fläche 
des Nabelbläschens , weder beim Menfchen , noch bei 
irgend einem Säugthiere beobachtet worden. Die 
Beobachtung von Lobfiein, durch welche der verdienft- 
■volle Meckel ') darthun will, dafs die innere Fläche des 
Nabelbläschens zottig fey, ift ohne alle Beweiskraft, 
denn abgefehen davon , dafs Lobßein das Nabelbläschen 
nur unter der allerftärkften Linfe an einzelnen Stellen 
rnoofig fand, fo beftimmt er durchaus nicht, ob diefe 
Befchaffenheit der inneren oder üujseren Flüche des Na- 
belbläschens , oder beiden zukomme. Zum Beweis hie- 
von führe ich Lobßeins >Yorte an, „Nachdem ich das 
Bläschen ganz vom Amnios , welche es unmittelbar 
j,be- • 

i) A. a. 0. S. 17. 



17 

„bedeckte, getrennt hatte, unterfuchte ich eS anter der 
jjftärkfteh Linfe. Ich bemerkte, dals die Haut, von 
^welcher es gebildet ward, eine Itörnige Structur be- 
„faf3, und dafs an den Stellen, wo iliefe Sfructur am 
„auffallendften war, die Oberfläche moofig und mit 
„Punkten bezeichnet erfchien'). " Ja die Lage des 
Nabelbläschens zwifchen den Eihäuten und feine Ver- 
bindung mit denfelben durch Zellftoff, ferner meine 
BeobachtUDgen über die flockige Befchaffenheit der 
äufsern Oberfläche des Nabelbläschens der Fledermäufe, 
ebe-i fo der Fifchotter machen es lehr wahrfcheinlich, 
dafs Lobfiriii von der üufsern Oberßöche des Nabelbläs- 
chens fpricht. Lobficbis Beobachtung begriinJet daher 
vielmehr eine neue Verfchiedenheit, als Aehnlichkeit 
zwifchen beiden Organen, auf keine Weife aber bietet 
fie einen Einwurf gegen die von mir behauptete Ver- 
fchiedenheit des Baues der inuern Oberfläche beider 
Organe dar. 

Auch die Gefäfse, welche dem Nabelbläschen und 
dem Dotterfack zukommen, weichen in mehreren Hin- 
fichten von einander ab. Denn die Nabelgekrösarterie 
fetzt fich bei den Vögeln und Reptilien in die A. coeliaca, 
hingegen bei den Säugethieren in die A mefenterica 
fuperior fort; ferner bilden die Nabelgekrösgefäfse eine 
Menge von Bogen in die Höhle des Dotters, nicht aber 
in die des Nabelbläschens; entllich fliefsen fie nicht fei- 
ten bei den Säugethieren, nie aber bei den Vögeln und 
bdhern Reptilien mit den Nabelbeckengefäfsen oder mit 
den Gefäfsen des Choriums zufaminen. Dafs dicfe Zu- 
lammenmündung beider Gefäfse nicht fo ganz feiten vor- 



I) Ueber die ErnShrnng dea Fiitus von I. FrUdrich Lobfteia, 
hat dem Franzf'ßfclien , überreize von D, Tk, Fried. Arn. 
Ka/tner. Halle l»o+. S. £l. 
lU. d. Archiv. iV. I. B 



1 



kotnoit , erhellt aus Meckel's und meinen Beobaclitun-. 
gen, denen zu Folge fie bei Kaninchen, Meerfchweitir 
chen, Feldratten, Pferden und wahrfcheinlich aucU 
bei den Fledermäufen Statt findet. 

3) Der Inhalt beider Organe bietet eine dritte Ver» 
fchiedenheit dar. Das Nabelbläschen enthält im Ver- 
hältnifs zum Fötus nur wenig Flüffigkeit; diefe Flüffig- 
keit ift meinen Beobachtungen zu Folge wäfsrig , arm' 
an thierifchem Stoffe, und läfst keine, dem Dotter 
ähnliche Subftanz in fich wahrnehmen, was um fo 9 , 
merkwürdiger ift, als, zu Folge der trefflichen Unter- '1 1 
fuchungen meines Freundes des Prof. Schübler ilber die 
Milch '), das Golol'irum einen dotterähnlichen Stoff in 
fich enthält. Dagegen aber ift der Inhalt des Dotter- 
facks aufserordentlich reich an thierifchem Stoffe, be- 
fteht gröfstentheils aus einer eigenen ölartigen Materie, 
über diefes ift die ISlenge deffelben im Verhältnifs zur 1 
Frucht fehr anfehnlich. 

Auch die Entftehung der FlüfCgkeiten beider Or- 
gane ift wahrfcheinlich eine andre, fofern eine fpäter- 
hin zu erwähnende Erfcheinung vermuthen Irifst, dafs 
der Saft des Nabelbläschens Secretum ieiner Gefäfse und 
des Fötus fey , was bekanntlich in Anfehung des Dot- 
ters und des Eiweiis, welche iich demfolben während 
der Entwicklung der Jungen in den Eieru beimifchen, 
durchaiis nicht der Fall ift. 

4) Die Veränderungen, welche beide Organe wäh- 
rend ihres Lebens darbieten, begri'mdeu eine neue, und 
fehr bedeutende Verjchiedenheit ; denn 

a) der Dulter liegt bei den Vögeln und den Repti- 
lien zu Anfana ihres Fötuslebens aufserhalb der Bauch- 



1) Landvvirtlifcliaftliclie Blätter von tio/irrl , herausgegeben von 
Fellenlteig 5tes Heft S. 117. Bibliotheiiue UBiverfalle 1817. 

fjüvemb. S, 374. 



19 

höhle, tritt aber gegen das Ende deffelben, und zu An- 
fang der zweiten Lebensperiode in ihre Bauchliohie. 
Bei den Vögeln geht bekanntlicli eine anfehnliche Menge 
des Dotters mit dem Dotterfack in den ßau.-h lier 
Frucht über, bei den Schildkröten ein geringerer Theil 
deffelben, bei den Natterarten eine noch geringere Quan- 
tität, lind bei den ßJindfchleichen, eben fo bei den Ei- 
dechfen, nur ein fehr kleiner Ueberreft delTelben. Auch 
erhält ficli der Dotter noch eine Zeillang wahrend der 
zweiten Lebensperiode, ja bei den Vögeln nimmt lann 
fogar der Dottergang an Umfang, Weite und Dirke der 
Häute noch zu. Das Nabelbiäschen hingegen ver- 
fchwindet bei vielen Thieren ziemlich früh, wahrend 
der erften Lebensperiode, und geht nie in den Bauch 
derfelben über; dagegen aber ift es höchft wahrichein- 
lich anfangs ein inneres Organ des Fötus. Denn die 
trefflichen Beobachtungen von Meckel^) über menfch- 
liehe Embryonen machen es fehr wahrfcheinlich, dafs 
das Nabelbläschen wie dasChorium der Vögel urfpriing- 
Jich in dem Bauch des Fötus liegt, und aJiniähiich aus 
demfelben heraustritt. 

Gegen diefen und den unter No. 2. erwähnten Un- 
terfchied bemerkt zwar Meckef), „er ift durchaus 
„nicht wefentlich, ändert in der Bedeutung beider Or- 
„gane nichts, indem er nur eine Folge der Verfchieden- 
„heit in der Verbindung zwifchen dem kindlichen und 
„mütterlichen Organismus ift," allein ich begreife nicht, 
wie beide ünterfehiede durch diefe Behauptung irgend 
etwas an Gewicht verlieren. Denn gerade diefe Ver- 

B 3 



1) Derfen Beiträge znr vergleichenden Anatomie Bd. I. Hefe i, 
S. 57- 

j) Wolf/ iihti die BilJun; des Dürmkanal» im bebrateten Huhn-- 
eben. 6.18. 



20 

fchiedenheit in der Verbindung des kindlichen nnd müt- 
terlichen Organismus der Säugthiere, Vögel und Rep- 
tilien , (die felbft bei den Reptilien Statt findet, welche 
ihre Jungen ohne, oder mit fo zarten Hüllen zur Welt 
bringen, dafs fie diefelben bald durchbrechen) enthält 
einen Hauptgrund , warum das Nabelbläschen in feinen 
Verrichtungen nothwendig von dem Dotterfack abwei- 
chen mufs. 

b) Das Nabelbläschen ift ein hinfälligeres Organ 
als der Dotterfack, feine Lebensdauer ift felbft bei den 
Thieren , bei welchen es fich noch am längften erhält, 
eine kürzere. 

c) Die Verbindung des Nabelbläschens mit deni 
Fütus, nimmt offenbar von der erften Bildung an bis 
zu der Geburt hin ab, fofern es fich immer mehr von 

, dem Bauche des Fötus entfernt. Dagegen aber nimmt 
die Verbindung des Dotterfacks mit dem Fötus, wenjg- 
ftens von der Zeit an, wo der Darmkanal als folcher 
erfcheint, zu. 

Da Meckfil verfichert, er habe die von Woiff 
beobachtete Entftehung des Darmkanals vom Hühnchen 
aus dem Dotterfack beftäligt gefunden, fo kann und 
■will ich mich hier nicht auf meine und meines verewig- 
ten Freundes Beobachtungen (in welchem wir eine fol- 
che Bildung des Dajmkanals nicht wahrnehmen konn- 
ten , vi'iewohl ich etwas Aehnliches bei dem gefleck- 
ten Erdfalamander wiederholt gefehen habe) berufen, 
fondern bemerke blofs zur Unterftützung der eben auf- 
geftellten Behauptung Folgendes. Der Dotterfack wird 
mit fortfchreitender Entwicklung deutlich von dem 
Bauchfell, Ijci dem Hühnchen fogar, zufolge meiner 
und Häclifietters Beobachtungen , von den Luftfäckcn 
umgeben, und tritt fpäterhin in die Bauclihöhle, zu- 
gleich nimmt die Weite des Dottergangs, und die Dicke 
feinet Wandungen fo zu, dafs er gegen die Zeit hin, 



^ 21 

wo das Hühnchen aus dem Ei fchliipft, fiirLuft und für 
den Doiter durchgäoglich wird, was er bekanntlich 
vorher nicht ift. 

d) Dotter und Dotterfack fchwinden , oder neh- 
men gleichzeitig an Umfang ab, während diefes in An- 
fehung des NabelWäscbens und Iciner Flüffigkeit nicht 
der Fall ift. Denn ich fand bei mehreren trächtigen 
Hunden , Ffichfen , Katzen , Fifchottsrn und Fleder- 
mäufen das Nabelbläschen blofs in den frilhften Zeiten 
der Schwangerfchaft reit Fliil'Ggkeit angefüllt, hingegen 
iki den fpätern nicht allein davon leer , fondern zugleich 
feine Häute dicker und gröfser, feine Höhle weiter, 
vnd den Umfang feiner , mit Blut angefüllten Gefäfse 
beträchtlicher. Wenn daher Meckel ') gegen mich be- 
hauptet: ,, Uebrigens ift es nicht ganz richtig, dafs der 
„Dotier zugleich mit der Dotterhaut %'crfch\vinden foll, 
„indem fich die Dotterhant nur in dem Maafse zufam- 
. „menzjeht als der Dotter abnimmt. Eben fo verliert 
„(ich auch der Inhalt des Nabelbläschens nicht fchon in 
„den erften Wochen der erfolgenden Bildung des Em- 
„bryo aus demfelben, während die Membranen deffel- 
„ben allein übrig bleiben, fondern, gerade wie beim 
„Dotter, find Verfchwinden der Flüffigkeit, und Zu- 
„fammenfinken des Nabelbläschcns mit einander ver- 
„bunden, " fo widerfprechen meine eben erwähnten Er- 
fahrungen diefer Behauptung. Eben fo wenig konnte 
ich bei der Verminderung des Dotters eine verhältnifs- 
weife Verdickung des Dotterfackes , und ein Näher- 
aneinanderrücken der Falten an feiner Innern Oberfläche 
wahrnehmen, was doch der Fall feyn miifste, wenn 
der Dotterfack fich bei der Abnahme des Dotters bJofs 
zufammenzöge und nicht zugleich fchwände. 



1} A. a. 0, S> aok 



5) DasNabelbläsclien ift bei den verWiiede'rien Säu- 
gelhieren in Abficht auf die erwähnten ümCtände vieleü 
Abweichungen initeiworfen , während der Dotterfack 
keine bedeutende darbietet. 

Es ergiebt fich thoils aus meinerl Unterfuchungen, 
theils aus denen andrer Naturforfcher, dafs der Dotter- 
fack der Enten, iGä'ife, Tauben, Schwalben und El- 
ftem fich ganz fo wie der der Hiihner verhält. Pie 
einzige bedeutentio Vcrl'chiedenheit, welche ich bisher 
wahrnahm, ift die, dafs bei den Tauben die Vena om- 
phalomeferaiea von zrvel Arterien begleitet wird. Meckel 
glaubt zwar den Einwurf, welcher fich aus diefem Um- 
ftand gegen die Uel)ereinftinimung beider Organe er- 
giebt, durch die richtige Bemerkung zu hefeitigen, dafs 
die Organe der Säugethiere nach einem fehr verfchiede- 
ren Typus, die der Vögel hingegen nach denifelben ge- 
ordnet feyen, allein hiegegen lafst üch zweierlei be- 
merken. 

i) Zeigt gerade der Darmkanal der Vögel, mit 
welchem der Dotterfack in fo naher Beziehung fteht, 
bedeutende Verfchiedenheiten. 

2) Verhält lieh tier Dotterfack der höheren Repti- 
lien , deren Bau in fo vieler Ilinficht von dem der Vögel 
abweicht, faft ganz fo wie der Dotterfack der VögeL 
Die einzige bedeutende V^erfchicdenheit, weicheich bis- 
her an dem Dotterfack der Reptilien wahrnahm, ift 
der Mangel eines Dotterkanals. 

6) EnHlich findet noch ein Unterfchied in Anfe- 
hung der Verrichtung diefer beiden Organe Statt. 
Denn unftreitig befteht eine Hauptverrichtung de? 
Dotterfackes und feiner Gefäfse darin, dem Fötus den 
Nahrungsftoff zuzuführen und zuzubereiten. Aliein 
bei den Säugethieren haben diefe Verriciitung das Cho- 
rium und feine gefäfsreichen Anhängfcl übernommen, 
und auf keinen Fall kann die Einfaugung der Flülfigkeit, 



' ■»»eiche das Nabelbläschen enthält, und Ernährung des 
Fötus mittelft derfelben Hauptverrichtung feyn. Denn 
abgefehen davon, dafs das Nabelbläschen bei den Nage- 
thieren blofs eine Haut ohne Höhle ift, über welche ficli 
die Nabelgekrösgefälse ausbreiten, dafs da, wo es Fliif- 
Cgkeit enthält, diefe arm an thierifchem Stoffe, und viel- 
leicht Secretum feiner und des Fötus Gefafse ift, fo 
wächft es , und ift bei vielen Thieren noch dann thätig. 
Wenn die Fiüffigkeit fchon längft aus ihm verfchwunden 
ift ; über diefes habe ich einigemal in den letztern Perio- 
den der Srbwangerfchaft bei Mcnfchen und Schweinen 
das Nabelbläschcn mit der gewöhnlichen Fiüffigkeit an- 
gefüllt gefunden, ungeachtet feine Gefäfse leer von 
Blut, und, wie feine Haut, welk waren. Uebrigens ift 
Einfaugung des flüffigen Inhalts eine, allen Häuten 
der Frucht zukommende lirfcheinung, denn ich habe 
fehr oft in den früheren Zeilen der Schwangerfchaft, 
nicht allein bei den Wiederkäuern , fondern auch bei 
Schweinen, Pferden, Hunden, Katzen und Kaninchen, 
eine mit Fiüffigkeit gefüllte Höhle zwifchen der Harn- 
haut und dem Chorium, eben fo zwifchen der Harn- 
haut und dem Amnion gefunden , während diefe Häute 
in den fpätern Perioden der Schwangerfchaft dicht auf 
einander aufliegen und unter einander verwachfen find. 
Wenn aber diefe zwifchen dem Nabelbläschen und 
Dotterfack Statt findenden Verfchiedenheiten die Aehn- 
lichkeiten beider Organe nicht aufwiegen füllten, fo ift 
diefes, wie mir däucht, fOr die Frage: ob die Höhle 
des Nabelbläschens mit der des Darmkanals in den früh- 
ften Lebenszeiten zufaminenmimde, von keinem grofsen 
Gewicht, denn, da blofs der Dotterfack der Vögel (viel- 
leicht nicht einmal aller, namentlich folcher Vögel nicht, 
bei denen man den Darmanhang bis jetzt nicht entdecken 
konnte) mit einem Dottergang verfehen ift, hingegen 
der von deo Reptilien keine Spur davon an £ch wahr- 



nehmen läfst, und ila kein Grund vorhanden ift, da» 
Nabelbläschen Vorzugs weife mit dem Dotterfack der 
Vöi;el Zu vergleichen , fo läfst die vergleichende Ana- 
tomie jene Frage unentfchieclen. i- 

Daffelbe fcheint mir von der pathologifchen Ana- 
tomie zu gelten, ohngeachtet ich die Aehnlichlieit des 
Darmanhangs der Säugethiere mit dem Ueberreft des Dot- 
tergangs der Vögel anerkenne. Denn die bei demMen- 
fchen und den Säugethieren beobachteten Divertikeln, 
eben fo die von ihrem Darmkanal zu den Bauchwandun- 
gen laufenden Gänge find, weil fie nicht gewöhnlich, fon- 
dern aufserordentlich vorkommen, als regelwidrige Bil- 
dungen von einem Verweilen auf einer früheren Biklungs- 
ftufe abzuleiten, Ueber diefes fprechen mehrere Umftäncle 
dafür, dafs gerade die Divertikeln Producte einer zu 
grofsen VVirkfamkeit der bildenden Kraft '), wenigftens 
in vielen Fällen gleichfam Verdopplungen des Blind- 
darms find , namentlich 

i) das Vorkommen mehrerer wahrer Divertikeln 
an demfeJben Darmkanale. 

2) Das häufige Zufammentreffen der Divertikeln- 
mit regelwidriger ^■erdopplung. 

3) Der Umfang, die Weite der Divertikeln und 
Dicke ihrer Häute, die gewöhnlich weit beträchtlicher 
als an den Divertikeln der Vögel find, und offenbar, 
felbft wenn in ilen früheren Lebenszeiten wirklich ein 
l^abelblafengang vorhanden wäre, von einer erhöhten 
Wirkfamkeit der liildenden Kraft zeugen. 

Dafs die Darmanhänge am häufigften inGefellfchaft 
von mangelhafter Bildung angetroffen werden, wider- 
fpricht diefer Anficht infofern nicht, als nicht feiten 



1) Fleifchmann in feinen teicftenöffhungen , die Abhandlung 
üiier die Oivertikein dei Ddrme. 



bei mangelhafter Bildung einzelne Organe luxuriren. 
Eben fo wenig widerfpricht ihr der Umftand, clafs die 
Divertikeln gewöhnlich an der Stelle des Darmkana's 
Vürkonimen, die beim Fotu'; der Sa'ugthiere mit dpv 
Nabelblafe, und bei dem der Vögel mit dem Dotterfack 
in Verbindung fteht; denn es zeigt ficli bei den Embryo- 
ren die bildende Kraft vorzüglich in dem vorliegenden 
Theile des Darmkanals, welcher jener Stelle entfpiicht, 
thätig, fofern die anfangs einfache Darnifchlinge beim 
IVlenfchen und bei den Säugthieren bald in mehrere 
Windungen übergeht, es muffen daher bei fehlerhafter 
Entwicklung des Darmkanals die Producte einer zu 
grofsen VVirkfamkeit der bildenden Kraft Cch vorzugs- 
weife an jener Stelle offenbaren. Hiezu kömmt nua 
noch, dafs aufser den fchon angeführten Erfcheinungen 
noch andre der Aleinung, dafs die Divertikeln Hem- 
Biungsbildungen feyen, nicht ganz günftig find, na- 
nientlich 

i) das zwar feltne, aber doch wirklich beobaclv 
tele Vorkommen der Divertikeln an andern Stellen des 
Darmkaaals als der vorhin erwähnten Stelle des Krumm- 
darms ' ). 

2) Die Seltenheit der Divertikeln , denn da nicht 
alle vorübergehende Bjlilungen bei gehöriger Entwick- 
lung fpurlos verfchwinden , da Cch namentlich der 
Dottergang der Vögel und der ihm einigermafsen ent- 
fprechende Urachus das ganze Leben hindurch erhält, 
fo füllte man denken, das Divertikel v/iirde auch durch 
conftantes Vorkoipmen feinen ürfprung aus dem Nabel- 
lilafengang beurkunden. 

Ich weifs wohl, dafs fich mehrercs gegen diefe 
Eemerkungeo über die Divertikeln einwenden läfst, aber 



l) S. iW<rt7;f/'j Unterfucliungen (Iber die Divertikeln , in derfen 
pitliuiugikUer Anatomie und t'lcifchmaim' s LeicbenUtrnungen. 



auch diefeEirt Wendungen laffen fich wieder beantworten, 
allein ich kann und mag hier keine ausfiiiirliclie Unler- 
fuchung über diefe regelwidrigen Gebilde anftellen. 
Meine Abficht war blofs darzuthun, dafs die patliologi- 
fche Anatomie fo wenig wie die vergleichende darüber 
enti'cheidet, dafs das Nabelbläsclien bei dem Embryo 
mit der Höhle des Darmkanals zufammenmündet, und 
liiezii fcheint mir das Erwähnte hinzureichen. 

Es fragt fich daher blofs noch in Beziehung auf 
diefe Unterfuchung, ob die bisherigen Beobachtungen 
über das Nabelblaschen des Menfchen und der Säug- 
tbiere eine folche Verbindung deffelben mit dem Darm- 
kanal erwcifen? Da in keiner einzigen anatomifchen 
Unterfuchung eine folche Zufammenmiindung bis jetzt 
beobachtet worden ift, fo hat man diefe Frage beftimmt 
zu verneinen. Dagegen aber fehlt es nicht an Beobach- 
tuD^jen, welche für eine Verbindung der Art fprechen. 
Meckel ') zählt hieher die Aehnlichkeit des ürachuS 
mit dem Dottergang und feine Verfchliefsong in den 
fpätern Zeiten der Schwangerfchaft bei den Kaninchen, 
welche vermuthen laffe, dafs das Nabelbläschen bei fahr 
jvuigen Embryonen in einem ähnlichen Zufammenhange 
mit dem Darmkanale ftehe, wie die Harnhaut mit der 
Harnblafe. Allein mir fcheint diefe Analogie vielmehr 
gegen eiiie folche Verbiiulung zu fprechen, weil, fo 
Viel irir bekannt ift, fich der Ueberreft des Urachus 
bei allen denThieren vorfindet, bei welchen der Urachus 
im Fütuszuftande vorkömmt, während ein folcher Ue- 
berreft des NAelblafenganges weder arti Darmkanale 
noch an dem Nabelblaschen wahrgenommen wird, we- 
nigftens nicht conftant , wenn man etwa gewiffe Gebilde 
dafür anfehen will. Uebrigens bemerke ich in Bezie- 



l) Walff v!isieT äii Bildoog des Oarmkanals. S. 36. 



hung auf Mec^p/'i Beobachtung über das Offenfeyn rles 
Urachus bei den Kaninchen, dafs es mir und meinem 
verewigtem Freunde Dr. Höchfietter gelungen, doii 
Urachus von einem faft reifen Kaninchen, ebenfo Mcer- 
fchweinfötu':, von der Harnblafeaus mit Luft und Oueck- 
fiiber anzufüllen. 

Vorzüglich gehören aber hieher die theils hohlen, 
theils foliden Fäden und Stränge, vvelciie, zu Folge meh- 
rerer Beobachtungen, von dem Nabelbläschen aus zu der 
vorliegenden Darmfchlinge gehen. Da ihe wichtigeren 
Fälle der Art Meckel zufaramengefteüt hat , fo ift es 
nicht nöthig, dafs ich fie hier aufzähle, ich befchränke 
mich deswegen auf folgende Hemerkungen. 

l) Die merkwürdigen Beobachtungen von Meckel 
über Kaninchen können bei diefer Unterfuchung kein 
Gewicht haben , da bei diefen Thieren das Nabelbläs- 
chen , oder vielmehr die Haut, über welche Cch die 
Nabelgekrösgefäfse ausbreiten , eine ganz eigene Be- 
fchaffenheit hat, die noch nicht gehörig erforfcht ift. 

a) Ich habe mich durch wiederholte Unterfuchun« 
gen überzeugt, dafs die Nabelbeckengefäfse von einem 
FortCatz des Bauchfells begleitet werden , der wahr- 
(cheinlich hohl ift, und ßch wie der äufsere Bauchfells- 
fortfatz, welcher das Ligamentum teres pefterius von 
den Hunden begleitet, blind, namentlich am Hälfe des 
Nabelbläschens endigt. Diefer Fortfatz ift wahrfchein- 
lich jener Strang, und jener, mit FlüfCgkeit angefüllte 
Nabf^lblafengang. Bei einem etwa g Wochen alten 
menfrhlichen Embryo fand ich ihn mit einer klaren 
Flülfigkeit angefüllt, mit mehreren kleinen Anfchwel- 
lungen und Kinfcknürungen verfehen, allein ohne alle 
Communication mit der Höhle des Darmkanals und des 
Nabelbläschens, auch uiiterfchied er fich tlurch feine 
Zartheit, Durchfichtigkcit und Gefäfslofigkeit auffal- 
lend von der bubl'tanz beider Organe. Da Hutuer, auf 



28 

deffen Beobachtungen Meckel fo grofses Gewicht legt, 
die Fliiffigl^eit des Nabelblaferigangs nicht in das Nabel- 
bläschen , eben fo wenig die FiLifGgI<eit des Nabelbiäs- 
chens in jenen Gang übergetrieben hat, Ib fleht diefe 
Beobachtung mit der meinigen durchaus in keinem Wider- 
fpruch, Ge fchliefst fich vielmehr ganz gut an diefelbean. 

Aus allem Erwähnten ergiebt fich , wenn ich nicht 
i'ehr irre, dafs wir, vermöge der bisherigen anatomi- 
fchcn Unterfuchungen nicht berechtiget find, eine Zu- 
faramcnmündung des NabelbJäschens mit dem Dotter- 
fack anzunehmen, fofern die dafür fprechenden Erfchei- 
nuugeif eine andre Erl-lärung zulaffen, fofern die blofse 
Möglichkeit einer Erfclieinnng, und der Mangel eines 
«nwiderfprechlichen Beweifes ihrer Nichtexiftenz keine 
zureichenden Gründe zu ihrer Annahme gewähren. Ich 
fahre jetzt in den Betrachtungen von den Eihäuten der 
Iiledivjnäufe fort. 

Eine von den übrigen Eihöllen abgefonderte Harn-' 
haut konnten v.rir zwar in keinem von uns unterfuch- 
ten Ei der Fledermäufe wahrnehmen, allein deswegen 
möchten wir fie den Fledermäufen nicht abfprechen. 
Denn eine Harnhaut der Art kommt vielleicht blofs den 
Wiederkäuern und Schweinen zu, dagegen ift ße bei 
den drei erften Klaffen der Reptilien und bei allen Vö- 
geln mit der innern Fläche des Chorion und bei den l 
meiften Säugethieren mit der innern Fläche des Cho- 
rion und der äufsern des Amnion verfchmolzen. Na- 
mentlich nun ift die Harnhaut bei dem Pferde, deni 
Hunde, FucIjs, der Katze und der Fifchotter ein Sackj 
welcher fich mit feinem äufsern Blatte über das Amnion, 
und mit dem innern Blatte über das Ghorion herlegt, 
in deffen Höhle fich die Harnfchnur deutlicher öffnet. 
Auch bei dem Menfchen findet fich eine Harnhaut der |t 
Art vor, nur dafs fie in keiner fichtbaren Verbindung 
mit der Harnfchnur fteht , und diefe , weniefrens dia 



^^ 29 

gröfste Zeit der Schwangerfchaft hindurcli , keine 
deutliche HöhJe zeigt. Selbl't bei den Nagethieren 
fcheint die Harnhaut diefe Befchaffenheit zu haben, 
wenigftens fauuen wir, dafs bei den Kaninchen, 
dem Meerfchwcin und der Feldratte das aufsere Blatt 
des Annnion mit den Gefäfsen der Nabelfchnur in 
das innere Blatt des Chorion fibergeht, und fich von die- 
fen Häuten als eine diinne gefäfslofe Membran lostren- 
nen läfst, in den fnihern Zeiten der Schwangerfchaft 
von dem Amnion tvirklich durch eine helle Flüfßgkeit 
getrennt ift. Das was Needham, de Graaf und Samuel 
bei den Kaninchen für Harnhaut halten , fcheint uns 
nichts, als der trichterförmige Zwifchenraum zwifchen 
dem Mutterkuchen und dem Knde der Nabelfchnur zu 
feyn, welcher dadurch eniftcht, dafs die Gefafse.der- 
felben fich von einander entfernen und mit dem äufsem 
Blatt des Amnion in die innere Fläche des Mutterku- 
chens und des Chorions übergehen '). Doch wollen wir 
hierüber fo lange nicht mit Beftimmtheit entfcheiden, bis 
wir unlere Unterluch ung über die Eihüllen der Nagethiere 
2U verfchiedenen Perioden ihrer Schwangerfchaft wife- 
derholt haben. Eine folche Harnhaut kommt nun 
wahrfcheinlich auch den Fledermäufen zu, fofern das 
äufsere Blatt vom Amnion mit den Nabelbeckenge- 
fäfsen fich in den inneren Ueberzug des Mutterlc^ichens 
und des Chorion , und mit den Nabelgekrösgefäfsen in 
die äufsere Fläche desNabelbJäschens fortfetzt, und fiel» 
zwifchen dem Amnion und Chorion eine, über de« 
gröfsten TheiJ des Eies ausgedeljnte Höhle vorfindet. 

In allen von uns unterfuchten Fledermäufen fand 
fjch blofs Ein Junges vor, auch fehlen für ein zweites 
kein Platz mehr da zu feyn. Es v/ar ähnlich wie die 



' t) Ft ib eine felir deutliche , von dlefen Hüuten trennbare Harn,- 
luut vorhanden, M. 



30 - 

menfchlidVie Frucht zufammen geprefst : der Kopf war 
auf die Briift gedrückt, cler Schwanz und die hintern 
Gliedmaarsen gegen den Bauch und dieBruft angezogen, 
und die vordem Gliedmaafsen fo an den Rumpf ange- 
drückt, und dabei die Gliedmaafsen In in ihren GeJenken 
gebogen, dafs der Vorderarm am Oberarm, und die 
Finger am Vorderarm, ferner die Schenkel und Schien- 
beine an einander, die Füfse an den Jetztern anlagen, 
und die Handwurzel den Hals, hingegen die Ellbogen 
die Knie, endlich die Fingerfpitzen die der Zehen be« 
rührten. 

Die meiften Jungender gemeinen Fledermaus lagen 
auf diefe Weile zulammen geprefst quer und zwar fo 
im grofsen Durchmeffer der Gebärmutter, dafs der 
Kopf in der rechten Seite der Mutter und mehr nach 
vorn, der hintere Theil des Körpers in der linken Seite 
«nd näher dem Becken lag, die Schnauze gegen den 
Muttermund, und die hintere Flache des Jungen dem 
Zwerchfell der Mutter zugekehrt war. Nur einige 
Junge lagen auf die erwälinte Weife mit dem Kopf in 
der linken Seite der Mutter, und eines zwar in der 
rechten Seite, aber fo , dafs das Maul nach der VVir- 
belfäule der Mutter zugewandt war. Bemerkenswerth 
ift noch, dafs ilie meiften Jungen von der genieinen 
Fledermaus mit ihrem R.icken gegen den Mutterkuchen 
hinfahen; während hingegen die der Hufeifennafe mit ' 
ihrem Bauch auf dem Mutterkuchen auflagen. 

Die glatte Nabell'chnur der gemeinen Fledermaus ' 
war faft fo lang als der ganze Körper, hingegen die der 
Hufeifennafe nur halb fo lang als der Körper, fomit alfo 
doch länger, als bei den uieiften übrigen bieländifchen I 
Säugthieren. Sie verlor fich gerade in den mittleren, ' 
länglichrunden Theil des Mutterkuchens, welcher mit '' 
dem Amnion verwacbfen war, und beftand aus den t 
Nabelbecken - und . Nabelgekrösgefäfsen , und einem !; 



. 31 

Ueberzug von dem Amnion. Einen Urachus könnten 
wir nicht, wahrnehmen, allein da wir ihn an der Harn- 
blafe fanden, und er hier fehr dünn war , fo könnte es 
feyn, dafs er ßch blofs feiner Feinheit wegen unfern 
Augen verbarg. Uebrigens verträgt fich der Mangel 
einer Oeffnung der Harnfchnur in die Eihäute, oder 
einer Verbindung mit derfelben wohl mit der Annahme 
einer Harnbaut, wie diefes fchon der Menfch beweift.- 
Die Harnhaut könnte fich in dieler Hinficht ähnlich 
wie das Nahelblüschen und der Dotterfack verhalten, 
fofern diefer letztere bei den Reptilien, und das erfter« 
beiden Säugihieren iu keiner Verbindung mit der Hohle 
des Diirmkaiials fteht. 

Die Nabelgekrüsgefafse waren, wie bei den Säug- 
thieren und Vögeln, das Pferd und die Taube ausgenom- 
men zweie, eine dickere Vene und eine dünnere Arterie. 
Sie liefen wie beim Menfchen und allen von uns unter- 
fuchten Thieren in der Nabelfchnur mit weniger Win- 
dungen als die Nabelbeckengefäfse, und wurden da, 
wo fie aus derfelben in das Nabelbläschen übertraten, 
von einem eigenen Fortfatze des Amnion begleitet. Von 
dem Bauchringe aus liefen beide rechts über den Theil 
des Dünndarms, welcher der untern Abtheilung vom 
Krumnidarm entfpricht, in das rechte Blatt des Gekrö- 
fes. Die mehr gegen die rechte Seite und die Wirbcl- 
fiule hin liegende Nabelgekrüsvene lief zwifchen der 
letztern und dem l'fürtner zu der Leber hin, und ergofs 
fich in die Pfortader, die Arterie hingegen fetzte fich 
in die obere GelO'üsfchlagader fort. Beide diele Ge- 
fäfse fanden wir noch bei den neugebornen Jungen der 
gemeinen Fledermaus , denen fchon die Nabelfchnur ab- 
gefallen war , frei in der Bauchhöhle liegen. 

Bei einem Embryo der Hufeifennafe, delfcn Dünn- 
darm mit einer einfachen Sclilinge in der Nabelfchnur 
lag, war der Schädel fehr Itark gewölbt, die liUckcu- 



33 -t-^-r-.^.^.^- 

iiiarkshöMe weit , und bis zu dem Schwanzbein liiO 
mit dem Rückenmark angefiült. Die Augen waren 
zwei fchwarze Kreife, in deren Mitte die Krvftall-Linfo 
ftark hervorragte ; die Augenfpalte, welche ich einige» 
jiial bei Embryonen von Thieren , und bei einem 
iiienfchlichen am untern äufsern Theile der, noch nicht 
^lit der Iris verl'ehenen Aderhaut wahrnahm, konnte ich 
hier nicht bemerken; die äufsern Ohren waren kaum 
fich erhebende Hautfalten, die gegen das Geficht hin 
fich in eine Oeffuung verloren. Auf der Nafe bildete 
die Haut einen Itleinen hufeifeiiförmigen VVulft. Die 
unvollkommen ausgebildeten kurzen Gliedmaafsen lagen 
an der Seite des Bauches, fo dafs die hintern die vor- 
dem berührten. Diefe letztern beftamlen aus einem 
obern längern und diinnern Theile, dem rundlichen 
Otserarm , welcher fchief einwärts gegen den Nabel zu 
lief, und aus einem untern ktirzern, breiten. Die 
untere Abtheilung der vordem Gliedmaafsen lief von 
der obern aus unter einem fpilzen Winkel gegen den 
Kopf zu, vor- und einwärts, und endigte lieh in eine 
breite rundliche Platte, an welcher fich fiinf kurze, 
faft gleich grofse unterfcheiden lielsen, die bis auf ihre. 
Spitzen durch eine häutige MalTe unter einander verbun- 
den, und faft gleich weit von einander entfernt waren. 

Die hintern Gliedmaalseu waren kürzer und weni- 
ger ausgebildet als ilie vordem, und hingen mit den- 
felben durch zwei äufserft zarte längliche liautfalten zu- 
fammen. , Der Oberfchenkel hing durch eine Haut mit 
dem kurzen Schwanz zulammen, der kürzere Unter- 
fchenkel lief zur Seite des Körpers vor- und ein- 
wärts, und endigte fich in ein rundes Blättchen, das 
i'chmaler und dünner als das der vordem Gliedmaafsen 
war, und ftatt der Finger fhif längliche Streifen zeig- 
te, welche gegen den Rand des Rlättchens etwas dicker 
wurden, übrigens ebenfalls gleich weit und beträchtlich 

weiter 



— - 3» 

weiter als beim menfchlirhen Embryo von einander ent- , 
fernt, und gegen die Seiten zuf Platte hin kürzer al§f 
in ihrer Mitte war. Bei den reifen Früchten der ge- 
meinen Fledermaus , elien fo bei den neugebornen flieg 
das Rückenmark bis zum 2ten und gten Lendenwirbel 
}iinab. Die Augen waren ganz gefch.'offen, 'aber die 
Obren offen, ungeachtet wir diefe bei allen andei'df 
Thieren , welehe blind geboren werden , noch einige? 
Zeit nach der Geburt verwachfen gefunden haben. Dia 
Kryftall-Linfe bildete den gröfstenTheil desAuges, wäh^ 
vend bei dem Auge der menfchlichen Frucht es vorzugi^ 
lieh die morgagnifche Feuchtigkeit ift, .welche ihr dep 
grofsen Umfang und die ftarke Wölbung ertheilt. Eine 
Wucliendoif (che Haut koniiten wir nicht finden. , Das 
Idiige Herz lag fchiet mit feiner Spitze gegen die liak* 
Seite gerichtet; die linke Halsfchlagader tr^t, wie beij 
den ausgebildeten Fledermäufen, ganz hart am Urfprung 
der linken Schlfiffelbeinfchlagader , und ziemlich ent- 
fernt vom gemeinfchaftlichen Stamm der Schlagadern 
für die rechte Seite, aus dem Bogen der Aorta.' 
Die Thymusdi-üfe war- fö' grofs wie die ganze rechte 
Lunge, felbft bei den"-Dengebornen' Jungen der gemei- 
nen Fledermaus, fo d'afs Ce den gröfsern Theil der lioi 
Uen ßrufthuhle ausfüllte. Die Nebennieren fo klein,"' 
dafs fie etwa -^ der Nieren ausmachten, der Magen' 
enthielt blofs gelblichen Sch'ipfm ,' cfer Dünndarm einen' 
grärilich gelben BrW; "der Matearm wahres Meconiurh. 
Die Harnfchnur ftand nicht mit dem Grunde der äufserft 
kleinen, faft runden Harnblafe, foricfefn mit der vor- 
dem untern Wandung in der Nähe deffelben ia Vep" 
bindvng. . ' -U^vls*- U,i,ik i;i.::iud 



M. d. ArMv. IV. I. 



5*: -^^ — - 

.,, II. 

^ber die Darmblafe des SchafsTötus, zum 
BeWeife, dafs die veficnla umbilicalis mit 
dem Darm unmittelbar zufammenhängt. 

' Von L. BojANus, Profeflbr in Wilna. 

HiS ift ein in der gefammten Arzneikunde mächtig vvir- 
tiendes Unheil, dafs man über dem Lobpreifen der Er- 
fahrung und Beobachtung zu bedenken vergifst, wia 
ungleich wichtiger und noth wendiger es fey, dieErfah- 
*ung zu würdigen ; damit nicht jedwede Beobachtung 
gleich bereitwillig zugelaffen, und dadurch das Beftft 
nnd VoUendctfte , was allein eine feftc Stütze zu wei-' 
terii Fortfcbritten gewälirt, in dem W'ufte unzähliger 
Meinungen, die fich im Laufe der Jahrhunderte auf- 
häufen , erftickt und fodann vergeffen werde, 

^ Sucht man einen Beweis dafür, wie es möglich ift, 
däfo felbft unbeftreitbare Thatfachen, die von den ver- 
clienftvollften Männern ihrer Zeit mit Einft und Sorg- 
falt beobachtet, umftändlich befchricben, mit deutlicheiv 
Abbildungen erläutert und als abgefchioOen 211 betrachi 
te"n waren, durch das wogende Hin- und Hermeinen der^ 
ieitgenoffen oder der Nachfolger verunltaltat werden,. 
und f^r. manche faft verloren gehen kennen ^ fo darf 
nian nur die Gefchichte der Beobachtungen über die 
Entwicklung des Fötus' und der ihm angehürigen Theila 
t^trachteo. 

.T, Stp war -^ um nur einiges diefer Art aflzudeulen 
-^■jchpn im^ Ja^ 1775 von IV. Munter (Anat. of ibe. 
human gravid uterus Tab. XX.XIII, befonders Fig. 5, 
und 6.) und voaSö/nmerring (Icones embryonum i 799. 
Titelkupfer) die membrana'deciduä reflexa deutlich und 
befriedigend nachgewiefen , erklärt und abgebildet; 
und demungeachtst^.wolisa die neueften Sxhtitttteäec 



«bec diefen Gegenftand , Jörg (die Zeugung des Men« 
fchen und der Thiere) und Samuel (Diff. de ovoruini 
niamma]. velaraent.) nichts davon wjffea, noch ver- 
gehen. 

So war es, nach einftimmiger. Beobachtung vieler 
Zergliederer, ein allgemein angenommener Satz gewor- 
xlen, dafs das Ghorion aus zwei Blättern beftehe, zwi«J 
fchen denen die Stämme und Aefte der Nabelgefäfse ver- 
laufen , an beide Blätter Zweige veriheilend. Diefe Be- 
hauptung war felbft fchon in die Compendien der Ana- • 
tomie übergegangen, und ^väre fie es nicht, fo wlirda 
doch jeder darauf geführt, der die Hüllen eines Wieder- ■ 
käuers auch nur flüchtig betrachten will; indem lieh 
hier nut leichter Mühe die beiden gefäfsreichen Blätter 
des Chorion fo abziehen laffen , dafs die Allantois gant ' 
und unverletzt darunter übrig bleibt; auch befonderl' 
die beiden Blätter des Chorion an der Stelle des Amnios 
abgenommen werden können, die von der AiiantOiff 
nicht bedeckt wird. , 

Dem allem ungeachtet will uns nun Herr Dutriy- 
chfC belehren (cf. Analyfe des travaux de la Claffe dies 
fciences mathem. et pfayf. de l'Inftit. roy. de Fr. pr^ 
l'annee 1 8 i 5 ; durch denlierichterftatter M. Ciivier) daS 
Chorion föhre keine Gefäfse und — da man doch did 
Gefäfse nicht abläugnen kann — die Gefäfshaut gehöra 
der Ailantois und nicht dem Chorion an. Eine Mei- 
ßung, die höchftens zu einer Zeit hätte aufgetifcht wer- 
den dürfen , wo man über die Hüllen des Fötus über- 
haupt noch zu keiner feften AnGcht gelangt war, und 
wo der zweideutige Ausdruck einer Mem))rana media 
ein folches Hin - und Herwerfen der Behauptungen ver- 
ütattete; die aber, wie fchon erwähnt, durch die offen- 
l^ace Thatfache fällt , dafs jene Gefäfshaut , von der 
AlUniuis dcc. .Wiederkäuer abfteigend, das Amoioa 

Ca 



3Ö 

-auch an der weiten Strecke feines Umfanges Überzieht, 
xiie mit der Allautois in gar keiner Berührung ift. 

Ein ähnliches Verkennen längft erwiefencr Wahr- 
heiten zeigt die Gefchichte der Darmblaje. 

Nachdem fchon Needham und fpäter Bhiinenhacli, 
Sömmerring und Oken, in diefer veficula umbilicalis 
die Dotterhaut der Vögel nachgewiefen, nachdem dift 
vergleichende Anatomie felbft an Fifchen und Amphi- 
bien die durchgreifende Aehnlichkeit beider beftärkt, 
nachdem Oken und Andere ihre , oder eines ftellvertre« 
tendenTlieiles, Gegenwart in allen Säugthieren erkannt, 
und ihren Zufammenhang mit dem Darmkanal dargei- 
than hatten; witd uns, in 'demfelben -Berichte über die 
Abhandlung Diuiochets, die Vergleichung derfelbert 
mit der Dotterhaut faft als eine Neuigkeit ange» 
kflndigt; während zwei andere verdiento Beobachter 
(Emmen und Höchßetter in Rcils Archiv fnrPhyl'. IX.) 
fibh abmühen , die Aehnlichkeit beider Theile, und die 
unmittelbare Verbindung der Darmblafe mit dem Darm^ 
zu beftreiten und ihre Behauptung felbft auf Griinde 
2(1; ftützen , von den, fchon vor einem halben Jahr- 
hundert geführten, überzeugenden ßeweifen Woljjs 
Retinen Gebrauch machen, und, obgleich von Meckel 
(in der Einleitung zur Üeberfetzung der Woljj'ichen, 
Abhandlung über die Bildung des Darmkanals im be-; 
brüteten Hühnchen) fchon im Jahr ig 12 aufs bündiglle, 
widerlegt, dennoch im Jahr iglj bei Cui;ifr.«iue^2^U'^ 
(twnmung finden konnten. 

i.-- und fofehen^vir denn nach vieljährigem Suchen und 
Befchreiben unil Erklären, durch die Autorität der auf- 
tretenden Beobachter, <Tuf einmal Sätze erfchüttert, di» 
für anerkannte vv'ahrheiten galten, und befinden uns in 
der.!Vt)thwendigkeit, Verhamlluncen wit;deraufzufaffen,i 
ciie man längft als abgefchloffen.betrachtea durfte. 



• 37 

Bei diefer Verwirrung, die in einer fo vielfeitigen 
Sache leichtlich von Tag zu Tage neue Mifsverl'tand- 
niffe erzeugen kann, fcheint es denn wünfchenswerth, 
dafs es allen, denen diefe Angelegenheit ernftJich am 
Herzen liegt, und die fich dazu berufen glauben, zu 
ihrer Förderung etwas beizutragen, gefallen möge, fich 
Torläufig alles blofsen Meinens, welches nur zu Hin - 
und Herreden führt, und keinen ftreitigen Punkt ab- 
macht, zu enthalten, dafs man Zeit und Kräfte lieber 
daran wenden möge, einmal mit Hülfe einer gefunden 
Kritik zu beleuchten und darzuthun, ■welche von den 
vielen Beobachtungen denn feft flehen und gelten» 
und einzig Glauben verdienen; und dafs man endlich 
die unfichern, fch wankenden, und noch zu berichti- 
genden Sätze nach der Reihe vornehme und Schritt vor 
Schritt bearbeite, ergänze und abfchliefse. 

In Betreff der Allantois des Hundsfütus habe ich 
diefes Letztere vor einiger Zeit verfucht ; und wenn es 
mir gelungen ift, darin den Beifall eines grofsen Meifters 
(Cuvier im Journal des Savans Jan. 1817. p- 57- 59') 
zu erwerben, fo weifs ich dies GlOck, als folches, um 
fo mehr zu fchatzen , je feltener es Andern, die gröfsere 
Anfprüche darauf hätten, zu Theil wird. An dem- 
lelt)eo Orte wird mir jedoch nachgefagt, „ich habe den 
„Zufammenhang der veficula umbilicalis mit dem Darm- 
,,kanal nicht dargelegt, fondern nur auf Okens Wort 
„angenommen." 

Wenn ich mich dadurch zu einer Antwort aufge- 
fordert finde, fo fühle ich dabei gar wohl, welch kiz- 
Jich Ding es fey, fich in Erläuterungen einzulaffen, die 
leicht einen polen^ifchen Anftrich nehmen , und wie 
»vcnig man geneigt feyn wird, in meinem Wideifpruche 
die Hochachtung zu finden, die ich gegen einen, um 
die vergleichende Anatomie und andere Zweige der Na- 
turwiifcnl'chaft fo hochft verdienten Gelehrten hege. 



38 

Da ich iedoch hoffe, bei diefer Veranlaffung'einien nn- 
iioch beftrittenen Satz zu erläutern und bis auf einen 
gewiffen Punkt abzufchiiefseii ; fo fey es mir erlaubt, 
auf jene Behauptung Cuviers zu bemerken : dafs es 
aufser meinem Zwecke gelegen, bei der Unterfuchung 
Ober das Verhältnifs der Allantois auch das der Vefi- 
cula umbilicalis zum Darmkanal zu erörtern; dafs ich 
diefes felbft für unnöthig gehalten und damals in der 
Meinung geftanden habe, man zweifle ziemJicli allge- 
mein nicht an dem Zufammenhange diefer Darmblafe 
mit dem Darme ; dafs ich es endlich auch nicht abwegs 
hielt, Oken als Autorität bei der Veßcula umbilicalis zu 
citiren, indem es weltbekannt ift, dafs derfelbe Treff- 
liches über ihre Deutung geleiftet habe. Ich hätte frei- 
lich ebenfalls hingeworfene Winke von Needham dar- 
über anführen und mich auf Kiefer und J. F. Meckel 
ftützen können, ja, da die Aehniichkeit der Darmblafe 
und des Dotterfacks einmal gilt, und, wie Afec^e/ bewies, 
gegen alle Einwendungen fehr wohl zu halten ift, Co 
hätte ich vor allen C. Fr, Ifb/yf/"als Gewährsmann wählen 
können, aber es lag, wie gefagt, nicht in meinem Plane, 
in Unterfuchungen über die Darmblafe und ihr Verhält- 
nifs zum Darme einzugehen. 

Nunmehr aber, da ich die Erfahrung gemacht 
habe, dafs die Meinungen darüber noch fchwanken, und 
dafs f«lbft Ciivier'') der Behauptung £"?72m.er« beitritt, 
welche den nähern Zufammeuhapg der Darmblafe mit 



>M> 



l) Not. ef. Analyfe ie trayaujt etc. „Jlf. Cuiier a retroavi, 
„ comme M. Oktti ecM.M. Hoch/teuer et Emmcrt, la merobrane 
„ombilicale dans eous les mammiferes , meme dans rhomme; 
„mais il n'a Jamals pu apperetvoir Ic pc'dicute par Icqucl le 
„Premier de ces ob/er-vateurs pre'iend qu'etle communique 
^avec Vinteftin." Spätere, von Herrn Cuvier verlprochene 
C^scbricbteo, find mix leider noch niclit zugekommen. 



dem Darme läugnet ; will ich es vef fuchen,. durch eiile 
Beobachtung am Schafsfötus darzuthun : 

dafs die veficula umbilicalis in. der frühern Zeit d'ür 
Entwicklung des Fötus mit dem Dannkanale unmit- 
telbar zufammenhängt , nickt blofs durch einen Fort- 
ftitz des Bauchfells ., fondern als offenbares Contl- 
nuum. 

Ich wähle dazu (wegen gröfserer Zuverläffigkeft 
aller doppelt bewährten Beobachtungen)einenZi£ji//i>?g'*- 
pitus aus einem fahr frühen Zeiträume ; deffen Alter ich 
jedoch hier nicht genau beftimmen kann , und nach 
Haller und K.utdemxinn ausznmitteln nicht unternehmen 
will; weil die von ihnen angegebene Maafse nicht fichei: 
leiten, und auch die befchriebene Entwicklung der Or- 
gane nicht in einer fo deutlichen Reihe aufgeftellt wird, 
dafs man überall darauf fufsen könne. Da ich jedoch 
den zu befchreibenden Fötus in Fig. i. und a. genau in 
natürlicher Gröfse gezeichnet' habe, fo wird es nicht 
fchwer feyn, ihm, zu einer andern Zeit, wo durch eine 
Reihe von Beobachtungen die ftufenweife Ausbildung 
der Embryonen dargeftcllt werden foll, feinen Platz 
und fein zukommendes Alter anzuweifen. Darum habe 
ich auch in den übrigen Abbildungen die Andeutung , 
anderer Theile des Fötus nicht vernachJäffigt, ob ich 
gleich hier nicht umftandlich davon fprecbe. ' '^-* ' 

Der ganze trächtige Uterus , welcher diefc Zwilt 
lingsfrucht enthielt, war aus einem gefunden, gefchlach- 
teten Schafe genommen , und hatte, unaufgefchnitten, 
2 Tage in frifchem Waffer gelegen. Am jten wurde 
er unlerfucht, und zeigte im Innern warzenartig vorfte- 
liende, aber noch mit keinen Gruben verfehene, Coty- 
ledonen. In jeder der beiden Abihcilungen derBärmnt- 
ter lag ein Fötus, mit dem einen, frei endenden Hörn 
feiner Häute gegen die tuba , mit dem andern dem ent- 
gegenlaufenden Ende der Hallen des nachbarhchen Fö- 

( 



040 — 

-tus zugekehrt und verbunden. An der Oberfläche der 
Häute war noch keine Spur vonCotyledonen zu lehen ; 
■ wohl aber eine fehr vielfache Veräflung der BJutgefäfse; 
mächtiger und von Blut ftrotzender in der Mitle der, 
den Embryo umgebenden Hüllen; gegen jhreEtKlen hin 
allmählich feiner und blaffer werdend. Die in den Hör- 
nern der Häute enthaltene Fliiffigkeit (bekanntlich iiquor 
Allantoidis) konnte bis an die freien Endender HtiUen 
getrieben werden, die hier kein — weder nach aufsen 
vorftehendes , noch nach innen umgeftülptes — Diver- 
ticulum zeigten. Doch klebten diefen Enden einige 
gelbliche undurchfichtige Körnchen an, diefich, ohne 
Verletzung der Häute, in ^in verfchrunipftes Knötchen 
und einige gefäfsartige Fäden entwickeln liefsen. (Fig. 
1. c. d.). 

Obgleich diefe Fäden ziemlich feft an den Häuten 
hingen, und eine Fovtfetzung im Innern des Chorion 
laufender StäHime zu feyn fchienen ; l'o konnte doch ihr 
offenbarer Zufammenhang mit denfelben, felbft durch 
das Suchglas, nicht deutlich ausgemittelt werden; in- 
dem alle Gofäfse und das Chorion felbft, gegen das 
äufserfte Ende hin, ein abgeftorbenes Anfeheii liatten, 
und in der gelblich grauen, opaken Haut iliefes End- 
zipfels fich kein Theil von dem andern , mit voller Be- 
ftimmtheit , unterfcheiden liefs. 

An dem andern, mit dem benachbarten Fötus zu- 
fammenftofsenden Ende der Hüllen, zeigte die Vereini- 
gung der beiderlei Hörner zwar eine leichte Schnü- 
rung (Fig. I. a.); doch waren fie offenbar in ein Conti- 
nuum verbunden, und liefsen fich ohne Zerreifsung 
nicht trennen. Die Gefäfse des äufsern Blattes des 
- Chorion konnten zwar hier nicht von den Hüllen des 
einen Fötus auf die des andern hinüber verfolgt werden ; 
iaber es ift mir aus Unterfuchungen reiferer Früchte 
bekannt, dafs ein folches Uebertreten Statt finde, und 



-^■. 41 

ich kann es als eine zuverläfsi geßehav^tuug aufftellen, 
dafs, bei Schafszwillingen , das äufsere Elart lies Clio- 
rion fich von einem Embryo auf den andern, als Con- 
tiauum, forlfetzt. 

Der liquor Allantoirlis flofs jedoch aus dem Hörn 
des einen Fötus nicht in das des andern übei;, und' es ift 
eben fo unbezweifelt , dafs die AlJantoiden vollftändig 
gej'chieden find. 

Bei genauer Unterfuchung der gefchnürten Stelle, 
bis ?ü welcher der liquor AUantoidis beiderfeits fluthL'te, 
zeigte ßch auch ein in die Hüllen des einen Fötus einge- 
fenkter Theil (Fig. i. b.) von gelblicher , abgeflorbener 
Oberfläche, wie ein Endzipfel der Hüllen ausfeilend, 
und beiden zufammenftofsendeh Hörnern gemeinfchaft- 
lich angehörend ; aber in die Höhlen keiner Aflantois 
mehr offen, fondern an der Stelle der Schnürung ver 
fchloffen. Auch diefe Einfenkung ift eine ganz beltän- 
Hige, ohne Zweifel durch das Gegeneinanderwachfen der 
Theile beider Embryonen veranlafste Erfrheinung '); fie 
gehört aber zu einer ganz andern Reihe von Unler- 
fuchungen (über die Bildung der Divertikeln der Allan- 
tois) und kann hier nicht in vollem Umfange beleuch- 
tet werden. 

Ungefähr in der Mitte der Hüllen eines jeden Fö- 
tus Ichien durch die äufsern Häute das den Embryo 
enthaltende Amnion durch, von deffen Mitte aus die 
Stämme der Gefäfse deutlich wahrgenommen, un^t, 
längft der concaven Seite der Hüllen , verfolgt werden 
konnten, und zwar in jedem Hörn drei Stamme. 
•Davon je zwei blutroth und nahe an eiaandcr liegend, 
(Vena und arteria umbil. Flg. i. e. e. f. f.) der dritte 
Stamm etwas davon entfeitrt, gelblich, aus einem Kno- 
ten von der Mitte des Amnion (Ucker anfangend , und, 



8. Meckel bei fVo'f/uba die BildangdetDarmkaiials. S. 46 ff. 



allmählich feiner werdend, gegen die Enden der Hörner 
zwifchen den Stämmen der BJutgetafse verlaufend. 
(Fig. I. g. h. i.) 

Nach diefen, an beiden Embryonen vollkommen 
iibereinftimmenden Beobachtungen, wurde tlie Unter- 
fuchung auf die innern TUeiJe fortgefetzt, und zwar 
erft an dem einen , dann an dem andern Fötus. Da die 
Refultate in beiden gleichförmig ausfielen , und ich — 
«na über alles, was bei voller Schonung der Theile 
undeutlich geblieben wäre, gänzliche üewifsheit zu 
erlangen — den einen Fötus i'elbft aufopferte ; fo be- 
fchreibe ich den weitern Befund nur nach demjenigen, 
der zur Anfertigung der Zeichnungen diente und noch» 
als ein beweisfiihrendes Präparat , aufbewahrt wird. 

VVenn alfo das äufsere Blatt des Chorion, am con- 
caven Rande der H'illen, in der Gegend des Amnios 
geöffnet und in deffen Umfang zurückgefchlagen wird, 
fo zeigt fich ein zweites, darunter liegendes, gefäfsrei- 
ches Blatt des Chorion , den tiefer liegenden Theileo, 
der Allantois und dem Amnion feit anhängend und 
die Stämme der Blutgefäfse führend ; dergeftalt jedoch, 
dafs die ausgehenden Aefte und Zweige diefer ßlutge* 
fäfse vielfach vom innern Blatte des Chorion auf das 
äufsere iiberfpringen , und. alfo beiden gemeinfchafthch 
zuzufchreiben find. (Fig- a) 

Das von diefer feinen Gefäfshaut bedeckte Amnion 
ift niereiiförmig, kaum 5 Linien im Längendurchnreffec 
haltend. Aus feinem Einfchnitt (hilum) tritt der, in die 
Allantois übergehende Urachus mit den Blutgefäfs- 
ftimmen (vafa umbilicalia) als ein ftarker Wulft hervor. | 
Neben dem Eintritt diefer Theile in das Amnion liegt 
der, oben fchon angedeutete, gewundene, gelbe, einer ■ 
zufammengefallenen Blafe ähnliche Knoten; breiter als i 
der eintretende Urachus, und, wie man jetzt deutlich 
unterfcheiden kalin, aafserbalb des Amnion, fo dafs er 



deffen unbcfcliadet hin und her gefchoben werden kann. 
Aus diefem Knoten läuft zu jedem Hörn der Häute ein 
ftarker, ebenfalls gelblicher Kanal, und verliert fich zu- 
letzt fadenartig mit den, an Röthe abnehmenden und 
daher fchwieriger von einander zu unterfcheidenden 
Blutgefäfsen gegen das Ende des Horns; doch fo, dafs 
es fcheint als fey er es hauptfachlich, welcher in die, 
am letzten Zipfel des Horns hängenden Fielen übeiJ- 
geht. (Fig. I. und 2. cd.) In feinem ganzen Verlaufe 
liegt diefer Kanal zwar hart unter dem iiufsern Blatte 
des Chorion, und läfst fich auch ftreckenweife auf dem 
iunern Blatte defCelben hin - und herfchieben ; doch nicht 
mit grofsem Spielräume; weil die aus den Nabelgefäfsen 
zu den beiden Blättern des Chorion laufenden Aefte 
theils darüber, theils darunter hinweggehen, und jenen 
Kanal zwifchen ihren Spaltungen fefthalten; vielleicht 
auch, weil das innere Blatt des Chorion diefem Kanal 
einen feinen Ueberzug leiht, und er nur fcheinbar zwi- 
fchen beiden Blättern des Chorion liegt ; was hier nicht 
mit Gewifsheit auszumiiteln war und Unterfuchungen 
aus einer frühem Periode erfordert, wo die Darmblafe 
rocli in vollem Leben ift. 

Ich fage, die Darmhlnfe, denn es bedarf wohl 
kaum einer Erinnerung, dafs der befcbrjebene Knoten, 
mit feinen zwei gefäfsartigen Enden , die veßcula umbi- 
iicalis felbft fey, welche aus einer in zwei Hörner aus- 
gehenden Blafe befteht. 

Schon fein Vorhandenfeyn neben dem Amnion, der 
Allantois und den beiden Nabelblutgefälsen berechti- 
get zu diefer Annahme, die zur vollen Gewifsheit wird, 
wenn man feinen Zufammenhang mit den Theilen des 
Fötus weiter verfolgt. 

Oeffnet man nämlich das den Fötus knapp um- 
fchliefsende Amnion, fo findet fich, dafs die an ffinem 
Einfchnitt eingehenden Theile unmiiielbar auf die üaucl;^ 



44 

yirand des Embryo treffen , die hier bis ans Amnion 

ftofst, und tiafs von einer wahren, geclieliten , in die 
Länge gezogenen NabeJfchnur, weder innerhalb noch 
aufserhalb des Amnion, eine Spur l'ey. 

Wird endJich auch die Bauchhöhle des Fötus ge- 
öffnet , fo zeigt fich, clafs derUrachus, ohne alle bla- 
fenartige Erweiterung, zum Ilinlerthei! des Embryo ab- 
l'teigt; neben fich die beiilen Nabelarrerien führend, 
(Fijr. 4, p.) die Nabelvene aber, gleich beim Eintritt ia 
die Bauchhöhle, an die Leber abgebend. (Fig. 4- B-) 

Der Knoten fler veßcula iiinbUicaüs hingegen geht, 
an und innerhalb der Bauchwand, aus einer leichten 
Schiiiiriing uninittflbar in den Darmkanal über,, und 
zwar in einen auffteigenden Magpndarm und einen ab- 
fteigenden Enddann, (Fig. 4. h. aa. jg.) die beide, ohne 
alle Windungen, an der Vereinigung mit der Darmblafe 
in einem fpitzigen Winkel zufammentreffen ; fo dafs zwi- 
fchen ihnen und der Rilckenfaule nur ein kleiner, drei- 
eckiger, vom Mefenterium ausgefüllter Raum übrig 
bleibt, in weichern die Spur einer vena omphalomefen- 
terica,' jedoch etwas unbeftimmt, zu fehen war, (Fig. 

4. o- 

So gevvifs aus allem diefem erfcheint, dak jener in 
zmel Homer auslaufende Knoten nur die Darmblafe 
feyn könne, fo augenl'cheinlich geht daraus hervor, 
dafs diefe Darmblafe hier fchon ftark im Abfierben be- 
griffen war. 

Der zufammengefallene , verfchrumpfte Zuftand I' 
des blafigen Theils, die anfangende Schnürung an der | 
Stelle des Durchganges durch die Baucbwand, die gelbe | 
Farbe, ohne merkliches Gefäfsnetz , und die faden- I 
artig verlaufenden Enden liefsen keine Zweifel darüber, l 
Wenn fich daher auch bei der Oeffnung diefer Darm- i 
blafe nur wenig riüffigkeit zeigte (deren Schätzung da- 
durch noch um fo unficherec wurde, dal's die. ganze. 



-^ 45 

I Unterfiichung unter Waffer gefchehen mufste), wenn die 
zarte Haut diefer Blafe zwar wohl ein Auffchneiden 
ihrer Wände und ein Erkennen der, in ihre Hörner fort- 
gefetzten. Höhle zuliefs, fo vertrug fie dagegen nicht 
•in hinlängliches Aufblalen noch Einfpritzen , um den 
Uehergang aus ihr in das lumen des Darnikanals darzu- 
thun. Ein umgekehrtes, aus der Höhle des Darms 
I aber in die Darmblafe vorzunehmendes Einfpritzen, 
' wurde durch die Kleinheit der Thejje, das geringe lumen 
des Darms, und die markige Befchatfenheit feiner 
Wände unmöglich , und wäre es auch gelungen , fo 
bliebe denen, die fich vorgenommen haben nicht zu 
glauben , wieder der neue Einwurf übrig : der. Üeberi* 
tritt der Luft fey gewaltfam , und durch innere Zer- 
reifsung der Theile erfolgt; Ib wie, von der auderw 
Seite, das Nichtgelingen diefes Verfuchs , in der, am 
gefchnürten Orte fchon Statt habenden Verwachfung, 
eine Erklärung findet. 

AustlJeffe'n Riickfichten, und weil öberhaupt das' 
Einmünden der Darmblafe in den Darm nur durch eine' 
Reihe von Beobachtungen aus verfchiedenen Perioden 
ganz überführend dargethan werden kann, was hier' 
nicht unfere Abficht war, halte ich es für überfloffig» 
mit Worten den Zui'ammenhang zvyifchen der Dainl»' 
blafe und dem Dann weiter zu befchreiben, und ober-' 
laffe den nachdrucklichen und augenfcheinliciien Beweis 
(Jari)ber den, treu nach derNaUir gemachten Abbildua- 
gen Fig. 3. und 4.)j fhe, wie ich glaube, jeden Unbefan- 
genen davon überzeugen wurden, dafs die DarmbJafe 
im Schafsfötus mit dem Darme unmittelbar zufammen- 
hängt; und zwar genau fo, wie diefes (wenn wir (iber, 
die Stellt? djefjL-s Zufamnienhangs und andere, hier, un- 
■wefentliche Dinge nicht richten wollen) von Okfri am 
Scbweinsembryo befchrieben und^abgebiidet worden ift. 



4ö --»— '^--^-*=- ' 

(Siebe deflen Beiträge zur vergleichenden Zool. Anal* 
und Pbyf. I. p. 59. und Tab. 3.). 

So fehr ich aber auch , nach den vorliegenden That- 
fachen, nach vielen andern Erfahrungen und aus inniger 
yeberzeugung der Oken'icl^cn Anficht hierin beiftimnien 
Hiufs; Co wenig kann ich jedoch feiner, fchon vOnMeckel 
uod nach ihm von Samuel mit triftigen Gründen be- 
ftrittenen Meinung beitreten , nach welcher die Diveri 
ticula Allantoidis aus den abgelöften Hörnern der Darm- 
blafe entftehen foUen. Ich glaube vielmehr, dafs di» 
vorliegende Beobachtung , auf eine entfcheidende Weife, 
das Unzulaffige diefer Meinung darthue; und ich ftützQ 
diefe Behauptung auf folgende Gründe : 

\) weil hier die Enden der Darmblafe fchon abge« 
ftorben und noch keine Divertikeln gebildet waren; 
Weil 

2) der Augenfchein die ünmöghchkeit zeigt, dafir 
aus folchen fadenartigen Enden der Darmblafe je noch 
ein, den blafigen Divertikela ähnlicher Anhang entfte- 
hen könne ; 

... 3) vreil mir aus andern Beobachtungen bekannt iftji 
dafs die Darmblafe, bei weiterm Schwinden, je mehr 
und mehr an ihren Hörnern abftirbt, fo dafs zuletzt; 
nctr der blafenartige Knoten übrig bleibt; und weiL 
ejtdiich ,1 

4) ans einer Reihe von Beobachtui^gen , die ich,' 
wofern es nöthig wäre, alle" mit Abbildungen belegen' 
VTilrde, bewicfen werden kann, dafs die Bildung der 
Divertikeln erft anfängt, nachdem keine Spur der Darm^ 
bJäle mehr übrig, und auch der zuletzt gebliebene, bla- 
fige Knoten' verfchwunilen ift; wo alfo von einer Ent-- 
ftebiing aus der Darmblafe gar nicht mehr die Rede fejn 
kafm. 



III. 

Ueber die verfchiedenenBegriffsbeftimmungen 
des Lebens. Von Dr. C. G, Carus. 

Die Syfteme der Phyfiologie find bisher gewöhnlich 
mit einem Gegenl'tande eröffnet worden, welchen man 
ftreng genommen >vcit eher als Schlufsftein und Summe 
der ganzen Wiffenfchaft, denn als Anfang oder Vorben 
reitung derfelben aufgeftellt wünfchen möchte, nämiich- 
uJit dem Begriffe oder der Deßnitiun des Lebens. 

Das Wort Leben nämlich, bezeichnet ja überhaupt 
gar nichts wahrhaft Befonderes , nichts für fick befce- 
hendes Reales, es enthält vielmehr nur den Begriff 
gewiffer Veränderungen, gewiffer ftets fortfchreitenden 
Verwandlungen beftimmter Realitäten, und es kann 
uns demnach nur erft durch lange und tiefe Beobach- 
tung folcher Verwandlimgen oder Aes Lebendigen felbft, 
ein klares Bild davon cntftehen, was eigentlich bei dem 
Worte Leben (diefem für ein ünausfprechliches angenom- 
menen Zeichen) gedacht werden l'olle, folglich un^e-' 
fähr eben fo, wie dem, welcher irgend einen Menfchea 
noch nicht feinem Leben und Beftrebungen nach beob-' 
achtet , oder fonft kennen gelernt hat, der Name diefes' 
Menfchenein glaicbgültiger leerer Klang bleibt, fo wird 
der, welcher die Erfcheinungen des Lebens felbft noch 
nicht näher erfahren oder erforfcht hat, wenn ihm nun 
gleich anfangs das Zeichen anftatt der Sache, das Wort' 
und die Definition anftatt der Gefchichte entgegentritt,' 
Vom eigentlichen VVefen des Lebendigen entweder ga^ 
kein deutliches, oder ein faifches Bild erhalten , ja er . 
kann dahin kommen, das Symbol zur Sache felbft zu 
machen, und mit Schulbegriffeo wie mit Wirklich- 
keiten fortzurechnen. Wir erklären uns daher das fo 
häufig fichtbare Hinneigen zum Spiel mit vagen V^r- 



4& ^^^^^ 

ftandesbe^riffsn, feei dem Abw^ishden foAvohl von klarer 
innei-er VeCiiunftanfchauüng als von unbefangener ob- 
jöctiver Naturfoffchung, welches da alles als caput nior- 
tuum zurückbleiben möchte, fobald die Definition als 
Spiritus davort abgezogen ift. 

Solchem Mifsbrauch nun vorzubeugen ^ und auf 
den richtigem Weg zur Betrachtung des Lebens über- 
haupt vorzubeireiten, fcheint es z\yeckdienlich, von Zeit 
zii Zeit früliere A.nliclVten über diefe Gegenftände zu 
vergleichien «pid'ztt prüfen, "ja nach Kräften zu erwei- 
tern niul 4u vervollftäriüigen , damit Mehreren gelinge, 
was Einem unmöglich war. Beides ift nun von Herrn 
Prof. M«yer '^) in einem frühem Auffatze diefes Archivs 
beabfichtigt, und kann die gegenwärtige Arbeit, zum 
Theil durch jene veraiilafst , eiper ähnlichen AbQcht 
gleichfalls auf irgend ekieWafe förderlich feyn, fo hat 
fie ihren Zweck erreicht. ^-^^ '•" ^\^ 

Gleich anfangs abe:r glauipie ich hier meine fefte Ue- 
berzeugung ausfprecheii. zu muffen i dafs ich jeden Ver- 
fuch, das Leben blofs als irgendeine, dem befondera, 
Organismus anhängende, ihn) _/»r_/?cA felbfi zukom- 
roencl^i Kraft zu erklären». fürgänzliclj verfehlt, und, 
ajier , tiererft .Einficht hiijdefjich anfeben muffe , ja daCs^ 
es niir überhaupt fcheint , als ob alle Lehrfätze der Na- 
turwiffenfchaft, fofern fie einzelne,, an einzelne Körper, 
gebundene Kräfte annehmen^ der ächtijnNaturforfchung 
mehr entg^egen , als vorarbeiten. Wo nämlicliift denn 
jrgeiid eine Kraft uns clenlibar, aufser unter der Form, 
ejrier Wech/elwJrkiing zitHfchen Mehrern'! Und we;nn^ 
dlidurch das Wefen der Kraft als nothwendig auf Vor- 
häncfenfeyn verfchiedener Körper a;egrundet erfchpint,^ 

wie, 

■_^' ' ' ^ 

l) Üeber eine neue Begriffs6eftimmung^Difßmuea) .d«» Lebeni^' 
" Aich. für iTiyf. ni. fid. I« Heft. 



49 

wie dürfen wir dann irgend eine Kraft und fo auch die 
Lelif nsl<rart , das Leben feibft, als Attribut eines ein- 
zelnen Körpers betrachten ? Man verfuche es nur und 
<lenke fich für einen Augenblicl< das Unniögiiche, näm- 
Jich einen durchaus einfachen Körper, v^^llfländig und 
in jeder Hinficht ifolirt, aller VVechfelwirkung mit an- 
dern Wefen entfremdet, und man wird fich leicht über- 
zeugen, dafs in einem folchen Körper auch fchlechter« 
dings keine Kraftäufserung, keine Thätigkeit gedenk- 
bar fey. Selbft die aligemeinften Kräfte nämlich, z. B. 
die Schwerkraft, fetzen immer eine Beziehung auf 
ein Aeufseres voraus; ferner wird auch keine Ortsbe- 
wegung gedenkbar feyn, da der Begriff des Orts noth- 
wendig ein räumliches Verhältnjfs zu andern Objecten 
vorausfetzt; und eben fo wenig können hier, als in 
einem durchaus Einfachen, innere Verwandlungen vor- 
Iconimen , denn verwandeln kann fich nur ein Zufam- 
mengefetztes, und Verwandlung gefchieht nur durch 
eine Umänderung der Verhältniffe befonderer Theile, 
fo dafs diefes Einfache erft durch höhere Einwirkung 
in mehrere Theile gefon.lert werden miifste, wenn es 
auch nur der innern Thätigkeit, eines Innern Lebens 
fähig fevn follte. Sunach ergiebt Cch, dafs ein voll- 
kommen einfacher und ifolirter Körper als fchlechthin 
ruhend oder todt anzufeilen wäre, ja dafs er eben über- 
hjupt gar nicht in der Wirklichkeit exjl'tiren könne. 

Sehen wir aber, dafs feibft die einfachften Kräfte 
Mofs in Beziehungen unter einem Mehrfachen (fey die- 
fes nun ein Inneres oder Aeufseres) beltehrn'), fo 
wird dies gewifs in noch vollerem Maafse vom Leben, 



l) Will man fiel» dah«r nutbematifch ein Htd der Kraft ge- 
Iralien, [n mwh es immer Uic Linit al> di« Vtrtindung 
Mveitr -Eridfjunkte feyn. 
M. ä. Archiv ly. l. D 



als von der Vereinigung fa vielartiger Kräfte gelten 
railffen. So follten wir es demnach feft im Auge be- 
halten, däk Leben feinem VVefeii nach Wechfelwirkung 
fey, unil feine Erfcheinung folglich nie als Attribut 
eines Objects allein, fontlern als Product aller der 
Objecte zuJjetrachten ift, vyelche zu diefer VVechfel Wir- 
kung beitragen. 

Weiter ift es nun aber ein aus Obigem fich klar er- 
gebender Satz, dafs alles, was unter fich in VVechfelwir- 
kung treten foll , nie ein völlig Heterogenes feyn darf. 
Wären nämlich zwei Körper unter fich durchaus und in 
jeder Beziehung ungleich, fo wäre auch an irgend einen 
Berührungspunkt beider gar nicht zu denken; wie dies 
denn z. B. zwifchen dem in voller Reinheit gedachten 
Geift und einer an fich todten Materie der Fall feya 
milfste. Sprechen wir daher vom Leben als einer 
Wechfelwirkung, fo ergiebt Geh ferner, dafs diefe eben- 
falls eine Wirkung zwifchen verfchiedenen, in gewiffer 
Hinficht gleichartigen Dingen feyn werde. Nun nennen 
wir aber, was die Erfcheinung des Lebens hervorbringt, 
lebendig, und es ift folglich klar, dafs, wenn die Er- 
fcheinung des Lebens nicht aus einem Object allein, 
fondern aus mehrern zugleich refultirt, allem dem, wo- 
von Lebensthatigkeit mit ausgeht, auch der Name des 
Lebendigen zuzufprechen fey, fo dafs wir denn endlich 
Leben als eine Wechfelwiikung zwifchen Lebendigen 
betrachten dürfen, jedoch fo, dafs diefem Lebendigen 
diefes Prädikat immer nur injofern zukommt, als fie in 
jenem Zufammenwirken lieh thätig erweifen. 

Es kann nun aber dem aufmerkfamen Forfcher 
nicht entgehen, dafs in der ganzen uns wahrnehmbaren 
Natur fchlechterdings nichts ift, was nicht mit dem 
.\nilern auf irgend.eine Weife in Beziehung und in Aus- 
laufch von Thätigkeiten begriffen wäre. Sterne und 
Monde, Sonnen und Erden, Atmofphäre und Erd- 



) 

1 



öl 

kSrper, Waffet' und feftes Land, Boden und Pflanzen, 
Pflanzen und Thiere, alles lebt in und durch einander, 
wechfelfeirig zurammenwirkend ; und keins vun allen 
wäre ohne das Uebrige lebentlig, ja exiftirte überhaupt 
ohne diefes gar nicht. Ift dieis nun aber wirklich der 
P'all, wo ift dann die fefte Grenze zwifchen Lebendigem 
und Nichtlebendigem? wo ift der Körper, welcher exi« 
flirte ohne zlun allgemeinen Naturleben auf feine Weife 
beizutragen? Und fo folgern wir; 

Alles ift lebendig, fo lange es in jenpm Kreife all- 
gemeiner Wechfelwirkirng der Natur felbftkräftig ein- 
greift, allein nichts ift lebendig, fubald es aus jenem 
Kreife völlig heraustritt. 

Da es nun aber in der Natur der Sache liegt, dafs 
durchaus nichts wahrhaft Vorht'ndenes jenem grol'sen 
Ringe der Wefen fich entziehen kann, fo kann es auch 
nirgends einen wahren Tod geben aulser in der abjolw 
I ten Leprheic, im Nichts. 

Dagegen zeigt unseinUeterblick der verfchiedeneu 
Lebendigen leicht die unendliche Verlchiedenheit, in 
welcher fie zur Erfcheinung allgemeinen oder befon- 
dern Lebens mitwirken, und wir vermögen Stufeufülf>en 
und Grade der Lebendigkeit zu erkennen. Allein der 
Maafsftab zur Ermt^ffung folcher Stufenfolgen und 
Grade ilt bisher, wir können es nicht laugnen, ein 
ziemlich willkührlicher gewefen, ja man hätte zuweilen 
den Begriff einer folchen Gradation lieber völlig ver- 
wifchf, behauptend, dafs jedes Wefen in fich und für 
feinen Zweck von gleicher Vollkommenheit mit den an- 
dern fey, und ihre oft l'cheinljare Mangelhaftigkeit nur 
von unfern) Standpunkte in der Wefenreihe abhänge, 
nnr eine relative und keine reale fey. Allein mirfcheint, 
däfs es allerdings klar und beflinunt fich angeben lalfe, 
dafs, und in wiefern wir i'ine folche Verfchiedenheit als 
r«aJ auzunehmsD berechtigt find, und die folgende An 

D 3 



53 

ficht könnte vielleicht den Weg zeigen, felbft maihe- 
liiatifch eineö folclien Unterfchied im AHgemeinen zu' 
bezeichnen. ' 

Es ift nämlich vphj keinem Widerfpruche unter- 
worfen, dafs, je intenGver und zugleich extenfiver ehia 
Lebensthätigkeit erfcheint, fia zugleich um fo mehr 
die Idee des Lebens erfülle, um fp lebendiger er- 
fcheine, dahingegen eine ifltenfiv und extenßv fch wache 
Lebensthätigkeit immer mehr vom Sinne des Lebens 
ßch entfernen, uns zuletzt als gänzlich ruhend, als todt 
erfcheinen muffe. Intenfion und Extenfioh der Lebens- 
erfcheinungen, welche wir an irgend einem Körper wahr- 
nehmen, kann nun aber, infofern Leben eine VVechfel- 
\virkung ift, nur dadurch eiitfiehen, dafs eine gröfsere 
Mehrzahl von Wirkungen auf einem Punkte fich con- 
centriren, und von diefem Punkte wieder gegen jene 
Richtungen ausgehen. Da nämlich jeder Körper leben- 
dig zu nennen ift, in wie fern er mit einem andern in 
Wechfelwirkung tritt, fo wiederholt ßch natürlich der 
Begriff der Lebendigkeit fo vielmal in ihm, als«r^it 
fremden Körpern ßch verbunden zeigt. 

• Setzen wir z. B. A und B als zwei ipit einander 

in Wechfelwirkung flehende Körper, fo ift ihre Wech- 
felwirkiing =: A, B., und es bezeichnet diefes Product 
iugleich den Grad lebendiger Thätigkeit eines Jeden. — 
Setzen wir dagegen mehrere Körper = A. in Wechfel- 
wirkung mit einem einzigen Körper = B , nämlich fo : 

A A A A A A 

B 

fo erfcheint an einem jeden A, welches, ohne den übri- 
gen fich zu verbinden , blofs mit B in Wechfelwirkung 
tritt, eine Lebensthäiigkeit = A. B, alle^a an B, wal- 



dies mit jedem A in Wechfel Wirkung fich befindet, eine 
Manifeftation des Lebens ir: B. A'', und das Leben voa 
B ift folglicli hier um fo viel höher denn im erftern Bei- 
fpiele, als die Zahl feiner Wechfelbeziehungen zuge- 
nommen hat, d. i., um fo viel als Ä"" mehr ift als A. 

Beifpiele zu diefen Formeln ergeben fiel) hierzu in 
der Natur in Menge. Denn indem wir die in thätigerni; 
Verhiltnifs zur Aufsen weit flehende, wachfende, aas-'- 
fonlemde, zeujjende Pflanze, über das H/?//e/- Wahr-. 
nehmung faft ganz ruhend erfcheinendeFofßl fetzen, fer-' 
ner indem wir den durch EmpBndung und Bewegung.' 
in lebendigerer Wechfclwirkung mit Aeufserlichem fle- 
henden Thieren ein höheres Leben zufchreiben als der 
Pflanze, und endlich unter den Thieren wieder dem 
Menfchfen, welcher durch Vernunft und Willensfreiheit 
in innigere Verbindung mit dem Ali tritt , den höchfien' 
Rang angewiefen finden, zeigt es fich klar, dafs iinmer. 
die gröfscre Ausbreitung von Wirkfamkeit in Beziehung 
auf Aeufscrliches, verbunden mit der kräftigften Be» 
hauptung innerer Individualität, der Maafsftab ift, naclt- , 
welclicm der Stand der Organifation und des LebenSf 
gemeffen wird. 

Folgern wir nun aus diefenSätzen, dafs die ganze 
Natur nur ein grofses Lebendiges fey, und nur grad weife 
durch höhere und niedere Energie der Leljenskraft fidi 
unterfcheide , fo muffen wir allerdings auch annehmen, 
dafs die Bemühungen, einen ftrengen und entfchicdenen 
Gränzpunkt zwifchen lebendigen und nicht lebendigen, 
organifchen und nicht organifchen Körpern nachzuwei- 
fen, nie zu einem genügenden Erfolg führen können.. 
Es fcheint hier als wären die Phyfiologen irre geleitet 
dorch den gewöhnlichen Sprachgebraucli , wcUlier ein 
Icheinbar ruhendes, wenige und äufseri't langfamc Wecli- 
felwirkungen und Verw.indlungen zeigendes Objpct 
zum Unterfchied von eiocin beweaten, ficli fclmciier 



54 

verwandelnden, tOdt oder erftorben zu nennen 
pflegt. Man wollte nämlich diefen Unterfchied , der * 
nur auf meht' und weniger beruht, zu einein wefent- 
lich^n erheben , man vergäfs, ciafs folche Benennungen 
immer our relativ Gnd, und dafs die bleibende Gr.inze 
hier eben fo mans^elt, wie bei vielen ähnlichen Bel'tim- 
jntingen. So läiignet z. ß. niemaiKl, dafs ein ünter- 
fchied beftehe zwifcheii gröfe und klein, hoch und nie- 
drig, fchiiell und langfam u. f. w., allein jeder empfin-' 
det die Unmöglichkeit , hier fcharfe Gränzen zu zii'heit. 
Man nenne doch z. ß. die Zahl, welche den IJnterfchied 
macht zwifchen einer grofsen und kleinen , das Höhen- 
tnaars welches die Gränie 'angiebt- zwifchen hoch und 
niedrig! Und doch, was im Allgemeinen lieh als unmög- 
lich darftellt, wollte man in der Anwendung auf das 
Befondere geltend machen, wollte eine Definition vom 
Leben geben, welche zugleich ausrelcheml ley, und zu- 
gleich die nach dem Sprachgebrauche vorzugsweife 
fo genannten nicht lebendigen Körper, gänzlich aus- 
fchiöffe. 

Von vielsn ähnlichen altern Definitionen des Le- 
bens hat bereits Herr Profeffor Mayer in der erwähnten 
Abhandlung das Unzulängliche dargethan , allein er er- 
laube mir zu bemerken , dafs ich auch in der von ihm 
aufgeftellten Definition einen Begriff des Lebens aus- 
gefprocheu finde, der in aller lilnficht weiter als auf 
die gewöhnlich fo gen.innten organifchen Dinge fich er- 
ftreckt. Es heifst nämlich S. t64. ^a. a. O.) ■„Das 
„Leben eines Wej'ens befieht irY der Erhaltung feiner 
„felbfe, durch Verwandlung feiner felbfc und der 
i, Aufsendinge vermittelß Kräj'te und Werkzeuge, und 
„nach Gefetzen , welche in demjelben liegen. '■'■ Sollte 
nun aber alles cliefes nicht in vollfter Bedeutung einem 
nach ewigen Gefetzen Geh bewegenden, verwandelnde» 
tmd erhaltenden Sonnenfyfteme zukommen? ändert es 



■ — — 55, 

etwas am Wefen der Sache, wenn hier Sonnen., Erden 
und >]on<le mit ihren Gebirgen , Strömen und Vulka- . 
nen die Organe find, und im logenannten organifcheii. 
Körper ßlätler, Glieder und Adern? welchePhänOirena: 
von VerwandJung, Erzeugung, Zerfiörung und Eihalrj 
tung bietet nur die Oberfläche der Erde dar! ja il't nicht,' 
Erde und Wali'er, Licht und Wärme recht eigentlich., 
die Mniter aller organifchcn Körper, und kann wohl-t 
ein w/iiirhafc Todtes das Lebendige gebären? Ueber-J 
liaupt wird der fcharffinnige V«rf. jener Definition felbft 
zugeben, dafs dis Eihalcung feiner felbft nach in ilunf 
liegenden Gefet^ien dein Stein, dem JNIetall, eben fo zu-, 
komme als dem lebenden Körper, es bliebe alle nur 
die ge/etziiiü/sige Vei Wandlung feiner felbft und der . 
Aufsendingü mittelft bejtimmter Kräfte und Werkzeuge 
als unterfcheidend ; allein Gnd die gefetzmäfsigen Wech- 
Iclwirkungen zwifchen Atraofphäre und Erdkörperj- 
die cheiüifchen Vervvandtfchaften und Verwandlungen, 
u. f. w. nicht mit diefen or^anifchen Procefl'en in glei-i 
ehern Range, fehen wir nicht oft das organifthe VVefem 
eben fo fcheinbar ruhend als das unorganifche? man 
denlce doch nur an das ftille, in fjch gekehrte Leben 
eines viele Jahre lang ohne üchtliche Thätigkeit, ohne 
Verwandlung und Veränderung liegenden Samenkorns, 
welches nur erft durch äufsere günftige Verhältniffe 
zu keimen und fich zu verwandeln beginnt, gerade fo 
wie irgend ein Salz oder Metall Jahrhunderte ganz zu 
ruhen fciioint, bis irgend eine einwirkende äufsere Kraft 
Verwandlungen der verfchiedenfien Art erzeugt, ■ Ja, 
ift nicht der früher erwogene Umftand, dafs auch das 
krüftigfte Leben nie feine Bedingungen in einem Körper 
allein, fondern im Zufammenwirken fehr verlchiedener 
ündet, dafs felbft thierifciies Leben nicht gedacht wer- 
den kann, ohne iMitwirknng von Boden, Luft, Licht, 
Wärme u. f.w. Beweis genug, dafs auch dieErfchcinung 



des böcbüen Lebens zurrj Theil als Product vieler foge- 
nanntenunorganiCchen Korper unclKriifte anzufehcn it't? 
Wenn cLiher dergemeinen finnlichen Wahrnehmung 
einige Körper, im Vergleich zu antlern, durchaus un- 
belebt und unthätig erfcheinen , fo folgt zwar daraus, 
dafs wir folche Erfcheinungen im Allgemeinen durch 
einen befondern Namen zu unterfcheiden berechtigt find, 
aber es refuitirt daraus eben fo wenig eine wahre Tren- 
nung für die IViffenfchafc, als wir etwa überzeugt wer- 
den, dafs der Stundenzeiger einer Uhr unbeweglich fcv, 
blofs weil fein Fortrücken nicht Cnnlich bemerkbar ift. 
Fragte man nun aber, worauf eigentlich dieler Unter- 
fchied des Sprachgebrauchs zwifchen Lebendigem und 
Niehtlebendigem , den wir, wie dargethan, als wefent- 
lichpr und wahrhafter nicht gelten lallen können, ge- 
gründet fey? . f o glaube ich Folgendes als geniigende 
Antwort betrachten zu dürfen. Alle lebendige Wcch- 
felwirkung der Natur ift nach unfrer Anfchitmingsform 
entweder eine innere oder änfsere. Innere lebendige 
Wechfelwirkung nehmen wir da wahr, wo ein Ding zu 
mehreren, gegen einander thäligen , und folglich mehr 
oder weniger, obwohl nie durchaus ungleichen Theilen 
entfaltet, und mit diefen gewiffermafsen in fich befclilof- 
fen ift; ütifseres Leben hingegen zeigt fich, indem irgend 
ein Körper, fey er einfach oder zufammengefetzt , als 
Ganzes fich gegen einen andern oder mehrere andere 
thätig erweift. Je mehr wir nun einen gewilfen Körper 
blofs als Glied des allgemeinen Naturlebens erkennen, 
je weniger wir in ihm inneres Leben wahrnehmen, defto 
mehr mufs er uns , die wir das grofse , ja unendliche 
Ganze, wozu er als nothwendiges Glied gehört, nicht 
finnlich aufzufaffen vermögen , als ruhend , als unor- 
ganifch , als todt erfcheinen; und umgekehrt, je mehr 
wir innere Thätigkeit, folghch Seibftbeftimmung in 
feiner Entwicklung, Erhaltung und Wirkfamkeit wahr- 






nebmen , ctefto mehr wird ein folcher als letisnc!, als 
organifch fich daiftellen. Auf folche Weife wird auch 
der Unterfchied zwifchen den Zufländen eines organi- 
fchen Körpers begründet, welchen wir durch Lr-ben 
und Tod bezeichnen. Die Periode feiner Exiftenz näm- 
lich, welche wir fchlechthin als Lebfin in bezeichnen 
pflegen, wird dadurch beftimmt, dafs der Organismus 
theils als Ganzes gegen dje Aiifsenwelt reagirt und voir 
ihr afficirt wird, theils alsZufammengefetztes eingegen- 
feitiges Afficirtwerden und Reagiren , kurz eine Wech- 
felwirknng feiner einzelnen Organe, folglich ä'ufseras 
und inneres Leben zugleich erkennen läfst, das Erfler- 
ben, der Tod hingegen, giebt fich kund durch das 
Aufhören innerpr Wechfelwirkungen , durch das Ue- 
berge wicht, welches bei erlofchenem in nein, hidii'i- 
duellen Leben, im iiufsern Leben die Einwirkung von 
fremden Stoffen über die Wirkfamkeit diefes Körpers 
felbft gewinnt, wodurch dicfcr Körper nun wieder im- 
tergehen mnfs in dem grofson VVefenringe, aus welchem 
er für kürzere oder längere Zeit aufgetaucht war. D^r 
Leichnam des organifchen }iörpers jft deshalb aller- 
dings nicht wahrhaft todt, fondern er fteht zu einem 
hohem organifchen Kreife nun in demfelben Verhältniffe 
wie etwa irgend ein kleines Theilchen von einem leben- 
digen Organismus zu diefem Ganzen fteht, indem es 
nämlich, wie jener, nach kurzer intBviduoUer Exiftenz, 
bei dem allgemeinen Stoffwechfcl wieder im Ganzen 
untergeht. Auch ein folches Theilchen für ficli betrach- 
tet kann ja, dem Spracbgebrauche gemäfs, kaum mehr 
als lebendig betrachtet werden , und gefrhicht es doch, 
fo jft es, weil d-^r Organismus zu welchem es gehört,: 
uns ganz vor Augen liegt ; wiffenfcii.iftlich betrachtet ■ 
kommt ihm iiidcfs diefe llcdeutung voltkomrrcn zu; 
wogegen denn es auch in vielen Fällen recht deutlich 
wird« dafs ein Erfierben nur eine jteiie JSrzeu^iuig 



anderer Lebendigen fey. Ueberliaupt können wi« 
fchlielslich nicht umhin, die Erzeugung und Fortpflan- 
zuni; in wahrhaft lebenden Gefchöpfen noch in diel'er 
Hinficht etwas näher zu betrachten , da gerade diefes 
Phänomeh befonders geeignet ift, das VerhäJlnifs vuni 
fogetiannten Todten und Lebendigen anfcbaulicher zu 
machen. In der gefamniten Natur nämlich ift ein wah- 
res neu Etil flehen fo wenig als ein wahres Vergehen 
(f. oben) denktar, denn das All ift nur dann als ewiges 
Steyti zu denken, und es könnte nicht ewig feyn, wenrt 
ein Anfang oder Ende (ich nachweifen liefse. Alles fo- 
genannte Entftehen ift daher fo wie das- Vergehen nur 
ein Verwandeln; diefe Verwandlung , inwiefern. fie als 
Entftehung erfcheint, ift nun namentlich im Thier als 
Reihe höchft merkwürdiger Vorgänge anerkannt, von 
denen wir hier nur noch als Beifpiel die Entftehung aus 
dem Ei mit einigen Worten zu berückfichtigen Willens 
find. 

Das Ei nämlich, noch als Theil des mütterlichen 
Korr ers betrachtet, kann man, dem gewöhnlichen Sprach- 
gebrauch nach, nicht ein lebendiges Wefen nennen, eben 
fo wenig als ein Samenkorn eine Pflanze genannt wird. 
In beiden erfcheint nnmlich noch kein inneres Leben, 
und jenes Ei itt hlofs Theil eines gröfsern Lebendigen, 
obwohl in ihm fchon <\W Einheit , das Seyn gegeben ift, 
aus wel'-hem die Maunichfal'igkeit der thierifchen Ge- 
bilde Geh entfalten foll , eben fo wie im Samenkorn 
bereits die Liee des Baumes gegeben ift, um bei gege- 
benen Veranlaffungen wirklich zu werden. • Löft iich 
nun endlich diefes Ei vom mütterlichen Körper ab, ja 
wird es als folches vollkommen ausgefondert , fo ftellt 
es einen, Körper dar, von welchem es dem gewöhn- 
lichen Sprachgebrauch ftets zweifelhaft bleiben niufs, 
ob er lebendig oder nicht lebendig zu nennen fey. Wif- 
fenfchaftlich erwogen ergiebt es (ich indefs leicht, dafs 



59 

wir hier einen Körper vor uns haben» wetcbef als abge- 
trennter Theil eines grölsern Ganzen, bisher nur als 
Gefammtbeit, als fehr Eiilfaches, mit jenem in VVech- 
felwirkung ftand, welchem folglich nur aufserss Leben 
zukam, in welchen aher das ■ l^ermögfn , fo wie das 
Gefetz eines innern Lebens vorhanden ift. Wird nun 
unter den nöthigen äuisern Bedingungen diefes \'ermö- 
gen zur VViriilJchkeit, entwickelt fich unler Einwirkung- 
von Luft und Wärme das Ei zum Emliryo, fo fagt 
der Sprachgebrauch es kommt Leben hinein, das heifst 
eben, es cnlfteht ein inneres Lehen, und anftatt dafs 
es früher blofs ein Einfadies war, wird es jetzt eine 
Einheit, d. i. eine V'ereinung mehrerer fich entwickeln- 
der Theile zu einem Zweck. 

War nun diefes Ucifpiel. eines Theils geeignet, die 
hier eingeleitete ßetrachtungsweife des Lebens zu erläu- 
tern, fo wird es andern Theils auch Veranlaffung ge- 
ben, noch den Begriff des eigentlichen Unterfchiedes 
zwifchen wahrem Naturleben, und dem Scheinleben 
eines Artefakts, eines Uhrwerkes u. f. w. darzulegen; 
ein Unterfchied, welcher fogar zur Klippe für lUiinche 
Dc&nitionen des Lebens wurde, infufern diele den 
Begriff von wahrem und Scheinleben unter einander 
warfen. Ja wollten wir es genau nehmen, fo möchte 
felbft die oben erwähnte Definition: „Leben il't Erhal- 
tung feiner felbft durch Verwanillung feiner felbll und 
der Aufsendiiige, vern:ittelft innerer Kräfte und \Vork- 
7.cuge und nach innern Gefetzen" leicht auf irgend eine 
konl'lliche, diircii regelmäfsige Bewegungen unil Ver- 
änderungen üufsere Zwecke erfiillende M.ifciiine, An- 
wendung finden; denn es ift fehr Wdlil zu denken, d.ils 
eine Mjfchine fo eingericlitet werile, dafs fiu aufgewilfe 
Zeit fich felbft erhalle, dafs Co innere unrl Kufsere Ver- 
wandlungen iiervorhringe, und zivur nach lieftjmmlen 
Gefetzen niiltelft innerer Werkzeuge und deren Kräfte. 



60 



Demungeaclitet fchejnt mir jener Unterfcliied felir be- 
ftimmt daflurch fich zu finden, dafs wir bemerken, wi« 
jedes Artefakt, jeder ein folches Scheinleben zeigende 
Körper, ein ziifammengejetztes , ein erft «i/j vielen 
einzelnen Theilen Verbundenes fey; dahingegen ein 
Naturkörper, infofern er nicht felbft blofser TheiJ, fon* 
dern ein, gewiffermafsen in fich befchloffenes Ganze ifty 
nie als zu famm^n gefetzt: , fondern zu feinen einzelnea 
Theilen und Gliedern entwickelt betrachtet werden 
darf. Das Erfte nämlich ift überall das blofse Seyp, 
und aus dieieni kann erft das beftimmte Seyn hervortre- 
ten. Wie daher das Ei zunächft nur die Fähigkeit zu 
innerm Leben zeigt, dann aber bei wahrem begonne- 
nen innern Leben zu immer gröfserer Verfchiedenheit 
von Theilen ßch trennt, fo bildet fich alles Organifche 
durch Entfalten und Aneinandertreten innerhalb und 
aus der Einheit, wenn das Artefakt hingegen durch 
Zufammenfügcn entfteht, und erft zur Einheit einge- 
führt werden mufs. Beiderlei Richtung, ja das eigent- 
liche VVefen beider Bildungen ift fonach gänzlich ver*. 
fchieden, ja einander gerade entgegengefetzt, und ich 
empfehle es der weitern Entfcheidung meiner Lefer, ob 
nicht die Beachtung diefes Punktes die ficherfte Gränz- 
linie zwifchen wahrem und Scheinleben ziehen larfea- 
wird. 



IV. 

Ueber das Refpirationsfyftem der Reptilien» 
Von J. F. Meckel. 

Das Refpirationsfyftem der Reptilien zeigt , auf eine, 
diefe Jvlalle von allen übrigen VVirbelthieren unterfchei-' 
dende Weife diefelbe allmähliche Gradation als das ihm am 
nachften flehende Herz, Dies ergiebt fich fcbon aus den 



61 

bisher bekannten Befchreibungen deffelben. Inrieffen 
geben diefe, wegen ihrer geringen VöUftäridigkeit, feJbft 
nicht von den quantitativen, noch viel weniger aber von 
den qualitativen VeifL-hieilenbeiten deffelben ein genügen- 
des Uilil. Durch meine Unterfuchungen hierüber aufser 
Zweifel gefetzt, und im ßefitz mehrerer, meines WiC< 
fens neuer Thatfachen und darauf fich griindeniler An« 
flehten hielt ich es für defto zweckmäfsiger, die Reful- 
tate meiner Beobachtungen bekannt zu machen, als hie 
und da der fonderbare Wahn Statt Zu finden fcheint, 
dafs felbft für Gegenftändc , die man immer vor Au- 
gen hat, die Periode der Kntdeckungen vorüber, und 
pur Compiliiionen , oft in mehr als einer Hinficht 
fehr unkritifche Zufammenftellimgen, Folgerungen aus 
nichts beweifenden, oft veifälfchten Thatfjchen und 
allgemeine Betrachtungen an der Tagesordnung feyen. 
Welche häufig nur dem, der fie anftellt, Vergnügen 
lAachen können, und deren Einfeitigkeit und geringe 
Haltbarkeit mit der vornehmen , alles andre Stre- 
ben und jede fremde Anficlit übermüthig verachtenden 
Selliftgenügfamkeit, womit fie znr Schau geftellt werden, 
rinen Bedauern erweckenden Contraft macht. 

Wie in den beiden hühern Wirbelthierklaffen, fo 
zerfällt auch in diefer das Refpirationsorgan -nach der 
Analogie des Darmkanals ineiltentheils in einen, die 
Luft blofs zuleitenden, und einen zweiten Theil, worin 
die, durch den erftem in ihn gedrungene Luft die be- 
kannten Veränderungen erleidet, indem fie mit dem in 
feinen Wänden kreifenden Blut in Wechfelwirkung tritt, 
die Luftröltre und die eigentliche Lunge. 

I. L II ft r ö h r e. 

Die Gränzen der Luftröhre laffen ficTi, wie fich 
aus der Uclchreibung ihrer Zulammenfetzuiig ergeben 
wird,, bei den Amphibien niciit fo genau als bei d»a 



62 

• 
nioiften übrigen Tliieren beftimmen, inJem bei inehrern, 
nanientüch Ophidiern, der Theil des Refpirationsfy- 
ftems, welcher durch feine Lage der Luftröhre der 
ßbrigen eiitlpn'cht, durch feinen Bau die Liingpii der- 
felben felbft in einem noch hühern Grade darfteilt als 
der, welcher durch feine Lage, feinen Durchmeffer 
und feine äufsereGefiait mit ihrer Z.;/«g'e übereinkommt, 
und bei dem meiften gcfchwänzten Batrachiern in der 
That das Refpirationsorgan licli felbft überall fo ganz 
gleich ift, dafs eine Abtheilung deffeiben in Luftröhre 
und Lunge nicht angenommen werden kann. Im All- 
gemeinen aber kann man mit diefem Namen den Ab- 
fchnitt des Refpirationsorgans belegen, welcher fich von 
der Mundhöhle, vor der Spciferöhre liegend, bis in 
die Gegend des Herzens begiebt, und hier' ununter- 
brochen in die Lunge übergeht. 

Seine üiifsere Gcßalt, kine Zu/ammen/ptzi/ng, feine 
Länge, feine Weite, fein Eintritt in die Lunge, bieten 
mehrere, nicht unmerkivürdige Verfchiedenheiten dar. 

I. Aeufsere Gefealt. Die Luflrulire der Amphi- 
bien ift im Allgemeinen cyliadri/rh. JN'ur bei mehreren, 
nicht allen Ophidiern, namentlich hei Co/uber, Crota- 
lus und Vipera berus und Weigelil, nicht aber bei ^. Naja, 
ferner Tonrix, Boa, Amphisbaona, Anguis, alfo nicht 
beiden hulieni, erweitert lieh allmählich dieferzwifchen 
der Mundhöhle und dem Herzen befindliche Theil. 
Jene Erweiterung macht iiidelfen wahrfcheinlich keine 
Ausualime von dem Gel'etz, indem fich fogloicli ergeben 
wird, dafs wahrfcheinlich diefer ganze erweiterte Theil 
richtiger Lunge als Luftröhre geiidnnt wird. 

Sehr allgemein bildet die Luftröhre nur in ihrem 
vordern Theile einen einfachen Gang, fpaltet fich dage- 
ücn in ihrem hintern in zwei Luftriihrendße, welche 
!ich in die Lunge öffnen. In Hinlicht auf Anvvelenheit 






^3 

«oer folcl)en Spaltung und verliältnifsmäfsige Länge 
des Stammes zu den Aeften, verliältnifsmäfsige Weite 
der letztern, finden fich viele Verfchiedenheiten. Nach 
deii gewöhnlichen Angaben ' ) fpallet fich die Luflröhre 
bei den Pphidiera, eben fo bei der grünen Eidechfe 
nicht, und, mit Ausnahme di^r K?okodUe, noch mehr 
dei" Schildkröten , wozu man noch die Batrach'ier rech- 
nen kann, find die Aefte, im Verhältnifs zum Stamme 
und zu den Lungen, bei alliin Reptilien fehr kurz. 

Hiegejfin kann tnan bemerken, dafs 
l) bei den meiflen Opliidieni , fofern fie, -wie fich 
weiter Unten ergeben wird, mit einer doppelten Lunge 
♦teffehert find, wirklich eine folche Spaltung Statt findet, 
■(vienn gleich der eine Luftröhrenal't häufig auch hier, 
indefTen nur bei denen , deren Lungen einander fehr 
unglcic!) find, viel kleiner und in jeder Hinficht unvoll« 
konwnqer kii als der andre j 

'a)' wie fchon Qitdeß ') bemerkte, nicht bei 
allen, fondern nur den Landfdüldkröten die Spaltung 
fo weit nacii vorn Stattfindet, dafs die Luftrohre fehr 
kurz, die Aefte dagegen fehr lang find. Wirklich ift 
zwari)ei T. grueca das Verhältnifs des Stammes zu 6&Ci 
Aeften nur v.-ie 1:7, dagegen bei Em\s europaea Avie 
a : I , bei Qh. hnbiicata lelbft wie 3:1, 

3) Nach Ciivior fpaltel fich die Luftrölire bei den 
Krokodilen weit fpäter als bei K\tn Schildkröten, indeffen 
gilt dies nyr im Vergleich mit TeJ'tudo grrieca und Emys 
europtipa, denn bei C.rocnd. ftmericaniis ift das Verhält- 
•nifs des Stammes zu den Aeften wie bei Ch. iinbri- 
'Ulli, 3:1. 



l) (urier S. IJJ. 

^) Olfetv. iiiti.rno >lle Tiruruglit «tc. Fir. 1^87. p.71 ff. 



^4 

KV ._;>.. 4) Aufser den Krokodilen und der Schildkröte un- 
terfcheirlet fich iioch Tiipiiiambis beiigalenjiS von dea 
übrigea Amphibien durch dje Länge feiner Luftröhren- 
äfte, indem, ungeachl^t der Stamm beträchtlich lang 
ift, fein Verhaltnifs zu dem der Aefte wie 2:1 ift, fo 
dafsalfo dicTheilun^ fogar früher als bei C'ft. mydas und 
den Krokodilen gefciiieht. Die betrachtliche Länge der 
Luftrohrenäfte der Pipa , von welcher Cuvier nicht re» 
det, hat fchpu Rudolphi richtig bemerkt '). 

Sie find in der That mehr als halb fo lang wie die 
Ziifammengefallenen Lungen, und die Pipa unterfcheitlet 
fiflh hiedurch nicht nur von den übrigen Batrachierriy 
fanderii nähert fich auch durch diefen Umftand den 
Qieloniern. 

' ■ 5) Dafs bei den Batiachiern die Luftrohrenäfte 
unmittelbar unter dem Kehlkopfe anfangen, fagt Ctrvier 
im Allgemeinen *). Hiernach haben fie, wie Rudolph i 
auch für die Pipa ausdrücklich und mit Recht bemerkt, 
gar keinen Lüftruhrenftamm; indeffen befitzen wirklich 
eiftf^e', namentlich die Landjhlamander , einen kurzen 
Sfatnm,'dcr fich aber bald in die, nur wenig längern 
Aefte fpaltet. 

2. Zufammenfetzung. Die Luftröhre ift in ihrem . 
Stamme um! Aeften entweder blofs häutig, oder- fie ^ 
befteht aulserdem aus Knorpplririgen. 

Blofs häutig ift fie bei den Batrachtern, namentlioh 
dein Proteus, den Land • und IVaJferßilanianderit, den 
hieländifchen Kröten und Fröfihen. 

Dagegen finden fich unter den Batracliiern bei der' 
Pipa , den Ophidierii, Sauiiern und Schildkröten Knor- • 

^ . psl- 

1) Breyer de Baaa Pipa. p. tf. 

!) S. 321. 



— 65 

pelringe, welche- immec fehr »ficht an eiOatirfer ftehea 
and nicht ilnrch.Muskelfül'cnv verbünd«-!! werden. 

Im AJlgemeiiien find diefe Knorpelrinjje voJJftän- 
*^"S" doch niacheo hiervon mehrere. Amphibien eine 
Ausnahme. ■ ■ 

Schon Cuvipr hat dies füf die Ophidier , unter den 
Sauriern für das Krokodil ««d das Kamülpon bemerkt ' y. 
-•rjj ■Wirklich ift es richtig, dafs bei den Ophidhern im 
Allgemeinen die Luftrölire in dem iirmern Theile ilues 
ümfangs keine Rnorpelrioge hat; allein zu ailgcmeia 
ift eino andre Angabe von i.LOiier '), dafs in dem obsrn» 
gröf%rn Theile des ümfangs der Luftröhre Geh ein 
zartes Netz finde, welches fich.in die Zellen Her Lunge 
tortfetze. Zwar kommt ein folcher netzförmiger Bau 
wirklich den von n\\v unterfuchten Colubern, unter 
den Vipern F. berus und IVcigv/ii, eben fo Crotaltis hor- 
ridui zu; allein er fehlt bei allen Boa's, welche ich 
Vor mir habe, den Amphisbäiien, lortrix frytalc , An- 
euis ßagilis und Pipera naja. Wenn gleich bei allen 
Opludiern, fo viel ich weifs, die Luftröhre in ihrem 
ganzen Verlauf im obern Theile ihres ümfangs blofs 
häutig ift^ fo nimmt doch bei 'len eben erwähnten der 
«eilige Bau dcrfeltien erft in der Gegend des Herzens, 
wo der geivühnUch allein fo genannte Lungpul'ack an- 
bebt, feinen ; Anfang, und auch da, wo diefer zellige 
Bau fchon fehr weit nach vorn erlt-heint, ift doch der 
▼orderlteTheii des häutigen Zwifchenftückes, bei allen 
Opludiern ^ ganz glatt. Am früiii'ten erfcheint der zel« 
lige Bau bei Crotulus Jwrridiis,, dem t^ippra Ijprus 2U- 
nächft fteht. im Allgemeinen find, wie Cirt.'(>/- angiebti. 
(tiefe Zellen unvoUkommner als die Lungenzelien , iq 



1, S. P4. 
a) S. V6. 
M. d. ArMv. IV. I. 



fi6 

welche Ge übergehen ' ) , indeffen machen hievon meh- 
rere, z. B. K berus und Crotalus horridiis eine fehr 
merkwiirciige Ausnahme, indem hier fowohl ihre 
Zahl als Tiefe weit beträchtlicher als die, befonders 
im Vergleich mit ihnen kaum vorhandnen Zellen 
des eigentlichen Lungenfackes ilt, fo da£s Cch diefer zu 
ihnen wie fonft fein hinterer Theil zu feinem vordem 
«rerhält. Dilrtte man befundei-s hienach nicht den gan- 
zenTheil desRefpirationsorgans, an welchem fich diefer 
zelligeBau findet, zur Lunge zählen? Unftreiüg fpricht 
(lie, mit dem zelligen Baue immer zugleich eintretende 
Erweiterung, des Sackes, während die nicht zeljige 
Luftrühre der ilbrigen Ophidier in ihrem ganzen Verlaut 
--. veihäitnifsmälsig weit enger und überall gleichmäfsig 
•weit ilt, felir für diefe Anficht, die noch befonders 
durch die Bemerkung uuterfttitzt wird, dafs die, A-^' 
durch gefetzte Kiirze der Luftröhre die «wriri^erert 
Ophidier den Bacrachiern und Fijllien nähern würde. 
Aufser allen Zweifel aber wird wohl ihre Richtigkeit 
durch die Bemerkung gefetzt, dafs die Anordnung 
der Lungengefäfse . damit vollkommen übereinftimmti 
Cuvier fagt zwar von der Langenpulsader üerOphi- 
tüer allgemein: „ fie fteigt in die Höhe, wen« 

■ ,)det fich dann voa der Grundfläche des Herzens nach 
j^hibten, und geht längs der hintern Fläche der Lunge 
;^von vorn nach hinten herab '^;" allein dies gilt nur. 
für die Ophidier j deren vor dem^ Herzen liegender 
Tiieil des Refpirationsorgans keine Zellen hat. Hier 
Wendet Cch in der That die ganze Lungen pulsader nach 
Ifinten. Bei -den übrigen dagegen fdhickt fie einen Aft 

"nach vorn ah, «loffen Oröfse im. geraden Verhältnifs mit 
der Zellenenlwicklung des vordem Theiles fteht, und 



S. ?i«. 
s) S. a»4. 



der bei Vipera und Croealus horridus gröfser als der hin- 
tere, bei Coluber natruc dagegen bedeutend kleiner iü. 
Die von Cuvier angegebne BiJdung fand ich nur bei Am- 
phisbaena , Fipera na ja, Tort rix, Anguis fragilis und 
Boct, Es ift alfo wohl l;einen) Zweifel unterworfen, dafs 
man den Anfang der Lunge da zu fuchen hat, wo die Zel- 
lenbildung anfängt. Dafs der gänzliche Mangel des zel- 
ligen Baues in dem vor dem Herzen gelegenen Theile 
der Luftwege, der gerade bei den hohem Ophidiern 
'Vorkommt, fie auf eine interelTante VVeife den Sauriern 
'nähert, leuchtet von feJbft ein. 

Unter den Sauriern kommt ferner nicht blofs dem 
Krokodil und dem Kamäleon die Unvollkommenheit der 
Luftröhrenringe zu. Sie verhält Geh fo in ihrem gan- 
zen Verlauf z. ß. bei Tupinatnbis bengalenjls und Iguana 
deücalilfima. 

Bei Tupinamhis americanus , maculatus , Gecko 
aegypciacus , find die Luftröhrenringe in einer längern 
oder kurzem Strecke im untern Theile der Luftrühre 
'unterbrochen. 

Bei der Pipa find fie in der gat^zen Länge derLuft- 
rohrenäfte unvollkommen. 

3. Länge. Di'' Länge der Luftröhre, d. h. des 
Stamme» und der Acfle zulammen , indem die verhält- 
Bifsmäfsige Länge beider unter einander ffhon betrachtet 
•wurde, bietet mehrere Verfchiedenheiten dar. 

Bei den Batracliiern ift fie, mit Ausnahme der 
Pipa lehr kurz; unttjr denOphidiern , wenn man richtig 
nur ilen nicht zelligen Theil des Rel'pirationsfyftems 
Xuftröhre nennt , bei den niedrigem , namentlich Colu- 
ber, l^ipera beri/s und U'eigelii, Crotalus horridus fehc 
kurz, t>ei den übrigen Ophidiern dagegen, deaSauriern. 
und Cheinniern immer anfehniich. 

4. iVeit-e. Die verliältnifsmäf'.ige Weite variirt 
gleichfalls. Bei den Batrachiirn ift fie im Allgemeinen 

E 2 



66 '■' 

am weiteflcn, liierauf folgen Ait phidier , auch wenn 
man niirdenobern nicht ztlligenTheil ilesR; fpirat jous- 
organs als Luftröhre onfieht, danv\ AimChplonier, zuletzt 
die Saurier, wo fie im Allgemeinen verhältnifsmäfsig 
am engftea ift. Nur beim Gecko finde ich fie auffallend 
weiter als bei den meiften übrigen. Dagegen ift Ce be- 
fonders bei Tupinainbis bengalenßs auffallend eng. 

5, Diii Stelle, an weldier die LuftröhVe in die 
Lunge tritt , ift fehr allgemein dem obern Ende näher 
als dem untern, faft immer dem erftern fohr nahe, oft 
das obere Ende felbft, wo dann befonders deutlich die 
Lunge nur der erweiterte Bronchus ift. Die letztere 
Bildung kommt bei allen Bairacluern, den meiften 
Ophidlern, namentlich Co/i/ifr, mehrc^i-a Vipern , Cro- 
talus , unter den Eideclifc/i bei Gecko unil Cliamaeleoii 
pmnilus vor. Bei den übrigen dagegen bildet die Lunge 
auf einer oder beiden Seiten der Luftröhre, meiftens auf 
der äufsern, einen längern oder kürzern, ftumpffpitzi- 
gen Fortfatz, eine Andeutung der bei Tu pirtambis beif.' i 
guleafis und Crocodilus vorkommenden yeA;- tiefen Ein- 
. fenkung des Luftrohrenaftes in die Lunge, welche beini 
erftern etwas über, beim letztern felbft unter der iMitte 
der Lunge Statt findet. 

II. Lunge. 

TS\6 Sufsere Geßalt, Zufammenfetzung, Zahl 
und Größe der Lunge find die vorziiglicbften Momeute, 
durch deren Betrachtung fioh die bisherigen JCsnatniffe 
des Gegenftandes vervollftandigen laflen. . ^ ., 

l) Aetilsere Gefüllt. Die äufsere Geftalt der Rcp- 
tilienlungen ift im Allgemeinen mohroder weniger hing- 
■lichrundlich. Die Geftalt des ganzen Körpers und die Zdhl 
der Lungen fcheint auf ie einigen EinMufe zu haben. lai 



69 

erfterer Hinficht find fie bei den ungefchwSnzten Ba- 
tiacldei II wenig, bei den gcfcluvänzten äufseiMt längJich, 
bei den Srluldkrüteu platter als bei den übrigen Repti- 
lien. Die iängliche Form der Luiigo der Ophidie.r. 
feheint von beiden Be.lingungen abzuliängen., Gegea 
das hin'ere Ende find üe- meiftees tnelir e^et.\i>y&uiget, 

ZUgel'pit/.t. '"■.' .'AM' >-,,i',v \ :,'(! • ;■ ; .\ ' 

2) Ziißmmpii/etzung. Die Lungen der Reptilien 
beftchsn ans einer zarten Schleimhaut, einer Fort-; 
fetzun-' der Luftröhrenhaut, einer dickeren, äursern, 
fie umtobenden feröl'en Haut, welche vom ßruft- 
ba'.iclileil ftamnit, unl einem zwifchen beiden beiindT 
liehen, nach innen vorfpringenden, und mehr oder 
weniger unregelmäfsige, vertiefte , nach der Höhle der 
Lungen offne Räume, Ze/^'/;, bil'lenden, faferig - knorpli- 
gen Gewebe, in welches lieh die Luftrührenknorpel 
fortfetzen, hn vordem Theilo der Lunge beflehn diefa 
Zellen aus höhern VVänden , und ihre innere Fläche ift 
durch mehrere, niedrigere Vorfprünge ungleich. Nach 
hinten wrercien fie allmählich fowohl niedriger, als grö- 
fcer, die kleinern Zellen, ja bei den meiften Ophidieni 
und einigen 5«a/-ie/-rt felbft die gröfsern, verfchwinden 
hier ganz. Bei den gefchwänzten Batrachiern, mit 
Ausnahme der Erdfalumaiider , fehlt diefes Gewebe, 
und die durch daffelbe gebildeten Zellen ganz, und die 
Lunge ift daher, auf eine mit andern BiMungserfchei- 
nungen Dl)ereinftimmende Weife , hier in ihrer ganzen 
Ausbreitung fo unvollkommen als bei den höhern Ge- 
fchleclitern in ihrem hintern Theile gebildet. Muskel- 
fafern konnte ich hier fo wenig als in der Luftröhre 
finden. 

A) Batradüer. Die Zufammenfetziing der Lun- 
gen ift bei den BalrachiPin am einfachflen. Bei ineh- 
rern gefchwänzten, namentlich Sireii, Proteus, Tr'Uon, 



find es bekanntlich blofs einfache , glatte, dtlnnhäuti^e 
Säcke; bei den ungefchwä'nzten dagegen, unter den ge- 
fchwänzten auch bei Salamandra, grobzellige, ein- 
fache Säcke. Salamandra , lii/fo , liana und Hyla 
unterfcheiilen fich im Allgemeinen nicht, dagegen ift 
die innere Oberfläche der Lunge bei R.Pipa etwas mehr 
vergröfsert, fofern fich von dem äufsern und innern 
Theile des Umfangs derfelben mehrere kurze Quer- 
vrände erheben, wodurch auf jeder Seite ungefähr 
8- — '9 Dber einander liegende Abtheilungen gebildet 
■werben, die Zellen feiner find, und fich oben und innen 
eine eigne kleine Verlängerung, vielleicht die Andeu- 
tung eines zweiten Lappens, wie bei mehrern Sauriern, 
findet. 

Bei keinem vonmirunterfuchten Batrachier, aufser 
den zuerft erwähnten, find übrigens die Lungen in ihrem 
bintern Theile an der innern Fläche ganz glatt. 

B) Ojjhidier. Die Lungen der Ophidier bieten in 
Hinficht auf den Grad ihrer Zufammenfetzung bedeu- 
tende Verfchiedenheiten dar. Nach Cuvier verlängern 
Ca fich bei allen in eine fahr dünne, an der innern 
Fläche ganz glatte, zellenlofe ßlafe '). Diefe Angabe ift 
2war für Cohiber, Crotalus, Fipera, richtig, niclit aber 
für TortriXf Amphisbaena, Typhlops, Boa und Angiiis 
gültig, indem bei diefen die Lunge bis zu ihrem hintern 
Ende deutlich zellig ift. Am nieiften kommt Tortrix, wie 
durch ihren übrigen Bau, fo auch durch diefe Bedin- 
gung, mit den vorerwähnten überein, indem die Zellen 
fchon vom zweiten Drittheil an ziemlich plötzlich be- 
trächtlich weiter und niedriger werden, und endlich 
faft ganz verfchwinden. Hierauf folgt Boa, dann Am- 
fihisbaena, am vollkommenften ift auch in diefer Hin- 



O S- IM- 



firlit Artguis fragUis. Wieder alfo eine Annäherung 
gerade «liefer Gefclilechter an die lnihere, unil naiucnt-" 
lieh die Sdurierbildung, welche wohl berückfichtigt zu 
werden verdient. l\ naia kommt durch diefe Anord-, 
nuiig der innern Lungenfläche mit den übrijien niedri- 
gen SchJangen iibereiri, und bietet alfo , da die Zellerf- 
bildung erft in der Gegend des Herzens anfängt, eine 
JDtereffante Vereinigung der Charaktere der hohem und 
niedei n Schlangen dar. 

Ein ferneres Moment ift die Verfchiedenheit der 
Feinheit der Zellen. Vergleicht man hier in den ver- 
fchiediien Arten blofs den hinter dem Herzen befindli- 
chen, am ftärkften erweiterten Theil, welchen man ge- 
wöhnlich allein Lunge nennt, fo ergeben (ich bedeu- 
tende Verfchiedenheilen. 

Diefer ift z. ß. bei V. berus, Crotalus horridiis, 
aufserordentiich dünnwandig, und nur aus fehr grofsen 
und äufserft niedrigen Zeilen gebildet; dagegen bei l^. 
ntijii, Boa, Ainpiiisbaena, Tonr'ix, Atiguis, auch. 
Vielen Cohibein fehr feinzellig. Die hiedurch ge-' 
fetzte Verfchiedenheit aber verfchwindet, wenn man 
auch den vor dem Herzen liegenden Theil des Refpira-, 
tionsorgans berückfichtigt, indem diefer bei den erften 
Arten eben fo feinzellig uml zufammengefetzt ift als der. 
hinter dem jierzen liegende der übrigen. Offenbar ein 
neues Argument für die Anficht, dafs hier dieler Theil zu- 
gleich Lunge fey. Diefe Anficht wird noch mehr durch die 
bei einigen Arten, z. B. Coluber audax und comprelJ'uSy 
Peianüs/asciut. lypldops crocotatiis vorkommende Bil- 
dung beftätigt, wo fich in der Gegend des Herzi;ns eine' 
ftarke, nicht durch Einblafen von Luft zu zerltörendeEin- 
fchnürung findet, welche die vordere und hintere Lungen- 
hälfie von einander auf ähnliche Weife als bei mehreren 
Fifchen die VDrdere und hintere Srhwimmblafenhalfte 
fondert. Hiernach fchiene alfo auch hier das feitliche 



73 

Doppeltwerden d«sr Lunge durch longitudinales .1«- 
gedeutet. 

Die innere Oberfläche der Schlangenlungen bietet 
noch einige andere Verfchiedenheitcn dar. Bei inehreni 
ift ihr ganzer Umfang zeJlig. So verliäJt es ßch bei 
Tonrix, Ampkisbaena, Anguis, Boa. Auch beiden 
nieiften von denen , wo' Cch der vor dem Ilorzen lie- 
gcnile Theil der Luftwege mehr oder wenii;er i'tark als 
Lunge entwickelt hat, ift doch der vordere Abfchnit des 
hinlern in feinem ganzen ünifaiij^e gleiclimaisig zufam- 
mengefetzt, feibft wenn die Zellen, wie bei Crotnlus 
und l^ipera beriis, nur klein und. Merkwürdig ift daher 
eine Ausnahme, die F. naja infofern macht, als bei ihr 
durch die ganze Länge auch deszelliuen Theiles ein glat- 
ter, in den voi'dern Theil des ümfangs der Luftröhre 
übergehender, aber blofs häutiger, ungefähr ein V'ier- 
theil der ganzen Höhle betragender Streifen herabläuft. 

Am «lerkwiirdighen aber ift die Bildung der 
Lunge, von Tvphlops ciocotatus, Der zellige Bau der 
hintern Wand des R.efpirationsorgans fängt fchon in 
fchr geringer Entfernung von der Mundhöhle an, und 
^vird bald dadurch noch zufammengefetzler, dafs fich 
einzeln und paarweife flehende ftärUere Vertiefungen 
bilden, deren Anfang von oben nach unten ajlmjihlich 
zunimmt, und die rladurch immer mehr als ioc^e cr- 
fcheinen. Vorzüglich ift diefe fiildung unterhalb des 
Herzens entwickelt, wo ficb ilie Lunge in der obern 1 
Hälfte ftark erweitert, und , gerade wie tlie Lunge der 
Schildkröten, indiefer obern Hälfte aus 9—10 queren, 
zum Theil wieder durch Längenvorfpriinge abge^ieilten 
Säcken befteht, welche ßch in die bis zur Mitte diefes 
hintern Thoiles abfteigende Luftröhre einzel« öffnen 
und aufs^rdem nicht mit einander communiciren. Wo 
in der hintern Hälfte die Knorpelringe der-Ltrftröhro 
.aufboren, find auch diefe Querwände fehr niedrig, und 



^die Lunge bildet daher liier eineii'telivfeeliifc1i,i"<lDch bis 
zum hiiitcrn Ende niit weiten ZeJJeii befetzten Sjck. 

TyphJ'tps luinbytfa!7s h;it crieXen meri;wiir(li!i;cn Bau 

Äicht, iundern nur die gewöhnliche Zcllenbildung. 

' -f'y ■'. - 1. '■'■■ ■••'■'-" ■■'■'-'- ''ii ■'' _ r^ ; 

. C) Saurier. Boi den Sauriern fiodön'ficliicfie vdr- 
sDglichfteii Gradationen iokler.AustiiJrlnng' der Lunge, 
welche den übrigen Ordnungen gel rennt und einer .^- 
den mehr oder weniger eigentiiijnilich 7.ukomin(?n, und 
nirgends gicbt es unmerklichere und niannJLlifachere 
• Uebergüngc von dcrunvöUkommnern zur voMkomtrinern 
Form als hier, wenn dies gleich die bisherigen üöfchrffi- 
bungen, nanienllich vonCuvter, nicht verjTi'uthoii kiffim, 
indem er die Lungen aWcr Saiiri fr-, mit Ausunhine des 
Krokodils, als einfache zellige Säcke l'cliilden , welche 
Üut bei dcmKamiilfion und /igama mcirmorula an ihrem 
hintern Endein Anhänge auslaufen '). 

l'Jiefo einfachfte Form i^ommt in derTlintlici meh- 
rem Sauriein vor. Njiiientlich haben Cltdinacl'e/iu ]>:/• 
Tijiliis,, Lät^rta 'äme/vaj'jdytiäicen0i. 'i'iWcica'^ 'Steilh 
hrevicaud-titiis iit}i\ Corll'^li/s,'^'gäi'i7a marnr^iTii'fa', TujH- 
nambis amcrlra/nis und niaciifätiis blofs S.iclve , deren 
innere Fl.'iche in ihrem vordem Theile durch etwas 
tiefere Zellen ungleich ift als im hintern. Schon unter 
(tiefen aber gicbt es, aufssr den nachher für alle zu be- 
trachtenden Verfchiedenheiten in der Entwicklung c^es 
Umfangs der innern Oberflciche der Lunge, -/war zarte, 
■ aber deftoinlerelTantcre Abltuhingeu, welche allnw'hliph 
•7ü nlehrzurammoiigefetztenFormcri führten. Statt dafs 
'1«! mehrern, ?.. B. ChewTrirleo'ri ;).7Hf?/'/^ > ' die gaij'/a 
irtnere Fläche hur Zeilen bildet, vorhuift bei anrlern, 
Namentlich z. ß. Tupinantb'/S americniius', von dem 



I) 8. «o. rth^^r."''"^'*"^ '"?''* "-^^-^ ^^ ' 



aursem und innern Theile des Unifaiigs der, fich in den 
obern Theil der Lunge öffnenden Luftröhre ein ftark 
voripriiigender, knorpliger Längenftreifen bis gegen das 
hintere Ende, und von feinen beiden Seiten gehen die 
zahlreichen queren Hauptüfte fo ab, dafs fie unter ein- 
ander zulanit) endief^en und wieder kleinere, anafto- 
tnofirende abfenden. Offenbar eine Andeutung der, 
dörch die hölier entwickelten Lungen als Kanäle fortlau* 
fenden , fich verzweigenden Luitröhrenälte. 

Ferner giebt es aufscrdem eine nicht unbeträchtliche 
Menge von Sa uriein, wo fich fehr deutlich ein Streben zu 
einer Vertheiluog der Bronchien im Innern der Lunge 
jijcb dem Typus der Säugthiere offenbart, welches in der 
UilJung der Lunge der Krokodile und einer andern Art 
feine b<jrhftg Vollendung erreicht. Hieher gehören 
napientlich Iffif^firfa viridis, Gecko aegypt., Agama calo- 
tes 1 Sciiiaus officinatis , Stellio vulgaris, Chamaeleon 
vulgaris, Iguuiia deliraufjhna , deren Lungenbildung 
auf verfchiedneu Wegen zu diefuni Ziele führt. Bei La- 
certa viridis fcheint die Bildung am unvollkonimenften. 
Längs dem äufsern Rande der Lunge fteigteine, aus 
ungefähr 12 Zellen, von denen die mittlem die gröfsten 
find, gebildete Reihe bis gfgen das hintere Ende der 
Lunge herab. Diefe Zellen find da, wo fie fich in den 
weiten Lungenfack einmünden, am weiteften, und 
clprch beträchtliche Querwände völlig von einander ge- 
trennt. 

Beim Gecko ift die Bildung wenig vollkommner. 
Von dein Eintritte der Luftröhre an verläuft, in der Rich- 
tuni; derfL'lben , an der äufsern Seiten wand der Lunge, 
durch die ganze Länge derfelben, bis zu ihrer Spitze eine 
einfache Reihe dicht flehender Zellen, welche firh, un- 
i;efäiir fünfzehn an der Zahl, durch ihre Gröfse fehr 
leicht von den übrigen , die ganze innere Fläche der 



75 

Lungen ungleich machenden, geWöhnlicbeii: unter- 
fcheiden. ' 

Die fünf obern, namentlich clis dritte bis fi nfie, 
find die engften, aber tieflten, die dai-auf folgender, ffinf 
bis fechs die gröfsten, die unterften wieder klein -t als 
diefe. Die obern fteigen von obin nach unten fcliriig 
herab, und haben auf i Linie Durcbmefler über zwei 

I Linien Tiefe. Längs des äufsern Randes diefer Zellen- 
reihe verläuft übrigens ein knorpliger Längenvorlpruing, 
bis faft 2uin hintern Ende, der bald nacii feinem Ent- 
ftehen einen weit kleinern, nur ungefähr die Mit "£ er- 
reichen' len Aft abgicbt. 

Bei Scincus pjjicinalis und Agama calotPS ift die 
Bildung zufammengefetzter. la Ijeiden findet firh i £m- 
Jich aufser der eben befchriebneii obern Zellenreihe des 
GecA'o ihr gegenüber eine zweite, untere, um die Hälfte 
kürzere. Zugleich haben fich neben beiden ILiuptrei- 

» hen niedrigere Nebenzellen an gebildet, während der 
fibrige Raum zwifchen beiden r'urch die gewöhijichcn 
flachern und grofsern Zellen ang :fuJlt wird. Bei /:gaiia 
caloces ift die Bildung voJlkooimner als bei Scirrus, 
■weil die Zellen, vorzüglich lier untern Reibe, weit 
tiefer find. 

I Hierauf folgt SteUio vulgaris , wo unter den von 

I lAir unterfuchtcn 'Sauriern zuerft eine Theilung jedes 
Lungenfackes erfcheint. Dicht unter dem Eintiitlt; des 
kur/.en Luftrohrenaftes begiebt Geh eine von der j.ifsem 
zur innern Wand der Länge nach verlaufende ,Si;liei- 
dewand von oben nach unten , wodurch der 8nck in 
eine obere vordere, weit kleinere, und eine untere, 
hintere, weit gnifsere Hälfte zerfällt , «eiche lieide 
durch eine verhall nilsmäfsig enc e OoBiiunj, «lie «e- 

I oieinfchaftliche Mündung des Luiirohrenaftcs, ziif.in- 
menhängen. Der hintere Sack vnrd wjfd,'r auf .llinlii:lie 
AVeife, doch fchr uuvulikunimen , durch eine anfubn- 



76 '- 

liehe, vom hintern Ende nach vorn auslaufenclcScheide- 
wanrliiizvvi'i Hälften getheiJt. Aulsenfem Ipringen vom 
obero Hantle ifes oborn Sackes eine kleine Leute, von 
dem hiirtern des untern mehrere gröl'sere und kleinere 
hervor', 'wodurch noch'lcleinere und unvolikommnere 
Abthdltingen pebüdet wf;rden , welche denen in den 
Lungpü dfs Gerko entfprethen. 

Diel'dbe Uilduna ilt in den Lungen des Leguan mehr 
vervollkoinmnet. Die Lunge ift<lurch eine längereSchei- 
dewaml in «wei Hälften gofchieden , welche fich von 
denen A&%SipUio vorziijjlich dadurch unterfcheirlen, dafs 
die hintere untere verhältnifsni.if.sig weit anfehnlicher, 
imgeKihr halb fo lang als die vonlere ift. Noch deutlicher 
nis dort öffnet fich der Luflröhrt-naft zugleicii in beide 
Säcke. Aehnliohe Zellen als dort finden fich aucli liier, 
abei' in gröfsorcrMeni;e und von beträchtlicherer Tiefe. , 
Wc'.ler hciSt/^ltlo noch Lcgiian findet zwifchen den 
beiden Säcki'n, an irgend einer Steile, aufser ihrer ge- 
nhcinfchaftbchen Oeffnung in den Luftiöhrenaft, ein Zu- 
lamrnenhang Statt. 

Beim gewöhnUch/^n Kmnülcon endlich ift die Bil- 
dung infofern zufammengeletzter, als die Zahl der Ab- 
thcilungen tler Lungenhöhle gröfser ift, einfacher aber 
durch die gegen das untere Ende der letztern befindliche 
Communicalion derlelbeu. Dicht unter dem Eintritt 
desLuftröhrenaftes nämlich befinden fich zwei von vorn 
nach hinten auf einander folgende Scheidewände, von 
■Welchen die untere, län^Frc bis zum hintern Ende der 
Lunge herabreicht , die obere weit kürzer ift. 

Zwifchen beiden «nd dem pbern und untern Rande 
der Lunge erftrecken fich die weiten Gänge, welrheunter 
ihnen, fo wie oben, zu einzr gemeinfchaftlichcn Hohle zu- 
fammeiiiliefsen, die fich iu die Lungenanhänge fpaltet. Die 
vordere ift nur in ihrem kleinem obern Theile vollkom- 
men, im untern durch viele Oeffnitngen durchbrochen. 



Am züßmrhengpret'z'eftenift eodlich die Form bei 
Tupinaniuis bp/igalen/is und ilcn Krokodilen. Beim 
erfiern tlieilt ficli derLuftröhrenaft, indem er die Lunge 
etwas vor ihrer Mitte erreicht, in einen gröfsern hintern, 
miil einen kleinern vordem Zwöig , von weichen jener 
«n der Richtung des Stammes fortgeht, diefer fich nach 
oben wendet. Beide verlauten eine zien dicht- Si recke 
aufserhalb der Subftanz der Lunge, dann treten lie in 
diefelbe, und ienden dicht neben einander eine -uilehn- 
liche Menge meiftens paarwriie ftehender Gange ab^ 
welche fich zu Säcken erweitern, die bis zur Oberfläche 
Teichen, nnd die in dem M;'alse weiter und au ihrer 
innern Fläche weif mafchijier find, als Geipiüer abgehen. 
Zuletzt zerfallen beide Zweige in zwei grofse Sacke, 
von welchen die hintern beträchtlich gröfser und vwiter 
als die vordem , beide fehr weiimafchig , doch der Vor- 
dere viel weniger als der untere (ind. 

Beim Kfiimari bemerkt man keine Theilung des 
Bronchus in zwei Aefte. Er letzt fic-h nur nach hinten 
deutlich fort, und fchickt eine weit gerhigere Anzahl 
von verhaitnifsmäfsig groCsern Zweigen ab. Unter 
diefen ift einer, der fich ndch vorn wendet, und fo- 
gleicb zu einem anfehnlichen Sacke mit einigen queren 
Abtheilungen ausbreitet, der grofste; dann folgen etwa. 
9 •— lO, von denen lieh einer nach oben und vorn, 
die übrigen nach den Seiten und hiiiten begeben, und 
hier in, durch tiefe Zwifdicn wände abgetlieilte S.^cke 
anfchwellen. Der hiiiierc Theil der Lunge ifi hien- auf 
eine merkw.irdige Weife dtr bei weitem zufaiuinet^gc» 
fetztefte, während der vordere weite, mit kaum merk- 
lichen Zellen beftitzte Sacke bildet, l'o dals aifo die 
Lunge lies Krokodils gerailc iiaih einem , dam der übri- 
gen 6Vi//r/>/- enlgegeiigefet/.ten 'IVpii*; gebildel ifl. Der 
brngali/hlir Tn/jimiiubis niaciit indelfen dea üel)arg»ng 
von jenen zum Krukud'l- > ' i 



78 -!-^ 

, Die Gröfse unJ Ziifammenfetzung der Zellen an der 
ionern Oberflache der Saurierlungen variirt aufserordent- 
lich, und es ilt zu bedauern, dafs Cuvier hierüber gar 
)<eiDe Angaben bat. So viel ich urtheilen kann, find 
die Lungen von Citamaeleon pumilus am unvolikommen- 
ften, in derThat ganz frofcbaitig, die Zellen felir grofs, 
ihre Wände niedrig, und im Innern kaum im vordem 
Theile etwas abget'aeilt. Hierauf foigt^if. Caloces, dano 
Agcona marinorata, auf diefe Chamaelenn vulgaris. 
Dii'fe vier bilden eine merkwürdige Stufenfolge, befon. 
ders fofern in den beiden eiftern der hintere Theil der 
Lunge äufserft weitzellig und einfach ift, fo dafs, wenn 
(je gleich noch durchaus zellig, und nicht in Anhänge 
gefpulten iCt, die/e doch um fo mehr fcbon angedeutet 
find,, als die Lurigea dort verhaitnifsmäfsig grüfser als 
iu den letztern A rten ohne die Anhänge find. 

Hierauf fulgeo die Lungen von Sciiicus nfficinaUs, 
iSecko,. Lacerta tarcica, viridis, Iguana de/icati/fiina, 
bei weitem am feinizelligften aber find fie bei Tupinambis 
bimricanus, der auch fchon durch die beiden deutlichea 
Läiigenrippen an . lar iniicrn Fläche Cell an die höhere Form 
fchloi's, und alfo durch beide Bedingungen, wenngleich 
fein Lungenfack olme Abtheilung ift, dem bengalifchen 
Tupinambis verwsindt erfcheint. 

D) Die Ch'.'nnier haben , wenn gleich Cuvier den 
Krokodilen den \'orzug vor ihnen zu geben fcheint '), 
die am meiftea ausgebildeten Lungen. Cuvier hat fie 
im Allgemeinen b afchrieben, und zifgleich die gradwei- 
fen Verfcliiedeuhf iten der Land- und Seefchddkröten 
anaegeben. Noc'i genauer, und nicht blofs dies, fon* 
tltrn auch zumTueil richtiger ift hierüber Caldeji '). 



A. «. O. S. «2. 

») A. a. O. S. 71—75. 



i' Bei d6n Landfrhildkröten ift die- Bildung weit un- 
VoUkoiiimner als bei den Seejchiläkröteii, üie Liift- 
rölire verläuft in beiden in gerader Richtung durch die 
ganze Länge der Lunge, nicht weit voji ihrem innern, 
hintern Rande entfernt, ohne bedeutend an Weite ab- 
cunehm>-n. Dicht unterhalb iiires Eintrittes nicken die 
Knorpelringe bei der giiec/ujihe/i Schildkröte weiter 
aus einander, bleiben aber bis etwas unterhalb der Mitte 
regeimäfsig , von hier an werden fie. uuregehnäfsig und 
mehr netzförmig. Von dem innern Theile ihres Um- 
gangs gehen von oben nach unten in un<;efähr gleichea 
Eotfernungeu fünf bis fechs liingiichrunde, fehr weite 
Oeffnungen in eben fo viele völlig von einander abga- 
fonderte, kleine, nach innen uud hinten voriprjngende 
Säckchen, vom äufsern, genau zwilchen jenen, eben 
fo viele von ungefähr gleicher Gröl'se, die lieh in ähn- 
liche kleine Säcke, und von dielen durch mehr oder 
weniger weite Oeffnungen in weit gröfsere, quere , faft 
die ganze Breite der Lunge einnehmende, öffnen. Auch 
diefe find unter einander und von den erfterwähnten 
durch Zivil'chenwände vollkommen getrennt. Alifc 
find, wie gewöhnlich, durch Hervorragungen, welche 
ungleichfeilig vieleckige Räume einl'cbliefsen , unajeichu 
Die Anordnung ift in allen Gegenden der Lunge ge- 
nau diefeibe. 

Weit zufammengefetzter ift der Bau der Meerfchild- 
krölenlunge. Der Lnftröhrenaff, welcher diefeibe Lage 
hat, ift verhältnifsmäfsig zur Lunge viel enger, bal'teht 
aus einer weit gröfsern Anzahl von Knorpelringen, und 
ftatt ungefähr z/^jö//" vcrhältiiifsmäfsjg fehr weiten üeff- 
Hangen, durch welche er hei deti Lafidfrfu/dkröien in 
der That zerr'ijjen wird, finden fich hiery^cAsio- vjer- 
hältnifsmäfsig weit kleinere, von denen zwanzig grüf>ere 
nnregelmäfsig paarweife, die übrigen, viel kleinern, 
zwitoben dieCeo ohne beftinmite Ordnung ftehea. Alle 



■80 ^-— 

führen zu Giingen, welche von innen und hinten nach 
vornunri aufsen verlcnfen, uni), vorziiglicli iliegrolset'n, 
lieh durch mehrere Nebenzweige fpalten, endlich gegen 
ihr Ende fackfOnnig , blind endigen , immer durchaus 
■von einander getrennt find, fo dafs EinbJafen von Luft 
In einen jeden einzelnen nur ihn anfüllt, und, wenn die 
Theile uicht zufalhg verletzt find, Liii'todereingebrachte 
'Fliiffigkeiten aus einem Sacke felbi't ihirch den ftärkften 
©ruck niciit in den benachbarten gebracht werden kön- 
nen. Das Knorpelgewebe des Luftrohrenaltes feizt Geh 
als ein weniger regelmäfsiges Netz in einer ziemlichen 
Strecke in die untergeordneten Aelte fort, undgehtdann 
in ein weicheres, mehr fehnenartiges, über. Die dadurcli 
gebildeten Zeiien find verhiiltnifsmafsig weit enger, tie» 
"fer und-zalilreicher als bei den LandlclülcLkröten. 

Allö Nebenäl'te des Bronchus, vorzüglich die gro- 
ssem , zerf.TÜcn vorziigh'ch in zwei lieihen, eine innere 
tind eine liu/'sere, welche neben einander, at)er tlurch 
eine Längenfclieidewand, die zugleich ihre Wände 
bildet, ganz vcin einander gefchiedGa, bis zum untern 
'Kaude der Lunge' verlaufen. Gegen das liintere Vier- 
tbeil der Lun"»«' theilt fich der Luliröhrenaft in zwei, 
abermals nielirfach dichotoniifch verzweigte Aßfte, 
welche f..'h xniciZt in der Spitze eudigep, 

Uu^eachlut che Lungen aller Scliildkröten zufam- 
mengefetzter als die der obrigen Rppnrwn find, fo ftehen 
doch diu L(ti!'lfctnldkrölP)i in Hiniicht auf die Feinheit 
der Zellen den meillen Saiiripiii nach. 

Folgendes il't a!fo nacli dem bisher Vorgetragnea 
■tlis'Entvvicl<]ungsvvcife der Amjih'diieulungi-H. ■ :| 

II- Anfangs zwei iahge, einfache, glatte, blofs. häutige 
Säcke, bei den Salamimrlerii , Sireiigii, Proteus^ 

Darauf wird din athniende Oberfläche diefer ein-, 
fachen Säcke durch knorpiigi'aferige VoiTpriinge ver- 
^rülsert, vtreiche Zeilen von verkliiedoecGiöfse bilden. 

Bei 



'.^»^^ 



Sl 



Bei cfen nngefcliwänzfen Batrarhiern , den Ophidierriy 
mc\\TeTen Sauriern , am meifren bei c/en letztem, indem 
ilire Zellen die bei weitem feinften find. Au6h unter 
ihnen aber giebt es be^eute^de Abftufnngen. 

Hierauf wird der bis dahin einfarhe Sack, aufser 
den Zellen, mehrfach abgetheilt. Ziierft offenbart (ich 
htimGfcko im Luftröhrenaft das Streben, in der Lunge 
als fich verzweigender Kanal fortzulaufen, der aber nur 
in einem Theile feines ümfangs verfehloffen ift, und 
fich in eigne Zellen öffnet; bei Caloles und Srinrus 
ift die Bil lung voJlkommner, fofern fich jenem ein- 
fachen Halbkanal gegenüber ein zweiter an der vordera 
Fläche der Lunge bildet, die einander abel* nofch nicht 
erreichen. Beim gevtöhnWchtn Kamäleon dagegen ver- 
einigen Geh beide, aber in einer verhältnifsmäfsig kurzeh 
Strc'-ke, an zwei Stellen, und die Lunge ift nun in die- 
fer Gegend von ohen nach unten in drei Lappen zerfal- 
len, welche aber geaen ihr hinteres Ende wieder zu 
einem zufammenfliefseii. Endlich \{t i>eiStel!lo vulgaris 
und Iguuna die Bildung am zufummengefetzteften , in- 
dem jede Lunge von oben nach unten in zwei Säcke 
zerfällt, welche, aufser der Ringangsüft'nung, nirgends 
zufammenhängen. Jeder diefer beiden Säcke wird aber- 
mals durch mehrere gröfsere VoripriJnge ungleich , die 
Andeutung querer und Längenwünde , welche von den 
Wänden der Lunge aus gegen die Hohle des Lu/cröh' 
renaßps ftreben, (ie aber erft bei Tiijnnnmbis bengalf/i- 
fis und t\en Krokodilen in dem grüfsten Theile, bei den 
Scliildkrötp/i in der ganzen Länge der Lungen gleich- 
mäfsic erreichen. Die bei ilen Lriridlrlii/Jkröt/?n die 
ganze Dicke der Lunge einnehmijnden queren einfachen 
Säcke werilen bei »len SeejchUdk.otpn nicht blofs von 
vorn nach hinten mehrfjch abgetheilt, fondern durch 
eine Längenzwif'hfiiwjn I in eine äufsere und innere 
Reihe zerfallt. Merkwürdig ift bei diefer alloiähJichea 
M. d. Archiv, ly. I. F 



83 ^-r-- ^ 

Ausbildung einer jeden Lungenhälfte befonders die Ana- 
logie derfelben mit der Entwicklung der Duplicität der 
XiLinge bei den Ophidiern, wo auch der zweite Seiten- 
lappen verhältnifsmäfsigfehr klein, unvollkommen, grob- 
zellig, mit dem grofsen äufserlich zu einem verfchmol- 
zen ift , bis beide allmählich fich völlig von einander 
trennen und vollkommen gleichmäfsig entwickeln. 

3) Zahl. Bei den meiften Amphibien, namentlich 
^llen Batrafhiern, Sauriern und Cheloniern, finden fich 
zwei Lungen, die eben fo meiftentheils gleich vollkom- 
men find; die Ophidier haben dagegen häufig nur eine. 
Cuvier ') fchreibt fogar allen Ophidiern diefe Bildung 
zu, indeffen hatte fchon Townfon') die Duplicität der 
Blindfchleichenlunge, und Herr Nitzfch ') die der Rin- 
gelnatter nachgewiefen. Später hatte ich daffelbe bei 
den AmplüsUänen *), nachher bei dem Gefchlecht Boa ') 
angegeben und zugleich bemerkt, dafs auch mehrere 
Colubern -eine doppelte Lunge befitzen , wie Herr 
Nitzfch fchon nach der Analogie der Ringelnatter ver- 
muthet halte. Wirklich einfach habe ich indeffen in det 
That die Lunge 

1) bei mehrern von mir unterfuchten gißigen 
Schlangen , namentlich yipera berus, l^, Weigelii ; 

2) bei mehrern Coluber - Arten , namentlich, fo 
viel fich die Arten der in VVeingeift mehr oder weniger 
lange aufbewahrt ge wefenen Exemplare beftimmen liefsen, 
bei Coluber fulvius , Jattirninus, compreffus, trianeu- 
lum, audax, (Hone, cobella; 



l) A. a. O. S. ;47. 

8) Tracts and obfervat. London 1759. p. III. 

3) De refpir. p. 15 ff. 

i) Fouquet de organi refpiratorü in animalium feri« evolntione. 

Hai. iii6. p. 30. 
f) O e Anpliibiorum fyftemat« urspoetico. HaL igt^. p. 4. 



83 

3) bei Typhlops crocotatus und lumbricalis , Pelw 
Mis fasc'iatus gefunden. 

Dagegen befitzen aufser den oben angeführtea 
Gattungen Boa, Aiigiiis, Amphisbaena und der Ringel- 
natter mit Bertimmtheit eine doppelte Lunge, i) 'iorciioo 
fcytale, ferner 2) Coluber plutonius, conßrictor,j2agelli' 
Jbrmis, molu?tts, cerichoa, außriacus,jant]iinus, cya/ieus, 
domefticus, Jiippocrepls, nebulutiis, quadrilineatus, rudis, 
aJietulla, heterodon. 3) Crotahis horridus, 4) l'ipera naja. 
Nach dielen Unterfuchungen fcheint daher bis jetzt 
der Zahl der Arien nach das Uebergewicht auf derSejte 
der mit einer doppelten Lunge verlehenen Ophid'wr zu 
feyn. Unter 23 Coluber- Acten fand fjch bei 16 eine 
doppelte nur bei 7 eine einfache Lunge. Den Ge- 
Ichlechtern Boa, Anguis, Amphisbaena y Scytale 
und Croialus, und von den l^ipern, F. naja ftehen nur 
zwei Pipern, ferner Typhlops und Pelamis gegenüber; 
allein auch hier ift bis jetzt die Zahl der mit einer dop- 
pelten Lunge verfehenen Arten gröfser, indem ich fechs 
Arten von Boa , zwei von Amphisbaena uiiterfuchte, 
und nicht unwahrfcheinlich ift es mir, dafs eine feinere 
Unterfuchung auch von den nach mir eines zweiten Lun- 
genrudimentes beraubten Schlangen mehrern daffeibe 
zuerUennen werde, da ich feibl't erft bei mehnriaJs wie- 
derholter Unterfuchung deflelben Exemplars bei F. naja 
und Crota/i/s horridus die zweite Lunge erkannte, und 
fie üeibft unrichtig früher beiden alifprach '). 

Die Lunge der Opliidier xh indeffen nicht bei allen 
nach demfelben Typus doppelt, vielmehr finden in allen 
Uiulichten, namentlich i') aufverhältiiilsmüisige Gröfse, 
a) Luge, l) Rithtiiiin, a^Zujammenl.ang mit der gro' 
■ fsen, 5) £au diebedeutendflen Veri'chiedeuheiten ötatt. 
F 3 

I) Unk 4. a. O, p. 4, 



84 

' ■*' l) Verhtlltnlfsmüfsige Gröfse. Das Doppeltwer- 
den der Lunge der Ophidier bildet eine lehr volirräncligtf 
Reihe vom erften Erfcheinen eines kaum merklichen Ru-' 
dimentes an bis zur faft voUkommnen Gleichheit beider 
Lungenhälften. 

Aeufserft klein ift das Lungenrurliment bei meh- 
rern Cohibern , namentlich Col. ncurix, heterodon, 
etwas anfehnlicher dagegen bei Tbrmar, beträchtlicher , 
bei den Amphisbunen, noch anfehnlicher bei Coli 
conftrictor, ßagelliforrnis; am gröfsten bei ßoa und 
Angiiis. Merkwürdig ift, dafs hier nicht in dem übri- 
gens den Salinem ähiilichften Gefchlecht Anguis , fon- 
dern bei ßott dieDuplicität der Lungen am vollkommen- 
ften entwickelt ift. Zwar ift in einigen Arten des 
letztern Gefchlechtes das Rudiment der zweiten Lunge 
verhältnifsmäfsig nur klein, und, wenn gleich gröfser 
als bei den übrigen, weniger entwickelt als bei Anguis; 
allein, während bei diefer die linke Lunge kaum halb fo 
grofs als die rechte ift, haben beide bei Boa reticulata und 
murina faft diefelbe Gröfse. Auch bei Boa fcycale und 
nnniiUfera ift die Nebenlunge verhältnifsmäfsig gröfser 
als bei Anguis fragUis. Bei Boa carinata und conftrictor 
jft die Nebenlunge verhältnifsmäfsig kleiner, doch immer 
beträchtlich gröfser als bei allen übrigen Schlangen. 

a) Lage. Nicht immer befindet fich die Neben- 
lunge auf derfelben Seite. Bei allen Boa's , Anguis 
fragilis, Torcrix fcytale liegt fie auf der linken, bei' 
allen von mir unterfuchten Colubern dagegen und den 
Amphisbünen auf der rechten Seite. 

3) Ricftcung. Im Allgemeinen fteigt die zweite 
Lunge neben der erlten herab, fc ilafs ihr blindes Ende 
ihren unterften , ihr Eingang ihren obcrn Theil bildet. 
So verhält es fich bei Boa, Anguis, und den meiften 
Coluber- Arten. Dagegen fteigt bei den ^/?2/;/(«ö«//e/i 
der Nebenlappen in die Höhe, der Eingang nimmt di« 



nieJrigfie Stelle ein. Bei einem Exemplar von Col. 
jaittlumis fand ich diefelbe Anordnung, während bei 
einem andern die ftärker entwickelte Nebenlunge auf 
die gewöhnliche Weife herabftieg. Tortrix fcytate bie- 
tet eine Zwifcheiiftufe dar, fofern die Mündung unge- 
fähr in der Mitte, doch etwas weiter nach unten liegt. 

4) Zufummenhang beider Lungen. Diefer variirt 
im Allgemeinen im geraden Verhältnifs zudem Grade 
der Entwicklung der Nebenlunge. Wo diefe , wie bei 
mebrern Boas und Anguis fragilis , ftark ift, hängen 
beide nur mittelbar, durch die Luftrohre, zufammen, 
jodcm fich diefe in zwei Aefte fpaltet, deren jeder aa' 
die Lunge feiner Seite tritt. Bei Boa coiißrlctor ift 
diefer Aft fo kurz, dafs man richtiger fagen kann, die 
Luftröhre gehe blofs in die grofse Lunge über, und in 
den obern Theil von diefer öffne ßch die Nebenlunge 
unmittelbar durch eine etwas verengte Stelle ^ an wel- 
cher fich einige unvoUkommne Knorpelringe finden. 
3ei den Coliibern findet fich eben diefe Bildung, 
nur fehlen die Knorpelringe. Bei den Ampliisbänen, 
und Tortrix ift der Verbindungsgang noch kilrzer. 
Immer aber gefchieht die Einmündung der Nebenlunge 

-ijn den obern Theil der Hauptlunge, und namentlich in 
den, von unvollkommnen Knorpelringen umgebnen 
Abfchnitt derfelben, fo dafs alfo die Bildung im Wefent- 
iichcn imner diefelbe ift, und die Nebenlunge von der 
Luftröhre abgeht. Merkwürdig ift es, dafs, ungeachtet 
bei mehrern Sdilangen nach dem Obigen der vor denj 
Herzen liegende Theil der Luftwege eigentlich Lunge 
ift, dennoch die Nebenlunge auch bei diefen dem Herr 
zen gegenüber entfpringt. 

5) Bau. Sowohl die äufsere Geftalt als das 0?.- 
•webe der Nebenlunge variirt. 

Bei einigen, z. B. Tortrix und Amphisbcwna, ift fie 
juf den erfien Anblick gar nicht von der grofsen unter- 



86 

ffe^iocfm, indem die ganze, dem Anfchein nach einfache' 
Lunge neben dem hintern Ende der Luftröhre in zwei 
Spitzen, eine rechte, gröfsere, eine linke, kleinere aus- 
läuft. Von diefen ift bei Tortrix nicht, wie man erwarten 
könnie, die rechte, fondern die linke die Nebenlunge, 
indem diefe fich durch eine fahr enge Mündung in die 
grofse öffnet, ununterbrochen in diefe übergeht, und 
fich von unten nach oben allmählich verengt. 

Da, wo ße fehr klein ift, wie bei den angeführ- 
ten Cohtbern, ift fie rundlich, dagegen bei den übri- 
gen, wo fie Geh ftärker entwickelt, länglicher, unten 
meiftens mehr oder weniger zugefpitzt: eine merk- 
würdige, mit dem Grade der Entwicklung in Hinficht 
auf Grofse zufammenfallende Verfchiedenheit , weil auf 
ähnliche Weife die niedrigften Organismen und einzelne 
Organe bei ihrem Entftehen eine mehr rundliche Form 
haben , welche fich allmählich bei vorfchreitender Ent- 
wicklung in eine mehr längliche umwandelt. 

Das Gewpbp der Nebenlunge ift, vorzüglich da, 
wo fie unvoUkommner ift, weniger zufammengefetzt als 
in der Hauptlunge. Ihre Wände find weit dünner, die 
Wände iler Zellen niedriger, diefe gröfser, bei F. naja, 
und Crotalus horridiis ift die Nebenlunge fogar blofs 
häutig und ganz glitt. Auf eine fehr merkwürdige Weife 
alfo kommt die Nebenlunge hieilurch mit dem hintern 
Theile der Hauptlunge überein, gerade wie dasßruftbein, 
bekanntlich eine Wiederholung der Wirbell'äule, durch die 
Geftalt feiner Abtheilungen dem hintern oder Schwanz- 
theile derfelben entfpricht. Sehr auffallend ift diefe 
Bedingung vorzüglich bei der Nebenlunge von C. plw 
totiius , Jla gell i/o nnis und conßriceor. Je mehr fich 
'die zweite Lunge vergröfsert, defto vollkommner ift im 
Allgemeinen auch ihr Gewebe. B i Boa miirina und 
earinata verläuft auf der linken Seite verhällnifsmäfsig 
faft eben fo weit als auf der rechten, ungefähr längs des 



«7 

•bern Zwölftheüs der Lunge an dem innern Theile 
ihres Umfangs, ein Geh nach unten zufpitzender, meh- 
rere knorplige Kreisabfchnitte enthaltender Halbkanal, 
die Fortfetzung des Luftröhrenaftes, der in einen ftark 
Torfpringenden Längenftreifen übergeht, von welchem 
die Zellenwände auf beiden Seiten abgehen. Bei Boa 
■eonferictor ift diefer Halbkanal aufserordentlich kurz. 
Dies hängt aber nicht nothwendig mit der verhältnifs- 
niäfsig geringern Entwicklung der Nebpnlunge zufani- 
men, denn bei ßoa reticiilata, wo beide faft gleich grofs 
find, ift der Haibkanal fehr kurz, hier in beiden, wäh- 
rend er bei Boa confir'wtor in der Hauptlunge felir 
lang ift. 

4) Gröfse. Der Umfang des Refpirationsorgans 
läfst fich wegen des oft nicht ganz unverletzten Zuftan- 
des deffelben, vorzüglich bei den Sck/ari gen, nicht leicht 
immer mit Genauigkeit beftimmen. Hiezu kommt, dafs 
die Gröfse der athmenden Fläche nicht blofs durch den 
aufscrn Umfang der Lunge, fondem auch durch den 
Grad von Zufammenfetzung ihres Baues befiimmt wird. 

Unftreitig haben, wenn man beide Bedingungen 
berOckfichtigt , die meiften Saurier und die höhern 
OphJrlier, mit Ausnahme des Krokodils und des bengw 
lißhen Tupinambis , im Allgemeinen die kleinften, diefe 
letzlern und die Clielonier, vorzüglich die eigentlichen 
Chelonen , die gröfsten Lungen. Bei de.i Sauriern im 
Allgemeinen find zwar die Lungen feinzellig, allein ver- 
hältnifsmäfsig zum ganzen Thiere klein und wenig aus- 
dehnbar. Bei den erwähnten Arten und den Chelonen 
haben fie nicht blofs einen gröfsern Umfang, fonderh 
Ihre innere Oberfläche ift auch durch ihren zufammen- 
gefetzten Bau aufserordentlich vergröfsert. An diefe 
fchliefsen fich die niedrigem Ophidier, auf welche die 
Batrarhier folgen. Die längften Lungen haben bekannt- 
lich diefe Ophidier und die meiften Batrachigr. Unter 



ienen befitzt, «ipines Wiffens, Pelamis fasciatvs rfie 
längfte, indem Ge bis zum After reicht. Die höliern 
Ophidier habeu weit kürzere Lungen, und es gilt für 
fie keineswegs, was Ciivier'') für aile Ophidier fagt, 
und allerdings den niedrigem zukommt, dafs fich die 
Lungen bis hinter die Leber und den Magen erftrecken. 
Sie hört nicht nur da, wo die Duplicität fahr vollkoni- 
men entwickelt ift, wie bei mehrern Boas und Anguis 
fragilis , fondern auch da, wo dies nicht der Fall ift, 
wie z. B. bei den Ainphisbünen, viel früher auf. Der 
zufammengefetzle Bau der Lunge der meiflen Saurier 
und ihnen nahe ftehenden Ophidier compenlirt zwar 
etwas, aber keinesweges vollkommen, ihre geringere 
Gröfse, in lern det vorilere Theil der Lungen der nie» 
drigern Schlangen in einem eben fo grofsen Umfange 
eben fo complicirt gebildet ift. Wenn aber die Sau- 
rier durch die Anordnung ihrer Lungen im Allgemeinen 
unter den Batrachiern unl Ophidiern ftehen, fo ergiebt 
fich hieraus nicht geradezu , dafs ihr Refpirationsprocefs 
in demfelben Verhältnifs unvoJlkummner fey. Denn, 
berückGcljtjgt man, wie billig, denßau desGefäfsfyftems, 
fo ergiebt fich zwar , dafs bei den Clieloniern die voll- 
kommenfte Herzform mit dem voUendetften Lungen- 
baue , bei den Sauriern dagegen eine faft eben fo voU- 
kommne Herzbiklung mit den unvollkommenften Lun- 
gen , bei den Ophidiern mit giöfserer Ausbreitung 
der Lunge ein weniger vollkomnines Herz, und endlich 
bei den Batrachiern mit einer Lungenbildung, welche 
•wenig hinter der der Opliidier zurückbleibt, das unvoll- 
kommenfte Herz gegeben ift, milhin in diefen drei 
Ordnungen ein. Theil tier Function den andern auf ent- 
gegengefetzte VVeife fo ausgleicht, dafs die Refuitate 



S. J47. 



89 

tinpefähr diefeltwn find, und die Säiir'ipr in der That 

doch, wenigftens im Vergleich mit rlen Bat' nchiern, 

den vollkommnern Refpirationsprocefs haben. 

■ Folgendes find die Hauptrefultate der im Vorigen 

Itetbaltnen Unterfuchungen. 

" ■' Die Mehrzahl der OpJiidier befitzt eine mehr 

oder weniger vollkomjnen doppelte Lunge. 

2) Der Bau einer jeden Lungenhälfte vervollkomm- 
net fich nach demfelben Tvpus bei den Scairiein , als 
fich die Duplicjtät der ganzen Lunge bei den Ophidiern 
entwickelt. 

3") Mehreren, namentlich den höhern Ophidiern 
fehlt der zellige Bau in dem vor dem,Herzen liegenilen 
Tlieile desRffpirationsorgans, und diefe flehen dadurch, 
fo wie durch die^ürze der eigentlichen Lunge, deq 
Sauriern nalie. 

4) Der fogenannte zellige Theil der Luftröhre der 
meifteu Opliidier entfpricht dem vordem Theiie der 
Lunge der übrigen Amphibien. 

S) Die Lunge der Seefchildkröten hat den zufam- 
mengefetzteften Bau und die gröfste aihmende Fläche 
unter allen, tliefe ift dagegen bei den S^jiriern im All- 
geoicineD am kleiufteu. 



Riiclcenmarlc ohne Endfaden. Wahraehmung 
imd Veriiiuthiingen von Burdach. 

Bei der Zergliederung eines grofsen H.ihtierhundcs bot 
tich mir neulich, nachdem der Druck meines Auffatzes 
über das untere Ende Ae^ Rückenmarks fchon begonnen 
hatte , eine raich fehr überralthende Wahrnehmung dar. 



99 

j. ,'• r Das Rückenmark ging unten nicht in einen zu rfe« 
Schwanzbiinen laufenden Enclfaden aus, fondern endigte 
fich mit einem frei herabhängenden Zapfen. Nachdem 
es nämlich das unterfte Schwanznervenpaar gegeben 
hatte, fetzte es ßch in einen, keine Nerven mehr aus- 
{chickenden, und Oberhaupt weder feillich, noch unten 
mit irgend einem andern Theile verbundnen walzenför- 
migen Körper fort, welcher y-i Linien lang war, und 
vom obern Rantle des vierten ßauchwirbeli; bis über 
die Mitte tüefes Wirbels hinaus fich erftreckte, 2 Liuien 
breit war, nach unten eine flach gewölbte, i-~ Linien 
breite Endflache bildete, und übrigens aus frhon von 
laufsen her deutlich durchfchimmernder grauer Subftanz 
beftand. So wie der Mittelfaden des Riickenmarks hier 
fehlte , fo war auch nichts von den ihn feitlich beglei- 
tenden filberglänzenden fibröfen Fäden zu bemerken: 
ja diefe fehlten am ganzen untern Theile des Rucken- 
marks, und an ihrer Stelle hatte diefes zwifchen den 
vordem und hintern Wurzeln feiner Nerven eine Seiten- 
furche, die am obern Rande des dritten Bauch wirbel», 
zwifchen dem Urfprunge des dritten und vierten ßauch- 
wirbelnerven flach begann, und im Herabfteigen etwas 
tiefer wurde. Während der R'ckenmarksfaden fehlte, 
lief gleichwohl vom untern , fpitzigen Ende der Dura 
mater, welches an der untern Hälfte desfiinften Bauch- 
■wirbels und i^ Zoll unter dem freien Ende des Rücken- 
markszapfens fich befand, die fonft die Fortfetzung des 
Rückenn-arkfadeiis einfchüefsende Scheide in der Mit- 
tellinie bis zu denSchwanzbeinen fort, und nahmFädea 
vom unterl'ten Schwanznervenpaare in fich auf. Der 
rechte Nerv von diefem Paare nämlich bildete, nach- 
dem ei- neb(-n dem Zapfen herabgelaufen und zum fpitzi- 
gen Ende clerDura mater gelangt war, dafelbft ein deut- 
liches Ganglion , und aus diefem traten dann mehrere 
höchft feine Fäden , welche alsbald die Dura mater Cebr 



91 

fönnig durchbohrten, und in jener fadenförmigen, in 
der Mittellinie herablaufenden, fchei<leiiartigen Fort- 
fetzung der Dura mater weiter fortgingen. Dal's diefet 
Ntv nicht etwa der in diefem Falle blofs von einer 
höhern Stelle des Rückenmarks, als gewöbnlicli, ent- 
fpringende jMittelfaden war, ging daraus hervor, d.ifs 
er ganz nach Art der Riickenmarksnerven leitlich, nicht 
in der iMittellinie des Riickenmarks , entfprang, und 
auch von ilen übrigen Schwanztierven, wie gewuhulicli, 
durch nichts, als durch grölsere Zartheit fich uiiter- 
fchied , ohne graue Subftanz zu enthalten, oder von 
fibrüfen Fäden begleitet zu feyn. 

Zwei verfchiedue Deutungen diefer Bildung boten 
fich mir fogleich dar, und da erft fernere Beobachtimg 
fiber die Gültigkeit di;r einen oder der antlern entfchei- 
den inuls, fo legeich beide mit ihren Zweifelsgrüudea 
hier vor. 

i) F.S war eine urfpriingliche Spielart der Bildung, 
dnfs der Riickenmarksfaden hier fehlte; das unlere 
Schwanznerveupa.ir, namentlirh in feiner rechten Hiilfte, 
vertrat dcffen Stelle. Demzufolge bil.lete es ein Gan- 
glion , fo wie die graue Subftanz im Kückenmarksfadei» 
mit einer Anfchwellung zu endigen fcheint'j; und die 
aus diefem Ganglion tretenden zarten Fäden durchbohr- 
ten (wie die aus den Riechnervenganglien hervorkom- 
menden Fäden) die Dura mater fiebförmig, um nun als 
wirkliche Stellvertreter der aus dem Ende des Riicken- 
marksfadens fonft ftanimenden Nerven zum Ende des 
Schwanzes fortzugehn. Hier fände ich denn eine Be- 
ftätigung meiner Annahme, dafs wirklich vom untern, 
gangliüs anfchwellenden Ende der grauen Subfianz iles 
K:ickenmarksfadens Nerven ausgehen, indem bei Ab- 



l) Beriebt« von iei K. Anfult in König»berg, Ir Bericht S. « £f. 



Wefenheit deffclben feitliche Schwanznerven ein eigenes, 
verhaitnifsiiiiilsisJ grofses Ganglion bildeten, deffen Fä- 
den fo, wie fonft die Fortfetzung des Rücken marks- 
fadens, zum Schwänze liefen. Dagegen wäre hierdurch 
meine andre Behauptung, dafs das Rückenmark nicht 
nach unten verlaufen könne, ohne noch abwärts Ner- 
ven zu geben, durch das urfprilngliche Vorhandenfeyn 
eines Rückenmarkszapfen ohne Nerven, einigermafsen 
widerlegt: ich fage einigermafsen, denn bei AI)normi- 
tät der Bildung kann ein Glied da feyn , ungeachtet ein 
wel'entlich mit ihm zufammenhängendes und iimi feine 
Bedeutung geben. les Glied fehlt. Uebrigens wären hier 
folgende Umi'tände bemerkenswerlh. a) Der Riicken- 
tnarksfaden fehlte, aber das Rückenmark behauptete 
feine gewöhnliche Lage; an feiner Stelle hatte fich kein 
andres ßefefligungsmitlel, wohl aber eine eigene Bil- 
dung der Nerven erzeugt: folglich kann feine urfprung- „ 
liehe ßeftimmung nicht die feyn, als Band das Rücken- 
jnark zu befeftigen , foiidern die Nerven zu geben. 
b) Seine Stelle wurde vertreten, durch feitlich ent- 
Iprungene Nerven, aber nicht durch das Zulämmentre- 
ten derfelben von beiden Seiten, fondern elurch <len 
Nerven der einen Seite allein: es eHchien .lifo hier die 
unpaarige Nervenvertheilung vom unterften Ende des 
Kückenmarks aus als beharrliches Gefetz, c) Mit dem 
Rückeniiiarksfaden fehlte dem ganzen untern Theile des 
Rückenmarks von den Bauchwirbeln an das feitliche 
Paar flechfigor Fällen: diefe fcheinen alfo mit jenem Fa- 
den wefcntlich zufammenzuhüngen, ungeachtet es offen 
bar irrig fern würde, anzunehmen, dafs fie ihn allein 
bildeten, d) Mit dem Mangel diefer Fäden oder Bäa 
der trat die feilliche Einfchniirung des Rückenmarks 
deutlich hervor, während fie oben, wo die Bänder vor- 
handen waren, wie gewöhnlich, fehlte: ein flärkeres 
Anlchiei'sun weifser Subftanz zv»ifchen dem vordem 



— 99 

iin ! hintern Strange grauer Subrtanz, wodurch die 
Li'( l<e Zwilchen denfelben ausgefüllt wird, fcheint foJg- 
\u\\ mit der flechfigen Verdickung der GefaTshaut an 
dieler Stelle wefentlich zufammen zu hängen. 

2) Aber könnte nicht diefer Mangel des Rücken- 
marksfadens, ohne urfprünglich Statt gefunden zu ha- 
iieii, erft während des Lebens durch einen Zufall ent- 
1 len feyn? Der Hund hatte über ^ feiner Schwanz» 
ji^iiie eingebilfst, indem ihm beim fünften derfelben der 
S liwanz abgehackt war, und zwar, wie aus der feiten, 
fehiii.jen Narbe erhellte, fchon vor langer Zeit. Wenn 
nun der Riickenmarkst'atlen , wie ich annehmen zu dür- 
fen glaube, die Urfprilnge der Nerven für die letzter» 
Schwanzwirbel und ihre Muskeln und Haut enthält, 
iniifsie er da nicht fchwinden, nachdem die peripheri- 
fclien Enden diefer Nerven verloren gegangen waren? 
Das Centrale ift nicht das fchlechthin Herrfchende und 
allein Belebende, fondern indem lieh im Lebendigen 
Oberhaupt der Gegenfatz von Centralein und Peripherie 
fchcm bildet, ift Beides durch einander bedingt, Eeides 
in gegenfeitiger Spannung. Auch das Peripherifciie 
wirkt alfo erregend auf das Centrale zurück : die tüch- 
tig geübten Muskeln wirken belebend und kräftigend 
auf das Rückenmark; die vielfeitig wirkfamen Sinnei 
fteigern das Hirnleben zu höherer Regfamkeit. Geht 
das Peripherifche verloren, fo hört auch das Centrale 
auf, als folches zu beftehen: ohne Umkreis ift kein Mit- 
telpunkt, Nach dem Abfterben eines peripherifchen 
Gliedes verliert alfo das centrale Glied zuerft feine 
Bede.utuDg; es wird zu einem müfsigen Gebilde herab- 
gefetzt. In diefer Mülsigkeit verkümmert er, nun i'.nd 
fchrumpft ein, indem mit dem Aufhören leiner eigen- 
thümlichen Lebensthätigkeit auch die allgemeine Lehen- 
digkeit, das Gewächsleben, in ihm finkt. D^r Orga- 
nismus eignet üch endlich das ihm bedeutun^slofe Ge- 



9i 

Ibilcfe an, und nimmt es durch Riickfaugung in feini 
allgemeine Maffe wieder auf: feine Aufgabe zu löfeq 
unvermögend, wird es feiner Selbftftändigkeit verlufti^ 
und, diefer beraubt, giebt es lein befondres Dafevn auf, 
geht es in der anftrömenden Flut des allgemeinen Lebens 
unter. Wenn das Sehvermögen durch Verletzung def 
äiiCsern Sphären des Auges vernichtet ift, fo welkt die 
Netzhaut, der Sehnerv, enillich der Sehhügel felbft. 
Ganz kann jedoch diefer nicht verzehrt werden, denn 
er fteht mitten in der Kette der Hirngebilde, dereii 
Leben vielfältig auf ihn zuriickftrahlt, und ihn nicht 
ganz finken läfst. Anders ift es mit demR;ickenmarkS' 
faden : an die äufserfte Gränze des Reichs freilhätiger 
Bewegung verwiefen, hat er, wenn fein Peripherifches, 
das Schwanzende mit deffen Nerven , ihm geraubt ift, 
keinen Stützpunkt aulser fich, denn alle Lebendigkeit 
ftrömt zum Kückenmarke vom Gehirne aus in der Hieb 
tung riach den peripherifchen Nervenenden hin, un4 
von diefen aus aufwärts nach dem Gehirne zu. Durch 
nichts mehr aufrecht gehalten, fchrumpft daher der 
F'iückemiiarksfadeii in folcheiri Fülle ein, und wird all- 
mählich eingefogen. So konnte dann in vorliegenden» 
Falle der Riickenmarksfaden nach dem Abhacken des 
Schwanzes verloren gegangen feyn , und der Zapfen 
als Ueberbleibfel feine ehenialige Stätte bezeichnen, 
■NVirklicli hatte letzterer mit leinem flach abgerundeteo 
Ende ganz das Anfehen, als ob fein unterer Theil abge- 
nagt, oder im feröFen Danipfbade, welches das Riicken- 
loark umlpolt, verilüfligt worden wäre. Diefer Deutung 
könnte ent:;egenrtehen a) die angefiihrte Bildung des I 
Unterften feitlichen Schwanznerven der rechten Seite, | 
Indefs il't es felir oft der Fall, dafs diefes Nervenpaar 
an den RiickenmarksfadeH fich anlegt, und denfeiben 
nooh in feiner viin der Dura mater gebildeten Scheide 
begleitet, und da die Schvvauznerven noch deutliche 



— — . ^ 

Ganglien zu bilden pflegen , fo konnte hier durch Spiel- 
art der Bildung ein folches Ganglion zu früh, noch 
vor dem Durchgange des Nerven durch die dura mater, 
entftanden feyn; und konnte es nicht vielleicht , wenn 
der RücUenmarksfaden in früher Jugend gefchwunden 
war, antagoniftifch um fo ftärker fich entwickelt ha« 
ben?b) VVei^n die graue Subftänz des Rückenmarks- 
fadens eingefogen wortlen wäre, fo -worden doch die 
denfeiben begleitenden Flechfenfäden folcher Verflüf- 
figung widerftsnden hnben, und übrig geiilieben feyn. 
Indeffen waren diele Flechfenhulen beim Abhacken des 
Schwanzes nothwendig tlurchfchnitten worden : konn- 
iten fie, da fie ihre Anheftung verloren hatten, nichtfich 
I bedeutend veritürzen und allmählich heraufziehen? 
I Weitere Beobachtunoren und Verfuche muffen enfr- 

Iffcheiden. 

Ich werde Pferde mit Stutzfchwänzen in diefer 
Hinficht unierfuchen. Noch lehrreicher würden Ver- 
fuche an folchen Thieren feyn, deren Schwanz eine 
höhere Bedeutung für das Leben hat, an Quadruma- 
hen mit Rollfchwänzen , Didelphen u. f. w. Nur ver- 
I fteht es fich von felbft, i) dafs man das Verfchwindea, 
< des RückenmarksfaJens nicht fo bald nach dem Verluft« 
I des Schwanzes erwarten darf: es gehört wahrfcheinlich' 
' ein langer Zeitraum dazu , ehe der Hergang des Ver- 
I welkens und der Elnfaugung fich beendet; 2) dafs man 
' das Schwinden in jedem Falle, und am weniglten wenn 
' der Schwanz nicht bald nach der Geburt abgehackt 
; worden ift, erwarten darf: fo wenig man an jedem ßlin- 
' den ohne Ausnahme ilieSehhügel eingefclirumpft findet, 
' oder fo wenig jedes geljhmte Giietl inerklicli abmagert, 
eben fo wenig fteht zu erwarten, dafs nach dem Ver- 
i lul'le desSchwanzes das Gewiichsleben des Rilckeninarks- 
', fadens immer gänzlich erlOlclien wird. 



96 



Intellige n z b l a t (. 



I. Zur Gefchichte des Nerven fyftems. 

I. Larrey über eine von merkwürdigen Zu« 
fällen begl eitetc Kopfw n nde. (Aus Leroui'/ 
Journ. de inedec. T. 39. 1817. p. 45<^;— 458) 

Herr F. v. Rtiinpnn, 26 Jahr alt, wurde beim FecV.tea 
jnit dem Kappier, deffen Spitze auf dem Stichlilatt abge- 
brochen war, in der Nähe des linken Narenflügels in 
fchiefer Kichtuiig, von unten nach oben und etwas von 
aufsen nach innen verletzt. Die Waffe drang ungefähr 
3I Zoll weit durch die linke Nafengrube, durchbohrt» 
'die Slebplatie nahe an der Einfenkung der Hirn(iclie), 
und fcheint fenkreclu und etwas von vorn nach hinten 
5 — 6 Linien tief in den innern hintern Theil des vor- 
dem linken Hirnlappens, bis gegen das vordere Ende des 
Balkens gekommen zu feyn. Sogleich erfolgte eine lieftiga 
Blutung, und es gingen durch Mund und iSafe viele 
Splitter ab. Alle Sinnorgane wurden im Augenblicke 
der Verletzung gelahmt , kehrten aber allm.-ihlich bald auif 
ihren normalen Zuftand zurück. Einen Hlonat lang war 
das linke Auge völlig blind, jetzt lieht der Kranke da- 
mit, aber doppelt. Der Geruch war gleichfalls verloren, 
jetzt werden geiftige riechende FlüffigUeiten von gerucli. 
lofen unterfchieden. Der anfangs ganz vernichtete Ge- 
fchmack hat lieh allmählich, aber nur auf der rechten 
Seite der Zunge wieder eingefunden. Die ganze Zunge 
ift nach der rechten Seite gezogen , ganz im Gegenfatz 
mit der auf diefer Statt findenden I,i(!imung, indem der 
Mund nach der linken gezerrt ift. Von dein anfänglich 

gana 



^■^II^»^!^ ' 



97 



gaiffl tauben linken .Ohre ündet fich jetzt nur em Summen. 
So ftammelt der Kranke auch nur etwas, da anfangs die 
Stimme ganz vernichtet war. Die ZeugungstheiJe lind 
ganz normal. 

Anfangs war die rechte Seite gelähm», jetzt find es 
beide Glieder diefer Seite nur noch in Hinßchr auf fiewe- 
gung, nicht auf Empfindung. Das Namengedächtnifs 
ift völlig vernichtet, und entfteht nur fehr allmählich 
wieder, während das Erinnerungsvermögen für Binder 
und alles, was einer Darfiellurg fähig ift, unangetaftet 
blieb. Die anfängliche StörungdesErkenntnifsvermögens 
ift verfchwunden, allein alles, was fich auf die Eigenliebe, 
die militärifchen Erfolge des Verwundeten bezieht, verfetzt 
ihn in eine tiefe Melancholie und Gemüthszerrütiung, wäh- 
rend Unterhaltungen in Bezug auf feine Familie, feine 
Verwandten und Freunde diefe Zufälle verjcheuchen. 



a. Esquirol über den Zuftand des Rücken- 
markes in der Epilepfie. (Ebendaf. 424 — . 
• . 429) 

B. I. Ein feit dem agften Jahre- epileptifches Mäd. 

J eben verfiel in den freien Zwifchenzeiten mit dem 33ftetl 
Jahre in Blödfinn und Raferei, und ftarb nach mehrern 

\ fchnell aufeinander gefolgten Anfällen, im 37ften Jahre. 
Das Rückenmark wurde in der Gegend des Uten und 
I2ten Bruftwirbels weich und etwas braun gefunden. 

B. 2. Eine lange fchon epileptifclie Frau wurde im 
3irten Jahre ryphilitifch. Nach dem reichlichen Geiiufs 

\ von Queckülber rückten die Anfälle näher, und es trat 

■ bald .vor, bald nach denfelben Rafen ein. Im 37ften 
Jahre ftarb lie an den Folgen einer Krankheit der Gebär- 
inntier und Eierftöcke. Das untere Ende des Rücken- 
mai kes erfchien härter als die übrige Ausbreitung def- 

' felben. 

B. 3. Ein feit der Kindheit epileptifches, täglich 
mit epileptifchenSch.vindeln behaftetes, fehr cholerifches, 
und nach ihren Anfällen zumSelbftmord geneigtes Frauen- 

' Zimmer erftickte in einem epileptifchen Anlalle. Hirn- 
häute fehr blutreich , untere Gegend des Rückenmarkes 
erweiclit. 

\ M, d. Archiv. IV. I. C 



98 

B. 4. Ein, feit dem ijten Jahre nach einem, hefd-,! 
gen Sclireclcen epileptifch gewordenes Mädchen war oft 
nach den Anfällen wahnlinnig, bisweilen wüthend, litt 
yitfl an Schwindeln, und ftarb iin igten Jahre nach 
nielirern fchnell aufeinander folgenden epileptifchen An- 
fällen. Im Marke des linken hintern Hirnlappens eine 
vereiterte Stelle, Spinnwebenbaut des Rückenmarkes 
in der Gegend des lOten und I2ten Bruftwirbels bräun» 
lieh , hier die Markfubftanz erweicht. 

B. 5. Ein, feit der Geburt epileptifches Mädchen, i 
(die Mutter hatte lieh während der Schwangerfchaft er- < 
Ichrocken) hatte im soften Jahre ihre Anfälle alle 20 Tage, ,, 
und blieb nach einem jeden I Monat lang foporüs. lui 
aiften Jahre ftarb fle, nachdem lie 14 Tage in einem fol- 
chen Zuftande gewefen war, nach einem heftigen epilep- 
tifchen Anfalle. Pulsadern an der Schädelgrundfläche aii 
mehreren Stellen verknorpelt und verknöchert, Wände 
der linken Herzkammer l" dick, Höhle derfelben nur 
5 — 6'" weit. In der Gegend des I Uen und latenBruft- 
wUbels die Gefafshaut bräunlich, die Subftanz des Rücken- 
markes erweicht. 

B. 6. Eine, feit dem 3Sften Jahre epileptifche, 2 — 
3 Tage nach jedem Anfall melancholifche Köchinn er- 
ftickte im 4often Jahre während eines Anfalls. Die ganze' 
äufsere Fläche der Spinnwebenhaut des Rückenmarkes 
mit kleinen, weifslichen Knochenplättchen von i — 2'" 
im Durclimeffer befetzt, die Subftanz deffelben gegen deii 
yten und gten Rückenwirbel, und an feinem untern Ende 
erweicht. 

B. 7. Eine 53jährige Frau erfchrickt, bekomm? 
Krämpfe und bleibt epileptifch. Die oft fehr ftarken An- 
fälle kehren alle 2 — 3 Tage wieder. Im soften Jahr« 
ftirbt lie, nachdem feit einigen Monaten die Anfälle ein? 
ander näher gerückt waren, nach einem Anfalle, auj 
welchen ein Stägiger comatüfer Zuftand erfolgt war. Hy-, 
datiden von verfchiednerGröfse voralVlarkknollen bi.'? zum 
Lendenende desRückenmarksltanals, im Sacke der Spinn, 
webenhaut; Erweichung des untern Rückenmarkendes. 
In derSchleluidrüfe ein, mit einer braunrüthlichenFeuch-, 
tigkeit angefüllter Balg. 



■'^-^^ 99 

B. 8. '" Eili Kind vvüJ-de, -nachdem es ieit dem cfhen 
Zahnen Krämpfe geüalit, epileptifch.' Im 4ren wurden lie 
iäufigcr, kehrten im 5ten 4 — sMal tägTich wieder, 'wor- 
auf Lähmung, und im 6ten der Tod erfolgte. Riicken- 
tnarlcsfpinn webenhaut geröthet, Subftanz gegen denkten 
und l2ten Bruftvvirbel erweicht, 

Dtefe Beobachtungen wurden nuht etwa aus vielen anderit^^ 
zu Aufl'lellunu einer neuen l heorie geuuälUt^'). Ei flarben 
in der Salpetriere vom ifleti Februar bis iften Juni Ig 17 
10 Epileptilche, wovon 9 geöffnet wurden. Bei f darun- 
ter fand ich das Rückentnarlv oder feine Hüllen krauk,^ 
vorzüglich mehrmals s mit oder ohne Farbenveränderung, 
die Subftanz, hauptfächlich im untern Thelle, erweicht. 
Darf man hieraus nicht fchliefsen, dafs es Epiieplieea 

fiebt, die von Aiienation des Rückenmarkes oder feiner 
[üllen abhänge? Dies ift defto vvahrfcheinlicher , wenn 
man den Einflufs der Rückenmarksnerven auf die Orts- 
bewegung mit dem gewaltfam erregten Zuftande der Bewe- 
gungsorgane in epileptlfchen Anfällen vergleicht. Dnich 
diefe Betrachtung wurde ich in der That zu Unterfuchung 
des Rückenmarkes Epileptifcher geführt, und die Rich- 
tigkeit meiner Vermuthung beftätigt. 

In Folge meiner Leichenbefunde brachte ich längs 
des Rückenmarkes bei einer, feit dem löten Jahre Epi- 
leptifchen 4 Brenncylinder an. Die Anfälle weiche aller 
8 — 10 Tage, und immer zur Menftruationszeit , wo fio 
t^lich 4 — 5 Mal eintraten, wiederkehrten, minderten 
Cch feitdem fo, dafs zwennal diefe Periode frei vorüber 
ging. Ich fchliefse aus diefer Thatfache nichts mit Be- 
ftimmtheit. Der Erfolg ift nicht voliftändig, und auch 
l| fo würde eine einzelne Thatfache nicht beweifen. Indef- 
• fen wollte ich durcli die Bekanntmachung derfelben und 
der Refultate meiner Leichenöffnungen die Aufmerkfam- 
kelt auf eine Krankheit ziehen , über deren Sitz wir die 
wenigfte Gewifsheit haben. 



l) Wa< immer zu wünfchen Wdte. wovon aber leider gewöhn» 
lieh dai GeeentheJ beobachtet wird. 



G a 



100 

3« R, Reid aber das WeTen urd die Behand« 
lung des Tetanus. (Aus den Transactions of 
the aCfociation of tlie Kings and Queens Collega 
of Phylicians in Ireland. Vol. I, Dublin 1817. 
p.U3 — I2S) 

Das Reftiltat meiner Beobachtungen über den Tett« 
nus ift Folgendes : 

Die Zufälle der Krankheit find völlig diefelben, gleich 
viel , auf welche Veranlaffung fie eintritt. Bisweilen er- 
fcheinl fie plötzlich, meiftens abergeht ein Gefühl voa 
Steifheit im Nacken voran, welches allmählich zunimmt, 
bis zuletzi die Kopfmuskeln völlig fiarr werden. Wegen 
der überwiegenden Kraft der Mundfchliefser werden die 
Zähne auf das feftefte an einander gedrückt. Zwar be- 
harrt devKiampf nicht dauernd im höcbften Grade, allein 
es tritt auch kein völliger Nathlafs ein , worin die Anta- 
eoniften wirkten. Allmählich pflanzt fich der Krampf auf 
die übrigen Muskeln fort, merkwürdig aber ift, dafs 
einige, namentlich die unmllkührlichen der Bruft- und 
Baiicheingeweide, und der Sinnorgane, erft zuletzt ergrif- 
fen werden. Erbrechen tritt bisweilen ein, dauert aber 
nicht an Hunger und Verdauung bleiben regelmäfsig, der 
Harn wird regelmäfsig abgefondert, wenn er gleich bis- 
weilen fchwer abgeht. Bei heftigen Krämpfen ift der 
Puls klein, bcfchleunigt, unregelmäl'sig; allein das Athcm- 
holen auf diefelbe Weife abgeändert, und während des 
Nachlaffes find beide normal. Vie Zunge bleibt lange 
beweglich , die obern leiden erft Singe nach den untern 
Gliedmaafsen , die Muskeln der Finger blieben immer am 
längften , oft ganz unangegriffen. Irrereden tritt feiten, 
und faft nie anders als kurz vor dem Tode ein, wo jed« 
Function Ijedeutend geftört ift. 

Hieraus ergtebt fich zunächft, dafs weder in den 
Bruft- und Baucheingeweiden, noch in den fie verfehen- 
den^erven, mithin nicht im Gangliennerven, die Krank- 
heit urfprüiiglich ihren Sitz hat. Für das Gehirn gilt 
daffelbe. Ja diefes fcheint fogar vielmehr ein Streben zu 
haben, der Krankheit F.inhalt zu thun. So bleibt di« 
Zui'ge frei, bis das Gehirn ergriffen wird: ihre Nerven 
aber kommen von diefem. Auch das längere Freibleiben 



101 

der obern GlieJmaafsen gehört hieher. Deranacli bliebe 
nur das Rückenmark, als uifprünglicher Sitz tier Krank- 
heit übrig, und wirklich fpricht tnehreres für diefelbe 
Anlicbt. Die einzigen leidenden Theiie lind Muskeln 
(vom Stamme und denGliedmaal!.en). Diefe aber erfchei- 
nen bei der Sectioa normal, ihre Nerven dagegen ent- 
fpringen vom Kückenmark, und in diefem werden wir 
daher die nächfte Urfache der Kranidieit zu Tuchen ha- 
ben. EHes bewelfen auch die Leichenöffnungen. Die 
mp ften Schriftfteller fcheinen zwar die ErforCchung eiier 
krankhaften Veränderung für unmöglich zu halten, an- 
dere erwähnen der Leiden ^erfchiedner Organe» nicht 
«bi-r des Gelfirns. Durch die vorltehenden Betrachtun- 
gen veranlafst, öffnete ich die Leichea von einigen an 
Teianus verftorbnen Kranken. In den beiden erfien, 
wo die Krankheit erft «un 4ten Tage tödilich wurde, wa- 
ren die Brult - und Baucheingeweide , auch das Gehirn, 
Termehrten Gefäfsreichthum deffelben, vorzüglich feiner 
IVlembranen, ausgenommen gefund^ aus dem Wirbelkanal 
aber tlofs eine fc©.leutende Menge Waffer nach Wegnahme 
rfes Gehirns, bei einem dritten, einem 14 Jahr alten 
Knaben, der j6 Stunden nach dem Anfange der, iu FoigO' 
einer heftigen Verbrennung der rechten Fufszehen ein- 
getretoen Krankheit, die lieh am 4ten oder 5ten Tage 
sacb der Verletzung eingeftellt hatte, ftarb, fand ich all© 
Eingeweide und die Muskeln gefund, eben Jb das Geliirn, 
nur die Häute deffelben getäfsreicher , an der vordem 
Fliclie der harten Rückenmavkshaut aber, zwifcben ihr 
»nd den Wirbelkörpern, eine beträchtliche Blutergiefsuag 
in das Zellgebe in der Gegend der untern Hals- undBruIt- 
witb«! , £0 wie der untern Bruft- und obern Lendenwir- 
bel , das Rückenmark fehr üark geröthet , in der Gegend 
lies ^len und loten Rückenwirbels zwifchen der Spinn- 
weben- und Gefäfshaut eine weifsliche, markähiüiche 
Subftanz, die, in der Länge von l| Zoilen, ungefähr die 
Hälfte des Umfaiigs des Rückenmarkes bedeckte und 
abgewifcht werden konnte, ohne Spur von Zerreil.ung 
der Gef^iTsfiaut oder ihrer Geläfse. 

Diefe Tfxattachen fcheinen oTFenbar einen entzünd» 
liclien Charakter der Krankheit, und den Sitz derfellien 
in den Ruckeamarkshäuten zu erweilen. Merkwürdig 



1Q3 — ^. 

ift, dafs da, wo die Krankheit langfamer todllich wurde, 
ftalt der erwähnten Ergiefsung eijie wäfferige Statt fand, 
was verinutblich immer nach dem drjtten Tage eintritt. 

Nach diefcr Darftelhing köniMaman auf den erfieu 
Anhlick Bliulaffen für das Hauptmittel hahen. Da in- 
dcffen dies vorzüglich auf das Gehirn fchwächend wirkt, 
diefes aber der Krankheit Einhalt zu ihun fcheint , fo er- 
fcheint die Anwendung diefes Mittels vielmehr höchft ver- 
*irer-flich. Auch half wenigftens Blutlaffen nie , und das 
Blut hatte keine Entzündungshaut. Das zweckrnäfsigc 
Heilvferfahren winde daher Anbringung eines Blafenplla- 
fters lärigs der ganzen Wirljelfäule , 'Erregung des Darm- 
kanals durch ftarke Abfiihrungsmittel, dann (nach Lu/Aoin) 
der Haut durch Itarke Diaphoretica feyn. 



4. Patiffier über einen Fall von Tetanus. 
T (Aus Leroux's Journ. de med. T. 38- p. 252 — 257-) 

'- Ein gcfunder, ftarker, cholerifcher Mann, von 28 
fehren, der fcit 6 Monaten als Schanzgräber fehr anhaltend 
a»%eitefe, und dabei mehrmals durchnäfst wurde, ver- 
leixte üch Anfangs des Decembers I816 durch einen iSa- 
gH' im Schuh am linken Fufse. Am yten December 
Bücken fchmet^erj, Hindernifs beim Gehen, letzteres 
durch die AVujide. Am loten heftige Ermüdung Ijei der 
Rückkehr »or Arbeit, leichte Mundfperre. Am I2ten 
^fchwerte Bewegung des Hatfes und Stammes, Kopf, 
Brufty Unterleib frei, Efsluft und Schlaf normal. Am 
ijten -Unfsliigkeit zur Arbeit-, nur im Kücken Schmer- 
:«en-,. die lieh, fo wie die. Steifheit des Kopfes und Slam- 
iwrei- lind die Mundfperre, in der Nacht vermehren. Am 
leiten .ftKttags kommt der Kranke iia das Hotel- Dieu mit 
gäiidicheit Unbewegliclikeit des Kopfes und Stammes, 
freierer BwvegUcbkeit dagegen der obern und untern 
€&iedmaafsen-,-"erfchWertem Schlingen von Flüfligkeiten, 
eMsras rothem..Geijclit, reinerer Zunge , vollem, regelmä- 
fiiigfn^, häuügem Puls, Wärme der Haut , Speicheiflufs, 
frt-um Koj:)f und Unttrleib, heftiger Bruftbeklemmung. 
'Am-untetu'.Tlicile äes iinkeuJüifses, nahe an.dergrofseii 



103 

Zehe fand ficb ein Stich mit ungleichen, fchwärzlichen, we- 
nig entzündeien Rändern, unter demfelben ein Schwappen. 
Es werden 2} Schalen Blut am Arm gelaffen, inZwifchen. 
zeit von 5 Stunde I Gran Opium bis auf fi Gran gegeben, 
und das laue Bad I Stunde lang angewandt. Aus dem ge- 
öffneten Abfcefs fliefst ein jauchiger, fchwärzlicher Eiter. 
Die Stelle wird mit einem erweichenden Pßafter und Lau- 
danum bedeckt. Um 8 Uhr Zunahme der Schmerzen, 
der Kranke verzweifelt, durch ein zweiftürtdiges Bad 
wird er erleichtert. Um lo Uhr ein Klyftier aus Opium, 
Affa foetida und Kampfer. Nacht fchlaflos , angftvoll, 
Athoien und Schlingen erfchwert. Am I5(en Morgens 
Vermehrung des Ti ismus, fettiger Schweifs, Puls hart und 
häufig, Athmen etwas fchnarchend. Um lo Uhr plötz- 
liche Vermehrung des Leidens, Geficht und Zunge blau- 
rolh, Athmen feiten, Puls klein und häulig. Zwölf Blut- 
ige! auf den Hals und ein Blafenpflafter mit flüchtigem 
Alkali auf die Bnift. Um I Uhr erfolgte der Tod, amSten 
■ ■;:;e der Krankheit, während der Verftand bis auf die 
..;ten Augenblicke ungeftort geblieben war. 

Im Viiterleibe , BTagen und Darmkanal , Harnfyftem 
und Milz normal, Leber etwas blafs, Gallenblafe voll 
lehr dünner Galle. 

In der Bnift ift die Lunge etwas voll Blut, im Herz- 
beutel kein Serum, das Herz normal, allein die innere 
Haut deffelben überall, vorzüglich rechterfeits und in der 
Gegend der Klappen, eben fo die der Aorte, der Kopf- 
und Schlüffelpulsadern , der Lungenpulsader, der Hohl- 
adem fehr roth. Die Uothe verfchwindet nicht durch 
wiederholtes Auswafchen, felbft nicht durch Kratzen der 
Membian mit dem Skalpell. Das Fleifch des Herzens ift 
nicht merklich geroihet. Im iCo/i/e ift die Bekleidung der 
Hohle etwas geröthet, keine Serolilät in derfelben, auf 
der gewölbten Fläche des Gehirns finden lieh hie und da 
röthliche Flecken, die Gefäfse des Gehirns lind blutvoll, 
im rechten Adernetz eine Hydatide, die Confiftenz des 
Gehirns ift normal. Im IVirbelkaaal ift die äufsere Fläche 
der liarten Haut geröthet, der lie bekleidende Theil der 
Spinnwebenhaut, fo wie die ?Jervenfortfätze derfelben 
dunkclroth, der Jlückenmarkskbeil derfelben wenig ent- 



104 

zündet, auF dem äufsern Theile derfelb'en etwas Eiter, 
Die SiJbftanz des Rückenmarkes ift febr weich. 

Die ^Vunde erfireckt üch nur auf die Haut und das 
fefie Zellgewebe der Fufsfolile , die Nerven und Sehnen- 
au^breitung der Sohle und unverletzt. Die Muskeln ftark 
gcrüthet , die in der l\iiuie des Kückens liegenden lehr 
zerreifslich. 

Zeugen waren Herr Dupuytren , RecamUr und Geqf- 
froy. 

Ungeachtet die Urfache der Krankheit die Entzün- 
dung der Spinnwelienhaut des Rückenmarkes und der 
innern Haut der grofsen Gefäfse gewefen zu feyn fcheint, 
fo halte ich doch diele Urtache nicht für beftändig, in- 
dem ich bei uiebrern Leichenöffnungen alle Theile nor- 
mal fand. 



5. Verrenkung des fünften Halswirbels auf 
dem fechften. Von Tliitlaye. (Aus Leroux'f 
Journ. de med. T. 35. Bullet, de la faculte et de 
la foc. de medec. p. 26 — 28) 

Ein ftarker Mann von 4I Jahren, wurde durch ein 
Stück Holz, welches er auf den Wagen laden wollte, 
umgeworfen, fiel dabei mit dem hintern Theile des 
Halles auf die Achfe des Wagens, und konnte, ungeach- 
tet nur der Nacken ftark gequetfcht worden war, weder 
aufftehen, noch irgend eine Bewegung vornehmen. Ich 
fand beide untere und die linke vordere Gliedmaafse ge- 
lähmt, die rechte fehr betäubt, das Athmen fehr er- 
fchwert, die vorher fiarke und deutliche Stimme fchwach 
nnd heifer, dagegen die geiftige Thätigkeit unverletzt, 
die Pupillen aubgedehnt, blofs leichte Schmerzen im 
Kacken, der Lendengegend und dem Heiligbein, unge- 
achtet die beiden letztern unverletzt waren, den Puls klein 
und zufammengezogen. Der Tod erfolgte 19 Stunden 
nach dem Zufalle, nach fruchtlofer Atiwendung von 
Bädern, Einreibungen, Umfchlägen und beruhigenden 
Jüitteln. 

In den drei Höhlen wurde nichts Regelwidriges gefun- 
den. Die Mufikela der ge^uetfchten Stelle waren-znit Blut 



infiltrirt, derstennd 6te Halswirbel 1" weit von einander 
entterm, das gelbe Band und die Gelenkbänder zeiriffen, 
Aas Rückenmarli mit fchvvärzlichem, den ganzen Wirbel- 
'kanal anfüllendem Blute bedeckt. In der Heilig- und 
Lendengegend fand fich Iceine Abnormität. 

Die Lähmung der Gliedmaafsen war daher in dem 
Druck und der Zerrung des Halsmarkes begründet. 



6. Verfuelie über die Wegnahme des erften 
Halsknotens des Gangliennerven bei 
Pferden. Von Düpüy, Profeffor zu Alfort. (Aus 
Leraux'i Journ.de medec. T. 37. 1816. p- 340 — 350-) 

Um zweckmäfsige Verfache über die Wegnahme des 
etrften Halsknotens des Gangliennerven anzuftellen, 
mufste zuvörderft eine zweckmäfsige Methode, ihn zu ex. 
ftirpiren, ausgemitielt werden. Zu diefem Behuf wirft 
man das Pferd nieder und legt ihm Schlingen um die 
Beine, durchfchneidet dann vor und unter dem Querfort- 
fatze des erften Halswirbels die Haut in der Länge einiger 
Zolle, leblägt den hintern Rand der Ohrfpeicheldrüfe 
lUich vorn, durchfchneidet dann in querer Richtung den 
Griffelhommuskel, bringt den Zeigefinger unter die Ner- 
ven und den Knoten, den man an die Oeffnung zieht, 
und mit einer Pincette abfondert, hierauf erft gegen die 
Bruftböhle, dann gegen den Kopf zieht , und fodannr9 
herausnimmt, dafs man auf beiden Seiten ein Stück des 
Nerven von der Länge einiger Zolle daran fitzen lälst. 
Bei mehrern der aufdiefeAn angeftelltenVerfuche waren 
Herr Brefchet oder Herr Diipüytrea gegenwärtig. 

Verfuch I. Bei einem fünfjährigen, ftarken, fälfch. 
lieh für rotzig gehaltenen Pferde wurde am 24ften Juni 
1806 der linke Knoten weggenommen, worauf fogleich 
das Auge derfelben Seite eingefunken, die Augenlider an- 
gefchwollen erfchienen, die Muskelhaut vortrat , die Pu- 

?ille lieh zufammenzog. Am 28ften waren die unter der 
urige liegenden Lymphdrüfen hart , angefchwollen und 
fef. au5 der Nafe derfelben Seite flofs eine graue, körnige, 
übelriechende Feuchtigkeit. Bis zum löten Juli machte 
die Wunde ralcbe Schritte zur Vemarbun«, und bis zuas 



106 — — 

»Sten Augoft Wieb das Thier Tollkbmmen gefund.' - Ad 

ISten Augiift wurde, mit denfelljen Zufällen, der rechte 
Knoten werjgenominen. Am 2~yf(en war das Thier fehr 
ma^cr, die Haut trocken, feit anhängend, das Haar 
fahl, die Backen, und die Gegend unter dem Unterkiefer 
«rieften fchon feil 12 — 14 Tagen beftändig von Schweifs. 
Die zweite \V^unde blieb hftulös. , 

Bei der Untcvfuchung fand Cch an der Stelle des 
Geflechtes und des Knotens ein eirunder , etwa l-J" lan- 
ger Korper; der «tus zwei Theilen, einem äufserri dickei^ 
feften, -harten, lilberweif-en, und einem innern, wei- 
Ähni, fchivammjgen, röihtichen, im Grunde der Fiftel 
liegaiid^n.beftand. Einige Linien weiter nach hinten lag 
ein kleiner, faft runder, birnförmiger, 5" dicker, weifs- 
licher Körper, und hinter und unter der Unlerhintecj 
liauptsöllniing bildete der Gangliennerv eine knotenför.; 
jjjiga.Anfclivvelluiig an der Schnittfläche. 

Das Thier war fehr mager geworden , die Haut mit 
Ausfchiag bedeckt, derHodenfack und die hintern Glied- 
rtiaafscn ödematös. Die Wegnahme beider Knoten tödtete 
atfo dies junge und kraftvolle Thier , vermuthlich wegen 
d«s Einflufftes, den der Gangliennerv als Arteriennerv 
ä6f die Eriiährung hat. 

Verfiich ■^. Bei einem 15 monatlichen Füllen wur- 
den am 28ften April 1815 beide Knoten, zugleich atif der 
linken Seite pin 5", auf der rechten ein l" langes Stück 
des Nerven weggenommen. NacJi der Operation wurden 
die Allgen thr.tnend , trübe, gefchwollen, die Kiefern 
bewegten fich beftändig, der Puls wurde fchneller. Sechg 
Stunden nachher waren die Siirn, der Nacken, die Oh- 
ren, der Vordertheil des Gefichtes mit Schweifs bedeckt, 
das Athmen erfchwert. Die Symptome nahmen bis zum 
7tenMai ab, jetzt aber bemerkte man grofse Abmagerung. 1 
Allmählich nahm die Abmagerung und Athmungsbe- ■ 
fehwerde bedeutend zu, fo dafs am igten die Tracheoto- 1 
niie gemacht wuide. A:n 23rten wurde das Thier todt 
gefu-.den. Die Haut war mit Ausfchlag bedeckt, das 
]tiaji ging leicht aus. Die Nervenenden waren ange- 
feljwollen und röihlich. 



-r--'- — lö7t 

Verfuch 3. Bei einem gefunden, 4' Jahr alten Pferds 
wurde am aöCieti April der rechte Haisknoten und eiij. 
Theil des Nerven weggenommen, der linke vorn etwas 
aligeftiitzt , aber ein, an feinem hintern Ende fefifitzer.- 
des Nervenftiick von der Länge eines Fufses mit hciaiu;- 
geriffen. Sogleich röthete Geh die Bindehaut, und dio 
Augenlider bedeckten einen Theil des Auges, das Athem- 
holeii wurde mülifam und geräufchvol) , der Puls hart, 
voll , häufig. Die Efsluft fehlen ganz verfchwunden, da« 
Trinken ging fchwer von Statten. So verhielt es ßch bi-« 
«um loten Mai, wo beide Wunden faft vernarbt waren. 
DasThier frafs und trank gur, die beiden hintern Glieder 
und der Hodenfach waren indeffen fehr gefchwollen, die 
Bindehaut ftets roth, die Pupillen verengt. Um den I3ten 
Mai fing die Haut an feft anzuhängen, die Hautaiisdünftung 
ftockle fo gut als ganz. Am 25ften ftarke Anfchwellmig 
desHodenfackes und der hintern Gliedniaafsen, ungeach- 
tet häutiger Einreibungen von Waffer undTerpentingeifc. 
Excremente hart, fchwarz, klein. Am Ende des Juni 
fand man bei der Leichenöffnung die Nerven wie bei den 
übrigen, die Haut mit Ausfclilag bedeckt, und bedeutende 
Abmagerung. 

Verfuch 4. Bei einer fchon fchwachen und magerrt 
Stute «-urden am 2ten Mai 1815 die beiden Knoten weg- 
genommen. Sogleich nachher wurden Stirn und Ohren 
heifs, feucht, dasAthmen befchleunigt und fchwer, dieAih 
genÜder gefchwollen , die Augen thränend. Dies daueri:e 
fort, doch frafs das Thier. Am 3ten trat befonders Au- 
fchwellung der linken Gliedmaafsen ein, der Puls fetzle 
aus, die Seitenwände der Bruft fchienen empfindlich. 
Am 8ten waren die flerzfchläge kaum merklich, am lltpn 
wurde wegen des erfchwcrten Athraens die Tracheotomie 
gemacht, am I2ten tödiele man das Thier , nachdem i;s 
üufserft fchwach geworden war. Die Nerven waren v<;r- 
grofsert, und das iie umgebervle Zellgewebe infiltrirt. 
Aus obigen Verfuchen ergiebt fich : 
I) Die tiefe Lage der obern Halsknoten macht ihre 
Exfiirpation nicht unmöglich. 

2) Die dazu erforderliche Operation ift einfach, we- 
nig fchmerzhaft, und wird nicht von fclilimmen Zufällen 
begleitet. 



108 .^^^^-. 

3) Die Folgea der Zerftörung des Knotens Sbelr find 
Verengung der Pupillen, Röthe der Bindehaut, allge- 
tneine Abmagerung, zugleich Oedeui der Gliedmaafsen, 
und allgemeiner Hautausfchlag. 

4) Der Gangliennerv fcheint einen grofsen Einflufs 
auf die Erndbrung zu haben. 



7. Verfuche über die Durchfchneidung, Un« 
terbindung und Z uf ammen dr ü ckun g der 
p n e umogaftrirchen Nerven beim Pferde 
und dem Schafe. Von Düpüy. (Ebendafelbft 
P-?5 1—366.) 

Bei meinen Verfuchen, zu welchen ich durch die im 
J. 1807 von Dupuytren angeftellten veranlafst wurde, 
machte ich, um die Erftickung und das ängftliche Ge- 
fchjci zu verhindern , vor der Verletzung der Nerven die 
Tracbeotomie. Sogleich nach der Verletzung des Nerven 
bewegt lieh das Tbier heftig, athmet febr geräufchvoll, fo 
lange es auf der Erde liegt und gebunden ift, vorzüglich 
wenn die üeffnung in der Luftröhre eng , oder durch 
die Anfcbwellung der benachbarten Theile verfcbloffen 
ift. Alle diefe Zufälle aber verfchwinden , fobald man es 
in Freiheit läfst; es frifst wie vorher, nur trinkt es mehr, 
der Ko[)f bedeckt ficb mit Schweifs, die hintern Theile 
des Körpers dagegen werden kälter. Die Thiere, deren 
pneumogafirifche Nerven unter diefer Bedingung in der 
Mitte des Halfes durchfchnitten , unterbunden oder zu- 
fammengedriickt wurden, (was ganz gleiche Erfcheinun- 
gen veranlafst) frafsen und fofFen bis zum 4ten — 5ien 
Tage, nur eines bis zum 8ten. Dies war ein ungari- 
fches Pferd, und wahi fcheinlich haben einige Racen mehr 
Tenaoität als andre. Die eingenommenen Subftanaen kehr- 
ten durch die Luftröhrenöffnung zurück. Wird der Luft- 
röhreiifchnitt nicht gemacht, fo ftirbt das Thier in wenig 
Stunden, wegen Lahn ung der, lieh an den Stimmritzen- 
eiweiierern verbreite, den Nerven. Bei acht Pferden fan- 
den wir Speiferöbre 1 nd Magen mit trocknero, ftark ge- 
drückten Futter angeiiillt, die Muskeihaut ganz erfchlaffc. 



109 

Die Spei fcrSlire wird unter diefen Urnftänden nur durch 
Thä'.igUeit des Schlundkopfes oder vielmehr durch Strecken 
des Kopfes pafliv bewegt. Entblöfsung der Speiferöhro 
zeigt fehr deutlich, dafs ßch ihre FaJJem gar nicht zu- 
famraenziehen, fondern die Speifen nur auf die ange- 
gebne Weife herabfallen. Der Tod foheint unter diefen 
Umftänden durch das Aufliören der Verdauung zu erfol- 
gen , welche Cch durch NichtVeränderung der im Magen 
enthaltnen Subftanzen , die nicht die Erfcheinungen der 
Verdauung, fondern den Geruch der im Blinddarm ent- 
haltnen Excreroente darbieten, ausfpricht. DerUrfprung 
der Nerven war geröthet, und es fand fich eine gallert- 
äbnlicbe Anhäufung, die Schnittfläche zei.gte die gewöhnli- 
ehen Veränderungen. Die Lunge war roth, die Zellen durch 
eine elaftifche Flüffigkeit von einander entfernt, eben 
dadurch das Lungen brufl feil an mebrern Stellen in di« 
Höhe gehoben, die Bronchialdrüfen geröthet, das benach- 
barte Zellgewebe infiltrirt, und fehr übelriechend. 

Alle diefe Veränderungen entfprechen denen , die 
man bei der Rindviehfeuche findet, welche ich den Ty. 
phus des Rindviehes nenne. Sind alfo hier vielleicht diefe 
Nerven gedrückt oder auf ähnliche Weife verändert, und 
wirken, wegen der Statt findenden Lähmung des Magens» 
innere Mittel fo wenig, äufsere Reizmittel dagegen mehr? 
Die völlige Unthätigkeit des Magens ergiebt fich fchon aus 
der ganz unfchädlichen Anwendung der Nux voraica bei 
einem diefer Pferde , während ein unverletztes von der- 
felben Menge unter den fürchterlichften Zuckungen ftarb. 
Bei Hunden und Schafen wurde daffelbe bemerkt. 

Es ergaben fich vorzüglich folgende Erfcheinungen. 
l) Erhöhung der Temperatur des Nacicens; 2) be- 
ftändiges Schwitzen der obern Gegenden des Kopfes, dar 
Stirn, der Grundfläche der Ohren ; 3) verminderte Tem- 
peratur der hintern Körperhälfie; 4) Unwirkfamkeit in 
den Magen eingebrachter Mittel ; 5) Zuckungen des gan- 
zen Körpers und beftändige Bewegung des Halfes und 
Kopfes-, 6) Röthung der Bindehaut, der Nafen - und 
Mundhaut; 7) Hitze der ausgeathmeten Luft ; 8) Ausflufs 
vieler fchäumiger Flüffigkeit aus der Luftröhre mit den 
Spcifca und Geträuk«n, w«U dir Schliuid angefüllt ift; 



iio ■ ■- ^- 

9|) um die EinfcbniHe ift das Zellgewebe itlRltrirt, cKe 
Schnittenden der Nerven riechen höchft übel, die Wunde 
ift brandig. 

Die Aehnliehkeit mit dem Typhus des Bindviehs 
ilt Ichon bemerkt. Gleiche Aihmungsbefcbwerde, Zit- 
tern der Muskeln, Wärme des Kopfes , grofse Empfind- 
lit^hkeit in der Rü'ikenmarksgegend , der Tod am 5ten 
bii" ytenTage, Anhäufung von gallertähnlicher oder ela- 
ftjfcher Flüffigkeit im Wirbeikanal, oft Weichheit des 
Rückenmarkes, befonders in der Lendengegend, Un- 
wirkfamkeit innerer Mittel. 

Bei diefer I-Crankheit findet alfo zunächft Leiden der 
Bruft- und Bauf;heinge\veide in Folge eines Leidens des 
Kückenmarkes und feiner Nerven Statt. Wahrfcheinlich 
würde man dur(;h Veränderung der Methode , z. B. durch 
Einfpritzen der Mittel in die Halsvenen, mehr leilten. 



g. /. Campbell über das Sehen. (Aus Thomfon't 
Annais of philofophy. Vol. X. I8l7- p. J7 — 29.J 

Eine Menge von Thatfachen erweift den Satz , daft 
die Nerven die Organe find , durch \velche der Geift von 
«lexi Aufsendingeii Kenntnifs erhält, und welche die Le- 
Jtetisthätigkeit im Kurper verbreiten oder wecken. Wie 
aber bringen die vBifchiednen Organe, durch welche Em- 
yfindungen veranl.afst werden, in den Nerven, welche 
Ijcii in ihnen vei Zweigen, eine Veränderung hervor, 
welche der Vorfiellunf;, die durch üe veianlafst werden 
foU , einigermafseit eiiifpricht? Diefe ifl beiden Sinnen 
dts Geruches und des Gefclimackes z. B. völlig auTser Zu- 
fainmenhang mit der Geftalt des nnterfuchten Körpers. 
Ni;'r die Mifchung des Körpers foll erkannt werden, und 
hiszu ift die Anordnung beider Organe im hohen Grade 
geeignet. Die Functionen der hohem Sinne, nament- 
lich des Geßchics, lind weit fchwieriger zu erklären. Die 
von Keppler entdeckte angebliche Eniftelumg eines Bildes 
auf der Netzhaut fclieini mir ein Hau])igrund unferer Un- 
VN'Süenheit zu fey n. Man hielt fogleich diefes Bild für da} 



111 

Mittel, wodurch die Vorfielluhg des Gegenftandes veran- 
lafst werde. Indeffen bietet iich fogleich die Schwierig» 
keit dar, dafs mau durchaus nicht ahnden kann, wie 
diefe Bilder auf irgend eine Weife diefe Wirkung hervor-; 
bringen. Unter diefen Umftänden glaube ich die Exi-f 
ftenz derfelbenbeftreiten zu können. Ich behaupte, dafS • 
auf der menfclilichen Netzhaut kein Bild entfteht, unA 
dafs felbft bei Nachirniiiithieren , deren Auge, wegen 
Uirer Lebensweife, eigenthüinlich und fo angeordnet ifr, 
dafs, nicht auf der Netzhaut, fondern der Aderhaut, ein 
Bild enifteht, diel'es Bild nur jiafliv entfteht, ohne fich 
activ beim Act des Sehens zu verhahen. Das Argument 
für die Anwcfenheit des Bildqs ift die Tbatfache, dafs, 
ivenn ein Auge lierausgenommen, die Fafer- und Gefafs- 
taut entfernt, und irgend eine, zur Reflection der Licht» 
ftrahlen lieh eignende Subftanz hinter die Netzhaut oder 
an ihre Stelle gebracht wird, auf diefer ein deutliches, 
BUd von Gegenftänden entfteht, die fich vorder Pupille, 
befinden. Allein die aus diefer Thatfache gezogenen 
Schi ütfe find faifch, weillich hier ganz andre Bedingun- 
gen, als beim lebenden Auge finden. 

Ein Bild entfteht, wenn Lichtftrahlen in einem fol-j 
cHen Verhältnifs zurückgeworfen werden , dafs lie genau 
mit den. verfchiednen Theilen des Körpers iiberein- 
ICommen , den das Bild darftellen foll. Ein Werkzeug 
nufs daher, um Bilder zu erzeugen: I) die vom Gegen- 
ftande ausgehenden Strahlen fo fammeln, dafs fie auf die 
aurückwerfende Fläche in Rücklicht auf Geftalt und Farbe . 
genau einfallen, und 2) wirklich eine Fläche enthaltenv 
welche die Strahlen fo zurückwirft, dafs der 7ufchauerj. • 
die Empfindung eines Bildes erhält. Die erfte Bedin-:v 
gung ift durch die wäfferige und Kryftallfeuchtigkcitt ■ 
im lebenden und todten Auge gegeben, in Hinficht aufl 
die zweite aber weichen beide völlig von einander ab.". 
Das lebende Auge hat Iceine zurückwerfende Fläche, in< ■. 
dem die Netzhaut fo gut als ganz durchfichtig ift. Diesi 
beweift fchon die vollkommne Schwärze der Pupille. 2wi~'. 
fchen der lebenden Netzhaut und dem weifsen Papier fin-. 
det derfelbe Unterfchied als zwifchen einem durchfich- 
tigen Glafe und einem Spiegel Statt. So zeigt in einem: 
Fernrohr ein Spiegei , nicht aber ein durchüchiigeSiGla* 



112 

das B!l J eines Gegenftandes. Hier enifteht in iem Gläf« 
nicht etwa ein, nur unlichtbares Bild, denn ein Bild ent- 
Iteht nicht blofs durch Sammlung von Strahlen, die, zu« 
rücUgevvorfen, ein Bild erzeugen würden: die Zurücki 
werfung der Strahlen allein bringt das Bild hervor, 
denn , werden die Strahlen nicht zurückgeworfen , und 
gelangen fie blofs in das Auge, fo fehen wir kein Bild, 
fondern den Gegenftand felbft. OiFenbar wirft alfo die 
Netzhaut des lebenden Auges das Bild nicht fo, wie das 
Papier hinter dem herausgenommenen Auge zurück. 

Nach tnehrern Phyfiologen entfteht ein Bild nicht 
«uf der Netzhaut, fondern auf der Gefäfshaut. Abge- 
fehen indeffen von der Widerfinnigkeit , welche in der, 
hiedurch gefetzten Sonderung des Sehnerven von der Seh- 
function enthalten ift, fpricht gegen diefe Anficht dis 
Schwärze der Aderhaut , die unftreitig nur darin begrün- 
det ift, dafs üe die Lichtftrahlen n/cA< zurückwirft, fon- 
dern verfchluckt. Offenbar alfo kann , was war auch 
über die Reflexion im Auge der Nachtthiere urtheilen 
mögen, im menfchlichen Auge weder auf der Netzhaut 
noch der Gefäfshaut ein Bild entftehen, weil jene aJlo 
Lichtftrahlen durchläfst, diefe alle verfchluckt. 

Vergleichen wir daher lieber die GeCchtsempfindua» 
gen mit denen anderer verwandter Organe. 

Die Frage ift, wie die Lichtftrahlen, welche, eha 
ße die Netzbaut erreichen, keine Empfindung veranlaf- 
l'cn, und hinteu ihr unmittelbar von der Gefäfshaut ver. 
fchluckt werden, auf die Netzhaut fo einwirken können, 
dafs der Act des Sehens Statt findet. Diefer befteht aus 
zwei Momenten, der Wahrnehmung der Geftalt und der 
Farbe, die fo fehr von einander verfchieden find, dafs 
man fie eignen Sinnen zufchreiben folite. Geruch und 
Gefchroack unterfcheiden fich gewifs weniger als Farbe 
und Geftalt. Nur weil fie durch daffelbe Organ wahrge- 
nonimen werden, und fich zur voUftändigen Belehrung 
über lichtbare Dinge vereinigen , hat man fie verbunden, 
fie muffen aber, wenn ihr Urfprung ergründet werden 
foll, getrennt werden. Die Wahrnehmung der Gefi alt 
und des Umfangs durch das Auge enlfpricht offenbar der 
Wahinebmung diefer Eigenfchafcen durch das Gefühl, 

vrih- 



113 

'wabrend die Untei-fcheidung von Farben mehr Aelinlich- 
keit mit den Geruchsempfindungen hat. 

Vorläufig einige Bemerkungen über die \rt, wie 
durch das Gefühl Empfindungen entftehen. Die unmit- 
telbar unter der Haut, vorzüglich der Füfse und Hända 
Statt findende, fehr vielfache Verzweigung der IVewen. 
inacht die Entftehung der Vorftellung von Ausdehnung 
durch diefes Organ fehr begreiflich. leder, auch der 
feinfte Nervenzweig mufs als ein eigner Nerv beu achtet 
werden, der für lieh eine Vorftellung feiner eignen txi- 
ftenz veranlaffen kann. Wird daher irgend ein Punkt 
berührt, So wird die Lokalität deffelben unmittelbar vor^ 
geftellt. Diefe Fähigkeit, jeden einzelnen Punkt an fei- 
ner Stelle darzuftellen, ift unftreitig in der feinen Ver- 
zweigung der Nerven begründet. Wird aber durch die 
Nerven die Lokalität in' Beziehung auf einen Punkt an- 
gedeutet, fo muffen fie fich eben fo in Beziehung auf alle 
berührten Punkte verhalten, mithin wird, wenn eine be- 
trächtliche Fläche gedrückt wird, der Umfang der, auf 
diefe Weife aflicirten Nerven wahrgenommen werden. 
Neben einander muffen irgendwo zwei Aefte feyn, wovon 
einer gedrückt wird, der andre nicht, und diefe Ver- 
fchiedenheit, fo wie die Stelle, an welcher lie Statt fin- 
det, mufs augenblicklich wahrgenommen werden. Die 
Wahrnehmung derfelben aber giebt die Vorftellutigen von 
Umfang und Geftalt, denn uiifere Vorftellung von Um- 
fang ift die Ausdehnung über zwei oder mehrere Punkte, 
ftatt über einen, und die von Geftalt, dafs eine Stelle des 
gedrückten Nerven lieh von der andern unterfcheidet. 
Ift der unterfuchto Körper zu grofs, als dafs feine Geftalt 
in einem Eindruck enthalten feyn könnte, fo beftimmt 
der Blinde erft feine Enden, und führt dann feine Hände 
über den Kaum zwifchen denfelben, Erfahrung aber be- 
lehrt ihn, diefes Verfahren abzukürzen, er legt die 
Ellenbogen an die Seiten, und berechnet fehr genau nach 
der Stellung der Vorderarme und Hände die Gröfse des 
zwifchen ihnen liegenden Körpers. Hier wird die Vor- 
ftellung durch Anwendung der vorher erworbnen Kennt- 
nift der Entfernung zwifchen Armen und Händen ver- 
fcliaüt. Urfprünglich aber würde man , um den Umfang 
•Ines Körpers kennen zu lernen, der gröfser als die Hand 
M. 4, ArMv IV. l. H 



114 

wäre, diefe wiederliolt anbringen tnüfren , um hlerJuroB 
zu bewirken , dafseine, dem unterfuchten Gegenfiande 
gleiche Nervenfläche zufamniengedriickt würde. Immer 
eigiebt fich leicht, wie auf diefe Weife die Vorftellun^ 
gen von Umfang und Geftalt durch das Gefühl entfteheri. 
Unftreiiig haben wir oft fimpfindungen, deren Stelle wir 
•nicht beftimml uiiterfcheiden können. Bekanntlich kla- 
gen Ampiitiite bisweil eu über Schmerzen in dem abgenom- 
menen Gliede, incteffen dies hängt von einem krankhaf- 
ten Zuftande der Nerven und von Ideenaffociatiönen ab, 
und kann nichts gegen den allgemeinen Satz heweifen, 
dafs die Nerven die Oertlichkeit der Veränderungen, 
welche fie mittlieilen , beftlmmen. Ich fchliefse daher, 
dafs , wenn ich einen zwei Zoll langen Körper berühre 
iind mit den Fingern drücke, leb die Ausdehnung des 
Druckes wahrnehmen werde, weil ich wahrnehme , wo 
diefer aufhört. Wird der Körper um die Hälfte verkürzt, 
fo werde ichdie Verminderung des Umfangs wahrnehmen. 
Ich kann Reid (Inquiry into the human mind p. I2I.) 
nicht zugeben , dafs die Entftehung der Vorfteilung von. 
Umfang durch das Gefühl durchaus unerklärlich ift. Of- 
ifenbar würde keine Vorfteilung von einer relativen Aus- 
dehnung in einem gegebnen Falle möglich feyn, wenn 
nicht ein Maafsftab vorhanden wäre ; alk-in eben fo un- 
läugbar ift, dafs ein Blinder eine verfchiedne Vorfteilung 
von einer Kugel und von einem Drei- oder Viereck halien 
mufs. Diefe Verfcbiedenheit ift darin begründet, dafs 
dort die zufammengedrückte Nerverifläche' rund, hier 
eckig ift. Allerdings würde er nicht, wie in dem vorher 
angenommenen Falle, die Korper oder die durch iie afli- 
cirte Nervenfläche mit der Fläche feines eignen Körpers 
oder des gewöhnlich zu Beftimmung derGröfse angewand- 
ten Theiles, des Fufses, vergleichen können, wohl aber 
untereinander, und fo ihre verhältnifsmäfsige Gröfse er- 
kennen. Was aber kann der genauefte Beobachter in 
Bezug auf Umfang lernen, als dafs ein Korper gröfser 
oder kleiner oder ungefähr gleich grofs als ein andrer ift? 
Aus der genauen Uebereinftimmung zwifchen dem Um- 
fang« eines Körpeis und der gedrückten Nervenfläche er- 
giebt fich, wenn wir gleich zugeftehn , dafs die Idee eines 
Kreifes mit dem Gegenltande felbft fo wenig übereinkommt, 



115 

,«]{ 2. B. mit Gerechtigkeit oder Müth, Vie die Nerven 
^ie verfchiednen,' auf die angegebne Weife erhdltrien Ein- 
lirücke raittheilen.; 

Wie Jäfst licäh aber alles dies auf das Auge anwenden? 
In Beziehung auf Umfang wohl vollkommen, denn für 
beide Organe gelten diefelben Principien und die Empfin- 
dung, welche die Vorftellung von Umfang und Geftalt 
Teranlafst, entfteht im Auge in Folge einer ähnlichen Er- 
regung der Netzhaut, zwar nicht, wie beim Gefühl durch 
den Körper felbft, aber durch die von ihm reflectirten. 
Lichtftrahlen, welchedurcheineFläcbeder Netzhaut drin- 
gen, die der fichlbaren Geftalt deffelben genau entfpricht. 
Hier ift das Bild anwendbar. Es zeigt, dafs die Strahlen 
in einer befiimmten Geftalt und in derfelben Ordnung 
der Farben dringen , welche den Gegenftand , von wel- 
chem fie ausgeben, bezeichnen. Daher mufs der Sehnerv 
an verfchiednen Stellen erregt werden , die gröfser oder 
kleiiner , rund oder viereckig u. f. w. find , genau fo, wie 
die Geftalt des betrachteten Gegenftandes gröfser oder 
kleiner, rund oder viereclug u. f. w. ift; alles wie beirfi 
Gefühl. 

Indeffen reicht diefe Erklärung nicht für die Unter, 
fcheidung der Farben hin. Folgende Bemerkungen wer- 
den den Gegenftand vielleicht wenigftens etwas erläutern. 
Die Vorftellung der Farbe hat einige Aehnlichkeit mit der 
Ton Gefchmack und Geruch. Wir begreifen nicht, warum 
«in eigenthümliclier, durch eine Materie Veranlafster Fin- 
druck die Vorftellung von Säure, Süfsigkeit u. f. w. er- 
weckt. Dies find befondere Vorftellungen, welche in 
Folge der Kenntnifs entftehn , welche die Seele erhält, 
dafs die Nerven auf eigenthümliche Weife afficirt wurden, 
tind nach innern, angebornen, urfprünglichen Gefetzen 
untrer ürganifation mit diefemsigenthümlichen Eindrucke 
verbunden lind. Die Vorftellungender Farben Jlnd vonder- 
ielbenBefchaflenheit. Sie entftehen, wenn die Seele durch 
den Sehnerven belelirt wird , dafs er auf die verfchiedne 
Weife, wodurch die verfchiednen Lichtftrahlen auf ihm. 
wirken, erregt worden i&. Diefe Strahlen unterfcheide|t 
fich ihrer Natur nach von einander, muffen alfo verfchie- 
dentlich wirken. Erwägen wir nun, dafs jedes diefer 
gefärbten Theilchen, indem es durch die Netzhaut genau 

li a 



, 



116 ,4 

in dei-relben Anordnung dringt, in der es Ton dem 

beoliachteten Körper ausgeht, nothwendig die ihm eigne 
Veränderung in ihr, und namentlich in dem Punkte der 
Fläche, weicher feiner Lage in dem gefehenen Gegenftande 
entfpricht, erzeugen mürfe, fo erklärt fich, wie nicht 
blofs lier JJmfang und die GeCialt, fondern auch die ver- 
Tcliiedne Färbung undSchaCtirung desOegenftandes wahr- 
genommen wird. 

In den Augen einiger, namentlich Nachtraubthiere, ift i 
cter hintere Theil der Aderhaut weifs und glänzend , un- i \ 
ftreitig um hiedurch die Schwäche der Lichtftrahlen za 
«rfefzen. Dagegen ift ilie Aderhaut bei den Tagthieren 
dunkel, fo dals die Lichtftrahlen nach ihrem Durchgange 
durch die Netzhaut verfchinckt, und dadurch die Rück- 
kehr derfelben, und die hiedurch entftehende Vei'wir- 
rung des urfpriinglichen Kindruckes verhindert wird. 
Auf der andern Seite bedürfen die Nachtthiere nicht fo- 
wohl eines deutlichen Sehens, als einer Belehrung über 
die Stelle, wo fich ihre Beute zu einer Zeit hetindet, wo 
fie lieh in Sicherheit glaubt. Wegen der geringen Zalil 
der Lichiftrablen mufs die Erregung fchwach feyn , jene 
aber werden durch die hinter der Netzhaut befindliche 
helle Flache wahrfcheinlich in derfelben Richtung 
zurückgeworfen, und dadurch die Stärke der Erregung 
verdoppelt. Vielleicht ift diefer Theil der Ader- und 
Netzhaut bei ihnen eigenthüralich, Behufs des Zurück- 
werfens der Strahlen in der Richtung, in welcher fie ein- 
fallen, angeordnet. 

Durch die gegebne Anficht verliert das Problem des 
Sehens viel von feiner Schwierigkeit, defto bewunderns- 
würdiger aber erfcheint die im Auge Statt findende Ver- 
einigung vonEinfachh«t und Kraft. Offenbar ift das Auge 
der wichtigfte Sinn. Das GeHihl belehn uns zwar ül)er 
die Wirkungen von Licht und Schatten, fo dafs wir aus 
der fichtbarenOeftalt die wahre erkennen, allein dennoch 
letzt uns das Auge vorzüglich mit der Aufsenwelt in Ver- 
bindung , und fem Bau eignet fich vorzüglich zu Erlan- 
gung der Kenntniffe von derfelben. 



117 

9. Ueber die Momente, welche die Gröfse 
der Pupille beftimmen. Von Litl eton. 
(In Bradley's med. and phyf. Journal. Vol. 36. 
p. 89 ff) 

Die Bewegungen der Blendung können nicht aus Ela- 
fticität undGefäfsreichthum, fondernnurausMuskelthätig«. 
kc'it erklärt werden, diefe reicht hin, und die Annahme 
einer Vita properia ift weder zuläflig, noch erforderlich, 
wenn gleich die Irritabilität des verfchiednen Muskeln ebea 
fo Tcrfchiedentlich als die Senlibilität der verlcbiednen 
Nerven geftimmt iEt. 

Die Blendung variirt nicht nur in verfchiednen Per- 
Ionen, fondern bisweilen in beiden Augen derfelbea 
Perfon, felbft in denjfelben Auge an verfchiednen Stellen, 
d. h. letzleres in dem Räume zwifchen je zwei verfchied- 
nen Halbmeffern, indem ihr äufserer und innerer King 
immer verfchieden gefärbt find. Der allgemeinfte, wenn 
gleich nicht immer wirkfam&Einflufs, welcher die Pupille 
l vermindert, ift das Licht. Beim geringCten Grade \on 
' Erleuchtirtig, welcher noch das Wahrnehmen der Pupille 
ioöglich macht, verfchwindet der innere Ring ganz. Beim 
ftarUften Lichte verkleinert fich die Pupille bis auf -1 oder 
fell)ft ^ diefes Ringes. Bei Alten ift diefe Verminderung 
fogar noch beträchtlicher. Bei einer 75 Jalit allen Frau, 
die vor 4. — S Jahren 3 Wochen lang lieh in einem coma- 
töten Zuftande befunden halte, fand ich fie nicht gröfser 
als einen gewöhnlichen Nadelknopf, und faft gar nicht 
veränderlich. So, nur nicht in diefem Gra,de, verh^Üt 
He ücb immer im Alter^ 

Die Schnelligkeit und Gröfse der Zufammenziehung 
der Blendung ift ihr vor allen andern Muskeln eigen, 
zum^' da diefe ihren Sitz vorzüglich in dem innern 
Ringe hat.. 

Aufser dem Lichte ift Anftrengung des Auges beim 
Femfehen eine VeranlaCfung der Verkleinerung der 
Pupille. Diefes zu beobachten, mufs das Auge nich* 
zu furk beleuchtet £eyn, weil fonft Ungewifsheit 
eutfteht, ob der Lichtreiz oder diefe Aaltrengung de» 



116 

Auges die Verengerung bewirkt. Am beften beobacbtet 
man es bei dem. ürade von Licht, der kurz vor dem 
Aufgange, oder nach dem Untergänge der Sonne Statt 
findet. 

Die teleskopifche Kraft des, Auges hängt von diefer 
Urfache, der VerWeinerung der Pupille, nur in einem ge- 
ringen Grade ab. Sieht man bei fch wachem Lichte uiit 
Jjeiden Augen nach einera fernen Gegenftande, fo ver- 
kleinern lieh die Pupillen, und fchliefst man jetzt das 
eine plötzlich, fo erweitert lieh ryinpathifch die des offnen, 
und doch fehen wir den Gegenftand eben fo deutlich. 
In allen gefunden Augen findet lii:h daher eine Urfache 
von Krweilerong der Pupille, welche diefer, die Ver- 
minderung derfelben bewirkenden entgegehwirl^t , ohne 
die Fähigkeit, ferne Gegenftande zu fehen, zu vermin- 
dern. 

Die Pupille kann dauernd erweitert oder verengt 
feyn , weil entweder die Strahlenfafern regelwidrig ftark^ 
oder die Kreisfafern regelwidrig fchwach wirken, und 
umgekehrt. Bei dauernder Erweiterung verürfacht Licht 
ein Gefühl von Ermüdung im Auge, bis lieh diefes daran 
■gewöhnt, wo dann nahe und ferne Gegenftande eben fo 
deutlich als vorher gelehen werden. So war bei einein 
50jährigen Manne, bei dem vor mehrern Jahren rlurot 
Krankheit eines Auges 5 Viertlieile des innern Ringes 
das Zufammenziehungsvermögen , vielleicht felbft Sub- 
ftanz, verloren hatten, die Pupille immer ausgedehnt, 
ohne Einflufs auf Fern- oder Nahfichtigkeit. Nur fand 
anfangs Unvermögen, plötzliche L'ichtvermehrung fo 
leicht als fonft zu ertragen, Statt. Beider, durch Belladonna 
Terurfachten daurenden Erweiterung der Pupille konnte 
ich mit dem nicht leidenden Auge gewöhnlicheii Druck 
fluf zwei Zoll erkennen, der für das andre bei 4" undeutlich 
wurde. Naqh der gewöhnlichen Meinung hätte diefes 
weniger weit fehen muffen. Diefe Thatfache wird man- 
chem zu dem Schlutfe hinlänglich fchelnen, dafs die Bel- 
ladonna nicht blofs auf die Iris, fondern auch auf die 
JJetzhaut wirkt. 

Die. grofse Wahrfcheinlichkeit , dafs bei unbeweg- 
licher Pupille mit Lähmungszufällen, die ISetzhaut lei- 



119 

äet, verhindert wohl , SchlüCfe aus dergleichen That- 
fachen zu ziehen; indeffen mögen hier zwei Fälle 
ftehen. 

Bei einer 56 Jahr alten Frau, die einige Wochen lang 
ein Gefühl von Betäubung im linken Arme, Schweife im 
Kopfe, Schwindel, undeutliches Sehen und Augenfchmer-' 
zen gehabt hatte, ift die linke Pupille normal, die rechte 
bei mäfsigem Lichte kaum halb fo grols , aber noch be- 
weglich. Die Entfernung, innerhalb welcher ein deut- 
liches Sehen Statt findet , ift in dem linken grüfser als 
Im rechten. 

Bei einer andern, 65 jährigen Frau ift die linke Pupille 
'12 Jahre lang faft fo weit als der ganze innere l^ing aus- 
gedehnt gewefen , ein , mit Schielen verbundner Zuftand, 
der mit heftigen Kopffchraerzen in der linken Stirngegend 
eintrat. Seitdem kann üe gewöhnlichen Druck nicht mit 
diefera , wohl aber dem gefunden Auge lefen, der Raum 
für das deutliche Sehen ift für das erftere fehr vermindert. 
Uniäugbar ift wohl die Fähigkeit der Netzhaut, auch un- 
Tollkommne Bilder deutlich ?u empfinden, die Urfache 
der teleskopifchen Kraft des Auges und alle übrigen an; 
genommenen Hülfstnittel find im VergleiclpL ifäx. diefem 
unbedeutend, (?) 

Der Wille ift unftreitig. völlig ohne- Eiinflnfs auf die 
Bewegung der Blendung des Menfchen, wenn diefer 
gleich beim Papagey Statt findet. Dagegen kann ich aus 
mehrfacher Erfahrung beftätlgen, dafs, zumal im tiefen 
Schlafe, immer die Pupille dann verengt ift, wenn He 
überhaupt Beweglichkeit befitzt. Hiedurgh kann der ver- 
Itellte Schlaf immer entdeckt werden. Bei Coma und 
Betäubung gilt daffelbe, fo fand ich es beiOpiatvergiftungj 
Kohlendaiupferfiickung, eben fo in der Betäubung m 
mehrern Kindcrkranlcheiten. 

Die Urfachen der Erweiterung der Pupille find 
i) gegenfeitige Sympathie; 2) willkührliche Wuskelbe- 
wegung; 3) Krampf; 4) Belladonna'u. f w. ; 5) Hirn- 
leiden; 6) Lähmung; 7) Scropbeln; 8) Erfchöpfung; 
9) Tod. 



120 ^^^ 

1) Sympathie. Wircl ein. Auge plötzlicTi Terfclilorfen, 
fo erweiten lieh die Pupille des andern in demfelben Au- 
genblick, unftieitig, weil in dem verfchlofsnen daffelbe ein- 
tritt Schon hieraus läfst fich fchliefsen , dafs die Veren- 
gung der Pupille nicht von dem auF die Netzhaut fallenden 
Lichte abhängt. Noch mehr wird dies durch die Beweg- 
lichheit der Pupille durch Licht und Sympathie in manchea 
Fällen von vollUoraraner Amaurofe beltätigt, zumal, da, 
die Verfuche, welche für das Gegentheil fprechen follen, 
lehr unzulänglich fcheinen, indem fchwerlich die ganze 
Iris dem Lichte ausgefetzt werden kann, ohne dafs es auF, 
die Netzhaut Hele. ^Vegen diefer Sympathie fehen Staar-, 
kranke beffer, wenn ein Auge verfchloffen wird , und 
deshalb mufs im Gegentheil bei Entzündung des einen ( 
Auges diefes verdeckt werden. Der Grad diefer Sympa- 
thie variirtnach gewiffen Bedingungen. Im Alter mindert 
lie lieh mit Abnahme der Irritabilität der Blendung, und 
durch Krankheiten kann fie verändert, felbft zerftört 
werden. Vielleicht kann Aufmcrkfamkeit auf den Zu- 
ftand derfelben felbft in der Diagnofe nützen. 

2) fVillkührliche ßeaiegung bewirkt in demfelben Ver- 
hältnifs Erweiterung der Pupille. Dies kann ein jeder, 
deffen Iris ziemliche.' Geftaltsveränderungen fähig ift, bei 
mäfsigein Lichte in jedem Spiegel bemerken. Zu viel Licht 
Würde durch Verkleinerung entgegenwirken, zu wehig 
den Erfolg der willkührlichen Bewegung unmerklich, 
machen. Wer mit diefer Erfcheinung bekannt ift, kann 
leicht Willkühr in der Bewegung der Iris fingiren, und 
es ifi möglich, dsfs lieh hieraus die erfcheinende Willkühr 
in der Bewegung der Iris der Papageyen erklären läfst. 

3) Bei clonifchen und tonifchen Krämpfen in ftarken 
und fchwachen K.orpern ift die Erweiterung noch gröfser, 
bisweilen fo fiark als nach dem Genufs der Belladonna. 
Die entfernte Urfache der Krämpfe ift gleichgültig: ich 
habe es bei Hpileplie, Hyfierie, Hirnleiden, Herftellung 
▼on Kohlendampferftickung, hitzigem Wifferkopf u. f. vr. 
bemerkt. Eben fo bei Kaninchen, wenn bei Verfuchen 
mit Pflanzengiften Kräippfe eintreten , namentlich auch, 
wenn lie aus der iJpiumerftarrung zu Bewegungen aufge- 
regt wurden, ferfonen, die bäuhg an l^ämpfen leiden. 



^31 

laben indelTen einen breitern innem Ring als andre. 
Beachtung des Zuftandes der Pupille kann nach dem Vori- 
gen zur Unterfcheidung der wahren und iingirten Krämpfe, 
und felbft zu der Kenntnifs führen , ob Perfonen häufig 
Krämpfen unterworfen waren oder nicht. 

4) Die febr fchnelle nnd ftarke Pupillenerweiterung 
ävrch Belladonnn ift bekannt. Die Iris kehrt erft in meh- 
rern Tagen auf ihren normalen Zuftand zurück. Der in- 
nere King iCt ganz verfchwunden , der äul'sere fehr ver- 
kleinert. Sieht man nur mit dem Auge, an welches die 
Belladonna angebracht ift, fo findet man die teleskopifche 
Kraft nach wie vor, die Gegenftände erfcheinen eben fo 
deutlich, aber weit kleiner als durcli das andre. Siebt 
man mit beiden, fov erfcheinen fie vervvorren, und es 
treten bald Augenfchmerzen ein. Bei Verfchliefsung des 
leidenden erweitert lieh die Pupille des andern wie ge- 
wöhnlich. Mit dem leidenden Auge konnte ich in der 
Entfernung von 4 — 6 Zollen lefen, mit dem andern nur 
Ton 2 — 2i". Dero erftern wurden Buchftaben in der 
Entfernung von l6 — 2o", dem zweiten erft bei 24 — 32" 
unleferlich. 

5) Bei Druck auf das Gehirn ift die Verkleinerung 
der Pupille Im Schlaf geringer als im gefunden Zuftande. 
Dies bemerkte ich befonders deutlicli bei einem Knaben, 
der mehrwöchentliche Läbmungszufälle nach einem hef- 
'tigen Falle auf den Kopf liatte. 

6) Auch bei allgemeiner, ohne wahrnehmbare Ur- 
lache eintretender Nervenfchwäche ift die Pupille erwei- 
tert. So im Allgemeinen auch beim fchwarzen Staar. Bis- 
weilen liiebei vorliotnmende, nicht aus entzündlicher Ver- 
%vachfung zu erklärende Verengung der Pupille ift viel- 
leiclit aus Lähmung der Strahlfafern oder tonifchem 
Krampf der Kreisfafern, fo wie der gewöhnliche Zuftand 
aus Läliroung diefer, Krampf der erftern zu erlclären. 

7) Der erweiterte Zuftand der Pupille hei fcrophulS- 
fen Subjecten läfst fich aus der allgemeinen Schwäche er- 
klären : indeffen möchte ich zweifeln , dafs er fo beftän- 
dig, und üi.crhaupt die Iris fcrophulöfer Kranker foeigen- 
tbnmlicb befchatfen fey , als man gewöhnlich annimipt. 



1.22 ■ — — . . 

8) Bei Erfcköpfung vermindert fich dieBeweglichkpit 
(äer Iris in Hinficbt auf die Gröfse des zu durchlaufenden 
Baumes beträchtlich. Dies bemerkt man bei Perfonen, 
die an lange dauernden Fiebern fterben , wo die Iris im 
Schlaf viel weniger ausgedehnt ift als gewöhnlich. 

■,.-;i ,Bei Opiuinvergiftungen habeich an Kaninchen gleich- 
falls beobachtet, dafs anfangs fich die Pupille verkleinert, 
allmählich, mit vorfchreitender Erfchöpfung der Lebens- 
kt^aft erweitert, 

9) Im Tode ift wobl die Pujjille enger oder w«ter, 
je naclidem dieTodesurfache plötzlich oder langfam wirkt, 
vnd vielleiclit hängt auch ihr Durchmeffer von dem vor 
^lem Tode Statt findenden Zuftande , ob z, B. Lähmung 
t'd/er Krämpfe u. f. \v. vorhanden waren, ab. Im Allge- 
n leinen fagt man, aber unbeftimmt, dafs die Pupille im 
Tode weit l'ey. Es müfste aber nälier angegeben werden, 
c>b die Erweiterung fo ftark ift, dafs der innere King vei?- 
f<;h windet, oder nur verkleinert wird, und in welchem 
CJrade. Bei einer 30 Jahr alten, an Blutung in der Nähe 
des Herzens plötzlich gefiorbnen Frau fand ich die Pupille 
ulcht fo weit, dafs' Ue den ganzen Innern Ring einnahm. 
Bei Kaninchen war, wider mein Erwarten, die Pupille 
kleiner, und verldeinerte lieh nach dem Tode felbft bei 
durch Belladonna geiödteten fogleich. 

Schliefslich bemerke ich noch, dafs der innere und 
äiifsere Bing bei Kindern fich erft mehrere Tage nach der 
Geburt unterfcheidet. Anfangs ift ihre Blendung trübe, 
und die Farben find verfchmolzen, wie fie aber heller und 
ihr ftreifiger Bau deutlicberwird, bildet fich eine beftimmte 
Crränzlinie zwifchen beiden Ringen. Bei der Katze ift 
aVifangs die Iris bläulich, die Pupille rund, der innere 
Rins; kaum ficbtbar, erft allmählich wird die Pupille ellip- 
tifch, der äufsere Ring verfchwindet faft ganz, und an < 
feine Stelle tritt ein heller, feidenähnlicher innerer Ring. 1 
D'ie elliptifche, Geftalt der Pupillen der Katzen ift wegen I 
.der dadurch gefetzten möglichft grofsen Verenguivgsfähig- 
keit derfelben wichtig, fofern, ohne Vermehrung der Irri- 
tabilität der Iris, diefe blofs durch die Richtung ihrer 
Fasern bewirkt wird, welche in deinfelbeu Verhältnifs 



125 

1 die Pupille ftärker verengen, als der Umfang eines Ovals 
I im Verhältnifs zu rlem umfcliriebnen Kaum gröfser wie 
I der Umfang eines Rreifes ift. 



10. Ueber einige Gegenftände der'Anatomie 
von Mo ntain , zu Lyon. (Joiivnal de niedec. 
par Leroux. T. 37. Bulletin de la foc. d'emulation. 
1817 No. IV. p. 330 ff.) 

I. Das Strahlenhand (Lig. ciliare) fclieint mir aus fa1|;ei9k.- 
den Gründen den Knolen des fympathifchen J^erven aüj. 
fallend zu entfprechen. 

1) Mit dem oberften Halsknoten verglichen und uij. 
ter der Linfe betrachtet, hat es diefelbe Farbe, Dichtlg- 

I keit, daffelbe Anfehen, wenn es zerriffen wird. iVlit 
i' verfchiednen Säuren, Ammonium und Quecklilberau/- 
I Jöfung behandelt, bieten beide diefelben Erfcheinungen 
dar. 

2) Man hat ihm bis jetzt keine Function zugefchrje- 
ben, allein nach feiner Structur hat es die, das Nerven- 
fyfiem der Iris zu bilden. * 

3) Nach mehrern Beobachtungen und Verfuchen 
glaube ich aus feiner Verletzung die Zufälle herleiten zu 
können, welche fo oft die Niederdrückung des Staares 
begleiten, indem feine Verwundung dabei faftunvermeid- 

I lieh ift. Daher mehrere Neivenzufälle, vorzüglich das 
i Erbrechen, welches ich bei dem Ausziehen nie bemerkt 
liabe. 

II. Hinter dem Strahlenbande habe ich eine Mem- 
bran gefunden, welche ich ihrer Lage wegen Supra-cbo- 
roidea nenne. Sie ift fehrdünn, zart, bräunlich, 4 — 5 
Linien breit, kreisförmig, geht, fo zu fagen, nach vorn 
in das Strahlenband über, und endigt lieh hinten un- 
merklich zwifohen der harten und Aderhaut. Sorgfaltig 
unter der Linfe unterfucht, erfcbeint üe fehr gefafsreiofa. 
Ihre Function ift mir unbekannt. 



ii. Ueber die Blencluiig im Auge desHoch- 

•*'■ fchauers (A.nableps tetrophthalmus). Von /. F. 

Meckel. < 

Das Auge des Anubleps tetrophthalmus ift wegen Isiner 
Eigentliütnlichkeit längft bekannt. Es liegt weit nach 
oben, und ift in feinem gröfsern hintern und innern 
Thcile einfach, im kleinem vordem und äufsern dage- 
gen gewiffermafsen doppelt. Diefe Gedoppeltheit er- 
flreckt ficli nur auf die Homhuut und Blendung, ift aber 
bei weitem nicht fo vollkommen entwickeUals die gewöhn- 
lichen Befchreiljimgen von Ca;?i/jcr , La.eprde , Block an- 
sehen. ]>iach diefeii lind lieide dcirch einen horizontalen 
queren Streif, welche an einander geheftet find, und 
Ton welchen der Hornhautftrcif undurchfichtig ift, in 
zwei Hälften, eine obere und eine untere getheilt , wo- 
durch eine doppelte Pupille, eine obere und eine untere, 
deren erfterc weiter ift, eiitTtcht. Alle übrigen Theile 
find einfach ; doch ift nach Camper und Bloch die Dupli- 
citkt auch in der Linfe infofern angedeutet, als ihr unte- 
vcr, der kleinem untern Pupille enifprechender Theil 
etwas über den obern, weit grofsern vorfpringt, wodurch 
die ganze Linfe eine blrnfcirmige Geftalt bekommt. 

Merkwürdig ift es, dafs fich nach Block diefe Eigen- 
thumlichkeit erft allmäiilich entwickelt, indem am Fötus- 
auee keine Spur davon vorkommt, mithin auch hier, wie 
in uiehrern andern Beifpielen, das fpäter abweichende 
Oroan anfänglich den allgemeinen Bildungstypus durchlau- 
fen zu muffen fcheint. 

Indef fen zweifle ich fehr an der Richtigkeit , der 
oben ocebnen Darftellung. Bei zwei Vieraugen, von 
welchen das eine 5" 6'" das andre 9" lang ift, finde 
ich zwar die Hornhaut auf die angegebne M'eife 
in zwei Hälften getheilt, welche fich unter einem fehr 
ftumpfen Winkel mit einander verbinden; allein die 
Blendun" ift nur dem Anfchein nach auf diefelbe We'fe 
abgetheilt. Vom vordem fowohl als dem hintern Theile 
des einen Randes der Blendung fpringt ein anfehnlicher, 
iinidlicher Lappen hervor, beide überragen einander be- 
deutend , allein lie vevwachfen durchaus nirgends unter 
einander oder mit der Hornhaut, und die Blendung, fo 
wie die Pupille , ift daher durchaus einfach , die erltere 



125 

aller tat die Geftah einer 00 '> *''^^ Anordnung, die 
Aiwohl wegen der Aehnlichkeit mit der Menduiig der 
} Rochen als der Sü/jien merkwürdig ift. Die Ahtheilung 
der Hornhaut l'cheint mir dagegen vorzüglich wegen der 
Andeutung des Baues des Infektenauges Aicht ohne In- 
tereffe. 



■ ja. E, Home über die Wirkung eines Anfalls 
t Ton Lähmung auf die Fähigkeit der Au- 

gen, nahe Gegenftände zu fehen. (J. o£ 

fcience and the ans. No. J. p. 86.) 

Ein Mann bekam im 43rten Jahre einen Anfall von. 
ScLIagflofs , und blieb vier Tage lang in einem comatöremi 
Zuftande. Nach drei Wochen konnte er die ihn Umge- 
benden hinlänglich unlcrfcheiden. Auf der rechten Seite 
war er völlig gelähmt, die Augenlider verfchloffen , der 
I rechte Mundwinkel in die Hohe gezogen: hatte die Sprache 
I und das Geficht auf dem linken Auge verloren , wenn es 
! gleich das normale Anfehen hatte. Gehör und Gefchniack 
waren regelmäfsig. Nach 3 Wochen konnte er zwei 
, Stunden hinter einander ohne auszuruhen, gehen. Das 
. Geliebt hatte das natürliche Anfehen wieder erhalten, 
nur war das rechte obere Augenlid nicht völlig in die Hohe 
gezogen. Nahe Gegenftände waren undeutlich , und der 
iKranke konnte nicht lefen, fahe dagegen eine Nadel auf 
dem Teppich zehn Fufs weit, und deutlicher als andre. Bei 
eigeuds angeftellten Verfuchen mit jedem Auge für fich, 
ergab Cch , dafs beide Augen gleich unfähig geworden 
waren, Cch für das Sehen naher Gegenftände an- 
zoordaen. 

So viel ich weifs, hat man diefen Einflufs von Ge- 
hirnverletzungen noch nicht beachtet; indeffeii giebt die 
Häufigkeit von Lihmungszufällen leicht Gelegenheit, fer- 
ner^ Beobachtungen anzuftellen. 



126 

j^; C. Jnce *yon übet- e ine conglotneVirte, z« 
der Nafenböhle gehörige Drüfe. (Bullet, 
de )a foc. philom. IglS- p. 267 — 269.) 

Diefe Drüfe, welche der Verfaffer die feitliche Sfea- 
fnnfche^) Nafendrüfe nennt, findet lieh beim Menfchetly 
vielen Säugthieren und allen Vögeln. Sie gehört der Na^ 
fenhöhle an, und, ob fie lieh gleich bei einer fo grofsen. 
Menge von Thieren findet, fqjjietet doch ihr Bau und die 
Oeffnuna ihres Ganges überall die gröfste Analogie dar, 
wenn fidi gleich in Hinlicht auf Gröfse, Geftalt und Lage 
bedeutende Abweichungen finden. 

Bei den Säugthieren liegt fie immer in der Nafenhöhle, 
mehr oder weniger nahe an der äufsern Wand , was von 
der Anvirefenheit oder dem Mangel der Kieferhöhle ab- 
hängt. Wo diefe, wie bei den FJeifchfreffem , Nagenij 
fehlt, befindet fich die Drüfe in der Gegend des zweiten 
bis vierten Backzahns an der äufsern Wand der IS'afen- 
höhle ; wo fie lieh findet, in ihr, an ihrer innern Wand 
und nahe an ihrer Oeflnung. Ihr, durch viele Würrel- 
chen gebildeter Gang verläuft längs der äufsern Wand de» 
mittlem Nafenganges nach oben und vorn, und endigt 
ßch mehr oder weniger nahe an dem vordem Ende der 
untern Mofcliel. Ihre Gefäfse kommen von der Keilbein» 
und Gaumehpulsader, die Nerven von dem hintern obem 
Nafennerven des dreigetheilten Nerven, und dem Gan- 
gliennerven. 

Bei vielen Nagern ift diefe Drüfe fehr ftark ent- 
wickelt. Hierauf folgt das Känguruh, dann die Schafe 
und Hirfche, das Schwein- und das Nilpferd. Bei einigen 
Fleifchfreffern, z. B. den Hyänen, dem Jaguar, Tiger» 
Igel , ift fie fehr ftark, eben fo bei dön hieländifchen Fle- 
dermäufen. Unter den Affen wurde he beim Magot und 
der S. Callitricbe gefunden. Beim Menfchen ift fie b^ftän- 
dig , aber verfchiedentlich entwickelt. Beim Pferde fin- 



l) Nach diefem Beifpiele Job läge ich für die obern runden Mut- 
terbänder, ■\velche Sten/on ^S. Archiv ßd, 2, S. 591.") entdeckte 
und vollftindig befchrieb, den Namen d er Stenfon'fchen vor. 

M. 



Jen Gell, fiat* emer eihzelntn cteutliclien Drüfe, meli- 
rere kleine drülige Körnchen an ihrer und ihres Ausfüh- 
rungsganges Stelle. Dem Ochfen fcheint fie zu fehlen. 

Bei den Vögeln entfpricht dlefer Drüfe derSäugthiero 
die, ivelche lieh über der Augenhöhle befindet, bis 
jetzt nur einigen Waffer- und Ufervögeln zugefcbrieben. 
wurde, in der That aber, wenn gleich verfchiedentlich 
6nt\viekelt, allen zukommt, und daffelbe Gewebe als bei 
den Säugthieren hat. Ihr, bei den Vögeln im Allgemeinert 
▼erhaltnifsmäfsig längerer Ausführungsgang tritt hintet 
das vordere Stirnbein oder hinter das hintere Thräneii- 
bein, und eitdigt lieh im vordem Theile der NafenhölJe 
in der Nähe des vordem Endes der untern Mufchel. Ihro 
Gcfäfse und Nerven haben denfelben Urfprung als bei den, 
Siugtliieren , unter den letztem find die vom Ganglien- 

Jierven kommenden leichter zu entdecken. ' 

, ~ ''•' I, 

Bei den Ufer- und Schwiuiravögeln ift fie fehl- grofs» 
Bei den Hühnervögeln, Raubvögeln, einigen Picis und 
Scanforibus kaum mittelmäfsig, bei den Sperlingsvögeln 
klein. 

Auch ihre Lage variirt. Bei den Ufer- und Schwimm. 
TBgeln findet ile fich auf dem Stirnbein, bei einigen 
Schwimmvögeln und mehrern Hülinervögeln nahe ain 
Augenhöhlenrande, hinter diefem bei einigen Hühner- 
Vögeln und mehrern Raubvögeln, in der Augenhöhle, 
ihrem Grunde mehr oder weniger nahe, bei einigen Ufer- 
Vögeln, unter dem vordem Stirnbein in der der Kiefer-, 
iiölile entfprechcnden Vertiefung bei einigen Hühner- 
TÖgeln. 

Bei den Waffer- tind Ufervögeln ift fie platt und 
•lliptifch , bei den Raubvögeln rund, bei den Hühner- 
rOgelii cjHndrifcb. 

Sie ift vorzüglich bei den Vögeln mehrern, bisher 
verkannten Krankheiten unterworfen. 

Auch bei den Reptilien fcheini. fich eine ähnliche 
DrbCe zu finden. 



123 

14- Nachtrag zu No. 9. S. 117. a. a. 0. Vol. 38. 

S. 284. 

In Bezug auf meine Bemerkungen über den Einflufg 
■von Krämpfen auf die Pupille erlaube ich mir, folgende 
fpätere Eeoinchtungen nachzutragen. 

Ein 40 jähriges fchwächliches Frauenzimmer, war 
feir 23 — 24 Jahren Anfällen von hyfterifchen Krämpfen 
unterworfen. Vor einigen Tagen bekam fie einen Anfall 
von heftigen krampfhaften Schmerzen im Darmkanal, mit 
Erbrechen und Purgiren, wogegen ich loo Tropfen 
Opiomtinctur gab. Hierauf erfolgte in einigen Minuiea 
SpracblollgUeit, ruhiges Anfehen , leichtes, kaum m^rk^ 
liches Athmen, wobei fie-mit verfchlofsnen Augen lag. 
Bald nachher ftellten fich neue, heftige Krämpfe mit lautem 
Gefchrei ein, wobei ich mehrmals die Pupille unterfuchett 
konnte , indem die Augen theils während des Krampfes 
offen waren, theils von mir geöffnet wurden. Während 
des Krampfes waren die Pupillen immer fo eng als im 
Schlafe, in den freien Zwifchenräumen erwdterten fie 
iloh dagegen, wenn das Licht entfernt wurde , wie ge- 
wöhnlich. Bei Rückkehr eines folchen Anfalles beobach* 
tele ich unter derfelben Behandlung daffelbe. 

Diefen Zuftand der Pupille beobachtete ich, ungeach- 
tet mehrjähriger Aufmerkfamkeit noch nie, im Gegentheil, 
einen Fall von Zufammenfetzung mit Wafferkopf ausge- 
nommen, bei Krämpfen immer Erweiterung der Pupille; 
felbft bei hyfterifchen, wo ich eine weit grofsere Menge 
Opium gegeben halte. 

Bei Tollftändiger Ohnmacht Ton allmählichem Blut- 
Verlufte ift die Pupille fo weit als nach Anwendung vott 
Belladonna. 



15. Larrey Bemerkungen über die Iris. (Bull, 
de la foc. philom. I817. p. 134-) 

Die Lähmung der Iris ift kein ficheres 2eichen von 
Lähmung der Sehhaut, des Sehnerven oder des ihm ent- 
fprechenden Hirntheiles, weil I) die Iris ihre Nerven 
vom Linfenknoten erhält; 2) beim grauen Staar mitNor- 
loalität der Netzhaut die Iris bisweilen gelähmt ift, ohne 

ver- 



'129 

«rwachfen zu feyn ; 3) beim Tetanus nicht leidet ; 4) beim 
innern Wafferkopf die Thätigkeit der Organe der Sinne, 
▼orzüglich des Geßchtes, gemindert ift , während die der 
Iris normal bleibt; S) bei Lähmung der Iris die Netzhaut 
und das Sehen nicht leidet. So bringt eine heftige Erfchüt- 
terung der Augenhöhlenränder Lähmung der Iris hervor, 
ohne nothwendig Blindheit zu erzeugen , wenn fie gleich 
diefe oFt zur Folge hat ; 6) bei chronifchem Leiden der 
Organe des bildenden Lebens oft allmähliche Verengung 
der Pupille Statt findet, die bisweilen fogar ganz ver- 
fchwindet; 7) bisweilen bei Amaurofe die Iris iich, wenn 
gleich fchwach, auf den Lichtreiz zufammenzieht. 

Die, meiftens fyphilitifche Entzündung der Iris ver- 
anlafst Entfärbung diefer Membran, oder Verfchwin- 
den eines Theiles des Umfangs ihrer Oeffnung, Torzfig. 
lieh des obern Theiles. DerTheil derfelben, defff. er. 
nährung nicht geftört wird , bleibt beweglich , was vor- 
züglich von der Anordnung ihrer Gefäfse und Nerven 
abzuhängen fcheint, welche fich von ihrem obern Theil© 
aus über den übrigen Umfang verbreiten '). 



16. Uebcr den Einflufs, den die Wegnahme 
des Füllens auf die Milchabfonderung 
der Efelinn hat. (Aus Hunt er' s Nachlafs. Von 
E. Home. Journ. of fcience etc. No. 2. p. 165.) 

Bekanntlich geben mehrere Thiere , z. B. die Kuh 
die 2iege , nicht nur bald nach Wegnahme des Jungen 
Tondem felbft mehrere Jahre nachher, wenn der Ein* 
druck deCfelben längft erlofchen feyn mufs, noch Milch. 
Dagegen hört dies bei der Efelinn auf, fobald der Eindruck 
des Füllens aufgehört hat. Deshalb bedienen fich Leute, 
die Efel halten, wenn das Füllen ftirbt, jedes Mittels) 



1) Offenbar fcheinen mehrere diefer Thatrachen für die Meinung 
lu fprechen , dals die Ausdehnung der Ins Tliätigkeit»zuftan4 
iit, und £e mit der Neuhaut im Gegenijtz fcthc. 

it. 

H, d. Arckiu. IV, I. 1 



130 

um bei clevMütterclen Eindrack, als wäre es noch am Leben, 
zu erhalten, und namentlich wird die aufbewahrte Haut 
deffelben, befonders zur Zeit des Melkens, auf den. | 
Bücken eines andern Füllens gelegt. Hiedurch unterhält 
jnan in der That die Milchabfonderung, welche dagegen : 
ftockt, fobald diefe Lift unterlaffen wird Dies fehlen , 
dem verftorbnen Hunter fo fonderbar, dafs, ungeachtet | 
alle Inhaber von Efeln darüber einig waren, er doch felbft ', 
eigne Verfuclie anftellte. Er nahm daher eine milchende 
Efelinn, die ein Füllrti hatte, trennte beide ivährend der 
Nacht , liefs aber die Mutter am Morgen im Beifeyn des 
Füllens melken. Dies gefchabe einen Monat lang ohne 
Verminderung der Milch. Hievauf wurde das Füllen ganz 
weggenommen, und die Mutter, ftatt durch das Füllen 
cetogen zu werden, gemolken, namentlich des Abends 
zu derfelbeu Stunde, in welcher das Füllen weggenom- 
men worden war, und am Morgen zur gewohnten Zeit. 
Schon am dritten Morgen gab fie weniger als vorher, 
und am fünften faft gar keine. Hierauf wurde ihr 
das Füllen zurückgegeben, allein fie liefs es nicht mehr 
faulen. Der Verfuch wurde mit ähnlichem Erfolge 
wiederhoh. 



II. Zur Lehre von dem Verdauungsfyftem. 

I. E. Home über die Magendrüf en des Men- 
fchen und die im Magen Statt findende 
Einfchn ürung. (Aus den philofoph. Tr.. 1817, 
S. 347 — 352O 

Die Drüfoti im untern Theile der Speiferöhre, <velchfl 
ich früher (1807) m'' dem Namen Speiferohrendrüfea 
belegte, fehen wie trichterförmige Zellen aus, deren Tiefe 
nicht beträchtlicher als die Dicke der innern Speiferöh» 
renh.iut ift. Ungeachtet diefer Tiieil weit von dem des 
Drüfeninafjins der Vögel verfchleden ift, fo haben lie 
doch gröfsL-re Aehnlichlceit damit, als irgend ein Theil der 
Innern Flache des Magens und Zwölffingerdarms. Auch 
kommen he mit diefem durch die von ihnen bewirkte 



-erinnung der Milch überein, welche kein andrer Tlieil 
(liefer Höhle hervorbringt. Hiemach balien die Magen- 
diiifen des Menfchen daffelbe Orisverbältnifs zur Magen- 
hohle als bei den Vögeln'). Bei meinen frühern Unter- 
fuchungen würde mich die Analogie mit den Vögeln zu 
dcuifeiben Scliluffe geführt haben, wenn mich nicht die 
Magendrüfen des Bibers, welche deutlicher als bei irgend 
einem Säugthier entwickelt find, irre geleitet hätten, nun 
aber erfcheinen diefe und die des ^V^ombat als Ausnahme 
von der Regel, welches von ihrer zu ftarken Entwicklung 
herrührt, die ihre Stellung in der Speiferöhre nicht zu- 
liefs. 

Unter einer einfachen Vergröfserung hat die innere 
Fläche am obern Magenbogen das Anfehen von Drüfen, 
allein nach Herrn Bauers Unterfuchungen rührt dies von 
den, Honigweben ähnlichen Zellen her, deren Wände 
nicht Hautfalten, fondern regeimäfsige Abtheilyngenlmd, 
indem ihre Geftalt nicht durch die Ausdehnung abgeän- 
dert wird. Hier find indeffen diefe Zellen nur vorzüglich 
entwickelt, Hnden fich aber, wiewohl fchwächer, in der 
ganzen linken Magenhälfte. Auch in dem Pförtnertheile 
linden fie fich , indeffen find hier kleine Haufen , deren 
Wände die Oberfläche überragen, wodurch das Anfehn 
von blättrigen Häuten entfteht. 

Im Zwölffingerdarm ift dies noch ftärker entwickelt, 
und die freien Ränder diefer Häute haben, wenn fie von 
Schleim eingehüllt find, das Anfehen von runden drüfi- 
gen Körperchen. 

Der befchriebneBauheweift, wie nahe derverftorbne. 
Fordyce der Wahrheit kam, der aus, mit weit fchwächem 
Mikrofkopen angeheilten Unterfuchungen fchlofs, dafs 

1 2 



l) Richtig, allein Ich mSchte nicht die Drüfen im untern Theile 
der Speiferöhre, fondern einen anfehnlichen, die ganze Gardia 
umgebenden , von oben nach unten ungefähr drei Linien hohen, 
einen wirklichen Wulft von einer Linie Dicke bildenden , drü- 
Bgen Voifprung für das Analogon des Drüfenmagens der Vögel 
halten. Mit diefer Anficht ftimmt dann auch die Magendriife des 
Biben ondWombau fehr gut übeiein. 



die innere Däche des Magens aus einer zelligen Haut ge- 
bildet fey'). 

Mehr a!s einmal habe ich gezeigt, dafs die Enlivick- 
lung der Magendrüfen im umgekehrten Verhältnifs mit 
der Reichlichkeit der Nahrung fteht, um, wo diefe im 
TJeberflufs vorhanden ift , Ueberfüllung zu verhindern. 
Die Befolgung diefes Gefelzes war beim Menfchen defto 
notliwendlger, da er ßch, mehr als die Thiere, fortwäh- 
rend reichliche Nahrung verfchaffen kann , und zur Un- 
mäfsigkeit nur zu geneigt ift. Daher die aufserordent- 
liche Kleinheit feiner Magendrüfen. 

Aus den neuern Unterfuchnngen erglebt fich als nicht 
unwichtiger Beitrag zur Kenntnifs des Verda uungsproceffes 
dafs es drei verfchiedne Gebilde giebt, welche zur Um-* 
Wandlung der Nahrungsmittel in die erfte Stufe der Nah- 
lungsFliifligkeit wirken. Das wichtigfte find die Magen- 
drüfen , hierauf folgen die Zellen der Magenhaut, und 
?.m wenigften wichtig find die geblätterten Membranen 
im Drüfenmagen der Javafchwalbe. 

Früher erwähnte ich, dafs die bisweilen nach dem 
Tode gefundiie Zufammeuziehung des Magens während 
des Verdauungsproceffes eintrete. Da diefe, wie viele 
andre Muskelzufammenzlehuiigen , nach dem Tode ver- 



I ) Da einer Vvcniger genauen frübetn Angabe er\vSbnt ^vird , fu 
iff es a\iffallcnd , ilafs einer weit beffern BefcUreibung der :n- 
ncrn Magenhautfliclie von Hciofon gar nicht gedacht Avird. 
Diefet fagt (Exper. inrjnir. Vol. 2. p. I/J.) ausdrücklich: Ac 
the Upper part of the ftomach tbe viUous ooat appears in a 
microfcope like a hooey-comb, or \\V.e \he reticulum, or fe- 
cund ftomach uf a mminant qnadruped, in miniature; that is, 
füll of fmaU cells, which have thin membrauous panitions, 
Towards the jiylurus thefe partitions are lengthened fo as t» 
approach to the fhape of the villi oE tl>e jcjunum. 

Die Zoucii der innern Magenhaut kmnte übrigens fcbca 
Santoriiii, indem er (Obferv. anat. C. UI. de nafo p. 91.) wo 
er von der Darfteilung der Zotten der Schncider'ich&a Haue 
unter Waffer fpiicht, hemejikt: hac nna ratione eos, qui in 
^umano ventriculo Tunt. cetto viUoi deprehendimus. 



133 

fclnvindet, fo findet man He feiten, und kr,i>nT<Iiafie Zu- 
ftände, durch welclie Jie bisweilen bleibend wird, beleh- 
ren uns daher überhaupt über ihreExiftenz. Sobpvvcifen 
Zufamüienziehiingen des untern Theiles der Speiferohre, 
die oft ohne im Leben Statt findende Krankheitserfchei- 
nungen vorkommen, dafs diefer Theil eine Neigung zur 
Ziifaramenziehung hat, um dadurch den Eintritt fcliäd- 
Jicher Subftanzen in den Magen zu verhüten. F.lien fo 
lind Zufaniraenziehungen der Harnröhre hinter der Zwie- 
licl, welche unter ähnlichen Umftänden nach reizenden 
Einfpritzinigcn und andern reizenden Urfachen vorkom- 
men, der einzige Beweis, dafs diefer Theil lieh unwill- 
kührlich zufammenzieht , um bei dem Sameneigufs jeden 
UücUflufs deffelben in die Hohle der Blafe zu verhindern. 

Kürzlich erhielt jcl) von Herrn Carpue aus einer weib- 
lichen Leiche einen Magen mit einer folclien bleibenden 
fehr ftarken Zufammenziehung zwifchen der Cardia- und 
Pfürtnerhälfte , welche auch bei der fMb-Iiften Ausdeh- 
nung deffelben durchaus nicht verfclnvand, und, auch 
ohne andre Beifpiele, zu der Entdeckung geführt haben 
würde, dafs der Magen bei feinem regelmäfsigen Wirken 
fich hier einfchnüre. Sie ift nicht die zufällige Folge der 
Thätigkeit einiger Querfafern , die eben fo gut in jeder 
andern Stelle hätte eintreten können, fondern die Zu» 
famroenziehung eines Theiles, in welchem Jie immer Statt 
gefunden hatte , und die mit der Vollziehung der regel- 
mäfsigen Functionen des Organs im Zufammenhange 
ftand •). Wahrfcheinlich war diefe dauerndeZufammen- 
ziehung die Todesurfache , da der Körper fehr mager, 
und keine andre Spur von KranKheit aufzuünden war, 



l) Wie dies alles fieh aus dem Bau des Theiles durch die ana- 
tomilche Unterfuchung ergeben könne, dürfte fchwerlich fo 
aUgeniein einleuchten , als Herr Home au glauben fcheint. 
Diefe kann nur darchun , dafs die Bildung eine längere Zeit 
des Lebens hindurch dauernd befcand, nicht erfc kurz vor dem 
Tode vorübergehend eingetreten war, und erweift alfo gax 
nichu für eine , nach fiome's eigner Annahme ficli im norma- 
Un Zu(taode nur vorlilfcrgchend bei der Magenvetdauuiig bil' 



134 



wenn man gleich keine Nachricht über die Erfcheinungen 
im Leben erhalten Iconnte. 



2. E. Home über die Nefter der Javafchwalb« 
und die Drüfen, welche den fie zufam- 
menfetzenden Schleim abfondern. (Aus 
den philofoph. Transact. 1817. S. 332 ff.) 

Bekanntlich werden die Nefter einer befondern, vor- 
«üslich in Java votkommenden Schwalbenart in Chiiia als 



dcnde Einfchnürung zwifcben Pförtner- und Magentheil. 
Sie durfte, wenn keine Texturverändf^rung in der eingefcliniir- 
ten Stelle Statt findet, fogar eher beweifen , dafs diefe Bil. 
■Äung eine angeborne Abweichung fey, und diefe Anficht 
würde durch ihr vorzugs^veife beim weiblichen Gefchleche 
beobachtetes Vorkommen, was auch durch diefen Fall wieder 
beftütigt wird, noch mehr unterftützt werden. Indeffengiebt es 
andre Thatfachen, welche inderThat der Anficht das Wort reden, 
dafs wirklich eine folche bleibende Zufammenziehung wohl bis- 
weilen erft allmählich im Leben entfcehe, und aus einer oft 
^wiederholte^ , regclmJlfsig eintretenden und verfcbwindenden, 
und mit: der Verdauungsfunction verknüpften hervorgehe. In 
der Tbat habe ich jetzt nun fchon zwölfmal bei menfchlichen 
Leichen eine foldie Zufammenziehung, und immer genau an 
derfclben Stelle, gefunden. Diefe war in -viVr Fällen bleibend, 
und verfchwand felbft durch das ftärkfte Aufblafea nichc, iu 
dcht dagegen konnten iie mit gröfserer oder geringerer Leich- 
tigkeit dadurch zerftürt werden. Ohne die letztern würde ich 
mich aber auf keine Weife zu dem Schluffe berechtigt, oder 
auch nur veranlafst gefunden haben , dafs die erftern in einem 
anfangs regelmäfsig gebildeten , einfachen Magen erft im Leben 
entfunden feyen , fondern fie blofs für angeboren halten. 
Auch fo aber dürfte man , meiner Ueberzeugung nach , aus 
den vorhindnen Thatfachen nur dann auf das Bleibend- 
werden einer anfänglich blofs vorübergehenden Einfchnürung 
fchViefsen, wenn fich aus einer genauen Krankengefchichta 
ergäbe, dafs in einer frühem Lebensperiode keine Magcnbe- 
fchwcrden Statt gefunden hätten, diefe dagegen erft fpätar 






- — — 135 

angebliclies Aphrodi/Iacum theuer bezahlt, unrl bisweilen 
auch nach Europa gebracht. Als Material derfelben haben 
einige eine Art Schleim, welcher fich von den auf der See 
durcli ciie Vögel ergiiffenen Mollusken anfammelt, andre 
eine, ans Tangarteii, an der Küfte gezogene Subftanz, 
noch andre die halb verdauten und ausgeworfnen Nab- 
rungsmittel angefehen. Herr Sfayp/ord Rnffles , der eben 
jetzt nach einem fünfiahrigen Aufenthalt zu Java , wo er- 
lieh als Gouverneur -Lieutenant befand, zurückgekehrt 
ift, hat fich gegen micli berümint dahin erklärt, dafs die 
Subftanz, und bisweilen mit fo grofser Anftrengung, aus 
dein Magen zurückgebracht werde, dafs zugleich Blut 
ausfliefst. Deshalb unterfuchte ich die Schw.alben auf 
eigenthümliche Drüfen , und bat zugleich Herrn Brande 
um eine Analyfe eines der von Herrn Ra/f/es mitgebrach- 
ten Nefter. Inerfierer Hinficht fand ich felbCt durch ein 
gewöhnliches VergröFserungsglas einen bedeutenden Un- 
terfchied- zwifchen dem Drüfenmagen der Javafchwalbe 
und andrer Vogel, namentlich der gewöhnlichen Schwalbe, 
Männchen und Weibchen, wo er fich nicht Ijedeutend 
von dem andrer Vögel unterfcheidet. Nach Herrn Ra/f- 
les wandert diefer Vogel, dar doppelt fo grofs als die 
gewöhnliche Schwalbe ift , durchaus nicht, fondern bleibt 
das ganze Jahr Bewohner der Höhlen von Java , deren 
geräumigfte bis lo Meilen von der See entfernt find. 
Die der See nahe wolinenden Schwalben fliegen in das 
Innere des Landes nach weiten Sümpfen, wo fich Mücken 
in Menge finden. Die im Innern des Landes wohnen- 
den fliegen Morgens aus und kehren Abends in grofsen. 
Schaaren zurück : doch fliegen fie auch am Tage aus und 
ein. Das Männchen hat ein eignes, länglicheres und 
enges, feiner Geftah angemeffenes Neft, das andre, für 
die Weibchen und die Eier beftimmte, ift weit und tiefer. 



und in der Art einftetreten wären, dafs ein Zuramtnenhang 
zwifchen ihnen und licr wahrgenommenen Bildnngsabweichung 
angenommen werden kJJnnte. Abweichungen der äufsern-Form, 
ohne Venindernngen des Gewebes, entfcehcH, ohne angeborea 
lu feyn , fo feiten, dafs man in der Annahme diefes l'hano- 
»eiu wohl iiicbc vorficbtig genug leyn lunn. M, 



136 

Bei allen von wir unterfuchten Schwalben, Wandern- 
den fovvohl, als den beftändig in Java bleibenden, gaben 
die Drüfen des erften Magens nicht fo viel IMagenfaft als 
bei andern Vögeln, weil der, durch jede gebildete Behäl- 
ter kleiner ift. Dies beftäiigt meine frühere Bemerkung, 
dafs diefe Drüfen bei den Vögeln, welche eine wenig nah- 
rungsrelche Gegend bewohnen, am gröfsten find. Die 
Javafchwalbe und der Kafoar vonderfelben Infel leben in 
ftetem Ueberflutfe , und die wandernde Schwalbe bleibt, 
ungeachtet fie vom Aequator bis zum Pole zieht, nur im 
Somaer in kalten Gegenden, und findet daher wahr- 
fcheinlich überall reichliche Nahrung. 

Die einzige Verfchiedenheit zwifchen den Drüfen 
der Wanderfchwalbe und der Amfel befteht in der 
Kleinheit des Behalters. Die Gröfse der Oberfläche des 
Drüfenmagens, auf welcher fich die Drüfen öffnen, ifc 
diefelbe, und beide haben keine Secretionsverrichtung, 
die nicht allen Vögeln überhaupt zukäme. Dagegen hat 
die Javafchwalbe eine eigenthümliche Anordnung. Jede 
Drüfenöffnung ift von einer häutigen, in die Höhle des 
Drüfenraagens ragenden llöhre umgeben , die fich bald in 
kleine, den Blumenblättern ähnliche Abtheilungen fpal- 
tet. Unftreitig wird wohl der Schleim, woraus die 
Schwalbennefter beftehen, auf diefelbe Weife von diefen 
Fortfätzen abgefondert, als der Magenfaft von den Drüfen, 
deren OefFnungen fie umgeben. Hiedurch wird eine frü- 
here Meinung von mir beftätigt, dafs Häute ohne fichtbar 
drüligen Bau doch Schleim abzufondern im Stande feyn. 
indem diefe Röhren, fo viel ich bis jetzt wahrnehmen 
konnte, keine Drüfen enthalten. 

Dafs ein fo hoch organifirtes Thier als ein Vogel, ein 
Neft aus feiner eignen Abfonderang bildet, ift defto wun- 
derbarer , da fonft die Vögel überall Materialien zu ihren 
Keftern fi«den, und beweift, dafs diefe Schwalbe von An- 
fang an zur Bewohnerin jener, derfelben ganz beraubter 
Höhlen beftimmt war, wie das Kameel durch feinen Waffer- 
behälter am J^lagen , und den , nicht durch den Sand zu 
verletzenden^Huf für die Wüfte gefchaffen erfcheint. 

Die Küftenfcbwalben zu Java erfchöpfen nie ihre Ab- 
fonderungsfeuchtigkeiten ziun Ba.a ihrer JSefter, wenn ü» 



i37 

zweckrnärsige Materialien finden. Am meiften nähein 
fich diefem Beifpiel die Bienen, welche das Wachs abfon. 
dern, woraus Iie die Zellen, als Nefter für ihre Jungen 
und als Behälter für die Nahrung bilden. 

Das Schwalbenneft felbft fcheint aus einer zwifchen 
Gallerte undEivveifs flehenden Subftanz zu beftehen. Der 
Einwirkung von warmen VVaffer widerfteht es eine Zeit- 
lang, fcbwDlt aber nach einigen Stunden auf, und dehnt 
Cchaus. Getrocknet nimmt es feine vorige Geflalt und Be- 
schaffenheit an, nur wird es brüchiger, vermuthlich weiles 
etwas, durch empfindliche Prüfungsmittel in Waffer ent- 
deckbare Gallerte verliert. In verdünnter Säure löftfich die- 
le Subftanz leichter als geronnenes Eiweifs auf ; in concen- 
nlrter verhält fie fich fall wie diefes. Mit kauftifchein und 
unvollkommen kohlenfaurem Alkali bildet fie feifenartige 
Zufaramenfetzungen, welche durch Säuren mit denfelben 
F.rfcheinungen als andre Eiweifsfeifen zerfetzt werden. 
Vom Eiweifs unterfcheidet fie lieh durch leichte Auflöslich- 
keit inflüfügem und unvollkommen kohlenfaurem Ammo- 
nium. Durch die zerftorende Deftillation entfteht eine 
verhältnifsmäfsig geringe Menge Ammonium , und die zu- 
rückbleibende Kohle läfst lieh leicht einäfchern, woraus 
fich gleichfalls eine Verfchiedenheit vom Eiweifs ergiebf . 



J. A. Cooper Verfuche über die Verdauung. 
(Aus Scudamore über den Rheumatismus , im Bullet. 
de la foc. pbilom. I8l8. p. H — 14.) 

Die vorliegenden Verfuche wurden in der Abficht 
angeftellt, die auflöfende Kraft des Magenfaftes für ge- 
wiffe Subftanzen auszumitteln , und daraus Folgerungen 
für das diätetifrhe Verfahren bei Magenfchwäche zu zie- 
hen. Die Subftanzen hatten eine genau beftimmte Geftalt 
und Gewicht, das Thier, dem fie eingebracht wurden, 
ward nach einer befiinimtcn Zeit geiödtet, die noch nicht 
aufgelöflen Subftanzen gewogen und aus dem erfolgtea 
Gewichtsverluft auf den Grad ihrer Verdaulichkeit für den 
Hund im Zuftande der Gefumlbeit gefcbloffen. 



133 



Nalinmgs- 
niitccl* 


Geftdlt. 


Menge. 


Tod des 


Verlufc 
bei Ver- 








Thierps. 


dauung. 


Sclnveine- 


lang und 






fleirdi. 


fcbmal. 


lOO. 


I. St. 


lO 


HamiDelil. 


— 


— 


— , 


9 


Kalbfl. 


— 


— 


— 


■ 4 


Rindfl. 


— 


— 


— 


o 


Hammelfl. 


— 


— 


2 St. 


36 


Kindfl. 


— 


' — 


— 


34 


Kalbn. 




— 


— 


31 


Scbweinefl. 


— 


— 


• — 


20 


Scbweinefl. 


— 


— 


3 St. 


98 


HammeU). 


— 


— 


— 


87 


Uindfl. 


— 


— 


— 


37 


Kalljfl. 


— 


— 


— 


46 


Scbweinefl. 


— 


— 


4 St. 


100 


Hammelfl. 


— 


— 


— 


94 


Rindfl. 


— 


. — 


— 


75 


Kalbfl. 


— 


— 


— 


69 



Verf. 1. 



Verf; 2. 



Verf. 3. 



Verf, 4. 



Wahvfcbein'ich unterfcbeidet fich der Magen des Hun- 
des von dem raenfcblichen in Bezug auf feine Fähigkeit, 
das Scbwelnefleifch zu verdauen, indem für den gefchwäch- 
ten menfcldicben Ulagen die Verdaulichkeit der verfchied- 
nen Fleifcliarten lieh folgen Jeruiafsen zu verhalten fcbeint : 
I) Hammelfl. 2) RindHeil'cb ; 3) Kalbfieifcb ; 4) Schwei- 
nefleifch. Auch mufs man indeffen bei diefen Verfuchen 
der Abwefenheit des Fettes , vorzüglich des Schvireinefettes 
etwas zufchreiben. 



Verf. 5. 



Käfe. 

Hammelfl. 

Scbweinefl. 

Kalbfl. 

Ritidfl. 



Viereckig 



lang und 
fcbmal. 



100. 



Verf. 6. Rindfleifch 
Kaninchen. 
Stockfifch. I 
Hiemach erfcbeint Fifch leicht verdaulieb. 



I 4 St. 



4 St. 



76 
65 
36 
15 
II 

o 
o 

74 . 



i59 



Verf. 



Nahrung«- 
mittel. 



Käfe. 
Fett. 



Ceftalc. 



ang und 
fcbmal. 



Menge. 



Tni des 

Thieres. 



Vcirlufc- 
bei Ver- 
daiaiin?. 



29 

70 



Verf. 8. Derfelbe Hund bekam lOO Theile Rindil. und 
100 Th. rohe Kartoffeln. 

IVindfleifch. 100 

Kartoft'elu. 43 

Die, noch an einemStück Kartoffel befindliche äiifsere 
Haut war nicht verändert, unter ihr die Subftanz siufge- 
liift, der 31agenfaft aber war noch nicht bis zur Mitte des 
.Stückes gedrungen. Die gelrennte Haut war aufgelöft. 
Nach den folgenden Verfuchen ift Kalbsbraten fchwerer 
verdaulich als gekochtes Kalbfleifch. 



Y«»-r- 9- 



Verf. 10. 



Verf. II. 



Kalbsbrat. 
Gekochtes 
Kalbfleifch. 

Kaisbraten. 

Gekochtes 

Kalbfleifch. 

.Muskeln. 
Haut. 
Knorpel. 
Sehne. 
Knochen. 
iFett. 



(lang und 
fchmal. 



100 Th 



4 St. 



7 
30 

3 
31 

36 

22 

21 

6 

100 



Beim Muskel waren, durch Auflöfung des Zellge- 
webes, die Fafern getrennt, diefe felbft wie zerbrochen 
und zerftückt. Die Haut war an der äufsern Oberfläche 
unverändert, an der innern aufgelöft, der ICnorpel wie 
wurpftichig , die Sehne glich einem gallertigen Brei. 



140: 

Verfuche über die Verdauung der Knochen. 

Verfuch .12.. Dicker Knochen 100 Tb. ^ St. 8 

dito. — öjSt. 30 

Schulterblatt. » — 8 St. loo. 

Folgende Thatfache beweift , dafs auch der menfch- 
liche Magcnfalt auf den Knochen wirkt. Ein 4jähi-iges 
Blädchcn veilchluckte eine Dominoinarke, welche lie 
tluvcli den Slulilpjang in drei Tagen ausleerte. Sie war 
verkleinert und wog nur 34 Gran , während die übrigen 
56 wogen, hatte alfo 22 Gran verloren, und ftatt der 
Löchisr eine Menge Rauhigiteiten. 



III. Zur Lehre von der ibierifchen Mifchung. 

I. fV. Prnut Beobachtungen über einige 
nähere Bef tan d th eile des Harns, nebft 
Bemerkungen über die Mittel, den 
Krankheiten vorzubeugen, welche mit 
einem krankhaften Zuftande defrelben 
verbuiiden find. (Aus den medico - chiri' 
Transact. Vol. VIII. X817. p. 526 — 549.) 

In dem vorliegenden Auffalze betrachte ich nur den 
Harnftoff (Uiea), den Hnrnsucker und die Stein- oder 
Harnfäure , die übrigen dagegen , wegen der noch über 
iie Statt nndenden Ungewif sheit , nicht. 

I. Marnftoff. Rouelte entdeckte diefen Beftandtheil, 
Cruikfliank , nach ihm Fourcroy und Vauquelin , vervoll- 
ftSndigten die Renntnifs deffelben, allein erh ßerzelius 
und Thenard fcheinen ihn rein erhalten zu haben , ohne 
jedoch die Methode anzugeben. Ich erhielt ihn erft vor 
einigen Jahren auf folgende Weife rein. Frifcher Harn 
wird zurSyrupsdicke verdunftet, und ihm, wenn er ganz 
erkaltet ift, reine concentrirte Salpeierfäure nach und nach 
zugefetzt, bis das Ganze eine dunkle kryftallilirte Maffe 
ift, welche man mit kaltem Waffer vväfcht und durchfei- 
het. Hiezu wird langfam eine ftarke Auflöfung des un- 
voUkomuien koblenlauren Kali oder Natron bis zur töI- 



1 

i 



licen Sättigung gereizt, das Ganze durch Verdunften 
concenliiit unditehen gelaffen, dauiit der gebildete Salpe- 
ter kryftillifire und üch trenne. Zur zurückgebliebnen 
Harnfioffauflöfung wird genug tbierifche Koble zugefialzt, 
um die üanze FlüCTigkeit einzufaugen, und einen tlün- 
nen Brei zu bilden, der einige Stunden flehen blcibr. 
Hiezu giefst man kaltes Waffer, welches den HarnXtoff 
trennt. Die übrigbleibende Malfe kocht man in ftarkem 
Alkohol , der den Harnftoff aufnimmt , und den Salpeter 
und die melften übrigen Salze zuriickläfst. Aus der Auflö- 
fung kann man den reinen HarnftofF kryftallifirt, am 
heften durch zwei bis dreimalige M'iederholung des Kjry- 
ftallifationsproceffes, erbalten. Durch einfen einfachem 
Procefs fcheint der Harnftoff nicht rein erhalten werden 
zu können. 

Die Kryftalle deffelben bilden im Allgemeinen vier- 
feltige Prismen, find farblos, durchfichtig, und etwas 
perlenarlig glänzend, haben einen kühlenden Gefchmack, 
einen faden, eignen, aber nicht harnähnlichen Geruch, 
verändern weder Lackmus noch Kurkuma, verändern lieh 
nicht an der Luft, bei fehr feuchtem Wetter ausgenommen, 
wo lie etwas zerfliefsen , aber nicht zerfetzt zu werden 
fcheinen. In ftarker Hitze fchmelzen fie und weiden 
zum Theil zerfetzt, zum Theil dem Anfchein nach unzer- 
feizt fublimirt. Ihre fpecififche Schwere ift ungefähr 
1,350. Waffer bei 60° R.löfte mehr als fein eignes Gewicht 
Harnftoff auf, und an der Luft erlitt die Auflöfung meh- 
rere Monate lang keine Veränderung. Kochendes löft ihn 
in jeder MenR«" auf, ohne ihn zu zerfetzen. Alkohol 
(Sp. Schw. 8 1 6.) lüft bei niedriger Temperatur ungefälir -^^^ 
bei der Siedhiize über fein eignes Gewicht auf, und läfst 
beim Erkalten die Harnftoffkryftalle niederfallen. Schwe- 
felnaphtha und Teqientinöl werden dadurch undurchfich- 
tig, löfen ihn aber wenig oder gar nicht auf. l'eine fixe 
Alkalien und alkalifche Krden zerfetzen ihn, -vorzijglich 
unter Mitwirkung von Waffer und Wrirme , wobei fich 
Torzüglich kohlenfaures Ammonium bildet. Er verbindet 
ßoh mit den meiflen Metalloxyden; die Verbindung mit 
Silberoxyd ift gräulich, und verpufft, wenn He erhitzt wird, 
wobei das Oxyd reducirt wird. Kür /ich aber fcheint er 
kein Meiallfalz zu zerfetzen, und zu Hcrftellung der Ver- 



143 

bindung doppelte Walilverwandtfcliaft erforderlich zu 
feyii. Mit Salpeterfäure bildet er ein kryrtallifirtes Ge- 
mircb, das wenig in Waffer auflo.lich und den Chemi- 
kern längft bekannt ift; ein ähnliches mit Kleefäiire. 
Die: Säure berrfcht in beiden Verbindungen vor. 

Bei meinen Verfuchen über die Mifchung thierifcher 
Sutiftanzen fand ich das von Gay ■ LuJJ'ac und Berzeliut 
anf ^wandte oxygenirtfalzfaure Kali, fo gutes lieh auch für ' 
Pflinzenanalyfen eignet, für die Unterfuchung thierifcher 
Su bftanzen weniger brauchbar , weil das Azot fich in felir 
ve rfchiednen Verhältniffen mit dem Oxygen verbindet, da- 
gegen das fcbwarzeKupferoxyd vollkommen zweckmäfsig. 
Ei tritt bei einer Temperatur , worin gewöhnliches Glas 
zu fchmelzen anfängt, leicht fein Oxygen an Waffer und 
KohlenftoJF, nicht aber an Stickftoff, ab, weshalb man 
den letzten rein , und daher feiner Menge nach beftimm- 
ter erhält. 

Die Menge der, immer mehrmals unterfuchten Sub- 
flanz war im Ganzen 4 Gran, die, nach Verfchiedenheit 
ihr.er Mifchung, mit mehr oder weniger Kupferoxyd ge- 
mengt wurden. Um die Menge des VVaffers und der 
Gas^arten, die fich bildeten, zu befiimmen , wurde eine 
fehr feine Waage, mit, von mir felbft gefertigten Platina- 
gevvichten, und ein von mir felbft graduirterGafometer an- 
gewandt. Alle Subftanzen wurden in luftleerem Räume 
mit Schwefelfäure bei 200° F. getrocknet. 

Die Zahlen, welche die Atome der Elementarbeftand- 
theUe darftellen , find ungefähr die gewöhnlich angenom- 
menen, und diefelben, welche in Tiwmfon's Annalen 
(Vol. 4. p. 321.) vorgefchlagen wurden, d. h. 

WafferftofF = 1,25. 

Kohlenft, = 7,5. 

Sauerft. ^ 10. 

Stickftoff = 17,5. 

Auf die angegebne Weife bei 60° W. , 29,5" Druck 
behandelt, gabon 4 Gr. Harnftoff an Waffer 9,45 Gr. 

Kohlenft. 6,3 Kubikz. 
Stickftoff 6,3 Kubikz. 



mz 



Er beftand daher aus 



Wafferftoff ,266 
Ko}ilenfioft' ,799 
Stickftoff 1,866 



SaueiTioff 



2,933 
1,066 



4,000, 
Was cntfpricht 
2 Atomen oder Volumen an WaHeiftoflF' 
I - . . . KohlenftofF 

l - - - - Sauerftoft" 

I - • - - Stidiftoff 



2,5 

7,5 
10,0 

17,5 



37>S- 



Oder p. 

WafferftofF 
KohlenftofF 
Sauerftoff 
Stickftoff 



von 
6,66 

19,99 
26,66 
46,66 



100,00. 

Salpeferfaurer Harnftoff. Die Aiialyfe deffelben fchien 
mir wichtig, um die in einem gegebnen Harn enthaltne 
Harnfloffmenge zu beftimmen. Zwanzig Gran gewöhnli- 
chen fahjieterfauren Harnftoffs wurden mitderfelben Menee 
kohlenfauren Kalkes digerirt, von lelzterm dabei 8,7 Gr. 
«ufgelöft. Zehn Gran HarnfiofF mit Salpeterfäure behari- 
deh, geben ungefähr l8,S Gr. falpelerfaaren Harnftoffs. 
Mithin enthäh diefes Salz Salpeterf. 47,37. oder ein Volum. 
Harnft. 52,63. oder zwei Vol. 

Salpeterfäure ift für den gewühnlichen Zweck ein hin- 
Unglich gutes l'rüfungsmittel auf H.)rnftofF, Kleefäure ift 
emplindlicher, wirkt aber iangfamer. 

II. Harnzucker. Drei Gran gewöhnlichen reinen 
Waffer 2,45 Gran. 

Kolilenfiture 12,6 Kubikz, 
Wafferftoir ,266 
KohlenftofF 1,599 



Zuckers gaben an 
Beftanden daher aus 



SauerftofF 



1,866. 
2,'33 

4,000. 



144 



Welclie enlfprechen 
t Volum Wafferfto 



rftoflF 1,25 •) 
nftoff 7.5 f 

:tofF 10,0 { 

18,75 J 



g Warfei-ftoff 6,66 

. Ko!i!enftoiF 39,99 

SauerftofF 



53^33 



I . Kohlenfto 

I . Sauerfto 

"" 100,00. 

Harnzucker gab bei mehrmaliger Analyfe faft ganz 
diefelben Refultate, nur zugleich etwas StickftofF, und 
Dieiftens etwas mehr, etwa yV Gran Waller, worrn ver- 
muthlich die Verfchiedenheit der äufsern Charaktere ent- 
halten ift. Durch wiederholtes Wafchen und Digeriren 
des Harnzuckers in kaltem Alkohol , bis diefer farblos ab- 
fliefst, und nachherige Auflöfung in Alkohol durch Wärme 
werden die meiften fremden Subftanzen abgefondert und 
der Harnzucker auf eine leichte Weife rein erhalten. Auch 
Milchzucker giebt faft diefelben Refultate. Daher glaube 
ich, dafs der reine Zuckerftoff aus einem Volum von je- 
dem Element befiehl, und die Verfchiedenheit der äufsern 
Charaktere vom Zutritte kleiner Anheile fremder Sub» 
ftanzen, wie es z. 13. beim Arragonit der Fall ift, ab- 



hänge. 




lU. Harnfäure. Vier Gran 


larnfäure gaben an 


Waffer 


I,os Gran. 


Kohlenfäure 


II Kubikz. 


SticlifiofF 


5,5 Kubikz. 


Sie beftand daher aus WafferftofF 


," 


Kohlenftoff 


ii37 


Stickftoff 


1,61 




3,09 


Sauerftoff 


,91- 




400. 


Was enlfpricht 




I Volum Wafferftoff 1,25 ") 


ü Wafferftoff 2,8S7 


a . Kohlenft. 15,00 / 


i Kohlenft. 34,286 


I . Sauerft. 10,00 ? 


ä Sauerft. 22,857 


I . Stickft. 17,50 J 


"g Stickft. 40,0C0. 



43.75 100,000. 

" Meine Refultate kommen zum Theil mit den Berard- 
fchen (S. diefes Archiv Bd. 3. S, 47 7 ff.) überein, weichen 
aber zum Theil davon ab. 

Fol. 



i 



145 



Folgende Tabelle ftellt die Refultate 4er obigen Ver- 
fiiche dar. „ . ^ . 



Elemente. 



WafferftofF 
KohletiftofF 
SauerftotF 
StickftofF 



Harnftoff. 



Nach 
Volura 

2,5 

7-5 
io,o 

J7.5 



6,66 

19,99 
26,66 
46,66 



100,00 



Zucker. 



Harnliiure. 



Nach 
Volum. 

1,25 
7,5 
10,0 



18,75 



6,66 
39,99 
53,33 



Nach 
Volum. 

»,25 2,85 

iS,o 34,2g 

10,0 22,85 

'7,5 I 40.00 



63,75 1 100,00 



I 37,5 

Allgemeine Schlaffe, l) In allen diefen Fällen bewährt 
ficli die Theorie der beftimmten VerhältnilTe, woraus 
Ech vermuthen läfst, dafs fich dies auch für alle kryftalli- 
firbare und kryPtallinifche Verbindungen bildende orga- 
aifcbe Subftanzen ergeben werde. 

2) Obige Verbindungen fcheinen durch die Verbin- 
dung einfacherer Gemifche zu entftehn-, z. B. HarnTtofF 
aus Kohlenwafferftoflgas und falpetriger Säure, Hamfäure 
aM Cyanogen und Waffer, woraus fich zu ergeben fcheint, 
itSs die gewöhnliche Chemie Iie künftlich bilden könne. 

3) Die Mifchungsähnlichkeit zwifclien HamflofF und 
Zacker fcheint die Evfcheinungen der Harnruhr , welche 
man rvefentlich als eine abnorme HarnftoiTabfonderung an. 
fehenkann, genügend zu erklären. Das Gewicht eines Vo- 
lointbeils Zucker beträgt gerade die Hälfte eines Volumthfile 
Harnftoff, die abfolute Menge des U'afferftoffes in einem 
gegebnen Gewicht von beiden ift gleich, die ahfUuten Men- 
den. Ton Kohlenftoff und Sauerftoff in einem gegebnen. 
Gewicht Ton Zucker gerade das Doppelte von denlelbeA 
Subftanzen im HamftoJV. 

4) Hamfäure unterlclicidet fich durch ihre Zufam* 
menfeizung völlig vom Harnftoff. Hieraus erklärt fich die 
Ton mir mehrmals geroachte Bemerkung, daCs ein Uel>er- 
maafs von Harnftoff gewöhnlich bei phosphorfaurer, nicht 
aber hirnfaurer Steinanlage vorkommt. Bisweilen ift die ■ 
Harn ftiili'men^e unter erlterer Bedingung im Harn fo grofs, 
dafs er, ohne durch Verdunften concentrirt zu feyii, durcll 
Zufatz von Salpeterfäure von felblt kryftalllQrtt 

M, d. ArMu lY. I. K 



146 «^.^■.^.^.^ 

Andre Sdilüffe wage ich, der UnvollkomiBenljeit der 
▼orhandnenThatfachen wegen, noch nicht zu ziehen; auch 
diefe Analyfen aber fcheinen mir Andeutungen von Ge- 
fetzen für alle Naturerfcheinungen zu enthalten. 

Ungeachtet im Allgemeinen piaktifche Th'atfachen 
nicht aus phyfiologifcher Kenntnifs aUgeleilet werden, fon- 
dern gewöhnlich die Refultate des Zufalles oder blinden 
Verfuches find, und wir auch jetzt nicht a priori eine eih- 
xige Wirkung einer neuen Subftanz auf den Organismus 
beftimmen können, fo kann doch, fo niederfchlagend 
diefe Betrachtungen, zumal wenn lie durch das Spötteln 
und das cui' bono des unwiffenden Empirikers noch 
drückender gemacht werden, auch lind, die Reihe von 
Urfachen und Wirkungen, welche praklifche und phyJio- 
logifche Kenntniffe trennt, nicht unendlich feyn, endlich 
muffen üch beide Extreme nähern, und die Vernunft trium- 
phiren. 

Eine der erften Bemerkungen, weicheich, feit ich 
mich mit den krankhaften Abänderungen des Harns be- 
fchäftige, machte, war die auffallende Wirkung, welche 
ein gewohnliches Abführungsmittel auf die Herftellung 
der normalen Farbe und Durclifichtigkeit meines eignen 
zufällig trüben Harns hatte. Hieraus war der Schlufs 
leicht, dafs dije, wahrfcheinlich in den Verdaiiungswerk- 
xeügen enlhaltne Urfache, welche Abführungsmittel nöthig 
taadate, vorzüglich zu Erzeugung diefes ungefunden Zu- 
ftandes des Harns beitrage. Der genaue Zufammenbang 
zwifchen Hamniederfchlägen and Steinbildung veranlafste 
natürlich die zweiteFrage, ob Abführungsmittel, die in ge- 
wöhnlichen Fallen den Niederfchlag entfernen, nicht auch 
in fcUimraern , oder bei Gries - oder Steinbildung wirk- 
lam feyen ? Später fand ich bei Herrn Scudamore diefelben 
Anflehten , und wurde von ihm durch eine bedeutende 
Menge verfchiedner krankhafter Hariiarten bei meinen 
Arbeiten unterftützt. 

Regehvidrigkeit der Abfonderung mufs immer in all- 
gemeinen oder örtlichen Urfachen, oder in beiden zugleich 
begründet feyn ; da aber die Abfonderungsorgane fehr fei- 
ten, und faft nur durch Störung der allgemeinen Gefund- 
heit angegriffen gefunden werden ,^ fo oiüffen wir auch 



147 

hier' die erftc UrTache ihrer Störung fnclien-, und demge- 
Hiäfs durch allgemeine Mittel einwirken. Diefem Grund- 
fatz gemäCs habe ich fehr häufig durch zweckmäfsige Bg. 
rückOcbtigung der Verrichtungen des Magens und Darm- 
kanals Harnniederfchläge fchneil Terfchwindcn, und diefe 
Abfonderung völlig auf ihren normalen Zuftand zurück- 
kehren Ijehen. Vorzüglich fand dies bei Kindern , wo 
che Anlage zu Bildung von phosphorfaUren Salzen vorwal- 
tet, Statt. Das gewöhnliche Mittel war Hhabarber, allein 
oder mit andern. Bei Erwachfenen find jene und die 
barnfaureAnlage gleich häufig, wechfelnfelbftin derfelben 
Perfon, und weichen, nach meinen Beobachtungen, derfel- 
ben Methode, oftdenfelben Mitteln, wesiialb wahrfchein- 
lich zwdfchen beiden ein genauerer Zufaramenhang Statt 
Andet , als gewöhnlich angenommen wird , wenn gleich 
einige, mir aber noch bis jetzt durchaus entgangene Ver- 
fchiedenheiten in der Urfache Statt finden mögen. Queck- 
filber mit Aloe oder Coloquinten leiflete mir am meiften, 
ond wurde von Mitteln, welche auf die ffaut und Nie- 
ren, wirken, oft zweckroäfsig unterftützt. Natürlich mufs 
noch kein Stein gebildet feyn. Ift diefer einmal vor- 
banden, fo ift feine Vergröfserung wahrfcheinlich nur 
ein chemifcher Procefs, der ira gefunden Harn eben fo 
gut Statt findet als im kranken, da jener die Beftand- 
theile der Steine enthält. Doch mag die Vergröfserung 
durch Mittel etwas verzögert werden, wenn gleich dadurch 
das Leiden nur verlängert wird. Ungeachtet die Grund- 
farbe der chemifcben Behandlung der Steinkrankheit be- 
kannt find, und namentlich allgemein den alkalifchen 
Mitteln die Minderung der aufserordentlichen , durch 
den Stein verurfachten Reizung zugeftanden wird, fo 
glaube ich doch , dafs man nach chemifcben Grundfätzea 
für jetzt die guten Wirkungen faurer und alkalifcher Mit- 
tel noch nicht erklären kann. So gab Berzelius eineia 
Kranken , deffen Harn alkalifch war und phosphorfaure 
Niederfcbläge enthielt, nach einander grofsc Gaben von 
Schwefel-, Phosphor- und Effigfaure ohne den gering- 
Iten Erfolg, bis die Phosphorfaure in folcher Menge gege> 
ben wurde , dafs fie abführte , wo denn der Harn fauer 
ward, und es fo lange, als die Abführung Statt fand^ 
Aber, ungMobtct die Qabe des Mittels «liefelbe blieb, nicht 
K 3 



148 

länger, blieb. Eben fo mindei-n nach Marcet alkälifclib 
Mittel ^\e Ficizung der Blafe, befördern den Harnab- 
gang, felbft wenn Cc, der chemifchen Natur derSteinbo- 
ftandtheüe nach, nicht auFlofend wirken können. Auch 
die viel gepriefene lÜagneCa fclieint mir nur als Abfüh- 
rnngsraittel zu wirken. Da aber jeder Harn (aufser viel- 
leicbt beim böchfien Grade von Harnruhr) Harnfäure und 
Phosphorfäure enthält, wenn gleich allgemein nur einie 
Tön beiden Anlagen zuderfelbenZeit vorwaltet, fo folltefl» 
wenn man nur chemifch den Gegenftand betrachtet, fo- 
wohl faure alsalkaliXcheiHittel fowohl fchaden als nützen, 
und , berückfichligen wir den Eigenfinn der Abfondei' 
rungsthätigkeiten, und den von unbekannten Urfachetfe 
abhängigen Wechfel beider Anlagen in denfelben Kran- 
ken, lo erfcheint es fehrfchwer, das Mittel der Krankheit 
anz'ipaffen, und cA«>ni/cAerWabrfcheinlichkeit nach wird, 
die Kranklieit jun Ende nicht vermindert, fondern ver- 
mehrt werden. Endlich ift der Gegenftand d«s chemifchen 
Arztes mehr die Verhinderung der Entftehung als die 
Entfernung von luankhaften Subftanzen. Aus diefen und 
andern Gründen fehe ich die chemifchen Mittel nur füir 
palliativ an, und glaube, dafs auch fo ih an.erkannt 
guie Wirkung nicht unmittelbar auf das Froducl der Kranke 
hett, fondern mittelbar, «uf die allgemeine Gefondhek. 
Statt findeu / .;:'. c-i • ' 



St. CAsf <2a.in über^ «Jnen eigentbümlichieii 

Harn. ^Aus Leroaa:'j Journal de medec. Bulletin 

de la foc. medic d'emulation. Juin 1817. p. 125 

*- "8.) ,.,,., 

tHefer Harn, der ytn ei4ner 40jShrigcn Kreolinn aus 

Isle de France, die verfieiräthet war, feit 10 Jahren keine 

Kinder gehabt hatte, aber der heften Gefundhfeit au go- 

niefsen fchien, gu Breft gelaffen WTirde, war fo weifs« 

undurchlichtig und dicklich als Milch, hatte durchaus 

■weder ipnren von freier Säure noch Alkali , faft keinen 

Geruch, und einen füfslichen, zugleich fch wach falzigen 

Gefchmack. Seine Ipec. Schwere verhielt lieh zu der des 

deftillircea W«Q«rt --«ne ao: 19.} war alTo etwas betracht- 



149 

Detier als im gefoaclen Zuttande. Bei einem Wärmegi-ade 
von 14 — IS* f'ch ielbft überlaffen, Cond*rte er iioh ia 
zwei fehr deutlich getrennte Theüe^ einen obern, weifsen, 
nndurciiücbtigen, einen untern, ha,lbdurchkclvtigen, niol- 
kenariigen ab. Alkohol von 40.* bewirkte indieCetnHam 
einen weifsen, leichten, reichlichen, iaA>naioniuxnauFlci<- 
Jichen Niederrchlag. Conqentrirte Schwefelfäure erzeugt^ 
leichtes Aufbraufeu ohne Niederfchlag und eine röthliche 
Färbung. FlüCrigesAaiuK>niuiji bevirirk,te keine merkliche 
Veränderung. 

Im Marienbade entftand fchnell ein weiCses, feftec 
Coagulum, das, noch feucht, ^-^ des ganzen Harns be- 
trug , beim Trocknen, welches erft zwischen Lötchpapier, 
dann auf Kohlen gefchahe, knil'terte, zeiflorSi beim Ver- 
brennen einen Ammoniumgeruch ajisftiefs, und einen 
kohligen Rückftand zurück liefsvinconcentxirter, kochen- 
-der Elügfiure wenig, leichter in Schwefelfäure auf löslich 
^>var , die es rofenroth färbte , mit Kali und Auimoniuia 
.'.Auflöfungen bildete, welche immer einen milchjgiea 
Schein hatten , und in dem fchwache Säuren einen Nie- 
.derfchlag bewirkten. In Kaliauflöfung deftillirt gab er 
.deutliche Spuren von Amoioniuni. 
_^,;, Durch die Wärme von der thierifchen Subftanz, wef- 
.^he ihm feine Weifse, Undurchßchtigkeit und Dicke veK- 
.IchaflFte» befreit, wurde der Harn durchßclxtig und wenig 
gefärbt. Bis auf | eingedickt, zeigte er ülz- und fcbwe- 
felfaure Alkalien, phospborCaure MagneCa und Harnitoff 
ungefähr in denfelben Verbältniffen als gefunder Harn, 
.dagegen konnte ich keine Spur von freier Harn-^ mvd 
Pfao&phorfäure , phosphorfaurem Kalk oder irgend eine 
aoaraoniakalifcbe Verbindung entdecken. Die thierifche 
Suliftanz fehlen die gröfste Aehnlichkeit mit dem Käfe- 
ftqff zu haben. Aufser ihr -unterfchied fich diefer Harn 
TWi gefundem durch die völlige Abwefenh^it freier Saure, 
de« phosphorfaur«n Kalkt und der Ammoniakfalze. 

Jene thierifche Subftanz kommt vielleicht mit im in 
dctn von Caballe (Ann., de Chimie T. 55.) unterfuchten 
Htm gefundenen uberein,. welcher ficS von dem gegenwär- 
tigen aber durch die Anwefienbieit der gevtcolmlichiBa 3uh- 
üunzen unterfchied. 



150 

'■^.E-keoreul' ähei den Harnrührzucker. (A^l- 
nales de Gfaimi«. T. 95. p. 319.) 

Der im Anfange der Krankheit unterfuchte Hani 
ieines Harnruhvkranken enthielt Zucker und alleBeftand- 
■flieile des gewöhnlichen Harnes. Derfelbe, nach einigen 
"Monaten analylirt, gab eine zum Theil freie, zum Tlieil 
'durch Kali gefättigte organifche Säure, viel phosphorfaure 
iMagneüa, etwas phosphorfauren Kalk, falzfaures Natron, 
fchwefelfaures Kali, Zucker und Harnfiure, welche durch 
die rofenfarbne Säure fchwach gefärbt war. Die Harn- 
fäure wurde nur aus gährendem Harn gewonnen, und ei 
ift daher nicht gewifs , wenn gleich wahrfcheinlicb , dafs 
Jie fchon gebildet im Harn vorhanden war. Harnftoff 
konnte nicht erhalten werden, war aber doch wahrfchein- 
licb vorhanden, da fich Ammonium leicht entwickelte. 
Aus dem, zur Conüftenz des Syrups eingedickten Harn 
wurde der Zucker in Geftatt kleiner Kryftalle, welche 
denen des Traubenzuckers ähnlich waren, erhalten, diefe 
getroclcnet , ausgedrückt, und dann in Itochendem Al- 
kohol aufgelöft, dann fich felbft 7um Verdunften über- 
laffen. Hiedurch wurden fie völlig weifs , und unter- 
schieden lieh nun in Hinficht auf Kryftallifation, AuflöS- 
lichkeit in Waffer und Alkohol , Schmelzbarkeit bei ge- 
linder Wärme u. f. w. durchaus nicht vom Trauben- 
zucker. Der ganze Zuckergehalt des Harns wurde in 
fefter Geftalt dargeftellt. Wahrfcheinlicb ift der flüffige 
Zucker der Pflanzen keine eigne An , fondern eine Ver- 
bindung eines kryftallillrbaren Zuckers, deffen Befchaf- 
fenheit variiren kann, mit einem andern Princip, wel- 
ches die CohaConskraft des erftern überwindet. 



4, Gay-Laf/ae über die Umwandlung der 
Muskellubltanz in Fett. (Ann. de Chimie et 
de Phyfique. T. 4. p. 71.) 

Wahrfcheinlich bildet fich bei der langen Einwirkung 
Ais Waffers auf thieri£che.Subftanzen kein Fett, fofiderh 
das erhalme wird nur durch die Fäulnifs und Auflöfung 
der Muskelfafer im Waffer blofsgelegt. Dies fcheint 
fich aus Folgeudem zu ergeben. 



151 

Hundert Gratnirien Blutfaferftoff vfurden. auf ein 
Filtrum geihan , 4effen Hais 3 — 4 Cenlimeter weit in 
QueckClber reichte, dann Waffer darauf gegoffen, 
welches alle 2 — 3 Tage erneuert wurde. Nach drei 
Monaten blieb auf dem Filtrum nur eine leichte, braune 
Scliicht, welche man nicht vom Papier losmachen konnte. 
Um auszumitteln , ob diefe ein fettiger Körper fey, 
wurde fehr ftarker Alkohol darauf gethan und gekocht. 
Die ahgefeibte Flüffigkeit fetzte beim Erkalten nichts ab, 
und wurde durch zugegoDfenes Waffer nur fchwach und 
nicht ftarker getrübt als Alkohol, der mit frifchem Fafer- 
ftoff gekocht worden war. Auf dlefelbe Weife wurde 
OchfenHeifch behandelt, welches Fettftreifen enthielt; 
biebei blieb eine beträchtliche Menge von letzterm auf 
dem Filtrum. Auch ein Stück Lebei' liefs viel Fett zu- 
rück. Hiemach fcheint alfo das Fett bei diefer Zerfetzung 
der thierifchen Subftanzen in Waffer nicht aus dem Fafer- 
ftofF zu entftehen, fondern blofs durch die Fäulnifs, welche 
diefer erleidet, und wodurch er im Walter auflöslich 
wird, von ihm getrennt zu werden. 



5. Lavagna Un t erfuchnngen über das Men- 
f trua t i onsblut, (Abgekürzt überfetzt aus Brugncf- 
telli's Giornale di Fifica etc. 1817. p. 397 — 416.) 

Bekanntlich gerinnt das Menftruationsblut nicht, 
da man indeffen die Urfache diefer Erfcheinung noch 
nicht auszumitieiri gefucht hat, fo hielt ich es nicht für un- 
Aweckmäfsig, einige Unlerfuchungen darüber anzuTtellen. 
Da das wenig oder nicht gerinnende Eö.tus.-Jnfekten- 
und Reptilienblut wenig oder keinen Faferftoffsenthält, 
Blut, des Faferfföffes beraubt, nicht gerinnt , und Four- 
Icrrr)- eben fo in dem nicht gerinnenden Blute Skorbuli- 
fcber keinen Faferfioff fand , fo bot üch d»e Vermathung 
dar, daCs auch hier der Mangel an Gerinnung imMangel 
des FaferftoiFes begründet fey. Dies war defto wahr- 
Ibbeinlicher , da Vermehrung des F^ferftoffgehalte« die 
Gerinnbarkeit des Blutqs T?rfiarkt. So gerinnt das fafer- 
Itoffreiche Blut der Fleifchfreffer, and der meiften Vögel, 
ftarker oder an entzündlichen Kratikheiten leidender, 



153 

«der folcheir Menfchen, welche ßcli anlialtend ftark be- 
vr^gten , oder reizende Subftanzen , z, B.Senf, China, 
genoffen, ftark. Der Verfiicli beftSiigte die Vermuthung. 
Das völlig flüffige Wenftruationsblut eines 24 Jaiir alten 
Frauenzimmers wurd& in ein leinenes Tuch getban, 
Waffer darauf gegoffert, und nur feiten fchwach gedrücUf, 
io dafs das Waffer mit dem Farbelioft'c durchdrang; nir- 
gends aber fand ficb eine Spur von Fafcrl'toff. Zur Ver- 
gleichung wurde eine gleiche Menge augenblicklich ge- 
ronnenes Blut aus der Armvene eines , an einer leichten 
Sjnocha leidenden Mannes von 40 Jahren auf diefelbe 
Weife behandelt, hier aber fand lieh iiaL-li 4 Stunde eine 
Menge weifsen FaferftofFes. Mehrmalige Wiederholung 
diefes Verfuches gab immer denlelbea Erfolg, und die 
Kichtgerinnbarkeit des Menftruationsblutes fcheint daher 
im Mangel von Faferftoff in dcnilclben begründet. 

Mehrere merkwürdige Thatfachcn knüpfen fich an 
diefe Erfcheinung. Dieerfteift die weit geringere Neigung, 
des Menftruationsblutes zurFäulnjfs als des gewöhnlichen 
Blutes, welche, nach folgenden Vcrfuchen , vorzüglich, 
wo nicht ganz, im Mangel an Faferftoff begründet ift. 
Icli nahm drei gleich grofse Antheile von Blut, den einen 
aus der Armvene eines 40 Jahr alten, an einer Synocha 
leidenden Mannes, den zweiten aus dem gegen die Nach- 
geburt gewandten Theile des Nabelftranges , den dritten 
aus dem gegen den Fötus gerichteten Theile deffelben. 
Es war Sommer, und nach 30 Stunden lochen I und 2, 
die geronnen waren , im höchften Grade übel , während 
der dritte, faft ganz flüffige Antheil nur leichte Spuren 
von Fäulnifs gab. Daher fault die Crufta pleuritica, die 
blofs verdichteter Faferftoff ift, am fchnellfien. Daher 
falie Riiyfch im Gegentheil nach mehrmonatlicher Unter- 
drückung der Menftruation vier Pfund fiüjßges und gefun- 
des Blut aus der Scheide treten. Auf der andern Seite 
verdichtet fich und fatüt das Blut der Lochien nicht feiten 
in' der Scheide. 

Eine zweite Erfcheinung, welche mit dem Faferftoff- 
mängel des Gebärmutterblutes zufammenbängt, ift un- 
ftreitig der verhältnifsmäfsig geringe Nachtheil felbft ftar. 
is:er GebärmutteirblutilUlXe, und ftarker AlenTtruatioa auf 



I»^i^^>^ 



153 



der einen, die bedeutend gröfser« Sohnvächung durch 
arteriellen als durch venöfen Blutverluft, felbft durch 
Schröpfen , als durch einen gewröbnliclbien Aderlals., auf 
der andern Seite. . ,, 

Eine Wiederbolung obigen Verfuehes niit'den»;"ti5Biit 
gerinnenden Blute einer dreifsigjährigen Frau , 't<reJch6 
feit 4 Monaten an einer leichten, fthcnifclien Menorrha:. 
gie litt, überzeugte mich, dafs auch diefes' köüe'-Sj^tlir 
von Faferftoflf enthielt. ■ ■ 

Leichte fthenifcheittenorrhagieenlind alfo wahrfcbein- 
lich nur eine,^durch Reizung vcrfchiedner Art verftärkte 
Wenftruation, und liediufen keiner ärztlichen Hülfe. 
Dagegen ift das Blut bei Gebärmutterhlutflüffen , welche 
ein l'roduct einer fehr erhöhten Thätigkeit find, fafer- 
ftofflialtig, gerinnbar, und zur Fäulnifs geneigt. Selbft 
nach Wegnahme der Nachgeburt bemerkte man diefe 
Etfcheinung. 

Die obigen Betrachtungen leiteten mich zu Unter, 
fuchungen über das Blut des Fötus, der Nacligeburt und 
das, welches fogleich nach Wegnahme der letztern ans 
der Gebärmutter tritt, um daraus vielleicht Licht über die 
Function der Nachgeburt und die Veränderungen de« 
Wenflruationsblutes durch die fchwangere Gebärmutter 
Behufs der Bildung und Ernährung des Fötus, vorzüglich 
leiner Muskelfubftanz , zu erhalten. Bei einer ftarkeu 
Frau wurde gleich nach der Niederkunft der Nabelftrang 
durchCchnitten , und eine gleich grofse Menge Blut aus 
dem gegen die Nachgeburt und das Kind gewrandtea 
Theile derfelben in zwei Gefäfsen aufgefangen, aufser- 
dero ein driller, gleich grofser Antheil von dem, aus der 
Gebärmutter fliefsenden Blute genommen. Alle wurden 
auf die obige Weife behandelt, und aus wenigftens vier- 
maliger Wiederholung diefes Verfuchs ergab iich mit Bcf 
flimmtheit : l) dals das aus der Gebärmutter und dem, gegen 
die Nachgeburt gewandten Theile des Nabejftranges flie- 
ßende Blut feft gerann, und eine anfehnliche Menge von, 
wenn gleich weicherem und mehr gallertigem FaferfioiF als 
das Befunde 'Blut einet Erwachfenen gab; 2) dafs das 
aiit dem gegen den Fötus gewandten Theile der Nachge- 
»jurt flieljende mir zu einem äuCserft kJeiuea Tlieile ce- 



454 

rbnherE waüyvJtuMl «oeitiaigfe-idüitiifr'Faden^Ton Fafer- 

floff gab'.'). .'irtMftvR'i'J •'•, ...!•<, -, , 

* •' -ftiet-aut' fcüfeitiilfiBi r.u ef geben , 'dafs l) die fcliwan- 
' gere Gebärmutter die Fähigkeit erhält, ifar'Rlelrftruations- 
Jjlij^piitP^feKfteff'a.i vevfehen; sjdali derFötus dem mit 
i'afet'ftofr veich verfeheilen Blute, wel.clies zu ihm tritt, 
tj^ief«;)! .«vntziebt, mitl./itl) aneignet; jMafs dieJNabelpuls- 
^d^ea jipp. ib(n au^.das.aii Faferl'tort" verarmte Blut wie- 
der zur Nachgobui t fiiliren, und durch die Nabelblutader 
Itatt deflen faferftofrreicjies , erregendes und ernährendes 
tolut zute Ffitn's zUrücU'geht. 

' Jpie.JFäl^igkeit der fchwangern Gebärmutter, dem 
Eli^e Faferftoff jBitTiutJieilen, ift unftreitig in ihrer erhöh- 
'ten F.rrc^'ung begründet, gerade wie das Blut überhaupt 
in ,dei« IVJaufse iTieJir Ff fprftoff enthält, als die Erregung 
ttäijcer ift. Aijclj die tintzün4lungshaut des Blutes der 
Schwangern hängt unftreitig hiemit zufammexi. Das Mit- 
tel, wodurch die erhöhte Erregung Vermehrung desFafer- 
ftoffgeliÄltes hervorbringt, ift vielleicht fchon nach der 
Analogie der Vögel die Verftiirkung des llefpirationspro- 
ccfles. Dafs wirklich' der Grad der Erregung mit dem 
FaferftofFgehaltc des Blutes parallel läuft, ergieHt lieh aus 
•von niir angeftellten Verfucheu mitThieren, die langfam, 
■und andern, die Ichnell getüdtet wurden. Sogerann 
•unter andern bei einem Kaninchen das aus der Schenkel- 
pulsader gelaifene Bkit fogleich , und gab bei der vore«- 
wähmoTi Methode verhältnifsaiäfsig viel FaferftofF. Hier- 
auf wuide das Thier nach langen Martern getödtet. Als 
es fchon im TodeskrampJ"e lag, a'jer noch athmetc, wurdi« 
von neuem Blut aus der Schenkelpulsader gelaffen, dies 
?iber blieb faft ganz flüffig, und enthielt faft gar keinen 
Faferftoff. Fontanas und Pringles Verfuche beweifeki 



i)'HäJt man den durcliCcbnittenen NabeUtrang auf beiden Sti- 
len etwas in die Hüiie, fo dafs das Blut , um aUFZufliefsen, at* 
was au£ftcigen mufs, Co erhält man aus dem» gegen die Nach- 
geburt gewandten Tbeile das letne Blut der Nabtivene, au* 
dem, mit dem ^ütus veibundnep dagogea bloft -dat Xfat|fl> 
aneiieablut. 



Ji*^rf1*fcl ^^^ 



Ui 



Blute fchlafferMenfchen und Jange gequälter Tliieve darou 
her, dafs diefe Zuftände die : Ernährung, vyodurch vor- 
züglich Faferftoff entzogen wird, begünliigen '), nach 
der Analogie des Fettvvfcrdens durch Äderlärije, der Veji:- 
grofserung der Leber und Milz, in welchen jich das Bli\t: 
TOrzüglich langfam bew^t. . 

: ' Der Grad der Erregung der Gebärniutt^r , - Behufe 
der FaferftofFvermehrung ihres Blutes, variirt unftreitig 
in den verfchiednen Perioden der Schwangerfchaft nach- 
dem Bedürfniffe des Embryo, und beide nehmen allmäh- 
Jicli zu. Wahrfcheinlich deshalb ßnd Gebärmutterblut- 
Biiffe, nachdem Zeugniffe trefflicher Aerzte, in den letz- 
ten Schwangerfchafisperioden weit gefährlicher als an- 
fänglich. 

Haben daher vielleicht die Gcbärmutter^efäfse die 
Verrichtung der Lungen für den Fötus, wie andre , z. B. 
Girtanner , für die Nachgeburt vermutheten? 

Nach dem Vorigen geht das Blut faferftofFreich zum 
Fötus, und kehrt jiagegen arm an Faferftoff von ihm zu- 
lück. Hieraus folgt lehr leicht, dafs fein FaferftofFgehak 
in den verfchiednen Gegenden des Fötuskörpers fehr ver. 
Ichieden feyn mufs. Am leichften daran ift das Blut des 
linken Leberlappens urtd des venöfen Ganges , armer 
^iaran wird es fchon durch die Beimifchung des Blutes 
der untern Hohlader; immer ift diefes reicher daran als 
4]as Blut der obern, welches in das rechte Herz, dann in 
die abfteigendeAorte tritt, während jenesfich in das linke, 
von da aus in die au ff teigende Aorte begiebt. Daher denn 
die fchuell« re Entwicklung der obern Körperhälfte, weil 
£e ein fafei ftoftVeicheres , daher nährenderes und reizen- 
deres Blut erhält. 



l) Unftreitig woM ehn daher. äaU mm Jentn Bedingungen 
wegen geringer Energie des Leb« nsproceffes überhaupt , vör- 
iQgtich aber det Kefiiiratiorispr'OcefTes , ein uhvoUkommnes 
Blut gebildet wird. Das Fettwerden nach AderLiCfea dürfte 
clier Vermehrung des F^tferrtoCfci im Blute veranlaCTen, und 
ift keine verftärkte Eiadhruoe, 

M. 



II« 



^ ^mm i W KP 



'"' ' Watli allen« Gefagteri ift «s wohl fehl-.ua'hvrcheinlicli, 
Safs aHch iri dem Blute anderer Organe beltäridigider Fa- -i 
rerftoffgehalt viriir». So «fc efr r. B. w-a+iVfcheinlicb' gefing j 
in den zur Errtährung desOehicnsüertimintEnE'ulsadeiTi, 
IjÄtVdclltrichl' dagegen, im Blat* dar: MuAdgefäfse. ;. Di« 
AiiaJögle itil Baue^ der VsWlfcunng-; iGtafsfe der Hirn« 
und Gebärinutleigefdfse naaclit dies noch ■■«-ahrfcheinlioher. 
iSien^ fo '#e>h8l?'")lch^ axwSa die Milz ähnlich .in Hiiiüclit 
i»af AflorditOrtg-deröefSlse nndMaJigelan G-erinn barkeit 
ihrfes Blute*- Aöf: dee-ändei-n. Seite hat V/ahrfcheinlich 
jeder Theil'des Pulsaderfyftems die Fähigkeit, lieh bald j 
rtshr", bald weniger' F«,rerftoff anzueignen, das arteriöfe 
Blut ift' daher nicht iiVmaÖPj und nicht überall ideiuifch, 
tind feihe' Haupfwrfchicdonlieiteii rühren Ton dem v«r- 
fchiednon Faferfioffgehalt her. Die nächCte Urfache des 
Verfobiedhäti FnlierftcifF^lialtes aber üt Terinuthlioh die 
Verfchiedenlieit in def tebaniltimaiung der Theile und 
krankhafte Abänderung von diefer mufs daher nothwen- 
di" auch jenen abändern. Auf jeden Fall wäre es wich- 
tig , die Verfchiedenheit des FaferrtofFgehaltes des Blutes ^ 
in deA verfchiednen SyCtemen und dea verfcbiednen 1 
Kr^nkheitea zu unteifuchen. 



<ji,'.jirai«cAe Bemerkungen über die Aciditit 
und Alkalität der Au s wurf sfl ü fCigke ite«. 
(Aus Leroux's Journal de Medec. Vol. 3a. p. 353 

■ '— 35'6.) ■ ,;..:^: ■ 

Die Acidität und Alkalität der Auswurfsflüfligkeiten 
verdienen, ihrer Wichtigkeit wegen, befondere Auf- 
merkfamkeit, indem ihre Befchafienheit im gefunden 
Zofiande , ihre Abänderungen unter verfchiednen Bedin- 
gungen nützliche Thatfachen zur Erkenntnifs der Krank- 
heiten, 4er Schätzung ihrer Dauer und der Ausmittlung 
des Heilverfahrens an die Hand geben könneh. Merk- 
würdig ift , dafs im gefunden ZuTtande die Auswurfsflüf- 
figlteiten freie Säure haben. Dies gilt fehr merklich für 
den Schweifs, die Ausdünftungsmaterie der Haut, der Lun- 
gen, der Nafe, überhaupt aller Schleimhäute, des Ma- 
gens , Darmes , den Koth , den Harn. Bedeutende Ver- 
inderungen der Gefuadheit ändern auch diele Charakter« 



^^«0- ■ 



m 



ir.elr oJer weniger merklich ab. : Die Säure Termehrt 
oder vermindert fich, oder verfchwindet gänzlich , und 
diefelben AuswnrfsflülJQgkeiten werden alUatifch. Dies 
letztere gih namentlich für die von entzündeten Schleim- 
ilichen ausgefonderten Flaffigkeiteni Beim Bheumatis- 
trjs jft der Schweifs mehr fauer, bei Nervenleiden wird 
er es dagegen weniger, felbft alkalilch. Bei Krankheiten 
d:- Darmkanals verlieren die in ihm enthaltnen Subftan« 
zen ihre Säure und werden alkalifch. Die, Säure des 
Harns vermehrt fich in deii verfcliiednen Periode» acuter 
Unierleibtkrankbeiten, Verfiopfungen des Unterleibes, 
Wafferfuchtea und den verfchiednen Leiden der Saug, 
ädern. Bei Nervenleiden vermindert fieh die Säure, und 
das freie Alkali tritt in der ausgebildeten. Gelbfucht, f» 
wie bei vielen Krankheiten der Harnwege hervor. 

Die Nützlichkeit der Bekanntfchaft mit diefen Ver- 
änderungen ergiebt lieh ungefähr aus Folgende». 

Im Anfange von Koliken und Schmerzen, die auf 
"gewiffe Organe befchränkt find, ift man oft ungewifs, ol> 
£e in einer Nervenreizung oder einem entzündlichen Zu- 
Ttatide begründet find. Der Harn ift dann ein neues 
Mittel zur Diagnofe, da er im Nervenleiden alkalifch, 
oder nur wenig fauer, bei Enizündungskrankheiten fehr 
fauer ift. Eben fo kann man dadurch den einfachen Aus- 
wurf von dem fchwindfüchtigen unterfcheiden : der er- 
ftere ift fauer, der zweite von dem Augenblicke di^i- Ei- 
terbildung an alkalifch. Eben fo ift die gefunde, von. 
der innem Fläche der Gebärmutter abgefonderlel^lürfig. 
keit fauer, wird aber bei Verfchwärung der erftern alka- 
lifch. Der unter den meiften übrigen Umftänden faure 
Harn ift bei Gefchwuren der fjarnorgane jükalifch. 

Aach auf den Verlauf und Ausgang der Krankheiten 
läfst fich aus der Acidität oder Alkalität der Auswurfs- 
ftoffe fchllefsen. Nach Berthollet' s Beobachtungen von 
1780 verliert der Harn gegen die Zeit des Gichtanfalles 
feine Säure, erhält fie aber gegen das Ende wieder, wor- 
aus fich auf den Eintritt und das Ende des Anfalles fchlie- 
üen läfst. Diefe Beobachtungen habe ich zu beftätigen 
Gelegenheit gehabt, indeffen einige Anomalieen gefun- 
den. Auch habe ich fie auf eine Menge andrer Krank- 
heiten ausgedehnt, und gefunden, d«fs im Anfange der 



tSf «*•*— "-«— ^ 

Harn -ireiftehs hell nnd wenig fauer ift, dagegen, 
ivenn lie nachlaffen, dunkler und ftärker fauer als im 
gefunden Zuflande wird. In einer ftarken Gelbfucht, 
die ich beobachtete, war während des höchften Grades 
derfplben, der Harn beftändig alkalifch, wurde aber, wie 
4ie Krankheit nar.hliefs , fogleich fauer. .: 

Einige Schriftfleller fetzen die herpetifchen Krank- 
heiten mit AosfchlagSkrankheiten, z. B. den Pocken, 
<3en Blafenausfchlägen, in eine Klaffe; indeffen unter- 
Jcheiden fich die in ihnen gnbildeten AuswurfsflüfCgkei- 
ten chemifch auffallend von einander. Die Flüffigkeit 
der Exantheme ift alkalifch, die der Flechten fauer. 
Die erftere ift ein Product der Entzündung, die letztere 
fcheint mir in einer vermehrten Hautausdünftung be- 
gründet zu feyn '). 



l) Ungeachtet der WicJjtigkeit von Unterfticliuogen dieler Axt 
verdiene doch hier, wie (chon Biera (Giorn. di med. pratt- 
T. Vlll. p. s8jO ''" ^^'" vorftebenden Agffatze bemerkte, 
angefiilirt zu werden, dafsfcbon nach Bricudc (Mim. de la foc. 
de medec T. X.) in den acuten Exanthemen der Aus wurfsftoff, 
nach Verfchiedeoheit der Periode und der rtatur der Krankheit, 
bald fauer, bald alkalifch ifc Eben fo fanden Fourcroy und 
Vauouelin , dafs im Schnupfen der Schleim gegen das Ende der 
Krankheit nichr mehr alkalifch ifc, indem das Natron durch 
KohleoTMiTe neutralifirc wird. 

M, 



••■- ■ '-'^ 



Erklärujtg der liupfertafeff^. 



. E r f t e T a fei. 

Za Seite 34 £f. 

Fig. !• Hüllen eines Scliafsfotus, mit anhänseiideni 
Stuck der Häute eines nebengelegenen 2wil]ings- 
fütus. 

A- Endftück der Hüllen des einen Fötus. 

S. a — k. Zum andern Fötus gehörige Theile , unver- 
letzt; alCo von aufsen mit dein Chorion bekleiäet. 

a) Wo d^e Hüllen beider Embryonen zufammen- 
treffen, 

J) EingefenkterTheil ; durch die äufsern Hüllen des 
Endftückes A. durchfcheinend. Etjde der verbun- 
denen Hörncr beider Hüllen^ Beiden Embryonen 
gemeinfchaftlich zugehörend. Runzlich, faltig, 
_jl:. abgeftorben, gelbgrau, opak. 

W e) Freies Ende des andern Harns' der Hüllen. 

i) Faferiger, opaker Anhang, entwickelt. Kein 
Diverticulum. 

e. e) Stämme der Umbilicalvenen. Einer in jedem 
Hörne. 

/. f) Stämme der Umbilicalarterien , ebenfo. 

Von diefeii Gefäfscn verzweigen fich zahlreiche 
Aefte in dem Chorion , deren jedoch nur ein klei- 
ner Theil in der Zeichnung angedeutet worden ift. 
Von Cotyledonen keine Spur. 



169 

g-k:i) Durcb die Hüllen durcUcheinende Darm. 

blafe. h) Blafenartiger WittcUheil , einem ver- 
fchlungenen Knoten ähnlich, gh) Das eine Hörn 
der Darmblafe. gl) Das andre Hörn derfelben. 

Am Urfprung liegt diefe Darmblafe entfernter 
Ton den Blutgefäfsen; gegen das Ende der Homer 
bin nähert fie iich ihnen, und ift Ichwerer von 
ihnen zu unterfcheidhn , weil da auch die Blutge- 
fäfse blafs werden. 
K) Der in feinem Amnios eingefchloITene Fötus, 
durchfcheinend, 

Fig. 2. Fortfetzung von Fig. I. Das äufsere Blatt 
des Chorion ift aufgefchnitten , und zurückgelegt. 
Die Gefäfsverzweigungen an dem unvarletzten Theile 
des Chorion find nicht angedeutet, um den Lauf dejr 
Darmblafe beffer zu zeigen. Der bedeutendfte Tfaeil 
der Darmblafe und das innere ßJatt des Chorion lie- 
gen blofs. • 
s — t) Wie in Fig. I. ^• 

'" t ni) Zurückgefchlagene Theile des durchfchnittehen 
äufsern Blattes vom Chorion. 

n. o) Inneres Blatt des Cliorion , unter der Darmblafe 
alle Theile überziehepd; die AUantois deckend. 
An ihm hängen die Nabelgefäfsftämme fefter, als 
an dem äufsern Blatte des Chorion. Es empfängt da- 
Ton Aefte, wie diefe& Oft find Reifer von Zweigen 
zwifchen beiden Meftibranen gemeinfchaftlich , fo 
dafs die Darmblafe zwifchen deren Tiieilungea 
,. durchgeht. 

P) W° '^'^ AUantois, als Uraclius, mit den Nabel- 
gefdfsen in das Amnios eingeht. Die Darmblafe 
daneben liegend. Nicht damit in eine Nabelfchnur 
znfammcngedreht. 

Fig. 3v Derlelbe Fötus im blofsen Amnios elngefchloHen, 
vergröfsert. 
g.h.i) Znr DarnMafe getörig, wie oben, 
p) yrabhns mit den KabelblutgeMseii. (ee. //.) 

g. r. j) 



f. r. s) umfang des Amnios, tiierenföimig. An fei- 

nem Einichnitte treten Urachusunci Darmblafeaus. 

t. u. V. (f) D^urchs Amnios durchfcheinender Fötus. 
Kopf; «) Vorderfufsftummel; v) Hinteifufs- 
"i Itummel ; x) Schwanz. 

Fig. 4. Derfelbe FöluS, vergröfsert, vom Amnios ent- 
blöft. 

Die AUafttois ift am Uraclius, die Vena umbili- 
calis kurz vor dem Uebergange in die Leber alige- 
fchnitten; die Dnr;;,6/a/e entfaltet. Die Bauchwand 
ift im Umfange der Bauchhöhle abgenommen, Ib dafs 
das ganze Cavum abdominis offen liegt. Ma.n lieht 
darin die grofse Leber, den Darm ohne fVindungen, 
die Vafa amphaloine/enterica, das iMefenterium, einen 
zu den Gefchlechtsorganen gehöiigen Theil und die 
Arteria umbUicalis neben dem Urachus , der noch 
ohne Blafe ift. 

g. h, i. fltt) Darmhlnfe; A) def entfaltete Knoten der- 
felben; g i. ilire Hörner; ««) leicht gefchnüne 
Stelle , wo die Darmblafe in die Bauc/ihöhle eintritt, 
und mit dem Darm zufammenhüngt. Von diefem 
Ort» an fehlug ilch auch das Amnios um. 

p) Urächus ; neben ihm die beiden Arteriae uiMbUi. 
calei. Keine Hainblafe. 

t. u, V. x) Körper des Fötus ; t) Köpf; au) Fufsftum. 
mel ; =) Sclnvanzrudiment. 

y. s) Wo die Bauchwand abgefchnitten ift, 

a) Leber. 

fi) Abgefchnittene Vena umbilicalis ; Wo Iie in die Le. 
ber tritt. 

y) Zu den Gefchlechtsorganen gehöviger, längft der 
Rückenfäale beiderleits abfteigender Wulft. 

d. e. a a) Durmkanal. 
H) Magendann. Trifft niit dem Enddartn an der 
Darmblafe iu elbem fpitzigen Winkel zufaromen 

M. ä. Archiv, ly. t. t. 



163 



(aa) und fteigt von da hinter der Leber, lätigfl der 
Rüclwnfäule, hinauf; fchwillt dafelbft iu eine kleina 
Erweiterung an , und geht endlich in den engern 
Oefophagus über. 

i) Enddarm; enger als der Magendarm. Von feiner 
Vereinigung mit Magendarm und Darmblafe (««) 
in einem Igichien Bogen abwärts laufend, zum 
Schwanzende des Fötus. 

Q Arteria ompkalnmefenterica \ neben dem Magendarm 
auffteigend ; fällt hinter der Leber, anderllücken- 
fäule, in die Aorta. 

«j) Spur der Vena ompbalomefenterica; .imMefenterium, 
das in einem dreieckigen Raum, hinter Magendarm 
^ uiid Enddarm , ausgebreitet ift. 



Zweite Tafel. 

Zu S. 60. u. S. 134- 

iFig. I. Lunge des gemeinen Gecko, 
a) Luftröhre , vorn aufgefchnitten. 
*) Rechter Luftrährenaft. 
c) Linke Lunge. 
dd) Reihe grofser Zellen, in welche ficb «Jer Luftröh- 

renaft fortfetzt, 
e) Kleiner Länger.knorpelftreif, der gleichfalls „vom 

Luftrührenafte flammt. 

Fig. 2. Linke Lunge des Calotet, 
rt> Luftröhrenalt. 
i) Hintere, 
c) Vordere Reihe tiefer Zellen. 

Fig. 3- Beide Lungen des gemeinen ÄämöZeoB. 
a) Luftröbrenaft. 



163 

*) nncl c) Unrollkommne Scheidewände in dem lün- 
geiifacke. 

d) OefFnungen, durch welche die Scheidewand c. 
nach unten ^"»•chbrochen wird. 

Fi". 4. Linke Lunge von Iguana delicatifßma. 

a) LuFtröh'renaft. 

i) Hinterer kleiner, 

t) Vorderer grüfserer Lungenfack. 

dd) Vollftändige Scteidewand zwifchen beidän. 

ee) Zellen neben ihr im hintern und 

ff) im vordem Sacke verlaufend. 

SE) Unvollkommne Scheidewände, welche fich im un- 
tern TheiJe des vordem Sackes befinden. 

Ä) GemeinfchaTtlicbe Oeffnung der Lultrühre in beid? 
Säcke. 

Fig. 5. Rechte Lunge von Tupinam^is Bengalenß}, 
a) Luftröhrenaft. 

*) Oberer kleiner Aft. 

c) Unterer, geöflFnet. 
ddd) von ihm, 

e) von h abgehende Gänge, welche letztere fich it( 
fff) weite, aber getrennte Säcke, öffnen. 

, Fig. 6. Lunga Ton Coluber flagelliformis, 
a) Luftröhre. 
6) Grofse linke, 

c) Kleine rechte Lunge. 

d) Längenftreif , in welchen die Luftröhre übergeht» 

Fig. 7. Lungen von ßoa mun'na. 
a) LuftröhrQ, 



154 •"' 

t) und c) Rechte Lunge , oben und unten g^ufliaet. 

d) Linke Lunge. 

iFig. 8» iMtiga von Typhlops crocotatut. 
«) Luftröhre. 
bbb') Vorderer Theil der Lunge mit tiefen Zellen. 

e) Einfchnürung zwifchen ihm und 
d) dem hintern Theile. 

• eeeeeee) Querwände, welche die hintere Hälft« 
abtheilen« 

p ig. 9. Eine Reihe der Drüfen aus dem Drüfenmagen 
der Javafchwalbe, 15 Mal im QurchmeUer, 325 Mal 
in der Oberfläche vergröfsert. 



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Deutfehes Archiv 

für die 

PHYSIOLOGIE. 



Vierter Band. Zweites Heft. 



Ueber das amerikanifche Pfeilgift. Von F. A. 
G. Emmert. 

Ich gedenke in diefem und den folgenden Heften AiS 
deutfchen Archivs für die Phyßologie eine Reihe von 
Beobachtungen über mehrere Gifte niitzutheilen, welche 
ich entweder bis jetzt gar nicht , oder nur in Diflerta- 
tionen bekannt gemacht habe, und am Ende eine Ver- 
gleichung der verfchiedenen Gifte, rücküohtlich ihrer 
Wirkungen, fowohl unter einander, als mit den An- 
fteckungsftoffen hinzuzufügen. Um aber nicht durch 
den gleichförmigen Gang diefer Unterfuchungen zu er- 
müden, werde ich mehr die Refultate der einzelnen 
Verfuche, als diefe felbft mittheilen ; zugleich die Ein- 
würfe, welche der, von mir über die Wirkungsart der 
Gifte aufgeflellten Anficht, gemacht worden find, und 
die phyfiologifchen Lehrfätze beriickfichtigen , welche 
durch die Beobachtung darüber beleuchtet werden! 

Die Unterfuchungen über das amerikanifche Gift, 
mit welchen ich den Anfang mache, theile ich hier faft 
ganz fo mit, wie fie in der Inauguraldiffertation des ver- 
ftorbenen Dr. Emmers ') enthalten find: ich habe ihnen 
einige Beobachtungen über die Uurchdringbarkeit der 



l) De veaeno americano, Tubingae 1817, 
M. d. Archiv. IV. 2. 1^1 



belebten tliierifclien Theile für gewichtige Stoffe und 
einige neue Beobachtungen liber diefes Gift beigefügt, 
dagegen einige von den Verfuchen, welche Herr Enimer 
nicht in meinem Beifeyn angeftellt hatte, und deren 
Genauigkeit ich bezweifle, weggelaffen, üebrigens 
bemerke ich hier zur Steuer der VVahrheit, da!s an der 
phyfiologifchen Unterfuchung über das amerikanil'che 
Gift, Herr Dr. Emmer^ an der chemifchen hingegen 
Herr Dr. Palm grof^en AntheiJ haben. 

§. I. Von den amerikanifohen Pfeilgiften kennen 
■wir blofs diejenigen , welche Ticunas, Lama und VVoo- 
rora genannt, xmd von den Bewohnern des l'iidlichen 
Amerika, die theils die Ufer des Oronoko und Ama- 
zonenfluffes, theils das grofse zwifchen beiden Strömen 
gelegene Land bewohnen, bereitet werden. Das Ticu- 
nas wird von den indifchen Stämmen , welche an dem 
Amazonenflufs gegen den Berg Napo hin wohnen, und 
Ticunas , Pevas und Yameos genannt werden , das 
Lamagift von denen bereitet, welche in Oberperu 
in der Gegend der fpanifchen .StaiJl Lamas wohnen. 
Condamine ') ertheilt, fo viel ich weifs, über diefe bei- 
den Gifte die erften genauen Nachrichten, auch hat er 
fowohl in Cayen, als in Leiden einige Verfuche darüber 
angeftellt, und eine beträchtliche Menge von diefen 
Giftarten und damit vergifteten Pfeilen nach Europa ge- 
bracht. Späterhin haben Brocklesby '}, befonders 



i) Helation abrege d'un voyage, fait dans l'intcrieur de TAme- 
rique meridionale, depuis la cöte de la mer de Sud jusqu'aux 
cöces du Brefil et de la GuUne en defcendanc la rivierc 
des Amazones. Sielie Hifcoire de l'Acadeinie royaledes feien- 
ces. Paris 1747. 

3) Verfuche , die mit dem Gifte, womit die Indianer am Amazo- 
nenflufre ilire Pfeile vergiften, angeftellt find. Siehe Leske's 
aoserlefene Abhandlungen aus den pliilofophiTchen TransoctiO' 
aen Th. 111. S. ay. 



^ . — 167 

aber Heriffant') und Fontana') Verrücke ober die 
Gifte, Womit die Indianer 'am Amazonenfluffe ihre 
Pfeile vergiften, und über feine Wirkung auf den thieri- 
fchen Körper angefteljt. 

Brocklesby bediente fich zu feinen Verfuchen des 
Lamagiftes, das Ulloa der königlichen Societät zu Lon- 
don mitgetheilt hatte; Herijjant xheWs blofsdesTicunas, 
theils einer Mifchung von dem Lama und Tiotinas, das 
Condamine in dem füdlichen Amerika gefammelt; Fon- 
tana endlich des Ticunas , das Don Pedro Mtddonado 
von den Ufern des Amazonenfluffes gefammelt hatte. 

Die Zufammenfetzung des Ticunas und Lamagiftes 
ift nicht hinlänglich bekannt, man weifs blofs, dafs es 
aus Pflanzen bereitet wird. Nach Condamine ift es 
der Extract von 30 Arten von Kräutern und Wurzeln, 
Humboldt hatte leider nicht Gelegenheit, die Pflanzen, 
welche dazu verwendet werden, näher kennen zulernen. 
Das Lamagift kennt man eben fo wenig in Abficht auf 
die Pflanzen, welche zu feiner Bereitung verwendet 
werden. Nach Heriffant foll es mehr VVirkfamkeit, als 
das Ticunas haben, fie aber bald verlieren, übrigens 
diefelben Zufälle im thierifchen Körper wie diefes er- 
regen. 

§. 2. Das Woorora oder Wurali wird nach 
Bankrofi ') von den Indianern in Guiana bereitet, welche 
er Worrows, Accowaws und Arrowauks nennt j es 
M a 

1) Pliilofoph. Transact. T. 47. «ind tttke's auserlelene Abliand- 

lungen Th. IV. S. 35, 
a) DeCTen Abhandlung über das Viperngift, die amerikaniTclieti 

Gifte o. £ \v. Berlin 1787. 
3) Schreber über das Pieilgift der Amerikaner und die Gewäch- 

fe , aus denen es beieiiec wird , Si Natur/orfehcr, Halle, 

St, 19. S. 129. 



168 -^ 

hat feinpn Nannen von einer Liane, welche ein Haupte 
lipftatidtheil tleflelben ift. Die Vorfchrift, welche 
Bankrofc voxt den Aerzten, oder Peji des Stammes der 
Arrowauks erfuhr, weichen blofs in Antehung des Ver- 
hältniffes der beftandtheiie von einander ab. Sie neh- 
men dazu: 

Von der Rinde der Wurzel Woorora fechs Theile. 
. . - Worracobbiicoura zwei Theüe, 

. - - Touranabi 

. - - Baketi 

- - - der Wnrzel Hatchybaly 

von jedem einen Theil. 

Alles (Tieres -wird klein gefchabt , in einem Topf 
mit Waffer etwa ^ Stunde in freier Luft gelinde abge- 
kocht, nachher gelinde ausgeprefst, und bei gelindem 
Feuer zur Extracti ticke abgedampft. 

Mit diefen Nachrichten ftimmen die, welche Schre- 
fcer') von einem Bekannten in Surinam erhielt , ganz 
flberein , fie weichen blofs in der Schreibart ab. Zu- 
folge derfelben ift Woorora eigentlich Wiirali, Worra- 
cobbacoura heilst Warakabbacura , Touranabi foll Kau- 
ranapai, Balceti eigentlich Bikati, und Hatchybaly 
richtiger Hatibali feyn. 

In einpin Artikel der Zeitung von Neu- York vom 
Jahre iS'?» weicher aus Englijh Magazine genommen 
ilt , wird die Zubereitung von dem Pfeilgifte, deffen 
fich die Bewohner des, zwifchen dem Oronoko und dem 
Amazonenfluffe gelegenen Landes bedienen, und das 
Wourali genannt wird, auf eirre, etwas von der erwähn- 
ten Angabe verfchiedene Art beftinimt. Die Beftim- 
mung rührt von einem Herrn Waterton her, der fie von 



x) S. Nataiforfchec a. a. O. 



einem inctifcben Stamme Macouchi, die durch die Be- 
reitung des Wourali bekannt ift, im Innern von Effe- 
quebo erfahren hat. Zufolge diefer iJei'timmung ift der 
Hauptbeftandtheil deffeiben „die Lianp IVoura/'i, welche 
„in den vVäldern von Demerara und Efrequebo wächft; 
„ferner werden dazu noch zwei unbekannte Wurzeln 
„von bitterm Gefchmack, und die mit einem klebrigen, 
„ blafsgriinen Safte angefüllten Stengel iweier Arten 
„von Zwiebelgewächfen (bulbous plants), die wegen 
„ihrer Seltenheit fchwer zu erhalten lind, benutzt. 
„ Aufserdem werden dazu noch thierifche Theiie ange- 
„ wandt , nänilich: 

i) „Zwei Arten von Ameifen, wovon die eine 
„fehr grofs und fchwarz geEiirbt, und fo giftig ift, 
^dafs ihr Stich Fieber verurfacht, die andre ein glän- 
^zend rothes Infekt il't, das ein Neft bewohnt, welches 
„Ce fich aus dem Laub eines befondern Strauches macht, 
„und deren Stich die Wirkung von den Neffelii hat." 

2) ., Die Fang iähne der Lafearrie und Couiiacochie- 
„Scblangen, welche daher die Indianer, wenn fie irgend 
„eine folche Schlange tödten, ausziehen» trocknea 
„und zu Pulver ftofsen." 

„ Die Bereitung ift folgende. Die Zweige der 
„T.iane und die biltern Wurzeln werden zuerft fein g&- 
^ f'habi , und in eioeo Durchfchlag aus Blättern über 
„einem neuen irdenen Topf gebracht, und mit einer 
„hinlänglichen Menge von Waffer übergoffen. Die 
„■tur< hdringende Fluffigkeit liat die Farbe und grofsö 
„ Aehnlichkeit mit eiiaejn ftarken Kaffee. Dann wer- 
„den die Stengel der Zwiebelgewächfe zerquetfcht, und 
„ihr Saft mit den Händen in das irdene Gefäfs ausge- 
„ drückt; nachher wer<len die Fangzähne der Schlüngen, 
„die Ameifen und Pfoffer zufammen zerftofsen , und 
„der FiOffigkeit zugefetzt, alles über gelindes Feuer 
»gebracht, tind zu einem dicken dunkelbraunen Saft 



170 ^^^^^ 

j, gekocht. Der Schaum, welcher fich beim Kochen 
„erhebt, wird forgfältig mit einem BJatte entfernt, 
„ fobalil er fich nicht mehr erzeugt, fo wird die Berei- 
„tung des Giftes als vollendet betrachtet. Das Gift 
„wird in kleinen, von den Indianern bereiteten Töpfen 
3, aufbewahrt, deren Oeffnung fie mit Blättern bedecken 
„und raitThierfellen verlchiiefseti, damit die Luft nicht 
„auf das Gift einwirken und feine Kraft fchwächen 
„ kann. Man hebt es in dem trockenften Theile der 
,, Hiitten auf, und bringt es zuweilen über das Feuer, 
„um den nachtheiligen Einflufs der Feuchtigkeit abzu- 
„ wenden," 

Diefer Zubereitung von dem Woorora oder Wurali 
habe ich blofs die Bemerkung zuzufügen, dafs Lpjilie- 
nauU Beobachtungen über die beiden Upas-Arten ver- 
muthen iaffen, dafs blofs von einer, oder vielleicht 
zwei der erwähnten Pdanzen , namentlich von dcifi Wti- 
rali die Wirkung diefes Giftes abliängt. 

Bankroft ' ) hat mit dem Woorora während feines 

;, Aufenthalts in Gixiana einige Verfuche gemacht, und in 

den neueften Zeiteji Brodle *) mit eben dem Woorara, 

welches Bankroft aus Guiana nach Europa gebracht hat. 

^. j. Das Ticunasgift hat die Farbe und Confi- 
ftenz des Süfsholzfaftes, einen fehr bitteren Gefchmack 
und ekelhaften Geruch ; es zeigt unter dem Vergröfse- 
rungsglafe keine falzige Tlieile; verändert weder die 
Milch, noch die Farbe der Pflanzenfäfte , brauft auch 
nicht mit den Alkahen und Säuren; es lüft fich in kal- 
tem und warmem Waffer, auch in den mineralilchen 



l) Der Naturforfcher a. a, O, 

S} Verfuche und Bemerkungen über die verfchieclenen Entfteliungs- 

arten des durch Pflanzengifte verutfachten Todes. Siehe Reil's 

Aiciiiv für die Fbyliologie £d. XII. S. 177- 



und vegetabilifchen Säuren auf, es verbrennt, auf glü- 
hende Kohlen gevvorfrto, mit einem wirlerlichen Geruch; 
mit Blut vermifcht hindert es deffen Gerinnung, 

Das Woorora ^ft eine röthlioh braune Materie von 
bitterem, zugleich lehr brennend beifsendem Gefchinack, 
befonders wenn es von den Arrowauks mit rothem Plef- 
fer verfetzt worden, ift. Es löft lieh in VVaffer , VVein- 
geift, verdünnter Salzfäure, fliichligem Salmiakgeift, 
Speichel und Blut bis auf einen geringen erdigen Tlieil 
auf, brauft weder liiit SSuren noch mit Alkalien; die 
letztern verwandeln ihre Farbe in die gelbbraune ; in 
der Hitze fchmilzt es , und wird fliiffig , init warmem 
Blute vermifcht hindert es deffen Gerinnung. 

Wiewuhl nun diefe Charakteriftik vom Ticunas 
und Wüororagift, cb'e ich vorzüglich nach Angaben von 
Funtana und Banhrofc entworfen habe, fehr unvoll- 
ftändig ift, fo beweifet fie doch eine grofse Ueberein- 
ftimmung beider mit einander, auch behauptet Ba/zÄ/o/V, 
djs \Voorara komme in der Hauptfache mit den Pfeil- 
giften dec Bewohner yon den Ufern des AmazonenHuffes 
fibereiD,. 

§. 4. Das amerikanifche Gift, deffen wir uns 
zu unfern Verfuchen bedienten, halle ich durch die 
Güte mi'ines, um alle Zweige der Heilkunde fo ver- 
dienten Freundes Herrn Dr. Albers, erhallen , dem es 
unter dem falfchea Namen Upas mit folgenden Bemer- 
kungen von eipem feiner Freunde aus New- York war 
zugri'chirkt wonlen. ,, Hiemit nun fende ich Ihnen 
„zwei Kalabalsen Gift -Upas, oder wie Sie es nennen 
„ wollen; beide des nämlichen Inhalts. Ich habe felbi- 
„pcs vomOronoko mitgebracht, und kann Ihnen dahec 
„weiter nichts darüber fagen, als dafs es mit grofsen 
,,Ceremonien aus Kräutern bereitet wird, dann 50 Jahr© 
,, vergraben liegt, und endlich mit eben fo grolseu Cere- 



„monien von den Indianern wieder ans Tageslicht ge- 
„bracht wird. Man foJl es ohne Nachtheil efl'en kön- 
„nen, allein die geringfte Wunde mit dem Gifte berührt, 
„ift tödtlich, wenigftens habe ich Beifpiele davon in 
„warmen Klimaten gefehen; und fonderbar, gemeines 
„KCichenfalz gleich auf die Wunde gelegt, und es tod- 
j,tet das Gift nicht." Es war in kleinen Flafchenkiir- 
bifl'en enthalten, fahr forgfältig verwahrt, und hing fo 
feft an den Wandungen derfelbeu an, dafs es wahrfchein- 
lich noch im fliiffigen Zul'tand in diefelben gebracht wor- 
den , und darin erhärtet war. Diefes Gift zeigte fol- 
gende Eigenfchaften. Es hat in gröfsern Maffen eine 
dunkelbraune, faft l'chwarze Farbe, färbt aber befeuch- 
tet hellbraun, und hat einen lehr ftarken, nicht unan- 
genehm bittern, etwas brennenden Gefchmack, der ficb 
bald wieder aus dem Munde verliert, einen widerlichen, 
dem Siifsholzfaft ähnlichen Geruch ; erweicht in der 
Wärme, fchmilzt auf gliibenden Kohlen; verbrennt mit 
Flamme und einem etwas widerlichen Geruch, und 
hinterläfst eine voluminüfe Kohle. Es löft fich in kal- 
tem und warmem Waffer bis auf einen Riickftand auf, 
der von 200 Gran 30 Gran beträgt. Eben fo löft 
es fich in Weingeift von 0,821 fpecififchem Gewicht bis 
auf einen Riickftand 1%^ Gran auf. 

Das wäfferige Exiract verhielt Cch ganz fo, wie 
das Ticunas felbft, es hinterliefs fogar bei feiner Auf- 
löfung im Waffer einen äimlichen pulverigen Riickftdnd 
als das Ticunas felbft. Von diefem unterl'cheidet es fich 
vorzüglich durch feine gröfsere Sprödigkeit, ilie aber 
wahrfcheinlich von dem ftarken Austrocknen durch die 
Wärme hernihrle, denn an der Luft wurde es allmäh- 
lich zähe, wie das amerikanifche Gift felblt. Sowohl 
diefes Extract als das Gift felbft löft fich inSäurenj und 
in, mit Waffer verbundenen Alkalien ohne Aufbrjufen 
Suf, und verändert die Farbe der Lackmus- und Kurku- 



ma-Tinctur nicht. Die wäfferige Aiiflöfung verzögert 
die Gerinnung des Blutes fehr, wenn fie demlelben in 
gröfserer Menge beigemifcht, kaum aber, wenn ihm nur 
■^renig davon zugefetzt wird. 

Eine Auflöfung von Haiifenblafe brachte darin 
keine Veränderung hervor ; efligfaures Blei einen gel- 
ben flockigen Niederfchlag , der auf zugegoffene Salpe- 
terfäure wieder verfchwand, indem die Auflöfung eine 
fchönere orangengelbe Farbe annahm; fchwefelfaures 
Eifen bildete darin, einige Zeit nach feiner Beimil'cliuiig 
einen fchmutzig grünen Niederfchlag , welcher auf zu- 
gegoffene Salpeterfäure wieder verfchwand ; falpeter- 
faures Silber gab damit einen reichliciien , dunkel- 
grünen Niederfchlag; fowohl die geiftige, als wäffe- 
rige GaÜäpfeltinctur machte damit einen reichlichenj 
fchmutzig braunen , lockeren Niederfchlag, der getrock- 
net aus einer Auflöfung voa 8 Gran des wäflerigen 
Extractes 9 Gran betrug. Diefer Niederfchlag mittelft 
der Gallä'pfeltinctur war fowohl äufserlich in Wunden, 
als innerlich in den Dannkanal von labenden Thieren 
gebracht, für diefe völlig unfchädlicli. 

Das geiftige Extract verhielt fich ganzfo, wie das- 
wäfferige gegen die eben erwähnten Reagentien , auch 
wurde aus der wäfferigen Auflöfung deffelben durch die 
Galläpfeltinctiir ein reichliches und ähnlich befchaffenes 
Präciphat gefällt: der mit diefem Extracte angefcbwän- 
gerte VVeingeift fchmeckt ftark, aber angenehm bitter, 
und wird durch Waffer nicht getrübt; übrigens war 
cliefes geiftige Extract weit bitterer, als das wäfferige, 
auch lödtete es kleine Thiere, gegen welche wir es ver- 
fuchteo, fchneller und in kleinerer Quantität als das 
wä'f'Tige. Der abdeftillirte Weingeift zeigte keinen 
fremden Geruch. Der Rückftand von der wäfferigen 
Extraftion erfcheint theils als ein grobes erdiges Pulver 
theils als zarte Holzfalern von fchmutzig hellbrauner 



Farbe, fühlt fich tiart und rauh an,' kniftert etwas, 
wenn man ihn zwifchen den Fingern prefst, fchmeckt 
kaum etwas biiterlich, ertheilt dem damit gekochteu 
Waffel" eine fchmutzig gelbe Farbe und einen fchwaoh 
bittern Gelchmack , ohne darin merklich an Gewicht 
lind Umfang abzunehmen. VVeingeift, zerfloffenes- 
VVeinfteinfalÄ, fliiffif^es ätzendes flüchtiges Alkali und 
verdilnnte Sohwefelfäure laffen ihn , felhft damit erhixt, 
unaufgelöft; letztere wurde davon braun, die erftere 
aber gelblich gefärbt ; der fo gefärbte VVeingeift verlor 
durch beigemifohtes VVaffer diefe Farbe nicht. Dage- 
gen aber löfeii es die Salpeterfäure zum Theil, die con- 
centrirtc Efßgfäure ganz und ohne Braufen auf; die 
Auflufung in Salpeterf.iure hatte eine roftbraune, die 
in Effigläure eine fchwarzbraune Farbe, beide trübten 
fich weder durch Kalch'.vaffer, noch durch Zuckerfäure, 
aber mit zerfloffenem Weinfteinfalz gaben Ge einen zar- 
ten ^iiederfchlag, der fich locker anfühlte. An der 
Flamme des Lichtes bläht er fich auf, und verbrannte 
fchnell mit einer Flamme, ohne widerlichen Geruch 
auszuftofsen, zu einer fchwammigenj fchwer einzu» 
äfchernden Kohle, Auf lebende thierifche Körper 
äufserteer keine giftige vVirkuog. Per Rückftand von 
der geiftigen Extraction erfchien als ein roftfarbiges, 
fpröles, grobes Pulver, und äufserte einen merklich 
(chwächereu nachiheiligen Einflufs auf Thiere, als das 
amerikanifche Gift felhft, otler deffen wäfferiges Ex- 
ttact, 

§. 5. Aus diefer chemifchen Unterfuchung er- 
giebt fich: 

i) Dafsdasvon mir unterfuchte amerikanifcheGift 
fich ganz fo , wie das Ticunas und VVoorora verhält. 

3) Dafs es gtöfstentheils aus einem eigenen bitte- 
ren Extractivftoff befteht , welcher einige Aehnlichkeit 



175 



mit dem giftigen Bitterftoff der Stryclinosarten und dem 
von Trommsdorf unterhxchten üpas hat, und aus -/^^ 
eines unaufJoslichen Stoffes zufarnmen gefetzt ift , wel- 
cher theils Holzfafer, theils an der Luft unaufJöslich 
gewordener Extractivftoff zu feyn fcheint. Uebrigens 
fehJen ihm Schleim und Gerbeftoff. 

3) Dafs es durch die Galläpfeltinctur, auch durch 
die Veränderung, welche es an der Luft erleidet, feine 
Wirkfamkeit verliert, vielleicht auf ähnJiche Weife, 
wie, nach Fontana's Beobachtung, das Ticunas, durch 
Beimifchung von mineralifchen Sauren. Hieraus erklärt 
fich die vielfältig gemachte Beobachtung, dafs die Pfeil- 
gifte, ohne flüchtig zu feyn, mit dem Alter fehr an 
Wirkfamkeit verlieren. So erlitt ein Pferd, dem ich 
eine grofse Menge des amerikanifchen Giftes in eine 
Wunde am Hälfe brachte, keinen bemerklichen Nach- 
theil davon, während HerUJant mit Ticunas in fechs 
Minuten mehrere Pferde todtete; eben fo fand ich die 
Wirkung des Upas-Tieute, deffen fich Magendie und 
Delile') zu ihrer vortrefflichen Unterfuchung über die- 
fjes Gift bedienten, weit fchwächer als diele grofsen Ex- 
perimentatoren, allein ich ftellte auch meine Verfuche 
darüber g Jahr fpäter als fie mit demfelben Upas an, 
und einige giftige Pfeile von den Infeln des aGatifchen 
Archipelagus, welche feit mehreren Jahren in dem Na- 
turalien -Cabinet der Siadt Neuenburg aufbewahrt wor- 
den, äufsertf-n auf Katzen und Kaninchen, in deren Wun- 
den ich fie brachte, durchaus keinen nachtheiligen Ein- 
flufs. Eben fo iand Brodle das Woorora, welches ß««- 
kroft aus Guiana mitgebracht halte, weit fchwächer, 
als es fich in den Verfuchen bewiefs, welche Bankrofc 



l) Sieht- Delile for lei effets d'un poifon de Java apelle Upas 
tiiuci. Farn 1I109, 



in Guiana rfamit angeflellt hat. Die iibei' Hie 'Galläpfel 
vori mir gemachte Beobachtung, fcheint mir in fofem 
von VVicliligkeit, -als Her Gerbeftoff in neaern Zeiten 
als allgemeines Gegengii't betrachtet worden ift. 

$. 6. Njchdem ich nun die phyfifche und chemi- 
fche üefchaffeiiheit diefes Giftes, fo weit fie fich aus 
meinen bisherigen Unterfuchungen ergiebt , beftimmt 
babe, gehe ich zur Erörterung des Einfluffes über, deij 
es auf den thierifchen Körper von den einzelnen orga- 
jriifchen Syftemen deffelben aus äufsert, wozu ich vor- 
züglich das amerikanifche Gift felbft, liin und wieder 
auch das wäfl'erige Extract deffelben benutzt habe. 
Bi";her fehlte es faft ganz an Beobachtungen über die 
Wirkung, welche das amerikanifche Gift äufsert, wenn 
es an die Schleimhäute gebracht wird. 

Condaminp, Paw' ") und ßaiikroft behaupten, dasTi- 
cunas, Lama und Woorarafevenverfchliickt unfchädlich, 
weil die damit getödteten Thiere ohne allen Nachtheil 
gegeffen würden, und man das Gift, ohne Nachtheil ver- 
ftichen könne : ich felbft habe öfters J Gran und drü- 
ber, ohne Befchvverilen davon zu erleiden, verfehl uckt. 
Allein diefe Beobachtungen erweifen blofs, dafs die 
amerikanifchen Gifte in kleinem Quantitäten verfchluckt, 
gröfsern Thieren keinen Nachtheil bringen, dagegen 
aber lehren die Verfuche von Biorklcsby und Fontana, 
dafs das Lama und Ticunas auch in den Darmkanal ge- 
bracht tödtet; .denn nach dem erftern ftarb ein kleiner 
Vogel, dem er a Quentch. Zucker, und bald nachher 
2 Tropfen Lama - Gift zum Verfchlucken gab , und 
nach letzterem Tauben , denen er auf diefe Weife 6 Gr. 
Ticunas beibrachte. 



l) Kecbetches Philofopb. für les Americaiiw T, 11. p. jot. 



177 

Auch das von mir unterfur-hte amerikanifche Gift 
tödtet, wenn es in flen Magen von Tliieren gebracht 
•wird, nur wirkt es, verfchluckt, fcliwächer und lang- 
fanier, als wenn es mit andern Tlieilen des ihierifchea 
Körpers in Berührung gefetzt wird. Eine Taube, wel- 
clier ich 4 Gran von dem amerikanifchen Gift in PiDen- 
form zu verfchlucken gegeben, erlitt 30 Minuten 
nachlier die erften Zufälle davon, unu ftarb erlt nuch 
3 Stunden 45 Minut. Ein Staar, dem Eimner 3 Gr. 
diefes Giftes inWal'fer aufgelolt in den Schlund fpriilzte, 
flarb nach 45 Minuten; eine Dohle, welclie 4 Gr. zu 
verfchlucken erhielt, nach 40 Minuten, und eine Kai ze» 
welcher auf diefe Weife inneihalb 3 Stunden zweimal, 
jedesmal 6 Gr. beigebracht wur.ie, in 4* Stunden, 
Daj^egen erlitt eine Blindfchleiche, welcher 2 Gr., des 
■wälTerigen Extractes vom atiierikjnifchen Gifte mit 
10 Gr. VVaffer von Ermner in den Schlund gefprützt 
wurden , davon keinen Nachtheil. 

Es wurde Ichon bemerkt, dafs derGenufs der mit 
Ticunas getiidteten Thiere unfchädlich fey. Conda- 
mine fagt: fowohl er, als feine Begleiter hätten au£ 
ihrer Reife durch Guiana kein andere^; Fleifch , als von 
Thieren genoffen, welche mit giftigen Pfeilen erlegt 
worden, und es feyen ihnen dabei öfters die abgebVo- 
chenen Spitzen der giftigen Pfeile unter die Zähne ge- 
kommen. Herilfarit und Foniana bemerken, fie hät- 
ten mehrere, mit Ticunas getödtete Thiere verzehrt, 
und fpäterhio durcl> andere verzehren laffen, ohne dafs 
diefes irgend einen Nachiheil für die Gefumlheit gehabt 
hätte. Sowohl diefe Beobachtiingen, als auch der 
fchon erwähnte Umftand, dafs wir kleine Ouantitälen 
amerikanifchen Giftes, ohne irgend eine nachtheilige 
Folge verfchluckt hatten, beflimmten Herrn Emmpr, 
einen Verfuch anzuftellen , den ich hier der ßeforgniffe 
und Gerüchte wegen, welche er verauJiifste , mitiheile. 



178 — ^ - 

Er brachte einer Taube in ojne Wunde des Unferfchen- 
kels einige Gran von dem ameriUanifchen Gifte, und 
amputirte gleich nachher den Fufs oberhalb der vergif- 
teten Wunde, in dem Knie; als nun die Taube 8 Minu- 
ten nach Anbringung des amerikanifchen Giftes ftarb, 
fo liefs er fich die Taube braten, und verzehrte (ie nicht 
ohne Furcht, denn er hielt ein kräftiges Brechmittel 
bereit , uui fogleich das Fieifch der Taube ausleeren zu 
können, wenn es ihm Befchwerde verurCachen follte. 
Er machte nun zwar keinen Gebrauch davon, weil er 
fich 3 Tage hindurch völlig wohl befand, allein als er 
am 4ten Tag erkrankte, von Erbrechen, befchwerli- 
chem Schlucken, Zufammenfchniiren im Halle, ver- 
mindertem Gefühle in den untern Ghedmaafsen und Fie- 
berbewegungen befallen wurde, fo ergriff ihn Angft, 
und er leitete alle diefe Zufälle — von dem, in der ge- 
noffenen Taube enthaltenen Gifte her. Auch verord- 
nete ihm fein Arzt, mein verehrungswürdiger Freund 
tmd College Herr Prof. Autenrietli, Effig. Auf dies 
und andere iVlittel befferten fich zwar feine Befchwer- 
den; allein langfam, auch machten fie einige Rückfälle, 
fo dafs er etwa 4 Wochen hindurch krank lag. Spä- 
terhin befand er fich zwar anfcheinend v»ohl, allein 
etwa 5 bis 6 Monate nachher ftarb er plötzlich. 

Ungeachtet ich die Möglichkeit, dafs das Ticunas- 
Gift zu der Krankheit des Herrn Emmer etwas beige- 
tragen habe, nicht läagnen will, fo ift mir diefes doch 
höchft unwahrfcheinlich. 

1) Weil die Zufälle deffelben von ganz anderer 
Art , als die waren , weiche das amerikanifche Gift ver- 
anlafst. 

2) Weil das amerikanifche Gift, es mit vielen an- 
dern Giften aus dem organifchen Reiche gemein hat, 
feinen fchädJichen Einflufs immer einige Minuten, fpä- 
teftens einige Stunden nach feiner Anbringung an den 



tViierifclien Körper, nie aber fpäter und rfann zu Sufsern, 
wenn es wiederholt in kleinen Gaben in deiifelben ge- 
bracht wird. 

3) Weil auf den Fall , tiafs die Taube wirklich an 
dem Gifte ftarb, welches vor der Amputation desFiifses 

•von diefetn aus in ihre Säftemaffe fiberging, die Menge 
deffelben hochftens den loten Theil eines Grans betrug, 
eine jMenge, die verl'chluckt feJbif fehr kleinen Thie- 
ren nicht den geringften Nachtheil bringt. 

4) Hiezu kömmt nun endlich noch, dafs Herr 
Einmer einen fahr gefchwächten, durch Krämpfe und 
andere Uebel ^errülteten und entftellten Körper hatte, 
vorher oft an Bruft- und Unterleibsbefchwerden litt, 
dafs zu der Zeit, wo er erkrankte, hier gaftrifche Be- 
fch werden herrfchten, und dafs ihn endlich fein VVage- 
ftück, das er ohne mein VViffen , für fich unternommen 
batte, fehr beunruhigte. 

Daher habe ich für meine Perfon dieUeberzeugung, 
dafs fein Uebel gaftrifcher Natur war, und das Ticunas 
k'-inen unniiltelbaren Antheil daran hatte. Ich glaube 
daher folgenden Verfuch ohne die Pflichten , die jeder 
fich felbft und feiner Familie hat, nur entfernt zu ver- 
letzen, unternommen zu hat)en. 

Ich brachte einer Taube zwifchen Haut und Mus- 
keln des Unterfcfienkels 3 Gran trockenes amerikani- 
fches Gift bei, worauf fie nach 3 Minuten ftarb. Bald 
nach ihrem Tode nahm 'ich das Gift aus der Wunde, 
und nachdem ich durch Trocknen und VViegen deffel- 
ben gefunden, dafs es nur | Gran verloren halte, fo 
liefs ich mir die Taube braten und verzehrte (ie, ohne 
die geringfle ßel'chwerde davon zu erleiden. 

{. 7. Da bis jetzt nicht unterfucht worden ift, 
oh das amerikanifclie Gift feinen nachtheiligen Emflufs 
auf die Thiere äulsert, wenn es in den Dickdarm ge- 



>y 



180 

bracht wird , fo applicirte ich einer Taube 3 Gran vom 
trocknen amerikanifchen Gifte, dem ich die Geftalt 
eines kleinen Kegels ertheilt hatte, in den Maftdarm; 
fchon 8 Minuten nachher fank ße um, und nach 14 Mi- 
nuten war fie todt. Ein Sperling, welchem ich auf 
ähnliche Weife eine kleine Quantität amerikanifchen 
Giftes in die Cloaca gebracht hatte, ftarb nach 3 Minu- 
ten. Hieraus ergiebt fich, dafs das amerikanifche Gift 
Ton dem Maftdarm aus fogar fchnelier, als von dem 
Magen und Schlund aus , tödtet, was aber wahrfchein- 
lich blofs von den körnerfreffenden Vögeln gilt, weil 
bei diefen die Speiferöhre, befonders aber der Mageii 
von einem wahren Oberhäutchen bedeckt werden. 

§. 8- Ob die amerikanifchen Gifte von der Schleim- 
haut der Refpirationsorgane aus tödten, oi'er nicht? 
Darüber fehlten bis jetzt entfcheidende Verfu he. Gu- 
vnlki imd Condamine behaupten blofs, die Perfonen, 
welche Ticunas bereiten, kämen von den Ausdiinftun- 
gen deffelben um , daher iiberliefsen die Indianer die Be- 
reitung deffelben Verbrechern und alten Weibern. Auch 
Fajv erzählt diefes. Dagegen bemerkt Bankrofe, 
nachdem er die Bereitung des Woorora angegeben , die 
Perfonen , welche fie vornehmen , erlitten davon nicht 
den geringften Nachtheil, und was über die Tödtlich- 
keit der Zuberejtuns; behauptet würde, fey Fabel. 
Auch Fonta/m (S 286 ) erklärt Gz^wiZ/a'^ Behauptung 
für Fabel, nachdem er (S. 284.) erwähnt, er habe eine 
Taube und ßrh felbft, ohne die geringften nachtheiliT 
gen Folgen, den Ausdiinftungen, fowohl des trocke- 
nen 'gepulverten, als des Ticunas ausgefetzt, wel- 
ches er mit Waffer kochen, und auf Kohlen ver- 
brennen liefs. Dagegen erwähnt Herifjant (77), die 
Dämpfe einer grofsen Menge von, in Waffer aufge- 
löftemTicuDas, welches er in feinem Zimmer abdampfte, 

hat- 



181 



hätten auf einen jungen Menfchen und auf ihn feJbft 
nachtheiJig eingewirkt. Der junge Alenfch, welcher 
in diefem Zimmer fafs, erlitt üebijgkeit, und grolse 
Schwäche, und Herijjant, welcher (ich nach ihm in 
das, mit jenen Dämpfen angefrillte Zimmer begab, fiihlia 
lieh 4 Stunde darauf fo fchwach, dafs er ßch kaum aus* 
dem Zimmer heraus fchleppen konnte. 

Diefe VViderfprüche in den Beobachtungen veran- 
!a£sten Herrn Einmer, einen Spaz den Dämpfen, welche 
Jine Mifchung von 3 Quentchen amerikanifchen Gilles, 
ond 4 Quentch. Waffer beim Abdampfen entwickelten, 
äinige Minuten lang auszufetzen, allein er erlitt rlavon 
keine bemerklichen Befch werden. Ich felbft habe mich 
Jen Ausdünftungen, welche fowohl das amerikanil'che 
Gift felbft, als fein wäfferiges und geiftiges Extract 
beim Abdampfen aushauchten , ohne allen Nachtheil 
längere Zeit hindurch ausgefetzt. Wiewohl nun diefe 
Beobachtungen zu der Vermuthung berechtigen, dafs 
d« Befchwerden , weiche Heriffant und dcffen Gehülfe 
erlr.ten, durch die Kohlendämpfe veranLifst worden 
feyen, fo berechtigen fie doch nicht zu der Annahme, 
dafs die Ausdünftungen des amerikanifchen Giftes, wenn 
fie in grol!«r Menge, und längere Zelt hindurch auf die 
Lungen einwirken, dem thierifchen Körper keinen 
Nachtheil bringen. Denn Lefche/iault ') bemerkt, dafs 
dieAusdiinftungen desStrychnostieute und der Antiaris 
toxicaria , aus deren Saft bekanmiich das Upas tieute 
und Upas Antiar bereitet wird , für -nanche Perfonen 
fehr nachtheilig feyen , ungeachtet ße andere Perfonen 
ohne Befchwerden ertragen, und fich gewiff» Thiere 
auf diefen Bäumen aufhalten. Ueber diefes erweifen 



l) Siehe Annal. du Mafeiim de l'liiftolre naturel\e T, VIII. odw 
Trommtdor/'t Journal der Pliarmacie lli. u. S, agi, 

M. d. ArMv. ly. a. N 



folgende Verruche, dafs das amerikanifche Gift, wenn 
es an die Schleimhaut der Luftwege gebracht wird, 
feinen fchädlichea Eiaflufs auf den ganzen Körper 
äufsert. 

Wir fpritzten einer Katze durch die geöffnete 
Ltiftröhre 3 Gran des amerikanifchen Giftes, dasein 
30 Gran Waffer aufgelöft war, ein : a Minuten, nachher 
zitterte fie heftig, athmete muhfam , und nach 3 Minu- 
ten war fie todt. Diefen Verfuch wiederholte Emmer 
mit demfelben Erfolg an einer andern Katze. Eine 
DoHe, welcher Eimner 2 Gran jenes Giftes in 8 Gran 
Waffer aufgelöft, durch .die Stimmritze einfpritzte, 
ftarb nach 5 Minuten unter Zittern und leichten Con- 
vulfionen, während eine andere, welcher ich diefelbe 
Menee von blofsera Waffer durch die Stimmritze ein- 
fprützte, keinen Nachtheil erlitt. 

S. 9. Zu diefen Beobachtungen über die Wirkung 
des an die Schleimhäute gebrachten amerikanifchen Gif- 
tes fcheinen mir 2 Verfuche zu gehören, in welchen i-h 
ienes Gift an ein eiterndes Hautgefchwiir einer Fatze 
brachte, fofern eine jede eiternde Stelle mit denStflleim- 
häuten grofse Aehnlichkeit zeigt, wie diefes tefonders 
Fillenn^*) fehr fchön dargethan hat. Ich erregte auf , 
dem Rücken einer Katze durch Canthandehliilbe ein 
grofses Gefchwiir, entbldfstB dann einige Tage nachher, 
als es fich mit einer B^rke ber^t^ckt hatte, eine ziemlicU 
grofseStelle delTeli-en von Schorf und Eiter, und ajppli- 
cirte 6 Gran v" dem amerikanifchen Gifte auf dieicibe. 
Allein das- 'f hier erlitt davon keine bemerkiiche Ver- 
ji„,|eriiiig. Den andern Tag wurde eiue grüfsere Stelle 
dic(es Gelchwürs entblöfst, und mit 6 Gran von jenen» 



l) Siehe deusfclies Arclwv für die Phyfiolojie Bd. II. 



183 

Gifte in Berilhning gefetzt. Nach ig Minuten fing die 
Katze an zu zittern, nach 22 Minuten Jegte fie fich 
nieder, tpäterhin vertnogte (Te weJer zu ftehen, noch zu 
gehen, die Herzfchläge und Athemzüge wurden immer 
feltener, letztere zugleich mühi'adier, der Körper welk 
und kalt, und ije verfiel in einen Zuftand, der immer 
in Tod überzugehen drohte, aber, nachdem er eiiuije 
Stunden angehalten hatte, fich wieder verlor, fo lafs 
fie nach Ablauf von 45 Stunden wieder wankend im 
Zimrtier herum lief, und den andern Tag niclits krank- 
haftes an fich wahrnehmen Ijefs. Nach g Tagen, ia 
welcher Zeit fie völlig gefund und munter war, machte 
ich ihr eine, der entblöfsten eiternden Stelle gleich 
grofse Wunde in den Nacken, und brachte ihr 6 Gran 
von dem amerikanifchen Gifte in diefeibe. Schon nach 
7 Minuten zitterte fie, nach jj Minuten legte Ce fich 
nieiier, und nach 11 Minuten hörte fie auf zu athmen. 
Aus diefen Verfuchen glaube ich folgern zu dürfen 
dafs die eiternden Flächen auch in Anfehung ihres Ver- 
haltens gegen das amerikanifche Gift mit den Schleim- 
häuten des Darmkanals übereinftimmen. 

§. I o. Die äufsere Haut und die Stellen derfel- 
beo, an denen fie in die Schleimhäute übergeht, find fo 
li>nge fie nicht verletzt werden , wenig oder gar nicht 
fäh)^ den lebädlichen Einflufs des amerikanifchen Giftes 
Ober dtn Körptr zu verbreiten, denn Heriffant erzählt 
dafs eine grofse M.nge des, in Waffer aufgelöften Ticu! 
nas fich durch Zufal". über feine Bruft und Arme ergof- 
fen habe, und dafs il-n digfes nicht den geringften 
Nachtheil gebracht hätte. Banhroß fsgt, die Indianer 
drückten die Rinden und Vfurzeln, 'aus denen fie das 
Woorora-Gift kochen, mit blcCsen Händen ohne allen 
Nachtheil aus, und man könne die Auflöfung diefes 
Giftes in Waffer auf die unverletzt. Haut bringen, und 
N 2 



184 ^^^^^ 

darauf trocknen laffen , ohne davon Nachtheil zu erlei- 
den, und Fontana konnte keine Veränderungen in den 
Meerfchweinchen und Kaninchen wahrnehmen, denen 
er das Ticunas wiederholt ins Auge brachte. Eben fo 
wenig erlitten eine Katze, ein Kaninchen und eineDohle, 
an derer. Bindehaut des Auges wir wiederholt amerika- 
nifches Gift applicirten, hievon irgend eine bemerkliclie 
Störung. 

Dagegen aber bemerkt Hen/^o'^j fechs junge Hunde, 
denen er die Haajre auf dem Rücken glatt abgefchoren, 
und nachher in diefe Stelle der Haut Ticunas ein- 
gerieben habe, feyen 3 Minuten darauf geftorben , und 
Bcuikroft behauptet, das Woorora errege, an folche 
Stellen der Haut gebracht, die zart und empfindlich 
Und, Entzündung. Hiezu kommt nun, dafs manche 
Gifte unter gewiflen Geftalten , z. B. Blaufäure als Oel 
c^er biitern Mandeln, oder der Traubenkirfche, oder 
des Kirfchlorbe?rs an die unverletzte Haut gebracht^ 
ivie Gifte wirken. Diefes beftimmte mich, einen ent- 
fcheidenden Verfuch anzuftellen. Zu diefem Ende liefe 
ich einem Seidenhafen alle Haare der Haut des Rückens 
und Bauches ausrupfen, was bekanntlich leicht, ohne 
. eine Verletzung tjefchelien kann , imd rieb ihm acht 
Tap,e nachher 1 2 Gran des wäfferigen Extractes von, 
dem amerikanifchen Gift, das ich ia Waffer jufgelüf" 
hatte, und 2 Stunden nachher ein Gemifch >on laC^'an 
des Extracles von dem anierikanifchep Gifte, 7.'nd 40 
Gran Schweinfeit ein: allein das Tbier erlüt hievori, 
nicht eine Spur von Befch werde«; ich eben fo wenig, 
ungeachtet meine Hände durc'' das Einreiben ganz von 
Gift befchmutzt waren. Ich vermuthe daher, ,dafs He- 
riJJaM die Haut der Hund«-, mit denen er feine Verfuche 
angeftellt, beim Abfcherren der Haare verletzt habe. 

Von der verletzen Haut aus äufsern die amerika- 
nifchen Gifte ihre.vJlle Wirkung auf den tliierifcheo 



Körper. Denn Fonwna'töcftete Kaninchen, Hühner und 
Tauben dadurch, dafs er das Ticunas auf ihre Haut" 
brachte, nachdem er fie blutig gefchabt hatte, und Ban- 
krofc erzählt von einem hidianer, welcher ftch mit einem, 
durch Woorora vergifteten Pfeil fo den Zeigefinger ver- 
}^t2te, dafs kein Blut heraus drang, fein Arm und die 
lymphatifchen Driifen feyen bald nachher arigel'chwollen, 
und heftiges Fieber eingetreten. Allein nach la Stun- 
den minderten fich diele Zufälle, imd den andern Tag 
waren ße völlig verfcbvvunden, Diefe Beobachtung ilt 
in AbGcht auf die Ahi'chwelluug von den lymphatifchen 
Drüfen fehr wichtig; denn in vielen Verfucben, welche 
ich mit verfchiednen Giften anftellte, konnte ich nie 
eine Anfchwellung diefer Driifen. wahrnehmen , eben fo 
wenig fand ich dicfes Symptom in den Verfuchen und 
Beobachtungen von andern aufgezählt. Eine Dohlej 
welcher Emmer 2 Gran des amerikanifchon Giftes auf 
lue abgefchorene Haut ihres Schenkels brachte, ftarb in 
13 Minuten.. 

§, II. Die feröfen Häute find vermöge ihrer Ans- 
breitung über gefäfsreiche Theile und ihrer grofsen 
'Durchgänglichkeit vor vielen andern Tlieilen des thie- 
rjfchen Körpers fehr geeignet, den fchädlichen Einflufs, 
welchen die Gifte auf das Leben äufsern , fortzuleiten. 
Aber blofs Herilfunt erwähnt einen Verfuch , welcher 
hieher gehört. Eine Katze, welcher er ^ Ouent. Ticu-, 
nas in die H<jhle des Bauchfells brachte, ftarb nach 
einer Stunde unter heftigen Convulfionen. Daher ftellte 
ich folgenden Verfuch an : Ich öffnete einer alten Katze 
die Bauchhöhle, und brachte ihr 3 Grän voridem ame- 
rikanifchen Gift fo v.orfichtig in die Bauchhöhle, dafs es 
die Wunde derfelbeu nicht berührte, und hinderte 
dies bis zum Tode des Thieres, welcher iiuierhalU 
30 Minuten erfolgte. 



186 

$. IS. An die Muskeln gebracht, foU das ticu- 

nas nachFontaiia ehertödten, als von der verwundeten 
Haut aus, vi^eil mehrere von den Thieren , .denen er 
die Haut mit giftigen Pfeilen verletzte, am Leben blieben, 
keines aber, dem er damit die Muskeln verletzte. 

Weder Herlffant, noch Banhroft und Brodie haben 
die Wirkung amerikanifcher Gifte gegen die Muskeln le- 
ben.|erThiereunterfucht: daher beffrich ich die entblöfs- 
ten Schenkelmuskeln einer Meife mit etwas wenigem voQ 
dem amerikanifchen Gifte, mit welchem ich kurz vor- 
her eine Katze getödtet hatte: ungeachtet nur etwa itel 
Gran des Giftes an den Muskeln hängen blieb, fo ffarb 
doch das Thier innerhalb 2 Minuten. Eine Katze, 
welcher Emmer 3 Gran auf den entblüfsten grofsen Ge- 
fäfsmuskel applicirte, ffarb nach ,5 Minuten unter 
Convulfionen , und eine Dohle, deren Bruftmuskel ich 
mit Baumwolle, die mit jenern Gift getränkt war, be- 
legte, nach i\ Minuten. 

§. 13. Dafs die amerikanifchen Gifte am fchnell- 
ften und in geringlter Menge tödten, wenn fie unmit- 
telbar in das Blut, oder die Hohle von den Venen ge- 
bracht werden , erhellt aus mehrern Verfuchen von 
Fontana. jMehrere Kaninchen und H.ihner, denen er 
in die Venen kleine Quantitäten von Ticunss mit Waf- 
fer einfpritzte, ftarben fall augenblicklich nachher, und 
ohne eine bemerkliche Veränderung ihres Blutes, oder 
ihrer übrigen Theile wahrnehmen zu Jaffen : daher un- 
terliefs ich es auch, das amerikanifche Gift in die Venen 
lebender Thiere zu infundiren. 

§. 14. An denjenigen Organen, welche nur 
wenig Blutgefäfse in ihrem Gewebe enthalten , äufserte 
das Ticunas in den zahlreichen Verfuchen, welche 
"Sontand damit angeftpllt hat, keine Spur feiner glfti- 
gen Wirkung; namentlich nicht von dem verletzten. 



^ ^^ 187 

»der unverletzten Hüftnerven, von Sehnen und Ban- 
•dern aus. Eben fo verhielt fich das von mir unter- 
fuchte arcerikaxiifclie Gift. Denn Katzen «nJ Kanin- 
chen , denen ich eine beträchtliche Menge in Wunden 
der Achillesfehne und des Hüftnerven applicirte, Jiefsen 
keine von den Zufällen und Belchwerden wahrnehmen, 
die es fonft erregt. Nur eine Katze ftarb, welcher 
Emmer in die Einfchnitte der Achillesfehne anierikani- 
fches Gift eingebracht hatte, i Stunde nachher; da Ce 
aber 3 Stunden vorher von dem amerikanifchen Gifte, 
welches ich ihr in diefelbe Wunde mit der gröfsten V^or- 
ficht gebracht hatte, durchaus keine Zufälle erlitten 
hatte, fo vermuthe ich, dafs in den Verfucfien von 
Emmer das Gift mit den benachbarten Muskeln und 
Gefäfsen in Berührung kam. Ich füge diefem nur noch 
die Bemerkung bei , dafs mich viele Verfuche von der 
Wahrheit der Behauptungen von Condanüne, "Bankroft, 
Hpriffant, Fontana und JSrorfJe überzeugt haben , daGs 
das amerikanifche Gift von jeder blutenden Wunde aus 
tödtet. 

$. 15. Nachdem ich im bisherigen dargethan habe, 
von welchen Theilen des thierifchen Körpersaus, das 
amerikanifche Gift tüdtet, fo gehe ich aur Betrachtung 
einiger XJmftände liber, welche feinen Einflufs auf 
deni'elben abändern können. 

Da alle Gifte als folche nur in einer gewiffen 
Quantität wirken, fo war ich begierig zu erfahren, 
welche Veränderung die Thiere erlitten, denen eine 
Zeitlang eine geringe Menge des Giftes zum Verfchlucken 
beigebracht wird ; zu diefem Ende gab ich einem voa 
a gleichen Kaninchen, alle Morgen \ Gran des ameri- 
kanifchen Giftes : das Thier erlitt davon keine Verän- 
derung feiner Munterkeit, feines Apeiil'; und feiner 
Ausleerungen, aber der Kreislauf und das Athmea l'ohie- 



188 _ _ 

nen dadurch etwas befchleuniget zu werden , und die 
Wärme- etwas ziiJ^'unehineri. Den i4ten Tag wurde 
beiden Kaninchen: eine ganz gleich grofse Wunde an 
diefelbe Stelle des Rückens gemacht , und in jede ein 
gleich grofses, 6 Gran fchweres Stück trockenes Gift 
gebracht. Das erfte Kaninchen, welches die Tage vor- 
her kleine Gaben diefes Giftes verfehl uckt hatte, erlitt 
45 Minute nAch feiner Afiplication die crften Zufälle 
davon , das ate fchon nach j Minuten ; das erfte hörte 
nach 10 Minuten auf zu athmen, das zweite fchon nach 
7^ ; der Herzfchlag war bei diefem nach 9 Minuten 
durch (las Gefühl nicht mehr wahrzunehmen. 

Diefer Verfuch beftätigt foniit die alte Erfahrung, 
dafs anhaltende Einwirkung einer kleinen Quantität von 
Gift , die Empfindlichl^it gegen gröfsere mindert. 

$. 16 In Anfehung der Wirkung von den Giften 
ift die Uiiterfuchung, welche Abänderung diefe erlei- 
det, wenri zugleich mit ihnen, oder vor und nach ili-- 
nen andere Stoffe an den thierifchen Körper applicirt 
werden, befonders wichtig. ■ Alles, was hierüber von 
dem amerikanifchen Gifte thcils durch uns, theils durch 
die fchon mehrmals genannten Männer erforfcht worden 
ift, reducirt fich auf Folgendes. 

i) Weder Zucker noch Kochfalz, vor, oder nach 
der Application des amerikanifchen Giftes in Wunden 
und in die Verdauungsorgane gebracht, fchützt den 
thierifchen Körper gegen die nachtheiligen Wirkungen 
deffelben. Es ergieht ßch diefes .aus den Verfuchen von 
. Brocklesby , Heri/Jarit, und den Beobachtungen von 
BankroJ}, fogar aus den Verfuchen, welche Conda- 
m'me um das Gegentheil zu erweifen in Leiden aufteilte. 
Ich fand, dafs Fliegen, welche von einem Gemifch des 
amerikanifchen Giftes mit Zucker und WafCer leckten, 
innerhalb 34 Stunden ftarben. 



189 - 

a) Ungeachtet die mineralifchen Säuren nach den 
Beobachtungen von Fontana deuiTicunas feine giftigen 
Eigenfchaften rauben, fo vermögen fie nicht den Körper 
gegen den fchädlichen Einflufs delTelben zu fchiitzen, 
wenn fie bald nach demfelben in die vergiftete Wunde 
gebracht werden. 

Eben fo wenig vermögen diefes die Alkalien , der 
Weingeift und der Effig nach Fontana , wenn man da- 
mit gleich nach fler Application des Ti.cunas in Wun- 
den, diefe auswäfcht. 

3) In den Verfuchen, welche Emmer anftellte, 
•war Zui.ker und Wein, eben fo' Naphta , welche er 
den Thieien gleich nach dem nmerikanil'chenGjfte zum 
verfohlucken gab, ohne Wirkung, fogar der Brech- 
•weinftein, wiewohl er baldiges Erbrechen hervorbrachte. 
Eben fo ftarben dieThiere, denen er ilie Wunden bald 
nach der Application des amerikanifchen Giftes mit 
Bleieffig, oder Kampfergeift forgfältig ausvvufch. 

~4lj-\n Jen Verfuchen von Fontana, in welchen 
«r bald nacä dem Ticuiias die Säuren und die Alkalien 
in die Wuide brachte, fiarben die Thiere 10 ungewöhn- 
lich fchneil , dafs diefe Stoffe die Wirkung des Ticunas 
befchleu.iigt zu haben fchienen. Hiezu kommt noch, 
dafs manche Gifte, namentlich die Blaufiiure, fchneller 
tödter, wenn dieTheile, an weiche fie gebracht werden, 
entzündet finti, und dafs alle bekannte Pfeilgifte fcharfe 
ode' gewOrzhafte Stoffe zu Beftandtheilen haben. 

Diefes nun beftimmte mich, das amerikanifche 
Oft in Vertjindung mit Pfeffer in Wunden zu applici- 
tta. Ich fand bei diefen Verfuchen , dafs dann jenes 
Gift eine gröfsere Wirkfamkeit, als für Cch allein 
iufsert. Es- fcheint fomit alles, was einen Reizzuftand 
II den Tlieilcn hervorbringt, welche mit dem Gifte in 
Berührung treten, die Wirkung deflelben zu befördern. 



unri liierin rtnd in der Ausbreitung fiber eine grofse, 
beleli^e, mit Blut berptilt.e Fläche, mag Her Grund liegen, 
•warum der EIGg Icbadlich ilt, wenn er bei verfchluck- 
teii Giften ange\yandt wird,- fo -lange fich diele noch in 
cjem Magen vorlinden,; -. : . 

§. 17. Ueberhaupt ändert der Zuftand, io we^ 
cliem fich der ganze Körper, oder die Theile belinden, 
an welche das Gift applicirt wird, die Wirkung defl'el- 
bön auf den thierifchen fehr ab. 

l) Eine (tarke Blutung der Theile, an welche das 
Gift applicirt wird, fchiitzt nicht feiten gegen den nach- 
»h» iiigea Einflul's defielben ; Brodie bemerkt diefes vom 
VVoorora , hpiiffain vom Ticunas, und ich habe es 
nicht allein von dein amerikanifchen, fondern auch voa 
;indern Giften beobachret. Das Blut fcheint das Gift 
>vf gziifpiUeii, überhaupt das Eindringen deffelben in die 
belebten Theile, befonders in die Gefafse zu hemmen, 
Bieraus läfst fich nun auch erklären, \'V3rum fich das 
Ticunas in den Verfuchen von Fontana unichädlich be- 
wies, wenn er es in Wunden von den Lappei und Käm- 
Bfien der Hiihner brachte. Eben lo, warum das ameri- 
kanjfche Gift nach meinen Beobachtungen weit lang- 
irmier und fchwiicher, als fonft wirkte, wenneszugleich 
mit Kochlalz in Wunden gebracht ward; denn fobald 
ich Kochfalz in Wunden brachte, erfolgte eineftarke i 
und anhaltende Blutung, eine Erfcheinung, mit wel- 
cher Thomfons ') Beobachtung, dafs das Kochfah an 
tue Schwimmhaut von Frofchen gel)racht, meiftens eine 
verminderte Bewegung des Blutes in den kleinen Arte- 
rien, Venen und Haargefäfsen , und eine ftarke Au?- 
tlehuung derfelben durch das Blut bewirkt, lehr gct 



13 Sich* dentfchet Ajcliiv füi die F}>>£o]ogie Bd. I. S, 4)7. 



— • 191 

•bereinftimmt. Zu Folge einer Beobachtting von He- 
Ttffaiit fclieint fogar iecler Blutverluft die Wirkung clic- 
fes Giftes zu fchwächen , fofern von 6 Pferden , denen 
er bald nach Application des Ticunas die Halsvene 
öffnen liefs, 2 mit dem Leben ditvon kamen, aber 
4 Tage nachher, wo er ihnen nach Application des- 
Giftes die Ader nicht öffnete, dadurch getödtet wurden. 

2) Auf das Leben einzelner Theile, an welche 
es vor oder nach Unterbrechung der Lebeiisverrich- 
tungen gebracht wird, äufsert es keinen merklich 
nachtheiligen Einflufs. So fand ich, dafs Geh das Herz 
und die willkiihrlichen Muskeln , welche damit in Be- 
rührung gefetzt wurden, eben fo lebhaft und ebea 
f(j lange auf Reizung zufammengezogen , als Herz und 
Muskeln, welche damit in keine Berührung kamen. 

3) Unterbindung des Saugaderftammes hindert 
Bach Brodie ') die Wirkung des W^oorora nicht. 

4) Wird der Rückflufs des Blutes von dem Theile 
gehemmt, an welchen die amerikanilchen Gifte gebr.iflit 
werden, fo erleidet der Körper den nachtheiJigen Ein- 
flufs deffelben nicht, denn in den Verfucben von Heiif- 
fallt, Fnntana und Brodif lielsen die Tliiere, denen fie 

die Glieder, an welche Ticunas und Woorora war ge- 
bracht worden, bald nachher unterbanden, oder ai^ipu- 
tirten, die Zufälle diefer Gifte nicht wahrnehmen. Zwar 
ficherte die Unterbindung der vergifteten Theile nicht 
immer gegen die Wirkung des Ticunas in Foncana's 
und Herljjuiu's Verfuchen, allein ich leite diefes mit 
Biodifl daher, dafs in diefen Fällen die Unterbin- 
dung entwfiler nicht bald, oder nicht teft genug 
gemacht wurde, denn ein Kaninchen, dem ich die 



I) Siehe HeiCt Archiv fOr die FbyCoIogl« Bd. XI. 8. II4. 



193 ^^^^^ 

Aorta clefcendens unterband, iintl nacliTiereinebeträcht* 
liehe Menge von dem .nmerikanifcheii Gifte in den Un- 
terfclienkel brachte, erlitt keine Spur von den Zufällen 
diefes Giftes. 

5) Wird das Gift in folche Theile des Körpers ge- 
bracht, die blöfs durch die Schlag- un<l Blutailern mit 
dorri übrigen Körper in Verbindung flehen, fo äufsert 
es feine volle Wirkung, nur etwas kngfam. Es ergiebt 
fich diefes unwiderfprechlich ausVerfuchen, welche ich 
in Verbindung mit einem meiner hoffiiungsvollften 
Schüler, dem Herrn Dr. Rapp an Fröfchen anftellte. 
Wir durchfchnitten nämlich einem Frofche aJle Theile 
des Schenkels bis auf die Stämme der Schlag- und ' 
Blutadern, unfl brachten dann zwifchen Haut und Mus- 
keln des Fufses und Unteri'chenkels 2 Gran vom wäffe- 
rjgen Extracte des ameiikanifrhen Giftes. Eine Vier- 
telftunde r.achher gab das Thier nur noch fchwache 
Zeichen des Lebens von fich, und diefes erlofch fehr 
bald. Bei der Section , welche wir 5 Minuten nachher 
unternahmen, zogen Cch die Muskeln, die das Gift 
berührt hatte, fchwach auf Heizung zufammen, eben 
fo das Herz. 

6) Dagegen aber äufsert es feine giftige Wirkung 
auf den K6rper nicht, wenn es mit folcheii Theilen in 
Berührung tritt, welche mit dem übrigen Körper blofs 
noch durch die Nerven in V^erbindung ftehen. Es be- 
ruht diefer Ausfpruch auf einigen Verfuchen, bei denen 
mir ebenfalls Herr Dr. Rapp fehr behülfJich war, die 
ich hier der Wichtigkeit des Gegenftandes wegen, wie 
fie Herr Dr. Rapp aufgezeichnet hat , anführe. 

An dem Oberfchenkel eines Frofches wurde alles, 
aufser dieNervenftäiiime und der Knochen, durchfchnit- 
ten, und die Gefäfse wurden unterbunden. In eiue Wunde " 



— 193 

zwircben Haut und Muskel am Unterfclienkel des ope- 
rirten Fufses wurden 3 Gran des wafsrigen Extractes 
von Ticunas 3 Minuten vor ii Uhr gebracht, und rMe 
entblöfsten Nerven von Zeil zu Zeit durch einen Tropfen 
Waffer befeuchtet, damit fie nicht austrocknete--'. 

I I ;J Uhr befand fich der Frofch noch 5an/. woh]. 

II I Uhr noch ganz gut, 20 MirJte« vor la 
Uhr gut. 

Um 12 Ufir war der operirt' F"fs' für mechani- 
fche Reize jenfeits der operirter Stelle noch fehr em- 
pändlich. 

Um I Uhr ganz gut. '^l^a^ fuhr fort, die entb!*6fs. 
ten Nerven von Zeit z'- ■^ei-' "i'' Waffer zu befeuchten. 

li Uhr, als "^" "J'^ Zehen des operirten Fufses 
mechanifch reizto erfolgte ftarke Reaction, nicht allein 
in dem gerei/-«" Fufse, fondern auch in dem vordem 
Theile de« Körpers. 

2 ^ Uhr. Noch Empfindlichkeit in dem vergif- ' 
teten Fufse ; denn fo wie diefer etwas gedrückt wurde, 
l)p.vegte das Thier lebhaft die Vorderfilfse, richtete 
den Kopf auf, und fuchte davon zugehen. 

2 ^ Uhr. Das Thier fehlen noch nicht zu leiden, 
die Refpiration war regelmäfsig. 

3 I Uhr ebenfo. 5 | Uhr Bewegung und Em- 
pfindung im operirten Fufse hatte ganz aufgehört; 
flbrigens fehlen fich das Thier wohl zu befinden, die 
Refpiration war regelmäfsig. 

6 I Uhr ebenfo. 10 | Uhr Refpiration regel- 
mäfsig; das Thier fchien noch nicht zu leiden. 

'6 I Uhr iMorgens, fch wache Refpirationi Auf 
rnechanifche Fieize erfolgten aber ftarke Muskelbevve- 
gungen. 

Um 8 Uhr waren die Augen halb gefchloffcn. Die 
Füfse waren unten hornarlig ausgetrocknet, und fuhr 
zerbrechlich. 



194 -^ 

5 auf lo Uhr. Die Refpiration hörte faft gany 
auf. Das Auge war noch für mechanil'che Reize em» 
pEndlich. Das Tliier wurJe nun todtgefchlagen. 

T)iefer Verfuch ift in fofem für den aufgeftelltett 
Satz eriKnheidend, ah hier der Einwurf, den man mei- 
ner Anficht, über die VVirkungsart'der Gifte fchon viel- ' 
ITiltig gemacht hat, dafs die Nerven für fich, ohne den. 
Kreislauf unfähii^feyen, Reize zu leiten, ganz wegfällt. 
Denn bei mehreren Verfuchen , welche ich mit vielen 
Giften auf die eben e.wähnte Art anftellte, fand ich, 
dafs die, fo von dem -.brigen Körper bis auf den 
Nervenzufanmienhang völlig »getrennten Glieder vob 
Fröfchen 5 — 6 und mehrere «Stunden ihre Empfind- 
lichkeit gegen mechanifche, auch jßggn andere Reize 
faft ungefcliwächt beibehielten, wem. ^an anders die 
Verficht beobachtete, dafs man die enthRfsten Nerven 
durch -öfteres Befeuchten mit Waffer gegei. das Aus- 
trocknen fchiitzte. Eine Erfcheinung , die an and für 
fich von grofser Wichtigkeit ift, und zu der ich Vialdt 
die Belege ausfiihrlioher liefern werde. 

n) Wenn durch eine gröfsere Menge von dem 
amerikanifchen Gifte die Refpiration unterbrochen wor- 
den ift, fo vermag zwar düS künftlich nachgealimte 
Athmen deVi Kreislauf noch einige Zeit zu unterhalten, 
auch fchwacheRefpirationsverfuchezu veranlatl'en, alleia 
alle diefe Lebensäulserungen verlieren fich meifiens 
ichnell, wenn man das Thier fich felblt wieder über» 
läfst. Diefes ergiebt lieh nicht aliein aus mehreren Ver- 
fuchen, welche ich zu diefem Ende anftellte, fondern 
auch aus Brodie's ') Verfuche^Q mit dem Woorora, 

§. 18. Noch habe ich zu beftimmen, auf welche 
Gefchöpfe das anierikanifcha Gift nachtheilig einfliefst. 



O A. 



195 

Aus den bisherigen Unterfuchungen ergiebl ßch hier- 
über Folgendes: 

l) Es wirkt am nachtheiJigften auf die Säugthiere 
iJni! Vögel, weniger iiachtheilig auf die Thiere aus den 
untern Klaffen. Zwar behauptet He/iffant, dasTicunaS 
rödte Reptilien, Fii'che und Infekten niWit, wiewohl fie 
Zliweileh davon zu leiden fchienen. Allein nach Fon- 
trtna tödtet es Schildkröten unr' i">Ofche fchneli, und 
ßlfhdfchleichen fehr fpät. lT<;berdies habe ich in mei- 
nen Verfuchen gefunden , <lafs das amerikanilche Gift 
elienfalls nie-^ere Thif-e tödtet. Eine Blindfchieiche, 
der ich 3 Gran davon in eine Wunde brachte, itarb 
25 Minuten nachher. Eine VVegfchnecke und WoJfs- 
' rtiiicbraupe, denen ich es in Wunden brachte, ftarbera 
n*-'h 34 Stunden und fpäter, eben fo Fliegen, weiche 
idayon gefreffen hatten, 

' ») Auch auf die Pflanzen fcheint das amerikanifche 
, Gift naclitheilig einzufliefsen, fofern Zweige und Blätter 
Von der Euphorbia efula, dem Geranium mofchatuni 
und rofeum , welche ich in Waffer fetzte , dem etwas 
vbndiefem Gif te beigemifcht war, bald welkten, wahrend 
^weige und Blätter von denfelben Pflanzen , weiche ich 
unter denfelben Umftänden in blofses Waffer fetzte, 
Wochenlang grün und frifch blieben. 

§.19. Ueber die Erfcheinungen, welche das 
amerikanifche Gift in dem thierifchen Körper hervor- 
bfiogt, ergiebt fich aus meinen Verfuchen Folgendes: 
1' Bald nach der Einwirkung des Giftes werden die 
Thiere traurig, trag und matt, der Herzfchiag eLwas 
häufiger und härter , die Refpiration häufiger und be- 
fchwerlich , und die Haut mit den oberflächlichen Mus- 
keln ziehet lieh öfters und laiigfam zulammen, was lieh 
aber nur durch die Hand deutlich wahrnehmen iäfst. 
Zu diekt Art von Schauder gefeilt iich oft ein fchvvachtes 



Zittern, bisweilen fchwache Zuckungen, befonders der 
Vordem Füfse. Es tritt dann bald eine immer mehr 
zunelmiende Schwäche der willkiihrlichen Muskeln ein; 
die Thiere wankea und zittern bei dem Gehen und 
Stehen, fenken den Kopf, legen ßch nieder, oder fal- 
len um; dabei wird durPuls häufiger und zugleich hart, 
die Hefpiration V.rampfhaft, leiten und lehr mubfam. 
Die Thiere werden to fchwach , und fo unfähig zu will», 
kührlichen Bewegungei., dafs fie beftändig auf dem Bo-; 
den mit ganz fchlaffeuiKOi-jor daliegen, und nicht ver- 
mögen, den fie berchädigendtr, Eindrücken auszuwei- 
chen, wie wohl Ge fich fichtbar bemühen, es 7U thun. 

Der Schauder verliert fich jetzt gewöhnhch , aber 
bisweilen zeigen fich fchvvacheZuckungeü, befonders ia. 
den vordem Extremitäten ; der Herzfchlag wird fchviä- 
cher, das Albmen feltener und ,fehr mühfam; dabei 
hebt fich dießruft kaum, hingegen der Kehlkopf ftark, 
auch öffnet fich dabei früher oder fpäter das Maul, öfters 
erweitert und verengert fich dabei regelmäfsig die Pupille; 
der Körper fühlt fich kalt an , aber die Empfindungs- 
fähigkeit dauert fort, denn die Pupille verengert fich, 
wenn Licht durch diefelbe fällt, die Augenlider bewe- 
gen fich, wenn man den Finger dem Auge nähert, oder 
diefes berührt, und das Thier bringt fchwache Töne, 
iiervor, wenn man irjrend einen feiner Theile befchädi- 
get. Bald darauf treten die Augen frark aas ihren 
Höhlen hervor, fie werden fiarr, die Pupille weit, 
und jetzt hört <he Refpiration ganz auf. Allein 3 oder' 
3 Minuten nachher fühlt man den Herzfchlag, und noch 
fpäter ergiefsen die grofsen Arterien flitfliges venöfes 
Blut beim Anfchneiden, dann verengert fich die Pupille 
wieder etwas. Herz, Dnrmkanal und Muskeln bewe- 
gen fich noch 20, 40 — 60 und mehrere Minuten, 
jiachdem die Fielpiration aufgehört hat; das Blut in 
den Adern gerinnt bei Kaninchen , Katzen u. f. w. erft 

nach 



• 197 

iiach 2, 3 und liiehrern Stunden; eben fo ftellt fiel; 
erft um diele Zeit die Todtenerltarfuiig ein , aber die 
Fpulnifs erft nach V^erflufs einiger Tage.' Dagegen ift 
die Nervenreizbarkeit meifteiis fchon wenige Mi mitea 

I nach ilein Aufhören der Lebensverrichtungen erJofchen. 

I , Nie fahen wir es ftarke Zuckungen veranJaffen; 

1 vondenAusleerüngen beförderte es öfters die des Harns-j 
nur einigft V^ögel, denen es beigebracht worden, erbra- 

I chen fich. Die d amit vergifteten Thiere drücken zwar 

I keinen Schmerz aus, allein da die Muskeln hiezu un- 
fähig find, fo läfst fich nicht behaupten, dafs fie keinen 
leiden. In den damit getüdteten Thieren findet mat 
keine Veränderung, aus welcher man mit Sicherhei; 
auf djefe Todesart fjhliefsen könnte. Meiftens, nament- 
lich bei allen den Thieren , die nicht fchnell durch die- 
fcs Gift getödtet worden , find die gröfseren Venen, oft 
auch die Höhlen des Herzens, mit dunklem Blute ange- 
fiillt, Leber und Lungen reich an Blut, in den letztern 
oft viele braune Flecken, In den übrigen Organen 
konnte ich keine bemerkliche Veränderung wahrneh- 
men, ungeachtet ich öfters das Gehirn, Rückenmark 
u. f. w. forgfältig unterfucht habe '). 

Das Blut bleibt zwar in den GefäTsen längere Zeit 

nach dem Tode fiüfßg, allein nach Ablauf eini^'er Stun- 

■ den^ gerinnt es darin, und wenn man es aus den Ge- 

I fäfsen herausläfst, und der Luft ausfetzt, fo erfolgt die 

l) Ich habe zwar bei den durch diefes und andere Gifte get?;dte- 
' ten Thieren bisweilen rothe Flecken^ im Darmkanal , und Auf. 

i treibung der Gefafse von einzelnen Theilen wabrfienommen, 

i| altein da diffe« nicht fonft der Fall war, fo zähle ich diefe Er- 

II Xcbeinungen um fo weniger zu denZufällefi desamerikanifchea 
Oiites, der lilaufdure u. f. -w. . als die i-'töning der Rcfpiralion, 
%velche diefe Gifte veranlaffen, leicht jene Erfrihcinungfn her- 
vorbringen kann, und lie hei küaftiicber Unterhaltung der- 
leiben nicht leicht vorkomiiien> 

; M. d. Archiv. IV. 2. O 



198 

3erinnung fcTinell und ganz wie gewülinlicli. In Wun- 
den von kleinen Vögeln gebracht, äufserte es auf diefe 
durchaus keinen fchädlichen Einflufs. 

Die Zufälle, welche diefes Gift erregt, treten bei 
kleinen Vögeln innerhalb einer Minute, bei Kaninchen 
Mnil Katzen erft nach J — i o und mehreren Minuten 
ein; eewöhnlich tödtet es in einigen Minuten, biswei- 
len aber auch erft in 20, ?o — 60 Minuten, ja erft 
nach einigen Stun.len, das Gift felbft verliert dabei nur 
fthr wi-nig an Gewicht, und wenig oder nichts von 
f«iner Kraft. Wenn es nicht tödtet, lo liegen die Thiere 
bsvyeilen ein und mehrere Stunden mit ganz f .hlaffem, 
kltem Korper da, und zeigen keine andere Bewegung, 
as die mit dem A^hmen verbundene, und wenn man 
einzelne ihrer Theile, ohne ein gröfseres Gefäfs za 
treffen , verletzt , fo ergiefsen diefe wenig oder kein 
Blut; Ce erholen fich in einigen Stunden völlig wieder. 

Diefelben Erfcheinungen bringen das Ticnnas und 
Woorara im thierifchen Körper hervor; zwar behaup- 
tän Condumine und Paw, das Ticunas coagulire fchnell 
das Blut der damit vergifteten Thiere, allein Heiiffant^ 
¥• ntana und Baiikroft fanden das Blut immer flüffig. 
Nach Heriffant foU das Blut der untern Hohlvene von 
den daänit getödteten Tliieren für andere, in deren 
Wunden er es brachte , fchädlich , und die Herzhöhlen 
ftark zufanimengezoj)en feyn , allein weder Fotuana 
noch Bankroß erwähnen hievim etwas. Endlich foU 
nach Herilüut und Baiikroft das Ticunas und Woorara^ 
die Thiere empfindungslos machen, allein fte verwech- 
feln hiemit die Unfähigkeit der Thiere, gegen'die, fie 
befchädigenden Einwirkungen zu reagiren. 

Die grölste Wirkfamkeit, welche Heriffant und 
Bankrnft vom Ticunas und Woorara beobachtet, rührt. 
Wie fchon bemerkt wurde, daher, dafs fie frifcheres 
Gift zu ihren Verfuchen benutzten. 



■^ 199 

§. 20. Aus den über clas ainerikanifche Gifl mit- 
getheilten Beobachtungen ergeben fich aufser den Rel'ul- 
taten, welche !chon §. 5. über die cbemjfche Eigea» 
fchaft erwähnt worden, noch folgende ; '■ 

i) Es fliefst auf alle Klaffen vonThieren, felbft 
auf die Pflanzen nachtheilig ein , aber auf die warmblti- 
tjgen weit nachtheiliger, als auf die kaltblütigen. 

2) Es tödtet von allen Theilen des thierifchen 
Körpers aus, welche entweder viele Blutgefäfse enthal- 
ten, oder gefäfsreicheTheile als dünne Häute bedecken.' 
Es tödtet von blutenden Wunden und von den Luft-' 
wegen aus fchneller, als von dem Dannkanal und 
Bauchfell. 

3) An die Nerven, an die änfsern unverletzten 
lläute, und an fibrofe Organe gebracht, äufsert es kei- 
nen nachtheiligen Einflufs auf den übrigen Körper. 

4) Wiewohl es Materien giebt, welche mit ihm 
gcmifcht feine giftigen Eigenfchafien zerftören, fo fehlen 
doch noch Gegengifte gegen daffelbe. 

5) Die verfchiedenen Arten von amerikanifcheu 
■Giften kommen inHinfichtauf ihrechemifchen und phy- 
fifchen Eigenfchaften und in Abficht auf die Erfcheinun- 
gen , welche fie im thierifchen Körper hervorbringen, 
fo mit einander überein, dafs fie als Abarten ein und 
deffelben Giftes zu betrachten ßnd. 

6) Die amerikanifchen Gifte unterfcheiden Geh 
dadurch von den afiatifchen, dafs Ce fehr baki die will- 
kührlichen Muskeln lähmen , und weder (0 hi'iufige und 
ftarke ConvulConen und Krämpfe, wie das Upas tieute, 
noch Lähmung des Herzens und Ausleerungen wie das 
Upas- Antiar veranlaffen. 

7) Es fliefst mehr auf das Gefammtleben, als das 
ei^enthümliche einzelner Organe nachtheilig ein. 

Oa 



200 ■*''* " ^-^'*' 

8) Die Nerven find unter Urnftänden , wo fie ihre 
Wirkfai! keit beibehalten, Emp/in lung und wjllkühr- 
lirlie Bewpiiung vermitteln, unfähig den fchädJichea 
Eiiiflufs diefes Giftes, felbCt wenn es an ihre periphe- 
rifche Ausbreitung gebracht wird, über den Körper 
auszubreiten, • 

9) Dai^it es fejnen nachtheiligen; Einflufs. auf den 
ganzen Körper äufsert, ift es nothwendig, dafs das Blut 
von dem Theile, an wekhen es gebracht worden ift, 
von diefen aus in den übrigen Körper zurückftröme. 

10) Nach allem diefem fcheint das amerikanifche 
Gift durch die VVan.lungen dar Venen in das ßlut über- 
zugehen , und mit Hülfe des Kreislaufs, das Rücken- 
mark fo zu afficiren, dafs die erwähnten Zufälle ent- 
ftehen. Zwar nimmt Brodle am, dafs das unmittelbar 
in das Blut übergegangene Woorarj dadurch tödte, 
dafs es auf das Gehirn einwirkt, und die Verrichtun- 
gen delfelben aufhebt: allein das amerikanifche Gift er- 
zeui^t kiHne Betäubung und Erapfindungslofigkeit, und 
bekanntlich hängt dieReTpiration, weldie diefes Gift: fo 
fehr ftört, nicht von dem Gehirn, fondera von dem 
Rückenmark ab> 

§. 21. Da diefe Anficht üher die Wirkungsart 
des amerikiinifchen und anderer Gifte, die Fähigkeit 
der Venfil, Stoffe auf zune^imen , und Durchdringbar- 
keit der belebten thierifchen Organe f/ir gewichtige 
Theile vorausfetzt, fo fey es mir hier erlaubt, die Er- 
fcheinuni^en anzuführen . von denen ich glaube, dafs fie 
uns berechtigen, jene Eigeiifchaflen den belebten Thei- 
len des thierifchen Körpers zuzulchreiben '). 



j) Wahrfdieinlich werden wir bald eine ausführliclwre Unter« 
fuclmng über di- Ten Gfgenftand erhalten, weil die medicini-' 
Iclie FaculCdt zu Tübingen fclion zum zweiten Maie einen 



201 

Vor allem kömmt hier in Betracht, clafs die mei- 
■ften weichen Theile des thjerifchen Körpers nach dem 
'Tode filr gewiffe gewichtige Stoffe durchgänglich find, 
befönders der Zellftoff und die feinereu Getiälse. So 
diirchdiingt das Waller, die Galle, der Weingeift und 
Sauerftoff die thierifchen Häute, eben lo nach IVol/a- 
ßoii's Verfiiche Salz mit Hülfe des Galvanismus. Das 
Od dringt in die Subftanz der getrockneten weichen 
Theile ein, und die feinere Injectionsmaffe geht leicht 
aus dt'n Gefäfst-n in das Gewebe der Theile liber. Be- 
«neikenswerth il't hiebei , dafs diefes Diirchili'ingen und 
Dtirchfchwitzen mit einer gewilfen Auswahl erfolgt, 
iJenn fo z. B. hffen rtie Häute die Luft als iolche aicht 
dtt'h, während fie das VYaffer nicht hallen können, 
und während der BUitkuchen, den man in befeuchtete 
JJj'ute einfchliefst, fich eben fo wie in der freien Luft 
röthet. Aehnliche Ericheinungen bieten die thierifchea 
'Säfte dar, fofern ficb z. B. nach Priejlley's Beobachtun- 
'gfn der Blutkuchen unter Serum, Eiweifs und Milch 
vngleicl> fchneller, als unter VVafler durch die Luft 
töthet. I 

' Diele Erfcheinungen berechtigen uns zwar nicht, 

den Theilen des thierifchen Körpers während des Le- 



Prei» anf ihn gefetzt hat. Noch mehr verfpreche ich mi* 
in diefer Hinßchc von einem der geiiauefcen, gefchickteften und 
fL'itdrtlinni^rtftn phyüologiCchen Experimentatoren , dem treff- 
liciieij Magendie t iwid ich rechne, es mir zum Verdienfte an, 
ihn aitü Gelegenheit, feiner bekannten Verfuche (über dicVer- 
giVtnnp von Hunden, denen er das Upas tieute in eine Wun^ 
des Schenkrls gebracht hat, welche mit dem übrigen Körper 
blof« ooc'i durch den Blutftrom in Verbindung ftand , und die 
«r hrh (weil die Venen nicht mit freien Mündungen enttpria- 
gen , fnndern blofse Forlfetziingen der Arterien lind,) nicht zu 
erki'rei wuJsie), auf (liefen GegcnCcand aufmtrkXam gemacht 
ta haben. 



btins DurchdringlicVikeit für gewichtige Stoffe zuzu- 
fchreiben , auch finilen fie im GerunclheitS7urtancle gar 
liicht, oder in keinem auffallenden Grade Statt, allein 
fie beweifen doch , dafs die Bedingungen dazu vorhan- 
den find. Auf jeden Fall aber fprechen folgende Er- 
fcheinuDgen für (liefe Ei^enfchaften. 

AI. Monro ') extrahirte aus den Muskeln von den 
Schenkeln zweyer Fröfche, auf cleffen Haut er i^ 
Stundenlang vorher Kampfer geflreut hatte, den Kam- 
pfer mit Hülfe von Weingeift nach Entfernung der 
Haut. 

In den Verfuchen von Pearfon nahm der Arm eines 
Negers, den er einige Zeit hindurch in dephlogiftiarte 
Sähfäure legte, eine weifse Farbe an. Zwar war die- 
fes Bleic?hen des Mohrenarms von keiner langen Dauer, 
allein es erfolgte doch in den wiederholten Verfuchen, 
welche Pearfon anftelite, jedesmal auf das Eintauchen 
des Arms in jene Säure, und läl'st fich wohl auf keine 
andere VVeife , als durch ein Eindringen derfelben in die 
unter dem Oberhäutchen liegende Schichten der äufsern 
Haut erklären. 

Nach den Beobachtungen von Chauffier fterben 
Thiere , die man bis an den Kopf in gefchwefeltes Waf- 
ferftoff taucht, oder denen man diefe Luft in den Darm- 
kanal oder in die Lungen bringt, in kurzer Zeit, unll 
die einzelnen Thcile derfelben offenbaren den Schwefel- 
wafferftoff nicht blofs durch den Geruch, fondern auch 
dadurch, dafs fie das Blei und Silber fohwärzen. 

Hiehergehören auch die Beobachtungen von Hum- 
boldt ' ), dafs die lebhaft reagirenden Muskeln von kalt- 



l) Attempt to determine by exferiments how far foine of tlie 
moft powerful Medecines atfect Animals. Sielie EfDiyt 
and obferv pliyfical and literary. Edinburgh. Tli. Ul. S. 342. 

s) Ueber gereizte Muskel- und Neivenfaler, t. Bd. S. 33], 



, — 203 

imd warmSlfitigen Thieren Geh in Kohlenfäure fchwärz- 
ten, hinjiegen in Sauerftoffluft ficlx wieder röth.-ten. 
Auch die ßeohachtung.-n Mafragni's , dafs ein mit 
Blut angefülltes Gefäfs eines lebenden Thieres, welcties 
er an 2 Stellen unterbari I, nach einiger Zeit leine Span» 
niing verl.r und.zufap-nmen fank, fcheint auf ein Durch- 
fchvvitzen durch feine Wanduög hin^uweifen. Ferner 
das öftere Durchfeh witzen des Eiters, dutcl^ die Haut- 
ftelJe, unter der er fich änfammeli:. '-^VTvi. ;;:-. 

Ich felbft habe einige Beobachtungen angeftellt, 
•welche fich wohl nicht anders erklären laffen , als aus 
einer folchen Duichdringbarkeit der belebten thierifchen 
Theile für gewichtige Materien; es find folgende: 

Ich brachte das üel von den bitlern Mandeln unol 
von dem I'runus padus Kaninchen an die um .-rletzto 
Haut ihres Rückens. Gegen die VVeife der meiltea 
übrigen Gifte, erregten diefe Oelarten von der Ober- 
baut aus alle die Zufälle, welche die ßlaufäure hervor- 
bringt; noch ehe das Leben diefer Thiere völlig er- 
lofchen war, entfernte ich die Haut, an welche ich das 
Gift gebracht hatte; und unterfuchte die unler derfel» 
ten liegenilen Muskeln. Hier fand ich non, .lafs fogar 
die tiefften Schichten derfelben , -.velche unmittelbar auf 
den Knochen auflagen, und noch längere Zeit hindurch 
fich lebhaft auf angebrachte Reize zutanimenzogen, ebpn 
fo ftark, wie jene Oelarien nach Blauläure rochen, und 
diefea Geruch bis zur Fäulnils hin behielten. 

Kin junger Fuchs, dem ich eine fehr gofättigte 
Auflö ung von Bleizucker in den Magen brachte, "wurde 
{u^Ieidi tö.ltlich davon angegriffen. Noch ehe das 
Leben gänzlich erlofchen war, fand ich bei Unter- 
furhung tier Unierleibseingeweide dieMagenbäute, und 
die , Tic berührende Fläche der Leber fo von ßleizucker 
durclUrungen , dafs fie aa mehrerea Stellen eine weifs- 



204 

liehe Farbe zeigten, und durch den, an fie hingeleite« 
ten Strom Her Sch\Vefel-Leberliift gefchwärzt wurden. 
Ungeachtet dps Bauclifell für lieh unempfiiidlicb, 
und der Nerven beraubt ift , fo erregen doch manche 
Stoffe faft in demfelben Augenblick, in welchem Qe 
dai'felbe berühren, heftige Schmerzen. > In vielen Ver» 
fliehen fand ich, dafs Kaninchen, Katzen und andere 
Thiere, felbft wenn fie bei dem Oeffnen der Bauch- 
höhle keinen Schmerz ausdrückten, fo£>k'ich, wieGaile 
mit ihrem Bauchfell in Beri'ihi'ung trat , heftig fchrieen, 
fehr unruhig und fchwach, befonders an den hinlern 
Gliedmaafsen wurden. Da nun aus Hicliats^'erhxchea 
und andern Erfcheinungen erhellt, tiafs den Nerven die, 
ihnen von einigen Phyliologen beigelegte Atmofphären- 
vrirkung fehlt, fo läfst fich dicfe Erl'cheinung wohl 
nicht anders, als aus einer unmittelbaren Einwirkung 
der Galle auf die, an der aufsern Fläclie des Bauchfells 
liegen len Nerven, erklären. Hieher gehört auch die 
von mir gemachte Beobachtung, dafs die Unterbindung 
der Pfonader ein Ausfehwitzen von Blut in die Höhle 
vom grötsern Theile des Darmkanals veranlafst '). 

Wenn nun diele Erfcheinungen darauf hinweifen, 
dafs währmd des Lebens verfchiedene HJute, der Zell- 
ftoff und die Muskeln gewilfe gewichtige Materien in 
ihre Subftanz und durch diefelbo dringen lallen, fo 
fcheinen mir folgende Beobachtungen auszufagen, dafs 
die Blutgefäfse, namentlich die Blutadern gewichtige 
Stoffe in fich aufnehmen. 

Goodivyn und andere Aerzte fahen , dafs fich die 
kleinern Venen leben ler Thiere an der Luft rötieten. 
Eben diefes habe ich öfters, befon lers an den Venen des 
Darmkanals, welche der Luft ausgefetzt wurden, 
beobachtet. 



l) Reil's Archiv für PhyGologie Bd. «. 6. I?^. 



^ £05 

Ancli der CHylus in den gröfsern Milchgefäfsea 
und dem Saugarlerftamnie von Thieren , bei denen die 
Bewegung diefer Säfte und aller Muskeln noch lebhaft 
vor ßch geht, rüthet (ich öfters, wenn diefo Gefälsa 
der Einwirkung der Luft ausgefetzt werden. :r '.T.io 
Die Verfuche von Home fetzen es aufser allem 
Zweifel, dafs der Färbeltoff der Rhabarber aus dein 
Darmkanal lebender Thiere ohne Beibülfe der einfau- 
genden Gefäfse unmittelbar in das Blut der Venen iiber- 
gehi. Denn er entdeckte dje[en FärbefVoff in deaiBtule 
von Thieren, denen er den Saugaderftamm unterbun- 
den Iwtte, und deren Lymphe keine Spur davon wahr- 
nehmen liefs. 

Das Athmungsgefchäft, eben fo die Ernährung 
der ungebornen Jungen, von den erften 3 Abtheilun- 
gen der Thiere Jäfst ßch ohne eine Aufnahme von ge« 
wichtigen Stoffen in das Blut der Venen nicht wohl 
erklären. Was das Athmen anbetrifft, fo erweifen die 
Verfuche mit künftlichen Luftarten einen unraittel- 
baren Uebertrilt derfelben in das Blut, und nach 
den Zufanimenftellungen mehrerer BeoiMchtungon iibef 
das Athmen von 'lifvitciniis und Naf/'e wird es hof- 
fentlich Niemand onehr bezweifeln, dafs bei dem ge- 
•wöhnlichen Athmen Sauerftoff aus der atmofphärifclien 
Luft iu das Blut des Luugenfyfter.is übertritt. 

Da bis jetzt die einfaugenden Gefäfse weder in 
dem Chorion noch in dem Mutterkuchen und dem Dot- 
terfück vor» den hohem Thieren erwiefen find, fo ift 
tnari genöthigt, auch den Gefäfsen diefer Organe Auf- 
nahme des Nahrungsftoffes , als eine ihrer Verrichtun- 
gen beizulegen. Denn wenn fich auch der Dottergang 
bei den Vögeln wirklich fchon bei der erften Bildung 
sr/eugte, und wenn, was ich aber beftimmt läugne, 
den He|)tilicn ein Duitergang zukäme, fo konnte die- 
fer und der Darnikaudl die Knwhriins des Fcitus in den 



• 205 

erften Lebensperioden ibre"" unvollkommenen Bildung 
wegen nicht wohl vermitteln. • 

Zu allem (liefern kömmt endlich noch , dafs wir 
uns weder die Ern;ihrung, noch die Ahfondernngea 
ohne einDurchfchvvitzen von dem Blute und derTheile,- . 
welche es zufaniuienfetzen, erklären können. 
',v' Ich glaube daher, dafs allen weichern Theilen des 
thierifchen Körpers während des Lebens die Fähigkeit 
zukomme, gewilfe Stoffe unmittelbar in ihr Gewebe 
aufzunehmeq, und dflrch daffelbe hindurch gehe» zU 
Jalfen, 

Dieljßobachtungen, mit denen Hiititeruni Andere • 
zu erweifen fuohten , dafs die Venen keine gewichtigea 
Stoffe in ihre Gefäfse aufnehmen, jagen bl<.fs aus, dafs 
ihnen eine, den lympbatifchen Gefälsen zukommende 
Einfaugung fehle. Namentlich fcheint mir aus diefen 
Verfuchen und andern Erfcheinungen zu folgen; \) das 
die Venen nicht nur kleine Mt^ngen von Stoffen; a) mit 
Hülfe der Anziehung des Blutes, welches fie enthalten ; 
3) vor^iiglich dann deutlich in fich aufnehmen, wenn 
jene eine grofse Fläche von ihnen berfihren; 4) und 
dafs diefe Aufnahme, wo nicht immer, doch meiltens, 
nicht, wie die Einfaugung, mit Affimilation verbunden 
ift. Uebrigens darf man dieft-s Einklrini;en von gewich- 
tigen Stoffen in das Gewebe von den belebten Theilen, 
\ind die eben erwähnte Aufnahme von gewichtigen Ma- 
terien, durch die Venen fclxm deswegen nicht als einen 
mechanifoh chemifchen Procefs betrachten, als die, 
allen beleijten weichen Theilen zukommende ausdeh- 
nende und zufammenziehtnde Bewegung den Grad der 
Dichtigkeit und Porofität des thierifchen Gewebes be- 
dingt, z. B. in der Entzündung die Permeabilität def- 
felben auch für nicht einheimifche Materien mit der tur- 
gesfirenden Bewegung zunimmt. Auch ift es nicht 
unwahrlcbeialich , dafs die, dem thierifchen Theiie im 



y — -r-*^ 207 

Leben inwohnende Kraft hier ^uf eine ähnliche Weife 
wirkfam ift, wie der galvanifohe Strom bei der electri- 
fchen Durchführung von Stoffen durch andere Materien, 
und Ausfcheidung aus denfelben. 

§. 22. Von Seiten der Durchdringbarkeit det 
belebten Theile für gewichtige Sroffe fcheint mir zu 
Folge der erwähnten und andern Erfcheinungen , der 
Anficht, dafs die Gifte durch die Wandungen der Ve- 
nen in das Blut derfelben übergehen, kein Hindernifs 
Statt zu finden. Es fragt fich nur, ob fich diefe An- 
ficht noch näher erweifen Jäfst. Da nämlich nach den 
Verfuchen von Magendie, Dfili/le, Brodle und denen, 
die ich angeftellt habe, die Wirkung der verfchiedeneii 
Upas und Strychnosarten , die ßiaufäure, das ameri- 
kanifche und andere Gifte, blofs durch das, von den 
vergifteten Theilen zurückfliefsende ßlut bedingt wird, 
fo fragt es fich hier blofs, ob in diefen Verfuchen wirk- 
lich ein unmittelbarer Uebergang diefer Gifte in die 
Blutmaffe Statt fand, oder nicht? 

Es laffen fich diefe Verfuche auf mehrere Weifen 
erklären : 

I ) Es könnten nämlich die Nerven , welche dief? 
Gefäfse begleiten, die Leiter der fchädlichen Wirkung 
diefer Gifte feyn, fofern die Gefäfsnerven mehr dem 
Ganglienfyftem angehören, welches der eigentlich orga- 
nif.lien Verrichtung vorfteht. Allein diefe Erklärungs- 
art fällt in den Verfuchen von Magendie und DelUle, in 
welchen das Upas-Tieute von dem Schenkel eines Hun- 
des aus, weicher mit dem übrigen Korper blofs noch 
durch den Blutftrom mit Hülfe zweier , in die Schenk 
kelarterie und Vene gebrachten Röhren in Verbindung 
ftand, tödiete, ganz weg. Ueber diefes machen die 
Vcriuche, welche ich mit derBiaufäure und denKrähen- 
, äugen angeftellt habe, es wahrfcheinlich, dafs die Gan- 



208 ^MTJ'-.-r 

gliennerven eben fo-'tvenig, wie die (ihrigen Nerve*' 
geeignet find, den fcliädiichen Elnfiufs der Gifte von 
den Theilen aus, an \velche fie gebracht werden tlber 
den Körper zu verbreiten. Die Kaninchen , denen ich 
pach Unturbindung der Pfortader eine fehr grofse Menge 
von Blaufäure, oder von einem gefättigten Aufgufs der 
Kriihenaügen in <ien DarmUanal brachte, zeigten l<eine 
Spur von den Zufallen, welche diele Gifte gewöhnlich 
veranlaffen: fie ftarben innerhalb einer Stunde unter 
den J^rfcheinungen, welche die Unterbindung diefec 
Vene hervorbringt, 

a) Könnte der Bhitftrom den fchädlichen Einflufs 
diefer Gifte auf eine ähnliche Weife fortpflanzen, wie die 
^i-rven die Eindrücke der auf fie einwirkenden Mate- 
rie, oder (hirch eine Veränderung, welche fie mit, oder 
ohne Beihülfe der Nerven durch einen eigenen Krank- 
heiisprocefs erlitten, durch Erzeugung einer den Con- . 
tagieii ähnlichen Schärfe. Ich werde diefe Anficht, die 
jcli fchon in einem früheren Auffatze über Gifte er- 
wähnte'), hier deswegen näher berückfichtigen , weil 
vor kurzem Herr Ur. Hardrgg *) fie zu bekräfiigen. 
fuchte, und felbl't mein verehrungswürdiger Freund, der 
veritienftvolle Herr Prof. von Autpnrieth ') ihr zu hul- 
digen fcheint. Ein Hauptemwurf gep;en diefelüe fcheint 
inir der zu fcyn, dafs für eine folche Leitung der l'chäd- 

.Jichen äufsern Einfltlfle durch das Blut keine Erfchei- 
nung fpricht, vielmehr in allen den Fällen, in welchen 

ider Kreislauf die Einwirkung fremdartiger Materien 
auf den Körper vermittelt, eia wirklicher üebertritt 



I 

l) Siehe Tübinger Et."tfer 2, Bd. I. Stuck. 

S) Diff. praef. Autenrieth, de vario arfenici ia animaliil 

effecto. Tubingae ist/. 
.3) Siehe Tübinget Blitter Bd. III. Heft 1. S. «J. 



209 

dcrfdhen in difrBlutmaffe Statt findet. Auch begreift 
man bei eiuer foichen Annahme nicht, waium iließlut- 
ninlfe durch Vergiftung gewöhnlich keine andere, als 
di» V'erjnderung erleiilet, weiche fich von der, damit 
verbunLfenen Störung des Athmeiis erklären liifst; 
warum die Gifte ihren fchädlichen Einflufs nicht von 
{blchen Theii^n aus aufsern, deren Venen unterbunden 
werden, fofern in diefe das Blut frei einftrömt, und 
die Verrichtung der Nerven noch einige Zeit hindurch 
anhält? A'ich ih es unwahrfcheinlich , itafs ein fol- 
cher Krafikheitsprocefs noch in einem Glii-de Statt fin- 
det., das entweder von dem übrigen Körper bis auf 
feine Arterien und Venenftämine getrennt ift, oder blofs 
durch zvvei, in die Hauptarterie und Vene gebrachte 
Rühren mit dem übrigen Körper in Verbindung fteht, be- 
fonders da die Nerven , welche hier die Vermittler der 
fpecifil'chen Wirkung von den Giften feyn feilen, füc 
diefe, wenn die Gifte unmittelbar an fie gebracht wer- 
den , ganz unenpfänglich lind. Herr Dr. Hardt'gg 
beruft fich zwar auf die analogen Wirkungen von den 
Gemiithsbewegungen und Contagien, allein ich glaube 
nicht, daf.s hiedurch jene Anficht irgend eineStiitze er- 
hält. Denn die Veränderungei:, welche (he, allerdings 
Üi ihren Wirkungen mit den Giften einigermafsf-n über- 
^jnftimmenden Gemiithsbewegungen in tien Saften her'' 
vorbringen, z. B. der Z-rn in der Milch und dem Spei- 
chel, fcheinen von einer url'priinglichen Al'fection ler 
Centraltheile des Nervimfyftems durch die Gemüthsbe- 
wsgungeu in jenen Säften erregt zu werden ; fie find 
bloCs Krankheitsproduct, allein zufolge der eben er- 
wähnten Anficht wäre die angenommene Veränderung 
der Sdftemalfe vielmehr Krankheitsuifache, wenigfteus 
eben fo wolil diel'es als Krankheitsproduct. 

Was aber die Anfteckungsltuffe anbetrifft, fo un- 
terfcbeidet fich ilir Eiaflufü auf den belebten Körper in 



fe) vielen Hinficliten von dem der Gifte, z. B. ilurct} 
die Befchr;inkuiig ihrer VVirkuog blof^auf eine Art oder 
lehr verivanclte Arien von Thieren , auf einzelne Indi- 
viduen , ja auf gevviffe Zuftände derfelben; durch deri 
regelmäfsi^en Verlauf der Krankheiten, welche fie her- 
vorbringen, vi?oln'n die Vervielfältigung des Gontagiums, 
die AbftLinpfung des Körpers gegen daffelbe Contagium 
u. f. w. gehören ; durch dieTheile des thierifchen Kör- 
pers, von und mit Hülfe welcher Ce diefe angreifen 
ü. f. w. , Uurz die Anfteckuns;sftoffe unterfcheiden Geh 
in diefen und andern Hinfichten fo fehr von den Giften^ 
daCs ich mir wenigftens keinen Schlufs von ihnen auf 
diefe und umgekehrt ei-lauben möchte. . 

Uebrigens machen mehrere Erfcheinungen es von 
den AnfteCkungsftoffen wahrfcheinlich , dafs fie mate- 
riell dem Blute beigemifcht werden, bevor fie den Kör- 
per allgemein afnciren ; hieher rechne ich die Anfch wel- 
lung der lymphatifchen Gefäfse und Drüfen, welche fö 
häufig die Anfteckung begleiten. 

3) Endlich könnte der Blutftrom dadurch die 
Wirkung der Gifte vermitteln , dafs die Gefäfse nur 
einen kleinen Theil derfelben durch dieporöfe VVandung 
vorzüglich der Haargefäfse aufnehmen , und diefen fol- 
chen Theilen , welche vorzüglich dafür empfänglich 
find, namentlich dem Rückenmarke, zuführen. Diefa 
Anficht erhält fchon dadurch Wahrfcheinlichkeit, dafs 
die Gifte in die Blutmaffe felbft gebracht, in den klein- 
ften Quantitäten, und in der kiirzeften Zeit ihre zer- 
ftörende Wirkung äufsern , und dafs fie mit allfen phy; 
fiologifchen und pathologifchen Erfcheinungen aufsßefle 
Obereinftimmt. Denn dafs geringe Mengen von Gifte, 
welche anhaltend in den Körper gebracht werden, fer- 
ner dafs alle Gifte, vielleicht mit Ausnahme des Arfe- 
nik's, namentlich die oflindifche Anguftura, welche durch 
die einfaugenden Gefäfse von folchen Theilen aus, in v^el- 



211 

dien cfer Kreislauf unterbrochen worden ift, dem Blute 
beigemifcht werden , den Körper nicht als Gift? angrei- 
fen, djefe Erlcheinuiig widerfpricht der erwähnten An- 
ficht nicht, fofern Einfaugun^ gewohnhch mit Affimi« 
lation verbunden ift. Auch die merkwiirdige Beobach- 
tung von Delille und Mnf^^ndle, dafs das Blut, welches 
Von einem mit Upas-Tieute vergifteten Theile zuriick- 
fliefst, für andere Thiere, in deren Adern fie es leiteten, 
feinen fchädlichen Eii.flufs nicht hatte, verträgt fich mit 
jener Annahme. Denn unter diefen ümftänden konnte 
nur eins fehr geringe JVJenge von Gift in den Körper 
öberftrömen , allein bekanntlich wird immer eine ge- 
wiffe Quantität von Gift ziir fpecififchen vVirkung def- 
felben erfordert, auch ift die Transfufion mit ümftän- 
den verbunden , welche leicht den Körper gegen den 
Einflufs des Giftes fchiitzen können , da es bekanntlich 
nicht an Beifpielen fehlt , dafs bei gewiflen Stimmun- 
gen des Körpers, z B. in Nervenkrankheiten, aufser- 
ordentlich grofse Gaben von Giften , ohne die Zufälle, 
welche lie gewöhnlich erregen, z. B. ungeheure D.ifea 
Von Opium, ohne alle Betäubung, ertragen werden. 
Auf jeden Fall läfst fich diefe Erftheinung hieraus eben 
fo befriedigend erklären, als aus der Annahme einer, 
durch das Upas mit Hülfe der Nerven erzeugten Schärfe, 
■welche nur für den Körper nachtheilig wirkt, der Ge 
feibft erzeugt hat. 

Diefe Anficht wird aber dadurch mehr als wahr- 
feheinlich, dafs einige Gifte wirklich in dem i31ute 
der damit getödteten Thiere angetroffen werden. Hife- 
her gehört der von Chaujjier wahrgenommene Ueber- 
gang desSchwefelwafferftoffs in das Blut von den Thie- 
ren, welche er dadurch tödtete , ferner die von mir 
und andern gemachte Beobachtung, dafs das BJut von 
Menfchen und Thieren, welche dem fchädlichen Ein- 
flufs von üiaufäure und der fie enthaltenden Gifte unter- 



Jagen, unverkennbar nach Blaufäure riecht ' Von den»" 
Arfenik behauptet zwar Herr Ur. Hardegg, er gehe in; 
das Blut, in das Rückenmark u. f. \v. nicht über, weil- 
er ihn bei drei, durch Arfenik getüilteten Thieren in 
dem Blute und in andern Theilen ihres Körpers nicht 
entdecken konnte. Allein felbft wenn die Verfuche, 
auf welche fich Herr Dr. Hardegg. beruft, mit aller 
nur möglichen Genauigkeit angcfteilt wären, fo bewie- 
fen fie blofs, dafs fich in denl'elben der Arfenik nicht 
in den erwähnten Theilen von einigen Thieren, die er 
damit tödtete offenbarte. Sie werden hier erft dann 
einige Beweiskraft haben, wenn daffelbe Prufungs- 
inittel geringe Quantitäten von Arfenik, welche einer 
grofsen Menge von Blut beijiemifcht wurden, angezeigt 
hätte. Allein, einen Verfuch der Art hat Herr Dr. 
Hardegg nicht gemacht. Dagegen aber konnte ich in 
mehreren Verfuchen, welche ich vor einigen Jahren, 
unterftiitzt von deinem verehrungswürdigen Freunde, 
Herrn Beck, Profefibr der Chemie zu Bern, anftellte, 
durch alle bekannte Prüfungsmethoden des Arfenik's, 
diefes Gift, von welchem ich einem Pferde eine be- 
trächtliche Mengein die Blutadern gefprifzt hatte, we- 
der im Blute noch in den Muskeln , dem heftig entzün- 
deten Darmkanal, noch in einigen andern Theilen ent- 
decken. Bei den ünterfuchungen hierüber überzeugte 
ich mich, dafs der thierifche Stoff diefes Metall und 
andre Körper den gewöhnlichen Reagentien verbirgt, 
und dafs er nicht einmal durch anhaltendes Digerirea 
mit Salpeterfaure völlig zerltört wird. 



II. 

Chemifche Unterrnchnng des Stoffes, welcher 
fich in den fogenannten Gallengefäfsen des 
Schmetterlings der Seidenraupe (Phal. bom- 
byx mori LJ befindet. VomHofrath Wur- 
ZER in Marburg. 

Herr Prof. Herold erfüchte mich , den Inhalt der fo- 
• I genannten Gallengefäfse vom Schmetterlinge der Seiden- 
\ raupe , welcher in einer erdigen im Waffer unaufgelöfc 
fdhwimmenden Materie befteht, chemifeh zu nnter- 
fuchen. Er gab mir hiezu ein rölliück weifs grauem 
Pulver, wozu die von ihm unmittelbar aus den Gallen- 
gefäfsen gefammelte FlüffigUeit eingetrocknet war. Die 
Menge deffelben betrug nur l,i Gran. 

Lackmustinccur damit gefchüttelt, wurde fchnell 

iroth. 
Etwas davon calcinirt, rauchte, und verbreiteta 
den bekannten Geruch verbrannter animalifcher Stoffe j 
es blieb ein kohliges Pulver zurück. Salzfüiire lofta 
'dalfelbe unter Aufbraufen auf, ohne dafs floh ein merk- 
licher Antheil von kohligem Riickftande zeigte. Mit 
ätzendem Ammoniuin im Uebermaafs verfetzt , bildete 
fich ein weifser Präcipitat, der plwsphorjaurer Kalk 
war. Die Auflüfung wurde fiitrirt, abgeraucht, und 
das falzfaiire Ammonium verjagt; es blieb ein fchwärz-' 
licher lockrer Riickftand, der bald an der Luft feucht 
wurde, und Cch in dem Waffer fchnell auflöfte mit 
Hinterlaffung weniger Stäubchen kohligten Stoffes. 
Das Aufgelöfte bewies Cch alsfalzfatirer Kalk. 
' Etwas von dem zu unterziehenden Stoffe mit 5«/- 
peterfüure libergoffen , bewirkte ftarke<; x'Vufbraufen, 
ftarke', zähe Blafen und Entwicklung weifser Dumpfe. 
Die Auflöfung nahm eine dem Biere einigermaisea 
M. d. ArMu ly. 3. P 



214 

ähnelnrle Farbe an, die bei einer Wärme von 65° bis 
70° Fv. roth wurde, erft die Hämle gelb und nach 
einigen Stunden eben fo fchün und fo ftark loth färbte, 
■wie di^s , Vün der Harnjäur^ bekannt ift. 

Etwas von dem röthlich weifsgrauen Pulver mit 
Aetzkaliiauge digerirt, entwickelte — für die Reagen- 
tien und <len Geruch — deutlich und frhnell wahrnehm- 
bares Ammaniiim^ Nachdem diefe Entwicklung aufge- 
hört haitwt vvur le die Flüffigkeit mit VVafl'er verdünnt 
Und durchgcfeiht. Hierein getröpfelte Salzfüure be- 
wirkt» einen weifslichen Präcipitat, der ungefähr 900 
Theile kochenden Walfers zu feiner Auflöfung bedurfte, , 
mit der Sitjpeterfüure eine dunkle Farbe annjhm, die. 
Hände erft gelb und bald nachher rotlt färbte, kurz, 
Hamlüure war. Der unzerfetzte Rückftand hatte die- 
felben Beftandtheile, die nach der Calcinaaon gefun- 
den worden waren» 

Diefer in diefen fogenannten Gallengefäfsen befind- " 
lirhe und eingedickte Stoff befteht alfo aus einer ver- 
hältnifsmäfsig bedeutenden Menge von harnfaurerrt Am-' 
moniuni, phosphorfaurein und kolileiifaurem Kalk und 
thierifcher Materie. Die Quantität, die mir zu Gebote ' 
ftand, war zu gering, um den (wie eS mir fehlen) dar- 
in vorkommenden Anlheil Von Talkerdp mit Beßhnmt' 
helt angeben, und überhaupt das gpgenfeitige Verhält- ' 
nifs diel'er Sul)ftanzen ausmitleln zu können. 

,Die Rel'ultate diefer Arlieit beftätigen alfo, was 
Brugnatelli^) wahrgenommen hat. Die fogenannten ' 
Gallengefäfse find demnach wohl !Vier,eiiniis/iihtiJiigs- 

e 



üii<^e ohne driifigen Bau, und die fogenannte Galle 



•6 



Harn , wofür auch die Infertion der Gailengefäfse aa 



1) Ans deCfen Giornale äi Fißc» etc. T. g. 1815, in MecktVt 
i, Aidiiv für die Fbyliol. 4 Bd. 4WS Heft. S. 629, 






I 



215 

einer Stelle des Darmkanals fpricht, wo dieKotbbiWung 
fchon in vollem Gange ift. Bei den Wanzen und nacK 
Treviranus bei der Haus/pinne (_Ar. atrox)-öffnen fich 
die Gallengefäfse geradezu in den Maftdarm, wo fich 
der angefammelte Koth befindet '). 

Herr Herold ') war, fo viel ich weifs, der erfte, 
welcher diefe fogenannten Gallengefäfse von dem Chyli- 
ficationsproceffe ganz ausfchlofs, und djB eigentliche 
organifche Bedeutung derfelbeft angab. Auch ftimmt 
dies ganz mit Okens ') Anfichten überein, fo wie mit 
den ünterfuchungen Renggers 4). 



irr. 

,Ueber die in Venen vorlcommenden Steine. 
"Von Friedrich Tiedemann. 

In den Venen findet man bisweilen erdige Concremente 
oder Steinchen. Realdus Columbus f) erwähnt diefelbea 
zuerft, fo viel mir bekannt ift. Thomas Bartholin^) 
fahrt eine Beobachtung an, wo man in der Leiche 
eines neunjährigen Knaben , welcher an einem hekti- 
fchen Fieber verfchieden war, zwei anfehnlich grofse 
Steine angeblich in der Nierenvene dicht bei der Niere 

P 2 



l) Ißs, im i$7- St. (IX. 18170 S. 1253. 

3) Entwicklungsgefchichte der Schmetterlinge }. Ij, 
j) Nafirpliilofophie 111. S. U9. 

4) PhyPiologirche Unterfuchunpen über die tliierifcbe Hausliälning 
der Infekten; von J. Ä. R.enggcr, Med. find. Tübingen llij. 
S. 36 u. if. 

%) De' le anatomica Lib. I?. Francot 1593. 8. p. 491. Vidi U- 

pillos in venis baemurrhoidaltbus. 
«) Hiftor. aoatomic. rarior. Cent. J. Hifc. J4. T. *. p, 71. 

com Fig. 



216 i^'i^'^^"-*' 

fantl. Motnichpn ') will fogar in der Nierenvene eines 
zehnjährigen Knaben einen Stein von der Grölse einer 
Fauft wahri;enommen haben. Diefe beirlen letzterea 
Beobachtungen frheinen mir nicht zuverläffig zu feyn, 
denn es ift wahrfcheinlkh, dafs fie Steine in dem Nieren- 
becken oder Harnleiter mit Steinen in den Niereavenen 
verwechfelt haben. 

J. Cr. Walter') theilte mehrere Beobachtungen 
•VonSieinen in den Venen mit. In dem Leichname eines 
Tiefaigjährigen Mannes , delTen Harnblafe vier Sleine 
von der Gröfse einer kleinen Muskatennufs enihielt, 
fand er in den Venen diefes Organs fünf harte Stein- 
chen, wlclie fo grofs wie Erblen waren. In dem Kör- 
per einer Frau von einige«* dreifsig Jahren , die apo- 
plektifch gel'torben war, beobachte<:e er in den Venen 
der Gebärmtf'tter, clerMutferfcheide und der Eierftöckei 
fo wie in den Venen des Maftdarms mehrere harte er- 
dige Concremente, die gröfstentheils beweglich waren, 
■und von denen einige die Gröfse von Erbfen hatlen. 
Endlich nahm Walter ') in den Venen der Mutterfcheide 
einer fünfzigjährigen Frau drei Steinohen wahr, deren 
DurchnielYer eine bis zwei^Linien betrug. 

Sömmerring *) fand aufserhalb der Harnblafe eines 
Manwes ein Steinchen, welches wahrfcheinlich in einer 
Vene-entlial'ten war. 

J. F. John * ) lieferte die Befchreibung und die 
chemifche Analyfe einer Concretion, welche in eiaeir 



l) Obfervat. medico - ctirurg. Obf. 20. p. 73. 

9) Okfervationes anatomicae. Berol. 1775. Fol. p. 44. 4;. 

j) Mofeum anatomicum T. t> p. 161. No. 'ii^, 

4) In den ZuHiczen zu Saillie's pathologiXcher Anatofiiie S. 191« 
No. V 

5) Chemifche Zergliederung eider Coflta-etion aus der Vene de» 
UtPrus «iner Frau in ScJtuitiggtr't Jouinu füz Chenue uad 
rbjtik. £d. 13. S. So. 



317 

Vene der Gebärmutter gefunden war, Diefelbe wog 
awei Grat», und hatte äufserJich, wo fie von einer 
drinnen Mpmbmn umgf>ben war, eine fehr helle, weifs- 
lj<-h gelbe Farbe, innerlich aber war ße Weifs wie Kreide. 
ihre Geftalt zeigte fich rundlich , jedoch (ehr wetiig^. 
pyliudrifrh. Sie halte die Gröfse einer Erbl'e. Bijm 
B> uch erfchien die Concretion matt glänzend, urtd zeigte 
mehrere coni^entrilcbe LagLMi, zwifchen welchen ftetseiiie 
gelbiichweifse Memljjan gf-lagerc war. Sie hatte che 
Härte von Knochen. Die chetnil'cben Br-ftandtbeite 
derfelben waren phosphorfaurer Kalk und membranöfe 
Materie, ijngefähr zu gleichen Theilen ; \venig kohlen- 
faurer Kalk lyid Spuren falzfaurer Verbindungen. 

G- Lang^ßriff ') fand in den erweiterten. Venen der 
Gebärmutter einer Frau, welche anFiuigus haematodes 
der Lungen und der Gebärmutter gelitten hatte, meh- 
rere fteinige Concremeiite, von denen einige die Gröfse 
einpr Erbfe hatten. Aehnliche Steinchen will er öfters 
in.dtn Venen, der Gebärmutter bemerkt haben, 

, Ich habe fehr oft Steinchen in den Venen beobach- 

tet, fuwohl in männlichen als weiblichen Leichen, je- 
doch nur in den Venen der Harnblafe , der Gebärmut- 
ter, der Scheide und des M.iftdarras. Am häufigften 
kommen fie bei .Menfcheii des mittlem und hohen Alters 
vor, gleichzeitig mit varikofen Erweiterungen jener 
Verijm. Nur einmal, fand ich einige Steinchen in (iea 
Venen der Harnblafe eine.« jungen Mannes von einigea 
zwanzig Jahren, welcher an Lungenvereiterung gel'tor- 
ben war. Niemals fah ich fie in Kindern. Folgendes 
fii»d. ihre Eigen [chaft^n. 



1) C ff« nf Fungns haematndes in den London Medico ■ diiru»- 
gici) Tiiiasact. Vol. %. P. l. p. 17». 181/. 



218 ~— 

Gröfse: Ift fehr verfchietlen ; ich fand fie kaum 
eine halbe Linie im Durchmeffer, jedoch nie kleiner, 
bis zur Gröfse von mehreren Linien. Der Fig. i. ab- 
gebildete Stein aus einer Vene der Harnblafe eines Man- 
nes hatte im Längendurchmeffer 6 Pprifer Linien, und 
im QuerdurchmeCfer j^ Linien; der Fig. 2. dargeftellte, 
aus einer V^ene der Gebärmutter war ^^ Linie lang und 
3-^- Linie breit; und der Fig. 3 abgebildete Stein, gleich- 
falls aus einer Gebärmuttervene entnommen, wrar s4 
Linie lang und 2^ Linie breit. 

Gewiche : Das fpecififche Gewicht kommt faft ganz 
mit dem der Knochen überein. Das abfolute Gewicht 
ilt fehr verfchieden. Die kleinften welche ich zu beobach- 
ten Gelegenheit hatte, wogen nur -= Gran. Der gröfste, 
den ich hatte, (Fig. i. abgebildet), wog i2| Gran; ein 
anderer (Fig. 2.) wog 6|- Gran, und der Fig. 3. abgebil- 
dete nur 3^ Gran. 

Farbe : Gewöhnlich ift fie gelblich weifs ; zuweilen 
äufserlich etwas röthlich von anhängendem färbenden 
Beftandtheil des Bluts. Innerlich zeigen fie eine weifse, 
kalkartige Farbe, 

Gefiah : Diefe ift in der Regel rundlich oder oval, 
und die äufsere Fläche ift glatt, wie bei den Fig. 2 
und 5. abgebildeten Steinen. Der gröfste Stein (Fig. i.) 
hatte eine abweichende Form, an dem einen Ende war 
er abgerundet, am andern zugefpitzt, und die äufsere 
Fläche zeigte fich uneben und rauh , hin und wieder 
anfehnlich vertieft. 

Zahl der Steine in einem Indivlduvm: Diefe ift 
fehr verfchieden; feiten findet man nur ein Steinchen, 
und diefes ift dann nur klein; gewöhnlich find mehrere 
vorhanden; ich fand drei, vier, fünf, ja acht, zehn 
und mehrere. Sie find dann auch in der Gröfse fehr 



219 

•W-fchieden, einige von der Grofse eines grofien Steck- 

judelknopfs, andere von der Grofse der Erbl'en und 

darüber. 

Härte: ift fehr bedeutend im trocknen Zuftande; 
ll doch find fie etwas weicher im frifcheii Zuftanle, wena 

fie eben aus den Venen herausgenommen werden. Fun« 
1 mal fand ich einen kleinen Stein, der fich noch nicht 

lauge gebildet haben mufsfe, fo weich, dafs er fich 
I Jeicht zwifchen den Fingern zerdrücken liefs. Er be- " 
I ftand faft ganz aus eiweifsartiger Subltanz, die in VV^af- 

fer zu Boden fiel. 

Innere Striwtur : Wenn man die VenenfteJne in 
ihrer Mitte durchfaget, fo erblickt man mehrere dünne, 
■weifse Schichten , die concentrifch um eine Art von 
K''ru gelagert find. (Fig. 4.) Im getrockneten ZuftanJe 
lafff-n fich zarte Häutchen wahrnehmen, welche d^ 
Biiidungsmittel. der Schichten find. 

CJiemlfclie Anahfe. Mein verehrter College, Herr 
Profeffor Gmeliii, hat die Güte gehabt, die chemifche 
Analyfe zweier Venenfteine zu unternehmen. 

Nach feinen Verfuchen beftehen fie aus phosphor- 
faurem und kohlenfaiirem Kalke, und aus thierifcher 
Materie. Ferner enthalten fie auch Spuren von Salz- 
fäure, Schwet'elfäure und Phosphorfäure, die wahr- 
fclieinlicli mit Natron vereinigt find ; vielleicht auch etwas 
Eifeiioxyd. Harnfaure enthalten fie beftimmt nicht. 

Wie entßelien die Venenfteine ? Die(e Frage, welche 
rfie altern Aerzte nie zur Sprache brachten , fäl'st fich 
mit Ufftimmiheit fchvver beantworten, indeffen wollen 
Wir die Meinungen hierüber prüfen., Hodgjfou^*')^ weJ-> 



1) Von Arn KrankVieiten der Arterieannd Verren, au« dem Eng- 
lilchea überteut von Kobtrwein, Haooover 1%IJ, t< S. 5Ji- 



■220 



eher der Venenfteins nur beiläufig erwähnte, diefelbeR'jj 
aber wohl niemals in Leichnamen fand , ftellte die j 
Meinung auf, dals fie wahrl'cheinlich in den umgeben- ' 
den Theilen gebil Jet würden, und in die Venen durch 
fortfchreitende Einfaugung eindrängen. Allein wo 
follen fie fich bilden? In der Harnblafe; dies kann nicht 
leyn, denn fonft miifsten fie Harnfäure enthalten, welche ' 
man aber nicht in denfelben findet. 

Der etwaigen Annahme, dafs fie fich in den' 
Wanilungen der Veneu, nach Art der erdigen Concre- 
mente der Arterien , bildeten , und .dafs fie dann die 
innere Haut der Venen zerriffen, und in den Kanal des 
Blutgcfäfses fejbfl gelangten, fleht entgegen , dafs ihre 
rundliche Geftalt zu fehr von den in den Arterienwan- 
dungen vorkommenden Concrementen abweicht, und 
dafs man endlich niemals, wie auch Larigfca/^' bemerlit,;, 
Zerreifsungen der inneren Haut der Venen wahrgenom- 
men hat, in denen folche Steinnhen gefunden worden. 

Aus folgenden Gründen ift es wohl nicht zu be-! 
zweifeln, dafs fich die Venenfteine in dem Lumen derj 
varikofen Venen felbft aus dem Blute bilden. 

1) Die Steilichen liegen immer mitten in einem 
fchwarzen dicken, confiftenten und geronneneti Blute, 
wie auch La//g//(v/7'beobachtete. 

2) Die' mehrfachen Schichten um einen Kern 
zeigen, dafs ihre Bildung allmählich gefchieht, und 
zwar aus einer Flüffigkeit, die in einem Räume entlial- , 

"ten ift, welcher eine kusjelförmige Kryftallifation oder'j 
eine concentrifche Schichten • BiMung gefiattet. 

3) Die erdigen Beftandtheile der Venenfteine kom- 
Oien mit denen überein , welche man in der ßlutmaffe 
findet. * 

. Die Bildung der Steinc.hen, fcheint auf folgende 
\Yeife zu gefchehen ; wenn in einer varikofen Vene der 



Ijanf des Blutes langfamer erfolgt, oder gar für eine 
Zeit lang gehindert wird, fo trennt Cell der Eivveifs- 
ftoff aus feiner Verbindung mit der ßlutmaffe, und 
bildet den Kern für die Anlagerung der erdigen Be- 
itandtheile des Bluts. Diefe lagern fich fdiichtenweife 
.mit neuen Eiweifstheilchen um den Kern, und bilden 
concentrifche Lagen, gapz auf diefelbe Art, wie die 
Bildung der Harnblafenfteine gefchieht. Am häufigften 
fcheint die Steinerzeugung in den Venen bei den Hä- 
morrhoidalzuftänden zu erfolgen, die mit Gichtanfällen 
abwechleln. Dafs bei letzteren ein Ueljerfchufs von 
erdigen Beftandtheilen in der Blutmaffe vorliamlen ii't, 
darf nach mehreren Erfclieinungen wohl nicht bezwei- 
felt werden. Ich habe einen Mann von einigen vier- 
zig Jahren gekannt, welcher abwechfelnd an fliefsenden 
Hämorrhoiden und Gichtanfällen litt, bei dem fich oft 
fehr kleine fteinige Concremente, etwas gröfser als 
Sandkörner, in dem Mafidarm bildeten, (wahrfclieinlich 
in den Schiein-drüschen diefes Darms), welche mit den 
•trocknen Excrementen abgingen. 

• V Ob die Steine in den Venen befondere krankhafte 
Symptome veranlaffen, wie zu vermuthen, i(t mir unbe- 
kannt, weil die Anatomen fo feiten Gelegenheit haben, 
die perfönliche Bekanntfchaft derjenigen Menfchen zu 
machen , deren Leichname auf das anatomifche Theater 
abgeliefert werden. 



IV. 

* Hautdrüfe cler Wangen beim kleinen oder 
zweizehigen Ameifenfreffer, befchrieben 
von Friedrich Tiedemann. 

Vor einiger Zeit habe ich die HautdrOschen von den 
Waagen der gemeinen und der Speckfledermaus befchris- 



ben, in welchen eine gelblich braune, fettige und ftark 
nach Bifam riechende FlüffigUeit abgefondert wird '). 
Bal.l riarauf Jas ich in Azara^s ') Reifen durch das füd- 
liche Amerika, dafs die Art der AineiTenfreffer, welche 
er Caguare genannt, und Tafel 8 abgebildet hat, lehr 
ftark nach Bifam rieche. Ich verniuihete, dafs die 
Ameifenfreffer wohl ein ähnliches Abfonderungsorgan 
wie die Fledermätife haben möchten. Meine Vermiithung 
vvurde durch die Unterfuchung der Wiingengegend eines 
kleinen oder zvveizehigen Aiiiellenfrelfers (Mvrmeco- 
- phaga didactyla L.)> welchen Herr Profeffor Bürgf-r in 
Mjrburg befiizt, beftätigt. Da ich die VVangenhaut 
zwifchen den Augen und der Muridfpalte unterfuchte, 
fo fand ich auf jeder Seite des Kopfs eine kleine rund- 
liche Oeffnung, die zu einem unter der Haut liegenden 
Säckchen führte. Nachdem die Haut eingefchnjtten 
und ziiriickgefchlagen war, kam' ein länglich. t platt- 
gedrückter Balg zum Vorfrhein , in dem fich eine 
fettige FliilTigkcit befand , an welcher ich jedoch , weil 
das Thier längere Zeit in Weingeift aufbewahrt wor- 
den war, keinen Geruch wahrnehmen konnte. Der 
Analogie nach , ift es hochft wahrfcheinlich, dafs diefe 
Säckchen es find, in welchen eine, wie bei den Fleder- 
niäufen nach Bifam riechende Fliiffigkeit abgefondert 
wird, welche der Atmnfphäre diefer Thiere einen eigen- 
thiimlichen Geruch ertheilt, wisAzara vondem Caguare 
bemerkt hat '). 



1) Siehe deutfclies Arcliiv für die Phyfiologie Bd. t. S. II). 

Tat. J. Fig. 9. 10. 
S) Voyages dans rAmerique miridonale, publ. par C, A, Walcke- 

nacr. Piri« t8o9. 8. T, i. p. as«- 
%) Ich konnte gleichfalls ander Feuchtigkeit diefer Drüfe, welche 

fchon Curier CVorl. über vergl. Anat. Bd. 3. 5k 399-) fehr genau 

befcbrieben lut> nie einen Molchusgerucli entdecken. M, 



323 



'Ueber das Zungenbein der Amphibien. Von 
J. F. Meckel. 

Bei einer kürzlich vorgenommenen, durch den Vor- 
trag der Sinnorgane veranlafsten nähern Unterfuchiing 
I des Zungenbeins , eines von den Knochen, deren Um- 
ffang, Lage, Zufammenfetzung und Function in den 
I verfchiednen Klaffen der Wirbelthiere unftreitig die 
1 meiften Verfchietlenheiten darbieten , l'and ich vor Og- 
lich bei den Amphibien dem bisher Bekannten ein ges 
beizufiifien, was in mehrern HinGchten nicht ohne In- 
tereffe zu feyn fcheint. 

I. Die einfachfte Form des Zungenbeins kommt bei 
dfen Ophidiern vor, wo es nach Cui'ier bei denen, deren 
Zunge in einer Scheide eingefchloffen ift, aus zwei in 
[der Längenrichtung des Körpers verlaufenden, einan- 
Ider parallelen, dünnen Knorpelfäden befteht, weiche 
fich vorn verbinden, und hier eine kurze, unter die 
Zunge tretende Spitze abfchicken, bei den übrigen ein 
Dreieck bildet, deffen hintere Winkel fieh zu den bei- 
den hintern Hörnern verlängern '). 

Diefe Befchreibung ift im Allgemeinen richtig, 
doch nicht ganz voliftändig. Schon Helhnann hat 
von dein Zungenbeine der BJindfchleiche bemerkt, dafs 
es aus zwei herab- und zwei herauf Iteigenden Hörnern 
beftehe, die durch ein drittes auffteigendes , an feinem 
nnti rn Ende gleichfam in zwei aus einander laufende 
Schenkel gefpallenes, verbunden werden '). Ich habe, 
vrie ich nachher näher angeben werde, diefe Angabe 



r«) Vergl. Anat. Bd. %. S. sfig. 
a) Ueber den TaCtfinn der Schlajigen. GSttiugen 1I17, 8. )I. 



224 

riclitig gefuncfen, jntteffen giebt es aufser diefer 
Form des Ziitigenbeiiis, welche offenbar als wichtiger 
~ B.!itraF zu der Annäherung diefer Ophiilier au die 
Sa trifi- nieikvviirdig ift, einige anslre, weiche zwi- 
fchen ihr und der gewöhnlichen Schlangenbildung fle- 
hen. Ohne Anbildung 2;o/-cit'/-i°r/jo;-/?p/- wird die Form 
diefes Knocliens durch Verfchiedeiiheit der Richtung 
umi der Länge der hintern, fo wie die Entwicklung 
des mittlem y unpaaien, dergeftalt abgeändert, dal's 
unverkennbiir Zwilchenftufen emftchen, deren Bedcu- 
•tung durch ilir Zufiimnienfalien mit den übrigen Uedia 
gungen der Orgariilalinn luich klarer win.1. 

Bei den niedrigem OpIiidJfni , "z. B. Co/uber, II- 
jiera, liegen die beiden Ziingenbeinäl'te fehr nahe ao 
einander , und in ihrer ganzen Länge parallel. Vorn 
vereinigen fie lieh, und hier geht eine, unter der Zunge 
liegende Spitze ab, welche im Verhall nifs zu den Hör- 
nern kurz il't. Das Verhiiltnifs zwifchen diefeni mitt- 
lem Hörn uml j^iiem Seitenhorn ift bei Coluber natrix 
wie 1:9» bei Fipera naja wie I:s8. 

Die Länge der beiden Zungenbeinäfte ift bfr 
trächtlich. Bei einer i' 6" Jangen Coluber natrix (^nd. 
fie neun Linien lang, das Verhältnifs ift alfo wie i : 24, 
Bei einer 4 FuCs langen V. naja ift das Verhältnifs unge- 
fähr 1 : 20, indem die Zungenbeinäftf a" 8"' lang find. 

- Das Gefcblecht Boa unterfcheidet lieh plötzlich 
fehr auffallend in allen oben erwähnten HinfjcUteu von 
-den bisher betrachteten S'-hlangen 

Die Zungenbeinäfte find 1) verhältnifsmäfsig zum 
Körper kurzer; bei einer 29 ZuU langen Boa mu 
rinu nur 1 Zoll lang, alfo wie I . äiy i zugleich find Ce 
dünner als bei den Coluberarien. 

2j Liegen fie einander nicht parallelund nahe, fon- 
dern convergiren von hinten nach vi.ra l'tark. indem fie 
dort fal't 6j hier nur i Linie weit von einander enttenit 



' 225 

j nff. Dartiit liängt eine bedeutende Verfchiedenlieit 
' ;i der Gefult der Zunge der Boa's von der jener Ge- 

;hlechter zufahimen, welche zunächft durch die Zun- 
; ;enbeinzungerimiiskeln bewirlvt wird. Di./fe verlaufea 
: lei Coluber u. f. w. , in ihrer ganzen Länge dicht 
neben einander, und füllen genau den Raum zwifchen 
jien beiden Zungenbeinäiten aus, bei Boa dagegen liegen 

:e nur in der vordem grofscrn Hälfte an einander, in 

ter hintern divergiren Ce von vorn nach hinten, bis an 

las Ende der Zungfnbeinafte beträchtlich. 

3) Ift es höchft merkwürdig, dafs die beiden Zun- 

renbfinii/te, wie ße nach vorn conv/rgiren , doch 

■ i'urchaus nicht mit einander verbunden ßn^ , fondern 
1 ich , von hinten nach vorn beträchtlich dünner wer- 
•.lend, in der angegebnen Entfernung von einander 
• • II d igen. 

Sehr älmlich i^t die .Bildung bei Törtrix fcytale. 

Die beiden Zungenbeinäfte und die Zungenzungenbein- 

[jnuskeln weichen auf diefelbe Weife nach hinten aus 

einander, jene find kurz, aber fie vereinigen (ich in der 

•Mitte, doch geht kein mittleres Hörn an diefer 

Stelle ab. 

Durch die Kürze und fchiefe Richtimg derZungen- 
•jeinhorner ift fchon die Form lie«; Zungenbeins ange- 
deutet, welche die Amphisliünen und Blindjchleichert 
I darbieten. 

i Bei le kommen im Allgemeinen durch die fchon 

oben erwähnte Anordnung überein, unierfcheiden fich 

1 aber doch wie'ler gradweife. Die Bildung der Blind- 

■ fchleirke ift die einfachpre, und von HeUmann im Gan- 
izen richtig angegeben. Nur ift zu bemerken, dafs, 

was feine Bcfchreibung unil Abbildung nicht aiigicbt, 
. jedes feitliche und eben fo .las mildere Hörn eigne Kno- 
I eben, und die hintern HOrner doppelt fo lang als diefes 
l.nnd die vordem find, wahrend nach feiner üarfteJlun.T 



226 — -— — ~^ 

alle gleiche Länge haben. Die Schenkel des mittlem 
Hornes find von ihm viel zu lang angegeben. 

Bei den Amphisbäaen find dagegen diefe Schenkel 
des mittlem Horns fehr lang, zugleich ift jeder kurz 
vor feinem Ende in einen kleinen Fortfatz, ein drittes, 
hinteres und inneres Hörn , ausgezogen. Diefes ift 
unter allen das kürzefte, ihm zunächft fteht das vor-' 
dere, dann folgt das hintere äufsere; am anl'ehnlichften- 
ift unter allen das mittlere Hörn, welches vor der Spal- 
tung in feine beiden Schenkel fich ziemlich ftark aus- 
breitet. Hiernach ift alfo die Abbildung und Beichrei- 
bung, welche Ciivler (A. a. O. und Taf. 15. Fig. 6.), 
von dem Zungenbein der Amphisbänen giebt, bedeutend 
2U berichtigen. 

Die Bildung der Amphisbänen ift daher den Sau- 
riern ähnlicher, fowohl wegen Ki'irze der hintern Hör- 
nef , als wegen Breite des mittlem Hornes am hintern 
Ende und Anbildung eines hintern Innern. 

II. Batrachier. Bei den Batrachiern kommt das, 
Zungenbein mehr oder weniger deutlich mit dem der 
Fröfche übsrein; dies um lo mehr, je niedriger das 
Reptil ift. 

Den Zungenbeinapparat von Proteus anguinus, 
der noch die Kiemen trägt, hat Ciiuier fehr genau be- 
fchrieben und abgebildet. Er ift gröfstentheils knöchern, 
und beftehtaus niehrern länglichen Stucken. Von die- , 
fen hegt eines in der Mittellinie. An fein vprderes 
und fein hinteres Ende fetzen Geh xwei feitliche. Von 
diefenjft das vorciere länger, und reicht von ihm hinter 
dem Unterkiefer bis zum hintern nnd obern Ende des 
Unterkiefers, wo es fich durch feftes Zellgewebe anhef- 
tet. Diefes Stück entipricht unftreitig dem Kndchen, 
welcher die Kiemen ftrahlen und rfie Kiemenhaut trägt. 
Das, um mehr als die Hälfte kürzere, hintere, verläuft 



ihm zienjJich parallel, und trägt auf feinem lijntern, 
ftark aiigelchwollnen Ende zwei andre, längere. Von 
diefen il't wieder das vordere das längfte, wie alle 
vorigen, ganz knöchern , und trägt das vorderfie Kie- 
nienbiifchel an feiner Spitze. Das hintere,, viel krrzere, 
aber dickere, ift unter allen allein Ivjiorplig, und tragt 
wieder auf feinem hintern Ende zwei längere, ganz 
knöcherne Stücke, auf welchen das zweite und dritte 
Kiemenbiifchel fitzt. 

Diefer Anordnung Zunächft ftcht die der Salaman- 
der, namentlich der Wajjprfalarnunder. Bei denLand- 
iHid ll'nijerfalamandern ift der Zungeiibeinapparat ganz 
nach denifelben Typus, den Cuvicr vollltäni i^, befchrie- 
ben hat, gebildet. Es findet fich ein kleines, läng- 
liches, mittleres Stück, und neben diefem ein vorderes 
und hinleres Seitenftück. t)as vordere ift länglich- 
dreieckig ,' nach hinten zugefpitzt, und weder mit dem 
mittlem, noch dem folgenden Seilenhorne verbunden, 
reicht aber zum obern Ende des Griffelforlfatzes. Djs 
hinlere ift länger, dünner, rundlicher, fchmaler, und 
hat diefelbe Richtung. Ungefähr von der Mitte feines 
innern Pvandes geht ein dünneres Stück ab, welches, 
mit dem der vordem Seile convergirend , fich mit dem 
hintern Ende des mittlem und dem vordem des zweitea 
Hornes verbindet. 

Cuv'ipr fcheint nur den Lnnd-ralamander vwiet^uxAit 
zu haben, indem er nur von T^Magenheinknorpola redet. 
Allerdings haben alle oben befchriebnen Tbeile beim 
Land/'alamaiider nur diefe Befchaffenheit, dagegen find 
fie beim Waffcrfalamander mit Ausnahme des zuletzt be- 
fchriebnen , dünnen, brückenförmigen Stückes, des 
kurzeiL Endftückes des hintern, und des vorderen des 
vordem Hornes, vollkommen knöchern. Aufserdem 
unterfcheiden fich die beiden Gattungen dajlurch von 
einander, dafs be'uxi Laiidjaianiander äi^ bühzq ivialev^ 



228 

gröfsere Hälfte desZungenbein.ipparates nur eineKnoiv 
pelmalle bildet, während bei den IVa/JferJalamandera 
nicht nur das mittlere Stück ein eigner Knochen ift, 
fbndern auch das hintere Hörn aus zwei Knochenftücken 
beltcht. Von diefen ift das hintere gröfser als das vor- 
dere, und von einem innern Vorfprunge feines breitem 
vordem Endes entfteht der nach vorn verlaufende' 
Kaorpelfaden. Diele Verfchiedenheiten find pierkwür- 
dig, indem die ftärkere Entwicklung diefes Apparates 
bei den niedrigem WaJJerJalainanderii fie offenbar dem 
Proteus und den Fifclien mehr als die höher ftehenden 
Landfalamander nähert. Durch das mittlere Stück . 
und die beiden Seitenhörner kommen die Salamander 
offenbar fehr genau mit dem Proteus überein. Der 
kleine, brücken förmige Knorpel ift wohl unftreitig ein 
Rudiment der drei hintern, dies zweite und dritte Kie- 
menbüfchel tragenden Stücke, welche nicht blofs ver- 
kümmerten, fondern weifer nach innen rückten, uijd 
an beiden Enden verwuchfen. Daher ift es merkwür- 
dig, dafs diefes Stück in beiden Gattungen knorplig ift. 

Dem , was Cuvier über das Zungenbein der Ba- 
trachier fagt, läfst fich zufetzen, dafs das vordere, 
dünne Hom immer knorplig, das hintere, dickere, 
kürzere, immer fchon fehr früh ganz knöchern ift. 
Weit fpäter bildet fich in der grofsen mittlem Platte ein 
Knochenkern , doch habe ich diefe nie ganz knöchern 
gefunden, wenn ich gleich fchon bei jungen Individuen 
mehrerer Gattungen, Rana, Bitfo und Hyla, dies hintere 
Hörn knöchern fand. 

Das miniere Stück ift bei Rana am ftärkften ent- 
wickelt, luid faft quadratförmig. Bei H)la ift es von 
vorn nach hinten kaum halb fo breit als von einer Seite 
zur andern. Bei Bu/o geht hinter dem vorder» Hora- 
von ihm ein lauger, nach hinten gerichteter Fortfatz 
ab, dem ein, vom hintern End& des ftarkausgefch weiften 

Seiten- 



^- 329 

Seitenrandes abgehender ^ entgegenkommt. Das vor- 
dere Honi ift bei Hona und /i'j/« rundJich , hei lii i/o 
dagegen breiter, plaltenartig, unti erinnert ein iger- 
mafsen an die Form diefes Horns bei den Salcimandpm, 

Nach einem fehr abweichenden Typus ift das Zun- 
genbein der Pipa gebildet. Ciivier erwähnt dafl'elbe 
gar nicht, und erft Htidolphi hat es befeh rieben und 
abgebildet '). Es ift durchaus knorplig, und befteht aus 
einem mittlem und zwei Seitenftücken, die aber durch- , 
aus zu einem Ganzen veifchniolzen find. Das mittlere, 
■welches viel kleiner ift , giebt Ruäntplii als in zv^öi 
Spitzen, die vordem oder kleinern Horner auslaufend 
an, allein »liefe Befchreibuhg ift offenbar durch Weg- 
nahme der vordem Hälfte diefes Stuckes entftanden. 
In der That bildet es einen dtinnen, eine grofse Oeff- 
nung einfchliefsenden Riiig, der Vorn in eine, in der 
Zunge liegende Sjntze ausla'uft, welche ihn felbit an 
Länge Obertrilft. Eine fehr merkwfirdige ßil((ung, 
durch welche Geh dasZunponbeiu der Pipa von dem der 
übrigen Batraihier eben fo fehr unterfcheidet , als es 
fich eben dadurch dvm der Chelohier nähert. Hier- 
durch wird die richtige Bemerkung von Riido/phi 
(A. a. O. S. 2 0.) dafs die Pipa den Uebergang vun den 
Fröfchen zu den Clieluniein l)ilile, auffailenu' beftätigt. 
Eben fo kann man den von Rudolphi angegebnen Ueljet- 
fiiikunflspuukten noch die beträchtliche Länge des 
Darmkanals hinzufetzen, welche der Pipa und den 
Schildkrüeen auf eine,, fie von allen übrigen Amphibien 
im voUkonimnen Zuftande unterlcheldende Weife zu- 
kommt. Hiernach befilzt alfo das Zungenbein der 
Pipa nur die beiden liinteren, zwei anfcluiliche, auf 



l) Brejer de Rana Pipa, Berol. p. 14. 

M. ä. Archit. ly. I. Q 



330 

kurzen Stielen fitzende, dünne Platten darftellenden 
Hörner. 

III. Saurier. Auch das Zungenbein der Saurier 
ift aus den frühern Befchreibungen nicht voliftändig 
bekannt. 

In Hinficht auf die Subftanz , woraus ^s befteht, 
giebt Cuvier an, dafs es, wie bei den meiften Amphibien, 
meiftens knorplig fey. Seine einzelnen Theiie find nach 
ihm häufig unter einander verwachfen. Es befteht aus 
einem mittlem, uopaaren, gerade nach vorn gerichte- 
ten Theile oder Honie, und zwei bis Jechs paaren, 
Vondiefem nach den Seiten und nach hinten abgehenden. 
"Beim Gecko und dem Krokodil finden fich nur zwei, bei 
dem Kamäleon, den gewöhnlichen F.idechfen und Tupi- 
nambis vier, bei den Legiuais, Scinken, Agamen, Dra- 
chen dagegen fechs Hörner , von welchen die zwei, 
keinem andern S'«z/;z>;- zukommenden, dicht neben ein- 
ander und in dem Kröpfe liegen , und gerade nach hin- 
ten gerichtet find. Meiftens, nur das Krokodil ausge- 
nommen , find alle Theile fchlank. 

Diefe Angaben laffen fich folgendermafSen berich- i 
tigen und näher beftimmen. 

l) Ungeachtet die meiften , das Zungenbein bil- 
denden Theile knorplig find, fo find doch eben fo be- 
ftänilig bei allen Sauriern, die ich unterfuchte, gevfifle l 
Theile knöchern. Knorplig find der mi liiere Theil und ' 
die vortfern und Innern hintern Hörner, knöchern da- 
gegen die gewöhnlichen hinlern oder äufsern hintern in 
ihrem ganzen Verlauf oder wenigftens in ihrem vor- 
dem Theile. 

Beim Krokodil ift die vordere Hälfte der Seiten- 
hörner völlig knöchern, wenn gleich die hintere, grü- 
fsere knorplig ili. Auch bei Tupinambis üengalenjis 



-^^^ " 28 1 

finde ich diefe Hörner nur in ihrer vorderh, weit klei- 
nem Hälfte knöchern. Das für tlie eidechfenartigen 
ßphidiei' aufgeftellte Gefetz gilt alfo auch hier. 

'', a) Die Verwachfung der einzelnen Theile fchcint 
ihir durchaus nicht häufig vorzukommen, intleip ichaJJe 
angegebne Theile im Gegeptheil,immer mehr oder we- 
niger deutlich von einander getrennt, wenn gleich 

' eingelenkt finde. Als Ausnahme von allen librigen 
von mir unterfuchten Sauriern läfst fich Tupbiambis 

' hengalenßs anführen , wo das vordere Hörn durchaus 
^är nicht mit den übrigen durch Bänder "verbunden ift, 
Cfddern mir in den Muskeln liegt. 

3) In der That haben die Krokodile nur zwei 
liörner, \yenigftensaiifser dem von (Javier angefohrten 
NiJkrokodil auch der Kaiman. Nur ift zu bemerken, 
dafs die hintere, knorplige Hälfte diefer Hürner nicht, 
Vii& Cuvier befchreibt und abbiklet, von gleichem Durch- 
nieffer mit der vordem, fondern viel breiter und platter 
ift, was als Aehnlichkeit mit den Zungenbeinhörnern 
dfer Pi/w Aufmerkfamkeit zu verdienen fcheint. Beim 
Gecko dagegen finde ich das Zungenbein ganz anders 
, atageordnet, als es Ciivier befchreibt und abbildet. 

Wirklich hat es ein vorderes Hörnerpaar , das 
Ibgar länger, wenn gleich dünner als das hintere ift, 
und fich ungefähr wie beim Tupinambis verhält. Das 
mittlere ift verhältnifsmäfsig viel gröfser als Ciivier's 
Darfteilung angiebt, und läuft hinten in zwei beträcht- 
liche Schenkel aus. 

Die Saurier, denen Cuvier namentlich vier Hör- 
ner zufchreibt, befitzen in der That nur diefe Anzdhl. 

Dagegen bemerkt er nicht richtig, dafs die hintern 
innern Hörner aufser den Drachen, Againen^ Sciiikea, 
keinem andern Saurier zukommen, denn wirklich finde 
ich fie fehr deutlich bei allen von mir unterfuchten .6'<e/- 



233 ^^^^^ 

Holten, nanipntlirh Se, vulgaris, corAylus und! hrevicau.- 
^ins. iNjrh Tiedemann würde, gegen Cuvier, da* 
Zutig^nb ni tler brachen nur riV/Hurner haben ' ), alleiä 
in dl That finle ich auiser tieii beulen hintern, von 
iTim angegebnen Paaren ein vortleres, um die Hälfte 
kürzeres un.I dOnneres. ' 

Diefe Hörner find übrigens fchon bei den Amphis' 
hauen i™ Kmliment vorhanden. 

Cuvicrs Befchreibung üiul diefe Beniei'kungen er- 
fchüpfen übrigens d>'n Giifgenftiind nicht vöJlkoxnmen, 
vorzüglich, weil dje alifoliite und vprhaltnilsmär>-ige 
Gröfse, die Geftalt und Richtung der Theile des Zua-^ 
genbeins nicht genau angegeben find. -' ■-• ' 

i) Gröfse. Die Gröfse des ^un'genlieins wird, 
liictit immer durch denfelben Theif beftimmt, indem' 
b' Id alle gleichmüfsig, bald einer oder eim'ge vorhcrr-' 
Tehend entwickelt find. Unter allen haben Wiihffchein- 
lieh die Drachen Verhäitnifiinäfsig das groist'e Zungen-' 
Kein. • . . ..--'.. -ai 

/>) 'Daxvord^re mittlere Hörn ift befonilers bei dejr^i 

Kaniiileoii lehr ftark entwickelt, verhi.lti.ii.smäfsig ziitr». 
ganzen Tbiere und zu den übrigen lehr lang, doppjelt 
l'olang als Ge, aul'senlem auch btträthlljch dick. Nicht 
in demfelfon Verliältnifs, aber doch 'nach «^emfelbea 
Typus und weit anfeiinlicher als bei den Obrigeii ift es 
bei den Su'llio/ieii ausgebildet. Bei $t. vulgaris ift es 
am dickften , bei 5<. co/ci)7«j bei weitem am Jjiigften, 
^orh dünn, bei 6>. brevicuud. fleht leine Form zwifcheii' 
der von dielen beiden Arten. Es liegt bei den iitel- 
lioiten, wie bei Asn Kamüteoiis , wenn gleich nicht fo 
tief, in der Subftanz der Zunge, und wirkt aJfo kräftig 
beim Vortiofsen derlelben. Bei dta übrigen ift diefes 



1^ Äaat. de« Dracben, S. 19. 



.^^^ 253 

vordere Hörn verliäitnifsmäfsig dünn, folilank und 
kurz. 

b) Die gewöhnlichen o'Ier äußern hintern Hot-. 
ner find gewolmlich kürzer ahs die VDrdern, aller die 
ftarkften, auch, wie fchon bemerkt, gewölinlicli allein 
knöchern. Ganz befomlers iang, weit länger als die 
vordem find fie bei Tupinambis bengalenjis , wo ihre 
.Länge- bei einem i i Zoll langen Thiere über eiaen ZoU 
betragt; am läaglten bei dfn JU rächen. 

g) Die vorä''ra- beftehen gewöhnlich aus zwei 
Stücken von verfchiednerRichtunj;, und linil mehr oder 
weniger n>it dem mittl rn lli)rne verfclimi)lzen, nur 
Thedc deflelb^n. Von dim h.ntern Tbeile von dieferu 
geht nämli h an fernem äufserlten Ende ein nach vorn 
|ind aufsen gericiiteter Fortfatz ab, der immer mit ihm 
eins ift, fo dafs alfo diefes mittlere Stück eigentlich 
einen Dreizack, deffen trittlere Spitze die läng fte ift, 
bil'let. Auf dem vordem Ende diefes Fortfatzes filzt 
der äufsere gröfsere Theil des vordem Hcirnes auf. Bei 
den gewöhnlichen Eide'^hferi find beide verfchmolzen, 
bei den StpUioiien eingelenkt, bei Tupinambis beTiga- 
teiifis finft fie völlig von einander getrennt. Diefer Theil, 
das eigentliche vordere (iorn, ift dem hintern mehr 
oder weniger parallel, verläuft von vorn nach hinten, 
wnil nähert fich mit feiner hintern Spitze der feinigen, 
Gpwcihidioh iberragt es fein hinteres, mit dem mittlem 
Hörn verfchmolzenes Stück auf beiden Seiten beträcht- 
lich, bisweilen aber, wie bei Steliio und Gerko, nur 
nach hinten. Im erftern Falle reicht die vordere Hälftie 
b>«i an die innere Fläche des Unterkiefers. Das hintere 
Siück o ler der Fortfalz des mittlem Theiles ift faft im- ' 
mer uiibe<leutend und weit kleiner als das eigentliche 
vordere Hörn, nur bei Tupinambis bengalenßs , wo es 
eine feiir anfehnliche Länge hat, mit ihm von gleicher 
Orölse. Defto mcrkwürUigci: ift es ddher, dafs beide 



254 ^-^.-c^^ 

gar .'nicht mit einander verbunden find, • Sehr deutlich 
ergiebt fich aus einer vergleichenden Betrachtung des 
Zungenbeins der Saurier und der eidechfenartigenO^/ij- 
dier, dal's bei diefen erft der Fortfatz des mittlem 
Stückes für das eigentliche vordere Hörn gebildet ift, 
welches erft, fo viel bis jetzt bekannt ift, bei den Sau- 
liern eatfteht, bei melirern eine blofse Verlängerung, 
bei andern ein eigner, mehr oder weniger von ihm ge» 
trennter und felbftftändiger Knochen ift. 

d) Die hintern innern Hörner Ond, nach Cuvier, 
bei dem Leguan die längiten; indeffen finde ich in der 
That die hintern äufsern und die vordem etwas langer, 
wenn gleich jene viel gröfser als das mittlere vordere 
find. Bei Agatna mannoraca und dem Drachen find fio 
wirklich ■ beträchtlich länger , ungeachtet Tiedemann 
für die letztern das Gegentheil angiebt , dagegen bei 
den Stellionpn und Scinken, vor allen bei St. cordylus, 
und noch mehi* l^ei S'r. o^cina/ü bei weitem die fchwäch- 
fteii. Unter allen find fie bei den Drachen verhäJtnifs? 
mäfsig zum Körper am ftärkften entwickelt, was mit 
der Gröfse des Kehifackes zufammenhangt. 
.V.ttit i) Geßalh Einige Bedingungen der Geftalt find 
fction überhaupt, in«befondere aber fo eben bei Bei 
traohtung der Gröfse des Zungenbeins angegeben. Nur 
beim Krokodil hat es, befumlers das mittlere Stück 
eine breite, platte Geftalt, bei den übrigen find alle 
Theile länglich kegelförmig. Von diefer Regel machen 
die hintern Hörner, fowohl die äufsern als die innern, 
nie eine Ausnahme; bisweilen dagegen die vordem. In 
der That find bei Scincus offic. , Stellio cordylus und Tu- 
p'mainbis bengalenfis die. eigentlichen vordem Hör- 
iger im Verhältnifs zu ihrer Länge ziemlich breit, und 
bilden daher, da fie fehr dünn find, fehr längliche Plat- 
ten, die fich von innen und vorn nach aufsen und hin- 
ten zufpitzen. ~Bei dem letztern ift der Fortfatz des 



™— 235 

mjf tlern Hornes, welcher das vordere gewöhnlich trägt, 
an feinem vordem Ende gleichfalls plattenförmig aus- 
gebreitet. Eine nicht unmerkwürdige Form , da fie an 
das platte vordere Hörn der Salamemder zu erinnern 
fcheint, virelches, wie h^i TtijJinambis betigalenfis, nicht 
mit dein mittlem Theile verbunden ift. Djs mittlere 
Hörn ift zivar bei mehrern fehr dick, allein doch auch 
hier, länglich kegelfunnig. Durch feine Geftalt unter- 
fcheidet fich indeffen diefes mittlere Stück beim Kamä- 
lepn anf -eine merkwürdige Weife von der cleffelben 
Theiles bei den übrigen iSaH/ier/i infofern, als ihm die 
bekicn Seirenfortfatze fehlen, welche das eigentliche 
vordere Hörn tragen; iinftreitig wegen ftarker Ent- 
wicklung delTelben in der Langen- und Dickenrichtung. 
Das vordere Hörn inferirt fich daher unmittelbar mit. 
döpOrumiÄlche des mittlem Stückes. 

■^^^ R'whtting vnALage. Immer find das mittlere 
vordere Hörn gerade nach vorn, die hintern innera 
eben fo gerade nach hinten gerichtet. Jenes liegt genau 
in der Mittellinie, diefe gewöhnlich fo dicht neben der- 
felben, dafs fie einander in ihrer ganzen Länge berüh- 
ren. Nur hei Stellio cordylus und Sciiicus ofßciii. habe 
ich hievon eine Ausnahme gefunden, indem fie, weit 
von einander entfernt, von -vorn nach hinten etwas aus 
einander weichen. Die hintern äufsern wenden fich 
von innen und vorn nach aufsen und hinten gegen dea 
Nacken, find meiftens nach hinten etwas gewölbt, nach 
vorn ausgehöhlt. Die vordem find in ihrem hintern, 
dem Mittelftück angehürigen Theile, erft nach vorn 
und aufsen, übrigens fchräg von vorn nach hinten ge- 
richtet. Eine Ausnahme hievon macht blofs das Kamä- 
leon, wo das hintere Hörn gerade nach oben, das 
vordere fchief von hinten und unten nach vom und 
oben gerichtet ift, was unftreitig, wegen dadurch be- 



236 ^--^^— 

vvirkter vortVieilhaftererInfertion der Kinn • tvnd Kiefer- 
zimgeninuskeln das Austreten der Zunge begünftigen 
Wiufs, 

IV. Chelonier. Unter den Cheloniern habe ich 
blofs das Zungenbein von Emjs enropriea , Tfßiido 
gruPcri, Ch. Imbrirata und mydas zu unterfuchen Gele- 
genheit gehabt. Bei aJIen ift der mittlere vordere Theil 
felir breit und platt, vorn in der iMitte in eine, unter 
der Zunge liegende Spitze, auf jeder Seite in zwei 
kürzere, etwas nach aufsen gerichtete Fortfätze ausge- 
zogen. Die Platte itt bei der gricciüfcbpii Schildkröte 
am breiteften und k^^rziftc-n , bei der ein optiifclten am 
länglichften. Die letztere macht daher den üebergang 
zu der Form der Matamatafchildkröte '). Bei beiden, 
nicht aber'bei den Seofcliildkrötcn jft fie in ihrer vor- 
dem Hiilfte, in geringer Entfernung hinter der vordera 
Spitze, in iler Mitle bluls membranOs. Die dadurch 
geJJililete Oefi'nung ift, der Form der ganzen Platte 
analog, bei der europäiWien von vorn nach hinten, bei 
der griechifchen von einer Seite zur andern am längften. 
Die vordere Spitze ift bei der griechifchen Schildkröte 
bei weilein ain längften, bei den Meer fchildkrören am 
kürzelten. Diele V^erfchiedenheit fcheint mit einer an- 
dern zufarnmenruhängen. Bei den Seefchtldk röten 
nämlich liegt unter und vor der Spitze, in der Subltanz 
der Zunge ein kleiner, fehr länglicher Knorpel, der von 
der Platte ganz gelrennt, und nur durch zwei Längen- 
inuskelpaare, ein äuf';eres und ein inneres, mit ihr ver- 
bunden ift, und Wühl nichts als der vordere Theil der 
Spitze ift, welcher bei den ribrigen mit dem hintern 
verwächft, Aulserdem unterfcheiden fich die verfcliied- 



I7 Cuvier S, HS, 



jien Gattungen dadurch von einander, dafs bei Emys die 
mittlere Platte knöchern , bei Chelone und Tefeudo da- 
gegen gana knorplig ift. 

Bei allen Schildkröten finden fich wenigftens zwei 
Paare von Hörnern, von welchen das hintere auf 
den beiden FortfätTien der mittlem Platte , das vordere 
dagegen auf dem Seitenrande ungefähr in der Mitte def- 
felben auffitzt. Beide find nach hinten und aufsen ge- 
richtet, das hintere kürzer als das vordere. Immer ift 
/das vordere, mit Ausnahme eines lehr kleinen, hintern 
■knorpligen Anfatzes, knöchern, platt zufammengC' 
drückt, aber verhältnifsmäfsig zu feiner Breite ilicker 
als das hintere, welches eine mehr platte Geftalt hat, 
»nd mit der mittlem Platte nur eingelenkt ift. 

In mehrern HinGchten unterfcheidet iich die Bil- 
dung di.'fer Harner in den verfchiednen Gattungen. Bei 
den Fluß- und Seefcltildkröten find beide Paare von der 
Mitielplatte getrennt, nur mit ihr beweglich eingelenkt, 
bei der griecliifchen Sclitldkröif find die hintern Hörner 
Völlig mit der mittlem Platte verfchmolzen, erfcheinen 
nur als verlängerte , hintere Fortfätze, bei den übrigen 
dagegen find fie von diefen verfchieden , und mit ihnen 
nur eingelenkt. Bei der griechi/llipii und den Sepßhlld- 
kröcen find fie blofs knorplig, hti der Fhißfchildkröte 
«lagegt-n, mit Ausnahnje eines kleinen, hintern Theiles, 
ganz knöchern, endlich bei diefer bei weitem länger 
als hei jenen , indem fie dort faft fo lang als die fehr 
beträchtlichen vordem Höraer, hier tun zwei Drittheil 
kleiner find. 

Aufser den zwei Hörnerpaaren findet fich bei den 
Sei'fliildkröcr-n, und, wie mir aus dem einen der bei- 
den trocknen Zungenbeine der europäifchen, welche 
. ich vor mir habe, höchft wahrfcheinlich ift, auch bei 
'diefor, noch ein drittes Paar. Es fitzt am weiteften 
nach vom, amEnde des Scitenrandes, auf einem, durch 



358v 

(liefen gebilfleten Urfprunge, ift viel Ukiner als die 
übrigen, und in derTbat nur fo fahr im Rudiment vor-, 
hanclen, dafs es deshalb meines AViffens von allen mir,' 
bekannten Schriftftellern überlVhen wurde. Immer ift 
es ein eignes, plattenförmiges Stück, Uei den Seejchild- 
krötea Ka&rpWgi hei, dsv Flußjbliildkriyee kaöcbefa.- ■■ 

^ Von den Hörnern eStTpricbt unftreitig das liintetCjv 

Paar nicht dem gewöhnlichen oder hintern Paare det 

Saurier, fondern dem hintern Innern, welches mehrere, 

befitzen ; das vordere dagegen ift das hintere äiifsere. 

Dagegen fehlt das eigentliche vordere den Läadßhild- 

kröten , »uid wird beiilen iibrigen durch t(as bisher überr 

fehene vordere Stück darffeftellt. Zwar dürfte auf den 

. ■ > j'.'ii 

erften AiilWick das vordere Hörn dem vordem, das-, 

hintere dem gewöhnlichen hintern Hörne der Saurier 
parallel zu ftellen feyn, allein fchon die Stellung diefer 
Hiirner und ihr Verhältnifs zum mittlem Stücke wider- 
lefft- diele Anficht vollkommen. Noch mehr wird die . 
meinige durch die vergleichende Betrachtung des Zun- 
genbeines der Vögel, wo die vordem Hörner ganz ver- 
fchwunden, die hintern aufsern ftark entwickelt, und 
die hintern innern in Geftalt einer mittlem Spitze übrig 
find, auf der einen, und mit den oben angegebnen For- 
men, welche diefer Thsil in den verfchiednen Sauriera^:^ 
darbietet, auf der andern Seite , gerechtfertigt. End- 
lich beftätigt wohl die Bemerkung, dafs, mit Ausnahme 
der eiiropüijchen Schildkröte , das hinlere Hörn immer 
knorplig, das vordere dagegen, wie bei allen Sauriern, 
knöchern ift, die Richtigkeit derfelben. 

Nothwendig dringt fich nach der Betrachtung des 
Zungenbeins in den verfchiednen Ordnungen der Am- 
phibien die .Frage auf, welchen Knochen es im Ganzen 
und, im Einzelnen in den faühern und tiefer ftehenden 
Klaffen emfi*reche. " " - 



339; 

Schon an einem andern Orte ') habe ich mich für 
die Anficht erklärt, dafs der ganze Kiemenapparat, 
nebft der Kiemenhaut in der Klaffe der Prufche nur ein. 
fehr ftark entwickeltes Zungenbein fey, was auf merk-i 
wtirdige Weife auf Koften der Zunge zu gefcheben 
fcheint, nur fragt es fich, welchen Theilen deffelben die 
verfchiednen Theile des Zungenbeines zu vergleichen 
feyen. 

Die vordern Hörner Gnd wohl unftreitig den Kno- 
chen, welche die Kiemenhautftrahleu tragen , oder C»- 
wiVrf Zungenbeinäften zu vergleichen, wie ich gleichfalls 
fchon früher bemerkt habe '). In der That findet nian'i . 
l)beim Proteus diefe vordem Hörner vorn an das mitt- 
lere Zungenbcinftilck , hinten an den Schädel befeftigt, 
alfo gerade in demfelben Ortsverhaltniffe als die Zungeti- 
beinäfte der Fifche; 2) find fie bei den Larven der, 
Fröfclie and Salamander auf diefelbe Weife angeordnet, 
und bei beiden nicht mit Kiemen befetzt, zugleich auf 
eine fehr merkwürdige Weife, befonders bei jenen, im 
Larvenzuftande bedeutend breiter, alfo Fifchähnlicher, 
als im vollkommnen Thiere; 3) erinnert diu oben ange- 
fahrte platte Geftalt derfclben bei vielen Arten an ihre 
urfprüngliche Bedeutung. 

Welche Bedeutung alier haben die hintern äufsern 
Hörner? Ihrer Lage nach fciieinen fie durchaus den 
Kiemenbögen^zu entfprecheii. Bei den Larven der Sala- 
mand/T und bei Proteus anguuius trägt das vordere, 
gröfsere Hern ein Kiemenbiifchel, unil man kann daher 
mit vieler Wahrfcheiniichkeit annehmen , dafs diefe 
Hörner die verkümmerten Kiemenbügen find, und bei 



l) Fouqaet ie nr^jni refpiratorU in aniroalium ferie evolutione. 

HaUe IUI 6. p. 34 [f. 
a) A. a. 0. 6. ij. 



340' '^»»i^ii^.^1 

allen Batrachicrn einige oder alle Ki^rnenbögeif fich 
wirklich in fie umwandeln. Bei den üalamanäni 
verfchwinden zwar, die drei hintern Knorpelftreifen der 
Larven völlig, und der brOckenfijrniige Knorpel des 
ausgebildeten Scilumanders ilt nicht für ein Ueberbleib- 
fei von ihnen aiunfehen . da er fchon mit ihnen ziigietch' 
bei der Larve fehr deutlich vorhan ien itti ilnde.flen tiv 
er wahrfcheiMlich auch fo für ein bleibt-ndcs Ruiliment! 
der hilllern Kieinenbögen anzufehen, iiiiil es ift in ilie- 
fer Hinficht fehr merUwiirdig, dafs gerade das ihm ent- . 
fprechenile Stück beim Prot?iiSy welches die hinteren. 
Ki''Mmnbögen trägt, wie er l'elbft beim Salamimderi 
allein kiiorp/ii^ i(t, -. ii-.-ot'ii.' ■ ■ r\ 

' Unter den hohem Batrctrhiern bleiben bei deni 
Kröien Zwilchen dem vorJern und hintern Hörne au£: 
jeder Seite zwei Vorfpriinge an den Seitenwinden de*. 
mittlem Stilckes rhu-ig, wi-lche die üeberbleibjfej 4eiß' 
beiden vorderften Kiemenbögen Tiu feyn (cheineri.i: rilv 

Ilt das hintere kmiclierne Hörn der meilten ungßn 
fchwänzien ßf(frar/ue/ und .las dritte oder hintere innerem 
Ijornpaar mohrorer Saurier und der Cheloiüer ein eign 
ner, neuer Theil, oder hat er fein Analogon fchon ixK 
den Fifchen? Ich glapbe das letztere. Bei den Rochen, 
liegt an derfelben Stelle an dem mittlem Stucke ein, 
länglicher, ganz wie bei mehrern jener Reptiliennach 
aufseii und hinten uerichteler Knoclien, der, allmählich, 
breiler werden.!, lieh bis zu der vordem Gliedmaafsei' 
erftreckt, und hier mit einem kleinen einlenkt, der itt- 
enig-»gengefetzier Richtung zum hiulprn Kiemenbogea 
»ind zur vVirbelfäule verläuft. Diefer Knochen ent» 
fpricht durch feine Lage fehr genau dem hintern innera 
Hörne, und höchft wabrfcheinlich hat er bei den Grä' 
tenfifchen im Schlundkopf Knochen fein Analogon. 

Zvar ver leirht Cuuier di-fe Knochen mit den 
Zungenbeiuäfien (Auat. comp. T. JJL p. Jj?-)» die uiu* 



Mi 

Jiath hinten gerückt wären, und ich lä'ugne njchl , clafs 
fich tlieils das VeihidtMils derfeiben zu den Kiemen, 
theils die analoge Ortsverriickung der vordern Glied- 
maalsen als wichlige Gründe für diefe Anücht antühien 
laffexi. Indelfeo l'cheint mir fiir jetzt die eben geäufserte 
Meinung, die Zuriickfiilirung mehrerer Knochen bei 
verlrhiedeiien Thieren auf einen und denfellien , um fo, 
^ehr für ßob zu haben , als einerfeits die Kiemenhaut- 
ftrahlen bei den Knorpelfifclifii , wo (ie lieh überall. 
Vorzüglich aber bei den Halßfcken, fehr deutlii h finden, 
nicht von diefen Knochen entltefien, andrerfeits fich 
vor dem Kiemenapparat zwifchen den beiden erftera 
Kiemenbügen ein deutlicher , wenn gleich gewöhnlich 
nicht befchriebner , querer Knorpellireif beiludet, der 
ganz die Stelle des vordern Theiles (ier Zungenbeinäfte 
bei den Grüteiififrhen einninjmt. Freilich heften Cell 
auch fo die Kiemeiihautftrahlen an die vorilern Enden 
^er Kiemenhögen , und man könnte annehmen , dafs 
füefe veränderte Verbindung eben von dem Zurücktrat 
Jen der Zungeubeinäfte herrühre, jener Cjuere Knc.rpel 
nur der, in die Breite ausgedehnte, unter den mitllerb 
l^iemenknochen liegende Knochen der Gräle/ißjche ley»; 
yrelchen einige Scliriftfteller mit dem mittlem ßruftt-'. 
^eünftück verglichen haben. Das breite Knochenftück 
der Rucliprr dagegen, an welchi-s lieh die in Anfrage fte- 
benden Knochen hefteten, wäre ilas mittlere, mit jenea 
nach hinten gewichene Zungenbein der Grcice/ifijiiie, 
welches fiel», wie der cjuore Knochen, nach dem Typus 
des Ganzen ftark in die Breite ausgeiiehnt hätte. Duclr 
feheint mir gegen die Riclitif^keit der von Cuvier vorige-'. 
Itagiien Anlicht der Umftand zu fprechen, daCs bei ilonl 
Haiflfchen an der gewöhnlichen Stelle vom Üuailrat; ein' 
cjn ffitlicher Zungenbeinaft aligelu, und lieh an ei« ea 
fehr anfehnlichen, breiten, platten, mittlem Knorpel 
tieftet, auiserdem aber di.e vua Qtvier für di» beide» 



{J4G • 

Seitenzungenboinäfle gehaltnen Knorpel, wie geWslin- 
lich, aus zwei H.üflen gebildet, abet" fjch nirht an (fie 
Wirbelf.iule heftend, neblt dem breiten mittliern Knor- 
pel vorhanden find, an den fie fich, wie bei den Rochen, 
heften. Hiediirch fcheint mir die Richtigkeit meiner 
•Anficht zur Gewifshoit erhoben zu werden. ' u'-'^^'i- 

Das mittlere Stück ift der mittlem Reihe 'vbn Kno- 
chen, oder dem einzelnen- Knochen bei den Fifchen, 
3n welche fich die Kiomenbögen heften , analog. Dal'Or 
l'pricht die Verbindung aller vorhandnen Knochen paare 
mit ihm. Der mittlere, breite Knochen mehrerer 
Rochen bat befonders viele Aehnlichkeit mit dem mitt- 
]ern Stücke der CJialonier, indem er vorn in zwei Spit- 
zen ausläuft. Denkt man fich dicfe vorn vereinigt, fo 
hat man das durchlöcherte, breite, mittlere Stück von 
jenen auffallend vor fich. Dipfe grofse Aehnlichkeit 
hindert mich , diefes Stück bei den Rochfii als dem 
mittlem, entweder dem Zungenbeinftücke'oder deitt 
UnterzungenUnocJien der GrtUeii/i/clie analog anzufeheb; 
Ift diefes Stück der Rochen abur wirklich flen mittlem 
Kiemenknochen der Gratenßfche und fomit dem niitt- 
Jern Zungenbeine der Amjyhibien analog, fo wird dfr 
durch meine eben erörterte, Anficht der Bedeutung der 
unbeftimmten, mit ihm verbundiien Knochen bedeutend 
beftätigt. 

Der bei einigen Amphibien, namentlich den Che» 
lonierii, vorkommende kleine, eigne Knochen könn- 
te vielleicht feiner Lage wegen, für da!^ Unterzun- 
genbein der Fifche angefehen werden. 

Das Zungenbein der Vögel ift weit weniger ent- 
wickelt als das der Amphibie//; indeffen laffen fich doch 
die meiften Theile parallelifiren. Merkwürdig ift es, 
dafs immer der mittlere Theil, wenn gleich einfach, vor 
der Luftröhre zwifchen beitlen Hörnern mehr oder vve- 
niger lang ausgezogen, und an feinem hintern Ende 



Jcnorplig ift. Offenbar entfpricht diefer hintere Theil 
in feinem liintcrn, zwilcheii den beiden Seitejihürnern 
liegenden Theile den hintern innern Hörnern der 
Amphibien, und es ift daher merkwürdig, dafs diefe 
bei den Cheloniern allgemein i wenn gleich nach einem 
andern Typus gebildet find. Diefe Analogie ift befon- 
ders bei einigen , 7.. B, den Tauben , auffallend , wo 
diefer zwifchen den beiden Seitenhornern liegende Theil 
einen eignen Knochen biklet, was gewöhnlich nicht der 
Fall ift. Unter diefer Bedingung befteht dann das 
mittlere Zitngenhein aus drei, von vorn nach hinten 
auf einander folgenden Stücken. Merkwürdig, und 
wieder in Bezug auf die Ae'hnlichkeit mit den Ckelo- 
n/ern und Roche/r, ift, dafs der gewöhnlich einfach zn- 
cefpitzte vorderfte diefer Knochen, bei einigen, z. B. 
■ Fajco oßfragus, faft in feiner ganzen Länge nach vora 
jn zwei Seitenfchenkel gefpaltea ift. Den beiden Sei- 
tenhürnern entfprechen unftreitig die mittlern Hörner 
det ■Amphibien, niithiu die Kiemenbögen der Fifohe. 



/ 



-'44 



Ijitellisenzblatt, 



ö 



I. Zur Lehre von der thierifchen Form. 

I. Cuvier über die Zufammen fet zung des 
knöchernen Kopfes der Wir bei t hiere. 
(Annal. du Muf. Vol. 19. 1812. p. 123 — 12».) 

Herr Geo/froy hat durch feine Unlerfuchungen über 
die Kopfknochen der Wirbelthiere unter andern merk- 
würdigen Thatfaclien auch die nachgewiefen, dafs, mit Aus- 
nahme des Felfentheils, alle fheile des Schlafbein* ab- 
wärts in der Thierreihe allmählich voai Kopfe abtreten, 
der Trommelfellring bei den Vögeln, Amphibien und Fi- 
fchen den (^uadratUnochen, oder den Stiel des Unterkie- 
fers , bildet, der Oberfchnabel der Vögel faft ganz aus 
den Zvvirchenkiefern befteht, und dieüberkiefetknochen 
äufserft klein find. Indem ich die Genjfroyfche Anficht 
über die Metamorphofe der Kieferknochen und einiger 
andern völlig annehme, glaube ich einige mainer frü- 
hern über das Stirnbein, Siebbein und Keilbein beibehal- 
ten zu können, die ich noch vor drei Jahren in einem Auf- 
fatze über die Kopfknochen des Krokodils , mit zweck- 
mäfsigen Abänderungen, von Neuem vorgetr.igen habe, 
üiefe Anflehten lind wefentlich folgende: 

1) Das Stirnbein der drei untern Wirbehhierklaffen 
ift mehr zerfallen als bei den Säugthieren , indem feine 
zwei Augenhohlcnfortfätze eigne Knochen, das vordere 
und hintere Stirnbein, bilden. 

2) Die Siebplatie fehlt, die Riechnerven treten durch 
Oeffnungen oder Kanäle hervor. Dagegen £ndet üch das 

feak- 



— "^■-- ^-" 245 

ieTTEFecBte blätt", 'kTlöcliei-h , knorplig o3er Iiäutig, und 
trägt mit dem Aiigenhühlenfoitfalze des Keilbeins, der 
eben fo allgemein ein Blatt bildet, zur Bildung der 7,wi- 
fchenfcheidewand der Augenhülilen bei. Auch die Augen- 
höhlenplatten des Riechbeins trennen, an der gewohnten 
Stelle liegend, Aiigen- und NafenhöhJe, lind aber bald 
Iiäutig, bald knorplig, bald knöchern; auch liegen die 
wefentlichei^i 3^h*ile des lüechbeins, die oliern AJ^ifcheln 
öder Zellen, wie gewöhnlich, in der Nafenhöhle , lind 
aber meiftens knorplig. Hiernacli behält das Riechbein 
feine Lage, feine Zufammenfetzang, und feine Verrich- 
tungen, und. ift nicht zerfallen. 

■•• 3) Die Keilbeinflögel lind meiftens von den übrigen 
iTheiien des Keilbeins getrennt, und bilden mit den Gau- 
menbeinen eine mehr oder weniger vollfiändige , und 
mehr nach innen liegende Verbindung zwifchen dem 
Oberkiefer und dem Stiele des Unterkiefers, fey diefer 
i\im, wie bei den Vögeln, mehreren Sauriern und Ophi- 
d\etn und allen Fifchen , beweglich, oder, wie bei dea 
Krokodilen und Schild'.- röten, ganz feft. 
...■•^' Vielfache Unterfuchungen haben mioh von der All- 
getneingültigkeit diefer Regel überzeugt. Nach ihr kann 
man leicht alle Kopfknochen der Vögel, Amphibien und 
Fifche benennen, indem jeder immer diefelbe Stelle, 
ungefähr diefelben Verbindungen behält, oder wenigftens 
die eintretenden Abweichungen nicht ftärker als die bei 
verfchiednen Säugthieren lind , endlich, was das WefenU 
]ichfte ift , jeder Knochen diefelben Functionen behält, 
d. h. diefelben Höhlen bilden hilft, diefelben Muskeli» 
fich an ihn heften, diefelben Nervenftämme durch ihr» 
treten, wenn diefe Theile vorhanden find. , Von den 
Nerven weifs man, dafs üe nie abweichen , den Riech- 
nerven ausgenommen, der bei den Cetaccen fehlt '). 

So bedeckt das Stirnbein, gleichviel, ob einfach, dop- 
pelt, fünffach oder fechsiach, immer den vordem Theil 
de« Gehirns , bildet die Augenliöhle , und begleitet dea 



l) Aach diefm- bckanntUch nach der Jaetb/on'khea Entdeckung 
aicbt. Ä. 

M. d. Archiv. IV, 2» R 



246 

Riechnerven bis zur Nafe ; der innere AugenhöWenfort- 
fatz, das vordere Stirnbein, umfaTst immer den obera 
Theil der Nafenhohle , und bildet den Nafeniand der 
Aiisenliölile. Der äufsere Fortfatz, das hinlere Stirn'bein, 
bildet den äufsern Kand der Augenhöhle und trennt fi© 
von der Schlafgrube. Das ein- zwei- und dreifache 
Scheitelbein bedeckt immer den mittlem Theil des Ge- 
hirns. Das einfache, doppelte, vier- oder fünffache 
Hinierhaup^sbein umhüllt immer das verlängerte Mark und 
da\ kleine Gehirn, und enihäit immer den Gelenkknopf 
für den oberften Halswirliel. Der Körper des Keilbeins 
und feine Schlafflügel tragen immer die mittlem Theile 
des Gehirns ; fein, fchon bei den Säugthieren getrennter 
A'igenhöhlentheil bildet immer den Grund und einen 
Theil der Scheidewand der Augenhöhlen , und läfst den 
Sehnerven durch. Diefe dünne Scheidewand , d^ren 
Anfang man fchon beim Saimiri ficht, geht immer nach 
vorn bis zum fenkrechten Riechbeinblane. Die Augen- 
höhlenblätter des lliechbeins trennen immer Augen- und 
Hafenhöhle. . 

Ungeachtet gröfserer V?rfchiedenheiten in dön Ver- 
hältniCfen , und der Fefügkeit der Verbindungen , bieten 
die Antlitzknochen diefelbe Beftäiidiglceit dar, und wer- 
den daher leicht erltannt. Nur der Schuppentheil des 
Schisfbeins tritt bei den Amphibien und Fifcben ganz 
^om Schädel ab, indeffen bedeckt er fchon bei den Wie- 
derkäuern das Scheitelbein von aufsen faft ganz, und 
die Schuppennath ift eine Andeutung feines nach aufsen 
Gleitens, welches nach Maafsgabe der Verkleinerung des 
Gehirns und der Schadelhöhle eintritt. Da die Pauke 
nie Antheil an der Bildung des Schädels hat, fo ift es 
nicht auffallend, dafs iie Cch bei den meiften Thieren 
völlig abfoiidert, der Fellentheil dagegen bleibt iirimer in 
die Schädelwände eingekeilt, und nimmt immer unmit- 
telbar den Hörherven auf,' wenn er gleich das Labyrinth 
nicht immer einfchliefst.-'^.i"-'' - 

Künftig werde ich in befondern Abhandlungen über 
die wichligften und fchwierigften Gefchlechter der drei 
untern Wirbellhierklaffen^ die Allgemeingültigkeit diefer 
Angaben nachweifen : für jetzt bemerke ich nur, dafs 



k%»n£s ,' fellJTt nicht die Knovpelflagler utid die tampre- 
teri, unftreitig das'üiömarfte Gefchlecht, davon eine Aus- 
nahme machen. ^ ' 



J. G. Cuvier ü-befid'ift-Zufa'W'iöenfe tzung d^k 
Oberkiefers dei- Fifeh%,- und di'e Böi 
nutzung derfelben iiir methodlfchen 
Eintbei lung d ief er Thiere. (Mem. du Miif 
feum d'bift. naturelle. T.'Il'Ti'gis. p. 102 ff.) • l 

^£o> T^rlchieden .^ucb die KJa^>^r.FifQhe', im Oan^ 
^n tetrachtet, von allen übrigatt ift,' Cd ivvenig leicl^ 
^St ßf üch bequem m Abtbeiluijgen .zerfallen. Das GBc 
webe der Knochfui, die Befcba^Xibeit der.AUimuogÄ 
Werkzeuge, di.e-3te)iuiig ^upd: ^a^l'^r JfioiUeii, dife Be- 
(Bhaffanjbaic ihrer Str4blen;; welc;h« i*ach und nfjohi'i^ijj 
^I^ gröJTsten Namrforfchern als; Elnt^eilupgsmittel ^^j 
wählt jwurden, iJiabei» bjsjejzt I^eifiß ,j\lethode gevväbjffi 
nach, welcbei". aicj)t «fehr ähnljcUe.Fifche getwnnt., febff 
xnnähnliqhe neben.ejnandev. geitelltw^deii wären.. Ü^Sn 
t^lb . verfuqhte ich die Anweavdi;i?g^¥p)j.', bisher nicht, J)gn 
putzten Organen, und namentlich den Kiefern, dpfieft 
^influfs zwar nicht beftimmt, aber doch lehr bedeui 
ttod ift. 

Bekanntlich ift beltn Blenfchen und den Säogthieren. 
Ak, aus den Nafenknochen, dem Oberkiefer, den Jocih- 
Beinen und den Gaumenbeinen gebilde'le Antlitz feh und; 
«nbeweglich an den Schädel geheftet. In de a drei Klaffen 
eierlegender Wirbelthiere bleiben die Antlitzknpchen läa-' 
^er in einzelne Theile zerfallen, und einige werden iiv 
manchen Arten beweglich. Beide Abänderungen,' die 
bei den Vögeln und Fifchen felrt' einförmig find, bieleit 
bei den Amphibien zahlreiche Verrchiedenheiten in der 
Art dar, dafs gewiffermafsen jede der drei übrigen Klaf- 
fen durch manche Gefchlechter dargefiellt wird. Indem 
rinan alfo in diefer Hiniicht die Amphibien genau unter- 
futht," gelan;^t man zu einer Vergleichung der Vogel und 
Fifche unter lieh und mit den Säugihieren. Hier für jetzt 
nur von d«r Beftimmung der fchwierigfieaAntlitzknochea 

l\ a 



248 

der Fifche , nämlich dem VerhältnHTe, def Theile,'def 
Sciilafbeins ijnd der Gaumenbeme, unter einander , mit 
dein Jochbein uiid dem zum Antlitz gehörigen Theiledes 
Keilbeins. 

Bei den Eierlegem wird imsier das ^cA/o/iem durch 
4 Stücke, I) den Zitzenknochen, 2) den Felfentheil, 3) dia 
fr^like , und 4) die ÄeA«p;>e vertneten; die l)eiden lelzterjt 
gehören; tiicht mehr zum Schädel; Das Knilbein lieftehe 
im Allgemeinen aus QjStücken: l) dem eigentlichens un- 
naaran , 2) den beiden itinern Flügelfortfätwn, 3) dea 
beiden äufsern , .4) dpn;S(5hlaffort£itzen, S) denböiden. 
Augenhohlenfortfätzen, die bisweilen auch unpaar find. 
Das Stirntiin hae gewöhnlich aiiFjcder Seite '3'' Stocke: 
»5 das eigehrKche, l)',das vordere, 3) das hinteVe!; ^** 
Hinterhauptsbein imtnW 4 : l) das ■obere, a) die Veiäeh 
$»itentheil« ,; '3)v'l(>s untere oder Grundfluck.- ■■' 

• Unter alle* Eierlegern koiiltnen die Schildkr'-jten äMf 
fiMiften *iit den iS5sS»tM«fren überein, indem alle Knocheti 
iütes Antlitzes feft , ihre "ZWifehen - und Gbierklefet',- 
JbchWein nnd^tir*%ejh diefelbe Lage' und Verhältnifftl 
idhen. Da 'die hirtterü Nafenlocher weit risteh Tohl H^ 
gen, wölben lieh • di*' Gautnenlieifie ni<*ht , una'fie zu üni-' 
faften, haben daher ndi* ihren 'obern Theil und verdtckesii 
4^rtPflugfi/Baar''nreh*; ''Die Innern Ftügelfbrträtze plat'ieÄ 
ffeWi ' wie- fie , horizontal Und in derfelben fcbne mit dein' 
Keilbein ab, die äuCsern find nicht getrennt, die'SfcMäW 
und,Augenhohlenfortfa,^,erehr klein. Pauke, Felfen-unJ 
Äiizentlieil haben ungel/ihr diefelbe Lage, die PauVe uro»; 
iiafst das Paukenfell ganz,, und urafchliefst den öehör^ 
Iflnochen. Die Hauptverfchiedenheiten hefiehen darin^ 
iißis l) die Pauke allein die Gelenkfläche fiir den Unter- 
tjefer bildet; 2) von der, ganz vom Schädel getrennte^ 
§cbuppe nur noch <ler Jochfortfatz vorhanden ift, der 
Jfch einerfeits mit .der Pauke, andretfeii? mit dem Jooll» 
liein und dem hintern Stirnbein verbindet. 

Auch beim Krokodil find die Kielern wie bei den, 
Säugthieien gel)iklet, die Nafenhöhlen reichen bis zum^ 
Hiiiterhaupte , die Gaumenbeine und Innern Flügelfort- 
fätze bilden einen Kanal für fie, ein wahrer äufsereF. 
Flügelfortfatz geht von ihnen quer bis an den Oberkiefer^r 
das Jocbbeiu und das hintere Stimbeii). ^Das.Jot^bein^' 



•^^^^^ 249 

reicht weiler raeJi hinten als Jas hintere Stirnhein , fo 
dafs die Sclilafbeinfchuppe nuu das Jocliliein und die 
Pauke verbindet, der Zitzentheil erhebt licli» die Pauke^ 
Bildet noch allein die Cleleiikfläche. 

Bei den eigentlichen Schlangen , z. B. Boa, Coluber, 
verfchwindet das Jochbein, Gaumenbein und innerer Flü- 
gelfortfatz veflängeru lieh, und erhalten Zahne; der letz- 
tere verbindet fich mit dem Kiefer und hintern Stirnbein 
durch den aufsern Fliigelfortfatz, reicht nach lijnten bis, 
2ur Pauke, lenkt lieh bei den Amphisbänen mit ihr, un- 
gefähr wie bei den Vögeln, ein. Bei beweglichem Ober- 
kiefer ift es auch die Pauke, und wird felbft durch einen,, 
auf dem Seheitel bei n ruhenden beweglichen Zilzenknochen, 
»euacen. Die S.chlaffchuppe fehlt. 

Bei den eigentlichen Eidechfen , Monitor, Iguana, 
Lecerta u. f. w. , find die Kiefern noch feft, der äufsere 
Fliigelfortfatz verbindet den innern mit dem Kiefer, er- 
reicht bisweilen mit dem äufsern Ende das Gaumenbein, 
der innere verlängert fich nach hinten, bisweilen bis zur 
Pauke, bisweilen bleibt er hier frei, ift oft mit Zähnen 
bcfelzt : die Pauke bildet nur noch den vordem Rand des 
Baukenfellringes, wie bei den Vögeln , und Lft bisweilen' 
beweglicli. Das Jochljtin überragt das hintere Stirnbein 
nicht, (erreicht es Tel bft nicht immer, dagegen erreicht 
es das Scblafl.ein, und fetzt fich mit der Pauke und 
dem Zitzenknochen, bisweilen mit dem feitlichen Hin- 
terhauptsbein in Verbindung. 

Bei t'cn Batrachiern, vorzüglich den Fräfchen , fehlt 
das hintere Stirnbein, der innere und äufsere zufammen 
Tfirfehuiolzene Flügelfortfatz verbinden das Keilbein mit 
dftn Kiefer, und nach Kinnen mit der Pauke, der Fort- 
fatz der Schuppe, zur Verbindung mit dem hintern Stirn- 
bein beftimmt, bleibt frei. Der Kiefer geht hinten in 
das, mit der Schlaffchuppe nicht mehr verbundne aber 
die Pauke erreichende und, was wichtig ift, den gröfs- 
ten Theil der Gelenkfläche für den Unterkiefer bildend» 
Jochbein über. Das Gaumenbein verbindet fjuer das 
Keilbein, Stirnbein und vordete Stirnbein mit dem Ober- 
kiefer, und Itufst hier mit dein äufsern Fiugelfonfa.tze' 
zulamaiea. 



250 

Aus einer Zurammenfetzung der Antützbildung «Jet 
Profclie und Schlangen erklärt fich die der Fifche fehr 
leiclit. IVlan braucht fich nur die Oberkieferbeine, nur 
an ilirem vordem Ende, dagegen an ihrem hintern Ende 
und ihrem innern Rande nicht mehr, mildern üljrigen 
Knochengerlifte verbunden denlten. Dann findet fich 
das Jochbein unter diefem, um den Unterkiefer zu tragen ; 
das, vorn unter dem vordem Ende des Schädels liegenda 
Gaumenbein fetzt fich hinten mit den beiden Flügelfort- 
Tätzen fort, die es mit dem Jochbein vereinigen, die 
Schlaffchupp^ und die Pauke bilden den auffteigenden j 
Aft des Gern ftes, welches zu feiner Verbindung mit dem, 
Schädel beftimmt ift. Die Sohlaffchuppe verbindet fich 
iihmer, wie bei den Eidechfen, mit dem hintern Stirn- 
beine und dem Zitzenknoehen , und lenlst fich mit dem, 
bei denPifchen für das Athmenfo wichtigen, Zungenbein 
ein. Die Paulce, die mit dem Gehörorgan nichts mehr 
gemein hat, und deren Stelle für die Verbindung mit dem 
Unterkiefer durch das Jochbein vertreten wird, bleibt, 
wie die Flügfclfortfälze, eine blofse, eine Stelle im Gaumen- 
bogen einnehmende Knochenfchuppe. 

Hiernach befteht das votlftändige Antlitz der Fifche, 
abgefehen von den Kiemendeckeln und dem Unterkiefer, 
aus folgenden Knochen : l) den Zwifclienkie/ern, den Ober- 
kiefern der Ichthyologen; 2) den Oberkiefern, den Lip- 
penknochen der Iclithyologen ; 3) den innern Gaumen- 
knochen ; 4) den Flugel/ortfützen oder den üufsern Gau- 
menbeinen ; 5)derPa«/;e, welche den Gaumenbogen forc- 
fetzen; 6") Aer Schtaffckuppe, welche, fich mit dem Zitzen- 
bein und dem hintern Stirnbein verbindend, diefen 
Bogen liinten mit dem Schädel einlenkt; 7) dem Jochbein, 
welches fich nach untert endigt, und das Gelenk mit dem 
Unterkiefer bildet; 8) den, wie bei allen Thieren, die 
Nafenhöhle umgebenden Nafeaknoclien ; 9) den , den. 
Fifchen eigenthümlichen Unferaugenhöhlenknochen , die, 
von dem Oberkieferbein oder dem Jochbein abgetrennt, 
der Zahl nach bedeutend variiren, und mehr oder vverii- 
ger äufserlich an der .Wange erfcheinen. 

Da der fogenannte Lippenknochen ifn Allgemeinen 
zähnlos ift, fo fcheint die ihm gegebne Bedeutung fa!^ li ; 
«Uein, verfolgt man ihn TOtl dea Lachfen an durch C- . 



I übrigen Fi tche, fo vei-fch windet diefe Unwalirfcheinlich- 
! keit. Bei den Forellen nehmen die Zwifchenkiefer nur 
ungefähr denfclben Kaum als bei den Säiigthieien und 
den meiften Amphibien ein, und find auf diefelbe Weife 
ohne Stiel und unbeweglich befeftigt; die, wie Ue, gezahn- 
ten Oberkiefer, vervollftändigen den Rand des Oberkie- 
fers bis zum Mundwinkel, die innere Zahnreihe gehört 
dem Gaumenbein, wie bei den Schlangen mit beweglichen. 
Kiefern, die mittlere dem Pfliigfcbaarbein an. Diefelbe 
Bildung kommt bei den Stinten , Corregonen und dem 
von der Lachsfarailie getrennten Gefchlechte der Curi- 
ntafen v^or, ift aber mehr oder wenii^er abgeändert in den 
Tcrfchiednen Gefchlechiern, welche die Ichthyologen 
noch unter dem Namen Characinus vereinigen. Bei den 
eigentlichen Clupeen und den Elops findet he fich wieder. 
i Bei C/. myftus verlängern lieh die Oberkiefer , und bei 
I Odontognatluis Lac, der zu d?r natürlichen Familie der 
I Heringe gehört, tritt durch dire fchnappende Bewegung 
ihr hinteres Ende nach vorn. Eben lo haben diefe Bil- 
dung Notopterus capirat Lac. (Clupea fynura Sehn.) Efox 
clurocentrus Lac, {Chipea dorab Gin.") Erythrinus Gron. Amia 
I Linn. Polypterus Geoff., wo die Oberkiefer fogar, wie bei 
einigen Amphibien , mit dem übrigen Antlitz verwachfen 
lind, und in der That Icommen diefe Fifche im Innern 
weit mehr mit Clupea als den Arten überein, denen man. 
fie jetzt genähert hat. Der Hecht fteht gewiffermafsen 
zwifchen diefen und den übrigen Fifchen, das Zwifchen- 
kieferbein allein trägt Zähne, ift aber fehr klein, und 
liegt nur am Ende des Maules, die Seitenzähne des Ober- 
I kiefers flehen in den Gaumenbeinen. So lind wir zu der 
allgemeinen Anordnung gelangt, wo der Zwifchenkiefer 
allein den Hajid des Oberkiefers bildet, und die äufsern 
Zähne trägt, während das Oberkieferbein eine unterge- 
ordnete Stelle einnimmt. Vermöge diefer bildet es faft 
immer eine Art zweiter Lippe, begünftigt das Vortreten 
. des Zwifchenkiefers , und heifst dsnn, nicht ohne Grund 

Lippenknochen. 
'. So verhält es fich in der That bei weitem bei den 

I meiften Gefchlechtern, namentlich Cj-pWnuj, CoÄ/fi/ (aufser 
I Anableps"), Fiftutaria, Centrifcus^ Syngnathus und Pegafus, 
, deren Mundröhre nicht, wie nach Artedi y durch die 



253 - — 

verlängerten OberkieFer, fondern durch das Riectbcin, 
die Nafenbeine und Gamnenbögen gebildet wird , wäh- 
rend die ülierkieferbeine ihnhinten beendigen; Atherina^ 
Mugil , Sphyraena , Labruf , Sparus , Perra , Sciaena , Ga- 
ßerofteus , Scotnbetr ^ Coryphaena , %eus j Chactodon ; Scor- 
■paena , Cotlas, Trigla, Mullus , Gobius, Caepola , Blen- 
nius , Gadus , Trailitnus , Uraiiofcopits, Caltionymus, Pleu- 
rvne^fes, Strotnateus ^ Aijimodyfes ^ Ophidium, Cyciopterus^ 
hepadiigafter , Lophius, welche drei Gefchlecliter, wegen. 
d«s faferigen Baues, der V-ahl undGeftalt ihrer Knochen, 
und der Anordnung ihrer weichen Theile , ungeachtet 
bei einigen Arten die Knochen fpäter erhärten, durch» 
aus zu den KnochenHfchen gehören. 

Unter diefcr Menge vun Fifchen finden fich die, 
welche ihre Oberkiefer plötzlich in Geftalt eines Rohres 
nach vorn fchieben können, und daher zum Theil den 
Kamen Infidiator u. f. w, erhalten haben. Am auf- 
fallendften ift diefe Bewegung bei Caltionymus; Sparus in- 
ßäiator , den ich von Sparus trenne und als Epibulus den 
Labrus nähere; Sp. fmaris, maena u. f. w. , woraus ich 
ein eignes Gefchlecht Smant bilde; Corycus, was ich aus 
einigen Arten von Lutjanus bilde, Zeus, Capros, Me- 
neus Lac, die zurammengeftellt und mit Clupea fasciata 
iac, verbunden werden muffen, welche mit Centrogafter 
etjuula Gm. eins ift. Selbft bei Labrus und Cyprinus lin- 
den lieh Spuren, und eigentlich bei allen genannten Ar- 
ten Bei allen hat das Zwifchenkieferbein aufser dem 
jRandafte des Oberkiefers einen auffteigenden, oder einen 
Stiel, der mit dem Schädel nicht eingelenkt oder ver- 
wachfen ift, fondern blofs unter der Haut liegt, und in 
einer Art von zelligen Scheide auf der vordem Fläche 
des niechbeins auf- und abgleiten kann, die bei den 
Smaris zwifchen den Augen felbft bis zum Stirnbein em- 
porfteigt. Die Länge diefos Stückes und der erwähnten 
Scheide bedingt die Länge der Köhre, die hervorireten 
kann; das Obeikieferbein aber fchiebl jene und das 
ganze Zwifchenkieferbein nach vorn, indem es licli felbft 
um fein oberes Ende dreht, und der Unterkiefer fchiebt 
oder zieht, indem er lieh fenkt, den untern Theil des 
Oberkieferbeins nach vorn, damit di?fes durch die'er- 
«vähiite Bewegung einen Kreisbogeu befchreiben kann, lo 



— ' 353 

dafs diefe, clem Anfchein nach fo zufammengeletzle Be- 
■wegung durch einen einzigen Muskel, welcher dem Kinn - 
und Zungenbeixmuskel entfpricht,. vollzogen wird. Zu- 
rückgeführt werden die erwähnten Theile durch zwei 
Muskeln, welche den Schlafmuskel, wie er bei den Vö- 
geln abgeändert ift, darftellen, d. h. , von der Platte 
kommen, welche aus Stücken beftebt, die meiftens vom 
Sclilafbein und dem Keilbein getrennt find , und deren 
jeder bei Cyprinus , Smaris eine eigne Sehne , die eine f üif 
den Oljerkiefer, die andre für den Unterkiefer hat , die 
fich dagegen bei Zeus faber, durch eine gemeinfchafiliche, 
in zwei Zipfel gefpaltne Sehne an das ülier- und Unter- 
kieferbein bellen. Bei wenig beweglichem Oberkiefer, 
Z. B. Efox, Muraena, erhält diefer keine Sehne. Nie hat 
das Zwifchenkieferbcin einen Muskel, dagegen ilndea 
iicb immer I — 2 AUiskeln, welche vom Schädelnach 
dem Typus der Vögel an die erwähnte Knochenplatto 
gehen. 

Böi einigen Fifchen ift das Oberkieferbein nicht blofs 
Lippenknochen, (Anedoch die Bedingungen darzubieten, 
welche es bei den hohem Thieren zeigt. Zu den merk- 
wiirdigften geboren hier die der f^e/fe. Das ungeftielte 
Zv/ifchenkieferbein liegt unter dem vordem, breiten 
Scbädelrande , und trägt an jedem Ende ein kleines Obetr- 
kieferbein, welches, biegfam geworden, in den längftea 
Barifaden verwandelt ift. Bei einigen Untergattungen 
finden fich noch befondere Elgentliümlichkeilen, z. B. 
bei AspreJo, wo die Zwifchenkicfern , r>ls kleine läng- 
liche , unter der Schnauze liegende Platten an ihrem hin- 
tern Kande die Zähne tragen. Anableps verbindet Silurut 
mit den übrigen Fifcl>cn : die ungeftielten Zwifchenkie- 
£er liegen un'cr dem Schnauzenrande, diefer aber befteht 
aus dem uliern Ende der Oberkiefer, welche fich aus- 
breiten und berühren. Wegen mehrerer Verfchieden. 
keiten, fowohl der hier betrachteten Theile, als andrer 
Organe niüffen aus Characinus mehrere neue Gefchlechte 
gebildet werden. Eines liat fchon Lacipede in Serrafalma 
|;eireiint. Die obern fchirfen Zähne ftehn blofs im Zwi- 
ichenkiefer; das Oberkieferlrein ift nicht mehr Lippen- 
knochen, londern liegt als kleine Platte cjuer über 
dem Winkel beider lüeferiu Tetraganopttrut Seba, der 



554 ^ • 

als Gefchlecht hergeftellt werden miifs, und fälfcLlich 
mit Salmo bimacutatus verwechfelt worden ift, kommt 
durch die Kiefern mit dem vorig'ea überein , hat aber 
oben 7Avei Zahnreihen, fo wie fein Unterleih keinen 
fchneidenderi noch fcharfen Rand. Aus den Characinen 
mit prismatifchen Zähnen, z. B. Raji vom Nil, QSalmo 
dentex Haffetq. S. niloticus Forfk.') mache ich das Gefchlecht 
Myletes , deffen Kiefern mit denen des vorigen überein- 
kommen. Bei Hydrocymis Cuv. find die Oberkiefer ftärker 
entwickelt, und die Zwifchenkiefer veifcliolien und 
ftark gezahnt. Characinus dentex Geoffr. hat zahnlofe 

?berkiefer, andre, Salmo falcatus und S. Odoe ßl., kleine 
ahne in denfelben, und nähern lieh daher Salmo fario 
und epei-lanus , von denen Sie fich nur durch Mangel der 
Zungen- Gaumen, und PHugfchaarzähne unterfcheiden. 
Ein andres GefchVecht, Citbarina, bildete ich aus den 
Characinen mit nur in die Breite ausgedehnten Zwifchen- 
kiefern, deren kleine Zähne bisweilen borftenförmig lind, 
■und deren fehr kleine Oberkiefer über dem Mundwin- 
kel liegen. Hieher gehören Serrafalmo Ci/harina Geoffr. 
und Salmo atgyptius Gm. Eine der auffallendften Ab- 
weichungen diefer Familie wird durch Saurus (wohin 
Salmo fauriis Linn. , S. foetens, S. tumbil^ Salmo varius u. f. 
w. gehiiren) gebildet, deren weiter Rachen an Teinem 
obern Rande nur einen langen, ungeftielten , an einem 
einfaclien Bande hängenden Zwifchenkieferknochen trägt, 
und deffen Oberkiefer nur eine häutige Spur bildet. Das 
Gefchlecht Syiiodas Lac. fcheint nur aus Exemplaren von 
Salmo faurus L. gebildet , deren fehr kleine Fettfloffe ver- , 
loren gegangen war. Merlvwürdig ift nun , dafs, unge- 
achtet diefer auffallenden Abweichung in der Anordnung 
deir Oberkiefer bei mehrern Lachfen, einige Fifche die- 
ler Familie ein ganz gewöhnliches Lippen- Oberkieferhein. 
haben. So verhält es lieh bei Gaßeropelecut RiJJ'o, nament- 
lich G- Humboldtii, welche mir Argentina fpliyraena Pennant 
zu feyn fcheint. Xiphiai bietet eine der merkwurdigften 
Abweichungen dar. Bei jungen Exemplaren findet man. 
4 der Länge des Schwertes ans den Zwifchenkiefern, den 
hintern Theil in der Mitte aus dem Riechbein , an den 
Seiten aus den Oberlüeferbeinen gebildet, diefe fünf Kno- 
chen daher unter einander und mit dem Schädel unbe- 



255 

weglich verbunden. DieferBau kommt bei keinem Fifche, - 
den man rah.Xiphias vergleichen könnte, vor, wohl zu 
merken, wenn man mit diefem Gefchlecbte nach Blocky 
Scomber gladius Bl,, wohin auch wohl Xiphias gludius Lac. 
gehört, vereinigt. Auch der Schnabel von Efox betlone, 
und E, faurus $chn. befiehl aus den Zwifchenkiefern, und 
^e Oberkiefer liegen hinten als kleine Platten an der 
Grundfläche. Die verwandten Exocoeten haben keinen. 
Schnabel, allein die ungeftielten Zwifchenkiefer bilden 
den ganzen Rand des Oberkiefers, und die hinten lie- 
genden Oberkieferbeine fangen an die Lippenknochen- 
form zu zeigen. Die Sphyraenen liaben ganz lippenkno- 
chenartige Oberkiefer, garnichls mil den //etA(en gemein, 
und kommen durch ihr Skelett, die Stacheln ihrer erften 
Rücken floffe, und ihren Darraltanal nebft Magil und Athe- 
rina mit den gewöhnlichen Dornfloffern (^Acanlkopter^giC) 
überein. Die abweichendfte, mir bekannte Bildung hat 
Lepifojieut Lac. (_E/ox offeus Linn.'). Der mittlere Theil 
der Schnauze befiehl aus den verlängerten Pflugfchaar-, 
Nafen- und Gauraenknochen, an der Seite der Grund- 
fläche liegen kleine, vordem Stirnbeinen vergleichbare 
Knochen , auf den Seiten aber auf jeder Seite eine Reihe 
Ton 1 1 Knochen , welche durch ßuernätlie verbunden, 
alle gezahnt find, und wovon die vordem als Zwifchen- 
kiefer, die hintern als Abtheilungen der Oberkieferbeine 
angefehen werden können. Hiem'ach habe ich fie den, 
Clupeen genähert, und die Befchaffenheit der Eingeweide, 
weiche mit denen von y^mia undfryMrt'nai übereinkom- 
metx, hat diefe Vermuthung beftätigt. 

Bei den Aalen QAnguilla Thunb. MuraenaBl. und Lac.) 
T«rdicken die Oberliieferbeine, die weit kürzer als die 
Zvrjfchenkiefer, breit und zellig find, blofs die Scbnau- 
zenfpitze. Bei den Ophifuren und Muränen, find fie noch 
kleiner und kaum merklich. Bei allen diefen Gefchlech- 
tern bildet der gezahnte Pflugfchaar die Schnauzenfpilze, 
die Zwilchenkiefer fangen auf feinen Seilen an, wo fie 
fieh einlenken, fo dafs man fie für die Gaumenbeine hal- 
ten könnte, wenn diefe nicht, wenn gleich faft blofs 
häutig, nach innen vorhanden wären. Den Muränen 
(^Mur. Thunb., Muraennphis Lac. Gymnothcrax Bl.) [prechen 
die Schrif tfieller gewöhnlich die Kiemenhauiftrahlen und 



S56 

«3ie Kjemendeckel ab , in der Tbat aber ßnd iiieTe TheUe' 
nur klein und mehr in der Haut verborgen als gewöhn- 
lich, indem lie Cch bei allen Arten finden. "TEinigei z. B,' 
M. coluiriaa, hat fogar 25 Strahlen auf jeder' Seite, Für 
die Synbranrhen (^Unibrancliapertura L.) gilt däffelbe. Ihrei 
Strahlen und fogar verhältnifsmäfstg ftark, allein ihre' 
Oberkiefer fo grofs als bei den meiften Fifchen, ihr& 
Oaumenbelne fehr entwickelt und gezahnt, zwei That- ' 
fachen, woraus lieh das geringe Gewicht der blofsen Ver- 
liältnifsverfchiedenheit der Mundl^nochen ergiebt, indem 
die Synbraiichen unter allen übrigen Beziehungen zu der 
Familie der Aale gehören, und wenn üe gleich, -wie 
d4efe, keine Vorderfloffen haben, doch fehr deutliche 
5chulterkiiochen befitzen. Die Gymnoten weichen auf 
andre Art ab: die Zwifchenkiefer findaaiartig, die fehr 
kleinen Oberkieferbeine nach hinten geworfen. Aufser 
dem, fchon oben erwähnten Gytnnotas notopteriir, tren-, 
nen wir noch von den Gymnoten den Gj-miiotus Acut' 
Brünni'cft und Gmeün. In Beziehung auf die Kiefer , den 
Kiemenapparat, und die merkwürdigen Schwimmblafen- 
knochen ift er ein Opkiäium, wurde auch von den älteru 
Ichthyologen Opk. im6e/-Äe genannt. Es ift Riffo's Notopte^ 
TUS fontanus. 

So wichtig auch die bisher aufgezählten Verfchieden- 
heiten von Verbal tnlffen, Stellung und Verbindung der 
Knochen zu Bildung von Gefclilechtern find , fo wenig 
kann man fich ihrer zu Begründung von Ordnungen und 
Familien bedienen, indem daraus die Trennung der ähn- 
lichften, die Nebeueinanderftellung der verfchiedenften 
Tbiere folgen würde. 

Nur zwei Anordnungen fclieinen mir hinlänglich 
ausgezeichnet, und mit dem übrigen rtau ganz in Ueber- 
einftimmuiig, um zu äufsern Zeichen für wahre natür- 
liche Familien zu dienen. 

Die erfte ift weniger ausgezeichnet, bezieht ficb auch 
aaf weniger von den übrigen getrennte Gefchlechter. 
Bei Dforfo«, Tetrodon, Baltßes, O/'racion ift das Oberlue- 
ferbeiii fehr genau mit den, felbft wenig beweglichen 
2wifchenkiefern verwachfen , und der Gauroenbogen 
gleichfalls wegen der feften Verbindung des Gaumen - 
und Sclilafbeins mit dem vordem und hintera Stirnbeia . 



■nheweglicb. Bter eigne Musfeel des G^uroenbogens fehle 
daher biet, und nur auf den Kiemendeckel wirken die 
gewxihnlichen Muskeln. Die Eigenthümiichkeit wird un- 
fjreltig der Ana)ogii; zwifchen diefefi vipr GefchJechtern 
fehr angeraelfen, aber wegen ihrer groLen Entfernung 
_T»<yi den übrigen Gefchlechtern von geringer Wichtigkeit 
Icheinen; allein diefe Trennung. i£t nur künftlich durch 
Kai, Artedi und Linni bewirkt, indem Jie, gegen den 
erften, ein knöchernes Skelett; gegen den zweiten deut- 
liclieKieujenftrahlen; und, gegeij.den letztern, aufserden 
Kiemen, keine Lungen haben. :,;..•■, 

Die zweite Anordnung iCt ausgezeichneter, fehr be« 
I|ijmnit, und gielit ein treffliches MerkuiaLfür die Chondro- 
jt^eirygitr ab, die in der , That yoP d^n übrigen- Fifchea 
durch ihren Bau deutlich getrennt/md, für die iqan ab^r 
i)iiS( jetzt noch keinen getneinf^tpe^ und iie vo» den übri- 

feni Fifchen unterfcheidenden Charakter aufgefurldea 
at. Diefer Charakter aber Jin^et lieb, im Baue der Kie- 
fer,, und dies ift, in -^ezug auf die natuHiche Eintheilung; 
^iefer Klaffeit der wichtigfte Vortheil, den mir mei^a 
Unto^fuehungen yerfchafft haben. , , ' 

j^.;, : Der Charakter der Chondroptery-gier ift, dafs ihr Ober- 
jkiefer nicht durcli die Ober • oder Zuäfchenkieferbeine, 
fondern durch die Gaumenbeines feibft bisweilen durclz 
(jefi Pflii^'chaar gebildet -wird. Der Hecht erklärt auche 
diefe Erfclieinung, indem fein ZwifchenUiefer fehr klein, 
die, Qberkieferbeine in den Lippenrändern verborgen, 
4md,.<^)e ftarken und zahlreichen Zähne in den Gaumen* 
Iteine;). IpeKndlich lind. Unterfucht man liierauf den 
^ijaalu^ ftjuatina , fo lafst ßch die Bedeutung der Knochen 
leicht erkennen. Ein. Knochenftück, welches Sn dem, 
dem hinlei-n Stirnhein und dem Zitzenbein enlfprechen- 
deti X^ile des Schadeis hängt, dient zum genieiiifchaftli* 
eben Träger des Ober- Unterkiefer- und Zung-nbeines. 
Per Aft de.!, bisJier für das Oberkieferbein angefehnen 
jClU^hens entfpricht dem Unterkieier durch Grofse, Lag« 
und Zähne, gelit aber von r^ineir Verbindungsflelle niic 
dem erwähnten Träger (fcliief nach vorn zu dem Theile 
des Schädels, welcher dem Kiachbein und Püugfchaar 
enLfpricht, verbindet lieh mit ihm dur<;h Bänder, und 
gebt noch wreitcr nach vom, um iich mit (iem gl«ich- 



S5« 

namigen zu verÄnigen. Nach ihnen findet ßch Iceirt 'njf* 
dem Gaumenbogen zu vergleichendei- Theil , und aufsf-i- 
diefen Gründen rollenden zwei kleine , auf der Seitebiji 
fintlliche, durch Bänder mit diefenfi Knochen verburidrii'J^ 
•in der fleifchigen Subftanz der Lippen verborgene Stücli^ 
die man leicht für Zwilchen- und Oberkieferbein'e"Ä'. 
kennt, die Ueberzeuguhg, dafs er felbft Gnumenit-n'irf. 
Bei den übrigen Haififcken und den Rochen firidet Jlch 
diefelbe Anordnung, wenn gleich die Seiten ftüfckeTcleii 
Her find und leicht verloren gehen. Bei den Rochen ft^IJt 
ein kleiner, in der Subftanz der Nafe befindlicher Rnori- 
J)el den Zwifchenkiefer , ein andrer, der Vom äufsern 
Rande der 'Nafengrube zur Bruftflöfrereicht, dasÖWii 
ki^ferbein dar. Dafs die Zahl der Khöfchenftücke'^'ti 
rnindei-t ift, indem dei--'geraeinfchäftliehe Kiefer- üriÖ 
Äungenbeirtftiel , ebeii fo der ObeiHtitferknocheMi ittrt> 
aus einem' Stücke beftehf, während diefe beiden Th^ilii 
bei den übrigen Fifchen aus fechs Stücken zufammenfeil 
fetzt find , beweift nichts gegen diefe Anfitht. Demnabb, 
ftellt der einfache Stiel die Schlaffchuppe, die Pauke 'uTlh 
das Jochbein, mein Gaumenknochen', oder: der gewSIrti!. 
lieh Togtenannte Oberkiefer, den Gaumenktiocben und de;a 
äufsern und Innern Flügelfortfatz dar, üvid 'fie findTtttt 
«ach demfelben^Priricip nicht durch Näihe abfetheili^ 
wie der ganze Schädel der Chondropterygier. Bei floiv 
drei obern Klaffen und den gewohnlichen Fifchen "efchif'ht 
die Knochenbild jng durch Knochenfäfern, weicht voA 
gfewiffen Verknöcherungspunkten aüS /ich Ttrahleriförm» 
verbreiten, und, indem fie die der benachbarteh Vei? 
knöcherungspunkte erreichen, Nathe bilden , die 'ali^ 
auch mit dem Alter mehr oder weniger durch KriociiÜn- 
anfatÄ verfchwinden. Bei den Chondropter^-glern'iw'ird 
dagegen der phosphorfaureKalk nicht in Fafern, fönderit 
Körnern abgefetzt, die, überall gleichförmig ausc^ebreitet* 
und an einander gedrängt, gleichförmig erhärten' fich 
nicht Vorzugs weife anhäufen, fo' dafs der Schädel ktitti- 
Näthe, die Knochen keine Anfätze haben, und nur' bei 
•wegliche Verbindungen vorhanden find. Beim Stör 'eri 
fcheint zuerft die Neigung zur faferigen Knochenbildung 
und man nimmt die Gränzen der einzelnen Knochen iii 
einigen Gegenden des Schädels wahr ; dagegen £nd bei 



259 

dehföircblicli loigenaniiten Knorpelßfchen, z.B. Tetroden^ 
Baliftes , Lophiu/, die einzelnen Knochen wie bei den 
übrigen Fifchen Torhanden. Die Muskeln bef tätigen 
meine Beftinimungen. Unftreitig kommt der Kiefer- 
Ichliefser rom Oberkiefer, d. h. von Knochen, welche ßch 
Tom Gaumenbein, Keilbein und Schlaf bein losgetrennt 
haben , und ftellt daher den Schlafmuskel und die Flügel- 
muskeln dar. Von dem Gaumenbogen entftebn daher 
bei den Vögeln und Fifchen zu dem Unterkiefer gehende 
Muskeln, dagegen entfpringt bei den Fifchen keiner vom 
Ober- oder Zvvifchenkieferbein. 

Ift die Analogie bei den Rochen und Haififchen ein- 
Sial erkannt, fo läfst iie fich leicht auf die ülirigen Ge- 
Xchlechter diefer Familie anwenden. Polyodon Lac. oder 
Spatutaria Sh. fleht ihnen, zunächft, unterfcheidet fiel» 
aber durch gröfsere Entwicldung, fofern 1) der gemeiiD- 
Jchaftliche Stiel durch ein bewegliches Gelenk in. zwei 
Hälften getheilt ift; 2) das Oberkieferbein neben dem 
Gaumenknochen liegt, und faft fo lang als er ift; 3) ein 
kleiner Kiemendeckel fich an die Grundfläche der obern 
Hälfte des Stieles einlenkt. 

1- .■ Auf ähnliche Weife ift auch beim Stör die Bildung 
etwas vollkommner. Der Stic) ift zweigetheilt , der Kio- 
«nendeckel hängt, aber ohne Einlenkung, am obern Stücke, 
die Sfchnauzenröhre bcfteht aus den, die Decke bildenden 
Gaumenbeinen, den unbeweglich an ihre Seite gehefteten, 
nnd den obern I'iand bildenden Oberkieferbeinen, den» 
Unterkiefer, welcher den untern Rand ausmacht, und 
Spuren von Zwifchenkieferbeinen, welche in derLippeA- 
fubftanz liegen. Auch hier kommt der Mundfchliefser 
:*oni Gaumeiibogen , und liegt in einer Lücke zwifchen 
ihm und dem Oberkieferbein. Unter und vor dem Kie^ 
«nendeckel liegt ein Knochenftück, das uir bei den ge- 
wöhnlichen Fifchen Zwifchendeckel nennen. 

Petromyzon und d'imaera entfernen Jich dagegen, 
jeder auf eigne Weife, beide durch geringere Entwicklung 
TOn den Rochen und Haififchen. Bei Chimaera erfetzen 
itekanntlicb mit Schmelz bedeckte Platten die Zuhne, dia 
obern fitzen am Schädel felbft, und können daher nur 
den PflugfchaarzLihnen andrer Fifche verglichen werden. 
Sofern der Oberkiefer bei ihnea hiernaub mit dem Schädel 



260 

^eft yerbunden ift, Jer Unterkiefer lieh irjt diefem un- 
mittelbar einlenkt, erfclieinen iie den Säugthieren, Kro- 
kodilen und 'Schildkröten ähnlich ; allein diefe Anficht 
erfcheint irrig, fobald man bei näherer Unterfuchung 
4a beiden Seiten des angeblichen Oberkiefers in der Sub- 
ftanz der Lippen drei Knovpeiftücke findet, welche dem 
■Zwifchen- und Überkieferbein und Gauraenbogen ent^ 
■fpreohen, deren letztes blofs durch Muskeln und Bänder, 
«hne Gelenk verbunden ift. Der Unterkiefer lenkt fich 
ati einen Höcker des Schiidels ein, und der bei den Hai- 
fifchen erwähnte Stiel trägt nur das Zungenbein und eins 
Spur eines Kiemendeckels. Vielleicht ift der, die Func- 
tion des Stiels habende Knochen ein abgetrenntes Stück 
des Zungenbeins, dagegen der wahre Siiel (d. h. die Schlaf 
Ichuppe und das Jochbein), mit dem Schädel verwachfen, 
«nd trägt, wie gewöhnlich, den Unterkiefer. 
i Betfomyzon fteht den Haififclien durch die Bildung 
der Kiefern etwas näher. Der Schädel hat fehr grof^a 
Aehnlichkeit mit einem Haififchfchädel , deffen Ilieciil- 
«nd Pflugfchaarbeintheil und der hintere Seiientheil, wel- 
cher dem hintern Stirnbein entfpricht, lieh ftärker entv 
wickelt hätte. Der gezähnte Knorpelring, welcher dia i 
fleifchige, runde Lippe ftützt, befteht aus den zu einen» 
Stücke verfchmolzenen Kiefern, deren oberer in derXhat i 
dem Gaumenbogen entfpricht. Auf beiden Seiten fiiidet 
fich an der Verfchmelzungsftelle beider Kiefernein fchlan- 
ker Knorpel, der nicht bis zum Schädel reicht, aber doch 
den gemeinfchaftlichen Kieferftiel , oder die verbundna 
Schlaffchuppe und Jochbein darfteilt, welche nur nicht I 
■jnit dem Schädel eingelenkt find ; über dem Ringe unter 
dem Riechbeinvorfprunge des Schädels , nach Dümiril 
(Auffatz über die Lamprete) dem obern Löffel, ein ge- 
wölbtes Stück, fein unterer Löffel, offenbar der Zwifchen- 
kiefer ; endlich auf beiden Seiten etwas nach hinten, ein 
längliches, fchreges Stück, der Oberkieferknorpel, fo 
dafs mithin alles in der Ordnung ift. Man hat diefern 
Fifche, noch mehr der Myxine, Seitenkieferu zugefchrie- 
ben, und lie dadurch den wirbellofen Thieren nähern 
wollen, allein nur, weil man die Längenreihe von 
Zähnen, welche beide Seiten der Zunge befetzen, 
für Kiefeni liielt, was aber, da es zu vielen landern 

Fifchen 



, , F'ifoben zukomnif, nicht zu jener Anficht berecinigt. 

In der Tba( haben, nach dem Gefagten , die Lampi-eien 

\vahre, horizontale Kiefei-n , die nur unbewKjillch find. 

r Die Myrinen fcheinen an ihrer Statt nur hautige Spuren 

, zu haben, und fich der Zunge an ihrer Stelle zu l.edie- 

nen , die Ammocoeten haben nicht einmal einen lianen 

Theil in der letztern, indeffen find fie dennoch nach dem 

allgemeinen Typus der Wirhelthiere gebildet. Den eioen- 

, thümlichen Bau der WirbelfäuJe der Petrumyzons , ileren 

, VVirbelkörper nicht gelrennt find, hat man gleichfalls für 

I ein Unterl'cheidungsmerkmal von den übrigen Knorpelfi- 

fchen angefehen; iudeffen find fchon die Bügen völlig von 

einander abgefondert, Jund auch die Körper linden lieh 

in der That getrennt. Das Wefen diefes Baues erkennt 

man am Stör und Polyodon^}. Sie haben denfelben 

mit gallertiger Mafle angefüllten Faferftrang, allein dieler 

i'jft in Ringe getheilt, die, beim Stör fehr deutlich , bei 

'.Pofyodon viel dünner, aber gleichfalls ficht har, einer 

.gleichen Zahl von Bögen entfprechen, und dieKörper dar- 

ftellen. Der Gallertftrang ift die Zwifcheiiwirüelinarfe 

der übrigen Thiere, und man kann in Gedanicen beide 

.leicht in einander umwandeln. 

i| Die durch Dümeril von Petromyzon getrennten Am- 
; ptocoeten könnten allein als wirheliofe Thiere angefehen 
; werden, weil ihr Skelett, ungeachtet es alle Theile des 
, Skelettes der Wirbellhiere hat, immer blofs liautig bleibt; 
1 allein das wefentlicheiMerkmal der Wirbellhiere ift nicht 
I die Anwefenheit eines feften harten innern Gerufies, 
; fondern die Anwefenlieil eines Ilückenmarkes, welches 
' in einer Hülle eingefchloffen ift, die dem Syftem der Be- 
! 'wegungswerkzeuge als Mittelpunkt dient. V'erfchieden- 
, lieiten der Harte, Abtheilung diefer Hülle, find Ziifäl- 
, lligkeilen. Das Nervenfyftem macht das Weftn der 
Thiere aus, und feine Abänderungen begründen die 
i>gro(sen Abtbeilungen derfeibenj die Gtöfse und Art des 



■j) Gerade wie beim letztern bei Chimaera und im vordera 
' TheUe der WirbelTdule auch bei den Rochen. 

M. 

M. d. ArMu. IV. 2. S 



262 



■^i^i^i^.^ 



Athmens die Klaffen , und in diefer Hinficht ftelien die 
Fetrumyzaiis und Ammocoeten hei denViCchen; der Bau der 
Kiefern begründet die Ordnungen djefer Klaffen, und 
durch diefen bleiben diefe Gefcblechter mit den C/io«' 
dropterygiern vereinigt. 

Aus dem Vorigen ergiebt fich , wie ich glaube , Fol- 
gendes : 

1) Bei den gewöhnlichen Fifchen beftehn immer 
das Oberkieferbeiti und der Gaumenbogen aus denfelben 

• Stücken. 

2) Die Lagen-, Verhältnifs- undBewegungsverfchie- 
denheiten diefer Stücke geben gute Einihellungsgründe 
für Gefcblechter, nicht aber für Ordnungen ab. 

3) Diefe Zufammenfetzung, in Verbindung mit der 
Verwachfung des Gauraeubogens fondert indeffen die 
Ordnung der Sklerodermen ftreng von den übrigen ab. 

4) Bei den Chondropiengiern ift diefe Zufamnien- 
felzung weit verfchiedenartiger, und namentlich bilden 
bei ihnen das Zwifchen - und Oberkieferbein nie die we- 
fentlichen Kauorgane, fondern lind immer nur im Rudi- 
inent vorhanden. 

5) Meiftens find fie hier durch den Gaumenbogen, 
in der Chimaere durch den Pflugfchaar der übrigen Fifche 
erfetzt. 

6) Da nun diefe Eigenthümlichkeit des Baues allen 
Ckondropterygiern r.akormtit, den übrigen Fifchen dagegen 
fehlt, fo roufs lie ihren Ordnungscharakter abgeben- 

■7) fetromyzon und Myxine gehören, wie durch ihreft 
ganzen Bau, fo auch durch diefes Merkmal, za diefer 
Ordnung. 

}j) Die Eigenthümlichkeiten ihrer Wirbelfäule finden 
fich auch bei andern Chondropterygiern wieder. 



3. Blainville über den Kiemendeckel der 
Fifche. (Bullet, de la Toc. philom. 1817. p.l04ff.) 

Der Kiemendeckel der Fifche entfpricht der hintern 
Hälfte des Unterkiefers der Amphibien. Er befiehl nie 
aus mehr als drei , feilen nur aus zwei Stücken. Von 
diefen liegt das wichtigfte und befländigfte, i^ewöhnlicli 



~- 263 

drelecliige, am jueiften nach oben unc] hinlen, ift durch 
feinen obei-n, aiisgebreitelen und vertieften Winkel mit 
einem abfteigenden Kojjfknochen, dem viereckigen Kno- 
chen, beweglich eingelenkt; das zweite liegt vor dlefcm, 
ift gewöhnlich halbniondförniig, nach vorn ausgehöhlt, 
bisweilen gröfser als das£i,fte, mit dem es iich durch ein 
oberes, wie durch fein unteres Hörn mit dem Unterkie- 
fergelenk verbindet; das dritte, kleinfte, vielleicht bis- 
weilen fehlende, nimmt den hintern und untern Winkel 
des zweiten ein, und liegt zvvifchen diefem und dem er- 
ftern. Nach Einigen gehört zum Kiemendeckel noch ein 
grofser, faft unbeweglicher, vor dem zweiten liegender 
Knochen, allein diefer ift das /«cAifin. Alle diefeStiicke 
werden durch ein faferig - häutiges Gewebe umgeijen, 
Tervollftändigt und verbunden, fo dafs fie durch einen 
einzigen, vom feitlichen und hintern Theije des.ScliAdels 
kommenden und lieh an den obern Rand d^'s'Haupiftückes 
heftenden Aluskel bewegt werden könneiil' :",' ' . 

Nach Gouan gehörten diefe Knochen zurti Oberkiefer, 
weil bei einigen Fifchen der Schädelknochen bis zu deii 
Kiemen herabfteigt, und ihnen als Deckel dient , womit 
auch Genffroy's Anficht, dafs das Scheitelbein lieh \oiii 
Schädel trenne, und Hauptftück des Kiemendeckels 
werde, ziemlich übereinfilmmt. Cuuier hat die Bedeu- 
tung des Kiemendeckels nicht berückiichtigt. 

Dafs die oben angegebne Bedeutung di-e richtige ift, 
ergiebt fich aus Folgendem. 

I) Zum Schädel kann der Kiemendeckel nicht gehö- 
ren da er üch nicht mit ihm, fondern dem Jochbein ein- 
lenkt, hinter und nach aufsen von welchem er liegt, was • 
nie für den Schuppentheil des Schlaf beins, oder das Schei- 
telbein Statt findet, da der Kiemendeckel mit dem vier- 
eckigen Knochen durch eigne Muskeln verbunden v.'ird, 
was auch nie fiir ein, vom wahren Schädel getrenntes 
Knochenftück gilt, und da lieh am Fifchfchädel alle Schä- 
delknochen finden. Auch dem Oberkieferapparat gehört 
er nicht an, denn dicfer befteht auch da, wo er am zu- 
fammcngefctzteften ift, nie aus mehr als 4 Paaren , den 
2vvifchenkiefern, eigentlichen Oberkiefern, vordem und 
hintern Gaumen- oder Flugclknochen, und alle diefe 
Stück« finden fich fehr leicht bei den Fifchen. Dafs er 

S 3 



kein Seitcnlcnochen ift, bedarf keines Eeweifes. Da 
■nun fler Kopf der Wirbelthiere immer nur aus \ier Kno- 
chenfainmlungen, l) den Hirnkiiochen ; 2) den Sinii- 
'knochen; 3) den Oberkiefer- und 4) den Unterkiefer- 
knoclien befiehl, und der Kiemendeckel nicht zu den 
drei erften gehört , fo folgt , dafs er dem hintern Theile 
des letztern entfpricht. 

2) Dies ergiebt fich auch dlrecl aus einer Betrach- 
tung des Unterkiefers in den drei höhern WirbeUbier- 
kl äffen. Bei den Säugthieren befteht er immer nur aus 
einem Knochen , und felbft kein Anfatz deutet auf frü- 
here Trennung des Gelenk - Krön- und Wirbel fortfatzes, 
die aus dem Körper hervorfproffen. Mit dem Schädel 
verbindet er fich ferner unmittelbar, indem vom Schlaf- 
bein kein beweglicher Zwifchenknochen abgeht. Endlich 
ift der Unterkiefer im Gelenk gewölbt, das Schlafbeia 
vertieft. Bei den Vögeln verhält es fich plötzlich anders. 
Der Unterkiefer befteht nun aus 6 Stücken, dem Zahn-, 
Deckel-, Rand-, Krort-, Eck- und Gelenkflück '), die 
Lch bald zu zwei Sammlungen , einer vordem und einer 
tintern, deren jede aus dreien befteht, verbinden. Aufser- 
dem tritt vom Gehörapparat ein eigner Knochen ab , dep 
viereckige, der fich hier mit dem Schädel , dort mit dem 
Gelenktheil des Unterkiefers fo verbindet , dafs er ge- 
wölbt, diefer verlieft ift. Zugleich nimmt der viereckige 
Knochen an der innern Fläche durch ein Gelenk den 
Flügelfortfatz, an der äufsern den Jochbogen auf. Bei 
den Reptilien finden lieh mehrere Verfchiedenheiten. 
Die allgemeinfle Bedingung ift die Zufammeiifetzung 
des Unterkiefers aus denfelben Stücken als l>ei den Vö- 1 
geln , dagegen varlirt der oliere Theil des Apparate!?.) 
Bei den Krokodilen und den Schildkröten ift der viei- 
eckige Knochen blofs ein abfteigender Schlafbeinfortfat/, 
bei den wahren Sauriern und Schlangen wird er wieder 
an beiden Enden frei, allein bei ihnen geht , wegen der 
zum Verfchlingcn der Beute nothwendigeu fiarken Er- 
weiterung des Mundes, auch der Schuppentheil des Schlaf- 
beins zur Zufammenfetzung des Unterkiefers ein. Bei 



l) CtoJ/roy Ann. du Muf. 



^^ 265 

den -nachten und fifcliähnlicheii Ophidiefn i'ft der vier- 
eckige Knochen immer unlieweglich. Bei den Rv'plilien 
überhaupt liegt zwifchen dem viereckigen Knoclien und 
dem Oberkiefer eine Reihe von bisweilen drei Knochen, 
welche beide Kiefern verbindet, und einen Innern Joch- 
bogen bildet, die bisweilen, ■/.. B. bei den Cheloniem 
und Krokodilen , hinten den viereckigen Knochen nicht 
eweicht, bisweilen in der Mitte ihrer Länge fich mit dem 
hier getheüieu Unterlciefer einlenkt, wie beim Leguan 
und felblt dem KrokoiK-'. Von den Knochen des über- 
Idefcis kommen hier nur die lilntern Gaumenbeine in 
l^etracht, die bisweilen bei den Firchen die ganzen Sei- 
tentlieile des Antlitzes bilden, und es mit dein Kiemen- 
deckelknochen einlenken, fo dafs fich der vordere Theil 
des Unterkielers auf ihm, wie auf einem viereckigen 
Knochen bewegt, ungefähr wie bei den Leguans , wo 
diefe Verbindung fo deutlich ift, dafs die einander ent- 
Iprechenden Tiieile überknorpell find. Der Jochbogen 
ift der fCnochen, welcher immer den wahren Kiemen- 
deckel vorn begrinzt, und daher von Cuvier der Vor- 
kiemendeckel (Praeopercul um) genannt wurde. Dies ift 
befonders beim Kiokodil, und durcli die vorzugsweife an 
ihm Stattfindende Anheftung des Hebers des Unterkiefers 
deutlich. 

Der Unterkiefer derFifche hat immer von den fecbs 
obenerwähnten Knochen nur drei, das Zahn- Rand- 
und Dechelftück. Beim Leguan heftet fich der Heber 
des Unterkiefers an das l'iandftück, indem diefes , und 
nicht das Kronftück den Kronfqrlfatz trägt. Nimmt man 
nun, wie man es thun muts, an,^dafs der Unterkiefer 
hei den Fifchen, wie bei den zwei nächftfolgenden Klaf- 
fen aus feclis Stücken beflehen raufs, und findet man 
nur drei, fo folgt, dafs die drei hintern verfcho- 
ben und anderweitig benutzt find. Da nun der Kiemen* 
deckel aus 3, nicht zu einer andern Knochenfaramlung 
gehörigen Stücken hefteht, fo muffen diefe die drei hin- 
tern darfteilen. Das oberfte, befländigfte Stück ift das 
Gelenkftück , das vordere das Kronftück , das dritte das 
Eckftöck. 

3) Auch die Muskeln beweifen diefen Satz. Diefe 
haben überhaupt weit mehr Beftflndigkeit, als man glaub^ 



266: 

Nie ift ein Knochen , der lieh vom wahren Schädel losbe- 
giebt, durch Muskeln mit diefem verbunden. Bei den 
Wirbelthieren bewegt fich der Unterkiefer auf dem Ober- 
kiefer immer nur diircli zwei Ordnungen von Muskeln, 
die unmittelbaren Niederzicher und die Heber, von 
welchen diefe lieh in eigentliche Heber und Abzieher 
theilen, und vorzüglich an das Jochbein und den hintern 
Gaumenknochen, auch an das Scbuppenbein , felbft das 
Scheitelbein heften, und andenKron- und Randknochen 
inferiren. Es giebt immer nur einen IViederzieher, den 
7.wei bauchigen, der lieh hinten und feillich an den 
Scliädel , vorzüglich das feitliche Hinterhauptsbein heftet, 
und an den Unterkiefer fetzt. Da nun der Kiemendeckel- 
muskel alle diefe Merkmale darbietet, fo beftätigt er die 
Behauptung, dafs der Kiemendeckel nur ein vom Unter- 
kiefer getrenntes Stück ift. Die Hauptverfchiedenheit 
ift, dafs er lieh an das Eckftück, nicht an das Gelenk- 
ftl'ick heftet, indeffen ift diefe zu gering, um berüclcflcb- 
tigt zu werden. 

4) fLndlich erfclieint der Kiemendeclyel , fofern er 
vorzüglicli beim Athmen thätig ift, auch infofern alsTlieil 
des Ihiierkiefers, als bei allen Hfchähnlichen Beptilien 
der Unterkiefer und das Zungenbein das Hauptorgan zu 
Einführung der Luft in die Lungenhöhle, mithin des R«^ 
fpirationsmechanismus lind. i 



4. Blainv.ille über das Skelett. (Ebendafelbft 
S. 109 ff.) 

Das Skelett ift zugleich Hülle des centralen Nerven- 
fyftems, Schutzmittel für den Haupttheil des peripheri- 
fchen, und Stütze des Wuskelfyftems, in deffen Witte es 
fich befindet. Da der wefentliche Charakter der VVirbel- 
thiere die Lage des Rückenmarkes über dem Darmkanal 
ift, fo entftand die Wirbelfäule durch das Bedürfnifs eines 
Schutzes für daffelbe gegen die Aufsendinge. Sie wurde 
aber zerbrochen, weil fie zugleich Organ der Ortsbewe- 
gung feyn folhe, auf ähnliche Weife, wie die erhärtete 
Haut der Artikulaten gebrochen ift, Aufserdem enu 



^— - 267 

wickelten ficli älinliche, folicle, deshalb gebrocTiene Kno- 
chenftücke zwifchen den Muskeln, und rlei- Charakter 
eines wahren Skelettes ift daher, lieh zwifclien den Mus- 
kellafern zu befinden, durchaus, wenn es blofs der Urts- 
bewegung angehört, zugleich mit einer Fläche des Ner- 
venfj'fteni zu berühren, wenn es aufserdem auch eine 
andre Beftimmung hat. Hieraus ergiebt lieh von felbft, 
dafs das Skelett keine Analogie mit der erhärteten Haut 
der Artikulaten hat, welche in keiner Beziehung mit dem 
Nervenfyftem fteht, und an deren innere Fläche lieb die 
Muskeln lielren. Hiernacli zerfillt das Skelett der Wir- 
beltbiere natürlich in zwei Theile. Der eine begreift die 
mittlere, rynimetrifche , unpaare, von dem PfUigfchaar 
bis zum letzten Schwanzbein lieh erftreckende Knochen- 
reihe, die VVirbelfaule, den Schädel und das Heiligbein, 
welche nach innen den Centraltheil des NÄjyenfyftems 
umhüllt, nach aufsen gegen die Muskeln gfwandt ift, 
und vielleicht noch mehr dein Nerven- als dem Mus- 
keiryfiem angehört, deren Theile wieder immer aus einem 
untern oder vojdern Körper, und einem obern oder 
hintern Ringe beftehen, der wieder aus 2, 3, 4 Stücken 
gebildet leyn kann, und die lieh in geradem Verhältnifs 
zu dem entfprechenden Theile des Nervenryftems ent- 
wickelt. Der zweite, weit mehr mit der Bewegung in 
Bezug ftehende Theil ift immer paar und beftebt aus 
Stücken von verfchiedner Anzahl , welche auf den Seiten 
und an verfchiednen Stellen des erftern liegen. Diefe 
Anhänge (Appendices) begleiten nur den aus den Wirbeln 
tretenden Abfchnitt des peripherifchen Nervenfyftems, 
umhüllen ihn nie ganz. Die einlachen Anhänge find die 
Rippen, die zul'ammengefetzten die Kiefern, die Sinn- 
knochen, der Griffelknochen, die Zungenbeinafte, die 
gewöhnlich aus mehrern, der Länge nach aufeinander 
folgenden Stücken beftehen , bisweilen an ihren Enden 
frei find , bisweilen lieh in der '»littellinie mit einander, 
oder einem Zwifchenftück verbinden, das man bis auf 
einen gewiffen Punkt mit den Wirbelkörpern vergleichen 
kann, woraus das, was man bei den Säugthieren Bruft- 
bein, den Vögeln Bruftbein und Zungenbein, denFifchen 
Kienenapparat nennt, befiehl. 



268 ^— 

Hiernach beftelit daher der Kopf der Wirbel ihiere, 
ungefähr wie iiei rlen Artikulaten, aus einer Reihe von 
Wirbeln, deren Ringe, verhältnifsmäfsig zu dementfpre- 
chenden Tiieile des JServenfyrtems entwickelt, das Schä- 
delgewfilbe bilden; 2) aus Seitenanhängen, welche zur 
Vervollkommnung der Sinnorgane, von denen lie aber 
ganz unabhängig lind , oder dem Kauapparat, oder den 
Athmung!.werUzeugen dienen. Auch der Stamm befleht 
aus einer Reihe Mittelknochen, deren letztere nur zur 
Bewegung dienen, und aus Anhängen, wovon die ein- 
fachen gewöhnlich zum Athmen dienen , indem fie üch 
mit einem mittlem Ürultbein oderBruft- Zungenbein ver- 
binden, die zuCammcugGfetztern die üliedmaafsen bilden, 
Ijiefe unterfcheiden iich von allen übrigen dadurch, dafs 
Xie mit melirern Wirbeln zugleich in Verbindung feyn 
können, denen lie: angehören, weil lie die ihnen entfpre- 
chenden Nervenfyrieme aufnehmen. 

Diefe mehr oder weniger neuen Anflehten wurden 
von mir fchon in den Jahren 1814 und 1815 in den Vor-' 
lefungen , welche ich für Herrn Cuvier hielt, eben fo der 
Akademie der Wiffenfcha^ten , in diefen letzten Jahren 
vorgetragen, und ich fürchte daher keines Plagiats befchul- 
digt zu werden, wenn vielleicht einige Uebereinkunft 
zvirifcheii ihnen und denen Statt fände, die feitdem in 
franzöüfchen und fremden Werken erfchienen find '). 



1) Hiefür braucht der Verfaffer nicht beforgt zu feyn! Anders 
abfr dürfte fich fein Eigenthumsrecht gegen die früher erfchie- 
nen^n , namentlich deuifchen Schrifien \'erhalten. Die Aualo- 
gi« der Wirbel- und Scbädelknochen hat Bardin fchon 180?. 
^Cours d'et. midie. T. I. p. XVI.]), Okcn fchon 1807 dar- 
gethan. (Bedeutung der Schädelknochen. Bamberg 1807.) 
Ich habe fie gleichfalls (.Beitr. zur vergl. Anat. Bd. 2. Heft 2. 
1812 S. 7jff.) nüher nachgewiefen , fo wie auf die Analogie 
iwifchen Wirbelfäule und Bruftbein {Ebendaf. S. 150.) auf- 
merkfam gemacht. Auch die Analogie der Anhänge der Wir- 
bellaule unter einander, ift von uns bei melirern Gelegenheiten 
dargethan worden, fo dafs man alfo in der That nicht wohl 
einßeht, v^ie der Verf. glauben kann, ßch durch feine SchluCs- 
bemerkung vor der Befchuldigung eines Plagiats gefiebert zu 
habeo, Uebrigena ili es fehl erfreulich , dafs diefe AnGchten, 



•^ ^ 269 

5. Geoffroy über die Bedeutung des Kiemen- 
deckels der Fifche. (Ebendaf. S. 125 ff.) 

Das Skelett befielit aus zwei verfchiednen Knochen- 
ryftemen. Das eine ift eine Saminlun<j von Knochen, 
welche das Riickenmark und das Gehirn einfchUefst, und 
einigen Anhängen, wie die Wiibelrippen und Becken- 
linochen; das andre aus den Unterkiefern, dem Zun- 
genbein, dem Briiftbein, und den Knochen der vier 
Glieder zufammengefetzt. Jene kann man Rlickcn- 
knochen , diefe Bauchknochen nennen. 

Diefe Knochen haben in den beiden verfchiednen 
Syfiemen irniner diefelbe Verbindung und Function, allein 
die Vereinigung beider Syfteme variirt nach den Klaffen. 

Bei den Fifchen folgen die Bauchknochen einander 
von vorn nach hinten in ununterbrochnen Schichten, 
welche lieh mit den Ilückenknochen vom Munde an ver- 
einigen, daher liegen die ßruftknochen, mit den Zungen- 
bein- und den Unterkieferknochen verbunden, unterdem 
Schddel , der Unterleib entfpricht der Halsgegend der 
bohernThierej und fogleich darauf folgt die übrige, zum 



wenn auch auf einem Umwege, zu uns gelangen, un3 nan, 
von Franzofen fich angeeignet, vermuchlicli auch von deuen 
im Triumpb angenommen -werden, denen fie früher, von Deut- 
fchen vorgetriigcn , nicht lehagten. Bei diefer Gelegenlieit be- 
merke ioh beiläufig, dafs die knaljenhafcen Betrachtungen über 
Alt Gründe, welche diefem Archiv dpn Namen des deutj'chen 
»erfchaffteu , ihre Verfaffer keinesweges auf den waliren Grund 
geleitet haben. Wenn man auch nicht, was doch fo nahe liegt 
einfehen kann, dafs der Grund davon nur das Ausfprechen des 
Wunfches feyn konnte, da« Archiv zu eiuem Sammelplatze für die 
Arbeiten deutfcber Phyfiologcn zu machen, fo fnllte man fich 
doch wenigftens nicht durch die öffentliche Erklärung diefer 
Lnfiihigkeit tdcherlich , und durch Verfucbe, auf hdmifche 
Weife den Charakter des Herausgebers anzugreifen , indem man 
ihm detbalb Eitelkeit, Pomp und a/fectirte Deutfchheit 
«ndiebtec, vträckUieh inacbea. 

M. 



270 

Hauptbewegungsorgan benutzte WirbelfäuJe, Zwei Stiel- 
Itnochen vei-l)indeii die Brufirtückc mit dem Schädel. 
Bei andern verlieren dieie Knochen (liefes Hauptgefchäft, 
oder lie lind gegen das eine Ende frei, oder iie ver- 
längern und vereinigen lieh. 

So wird der Grjffelknochen bei den Wiederkäuern 
mit den Zungenbeinen eifis. 

Bei den Vögeln ift das Verhältnifs der beiden Kno- 
chenfcliichteii anders. Unterkiefer und Zungenbein bil- 
den allein die MundöfFnung von unten, alle übrigen 
Bauchknochen find von hier weg nach hinten geworfen. 
Diefc werden mit den Kückenknochen durch die Bruft- 
beiinipjien verbunden, welche bei den Fifchen durch 
das flnifiglied von ilinen entfernt wurden, fich daher 
nach hinten frei endigten. Deshalb und wegen derRück- 
wärtsl.i;^!; der meiften Bauchknochen liegen die meiften 
Rücl^grathsknochen weit nacli vorn, daher der lange Hals 
der Vögel. 

Die Säugthiere und Amphibien bilden eineMittelftufe. 
Die Bauchfchichten find gegen die Witte der Wirbelfäule 
an die Uückenfchicliten geheftet, und tragen zur Bildung 
des Stammes bei, vor und hinter ihnen liegen eine gewiffe 
Anzahl Knochen als Hals- und Schvvanzwirbel. Bei den 
Vögeln lind die Stielknochen des Schädels, welche die 
Bruftknochen tragen, immer an einem tndefrei, wäh- 
rend dies unter den Saugthieren nur für einige gilt. 

Der Schläfentheil und die Stücke des Kiemendeckels 
laffen lieh folgendertnafsen beftimmen. Die Stelle, wo 
fich der Unterkiefer einlenkt, ift bei den Fifchen aus 
drei Knochen, vorn dem Jochknochen, hinten dorn Ring- 
Itnochen, in der .Mitte dem Sehn ppenknochen (des Schlaf- 
beins) zufamiueiigefetzt. Der Paukenknochen fteigt bo- 
genförmig bis zum Schädel empor , und hiefs bis jetzt 
Vorkiemendeckel, weil er vor dem Kiemendcckel liegt, 
und ihn zum Theil bedeckt. Nach vorn wird der Schlä- 
fentheil der Fifche durch die Pauke vervollftändigt, die 
liier mit dem Felfen- urtd Zitzenknochen verbunden ift, 
welche zur Schädelhohle gehören. 

Dlefer Schlafentheil wird zvvifchen dem Schlafbein, 
der Pauke und dem l^ingknochen durch eine» Knochen 
durchbrochen, der, und auch dies nicht immer, aufsen 



nur feinen Gelenldtopf «eigl, und fich zur innern Seite 
des Schläfeniheiles wendet, um die Bruftbeinanhänge 
zu tragen. Dies ift der GiifFelknoclien. Ueber dem 
Ringlcnochen , initliin unier feiner Membran, (dem Pau- 
kenPell, der Kiemenftrahlenhaut) liegt der Kieinendeckel, 
der nicht ans drei, fondern vier Knochen befiehl. Diefe 
entfpreclien den vier Hörknöchelchen, fo dafs der 
unter der Schlaffchuppe am nieilten rückwärtsliegende, 
der Hammer, der grofse, unter dem Schädel liegende 
der Ste.-giüget, der darunter liegende der Ambos , der 
tieffie der Linfenknochen wäre. Der Steigbügel hiefs 
Ijis jetzt Kiemendeckel, die beiden letzten, welche früh 
Terfchmelzeii, Unterkiemendtcket. 



6. Geof/roy über die Zurück führung des 
knöchernen Gerüftes der Ath mu n g s w e r k - 
zeuge bei den Fifchen auf diefelben 
Theile bei den Wir bei thier en. (Ebenda- 
felbft 1817. Decbr. p. 185 ff) 

Der Verf. verlas in der Akademie der Wiffenfchaf- 
ten am I8ten Anguft , 8ten Septbr. , 3ten und loten No- 
vember 18'7 drei Auffäizc: l) über die aufsein Bruft- 
knochen, oder das I'.ruliliein ; 2) über die vordem, oder 
das Zungenbein; 3) über die inneren, oder die Ueberein- 
kunft des Kehlkopfes , der Luftröhre und ihrer Aefte 
bei den lufiathinenden Thieren, mit den Kiemenbögen 
bei den Fifchen. Hier folgt der wefentliche Inhalt des 
erften. 

Der Mund und die Brufthöhle der Fifche find nicht, 
wie Duverney glaubte, verfchniolzen, fondern, wie immer, 
von einander getrennt, wenn gleich die letztere fich 
durch nielircre Mündungen in die erftere öffnet. Die 
Mundhöhle ift oben durch den Göumenlheil der Schädel- 
grundlläche, auf den Seiten und unten durch die Ver- 
einigung der Kiemenbögen, nach unten durch disSpeifa- 
röhre und die beiden Paare der Schlundkopfknochen be- 
gränzt. Die entgegengefeizten Flächen der Kiemenbögen 
bilden die Decke der Brufthöhle, welche unter, auf den 



273: ^ ^ 

Seiten und etwas hiivter der Mundhöhle Hegt. Unten ift- 
diefe Höhle durch ein Schild, oder die Sammlung, von 
Knochen bej;ianzt, welche bei allen Wirbelthieren den 
Namen des ßruftbeins fuhren. Die Anllchten des Ver-' 
fafferi lind iiber diefen Knochen ganz diefelben, welche; 
er. früher (Ann. de Muf. Vol. X. p. gj-) vortrug, und 
denen zu Folge er aus einem mittlem Stück und zwei 
Seitentheilen beftcht. Die von der Unähnlichkeit 
deffelben mit dem Brufiliein der Vögel entnommenen 
Gründe gegen die Richtigl^eit diefer Anficht fucht er ■ 
folgcndermafsen zu befeitigen, : 

• Schon bei den Fr'njlhen findet lieh ein, vor dem 
Arm liegendes mittleres Bruftbeln, offenbar eine Wie- 
derholung des knöchernen Biuftbeins der Karpfen und 
aller Knochenfifche, indem Gröfse, Verhältnifs, Ge- 
ftalt, Veihindnngen für diefe Gleichung fprcchen. Die 
Vogel belitzen gleichfalls, befonders da, wo er ftark ent- 
wickelt ift, einen analogen Theil in dem Vorfprunge 
des Bruftbeins vor der Anheftung der Schlüffelbeinc, der 
zwar früh verfchmilzt, aber bei einem jungen Roth- 
kehlchen getrennt gefunden wurde. Nicht das ganze 
Bruftbeln der Vögel , fondern nur ein Theil deffelben 
ift vollkommen entwickelt bei den Fifchen vor di« 
Schlüffeibelne getreten. 

Die llcfuUate des Auffatzes find vorzüglich folgende: 
l) Bruftbeln ift ein coUectiver Ausdruck, und 
bezeiclvtet eine Sammlung von Knochen, welche den 
untern Theil der Brufthöhle bilden, zu ihrer Zufam- 
menfetzung nothwendig lind, und mehr oder weniger- 
thdtig den Mechanismus des Athmens beftimraen, oder 
das Organ deffelben befchützen. 

2) Jedes Bruftbeinftück hat einen beftimmten Cha- 
rakter und eine eigenthümliche Verrichtung. 

3) Jedes in Rücklicht auf die Knochenzahl voll- 
kommen entwickelte Bruftbein befieht, aufser den un- 
Ijeftimvnten Rippen, aus neun Stücken. 

4) Diefe Knoclien bilden eine einfache, oder, 
mit Ausnahme des unpaaren Stückes, doppelte Reihe.- 
Diefen immer einfachen Knochen kann mau Üs entofter- 



275 

T)ale, die übrigen in der Ordnung, wie fie von vom nach 
himen folgen, epifiernale, hyofiernale, hypofternalc und 
xiphifternale nennen. Dies oder die beiden erften tra- 
gen iraraer das GelenkfcMüffelbein , welches, nach Cuyier, 
dem rpenfcblichen Briiftbein enifpricht, da« zweite, oder 
'das Os entofternale, da^ Schulterhaken- Schliil'felbein, wenn 
'diefer, nach Cuvier dem Schulterliaken des Menfchen 
entfprechenden Knochen einer der Hauptknochen des 
Schuherblattes wird '). 

5) Das dritte und vierte Stück oder Paar, Os hyo- 
Itemale und hypofternale, erleiden immer, mitAusnahme 
AtrTelradons und Diudonr, diefelben Veränderungen, lie- 
gen bisweilen in der Mittellinie, entfernen fich biswei- 
len, und laffen das Os entofternale zwifchen licli tre- 
ten, oder weiden Anhänge des Epifternale, doch ohne 
üch darauf zu fiützen. 

6) Das letzte, Os xiphiftomale, fchliefst immernach 
unten die. Knochenreihe, welche den Bruftbeinapparac 
bildet. 

7) Nur die Säugtbierc, Vögel und Knochenfifche 
haben klaflifche Bruftbeine. Die Abänderungen deffel- 
ben hängen fowohl von tier Organifation, als dem um- 
gebenden, zum Athmen dienenden Element ab. 

g) Das Vogcllirufibein l-efteht aus dem Os entoftet- 
nalc, welches hier am voUkommenften entwickelt ift, 
aus den Hyo- und HypoCternalibus, welche fich auf das 
erftfi ftürzen, und wieder eine unbeftimmie Zahl von 
Bruftbeinrippen tragen, aufserdem vorn aus Spuren 
der O. cpifiernalia, die mit zwei Höckern anfangen, 
und fogleich zu einem Stücke vorfchmelzeii, hinten aus 
den , raelltens in der Mittellinie verwachfenen Xioltifter- 
nalibus. 

9) Das Fifchbruftbein beftelit aus denfelben , Rio. 
pen in einer unbeftiuunteii /aiil tragenden Anhangen, 
den Off. byo- und hypofternalibus, einem epifternale mit 



l). Einige .Amphibien, z. B. Luccrta viridis ^ haben drei voll- 
fündiye Sclilülfelbeine, ditCabei-, Haken- u,.id Gi.iun- 
cchenjlhlujj'eibfirt. O'. 



doppeltem Kopfe, welches defio ftärker entwickelt iCf, 
da bei den Fifchen keine Spur des ento- und xiphi,- 
fternale übrig ift. Diefe , der Elnlenkung mit dem 
Mittelftücke beraubten Anhänge, ftüizen lieh nebft dem 
Epifternale auf die Zungenbeine. 

10) DasSäugthierbruftliein ift fich felbft überall ziem- 
lich gleich, befteht faft bei allen Zelienthieren aus neun 
auf einander folgenden und auf diefelbe fVeife als die fVir- 
bei in der fVirhelfäule , eine Reihe bildenden Knochen^'). 
Bei einigen findet man indeffen auch nur g, 7, 6, felbft 
5 Knochen , bei den Hufthieren eine geringere Zahl, 
und die beiden hintern immer vereinigt. 

11) Die Amphibien haben keine beftändige, klaffi- 
fche Form. Unter ihnen entwickelt fich bei den Schild- 
kröten das Bruftbein am höchften, die neun Stücke, 
woraus es hier befteht, (Ann. du Muf. T. 14. Tab. 2.3.4.) 
kann man völlig auf das O. epifternale, entofternale, 
hyofternale, hypofternale und xiphiftefnale zurückfüh- 
ren. Das Hakenfchlüffelbein ftützt fich hier auf das 
Os entofternale. 

12) Indem man diefe Stücke einander nähert, und 
auf einander folgend annimmt, erhält man eine, wenn 
gleich anomale , und nur bei Menfchen mit kurzer und 
breiter Bruft vorkommende Eildung, nämlich zwei 
epifternalia , ein entofternale, zwei hyofternalia , zwei 
hypofternalia und zwei xiphifternalia. Lang- und eng- 
brüftige befilzen dagegen anfänglich neun, eine ein- 
fache Reihe bildende Stücke, die fich aber bald zu 
dreien verbinden. 



7. E. Home über die u n terfcheiden den Merk- 
male zwifchen den Eiern der Sepien und 
der im Waffer lebenden Schalthiere. (Aus 
den phil. Tr. 1817. p. 297 - 302.) 
Linne und mehrere Naturforfcher, felbft vergleichen- 
de Anatomen des feften Landes nach ihm, nahmen irrig 



1) Nun auch ein franzofe das Brurtbein der Wirbelfänle »«f 
gleicht, wird man es jd auch wohl dem DcutJ'ohen glauben ! 

M. 



' 275 

an, dafs der Bewotner des Argonauta eine Sepie ff y, veil 
eine Art diefes Gefchlechtes oft darin vorkommt. Da «las 
Thier diefer Scliale l>is jetzt noch nicht gefunden worden 
ift, fo wird es fich vielleiclit nie mit Gewifsheit ausmitteln 
laffen, ob, wie ich helianptet habe, diefe Schale eine 
innere ift. Aus den Thatfachen, woiauf lieh diefer Auf- 
fatz gründet, und welche auf der leizten Expedition auf- 
gefammelt wurden, ergiebt lieh, dafs dieEier diefer Sepien. 
keinem Waffe rfchalthiere angehören. 

Das Blut der Jungen aller eierJegendenThiere, inufj, 
fo lange Ije ßfch im Li liefinden, durch die Häute oxyge- 
nirt weiden, allein, da bei den Schalthieren, wenn fich 
die Schale im Ei bildete, diefer Procefs fehr erfchwertf 
würde, fo fällt die Schale des Eies erft ab, und das Junge 
kriecht aus, ehe lieh feine eigne gebildet hat, fo bei der 
Gartenfchnecke. Die VVafferfchalthiere bedürfen einen 
Schutz in der Periode zwifclien dem Abfallen derEifchale 
und der Bildung der eignen Schale des Thieres, welcher 
den Landfchdllbieren nicht nölhig ift: zu diefem BehuE 
find ihre Eier in befondem HiiJien oder Zellen einge« 
Xicbloffen. Die zelligcn Nefter der gröfsern Arten kora- 
nien in allen Samminngen vor ; allein ich habe noch nir- 
gends die vollftändige Beftinimung derfelben angegeben 
gefunden. 

Ein Freund aus Oftindien fahe eine'Art Valuta ihre 
Ei«r in Geftalt eines, der Lippe der Schale entfprechen- 
den, einige Zoll langen Schleimftranges legen, der fo- 
gleich an dem Felfen fefiklebte, indem der, die Eier 
umgebende Schleim, fobald er in Berührung mit dem 
Salzwaffer kam, zu einer feften faferigen Membran ge- 
rann, fo dafs die Eier in eine Zelle eingefchlolfen wur- 
den , da.«, an dem einen t nde befeftigte, am andern freie 
Neft, frei im Waffer fchwamm, das Blut der Jungen mit 
äer Luft in Berührung kam , und diefe, naclukm iie aus- 
gekrochen waren, bis zur vollkommnen Ausbildung ihrer 
Schale vor den Wellen gefchiuzt waren. Einen Tlieil 
einef ähirtichen jS'efies, der die Eier eines Eiiifchalers 
tothält, bekam ich nachher durch Herrn Ler-, von Hatiu 
merfmith aus Südkarolina. Eben fo verhält lieh auch das 
Eierneft der Hrtix Janthin,:, welche ihre Eier gewöhnlich 
•uf ihre ScI.jle legt. In diefem FiUe ift jedes Ei in 



276 —• '^ — " 

einer,- in andern find mehrere in deiTelben Zelle enthal- 
ten. Die Eier der Landfchnecke liaben keine folche 
Nefter. Im Jahr 1773 unterfuclite ich diefe unter /. Hun- 
ter, und fand Folgendes. Am 5ten Aiiguft legte eine 
Schnecke ihre Eier und bedeckte lie mit Erde. Sie wa- 
ren- rund, hatten eine fefte Schale, von vveifser Farbe 
und einer gewiffen Durchlichtigkeit , keinen Dotter, in 
der durchficluigenFlüfligkeit einen, durch die Lupe licht- 
baren kleinen Fleck. Am gten keine (ichtbare Verände- 
rung. Am Uten der Fleck vergrüfsert, aber zu durch- 
lichtig, als dafs feine Geftalt unterfchieden werdea 
konnte, und beweglich. Am 12ten fahe man den Embryo 
undeutlich. Am Iften füllte der Embryo 5 des Eies an, 
doch waren feine verfchiednen Theile noch undeutlich. 
Am Igten der Körper des Embryo gvöfser, die Hülle 
ftarker. Am igten faft alle Hüllen mehr oder weniger 
aufgelöft. Am Sofien krochen die Jungen mit völlig gebil- 
deten Schalen aus. Am 23ften traten die Schnecken, wenn 
Jie in Waffer gcthan wurden, aus den Schalen hervor, 
wie erwachfene. Am 24ften verliefsen alle ihre Nefter. 

DieSepie, welche im Argonauten vorkommt, und von 
Herrn Cranock auf der Expedition von Congo gefangen 
ward , hatte einige Eior an den innern Theil der Schale 
gelegt, und, da das Tiiier in dem Argonauten gefunden 
wurde , fo ergab fich , dafs die Eier ihm angehörten. Sie 
kommen ganz mit denen der S. octopus überein, find 
durch Stiele verbunden, und uuterfcheiden fich von denen 
der Waffcrteftaceen durch Anwefenheit eines anfehnli- 
chen Dotters und Mangel des /.eiligen Neftes. Daher 
mufs diefes Thier als eine Art Sepie , als ein Thier ohne 
äufsere Schale angefehen werden, welches fich der de* 
Argonauten nur zufällig bedient. 

Einige mit der vergleichenden Anatomie unbekannte 
Naturforfcher wollen in diefen Eiern die Argonautenfchale 
zum Theil fchon gebildet gefunden haben, allein unftrei- 
lig fahen fie den aulehnlichen Dotter dafür an. 



8. 



8. E. Home nb'ef den Ueber^^ng des^ies aus 
dem Eierftockß in die weibliche GebUr- 
niutter. (Aus den pbil. Transact. I817. Pars 2. 
p. 152 — 261.) 

Ein Dienfimädf-lien von 2T Jabrerikam am 7. Januar 
18 1", nachdem lie einige Stunden lang vom Haufe abwe- 
fend ge•^'e!'cn, in ^{lofser Bewegung Zurück. Abends 
wurde fic beim Aus'ileidun übel und überhaupt unwohl. 
Am folgenden Tagt! befand fie lieh ebenfo. Die Zeit ihrer 
iVIcriftruation war voi banden, diefe aber trat nicht ein, 
von nun an benahm lie fich mit eiijer gewiffen Wildheit, 
und fehlen am Gemüib zu leiden. Am ISten ftarb lie, 
nachdem fie am I3ten-einen epiieptifchen Anfall mit Ra» 
fcrei gehal)t hatte. Die Gebärmutter hatte Zeichen voti 
Sthwangci fchaft, und nach dem Obigen fchien fie 8 Taga 
vor dem Tode empfangen zu haben , indem fich beweifeti 
licfs, dafs fie mehrere Togo vorher nicht mit einem Lieb- 
haber, den flc hntte, zufammen gekommen war. 

Der rechte Eierftork hatte eine kleine geriffene Oeff- 
nung am erhabenftcn Theile feiner Oberfläche, die, wie 
fich aus einem Längendurchfchnitt ergab , zu einer, mit 
geronnenem Blute angeftillten Höhle führte, welche voa 
einer gelblichen, organifirten Suljftanz umgeben war. 
Die innere Fluche der Gebärmutter war mit einer Lage 
ausgefchwitztcr Lymphe bedeckt, und zwifchen den lan- 
gen Fafern derfelben lag völlig frei ein Fi nahe am Haifa 
verbotgen. Ks war eiförmig, zum Theil ganz weiCs, zum 
Thcil balbdurchlicbtig. Nach einem kurzen Aufenüiall: 
in Weingeift, in welchem lieh übrigens die Gebärmutter 
frhon vom Anfang an befunden halle, wurde es gan2S 
undurchlichtig. Der Wnitermund war mit einer fel'tea 
Gallert angefüllt, die beiden Gebärmutierülfuungen der 
Trompeten ganz offen. Das fehr kleine Ei hatte unlerin 
Mikrofkop grofse Aebulicbkcit mit einem Infektenei, und 
mail bemerkte, ungeacli/et noch nirgends Geßifse gebildet 
wai-en , zwei Punkie, welche ilie kiinfligen Stellen des 
Herzensund des Gehirns bezeiclincten, und von welchen 
der eine, gegen das bieilereEnde des Herzens belindlicha 
am gr'jlsten war. So klein es ift, fo ficht es zu dem von 
IV. Hunter abgebildeten dreiwöchentlichen in einuui fehr 

M. d. Archu. ly. a. T 



37« 

• guten Vcrliälrtiifs^ ttttd würde fich vralit-fcheinlicli, liätte 
Sie StJnvangere 24 Stupiden länger gelebt, mit dem um- 

■ gehenden Faferf(pi)vebe verbunden haben, und jruf dia 
von Hunter abgebildete Weife von der Höhle der Gebär- 
BiDtier abgerondert erfchienen ieya. 

Der gelbe Körper ift immer als ein Erzeugnifs der 
Befruchtung^ und ein beftioimtes Zeichen der EmpFäng- 
nifs angefehn Vrorden ; allein in dlefetn Falle war nicht 
nur der zur gegenwärtigen gehörige , fondern ein noch 
deutlicherer in der Mitte des Eierftockes befindlicher vor- 
handen. Deshalb unterfochte ich den Gegenftaud ge- 
nauer, und enideckte dadurch, dafs der gelbe Körper 
anfangs eine fefte drüfige Subftanz ift, worin das Ei ge- 
bildet wird. Nachdem diefes ausgefiofsen ift, wird das 
nachher die Höhle anfüllende Blut aufgefogen, und es 
bleibt ein kleiner, die Stelle des Eies bezeichnender 
Kaum übrig. 

Bei der Untevfuchung der Eierftöcke mehrerer jung- 
fräulicher Leichname, wo die Scheidenk'appe fo vollftän- 
dig war, dafs an keine Schwängerung gedacht werden 
konnte, fand ich nicht nur deutliche gelbe Körper, fon- 
dern auch, wie hier, längs dem Rande des Eierftockes 
kleine, von ausgetretnen Eiern übriggebliebne Räume, 
fo dafs alfo die Eier auch im jungfräulichen Zuftande den 
Eierftock verlaffen. Da nun nach Cruikfhank'i Verfuchen 
die Kränzen der Fallopifchen Trompete beiui brunftigen 
Kaninchen die Eierftöcke umfaffen, wenn gleich kein 
Zutritt des Männchens Statt gefunden hatte, fo gehen ohne 
Zweifel, fo oft derGefchlechtstrieb eines weiblichen Säug- 
thiers bedeutend rege wird, auch ohne Begattung ein oder 
mehrere Eier aus dem Eierftöcke in die Gebärmutter. 

Diefe Thatfachen erklären den Irrthum mehrerer 
Phyiiologen, welche den gelben Körper, in welchem lieh 
ein anderes tii bildete, für den halten, welcher dem Ei 
der, gerade Statt findenden Schwangerfchaft entfpricht, 

.und der in der That zur Zeit der Niederkunft verfchwun- 
den ift. 

Die Fallopi/che Trompete ift in geringer Entfernung 
von ihrem Unterleibsende ausgedehnt, wodurch fowohl 

die Aufnahme des Eies als des Samens begünftigt wird. 

Wahrfcheinlich verweilt das Ei einige Tage an diefer 



J&eH*, titn defto leichter befruchtet werden 2« können. 
Da, nach Hunters Verfnchen anieiner in der Beoattuna 
geiödtetenHündinn, wirklich der Same in die Gebärmut- 
ter gelangt, und fidh kein Hindemifs feines Zutritts aus 
djefem zum Eierftocke findet, fo mufs man unftreitig an- 
nehmen, dafs der Same das Ei erreicht, ehe Schwänge- 
rung Statt findet. 

Die Bildung der Eier in den Eierftöcken , und das 
allmähliche Erfcheinen derfelben leitet, in Verbindung 
mit dem Umftande , dafs die Weibchen in der warmen 
Jahreszeit das Männchen einmal im Monat zulatfen, zu 
einer Anficht von der Menftruation, welche der gewöhn- 
lichen gerade zuwiderläuft. Diefer zufolge ift fie eine, 
die Gebärmutter ziirEmpfängnifs vorbereitende Function, 
und, wenn eine Frau nicht bald nach der Menftruation 
«mpfing, fo glaubt man, dafs fie heim nächftenMa) glück- 
Jinlier feyn werde. Aus dem obigen Falle aber ergiebt 
Xich, dafs diefe Perioden in gar keinem Zufammenhango 
mit der Bildung, dem Austritte und der Befruchtun" des 
.Eies flehen. Wenn aber keine Empfängnifs erfo/gt, fo 
ift die Menftruation vielleicht zur Herfteliung diefer Theile 
nöthig, und das einzige Mittel, den bedeutenden Zuflul« 
von Blut zu ihnen alizuleiten, der vorher Statt gefunden 
hatte. Wahrfcheinlich ift die Menftruation auf das menfch- 
•liche Weib und die Aeffinnen wegen des dichtem Gewe- 
bes ihrer Gebärmutter befchränkt. Dafs die Menftruation 
nicht zur Empfängnifs noth wendig erforderlich ift, ergiebt 
Höh unter andern aus folgendem Falle. Eine noch nicht 
17 jährige Frau wurde fchwanger, ungeachtet Jie noch 
nicht menftruirt hatte; 4 Monate nach ilirer iSiederkunft 
erfolgte die zweite Schwangerfchaft; 4 Monatenach der 
zweiten Niederkunft zum drittenmale, die Frau abortirte 
aber. Hierauf menfiruirte fie zu allererft einigemal , und 
wurde dann zum vierten Male fchwanger. 

Nach Herrn Bauer, der in mikrofkopifchen Unter- 
luchungen und Zeichnungen aufserft gefchickt ift, ver- 
hielt fich das Ei in deni obigen Falle folgenderiuafsen. 

Et befiand aus einer, verhäitnifsmäfsig beträchtlich 
dicken und feften Membran, die wenig durchlichtig, ganz 
glatt, von milchweifser Farbe war, und einen unregel- 
mäfsig eirunden üeutei von nicht völlig -^^^ «^oll Länge, 

T 3 



280 •--'- 

Uttcl in def Mhte -jl» Zoll Breite. bildete, an der «inen 
Seite in der ganzen Länge einen aufgeworfenen r<and 
oder breite Fallen hatte, an der andern dagegen faft ia 
der ganzen Länge offen war, hier aller wie eingeriij'tn, 
ausfjhe, indem die l^änder eiwas nach innen gewandt 
waten, fo dafs das Ganze mit einer kleinen Valuta viele 
Aehnlichkeit hatte. 

Auf Glas Iconrite man dieTe Metnbran mit einem fei- 
nen Pinlel von Kameelhaar leicht nach beiden Seiten 
offen entfallen, wo lieb dann ein andrer Balg von nicht 
■völlig ^y, Zoll Länge, und il^ Zoll Brette in ihm fand^, 
der lieh ohen (?) fpitz, unten (?) fehr Itumpf und abge- 
ftutzt endigte, in der Mitte dagegen etwas zufammen- 
gezogen war, und einer jungen Samenkapfel einiger 
Pflanzen, die nur zwei Samen enthält, ähnelte. Die- 
fer innere Balg beftand aus einer fehr dünnen, ganz 
g'alten Haut von ziemlicher Feftigkeit, die mit einer 
dicken, fchleimigen Suhftanz angefüllt Tchien , indein 
ein tindruck ziemlich lange in ihr blieb. Sie enthielt 
«wei runde, nndurchlichtige, gelbliche Körperchen , dio 
nicht nardurchfchimraerten, fondern fie anfchwellten, fo 
dafs Ue wegen des dadurch veriirfachten Licb:es und Schat- 
tens deutlich wurden. Ein gelinder, zwifchen ihnen auf 
den Balg angebrachter Druck entfernte ile etwa." weiter 
von einander, lie rückten einander aher wieder naher, als 
er mit etwas Feuchtigkeit benetzt wurde. Der kleine Balg 
hing in feiner ganzen Länge durch feinen hintern Rand 
feft an dem äufsern> konnte wenigftens nicht durch den 
feinen fmfel von ihm entfernt werden. 

Bei einem Verfucbe, den kleinen Balg zu öffnen, um 
die kleinen Körperchen heraus zu befördern, wurde er 
mit einer feinen Nadel am oUern Fnde geöffnet, worauf 
eine honigdicke Feuchtigkeit ausflofs, und die Membran 
feft aji der Nadel anklebte, fo dafs ich nicht weiter 
gehen könne. Hierauf liefs man das Ganze, aus furcht, 
alles ta venleVben , auf Glas trocknen, wobei der kleine 
Balg platt wurde, und, als fchmölze er, in dem äufiern 
zufamnienfcbruDipfte, felbft fa.ft ganz verfchwind, bei 
ftarkeiri Lichte aber doch unterm Mikrofkop bchtbar blieb. 
Ganz getrocknet, wurde er heil gelbbraun, und lag, das 



281 

oLere geöffnete, feiir genau ankleliende Ende ausgenom- 
men, frei auf dem GJafc. Noch fo liebt man mit einer 
gewöhnlichen Lupe die beiden Körperchen. 



9, E. Home über die Fe t terzeugung im Dai»m- 
kanal d er F 10 f ch 1 ar ve n, (Aus den philofoph, 
Tr.. 1816. p. 301—311.) 

Die hieländifclien Frofciilarven find wegen ihrer 
Kleinheit noch nicht in Hiniicht auf die vom Auskriechen, 
bis iur Vcrwancthiiig in ihnen vorgehenden Veränderun- 
gen unterfuclit worden. IJie Larve der Rnnn parncloxa 
ift zwar grofser , doch hatte Herr Ireland , der mehrere 
Exemplare d.ivon aus Surinam mitbrachte, und mir fehr 
gefling mi'thei!!c, nicht Gelegenheit, fie vor dein Her- 
VQi'hrecben der Hiriterfüfse zu beobachten. Um dieKeihe 
zu vervoilftändigen , uiitcrfuchte ich die Larve des ge- 
meinen englifclien Froffcbes voia Auskriechen an bis zum 
^iiftande der Vollkotumeiiheit. Die Gallert der Eier 
wurde fcbon friiher bei rächtet. (S. diefes Archiv Bd. 2. 
S. 534.)- Die Eier felbft unterijcheidenfich durcli Mangel 
«)<!s Dotters von deneij derEidcchfen und Schlangen. Die 
Larve fcheint fich von ihrem Frfcheinen an vom Schleim 
zu nähren, der wenig von Eiweifs verfchieden ift. An- 
fangs bildet jedes Li ein fechscckiges Ihisma mit plattge- 
tlr.iickten Enden, und das Gan.^e eine fefte IVIaffe. Beim 
Auskriechen hat die Larve des Frofches auf jeder Seite 
des Halfes zehn Fidcn, oder vergängliche Kiemen , die 
des Salamanders drei, welche aber zufammengefetzter 
Ii.nd und verfcliwinden , wenn die innern Kiemen gebil- 
det linxl. Hei der Frofchlaivc verfchwinden dicfe äufsern. 
Kienen, fobald der Unterleib fich zu vergröfsern anfängt. 
Der Haylifchfütus hat 24 ähnliche Fäden, fo lange er 
iin Ei embalien ift, li^ falle» aber noch vor dem Aus- 
kriechen aus. 

Am iften April Iglö wurdeFrofchlaicli eingefammelt. 
Am I5ten vertiefs die Larve das Ei, allein an der Stelle der 
Kienienfdden fand lieh nur eine fehr tiefe Einfchnürung 
Zwilchen Kopf und Leib. Am 23fien waren ille Fäden deut- 
lich, am l7fteii verfcbwuuden. Im Juni fand üch eine fehr 



283 — 

deutliche linlce, aber keine rechte Kiemenöffnimg. Am 
8ten Juli erfchienen die Hinterfüfse, allein die Zehen, 
waren nicht abgefondert. Am I4ten Juli waren fie voll- 
endet, auch die Vorderfüfse unter der Haut ausgebildet, 
äuCserlich aber durch keine Erhabenheit angedeutet, die 
Lungen waren voUftändig. Die Lendengegend enthielt 
kcih Fett. Am löten eine ftarke Kothausleerung. And 
I8ten drangen die Ellbogen- hervor, und der hintere Theil 
des Körpers hatte, wegen des, in Menge ausgeftofsenen 
Käthes, eine fchlankere Form. Arn iQt.ea wareni die 
Vorderfüfse ganz frei , der Mund grofs wie beim Frofch, 
der Schwanz an der Stelle, wo er nachher abgeht , ein- 
gefchnürt, der Darm enger, und fo kurz als beim 
Frofch, in der Lendengegend etwas üel. Am 2 3fien war 
der Schwanz abgefallen, und es blieb ein Vorfprung zu. 
»ilck. Das Thier veriiefs das Waffer. flinter dein Darm- 
lianal in der Lendengegend mehrere kleine häutige, leere 
Anhänge. Diefe waren api sSfteii undurchlichiiger, und 
^ie Wurzel des Schwanzes war ganz verfchwunden. 

■ Um die Zeit des Ausbruchs der Hinterfüfse ift dar 
Mund der Larve der Rana paradoxa fehr klein, faft rund, 
die Zahne find oberhäutig, die obern überragen die un- 
tern, der ganze Speifekanal ift einfünnig, geht erft vom 
Munde bis zum hintern Ende des Unierleibes, biegt fich 
dann um, macht vie'e kreistormige Windungen, hefteht 
aus feften Hauten und ift fehr eng. Auf jeder Seite be- 
finden lieh drei voiiftändig verfchloffene Kiemen, nur 
auf der linken eine zu ihnen führende üeffnung. Zur 
Zeit des vollendeten Wachsihums der Larve, und der 
vollkommnen Ausbildung ihrer Hinterfüfse, was, nach 
Herrn Ireland, um den I4ten Tag nach dem Erfcheinen 
derfelben Statt ünHpr, ift die Unterleibshöhle fehr grofs, 
der Darmkanaj fehr weit, die Häute delfelben fodünn 
als Spinnwebe, und durchaus mit einer weichen, beim 
Verbrennen nach Heu riechenden Subfiauz angefüllt. 
Hinler ihnen, längs dem hinrern Theile des Unterleibes, 
befindet fich -uel gelbes Fett in langen, dünnen, durch- 
fichtigen Bälgen, das vorher durchaus fehlt. Die Lungea 
find voUfiändig gebildet. 

Um den aiften Tag, wo der Mund d-r Larve die 
Geftalt des voUkouimnen Frofchmuudes ai^^euoinmen 






283 



hat,' und die Voiderfrtfse hervorgedrungen fmd, der 
Schwanz aber noch vorhanden ifi , üt .!er Darmkanal 
uro i verkürzt, feine Winri» feft , wie die einer Pulsader, 
die äulsere Flache runzlJch , und feine Höhle leer , der 
Maocn bildet eine deutliche, durch eine Ein fchnürung 
TOro Darm abgegranzte Höhle. Alle diefe Theile Und 
von Fett umgeben, welches, mit Ausnahme der grofsen 
Leber, den ganzen Unterleib einnimmt. Die Lungen 
Jlnd voll Luft, die Kiemen ganz verfchwunden. Nach 
7 Tagen fällt der Schwanz, während die vorfpringende 
AVurzoI übrig bleibt, ab; um diefe Zelt ift alles Fett im 
Unlerleibe verfchwunden, aufserdem keine. Veränderung 
in Unterlevbe eingetreten. 

Das Ei de» Frofches ift verhältnifsmäfsig viel kleiner 
als bei andern Thieren derfelben Klaffe, hat aufserdem 
keinen Dotter, und es fehlt daher, ungeachtet es Sub- 
fraiiz genug zur Bildung der Larve enthält , noch etwas 
zur Umwandlung von diefer in den Frofch. In der L»rve 
bildet üch ein gröfsererFettvorrath, als zu ihrer Erhaltung 
und Vergröfserung erforderlich ift, zur Bildung der noch 
nicht in der Larve vorh.indnen Theil^ des Frofches, und 
diefes Fett fcheint im Darmkanal gebildet zu werden (?.). 
Diefer ift verhältnifsmäfsig hier viel gröfser als injrgend 
einem Thiere. Bei der Larve der Rana paradoxa ver- 
kürzt fich der DarmUanal , nachdem er feine fo fehr be- 
Uäclilliche Länge erreicht bat, wenn die Umwandlung 
in die vollkommne Form eintritt, und merkwürdig ift es, 
dafsdas Fett abgefeizt wird, wenn der Darmkanal feine 
Tollkoinmne Länge erreicht hat, und dafs, fobald diefer 
fich verkürzt, weiter keines gebildet, fondern das früher 
erzeugte zur Meiamorphofe verwandt wird. Hieraus 
fchliefse ich, dafs eiiifulchcr Fetiabfalz zu diefer erforder- 
lieh , eine folche ungewöhnliche Länge des Darmkanals 
zu fo fchleunigcr Fetterzeugung nüthig , mithin der 
Darmkanal die bildungsftatie des Fettes ift. (^ ) 

Um auszumilteln, ob diefe Fetlablagerung deshalb, 
weil die weichen Theile der Larve lieh nicht in Knochen 
und andere Theile des Frofches, die lieh nicht in der 
I-arve finden, umwandeln können, oder blofs wegen 
StolTroangels noihwendig ift , bat ich Herrn Haiihett, der 
^or einigen Jahren die Zufaiumenfeizung des Dotters »u» 



2-84" üi--J^3.>— - 

foftemÖel und etwas Ei weifs ausmitlelt'e; um feine Unter- 
ftutroni;. Nach ilnn enthält tler FrofeSilaich weder Dot- ' 
ter noch Oel , und hefieht, wie fchon Brande angab , aus 
einer zwifohen Eiwöifs und Gallert ftehenden, vorziig- 
lieh dem erftern ähnlichen Suljftanz. Die Eier von Hf/ij: 
und Liitiax haben keinen Dotter, un'd heftehen aus Eiweffs, 
indem lie inWeingeifi gerinnen, und unter diefcr Bedin- 
gung keine Spuren von Oel zeigen. Humiuercier ent- 
haltenvveder Dbttei' lioch Oel.' Die letztern abei lind 
im frifchenZuftande niiiiiu»eifs angofüllr, doui eine dun- 
kelgrüne Sutjfianz bel^jeniengt ift , und wahrend das ei'- 
flere durch Wärme gerinnt, wird diefi» lehbaft roih. Dies 
iCt, nach Hatrhe/f, die Färl.efiibrtauz derScliale,, die nach 
ßrande's, Tor- drei bis vier Jahren g«inachtevi:nfdecku:ig, 
ohne Wärme, derch Säuren geröihet wird. Diefe rothe, 
tiuixh Säuren erzeugte Farbe bleibt, aufscr, wenn.' 
iie durch Salpeterfäure hervorgebratiht tvurde, indem 
lie dann gelb wird. Verdüiirtio Salpeterfäure, wOrin 
iie djgcrlrt wordeir war, gab fchwacho Spuren eines 
phosphorfauren Salzes, 'welches kein phosphörf,iurer 
Kalk war, Merkw-iirdig ifr, , dafs die ro^iic Farbe durch 
Kalicn nicht zcrftört, ja fogar ohne-SiUien dadurch in 
dcniCclben Grade erzeugt würde. Ivul' , Licht, Verdün- 
ftung tfer Feuchiigkuit bringen (-ben [o Jlöthung diefer 
Siibftanz hervor, fcC dafs lie dadurch liiitdem Färlje- 
ftoffe von Duccinttm /«/jWa/ übereinkommt. Doch wan- 
delt liuii dicfe nicht weiter um; während die der Hum- 
mcr nach einigen l'.! gen okergeJb wird. Dann aber ■ 
bfeiht Jie ; weiiig^tons hafiela üe auf Leinew.iud, die 
damit gefärbt ward, nachccra fie mehrmals in heifsem 
Waffer gekocht tnid niit Seife gawafchen worden war. 
Hiernach ift diefe Suhfianz von eigenlhüailichcr Befchaf- 
fSnheit. DleEier djsLaehfes und Hechtes haljen keinen 
Dotter, und befieiien, da fie durch Wärme gerii::ien, 
vorziUj'licli aus Fiv«eifs, enthalten aber eine gering^' 
Menge Üol , vielleicht einen fcif-rtz für den Dolur. 
IMe der Knorpellifche , der Eidechfen und Schlani^i ii 
liaben einen, dem der Hühner ähnlichen Dqrter,' i.-- 
gegeu enthalten die der Haiüfche kein wahres Eiwe ;. 
Der Dotter der Vog^leier befleht w-efentlich aus ^Ir - 
butterähialicLen, »nit wenig Eiweifs verbuinJn<;u.(/fltt^i.I, s 



Picli bei den HOÜttein wie 1:5 verliält, und kann aTs 
eine Wir conceiitiirte Emullioii ange[elien werden. In 
der .Milch entfpricht der kalige Tlici! dem Kiweifstheiie, 
tler Buuenhetl derp Oele des Doitevs. Beide iiutei- 
fcheiden ßch dadurclj, dafs die ftlilch diiiiner als der 
Dotter ift. Jlelirere cierlegeude Thiore rchciiien alfa 
während der Bebrütung durch eine Siiblianz ernährt zu, 
werden, welche mit der erften Nahrung der iungen leben-, 
dig gebährenden Thierc Acbnüchkeil hat, und üe iCt bei 
jenen moglicblt conct'inlrirt , nm , mit dem Thicte im Ei 
eingefchluU'en, den piöglichft. . Ideiacn ^auiit eijizii-^ 
nehmen. 

Die Jungen lebendig gebärender Tiiicre vcitragcii 
anfangs ihie IpUtere IV'alirung nicht, und nehmen daher 
die (Mutteiuiilch zu fjcb ; dag^^gen vertragen die .Tunjcii 
eierlegender l'l'.ierc fogleich ihrcelgonthiiinlichc Nidirung, 
und iiefcheinsn daher widircnd iles Bobniiensdazu durch 
den, Genufs einer, der iMilcIi iihnlicheii Subiianz vorberei- 
tet, und den dem Säugsn enifprcchenden Procefs im EJ 
TQÜendet zu werden. Herrn Hatc/iett's' Weih.che führen 
zudeuiSchluffe (?), dafi indcn Eiern aller'fhieie, dtreu 
tiobryonen Kn6cben haben, etwas Oel enthalten ift, das 
«Jagegen in den Eiern \an folchen , welche ganz aus wei-i 
eben Theilcn hiftchen , ftlilt. Diefcr wird durch die 
olien bemerkte Fciliiiederl.-ige bri den Frofchlarven vor 
JerenUebergange in den Frofchzufiand bekriilligt: wahr- 
fcliein'ii.h ift daher eine gewiffe iUenge Ocl zvr Knochen, 
liildung erforderijch , und die Verfchiedenheit der Meng-i 
■von diefem in den verfchiüdnen Eiern eiitfiiricht dea 
■verfchieduen (Jradcn der Harte .der Fctusknocben. 



10. Dülrochet über die Metamorph ofe de» 
DarniUanals der Infekten. (Journal dephy- 
r,,i fique et«. Tom. ö6. 1818. p, I30ff.) 

Wegen der Lücken und Irrthümer in den Schriften 
Ton Alaliiighi f Swair.mer dam und Rtaumur über die 



5851 



Metatnorphöre des Darmkanals der Infekten ffellt« ich 
di« Unterfuchungen an, deren Refultate ich hier niit- 
theile. 

l) Lepidoptera, Bombyx mori F. Ich unterfuchte 
, Seidenwürmer vom AugenhJ icke ihres Erfclieinens bis zum 
Auskriechen des Schmetterlinges. Der Darmkana) des 
erftem befteht bekanntlich aus einer kurzen Speireröhre, 
einem weiten und langen Magen, einem geraden und fehr 
kurzen Darm , deffen Anfang zahlreiche Gallengefäfse 
umgelien, der Magen aus zwei nicht verbundnen Häuten, 
deren äufsere fleifchig und an der innern Fläche zottig, 
die innere durchfichtig, fehr dünn und ganz zoltenlos ift. 
Diefe konnte ich, doch nur gegen das Ende des Raupen- 
ftandes, in zwei Blätter tliellen. S. Fig. 5. Mit dem An- 
fange der Verpuppung wird das innere Blatt durch den 
After ausgefiofsen , zugleich fängt einef'feiis die VerkürV 
zung des Magens , andrei Teits die Verlängerung der Spei- 
feröhre und des Darms an , der Magen füllt lieh mit einer 
weifslicheii Suljftanz, nach 2 bis 3 Tagen ift das Ge- 
fpinnft vollendet, und die, ihrer Haut beraubte Raupe er- 
fcheint als Puppe. Fig. 6. fiellt denDaruikanal am erften 
Tage diefer Periode dar. Schon am driitsn ift der Magen 
inöglichTt zufauimengezogen, die Speiferöhre und det* 
Darm wegen äufserftor Dünne kaum llchtliar, am F.nde 
des Daru)S findet fich eine kleine Anfchwellung, die am 
erften Tage noch fichtbaren Seidengefäfse find vcrfchwun- 
den. S. Fig. 7. Am 4ten ift der Darm länger, nicht enger, 
die Endanfohwellung grof>er geworden, und erfcheint 
als Anfang des Blinddarms. Am sten ift der Darm län- 
ger, faltig, undurchfichtig, weifslich , fenkt fich in deii 
verlängerten Blinddarm von der Seile, die Speiferöhre 
ift nicht läng-r, aber weiter. S. Fig. g- Von jetzt an 
verlättgert licli der Darm, befonders der Blinddarm, und 
diefer füllt fich mit einer gelblichen Feuchtigkeit, Vom 
ISten Tage f. Fig. 8- Der Magen enthält eine halbflüflige, 
grünliche Subftanz , der Blinddarm firot/.t von einer 
dunkelgelben Flüfligkeit, die eine, dem Aufchein nach 
kreidige Subftanz aufgelöft enthält, welche lieh auch im 
Parm findet, der lieh in die .Mitte des Blinddarms fenkt. 
Am ISten bis I8ien Tage kriecht der Schmetterling aus, 
and giebt fogleich die iin Magen und L>arm entfaaltuen 



^ ^ $87 

SabCta-nzen von Cch, wodurch fich jene beträchtlich 
verkleinern, der einzige Unierfchied zwifchen dem 
DarmUanal des Schnietteilinps. S. Fig. 9. Hiernach zer. 
reifst die Speiferöhre der Raupe nicht, wie Malpighi, 
nnftreitig durch die aufserofdentliche Dünne derfelberf 
iri-e geleitet, angiebt. 

a) Nturoptera. Myrmeleon formicarium F. Ich 
habe die drei Wochen daurende Entwicklung dev 
Puppe des Amelfenlöwen nicht Tag für Tag, fondern 
im Allgemeinen verfolgt. Fig. 10. flellt den, etwas 
fchwer zu entwickelnden Dannkanal der Larve dai'. 
«) Ift der duichlichiige cifte Magen, mit einer, wahr^ 
fcheinlich von der rolhen Subfianz in den Flie- 
genköpfen flammenden rolhen Gallert angefüllt. Der 
von ihm durch einen dünnen , kurzen Kanal ge» 
trennte zweite Maj^en enthält eine fchwarze FUiflig- 
keit, ift durchlicluig und gelb, der Darm ift äufserft 
kurz und dünn, an feinem Anlange finden fich fecbs, 
mit einer weifsen Subfianz angefüllte Gallengefafse, Irar 
mer fand ich den Darm leer. Deshalb, wegen feiner 
Enge, und weil man iin zu'eiten Magen der Puppe die 
lichwarze Subftanz der Larve linüet, glaube ich mit mei- 
nen Vorgängern, dafs die Larve keinen After hat und kei' 
nen Koth auswiift. F.ei einer ganz jungen Puppe fand 
ich den Darm wie Fig. II. ä) Speiferöhre, «) erfter 
JVlagen, leer, klein, und in ein blolses Uohr verwandelt, 
rechts findet fich ein rohrenfürniiger, leerer Blinddarm c, 
der bei der Larve auch nicht im Kudiment vorkommt, 
ßch alfo wahrfcheinlich auf Koflen der Winde des er- 
ften iMagens durch Ausfproffen entwickelt liat. OefFnet 
man den nudi gelben zweiten Magen b, fo kann rann 
eipen ganz freien, lianen, wcifsen Cyllnder hervorzie- 
hen , der eine fchwarze FliifJigUeit cnihult, jener <!ia 
innere, nicht ausgcflofsene Haut, dlefe das Ueberbleibfel 
der Nahrungsmittel. Bei den fpStern Puppen füllt tch 
.der Blinddarm c mit einer grünlichen Fiüfligkeit. Wahr- 
Icfaeinlich flellt er die obern Blinddärme mehrerer Infek- 
ten dar. Bald nach dem Auskrieclien giebt das voll- 
kommne Infekt die innere iMagenhaul mit der fchwarjen 
Feuchtigkeit durch den After von lieh, li^x Darmk^joal 



288 ^ ^ 

deffeliien unterfcheidel ßch Wenig 'toti flerii der "Puppe. 
S. Fig 12. 

3) flyvDitoptera, A) Biene (Apis melli/era.) Ein 
Stück Honigwabe reicbt 2U<i Studium der Alctaniorphofe 
des DacniUanals der Biene hin, indem es Larven und 
Puppen aus allen Perioden enthält. Der Darinkanal der 
Larve ift b.anptf.ichllch ein gerader, hinten keulenfiiririig 
angi^fchwollner Schlauch, der faft die ganze Länge des 
Körpers einnimmt, und einen gelben Urei eniliält , der 
Magen. Der Darm ift ein kurzer, dünner, wenig gewund- 
ne« Faden. S. Fig. 13. Die innere Haut des Wagens hängt 
nicht an der äufrern, bildet einen blinden Sack, und fetzt 
£ch nicht in den Darm fort, der lieauoh, feiner Enge 
wegen , nicht auFnehraen kann. Während der Vorpup- 
f>mng verkürzt lieh der Wagen, die SpeiCerohre verlängert 
ßch, im vordem Theile dos Magens entfteht bald eine 
Einfchniiiung, welclie die heiden Magen der Bjene 
trennt. Die j.ingfte Puppe hat keine innere Magenhaut 
mehr, wohl aber noch die fchon eingefchloffene Larve, 
und ofFenbar wirft diefe lie daher mit der äufsern Haut 
sb, wie die Uaupen durch den After. Am »Viagen der 
Puppe erfclieincn (V) bald die Gailengefäfse und eine 
Scheidung des dünnen und dicken Darms. Fig. 14, ift 
der Darm der Biene. ■ . 

'■■ B) Stranhiveipe. (J'clißes gnllica F!) Fig. 15. ift der 
t)arin der Larve. F.r hai , wie l>ei der Bienenlarve, kei- 
nen Ausp^nng. Der Mayen bcfteht aus drei nicht ver- 
bundnen ikniteu, deren miniere und inner.fte nach hin- 
ten Uinde Säcke bikleu. Bei cingcfchiofsnen Larven 
fehlen die zweite und dritte. Der runde iMsgen der 
Larve verengt und verlängert lieh nllmählich, fchiiürt lieh 
in eine vordere und hintere Hälfte ab, wovon lilofs die 
hmicre eine giauliche Siibfianz enthält, wcr.halb die vor- 
dere wohl nur ein Anhang derSpeiCeröhie ift. Die kleine, 
nmdliche Av.fchwellung am Ende des Darmes wird Dick- 
darm. Beim vollkomninen Infekt (K. j6.) ift der erfte 
JJa'Jen leer, der zweite enthält eine braune, der Dick, 
^arin eine kreldenariige Subfianz. 

;' .. ;C). 5i;^e"^'>g*- CT*«W"-^'^a-) Die Art, welche ich. zu 
keiner der bel^bnebnea mitBeftimmtheit rechnen kann, 



289 

lebt auf Crnlatgus oxyacantha. ImAuguft fangen dieLar- 
TeA an, lieb einzufpinnen. llirC-Jefpiiinfl hi-fiebt aul'ser. 
?Kch »US grober Seidey unter diefer aus einer feiten, harten, 
briicbigen, aus derfelben Subftanz gebildeten, aber niclit 
gefponnenen, fondern in Schiebten abgefetzten Schal^. 
Bis zum März blieben üe als Larven in diefem Gefpiruift, 
dann wurden lie Puppen, und im April erfcbienen lie 
als Tollkouimne Infekten. Fig. 17. ftellt den Uarm der 
Larve dar. Der anfehnliche Magen ift in der Mitte ftark. 
gefaltet, vvoduich zwei neben einander liegende feitliche 
Kanäle enifteben, die innere Magenbaut ift nur gegen. 
das i.ude des Larvenzuftandes deutiicji. Es linden lieh 
zwei belrichtliebe, mit einen gelben Flüffigkeit angefüllte 
Seidengefäfse. Sogleich nach dem Einlpinnen verkiuzt 
fich die Larve beträchtlich, wird dadurch gerade, ftatt 
dafs üe anfangs gekriiniuit lag, die Haut der Larve trennt 
fleh, vorziigllch liiiuen, von der Puppeniiam, der Magen 
ift kleiner, nicht ipelir gefaltet. Aui 2ofien Tage ent- 
hielt er noch feine in^iere Haut, lin Oktober baiie der 
.IDarnikanal die Gefialt von Fig. 19. Im Anfange des 
{Vlärz war die Nymplie noch von der Larvenbaut umge- 
ben, allein fchon faft zur Fliege uiiigeftaltet , 'der Magen 
ift jetzt in zw»i Hallten gelbcijt, fehr verengt und hinten 
gekrümmt, der dünne Jjarm ftark gefireckt, der dicke 
bildet eine runde Anfcluveliung. Am L'.iide des i\lär2 
wurde die Larvenhaut abyeworlen , dieXyiupb.en blieben 
aber bis zum igien April in dorn Gefpinnft , worauf lie 
es als voÜkommne Infekten verlief.-.en. Den üaru:kanal 
ftellt Fig. 20. dar. Im Tliorax fanden Jicli zwei giofse, 
tnit den feitlichen Stigmatcn zufammenhängeude Luft- 
fäcke. 



Aus dem früher fchon von del- Larve des Araeifen- 
lüwen , jetzt auch von der der üiene und Wespe bekann. 
ten Mangel det Afters fcheinl zu folgen, dafs die Speifen 
derfelben bloft nähren, gar Tiichts Auszuwerlende.v ent- 
halten. Wirklieb ifl dies auch vom /uckerlto/V bekannt, 
und eben lo verhalten lieb wol.l die feiiilten Tlieile der 
thieriCchen Flüfligkciten , welche tiie iSahrung de» Amet- 



^290 



ij»w^ar-><»ii» 



■fenlöwett ausmaclie-n. Schwien'gev Jft der Mangel äe$ 
Afters bei der Larve der Wespe zu erUIären, welche 
iniit groben Pflanzen -- und Thierfubftanzen genährt 
Avird. Vermuihlich werfen diefe ihre Excreinente durch 
■flen Mund aus, und lind deshalb mit dem Kopfe nach 
linien gerichtet. Die bei den Larven derBienenlcöniginti 
"Statt tindende Richtung der Zellen nach unten, hat vei'- 
muthlich diefelbe Bedeutung, da diefe eine reichlichere 
■und von der gewöhnlichen vcrfchiedne Nahrung erhalten. 
Die Säoeflicge bietet eine fehr merkwürdige Eigenthüm- 
liclikeit dar. Die Seidengefäfse der Larven finden üch 
"nicht im Krirper der Nymphe, fondern aufser demfelben 
-und unter der Haut der Larve, wogegen man fie bei den. 
^Raupen in dem Körper der Puppe wahrnimmt. 

4) Diptera. Die bienenartige Fliege (Eriftalis tenax K) 
itt nur dem Aeufsern nach von Swnmmerdam und Riau- 
mur befchrieben. Fig. 21. ftellt den Darmkanal der Larve 
dar. Die Speiferöhre öffnet fich in eine längliche, vom 
Magen c abgefchnürie Höhle b. Der Magen ift bei einer 
g Linien langen Larve 5" lang, vielfach gewunden und 
in den engen und kurzen Darm geöffnet. Vorn am Ma- 
gen fo wie am Anfange des Darms finden lieh vier Gal- 
lenaefäf'^e , wovon jene eine ungefärbte, diefe eine grün- 
liche FKiOigkeit enthalten. Der Darm hat nahe am After 
l6 Blinddärme, die fich beim Auswerfen des Kothes 
nach aufsen kehren. Auf beiden Seiten des Darmkanals 
liefen zwei längliche Körper, die defto gröfser find , je 
näher dieMetamorphofe rückt, Fig. 22. Es find an ihrem 
vordem Ende umgebogene Kanäle : diefe enthalten eine 
milchige, vorzugsweife zur Ernährung der Puppe dienende 
Flüffi^keit. Aufserdem hängen auch die obern und untern 
Gallen^efäfse mit ihnen zufammen, indem fie, äulserfc 
zart werdend, fich auf diefen Milchkanuten verbreiten. 
Auf beiden Seiten liegen zwei beträchtliche Trachäen, 
welche durch den von Reaumur befchriebnen, im Schwänze 
befindlichen Luftgang mit Luft angefallt werden. Bei 
den Fliegen finden fich zwei grofse , von Luft ftrotzende 
Kugeln, Behälter der Luft für die Trachäen. Die Speife- 
röhre iCt dünn und lang. Der Magen hat am vorderit 
Ende vier blinde, fehr kurze -Anhänge , die vier obern 
Gallengefäfse.' Aus d«m untern ünde der SpeiXeröhrö 



291 



dWVt anfserdtifl ein ^angel' enger Gang, cler za einem 

■ 'Sacke führt, der mit derfelben Nahrnhgsfubrtanz als der 
•Wa^en angeFüllt, alfo ein wahrer Panj'en und Speifenbe- 
•hälter ift. Der iVlagen d ift lang, eng, vielfach gewunden. 
'Der D«m eng» wenig gewunden, ohne Dickdarm. 

'■ Sehon 34 Standen nach dem Einkriechen der Larve 
Itt der leere Magen auf 2" 6"' verkürzt , die Miichgänge 
^firtd halb leer. ISach 2 Tagen ift der Magen noch kürzer, 
^«fe Bfinddarme lind verfchwunden, die obern Gallenge- 
■ftfSe fangen gleichfalls zu fchwinden an, die Milchkanäle 
"Ähd kleiner, die Trachäcnmaffe zufaniinengefallen , luft- 
■l*er. Nach 4 Tagen ift der Magen nur 9'" lang, di« 
innere Haut getrennt, die Höhle c Von Fig. S2. in einen 
Minden, langen Kanal, das Rudiment des Panfen, 
■ titagewändelt , die obern Gallengefäfse find fo kurz als 
bei der Fliege. Die Trachäenkörper und Milchkanäle 
find verfchwunden. Am JtenTage erfcheinen die Luft- 
* -föCke, jeder hängt durch einen Kanal mit den am zwei- 
ten Tage erfcheinenden grofsen Hörnern zufammen, 
"ifler Panfenkanal ift am lilintlen ilnde ausgedehnt. 

■ ■' Am 6ten Tage ift Faft alles wie bei der Fliege, die 
'wo loten Tage vollendet ift. Das Schxckfal der innern 
THagenhaut konnte ich nicht ausmiiteln. 

' Den erwähnten Panfen , den noch niemand bei den 
•Infekten nachwies '), fand ich nachher auch bei M. vomi- 
■form, M. caefar und Tab. bovinus F., nur führt fein Gang 
'5n den Anfang dos Masjens, und er felbft befteht aus zwei 
Vonden Tafchen. Rlaumur (M^m. T. 4. p. 26O;) hielt 
diefes Organ für das Herz. Unftreitig beftätigt die Knt- 
wicklungdeffelben aus dem Vormagen die oben geäufserte 
Vermutbung der F.nifiehungsweife des blinden Anhangs 
■beim Ameilcnlöwen. 

' 5) Coleoptera. D)-tiscus marginalis »), Darmkanal 

"ier Larve Fig. 24. e) kurze, haarfeine Speiferühre; 



l) Wirklieb? S. RamJohr Über den Oarmkanal 3er Infekten lg tl. 
derdierellililiinf^bei diefer und andern Arten nachwies. Auch die 
.Anordnung AttCiffole undLVrco/jijkommt damit überein. M. 

») Im Original fteht fortwährend: Hydrophilua piceus, indeffen 
offenbar l'alfch» da di- Befclireibungen darchaua iiiclic für 
ditfen > genau aber für Dyciicu« gelten. M. 



293 

I«) erfter,. 'fehr weiterj' gerader Magan?' c) zweiter, 
gekriiirnnter, kleinere»'; b) langer dimner Darm, an 
cieCfen Anfange licli vipr fehr lange Gallengefäf^e iind^n, 
die, vielfach gewunden, am Darme liegen, find llclj, 
anaCtomoiirend, und fo einenKieis bildend, an <Jerrelbefi 
Stelle endigen; e) weiter Blinddarm mit einetn blinden 
Anbange « ;■' r) kurzer Waftdann; cQ After zwifcben d^n 
reCpivirenden Schwanzanhängen , die zu , den groCsen 
TracbäenftäBimen führen.. Mit Beftiromtheit kann icji 
•fa2en, dafs ich blofs bei diefer Larve keine freie, inn^ne 
]Vla!4enhaut fand. Der DarmKanal des vollkommnen Ij^- 
fckts bietet keine bedeutenden Verfchiedenbeiten dar. 
S. Fi". 25. o) Weite Speiferohre; A)errter, diinnbäuti- 
eer; c) zweiter, oder Fleifcbinagen mit zehnhaiten Hörn- 
platten; d) dritter Mägen, der äufserlich überall mit, 
unftreitig abfondernden feinen Zotten befelzt il't , die 
neu entttandne obere Gallengefäfse lind. /) Zwi^If- 
fincerdarm, an deffen Ende vier Larvengallengcfafsq; 
A")Dünndarm ; «') Blinddarm mit kurzem Anhange ; 0) MaJi- 
darm. Der Darmkanal des vollkommnen Infekts unte^- 
fcheidet fich von dem der Larve vorzüglich nur durcli 
die Zahl und Bildung der Magen. Die Veränderungen 
oefcheben folgenderroafsen. Die Larve bleibt 10 Tagein 
der Erde, ehe fie ihre Haut abwirft. Uiuerdefs ändert 
lieh ihr Bau wenig. Der Darm verkleinert fleh nur, 
Terändert aber feine Geftalt nicht. Kopf und Kauvverk- 
zeuoe treten allmählich aus den harten gleichnamigen 
Theilen der Larve, deren Haut fleh endlich auf dem 
Rücken fpaitet. Hierauf tritt die Puppe oder das volj- 
kommne, nur noch fehr weichhäutigt , und blofs mit 
Kudimenten von Flügeln und Kliigeldecken verfehene In- 
Tekt hervor. Der Darm hat diefelhe Form als vorher, 
nur ilt er kleiner und ganz leer. Die beiden feitlichen 
Tracbäenkörper lind platt und luftleer. Zehn Tage nach- 
dem die Puppe die Larvenhaut ahf^eftofsen bat, erfcbeint 
der Fleifcbmagen äufserlich, aber noch ohne Platten, und 
blofs durch eifieEiiifcbnürung im untern Theile des erften 
Larvenmaneus. Der zweite Magen der Larve, der zum 
dritten des Käfers wird, erfcbeint an der Oberfläche leicht 
gezottet. Alle diefe Theile Jind leer, nur der dicke Darm 
enthält etwas fchvvarze Subftanz, vermuthlich Galle. Die 

beiden 



293 

beiden Trachäenkörper find verfchwunden. Am rjten. 
Tage erfclieinen die Knorpelplatten im Fleifchmiisen 
und die Anhänge des drillen Magens haben iich verlän. 
gen. Am soften Tage ift der Fleifchmagen vollendet 
die obern Gallengefäfse haben ihre volle Länge der 
dritte Magen enthält eine, verrauthlich von ihnen abge- 
fonderte gelbe Flüüigkeit, der erfte Luft. Am 4ofteti 
Tage nach dem Einkriechen der Larve, am Joften nacb 
Abwerfen der Haut , kommt der Käfer zum Vorfchein. 

Refultate. 

1) Der Darmkanal der vollkommnen Infekten, To 
verfchieden er auch von dem der unvollkommnen fev 
ift doch nur derfelbe verfchiedentlich abgeändert und 
den neuen Nahrungsmitteln angeeignet, wie, nach Saoio. 
ny's Entdeckung die Mundtheile des Schmetterlings nut 
die abgeänderten Mundtheile der Raupe find. 

2) Die innere Magenhaut kommt nicht blofs deix 
Baupen zu, wenn lie gleich der Larve des Dytiscus mar- 
ginalis , und hiernach vielleicht mehrern andern fehlt. 

3) Die Haupttrachäen der Larven fcheinen während 
der iUetamorphofe allgemein zu verfch winden 4 doch find 
die des vollkommnen Infekts wahrfcheinlich nur die ab- 
geänderten Larventrachäen, 

4) Bei einigen Infekten, z. B. dem Aoneifenlöwen, 
denDytisken, wachfen während derMetamorphofe neue 
eigenlhümliche.\bfonderungsgefäfse aus dem Darmkanale 
bervor, eine hochft merkwürdige Thatfache. 

5) Bei allen Larven habe ich den Feitbebdlter der 
Raupen gefunden. 

6) Bei einigen Larven fehlt der After, To wie meh. 
rere Dipteren einen Panfen belitzen. 



II. Dütrochet fiber die Fo t ush üllen. Nach 
dem Bericht von Chaumeton, (In Leroux't 
Journal de med. T. 35. p. 49 ff.) 

Die Abhandlung betrachtet t) die Hüllen des Fötus 
dei Vogels; ?) der Ophidier und Saurier; 3) der Batra- 
chier; 4) dei Schafes. 

JM. 4. Archiv ly. 2. U 



294 

I. Am zweiten Tage des Bebrütens entftelit auf dem 
Dotter ein Gefäfsraimi , in deffen Mitte ßcli diererfle Spur 
des Fötus befindet. Der ganze Dotter ift von einer äu/iem 
und einer Innern Oberhaut , und unter diefer erft von der 
Gefäfshaut umgeben. Am 4ten Tage zerreifst der lieh ver- 
gröfsernde Fötus die erfte Oberhaut und die Allantois tritt 
aus dem Körper des Fötus durcli eine Oeff nung in der Mittel« 
linie hervor. Sie enthält eine gelbliche Feuchtiglceit, den 
Harn, vergrörsert lieh fchnell , zevreifst die zweite Ober- 
haut, gelangt unmittelbar unter die Schalenhaut, und 
wächft zwifchen diefer und dem Eivveifs fort, fo dafs am 
loten Tage das ganze Ei von ihr umgeben ift, wodurch 
das Ei neue Häute erhält, die ihm anfangs fehlten. Die 
äufserft&, das Chorion, dient zum Athmen, die zweite, 
lehr feine , entfpricht Hallers mittlerer Haut des Säug- 
thiereies. 

Der Dotter ift nicht urfprünglich von einer Gefäfs- 
haut umgeben, fondern diefe, ein Anhang des Darms, 
umgiebt allmählich den Dotter, wie das Eiweifs von der 
Allantois eingefchloffen wird. Noch befitzt der Dotier 
einen, durch das Bauchfell gebildeten Bruchfack , der 
fehr zarte, von den Dottergefäfsen ftaramende Gefäfse 
hat. Der Dottergang ift deutlich hohl. Nach diefen 
Thatfachen athmet und nährt fich das Hühnchen anfangs 
blofs durch die Darmhaut des Dotters, fpäter gefchielit 
erfieres durch die Allantois, mithin findet erft Athmen 
durch den Darm, dann durch die Harnblafe Statt. 

2. Das Ei enthält kein Eivveifs, aufserdem kommt 
es ganz mit dem Vogelei überein. Bei der Viper, wo es 
bis zum Auskriechen der Jungen im Eiergange bleibt, 
hat es eine fehr dünne Schale. In der Mitte der vier- 
monatlichen Träohtigkeit verfchwindet diefe, und das 
Chorion liegt nackt im Eiergange , mit dem es leicht ver- 
wächft, und wahrfchelnlich dadurch etwas von der Dlut. 
ter aufnimmt. 

3. Das Product der Zeugung der Batrachier ift ein 
wahres Ei, ohne Allantois und Nabelgefäfse, in der Tbat 
der Darmkanal felbft, der erft rund, dann länglich, 
endlich gewunden wird. Die Metamorphofe gefchieht 
nicht durch Abftofsen der die Voiderfüfse bedeckenden 
Haut, Tondem diefe durchbohren, mit Haut bekleidet, 



295 

die fie beJecken^e Haut, worauf bald Varwac^ning c?e>: 
ihrigen mit diefer an den Schultern erfolgt, und die Kie- 
fern diefelbe Haut, um den viel gröfsern Mund des Fro- 
fches zu bilden, zerreifsen. Die Haut des Körpers und 
derHinterfüfse ift daher nicht eins mit der Haut der Vor- 
derfüfse. Die Fröfche behalten ihr ganzes Leben hin« 
durch die Schafliaut. , 

4. Das F.i des Schafes hat äufserlich eine gefafslofe, 
fich leicht abfchuppende Haut, Hunters h:ttfü /ige, weiche 
mit der Schalenhaut des Vogeleies übereinkommt; un- 
ter ihr das, wie die Bjafe, jus mehrern Schichten be« 
ftehende Chorion. Seine innere Oberhaut, welche in die 
Schleimhaut der Blafe übergeht, ift die Allantois. Aiifser- 
dem findet lieh, wie bei den Vögeln, eine mittlere, mit 
der Schjfhaut nicht verbundne, aber lie bedeckendö 
Haut und eine Kabetblafe , die feitwärts am Dünndarm atif- 
fnzt , wie der Dotter am Vigeldarm ^ und zwei, nicht mit 
den Chalazen zu verwechfelride (?) lange Hörner hat, 
Anfangs findet (ich keine Piacenta, bald aber bildet fie 
lieh, indem fich das ( horion an den, den Warzen der 
Gebärmutter entfprechenden Stellen röthet. Die hinfällige 
Haut fchuppt fich ab , die verlängerten Choriongefäfse 
durchbohren die Oberhaut, welche lie bedeckte, und die 
PJacenten bilden fielt. 



12. ßlainville über den Bau der Kiemen bei 
dem Fötus der Haififcbe. (Journ. de phyfiq^ua 
T. 86. p. 157) 
Bei imfrer Arbeit über die Familie der Selachen war 
TOrlüglich die Beftimmung Ton Blochs Squalns ciliaris wich- 
tig. Herr Prevoft fand , dafs das zu Berlin aufbewahrte 
Exemplar fehr jung, und noch im F.i enthalten war, die 
Fäden aus.den Kiemen traten , und hüclift wahrfchcinlich 
diefen angehörten. Dies veranlafsle uns zu der, auch 
in unfern Vorlefungen geäufserten Vermuthung, dafs 
wohl alle Arten diele Bildung hahcn nnicliicn, und aus 
Cpigendem Sclireiben von Herrn Macartney crgiebt lieh, 
dafs er diefe Beebacbtuiig auf eine b«ifduiiiite Weile 
roacbte. 

Ua 



396 

Der Fötus tier Haifirche befitzt , fo lange er fich in. 
feiner lederartigen Hülle befindet, äufsere Kiemen. Die 
vorliegende Zeichnung (Fig. 26.) zeigt eine folche, um 
das Ekippelte vergröfsert. Sie bilden auf jeder Seite fünf 
Bündel fehr feiner Fäden, ßnd etwas nach innea 
von den Kiemenöffnungen befeftigt, gehören den Kie- 
men an, und kommen auffallend durch Lage, Geftalt 
und Lebensperiode, worin fie Ilcfc finden, mit den äufsern 
Kiemen der Sirenen und Salamander überein. Höchft 
wahrfcheinlich kommen fie auch bei dem Rochenfötus vor, 
erweifen , wie viele andere Thatfachen , die genaue Ver- 
bindung zwifchen diefen Fifcben und Reptilien, und 
zugleich die Schwierigkeit, willkührlich nach einigen. 
Bedingungen der Organifation Klaffen zu bilden. 



13. Uebeir den Bau des Beluga (Delphinus 
albicans Linn. Delphinapt e rus beluga La- 
cepede). Von Barclay. (Aus Tkom/on's Annals 
of philofophy. Vol. IX. p. 233 ff.) 

Es wurden vorzüglich: l) die Haut, 2) der Darm- 
kanal , 3) die Zeugungstheile , 4) das Gefäfsfyftem, 5) die 
Athmungswerkzeuge , 6) das Skelett, 7) die Sinnorgane 
nnterfucht. 

1. Maut. Das f Zoll dicke Schleimnetz eines 13' 
4" langen Thieres beftand deutlich aus zwei Schichten, 
wovon die untere aus Blättern gebildet war, deren llän- 
der unter rechten Winkeln auf der obern ftanden , fich 
voneinander trennten und wieder zufammenfloffen, und 
wieder aus fenkrechten Fafern beftanden. 

2. Darmkannl. Im Oberkiefer befanden fich keine 
Vorderzähne. Die Zunge war dick, kurz, in ihren Ec- 
wegungen fehr befchränkt, und lag weit hinten im Munde, 
die Speiferöhre hatte, mäfsig aufgeblafen, 13" im Umfange. 
Es fanden fich vier Mägen, wovon der erfte , gröfste, 
wie der unterfte l'heil der Speiferöhre, mit einer dicken, 
weifsen. Haut bekleidet war, welche mit der im Kardia- 



theile des Pfei-demagens überein kam. Der Darmlcanal 
war §6' lang, ohne Blinddarm vmd Grimmdarm, und 
hielt, mäfsig aufgeblafen, 4 bis 5" im Umfange. Die 
am erften Magen befindliche Milz hatte nur die Gröfse 
der menfchlichen '). Das Netz lag vorzüglich zwifchen 
den Mägen. In der faft ganz verfaulten Leber wurde die 
Gallenblafe vergebens gefucht. Die Bauchfpeicheldrüfe 
•war durch entwickelte Luft nach allen Seiten in grofse 
Zellen ausgedehnte 

3. Zeugunastheile. Die Hoden lagen nahe am After 
auf beiden Seiten des Darms. Die Ruthe war ohne Kno- 
chen und durch zweiMoskeln 5' förmig rückAvärts gelrogen. 

4. Das Herz, zeigte nichts ungewöhnliches. DieAorte 
lüelt über den Klappen 7l", am Bogen 13'', auf der 
Wirbelfäule 6" im Umfange. Die Lungenpulsader hielt 
fiber den Klappen 11", dicht darüber i)\''. 

5. Das Zungenbein beftaud aus 4Knochenj der Kehl- 
kopf aus! 5 Knorpeln, wovon der Kehldeckel und die 
Giefsbeckenknorpel einen, gegen die Spritzlöcher gewand- 
ten Kanal bildeten. Die Luftröhre enthielt knorplige, 
der in den Lungen befindliche Theil ihrer Aefte dagegen 
hnöcherne Ringe. Vor derTheilung in die zwei gröfsern, 
ging rechterfeits , wie bei andern Ihieren mit vier Mägen, 
eia Aß von der Luftröhre ab. 

6. Der Schädel glich dem Delphinfchädel. Es fan« 
dten lieh 7 Hals-, H Kücken-, 13 LendenwirM. State 
der Rippenhnorpel fanden ßch , wie bei den Vögeln, Kno- 
chen. Wahre Rippeji waren fechs , falfche fünf, die letz^ 
ten drei blofs mit den Ende der fJuerfortfätze eingefenkt. 
Becken, hintere Gliedraaafsen , Schlüffelbeine fehlten. 
Die Schulterlilätter waren grofs. 

7. Das Gehirn war faul , das Rückenmark klein, 
die Wirlielfäule vorzüglich mit zwei ftltlichen, in einer 
elaftifc-heu, zelligen Hauteingefchloffenen Gefäfsgeflechten 
angefüllt. Die Augen waren kleiner als beim Menfchen. 



1) Fand Geh wirklich aut eine/ odar wurden die Ubrigea 
fibeibhen? U. 



298 

In der Spritzhölile fand fich Iceine Spur vom Baue des 
Geyuchsorgans, und fie fchien mehr Athmungs - als 
Geruchsorgan. Aeufseres und inneres Gehörorgan 
wurden vergeblich gefuckt. 



14, Beitrag zur GeTchichte der Acephalen. 

Schon früher habe ich ') , fpäter Herr Tiedeinana "), 
eine Gefchichte der kopflofen Mifsgehurten geliefert. 
iNachher hat Bcclard denfelbenGegenftand abgehandelt'), 
die meiften bekannten Fälle zufainmengeftellt, undaufser- 
dem zehn neue befchrieben, eben (oBrera die Gefchichte 
eines eilften geliefert*). Es fcheint mir völlig /.wecklos, 
crfi die Befchreibungen eines jeden Falles abzudrucken, 
und dann die allgemeinen Pxefultate zu ziehen, und ich 
■wähle daher blofs das letztere Verfahren, um hiedurch 
einen Nachtrag zu den frühem Arbeiten zu liefern. 

Die verfchiednen Mifsgehurten mögen durch Zahlen 
fo bezeichnet werden, dafs die Urera'fche die letzte (ll) 
ift. Nicht alle wurden anatomifch unterfucht, 

l) Das allgemeinfte Refultat, welches einen meiner 
fchon früher für die Henimungsbildungen aufgeftellten 
Sätze ') beftätigt, ift, dafs faft alle diefe höchft unvoU- 
koniuine Mifsgeburieu einen regelmäfsigen Zwilling be- 
gleireteir. So verhielt es fich mitiieftimmiheit bei I, 2, 4, 5, 
6, 7, 9, 10, II. Unter 1 1 Fällen alfo mit Beftimmtheit in 9. 
Von 3 und Siift nichts hierüber bemerkt, aber auch nicht 
das Gegentheil au»j;sfagt, und 3 war ein, lange in VVein- 
^eift aufbewahrter Fötus unbekannten Urfprungs, 



l) Beiträge zur Vergleichendan Anatomie, Bd, i, Heft 3, ISoj. 

Pathologil'ohe AaJtomie , ßd I. 1S13. 
s) Anatomie der kopflofen Mifsgehurten, Landshnc iXn. 
3^ Mem. für les Aciphales. In l.eroux'i Journal de m^decine, 

4) Singol. Moftrnolitä d'un feto umano, la, Mem» di Verona^ 

Vol. XVII, I8i$, p, ?';4ft. - 

<) Pathol, Anat, »d. l. S. 155 ff. 



«~ 299 

2) Nicht unmerkwiirdig ift es, dafä verljältnirsinäfsig 
viele, namentlich I, 6 und II, bedeutend zu früh gelioi-en 
wurden. War dies der Fall , weil es Zwillinge waren, 
oder hat es einen tiefern Grund, die Mlfsbildung? 

3) Nur von wenigen wird bemerkt, welcher der 
Zwillinge zuerft geboren wurde. Bei II war es der raifs.- 
gebildete, bei 5 und 10 dagegen der regelmäfsige. Bei 
den übrigen ilt die Folge nicht angegeben. 

4) Ueber das Gefchlecht läfst fich nichts Befriedi- 
gendes'fagen , denn von 2, 4, 6, 9, wird daffelbe gar nicht 
erwähnt. Daher rührt unftteitig die bedeutende Zahl 
der männlichen Fälle, I, 5, 7, 8) !!• Nur 3 war weib> 
lieh, loganz gefchlechtslos. 

5) Aeuftere Form. 1 , 2, 4, 5, 7, 10, 11 , waren 
▼öllig ohne Bruftglied, diefes fand fich dagegen bei 
3 und 6, 7 hatte nur rechterfeits ein Rudiment davon. 

Alle befafsen die Bauchglieder, doch meiftens, wie 
gewöhnlich, die Zehen in unvolllcommner Zahl, und die 
Füfse nach innen gewandt. Der Kopf war bei I durch 
ein röthliches Höckerchen, eben fo bei 3 durch ein Wärz- 
chen und eine behaarte Stelle, bei 7 blofs durch die letz- 
tere Anordnung, bei 8 durch eine ftarke Anfchwellung, 
bei 9 durch zwei Erhabenheiten angedeutet, deren eine, 
hohl, mit zwei Klappen befetzt, zu eijiem Kanal führte, 
die andre einen, mit Blut angefüllten Sack enthielt. 

Die übrigen zeigten kein Kopfrudiment. Bei II ver- 
lief (fehr merkwürdig) an der vordem Körperflache in 
der Mittellinie eine tiefe Längenfurche. 

6) Wie gewöhnlich ^) fand fich auch hier fehr allge. 
mein, namentlich bei 1 , 3 , 5, 6, 8, 10, II, einreiche 
liebes, feltlofes Zellgewebe unter der Haut, bei 8 war es 
einen Zoll dick , und aufserdem fand fich hier eine gal- 
leriähnliche, bei 9 aus Zellgewebe gebildete Anfchwel- 
lung im obern Tbeile, unftreitig die Rudimente der 
fehlenden Organe diefer Gegend ; bei I, Bälge diefer Art 
unter der Haut des Unterleibes , Lei 11, ein anfehiilicher 
leerer Balg am Rücken gegen das obere Ende des Kürzen. 



A. a. 0. S. 157. 



300 

Y) Innerer Bau, Der innere Bau wurde nicht bei 
allen unterrucht, 

a) Skelett, Die Wirbelfäule enHigte bei tl mit clem 
fünften, bei 7 mit dem zwölften Rückenwirbel; bei 8 
waren alle Rückenwirbel, bei 3 alle Wirbel mit Aus- 
matme der erften gebildet ; die Wirbel waren bei 7 ge- 
Ipalten; bei 9 fehlten die erftern 6; bei II (höciift 
ivahrfcheinlich bei allen) verengte fich der Wirbelkanal 
nach oben, und der obere Wirbel war verfchloffen. Die 
2ahl der Rippen war gewölii^lich unvolUiommen. 1 und 
9 hatten ein Bruftbein, welches auf eine fe.hr merkwür- 
<iige, an die Analogie derfelben mit der WirbelfäuU or- 
innernde Weife bei I fogar einen kleinen, hohlen, be- 
weglichen Knoclien trug , der wieder das kleine Kojif- 
rudiment unterftützte. Sehr merkwürdij; ift es für die 
Bedeutung der GliedmaaTsen, dafs bei 7 von demoberfien 
Wirbel auf jeder Seite eine fenkrechte Rippe abging, 
welche fioh mit dem vordem Theile des Hüftbeinkam- 
mes verband. Bei lO wird aufser den Hüftbeinen, nur 
In der obern Gegend des Unterleibes ein knächerner 
Hing angegeben. 

Die untern Gliedmaafsen hatten in tlerofelben Ver 
Iiälinifs zu wenig Knochen , als die Zehen unvollkommen 
waren, 

*) Nervenfyßem. Das Rückenmark war bei J, 7 und 
H gut ausgebildet, fo weit die Wirbelfäule reichte, und 
gab die gewöhnlichen Nerven. Bei II zog fich das Kücken- 
mark allmählich nacli oben zufammen , und ging hier in 
den fünften Zwifchenrippennerven über. Im Unterleibe 
fanden fich Knoten , Fäden und Gangliennerven. 

e) Eingeweiäek'öhle. Die Eingeweidehöhle war nur 
bei 3 durch ein Zwerchfell in Bruft- und Bauchhöhle 
getheilt. 

ci) Ce/äfsjyftein. Das Heri fehlte bei I, 2, 5, II, be- 
ftimmt. 

Bei 3 fand fich über dem Zwerchfell ein kleiner 
länglicher Körper, wahrfcheinlich ein Kudiment des 
Hjrjens, der aber nicht «nit dem Gefäfsfyftem in Verbin- 
dung ftand ; bei 9 auf der linken Seite der ober» öegend 



301 

der Eingewcifleliölile zwei, mit lUappenarligen Falten 
verfehene Hühlen, die wohl kaum mit einein Herzen vei- 
gliclien werden können; bei fO fol) felbft das ganze Ge- 
färsfyftem gefehlt haben, doch ift derürund, dafs nur 
in der Nabelgegend Blut gefunden wurde, nicht hin- 
reichend. 

Bei 3 fanden fich vier Gefärsftämme im Nabelftrange, 
zwei Na'jelpulsadern und zwei Blutadern, deren eine 
fich in der Bruft endigte, die andre nach unten drang, 
die untere Hohlader bildete, mit der erftcn in der Bruft 
zufammenfiofs, und zugleich ein Eruftglied verfalle ; bei 
5 endigte fich die Nabelblntader in der rechten Niere; 
bei 7 fand lieh eine Nabelblut- und Pulsader. Die letztere 
verbreitete lieh als Aorta nach oben, unten, und an den 
Eingeweiden, die erftern endigten heb, nach Abgabe ver- 
fchiedner Aefte, in der rechten Schenkel blutader. Aufier 
ihr fand fich ein unterer Hohlvenenftamm. Auch 8 hatte 
eine Nabelblut- und Pulsader, welche fich in Stämme fort- 
fetzten , die fich in dem Körper verzweigten. Bei 9 gin- 
gen aus einer lungenartigen, in der Bruft enthaltnen 
Subftanz Gcfäfse, welche fich in die Armrudimente bef!a- 
ben, aufserdein fanden fich eine Aorte und Hohlader, die 
fich in der Bruft verloren. Ungeachtet bei lO der Nabcl- 
ft>ang regelmäfsig gebildet war, follcn doch, wie fchoi^ 
bemerkt, die Gcfäfse im Körper felbft gefehlt haben. 
Bei II verliefen neben der Aorte zwei Venenftämrae, die 
fich unten in der Lendengegend verbanden, UTid zugleich 
hier, die rechte unmittelbar, in die Nabelvene übergingen. 
Diefe nahm noch die Nieren-, Gekros- und Hüftblutader 
auf. Die Aorte theilte fich in die Zwifehenrippen-, Nie- 
»en-, untern Gekros- und Hüftpulsadern, mit welchen 
die beiden Nabelpulsadern enlftatiden. Jede Niere er- 
hält, nach dt!m Kupfer, zwei Pulsadern. 

Nirgends finde ich eine weite , die Stelle des If er- 
zcns vertretende Anaftomofe zwifchen dem Venen- uiid 
Arierienfyftem erwähnt, und hochfl wahrfcheinlich gitig 
daher, wenn nicht eine folchc vorhanden war, das Blut 
entweder durch die Nabelpulsadern zum Körper, durch 
die Nabelblutader dagegen zur Nachgeburt, oder, wenn 
■€t in diefen Gefäfsen feinen gewöhnlichen Wegnahm, 
'-(0 wurde es durch die Venen zu den Organon, durch die 



303 - ^'^^^^ 

Arterlen dagegen von denfelben weggeführt. Aufser- 
dem könnte man, um die gewohnJiclie Ordnung bei- 
zubehalten , feine Zuflucht nur zu der unwahrfchein- 
lichen Annahme nehmen , dafs einige kleine Zweige 
des Venenfyftems das Blut in einige Zweige der Aorte 
führten, und diefe alfo aus ihr wie die Aorte aus den 
Kiemenvenen der Fifche entftand. In Ermangelung 
der Leber fenkte fich die Pfortader in die Nabelvene. 

c) Lungen. Die Lungen fehlen, wie das Herz, bei 
faft allen. Nur bei 1 und 9 vertrat ihre Stelle vielleicht 
ein reichliches, gefäfsreiches Zellgewebe in der obern 
Gegend der Eingeweidhöhle. Auch bei 1 1 war an die 
innere Fläche der Rippen ein dichtes , in der Mitte 
einen kleinen Balg enthaltendes Zellgewebe befeftigt. 

f) Verdauungsfyftem. Der kurze Darm war oben 
blind geendigt bei 1 , 3 , 7, 8, 9- Bei 9 war das blinde 
Ende ein Theil des Dünndarms. Bei 10 war der Darm 
dünn und niVAf hohl., von der Härte einer Feder. Bei 
II wird beftimmt nur ein Theil des Dickdarms als an- 
wefend angegeben. Bei 5 vvird einer Speiferöbre und 
eines Magens, die, wie der Darm, äufserft dünn waren, 
erwähnt. Merkwüidig ift es , dafs bei verhältnifsmäfsig 
vielen, namentlich vier, ein Theil des Darms im Nabel- 
ftrange lag. 

ieter, Mili und Bauchfpeicheldriife fehlten bei 2, 3, 
5) 75 8, 9> 10- Bei I fehlte Leber und Milz, die Bauch- 
Xpeicheldrüfe dagegen war, fonderbar genug, vorhanden. 

g) Harnfyflem. Das HarnfjTtem war bei I, 4, 7, 8» 
II vollkommen vorhanden; doch bei 7 beide Nieren ver- 
fchmolzen. 

Bei 3 fanden fich zwei grofse Nieren, wovon, die 
eine im Becken lag. Bei 9 und 10 fehlten die Nieren. 
Hier und bei 3 wird der "Blafe nicht erwähnt. Unter 
den Organen des Harnfyftems werden nur bei I die Ne- 
bennieren beftimmt als anwefend angegeben. Bei II 
fehlten üe, ungeachtet der Anwefenlieit des Harnfyftems, 
Tföllig, 

h) GefchUJitstbeile, Bei 3 fand fich die Gebärmut- 
Hr und ihre Anhänge; bei 5, 7, 8, H, gut ausgebildete 



303 



männliche Zeugungstheile. Es ift fchon oben bemerkt, 
dafs die Angaben über diefe Organe höchft unvollUotnujen 
And. 



Erft nachdem ich aus den eignen Beclari^^chen Fäl. 
Jen das Vorftehende zufammengeftellt hatte , erhielt ich 
den Schlufs des Auffatzes, worin der Verfaffpr die iie- 
fullate der einzelnen Thatfachen , welche er fehr fleifsig 
zufammengetragen hatte, liefert. Sie unterfcheiden lieh 
nicht wefentlich von denen, welche ich früher erhalten 
und bekannt gemacht hatte, und find folgende: 

1) Alle (?) Acephalen find Zwillinge ; 

2) Alle ermangeln des Kopfes, oder des Kopfes, des 
Halfes und der Arme ; oder des Kopfes, des Halfes, der 
Arme, der Brufthöhle, und zugleich mehrerer Eingewei- 
de, namentlich des Herzens; oft einiger Theile der Ze- 
hen, derFüfse, felbft eines Bauchgliedes, 

3) Alle haben gegen das obere Ende des Körpers 
bedeutende Ungleichheiten. 

4) Alle haben ein Rückenmark, das bisweilen ver. 
dorben ift, und eine mehr oder weniger alienirte Wir- 
beifäule, 

5) Ihre Bewegungsorgane beftehen in einigen Mus. 
kein, deren Ausbildung mit dem Zuftande des Rücken- 
toarkes in Verhalinifs fteht, wogegen die Knochen, vor- 
züglich in den untern Gliedmaalsen, diefem Gefetze we- 
niger unterworfen fcheinen. 

6) Hetz und Lungen fehlen immer (?), felbft bei 
Anweienheit der Brufthöhle; die Gelafse find fehr unre- 
gelmä^sig gebildet, das Zellgewebe infiltrirt. 

7) Die Verdauungswerkzeuge find im geraden Ver- 
jbiltnifs zur Länge des Körpers entwickelt, 

8) Die Drüfen fehlen gewöhnlich, namentlich dio 
J<eber, felljfi bei ausgebildeter Bauchhöhle, 

9) Die Zeugungsthcile fehlen faft nie ganz. 

Die Acephalie entftpht in Folge einer Krankheit, 
welche im Anlange des I'uiuslebens die Vegetation des 



3Ö4 ^- — -- 

verlängerten Markes und otem Theiles cles Rückenmav- 
kes Jieminte , oder vernichtete , und alle vorgefundne 
Abweichungen lind die nothwendigen Folgen diefes Ei*- 
eigniffes. 

Dies entwickelt er falgendernaafsen : 

Nach den genaneften Beobachtungen ftnd Rücken- 
mark und Herz heim Anfange des Föluslebens allein 
und ftark entwickelt vorhanden. 

Beim Menlchen nimmt das Rückenmark und ver- 
längerte Mark ungefähr einen Monat nach der EropFäng- 
nifs die ganze Länge des Körpers ein: grofses und klei- H 
nes Gehirn find noch nicht gebildet. Am Ende des zwei- ; 
ten Monates findet fich an der Stelle des Gehirns eine 
eiweifsartige Feuchtigkeit (blofs?); im dritten nimmt 
man, befonders durch Behandlung mit erhärtenden Flüf- 
figkeiten, fchon einen vordem und hintern Tbeil wahr, ■ 
in den folgenden bildet üe fich durch Einftelliing des 
verlängerten Marlies. Im Umfange bilden oder erhärten 
iich v/^nigftens diefe Theile früher als im Innern. Vor 
und ;m Anfange der Bildung des Gehirns erfcheinen das 
verlängerte Marl:, und die Grundfläche des grofsen und 
kleinen Gehirns als ein unvollftändiger Trichter, deffen ,', 
verdünnte Ränder die Stellen andeuten, wo das Gehirn * 
fchon feft gev/orden ift. Das Gehirn durchläuft die verr ; 
fchiednen Stufen des Gehirns der Wirbelthiere. 

Die Wirbelfäule verknöchert vom Ende des zweiten 
Monates an, zuerft in der Mitte der Braltgegend, in den 
Bögen früher als in den Körpern. Die wirbelähnlichea 
Kopfknochen entwickeln fich in demfelben Verhältnifs 
als das Gehirn. 

Die Enlwicklungsweife des Kerveafyfttms und feiner 
Hüllen ifl fehr merkwv.rdig , weil fie offenbar die Grund- 
lage mehrerer Ahnnrmitäten enthält. Ain hüufigften kommt 
beim Embryo die Wafferßtcht vor, zu deren Entftehung ein i 
Hindernifs im RückHufs des Blutes vom Fötus zur Mutler 
hinreicht, und die namentlich das Gehirn und Rücken- 
mark ergreift , die durch die Art und Schnelligkeit ihrer 
Entwicklung, und betpüchtliche Blutmenge vorzüglich dazu 
geneigt >ünd. Tritt fie hierfpät ein, fo kann Trennung 
des Schädelgewölbes und des untern und hintern Theiles 
der Wirbelfäule erfolgen, weil hier die Yerknücherung 



305 



«ft unrollkotnnienften ift, früher kann fie höher oben 
diefelben Erfcheinungen hervorbringen. Ein Hirnbruch 
kann noch bei der Geburt beftehen, oder vorher platzen, 
wo dann das Kind himios geboren wird. Entfieht aber 
die VVafferfucht fchon früh im Anfange, fo wird die Wir- 
belfäuie dadurch mehr oder weniger ausgedehnt, und, 
wenn der Sack platzt, der obere Theil des Rückenmar- 
kes, das verlängerte Mark, die Urfpriinge der;Sinnes- 
nerveii u. f. w, zcrfiori werden. Aufserdem kann auch 
der Druck eines Zwillings völlig diefelben Erfcheinun- 
gen hervorbringen. Immer werden Narben und Bruch- 
ftiicke von Knochen, Haut u. f. w. übrig bleiben, welche 
die vorherige Anwefenheit jetzt zerftorter Theile an- 
deuten. 

Je nachdem durch eine der erwähnten Urfachen dio 
Nervenenden mehr oder weniger vollkommen zerftört 
wurden, variiren die Erfcheinungen, immer geht daraus 
Acephalie hervor, und immer findet ein directes Verhält- 
nifs zwifchen den Mittelpunkten des Nervenfyftems und 
▼erfchiednen, nähern oder fernem Organen Statt. 

So wird die Zerftorung des Riechfortfatzes und des 
Riechnerven Schwinden des Riechbeins, dadurch Ver- 
fchmelzung der Augenhöhlen und Augen; Zerftorung der 
Hirnwindungen, Schwäche der Ernährung der Schädel- 
knochen; die des verlängerten Markes, ivelche mehr oder 
weniger fich auch auf die vier Sinnesnerven erftreckt, 
Schwinden des Antlitzes u. f. w. ; die des Gehirns, Man- 
gel des Schädels bewirken. Ift ein Theil des verlänger- 
ten Markes übrig, fo bleibt ein kleiner Theil der Sinii- 
organe, des Gehirns und Schädels übrig, wodurch eino 
Art unvollkommner Acephalie entfteht, wobei der grüfste 
Theil des Antlitzes, der Halsorgane , nebft dem grüfsten 
Theile des verlängerten Markes fehlen. Die vollkommne 
Zerftorung des Geliirns beftimmt alle wefentlichen Er- 
fcheinungen der Acepiialie. Bei tiefer, den Zwerchfells- 
nerven erreichender Zerftorung des Rückenmarkes fehlt 
das Zwerchfell; reicht lie noch tiefer herab, fo feblcu 
«lie.Arme, wenn gleich die Brufthöhle vorhanden ift; 
noch tiefer, fo lind auch die Bruft- und Bauchwändc, 
die Muskeln der untern Glit-dmaafsen , einzelne Theiiö 
der letztem, nicht gebildet. Die genaue Uebereinßimmun^ 



306 

ttvifcken dem Grade der Entwicklung diefer Theile md der 
Nervenenden zwingt faft iu der Annahme eines Caufalnexus 
ZtviJ'chen beiden Erfchcinungent 

Etwas verfchiedenj aber nicht weniger fegeltnäfsig 
ift die Beziehung der übrigen Organe. Der (faft) allge- 
meine Mangel des Herzens mit häufiger Anwefenheit der 
Brufihiihlenwände macht die Annahme einer, nach feiner 
Ortsverrückung eingetretnenZerftörung deffelben unftatt- 
haft. Nach einigen Beobachtungen fcheint es beftimnit 
durch Mangel an Ernährung zu verfchwinden. Da fein 
Riongel immer mit Zerfiürung des verlängerten Markes 
zuf'ammenfällt, und es bei unvollkommner Acephalie, wo 
fich das verlängerte Mark und der Luiigenmagennerv fand, 
bisweilen vorhanden war, fo mufs man feine, fo wie der 
Siunovgane und der Muskeln Zerfiürung als Folge der 
Zeiftorung des Mittelpunktes anfehen, von welchem fein 
TSirrv abgeht, d. h. des verlängerten i\Javkes und des Lun- 
genmagennerven. Auch kann feine Zerftörung bei fehr 
ausgedehnter Vernichtung des Rückenmarkes, welche die 
der Brufthöhlenwände bewirkt, eine Folge feiner Orts- 
verfetzung feyn. 

Das Gefetz für die Zerftörung der Lunge , und die 
Art, wie üe gefchieht, ift etwas fchwer aufzuHnden. 
Wird fie durch den Mangel des zehnten Paares oder des 
Herzens, und in beiden Fällen durch Atrophie bewirkt^ 
oder ift fie eine Folge der Zerftörung der Bruftwände und 
der Otsvoräaderuiig der Lunge? letzteres wohl nicht, da 
man die Lungen mit Integrität derBrufthöhle fehlen fahe, 
Selbft mit Herzmangel fand man dagegen die Lunge, fo 
dafs fie theils ohne diefes Organ beliehen kann, theils 
die Urfachen, welche die erftere Abweichung begründen, 
nicht nothwendig auf die Lungen wirken. 

Dagegen fällt Mangel der Leber und Milz fo hcftändig 
mit Herzmangel, und feibftda, wo die Bruftwände unddas 
verlängerte Mark vorhandeii find, zufainmen, dafs man 
ihn als Folge des Herzmangels anfehen kann. Und fän» 
den lieh in diefen Fällen nicht oft auch Drüfen im Unter- 
leibe, fo mochte man jene Zufammeiifetzung an das all- 
gemeine, durch die vergleichende Anatomie begründete 
Gel'etz knüpfen, dafs eine Bedingung zur Entftehung 
drUliger Organe die Anwefenheit eines Herzeiis ift. - 



^. ^^ 307 

Aus Mangel genauer Befchreibungen läfst fich nicht 
mit Gewifshcit Tagen, ob der Mangel des Blagens mit 
dem' Fehlen des zehnten Nerven oder eines Theiles des 
Rückenmarkes zufaminenfällt. In Folge des letzlern Ge- 
fetzes fehlen im Allgemeinen gewiffe Theile des Darm- 
kanals, der Harn - und Gefchlechtswerkzeuge, ohne dafs 
fie an einen beftimmien Punkt des Rückenmarkes ge- 
knüpft fcheinen. Wenigfteus müfste man diefen verhält- 
nifsmäfsig zu ihrer Lage ziemlich hoch fuchen, und Hoden 
und Eierftock fcheinen mit einer gleich hohen Gegend 
des Markes als dicJNiere, und einer höhern als das Ende 
des Darmkanals, der blafe und die übrigen Theile des 
ZeugungsfyftemS, in Beziehung zu fiehen. 

Ziemlich oft habe ich die unvollkummne Entwick- 
lung lieh auf eine ganze Seite des Iv'irpers erftrecken und 
den Hoden und die Niere gleichmäfslg gehemmt gefehen, 
eine Tfaaifache, welche die Wirkung eines paaren Organ», 
wie die Centralthcile des Nervenf) fiems , anzudeuten 
fcheint. 

Die Einwärtsl^rummung der Füfse und mehr oder 
weniger ausgedehnte Verftümmlungen derfelben laffen 
lieh aus derfelben Quelle heileilen. Die erftere hängt 
überall von einer zu fchwachcn Nerventhätigkeit ab, die 
fleh bekanntlich, auch wenn lie allgemein ift, vorzüglich 
in den hintern Nerven und den Muskeln des Stammes 
und der untern Glicdmaafsen ausfpripht, und da nicht 
befremden kann, wo ilfh nur ein mehr oder weniger 
zerflürier Tlieil des Rückenmarkes iindet. Die Häufigkeit 
der Verftümmlungen der Zehen erklärt ficb aus ihrem 
Servenreichthura und ihrer Entfernung vom Herzen. 

Bei diefer Gelegenheit kann ein merkwürdiger Fall 
eine Stelle linden. Ein hydroccphalifcher FötUi hatte an 
der rechten Hand einen verfiüinmelten Mittel- und Ring- 
finger, tloch hing das Ende des mittlem noch durch 
einen Faden an. Die Unierfchcnkel waren mit röth- 
lichen l'hlykt.inen bedeckt, der linke hatte oben einen 
queren, bis zu dem Knochen dringenden Einfchnitt, def. 
fen Wände überall vernarbt waren. Olfenbar würde die- 
fer Fötus, Ware er lilnger in der Gebärmutter geblieben, 
mit einem amnuiirlcn und vernarbten Untcrfchenkcl gebo- 
ren worden fcyn, und man liatie die Ueberbleibfel davon 



jn dem Scbafwaffer Rnden können, wie körzlici Hewf 

Chauffier einen merkwürdigen Fall beohaclittte, wo uin 
Kind mit einem Stumpf des Arms geboren wuid.^, undl 
die Ueberbleiblel des Vorderarms in den Mutterkuchen 
eingepflanzt waren. 

Die Anhäufung von Flüffigkeiten, vind die Anwe» 
fenheit grofser feröfer Bälge an der Steile faft aller feh- 
lender Theile erklärt fich daraus, dafs die Wafferfueht, 
wahrfcheinlich die häufigfte Veranlaffung der Zerftörung 
des Nervenfyftems, hiedurch und die dadurch begritn-' 
dete Vernichtung des Herzers nicht gehi nlt, fondern, 
im geraden Verhältnifs mit der Unvollkommenheit des 
Blutlaufs vermehrt wird. 

Hängt nun die Acephalie von einer nrrprünglicheiv 
Unvollkommenheit des Keimes ab? Allein die gleich- 
ztitige Befruchtung zweier Keime , wovon der eine 
gut, der andere übel gebildet iti, wäre ciri fonderbaies 
Zu faiumen treffen! Sollten denn urfprüngliche Bddungs- 
abweichungen beftändig regelmäfsig demfelben Gefetze, 
der Zerftörung eines centralen und der davon abhän- 
gigen andrer Theile, unterworfen fcyn? Würden lieh 
dann immer beftändig Ueberbleibfel von Kopf, Armen, 
Wirbeln beim Fötus finden, welche von dielen Theile 
gehabt hätten')? 

Viel 



l) Dafs diefe Einwürfe nichts beweifen, ift einleochtend. Niche 
blofs Accpliali, foudern faft jede ftark in der Entwicklung 
gehemmte Fötus lind gewühnlich Zwil)inj;e, und find es, 
nicht weil der eine Keim fchleclit gebildet war, fondern 
weil er Tjcli mit einem andern zugleich vorliaiidnen , nicht ge- 
hört«; ausbilden konnte. Wenn man annimmt, dafs die zu» 
fäHige Zerftörung eines Nervencentrunis nottuLtendig Atro- 
phie und Mangel der übrigen Organe auf eine beftlmmte 
Weife hervorbringt, fo folgt von felbft, dafs auch Aeturjpriing- 
liehe Mangel delTelben diefelbe Wirkung haben mufs. Die 
Spuren fehlender Theile brauchen endlich keine Vehcrbleihfel 
zw fevn, und lind es fo wenig , als das erfte iiui^iment eines 
Organs in der Thierreilie und beim Embryo die iluine deffei- 
ben Organs im Zul'tande der höchfteii Ausbildung ift. Alle 
Erfcheinungen , welche der Verf. als Beweife einer vorange- 
gauanen Zerftörung anfleht, laffen lieh ^vtit ungezwungner aus 
aiaer nicht vollendeten Ausbildung erklären. 



309 

Viel walirfdieinUcher ift die im Eingänge angegeVvne 
Entrtehimgiweife. Die Gegner cliefei- Anlicht, Prochr,i!:a, 
Galt, SpurzJieim, führen dagegen den M.angel an Spuren, 
von Zerreifsung an; allein diefe find faft l'.eftändig (?). 
Kacli ihnen mulsten die Nerven fo gut als die Knochen 
und Häute aupgelüft feyn ; allein es ifr von Auflöfiing 
nicht die Hede; ein hydiocephalifcher oder hydrorliachiii- 
fcher Bruch, der Hirn oder Kückenmark zeiflört, k^nn 
wohl Atrophie der Knochen veranlalfen, ohne aul gleiche 
Weile auf die Nerven zu wirken. 



1$. Lavergne über ein fchädellores Kind. (In 
Siäiltofs Journ. de medec. Vol. 56. I8r6. p. 175.) 

Die Lego/ZoiVTchen Verfuche üher das Leheiisprincip 
riefen mir folgenden Fall, den ich bereits vor rnehrern 
Jahren in meinem Tagebuche gehabt hi-tte, ins Gedacht- 
nifs zurück. Ein, übrigens wohlgehildeter, reifer Knabe 
hatte an der Stelle des <jehirns eine heliroihe, einem 
Gefchwür völlig ähnliche Stelle, hinten nur die untern 
zwei Drittheile des kleinen Gehirns, und des ihiti enc 
fprechenden verlängerten Markes. Bei feiner Geburt 
fchrie er einigemal fchvvacli. Das Athmen war ziemlich 
frei, die Bewegungen des Stammes und der untern Glied- 
traafsen regelmiifsig. Das Kind lebte 3' Tage, ohne Nah- 
rung zu fleh nehmen zu können. Di« an ihm beobach- 
teten Erfcheinungeii ftimmon mit Legatlois's Annaiime 
überein , dafs das Princip des animalifc-hen und orgaai- 
fchen Lebens im Kückenmark feinen Sitz h.it, die Ner- 
yen aber, von welchen die median ifchen Phänomene des 
Athinens hedingt werden, das ihrige aas dein verlänger- 
ten Marke fcböpfen. 



16. Chauffier über einige Bild ungs fehler. 
(Bulletin de la fac. de medec. T. V. p. 310 und 405.) 

Bei einem reifen Fötus war die Nachgebin-t unmittel- 
bar an die Wände des Uiuerleibes geheftet, die änfsern 
M. d. Archiv, ly. 3. X. 



310 • 

GefcWeclitstheile fehlten, dieBaucliglieder waren auf den 
Rücken gewandt. 

In dem rechten Bauchgliede eines neugebornen Kin- 
des wurden weder Nerven, noch Gefäfse gefunden. - 



17. Regnault und Biclard über einen Anhang 
am Krumm darin, dadurch voran lafsto 
Einfchnürung und Brand des Darmes, 
welcher den Tod zur Folge hatte. (Bullet. 
4e la fac. de medec. T. V. p. 248.) 

Ein neunzehnjähriger, vorher immer gefuuderMenfch 
bekam am JJ.Decbr, 1816, wahrend er einen ganzen Tag 
hindurch hinten auf einem Kabriolet geftanden hatte, eins 
leichte Kolik, die am folgenden Tage bedeutend zunahm, 
und hch mit einem fehr heftigen Gefäfsfieber zufammen- 
fetzte. Am 15ten erfolgte derTod, nachdem alle Zeichen 
einer brandigen Darmentzündung eingetreten waren. 
Im Unterleibe fand fich eine beträchtlidhe Menge feht 
übelriechender Gasarten, mehrere Nöfsel fchwarzer, fehr 
übelriechender Feuchtigkeit, das Bauchfell an mehrern 
Steilen brandig, faft der ganze Dünndarm entzündet 
und biandig, der dicke Darm dagegen wenig, der Magen 
gar nicht krank. Die Veranlaffung war ein vom Krumra- 
darm abgehender, 6" langer, fehr beweglicher Fortfalz, 
welcher die Einfchnürung bildete, indem er einen wah- 
ren Knoten um eine I'' lange Schlinge des Darmkanals 
machte. An feiner Grundlljiehe war fowohl er als der 
Darm etwas verengt. Nur der über iliefem Knoten lie- 
gende Theil des Darmes war entziuidet, ausgedehnt, und 
mit fchwarzem, '"'inkenden , flüfligen Blute angefüllt. 



ig- Ueber eincti Bil dttttgsf ehler des Herzens. 
Von Deloadre, ^ÄUS Sidillot's Journ. de mediäc. 
T. 60. p. 38 fl.) 

Eine Frau, die im igten Jahre ftaib, Hit von Kindheit 
auf an beltätidigem Herzklopfen, welches bisweilen durch 



u , 311 

die geritigfte Anffi-ennuTiCT, z. B. Auffteigen einer Treppe, 
Laufen, jede Gemüthsbeweoung u. f w. vermehrt ward. 
M.it dem I4fen Jahre Irat die Menruualion und zugleich 
vermehrtes leiden ein", indem fich häuiigeOhnrr.arhfen 
einftellten. Uebrigens war he gefnnd und wohl. Im löit-n 
Jahre heirathete fie, wurde fchw.mger, wodurch dasHeiz- 
klopfen vei mehrt wurde, und kam im^rea IVlon. in Folge 
einer Oiinmacht zu fnih nieder. Daffelhe fand bei d'i? 
zweiten Schwangerfcbaft im 4len Monate Statt. Die.'iuml 
genas lie weit laugfameräls zuerft. Doch belTerte lie lieh, 
als die Freude über ihres Mannes unverhoffte Heimkehr 
lie von Neuem in eine drohende (.»efahr verfetzte, iiideiii 
augenblicklich Hufserft hepiige Bewegung des Herzens ein- 
trat, worauf 3 ftiindige Ohnmacht erfolgte. Wähtencl 
48 Stunden hatte fie häulige Ohnmächten und Erbrechen, 
Allmählich befferte iie fich etwas, nach einiger Zeit aber 
trat, ohne wahrnehuibare Urfache, eine neue Verrchllm- 
nierung ein. Ich fand das Gehöht Ideich, die Augen fehr 
belebt, allgemeine Schmerzen, den Puls frhnefl und kauiij 
fühlbar, ISoSchlägein der Minute, dasAihmen unordent- 
lich, oft Lrftickung drohend, Durchfall, das Harnei^ 
feilen, die Gliedinaalsen kalt. Hiernacli wurde auf einen 
Herzfehler, und nauientlich Ane^irysma, gefchloffen. Bin- 
nen 6 Wochen erfolgte ualer dem Gebrauche verfchied'.eif 
Mittel einige Bcfferung, als auf das LeCen einiger Blätter 
in einem Buche ein neuer Anfall eintrat, worauf in 9 Ta- 
gen der Tod erfolgte. 

Bei der Leichenöffnung wurden das Zellgewehe des 
Unterleibes inülirirt, in der Bauchhöhle 3 — 4 Nörsel 
einer blutigen Feuchtigkeit, das Bauchfell StKlJenweifa 
gerölhet, die Eingeweide normal gefunden. In derBruft- 
hohle fanden lieh zwei Nöfsel einer ähnlichen Flüf/igkeit 
und Adlinhonen des Brufifeiles. Die Lungen waren hepaii- 
lirt, firotzten von dickem, fchwarzen Blute , vorzüglich 
war die linke zum Aihirien völlig untauglich. Der Herz. 
beutel enthielt ein halbes Niifsel Serum. Das Herz war 
dreimal grofser als ginv.ihnlich , fchlaff, leicht zerreifshar, 
die rechte Kammer lehr erweitert und dünn, die linka 
zuraiiimcngezogen und dick; in der Mine der Kammer- 
fchuidewaiid lainl lieb eine, l Zoll lanjje, elliptifche, von 

X 3 



513 

einem fibröfen Rande umgebne Oeffnung, die unftreitig 

Fehler der Urbildung war. 



19. L. Foung Gefchicht e eines m erk würdigen 
Bildungs Fehlers des Herzens. (Journal of 
Science and ihe arts. Nr. I. p. 49 ff.) 

Ein Mann von 49 Jahren, fanguinifchen Tempera- 
ments , wTJrde am asften December 18IS in das königl. 
Krankenhaus zu Edinburgh aufgenommen. Er litt am 
Werkurialausfchlage, der|auf die Anwendung vonQuecU- 
filberfalbe an den .'\.ugenlidern und einem Fufsgefohwiir 
cntftanden war. Der Puls war fehr häufig, fchnell, aus- 
fetzend , und in Hinficht auf Stärke und Häufigkeit ver- 
änderlich. Er klagte fehr über Mattigkeit, Unvollkom- 
menheit des Gefichts , und falie blafs aus. Die eigen- 
thümliche Befchaft'enhcit des Pulfes wurde als Wirkung 
des Queckfilbers angefehen , und Antimonium, Opium, 
Saffaparille , China, Mineialfäuren , nährende Diät und 
kühles Verhalten angewandt, wobei das Hautleiden all- 
inählich faft ganz verfchwand , die Mattigkeit dagegen, 
und der regelwidrige Zuftand des Pulfes blieb, wenn 
gleich diefer zu Zeilen regelmäfsig und ftark ward. Am 
14ten Januar 1816 kam ein heftiger Fiebcranfall niit 
Hüften, Dyspnoe, allgemeinen Schmerzen und einer An- 
fchwellunj, welche lieh vom rechten Hypochondrium bis 
zur Herzgrube ausbreitete, und für LebcHeiden gehalten 
wurde. Das Fieber verfchwapd auf ein mildes antiphio- 
giftifches Verfahren, die übrigen Zufälle dagegen ijlie- 
ben bis zum Tode, der plötzlich am 23fteii deffelbeu 
Monats erfolgte. 

Bei der Leichenöffnung fanden lieh in der rechten 
Brufthöhle 16 Unzen einer röthlichen Flüffigkeit, und am 
obern Lungenlappen Spuren frifcher Entzündung, dielin- 
ke Lunge allgemein durch alte Adhälionen mit dem Rip- 
penfelle vervvachfen , im Herzbeutel lo Unzen einer fehr 
rothen, trüben Flülligkeit mit Flocken geronnenerLymphp-, 
die feröfe Haut des Herzens und der Herzbeutel an den 
«ntfprechenden Stellen frifch entzündet. Das Herz vv.ir 



;313 

ungefähr doppelt zu grofs, und wog allein 28 Unzen 
44 Gran. Die Voihöfe bildeten eine grofse Höhle, in- 
dem das eirunde Loch einen Durchmeffer von 3'-" hatte. 
Die Hohl- und Liingenvenen waren in demfelben Ver- 
hälmitfe erweitert, eben fo die Eußachiß he Klappe und 
die Kranzvene. Die Wände der Vorhöfe waren dünn. 
Die Gröfse der Lungenkammer und die Dicke ihrer 
M'ände entfprachen der Gröfse des Herzens, ihre Vener- 
klappe war ftellenweife verknöchert oder verdickt, i])i ■ 
venöfe Oeffnung 2-'" weit, die Lungenpulsader viel weiter 
als die Aorte, und ftark ausgedehnt, ihre Klappen ganz 
verknöchert, fo dafs zwifchen ihnen nur eine enge Oeff- 
nung bli*b, die hüchftens ^ " weit war. Die Höhle der 
Aortenkammer war normal , allein ihre Wände ftark 
verdickt, ihre venüfe Oeffnung Ij" weit, die Venen- 
klappe normal, die Aortenklappen etwas verdickt, die 
Aorte und ihre Aefte normal. Der Unterleib enthielt 
ungefähr 16 Unzen einer ftrobgelben FJüffigkeit, die Le- 
ber war blafs , allein fonft, wie alle übrigen Unterleibs- 
eingeweide, ganz normal. 

Bei näherer Erkundigung ergab fich , dafs der Ver- 
ftorbne in den letzten 18 Jahren mehrere heftige Bruft- 
entziindungen, und vor 4 Jahren einen leichten Schlag- 
(lufs gehabt hatte, der ihn bedeutend entkräftete , und 
ein Gefiilil von Betäubung im ganzen Körper zurückliefs. 
Kie hatte er eine blaue Farbe gehabt, und nur die Be- 
fchaffenheit desJulfes, von der man nicht wufste, wann 
üe eingetreten war, konnte auf den Verdacht einer Herz- 
krankheit leiten. Die oft gemeffene Temperatur variirte 
^on 97 — lOl" F. in der Achfelhöhle, wo lie gewöhnlich 
l\' niedriger als unter der Zunge, und ficherer als hier 
ift. Ungeachtet die Haut fich nie kalt anfühlte, Itlagte er 
häufig über Kälte. 

i^leines Wiffens haben wir bis jetzt keinen Fall von 
fo bedeutender Blldungsaliweichung des Herzens mit fo 
vrenig charakteriftifcben Symptomen. Späterhin werde 
ich den Gegenftand weitläufiger behandeln , und be- - 
fchränke mich daher für jetzt nur auf folgende Fragen. 

Wie wirkte das Herz, um hier JJo lange Zeit hindurch, 
der aufterordenilichen Bildungsabweiclumg unge.-ichtet, 
den BlutlaiiF regclmäfsig zu erhalten, da die Abweichung, 



314 

wenn gleicTi duvcK die öftern Entzündungen walirfchein- 
lich fchnell vergröfsert , docli iinftreilig angeboren war? 

Hängt die blaue Krankheit von Verraifchung des 
arteriöfen und venöfen Blutes ab, und in welchem' Ver- 
hältnifs mufs das letztere hinzutreten, um fie zu er- 
aeugen ? 

Hängt jene Krankheit nicht wahrfcheinlicher von 
mattem Blutlaufe ab? '). 

Ift der Pulsadergang immer bei blauer Krankheit zu- 
gleich mit dem eirunden Loche offen? '). 

ITt das Offenfeyn beider zugleich nothwendig, um 
die Krankheit zu erzeugen? '). 

Ift es nicht wahrfcheinlich , dafs Verminderung der 
Schnelligkeit der Blutbewegung durch die Lungen, welche 
in diefem Falle Statt finden mufste, eine Hyperoxygena- 
tion des Slutes veranlafste, und dadurch den Wirkungen 
dt r vprmil'chuiig des arteriöfen und venöfen Blutes vor- 
gebeugt wurde? 

Halten einander die Herzhälffen nicht bei ihrer Wir- 
kung das Gleichgewicht, wodurch in manchen Fallen von 
Biidiingsabweichung der Mangel des normalen Baues er- 
fetzt wird, und durch deffen Slörmg erft Zufälle entfte- 
lien , welche eine krankhafte Bildung anzeigen ? *). 



V 
t) Wenn auch nicht Mofs hiervon, fo doch w^olil zum Thell, 
da die Hanptzufäl'e der blauen Krankheit auch ohne einen Bil- 
dnngsfehler des Herzens eatftehen, \velcher die Vermifchuog der 
beiden BloMrten begLinftigt , fowohl bei ZuftäitdeD derLunt;en> 
als des Heizeus, welche die Bewegung des Blutes langlamer 
macbea. 

M. 

a) Keinesweges , wie eine Menge von Füllen beweifen. 

it. 
i) Gleichfalls. M. 

4) Eine Frage, die unfer grofser C. F. Wo!// rdion 177^ (Je 
; foramine ovali in N. Comm. Petrop. XX. }. 97.) affirmativ 
beantwortet hat. Mehrere frühere f«lle, wo bei fein- weit 
offnem eirunden Loche die blaue Krankheit nicht eintrat , be- 
weifen daffelbe. 



315 

Welches find die palliognomirdien Zeichen diefer 
Büdungsabweichungen, d. h. der Vereinigung von olTnein 
eirunden Loche, verengter Lungenpulsader und beträcht- 
licher Vergrüfserung des Herzens ? 



20. Loben wein über eitle Bil dungsab weichu ng 
der Zeugungstheile mit Wirbelfpa 1 te. 
(Mem. de Petersbourg. T. VL 1 817 ff-) 

Die Aeltern der zu befch reibenden Mifägeburt 
waren immer gcfiind , eben fo wenig war von einer 
ähnlichen in beiden Familien etwas bekannt, und iie 
halten vorher drei normale Kinder erzeugt. Die Mutter 
war zwar furcLtfam und ängftlich , in. den erften vier 
Monaten der Sclnvangerfchaft vielem Schrecken und 
Kummer, auch Anfallen von Ohnmächten unterworfen, 
hatte aber durchaus keinen Gegenftand gefehen, der die 
Idee des Verfebens hätte erwecken können. 

Die Bildungsabweichung beftand : l) in einem Man- 
gel der Bauchdeckan unterhalb des Nabels; 2) einer 
Harnblafenfpalte, Wobei die Blafe in zwei getrennte feit- 
licheHälften zerfallen war ; 3) ander gewöhnlichen Stelle 
des männlichen Gliedes, zwifchen den Harnblafenhälften 
fand lieh eine über 3" lange, gegen 6'" dicke, cylindrifche, 
röthliche, diVnnhäulige Hervorragung, aus deren unterer 
Oeffnung beftUndig Koth ausflofs ; 4) die Afteruffnung war 
kaum merklich ; 5) in der obern Gegend des Heiligbeins 
lag eine Gefchwulft von der Gröfse eines Gänfeeies. 

Die anatomifche Unterfachuag ergab Folgendes : 
1) IXarmkanal, Der dicke und dünne Darm waren 
völlig von einander getrennt und enifernt, der gröfste 
Theil des dicken Darms, Blinddarm und Wurnifort- 
fatz fehlten, der vorhandne fehr enge Theil des dicken 
Darms endigte fich oben blind , der Krummdarm in 
den ri'thenälinlichen Fortfatz, oder bildete ihn vielmehr 
durch fein Ende, indem er keinen Theil der Ruthe ent- 
bleit. 

2) Zeugungstheile. Von iiursernZeugungstheilcn über- 
haupt, fo wie von innern männlichcu, fand lieh keine 



316 

Spur; zu beiden Seiten des MaCtdarms dagegen ein Ge- 
brirmutterlioi'i, welches in eine Trompete auslief, von 
dein der andern Seite völlig getrennt, und unten, wie 
die Trompete oben , völlig verfchloCfen war. 

3) Harnfyßem. Die rechte Nelienniere fehlte , der 
Harnleiter jeder Seite öffnete fich in die ihm entfprechende 
Harnblafenhilfte. 

4) IVirbelfüule und Rückenmark. Die Wirbelfäule 
beftand nur aus 23 Lendenwirbeln, indem fich nur 
vier Lendenwirbel fanden. Vom fünften bis' zwölften 
Bnift Wirbel war lie rechts, von hier an his zum Heiligbein 
links gekrümmt. Die Bruftwirbel waren vom fünften 
bis neunten fehv eng, ihre Körper verwachfen, die un- 
tern , fo wie die Lendenwirbel ftark nach vorn gewölbt, 
übrigens no.mal, das Heiligbein aber in feinen drei obern 
Wirbeln gefpalten, fo dafs eine Liicke von 9"' Länge, 
8'" Breite entftand. Der Sack wurde durch die allge- 
nvinen Bedeckungen und die harte I'.ückenmarkshaut ge- 
bildet. Die letztere enthielt eine beträchtliche Menge 
Waffer. Das Kückenmark war hier in eine breite, zwei- 
blatlrige, aus zwei gleichen Hiilfteti gebildete Platte aus- 
gebreitet. Die hintern Heiligljeinnerveii, wie die hin- 
tern Heiligbeinlücher , fehltrn. 



Aufser den umftändlicber übertragenen Fällen un- 
vollkommner Ausbildung, finden lieh in den letzten 
Bänden der fremden Zeiifchriften noch einet von ange- 
borner Harnblafcnumk^hrung bei einem Knaben (Voilin 
im Bulletin de la fac, de medec. T. V, p. 23 ff.), und von 
IZpifpniidie (K(iveille Parife in ScdiUoi's Journal gen. de 
med. T. S5. p. 350 ff.) 



21. Gibfon's Befchrelbung eines mevkwürdi. 

gen menfc blichen Fötus. (Aus deix philofoph. 

Tr. 18II. p. 123- 133) 

Der Gegenftand dlefer Beobachlang ift ein Fötus mit 
einfachen Bauche und BruftgUedern , aber doppeltem 






317 

KopFe. Der eine Kopf hatte den männlichen, der andre 
den weiblichen Charakter, eine durch die BefchafFenheit 
der Gefcl.-lechtstheUe beftätigte GefchlechtsveiTchiedenlieit. 
Der Bruftknocben war weit breiter als gewöhnlich. Jedem 
Kopfe entfprach eine vollftändige M'ivbelfäule , die nach 
oben beträchtlich divergirten, und zwei Jlippenreilien, 
eine äufsere normale, eine innere, IcLirzere trugen, von de- 
nen die letztere den hintern Theil des Bruftkaftens bildete, 
ohne fich durch ein Bruftbein zu verbinden. Auf ihnen 
lag ein drittes Schulterblatt, zwifchen welchem und dein 
Bruftbein fich ein drittes Schluffclbein befand. 

In der Brufthtihle lagen zwei völlig von einander un- 
abhängige Lungenpaare, von denen das rechte nur in 
zwei Lappen, das linke gar nicht abgetheill war, und 
zwei, äufserlich rerrelmäfsige, in getrennten Herzheuteln 
enthaltne Herzen. Das Zwerchfell war auf der rechten 
Seite nicht an die Wirbelfäule und die untere Rippe ge- 
heftet, fondern trug hier zu Bildung einer atif den beiden 
Wirbelfäalen , zwifchen ihnen, der I.ebcr, der abfteigen- 
denAorte, den Herzen, und den zum rechten Herzen von 
der Leber gehenden grofsen Gefäfsen liegenden Höhle, 
gewiffermafsen einer zweiten Bauchhöhle, bei, worin die 
IVJilz, die Bauchlpeicheldrüfe, und der Magen der rech- 
ten Seite lag, und die mit der gewohnlichen Bauchliöhle 
durch eine verhältnlfsmäfsig enge Octfnung zufanimen- 
hing. Im Unterleibe lag ein linker IMa'gen, deffen Zwölf- 
fingerdarm fich bald mit dem vom rechten Magen kom- 
menden ve.band. Der einfache Gallengang fenkte lieh 
bald nachher in den dünnen Darm. Der ganze Darm- 
kaual war weiter als gewöhnlich. Von den Herzen war 
das linke, dem münnUchen Knj)fp entsprechende ^ bei weitem 
das gr'nfste. Der Urfprung und die Verbreitung der gro- 
fsen Pulsader war hier normal. Aus der Aorte enlftanden 
die beiden Karotiden mit einem bald getheilten Slar.iuie, 
die Wirbel- und untere Scbilddrülenpulsader mit der 
linken Schliiffelpulsader trat aus dem Bogen. Der Stamm 
flofs bald mit dem rechten v.ii einem mitten auf den innern 
Kippen herabfteigenden znfatnmen. IMe Lungenvene trat 
in den linken Vorhof, die oliere Holilader in den rech- 
ten , nahm aber auch die Halsbbiiadern des rechien 
KopfeK auf. An der Stelle einer untern Hohlader lenkte 



318 .- . 

fich nur ein, aus den Leliervenen und zwei ungewöLftlich 
kleinen venöfen Gängen gebildetes Gefäfs in den reeli- 
tc-n Voiliof. An dem rechten Herzen waren die Ohren in 
iialier Berührung, die ^egen die rechte Seite des Körpers 
geu jndteKammer fandie die Aortc, die linke, welche an 
das linlce Herz ftiefs, die Liingenpulsadcr ab. Beide Ge- 
ftfse hingen durch den Pulsadergang 7.iirammen. Die 
Lungenpulsader ging hinter der Aorte w-:-j zu den rechten 
Lungen, gab bei ihrer Theilung den Pulsailergang ab, der 
einen zweiten Aorteniiogen bildete, und aus feiner Wöl- 
bung die lechtc Schi iUfelpulsader abfandte, während aus 
der Aorte nur die beiden Karotiden des rechten Kopfes als 
eigne Gefafse entftanden. In der Gegend der Einge- 
vviidpulsader gingen vierGefiifse für die einfache Leber, 
die Mägeji und Milzen ab. Auf der rechten Seite fehlte die 
obere Hohlader. Die untere nahm die Vene der Bauch- 
giieder, einer J^iere, einige Leberveuen, einen Blutader- 
gang auf, und hing durch einen fehr weiten Aft, der die 
Juilic Nierenvene aufnahm, und wohl nur eine unpaarige 
Vene war, mit der linken obern Hohlvene zufammen. 
Zwifchen den Aeften der Pfortader fanden lieh zwei weite 
Verbind ungsäfte. 

Am merkwürdigCten war vielleicht die Anordnung 
dtr Gefchlechtstheile. Auf der linken, dem deutlich 
männlichen Kopf entfprechendon Seite fanden lieh eine 
anfehnüclie Ivuthi! , Hoden, die eben in den Hodenfack 
traien, und vollkommne Saamenblafen. Indeffen ahmten 
doch diefe Theile die weibliche Bildimg nach, indem die 
I ichcl der Ruthc leuau wie die des Kitzlers geftaltet, 
niclit durchboiirt, \ou einer iihnlichen-A'orhaut bedeckt 
war, und kein Bändchen hatte. Die Harnröhre hing 
zv..\r mit der Pvuthe zufammen, durchbohrte aber die 
Eichel nicht, fondern verlief in eineranfehnlichen Strecke, 
nur von der Haut bedeckt, au der untern Fläche derfel- 
bcn, der fchwammige Korper fing crft bei der Zwiebel 
an. Aufser diefen Merkmalen weiblicher Bildung fand 
lieh' in der ungewöhnlich dicken fleifchigen Blafe eine 
Gebärmutter, die gewiffermafsen mit ihr verfchmolzen. 
war, und einen Tlieil von ihr bildete. Sie lag gegen den 
unterften Theil der Blafe, ihr Grund ragte ungefähr -j " 
weit hervor, der untere Theil war mit dem hinternTheile 



äer BlaTe eins. Oben gingen von ihr die Trompeten ab, 
drangen durch die Blafenfubrianz, und endigten lieh in 
einem blinden Sacke in deriSähc der Saamenblafen. Der 
Hals der hohlen Gebärmutter reiclite bis zum Anfange 
der Harnröhre, und mündete hier, dem Blafenhalfi. näher 
als dem Schnepfenkopfe , in die Vorrieheidrüfe ein. Die 
Eierftocke fehlten entweder, oder waren weggr.fchniiien. 
Die Abweichungen des NervenTyCtems waren folgen- 
de. Jeder Kopf und Körper hatte einen Gangliennerven, 
einen innern und einen äufsern. Der änfsere war rcgel- 
mäfsig, der innere verlief an der innern Seite feiner Wir- 
belfaule ohne Ganglien zu bilden und Verbind ungszweige 
abzufchicken, weil, mit Ausnahme der oberfien Hals- 
nerven, alle innern Rückeninarksneiven fehlten. In 
der Brufthühle verbanden lie lieh , ftiegen mit der Aorfe 
herab, und dlefer Stamm fchickte, ehe er lieh mit dem 
Sonnengeflecht verband, zwei Aefte ab, welche längs der 
Aorte herabfliegen und lieh im Becken verbreiteten. 



M. Nauche Befehreibung einer eigen thüm- 
lichen Bildungsabweichung. (_SeäMot Journal 
gen. de niedec. T. 55. p. 342 ff.) 

Am untern Theile des Stammes eines neugebornen 
■wohlgenährten Fütus befand lieh eine giofse, den ganzen 
Stamm an Grüfse weit übertreflende, inigieiclie GeCehwulft, 
die ungefähr in der Mitte durch eine kleine, kreisförmige 
Einfchnürung in zwei Hälften getheilt war. Vor und in 
der Mitte der obern befand Jich der After, der mittlere 
und vordere Theil der untern war vertieft, der hintere 
weich und nur von einer zeliigen Haut bekleidet. Lin- 
kerfeits erhob fich von ihr eine fleifcbige Erhabenheit, 
irorn und unten ein regelmifsiger Fiifs und eine Hand, 
liinien ein Fufs n)it drei Zchett, in der Mitte fünf unre- 
gelmäf-vige Finger. Ihr oberer Theil war mit einem leften, 
fehr beweglichen, kopflörmipcn Körper angeliillt. Der 
grjfste Theil der Gefchwulft beftand aus einer feften un- 
regelinltf.sig rnnrlen iMaffe, die bis zur obern Gegend des 
lUeiuen iieckens reichte, und aus einer weiTslichen, feften 



520 — ^ 

Siibftanz beftand, welche durch zdfige Plitten in ein« 
Menge unregelnjäfsige Lappen getheih, und zunächft voh 
einer dünnen Haut umgeben war. 

Die unvollkommeu gebildeten Hinde und Füfse hin- 
gen hinten und oben zufainmen, ihre Knochen waren 
noch knorplig, unten init fünf lünglichen , nebeneinan- 
der liegenden Knoclion eingelenkt, oben mit einem an- 
dern, gegen, lieh felbft in der Mitte umgebogenen Knorpel 
vevl)unden, deffen oberes Ende an die hintere Fläche des 
Heiligbeins, die untere an den Silzhücker flieg. Alle 
waren von unförmlichen, verfchiedentlich gerichteten 
Fleifchbündehi, einem fettigen Zellgewebe und der Haut 
umgeben. 

Dem Anfchein nach fehlten durchaus alle Eingeweide 
in dem r.,udinient des zweiten Körpers , und die Balgge- 
fchwulft ftellt, auf ähnüclie Weife, als bei den Acephalen 
ein reichliches 7-ci;j;ewel>e unter der Haut, und feröfe Bälge, 
die fehlenden Organe dar. Diefe Bedeutung fchelnt man 
ihr geben zu miUfen , weniger richtig mit dem Verfaffer 
anzunehmen, dafs von den hier vorbandnen Abweichun- 
gen die überfchüfiigenGliedmaafsen ihre Entttehung einer 
i.ntfernung der bildenden Kraft vom normalen Typus, 
die unausgebildete IMaffe einer krankhaften Affeclion ver- 
danken, Zwilchen deren Entftehung kein Zufammenhang 
Statt gefunden habe. 

M. 



33, Carlisle Bemerkungen über die Bildungs- 
abweichuftgen, befonders über eine Fa- 
milie mit überzähligen Fingern und Ze- 
hen. (Philofoph. Transact. I8l4- p- ^4 ff-) 

Folgende Gefchichte einer Familie mit überzähligen 
Fingern und Zehen, wo die Abweichung fich bis in die 
vierte Generation fortpflanzte, fcheint vorzüglich des 
Aulzeiohnens werth, weil lie den Einflufs beider Ge- 
fchlechter bei der Zeugung erörtert, indem fowohl männ- 
liche als weiUliche Individuen aus dem urfprünglichen 
Stamme fie fortpflanzten. 



, — 321 

Zerak Colburn, aus Cabot in Vermont, der kürzlich 
in London feiner aufserordentliclien Fertigkeit im Ge- 
dächtnifsrechnen wegen gezeigt wurde, hat überall einen, 
am äuTsern Rande der JUittelhard und Fufs fitzenden 
überzähligen kleinen Finger und Zehe, welche die regel- 
rtiäfsige Zahl von Gliedern und Nägel haben. Sein Vater 
^biah Colburn hat überall diefelbe Abweichung, und fechs 
Mittelhand- und MitteUulsknochen; die überzähligen 
Theile haben ihre zwei Streck- und Bengefehnen. .i.'s 
Frau hatte keine Abnormität. In ihrer Ehe gebar 
fie 6 Sühne , 2 Tuchler. Vier Söhne hatten mehr oder 
weniger die befchriebneMifshildung, adugegen, nament- 
lich der vierte, ein Zwilling, und der achte, fo wie beide 
Tochter, waren frei. Der ältefte, Green Culburn, hat an 
jeder Hand, allein nur an einem Fufse einen überzähli- 
gen Theil. Das zweite Kind, Betfy Co/A. , ift normaJ. 
Der dritte Sohn , Zebina Co/b., hat überall einen überzäh- 
ligen Theil. Der vierte und fünfte waren Zwillinge, wo- 
von David normal , Junatlian vüillg wie der Vater gebildet 
war. Eben fo der fi-cnfte, Zerah. Maria Colb. die lie- 
bente, MvAEnas, der achte, normal. 

' Aufserdeui liatten mehrerej Vorfahren einen üherzäh- 
ligen UJeiuen Finger oder Zehe. Die Mutter von Abiak 
Colb., jibigail Green, brachte diefe Figenthümlichicelt in 
die Familie ; hatte abes' nur an beiden Füfsen und einer 
Mand den überzähligen Finger. t)avid Colb., ihr Mann, 
hatte keinen Fehler. Von feinen vier Kindern waren 
swei Sühne und eine Tochter an allen Füfsen verbildet, der 
rierte Sohn nur an einer Hand und Fcifs. Abigail's Mut- 
ter, eine Keirdall, war an beiden fhinden und Fiifsen 
verl)ildet. Ihre eilf Kinder mit Green waren alle voll- 
kommen verbildet. Weiter geht die Kenntnifs der hier 
Anwefenden nicht. 

Jede Familienähnlichkeit ift, wenn gleich fellncr 
aU die hier beirachieten , flir den Phyliologen gleich in- 
lereffant, vcnd eine möglicl/ft grofse Sammlung von That- 
fachen überdiefcn Gegenfiand ift hüchft wünfchenswerih,, 
um heim iVlenfeiisn fowohl als Thieren den verbaltnifs- 
mafkigen F.influfs von Mann und Weib auf das ForijjHaiii. 
2cn lolcher Eigenlhümlicbkeilen, und den Grad auszu- 
initleln, bis auf welchen die Erblidikeit fich auf ihre 



gelftigen und pliyfifchen F.igeiifchaFten erftreckt. Sind 
auch vielleicht die Urfachen der Bilduiigsabweichinigew 
und der E.ililichkeit derfelben nicht erForfchbar, fo ift 
-doch eine Ausniittlung der Äannichfaltigkeit diefer Ab- 
weichungen, und eine Beftiinmung der Richtung, welche 
fie nehmen, wenn fie neu entftchen und wenn fie auf- 
hören , wünfchenswerth. Die regelraäfsigen Reihen der 
Bildungsabweichungen beweifen, dafs es auch für die Irr- 
thüiner in der Natur ein Sytteni giebt. 

I( h habe zweimal bei Mädchen von ganz verfchiedneiv 
Familien einen überzähligen Daumen ausrotten muffen, 
die beide vö'lig biüf^nnnig waren. Immer fand fleh nach 
meiner und fremder Erfahrung der überzählige Finger, 
oder Zehe nach aufsen oder nach innen, nie zwifchei» 
andern, oder auf dem Rücken, oder in der Hohlhand. 

Die Eigenthümlichkeiten fowohl innerer als äufse- 
rer Theile find erblich, daher die eigne Geftalt, Gang, 
Stimme vieler Familien. Daher auch der Name Sedigitus 
urd Sedigita (Plin. Hift. nat. -XI. 48.), Flaccus für Men- 
fehen. mit herabhängenden Ohren. 

Anatomifche Unterfachungen haben noch nichts über 
die Erblichkeit innerer Eigenthümhchkeilen beftimmt, 
und vielleicht erftrccken lieh diele nicht auf das Gefäfs- 
fyftem. In zwei Fallen , wo ich bei l'eifonen aus gani 
verfchiednen Familien die Ellenbogenpulsader bei hoher 
Theiluiig der Armpulsader über der Vorderarmfehne 
fand, hatten weder Aeltern noch Gefchwifier dicfelb» 
Abweichung. Die iVIuttermäler, Abweichungen desBlut- 
Cyfiems, lind nicht erblich, v^äiirend es weniger merk- 
liche Abweichungen der Haut find. Die vier Kinder eines 
mir bekannten Mannes haben von ihm einen kleinen. 
Fortfat'/. an ilor Haut des obern Augenlides geerbt. In- 
tereffaiit wä-.etiNachforfi^hiingen, ob bei Inverlionen der 
Einoeweide Erblichkeit Statt fand. 

Bei Thiercn lind Raceneigenthümlichkeiten erblich, 
fo bei den Hörnern des Rindviehes, der Wolle der 
Schale, den VerhäilnilVeii der Pferde, der Hunde, den 
Ohren der Schweine. So werden in Cliina die Varie- 
täleu der Gold -und Silberiifche, bei uns die der Tauben 
forgfultig fo« erhalten. 



323 

Da Abweichungan bei wiMenThieren un3 Pflanzen 
weniger häufig und, in beiden mit dem Zwange, in wel- 
chem iie lieh finden, fich in gleichem Verhältniffe zu ver- 
mehren fcheinen, manche Thiere durch aufsergewöhn- 
liche Lagen zu aufserordentiichen Veränderungen geneigt 
werden, fo ift zu erwarten, dals lieh irgend eine That- 
fache für das heilere Verftändnifs organifcher Abwei- 
chungen e.'geben werde. Eine durch einige Genera- 
tionen fortgefetzte Gefangenfchaft ändert die Farbe der 
Kaninchen und Fafanen ab, und glebt äen Haaren und 
Federn ihrer Nachkommen eine unbeftimmte Färbung 
und Buntheit. Die merkwürdige Umwandlung der Haarö 
des Hafen und der FcJern des Rebhuhns in hohen notd- 
lichen Breilcgraden , die mit ihrer Sicljcrheit in fo nahet' 
Beziehung fleht, und mit diefer nicht zufällig zufammeu 
trifft, ifr bei dem jetzigen Zufiande unferer phyfifchen 
Kennmiffe fchwer zu erklären. 



334 



'Erklärung der Kupfer tafeln. 



Dritte Tafel. 
Fig. \ — X. 8. 215. 

Jr ig. I. Stein aus einer Vene der Harnblafe einet 
Mannes. 

Fig. 2. Stein aus einer Gebärmuttervene. 

Fig. 3. - - - 

Fig. 4- " • " - durchfägt, um 

die concentrifcben Schiebtungen zu zeigen. 

■f^'S- 5 — 25, S'. 285. 
Fig. 5. Darmkanal der Seidenraupe^ {Boinbyx mori.") 
a) SpeiCeiöhre, 
A) Magen. 
cl^ Dann, 
cc) Die Gallengefärse. 

Fig. 6. Darn)kanal der Puppe von Bombyx mori am 
eilten Tage nach der Verwandlung, 
a. b. d. cc) wie in Fig. 5. 

Fig. 7. Derfelbe am Jten Tage, 
o. b. d. cc) wie in Fig. 5. 
i) Anfchwellung des Darms an feinem Ende. 

Fig. 8 



325 

Fig. 8. Derfelbe am 5ten Tage. 
a. b. d. cc) wie in. Fig. 5. 
i) Blinddarm. 

Fig. 9. Derfelbe am I5ten Tage. 
a. i. d. cc. t) wie in Fig. ){. 
o) Maftdarm. 

Fig. 10. Darmkp.nal der Larve von Myrtntleoit /or/ni' 
cariufn, 
a) Der erfte Magen. 
i) Der zweite Magen. 

Fig. II. Darmkanal einer ganz jungen Puppe voir 
Myrm. form, 
d) Speiferöhre. 
a) Höhle, welclie dem erften Magea der Larve cnt- 

fpricht, 
i) Zweiter Magen, 
j) Darm, 
c) Blinder Anhang. 

Fig. 12. Darmkanal des vollkommnen Infekts, 
o) Erfter Magen. 
i) Zweiter Magen, 
c) Gallengang. 
i) Darm. 
d") Dicker Darm. 

Fig. 13. Darmkanal der larue der ß/<ne (^/3tV we///er«.) 
i) Speiferölire. 

a) Magen. -_ 

<0 Darm, 

M. d. Archiv. IV. a. y 



326 — 

F j g. 14. Darmkanal der Biene. 
*) Speiferöhre. 

c) Ei-rter Magen oder Honigblafe. 
rf) Zweiter IViagen. 
a) Gallengefäfse. 
j) Dünner Darm, 
o) Dicker Darm. 

Fig- 15. Darmkanal der Larve der Strauchwespe, 
(_Poliftes galiica.') 

a) Speiferöhre. 

i) Blagen. 

c) Anfchwellung am Endä des Darmes. 

Fig. 16. Darmkanal des vollkommnen Infekts. 
a) Speiferöhre. 
*) KrfLer Magen. 
c) Zweiter Magen. 
d") Dünner DaviD. 
0) Dicker Darm. 

Fig. 17. Davmkanal der Larve der Ssgenfliege. (Ten- 

thredo ) 
a) Speiferöhre. 
i) Magen, 
c) Dicker Darm. 
äd) Gallengefäfse. 

Fig. i8- Querdurchfohnitt des Magens. 

a) Wand des Magens welche dem Rücken enifprlcht. 
i) Wandj welche dem Bauche antfpricht. 



. 327 

Fj^. Tg. DarmHanil der Puppe, 
a) Speifeiübre. 
Ä) Magen, 
d) Darm. 
c) Dicker Darm. 

Fig. 20. Darmkanal des vollkommnen Infekts, 
n) Speiferöhre. 
hj Erfter Magen. 

c) Zweiter Magen. 

d) Dunner Darm, 
o) Dicker Darm. 

Fig. al. Darmkanal der Larve der iienenarft^ere Fliege, 
(^Eriftais teiiax.') 

a) Speiferöhre. 

4) Vom Magen abgefchnürte HöIde. 

c) Magen. 

dd) Obere Gallengefälse. 

0) Darm. 

ii) Untere Gallengefäfse. 
hli) Die 16 Blinddärme. 

Fig. 22. Mi'cbkanale der Puppe, 
a. b. c) Anbeftung der GalJengefäfse an diefe Milchkanäle. 

Fig. 23. Darmkanal des Tollkominnen Infekts. 
a) Speiferöhre. 
d'j Magen. 

cc) Die 4 oberen Gallengefäfse. 
i) Panfenartiger Sack. 

1) Parm. 

gg) Die 4 untern GaUengefifse; 



Fig. 24. Darmkanal der Ltirve des Dytiscus marginaUs. 
e) Speifeiohre. 
ffl) Erfter Magen. 
o) Zweiter Magen. 
i) Einfclmürung zwifchen beiden, 
i) Dünner Darm. 

c) Blinddarm. 

«) Blinder Anhang deJIelben. 

r) Blafidarm. ^ 

d) After. 

Fig. 25. Darmkanal des voUkommneu Infekts. 
«) Speiferohre. 
i) Erfter Magen. 

c) Zweiter Magen. 

d) Dritter Magen. 
/) Zwölffingerdarm. 
A) Dünner Darm, 
i) Blinddarm. 

o) Maftdarm. 

F i g. 26. S. 295. Aeufsere Kiemen eines Halfifchfötuii 



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Deutfehes Archiv 

für die 

PHYSIOLOGIE. 



friert er Band. Drittes Heft, 



Ueber die erften Spuren des KnochenFyftems 
untldieEntvvickelung der Wirbelfäule in den 
Thieren '), Von Dr. CA. S. S c h u l t z e. 



/. Begriff und Funccion des Knoalienfyfcems. 

iftnochen im weiteften Sinne, knöcherne Tlieile, nennt 
der Sprachgebrauch fchon der älteften Anatomen alle 
fiarren , meiß weifsen Theile des thierifchen Körpers, 
die ein deutlich organifches Gewebe-, und in ihrer Mi- 
fchung Kalkerde vorherrfchend zeigen ; ohne RücUficht 
auf Verbindung, Function, normales oder abnormes 
Vorkommen. Dafs hiervon der Begriff des Knocheii- 
fyfiems, als eines aus der Verbindung folcher Theile 
beftehenden zufammenhängenden Ganzen , verfchieden 
fey, ift klar; eben fo abei' auch, dafs diefe Beftim- 
mung nicht ausreicht) wenn es darauf ankomoit, dia 



1) In meiner Inangural-DilTertation; Nonnulla de prlirordiU 
fyrtematis orfitim et de evoltitione fpinae dorfi in animalibusf 
verfprach ich die .lusfülirlichere Beatbeitim|; diefes Gegpiiftan" 
des im dritten IleCie des dritten Bandes diefes Arcliivs zu lie- 
fern, Mehr<;re Uniftande verzögerten die KrrüUung bis jetzt 
doch habe ich in diefer Zeit Cclefenheit gehabt. Manches zu 
berichtigen und JN'enes liinzuzul'iigen , da Uerr I'ruF. Meckel 
die Güte hatte, mir auch zu diefem Zwecke die ununjlcbtüiikt^ 
Bennunng feiner reichen Sammlung zu erlauben. 

M. d. Archiv. IV. 3. Vi 



33p 

erften Andeutungen diefes Syftems da aufzufinden , wo 
Farbe, Form, Mifchung und Verbindung ganz verän- 
dert, letztere fogar aufgelöft ift. Hier kann nur die 
Function jeJes einzelnen Theiles über feine Bedeutung 
entfcheirlen. Die vernachläffigte Beriickfichtigung die- 
fes Punktes und der verfchiedenen Begriffe von Kno- 
chen und Knocheiifyftem ift fchuld an mehreren Glei- 
chungen und Deutungen, die keinesweges den Steni» 
pel der Natürlichkeit an fich tragen. 

Der faft am beftimmteften bezeichnete Hauptab- 
fchnitt im Thicrreiche wird durch den Anfang der Eiit- 
wickelung des Knochenfyftems gebildet, obgleich neuer- 
lich auch diefe Gränze etwas verwifcht ift. Doch 
kommt unter allen Syftemen diefes am fpäteften, erft 
bei den vollkommner organiürten Thieren, als Hülle 
des Hirns und Rückenmarks, deutlich zum Vorlchein. 
Und fo ift diefe faft anorgifche , nur den Gefetzen der 
bildenden Thätigkeit und den allgemeinen der leblofen 
Natur unterworfene Maffe, die auch als Syftem mehr 
einem Mechanismus, als einem Organisn^us anzugehö- 
ren fcheint, das Bedingnifs aller hühern Lebensäufse- 
rungen. Die Senfibilitätserfcheinungen , bis zur geifti- 
gen Thätigkeit gefteigert, konnten nur durch Vermitt- 
lung des Knochenfyftems wirklich werden. Es entbin- 
det daher den höchften Organismus von der Erde, wie 
es ihn auf der andern Seite mit derfelben verbinilet. 

Die Hauptfunction der Knochen wird noch fehr 
allgemein als Ünterftützung der Geftalt des ganzen Kör- 
pers und Erleichterung der Bewegung angenommen. 
Dafs aber beide Functionen weit vollkommner durch 
ein äufseres Skelett, oder Schalftücke, vollzogen wer- 
den, zeigt die Betrachtung der Infekten. Bei ihnen 
hat die willkührliche Bewegung, verbunden mit Feftig- 
keit der Geftalt des ganzen Körpers, den höchften 
Grad erreicht. Diefe der Bewegung und Unterftilt^ung 



— 331 

des Körpers fo gilnftige Einiichtiing würde die Natur 
gewjfs nicht verlaffen haben , wenn jenes ihr Haupt- 
zweck bei der Bildung eines innern SkeJetts geweCen 
wäre. Die genaue Betrachtung deffelben, befonders 
in den niederen Formen beftätigt nun auch, dafs feine 
vorzOg]ichfte Verrichtung die Bildung einer ßcherii 
Halle für die CentraUheile des Nerven- und Gefüfs- 
fyfcems , behufs einer freieren Ausbildung und TliMtig- 
keic diefer Organe, und befonders einer Scheidewand 
Zivilehen ihnen und den Muskeln ift '). Unterj^corJ- 
net aber ift die Function als paffives Bewegungsorgan ; 
denn bei jedem höheren VVirbelthiere wörde bei ganz- 
licher Erweichung aller Knochen , nicht durch die ge- 
hinderte Bewegung , fondern durch den Druck der ed- 
leren Organe bei dci felben, der Tod erfolgen. Aufser- 
dem fpricht für diele Meinung: l) das felbft in feinen 
Andeutungen nur gemeinfchaftliche Vorkommen eines 
Rückenmarkes und einer Wirbelfäule. 2> Die vielen Be- 
ziehungen, in denen Knochen -und Nervenfyftem in phy- 
fiologifcher und pathologifcher Rückficht flehen. 3) Je- 
inelir die harte äufsere Schale nach innen unmittelbar 
an das Nervenfyftem tritt, um fo mehr entwickeln 
lieh die Senfibiiitätserfcheinungen, und ftehen umge- 
kehrt um fo tiefer '). 4) Die gemeinfchaftliche Be- 
ziehung der dura mater zxx den Centraltheilen des 
Knochen- und Nervenfyftems, wodurch jene offenbar 

Z 3 



l) Schon E. Hume bat diefe Meinung in fainen Ltctares on com- 
paraiive anatomy Lond. 1814. P. I- S. 75. vorgetragen. Spä- 
ter ift fie V'»n UtainviUe und Geof/roi im Htillettn de la fo- 
eiete philomatique 1SI7 (S. voriget Heft diefes Arcliiva) wie- 
derholt worden. 

1) Z.B. in droSchildknltepliat dal Gehirn eine fo untergeordnete 
Fonction, dafs iie dadurch ia guc> wie durcli ihren Panzer, 
iMt loIekMa fielt nahem. 



333 ^^^^^ 

als eine verknöcherte äufserfte Hülle von iliefen eifchei- 
nen. 5) Endlich der verfchiedene VVertli der Organe, 
je nachdem fie mehr oder weniger durch Knochen von 
dem Muskeleinfluffe ausgefchloffen find. 



//. Erfie Spuren des Knochetifyfiems . 

Hiernach können wir alfo nur diejenigen Theile 
als dem eigentlichen Knochenfyfteme entfprechencl an- 
feilen, welche in jener Beziehung zu den Gentralthti- 
len -des Nerven - und Gefäfsfyftems ftehen , oder an 
welche fich die IMuskeln der Bewegungsorgane äufser- 
lich anfetzen. Alfo die harten Theile färamtlicher Pflau- 
zenthiere , namentlich die fogenannten Wirbel der 
Aßerlen und Oplnureii lind davon ausgerdiloffen , ob- 
gleich fie durch zwifchenliegeiide Muskeln bewegt wer- 
den; es find nur Schalftücko, die, hej Echiniis noch 
vereinigt, das ganze Thier umfchliefsen. Ebenfo die 
einzelnen Theile des Panzers der Infekten imd Kruflcr, 
da ihnen jene charakteriftilchen Merkmale fehlen , ob- 
gleich fie allerdings Aehnliclikeit mit Theilen des Ske- 
letts der RückgrathtViiere haben , denen lie felbft durch. , 
Lage und Verbindung in mancher Rückficht entfprechen, . 

Anders <^ft es jnit der Entwickelung der Zähn> 
und des fie tragenden Gerüftes. Diefe finden fich bei 
einer grofsen Menge riickgrathloferThii.'re, oft fehr ent- 
wickelt ') und entfprechen, als Theile das Darmka- 



l) Sie bieten liiet die verfcliieiäenrcen Formen und Verhältni-Te 
dar, da wenigen Geft-liiechteiu die Zäline oder Kiefern ganz 
fehlen. Aufser den iiufserUcli fichtbaren Frefsweikzeugen 
gehören hierher aucli die im Magen sichrerer , z. B. der Krebfe, 
befindlichen Z.ihne und Knochenpldttchen, weldie lecztete viel- 
leicht Rudimente der Iviemenkü^en d«r Fifche !ini. 



n.ils an welchen fie befeftigt find, Jenfelben Tlieilen 
bei den Rrckgrathtliieren, wo nui- ihre Lage, an tier 
Munlüffnung und vor oder unter dem Schädel, be- 
ftandiger iff. Sell-ft bei diefen find fie in den einfachem 
l'ornien, wie hc'i Petromyzon , noch vom Schädel (als 
'l'lieil des Wirbellyftnms) getrennt, und verfchmelzea 
erft allmählich mit ihm; ein Procels, der durch alle 
Riicksrrathtbiere bis zum Menfchen hinauf fortdauert, 
und der Ausdruck des mehr oder minder iiberwiegen- 
dea VerhälUiiRes des Gehirns und Schädels zu dem 
Darmkanal und den Kiefern ift '). Die genauere Be- 
trachtung diefer Theile liegt aufser dem Zwecke diel'es 
Auffatzes, wir kehren daher zu dem Knochenfyfteme 
jm engeren Sinne (JViibelfyJtem , wegen der Analogie 
aller feiner Theile mit ganzen AVirbeln , oder einzelnen 
Theilen derfelben) zurück. 

Die Analogie der allgemeinen und befondern Bil- 
dimgserfchciiiungen lehrt uns, die Entwjckelungsge- 
fchichte der einzelnen vollkommenen Individuen auf 
•lie EntWickelung des ganzen Thierreichs anwenden. 
Wie in jedem einzelnen Wjrbelthiere die Knorpelbildung 
die der Knochen vorbereitet, fo fcheint lie als bleiben- 
de Bildungsfinfe im Thierreiche der Knocheabüdung 
vorangegangen zu feyn. 



l) A1»Ful^e diefcs überwiegenden Einflufres cles WiibelfyTtems 
auf das Kief'rfyrtem ift es anzufeilen , wenn letzteres in den 
voUkomnienften Wirbeltlüeren einige Aelinllclikeit mit Wirbel- 
theilen darbietet , auf deren Form man iie zu reduziren ver- 
lucbt hat. Diefe Aehnlichkeit verfciiwindet bey den niedri- 
geren Tbieren ,' \vr> fie doch, ■wie es mit allen übrigen Tliei- 
len des Knochenfyftems der fall ift, gröfser feyn nüifste, gänz- 
lich, und fchon dies würde das unnatürliche jener Verfuihe 
beiveifen, wenn es nicht ihr Mifsliogeii felbft thi'te. Das fo 
{rübzeitige Verkn'ichern diefer Theile im menfchliclieo Fötus 
ftimmt auffaltend mit dem frühen FrTcheinen derfelben bei 
den Tbieren überein. 



334 -^ 

Die durch die vollkommene Entvvickelung desGe- 
fatslyftems und mehrerer Sinnorgane fo merkwürdigen 
Kopjjüfsigea Mantelthiere (Mollufca CephalopodaJ find 
es, die bei der in ihnen vorherrfrhenden Neigung zur 
Knorpelbildung, die erften Rudimente einiger Tlieile 
des Skeletts haben. Bei Sepia ojßciaalis lind diefe 
Theile folgendermatsen angeordnet: 

Das allgemein bekannte os fepiae, welches von 
Spix'^ für ein Rudiment der ll'irbelßiule gehalten wird, 
gehört offenbar nicht hierher, es ift als Product des 
Mantels das Analogen der Schale der übrigen Mollus- 
ken, was ausführlich Cuvier -) bewicfen hat. Wie 
das ganze Thier zum Theil den Mollusken angehört, 
zum Theil den vollkommenften Tliieren üch nähert, fo 
ift auch der unregelmäfsig geftaltete KopTUnorpel eine 
fehr merkwürdige Vereinigung der SchäJelforui der 
Wirbelthjere mit der, den wirbellofen Thieren eigcn- 
thümlichen Geftalt des Gehirns, welches in Form ei- 
nes Bandes oder Ringes die Speiferöhre umgiebt. Der 
Schädel (Fig. i. A.) hat daher die Geftalt eines hohlen 
Ringes, durch welchen Speiferöhre, Speichelgang u. f. w. 
treten ; die äufsere Wölbung des Ringes ift von feftem 
Knorpel, die innere der Speiferöhre zugewandte Fläche 
aber blofs häutig. Hinter feinem unteren das Mnrk- 
halsband enthältenden Tlieile ift die dickwandige Höiile 
für das Gehörorgan mit ihm verbunden. Zu den bei- 
den Seiten breitet er ßch in die hintere und untere 
Wand der Augenhöhlen aus,, die vorn durch zwei eigene 



l) Cephalogeneiis. Monachii igi;. S. ;;. 

'a) Memoires pour fervir » l'hiTtoire et ä ranatomie des Mol- 
lusijues. Fuü I8i7t S. 4$. If. 



335 

dflnne längliche Knorpelblättchen Qp. c.) anvollkommea 
gefchloffeii werden. Diefe enifpringen in der Mitte ver- 
einigt, von dem vorderen unleren TheiJe des Kncr- 
pelrJnges. Nach Mfrckel entfprechon lie den Ober- 
kieferbeinen der VVirbeithiere. Dicht vor diefer zu- 
sammenhängenden Knorpelmaffe , in der den Schna- 
bel iimfcidiefsenden ßafis der Füfsc, liegt an der Bnuch- 
feite des Körpers ein faft dreieckiges, piaties Knorpcl- 
ftütk(d), das mit feiner Grundfläche den Füfsen, mit fei- 
ner Spitze (Itm Knorpelringe zugekehrt ift, mit dem 
es nur durch Muskelfafern lofe zufammenhängt. Spix 
deutet diefe Knorpelplatte als Ueberreft des Zungen- 
heins,' wahrfcheinliclier möchte fie vielleicht nach Me- 
rkels Meinung den hintern Seitentheilen des Unterkie- 
fers entfprechen, wenn man die untere Hälfte des 
Schnabels als Mittelftßck deffelben, die obere Hälfte 
als Zwifchenkiefer betrachtet. Hinter dem das Gehirn 
deckenden Knorpelringe liegt an der Rückenfläche, nur 
von einem dünnen Häutchen bedeckt, eine fchildformige, 
vom fpitze, hinten ausgefchnittene Knorpelfcheibe '), ia 
deren Mitte eine Furche von vorn nach hinten verläuft 
(Fig. I. B.). Auf diefe Knorpelfcheibe pafst genau eine 
zweite etwas dünnere, fonft gleich geformte, deren erha- 
bene Miltelieifte der Furche der vorigen entfpricht. Die 
erftere bedeckt die Speifcröhre , die unteren Speichel- 
drüfen, und zunächft einige an den Kopfknorpel gehende 
Muskeln, von denen auch einige Hündel an ihre untere 
Fläche fich h»ften. Die zweite liegt unter dem vorderen 
Ende des 05 fepiae, in der Kapfel deffelben ; nach hinten 
verliert fie fich in diefe häutige Hülle; zu den Seiten 
geht fie in die vorn ziemlich dicken , nach hinten dün- 



1^ Herr Prof, Meckel b»t lie zaertc in kinea VorUCiuigen be- 
Idmthta. 



336 — — 

ner werdenden, rinqenförmigen Knorpelränder detfelben 
Kapfel über, ohne durch Zellgewebe davon getrennt 
2u feyn. 

Die Verrichtung jener beiden Knorpelfcheiben ift 
offenbar, den Kopf und die dahinter liegenden wei- 
chen Theile gegen den D.ruck des ganzen Körpers, 
und befonders des os fepiae , bei der Bewegung (in- 
dem der Kopf zu unterft ift) zu fchülzen und die Rei- 
bung zu verhindern. Nach Menkel ftellt die erfte Knor- 
pelfcheibe den ßogentheil der VVirbelfaule dar ; hierfür 
fpricht , aufser der Lage hinter dem Kopfknorpel und 
<ler befonders bei Loligo dachförmigen Geftalt, die hü- 
Ijere Ausbildung des Bogentheils im Verhältnifs zum 
Körpertheile bei den zunächft flehenden Cycloftomen ; 
doch fcheint mir folgentlcs^egen jene Meinung zu fpre- 
cben,und diefenTheil als zu den allgemeinen Bedeckun- 
gen oder Schalen gehörig darzuftelleii : i) der Mangel ei- 
nes Rückenmarkes, (wenn man nicht xmiSpix (1. c.) den 
das ftrahlige Ganglion bildenden Nerven, welcher unter 
derSpeifecöhre, aus dem das Markhalsband umgebenden 
Theile des Schädels tritt , für das Rückenmark anfe- 
ilen will); 2) die Lage unmittelbar auf den Hautmus- 
lieln, von denen fich fogar einige von unten daran hef- 
ten, um die Scheibe in ihrer Lage bcfeftigen zu kön- 
jien; 3) der iMaiigel bei dem, übrigens auf gleicher 
Stufe der Ausbildung ftehenden Octopiis, bei dem aber 
diefe Vorrichtung, wegen Kürze und Weichheit des 
übrigen Körpers, nicht nöthig war. Vielleicht entfpricht 
diefe Platte dem Rückenfchilde der Krebfe, mit denen die 
Cepbalopoden in anderer RückGcht verwandt find. 

Bei Loligo findet fich nur ein dachförmiger ziem- 
lich dicker Knorpel (der erften jener beiden Knorpel- 
fcheiben entfprechend), der eine erhabene Leifte in der 
Mitte hat, worauf das rinnenförmig ausgehöhlte vor- 



— .337 

dere Ende der hier blofs hörnernen Schale felbft pafst, 
ohne dafs noch ein Knorpel dazwifchen läge. (Fig. i.E.) 

Eine deutlichere Annäherung an die Wirbeltliies e 
find nach Meckel die Knorpel, welche die Floffen trafien ' ). 
Sie entfprechen der knöchernen Grundlage der Bewe- 
. gungsorgane bei jenen, wenigftens der Function um! 
Verbindung nach, ria fich die Floflenmuskeln von aufsen 
an fie fetzen. Es find lange dünne Knorpelfchejben 
(Fig. I.e. D.), die mit ihrer Innern concaven glatten Flache 
durch lofes Zellgewebe an die Seite des Mantels, nacli 
unten durch das fehr dünne, aufsere, in die Haut über- 
gehende Blatt des Knorpels felbft, nach oben durch die 
von dem Mantel entfpringenden Muskeln andiefen gehef- 
tet find. Ihre äufsera gewölbte Fläche ift durcli eine 
Längs -Erhabenheit in eine untere glatte, und in eine 
obere, den Muskeln zum Anfatz dienende getheilr. 
Bei S«"/?;« nehmen fie, wie die Floffen, die ganze Länge 
des Mantels ein, und endigen fich, hinten breiterund 
dicker, dicht neben einander, bei Loligo find fie nur 
fo lang als die Grundfläche der Floffen. 

Anfser diefen Theilen findet fich endlich noch an je« 
dem äufsern Winkel der Bafis des Trichters ein, heiSppia 
Napf-, bei Lol/go Rinnen-fOrmiger Knorpel (Fig. i . F. G.), 
defl'en Vertiefung ein gleichgcftalteter mehr flei.''chiger 
Widft an der innern Fläche des Mantels entfpricht. Dafs 
diele Vorrichtung zur genauernSchiefsungundBefefligung 
des Mantels diene, bemerkt bereits Cuvier (1. c.) indem 
er fie befchreibt. Sie entfpricht alfo an der Bauchfeite 
dem ähnlichen oben befchriebencn Knorpelapparat an 
der Rückenlläche , und leidet, wie die bekannten Knor- 



I) Diefe crw^Iint Cuvier 1. c. S. 46.; früher befchrieb Ge Meckel 
in feijttn Vürlelunfiea. 



538 ^■^- 

pelringe in den Saugwarzen der Arme und Füfse, keine 
Zurii'ikführung auf Theile des Knochenfyftems der Wir- 
behhiere. 

Wie weit entfernt diefe Bildung auch noch von 
der der Fifche fowohl äufserlich als innerlich ift, fo 
finden fich doch vermittelnde Uebergänge, wenn gleich 
auch diefe eine grofse Kluft laffen. 

Das Gefchlecht Gaßrobranclius , obgleich durch 
Geftalt und Athmungsorgane ") mehr den rothbliitigen" 
Würmern verwandt, hat doch an dem Rande des trich- 
terförmigen Eingangs zum Munde acht freie Fäden, 
die die MundOffnung kreisförmig umgeben, und alfo 
den acht Fiifsen der Ceplialopoden entfprechen, da fie 
als Fühlfäden auch eine ähnliche Function haben. Sie 
find nur in dem Maafse verkleinert, als fich am entge- 
gengefetzten Ende des Körpers der Schwanz als einzi- 
ges Bewegungsorgan entwickelt, und fo einen Theil 
der Function der Fiifse übernommen hat. Der Mangel 
der Saugnäpfe wird dadurch erfetzt, dafs das ganze 
Maul in einen folchen Saugnapf, in deffen Hintergrunde 
die zahnförmig eingefchnittenen hornigen Kiefern lie- 
gen, verwiindült ift ^). Hier finden wir nun aber die 
erfte Andeutung eines wirklichen, ein Rückenmark ent- 



1) S. F. Home über den Bau der AtVimnn{;swerkzeuge in Tliieren, 

welcbe Zwilchen den Fifclien und Würmern zu ftehen fchei- 
nen. Aus den Philofopb. Transaoc. Igl^. II, iiberfetzt in die- 
fem Archiv, B, II. S. 594.. 

2) Die bei den Fifclien oft wiederkehrende Fadenbildung im Ura- 

kreife des Maules deutet auf diefe Verwandtfchaft mit den 
Cephalopoden. 



haltenden Rückgraths, zu deffen Betrachtung wir daher 
ii|in übergeben. 



nr. EntWickelung der Wirbelfäule. 

Das Rückgrath oder die Wirbelfäule beftelit , (wie 
fohon Oken') angedeutet hat) aus einer KnochenläuJe, 
an deren oberer und unterer (Rücken -und Bauch ) Seile 
zwei Kanäle verlaufen, die durch von ihr ausgehende 
Bögen gebildet werden. Die mittlere Knoshenl'aule be- 
fteht meift aus einzelnen, durch Gelenke verbundenen, 
walzenförmigen Stücken, Wir.belkorpernj; der obere 
Kanal enthält das Rückenmark, der untere die Refpi- 
rations- und Verdauungsorgane. Letzterer hat wegen 
feiner Eingeweide viel weitere und lofere Bogen als er- 
fterer, die auch nur feilen für ßch beftehende Ringe 
Cod (wie in einigen Eidechfen und Schlangen), fondern 
entweder vorn gar nicht, oder tlurch eine mittlere 
Knochenreihe gefchloffen werden, die von vorn nach 
hinten zufanitnenhängt und Bnijibeiii heifst. Doch ver- 
engt er fich bei den niederen Wirbelthieren im hintern 
Theil der VVirbelfäule, wo er blofs die Gefäfsftämme 
enthält, fo, dafs er dem oberen ganz gleicht. Diefe 
fymetrifche Anordnung verfchwindet aber bei den ho- 
hem Wirbehhieren, indem es ein Hauptcharakler der 
Vervollkommnuog des Knochenfyftems ift, dafs fich die 
Bügen des unteren Kanals, die überhaupt die weniger 
beftändigen find, allmählich mehr auf einzelne Stellen 
zufammenziehen, in den Zwifchenräumen aber ver- 
fchwinden, dagegen die Bögen des ohern Kanals, den 
Wirbelkörpern uieift an Zahl entfprechend, durchgän- 



l) LehibDcli der NaturptiUoroph;«, Tb. III. % 6^, 



gig faft gleichförmig bis an das Sclilufsliiick, oJer we« 
nigftens bis nahe an das Ende der Wirbaifaule reichen, 
diefe ueifsen gewöhnlich ausfciiliefsenci IVii beibögen, 
jene, wo ße Athmungsorgan und Darmkanal umfchlie- 
fsen, Rippen oder Querfortjütze ; wo blofs der Gefäfs- 
ftamin in ihnen verJäurt, untere Wirbelbugen. Diefe 
unteren und alle oberen tragen in der Regel da, wo ficli 
ihre beiden Schenkel vereinigen, Dor/ijurtfätze, die 
den Muskeln zum Anfatz dienen. Ueberhaupt wird 
i7ur die allgemeine Grundgeftalt der beiden Kanäle durch 
die Eingeweide, faft alle Form Veränderung aber, auch 
bei der VVirbelfaule, durch die verfchiedenen ßeweguags- 
arten beftimint. 

An den oben erwähnten Ccncenlrationsftellen der 
untern Bögen bilden fich diefe zu freien Bewegungsor- 
gauen, GUedmafifsen aus, die in das zur Bewegung die- 
nende Medium hinausreichon, und nach feiner Verfchie- 
denlicit verfchiedene Gcftalt annehmen. Nach diefen 
Concentralionsftellen theilt man die ganze Wirbelfäule 
in mehrere Abfchnitte, der?n Benennung aber, da fie 
vom Menfchen entlehnt find , mitürlich nur da gehen 
kann, wo die Gliedmaafsen völlig entwickelt find, und 
ein' Wechfel von Mapgel und ftiirkercr Entwickelung 
der Bögen Statt fi.Tdet. Man iinterfcheidet daher die ganz 
rippenlofen Halswhbel ') von den Rippen tragendep 



l) Gewühiilicli nimmt man bei den Iiühern Reptilien und Vö- 
geln denjenigen als erfien Ruckcnifirbel an-y deffen Rippen 
lieh znerfc mit dem Bfußbeln verbinden. Da dies aber für 
die Wirbel felbf« par kein Unterfclieidiingszeiclien giebt, und 
z.D.bei demKj-okodil nicht einmal durchgeführt ift, (indem 
hier die beiden letzten» mit Freien, vnr dem Ernftbein lie- 
genden , Rippen verfeheneu Wirbel zu den Rückenwirbeln 
gezählt werden) fo glaube ich mit Recht alle Wirbel, wel- 
che Rippen tragen j (wenn diefe auch vor dem Bruftbeia 
liegen) Rücken v/ixbsl nennen zu kunuen. 



I 



541 

Bnifi- oder Rilekenwiiheln , und die wiederum rippen- 
]ofen Lendenwirbel von den, mit den Hilftkaochen 
(als Analogen der Rippen) verbundenen, Becken - odtr 
Kreuzivirbeln , auf welciie dann zuletzt die zwar rip- 
penlofen^ aber bei mehreren mit dem untern Kanäle 
für den Arlerienltamni verfehenen Schwaiizwiibel fol- 
gen. Diefe Eintiieilung gilt iu ihrer ganzen Ausdeii- 
nung blofs far die mit knöcherner GrundJage iler E:c- 
tremiläten verfehenen lleptilien, Vögel und Säuge- 
thiere, da nanienllich die drei letzten Abichnitte der 
Wirbelfaule blols durch ihre unmittelbare Verbindung 
mit den hinleren Giiedniaafsen beftimmt begränzt werden. 
Bei allen Filchcn imilden Reptilien und Sciugethic- 
ren oline hintere Glicdiiuafsen können wir daher blols 
Rücken- und Sihivanztvlrbel , und häufig auch eiiieii 
oder einige Halswirbel unterfcheiden ; diejl', als die 
litm Kopfe zunüchlt liegenden rippenlolen, die Scli:canz' 
wirbelt als die mit einem unteren Wirbelkanal für den 
Gefäfsftamni verfehenen ; zwifchen beiden liegen die 
Rückenwirbel , die zuweilen wieder in rippentragendo 
und rippenlofe gefchieden werden können '). Ucber 



l) Cuvier (\'otlefiingen über verglei'.heiiJe Anatomie IS09. B.I.) 
Zdhit auch bei den Fifclien , obgifiich er (ebeiidal. S. 157.) 
Tagt, man könne nur zwei Abciieilungen, Kucken- un^ 
Schivanzwirhel ünnelinien, in der Tabelle Hah-nni Len- 
denwirbel; ii.-iter letzteren verrtelil; er die.ri|i])enloren Wir- 
bel vor dem Anfange der Afterflotre, die aber (abgefehn von 
dem unpaffi:ndcn isamen) gar keine wirkliclie AI)tlleiUlll^'; 
bilden , da ße n.eift fcl.on einen Gefrifslianal hab^n , und 
alfo oline Grinze in die Sclnvanzwirbel iibe)i»elicri, rveni« 
die Alierllofre feblt. Jlaßiuhal nennt diefelben im erfu-ti 
Hefte feiner rcjrthyotoniirdien Tafeln A/tcru-lrbcl , wozu er 
im zweiten Hefte aucli diejenigen reclinet, welche Jen Ge- 
fifikaiul haben und Kippen tragen. Aber auch diefe Benen- 
nung paf»t niclit . da d«r Aft«r ta keiner Beziehung zur 



342 — 

die Verhaltniffe der einzelnen Abtheilungen der Wirbel- 
fäule in den verfchiedenen Thieren allgemein geltende 
Gefetze abzuleiten ift fchwer, ja faft unmöglich, denn 
auf den niedrigeren Stufen bietet das ganze Skelett diö 
gröfste ünbeftimmtheitundJVIannichfaltigkeit der Form, 
Textur, Structur und Functionen dar, mehr als es bei 
dem erften Hervortreten jeder andern ßildung der Fall 
ift. Bald diefer, bald jener Theii entwickelt ficli vor- 
herrfchend , und dies entweder als eben fo viel Verfu- 
che, eine vollkommnere Form zu erreichen, oder als 
blofs durch die Lebensart bedingte, fpecielle Abände- 
rung, oder felbft als Zuriickfinken auf eine niedrigere 
Bildungsftufe, alles aber verzweigt und vermifcht fich 
in den verfchiedenften Graden untereinander. Doch gel« 
ten folgende Sätze wenigftens für einen grofsen Theil: / 

1) Die Schwanz Wirbel ftehen auf einer niedrigerea 
Entwickelungsftufe als die übrigen. 

2) Die Zahl und Länge aller Wirbel im Allgemei- 
nen fteht im entgegengefetzten Verhältnifs mit der Ent- 
wickelung der Oliedmaafsen '). 

3) Die Zahl und Länge der Halswirbel fteht in 
gleichem Verhältiüfs mit der Entwickelung der vorderen 



WirVieiräule ftelit, und auch liier die GrÜnze fetlt. Dafs 
nJch der auf die Form der Wirbel felbft gegründeten Ein- 
theiluiig der Bauch bei einigen Fifclien , z, B. Clupea nlofa 
grüTstentlieils unter den Scbwanzwirbeln liegt, und diefe 
Rippen tragen, ift nur ein fcheinbarer Gegengrund, wenn 
man bedenkt , dafs dies längft bei andern Fifchen , z, B. beim 
Aal, angenommen ift, wo fich die Bauclihüble zwifchen 
der Afterfloffe und den Scliwanzwirbeln weit nach hinten 
erftreckt. Bei Clnpea ift der After und die Afterfloffe nur 
mit nach hinten gerückt. 

i) S. Blumenhaclii Handbuch der vergleichenden A-mtomiek 
ace Aufl. S. 109. 



^ 343 

Gliedinaafsen , dagegen Zahl, Länge und Höhe der 
Schwarizwirbel im entgegengefetzten Verhältnifs mit der 
EntwickeluDg beider, bald der vorderen , bald der bin* 
teren fteht. 

4) Die Zahl der Becken - und Lendenwirbel fteht 
in gleichem Verhältnifs mit der EntWickelung der hinle- 
ren Gliedniaafsen, dagegen für die Zahl der ßiuft-oder 
eigentlichen Rückenwirbel wieder das entgegengefetzte 
gilt. 

5) Die Zahl der Wh-bel bei jedem einzelnen Thie- 
re bleilit bei den Warnibiiitern das ganze Leben hin- 
durch (von der Geburt oder dem Auskriechen aus den 
Ei an gerechnet) diefelbe. Dies ift bei den KaltbJutern 
wenigftens nicht durchgängig der Fall, inden) bei eini- 
gen beftimmt die Zahl der Schwanzwirbel während des 
ganzen Lebens regelmiifsig Zunimmt '). 

I, Fi/che. 

Vorhertfchende Entwickelung des Schwanzes ift 
die Haupteigenfchaft der P^ifchwirbelfäule '), welche 
mit ihren unmittelbaren Fortfätzen das vorzüglichfte, 
zuweilen einzige paffive Bewegungsorgan ift. Immer 
findet lieh an der unteren Fluche dur Scluvanzwirbel- 
körper der Gefiifskanal durch die Wurzeln des unteren 
Dornfortfatzes gebildet. Die fiark entwickelten Durn- 
fortfatze bilden faft bei Allen die Grundlage einer Reihe 



l) Die fehr millifamen ÜnterfiicVivmgen dlefcs GegenFcandes 
werde ich, wenn fie nocli mehr vexvollfcündigt Und , aus- 
führlicher bekanuc machen. 

3) Doch tagt Sfjix (Cephalopenefis S. }J.) mit Unrecht: in pifci- 
but tota cohimna vertebralis, ii oa coccygia mumu (^iiaiuum 
•(Toimatuin et extenrum excipi«, difisit. 



544 — 

eigenthiimliclier Bewegungsorgane, der Rücken-, Af- 
ter- und Schwanzfloflen - Strahlen , die befonders ziii' 
Erhöhung und Verlängerung des Schwanzes (durch- 
gängig in einem der Entwickelung der feitlichen Glied- 
maafsen enlgegengefetzten Verhältnilfe) dienen. Diefe 
bald gegliederten , bald unbiegfamea Flolfenftrahlen 
werden durch eine eigene lleihe, von Rofenehal '") Fiof- 
feruiäger genannter, Knochen getragen, die zwifchen 
ihnen und den Dorrifortfätzen liegen, und, wenn Rü- 
cken- und Afterfloffen vorhanden find, feiten (nur ia 
einia;en Knorpelüfchen und Polyptenis Bicliir) fehlen. 
Doch find fie häufig auch an floffcnlofen Stellen entwi- 
ckelt. Die niedrigere Form diefer Bewegungsorgane 
fcheintdie zu feyn, wenn fie gleichlürmig um den ganzen 
Iiinteren Theil des Körpers , oder gar um den gaiizeri 
Körper, wie bei einigen Pleuru/iecteii, entwickelt find; 
die höhere, wenn fie fich an beftimmten Stellen befinden, 
wobei häufig durch Verfchmelzen mehrerer eine Annä- 
herung an die Gliedmaafsenknochen Statt findet. 

A. Knorpelf ifche. 

Die einfachfte Bildung der Wirbelfäule finden wir 
bei den Taugenden Knorpelfifchen (Siiccurs, Cuvier,Peiro- 
myzon und Gujrrobrancliiis. Bloi:hJ. Sie kommen rück- 
fichtlich der Form i'iberein, unrl unterfcheiden fich haupt- 
fächlioh blofs in fofern, als bei Ammocoetes (Dumeril) 

nach 



\) Uebcr dta Biiclung der Vloffengrüten und ihre Verbindung 
mit dem Skelett in Ileus Archiv für die Pljyiiologie, B. X. 
H. 2. S. 559. Da in diefcTn Heite melirere Formen der Fifch- 
wiibelTdule felir genau befulirieben und abgebildet ßad » fo 
verweife ich ein für allemal dninut, indem ich, um Wie* 
derholungen zu veriileideo, da; dort befindliche nur kurz 
erwähnen werde. 



nach Ciivier ') Schädel und Wübelfäule das ganze Le- 
ben liindlirch blofs häutig, bei den übrigen dagegen aus 
mehr oder weniger hartem Knorpel beftehen. Bei Pe- 
tromyzon ßuviatilis ift die Bildung folgende: (Fig. 2.) 

Eingefenkt in eine gallertige Maffe verläuft der 
Länge nach durch den ganzen Körper ein aus Fiifer- 
knorpel beftehendes Röhr, deffen Höhle mit derfelben 
Gallerte ausgefüllt ilt. (Bei marinus ift nach Caiiis der 
vordere Theil diefes Rohres bis in die Mitte des Körpers 
ganz hohl) '). Auf diefem Rohre liegt das bandförmige 
Rilckenmark in einem Kanäle, der durch die rings um» 
liegende feite Gallerte gebildet wird , in welcher Cch 
von beiden Seiten des Rohres convergirende Knorpel- 
ftreifen, um es zu bedecken, erheben. Diefe Stre.fen 
find miJchweifs, fpröde, undurchGchtig, wodurch fie 
fich von dem elaftifcben durchfichtigen Rohre, an wel- 
ches fie durch kurzes- Zellgewebe geheftet find, unter- 
ücheiden. Sie ftehen in der Nähe des Schädels ziemlich 
weitläuftig, feukrecht auf dem Rohre , und haben eine 
zweigefpaltene Wurzel. Nach dem vorderen Drittheil 
des Körpers verändern fie ihre Richtung, indem ii? ,lich 
etwas nach hinten legen , und werden zugleich zahlrei- 
cher aber kürzer, fo dafs fie faft verfch winden. Im hinr 



l) Memoires da Muleum d'hifcoire naturelle I. 1)0. 

ä) Aufgefordert von H. Carus erkläre ich gern, dafs ich feine 
Angabe der Form diefer Theile bei P. marinus (f. diefes Ar- 
chiv, n. II. H. 4- S. <Oo) mifsverftanden habe, indem ich 
in meiner Inaugitral 'Differt. das, was er von dem Kanäle 
der fVirbelkUr/jer fagt, auf den Kanal der Wirbclfiiule be- 
zog, wozu ich durclt den von iliiTi gemachten Schlur5 (>, folg- 
lich wird der untere Tlieil der iVirliclfüule blofs durch 
einen febr elaftifchen Kno/pelcylinder , welcher innerlich 
mit einer weicbereo KnorptslmaJXe angefüllt ift, gebildet,") 
veranlalit wurde. 

M. d. Archiv, ly. 3. Aa 



346 — ^ 

tern Thelle endlich, befonders wo die Riickenfloffen 
entfpringen, liegen ße dicht neben einander, find am 
längften, und berohren fich von beiden Seiten unter 
einem fpitzen Winkel, von wo fich die knorpligen Flof- 
fenftrahlen, jedoch ohne mit ihnen verbunden zu feyn, 
erheben. Diefen entfpricht im vorderen Theile der 
Wirbelfäule, da fie zugleich die Dornfortfätze darfteilen, 
eine in der Mittellinie des Piückens zwifchen den Mus- 
keln verlaufende Gallertfchicht. In der Schwanzfpitze 
verfchwindcn die Knorpelftreifen , der Kanal und das 
Rückenmark gänzlich, und das Knorpelrohr endigt fa4 
denförmig. Am entgegengefetzten Ende , wo es in dea 
Schädel übergeht, wird es, nachdem es kurz vorher 
eine plattere Geftalt angenommen hat, durchgängig feft, 
•weifs und undurchfichtig, indem es fich in eine, das 
Gehirn von derSpeiieröhre und dem Geruchsorgan tren- 
nende Schuppe ausbreitet. Zu beiden Seiten des Knor- 
pelrohres dehnt lieh die gallertige Maffe in ein breites,, 
die Wand der Bruft-uad Bauchhöhle bildendes Blatt aus, 
in welchem Geh vori^ acliL Paar Knorpelftreifen über die 
Kiemenhühlen herab erfuecken , indem fie die aufserea 
Oeffnungen derfelben mit einem Ringe umfchliefsen, und 
lieh dann an der Baurhleite zu einer in dec Mitte lie- 
genden, das vordere Achttheil des Körpers einnehmen- 
den Knorpelplalte vcieiiiigcn; auch auf boidei) Seilen 
verbinden Ce fich unter tfinaadec durch -(^aerftreifen ^). 



t") Sei T. mariiius hthehfn diefe, hfi ßuviaiih's ununteibro- 
chen doch etwas gefthlanfielt verlaufenden Knoi-pelftreifen, 
nach Caius-iS- den 111. Rand dicfes Archivs S. 6ll.) auf je- 
der Seite aus einer Reihe oberer Knorpelftreifen, die mit 
dem Knorpelrohrp, feiner Reihe unterer, die mit der mit. 
leren Knorpelplitte x-eibimden, find, und aus zwei querenc i 
die die ficb^n Kipmenlöcher umfchlicfsen. Sic werden an | 
diefer Stelle fei« richtig den Rippen der hüheru Wirbelthiere 



'i 



Nach hinten gehen fie in den knorpligen Herzbeutel 
(Iber, der wiederum an feiner obern Fläche mit der 
weichen knorpligen ^Olle der drei unmittelbar unter 
dem Knorpeirohre verlaufenden Gefäfsftämme zufam^ 
tneiihängt. Im Schwänze ift nur ein Gefäfs in diefeai 
unlern Wirbelkanal, der übrigens durch keine Knor- 
belbögen wie der obere befeftigt wird, obgleich lieh ia 
den Strahlen der After- und Schwanzfloffe das Analo- 
gen der untern Dornfortfatze findet. . Die Bedeutung 
jener die Kiemen umfchliefsendeu Streifen als untere 
Wirbelbögen oder Kippen, ift offenbar, und eine An- 
näherung an die Form der vollkoramnern Wirbelthiere, 
die in cliefem Grade bei den Fifchen nicht wieder vor- 
kommt. Dafs di>s Knorpelrohr den Kürpertheil der 
Wirbel, die hier noch nicht als einzelne Knochen vor- 
handen find, darfteilt, wlid auch dadurch bewiefen, 
dafs fich fchon eine Spur von Eintheilung findet, in- 
dem das ganze Rohr aus einer unzähligen Menge dicht 
aneinander liegender Ringe befteht, die befonders im 
trockenen Zuftande und an der Innern Fläche deutlich 
zu fehen find. 

Diefelbe Geftalt hat nach Cuvier ') die Wirbel- 
faule bei Polyodo/i frilii/m , doch ift durch die veränderte 
Lage der Kiemen das Verhältnifs iles knöchernen Appa- 
rats derfelben zur Wirbelfäule ganz verändert, überr 
haupt der Ko^jf Knochenfifch- ähnlicher. 

Aa 2 



verglichen, da lie das Atfamungsorgan elnfohUefsen ; fi'lfch- 
lieh aber mit den Ktemcnbugen der übrigen Fifclie verwech- 
lelt t äui denen das Ailimungsorgan dufserlich auffuzt > die 
«Üb nie Briifipamcr Rippen, genannt werden können. Aucli 
finden %vir beide Bildungen, die gewühnltohen Kiemenbu- 
gen und die Hippen der Neunaugen , bei den Hdilifchen zu- 
gleich vorliandeii. 

L« Kcgne animal, Paiii 1I17. T, U. p. I)4< 



348 

Diircli die ftärkere EntwicUelung der Ringe im 
Knorpelrolir , verbunden mit gröfserer Feftigkeit und 
Weifse der Maffe, unterfcheidet fich die Wirbelfäule der 
Chimaera arctica ') von der vorher befchriebenen als 
höhere Bildungsftufe (Fig. 3.). Die Zahl der Ringe oder 
Wirbeikörper ift immernoch fehr grols, denn in den vor- 
dem -1^ der Wirbelfäule, wo fie allein deutlich entwi- 
ckeltfind, finden fich fünfhundert; das hintere Drit- 
theil itk wie bei" Petromyzon gebildet, und endet als 
freier Faden ohne alle Floffenbildung, Der Bogeritheil 
befteht aus Knorpelftreifen , deren Zahl aber weit ge- 
ringer ift, als die der Ringe. Dicht hinter dem Kopfe 
find Körper und Bogentheil zu einer grofsen einfachen 
Höhle verfchiftolzen, indem fich das Rohr zu einer hrpi- 
ien Platte ausdehnt , die durch Gelenkfortfätze mit deiii 
Schädel verbunden ift. Es fpricht fich in diefer Er\veite'> 
rung des Kanals, (die bei den Rochen noch flärker enl-' 
wickelt ift) eine Neigung der Wirbel , befonders der 
Körper, zur Ausbreitung in platte Knochen, behuFs 
der Schädelbildung, aus, fo dals man dies als Vorfchä- 
del anfehen kann. Auch die Dornfortl'ätze bilden ati 
diefer Stelle eine einfache hohe Leifte, wie ftber den gan- 
zen Stirn- und Kiel'ertlieil, welche einen ftarken kno- 
chigen Stachel trägt, woran fich die erftc RffckeriRofre 
heftet. Rippen fohlen ganz, doch find dagegen die 
Gliedmaafsen ziemlich ftark entwickelt. ' ■■:••' 

Zunehn\enJe Feftigj^eit der Waffe, und deutlich 
organifches Gewebe der Verknöckerungspunkte in tten 
immer breiter uild dicker werdenden Kürperringen und 
Bogentheilen ift der Charakter der weiteren Entwioke- 
]ung bei den, durch alle übrigen Verhältniffe den Kno- 
chenfifchen fchon fehr nahe ftehenden Sturen (Acipen- 
ßr). Die Wirbelfäule felbft ift noch fehr unvoJlkom- 



1) Chim. mon/irofa. Bloch. 



34^ 

inen; defto vollkommner find die von ihr ausgehenden 
Strahlen, obere und untere Dornfortfätze, Querfort- 
lätze, Hippen ufid FJolTenftrahlen erjtwickelt. Ueber- 
haupt lindct eine Neigung, die harte Maffe an die Ober» 
fläclie abzufetzen, Statt. Die die Wirbelkörper darftel- 
leudcn Ringe find fehr breit, fo dafs der vordere Theil 
bis zum Anfang dcrSchwanzfloffe (der bei dem getrock- 
neten Skek-tt 3'ii" lang ift) nur aus 42 ') befteht; fie 
fxiid durch eine dem Ilohr bei Petromyzon ähnliche Knor- 
pelmalfe verbundsn, dieindein hinteren Theile dieganze 
VVirbelfäule itiieio zu bilden fcheint. Auf dem ganz 
knorpligen IVisckenmarkkanal fitzen vom erften bis drei- 
fsiglten Wirbel Bögen, die aus zwei von beiden Seiten 
convcrgircndcn I\;^!lren gebildet und von feft knochiger 
Subfijnz find, welche eine zweite Reihe langer Knochen 
tragen, die durch ihre angefchwollenen Enden und mitt- 
lere Einfchnüruiig, fo wie durch die in ihnen befindliche 
IJOlilc, mehr den Röhrenknochen der höhern Wirbel- 
thiere, als denfeften faferförmigen Gräten der übrigen Fi- 
fciie ähneln ; diefe finden fich bis zum zwei und dreifsigften 
Wirbel, wo fie noch die erften Stücke der unteren Reihe 
der RiickenflofCenträger tragen, welche ihnen an Geftalt 
ganz gleichen. Dicfo Bögen gehen weiter nach vorn als 
die Körper, fo dafs die beiden erften noch über dem faft 
knochigen Keilbeine liegen '). Die Afterfloffe und un- 
tere Hälfte der Schwanzfloffe wird von ähnlichen Kno- 
chen getragen. Diefelbe Rohrenform haben die kurzen 
Querfortfätze, auf denen zwei und zwanzig Rippenpaare 



l) Cuvier (Vorlefiipgen üb. v.A. I. S. 158.) gicbt flberliaupt nur 
acht und zwanzig für die ganze Wirbelfäule an, doch laffen 
fich bei dem getrockneter ExempUr das ich vor mir habe, 
wenigftens 43 unterXcheiden. 

*) Merkwürdig ift diefe Umkehrung der VerknöcherungtfteUen 
im Schädel, im Verh.iltnifs'zur WirbelHiulc , wo die K.orper 
knorplig, und die Bügea verknüchert £ud. 



350 

fitzen. Auch diefe find 'lange Rülirenknochen mit an-' 
gefchwollenen Enden. Die letzte Rippe der einen Seite 
befteht noch aus zwei aufeinander folgenden Knochen- 
ftücken (vielleicht ein Beweis, dafs alle aus zwei Kno- 
chenkernen entftehen) '). Im frifchen Zuftande find 
die Körperringe nach Home ') fojgendermafset) be- 
fchaffen: Auf die das Knorpelrohr bildende Schicht 
folgt nach innen eine zweite von gleicher Dicke und 
einer feften elaftifchen Subftanz , an welche fich eine 
dritte fehr weiche, lofe, biegfame, wenig elaftifche an- 
fchliefst.' In der Mitte bleibt eine Oefl'nung, welche 
die rautenförmigen Höhlen , die Cch an der Verbin- 
dungsftelle je zweier Wirbel finden, verbindet, wodurch- 
ein fortlaufender, abwechfelnd erweiterter und verenger- 
ter, mit einer Fliiffigkeit gefüllter Kanal entfteht. 

Durch gänzliche Verdrängung der Flüfligkeit aus 
den verengerten Stellen und Ausfiillung der Ringe, die 
durch Geltalt und Verbindung nun förmliche Wirbelkör- 
per find, nähert lieh die Wirbeifäale der /<of7/e«nnd//ni- 
fifche 3) (Fig.4u. 5.) der dcrKnochcnfifche immer mehr, 
obwohl die Textur, indem fie in allen Theilen gleichför- 
mig fefler geworden ift , nicht die Feftigkeit der einzel- 
nen Knochenkerne im Stör erlangt. Die Ringe haben 
nicht mehr eine convexe oder tioch plane Oberfläche, 
wie bei den vorigen , fondern eine concave, indem fie 
auch äufserlich in der Mitte ftark zufammengezogen 
find, wodurch befonders das Verfchliefsen im Innern be- 



1) Diefe für 5ie Knoclienbildungslelire lincTirt wiclitige Form 
beweift, dafs nicht die Glafe, wie Oken (Natnrphilofopliie 
E. III. S. 65.) will, fondern die Rülire die Grundform der 
Knochen ift. 

l) Lectiires on comparative anatomy. P, I. S. 87- 
3) In der nachfolgenden Tabelle find die Skelette der Fifche, wel- 
che ich felbft unteifucht liabe , genau angeführt. 



^■^^^^ 351 

wirist wird. Die beiden angefchwollenen Verbinclungä- 
theiie de; Wirbels erhalten daJurch trichterförmige Ver- 
tiefungen, die mit Hülfe des Zwifchenwirbelbjndes 
weite, mit einer Flüfligkeit gefüllte Höhlen bilden, wel- 
che Home ') und Biaiiivills ') bei Squalus maxlmiis 
(Lio.) befchrieben haben. Nach BlainvlUe betrag die 
Menge der zähen, i'alzig fchmsckenden Flüfßgkeit 3I 
Finte, das Zwifchenwirbclband war i"io'" dick und 
2" hoch, und be[tand aus kreisförmigen Lagen; die 
Tiefe der trichterförmigen Höhle betrug auf jeder Seite 
3"4"', dagegen die folide Stelle des Wirbels nur 2'" 
dick war. Nach Home zog fich das geöffnete Band fo 
ftark zufaramen , dafs die Flüffigkeit vier Kuls weit her- 
ausfpriitzte. Solche mehr oder weniger tiefe Wirbel- 
höhlen finden fich bei allen übrigen Fifchen. Nach Ho- 
me s Entdeckung 3) enthalten auch diefe nicht wie man 
bisher glaubte, eine fette Gallerte, fondern eine ähnli- 
che Flülfigkeit, die nur gleich nach dem Tode feft wird, 
wodurch der Irrthum veranlal'st ift *). Die Bildung 
des Bogentheils bietet bei den Haififchen und Rochen 
eine Stufenfolge in derEutwickelung einer eigenen, zwi- 
fchendieDornfortfätze gefchobepen Pieihe vonKnochen- 
flücken dar, welche üch bei den Grätenfifchen ftarker 



l) Leecures on comp. anat. P. I. S. 84. P. 11. Tab. VI. 

s) Annales du Miifeum d'hiftiAre naturelle.' T. XVIII. S. 127; 
Cleicb tl.iraiif (ulgt die chemirche Unterfuciiuag des Knor- 
pel« und der FiüOigkelt von Ckcurcul. 

i) U c. S. iS. 

4) Ein UeberbleibTel diefer Bildung erhilt fich bei allen Wirbel- 
tiiieren, der!?n Wirbel nicht durch freie Gelenke auf einan- 
der bewei^Uch find, bis zum Menfclien lierauf, wo die 
feicliclie Eiufcliniirung, und die mit v/eicherer Knorpel- 
naffe ausgefiilliep Vertiefungen der einander zugekehrten 
Wirbelkürperlljthco M andeuten. 



und freier ausbildet. Der Markkanal wird durch dicht 
aneinander liegende, mit den VVirbelkörpern feft ver- 
bundene Bögen gebildet , die aber bei den Haififr.hen aa 
Zahl doppelt fo grofs als die Körper find. Hier liegt 
nämlith aufser dem von der Mitte eines jeden Körpers 
entfpringenden Bogen, an der Verbindungsftelle von 
je zwei VVirbeln ein zweiter beiden zukommender. Dafs 
diefe Vermehrung der Zahl der Bögen mit einer Erhö- 
hung des Obern Thcils der Wirlielfäule in Beziehung 
ftelie, zeigt Cch deutlich bei den Rochen, in deren 
Rückenwirbeln der Kanal blofs durch die fehr breiten, 
an "ler Verbindungsftelle zweier Wirbelkörpor liegen- 
den Bogen gebildet wird. Zwifchen die obern Enden 
derfelben , welche die Dornfortfätze bilden , ift eine 
Reihe platter Knorpijlftiicke eingei'ügt, deren Zahl der 
der Bögen entfpricbt. Im Schwänze dagegen ilt die 
Anordnung ganz wie bei den Haien; der Uebergang fin- 
det in den letzten Rückenwirbeln Statt , wo lieh von 
der Mitte der VVirbelkörper eine dreieckige Knorpel- 
platte zwifchen den Bögen in die Höhe driingt, bis fie 
allmählich das 'obere Zwifchenftück erreicht, und lieh 
mit ihm verbindet. Bei den Haifilchen find die Rogen- 
iheile der beiden vor dem Anfange einer jeden Rücken- 
fioffe liegenden Wirbel noch um einen vermehrt, indem 
fich zwei mittlere finden, fo dafs hier jeder VVirbelkör- 
per iTHt vier Bögen in Berührung fteht. Von den Rii- 
ckenwirbelkörpern entfpringen quere Fortfützey welche 
fowohl bei Hal/ifchen als Roclien mehr oder weniger 
Ifinge Rippen tragen , die bei den Haififchen , befondeis . 
nach hinten zu, flärker entwickelt find'). An den 



l) Fälfchlicli fprechen Cuvicr (Vorlefungen über vergl. A. I. 
S. 191O» '^yeviraTiiis(^lVtcdemanns Archiv für Zoologie, ß. IV. 
Heft 3. S. ^8) und, ilinen folgend, t'ariis (Lehrbucli der 
Zootomie. S. loi.} den Roclien und Haien die Kippen gdnz- 



353 

Schwanzwirbeln bilden diefe QiierfortfStze, indem fie 
fich nach unten fchJagen und vereinigen, untere iäügen 
für den Gefäfsftamm, die an Zahl den Wirbelkörpern 
auch bei den Haien entfprechen. Auf diefe folgt eine 
Reihe platter Knochen, welche bei den Haien mit den 
Trägern der Afterfloffe verbunden ift, und durcii den 
ganzen Schwanz einen Kamm bijdet, der bei den Ro- 
chen nur im vorderen Theil des Schwanzes entwickelt 
ift, indem der hintere Theil oben und unten zu eirifin 
viereckigen Balken abgeplattet und verfi.limolzoii ifi, 
worin Qch die einzelnen Wirbel fchwer unterfcheirleir lal- 
fen. Dafsbei den meiftenRocljen an der ganzen untern KJii- 
che des Schwanzes die FIolTenbildung fehlt, ift aus den 
Abbildungen hinlängiich bekannt. Wie die Seitenflo!- 
fen, beliehen auch die Rücken - und Afterfloflen in ilieler 
ganzen Familie aus mehrern phalangenarligen Knochen- 
reihen, worauf die borftenfürmigen Strahlen fitzen. Das 
.Schwanzende der Wirbelfäule befteht(felbft bei fehr g'O- 
fsen Exemplaren) aus kleinen, kaum wahrnebmbai en 
Knochenkernen. Bei den Haien geht die \Virl)eiräule, 
indem die Körper allmählich platter, die Bugen aber hö- 
her werden, in den Schädel, jene in die Bafis, diefe 
ir. die Decke deffelben über, doch iind die Bögen weiter 
nach vorn getrennt erkennbar, als tlie Körper. Bei 
den Rochen ift an diefer Stelle diefelbe Bildung, wie 
bei der Chlmaera , nur um vieles vergröfsert, fo dals 
das vordere Siebentheil der Wirbelfäule ein, aus einem 
Knorpel bcftehendes Rolir bildet, welches fich nach vorn 
in die Schädelhöhie, nach hinten in den Piiickenmar!<s- 
kanal fortfetzt. Auch die Querforlfälze find hier auf 
ieder Seite in ein , von vorn und hinten nach der Mitte 



l<ab ab; letzterer Infst aiicli in den Zuldtzen nur den Ha>- 
fiCchen Gerechtigkeit wiederfaiiren. 



554 — ' — - 

zu breitnr werclericlf^s, in feinem breitern Theile nach 
ob?n umgebogoiios Elatt verfcliniolzen. 

Der in feiner äufseren BildLing den Grätenfifchen 
näher tlcliencle Mepreugel, Squalhia laevis {C>\i\ .") weicht 
auch rückfichtlich der VVirbelfiuile bedeutend von den 
Haien und P<ochen ab '). Die Vv'irbelkorper Gnd kurz, 
gnnz ohne die mittlere Einfchniirung, die beiden meiften 
Fifcheii wie bei dci) vorigenSlatt findet; daher lind die trich- 
terförmigen Höhlen fehr flach; dieZwifchenwirbelbänder 
find fukurz, dafsmanjhr Vorhandenfoyn nur durch einen 
feinen Streifen wahrnimmt. Die FLilswirbel find zwar 
deutlich getreiuit, aber fehr breit, befonders durch 
ihre ftarken Ouerfortfätze , welche auch in den Rü- 
ckenwirbeln eine ununterbrochene Leifte bilden; hier 
find zwiTchen je zwei Querfortl'ätze die Rippen einge- 
fchobenj die alfo wie bei den hühern Thieren an der 
Verbindungsftelle zweier Wirbel liegen. Die oberen 
Bögen entfprechen in den zehn vorderen Wirbeln den 
Körpern an Zahl, von da an aber ündet diefelbe An- 
ordnung als bei den Huiea Statt. Im Schwanzlheiie 
find die über den Bögen liegenden Knorpelftiicke fehr 
l)och und breit, fo dafs einer drei bis vier Wirbeln 
eiitipricht; tmter jeder Rückenflofle bilden fie zwei 
bredie Kiiorpelbhitter , worauf fechs Phalangen einlen- 
ken. Da wo die Schwanzflolfe anfängt, verlängern fie 
-fich oben und unten beträchllith, und nehmen nach 
hinten zm allmählich ab, wodurch das Ende der Wirbel- 
fäule eine keilförmige Gefialt, wie bei den Haififchen, 
erhält. 



l) Leidet iTc «las Eiiemplar das ich vor mir habe, noch fehr 
jung, lo5" Ua». 



555 

B. Knochenfifche. 

Bei rdiefen bewährt fich die weitere Entrt'ickelung 
der Wirbelfäule, befonders durch das allgiemein her- 
vortretende Knochengewebe, das ficli an der Olurllüche 
verdichtet, und nach innen zu auflockert (fubftanlia 
corticalis und diploe) ; durch Vermehrung und Aus- 
bildung der unmittelbaren und millelharen Fortfätzö 
der Wirbel, wodurch ihre Geftalt 7ufammengeretzter, 
iind die verfrhielenen Gegenden der Wirbeliaule deut- 
licher unterfcheidbar werden. Doch betrachlen wir 
ichicklich, che wir zu den eigentlichen Grätenfifchen 
abergehen, einige der früher zu den Knorpeliifchen 
gerechneten PIpnr.ogiicirhen , weil fie in mniicher llück- 
ficlit eine Zwifchenftufe bilden, und üborliaiipt durch 
cigenthfimliche Formen von der gewohnlichen Fifchbil- 

Awn" a))we;chen. 

o 

AVenn Orthagorifciis Mola (Tetrodon Mola. L.) 
wegen feiner getrennten Schiirlelknochen niclit zu den 
Knorpelfilchen gerechnet werden kann, fo ffelit er ihnen 
doch durch Textur und Struclur der WirbelKiule fehr 
pahe (Fig. 6.). DieFaferbildungl'prichtfich in allen Tliei- 
len des Skeletts vorherrfcliend ans. Zelligcs Gewebe 
ift nicht wahrnehmbar. Die der Form nach zwar deut- 
lich abgetheihen fiebenzehn Wirbel bilden eine ziifam- 
menhängcnde Maffe, imlcm befonders die Bögen ganz 
verfchmolzen find , die Wirbelkörper find lang, äufscr- 
lich lind innerlich denen der Haililclie ähnlich. Rip- 
pen und Ouerfortfiitze fehlen ganz, ihre Spur zeigt 
fich blofs in einer lehnigen Scitcnlciflc durch die ganze 
Wirbeliaule. Um fo flärker fnid aber obere und unlere 
Dorniortfätze, (jene vom fiinften, diefe auf d<>n unte- 
ren Bügen vom zehnten Wirbel an) entwickelt. Jene 
3" lang, an iln-er Bafis verfchmolzen, dicfc 7" lang, 
und (die beiden erften ausgenommen) an ihrer Bafis 



356 

von einnnder getrennt '). In der Mitte ihrer Höhe 
verfclimcj^.en fie iniit den . ihnen eutgegenkomn^nden 
rjorrenträgern zu einer breiten Wand ; d? wo die Flof- 
fenftraiiJen aufGizen, find fie wieder von einander ge^ 
treiinl. Kücken -und Afterfiorie fliefsen nach hinten in 
der SchwanzfiolTe zuianiinen, die vorderften Strahlen 
lind oben iind unten 8" lang. Die neun Träger der 
lehr breiten Schwanzflofre eiitfpringen von dem obern 
lind unteren Dornlortfatz des vorletzten Wirbels, den 
jnittelften ausgenommen, welcher eine Fortfetzung des 
Jel^ten Schwanzwirbels ift. Die BruMüflen fetzeu fich 
durch knorplige Fortfät'ze des Gürtels, der eigentlich 
mit dem Schiidel verbunden ift, auch an den fünften 
Wirbel. 

Bei den Koffcrfifcheii (f. Fig. 1 1 .) ift der Mangel der 
puerfortfälze und Rippen durcli den zufammenhängen- 
den Panzer crfetzt, welcher jedoch mit dem Skelett bei 
Ojtracloti trigonvs nur an der Stirne verwacbfen ift. Das 
Knochengewebe ift hier weit fefler, die Geftalt der Kü- 
<kcn Wirbel der beim vorigen ähnlich; die innerhalb des 
Panzers liegenden fechs vorderlten Wirbel find unter 
einander und mit dem Schädel verwachfen. Das Gewebe 
der Knochen gleicht dem der verknöchernden Schädelr 
l<nochfii im menfchlichen Embryo einigermaafsen. Der 
rrfle Wirbel hat diiitljche QnerforlRitze, an welchen 
gsiiz kurze rippenartige Anhänge fitzen. Die beidea 
-jriten haben freie obere Doriifcrtfätze. In den vier fol- 
genden Wirbeln entfpringen diefe \on der ganzen Ober- 
flöclie des Wirbels, indem fie den Bogen und Körper 
Schräg von hinten und oben nach vorn und unten als 
eine breite Leifte iimfaflen; fie ähneln in diefer Riick- 
Qfht den auf ihnen fitzenden FJoffenträgern , -welche 
ebenfalls in ihrem unteren Ende gefpalten find. Untere 1 



l) Der ganze Firdi ift 14" lang «nd ;$" hoch. 



357 

Domfortrnize finden (Ich nur vom achten Wirbel an, 
obwohl fich der fehr ftarke erfte Afterfloffentriiger mit 
feinenfi in fechs Strahlen gefpaltenen Ende ichon an dea 
Vierten Wirbel anlegt. Diele Strahlen liegen^ nicht hin- 
ter-, fondern nebeneinander (eine, bei keinem andern 
bis jetzt nnterfuchten Gel'chlechte vorkommende Bil- 
dung). Die Schwanzwirbel untericheiden fich durch 
ihre Kürze und grofse Beweglichkeit von den übrigen^ 
die drei erften haben ftarke obere und untere nach vor» 
gerichtete Dornfortfätze, von denen der obere des er« 
ften die Riickenftoffe, der untere des zweiten die Af<- 
terflolfe von hinten unterftiitzt. Der letzte Schwanz-: 
Wirbel ift ein breites, länglich viereckiges Knucbenftiick, 
auf dem jedcrfoits drei erhabenerLinieh divergirend nach 
der Schwanzfloffe verlaufen, deren Strahlen auf feiner 
Hintern Fläche einlenken. Den Kofferlifchcn zunachft 
fteht die Gattung Baliftes lAn, , bei denen fich bereits 
einige Rippen finden, die aber die Bauchhöhle blolsivoa 
oiben bedecken, indem fie fich^ falt aufwärts gerichtet, 
feft an die dicke Haut heften. Die Gcftalt der Wirbel 
ift im Ganzen diefeibe; das Gewebe mehr blättrig uncti 
zelligi Di6 vorderen Wirbel lind zwar nicht mehr vcr*- 
vvachfen, aber doch kaum auf eitiander beweglich. Die 
oberen und unteren durchgängig nach hinten gerichteten 
Dornfortfätze find hoch, und mit fiarken FlolTenträ- 
gern verbunden, welche dicht hinter dem Schädel ei» 
genihilmliche Knochen darftellen, die durch Goftahund 
Lage ähnlichen , an der ßauchfiäche liegenden x'ntfprö- 
chen. Bei Trifimnthus Cuv. Balifi. biacuhntua 1 . 
find diefe folgendermaafsen gebildet. Auf dem Bog(>n 
des erften Halswirbels, der mit dtm Schädel vervvaeh. 
fen zu feyn fcheint, fteht ein- langer viereckiger Kno>: 
chen gerade aufwärts, durch fein Gelenk mitüini ver- 
bunden; das obere Ende ift hammerfOrmig nach vor« 
und hinten ausgebreitet. In der Mitte auf dicfom ift 



der ftatke Stachel der erfteri Riickenfloffe eingelenkt^ 
der vorder© Fortfalz ragt ge^en den HinterhuuptSr 
ftachcL, der liiiitere trdgtden kleiiiea zweiten Floflenr 
l'trahi; der dritte, vierte und fünfte fitzen auf^igenen« 
kleinen, nur durch Haut unter fich und mit den vot^t 
gen verliundeneu Floffenträgern, welche auch die Dorn-, 
fortfatzs der Wirbel bei weitem nicht erreichen. Dio 
plofl'entrdger, welche die zweite lUickerifloffe unter- 
feützen, find durchgängig an ihrem oberen Ende ham», 
merförmig; fo dafs durch die nach heideu -Seiten (nicht 
nach vorn und hinten) gerichteten Fortfätze eine breite 
Riickendccke enlfteht. Die unteren Flöflenträger (jnj 
dielen ähnhch , nur mit weit kleioern hamirterfärmigen 
Fortlataen am Gclenkcnde verfehen. Bei Balißes l^e^ 
eula ift die Knochenbjldung im Allgemeinen ftärker ; die 
VVirbelfa'ule unterl'cheidet fich belonders durch eine ei- 
gene Art Bewegliclikeit im vordem Theile; die Körpec 
haben hier eigene Gelenkforlfalzc , die fich von vorn 
Bach hinten decken , die Bögen des diittsn bis lieben^ 
teri 'Wirbels find unter einander verwachfen , doch ver-( 
binden fiu Jich mit den ihnen eulfprechenden Körperrt 
durch GelenUllächen , wodurch die Beweglichkeit die-- 
fes.Theils der VVirbeli'aule wieder hergeftellt wijrd. Im 
hinteren Theil der Wirbilfäule trügt jeder Wirbfjlkör-, 
per an feinem Vorderen Ende einen eigenen kleinen Bot 
gen , der fich an den gröfserti Bogen und Doi'nFortfatz 
des nacllft vorderen Wirbels anlegt. Die die Rippen 
tragenden Oiicrfürli'utze entl'pritigen in den lirei eri'tefl 
Rückenwirbeln von den Bogen, in den andern von dea 
KwCjpern,' .Die. erftenRtJckenfloffenträger find hier zrt 
zwei grofseii Knoclien verfchmolzen. Der erfte, kahäi 
förmige, erfi reckt fich vom Hinterhauptsftachel naeh 
hinten, ohne die Wirbel zu beruliren, er tragt in lei- 
ner nach oben gewandten Aushöhlung die Strahlen der 
erften RilckenAoIfe , der zweite kleinere fteigts von dem 



S> 



359 

hintern Ende des erften fcliräg zu den Dornfortfälzen 
des vierten und fünften Wirbels herab. Die iibrigeij 
obern und unteren FJoffenträger fuul an ihren FlolTen- 
enden verwachfen. Ausgezeichnet grofs ift der erfte 
der Afterfloffe. i. 

Der letzte Wirbel fpaltet ßcb bei beiden Balifle;» 
in zwei nach hinten divergirende Platten, welclie nebft 
den beiden Dornfortfälzen deffelben Wirbels dieächwanz- 
floffe tragen. .!< «w ., - 

So flehen diefe den Grätenfifchen fchon fehr nalie, 
Die Gefchiechter S\ngnrichus und Pegafus CL.) verbin- 
den auf eine ähnliche Weile, wie die Kofferfilche uml un- 
ter den Pieptilien die Schildkröten, die Wirbellhiarbil- 
dung mit der der Panzerthiere ').- Die-Geftalt der Wir- 
bel ift bei SyiigiHUhus und Hippocainpus fehr einfacl» 
(f. Fig. 7 und 8-); die aus zwei Trichtern beftehenden 
läfiglichen Wirbelkorp.cr tragen an ihrer mittleren Ein- 
fchnilrung ftarUe Qutrfortlatze j der Pviickenmarkska- 
oaL^ivird bei i'. acus und typlile durch elijCvU , in i\ea 
Rückenwirbeln auf jeder Seite mit fünf, m den Schwanz- 
Wirbeln mit fechs getrennten Wurzeln entTpriiisrcmlen 
Bogciv gebildet; die dadurch entltehenden feitlichea 
Oeffniingen find durch Haut vericjilofien '). Bei hippp- 
cainpvs find die Wurzeln rt-jr einfach. Vo?» der j\y[itte 
der Bugen erheben (ich kurze Dornfoctfätze, die eine 
7ufammenhüngende Wand bilden, indem fiqjjnter tinaij- 
der fioh berühren. Die unteren Bögen der Schw.mz- 
wirliel entipringcn wie gewöhnlicji von der Mitte der 
Wirbelkörper und tragen kurze Dornfortfätze. Allft 



'' *10 Diefc Bildung ift Ijtre-ts von Schneider (Petri Artedi Sy(W~ 
i> nymia pircium, Lipliae l^%'J) b»rc!itii:lien und abgebildet. 

»')^k di<>«|v!i;))tlalit eine-Audeatung im meharracliea Ei'igen bei 
i*!i Uaicii '!■'■'■■ 



3/50 

dfefe Fortfätze erreichen den Panzer, mit cteffen innerer 
Fläche fie fich durch Bänder verbinden. Einem jeilen 
Wirbel entfpricht ein Ring, der in den Riickenwirbtln, 
die- erfren ausgenommen, aus lieben fchuppenartigen 
Stücken befteht, die fich vom Bauch nach dem Rückea 
zu decken, auf dem Rücken abwechfelnd über einander 
liegen. Die Ringe decken fich von hinten nach vorn. 
Das Ganze ift von einer ziemlich ftarken Haut iiberzo-> 
gen. Bei Hippocampus haben die leitiichen und unte- 
ren Stücken der Ringe eine mehr kreuzförmige Geitalt, 
und verbinden fich mit den benachbarten blol's duroh 
rhre Fortfätze, jedoch fehr feft. Die hierdurch entfte- 
hi-nden Zwifchenräume werden durch Muskeln ausge- 
frillt, die den ZvvifchenrjppenmuskeJo der übrigen Vi-) 
fche eotfprecben. ■ Die Rücken- und Schwanzmuskölor 
)iegen in den Kammern oder Kanälen, die durch die 
Verbindung der Dorn- und Querfortfätze mit dem obe- 
ren und untern Tlieile der Ringe gebildet werden. Der 
letzte Wirijel tragt bei 5. aciis und typlile die Schwana- 
floffe, indem 'er Geh fenkrecht ausbreitet. 

Die S\iigi2athp)i ohne Schwanzflofie und Hippo- 
campiis find die einzigen bekaniuen Filche, in denen, 
bei völliger Verkhöcherung dcis letzten VVirbels, die 
Sohwanzfloffe fehlt; einige Aajartige. Filche ausgenom- 
men, deren Skelett aber, noch nicht befchrieben ift. 
Der erfte Wirbel untiipfcheidet Ccli.voii den .übrigen 
durch feine beilförmigen dicken Querforlfatze, an wel-. 
che fich die Gürtelkriochen anlegen/ Die Rücken -und 
Afterfloffe filzen auf d&n letzti^. Rücken - und erftea 
Schwanzwirbehi. Jene, bei S.typh/e und acus, auf 
fächerförmigen Ausbi-eitungen der Dornfortfalfe des" 
ein und zwanzi^ften bis dreifsigften Wirbels; heiHippo- 
Campus auf eigenen FloiTenträgern , die fich zwifchen 
«iiefe fächerförmigen Ausbreitungea legen. Bei diefem 
unterfcheidet fich auch der erfte Schwanzwirbel von den 

■ übri- 



fibrigen durch zwei Querfortfä'tzeauf jeder Seite. Wahr- 
fcheinlich ift bei Solenoftomus uad Pegaßis, die äufser- 
Lch ganz mit dielna übereinkommen, die Bildung der 
Wirbelfäule diefelbe. Unter den Grütenfifchen finden 
fich mannichfache Annäherungen an diefe Form. In 
Loiicaria (L.), Cataphractus (Bloch), Agonus (Schnei- 
der), Conus cataphractus und monopceiygius (L.) Peri- 
ftedion (LacepeJe, Trigla cataphracta L.) durch den 
Panzer, in Fijhilaria tabacaria durch die Foriri der 
Wirbelfäule felbft. Nach Rofe/itJial'^ finden fich in 
letzterer auch im vorderen Theile der Wirbelfäule 
einige grofse panzerariige Schuppen. Die Bildung 
bei Loricaria ift nach Schneider (I. c.) der der Syn.- 
gnaihea fehr ähnlich; die Rippen fehlen gänzlich; 
die fehr ftarken Ouerfortfätze verbinden fich befonders 
im vordem Theil , feft mit den Seitenfchildern. Die 
Dornforlfätze bilden bis an die Rückenfchilder eine 
zufammephängende Wand. Diefe Verbindung wird 
noch dadurch befeftigt, dafs obere und untere fchräge 
Fortfätze von den Wirbelkürpern bis zu den ihnen ent- 
fprechenden Panzerftiicken gehen. Mehr entfernt fich 
Trigla cataphracta von diefem Typus. Hier findea 
fich Rippen, die fich zwar mit dem Panzer wie die Ouer- 
fortfätze der vorigen verbinden, doch fehlen fie vom 
vierten Schwanzwirbel an , und auch die Dornfortfätze 
hängen nur mittelft der Floffeoträger mit dem Panzer 
zufammen. Die Zahl der Schuppenreihen kommt, bis 
auf die dem Kopf zunächft liegenden Wirbel , welche 
von dem Giirtel und den Kiemendeckeln bedeckt find, 
mit der der Wirbel überein. Merkwürdig ift hier noch, 
als ^childkrOtenähnlichkeit, das bruflbeinartige Bauch- 
Icliild , das von den Gürtelknochen bis zum Anfang der 



l) Ichtbjrotomilclie TtieXa, zweitd Hefe, Tal>. IX. 
Af. d. Archiv, ly, 3, BU 



363 — ' 

Afterfloffe reicht ; es befteht aus drei' -Von vorn nach 
hinten aufeinander folgenden Platten, in deren letzter 
ein Loch für den Aficr ift. 

Sowohl durch das Knochengewebe als die einfa- 
che Geftalt der Wirbel zeigt fich bei Lopliius pifratorius 
die V'erwandtfchaft mit tien Plectognathen. Querfort- 
fatze und Rippen fehlen gänzlich (Fig. lo.); die VVirbel- 
körper haben eine cylindrifche Geftait, ohne Einfchnii- 
rung in der p.Iitte, und find durch eigene Gelenkfurt- 
fätze verbunden , indem die Bafis dos Bogens liber den 
Körper des nächft oberen Wirbels hinüberragt. Die 
Bogentheile und Dornfortfätze beftehen fowohl oben 
als unten aus zwei feitlichen Hälften, die nur durch 
Zellgewebe verbuntlen find. Die SchwanzflolTe fitzt 
blofs auf dem einfachen letzten Wirbel, 

Die Wirbehaule des Cyclopterus Lumpi/s ') zeich- 
netCch durch blättr^eBildung aller Theileaus(Fig. 1 1.). 
Wirbelkörpar und Bögen beftehen aus lehr zarten, 
faft durchfchtigen, fpröden Blättern, wekl>e nach 
Pallas *) bei Cyclopterus gelatiiiofus auch von einer 
faft knorpligen Befcbaffenheit find. Der letzte Schwanz- 
wirbul ift wie beiden Bcdifien in zwei breite Platten ge- 
fpalten, welche eigentlich nur der nach hinten ge» 
richtete und ausgebreitete obere und untere Dornfort- 
fatz und. Sämmtliche obere Wirbelbögen haben in 



l) Das Exemplar, deffen Wirbel ich vor mir habe, war durch 
lange Aufbewalirung in Weingeift fo aofgelöft , dafs es ohne 
Bi Fäulnifs übergegangen zu feyn, beim Herausnehmen ganz 
zeräel. Vielleicht eine Folge der eigenthümlichen Mifchung 
des Schleimgeivebes und der Muskeln diefes Fifches, eine 
gänzliche Erweichung der Knochen bis zur Biegfamkeit der 
Sehnen fand ich bei einem gleichfalls lange aufbewalirten 
Argyreiofus aiomer* 

i) Naturgefchichte merkwürdiger, Thierc , überf. v. Baidinger. 
7te Sammlung. S. i6. 



363 

ihrer breiten Bafis ein Lock, das vom Rfickenmark- 
kanal nach aiifsen geht. 

Die bei den ineifteq Grätenfifchen gewöhnlichere 
Form ift, mit den weniger bedeutenden Abweichun- 
gen, folgende: Die VVirbelkörper find an den Ver- 
bindtingsftellen cylindrifch; ihre äufsere Fläche ifl za 
den Seiten und befonders niiten häufig durch tiefe 
Zellen und Löcher un^en; fie find im Verhältnifs 
^u den Bögen kleiner als bei den Knoi-pelfifchen. Ihre 
Länge ift nach dem Aller, der GeftaU und dem Theil 
des Fifches verfchieden; in der Regel find die erflen und 
letzten die kürzeften. Die 'Wirbel Vej-binden ßch unter- 
einander nicht blofs mittelft der Körper auf die bei dea 
Ha/>K angegebene Art , wie Cuvier ' ) behauptet (dies 
habe ich blofs beim Lachs gefunden), fondern gewöhn- 
lich durch eigene Fortfätze, die Rofeiithal ') proceljiis 
fpinofos accefforlos feu articularps f. obliqiws nennt. 
Sie finden fich meift im v.ordern Theil der Wirbelfaule 
ftärker entwickelt, und find verfchieden geftaltet. Sie 
fcheinen überhaupt eine Andeutung der, bei den Ro- 
chen von der Verbindungsftelle zweier Wirbel ent- 
fpringenden Bögen zu feyn, deren vordere, kleinere 
Hälfte entweder mit dem vorderen Wirbel zufammen- 
bängt oder ihn blofs bedeckt, wie wir bei Lopltius 
gefeheii haben. Bei vielen legen Cch eigene, vom 
hinlern Theil des Wirbels nach oben abgehende Fort- 
fätze an den Bogen des nächftfolgenden Wirbels. Bei 
ferca , Gadii.i vnd Scomber bedecken die Fortfätze 
der Bögen des hinteren Wirbels ilie vom Körper ab- 
gehenden des nächft vorderen. Diefe der Anordnung 

Bb a 



l) VorUfanf^n aber v. A. S. 157. 

■) Aichiv fU/r (Ue Pbjrfiulojie voa Rtil upd Auttnrleth, X. S. }f {. 



Z6i — 

bei allei) höheren Wiibelthieren entgegen gefetzte Ein- 
richtung fcheint bei den Fifohen allgemein zu feyn, äii- 
fser dafs in der Verbindung des Kopfes mit dem erftea 
Halswirbel das entgegengefetzte Statt findet. Bei Clu- 
pea alofa find diefe eigene GelenUfortfätze auch im hin- 
teren Thejl der Wirbelfäule und an der Rücken- und 
Bauchfläche der Wirbel entwickelt, fo dafs jeder vier 
Paare derfelben hat , von welchen die längeren vorde- 
ren des hinteren Wirbels fich an die kürzeren hinteren 
des nächft vorderen legen. In den vorderen Wirbeln 
Einiger verwachfen die Bögen und Dornfortfätze ganz, 
fo wie bei Silurus, Uranofcopus , Muraena, lifox, 
doch fcheint dies blofs iin höheren Alter einzutreten. 
Mit den Körpern find die Bögen , befonders im frühe- 
ren Alter zuweilen beweglich verbunden, und befte- 
hen dann bis in die Spitze der Dornfortfätze aus zwei 
IJeitlich getrennten Hälften. 

Die Dornfortfätze find von verfchiedener Höhe, 
■was fchon durch die Geftalt der Fifche angedeutet 
wird; in den Pleiironecten z.B. find fie meift fehr hoch; 
in den Aalartigen fehr niedrig. Merkwürdig find die 
unteren Dornfortfätze in den vorderften Wirbeln bei 
Muraenophis Helena, als grofse Schlangen- Aehnlich- 
keit. Sie entfpringen von der ganzen unteren Fläche 
des zweiten bis vierzehnten Wirbels und find von ei- 
nem fehr feinen Kanäle durchbohrt. Am fünfzehnten 
Wirbel theilt er fich in zwei Blätter, die von einander 
weichen , und in den folgenden Wirbeln mit den Quer- 
fortfätzen verfchmelzen. 

Die Floffentrüger finden fich an einzelnen Stellen 
faft bei allen Grätenfifchen , wahrfcheinlich blofs die 
ganz floffenlofen Gyinnomuraena und Aptericlithys aus- 
genommen. Im Rücken fehlen fie bei Silurus (den einzigen, 
in den Dornfortfatz des fünften Wirbels ei.ngefchobenen, 
der die kleine Rückenfloffe trägt, ausgenommen), '^nd 



-T-r^CCr 365 

dagegen an der ganzen unteren FJäche, vom After an, 
entwickelt. In der Regel lüfst fich auf ihr Dafeyn ans 
dem V'orhandenfeyn der FJoffen fcldiefsen, doch finden 
fie fleh z. B. bei Tiigla, Salmo Scilar, Serrafalmo, 
auch vor der erften Riickenfloffe bis zum Hinterliaupt. 
Dagegen fehlen ße nach Geoffroi ') unter den Fioffen 
des Polyptenis Bichir, wo die, von fechzehn bis acht- 
zehn vanireiideri l\ü L-kenf] offen , jede von einem eige- 
nen, knöchernen Strahl getragen wird, der über dem 
Rücken ii'" lang und 2'" breit, und unmittelbar mit 
dem ihm entfprechenden Dornfortfatz verbunden ift; an 
füiner hinteren Seite fitzt eine durchfichtige, i" 6"' 
lange Haut, welche durch vier Knorpelftrahlen unter- 
fttitzt wird, die von den knöchernen nach hinten ent-» 
fpringen. 

Die Verbindung der-Floffenträger mit den Floffen- 
flrahlen ift fehr verfchieden ; bei den Acanthopterygiern 
ift meift ein zufammengefetztes Charipiergelenk , uncl 
häufig verfchmelzen die Floffenträger mit den Riicken- 
fchuppen zu breiten Rückenfchiklern , wie bei den 
Triglfii und Zeus Faber. Wenn die Zahl der Floffen- 
ftrahlen der der Träger entfpricht , fo verbindet fich 
häufig jeder Träger durch einen eigenen Fortfalz mit 
der hinteren Celenkfläche des nächftfolgenden Strahlst 
Dies ift befonders deutlich bei Gadiis Morrhiia, bei 
Efox ift es nur im miuleren Theile der Rücken- und 
Afterfloffen. Häufig ift der erftc Afterfloffepträger mit 
den ihm enlfprechenden Dornfortfätzen zu einem ftar- 
ken Knochen verbunden, der die Bauchhöhle von hin- 
ten fchlielst; fo bei den Schoüen , Zeus, Sargus, Bei 
Bruma Raji findet fich eine ähnliche, doch eigenthilm- 
liche Bildung, indem fich au die untern Dornfortfätze. 



l) Anoalet dn Muflum d'hiltoire naturelle I. p. 60. 



366 

des achtzehnten und neunzehnten Wirbels die Spitze ei- 
ner dreieckigen, l-|" hohen, i" breiten Knochenplatte 
legt, deren BaGs «lit den FloHentriigern, die fich auf 
der einen Seite über fie wegfchlagen , verbunden ift. 

Ganz eigentbümlich ift endlich bei 4nableps die 
Function des erften Stralils der Afterfloffe, deffen vor- 
derer Rand nach Cuvier ') von dem Ausführungsgange 
des Hoden durchbohrt ift. 

Eben fo allgemein, als die oberen' Bogen, fin- 
den fich bei den Grätenfifchen die, aus den Querfort- 
fätzen und Rippen gel)ildeten unteren, wenn gleich 
zuweilen fo unvollkommen, clafs fie nur den oberen 
Tiieil darfteilen. Selten finden fich blol's Ouerfort- 
fätze wie bei mehreren Aalartigen, oder blofs Rippen 
wie bei Srorpuena horrida , je nachdem fie mit den 
Wirbeln einlenken oder verwachfen; gewöhnlich aber 
fitzen die Rippen an dem freien Ende der Querforl- 
fätze. In der Regel endigen fich die Rippen nach un- 
ten frei; bei Wenigen find fie durch eine Reihe mitt- 
lerer Knochen , Bauchbeine , verbunden , wie bei 
Chi pect , Argvrelnfiis , Sfirajalwo. llire Geftalt, Grö- 
fse und Zahl ift fehr verfchiedcn , und fteht keines- 
weges mit der Zahl der Wirbel und der Grofse des 
Tifches in nothwendigem Verhaltnifs. Bei Pleuronec- 
tes, Cottiis und den Kahlbüuchen die Rippen haben, 
find fie fo klein, d;>fs fie zur Bildung der Bauchhöhle 
faft gar nichts beitragen ; bei Cypriiius find fie lang 
wnd hoch; dünner bei EJbx, fehr lang und dünn bei 
Scomber, und vorzüglich bei Clupea und Brama Iltiji, 
Die bei Vielen vorkommenden iVebenrippen kann man 
als den zweiten Strahl der zerfpaltenen Ouerfortfätze 
anfehen. Sie heften fich oben und aufsen entweder 
an die Rippen oder an den Querfortfatz, den VVirbel- 



i) Le Rigne animal. T. II. S. I9i. 



^^ --. 567 

körper und Bogen felbft, welche Bedingungen man zu- 
weilen bei cleml'elben Fifche, an verfchiedenen Stellen 
un.l durch mehrere Reihen diel'er Knochen dargeftelit 
findet, wie bei Chijyea cdofa ^ wo fich über den ei- 
gentlichen Rippen noch zwei andere Reihen, die den 
Muskeln zurei Anfatz dienen, entwickelt haben. Bei 
Scorpaena horrida und Gadus inorihuu Cnct diele Grä- 
ten im vordem Thsil« der Wirbelfäule an die Rippen, 
im hintern an die Ouerfortf.tze geheftet. Rückt diefe 
'Reihe höher hinauf, £o ift fie blofs mit den Querfori- 
fätzen, oder dea Wirbelkürpenv virljunden ; jenes bei 
Pleuronectes , Labriis , iWeies bei den Muraeneii , wo 
die eigentlichen- Rippen wie bei iWz^r. Cciiger und He- 
lena ganz verloren gäben. Im hintern Theil der Wir- 
belfaule find ße öfiers durch eine aus den verfchmol- 
zenen Ouerfortfälzen gebildete erhabene Leifte erfetzt, 
wie bei Scomber und ßrama. Bei diefen allen richten 
fich die Querfortfätze fehr zeitig nach unten und bil- 
den fciwn im vorderen Theile d&r VVirbelßiuIe die en- 
teren Bügen für die Gefäfsftämme. 

In der Regel unterfcheiden fich die erften und 
letzten Wirbel von den übrigen, jene, infofern Ce den 
Kopf, diefe infofern fie die Schwanzfloffe tragen. Die 
oberen und unteren Dornfortfälze der letzten Wirbel 
^verden bei den , mit einer ausgebildeten Schwanzfloffe 
verfehenen Füchen an ihrem äufseren Ende breiter, um 
die, aus kleinen Gelenkflächen beftehende Anfützfläehe 
fiir die Floffenftrahlen zu vergröfsern. So werden fie 
nach der Mitte zu immer feillich platter, bis fich der 
let/.te Wirbel felbft in ein otler mehrere folche» mit ih- 
rer IJafis nach hinten gerichtete Dreiecke ausbreitet. 
Die Zahl diefer fo veränderten Dornfortfätze ift nach 
der Breite der Scliwanzfloffe verfchieden. 

Sie beftuhen bei allen Grütenfifchen aus zwei Plat- 
ten , die eine Höhle bilden , welche in den rundliche- 



368 ^^^^^ 

ren , über und unter den mitte]ften liegenden Stücken 
die Geftalt einer Röhre annimmt '). Gewöhnlich ha- 
ben die unteren Dornfortfätze gröfseren Theil an der 
Bildung diefer Flolfenträger, als die obern, indem fich 
die letzten Schwanzwirbel etwas nach oben fchlagen ; 
was beiin Lachs und Hecht ziemlich ftark der Fall ift. 
Es fcheint dies feinen ^Grund in der früheren Bildung 
der Schwanzfloffe zu haben. Diefe tritt nämlich aus 
einer oberen und untern, einer Rücken- und After- 
floffe zufammen, wobei aber die letztere, befonders iirv 
Anfang, weit ftarker und faft allein entwickelt ift '). 

Die beiden erften Wirbel unlerfcheiden fich von 
den übrigen Wirbeln ziemlich allgemein , der erfte 
durch fch wachere, der zweite durch ftärkere Entwi- 
cke'ung (ein für alle VVirbelthiere geltendes Gefetz); 
doch offenbart fich die, hei den Knorpelfifchen fo all- 
gemeine Neigung der vorderen Wirbel, untereinander 
zu einer Maffe zu verfchmelzen , bei den Gratenfifchen 
weit feltener und in geringerem Grade. Eine Andeu- 
tung davon ift die Bildung des zweiten Halswirbels 
bei den Karpfen i er il't hier beträchtlich gröfser als 
die übrigen, und auf jeder Seite mit zwei Querfort- 
fätzen, einem hintern, längern, abfteigenden , und ei- 
nem vordem, kürzeren, autlteigenden verfehen. Weit 
fiärker tritt dies beim Wels hervor; der erfte Hals- 
wirbel ift hier klein, wie bei den Cyprinusarten, be- 
fteht faft blofs aus dem, dünnen Körper, und erfcheint 
nur als ein verknöcherter Zwifchenknorpel, Der 



l) Aehnliclie Höhlen finden ficli bei den gröfseren rifclien auch 
in der Gelenkanfcliwellung aller übrigen Floffenträger, Au- 
fserdem habe ich fie nur in den an^erchwollenen Stellen der 
Gürtel • , Becken - und H.indwurzelknochen bei "einigen , 2. ß. 
Efox , Gaäus , und immer in den Zungenbeinäfcen gefunden, 

a) Bei den Stöj-eii ^vird die Sch\vanzflorfe blofs durch die un- 
tere Hälfte, und bei den Haien gröfstentheils daran« gebildet. 



359 

zweite aber ift wenigftens fechsnial gröfeer als cliefer 
und die zunächft folgenden, und mehr aJs dreimal grö- 
fser als die gröfseften der übrigen , indem er nicht blofs 
bedeutend länger, fondern auch breiter, ift, , ,\yiB;in 
gleich feine Dornfortfätze niedriger find '). Erträgtauf 
jeder Seite zwei Querfortßitze, einen vorderen und ei- 
nen liintern , welche an ihrer Grundfläche zufammen'- 
fliefsen. Der vordere, weit gröfsere, ift wieder in 
zwei Haken gefpalteh, deren vorderer, ftärkerer und 
breiterer ,' du/ch eine überktiorpelte Gelenkfläche ni^t 
den Schulterknociien verbimden ift. Ebeu fo ift auch 
der Dornfortfatz in zwei Hälften zerfalle^i, von denen 
die vordere, gröfsere den erften Halswirbel weit .Ober- 
ragt, und fich genau mit der Hinterhauptsleilte ver- 
bindet. Der ganze Wirbel erfcheint von vorn nach hin- 
ten aus zweien zufammengeflorfen. Ueberhaupt aber er- 
innert diefe Bildung nicht undeutlich an die der Rochen 
und Chimären. Bei der Fiflular'ta tabacaria find, nach 
Rojentha/s Abbildung des Skeletts Qlchthyotomifclie 
Tafeln) die erften Halswirbel , ähnlich wie bei den Ro- 
chen, zu einer Hohle verfchmolzen, indem fich die 
einzelnen Stücke durch Näthe verbinden ; doch fehlen 
hier die Fortfälze faft ganz, und der Gürtel fuhcint 
fich (nach der Abbildung) nur mit dem Schädel zu ver- 
binden. 

Bei einigen Fifchen , namentlich den IVehcirti- 
gen, Ophidium , Cobitis tragen die vorderen Wirbel 
knöcherne Kapfein oder Anhänge, in welchen die 
Schwimmblafe enthalten, oder an welche fie befeftigt ift. 
Bei Ophidium ift auch das zweite Rippenpaar zu zwei 
breiten, diefe Kapfei umfchliefsenden Bläitern vcrgrö- 
fsert. Doch gehören diefe Knochen nicht zur Wirbel- 
fänle, fondern zu dem Organ das fie unterftüt??n. 



l)S. Jloffitihal lolithyotom. Tif. T«b, IX- Sfi- }. 



:370. 



Tabelle äler dit^ Zahl der Wirbel Md/Rippen 

hei den Fifchen ' )< j ■ .' . ■ 



Namen (nach Ciivier, 
Begne aninial. ) 



<ynmsera aictiöi (moa- 



Acipenfer' fturio' 
Ciiicharias glaucus (Squa- 
, Ins. L.) .... 
Scyllium (Scjual. catulus 

LV . • • . • • 
Sqnacina laevis (Sq^ua! 

Squatina L.) . . • 
Haja oxyrhynchus . . 



Baja Balis . . 
Torpedo iiarke (RajaTor- 

pedo. L.) . . • 
Synguathus Typhle 

— Acus , . 
Hippocampus vulgaris 
(Syngnath. liippocamp 

!'•) 

Orthagorifcus Mcia (Te- 
troden Mola. L.) 

Bailiftes Vetiila . . . 

Tiridcantlius (Haliftes bia- 
culeatus. Bloch.) 

Oftracinn trigonus » , 

Calino Sjldr .... 
— Tario . . , , 

Cltipea alofa .... 

"Efox Lncius .... 
Drei andere, C^" , 5}" 
und l' lang, haben nur 



Linge 
des 
Ske- 
letts. 



= 1' 

10^" 
18" 



17" 

II" 
U?" 
?"4'" 



I5V' 



14" 

5" 

3' 
9" 

2J// 



Zahl 
'aller 
Wir- 
bel. 



500 
Wir- 
bel- 

kiirpe: 

133 

132 

124 

HO- 15 

ISO 

97') 
66 
45 - 



17 
IS 



?« 

57 

«3 
16 



Hals-, 
Wir- 
bel. 


Rüic- 
ken- 
wir- 
bel. 


^1 


+ 


+ 


+, 


r 

+ 


+ 


+ 


— 


it 


99 


— 


37 


U 


_ 


41 


83 


ver- 
wach- 


35 


85- SO 


fen. 






verw. 


35 


95 


ver-^v. 


3? 


63 


— 


2S 


3« 


•^ 


23 


44 


— 


II 


35 


■_ 


9 


8 


I 


4 


13 


? 


3 


14 


.— 


3 


10 


2 


3g 


26 


I 


36 
16 


30 
40 


I 


43 


19 


I 


41 


13 



Rip. 
pen- 
paare. 



23 

3J 

3} 

41 

31 

I> 

21 



7 
I 

28 

26 

31 
41 

40 

l) Die Skelette der hier angeführten Fifolie befinden Reh Kimmt- 
lich in der Meckel'tchen Sammlung, Bei der Zählung habe 
ich mich der grüfsten' Genauigkeit befitifsigt. 

s) Die verwaehfenen Halswirbel neiiinen liier einen weit klei' 
nern Rarm en, auch finden fich an dem Anfange der Riickon- 
Wirbel fclion drei gefoudeite Bügen, wo die Kürperthcile noch 
verfchmouen Jind 



37t 



-., ■ 1 Länge 


ZaM 


Hals- j 


P-iik- 




•Munen (nach Cuvier, 


des 


aUer 


kea- 


"^ ? 


,• ' Begiie anlmal.) 


Ske- 


Wir- 


^be'l. 


^vir 


Il 


^^ 


letts. 


bel. 


bei. 


* 'i' 


Belloi« fUiox. Bcllone 












L-):- • V,. • • 


17" 


80 


2 


49- 


Wj»^ 


Exocoetus.exJuiens . 


i' 


47 


— 


?i 


1,6 


Cyprinus Carpio . , 


17" ■ 


36 


2 


14 


20 


Silnrut Glanis ') • . 
-■_ Glanis ») . . 


3' 

4'l" 


72 . 
7? 


3 ■ 
2 


17 
17 


5? 

V4 


G^ius Loca , . • 


faft iri 


62 


I 


22 


39 


' — Ltota . . . 


Ij"!'" 


58 


I 


22 


35 


— Lota . . . 


9" 


57 


I 


22 


38 


— Merlangus ') . 


Uli 


60 


2 


18 


35 


— Morrhua . . 


t?'4" 


52 
5? 


t 


16 
17 


35 
33 


Pleuronectes limanda 


II" 5'" 


40 


— 


10 


5Ö- 


_ Befiis ••) 


2 '2" 


4? 


I 


13 


30 


Solea (Pleuronect. folea. 














91" 


48 


— 


2 


4« 


Cvcinpterus Lnmpus 


14" 


41 


+ 


9 


18 


Ei-Iieneis Bfrtiora . . 


85" 


-7 


— 


13 


t5 


Conger vulgaris . . 


4/2" 


154 


6 


53 


S« 


Jliiriienophis Helena . 


17?" 


147 


I 


71 


75 


Ophidium barbatum . 


fllZl'l 


68 


— 


"5 


5i 


Cepola rubefcens . . 


15" 


71 


— 


»5 


5« 


Blennins Pliolis , . 


5i" 


i% 


— 


8 


30 


Gobius niger . . . 


5V' 


38 


— 


10 


18 


Callinoymus Draeuncu- 












lus 


-i 


21 


— 


« 


15 



pen- 
paars 



49 

50 
16 
1+ 

21 
21 

16 

17 



12 



12 

u 



l) Der zwei und vierzlgfte und drei und vierzigfte Schwanz- 
■Wirbel diefes Exemplars And fo verfclimolzen , dafs fie nu;r 
den Kaum eines einzigen Wirbels einnehmen , doch find alle 
Fortlatze getrennt. 

S) Eine ähnliche Verfchmclzung findet hier In den Rückenwir- 
beln Statr, fo dafs die Körper des 13/ 14 und I^ten nur einen 
zu bilden fchienen , der aber auf jeder Seite drei Querfort- 
fätze und Kippen , und drei Dornfortlatze tr.'igc 

}) In zwei andern Exemplaren, die beide länger linj, Cndea 
fich jedoch nur vier und dreiTiig Schwanzwirbel. 

^) Eben fo ift es bei einem 14^" langen , dagegen finde ich hei 
ciutm von 22^" niu »9 Schwanzwirbel. 



37'- 



HaKien (naet Caviar, 
Regne animal.^ 



I Löiige 
(ies 
SUe- 
I letts 



Sargns^SparusSar^iis.L.) 
Syndiicf-ia, -llorridit ^2 

fixempl,) fScorpaena 

liorr. L.3 . . . • 
Sphyr.iena Spet. (E[ox 

Sphyraeoa. L.) . , 
MuUus furmnletiis . 
Miigil Cephalns . ; 
Perca fliiviatUis . . 
Sciaena nigra (S. Umbra 

L.) 

Trachinus Draco . . 
Trigla Lyra .... 

- Gurnardus (.; Expl. 
Periltedion (Trigla ca- 

taphracta.) . . . 
Lophius pifcatorius (s 

Exempl.) . . . , 
Scomber foombrus . 
Thynnus (Scomber tliyn. 

LO . . • • • • 
Argyreiofns Vomei(Zeus 

Vomer. L.) . . ■ 

Zctis Fab* .... 

Chaetodon .... 
BramaRaii (SparusRäji. 
L.) 



8'^ 



17" 

I7l" 

10" 

u"i" 

81" 
I',' 

h't" 

15" 

22" 

6i'7"' 

2 

17" 



5" 
Ci7" 
li9" 

2$" 



Zahl 

aller 


Hals- 


Riik- 

ken- 




Wir- 


\vir- 


^vir- 


ri' 


bel. 


bcl. 


bel. 


£-3 

• N 








■ ™-'«« 


=4 


~ 


: 7 , 


,»7 


=4 


— 


6 


l* 


• =4 


_;, 


12 


12 , 


- 34. 


— 


7 


17 


2+ 


— 


II 


13 


41 


I 


I? 


si 


2 


7 





10 


17 


3 


8 


— 


II 


27 


3 


2 


— 


14 


18 


3 


5 


•— 


11 


=4 


: 


4 


— 


9 


= 5 


29 





8 


21 ■ 


5= 


— 


II 


41 


3« 


3 


4 


29 


34 


2 


5 


17 


51 


I 


5 


35 


30 


I 


5 


S4 


22 


"- 


9 


13- 


4 


I 1 


— 


7 


34 



13 

lO- 

10 

18 

10 
II 

14 
16 



+ 
28 



II 
11 
7 

I< 



Zur Vergleicliung und Ergänzung obiger Tabelle 
habe ich hier die Angaben mehrerer Schriftfteller ge- 
fammelt, doch macht diefe Zufammenftellung keines- 
wegs auf Voliftändigkeit Anfpruch. (Die daraus her- 
vorgehende Verfchiedenheit der Angaben rührt bei eini- 
gen vielleicht von dem verfchiedenen Alter der fkel^t- 
tirten Fifche her. Doch find im Allgemeinen die in 
Ciivier's Vorlefungen angegebenen Zahlen fehr unzuver- 
läffig, da bei vielen entweder an falfchen Skeletten, 
oder ohne alle Genauigkeit gezählt feynmufs, und bei 
manchen der Name der fpecjes ganz ausgelaffen jlt. 



373 



Durch Genauigkeit zeichnen fich die Roßnthatkhea 
Angaben aus. 



Namen ') 1 

)enfer fturio. Cuv. . . Kg in 

ilus Carcharias =) 5' lang. Iiig in 

..Rubus ') 2\' lang . . I108— I 

Irin Ht/rti-iv_ J*frif V^n in 



Acipei 

Squal 

Raja.l , . 

Diodon Hyftrix. Fror 

Tctrodon tefcudinariu.«. fror. 

Ofcracion quadricornis. Cuv. 

BaliTces. C'wv 

Sjüguathus Hippocampus. Vwv. 



Salmo Satar. Ro/. 

— Maraennla. Hof. 

— rbomb.-as. Ro/. 

— rliomb*»us. Cuv, 
Cldpea Harengus. Cuv. 

— Haren^iis. Kof. 
Efox Lucius. Cuv. . . 

— Lucius. Rof. 

— braiiUeiiiiit. CuVf 

— Bellone. Fror. . 
Cyprinus Carpio. LUn^ 

— IVafus. Cm: 

— Afpius. Fror. 

— erythrophrh.'ilnius. fr' 

— Brama Fror, 

— Brama. liujl 
Cobitij foffilis. Fror 
Silurus Glanis. JioJ] 

— Catus. Cuv, 
Loricarla, Cuv. . . 
Gadus Merlangus. Cuv, 

— Lota. Frort 



Wiibelzabl. 
Allem. 

.^Uem C4-I Rückenwirbel.) 
— 1 10 in A)lem(a<RüclienwiibeL) 
;2o in AlJem. 
20 in Allem. 
ij in Allem. 

7 Rücksnv. irbel, 10 Schwanzwirbe). 
62 in Allem. 



Hals- 
wirbel 





Len. 


m 




Rük- 


den 


^S- 


Sum« 


ken- 


«der 


£S 


Wirbel 


Aftei- 


CT |2 
2.3 


ma, ' 




v.'irbel 


. N 




=7 


7 


=4 


58 


=9 


ti 


II 


5« 


10 


6 


19 


3« 


la 


— 


20 


- 3? 


58 


— 


18 


60 


58 


— 


19 


57 


?S 


— 


20 


59 


16 


i 


21 


61 


J4 


3 


15 


51 


5« 


— 


26 


84 


-15 


9 


16 


4« 


19 


5 


19 


44 


20 


4 


2J 


49 


H 


4 


19 


39 


18 


4 


19 


43 


H 


4 


21 


44 


2 


9 


Ig 


4» 


i 


6 


53 


71 


11 


I 


30 


44 


6 


I 


2g 


36 


17 


4 


?» 


55 


3 


I 


38 


61 



1) Cuv. bedeutet C'uxJiirr in den Vorlerungen Gb. v. A,; Fror. Fro- 
ricp in den Anmerkungea zu dielem Werk; Rof. Rofcn- 
thal Ichthyotomifche Tafeln. 

») Treviranu». in Witdtmannt Aicbiv , B, IV. H. », 

j) Treviranu*. 1. c 



574 



tf a m e n. 



Gadus Lota ') 

Fleuronectus maximus. Fror. 

— flcfus. Fror. 

— plateffa. Cur. 
Cyclopterus gelatinofiia. ^) Iti" 

4'" lang 

Eclieneis. /y'uv 

lyinraena Anguilla. Cnv. , 
Öphidium barbitmn ') 

— iniberbe *) . . 

Anarrhiclias Lupus. Cuv, 
Mulllis iraberbis. ^) . . 
Perca fluviatilis. Cuv, , , 
Sciaena Aqiüla °) , , , 
Tracliinus Draco. Cuv. . 
Uranofcüp^i«! Icaber. Cuv, 
Trigla Ciiculus. Cuv. . . 

■ — voUtans. Cuu . . 

— catapliracta. Cuv. , 
Cottus ScQrpitis. Cuv. 
Argyreiofus Vomer. Cuv, 
Gafterorcens (jungiciiis. Cuv, 
Zens Faber. Cuv, . 
Chaetodon.cornuttis. Cuv» 

— Itriatus. Cuv. 

— bxcolor. Fror, 
Fiftularia. Cuv. .. , . . 
FiTcularia (abaciuia, Ko/, 



Hals- 
wirbel 



I Len- 

Rük- ]■ den- 
ken- oder 
.virbclJAfter' 
\virbel 



2+ 

II 

9 

13 



im Ganzen 6^ 

I 1^ ; : 

im Ganzen 115 

8 
21 
II 
X3 

9 
1? 

8 

13 
% 

10 

17 

9 
9 
9 

lo 
52 
4« 





Suni- 
raa.- 


3J 

31 


57 
3$ 
40 


30 


43 


4 

1 15 
5 
4« 


27 


«3 


103- 8 


120-2$ 


50 


76 


15 


=4 


so 


+1 


12 


24 


30 


♦5 


«5 


3* 


21 


34 


12 


20 


23 


3$ 


15 


2« 


13 


33 . 


22 


39 


16 


51 


12 


21 


13 


21 


14 


24 


23 
über 39 


74 
üher7£ 



2. Reptilien, 

Die Griitenbilclting ift hier ganz "verfchwunden, 
die Knochen bilden fjch iii allen Dinienfionen aus ; dies 



1) Carus Lebrbnch der Zootomie. S. 99. 

St) Pallas Naturgefclüciite merkwürdiger Tbicte, übertetzt von 
Bal(iiiiger^ 7ie Samml. S. 26. 

3) Cuvier in Memoires du Mufeum d'hift, nat. I, 6. Jt4i 

4) Cuvier. ebend. 

53 Cuvier in Memoireä du MuC d'hift. r.at. I. p, Sjjk 
<) Cuvier in M^ir.oires du Muf. I. p. 17. 



375 

ändert, befonders die Geftalt der Dornfortfät2e, welche 
im Allgemeinen fehr niedrig find. Der Schwanz nimmt 
nur bei Wenigen wefetrtlichen Antheil an der ßewe» 
gung, daher die Schwanzwirbel immer klein, wenn 
gleich oft zahlreich find; meilt haben fie auch den un- 
teren Gefäfskanal und Dornrortl'ätze, Die ftiirkere Ent- 
wicklung der Baucliglieder und ihre Verbindung mit 
der WirbeKäule läfst hier zuerit Lenden - und Kreuz- 
oder Bfckeiiwirbel von den Schwanzwubehi deutlich 
unterfcheiden, fo wie der zwifchen Kopf und Bruft 
entftehende eingelchnürte Theil die, hier mit grofse- 
rem Rechte diefen Namen verdienenden, Halsujlrbel 
zur Grundlage hat '). Wenn gleich die dadurch entfte- 
hende Säuget hier -Afhnlichkeit der Tolniform befonders 
durch das Skelett begriindet ift, fo zeigt doch die ge- 
nauere ünterfuchung deffciben , aiijh in anatomifcher 
Rilckficht, die, zwat- über den Fifclien ftehende, aber 
doch im Ganzen niedrige Stufe der Thiere felbft; und 
roch mehr würde dies eine, bis jetzt ganz fehlende 
chemifche Analyfe lluin. Die Wirbelkürper find im 
Verhältnifs zu den Bögen fo klein, dafs die Wirbel bei 
Einigen faft blofse Ringe für das Rückenmark darftei- 
len. Immer find die Wirbel durch eigene Gelenkfort' 
fützp verbunden, und die Kiirper articuliren meift 
durch ein der enankrafis ähnliches Gelenk. Der deut- 
lichere Unterfchied von diploü m\d fiibfianua conicnUs, 
von mit MarkhOhlen verfehenen Röhrenknochen , und 
dar^n befindlichen fchwammig aufgetriebenen Celenk- 



'l) Wenn in Carus Lehrhuch der Zootoniie S. üp. der Satz 
aufgertellt ift: „dafs bei den Eidccli/cn ztieift ia der Tliier- 
reihe zwifcjieii Hüls -, Ri'icken-, Lenden - und Sch\vanz\vir- 
bcln uncerfctiieden werden künne, fo ift dies um fo aufi'al. 
ItJider , da bereit» in Cuvicr't Vorlefungcii bei Triton , Sala- 
mandra und Proteus HuU-, Rücken*, Landen-, Kreuz- 
and Schrvanzwiib<l,<u>ge£«bea And. 



375 — 

knöpfen offenbart den ftärkeren Einflufs polarifch tvit'- 
kender Kräfte. 

Wegen dergrofsen Verfchjedenheit der Wirbelfäule 
io den einzelnen Familien gehen wir fogleich zu diefen 
\ über. 

A. Batrachier. 

a. G efc hvü ünzte. 
Den Charakter der Fifch - und Reptilienbildung 
vereinigt die WirbeU'äule der Siren tacertiua '). Durch 
die mit Gallerte angefüllten trichterförmigen Aushöh- 
lungen an der vordem und hintern V'erbindungsflache 
der Wirbelkörper 4\ommt Ce mit der der P'ifche über- 
ein, unterfcheidet fic jedoch von ihr durch die Ver- 
bindung der Bögen, welche an ihrer oberen Wölbung 
zwei vordere und zwei hintere Gelenkforliatze tragen, 
die fich von vorn nach hinten bedecken , , indem fich 
die hinteren des vorderen Wirbels über die vorderen des 
nächl't hinteren legen. Diefe Anordnung findet durch- 
gängig Statt. Der halbzirkeU'örmige Ausfchnitt zwi- 
fchen dem Körper und jedem Geleukfortfatze bildet 
beim Aneinanderlegen der Wirbel das foramen inter- 
vertpbräle, welches von hier an bei allen höhern Wir- 
belthieren diefe Einrichtung behält. Sie unterfcheidet 
fich ferner von der Wirbeifäule der Fifche durch die 
im Verhältnifs zum Rilckenmarkkaual kleineren Körper, 
an denen auch die mittlere Strictur nicht mehr fo 
ftark , und die Oberfläche glatt ift, und durch die ge- 
ringere EntWickelung der Dornfortfätze , welche oben 
nur einen nach hinten gefpaltenen Vorfprung, und un- 
ten. 



i") Cuvicr Recherches anatomitjues für Ics reptiles douteux. 
Paris 1807. Deutfcli in den Beobachtungen aus der Zoo' 
' logie und vergleichenden Anatomie, vun A* !/• Hamboldt 
und A. Bonfilanäx- Tübingen l%o6- 



*"— 377 

ten , wo der bei den Fifchen gewölinliclie Bogentheil 
ganz mangelt, nur eine erhabene Leifte bilden. 

Die QnerFortfätze entfpringen von der ganzen 
Länge des Wirbels und haben eine ftumpf dreieckige 
Grfitdit; fie tragen an ihrer, eine einfache GelenUfläche 
darl'tellenden , Spilze, vom zweiten bis neunten Wirbel 
(inci.}, gsn^ kurze Rippen, und finden fich Oberhaupt 
nur in den vordem i der Wirbelfaule, die aus oo, 
flbrigens ganz gleichförmigen, nur allmählich kleiner 
werdenden Wirbeln befteht. Der gänzliche Mangel 
der hintern Extremitäten hebt jeden Unterfchied in die- 
fem Theile der WirbelRiule .tuf. 

Durch die Entwickelung der hintern Gliedmaafsen 
unterfcheidet fich Proteus anguiiius von der Sirene. 
Die Wirbel find hier auf diefelbe Weife verbunden, wie 
bei Sire/i. Nur der dritte bis achte tragen Rippen 
auf lehr kurzen Ouerfortfätzen , deren Gelenkfläche in 
zwei Hcgel getheilt ift, welchen ähnliche flache Ver- 
tiefungen an den Rippen entfprechen. Den darauf fol- 
genden Wirbeln fehlen die Querfortfätze gänzlich bis 
zum Beckenwirbel, und fcheinen zu' der Bildung der 
hinteren Gliedmaafsen zufammengezogen zu feyn. Am 
ein und dreifsigften Wirbel verbinden fich die Hüftbeine 
mit den kurzen Querfortfätzen. Auch die erften 
Schwanzwirbel haben Ouerfortfätze , und Vom dritten 
an untere Bogen mit ftarken unteren Dornfortfätzen, 
wodurch der floffenartige Schwanz eine bedeutende 
Höhe bekommt '), 



l) Cuvier's Abbildung und Befclireibung diefer Tbeile (1. c.3 
Xtimmt in vielen Stucken, namentlich der Wirbelzahl, dao 
Kie.nentrjgcrn, den vordem und binteren Gliedmaafsen nicht' 
mit dem Skelett, das ich vor mir habe, iiberein, (S, dia 
Tabelle und Fig. I) ) 

Af. d. Archiv. IV. l- Cc 



378 

Auf einer höhern Stufe fteliea die Tritonen 
und JErdfcilainaiider. Die länglich cylindrifchen fehr 
dünnen Körper verbinden fich durch ein Nufsgelenk 
frei beweglicli, indem vom Kopfe aus der vordere 
Wirbel die Pfanne für den Celenkkopf des hinteren 
bildet. Die Bogen verbinden lieh wie bei Sireii, in- 
dem der vordere den nächft hinteren bedeckt. Auf 
diefe Weife fcheint es , als ob die Wirbel vom Kopf aus 
übereinander gefchoben wären , fo dafs lieh die Körper 
umfallen und die Bogen dachziegelförmig bedecken. 
Diefe Bildung findet bei Tricon crißacus und taeji'uuus 
durchgängig an den Hals-, Rücken-, Lenden-, Becken- 
iind Schwanz- Wirbeln Statt. Sogar das Grundbein des 
Hinterhaupts nimmt in einer eigenen Verljefung den 
rinnenförmigen, in das foramen occipitale magnuin 
hineinragenden Forlfatz des erften Halswirbels . auf, 
der aufserdem durch zwei feitliche Gelcnkflächen mit 
ihm verbunden ift, wodurch diefer Wirbel eher dem, 
mit einem zahnförmigen Fortfatze verfehenen Epißro- 
pheiis der höhern Thiere, als dem y!!//«J gleicht. Zu- 
gleich erinnert diefe Verbindung an die fehr ähnliche 
des erftep Wirbels und Hinterhaupts hei den Rochen. 

Die Querfortfätze entfpringen wie bei Siren von 
der ganzen Länge der Wirbelkörper und Bögen, und 
find fehr kurz. Sie tragen , in einen oberen langem, 
und unteren kürzeren Gelenkkopf zerfpalten, bei Tr. 
criftatus vom zweiten bis fechszehnten, bei taenlatus 
vom zweiten bis dreizehnten Wirbel kurze, von vom 
nach hinten bis zum Verfchwinden kleiner werdende 
Rippen, die fich mit entfprechendon Gelenkllächen, 
nach innen zu breiter werdend, an fie anlegen. Bei 
Ir. üfiltatus folgt hierauf unmittelbar der Beckenwir- 
hal als der fiebenzehnte, bei taenlatus erft noch ein 
rippenlofer Lendenwiiheli und dann der Beckenw'ubcl 
als dei; fünfzehnte. 



379 

An diefem find die Querfortfätze etwas höher, und 
verbinden (ich auf jeder Seite durch zwei übereinanrler 
liegende GeJenkfliichen mit einem rippenartigen J\no- 
chen, an deifen äul'seresEnde das Hüftbein gerade nach 
unten' unil etwas nach vorn abfteigend , durch Bändet 
und Muskeln geheltet ift. Sonft unterlcheidet (ich 
der JBeckenwirbel weder durch Gröfse noch Gi-itaft 
von den übrigen '). Der hierauf zunächft folgende 
Schwanzwirbel hat einen breiteren yiierfortlat^ als 
die übrigen , der zweila hat einen unlieweglich i-erbun- 
denen unteren Bogen, der mit zwei Icliinaii-n Wurzeln 
entfpringend, unten in ein breites ßlatt übergeht; auf 
diefem Bogen findet fich beim dritten SchwanzwirbeJ, 
und von da abwärts bei allen, ein unterer kan.nUormi- 
ger Dornfortfatz. Der Gefäfskanal geht liis in die letz- 
ten bchwanzwirbel , deren Zahl nach dem Alter ver- 
fchieden, jedoch bei crifccuiis gröfser als bei taeniatus 
ift. Die oberen Dornfortfätze finden fich bei allen 
Wirbeln, in den Riickenwirböln als fchvvach erhabene 
Leifte, in den Schwanz wirbeln als ehi höherer Ivamm» 
der um fo ftärker hervorragt '), je jünger, alfo je Fifch- 

Cc 2 

ij Die unvollkommene Stufe, a«f welcher diefe Bildung der 
hinteren GlieHmaarsen noch fteht, zeigt lieh vorz InUih in 
der Unlieftindigkeit des Eeckcnwirbels. Eine in diefer Rnrk- 
ficht merkwürdige Abweirhunp Hnde ich bei einem T.crijia- 
tus. Hier verbindet fich das Hüftbein auf der linken ?cite 
Ichon mit dem rippe'jförmigen Fortfdtze des fchszehnten 
Wirbels, auf der rechten Seite mit dem ävs fiebenzphnten 
^vodnreh auf diefer Seite fünfzehn, auf der linken nur vier- 
zehn freie Hippen gebildet werden. Dies ift vielleicht fine 
Anni'herung an die Bildung bei den, di.r fJeftalt nach fq 
uahe verwandten 5aur/t'r>t , wo fich das Hiiltboin auf jeder 
Seite immer mit zv.ei ßeckcnwirbeln verbindet. 

a) Iliermic ftimmt die von Cuvier a. a. O. bei dem AtoIocI ge. 
machte Beobachtung, und die beim Proteus bclchriebene 
Torrn. 



380 -^ 

ähnlicher das Thier ift. In den letzten Rückenwir- 
bein vcrfchwindet die Leifte faft ganz. Die obern fo- 
Avohl als die unteren Dornfortfatze find nach hinten zu 
zweigefpalteo. Bei der Salamandra ceriefcris find dia 
Querfortfätze verhältnifsmäfsig länger, als bei Triton, 
•und tiefer gefpalten an ihrem freien Ende, das fich rait 
der, eben fo tiefer gefpaltenen Rippe verbindet. Dia 
vorderftf Rippe ift betrachtlich ausgebreitet und endigt 
mit einem abgerundeten Rande. 

b, Ungefchwanate B at rächt er. 

Kurze, Breite, plattgedrückte Geftalt, und ge- 
ringe Zahl der Wirbel, Verfchmelzung der Schwanz- 
wirbel zu einem einzigen pfriemeiil'örmigen Stücke, 
und der Rippen mit den Wirbeln zu, oft fehr langen 
Querfortfützen , find allgemeine, allen Batrachiern zu- 
kommende Merkniiile. 

Die Art der Verbindung der Wiibelkörper ift im 
Allgemeinen umgekehrt, wie bei den Salamandern. 
Es umfaffen hier die hinteren Wirbel die nächft vorde- 
ren, indem jene die Pfannen für die Gelenkköpfe von 
dielen bilden. Der erfte Halswirbel aber unterfcheidet 
fich rückfichtlich feiner Verbindung mit dem Kopfe da- 
durch von den übrigen, dafs er keinen Fortfatz vom 
Hinrerhaupte in den obern Tlieil feines Körpers auf- 
nimmt, foni.lern, fich mit einer ftunipfen Spitze in die 
Zwilchen den beiden feitliclien Gelenkfortfätzen des Hin- 
terhauptes befindliche Vertiefung legt; zugleich fchickt 
er, wie die übrigen Wirbel, einen ftarken Gelenkkopf 
zum zweiten Halswirbelkörper, und gleicht fo durch 
eine Verlängerung feines Körpers nach vorn und njch 
hinten dem epißroplieus der Schlangen und meiften 
Eidechfen. 

Auf eine eigene Art zeichnet fich auch bei Rana 
efculenta und temporaria der letzte, mit dem Becken- 



Wirbel verbundene Rückenwirbel aus. Er hat nämlich 
an feiner vorderen und hinteren Verbindungsfläche eine 
Pfanne, indem fowohl der Beckenwirbel von hinten nls 
der vorletzte Rückenwirbel von vorn mit einem Gelenk- 
kopfe in ihn eindringen. Der Beckenwirbel dagegen ift 
mit zwef Gelenkköpfen verfehen, von denen der hintere 
mit dem Schwaiiztheile einlenkt, und in zwei neben ein- 
ander liegende gffpalten ift, welciien zwei Pfannen in 
dem Kürperlheile des Schwapzftücks entfpreclien. 

Letzteres ift von Cnvier vr\d Froi iep ') fä'lfchlich 
für das Heiligbein gehalten ; denn es entfteht aus der- 
knorpligen Grundlage des Schwanzes in den Larven, 
welche nur fpäter als die vorderen Wirbel verknöchert; 
keineswegs aber ganz verfch windet, wie Froriep in der 
Note zu jener Stelle fagt. 

Auf der Rackenfläche A\e[es qß'is coccygis verläuft 
im vorderen Theile der Rückenmarkkanal, der durch 
zwei in' ihrem oberen Winkel meift nicht ganz yerbiun- 
dene Wände gebildet wird.. 

Die Wirbelkörper felbft find iii Verhältnifs zum 
Bogen klein und gehen allmählich in ihn über, fo dafs 
fich die Gräoze nicht angeben läfst. Untere Dornfort- 
fätze finden Üch gar nicht, und von den oberen zeigt 
fich nur eine fchwache Spur, befonders in den vorde- 
ren VViibeln. Die Verbindung <ler Gelenkfortfätze ift 
hier diefelbe, wie bei allen Reptilien und höhern Thie- 
ren, indem der Bogen des vorderen Wirbels den des 
nächft liintern bedeckt. 

Die Querfortfätze, welche nicht wie gewöhnlich, 
von der Mitte der Wirbel, fon.lern von, der Rücken- 
flache der Bögen, (wie bei den .Schildkröten) abgehen, 
find theiJs des>vegen, befonders aber wegen ihrer Länge, 
die Haupt urfache der platten und breiten Gefialt der 



l) VoiUr. über vergl. Anatom. 1. S. i{). 



383. ^- 

Wirbel. Sie unterfcheiden ficli rückfichtlich ihrer Ricli- 
tuiif , ihrer Länge und Geftalt aufialJend von einander 
in flen verfcliii-denen Gegenden der WirbelßuJe, und 
hei den verfchiedenen Gefchlerhteni. Bei Rana') feh- 
len fie am erften Wirbel, am zweiten find fie nach dem 
Kop.'e 2u gerichtet und kurz; am dritten find fie unter 
den Piiickenwirbeln am längftert, breiteften , quer viud 
etwas nach innen gedreht, doch ragen fie nur wenig 
über die übrigen vor. Am vierten, fünften und fechs- 
ten find fie uach hinten und auiwärts gerichtet, am 
fiebenten ftehen fi« wieder quer, am achten etwas nach 
Vorn, und um lieckenwii bei fehr l'tark nach oben und- 
hinten, hier verbinden fie fich an ihrem aufseren Ende 
mit tleii Hiillbeinen durch eine Gelenkfläche. 

Die Wirbel fijule der Hjfa unterfcheidet fich von 
der der Rana boronders durch die grölsere Ausbrei- 
tung iler Uuerfortfätze des Beckenwirbels und des drit- 
ten Rückenwirbels, ferner durch die, nach dem Ty- 
pus der übrigen Wirbel gebildete, Verbindung des 
Becken wirbeis niit dem letzten Rückenvvirbel, i\idem 
jeder von ihnen eine nach vorn gerichtete Pfanne und 
einen nach hinten gerichteten Gelenkkopf hat. 

Ganz ilielelbe Anordnung ift bei Biifo, Etwas 
ftärker find die (^uert'ortlälze entwickelt. 

Von allen ungefchwanzten Batracljiern unterfcheidet 
fich die Pipa aufl'iillend. Die Zahl der Rückenwirbel ifc 
um einen geringer, indem fich nur fieben Rückenwirbel 
finden. Schon der erfte trägt ziemlich breite, nach hinten 
geri' liteteQuerfortfiitze; die des zweiten und dritten find 
, fehr lang, und befonders am dritten breit geendigt, an 
■welches Ende fich ein anfehnlicher Knorpel anlegt. Die- 
fer entfpricht wahifcheinlich nicht der Rippe, welche 



») Den eiolieiimrclien, Arten. 



-~— ^^— 385 

durch den Oiierfortfatz felbft dargeftellt wird , fondero 
dem Rippenknorpel, Die übrigen Qiierforißtzc find be- 
deute:)d kleiner. Hüclift entwickelt find die des Kreuz- 
beins oder Peckcnwirbels, welche (ich beilformig aus- 
breiten. Es fcbeinen hier zwei Wirbel verfchniolzen 
zu feyn, wornnf lowohl die geringere Zahl als die hief 
befindlichen doppelten Nervenlücher, und die Ver». 
fchmelzung nacb hinten mit dem Schwanzbein hindeu- 
ten. Die Wirbelkörper find auf eine, der bei den übrigen 
ungefchwän:;len Batrachiern Statt findenden, entgegen- 
gefetzte Weife verbunden, indem jeder Wirbel einen nach 
Vorn gerichteten Gclenkkopf und eine nach hinten ge- 
richtete Pfanne hat. In der Mitte zwifchen der Pipa und 
den vorigen ftdit die Rana coiniua.'^, wo fich die Ver- 
längerung der mittleren Querfortl'atze, und die Vermin« 
derung der Wirbelzahl , wie bei der Pipa findet. 

B. O p h i d i e r. 

Da bei den Meiften keine Spur freier Bewegungs- 
organe vorhanden ift, fo laffen fich bei diefen auch nur 
Hals-, Rücken -und Schwanzwirbel unterfcheiden , je. 
nachdem fie Hippen tragen oder nicht '). Die Zahl der 



l) Sielie über die WiibelTiule der ungefchwänzten Batrachier 
die Diff. rtationen vod Ktützhe de rana cornuta Ilerolinllglä. 
Steffen de Miiis nonnuUis. Berot. 1815. und Brcycr de rana 
pipa. Berol.igii. alle cum tabuljs aeneis, (fiaefide Jludotplii^. 

3) Cuvicr (Vorlefungen über v. A. S. 154.) fpricht allen Sclilan- 
gen die Halswirbel ab, indem felbft die vorderften rippen- 
artige Anhinge liätteo. Schon Vroriep hat cbendafelbrt bei 
der Aniplilshnena fiiliginoja zwei Halswirbel angegeben, und 
ich finde bei .illen Schlangen , deren Skelette ich vergleichen 
kano (f. die Tabelle), drei Halswirbel, an denen ric4i anch 
keine Gelenkfl'.che für die Rippen aulünden lafst. Bei fri- 
fchen Exemplaren ynnAnguis frngilh luid Vlpera bertis hab6 
ich vergebens nach diefen Bippen^oliungen an den ixti ei- 



Wirbel ift bei djefer Familie unter allen Wirbelthieren 
die grofste. ßefouclers überwiegend ift bei den n>eifiea 
das Verhältnifs der Rippen- tragenden Wirbel zn dea 
Obrigen. Nur bei denen, welche fich den Eidechlen 
nähern (Anguis und OjMfiniriis) erreicht oder über- 
fteigt die Zahl der Schwanzwirbel die der Rückenwir- 
bel. Die Geftalt der VVirbel ift länglich viereckig, vor- 
züglich die der mittleren ; die vorderen werden im All- 
gemeinen kürzer und breiter, und bei Ainphisbaena und 
Tortrix auch die hinlern, welche bei Fipera, und noch 
mehr hei Anguis , länglicher werden. Alle find, bis 
zum letzten Schwanzwirbel, mit einem Riickenmarks- 
kanal verfehen. Die fehr dünnen cylindrifclien Körper 
verbinden fich durch ein Nufsgeienk, wie bei den Frö- 
fchen, indem der hintere die Pfanne für den Gelenkkopf 
des nächft vorderen bildet. Nur die Runzelfclilangs 
(Caerllia) macht hiervon eine Ausnahme. 

Bei den Schlangen findet fich zuerft ein wirkli- 
cher Atlas und ' Epißroplieiis. Jener als ein unvoll- 
Jcommner Ring, dcfien Bogentheile noch nicht unter 
fich vereinigt find. Das dem Körper entfprechende 
IVIittelftück hat zwei Gclenkgruben, die in der .Miite 
zufanime'iftnfsen; eine vordere, meift dreifache, für 
den Gelenkfortfatz des Hinterhaupts, und eine hintere 
für den des Epiftropheus. Diefer hat dagegen einen 
Vorderen und hinter«n Gelenkkopf, für den Atlas und 
den clritten WirbeJ. Ks erfrbeint demnach der erfte 
HalswirbeJi ,Ayie- fchon beim Weis erwähnt ift, auch 
hier als ein blofs verknöcherter Zwifchenwirbelknorpel, 
da fich die Foi tfätze des Epiftropheus und Hinterhaupts 



ften Wirbeln gpfuclit , iinä es ift hüclift unwalirfcheinUcli, 
dafs. der Atlas und I'.piftropheus (die docli ge\vii6 hei aliea 
vorliaiid«a und} bei. irgend einet Kipi^enanl^uiig« tiagea 
follcen. 



^ 385 

wirklich berOTiren '). Er ift'bei den Schlangen mit . 
beiden gleich feft (faft fefter mit dem Epiftropheus) ver- 
bunden, und erft bei den Säugethieren ift er fo feft 
an den Kopf geheftet, dafs die Beweglichkeit deffelben 
gröfstentheils durch die des Atlas auf dem Epiftropheus 
bewirkt wird. So erhalt fich alfo bei den hohem 
Tbieren nur für den Kopf das bewegliche Gelenk, das 
bei diefen zwifchen allen Wirbeln Statt findet. 

Die Fortl'ätze der Wirbel find meift unbedeutend. 
Bei Amphisbaena und Tortrix fehlen die oberen Dorn- 
fortfätze ganz, und find nur durch die dachförmige 
Erhabenheit der Bögen angedeutet. Dagegen finden 
fich bei den Meiften auch im vorderen Theil der Wir- 
beifäule untere Dornfortfätze, die von dem Wirbelkör- 
per felbft entfpringen '). Diefe find bei Amphisbaena 
. in den fecbs vorderften Wirbeln ziemlich ftark , bei 
Tortrix in den 47 vorderilen. Bei Crota/us find nach 
Cuvier ') die obern Dürflfortfätze fo breit, dafs fie fich 
berühren, und die Bewegung nach oben lehr erlchwe- 
ren, die unteren find du. ch die ganze Wirbelfaiile ent- 
wickelt, fpitz, und nach hinten gerichtet. Bsi yipeju 
Bertis find die oberen in der vorderen Hälfte der Wir- 
beli'äule ziemhch fiark , die unteren finden fich an allen 
Wirbeln, doch an den vordem ftärker. Bei Ai/giiis 
find die oberen und untern ziemlich breit und lang. 
Alle Ophidier Uahen Rippen , welche fich durch zwei 
concave Gelenkfliichen mit dem, unmittelbar auf dem 
Wirbel, an deffcn vorderftcr.i Theile fitzenden Geienk- 



l) Dies Endet aacli noch bei den Sauriern und Schildkröten Statt. 

j) E. Home befclireibl. diefe unteren Stacheln in den Philiifoph. 
Tran»act. io;. Igl2. p. l66* ais <iein CiuIcljUclit Jioa eigen- 
thiimlich; die» ifc um In unbegreiflicher, Ui kein Q^. 
fciileclit iiir<;r ^äin zu erniaiijjelii fciieiot. 

3) Vurlefuiigen über v. A. I. S. 154. 



586 • 

köpfchen verbinden '). Sie find immer ziemlich ftark 
nach aufsen gewölbt, allmälilich zugelpitzl, und trafen 
über ihrer Gelenkfläche einen nach unten gewandten 
Ideinpn Fortfatz. Ihre Länge nimmt fowohl nach dem 
Kopfe, als nach dem Schwänze zu ab; doch machen 
hiervon die Brillenlchlangen (i\ajaj eine Ausnahme, 
indem hier die vordem Rippen zum Aufrichten des 
Kragens beftinimt find. Bei der gemeinen Briilen- 
fchlange lind nach E. Home ^) die vordem zwanzig 
Paare fall gerade und bedeutend länger. Bis zur zehn- 
ten oder eilften nimmt die Länge zu, und von da aa 
wieder ab. Nach Jofeph Banks's durch Home beftätig- 
ter Entdeckung dienen die Rippen den Schlangen förin- 
lich ftatt der Füfse , indem fie iie, deutlich fühlbar, 
nacheinander vorbewegen, wie die Piaupe ihre Füfse. 
Die Geleiikfortfütze find denen bei den Salamandern 
ganz gleich. Von den untern Bogen in den Schwanz- 
wirbeln finde ich boi Toririx keine Spur; bei Vipera 
find fio flurch zwei kleine Höcker an der untern Fläche 
jedes Wirbels angeileutet; hei AmpJiisbaeiia finden fie 
fich vom fechstcn Schwanzwirbel an, doch find die 
Hainen nicht vcrw;ichfen; bei Anguls find fie vollkom- 
men entwickelt. 

Die wefeatlicb abweichenden Uebergangsbildun- 
gen find folgende: Li dem Gofchlecht CaerUia find 
nach Cuvier * ) die Gelenkflächen der Wirbel ganz 
wie bei den Fifchen, trichterförmige, mit Gallerte 



j) Home (Phllofopli. Transact. for. ISI2. p. jCi- iinrl Lectures 
on comp. A. T. 1.) zjlilt es zn ilenEi^'enthümliclikeiten des 
ScblanyenCkeletts , tlafs fich jede Rippe nur mit einem Wir- 
bel" verbindet. Es. fclieint lieh dies zwar bei allen Schlan- 
gen zu finden , dafs es .iber auch Lei den Fifchen und ßa- 
trachiern der I?aU itt, liaben wir bereits gesehen. 

s) Philof. Transact. 1804. p. ?4Ä. 

5) Le Regne animal. Tom. II. S. 87. 



387 

gefüllte Höhlen; nur die Verbindung mit dem Kopfe 
wird durch zwei Gelenkhiigel und Vertiefungen (w.ihr- 
fclieinlich ohne eigentlichen Atlas) bewirkt. Die Rip- 
pen find kurz und umgeben bei weitem nicht den gan- 
zen Stamm. Diefe Annäherung an dfe Bildiuig der 
Fifche und unvollkommenften Batrachier ift intereilant, 
weil die Schlangen überhaupt dadurch, dafs die ganze 
VVirbelfäule mit den Rippen einziges Bewegungsorgan 
niittelft feitlicher Schwingungen ift, den Fifchen, na- 
mentlich den Aalartigen, nahe ftehen. Durch gröfsere 
Lange der Kippen ftehen die Ainplüsbaeiieii der Cciecilia 
zunachft, und machen den Uebergang zu den eigent- 
lichen Schlangen. Bei der J2tzt von Äiiguis getrennten 
Acontias (Aiiguis meleagris L.) haben nach Ciivler ') 
die vorderen Kippen knorplige Fortlätze, wodurch fie 
fich von beiden Seiten in der Mittellinie vereinigen, und 
dadurch den Uebergang zu den Sauriern vermitteln, in 
fofern es eine Andeutung des Bruitbeines ift. Deutli- 
cher ift dieles nebft den Beckenknochen bei Angiih und 
Ofjltifaurus entwickelt. Die erften Rudimente der Hin- 
terglieder fand Mcckcl bei Typhlops. Die Bildung der 
Wirbelfaule bei Angins JragUis ift folgende; Auf den 
drei erften Kippen liegt das kurze Brufibein mit den 
SchliUfelbeineii. Der 64fte AVirbel hat keine Rippen, 
I dagegen aber fehr lange fiachelfurniige Querfortfätze ; 
die (5)uerforlfälze des ösften Wirbels lind fehr breit und 
gabelfürmig gefpalten ; mit (liefen verbinden lieh die 
rippenlürmigen Hüftbeine beweglich '). An der unte- 



i) I.e Uif IC animal. T. II. S. Co. 

S) Es findet liifr dieTelbe Unbercüiidigkeit der Verbindung zwi- 
fdirn den Ileok'iikiioclien und dem Reckenv/irbel Sutt, die 
icli <>ben bei Triton crlfttttiis befciirieben lnbe. l'r.ter 
füllt Bliiidl« lilfiiben, die icli in diefer Rik'k/iclit nntcrfucbte, 
Ut eiue, wu ticli am (ijkea Wirbel, unterhalb des letzten 



588 ^ , ' 

ren Fläche rliefer Queifortfätze verläuft ein in den Ril- 
ckenmarkkanal fich öffnender Kanal. Ehen fo, nur 
kleiner find die Queifortfätze des zunächft folgenden 
erften ScliwansswirLkels, an deffen unterer Fläche ijchi 
zwei, heweglich nit ihna verbundene, dünne, rippen-i 
arti.9;e Knöchelchen convergirf^nd erheb«], Cch,aber 
noch nicht vereinigen, weicheseift hei den nächftfoi- 
gendeii Wirbeln, wo fie den unteren GeOifsUanal und 
die Dornfortliitze biklen. Statt fandet. Sie find faft bis 
•an das Ende tl^r vyirbelläuie beweglich mit den Körparn 
verbünden. Alle Schwanzwirbel hdben ftarke'ftachliche 
Queifortfätze. So fchI^ef^ell fich alfo (liefe an Clümces 
(Cuv.) ii//;c»f (Lacepede) und Clialcides ixad Seps (Dau« 
diu) unter den Sauriern an, 

^ C. S a u r i e r. 

Auch bei diefen ift die Zahl der Wirbel., wegen 
der meift ani'ehnlichen Länge des Schwanzes, bedeutend. 
Verhältnifsmäfsig gering ift die Zahk der rippentragen- 
duM Wirbel, daher hier das umgekehrte Verhältnifs der- 
felben zu den Schwanz wirbeln Statt findet als bei dea 
Schlangen. 

Die VVirbelkörper find im AUgetneinen länglich, 
und verhin.Icn fich unler einander wie bei den Sciilan- 
gen , ausgenommen bei Gecko , wo die Verbindung der 



lieh an ilin beftenden Rippenpaares, auf der linken Seite 
nncli eia ftarker Ouerfortfatz findet. Auf derfelben Seit» 
ift das Hüft'«'" "n den felir ftarl<en Fortfatz des darauf fol- 
genden Wirbels gelieftet. Auf der rfcliten Seite, wo am 
fisfien Wnbel jener Qiierfortfatz feliit, lenkt das Hüftbein 
erlt mit dem verlängerten Qnerfortfatze des z-weiten folgen- 
den Äfften Wirbels ein, verlijndet fich jedo.'li mit dem über- 
rpriiivKenen fi^fien durch ein Band, welclies ein Knochenftück 
eutli^lc. 



389 

bei den Fifchen und Sä'ugethieren ähnlich ift, indem die 
vordere und hintere FJäcbe jedes WirbßJs ausgehöhlt 
ift. In der dadurch entgehenden ZwilchenwirbeJhöhle 
befindet fich ein freier K^norpelring. Die Gelenkfort- 
füize bedecken fich von vorn nach hinten , doch wei- 
chen f;e von der horizontalen Richtung ab. DieDoniforC' 
ifüize find meift weit beträchtlicher als bei den Ophidiern; 
befonders im Schwanztheil der Wirbelfäule. Die obe- 
ren fehlen nie; auch finde ich die unteren, bei allen 
Skeletten die ich vergleichen kann , fowohl in den vor- 
derl'ten Wirbeln unmittelbar an den Körpern, als in 
den Schwanzwirbehi auf den unteren Bögen fitzend. 
Diefe find hier wie bei den Blindfchleichen beweglich 
mit den Wirbeln verbunden, und fitzen nach Cuv/er ') 
bei allen Sauriern auf der Verbindungsftelie von zwei 
Wirbeln, aufser bei TiijAnamliis, wo die Gelenkflächen fich 
auf je einem Wirbel befinden, in den letzten Schwanzwir- 
beln verlieren fich die oberen und unteren Bogen, fo wie 
I Ober'haupt alle Fortfätze aufser den GelenkförtfätZen, zu- 
letzt auch diele, und dies um fo früher, je länger der 
iSchwanz ift. In der Gattung JJ^yi/iii-wj- find nach Cuvler ') 
I die oberen Dornfortlatze der ktzten Rücken-und erftea 
I Scliwanz- Wirbel fo verlängert, dafs fie wie Floffenftrahien 
den hohen Kamm unterftützet»^ und ihn noch überragen, 
1 Dafl'elbe findet bei einigen Arten der Gattung AnoUus 
Statt, doch hier nur in der vordem Hälfte der Schwanz- 
wirbel. Es ift dies eine merkwürdige Fifchähnlichkeit. 
Die Querfortfütze entfpringen in den Rückenwirbeln 
immer am vordem Ende des Wirbels, und find fclir kurz; 
ftärker find fie in den Lenden-, Kreuz -und vorderften 
Schwanzwirbeln entwickelt. Das Kreuzbein befteht 



l) Sur le granJ animal foffile de Maeftriciit, Aflnalct du Aly 

feum T. XII. S.,l66. 
%) Le Regne animal, T. II, S, 3(! und 4.1, 



390 ' - 

immer wcnigftens aus zwei Wirbeln, deren Oiierfoxt- 
fätze an ihrem äulseren Ende ftark anlVhwellen, und oft • 
mit einander verl'chmelzen , fo dals lie dem Hüftheiu 
eine einfache Gelenkflache darbieten. Es findet Cch ila- 
her hier zuerft ein Heiligbeinloch an der Stelle, wo die 
Qiierfortfätze, von den Wirbel korpern entfpringend, 
noch getrennt find '). Die Feftigkeit der Verbindnng 
ift verfchieden ; bei Gecko lafl'en (ich die beiden Beckt-n- 
■wirbel fehr leicht trennen , bei Tiipinambis tunericanLis 
durchaus nicht '). 

Die Rippen verbinden ßch bei allen Sauriern 3), 
die Krokodile ausgenommen, durch eine einfache Ge- 
lenkfläche mit dem vorderen Theile je eines Wirbels, 
Immer endigen fich die vorderen und hinteren frei, 
und nur die mittleren liingi'ten, abei" an Zahl meift die 
geringften, verbinden fich durch fchranlehnliche Knorpel 
(Sternalrjppen) mittelbar oder unmittelbarmit dem Bruft- 
bein. Bei den Gattungen Chamaeleo, Arw/iiis und Poly 
chnis*') vereinigen fich die hinteren gieichniimigen Rip- 
pen jetier Seite (mit Ausnahme der let^itenkur^erO durch 
Knorpel, wie dies bei Acontlas unter den Ophidiern be- 
fchrioben ift. 

Die Wirbelfäule der Krokodile ilt von (fer der 
übrigen fehr abweichend gebildet. Der Atlas befteht 



l) Eine i'linliclie regeiw-idrige Verrchiel^^n!leit des EecVens auf 
beiden Seiten, wie heiTriton und Angiiis, Jinde ich auch 
bei einer Lacerta agilU , wo die mit den Hüftbeinen ver- 
bundenen Querfortfütüe auF der rechten Seite vom süften bif 
joften, auf der linken vom iyften bis Jiften Wirbel ent- 
fpriiigen. 

a) Diefe, fo wie fehr xicle andere Beobachtungen habe ich aus 
dem Hefte des Herrn Prof. Meckel entlehnt. 

?) Cuviet für le grand animal S. 167. 

4) In den beiden letztem nach Cuvier Regne animal. T.ll, S, 49 
und 43. 



391 

nach Ciivier ') bei Croc. biporcatiis aus feclis, das gnnze 
Leben hindurch blofs duixh Knorpel vereinigten Stil- 
clvCii, einem oberen unil unteren Mittelftiick, den zwi- 
fchen bL'i<len liegenden Seitenfheilen, und den mit dem 
unlern Stück verbundenen langen und dünnen Quer- 
fdrifötzen. Die beiden Seitentheile und das untere Mit- 
teilt ück find nach vorn mit dem Gelenkfortfatz des Hin- 
terliruipts, nach hinten mit dem Zahn des Fy/ßroplipus 
und mit diefem noch durch eigone Gelenkforlfätze ver- 
bunden. Der E/ii/lropheus befteht aus fünf Stücken: 
Der Bogen mit dem ziemlich ftarken Dornfortfatz ift 
durch Nälhe mit dem Körper verbunden , (dies findet 
in allen Wirbeln Statt) ') an deffen vorderer Fläche 
das, den Zajinrorti'atz tragende, Stück liegt. An die- 
fes heften lieh die OuerfortfJtze, wie beim Atlas. Die 
libiigen Wirbel verbinden fich fämmtlich durch Gelenk- 
köpfe an der hintern, und Pfannen an der vordem 
Flüche des Körpers; die Gelenkfortfatze der Bögen lie- 
gen nicht übereinander, wie bei den vorigen, fondern 
ineinander, indem die vorderen jedes Wirbels die äufse- 
ren find ; dies verliert fich jedoch in den mittleren 
Rückenwirbeln, und in den Schwanzwirbeln werden 
fie bis zum fechszchnten oder fiebenzehnten ganz wage- 
recht. Vom dritten bis zum dreizehnten Wirbel finden 
fich kurze untere Dornfortfatze ; die oberen find in 
allen Wirbeln entwickelt, am längften in den 28 erften 
Schwanzwirbeln; von da an nehmen fie wieder ab. 
Vom zweiten Schwanzwirbel an find auch die unteren 
Bögen mit ihren Dornfortfatzen , beweglich mit den 
Körpern verbunden , vorhanden. 



l)/Annaies <lu MuKiim d'liITtoire naturelle. T. XII. S. 15. 

, 9) Di«fe V>,rbin<]nng kommt aufserdem nor bei den Sclilldkiöten 
vor, und deiit'.t auf eine nalie Vervvandtfgliatt beider ramilicn. 



393 — ► ^ 

Die Rippen finden fich vom dritten bis neunzelin- 
ten Wii-bel '); die n^un erften verbinden fich durch 
ihre nntere Wurzel mit einem Gelenkhöcker am vor- 
dem Theile des VVirbelkörpers, und durch die obere 
mit dem Querforti'atz deffelben Wirbels, der vom ßo- 
gentheil entfpringt. Vom neunten Rückenwirbel aa 
rücken diefe Gelenkflächen näher zufammen, fo dafs 
Ce bald beide am Querfortfatze fitzen, und endlich ia 
den beiden letzten Ruckenwirbeln zu einer einzigen für 
jede Flippe zufammenfliefsen. Die Rippen der fünf 
erften, gewöhnlich zu den Halswirbeln gerechneten, 
Rückenwirbel lind ganz eigenthümlich gebildet. Gleich 
nach der Vereinigung beider Wurzeln breiten fie lieh 
in einen längern hintern und kürzeren vorderen Fort- 
fatz aus, die die entfprechenden der benachbarten Rip- 
pen' berühren , und fo die bekannte Unbeweglichkeit 
des Halfes bewirken. Die fechste und fiebente Hippe 
find frei, eben fo die fiebenzehnte; die zwifchen dielen 
liegenden heften fich an das ßruftbein. Vom zwanzig- 
ften bis vier und zwanzigften Wirbel fehlen die Rippen, 
dpch liegen hier fünf Knorpelpaare an der ßauchleite» 
die an eine Verlängerung des Schaainbeins und die Seh- 
nen der Bauchmuskeln geheftet liud. Das Kreuzbein 
beiteht aus zwei Wirbeln , deren breite Querfortiatze 
da, wo das Hüftbein anfitzt, miteinander verfchmelzen. 
Die übrigen Krokodile, deren Slielette Cuvier verglich, 
unttirfcheiden fich hiervon gar nicht, aufser dafs beim 
Cavial zwei Rippenpaare mehr, dagegen aber nur drei 
Lendenwirbel find. Die Aehnlichkeit mit der Wirbel- 
faule der Säugethiere ift unverkennbar, und wird noch 
dadurch vermehrt, dafs aac\\ Cuvier ') bei einer nur 
. foffil 

l) Siehe die Note j) zu S, 340. 

a) Sur lei ojjcmciit fofßles des Crocodiles. AiHialei du Moßura 
T. XII, S. S8. 



=-^--^ 393 

foffil vorkommenden Art der Vorivelt cJie Wirbelkörper 
fich nicht durch Gelenkköpfe und Pfannen, fondern 
durch zwei flach ausgehöhlte FJächen verbinden; eine 
Bildung, die er bei einer andern foffilen Art im hinte- 
ren Theiie der Wirbelfäule fand, dagegen im vorderen 
d« gewöhnliche Statt hatte. 

In der Bildung der vordem Rippen bei' Laceita. 
agilis findet Cch einige Aehnlichkeit mit der bei den 
Krokodilen. Auch hier find nur die drei erften Wirbel 
von Rippen frei; die Rippen des vierten, fünften uncl 
fechsten Wirbels find fehr kurz und an ihrem freien 
Ende fo breit, dafs ße fich faft berühren. Die vierte 
und fünfte Ripjie find ebenfalls frei, ^ aber lam^ und 
dünn , wie die übrigen Rippen. 

Eine fehr merkwtlrdige Abweichung vom gewöhn- 
lichen Typus ift die bedeutende Verlängerung cler mitt- 
leren Rippen bei Draco '); fie unterftützen die Flug- 

i) Nach Cuvier (Regne animal T. II. S. 58.) find es die fechs 
erfcea falfchen Hippen , welche fo verlängert lind. Ttede- 
nvann (KacurgeCchiclite «nd Anatomie des Drachen , S. 14.) 
ttp vom grliiien IJrachcn , dafs die acht falfchen Rippen- 
paare zum Fliegen dienen; fpjter bemerkt er, dafs die bei« 
den letzten nicht in der flughaut ■wahrnehmbar find; ich 
finde nnr fünf Kippen in der Flughaut jeder Seite (und 
zw«r bei vier frifchen Exemplaren, von denen drei offen- 
bar der Draco firiatus (baudin) find , eines Draco vjridis 
zu feyn fcheint , wenn überhaupt ein fpecüifcher Unter- 
fchird St.ttt Endet), aufserdem noch fieben Paar, von vorn 
, nach hinten kürzer werdende, falfche Rippen die zwar 
mehr nach hinten als nach unten gekrümmt find, jedoch 
nur die Bauthdeckeo untfrftülzeo. An dem äufseren ange< 
fchwülleii^n hnde jeder Hugrippe fitzt ein eigener Rippen- 
luiorpel , der im Kande der Flughaut bis zu der nächften 
Rippe verlauft. Mit dem Bruftbein verbinden fich nur drei 
Rippeupaare (nid.t fechs wie Tiedcmann angiebt), vor wel- 
chen noch zwei freie Kippen liegen. Im Schwanz find die 
Wirbel nur bii {" vor dem £nd( wahrnehmbar. 

M. d. Archiv. 2K. 3. D d 



39^ — 

haut, intlem fie nicht innerhalb der Bauchilecken liö- 
gen unrt die Bjuchhöhle bil(!en, fondern zwifchen den 
beiden Blattern der Haut frei nach aufs^n rage^i; fiß 
iiaben fichum ihre Axe gedreht, und find nach voth 
cunvex, nach hinten concav, ftatt dafs ße fonf^ nach 
aiirsen convex , nach innen concav f)nd. Die Bruftr 
holde wird hipr durch die vorderen Rippen gebildet, 
und die Bauchhöhle hat nur in ihrem hintern Theilg 
Icnöcherne Seiten wände. Schon bei , den Schlangen habe» 
wir die Hippen als Bewegungsorganc gefehen , und eine 
ähnlicbf T'micti(;n haben die Rippenknorpel bei 'i'nioß^se 
unter den nun folgenden Sc/ji/aAiAöw«. . 'f,.,|il\ 

D, Schildkrötin "*). ''"" 

Das ganze Skelett ift {löchft abweichend von der 
allgemeinen Form angeordnet, wenn gleich das S|kelett 
mehrert^r Fifche, Vögel und Säugthiere iich dem Xypus 
nach welchem es hier gebildet ilt, verfchiedentlich an- 
nähert. Faft alle, funll nur beweglich niiteinantl^r 
verbundene Knochen des, Stammes., die Rückenwirbel, 
Bippen und Rippenknorpel oder Bruftbeirfrippen , find 
hier zum Theil durch fehr zufamnieiigefetzlfe NaChe (mit 
weniapn Ausnahmen) unbeweglich vereinigt, und bilden 
das RiUkenl'child, die Ijei weitem gröfste .Maffe des gaa- 
2en Körpers (GeoJJroi\. c). Die fonft frei nagh aufsen lie- 
genden Gliedmaafsen , befonders die vordet^en , find mit 

l) Ueber das Skelett der Tefittdo teiiulata , fo wie übmliaupc 
der Sclilldkröten, fiuden fich itt Wiederhann-s Archiv, B. H. 
H. 2. is- 178. ft. fehr diisführliche ßemerkunjjen von dem 
Herausgeber; fpäcer hat Ceof/roi (Mömoire für les tortues 
molles ia den Annales du Muf. XIV. B.) eine neue AnlidiC 
von der ßildun-^ des Rückenfcliildes vorgetragen, die jedoch 
fchon Robert Townfon in feinen Tracts and obfervations in 
natural hift. and phyfiology. Lond. 1799. S. 86 mit folgen- 
den Worten angedeutet hat; „a modification o( the ribs and 
fieraum here envelop&tlie whole animal." 



iWen Muskeln nach innen getreten, und lenken mit der 
irtnern Flache des Scliikles, den Rippen ein, welche 
aul'sen nur von der hornigen Haut iibeizogen find. Es 
vcrfchmelzen daher die beiden erften Rippen convergi- 
rend, we die Querfortlätze der' beiden Krenzwirbel, 
da wo fie fich mit dem hiiftbeinartigen SchuJterblattb ' 
verbinden, und bei keinem Thiere il't die Aehnliciikeit 
def vorderen und hinteren Gliedmnaf'ien in allen Thei- 
Jeh fo grofs. Merkwürdig ift, dafs bei der Neit;ung 
alier Knochen, unter einander zu varfbhmelzen, die 
Knocheiikerne der einzehien Knochen ungewöhnlich' 
lange getrennt bleiben. ' 

Die Halswirbel haben, aufser den beiden erften 
und dem letzten, eine längliche Geftalt. Die Korper 
find fehr zuranimengezogen , feitlich platt, und bilden 
in der Länge des ganzen Wirbels einen unteren Dorn- 
fertfatz, der fich nach hinten in zwei Vorfpriinge theilt, ' 
die bei Teßudo Ititaria nach Bojaniis ') vom vierten bis 
fiebenten, bei Emys europaea vom vierten bis achten 
Wirbel fich trennen, und zwifchen je zwei Wirbeln zwei 
freie Sefambeinartige Knöchelchen bilden. Einen deut- 
lichen oberen DörnfoTtfatz hat nur der Epiftropheus. 
Die Gelenkflächen ^ der Gelenkfortfatze find, wie bei 
den vorigen, mehr nach inneu und aufsen, als nach 
oben und unten gerichtet. 

Durcii bedeutendere Zahl und Länge der Halswir- 
bel, fo wie durch ftarke Einfchniirung des Halles im 
Verhältnifs zum Rumpfe zeichnen fich die Scliildkroten 
vor den übrigen Reptilien aus , und näiiern fich den 
Vögeln. Der Atlus befteht aus drei Stiicken, ilem 
Körper und den beiden Bogentheilin ; er verbindet fich 
mit i\em Kopfe und dem Epiftropheus , wie bei den 
D,l 2 

l) Ruriifche Sammlung für Natiirwiffenrcliaft und Heilkunft von 
Criiliion, Kchmann und Burda Ji , II. U. 4. H. 



Krokodilen, indem der Zahnfortfatz des letzteren eio 
eigner Knocl^n ift, der fich mit der convexen Fläche 
des Epiftropheuskürpers beweglich verbindet '). Der 
dritte Wirbel hat einen Gelenkkopf, welcher in die 
Pfanne des zweiten pafstj der vierte hat vorn und hin- 
ten einen Gelenkkopf, der fiebentc zwei Gelenkhöh-; 
len; diefes (nach Wiedemann \. c") bei allen, jenes nur 
bei denen, welche den Kopf einziehen können, bei den 
übrigen ift es der fiUifte. In den hinteren Halswirbeln, 
vom fechsten an, fpalten ßch . die Gelenkköpfe und 
Pfanpefl in zwei. Die Gelenkvertiefung des erften 
Rückenwirbels für den letzten Halswirbel ift nach un- 
ten gerichtet, "weil Cch der Hals um den Rand des Schil- 
des biegen tuufs. 

Die RückeiiiiArhel bilden einen Vorfprung an dec 
ionern Fläche des Rückenfchildes ; ihre Körper find faffet 
ganz zur Bildung des Rückenraarkkanals ausgeplättet»; 
deffen Wände namentlich bei den Landfchildkrötea' , 
überall faft gleich dick find *), io dafs hier Körper upd . 
Bogentheil gar nicht zu unterfcheiden find. Bei dea 
Flufs-, und befonders den See- Schildkröten finden; 
fich deutlichere WJrbelkörper, die,fich durch Knorpel- 
luaffe verbinden. An dem vorderen Ende derfelbea 
entfpringt der Bogen mit einer doppelten Wurzel, durch 
Näthe, wie bei den Krokodilen, mit ihm yerbundfin, j , 
das grofse Zwifchenvyiibelloch wird daher faft blofs 
durch den hinteren Ausfclmitt jedes Wirbelbogens ge- 
bildet. Der Bogen der Rückenwirbel iireitet fich auf 
ähnliche Art, wie bei den Fröfchen, in feiner ganzem 
Länge nach beiden Seiten in die Querfortfätze aus, welr-,' 
-H 

l) IVicdemann (I. c. S. 191.) fagt , ilafs lieh nach Ciivier äXetet . 
eigene Knuciien nur in den Schüdkroten fände, \velche 
den Kopf einziehen liünnen , ich finde ihn jedoch bei CVie-- ' 
lonia mydas luid imbricata fehr deutlich. 
s) Etwas .Sehnliches /indüt bei den Ftüfchen Statt. S. oben. 



^^ 397 

die fich an ihrer vorderen und hinteren Fläche mit 
denen der benachbarten Wirbel, an ihren äufseren En- 
den mit den Rippen durch zackige Näthe verbinden, und 
f.» die, an Zahj den Wirbeln genau entfprechenden Mit- 
telltücken des Rückenfchildes bilden. 

Die Rippen find fehr breite, längliche, ftarke, nach 

Verfchiedenheit der Gattungen verfchieden gewölbte 

Knochen , welche an ihrem inneren Ende mit den, Quer- 

fortfätzen der Wirbel, an ihrer vorderen und hinteren 

Kante unter einander, und an ihrem äufseren Ende mit 

<len ßruftbeinrippen (die die Rippenlcnorpel darfteilen) 

«lurch Näthe unbeweglich verbunden und. Hiervoa 

macht nur das Gefchlecht Trionyx (nach Genffroi 1. c. 

S. lo.) eine Ausnahme. Hier find die Bruftbeinrippeu 

blüfs knorpli.cr und werden durch eigene Muskeln beim 

Schwimmen flofl'enartig bewegt. TJeberhaupt macht 

die Geftak der Rippen die Hauptverfchiedenheit der 

einzelnen Gcfehlcchter aus. Bei Allen verbinden lie 

fich, aufser derNath, durch einen, das Capui/Iuin co- 

fiae darftellenden, von ihrer inneren Fläche abgehenden 

Forlfatz mit je zwei Wirbelkörpern an deren Verbin- 

dungsftelle. Sie find bei den Landfchildkröten (Te- 

frudo. Brnngnlart.) am meiften gewölbt, verhältnifsmä- 

isig, wegen der Länge der Rrul'tbeinrippen, am kür- 

zcfleo, und abwechfcInJ am Wirbelende bald breiter, bald 

fcbmäler, wovon am äufsern Ende immer das entge- 

gengefptzte Statt findet. Die breiten Enden verbinden 

lieh daher immer mit drei von den gleichbreiten Quer- 

fortfätzen und Bruftbeinrippeu , die fchmalen nur mit 

dem dazwifchen liegenden mittleren Tbeile je eines. 

Der Rippenhals und Kopf ift fehr dünn und fein. Die 

beiden erften Rippen bilden ein Stück, das fich aber 

mit getrennten inneren Fortfälzen an die Wirbelkörpcr 

lieftet. Dicht vor dem Urfprunge diefer Fortfiiize lind 

die vorderen Glicdniaarsen mitlcllt der Schulterblätter 



598 

an die Rippe geheftet. Die Rippen nehmen von vorn 
und hinien nach der Mitte an Länge zu, an Breite da- 
gegen ab. 

Die FiufsfchildkrOten, Emvs , unterfcheiden fich 
blofs durch flachere Wölbung der Wirbelrippen, Kürze 
der ßruftbeinrippen und itärUere Entwickelung des iu- 
nern Rippenfortratzes von den Landfchiklkröten. 

Bei den Seefchildkröten, C/ie/onia, und den wei- 
chen, Trionyx, find diefe inneren Fortfätze weit ftärker 
entwickelt; die beiden vorilerften convergiren nicht von 
den Wirbeln nach der einfachen Rippe zu, fondern 
find parallel wie die übrigen. Die Rippen felbft find 
fehr flach gewölbt, und unter einander nur in ihrer inne- 
ren Hälfte durch Schuppennäthe verbunden, die jiulsere 
Hälfte verläuft frei in einer häutigen Ausbreitung. Die 
Bruftbeinrippen find fehr klein. 

Lendenwirbel fehlen ganz. 

Die Krenzwirbel haben ftarke, befonders in ihrem 
äufseren Ende angpfchwollene Qnerfortfätze, welche 
nur in lohr hohem Alter mit den Wirbeln verwachfen. 

Die Sclncanzifirbel find mit ftarken Querfortfätzen 
verfehen, welche ebenfalls lange Zeit nur durch Knor- 
pel mit den Wirbelkörpern zul'ammenhängen. Bei Che- 
lonui find fie in den vorderen am ftärkften , bei Teftiido- 
und Emys in den mittleren. Bei letzterer find vom 
achten Schwanzwiibel an untere Bögen entwickeltj 
welche den Gefäfskanal biklen. Diefcr fehlt bei den 
übrigen, deren Schwanzwirbel daher durch ihre Breite 
leicht von den hohen der Emys europaea zu unterfcKe?- 
den find '). 



l) Ein» Verfdiiedeiilieit der Zalil der Scliwaniwirbel nacli deftl 
Alter bei Teft. hitaria von 50 bis 35 bemerkt Bojnnus l.i. 



399 



■Tabelle über die Zahl der Wirbel bei 
den Reptilien, ' 



Namen der in der Mechcl 

fchen Sammlung beHndlicheD 

Skelette. 



Proteus anguinus , . 

Tricon criltHtus, foemina 
^^ — mas. (S.tUinan- 
dra crifiata. Latreille) 

Triton taeniatus (Salaman- 
dia punctata, Latreille) 




Sdlam.Mwlrd terreftris . 

Rana efciilema, temporaria 
paradnxa; Hyla viridis 
Butu fufcus , cinereus . 

Pipa dcrfi^era . , . , 

Ampimb.ieua fuliginora . 

Turtii< jcytale .... 

Vipera Berus 

Aiif>Dis (ragilis .... 



Sepj tridactylus (Lacerta 
dialciiles. L.) . . . 

Polycliros marnioratus. (La- 
c«r^a marmoraca. L} 

IgiMoa deUcatiriima 

Dracu ftriatus (Uaudin) 

Lacerta agilis .... 

AücaLüotei Gecko (Stellio 
Cecku. Sclineider.) . . 

Crocodilus americdnus 

Chelonia Mydas. 3 Exeinpl. 



41" 

5" 5'" 
?" I'" 
i/'4'// 
I' I'" 
6" 2'" 



18" 
;'8" 

21" 

16" 
1/ 10'// 
10 "9"' 

7" 

U' 
55' 

611 c,ili 

H" 

II" 10'" 
( j/-/'7 

13' 5 



»5 



4 a 



l? 



99 


— 





208 


— 


— 


1+8 


— 


— 


60 


I 


I 


60 


I 


I 


60 


I 


I 


60 


— 


2 


21 


2 


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20 


— 


2 


17 


I 


3 


24 


— 


3 


:i 


2 


2 


17 


5 


3 


'P 


— 


s 



5. 3- 



28 

38 

37 

36 
3+ 
30 
S9') 
31 



2; 

2J 

48 

4« 

4+ 

5« 

74 

59 

48 

10') 

8') 

39 

»9 



1) D» ich diefe Tritonen - Skelette alle , fo wie aticK einen Theil 

der übripcn , felbft angefertigt habe , fo kann ich mieh für. 
die Vollftdndigkeit derfelben verbürgen. 

2) Der grüfsere hintere Theil des Schwänzet befteh( blob auf 

einem reproducirten Knorpelrohre. 



400 



Namen der in der Meckel 

fchen fiammlung befindlichen 
Skelette. 



Länge 

des 

Skeletts 




6" 



Chelonia imbricata 
Emys eniopaea . . 
Teftudo f^roeca . 



Mehrere van Andern befch 

Sireo lacertina ^) . . . 
Proteus anguinus '") , . 

Axolotl ») 

Triton. Cuv 

SaUniandra terreftris. Cuv. 
Kana efciilenta. Cuv. Rana 
efctilenta, temporaria, pa- 
aradoxa, Utrans, brcviceps. 
Hyla rantna , lactea, arbo- 
rea, Biifo vulgaris, ip;netis, 
viridis ■*} . .' . . . 
Baiia Fipa, Cuv. . , . 
Bann carnnta ') ... 
Amphifib.iena fuUginofa. Fr, 
Arrpliisbaena, Cuv. 
Vipera Reius. Cuv. , 
Vipera N;i(a. Cuv.. • 
Crotalns hoiridu^. Chi-. 
Boa Coiiftrictor/Car, . 
Coluber Natiix. Cuv, , . 
An2;uis frrtgilis.-Cu-z'. . . 
Ophifaurus (Lacerta apoda, 

PalL'S.) Fror. .... 

Tupinfimbis (Lacerta moni 

tor.) Cuv. . ■ , , , 



"iebene Skelette ^). 



90 


T 


8 




81 


5« 


1 


6 


H 


l 


49 


l 


1? 




t 


40 


1 


It 


1 


I 


38 


l 


i: 


I 


1 


10 




% 




I 



2+ 





s w 


irbel 


ubei 


rhaiip 


9 


7 


I 


108 




98 


— 


— 


£t 


— 


S4 


— 


— 


194 


— 


139 


— 


— 


J-iS 


— 


192 


— 


— 


101 


— 


175 


— 


— 


304 


- 


252 


— 


— 


?16 


— 


20+ 


— • 


— 


49 


— 


3= 


— 


— 


über 










\il,S 


3 


y- 


I 


1 


135 


7 


\% 


4 


£ 



t 

8 

7 
5? 
6? 
2S 
5* 

112 

17 

über 
95 



T} Bei einem 10" 2'" langen Exemplar .bilden die letzten Schv/anz- . 

•Wirbel ein zur^mmenhtingendes Stück. 
a) Cuv. und fror, bedeuten daOelbe als in der Tabelle über die 

FiTche. 
3') Cwvier inA. v. Humboldt" i vtixiBonplantT s Beobaclitungen aus 

der Zoologie u. f. w, (Ich habe die Zahlen nicht nach der Be- 

fchreibuBg, fondern jiach den Kupfertafeln angegeben, da 

jene offenbar weniger genau ift , als diefe.) 
^) Klötzke de rana cornuca, Eeiolini. 1816. 
%) Ktäizke \,e, ■ 



iiOi 



Namen melirerer 

von Andern bpfcbri ebenen 

Skelette. 



Länge 

des 

Skeletts. 



Tuptnambis (Lacerta moni- 

tor.) Fror 

Iguana amerlGaoa. Cuv. • 

Lacerta Ameiva (^L,) . . 

Lacerta Gecko (L.) Fror. 

Draco viridis *).... 
Crocodilns bipurcatus =) . 
Crocodilus niloticus ^) 

— — Cuv. 

— _ Fror, 

— gangeticus^} . 

— americanus. Fror. 
Alligator fclerops ^) . 
Chelonia Mydas. Cuv, 

Teftndo tabulata, fror. 

■ - - ') . 

— luuria ') 

— — fror. 



7"io-;-'' 
9'" 






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99 

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47 

71 

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60 

61 

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54 
60 

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41 
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3 


34 


7 


12 


5 


3 


54 


7 


II 


5 


3 


56 


71 


IT 


6 


2 


35 


7 


14 


3 


3 


34 
über 


7 


13 


4 


3 


28 


7 


12 


5 


3 


34 


s 


11 


~~ 


3 


30 

Über 


8 


10 


— 


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20 


8 


8 


— 


3 


= 5 


+ 


10 


— 


+ 


30—35 


S 


10 


— 


- 


30 



Naclurag zu den Grätenfifchen. 

Eine merkwürdige Abweichung von der bei den 
übrigen Fifchcn gewöhnlichen Form bietet llnn/ius vul- 
garis (Sco)jtber Tliyiinus L.) dar (S. Fig. 12.). Wie 
bei Scomber Scombrus fitzen nur die vorderlten Rip- 
pen an den VVirbeiUörpern , die nied'ten, hinteren aber 
an den unteren' Dornfortfätzen der vorderen Schwanz- 
wjrbel , welche fehr bald eine bedeutende Länge errei- 



1} T/Wemann Anatomie des Drachen, igii. S. I}. 

a) Cuvier Aonales du MuKum. XU. S. 3. ii. 

J) Wedemann Archiv für Zoologie u. f. w, II. 1- S. 177. 

4) Bojanut in der riiffilchen Sammlung für. Naturwitfenfcbafl 
undHeilkunft. B. U. S. 5j4, 



405 

chen. Diefe Entfernung der Eauch-'Eingeweide von 
den \Virbeikurpern fcheint der Grund zu feyn , dafs die 
Gel'äfsflärnme nicht an der unteren Wirbel körperfläche, 
zw'jfchen den gefpaltenen Wurzeln der unteren Doro- 
forlfiicze verlauten, (wie dies auch noch bei dem fonft 
fo ähnlich gebildeten Scomber Scombrus der Fall ift) 
foiidern mit den Ringeweiden herab gerückt find, iri- 
d,ein die unteren Dornfortfätze mit einer einfachen 
Wurzel .entfpringen , an ihrer «Spitze aber fich theilen, 
urii den GetafsUanal zu bilden, und den Rippen als An- 
fatzpunkt zu dienen. Am Ende der Bauchhöhle kehrt 
der üef^ifskanal in einem Bogen, indem er die unteren 
Dornfortfätze allmählich immer höher durchbohrt, zu 
der unteren Flache der Wirbelkörper und den Wurzeln 
der Dornfortfätze zurück. Der Schwanz ift bei Scom- 
brus und' TJiriirius ganz eigenthiimlich gebildet. Die 
fehr fiarken Querfortlätze breiten lieh an ihrem freien 
Ende nach vorn und hinten aus, fo dafs fie fich berüh- 
ren und bei Tliyiirtus vom fechs und zwanzigften Wirbel 
an ganz verfchmelzen. Diefer ift daher ein aus vier ver- 
wachlenen Wirbeln beftehender langer Knochen, an dem 
dia.Theilung nur durch die Löcher angedeutet wird, 
welche, wie bei einem Heiligbeine, zwifchen den Wur- 
zeln je zweier Querfortlätze fich befinden. Hierauf 
folgt dieSchwanzfloffe, welche bei Scombrus und Tkyn- 
nus unmittelbar auf den drei letzten Wirbeln, nicht auf 
Schwanzflüflenträgern, fitzt, oder vielmehr aus den ver- 
längerten Schwan zfioffenträgern felbft befteht, da die 
drei mittelften Strahlen auch ganz die breite keilförmige 
Geflalt der mittelften Schwanzfloffenträger haben. 

Die Rippen find heiTliynnus aufserordentlich breit; 
die vorderen bilden in der Mitte ein dünnes ^" breites 
Blatt. 



— '405 

II. 

lieber die Verfchiedenheiten des Ansfiili)nngs- 
gangs derBauchfpeicheltlj'äfe bei dem Men- 
fcben und den Säugethieren. Von Frie- 

(ti D R I C H T I E D E M A N N. 

Vor einigen Jahren fand ich in der Leiche eines Weibes 
zwei Ausführufigsgäiige der Baufhipeicheklrüfe, welche 
Geh getrennt von dem gemeinCchaftlichen Gallengang 
'mit zwei befonderen Mündungen in den Zwolifinger- 
darm öffneten. Diefe und die Mündung ties gemein- 
fchafllichen Gallengangs befanden (ich auf der im Zwölf- 
fingerdarm liegenden länglichen, warzenförmigen Er- 
liabenheit (Taf. IV. Fig. 14). An dem vordaren, brei- 
teren und am meifteri vorfpringenden Theile der Ei hä. 
benheit münlete zuerft am gewöhnlichen Orte der ge- 
meinfchaflliche Gallengang ein. Seine Oeffnung war 
Verhältnifsmäkig etwas kleiner als fie in der Regel zu 
feyn pflegt. Eine Linie hinler dieCer und zugleich et- 
was feitwärts befand Cch die kleine rundliche Mündung 
des oberen Bauchlpejclielganges. _ Drei Linien weiter 
abwärts, faft an der Spitze der Warze, fenkte fich der 
Zweite Ausfiihrungsgang der Bauchfpeicheldrüfe in den 
Darm' ein. 

Vor einigen Wochen fah ich in einer männlichen 
Leiche zwei pankreatifche Gänge, von denen der klei- 
nere Cch anderthalb Zoll vor dem gcmeinfchaftlichen 
'CalJengarig üfi'nete, der gröfsere aber mit letzterem auf 
^dlfe gfewöhidichf Weife verbunden war. 
r- Diefe Betjbachtuhgen veranlafsten mich, die bis 
^zt bekannt gewordenen Fälle von Abweichungen iles 
Bauchfpeichelganges zufammen zu ftellen unfl fie mit 
den bei den Säugethieren vorkommenden Auslührungs- 
gängen zu vergleichen. Wenn gleich die Ausführungs- 
gänge der Bauclifpeicheldrüfe auch' bei einer und derfel- 



404 ^^^^^ 

ben SäugetViierart gleichfaUs Verfchjedeiiheiten wie beim 
Menfchen darbieten, fo wird es fjcli dennoch. aus cUefer 
Vergleichung ergeben , dafs die verfcbiedenen Formen 
der Ausfiihrungsgänge, welche beim IMenfchen als voa 
der Regel abweichend vorkommen, die Norm bei die- 
fer oder jener Säugethierart darftellefa. Ungemein 
fchwer ift es bis jetzt beim Mangel an zahlreichen, be- 
reits angeftellten ünterfuchungen über den Bau der 
Thiere, und beider ipDeutfchland obwaltenden Schwie- 
rigkeit ausländifche Thiere zum Zergliedern zu erhal- 
ten , die Regeln oder die Norm'en für die Bildung auch 
felbft des einfachften Organs aufzuftellen. Dennoch 
muffen diefe Schwierigkeiten durch Zeit und Gelegen- 
heit überwunden werden, um auf dem Wege der In- 
duction zu den Gefetzen der organifchen Bildung zu ge- 
langen. 

Aus den, feit; Wirfungs Entdeckung des Bauch- 
fpeichel - Driifengangs beim Menfcl-.en, fehr zahlreich 
angeftellten ünterfuchungen hat es Cch fchon längft er- 
stehen , dafs deirfelbe in der Rege] genieinfchaftlich mit 
dem Gallengange in den Zwölffingerdarm einmündet. 
Diefejbe Art der Einmündung fand P. Camper ') im 
Oriing - Utang ; auch fcheint fie häufig bei den Affen 
fiberhaupt vorzvikommen , wenigftens fand ße Cuvier 
bei Simia fphinx, und einigemal bei Simia inuus. 
Ich fah diefelbe bei Simia maimon , Simia entellus, Si- 
mia filenus und Simia capucina, welchen letzteren ich 
lief Güte meines verehrten Freundes, Herrn Dr. Albers 
7Ai verdanken hatte. Ferner kommt fie vor in der 
Katze nach Graaf^\ Blaßus ') u. A. Befonders merk- 
würdig ift die bei der Katze zuweilen als Abweichun"- 



l) Katurgefchichte des Orang-Utangs S. 1Ä5. 

5) De Succo pancreacico in d. Oper, oirin. p. 2g5. 

3) Aiiatome -Animal. p. 7a. 



—- 405 

vorkommende Blafe'y die einen 'Seitchaft des Bauchfpei- 
«SheJgangs erhält, der aus ihm auf diefelbe Art unter 
einem fpitzen Winkel enil'pringt, wie det Gnllenblafen- 
gang aus dem Lebergallengaiig. Dielen Behälter tVir 
den Bauchfpeichel hat zuerft «7r«o/"') beobachtet, imd 
in der neuelten Zeit fand ihn Herr Prof. Meyer ') 
weder. Auch miSrtdek der Batichfpeich'elgalig mit dem 
Gallengange verbunden in den ZifVülffingerdarm; wie bei 
den Zibetlithier nach der Beobachtung von Farraulc 3) 
und den Aerzten <les CoUegif privati Amftelodamen- 
fis ^); beim fliegenden Eichhorn und Riefen-Känsu- 
sab nach Ci/i-v'fr *•); • 'beim SchNf nach Highmvre *) 
u. A. ; bei derGemfe nütAiDiiveiney '') '^^nd beim Hirfch'' 
nach Perrituh ') u. A. Endlich findet fich diel'eibe 
Einrichtung beim Kaintfchadalifchen Manati (Trichechus 
manatus '), und bei den WallGichen nach J. Hunter ' °) 



l) (1. c.) p. 58S. Quando ductus pancreaticus fimplex exiftit or- 
dinario junjjitur cum ductii bitijrio in Hominibus\ ut et in 
felibul , in nuibiis fen-.el Invenimus ad latus folliculi fellis 
verfus quem fefe Pancreas praeter niodum, nimi« exteuderat; 
aliam veficulam albicantem , quac leviter tantum compreffa 
contentum liumorem in ductuin pancreaticum dc-popebat 
colore ac confiftentia a fucco pancrejtico non diTlimilem. 

■it)' Bbfe für den Saft des Pankreas im deüifchen Archiv fiir di* 

I . Phyliol, B, I. S. 29a. Taf. ?. rig. 4. 

}) DeCcription de cinq Civette» in den Mem. de 1' Acad. des 
Sciences depuis ii6(i jusqii'a iCyy. T. }. P. i. p. ts«. 

4) Obfervationes anatomicae lelectiores Collegü privati Amftclod. 

1667- p- it. 

5) Anat. compar. Vol. 4. p. 55. 

6") DiBquÜitio anat. c. I1. Tab. 4. üg, 4. 

7) Mim. de l'Acad. 1. c. T. 3. P. 1. p, 159. 

S) Ibid. T. ). P. 1. p. Z40, 

f) Cimitr L Ci p. 19. 

10) Schntider* ßeiirige zurNaturgefcliichte der VVallCrche S. 55. 



^06 ,---»-.*-.*>-r- 

namentlich bdjTi,Bi;auiilTfch und Tiiitiniler nach Guvlet^g 
Als Aliweichuiig. beobachteten /"e/TftZ///'') und Blafius '^ 
di,e gemeiiilciiaftliche 0,'ffnung beider. Gäiig^ im Tiger.-. '- 

Die i54/weicbiingen des ßauchfpeicheiganges von dep; 
Norin Mfen.fi^h beinj Menfchen q)if folgende zurtiek-^) 
bringen;/^ • .: ,■; \. . : ; 

I. Der Ausfiiliriingsgang ift !w,r einfach vorhaiw 
den, aber er ift nic;ht tpit dem gemeinfchattlichen GaP 
lenganj^e verbuoifen , fordern er mündet für fich in den 
Zwülflingerdarm ein, 9nt\!peder. 3),vp;r idemfeltien, oder; 
b) uanh demfelben, , • :_oi- ,. . . _ . ■ ..f^ 

, ■ il. Der An.sfülirpngsgang ift ;<lfippelt vorhaaddn,t 
und zwar ilt entweder a) ein Gang mit dem gemeinv 
fcliaftiichen Gallengange verbunden und der andere nicht, 
oder b) beide Gänge find nich| verbunden, fohdern 
öffnen fich ifolirt in den Darm,, Hier finden abermals: 
Verfchjedonheiten Statt, nach der Steile der, Einmün- 
dung vor oder hinter dem Gallengange. Wir wolleff 
nach dieferEiiitheiltingdie beobachteten Fälle aufzahlen. 

1. Der einfacji vorhandene. Ausfiihrungsgang ift 
von dem Gallengange getrennt, wie fehon VesUngi") 
beobachtete und mündet .. ■ ■ 

a) vor demfelben in den Zwölffingerdarm ein. 

Solche Falle haben Hummel f^) und. Blajius ?) be- 
fchrieben. In erfterem Falle öffnete ßch dpr Bjuich- 
fpeichelgang zwei Zoll vor dem genieinfchaftlichen 



t 



1) Defcription anatotnique d'un Tigre et de trois Tigreffej a. a. O. 

T. j. P. 9- p- ii7- 

2) a. a. O. p. 121. 

5) Obfervationes et EpUtoIae. Ep. 57. 

4) Diff. de perFor. ventric. Obf. g. 

5) Obfervat. anatom.in honüne.Lugd. Batav. l6?g. p. m. Tab. 13. 

Fig. I. 



407 

Qnjlengange ; in letzterem FäJIe, 'einer weiblichen Lei- 
che, i\ur einen Zoll vor demfelben,, ' . .■ ,.j in, 

Diefe Art tier ■Einmündung,- welche feite ■'Mfen-' 
fchen felten'ift, kommt aiich bei denSäugelhieren' 
fehr felteri^Vor; Df^HnCoiin ') beobachtete fie ih ei-' 
riem AfCeriy'P&irdMc') und Cuvier'i) nahmen liege-^ 
Wohnlich bei Tigern wahr. • 

Sehr hiiiifig dagegen ift die zweite Art der Ein-'; 
inünduii", IJ) wo fich der Bauchfpeichelgüng witer düvn 
(jallengahge in den Darm einfenkt. 

,, Alfjiiiichep *) fah die Einfenkung 2we\ Zoll un- 
terhalb ,dem gemeinfchaftlichen Gange; Perer ^) ia 
einer mi'rlinlichen ujnd weiulichen .Leiche nur eineu 
Zoll weit entfernt; Bi'ihj- ') und Breclitfeld^) zwäj; 
Q.uerfinger darunter. Brunner '}^fand ii|i eiijem'Kna-- 
ben die Mündung des pankreatifchen Gangs einen hal- 
ben Zoll weit von der des GaiJengangs entfernt, je- 
doch waren beide Kanäle vor ihrer Eiulenkung in den 
Darm durch einen Zwifchenaft To verbunden, tlafs ein 
Kanal fich durch den anderen aufljlafen liefs. 

Diefe Art der Einmündung ift die, welche bei 
weitem am häufigften bei den Saugethieren vorkommt. 



l) In BlaT. Anat. Anim. p. II2. und in einem neiigebornen Kincle 
Obfervat. Medic. rariores. Amftel. 1700. p. 46. Obf. 4. Tab. 7! 
Tip. I. 

») 1. a. O. . ■ 

?■) a. a. O. 

4) In Th. Bartholin, Epift. med. Cent. a. Epift. %6. p. 58^. 

<) ObfervatiDn. anat. Lngd. Catav. 1719. ObT. I. p. 6. Obf. 7. p.ii. 

6) Diff. de pancrcate p. 20. 

7) In TA. BarthoUn. Act. Ha£n. Vol. i. p. 34. Obf. 45. Anatomt 

phthifici. 
t) Expcrimenta nova circa pancreai. ^mfcel. iCiJ. p. II7. 



Pirraiik *:■)■' beobachtete' {ie bei einigen Meerkatzen,' 
und Cuvier *) bei .Jen Sapaju's. Sie 'll't nach den 
Beobachtungen von Graaf^}, HigJwiqre.^), Beyer ^\ 
^laß::s ^'),^Bruniier ">), Al^ MoiiTi> ?), Neergnaid »>, 
und.jTiir. ,die Norir bei dem Hunde. Ferner fah fie 
Blaßi's '°) beim Igel, wo der Bai^chfpeicheJgang in 
der Breite des kleinen Finger,s unterhalb dem Gallen- 
gange einmündete; Perrauh ' ') und ich beim Murmel« 
thier; Stenfon '') und Graaf bei dem Hafen', ""d i 
J*e/Taw/t ' ') bei dem Stachellchivein. In dem Haien ' 
und Stachellchwein öffnet fich der I>auchfpeiclie]gang 
fccWs7.ehn bis achtzehn Zoll weit von dem Gallengange 
entfernf. Desgleichen ift diefe Art der Einmündung 
von Pallas '*) beim Kapfchen Klipplchliefer (Hyrax 
capen/ls), von High mora' ^^ beimOchfen, von Graaf 
beim Schwein , und von Cuvier beim Nashorn beobach- 
tet 



,) a, a. O. T, 3. P, 2. p. Si5. PI. 4;. 
i) a.a. O. T, +. p. 5J. . ,.. 
,) a. a. O. 

.^) a. a. Ö. Tab. 4. Fig. I. 
<j) Obrervaüones anat. p. 3 1. 
g) a. a. O. p. ;9. 

7) a. a. O. p. 61. Tab. 2. Nunquam vidi intjr lue canicidia 'du- |* 
ctam paiicjceäticiim inferi in clioledoclii orculüm. 

J) VergleiclienJe Anatomie. S. 16. j 

9) Vergleich. Anatomie und Pliyilologie der Vexdauungsweritzeuge. | 

Berlin igo6. S. IIO. '' 

10) a. a. O. p. 6%. 

11) a. a. O. T. 3. P.3. p. 259. , 
li) In TA. Bartholin. Act. Hafii. 1672. t) 
-13) a. a. O. T. 3, P. z. p. 313, Defoi. Anat, de huit Farc. Epict^ 

14) Mifcell, Zoolog, p. 41. 

15) A.a.O. Tab. 4. Fig. J. 



~ m. 409, 

tet worden. Endlich fanc^Ce fuch Ducrotay de Blainr 
fiil/e^) beim Schnabellhier, , . 

II. Es find zwei Ausführungsgäjige der Bauchfpei- ^ 
cheldrüfe vorhanden, von denen a) einer mit dem Gal^ 
lengange verbunden ift, der an. lere nicht. Der über- 
zahlige Gang mündet vor dem gemeinfchaftiichen Gal- 
lengange ein. 

Einen folchen Fall beobaclitete Brerlttfeld^") in der 
Leiche eines alten Weibes, welches an Lungenvereite- 
fdng geftorben war; der kleinere Aushihrungsgang 
inündele zuerft ein, und der gröfsere war mit dem ge- 
meiiifchaftlichen Galleiigange verbunden. Beobachtun- 
gen der Art haben auch Wilde ^), Targioni 4), Pauli'^^ 
Saiuoiiiii *) und Haller ^) mitgetheilt. 

Mir ift kein Säugethier bekannt, bei dem fich 
diefe Weife der Einmündung fände, jedoch kommt fie 
häufig bei den Vögeln vor *). 

Der überzählige Bauchfpeichelgang öffnet fich hin- 
ter dem Gallengange. 

■ / Solche Bei fpjele erzählt Ruyfch^'); einigemal 
öffnete Cch der überzählige Kanal fogar in das Jejiinum, 



l) DiHertation Tur U place que U famille des Onithorynqnes 
tt des EcJiidnt^s doic occupet daiis les ftries natuielles. Vtx'a 
1812. 4. 

s) In T/i. Bartholin. Act. Hafn. T. i. p. 30. 

3) Obfervat. anat. rariores , in den Comment. Ae. PetropoL fitui^ 

1740. T. 12. p. 312. 

4) Prima racolta Offerv. n. 39. 

5) In Prael. ad J. v. Hörne Microcof. 

£) Taliiilae Septemdecim. p. 141. Tab. 13. 
7) dem. Pljyliul. T. 6. p. 440. 
S) 8. meine Anat. der Vogel. B. I. S. 480. 

j) Diluciddtin Valvularum in Vafu lymphatic. Acced. Quaedkm 
Obferv. .Anatom, rarior. p. 17. Obf. 12. 

M. d. Archiv, ly. 3. Ee 



410 -i^^-s^-». 

Desgleichen find ße von Möinicheh''), Winshw ') 
Petfche 5), Böhmer ♦), Heiiermaiin 5) und Hauer *) 
beobachtet worden. Ili der Regel fand man hierbei 
den kleineren unteren, am Zwölffingerdarme herabftei- 
genden Anhang der Bauchfpeicheldrüfe, welchen Whislow 
als eine zweite kleine Bauchfpeicheldrüfe aufführt. End- 
lich war auch der untere überzählige Ausführungsgan^ 
kleiner als der obere mit dem Gallengange verbundene. 

Diefe Art der Einmündung der Speiclielgänge 
kommt beim Elepihanten vor. Nach P. Camper ■') öffnet i 
ifich der obere gröfsere Kanal in die erweiterte Stelle des 
Gallengangs, welche eine Art von in Zellen abgetheilteni 
Behälter für die Galle bildet, und der untere kleinö 
Ausführungsgarig öffuet fich ifolirt in clep Darm. Per- 
rault^^ erwähnt nur, jenes gröfseren Gangs, vielleicht 
bat er den kleineren überfehen. Zuweilen ift der pati- 
kteatjfche Gang auch heim Hiihcje gedoppelt, und der 
eirib'Kaual verbindet' Cch'mif dein Gallehgange, Wiiljirenii 
/ich der andere am gewöhnlichen Orte weiter , jinter- 
iaib in den Dann einfenkt, wie Graaf, PeyerJ^^ vfil 
'lVee;gY(?7i beobachtet haben. " •• ' •'■'"■■^'' 

b) Beide Ausführungsgänge der Bauchfpeichfeldf öf* 
•flehen nicht mit dem Gallengange iu Verbindung, fo<i- 
'dem münden ifolirt in den Zwölffingerdarm ein. 



'"'^J In 5ra- Bar/Ao/i». Epifc. Medic. Cent. 2. Epift* ao. p.; <?!.:? 
a) Expofit. Anat. Venire I\o. 324. 52g. 

3) Sylloge Obfervat. Anat. felectir. Hai. 175C. 

4) Obfervat. Anatomie. Karior. Fafc. in Praef. p. IJ, Ntf. ai. 

5) Phyfiologie. P.. 3. S.' 820. ' 

6) Elem. PliyCol. T. 6. p. 440. 

y) Defcription anat. d'un Elepliant male p. 39- 
■ 8) a, a. O. T. 3. P; a. p. 51«. , 
5) a. a. 0, p, a6. 



^^ — ^ 411 

Diefen Fall hat Rhodiits ') zweimal im Menfchen 
beobachtet. Auch Bhi/lus ') fand zwei pankreatifche 
Gänge mit zwei Mündungen in einer männlichen Leiche. 
Ferner fah das Riiyfch 5) mehrmals. Hierher gehört 
endlich die von mir erzählte Beobachtung. 

Gedoppelt findet fich der Aiistührungsgang der 
Bauchfpeicheklrüfe beim Pierd. lYeergard '^) fah einen 
gröfseren Ausführungsgang, der aus zwei Aeften gebil- 
det wurde, und fich neben demLebsrgaliengange in den 
Zwölffingerdarm öffnete. Aufserdem war noch ein 
kleinerer Ausführungsgang vorhanden, welcher weiter 
abwärts in den Darm einmündete. Auch im Maulwurf 
beobachtete Jakobs zwei pankreatifche Gänge, von 
denen fich jeder befonders in das Duodenum öffnete. 
Welchen Einflufs die verfchiedene Art der EiiimünLlung 
des pankreatifchen Ganges auf die Chylus-ßildung ha' 
ben mag, läfst fich bis jetzt durchaus nicht angeben. 
Dafs fie aber mit derfelben in irgend einer Beziehung 
■ftehen muffe, kann aus der Beftändigkeit der Art der 
Einmündung bei mehreren Thieren erwartet werden. 

Ee 3 



1) MautllTa Anatomica. Oljf. ;0. 

2) Obferv. Med. rar. p. 52. Obf. 15. Tat. 6. Fig. I. 

3) a. a. O. Saepe tarnen duos reperi pancreaticos ductus iu ca- 

davere humano, quorum neucri aliqua cum duccu cliole* 
docho erat communicacio. 

4) a. a. O. S. «7. 

5) Talpae europaeae Anatome. Jen. Itifi. |> 



4ia ^- 

III. 

Seltene Verdoppelung mehrerer Muskeln, 
beobachtet von Friedrich Tiedemann. 

Ofhr oft kommt, wie bekannt, ein oder der andere Mus- 
kel im menrciiliclien Körper überzählig oiler gedoppelt 
vor '). Selten dagegen il't die regelniälsige Bildung 
mehrerer ilberzfihiigen Muskeln an beiden Seiten des 
Körpers. Einen merkwürdigen Fsll der Art beobach- 
tete ich im verfloflenen Winter an der Leiche eines un- 
gemein muskulöfen, wahrhaft athletifchen jungen Man- 
nes. Unter dem greisen ßrut'tinuskel iag auf jeder 
Seite der Bruft noch ein zweiter, welcher durch eine 
reichliche Schichte Zellgewebes von jenem getrennt 
wai-. Er entfprang an der äufseren Fläche des Knor- 
pel'; lind des vordem Endes der zweiten bis fünften 
Rippe. Seine Bündel verliefen in derfettien Riclitujig 
wie die des in der erften Schichte liegenden Muskels, 
drängten lieh zu einem Bauche zulanimen, und befeftig- 
ten (ich an der-iinneni Fläche der Sehne des äulseren, 
kurz vor feiner Infertion an der von dem grofsoii 
Höcker des Ol)erarnibeins kommenden Leilte. Eiin' 
Schliiffelbein- Portion hatte der- überzählige grofse Brult- 
muskel nicht. 

Da ich die beiden grofsen Bruftmuskeln und den 
kleinem oder den oberen vorderen Sägeniuskel durch- 
fchnitten und zurückgelchlagen hatte, l"o erblickte ich 
noch einen zweiten kleinen Bruftmuskel (Muß. pecto- 
raus minor) , welcher mit zwei Portionen an der zwei- 
ten und dritten Rippe feinen Urfprung nahm, und fich 



l) Mehrere von mir beobaciitete Fälle; der Art iiiid in .T. DuilU 
üiffertatio Anatomica nonnullas niufculorum varietaces exhi- 
bens, LandiChuti 1815. %. entliatien. 



•——•■*'■«— 413 

gleiclifaUs an den Hackenfortfatz '. des Schulterblatts 
inferirte. 

Auch die grofsen Gefäfsmuskeln (Mufc. glulaei 
majores) waren an beiden Körperhälften gedoppeJ: vor- 
handen und durch Schichten vom Zellgewebe abgegriinzt. 
Endlich fand ich noch djeKappenmiiskuln (Muß. c:/cul- 
lares) gedoppelt, in zwei Schichten aufeinander gelegt. 

Diefe iiberzähhge Bildung mehrerer grofsen Mus- 
keln be weift, dafs der muskulüle und athletifche Bau 
beim Menff-hen nicht in allen Fällen durch die öftere 
Uebuiig der Muskeln erlangt wird, fonJern dafs er auch 
angeboren feyn kann, unter Bechngungen, welche die 
Muskelerzeu^ung im Embryo begünftigen, die jedoch 
noch unbekannt lind. 



IV. 

lieber den Blutlauf, in wiefern er durch 
Dj uck - und Saugkraft des Herzens bedingt 
wer. u. Von Dr. C, G. Carus. 

Unbefriedigt durch die frühem Anflehten über die ge- 
fammte Biutb 'wegung, und die des Venenblutes insbe- 
fon lere, haben neuerlich mehrere Phyfiologen diefen 
Gegenitand abermaliger Beleucjjtung und Erwägung 
unterworfen. Bemerkenswerth unter den Betrachtun- 
gen iiber Bhitbewegung in Venen find namentlich die 
von Dr. Zugriibiililpr , fo wie die fpäterhin vom Cand. 
Sriiabartli und Prof. (iilbert dargelegten. Beide Arbei- 
ten von gleiiher Kichtung, obwohl ganz unabhängig 
von einander entflanden, zeigen ein Wiederkehren zur 
altern mathematifchen und meclianlfchen Bearbeitung 
der Pbyüologie, welches als Gegeufatz einer hyper- 



414 >^>*'»->^-^ 

philofopbifchen wohl nicht ausbleiben , auch im All- 
gemeinen bei ßeftimmung einzelner Lebensäufserungea 
nicht ohne Nutzen feyn konnte, namentlich wenn das 
Mathematifche auf die Methode bezogen würde und diefe 
Jatromathematik von einem iorgl'ältigern und gründ- 
lichem Studium des Lebens und feiner unendlich ver- 
fohiedenen Geltalton, kurz von einem recht unbefange- 
nen und treuen Hinfchauen auf die Natur fich nicht 
entfernte. 

Was insbefondere den Blutlauf betrifft, fo muffen 
■yrir jede Bemühung, welche^darauf abzweckt, die noch 
immer hier haftenden Dunkelheiten zu erleuchten, mit 
Dank anerkennen; über auch darüber halten, dafs ent- 
fchiedene Anflehten vom zureichenden Grunde deffel- 
ben nur unter forgfiltiger Prüfung aufgenommen wer- 
den. Gegenwärtige Arbeit hat fonach den Zweck, 
einige Zweifel gegen die Wirkung der Saugkraft des 
Herzens als zureichenden Grund venöfer Blutbewegung 
auszufprerhen ; und fie ift mit der Hoffnung begleitet, 
diefc Zweifel von den Veitheidigern jener Lehre ent- 
weder anerkannt oder (was uns gleich angenehm feyn 
würde) widerlegt zu fehen, zunachft aber der Wiffen- 
fchaft vielleicht in einiger Maafse förderlich feyn zu 
können. 

Zuvörderft die Arbeit des Herrn Dr. Ziigenbühler 
betreffend '), fo beginnt fie mit Prüfung einiger der frü- 
her, aufgeftellten Urfachen zur venöfen ßlutsbewegung, 
deren Unzureichendes dargethan wird, worauf der Verf. 
leine Anficht folgendergeftalt darlegt : „ Gewifs ift es. 



l) Sie wurde als ,. DiTfertatio de motu lanjiiinis per venas" 
d. 5. Jul. 1815 in der Societe academicjue de medecine von 
Paris vorgelefen , und ifc durcli das Journal de medecine 
fo wie neuerlich, (iberfetzt im Arciiiv der Med. und Chi- 
rurg, fchweizcrifcher Aeizte, Jahr;;. ISIfi- Ul- Heft. S. 170. 
bekannc geworden. 



dafs in einen hermetifch gefchloffenen EebiiJter, wenn 
feine Wände gegeneinander gedrüclst, und dann wie- 
der geöffnet werden, ein luftleerer Raum entftolit, vor- 
ausgefetzt, dafs die darin enthaltene Flüffigkeit ausge- 
prefst worden ift. Ein folcher Behälter ift das Herz. 
Wenn nlfo die Wände eines V^entrikels zidamnienge-« 
.drückt, und dadurch das Blut ausgeprefst wird, fo 
entfteht bei folgender Dilatation ein luftleerer Raum. 
Da über jeder mit einem Elutfyftem verfehcne orga- 
nifche Korper, alj ein weicher Körper anzufeilen ift, 
fo drückt die ili:i umgebende almofphärifche Luft, nach 
Gefetzen des Drucks der Flüfiigkeit, das uächftliegende 
Blut mit Gewalt in den beginnenden luftleeren Raum." 
Wenn nun der Verf. ferner lagt: „So viel mir bekannt 
ift, hat noch kein PhylJolog dicfe Erklärung gegeben, 
fo hat dage2;';n Herr Schubarth in der zweiten zu er- 
wähnenden Abhandlung weit forgfältigcr feine Vorgän- 
ger geprüft und gezeigt, wie im Gegentlieil fehr Viele 
bisher diefe Saugkraft des Herzens beachtet, nur kei-> 
jiesweges als Hanptlriebfeder des venofen Blutumlaufs 
baben wollen gelten laffen. Herr Zugenbühler erör- 
tert liierauf noch einige aus feiner Anlicht fich erklä- 
rende Erfcheinungen, und fucht endlich mehrere Ein- 
würfe gegen (liefe Lehre zu beieitigen, von denen, fo 
wie von einigen hier nicht berührten , fpäterhin noch ♦ 
<lie Rede fcyn wird. 

Herr Seil tibarth ') dagegen beginnt mit einer ana» 
toniifchcn Befclircibung des Herzens, geht dann mit 
weit grüfserer Genauigkeit als fein Vorgänger die 
bisher beachteten Gründe des Venenblutlaufs durch, 
widerlegt mit treffenden Gründen fowohl die Annahme 
einer fortftofsendcn Kraft von den Arterien aus, die 
Verglcichung mit communicircudeo Röhren, fo wie die 



I) Cilbertt Annalea de» Pbyfik, Jabrg. Igl?. Se. 9- S. 35* 



416 

bedeutencfereEinwirlxung der Mu=ke]bewegung und der 
Klappen, und bemerkt endlich '): „Die wahre Haupt- 
und Grundur fache, ja die einzige Urfache des BlutJaiifs 
in den Venen fcheint mir Saugkraft zu feyn. " Es 
•wird hier Capillarität und Saugkral't des Herzens unter- 
fchieden. Die erftere wird mit Haller nur als Unter- 
ftützungsmitlel angefchen , die zweite hingegen, auf 
Welche (jedoch nur als BeihtUfe) fohon Haller, Blu- 
rnenbach und Andere Rückfioht nahn^en , ganz wie voa 
Herrn Ziigenbiihler , als Hauptgrund dargeftellt, nach- 
dem zuvor noch die Selbftthätigkeit im Blute nament- 
lich gegen Herrn Sprengel verworfen worden ift. Herr 
Prof. Gilbert hat fodann eine Nachfchrift beigefügt-, 
worin diefe ganze Anficht nochmals kurz dargelegt und 
die Wirkung des Herzens auf den Blullauf mit der ei- 
nes verbundenen Druck- und Saugewerks erläutert, und 
endlich (was auch Herr Zugeiibüliler thut) felbft das 
Auffteigen der Säfte in den Lymphgefäfsen diefer Saug- 
kraft zugefchrieben wird. 

Indem nun hier die wohlmeinende Abficht ausge- 
fprochen ift, der Phyfiologie durch recht einfache auf 
den Gefetzen einer mathematifchen Wiffenfchaft beru- 
hende Anflehten die Erkenntnifs organifcher Vorgänge 
Zu erleichtern , fchoJnt es a-ich dtir weiteren Erwägung 
diefer Bemühungen zur Pflicht zu werden, einen ähn- 
lichen Weg ejnzufchlagen, luid fo wie überhaupt jede 
vernuuftmufsige Erkenntnifs vom Bewufstfeyn der Ein- 
heit zur Anfchauung der Vielheit fortfchreiten mufs, 
die Erfahrungsmäfsige Erkenntnifs aber desgleichen am 
ficberlten begründet wird, wenn Ge vom Einfachen zum 
Vielfachen und Zufammengefetzten übergeht, fo begin- 
nen wir hier, wo vorzüglich die Saugkraft der Gef-ifse 
Yu erörtern ift, mit der Betrachtung der am üchtlich- 

l) S. 6J. a. a. O. 



417 

ften und beftimtnteften aiiffaugentlen Gefäfsej näinJich 
der Jymphatifchen. 

Da nun, wie fchon in der erwähnten zweiten Ab- 
handlung gezeigt ift, das Saugen auf zweifache Weife, 
nämlich durch Anziehung der Gefäfswände , (Capil- 
Jarität) und durch Bildung eines luftleeren Raums zu 
-Stande kommt, fo fragt ßch zuerft, wohin das Sau- 
gen der Lymphgefäfse zu rechnen? — Sowuhl Herr 
ZusfPiibiihler als Herr Sclnibaiih laffen die Ciipillarität 
derfelben ziemlich unberührt, nehmen {lagegen die Wir- 
kung der Saugekraft des Herzens auf die Lymphge- 
fäfse mit Beftimmtheit an; eine Behauptung, welche je- 
doch, wie lieh ergeben wird, der zureichenden, ohne 
Betrachtung des lebendigen Organismus auch nicht wohl 
möglichen, Begründung entbehrt. Unterfuchen wir 
aber zuvörderft den Uau der Lymphgefäfse etwas nä- 
her, fo ftellen die Klappen derfelben, nebft den zwi- 
fchen den Klappen liegenilen Erweiterungen , allerdings 
eine fehr merkwürdige Aehnlichkeit mit in- und auf- 
einandergefetzten , oberwärts weiter werdenden Haar- 
röhrchen dar, ia man kann durch folche Haarröhrchen ') 
diefen Bau vollkommen nachahmen. Bildet man aber 
durch foiche Böhrchen eine Säule, ohngefährfo; 

d ^'" 

II 

" w 

b II 

a II 
taucht fodann das Röhrchen a in eine wäfsrige Flüffig- 
kdt, fo bemerkt man, wie dicfcs das VVafier bis zur 



l) Za einem Verfuclic dlefer Art find die in ilw Mitte erweiter- 
ten Saugerühicben zum AiiClaiigen der Fuckenlymplie felir 
gerchickt. 



418 ^■— -r- 

Erweiterung hebt, von hier faugt es das Röhrchen b 
wieder auf, dann wird es von c, dann von d aufge- 
nommen II. f. w. — Wir fehen alfo hier das Aufftei- 
gen Einer Fliiffigkeit blofs durch Capill.irität von Stat- 
ten gehen, und es ift dies derfelbe Procefs, welcher 
das Vollfaugen eines nur mit einem kieineii Theil in 
Wafler getauchten Schwamms oder Lölchpapiers er- 
khirt. Diefes Phänomen der Capillaritiit möchte ,fo- 
nach auch vollkommen zureichen , das AuQ'teigen und 
Einjhugen in den Lymjjhgefäl'sen , welches deshalb! 
auch nach dein Tode von Statten geht '), zu erklären. 
Allein wir bemerken in den Lymphgetäfsen nicht blofs 
Jus Auffteigen der Säfte, fondern auch ein Aiisgiefsen 
derfelben in das Blut-Gefäfsfyilem-, und diefes kann 
durchaus nicht von Capillaritiit bedingt werden, wel- 
che, als auf Anziehung der Gefafswände gegründet, das 
Ausfliefsen eben fo fehr hindert, als es das Eindringen 
befördert. — Diefes Ausgh'fsfm alfo möchte vielleicht 
durch die Saugkraft des Herzens mitteilt der grofsen 
Venenftämmc gcfchohen .^ — Diefes ift es nun, wel- 
che? durch Thatfachen auf das beftimmtefte widerlegt 
wird. Erftens ift es bekannt, dafs bei Experimenten, 
wo der Ductus thoracicus luiterbunden wird, diefer. 
niclit nur unter dem Bande beträchtlich auJ'JchiviUty 
fondern fogar oftmals plntzc, und feine Lymphe in die 
Brufthöhle ergiefst; zweitens ift in der Chirurgie die 
."rc/se Gefahr der Verletzungen profser Lymphgefälse 
liekannt, als wodurch ein fortwillirendes Ausßckeni 



pi- 



l)-Dies beobachtete z. B. Sömmerri'ng (vom Eaiie des 'menfcK 
liehen Körpers , Tli. IV. S. ^s?.") deudicli an den F.üige 
ien eines bereits einige Tage todten Seehundes. — Ein 
deutlicher Beweis, liafs A'^ej Auffteigen gewifs nicht vom 
Herzen abliungig ift. 



419 

von Lymphe verurfaclit wird '). Nun aber fragen wir, 
könnte jenes AnfchweJIen , jenes Zerreifsen, clieles Tort- 
Wcihrende Ausfliefsen, bei ganz gehemmter Gunimiini- 
cation mit dem Herzen, erfolgen, wenn das Heiz al- 
lein von diefer Saftljewegung, dem Ausgicfs-^n der I.vmp'.i- 
gefdfse die Urfache wäre? — Ergiebt Geh nicht viel- 
mehr deutlich, da unabhängig vom Herzen ditfe Lyinplj- 
bewegung ungehindert fortdauert (wie das ftete Aus- 
gielsen des zerrilTenen Lymphftammes beweift), dali 
i auch im Normalzuftande die Mitwirkung des Herzens 
hierzu äufserit gering oder = o feyV — AuiV,cr der 
Capiilaritj't und der, HerzUraft nnifs es alfo nothwendig 
für Lvrnplibewcgung /ioc}i eine weitere Urfache ge'ocn, 
und diefe kann wonl nur eine dreifache feyn, nämlich; 
entweder Si'Jbfuhyligkeit der Gefäl'se, oder SelbTtthä- 
tigkeit der Fliiffigkeit, oder beides zugleich. Nun ift 
eher eine wahre eigentliümliche Bewegung der Lvmph- 
i gefäfse, etwa der periflaltifchen iSewcgung des Darm- 
I kanals vergleichbar, bisher noch von Nieuinnd natii'u- 
. weifen gewefcn , und es ift ferner in Wahrheit nicht 
abzufeilen, was der Annahme eines fclbTtthätigen Hsftre- 
■ bens der Säfte nach der orgajiifchen Mitte des Körpeis 
enlgegenftehen foil, da wir an giöfsern Organismen, 
j z. B. am irdifohen, die Centripetalkraft mit folcher JJ".- 
I fiimmtheit wahrnehmen, da die Anziehungskraft eines 
Korpers gegen ilcn andern (z. li. des gröfsern VVafl'er- 
tropfens gegen den kleinem) uns in taufendcilej Üe- 
ftalten rings uingieht, ja da die Bildungsgefcliichle die- 
fer Gefäfse faft oline Widerrede darthut, dafs die Sellift- 
kraft der Säfte mehr thiie als die Wirkung dei- Wände. 
Alles Organifche nämlich enlftcht aus Flüffigkeit , dor 
Thierkörper kryftallifirt gleichfain aus der Flüffigkeit 



1^ Wollt ganz auf gleiche Weife wie ans einem verletzten Baum- 
fumm da* Auifchwitzen des Pflanzearaftes «rolgc. 



420 ' 

dos Eies, und nicht blofs im Ganzen, fondern auch in 
feinen einzelnen TheiJen, welche fich fogar fortwäh- 
rend wieder in die allgemeine FlüffigUeit auflöfen und 
von neuem aus ihr fioh erzeugen. Eben fo erzeugen 
fich auch flie Gefalse als Begränzungen gewifi'er Fliiffig- 
keiun und nicht als hohle Jeere Rühren, welche fpä- 
terhin erft mit Fliii'iigkeit gefüllt werden, fo dals folg- 
lich die Richtung der Gefälse ofl'enbar durch die Rich- 
tung der Fldffigkeit , und niehr umt;ekehrt urfprünglich 
die iler Flonigkeit durch die der Geiafse, bedingt wird. 
Aus alle (liefern ergeben fich dani> folgende Refultale: 

i) Capillariiät erklärt grofsen Theils das /?i/jr/(ej- 
gen der Flüfljgkeit in den Lympbgefäfsen, aber keines- 
weges das Ausfliefsen der Lymphe. 

a) Dat Ausfliefsen der Lymphe erfolgt unabhängig 
vom Herzen und roufs daher 

3) von eigenem Andränge der Lymphe gegen die 
organifche Mitte, oder von Selbl'tbewegung der Lymph- 
gefäfse, oder von beiden zugleich abhängen. Da nun 
aber 

a) eine Gefäfsbewegung hier nicht bemerkt wird, 
und die Fl:iffigkeit die Gefälse, nicht umgekehrt das 
Gefäfs die Flüfligkeit hervorbringt, fo fcheint allerdings 
eigeiithiimliche Bewegung der I^yniphe in Verbindung 
mit d^r Cipillarität, das wichtigl'te Moment. 

Wir kommen nun zu den eigentlichen Blutge- 
fäfsen und deren beiden Gattungen, Arterien und Ve- 
nen. — Dafs unter diefen in dön erftern das Blut fort- 
ftröme durch eine Stofskraft des Herzens wefentlich un- 
terlttitzt, ift wohl keine Frage, allein, dafs es felbft 
in den Schlagadern nicht diefe Stofskraft allein fey, 
welche den Blutlauf fordert, ift nicht etwa nur wahr- 
fcheinJich, fondern vielmehr aus nachftehenden Grün- 
den erweilich: i) ift es eine bekaunle Erfcheinung, 
dafs bei Leichenöffnungen gqwijhnlich die Arterien- 



^^ 421 

ftämme von Blut entleert angetroffen werden. Wie 
wäre dies nun inöglich, wenn das Blut blols vom Her- 
zen aus ^etnebeIl wiirile? — Will man etwa anneh- 
men, d<ils durch den letzten oft fehr l'chwachen Herz' 
ichlag das Blut mit einer Energie fortgetrieben werde, 
durch welche es ganz aus den Stämmen ficli enlleert, 
pbivohl hi/iter ihm in den Gefäßen nun ein leerer Raum 
entlieht, welcher, wollte man gar au einen liillleeren 
Raum denken, dieles Entleeren ganz unmöglich machen 
miilste? — 2) Eine Arterie, wennlie unterbunden wird, 
entleert Geh nicht nur (wenn fie nicht durch communi- 
cjrende Aefle immer wieder gefüllt wird, obwohl auch 
in dielem Fall^, wenn fchon langf^iiner dalTelbe ge- 
fchieht), fondern fchrumpft züfanimen und verwächft 
fpiiterliin an diefer Stelle ganzlicji. Diefes Entleeren 
geicliieht alfo ohne, d. i. nach aufgehobener Treibe- 
Uraft des Herzens, fo gut als das Entleeren der Arterien- 
ftämme im Tode. 3) Gänzlicher Mangel des Herzens, 
welcher bei einer kopflofen Mifsgeburt , mit gefohieder 
nen und blutführenden Arterien und Venen vorkam '), 
4) Das von ^ömrnerring ') neblt mehrern andern hier- 
her gehörigen Gründen, angeführte Fortdauern des Blut- 
laufs bei kaltblütigen Tliicren, nach ausgeriffenem Her- 
zen. 5) Der Kreislauf bei den Fifchen, wo das Blut der 
Aorta gar nicht unmittelbar aus dem Herzen kommt, 
fondern von diefem aus erft zu tien feinen Kiemen- 
gefäfsen fich verbreitet, welche Verzweigunj^en dann 
erft als rückführende Gefatse wieder zum Aortenftamm 
ßch vereinigen, fo dal's folglich der Impuls des Her- 



T 

^f) Meckcl paihol. Anat. i. Tli. S. i6i »1. f. — So wie auch die 
auc blofsem /Co/^ befieliende , im Ilerluier Mnfeuni iiutba« 
walirte Mi(i>geburc keijie Spur dei Herzeng zeige«. 

.fi) Yoiq Baue du menfcbliclitn Kursiert, IV. Tli. S. SI. 



423 

feens liier auf cks Arterienblut niclit mehr (cl. i. foviel 
als gar niclil) wirken kann, als bei höliern Thieren der 
Impuls des Herzens. und der Arterien auf das Venen- 
bhit. 6) Dafs felbft im menfclilichcn Körper regel- 
miifsige Blutbewegung von den Stämmen in die Aefte, 
ganz ohne fortflofsende Wirkung des Herzens, mimlich 
in Venen , Statt finden kann , als welches bei den in 
der Leber fich verzweigenden Pfortailergefäfson fehr 
deutlich der Fall ift. — Wenn nun nach diefLni (iriin- 
den felbft die Bewegung des Bliftes aus den Stämmen 
in die Aefte von der Stofskraft des Herzens nur befor- 
dert, aber nicht allein bedingt wird, fo bleibt wieder 
wie iiei den Lymphgefäfsen , nur theils der eigeiuhüm- 
liche Trieb diefer Flüffigkeit, theils die Bewegmig der 
Arterien wände übrig. Nun fcheinenaber allerdings nach 
Parrfs, Döllinger's , fo wie nach meinen eigenen Ver- 
fuchen , Arterien, wenn fie ganz frei liefen , eigentliche 
Contractionen nirgends zu zeigen, ferner finilen fich 
Beifpiele von Arterien, welche Muskel bexvegung ihrer 
Natur nach durchaus nicht zulaffen (wohin vorzüglich 
der auch von mir unterfuchte KnorpelkaiSril der Aorta 
im Stör gehört) und fo, zumal wenn wir auch liier 
noch die Biklungsgefchichte der Arterien aiiS' der F)üf- 
ßgkeit beriickfichligen , niufs wohl eine eigenthfimlir ha 
Centrifugalkraft des Arterienblutes aufser Zweifel er- 
fcheinen ; wogegen es übrigens gewifs i;ls eine geringe 
Einwendung zu betrachten il't, wenn man eine folcha 
Kraft mit dem Namen quaiitas occulta belegt, indem, 
was irgend einem Erkenntnifsvermögen verborgen bleibt, 
darum noch nicht als überhaupt nicht vorhanden er- 
wiefen ift. — Stellen wir demnach wieder die Reful» 
täte lier Betrachtungen über die Bewegung des Arterien- 
blutes zufammen , fo würden es folgende feyn : 

i) Das Blut ftrömt in den Arterien fo wie in den Le- 
berzweigeu deri'fortader aus den Stämmen in die Aefte, 



^ ^23 

ohne dafs der Impuls des HerzenS' dazu unumgänglich 
nothwendig ift, ja wobei deiTeJLie oft ganz mangelt. 
"' 2) Wo das Herz nicht das BJtit aus , den Aeflen 
in die Stämme treibt, bleibt nur Centrifugalkraft des 
Blutes und Bewegung der Gefäfswände oder beides zu- 
gleich als ürfacbeti iibrig. 

5) Da die Be vegung der Arterien nicht Ccher zu 
ehveifen ift, und in gewif'en Fällen beftimmt mangelt, 
fo bleibt die eigenthümlicho Blutbewegung wohl wieder 
■wichtiger und allgemeiner als die Bewegung der Gefäfs- 
wände. 

Endlich wenden wir uns zu dt'm Blutlaufe in den 
Venen ! — Dafs zu deffen Ei-klärung die Annahme el- 
fter Geh fortpflanzenden Stofskraft vom Arterienblule 
aus, die Muskelbewegimg, die Einrichtung der Klap- 
pen- u. f. w. nicht zureicht, ift zum Theil fchoti in 
den Abhandlungen worauf fich die gegenwärtige be- 
zieht, crwiefen worc(en, worauf man denn aber die 
Nothwendigkeit der Saugekraft des Herzens als erftes 
und wichtigfles, ja ei/izigps Moment gegründet hat. 
Bevor wir jedoch zur Prüfung diefer Meinung iibergc- 
liCn, erwähnen wir noch eines bisher wenig beachteten 
Grundes, welcher das Uuthunliche des Ueberwirkens 
lies Impulfes vom Arterien - auf tias Venenblat vorzüa:- 
lieh deutlich macht. Der Impuls des ArterienbhUes an 
den Endfpitzen der Arterienzweigc mufs nämhch nicht 
nur deshalb erlofchen feyn , weil diefes ganze Syfteni 
Vom Herzen aus fich beträchtlich erweitert, fondern 
tveil wir als gewifs anzunehmen berechtigt lind, dafs 
eben di/rrh das Aufhören dif/es ImpuZ/cs das Atifiiö' 
ten und Endigen des Anerienfyfiems felbfi bedingt 
iverde, dafs das Ariciieufyftem fuglclck Jick vcrgiü- 
fsern werde und wirk/ich vergröjsercy wenn Tlieje 
Kraß noch über die Grunzen des bereits gebildeten. 
ArterienJKfieins Itinaüsreicfu , und dafs diele Kraft folg- 



424 •^. 

Jicli fehon deshalb nicht auf die Venen überzugeben im 
Staude fey. 

Was nun aber die Saugkraft des Herzens als Grund 
des Venenblutlaufs betrifft, fo fleht fcbr zu fürchten, i 
dafs wenn diefelbe bereits für dieLymphbewegung nicht 
als Hauptgrund anzufehen war, luid die Stolskralt 
des Herzens nicht als Urfache für die Bewegung des 
Arterienbluts ausreichte, nun auch diefer Grund bei j 
den Venen fich als unziiJj'nglich crwcifen werde. ^ 
Dafs diefes aber wirklich der Fall fey, wird fich aus 
folgendem ergeben : — i) Wir finden im Körper der 
hohem Thierklaffen ein bedeutendes Venenfyftem, wel- 
ches durchaus jeder unmittelbaren Verbindung mit dem 
Herzen entbehrt, dies il't das Pfortaderfyftem , in wel- 
chem Ccb nicht nur die Zweige der Eingeweidevenen 
vereinigen, fondeni welches, namentlich bei den Am- 
phibien, auch Zweige der Bauchdecken, fo wie die Ve- 
nen der hintern Extremitäten aufnimmt. Der Haupt- 
ftamm diefer Venen, in welchem alles diefes Blut zufam- 
menltrömt, fängt fich dann in Ae.T Leber ') ganz nach 
Art der Arterien von neuem an zu verzweigen , ufld 
erft aus den feinften Zweigen diefer Venen gehen zum 
Theil eigene Lebervenen hervor, welche füilann in die 
Hohiader fich ergiefsen , und nun wie die übrigen Ve- 
nen mit dem Herzen in V^erbindung flehen. Da nun 
alfo das Blut der Ffortaderwurzeln von den Zweigen io 
die Stämme eben fo unabhängig von der Saugkraft des 
Herzens ftromt, als das Blut in den Pfortailerverzwei- 
gungen der Leber aus den Stämmen in die Aefte, und 
das Blut der Kürperveuen aus den AelLen in die Stämme 
unabhängig von der •Siußkntft des Herzeus, fo habea 

wir 



l) Nach neuein Unterfuchungen vertlieilen ficli bei Amplübieii 
und Vögeln Telfeft mehrere ähnliche Aefte in den Hieren. 



425 

wir hier einen unwiderleglichen Beweis, dafs regel- 
mäfsige venöfe Blutbewegung fehr wohJ ganz ohiicSaug- 
}trtift des Herzens beltehen kann. — 2) Unter dea 
Thieren ohne Rückenmark und Gehirn finden fic h fehr 
viele Gatfun;;en, wo fammtliche Kürpervenen auf eine 
ähnliche Weife zum Ri^rpirationsorgan , wie die Pfort- 
ader zur Leber fich verhalten. So treten z. B. in den 
Schnecken die Venen zu zwei Hohl venenftäm inen zu- 
fammen, welche fich durch einen VerbinduDüskanal 
einigen, und aus diefem durch neue Verzweigungeil 
(fie vertreten die Stelle der Lungenarterien) das Blut 
in das Gefäfsnetz der Athmungshühle übertreiben, ron 
■wo aus es dann erlt durch eigene Lungenvenen zum 
Herzen zurückkehrt, fo dafs folglich hier die Venen- 
i blutbewegung im ganzen Körper eben fo dem faugen- 
I den Einfluffe des Herzens gänzlich entzogen i(t, als die 
I inenfchlichen Korpervenen von der Stofskraft des Her- 
j zens nicht mehr bewegt werden können. 3) Wird eine 
I Vene zufammengedriickt, (folglich ihre Gemeinßhafe 
niic dem Herzen, gehemmt) Ib fchwillt fie unter dtm 
I Bande an und treibt, wird Ce geöffnet, das Blut mit 
! Gewalt hervor; »eine Erfcheinung, welche bei jedem 
Aderlafs bemerkbar. Diefer Einwurf ift namentlich 
von Herrn Zugenbiihler beachtet und zu widerlegen 
verfucht worden '), allein unfrer Meinung nach mit 
wenig Erfolg. Es unterfcheidet derfejbe nämlich zwi- 
fchen dem phyfifchen und lebenden Heber, und glaubt 
die Gefetze des erftern nicht ganz auf den letztern an- 
wendbar, der weichen Gefa'fswä'nde wegen. Aliein 
offenbar wird, wo eine Flilffigkeit in einem Kanäle, 
er fey weich oder feft, durch Saugen ^ d. i. durch ßii- 



i) Schweitzer. Archiv. %, St. S. Igt. Igli 
M. d. Archiv. IV. l- Ff 



426 -r.—- —^^ 

den eines luftleeren Raums und Druck der äufsern Luft, 
gehoben werden foll , auch wirkliches Erhalten eines 
luftleeren Raums gefordert, und es mufs nach phvfi- 
kalilchen Gefetzen das Steigen der Flüffigkeit aufliören, 
fobald über derfelben atmofphärifche Luft eindringt, 
da der Alangel derfelben der einzige Grund des Stei- 
gens war. — Vorzüglich ilt aber die Erfcheinung des 
Aderlailes noch deshalb mit der Annahme der Saug- 
kraft, als einziger Urfache der venöfen Biutbewegung, 
unvereinbar, weil die Vene oberhalb derOeffnung zu- 
fammengedriickt wird, damit da« Blut fliefse, und das 
Fliefsen faft augenblicklich aufhört, wenn die Binde 
gelöft wird. Wären nämlich felbft Herrn Zugen- 
biihler's Gründe von einiger Verfchiedenheit des phyfi- 
fchen und des lebenden Hebers annehmbar (was iie 
nicht find) fo wäre doch natürlich, dafs das Blut bef- 
fer flöfse bei unzufammengedrückter Vene und unge- 
hinderter Herzwirkung als bei zufammengednickttT 
Vene und aufgehobener oder höchft verminderter Wir- 
kung des Herzens. — Als 4i-en Grund gegen die Mei- 
nung von Saugekraft des Herzens als zureichender Ur- 
fache der venölen Biutbewegung muffen wir ferner wie- 
derum des fchon oben angeführten' Herzmangels, und 
der in Amphibien beobachteten Blutbewegung nach 
liinweggenommenem Herzen gedenken , io wie wir 
5) noch das aus der Bildungsgefchichte des Eies ßch 
ergebende Entftelien der ßlutmaffe aujserhalb des Em- 
bryo's, und der frühem Ausbildung der Venen als 
der Arterien erwähnen. Da nun alfo aus dem Pfort- 
aderblutlauf , der Blutbewegung in niedern Thieren, 
und dem Hervorfpritzen des Blutes aus einer unter- 
bundenen und unterhalb des Bandes geöffneten Vene 
evident die Möglichkeit und Wirklichkeit diefer Blut- 
bewegung, auch ganz ohne Zuthun des Herzens fich 
ergiebt (fo wie wir daffelbe bereits für Lymphbewegung 



und Bewegung der Pflanzenfäfte ') annehmen mufs- 
ten) fo find wir dadurch allerdings auch bL-rechtigt, 
die Saugkraft des Herzens als keine we/encUche Ur- 
fache diefer Bewegungen zu erkennen, viehnehr noch 
andere Urfachen aufzufuchen, welche wie bei Lymph- 
gefäfsen und Arterien wieder zweierlei feyn können: 
entweder Thätigkeit der Gefäfs wände, Thätigkeit des 
Blutes (Gravitation oder Centripetalkraft gegen die or- 
ganifche Mitte) oder beides zugleich. Da nun aber 
den Venenwänden die eigene Thätigkeit zur Fortbewe- 
gung des Blutes noch weniger als den Arterien zukom- 
men dürfte, da ferner auch hier wieder die Bildung 
der Gefälse aus den Säften und die Beftimmung der 
Richtung der Gefäfse aus der Richtung des Blutftroms, 
gegen die Selbftwirkfamkeit der Gefäfswände fprechen, 
oder diefelbe hüchftens auf ElafJcität bei Uefaerfüllung 
befchränken , fo fcheint wieder Selbftthätigkeit des Ve- 
nenblutes als erfte und Haupturüiche betrachtet, und 
die übrigens gewifs vorhandene Saugekraft des Herzens 
als eins der wichtigften unterftützendcn Mittel angefe- 
hen werden zu muffen. Dafs übrigens nebft der VVir- 
kung der Venen, als vielen mit den Arterien communi- 
cirenden Röhren , auch Capillarität für das Eindringen 
der Säfte, ferner die Klappenvorrichtung, zur Hinde- 
rung des Rückfluffes, und die INluskelbewegung, als 
einigern-.afsen unterftützendes Mitte] , bei diefer Blutbe- 
wegung anzufehen find, ift wohl unläugbar, und be- 
vreift wiederum, dafs die Natur, un-. einen gewiffen 
Zweck zu erreichen , nicht blofs ein Mittel in Bewe- 
gung fetzt, fondern durch Zufammenwirken oft unend» 
Ff 3 

l) Dafi (ich die Pflanzenfäfte nicht etwa blofs durch Capillari- 
tät Iwjvvegen » ergiebt fich durch d^s Ausgie/sen derfelben 
•ui verletztoo Stellen der Pfliinze, weicne« aus CapUluiUt 
, 4iu;haus nicht zu eikltfcu ift. 



4-3S 

lieh vielfacher ihren Zweck nur um fo vollkommner 
zu erreichen weifs. — Stellen wir jedoch die Refultate 
auch diefer letztern Betrachtungen zufammea, fo er- 
giebt ilch : 

i) Das Blut l'trömt in den Venen von den Aeften 
gegen die Stämme, ohne dafs die Saugekraft des Her- 
zens dazu unumgüngUch erfordert würde, ja wobei 
dieielbe öfters gam. mangelt. 

2) Die Saugekraft des Herzens kann eben deshalb 
keinesweges altehiiger und Hauptgrund venofer Blut- 
bewegung feyn, fondern wird nur, fo wie fie von Biu- 
menbach , Huller und Andern bereits betrachtet ift , als 
Unter/t ützungsmatel angefehen werden können. 

3) Aufser der Wirkung des Herzens (zumal in 
Fällen , wo diefe , wie bei der Pfortader, gar nicht in 
Betrachtung kommen kann) werden daher noch andere 
wefentlichere Urfachen aufzufucheu feyn , welche nur 
in den Wänden der Gefäfse oder in dem Blute felbft lie- 
gen können. 

4) Da nun in den Venenwänden keine Selbftthä- 
tiakeit erweislich und wahrfcheinlich ift, fo bleibt 
auch hier (zumal wenn wir die Biidungsgefchichte be- 
rilckfichtigen) die eigenthümhcheThätigkeit des beweg- 
ten Saftes als letztes und wefentlichftes Moment übrig. 



V. 

Beitrag zur cliemifclien Kenntnifs verfchieJe- 
ner fefter und flül'figer tbieri Icher Sub- 
ftanzen, \om Profeflbr J. F. John. 

I. Beitrag zur Kenntnifs derMifchung des Speielels. 
Um^das Dafiyn des phosphorfauren Kalks im Speichel 
darzuthun, aeffen AbWefenheit neuerlich duich Ber- 



429 

zclii/s und lliomfun bewiefen feyn follte, liefs ich 
eine OuantitJt cleflejben, den ich Morgens, vor dem 
Genuffe von Speifen und nach Torgfältiger Reiniaung 
des Mundes, aufgefangen hatte-, eintrocknen und auf 
den RücUftiind fehr verdünnte SaJpeterfüure wirken. 
Die filtrirte Kliiffigkeit gab mit Ammonium einen IVie- 
derfchlng des phosphorfauren Kalks. 

Eine andere Ouanlität wurde eingeüfchert. Der 
Röckitand eben fo behandelt, gab daffelbe KaJkfalz. 

Da der Miindfpeichei immer aHcalifche Eigenfcliaf- 
ten befilzt, fo vorfteht es fich von felbft, dafs in der 
klaren filtiiilen FlLiffigkeit diefe fchwerauf lösliche Ver- 
bindung nicht enthalten feyn könne, fondern dafs fie 
vorzüglich nur in dem geronnenen albuminöfen Mucus, 
welcher den Schaum verurfacht , vorhanden fey. 

2. Cheiii/ßhs Uuterfiiduing des Liquor Hydro- 

ceohalt interni eines Kindes^ 
' * 

Die Farbe der Fliiffigkeit warröthh"ch; das fpecifi- 
fche Gewicht = 1,02. 

Beim Erhitzen einer Unze fchieden fich zwei Gran 
hellbrauner, aufgequollener, geronnener Flocken ab. 
Die durch Filtration davon abgefonderte Fliiffigkeit rea- 
girte ungemein fchwach alkalifch und gab, nachdem fie 
mit etwas Salpeterfäure verbunden war, mit Silberaiif- 
löfung einen käfeartigen und mit falzfaurem Baryt ei« 
ren pulvrigen , in Salpeterfäure unauflöslichen Nieder- 
fchlag. Weingeift trübte die concentrirte Fiüffigkeit 
nicht. Nach Verdunftung hinterliefs (ie eine extractar- 
tige Maffe mit Spuren falz -und fchwefelfauren Alkalis. 

Diefe Salze löfte Waffer aucl) aus der Afche der 
eingedickten FlfiffitjUeit und des verbrannten Extracts 
auf. Hicbei verblieb eine Spur weifser Iliickftaud , der 
fich in einem Tropfen Salpeterfäure auflOfte, und l'o- 



wohl rlurch efßgfaures Blei, als auch Salpeterfäure zer- 
fetzt wurde. Es war folglich phosphorfaurer Kalk. 

Die ZaiammenfetzungdieferFlüffigkeit ift folglich: 

Albuminöler Materie 3 Gran. 

Freien Alkali's 

Salz - und fch wefelfauren Alkali's i 
Phosphorfauren Kalks 
Extractartiger Materie 

Wäfferjgkeit 477 — 

480 Gran, 

Die Mifchung diefer Warferkopffliiffigkeit unter- 
fcheidet fich demnach wefentlich von der Gehirnfeuch- 
tigkeit des gcfchlachteten Kalbes , welche ich früher un- 
terfuoht und im vierten Bande meiner chemifchen Schrif- 
ten befchrieben habe, denn letztere enthält eine un- 
gemein grofse Menge wahren Eiweifsftoffs, während in 
der hydropifchen Flülfigkeit nur Spuren davon, und 
zwar in einem modificirien Zuftande vorhanden find. 
Da che Mifchung der Gehirnfubftanzen bei Menfchen 
und Thieren fich wenig oder gar nicht unterfcheidet, 
fo läfst Geh erwarten , dafs diefes auch mit den Gehirn- 
feuchtigkeiten der Fall fey. 

Ohne Zweifel verdankt die hydropifche FJiiffig- 
keit ihre Entftehung dem ßlutwaffer, aus welchem 
in der Gehirnentzündung , die zur Entftehung des 
Hydrocephalus Veranlaffung giebt, die VVäfferigkeit 
theils ausdiinftet, theils wegen des ungeheuren Zu- 
drangs jener feröfen FlüfGgkeit und der dadurch be- 
wirkten Ausdehnung der Gefäfse und Erweiterung der 
Poren durohfickert , wahrend die feften, zum Theil 
geronnenen Stoffe in iien Gefäfsen zurückbleiben und 
bei Heilang der Krankheit fowohl durch Reforbtion 
weggel'cbafft, als auch zur Production anderer Stoffe 
verwandt werden können. 



451 

Die geringe Menge fefter Stoffe, welche der Li- 
quor Hvdrocephali enthielt, kann aber theils fahr leicht 
nach und nach durch die GefäTse fchwitzen, theiis auch 
den Stoffen aufser den Gefäfsen , mit welchen fie in Be- 
rührung kömmt, entzogen feyn. 

3. Chemifche Unterfuchung des weißen Flfchbeins 
( Os fepiae). 

Diefe knochige Schuppe,, welche fich bekanntlich 
im Rücken des Kuttellifches oder der Seekjtze (Sepia 
ojficinalis L.) befindet, Avird zwar feit undenklichen 
Zeiten in den pharmaceutifchen Lehrbüchern als eine 
kalkartige Materie befch rieben ; allein weder die von 
I\eiimanii zuerft veranftaltete Unterfuchung, noch die 
Behauptungen anderer Chemiker heben die obwalten- 
den Zweifel. So glaubte Fourcroy, dief? Subftanz be- 
ftehe blofs aus Kalk und Gallerte ; Hatchen aus Kalk, 
KohietifäuFe und Membranen ; Karfeen aus drei Thei- 
len kohlenfauren und einen: Theilphosphorfauren Kalks, 
Merat-GuÜtot aus vier und zwanzig Theilen VVaffer '}, 
mit acht Theilen Gallerte und acht und fecbzig kohlen- 
fauren Kalks. 

Da fich Augenärzte noch jetzt zuweijen des Os 
fepiae bedienen, fo blieb eine zuverläffige K,eantnifs 
von jlirer Mifchung wünfchenswerth. 

Bemerkungen über die. Structur des Os fepiae, 

i) Die obere Decke bildet eine ungefähr -S Linie 
dicke, bis zu \ Fufs lange, in der Mitte zwei bis drei 
Zoll breite, nach beiden Enden fpitz zulaufende und 
nach dem Längendurchmeffer etwas gekrümmte Platte, 
welche auf der Oberfläche mit Furchen und kleinen, 
etwas bogenförmig und parallel der Breite nach laufenden 



i) Welche einen Verlufc zagleicli in £ch fallen. 



439 



Erhöhungen verfehen ift. Darlurch erhält diefe Ober- 
fläche dir Decke ein etwas chagrinartiges Anfehen. Die 
Subftanz felbft ift dicht und von der Härte des Marmors. 

a) Unter diefer Oberdecke ift eine eben fo geftal- 
tete, durchfichtige Membran, welche oft ringsherum 
etwas hervorragt, biegl'am und elaftifch ift, befindlich. 

3) Die poröfe Hauptmaffe des Os fepiae hat eben- 
falls die Form der Decke. Sie beliebet aus dünnen 
Schichten, welche von der concaven Seite oder Decke, 
wo iie den kleinften Durchmeffer haben in wachfender 
Dimenfio(^ bis zu ^ Zoll Durchmeffer in der Dicke aus- 
Jaufun. ' Diefe etwas fphärifchen Lamellen find unge- 
mein leicht, denn ihr fpecififches Gewicht verhält fich 
zu dem des VVaffers , etwa :=: 880 : 1000. Sie befte- 
hen aus kleinen aneinander gehäuften Körnchen, die 
£ch, ob fie gleich keine fichtbaren Zwifchenräume laf- 
len, mit dem Finger, wie Kiefelerde abreiben laffen. 
Wegen diefer fchwammichten Structur läfst fich die 
Hauptmaffe leicht in ein kleineres Volumen zufammen- 
■driicken; allein der Mangel an Elafticität hindert, dafs 
fie ihre vorige Form wieder annehmen. Diefe Befchaf- 
fenheit liefs auf Gegenwart der Kiefelerde fchliefsen; al- 
lein ich fand davon keine Spur, fondern meine Ana- 
Jyfen gabea folgende Anficht: 

Mifchung der cha^rtn» 
der poröfen artigen Ober- 
Hauptmajfe, decifze mit de 

elnj'n'fcltrii 
Membian, 

Kolilenfaiiren Kalks mit fcliwacben Spuren 

phospiiorr»uren Kalks S5 ... 80 

Feitchtigkeit ... 4 . , . 4 

UiiauFlösUcher mucSfer Membran . . 4 ... ,9 

Salpeterfauren Natrums 

S-ilpeteiTauren Kdlks 

Tiiiprifcher, mucöler, aiiflöslicher Materie^ 

Sputen Talks 



' Da*die clingfijiartigel>ecl<e jn Verbiiidung der cla- 
ftifchen Membran unterlucht wurde : fo ift zu bemer- 
ken, dafs in dem MifchungsverhaJtniffedie mucüfe Mem- 
bran faft wegfallen würde, wenn die Rede von fler rei- 
nen Oberdecke wärß, und dafs dagegen die claflifche 
Membran nur Spuren Kalks enthalte. In keiner der er- 
wähnten Subftanzen finden fich Kiefelerde und wägbare 
Mengen phosphorfauren Kalks. Der fonderbare Aggre- 
gatzuftand diefes merkwürdigen Körpers rührt alfo ein- 
zig von einer unregelmäfsig, vielleicht in gewiffen Zwi- 
fchenräumen plötzlich erfolgenden Abfondurung des 
kohlenftofffauren Kalks in Verbindung der m;icöfen, 
fahr aufgelockerten Subftanz her, denn durch don er- 
ften Umftand wird verhindert, dafs fich die Kalkatome 
kryftaliinifch aneinander reihen und durch letzteren, 
dafs fie fich zu compacten, weniger porölen Maffen 
verbinden und verdichten. 



454 



Intelligenzblatt. 



1. Edwards über die Afphyxie. Zweite Ab- 
handlung. Ueber den Einflufs der Tem- 
peratur in der Afpliyxie der Batrachier. 
(Annal. de Chimie et de Phyfique. T. 8- l8l8. 
p. 225. ff.) ' 

In meiner erften Abhandlung über die Afphyxie «ler Ba- 
trachier ') unterfuchte ich diefelbe in der Luft, dem Waf- 
fer, den feften Korpern und dem luftleeren Räume. Hier- 
aus ergaben lieh andere Betrachtungen über den Einflufs 
der Luft und der Waffers auf die Oekonomie diefer Thiere 
' und über die Kenntnifs der phylifchen Bedingungen 
der Ausdünftungen, welche bisher den Phyfiologen ent- 
gangen waren; indeffen wurde keine der Bedingungen 
beiückfichtigt , wodurch die beobachteten Wirkungen 
hätten abgeändert werden können. Diefe Bedingungen 
aber find fo wichtig, dafs wenn man ohne Rücklicht 
auf fie meine Verfuche wiederholte, fich ganz entgegen, 
gefetzte Refultate ergeben könnten, indem Unterdrü- 
ckung desAihniens, auf diefelbe Weife bei diefen Thie- 
ren hervorgebracht, fehr verfchiedene und felbft entge- 
gengefeizte Wirkungen erzeugt. Die Urfache diefer Ver- 
fchiedenheiten will ich jetzt auf dem Wege des Verfu- 
ches darzulegen fuchen. Hierbei war zuerft die Aus- 
mittelung eines feften Waafsftabes nöthig. Um daher die 
Urfachen, welche die durch Untertauchen im Waffer 
hervorgelirachten Erftickungs - Erfcheinungen abändern 
könnten, zu erforfchen, vervielfältigte ich meine Unter- 



1) S. diefea Aichir, Bd. %, S, <ia. 



435 

r 

fucliungen unter älinlichen UrnftänJen, um micli zu ver- 
gewiifein, ob ich nach Gefallen in denfelben Gränzen die- 
felben Erfcheinungen heivorbringen, und mich Jerfelbea 
nachher als eines Maafsftabes bedienen könnte. 

Zu diefem Behuf wurden im Julius und September iglö 
42 Verfuche über das Untertauchen der Fröfche in luft- 
haltigem Waffer angeftellt, um auszumitteln, wie lange 
das Leben derfelben darin erhalten werden könne. Die 
mittlere Temperatur im Julius war 15°, 6; imSept. 14°, I; 
die des lufthaltigen Waffers variirtc von 17 — 15'. Ich 
füllte damit Gefäfse vom Inhalt y'^ iVlaafses an und 
ftolpte lie auf Teller um. Der Verfuch wurde jedesmal 
beendigt, wenn das im Waffer befindliche Thier durch 
Kneifen nicht zu Bewegungen veranlafst wurde. 

Das Leben diefer Thiere dauerte ui.ter diefen Be- 
dingungen von I — 2 Stunden 27 Minuten. Täglich ka- 
men hierbei, mit dem Unterfchiede von einigen Minu- 
ten, beide Extreme vor und die Mittelzahl war in beiden. 
Monaten faft diefelbe, im Julius I Stunde 37 Minuten, im 
September 1 Stunde 45 31inuten. 

Die Urfache der Verfrliiedenheiten auszumitteln, 
wurdezuerft derEinflufs derTemperatur unterfucht. Nach 
Spallanzani und einigen Andern leben Frofche unter Waf- 
fer im Winter länger als im Sommer. Um hierüber ge- . 
Haue Refultate zu erhalten, ftellle ich mit den vorigen, 
gleichlaufende Verfuche an, damit die einzige wahrnehm- 
bare Verfchiedenheit die derTemperatur wäre. Seinewaf- 
fer von 17° wurde durch Eis auf 10° gebracht. Von zwei 
liineingetauchten Fröfchen lebte der eine 5 Stunden 50 
Winutcu, der andere 6 Stunden 15 Minuten, alfo faft 
das .Doppelte der längften Dauer bei den vorigen Verfu- 
chen. Hierauf wurde das Waffer bis auf Null gebracht. 
Die Fröfche lebten darin von '6 Stunden 7 Minuten bis 
8 Stunden 18 Minuten, alfo beinahe dreimal fo lange. 
Da hier die Lebensdauer lieh umgekehrt wie die Tera. 
peratur vaniäk, fo war es wichtig, den Einflufs einer 
noch höheren zu unterfuchen. Bei 20* Lufttemperatur 
wurden daher 4 Fröfche in Waffer von 22° getaucht: 
fie fiarben in 70 — 35 Minuten. Hier betrug die längfte 
und die kürzefte Dauer ungefähr die Hälfte der, bei den 
Torigca unter 15 und 17'angeftelltenVerfacben beobachte- 



456 >*-^v^ — -- 

ten E.-rtrcme. Drei andere Fröfclie ftarben in einer Tem- 
peratur von 32" in 32 — 12 Minuten. Veigleiclit man 
alfo die beiden Exireme bei 32°, lo ergiebtiich, dafs 
dir Lebensdauer hier ungefähr um öio Häifte. oort um 
,zvvei Drittel abgenommen bat. Bei 42° flarben die Fr3- 
f(hc fal't augenblicklich, in zeim Fällen zwifchen 2 Mi- 
nuten und einigen Secunden , wobei es merkwürdig ift, 
dafs ile im Waffer bei einer Temperatur fterben, welche 
den warmblütigen Tliieren ziemlich natürlich ift. Nimmt 
man alfo in einer Jahreszeit, welche der, in welcher ich 
meine Verfucbe anftellte, ähnlich ift, auf der einen 
Seite die O Temperatur , auf der andern 42° des Waffeis 
als Grunzen, foHndet fich, dafs lieh die Lebensdauer der 
Frofche etwa bis auf 42' , wo lie plötzlich fterben, ver- 
mindert. 

So entgegengefetzte, durch fo nahe Temperaturen 
Iiervorgebrachte Wirkungen verdienen Aufmerkfamkeit. 
Eine Temperatur von beinahe o ift dem Leben der ein- 
getauchten FrOfche fehr günftig. Keinesweges aber ift 
dies in einer dabei erfolgenden Frftarrung begründet, in- 
dem die Fröfche ßch z\var weniger, aber wlilkührlich 
bewejen und im Gebrauch ihrer Sinne lind. Gieichlau- 
fend mit der Erhöhung derTemperatur bilngteine geringe 
Anzahl von Graden bei mätsiger Wärme bedeutende Vcr- 
»ninderung in der Lebensdauer diefer Thiere hervor; zu- 
i^ieicb aber vermehrt lieh die Lelihaftlgkeit ihrer Bewe- 
gungen, und ift bei der ihnen plötzlich tödtlichen Tem- 
peratur fehr grofs. 

Die Kröten, verhielten fich in allen Hinfichten ganz 
ähnlich. 

Man könnte nun annehmen, dafs in warmen Kli- 
maten die Fröfche in Waffer von 40 — 42° leben. Allein 
diefe Erfchciiiung würde nicht im Widerfpruch mit den 
angeführten Verfuchen feyn. Die Ucuftande lind fehr 
verfchieden, indem in dem einen Falle die Thiere frei 
athraen, im andern nicht. Eben fo fuchen die Fröfche 
nicht die Temperatur des Waffers auf o im Winter, al- 
lein es ift hier die Rede vom Scheiniode, d. h. von dem, 
was gefchieht, wenn die Thiere fich aufser der Wcchfel- 
wirkung mit der Luft befinden. 



^ 437 

Bei den Verfuclien über den Einflufs der verfcliiede- 
nen Temperaturen des VValTeis von O bis 42°, war die 
mittlere Lufttemperatur 15 — 14°; die der Fröfche über- 
traf die letztere während des Verfuchs um l-i — 2°. Be- 
kanntlich richtet lieh die Temperatur der Ualtblütigen 
Thiere nach der äufsern , und unterfcheidet fich wenig 
von diefer. Hiernach könnte man fragen, ob nicht die 
plötzlichen Temperatur- Veränderungen, welche diele 
Thiere beim Eintauchen in fehr warmes Wafler erlit- 
ten , mehr als die hohe Temperatur felbft, Todesur- 
fache feyen, da der höchfte Wärmegrad, fofern er nicht 
die ßlutwärme übertrifft, fiir mäfsig gelten konnte; al- 
lein diefe Frage kann wohl nur negativ beantwortet 
werden, da, wenn gleich plötzliches Steigen der Tem- 
peratur fchadlich war, gleich fchiielles Sinken derfelben 
einen wohlihätigen Eiuflufs hatte. Eine andere Frage, 
ob unm^kliche Uebergange dicfc Kefultatc nicht abän- 
dern, hängt mit dem Einflufs der Gewohnheit auf dia 
Wirkungen der Temperatur zufammen und wird an- 
derswo unterfucht werden. 

Bei diefer Reihe von Verfuchen variirle blofs die 
Temperatur; alles übrige war gleich. Ich fuchte nun 
zunächft den Einflufs einer andern Bedingung der 
Jahrszeiten auszumitteln, indem ich die angeführten 
Vertuche in verfchiedenen Jahrszeiten wiederholte. Im 
Julius und September lebten die Fi öfche unter einem Waf- 
ler von 15 — 17° I— 2 Stunden 27 Minuten. Um zu 
fchen, wie fie fich im November verhielten, brachte 
ich am 7. Nov. 18 17. lO Fröfche unter Waffer von 17* 
und fand, dafs die Lebensdauer von 2 Stunden 5 Mi- 
nuten bis 5 Stunden 35 Minuten variirte , alfo mehr als 
doppelt fo lang wie im Sommer bei derfcllion Tempera- 
tur war. Da alle übrigen Umftände diefelben waren, 
fo lieht man , dals in der Tliat der Herbft eine be- 
deutende Verlängerung der Lebensdauer der fröfche 
unter Waffer bewirkt. Allein wodurch? Temperatur, 
Stärke des Lichts, Druck der Atmofphure, (Jiad der 
Feuchtigkeit oder Trockenheit der Lull, Bewegung unjj 
ElectricitUtszuftand derfelben variiren in den verfchiede- 
nen Jahrszeiten. Andere mit der Jalirszeit in Bezie- 
hung flehende Bedingungen können von der Lebens- 



438 ^^.^^^ 

weife der Thiere abliängen. Aus diefen verfcliiedenen 
Urfacben mufs nun die, welche ganz oder zum Theil 
die erwähnte Verfchiedenheit bewirkt, aufgefunden wer- 
den. Die Intenlität des Lichts, der Electricität, und den 
Druck der Luft kann man ausfcliliefsen, da das Maafs 
der erften beiden nicht gehörig bekannt ift, der letzte 
in beiden Jahrszeiten ziemlich gleich war, und, auch 
wenn er bedeutend variirt hätte, auf Thiere, die ge- 
wöhnlich in einem nicht zufammend rückbaren Medium 
leben, ohne Einflufs feyn mufs. Eben fo kann man 
auch den iiygrometrifchenZuftand der Luft und die Winde 
unbeachtet laffen, da beide Bedingungen zwar auf die 
Früfche in der Luft, nicht aber im Waffer Einflufs haben. 
Mithin bleibt nur die Temperatur der Luft übrig. Diefe 
aber konnte nicht während des Verfuches einwirken , da 
das Waffer, worin fich die Thiere befanden, in beiden 
Jahrszeiten gleich warm war. Anders verhält es lieh 
mit der einige Zeit vordem Verfuche Statt findenden Luft- 
temperatur. Die Temperatur der flachen Crewäffer, welche 
die Fröfche bewohnen, nähert fich Ichnell der atmofphäri- 
fcben, mithin konnten diefe Thiere durch diefe einige 
Zeit vor dem Verfuche umgeftimmt werden. Im Julius 
hatten fich die Fröfche einige Zeit vor dem Verfuche in 
einer mittleren Temperatur von 14", 8, im September in 
einer von l'5°,5, dagegen die, welche im November zuin 
Verfuche dienten, in einer von 7 ",3 befunden: in die- 
fer Zeit hatte fich daher in der Conftjtution diefer Thiere 
eine bedeutende Abänderung ereignet, wodurch fie in 
den Stand gefetzt worden waren , weit länger unter Waf- 
fer auszudauern. Hierdurch alfo wären wir zur richti- 
gen Würdigung eines der wichtigften Antheile desEinfluf- 
fes der Jahrszeiten gelangt. 

Nach dem Vorigen kann man, wenn unter den be- 
kannten atmofphärifcheu Einflüffen zu wählen ift, nur 
der Temperatur die angegebene Wirkung zufchreiben; al- 
lein auch die Lebensweife oder vielleicht andere uns un- 
bekannte Urfachen konnten diefelbe hervorgebracht 
haben. Ob dies der Fall fey, liefs fich durch Verfuche über 
den Einflufs der Lufttemperatur vor dem Verlache, un- 
abhängig von der Jahrszeit, ausmitteln. 



439 

Am ajften November 1817 bei lo* Temperatur der" 
Luft und de» Walters , und nachdem die mittlere Tem- 
peratur in diefem Monat ungefähr diefelbe gewefen war, 
wurden 5 Fröfche in Waffer von diefer Temperatur ge- 
than. Sie lebten darin von 5 Stunden lo ftlinuten bis 
1 1 Stunden 40Minuten, alfo doppelt fo lange wie im Som- 
mer bei derfelben Temperatur des Waffers. Diefe auf- 
fallenden Refultate beweifen aufs neue die Abhängig- 
keit des Lebens der Fröfche unter dem Waffer von der 
vorangegangenen Lufttemperatur. Die Vergleichung der 
Verfoche in diefen verfchiedenen Jahrszeiten erweift l) 
den Einflufs der Temperatur des Waffers, worin lieh die 
Thiere belinden; 2) den der Luft während einer gewif- 
fen Anzahl von Tagen vor dem Verfuohe. Man kann 
felbft das Verhiltnifs zwifchen dem EinUuffe beider Mo- 
mente fchätzen. Wird das eine abgeändert, fo bringt 
es , gleichviel welches abgeändert worden , ungefähr den- 
felbcn Erfolg Jiervor. Vereinigt man alfo beide, fo er- 
hält man eine doppelte Wirlcung. Daher dauerte das Le- 
ben bei dem letzten Verfuche, wo das angewandte Waf- 
fer und die Luft vor dem Verfuche 10° hatten, dop- 
pelt fo lange als da, wo, wie bei den vorigen Verfu. 
chen, die Temperatur des Waffers oder der Luft allein 
jo' betrug. So veriiielt es fich , wenn die Temperatur 
nicht unter 10° war. Um auszumitteln, ob der Einflufs 
der vorgängigen Lufttemperatur hier aufhört, oder fich 
in deinfelben Verhälenifs bis auf O vermehrt, wurden" 
folgeiide Verfuche angeftellt. Am 22ften December def- 
felben Jahres, als die Temperatur der Luft 20 Tage lang 
nahe an O gewefen war, brachte ich drei Fröfclie in Waf- 
fer von lo': fie lebten 20 — 24 Stunden darin. Mithin 
offerbarte fich auch hier der Einflufs der vorangegange- 
nen Lufttemperatur fehr auffallend , indem im Novem- 
ber die Fröfche im Waffer von 10° doppelt fo lange als 
im Sommer, im December doppelt fo lange als im Herbft 
lebten. Um zu fehen, ob, in Uebereinftimmung mit 
ffühem, vorerwähnten Erfahrungen, der Erfolg noch be- 
trächtlich gr-ifser feyn würde, wenn man auch das Waf- 
fer bei vorangegangener O Temperatur auf o brächte, wur. 
den am 23ften December bei O Lufttemperatur 4 Frö- 
fche in Waffer von o gebracht. Die FiOfclie lebten 24— 



440 

6o Stunden , alfo doppelt fo lange .als beim " vorigen Ver- 
fucli. Hieiduich vvuide der obige Schlufs voUkominen 
befiätigt, dies um fo melir, da ich zwei Jabre nach ein- 
ander denfelben Verfuch mit völlig gleichem Erfolge wie- 
derholt habe. Bei O hcirt der Einfliifs der vcrangegaiige- 
■aen Lufttemperatur auf, weil die Thiere, welche das 
Waffer bewohnen , durch die Befchaffenheit diefer Flüf- 
Cgkeit felbft vor einem noch tiefern Sinken der Tem- 
peratur gefchützt find. Fröre durch eine ftrenge Kälto 
das Waffer, fo befänden fie ftch in andern VerhUkniffen, 
welche in der Lehre vom Scbeintode durch fefte Körpe«" 
»u betrachten lind. 

Um ausrumitteln, ob die Lebensdauer der Fröfche im 
Waffer von höherer Temperatur durch die vorige Lufttemr' 
peratur abgeändert werde , verfuchte ich zuerft, oh die 
Fröfche nicht bei 42° Wafferteiuperatur fpäter ftiirben, 
ivenn die Luft vorher kälter gewefenwäre; aiieln ich fand, 
dafs 6 Fröfche, die ich am joften October, nachdem die 
mittlere Temperatur einen Monat lang auf 7° gewefen war, 
in Waffer von 42° that, gleichfalls nicht länger als i — 2 
Minuten lebten. Am 23ltenDec., als die Lufttemperatur I 
Monat lang nahe an O gewefen war, erhielf ich daffelbeKe« 
fultat. Mithin können dlefe Thiere, g-Ieichviel, welche 
Temperatur der Luft vorangegangen war, eine höhere Waf- 
fertemperatur als die angegebene, nicht ertragen. Verfuche 
mit Salamandern und l^röten gaben daffelbe Refultat. 

Die angeführten Thatfachen können zur Krliute- 
Tung von Erfchcinungen , welche eben diefe Thiere unter 
andern Bedingungen darbieten, dienen, ftlehrere, die 
Temperatur betretlende Fragen, werden fich künftig dar- 
bieten, je weiter wir in der Unteifuchung der Urfachen, 
welche auf den Lebensprocefs einfliefsen , fowolil allein 
als im Zufammenbange, tortfchreiten. 

Aus dem Obigen ergiebt lieh zunächft, dafs die 
Temperatur auf die Lebensdauer der Fröfche unter VTaf- 
fer auf doppelte Weife von Einflufs ift ; 1) durch die 
Temperatur des Waffers; 2) die der Luft, welclie einige 
Zeit lang vor dem Verfuche Statlifand. 

In Bezug auf die Temperatur des Waffers ergiebt 
Sich , dafs die Gränzen der Lebensdauer der in daffelbe 
getauchten Fröfche 42° und o Centijjr, entfpredien; 

dafs 



441 

dafs fie bei O am längftcn leben, bei 42° plötzlich 
fterben, 

dafs iich zwifchen diefen Extremen die Lebensdauer 
parallel mit der Frbohung der Temperatur vermindert, 
und dafs eine geringe Zahl von Graden, felljft bei mitt- 
lerer Temperatur, in der Lebensdauer diefer Thiere eine 
bedeutende Verfchiedenheit hervorbringt, 

dafs fie im M'affer von O nicht erfiarren, ihre Leb- 
haftigkeit aber mit der Te;nperatur deffelben zunimmt. 

In Bezug auf die dem Verfuche vorangegangene 
Lufttemperatur folgt : 

Dafs, je näher diefe an O war, defto mehr die Lebens- 
dauer der in Waffer zwifchen O und 17° getauchten 
Frofche zunimmt ; 

dafs die Luftteropeiatur und Jahrszeit ohne Ein- 
flufs auf Fröfche im W'affer von 42° ift; 

dafs die Lebensdauer der in Waffer zwifchen 17' 
und O getauchten Thiere von dem Verbältnifs zwifchen 
der Temperatur der Luft eine Zeitlang vor dem Ver- 
fuche und des Waffers während deffelben abhängt ; 

dafs der vereinigte Einflufs diefer Bedingungen defto 
grüfser ift, je näher die Temperatur der Luft und des 
Waffers fich an o befindet. 

In der nach ften Abhandlung werde ich den Einflufs 
der im Waffer enthaltenen Luft untetTuchen, 



Verfuche über die Transfufion des Blutes 
durch die Spritze. Von /. Blundell, M. D., 
Lehrer der Phyliologie am Guy's Hofpital. Gelefen 
Feb. 3. 1818. A. d. Med. chir. Transact. Vol. IX. 
Part. I. p. 56. ff. 

Vor einigen Monaten wurde ich zu einer am Gebär- 
mutterblutflufs hinfterlienden Frau gerufen. Vor meinet 
Ankunft ftand diefer zwar, allein dennoch flarb iie, allet: 
Hülfe ungeachtet, nach 2 Stunden. Da es mir hüchft 
wahrfcheinlich wurde, dafs die Kranke durch Trans- 
fulion zu reiten, die Gefäfse durch die Spritze leicht und 
rdinell anzufüllen gewefen wären, fo fiellte ich die lol- 

M ä, Archiv, ly. 3. G s 



genden Veffuclie an, um auszumitteln , ob das Blut, 
nach dem Duicbgange durch diefe, noch zur Unterhal- 
tung des Lebensproceffss tauglich fey. 

Die Schenkeln'efsfse eines Hundes wurden in der 
Leiftengegend blofsgelegt, (Befchreib. V. 2.) und eine 
Röhre vom Kaliber der Pulsader in diefe gegen das Herz 
hin eingebracht. Bei Wegnahme des , um die zu frühe 
Entleefung zu verhüten, angelegten Bandes, ftihzien in 
zwei Minuten 8 Unzen Blut mit der gröf^ien Heftigkeit 
heraus, und bald ftockte der Ausflufs. Hierauf traten die 
bedeutendften Zufälle, A*igft, Schnappen, Krämpfe, zu- 
letzt eine tiefe Ohnmacht ein, wobei der Kreislauf völlig 
ftockte und die Bauchmuskeln erfchlafft waren. Nach 
einigen Secunden wurden 6 Unzen aus der Pulsader 
eines andern Hundes in die Schenkelvene gefpritzt. So- 
gleich kehrte das Leben zurück, die Bauchmuskeln fpann- 
ten fich und das Blut bewegte fich foftark, dafs es den 
neugebildeten Pfropf herausftiefs und ausfiofs. Zu bemer- 
ken ift, dafs die Zufaramenfetzung jener Symptome un- 
vermeidlich födtlich ift und der Hund ftirbt , wenn er 
lieh feibft überlaffen wird. Nur Transfufion kann ihn 
retten. 

Hiernach wird das Blut nach dem Durchgang durch 
die Spritze nicht untauglich zum Leben; da indeffen diefe 
Thatfache das Princip des Verfahrens enthält, fo bedurlie 
iie fernerer Bcftätigung. Daher wurden (Befchr. V. 6.) die 
Schenkelgefäfse eines Hundes blofsgelegt, und in die 
Puls - und Blutader eine Röhre gebracht, dann durch 
eine nachher zu befchreibende Spritze das aus der er- 
ften in eine Taffe fliefsende Blut fogleich wieder in die 
letztere gebracht. Der Verfuch wurde 24 Minuten fort- 
gefetzt ; dennoch litt der Hund wenig. 

Läfst man das Blut aus der Schenkclpulsader eines 
kleinen Hundes in vollem Strome fliefsen , fo iliefst in 2 
Minuten etwa -' Nöfsel aus ; da aber der Verfuch 24 Minu- 
ten dauerte und die Pulsader ihr Blut während der Zeit 
mit Gewalt ausftiefs, fo mufsten 12 Nöfsel in das Gefäfs 
gefloffen und durch die Röhre in die Blutadern getrieben 
worden feyn. Da der Hund aber nicht 12 Pfund wog, 
fo mulste daffelbe Blut wiederholentlicli durch die Spritze 



445 

gegangen feyn , was 'durch die hohe Artei-ioCtät des EJu- 
tes am Ende des Verfuchcs noch mehr beftäiigt wird. 

Nach diefen Verfuchen kann alfo die Transfufion 
durch die Spritze mit grofsem Vortheil bewirkt werden; 
da aber Zufälle bei diefer Operation eintreten können, 
fo mufs man /ich ülier den Einfluls derfelben vergewif- 
fern. In der Tliat fcheint das Blut, wenn es nicht fo- 
gleich aus dem Gefäfse aufgenommen wird, etwas zu lei- 
den. Ein Hund (V. 80 wurde durch die Schenliel^uls- 
ader entleert und durch die Blutader wieder angefüllt. 
Stau des Hundeblutes aber wurde menfchliches anne- 
wandt, und beinahe I Minute lang vorher in der Taffe 
gelaffen. Hierauf erfolgte zwar anfangs AViederkehr des 
Lebens , allein doch in wenig Minuten der Tod. Bei 
einem zweiten Verfuch (V. 7.), wo das Blut nur ein© 
halbe Minute in der Taffe blieb, war die Erweckung voll- 
kommen, dennoch ftarb das Thier in 12 Stunden. Diefe 
Verfuche aber find in der That nicht ganz beweifend, 
da hier Blut eines andern Thieres eingeflöfst wurde. 
Dies ift zwar, nach der angenommenen Meinung, un- 
fchädlich ; indeffen wird die Richtigkeit diefer Anficht 
durch folgende Verfuche fehr zweifelhaft. 

Drei Hunde wurden ihres eignen Blutes beraubt 
und mit Menfchenblute, absr fo angefüllt, dafs es in 
dem Augenblick, wo es in die Taffe Hofs, aufgenommen 
wurde. Alle wurden wieder belebt, ftarben aber doch, 
der eine in wenig Minuten, der andere in wenig Stun- 
den, der dritte nach einigen Tagen, letzterer mit Herz- 
beutel wafferfucht. Doch wurde ein anderer, aber fehl? 
ftarker Hund hergeflellt, fo dafs alfo ein folcher Taufcli 
des Blutes das Leben zwar in Gefahr bringt, aber nicht 
nolhwendig zerftort. Auch er aber hatte einige Stunden 
lang fehr bedenkliche Zufalle. So ftlrbt auch nach kürz- 
lich von Herrn Leacock von Barbadoes angeftellten Ver- 
fuchen der Hund, wenn er, bis zum Scheintnde verblutet^ 
mit Schafblut angefüllt wurde, gewöhnlich nach einigen 
Tagen, wenn er gleich anfangs völlig hergeftellt wird. 
Bemerkcnswerth und wichtig ift bei den Leacuck' ichext. 
Verfuchen, dafs nicht venöfes , fondern arteriöfes Blut, 
nicht die Sprit je, fondern blofs eine Kohie angewandt 



444 

wurJc. Nach «liefen Verfuclien wird es ungewlfs, ob 
wiiklioli das Rlut durch Verweilen in dem Gefäfs zur 
Transfufion untauglich wird, da die Anwendung eine« 
verlchiedenartigen die Todesurfache feyn konnte. Hunde- 
blut gerinnt zu fchnell, um entfcheidende Verfuche an- 
2uf teilen. 

Da man viel leichter menfchliches Venen- als Ar- 
terien bUu erhalten kann, fo ift es wichtig zu bemerken, 
clafs Venenblut eben fo gut als Arterienblut zur Wieder- 
erweckung taugt. Dies ergiebt lieh aus V. 12., wo ein, 
eini"-' Secunden lang fchon fcheinlodter Hund , durch 
venöfes Blut ung.^fähr auf diefelbe Weife als durch arteiio- 
fes hergeftellt würde. 

Bei der Transfufion durch die Spritze ift der Fin- 
trilt von Luft zu beftirchten. Um den Einflufs hiervon 
zu prüfen, wurden in die Schenkelvene eines Hundes, 
von der Gröfse einer Katze, 5 Dracluuen Blut, jedesmal 
1 Drachme, eingefpritzt , allein ohne bedeutenden Nach- 
tlieil. Zwar trat wahrend der Operation tiefes Seufzen, 
Unregelmäfsigkeit des Pulfes, Zittern ein, allein diefe 
ZuFcllle ereignen fich durch den blofsen Schreck des Thie- 
res vor dem Anbinden. Unruhe , Erbrechen , Zittern 
fand auch nach dem Verfuche Statt, dauerte aber nicht 
lange. In drei Tagen war die Herftellung, ohne dafs je 
ein Zeichen von drohender Gefahr Statt gefunden halle, 
erfolgt. Dennoch war eine, im Verhältnifs zur Grüfse 
desThieres, beträchtliche Menge Luft eingefpritzt worden. 
Bei einem zweiten Verfuche miidemfelben Hunde (V. !8) 
wurden 3 Drachmen Luft aus den Lungen, felbft ohne 
viele augenblickliche Befcliwerden ^ eingeblafen. Hiermit 
ftimmen auch Verfuche von liaightlwn i'iberein, und dlefe 
und die meinigen werden nicht durch andere, wo Pferde 
durch Finblafcn von Luft in die Venen getödtet wurden, 
widerlegt, da die Menge der Luft und die Art, fie einzu- 
bringen, nicht angegeben wurden. 

Die Gerinnung des menfchlichen Blutes ift kein Ein- 
wurf gegen das Einfpritzen , da fie langfam eintritt. Drei 
Drachmen Blut (V. i 5.) aus der Schenkelpulsader eines 
Hundes fingen in 10 Secunden an zu gerinnen, und 
waren in 80 vollkommen geronnen; dagegen fing Blut^ 
eines epileptifchen , übrigens gefunden xUädchens erXt 



nacb einer Minute zu gerinnen an , und war erft in 
6 Minuten völlig geftanden. Ochfen- und Schafblut gerinnt 
fchneller als Menfclienlilut. 

Se'.bft Waffer und fcliwacher Wein wurden ohne 
Nachtheil eingefpritzt, und das Inftrument nicht erwärmt. 

Der bei diefen Verfucheu gebrauchte Apparat be- 
fteht aus der Spritze, der Taffe, den Röhren und dem 
Geftell '). Die Spritze ift auf die gewöhnliche Weife 
eingerichtet. Die, zur Aufnahme des Blutes beftimmie 
Taffe ift trichterfönnig; nur die Röhren lind etwas zu- 
lammengefetzt. Es finden fieh zwei und ein Hahn, der 
nach entgegengpfeizten Richtungen gedreht werden kann. 
Durch eine Röhre wird der Inhalt der Spritze au.'ge. 
leert. Sie hängt an einem Knde mit der üiille, am an- 
dern, wenn das Inftrument in Thätigkeit ift, mit dem, 
in die Vene gebrachten Röhrchen zufammen, mit diefem 
nurfo, dafs die F.nden beider über einander gleiten, lie 
daher leicht getrennt werden köjinen, mit der Spritze 
ift lie durch eine Schraube an der Seite derDiille beleftigt. 
Die andere Röhre, welche das Blut \o\\ der Taffe 
zur Spritze führt, ift an dem einen Ende mit dem Ende 
der Dülle, am andern mit dem Grunde der Taffe ver- 
einigt, alfo an beiden Enden rechtwinklich gekrümmt, 
fo dafs diefe aufrecht fteht. Der Hahn bildet einen 
1 heil der. Dülle, und wenn man mit ihm eine" Viertels- 
dreliiing vornimmt, fo wird die Ausleerungsröhre geöffnet, 
die Zutnltsrölire verfchloffen , oder umgekehrt, je nach- 
dem man ihm eine oder die andere Stellung giebt. Die 
ginze Vorrichtung fteht fenkrecht auf einem geraden 
l'ioften, und der Boden, worauf diefer ruht, ift mit Blei 
befchwert, damit das Schwanken des Inftrumentes die 
Operation nicht ftören könne. Die Charniere find 
luftdicht. Die Spritze ift von ftleffing, hält II Drachmen. 
Die Alisleerungsröhre mufs aus fehr nachgiebigem Leder, 
die Einirittsröhre k.inn aus dem biegfamen Metall , wor- 
aus man Katheter macht, befiehen; erfteres damit, wenn 
das Thier unruhig ift, die Röhre fielt nicht in der Vene 
hin und lier bewegt, letzteres, damit die Taffe leichter 
geC eilt werden kann. Aus demfclben Grunde mufs lieh 
d' r Pfeiler, an dein die Spritze befeftigt ift, drehen 

i; Ö. Taf. 4. rig-ii- 



können. An der Stelle, wo die Röliren mit der Spritze 
vereinigt find , können Klappen angebracht werden , um 
den Lauf der Flülfigkeit zu ordnen, indeffen ift djer 
Hahn die beftc Vorrichtung diefer Art, weil er am wenig- 
ften leicht dprch Blut verftopft oder anderweitig in Un- 
ordnung gebracht und fehr leicht luftdicht gemacht wird. 
Will man diefe Vorrichtung beim Menfchen anwenden, 
lo kann man am heften eine Ader am Arm oder der 
Hand offnen und eine Röhre einbringen, dann einem 
Beiflehenden Blut in ein Gefäfs laffen und ohne Haft 
oder Auffchub einfpritzen. Hierbei wird der Stempel 
mit der einen Hand gedrückt, der Hahn mit der andern, 
gerichtet, fo dafs das Blut zu den veiTchiedenen Röh- 
ren aus- und eintreten kann. Vor der Operation mufs 
die Luft aus den Röhren getrieben und die Luftdichiheit 
des Apparates ausgemitlelt werden. Erflcres gefchieht 
am befien durch Anfiillung der Röhre mit lauem Waffe", 
letzteres, indem man einige Unzen Waffer in die Taffe 
giefst, den Hahn gegen die Zutrittsröhre öiTnet und 
den Stempel fchnell bewegt. Der Geliülfe mufs dafiir 
lorgen , dafs die Taffe nie leer wird, damit keine Luft 
eintritt. Auch der Operateur kann dies bewirken, 
wenn er die Einfpritzung iiacli der BJntmenge abmifst. 
Eben fo wenig darf man fich das Blut in der Taffe an- 
häufen laffen. Sollten indeffen zahlreiche, genaue und 
ftchere Verfuche beiveifeii, dafs Menfchenblut einige 
SecundtMi aufserhalli der Gefafse feyn kann ohne zu ge- 
jinncn oder untauglich zu werden, fo könnte es am 
beften feyn, ein halbes Nöfsel auf einmal in die Taffe 
treten zu laffen. Gegen den Einwurf cinei" zu . befürch- 
tenden VeneiientziiniUmg kann roanmitl'eclit bemerken, 
dafs die Transfuliou nur in veizvveilelten Fällen anzuwen- 
den ift. Ueberdies braucht man die Röhre nicht an die 
Vene zu binden, und kann auch in die Pulsader fpritzen. 
Statt des hefchriebenen Apparates wandte Herr Goodridge 
Ton Barbadoes die gewöhnliche Spritze an, und in der 
That empKehlt lie lieh durch ihre Einfacblieit und die 
Leichtigkeit des Fortfchaffens, wenn iich die Unfchäd-" 
lichkeit einiger Luftbläschen und eines kurzen Verwei- 
lens des Blutes aufserhalb der Gefäfse beftätigen follte. 
Die Operation der Transfufion durch die Spritze hat vor- 



^ 447 

zHnlich l) den Vortheil der Leiclitigkeit, <3a iminer Men- 
fcheTiWut vorhanden ift, und das Inftriiment leicht in 
Eereitfchafr gehalten werden kann; ein, wegen der 
fchnellen Tödtlichkeit der Bliitflüffe wichtiger Uinftand. 
Uelierläfst man einen durch Biutentleerung fcheinicHiteil 
Hund, auch nur einige Minuten nach Aufhören der Refpi- 
ration, lieh fell>ft, lo hilft nachher felbft die Transfulioii 
nichts. Ein zweiter Vortheil diefer Methode befteht in 
der Menge des Blutes, welche zugeführt werden kann. 
Ein Hund mittlerer Grofse ftirbt gewöhnlieh nach eine«a 
Verliifte von 8 — 12 Unzen Blut, aber von einem Men- 
fchen kann eine weit giöfsere Menge genommen werden. 
Indeffen reicht eine weit kleinere Menge Biuies als die 
verloren gegangene zur Wiedererweckung, wenn gleich 
nicht zur kräftigen Herftellunghin. Diefer Punkt verdient 
übrigens eine noch genauere Unierfuchung. Der wich- 
ligfte Vortheil aber ift 3) die Möglichkeit , Menfchenblut 
inMenfcheiiaHern überzuführen, welche ausfchUefslich nur 
äiefer Methode zukommt. 

Befchreibung der Verfuche. 

A. Tramfufion de! Blutes von den Pulsadern eines Hundes- 
in die Blutadern eines andern durch die Spritze. 

I.- Durch eine, in die Schenkelpulsader gebrachte 
imd fie genau anfüllende Röhre, wurden in 2 Minuten un- 
gefähr 10 Unzen Klut ausgeleert. Mehr war nicht zu er- 
halten. Nacli einem Scheinlode von wenig Stunden, 
wurden mit der Spritze 2 Unzen Arterienblut in die 
Schenkelvene gegen das Herz hin gefpritzt. Auf den 
Blutverluft folgte zuerft Angft, Sträuben, erfchwertes 
Athmen , bald Schnappen nacli Luft, gänzliche Erfchlaf- 
fung der Bauchmuskeln, Scheintod. Die Angft wird 
durch ein eignes Oefchrei bezeichnet. Wenig Secunden 
nach der Einfpritzung lebte das Thier wieder auf, die 
Bauchmuskeln fpannten lieh an, das Athmen wuide 
regelmilfsig , und der Kreislauf erneute lieh fo kräftig, 
dafs das Blut ein Gerinnfei ausftiefs und ausflofs. 

2. Acht Unzen Blut, fo viel als nur ausfliefsen 
konnte, wurden wie vorher ausgeleert, dann 6 einge- 
fpriizt, worauf der Hund genas. Die Zufälle wie bei U 



448 

2- Das Blut winde wie bei I und 2, allein aus der 
Kopfpulsader und, mit Zwifchenränmen von wenig Se- 
cunden, in drei Abfätzen genommen. Der Hund war 
klein, und nur 5 Unzen wurden ausgeworfen. Nach- 
dem der Scheintod einige Secunden gedauert hatte, wurde 
d^s, gleichfalls einige Secunden in dem Gefchirr aufbe- 
haltene Blut eines andern Hundes eingefpritzt. In we- 
nig Augenblicken war der Hund fo völlig hergel'tellt, 
daf» er vom Tifche fprang. Ein anderer, dem man auf 
diefelbe Weife Menf^kenblut eingefpritzt hatte, war fehr 
Ichwach. 

£• Transfufion aus den Pulsadern in die Blutadern 
deffelben Thieres. 

4. Es wurde eine Röhre in die Kopfpulsäder und 
Halsblutader, beide mit den Spitzen gegen das Herz, 
gelegt, dann die Spritze angebracht, das Blut, welches 
man in eine Taffe treten llefs, fogleich, zu 3 — 4 Drach- 
men auf einmal, wieder in die Biuiader gefpritzt. Nach- 
dem fo 6 Unzen transfundirt worden waren, hörte man 
einige Minuten lang auf. Dann wurden wieder 6 Unzen, 
nach einer zweiten Paufe noch 4, nur langtamer und 
weniger heftig, transfundirt, zufammen alfo ein Nöfsel. 
Luft w^urde nicht eingeiaffen. Anfangs intermittirte der 
Puls zuweilen, doch trat keine Temperaturveranderung 
ein, bald verlor lieh auch das erfte Zeichen. Einige 
Stunden lang war der Hund matt, erholte fich aber 
Tollfiandig. Hier wurc'p '"Mie Pinie Blut ohne Nachtheil 
übeigelührt, während der Verhift einer halben einen 
Hund von derfilben Gröfse getödtet haben wurde. Die 
UnregelmäfsigkcitdcrTliiligkeit des Herzens war vielleicht 
zumTlieil in der Gewalt, die es durch denStofsderSpriize 
erlitt, zum Theil aber wohl im Schrecken des Thieres 
und in einer gewiffen Haft, da dies einer der erften 
Verfuche war, begründet. Auch waren im erften Stadium 
3 — 4 I^''3<^l'"''£'t^ 3uf einmal eingefpritzt, vielleicht eine 
zu giofse .^Iqjige für den rechten Vorhof, in den lle faft 
u-miilelbar traten. In der That wurde auch gegen das 
Ende des Verlu bs, wo das Blut gleicbmafsiger und in 
geringern Gaben eingefpritzt ward, die Bewegung des 
H." -jpiis regelmalsiLiti-. 



449 

5. Wie bei 4i nui* mit wenig Veifchleclenlieiien. Fias 
Elut wurde in 4, nicht 3 Alifätzeii eiiigeliiritzt, und dipfe 
dauerten länger, nainentlicli der letzte, wo das Blut aus 
den Karotiden in einem lehr hohen Grade aneriell her- 
vorfpritzte. Ungefähr I Drachme Luft drang in die Vene. 
Der Puls intermittirte, der Bpfturzung des Thieres wegen 
fchon vor derTransfulion, doch kamen während derfelhen 
die Intermiflionen häufiger, aller 5 — 6Schläge, wieder, 
fo dafs dasBltit hald lieftig, bald langfam aus der Karo- 
tis drang. Gegen das I'nde vcrfchwanden die Inler- 
miffionen. Atlunen und Wärme regelroäfsig. Der Lnft- 
einlritt brachte keine eigeiithi'inillche Zufälle hervor. Der 
merkwürdigfie und bedeutendfte Zufall war die t'nler- 
mifiion des Pulfcs, die unftreiiig thells von der Anfjft, 
theils aber von der Unregelmäfsigkelt der Blutzufiibr, 
nicht aber von der gefieigcrten Arteriolität des Blutes und 
dem Einflufs der Spritze herrührt, da die Intermiflioiien 
in demfelben Verhältniffe abnahmen, als diefe Eiiitluffe 
fich vermehrten. 

6. Wie 4 und 5, nur wurden die Schenlcelgefäfse 
gewählt, und das Blut in 3 Abfätzen eingefpritzt. Alle 
dauerten 8 Minuten, die Zwifchenzeifen eine halbe Stimi<lü. 
Während der erflen wurde das Blut lioch arteriös. Wäll- 
rend der dritten bildeten fich fchwache Gerinnfei in der 
Taffe. Der vor dem Verfucbe ungleiche und ausfetzende 
Puls wurde während deffelben regelmäfsig, fchlug I50 
in der .Minute, was bei diefem Hunde ziemlich Bi^gel 
war. Der Athem war etwas befclileunigt , die Wäime 
regclmäfsig. Die Hegelmäfsigkeit des I'ulfes hängt viel- 
leicht hier mit dem Umftande zufammen, dafs das l!lut 
in die vom Herzen entfernten Schenkelgefäfse, nicht die 
Halsgcfäfbe, gel'jpiitzt wurde. Die Gerinnung ift nie rk- 
würdig, indem dadurch die Taugliclikeit des Blutes nicht 
verloren ging. 

C. Verfuche , wobei das Blut eint! kurze Zeit in dem 

Gefiifs verweilte. 

7. Es wurden ungefähr 6 Unzen Blut aus der Schen- 
kelpnhader gelaffen, indem keine grolserc Menge erhal- 
ten werden konnte. Sogleich nachlicr wurden 10 Uuzen 



450 — ~ 

frifcTies MenfclienMiiteiiigerpritzi:. Zwei Unzen liefs man 
eine liallie Minute in dem Gefäfs, ehe fie eingefpritzt 
vurden. Luft drang nicht ein. Sclieintod — Wieder- 
erweckung durch die Einfpritzimg — l'iils 120, ohne 
Intermiflion. — Nach der Operation lief das Thier, frafs, 
liefs iich gern liebkofen, ftarb aber nach 12 Stunden. 

8. Wie 7, nur war der Hund klein, und die weg- 
genoniinene Bhitmenge betrug nur 4 Xjnzen, als voll- 
lommner Scheintod eintrat. Diefeibe Menge Menfchen- 
blut wurde, naclidem es I Minute in der Taffe gewefen 
■war, eingefpritzt. Die Herftellung erfolgte aber nur für 
Augenblicke , und das Thier ftarb noch auf dem Tifche. 

D. Verfuche, wo der Hund feines Blutes beraubt und mit 

Menfc/ienblut ange/üUt wurde. 

9. Mehr als 7 Unzeti Blut wurde aus der Schenkel- 
pulsader gelaffen, und unmittelbar durch 6 Unzen Men- 
fcheiililut erfetzt. Scheintod — * vollkommne Ervveckung, 
die aber nur wenig Secunden dauerte, worauf der Tod 
eintrat, ungeachtet der Hund grofs und lebhaft war, auch 
wenig durch die Operation gelitten hatte. Wäre Hunde- 
Wut eingefpritzt worden , fo machen es die vorigen Ver- 
fuche wohl gewifs, d^fs das Thier gerettet worden wäre. 

10. Wie 9, nur wurden ij Unzen aus der Schenkel- 
pultsader weggenommen und 6 eingefpritzt, und es drang 
etwas Luft ein. (S. Verf 5.) Scheintod — Erweckung 
durch das eing?fprit?.te Blut — nach wenig Minuten aber 
trsl , wie bei 9, Schnappen nach Luft, Krampf, Gähnen, 
Errii-echen ein und das Thier ftarb, nachdem es eine 
Stunde in einem der Ohnniaclit nahen Zuftande auf der 
Seite g'clegeu hatte. Der Luftzutritt hatte, nach V. 5. 
und <it:r[. folgenden Verfuchen keinen Antheil am Tode. 

11. Vier Unzen Blut wurden aus der Schenkel- 
Pulsader genommen, drei, jedesmal eine halbe Unze, ein- 
gefpritzt. Der Scheintod war weniger vollkommen als bei 
9 uTid 10, die Herftellung vollftändiger. Zwei Stunden 
naciiher trat Dürft, Blattigkeit und Schwäche ein, der 
puls war fo klein, dafs man nicht ausmitteln konnte, 
ob er iniermitiirte oder nicht. Doch liefsen die Zufälle 
nach, und am dritten Tage fehlen plötzliche Genefung 



451 

einzutrelen , allein 1 — 2 Tage naclilier fanl<cn d!e Krüfie 
•\\neder, und am fcchsten erfolgte «leiTod mit Heizheutcl- 
waffeifucht , ohne Zeichen von Entzündung oder AVfifrer- 
anliäufung in andern Höhlen. Der Hund war gefund 
lind lebhaft. 



E. Verfuche mit Tranffufion von ven'ufem Blute. 

12. Auf diefelbe Weife als mit arteriöfcm ; di aber 
das Blut fparfam aus der SclienUelbliitador flofs, lo {jiiig 
der Verfuch langfam. Vollkommne Herftcliimg. 

F. Verfuche mit Einfpritmi von Luft in die Etufadern. 

13. Fünf Drachmen , jedesmal i , in Zwifchenzeiten 
von 30 — 40 Secunden, wurden in die Schenkelbluuder 
gefprilzt. Es trat leichte Störung des Athmens, tiefes 
Seufzen, Ungleitliheit desPiilfes, Zitternein. Sogleich 
nach Lofung der Bande aber fprang dasThicr TomTifche, 
leckte die Hände und fehlen lieh über Liebkofungen zu 
freuen. Am folgenden Tage war es matt, unruhig, zit- 
terte, der Puls fetzte zuweilen aus, es erfolgie einmal 
Erbrechen. Soiift war es wohl und genas am dritten 
Tage völlig. Der Hund war kaum fo grofs als eine Katze 
und zart; erhielt alfo verhültnifsniäfsig ziemlich viel Luft. 
Doch ka'in man alle Zufälle der blofsen Angft zufohrei- 
ben , die gewöhnlich, bel'onders bei Fnrchtfamen Thiercii, 
lange dauernde F.indrücl'.c zuriickläfst. 

14. Drei Drachmen Luft wurden aus meiner eignen 
Lunge, der gröfste Theil aut einmal, in die Schenkel- 
blulader deffelben Hundes, der diesmal ruhiger war, ge- 
trieben, ohne dafs beinahe irgend ein Zulall eintrat. 
Hiernach bringt fowohl atmofphärifclie als ausgealhmete 
Luft, in das Blulfjftem gefpritzt, keine tödtliche Wirkung 
hervor. 

O, Verfuche über die iur Gerinnung de! Hun deblute f 
erforderliche Zeit. 

15. Drei Drachmen aus der Schenkel pul sader ge- 
nommenen ßlutcs, welche in dem Boden eines kegel- 



453 

förmigen Weinglafes gefamnielt wurden , fingen in lO 
SeciinHen zu gerinnen an und waren in 80 vollkommen 
geronnen. Bei einem andern Verfucli dauerte die Gerin- 
nung von 10 — 60 Secunden. Hunde Wut gerinnt daher 
fciijieller als iVlenfchenblut. 



3. H orsfield über den Giftbaum von Java. Aus 
den Batavian Transactions, Vol. VII. 1814. in Tkoin- 
fon's Annais, Vol. IX. 1817 p- 203 ff. 

Die im Folgenden enthaltene Befchr^ibung des 
Giftbaums wurde an Ort und Stelle von mir felbft ent- 
worfen, eben fo die Verfuche eigenhändig angeftellt 
tind hoffentlich werden dadurch mi;hrere, jetzt beftehende 
Irrthi'nner bei-ichtigt werden. Nicht leicht ift die ge- 
lehrte Welt gröber, als durch die im Jahr I783 in Hol- 
land erfchienenen JN'achrichten über den Upas betrogen 
Wurden. FnrJ'ch, der daran Theil hatte , war Wunflarzt 
dritter Klaffe zu Samarang, in Dieuften der Üflindi- 
fchen Gefellfchaft und , wie ich ziemlich genau weifs, 
fo unwiflend als unwahr. Einige voii ihm Ichneil auf- 
gegriffene ?volizen wi.rden in Europa von einem andern 
fo zufamineiiLjcflellt, dafs Ce nachher allgemeinen Glau- 
ben, fanden, Ijis fie erll lange nachher in einem Bande 
der batavilchen Verhandlungen widerlegt wurden. 

Dennoch Kndet fich al)er wirklich ein Baum in 
Java, aus deffen S.rfie ein Gift bereitet wird, das, 
wenii es in den Kreislauf gelangt, Wirkungen hervor- 
bringt, welche denen der fiärkften thierifchen Gifte 
gleich kouimen. Diefer Baum hfifst Antfchar und wächft 
am oftlichen Ende der Infel. Wahrend meines Aufent- 
haltes zu Java befand lieh dort auch ein franzolifcher 
Katurforfcher , Lefchenctiilt de la Tour, der für den Statt- 
halter von Java an der Nordoftkiifte naturhifiorifche Ge- 
genCtäiide fammelte, und während ich, auf einer i\eife 
nach derfelben (iegend, mich in Surabay befand, mir 
feine Bemerkungen über diefen Baiun, wie er ihn in 
der Provinz Blambangan fand, mittheille, eine Bemer- 
kung, die ich nur mache, um jedem etwanigen Streit 



453 

über Jie Prioviiät der Entdeckung zuvor 2u kommen, 
wenn es gleich eher' auffallend ift, dafs ein dort fehr 
bekannter Gegenftand erft fo fpät befclirieben wurde. 

Rumpf giebt eine lange Befchreibung des Upas unter 
dem ^aanen Arbor toxicaria ; allein er Avächft nicht in 
Amboina , und die Befchreibung gründet lieh auf Nach- 
richten von Macaffar. Die Abbildung wurde nach einem 
Zweige des fogenannten männlichen Baums, der ihm 
von iMacaffar aus gefchickt wurde , gemacht. Rumpfs 
Darftellung enthält zwar manche Unrichtigkeiten, ift 
aber wegen der Nachrichten iilier die WlrkMiigen damit 
vergifteier Pfeile auf den .Menfchen, die fonfi gobMucht 
wurden und die Gegenmitiel fehr wichtig. Nach Ri,iKpf 
ift der blofse Saft feines Giflbaums unfchudlich und wiid 
es erft durch den Zufaiz von Ingwer und ähnlichen Sub^ 
ffanzen, namentlich Ledurih und Lan.fjoegang. Soweit 
kommt er mit dem Antfchar iiberein. Daffelbe Aufbtau- 
fen und Kochen, welches bei der Zuniifchung diefer 
Subftanzen zu dem milchigen Sifle des Antfchar in hilaui- 
bangan Statt findet, wurde auch bei den Bereitungen 
des Giftes in Macaffar beobachtet, und je intenfer jene 
Erfcheinungen find, für dcfto wirkfamer wird das Gift 
gehalten. 

Eine von C. /le/mlaeiis in Upfal erfchienene, und in 
Duncan'i Comment. B. 2. Üec. 5. ausgezogene Differiation 
enthalt das Wefenlliche von Kum/f's Angaben. Nach 
diefen kommt der Bauin noch in Borneo, Sumatra und 
Bali vor. 

Aufser dem wahren Oiftbaum kommt im öfllichen 
Java ein Strauch vor, rh-r, fo viel bis jetzt bekannt, ihm 
eigen ift und, durcli eine verfcfiiedene Bereitungsart, ein 
weit fiärkeres Gift giebt. b.r heifst TjWtettik, und fein 
Oefchlecht ift bis jetzt noch nicht befiimmt. 

I. l) Generifche Befchreibung de! Antfchar, Er ift ein 
Monöcift. Die männliche und weibüclie lili'uhe ftohen 
in Kätzchen auf demfelben Zweige in geringer lintfernung 
voneinander, die letzten gewohnlicli über den erfien. 

Gefchleclitsmerkmale und folgetide: a) Männliche 
Blülhe. Kelch aus mehrern Schuppen, die dach- 
ziegclfürmig flehen; keine Blumenkrone; Staubgcfäfse 
mehrere fuhr kurze, durch die Schuppen der Staubbeutel 



^54 

des Fruclitbodens bedeckte Fuden. Der Friicbtborlen, 
worauf die Fäden fteheu, ilt kegelförmig, oben etwas 
aligerundet. 

b) IVeibUclie Blüthen. Kätzchen, eiförmig; Reich aus 
meillens in gröfserer Menge, als bei den männlichen vor- 
handenen, dacliziegel artig flehenden Schupf)en gebildet und 
nur eine Blume enthaltend; keine Corolia; Piftill , der 
Fruchtknoten einzeln,' eiförmig, gerade, zwei lange, 
fchlanke, Griffel, einfache fpitze Narben ; Fruchtbehälter, 
eine längliche Steinfrucht, vom Kelche bedeckter Same, 
eine eifürmign, 'einzellige Nufs. 

2) Specififche ßefchreihung. Der Antfohar ift einer 
der gröfsten \Valdbäume in Java. Der Stamm ift cylin- 
drifch , fenkrecht und erhebt ficli völlig nackt bis zur 
Höhe von 6o — 8° Fufs. In der Nähe des Bodens brei- 
tet er fleh in fchiefer Pvichtung aus, und theilt fich in 
inchrere breite Anhänge, wie das Canarium commune 
und mehrere andere unferer grofsen Bäume. Seine 
Rinde ift weifsiich und dyrch mehrere flache Längenfur- 
chen gefpalten, in alten Bäumen nahe am Boden über ei- 
aen halben Zoll dick und ergiefst, wenn lie verletzt wird, 
' den giftigen milchigen Saft in reichlicher Menge. Diefer 
ift gelblich, etwas fchäuraig, in alten Bäumen blaffer, 
in jungen faft ganz weifs, an der Luft wird feine Ober- 
fläche braun. Er ift etwas dicker als Milch und klebrig. 
Er befindet fich in ziemlicher Mengein der äufsern llinde, 
fo dafs man aus einem grofsen Baum in kurzem eine 
Tdffe voll gewinnen kann. Der Baft hat einen dichten, 
faforigcn Bau, wie der vonMorus papyrifera, und ähnelt, 
von der äufsern Rinde gelrennt und gereinigt , grober 
Leinwand. Man macht fefte Seil« und Bekleidung für 
die ärmere Klaffe daraus, vorzüglich von jungen Bau- 
men. Doch raufs er ftark geprefst, gewafchen und lange 
im Waffer gelaffen werden, und felbft dann erregen die 
daraus gefertigten Kleidungsftücke, wenn lie nafs wer- 
den, unerträgliches Jucken, weil immer noch ein Theil 
des in der Rinde befindlichen giftigen Harzes dem Bafte 
anliängt. Diefe Eigenfchaft des bereiteten Baftes ift 
überall, wo der Baum wächft, (z. B. in verfchiedenen Ge- 
genden der Provinzen von Bangil und Walang, felbft zu 
Unarang) dagegen ,nur in den öftlichen Gegenden die 



I 



Bereitung des Giftes aus dem Safte bekannt. Einer der 
Füi-fien aus der Üftgegend fagie mir, dafs, als er vor 
mehrem Jahren Würzen für feine Soldaten ans dem Bafte 
machen gelaffen, diefe lieh durchaus gegen den Gebrauch 
derfelben mit der Erldärung fetzten, dafs ihnen dadurch 
die Haare eusfallen würden. 

In der eben angegebenen Höhe fendet der Stamm 
einige wenige ftarke Aefte ab, welche hch faft horizon- 
tal, fchwach und unregelmäfsig gelirümmt ausbreiten, 
wnd eine halbkreisförmige, unregelmäfsige Krone bilden, 
IDie äufsern find kurz, machen einige ungleiche Biegun- 
gen und find mit einer braunen B.inde bedeckl. Die 
Blätter alterniren, find länglich, herzförmig, gegen die 
Bafis etwas ■verfchmälert, ganz, haben einen wellenförmi- 
gen Rand, der zuweilen unregelmäfsig ausgefchwelft ift. 
Der Langennerv tlieilt das Blatt etwas fchief und die un- 
tere Abtheilung ift die gröfsere. Die Spitze ift unregel- 
maUig: einige Blätter find am Ende abgerundet, andere 
gehen plötzlich in eine kurze Spitze über. Die obere 
Fläclie ift glär:,end und faft glatt, nur mit einzeln fte- 
heiiden Zotten bedeckt, die untere etwas rauh, genetzt 
und hat fchräge, parallele Adern. Der Stiel ift kurz. 
Die Blüthen ftehn an den Enden der äufsern Zweige 
in wenigen zerftreuten Käizchen, der gemeinfchaltliche 
Blüthenftiel der männlichen ift fclilank und lang, der 
der weiblichen Iciirzer. 

Vor der Blühzelt, im Anfang des Junius, fallen die 
Blätter ab und erfcheinen wieder, nachdem durch die 
männlichen die Befruchtung gefchcben ift. Der Baum 
liebt einen fruchtbaren, nicht zu hohen Boden und kommt 
nur in den gröfsicn Wäldern vor. Icli fand ihn zuerft 
in der Provinz Poegar, dann in Blambangan. Der grtifsie 
von 4 — 5 unterfuchien Bäumen hatte diclit an der 
Wurzel wenigftens lO, und über den Anhängen, wo er 
ganz gerade und regelmäfsiger wurde, 3 Fuf» im Durch- 
raeffer. Ueberall , wo ich ihn fand , in Palfuruwang, 
Japara und Ünarang , heifst er Antfchar. Von dem in 
Paffuruwang gefundenen Baume fammelte ich etwas Salt, 
der mit dem von Blambangan faft ganz übereinkam. 
Liner der Verfuclie wurde mit dem, von mir felbft be. 
rtitelea Upas gemacht. Die Einwohner wollten mich 



456- ^ 

beim Sammeln aus Furcht vor einem HaufausIfeMa^e, der 
mit dem durch das Rhus Vernix undradicaiis veranlafsten, 
ühereinkommt, nicht unterftützen , indeffen war nur 
eine geringe Hitze und Jucken der Augen die Folge. 
Sie nahen fich ihm fogar deshalb ungern, indeffen in der 
Thal eniflehn auch diefe Symptome nur, wenn der Bauai 
ftark verwundet oder gefällt, und dadurch eine grofse 
Blenge Saft ausgelaffen wird , fonft kann man ßch ihm^ 
w^ie jedem andern , nahen und ihn befteigen. Eben, fo 
ifr er auch immer von Sträuchen und Pflanzen aller Art 
umgeben, nie ift in der Nähe der Boden kahl. Der 
gröfste, den ich fand, war fo dicht von gewöhnlichen 
Bäumen umgeben, dafs ich mich ihm nur mit Mühe nä- 
herte, und lelbft fehr gefunde Schmarotzepflanzen be- 
kJeidpten ihn bis zur Hälfte feiner Höhe. 

11. Befclireibung des Tfchettlik. Seine Fr uct ificat ion 
ift noch unbekannt, indem ich ihn, eillerMühe ungeachtet, 
nie bUihend fand. Es ift ein grofser, kriechender Strauch. 
Die Wurzel kriecht ziemlich weit auf dem Boden, der 
Oberfläche parallel , fchickt ftellenweife- kleine Fafern 
ab, die Pfahlwurzel dringt fenkrecht ein. Sie hält bis 
3 Zoll im Durchmeffer, und hat eine braune, einen gleich- 
gefärbten Saft enthaltende Rinde. Der Saft hat einen eig- 
nen, ftecbenden, etwas widrigen Geruch. Aus der Rinde 
wird das Gift bereitet. Der Stamm ift im Allgemeinen 
ftrauchartig, zuweilen aber ein kleiner Baum und 
fehr unregelmäfsig. Ev macht mehrere ftarke Bt^en 
in der Nähe der Erde und fpaltet lieh dann in viele 
Aefte, welche fich an die nahen Gegenftände heften, 
und in geringer Entfernung vom Boden an ihm faft 
parallel fortwinden. Bisweilen fteigt der Stamm fehr 
hoch und bis zur Spitze grofser Bäume empor. £r ift 
ganz cyli-ndrifch und mit einer grau 'gefleckten Rinde 
bedeckt. Seine kleinen Aefte flehen einander gerade 
gegenüber und find fehr lang, fchlank, cylindrifch , di- 
vergirend, und mit einer glatten, grau glänzenden Rinde 
bedeckt; ihre bl'tter ftehti einander gerade gegenüber, 
paarweite oder auf einem gemeinfchaftlichen Stiel ge- 
fiedert in 2 — 3 Paaren. Sie find fpeerförmig, ganz, 
in eine lange fctijiale Spitze auslaufend, und meiftens 
an der ob£rn Fläche ganz glatt und glänzend, an der 



457 

untern mit einigen wenigen Adern verfehen. Blattrti(>)a 
kurz und eivva> krumiii. Gegen ihr l'iide fenden die 
Scliüfilinge Kaiilcen ab, an mehrern Aeflen ganz fehlen, 
und ungefähr l" lang , fchlank , platrgeiJi ückt und aus- 
wärt» gekrüinuit Und. Am Ende irageii ije in der Nähe 
ihrer Grundfläche ein kleines Afterlilatt. 

Der Tfchettick koromt nur in dichten, fchattigen, faft 
unzngangbaren Wälder7i in tiefer, fchwarzei, /rucii barey 
Pflanzenerde und ziemlich feiten, felbft in den WiidniT- 
fen von Blambangan, vor. 

111. Bereitung des Antfchar, Diefe wilrde in meiner 
Gegenwart von einem alten, darin felir gefchickten Java- 
ner vorgenommen. Ungefähr 8 Unzendes, am AbiMid vor- 
her eingefammelten und in einen) Gliede des Bambus auf- 
bewahrten Saftes wurden forgfältig in einer Schale 
geprefst, dann der Saft von Ariim (J^iaipua) Ksempferia 
galatiga (Kontfchur) Amomum hengley (eine Abart von. 
Zerunibed), gewöhnlicher /Cwiebel, und Knoblauch, nach- 
dem liefein gefchabtund getjuetfcht worden, von jedem etwa 
eine halbe L>rachme, hierauf diefelbe Menge von fein 
gepulvertem fehwarzen Pfeffer zugefelzt und das tie- 
niifch wohl gerührt, hierauf mit vieler Sorgfalt ein ein- 
ziger Sarae von Capficum fpcciofum in die Witte der 
Fliiffigkeit gethan. Diefer ting augenblicklich an , lieh 
fchleunig zu drehen , indem er bald einen regelmäfsrgen 
Kreis befchrieb, bald gegen den Kand der Scliale flog, wo. 
bei an der Oberfläche der Flüfligkeit eine deutliche Bewe- 
gung Statt fand. In einer Minute, nachdem vollkommne 
Kulie eingetreten war, wurde diefelbe Menge Waffer, 
zugleich ein anderes Samenlcorn hineingethan , worauf 
ähnliche, aber weniger heftige Bewegungen erfolgten. 
Beim dritten Wale blieb das, genau in die Mitte gelegte 
Samenkorn an-isrfelben Stelle und drehte lieh nur regel- 
mäfsig um feine Axe. Dies wird als ein Zeichen ange- 
fehn, dafs das Gift vollendet ift. 

Auch der, in verfchloffenen Gefäfsen eine lange Zeit 
getrocknete Saft kann wirkfam bereitet werden. Eine 
vor 2 Monaten gefammelie Quantität wurde von demfel» 
b«n Javaner fo bereitet. Zuerft wurde fie in fo viel heifses 
Waffer gethan , als zur voilftändi^en Auflüfung nütbig 
M. d. Archiv, ly, 3. Hli 



458 

war, und forgfäliig fo lange gerührt, bis fich nichts 
mehr auflöfte. Ein harziger Rückftand ward weggogoffen. 
Die übrige Behandlung und die darauf erfolgenden Erfchei- 
Hungen waren völlig diefelben. Die Wirkfamkeit des 
Saftes wird fich aus einem der folgenden Verfuche ergehen'. 

IV. Bereitung des Tfcheltick. Die Rinde der Wurzel 
wird forgfiiliig abgenommen und von aller anhangenden 
Tlrde geieinigt, eine ^eihältnifsm.ifsige BJenge Waffer 
darauf gegoffen , ungefähr eine Stunde lang gekocht, 
dann forgfältig durch eh\ weifses Tuch gefeihet, hierauf 
bis zur Syrupsdicke eingekocht, dann, wie zum Ant- 
fchar der Saft von Kaempferia gallanga u. f. w. hau der 
Zwiebel Dfchey , ferner Knoblauch und fchwarzer Pfeffer 
gethan, hierauf das Ganze noch einige Minuten lang 
gekocht. 

DerUpas von beiden Arten mufs in fehr dichten Ge- 
fäfsen bewahrt werden. 

Verfuche, I. Mit Antfchar. 

V. I. Ein Hund von mittlerer Gröfse wurde in 
die Schenitelmusk'eln mit einem Pfeile verwundet, der in 
das neubereiiete Gift getaucht und eine Nacht über an 
der Luft gelaffen worden war. Nach drei Winulen fehlen 
er unwohl, zitterte, ^juckte, fein Haar fträubte fich und 
es erfolgte Kothausleerung. Nur mit Miihe hielt er fich 
auf den Beinen. Nach 8 Minuten heftiges Zittern, be- 
fländiges Zucken, fchnelles Athmen. Nach 12 Minuten 
Verfuche zu brechen, welches in der folgenden Minute 
nach vorangegangenen heftigen Zufammenziehuiigen der 
Bruft-undUnierlcilismusUetn erfolgte. Die ausgebrochene 
Flüfligkeit war gcUilich. Nach I5 Minuten abermaliges 
Erbrechen. In der löten faft gänzliche Unfähigkeit zu 
ftehen, heftige Zufanuiienziehungen der Bauchmuskeln. 
In der I7ten warf er lieh auf die Erde, das Athmen 
war fehr fchwer, es wurde eine fchäumige FliiOigkcit 
ausgeworfen. Eben dies in der I9ten Min. mit heftigenli 
Würgen. In der 2 Uten zugleich Krampf der bruft- und 
Bauchmuskelit. In der 24ften Hat der Todeskampf ein. 
In der 25fteu fturzte er hin, fchrie, fneckte die Giie<-i 



459 

der krarapfliaFt aus, rdiäntnie, hatte einen Kotlial)f;ang, 
und in der soften ftavl) er. 

Fünf ftlinuten nach dem Tode etwas feröfe Feuch- 
fig1<eit im Unterleibe. Die Eingeweide deffelhen nor- 
tnal. Im Magen hing ein gelblicher , fchaumiger Schleim 
anderinnern, ftarlc gerunzelten Haut. Lungen hellroth, 
ihre Gefäfse voll Blut. Aus der auffteigenden Aorta drang 
auf einen Einftich hellrothes Blut hervor, und das, wie 
gewöhnlich dunkle Blut der Hohlvene drang gleichl.iUs 
mit Gewalt hervor. Muskeln der Glledniaaf-en fehr 
blafs, die Wunde entzündet, an zwei Stellen ül)er ihr ein 
wenig Blut zwifchen den Muskeln und den Sehri«n er- 
goffen. 

V. a. Ein 4 Monat alter Hund wurde mit dem 
Upas, deffen Saft ich zu Poegar gefaitiu.eli hatte, nach- 
dem der Pfeil 48 Stunden an der Luft gelaffen worden, in 
die Schenkel iiiuskeln verwundet. JNach 3 Minuten er- 
folgte Zittern, am verwundeten Gliede heftiger, b.ild fing 
er an zu taumeln, liefs den Koijf hängen, fteckie die 
Zunge heraus und leckte die Kiefern. Nach 4 Minuten 
fing das Würgen ah, in 8 Minuten erfolgte frbrechen 
mit allgemeinen heftigen Zufammenziehungen der Mus- 
keln, der Bruft und des Bauches. In der 9ten abermals. 
Athem langfam und fchwer. In der llien und laieti 
fchäumiges Erbrechen. Er warf Jich fchreiend auf die 
Erde, zuckte, ftreckte die Füfse von üch und ftarb in de^ 
13ten Minute. 

Wenig Serum im Unterleibe. Darmkana) gefund, 
Leber- und Nierengefäfse von Blut ftroizend. Im Magen 
noch etwas Speife. Lungen, Blut der grofsen Gefäfse 
und Wunde wie bei I. iJas Arterienblut gerann fchnell, • 
Hirngefäfse blulvoller als gewöhnlich, 

V.'3. h'.'tn fliegender Makl wurde durch eineMifchung 
des frifchen, unbereiteten Antfoharfaftes, dem etwas Ta- 
baksextract zugefetzt war, in das Ohr verwundet. Bald 
ftellten lieh durch Unruhe die erften Zeichen ein. la 
der fünften Minute erfolgte Entzündung, in der loten 
Zuckung, bald darauf Starrheit und, dem Anfchein nach, 
Fühlloligkeit, in der aoften Minute der Tod. Zu benier- 
ken ift, dafs diefet Tliier ein üufserft zähes Leben hat. 

Hü 2 



460 

Oft w'iderftand es den ftärliften Errtickungsrerrudhen 
eine volle Viertelftunde lang. 

V. 4* Eine junge Fifchotter wurde in der JJäfae des Af- 
ters mit dem frifchen Antfcharf^fte , vermifcht mit etwas 
StramoniuiTiextract, in die Bauchmuskeln verwundet. Bal4 
wurde dasThier unruhig und ich fühlte deutliche Zuckun- 
gen. Nach 15 Minuten erfolgte Würgen, Speichelflufs, 
Zungen ftrecken , Krämpfe der Bauchmuskeln. Nach 20 
Minuten allgemeine Krämpfe, in den Zvvifchenräuroeil 
grofse Unruhe, heftiges Würgen, in der asflen der Tod.' 

V. 5. Ein kleiner Hund wurde mit dem blyfsea 
Antfcharfaft in die Schenkelmuskeln verwundet. In den 
erften 8 Minuten Ijcftändiges Bellen und Schreien, hier^i; 
auf fireckte er die Zunge aus, leckte die Kiefern, be- 
kam Zuckungen der Bauch - und Gliedmaafsenmuskeln aiid 
Kothausleerung. In der loten fprang er auf und heilte 
heftig, wurde aber plötzlich erfchöpft und legte iicli ru* 
big hin. In der I4ten erfolgte nach heftigurt Zuckun? 
gen der Tod. Die Gefäfse der Brufthühle ftark mit Blut 
angefüllt, der Magen faft leer, aber von Luft ausge- 
dehnt und die innere Haut mit Schaum bedeckt. Dia 
Lebergefäfse ftrotzten von Blut. 

V. 6. Ein kleiner Reiher wurdewie bei 5 indie Unfev- 
leihsmuskeln verwundet und ftarb in der 6ten ftlinule 
ohne befondere vorangegangene Vergiftungszeichen, (vcr- 
muthlich) weil er, um nicht entfliehen zu können, in 
der Hand gehalten wurde. 

V. 7. Ein anderer von dcrfelben Art wairde auf 
diefelbe Weife mit Saft von einem andern Baum in die 
Muskeln des untern Theiles der Flügel verwundet und 
ftarb in 20 Minuten, nachdem er in der 15ten gebio-' 
eben und Zucliungen gehabt hatte, 

V. 8. Eine Maus wurde mit dem bejeitet'en Gifle 
in die Muskeln des Vorderfufses, nahe am Gelenke, ver- 
wundet. Sogleich wurde He unruhig, rannte fchnell um- 
her und athmete fchnell. In der loten iVliuule ftarb lie 
nach den gewohnlichen Zufällen. 

V. 9. Mit dem von mir in der "Xalie des Dorfes 
Porrong in Paffuruwang gefamraelten und dann nach der 
befchriebenen Methode bereiteten Safte. Der Tod erfolgte 



naoIi'<}en gewöhnliclien Zufällen in der sgfteii .Minute. 
Alles, nach dem Leichenbefund, wie hei I und 2. 

V. lo. Der blofse Saft von deinfelben Baume verur- 
facble den Tod eines kleinen Hundes in I^IVlinuten. 

V. II- EinAfFe, der durch einen Giftpfeil von 
Banjuwangih in die Sclienkelmuskeln verwundet wurde, 
sab fogleich Vergiftungszeichen , fiel in der erfteji 
Minute betäubt nieder, würgte in der fünften, erbrach 
lieh und warf Koth aus in der fechsten , bekam Zuckun- 
gen und ftarb in der yten. Leiclienbefund wie bei den 
übrigen. 

V. 12. Eine eben fo verwundete Katze ftarli in der 
Igten Minute naih den gewöhnlichan Zufällen, naclidem 
fchon in der ifien das Atfamen fchnell geworden war. 

V. 13. Ein gefunder, ausgewaehfener KüfFel wurde 
mit'einem etwas grofsern Pfeile, der 24 Stunden vorhet- 
in den Upas von Blambangan getauch*, war, fcliief in die 
Snnem Schenlcelmuskeln verwundet, nachdem die Haut , 
■vorher geöffnet worden war, um den Zutritt zu erleich- 
tern, der Pfeil 6 Minuten lang in der Wunde gelaffen. 
Dem Anfchein nach blieben 6 Gran in der Wunde. I-n. 
der loten Blinute fchwcres Athmen. Zehn Minuten nach- 
lier ftarlte Kothausleerung, Ausflufs einer wäfferigenFlüf- 
£gkeit aus den Tiafenlöchern, Zeichen von Betäubung. In. 
der 30ften Speichelflufs , Austtrecken der Zunge und Be- 
lecken der Kiefern , mehr erfcliwertes Athinen, heftiges 
Wirken der Bruft- und Bauchmuskeln. Bewegung lang- 
fam und fchv.-cr, Zeichen von Mattiglieit und Unruhe» 
■fSm die 6ofte Minute fank das Thier um., alle Zeichen 
•■-nahmen zu, und es wurde höclift unruhig. Von de» 
75ften Minute an würgte er, geiferte, zitterte heftig am 
ganzen Körper. Wenn es auffland , fanlt. es in wenig 
Secundcn wieder um. Das Athmen fetzte von der 1 loten 
lUiuute an 15 Sccuaden lang aus. In der I30flen er- 
' folgte der Tod unter heftigen Zuckungen. Bei der, 15 
Minuten nachher, vorgenommenen Leichenöffnung fand 
ich den Magen ftark von Luft ausgedehnt, alle Gefäfse 
**on Blut, das in den Arterien bell, in den Venen dun- 
Ikelroth war, ftrotzend, die Lungen hellroth. Die durch- 
fchniitencn Bauchmuskeln zucktun noch zwanzig Minuten 
nach dem Tode. 



V. 14. Ein, in die Sclienkclmuskeln mit dem Upa$ 
Ton Banjuwangih vereidetes Huhn blieb in der erCten 
Stunde gefuud, zwei Stunden fpäter wurde es betautrt, 
beharrte fo , ftarli alier erft in der £4rten. i 

V. 15. Ein Hund wurde in die Schenkelmuskeln mit 
einem Pfeile verwundet, der angeblich mitUpas vonBorneO 
vergiftet war. In der loten Minute wurde er unruhig, 
belltB, in der I4ten ftreckte er die Zunge heraus und 
zeigte Üebelkeiten , fprang darauf wild umher, bellte, 
kurz, war febr unruhig. In der 25ften fchrie er gans 
erfchöpft, in der jzften erbrach er fich, in der 37ften ■ 
abermals, namentlich Koth, in der Soften fuhr er plötz. 
lieh auf, in der 55ften ftarb er, nachdem er heftig auf- 
gefchrieen, und einigemal unterbrochen geathmet hatte. 

V. l6. Ein, mit etcvas Upas von Borneo verwunde- 
ter Hund wurde in der 5ten Minute etwas betäubt, fuhr 
dann auf, gab in der loten Minute wieder Zeichen von 
Betäubung, war dann eine Zeit lang wieder unruhig. In 
der i4ienHel er nieder und ftarb in der I5ten unter hefti- 
gen Zuckungen. In diefen und andern Fällen fand nach 
dem Tode eine wellenförmige Bewegung unter der Haut 
Statt. 

V 17- Im Mai 1812 mit dem von mir im Jahr l8o6 
gefammelien Antfchargifie. Ein damit verwundeter Hund 
fchien in den erfton 20 Minuten nur etwas matt, ftarb 
aber in der 3orten, nachdep in den letzten lO Minu» 
ten die gewöhnlichen Zufälle, mit Ausnahme des Erbre- 
chens, Statt gefunden hatten. Bei der LeiohenöfFnung 
die gewöhnlichen Lrfcheinungen, das Gehirn aber blafs, 
Tielleicbt etwas vväfferiger als gewöhnlich. 

II. Verfuche mit rf«m Tfchettick. 

V. 18. Ein Hund von mittlerer Gröfse wurde mit 
frifch bei eitetem Gifte in die Schenkelmuskeln verwundet. 
In der gien Minute ftarb er, nachdem er, von der ^wei- 
ten an, fich unwohl befunden, unruhig gebehrdet, an 
Zuckungen gelitten, fchnell geathmet und kraftlos da ge- 
legen halte. 

V. 19. Ein anderer kleiner Hund nahm fogleich 
eine gebückte Stellung an, bekam in der 5ten Minute 



, • 463 

Krämpfe, fiel liin und ftarb in der Uten, nachdem die 
Zufälle bis zur 8'en heftig zugenommen , dann nachge- 
Jaffea hatten. Die Bruft und Bai.icheingeweide ivaren ge- 
fund , die Aorte enthielt nur wienig, fchwarzes Blut , die 
Vene vieles, welches fchnell gevann. Die Elulgeiafse 
des Gehirns ftrotzten von Blut. 

V. 20. Kin verwundetes Huhn fehlen in der zften 
Minute -vöHig gefund, fchwindelte aber in der zweiten, 
nahtn nun eine litzende Stellung .an, athuiete in der 
dritten fchnell, zitierte in der funflen, entleerte feinen 
Unrath , beUam heftige Zuckungen und ftarb in der gten. 
V. 2t. Kin Huhn, das mit eine.ni vergifteten Pfeile 
in der Nähe des linken Flügels durch die Bruft gefiochen 
wurde, konnte fchon in der crften Minute nicht gut 
ftehen, bekam in der 2ten eine Ausleerung, fuhr dann 
plötzlich auf, ftreckte Kopf und Füfseaus, und zitterte 
heftig. Alles nahm in der dritten zu. Das Atbmen 
war fehr erfchwert, bald unterbrochen und in der 4lea 
Minute erfolgte der Tod, 

V. 22. Ein Huhn j^ welches mit dem unvermifchten 
Tfchettickfafc verwundet worden war, ftarb in der dritten 
Minute nach heftigen Krämpfen. 

V. 23. Ein anderes ftarb in der 2ten, nachdem es 
mit 2 Jahr altem Gift verletzt worden war, unter denfel- 
ben Zufällen. 

V. 24. Eine geringe Menge von Tfchettickrinde wurde 
mit Alkohol infundirt, nach einigen Tagen der Luft aus» 
gefetzt, und; fo eine geringe Menge eines glänzenden. 
Harzes erhalten, hiermit ein Huhn verwundet. Von 
der vierten Minute an fchien es ermattet, fchläfrig, hatte 
abwechfelnd Zuckungen, befchleunigtes Athmen. Diefe 
Zufalle fliegen bis zur 2often> nahmen von hier an ab und 
nach Verlauf einer Stunde war das Thier ganz hergeftellt. 
V. 25. I'"ii\ Hund von mittlerer Grofse wurde mit 
6 Jahr altem Gifte in dieSchenkelmuskoln verwundet und 
ftarb in der 9ien, nachdem er von der Jten an heftige 
Zuckungen gehabt hatte. Alle Unterleibs -und Bruftein- 
geweide waren gefund , die Hohtvenen in der Bruft- 
huhle ganz, die Aorie zum Theil mit Blut angefüllt, die 
ganze harte Hirnliaut entzündet, vorzüglich rechterfeits, 
•a der inaern Fläche mit blutiger Lymphe bedeckt , auch 



464 

die Obevfläclie des Gehirns etwas geröthet, die Wundat 
welche dculiich Spurendes <»ifts zeii^te, nicht entzündet. 
V. 26. Ein taft ausgewachfener Hund bekam unge- 
fähr die Hälfte der gewöhnlich einem Pfeile anhängenden. 
]\jenge Giftes in etwas, gekochtem Reifse. In der erften' 
Biinute war er nur etwas betäubt, in der 14tep konnte 
er mit Aiiihe aufrecht flehen, zeigte Neigung zum Bre- 
chen, bekam in der 3ifien heftige allgemeine Zuckun- 
gen, die mit hetäubung abwechfelien, und endlich in 
der öglteiiiUinute mit dem Tode endigten. In der Unter- 
leibslnihle fanden liuh einige Unzen Serum mit einigeq 
fnfcli geronneneiv Blutftreifen, die Gefäfse der äufsern 
Wagen • und Darmhäute und des Gekrüfes ftrotzten von 
Blut, im übrigens leeren Magen befand £ch das Gift, 
die Lunge war iiellroth , die Hohlvene ftrotzte von Blut, 
die Aorte war faft leer und das in ihr enthaltene Blut 
dunkel. Im Schädel fanden fich Spuren von leichter 
Entzündung des Gehirns und der harten Hirnhaut. 

Bemerkungen über die Verfuche. 

Immer wurde das Gift durch einen Bambuspfeil ein- 
gebracht, deffen fpeerfoi mige Spitze l" lang und in der 
Mitte ihre Linge l4 " breit war. Es mufs immer trocken 
feyn, um gehörig zu wirken. Am heften läfst man es 
24 Stunden Jarig trocknen. Beide Gifte wirken auf ganz 
verfchiedeiie Weife. Die Wirkung des Antfchar wird lehr 
durch die Gröfse der verwundeten Gefäfse und der Menge 
des Gdres bedingt, die Kraft des Giftes aus verfchiede- 
nen Gegenden fchcint diefeibe. Die gewöhnlichen Sym- 
ptome und, der Zeitfolge nach. Zittern und Zucken der 
Glieder, HaarCträulien , Koihauiwurf, Schwäche, leichte 
Zuckungen, fchnclles Athmen , Speiclieln, Krampfader 
B'ruft-und Bauchmuskeln, Würgen, Erbrechen fchaumi- 
ger Subftänzen, felbltvon Koth, fchweies Athmen, heftige 
und wiederholte Zuckungen, endlich der Tod. Die Stelle 
der Vertrundung iftziemllch gleichgültig. Bisweilen erfolgt 
der Tod, wie beim I7(en Verfuche, fo fchnell , dafs nicht 
alle Symptome einiienen. Die verfchiedenen Säugthiere 
fcheilien ungefähr auf gleiche Weife, im Allgemeinen 
im Verhältnifs zu ihrer Oröfse angegriffen zu werden. 



465 

DerBüfFel (V. 13.) bekam walii-rclieinlich veiliahnifs- 
niäfsig nicht genug Gift. Eine Verwundung durch einen. 
eifernen Speer ift verhältnifsmärsig weniger nachtheilig 
als mit einem Bambuspfeil, weil jener herausgezogen wird, 
mithin weniger Gilt zurückbleibt. Die Eingeboirncn v.oa 
IWaUaffer, Borneo und den Ofterinfeln fchiefsen Barnbus- 
pfeile, an deren Spitze iie einen Haififchzahn heleltigen, 
aus einem Blasrohr. Nach V. 3 und 4 fcheint der Saft 
durch Vermifchung mit Tabak- oder StramoniuincjrtraQt 
ftärker zu werden, als durch Vermifchung mit den ge- 
wohnlichen Gewürzen. Nach V. 5 und 10 l'cheint auch 
der reine Saft Co. ftark als der gewöhnliche Upas zu wir. 
ken. Vögel fcheinen weniger angegriffen zu werden. 
S. \'. 14- Andere überlebten die Zufalle fogar. 

Der TfckettUk wirkt weit heftiger und anders , näm'- 
lich auf das Nervenfyftero, während der Antfchar vorzüg- 
lich den üarrakanal , das Syftem des Athmens und Kreis- 
laufes angreift. Dies ergieht fich auch aus den Leichen- 
ftfFnungen. Nach vorgangigen Zeichen von Schwäche, 
Betäubung, leichten Zuckungen, tödtetderTfchettick plötz- 
' lieb, \rie durch einen apoplektifchen Anfall, das ganze 
Kerveiifylteui. Nach V. 20. 21. wirkt er auch aufVügel 
■weit hef I ifier als der Antfchar. Junge ftarben bei andern 
Verlachen oft in der erften Minute. Dagegen fchadete 
einem Huhn das Doppelte der gewöhnlich an einem 
Pfeil befindlichen Menge, innerlich genommen, nicht, un- 
geachtet Saugthiere am innerlich beigebrachten Gifte fter- 
ben. Innerlich gegebener Antfcharupas ift bei weitem 
nicht fo fcliädlich als der vom Tfchettick. Bei einem Vei*- 
fuche mit einem Hunde dauerten zwar zwei Stunden lang 
die gewöhnlichen Zufälle, allein nach voUftändiger Ent- 
leeiung des Magens durch Frhrechen genas dasThier voll- 
ftilndig. Nach Rumpf \h der Antfchar in geringer Menge 
innerlich fogar ein Heilmittel gegen Stiche von giftigen 
Fifch^n und Infekten, fo wie gegen Hauiausfchläge und 
TJurchfall. Nach V. 22. ift der blofse Saft faft fo wirkfam 
«Is der Upas. Nach V. 24. ift das Harz wenig wirkfam, 
auch wird bei der Bereitung des Antfcliargifies diefts 
wci.'j^i?w<>iicM. Mehrjährige voffichtige Aufbewahrung 
mindert die Starke nicht. 



466 

.■ir Künftig' denke ich noch genaiierd Utitetifüöhüiigen 
aber die Wirkungsweife beider Gifte und ihre Staikei 
im Vergleich mit dem GiftC' der f;iftigfter> Schlangen anzu« 
ftellen. Der Tfchettidt ift fielieicht das ftäikfte aller be« 
kannten Güte. 



4. Pelletier ü b er das Krö.te'n giffc (le'roji* Joumi 
de liied-, T,^4fi:\f. 750 

Die in den Hautblafen der Kröten enthaltene 
Feuchtigkeit ift gelblich, ölig, gefleht an der Luft, und 
kann, wenn man lie auf einer Glastafel auffängt, in Ge- 
ftalt fefter Schuppen abgenommen werden, fchmeckt 
lehr bitter, ift fcharf und Stzend, röihet die Lackmiistinc- 
tur ftark und bildet mit Waffer eine EmulCon. Kalter 
Alkohol ift ohne bedeutende Wirkung, erwärmt aber 
lüft er He zum Theil auf, indem er fie gelb färbt. Der 
unaufgelofte 'flieil ift weifs, geruch-und gefchmaoklos, 
und ähnelteinergallertartigen Haut. Die Alkoholauflüfung 
rothet die Lackmustinctur kaum und verliert durch fortge^ 
IJetztes Kochen, indem der Alkohol fich verflüchtigt, diefe 
Eigenfchaft ganz. Hierbei fondert fich eine ölige Sul>. 
[tanz ab, welche im kalten Waffer gar nicht, im Aether 
etwas, im Alkohol fehr auflöslich ift, bitter, aber nicht 
mehr fcharf oder ätzend, fchmeckt. Die Lackmustinctur 
wird nicht durch fie gerüthet, im Gegentheil ihre Farbe, 
vorzüglich in der Wärme, hergeftellt, wenn fie durch eine 
Säure geröthet worden war. Hieraus fcheint fich Z14 er- 
geben, I) dafs die Säure des Krötengiftes flüchtig; 2) dafs 
iie zum Thei! durch eine Bafis gefättigt ift, welcher fie 
fuhwach anhängt und die, indem fie lieh mit der frem- 
den Säure, wodurch die Lackmustinctur geröthet worden 
war, verbindet, die blaue Farbe derfelben herftellt. 
Die eigne Säure felbft konnte ich, wohl ihrer Flüchtigkeit 
und der geringen Menge des unterfuchten Giftes wegep, 
nicht darftellen. Die im Alkohol unauflösliche gallertartige 
Subftanz ift auch im kalten , nicht aber im warmen Waf- 
fer unauflöslich. Die letztere Auflöfung fchäumt und 
wird beim Erkalten opalartig, Sie ift keine Gallert , in- 



467 

dem Ce %*eder Jurch Chlor, noch Jiireh Galläpfelaufgufs 
niedergefchlagen wird. 

Aus dielen Thatfachen folgt: l) das Krötengift ent- 
kalt eine theils freie, theils gebundene Säure, der lie 
termuthlich ihre Scharfe verdankt; 2) eine feite, fehr 
bittere Subftanz; 3) eine der Gallert ahnliche, doch von 
■ihr verfchiedene thierifche SubCtanz. 



5. Orfila über das Morphium. (l>Touveau Journal 
de Medec. 18l8. p. 1 — 22 ')■ 

Der Zweck der vorliegenden Abhandlung ift l) zu 
beweifen, dafs das wäfferige Opinmexuact feine Wir- 
kungen einem aus Oxygen, Hydrogen, Karbon und 
Azot zufammengefetzten und neuerlich durch Herrn Ser- 
türner entdeckten Alkali verdankt; 2) die Wirkungen 
diefes Extracts mit denen des in Säuren, Oelen und Al- 
kohol aufgelüften Mor|)hiuros allein zu vergleichen; 3) das 
zweckmäfsigfte Heilverfahren dagegen anzugeben. 

Das reine Morphium ift feft, färb- und geruchlos, 
fchwerer als Waffer und kann in Parallelepipeden kry- 
XtalliUren. In verfchloffenen Gefäfsen erwärmt, zerfetzt 
es lieh und bildet unter andern unvollkommen kohlen- 
faures Ammonium, wie die thierifchen Subftanzen. Im 
Waffer ift es faft ganz unauflöslich, leicht dagegen im 
Alkohol und Aeiher mit Hülfe der Wärme, fällt aber 
beim Erkalten in Menge darin zu Boden. Diefe Auflö- 
fungen lind alkalifch und bitter. Aufserdem verbindet 
fich das Morphium mit allen Säuren , neutralifirt üe, \ne 
Alkalien, und erzeugt kryftalliiirbare Salze. Bis jetzt ift es 
nurimUpium gefunden worden, woe«, xidich Sertürner, mit 
einer eignen Säure, der Mekonfäure, verbunden ift. Aus 
einer fpätern Arbeit von Robiquet ergiebt fich, dafs das 
Opium aufser der Mekonfäure eine andre neue Säure 
enthält; 2) dafs man noch nicht weifs, ob das Morphium 
mit einer oder beiden verbunden ift; 3) dals das von 



I) Di« ans diefen Verfnclien gezogenen ScblüfliB finden fich ia 
diefem At«liiv B, ). S. 640. 



'4^ 



] 



•Heroine vor T4 Jaliren entdeckte ■kr^-rtaHißileOpiujnfalsi, 
gegpn Sertürner, niclit mekonfames äiovphium ift ; 4) cläCs 
rliefes Salz und- das Morphuim ziifainmeri im • Upium 
■vorkommen und durch Aethur aligefoiiieden wevden kön- 
nen, der das Derosne'iche Salz aufioft, ■oline auf das 
Morph iumfalz zu wirken. Man erliäh nach Robujuet das 
Morphium, wenn uiaTn \ Stunde lang einen gefättigten 
Opiinnaufgufs mit etwas Magnelia koclien läfst, wobei licli 
ein gi-auer, aus Idorpbium , mekonfaurem Morphium und 
FSrljeftofF gebildeter Kiederfchlag erzeugt. Diefen wäfcht 
;inan auf einem Filtrum, kocht ihn mit concentrirtem 
AJkohol , der das IMorphium aufioft und beim Erkalten 
faft ganz niederfallen läfst, worauf es, um es rein zu 
'erhalten, abermals im concentrirten Alkohol aufgeloft 
•wird. .' 

Nach Derosne ift das von ihm fogenannte Opium- 
falz das wirkende Princip des Opiums; indeffen ergiebt 
lieh aus den Verfuchen von Nyjien und einigen andern 
l'liyliologen, dafs diefes weniger eneigifch wirkt, als 
■das durch einfache Maceration des Opiums in Waffer be- 
reitjcte Kxtract. jNach Sertürner ift das Morpliium das 
iWi'fentliche Princip ; indeffen fcheinen mir feine Beoli- 
noh'.ungen Hiefeu Satz nicht mit Beftimmtheit zu eiwei- 
len. Lhc ich zur Dirfiellung der phyiiologifchen Eigeu- 
fchaften des Morj)hiuihs übergehe, mag eine kurze An- 
gabe- der vorzViglichlien Wirkungen des wäfferigen OpiuU}- 
extractes einen Piatz hnden. 

l) Es wirkt nur, nachdem es eingefogen und in 
«den Krei-lauf gelangt ift; 2) es verurfacht Lühmung oder 
■vielmehr Erfiarrang der Bauchglieder, Schwindel, Zit- 
tern des Kopfes, einen eignen fchbffüchtigenZuftand, Kla- 
gen, Zuckungen und den Tod, die Tliiere können Jich 
nicht aufrecht erhalten und gehen, fchwanken wie 
^Frunkene , fcheinen tief zu fchlafen, erwachen aber, 
gefchüttclt, fogleich, bewegen fichdann, fuchen einer ver- 
"i^ineintlichen Gefahr zu entfliehen, fallen bald von Neuem 
hin und fchlafen ein; bald darauf geratheii Kopf und 
Stamm in heftige Krämpfe, die man durcli Berühren er- 
neuen kann, der Kopf wird nach hinten gezogen, wäh 
, rend die vordem Gliediuaafsen lieh an den Boden klara 
■Klein. 3) Alle diefe Erfchelnungen treten ein, wenn 



t 



46* 

man die Subftanz in den Magen, das Zellgewebe an der 
innern Fläclie des Schenkels, die Venen des Biuft- und 
Bauchfells einbringt. 

Verfuche mit dem Morphium, 

V- 

,,. I. Einem kleinen Hunde, der gefafiat hatte, wui'- 
iäen 12 Gran Morphium in einer halben Unze Waffer 
eingegeben, wotauf keine Zeichen von Opiumvergiftung, 
eben fo wenig Erbrechen eintraten. , Diefelbe Dofe des 
wälferigen Extractes brachte bei einem andern , ähnli^. 
chen Hunde in 20 Minuten Lähmung der hintern Glled- 
maafsen und bald darauf Erftarrung hervor. Am andern 
Tage war das Thier auf dem Wege der Befferung. 

2. Ein kleiner Hund, der gefreffen hatte, bekam 
5 Gran Morphium. Kach lO Minuten erbrach er fich 
und gab kein Zeichen von Opiumvergiftung. 

3. Bei einem fiarken Hunde von mittlerer Grüfse 
wurden 6 Gran Morphium in wenig Waffer in das Zell- 
gewebe des Schenkels gebracht. Nach 8 Minuten trat 
Erbrechen, Schläfrigkeit, fchwankender Gang, aber ge- 
ringe Störung der Gcfuudheit ein, und am andern Ta"« 
war 'das Thier genefen. 

Da hiernach das Morphium, wegen feiner fchwacheit 
Außostichkeit im ffaf/er , faft gar ni ;ht auf den Organis- 
mus wirkte , fo wurde es durch Aufiofang in einigen Sau- 
fen in Sali verwandelt. 

■v 

9 

Verfuche mit Morphiumf altert, 

4. Um II5 Uhr wurden einem kleinen Hunde 6 
Gran Morphium in einer Drachme Effigfaure, die durch 
doppelt fo viel Waffer verdünnt war, eingegeben. Nach 
35 Minuten fchicnen die hintern Gliedmaafsen etwas. 
£chwach, noch mehr nach l\ Stunde, doch ging das 
Thier ziemlich leicht. Um 6 Uhr Abends war es etwas 
fchläfrig, klagte nicht, athmete ruhig, am andern Tag«» 
war es vollkommen beffer. 

5. Derlellje Verfuch an einem fchwächern Hunde. 
Nach zwei Stunden waren die Hinterfüfse gclähnjt, das 
Thier fcbicn zu fchlafen , wurde aber durch da» leifelio 



470 ^ji.^^^- 

Geräufch au vergebliclien Verfucheti ficli aufzuncliten er- 
ifeckt, worauf es wieder hinfiel und einfchlief. Die Pu- 
pillen waren erweitert, der Puls langfniri, das Aihtnen. 
wenig befchwert , nach 8 Stunden ftiefs das Thier kla- 
gende Laute aus und fchien mehr angegriffen ; am an- 
dern Morgen w-iren die Hinterfüfse nur noch etwa» 
fchwach und den Tag darauf war die Genefung vollendet. 

6. Der Vergleichung wegen bekam ein kleiner Himd 
6 Gran wäfferiges Opiumextract in ^ Unze fehr fchwa- 
cher EfTigfäure. Die Erfcheinungen waren genau wie 

hei 4- 

7. Um II Uhr Morgens wurden einem kleinen Hunde 
in das Zellgewebe der innern Schenkelgegend 6 Gran 
Morphium in einer Drachme Weineflig eingofpritzt. Nach 
8 Minuten legte fich das Thier hin, das Athmen wurde 
fchwer, die Muskeln fchienen fehr erfchJafft, fünf Mi- 
nuten fpäter fchwankten die Hinterfüfse , das Thier ga|> 
einige Klaglaute von fich , ungeachtet es tief zu fchlafen 
fehlen. Der geringfte Stofs erweckte es und veranlafster 
ein fchwankendes Gehen. Nach i| Stunde kam Zittern, 
des Kopfes, Erweiterung der Pupille, beträchtlich ver- 
minderte Bewegung des Herzens hinzu. Ekel , Erbre- 
chen und Stulilgang waren nicht vorhanden. Nach 7 
Stunden war die Empfindlichkeit fo gefteigert, dafs blofse 
Erfchütterung der Luft plölzhche und unregelmälfsige Be- 
wegungen verurfachte. Am folgenden Tage war nur 
noch Schwäche der Hinterfüfse übrig, die auch in zwei 
Tagen völlig verfchwand. Bei einem andern Verfuche 
diefer Art verhielt lieh alles ähnlich, nur ging die FiihU 
lofigkeit bis zum Scheintode. Indeffen war das Tiiier in 
48 Stunden völlig hergeftellt. 

8. Derfelbe Verfuch an einem kleinen, fehr fchwia-' 
chen Hunde mit 12 Gran Morphium in Efligfäure. Nach 
3 Minuten alle Zeichen von Opiumvergif tung, 6 Stunden 
fpäter, l'tarke Krämpfe, Klagetone, Lähmung der Hinter- 
füfse. Am folgenden Morgen Anfang, am fünften Tage 
Vollendung der Genefung. 

9. Zwölf Gran wäfferiges Opiumextract in lehr 
fchwacher Efligfäure wurde um II Uhr in das Zellge- 
webe des Schenkels eines kleinen flarken Hundes ge- 
fpritzt. Nach | Stunde Erbrechen, Lähmung der Hinter- 



ftifse, eine Stunde darauf Wimmern, tiefes Athmen, nach 
3 Stunden gereizter Zuftand , faft beftändiges Klagen, 
leichte Krämpfe. Am folgenden Morgen ftarker Schuin- 
del , Abnahme der (ihrigen Symptome, am Ende des dril- 
len Tages vollkommne Herftellung. Derfelbe Verfuch 
mit 6 Gran hatte ahnliche, nur fchwäcliere Folgen. 

10. Zwei Gran ftJorphium, in 1 Drachme fehr ver- 
dünnten Effigs aufgelöft, winden in die Halshlutader eines 
ftarken und grofseu Hundes gefpritzt. Nach l Stunde 
trat Schwäche der Hinterfüfse ein. Zwei Stunden nach- 
her verlor lieh diefe, und an demfelben Tage war fchon 
die Herftellung erfolgt. Ein weit kleinerer und fchwäche- 
rcr Hund bel(.ara auf diefelbe Weife 2 Gran lange bereite- 
ten Opiumextractes, ohne Vergiftungszufälle zu zeigen. 

11. Da hiernacli das Morphium weit ftarker wirkte, 
fo wurde einem kleinen, aber ftarken Hunde l Gran 
IMorphium , in fehr verdünntem Weineflig aufgelofi , um 
II Uhr in die Halsvene gefpritzt. Sogleich darauf allge- 
meiner, einige Momente daurender Krampf, Lähmung 
der Hinterfüfse, tiefe Erftarrung. Nach J5 BJinuten wa- 
ren diefe Zufälle fchvverer, um 5 Uhr faft ganz ver- 
fchwunden, am folgenden Tage die Herftellung vollkom- 
men. Ein ähnlicher Hund wurde durch die Einfpritzung 
von 2 Gr. Morphium faft augenblicklich gelOdtet. 

12. Zwei Gran /rJ/i./i6ereiVe^en, Opiumextractes in 2 
Drachmen ftark verdünnien Eüigs wurden um 11 Uhr 
in die, Halsvene eines kleinen ftarken Hundes gefpritzt. 
Sogleich erfolgte Läliniung der Hinterfiifse, ScliJaf und 
Erfchwerung des Atlimens. Um I Uhr waren alle Zu- 
fälle faft ganz verfchwunden. 

Aus diefen Verfuchen fcbeint fich zu ergeben : l) 
dafs das in Efligfäure aufgelöfte Morphium diefelben Zu- 
fälle als das wäfferige Üpiumextract hervorbringt , vior- 
aus zu folgen fcheint, dafs diefes nur durch ein älmli- 
ches Salz wirkt; 2) dafs indeffen das efilgfaure Mor- 
phium ftarker als das wäfferige Opiumextract wirkt. AI- 
lein man lieht leicht, dafs, wenn eine gleiche Gabe 
von beiden nicht gleicli heftig wiriit, in dem Üpium. 
extract fichaufser dem Morphium zwei Säuren, der Exirac- 
tivfioff u.f.w. belinden, wodurch noihwendig der Mor- 
phiuiugebalt bedeutend vermindere wird. ^ehr wofar- 



473. •'- 

rcbeinlich würdfe daher eine AufloCutig Von 12 Gran 
Morphium in den Säuren, welche in clieZitfatnincnreizung 
des Opiumextractes eingehen, ol>en fo ftarke, felblt 
Üärkere Wirkungen hervorhringen als diefelbe Menge 
in Effigfäure aufgeloftes iMorphuim. Das letztere würde 
nothwendig dann Statt linden, wenn die mit dem Mor- 
phium in dem Üpiumextract verbundene Saure daCTelbo 
nicht fo vollkommen neiitralilirte als die ffiiofäure. 
^. 13. Um Mittag wurden in das Zellgewebe des Schen- 
kels eines kleinen,- ftarken Hundes 12 Gran Morphiura 
iii fehr verdünnter Sch\vefelf:iure gcl'pritzt. Nach 6 Mi- 
nuten trat Lähmung der Hinterfüfse, Pupillenerweite- 
rung, dem Anfchein nach tiefer Schlaf, doch mit fehr 
leichter Erweckbarkeit , ein. Um 6 Uhr Abends fand 
Nachlafs Statt , und am folgenden Tage Genefung. 

,14. Derfelbe Verfuch mit Salzfäure. Die Zufälle 
traten erft nach 2 Stunden durch Schwindel und be- 
deutende Schwäche in der hintern Korpei hafte ein, 
vermehrten lieh in einer Stunde zu der Höhe wie bei 13, 
nahmen dann ab, fo dafs am folgenden Tage die (Jene- 
fung vollkommen war. 

Hieraus gehtbef4immt hervor, dafs diefe beiden Säir- 
ren das Morphium ftärker als die tfligfUure reulraliliren, 
weil die Zufälle leichter find. Herr Ridatphi fcheint 
zu irren, wenn er die Säuren als die heften Gegenmit- 
tel gegen das Morphium angiebt und behauptet, dafs 
man mehreren Thieren das effigfäure, falpeterfaure und 
falzfaure Morphium ohne Schaden eingeben könne '}. 



Verfache mit dem, in Olivenöl aufgeloftsn Morphium. 

15. Sechs Gran Morphium, 10 Minuten lang mit 
einer Unze Olivenöl erwärmt, wurden um Mittag einem 
ftarken, grofsen , nüchternen Hunde eingegel)en. Nach 
15 Minuten traten die gevvöhnlicheii Vergiftungszufälle 
ein und vermehrten fich bis zum Abend. Am folgenden 
Tage war die Herftellung erfolgt. 

16. Um 



1) hruinauUi Giom. di fi£ca. Itt^. 



473 

16. Uon 2 Uhr Nachmittags bekam ein jim»ei-, 
grofser Hund 12 Gran jMorphiiim in einer Unze Üel. 
riach 6 Minuten traten die heftigfien Zufälle und am 
andern Morgen um 6 Uhr der Tod ein. Der Darmkanal 
war gefund, das Herz durch fchwarzes Blut ausgedehnt, 
die Lunge hie und da hlaugefleckt und enthielt ein röth- 
jiches SeiTjm; die Subftanz und die Häute des G?hirns 
waren normal, nur die Venen deffelben etw.is blutreicher. 

17. Diefelbe Dofe wurde in das Schenkelzellgewebe 
eines fehr ftarken Hundes gefpritzt. Nach einiarn Mi- 
nuten trat derfelbe Zuftand, nach 2 Stunden der Tod ein. 
Die wichligCten Organe waren durch,ius normal. 

18. In die Halsvene eines kleinen Hundes wurde 
J Gran Morphium in i Drachme Oel g-Cprifzt. Nach 5 
IVlinuten erluigten Vergit'tungszufälle, nach I Stunde der 
Tod. Bei einem andern Verfuchc mit 2 Gran Mor- 
phium ftarb das Thier fogteich nach der Einfpritzung. 
Die Üeftnung zeigte nichts krankhaftes. 

Hieraus fcheint lieh zu ergeben , dafs das Olivenöl 
die giftigen Wirkungen des Morphiums viel weniger neu- 
traJilirt als die vorerwähnten Säuren. 

Verfache mit einer Au/iufung von Morphium in Alkohol, 

Der Alkohol löft bei einem gewöhnlichen Wärme- 
grade fo wenig Morplilum auf, dafs eine folche Auflö- 
fung, mit vielem Waffer verdünnt, faft gar kein Mor- 
phium enthält. Da aber die Hunde, nicht an Alkohol 
gewöhnt, felbft durch Alkohol in lO Theilen Waffer ver- 
dünnt , beraufcht werden, in der That nach meinen Ver- 
fuchen eine fcjiwache oder ftarke alkoholifche Morphiura- 
auflufung Vergiftungszufälle und den Tod in keiner 
fchnellern Zeit hervorbringt als der gleich ftarke Alkohol 
allein, fo wäre es nothwendig, eine fehr fchwache Al- 
"koholauflöfung von Morphium anzuwenden, und ich 
glaube mich daher zu dem Schhiffe berechtigt, dafs die 
Wirkung des in Alkohol aufgelöften Morphiums an Hun- 
den nicht unterfucht werden kann. Auch die Ridolphi- 
fchen Verfuche, der aber fälfchlioh daraus fchlielst, dafs 
das Morphium hierbei die Thiere geiödtet habe, beweifen 
daffelbe. Bei dem, an Alkohol gewöhnten I\^etiiclien 
M d, Archiv. W. 3, li 



474 ■ 

aber rerliälr es Cch «nrtreitig anders, und der Verfucli 
von Sertürner, wo diefer in | Stunden ii Gran Morphium 
in I Drachme Alkohol aufgelöCt und in mehrern Unzen 
deftillir'en Waffers verdünnt, einnahm, fcheint diefe 
Meinung zu befiätigen. Die Haut rötheto fich bald allge- 
mein fehr merklich : es traten Schläfrigkeit und Schwrn- 
del, nach der letzten Gabe heftiger Magenfchmerz und 
Neigung zur Ohnmacht ein. Hierauf wurden 5 — 6 Un- 
zen ftarker Weineflig fcingenommen , worauf Erbrechen, 
dann nierldiche Beruhigung und vollkomuine Herfiellung 
erfolgte. 

■ Verfuche mit dem wäff erigen Opiumextract 
ohne Morphium, 

19. Achtzehn Gran des, von Morphium befreiten, 
in. Effigwaffer aufgeloften Exiracies wurden abwecl.felr.d 
in den Magen und das Schenketzeügewebe mehreier klei- 
ner und fchwacher Hunde gefpritzt. Nur eine Stunde 
lang traten leichte Vergiftungszufälle ein, woraus üuli 
überzeugend ergiebt, dafs das Morphium der wirkende 
Stoff ift. Die geringen Zufälle rühren von der Umrög- 
lichkeit her, durch Magnelia und AujiDonium das Mor- 
phium völlig aus dem wäfferigen Opiumextract nieder- 
zufchlagen. 



6. Ueber die Anwendung einiger Morphiuni- 
falze inderMedicin, von Magendie. (Nouv. 
Journ. de Med. T. I. p. 23.) 

Wenn im Allgemeinen der Arzt bei Verfochen mit 
neuen Mitteln fehr vorfichtig feryn mufs, fo giebt es an- 
dererfeits auch Fälle, wo er und der Kranke bei derglei- 
clien Verfuchen gleich interefllrt find. Jedem Arzte find 
gewifs in den höhern Klaffen unglückliche Gefchöpfe 
mit lebhafter Einbildungskraft und gebildetem Verftande 
vorgekommen, welche ein chronifches Leiden langfam 
dem Tode entgegenführt. In den erften Jahren werden 
fie nach und nach von verfchiedenen Aerzten mit ver- 



475 

fchieJenen Mideln behandelt, wobei die Krankheit 
fortwährend zunimmt: hierauf wenden lieh die Un- 
glücklichen an Markt fchreier, die, nachdem äe ihre 
pralilerifchen Vcrfprechen nicht erfüllt halien, gleichfalls 
den Abfchied erhalten. Darauf kommen die Hausmittel, 
roajoie'ifche Curen u. f. vv. an die Reihe, und endlich 
wenden fich die Kranken, von hefligen Schmerzen und 
andern fchlimmen Zulällen gequält, wieder an den A'rzt. 
Was foll diefer, nachdem fchon Alles verfucht worden, 
das Vertrauen zu Allem verlorengegangen ift, wählen? 
In einer folchen Lage befand ich mich kürzlich in Be- 
zug auf ein FraucTiziinmer von 24 Jahren, die feit lO 
Jahren au einer Krankheit leidet, welche ich für fein 
Aneurysma der Bruftaorta halte. Ich fand fie, nachdem 
fie den angegebenen Kurfus durchgemacht hatte, von 
beftandiger Schlafloligkeit , heftigen Schmerzen in der 
Zwerchfellgegend und den untern Gliedmaafsen, die zum 
Theil gefchwunden lind , gequält. Anfangs wurde die 
Blaufaure mit einigem Voriheil angewandt, nach 6 Wo- 
chen aber, weil lie angftvolle und ermattende Träume 
verurfachte, ausgefetzt. Hierauf verfiel ich auf den 
Gcl>rauch der fo narkotifchen Morphiumfalze. Ich liefs 
4 l'illen bereiten, wovon jede 5 Gran des «ffigfauren Mor- 
phiums enthielt, deren die Kranke jeden Morgen und 
Abend eine nahm. Sie nahm ain erften Abend binnen 
i Stunde zwei , verfiel feit langer Zeit zuerft in einen 
ruhigen Schlaf von 3 — 4 Stunden, worauf lie zwar er- 
wachte, lieh übel fühlte, aber fogleich wieder eiufchlief. 
Daffelbe fand einigemal Statt. Um 6 Uhr Morgens er- 
wachte fie , bracli etwas Schleim und Galle aus, fchlief 
nicht wieder ein, blieb aber in einem Zuftande von Ilulia 
und Wohlfeyn, den lie lange nicht gekannt hatte. Da 
offenbar die Wirkung zu ftark gewefen war, liefs ich 
nun in 24 Stunden nur ^ Gran efligfauren Morphiums 
nehmen, welcher die gewünfchlefte Wirkung hervor- 
braclite. Seit 6 Monaten braucht die Kranit« diefe Pil- 
len, die jede nur J Gran entlialten, mit grofsem Nutzen, 
wobei es merkwürdig ift, dafs die Wirkung lieh nicht 
mindert, indem noch jetzt in 24 Stunden nicht mehr 
alt 4 genommen, werden können , ohne dafs eine Unan- 

li a 



476 ' •'- 

nelimliclikelt, 2. B. Erbrechen und heftiges Kopfweh, ent- 
ftünde. SaJzfaures Morphium, bei derfeUien Kranken ange- 
wandt, wurde bald unterlaffen, weil felbft l| Gran einen 
fehv unbedeutenden Erfolg halten. Schvvefelfaures Mor- 
phium fteht zwifchen beiden Salzen. Die Kranke braucht 
es abwechfelnd oder in Verbindung init dem erftern feit 
4 Monaten. Vor 3 Wochen wollte ich der, nach einem 
Wechfel begierigen Kranken das gummöfe Opiumextract 
geben, um die Wirkung deffelben mit der der vorigen 
Mitte) zu vergleichen. Ua Ile lieh dagegen, als ihier Er- 
fahrung nach fchädlich, erklärte, veroidnete ich ihr 
das DeröJne'fche wefentliche Salz , ohne dafs He die Fe- 
fchaffenhelt des Mittels kannte, fand aber in der That, 
dafs 5 Gran in 24 Stunden genommen, heftigen Erethis- 
mus und Kopffchinerz hervorbrachte. 

Auch in andern Fällen wurden nachher diefe Sub- 
Ttanzen mit beftimmtem Erfolg angewandt. So nimmt 
eine Dame, die an einem Scirrhus an der rechten Bruft 
leidet, feit 2 Monaten in 24 Stunden -J Gran efligfaures 
Morphium, und die anfangs fehr heftigen und iji kur- 
zen Zwifcheni-äumen wiederkehrenden Schmerzen lind 
feitdem bedeutend gemindert und feltner geworden. 



7. Verfuche mit der Kux vomica, der Faba 
St. Ignatii und derVauqueline '). 

Herr Felletan und Caventon entdeckten bei der Ana- 
lyfe der obigen Pflanzen ein Alkali, dem fie den Namen 
Kaai/ue/ine gaben. Es kryftalliTirt , ift weifs, unerträglich 
bitter, wenig auflöslich in Waffer, fehr auflöslich in 
Alkohol, und befteht aus Oxygen, Hydrogen und Kar- 
bon. Esftelltdie blauen Pflanzenfarhen her, und bildet, 
roit Säuren verbunden, in Waffer auflösliche Salze. Es 
ift höchft giftig und enthält die Urfache der tödtlichen 
Wirkungen der Samen, worin es vorkommt. 

I. Ein Kaninchen ftarh 5 Minuten , nachden ihm 
5 Gran in den Schlund gebracht worden war, nach- 
dem in a Minuten Krämpfe eingetreten waren. 

Ebead. T. II. S. 55J. 






2. Ein lialber Gran, in eine' leichte Rücken- 
wunde eines Kaninchens eingebracht, hatte in I Minute 
Krämpfe, in g-f fllinuten den Tod zur Folge. 

3. Ein Atom Salpeterfäure wurde mit ^ Gran Vau- 
queline gefättigt. Die Auflöfung fchmeclcte anfangs füfs- 
)ich, bald darauf bitler und fcharf. Ein Kaninchen 
flarb in 4 Minuten daran. 

4. Ein Kaninchen , .dem der Vergleichung halber 1 
Gran Morphium eingegeben wurde, bot gar keine krank- 
haften Ei fcheinungcn dar. 

5. Eben fo wurde der Vergleichung halber mit der 
Picrotoxina, dem wirkfamen Element von Menispermum 
Cocculus, einem Kaninchen l Gran hiervon eingegeben. 
Das Thier zeigte bald die Wirkungen des Giftes. Nach 
8 Minuten waren die Hinterfüfse gelähmt, nach J Stunde 
zeigten iich Krämpfe, die aber von den durch die Vau- 
queline verurfachien verfchieden waren. Der Tod er- 
folgie nach 38 Minuten. Zu bemerken ift, dafs diefes 
Thier keinen Schrei aufftiefs, was immer bei Anwendung 
der Vauqueline Statt fand. 

Durch die unmilielbare Einreibung des kouhenden 
Aelhers auf die beiden in Anfrage flehenden Subftanzen 
erliält man ein fettes Oel , womit gleiclifalls folgende Ver- 
fuche angeftellt wurden. 

1. Eine Katze bekam 2 Gran des fetten Oels der 
Ignatiusbohne. Nach 4 Minuten ftarb fie, nachdem fie 
3 Minuten lang den Starrkrampf gehabt hatte. 

2. Eine andere ftarb in lO Minuten nach denfelben 
Zufällen, an derfelben Gabe des fetten Oels der Nux vo- 
mjca. 

3. Ein Mcerfchweinchen zeigte keine Spur von Lei- 
den, nachdem es nach und nach diefelbe Gabe des fetten 
Oels beider Subftanzen bekommen hatte. 

4. Kaninchen ftarben davon lehr bald unter denfel- 
ben Zufällen als bei 1 und 2. 

Um zu erfahren, ob die Vauqueline den Ctund 
der Tödtlichkelt diefes Oeles enthält, wurde lie wieder, 
holt und in der Kälte mit rectificirtem Aether behandelt. 
Diefer fonderte fehr bald jene Sublianz ab, worauf da« 
Oel felbft bei vielfachen Gaben ohne Wirkung blieb. 

Auch das Kxtract jener Samen wurde geprüft. 



478 

I. Um 2j Utr bekam ein Meerfchweiitclien 8 Gran 
des Extracts der Igiiatiusholine, welches durch unmittel- 
bare Einwirkung des Alkohols von 38 Gran gewonnen 
worden war, imd das Oel und den Fxtractivftoif entliielt. 
Nach 15 Minuten traten leichte Anfälle von Starrlirampf 
ein ,^ die nach 2 Minuten allmählich abnahmen, fo dafs 
lieh nach einer Stunde das Thier wie vor dem Verfuche 
verhielt. Die Wiederholung diefes V'erfuches mit einem 
andern Meerfchweinchen gab ähn'iclie JVefultate. 

■ 3. Ein Meerrchw'einchen , das 4 Gran des auf die- 
felbe Weife bereiteten Extr. nuc. vomicae bekam, erlitt 
nach ^ Stunde einen Anfall von »Starrkrampf, war aber 
nach einer Stunde völlig hergeftellt. 

3. Einige Stunden nachher bekam es 8 Gran. Nach 
einer 5 Stunde hatte es einen heftigen Anfall von Starr- 
krampf, ftarb aber nach ![ Stunden. 

4. Das Meerfciiweinchen Nr. i. bekam 16 Gran 
Extr. fabae St. Ignat. Nach 10 Minuten bekam es die 
Lefiigften Krämpfe, machte fchncUe und fehr hohe 
Sprunge, und fiarb in 3 Minuten. Hiernach wirken 
das Rxtr. ou;. vomicae und fabas St. Ignaiii auf diefelbe 
Weife, das letzlere aber heftiger. Ferner ift eine ftarke 
Galje davon erforderlich, um ein Meerfchweinchen zu 
tödten. Diefelje Gabe reicht liin, um Hunde, Katzen, 
Kaninchen und die fiäikfien Menichen umicubringea. 



8. Beetard über eine allgemeine Umkehrung 
d er Eingeweid e. (Aus dem Bullet, de la foc. 
medic. d'emulation 1816. p. 328' undBulIet. dela foc. 
philomat. 18 17.) 

Eine Frau, an welcher alle Bruft- und Unterleibs- 
eingeweide eine völlig verkehrte Lage hatten, war, 50 Jahr 
alt, an einem Lungenleiden geftorben. Nach Sabatier 
rührt die, fehr allgemein vorlcommende SeitenUrümmiing 
der Wirbelfäule, deren Wölbung fich auf der rechten, 
die Aushöhlung auf der linken Seite befindet, und die 
Ttärkere Verbiegung bei Buckligen nach der rechten Seite 
von der-Anwefenbeit des Aortenbpgens in der obem und 



479 

linken Gegend der Wirbelfäule her, und wird durch das 
beftauilige Klopl'ea diefes Gefäfses bewirkt. Nach an- 
dern, namentlich Bichat , rühren diefe Erfcheinungen 
von dem häufigem Gebrauche der r&chlen Hand her, und 
belLinkifclien ift tVle^Virbelf3ule, nach ihnen, nach der 
linken Seite gewandt. Ein Fall, wie der vorliegende, eig- 
nete lieh fehr gut zu einer Entfcheidung diefes Streites, 
allein fowohl hier, als in mehrern andern, von Bichat 
beobachieien, wo fich die Perfon des rechten Anns i.or- 
zugsweife bedient hatte, befand fich die Krümmung, 
wie gewohnlich, auf der rechten Seite, und aucli hier 
war rlalier im Leben wahrfcheinlich die rechte Hand vor- 
ziigsweife geliraucht worden. 

Aus {\fn F.illen von allgemeiner Umkehrung der 
Eingoweide, in Verbindung mit dem Zuftande mifsgebil- 
dei-ii, buckliger und hinkender Perfonen , zieht der Ver- 
faffer folgende Schlüffe: 

I) Es giebt urfpriingliche Bildungsabweichungen. 
2) Die feitliche Umkehrung ftört die Gefundheit durch- 
aus nicht. 3) Bei der Diagnofe acuter Krankheiten ift lie 
zu berückfichtigen. 4) Wahrfcheinlich kommt ße im Ver- 
häUnifs wie l;6ooo vor. 5) Die gewöhnliche ftärkera 
Anwendung und Ernährung des rechten Arms hängt 
nicht von dem unmittelbaren Eintritt des Blutes ab; 
6) die Rechtsbeugung der Wirbelfäule hängt nicht von 
der Lage derAorte, fondern dem Gebrauche des rechten 
Annes 4b; 7) das V'orherrfchen der Krümmung nach der- 
feiben Seite hat denfelben Grund, oder entfteht aus Un- 
gleichheit der Länge der obern Gliedmaafsen. Diefem 
kann man noch zufetzen, dafs es unnütz und fchädlich 
ili, Kindern den Gebrauch der rechten Hand aufzu- 
diiM|.;pn, und dafs er ilenen, deren Wirbelfäule nach 
dicfcr Seite abzuweichen anfängt, zu unterfagen ift. 



9. /. F. Meckel über einige feltene Bildungs- 
a b we ich u ngen. 

I. Kürzlich fand ich bei einem neugeliornen Mädchen, 
die , foviel ich aus eigner und fremder Erfahrung fchlie- 



480 

fsen kann, feltner unci -von mir, wenn ich gleich au- 
fserdem noch drei andere Fälle davon aufbewahre, noch 
nie felbft in einer Leiche angetroffene Abweichung der 
obern Hohlader, wobei fich die linke Schlüffelblutadef 
nicht mit der rechlen verbindet, fondern, Hnkerfeits 
und unten in der Kreisfurche des Herzens vorlaufend, 
fich mit der grofsen Kranzader in den Vorhof öffnet. 
Aufserdera waren trotz der forgfältigften Unterfuchun- 
gen in keinem Theile des Gefafsfyftems oder eines an- 
dern, Abweichungen zu entdecken, die Leber ausge- 
nommen, an deren obern Flache lieh rechterfeits ein an- 
lehnlicher Fortfatz befand, was als Andeutung des thler- 
ähnlichen Zerfallens an beiden Stellen nicht unintereffant 
ift. Die frühern Falle jener Abweichung habe ich in 
meiner paihologifchen Anatomie nach ihren wichtigften 
Beziehungen zufammengeftellt : einen dem meinigen ganz 
ähnlichen hat kurzlich llec/ard (Bull, de la fac. et de la foc. 
de Medec. Leroux J. de med. T. 36. p. 115) befchrieben. 

2. Abweichungen des Bruftbeins find bekanntlich 
fehr gewöhnliche Erfcheinungen , doch kommen einige 
derfelben äufserft feiten vor. Eine folche, wo die 
Handhabe ans zwei, ganz fymraetrifch neben einander 
liegenden Knoclienkernen beftand, habe ich früher 
(Beilr. Bd. 2.) befchncben. Auf ä-ifserlich ähnliche, doch 
deuiWefen nach verfchiedcfne Weife ift ein Eruftbein an- 
geordnet, welches icli kürzlich bei einem Manne fand. 
Wie gewöhnlich, befteht es aus drei übereinander liegen- 
den Theileii, allein die Handhabe ift verhältnifsmäfsig 
weit langer als gewöhnlich, und nimmt nicht blofs den 
Raum zu'ifchen der erften und zweiten, fondern jener 
und der dritten Kippe ein, fo dafs alfo ein Knochenkern, 
«3er gewöhnlich zur Bildung des Körpers veiwendet wird, 
in iie hinüber gezogen wurde, eine Bildung, die nicht 
blofs ihrer Ungowöhnlichkeit , fondern auch der dadurch 
Tergrofserten Aehnlichkeit zwifchen oberer und unterer 
Körperhälfte wegen merkwürdig ift. 

3. Zu den fei tnern Muskelabweichungen, weicheich 
im verflofff-nen Winter fand, gehört die auf beiden Sei- 
ten S'att findende Anwefenheit eines anTelinliclien, vom 
untern Theile des Wadeixbeines entfpringenden acceffo- 
rilchen Zebenbeugers , deffea. einfache Sehne fich von 



481 

aufsen an die Sehne des gemeinfchartliclien langen Zelien- 
heiigeis heftet, eine Abwcichiing, die inlofcni incrkuiii- 
digiCt, als lie 1) ein Sueben des Ivurzen Zehenbengers, 
nach dem Typus des tiefen Fingeibeugeis am liniftglierle 
an den Vorderarm zu rücken ; 2) eine Thicraluilich- 
keit darfteilt, indem auch bt^im A'i der lange Zehen- 
beuger, wie gewöhnlich der flärkfte Untctfchenkclmus- 
kel, mit zwei kurzen Köpfen vom untern Theile der bei- 
den Unlerfchenkelknocheii entfpringt. 



10. Ueber einige feltcne Eil J ungsab weichu n- 
gen der Zähne. 

Der erfte Fall findet fich befcliriehen von Lemaire 
in Leraux^s Journ. de Mcdec. T. 36. p. 252 ff. Bei eincai 
Hlädchen voa 16 Jahren fanden ßch an dem rechten obern 
Eckzahne, der nur zur H.ilfte ausgebrochen war, hinlen 
und zur Seite drei von vorn nacli liinten aneinander 
liegende, völlig von einander getrennte, weit klei- 
nere, welche am Hälfe eutfprangen, ungefähr die halbe 
Länge der Krone hatten, von dem Verf. als aus eignen 
Keimen enftanden angefehen werden, wahrfcheinlich 
aber wohl nur weit ftarker als gewöhnlich entwickelte 
Auswüchfe find, wie man an Aeix keimtragenden Zühneii 
(Üentes proliferi) Hndet. 

Die folgen<len Fälle befchreibt Miet. (Ebend. T. 40. 
p> 88 If.) f*ei einem Mädchen von 8 Jahren braclien die 
obern Eckzahne hervor, nahmen aber ihren Weg fo, dafs 
Ue die vordem Milch backzähne verdrängten. Nach fünf 
Jahren brach an der Stelle, welche die Eckzähne einneh- 
men follten, auf der rechten Seite ein kleiner Back- 
zahn hervor, der aufserdem noch fo invertirt war, dafs 
lieh die fünft äufsere lange Spitze nach innen, die kurze 
nach aufsen gewendet halte. Der Vater des Mädchens 
z<-iglc eine ähnliche Anordnung. Der linke Milcheok- 
zahn ftand bis zum soften Jahre, wo er ohne Erfatz 
auiliel. In einem zweiten Falle verhält es fich gmz auf 
diefribe Weife. In einem dritten nahm der linke obere 
Backzahn die Stelle des aufscrn. Schneidezahnes, dicfer 
die feinige ein. ^_^____ 



483 

II. IB. Gib/on über die Wirkung der Färbe- 
rötlie auf die Knochen. (Aus den Memoirs of 
the literary atid pliilof. fociety of Manchefter. Se- 
cond Sories. Vol. I. S. 146 — 164.) 

VieHelcht gielit es keine auffallendere Erfcheinung im 
Tbieiköi per als die Färbung der Kiioclien lebender Thieie, 
deren i'utter Färberöthe zugefetzt wild, eine Thatfacbe, 
die bekanntlich zufällig durch ßeCcher entdeckt wurde. 
Das Kefultat mehrerer Unterf.ichungen von ihm und 
Murand war, dafs die Färbung lieh fclmeller den Kno- 
chen junger, noch wachfender Thiere, als denen von 
ausgevvachfencn nilttheilte, indem die Knochen junger 
Tauben in 24 Stunden eine IVofenfarbe, in 3 Tagen 
eine Scharlachfarbe, die von evwachfenen erft in 1 4 Ta- 
gen die erftere annahmen. Die Färbung war defto ftär- 
ker, je näher dem Herzen der Knochen lag, und wurde 
in feinem fefien Theile am fiarkfien. Je länger die 
Fütterung foilgefetzt war, defto tlunkler \var die Fär- 
bung: ile wurde allmählich in dem Maafse heller als die 
Füiterung ausgefetzt wurde, und verfchwand zuletzt ganz. 
Aridere Pflanzenfarben, z. B. Kam/iefcheholz, Aiichufawtirzel, 
Kurkuma, theilten den Knochen ihre Farbe nicht mit. 
Einige, von mir an jungen Tauben angeftellte Verfuehe 
liajen mir bewiefen, dafs lange forigefetzte Fiitterung 
mit von Katn/iefcheholi in Form eines Extracts die Kno- 
chen deutlich purpurn färl.te. Die Farbe der Kurkuma 
fcheint auf dem Wege durch die Aflimilationsorgane ver- 
ändert zu werden, indem der Koih von Thieren, wel- 
che iie in Menge genoffen, beltändig grün war, wäh- 
rend fowohl Kampefcheholz als Färberöthe im Kothe 
ihre vorige Farbe behielten. Safran verhält fich ganz an- 
ders, denn die Knochen einer Taube, welche ihn in 
grofser iVJenge genofs , und deren Koth dadurch gefärbt 
war, fanden fich durchaus nicht gefärbt. 

Düluimel bediente fich bald nachher diefes Einfluf- 
fes der Farberothe auf die Knochen, um die Art, wie 
diefelben in der Dicke wachfen , nachzuweifen. Da, 
nach feinen Beobachtungen , die Kinde dufch eine Art 
von .\bfonderung das Holz in auf einander folgenilen 
Lagen bildet, fu glaubte er, dafs auf ähnliche Weife 



_ /,83 

die Beinhaut fich alltnälilich in KnoclienTubnanz um- 
wandle, und fo durcli Ilildung coiiceniiifclier IJIatter die 
Knochen an Dicke zunehmen. Dies zu beweilen, li'il- 
terle er einen H.ilin einen Monat lang mit Färlieiöthc, 
liefs fie einen andern Monat lang weg, und yalj iie 
darauf wieder. Nach Tödtung desThieres glauhle ei zwei 
loihe Schichten, welche eine weifse einlchlolTen , zu 
finden. Diele Verfuclie fcheineii um lo melir feine Theo- 
rie zu begünftigen, als feine Genauigkeit im Beobacliien 
bekannt ifi , allein fie ftelien felbft mit andern Verfu- 
chen von Duhamel in Widerfpruch, wo z.B. die Kno- 
chen eines Hahns in 16 Tagen in iiirer Dicl;e eine 
Rofenfarbe, die cinör Taube in 3 Tagen eine Scbar- 
Jaclilarlie annahmen. Bei eignen V'crlncheii fand ich 
eben fo die Knochen jun;^<er Taubon in 24 Stunden 
durchaus rofcnfarben. Diefe, in fuhr kurzer Zeit erfol- 
gende vollkoMimne Färbung macht i'S höchft unwaljr- 
Icheinlich, dals das blättrige Anfehen \i\Dühamel's Verfu- 
chen von der Bildung rother und weifser Schichten her- 
rührt, welche dem langen Zeitraum, in welchem die Fär- 
berroihe gegeben oder weggelaffen wurde, entf|)rochen. 
hätten. Wahrfcheinlich enlftand die Täufchung dadurch, 
dafs Duhamel die Verfchiedcnheit der Färbung, welche 
in den harten, dichtem Theilen des Knochens dunk- 
ler, in den lockeren heller ift, für ein blättriges An- 
fehen hielt, 

l^le Färbung der Knochen dnrcli FurberOthe wurde 
kürzlich von Macdonald ') angewandt, um auszu- 
uiiticln, wie fchnell ein Köhreiiknoclien an der Stelle 
eir.e künftiich getodteten entfteht. Die Verfuche wur- 
den an jungen Tauben angeftellt. Binnen drei Wochen 
wai der neue Knochen volUtommcn aur.gebildet , unge- 
aclilet üch in der Gallerte, welche den abgeiödielen 
aheii umgab, fchon am dritten Tage nach der Zerftö- 
runp des letzten roihe Knochenkerne gel)ildet hatten. 
lJa{.<'gen war fthon in heben Tagen das ganze Knochen- 
fjfieiii glänzend roth gefärbt. Erklärt man nun diefe 
Veränderung der Farbe nach der gewöhnlichen Anficht 



l) OiC. de necioli et callo, Edinb. 1795. 



484 — 

dafs der weifse Knoclien aufgefogen, der rollie dagegen 
neiiabgefetzt wird, fo raufs man notliwendig fchliefsen, 
dafs das Knocbenfyftem, während der zur Bildung 
des neuen Knocliens erforderliclien Zeil: dreimal erneuert 
wird. Dies ift fchon wegen der Unwalirfcheinlichkeit, 
noch mehr aber wegen der BefchafFenheit der Theile 
höchft verwerflich. Denn, fchliefsen wir aus den ver- 
fehiedenen Graden des Gefäfsreichthums auf die Schm 
Jigkeit des Leljensproceffes , fo mufs der Behufs der 
Bildung des neuen Knochens vor fich gehende den, 
welcher in dem Knocbenfyftem überhaupt Statt ündet, 
bei weitem übertreffen. 

Seit der Bekannlfchaft mit der Röthung der Kno- 
eben durch Färberöthe, verfuchte zuerft Herr Ruther/ord 
zu erklären, warum andere weifse Theile, z. B. Ner- 
ven, Knorpel, Beinbaut, nicht eben fo gut dadurch 
gefärbt würden. ,,Wir haben, fagt er '), in der Fär- 
„bung der Knochen durch den Genufs von Färberöthe 
„ein Beifpiel einer befondern cheraifchen Anziehung, 
„wie fie in vielen Fällen zwifchen den FäibeftofTcn 
j,thierlfcber und vegetabilifcher Subftanzen und andern 
„Körpern, befonders Erden, erdigen Salzen und Metall- 
„oxyden. Stattfindet. Die Verwandtfchaft der Färbe- 
„ ftolYe zu diefen Körpern ift fo grofs, dafs ße oft das 
„AufJüfungsir.itnel, worin fie Cell befinden, verlaffen, um 
„fich mit ihnen zu verbinden, v/obei jenes entfärbt, 
„fie gefärbt werden. Auf diefer gegenfeitigen Anziehung 
«"rundet lieb der mannichfache Nutzen diefer Körper 
>,a!s Beizmittel, woduich die Farben auf Zeuch fixirt wer- 
»,den; ferner die unter dem Namen von Lnke bekann- 
>, ten Farben, welche Niederfchläge von FärbeftofFen 
i,mitden ver-tbiedcnenBeizmitteln, als ihren Grundlagen, 
I lind. Die Färbung der Knochen eines lebenden Thie- 
i,re5 durch Färlieiöihe entfpticht in jeder HinGcbt der 
) Bildung diefer Lake. Der Färbc.r;ofi: der Färberöthe 
), "eht unzerfetzt dunh die Bereitungsorganc in das Blut, 
j, und wird in dem Bluiwaffer aulgeloft, dem er in der 
), That, wenn er in reichlicher Menge eingenommen wird, 
), eine ineilUicb roihe Farbe iniltheih. Im Blute aber fin- 



l) Bei Macdonald a, a. 0. 



485 

„ dei fich immer , und namentlich au/getSß im Blutmaf- 
„fer , eine Menge Knochenerde i phosplwi-faurer Kalk, um 
,,nack Erforderni/s der Bedarf niffe des Thieres abgefetzt zu 
„werden. Der pliosphorfaure Kalk aber ift für die Fiirbe- 
,,r6the ein vorzügliches Beizmittel , mithin fehr geeignet^ 
,, eine Grundlage für den in ihr enthaltenen Fürbeftnff abza- 
„geben: bei diefen Verfuchen vereinigen fie fiji daher im Zu- 
^,ftande einer gtänzendrnthen Lake, und fo entfteht die Für- 
„bung der Knochen. Die Kichtigkeit liiervon ergielit fich 
„aus mehrern Verfuchen. Setzt man zu einer Auflöfung 
„von Färheröthe in deftillirteui Waffer eiw?s falzfaurea 
„Kalk, fo entl'teht keine Veränderung, fügt man al)er 
„zu diefer Wifchuna eine Auflöfung von pho»i)borfaureni 
„Natron, fo tritt fog!eich eine doppelte Verwandifchaft 
„ein. Die Salzfäure, welche lieh mit dem Natron ver- 
j, bindet, bleibt im Waffcr aufgelöft, während lieh die, 
„dadurch frei gewordene Phosphorfaure mit dem Kalk 
„verbindet, und phosphorfauren Kalk oder Knochenerde 
„bildet. Diefe, als im Waffer unauflöslich , fällt zu Bo- 
„den, reifst aber den FärbeftofF zugleich mit fich fort, 
„indem fie fich im Augenblick ihrer Eniftehung damit 
»verbindet. Hieraus erklärt fich jeder, auf den erftea 
Anblick auffallende Umftand." 

Nach Herrn Rutherford' s Darftellung färben fich 
alfo, wie alle Pbyfiologen glauben, die Knochenbeftand- 
thelle, ehe fie aus dem Blute abtreten; dagegen ift es, 
wie fich aus dem Folgenden ergeben wird, wahifchein» 
Jich, dafi fich die fchon gebildeten Knochen, völlig unab- 
hängig von ihrem Ernährungsproceffe , während des Ge- 
nuffes der Farberöilic färben und nachher wieder ent- 
färben. Schon vor der Bckanntfchalt mit dem Einfluffa 
der Färberölhe beftand die Meinung, dafs ein bcftändi- 
ger SlofFwechfel auch in den fefien Theilen Statt finde, 
drr fich u. a. auf die vollftändigo Erweichung von Kno- 
chen in Kranklieitcn, die Erzeugung neuer an der 
Stelle von alten, das fchnelie Verfcbwinden und Kntite-- 
hen vom Fette, die allmähliche Veränderung der FUUIig- 
Ivciten, der Haare und Nägel gründete. Allein, meiner 
Meinung nacli , bedient man fich der Farbcnveräiiderung 
der Knochen läifchlich als eines Beweismittels für dielen 
übrigens ricLtigea Satz, iudem man die Thatfache un- 



» 



.Ticlnig erklärt, l'n der That fleht die Schnelligkeit die- 
fer Veränderung im sjeradei» Wideifpriiche mit der Laiig- 
famkeit der ülirigen Ftinctionen der Knochen. In der, 
bei Herrn Macdonalä's Verfuchen zurVViedererzeugung ei- 
nes Knochens erforderlichen Zeit würden, wenn jene Far- 
benveränderung auf die gewöhnliche Weife richtig erklärt 
wjre , die Knochen deflellien Thieres mehrmals erneuert 
werden. Daher verfuche ich eine andere Erklärung, 
welche nicht denfelbcn Einwürfen ausgefetzt ift, und 
durch vergleichende Verfuche bedeutend unterftützt wird. 

Duhamel bemerkte, dafs Knochen von Thicren, 
welche durch Farberöthe dunkel gefärbt waren, durch 
langen Aufenthalt in der Luft ilne Farbe verloren und 
wieder weifs wurden. Durch diefe Tliatfache wurde ich 
zu einer einfachen Erklärung des. wahren Hergangs ge- 
leitet. Ich verrauthele, dafs, wenn irgend einer der 
Beftandtheile des Blutes eine ftärkere Verwandtfchaft 
zum FärheftofF der Farberöthe hätte als der phosphor- 
faure Kalk, diefer feine Farbe in Folge derfelben ver- 
lieren könnte. Um dies, fo viel als möglich, durch 
Verfuche zu erweifen , fetzte ich eine Drachme von , wie 
in Herrn Rutherford' s Verfuchen gefärbtem phosphorfau- 
ren Kalk \ Stunde lang bei einer Temperatur von 98* 
der Einwirkung von 2 Unzen frifchen Biuiwaffers aus. 
Hierbei färbte lieh das Blutwaffer aHmuhlich reib, wäh- 
rend fleh der phosphorfauie Kalk in deuifelben Verhält, 
nifs entfärbte. Bei einem vergleichenden VerfucUe 
wurde eine gleiche Menge phosphorfauren Kalks unter 
denfelben Uinftänden der Einwirkung von defiillirtem 
Waffer ausgefetzt, allein hierbei fand keine Veränderung 
Statt, Die Eekanutfchaft mit diefer flarken Verwandt- 
fchaft des Eluiwaffers zum Färbeftofl'e giebt eine leichte 
und einfache Erklärung der Wirkung der Farberöthe 
auf di,e Knochen, nach denGefetzen der chemifchen Ver- 
wandtfchaft, an die Hand. 

Wird Farberöthe unter das Futter eines ThiereS 
gemifcht, fo wird das Blut damit überladen und iheilt 
dem in den fchon gebildeten Knochen enthaltenen phos- 
phorfauren Kalk das Uebermaafs des Färljeftoffs mit, da 
es dgrch diefeiben ftrömt und lie durchaus befeuchtet. 
Sobald aber lockte Farberöthe weiter eingenoimnen wird 



und das Blut durcli die Ausfondenitigen von dem Färbe- 
üofl'e befreit wird, fo entzieht das Blutwaffer, vermöge 
feiner ftUrkern VcrwandtfchaFt, allcnählic}) ilem phosphor- 
fauren Kalk allen FärbeftofF und die Knochen bekom- 
men ihre natürliche wcifse Farlie ivircier. Kurz, di.e 
Knochen werden zu einer Zeit durch Jen Färbeftotl" ge- 
färbt, zu der andern durch das Blutwaffer gebleicht. 

Indem ich die Art, wie die fchnn fjebi/deten Kno- 
chen zu der einen Zeit den FärbeftofF der Farljeröihe 
aufnehmen, und ihn zu der andern fahren laffen, zu 
erklären fuche , will ich keinesweges behaupten, dafs 
der phosphorfaure Kalk nicht während feiner Auflü- 
fung im Blutwaffer, oder während feiner Abfcheidung 
aus demfelben, um in die Zufainnienfei'zung der Knochen 
einzugehen, eine ahnliche Farbe annehme. Diefe 
Thatfacbe ift unbeftreitbar. Indeffen habe ich kürzlich 
bei einigen, mit einer Henne während des Eierlegens 
angeftellten Verfuchen gefunden, dafs, während eine an- 
frhnliche Menge Färlipröilie mit dem Klute kreift, der 
Schale nur eine fehr fchwache Färbung mitgetheilt wer- 
den kann. Diefe ift in der That fo fchwach, dafs fie 
nur einem gewöhnlichen Ei gegenüber merklich ift, wes- 
halb unftreiiig die Färbung der Ijerfchale durch den Oe- 
iiufs von Färberüthe geläuj^net worden ift. Betrachtet 
man diefen Grad der Färbung als ein Prüfungsniiitel für 
die Menge des Färbefiofl'es , welchen der phosphorfaure 
Kalk in der Zeit feiner Abfonderung aus dem Birne .<n- 
zieht, fo ergiübt fich hieraus ein anderer wichtiger Grund 
gegen Herrn Ruther/urd's und der übrigen Phyfiologeu 
Tlieorie, indem nach diefer Thatfacbe die Knochen iicli 
nur äufserft fchwach röthen tnüfsten. Aus der chefiiL- 
fclien Verwandtfchaft erklärt, hört alfo diefe Thatfacbe 
auf, eine Stütze der Meinung zu feyn, dafs ein fort- 
wahrender SloiTwechfel Statt iindet, in der That aber 
ift es ein Glück für diefe auf anderweitige fufte 
Stützen wohl begründete Meinung, dafs diefe einfa<lie 
Erklärung aufgefunden wurde, indem die Schnelligkeit 
des Sioflt*echfels in den Knochen, welclie aus der ge- 
wohnlichen hrklävungsweife folgt, Phyüologen ein Käth- 
fei feyn mufsta. 



488 



ErJdäTung der Iiupfertajel. 



Vierte Tafel. 

( NB. Vom bedeutet durchgängig das Kopf - Ende , ohen die 
RückeiiHdclie. Die Abbildungen lind, aufser wo das Gegen- 
tlusil beaierkc ift > in natüriicher Grüfäe. ) 

1^ i g. 1. Die Ritorpel aus Sefiia o/ficinalis und Loligo 
vulgaris. 

A. Kopfknorpel aus S. officin. von oben und vom. 

a. vordere Oeffnung des Kanals für die SpeiDerohre. 

b. i. foramina optica. 

c. c. Knorpel bl alter, welche die Augenliöhlen von 
vorn fchliefsen , (nach Meckel Oberkiefer). 

d. Knorpel der in der Bafis der Füfse verborgen Hegt, 
(nach Meckel UnterUjefer). 

e. e. Hintere Wand der Augenliölilen. 

/". Oberer Theil des Knorpel ringes, welcher das Ge- 
hirn bedeckt. 

B. Knorpelfcheibe, welche über der Speiferöhre liegt, 

aus i. officin. , (nach Meckel Wirbelbogen). 
II. a. a. Vorderer, 
i. b. b. Hinterer Rand, 
c. Mittlere Furche. 
E. Derfelbe Theil aus Loligo vulgaris. 
a. b. Wie in B. 

c. Die aus zwei Cylindern beftebende Mittel - Erha- 
benheit. 

C. Flofrenknoi-pel der linken Seite von aufsen, aus S. 

qfficin. 
a. Vorderes Ende, b, c, Hinterer , a, b. oberer , a. c. 
unterer i\and. 

D. Der- 



4S9 

D. Derfelbe der rechten Seite von innen.;?.' 'l 
a. b. c. Wie in C. 

F. Rechter napfförmiger Knorpel in der Bafis des Trich- 

ters, aus S. officin., von unten. 

a. a. Nach aufsen umgefchlagener Rand, 

b. NapfFürmige Verliefung. 

G. Derfelbe Theil aus Loligo. a. b. wie in F. 

Fig. 2. Theile der V/irljelfäule von Pe'romyzon ßuvlatllis. 
A. Knorpelrohr aus dem vorderen Theile der Wirbel- 
faule, mit denrippenförmigen Anhiingen vom 2ion 
bis 4ten Kiemenloche, von der rechten Seite. 
a. Stelle, wo das Knorpelrohr vorn aligefchnitten ift. 
i. Stelle, wo es hinten abgefchuitten ift, 

c. c, c. c. Wirbelbogen der rechten Seite. 

d. Bruflbein. 

e. e. e. Urfprung der Rippen vom Knorpelrohre mit 
einer gefpaltenen Wurzel. 

/. Freier, zu den Muskeln gehender Fortfatz. 

S- g- S- Kiemenlocher, welche' nach hinten von 
den Rippen, nach oben von dem Verbindun^s- 
knorpel der r.ippen, h, nach unten und vom 
von einem auiftejgenden Knorpelaüe umfchloffen 
werden. 

B. Stück des Knorpelrohres aus dem mittleren Theile 
des Schwanzes, 
n. *. c. Wie in A. d. Gefäfskanal. 

C Durchfchnitt eines P.ßuvialUis im vorderen Theile 
des Schwanzes. 
a, Knorpelrohr. 
*. Mit Gallerte angefüllte Höhle deffelben. 

c. Rückenmark. 

d. Wirbel bogen. 

e. Gallertfchicht, welche das Rückenmark bedeckt. 
/. Aeufsere Mukkelfchicht, 

g. Innere Muskelfchicht, 

M. d. Archi». ly. 3. K k 



490 

h. GefäfsUanal. 

I. Fortfatz der BauchhöWe. 

Fig. 3. Vorderfter Theil der Wirbelfäule der Chimaera 
arctica. 

a. Untere Gelenkfläche, welclio fich mit djer ent- 
fpreclienden des Hinterhauptes veibindet. 

h. Oberer Gelenltfortfatz der rechten Seite» 

c. Der vordere Theil der Wirbelkörper. 

d. Der mit diefem verwachfene einfache Wirbel- 
bogen. 

«•/• S- Dem Dornfortfatze entfprechende Theile. 

e. Hintere, 

g. vordere Knorpelfcheibe. 

/. Mittlere, beide verbindende Platte. 

h. Das deutlich in Ringe abgetheiite Knorpehohr. 

i. Knorpelblältchen, welche die Wirbelbögen der 
rechten Seite bilden , und in eine weichere Knor- 
pelmaffe, A, eingelenkt find. 

/. Knochiger Dorn, an welchem die erfte Rückeu- 
fiofl'e , m , befeftigt ift. 

n. Knorpelblatt, worauf der hinlere Theil diefer 
Floffe üizt. 

o. Häutiger Fortfatz zur 2ten Rückenfloffe. 

Fig. 4. Theile der Wirbelfäule von Raja ßatif. 

A. Halstheil mit den erften Rückenwirbeln, (i der na- 
türlichen Grofse). 

o. Mittlerer Gelenkfortfalz zum Hinterhaupte. 

6. c. Seitliche Gelenkfortfätze. 

d. Breites, nach oben uingefchlagenes Knorpelblatt, 

an welches fich die Kiemenbogen, e. f., und der 

Schlundknochen, g, anfetzen. 

h. Oberer Dornfortfatz. 



491 

«. Stelle, Avo die abgerchnittenen Schulterknochea 
mit ihm veivvachfen Jind. 

k. Das den ' Querfortfätzen entfprechende Knorpel- 
blatt, welches im hintern Theile des Halsvvirbel- 
ftücks weit fcjimäler als Torn (rf) ift. 

l. l. Die abgefonderten VVirbelbögen, auf der Verbin- 
dungsftelle je zweier Wirbelkörper auffitzend. 

77!. 771. Die Dornfortfätze, welche zwifchen die obern 
Enden der Wirbelbögen eingefchoben Jind. 

n. Erfler, 

0. Siebenter Rückenwirbel, 

p. p. Flippen. 

E. Die 6 erften Schwanzwirbel von der linken Seite 
(^ der natürlichen Gröfse). 

a. Körper des erften, 

b. Körper des fechsten Schwanzwirbels. 

c. Kückenmarkkanal. 

d. Gefäfskanal. 

e. e. Mittlere, an der Verbindungsftelle je zweier 
Wirbelkörper litzende, obere Bögen (/. in Fig. 4, A.) 

/. /. Knorpelblätter , welche zwifchen den von'oen 
von jüdem Wirbelkörper auffieigen, und fich mit 
den, ihnen entgegenkommenden oberen Zvvifchen- 
ftücken, /\ (m in Fig. 4. A.) verbinden. 

g. Untere Bögen und Dornfortfätze. 

Fig. 5. Theile der Wirbelfäule von Sgualut Catulus L. 
A, Die letzten Rücken • und erften Schwanzwirbel» 
a. b. Die fechs letzten Rückenwirbel. 
c. Der dritte Schwanzwirbel. 
ä. Rückenmarkkanal. ' 

e. t, Qbere Bögen, welche jedem Wirbelhörpel" al. 
leih zukommen. 

Kk 3 



I 



493 

/./. Mittlere, an der Verbindumgsftelle je zweier 
Wii-belkörper fitzende Bügen. 

g. g. Doppelte Bögen der beiden letzten Bücken- 
wirbel. 

k. Unterer und vorderer Theil der erften Rücken- 
floffe. 

j. i. Die beiden letzten Rippen. 

Sfe. k. Die unteren Bögen der Schwanzwirbel. 

l, U Weichere Knorpelmalfe, welche die Wirbel um- 
fchlierst. 

B. Längendurchfchnitt desöten — gten Rückenwirbels. 

a, a. Die trichterförmig ausgehöhlten Verbindungs- 
• flächen der Wirbelkörper. 

h. b. Die Scheidewände , welche den vorderen und 
hinteren Trichter jedes Wirbels trennen. 

c. c c. Wirbelbögen. i 

Fig. 6. Wirbel faule von Orthagnrifcus Mola, 

A. Der viertfe Kückenwirbel von der Seite. 

a. Vordere, 

b. hintere VerbindungsHäche des Wirbelkörpers. 

c. Rückenmarkkanal. 

d. Wirbel bogen. 

B. Die II letzten Wirbel mit der Rücken-, After -und 
Schwanzfloffe. (tV ^^^ natürlichen Gröfse.) 

a. a. Wirbelkörper. 

i. Rückennnarkkanal. 

c. e. Obere Dornfortfätze, welche nur in ihrem obe- 
ren Tbeile getrennt find, in dem giöfseren unte- 
ren eine zufammenhiingende Wand bilden. 

d. d. Untere Dornfortfätze. 

e. Mittlerer Theil , wo fie mit den ihnen entgej^en 
kommenden Floffenträgern zu. einem Blatte Tier- 
Ichmolzen find. - ' ' ■"""■ '-' ■; 



— 495 

/. /. Afterflorfenträger. 
g, Afterfloffe. 
h. Rückenfloffe. 
j. Schwanzfloffe. 
k. k. SclnvanzHoffenträger. 
Fig. 7. Wirbelfäule von Hippocampus vulgaris. 

A. Sechster lliickenwirbel, in Verbindung mit den Pan- 

zeiTilicken, von vorn. 

fl. \Virbel. 

b. b. Rückenfchuppen. 

c. Obere, 

d. untere Seitenfcliuppe. 

e. Bruftfcliuppe, 

/. Kanal für die Rückenmjjskel«. 
g. Bauchliöhle. 

B. Der vierte Wirbel, initden einzelnen Panzerltücken • 

(vierfach vergrofsert). 

a. Vordeie, 

b. hintere Fläche des Wirbelkörpers. 

c. Rückenmarkkanal. 
ä. d. Querfortfitze. 

e. lUickenlchuppe der linken Seite von aufsen. 
e*. Vorderer Verbindungsfortfalz. 
/. IUickenIcl)iii)pe der rechten Seite von innen. 
g. g. Obere Seitenfchuppen. 

a. Vorderer, 

ß. hinterer, 

y. oberer, 

<J. unterer Verbindungsfortfatz. 
/i.A. Untere Seitenfchuppen. 

«. ß. y. d. wie bei g. 



494 -^ 

C. Seclister Rückenwirbel von der Seite ; (vierfach ver- 
gröfsert). 

a. Hinterer, 

*. vorderer Verbindungsfortfatz der Rückenfchuppe. 

c. Hinterer, 

d. vorderer Verbindungsfortfatz der obern Seiten» 
fchuppe. 

e.f. Diefelben der unteren Seitenfchuppe, und 

g-. h. der Bruftfchuppe. 

Fig. 8- Rücken -und Schwanzwirbel von SyitgnaihusAcus; 
(vierfach vergrüfsert). 

A. Rückenwirbel von der Seite. 

a. Vordere, 

b. hintere Fläche des Wirbelkörpers. 

c. Querfortfatz. 

d. d. d. Die einzelnen durch Zwifchenräume , e.. e, 
getrennten Wurzeln des Bogens. 

/. Dornfortfatz. 

B. Erfter Schwanzwirbel voll der Seite. 
a. b. c. d, wie in A. 

e. e. e. e. e. Die fünf Dornfortfätze, auf welchen fünf 

Strahlen der Rücl<enflorfe fitzen. 

f. Der untere Bogen und Dornfortfatz. 

Fig. 9. Die II hinteren Wirbel von Oßracion trigonus. 

I — 5. Faft unbeweglich verbundene , innerhalb des 
Koffers gelegene Wirbel. 5 — II. Frei bewegliche 
Wirbel. 

a. Wirbelkörper, 

b. Bogen. 

t, c. Obere Domforlfätze, an welche fich die Floffea- 
Uäger der Rückenfloffe. anlegen. 



ä. d. Untere Dornfortfätze, welche den hinteren 
Theil der Afterfloffe tragen. 

e. Gelenl<fl:icbe des letzten Schwanzvvirhels für die 
Scbwanzfloffenftrahlen. 

Fig. 10. Der vierte und fünfte Rückenwirbel aus Lo- 
phius pifcatorius, von der Seite. 

a. Vordere Celenkfiäclio des vierten Wirbels. 

h. b. Wirbelbögen und Dornfortfätze. 

c. c. Obere, 

d. d. untere Gelenld'ortfätze. 

e. Zwlfchenwirbellocb. 

] /./. Die jedem Wirbel eigenthümlichen, zumRücken- 
markkanal führenden Löchei'. 



I 



Fig. II. Der achte Rückenwirbel aus Cydopterut Lum, 
pus, von der Seite. 

a. Vordere, 

i. hintere Verbindungsfläche. 

c. Wirbelbogen. 

d. Rudiment des unteren Bogens. 

e. Loch , welches zum Riickenmarkkanal führt. 

Jig. 12. Theile der Wirbejfäule von Thynnus vulgaris. 
A. Der CO — aöfte Wirbel. 

a. WirbelUürper des 2often Wirbels. 

b. Rückenmarkkanal. 
e> c. Vordere, 

d. d, hintere Gelenkfortfätze. 

e. e. Querfortfätze. 

/./. Untere Dcrnfortfätze. 

g. g'. Gabelförmige Anhänge derfelben, welche den 
Gefäfskanal zum Theil biklen. 

h. h, h, Cefäf^kanal. 



486 — — ^^ 

.B. Dieletzten Schwanzwirbel mit derSehwanzfloITe. 

a. Ein Thejl des, aus mehrei-n venvaolifenen Wir- 
beln beftehenden aöfteii Schwanzwiibels. 
i. c. d. Der 27fie, 28fte und agfte Schwanzwirbel. 

t. e. Mittlere breite SchwanzflorfenCtrahlen, welche 
den Schwanzflorfcnträgern der übrigen Fjfche ent- 
fprechen. 

Fig. 13. Zweiter Schwanzwirbel von Pro^euj anguinu!. 
A. Von vorn. B. von der Seite. 

a. Wirbelkorper. 

b. Rückenmarkkanal. 

c. Gefäfskanal. 

d. Unterer, ^ 

e. oberer Dornfortfatz. 
, /. Querfortfatz. 

g. Vorderer Gelenlcfortfatz. 

Fig. 14. Doppelter Bauchfpeicheldrüfengahg zu S. 403. 

Fig. 15. Vorrichtung zur Transfufion ii\ S. 1^41. j) Die 
Spjitze u. f. w. 2. u 3) Der Bau des Hahnes. 

A. a. b. Unterer Theil der Spritze. 

A.D. B. (2.) Röhre, wodurch das Blut ausgetrie- 
ben wird, während A. D. C. verfchloffen ift. 

A.D. C, (3.) Röhre, wodurch das Blut eintritt, 
während A. D. B. verfchloffen ift. 

Die Veränderung wird durch eine Viertelswendung 
des Hahnes D. (I.) hervorgebracht. 




. f/ffyf^^. ^mt.i/J.T}. 4 



Deutfehes Archiv 

für die 

PHYSIOLOGIE. 



Flerter Band. Viertes Heft. 



1 



JJeberiigie Veränderungen, welche einige 
Stoffe in dem Körper fowohl hervor- 
bringen als erleidea , wenn iie • in die 
Bauchhöhle lebender Thiere gebracht 
■werden. Von Prof. Emmeät und Dr. 

HÖEKING. 

Wiewohl es für PhyGologie und Pathologie gleich 
wichtig jft, das Verhalten der einzelnen organifclien 
Syfteme gegen fremde, mit ihnen in Berührung gebrachte, 
Stoffe zu kennen, fo lind doch die bisherigen Unter- 
fuchungen hierüber fehr mangelhaft, und befchränken 
fich faft blofs auf das äiifsere und innere Haulfyftem. 
Diefe Betrachtung veranlafste vor mehr als einem Jahre 
eine Reihe von Verfuchen, welche ich hier niittheile» 
Diele Verfuche find alle, bis auf einige wenige, vor» 
Herrn Dr. Höri/ig, einem meiner vorziiglichften Schüler» 
angel'tellt Und in delfen „Diff. inauguraÜs medico -chi- 
rurgica, fiftens experimenta de mutationibus, quas ma- 
teriae in cavum pcritonaei animalium ingeftae, tum in 
corpore efficiunt, tum ipl'ae fubeunt. Tubingae No- 
vember 1817- bekannt gemacht worden. Ich felbft 
habe an dielen Verfuchen keinen andern Antheil, als 
dafs ich Herrn Dr. Höritig bei A.nftel.'urig derfelben 
vorzüglich mit meinem Käthe beholfiicli war. In d«n- 
M. d. Archiv, ly. ^ LI 




A9$ 

felben wurde da, wo nicht ausdrücklich das Gegen- 
theil bemerkt wird, immer die Bauchhöhle in der wei- 
fsen Linie geöffnet, nach dem Einbringen der zu un- 
terfuchendeo Stoffe, die Wunde mit Hülfe einiger zu- 
gleich durch die Haut, Muskeln und das Bauchfell ge- 
zogenen Hefte gel'chloflen und nachher die Tliiere ßch 
felbft überlaCleD. £ in m er t. 

§. I. i) Einer erwachfenen Katze wurden durch 
eine kleine Bauch wunde, links neben der weifsen Linie, 
zwei Quentchen frifches erkaltetes Blut von einem Kalbe 
eingefpritzt. Sie fchrie während des Einfpritzens und 
nach demfelbigen einigemal heftig, freigelaffen war Ca 
ganz ruhig und wurde bald wieder munter; jda fie von 
diefer Zeit an nichts widernatürliches an fich wahrneh- 
men liefs, fo ward fie am neunten Tage getödtet. Bei 
der Unterfuchung fanden wir in der äufsern Wunde 
etwas Eiter, die Hautwunde war gefchloffen, aber nie 
Muskelwunde klaffend. In erfterer lag etwas Netz, 
das den Magen und die Milz etwas nach rechts zog, 
über die Wunde her hatte fich etwas lockere Narben- 
fubftanz gebildet, aber das Bauchfell hörte fcharf ab^e- 
fchnilten an den Rändern der Wunde auf. Ueber- 
haupt bemerken wir, um Wiederholung zu vermeiden, 
dafs die Muskelwunden in den meiften unferer Verfuche 
klafften, blofs zellftoffartig Narbenmalfe enthielten, und 
die Fäden, wenn fie auch genug Fleuch gefafst hatten, 
doch gewöhnlich ausgeriflen waren und die Stiche eiter- 
ten. Beinahe immer hatte fich das Netz in dieVVundfpdlte 
der Muskeln und in die Einftiche von den Nadeln ge- 
legt und war immer, nach Ablauf einiger Tage, damit 
verwachfen. Auch fanden wir in keinem der Ver- 
fuche das Bauchfell reproducirt. Vom Blute konnten 
wir keine S|jnr in üer Bauchhöhle finden. Alle Ein- 
geweide waren nali'a'Iicli. 



-^ — - 499 

2) Denfelben .Verfuch wiederholten wir an ei- 
ner jungen, halb erwachfenen liatze mit clerfeJhen 
Mencre von KalbsbJut und mit deinfelben Erfolsr: fie 
Jiels fünf Tage hiiulurch nichts widernatürliches wahr- 
nehmen , und "da wir ße am fechsteji Tage tüdteten 
und iinterl'uchten, fanden wir alle Eingeweide gefund 
und in der Bauchhöhle keine Spur von dem eingefpritz- 
ten Blute. 

3) Einem 'fehr grolsen alten Kater wurden 3J — 
4 Quentchen frifches, fo eben aus der Hals-, Blut- 
unit Sr-hlagader eines Hundes gelaffenes Blut in die 
Bauchhöhle eingefpritzt. Er fchrie bei dem Einfpritzen 
fehr. Da er drei Tage hindurch nichts widernaÄir- 
liches wahrnehmen liefs, fo todteten wir ihn am vier- 
ten Tage, und fandeü bei der Unterfuchung einen 
Theil vom Netz in zwei Kkimpen in der Wunde lie- 
gend, die letztere nicht gcfchloffen; das Netz felbft 
fah verdorben aus. In der Bauchhöhle fände« wir eine 
blutige Flüffigkeit, die dunkel wie aufgelöftes venöfes 
Blut war, beim Stehen an der Luft zum Theil gerana 
und ganz wie geronnenes Blut ausfah, iie enthielt fehr 
^venig Blutkiigelciien und Faferftoff , und reagirle nicht 
fauer. ?«lagen und Godärmc waren gefun I ; die Bauch- 
fpeiciieldriife zeigte eine Menge kleiner Knoten, wie 
Drilfen, das Gekrüs viele angefchwollene DriiTeii und 
die Leber viele weifse Körner in ihrer Suhfianz; es 
ibheint diefem nach , die Katze habe an Scrojiheln ge- 
litten, eine Krankheit, die bei Hausthiercji bekanntlich 
nicht feiten ift, und von der man falt bei allen wil- 
den Thieren , die längere Zeit vor ihrem Tode in der 
Gefangcnfchaft lebten , unverkennbare Spuren, fowohl 
in deu drüfigen und feröfen Organen, als in den Kno- 
chen autrilft. Die flbrigen Eingeweide waren gefünd, 
nur die Lungen viel weifser als gewöhnlich. 

Li a 



600 ' ""-^ 

Aus cliefen Verfuclien erheljt, dafs eine ziemlich 
grofse Menge von Blut, das in die UnterleibsliöhJe ge- 
langt, ohne auffallende krankhafte Veränderungen im 
Körper überhaupt und im Unterleib insbefondere au 
erregen , eingefogen werden könne und dafs die Ein- 
faugung ziemlich fchnell vor (ich geht. Auch l'cheint 
aus dem dritten Verfuch hervorzugehen, dafs das Blut 
vor feiner Einfaugung eine AufJOlung oder Art von 
Verdauung erleidet. 

§. 2. Einem erwachfenen Kater wurde eine halbe 
Unze frifche Kuhmilch in den Unterleib eingefpritzt, 
er litt davon keine bemerkliche Veränderung, nur ver- 
llielt er Geh den Mittag über ziemlich ruhig, lag mei- 
.ftens; allein auch diefes verlor fich den andern Tag, 
und da er 8 Tage hindurch nichts krankhaftes an fich 
wahrnehmen liefs, fo wurde er zu einem andern Ver- 
fuch benutzt. 

Aus diefem Verfuch folgt, dafs eine ziemlich grofse 
• Menge von Milch ohne bedeutenden Nachtheil in der 
Bauchhöhle ertragen und von derfelben eingefogen 
■wird, ferner ergiebt fich aus diefem und den in dem 
vorigen Paragraphen erwähnten Verfuchen, dafs das 
blofse Ooffnen der Bauchhöhle , das Einbringen von 
Stoffen und nachherige Verfchliefsen derfelben von den 
Thieren, wenigftens unter günftigen Umfiänden, öfters 
ertragen wird, 

§. 3. Um nun auch zu erforfchen, welche Ver- 
änderung fefte, todte, thierifche Stoffe, die in die 
Bauchhöhle gebracht werden, erleiden und im Körper 
liervorbringen , fo wurde einem Kaninchen ein Loth, 
in mehrefe grofse Stücke zerfchnillenes, Fleifch und 
einem andern zwei Quentchen davon in die Bauchhöhle 
gebracht; ungeachtet nun beide hievon keine bemerk- 
liche Störung ihrer Verrichtungen erlitten , fo ftarb 
doch das erftere nach vierzehn Stunden, das letztere 



^ 501 

nach feclis tind ctreifsig Stunden. Bei t^em erftern 
klebte das FJeifch Ichon ziemlich feft an die Gedärme 
durch Fäden von ausgefchwitzter pjaftifcher Lymphe 
an , und die Gedärme waren an den Stellen der Ad- 
häfion ganz rauh, auch in der Un)gebung halte fich 
fchon etwas plaftifche Lymphe ergoffen. Die übrigen 
Eingeweide, denen das Fleifch nicht anhing, eben fo 
das Bauchfell, waren im natürlichen Zuft.inde. Bei 
dem zweiten Kaninchen klebte das Fleifcli feft an ei- 
nem Thcil des Dickdarms an , und an diefer Stelle des 
Darms fanden ßcli in der ergoffenen, halb geronnenen 
Lymphe viele kleine rotbe Punkte als Zeichen von an- 
fangender Gefäfsbildung. Ein kängter Stoff war nicht 
blofs an der Stelle, weicher das Fleifch anklebte, fon- 
dern auch noch in deren Nähe auf den Gedärmen er- 
goffen, er reagirte deutlich fauer, während die Bauch- 
fellsflüfßgkeit wie ein Alkali die Pflanzenfarben verän- 
derte. In der übrigen Bauchhöhle fand fich etwas von 
einem röthlichcn Serum, Das Fleifch felbft hatte, un- 
geachtet es faftreiclier fchien , doch vier Gran an Ge- 
wicht verloren , zeigte eine blafsgraue Farbe und war 
mürbe und weich. 

Da diefe Thiere fo bald ftarben, fo wiederholten 
wir diefen Verfuch an einem erwachfenen Dachshund, 
vnd brachten ihm zwei Quentchen rohes Hammellleifch, 
in melirere Sliicke getiieilt, in die Bauchhöhle ein. Die 
Zufälle, welche er hievon erlitt, boftanden darin, 
dafs er ilen erften und zweiten Tag gewöhnlich das 
wieder erbriicb, vais er gefreffen halte, aber von die- 
fer Zeit au befand er fich fortdauernd fo woiil als vor- 
her. Wir todletcn ihn daher am neunten Tage. — 
Bei der Unterfuchung fanden wir das Fleifcli vom Netz 
umhüllt in der Nähe der Wunde; es war erweicht, fah 
grüngelblicht aus wie, Eiter, roch. etwas fäuerlich und 



503 

widerlich , reagirte deutlich fauer , und fein Gewicht 
hatte fich bis auf ein Quentchen vermindert. 

Aus diefen Verfuchen geht offenbar hervor: l)dafs 
in die Bauchhöhle gebrachtes todtes Fleifch, ungeach- 
tet es mild ift, reizend auf das Bauchfell, befonders 
auf den Theil deffelben einwirkt, den es berührt, 
Ausfchwitzung einer plaftifchen Lymphe veranlafst, 
welorie fauer reagirt, fchon innerhalb fechs und dreifsig 
Stunden Gefäfse entwickeln kann und nicht feiten 
tödtet. 

2) Dafs es felbft eine Verminderung am Gewicht 
und eine Mifchungsveränderun:» erleidet, welche eini- 
germafsen mit der übereinfUinmt, die es im Magen 
durch die Verdauung erfährt. 

$. 4. Bemerkenswerth ift noch , dafs die Ver^ 
dauung cies Fleifches in der Bauchfellshölile in den er« 
■wäiinten Verfuchen weit nicht fo beträchtlich, als in 
Sjjuihs ') Beobachtungen, war. Siniih will unge- 
borne_ Junge von Mäufen, Frofchfchenkel , Stücke 
Leber und Fleifch , welche er iheils blofs , theils in 
leinenen Beuteln, Katzen in die Bauchhöhle brachte, 
in einigen Stunden bis auf die Knochen aufgezehrt, 
und diefe fogar angefreffen gefunden haben. Zu be- 
dauern ift, dafs feine Verfuche nicht näher beftimmt 
wurden; blofs von einem wird erwähnt, dafs die Ver- 
dauung eines Folus von Mäufen und eines Eies inner- 
halb iechszehn Stunden erfolgt fey. Diefe Verfchie- 
deiiheit zwifcheii Smith's Verfuchen und den unfrigen 
beftimmte uns noch einen vierten Veri'ucb mit einem 
Hunde anzuftellen. 

Es wurde ihm blofs ein Quentchen Fleifch in die 
Bauchhöhle gebracht, und abGchtlich weit nach unten 



l) S. medicinifche Commentaricn von einer Gerellfcliaft der 
Aeriie zu Edinburgh, ite Decade , 10. Ed. S. 541. 



^^^ 503 

■und rechts gefchqben, um wo möglich zu verhioclern, 
dafs es nicht vom Netz umfafst würde. Der Hund 
war während der Operation fehr unruhig, freigelnffen 
wollte er anfangs niclit gehen, was vielleicht Folge 
von dem vorherigen Binden feiner Füfse war. Nach 
einer halben Stunde erbrach er fich , dann legte er fich 
auf die Seite, ächzte und verfchmShteSpeife und Trank: 
den andern Morgen lief er herum, ohne etwas krank- 
haftes zu zeigen, nur erbrach er fich einmal, wor- 
auf er ruhig auf feinem Lager liegen blieb. Am drit- 
ten Tage fanden wir ihn todt. Bei der Eröffnung 
trafen wir das Netz fehr ftark entzündet an ; es war 
von einer grofsen Menge Blutgefäfse braunroth ge- 
färbt, nach abwärts gegen die Wunde hin zu einem 
Klumpen zufammengeballt ; diefer Klumpen enthielt 
in feiner Mitte ergoffene plaftifche Lymphe, und ia 
derfelben eine kleine Menge einer eiterartigen , dicken 
Flöffigkeit, die deutlich fauer reagirte, übel roch, 
■und höchft wahrfcheinlich der Ueberreft vom Fleifche 
war. Das Netz, der hinabfteigende Grimmdarm und 
eine Parthie der dünnen Gedärme waren ziemlich feft 
ztifammengeklebt, und auf denfelben ein käfeartiger 
Stoff ergoffen, der fauer reagirte: die oieifteu Einge- 
weide der Bauchhöhle waren entzündet; die diinnea 
Gedärme aufsen dunkelroth, innen ungewöhnlich roth, 
und enthielten eine weifslichte Flüffigkeit. Auch di» 
dicken Gedärme und der Magen waren auf der äufsera 
und Innern P'läche widernatürlich roth ; letztere ent- 
hielten etwas gelblichte Flüffigkeit, fogar die Speil'e- 
rohre zeigte widernatürliche Röthe : die Nieren wa- 
ren fehr blutreich , und auf ihrer Oberfläche mit vie- 
len Gefäfsin verfehen, die Harnblafe war ebenfalls 
widernatürlich geröthet; die Milz und Leber fehr dun- 
kel gefärbt, und in der Bauchhöhle fawlen fich einige 
Uozea einer rölhlicbten Seroütät: die rechte Lunge 



504 

zeigte, befonders an ihrem oberen Lappen, eine brJiin- 
lichte Farbe. 

Diefer Verfuch ftimint zwar mehr mit den SmitJi- 
fchen Beobachtungen überein, allein auch in ihm war 
die Gonl'umtion des FleiXches weit nicht fo beträchtlich, 
wie in jenen. Bemerkenswerth ift es, dafs bei einem 
höheren Grade von Entzündung die Verzehrung des 
Fleifches fchneller und vpllftändiger vor fich ging, und 
dafs fie mit einer Umwandlung in eine eiterähnjicha 
Materie verbunden war. Auch iimiih beobachtete dJefe 
Umänderung von Fleifch, welches er Thieren zwifchea 
Haut und Aluskeln brachte. Es wird hierdurch wahr- 
fcheinlich, dafs die Veränderung, welche das todte 
■Fleifch in der ßauchfellshöhle erleidet, der älmlich ift, 
AveJche mit der Exulceration verbunden ift, und dafs 
<lie fäuerliche Lymplic, welche fich dabei ergiefst, grg- 
fsen Antheil daran hat. 

Warum üas Fleifch fovvohlin meinen als in Smiih's 
Verfuchen öfters den Tod veranlafste, wenn es in die 
Bauchhöhle gebracht ward, das lid'st fich aus dem isis- 
her Beobachteten nicht wohl anders erklären, als dafs 
längere Zeit hindurch anhaltende IVcmde Einwirkung 
auf die Höhle <ies Bauchfells und die unter ihr lie- 
gende Organe, den Korper nachtheilig afficiren. 

$. 5. i) Einer halb erwachfcneu Katze brachten 
wir fünf Quentchen Urin von einer andern Katze in die 
Bauchhülilc; lie äulserte, als der üiin mit dem Bauch- 
fell in Berührung kam, keinen Sclnnerz. Nach der 
Operation liefs fich nichts ividernatürliclies an ihr wahr- 
jehmen; eine Parthie Netz, welche fich nach Ablauf 
Girier Stunde aus dem obgrn Winkel der Wunde hervor- 
^edrangt hatte, wurde, ohne dafs fie Schmerz aus- 
drückte, weggefchiiiften. Das Thier war fechs Tage 
liindurch vollkommen wohl, daher wurde es am fieben- 
ten getüdtet. Bei der Unterfuchung fanden wir alle 



^p».^^l ^ ^ 



505 



Eingeweide des Unterleibes und der BriiftliOlile ganz; 
an dem gefunden Ziiftand. V^on Jdem Urin konuteii 
wir keine Spur mehr entdecken. — a) iJer Erfolg 
diefes Verfuches beftimmte uns, einer audern , felir wil- 
den, erwachfenen Katze eine gröfsere Menge von Katzen- 
harn, nämlich lieben Quentchen in die ßauchhöhle eiii- 
zufpritzen. Auch diefe äufserte, als derfülbu mit dpm 
Bauchfell in Berührung kam, keine Schmerzen oder 
fonflige Zufälle. Freigelaffen lief fie herum, dann fetzio 
£e lieh ruhig hin. Nach zwölf Minuten fing fie.aa 
fich zu erbrechen , lief dann wieder ungezwungen 
herum und fetzte lieh wieder. Kach fünf Minuten er- 
brach üe fich znni zweiten Mal, und nach fünf und 
zwanzig andern Minuten zum dritten Mal. Nach die-- 
fem lief fie im Zimmer umher; ein Stückchen Netz, 
das aus der Wunde heraushing, ward mit der Scheere. 
weggefchnitten. Späterhin wurde fie traurig und frafs 
nichts. Den andern ?iIorgen um fechs Uhr lag (ie bei- 
nahe fleif da, konnte uiclit mehr laufen, doch leckte 
fie etwas Waffer, raffte fich etwas auf, fiel aber gleich 
^wleder um. Der Herzfchlag war kaum frdilbar, zit- 
ternd, klein, die Oiiren kalt. Um neun Uhr l'tarb Ce 
ohne Convulfionen. ' J- 

Bei der Oeffnung fanden wir in der Wunde das 
abgefchnittene Netz eingeklemmt , es halte ^ine braun- 
rothe Farbe, innerlich war es durch die Fäden der Nath 
au die Wunde angeheftet. Die Bauchmuskeln waren 
an der Wunde und in der Umgegend dunkelroth und 
etwas an das Netz geklebt, das iNel?. i'elbft zeigte, Ib 
wie das Gäkrös, viele aufgetriebene liluigefäfse, deren 
man auch an einigen iStellen auf den Gedärmen fah. 
Die Leber war im natür)i«lien Zufrand, eben fo die 
Milz und die Bauchfpeicheldrilfe, die Gallenblafe war 
mit einer dirkiichten grünen Galle anpefiillt. Der 

ö o 

Magen enthielt blofs etwas wüffcrjgte FlüfCgkeit, die 



606 

deullicVi fauer reagirte, auch die cfilnneu DSrme ent- 
hielten eine ähnliche, aber alkalinifch wirkende Flüfßg- 
keit. Die Nieren waren ganz natürlich, eben fo die 
Harnblafe, die noch etwas Harn entliielt. Die untere 
Hohlader war voll von einem fliiffigen Blut. In der 
Bauclihühle war nichts nielir von dem eingefpritzten 
Urin zu finden , ungeachtet nach der Operation nichts 
aus der Wunde gefloffen war. Auch in der Brufthöhla 
waren alle Eingeweide natürlich, fo wie das Riicken- 
mar^k. 

In dem erften diefer Verfuche verurfachte einö 
ziemliche Quantität in die Bauchfells^öhle gebrachten 
Harns keine bemerkliche Störung, eSAvird daher wahr- 
fcheinlich, dafs im zweiten Verfuche die Einklemmung 
des Netzes grofsen Antheil au den Zufällen und an 
dem Tode des Thicres hatte. 

Auf jeden Fall erhellt aus beiden Verfuchen, dafs 
der Harn in der Bauchfellshöhle eingefogen wird, und 
aus dem erfteren , dafs geringere Mengen von Harn 
in die Bnuchfellshöhle gebracht, nicht immer töciten. 
Daher ift es noch zu bezweifeln , dafs jede Wunde, die 
mit Ergiefsung von ilärn in die Bauchhöhle verbunden 
jft, abfolut tüdllich fey. 

§i 6. Ungeachtet der verdienftvolle Amenriech 
in Verbindnng mit Dr. Sury ') mehrere fehr lehrreiche 
Verfuche über die Wirkungen der in die Bauchhöhle 
eingefpritzten Galle angefteilt hat, fo glaubten wir 
doch diefe Verfuche mit einigen Abänderungen wieder- 
holen zu muffen, theils weil Auienrlcth fehr grofse 
Quantitäten von Galle in feinen Verfuchen in die Bauch- 
höhle gebracht, und diefe Verfuche blofs mit Kanin- 



l) Sury praef. Autenrhtk Dilf. inaiiguralls medico- ctirurgica 
de fanandis forfan veficula« felleae vulneribus. Tubiii. 
ga« ItOi. 



507 

eilen, die bekanntlich felir empBndlicbe und fch wache 
Thiere find, anireflellt hat, theils weil die Beobach. 
tung von Fnei- '") es wahrfcheinlith macht, dafs Wun- 
den mit Gallenergiefsung in die Bauchhöhle, nicht noih- 
wenilig tödtlich find. Wir itellten daher folgende 
Verfuche an: 

l) Einer erwachlenen Katze wurde ein halbes 
Quentchen dicker Galle, der gan/.e Inhalt der vollen 
Gallenblal'e einer andern Katze, in die Bauchhöhle ein- 
gefpritzt. Sie fchrie fehr, fo wie dieGalJe das Bauchr 
feil berührte. Frcipelaffen zog fie den Bauch l'tark 
hinauf, ihre Hinlerfüfse Ichienen lehr fchwaoh zu l'eyn, 
fie zitterte heftig am ganzen Leibe, der Herzfcblag war 
aufserordentlich fchnelJ, aber rcgclmäl'sig; das Ath-, 
incn fehr befchleunigt. Bald nachher trank fie Milch, 
beleckte die Wunde, lief etwas herum , legte fich aber 
wieder und konnte nicht lange auf den Fiifsen Itehen, 
fie blieb nun eine halbe Stunde J^ng ganz ruhig, dann 
kehlte das Zittern zurück und dauerte tirei Viertell'luii- 
den lang. Von da an blieb fie immer auf einer bielle. 
ruhig liegen , nahm man fie von diefer weg, fo lief 
fie mit Mühe und wankend dahin zurück. Des Abends 
nahm fie Nahrung zu fich, der Herzfchlag war noch 
ziemlich fchndJ. Die ganze Nacht durch war fie ruhig 
und den andern Morgen lief fie umher, war munter, 
liatle keine Hitze, und äufserte keinen Schmerz beim 
Benihren der Wunde. Von da an war fie zwölf Tage 
hiniiurch vollkommen wohl, imd ihre Wunde ver- 
narbte \oiiküPimen. 

2) Um nun zu fehen, ob die crfte Einwirkung 
der Galie den Körper gegen ihre nachlheilige Wirkung 
ab^ef'.ufi'pft habe, fpritzten wir derfelbcn Kat/o zwei 
(^)uentchtn Ochiengalle, die zwei Tage aufbewahrt war, 



ij S. Salzburger med. cliirurg. Zeitung' 1115. Tli. l. S. $V 



508 



in die Baiichhahle ein. So wie Hie Gnlle mit dem- 
Bauchfell in Berührung kam , fteliteu fich 'Unruhe und 
die gewöhnlichen Zufälle ein, die vier Stunden lang 
in geringem Grade anhielten. Späterhin verfchmähte 
üe bpeile und Trank, iiulserte bei Berührung des Bauchs 
Schmerzen. Die vier folgenden Tage aber wsr fie trau-' 
rig, nahm nichts als etwas VVaffer und Milch zu lieh; 
das Athmen war häufig, der Herzfchlag klein, kaum 
fiihlbar, die Wunde ergofs viel Eiter. Späterhin lief 
das Thier munter umher, und nahm, v/ie eine ge- 
funde Katze, die vorgsfetzte Nahrung zu fich; ihre 
Wunde klaffte ftark, weil fie die Fäden ausgerufen 
hatte, und ergofs viel Eiter. Am neunten Tage war 
fie traurig, wollte weder freffen noch faulen und hatte 
immer Froft; des Nachmittags hatte fie mehrere zähe, 
fchleimigt wälTerigte Stuhlgänge, vor deren Abgang fie 
fchrie. Am zehnten Tage hatte fie wieder ähnliche 
Stuhlgänge und [chrii öfters kläglich. Am eilften 
Tage foff fie wieder Milch , des Abends aber konnte 
fie nicht mehr laufen , bekam endlich heftiges krampf- 
haftes Erbrechen und ftnrb ganz erfchöpft. 

Bei der Oeffnung fanden wir die Wunde nicht 
geheilt, fondern Eiter enthaltend mit guter Granulation: 
in fie herein ragte ein Klumpen vom Ncfz. Das Netz, 
der Magen , die Leber, der Quprgrimmdnrin und ein 
Theil des Dünndarms waren in einen Klumpen 'zufam- 
men verwachfen. Auf allen dielen, ' fo wie auf den 
übrigen Eingeweiden, felbft auf den Nieren, waren dicke 
Lagen von einem käfigten Stoff ergoffen , der fauer 
reagirte. Nach hinten war in der Bauchhöhle eine be- 
trächtliche Menge einer milchigt - eitcrartigea Flüffig- 
keit ergoffen, die auch fauer reagirte. Im grofsen 
Netz war ein fehr.ftarkes Gewebe vou vielen kleinen 
Blutgefäfsen , auch an einigen Stellen der dünnen Ge- 
där«ie, und befondcrs deutlich auf den Nieren. Der 



Magen enthielt blofs etwas gelblichte Flüffigkeit, die 
faiier rergirte, er zeigte weder auf feiner äufsern noch 
ionern Fläche ouffaüencle Röthe. Der Dünndarm ent- 
hielt eine gelblicht -fchleimigte Fliiffigkeit , der Dick- 
darm aber fefte Excremente: die Leber, die- Milr, 
die Nieren und Harnblafe waren natürlich. Die uiltBre 
Hohlader enthielt ein wenig fliiffioes Blut. Von der 
eingefpritzten Galle war nirgends eine Spur zu bemer- 
ken. Das Bauchfell war an den Bauchwanrlungen et- 
was verdickt, zeigte aber keine rothe Blutgefäfsei Dii* 
Lungen waren gajiz gefund; das Herz war etwas welk, 
enthielt fehr wenig fliifliges Blut in feinen Höhlen. 
Eben fo die obere Hohlader. 

3) Einem Dachshund wurde ein Loth frifche Och- 
fengalie in die Bauchfellshöhle eingefpritzt: er wurde, 
fo wie die Galle das Bauchfell berührte, fehr unruhig: 
freigelaffen hing er cien Kopf traurig, fehlen auf den 
Hinterfüfsen fchwach zu feyn, wollte nicht gehen. 
Nach fünf Minuten legte er fich einige Mal auf den 
Bauch und ftand wieder auf; dann zitterte er mit den 
Hinterfüfsen und dem Bauch: der Hcrzfchlag war nicht 
fühlbar, der Puls der Schenkelfchlagader unordentlich, 
langfam und ziemlich hart, das Athmen war niühlam, 
die Emprindlicljkcit des Körpers verändert. Aufge- 
richtet blieb er ftehcn und bewegte, wenn er angetrie- 
ben wurde, feine Füf.se, befonders die liinterii, fchwach. 
Nach fünfzehn Minuten war er munterer, trank Waf- 
fcr, ftand aufrecht, hing niclit mehr den Kopf, 
yjankte und zitterte nicht mehr, das Athmen wac 
freier, nur fetzte der Puls jeden vierten bis fünften 
Schlag aus. Drei und vierzig Minuten nach der Ein- 
fprilzung war auch der Herzfchlag natürlich, nur er- 
brach er wieder was er Mittags gefreffen hatte. Den 
andern Morgea un^ die füJgenden Tage hiadurch lief« 



510 ^ 

.^i« nichts »idavnatürliches an fich walirnehmen, wes- 
wegen wir ihn am fiebenten Tage tOdtelen. 

liei der Uiiierfuchung fanden wir alle Eingeweide 
des Unterleibs und der ßrufthölile vollkommen gefund, 
nirgends eine Spur von Entzündung odcrfonltiger krank- 
hafter Veränderung. Von eingel'pritzter Galie konnten 
wir diircliaus nichts mehr entdecken, eben fo wenig 
die weifslichten Flocken, welche v. Auceurieth und Dr. 
Sury in ihren Verfuchen fanden. Von der Bauchfells- 
flüfiigkeit war nicht viel vorhanden und fie warnidit 
hitter. Eine grofse Gükrösdriife, die wir anl'chnjtten, 
entliielt, fo wie die Milchgefafse, Nahrungsfaft von der 
gewohnhchen Farbe. 

4) Einem erwachfenen Kaninclien fpritzten wir 
achtzig Gran frifche Ochfengalle in die Bauchhöhle, es 
wurde gleich nachher lehr unruhig, fpälerhin ftellten 
Cch die gewöhnlichen Folgen der Galleneinfpritzung 
ein, allein fchon fünf uiid drcifsig Minuten nach der 
Operation hef das Thier ziemlich munter umher, und 
liefs fpäter nichts widernatürliches an fich wahrneh- 
men, deffen ungeachtet wurde es am fünften Tage 
Morgans todt gefunden. 

Bei der Oeffnung ergab fich, dafs ein Theil des 
Blinddarms in der Wunde eingeklemmt, brandigt ent- 
zündet, und um denfelben geronnene plaftifche Lympha 
ergaflen war. Der Magen enthielt Speifen und war 
an feiner innern Fläche etwas röthlicht. Die dünnen 
Gedärme enthielten einen gelblichten Schleim. Der 
Dickdarm fah,' jene entzündete Stelle des Blinddarms 
ausgenommen , ganz gefund aus und enthielt Excre- 
rtiente. Die übrigen Unterleibs - Eingeweide waren 
ganz natürlich befchaffen, und die geringe Menge von 
Serofität, welche die Höhle des Bauchfells enthielt, 
verrieth weder durch ihre Färbung, noch durch ih- 
ren Gefchmack das Dafeyn von Gal,le, eben fo wenig 



511 

der Inhalt von den Gekrösdriifen ' und Mildigcfäfsen, 
Die Lungen zeigten einzelne rothbraune Flecken, wa- 
ren fchwer und dicht, doch fchwanimen fie auf dem 
Waffer und knifterten beim Druck. Das Herz ent- 
hielt in allen feinen Hohlen viel geronnenes Blut und 
im rechten Vorhof ein grofses,! weifses, feftes , j poly» 
pöfes Concreinent. 

5) Aehnliche Erfcheinungen zeigte ein weibliches 
Kaninchen mit ftark angcfchwollenen IMilchdriifeu, dem 
Wir i| Quentchen Galle einfpritztcn ; es frafs fchon 
eine halbe Stunde nach der Operation wieder und wac 
drei Tage hindurch wohl, aber am vierten fanden wir 
es lüde. Bei der Saction fanden wir viele Serofität 
zwifchen den Muskelfibern atn Rumpfe ergoffen, die 
MilchdrOfen mit Milch angefüllt, auf mehreren Stellen 
des dicken und dünnen Darms weifslichte Flocken, 
lind zugleich viele kleine Gefäfse. In der Bauchhöhle 
war weder Galle noch eine andere Flüffigkeit angelam- 
nielt, auch war keine Galle in den GekrOsdrüren, fonft 
■waren alle Eingeweide natürlich bis auf die Gebärmuti 
ter, die xvahrfcheinlich von der erft kürzlicli vov fich 
gegangenen Geburt rolh war. 

Diefe Verfucho fci/en es d (.'"ser Zweifel , dafs eine 
ziemlich beträchtliche iMenge von Galle in die Bauch- 
fellshühle von lelicnden Thieren gebracht, diefe nicht 
beftiindig töJtet, ungeachtet fie heftige Zufalle veiiir- 
facht. Der erfle und dritte Verluch lagen diefes be-, 
ftimmt aus, der zweite, vierte und fünfte machen es 
hüchft walirfcheinlich, fofern der- ziemlich fpjt erfol- 
gende Tod von der Katze und beiden Kaninchen von 
anilern Urfachen, nämlich bei der erl'teren von der ftar- 
Ven Eiterung der Wunde und des Bauchfells, und bei 
letzteren von der Einklemmung des Blinddarms und 
der zerftOrteii Milchabl'ondorung und vorgegangener 
üeburt abgeleitet werden kann. Dief« Verfuclie und. 



512 -~^^^-. 

die von Fryer gemachte Beobachtung fagen aus, dafs 
Ergiel'sungen der Gülle in die Bauchhöhle nicht abfolut 
tüdthch find; denn in derBeobachlung von F/jer tra- 
ten gleich nach einem Schlag auf die Lebergegend alle 
Ziifalte einer Ergiefsung dec Galle iiulie Bauchhöhle niTt 
F'lucliialion ein, und mit zweimaliger Ausleerung einer 
grofsen Menge einer Gallenähnliclien Flüffigi<eit durch 
den Baiichftich verniindertea und verloren fie iith Ib, 
dafs der Menfch völlig wieder hergeftellt ward. 

§. 7, Diefe Betrachtungen nun und der Erfolg 
cleS erften und zweiten Verfucbs §. 6., welcher deut- 
lich darthut, dafs die, einmalige Einwirkung der Galle 
auf das Bauchfeil diefem und dem Körper überhaupt 
nicht die Empfänglichkeit für den nachtheiligen Ein- 
fluls einer zweiten Einwirkung derfelben benimmt, be- 
ftimmten uns, die Gallenblafe von einigen Thieren an- 
zulchneidcn, daher öffneten wir einer erwachfenea 
Katze die Bauchhöhle, um ihr die Gallenblafe anzuboh- 
ren. • Sie war fo unruhig, dafs fie Magen > Milz 
und Netz mit einem Lappen der Leber aus der Wunde 
hervordriingte: die Gallenblafe wurde in der Nähe ih- 
res Grundes mit einer Lanzette fo geöffnet, dafs fo- 
gleich ein Theil der G,ille ausflofs. Das Zurückbrin- 
gen der vorgefallenen Eingeweide und die Verfchlie- . 
fsung der \¥unde war mit vielen Schwierigkeiten ver- 
bunden. Als fie freigelaffen wurde , legte fie fich auf 
die linke Seite und fchrie einige Mal kläglich, aufge- 
richtet konnte fie aber laufen. Nach einer halbea 
Stunde fafs fie aufgerichtet auf den Hinterföfsen, konnte 
laufen und frafs mehrere Stückchen Fleifch. Nach 
einer Stunde lag fie auf dem Bauch , aufgerichtet wälzte 
fie fich auf dem Rücken und fchrie heifer, dann wurde 
fie {len Tag durch ruhig. Am andern Tage konnte fie 
ziemlich ohne Befclnverden laufen , hatte keine wider- 
aatürlkh^ Hitze, fchris nicht, wena man ihr den 

Baucia 



Bauch befühlte, der etwas au fgefch wollen war. Den 
dritten Tag war der Bauch noch etwas gefchwoUen, 
' fie äufserte aber keinen Schmerz beim Befühlen, der 
Herzfchlag war etwas ich wach, fie hatte Iveine Hitze 
iinil foff Milch. Den vierten Tag fri'ih lag fie aut der 
Seite, konnte nicht mehr fteheii , fchrie khiglich und 
iieifer, die Ohren waren kalt, der Herzrchiag lehr 
klein, das Athmen fehr fchnell. ~ Sie zuckte dann 
noch öfters mit dem linlcen Vorder -und rechten llin- 
terfufs und ftarb endlich ruhig. 

Eei der Oeffuung fantlen wir das Netz die Wunde 
verftopfend , und in letzterer Eiter: das Netz uni.1 die 
Leber adhärirten dem Bauchfell in der Nähe der »V^unde 
durch eine,' etwa eine Linie dicke Lage von philiifchiT 
Lyniphe, die blofs an einer Stelle rothe Gefafspunkte 
wahrnehmen liefs und deutlich fauer reagjrte: das 
Bauchfell zeigte an diefer Stelle deutlich mehrere ge- 
rade laufende Blutgefäfse, die ihm beim Abziehen von 
den Bauchwandungen anhingen, war über eine Linie 
dick; auch das in der VVunde liegende Netz zeigte 
viele kleine ßlutgefafse und davon eine röthlichte Farbe. 
Der obere Theil der convexen Fläche der Leber war 
auch mit plaftifcher Lymphe bedeckt. Das übrige 
Bauchfell zeigte keine Entziindungsrothe, enthielt aber 
eine kleine Quantität einer niilchigten, dicken, faft 
Eiter ähnlichen Flüffigkeit. Nur in der Nähe der GalJen- 
blafe fand fich längs der concaven Fläche der Leber 
und auch auf der convexen , zwifchen ihr und dem 
Zwerchfell, etwas Galle ergoffen, wie diefes ilie gelbe 
Farbe und der bitteie Gefchniack anzeigten. Die 
Gallenblafe enthielt blofs in ihrem Hals etwas Galle, 
die etwas zähe war, in ihrem Korper und Grunde Luft ; 
eine Oelfnung liefs fich an ihr nicht wahrnehmen, eben 
fo wenig die Luft, die he enthielt, und ilie, weich« 
eingebiafen wurde, aus einer üeffnung im Grund oder 
M. d. Archiv. IK. 4. M nj 



514 — 

Körper dcrfelben Vieraustreiben , auch fand Geh an ilirer 
äufsern Fjächc nirgends plaftifche Lymphe, dagegen 
war ihre innere Fläche mit vielem dicken Schleim 
bedeckt und an mehreren Stellen itiit weifslichen Flo- 
cken, die wahii'cheinlicli plaflilche Lymphe waren: die 
fibrigen Eingeweide waren natürlich, nur die rechte 
Lunge ungewöhnlich roth und blutreich ; das Herz 
enthielt in feiner Höhle etwas flüfiiges Blut. 

s) Dieler Verfuch wurde an einer nicht ganz 
erwachfenen Katze wiederholt : auch hier drängte aus 
der Bauchwiinde , Magen, Gedärme und Leber her- 
aus. Die Gailenblafe wurde am Halle durch einen 
Querfchiiilt mit der Scheere geöffnet, das Thier 
fchrie nicht, als die Galle das Bauchfell beriihrtej 
freigelaffen legte es fich auf die linke Seite und liefs 
den Urin gehen; das Atlimen war befchleunigt, der 
Herzfchlag regelmäfsig und ftark, aus der Wunde 
Hofs viel Blut, was zum Theil von den Gefäfsen 
des Netzes herkommen mochte, dss, damit es fich 
nicht in che Wunde eingeklemmt, an zwei Stellen 
war ilurchfcliiiilten wortlcn. Abends war das ThieS- 
munter; den au lern Morgen Jiefs es nichts wider- 
natürliches an lieh wahrnehmen, aber den Nachmit- 
tag wurde es von Convulfionen befallen, die zwar 
nach einer Slmide auslelzten, aber nach zwei Stun- 
den heftiger wiederkehrten. Nach drei Stunden 
l'tellle ficli heftiger Slarvkrarnpf ein, wobei der Kopf 
bald ftaik zdrick, Iiald zur Seite gezogen wurde; 
nach einiger Zeit ftarb fip. 

Bei der Oeffnung fanden wir die IMtiskcln um 
die Wunde, die untere Fl.'iche fies Zwerchfells und das 
Netz gefäfsreicli , ii» der Bauchhöhle hlols wciiig Se- 
rofität, die etwas Jrübe erfchien, aber nicht bittei' 
l'chmeckte, zwifchen der Harnblafe und dem Kreuz- 
bein fand fich etwas einer v.-eifseii C)ter.irtigen FJiiffig-- 



— 515 

koit; die obere Fläche Her Leber , befonders der linke 
Theil, klebte durch eine eiterichte Lymphe dem Zwerch- 
fell an ; der untere rechte Lappen derfelben war mit 
den Nieren durch plaftil'che Lymphe verbunrli^n, der 
obere Theil deffelben mit dem Zwerciifell. Die Leber 
felbft war blutreich. Der concave Theil des rechten 
und linken gröfsern und des mittleren Lappens war 
mit der Gallenblai'e durch coagulirtes fchwarzes Blut 
zufammengeklebt. Ein folches Blut umgab auch die 
hintere obere Fläche der Gallenblai'e. Die Haut der 
Gallenblafe war ziemlich dick und reich an Gefal'sen, 
befonders in der Wunde; die letztere klaffte ftark, 
■wurde durch ein Blutgerinnfel ausgefüllt, das durch 
plaftifche Lymphe mit den Randern deffelben adhnnrte. 
Die Gallenblafe war bis zum Hals hin mit einem Ge- 
rinnfel angefüllt, das theils aus Blut, theils- aus 
Schleim beftand, fo, dafs es fehlen, die Schlennab- 
fonderung fey vermehrt gewefen ; an der äufsern Flache 
■war diefes Gerinnfei grünlicht und fchmeckte bitter: 
die Gallengänge waren ftark mit einer zäheti Galle ge- 
füllt: der Magen enthielt Flüffigkeit, die dünnen Ge- 
därme waren leer, die dicken enthielten Excremente; 
die Nieren viel Blut. Alle übrige Orgarie waren na- 
türlich, nur fehlen die untere Fläche der Lungen et- 
was röthlicht. 

Diefe Verfuche beftätigen zwar nicht die im 
§. 6. aufgeftellte Behauptung, aber (ie wiilerlegen fie 
auch nicht, denn das AusJringen des Magens, der 
Leber und des gröfsern Theils von den Gedärmen aus 
der Bauchwunde, die Einwirkung der äufsern Luft 
auf diefelbe, endlich der Druck , welchen diefe wich- 
tigen Organe bei dem Zurückbringen in die Bauchhöhle 
erlitten, und im zweiten Verfuche die Anfüllung der 
Gallenblafe mit Blut, hatte unftreitig grofseu Antheil 

Mm 2 



61^ ^ .^ 

am Tode der Tliiere , mit welchen diefe VeirfHche ange* 
ftellt wurden. Zu dfei'er Annahme berechtigen nouh 
die Umflände, dafs in jenen Verfuchen fich nur wenig 
Galle in die Bditchhöhle eigofs, und mehrere Beobach- 
tunffeu erweifen , dafs die Verletzungen der Gallen- 
blafe, fobald fie keine Ergiefsung der Galle in die 
Bauchhöhle zur Folge haben, dem Leben keinen Ab- 
bruch thun. ' 
§. g. Da fich in allen den erwähnten Verfuchen 
wenig oder nichts mehr von .der Galle in der Bauch- 
höhle vorfand, welche entweder in diel'elbe eingcljiritzt 
wurde, oder lieh in diefelbe ergofs, und entwedec 
nichts, oder nur fchr wenig aus der Wunde ausJlolVi 
fo mufs fie.aufgcfogen werden. Um nun die Schncllig» 
keit, mit welcher die Ejnfiiugung derlelbeu erfolgt, zu 
prfahien, ftellten wir folgenden Verfuch an: 

Einem erwachfenen Dachsbunde wurden . zwei 
Quentchen Galle , mit zwanzig Gran blau faurem Kali 
venaifcht in die Bauchhöhle eingelpritzt: er fchrie und 
war fehr unruhig bei der Operation, weswegen unge- 
fähr ein halbes Quentclien von. der Galle wieder ausilol's. 
Freigelaffen lief er herum, zeigte keine Schwäche in 
den.Füfsp.n, zog aber den Bauch hinauf und fchrie. 
Nach einer V'irrtelffumie erbrach er iich, dann wurde 
er ruhig, hing aber traurig den Kopf. Nach 4^ 
Stunden tödlclcn .wir ihn und fanden das Netz und 
einen Theil der dünnen Gedärme äufserlich widernatür- 
lich rolh von kleineu GeKifsen, alle übrigen Einge- 
weide aber normul. In der Höhle des Bauchfells war 
eine belrachlUche Menge einer rötlijichten Flül'iigkeit 
ergoffen, , dje nicht bitter ichmockte und, mit falzfau- 
rem Eifen kein Berlinerblau abfetzte.. Der ürJn gab 
auf Zufatz von fal/.l'aurem Eifen einen Berlinerblauen 
Niederfchlag, der durcii zugefetzte SchvvefelCiure nicht 
verfcliwand, foniit wirklich blaul'aures Eifen war, aber 



•^----^ 517 

xvcfler das Blut, noch die GjUu und die Gekfösdriifen 
gaben mit Ei fen falz Bfrlinerljlaii. Eben fo wenig ver- 
rieth flie Serofitat' des Bauchfells 3as' Dafeyn von Galle 
lind blaufaurem Kali. 

Diefem Verfuche zu Folge wird eine beträchtliche 
JMenge von Galle , eben fo von blaufaurem Kali inner- 
halb vier Stunden aus der Bauchfellshöble aufgenom- 
men und der Blutmai'ie beigemifcht. Das bJaufaure 
Kali feheint fich innerhalb diefer Zeit völlig aus dem 
Blute abzufcheiden und wenigftens grüfsientlieils in den 
Harn al)-?ui'etzeu. 

Uebrigens geht die Einfaugung der Ga)le noch 
fchneller vor fich, denn Dupuytren ') konnte vier Loth 
Galle, bald nach der Einfprützung in A^a Bauchhöhle 
nicht mehr wahrnehmen. Da nun zu Folge mehrerer 
Verfuche Gifte von den ferüfen Häuten aus hgchft wahr- 
fcheinlich unmittelbar durcli diefe Häute und durch 
^lie Wandungen der,, unter ihnen liegenden, Venen in 
die Blutmaffe übergeben, und Magendie 'j und Du- 
puytren die verfchiedenen FlüfGgkcite^l,i welche fie 
jn die Höhlen der feröfeo Häute eingefpritzt hatten, 
in den einfaugcnden Gefäfsen entdecken konnten , fo 
fuchten wir zu crforfchen, ob nicht die Galle und an- 
dere in die Bauchhöhle gebrachte Stoffe durch das 
Bauchfell durchfobwit^ten, allein wir wurden an der 
Beendigung einiger Verfuche, die wir zu diefem Ende 
aufteilten , gehindert. Daher theile ich hier einige 
Verfuche aus einer, von der Tübinger medicinifchen 
Factiltät gskrünlen, Abliandlung über die Permeabilität 
belebter thierifcher Theile , von Herrn Lebküchner , ei- 
nem meiner voi'znglichern Schüler, mit. 



« ' .') S. Richerand NouMaiiji Elemens de Pliyfiologie i8 14- Tom. 1. 
S, e78. . , 

ft) S. deffcD Prcci« «limentaire. T. ii. S. I{7. 



518 «^^■■^^•«^ 

i) Eine Ratze , welcher vier Quentchen Ochfen- 
galle in die Bauchhöhle gefpritzt worden, wurde 
zwölf Minuten nachher getödtet und die äufsere Fläche 
ihres Bauchfells unterfucht: fie erregte in der, an fic 
angebrachten, Zungenfpitze deutlich einen bittern Ge- 
fchmack; färbte Papier fchmutzig und theilte ihm den 
bittern Gefchmack mit. 

a) Einer andern Katze wurden drei Quentchen 
fch warzer Dinte in die Bauchhöhle gefpritzt, worauf 
ftarke Zufammenziehung der Bauchmuskeln , befchwer- 
liches Athmen, heftige unruhige Bewegungen erfolg- 
ten: nach fieben Minuten, wo fie getödtet wurde, er» 
fchienen die aufsen am Bauchfell liegenden Muskeln 
fchwärzlich, und die äuCsere Fläche des Bauchfells 
fchwärzte Papier. 

3) Eine Auflöfung von zwanzig Gran falzfaurem 
Eifen in einem Loth VVaffer, einer Katze in die Bauch- 
höhle gefpritzt, veranlofste fogleich heftiges Schreien 
und befchwerliches Athmen: das Thier wurde vier 
Minuten nachlier getödtet. Die äufsere Fläche des 
Bauchfells färbte Papier , und wurde durch blaufaures 
Kali Berlinerblau. 

4) Bei einer Katze wurde, vier Minuten nach Ein-, 
fpritzung von blaufaurem Kali in die Bauchhöhle , die 
äufsere Fläche des Bauchfells durch Ejfenfalze blau ge- 
färbt, auch fetzte der Harn und das Blutwaffer des, 
Vor ihrem Tode aus der Halsvene herausgelaffenen, Blu- 
tes , auf Zugufs von Eifenfalzen , einen ßerlinerblauen 
Niederfchlag ab, welcher durch binzugegoffeoe Säure 
nicht verl'chwand. Bei einer andern Katze zeigten das 
Bauchfell und der Chylus aus dem Saugaderftanim 
drei Minuten nach eingefpritztem blaufauren Kali eben 
diefe Erfcheinung, während fie weder das Blut, noch 
der Harn darboten. 



519 

, ■ 5^ Um nun nuch 7iv erforfchen , ob fieniJ.inige 
Stoffe üch ebenfalls von der äufsern Flüche (tes B;iuch- 
fells /.iir jnnern hin ausbreiten, wurde an dielelbe hei 
einer Katze eine wafferige AönöliM7g von b)aiif.iiirem 
Kali, bei einer andern von Kiijiferaniniünium gebracht, 
und beide zwei jVIinuten nachher getiidtet. Die innere 
Fläche des Bauchfelis der letztern Katze färbte l'apier 
etwas bläulich, die der crftern wurde durch Eilenlalze 
Berlinerblau. 

Aus diefen Verfuchen erhellt offenbar; 

1) Dafs die in die Bauchhöhle gebiacliten Steffe 
2um Theil durch das Bauchfell durchdringen. 

2) Auch wirklich in die einfaugentien Gefäfse über- 
gehen. 

$. 9. Wenn nun auch zu Folge unferer Beob- 
achtungen die mit der EauchfelishühJe in Berührung 
gebrachte Galle niclit immer tüdtjich auf den Körper 
einwirkt, fo äufsert fie doch beftändig einen fehr nach- 
theiligen Einflufs auf denfelben; es fragt fich daher, 
wovon wohl diefer herrührt? Um nun über diefe für 
die theoretifche und praktifche Heilkunde gleichwich- 
tige Fraga einige Aufklärung zu erhalten, ftellten wir 
folgenden Veifuch an : Wir brachten zehn Gran des, 
nach der \on Berzplhis ') gegebenen Vorfchrift, bereite- 
ten Gallenharzes aus Ochfengalle, trocken in die Bauch- 
höhle eines erwachfcnen Kaninchens: es drückte gleich 
nachher keinen Schmerz aus, und lief freigelaffen fchnell 
davon, allein nach fünf ^linuten legte es fich auf den 
liauch, ftreckte ilie Hinterfüfse aus, der Puls wurde 
aufserordentlich bcfchleunigt, nach fünfzehn Minuten 
zog es die Hinterfüfse an den Leib, hielt den Kopf 



1) Uebeiblick ilber die Ziifamnienfetzang der thierifchen Fliiffig- 
kc'jten, at» J>:ni F-ngUrdien iibirletzt suu Schuieiggcr. S. 4]> 



520 ^^ 

ganz rückwärts, der Herzfchlag war fehr fchnell. Nach 
fünf und zwanzig Minuten konnte es wieder etwas ge- 
hen; es lief etwa'i blutige FJiilTigkeit aus der Wunde, 
der Puls war fehr klein und fchnell, die Ohren kalt: 
den ganzen Tag hindurch blieb der Herzfchlag fehr 
klein und langfain. Den andern Morgen konnte es 
nicht mehr laufen, fafs auf einer Stelle, und wenn man 
es Von (lieler weg bewegte, fo fing es an heftig zu 
zittern , was einige Zeit durch dauerte. Der Herz- 
fchlag war nicht mehr zu fühlen , die Ohren wareo 
noch warm. Endlich konnte es cfie Vorderfufse gar 
nicht mehr an den Leib bringen, fondern liefs fie zur 
Seite ausgeftreckt, (tliefe fchienen in diefem Fall mehr 
gefchwiicht,) dann flarb es an einer Art von Opiftho- 
nus. Bei der Unterfdchung fanden wir durchaus alle 
Eingeweide im Naturgemiifsen Zuftand, nirgends eine 
Spur von Entzündung oder anderer krankhafter Ver- 
änderung. 

Vi.m Gallenharz war nichts mehr zu finden. Die 
Leber allein hatte kein gefundes Anfehen, fondern liefs 
in ihrer Subftanz viele weifse Punkte, die beim Durch- 
fchneiJen ganz weich waren, wahrnehmen. Die Gallen- 
blafe war mit einer gefunden Galle gefüllt. Auch die 
Brufteingevveide waren alle ganz gelund. 

Offenbar brachte in dieleni Verfuche das Gallen- 
harz alle die Slöiungen hervor, welche die, in die 
Bauchfelishöhle ergoffene, Galle erregt, nur etwas fpä- 
ter, dagegen aber in ftärkerem Grade, auch hielten 
Ce längere Zeit hindurch an: unftreitig weil der Gallen- 
ftoff fich nach und nach in der Serofität des Bauchfells 
auflufte und fo aufgelöFt über die innere Fläche diefer 
ferofen Haut ausbreitete. Wir glauben daher anneh- 
men zu dürfen, dafs unter den ßeftandtheilen der 
Galle, es der Gallenftoff fey, von welchem die fchad- 
Hche Wirkung derfelben abhängt. 



521 

§. 10. Schon vor tnelirern Jnhren bemühte ich 
mich durch Verfuche zu erforfchen, ob die CiUe auch 
dann ihren fchädlicheh Einflufs auf den thierifchen 
Korper äufsere, wenn fie mit andern Theilen als das 
Bauchfell in Berührung gebracht wird oder nicht. Zu 
diefem Ende gab ich den ganzen Inhalt von der Gallen- 
blafe eines Ochfens einem Hunde zu verfchlucken und 
ßbergofs eine grofse Wunde von einem Kaninchen mit 
Ochfengalle; allein in beiden Fällen war die fchädliche 
Wirkung, welche die Galle, fobald fie in die Bauch- 
fellshöhle gebracht wird, hervorbringt, nicht wahr- 
zunehmen. Diefes und der Erfolg des im vorigen §. 
erwähnten Verfuchs beftimnite uns, einem Kaninchen 
zwifchen die Haut und Muskeln des Rückens, welche 
wir in einem grofsen Umfang von einander lo.'^getrennt 
hatten, zehn Gran Gallenharz zu bringen. Währenrl 
des Schnittes fchrie es nicht, aber heftig und andau- 
rend bei der Einbringung des Gallcnharzes in die 
Wunde, und der Puls wurde etwas fchwächer. Frei- 
gelaffen hüpfte es munter umher, der Puls wurde bald 
wieder ftärker. Das Thicr liefs dann feciis Tage hin- 
durch nichts widernatürliches an fich wahrnehmen, 
weswegen es den ßebenten Tag getodtet ward. Bei 
der Unterfuchung war die Wunde noch offen; ße ent- 
hielt etwas Eiter und war mit mehreren Lagen einer 
weifslich gelben , zähen Materie bedeckt. 

Hieraus erhellt, dafs die Galle weder von der 
Schleimiiaut des Speifekanals noch von Wunden die er- 
wähnten nachtheihgcn Wirkungen äufsert, diefe niufs 
fomit vorzüglich von der Belchalfcnheit des Bauch- 
fells und der von ihm bedeckten Theile abhängen. 

§. 1 1. Aus allem im Bisherigen über den Ein- 
flufs der Galle, wekiie mit der Bauchhöhle in Berüh- 
rung gebracht wird , Erwähnten > ergiebt ficli : 



523 

i) Dafs fie in fehr kurzer Zeit aus der Rauch.- 
höhie aufgefogen und dem Blute heigemifcht wird. 

») Ddfs fie folgende Zufalle von der Bauchfells« 
höhle aus liervorbrinnt. Zuerft erregt Ca Schmerzen, 
welche , wie die Kolikfchmerzen , von grofser Schwä-» 
che, bcforiders der hintA-n Extremitäten, \yehfeyn und> 
bisweilen von Erbrechen begleitet werden: der Bauch 
treibt fich etwas auf, der Puls wird etwas klein und 
zufammengezogen , bisweilen ausfetzend, und, wie das 
Athmen, entweder langfam oder befcbleunigt ; biswei- 
len tritt fahlbare Hitze ein, aber nie eine Spur von 
Betäubung und Verminderung der Empfindlichkeit: 
diefe Zufälle endigen entweder mit dem Tod, oder £e 
verlieren fich bleibend. 

Bei den Thieren, welche an den Folgen der in 
die Bauchhöhle ergoffenen Galle fterben , findet fich in 
dcrfelben wenig oder gar keine Galle mehr vor, und 
in den einzelnen Thellen des Körpers keine bemcric- 
liche Veränderung. Noch ift zu bemerken , dafs die 
in die Bauchhöhle ergoffene Galle nicht die Entfte- 
hung von Entzündung und von einer üiuer reagiren- 
den Lymphe hindert. Den letzten Umftand ausge- 
nommen, lehren die V'erfuche von Auteniietk eben die- 
fcs in Abficht auf die Zufälle, die die Galle hervor- 
bringt, nur wurde in deufelben ein Abfatz von weifs- 
liehen Flocken auf die innere Fläche des Bauchfells 
beobachtet. 

3) Endlich, dafs die Galle die erwähnten fchäd- 
lichen Wirkungen vorzüglich durch den Gallenftoff, 
und befonders dann hervorbringt, wenn fie an das 
Bauchfell, nicht, wenn fie mit dem Alagen und Haut- 
wunden in Berührung geliracht wird. 

$. 12. i)Es vcurden einem allen Kater fechs Drach- 
men frifches. reines Olivenöl in die Bauchhöhle ge- 
bracht: Er blieb dabei ganz ruhig, äufserte keinen 



_^ ^ M- t- r- Ä.T^ 

Scbmerr und lief gleich darauf im Zimmer herum, 
der Herzfchlag war etwas belchleiinigt. Nncli aclit 
Minuten erbrach er fich und nach achtzehn Minuten 
hatte er eine Kothausleerung. Nach einer Stunde er- 
brach er fich wieder, dann aber Jiei' er wieder im Zim- 
mer herum, war munterer. Des Abends Jag er trau- 
rig auf dem Bauch, frafs nichts. 

Den andern Morgen lag er traurig, den Kopf 
hängend auf dem Bauch, frafs nicht, konnte aber tau- 
fen, der HerzfchJag war etwas fclinell , er hatta keine 
widernatürliche Hitze. Des Abends war er wieder mun- 
ter, foff etwas Milch und lief herum, eben fu am 
dritten Morgen ; aber Abends konnte er weder gehen 
noch flehen und kaum den Kopf aufrecht halten, die 
Ohren waren kalt, der Herzfchlag kaum fühlbar. Ani 
Vierten Morgen ward er todt gefunden. 

Bei der Unterfuchung fanden wir einen beträcht- 
lichen Theil des Netzes in der Wunde enthaltend , der 
durch plaftifche Lymphe zu einem Klumpen zufammen- 
geballt war, und an den meiften Stellen von vielen 
aufgetriebenen Bltitgefäfsen eine bräimlichte Farbe zeigte. 
Die Einftiche der Näthe waren fehr erweitert und mit 
Eiter ausgefüllt; von ihnen aus erftreckte ßch zwjfchen . 
die Bauchmuskeln und die innere Flüche der Haut Eiter ; 
Netz und Gekrös waren ungewöhnlich reich an Blut- 
gefäfsen und rolh. In der BauclihOhle felbft war noch 
über alle Tlieile des Bauchfells Oel ausgebreitet, def- 
fen Menge einige Drachmen betragen mochte und wie 
ein Oel, das lungere Zeit an der Luft fteht, trübe, 
weifslich war und kleine weifse Flocken enthielt. Die 
Leber war, befonders an ihrer obern Fläche, mit aus- 
gefchwitzter plal'tifcher Lymphe bedeckt, und l'chien 
ziemlich blutreich zu feyn: clieGallenblafe enthielt ziem- 
lich hellgefärhte Galle. Um die MjIz und die Bauch- 
fpeicheldrüfe h.itte fich ebenfa]l»etwas plaitifche Lymphe 



524 ^^^».^ '' 

ergoffen. ' "Eine gr'ofse lympliatifclie IDrftfe, ^<Äe wir 
nach forgfSitigeiT) Abtrocknen in der Mute clufchfchniV 
(en , brachte auf Poflpapier einen Fetiflficken hervor, • 

Die rechte Lunge war etwas mjfsfarbig, die linke 
■war ganz norrnalbefchaffen, das Herz enthidt^in allen 
feinen Höhlen fliiffiges Blut. ■ " 

a) Einer jungen Katze wurden 2^ Gran Olivenöl 
in die Bauchhöhle eingefpritzt, fie. fchrie nicht, als 
das Oel mit dem Bauchfell in Berührung kam. Nach- 
her hätte fie Kothausleerung und erbrach fich heftig; 
aber des Abends war lie ganz munter, lief herum, 
trank Milch , äufserte keine Schmerzen ; eben fo am 
zweiten und dritten Tag. Dennoch ftarb fie am vier- 
ten Tage unter heftigem Schreien und Zückungen. 

Das Netz zeigte fich bei der Unterfuchung wieder 
in der Muskelwunde und in den Einftichen der Nadeln 
liegend , war aber nicht entzündet. Die Wunde ent- 
hielt Eiter , der Zwilchen den Muskeln und der Haut 
fich forterftreckte. Das Bauchfell war ohne Entzün- 
dungsröthe, nur liefs es fich leichter von den Bauch- 
ivandungcn lostrennen ; es enthielt in feiner Höhle 
noch etwas Ool, das aber ganz unverändert ausfah. 
Auf der unteren Flüche der Leber war etwas plaftifche 
Lymphe ergoffen, die Leber war, wie die MiJz, nor- 
mal. Die Gallenblafe war ganz hell und blafs gefärbt, 
und die darin enthaltene Galle blafsgrün; der Magen 
war fehr klein, zufammengezogen, fonft waren alle 
übrigen Eingeweide natürlich. 

Diefen Verfuchen zu Folge fcheint das Oe], wenn 
es in di? Bauchhöhle gebracht wird , ungeaolitet es fehr 
mild ift, . den Körper fehr nichtheilig, felbft tödtlich 
zu afficiren, es fcheint femer, wie beim gewöhnlich 
innerlichen Gebrauche, die Ausleerung durch den Darm- 
kanal z« befürtlern und fehr fchwierjg eingefogen zu 



\ 535 

werden. Letzteres ift um fo merkwürdiger , da heftig 
reizende Stoffe eingefogen werden. 

■ BefondereAurmerkfamkeit verdient wohl noch der 
Umftand, dafs ßch eingefogenes Oel in -.der Gekrüs- 
drOfe fand. Eine diefer ähnlichen Beobachtung kibe 
ich mit dem Beriinerhlau gemacht; ich fand nümliclj 
bei einer Katze, wekher ich ein Gefnifch von Bitter- 
JVIanci'el- Waffer, falzfaurem Eifen, und dem daduicli 
aus jenem gefällten Berlinerbjau in den Mal'tdarm eia- 
gefpritzt, zwanzig Stunden nachher die Gekiüsdrüfe 
auf ihrem Durchkhnitt BeiJinerblan. Diefemnach 
fcheinen manche fremdartige Stoffe, welche der Affimi- 
lation fehr widcrftehen und nicht gerade wie das bjau- 
faure Kali fchnell dtircli die Auswurfsorgane ausge- 
fchieden werden, in diefen Driifen längere Zeit zurück- 
gehalten werden. 

.' $. 13. Ein Kaninchen, dem faft drei Quentchen 
^ephlogiftifirter Salz'aure in die Ilühle des Bauchfells 
eingefpritzt wurden, fing fiiuf Minuten nachher an ftär- 
ber zu athnien , fpäter öfters zu zittern, und unge- 
achtet diefe Zufalle fich bald verloren, fo ftarb es un- 
ter Zuckungen nach Vei-lauf von 7.wei Tagen. 

Die Wärme diefes Thieres wurde, wie die Unter- 
(uchung mit dem Thermometer zeigte, nicht vermehrt. 
Da der Erfolg diefes Verfuches nicht ganz piit den 
Beobachtungen von Aiitenrieth und Dr. Siiry überein- 
flimmte, fo enlfchloffen wir uns, ihn zu wiederholen; 
zu dem Ende brachten wir einem altert, grofsen Kanin- 
chen ein Loth depidogiftiCrter Sakfiiure in die Hohle 
4es Bauchfells. Es fchrie weder während, noch na'jli 
der Operation und war ziemlich ruhig, man konnte 
ao ihm durchaus nichts krankhaftes hetnerkcn, als dafs 
es etwas fchn'll ^Jlliniclc, imd dafs die Ohicn etwas 
wärmer als liitr ilbiigc Körper waren , was aber wohl 
\oin Druck deifi-lbea wiiUreud der Operation beriiiL- 



526 — " 

ren konnte. Aber auch cJiefes verlor Ccli bald, daher 
wurde es den fünften T^g getödtet und unterfucht. 
Die Wunde ftand ganz offen, ein Theil des Grimm- 
darms lag in ihr, und um diefen Theil des Speife- 
kanals hatte fich etwas pjaftifche Lymphe eigoffen , alle 
Eingeweide waren gefund , und von der Chlorine keine 
Spur wahrzunehmen. 

Da diefe Verfuche fowohl untereinander, als mit 
denen, welche Herr Dr. Hury bekannt gemacht hat, 
nicht ganz übereinftiinmen, fo erlauben fie keine an- 
dere Folgerung, als die, dafs die in die Bauchfells» 
höhle gebrachte dephlogiftifirte Salzfaure keine auf- 
fallende Entzündungs- Erfclieinungen in demfelben er- 
regt, und bisweilen eine beträchtliche Menge derfelben 
unter diefen Umftänden ohne todtliche Folgen ertra- 
gen wird. 

Zufolge eines andern Verfuches fcheint die vSal» 
peterfaure, wenn Ce in die Bauchfellshohle gefpritzt 
wird, heftiger zu wirken. Ein Kaninchen, dem zwei 
Quentchen davon eingefpritzt wurden, fchrie gleich 
nachher heftig, unti war etwas fchwach auf Jen Hinter- 
füfsen, fpäterhin traurig, bekam Convulfionen und ftarb 
nach fünfzehn Stunden. 

Ich füge diefem noch einige Verfuche bei, welche 
ror mehreren Jahren auf Veranlaffung der Behauptung 
de.s Dr. Sury ., dafs die fchädliche Wirkung der Galle 
auf einein Entziehen des Sauerftoffs von den Theilen, 
welche das Bauchfell bedeckt, beruhe, und dafs dia 
Chlorine höchft wahrfcheinlich diefe nachtheiJige Wir- 
kung abwende, wenn fie zugleich auf das Bauchfell 
einfliefse, angeftellt wurden. Einem Kaninchen, wel' 
ehern drei Quentchen Ochfengalle waren in die Bauch- 
fellshohle eingefpritzt worden , und das die gewöhn- 
lichen Zufalle davon in fehr hohem Grad erlitt, wur- 
den zwölf Miouten nachher i\ Quentchen dephlo- 



^ 627 

giftiGrte Sakfiiifre in die Bauchhöhle gebracht. Zwei 
Minuten nachher war das Thier munter, allein nach 
vier Minuten fehr matt und fchwach, und ftarb nach 
Verlauf von fünf Stunden. 

Einem andern Kaninchen wurde ein Loth Ochfen- 
galle, der fo lange war Salpeterfaure zugeletzt worden, 
bis kein Präcipitat mehr eutftand, in die Bauchhöhle 
gefpritzt; gleich nachher ftelJten ßch alle Erfcheiiuui- 
gen ein, welche die Galle vom Bauchfell aus hervor- 
bringt. Zugleich veranuderte fich die Tuiiiperarur 
des Thieres um 5° Reaumur, den andern Tag fand 
man es todt. 

Bei der Oeffnung zeigte fich nichts widernatiSr- 
Ifches, als kleine gelbiichte Flocken auf der äufsera 
Fläche von den Gedärmen , und in der Wunde ein trü- 
bes Serurn. 

Diefe Verfuche fcheinen auszuTagen , dafs die 
fchädliche Wirkung der Galle, welche auf das Bauch- 
fell einwirkt, fich nicht wohl von ihrer Eigenfchaft, 
den Sauerftoff an fich zu ziehen, ableiten läfst, und 
dafs fie weder durch dephlogiftißrte Salzfäure, noch 
durch Salpeterfaure getilgt wird. * 

$. 14. Um Ulm auch den EinHuf? zu erforfchen, 
welchen fcliarfe Stoffe auf den Körper aufsern , wenn 
fie mit der Bjuchfellshöhle in Berührung gebracht wer- 
\den, wurden 1) einem fehrgrofsen, alten Kater 3-^(2uenl- 
chcn ausgepreisten Safls von Meerreuig in die flöhle 
des Bauchfells gebracht. Er fchrie fehr, fträubte fich 
heftig, und trieb etwa zwanzig Gran von dem Saft 
wieder aus der Bauchhöhle heraus; freigelaffen lief er 
Iieruin und fch/ie. 

Nach aclit Stutiilen ftellte lieh heftiges Erbrechen 
und ftarker iJiang zum Uriniren ein, fpäterhin liefs 
das Thier wirklich Harn und fchrie. Nach einiger 
Zeit verlor fich zwar das Erbrochen , allein das Tiii«r 



538 ^^^^^ 

legte fich njatt nieder, nahm nichts als etwas Waffer 
zu Geh und fclirie. Eben fo am andern Tag, dabei 
war fein Puls klein, Abends das Athnien befchwerlich, 
auch ftellten fich Zuckungen ein. Am dritten fand 
man es todt und ftarr. Ein Stück Netz hing, wie 
die Oeffnung lehrte, aus der Wunde heraus und fah 
röthlich aus, das übrige Netz war nicht entzündet, 
aber auf ihm, fo wie auf der oberen und unteren 
Fläche der Leber, und zum Theil noch auf dem Ma- 
gen, plal'tifclie Lymphe ergolfen, die fauer reagirte. 
Das Bauchfell zeigte nirgends Entzündungsrothe und 
Verdickung, feine Höhle enthielt zwar eine ziemliche 
Menge einer weifslicht trüben Fiiiffigkeit, allein cliefe 
hatte weder den Gel'chmack und Geruch des Meerret- 
tigs, noch veränderte fie, wie dfefer, die Pflanzen fär- 
ben wie eine Säure, fondern vielmehr wie ein Alkah', 
und fchnjeckte ziemlich falzig. Alle Eingeweide wa- 
ren natürlich. 

2) Einem fehr wilden, erwachfenen Kater wurden 
T.wei Stückchen Seidelbaftrinde , die zufamnien zehn 
Gran wogen, und deren jedes zwei Zoll und zehn 
Linien Länge und fünf Linien Breite hatte, in den hin- 
tern Theil der Bauchhöhle gebracht. Freigelaffen legte 
er iJch in einen Winkel, verhielt fich ganz ruhig, er- 
brach ficli aber gegen Abend einmal, den andern Mor- 
gen fand man ihn todt und Iteif. Bei der ünterfuchung 
erfchien das Bauchfell und Netz an der Stelle, wo di« 
Seidelbaftrinde lag, von Blutgefäfsen bedeckt ; der Leer- 
Tind Krummdann in der Gegend wo die Rinde Jag, fehr 
heftig in ihrer ganzen Subftanz entzündet , auf ihrer 
äufsern und Innern Fläche dunkejroth , ungeachtet Ca 
die Rinde nicht unmittelbar berührte, fondern vom 
Netz umfchlungen war. Die dünnen Gedärme enthiel- 
ten einen gelbiichten Schleim , der alkalinifch reagirte, 
ttnd wa^eo «tvcas aufgetrieben ; die dicken Gedärme 

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6i29 

waren nur an der Stelle., wo die Seicielbaftrinde lag, 
äufserlich mit vielen Gefäfsen verfelien, ihre innere 
Fläche war nicht entzündet, aber fehr zufamtnenge- 
fchrumpft und verengt, der Magen enthielt eine gelb- 
lichte Flüfiigkeit, die weder fauer noch alkalinifch rea- 
girte, war übrigens natürlich befchaffen. Die Leber 
mifsFarbigt , enthielt viel Blut; die Galienblafe war 
ftrotzend mit einer dnnkelgriinen Galle gefüllt; die Nie- 
ren fehr blutreich; die Urinblafe äufserlich, befonders 
nach oben, wo ein Stück der Rinde lag, heftig ent- 
zündet , auch innerlich in der Villofa zeigte fich eine 
dunkelrothe Farbe, lie enthielt noch Urin. Die Lun- 
gen waren etwas rüther als gewöhnlich, das Herz 
war weJk, enthielt wenig flüffiges Blut in feinen 
Höhlen. 

Aus diefen Verfuchen erhellt : 

1) Dafs der Meerrettig trotz feiner Schärfe ia 
kurzer Zeit aus der Bauchhöhle eingefogen wird. 

2) Dafs fowohl der Meerrettig als Seidelbaft fehl: 
reizend wirken, wenn ße mit dem Bauchfell in Be- 
rührung gefetzt werden, letzterer befonders mehr Ent- 
zündung, erfterer hingegen Schmerzen und vermehrte 
Abfonderung des Bauchfells erregt und diuretifch wirkt. 

$, 15. Da zufolge des oben erwähnten Ver- 
fuches Oel und Meerrettig auch vom Bauchfell ihre 
ausleerende Wirkung äafsern, und zufolge anderer 
von mir angeflellter Verfuche, die falzfaure Schwer- 
erde, der Brechweinftein, die weifse und fchwarze 
Niefswurz Brechen erregen, wenn lie mit dem Bauch- 
fell in Berührung gefetzt werden, fo wünfchten wir 
zu erforfchen , ob auch die abführenden Mittel unter 
diefen Umftändcn Stuhiauslesrung bewirken: l) Zu 
dicfem Ende wurde einer alten Katze ein halb Quent- 
rhen verfülstes Queckfilber ia die Bauchhöhle gebracht; 
uls es mit dem Bauchfell in Berührung kam, üufserta 
M d. Archiv. IK 4. N n 



530 



fie keinen Schmerz, und gleich nach der Operation 
lief fie munter herum, zitterte aber heftig. Sie wurde 
dann fehr unruhig, lief immer herum und fchien 
2kel zu haben. Nach Ablauf einer Viertelftunde er- 
brach Ce fich heftig, dann legte fie lieh auf die Seite, 
■und wurde wieder ruhig, zitterte aber immer noch. 
Das heftige Würgen und Erbrechen kehrte bald drei 
Stunden hindurch beftändig wieder zurück, wobei Co 
eine gelblicht tchleimigte Materie, am Ende blofs 
Schaum ausleerte. Sie wurde endlich fo fchwjch, 
• dafs fie wankte und umfiel, wenn fie zu flehen und 
gehen verfuchte, und fpäterhin es nicht vermcgte, 
fich aufzurichten : dann lag fie beftänilig auf dem Bo- 
den, fchrie zuweilen , zuckte mit den Fiifsen, und 
ftarb endlich nach fecbs Stunden. Bei der fogleich 
vorgenommenen Oeffniing ergab es fich, dafs das Netz 
fich in die Wunde gelegt hatte, aber nicht verändert 
war: auf ihm und den Gedärmen fand Crh noch das 
verfiifste Queckfilber: der Magen war ganz leer, der 
untere Theil des hinabfteigenden Grimmdarms, auch 
der Maftdarm waren an der innern Fläche dunkelroth 
und der Darmkanal zufammengezogen. Die übrigen 
Eingeweide waren im normalen Zuftande, nur die Lun- 
gen etwas röthlicher als fonft. 

2) Eine andere Katze, welcher zehn Gran ver- 
füfstes Queckfilber in die Bauchhöhle gebracht wurden, 
Lef freigelaffen umher. Nach einiger Zeit erbrach fi« 
zuerft SpeiCen, dann eine weifsgelblichte Flnffigkeit; fpä- 
terhin eine dunkle Flüffigkeit mit ßlutftreifen. Diefes 
Erbrechen dauerte einige Stunden hindurch fort, vor 
demfelben knirfchte fie immer auf ganz eigene Weife 
mit den Zähnen. Am andern Morgen wurde fie todt 
gefunden. 

Bei der Oeffnung zeigte fich in der Wunde ein 
Stack vom Netz, das etwas roth ausfah, das abrige 



531 

Netz war natürlich. Auf ihm war das verfnfste Oueck- 
filber theils unverändert, ; theils'ia ein fchivärzlicheS ■ 
Pulver, von etwas dunl<Ierer Farbe, als der h'aline- 
manitiche Kalk, verändert. Das Gekros war fehr gefafs- 
reich, der Magen unverändert, entliielt eine geringe 
Menge einer wäfferigten FlüfGgkeit. Der Dünndarm 
zeigte auf der äufsern Fläche an einigen Stellen ent- 
zündliche Rothe ; auf feiner innern Fläche war er ganz 
dunkelroth , und in ihm viele fchleimigte Fliilfigkeit 
enthalten, die von ausgel'chwitztem Blut röthlicht ge- 
färbt war. Die Entzündung verminderte lieh gegen 
den Dickdarm hin, und war ia diefem gar nicht mehr 
wahrzunehmen. Letzterer enthielt etwas dicke Excre- 
mente. Einige Gekrösdrüfen fallen röthlicht, entzün- 
det aus, die Leber und Milz natürlich, die Gallenblafe 
war voll von einer dunkeln Galle. — Die Lungen wa- 
ren etwas mehr riJthlicht als gewöhnlich. Das Herz 
enthielt weniges flüfliges Blut in feinen Hohlen, war 
übrigens normal. Das Geliirn und Rückenmark waren 
natürlich. 

Wenn auch das verfüfste Queckfilber in diefen 
Verfuchenblofs häufige Ausleerung durch Erbrechen und 
nicht durch den Stuhlgang verurfachte, fo äufserte es 
doch , wie bei feiner Anwendung auf den Darmkanal, 
einen fehr lebhaften Einflufs, fowohl auf diefen, als 
auch auf die Gallenabfonderung. Bemerkenswerth ift 
noch, dafs die Wirkungen deffelben unter diefen Um- 
ftänden fo fehr mit denen ,übereinftimmen, welche 
Sm'uh: Differtat. für Tabus des cauftiques par J. M. 
Emeric iS'miWt ä Paris 1815- p. 38- vom ätzenden Queck- 
Clber beobachtet hat, wenn er es in Blutadern oder 
Wunden brachte. Smith fand nämlich, dafs dann das 
ätzende Queckfilber Mattigkeit, Traurigkeit, Erbrechen 
und bisweilen blutige Stuhlgänge erregte, und die 

N n 2 



53-3 ^ 

Thiere in kürzerer oder längerer Zeit tödtete. Immer 
fand er nach dem Tode den Magen auf der Innern 
Fläche entzündet, bisweilen blutii; oder fchwarz und 
exulcerirt, die innere Haut deffelben zufainmenge- 
fchrunipft, und die des Dickdarms meiftens roth braun. 
Magen und Gedärme enthielten viel von einer bljl'sgel- 
ben Galle, während die Gallenblafe mit einer dunkel- 
grünen Galle gefüllt war. Der DickJarm enthielt eine 
rolhbraüne ftinkemle Fliiffigkeit. Auch fand lieh liis- 
weilen im Magen und Dihindarm ftatt der gelben Galle 
ein« rothe, ftinkende FluffigUeit vor. Die Lungen 
Waren bisweilen voll von fchwarzem Blut, oder zeig- 
ten fchwarze Flecken, auch fanden fich bisweilen folche 
Flecken zwifchen der innern Haut und der Subftanz 
des Herzens. 

Diefe Beobachtungen weichen von den unfrigen 
vorzüglich darin ab, dal's das ätzende Queckfilber ge- 
wöhnlich in dem Magen organifche Veränderung her- 
vorbringt, dagegen aber in dem Dünndarm, das obere 
Stück des Zwölffingerdarms ausgenommen , keine. 

Noch ergiebt,fich aus diefen Verfuchen, dafs wahr« 
fcheinlich ein Theil des verfiifsten Quetkfilbers bei fei- 
ner Einwirkung auf den thierifchen Körper in fchwar- 
zen unvollkommenen Queckfilberkallc verwandelt wird. 
Bemerkenswcrth ift, dafs ich bei den Thieren, welchen 
ich ät,zenden Sublimat innerlich beibrachte, ebenfalls 
einen Theil deffelben in unvollkommenen Queckfilber- 
kalk verwandelt fand. Dagegen traf ich bei einer 
Frau, die an Folge einer Strictur vom unlerften Theil 
des Grimmdamis an Verftopfung, Kothbrechen u.f. w. 
litt, einen Theil des metallifchen Queckfilbers, wel- 
chen ich ihr einige Wochen vor ihrem Tode gegebeni 
in unvoUkommenen Kalk verwandelt, an. 



•^ -^^ 535 

Ich kann nicht umhin, hier noch zu erwähnen, 
dafs nach der Beobachtung von Cadet de Gaßlcoiin ') 
das in die ßauchfellshöhle eingefpiitzte , aiifgelOfte Ja- 
lappenharz bei Hunden diefelbe Erfcheinungen erregt. 
Wie wenn es ihnen ir>nerlich beigebracht wird. Es ver- 
lirfacht allgemeine Störungen im Körper, Entzündung 
des Bauchfells mit ftärkerm Durchfall, nachher Ruhr 
und Darmentzündung, welche in Brand obergeht. 

§. 16. Noch fey es uns erlaubt, hier das im 
Allgemeinen nur mit wenigen Worten zu beftimmen, 
was fich aus den im bisherigen niitgetheihen Untei> 
fiidiungen zu ergeben fcbeint. 

i) Mdterfen, welche mit der inncrn Fläche des 
Bauchfells in Berührung treten, Ce mögen nun dem 
Körper angthüren oder fremdartig feyn, werden ein- 
geffigen , feibft in fehr grofser Quantität und ziemlich 
fchnell, die reitzenden Stoffe ungleich fchneller als die 
milden. 

a) Mehrere der in die Bauchhöhle gebrachten 
Stoffe dringen durch das Bauchfell, und treten mit 
den unter ihm liegenden Theilen in unmittelbare Be- 
rührung, daher mag die Einfauguug derfelben, theils 
durch einfaugende Gefäfse, theils durch Blutadern ge- 
fchehen. 

j) Die in ilie BauclJiöhle gebrachten Materien 
erleiden bisweilen eine bemerkliche Veränderung ihrer 
Mifchung. Das verf ifste Quecl<filber wird zum Theil 
ip fhwarzen Oueckfilberkalk, das Oel dagegen ähn- 
lich wie durch ilas längere Stehen an der Luft, das 
Blut in eine fchwärzlicht- wäfl'erigte Flüffigkeit verwan- 
delt, ilas Flcifch erweicht und in eine gelblichte halb- 
fljrijj'e Materie umgeändert, welche fauer reagirt, und 



1) 6. Bibliodieiue uriiverrdle. Gencvc IglS- T, VI. S. 10?. 



534 

in ihren Cnnliqhen Eigenfchaften ; fehr mit döm Eiter 
übereinftimmt. 

■ 4) Mehrere in die Bauchhöhle gebrachte Materien, 
namentlich das Oel , der Meerrettig , verföfstes Queck- 
fillier u.J. w. ä ufaern von derfelben aus, wie die Brech- 
mittel und Gifte, ihre fpecififche Wirkung (wahrfchem- 
lich üufsern mehrere kraftigere Medicamente von aljen 
mit Blutgefäfsen veriijbenea Theüen aus ähnlich , wie 
«^ie Gifte, ihre fpecifiiche Wirkung, und vielleicht wird 
diefe auch durch das Rückenmark bedingt) ; die mei- 
ften, l'elbft wenn fie milde find, wie Fleifch und Oel 
eine fehr nachtheilige, nicht feiten tüdthche. Das 
Bauchfell kommt in diefer Hinficht mit. den Blutge- 
fäfsen überein, " .,' :', • ' 

5) Galle und Harn veranlaffen zwar immer grofse 
^tprungen der Verrichtungen, lobald fie in die Bauch- 
höhle gebracht werden, allein die Thiere erholen Cell 
bisweilen davon, f o , dafs das Eindringen diefer Fluffig- 
keiten in die Bauchhöhle nicht als abfolut tödtlich zu 
betrachten ift. Alan hat zu diefer Annahme um fo 
mehr Grund, als zufolge des Verfuches J. 7. die W^un- 
den der Gallenblafe fc-hr fchnell verkleben können. 

6) Die Gallig äufsert von dem Bauchfell aus vor- 
zilglich durch das Gallenharz ihren fchädiichen Eipflufs 
auf den Körper, und diefer läfst Cch nicht wohl von 
einer Entziehung des Sauerftoffs von den Unterleibs- 
Eingeweiden ableiten. 

7) Wiewohl das Bauchfell keine Nerven hat, auch 
zu Folge unferer Verfuche Verwuu.lungen von ihm und 
vom Netze, insbefondere den Thieren ko nen bemerk- 
lichen Schmerz verurfachen, fo erregen doch mehrere 
Materien, befonders die Galle, der MeerreVti", falz- 
ifaurcJs Eifer u.f. w., fo wie fie feine innere Flache be- 
rühren, heftige Schmerzen, die wie die Schmerzen, 
welche von Organen ^ntltehen, ia welche Geh Nerven 



.^ 535 

aus dem Tympattiifchen Syftem ausbreiten, mit Schwäche 
und Ekel , oft auch Erbrechen verbunden find. Wahr- 
fcheinljch find diefe Schmerzen Folge von einer unmit- 
telbaren Einwirkung jener Materien auf die hinter dem 
Bauchfell hegenden Nerven. 

8) Das Bauchfell tritt zwar leicht in den Zuftand 
von Entzündung, allein diefer offenbart fich feiten durch 
Entzündungsröthe und Entwicklung vieler Blutgefäfse, 

j die dann ungewöhnlich gerade laufen. Um ftf-häufiger 
i offenbart er fich dagegen durch Abänderung der Abfon- 
! derung des Bauchfells, befonders durch Ausfchwitzung 
i einer Lymphe, die fehr fchnell feft wird, Blutge- 
fäfse entwickelt, und fich, wo nicht immer, doch 
meiltens, wie eine Säure gegen die Pflanzenfarben ver- 
hält. Hiermit ftimmen auch die Beobachtungen über 
die Fl iffigkeiten überein , die man in der Bauchhöhle 
von Perfonen fand, welche an Bauchfellsentzundung 
geftorben find. Diefe Lymphe fcheint an der Verände- 
rung, welche das in die Bauchhöhle gebrachte Fleifch 
erleidet, grofsen Antheil zu haben , auf daffelbe ähn- 
lich, wie der Magenfaft auf die, in den Magen ge- 
brachten Speifen, einzuwirken, oder wie Eiter auf abge- 
ftorbeneTbeile. Auf ähnliche Weife fcheint die Lymphe, 
welche Geh bei der Ernährung ergiefst, (was fchon^ 
der verdienftvoUe Atitenrieth in feinem Handbuch der'" 
empirifchen PhyGologie, 2. Th. §.781. behauptet;^ 
den unbrauchbar gewordenen organifchen Stoff aufzu- 
löfen und zur Einfaugung gefchickter zu machen. .^ 

9) Diefemnach kommt dem Bauchfell, — walu;»' 
fcheinlich allen ferofen Häuten, — ein gewifferGrad von 
Venlauung'-kraft, die im Entziindungszufiande merk- 
liclf geltcigert wird — ferner ein hoher Grad von Ein- 
faugungsvermOgen, zu. — Die Eigenfchaft, gewiffe 
Stoffe durch feine Subfianz hindurch gehen, und un- 
mittelbar auf die unter ihm liegende Theile einwirken 



536 — — 

^u lafreri, — die Fälligkeit die fpecififclie Wirkung 
mehrerer, mit ihm in Berührung gebrachter Stoffe zu 
beförilern — und grofse Neigung in den Zuftand von 
E'itzfintlung, befonders der , mit läiieriicher Abfoude- 
rung verbunilenen , zu treten. Diefe letzteren Eigen- 
fchaften und die grofse Ausbreitung des Bauchfells über 
vieje edle Organe machen es einigermafsen begreiflich, 
warum fremdartige, in die Bauchhöhle gebrachte Stoffe, 
felbi't lolche, welche für die Sinnorgane und den Speife- 
kanal mild find — auf den Körper einen fo nachtheili-' 
gen, bisweilen tödtlichen Einflufs äufsern. 

lo) In Abficht auf die in die Bauchhöhle drin- 
genden Wunden, ergiebt ficli aus den obigen Verfuchen, 
dafs das Abfchneiden von grOfsern Stücken des Netzes 
keinen bedeutenden Nachtheil bringt, — dafs alle be* 
Vveglicbe Eingeweide'uml fremde Körper meiftens gegen 
• die VVunde hingetrieben werden, und deswegen Netz 
und Gedärme leicht damit verwachfen, — dafs ferner 
diele Wunden fich blofs mit zellftoffartiger Maffe aus- 
füllen, das Bauchfell fich eben fo wenig als die Muskeln, 
reprqducirt, — endlich, dafs man fich wohl zu hüten 
habe, Einfpritzuiigen in die Bauchhöhle zu machen. 

^l) Für die Lehre iler Entzündung ergiebt fich 
J^9ph .aus dem obigen Verfuch, dafs die dabei aus- 
fclnvitzende Lymphe — wenigftens bei Entzündung des 
Bauchfells, fäuerliche Eiiienfchaften zeiat.' 

ia) In Beziehung auf die Experimental- Phyfiolo- 
gie, bemerken wir noch , dafs wir die Galleiiblafe bei 
allen den Tliiercn , welche keinen Speifebrei in dem 
jvlagen und Zwölffingerdarm enthielten, mit -Galle 
ftrotzend angefüllt gefunden haben, eine Erfcheinung, 
aufweiche in neuern Zeiten vorzüglich Bidiac aufmerk- 
{am gemacht bat. 



" i)S. 'die Abliandl. über die Häute, überf. v. C. F. DSrner. S.5l- 



537 

II. 

Bemerkung über die Harnhaut, Von Emmert. 

T V enige Tage, nachdem ich die Beobachtungen über 
einige fchwangere Fledermäiife ■ttnd ihre EihilUen zum 
Abdruck ins Archiv abgefchickt hatte, erhielt ich 
Gelegenheit, mehrere Hafenembryonen zu zergliedern : 
hier überzeugte ich mich nun, clafs cUefen Thieren 
wirklich eine abgefonderte Harnhaut, welche zwifcheu 
der Jnnern Fläche des Mutterkuchens und der Nabel- 
fchnur hängt, zukömmt '). Ich nelime daher die Aeul'se- 
rung über die Harnhatit der Nagthiere, .welche in je- 
nem Auffatze enthalten ift, zurück. Ja diefe Beob- 
achtung läfst mich vermuthen, dafs auch die Fleder- 
mäufe mit einer ähnlichen Harnhaut verleben find, fo 
fern die innere Flache des Mutterkuchens ihrer reifen 
Jungen eine ähnliche abgegränzte Stelle, wie die der 

Nager, zeigt. 

Somit würde die Harnbaot der Tliiere., bei wel- 
chen fie deutlich entwickelt ift, unter drei Hauptfor- 
men erfcheinen, nämlicli: 

i) Als ein grol'ser Sack, welcher fich Ober die 
garrze äufsere Fläche' des Amnions und über die innere 
des Chorions ausdehnt, und den ganzen Fötus um- 
hüllt. Von der Art ift die Harnhaut der Einhufer, 
der Digitigradcn, namentlich zu Folge mehrerer eig- 
nen Unterfuchungen, vrelche ich nächftens in dem 
Archive bekannt machen werde — der Hunde, Fiichfe, 
Kützeu, Fifchotler u. 1. w, — wahrfcheinlich auch des 
Maulwurfs, ferner der Vogel, Chelonier, Saurier 
und Opliidier, 

a) Oder ajs ein langer Schlanch, wplcher die 
ganze L.Inge iles Eies einnimmt und fich über die Pole 



I) Ich habe bereit» vor einipef Zeit (IVolff Hild. de» DarmU, 
Hülle i»u. S. lu) für Uu Kaoiuclien diflallie 6e»ei£t. M. 



538 '»■^■^'^'^' 

deffelben hinaus mit den Anhängen des Choriöns fort- 
fetzt. Von der Art ift bekanntlich die Harnhaut der 
Wiederkäuerund des mit ihnen fo verwandten Schweins. 

3) Oller fie erfcheint als ein kleiner Keulen - oder 
Glockeafömiiger Sark, welcher im Querdurchmeffer 
des Eies Zwilchen der Nabelfchnur und dem Mutter- 
kuchen liegt, und nur einen fehr kleinen Theil des 
Eies, wenigftens in den letzten Zeiten der Schwanger- 
fchat't, einnimmt. , Diefe Form kömmt den Nagthieren, 
vielJeicht auch den Fleilermäufen zu. 

Der Menl'rh fchliel'st lieh in Abficht auf die Ge- 
ftalt feiner Hambaut an die Einbufei: und FJeifchfreiler 
u. f. w. au. 



iir. 

Bemerkungen über die Ab - und Ausfonde- 
rung der Milch. Von Emmert, 

Uer Einflufs, welchen, f/wn/-er.f Beobachtungen zufolge, 
das Junge auf die Milchablonderung der Mutter hat, 
offenbart fich nicht blofs bei der Efelin, wie Home ') 
behauptet, fondern auch bei andern Thieren. Nament- 
lich ift diefer Einflufs fchon öfters bei Kühen beobachtet 
worden. 

yaiUane ') fagt: „Es verdient bemerkt zu wer- 
den, dafs die Kiihe in Afrika fogleich aufhören miJ- 
chend zu feyn , fobalrl fie ihre Kälber entweder durch 
Tod, oder durch Entwöhnen verlieren. So viel als 
möglich fucht man alfo diefen für den Befitzer nach- 
ihsjligen Uniftand zu vermeiden. Der Zuftand der 



1) S. dentfchea Archiv für die Pbyfiologie. Rd. 4. S. X3f. 
'"^ S. deCen Reifen in das Innere von Afrika. 



559 

Kflhe, die Milch fo lange an lieh iu halten, bis das 
Kalb gefogen hat, ift nicht weniger merkwürdig. Al- 
lein bei foicher Gelegenheit bedienen fich die Hotten- 
totten einer überaus leichten und bei ihnen dnrchge- 
hends eingeführten Gewohnheit. Während die eine 
Frau das Euter der Kuh in der Hand hat, blälet eine 
andere mit aller Gewalt in die Scheide des Thieres, fo 
dafs dadurch der Bauch zu einer ungewöhnlichen Gröfse 
anfchwillt, dadurch werden die Kühe gezwungen, die 
Milcli in grof<:er Menge von fich zu lalfen, die fie als- 
dann nicht länger anhalten können. Stirbt das Kalb 
einer Kuh , fo verwahren fie die Haut del'felben forg- 
fältigft , und mit vieler Gefchicklichkeit wiffen ße den 
angebornen natürlichen Inl'tinct der Kuh dadurch zu 
liinlergeheh, dafs fie felbige einem andern Kalbe über- 
ziehen ; durch diefes Kunflftück wird die Mutter hinter- 
gangen und fährt fort ihre Milch zu geben, allein 
länger als einen Monat ift diefes Kunl'tftück nicht an- 
wendbar. — Wenn das Kalb am Leben bleibt, fo ver- 
trocknet die Milch nicht eher, als fechs Wochen, be- 
vor Ca ein anderes Kalb zur Welt bringt '),«' 

Aehnliche Beobachtungen finden fich in Parmenr 
tier's un.l Deyeiix's bekanntem Werke über die Milch 
und in andern Schriften, ich enthalte mich aber lie 
hier mitzutheilen, weil die von yaillant erwähnten 
zureichen, Homers Behauptung zu widerlegen, und 
füge nur ncch die Bemerkung hinzu, dafs bei dem 
Weibe eine ähnliche Erfcheinung vorkömmt. Es läfst 
fich nämlich bei fäugeuden Frauen die Milchabfonde- 
ruDg nicht wolil über neun Tage durch kilnftliches 



Diefes Zurficklinlten der Milch ift ehenfalls an eiirnpaifclicn 
Kfihen bfoliri'-titet worden, und bemerUcnfiwerrh ift, Aal% 
. fich <iie Hirtvu üiiC den Pyrenäen dagegen deüelben Mituli 
\V>e die IJvitentouen bedienen. 



640 

Ausfallgen ihrflr Brilfte, felhft wenn cliefes durch den 
Mund älterer Pi-rfonen gefchieht, unterhalten. Diefe 
Beobachtung verdanke ich einer erfahrnen l'^rau,. de-, 
ren vorzi'gliche Befchäftiginig feit dreifsig bis vierzig 
Jahren im Ausfaugen der üriifte mittelft ihres Mundes' 
beflelit, iinil die fo verftändig und frei von Vorur- 
theil ift, dafs ich nicht den geringften Zweifel in 
diefe ihre Erfahrung fetze. 



IV. 

Merkwiirrlige Aphonie nach einem gaftrl- 
fchon iNervenfieber, beobachtet vom Me- 
, dicinalrath Dr. Günther, zu Köln^ 

,.^nJwnie ift zweierlei; entweder befiehl fie darin, 
dafs das davon ergriffene Individuum fchlecluerdin gi 
keinen Ton von ßch zu geben vei'mag (Aphonie im 
engein Sinne), oilcr, das Individuum kann zwar Torte 
hervorbringen , nber ße nicht zu Worten änicuUreh. 
(Aphonie im weitern Sinne.) 

Die erfte Art von Aptionie ift vorzüglich öfters 
ein Symptom oder Folge verl'chiedener Krankheiten, fo- 
•wohJ acuter als chronifcher. Man bemerkt diefelbe 
iiamentlich, in bösartigen Fiebern, befonders im Ty- 
phus nervufus und putridus,, bei Hals - und Bruft- 
entziindungen , bei gaftrifchen und verminöfen Affe- 
ctionen, in der Calalepfie, Hyfterie, Epüepfie u. f. w. 
t"erner beoba( htet man fie zuweilen nach Unterdrückung 
habitueller Hämorrhagien, nach dem Verfch winden ge- 
wiffer Hantausfchläge, bei der Schwangerfchaft, nach 
eänem Schrecke u. f. w. — Man weifs , wie gefährlich 
der Zuftand des Fiebernden ift, wo diefes Symptom ein- 
tritt, befonders wenn fich noch andere böfe Zeichen 



►^ 541 

dazn gcfellen. Hippokrates fieht den Verluft der Spra- 
che mit großer Schwäche, oder mit erfchwerter Re- 
fpiration, als ein hüchft gefahrliches Symptom an; ia 
Fiebern mit Convxilfionen und i'tillen Delirien, hält er 
es für tüdtlich ; eben fo follen, nach feiner Beobach- 
tung, diejenigen häufig fterben, wo nach übeln Krilea 
die Stimme fehlt, und Piigor fich damit verbindet, — . 
Beobachtungen, deren Wahrheit fich jedem aufmerk- 
famen Arzt noch immer bel'tätigt. Er fpricht fich dar- 
über folgendermafsen aus; 

— „Vocis interceptiones in febribus, convul- 
Cones modo contingentes, fi ad mentis emotionem cum 
filentiu <leveniunt, peruiciofum. " (Prod. S. 7. ed, van 
der Linden.) 

„Cum vocis defectionc mentis' emotiones, per- 
uiciofum.'* (Coac. S. 2. No. 177.) 

„Vocis defectiones, rigore fubinde correptis, le- 
thale. " (Coac. S. 2. No. 178.) — 
und beftatigt diefe Ausfpriiche durch Mittheilung ver- 
fchiedener Krankheitsgefchicliten , als der Frau des Phi- 
Uns, die in Tbafus krank lag, (4. Gefch. 1. B. der 
Volkskr.) des Phillsktis , der an der Mauer wohnte, 
j[l. Krankheitsgefch. 1. B. der Volkskr.) des SUeiii/Sf 
der an der See wohnte, (2. Gefch. l. ß.) des Tob- 
J'iiciuigf/i , in der 4. Krankheitsgefch. des 3. B. der 
3. Abtheil. u.f. w. — die jeder Arzt durch eigene Be- 
obachtungen noch vermehren könnte. 

Aber auch jene andere Art von Aphonie, wo der 
Kranke zwar Töne hervorbringen, aber ße nicht zit. 
Wune artkuliren kcuin , ift ol't der Begleiter mehrerer 
Krankheiten, 2. B. der Schlagflüffe, der Wurmkrank- 
Leiten; fo wird in den Eph. Acad. Nat. c. obf. 160. 
dei Fall von einer pcriodilchen Aphonie diefer Art er- 
zählt, die fo oft eintrat, als die Wurmbefchwerdca 



.543 — 

erfch'ienen, uod nachdem diefe aufg^ört, iauch wii? 
der verfchwanil. Eben fo bemerkte man fie nach un- 
terdrücktem Schweifse, A. N. C. vol. III. obf. 82 , nach 
Blattern, ebend. vol. i. obf. 112. n. f.vv. — Beide 
Arten von Aphonie habe ich mehrmals in und nach 
Krankheiten beobachtet, und im erftern Falle jedes- 
mal die nächfte Urfache im Larynx gefunden , fo xyie 
im zweiten Falle diefe gewöhnlich in der Zunge, und 
fichtbar genug war: denn entweder war fie deformirt, 
bei ftarken Congeftionen nach diefeni Organe, und 
dann ftanimelte der Kranke doch noch unverftändliche 
Worte, oder es fehlte ihr an freier Bewegung, oder 
diefe hörte ganz auf, und fie war durchaus paraly- 
tifch. — Wie aber bei, we[ils,(tsns fcheinbar, unver- 
letztem Zuftande derjenigen Organe, wodurch die 
Sprache, als articulirte Töne hervorgebracht wird, als 
die Zunge, die Lippen u. f. w., und bei giitejn Fer/tande, 
diefe durchaus fehlen kann, bleibt mir noch immec 
eine nicht ganzgelöfte phyfiologifche Aufgabe. Ich 
will einen felbfl beobachteten Fall diefer Art hier mit- 
theilen. . 

Ein Mädchen von eilf Jahren, ftinfibler Confti- 
tution, erkrankte im Frühjahre 1817 am gaftrifchea 
Nervenfieber, woran fie innerhalb drei Wochen fo weit 
genafs, dafs alle Functionen wieder regelraäfsig ein- 
traten, das Fieber fie verliefs, der Appetit zurück- 
kehrte, — nur war Cie ftumm , und drückte ihre Wün- 
Iche durch einen bloßen Schrei aus. Das Gehör war 
vollkommen gut: denn fie beantwortete jede Frage ganz 
paffend durch Kopflchülteln oder Nicken , wodurch 
fie, fo wie durch alle ihre übrigen Handlungen, zu- 
gleich bewiefs, dals es ihr nicht an V'erftande fehle. 
Da ihre Stiminwerkzeuge, fo wie ihre Sprachorgane, 
fcheinbar wenigftens, in vollkommnem Zuftande waren: 
denn der Gebrauch derfeifaen war unverletzt, indem 



543 

fie ungehindert, und wie im natürlichen ZulVande, die 
Speifen kauete, verfchlucl<te u. f, w.: fo war mir diefe 
Erfcheinung, wie gefagt, ein phyfiologifches Räthfel, 
und ich glaubte anfangs, dafs das Zurückhalten der Spra- 
che auf Eigenfion beruhe. Allein verl'chiedene Pro» 
ben überzeugten mich vom Gegeniheil, und oft wurde 
fie unwillig darüber , dafs fie ihre Wünfche nicht aus- 
drücken konnte. Ich verfuchte mancherlei, aber ver- 
gebens ; es verftrichen in diefem Zuftande bei drei 
Wochen, bis ich durch den Gedanken, dafs doch, un- 
geachtet der beim Kauen und Schlucken ungehinderten 
Bewegung der Zunge, wohl die ürfache diefer Sprach- 
loGgkeit in einer critifchen Affection des Ncttjus hypo- 
gloffus , oder des Nervus gloßopharjngeus , als der- 
jenigen Nerven, wovon die freie Bewegung der Zunge 
zunächft abhängt, zu fuchen feyn mögte, meine Zu- 
flucht zu zwei grofsen Zugpflaftern nahm, welche ich 
an beide Seiten des Nackens , da , wo diefe Nerven aus 
ihren Löchern treten, legen liefs. Es erfolgten hierauf 
nach vier und zwanzig Stunden fichlbare Zuckungen 
der Zunge und Schmerzen, wie fie zu erkennen gab, 
und die Sprache ftellte fich allmählich wieder ein , fo, 
dafs (ie in wenigen Tagen jedes Wort wieder deutlich 
ausfprach. Ich fahe die Kranke noch fnft wöchentlich; 
ihr ganzes Befinden ift wie vor der Krankheit, und 
jh ihrer Ausfprache ift nichts fehlerhaftes zurück- 
geblieben. 

Es ift allerdings nicht zu läugnen, dafs zwifchen 
der Bewegung der Zunge, in foferii (ie beim Kauen und 
Schlucken dient, und der, wodurch die Töne articu- 
lirt Werden, noch immer ein Unterfchied Statt finde, 
indem diefes letztere auf weit feincrn Nnancen beruht, 
aber doch immer unbegreiflich, wie hier eine völlige 
Sttimmhdc eiiureten konnte, ohne auch einmal einen 
lUinnielnden , crticulirten Laut von fich zu geben. 



544 

Ich bin damit befchäftigt, die möglichften Data 
aus denSchriftftellern, Aphonie betreffend, zufammeln, 
und die mannichfaltigen Momente zufamraen zu ftellen, 
die hier wirkend find; befonders werden die diesfall- 
£gen anatomifch- pathologifchen Uaterfuchungen mein 
Intereffe auf ßch ziehen, In foferii jene Momente eine 
Jlchcbare Veränderung in den Spraciwrganen und ihren 
Nerven geh il den verurfachten , odar Jhlclie Veränderun- 
gen in Stoff lind Form , J'elbß als urfächUche Momente 
der Aphonie anzufehen find, und fie zur Zeit diefem 
Archiv einverleiben. 



V. 

- Ueber einen am Oberarmbein bei mehre- 
ren gefchwänzten Affen vorkommenden 
Kanal und eine damit in Verbindung fte- 
hende befondere Anordnung der Arterien 
und Nerven des Arms. Von Friedrich 
TiEDEMANN, Hofrath und Profeffor in 
Heidelbeig. (Nebft einer Abbildung.) 

Der wackere Volrher Coicer erwähnt in feiner Ana- 
logia Olfiuin humanorum, fimiae et verae, et caudatae, 
quae cynocephali fimilis eft '), eines eigenen Kanals 

am 



l) In f. SchriFt. : Externarnm et intetnairum principalinm ha- 
niani corporis partium Tabulae, atque anatoinicae exerci- 
tationes obfervatioiiesque variae. Noribergae l^/J. fol. p. 6i, 
Hiimerus fimiae non admodum hiimano diffimüe exiftit. In 
caudaca differt ab liumano juxta inferius Caput, quo cum 
cubito arciculatur: hic enim in regioae reflectitur ab ex« 

terioie 



— 5.45 

ath unteren Ende des Obeiarmbeiiis , .weleher den ge- 
iJcbwänzten Affefl'eigenthümJich.leyn Soil.. Den meiften 
Anatomen ift" diefe Bemerkung entgangen , Jolp/jJii f\ 
jedoch kannte djefen Kanal und Ijefclirieb ihnallo: 
-, . . „Bei .einigen gefchwiinzten Afiet» aeigt Geh am 
„Aem unteren- Tlie.il, und zwar etwas n%cli iri,nen,, uock 
„das befontlere, dafs der Knochen iiier fahrä^u yait 
„hinten und oben nach vorn und unten durchbobft 
„ift, und einen kurzen Kanal bildet,,, durch ,\v%lchett. 
„die gpineinfchaflliche Sehne des zweiköpfigen ArtaK 
„ rnuskels (Biceps brachii) zuna Hüge;! der Speiche fort- 
„geht, und ivelchea ich., feiner Lage.nach, Caäaiia 
„fupracondyloideus. nennen will. • So viel ich, vveife,! 
„findet fich diele Oeffnung bei keinem einzigen unfe- 
„fchwänzten Affen," An der von Jofeplil mitgetheiltea 
Abbildung desGerippes eines S?ju^(Sj/ni,iU4ßeil.i) Tab, i/ 
Z. V. ift das Loch zu bemerken. ,ri-jft jdriü-.;; .. ,b..i ' ;: 
Da ich im .Jahr igos th'e in 'der zoötööiifchei» 
Sammlung zu Paiis lehr zalilreich aufgefl,elllen Gerippa 
I von Affen unterfuchle, fand ich jenejii Kanal gleichfalls 
bei einigen gefchwiinzten Affen, namentlich beiip Sfti,- 
(Simia capucinu), Saju (S. apella) und Sainiiri (S^ 
fciurea.) Wiederholt habe ich denfelben fpäterhin nicht: 
nur bei diefen Arien, fondern auch bei Simia fabaea 
und fuliginofa Geoff. angetroffen. Dagegen fehlt der 
Kanal bei folgenilen Alfenarten, S. fatyrus, finica, 
aethiops, faunus, rubra, nemeftrina, inuus, maimon, 
hamadryas, fphinx, jiongo, talapoin , rofalia und fac- 
chus. Demnach kommt derfeibe alfo nur mehreren ge- 



teriore parte introi-rum, atque in illa flexnra canalictilum 
«C(}uirit fx. oppolicu lawre perviiim. J. lHolart liat. diefe 
Stelle in feiner Anttitopographia Parif. 1&:6. 4. p, 90g fafc 
w^irtUch abgefciiriebeo oliiie Coiter z\i nennen. 

1) Anatomie der SdUgetblet«. B. I. S- il%- 

M. d. Archiv. IV. 4. Oo 



fchwänzten Affen zu, wie Coiter (ehr richtig bemerkt 
hat, und zwar vorzöglich denen mit Rollfchwänzen aus 
Südamerika. 

Diefer Kanal ift nicht blofs mehreren langge- 
fchwänzten Affen ei'genthiimhch , fondern auch die JVIa- 
kis, die Tarfer und Loris befitzen ihn, wie G. Fifcher ') 
angegeben hat, und wie ich an mehreren Gerippen folcher 
Thiere zu beobachten Gelegenheit hatte. Fifcher fagt, 
der Kanal fey zur Aufnahme des Ellenbogennerven be- 
fttmiht.' •^ . '.^^■' 

Linge'Zei^ blieb ich Ober die Beftimmung des 
räthfelhaflen Kanals in Ungewifslieit, bis es mir end- 
lich im verflolfenen Jahre glückte, eine Simia capucina 
zur Iniection der Blutgefäfse zu erhalten, welche ich 
der 'Göte meines hoch vereiirten Freundes, des Herrn 
YiT. Albers in \&Ttmen, verdanke. Aus meinen Unter- 
fuchungen ergiebt fich, dafs der Kanal, welcher das 
untere Ende des Oberarmbeins in der Richtung von in- 
nen nach Vorn, oberhalb des inneren Gelenkknorren, 
durchbohrt (Fig. i. rechtes Oberarmliein c), weder 
zum Durchgang der Sehne des Zweibauchigen Armmus- 
kels beftlmmt il't, wie Jofephi angiebt, noch zur Durch- 
laffung des Ellenbogennerven, wie Fi/c/;er ausfagt, fon- 
dern es geht die EiJenbogenarterie, und der Miitelarm- 
iServe (N. medianus) durch denfelben. Es fin.let lieh- 
nämlich hier die hohe Theilung der Armfchlagader in 
die Speichen- und Ellenbogen- Arterie. Eritero, die 
Speichenarterie (Fig. 2. linker Arm, d.) entipringt am 
oberen Drittheil des Oberarms aus dem Stamm der 
Armfchlagader, geht unter dem Ellenbogen- und Mit- 
telarm-Nerven durch, und verläuft oberflächlich an der 
vorderen Seite des zweibauchigen Armmuskels (a. a.) 
gegen die Speichenfeite des Vorderarms herab, wo fie 



1) Anatomit dar Maki. FrinkfaK IS04. 4. S. 136, 



— 547 

fich dann auf die beim Menfchen gewöhnliche Weife, 
vertheilt. Die ungJeich gröfsere Ellenbogen - Arterie 
(e.), die Fortfetzung des Slamms der Armarterio, fteigt 
am inneren Rande des zweibauchigen ArmmuskeJs 
herab, auf dem inneren Armmuskel liegend, fch;ckt 
mehrere Muskeläfte ab, und dringt hierauf mit deni 
Nervus medianus (f.) durch den Knochenkanal (c. )• 
Gleich nach dem Durchgang entfpringt die in die Ti./fe 
gehende Arteria interoffea aus ihr. Die eigentliche 
Ellenbogenarterie fetzt gefchlängelt ihren Lauf an der 
Beugefeite des Vorderarms fort. Bemerkenswerth ift 
noch" eine Anaftomore, welche die Ellenbogenarterie 
nach dem Durchgang durch den Kanal mit der Speichen- 
arterie bildet. Der Speichen - und Ellenbogen - Nerv 
(h, g,) bieten in ihrem Verlauf keine Abweichung voa 
denen am menfchlichen Arm dar. 

Ganz diefelbe Vertheilung und denfelben Verlauf 
der Arterien und Nerven des Arms, habe ich im ver- 
floflenen Sommer bei einer Simia fabaea, und noch vor 
einigen Tagen bei einem Lemur gracilis, welchen ich 
der Güte des Herrn Profelforßr//g7;!a«j verdanke, wahr- 
genommen. Der Analogie nach, läl'st fich alfo die fehr 
wahrfcheinliche Vermuthung aufi'tellen, dal's jener Kanal 
des Oberarmbeins auch bei den übrigen zuvor genann-< 
ten langgefchwänzten Affen, fo wie bei den JVJakis, 
Tarfern und Loris, zum Durchgang der Ellenbogenarterie 
und des jMiltelarnmerven diene. 

Wenn wir über den Vortheil reflectiren, welchen 
diefe merkwürdige Anordnung jenen Thieren gewähren 
mag, fo dürfte es wohl keine gewagte Vermuthung 
feyn, dafs die durch den Knocheidonal gehende Ellen- 
bogen-Arterie, (o wie der Mittelarmnerv, g^gen Druck 
bei dem Umfaffen von Aeften während des Kletterns 
gefchützt werden. Es bleibt demnach der zur Ausübung 

üo a 



548 

der Muskel- Contraction nothwenclige Zuflufs des ar- 
teriellen Bluts ftets frei und ungehindert, und wenn 
der Stamm der Speichen- Arterie beim Anklammern von 
Aeften gedrückt wirtl ; fo wird feinen .untergeordneten 
Zweigen Blut durch den anaftomofirenden Aft aus der 
Ellenbogen - Arterie zugeführt. Auf der andern Seite 
wird aber auch durch die befchriebene Einrichtung der